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+The Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Kurtisane Jamaica
+
+Author: Hans Bethge
+
+Release Date: November 9, 2007 [EBook #23425]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA ***
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+Hans Bethge
+
+
+DIE KURTISANE JAMAICA
+
+Novellen
+
+
+1922
+Gyldendalscher Verlag Berlin
+
+
+
+
+Zweites bis viertes Tausend
+
+Copyright by Gyldendalscher Verlag Berlin 1922
+Alle Rechte vorbehalten
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Die Kurtisane Jamaica 7
+ Schloß Carnin 29
+ Das Bildnis der Geliebten 71
+ Nebelnacht 89
+ Ebeth 107
+ Die Hochzeit des Freundes 131
+
+
+
+
+Wilibald Hachfeld gewidmet
+
+
+
+
+Die Kurtisane Jamaica
+
+
+Sie wurde Jamaica genannt, des holden, südlichen Ovales wegen, das ihr
+Gesicht zeigte, und wegen der bräunlich hingehauchten Farbe ihres Teints,
+der an eine eben angerauchte Meerschaumpfeife gemahnte.
+
+Jamaica hatte seelenvolle Hände, ihr Mund war wie ein Schwertstich, ihre
+großen Augen hatten einen perlenhaften Glanz. Sie war schlank,
+schmalschulterig und biegsam, ihr Wesen war stolz und konnte unnahbar
+sein. Gewiß, sie war eine Kurtisane, wie man hören wird, aber sie hätte
+auch für eine Fürstin aus irgend einem exotischen Lande gelten können.
+
+Als ich sie das erstemal sah, war ein Frühsommertag. Sie ging langsam und
+aufrecht über die Straße, mit etwas gerafftem Kleid, von einem großen,
+schwarzen Hut überdacht. Eine vollendete Dame, dachte ich, ein
+märchenhaftes Geschöpf.
+
+Ich folgte ihr straßenweit. Wie eine holde Verlockung schritt die schlanke
+Gestalt vor mir her, mit dem vollen braunen Haar und dem schwarzen Hut,
+dessen Federn sich schwankend bewegten wie die dunkeln Segel eines
+Schiffes auf dem Ozean. Dann stieg sie unvermutet in einen Wagen, fuhr
+fort, -- und ich hatte das Nachsehen.
+
+Nach einiger Zeit sah ich sie wieder, -- ich folgte ihr von neuem, lebhaft
+erregt, da trat ein Freund an mich heran, klopfte mir auf die Schulter und
+fragte:
+
+»Wohin?«
+
+»Einer Frau nach«, entgegnete ich. »Sie geht dort vorn, wie eine Fürstin
+aus dem Süden.«
+
+»Schwärmer«, sagte der Freund, dann lugte er aus. Ein Lächeln ging über
+sein Gesicht.
+
+»Das ist Jamaica«, sagte er.
+
+»Jamaica?«
+
+»Ja, -- eine Kurtisane. Sie hatte ein Verhältnis mit einem Prinzen aus dem
+Hause Hohenzollern. Später war es ein Künstler, jetzt ist es ein
+schwedischer Graf, wenn ich nicht irre.«
+
+»Wie gut Du unterrichtet bist«, sagte ich, mit einer kleinen Bitterkeit in
+der Stimme. »Kennst Du sie übrigens?«
+
+Er nickte.
+
+»Stelle mich doch vor«, sagte ich.
+
+Wir gingen schneller, erreichten sie bald, mein Freund begrüßte sie und
+stellte mich vor. Dann schlenderten wir alle drei durch den Frühsommertag,
+Jamaica in der Mitte. Sie plauderte reizend, etwas bestrickend Graziöses
+war in der Art, wie sie sich gab. Ich war hingerissen.
+
+Plötzlich sagte mein Freund, der sehr geschickt in solchen Dingen war:
+»Ah, Irene!« Er tat, als sähe er eine Bekannte in einem Omnibus,
+verabschiedete sich schnell, lief fort und sprang auf das Vehikel. Ich war
+mit Jamaica allein. Plaudernd schritten wir weiter.
+
+Ich sah sie mitunter von der Seite an; ein feines Profil, zart und
+kapriziös, lange, dunkle Augenwimpern und eine ziemlich sinnliche Nase.
+Sie hatte so etwas Unbefangenes, wie sie sprach, so etwas Natürliches in
+Gang und Haltung, daß man sich wohl und froh an ihrer Seite fühlte. Wir
+setzten uns vor ein Café und tranken etwas Kühlendes, während das bunte
+Leben der Großstadt an uns vorüberflutete. Von einem Blumenmädchen kaufte
+ich einen Strauß roter Nelken, sie steckte ihn sich vor die Brust und sog
+aus dem Strohhalm die braune Flüssigkeit der Eisschokolade in ihren
+schlanken Hals.
+
+Nachher trennten wir uns, da sie, wie sie sagte, zur Schneiderin mußte.
+Wir bestimmten einen der nächsten Abende, um in den Zirkus zu gehen. Sie
+gab mir die dünne Hand und sagte: »Auf Wiedersehen!«, wobei sie zwischen
+den roten Lippen die Perlenreihe ihrer Zähne sehen ließ. Dann stieg sie in
+eine Droschke, die Nelken auf der Brust.
+
+Ich schlenderte durch die Menschen hin und hatte immer noch Jamaica in
+meinen Augen und in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr Lächeln, ihr Profil,
+die Meerschaumfarbe ihrer Haut, ihre reizend rieselnde Stimme. Mir wurde
+die Zeit lang bis zum Wiedersehen, ich saß zu Haus, und statt zu arbeiten,
+malte ich den Namen Jamaica aufs Papier, -- und dann kam der Abend, aber
+Jamaica kam nicht.
+
+Ich wartete auf dem kleinen Platz in der Nähe des Zirkus, wo wir uns
+verabredet hatten, ging auf und nieder, ein paar Rosen in der Hand, sah
+nach der Uhr, war ungehalten, wartete weiter, sah mich, ironisch lächelnd,
+selbst, wie ich als ein genarrter Liebhaber hier wartend auf und nieder
+ging, dann, als schließlich eine öde Stunde verronnen war, stampfte ich
+unwillig mit dem Fuß auf, schenkte die Rosen einem vorübergehenden
+Ladenmädchen und ging allein in den Zirkus.
+
+In einer Loge mir schräg gegenüber saß Jamaica. Sie schob gerade ein Stück
+Konfekt in den roten Mund, an ihrer Seite saß ein blonder Herr, vermutlich
+der schwedische Graf.
+
+Ich merkte bald, sie hatte mich gesehen, hin und wieder schweifte ihr Auge
+über mich hin. Nachher in der Pause begegneten wir uns im Marstall, sie
+tat, als kannte sie mich nicht. Als wir einmal betrachtend nebeneinander
+bei demselben Pferde standen, sie zwischen mir und dem Grafen, nahm sie
+flugs meine Hand und drückte sie ein wenig, ohne mich anzusehen, und
+während sie im Gespräch mit ihrem Freunde blieb.
+
+Es war doch etwas, es war doch ein Händedruck! Nachher saß sie mir wieder
+gegenüber, hoheitsvoll, und schob Konfekt in ihren Mund. Nach Schluß der
+Vorstellung sah ich sie mit dem Grafen in einem Automobil fortfahren,
+Blicke der Bewunderung folgten ihr. Ich fühlte mich ausgestoßen, ich war
+voll Neid, voll quälender Eifersucht, voll trotziger, aufrührerischer
+Gefühle. Ich wollte an ihrer Seite sein, -- was scherte mich dieser
+schwedische Graf!
+
+Mürrisch, ein angeführter Liebhaber, ging ich allein durch die nächtlichen
+Straßen und dann in eine Weinstube, um zu Abend zu essen. Ein
+vermaledeiter Zufall wollte, daß dort schon Jamaica saß, mit ihrem
+Freunde, bei Austern und Wein. Sie sah mich erstaunt an und lächelte. Sie
+mußte denken, daß ich ihr nachgefahren sei. Ich verließ also das
+Restaurant, ging in ein anderes und ertrank meinen Groll in Burgunder.
+
+Am nächsten Morgen traf ein Briefchen ein, in dem sie sich entschuldigte,
+höhere Pflichten hätten sie verhindert usw. Der Ausdruck »höhere
+Pflichten« amüsierte mich nicht etwa, sondern ärgerte mich.
+
+Sie kam eines Nachmittags zum Tee. Schlank, in brauner Seide, diskret und
+musterhaft angezogen. Sie rauchte von meinen türkischen Zigaretten,
+plauderte von Theater und Rennplatz und fühlte sich offenbar sehr wohl in
+meinen weichen Sesseln und auf dem Lamafell meines Diwans. Es war mir eine
+Lust, ihr zuzusehen. Weiß Gott, sie hatte zuweilen Bewegungen, bei denen
+man zu fühlen meinte, daß sie von einem unsichtbaren Hermelin umflossen
+sei. Mitunter saß sie plötzlich schweigend da, mit einem klugen, etwas
+schwermütigen Glanz im Auge, als dächte sie an etwas ungeheuer Ernstes.
+Sie war ein wenig nervös, besonders ihre Hände, im übrigen machte sie den
+Eindruck einer weltlichen, aber vornehmen jungen Frau. Nur wie sie küßte
+und wie sie mitunter saugend die Arme um mich legte, das war
+Kurtisanen-Art.
+
+Sie kam öfter. Wir sprachen nicht von Liebe, obwohl ich sie von mal zu mal
+heftiger liebte, aber ich wollte ihr meine Gefühle nicht zeigen. Da, eines
+Nachmittags, als ich plaudernd auf dem Diwan ausgestreckt lag und sie bei
+mir saß, warf sie plötzlich die Arme um mich, starrte mich an, mit den
+Augen eines schönen Tieres, und während sich die Farbe ihres Gesichts
+verdunkelte, quoll es ihr wie Lava zwischen den Lippen durch: »Ich liebe
+Dich!« Darauf folgte ein Ausbruch so ungezügelter Leidenschaft, daß ich
+glaubte, sie wollte mich ersticken.
+
+Von diesem Tage an war eine Nuance der Demut in ihrem Wesen zu mir, die
+ich liebte und die mich entzückte. Wir verlebten glückliche Stunden, nur
+der Gedanke an den schwedischen Grafen marterte mich und verursachte mir
+schlaflose Nächte. Immer, wenn ich zu ihr davon anfangen wollte, drückte
+sie mir schweigend ihre kleine Hand vor den Mund, so daß ich nicht
+sprechen durfte. Ja, ich war eifersüchtig, aber ich merkte, sie hatte
+nicht die mindeste Absicht, sich von dem Grafen zu trennen. Ich hatte
+keine besonderen Mittel, und sie war sehr verwöhnt.
+
+Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf einige Wochen in ein
+Seebad reisen, der Schwede ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine
+Heimat. Sie bat, ich möge mit ihr reisen. Ich sagte sogleich zu, worauf
+sie ausgelassen durch das Zimmer tanzte.
+
+Ein paar Tage später trafen wir in einem reizend gelegenen Ostseebade ein,
+das ganz von Buchen- und Nadelholzwäldern umgeben ist. Wir mieteten in
+einer schön gelegenen Villa auf der Höhe, von der Veranda aus übersahen
+wir den Strand und die weite Fläche des Meeres.
+
+Entzückend waren die Tage, welche folgten. Wir ritten viel, es gab ganz
+brauchbare Pferde zu mieten, und Jamaica fühlte sich im Sattel sehr
+glücklich. Wir trabten häufig in erster Frühe am Meere entlang, wenn die
+Sonne noch mit den silbernen Morgenwolken kämpfte und der Frühwind kräftig
+über das Wasser wehte.
+
+Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt und mit zahllosen bunten
+Wimpeln geschmückt. Jamaica trug gewöhnlich einen dunkelblauen Tuchrock,
+eine helle Seidenbluse und Panama. Sie lag am liebsten faul im Sande,
+indem sie die rinnenden Körnchen behaglich durch die Finger gleiten ließ
+und in den blauen Himmel starrte; oder sie las Maupassant und rauchte
+Zigaretten. Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen Empfinden des
+Verliebtseins vor mir liegen: den schlanken Körper, das dunkle Haar auf
+dem hellen Sande, die blutlosen Hände, die zierlichen Fesseln der Füße
+unter den durchbrochenen Seidenstrümpfen.
+
+Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres Zimmers. Nebenan aß ein
+Ehepaar mit seinen zwei halbwüchsigen Buben, auf der anderen Seite ein
+Engländer. Diesen sahen wir öfter, wie er über die Balustrade seiner
+Veranda hinauslehnte und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein
+scharfgeschnittenes Gesicht und klare, wasserfarbene Augen. Jamaica ahmte
+ihn mitunter nach, indem sie sich grotesk auf die Balustrade stützte, mit
+steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe hinausstarrte, ein paar
+Tabakswolken vor sich hinpaffte und ein langgezogenes »=o yes=« hören
+ließ. Eines Morgens begegneten wir ihm zu Pferde. Das Pferd war zu klein
+für ihn, seine Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah er aus wie
+Don Quichotte. Er grüßte uns, als er vorüberritt. Jamaica sah sich
+mehrmals lachend nach ihm um, was ich überflüssig fand.
+
+Ja, erst lachte sie über ihn und machte sich über ihn lustig, aber ich
+merkte bald, daß er sie näher zu interessieren begann, mehr als sie selber
+vielleicht noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause kam und auf die
+Veranda trat, sah ich, daß sich Jamaica über die Balustrade lehnte, ebenso
+der Engländer nebenan, und daß sie miteinander plauderten. Ich gestehe
+offen, es durchfuhr mich heiß vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so
+strahlendes und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, während sie
+mit ihm sprach, daß ich innerlich empört war über diesen Verrat und wie in
+einem Blitz schon jählings alles voraussah, wie es kommen mußte. Als sie
+mich erblickte, war sie ganz unbefangen und stellte mich als ihren Gatten
+vor. Nachher bei Tisch sagte sie: »Er ist wirklich sehr nett.« »So?«
+fragte ich.
+
+Sie war auch fürderhin zutraulich und liebevoll zu mir, wie ich es gewohnt
+war, aber jene Nuance der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich so
+liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich wurde wohl etwas
+verschlossener in meinem Wesen, ich lachte nicht mehr so unbefangen, und
+dann kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, daß Jamaicas Gefühle lauer
+wurden. Sie hatte noch immer etwas Anschmiegsames, aber ich fühlte, sie
+zwang sich dazu, sie gab sich Mühe, liebevoll zu mir zu sein, da sie mich
+nicht betrüben wollte. Mit Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte
+es nicht hindern. Ihr verändertes Wesen hatte zur Folge, daß meine Liebe
+nur noch wuchs. Sie merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich
+fühlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige untergründige Quälerei,
+die zwei Menschen so nervös machen kann, fing schon an, in mir strudelte
+es schon wie in einem aufgeregten Gewässer, aber ich beherrschte mich noch
+völlig. In diesem Zustand trat ein unsinniger Gedanke an mich heran,
+nämlich der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie mir nicht entrinnen
+könne, und dieser Gedanke nahm bald ganz von mir Besitz.
+
+Eines Morgens besuchte uns der Engländer in unserer Burg am Strande.
+Jamaica las gerade, sie sah auf und ein schnelles Glänzen ging über ihr
+Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, die er gefunden hatte,
+und da Jamaica so begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein Betragen
+war im übrigen völlig korrekt, nur verdroß mich die übermäßige Ruhe in
+seinem Wesen, die etwas Überhebliches hatte. Er bat, gelegentlich in der
+Frühe mit uns ausreiten zu dürfen; Jamaica zeigte sich sehr erfreut über
+diesen Vorschlag. Dann reichte er uns beiden die Hand und ging.
+
+»Du hättest freundlicher zu ihm sein können«, sagte Jamaica, als er fort
+war.
+
+»Findest Du?« fragte ich nur; sonst nichts.
+
+Sie las weiter und hielt dabei, ich sah es wohl, die kleine Versteinerung
+fest umschlossen in ihrer seelenvollen Hand.
+
+Für den Nachmittag hatten wir Pferde bestellt. Wir ritten den Strand
+entlang, es war ein heißer, erschlaffender Tag. Wir sprachen wenig, es war
+etwas zwischen uns, das uns die Lust zum Sprechen nahm.
+
+Wir ritten einen kleinen Galopp; ich sah Jamaica scharf von der Seite an,
+dann sagte ich:
+
+»Jamaica, ich will etwas von Dir wissen.«
+
+»Was?« fragte sie tiefatmend und sah mich erstaunt an.
+
+»Liebst Du den Engländer?«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Doch«, sagte ich, »denkst Du, ich merke es nicht? Ich halte es nicht
+aus.«
+
+Sie reichte mir die Hand herüber, mit einem freundlichen, teilnahmsvollen
+Lächeln. So gibt man die Hand einem guten Kinde zum Abschied, dachte ich.
+Ich nahm sie nicht.
+
+»Jamaica, ich liebe Dich!« sagte ich nun. »Ich wüßte nicht, wie ich meine
+Tage in Zukunft ohne Dich verbringen sollte. Ich will, daß Du von jetzt ab
+nur mir gehörst -- verstehst Du? -- nur mir und keinem andern. Sag, willst
+Du meine Frau werden?«
+
+Sie entgegnete nichts und sah nur mit gedecktem Blick auf die Mähne ihrer
+Stute.
+
+»Ich möchte, daß wir uns heiraten. Jamaica, sag doch etwas!«
+
+Meine Worte klangen, als ob sie vor ihr auf den Knien lägen, -- aber sie
+lächelte.
+
+»Nein, nie!« sagte sie bestimmt.
+
+»Du willst nicht?« rief ich gekränkt und hart.
+
+»Nie!«
+
+Die Wut packte mich. Sie widersetzte sich diesem Wunsch, sie sträubte sich
+gegen dieses Geschenk, durch das ich mich ihr ganz zu eigen geben wollte?
+
+»Ich _will_ es!« rief ich noch einmal. »Ich werde Dich zwingen!«
+
+»Ich hasse Dich!« schrie sie mir nun entgegen, während ihre Augen vor Zorn
+erglühten. »Ich verachte Dich! Ich liebe den Engländer!«
+
+Da hob ich die Reitpeitsche und ließ sie mit Wucht auf ihren schönen
+Rücken niedersausen. Sie stieß einen verängsteten Schrei aus, wobei sie
+wie ein Kind in sich zusammensank, und ihr Pferd ging durch.
+
+Ich sah, wie sie rasend fortjagte, und konnte nichts dagegen tun. Hallo,
+dachte ich, was wird das werden? Sie hielt sich eine Weile, dann merkte
+ich, die Kräfte verließen sie, sie taumelte hin und her und fiel
+schließlich zu Boden. Glücklicherweise blieb sie nicht im Bügel hängen,
+ich atmete auf. Das Pferd machte kurz darauf halt, sah sich verwundert um
+und sprang in kleinen Sätzen verlegen hin und her.
+
+Ich eilte herzu, stieg ab und hob Jamaica auf. Sie war kreideblaß und halb
+ohnmächtig.
+
+»Verzeih«, sagte ich; sie entgegnete nichts und sah mich nicht an. Sie
+atmete hastig und lehnte sich ein ganz klein wenig an mich, sehr ermattet.
+
+»Verzeih«, sagte ich nochmals. Schließlich gab ich ihr die Zügel meines
+Pferdes und ging hin, um das ihrige einzufangen. Es ließ sich ganz willig
+festnehmen; es war durchnäßt und dampfte wie ein Schornstein. Ich führte
+es zu Jamaica, diese hatte sich vor Schwäche in den Sand gekauert; da
+hockte sie, schön und blaß wie eine Perle, es sah rührend aus. Jetzt erhob
+sie sich, ich merkte, sie wollte das Pferd wieder besteigen.
+
+»Hilf mir«, sagte sie.
+
+Ich half ihr in den Sattel und sprang dann selbst auf.
+
+»Ich reite allein nach Haus«, sagte sie tonlos. Ich wagte nichts zu
+erwidern. Im Schritt, ganz gebrochen, ritt sie am Meere entlang heimwärts,
+ein trauriges Bild.
+
+Ich trabte in die entgegengesetzte Richtung. Noch oft sah ich mich um, --
+es war immer derselbe melancholische Anblick: in müdem Schritt trottete
+der dampfende Gaul dahin, die müde Jamaica über sich. Ich bog in die
+Wälder ein, kam an einem See, an Forsthäusern, an mehreren Dörfern vorüber
+und zögerte stundenlang, ehe ich heimritt.
+
+Als ich abends heimkam, war Jamaica fort, ohne ein Wort hinterlassen zu
+haben. Durch den Wirt erfuhr ich, daß auch der Engländer abgereist sei.
+Ich mußte lächeln, obwohl mir übel zumute war. Ich zündete mir eine
+Zigarre an, setzte mich auf die Balustrade der Veranda und sah lange aufs
+Meer, trotzig, allein, mit wirren, durcheinander stürmenden Gefühlen.
+
+Am nächsten Tage reiste ich auch, nicht nach Haus, sondern zu einem
+Freunde aufs Land. Wir saßen stundenlang, während die Sonne brannte, in
+einem Boot und angelten, schossen nach Raubvögeln, schwammen, ritten,
+sahen den Pfauen zu, wie sie auf der Wiese Rad schlugen und schrieen: Päo!
+Päo! -- und abends kamen der Förster und der Pastor des nächsten Dorfes,
+um mit uns zu zechen.
+
+Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in der Stadt eintraf und in einer
+Droschke vom Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich Jamaica an mir
+vorüberfahren, in einem reizenden Sommerkleid, das ich noch nicht kannte.
+Sie saß an der Seite des Engländers, ihr Gesicht war von unaussprechlicher
+Heiterkeit. Wie eine biegsame Blume des Südens saß sie da, aufrecht und
+stolz den schönen Rücken, den ich schlug.
+
+Lebwohl, Jamaica. Lebwohl.
+
+
+
+
+Schloß Carnin
+
+
+Ich, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzähle eine Geschichte. Ich
+spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzähle ich sie.
+
+Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf Schloß Carnin. Das Schloß ist
+ein altes Herrenhaus mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor der
+Auffahrt. Auf dieser Terrasse saßen wir oft. Sie war das Zentrum, wo man
+sich traf, -- hier nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saßen wir an den
+Abenden, in leichte Mäntel gehüllt, plauderten und pafften blauen Rauch in
+die Luft, während aus den Wiesen das Gebrüll weidender Kühe herüberdrang
+oder vom Dorfe her ein Lied der jungen Mädchen, die durch den Abend
+gingen.
+
+Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefaßt, lag vor der Terrasse. Dann
+ging der Blick in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt zum
+Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man Felder und in ihnen eine Mühle
+mit Sparrenflügeln. Der Raps blühte in den Feldern, zitronengelb, und
+Wolken seines Duftes quollen herüber, wenn ein Luftzug kam. Zu beiden
+Seiten des Schlosses lag der Park. Er hatte köstliche alte Bäume, die weit
+in das Land ragten, und war von einem Gewässer durchflossen, das sich an
+manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen versteckten Winkeln
+giftgrüne Algen und unentwirrbarer Froschlöffel wucherten. Hatte man den
+Park durchwandert, so kam man an den Deich. Und war man den Deich
+hinangestiegen, so blickte man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an
+schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten flogen. Ganz hinten, ein
+silbergraues Band, sah man den Fluß. Große Schiffe fuhren auf ihm zu Tal,
+gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, meilenweit, ahnte man das
+Meer.
+
+Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. Ich wollte das
+Fest noch auf Carnin verleben, dann wollte ich Abschied nehmen von diesem
+einsamen Haus, von diesem Park und diesen Menschen, die mir teuer waren.
+Ich hatte mancherlei auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend und
+zeichnete mit Geschmack. Wir saßen oft vor den gleichen Motiven, ich malte
+und er zeichnete. Die Gräfin, scheinbar jünger als ihre Jahre, war
+musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park saß, drangen ihre Melodien
+herüber: sie spielte Klavier und sang mit einer seelisch bewegten Stimme.
+Zuweilen sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, wenn wir auf der
+Terrasse saßen. Tagsüber widmete sie sich ihren Kindern. Die älteste
+Tochter, Komteß Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die Schwester
+der Gräfin zu sein. Auch äußerlich ähnelte sie der Mutter, nur daß sie
+größer war. Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in Arm durch den
+Garten gingen, und man sah sie von weitem, so hätte man schwören mögen,
+daß sie Schwestern seien.
+
+Dann kam ein dreizehnjähriges Komteßlein namens Charlotte, ein ernstes
+Kind mit zarten Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse und
+schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging oft allein und nachdenklich
+unter den Bäumen des Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Schoß, und
+man hörte dann, wenn man in der Nähe vorüberging, wie sie sang. Sie war
+ein reich und fast zu frühe entwickeltes Kind, und ihre träumerischen
+Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen Regionen der Wünsche und der
+Gedanken. Sie hatte Tage, an denen sie sich müde fühlte und bleich aussah,
+und gerade an solchen Tagen trieb es sie, ihre Verslein zu dichten und
+sich einsamen Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft geschlossen und
+wandelten häufig zusammen die Lindenallee hinunter in die Felder,
+pflückten Feldblumen und sahen den Flügeln der Mühle zu, die, wenn man
+näher kam, unheimlich durch die Luft rauschten und knarrten, so daß man,
+wenn es gerade dämmerte, Angst verspürte und am liebsten schnell
+davongelaufen wäre.
+
+Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn Jahren, Fred und Klaus, zu
+allen tollen Streichen aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich zu
+verführen suchten. Sie wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, einem
+jungen blauäugigen Theologen aus Husum. Außerdem war eine Gouvernante da,
+ein gescheites Wesen, das mehr zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das
+waren die Menschen auf Schloß Carnin.
+
+Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie auf einer Bank unter einer
+blühenden Kastanie saß, dicht neben dem Schloßgraben, über den eine weiße
+Brücke führte. Ich hatte die beiden Jungen gemalt, wie sie im Grase lagen.
+Und in der Dämmerung hatte ich das Schloß gemalt, als ein graues,
+mystisches, weltentlegenes Haus, mit den weißen, geheimnisvollen Gestalten
+der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Dies Bild schien mir das
+beste zu sein, das ich auf Carnin gemacht hatte. Es hatte etwas
+Mystisches, die Luft der Dämmerung war weich und lau, man spürte den
+Frühling darin.
+
+Nun kam Pfingsten. Komteß Anna erwartete den Besuch einer Freundin, der
+Graf den eines jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. Zwei
+Tage vor dem Fest kamen die beiden an. Die Komteß war ihrer Freundin bis
+zur Eisenbahnstation entgegengefahren. Es war gegen Abend, ich hatte bei
+Tag im Sonnenlicht gemalt, nun schlenderte ich mit Charlotte durch den
+Park, dann durch die Felder, wo wir im Westen die Glut des Himmels
+anstaunten, in der ungeheure goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein
+leichtes Sommerkleid an, das die dünnen Ärmchen freiließ. Die Luft war
+schwül und windstill, und der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir
+gingen schweigend. Da fuhr die Kleine plötzlich auf, wies zur Landstraße
+hinüber und rief: »Sie kommen!«
+
+Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter
+ihm. Charlotte und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur Landstraße
+hinüber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentüchern,
+während der Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte und die Freundin
+und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie
+Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr,
+eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung.
+Ein feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen Pinsel, Tedrahn!
+
+Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. Wir hatten den Wagen so
+lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs
+Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um
+mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern
+in einem alten weißen Hause, das quer daneben lag, und das man das
+»Kavalierhaus« nannte.
+
+Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand Komteß Anna mit ihrer
+Freundin auf der Terrasse. Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die
+Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von
+Gestalt. Ich wußte, daß sie auch siebzehnjährig war. Sie hatte ein
+bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. Ich schritt
+die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß Anna stellte vor: »Herr Konrad
+Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger aus Lübeck.«
+
+»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie
+lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?«
+
+In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lässig, sie war ja
+siebzehn Jahre alt, also ein Kind.
+
+»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, »ich gehe nicht viel aus.«
+
+Sie wendete sich wieder an die Komteß und plauderte mit ihr, als ob ich
+nicht vorhanden sei.
+
+'Etwas eigensinnig', dachte ich, -- 'aber schön, mit allen Reizen der
+Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas
+zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem
+schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai, -- wo bringe ich ihn
+hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der
+von dünnen, weißen, wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen
+sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich möchte die Bewegungen
+ihres Körpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft,
+beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.'
+
+Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwünschte
+es im stillen, daß Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich
+fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, ich würde Bilder der
+Phantasie komponieren, während ich mit meinen wirklichen Bildern während
+dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen
+mußte ich reisen, also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner Arbeit.
+
+Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu Tisch. Wir gingen hinein,
+die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte
+mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schöne Eßzimmer, in
+dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu
+herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Gräfin,
+Leonore Helfinger saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie und den
+Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie
+immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog.
+
+Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch
+meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.«
+
+»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur aus Annas Erzählungen. Die
+Mädchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schön
+zu nennen.«
+
+Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und gingen auf die Terrasse. Die
+Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete sich eine
+Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurück und stieß kleine
+Wölkchen in die Luft. Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse und
+sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, im Dorf Carnin sangen die
+Mädchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen
+in ein Gespräch über Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man
+hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde.
+Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen
+geschoben.
+
+»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, sagte sie, »gestern
+stand er noch über den gescheckten Ulmen.«
+
+Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf, --
+aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches um ihn
+her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten
+jungen Lippen brach. Der Mond stand über dem Dach des Kavalierhauses und
+wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste
+Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geöffneten Glastür
+lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frühlingsnächten, es würde einen
+regnerischen Sommer geben.
+
+»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug die Gräfin vor.
+
+Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mußte
+zurückbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl für
+sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, Komteß Anna, Leonore und ich.
+Wir schritten um das Schloß herum und durch den dunklen Park hinab zum
+Teich.
+
+Die Gräfin setzte sich an das Steuer des Bootes, ich nahm die Ruder. Wir
+trieben sacht dahin. Mitunter hörten wir am Ufer ein Plumpsen, es waren
+aufgeschreckte Frösche, die in das Wasser sprangen. Leonore und Komteß
+Anna saßen dicht vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich spürte
+den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. Leonore hatte ein grünes
+Jäckchen an, ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. Einmal merkte
+ich, wie sie zusammenschauerte. Es war die Abendluft über dem Wasser. Ich
+lenkte zum Bootssteg zurück.
+
+Plaudernd schritten wir über den Rasen zum Schloß hinan. Leonore lachte
+ein paarmal hell auf, ich weiß nicht mehr worüber. Das Lachen höre ich
+noch, es war wie das Plätschern eines Brunnens. Ich fühlte immer
+deutlicher, daß ich sie malen müßte. Als ich ihr Gutenacht wünschte, sagte
+sie: »Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.«
+
+»Gewiß!« sagte ich. Meine Augen umfingen ihren Kopf mit dem schwarzen Haar
+wie ein Gemälde.
+
+In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. Ich setzte mich hin, nahm Kreide
+und Papier und suchte den Umriß von Leonores Kopf zu zeichnen. Dann machte
+ich einen Umriß von ihrer ganzen Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem
+Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn war.
+
+Ich zündete eine Zigarette an und schritt im Zimmer auf und ab. Ein
+schöner Kopf, ein süßer Kopf. Am schönsten so: halbes Profil und ein klein
+wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte ich sie so gesehen und dicht vor
+mir im Kahn. So, dachte ich, müßte sie mir einmal sitzen, mit dieser
+geneigten Nase, mit dieser großen Linie des Haares. Ich ging wieder an den
+Tisch und machte von neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. Warum
+war dieses Mädchen jetzt nach Carnin gekommen! Sie nahm mir beinahe das
+Interesse an meinen großen Bildern fort, an denen ich noch zu arbeiten
+hatte. Wäre sie doch geblieben, wo sie war! Unwillig warf ich die Kreide
+fort, entkleidete mich und legte mich schlafen. Draußen schrie eine Eule
+in den Ulmen. Durch die Dunkelheit sah ich noch immer ein junges, holdes
+Profil, Züge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige Wangen und
+schwarzes Haar ... Pastell, dachte ich, in Pastell muß man es machen.
+Lockere, leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. Mit diesen Gedanken
+schlief ich ein.
+
+Der nächste Tag war der Sonnabend vor dem Fest. Ich stand früh auf und
+nahm das Frühstück auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins der Bilder
+in den Park, um es im Frühlicht fertig zu machen. Es stellte ein Rosenbeet
+dar, rechts und links hohe Taxusbäume, hinten ein altes Gartenhäuschen mit
+hohem Dach. Ich malte also. Während ich malte, dachte ich: das Bild ist
+leer, es ist unvollständig. Vor dem Hause fehlt etwas. Die Gestalt der
+Leonore Helfinger müßte vor dem Gartenhaus stehen, rechts von der Tür, und
+sich neigen, um eine Blume zu pflücken. Ich kniff die Augen zu und stellte
+mir vor, wie das Bild dann aussehen würde. Gut, gut. Aber es war ja zu
+spät! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte und malte weiter,
+unlustig und unzufrieden.
+
+Ich hörte Lachen, blickte mich um und sah die beiden Freundinnen im
+Sonnenlicht daherschlendern. Sie waren beide in Weiß und hatten gelbe,
+großkrempige Strohhüte auf.
+
+»Guten Morgen, Herr Maler!« rief Leonore lachend. »Schon so früh bei der
+Arbeit?«
+
+»Ja, aber es fleckt nicht«, erwiderte ich, »ich bin unzufrieden.«
+
+»Wie schade!« sagte sie, indem sie meine Malerei betrachtete. »Ihr Bild
+gefällt mir, das ist wirklich der tauige Morgen, der da webt. Ich fände es
+freilich schöner, wenn eine Figur vor dem Häuschen stünde. Das Bild würde
+voller dadurch. Finden Sie nicht?«
+
+Ich mußte lächeln.
+
+»Gewiß finde ich das«, entgegnete ich. »Vielleicht haben Sie die
+Freundlichkeit, sich einmal dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die
+Wirkung sehe.«
+
+Sie lief hinüber.
+
+Komteß Anna sprach: »Leonore hat recht, -- sehen Sie, wie reizend sie dort
+zwischen den Blumen steht?«
+
+»Ja«, sagte ich, »schade, daß ich nicht eher darauf gekommen bin! Schade!
+Wenn Sie wüßten, Komteß, wie Ihre Freundin mich malerisch entzückt!« Zu
+Leonore rief ich hinüber: »Kommen Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich
+Sie noch länger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher nach Carnin
+gekommen? Wie gern würde ich Sie malen! Ich möchte eine Skizze von Ihnen
+machen, heute nachmittag, darf ich?«
+
+»Gern.«
+
+»Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich darauf.«
+
+Komteß Anna drängte, zu gehen. Die Mädchen wollten eine Morgenwanderung in
+die Marsch unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden zwischen
+den Bäumen. Ich sah die hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrün. Dann
+arbeitete ich weiter, voll Mißmut. Ich sehnte mich nach andrer Arbeit,
+aber ich mußte doch meine armen Bilder fertig machen ...
+
+Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter dem Arm, vom Park her über den
+Rasenplatz vor dem Schloß. Ich hörte schon aus der Ferne Lachen und Rufe.
+Die Mädchen spielten Tennis, mit Charlotte und dem Assessor. Fred und
+Klaus hoben die Bälle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses biegend,
+stehen und sah gerade, wie Leonore, den Schläger mit allen Kräften
+schwingend, sich hoch auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lüfte
+jagte. Sie stieß einen kleinen Schrei dabei aus, ihr Kleid hatte einen
+wirbelnden Schwung um die Fesseln der Füße.
+
+Schön, schön, schön! dachte ich. Wundervoll! Sie hat eine Hingabe in der
+Bewegung ...
+
+Oben von meinem Fenster aus sah ich dem Spiel noch eine Weile zu. Ich
+setzte mich ans Fenster, hinter die Gardine, so daß mich keiner sah, und
+skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann mußte ich wieder in den Park
+hinab zum Malen. Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte auf mein
+Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. Leonore sah auch die Studien vom
+Tennisspiel auf einem Stuhle liegen.
+
+»Stammt das von heute?« fragte sie.
+
+»Ja«, entgegnete ich, »erkennen Sie sich nicht? Das sind Sie. Sie hatten
+ein paar Bewegungen, die mich begeisterten.«
+
+Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick war sehr schön. Ein seelenvolles
+Auge, dachte ich, beinahe kobaltblau, eigentümlich.
+
+Dann gingen wir in den Park. Ich setzte Leonore in die Sonne vor eine
+grünumsponnene Laube und skizzierte sie. Komteß Anna und Charlotte gingen
+ans Wasser hinab. Sie schritten singend über eine Brücke. Singend
+entschwanden sie.
+
+Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag spielend in ihrem Haar. Es
+flirrte über die weiße Stirn und die rosigen Wangen, und das Grün der
+Laube gab der Haut und dem weißen Kleid einen eigentümlichen Ton; dies
+alles war schwierig zu malen.
+
+Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn auch zerstreut, dann hörte
+ich nicht mehr hin. Schließlich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas Mattes
+in ihre Züge, ich merkte es wohl. »Verzeihen Sie«, sagte ich, »wenn ich
+schlecht darauf achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschäftigt mit
+dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch in Anspruch nimmt, empfinde ich
+nichts andres. Verzeihen Sie.«
+
+»Aber bitte«, entgegnete sie. Es klang müde, es klang ein wenig trotzig,
+es klang herb. Damals achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war
+mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als Bilder nach ihr zu malen,
+ich alberner Geselle!
+
+Die Skizze wurde gut. Ich hörte zur richtigen Zeit auf, so daß sie das
+Unmittelbare, im Moment Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das
+Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch.
+
+»So habe ich doch wenigstens einen Begriff, einen Anhaltspunkt«, sagte
+ich. »Ich danke Ihnen.«
+
+Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen zum Schloß hinüber, ich
+sprach vom Malen im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflückte sie eine
+rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging sie ins Schloß und ich ins
+Kavalierhaus, um mir eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte ich oben
+auf den Tisch, ich vergaß, sie ins Wasser zu stellen. Es war ja auch nur
+eine Rose, es gab deren viele im Park von Carnin.
+
+Dann kam wieder einer der schönen Abende. Wir saßen wie meist auf der
+Terrasse, der Mond stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch
+blanken Glanz. Die Gräfin, ein weißseidenes Tuch um die Schultern, griff
+Akkorde auf der Gitarre und sang ein französisches Lied. Dann spielte sie
+deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den Pausen hörten wir ein
+süßes Tönen aus der Ferne, das waren die wandernden Mädchen in Carnin.
+Einmal hörten wir ein unterdrücktes Kichern ganz in der Nähe. Der Graf
+wußte sofort, was es zu bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf,
+hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen sollten. Die Jungen
+lugten in ihren Hemden zum Fenster hinaus und hörten unserm Singen zu.
+Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, riefen sie noch einmal
+»Gute Nacht!«, man hörte, wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster,
+und es war wieder still.
+
+Man begab sich in den Salon, um noch eine Tasse Tee zu trinken. Vorher
+verabschiedete sich Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war.
+»Charlotte«, sagte ich, »morgen ist Pfingsten, da kommen ganz früh die
+Elben von der Geest herunter, um die Maien zu bringen, du weißt. Ich
+möchte die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich finde ich früh
+genug aus dem Bett. Ich werde sie für Dich um eine kleine Maie extra
+bitten, -- ja?«
+
+»Das wäre reizend«, sagte sie, »aber Sie müssen auch für Fräulein Leonore
+eine Maie zu bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten
+beim Malen.«
+
+»Das ist wahr«, sagte ich.
+
+»Fräulein Leonore liebe ich sehr«, flüsterte Charlotte, als verkünde sie
+mir ein Geheimnis, »ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre Augen, --
+nicht wahr?«
+
+Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer Kinderfüße nach. Darauf sah ich
+zu Leonore hinüber. Sie saß in einem großen geblümten Polsterstuhl und
+führte gerade eine Schale Tee an die Lippen. Das rote Licht einer Lampe,
+auf der ein karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natürlich sah ich
+sofort wieder ein Bild. Es war mein Verhängnis, daß ich immer Bilder,
+Bilder, Bilder sah, wenn meine Augen auf dies Mädchen fielen. Das rötliche
+Licht war magisch um sie her. Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde
+Haar, -- ich war schon wieder ganz mit einem malerischen Problem
+beschäftigt. Da brachte mir ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der
+Assessor auf mich zu und verstrickte mich in ein Gespräch.
+
+Der Graf machte, ehe er sich zurückzog, einen Vorschlag, der von allen
+freudig begrüßt wurde. Er schlug nämlich vor, daß man am folgenden Tage in
+den seidenen Kostümen des achtzehnten Jahrhunderts, deren es in der
+Kleiderkammer des Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen sollte. Auch
+er und die Gräfin versprachen, sich zu kostümieren.
+
+Man trennte sich. Der Assessor und ich saßen noch eine Weile in den alten
+Lederstühlen der Bibliothek bei Tabak und Bier.
+
+Endlich fingen wir an zu gähnen, erhoben uns und schlenderten zum
+Kavalierhaus hinüber. Es war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin
+duftete betäubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend auf dem hellen
+Kies, sonst hörte man nichts.
+
+»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der Assessor, ehe wir in das
+Kavalierhaus eintraten, »ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer
+ansehen, finden Sie nicht?«
+
+»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich
+kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie
+will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, daß ich keine Zeit
+habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?«
+
+»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor.
+
+Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, nachher läuteten die Glocken
+zum Kirchgang; müde ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das gräfliche
+Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche
+schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern
+und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich
+mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der
+Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« Der Assessor half mir die
+Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis.
+
+Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider und weiße Blusen an.
+Komteß Anna hatte einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore trug
+das Haar frei. Ich spielte mit Komteß Anna, der Assessor mit Leonore. Ein
+Diener suchte die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich an diesem
+Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber daneben gesessen und Studien nach
+Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so
+starkem Temperament.
+
+»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte sie einmal, nicht unwillig,
+sondern mit einem Lächeln.
+
+»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, entgegnete ich,
+»verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.«
+
+Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese
+Verbeugung ist unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, sie in
+Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in
+meinen alten Fehler zurück.
+
+Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte
+Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; das war,
+wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurückwarf. Einmal gab sie
+mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie
+mir den Ball gab. Das sind süße, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und
+dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen könnte.
+Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!
+
+Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich hatte mir einen Rock aus
+hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu
+einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostüm saß ich noch eine
+Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung
+Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tönte das Gong,
+ich ging zum Diner hinüber ins Schloß.
+
+In dem blauen Salon traf ich die beiden Freundinnen. Ich blieb wie
+angewurzelt stehen. Die Mädchen sahen so überraschend echt in ihren
+Kostümen aus, daß ich meinte, ich sähe eine Vision aus der Zeit des
+=ancien régime=. Leonore trug ein langes, silberbesticktes Gewand aus
+blaugrauem Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern waren frei.
+Sie trug eine hohe bepuderte Coiffüre, in der eine mattrote Rose steckte.
+Auf der einen Wange, nahe der Schläfe, lag ein schwarzes Pflästerchen. Ich
+sah sie zuerst im Profil, sie blickte gegen das Licht zum Fenster hin und
+hielt spielend einen alten Fächer in der Hand.
+
+Komteß Anna war in Grünblau. Auch sie hatte bepudertes Haar, ihr Gewand
+war glockenförmig. Sie trat mir lachend entgegen und fragte:
+
+»Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?«
+
+»Ich bin hingerissen«, sagte ich, »Sie sollten immer solche Kleider
+tragen. Auch Sie, Fräulein Helfinger.«
+
+Leonore sah mich an, mit einem Lächeln. Wie wundervoll war die blaßrote
+Rose in ihrem bepuderten Haar! Wie mädchenhaft hold die Linie von dem
+feinen Hals zu den Schultern.
+
+»Wahrhaftig, man sollte das malen«, sagte ich, »ganz in Silber und Grau.«
+Ich kniff die Augen ein wenig zu und betrachtete sie.
+
+Da verschwand das Lächeln von ihrem Mund.
+
+Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah wieder zum Fenster hinaus,
+mit verhangenem Blick, als dächte sie an Fernes. Ich sah hinüber zu ihr
+und dachte: Wie reizend wäre es, wenn ich sie jetzt skizzieren könnte! ...
+
+Nun kamen die andern. Die Gräfin kam in schwarzer Seide, mit grauer
+Perücke. Der Graf hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege
+angelegt. Charlotte trug ein geblümtes Kleidchen von 1830. Auf ihrem
+offenen Haar, das zu langen Locken gedreht war, lag ein dünner Kranz aus
+Tausendschönchen. Dieses zarte Kind war wie ein schwebendes Lied, wie eine
+verwehende Melodie.
+
+Der Assessor trug ein Kostüm vom Schnitt des meinigen, aber in Hellblau.
+Die Gouvernante hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. Der
+Hauslehrer ging in einem altväterlichen Rock mit breiten Aufschlägen aus
+Samt. Fred und Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten bösartige
+Glossen über die andern.
+
+Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu führen. Leicht und
+ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum.
+
+Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein Profil von seltener
+Kostbarkeit an meiner Seite war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da
+ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den
+Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen
+habe.
+
+»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und
+verbrannt.«
+
+Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!
+
+»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, sagte ich, »dann werden Sie es
+nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.«
+
+Sie zuckte mit den Schultern.
+
+»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte ich. »Wie Marie Grubbe
+möchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie
+in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen wühlt.«
+
+Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das
+Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl.
+Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen an. Ich sehe noch die holde Neigung
+ihres Kopfes, da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren
+weißen Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war.
+
+Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige
+der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend,
+daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete?
+
+»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares
+steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.«
+
+»Darf ich Ihnen die Rose schenken?« fragte sie demütig.
+
+»Nein, nein«, entgegnete ich, »lassen Sie die Blüte in Ihrem Haar, es gibt
+keinen besseren Platz für sie!«
+
+Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot.
+
+Sie sah müde vor sich hin. »Ich werde sie Ihnen heute Abend schenken, ehe
+wir uns trennen«, sagte sie leise.
+
+»Oh, ich danke Ihnen«, erwiderte ich, »ich danke Ihnen.«
+
+Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief hinüber auf mein Zimmer,
+ergriff ein Skizzenbuch und steckte es in die Brust. Es war gegen
+Sonnenuntergang. Es war die Stunde, wo die Bäume des Parks in einer
+stillen Verklärung in die Lüfte ragen, wo alle Umrisse größer und
+feierlicher zu werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig in den Wipfeln
+der Kastanien. Wir schritten paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore
+und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes Bild, die bunten, in Seide
+gekleideten Menschen zwischen den Bäumen und blühenden Bosketts des alten
+Gartens, der solche bepuderten Menschen schon früher gesehen hatte und
+sehr erstaunt sein mochte, sie plötzlich noch einmal auftauchen zu sehen.
+
+Wir kamen über eine weiße Brücke und spiegelten uns in dem dunkeln Wasser.
+Leonore und ich verweilten einige Zeit auf der Brücke, die andern
+entschwanden. Es war nicht genau zu erkennen, wohin sie gegangen waren.
+Wir schlenderten durch den Eichenhain, jenseits des Wassers, Leonore und
+ich allein. Wir kamen an den Deich, ein schräger Pfad führte empor. Ich
+mußte Leonores Arm freilassen, sie schritt langsam vor mir hinan. Ich sehe
+noch den schönen Umriß der schlanken, aufwärtsschreitenden Gestalt, den
+bloßen Nacken und das graue Haar ...
+
+Auf dem Deich umflammte uns die Abendsonne. Zu unsern Füßen lagen die
+Wiesen der Marsch, ganz mit rotblühendem Sauerampfer bestanden und
+übergossen von den purpurnen Strahlen des vergehenden Lichts. Es war ein
+so ungeheures Rot in den Wiesen eingefangen, daß man glaubte, man sähe
+über ein blutiges, loderndes Meer. Wir blickten hinaus, Leonore hatte ein
+kleines süßes Staunen im Gesicht, ihr Mund war ein wenig geöffnet. Etwas
+Wehes war um ihre Gestalt. Ich holte schnell das Skizzenbuch hervor, um
+die Linien ihres Profils festzuhalten. Da sah sie, was ich tat, -- und es
+geschah etwas ...
+
+Sie starrte mich an, mit flammendem, zornigem Blick, aus dem eine
+ersterbende Leidenschaft grüßte. Dann hob sie die Arme empor und dehnte
+sie mir entgegen, sehnsüchtig, mit einer Gebärde des Überschwangs! Dann
+ließ sie die Arme sinken, ermüdet, mit einem Zittern.
+
+Ich stand da wie ein geschlagener Knabe. Mir war, als sei auf einmal eine
+Binde von meinen Augen gerissen. Ja, plötzlich sah ich klar. Dieser junge
+stolze Mensch da vor mir war erfüllt gewesen von einem strahlenden Gefühl
+der Liebe, -- ich aber hatte sie immer nur malen wollen, meine blöden
+Augen hatten nichts weiter als das Malerische an ihr gesehen! Jetzt merkte
+ich, wie sehr ich sie durch mein Betragen verletzt hatte. Ich hatte sie ja
+mit Füßen getreten! In ihr war eine schöne Welle aufgestiegen, die ihr
+Gefühl mit Macht zu mir hinübertrug, -- ich aber hatte kalt nur ihr
+Äußeres betrachtet, um es für meine Malereien zu verwenden!
+
+Für einen Augenblick kam etwas Unruhiges in sie. Dann hatte sie ihre
+Fassung wiedergewonnen.
+
+»Kommen Sie«, sagte sie kühl, »wir wollen zu den andern gehen.« Damit war
+sie schon auf dem Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte ich
+tun, um diesen tiefgekränkten Menschen zu versöhnen? Es kreiste und
+schwankte vor meinen Augen.
+
+»Fräulein Leonore --«, sagte ich, wie um Verzeihung bittend.
+
+Aber sie hörte nicht. Etwas Abweisendes lag um ihren Mund, auch ihre Augen
+waren streng und herbe. Wir hörten Lachen, die Kleider der andern
+schimmerten vor uns durch das Laub.
+
+»Hallo!« rief Leonore.
+
+Begrüßung. Dann stieg alles hinauf auf den Deich. Man plauderte, lachte,
+staunte laut über das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore sprach
+unbefangen mit Komteß Anna und dem Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre
+Seite, ich war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu Sinn wie in einer
+Krankheit.
+
+Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rückweg nach dem Schloß hängte sie
+sich plaudernd in Charlottes Arm. Sie schien sehr fröhlich zu sein, aber
+mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und nieder, es fiel mir schwer,
+an der Unterhaltung teilzunehmen, in die mich der Graf und die Gräfin
+verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin.
+
+Nachher Tanz im Schloß. Die Gräfin drehte einen kleinen Leierkasten. Ich
+tanzte zuerst mit Leonore; sie bat bald, aufzuhören. Ich sprach ein paar
+Worte in demütigem Ton zu ihr, sie antwortete nicht. Mit den andern war
+sie froh und unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so daß ich
+erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und abweisend, sobald sie in meine
+Nähe kam. Einmal stand sie in der Nische eines Fensters allein und sah in
+den dunkelnden Park. Ich trat neben sie, voll Demut, bittende Worte
+stammelnd, und suchte ihre Hand zu küssen. Sie verhinderte es, sie
+schüttelte abwehrend das Haupt und winkte Charlotte zu uns herüber, damit
+wir nicht allein in der Nische ständen.
+
+Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend in mir aus. Ich dachte daran,
+wie ich sie mit kühlem Auge und ruhigem Blut gemalt und skizziert hatte --
+und hätte mich züchtigen mögen. Du verdientest, daß man dich an den
+Pranger stellte und öffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich begriff mich
+selbst nicht, mir graute vor meinem albernen Künstlertum, ich haßte mich
+wie einen Feind.
+
+Leonore wußte es einzurichten, daß wir während des Abends nur in die
+flüchtigste Berührung kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut um einen
+freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. Es war zum Verzweifeln.
+
+Beim Gutenachtwünschen trat sie vor mich hin und sagte: »Ich versprach,
+Ihnen die Rose aus meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie ist
+verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose nicht schenken. Verzeihen Sie.«
+
+Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den andern. Sie hatte die Rose
+fortgeworfen, das ist klar. Ich biß mich auf die Lippen, in mir stieg es
+auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, wie sie mit Komteß Anna und
+Charlotte das Zimmer verließ. Das schleppende Gewand sah ich und die
+blassen, jugendlich schönen Schultern und die Haltung der Arme im
+Kerzenlicht ... Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war erfüllt
+von Qual und Sehnsucht.
+
+Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein letzter Tag auf Carnin, er
+machte mich krank und matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch nur
+einen Augenblick mit mir allein zu sein. Wir spielten Tennis, sie lachte
+und schwang den Schläger mit Obacht und Grazie, sie plauderte harmlos mit
+den andern, aber zu mir sprach sie niemals. Ich merkte: Es ist alles
+hoffnungslos; du hast ihr Gefühl zu heftig mit Füßen getreten; hier ist
+nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir recht, Kunstmaler Tedrahn!
+
+Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches Wort von ihr, wie habe
+ich mich gedemütigt! Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich
+nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich mit Verachtung.
+
+Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, du erträgst
+es ja nicht! Aber ich wußte auch, daß nach diesem Tage alles vorüber sein
+würde, daß ich sie nicht wiedersehen würde, daß ich ruhelos sein würde und
+voll Kasteiung gegen mich selbst, im Bewußtsein meines verrückten
+Benehmens, das mir dieses Glück für immer verscherzt hatte.
+
+Und der Tag ging hin, dieser qualvolle, zermürbende Tag. Abends saßen wir
+das letztemal auf der Terrasse. Der Graf ließ Sekt reichen, als
+Abschiedstrunk. Wir stießen an, mein Glas stieß klirrend an Leonores, sie
+lachte Charlotte dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schön aus, sie
+hatte ein blaues Tüchlein über dem schwarzen Haar. Ich hielt es nicht aus,
+ich verabschiedete mich, da ich noch zu packen hätte. In aller Frühe des
+folgenden Tages mußte ich fahren, ich sagte allen Lebewohl. Leonore gab
+mir die Hand, sie war ruhig und kühl.
+
+Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und ab, wie ein gemartertes Tier im
+Käfig, stundenlang. Ich hörte die Stimmen von der Terrasse her. Mitunter
+hielt ich an und lauschte, -- wenn ich Leonores Stimme zu hören meinte.
+Ich war voll wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefühl
+unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich die Bilder sah, die
+gegen die Wand lehnten. Einmal erhob ich den Fuß und rannte ihn blindlings
+in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese verfluchte Kunst, die mich
+um das schönste menschliche Erleben gebracht hatte. Mit diesem Fußtritt
+des Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstört, das Bild des abendlichen
+Schlosses mit den Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der
+Terrasse. Es war hinüber, ich stieß ein Gelächter aus.
+
+Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, ich suchte zu lesen, ich
+sah lange Zeit, Zigaretten rauchend, aus dem Fenster in die warme,
+duftende Nachtluft, zum Schloß hinüber, wo ich das Fenster erkennen
+konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann wanderte ich wieder hin und her.
+Ich begann einen Brief an Leonore zu schreiben und zerriß ihn wieder. Ich
+legte mich aufs Bett, ohne mich auszukleiden, und erwartete den Morgen.
+
+In aller Frühe klopfte der Diener und brachte Tee. Dann hörte ich den
+Wagen auf dem Kies vorfahren, mein Gepäck wurde aufgeladen, ich warf den
+Mantel um, ging hinunter, und die tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen
+wohl. Das Handpferd wieherte in die Frühe, voll Übermut. Ich blickte noch
+einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem Leonore lag. Ich fühlte mich
+elend, ausgestoßen und krank. Mich fröstelte, als hätte ich Fieber. Die
+Schimmel zogen an, es ging die Lindenallee hinunter, dann durch die gelben
+Rapsfelder, aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen.
+
+Die Sonne lag golden über den Feldern, die Lerchen sangen. Mich marterten
+die Lerchen und die Sonne. Ach, könnte ich doch schlafen, dachte ich.
+
+
+
+
+Das Bildnis der Geliebten
+
+
+Gregor, ein Student der Medizin, war ein hübscher Bursche. Er war schlank
+gewachsen, hatte eine schöne Stirn, und seine Augen waren groß und klug.
+Aber der Arme war brustkrank. Man sah es ihm zwar kaum an, nur wenn er
+hüstelte und seine schlechten Tage hatte, merkte man es.
+
+Seit kurzer Zeit hatte er eine Geliebte mit Namen Mimi, eine kleine
+Verkäuferin in einem Weißwarengeschäft. Dort hatte er sie das erstemal
+gesehen, als er sich einige Taschentücher gekauft hatte. Er hatte dabei,
+während sie ihm die Tücher vorzeigte, besonders ihre Hände bewundert, die
+schmal und rosig waren und deren Finger sich so auffallend vornehm und
+ruhig bewegten. Dann hatte er, ganz erstaunt über die schwermütige
+Schönheit der Hände, in das Gesicht des Mädchens hinaufgeblickt und hatte
+ein Paar Augen darin gesehen, die noch viel schöner waren: silbergraue
+Augen, mit einem zärtlichen Glanz und von langen, braunen Wimpern
+eingefaßt. Gregor starrte so lange in diese Sterne hinein, bis das Mädchen
+unwillig wurde. Sie fing an mit Nachdruck von den Taschentüchern zu
+sprechen. Er entschloß sich für irgendwelche, ließ sie sich einpacken und
+stolperte hinaus.
+
+Er kam bald wieder, sah sich von neuem Taschentücher an und benahm sich
+diesmal besonnener und gesitteter. Sie war freundlich zu ihm und dachte
+bei sich: 'Ein hübscher Mensch; nur etwas kränklich sieht er aus; aber
+eine so schöne Stirn habe ich selten gesehen.'
+
+Er empfand es wohl, daß sie liebenswürdig war, und bemerkte mit innerem
+Jubel die Gefälligkeit ihrer Hände. Er ging, nachdem er sich wieder von
+den Tüchern hatte geben lassen, wie ein Trunkener heim, öffnete zu Haus
+das Paketchen und befühlte lächelnd den weißen Stoff, den auch ihre Hände
+berührt hatten.
+
+Als er dann das drittemal kam, fand er schon den Mut zu einem scherzenden
+Wort. Sie ging darauf ein und dachte wieder: 'Wie hübsch und schlank er
+ist.' Zum Schluß reichte er ihr die Hand, und sie zögerte nicht, die
+ihrige hineinzulegen. Dies war das letztemal, daß er Taschentücher bei ihr
+gekauft hatte.
+
+Am Abend des folgenden Tages nämlich, um die Stunde, da man die Läden
+schließt, tat er so, als ginge er zufällig an ihrem Geschäft vorüber,
+irgendeinem andern Ziele zu. Als sie den Laden verließ, stellte er sich,
+als sei er ganz erstaunt, plötzlich ihr Gesicht auftauchen zu sehen,
+grüßte, richtete ein paar Worte an sie, und auf einmal waren sie im
+Gespräch. Sie gingen zusammen durch die Straßen, plauderten, und wenn ihre
+Augen sich trafen, erkannte ein jeder von ihnen die sehnsüchtigen Gefühle
+des andern. So schritten sie durch den sanften Herbstabend und kamen in
+einen öffentlichen Garten, wo gerade das erste Laub von den Bäumen fiel.
+Sie fanden eine stille Bank, legten die Arme umeinander und küßten sich.
+Er griff glücklich in ihr braunes Haar und entzückte sich an der sanften
+Linie ihrer Schultern.
+
+So hatte der Student Gregor eine Geliebte bekommen, die Mimi hieß.
+
+Sie waren viel zusammen. Er holte sie des Abends vom Geschäft ab, dann
+gingen sie zu ihm und aßen etwas. Danach nahmen sie sich bei der Hand und
+wanderten durch die Straßen oder in einen Park, bis sie müde wurden.
+
+So lebten sie dahin, jung und glücklich. Nur die Stunden, in denen er sich
+elend fühlte, warfen graue Schatten in ihr Dasein. Er suchte zwar diese
+Zustände und Stimmungen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Sie fühlte
+wohl, wie es mit ihm stand.
+
+ * * * * *
+
+Eines Abends, als Gregor seine Geliebte nach Haus begleitete, klagte sie
+über Schmerzen im Halse. Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand so
+verschlimmert, daß sie nicht fähig war, das Geschäft zu besuchen. Sie
+fieberte und mußte das Bett hüten. Gregor ahnte etwas und ging schon im
+Laufe des Vormittags zu ihr, um nachzusehen. Er fand Mimi blaß und müde in
+den Kissen. Sie freute sich wie ein Kind, als sie ihn kommen sah, und
+küßte lächelnd seine Hände. Gregor ließ sich an ihrem Lager nieder, fühlte
+ihren Puls und sah in den Hals. Dann schrieb er ein Rezept und gab es der
+Wirtin, die forteilte, um die Medizin zu besorgen. Gregor nahm Mimis Hand,
+neigte sich auf ihr Bett und sprach freundliche Worte zu ihr nieder.
+
+Allmählich schlossen sich ihre Augen, und ihre Brust begann ruhiger zu
+gehen. Sie schlief ein. Gregor betrachtete die Ruhe ihres weißen
+Gesichtchens und dachte: 'Nun ist sie auch krank.' Mit diesem Gefühl
+mischte sich ein anderes, merkwürdiges. Es war beinahe wie ein Triumph.
+Ihm war, als empfände er es als eine Befriedigung, daß er nun nicht mehr
+allein von ihnen beiden der Bemitleidenswerte sei. Aber dieses Empfinden,
+kaum entstanden, verdroß ihn aufs tiefste, und er schalt sich niedrig und
+gemein. Er mußte husten. Er wußte ja, daß er unendlich kränker war als
+sie. Sie war nur erkältet, das ging vorüber. Bei ihm saß es tiefer.
+
+Es klopfte. Die Wirtin kam und brachte die Medizin. Er nahm sie ab,
+entkorkte die kleine Flasche und stellte sie auf das Nachttischchen. Er
+wollte Mimi nicht wecken, der Schlaf tat ihr besser als alle Medizin. Er
+blieb an ihrem Bette sitzen, horchte auf ihren Atem, und tausend
+Vorstellungen zogen durch sein Gehirn. Sein Auge wanderte in dem Zimmer
+umher, das er noch nicht sehr oft betreten hatte. Es war ursprünglich ein
+Mietszimmer nach der Schablone gewesen, aber jetzt konnte man überall die
+Spuren sorgender Hände entdecken. So war das Zimmer wohnlich und
+freundlich geworden, es hatte ein Gesicht bekommen, es war das Zimmer der
+kleinen Mimi mit dem beweglichen Sinn für das Bunte und Heitere.
+
+An der dem Bett gegenüber gelegenen Wand stand ein schmaler Schreibtisch,
+der den Eindruck machte, als würde er selten oder nie benutzt. Allerhand
+Sächelchen standen darauf herum, kleine Tiere aus Porzellan, chinesische
+Figürchen und ein paar Flacons und bunte Kästen. In der Mitte von dem
+allen prunkte eine flache silberne Schale, angefüllt mit Photographien.
+Gregor ging auf leisen Füßen hinüber, holte sich die Schale an das Bett
+und stöberte in den Bildern herum. Es waren Freundinnen und Verwandte
+Mimis, die Kinder ihrer Wirtin und dergleichen mehr. Ganz zuunterst lag
+ein kleines Bildnis, das den Studenten, sobald er es sah, auf das
+sonderbarste berührte. Es stellte Mimi dar. Auf der Rückseite war
+vermerkt: sechzehn Jahre alt.
+
+Sie stand in einem weißen Kleidchen da, und die ganze Figur war zu sehen.
+Ihre schönen Augen blickten geradeaus, die Hände hielt sie auf dem Rücken
+verschränkt. Es war das Bildnis eines reinen, unberührten Kindes, das noch
+von dem Brausen der Welt und von sich selbst nichts weiß. Wie eine weiße
+Blüte im Frühling stand sie da.
+
+Gregor staunte das Bild an wie ein enthülltes Geheimnis. Er vergaß darüber
+ganz, daß die lebende Geliebte da neben ihm lag und atmete. Er empfand
+nichts weiter als die Schönheit dieses lieblichen Bildes. Seine Augen
+sogen sich förmlich fest daran.
+
+Mimi bewegte sich und sprach einige zusammenhanglose Worte. Gregor steckte
+die gefundene Photographie in die Brusttasche und trug die silberne Schale
+auf den Schreibtisch zurück. Dann trat er wieder an das Bett, gerade als
+Mimi erwachte. Sie sah ihn aus fieberigen Augen an. Er wagte kaum in diese
+Augen hineinzusehen, wie in dem Bewußtsein einer Schuld. Er goß einige
+Tropfen Medizin in einen Löffel und reichte sie ihr. Sie nahm den Trank
+und ließ den matten Kopf schnell wieder zurück in die Kissen sinken.
+
+Nachher, als sie wieder schlief, nahm er das Bild von neuem vor. Er
+meinte, nie so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, da er sich im Besitz
+dieses Schatzes wußte. Er führte das Bild an die Lippen und küßte es mit
+geschlossenen Augen. Es wollte ihm scheinen, daß er erst jetzt gefunden
+habe, was er bisher noch immer unbewußt entbehrt hatte. Ja, ihm war, als
+müßte die Zukunft nun hell und freundlich sein. Er drückte das Bild an die
+Brust, voll leidenschaftlichen Fühlens, und sprach zu ihm in erregten
+Gedanken. Aber wenn seine Augen dann neben sich auf die ahnungslos
+Schlafende niederfielen, trübten sie sich und verloren den Ausdruck der
+Freude.
+
+ * * * * *
+
+Nach einer Woche ungefähr war Mimi leidlich wiederhergestellt. Als er sie
+das erstemal ausführte, lenkten sie ihre Schritte in jenen Park, in dem
+sie sich das erstemal geküßt hatten. Sie fanden auch die Bank wieder, auf
+der sie damals gesessen hatten, und da gerade ein schöner
+sonnendurchwobener Tag war, ließen sie sich für ein Weilchen auf dem
+vertrauten Sitze nieder. Mimi sah noch bleich aus, aber sie wurde von
+einem unsagbar wohligen Gefühl durchströmt, wie es die Genesenden zu
+empfinden pflegen. Er hatte seinen Arm in den ihrigen gelegt, und ihre
+Hände ruhten vereint in Mimis Schoß. Das Mädchen sprach mit sanfter
+Stimme:
+
+»Jetzt sind die Bäume leer. Damals hing noch fast alles Laub zu unseren
+Häupten. Weißt Du noch?«
+
+»Ich weiß.«
+
+»Damals küßtest Du mich in großer Liebe. Hast Du mich noch so lieb?«
+
+»Ja, ja, ja, ich habe Dich noch so lieb. Immer.«
+
+Er mußte, indem er es sagte, an das Bild denken, das auf seinem Herzen
+lag. Daher kam die Innigkeit in seine Stimme. Aber er vergaß, Mimi zu
+küssen.
+
+»Warum küßt Du mich nicht?« fragte sie.
+
+»Mimi, warst Du sehr schön, als Du sechzehn warst? Schön wie ein Engel
+warst Du, glaube ich.«
+
+»Ich verstehe Deine Worte nicht. Hast Du mich nicht mehr lieb?«
+
+»Doch, doch. Aber ich gäbe meine Seligkeit hin, wenn ich Dich hätte sehen
+können, als Du sechzehn warst.«
+
+Dann legte er schnell sein Gesicht auf ihres und küßte ihre Augen, ihre
+Stirn, ihre Wangen, ihren Mund, mit wilder Leidenschaft. Es war, weil
+seine Gedanken meinten, ein süßes, vielgeliebtes Bild zu küssen.
+
+ * * * * *
+
+Mimi merkte, daß eine Veränderung in Gregor vorgegangen war. Er zeigte
+sich über die Maßen zerstreut, hustete mehr als früher und wurde immer
+spärlicher in den Äußerungen seiner Liebe. Das bekümmerte Mädchen dachte
+nach, worin diese Veränderung ihren Grund haben könnte. Sie meinte zuerst,
+daß sie eine Folge der offenbaren Verschlechterung seines körperlichen
+Zustandes sei. Gregor war zweifellos sehr krank. Er sprach gar nicht mehr
+über sein Leiden, desto schwerer mußte es ihn innerlich bedrücken. Aber
+dann kamen auch gute Tage, an denen er sich leicht fühlte wie ein Vogel in
+der Luft: sein Benehmen aber blieb das gleiche. Er griff ihr nicht mehr
+mit der Hand übers Haar, und aus seinen Küssen schlug kein Feuer.
+
+Mimi fühlte: seine Krankheit ist es nicht. Zumindest ist es seine
+Krankheit nicht allein. Es ist ein anderes Mädchen, das seine Gedanken
+beschäftigt und ihn zu mir so lau sein läßt. Er liebt eine andere und will
+es nicht gestehen, mir nicht und vielleicht sich selber nicht. Aber er
+soll es mir sagen, das ist er mir schuldig, denn ich kann diese grauen,
+schleppenden Tage nicht länger ertragen.
+
+Eines Abends, es war in seiner Wohnung, sprach sie dann ganz ruhig zu ihm,
+-- freilich, es kostete sie große Mühe, daß sie diese Ruhe erzwang --:
+
+»Gregor, Du liebst mich nicht mehr. Ich fühle es an allem, Du trägst das
+Bild einer andern in Dir. Lüge nicht. Erlöse mich, gestehe es ein.«
+
+Gregor sah bleich und mit verlorenen Augen an dem Mädchen vorüber, wie in
+eine Ferne. Dann rang es sich tropfenweise von seinen Lippen:
+
+»Das Bild einer andern? Das ist nicht wahr! Dein Bild und kein anderes
+trage ich in mir, bei meiner Seele!«
+
+Er senkte den Kopf zu Boden und starrte vor sich hin, dumpf und
+schweigend. Mimi wagte nichts zu erwidern. Sie sah ihn an, verängstigt und
+in großem Mitleid. Sie wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte. Da
+bemerkte sie, daß sich ein paar Tränen aus seinen Augen stahlen und zu
+Boden stürzten. Ein unendlicher Jammer ergriff sie, daß sie selbst laut
+hätte weinen mögen. Aber das tat sie nicht. Sie stand auf und setzte sich
+neben ihn, ergriff sein Haupt, lehnte es an ihre Brust und sprach:
+
+»Armer Gregor.«
+
+Da schlang er seine Arme um ihren Leib, fest, als übermanne ihn die
+Furcht, daß er die Geliebte verlieren könne. Er schluchzte zum
+Herzzerbrechen, es war, als ob eine wilde innere Zerrüttung ihn wahnsinnig
+machen wolle.
+
+Aber als er sich beruhigt hatte und Mimi ihn mit Vorsicht zu fragen wagte,
+was ihm sei? was ihn quäle? er solle sich doch durch eine Aussprache
+erleichtern, schüttelte er abwehrend den Kopf und sagte nur:
+
+»Es ist nichts. Du kannst mir nicht helfen. Es wird alles vorübergehen.«
+
+Damit mußte sie sich begnügen. Es schmerzte sie freilich, daß er es
+verschmähte, sich ihr anzuvertrauen. Früher hatte er ihr nie etwas
+verschwiegen. Aber sie dachte bei sich: Ich werde es dennoch erfahren. Es
+ist eine andere, ich weiß es gewiß. Es wird alles offenbar werden.
+
+ * * * * *
+
+Für einen Sonntagnachmittag hatte man sich derart verabredet, daß Mimi um
+drei Uhr zu Gregor kommen sollte, um ihn abzuholen; bis dahin hatte er in
+der Klinik zu tun. Mimi verfrühte sich und traf schon vor der
+festgesetzten Stunde in Gregors Wohnung ein. Sie wartete, und als sie ihn
+endlich die Treppe heraufkommen hörte, schlüpfte sie schnell in das
+anstoßende Schlafzimmer, um sich zu verbergen und dem Geliebten eine
+Überraschung zu bereiten. Gregor trat in sein Zimmer, legte Hut und Mantel
+ab, hustete heftig und legte sich auf den Diwan. Mimi beobachtete ihn
+durch die Portière, ohne daß er eine Ahnung von ihrer Anwesenheit hatte.
+Er fühlte eine Weile seinen Puls und neigte bedenklich den Kopf hin und
+her, als ob er einen fremden Patienten vor sich habe. Dann griff er in die
+Brusttasche und holte eine Photographie hervor. Er sah sie lange an, mit
+verzückten Augen. Darauf führte er sie an den Mund und küßte sie mit
+Leidenschaft. Er drückte sie an sein Herz, an seine Stirn, auf seine Augen
+und küßte sie wieder, unablässig, aufgeregt wie ein Wahnsinniger.
+
+Mimi traute ihren Augen nicht. Es schwirrte ihr durch den Kopf wie ein
+Schwarm nächtiger Vögel. Ein Gedanke jagte den andern. Dann stand es ihr
+klar im Bewußtsein: das Bild da ist es, das Bild!
+
+Sie wußte kaum, was sie tat. Sie stürzte aus ihrem Versteck zu Gregor
+hinein, vor den Diwan. Gregor schrie laut auf, dann starrte er sie an, mit
+verglasten Augen, unwissend was das zu bedeuten habe. Sie riß ihm mit
+Windesschnelle das Bild aus den Händen. Es berührte sie fast lächerlich,
+als sie dann sah, wen es darstellte. Sie zerriß das Bild, ehe er es
+hindern konnte, in kleine Fetzen und warf sie verächtlich beiseite. Gregor
+stand auf und reckte seine Arme hoch über den Kopf, mit einer
+verzweifelten Gebärde. Dann brach er zusammen und fiel rücklings über den
+Diwan. Ein kleiner Streifen hellroten Blutes war ihm auf die Lippen
+getreten. Auch aus der Nase quollen einige rote Tropfen.
+
+Als Mimi ihn so sah, rief sie um Hilfe. Sie warf sich über ihn und nannte
+seinen Namen. Erst laut, als wollte sie ihn wecken, dann flüsternd und
+schmeichelnd, wie ein Kind. Es war fruchtlos, Gregor rührte sich nicht.
+
+Die Wirtin hatte die Schreie gehört und trat in das Zimmer. Sie erkannte,
+was not tat, und lief zum Arzt. Als dieser kam und die bewußtlose Mimi mit
+Mühe von dem Körper Gregors losgelöst hatte, sagte er:
+
+»Ein Blutsturz. Er ist tot.«
+
+
+
+
+Nebelnacht
+
+
+Einmal brachte ich im Sommer einige Wochen in dem kleinen norddeutschen
+Dorfe Silben zu. Es ist anmutig gelegen, in einer fruchtbaren, an Bäumen
+reichen Gegend, durch die sich ein helles Flüßchen schlängelt. Dieses ist
+auf beiden Ufern mit Weiden bestanden, die ihre trauernden Zweige in das
+Wasser niederhängen lassen; und in größeren Abständen mit hochragenden
+Silberpappeln, die wispernd auf ihre heroischen Spiegelbilder
+niederschauen. Ich streifte damals viel im Freien herum und kam während
+des Tages mit Menschen wenig in Berührung. Nur an einigen Abenden der
+Woche ging ich ins Wirtshaus, um ein paar Stunden mit dem Arzt, dem
+Förster, mitunter auch dem Pfarrer, zu verplaudern.
+
+Es war ein besonders heißer Sommer. Wir hatten nichts als Tage voll Sonne.
+Alle Menschen sahen kupfern aus, wie Zulus.
+
+Am Abend stellten sich zuweilen unvermutet Nebel ein und verhüllten das
+Land. Es waren gewöhnlich feine, weiße Strichnebel, die über die Felder
+und Wiesen zogen, gleich durchsichtigen, seidenen Geweben oder wie
+verfitztes Garn. Sie verschoben sich unablässig, zerstoben hier und
+tauchten dort wieder auf, geisterhaft schön. Wenn dann über ihnen die
+Sterne zu scheinen anfingen oder der Mond seine blassen Strahlen in sie
+hineinwarf, daß sie funkelten gleich Silbersträhnen oder perlenbesetzten
+Gewändern, so schien diese Landschaft ganz unwirklich, als ob sie einem
+Traum entstiegen wäre.
+
+Eines Tages kam ich bei anbrechender Dunkelheit und klarstem Wetter, von
+allerlei Streifereien ermüdet, ins Dorf zurück, begab mich in meine
+einfache Behausung, lieferte der Bauersfrau, deren Dach mich beherbergte,
+einige Vögel aus, die ich geschossen hatte, und fiel über das ländliche
+Abendessen her. Ich weiß noch, daß es rosenroten Schinken gab, kerniges
+Schwarzbrot, Eier und Bier. Dann las ich bei der Lampe in einem Buch und
+machte mich schließlich, als es draußen an der Kirchuhr zehn schlug, auf,
+um in das Gasthaus zu gehen und dort den Rest des Abends mit den
+Stammgästen zu verbringen. Als ich zur Haustür hinaustrat, lag das Dorf im
+Nebel. Er stand dick, wie eine Mauer, nach allen Seiten hin und regte sich
+nicht. Ich war überrascht. So massig und leblos hatte ich ihn noch nicht
+gesehen. Aus den einzelnen Häusern in der Nähe schimmerten die abendlichen
+Lichter, blutrot und trübe, von einem Dunstkreis umgeben. Ich tappte, halb
+aufs Geratewohl, vorwärts und langte endlich bei dem Wirtshaus an. Als ich
+aber die Tür öffnete und eintreten wollte, bemerkte ich, daß es das
+Wirtshaus gar nicht war. Der Nebel hatte mir einen Streich gespielt, ich
+war fehlgegangen. Und ich hätte doch, als ich das Haus so vor mir hatte
+liegen sehen, wetten mögen, daß es der Gasthof gewesen sei. Ein Kind des
+betreffenden Hauses brachte mich in die Wirtschaft hinüber, wo der Arzt
+und der Förster schon auf mich warteten. Es war noch ein dritter Mensch
+bei ihnen, ein Geschäftsreisender, der das Dorf gerade passierte. Die
+Männer rauchten Zigarren, nur der Förster Tabak aus einer Handpfeife mit
+grünem Porzellankopf, tranken Bier und spielten Skat. Als ich mich zu
+ihnen setzte, ließen sie die Karten ruhen, begrüßten mich, man stellte
+mich dem Geschäftsreisenden vor, und dann ließ ich mir einen Schnaps geben
+und erzählte, was mir soeben in dem Nebel zugestoßen sei, d. h. daß ich
+das Wirtshaus nicht habe finden können und in die Irre gegangen sei.
+
+»Seien Sie froh, daß Ihnen nichts Schlimmeres zugestoßen ist«, sagte der
+Arzt. »Wer diesen Nebel nicht kennt, soll sich vorsehen. Ich kann Ihnen
+eine Geschichte erzählen.«
+
+»Erzählen Sie doch«, sagte ich.
+
+ * * * * *
+
+Der Arzt erzählte:
+
+Es ist schon eine Weile her. Ich wohnte erst ein halbes Jahr in diesem
+Nest. Sie wissen, ich habe Pferd und Wagen, wegen der Patienten in den
+umliegenden Dörfern. Eines Tages wurde mir der Gaul krank und durfte den
+Stall nicht verlassen. In einer der folgenden Nächte kommt man und ruft
+mich dringend zu einem Kranken nach Riebach, einem Ort etwa eine Meile
+östlich. Ich fluche und wettere, und am Ende muß ich den Mann zu Fuß zu
+seinem schwerkranken Vater nach Riebach begleiten. Es war eine helle,
+sternklare Frühherbstnacht, weich und duftig, und eigentlich war es eine
+Lust, so durch die mondbeschienenen Felder zu schreiten. Die unbequeme
+Müdigkeit war mir bald aus den Gliedern gewichen, mit ihr die schlechte
+Laune, und ich empfand eine wahre Freude an diesem nächtlichen
+Spaziergang. Ich sah und hörte allerhand Heimliches, Ungewohntes, das mir
+reizvoll war. So das Piepsen mancher Vögel im Traum, von denen man nicht
+wußte, wo sie schliefen. Das merkwürdige Säuseln mancher Baumkronen, von
+Luftzügen bewegt, die man sich in der stillen Nacht nicht zu erklären
+wußte. Das unvermutete Rascheln und Rennen im Feld, das von
+aufgescheuchten Tieren herkam.
+
+Auf einer alten Steinbrücke hatten wir den Fluß zu überschreiten. Das
+lautlose Wasser blitzte und strahlte in unzähligen feinen Silberstrichen,
+durch die eine rastlose flimmernde Bewegung ging. Gleich jenseits der
+Brücke duckte sich eine kleine Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der
+Mond wie Schnee. Aus einem der niedrigen Fenster schien ein Licht in die
+Nacht. Wir gingen daran vorüber und hörten von drinnen einige lachende
+Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, daß es italienische Arbeiter seien, die
+eine Straße in der Nähe ausbesserten und in der Schenke wohnten. Bald war
+wieder die große Stille um uns her.
+
+Schließlich gelangten wir an unser Ziel, in das von ziemlich baumarmen
+Feldern umgebene Dorf, dessen Turm wir schon vorher gegen den hellen
+Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem Kranken war nicht viel zu tun. Es
+handelte sich um einen der Fälle, die man allein sich zu Ende kämpfen
+lassen muß. Es war vorauszusehen, daß der Alte spätestens am Abend des
+folgenden Tages sich für immer ausstrecken werde. Ich konnte mich nur
+bemühen, ihm das Letzte möglichst leicht zu machen. Ich blieb etwa eine
+halbe Stunde am Krankenbett und wandte mich dann zum Gehen. Da ich das
+Wohnzimmer der Leute durchschritt, fragte mich der junge Bauer, ob ich
+nicht, ehe ich wieder heimwandere, irgendeine Stärkung zu mir nehmen
+wolle. Dieses Anerbieten kam mir sehr erwünscht, denn die nächtliche
+Wanderung hatte mir Hunger verursacht. Ich setzte mich also und
+befriedigte mit Genuß meinen gesunden Appetit, während sich einige
+Schritte von mir entfernt ein Mensch unter gelinden Schmerzen langsam
+auflöste. Endlich erhob ich mich, schärfte dem jungen Bauer noch einmal
+die Verhaltungsmaßregeln ein und ging davon. Als ich ins Freie trat, sah
+ich, daß sich vielfache silberne Nebelstriche über die Felder gelagert
+hatten. Sie schweiften und wehten leise hin und her. Der Himmel war noch
+klar und voller Sterne, und der Weg war gut zu erkennen. Ich schritt zu
+und merkte nun auch, daß es kühler geworden war. Mitunter, wenn die Nebel
+an mir vorbeistrichen, wehte mich ein eiskalter Hauch an. Nach und nach
+bezog sich das Firmament, die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden
+dichter und zahlreicher. Weiß der Himmel, woher sie kamen, sie schienen
+aus der Erde zu wachsen, sie türmten sich wie Wolken übereinander, sie
+schoben und drängten sich, bis sie schließlich feststanden und sich nicht
+mehr rührten. Ich kam wieder an der Wegschenke vorbei, die jetzt ohne
+Licht, schlafend und lautlos, an dem Flußufer hockte. Sie hob sich im
+Nebel wie eine dunkle, klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, in
+dem aber das Leben doch wohnte und nur darauf lauerte, daß man es weckte.
+Dann passierte ich die Brücke. Ich schritt an dem linken Geländer entlang
+und konnte das rechte nur noch wie einen Schatten wahrnehmen. Jenseits des
+Flusses wurde es noch schlimmer. Es kam mir vor, daß kleine Wirbel von
+Nebeln um mich her tanzten, zuweilen eröffnete sich einmal ein Ausblick,
+einige Bäume, ein Stück Feld oder Gebüsch wurden sichtbar, dann schnürte
+sich wieder alles zu, es wehte trügerisch durcheinander, jetzt schob sich
+von da, jetzt von dort eine Nebelwand gegen mich vor, und ich bereute es
+durchaus, diesen nichtswürdigen Weg unternommen zu haben. Angst überfiel
+mich. Zur Umkehr war es zu spät. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich
+befand, ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege war und in welcher
+Richtung unser Dorf lag. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte mehr und
+tastete einfach auf gut Glück in die Finsternis hinein. Dabei traten
+allerhand scheußliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn jetzt einige
+von den italienischen Arbeitern betrunken irgendwoher auf mich zuwankten
+und mich niederschlügen. Oder: wenn ich jetzt mit dem Kopf gegen den Stamm
+eines Baumes stieße und besinnungslos hinstürzte. Oder: wenn ich jetzt an
+den Fluß käme und sähe ihn nicht.
+
+Zuweilen machte ich kopfschüttelnd halt. Ich sagte mir, daß eigentlich
+jeder Schritt, den ich tat, eine Torheit sei. Vielleicht ging ich in einer
+Richtung, die mich von Silben immer mehr entfernte. Vielleicht war ich
+auch schon längst an dem Dorf vorbeigegangen, denn der Zeit nach hätte ich
+wohl schon zu Haus sein müssen. Es war eine Lage zum Verzweifeln, und ich
+machte mich auf das Schlimmste gefaßt. Dabei merkte ich zum Überfluß, daß
+ich von dem Fußweg abgekommen war und mich auf einem Stoppelfeld befand.
+Es war, um die Fassung zu verlieren. Ich schimpfte wütend vor mich hin,
+aber das war zu nichts nütze. Ich tastete weiter, wie ein Blinder, den
+sein Führer im Stich gelassen hat. Plötzlich mußte ich denken: wenn ich
+jetzt stürzte, in eine Sandgrube oder irgendwohin, und müßte da die Nacht
+durch liegen bleiben und vielleicht auch noch den kommenden Tag und immer
+so fort, -- es war ein abscheulicher Gedanke. Während ich ihm noch
+nachhing, merkte ich, daß ich den Boden unter den Füßen verlor, ich fiel,
+schlug mit den Armen in die Luft, fühlte ein Krachen im Kopf, ein
+Schwindel folgte, und dann war alles still.
+
+Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, spürte ich ein dumpfes Gefühl im
+Kopf und einen feinen Schmerz im Knöchel des linken Fußes. Ich betastete
+mich vorsichtig, fühlte nasse Erde an den Kleidern, und als ich mich
+rühren wollte, tat der Fuß heftiger weh. Ich riß die Augen auf. Es war
+stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu erkennen. Ich versuchte
+mich zu erheben, aber der Fuß ließ es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte,
+hatte ich einen Schmerz, als ob mir einer mit einem stumpfen Messer die
+Sehne durchschneide. Ich wußte, daß das zum mindesten eine heftige
+Verstauchung, vermutlich aber ein Knochenbruch war.
+
+Da lag ich nun, krank, hilflos in einer schauerlichen Nacht. Ich
+überlegte, was ich tun könnte, aber ich kam auf nichts. Ich fühlte mit den
+Händen nach allen Seiten und stieß überall auf Erde. Es war allem Anschein
+nach eine leere Kalkgrube, in die ich gefallen war. Ich befand mich also
+sicher in der Nähe des Dorfes. Ich dachte daran, daß man mich vielleicht
+hören würde, wenn ich tüchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und lauter,
+immer von neuem, in immer anderen Tönen, und dann brüllte ich wie ein
+Tier. Meine eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden. Ich hörte auf.
+Es war ja doch alles vergebens. Eine Antwort erfolgte nicht. Überhaupt war
+ringsum nicht der leiseste Laut zu vernehmen.
+
+Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus mir geworden wäre, wenn die Grube
+schon mit dem gelöschten weißen Kalk angefüllt gewesen wäre. Ich sah mich
+in Gedanken hineinsinken, langsam, ohne daß ich die Glieder regen konnte,
+und dann kam mir der schwammige Brei an die Kehle, ich schrie noch einmal,
+der Schrei erstickte im Kalk, und dieser drang mir ätzend in Mund und
+Nase. Die Sinne vergingen mir.
+
+Meine Lage war gewiß nicht beneidenswert; aber wenn ich an den Kalk
+dachte, -- das war noch teuflischer.
+
+Andere Bilder traten vor mich hin. Wenn sich jetzt zum Beispiel -- so
+dachte ich -- die Erde oben durch irgendeinen Zufall lockern würde, und
+die Grube bräche in sich zusammen und verschüttete mich. Ich würde es mir
+ruhig gefallen lassen müssen, denn ich konnte mich ja kaum bewegen, viel
+weniger mich erheben. Ich würde eben einfach nach einigen Minuten in der
+Finsternis ersticken. Unwillkürlich richtete ich das Auge nach oben, an
+die Ränder der Grube. Sie hoben sich kaum gegen das graue Einerlei des
+Nebels ab, der über ihnen hinzog. Ich sah noch eine ganze Weile nach oben,
+voll Furcht. Mein Herz schlug, daß ich es hörte. Es stand mir ganz außer
+Zweifel, daß die Grube einfallen _müßte_, ich wollte nur den Augenblick
+abwarten und dann die Augen schließen ...
+
+Der Augenblick kam nicht, und ich wurde wieder ruhiger. Ich begann zu
+frieren. Es schien mir, als stelle sich Fieber ein. Ich hüllte mich, so
+fest es ging, in meine Kleider und zog den Hut über die Ohren. So lag ich,
+dösend, mit durcheinanderschwirrenden Gedanken, und jede Minute wurde mir
+zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?!
+
+Ich brüllte noch einmal, mit Aufbietung aller Kräfte, wild, wahnsinnig. Es
+verhallte ungehört. Alles blieb still. Nun gab ich es endgültig auf.
+
+Einmal war mir, als ob ein Knistern über mir am Rande der Grube hinhusche.
+Zuerst wagte ich nicht aufzuschauen. Die Angst packte mich schon wieder,
+dann schielte ich doch hinauf, und nun schien mir, daß dort oben in dem
+ziehenden Nebel sich eine Gestalt über den Rand der Grube zu mir
+niederneige, eine vage, zerfließende, schweigende Gestalt, nur wie ein
+Schatten. Ich strengte meine Augen an und verhielt mich still. Als ich
+ganz fest hinschaute, sah ich schließlich gar nichts mehr, und nun hätte
+ich über meine dummen Einbildungen beinahe gelacht. Es war nichts als ein
+Nebelstreifen gewesen, natürlich, was sollte es denn sonst gewesen sein?
+Ja, und was war mir Narren denn überhaupt Schlimmes geschehen? War nicht
+diese ganze Angst verrückt und meine Lage im Grunde recht harmlos? Ich lag
+da in einer Kalkgrube, mit verletztem Fuß und übrigens vollem Magen, fror
+etwas und hatte einfach dem Morgen entgegenzusehen, wo die Arbeiter kommen
+und mich finden würden. Man würde mich hinaufholen, auf einen Wagen
+bringen und nach Hause fahren. Da, das war das ganze. War das nun so etwas
+Gräßliches, wovor man ein Grauen haben konnte? Ich war doch recht
+kindisch.
+
+Ich fing an, ganz ruhig und geduldig zu werden und fügte mich in meine
+Lage mit Gleichmut. Bald spürte ich, daß ich müde wurde. Ich lehnte den
+Kopf an die Wand der Grube und schloß die Augen. Es war mir alles
+gleichgültig, ich wußte nur, daß ich sehr müde war und schlafen mußte. Ab
+und zu fühlte ich noch kalte Schauer mich überfallen. Zuweilen war mir
+auch, als ob mein Herz stillstände. Dann trat mir endlich nichts mehr in
+das Bewußtsein, und ich begann hinüberzudämmern.
+
+Als ich erwachte und die Augen aufschlug, war es heller Tag. Ich hustete,
+fror und fühlte mich schlecht. Mein Fuß brannte wie Feuer. Ich sah ein, es
+war höchste Zeit, daß etwas mit mir geschah, es konnte sonst leicht zu
+spät werden. Der Nebel war völlig verschwunden, ein hellblauer,
+strahlender Himmel leuchtete durch die viereckige Grube zu mir herab.
+Plötzlich hörte ich ganz in der Nähe Stimmen. Hallo! Ich rief, rief. Dann
+lauschte ich. Die Stimmen brachen ab; mir schien, sie flüsterten. Einige
+Augenblicke später neigte sich der Körper eines Menschen über die Grube.
+Es war unser Pfarrer im Amtsornat. Ich sehe noch seine großen,
+verwunderten Augen und das mächtige Sammetbarett auf dem blonden Kopf.
+Dann drängten sich andere Köpfe vor, alle erschreckt und erstaunt. Man
+holte schnell eine Leiter und schob sie zu mir hinunter. Es kam jemand
+herabgeklettert und half mir behutsam an der Leiter auf. Nun sah ich, daß
+ich mich auf dem neuangelegten Teil des Kirchhofs befand. Ich hatte die
+Nacht in einem frisch geschaufelten Grab gelegen. Man trug mich vorsichtig
+in das Leichenhäuschen hinüber, damit ich dort warte, bis ein Wagen käme.
+Während des Wartens sah ich durch die Fenster des Häuschens, wie man einen
+Sarg vom Leichenwagen lud und auf jene Stelle hinabließ, wo ich die
+vergangene Nacht zugebracht hatte.
+
+
+
+
+Ebeth
+
+
+An einem Herbsttag, als die Ahornblätter in der Sonne wie Kupfer waren,
+sah ich Ebeth das erstemal. Es war in einem Vergnügungsgarten vor den
+Toren der Stadt. Sie fuhr mit einer Freundin auf einem von Glasbehängen
+überglitzerten Karussell, zu dem eine Drehorgel spielte, in den Akkorden
+der Melancholie. Die Mädchen aßen Schokolade, sie saßen lachend quer über
+glotzäugigen Holzpferden da, und an Ebeth floß ein weißes, welliges Kleid
+herunter. Sie wiegte sich sacht in den Hüften, zur Melodie des klagenden
+Walzers. Wie hell und lustig war ihr Lachen, wie weich war dieses Wiegen
+der Hüften, wie wallte das Kleid an ihren schlanken Gliedern hin! Nachher
+tanzten wir. Ich fühlte sie kaum beim Tanz, sie tanzte nicht hüpfend,
+sondern schwebend, und man hatte das Empfinden, daß sie einem zwischen den
+Armen zerrinnen könne wie ein Gebilde aus Nebel.
+
+Als Ebeth das erstemal zu mir kam, hatte sie weiße Schuhe an den Füßen,
+und unter dem Kinn trug sie eine blaue Schleife aus Seide, -- aber das
+Blau ihrer Augen war seidiger, zarter und schimmernder. Wie sie die Arme
+um mich warf! Mir war, ich sollte in einer Wolke duftender Rosen
+untergehen. Wie sie dann sprach, gleich einem zwitschernden Vogel, der
+Lieder singt, von denen er nichts weiß. Ihre Lippen waren rot wie
+Blutstropfen und hatten einen sanften rhythmischen Schwung. Sie waren es
+besonders, die dem Gesicht jenen schwer zu beschreibenden Reiz verliehen,
+dem man nicht widerstehen konnte.
+
+Ebeth! Wenn ich an das Jahr zurückdenke, das wir zusammen durchlebten, so
+ist mir, ich sähe in einen Sommergarten mit unzähligen Blüten und Düften
+und mit Sonne, in der die Flügel schillernder Schmetterlinge gaukeln. Wenn
+ich an Dich denke, so ist mir, als höre ich den warmen Sommerwind leise
+wehend über die Felder treiben, die rot sind von wucherndem Mohn, und ich
+vernehme das geheimnisvolle Schlürfen kleiner, lange vergangener Schritte.
+
+Wenn Ebeth kam, war Jugend, Glück und Licht in meinem Zimmer. Bis in die
+Stunden des Nachmittags arbeitete sie in einem Bureau. Dann kam sie. Meist
+brachte sie Blumen mit, zumal gelbe Rosen, die sie abgöttisch liebte. In
+gewissen übermütigen Launen war sie fähig, ihr ganzes Vermögen für diese
+Blüten hinzugeben. Sie hatte gar keinen Begriff von der Bedeutung des
+Geldes. Was sie hatte, gab sie ohne Bedenken aus, auch für Fremde und
+selbst auf die Gefahr hin, daß sie selber dadurch in Verlegenheit kam. Zu
+Hause hatte sie Berge von Schokolade liegen, die sie an Kinder zu
+verteilen pflegte. Ihr Herz litt es nicht, daß ein armer Blinder oder
+Lahmer an ihr vorüberging, ohne daß sie ihm eine Gabe zusteckte.
+
+Geradezu eine Leidenschaft aber waren die Käufe in den Blumenläden. Sie
+war unverbesserlich darin, und alles Ermahnen blieb fruchtlos. Wenn ich
+ihr Vorstellungen über ihren Leichtsinn machte, stand sie mit ihrem
+Kindergesicht da, sah mich schweigend an, und wenn ich geendet hatte,
+wußte ich, daß alles an ihr vorübergerauscht war wie an einer Wand.
+Einmal, es war im Februar, schleppte sie ein Rosenbukett von der Größe
+eines Wagenrades ins Haus. Sie sei so glücklich, sagte sie, sie möchte am
+liebsten allen Menschen etwas Freundliches sagen, denn die Sonne sei so
+goldig um alles draußen, und man merke deutlich, daß der Frühling in Kürze
+kommen müsse. Da habe sie sich nicht bezwingen können, sie habe den
+wundervollen Strauß, der ihr aus dem Schaufenster so verlockend
+entgegengelacht habe, ohne Besinnen gekauft. Sie rankte sich an mir auf
+wie eine Rebe und wühlte in meinem Haar. Als sie sich beruhigt hatte,
+sagte ich ihr wieder, wie lieb, aber wie unvernünftig sie sei. Meine Rede
+wurde sehr inständig, und als ich am Schlusse sicher glaubte, diesmal
+Eindruck auf sie gemacht zu haben, sprach sie kein Wort, sondern nahm nur
+meinen Kopf in beide Hände und lachte.
+
+So war Ebeth.
+
+Ganz aus dem Häuschen geriet sie, wenn sie schöne Kinder zu Gesicht bekam.
+Hier fand ihre Zärtlichkeit keine Grenzen, und nicht selten machte sie auf
+der Straße halt, um sich in den reizendsten Liebkosungen zu ergehen, wenn
+sie einem solchen anmutigen Wesen begegnete. Sie verstand es, so vertraut
+mit Kindern zu verkehren, als hätte sie nie in ihrem Leben etwas anderes
+getan. Sie hat mir auch oft gestanden, daß es ihr sehnlichstes Wünschen
+sei, solch ein Geschöpfchen ihr eigen zu nennen, und ich weiß, daß ihr
+nicht selten vor stillem Neid die Tränen nahe waren, wenn sie eine junge
+Mutter mit ihrem Kinde an sich vorübergehen sah.
+
+Für gewöhnlich freilich erinnerte sie nicht an eine Mutter. Sie war
+vielmehr wie ein Kind: unbedacht in allem, was sie tat, immer nur dem
+Andrang des Gefühls nachgebend und unfähig, über den Tag hinaus zu denken,
+an dem sie lebte. Sie war von einer Offenherzigkeit, die erstaunlich war;
+von einer Ehrlichkeit im Gebrauch der Worte, die ich bewunderte. Nie hat
+sie mich belogen, nie ein Gefühl geheuchelt, das sie nicht hatte, nie hat
+sie mir etwas verborgen, was in ihr vorging. Wenn wir zusammen durch die
+Stadt gingen und einem Manne begegneten, dessen Gesicht ihr gefiel, sagte
+sie einfach, wenn er vorüber war: »Der war schön, findest Du nicht?« Sie
+sagte es in einer Weise, daß es mich nicht verletzen konnte. Freilich, ich
+war immer erstaunt, so oft sie es sagte. Ich verstand ihren Geschmack
+nicht. Die Gesichter, die ihr gefielen, auch die weiblichen, hatten immer
+etwas Stumpfes, Geistloses, und zuweilen fand ich sie von einer
+bedenklichen sinnlichen Roheit, so daß ich mich nicht enthalten konnte,
+Ebeth gelegentlich zu fragen: »Sehe ich denn auch so aus?« »Nein«, sagte
+sie und schmiegte sich an mich, »das ist ja gerade das Gute, daß Du nicht
+so aussiehst.«
+
+Sie kleidete sich immer nett, sauber und geschmackvoll, meist in heiteren
+Farben. Sie bevorzugte weiß und blau. Einmal, im Frühling, hatte sie sich
+einen kostbaren großkrempigen Hut in diesen Farben hergestellt, der lange
+mein Entzücken war. Unter diesem Hute sah sie aus, als wäre sie ein
+verirrtes Prinzeßchen aus dem Märchenland. Ich fühlte, daß die Leute auf
+der Straße still standen und ihr nachsahen, wenn sie plaudernd an meinem
+Arme hing.
+
+Ihr Körper war so geschmeidig und wohlgeformt, daß die Kleider immer als
+etwas Herabrieselndes bei ihr erschienen. Als bade sie sich in den dünnen,
+gleitenden Wellen dieser Stoffe, welche die schwebende Leichtigkeit ihres
+Ganges und den Liebreiz ihrer Bewegungen nur wenig behinderten.
+
+Wenn wir ausgingen, gab es etwas, was wir aufs peinlichste vermeiden
+mußten: nämlich einem Fuhrwerk zu begegnen, dessen Kutscher auf die Pferde
+einhieb. Wenn Ebeth sah, daß man ein Tier quälte, geriet sie in eine
+heftige nervöse Aufregung, daß sie kaum mehr zu besänftigen war. Ich habe
+eine ganze Reihe von Szenen mit ihr durchgemacht, wo sie Fuhrleute
+zitternd mit den liebevollsten Worten zu bewegen suchte, von dem
+Auspeitschen auf die Pferde abzulassen, und sie konnte so rührend bitten,
+daß ihr Bemühen zuweilen von Erfolg gekrönt war. Brutalere Burschen suchte
+sie durch Geld zu bestechen, und wenn alles nichts fruchten wollte, die
+rohen Gemüter zu erweichen, so hatte sie in der schmerzlichen, zuweilen
+wahnsinnig gesteigerten Erregung, in der sie nichts mehr von sich selber
+wußte, Worte der Beleidigung für jene Gesellen bereit, die, wenn sie ihr
+gerichtlich zur Last gelegt worden wären, was natürlich nie geschah, ihr
+obendrein noch ärgerliche Strafen zugezogen hätten.
+
+Das Ende solcher Szenen war immer, daß Ebeth körperlich auf das
+Jammervollste ermattet war, quälende Atemnot bekam und mitunter noch
+stundenlang nachher von Schüttelfrösten heimgesucht wurde. Sie sah dann
+bleich aus wie eine Wand, und ich ängstigte mich um sie, denn ich wußte,
+daß ihre Gesundheit nur zart und besonders das Herz nicht in Ordnung war.
+Darum gab ich mir alle Mühe, sie vor jenen Erregungen zu bewahren. Ich lag
+auf der Straße eigentlich immer auf der Lauer. Sobald ich bemerkte, daß
+man irgendwo in der Ferne auf ein Pferd einschlug, machte ich unter
+irgendeinem Vorwand kehrt oder bog mit ihr in die nächste Seitenstraße
+ein. In den meisten Fällen freilich hatte sie die Quälerei schon eher als
+ich bemerkt, denn ihr Instinkt war nach dieser Richtung erstaunlich
+entwickelt.
+
+Ebeths Kränklichkeiten machten mir Sorge. Ich wußte, sie tanzte zuviel.
+Aber sie tanzte so leidenschaftlich gern, daß es unmöglich war, es ihr
+ganz zu verbieten. Es war ihr fast notwendig wie Brot und Atmen. Ich
+wehrte so viel es ging. Nicht selten hörte sie auch auf mich. Einmal aber
+übernahm sie sich so, daß sie gezwungen wurde, das geliebte Vergnügen auf
+lange hinaus ganz zu meiden.
+
+Es war ein Frühlingsabend, lau, müde machend und verworrene Wünsche
+bringend, die man nicht zu nennen weiß. Wir saßen, es war ein Sonntag, mit
+einer kleinen Gesellschaft Bekannter im Tanzsaal eines Vergnügungsgartens,
+nachdem wir nachmittags in den Wäldern gewesen waren. Ebeth sprudelte über
+von Laune und Lustigkeit. Aber sie sah blasser aus als sonst. Unter ihren
+viel zu glänzenden Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte ein paar gelbe
+Rosen auf der Brust, zu denen sie sich öfter niederneigte, um den Duft
+einzusaugen. Sie tanzte unbändig und trällerte obendrein die Melodien mit.
+Ich bat sie, sich mehr zu schonen, aber sie lachte nur. Ich sah sie
+hinschweben durch die Reihen der Tanzenden, verlor mich in die heitere
+Grazie ihrer Bewegungen und dachte: Kind. Da sah ich, wie sie erschlaffte,
+taumelte und umfiel. Ich sprang auf, eilte hinüber, nahm sie auf den Arm
+und trug sie in ein Nebenzimmer. Sie war bewußtlos und bleich wie der Tod.
+Ihr Atem röchelte. Ich knöpfte ihr die Brust auf und besprengte sie mit
+kaltem Wasser. Allmählich kam sie wieder zu sich. Als sie die Augen
+aufschlug, sah sie mich groß an und erkannte mich.
+
+»... zuviel getanzt ...«, murmelte sie und schloß die Augen wieder.
+
+»Ja«, sagte ich.
+
+»... nicht böse sein ...«, flüsterte sie, lächelte und griff nach meiner
+Hand.
+
+Wie hätte man ihr böse sein können? --
+
+Zuweilen gingen wir ins Theater. Auch Konzerte besuchten wir, und hier
+bewies sie ein auffallend feines Verständnis. Die Musik wirkte am
+nachdrücklichsten auf sie. Es konnte geschehen, daß sie nach einem
+Konzert, von dem sie besonders heftig bewegt worden war, noch im Traum die
+Melodien zu singen versuchte, die sie am Abend gehört hatte. Wir sangen
+auch allerlei Lieder in den Wäldern. Denn wir gingen viel in die dunkeln,
+leise rauschenden Kiefern, die sich um die Stadt hinziehen. Wir ließen uns
+auf dem hohen Ufer des Flusses nieder, wo die wilden Enten fliegen, sahen
+über den Fluß in die Ebene, ließen unsere Augen den großen Kähnen folgen,
+die langsam stromabwärts trieben, und Ebeths Hand ruhte auf meiner
+Schulter. Traumhafte Stunden des Sonnenunterganges, wo seid ihr?
+
+Es war an einem Regentage im Herbst. Wir waren in meinem Zimmer, Ebeth lag
+müde und blaß auf dem Diwan, und der Regen sickerte sanft an das Fenster,
+in eintöniger Melodie. Ich saß neben ihr, wir schwiegen beide. Plötzlich
+schlang sie die Arme um mich, zog mich an sich und drückte meinen Kopf
+unsinnig heftig an die Brust. Ich sagte nichts. Allmählich wurde sie
+ruhiger. Dann nahm sie auf einmal meine Hand, biß mit aller Kraft hinein,
+daß das Blut kam, und wollte sich totlachen. Die Narbe dieser Wunde ist
+eine der wenigen Erinnerungen an Ebeth, die ich habe.
+
+Einige Tage später war ein Sonnentag; dennoch sieht dieser Tag grau aus in
+meiner Erinnerung.
+
+Sie kam des Nachmittags, Blumen in der Hand, und war wie immer. Nur etwas
+hutsamer schien sie und ein klein wenig ernster als sonst. Wir tranken
+Kaffee, plauderten, und Ebeth nähte etwas. Als dann das rötliche Licht der
+Abendsonne in den Gardinen hing, setzten wir uns ans Fenster und sahen den
+feinen, schnell dunkelnden Wolken über den Dächern zu. Ebeths Augen
+blickten schimmernd in die Ferne. Als ich genau in sie hineinsah, fand
+ich, daß etwas darin war, was ich noch nicht kannte. Wir schwiegen. Ein
+paarmal war mir, als wolle sie etwas sagen. Endlich sprach sie, ohne mich
+anzusehen, während sie ein Haar von mir zwischen die Zähne nahm:
+
+»Weißt Du, daß wir uns trennen werden?«
+
+Ich fühlte einen Stich in der Brust, bezwang mich jedoch und fragte:
+
+»Wie meinst Du das?«
+
+»Frage nicht«, sagte sie, »bist Du mir böse?«
+
+»Nein«, sagte ich, »Du darfst doch tun, was Du willst.«
+
+Wir waren wieder still. Die Zeit rann, als habe sie bleierne Gewichte an
+den Füßen. Endlich sagte Ebeth:
+
+»Ich werde Dir öfter schreiben, -- darf ich?«
+
+»Gewiß«, sagte ich und lächelte, »ich werde es immer gern sehen.«
+
+»Du bist gut«, sagte sie. Und dann:
+
+»Komm, wir wollen in den Stadtpark gehen. Die Abendstunde ist so schön
+unter den Bäumen.«
+
+Ich nickte. Sie stand auf. Ich half ihr in das Jackett. Sie setzte den Hut
+auf, ich band ihr den Schleier fest.
+
+Dann gingen wir in den Park, und sie hing an meinem Arme wie sonst. Sie
+plauderte vom Meer, wo ich im Sommer einige Tage mit ihr gewesen war, und
+ich merkte, wie sie sich Mühe gab, ungezwungen und heiter zu sein. Die
+gleiche Mühe gab auch ich mir. So unterhielten wir uns recht gut, lachten
+sogar, und die Leute, die uns sahen, mußten meinen, daß wir ein
+jungverliebtes Pärchen seien.
+
+Wir traten in ein Kaffeehaus und tranken etwas. Mitunter mußte ich Ebeth
+ansehen, verwirrt, staunend und gewillt, mir jeden Zug ihres Wesens
+deutlich einzuprägen. Als wir das Kaffee verließen, brannten draußen die
+Laternen schon.
+
+»Jetzt gehe ich«, sagte sie, sah an mir vorüber und reichte mir die Hand.
+
+»Leb wohl, Ebeth«, sagte ich.
+
+Sie wollte noch irgend etwas sprechen, aber ich wandte mich und ging.
+
+Der Lärm der Menschen quoll um mich her. Der Himmel war ganz dunkel
+geworden. Ich schlenderte langsam durch die Straßen, dösig und beklommen.
+Als ich nachher in mein Zimmer trat, setzte ich mich einsam in die
+Dunkelheit, in der noch der feine Duft ihrer Kleider war.
+
+Hin und wieder kamen Kartengrüße. Grüße in der feinen, langgezogenen
+Kinderhandschrift mit den kapriziösen Schnörkeln. Dann blieben auch die
+aus, und ich hörte nichts mehr von ihr. Mein Leben lief weiter, auch ohne
+sie, aber ich gedachte ihrer oft, ihrer schwebenden Füße, ihres
+Leichtsinns, ihres Lachens. An einem Wintertag, um Weihnachten, als weiße
+Flocken vom Himmel trieben, sah ich sie unvermutet wieder. Sie sah
+schlecht aus, sehr blaß, müde und ein wenig verwahrlost, was mich am
+meisten wunder nahm. Als ich den Burschen sah, an dessen Arm sie hing,
+erschrak ich. Es war, wie ich befürchtet hatte, eins jener stumpfen, dabei
+stark sinnlichen und rohen Gesichter, an denen sie zu meinem Unwillen
+schon früher Geschmack gefunden hatte. Diesen Menschen also liebte sie?
+
+Wieder sah ich sie lange nicht. Mir war immer, als ob sie mir eines Tages
+schreiben müßte, einen armen, elenden Brief, und es gab Stunden, in denen
+ich darauf geschworen hätte, daß sie mir einen Brief von Ebeth bringen
+müßten, -- aber ich irrte mich.
+
+Dann freilich kam dennoch ein Brief. Nicht von ihr zwar, sondern von ihrer
+Vermieterin, aus einem der ärmlichsten Teile der Stadt. Die Person schrieb
+in kaum zu entziffernden Buchstaben, daß das Fräulein schwer krank liege
+und öfter von mir spreche. Das Fräulein würde sich gewiß sehr freuen, wenn
+ich sie einmal besuchen würde. Sie sei sehr hinfällig.
+
+Ich ging hin. Es war eine armselige Kammer, in die ich geführt wurde. Dort
+lag Ebeth in einer Ecke auf schmutzigem Bett, abgemagert, mit müde
+flackernden Augen, ein Bild des Jammers. Als sie mich kommen sah, zog ein
+Schimmer der Freude über ihr Gesicht. Sie streckte mir die Hand entgegen
+und lächelte, indem sie meinen Namen nannte.
+
+Dann erzählte sie. Der andere hatte sie verlassen, gerade zu der Zeit, als
+sie sich Mutter werden fühlte, was sie sich immer so innig gewünscht
+hatte. Gleichzeitig habe sich ihr Herzleiden verschlimmert, wozu wohl
+besonders die vielen erregten Szenen mit jenem Manne beigetragen hätten,
+den sie so liebe. Denn sie liebe ihn noch immer unbeschreiblich und werde
+niemals von dieser Liebe lassen, da er ihr das Teuerste auf der Erde sei.
+Sie habe ihre Arbeit aufgeben müssen und liege nun hier bei einer
+herzlosen Frau, die ewig mißgelaunt sei, ihr schlechtes Essen gebe und nur
+darauf ausgehe, sich an ihr zu bereichern. Jetzt sei sie so weit, daß sie
+nichts mehr bezahlen könne, und um das kommende Kindchen, daß doch nur
+neue Kosten verursachen werde, trage sie die größte Sorge. Sie sei von
+allen verlassen, fühle sich krank wie nie und glaube, daß sie sterben
+müsse.
+
+Sie weinte.
+
+Ich gab mir Mühe, ihren Mut wieder aufzurichten, machte ihr Vorwürfe, daß
+sie sich nicht längst an mich gewendet habe und versprach ihr, daß sie aus
+diesen Verhältnissen herausgenommen und vor allem der sorgfältigen
+Behandlung eines Arztes unterstellt werden solle. Dann werde alles wieder
+gut werden.
+
+Ihre Dankbarkeit war rührend. Sie suchte meine Hände zu küssen, was ich
+verhinderte. Ja, sagte sie, nun hoffe sie auch noch einmal, sie werde
+bestimmt wieder gesund werden, sie wolle sich dazu zwingen mit allen
+Kräften, die ihr noch zu Gebote ständen, und wenn es erst erreicht sei,
+werde sie auch den Andern wiedersehen, und wenn sie wieder hübsch wäre,
+werde er sie auch wieder lieben. Dieser Gedanke schien der Gipfel aller
+ihrer Hoffnungen zu sein.
+
+»Kannst Du ihn nicht vergessen?« fragte ich.
+
+»Nein«, erwiderte sie, mit einem seligen Glanz im Auge, »ich weiß zwar,
+daß er schlechter ist als irgendeiner und tausendmal schlechter als Du, --
+aber für mich ist er das Liebste und Schönste in der Welt.«
+
+Ich ließ sie in eine saubere Wohnung schaffen, sie erhielt eine
+Diakonissin zur Pflege, der Arzt ging täglich zu ihr. Gleich nach seinem
+ersten Besuch hatte ich eine Unterredung mit ihm, in der er mir mitteilte,
+daß sie sterben müsse, da das Leiden schon zu weit vorgerückt sei.
+
+Es wurde auch nicht wieder besser mit ihr. Sie wurde zwar zufrieden und in
+gewisser Hinsicht glücklich, aus Freude an der Reinlichkeit um sich her,
+an der liebreichen Pflege und meinen täglichen Besuchen. Aber das Bett hat
+sie nicht mehr verlassen. Sie glaubte selbst noch an Genesung. Doch war
+von Tag zu Tag zu beobachten, wie ihre Kräfte verfielen.
+
+Eines Tages, als sie sehr verzagt war, eröffnete sie mir mit leise
+flehender Stimme einen Wunsch, den zu erfüllen mir nicht leicht wurde. Sie
+bat mich nämlich, zu dem Manne zu gehen, den sie liebte, und ihn zu
+bitten, daß er noch einmal zu ihr kommen möge, sie könne es vor Sehnsucht
+nach ihm nicht ertragen. Sie habe auch das untrügliche Gefühl, daß, wenn
+sie ihn wiedergesehen habe, sie schneller genesen werde.
+
+Ich ging zu ihm. Von seinem Benehmen zu mir, den Gebärden, die er hatte,
+den Worten, die er in den Mund nahm, erzähle ich nichts. Nachdem ich alle
+Mühen aufgeboten hatte, versprach der Mann, daß er am nächsten Tage zu
+einer festgesetzten Stunde zu Ebeth kommen werde.
+
+Ich war zu der betreffenden Zeit bei ihr. Sie ordnete sich mit zitternden
+Händen das Haar, glühte vor Erwartung und sah ihm entgegen wie eine Braut
+dem Bräutigam. Als es klingelte, öffnete ich und ließ ihn in Ebeths
+Zimmer. Ich blieb draußen im Korridor. Ich hörte einen kleinen,
+erleichterten Aufschrei, als er eintrat. Nach fünf Minuten ungefähr kam er
+wieder heraus, schritt stumpf an mir vorüber und verließ die Wohnung. Ich
+ging zu Ebeth hinein. Sie lag mit dem Kopf nach der Wand zu, wie eine
+Tote. Nie ist mir ein Mensch bejammernswerter erschienen als sie in diesem
+Augenblick. Ich trat an das Fenster und sah in den Frühsommertag, durch
+den das freudlose Treiben der Großstadt flutete. Dann hörte ich, wie Ebeth
+sich bewegte. Ich trat zu ihr, setzte mich neben sie und ergriff ihre
+Hand. Schüttelfröste wallten über sie hin, während sie das Gesicht in den
+Kissen verbarg. Als sie ruhiger wurde, merkte ich, wie der Schlaf kam, sie
+zu umfangen. Ich blieb bei ihr, ihre magere Hand in meiner, bis sie
+erwachte, als es dunkel war.
+
+Drei Tage später, am Vormittag, wurde ihr Zustand so schlimm, daß man mich
+holen ließ. Der Arzt war schon da. Er gab mir ein Zeichen, daß es zu Ende
+gehe. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante, sah in ihre großen,
+brennenden Augen, küßte noch einmal die Stirn der Lebenden und ihre Hand.
+Sie war auffallend unruhig, in einer dunklen Vorahnung des Kommenden. Aus
+ihren armen hastigen Bewegungen waren tausend letzte Wünsche zu erkennen.
+Ich fragte, ob ich ihr irgend etwas zuliebe tun könne. Sie schüttelte den
+Kopf. Ob sie noch irgendeinen Menschen zu sehen wünsche, den sie gern
+habe, eine Freundin oder einen Freund.
+
+»Nein«, flüsterte sie.
+
+Dann hauchte sie nur noch ein einziges Wort, das ich nicht verstand,
+während ihre Augen schon geschlossen waren. Zwei Stunden später starb sie
+in meinen Armen, bewußtlos, das Kind unter dem Herzen.
+
+Zweimal im Jahre besuche ich ihr Grab, im Mai und im Herbst. Im Mai höre
+ich dort die Nachtigall schlagen, im Herbst sehe ich die Blätter von den
+Linden treiben, sehe die letzte gelbe Rose über Ebeth welken und denke an
+den fernen Oktobertag, da ich sie zum ersten Male sah, lachend, in weißem
+Kleid.
+
+Auf ihrem Grabstein steht nur »Ebeth«, mit großen Buchstaben in Gold.
+
+
+
+
+Die Hochzeit des Freundes
+
+
+Fridolin war jung, lang und hellblond. Etwas Ruhiges war in seinem Wesen.
+Er war zu besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten zu lassen, und
+zu leichten Sinnes, um sich über eine Torheit zu erregen, die er begangen
+hatte.
+
+Auf das engste vertraut fühlte er sich mit der Schönheit des Meeres. Er
+meinte, daß es nichts Größeres, Rätselvolleres und doch dem Fühlen des
+Menschen Vertrauteres gäbe als diese in ewigem Wechsel sich erneuende
+Bewegung, und daß es nichts gäbe, was einen tieferen Frieden und zugleich
+eine so herrliche Lust an der Fülle des Daseins verliehe. Am Meere trieb
+er sich oft herum. Hier schien ihm alles verklärt von einem
+unbeschreiblichen Glanz: der spritzende Gischt wie das wehende Dünengras
+und die unheimlichen Vögel, die den Strand bevölkern; der scharfe Geruch
+von Salz und trocknenden Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit
+denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das über das dunkle Wasser
+hinschillert, mit unzähligen blitzenden Klecksen; und jene göttlich faulen
+Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, in einsamen Booten liegt,
+ziellos dahintreibt und mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut.
+
+Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, daß ihn am ehesten jene Mädchen
+entzündeten, aus deren gerade erwachenden Augen das blaue
+Frühlingsleuchten strahlt, das von den Blüten des Sommers noch nichts
+weiß; jene, deren zaghaft gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet
+als das Glühen der Wissenden, und die, wenn sie tanzen, wie junge, im Wind
+bewegte Zweige sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war immer bitter,
+denn es war die Entsagung. Er hatte noch keinen Sinn dafür, daß es hold
+sei, das eigene Leben mit einem andern dauernd zu verketten. Er war zu
+sehr in seine Jugend verstrickt, und sein Freiheitsgefühl war viel zu
+groß, als daß er sich schon hätte entschließen können, einen mit Obacht
+vorgeschriebenen Weg zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. Dieser war jetzt Leutnant
+in einem pommerschen Infanterieregiment und hatte sich mit der Tochter
+eines hinterpommerschen Gutsbesitzers verlobt. Die Hochzeit stand nahe
+bevor. Fridolin erinnerte sich einer hübschen Szene aus der Kindheit, wo
+er mit dem Freunde in einem blühenden Holunderbusch gesessen hatte, in
+dem sie, mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut rauchend und
+unendlich wichtige Gespräche über die Zukunft führend, sich das Wort
+gegeben hatten, daß einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen
+sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an der Hochzeitsfeier seines
+Freundes teilzunehmen.
+
+Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, Paul, der auch geladen war. Es
+war im März, und nach langen Regentagen waltete der Vorfrühling in seiner
+ganzen Schönheit. Die Luft war erfüllt von Sonne und tausend seltsamen
+süßen Ahnungen. Die werdende Natur schien mit Schleiern von Gold behangen
+zu sein, nachdem das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen hatte. Paul
+und Fridolin saßen plaudernd im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie
+ergingen sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer Kindheit standen
+so klar vor ihnen auf, als hätten sie sie gestern erst preisgegeben.
+
+Fridolin blickte durch das geöffnete Fenster des Zuges, durch das die
+Sonne hereinkam, in die vorüberfliegende Landschaft. Er war überrascht von
+dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf dieser Reise in die ödesten Bezirke
+zu geraten, und nun sah er sich unvermutet von einer Natur umgeben, die
+mit seinem landschaftlichen Fühlen im schönsten Einklang stand. Ein
+wundervoll blauer Himmel lag über der Erde, und die Strahlen der lange
+entbehrten Sonne umwoben jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer.
+Braune Heideflächen, aus denen einzelne Birken, von dem ersten Glanz des
+kommenden Laubes verklärt, hervorragten, wechselten mit kleinen
+Nadelwäldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen ab. Dann flog der Zug an
+Mooren vorbei, in deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches Silber
+lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, und die vereinzelten Bäume, die
+sich aus dem Moor aufreckten, waren verkrüppelte Wesen von spukhafter
+Form, die, so dachte Fridolin, wenn man sie im Mondlicht sähe, etwas
+Furchterregendes haben müßten. Hier und da stand ein bemooster, grünlich
+schimmernder Windbock und ließ seine Flügel treiben. Über die Wiesen
+schritt der Storch. Einzelne Gehöfte, von Linden oder Eschen umgeben, die
+sie gegen die Winde schützten, lagen malerisch durch das Land verstreut.
+Verblüffend waren die kleinen Seen, die zuweilen auftauchten. Ihr Wasser
+war so märchenhaft blau, daß es schien, ein Stück des Himmels sei in sie
+hineingefallen.
+
+Blau und Gold waren die herrschenden Farben in der Landschaft. Die Höhen,
+die in der Ferne auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war es, er schaue
+in eine Wunderwelt.
+
+Am späten Nachmittag, als die Farben matter wurden und sich ein feines,
+langsam zunehmendes Grau überall einzumischen begann, kam die kleine
+Station, auf der man aussteigen mußte. Fridolin lehnte, als der Zug
+einlief, aus dem Fenster, um Auslug zu halten. Der Bräutigam, in Uniform
+mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und winkte. Die beiden Freunde
+waren nicht die einzigen, die den Zug verließen. Noch etwa fünf, sechs
+andre Wagentüren öffneten sich, und Herren mit Hut- und Helmschachteln,
+auch mehrere Damen stiegen aus. Wilibald begrüßte die einzelnen, stellte
+vor und überwies das Gepäck an die Diener. Dann ordnete sich die kleine,
+bunt zusammengewürfelte Kolonne in einer Reihe draußen wartender Landauer,
+die sie dem ungefähr eine Stunde entfernt liegenden Gutshof zuführen
+sollte.
+
+Die Führung übernahm eine Jagdkalesche. Ein Paar schwarzbrauner Traber zog
+sie. Wilibald saß auf dem Bock und hatte die Zügel in Händen. Neben ihm
+saß Fridolin. Hinter ihnen ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe
+Leutnants.
+
+Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und links, auf hügeligem Gelände,
+dehnte sich Feld und Heide. Ein kräftiger Wind strich von den Feldern her.
+Wilibalds Augen glänzten. Er knallte die Peitsche über die Gäule hin, sah
+zwischen den nickenden Köpfen durch und schien an etwas Fernes zu denken.
+Plötzlich kehrte er das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde und
+blitzte ihn mit goldenen Augen an.
+
+Da sprach Fridolin:
+
+»Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist ein Ton wie Bernstein. Habe
+ich recht?«
+
+Wilibald nickte.
+
+»Das Schönste ist ihr Lachen«, erwiderte er, »Es ist wie ein Quell unter
+Blumen. In einer halben Stunde sind wir bei ihr.«
+
+Der Wagen bog in einen sandigen Feldweg ein, um einen Hügel herum, und nun
+fuhr man auf einmal mitten in die untergehende Sonne hinein. Sie ging ganz
+ohne Strahlen hinüber, gleich einem riesigen Blutstropfen, der in einer
+bläulich dunstigen Atmosphäre hing. Auf einer Höhe rechts von dem roten
+Gestirn türmte sich ein armseliges Dorf empor, in wilden Linien. Weiße
+Häuser und hochragende Dächer aus Stroh. Eine alte, dickköpfige Kirche
+krönte das Ganze.
+
+»Das ist Garzigar«, erklärte Wilibald, indem er mit der Peitsche
+hinüberwies. »In der Kirche findet morgen die Trauung statt. Heute machen
+wir noch einen Bogen darum.«
+
+Fridolin war entzückt von diesem alten, hochgebauten Nest, das, die
+mächtige Sonne zur Linken, wie eine trotzige Faust aus der Einsamkeit der
+Heide ragte.
+
+»Ich bin starr«, sagte er, »Ihr habt Punkte in diesem Lande, die
+unbeschreiblich sind. Wenn ich Maler wäre, hier ließe ich mich nieder.«
+
+Wilibald nickte. »Das Land ist schöner als man ahnt. Sind Dir die blauen
+Töne der Ferne aufgefallen? Sie verschwinden fast nie.«
+
+»Wie Ultramarin«, sagte Fridolin.
+
+»Die Farbe kommt von der Feuchtigkeit der Moore und von der Nähe des
+Meeres. 'Das blaue Ländchen' heißt die Gegend im Munde der Leute. An
+manchen Tagen ist das Blau so fabelhaft, daß man mit dem Finger
+hineintauchen möchte, in der Meinung, daß es abfärben müßte.«
+
+»Sieh jetzt die Sonne hinter den Birken. Wundervoll.«
+
+»Gleich ist sie hinüber. Jetzt taucht auch Obliwitz auf, unser einsamer
+Gutshof. Dort neben dem Wäldchen die weißlichen Häuser. Auf dem höchsten
+weht eine Fahne.«
+
+Ein Hohlweg kam. Hinter ihm tat sich ein Moor auf, mit verkrüppelten
+Kiefernbeständen und halb verfallenen Hütten. In den schwarzen Pfützen
+blänkerte die Abendröte.
+
+Ein Volk Avosetten fuhr auf und stürmte über das Moor in die Dämmerung.
+Ein Hund schlug an und hörte nicht mehr auf mit Belfern. Man fuhr an
+kleinen, strohgedeckten Arbeiterhäusern vorüber, die etwas abseits von dem
+Gutshof lagen. Die feiernden Leute standen vor den Türen und zogen die
+Mützen. Eine mit Tannengrün und Feldblumen umwundene Ehrenpforte wölbte
+sich über den Weg. In großen bunten Lettern trug sie die Inschrift:
+»Willkommen«. Mit Hurrarufen fuhr man darunter hinweg. Wenige Minuten
+später bog man rasselnd in den weitläufigen Gutshof ein.
+
+Im Herrenhause brannten schon die Lichter. Der Vater der Braut stand vor
+der Tür und begrüßte die Ankommenden. Sein Verwalter, ein junger, blonder
+Mensch, stand neben ihm. Im Hause wimmelte es schon von Gästen. Während
+Paul und Fridolin den Korridor des Seitenflügels passierten, rauschte eine
+Wolke junger Mädchen in hellen Kleidern an ihnen vorüber. Die Freunde
+nahmen ein gemeinsames Zimmer in Beschlag, säuberten sich und zogen sich
+um.
+
+Während Paul sich rasierte, klopfte es.
+
+Fridolin öffnete, der Bräutigam trat herein, im Überrock.
+
+»Ihr müßt so fürlieb nehmen«, sagte er, »Es sind der Gäste zuviel. Wenn
+Ihr Wünsche habt, wendet Euch an meinen Burschen. Morgen spielt Ihr
+Brautführer. Paul ist für diesen Zweck ein Fräulein Gleiß zugefallen,
+braunhaarig und lustig, mit hübschen Augen. Du, Fridolin, führst eine
+große, blonde. Heute erkennst Du sie an einem blauen Kleid. Asta von
+Sebnitz heißt sie.«
+
+»Oho!« machte Fridolin, »das klingt ja ganz feudal.«
+
+»Ist es auch«, entgegnete Wilibald. »Ostpreußischer Adel, kühl und
+hochmütig. Du wirst ja sehen. Jetzt muß ich weiter. Macht schnell und
+erscheint bald. Adio!«
+
+Er stieß ein übermütiges Gejubel aus und verschwand.
+
+Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin in die Gesellschaftsräume.
+Wilibald führte sie erst zu seiner Braut hinüber, die ein taubengraues,
+mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt hatte und, indem sie sich
+sicher, aber durchaus mädchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah.
+
+Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten, den älteren Herrschaften,
+den jungen Mädchen. Als alles vorüber war, zog sich Fridolin in eine
+Fensternische zurück. Er sah durch die unverhüllten Scheiben auf den
+dunkelnden Hof, wo ein Knecht ein paar Pferde in den Stall führte und zwei
+Frauen blanke Eimer mit Milch trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von
+den Namen hatte er so viel wie nichts verstanden. Gern hätte er gewußt, wo
+die Dame sei, die er morgen zu Tisch führen sollte. Ein blaues Kleid
+sollte sie tragen. Er sah keins.
+
+Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie gingen ins Nebenzimmer. Hier
+schien der Tummelplatz der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, und
+kleine Gläser mit Sherry wurden herumgereicht. Die Freunde nahmen an dem
+Tischchen Platz, an dem die Braut und der Bräutigam saßen. Ein Diener bot
+Zigaretten an. Fridolin nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich zu
+Wilibald hinüber und fragte:
+
+»Du, wo ist eigentlich dies Fräulein Asta?«
+
+Wilibald sah sich um, dann sagte er:
+
+»Dort drüben. Die Schlanke in Blau.«
+
+Fridolin sah hinüber. In demselben Augenblick berührten sich Astas Augen
+mit den seinigen. Aber nur flüchtig und offenbar zufällig. Sie blieb dabei
+im Gespräch mit den andern.
+
+Sie saß auf einem niedrigen englischen Lehnstuhl, in etwas lässiger
+Haltung. Ihr Haar, von einem eigentümlich silberigen Aschblond, hing ihr,
+zu einem dicken Knoten geordnet, im Nacken. Sie trug ein einfaches blaues
+Kleid, ohne Schmuck. Die Bewegungen ihrer Glieder zeigten eine vornehme
+Ruhe, und um den feinen Mund, dem man es ansah, daß er viel und gern zu
+schweigen pflegte, lag ein stiller Ausdruck des Stolzes und eine süße,
+seltsame Herbheit.
+
+Fridolin sah sie im Profil, und zwar fast die ganze Gestalt. Sie schien
+schlank zu sein wie eine Gerte und zerbrechlich wie Glas. In der einen
+Hand, die schmal und matt über die Lehne des Stuhles hing, hielt sie eine
+Rose von dunkler Glut. Sie paßte nicht zu ihr. Fridolin hatte das Gefühl,
+als hätte diese Blüte von dem zartesten Gelb sein müssen.
+
+Er folgte jeder Linie ihres Körpers mit Obacht und bemühte sich, jede
+Einzelheit ihres äußeren Wesens in den Schatz seiner Erinnerung
+aufzunehmen. Plötzlich wurde er verwirrt. Es war ihm auf einmal ganz
+deutlich, als schöbe sich etwas in die Luft, das seine Fäden zwischen ihm
+und jenem Mädchen zu spinnen begann. Er machte eine kleine, verlegene
+Bewegung, errötete ein wenig, sah schnell fort und wandte sich plaudernd
+an den Bräutigam. Dann mußte er doch wieder hinüberblicken. Sie hörte mit
+Lächeln einem älteren Herrn zu und roch zuweilen vergnüglich an der Rose.
+Fridolin wollte durchaus, daß sie ihn ansah. Sie tat ihm den Willen nicht.
+Er versuchte es mit aller Gewalt durch die Energie seines Blickes zu
+erzwingen. Sie dachte gar nicht daran, zu ihm hinüberzusehen.
+
+Ein Diener meldete, daß serviert sei. Alles erhob sich. Zwei große, mit
+Blumen überschüttete Tafeln waren gedeckt, eine für die Jugend, eine für
+das Alter. Man setzte sich. Fridolin kam an die Seite eines älteren
+Mädchens. Er suchte nach Asta und fand sie am andern Ende des Tisches. Sie
+streifte ihn während der Dauer des Mahles mit keinem Blick. Er hatte das
+Gefühl, daß es Absicht sei. Sie hatte hin und wieder ein reizendes Lächeln
+über die Dinge des Gesprächs, wobei der eigentümlich herbe Zug um ihre
+Lippen nicht verschwand. Sonst war ihr Wesen Ruhe und Gelassenheit. »Du
+sollst mich noch ansehen«, dachte Fridolin voll Trotz, »Du sollst es noch
+spüren, wie der Stolz und die Ruhe in Deiner Brust zerbrechen gleich einem
+Gebäude aus Glas.«
+
+Nach Tisch verteilte man sich wieder in den verschiedenen Zimmern. Als
+Kaffee herumgereicht wurde, trat Fridolin kurz entschlossen auf Asta zu
+und sprach:
+
+»Ich werde das Vergnügen haben, Sie morgen zu Tisch zu führen.«
+
+Sie maß ihn etwas verwundert mit den Augen.
+
+»Ah --« machte sie, ohne daß sie Lust zu haben schien, sich in eine
+Unterhaltung mit ihm einzulassen. Sie roch an der Rose in ihrer Hand,
+blickte an ihm vorüber und nickte dem Bräutchen zu, das drüben in einem
+Ring junger Mädchen saß.
+
+Fridolin schwieg absichtlich. Da sah sie ihn wieder mit ihren ruhigen
+Augen an, und in diesem Blick lag die Frage: Weißt Du sonst nichts zu
+sagen?
+
+Fridolin dachte: Das ist doch stark. Dann fing er mit Absicht vom Wetter
+zu sprechen an, was sie mit Gleichgültigkeit über sich ergehen ließ.
+
+Während der kleinen szenischen Aufführungen, wie sie an Polterabenden
+üblich sind, stand er im Hintergrund, kaute nervös an seinem Schnurrbart
+und hatte ungleich mehr auf die Schönheit eines blassen Profiles acht als
+auf die dargestellten Dinge, welche die andern belachten. Astas fein
+geäderte Schläfen fielen ihm auf. Es war ihm ein wohliges Gefühl, zu
+verfolgen, wie sich ihr matter Glanz langsam in das üppige Haar verlor.
+
+Nachher kam er noch einmal in ihre Nähe. Ein kleiner Kreis hatte sich auf
+niedrigen Polsterstühlen zusammen getan, und einige Mädchen pafften
+Zigaretten in die Luft. Die Braut hatte einen braunen Jagdhund
+hereingelassen, ihren Liebling, den jeder zu verhätscheln bestrebt war. Am
+meisten schien er sich zu Asta hingezogen zu fühlen, die auch am besten
+mit ihm umzugehen wußte. Während sie ihm freundlich über Kopf und Rücken
+fuhr, griff auch Fridolin nach ihm. Er tat es zu lebhaft, und das Tier
+stieß einen Kleffer aus. Asta sah den Ungeschickten strafend an, stieß
+seine Hand fort und sagte barsch:
+
+»Lassen Sie den Hund.«
+
+Fridolin richtete sich auf und maß sie mit kühlem Auge. Er fühlte sich
+nicht veranlaßt, irgend etwas zu entgegnen. Es reizte ihn und wurde ihm
+bald eine heimliche Freude, sie ebenso rauh und abweisend zu behandeln,
+wie sie ihn.
+
+Die Damen zogen sich zur Ruhe zurück. Die Herren gruppierten sich noch um
+eine gemeinsame Tafel, rauchten und tranken Bier, russischen Kümmel und
+Danziger Goldwasser. Als es eins schlug, gingen auch sie auseinander, um
+sich für den folgenden Tag ihre Frische zu bewahren.
+
+Fridolin wurde, während er zu Bett lag, das Gefühl von Astas heftig
+stoßender Hand nicht los. Es war klar, sie hatte es mit Absicht vermieden,
+freundlich zu ihm zu sein. Er sah nachdenklich einem viereckigen silbernen
+Flecken zu, der langsam über die Tapete wanderte, ein Stück von dem
+Mondlicht, das durch die unverhangenen Scheiben fiel. Dann lächelte er,
+schloß die Augen und schlief langsam ein.
+
+Nicht weit von ihm war das Zimmer, in dem Asta schlief. Sie war voll
+Unruhe, wachte mehrmals auf, sah immer dieselbe lange, biegsame Gestalt
+mit den ruhigen Augen, wollte sie nicht sehen, biß sich die Lippen wund
+und lauschte auf den Frühjahrswind, der draußen in kurzen Stößen durch den
+Garten fuhr.
+
+ * * * * *
+
+Für den Mittag des nächsten Tages war die Trauung angesagt. Asta erschien
+in rosa Seide. Sie sah blasser aus als gestern. Um den Ausschnitt der
+Brust zog sich ein feiner Gazeschleier, und ein Hals kam zum Vorschein,
+schlank und zart wie der Stengel einer Blüte. Fridolin trat zu ihr und
+reichte ihr einen Strauß aus weißen Rosen. Sie drückte ihn wohlig an ihr
+Gesicht und warf Fridolin einen Blick entgegen, über den er erschrak. So
+hatte sie ihn noch nicht angesehen.
+
+»Welch schöne Blumen«, sagte sie. Sie vergrub sich ganz hinein und sog den
+Duft auf.
+
+Fridolin schwieg. Sie warf einen Pelz über, und er half ihr in einen der
+Landauer, die zur Kirche fuhren. Noch ein andres Paar saß mit in dem
+Wagen. Sie waren ziemlich die letzten, die in der kleinen Kirche
+anlangten. Bald kam das Brautpaar, man ordnete sich, und während die Orgel
+einsetzte und die Kinder auf dem Chore sangen, schritt man langsam nach
+vorn an den Altar. Asta hing am Arme Fridolins. Er fühlte sie kaum. Sie
+ging gerade aufgerichtet, sehr stolz und sehr ruhig. Er sah mit flüchtigem
+Blick ihr Profil, das feine Kinn, die süßen Schläfen, den Hals. Da
+erlaubte er sich, ihren Arm ein wenig fester an sich zu drücken. Sofort
+fühlte er, daß der Zug um ihre Lippen noch herber wurde.
+
+Dann standen sie am Altar nebeneinander. Das Gefühl, sie so dicht an
+seiner Seite zu haben, beglückte ihn. Nach einer Weile flüsterte sie:
+»Mich friert.« Fridolin sah sich um, bemerkte einen Offiziersmantel über
+einem Stuhl, nahm ihn und legte ihn um Astas Schultern. Nun war es reizend
+zu sehen, wie sie in diesem Mantel, der sie so gut kleidete, dastand,
+gerade und schlank, blauen Auges, jung, schön, einer spröden Knospe
+vergleichbar.
+
+»Schöner als jetzt«, sagte Fridolin leise, »können Sie niemals sein.«
+
+Sie tat, als höre sie ihn nicht. Doch rieselte etwas durch sie hin, lau
+und wohlig, und sie fühlte, es drohte etwas umzukippen in ihr. Für einen
+Augenblick freilich nur.
+
+Der Prediger sprach und die Orgel klang, und die Kinder sangen mit hellen
+Stimmen, und die goldne Sonne fiel durch die bunten Scheiben auf die
+Fliesen um den Altar her, und dann fuhr man lachend, von jagenden Pferden
+gezogen, nach Hause zurück, und durch dies alles hindurch brauste es in
+Fridolin: Asta, Asta, Asta!
+
+In ihr war alles wieder aufgerichtet, stolz und still.
+
+ * * * * *
+
+Als sie nachher bei Tisch nebeneinander saßen, quälten sie sich mit Worten
+ab, von denen sie beide fühlten, daß sie klanglos, leer und nur gesprochen
+waren, um ein gänzliches Schweigen zu verhindern. Er beobachtete ihre
+feinen, zerbrechlichen Handgelenke und dachte dabei an Porzellan. Auch an
+den Vorfrühling mußte er denken, der draußen sein Wesen trieb. Dann nahm
+er sein Glas und hob es ihr entgegen.
+
+»Auf unsere Jugend!« sagte er.
+
+»Ja, Jugend«, erwiderte Asta, »es klingt wie Reichtum und Sehnsucht. Heut
+sind wir traurig und voll unklarer Wünsche, und morgen möchten wir mit den
+Lerchen in den Himmel steigen, möchten umarmen und zerdrücken, was um uns
+ist, -- und unser Übermut ist grenzenlos.«
+
+»Ich kenne diese Stimmung«, sprach Fridolin, »wenn ich sie habe, laufe ich
+zu meinem Freund, rüttle ihn und brülle ihn an, daß er meint, ich sei
+irrsinnig. Es ist wie eine Befreiung.«
+
+»Und dann die Stunden des Hochmuts ...«
+
+»So waren Sie gestern abend.«
+
+»Das ist nicht wahr«, sagte sie ernst. Dann, nach einer Pause: »Ich wollte
+Ihnen nur die Richtung geben, wie Sie sich zu mir verhalten sollten.«
+
+»Sie waren schrecklich. Habe ich das verdient?«
+
+»Ja. Vielleicht sollte ich auch jetzt nicht anders zu Ihnen sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ich zu wissen glaube, wer Sie sind. Ich glaube, es sind Mauern, die
+sich zwischen meinem und Ihrem Gefühl erheben. Sie verstehen die Mädchen
+vielleicht zu lieben, -- ihre Liebe zu achten verstehen Sie nicht.«
+
+Fridolin war erstaunt. So offen hatte man noch nicht zu ihm gesprochen.
+Eine Pause trat in der Unterhaltung ein. Sie sah ihn an und mußte lächeln.
+
+Der Jagdhund war wieder im Zimmer, strich zu Asta hin und schmiegte sich
+an ihre Füße. Sie neigte sich und fuhr mit der Hand liebkosend über sein
+Fell. Auch Fridolin tat, als streichle er das Tier. In Wirklichkeit aber
+griff er nach Astas Hand, löste sie energisch von dem Fell des Tieres los
+und hielt sie fest. Sie ließ es geschehen, ihr war, als müßte sie ihm
+wehren, aber ein schlaffes, willenloses Gefühl beherrschte sie. So saßen
+sie eine Weile, schweigend, Hand in Hand, während die andern meinten, daß
+sie mit dem Hunde beschäftigt seien. Fridolin sprach leise durch die Zähne
+hin: »Asta«. Da war es, als besänne sie sich wieder; als bäume sich etwas
+in ihr auf. »Lassen Sie mich los!« flüsterte sie energisch, indem sie sich
+aufreckte. Und als Fridolin sich nicht bequemte, ihrem Verlangen
+nachzukommen, noch einmal und heftiger: »Lassen Sie mich los!«
+
+Fridolin gab die Hand frei. Sie sahen sich nicht an, und eine Weile
+sprachen sie nichts. Dann kamen wieder die gleichgültigen Worte. Hinter
+diesen aber brannte es rot in Fridolin: Ich liebe Dich! -- und sein Gefühl
+war wirr und dunkel. Er wußte, hier war etwas seltsam Hohes und Keusches,
+etwas, von dem er fühlte, daß man es lieben könnte sein Leben lang; dann
+aber sah er blitzschnell Fesseln und enge Wege vor sich, und »Freiheit!
+Freiheit!« sang sein Herz. Und auch in Asta sah es wirr aus. Wie ein Bach
+im Frühling rauschte es in ihr; aber machtvoll trotzte sie dagegen auf:
+»Ich will nicht!«
+
+Den Kaffee nahm man im Gartenzimmer, jetzt einer Art Wintergarten, in dem
+Palmen und Oleanderbäume standen. Es war fast dunkel geworden. Für eine
+Weile öffnete man die Glasflügeltür, und nun konnte man über dem Garten
+das Licht der ersten Sterne funkeln sehen. Der kühle Geruch taugenäßter
+Wiesen drang herein. Eine Wiesenschnarre lärmte in der Ferne, in harten,
+unmelodischen Lauten. Dann lauschte man einem Schwarm unsichtbarer,
+schnellfliegender Kraniche, die aus der dunkeln Luft herunterschrien.
+
+»Welch schöner Abend«, sagte Asta, »später werden wir Mondschein haben.«
+
+Fridolin saß neben ihr, an einem Tischchen, hielt eine Tasse Kaffee in der
+Hand und sah hinaus.
+
+»Ja«, sagte er, scheinbar abwesend.
+
+Dann, als man in der Nähe lauter wurde und lachte, neigte er sich
+plötzlich zu dem Mädchen und sprach leis, aber heftig:
+
+»Sie sind hart zu mir --«
+
+»Wie können Sie das sagen --«
+
+»Asta --«
+
+»Nennen Sie mich nicht so. Sie haben kein Recht dazu. Was wünschen Sie?«
+
+»Ich will --«, er schwieg und biß sich auf die Lippen.
+
+Sie lächelte und zuckte die Achseln. Dann schüttelte sie nachdenklich das
+Haupt. Dann sah sie ihn an, mit dem Ausdruck stiller Innigkeit. Ein Wort
+sagte sie nicht. Aber Fridolin war es, als sollte er jetzt niederknien, um
+ihre Hände zu küssen und seinen Kopf in ihren Schoß zu legen. Doch er
+beherrschte sich, und schon eine Sekunde später hatten die dunkeln, sich
+widersprechenden Gefühle wieder Raum in seiner Brust.
+
+Gerade während diese stummen Wogen zwischen den beiden jungen Menschen hin
+und wieder fluteten, trat der Brautvater in den Türrahmen, klatschte in
+die Hände und rief: »Bitte tanzen!«
+
+Man hörte schon den Flügel und einige Geigen herüberklingen. Alles stand
+auf und begab sich in die größeren Zimmer zurück, wo die Tafeln
+fortgeräumt waren. Einige Paare tanzten schon. Bald entfaltete sich ein
+buntes Gewirbel. Fridolin lehnte dumpf an einem Türpfosten und sah dem
+Treiben zu. Er sah Asta am Arm eines Leutnants vorüberschweben, blaß, mit
+niedergeschlagenen Wimpern. Dann tanzte sie mit andern. Später, als sie
+einmal ruhte, trat er vor sie hin, verbeugte sich und gab ihr den Arm. Sie
+umschritten den kleinen Saal ein paarmal, darauf tanzten sie. Sie tanzte
+leicht und lässig. Fridolin meinte, tausend blaue Blumen blühten unter
+seinen Füßen. Nun war er in den matten Duft ihrer Haare eingehüllt und
+hörte ihr weiches Atmen und fühlte die kleine schlanke Hand in seiner
+liegen.
+
+Er drückte sie an sich, mit Macht. Sie fühlte, daß ihr Stolz nahe daran
+war, jämmerlich zu zerschellen, wie ein Kahn in der Brandung der See.
+Zugleich aber lohte wieder die Empörung in ihr auf, und wieder siegte
+dieses Gefühl, und sie sagte mit hartem Klang:
+
+»Sie sind kühn, ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen.«
+
+»Nein.«
+
+»Sofort.«
+
+»Ich will nicht.«
+
+»Ich schreie, wenn Sie nicht aufhören.«
+
+Er ließ ab, führte sie auf ihren Platz, verneigte sich und verließ dann,
+ohne daß es auffiel, das Zimmer. Er warf sich einen Pelz über und ging
+hinaus in die Mondnacht.
+
+Die Gebäude des Gutshofes lagen weiß wie Milch in der kühlen Luft. Aus der
+Ferne konnte man, wenn gerade ein Windhauch herüberwehte, die Musik hören,
+zu der die Knechte und Mägde tanzten, denen dieser Tag auch ein Festtag
+war. Fridolin schritt über den leeren, gepflasterten Hof und sah seinen
+Schatten neben sich wandern. Er ging durch eine Pforte in das Feld und auf
+ein kleines Gehölz von ragenden Kiefern zu, die sich wie drohende Recken
+gegen den hellen Himmel abhoben. Unter diesen Kiefern lag ein kleiner
+Friedhof, den verstorbenen Mitgliedern der Gutsfamilie als Ruhestätte
+dienend. Das letzte der Gräber, das einige frische Kränze trug, war noch
+ziemlich jung, hier hatte man die Mutter der Braut vor nicht viel mehr als
+einem Jahre eingegraben. Hohe Eisenkreuze mit gepreßten Goldlettern
+standen auf den Gräbern, überall wucherte Epheu, und auch an manchen
+Kreuzen strebte er mit wilder Umarmung empor.
+
+Fridolin schritt den schmalen Weg zwischen den Gräbern hin. Er empfand den
+wundersamen Frieden dieser Stätte und sah vertraulich zum Mond auf, der
+mit ihm langsam durch die Kronen der Kiefern schlenderte. Dann blieb er am
+Rande des Gehölzes vor einem der Hügel stehen, und nun waren es die
+Schatten ringsum, die ihn seltsam erfüllten. Welche Schatten! Da waren
+zunächst, von übertriebener Länge und Geradheit, die Schatten der
+Kiefernstämme, die sich fest und sicher weit über das Feld hinlegten, wie
+Mastbäume oder wie schwarze Furchen; endlich verloren sie sich in einem
+eigentümlichen Gewirr von Dunkelheit: das waren die Schatten der Kronen.
+Viel unheimlicher als diese langen, toten Kiefernschatten aber waren die
+Schatten der Kreuze. In ihnen nämlich schien ein verstecktes Leben zu
+schlummern und nur darauf zu warten, daß es in einer geheimnisvollen
+Stunde auferstünde, doch nicht ein frohes Leben, sondern ein Leben voll
+düsteren Ernstes und gewaltsamer Entbehrung, ohne Lachen und ohne Licht.
+Und dann glitt sein Auge auf seinen eigenen, kleinen, harmlosen Schatten
+über, und er dachte daran, daß dieser Schatten ihm im Grunde ebenso fremd
+sei wie die Schatten der Kiefern und Kreuze um ihn her, denn er hatte
+nicht den geringsten lebendigen Teil an ihm. Und doch vermochte nur er ihm
+Bewegung zu verleihen, wenn auch kein Leben, und wäre dieser Schatten
+nicht, so wäre er nicht. Und wenn man jetzt, so dachte er, dorthin, wo er
+selbst gerade stand, einen andern Menschen stellen würde, einen von ihm
+gänzlich verschiedenen, der nur ungefähr die gleichen Formen des Körpers
+hatte (oder auch eine leblose Puppe dieser Art), so würde der Schatten,
+der dort läge, dem seinen zum Verwechseln ähnlich sein, so wie die
+Schatten der Kreuze einander glichen, ohne daß man den einen vom andern
+hätte unterscheiden können. Während Fridolin dies bedachte, wurde ihm auf
+einmal siedend heiß. Gleich darauf breitete er beide Arme aus, so daß auch
+sein eigener Schatten dem eines Kreuzes glich. Wenn jetzt hier jemand
+käme, dachte er, dessen Auge nicht die Dinge, sondern nur die Schatten der
+Dinge zu sehen vermöchte, so würde er nicht ahnen können, daß hier ein
+Mensch stünde, sondern er würde wähnen, zwischen lauter Kreuzen zu
+wandern.
+
+Er ließ die Arme wieder sinken, sah sein Abbild mit einem heimlichen
+Mißtrauen an und wurde unwillig über die Unruhe und das törichte Spiel
+dieses Bildes, während ihn die unveränderliche Hoheit der übrigen
+Schattenbilder mit Neid und Sehnsucht erfüllte. Er nahm sie noch einmal
+alle in sich auf, dann aber hatte er der Schatten genug. Er schritt in das
+freie Feld hinüber, das so hell vom Mondlicht übergossen war, als stünde
+es voll weißer Blüten, und wanderte auf einem Rain entlang, indem seine
+Füße den Tau von unzähligen Gräsern streiften. Die Felder und Wiesen
+schliefen, nicht eine Grille war wach. Der Mond hing zwischen großen,
+silberumrandeten Wolken. Jetzt tauchte eine die Wiesen durchquerende,
+endlose Schlangenlinie niedriger Bäume auf, in deren Zweigen das Mondlicht
+wie ein silberner Schleier hing. Fridolin unterschied, daß es Weiden
+waren, und als er sie erreicht hatte, sah er, daß sie den Ufern eines
+lautlos gleitenden Flüßchens folgten. Eine Holzbrücke führte über dieses
+hinweg; Fridolin lehnte an das Geländer und sah in das Wasser, das schwarz
+wie Tinte erschien, während es ein Ende weiter abwärts von einem
+weißlichen Glanz überleuchtet war. Er suchte erst die kaum hörbar
+flüsternden Weiden und dann das geheimnisvoll fließende Wasser mit den
+Augen zu durchdringen, fühlte das lautlose Leben und die unaufhörlich
+ziehende Veränderung, die unter ihm war, und der unbeschreibliche Zauber,
+der über nächtlichen Flüssen liegt, trat auf einmal mit solcher Gewalt vor
+ihn hin, daß ihm sein eigenes klopfendes Herz inmitten dieses großen,
+unbegreiflichen Webens nur wie ein nichtiger Spuk erschien.
+
+Als er jenseits über die Felder weiterschritt, tauchten ein paar
+Arbeiterhäuser, hingeduckt wie schlafende Tiere, vor ihm auf; aber ehe er
+sie erreichte, kam er an einen kleinen, etwas tiefer gelegenen, eirunden
+Teich. Er schritt an seinen Rand hinab und streckte sich in das
+Heidekraut. In der Mitte des Teiches lag der Mond, eine silberne Kugel.
+Wenn ein Windhauch kräuselnd über die Wasserfläche fuhr, wurde aus der
+Kugel ein breites Gitter von endlosen Silberstrichen. Drüben, nicht weit
+vom anderen Ufer entfernt, reckte sich ein Ziehbrunnen schräg und schwarz
+gegen den Himmel und schien die Einsamkeit dieser Stätte noch zu erhöhen.
+Fridolin nahm ein Zweiglein Heidekraut zwischen die Lippen, sah in den
+Teich und nach dem Ziehbrunnen hinüber und dachte an Asta.
+
+Es war eine sinnlose Quälerei für sie beide, und es schien ihm klar, daß
+es seine Pflicht war, ein Ende zu machen. Aber wie? Er fing an, seinen
+Gefühlen mit Sorgfalt nachzugehen, und glaubte zu finden, daß er dieses
+stolze Mädchen heftiger liebe als irgendein anderes zuvor. Dann aber
+dachte er über die vergangenen Erlebnisse nach, dachte an die
+Unzuverlässigkeit menschlicher Gefühle und besonders der seinigen, dachte
+vor allem an die unerschütterte Freude am Erleben, die noch in ihm war und
+die er als einen köstlichen Besitz empfand, und schließlich sagte er sich
+mit aller Bestimmtheit: Preisgeben, preisgeben, Fridolin, es ist die
+einzige Möglichkeit. Sei klug, du kennst dich ja, bleib einsam, das Leben
+ist weit, und es blühen der Rosen viele; geh fort, sei traurig und klage;
+aber bleibe einsam, unbeständiger Fridolin!
+
+Er sprang auf, riß einen kleinen Kieselstein mit hoch und warf ihn
+ärgerlich in den Teich, daß es plumpste und eine Garbe silberner Tropfen
+aufsprang.
+
+»Preisgeben«, murmelte er, -- und dann fing er an, sich selber gröblich zu
+belügen, indem er sich vormachte, daß er vollkommen ausgesöhnt mit diesem
+klugen Entschlusse sei, indem er ihn vor sich selber als den einzig
+sinngemäßen pries und so tat, als wäre diese ganze Angelegenheit in ihm
+klipp und klar.
+
+Er schritt den Uferrand hinauf, blickte noch einmal auf den Teich zurück,
+ging an den Ziehbrunnen, betastete ihn, machte einen Bogen um die
+Arbeiterhäuser herum und sah, wie drüben auf dem Hauptweg ein sich
+umarmendes Paar hinschritt, das sich wahrscheinlich aus der Schenke
+fortgestohlen hatte, um einen heimlicheren Winkel für seine Liebe
+aufzusuchen.
+
+Auf mehreren Umwegen gelangte er in den Gutspark, blieb einen Augenblick
+vor dem verödeten Sandsteinbecken des großen Springbrunnens stehen,
+blickte zum Mond und den phantastischen Wolkenformen des Himmels auf und
+sah dann die rötlich erleuchteten Fenster des Herrenhauses wieder vor sich
+liegen. Er trat ganz dicht unter eins der Fenster und lauschte. Ein
+unbestimmtes Surren von Stimmen schlug an sein Ohr, die Musik schwieg. Man
+hatte aufgehört zu tanzen und vergnügte sich offenbar mit allerlei
+zeitvertreibenden Spielen. Er schritt um das Haus herum, kam an das dunkle
+Fenster seines Zimmers, stieß den Fensterflügel zurück und schwang sich
+über das Gesims in die Stube. Er entkleidete sich im Dunkeln und legte
+sich hin. Schlafen konnte er nicht; sein Blut wallte ruhelos hin und her.
+Mitunter wurde ihm so heiß, daß er am liebsten aufgesprungen und ans
+offene Fenster getreten wäre, um sich zu kühlen. Er sah Asta, hörte ihre
+Stimme, fühlte ihre kleine weiße Hand, sah sich selber neben ihr, heftig
+bewegt und unfähig, die Worte zu finden, die er suchte, fühlte den Stolz
+ihres Auges, und einmal war er nahe daran, laut loszubrüllen wie ein
+verzogenes Kind.
+
+Lange lag er so. Endlich hörte er ein schnell anschwellendes Getümmel auf
+den Korridoren und wußte, daß die Gäste sich jetzt zur Ruhe begaben. Hier
+und da klappte eine Tür, Geträller war zu hören, ein feines Lachen, ein
+Zuruf, ein Gähnen, dann wurde es wieder still. Eine Stunde später öffnete
+man ungeschickt laut die Tür zu seinem Zimmer. Fridolin tat, als schliefe
+er, aber durch die Wimpern hindurch beobachtete er genau, was vorging.
+Zwei Leutnants, lachend und mit geröteten Gesichtern, schleppten Paul
+herein, der völlig betrunken war. Der eine Leutnant, auffallend durch
+abstehende Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, trug einen
+brennenden Leuchter in der Hand, den er schief hielt und von dem
+infolgedessen das Wachs fortwährend auf die Dielen tropfte. Paul, der
+nicht das geringste mehr von sich wußte, ließ alles mit sich geschehen.
+Die Leutnants setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmählich sämtliche
+Kleidungsstücke aus, nannten ihn eigentümlicher Weise immer »Majestät« und
+lachten unmäßig dabei. Als ihr Opfer bis auf das Hemd entkleidet war,
+schleppten sie es an den Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser über
+den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks von sich und hielt auch meistens die
+Augen geschlossen, die so klein schienen wie die eines Ferkelchens. Die
+Leutnants packten ihn ins Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentümlich
+pathetischen Gebärden einen Rosenstrauß auf seine Bettdecke, warfen einen
+scheuen Blick auf Fridolin, nahmen den Leuchter und verließen dann,
+nachdem sie erst so unnötig laut gewesen waren, merkwürdigerweise auf
+Zehenspitzen und mit leisem Flüstern das Zimmer.
+
+Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. Fridolin war erst belustigt
+durch die groteske Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann gewannen die
+tieferen Bilder des verflossenen Tages wieder Raum in ihm, und er hörte
+Asta immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer Stimme zu ihm sprechen:
+»Ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen. Sofort.«
+
+Es währte lange, ehe er Schlaf fand. Er schlief leis und unruhig.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim
+Frühstück, doch saßen sie so weit voneinander ab, daß sie kein Wort
+miteinander wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine
+Wohltat. Ihre Augen berührten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu
+sein; die Bewegungen ihrer Hände und ihres Kopfes waren viel lebhafter als
+gestern. Der Leutnant an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden
+Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, die ihr volles Interesse zu haben
+schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, daß sie auf einen Augenblick die
+Augen schloß, wie in einem starken nervösen Gefühl oder von einer heftigen
+Ermattung ergriffen. Nach dem Frühstück trat er zu ihr, sah sie an, nahm
+lächelnd ihre Hand und sagte leise: »Leben Sie wohl«. Dann führte er die
+Hand an den Mund und biß hinein. Aber die Hand schien fühllos zu sein,
+denn sie zuckte nicht einmal. »Leben Sie wohl!« sagte Asta und lachte.
+Fridolin merkte trotz alledem, daß dieses Lachen nicht ehrlich war.
+
+Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht miterleben. Er ließ sich ein
+Pferd aus dem Stall ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den Sattel.
+Als er eben den Hof verlassen hatte, bemerkte er an seinem Ärmel einen
+goldigen Blitz. Er sah nach und fand, daß es ein langes, aschblondes Haar
+war, das nur von Asta stammen konnte. Die ganze Schönheit des blassen
+Mädchens trat mit einem so wehmütigen Schimmer und so überwältigend vor
+ihn hin, daß ihm war, er müsse liebkosend ihren Namen nennen und für alles
+um Verzeihung bitten. Er gab das Haar dem Winde preis, biß die Lippen
+zusammen, stach die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten des
+Pferdes, so daß es sich bäumte, und jagte über Feld und Gräben, gleich
+einem Besessenen.
+
+Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, wurde der Boden moorig, und er
+mußte abbiegen. Er ritt in ein Wäldchen junger Birken ein, deren weiße
+Stämme in der blauen, sonnigen Luft wie reines Silber glänzten, während
+das Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, von einem violetten
+Duft durchwoben war. Dunkelgrüne Wacholderbüsche waren über den Waldboden
+hin verstreut. Fridolin machte einigemal halt, um schöne Durchblicke durch
+die hellen Stämme auf das Moor und die roten Dächer eines fernen Dorfes zu
+genießen.
+
+Draußen kam er auf eine sandige Höhe. Nahe dem Horizont erkannte er das
+Dunkelblau eines kommenden Regens. Plötzlich drang ein Lärmen aus der
+Luft. Er sah empor. Zwei große, weiße Vögel, blendend von der Sonne
+beschienen, stürmten mit vorgereckten Hälsen durch die Luft und schrieen.
+Als er weiter Umschau hielt, auf das Wäldchen zu seinen Füßen, auf das
+rote Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und die Wege ringsher, sah
+er in der Richtung nach Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen.
+Und wieder spornte er den Gaul und flog über Moor und Heide und Feld, und
+als er dann endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend gleich dem
+Tier, auf dem er saß, rief ihm der Brautvater, der gerade aus dem
+Schafstall kam, mit deutlicher Stimme entgegen:
+
+»Wenn Sie glauben, junger Mann, daß ich noch einmal die Dummheit begehe,
+Ihnen ein Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!«
+
+ * * * * *
+
+Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. Er kletterte auf den Dünen
+herum, legte sich an den Strand, trieb in Booten durch das sonnige Wasser,
+das er selten so blau gesehen zu haben meinte, pflückte sich Sträuße von
+Leberblümchen, die auf einigen Hügeln in blauen Mengen standen, und
+fühlte, daß er an der See noch niemals so unruhig und verstört gewesen
+war. Aus jedem Raunen des Wassers hörte er die Stimme eines Mädchens, das
+blonde Haare hatte; wo er einen wehenden Halm sah, dachte er an dünne
+Handgelenke, und die Bläue des Himmels sah er nur als Vergleich mit dem
+Blau zweier jugendlicher Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er
+setzte sich hin und schrieb an Asta, daß er am nächsten Tage auf der
+Heimreise um eine bestimmte Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen
+werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu Besuch war. Er schrieb, der
+sehnlichste Wunsch, den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal
+wiederzusehen.
+
+Er fuhr, und als er sich S. näherte, stürmte sein Blut vor Erregung. Er
+stand, als der Zug einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie trug
+ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut und an den Händen gelbe
+dänische Handschuhe. Merkwürdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe
+wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, als der Zug hielt, herab,
+ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und küßte sie.
+
+Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr einfach: Erkundigungen nach
+ihrem Befinden, wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die
+Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch bei ihren Verwandten zu
+bleiben gedenke. Sie sagte, daß sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu
+bleiben gedenke, und er, daß er die See nie so schön gesehen habe, daß er
+aber nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei, sie zu genießen. Dann
+hieß es »Einsteigen!«, sie gab ihm schnell die Hand, er küßte sie, indem
+er den Handschuh zurückstreifte, auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen,
+der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam verschwand ihre dunkle
+Gestalt, während er winkte und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre
+Lippen sah.
+
+Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem späteren Leben. Wenn sie einst
+sterben werden, wird keiner ahnen, daß sie in den Tagen ihrer Jugend
+voneinander wußten.
+
+
+
+
+Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von Gebr. Mann zu Berlin.
+Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.
+
+Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde
+zur besseren Übersicht an den Buchanfang verschoben.
+
+Offensichtliche Druckfehler und Inkonsistenzen wurden korrigiert.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA ***
+
+***** This file should be named 23425-8.txt or 23425-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/3/4/2/23425/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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