diff options
Diffstat (limited to '23425-8.txt')
| -rw-r--r-- | 23425-8.txt | 3208 |
1 files changed, 3208 insertions, 0 deletions
diff --git a/23425-8.txt b/23425-8.txt new file mode 100644 index 0000000..25b4355 --- /dev/null +++ b/23425-8.txt @@ -0,0 +1,3208 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Kurtisane Jamaica + +Author: Hans Bethge + +Release Date: November 9, 2007 [EBook #23425] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + +Hans Bethge + + +DIE KURTISANE JAMAICA + +Novellen + + +1922 +Gyldendalscher Verlag Berlin + + + + +Zweites bis viertes Tausend + +Copyright by Gyldendalscher Verlag Berlin 1922 +Alle Rechte vorbehalten + + + + +Inhalt + + + Die Kurtisane Jamaica 7 + Schloß Carnin 29 + Das Bildnis der Geliebten 71 + Nebelnacht 89 + Ebeth 107 + Die Hochzeit des Freundes 131 + + + + +Wilibald Hachfeld gewidmet + + + + +Die Kurtisane Jamaica + + +Sie wurde Jamaica genannt, des holden, südlichen Ovales wegen, das ihr +Gesicht zeigte, und wegen der bräunlich hingehauchten Farbe ihres Teints, +der an eine eben angerauchte Meerschaumpfeife gemahnte. + +Jamaica hatte seelenvolle Hände, ihr Mund war wie ein Schwertstich, ihre +großen Augen hatten einen perlenhaften Glanz. Sie war schlank, +schmalschulterig und biegsam, ihr Wesen war stolz und konnte unnahbar +sein. Gewiß, sie war eine Kurtisane, wie man hören wird, aber sie hätte +auch für eine Fürstin aus irgend einem exotischen Lande gelten können. + +Als ich sie das erstemal sah, war ein Frühsommertag. Sie ging langsam und +aufrecht über die Straße, mit etwas gerafftem Kleid, von einem großen, +schwarzen Hut überdacht. Eine vollendete Dame, dachte ich, ein +märchenhaftes Geschöpf. + +Ich folgte ihr straßenweit. Wie eine holde Verlockung schritt die schlanke +Gestalt vor mir her, mit dem vollen braunen Haar und dem schwarzen Hut, +dessen Federn sich schwankend bewegten wie die dunkeln Segel eines +Schiffes auf dem Ozean. Dann stieg sie unvermutet in einen Wagen, fuhr +fort, -- und ich hatte das Nachsehen. + +Nach einiger Zeit sah ich sie wieder, -- ich folgte ihr von neuem, lebhaft +erregt, da trat ein Freund an mich heran, klopfte mir auf die Schulter und +fragte: + +»Wohin?« + +»Einer Frau nach«, entgegnete ich. »Sie geht dort vorn, wie eine Fürstin +aus dem Süden.« + +»Schwärmer«, sagte der Freund, dann lugte er aus. Ein Lächeln ging über +sein Gesicht. + +»Das ist Jamaica«, sagte er. + +»Jamaica?« + +»Ja, -- eine Kurtisane. Sie hatte ein Verhältnis mit einem Prinzen aus dem +Hause Hohenzollern. Später war es ein Künstler, jetzt ist es ein +schwedischer Graf, wenn ich nicht irre.« + +»Wie gut Du unterrichtet bist«, sagte ich, mit einer kleinen Bitterkeit in +der Stimme. »Kennst Du sie übrigens?« + +Er nickte. + +»Stelle mich doch vor«, sagte ich. + +Wir gingen schneller, erreichten sie bald, mein Freund begrüßte sie und +stellte mich vor. Dann schlenderten wir alle drei durch den Frühsommertag, +Jamaica in der Mitte. Sie plauderte reizend, etwas bestrickend Graziöses +war in der Art, wie sie sich gab. Ich war hingerissen. + +Plötzlich sagte mein Freund, der sehr geschickt in solchen Dingen war: +»Ah, Irene!« Er tat, als sähe er eine Bekannte in einem Omnibus, +verabschiedete sich schnell, lief fort und sprang auf das Vehikel. Ich war +mit Jamaica allein. Plaudernd schritten wir weiter. + +Ich sah sie mitunter von der Seite an; ein feines Profil, zart und +kapriziös, lange, dunkle Augenwimpern und eine ziemlich sinnliche Nase. +Sie hatte so etwas Unbefangenes, wie sie sprach, so etwas Natürliches in +Gang und Haltung, daß man sich wohl und froh an ihrer Seite fühlte. Wir +setzten uns vor ein Café und tranken etwas Kühlendes, während das bunte +Leben der Großstadt an uns vorüberflutete. Von einem Blumenmädchen kaufte +ich einen Strauß roter Nelken, sie steckte ihn sich vor die Brust und sog +aus dem Strohhalm die braune Flüssigkeit der Eisschokolade in ihren +schlanken Hals. + +Nachher trennten wir uns, da sie, wie sie sagte, zur Schneiderin mußte. +Wir bestimmten einen der nächsten Abende, um in den Zirkus zu gehen. Sie +gab mir die dünne Hand und sagte: »Auf Wiedersehen!«, wobei sie zwischen +den roten Lippen die Perlenreihe ihrer Zähne sehen ließ. Dann stieg sie in +eine Droschke, die Nelken auf der Brust. + +Ich schlenderte durch die Menschen hin und hatte immer noch Jamaica in +meinen Augen und in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr Lächeln, ihr Profil, +die Meerschaumfarbe ihrer Haut, ihre reizend rieselnde Stimme. Mir wurde +die Zeit lang bis zum Wiedersehen, ich saß zu Haus, und statt zu arbeiten, +malte ich den Namen Jamaica aufs Papier, -- und dann kam der Abend, aber +Jamaica kam nicht. + +Ich wartete auf dem kleinen Platz in der Nähe des Zirkus, wo wir uns +verabredet hatten, ging auf und nieder, ein paar Rosen in der Hand, sah +nach der Uhr, war ungehalten, wartete weiter, sah mich, ironisch lächelnd, +selbst, wie ich als ein genarrter Liebhaber hier wartend auf und nieder +ging, dann, als schließlich eine öde Stunde verronnen war, stampfte ich +unwillig mit dem Fuß auf, schenkte die Rosen einem vorübergehenden +Ladenmädchen und ging allein in den Zirkus. + +In einer Loge mir schräg gegenüber saß Jamaica. Sie schob gerade ein Stück +Konfekt in den roten Mund, an ihrer Seite saß ein blonder Herr, vermutlich +der schwedische Graf. + +Ich merkte bald, sie hatte mich gesehen, hin und wieder schweifte ihr Auge +über mich hin. Nachher in der Pause begegneten wir uns im Marstall, sie +tat, als kannte sie mich nicht. Als wir einmal betrachtend nebeneinander +bei demselben Pferde standen, sie zwischen mir und dem Grafen, nahm sie +flugs meine Hand und drückte sie ein wenig, ohne mich anzusehen, und +während sie im Gespräch mit ihrem Freunde blieb. + +Es war doch etwas, es war doch ein Händedruck! Nachher saß sie mir wieder +gegenüber, hoheitsvoll, und schob Konfekt in ihren Mund. Nach Schluß der +Vorstellung sah ich sie mit dem Grafen in einem Automobil fortfahren, +Blicke der Bewunderung folgten ihr. Ich fühlte mich ausgestoßen, ich war +voll Neid, voll quälender Eifersucht, voll trotziger, aufrührerischer +Gefühle. Ich wollte an ihrer Seite sein, -- was scherte mich dieser +schwedische Graf! + +Mürrisch, ein angeführter Liebhaber, ging ich allein durch die nächtlichen +Straßen und dann in eine Weinstube, um zu Abend zu essen. Ein +vermaledeiter Zufall wollte, daß dort schon Jamaica saß, mit ihrem +Freunde, bei Austern und Wein. Sie sah mich erstaunt an und lächelte. Sie +mußte denken, daß ich ihr nachgefahren sei. Ich verließ also das +Restaurant, ging in ein anderes und ertrank meinen Groll in Burgunder. + +Am nächsten Morgen traf ein Briefchen ein, in dem sie sich entschuldigte, +höhere Pflichten hätten sie verhindert usw. Der Ausdruck »höhere +Pflichten« amüsierte mich nicht etwa, sondern ärgerte mich. + +Sie kam eines Nachmittags zum Tee. Schlank, in brauner Seide, diskret und +musterhaft angezogen. Sie rauchte von meinen türkischen Zigaretten, +plauderte von Theater und Rennplatz und fühlte sich offenbar sehr wohl in +meinen weichen Sesseln und auf dem Lamafell meines Diwans. Es war mir eine +Lust, ihr zuzusehen. Weiß Gott, sie hatte zuweilen Bewegungen, bei denen +man zu fühlen meinte, daß sie von einem unsichtbaren Hermelin umflossen +sei. Mitunter saß sie plötzlich schweigend da, mit einem klugen, etwas +schwermütigen Glanz im Auge, als dächte sie an etwas ungeheuer Ernstes. +Sie war ein wenig nervös, besonders ihre Hände, im übrigen machte sie den +Eindruck einer weltlichen, aber vornehmen jungen Frau. Nur wie sie küßte +und wie sie mitunter saugend die Arme um mich legte, das war +Kurtisanen-Art. + +Sie kam öfter. Wir sprachen nicht von Liebe, obwohl ich sie von mal zu mal +heftiger liebte, aber ich wollte ihr meine Gefühle nicht zeigen. Da, eines +Nachmittags, als ich plaudernd auf dem Diwan ausgestreckt lag und sie bei +mir saß, warf sie plötzlich die Arme um mich, starrte mich an, mit den +Augen eines schönen Tieres, und während sich die Farbe ihres Gesichts +verdunkelte, quoll es ihr wie Lava zwischen den Lippen durch: »Ich liebe +Dich!« Darauf folgte ein Ausbruch so ungezügelter Leidenschaft, daß ich +glaubte, sie wollte mich ersticken. + +Von diesem Tage an war eine Nuance der Demut in ihrem Wesen zu mir, die +ich liebte und die mich entzückte. Wir verlebten glückliche Stunden, nur +der Gedanke an den schwedischen Grafen marterte mich und verursachte mir +schlaflose Nächte. Immer, wenn ich zu ihr davon anfangen wollte, drückte +sie mir schweigend ihre kleine Hand vor den Mund, so daß ich nicht +sprechen durfte. Ja, ich war eifersüchtig, aber ich merkte, sie hatte +nicht die mindeste Absicht, sich von dem Grafen zu trennen. Ich hatte +keine besonderen Mittel, und sie war sehr verwöhnt. + +Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf einige Wochen in ein +Seebad reisen, der Schwede ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine +Heimat. Sie bat, ich möge mit ihr reisen. Ich sagte sogleich zu, worauf +sie ausgelassen durch das Zimmer tanzte. + +Ein paar Tage später trafen wir in einem reizend gelegenen Ostseebade ein, +das ganz von Buchen- und Nadelholzwäldern umgeben ist. Wir mieteten in +einer schön gelegenen Villa auf der Höhe, von der Veranda aus übersahen +wir den Strand und die weite Fläche des Meeres. + +Entzückend waren die Tage, welche folgten. Wir ritten viel, es gab ganz +brauchbare Pferde zu mieten, und Jamaica fühlte sich im Sattel sehr +glücklich. Wir trabten häufig in erster Frühe am Meere entlang, wenn die +Sonne noch mit den silbernen Morgenwolken kämpfte und der Frühwind kräftig +über das Wasser wehte. + +Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt und mit zahllosen bunten +Wimpeln geschmückt. Jamaica trug gewöhnlich einen dunkelblauen Tuchrock, +eine helle Seidenbluse und Panama. Sie lag am liebsten faul im Sande, +indem sie die rinnenden Körnchen behaglich durch die Finger gleiten ließ +und in den blauen Himmel starrte; oder sie las Maupassant und rauchte +Zigaretten. Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen Empfinden des +Verliebtseins vor mir liegen: den schlanken Körper, das dunkle Haar auf +dem hellen Sande, die blutlosen Hände, die zierlichen Fesseln der Füße +unter den durchbrochenen Seidenstrümpfen. + +Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres Zimmers. Nebenan aß ein +Ehepaar mit seinen zwei halbwüchsigen Buben, auf der anderen Seite ein +Engländer. Diesen sahen wir öfter, wie er über die Balustrade seiner +Veranda hinauslehnte und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein +scharfgeschnittenes Gesicht und klare, wasserfarbene Augen. Jamaica ahmte +ihn mitunter nach, indem sie sich grotesk auf die Balustrade stützte, mit +steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe hinausstarrte, ein paar +Tabakswolken vor sich hinpaffte und ein langgezogenes »=o yes=« hören +ließ. Eines Morgens begegneten wir ihm zu Pferde. Das Pferd war zu klein +für ihn, seine Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah er aus wie +Don Quichotte. Er grüßte uns, als er vorüberritt. Jamaica sah sich +mehrmals lachend nach ihm um, was ich überflüssig fand. + +Ja, erst lachte sie über ihn und machte sich über ihn lustig, aber ich +merkte bald, daß er sie näher zu interessieren begann, mehr als sie selber +vielleicht noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause kam und auf die +Veranda trat, sah ich, daß sich Jamaica über die Balustrade lehnte, ebenso +der Engländer nebenan, und daß sie miteinander plauderten. Ich gestehe +offen, es durchfuhr mich heiß vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so +strahlendes und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, während sie +mit ihm sprach, daß ich innerlich empört war über diesen Verrat und wie in +einem Blitz schon jählings alles voraussah, wie es kommen mußte. Als sie +mich erblickte, war sie ganz unbefangen und stellte mich als ihren Gatten +vor. Nachher bei Tisch sagte sie: »Er ist wirklich sehr nett.« »So?« +fragte ich. + +Sie war auch fürderhin zutraulich und liebevoll zu mir, wie ich es gewohnt +war, aber jene Nuance der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich so +liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich wurde wohl etwas +verschlossener in meinem Wesen, ich lachte nicht mehr so unbefangen, und +dann kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, daß Jamaicas Gefühle lauer +wurden. Sie hatte noch immer etwas Anschmiegsames, aber ich fühlte, sie +zwang sich dazu, sie gab sich Mühe, liebevoll zu mir zu sein, da sie mich +nicht betrüben wollte. Mit Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte +es nicht hindern. Ihr verändertes Wesen hatte zur Folge, daß meine Liebe +nur noch wuchs. Sie merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich +fühlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige untergründige Quälerei, +die zwei Menschen so nervös machen kann, fing schon an, in mir strudelte +es schon wie in einem aufgeregten Gewässer, aber ich beherrschte mich noch +völlig. In diesem Zustand trat ein unsinniger Gedanke an mich heran, +nämlich der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie mir nicht entrinnen +könne, und dieser Gedanke nahm bald ganz von mir Besitz. + +Eines Morgens besuchte uns der Engländer in unserer Burg am Strande. +Jamaica las gerade, sie sah auf und ein schnelles Glänzen ging über ihr +Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, die er gefunden hatte, +und da Jamaica so begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein Betragen +war im übrigen völlig korrekt, nur verdroß mich die übermäßige Ruhe in +seinem Wesen, die etwas Überhebliches hatte. Er bat, gelegentlich in der +Frühe mit uns ausreiten zu dürfen; Jamaica zeigte sich sehr erfreut über +diesen Vorschlag. Dann reichte er uns beiden die Hand und ging. + +»Du hättest freundlicher zu ihm sein können«, sagte Jamaica, als er fort +war. + +»Findest Du?« fragte ich nur; sonst nichts. + +Sie las weiter und hielt dabei, ich sah es wohl, die kleine Versteinerung +fest umschlossen in ihrer seelenvollen Hand. + +Für den Nachmittag hatten wir Pferde bestellt. Wir ritten den Strand +entlang, es war ein heißer, erschlaffender Tag. Wir sprachen wenig, es war +etwas zwischen uns, das uns die Lust zum Sprechen nahm. + +Wir ritten einen kleinen Galopp; ich sah Jamaica scharf von der Seite an, +dann sagte ich: + +»Jamaica, ich will etwas von Dir wissen.« + +»Was?« fragte sie tiefatmend und sah mich erstaunt an. + +»Liebst Du den Engländer?« + +Sie schüttelte den Kopf. + +»Doch«, sagte ich, »denkst Du, ich merke es nicht? Ich halte es nicht +aus.« + +Sie reichte mir die Hand herüber, mit einem freundlichen, teilnahmsvollen +Lächeln. So gibt man die Hand einem guten Kinde zum Abschied, dachte ich. +Ich nahm sie nicht. + +»Jamaica, ich liebe Dich!« sagte ich nun. »Ich wüßte nicht, wie ich meine +Tage in Zukunft ohne Dich verbringen sollte. Ich will, daß Du von jetzt ab +nur mir gehörst -- verstehst Du? -- nur mir und keinem andern. Sag, willst +Du meine Frau werden?« + +Sie entgegnete nichts und sah nur mit gedecktem Blick auf die Mähne ihrer +Stute. + +»Ich möchte, daß wir uns heiraten. Jamaica, sag doch etwas!« + +Meine Worte klangen, als ob sie vor ihr auf den Knien lägen, -- aber sie +lächelte. + +»Nein, nie!« sagte sie bestimmt. + +»Du willst nicht?« rief ich gekränkt und hart. + +»Nie!« + +Die Wut packte mich. Sie widersetzte sich diesem Wunsch, sie sträubte sich +gegen dieses Geschenk, durch das ich mich ihr ganz zu eigen geben wollte? + +»Ich _will_ es!« rief ich noch einmal. »Ich werde Dich zwingen!« + +»Ich hasse Dich!« schrie sie mir nun entgegen, während ihre Augen vor Zorn +erglühten. »Ich verachte Dich! Ich liebe den Engländer!« + +Da hob ich die Reitpeitsche und ließ sie mit Wucht auf ihren schönen +Rücken niedersausen. Sie stieß einen verängsteten Schrei aus, wobei sie +wie ein Kind in sich zusammensank, und ihr Pferd ging durch. + +Ich sah, wie sie rasend fortjagte, und konnte nichts dagegen tun. Hallo, +dachte ich, was wird das werden? Sie hielt sich eine Weile, dann merkte +ich, die Kräfte verließen sie, sie taumelte hin und her und fiel +schließlich zu Boden. Glücklicherweise blieb sie nicht im Bügel hängen, +ich atmete auf. Das Pferd machte kurz darauf halt, sah sich verwundert um +und sprang in kleinen Sätzen verlegen hin und her. + +Ich eilte herzu, stieg ab und hob Jamaica auf. Sie war kreideblaß und halb +ohnmächtig. + +»Verzeih«, sagte ich; sie entgegnete nichts und sah mich nicht an. Sie +atmete hastig und lehnte sich ein ganz klein wenig an mich, sehr ermattet. + +»Verzeih«, sagte ich nochmals. Schließlich gab ich ihr die Zügel meines +Pferdes und ging hin, um das ihrige einzufangen. Es ließ sich ganz willig +festnehmen; es war durchnäßt und dampfte wie ein Schornstein. Ich führte +es zu Jamaica, diese hatte sich vor Schwäche in den Sand gekauert; da +hockte sie, schön und blaß wie eine Perle, es sah rührend aus. Jetzt erhob +sie sich, ich merkte, sie wollte das Pferd wieder besteigen. + +»Hilf mir«, sagte sie. + +Ich half ihr in den Sattel und sprang dann selbst auf. + +»Ich reite allein nach Haus«, sagte sie tonlos. Ich wagte nichts zu +erwidern. Im Schritt, ganz gebrochen, ritt sie am Meere entlang heimwärts, +ein trauriges Bild. + +Ich trabte in die entgegengesetzte Richtung. Noch oft sah ich mich um, -- +es war immer derselbe melancholische Anblick: in müdem Schritt trottete +der dampfende Gaul dahin, die müde Jamaica über sich. Ich bog in die +Wälder ein, kam an einem See, an Forsthäusern, an mehreren Dörfern vorüber +und zögerte stundenlang, ehe ich heimritt. + +Als ich abends heimkam, war Jamaica fort, ohne ein Wort hinterlassen zu +haben. Durch den Wirt erfuhr ich, daß auch der Engländer abgereist sei. +Ich mußte lächeln, obwohl mir übel zumute war. Ich zündete mir eine +Zigarre an, setzte mich auf die Balustrade der Veranda und sah lange aufs +Meer, trotzig, allein, mit wirren, durcheinander stürmenden Gefühlen. + +Am nächsten Tage reiste ich auch, nicht nach Haus, sondern zu einem +Freunde aufs Land. Wir saßen stundenlang, während die Sonne brannte, in +einem Boot und angelten, schossen nach Raubvögeln, schwammen, ritten, +sahen den Pfauen zu, wie sie auf der Wiese Rad schlugen und schrieen: Päo! +Päo! -- und abends kamen der Förster und der Pastor des nächsten Dorfes, +um mit uns zu zechen. + +Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in der Stadt eintraf und in einer +Droschke vom Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich Jamaica an mir +vorüberfahren, in einem reizenden Sommerkleid, das ich noch nicht kannte. +Sie saß an der Seite des Engländers, ihr Gesicht war von unaussprechlicher +Heiterkeit. Wie eine biegsame Blume des Südens saß sie da, aufrecht und +stolz den schönen Rücken, den ich schlug. + +Lebwohl, Jamaica. Lebwohl. + + + + +Schloß Carnin + + +Ich, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzähle eine Geschichte. Ich +spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzähle ich sie. + +Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf Schloß Carnin. Das Schloß ist +ein altes Herrenhaus mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor der +Auffahrt. Auf dieser Terrasse saßen wir oft. Sie war das Zentrum, wo man +sich traf, -- hier nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saßen wir an den +Abenden, in leichte Mäntel gehüllt, plauderten und pafften blauen Rauch in +die Luft, während aus den Wiesen das Gebrüll weidender Kühe herüberdrang +oder vom Dorfe her ein Lied der jungen Mädchen, die durch den Abend +gingen. + +Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefaßt, lag vor der Terrasse. Dann +ging der Blick in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt zum +Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man Felder und in ihnen eine Mühle +mit Sparrenflügeln. Der Raps blühte in den Feldern, zitronengelb, und +Wolken seines Duftes quollen herüber, wenn ein Luftzug kam. Zu beiden +Seiten des Schlosses lag der Park. Er hatte köstliche alte Bäume, die weit +in das Land ragten, und war von einem Gewässer durchflossen, das sich an +manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen versteckten Winkeln +giftgrüne Algen und unentwirrbarer Froschlöffel wucherten. Hatte man den +Park durchwandert, so kam man an den Deich. Und war man den Deich +hinangestiegen, so blickte man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an +schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten flogen. Ganz hinten, ein +silbergraues Band, sah man den Fluß. Große Schiffe fuhren auf ihm zu Tal, +gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, meilenweit, ahnte man das +Meer. + +Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. Ich wollte das +Fest noch auf Carnin verleben, dann wollte ich Abschied nehmen von diesem +einsamen Haus, von diesem Park und diesen Menschen, die mir teuer waren. +Ich hatte mancherlei auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend und +zeichnete mit Geschmack. Wir saßen oft vor den gleichen Motiven, ich malte +und er zeichnete. Die Gräfin, scheinbar jünger als ihre Jahre, war +musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park saß, drangen ihre Melodien +herüber: sie spielte Klavier und sang mit einer seelisch bewegten Stimme. +Zuweilen sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, wenn wir auf der +Terrasse saßen. Tagsüber widmete sie sich ihren Kindern. Die älteste +Tochter, Komteß Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die Schwester +der Gräfin zu sein. Auch äußerlich ähnelte sie der Mutter, nur daß sie +größer war. Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in Arm durch den +Garten gingen, und man sah sie von weitem, so hätte man schwören mögen, +daß sie Schwestern seien. + +Dann kam ein dreizehnjähriges Komteßlein namens Charlotte, ein ernstes +Kind mit zarten Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse und +schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging oft allein und nachdenklich +unter den Bäumen des Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Schoß, und +man hörte dann, wenn man in der Nähe vorüberging, wie sie sang. Sie war +ein reich und fast zu frühe entwickeltes Kind, und ihre träumerischen +Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen Regionen der Wünsche und der +Gedanken. Sie hatte Tage, an denen sie sich müde fühlte und bleich aussah, +und gerade an solchen Tagen trieb es sie, ihre Verslein zu dichten und +sich einsamen Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft geschlossen und +wandelten häufig zusammen die Lindenallee hinunter in die Felder, +pflückten Feldblumen und sahen den Flügeln der Mühle zu, die, wenn man +näher kam, unheimlich durch die Luft rauschten und knarrten, so daß man, +wenn es gerade dämmerte, Angst verspürte und am liebsten schnell +davongelaufen wäre. + +Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn Jahren, Fred und Klaus, zu +allen tollen Streichen aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich zu +verführen suchten. Sie wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, einem +jungen blauäugigen Theologen aus Husum. Außerdem war eine Gouvernante da, +ein gescheites Wesen, das mehr zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das +waren die Menschen auf Schloß Carnin. + +Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie auf einer Bank unter einer +blühenden Kastanie saß, dicht neben dem Schloßgraben, über den eine weiße +Brücke führte. Ich hatte die beiden Jungen gemalt, wie sie im Grase lagen. +Und in der Dämmerung hatte ich das Schloß gemalt, als ein graues, +mystisches, weltentlegenes Haus, mit den weißen, geheimnisvollen Gestalten +der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Dies Bild schien mir das +beste zu sein, das ich auf Carnin gemacht hatte. Es hatte etwas +Mystisches, die Luft der Dämmerung war weich und lau, man spürte den +Frühling darin. + +Nun kam Pfingsten. Komteß Anna erwartete den Besuch einer Freundin, der +Graf den eines jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. Zwei +Tage vor dem Fest kamen die beiden an. Die Komteß war ihrer Freundin bis +zur Eisenbahnstation entgegengefahren. Es war gegen Abend, ich hatte bei +Tag im Sonnenlicht gemalt, nun schlenderte ich mit Charlotte durch den +Park, dann durch die Felder, wo wir im Westen die Glut des Himmels +anstaunten, in der ungeheure goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein +leichtes Sommerkleid an, das die dünnen Ärmchen freiließ. Die Luft war +schwül und windstill, und der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir +gingen schweigend. Da fuhr die Kleine plötzlich auf, wies zur Landstraße +hinüber und rief: »Sie kommen!« + +Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter +ihm. Charlotte und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur Landstraße +hinüber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentüchern, +während der Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte und die Freundin +und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie +Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr, +eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung. +Ein feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen Pinsel, Tedrahn! + +Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. Wir hatten den Wagen so +lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs +Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um +mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern +in einem alten weißen Hause, das quer daneben lag, und das man das +»Kavalierhaus« nannte. + +Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand Komteß Anna mit ihrer +Freundin auf der Terrasse. Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die +Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von +Gestalt. Ich wußte, daß sie auch siebzehnjährig war. Sie hatte ein +bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. Ich schritt +die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß Anna stellte vor: »Herr Konrad +Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger aus Lübeck.« + +»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie +lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?« + +In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lässig, sie war ja +siebzehn Jahre alt, also ein Kind. + +»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, »ich gehe nicht viel aus.« + +Sie wendete sich wieder an die Komteß und plauderte mit ihr, als ob ich +nicht vorhanden sei. + +'Etwas eigensinnig', dachte ich, -- 'aber schön, mit allen Reizen der +Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas +zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem +schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai, -- wo bringe ich ihn +hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der +von dünnen, weißen, wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen +sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich möchte die Bewegungen +ihres Körpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft, +beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.' + +Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwünschte +es im stillen, daß Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich +fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, ich würde Bilder der +Phantasie komponieren, während ich mit meinen wirklichen Bildern während +dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen +mußte ich reisen, also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner Arbeit. + +Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu Tisch. Wir gingen hinein, +die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte +mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schöne Eßzimmer, in +dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu +herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Gräfin, +Leonore Helfinger saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie und den +Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie +immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog. + +Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch +meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.« + +»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur aus Annas Erzählungen. Die +Mädchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schön +zu nennen.« + +Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und gingen auf die Terrasse. Die +Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete sich eine +Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurück und stieß kleine +Wölkchen in die Luft. Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse und +sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, im Dorf Carnin sangen die +Mädchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen +in ein Gespräch über Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man +hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde. +Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen +geschoben. + +»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, sagte sie, »gestern +stand er noch über den gescheckten Ulmen.« + +Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf, -- +aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches um ihn +her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten +jungen Lippen brach. Der Mond stand über dem Dach des Kavalierhauses und +wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste +Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geöffneten Glastür +lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frühlingsnächten, es würde einen +regnerischen Sommer geben. + +»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug die Gräfin vor. + +Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mußte +zurückbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl für +sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, Komteß Anna, Leonore und ich. +Wir schritten um das Schloß herum und durch den dunklen Park hinab zum +Teich. + +Die Gräfin setzte sich an das Steuer des Bootes, ich nahm die Ruder. Wir +trieben sacht dahin. Mitunter hörten wir am Ufer ein Plumpsen, es waren +aufgeschreckte Frösche, die in das Wasser sprangen. Leonore und Komteß +Anna saßen dicht vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich spürte +den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. Leonore hatte ein grünes +Jäckchen an, ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. Einmal merkte +ich, wie sie zusammenschauerte. Es war die Abendluft über dem Wasser. Ich +lenkte zum Bootssteg zurück. + +Plaudernd schritten wir über den Rasen zum Schloß hinan. Leonore lachte +ein paarmal hell auf, ich weiß nicht mehr worüber. Das Lachen höre ich +noch, es war wie das Plätschern eines Brunnens. Ich fühlte immer +deutlicher, daß ich sie malen müßte. Als ich ihr Gutenacht wünschte, sagte +sie: »Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.« + +»Gewiß!« sagte ich. Meine Augen umfingen ihren Kopf mit dem schwarzen Haar +wie ein Gemälde. + +In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. Ich setzte mich hin, nahm Kreide +und Papier und suchte den Umriß von Leonores Kopf zu zeichnen. Dann machte +ich einen Umriß von ihrer ganzen Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem +Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn war. + +Ich zündete eine Zigarette an und schritt im Zimmer auf und ab. Ein +schöner Kopf, ein süßer Kopf. Am schönsten so: halbes Profil und ein klein +wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte ich sie so gesehen und dicht vor +mir im Kahn. So, dachte ich, müßte sie mir einmal sitzen, mit dieser +geneigten Nase, mit dieser großen Linie des Haares. Ich ging wieder an den +Tisch und machte von neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. Warum +war dieses Mädchen jetzt nach Carnin gekommen! Sie nahm mir beinahe das +Interesse an meinen großen Bildern fort, an denen ich noch zu arbeiten +hatte. Wäre sie doch geblieben, wo sie war! Unwillig warf ich die Kreide +fort, entkleidete mich und legte mich schlafen. Draußen schrie eine Eule +in den Ulmen. Durch die Dunkelheit sah ich noch immer ein junges, holdes +Profil, Züge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige Wangen und +schwarzes Haar ... Pastell, dachte ich, in Pastell muß man es machen. +Lockere, leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. Mit diesen Gedanken +schlief ich ein. + +Der nächste Tag war der Sonnabend vor dem Fest. Ich stand früh auf und +nahm das Frühstück auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins der Bilder +in den Park, um es im Frühlicht fertig zu machen. Es stellte ein Rosenbeet +dar, rechts und links hohe Taxusbäume, hinten ein altes Gartenhäuschen mit +hohem Dach. Ich malte also. Während ich malte, dachte ich: das Bild ist +leer, es ist unvollständig. Vor dem Hause fehlt etwas. Die Gestalt der +Leonore Helfinger müßte vor dem Gartenhaus stehen, rechts von der Tür, und +sich neigen, um eine Blume zu pflücken. Ich kniff die Augen zu und stellte +mir vor, wie das Bild dann aussehen würde. Gut, gut. Aber es war ja zu +spät! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte und malte weiter, +unlustig und unzufrieden. + +Ich hörte Lachen, blickte mich um und sah die beiden Freundinnen im +Sonnenlicht daherschlendern. Sie waren beide in Weiß und hatten gelbe, +großkrempige Strohhüte auf. + +»Guten Morgen, Herr Maler!« rief Leonore lachend. »Schon so früh bei der +Arbeit?« + +»Ja, aber es fleckt nicht«, erwiderte ich, »ich bin unzufrieden.« + +»Wie schade!« sagte sie, indem sie meine Malerei betrachtete. »Ihr Bild +gefällt mir, das ist wirklich der tauige Morgen, der da webt. Ich fände es +freilich schöner, wenn eine Figur vor dem Häuschen stünde. Das Bild würde +voller dadurch. Finden Sie nicht?« + +Ich mußte lächeln. + +»Gewiß finde ich das«, entgegnete ich. »Vielleicht haben Sie die +Freundlichkeit, sich einmal dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die +Wirkung sehe.« + +Sie lief hinüber. + +Komteß Anna sprach: »Leonore hat recht, -- sehen Sie, wie reizend sie dort +zwischen den Blumen steht?« + +»Ja«, sagte ich, »schade, daß ich nicht eher darauf gekommen bin! Schade! +Wenn Sie wüßten, Komteß, wie Ihre Freundin mich malerisch entzückt!« Zu +Leonore rief ich hinüber: »Kommen Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich +Sie noch länger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher nach Carnin +gekommen? Wie gern würde ich Sie malen! Ich möchte eine Skizze von Ihnen +machen, heute nachmittag, darf ich?« + +»Gern.« + +»Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich darauf.« + +Komteß Anna drängte, zu gehen. Die Mädchen wollten eine Morgenwanderung in +die Marsch unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden zwischen +den Bäumen. Ich sah die hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrün. Dann +arbeitete ich weiter, voll Mißmut. Ich sehnte mich nach andrer Arbeit, +aber ich mußte doch meine armen Bilder fertig machen ... + +Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter dem Arm, vom Park her über den +Rasenplatz vor dem Schloß. Ich hörte schon aus der Ferne Lachen und Rufe. +Die Mädchen spielten Tennis, mit Charlotte und dem Assessor. Fred und +Klaus hoben die Bälle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses biegend, +stehen und sah gerade, wie Leonore, den Schläger mit allen Kräften +schwingend, sich hoch auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lüfte +jagte. Sie stieß einen kleinen Schrei dabei aus, ihr Kleid hatte einen +wirbelnden Schwung um die Fesseln der Füße. + +Schön, schön, schön! dachte ich. Wundervoll! Sie hat eine Hingabe in der +Bewegung ... + +Oben von meinem Fenster aus sah ich dem Spiel noch eine Weile zu. Ich +setzte mich ans Fenster, hinter die Gardine, so daß mich keiner sah, und +skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann mußte ich wieder in den Park +hinab zum Malen. Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte auf mein +Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. Leonore sah auch die Studien vom +Tennisspiel auf einem Stuhle liegen. + +»Stammt das von heute?« fragte sie. + +»Ja«, entgegnete ich, »erkennen Sie sich nicht? Das sind Sie. Sie hatten +ein paar Bewegungen, die mich begeisterten.« + +Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick war sehr schön. Ein seelenvolles +Auge, dachte ich, beinahe kobaltblau, eigentümlich. + +Dann gingen wir in den Park. Ich setzte Leonore in die Sonne vor eine +grünumsponnene Laube und skizzierte sie. Komteß Anna und Charlotte gingen +ans Wasser hinab. Sie schritten singend über eine Brücke. Singend +entschwanden sie. + +Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag spielend in ihrem Haar. Es +flirrte über die weiße Stirn und die rosigen Wangen, und das Grün der +Laube gab der Haut und dem weißen Kleid einen eigentümlichen Ton; dies +alles war schwierig zu malen. + +Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn auch zerstreut, dann hörte +ich nicht mehr hin. Schließlich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas Mattes +in ihre Züge, ich merkte es wohl. »Verzeihen Sie«, sagte ich, »wenn ich +schlecht darauf achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschäftigt mit +dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch in Anspruch nimmt, empfinde ich +nichts andres. Verzeihen Sie.« + +»Aber bitte«, entgegnete sie. Es klang müde, es klang ein wenig trotzig, +es klang herb. Damals achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war +mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als Bilder nach ihr zu malen, +ich alberner Geselle! + +Die Skizze wurde gut. Ich hörte zur richtigen Zeit auf, so daß sie das +Unmittelbare, im Moment Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das +Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch. + +»So habe ich doch wenigstens einen Begriff, einen Anhaltspunkt«, sagte +ich. »Ich danke Ihnen.« + +Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen zum Schloß hinüber, ich +sprach vom Malen im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflückte sie eine +rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging sie ins Schloß und ich ins +Kavalierhaus, um mir eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte ich oben +auf den Tisch, ich vergaß, sie ins Wasser zu stellen. Es war ja auch nur +eine Rose, es gab deren viele im Park von Carnin. + +Dann kam wieder einer der schönen Abende. Wir saßen wie meist auf der +Terrasse, der Mond stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch +blanken Glanz. Die Gräfin, ein weißseidenes Tuch um die Schultern, griff +Akkorde auf der Gitarre und sang ein französisches Lied. Dann spielte sie +deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den Pausen hörten wir ein +süßes Tönen aus der Ferne, das waren die wandernden Mädchen in Carnin. +Einmal hörten wir ein unterdrücktes Kichern ganz in der Nähe. Der Graf +wußte sofort, was es zu bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf, +hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen sollten. Die Jungen +lugten in ihren Hemden zum Fenster hinaus und hörten unserm Singen zu. +Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, riefen sie noch einmal +»Gute Nacht!«, man hörte, wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster, +und es war wieder still. + +Man begab sich in den Salon, um noch eine Tasse Tee zu trinken. Vorher +verabschiedete sich Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war. +»Charlotte«, sagte ich, »morgen ist Pfingsten, da kommen ganz früh die +Elben von der Geest herunter, um die Maien zu bringen, du weißt. Ich +möchte die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich finde ich früh +genug aus dem Bett. Ich werde sie für Dich um eine kleine Maie extra +bitten, -- ja?« + +»Das wäre reizend«, sagte sie, »aber Sie müssen auch für Fräulein Leonore +eine Maie zu bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten +beim Malen.« + +»Das ist wahr«, sagte ich. + +»Fräulein Leonore liebe ich sehr«, flüsterte Charlotte, als verkünde sie +mir ein Geheimnis, »ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre Augen, -- +nicht wahr?« + +Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer Kinderfüße nach. Darauf sah ich +zu Leonore hinüber. Sie saß in einem großen geblümten Polsterstuhl und +führte gerade eine Schale Tee an die Lippen. Das rote Licht einer Lampe, +auf der ein karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natürlich sah ich +sofort wieder ein Bild. Es war mein Verhängnis, daß ich immer Bilder, +Bilder, Bilder sah, wenn meine Augen auf dies Mädchen fielen. Das rötliche +Licht war magisch um sie her. Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde +Haar, -- ich war schon wieder ganz mit einem malerischen Problem +beschäftigt. Da brachte mir ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der +Assessor auf mich zu und verstrickte mich in ein Gespräch. + +Der Graf machte, ehe er sich zurückzog, einen Vorschlag, der von allen +freudig begrüßt wurde. Er schlug nämlich vor, daß man am folgenden Tage in +den seidenen Kostümen des achtzehnten Jahrhunderts, deren es in der +Kleiderkammer des Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen sollte. Auch +er und die Gräfin versprachen, sich zu kostümieren. + +Man trennte sich. Der Assessor und ich saßen noch eine Weile in den alten +Lederstühlen der Bibliothek bei Tabak und Bier. + +Endlich fingen wir an zu gähnen, erhoben uns und schlenderten zum +Kavalierhaus hinüber. Es war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin +duftete betäubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend auf dem hellen +Kies, sonst hörte man nichts. + +»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der Assessor, ehe wir in das +Kavalierhaus eintraten, »ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer +ansehen, finden Sie nicht?« + +»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich +kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie +will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, daß ich keine Zeit +habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?« + +»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor. + +Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, nachher läuteten die Glocken +zum Kirchgang; müde ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das gräfliche +Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche +schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern +und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich +mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der +Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« Der Assessor half mir die +Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis. + +Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider und weiße Blusen an. +Komteß Anna hatte einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore trug +das Haar frei. Ich spielte mit Komteß Anna, der Assessor mit Leonore. Ein +Diener suchte die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich an diesem +Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber daneben gesessen und Studien nach +Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so +starkem Temperament. + +»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte sie einmal, nicht unwillig, +sondern mit einem Lächeln. + +»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, entgegnete ich, +»verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.« + +Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese +Verbeugung ist unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, sie in +Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in +meinen alten Fehler zurück. + +Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte +Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; das war, +wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurückwarf. Einmal gab sie +mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie +mir den Ball gab. Das sind süße, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und +dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen könnte. +Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle! + +Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich hatte mir einen Rock aus +hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu +einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostüm saß ich noch eine +Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung +Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tönte das Gong, +ich ging zum Diner hinüber ins Schloß. + +In dem blauen Salon traf ich die beiden Freundinnen. Ich blieb wie +angewurzelt stehen. Die Mädchen sahen so überraschend echt in ihren +Kostümen aus, daß ich meinte, ich sähe eine Vision aus der Zeit des +=ancien régime=. Leonore trug ein langes, silberbesticktes Gewand aus +blaugrauem Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern waren frei. +Sie trug eine hohe bepuderte Coiffüre, in der eine mattrote Rose steckte. +Auf der einen Wange, nahe der Schläfe, lag ein schwarzes Pflästerchen. Ich +sah sie zuerst im Profil, sie blickte gegen das Licht zum Fenster hin und +hielt spielend einen alten Fächer in der Hand. + +Komteß Anna war in Grünblau. Auch sie hatte bepudertes Haar, ihr Gewand +war glockenförmig. Sie trat mir lachend entgegen und fragte: + +»Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?« + +»Ich bin hingerissen«, sagte ich, »Sie sollten immer solche Kleider +tragen. Auch Sie, Fräulein Helfinger.« + +Leonore sah mich an, mit einem Lächeln. Wie wundervoll war die blaßrote +Rose in ihrem bepuderten Haar! Wie mädchenhaft hold die Linie von dem +feinen Hals zu den Schultern. + +»Wahrhaftig, man sollte das malen«, sagte ich, »ganz in Silber und Grau.« +Ich kniff die Augen ein wenig zu und betrachtete sie. + +Da verschwand das Lächeln von ihrem Mund. + +Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah wieder zum Fenster hinaus, +mit verhangenem Blick, als dächte sie an Fernes. Ich sah hinüber zu ihr +und dachte: Wie reizend wäre es, wenn ich sie jetzt skizzieren könnte! ... + +Nun kamen die andern. Die Gräfin kam in schwarzer Seide, mit grauer +Perücke. Der Graf hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege +angelegt. Charlotte trug ein geblümtes Kleidchen von 1830. Auf ihrem +offenen Haar, das zu langen Locken gedreht war, lag ein dünner Kranz aus +Tausendschönchen. Dieses zarte Kind war wie ein schwebendes Lied, wie eine +verwehende Melodie. + +Der Assessor trug ein Kostüm vom Schnitt des meinigen, aber in Hellblau. +Die Gouvernante hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. Der +Hauslehrer ging in einem altväterlichen Rock mit breiten Aufschlägen aus +Samt. Fred und Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten bösartige +Glossen über die andern. + +Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu führen. Leicht und +ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum. + +Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein Profil von seltener +Kostbarkeit an meiner Seite war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da +ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den +Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen +habe. + +»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und +verbrannt.« + +Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt! + +»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, sagte ich, »dann werden Sie es +nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.« + +Sie zuckte mit den Schultern. + +»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte ich. »Wie Marie Grubbe +möchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie +in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen wühlt.« + +Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das +Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl. +Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen an. Ich sehe noch die holde Neigung +ihres Kopfes, da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren +weißen Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war. + +Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige +der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend, +daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete? + +»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares +steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.« + +»Darf ich Ihnen die Rose schenken?« fragte sie demütig. + +»Nein, nein«, entgegnete ich, »lassen Sie die Blüte in Ihrem Haar, es gibt +keinen besseren Platz für sie!« + +Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot. + +Sie sah müde vor sich hin. »Ich werde sie Ihnen heute Abend schenken, ehe +wir uns trennen«, sagte sie leise. + +»Oh, ich danke Ihnen«, erwiderte ich, »ich danke Ihnen.« + +Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief hinüber auf mein Zimmer, +ergriff ein Skizzenbuch und steckte es in die Brust. Es war gegen +Sonnenuntergang. Es war die Stunde, wo die Bäume des Parks in einer +stillen Verklärung in die Lüfte ragen, wo alle Umrisse größer und +feierlicher zu werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig in den Wipfeln +der Kastanien. Wir schritten paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore +und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes Bild, die bunten, in Seide +gekleideten Menschen zwischen den Bäumen und blühenden Bosketts des alten +Gartens, der solche bepuderten Menschen schon früher gesehen hatte und +sehr erstaunt sein mochte, sie plötzlich noch einmal auftauchen zu sehen. + +Wir kamen über eine weiße Brücke und spiegelten uns in dem dunkeln Wasser. +Leonore und ich verweilten einige Zeit auf der Brücke, die andern +entschwanden. Es war nicht genau zu erkennen, wohin sie gegangen waren. +Wir schlenderten durch den Eichenhain, jenseits des Wassers, Leonore und +ich allein. Wir kamen an den Deich, ein schräger Pfad führte empor. Ich +mußte Leonores Arm freilassen, sie schritt langsam vor mir hinan. Ich sehe +noch den schönen Umriß der schlanken, aufwärtsschreitenden Gestalt, den +bloßen Nacken und das graue Haar ... + +Auf dem Deich umflammte uns die Abendsonne. Zu unsern Füßen lagen die +Wiesen der Marsch, ganz mit rotblühendem Sauerampfer bestanden und +übergossen von den purpurnen Strahlen des vergehenden Lichts. Es war ein +so ungeheures Rot in den Wiesen eingefangen, daß man glaubte, man sähe +über ein blutiges, loderndes Meer. Wir blickten hinaus, Leonore hatte ein +kleines süßes Staunen im Gesicht, ihr Mund war ein wenig geöffnet. Etwas +Wehes war um ihre Gestalt. Ich holte schnell das Skizzenbuch hervor, um +die Linien ihres Profils festzuhalten. Da sah sie, was ich tat, -- und es +geschah etwas ... + +Sie starrte mich an, mit flammendem, zornigem Blick, aus dem eine +ersterbende Leidenschaft grüßte. Dann hob sie die Arme empor und dehnte +sie mir entgegen, sehnsüchtig, mit einer Gebärde des Überschwangs! Dann +ließ sie die Arme sinken, ermüdet, mit einem Zittern. + +Ich stand da wie ein geschlagener Knabe. Mir war, als sei auf einmal eine +Binde von meinen Augen gerissen. Ja, plötzlich sah ich klar. Dieser junge +stolze Mensch da vor mir war erfüllt gewesen von einem strahlenden Gefühl +der Liebe, -- ich aber hatte sie immer nur malen wollen, meine blöden +Augen hatten nichts weiter als das Malerische an ihr gesehen! Jetzt merkte +ich, wie sehr ich sie durch mein Betragen verletzt hatte. Ich hatte sie ja +mit Füßen getreten! In ihr war eine schöne Welle aufgestiegen, die ihr +Gefühl mit Macht zu mir hinübertrug, -- ich aber hatte kalt nur ihr +Äußeres betrachtet, um es für meine Malereien zu verwenden! + +Für einen Augenblick kam etwas Unruhiges in sie. Dann hatte sie ihre +Fassung wiedergewonnen. + +»Kommen Sie«, sagte sie kühl, »wir wollen zu den andern gehen.« Damit war +sie schon auf dem Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte ich +tun, um diesen tiefgekränkten Menschen zu versöhnen? Es kreiste und +schwankte vor meinen Augen. + +»Fräulein Leonore --«, sagte ich, wie um Verzeihung bittend. + +Aber sie hörte nicht. Etwas Abweisendes lag um ihren Mund, auch ihre Augen +waren streng und herbe. Wir hörten Lachen, die Kleider der andern +schimmerten vor uns durch das Laub. + +»Hallo!« rief Leonore. + +Begrüßung. Dann stieg alles hinauf auf den Deich. Man plauderte, lachte, +staunte laut über das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore sprach +unbefangen mit Komteß Anna und dem Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre +Seite, ich war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu Sinn wie in einer +Krankheit. + +Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rückweg nach dem Schloß hängte sie +sich plaudernd in Charlottes Arm. Sie schien sehr fröhlich zu sein, aber +mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und nieder, es fiel mir schwer, +an der Unterhaltung teilzunehmen, in die mich der Graf und die Gräfin +verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin. + +Nachher Tanz im Schloß. Die Gräfin drehte einen kleinen Leierkasten. Ich +tanzte zuerst mit Leonore; sie bat bald, aufzuhören. Ich sprach ein paar +Worte in demütigem Ton zu ihr, sie antwortete nicht. Mit den andern war +sie froh und unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so daß ich +erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und abweisend, sobald sie in meine +Nähe kam. Einmal stand sie in der Nische eines Fensters allein und sah in +den dunkelnden Park. Ich trat neben sie, voll Demut, bittende Worte +stammelnd, und suchte ihre Hand zu küssen. Sie verhinderte es, sie +schüttelte abwehrend das Haupt und winkte Charlotte zu uns herüber, damit +wir nicht allein in der Nische ständen. + +Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend in mir aus. Ich dachte daran, +wie ich sie mit kühlem Auge und ruhigem Blut gemalt und skizziert hatte -- +und hätte mich züchtigen mögen. Du verdientest, daß man dich an den +Pranger stellte und öffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich begriff mich +selbst nicht, mir graute vor meinem albernen Künstlertum, ich haßte mich +wie einen Feind. + +Leonore wußte es einzurichten, daß wir während des Abends nur in die +flüchtigste Berührung kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut um einen +freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. Es war zum Verzweifeln. + +Beim Gutenachtwünschen trat sie vor mich hin und sagte: »Ich versprach, +Ihnen die Rose aus meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie ist +verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose nicht schenken. Verzeihen Sie.« + +Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den andern. Sie hatte die Rose +fortgeworfen, das ist klar. Ich biß mich auf die Lippen, in mir stieg es +auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, wie sie mit Komteß Anna und +Charlotte das Zimmer verließ. Das schleppende Gewand sah ich und die +blassen, jugendlich schönen Schultern und die Haltung der Arme im +Kerzenlicht ... Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war erfüllt +von Qual und Sehnsucht. + +Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein letzter Tag auf Carnin, er +machte mich krank und matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch nur +einen Augenblick mit mir allein zu sein. Wir spielten Tennis, sie lachte +und schwang den Schläger mit Obacht und Grazie, sie plauderte harmlos mit +den andern, aber zu mir sprach sie niemals. Ich merkte: Es ist alles +hoffnungslos; du hast ihr Gefühl zu heftig mit Füßen getreten; hier ist +nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir recht, Kunstmaler Tedrahn! + +Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches Wort von ihr, wie habe +ich mich gedemütigt! Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich +nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich mit Verachtung. + +Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, du erträgst +es ja nicht! Aber ich wußte auch, daß nach diesem Tage alles vorüber sein +würde, daß ich sie nicht wiedersehen würde, daß ich ruhelos sein würde und +voll Kasteiung gegen mich selbst, im Bewußtsein meines verrückten +Benehmens, das mir dieses Glück für immer verscherzt hatte. + +Und der Tag ging hin, dieser qualvolle, zermürbende Tag. Abends saßen wir +das letztemal auf der Terrasse. Der Graf ließ Sekt reichen, als +Abschiedstrunk. Wir stießen an, mein Glas stieß klirrend an Leonores, sie +lachte Charlotte dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schön aus, sie +hatte ein blaues Tüchlein über dem schwarzen Haar. Ich hielt es nicht aus, +ich verabschiedete mich, da ich noch zu packen hätte. In aller Frühe des +folgenden Tages mußte ich fahren, ich sagte allen Lebewohl. Leonore gab +mir die Hand, sie war ruhig und kühl. + +Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und ab, wie ein gemartertes Tier im +Käfig, stundenlang. Ich hörte die Stimmen von der Terrasse her. Mitunter +hielt ich an und lauschte, -- wenn ich Leonores Stimme zu hören meinte. +Ich war voll wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefühl +unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich die Bilder sah, die +gegen die Wand lehnten. Einmal erhob ich den Fuß und rannte ihn blindlings +in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese verfluchte Kunst, die mich +um das schönste menschliche Erleben gebracht hatte. Mit diesem Fußtritt +des Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstört, das Bild des abendlichen +Schlosses mit den Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der +Terrasse. Es war hinüber, ich stieß ein Gelächter aus. + +Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, ich suchte zu lesen, ich +sah lange Zeit, Zigaretten rauchend, aus dem Fenster in die warme, +duftende Nachtluft, zum Schloß hinüber, wo ich das Fenster erkennen +konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann wanderte ich wieder hin und her. +Ich begann einen Brief an Leonore zu schreiben und zerriß ihn wieder. Ich +legte mich aufs Bett, ohne mich auszukleiden, und erwartete den Morgen. + +In aller Frühe klopfte der Diener und brachte Tee. Dann hörte ich den +Wagen auf dem Kies vorfahren, mein Gepäck wurde aufgeladen, ich warf den +Mantel um, ging hinunter, und die tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen +wohl. Das Handpferd wieherte in die Frühe, voll Übermut. Ich blickte noch +einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem Leonore lag. Ich fühlte mich +elend, ausgestoßen und krank. Mich fröstelte, als hätte ich Fieber. Die +Schimmel zogen an, es ging die Lindenallee hinunter, dann durch die gelben +Rapsfelder, aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen. + +Die Sonne lag golden über den Feldern, die Lerchen sangen. Mich marterten +die Lerchen und die Sonne. Ach, könnte ich doch schlafen, dachte ich. + + + + +Das Bildnis der Geliebten + + +Gregor, ein Student der Medizin, war ein hübscher Bursche. Er war schlank +gewachsen, hatte eine schöne Stirn, und seine Augen waren groß und klug. +Aber der Arme war brustkrank. Man sah es ihm zwar kaum an, nur wenn er +hüstelte und seine schlechten Tage hatte, merkte man es. + +Seit kurzer Zeit hatte er eine Geliebte mit Namen Mimi, eine kleine +Verkäuferin in einem Weißwarengeschäft. Dort hatte er sie das erstemal +gesehen, als er sich einige Taschentücher gekauft hatte. Er hatte dabei, +während sie ihm die Tücher vorzeigte, besonders ihre Hände bewundert, die +schmal und rosig waren und deren Finger sich so auffallend vornehm und +ruhig bewegten. Dann hatte er, ganz erstaunt über die schwermütige +Schönheit der Hände, in das Gesicht des Mädchens hinaufgeblickt und hatte +ein Paar Augen darin gesehen, die noch viel schöner waren: silbergraue +Augen, mit einem zärtlichen Glanz und von langen, braunen Wimpern +eingefaßt. Gregor starrte so lange in diese Sterne hinein, bis das Mädchen +unwillig wurde. Sie fing an mit Nachdruck von den Taschentüchern zu +sprechen. Er entschloß sich für irgendwelche, ließ sie sich einpacken und +stolperte hinaus. + +Er kam bald wieder, sah sich von neuem Taschentücher an und benahm sich +diesmal besonnener und gesitteter. Sie war freundlich zu ihm und dachte +bei sich: 'Ein hübscher Mensch; nur etwas kränklich sieht er aus; aber +eine so schöne Stirn habe ich selten gesehen.' + +Er empfand es wohl, daß sie liebenswürdig war, und bemerkte mit innerem +Jubel die Gefälligkeit ihrer Hände. Er ging, nachdem er sich wieder von +den Tüchern hatte geben lassen, wie ein Trunkener heim, öffnete zu Haus +das Paketchen und befühlte lächelnd den weißen Stoff, den auch ihre Hände +berührt hatten. + +Als er dann das drittemal kam, fand er schon den Mut zu einem scherzenden +Wort. Sie ging darauf ein und dachte wieder: 'Wie hübsch und schlank er +ist.' Zum Schluß reichte er ihr die Hand, und sie zögerte nicht, die +ihrige hineinzulegen. Dies war das letztemal, daß er Taschentücher bei ihr +gekauft hatte. + +Am Abend des folgenden Tages nämlich, um die Stunde, da man die Läden +schließt, tat er so, als ginge er zufällig an ihrem Geschäft vorüber, +irgendeinem andern Ziele zu. Als sie den Laden verließ, stellte er sich, +als sei er ganz erstaunt, plötzlich ihr Gesicht auftauchen zu sehen, +grüßte, richtete ein paar Worte an sie, und auf einmal waren sie im +Gespräch. Sie gingen zusammen durch die Straßen, plauderten, und wenn ihre +Augen sich trafen, erkannte ein jeder von ihnen die sehnsüchtigen Gefühle +des andern. So schritten sie durch den sanften Herbstabend und kamen in +einen öffentlichen Garten, wo gerade das erste Laub von den Bäumen fiel. +Sie fanden eine stille Bank, legten die Arme umeinander und küßten sich. +Er griff glücklich in ihr braunes Haar und entzückte sich an der sanften +Linie ihrer Schultern. + +So hatte der Student Gregor eine Geliebte bekommen, die Mimi hieß. + +Sie waren viel zusammen. Er holte sie des Abends vom Geschäft ab, dann +gingen sie zu ihm und aßen etwas. Danach nahmen sie sich bei der Hand und +wanderten durch die Straßen oder in einen Park, bis sie müde wurden. + +So lebten sie dahin, jung und glücklich. Nur die Stunden, in denen er sich +elend fühlte, warfen graue Schatten in ihr Dasein. Er suchte zwar diese +Zustände und Stimmungen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Sie fühlte +wohl, wie es mit ihm stand. + + * * * * * + +Eines Abends, als Gregor seine Geliebte nach Haus begleitete, klagte sie +über Schmerzen im Halse. Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand so +verschlimmert, daß sie nicht fähig war, das Geschäft zu besuchen. Sie +fieberte und mußte das Bett hüten. Gregor ahnte etwas und ging schon im +Laufe des Vormittags zu ihr, um nachzusehen. Er fand Mimi blaß und müde in +den Kissen. Sie freute sich wie ein Kind, als sie ihn kommen sah, und +küßte lächelnd seine Hände. Gregor ließ sich an ihrem Lager nieder, fühlte +ihren Puls und sah in den Hals. Dann schrieb er ein Rezept und gab es der +Wirtin, die forteilte, um die Medizin zu besorgen. Gregor nahm Mimis Hand, +neigte sich auf ihr Bett und sprach freundliche Worte zu ihr nieder. + +Allmählich schlossen sich ihre Augen, und ihre Brust begann ruhiger zu +gehen. Sie schlief ein. Gregor betrachtete die Ruhe ihres weißen +Gesichtchens und dachte: 'Nun ist sie auch krank.' Mit diesem Gefühl +mischte sich ein anderes, merkwürdiges. Es war beinahe wie ein Triumph. +Ihm war, als empfände er es als eine Befriedigung, daß er nun nicht mehr +allein von ihnen beiden der Bemitleidenswerte sei. Aber dieses Empfinden, +kaum entstanden, verdroß ihn aufs tiefste, und er schalt sich niedrig und +gemein. Er mußte husten. Er wußte ja, daß er unendlich kränker war als +sie. Sie war nur erkältet, das ging vorüber. Bei ihm saß es tiefer. + +Es klopfte. Die Wirtin kam und brachte die Medizin. Er nahm sie ab, +entkorkte die kleine Flasche und stellte sie auf das Nachttischchen. Er +wollte Mimi nicht wecken, der Schlaf tat ihr besser als alle Medizin. Er +blieb an ihrem Bette sitzen, horchte auf ihren Atem, und tausend +Vorstellungen zogen durch sein Gehirn. Sein Auge wanderte in dem Zimmer +umher, das er noch nicht sehr oft betreten hatte. Es war ursprünglich ein +Mietszimmer nach der Schablone gewesen, aber jetzt konnte man überall die +Spuren sorgender Hände entdecken. So war das Zimmer wohnlich und +freundlich geworden, es hatte ein Gesicht bekommen, es war das Zimmer der +kleinen Mimi mit dem beweglichen Sinn für das Bunte und Heitere. + +An der dem Bett gegenüber gelegenen Wand stand ein schmaler Schreibtisch, +der den Eindruck machte, als würde er selten oder nie benutzt. Allerhand +Sächelchen standen darauf herum, kleine Tiere aus Porzellan, chinesische +Figürchen und ein paar Flacons und bunte Kästen. In der Mitte von dem +allen prunkte eine flache silberne Schale, angefüllt mit Photographien. +Gregor ging auf leisen Füßen hinüber, holte sich die Schale an das Bett +und stöberte in den Bildern herum. Es waren Freundinnen und Verwandte +Mimis, die Kinder ihrer Wirtin und dergleichen mehr. Ganz zuunterst lag +ein kleines Bildnis, das den Studenten, sobald er es sah, auf das +sonderbarste berührte. Es stellte Mimi dar. Auf der Rückseite war +vermerkt: sechzehn Jahre alt. + +Sie stand in einem weißen Kleidchen da, und die ganze Figur war zu sehen. +Ihre schönen Augen blickten geradeaus, die Hände hielt sie auf dem Rücken +verschränkt. Es war das Bildnis eines reinen, unberührten Kindes, das noch +von dem Brausen der Welt und von sich selbst nichts weiß. Wie eine weiße +Blüte im Frühling stand sie da. + +Gregor staunte das Bild an wie ein enthülltes Geheimnis. Er vergaß darüber +ganz, daß die lebende Geliebte da neben ihm lag und atmete. Er empfand +nichts weiter als die Schönheit dieses lieblichen Bildes. Seine Augen +sogen sich förmlich fest daran. + +Mimi bewegte sich und sprach einige zusammenhanglose Worte. Gregor steckte +die gefundene Photographie in die Brusttasche und trug die silberne Schale +auf den Schreibtisch zurück. Dann trat er wieder an das Bett, gerade als +Mimi erwachte. Sie sah ihn aus fieberigen Augen an. Er wagte kaum in diese +Augen hineinzusehen, wie in dem Bewußtsein einer Schuld. Er goß einige +Tropfen Medizin in einen Löffel und reichte sie ihr. Sie nahm den Trank +und ließ den matten Kopf schnell wieder zurück in die Kissen sinken. + +Nachher, als sie wieder schlief, nahm er das Bild von neuem vor. Er +meinte, nie so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, da er sich im Besitz +dieses Schatzes wußte. Er führte das Bild an die Lippen und küßte es mit +geschlossenen Augen. Es wollte ihm scheinen, daß er erst jetzt gefunden +habe, was er bisher noch immer unbewußt entbehrt hatte. Ja, ihm war, als +müßte die Zukunft nun hell und freundlich sein. Er drückte das Bild an die +Brust, voll leidenschaftlichen Fühlens, und sprach zu ihm in erregten +Gedanken. Aber wenn seine Augen dann neben sich auf die ahnungslos +Schlafende niederfielen, trübten sie sich und verloren den Ausdruck der +Freude. + + * * * * * + +Nach einer Woche ungefähr war Mimi leidlich wiederhergestellt. Als er sie +das erstemal ausführte, lenkten sie ihre Schritte in jenen Park, in dem +sie sich das erstemal geküßt hatten. Sie fanden auch die Bank wieder, auf +der sie damals gesessen hatten, und da gerade ein schöner +sonnendurchwobener Tag war, ließen sie sich für ein Weilchen auf dem +vertrauten Sitze nieder. Mimi sah noch bleich aus, aber sie wurde von +einem unsagbar wohligen Gefühl durchströmt, wie es die Genesenden zu +empfinden pflegen. Er hatte seinen Arm in den ihrigen gelegt, und ihre +Hände ruhten vereint in Mimis Schoß. Das Mädchen sprach mit sanfter +Stimme: + +»Jetzt sind die Bäume leer. Damals hing noch fast alles Laub zu unseren +Häupten. Weißt Du noch?« + +»Ich weiß.« + +»Damals küßtest Du mich in großer Liebe. Hast Du mich noch so lieb?« + +»Ja, ja, ja, ich habe Dich noch so lieb. Immer.« + +Er mußte, indem er es sagte, an das Bild denken, das auf seinem Herzen +lag. Daher kam die Innigkeit in seine Stimme. Aber er vergaß, Mimi zu +küssen. + +»Warum küßt Du mich nicht?« fragte sie. + +»Mimi, warst Du sehr schön, als Du sechzehn warst? Schön wie ein Engel +warst Du, glaube ich.« + +»Ich verstehe Deine Worte nicht. Hast Du mich nicht mehr lieb?« + +»Doch, doch. Aber ich gäbe meine Seligkeit hin, wenn ich Dich hätte sehen +können, als Du sechzehn warst.« + +Dann legte er schnell sein Gesicht auf ihres und küßte ihre Augen, ihre +Stirn, ihre Wangen, ihren Mund, mit wilder Leidenschaft. Es war, weil +seine Gedanken meinten, ein süßes, vielgeliebtes Bild zu küssen. + + * * * * * + +Mimi merkte, daß eine Veränderung in Gregor vorgegangen war. Er zeigte +sich über die Maßen zerstreut, hustete mehr als früher und wurde immer +spärlicher in den Äußerungen seiner Liebe. Das bekümmerte Mädchen dachte +nach, worin diese Veränderung ihren Grund haben könnte. Sie meinte zuerst, +daß sie eine Folge der offenbaren Verschlechterung seines körperlichen +Zustandes sei. Gregor war zweifellos sehr krank. Er sprach gar nicht mehr +über sein Leiden, desto schwerer mußte es ihn innerlich bedrücken. Aber +dann kamen auch gute Tage, an denen er sich leicht fühlte wie ein Vogel in +der Luft: sein Benehmen aber blieb das gleiche. Er griff ihr nicht mehr +mit der Hand übers Haar, und aus seinen Küssen schlug kein Feuer. + +Mimi fühlte: seine Krankheit ist es nicht. Zumindest ist es seine +Krankheit nicht allein. Es ist ein anderes Mädchen, das seine Gedanken +beschäftigt und ihn zu mir so lau sein läßt. Er liebt eine andere und will +es nicht gestehen, mir nicht und vielleicht sich selber nicht. Aber er +soll es mir sagen, das ist er mir schuldig, denn ich kann diese grauen, +schleppenden Tage nicht länger ertragen. + +Eines Abends, es war in seiner Wohnung, sprach sie dann ganz ruhig zu ihm, +-- freilich, es kostete sie große Mühe, daß sie diese Ruhe erzwang --: + +»Gregor, Du liebst mich nicht mehr. Ich fühle es an allem, Du trägst das +Bild einer andern in Dir. Lüge nicht. Erlöse mich, gestehe es ein.« + +Gregor sah bleich und mit verlorenen Augen an dem Mädchen vorüber, wie in +eine Ferne. Dann rang es sich tropfenweise von seinen Lippen: + +»Das Bild einer andern? Das ist nicht wahr! Dein Bild und kein anderes +trage ich in mir, bei meiner Seele!« + +Er senkte den Kopf zu Boden und starrte vor sich hin, dumpf und +schweigend. Mimi wagte nichts zu erwidern. Sie sah ihn an, verängstigt und +in großem Mitleid. Sie wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte. Da +bemerkte sie, daß sich ein paar Tränen aus seinen Augen stahlen und zu +Boden stürzten. Ein unendlicher Jammer ergriff sie, daß sie selbst laut +hätte weinen mögen. Aber das tat sie nicht. Sie stand auf und setzte sich +neben ihn, ergriff sein Haupt, lehnte es an ihre Brust und sprach: + +»Armer Gregor.« + +Da schlang er seine Arme um ihren Leib, fest, als übermanne ihn die +Furcht, daß er die Geliebte verlieren könne. Er schluchzte zum +Herzzerbrechen, es war, als ob eine wilde innere Zerrüttung ihn wahnsinnig +machen wolle. + +Aber als er sich beruhigt hatte und Mimi ihn mit Vorsicht zu fragen wagte, +was ihm sei? was ihn quäle? er solle sich doch durch eine Aussprache +erleichtern, schüttelte er abwehrend den Kopf und sagte nur: + +»Es ist nichts. Du kannst mir nicht helfen. Es wird alles vorübergehen.« + +Damit mußte sie sich begnügen. Es schmerzte sie freilich, daß er es +verschmähte, sich ihr anzuvertrauen. Früher hatte er ihr nie etwas +verschwiegen. Aber sie dachte bei sich: Ich werde es dennoch erfahren. Es +ist eine andere, ich weiß es gewiß. Es wird alles offenbar werden. + + * * * * * + +Für einen Sonntagnachmittag hatte man sich derart verabredet, daß Mimi um +drei Uhr zu Gregor kommen sollte, um ihn abzuholen; bis dahin hatte er in +der Klinik zu tun. Mimi verfrühte sich und traf schon vor der +festgesetzten Stunde in Gregors Wohnung ein. Sie wartete, und als sie ihn +endlich die Treppe heraufkommen hörte, schlüpfte sie schnell in das +anstoßende Schlafzimmer, um sich zu verbergen und dem Geliebten eine +Überraschung zu bereiten. Gregor trat in sein Zimmer, legte Hut und Mantel +ab, hustete heftig und legte sich auf den Diwan. Mimi beobachtete ihn +durch die Portière, ohne daß er eine Ahnung von ihrer Anwesenheit hatte. +Er fühlte eine Weile seinen Puls und neigte bedenklich den Kopf hin und +her, als ob er einen fremden Patienten vor sich habe. Dann griff er in die +Brusttasche und holte eine Photographie hervor. Er sah sie lange an, mit +verzückten Augen. Darauf führte er sie an den Mund und küßte sie mit +Leidenschaft. Er drückte sie an sein Herz, an seine Stirn, auf seine Augen +und küßte sie wieder, unablässig, aufgeregt wie ein Wahnsinniger. + +Mimi traute ihren Augen nicht. Es schwirrte ihr durch den Kopf wie ein +Schwarm nächtiger Vögel. Ein Gedanke jagte den andern. Dann stand es ihr +klar im Bewußtsein: das Bild da ist es, das Bild! + +Sie wußte kaum, was sie tat. Sie stürzte aus ihrem Versteck zu Gregor +hinein, vor den Diwan. Gregor schrie laut auf, dann starrte er sie an, mit +verglasten Augen, unwissend was das zu bedeuten habe. Sie riß ihm mit +Windesschnelle das Bild aus den Händen. Es berührte sie fast lächerlich, +als sie dann sah, wen es darstellte. Sie zerriß das Bild, ehe er es +hindern konnte, in kleine Fetzen und warf sie verächtlich beiseite. Gregor +stand auf und reckte seine Arme hoch über den Kopf, mit einer +verzweifelten Gebärde. Dann brach er zusammen und fiel rücklings über den +Diwan. Ein kleiner Streifen hellroten Blutes war ihm auf die Lippen +getreten. Auch aus der Nase quollen einige rote Tropfen. + +Als Mimi ihn so sah, rief sie um Hilfe. Sie warf sich über ihn und nannte +seinen Namen. Erst laut, als wollte sie ihn wecken, dann flüsternd und +schmeichelnd, wie ein Kind. Es war fruchtlos, Gregor rührte sich nicht. + +Die Wirtin hatte die Schreie gehört und trat in das Zimmer. Sie erkannte, +was not tat, und lief zum Arzt. Als dieser kam und die bewußtlose Mimi mit +Mühe von dem Körper Gregors losgelöst hatte, sagte er: + +»Ein Blutsturz. Er ist tot.« + + + + +Nebelnacht + + +Einmal brachte ich im Sommer einige Wochen in dem kleinen norddeutschen +Dorfe Silben zu. Es ist anmutig gelegen, in einer fruchtbaren, an Bäumen +reichen Gegend, durch die sich ein helles Flüßchen schlängelt. Dieses ist +auf beiden Ufern mit Weiden bestanden, die ihre trauernden Zweige in das +Wasser niederhängen lassen; und in größeren Abständen mit hochragenden +Silberpappeln, die wispernd auf ihre heroischen Spiegelbilder +niederschauen. Ich streifte damals viel im Freien herum und kam während +des Tages mit Menschen wenig in Berührung. Nur an einigen Abenden der +Woche ging ich ins Wirtshaus, um ein paar Stunden mit dem Arzt, dem +Förster, mitunter auch dem Pfarrer, zu verplaudern. + +Es war ein besonders heißer Sommer. Wir hatten nichts als Tage voll Sonne. +Alle Menschen sahen kupfern aus, wie Zulus. + +Am Abend stellten sich zuweilen unvermutet Nebel ein und verhüllten das +Land. Es waren gewöhnlich feine, weiße Strichnebel, die über die Felder +und Wiesen zogen, gleich durchsichtigen, seidenen Geweben oder wie +verfitztes Garn. Sie verschoben sich unablässig, zerstoben hier und +tauchten dort wieder auf, geisterhaft schön. Wenn dann über ihnen die +Sterne zu scheinen anfingen oder der Mond seine blassen Strahlen in sie +hineinwarf, daß sie funkelten gleich Silbersträhnen oder perlenbesetzten +Gewändern, so schien diese Landschaft ganz unwirklich, als ob sie einem +Traum entstiegen wäre. + +Eines Tages kam ich bei anbrechender Dunkelheit und klarstem Wetter, von +allerlei Streifereien ermüdet, ins Dorf zurück, begab mich in meine +einfache Behausung, lieferte der Bauersfrau, deren Dach mich beherbergte, +einige Vögel aus, die ich geschossen hatte, und fiel über das ländliche +Abendessen her. Ich weiß noch, daß es rosenroten Schinken gab, kerniges +Schwarzbrot, Eier und Bier. Dann las ich bei der Lampe in einem Buch und +machte mich schließlich, als es draußen an der Kirchuhr zehn schlug, auf, +um in das Gasthaus zu gehen und dort den Rest des Abends mit den +Stammgästen zu verbringen. Als ich zur Haustür hinaustrat, lag das Dorf im +Nebel. Er stand dick, wie eine Mauer, nach allen Seiten hin und regte sich +nicht. Ich war überrascht. So massig und leblos hatte ich ihn noch nicht +gesehen. Aus den einzelnen Häusern in der Nähe schimmerten die abendlichen +Lichter, blutrot und trübe, von einem Dunstkreis umgeben. Ich tappte, halb +aufs Geratewohl, vorwärts und langte endlich bei dem Wirtshaus an. Als ich +aber die Tür öffnete und eintreten wollte, bemerkte ich, daß es das +Wirtshaus gar nicht war. Der Nebel hatte mir einen Streich gespielt, ich +war fehlgegangen. Und ich hätte doch, als ich das Haus so vor mir hatte +liegen sehen, wetten mögen, daß es der Gasthof gewesen sei. Ein Kind des +betreffenden Hauses brachte mich in die Wirtschaft hinüber, wo der Arzt +und der Förster schon auf mich warteten. Es war noch ein dritter Mensch +bei ihnen, ein Geschäftsreisender, der das Dorf gerade passierte. Die +Männer rauchten Zigarren, nur der Förster Tabak aus einer Handpfeife mit +grünem Porzellankopf, tranken Bier und spielten Skat. Als ich mich zu +ihnen setzte, ließen sie die Karten ruhen, begrüßten mich, man stellte +mich dem Geschäftsreisenden vor, und dann ließ ich mir einen Schnaps geben +und erzählte, was mir soeben in dem Nebel zugestoßen sei, d. h. daß ich +das Wirtshaus nicht habe finden können und in die Irre gegangen sei. + +»Seien Sie froh, daß Ihnen nichts Schlimmeres zugestoßen ist«, sagte der +Arzt. »Wer diesen Nebel nicht kennt, soll sich vorsehen. Ich kann Ihnen +eine Geschichte erzählen.« + +»Erzählen Sie doch«, sagte ich. + + * * * * * + +Der Arzt erzählte: + +Es ist schon eine Weile her. Ich wohnte erst ein halbes Jahr in diesem +Nest. Sie wissen, ich habe Pferd und Wagen, wegen der Patienten in den +umliegenden Dörfern. Eines Tages wurde mir der Gaul krank und durfte den +Stall nicht verlassen. In einer der folgenden Nächte kommt man und ruft +mich dringend zu einem Kranken nach Riebach, einem Ort etwa eine Meile +östlich. Ich fluche und wettere, und am Ende muß ich den Mann zu Fuß zu +seinem schwerkranken Vater nach Riebach begleiten. Es war eine helle, +sternklare Frühherbstnacht, weich und duftig, und eigentlich war es eine +Lust, so durch die mondbeschienenen Felder zu schreiten. Die unbequeme +Müdigkeit war mir bald aus den Gliedern gewichen, mit ihr die schlechte +Laune, und ich empfand eine wahre Freude an diesem nächtlichen +Spaziergang. Ich sah und hörte allerhand Heimliches, Ungewohntes, das mir +reizvoll war. So das Piepsen mancher Vögel im Traum, von denen man nicht +wußte, wo sie schliefen. Das merkwürdige Säuseln mancher Baumkronen, von +Luftzügen bewegt, die man sich in der stillen Nacht nicht zu erklären +wußte. Das unvermutete Rascheln und Rennen im Feld, das von +aufgescheuchten Tieren herkam. + +Auf einer alten Steinbrücke hatten wir den Fluß zu überschreiten. Das +lautlose Wasser blitzte und strahlte in unzähligen feinen Silberstrichen, +durch die eine rastlose flimmernde Bewegung ging. Gleich jenseits der +Brücke duckte sich eine kleine Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der +Mond wie Schnee. Aus einem der niedrigen Fenster schien ein Licht in die +Nacht. Wir gingen daran vorüber und hörten von drinnen einige lachende +Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, daß es italienische Arbeiter seien, die +eine Straße in der Nähe ausbesserten und in der Schenke wohnten. Bald war +wieder die große Stille um uns her. + +Schließlich gelangten wir an unser Ziel, in das von ziemlich baumarmen +Feldern umgebene Dorf, dessen Turm wir schon vorher gegen den hellen +Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem Kranken war nicht viel zu tun. Es +handelte sich um einen der Fälle, die man allein sich zu Ende kämpfen +lassen muß. Es war vorauszusehen, daß der Alte spätestens am Abend des +folgenden Tages sich für immer ausstrecken werde. Ich konnte mich nur +bemühen, ihm das Letzte möglichst leicht zu machen. Ich blieb etwa eine +halbe Stunde am Krankenbett und wandte mich dann zum Gehen. Da ich das +Wohnzimmer der Leute durchschritt, fragte mich der junge Bauer, ob ich +nicht, ehe ich wieder heimwandere, irgendeine Stärkung zu mir nehmen +wolle. Dieses Anerbieten kam mir sehr erwünscht, denn die nächtliche +Wanderung hatte mir Hunger verursacht. Ich setzte mich also und +befriedigte mit Genuß meinen gesunden Appetit, während sich einige +Schritte von mir entfernt ein Mensch unter gelinden Schmerzen langsam +auflöste. Endlich erhob ich mich, schärfte dem jungen Bauer noch einmal +die Verhaltungsmaßregeln ein und ging davon. Als ich ins Freie trat, sah +ich, daß sich vielfache silberne Nebelstriche über die Felder gelagert +hatten. Sie schweiften und wehten leise hin und her. Der Himmel war noch +klar und voller Sterne, und der Weg war gut zu erkennen. Ich schritt zu +und merkte nun auch, daß es kühler geworden war. Mitunter, wenn die Nebel +an mir vorbeistrichen, wehte mich ein eiskalter Hauch an. Nach und nach +bezog sich das Firmament, die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden +dichter und zahlreicher. Weiß der Himmel, woher sie kamen, sie schienen +aus der Erde zu wachsen, sie türmten sich wie Wolken übereinander, sie +schoben und drängten sich, bis sie schließlich feststanden und sich nicht +mehr rührten. Ich kam wieder an der Wegschenke vorbei, die jetzt ohne +Licht, schlafend und lautlos, an dem Flußufer hockte. Sie hob sich im +Nebel wie eine dunkle, klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, in +dem aber das Leben doch wohnte und nur darauf lauerte, daß man es weckte. +Dann passierte ich die Brücke. Ich schritt an dem linken Geländer entlang +und konnte das rechte nur noch wie einen Schatten wahrnehmen. Jenseits des +Flusses wurde es noch schlimmer. Es kam mir vor, daß kleine Wirbel von +Nebeln um mich her tanzten, zuweilen eröffnete sich einmal ein Ausblick, +einige Bäume, ein Stück Feld oder Gebüsch wurden sichtbar, dann schnürte +sich wieder alles zu, es wehte trügerisch durcheinander, jetzt schob sich +von da, jetzt von dort eine Nebelwand gegen mich vor, und ich bereute es +durchaus, diesen nichtswürdigen Weg unternommen zu haben. Angst überfiel +mich. Zur Umkehr war es zu spät. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich +befand, ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege war und in welcher +Richtung unser Dorf lag. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte mehr und +tastete einfach auf gut Glück in die Finsternis hinein. Dabei traten +allerhand scheußliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn jetzt einige +von den italienischen Arbeitern betrunken irgendwoher auf mich zuwankten +und mich niederschlügen. Oder: wenn ich jetzt mit dem Kopf gegen den Stamm +eines Baumes stieße und besinnungslos hinstürzte. Oder: wenn ich jetzt an +den Fluß käme und sähe ihn nicht. + +Zuweilen machte ich kopfschüttelnd halt. Ich sagte mir, daß eigentlich +jeder Schritt, den ich tat, eine Torheit sei. Vielleicht ging ich in einer +Richtung, die mich von Silben immer mehr entfernte. Vielleicht war ich +auch schon längst an dem Dorf vorbeigegangen, denn der Zeit nach hätte ich +wohl schon zu Haus sein müssen. Es war eine Lage zum Verzweifeln, und ich +machte mich auf das Schlimmste gefaßt. Dabei merkte ich zum Überfluß, daß +ich von dem Fußweg abgekommen war und mich auf einem Stoppelfeld befand. +Es war, um die Fassung zu verlieren. Ich schimpfte wütend vor mich hin, +aber das war zu nichts nütze. Ich tastete weiter, wie ein Blinder, den +sein Führer im Stich gelassen hat. Plötzlich mußte ich denken: wenn ich +jetzt stürzte, in eine Sandgrube oder irgendwohin, und müßte da die Nacht +durch liegen bleiben und vielleicht auch noch den kommenden Tag und immer +so fort, -- es war ein abscheulicher Gedanke. Während ich ihm noch +nachhing, merkte ich, daß ich den Boden unter den Füßen verlor, ich fiel, +schlug mit den Armen in die Luft, fühlte ein Krachen im Kopf, ein +Schwindel folgte, und dann war alles still. + +Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, spürte ich ein dumpfes Gefühl im +Kopf und einen feinen Schmerz im Knöchel des linken Fußes. Ich betastete +mich vorsichtig, fühlte nasse Erde an den Kleidern, und als ich mich +rühren wollte, tat der Fuß heftiger weh. Ich riß die Augen auf. Es war +stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu erkennen. Ich versuchte +mich zu erheben, aber der Fuß ließ es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte, +hatte ich einen Schmerz, als ob mir einer mit einem stumpfen Messer die +Sehne durchschneide. Ich wußte, daß das zum mindesten eine heftige +Verstauchung, vermutlich aber ein Knochenbruch war. + +Da lag ich nun, krank, hilflos in einer schauerlichen Nacht. Ich +überlegte, was ich tun könnte, aber ich kam auf nichts. Ich fühlte mit den +Händen nach allen Seiten und stieß überall auf Erde. Es war allem Anschein +nach eine leere Kalkgrube, in die ich gefallen war. Ich befand mich also +sicher in der Nähe des Dorfes. Ich dachte daran, daß man mich vielleicht +hören würde, wenn ich tüchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und lauter, +immer von neuem, in immer anderen Tönen, und dann brüllte ich wie ein +Tier. Meine eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden. Ich hörte auf. +Es war ja doch alles vergebens. Eine Antwort erfolgte nicht. Überhaupt war +ringsum nicht der leiseste Laut zu vernehmen. + +Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus mir geworden wäre, wenn die Grube +schon mit dem gelöschten weißen Kalk angefüllt gewesen wäre. Ich sah mich +in Gedanken hineinsinken, langsam, ohne daß ich die Glieder regen konnte, +und dann kam mir der schwammige Brei an die Kehle, ich schrie noch einmal, +der Schrei erstickte im Kalk, und dieser drang mir ätzend in Mund und +Nase. Die Sinne vergingen mir. + +Meine Lage war gewiß nicht beneidenswert; aber wenn ich an den Kalk +dachte, -- das war noch teuflischer. + +Andere Bilder traten vor mich hin. Wenn sich jetzt zum Beispiel -- so +dachte ich -- die Erde oben durch irgendeinen Zufall lockern würde, und +die Grube bräche in sich zusammen und verschüttete mich. Ich würde es mir +ruhig gefallen lassen müssen, denn ich konnte mich ja kaum bewegen, viel +weniger mich erheben. Ich würde eben einfach nach einigen Minuten in der +Finsternis ersticken. Unwillkürlich richtete ich das Auge nach oben, an +die Ränder der Grube. Sie hoben sich kaum gegen das graue Einerlei des +Nebels ab, der über ihnen hinzog. Ich sah noch eine ganze Weile nach oben, +voll Furcht. Mein Herz schlug, daß ich es hörte. Es stand mir ganz außer +Zweifel, daß die Grube einfallen _müßte_, ich wollte nur den Augenblick +abwarten und dann die Augen schließen ... + +Der Augenblick kam nicht, und ich wurde wieder ruhiger. Ich begann zu +frieren. Es schien mir, als stelle sich Fieber ein. Ich hüllte mich, so +fest es ging, in meine Kleider und zog den Hut über die Ohren. So lag ich, +dösend, mit durcheinanderschwirrenden Gedanken, und jede Minute wurde mir +zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?! + +Ich brüllte noch einmal, mit Aufbietung aller Kräfte, wild, wahnsinnig. Es +verhallte ungehört. Alles blieb still. Nun gab ich es endgültig auf. + +Einmal war mir, als ob ein Knistern über mir am Rande der Grube hinhusche. +Zuerst wagte ich nicht aufzuschauen. Die Angst packte mich schon wieder, +dann schielte ich doch hinauf, und nun schien mir, daß dort oben in dem +ziehenden Nebel sich eine Gestalt über den Rand der Grube zu mir +niederneige, eine vage, zerfließende, schweigende Gestalt, nur wie ein +Schatten. Ich strengte meine Augen an und verhielt mich still. Als ich +ganz fest hinschaute, sah ich schließlich gar nichts mehr, und nun hätte +ich über meine dummen Einbildungen beinahe gelacht. Es war nichts als ein +Nebelstreifen gewesen, natürlich, was sollte es denn sonst gewesen sein? +Ja, und was war mir Narren denn überhaupt Schlimmes geschehen? War nicht +diese ganze Angst verrückt und meine Lage im Grunde recht harmlos? Ich lag +da in einer Kalkgrube, mit verletztem Fuß und übrigens vollem Magen, fror +etwas und hatte einfach dem Morgen entgegenzusehen, wo die Arbeiter kommen +und mich finden würden. Man würde mich hinaufholen, auf einen Wagen +bringen und nach Hause fahren. Da, das war das ganze. War das nun so etwas +Gräßliches, wovor man ein Grauen haben konnte? Ich war doch recht +kindisch. + +Ich fing an, ganz ruhig und geduldig zu werden und fügte mich in meine +Lage mit Gleichmut. Bald spürte ich, daß ich müde wurde. Ich lehnte den +Kopf an die Wand der Grube und schloß die Augen. Es war mir alles +gleichgültig, ich wußte nur, daß ich sehr müde war und schlafen mußte. Ab +und zu fühlte ich noch kalte Schauer mich überfallen. Zuweilen war mir +auch, als ob mein Herz stillstände. Dann trat mir endlich nichts mehr in +das Bewußtsein, und ich begann hinüberzudämmern. + +Als ich erwachte und die Augen aufschlug, war es heller Tag. Ich hustete, +fror und fühlte mich schlecht. Mein Fuß brannte wie Feuer. Ich sah ein, es +war höchste Zeit, daß etwas mit mir geschah, es konnte sonst leicht zu +spät werden. Der Nebel war völlig verschwunden, ein hellblauer, +strahlender Himmel leuchtete durch die viereckige Grube zu mir herab. +Plötzlich hörte ich ganz in der Nähe Stimmen. Hallo! Ich rief, rief. Dann +lauschte ich. Die Stimmen brachen ab; mir schien, sie flüsterten. Einige +Augenblicke später neigte sich der Körper eines Menschen über die Grube. +Es war unser Pfarrer im Amtsornat. Ich sehe noch seine großen, +verwunderten Augen und das mächtige Sammetbarett auf dem blonden Kopf. +Dann drängten sich andere Köpfe vor, alle erschreckt und erstaunt. Man +holte schnell eine Leiter und schob sie zu mir hinunter. Es kam jemand +herabgeklettert und half mir behutsam an der Leiter auf. Nun sah ich, daß +ich mich auf dem neuangelegten Teil des Kirchhofs befand. Ich hatte die +Nacht in einem frisch geschaufelten Grab gelegen. Man trug mich vorsichtig +in das Leichenhäuschen hinüber, damit ich dort warte, bis ein Wagen käme. +Während des Wartens sah ich durch die Fenster des Häuschens, wie man einen +Sarg vom Leichenwagen lud und auf jene Stelle hinabließ, wo ich die +vergangene Nacht zugebracht hatte. + + + + +Ebeth + + +An einem Herbsttag, als die Ahornblätter in der Sonne wie Kupfer waren, +sah ich Ebeth das erstemal. Es war in einem Vergnügungsgarten vor den +Toren der Stadt. Sie fuhr mit einer Freundin auf einem von Glasbehängen +überglitzerten Karussell, zu dem eine Drehorgel spielte, in den Akkorden +der Melancholie. Die Mädchen aßen Schokolade, sie saßen lachend quer über +glotzäugigen Holzpferden da, und an Ebeth floß ein weißes, welliges Kleid +herunter. Sie wiegte sich sacht in den Hüften, zur Melodie des klagenden +Walzers. Wie hell und lustig war ihr Lachen, wie weich war dieses Wiegen +der Hüften, wie wallte das Kleid an ihren schlanken Gliedern hin! Nachher +tanzten wir. Ich fühlte sie kaum beim Tanz, sie tanzte nicht hüpfend, +sondern schwebend, und man hatte das Empfinden, daß sie einem zwischen den +Armen zerrinnen könne wie ein Gebilde aus Nebel. + +Als Ebeth das erstemal zu mir kam, hatte sie weiße Schuhe an den Füßen, +und unter dem Kinn trug sie eine blaue Schleife aus Seide, -- aber das +Blau ihrer Augen war seidiger, zarter und schimmernder. Wie sie die Arme +um mich warf! Mir war, ich sollte in einer Wolke duftender Rosen +untergehen. Wie sie dann sprach, gleich einem zwitschernden Vogel, der +Lieder singt, von denen er nichts weiß. Ihre Lippen waren rot wie +Blutstropfen und hatten einen sanften rhythmischen Schwung. Sie waren es +besonders, die dem Gesicht jenen schwer zu beschreibenden Reiz verliehen, +dem man nicht widerstehen konnte. + +Ebeth! Wenn ich an das Jahr zurückdenke, das wir zusammen durchlebten, so +ist mir, ich sähe in einen Sommergarten mit unzähligen Blüten und Düften +und mit Sonne, in der die Flügel schillernder Schmetterlinge gaukeln. Wenn +ich an Dich denke, so ist mir, als höre ich den warmen Sommerwind leise +wehend über die Felder treiben, die rot sind von wucherndem Mohn, und ich +vernehme das geheimnisvolle Schlürfen kleiner, lange vergangener Schritte. + +Wenn Ebeth kam, war Jugend, Glück und Licht in meinem Zimmer. Bis in die +Stunden des Nachmittags arbeitete sie in einem Bureau. Dann kam sie. Meist +brachte sie Blumen mit, zumal gelbe Rosen, die sie abgöttisch liebte. In +gewissen übermütigen Launen war sie fähig, ihr ganzes Vermögen für diese +Blüten hinzugeben. Sie hatte gar keinen Begriff von der Bedeutung des +Geldes. Was sie hatte, gab sie ohne Bedenken aus, auch für Fremde und +selbst auf die Gefahr hin, daß sie selber dadurch in Verlegenheit kam. Zu +Hause hatte sie Berge von Schokolade liegen, die sie an Kinder zu +verteilen pflegte. Ihr Herz litt es nicht, daß ein armer Blinder oder +Lahmer an ihr vorüberging, ohne daß sie ihm eine Gabe zusteckte. + +Geradezu eine Leidenschaft aber waren die Käufe in den Blumenläden. Sie +war unverbesserlich darin, und alles Ermahnen blieb fruchtlos. Wenn ich +ihr Vorstellungen über ihren Leichtsinn machte, stand sie mit ihrem +Kindergesicht da, sah mich schweigend an, und wenn ich geendet hatte, +wußte ich, daß alles an ihr vorübergerauscht war wie an einer Wand. +Einmal, es war im Februar, schleppte sie ein Rosenbukett von der Größe +eines Wagenrades ins Haus. Sie sei so glücklich, sagte sie, sie möchte am +liebsten allen Menschen etwas Freundliches sagen, denn die Sonne sei so +goldig um alles draußen, und man merke deutlich, daß der Frühling in Kürze +kommen müsse. Da habe sie sich nicht bezwingen können, sie habe den +wundervollen Strauß, der ihr aus dem Schaufenster so verlockend +entgegengelacht habe, ohne Besinnen gekauft. Sie rankte sich an mir auf +wie eine Rebe und wühlte in meinem Haar. Als sie sich beruhigt hatte, +sagte ich ihr wieder, wie lieb, aber wie unvernünftig sie sei. Meine Rede +wurde sehr inständig, und als ich am Schlusse sicher glaubte, diesmal +Eindruck auf sie gemacht zu haben, sprach sie kein Wort, sondern nahm nur +meinen Kopf in beide Hände und lachte. + +So war Ebeth. + +Ganz aus dem Häuschen geriet sie, wenn sie schöne Kinder zu Gesicht bekam. +Hier fand ihre Zärtlichkeit keine Grenzen, und nicht selten machte sie auf +der Straße halt, um sich in den reizendsten Liebkosungen zu ergehen, wenn +sie einem solchen anmutigen Wesen begegnete. Sie verstand es, so vertraut +mit Kindern zu verkehren, als hätte sie nie in ihrem Leben etwas anderes +getan. Sie hat mir auch oft gestanden, daß es ihr sehnlichstes Wünschen +sei, solch ein Geschöpfchen ihr eigen zu nennen, und ich weiß, daß ihr +nicht selten vor stillem Neid die Tränen nahe waren, wenn sie eine junge +Mutter mit ihrem Kinde an sich vorübergehen sah. + +Für gewöhnlich freilich erinnerte sie nicht an eine Mutter. Sie war +vielmehr wie ein Kind: unbedacht in allem, was sie tat, immer nur dem +Andrang des Gefühls nachgebend und unfähig, über den Tag hinaus zu denken, +an dem sie lebte. Sie war von einer Offenherzigkeit, die erstaunlich war; +von einer Ehrlichkeit im Gebrauch der Worte, die ich bewunderte. Nie hat +sie mich belogen, nie ein Gefühl geheuchelt, das sie nicht hatte, nie hat +sie mir etwas verborgen, was in ihr vorging. Wenn wir zusammen durch die +Stadt gingen und einem Manne begegneten, dessen Gesicht ihr gefiel, sagte +sie einfach, wenn er vorüber war: »Der war schön, findest Du nicht?« Sie +sagte es in einer Weise, daß es mich nicht verletzen konnte. Freilich, ich +war immer erstaunt, so oft sie es sagte. Ich verstand ihren Geschmack +nicht. Die Gesichter, die ihr gefielen, auch die weiblichen, hatten immer +etwas Stumpfes, Geistloses, und zuweilen fand ich sie von einer +bedenklichen sinnlichen Roheit, so daß ich mich nicht enthalten konnte, +Ebeth gelegentlich zu fragen: »Sehe ich denn auch so aus?« »Nein«, sagte +sie und schmiegte sich an mich, »das ist ja gerade das Gute, daß Du nicht +so aussiehst.« + +Sie kleidete sich immer nett, sauber und geschmackvoll, meist in heiteren +Farben. Sie bevorzugte weiß und blau. Einmal, im Frühling, hatte sie sich +einen kostbaren großkrempigen Hut in diesen Farben hergestellt, der lange +mein Entzücken war. Unter diesem Hute sah sie aus, als wäre sie ein +verirrtes Prinzeßchen aus dem Märchenland. Ich fühlte, daß die Leute auf +der Straße still standen und ihr nachsahen, wenn sie plaudernd an meinem +Arme hing. + +Ihr Körper war so geschmeidig und wohlgeformt, daß die Kleider immer als +etwas Herabrieselndes bei ihr erschienen. Als bade sie sich in den dünnen, +gleitenden Wellen dieser Stoffe, welche die schwebende Leichtigkeit ihres +Ganges und den Liebreiz ihrer Bewegungen nur wenig behinderten. + +Wenn wir ausgingen, gab es etwas, was wir aufs peinlichste vermeiden +mußten: nämlich einem Fuhrwerk zu begegnen, dessen Kutscher auf die Pferde +einhieb. Wenn Ebeth sah, daß man ein Tier quälte, geriet sie in eine +heftige nervöse Aufregung, daß sie kaum mehr zu besänftigen war. Ich habe +eine ganze Reihe von Szenen mit ihr durchgemacht, wo sie Fuhrleute +zitternd mit den liebevollsten Worten zu bewegen suchte, von dem +Auspeitschen auf die Pferde abzulassen, und sie konnte so rührend bitten, +daß ihr Bemühen zuweilen von Erfolg gekrönt war. Brutalere Burschen suchte +sie durch Geld zu bestechen, und wenn alles nichts fruchten wollte, die +rohen Gemüter zu erweichen, so hatte sie in der schmerzlichen, zuweilen +wahnsinnig gesteigerten Erregung, in der sie nichts mehr von sich selber +wußte, Worte der Beleidigung für jene Gesellen bereit, die, wenn sie ihr +gerichtlich zur Last gelegt worden wären, was natürlich nie geschah, ihr +obendrein noch ärgerliche Strafen zugezogen hätten. + +Das Ende solcher Szenen war immer, daß Ebeth körperlich auf das +Jammervollste ermattet war, quälende Atemnot bekam und mitunter noch +stundenlang nachher von Schüttelfrösten heimgesucht wurde. Sie sah dann +bleich aus wie eine Wand, und ich ängstigte mich um sie, denn ich wußte, +daß ihre Gesundheit nur zart und besonders das Herz nicht in Ordnung war. +Darum gab ich mir alle Mühe, sie vor jenen Erregungen zu bewahren. Ich lag +auf der Straße eigentlich immer auf der Lauer. Sobald ich bemerkte, daß +man irgendwo in der Ferne auf ein Pferd einschlug, machte ich unter +irgendeinem Vorwand kehrt oder bog mit ihr in die nächste Seitenstraße +ein. In den meisten Fällen freilich hatte sie die Quälerei schon eher als +ich bemerkt, denn ihr Instinkt war nach dieser Richtung erstaunlich +entwickelt. + +Ebeths Kränklichkeiten machten mir Sorge. Ich wußte, sie tanzte zuviel. +Aber sie tanzte so leidenschaftlich gern, daß es unmöglich war, es ihr +ganz zu verbieten. Es war ihr fast notwendig wie Brot und Atmen. Ich +wehrte so viel es ging. Nicht selten hörte sie auch auf mich. Einmal aber +übernahm sie sich so, daß sie gezwungen wurde, das geliebte Vergnügen auf +lange hinaus ganz zu meiden. + +Es war ein Frühlingsabend, lau, müde machend und verworrene Wünsche +bringend, die man nicht zu nennen weiß. Wir saßen, es war ein Sonntag, mit +einer kleinen Gesellschaft Bekannter im Tanzsaal eines Vergnügungsgartens, +nachdem wir nachmittags in den Wäldern gewesen waren. Ebeth sprudelte über +von Laune und Lustigkeit. Aber sie sah blasser aus als sonst. Unter ihren +viel zu glänzenden Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte ein paar gelbe +Rosen auf der Brust, zu denen sie sich öfter niederneigte, um den Duft +einzusaugen. Sie tanzte unbändig und trällerte obendrein die Melodien mit. +Ich bat sie, sich mehr zu schonen, aber sie lachte nur. Ich sah sie +hinschweben durch die Reihen der Tanzenden, verlor mich in die heitere +Grazie ihrer Bewegungen und dachte: Kind. Da sah ich, wie sie erschlaffte, +taumelte und umfiel. Ich sprang auf, eilte hinüber, nahm sie auf den Arm +und trug sie in ein Nebenzimmer. Sie war bewußtlos und bleich wie der Tod. +Ihr Atem röchelte. Ich knöpfte ihr die Brust auf und besprengte sie mit +kaltem Wasser. Allmählich kam sie wieder zu sich. Als sie die Augen +aufschlug, sah sie mich groß an und erkannte mich. + +»... zuviel getanzt ...«, murmelte sie und schloß die Augen wieder. + +»Ja«, sagte ich. + +»... nicht böse sein ...«, flüsterte sie, lächelte und griff nach meiner +Hand. + +Wie hätte man ihr böse sein können? -- + +Zuweilen gingen wir ins Theater. Auch Konzerte besuchten wir, und hier +bewies sie ein auffallend feines Verständnis. Die Musik wirkte am +nachdrücklichsten auf sie. Es konnte geschehen, daß sie nach einem +Konzert, von dem sie besonders heftig bewegt worden war, noch im Traum die +Melodien zu singen versuchte, die sie am Abend gehört hatte. Wir sangen +auch allerlei Lieder in den Wäldern. Denn wir gingen viel in die dunkeln, +leise rauschenden Kiefern, die sich um die Stadt hinziehen. Wir ließen uns +auf dem hohen Ufer des Flusses nieder, wo die wilden Enten fliegen, sahen +über den Fluß in die Ebene, ließen unsere Augen den großen Kähnen folgen, +die langsam stromabwärts trieben, und Ebeths Hand ruhte auf meiner +Schulter. Traumhafte Stunden des Sonnenunterganges, wo seid ihr? + +Es war an einem Regentage im Herbst. Wir waren in meinem Zimmer, Ebeth lag +müde und blaß auf dem Diwan, und der Regen sickerte sanft an das Fenster, +in eintöniger Melodie. Ich saß neben ihr, wir schwiegen beide. Plötzlich +schlang sie die Arme um mich, zog mich an sich und drückte meinen Kopf +unsinnig heftig an die Brust. Ich sagte nichts. Allmählich wurde sie +ruhiger. Dann nahm sie auf einmal meine Hand, biß mit aller Kraft hinein, +daß das Blut kam, und wollte sich totlachen. Die Narbe dieser Wunde ist +eine der wenigen Erinnerungen an Ebeth, die ich habe. + +Einige Tage später war ein Sonnentag; dennoch sieht dieser Tag grau aus in +meiner Erinnerung. + +Sie kam des Nachmittags, Blumen in der Hand, und war wie immer. Nur etwas +hutsamer schien sie und ein klein wenig ernster als sonst. Wir tranken +Kaffee, plauderten, und Ebeth nähte etwas. Als dann das rötliche Licht der +Abendsonne in den Gardinen hing, setzten wir uns ans Fenster und sahen den +feinen, schnell dunkelnden Wolken über den Dächern zu. Ebeths Augen +blickten schimmernd in die Ferne. Als ich genau in sie hineinsah, fand +ich, daß etwas darin war, was ich noch nicht kannte. Wir schwiegen. Ein +paarmal war mir, als wolle sie etwas sagen. Endlich sprach sie, ohne mich +anzusehen, während sie ein Haar von mir zwischen die Zähne nahm: + +»Weißt Du, daß wir uns trennen werden?« + +Ich fühlte einen Stich in der Brust, bezwang mich jedoch und fragte: + +»Wie meinst Du das?« + +»Frage nicht«, sagte sie, »bist Du mir böse?« + +»Nein«, sagte ich, »Du darfst doch tun, was Du willst.« + +Wir waren wieder still. Die Zeit rann, als habe sie bleierne Gewichte an +den Füßen. Endlich sagte Ebeth: + +»Ich werde Dir öfter schreiben, -- darf ich?« + +»Gewiß«, sagte ich und lächelte, »ich werde es immer gern sehen.« + +»Du bist gut«, sagte sie. Und dann: + +»Komm, wir wollen in den Stadtpark gehen. Die Abendstunde ist so schön +unter den Bäumen.« + +Ich nickte. Sie stand auf. Ich half ihr in das Jackett. Sie setzte den Hut +auf, ich band ihr den Schleier fest. + +Dann gingen wir in den Park, und sie hing an meinem Arme wie sonst. Sie +plauderte vom Meer, wo ich im Sommer einige Tage mit ihr gewesen war, und +ich merkte, wie sie sich Mühe gab, ungezwungen und heiter zu sein. Die +gleiche Mühe gab auch ich mir. So unterhielten wir uns recht gut, lachten +sogar, und die Leute, die uns sahen, mußten meinen, daß wir ein +jungverliebtes Pärchen seien. + +Wir traten in ein Kaffeehaus und tranken etwas. Mitunter mußte ich Ebeth +ansehen, verwirrt, staunend und gewillt, mir jeden Zug ihres Wesens +deutlich einzuprägen. Als wir das Kaffee verließen, brannten draußen die +Laternen schon. + +»Jetzt gehe ich«, sagte sie, sah an mir vorüber und reichte mir die Hand. + +»Leb wohl, Ebeth«, sagte ich. + +Sie wollte noch irgend etwas sprechen, aber ich wandte mich und ging. + +Der Lärm der Menschen quoll um mich her. Der Himmel war ganz dunkel +geworden. Ich schlenderte langsam durch die Straßen, dösig und beklommen. +Als ich nachher in mein Zimmer trat, setzte ich mich einsam in die +Dunkelheit, in der noch der feine Duft ihrer Kleider war. + +Hin und wieder kamen Kartengrüße. Grüße in der feinen, langgezogenen +Kinderhandschrift mit den kapriziösen Schnörkeln. Dann blieben auch die +aus, und ich hörte nichts mehr von ihr. Mein Leben lief weiter, auch ohne +sie, aber ich gedachte ihrer oft, ihrer schwebenden Füße, ihres +Leichtsinns, ihres Lachens. An einem Wintertag, um Weihnachten, als weiße +Flocken vom Himmel trieben, sah ich sie unvermutet wieder. Sie sah +schlecht aus, sehr blaß, müde und ein wenig verwahrlost, was mich am +meisten wunder nahm. Als ich den Burschen sah, an dessen Arm sie hing, +erschrak ich. Es war, wie ich befürchtet hatte, eins jener stumpfen, dabei +stark sinnlichen und rohen Gesichter, an denen sie zu meinem Unwillen +schon früher Geschmack gefunden hatte. Diesen Menschen also liebte sie? + +Wieder sah ich sie lange nicht. Mir war immer, als ob sie mir eines Tages +schreiben müßte, einen armen, elenden Brief, und es gab Stunden, in denen +ich darauf geschworen hätte, daß sie mir einen Brief von Ebeth bringen +müßten, -- aber ich irrte mich. + +Dann freilich kam dennoch ein Brief. Nicht von ihr zwar, sondern von ihrer +Vermieterin, aus einem der ärmlichsten Teile der Stadt. Die Person schrieb +in kaum zu entziffernden Buchstaben, daß das Fräulein schwer krank liege +und öfter von mir spreche. Das Fräulein würde sich gewiß sehr freuen, wenn +ich sie einmal besuchen würde. Sie sei sehr hinfällig. + +Ich ging hin. Es war eine armselige Kammer, in die ich geführt wurde. Dort +lag Ebeth in einer Ecke auf schmutzigem Bett, abgemagert, mit müde +flackernden Augen, ein Bild des Jammers. Als sie mich kommen sah, zog ein +Schimmer der Freude über ihr Gesicht. Sie streckte mir die Hand entgegen +und lächelte, indem sie meinen Namen nannte. + +Dann erzählte sie. Der andere hatte sie verlassen, gerade zu der Zeit, als +sie sich Mutter werden fühlte, was sie sich immer so innig gewünscht +hatte. Gleichzeitig habe sich ihr Herzleiden verschlimmert, wozu wohl +besonders die vielen erregten Szenen mit jenem Manne beigetragen hätten, +den sie so liebe. Denn sie liebe ihn noch immer unbeschreiblich und werde +niemals von dieser Liebe lassen, da er ihr das Teuerste auf der Erde sei. +Sie habe ihre Arbeit aufgeben müssen und liege nun hier bei einer +herzlosen Frau, die ewig mißgelaunt sei, ihr schlechtes Essen gebe und nur +darauf ausgehe, sich an ihr zu bereichern. Jetzt sei sie so weit, daß sie +nichts mehr bezahlen könne, und um das kommende Kindchen, daß doch nur +neue Kosten verursachen werde, trage sie die größte Sorge. Sie sei von +allen verlassen, fühle sich krank wie nie und glaube, daß sie sterben +müsse. + +Sie weinte. + +Ich gab mir Mühe, ihren Mut wieder aufzurichten, machte ihr Vorwürfe, daß +sie sich nicht längst an mich gewendet habe und versprach ihr, daß sie aus +diesen Verhältnissen herausgenommen und vor allem der sorgfältigen +Behandlung eines Arztes unterstellt werden solle. Dann werde alles wieder +gut werden. + +Ihre Dankbarkeit war rührend. Sie suchte meine Hände zu küssen, was ich +verhinderte. Ja, sagte sie, nun hoffe sie auch noch einmal, sie werde +bestimmt wieder gesund werden, sie wolle sich dazu zwingen mit allen +Kräften, die ihr noch zu Gebote ständen, und wenn es erst erreicht sei, +werde sie auch den Andern wiedersehen, und wenn sie wieder hübsch wäre, +werde er sie auch wieder lieben. Dieser Gedanke schien der Gipfel aller +ihrer Hoffnungen zu sein. + +»Kannst Du ihn nicht vergessen?« fragte ich. + +»Nein«, erwiderte sie, mit einem seligen Glanz im Auge, »ich weiß zwar, +daß er schlechter ist als irgendeiner und tausendmal schlechter als Du, -- +aber für mich ist er das Liebste und Schönste in der Welt.« + +Ich ließ sie in eine saubere Wohnung schaffen, sie erhielt eine +Diakonissin zur Pflege, der Arzt ging täglich zu ihr. Gleich nach seinem +ersten Besuch hatte ich eine Unterredung mit ihm, in der er mir mitteilte, +daß sie sterben müsse, da das Leiden schon zu weit vorgerückt sei. + +Es wurde auch nicht wieder besser mit ihr. Sie wurde zwar zufrieden und in +gewisser Hinsicht glücklich, aus Freude an der Reinlichkeit um sich her, +an der liebreichen Pflege und meinen täglichen Besuchen. Aber das Bett hat +sie nicht mehr verlassen. Sie glaubte selbst noch an Genesung. Doch war +von Tag zu Tag zu beobachten, wie ihre Kräfte verfielen. + +Eines Tages, als sie sehr verzagt war, eröffnete sie mir mit leise +flehender Stimme einen Wunsch, den zu erfüllen mir nicht leicht wurde. Sie +bat mich nämlich, zu dem Manne zu gehen, den sie liebte, und ihn zu +bitten, daß er noch einmal zu ihr kommen möge, sie könne es vor Sehnsucht +nach ihm nicht ertragen. Sie habe auch das untrügliche Gefühl, daß, wenn +sie ihn wiedergesehen habe, sie schneller genesen werde. + +Ich ging zu ihm. Von seinem Benehmen zu mir, den Gebärden, die er hatte, +den Worten, die er in den Mund nahm, erzähle ich nichts. Nachdem ich alle +Mühen aufgeboten hatte, versprach der Mann, daß er am nächsten Tage zu +einer festgesetzten Stunde zu Ebeth kommen werde. + +Ich war zu der betreffenden Zeit bei ihr. Sie ordnete sich mit zitternden +Händen das Haar, glühte vor Erwartung und sah ihm entgegen wie eine Braut +dem Bräutigam. Als es klingelte, öffnete ich und ließ ihn in Ebeths +Zimmer. Ich blieb draußen im Korridor. Ich hörte einen kleinen, +erleichterten Aufschrei, als er eintrat. Nach fünf Minuten ungefähr kam er +wieder heraus, schritt stumpf an mir vorüber und verließ die Wohnung. Ich +ging zu Ebeth hinein. Sie lag mit dem Kopf nach der Wand zu, wie eine +Tote. Nie ist mir ein Mensch bejammernswerter erschienen als sie in diesem +Augenblick. Ich trat an das Fenster und sah in den Frühsommertag, durch +den das freudlose Treiben der Großstadt flutete. Dann hörte ich, wie Ebeth +sich bewegte. Ich trat zu ihr, setzte mich neben sie und ergriff ihre +Hand. Schüttelfröste wallten über sie hin, während sie das Gesicht in den +Kissen verbarg. Als sie ruhiger wurde, merkte ich, wie der Schlaf kam, sie +zu umfangen. Ich blieb bei ihr, ihre magere Hand in meiner, bis sie +erwachte, als es dunkel war. + +Drei Tage später, am Vormittag, wurde ihr Zustand so schlimm, daß man mich +holen ließ. Der Arzt war schon da. Er gab mir ein Zeichen, daß es zu Ende +gehe. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante, sah in ihre großen, +brennenden Augen, küßte noch einmal die Stirn der Lebenden und ihre Hand. +Sie war auffallend unruhig, in einer dunklen Vorahnung des Kommenden. Aus +ihren armen hastigen Bewegungen waren tausend letzte Wünsche zu erkennen. +Ich fragte, ob ich ihr irgend etwas zuliebe tun könne. Sie schüttelte den +Kopf. Ob sie noch irgendeinen Menschen zu sehen wünsche, den sie gern +habe, eine Freundin oder einen Freund. + +»Nein«, flüsterte sie. + +Dann hauchte sie nur noch ein einziges Wort, das ich nicht verstand, +während ihre Augen schon geschlossen waren. Zwei Stunden später starb sie +in meinen Armen, bewußtlos, das Kind unter dem Herzen. + +Zweimal im Jahre besuche ich ihr Grab, im Mai und im Herbst. Im Mai höre +ich dort die Nachtigall schlagen, im Herbst sehe ich die Blätter von den +Linden treiben, sehe die letzte gelbe Rose über Ebeth welken und denke an +den fernen Oktobertag, da ich sie zum ersten Male sah, lachend, in weißem +Kleid. + +Auf ihrem Grabstein steht nur »Ebeth«, mit großen Buchstaben in Gold. + + + + +Die Hochzeit des Freundes + + +Fridolin war jung, lang und hellblond. Etwas Ruhiges war in seinem Wesen. +Er war zu besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten zu lassen, und +zu leichten Sinnes, um sich über eine Torheit zu erregen, die er begangen +hatte. + +Auf das engste vertraut fühlte er sich mit der Schönheit des Meeres. Er +meinte, daß es nichts Größeres, Rätselvolleres und doch dem Fühlen des +Menschen Vertrauteres gäbe als diese in ewigem Wechsel sich erneuende +Bewegung, und daß es nichts gäbe, was einen tieferen Frieden und zugleich +eine so herrliche Lust an der Fülle des Daseins verliehe. Am Meere trieb +er sich oft herum. Hier schien ihm alles verklärt von einem +unbeschreiblichen Glanz: der spritzende Gischt wie das wehende Dünengras +und die unheimlichen Vögel, die den Strand bevölkern; der scharfe Geruch +von Salz und trocknenden Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit +denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das über das dunkle Wasser +hinschillert, mit unzähligen blitzenden Klecksen; und jene göttlich faulen +Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, in einsamen Booten liegt, +ziellos dahintreibt und mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut. + +Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, daß ihn am ehesten jene Mädchen +entzündeten, aus deren gerade erwachenden Augen das blaue +Frühlingsleuchten strahlt, das von den Blüten des Sommers noch nichts +weiß; jene, deren zaghaft gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet +als das Glühen der Wissenden, und die, wenn sie tanzen, wie junge, im Wind +bewegte Zweige sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war immer bitter, +denn es war die Entsagung. Er hatte noch keinen Sinn dafür, daß es hold +sei, das eigene Leben mit einem andern dauernd zu verketten. Er war zu +sehr in seine Jugend verstrickt, und sein Freiheitsgefühl war viel zu +groß, als daß er sich schon hätte entschließen können, einen mit Obacht +vorgeschriebenen Weg zu gehen. + + * * * * * + +Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. Dieser war jetzt Leutnant +in einem pommerschen Infanterieregiment und hatte sich mit der Tochter +eines hinterpommerschen Gutsbesitzers verlobt. Die Hochzeit stand nahe +bevor. Fridolin erinnerte sich einer hübschen Szene aus der Kindheit, wo +er mit dem Freunde in einem blühenden Holunderbusch gesessen hatte, in +dem sie, mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut rauchend und +unendlich wichtige Gespräche über die Zukunft führend, sich das Wort +gegeben hatten, daß einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen +sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an der Hochzeitsfeier seines +Freundes teilzunehmen. + +Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, Paul, der auch geladen war. Es +war im März, und nach langen Regentagen waltete der Vorfrühling in seiner +ganzen Schönheit. Die Luft war erfüllt von Sonne und tausend seltsamen +süßen Ahnungen. Die werdende Natur schien mit Schleiern von Gold behangen +zu sein, nachdem das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen hatte. Paul +und Fridolin saßen plaudernd im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie +ergingen sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer Kindheit standen +so klar vor ihnen auf, als hätten sie sie gestern erst preisgegeben. + +Fridolin blickte durch das geöffnete Fenster des Zuges, durch das die +Sonne hereinkam, in die vorüberfliegende Landschaft. Er war überrascht von +dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf dieser Reise in die ödesten Bezirke +zu geraten, und nun sah er sich unvermutet von einer Natur umgeben, die +mit seinem landschaftlichen Fühlen im schönsten Einklang stand. Ein +wundervoll blauer Himmel lag über der Erde, und die Strahlen der lange +entbehrten Sonne umwoben jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer. +Braune Heideflächen, aus denen einzelne Birken, von dem ersten Glanz des +kommenden Laubes verklärt, hervorragten, wechselten mit kleinen +Nadelwäldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen ab. Dann flog der Zug an +Mooren vorbei, in deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches Silber +lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, und die vereinzelten Bäume, die +sich aus dem Moor aufreckten, waren verkrüppelte Wesen von spukhafter +Form, die, so dachte Fridolin, wenn man sie im Mondlicht sähe, etwas +Furchterregendes haben müßten. Hier und da stand ein bemooster, grünlich +schimmernder Windbock und ließ seine Flügel treiben. Über die Wiesen +schritt der Storch. Einzelne Gehöfte, von Linden oder Eschen umgeben, die +sie gegen die Winde schützten, lagen malerisch durch das Land verstreut. +Verblüffend waren die kleinen Seen, die zuweilen auftauchten. Ihr Wasser +war so märchenhaft blau, daß es schien, ein Stück des Himmels sei in sie +hineingefallen. + +Blau und Gold waren die herrschenden Farben in der Landschaft. Die Höhen, +die in der Ferne auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war es, er schaue +in eine Wunderwelt. + +Am späten Nachmittag, als die Farben matter wurden und sich ein feines, +langsam zunehmendes Grau überall einzumischen begann, kam die kleine +Station, auf der man aussteigen mußte. Fridolin lehnte, als der Zug +einlief, aus dem Fenster, um Auslug zu halten. Der Bräutigam, in Uniform +mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und winkte. Die beiden Freunde +waren nicht die einzigen, die den Zug verließen. Noch etwa fünf, sechs +andre Wagentüren öffneten sich, und Herren mit Hut- und Helmschachteln, +auch mehrere Damen stiegen aus. Wilibald begrüßte die einzelnen, stellte +vor und überwies das Gepäck an die Diener. Dann ordnete sich die kleine, +bunt zusammengewürfelte Kolonne in einer Reihe draußen wartender Landauer, +die sie dem ungefähr eine Stunde entfernt liegenden Gutshof zuführen +sollte. + +Die Führung übernahm eine Jagdkalesche. Ein Paar schwarzbrauner Traber zog +sie. Wilibald saß auf dem Bock und hatte die Zügel in Händen. Neben ihm +saß Fridolin. Hinter ihnen ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe +Leutnants. + +Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und links, auf hügeligem Gelände, +dehnte sich Feld und Heide. Ein kräftiger Wind strich von den Feldern her. +Wilibalds Augen glänzten. Er knallte die Peitsche über die Gäule hin, sah +zwischen den nickenden Köpfen durch und schien an etwas Fernes zu denken. +Plötzlich kehrte er das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde und +blitzte ihn mit goldenen Augen an. + +Da sprach Fridolin: + +»Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist ein Ton wie Bernstein. Habe +ich recht?« + +Wilibald nickte. + +»Das Schönste ist ihr Lachen«, erwiderte er, »Es ist wie ein Quell unter +Blumen. In einer halben Stunde sind wir bei ihr.« + +Der Wagen bog in einen sandigen Feldweg ein, um einen Hügel herum, und nun +fuhr man auf einmal mitten in die untergehende Sonne hinein. Sie ging ganz +ohne Strahlen hinüber, gleich einem riesigen Blutstropfen, der in einer +bläulich dunstigen Atmosphäre hing. Auf einer Höhe rechts von dem roten +Gestirn türmte sich ein armseliges Dorf empor, in wilden Linien. Weiße +Häuser und hochragende Dächer aus Stroh. Eine alte, dickköpfige Kirche +krönte das Ganze. + +»Das ist Garzigar«, erklärte Wilibald, indem er mit der Peitsche +hinüberwies. »In der Kirche findet morgen die Trauung statt. Heute machen +wir noch einen Bogen darum.« + +Fridolin war entzückt von diesem alten, hochgebauten Nest, das, die +mächtige Sonne zur Linken, wie eine trotzige Faust aus der Einsamkeit der +Heide ragte. + +»Ich bin starr«, sagte er, »Ihr habt Punkte in diesem Lande, die +unbeschreiblich sind. Wenn ich Maler wäre, hier ließe ich mich nieder.« + +Wilibald nickte. »Das Land ist schöner als man ahnt. Sind Dir die blauen +Töne der Ferne aufgefallen? Sie verschwinden fast nie.« + +»Wie Ultramarin«, sagte Fridolin. + +»Die Farbe kommt von der Feuchtigkeit der Moore und von der Nähe des +Meeres. 'Das blaue Ländchen' heißt die Gegend im Munde der Leute. An +manchen Tagen ist das Blau so fabelhaft, daß man mit dem Finger +hineintauchen möchte, in der Meinung, daß es abfärben müßte.« + +»Sieh jetzt die Sonne hinter den Birken. Wundervoll.« + +»Gleich ist sie hinüber. Jetzt taucht auch Obliwitz auf, unser einsamer +Gutshof. Dort neben dem Wäldchen die weißlichen Häuser. Auf dem höchsten +weht eine Fahne.« + +Ein Hohlweg kam. Hinter ihm tat sich ein Moor auf, mit verkrüppelten +Kiefernbeständen und halb verfallenen Hütten. In den schwarzen Pfützen +blänkerte die Abendröte. + +Ein Volk Avosetten fuhr auf und stürmte über das Moor in die Dämmerung. +Ein Hund schlug an und hörte nicht mehr auf mit Belfern. Man fuhr an +kleinen, strohgedeckten Arbeiterhäusern vorüber, die etwas abseits von dem +Gutshof lagen. Die feiernden Leute standen vor den Türen und zogen die +Mützen. Eine mit Tannengrün und Feldblumen umwundene Ehrenpforte wölbte +sich über den Weg. In großen bunten Lettern trug sie die Inschrift: +»Willkommen«. Mit Hurrarufen fuhr man darunter hinweg. Wenige Minuten +später bog man rasselnd in den weitläufigen Gutshof ein. + +Im Herrenhause brannten schon die Lichter. Der Vater der Braut stand vor +der Tür und begrüßte die Ankommenden. Sein Verwalter, ein junger, blonder +Mensch, stand neben ihm. Im Hause wimmelte es schon von Gästen. Während +Paul und Fridolin den Korridor des Seitenflügels passierten, rauschte eine +Wolke junger Mädchen in hellen Kleidern an ihnen vorüber. Die Freunde +nahmen ein gemeinsames Zimmer in Beschlag, säuberten sich und zogen sich +um. + +Während Paul sich rasierte, klopfte es. + +Fridolin öffnete, der Bräutigam trat herein, im Überrock. + +»Ihr müßt so fürlieb nehmen«, sagte er, »Es sind der Gäste zuviel. Wenn +Ihr Wünsche habt, wendet Euch an meinen Burschen. Morgen spielt Ihr +Brautführer. Paul ist für diesen Zweck ein Fräulein Gleiß zugefallen, +braunhaarig und lustig, mit hübschen Augen. Du, Fridolin, führst eine +große, blonde. Heute erkennst Du sie an einem blauen Kleid. Asta von +Sebnitz heißt sie.« + +»Oho!« machte Fridolin, »das klingt ja ganz feudal.« + +»Ist es auch«, entgegnete Wilibald. »Ostpreußischer Adel, kühl und +hochmütig. Du wirst ja sehen. Jetzt muß ich weiter. Macht schnell und +erscheint bald. Adio!« + +Er stieß ein übermütiges Gejubel aus und verschwand. + +Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin in die Gesellschaftsräume. +Wilibald führte sie erst zu seiner Braut hinüber, die ein taubengraues, +mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt hatte und, indem sie sich +sicher, aber durchaus mädchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah. + +Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten, den älteren Herrschaften, +den jungen Mädchen. Als alles vorüber war, zog sich Fridolin in eine +Fensternische zurück. Er sah durch die unverhüllten Scheiben auf den +dunkelnden Hof, wo ein Knecht ein paar Pferde in den Stall führte und zwei +Frauen blanke Eimer mit Milch trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von +den Namen hatte er so viel wie nichts verstanden. Gern hätte er gewußt, wo +die Dame sei, die er morgen zu Tisch führen sollte. Ein blaues Kleid +sollte sie tragen. Er sah keins. + +Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie gingen ins Nebenzimmer. Hier +schien der Tummelplatz der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, und +kleine Gläser mit Sherry wurden herumgereicht. Die Freunde nahmen an dem +Tischchen Platz, an dem die Braut und der Bräutigam saßen. Ein Diener bot +Zigaretten an. Fridolin nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich zu +Wilibald hinüber und fragte: + +»Du, wo ist eigentlich dies Fräulein Asta?« + +Wilibald sah sich um, dann sagte er: + +»Dort drüben. Die Schlanke in Blau.« + +Fridolin sah hinüber. In demselben Augenblick berührten sich Astas Augen +mit den seinigen. Aber nur flüchtig und offenbar zufällig. Sie blieb dabei +im Gespräch mit den andern. + +Sie saß auf einem niedrigen englischen Lehnstuhl, in etwas lässiger +Haltung. Ihr Haar, von einem eigentümlich silberigen Aschblond, hing ihr, +zu einem dicken Knoten geordnet, im Nacken. Sie trug ein einfaches blaues +Kleid, ohne Schmuck. Die Bewegungen ihrer Glieder zeigten eine vornehme +Ruhe, und um den feinen Mund, dem man es ansah, daß er viel und gern zu +schweigen pflegte, lag ein stiller Ausdruck des Stolzes und eine süße, +seltsame Herbheit. + +Fridolin sah sie im Profil, und zwar fast die ganze Gestalt. Sie schien +schlank zu sein wie eine Gerte und zerbrechlich wie Glas. In der einen +Hand, die schmal und matt über die Lehne des Stuhles hing, hielt sie eine +Rose von dunkler Glut. Sie paßte nicht zu ihr. Fridolin hatte das Gefühl, +als hätte diese Blüte von dem zartesten Gelb sein müssen. + +Er folgte jeder Linie ihres Körpers mit Obacht und bemühte sich, jede +Einzelheit ihres äußeren Wesens in den Schatz seiner Erinnerung +aufzunehmen. Plötzlich wurde er verwirrt. Es war ihm auf einmal ganz +deutlich, als schöbe sich etwas in die Luft, das seine Fäden zwischen ihm +und jenem Mädchen zu spinnen begann. Er machte eine kleine, verlegene +Bewegung, errötete ein wenig, sah schnell fort und wandte sich plaudernd +an den Bräutigam. Dann mußte er doch wieder hinüberblicken. Sie hörte mit +Lächeln einem älteren Herrn zu und roch zuweilen vergnüglich an der Rose. +Fridolin wollte durchaus, daß sie ihn ansah. Sie tat ihm den Willen nicht. +Er versuchte es mit aller Gewalt durch die Energie seines Blickes zu +erzwingen. Sie dachte gar nicht daran, zu ihm hinüberzusehen. + +Ein Diener meldete, daß serviert sei. Alles erhob sich. Zwei große, mit +Blumen überschüttete Tafeln waren gedeckt, eine für die Jugend, eine für +das Alter. Man setzte sich. Fridolin kam an die Seite eines älteren +Mädchens. Er suchte nach Asta und fand sie am andern Ende des Tisches. Sie +streifte ihn während der Dauer des Mahles mit keinem Blick. Er hatte das +Gefühl, daß es Absicht sei. Sie hatte hin und wieder ein reizendes Lächeln +über die Dinge des Gesprächs, wobei der eigentümlich herbe Zug um ihre +Lippen nicht verschwand. Sonst war ihr Wesen Ruhe und Gelassenheit. »Du +sollst mich noch ansehen«, dachte Fridolin voll Trotz, »Du sollst es noch +spüren, wie der Stolz und die Ruhe in Deiner Brust zerbrechen gleich einem +Gebäude aus Glas.« + +Nach Tisch verteilte man sich wieder in den verschiedenen Zimmern. Als +Kaffee herumgereicht wurde, trat Fridolin kurz entschlossen auf Asta zu +und sprach: + +»Ich werde das Vergnügen haben, Sie morgen zu Tisch zu führen.« + +Sie maß ihn etwas verwundert mit den Augen. + +»Ah --« machte sie, ohne daß sie Lust zu haben schien, sich in eine +Unterhaltung mit ihm einzulassen. Sie roch an der Rose in ihrer Hand, +blickte an ihm vorüber und nickte dem Bräutchen zu, das drüben in einem +Ring junger Mädchen saß. + +Fridolin schwieg absichtlich. Da sah sie ihn wieder mit ihren ruhigen +Augen an, und in diesem Blick lag die Frage: Weißt Du sonst nichts zu +sagen? + +Fridolin dachte: Das ist doch stark. Dann fing er mit Absicht vom Wetter +zu sprechen an, was sie mit Gleichgültigkeit über sich ergehen ließ. + +Während der kleinen szenischen Aufführungen, wie sie an Polterabenden +üblich sind, stand er im Hintergrund, kaute nervös an seinem Schnurrbart +und hatte ungleich mehr auf die Schönheit eines blassen Profiles acht als +auf die dargestellten Dinge, welche die andern belachten. Astas fein +geäderte Schläfen fielen ihm auf. Es war ihm ein wohliges Gefühl, zu +verfolgen, wie sich ihr matter Glanz langsam in das üppige Haar verlor. + +Nachher kam er noch einmal in ihre Nähe. Ein kleiner Kreis hatte sich auf +niedrigen Polsterstühlen zusammen getan, und einige Mädchen pafften +Zigaretten in die Luft. Die Braut hatte einen braunen Jagdhund +hereingelassen, ihren Liebling, den jeder zu verhätscheln bestrebt war. Am +meisten schien er sich zu Asta hingezogen zu fühlen, die auch am besten +mit ihm umzugehen wußte. Während sie ihm freundlich über Kopf und Rücken +fuhr, griff auch Fridolin nach ihm. Er tat es zu lebhaft, und das Tier +stieß einen Kleffer aus. Asta sah den Ungeschickten strafend an, stieß +seine Hand fort und sagte barsch: + +»Lassen Sie den Hund.« + +Fridolin richtete sich auf und maß sie mit kühlem Auge. Er fühlte sich +nicht veranlaßt, irgend etwas zu entgegnen. Es reizte ihn und wurde ihm +bald eine heimliche Freude, sie ebenso rauh und abweisend zu behandeln, +wie sie ihn. + +Die Damen zogen sich zur Ruhe zurück. Die Herren gruppierten sich noch um +eine gemeinsame Tafel, rauchten und tranken Bier, russischen Kümmel und +Danziger Goldwasser. Als es eins schlug, gingen auch sie auseinander, um +sich für den folgenden Tag ihre Frische zu bewahren. + +Fridolin wurde, während er zu Bett lag, das Gefühl von Astas heftig +stoßender Hand nicht los. Es war klar, sie hatte es mit Absicht vermieden, +freundlich zu ihm zu sein. Er sah nachdenklich einem viereckigen silbernen +Flecken zu, der langsam über die Tapete wanderte, ein Stück von dem +Mondlicht, das durch die unverhangenen Scheiben fiel. Dann lächelte er, +schloß die Augen und schlief langsam ein. + +Nicht weit von ihm war das Zimmer, in dem Asta schlief. Sie war voll +Unruhe, wachte mehrmals auf, sah immer dieselbe lange, biegsame Gestalt +mit den ruhigen Augen, wollte sie nicht sehen, biß sich die Lippen wund +und lauschte auf den Frühjahrswind, der draußen in kurzen Stößen durch den +Garten fuhr. + + * * * * * + +Für den Mittag des nächsten Tages war die Trauung angesagt. Asta erschien +in rosa Seide. Sie sah blasser aus als gestern. Um den Ausschnitt der +Brust zog sich ein feiner Gazeschleier, und ein Hals kam zum Vorschein, +schlank und zart wie der Stengel einer Blüte. Fridolin trat zu ihr und +reichte ihr einen Strauß aus weißen Rosen. Sie drückte ihn wohlig an ihr +Gesicht und warf Fridolin einen Blick entgegen, über den er erschrak. So +hatte sie ihn noch nicht angesehen. + +»Welch schöne Blumen«, sagte sie. Sie vergrub sich ganz hinein und sog den +Duft auf. + +Fridolin schwieg. Sie warf einen Pelz über, und er half ihr in einen der +Landauer, die zur Kirche fuhren. Noch ein andres Paar saß mit in dem +Wagen. Sie waren ziemlich die letzten, die in der kleinen Kirche +anlangten. Bald kam das Brautpaar, man ordnete sich, und während die Orgel +einsetzte und die Kinder auf dem Chore sangen, schritt man langsam nach +vorn an den Altar. Asta hing am Arme Fridolins. Er fühlte sie kaum. Sie +ging gerade aufgerichtet, sehr stolz und sehr ruhig. Er sah mit flüchtigem +Blick ihr Profil, das feine Kinn, die süßen Schläfen, den Hals. Da +erlaubte er sich, ihren Arm ein wenig fester an sich zu drücken. Sofort +fühlte er, daß der Zug um ihre Lippen noch herber wurde. + +Dann standen sie am Altar nebeneinander. Das Gefühl, sie so dicht an +seiner Seite zu haben, beglückte ihn. Nach einer Weile flüsterte sie: +»Mich friert.« Fridolin sah sich um, bemerkte einen Offiziersmantel über +einem Stuhl, nahm ihn und legte ihn um Astas Schultern. Nun war es reizend +zu sehen, wie sie in diesem Mantel, der sie so gut kleidete, dastand, +gerade und schlank, blauen Auges, jung, schön, einer spröden Knospe +vergleichbar. + +»Schöner als jetzt«, sagte Fridolin leise, »können Sie niemals sein.« + +Sie tat, als höre sie ihn nicht. Doch rieselte etwas durch sie hin, lau +und wohlig, und sie fühlte, es drohte etwas umzukippen in ihr. Für einen +Augenblick freilich nur. + +Der Prediger sprach und die Orgel klang, und die Kinder sangen mit hellen +Stimmen, und die goldne Sonne fiel durch die bunten Scheiben auf die +Fliesen um den Altar her, und dann fuhr man lachend, von jagenden Pferden +gezogen, nach Hause zurück, und durch dies alles hindurch brauste es in +Fridolin: Asta, Asta, Asta! + +In ihr war alles wieder aufgerichtet, stolz und still. + + * * * * * + +Als sie nachher bei Tisch nebeneinander saßen, quälten sie sich mit Worten +ab, von denen sie beide fühlten, daß sie klanglos, leer und nur gesprochen +waren, um ein gänzliches Schweigen zu verhindern. Er beobachtete ihre +feinen, zerbrechlichen Handgelenke und dachte dabei an Porzellan. Auch an +den Vorfrühling mußte er denken, der draußen sein Wesen trieb. Dann nahm +er sein Glas und hob es ihr entgegen. + +»Auf unsere Jugend!« sagte er. + +»Ja, Jugend«, erwiderte Asta, »es klingt wie Reichtum und Sehnsucht. Heut +sind wir traurig und voll unklarer Wünsche, und morgen möchten wir mit den +Lerchen in den Himmel steigen, möchten umarmen und zerdrücken, was um uns +ist, -- und unser Übermut ist grenzenlos.« + +»Ich kenne diese Stimmung«, sprach Fridolin, »wenn ich sie habe, laufe ich +zu meinem Freund, rüttle ihn und brülle ihn an, daß er meint, ich sei +irrsinnig. Es ist wie eine Befreiung.« + +»Und dann die Stunden des Hochmuts ...« + +»So waren Sie gestern abend.« + +»Das ist nicht wahr«, sagte sie ernst. Dann, nach einer Pause: »Ich wollte +Ihnen nur die Richtung geben, wie Sie sich zu mir verhalten sollten.« + +»Sie waren schrecklich. Habe ich das verdient?« + +»Ja. Vielleicht sollte ich auch jetzt nicht anders zu Ihnen sein.« + +»Warum?« + +»Weil ich zu wissen glaube, wer Sie sind. Ich glaube, es sind Mauern, die +sich zwischen meinem und Ihrem Gefühl erheben. Sie verstehen die Mädchen +vielleicht zu lieben, -- ihre Liebe zu achten verstehen Sie nicht.« + +Fridolin war erstaunt. So offen hatte man noch nicht zu ihm gesprochen. +Eine Pause trat in der Unterhaltung ein. Sie sah ihn an und mußte lächeln. + +Der Jagdhund war wieder im Zimmer, strich zu Asta hin und schmiegte sich +an ihre Füße. Sie neigte sich und fuhr mit der Hand liebkosend über sein +Fell. Auch Fridolin tat, als streichle er das Tier. In Wirklichkeit aber +griff er nach Astas Hand, löste sie energisch von dem Fell des Tieres los +und hielt sie fest. Sie ließ es geschehen, ihr war, als müßte sie ihm +wehren, aber ein schlaffes, willenloses Gefühl beherrschte sie. So saßen +sie eine Weile, schweigend, Hand in Hand, während die andern meinten, daß +sie mit dem Hunde beschäftigt seien. Fridolin sprach leise durch die Zähne +hin: »Asta«. Da war es, als besänne sie sich wieder; als bäume sich etwas +in ihr auf. »Lassen Sie mich los!« flüsterte sie energisch, indem sie sich +aufreckte. Und als Fridolin sich nicht bequemte, ihrem Verlangen +nachzukommen, noch einmal und heftiger: »Lassen Sie mich los!« + +Fridolin gab die Hand frei. Sie sahen sich nicht an, und eine Weile +sprachen sie nichts. Dann kamen wieder die gleichgültigen Worte. Hinter +diesen aber brannte es rot in Fridolin: Ich liebe Dich! -- und sein Gefühl +war wirr und dunkel. Er wußte, hier war etwas seltsam Hohes und Keusches, +etwas, von dem er fühlte, daß man es lieben könnte sein Leben lang; dann +aber sah er blitzschnell Fesseln und enge Wege vor sich, und »Freiheit! +Freiheit!« sang sein Herz. Und auch in Asta sah es wirr aus. Wie ein Bach +im Frühling rauschte es in ihr; aber machtvoll trotzte sie dagegen auf: +»Ich will nicht!« + +Den Kaffee nahm man im Gartenzimmer, jetzt einer Art Wintergarten, in dem +Palmen und Oleanderbäume standen. Es war fast dunkel geworden. Für eine +Weile öffnete man die Glasflügeltür, und nun konnte man über dem Garten +das Licht der ersten Sterne funkeln sehen. Der kühle Geruch taugenäßter +Wiesen drang herein. Eine Wiesenschnarre lärmte in der Ferne, in harten, +unmelodischen Lauten. Dann lauschte man einem Schwarm unsichtbarer, +schnellfliegender Kraniche, die aus der dunkeln Luft herunterschrien. + +»Welch schöner Abend«, sagte Asta, »später werden wir Mondschein haben.« + +Fridolin saß neben ihr, an einem Tischchen, hielt eine Tasse Kaffee in der +Hand und sah hinaus. + +»Ja«, sagte er, scheinbar abwesend. + +Dann, als man in der Nähe lauter wurde und lachte, neigte er sich +plötzlich zu dem Mädchen und sprach leis, aber heftig: + +»Sie sind hart zu mir --« + +»Wie können Sie das sagen --« + +»Asta --« + +»Nennen Sie mich nicht so. Sie haben kein Recht dazu. Was wünschen Sie?« + +»Ich will --«, er schwieg und biß sich auf die Lippen. + +Sie lächelte und zuckte die Achseln. Dann schüttelte sie nachdenklich das +Haupt. Dann sah sie ihn an, mit dem Ausdruck stiller Innigkeit. Ein Wort +sagte sie nicht. Aber Fridolin war es, als sollte er jetzt niederknien, um +ihre Hände zu küssen und seinen Kopf in ihren Schoß zu legen. Doch er +beherrschte sich, und schon eine Sekunde später hatten die dunkeln, sich +widersprechenden Gefühle wieder Raum in seiner Brust. + +Gerade während diese stummen Wogen zwischen den beiden jungen Menschen hin +und wieder fluteten, trat der Brautvater in den Türrahmen, klatschte in +die Hände und rief: »Bitte tanzen!« + +Man hörte schon den Flügel und einige Geigen herüberklingen. Alles stand +auf und begab sich in die größeren Zimmer zurück, wo die Tafeln +fortgeräumt waren. Einige Paare tanzten schon. Bald entfaltete sich ein +buntes Gewirbel. Fridolin lehnte dumpf an einem Türpfosten und sah dem +Treiben zu. Er sah Asta am Arm eines Leutnants vorüberschweben, blaß, mit +niedergeschlagenen Wimpern. Dann tanzte sie mit andern. Später, als sie +einmal ruhte, trat er vor sie hin, verbeugte sich und gab ihr den Arm. Sie +umschritten den kleinen Saal ein paarmal, darauf tanzten sie. Sie tanzte +leicht und lässig. Fridolin meinte, tausend blaue Blumen blühten unter +seinen Füßen. Nun war er in den matten Duft ihrer Haare eingehüllt und +hörte ihr weiches Atmen und fühlte die kleine schlanke Hand in seiner +liegen. + +Er drückte sie an sich, mit Macht. Sie fühlte, daß ihr Stolz nahe daran +war, jämmerlich zu zerschellen, wie ein Kahn in der Brandung der See. +Zugleich aber lohte wieder die Empörung in ihr auf, und wieder siegte +dieses Gefühl, und sie sagte mit hartem Klang: + +»Sie sind kühn, ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen.« + +»Nein.« + +»Sofort.« + +»Ich will nicht.« + +»Ich schreie, wenn Sie nicht aufhören.« + +Er ließ ab, führte sie auf ihren Platz, verneigte sich und verließ dann, +ohne daß es auffiel, das Zimmer. Er warf sich einen Pelz über und ging +hinaus in die Mondnacht. + +Die Gebäude des Gutshofes lagen weiß wie Milch in der kühlen Luft. Aus der +Ferne konnte man, wenn gerade ein Windhauch herüberwehte, die Musik hören, +zu der die Knechte und Mägde tanzten, denen dieser Tag auch ein Festtag +war. Fridolin schritt über den leeren, gepflasterten Hof und sah seinen +Schatten neben sich wandern. Er ging durch eine Pforte in das Feld und auf +ein kleines Gehölz von ragenden Kiefern zu, die sich wie drohende Recken +gegen den hellen Himmel abhoben. Unter diesen Kiefern lag ein kleiner +Friedhof, den verstorbenen Mitgliedern der Gutsfamilie als Ruhestätte +dienend. Das letzte der Gräber, das einige frische Kränze trug, war noch +ziemlich jung, hier hatte man die Mutter der Braut vor nicht viel mehr als +einem Jahre eingegraben. Hohe Eisenkreuze mit gepreßten Goldlettern +standen auf den Gräbern, überall wucherte Epheu, und auch an manchen +Kreuzen strebte er mit wilder Umarmung empor. + +Fridolin schritt den schmalen Weg zwischen den Gräbern hin. Er empfand den +wundersamen Frieden dieser Stätte und sah vertraulich zum Mond auf, der +mit ihm langsam durch die Kronen der Kiefern schlenderte. Dann blieb er am +Rande des Gehölzes vor einem der Hügel stehen, und nun waren es die +Schatten ringsum, die ihn seltsam erfüllten. Welche Schatten! Da waren +zunächst, von übertriebener Länge und Geradheit, die Schatten der +Kiefernstämme, die sich fest und sicher weit über das Feld hinlegten, wie +Mastbäume oder wie schwarze Furchen; endlich verloren sie sich in einem +eigentümlichen Gewirr von Dunkelheit: das waren die Schatten der Kronen. +Viel unheimlicher als diese langen, toten Kiefernschatten aber waren die +Schatten der Kreuze. In ihnen nämlich schien ein verstecktes Leben zu +schlummern und nur darauf zu warten, daß es in einer geheimnisvollen +Stunde auferstünde, doch nicht ein frohes Leben, sondern ein Leben voll +düsteren Ernstes und gewaltsamer Entbehrung, ohne Lachen und ohne Licht. +Und dann glitt sein Auge auf seinen eigenen, kleinen, harmlosen Schatten +über, und er dachte daran, daß dieser Schatten ihm im Grunde ebenso fremd +sei wie die Schatten der Kiefern und Kreuze um ihn her, denn er hatte +nicht den geringsten lebendigen Teil an ihm. Und doch vermochte nur er ihm +Bewegung zu verleihen, wenn auch kein Leben, und wäre dieser Schatten +nicht, so wäre er nicht. Und wenn man jetzt, so dachte er, dorthin, wo er +selbst gerade stand, einen andern Menschen stellen würde, einen von ihm +gänzlich verschiedenen, der nur ungefähr die gleichen Formen des Körpers +hatte (oder auch eine leblose Puppe dieser Art), so würde der Schatten, +der dort läge, dem seinen zum Verwechseln ähnlich sein, so wie die +Schatten der Kreuze einander glichen, ohne daß man den einen vom andern +hätte unterscheiden können. Während Fridolin dies bedachte, wurde ihm auf +einmal siedend heiß. Gleich darauf breitete er beide Arme aus, so daß auch +sein eigener Schatten dem eines Kreuzes glich. Wenn jetzt hier jemand +käme, dachte er, dessen Auge nicht die Dinge, sondern nur die Schatten der +Dinge zu sehen vermöchte, so würde er nicht ahnen können, daß hier ein +Mensch stünde, sondern er würde wähnen, zwischen lauter Kreuzen zu +wandern. + +Er ließ die Arme wieder sinken, sah sein Abbild mit einem heimlichen +Mißtrauen an und wurde unwillig über die Unruhe und das törichte Spiel +dieses Bildes, während ihn die unveränderliche Hoheit der übrigen +Schattenbilder mit Neid und Sehnsucht erfüllte. Er nahm sie noch einmal +alle in sich auf, dann aber hatte er der Schatten genug. Er schritt in das +freie Feld hinüber, das so hell vom Mondlicht übergossen war, als stünde +es voll weißer Blüten, und wanderte auf einem Rain entlang, indem seine +Füße den Tau von unzähligen Gräsern streiften. Die Felder und Wiesen +schliefen, nicht eine Grille war wach. Der Mond hing zwischen großen, +silberumrandeten Wolken. Jetzt tauchte eine die Wiesen durchquerende, +endlose Schlangenlinie niedriger Bäume auf, in deren Zweigen das Mondlicht +wie ein silberner Schleier hing. Fridolin unterschied, daß es Weiden +waren, und als er sie erreicht hatte, sah er, daß sie den Ufern eines +lautlos gleitenden Flüßchens folgten. Eine Holzbrücke führte über dieses +hinweg; Fridolin lehnte an das Geländer und sah in das Wasser, das schwarz +wie Tinte erschien, während es ein Ende weiter abwärts von einem +weißlichen Glanz überleuchtet war. Er suchte erst die kaum hörbar +flüsternden Weiden und dann das geheimnisvoll fließende Wasser mit den +Augen zu durchdringen, fühlte das lautlose Leben und die unaufhörlich +ziehende Veränderung, die unter ihm war, und der unbeschreibliche Zauber, +der über nächtlichen Flüssen liegt, trat auf einmal mit solcher Gewalt vor +ihn hin, daß ihm sein eigenes klopfendes Herz inmitten dieses großen, +unbegreiflichen Webens nur wie ein nichtiger Spuk erschien. + +Als er jenseits über die Felder weiterschritt, tauchten ein paar +Arbeiterhäuser, hingeduckt wie schlafende Tiere, vor ihm auf; aber ehe er +sie erreichte, kam er an einen kleinen, etwas tiefer gelegenen, eirunden +Teich. Er schritt an seinen Rand hinab und streckte sich in das +Heidekraut. In der Mitte des Teiches lag der Mond, eine silberne Kugel. +Wenn ein Windhauch kräuselnd über die Wasserfläche fuhr, wurde aus der +Kugel ein breites Gitter von endlosen Silberstrichen. Drüben, nicht weit +vom anderen Ufer entfernt, reckte sich ein Ziehbrunnen schräg und schwarz +gegen den Himmel und schien die Einsamkeit dieser Stätte noch zu erhöhen. +Fridolin nahm ein Zweiglein Heidekraut zwischen die Lippen, sah in den +Teich und nach dem Ziehbrunnen hinüber und dachte an Asta. + +Es war eine sinnlose Quälerei für sie beide, und es schien ihm klar, daß +es seine Pflicht war, ein Ende zu machen. Aber wie? Er fing an, seinen +Gefühlen mit Sorgfalt nachzugehen, und glaubte zu finden, daß er dieses +stolze Mädchen heftiger liebe als irgendein anderes zuvor. Dann aber +dachte er über die vergangenen Erlebnisse nach, dachte an die +Unzuverlässigkeit menschlicher Gefühle und besonders der seinigen, dachte +vor allem an die unerschütterte Freude am Erleben, die noch in ihm war und +die er als einen köstlichen Besitz empfand, und schließlich sagte er sich +mit aller Bestimmtheit: Preisgeben, preisgeben, Fridolin, es ist die +einzige Möglichkeit. Sei klug, du kennst dich ja, bleib einsam, das Leben +ist weit, und es blühen der Rosen viele; geh fort, sei traurig und klage; +aber bleibe einsam, unbeständiger Fridolin! + +Er sprang auf, riß einen kleinen Kieselstein mit hoch und warf ihn +ärgerlich in den Teich, daß es plumpste und eine Garbe silberner Tropfen +aufsprang. + +»Preisgeben«, murmelte er, -- und dann fing er an, sich selber gröblich zu +belügen, indem er sich vormachte, daß er vollkommen ausgesöhnt mit diesem +klugen Entschlusse sei, indem er ihn vor sich selber als den einzig +sinngemäßen pries und so tat, als wäre diese ganze Angelegenheit in ihm +klipp und klar. + +Er schritt den Uferrand hinauf, blickte noch einmal auf den Teich zurück, +ging an den Ziehbrunnen, betastete ihn, machte einen Bogen um die +Arbeiterhäuser herum und sah, wie drüben auf dem Hauptweg ein sich +umarmendes Paar hinschritt, das sich wahrscheinlich aus der Schenke +fortgestohlen hatte, um einen heimlicheren Winkel für seine Liebe +aufzusuchen. + +Auf mehreren Umwegen gelangte er in den Gutspark, blieb einen Augenblick +vor dem verödeten Sandsteinbecken des großen Springbrunnens stehen, +blickte zum Mond und den phantastischen Wolkenformen des Himmels auf und +sah dann die rötlich erleuchteten Fenster des Herrenhauses wieder vor sich +liegen. Er trat ganz dicht unter eins der Fenster und lauschte. Ein +unbestimmtes Surren von Stimmen schlug an sein Ohr, die Musik schwieg. Man +hatte aufgehört zu tanzen und vergnügte sich offenbar mit allerlei +zeitvertreibenden Spielen. Er schritt um das Haus herum, kam an das dunkle +Fenster seines Zimmers, stieß den Fensterflügel zurück und schwang sich +über das Gesims in die Stube. Er entkleidete sich im Dunkeln und legte +sich hin. Schlafen konnte er nicht; sein Blut wallte ruhelos hin und her. +Mitunter wurde ihm so heiß, daß er am liebsten aufgesprungen und ans +offene Fenster getreten wäre, um sich zu kühlen. Er sah Asta, hörte ihre +Stimme, fühlte ihre kleine weiße Hand, sah sich selber neben ihr, heftig +bewegt und unfähig, die Worte zu finden, die er suchte, fühlte den Stolz +ihres Auges, und einmal war er nahe daran, laut loszubrüllen wie ein +verzogenes Kind. + +Lange lag er so. Endlich hörte er ein schnell anschwellendes Getümmel auf +den Korridoren und wußte, daß die Gäste sich jetzt zur Ruhe begaben. Hier +und da klappte eine Tür, Geträller war zu hören, ein feines Lachen, ein +Zuruf, ein Gähnen, dann wurde es wieder still. Eine Stunde später öffnete +man ungeschickt laut die Tür zu seinem Zimmer. Fridolin tat, als schliefe +er, aber durch die Wimpern hindurch beobachtete er genau, was vorging. +Zwei Leutnants, lachend und mit geröteten Gesichtern, schleppten Paul +herein, der völlig betrunken war. Der eine Leutnant, auffallend durch +abstehende Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, trug einen +brennenden Leuchter in der Hand, den er schief hielt und von dem +infolgedessen das Wachs fortwährend auf die Dielen tropfte. Paul, der +nicht das geringste mehr von sich wußte, ließ alles mit sich geschehen. +Die Leutnants setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmählich sämtliche +Kleidungsstücke aus, nannten ihn eigentümlicher Weise immer »Majestät« und +lachten unmäßig dabei. Als ihr Opfer bis auf das Hemd entkleidet war, +schleppten sie es an den Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser über +den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks von sich und hielt auch meistens die +Augen geschlossen, die so klein schienen wie die eines Ferkelchens. Die +Leutnants packten ihn ins Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentümlich +pathetischen Gebärden einen Rosenstrauß auf seine Bettdecke, warfen einen +scheuen Blick auf Fridolin, nahmen den Leuchter und verließen dann, +nachdem sie erst so unnötig laut gewesen waren, merkwürdigerweise auf +Zehenspitzen und mit leisem Flüstern das Zimmer. + +Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. Fridolin war erst belustigt +durch die groteske Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann gewannen die +tieferen Bilder des verflossenen Tages wieder Raum in ihm, und er hörte +Asta immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer Stimme zu ihm sprechen: +»Ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen. Sofort.« + +Es währte lange, ehe er Schlaf fand. Er schlief leis und unruhig. + + * * * * * + +Am nächsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim +Frühstück, doch saßen sie so weit voneinander ab, daß sie kein Wort +miteinander wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine +Wohltat. Ihre Augen berührten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu +sein; die Bewegungen ihrer Hände und ihres Kopfes waren viel lebhafter als +gestern. Der Leutnant an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden +Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, die ihr volles Interesse zu haben +schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, daß sie auf einen Augenblick die +Augen schloß, wie in einem starken nervösen Gefühl oder von einer heftigen +Ermattung ergriffen. Nach dem Frühstück trat er zu ihr, sah sie an, nahm +lächelnd ihre Hand und sagte leise: »Leben Sie wohl«. Dann führte er die +Hand an den Mund und biß hinein. Aber die Hand schien fühllos zu sein, +denn sie zuckte nicht einmal. »Leben Sie wohl!« sagte Asta und lachte. +Fridolin merkte trotz alledem, daß dieses Lachen nicht ehrlich war. + +Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht miterleben. Er ließ sich ein +Pferd aus dem Stall ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den Sattel. +Als er eben den Hof verlassen hatte, bemerkte er an seinem Ärmel einen +goldigen Blitz. Er sah nach und fand, daß es ein langes, aschblondes Haar +war, das nur von Asta stammen konnte. Die ganze Schönheit des blassen +Mädchens trat mit einem so wehmütigen Schimmer und so überwältigend vor +ihn hin, daß ihm war, er müsse liebkosend ihren Namen nennen und für alles +um Verzeihung bitten. Er gab das Haar dem Winde preis, biß die Lippen +zusammen, stach die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten des +Pferdes, so daß es sich bäumte, und jagte über Feld und Gräben, gleich +einem Besessenen. + +Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, wurde der Boden moorig, und er +mußte abbiegen. Er ritt in ein Wäldchen junger Birken ein, deren weiße +Stämme in der blauen, sonnigen Luft wie reines Silber glänzten, während +das Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, von einem violetten +Duft durchwoben war. Dunkelgrüne Wacholderbüsche waren über den Waldboden +hin verstreut. Fridolin machte einigemal halt, um schöne Durchblicke durch +die hellen Stämme auf das Moor und die roten Dächer eines fernen Dorfes zu +genießen. + +Draußen kam er auf eine sandige Höhe. Nahe dem Horizont erkannte er das +Dunkelblau eines kommenden Regens. Plötzlich drang ein Lärmen aus der +Luft. Er sah empor. Zwei große, weiße Vögel, blendend von der Sonne +beschienen, stürmten mit vorgereckten Hälsen durch die Luft und schrieen. +Als er weiter Umschau hielt, auf das Wäldchen zu seinen Füßen, auf das +rote Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und die Wege ringsher, sah +er in der Richtung nach Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen. +Und wieder spornte er den Gaul und flog über Moor und Heide und Feld, und +als er dann endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend gleich dem +Tier, auf dem er saß, rief ihm der Brautvater, der gerade aus dem +Schafstall kam, mit deutlicher Stimme entgegen: + +»Wenn Sie glauben, junger Mann, daß ich noch einmal die Dummheit begehe, +Ihnen ein Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!« + + * * * * * + +Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. Er kletterte auf den Dünen +herum, legte sich an den Strand, trieb in Booten durch das sonnige Wasser, +das er selten so blau gesehen zu haben meinte, pflückte sich Sträuße von +Leberblümchen, die auf einigen Hügeln in blauen Mengen standen, und +fühlte, daß er an der See noch niemals so unruhig und verstört gewesen +war. Aus jedem Raunen des Wassers hörte er die Stimme eines Mädchens, das +blonde Haare hatte; wo er einen wehenden Halm sah, dachte er an dünne +Handgelenke, und die Bläue des Himmels sah er nur als Vergleich mit dem +Blau zweier jugendlicher Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er +setzte sich hin und schrieb an Asta, daß er am nächsten Tage auf der +Heimreise um eine bestimmte Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen +werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu Besuch war. Er schrieb, der +sehnlichste Wunsch, den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal +wiederzusehen. + +Er fuhr, und als er sich S. näherte, stürmte sein Blut vor Erregung. Er +stand, als der Zug einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie trug +ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut und an den Händen gelbe +dänische Handschuhe. Merkwürdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe +wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, als der Zug hielt, herab, +ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und küßte sie. + +Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr einfach: Erkundigungen nach +ihrem Befinden, wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die +Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch bei ihren Verwandten zu +bleiben gedenke. Sie sagte, daß sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu +bleiben gedenke, und er, daß er die See nie so schön gesehen habe, daß er +aber nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei, sie zu genießen. Dann +hieß es »Einsteigen!«, sie gab ihm schnell die Hand, er küßte sie, indem +er den Handschuh zurückstreifte, auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen, +der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam verschwand ihre dunkle +Gestalt, während er winkte und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre +Lippen sah. + +Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem späteren Leben. Wenn sie einst +sterben werden, wird keiner ahnen, daß sie in den Tagen ihrer Jugend +voneinander wußten. + + + + +Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von Gebr. Mann zu Berlin. +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: + +Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. +Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet. + +Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde +zur besseren Übersicht an den Buchanfang verschoben. + +Offensichtliche Druckfehler und Inkonsistenzen wurden korrigiert.] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA *** + +***** This file should be named 23425-8.txt or 23425-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/4/2/23425/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
