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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:04:49 -0700 |
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diff --git a/23396-0.txt b/23396-0.txt new file mode 100644 index 0000000..fe13379 --- /dev/null +++ b/23396-0.txt @@ -0,0 +1,3742 @@ +The Project Gutenberg EBook of An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: An Deutschlands Jugend + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: November 7, 2007 [EBook #23396] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + + + An Deutschlands Jugend + + von + + Walther Rathenau + + + 1918 + + S. Fischer • Verlag + Berlin + + + + 1.-20. _Tausend_ + + Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung + + + + +Inhalt + + +Zueignung und Aufruf 5 + +Zweifel 18 + +Glaube 42 + +Krieg 74 + +Charakter 97 + + + + +Zueignung und Aufruf + + +In dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu euch ich mich, +Menschen der deutschen Jugend. Nie hat eine Menschheit so bewußt und +verantwortungspflichtig an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die +Stunde hält ihren Atem an, zu lang für das bangende Herz, zu kurz für +das flatternde Gewissen, der Klöppel holt aus. Ist der Schlag +verklungen, nach Menschenjahren, Sekunden des Äon, so stehen wir in +fremder Welt und Zeit, beladen oder entsühnt, und blicken durch den +Tränenschleier des Krieges nach dem entsinkenden Reiche der Gewesenheit. + +Unbewußter, zweifelfreier waren die, die vor weniger als hundert Jahren +durch den Nebel der Weltkriege das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen +sahen. Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene bürgerliche +Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet als genommen, sie +fühlten beschäftigt das Nahen von Wissenschaft, Technik und Kapital und +konnten sich dem überlassen, was sie Restauration nannten, und was der +häßlichste Nutzbau der übervölkerten, mechanisierungsdurstigen Welt war. + +Der Bau wuchs; in den höchsten, luftigsten und frechsten Geschossen des +Himmelskratzers sind wir geboren und haben wir gelebt; jetzt bricht er +nieder, aus Mangel an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man +verschmäht hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, stand auf dem +Schuttplatz der französischen Revolution, die Raum geschaffen hatte, +aber keinen Baugrund. Bis in seine höchsten Zinnen, die Nationalismus +und Imperialismus hießen, trug er keine Idee in sich, nur ein +empirisches Gleichgewicht der Kräfte; alles was Idee hieß, rankte sich +äußerlich empor und zermürbte seine Wände. + +Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, denn die +Zerstörung ist da, wir brauchen sie nicht zu rufen. Was gefordert wird, +ist Arbeit, langsamer, heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten +Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, die sagt: Laßt mich +nur, ich bin schlau und vernünftig, ich will einmal versuchen. Nicht aus +satter Interessiertheit, die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht +aus Stumpfheit und bürgerlicher Blöde, die sagt: Kommt Zeit, kommt Rat. + +Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und Konferenzen, Brand +und Löschung, sondern über der Bauhütte, über ihren Meistern und +Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer +Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, deshalb haben wir vom +Geist zu reden. + +Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines +Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen +ausgeschüttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor +die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten, +um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die +Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und +Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von +Einsamen, von Jungen, und von denen, die nicht altern und nicht sterben. + +Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen, +Prüfung, Besinnung. Nichts anderes will ich von euch. Prüft meine Worte +an euren Gedanken, in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, was +euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, den bestechenden +Einfall. Nicht ein Führer unter euch vermesse ich mich zu sein, nicht +ein Berater, ich will mit euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich +euch nicht; ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure +Väter, ihr seid ihnen ähnlicher, als ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung; +auch wir sind eine Hoffnung gewesen und keine Erfüllung geworden, +obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich +huldige auch dafür euch nicht, daß ihr in den Krieg geboren und +gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Väter verschuldet, also haben wir +ihn verschuldet; den Krieg haben wir verschuldet, also habt ihr ihn +verschuldet. Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen, +gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten umfaßt es +die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der mit seiner +Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und +zittert, und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz +verbrennen. Auch dafür nicht, daß ihr ungebrochen und stark, voll +Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich euch. In zwanzig Jahren sind +eure Verwegensten alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des +Großen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn +abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr Herz warm erhalten +haben, um zaghaft und überwältigt zu euren Kindern zu reden. Um des +Glaubens willen an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe +willen zu euren Vätern, euren Kindern und am meisten zu euch, um der +Hoffnung willen, die ihr seid und alle, die nach euch kommen. Denn ihr +werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf euch liegt die +Verantwortung und die erste Entscheidung. + +Werdet ihr mich hören? Manche von euch, die ursprünglichsten, sind +sorglos, dem Denken abgewendet, mit billigem zufrieden und eng +autoritär; manche, die klügsten, sitzen in ihren Schreibstuben und +Preßzentralen, pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion und warten, daß +ihrer geschulten Dialektik zuliebe die Welt sich wie Sankt Hieronymus’ +Löwentier aufblickend zu ihren Füßen schmiege. + +Verschließt ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir selbst und meinem +Schöpfer, denn reden muß ich und darf nichts verschweigen, obwohl ich +weiß, daß jedes Wort mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich +hassen und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren Geistes, +reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben erzwingen für das, was sie +verkünden und was ich nur stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts +ist in mir, das den Willen rechtfertigt, gehört zu werden, außer dem +Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung. + +In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu euch reden von +unseren gemeinsamen Schwächen, Trübheiten und Klärungen, so muß ich frei +vor euch mich zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, damit +ihr ungetäuscht so hart und milde wie ihr wollt urteilt, und muß euch +sagen, wer ich bin. + +Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche +Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche +Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in +lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines alten +Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen, +den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn +ich war mir des Widersinns der Gaben bewußt. Das Handeln war fruchtlos +und das Denken irrig, und oftmals wünschte ich, der Wagen möchte +zerschellen, wenn die feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins +Gebiß legten und die Arme erlahmten. Das Alter sänftigt. Noch immer ist +der überschüssige Wille nicht ganz gebrochen, noch immer stehe ich im +praktischen Handeln, doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal +scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas in meinem Denken +befruchtet worden, als habe die Natur mit mir den Versuch vorgehabt, wie +weit betrachtendes und wollendes Leben sich durchdringen können. Ein +Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum ersten- und zum +letztenmal, nicht freiwillig, sondern von Not gezwungen, mich den +Getrieben des Staates näherte, da wurde durch das geringe Werkzeug +meines Kopfes und meiner Hände vom deutschen Willen aus einem Gusse +eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines Einzelnen +beschlossen ist: die bewußte Schöpfung einer neuen Wirtschaftsordnung, +die nicht vergehen kann und alle künftigen Wirtschaftsformen in ihrem +Schoße trägt. Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde Stamm +nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun schüttet er die verspäteten +Knospen und Blätter in euren Schoß. + +Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern der geistige +Niederbruch, den er offenbart, nicht die Furchtbarkeit dessen, was ist, +sondern dessen, was war und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein +Gewitter zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig und +absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder da anzufangen, wo sie +aufgehört haben, am liebsten möchten sie ihn als Mittel betrachten, um +einige ihrer alten Zwecke zu erreichen. + +Andere trösten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher Evolutionen: +immer haben Kriege die Übergänge der Wirtschaftsformen begleitet, dieser +ist größer, doch nichts anderes; wir werden den Endzustand erwarten und +versuchen, ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben nur zur Hälfte +Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der Weltbrand des europäischen +Sozialgebäudes, das nie wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede +Brandstätte ein Baugrund, manche ist wüst geblieben und manche zur +Spukstätte für Gespenster und Gesindel geworden. + +Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so wie es ist, nicht als +mannhaften Zweikampf, nicht als frisch-fröhlichen Reiterkrieg, sondern +als Weltgericht: diese wenigen haben es verkündet, nicht als +politisch-wirtschaftliche, sondern als sittliche Notwendigkeit, als +Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, die Würde und +Gerechtigkeit der westlichen Welt zu wecken und zu retten. + +Wir gingen zugrunde mit aller Üppigkeit der Technik und mit dem +verruchten Stolze unseres banalen Wissens; und wir gehen weiter und +unaufhaltsam zugrunde, mit und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht +begreifen und uns ermannen. + +Noch jetzt, im fünften Jahr, sind die Nationen nicht fertig, ihre +Kriegsgründe, Kriegsursachen und Kriegsziele zu erklügeln – freilich, +sie wissen sie nicht und werden sie nicht wissen! – Weltanschauungen zu +erdichten und zu ertüfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander +vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mißvergnügten Reisenden +erlernt haben. Noch heute beschimpfen sich Staatsleute und strafen sich +Lügen, und deuteln an ihren Forderungen. Nüchterne Polizeiideale werden +angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzüge werden gepredigt, unüberzeugte +Gerechtigkeiten werden gefordert. Und im Innern der Völker blüht +Kriegswucher, Geschwätz und Roheit, während treuherzige Jugend an den +Fronten verblutet. + +Was sind alle Zerstörungen und leiblichen Opfer verglichen mit den +Zuckungen und Verzerrungen des europäischen Geistes? Dies Leiden ist +nicht dem Kriege entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd +sehen und fühlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. Und diese +Krankheit geht nicht mit dem Kriege, nicht durch den Krieg zu Ende; in +erneuten Schreckensformen, mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt +sie weiter bis zur tödlichen Erschöpfung. Die Geisteskrankheit, der +sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar nur durch die Macht des +Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr. Die nüchterne +Wirtschaftsrechnung verschlägt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen. + +Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren Tiefen. Kein +Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine Änderung der +Einrichtungen. Denn wäre selbst alles aufs beste geschaffen und +bestimmt, es zerschellte und zersplitterte am Wust der Interessen, an +der Überzeugungslosigkeit, an der Indolenz, an der geistreichen +Tüftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und sänke zurück ins +Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft sind die einzigen Formen, die den +anarchischen Körper im Scheindasein erhalten können, und beide ertöten +vollends den Geist. + +Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt ist: Kannst du +noch einmal den deutschen Geist zur Einheit der Überzeugung, zur Treue +der Weltanschauung aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des +Mittelalters, die bleibt uns verloren; es sei eine vielfältige Kraft, +doch darin einig, daß sie das Geistige über das Irdische stellt. Dann +mag sie vielspältig, mag sie vom Glauben aller Welt verschieden sein, +denn zwischen echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch +keinen tötenden Haß und jederzeit die wölbende Synthese. + +Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht Heilige, nicht Genien, doch +Geistige, Aufrechte, frei und weit Blickende, Würdevolle, Spendende, +Innerliche, Wirkende; nicht Umhüllte von Interessen, Standesverblendung, +Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei, eitler Geschäftigkeit? +Denn vergiß nicht: Wäre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht, +wir hätten heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich, +auf diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien –, überall der +gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche mechanisierte +Sicherheit, bestenfalls hier und da ein wenig weltfremde, spintisierende +Grübelei, und nirgends ein Mensch, der auch nur von ferne den alten +mannhaft Großen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden +Berufen. Die Besten des Landes sind einsam an ihren stillen Werken, +einseitig, aufgezehrt, gealtert, dem Treiben abhold. Wir alle müssen +abtreten, zurück in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere +nicht getan, wir sind nicht die Rechten. + +Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulänglichkeit bewußt, der +Wende unwürdig das Geschick sich erfüllen sahen, habe auch ich meine +Stimme erhoben, das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet und +das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert und dereinst erzwingen +wird, die Änderung von Einrichtungen und Gesinnung, den wirtschaftlichen +und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der +Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung irdischer Ordnung im +Reich der Seele. Unverbrüchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind +im Anzuge, ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind +erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im Geiste verwirklicht. + +Doch die Liebe zur Heimat überwiegt alles und verlangt, die kommende +Gerechtigkeit und Adelung möchte als ein Werk deutschen Geistes, als ein +Geschenk deutschen Herzens an die Völker in die Welt treten, +Deutschland möchte nicht zag, spät und verdrossen dem Weltlauf folgen, +Deutschland möchte den Anspruch auf Führung und Verantwortung, also den +Anspruch auf eigenes Leben nicht mürrisch und verbittert jüngeren +Völkern preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd hinter +trockenen Rechten und böser Gewalt zu verschanzen. + +Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen? Wo sind +in dieser Zerfahrenheit der Interessen, der Stumpfheit, der +selbstverliebten Geschwätzigkeit, in dieser Unklarheit der Wertungen, in +der prüfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in der Verfilzung +der Staatseinrichtungen – wo sind noch Ansätze möglich für die +Keimkräfte des neuen, reinen, freien Lebens? Kann es außerhalb einer +politisch beeinflußten Tagesmeinung überhaupt noch eine geistige +deutsche Überzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken entständen, wirkliche +Gedanken des Geistes und Herzens, Ideen, nicht Forderungen alltäglicher +Nützlichkeit noch gehässiger Zeitungs- und Versammlungsdunst –, können +solche Gedanken in Deutschland noch Träger und Verwirklicher finden? Ist +unser Volk einer nicht bloß herkömmlichen, nicht bloß interessierten, +nicht bloß agitatorischen Anschauung noch fähig? Was sind überhaupt die +Voraussetzungen für die Möglichkeit einer deutschen Anschauung? Und sind +sie verwirklichbar? + +Die erste Prüfung endet freilich schlimm. In keinem Lande der Erde wird +soviel wie bei uns von Anschauung, Weltanschauung, Kultur und Ideal +geredet. Das kommt daher, daß wir in der vormechanistischen Epoche eine +wundervolle Blüte des Geistes erlebt haben. Das war in einem kleinen, +in den Tiefen kaum emanzipierten Volke mit einer Schicht von knapp +fünftausend Gebildeten, einem Volk also, das eigentlich nur aus +sichtbarem Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte, +uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten drei Menschenaltern +war die Zahl und Kraft der idealistischen Geister so gering, daß es +zweifelhaft erscheint, ob unsere wissenschaftliche, technische und +organisatorische Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient. + +Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen nach der +Weltanschauung und den Idealen, für die wir kämpften. Wir erklärten +ihnen, unsere Feinde seien Händler, wir aber verträten eine heldenhafte +Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns herrschende +Kapitalismus abgeschaltet werden mußte, der technisch-organisatorische +Teil der Kriegführung im Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt +wurde, wieweit wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, die in +unserem Namen die Welt versorgten, in das Heldenideal einzubeziehen +wünschten. + +Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen Freiheit beschieden, das +weniger eine Freiheit als eine sympathische Unfreiheit war, das +auffällig mit den herrschenden Zuständen übereinstimmte und im Kern auf +einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief. + +Auch das altliberale Bürgerideal hat man uns anzupreisen versucht, mit +schüchterner Loslösung von seinem englisch-französischen Ursprung, das +gern auf demokratische Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden +freisteht, ungestört und unbekümmert vom Nächsten und vom Staat, seinem +förderlichen Beruf nachzugehen. + +Die sogenannten Machtideale bedürfen keiner Erwähnung. Sie passen auf +jeden, der die Mittel zu haben glaubt oder sucht, um sich auf Kosten +anderer Vorteile zu schaffen. + +Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, und wir beschäftigen +uns wieder vorwiegend mit Interessen und Tagesfragen. Wo sind die +deutschen Ideale, wo sind ihre Träger? + +Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum großen Teil von +Schulagitatoren geführt werden. Wir haben acht Millionen unselbständige +in der Landwirtschaft Beschäftigte, die sich nicht organisieren dürfen +und nicht Träger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch +geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit Minderung bürgerlicher +Rechte drohen dürfen. Wir haben die Stände der Interessierten, die mit +der Dialektisierung ihrer Gewerbe befaßt sind. Wir haben eine +Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. Wir haben einen +selbständigen Mittelstand, der nach den Gründen seines Niederganges +sucht. Wir haben ein Großbürgertum, das nach Beziehungen und +Beförderungen lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand, +der zur Verteidigung alles Bestehenden erzogen ist. Wir haben +Interessenvertreter und Ortsgrößen, die im politischen Leben stehen und +ihre Wünsche und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in +Übereinstimmung zu bringen suchen. + +Und dennoch! Solange noch Selbstbewußtsein und Willenskraft in uns ist, +lieber in tätigem Glauben und edlem Irrtum vergehen als in kranker +Resignation und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu dir, +deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten des Lebens nicht +zermürbt, die wütenden Interessen und giftigen Händel dich nicht +verfeindet, ein großes Schicksal hat dich verschmolzen und geläutert, +hilf die Quellen des schmachtenden Landes erschließen. + +Laßt uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Laßt uns durch die Öde des +Zweifels schreiten, laßt uns an das Tor des Glaubens pochen, laßt uns +das Schicksal unserer Prüfung befragen und unserer eigenen Seele tief +ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht entmutigt heim. +Müßten wir auch ein schweres Teil der Völkerschuld auf uns selbst +nehmen, müßten wir tiefe Sühne und Einkehr von uns selbst verlangen: +Laßt uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir anderen das +Behagen der Beschönigung und des Selbstlobes, das seit vier Jahren zur +schamlosen Pest der Völker geworden ist, und suchen wir den Weg zur +alten Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes Erbteil +war. + +Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, wie fern wir dem +Lande unserer Verheißung sind, genug, wenn wir heimkehren mit der +Botschaft, daß unser Schicksal bei uns selbst steht, daß wir inne +geworden sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer +Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt. + +Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, und den härteren, +den wir kämpfen werden, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und +die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt +und sie zum Phönixopfer weiht. + + + + +Zweifel + + +Wir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu +preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form +einer liberal aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte exakte +Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus, +gesellschaftlich die bürgerliche Streberei. Das Reich und die Großmacht +war begründet, einen Schritt darüber hinaus gab es nicht; das Bestehende +hatte recht, wer Einwände erhob, bekam es mit Bismarck zu tun oder mit +dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder mit den »besseren« Ständen. +Alle Gebiete des Lebens überschattete die Autorität des unbestrittenen +sichtbaren Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverständlich, Urteil +und Rat vom bereicherten und kaufenden Bürger und der gebildeten +Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, soweit sie nicht als verderbt galt, +fügte sich den genehmigten Idealen, ja überbot sie; der oberste der +genehmigten Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte +Beamte, das heißt Juristen, die Laufbahn verlangte gesellschaftliche +Garantien, das heißt studentische und offiziermäßige Korporation. Die +Vorbilder wirtschaftlichen Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht so +machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb hatte eine +gesonderte Aufstiegsordnung, in der ein umfangreiches Assistentenwesen +und Einheirat eine gewisse Rolle spielten. + +Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb +unbewußt in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autorität +und Streberei gezwängt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum +eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, des altmodischen +Bramarbas und des bezopften Renommisten: den Patentscheißer. +Aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem +Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften +Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers +nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerliche +Prüfungsreife erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges +und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um +Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und +Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja +anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk +regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. Gewiß, es gab auch +zahlreiche andere Vertreter der akademischen Jugend, vor allem die, +deren Mittel zur Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine +Befürchtung, daß die Generation der achtziger Jahre uns den Ausfall +einer geistigen Ernte im öffentlichen Leben kosten würde, hat sich +erfüllt. + +In den Formen des ländlichen und kleinbürgerlichen Lebens haben wir uns +stets bescheiden, sicher und würdig bewegt. Für gesteigerte bürgerliche +Lebensform ist ein gültiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht +geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich, +patriarchalisch, stadtfeindlich, der größere international und +abgesondert. Der Soldatenstand ließ nach außen nur einen kühlen Schliff +erkennen, der zu brutal übertreibender Nachahmung verführte, das +Beamtentum, wirtschaftlich gedrückt und stolz verzichtend, machte in +seinen Formen die Abwehr fühlbar, die ein Leben in unterordnenden und +spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten bedingt. Patriziat und alter +Reichtum, in Deutschland selten und versprengt, fand in sich kein +Gleichgewicht und drängte zum Adel und Hof. + +So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild der Lebensform, des +Benehmens und der Gesellschaft; unzusammenhängende Konventionen wurden +unverstanden gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, zur +Schaffung eines geschlossenen äußeren Erscheinungsbildes reichten sie +nicht aus. Der erzieherische Nachteil dieses scheinbar äußerlichen +Mangels für jedes heranwachsende Geschlecht wird unterschätzt. Er läßt +den jungen Menschen die Würde und Sicherheit einer anerkannten Schulung +entbehren, verführt zu einem billigen Individualismus, der nur +Formlosigkeit ist, erschwert die Schätzung und Gemeinschaft einer +körperlichen Kalokagathie, bewirkt Rückschläge in eine pomadisierte +Pöbelhaftigkeit und ermöglicht die Entstehung von wechselnden +Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet werden würden, und von +denen das der achtziger Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet. + +Diese Sorge ist vorüber, denn kommende Zeiten werden die Spaltung der +Kasten nicht kennen, der aristokratischen, militärischen und +bureaukratischen Vorbilder nicht bedürfen, sondern ihre Wertungen aus +menschlichen und volkstümlichen Vorstellungen schöpfen. Für uns bestand +sie, euch blieb sie erspart. + +Denn ihr hattet das Glück, im Widerspruch zu erwachen. Eure Kindheit hat +der beginnende Wohlstand des Landes gepflegt, ein erwachendes +Schrifttum, eine nicht volkstümliche Kunst hat euch ein Widerspiel zur +Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewußtsein erweckt und durch +Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte Lösung von der Autorität, die +einigen von uns glückte, andere brach, war für euch kein Problem, denn +ihr seid frei geboren. Eure Väter konnten euch nicht die +Unwiderleglichkeit großer Schöpfung entgegenhalten, sie hatten nur die +Mechanisierung emporgehoben, der sie fruchtlos dienten, den Staat und +ihr eigenes Machterbe verwahrlost, und euch mit einer gewalttätigen, +rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, die sich anpreisen +aber nicht verteidigen konnte. Freilich waren auch unter ihnen große +Männer, deren Arbeit Gutes schuf und ohne ihr Wissen Künftiges +bereitete, doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis auf +seine Wurzeln des schöpferischen Zweifels, und die äußerlich glänzendste +Epoche, die je der Erde beschieden war, die dicht an das künstliche +Paradies der Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen +Schrankenlosigkeit und des ewigen Wohlstandes rührte, erstarb im Geiste. + +Ihr durftet zum Bewußtsein erwachen, und wenn uns Älteren ein Anteil an +der Freude dieses Erwachens zufiel, so war es der, daß einige von uns +versucht hatten, der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken, +ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreißen und mit der Gewißheit +der aufsteigenden Seele heimzukehren. Selbst eure Väter hatten euch +vorgearbeitet; sie waren der alten Strenge und Herrschgewalt nicht +fähig, denn die fordert zweifelfreie Überzeugung und Überlieferung, sie +aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativität, die verstehen +wollte, aber nicht werten. Unschlüssig lockerten sie das Band der +Schule; da floß viel Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird, +und schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, Verwalter und +Richter des geistigen Erdenguts sein soll. Dafür wurdet ihr freier, und +lerntet fühlen, daß Jugend, bloße Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des +Wollens und Handelns ein erfüllendes Glück ist. Ihr wandtet euch ab von +gepriesenen Werken und Kämpfen, dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor +euch den Trunk ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin – dies +ist euer schönster Gewinn – wohin nicht viele Geschlechter gedrungen +sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit und Freundschaft. Viel fehlte +nicht, so hättet ihr euch von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit +losgesagt und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden. + +Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft zu Bäumen, +Tieren und Menschen. Manches Lied und mancher Vogelruf wurde euch +vernehmlich, und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und lerntet +die Namen der Kräuter und die Spuren der Tiere auf morgendlichen Wegen. +In Nächten saßet ihr beisammen und sprachet von freier, verantwortlicher +Bestimmung des Lebens, von einem Dasein ohne Haß und Gier und vom +Erwachen des Geistes. + +Den Dämonen konnte dies Dasein ein träumerisches Spiel scheinen, zu +leicht und glücklich selbst für die Jugend Erdgebundener. Da geschah die +Berufung, die euch vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit +schlug und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung für künftige Wende +zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff euch und viele durften siegend +sterben. Der Zeiger der Geschichte steht still, solange die Urkräfte und +Titanen ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch +und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr. + +Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, die ihre Unschuld und ihr +reines Glück, furchtlos, das Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne +Frage ins Feld getragen haben. Sie sind der blühende Leib und die +lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind sie mit der Meinung +und Wertung des Tages zufrieden, mit leichten Erklärungen einverstanden, +leiblich und geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber werden +sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, und wenn sie reinen Herzens +bleiben, tun, so Gott will, was not ist. + +Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf und das Weh der Erde zum +zweiten Male sich abspielt, die in der Angst der Schuld und in der Qual +des schöpferischen Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt, +sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue Gestaltung +emporzutragen. Ihre Verantwortung ist es, wenn die Dinge des Landes und +des Erdteils so bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die +treibenden Kräfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die Völker als +Fremdlinge, als Objekte in den Häusern ihrer Staaten sitzen, wenn +Ungerechtigkeit, Haß, Gier und Entseelung den entfleischten Erdteil von +Kampf zu Kampf in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr ist +Zermürbung der großen Aufgabe und ihrer selbst durch unergriffene +Klügelei, durch selbstverliebte Theoretik, durch flache Originalität. +Erschreckt nicht vor dem einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit +in der verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, vor +aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; das reine Herz +muß sie finden. + +Mit ihnen, den Zweifelnden, muß ich reden. Nicht als einer, der weiß und +sicher ist, sondern als einer von denen, die mit ihnen leiden und +suchen, die fühlen, daß alle Gemeinschaft ein Bekennen ist. + +Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? Es gibt nur +täuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? Es gibt keine absoluten +Werte. Was ist ein Ziel? Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht +ist, zu neuen Zielen hinwegstrebt – oder eine unerträglich süße, falsche +Seligkeit. Was sind menschliche Triebkräfte? Genuß und Macht. Was ist +Tat und Opfer? Zwang unfreien Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine +Konvention des Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die +wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was ist Dasein? Eine +Verirrung des Absoluten, aus dem es nur den Ausweg gibt in Traum und +Nichts. + +Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle dieser Sätze für wahr +zu halten. Nur sollte er dann so ehrlich sein, wie es Skeptiker und +Pessimisten nicht immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf +Gültigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht versuchen, mit +dürftiger und verhohlener Anleihe aus anderen geistigen Breiten eine +Hütte zu zimmern, in der man den ungeselligen, unbequemen, +unmaßgeblichen Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus +oder Epikuräertums stillschweigend und verstohlen gegen wohnlichere +Gerätschaften vertauschen kann. + +Drängt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so haben wir schon unbewußt +und unbeirrt die Wahl getroffen. Unser Wollen erhält nicht mehr sein +Licht aus der Dämmerwelt des Intellekts, sondern aus dem höheren und +reineren geistigen Bezirk der Seele, die sich nicht vor unteren +Instanzen zu verantworten hat, sondern die selbst die höchste, an der +Grenze des Irdischen waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den +Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede Quelle höheren +menschlichen Willens entsprungen ist, gleichviel, ob der geometrische +Verstand sich nachträglich entschließt, aus handfesten Brocken, Symbolen +der Erscheinungswelt, Brunnenränder und Deiche zu erbauen. In diesem +Reiche, das alles Sittliche umschließt und uns mit dem Göttlichen +verbindet, sind wir frei und bedürfen keiner Beweise und Überredungen, +denn was wir aus heiligem Bezirk unberührt herniedertragen, leuchtet und +leuchtet ein, es überzeugt durch sich selbst, aus eigener Kraft. Nur +dann jedoch wird das prometheische Werk armer menschlicher Kraft +gelingen, wenn wir dies Reich der Seele nicht verleugnen, wenn wir +streben, auf seinem Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben +wollen, ohne den wir nichts wollen können, wenn wir an den Willen +glauben, ohne den wir nichts glauben können. Hier liegt die Synthese des +Transzendenten und des Rationalen. Unberührbar, aus hohem Reich gegeben +ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskräften verbündet und +anheimgestellt ist das Wollen und der Plan. + +Der nächste Zweifel kommt von der Schulweisheit. Alle Weltverbesserung +ist Utopie. Nie hat sich das innere Wesen des Menschen geändert, +Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen +vermehrt sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! Sie kommen +vorwärts. Doch wer auf eine Änderung, gar eine Veredelung der +menschlichen Triebkräfte, auf eine Versittlichung der Gesellschaft, der +Wirtschaft hofft, der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und mag +Narren trösten. + +Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die es werden wollen, in +der forschen Überzeugung ihrer forscherischen Überlegenheit. Dann wenden +sie sich wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einfluß der Pappdächer auf +den Geburtenüberschuß, und vergessen, daß wenn die Welt im Großen nicht +gebessert werden kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen. + +Nie bin ich müde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche +Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, daß sie uns zeigen kann, +wie sehr von Urzeiten und Urstämmen her das Wesen des Menschen sich +geändert hat. Wäre dies Wesen aber auch in sich selbst unveränderlich, +so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert die Änderung der +herrschenden sittlichen Bewertungen und mit ihnen die Umstellung alles +Benehmens. Wenn in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder +einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa auf die Begriffe der +Unbestechlichkeit, des Mutes, der Wahrhaftigkeit eingestellt werden – +und das sind Vorgänge, für die wir im eigenen Lande Beispiele haben –, +so ist die Erörterung müßig, ob damit über lang oder kurz alle zur +Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; sicher ist, daß die +Bestechlichen, die Feigen und die Lügner mit ihren Lastern nicht mehr +frei hervortreten, und daß diese Laster aufgehört haben, die +Gemeinschaft zu beherrschen. Immer wieder übersieht man, daß alle +Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung sehr ähnliche Mischung +aller sittlichen Qualitäten enthalten, und das sittliche Aussehen und +Wirken weniger von den überwiegenden Qualitäten bestimmt wird, als von +denen, welchen gestattet wird, an die Oberfläche zu treten. Welchen aber +diese freie Bewegung gestattet wird, und welche anderen gezwungen +werden, sich im Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche +Bewertung, also im Gegensatz zu überkommenen Eigenschaften, der freie +sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch zur eigentlichen +herrschenden Kraft wird. + +Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und Vergangenheit +dadurch enthoben, daß er nicht auf der Ebene physischer Umgestaltung, +sondern auf der Ebene bewußter Wertung tätig wird, ist somit die Frage +nach der Veränderlichkeit des Gemeinschaftscharakters eine falsch +gestellte Frage, so wird auch die Prüfung des Problems vom wachsenden +Glück ergeben, daß dieser Zweifel die Grundfragen des menschlichen +Wollens leichtfertig verkennt. + +Wir sind nicht da um des Glückes willen. Unser Wille ist nicht da, noch +weniger ist Entwicklung da, um unser Glück zu vergrößern. Wir schreiten +nicht den Weg der Beglückung, sondern den Weg der Vervollkommnung, den +Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glück darüber zugrunde geht. Und wir +schreiten diesen Weg nicht bloß, weil wir müssen, sondern weil wir +wollen, weil es noch andere treibende Kräfte gibt, die in uns selbst +liegen. + +Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken und sagen, +damals seien sie glücklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr. +Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen +Glücks wägt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns +nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit einem absoluten Maß +an Glücksgefühlen begabt, das alles Maß unserer seligsten Empfindungen +weit übertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es +entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, die Glücksstufe ist mehr als +die Glücksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das +Geschick alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen als +das unsere. Könnten wir uns entschließen, alles zu vergessen, was wir +sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu +sein? Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und die +Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller großen Epochen, von der +deutschen Musik, vom nördlichen Frühling, vom Glauben des Ostens und +Westens, von zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der +Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben: +Könnten wir uns in engen Landstädten, in gerätelosen Kammern, in +gleichförmigen Marktversammlungen, mit einer auserwählten aber +vergleichlosen Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie unseres +Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine +Rückkehr zur einstimmigen Melodie. + +Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedürfen wir nicht; +denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen +und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht +uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des Tuns. Ein Denken, über +das man sich, bewußt oder unbewußt, stets hinweggesetzt hat und +hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden. +Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil +aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist unzuständig, überdies ist +dein Urteil falsch und unvollstreckbar. + +Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Engländer +hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer +Gründlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen +sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stämme, der +Überlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung +die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten +der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkür des +Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, alles Überraschende ordnet +sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese +Betrachtungsweise hat für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles +Denken durch gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen +lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu +vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, ja alle Naturereignisse +und Wirrnisse erscheinen als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der +jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis +zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv, +sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre +Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige +Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als Störungen, als +feindliche Mächte – freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben, +nachträglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen +Vergangenheitswurzeln bedacht –; im Vorblick wirkt die historische +Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen, +ja unentbehrlich. + +Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte +sie sich beschränken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die +gemütvolle Verführung der wissenschaftlichen Romantik lange genug +gehemmt; eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen Wende, +die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee +fremd, abstrakt, rational, der lokalen Färbung und des gewohnten +heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem +ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. Ist die Idee +verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenständigkeit, die +eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde. + +Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden +stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und +nur seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von anderen +überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, dafür ist gesorgt, +seine eigenen Wurzeln werden ihn zurückhalten. Alexander hätte nicht den +Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die +neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren über +Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich hätten sie +vielleicht einige aufklärende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom +Rückblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel, +der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein +anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast +entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschätzt die +Fliehkraft des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger wird, je +weniger er sich um die irdische Bindung kümmert. + +Ein ganz tatsächliches Moment sollten die Verehrer des ruhigen Flusses +und der Überlieferungskräfte nicht vergessen: Die Völker, mit denen die +nationale Erinnerung sich in feierlichen Augenblicken identifiziert, +leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Römer, die Franzosen keine +Franken und die Deutschen keine Germanen. Die Verschmelzung mit +Unterworfenen und mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die +Völker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch weit mehr, als +man zuzugeben geneigt ist, untereinander angeähnlicht. Die geistigen und +körperlichen Verschiedenheiten der Proletariate Europas, die heute schon +die überwiegenden Massen der Völker ausmachen und daher auch die +eigentlich Kriegführenden sind, erweisen sich als sehr gering. Der +Umschichtungsbewegung, die in Deutschland die letzten fünf Jahrhunderte +erfüllt, entstammt die ganze sichtbare Änderung unseres Völkerlebens; +die Einrichtungen sind den Änderungen der Substanz nicht vorausgeeilt, +sondern zeitweise um große Strecken zurückgeblieben; man erinnere sich +der kleinen Einzelzüge: daß vor dem Kriege das Wort Volk in der +offiziellen Sprache verpönt war und nicht an den Reichstagsgiebel +geschrieben werden durfte, und daß jede Verteidigung des Begriffes der +Demokratie an Staatsverbrechen rührte. Zweierlei sollten die +kryptokonservativen Denker im Auge behalten: einmal, daß die Wasser der +Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das Freiheit heißt, und +sich niemals haben umkehren lassen, sodann, daß überlange Stauung die +Dämme bricht. + +Der ernsteste Zweifel ist der chaotische. + +Es kann geschehen, daß das Entsetzen der Zeit in einem Menschen so +mächtig wird, daß er Heilung nur noch in der Vernichtung sieht, in der +Feuerverzehrung selbst, im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das +Entsetzen der Zeit – ist denn dieses Entsetzen größer als das Entsetzen +früherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse das Mächtige, ist denn der +Mord der Millionen schwärzer als der Mord eines Einen? Sind denn +geschlachtete Städte und Landstriche der Großkönige und Pharaonen, Khane +und Cäsaren mildere Opfer gewesen als die der Handgranaten und Gase? +Freilich nicht; menschliches Elend wächst nicht über sich selbst hinaus +durch angehängte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes als die +Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte Feuerflut das +vorbildlose Grauen der Jahrtausende, und es ist begreiflicher, daß +manche, die es erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben, +an nichts verzweifeln. + +Alles frühere Elend war ein Geißelschlag, der auf den Rücken der +gesunden Erde sauste. Getroffen wurden von der Furie zwei Heere und was +ihnen in den Weg kam, das andere blieb gesund. Der Dreißigjährige Krieg +war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie blieb im Raume +beschränkt. Den wahren Vergleich dessen, was wir erleben, nein zu +erleben beginnen, bietet der fünfhundertjährige Brand, in dem ein +Weltzeitalter sich löste. In der Schmelzglut versank die südliche Antike +und die mönch-ritterliche Strenge des Nordens stieg empor. Doch auch +diese Krisis war innerlich milder, denn sie betraf unbewußte +Geschlechter in der Gestalt eines objektiven Schicksals. + +Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der Sinnlosigkeit, die +selbstgeschaffene Hölle. Nicht Eine verantwortungsvoll lebendige Seele +will das Leiden, und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in +Duldung und Haß, in Widerstreben und Furcht das Leid des anderen und das +Leid der Welt zu mehren. Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tägliches +Brot verzehrt, ist mitschuldig, schädigt und tötet, keiner kann sich dem +Geißeltanz entziehen, je heißer er blutet, desto wilder muß er schlagen. +Keiner weiß den Sinn, keiner den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm +als Trost nur der selbstentfachte Haß und die zitternde Empörung über +die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den Ausweg, denn wem es +schlecht geht, der kann nicht beenden, und wem es gut geht, der wird +gezwungen, seine Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz +nicht stumpf ist, fühlt, daß die Schlechtigkeit des anderen es nicht +allein sein kann, daß hinter allen Schlechtigkeiten ein böses Schicksal +steht, und daß dieses Schicksal die Ungerechtigkeit aller ist. Und +deshalb wiederum fühlt man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen +Not, fühlt man, daß sie nicht zu Ende gehen kann wie die Entscheidung +eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht durch Buße und Erstattung löst. +Noch immer zwar, weit tiefer als man weiß und zugibt, ist die Welt +durchsättigt von der Vorstellung des Gottesurteils, von der Verwerfung +des Besiegten, von der Rechtfertigung des Siegers, daß der Sieg an sich +nach Gottes Wohlgefallen neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, daß +der Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer unter die Füße +gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung nach freiem Ermessen, wie der +Ausdruck lautet: auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mißerfolg ein +tieferes Gefühl als Enttäuschung und Kummer, nämlich die sittliche Angst +vor der Verwerfung, bei jedem Erfolg ein höheres als Freude, nämlich die +Sicherheit, auf der Seite des kämpfenden Gottes zu stehen; daher die +wachsende Hemmung gegen Verständigung: Denn wie sollte der jeweils vom +Gott Beschirmte, der Träger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem +vor aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? Und die +urzeitliche Vorstellung wird bekräftigt durch den öffentlichen +Wettbewerb der Beteiligten um die Gunst des Schlachtengottes, von dem +man annimmt, daß sein Entschluß durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung +und Buße wo nicht geändert, so doch gestärkt werden könne. + +Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, das Entsetzen +auf den Kometen und den Zorn der Dämonen abzuwälzen, der in seinem +Inneren alle Schuld und Verantwortung für das widerwillig +selbstgeschaffene Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung so +überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins Chaos flüchtet. Es kann +ihm geschehen, daß er getrieben wird, alle Werte anzutasten, daß er die +Frage wagt, ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte, +Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft so hoch erhaben, so +tief gegründet sind, daß in ihrem Namen die Welt friedlich und +kriegerisch sich in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und +Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen +Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe. Der Zweifel kann +sich versteifen, wenn berufene Ausleger des Wortes, zwischen Schrift und +Wirklichkeit gestellt, die Gebote der Liebe außer Kraft setzen oder +durch gewagte Deutung den kämpfenden Mächten unterwerfen. Ist denn nicht +den Armen und Ohnmächtigen das Himmelreich verheißen? Ist nicht die +Verkündung allen Völkern gepredigt? Ist es nicht göttlich, Unrecht +erleiden? Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater im +Himmel und ein Land die Erde? + +Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im +guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden? + +Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es +mehr an als dem Deutschen, der über Zeiten und Räume blickt, die höhere +Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das +den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden Natur genügt, wenn es +widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens +überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen +die Kunst das schönste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus +den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres +Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und +des animalischen Reiches stehen: daß die widerspruchsvollen Bedingungen, +denen die Schöpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, und +daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird. +Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die +Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, die +Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die +Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der +Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Träumerei, die +Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die +Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Härte der +Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glück und die +Sehnsucht zum Leiden, die Dämonie der Leidenschaft und die Stille der +Verklärung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so +unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit des +Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfüllbarer +Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste +aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann +man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im +Äußeren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermählen. + +Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder +resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten +kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die +volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und +Leidenschaftliche, Tätige und Betrachtende, Schaffende und Genießende in +rechter Mischung enthält, so kann sie den Schein eines vollendeten +Volkes und einige seiner Richtkräfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem +wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der +Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile, +das Ziel der Hellenen muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß +es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf +um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man früher +nachgesagt, daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles +Vorzügliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den +Verzicht der Beschränktheit zu wählen. Uns steht nicht an, was dem +Orientalen gewährt ist; selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht +auf Tätigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung +verzichten. Unser abendländisches und deutsches Los verlangt zum +Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das +Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit dürfen wir +nicht die Familie und nicht die Nation übergehen, auf dem Wege zur +Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das +Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den +Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prüfen, +sondern bekräftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, daß von den +greifbaren Dingen auch die höchsten nicht Selbstzweck sind. + +Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: Auch wenn wir die +Ganzheit der nationalen Güter wollen, so könnte es sein, daß aus der +Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet, +sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei +es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was +bedeuten für die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, aus +der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt. + +Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich +Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen +wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit +auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und +äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den +Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein +Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas, +das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische +Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als +Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und +Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch +Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt. + +Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht. +Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweißes und der Tränen, wo der +eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk springt +nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche +Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es +ein kindliches und beseeltes Volk ist. + +Das russische Volk wird alles nachholen müssen, was Völker begangen und +erduldet haben, den Sündenfall der Bewußtheit, den Zweifel, die +Selbstvernichtung, die Binnenkämpfe, das innere und äußere Schicksal. +Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige Krieg, die Zerstampfung +durch alle Nachbarvölker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und +Parteien bevor. Wie ihr französisches Vorbild wird die russische +Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach +und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird +in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die französische +Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos +verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die französische +Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Römer, +sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers, +das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und +die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois +Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie +erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die +organisch durchstaatlichte Wirtschaft. + +Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der +östlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhänger +nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um +das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um +das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflösung, +sondern ein Aufbau, nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen, +sondern die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht ist +für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen +Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche +Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu schaffen, +obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit +tödlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Länder haben zu viel zu +verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden +in der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein Umbau +gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Stützen erhalten +bleiben. + +Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo +Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionär, als es uns +bestimmt war, es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung +diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig politischer und +sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt, +Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber +zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von +Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem Sozialismus und +undemokratischem Liberalismus. Den künftigen Aufbau aber werden nicht +ungezogene Massen und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein +ernstes, überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, wird ihn +erarbeiten: das Volk eurer Tage. + +Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende +Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse des hadernden Verstandes. +Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit, +nicht der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders, +nicht das Achselzucken des kleineren Übels wirkt die Wende des +Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos +freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube. + + + + +Glaube + + +Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens +geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrückten Quellen +unseres und des kosmischen Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur +zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber muß zwischen dem +Unvergleichbaren wählen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten. +Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben +zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklären es zum +Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das +Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der +Schöpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der +Willensregungen bricht. + +Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum +erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies +Übel für größer? diese Freude für reiner? dieses Streben für höher? +diese Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier den Sinnenreiz +und dort die Mühe? Warum hier das gegenwärtige Übel statt des künftigen, +dort das künftige statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier die +Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde und da die Entsagung? +Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff +unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende Geschlechter? +Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode? + +Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid +und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glück, Tagessorge und +künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, göttliche Liebe und +irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, vergleichen das +Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so. + +Verschmäht man die Begründung: wir handeln aus Angst und Gier, aus +Furcht vor Entbehrung, Langeweile, Verachtung, göttlicher Strafe, +Schmerz und Tod, aus Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz, +Belohnung und Wechsel; verschmäht man dies menschenunwürdige Bekenntnis, +so ist anerkannt: Richtkräfte unseres Lebens sind absolute Werte. Diese +Werte können benannt, aber nicht begründet werden. + +So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem Lande uns die +Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt ist, so wenig kann die +Gedankenkunst der Philosophie uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust +du das, so geschieht das. Mir scheint dies das größere, jenes das +kleinere Übel, dies das höhere, jenes das geringere Gut. Sie schließt: +du sollst, oder: du mußt. Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich +soll? aber ich will nicht. Ich muß? nein, ich kann auch anders. + +Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt die Faust und +droht, oder sie wendet sich ab und schmäht. + +Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, oder sie sind nicht. +Wer ehrlich ist, weiß, daß er manchmal Folgen mit dem Verstande +abgewogen hat, niemals Ziele. Er handelt wie er handeln muß, nach +innerem Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist göttlich. Wer +Werte ergrübelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und nicht berufen. +Die Gründe, die jemand nachträglich für sein Handeln gibt, sind falsch. +Niemand weiß, was in irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein +tausendfältiges Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fühlungen und +Wollungen, und ein Innerstes entscheidet. + +Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern geschenkt. Geschenkt +dem, der reinen Herzens ist, und dessen Geist schweigen kann. Sie sind +das Geschenk überintellektueller Kräfte, deshalb bedürfen sie keiner +Begründung und keines Beweises, sie bestehen aus eigener Kraft, denn sie +entstammen dem Reich der Seele. Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man +nicht, und doch steht es himmelweit offen. Der höchsten Menschenmacht +ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens. + +Glauben! Zögernd gestehe ich euch, Freunde: ich liebe das Wort nicht. In +der griechischen und römischen Schrift stehen die Wörter πίστις und +#fides#, die heißen Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben +übersetzte, da stand dies schöne Wort seinem Ursinn näher, jetzt ist es +verwelkt und sagt nicht viel mehr als »für wahr halten«. Nur wenn wir +bekennen »ich glaube an Gott«, so erklingt der alte Glockenton. Nichts +steht dem Glauben ferner als das Meinen. Und so wie wir das +schwachgewordene Wort zum reinen Sinn beleben müssen, ist uns das +Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft erwecken sollen. + +Kränker ist das Wort Religion. Bei den Römern war es stark, es hieß +Bindung, eine rechte Knebelung mit Stricken, wie die Liktoren sie +pflogen. Wir denken leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen +gelehrt und geprüft wird, an ein bürgerliches Unterscheidungsmerkmal. +Man hat Religion das »Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit« genannt, das +betont die Bindung und entbehrt der göttlichen Freiheit; der Begriff der +Transzendenz ist erfüllt vom Denken; zuweilen möchte ich Gottesbund, +zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten Gottesfriede sagen. + +Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem Glauben, so laßt es +uns in großer Freiheit und ohne Schämen beginnen. Wir, die wir nicht in +Gemeinden knien können, wir wagen vor beschämter Ehrfurcht nicht, die +höchsten Worte auszusprechen und fürchten uns, unsere Seelen zu +entblößen. Wird es uns schwerer als den berufenen Glaubensverkündern, +diese Scham zu überwinden, um zu bekennen, wie es in unseren Herzen um +den Glauben steht, so soll es um so rückhaltloser geschehen, ja wir +wollen vor allem den Versuch wagen, in harter Selbsterforschung das zu +offenbaren, was jenen nicht obliegt: den unbewußten Widerwillen +gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den Glauben. + +Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. Abendländische +Sittlichkeit und Erziehung beruht auf der alten Verherrlichung des +Mutes, der Verdammung der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der +Wahrhaftigkeit, Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; Furcht +mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lüge, Zweckhaftigkeit, +Unterwürfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. Der Begriff der +Sünde besteht nicht. Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am +wenigsten Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur das +Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrät. Keiner Erlösung bedarf +es, der anständige Mensch getraut sich, mit Welt und Überwelt aus +eigener Kraft fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger +Mächte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, nicht im Stiche +lassen. + +Nie wäre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, das Mutideal zu +brechen und das Zeichen der Unterwerfung zu erhöhen, wäre ihr nicht die +aufquellende europäische Unterschicht gefügig gewesen. Die Kirche mußte +die Greuel der Hölle ins Unaussprechliche häufen, um den Funken von +Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, sie bedurfte der fügsamen +Kinderseele und der Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendländischen +Geistesleben nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das seltsamste +in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen von religiös begabten +Naturen und von Beschränkten ist der europäische Mann in der Blüte +seiner Jahre nicht Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine +Wochentagsanschauung mit einem Sonntagsglauben, der auf das Fühlen, +geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn Mutvorschriften, wie etwa +Zweikampf, in Frage stehen, muß die Glaubenskonvention schweigen; das +Gebot des Backenstreichs ist schlechthin Ärgernis. + +So mischt sich für den normalen männlich erwachsenen Europäer in die +Dinge des Glaubens ein Beigeschmack von Unwahrhaftigkeit, +Unterwürfigkeit. Widerliche Sünden bekennen, sich selbst hinstellen als +einen, mit dem man nicht verkehren würde, wenn man ihn träfe, Verzeihung +erbitten in unwürdiger Haltung und schlechtem Gewissen, erlöst zu werden +durch Gnade, von einer Gottheit, die das Gröbste an Schmeichelei +hinnimmt, ja vielleicht verlangt, die von ihren Anhängern eine geläufige +Konvention der Salbung in Rede und Gebärde fordert: das sind +Empfindungen, die mit Schrecken zurückgedrängt und verleugnet, sich ins +Unterbewußte flüchten und den Widerglauben nähren. Wer in seiner Jugend +eine Periode atheistischer Ungläubigkeit erlebt hat, der erinnert sich +unter allen Nöten und Leerheiten eines Gefühls resoluter Ehrlichkeit, +das lieber auf Trost und Heil verzichten als dauernd das Opfer der +Einsicht und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher +Widerschein dieses alten Gefühls dämmert auf, wenn wir einem handfesten, +naturwissenschaftlichen Atheisten begegnen; wir betrachten +kopfschüttelnd die selbstbewußte Gewißheit, mit der in den höchsten +Dingen der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir empfinden, +dieser Mann macht es sich nicht leicht, er hat es schwerer als wir, und +nicht aus unedlen Gründen. Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und +Pflicht, den Gottesleugner als Störer irdischer und göttlicher Ordnung +mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur ein Gefühl verärgerten +Selbstbewußtseins und unfreiwilliger Achtung erklärt die +selbstbetäubende Wut und schaustellende Verachtung jener eifernden +Gerechten. + +Vorblickend nehmen wir wahr, daß künftiger Glauben manches Erbteil von +Babylon und Zion, von Byzanz und Rom, ja einiges auch von Wittenberg +abstreifen wird; er wird ein freier und männlicher Glauben sein, ohne +Sündenlümmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, Schmeichelei, +Bettelei und Winselei, für uns Deutsche aber so, wie er aus deutschen +Herzen kommt, und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche +Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch weniger aber +sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte ist im Lichte der Weltensonne +nichts; der Glaube steht auf höherem Recht; wenn er Sünde zeiht, so +werden wir uns schuldig fühlen, wenn er Demut fordert, so werden wir uns +beugen, wenn er Erlösung verheißt, so werden wir sie begehren. Alle +diese Dinge aber gehen nicht vor im Bereiche der Wünsche und Ängste, des +hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, sondern +in der Stille des Herzens und nicht um Güterwerben, sondern um höchste +Werte. + +Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. Der Glauben steht +nicht für sich, mit der gläubigen Haltung ist es nicht getan, es +entsteht gläubiges Leben, Verkehr mit den göttlichen Mächten und sein +Abbild im täglichen Handeln. + +Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudämonismus, das Streben +nach irdischem Glück und Gut im göttlichen Verkehr, mit Milde +hinzunehmen, historisch gesonnen, wie nun einmal alles in unserer +formeldenkenden Zeit, erkennen sie im Eudämonismus eine der religiösen +Urformen, einen nötigen und erwünschten Durchgang zum reineren Glauben +und gehen leicht darüber hinweg, daß nur ein verschwindender Teil aller +Glaubensübung über eudämonistische Beschwörung hinausreicht. Wir jedoch +haben dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wenn wir wissen wollen, +welche unterbewußte Strömung viele Gemüter vom Glauben fernhält. + +Es soll dem ursprünglichen Menschen nicht verdacht und zu seinem Troste +gern gegönnt sein, wenn er die göttlichen Personen und ihre Gefolgschaft +für Wesen hält, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht bloß Glaube +und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, Sündenbekenntnis und Buße, +Danksagung und Lobpreisung, inständiges Gebet, ja selbst Gelübde und +Opfer bewegen die Mächte, von ihrem Vorhaben abzugehen und das zu +bewilligen, was man erbittet. Man bittet um Seelenheil und Segen im +allgemeinen, aber auch um Gesundheit und langes Leben für sich und +andere, um gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, Sieg. +Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, das durch +Parteinahme der Gottheit für einen der Kämpfenden entschieden wird. Da +nun jeder einzelne Dinge erbittet, die alle wünschen, die aber nicht +allen durchweg gewährt werden können, so entsteht ein Wettbewerb der +Frömmigkeit um die göttliche Gunst. + +Es darf nicht verkannt werden, daß manche innerliche, das Materielle +weit übersteigende Regung sich in diese gläubige Betriebsamkeit mischt; +dennoch ist ihr eigentliches Wesen nicht mehr Sache des Gemütes, sondern +der zweckdienlichen Überlegung und der zielbewußten Nachhaltigkeit. Denn +wer einigermaßen überzeugt ist, daß alle irdischen Segnungen sich auf +dem Bittwege und durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der wird +leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den Vorzug geben und alles +daransetzen, durch nützliche Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu +schlagen. + +Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die Schlechtesten, die +den Weg der geistlichen Betriebsamkeit verschmähen, um die ganze Härte +mannhafter Arbeit auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewußt +Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhängerische Gestalt, die mit +Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, der es sich so schwer macht und +doch nichts erreichen darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich +nicht gegen die primitive Form des Eudämonismus, sondern gegen den +Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, der sich irdischen +Zielen anpaßt, der als Mittel zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als +Magie, gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg +gehandhabt. + +Religionslehrer und Kirchen mögen sich fragen, ob sie soviel getan haben +als nötig war, um die Menschen über das wahre Verhältnis des +Eudämonismus zum Glauben aufzuklären, ob sie nicht gelegentlich die alte +Nützlichkeitsseite des Glaubens willkommen hießen, gleichviel ob als +Erziehungsmittel oder um die Gläubigen bei der Stange zu halten. + +Künftige Gläubigkeit wird nicht verkennen, daß der Glaube auch eine +weltliche Sendung habe, wenn auch nicht die der handgreiflichen +Nützlichkeit: denn er schafft Werte und bewegt somit das ganze Gefüge +des irdischen Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten, +unbewußten Kern seines Wollens berührt; er bringt Trost, indem er alles +Leiden, das in seiner letzten Wurzel ein inneres ist, in der Tiefe +sänftigt. Das ist die irdische, die geringere Seite des Glaubens. Es mag +Menschen geben, die sie verschmähen, doch ihre Ablehnung wird eine +passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, nicht mehr eine +abstoßende aus verletztem Gefühl und Auflehnung des Charakters. + +Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie ist die offenkundige, +unablässig besprochene, die von uns nur in ihren letzten minder bewußten +Wirkungen aufgehellt werden soll. Da Glauben nie aufgehört hat, als ein +Fürwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, was für wahr gehalten +werden soll, von den meisten Religionslehrern dogmatisch gezogen, von +vielen ihrer Anhänger zweifelnd überschritten werden, so entstehen die +Konflikte des Skrupels, die drei Lösungen haben: Entfremdung vom +Glauben, Kompromiß, und Opfer des Intellekts. Solange der Glaube +dogmatisch bleibt, ist die letzte Lösung, die des Opfers, die allein +vollkommene und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem +Bedenken des Charakters. Immer wieder fühlt der Zweifelnde, daß der +Beruhigte es sich bequem macht, daß die Schwere des Opfers geradenwegs +mit der Gewissenhaftigkeit wächst, und in dem Augenblick, wo er es zu +bringen bereit ist, schreckt er zurück, weil er seine Gewissenhaftigkeit +durch die Wucht der Vorteile bestochen fürchtet. Freilich haben die +geistig Armen es gut, sie sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke +auf den Dämonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer hat. Er +aber geht nun in seinem Zweifel so weit, daß er die geistig Armen +schlechthin für Beschränkte, für Unmaßgebliche hält, und in +selbstverwundetem Stolz um so weiter von der Pforte des Glaubens +zurückweicht. Er weiß, daß er, soweit es menschenmöglich ist, seinen +Intellekt zwingen könnte; er könnte es mit symbolischer Ausdeutung +versuchen, er könnte über die Dinge hinweggleiten, sie an eine dunklere +Stelle des Bewußtseins rücken, durch Suggestion des Willens die +Gegenkräfte verdrängen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht würdig; er +vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie angewendet haben und nun +ihre Ruhe genießen. Er will nur das eine vermeiden: von den schlechteren +Kräften seines Wesens zum Guten gezogen zu werden. + +Mag falscher Stolz die eine Hälfte der Schuld tragen, die andere Hälfte +ruht auf den Mechanisierungsformen des Glaubens, die seine Inhalte seit +unvordenklichen Zeiten nicht fortentwickelt und einer veränderten +Menschheit angepaßt haben, indem sie nämlich die Inhalte des Glaubens, +entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen ansahen. + +Völkerschaften, die der Mythenbildung fähig sind, gibt es noch heute; es +sind solche, bei denen das Glauben (im Sinne des Fürwahrhaltens) und das +Wissen (im Sinne des beweiskräftig Ermittelten) nicht gesondert sind. +Da, wo man kein Interesse am Beweise hat, weil für die einfachen +Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht und Lüge keinen +Nutzen bringt, geschehen noch täglich Wunder, und Wundertäter schaffen +Religionen. Die Loslösung des bewiesenen vom unbewiesenen Glauben, die +Trennung von Glauben und Wissen hat den Geist des Abendlandes +geschaffen, und von dieser Schöpfung haben die Glaubensträger keine +Notiz genommen. + +Es ist nun nicht gemeint, daß sie Mythen und Sagen hätten +rationalisieren oder in verstandesbürgerlicher Weise ins Symbolische +hätten umbiegen sollen: das wäre klein gewesen und hätte der Lehre der +Jahrhunderte nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen +einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen Glaubens entsprang, war +die, daß es beim Glauben nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt, +daß der Glaube nicht von seinen Gegenständen, sondern von seinem Geiste +lebt, daß er nicht ein Verwalten, sondern ein Verhalten ist. + +Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefühls. Alle abendländischen +Religionen haben sich, dem europäischen Drang zu Ordnung und Aufbau +folgend, an die Mechanisierungsform der Kirche gebunden. Diese uralte +Bindung ist so tief ins Bewußtsein der Völker gedrungen, daß selbst die +Gebildeten, und unter ihnen selbst die, welche gläubig aber nicht +kirchlich sind, Religion und religiöse Organisation kaum zu trennen +vermögen. + +Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: ihre vornehmste +gegenwärtige Aufgabe ist der zeitliche und räumliche Schutz ihrer +Konfessionsgehalte, der Schutz gegen zeitliche Wandlung und räumliche +Zersplitterung. Beide Aufgaben sind innerlich paradox, beide fordern +entschiedenen Konservatismus und starken hierarchischen Aufbau. Da +überdies alle Kirchen mit gutem Recht auf Scheidung zwischen +esoterischer und exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen +zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermögen der religiös und +geistig Minderbegabten, ja Zurückgebliebene nicht ausschließen, und +diese Einstellungen werden um so einseitiger, je mehr von den geistig +Höchststehenden der Kirche verlorengehen. + +Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von der +philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, von der +lebendigen Wirkung der Orden so genährt ist, daß ihr unendlicher Gehalt +an Überlieferung ohne eigentliche esoterische Disziplin eine +Mannigfaltigkeit der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den +anspruchsvolleren Geist beschäftigt, während eine tiefe Mystik der Lehre +und eine unerhörte Abnegation der Regeln die Gemüter bändigt. + +Bestände eine Unabhängigkeit des Glaubens von der Kirche, oder ein +freier Parallelismus der Bewegung, wobei die Kirche einer selbständigen +Entwicklung des Glaubens folgte, so wäre es jedem Bekenner freigestellt, +wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen neigte. In +Wahrheit aber greifen diese Verhältnisse ins Staatsleben über; die +Kirche ist Staatskirche und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang. + +Kirche und Politik, das unfaßbarste Paradox, und dennoch in den +Begriffen der Kirchenpolitik und der Staatskirche zur scheinbaren +Einheit verflochten. Die Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht +von dieser Welt ist, streitet; organisiert sich als Körperschaft und +streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. Die mechanisierte +Glaubensform erscheint im Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch +wird Beamter. + +Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, konnten +Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. Denn es bestand nicht der +Begriff der religiösen Konkurrenz, zumal der geduldeten: man war +gläubiger Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man war +Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um so milder, je +urzeitlicher der Priesterstand; um so gefährlicher, je bewußter er sich +zur Beamtenschaft oder zur Erwerbsklasse organisierte. + +In einer Zeit des individuellen Gewissens und der konkurrierenden +Bekenntnisse greifen die kirchlichen Bureaukratien und Staatsreligionen +weit über den geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu +politischen und sozialen Mächten. Sie bemächtigen sich des Staates: und +er gewährt ihnen, daß jeder Abtrünnige zum Bürger minderen Rechts werde, +überantwortet ihnen die Erziehung und die bürgerliche Ehrenweihe der +großen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit und Ehe. Sie +unterwerfen sich dem Staate und gewähren ihm: Erziehung zum politisch +Bestehenden, Stützung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der staatlich +anerkannten Denkweise. + +Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von Mittelpunkt zu +Mittelpunkt, von Staatsregierung zu Kirchenregiment verankert, sie +kuppelt sich selbst in den entlegensten Gliedern, und die Beziehung von +Gutsherrschaft und Pfarre, von Militärkommando und Seelsorge, von Schule +und geistlicher Aufsicht, von städtischem Wohlstand und Kirchengemeinde +versinnlicht die ins Große und Kleine gehende Wirkung einer +feudalistisch, militaristisch, ständisch und offiziös gerichteten +Kirchenmacht. + +Eine gewaltige und ehrwürdige Institution, die sich auf die +Exekutivgewalt des Staates stützt, die über die gesamte Jugend aus +politischem Recht, über die Landbevölkerung aus praktischer Autorität, +über die Frauen aus Gewissenseinfluß, über die Zugehörigkeit zur +bürgerlichen Vollwertigkeit schlechthin verfügt, bildet eine Macht, die +jede mögliche soziale Polizei an richtunggebender Kraft übertrifft, und +der sich niemand entziehen kann, sofern er nicht die Stellung des +bürgerlichen Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist. + +Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich gestaltende +Macht aus eigenem Recht entgegentritt, nicht mehr als gestaltete +Verwirklichung seines eigenen religiösen Willens, setzt sie ihm ein +unantastbares Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht +gemäß gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und dessen laute oder +stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. Aus politischen und +traditionellen Gründen, sei es um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft +zu erschweren, sei es um die Disziplin zu schärfen, sei es um die Lehre +für die unteren Schichten bindender zu machen oder auch nur um +Erschlaffung und Spaltung zu verhüten, wird das Bekenntnis so gestaltet, +daß es freieren Geistern vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer +Deutung oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint. + +Je restloser daher sich die Geister der bürgerlichen, gesellschaftlichen +und politischen Nötigung der Kirche und ihres Dogmas unterwerfen, desto +mehr gewöhnen sie sich an innere Entfremdung und bemühen sich, in +Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, die man aus Gründen +der Erziehung und Ordnung nicht entbehren kann. + +Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die großen religiösen +Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen sie dereinst entsprangen; +zu häufig geschieht es, daß die Entfremdung sich auf den Glauben selbst +erstreckt. Man klagt über das Schwinden der kirchlichen Beziehung bei +gebildeten Männern jugendlichen Alters: nicht die Beziehung schwindet, +denn abgesehen vom Gottesdienst werden die Pflichten erfüllt, sind +Austritte selten – doch je strenger die Kirche auf ihren Rechten und +Beziehungen besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, und +nicht nur ihr, sondern dem Glauben. + +Daß alle diese einfachen Zusammenhänge sich dem öffentlichen Denken +entziehen, liegt daran, daß wir in Deutschland nur noch historisch und +wissenschaftlich, nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen +uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, wie vielen der +Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe Religion und Kirche +innerlich geläufig ist, wie viele über die ursprünglichsten Fragen sich +eigene Gedanken machen. Unser Denken liegt in den Händen der beamteten +Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rüstzeug ihrer Gelehrsamkeit und +immer erneuten Theorien das Bestehende stützen, der Journalisten, die +das Tägliche bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten das +Bestehende bekämpfen. Hier heißt es: dem Volke muß der Glaube erhalten +werden, dort: Trennung von Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz +wo anders. + +Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung nicht mit Politik +und Einrichtungen zu tun, sondern mit unserer inneren Einstellung zum +Gegenwärtigen und Künftigen. So muß der letzte Glaubenszweifel, der aus +dem Wirklichen erwächst, uns abermals den Glauben an den Glauben als an +ein Unberührbares bekräftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen +schaffen, welche er will: politische und soziale, militärische und +erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird unsere Seelen +läutern und die Seelen unserer Kinder bilden, aber Mittel zum Zweck, +weder zum edlen, noch zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein +Glaube sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet wird, kann +ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von einer Kirche verteidigt +wird, so werden beide dahinsinken. Denn beide sind Mächte, die in einer +befreiten Menschheit nur aus eigenem Recht bestehen können. Sind +Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu erhalten: um so +besser, so mögen sie sich wandeln, wie alle irdischen Formen sich +gewandelt haben, wenn nur ihr Urgrund bestehen bleibt. Läßt sich die +Einheit des Bekenntnisses für die Vielfalt der Herkunft, der +Landesstriche, der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es +zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft des gläubigen Lebens +erwacht, die heute nicht besteht. Mögen hier Ablässe erteilt und Dämonen +beschworen, mögen dort die reinsten Sakramente empfangen und die +verklärtesten Botschaften verkündet werden: es ist alles vollkommen, was +aus reinem Herzen geschieht, und es ist alles unvollkommen, weil es +irdisches Gleichnis ist. Mögen Gläubige sich zusammenfinden, um den +Drang ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mögen sie in Straßenlärm +und Wälder flüchten, um mit ihrer Seele allein zu sein, mögen sie auf +Märkten predigen oder Priester walten lassen, mögen sie geistliche +Truppen oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung +versenken: die göttlichen Mächte hören jedes Wort des Herzens und jeden +fallenden Tropfen. Ein Glaube aber, der nicht wunschbegieriger +Aberglaube, nicht böse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht +Heilsgymnastik und zweckdienliche Übung ist, ein Glaube, der nicht +Irdisches vom Göttlichen, sondern Göttliches vom Irdischen will, der +umschließt die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder +einen jeden begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und Herzens +er redet, und alle die Eine Verantwortung fühlen und ertragen, die +unsagbare Not, Seligkeit und Verantwortung, Mensch zu sein. + +Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, weil sie seine +Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben jedem Halm des Glaubens wird +ein Büschel abergläubischen und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist +wahr: sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft und +mutig ist der nüchterne, handfeste Atheist, verglichen mit dem süßlich +feigen Mucker, dem lüsternen Geisterbeschwörer, dem schamlosen +Sündenknecht und dem fleißigen Gottesbetrüger. Sollen wir aus Furcht vor +dem Sekundären verzagen? Wer einen Flußlauf reinigt, darf sich nicht +wundern, wenn der Bagger Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der +Muckerei in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne und Wind +zerstören, was in den Tiefen gärte. + +Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen sich in alte +Götterlehren und Sagen und Gebräuche und meinen, auch wenn man nicht +daran glaubt, so ist es schön und dient zur Erhebung, über ein Feuer zu +springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schön, aber nicht echt; es +dient zur Erhebung, aber zur künstlichen, äußerlichen, flüchtigen und +gespielten. Es schafft keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines +heiteren Bildes und einer harmlosen Täuschung, die an die Grenze des +Seichten und Kindischen rührt. Romantischer Hang zum Vergangenen ist +Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit im Künftigen. Die alten Sagen und +Gebräuche waren schön, wie die alten Trachten und Geräte, weil sie aus +der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht weil sie schön, +sondern weil sie heilbringend waren. In der Bestimmung über Fluch und +Segen wurde Erhebung, halb unbewußt vielleicht auch Schönheit empfunden. +Antiquarische Belustigung auf ästhetischem Grunde schafft keine +künstliche Naivität, sondern zerstört die Reste der natürlichen. + +Manche träumen von neuen Propheten und Erweckern. Wie zur Zeit der +Kathedralen soll ein einiger Glauben über die bewohnte Erde herrschen. +Ästheten sehen den neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb eine +Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, Paulus, Augustinus und +Luther haben an der literarischen Gestalt keinen Anteil. Vor allem muß +er arm sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. Freilich, +setzt der winselnde Ästhet hinzu, er selbst würde ihm schwerlich folgen +können. + +Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird ihm folgen, und deshalb +wird der Prophet nicht kommen. Goethe ließ Christus zur Erde +zurückkehren und geleitete ihn bis an die Tür des Pfarrhauses, dann +brach er das Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt. +Hauptmann ließ seinen Narren in Christo mit staatlichen und kirchlichen +Behörden zusammenstoßen und in Einsamkeit enden. + +Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere Zeit die Ehrfurcht vor +dem Gedanken verloren hat. Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr +eine Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche Leistung +eines Berufes oder die vergnügliche eines Müßiggangs. Worte sind nicht +Bekenntnisse, die man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und +mäkelt. Die Meinungen müssen sich ablösen wie die Tagesblätter und die +Moden, damit neuer Umsatz Platz findet. Wie sollte auch das Massenhafte +wahr sein? Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des Glaubens +willen. Käme heute einer und redete aus dem Herzen der Welt, so hätte er +die Presse gegen sich, oder die Literatur, oder die Interessenten, oder +die Polizei, oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum, +oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar Geistlinge, die ihn +aus Gegennachahmung ästhetisch werten, ein paar Unzufriedene, und ein +paar Bürger aus Mißverständnis. + +Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann den Stromsturz der +Prophetie nicht erleben, es rieselt unterirdisch zu Tal und darf nur +mittelbar wirken. Es wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend +anderen Rinnsalen mengt, während die Platzregen verdunsten. Die Reihe +der Empfangenden ist keine räumliche, sondern eine zeitliche. Das Volk +der Gleichzeitigen irrt, das Volk der Geschlechter ist unfehlbar. + +Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehört sein will? Weil +ich kein Prophet und kein Weiser bin, weil ich euch nichts zu lehren und +nichts zu verkünden habe. Ich will, daß wir unsere Sorge und Zuversicht +gemeinsam erörtern, mein Geschlecht mit dem euren, wie eures dereinst +mit dem nächsten. Wir wollen gemeinsam zweifeln und glauben, uns +zurechtweisen und bestärken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit +unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es die: wenn die höhere +Stimme schweigt, so ist die Entscheidung in uns selbst gelegt. Unsere +Verantwortung wächst, in uns selbst sollen wir Richtkräfte entwickeln, +und können es nur, wenn wir den Lärm in unseren Herzen schweigen machen +und nicht mehr aufhören, in die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen. + +Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit der Glaubensinhalte, der +Einrichtungen und Formeln. Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas +das sich auf Gegenstände bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das +wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie das Können, +etwas, das sich in Formen verwirklicht, er ist ein Verhalten, ein +Zustand, ein Leben. Einheit des Glaubens ist daher nicht, wie die +Jahrhunderte meinen, Einheit der gläubigen Vorstellung, sondern Einheit +gläubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des Glaubens liegt nur +in der Mannigfalt der Stufenfolge vom furchterfüllten Zauberwesen zur +segenkaufenden Dämonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter +Bitte, von wohlgefälliger Buße zu freiem transzendenten Erleben. Diese +Abstufungen aber bestehen innerhalb aller vorhandenen Glaubensformen; +jede Religion läßt soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder +ihrer Bekenner verlangt und erträgt. Eine hochstehende und gläubige +Epoche unterscheidet sich von der rückläufigen und ungläubigen nicht so +sehr durch die Form der herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist, +den sie ihnen einhaucht. + +Daß die Daseinsform des Glaubens über jede andere menschliche +Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begründung, sie ist es aus +eigenem Recht. Es gibt ein inneres Gefühl der Einschätzung unserer +Erlebnisse, um das sich die Psychologie nicht kümmert, einer +Einschätzung, die nicht vom Meßbaren abhängt, sondern das Wesen +ergreift. So gut wir wissen, daß eine Liebesregung uns mehr bedeutet als +der seltenste Duft einer Blüte, so wissen wir aus innerer Gewißheit, daß +jedes seelische Erlebnis auf höherer Ebene herrscht als jedes geistige +und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis unserer Seele aber +ist der Glaube. + +Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt Musik, nicht jedes +Herz erlebt Gläubigkeit. Dessen soll sich niemand kränken, denn es geht +keine Seele verloren. Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig und +resolut als überzeugter Materialist ein anständig-intellektualistisches +Leben wählen; tausendmal besser als wenn er aus erquälter Pflicht oder +der Nützlichkeitsspekulation: Nützt es nicht, so schadet es nicht, sein +inneres Leben vergewaltigt oder Götzendienst treibt. Es wird der +Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande Schweigen zu +gebieten und sich hinzugeben, dann ist er gewandelt, bis dahin wird er +in der Welt der unsichtbaren Güter ein Helfender, nicht ein Schaffender +sein. + +Das Wort, Glaube sei das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, trifft +zu, aber umfaßt nicht. Denn Glaube ist auch das Gefühl schaffender +Liebe, auch das Gefühl der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist +zugleich vollkommene Gebundenheit und vollkommene Freiheit, +selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, reines Schenken und +stilles Empfangen, unablässiges Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er +ist ein Leben: ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel +nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen versucht, als +Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, Liebe. + +Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das Tagesleben, das es +begleitet und erleuchtet, wenn auch die Augenblicke voller Bewußtheit so +kurz sind wie die Augenblicke bewußten Lebens. + +Eure jungen Gemüter, Freunde, rufe ich zum Zeugnis für die Erfüllungen +des inneren Lebens. Euch, nicht mir, steht es zu, die Fülle zu bekennen, +die euch reicher und wechselvoller und unberührter als mir gespendet +ist. Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank und +Hingabe, in hellblickender Gewißheit und klopfender Erwartung. Sie +wollen nichts anderes, als bereit sein, sich verschenken, Werkzeug sein, +dienen. Sie wollen nicht ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre +Wünsche, nicht ihre Ängste; Strahlen und Schwerter mögen durch sie +hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schöpfung, der sein +Bewußtsein darbringt, ein Ätherhauch, durch den das Seiende sich selbst +verklärt. Sie verwehen in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als +Staubkorn an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht und ihr Wort +ist: dein Wille geschehe und nicht mein Wille. + +Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid +der Kreatur in das eigene Herz, löst jede Freudenkraft von sich los, um +den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des +Geschaffenen fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als eigene +Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als +Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheißung um sie in tätiger +Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten +zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns. + +Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind sie von der +Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen sprießt das Gras, klingen die +Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schöpfung ist selige +Sicherheit. Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist +heilig. Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht des +Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir +Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe. + +Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen Schweigen, +in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Ströme zu rauschen, +Bergmassen entweichen, das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine. +Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und Böse, nicht +Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses +Licht, wortlose Erfüllung. + +Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden +kann. Drängender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwörung +sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt in den +innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine +Geistesmächte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede nötige +Wandlung zu erbitten suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum +eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung, +nicht Bemühung; doch sind sie allezeit gewärtig, ihr Strom umrauscht uns +unerfaßt, wenn wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns +ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe, +Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, daß +alles Heil aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. Jeder +aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen oder mit starken +Kräften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidarität. Auch die Sünde +läßt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser +Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde +ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein ist der Gefühlston der +Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreißen, um erwachend +dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich aber, das +das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres Bild finden als das +vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, daß die Armen am Geiste es +betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des +Intellekts den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen. + +Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf +die wechselnden Flächen des örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und +Fassungsvermögens. Sollten wir wünschen, oder auch nur denken können, +daß _eine_ Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die +übrigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben +und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in dem +Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung +gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die +fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus, +Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz. + +Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich +weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der +Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung +des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung der Menschheit. Nun ist +sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner +Glaubensfreiheit bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen, +fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute +Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles +Menschlichen im Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren +Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare +Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine. + +Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen Geistes +scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem +Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die +Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir frei, was Menschen +sonst in begreiflicher Verschämtheit nicht leicht berühren, daß jeder +von uns halb unbewußt eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre +verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten +Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen. +Warum verhüllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich, +unsystematisch, unbeweisbar sind, – denn wieviel von unseren +Tagesmeinungen ist beweisbar? – sondern weil wir den Spott vor uns +selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der Größe, dem Ernst und +der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die +leichten Blüten auf dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns +der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt uns mutig und +offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen Schöpfungen pflegen und +unbelächelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen +Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen +gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das +gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten, +Kirchen versäumten, einsame Denker in langen Abständen mühsam +unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir +die blöde Scheu des Alltags verwinden. + +Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf +Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten +ließ, heute überschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur +ein Wort zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, oder das +in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch +geprüft zu werden, wie ihr einander euch prüfen sollt, und in dem +Pflichtbewußtsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen. + +Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und +zufälligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als +dem Geschöpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat +Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen des Seienden uns +zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit und Bewußtsein. + +Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und +Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser +Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden +Einkehr durchmißt. + +Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, von undenklicher +Zersplitterung bis zum Geist des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der +organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum +Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwärts. Diese +Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir +wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, daß +unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewußtsein entstehen, +Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwärme, Menschenstädte und +Menschennationen. + +Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu +fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als +die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt +ist eine andere als die des Regenwurmes. + +Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen +Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein +stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe +Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat +sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir +Zweck. + +Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum +Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie +nur gradweise verschieden. + +Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm endet die +zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine höhere. Im +Menschen erwachen Gefühlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja +ihr entgegenwirken können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, zur +Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen erfüllen das Leben des +Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen +ihnen und sind bereit, für sie uns zu opfern. + +Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner +sind wir nicht stärker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen +Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind +wir unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir seine Welt, die +nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist, +nur ahnen, nicht erfassen. + +Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden +Welten erscheinen als die Weltseite der Schöpfung, was ihnen angehört, +wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur +Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, das uns als +Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge +ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns +und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen. + +Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der +Schöpfung zu vollenden und die höhere Reihe der Welten zu beginnen, und +dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist zu +verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung aus eigener +Kraft nicht möglich ist, daß dem guten Willen die rettende Kraft zu +Hilfe kommt. + +Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere Herzen den göttlichen +Strahlen, die uns allerwärts umfließen, und helfen die Herzen unserer +Brüder öffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es +gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die +Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen +Zustand, der unrechtes Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten +Werte außer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen, +alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls Mittel. + +Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und +Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kämpfende +Individualität, die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier +liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle +Symbole. + +Nur ein geringes und unvollkommenes Bild möchte ich andeuten, um eine +Abstufung zu versinnlichen, die vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die +Richtung zu einer unmittelbaren, adäquaten Einsicht ahnen läßt. Man +lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen ein zeitliches +Bild. Es geschieht, daß wir später dieses Land durchstreifen, es reiht +sich Erlebnis an Erlebnis, Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt +durchdringen wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber verschmilzt +alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem das Räumlich-Zeitliche in +eine untrennbare Einheit verwachsen ist, das wir mit allen inneren und +äußeren Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und erfahren +haben. Unser Geist hält uns eine eigene Schöpfung vor Augen, und wohin +wir ihn konzentrieren, glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war, +was sein kann und was nicht sein kann, fast möchten wir sagen, was +werden wird. Und dennoch dies alles nicht an der doppelten Schnur von +Raum und Zeit, sondern innerlich, gefühlt, organisch. + +Ich glaube, daß mein einfaches Bekenntnis nichts enthält, was nicht in +höchster Vollkommenheit in den heiligen Schriften aller Zeiten verkündet +ist. Was wir in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige, +dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. Doch die +Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl der Seelen gibt uns die +Vielseitigkeit des Erlebnisses, deren wir bedürfen, und die Wiederkehr +der großen Züge gibt uns die Gewißheit einer abgebildeten Wahrheit. +Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, wenn nicht tote +Schriften und verbriefte Ordnungen das Wort verwalten, sondern wenn es +von neuem beginnt, in allen Herzen zu zeugen und zu keimen. + +Für unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben und dem Wort die +Werte und die Maße. Nennen wir es das Reich des Himmels, das Reich +Gottes oder das Reich der Seele: was uns ihm nähert ist gut, was uns +entfernt, ist schlecht. Glück, Leben, Wohlstand, Macht, Kultur, Heimat, +Nation, Menschheit, sind die höchsten irdischen Werte. Wohl dem, der +keinen von ihnen zu opfern braucht, für den sie Mittel zum Göttlichen +bleiben. Wir aber werden sie messen an den Maßen der Seele, des Glaubens +und der Gerechtigkeit, und wo sie das Maß nicht erfüllen, da müssen sie +sich fügen oder weichen. + + + + +Krieg + + +In dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer Geister auf +Gegenwärtiges und Künftiges gewidmet ist, hat der Krieg nicht bloß die +Bedeutung des bewegenden Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern +auch des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das Abendland +bisher gelebt hat, offenbart. + +Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, daß ein +Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze jener Tage nichts +wiederkehrt. So wie sie noch immer von Vierteljahr zu Vierteljahr das +Ende des Kampfes voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, bis +das neue Geschlecht sie ablöst, daß nach dem Frieden und einer kurzen +Übergangszeit das wieder eintritt, was sie normale Verhältnisse nennen. +Freilich werden die Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man eine +Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden. + +Nichts wird sich finden, alles muß neu geschaffen werden in eiserner +Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser +Gesellschaftsbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der +Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft, +ja selbst unsere Sprache. + +Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der +frühen Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder +Balzac, daß er sich fragte: Wie, ist das möglich? Dreißig Jahre vor +dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz, +und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache +der Wissenschaft von Industrie und Börse, von Dampfschiffen und Kammern, +von bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht +über die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist +dann wirklich einmal die Rede von einem alten Edelmann, der in jener +Tändelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener, +ein zopfiges Gespenst. + +So fremd werdet ihr an uns vorüberschreiten. Wir, die wir uns auf +Sachlichkeit manches zugute taten, und wissenschaftlich, ernst, wo nicht +gar tief zu sein wähnten: Wir werden euch trotz aller unserer Technik +leichtfertig, flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, und +der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem wir uns umgaben, wird euch +nicht wie der des 18. Jahrhunderts eine Grazie, sondern ein Abscheu +sein. Denn euer Leben wird abermals ernster und härter, doch so Gott +will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger sein. + +Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden ihn begreifen, +wenn wir ihn als das kritische Ereignis fassen, das er ist, als den +Ausbruch aller tiefen Übel und Schwächen der abgelaufenen Epoche. Denn +jede Deutung als eines Mißgeschickes, Mißverständnisses, schuldhaft +gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in die örtlich-zeitliche +Bestimmung des Geschehenen verstrickt, Schuld von allen Seiten. Doch +wenn ein Erdteil sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten +Tage seine Gründe und Ziele kennt, so ist die geistige, sittliche und +physische Erkrankung in den Tiefen seines organischen Aufbaus +verwurzelt. + +Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. Der Grund, +weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, sondern an ihren Grenzen +entzündet hat, liegt in der Eigenart unserer Wirtschaft, die zur +Weltwirtschaft erwachsen ist, und die in ihren Auswirkungen, +Imperialismus und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte an den +Rändern der Staatseinheiten gehäuft hat. Die schwerer entzündlichen +Sprengstoffe im Innern der fester gefügten Staaten bleiben einstweilen +unberührt, durch den Druck von den Grenzen her gebändigt. + +Als unbändige Volksvermehrung vereint mit der Mechanisierung den +individuellen Produktionsprozeß vernichtete, wurde die Erde eine einzige +gewaltige Produktionsstätte. Doch ihre nationale Spaltung blieb, und +innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der Stände. +Wirtschaftlich betrachtet: eine große Fabrik, doch nicht einheitlich +gebaut, sondern in den Wohnhäusern und Kammern eines Straßenvierecks +untergebracht und unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und +die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen nicht Schritt. +Das ging so lange, als sich die Erzeugung in mäßigen Grenzen hielt und +der Nationalismus sich langsam entwickelte. + +Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen sahen, +eine energische Wohlstandspolitik zu treiben, um ihren wachsenden +Aufwand für Zivilisation, Rüstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als +die Mechanisierung den Staatskörper ergriffen und ihn zum bewußten +Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht hatte, gab es Zwiespalt +zwischen den Parteien. + +Jeder wollte so viel Arbeit wie möglich, denn Arbeit bringt Nutzen. Um +zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe wie möglich, und um sie zu +bezahlen, wollte er so viel Absatz wie möglich. Er wollte sogar noch +mehr Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe nötig war, denn die +heimische Produktion sollte alle anderen überflügeln, und der Absatz im +eigenen Lande ließ sich nicht beliebig steigern. Was er nicht wollte, +waren fremde Fabrikate im eigenen Lande, denn die beeinträchtigen den +Absatz, die Preise und den Nutzen. + +Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch ausgedrückt um +Kolonien und Einflußgebiete. Die Welt war aber klein geworden, die +unbesetzten Gebiete knapp und von allen umworben. + +In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die äußerste Schlußfolgerung +gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte bei den meisten überdies politische +Gründe: Man wollte die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im +Kriege Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand der +Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schützen. Gleichzeitig begann der +Kunstgriff, den man drüben dämpfen #(dumping)# nennt: Man warf dem +Gegner die eigene Überschußware unter Selbstkosten über die Zollmauer +und schädigte sein Schutzsystem. + +Allmählich war auch der Nationalismus zum Gipfel gestiegen, denn die +europäischen Unterschichten waren in die Historie getreten. Bis zum +Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie anational gewesen, Geschichte war +nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt waren sie +verbürgerlicht, zivilisiert und interessiert, und gaben dem +Wirtschaftskampf die nationale Färbung. Durch Staatenbildung, +Staatenerstrebung und Irredentismus mehrten die neuen Nationalgefühle, +insbesondere die östlichen, den politischen Sprengstoff. + +Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe Scheidung der Stände. +Das Proletariat, an der Tatsache des Produktionsprozesses interessiert, +an seinem Verlauf nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen, +dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgültig ist; es führte seinen +Wirtschaftskampf, und zwang den Unternehmer, für jede Lohnerhöhung sich +durch Zollerhöhung und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten. + +So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf nach außen und +innen vollkommen anarchisch. Wenigen war er in seinem logischen +Zusammenhang bewußt; am wenigsten den Staatsmännern, die ihn führten. +Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen Einfluß zu heben, den +fremden zu schädigen, den eigenen Absatz zu fördern, den fremden +zurückzudrängen; so lückenhaft aber war der Zusammenhang, daß viele, +unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, der +Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt waren auch die Kampfmittel; es +waren Bündnisse, Zollverträge, Rüstungen zu Land und See, Einsprüche +gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was als Endzustand +vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls eine etwas bessere +Erdeinteilung, als man sie gerade hatte; meist war man auf den +gelegentlichen Vorteil aus. + +Niemand war sich auch recht darüber klar, wo ihn der Schuh drückte. +England schob sein Mißbehagen auf Mängel seiner technischen Erziehung +und die Konkurrenz der Deutschen; Deutschland litt an seiner +geographischen Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen; +Frankreich merkte, daß seine Industrie zurückging, und fand, daß das +elsässische Textilgebiet ihm fehle; Amerika klagte über hohe Löhne und +Finanzkrisen und griff zu Schutzzöllen. Nie wurde auch nur ein Versuch +gemacht, die Anarchie in Ordnung zu verwandeln. + +Die innere Anarchie: wenn die Außenwirtschaft ihre Grenzen hat, so muß +die Innenwirtschaft ergiebiger, vor allem solidarischer gestaltet +werden. Kräfte und Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von außen +unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft. + +Die äußere Anarchie: wenn alle sich um die kargen Tröge des Absatzes und +Rohstoffes streiten, so muß geteilt werden. Durch den Kampf wird das +Futter nicht mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und +zertreten. + +Doch es fehlte nach außen die Einsicht, nach innen der Ansporn; trotz +aller Reibungskämpfe schöpfte die Welt aus dem Vollen wie niemals zuvor +und niemals wieder, und die leichte Bereicherung äußerte sich in +Indolenz. + +Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung und +Schuld des Vulkanismus, der unter der politischen Oberfläche des +Abendlandes bebte, und seine kritischen Zonen unter die Staatengrenzen +breitete. Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische Taktik +der Großstaaten während der letzten vierzig Jahre, lockerte die Kruste, +und eine dritte, fast nebensächliche und zufällige Reihe, die Ereignisse +um 1914, bestimmten Zeit und Ort des Ausbruchs. + +Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung sind alle Staaten +beteiligt. Sind sie entschuldbar bei der ersten, so sind sie es auch bei +der zweiten, denn die mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung äußert +sich in der Hilflosigkeit des politischen Handelns. + +Die Schuld Frankreichs ist die tiefste, aber auch die menschlichste. Das +Rheingold des Elsaß ist nur das Sinnbild eines schwereren Verlustes. +Unermeßlich ist, was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa +geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil der Kultur des +Kontinents vom Westfälischen Frieden bis zur Revolution und brachte die +bürgerliche Freiheit. Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur +schenken, so lange sie mächtig war. Die Macht war verloren, sie gab uns +die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft Europa derart, daß jede +politische Orientierung von den Vogesen ausgehen mußte, und nur die Wahl +blieb: für den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit der +europäischen Politik vernichtet. + +Englands Schuld ist fast eine persönliche, ein seltsamer Zug in diesem +so unpersönlichen Lande. Auch England hatte viel gegeben, noch mehr +erworben, und manches verloren. Die #Pax Britannica# stand hinter der +#Pax Romana# nicht zurück. Man mag streiten, ob es recht ist, daß ein +Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses Volk hat ihn besessen und +mit wenigen Ausnahmen seiner großen Verantwortung entsprechend +verwaltet. In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde +unbehelligt, häufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, alle Häfen und +Kohlenplätze standen offen. Das Land begnügte sich mit Freihandel, aus +wohlverstandenem, aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik +war eigensüchtig, gewalttätig, aber klar erkennbar, weit mehr auf +eigenen Nutzen als auf fremden Schaden gerichtet. Das änderte +Eduard VII. Er war zu lange Kronprinz gewesen und hatte sich in den +Jahren erzwungener Muße und verhohlener Kritik die alten intriganten +Bündnismethoden der europäischen Höfe angeeignet; er trieb sie zum +Gipfel, indem er die Vogesenspaltung ausnutzte und Deutschland +isolierte. Wie weit die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines +Landes, wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, ist +schwer zu sagen; er war kein dämonischer Charakter und wurde dennoch zum +Dämon Europas. + +Rußland litt an den Schwächen orientalischer Reiche. Über sich selbst +hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, kindlich verträumten +Volk zwar einige europäische Formen, doch keinen Wohlstand, keinen +Mittelstand, keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft und keinen +Verkehr erworben. Die Regierung wagte nicht, der unerfahrenen Nation die +Verwaltung anzuvertrauen, daher blieb ihr nichts anderes übrig, als die +dünne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu verfolgen, das +Volk zu verblöden und sich selbst durch das verbrauchte Mittel der +Expansion zu stärken. Der Balkanstreit mit Österreich, die +Schuldhörigkeit zu Frankreich bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall, +daß nach Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer +aufschloß und die letzte Explosion auslöste. + +Daß Deutschland bei seinem gegenwärtigen inneren und äußeren Aufbau +nicht imstande ist, eine folgerichtige und langatmige auswärtige Politik +zu führen, habe ich in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des +Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und Einrichtungen, vor +allem die Einheitlichkeit des Willens, der Initiative und Verantwortung, +die organisch eingestellte Stetigkeit und Überlieferung. Diese Mängel +sind nicht durch Personen und Ämter verschuldet, sondern durch uns +selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die Hand nehmen, Männer +unseres Vertrauens zur Ernennung vorschlagen, ihnen dann aber auch die +Macht und volle Verantwortung gewähren; die wir vielmehr uns von einer +kleinen, nicht übermäßig geschäftstüchtigen Kaste und deren Assimilanten +verwalten lassen, die sich hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen +Dickicht, im neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem +Mißtrauen verfolgt wird. + +Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten darin zutage, daß man +sich in alles einmischt, für die Galerie arbeitet, alle anderen stört +und nichts für sich erreicht. Es ist nicht gesagt, daß man niemand +stören und sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich +falsch: wenn man alle stört und sich mit allen verfeindet. Wir haben +Frankreich gestört in Marokko, England in Transvaal, Rußland in +Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. Wir haben Gelegenheiten zu +Verständigungen versäumt mit England, Rußland, Japan, und, innerhalb +gewisser Grenzen, mit Frankreich. + +Nicht um unsere Fehler stärker zu betonen als die anderer, sondern +deshalb, weil sie unsere Fehler sind und uns näher angehen als die +anderer, müssen wir uns bereit finden, ein Unwägbares zu beobachten, das +unsere Politik durch eine gleichsam atmosphärische Einwirkung geschädigt +hat. + +Es ist kaum einzuschätzen, wie stark die letzte Generation vom Einfluß +Richard Wagners gebannt war, und zwar nicht so entscheidend von seiner +Musik wie von der Gebärde seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen. +Vielleicht ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt die +Wagnersche Gebärde der erfaßte Widerhall – er war ein ebenso großer +Hörer wie Töner – des Zeitgefallens. Es ist leicht, eine Gebärde +aufzurufen, schwer, sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von +theatralisch-barbarischem Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner +Denkmälern und Bauten, in den Verkehrsformen und Kulten einzelner +Kreise, und wird von vielen als eigentlich deutsch angesehen. Es ist +immer jemand da, Lohengrin, Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann +und alles schlägt, die leidende Tugend erlöst, das Laster züchtigt und +allgemeines Heil bringt, und zwar in einer weitausholenden Pose, mit +Fanfarenklängen, Beleuchtungseffekt und Tableau. Ein Widerschein dieses +Opernwesens zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, wie +Nibelungentreue. Man wünschte, daß jedesmal von uns das erlösende Wort +mit großer Geste gesprochen werde, man wünschte, historische Momente +gestellt zu sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten +rauschen hören. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack der älteren +Generation gemäßigt. Unser ältlich-nüchterner Kanzler möge durch die +Aussicht auf fünf Krönungszüge im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn +zu beleben. + +Innerhalb einer ärmlichen, im Ziele nicht erkennbaren Außenpolitik +wirkte diese Gebärde zuerst verblüffend, dann aufreizend und Mißtrauen +erregend. Es kam so weit, daß man uns, die gutgläubigste aller Nationen, +für Schaumschläger und Intriganten hielt. Unser gewaltiger Machtaufstieg +hätte uns verpflichten sollen, soviel wie möglich zu schweigen, so wenig +wie möglich uns einzumischen. + +In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, die den +vulkanischen Grund lockerten, sind abermals Fehler von allen Seiten +einbegriffen, auch von der unseren. Doch eines können wir mit gutem +Gewissen sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke nicht. Es +war unser Fehler, daß wir nicht wußten, was wir wollten; eines wollten +wir sicher nicht: den Krieg. + +Die dritte und weitaus nebensächliche Reihe, die der örtlich und +zeitlich auslösenden Momente, haben wir nicht zu erörtern, denn uns ist +es nicht um Zeitgeschichte, sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren, +vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klären, jedenfalls nicht +früher, als bis die Einzelheiten der französisch-englischen Abmachungen +und die Vorgänge des österreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen. + +Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale Revolution, erzeugt +durch äußere und innere wirtschaftliche Anarchie und soziale Spannung, +beschleunigt durch die Fehler der Kabinette. + +Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der Nationen gesprochen +werden soll, so ist es die der Unterlassung. Es fehlte der Welt an +schöpferischen, sittlichen Gedanken. Jeder fühlte, daß die Erde in ein +neues Stadium der Zivilisation getreten war, daß sie anfing, eng und +gefährlich zu werden. Doch man scheute sich, die Gesetze dieser +Umwälzung, der Mechanisierung, zu ergründen und um ihre sittliche +Erlösung zu ringen. Große Nationen traten wiedergeboren und ermächtigt +auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen sich nicht, daß +sie gesandt und verantwortlich waren, der Welt Ideen und Ideale zu +schenken. Auch wir haben nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere +Nation sich verjüngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, denn +wir Deutschen sind um der Idee willen da. + +Nur den einen Gedanken hatten die Völker: wachsen und sich bereichern, +aufsteigen und überflügeln, mächtig werden und erraffen. Und ihre +Staatsmänner dienten diesen Zielen mit den alten Mitteln der List und +Gewalt, mit den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verständigung, der +Begünstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes und der Betriebsamkeit, +mit den großen Mitteln der Rüstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der +Klügere zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, den +anderen klein zu kriegen, ohne daß er sich versah. Selbstverständlich +schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, mein Leben ist dein Tod. Warum +sollte das, so meinte man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch +immer gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle Nationen waren +zum Bewußtsein erwacht und kannten die armseligen Spielregeln, einer so +gut wie der andere. + +Daraus aber war gerade die höhere Pflicht zu entnehmen: Endet dies +unergiebige und würdelose Spiel. Wetteifert; schafft sittliche Ideen, +die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen +Gedanken der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte und +kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges Zusammenwirken; tut das +soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Völkerverkehr; +wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit +sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus und utopischer Duselei; +beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am größten, +die Arbeit am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn +das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und +Menschlichen. + +Noch heute wird es viele geben, die im Glauben an die Heiligkeit der +Interessen und in selbstbewußter Erkenntnis des sogenannten +Durchführbaren – nämlich des Trivialen – und des sogenannten Uferlosen – +nämlich der sittlichen Pflicht – diese Gedanken verlachen. Ich sage euch +aber: Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die +Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden +hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser +Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken. + +Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und Schiedsgerichte sind +möglich und verständig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als +erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen +wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen +Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und +gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des +internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung. + +Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur +gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der +Konkurrenz; ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum +Gewaltkampf aller gegen alle. + +Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen: + +Über die Rohstoffe des internationalen Handelns verfügt ein +zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen +Ursprungsbedingungen zur Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang +nach Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin wird das +wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen. + +Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach +entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann verlangen, daß die ihm +zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich +entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die +Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhältnis ihrer +Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen +werden, Quotenaustausch ist zulässig. + +An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jeder +Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen. + +Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden +müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form, +oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in +neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der +nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, oder zu unaufhörlichen +Kriegsgewittern führt. + +Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen +Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht +Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine +freiwillig anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein +Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein muß, der als +mächtigste aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur +Verfügung steht. + +Pazifist im üblichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, weil ich es +nicht für möglich halte, irgendein Übel restlos aus der Welt zu +schaffen. Ich halte den Krieg für ein großes Übel, doch nicht für das +größte, und könnte mir denken, daß noch in Jahrhunderten hier und da +zwischen Völkerschaften gekämpft wird. Niemals wieder darf es aber +geschehen, daß die ganze bevölkerte Erde dem Blutrausch verfällt. Kein +Schlagwort ist so elend Lügen gestraft worden wie das von den sittlich +und geistig regenerierenden Kräften des Krieges, wie das von der großen +Zeit. Gewiß geschieht an allen Fronten Großes, und Größeres vielleicht +da, wo in dunkler Stille die Herzen der Mütter bluten. Doch wer hat so +frevelhaft am Wert der Menschheit gezweifelt, daß Mut und Opfer ihm des +Beweises bedurften? + +Kahle Täuschung ist es, zu tun, als ob Front und Heimat zwei +verschiedene Nationen wären, die heldenhafte der Söhne, die anfechtbare +der Väter. Wir alle sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine +Schuld. Jeder ist allen und jeder für alle verantwortlich. Unser Ruhm +ist das mutige Erdulden und Leisten der Front, das stille Opfern und +Entbehren der Heimat; unser aller Verantwortung ist es, daß das Gesetz +Deutschlands seine Kraft verlor, daß die Sittlichkeit sank, daß der +Geist verflachte. Überblicken wir alle Länder, die unmittelbar oder +mittelbar vom Kriege ergriffen sind, so finden wir überall die gleiche +Entsittlichung in den Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption, +des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der Bosheit und Lüge. +Überall die gleiche Entgeistigung in den Formen der Phrase, der +Trivialität, der Urteilslosigkeit, des Selbstlobes, des niederen +Massengeschmacks. Diesen Krieg erträgt die Erde nicht zum zweitenmal, +wenn sie ihn physisch überstände, so ginge sie seelisch zugrunde. + +Doch was bedeutet der nächste Krieg, da der gegenwärtige dauert? Da in +jeder Stunde, von Bruderhand erschlagen, Menschen, unsere Menschen, +unsere Brüder ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, daß wir +das ertragen? + +Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden ihn haben. Doch die +Zeit ist gekommen, daß die Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen +darf, denn heute weiß sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten kann +noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und wird dennoch das +Angesicht der Erde nicht ändern, außer durch Verwüstung. + +Es ist Zeit. Die Großen und Mächtigen haben gesprochen und den Krieg +verurteilt. Es ist nicht einer, der ihn verteidigt; doch sie wissen +nicht, wie sie ihn beenden, sie glauben, daß ihre Forderungen zu weit +auseinander gehen. + +Es ist Zeit, daß die Niederen und Geringen ihre Stimme erheben und +Zeugnis ablegen, denn was in Jahren geschehen muß, das kann auch heute +sein. So wahr wir fest entschlossen sind, jeder für sein Land zu kämpfen +und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede uns nicht gewährt wird, +so wahr wir uns unverbrüchlich einordnen in die Gesetze unseres Staates +und in die Gefolgschaft unserer Führer, so wahr ist es unsere +menschliche und göttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von neuem die +Hand auszustrecken und zu sagen: Brüder, laßt uns in Ehren und in +Menschlichkeit uns finden. Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und +Frieden der Stärkere sein, der selbstgerecht und gekränkt die Versöhnung +abweist, und nicht der wird, wenn es sein muß, sich schlechter schlagen, +der sein Gewissen entlastet. Für die Unberührbarkeit und Ehre des +Landes, für die Freiheit und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten, +ist Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung den Kampf will, über +den kommt das Blut der Unschuldigen. + +Die Großen haben gesprochen. Es ist Zeit, daß die Kleinen und Geringen +reden, bevor die Steine und die Gräber ihren Mund auftun. Und da ich +unter den Geringen ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme +erheben, so schwach sie ist. + +So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor denen ein fallender +Tropfen wie Erzklang dröhnt. Auch wenn keines dieser Blätter in das +fremde Land gerät, so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg +bahnen, denn die Sprache, die aus heißem Herzen kommt, bedarf keiner +Laute, und wenn ihr Ruf auch nur _einem_ Herzen begegnet, so wird er ein +Hagelkorn des Hasses schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat +in Tau verwandeln. + +Feinde, Menschen, Brüder, höret! Es ist genug. + +Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn geschlagen. Im +blinden Wahnsinn haben wir eine Welt zertrümmert. + +Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden machen. Ihr und wir, +wir jubeln, wenn Menschen brennend aus den Lüften stürzen, wenn Menschen +in der See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet sterben, +wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir lesen bei Mahlzeiten Dinge, +von denen der tausendste Teil uns erstarren machen müßte. Sind wir noch +Menschen? + +Die vier göttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser und Erde haben wir +zu Werkzeugen des Todes gemacht, und das genügte nicht, Gift und Hunger +holte man zu Hilfe. Aller menschliche Geist zählt und rechnet und +grübelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue Gewalt, noch eine +neue Todesart. + +Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in fünfzehnhundert Tagen +hat der rasend gemachte, gehetzte Tod ein blühendes, hilfloses +Menschenherz zerschnitten, und mit jedem Schnitt hat er ein zweites +liebendes Herz getroffen. Ungezählt sind die Krüppel, die Blinden, die +Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen über die Erde und zeugen wider +uns und euch. Die Kreuze auf den Feldern strecken ihre Arme aus, die +gemordeten Wälder recken ihre verstümmelten Äste, die aussätzige Kruste +der Erde, die zertrommelten Städte, sie blicken auf aus erloschenen +Augen und zeugen wider uns und euch. + +In Erdlöchern, in Schlamm und Wasser hocken seit vier Jahren unsere +Brüder, schützen ihre armen Leiber gegen giftige Dünste, Eisensplitter +und Bajonette und trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der Erde +und der Völker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. Bleiche Kinder wachsen +auf, bleiche Mütter arbeiten in Fabriken. + +Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe sind tot, die See +ist verödet. Was noch geschaffen und geschleppt wird, sind Waffen. In +den Städten aber rast der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung +prassen Bereicherte. Die Versuchung wächst, das Gewissen betäubt sich, +die Sitte wankt. + +Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der Planet sie niemals +trug. Noch immer wächst sie, angefacht durch Rache, Verleumdung, Angst +und Verblendung. + +Und doch ist die Welt nicht böse und nicht schlecht; sie ist wahnsinnig +und blind. Jeder glaubt, der andere wolle ihn vernichten, und solange +jeder das vom anderen glaubt, bleibt allen nichts übrig, als zu kämpfen. +Wollte aber jemand auch nur einen Tag länger den Kampf fortsetzen, als +Unabhängigkeit, Unberührbarkeit und Lebensraum seines Landes fordern, so +wäre er für sich allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer der +Millionen, und es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre. + +Feinde, Brüder, es ist Zeit! Es ist sehr spät, und jede Minute tötet, +und doch ist noch Zeit. Denn noch tötet jeder von uns in gutem Glauben, +im Glauben an den Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich +in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten wollen, +Verblendete, die glauben, man müsse vom Tode leben, vom Schmerz +Gebrochene, die nach Rache schreien, und, furchtbar zu sagen, vielleicht +auch Gewinnsüchtige und Machtgierige, die nach göttlichem Recht nicht +fragen. Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage einen +Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die wähnen, der Krieg sei +ein Gottesurteil, der Gott des Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken +wie Zeus auf dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die Hände +seiner Lieblinge geben könne, damit sie mit ihnen verfahren nach ihrer +und seiner Willkür, und neues Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht +glauben das in abgeschwächter Form auch einige Staatsmänner, und denken, +der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ändern, daß sie doch noch in +aller Stille einige Erwerbungen machen können; deshalb scheuen sie sich, +rund heraus zu reden und zu sagen, was sie verlangen. + +Aber ich schwöre euch, es gibt nicht ein einziges Volk auf der Erde, das +die Vernichtung eines anderen Volkes will und wollen kann. Jedes Volk +weiß in seinem inneren Bewußtsein, daß es nur _einen_ Frieden geben kann +und geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in zwanzig +Jahren geschlossen werden wird, ist genau der gleiche Friede, der heute +geschlossen werden kann und geschlossen werden soll. Nur versöhnt er +nicht mehr lebendige Völker und gesunde Länder, sondern arme, verrohte +Krüppel und Stätten der Verwüstung. + +Prüft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. An dem Tage aber, +an dem ihr, Völker der Erde, das Wort aussprecht, das einfache, klare, +selbstverständliche Wort: Keinem Volke soll seine Unabhängigkeit und +sein angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen +verkürzt werden, an dem gleichen Tage ist der Krieg gebrochen und der +Frieden in eurer Hand. Denn die Angst der Völker vor einander ist +erloschen, es können weder Gruppen noch Staatsmänner sie neu entfachen, +sie können auch nicht mehr durch vieldeutige, geschäftskluge Forderungen +den Zweifel offen lassen, ob nicht doch, unter der Verhüllung von +Sittensprüchen der Angriff auf das Leben des anderen lauert. + +Welchen Weg dann die Staatsmänner wählen, um die leichte Aufgabe zu +lösen, wie man zu Verhandlungen kommt, ist ganz gleichgültig. Der +einfachste Weg scheint mir der beste. Es sollte zunächst jeder Staat +fünf Forderungen nennen, die er für die wichtigsten hält, dann kann +jeder rückfragen nach dem, was ihm unklar scheint oder was er nicht +verstanden hat, dann soll er antworten. + +Es ist keine Gefahr, daß die Antworten unbefriedigend ausfallen. Denn +wem eine offenkundig ungerechte Forderung abgelehnt wird, kann +ebensowenig um deswillen den Krieg fortsetzen, wie der, der eine +offenkundig gerechte Forderung ablehnt; es würde ein neuer Krieg mit +neuen Kriegsgründen sein, den niemand will. Sind aber die Antworten +erteilt, so mag man entscheiden, ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen +gestellt oder die mündliche Verhandlung begonnen werden soll. + +Menschen und Völker, besinnt euch! Es geht um eure Seelen. Es wird kein +anderer Frieden über die Erde kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit +und der guten Gesinnung. Wäre ein anderer Frieden erreichbar, ihr +dürftet ihn nicht nehmen, denn er wäre kein Frieden, sondern ein +heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte Frieden, der Frieden Gottes +kommt, wir mögen ihn wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns +geschenkt, wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. Sind wir +seiner würdig, so werden wir ihn erleben, sind wir seiner unwürdig, so +werden ihn auch unsere Kinder nicht erleben. + +Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir es, und handeln +nicht danach, so sind alle unsere Sittensprüche Heuchelei und unser +Gewissen wird am Tage der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die +Verantwortung für eine Zivilisation und Kultur, für das Glück und das +Leben der Millionen. Diese Verantwortung ist die kleinere. Wir tragen +die Verantwortung um der Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen, +diese Verantwortung ist vor Gott und ist die größere. Die Seelen der +Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. Sie fordern +von uns nicht Rache, sondern Versöhnung zur Ehre Gottes. Brüder, wir +wollen einander vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht +der ist schwach, der Vergebung empfängt, nicht der ist stark, der sie +zurückweist. + +Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu Wasser und in der Luft +einander standgehalten und sind nicht ermüdet. Ihre Taten sind größer +als alles Heldentum der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste +aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet erlebt hat und +erleben wird, und ein Leuchten wird von ihm ausgehen über das Weltall, +wenn der Tag anbricht des großen Opfers, der freien, menschlichen und +göttlichen Versöhnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben allen Haß und +allen Kummer, alle Tränen und alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der +Tag, an dem wir uns die Hände reichen, um gemeinsam die Wunden zu +heilen, die Witwen und Waisen zu trösten, die Erde neuaufzubauen. An +diesem Tage sind unsere gefallenen Brüder wahrhaft verherrlicht, an +diesem Tage ist die Erde entsühnt, und das Gottesreich um einen Schritt +der Welt genähert. + + + + +Charakter + + +Wir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine andere Größe, +Stärke und Freiheit, als die wir kannten. + +Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von +ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer +das Sichtbare umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen. + +Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft +gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der +Wirkungsreihe noch tiefer liegt. + +Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und +wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener +Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heißt Charakter. + +Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode des +Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, deren es, ach, so viele gibt, +sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir +überschätzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der +Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie +ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt +und zur Wirtschaft führt. Wir unterschätzen die reine Beobachtung des +Geistes und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit +verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und fürchten uns unbewußt vor +den Ergebnissen. + +Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder +Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand +beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten +entscheidet über das geistige Sein, über den Wert der geistigen +Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um +ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier +entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische +Charakter. + +Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir. +Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen +wir die bewegenden Kräfte prüfen. + +Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und +Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen, +auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist +und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren, +Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die +Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der +energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig, +sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität. + +Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe +ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei +ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die +Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der +Beobachtung unseres Charakters wiederfinden. + +Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und +sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie +fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg +ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen +Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen +Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück. + +Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind +unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen +wollen. + +Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung +und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines +Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet; +denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein +Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten, +verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten +Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren +Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten, +Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder +kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar +Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich +zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder +die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System +ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen +Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die +Unabsetzbarkeit. + +Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in +welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und +Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und +überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor +dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte +bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt. +Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als +Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des +feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten +und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem +mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde +politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese +der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann. +Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik +fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo +Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum +folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden +Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition. + +Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform +dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und +dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines +verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre +geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes +Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus +Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische +Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung, +vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene +Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut. +Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht +mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die +Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die +gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen +gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt, +Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen +selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden +messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere +Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst +sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die +Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere +von zwei Übeln. + +Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die +Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische +Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher +parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament +größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System. +Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch, +parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat, +indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung +kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche +Gegenbegriff Autokratie und Demokratie. + +Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein +Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem +Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte +Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und +ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus +offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und +Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an +Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man +beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert +wird. + +Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die +autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und +Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil, +nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer +Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit +autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt. + +In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen. +Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende +Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er +ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne +Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper. + +Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich. +Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der +ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis +er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum +Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein +anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach +einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens, +womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern +geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und +Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung +gewachsen ist. + +Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus, +stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments +gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte +Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche +Leben noch unmöglicher. + +Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften +unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung +erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres +Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft. + +Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene +Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen +sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der +in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen +Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar, +es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften, +sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für +geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch +beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die +ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste +Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich +die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk +an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der +Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas +in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem +der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und +Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde +ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der +nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht +anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich, +unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir +die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die +niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen +müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt +herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt. +Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir +verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der +Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und +Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man +Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament +stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer +rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries. + +In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile über fremden und eigenen +Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu +verübeln, wenn es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in +Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich in +leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten Hasse hingibt; und +dieser Haß wütet in der Heimat noch rückhaltloser als im Felde, wo +ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In +solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten, +wenn er nach allgemeinem Urteil strebt. + +Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von außen betrachtet, +anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Völker nahezu +anarchisch, nach Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet und +zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen raubtierhaft +erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint +es nach außen gutmütig, freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein +Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis +von politischer Schwäche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand +soll und wird aufhören; dann werden die Völker als kollektive Gebilde +das Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich und +sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die +gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit will, soll man sich nicht +damit brüsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der +vereinbarten Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die +Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das +Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, der andere habe ihm in +hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen König eingekreist. +Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im +Frieden und Kriege erlaubt. Das darüber hinausgehende Unrecht fällt +jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist +es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen läßt, das +Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der +Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der +Nachprüfung. + +Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher als man glaubt. +In jedem Volke gibt es Heilige und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose, +Helden und Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, in +allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Völker +untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die +meisten Vergleiche populärer Psychologie haben den Fehler, daß man +ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt man bei +sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich. +So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populärurteile, +die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker zu +entzweien. + +Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. Es ist nicht +Sache der Wissenschaft, noch weniger der bürgerlichen Beobachtung, +sondern der Einfühlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder +Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen, +dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo gelebt und gute oder +schlechte Geschäfte gemacht hat; das Einfühlen in die Natur eines +einzelnen, das viel schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes +fordert intuitive, ja dichterische Begabung. + +Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten weit entfernt, +und viele der Gebildeten unter unseren Gegnern sind es noch heute. Von +Geschäftsreisenden, Berichterstattern und Stubengelehrten ließen wir uns +mehr erzählen als nötig war, selten wurde ein berufener Beurteiler +gehört, viele wollten oder mußten schweigen. + +So war die Stimmung vorbereitet für das beschämendste und undeutscheste, +was in diesem Kriege geschah, die maßlose, schamlose Ausschüttung des +Selbstlobes. Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, zur +Mißachtung des Gesetzes, zur Überempfindlichkeit der Stimmung +beigetragen als die langandauernde tägliche Selbstverherrlichung. Denn +was brauchte ein Volk von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem +Gott allein, vor allen anderen, sämtliche Tugenden und Begabungen +verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, nur wir waren tapfer +und hingebend, nur wir waren tief und genial, sittlich und heldenhaft, +gläubig und seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen +verworfen. Warum Gott die übrigen so unzulänglich geschaffen hatte? +Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. Wir waren das auserwählte Volk, +gesandt, um allen Völkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen. + +Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war +kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten +und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf +Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine +Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße +und Tränen ist noch heute kein Ende. + +Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle. + +Wir sind kein auserwähltes Volk und wollen es nicht sein. Wir sind ein +junges Volk und haben dennoch eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf +unserem Boden sind große Helden erwachsen, die höchsten Dichter und +Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die Musik der Welt ist +auf deutschem Boden erstanden. + +Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von uns stammt unvermischt +von taciteischen Germanen, wenige entstammen der Oberschicht, die den +deutschen Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die meisten +sind Kinder der namenlosen, unhistorischen unfreien Unterschicht, von +der die Wissenschaft nichts weiß; viele sind zugewandert. Wir sind jung +und wissen wenig von uns. Wir wissen, daß sich unsere Jungen gut +schlagen. Wir wissen, daß wir organisierbar und disziplinierbar sind, +daß wir uns in die mechanisierte Welt vollkommen eingefügt und sie +vorwärts gebracht haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine +bedeutende Technik. Seit dem Ende jener großen Umschichtung, seit +hundert Jahren, sind uns höchste Geister nur spärlich erstanden. Doch +fühlen wir uns als die Erben und geistigen Nachkommen jener Großen, weil +wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir dürfen hoffen, daß +etwas Verwandtes in uns lebt und sich immer wieder verkörpern wird. Wir +ringen um die Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres Staates. +Vor allem: wir blicken uns in die Augen und fühlen das herzliche +Vertrauen vom einen zum anderen, zum guten Willen und zur reinen Kraft; +wir blicken in die lieben Augen unserer Frauen und fühlen die blühende +Wärme des Lebens und die gesegnete Verheißung der Zukunft. + +Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern voraus, eines, das +keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid herausfordert: die Härte +und Schwere der metaphysischen Pflicht. + +Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben, das Streben +zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und das +Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum +Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter +prüfen als alle anderen, und das schwerste von uns verlangen. Und +deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt, +damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen Geist zu +verherrlichen. + +Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen +freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren +Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die +dankbarsten aller Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die +demütigsten sein. + +So sind wir zur Selbstprüfung unseres Charakters zurückgekehrt und haben +die Härte der Unerbittlichkeit gewonnen. Mit ihr die äußere +Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. Wehe dem, der die innerlichen Momente +des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert und +belauscht, um seiner zu spotten oder gegen ihn zu zeugen. Er hat das +Recht des Zeugens und des Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn +schleudert ihn und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem +Maße sittlich gewertet wird. + +Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts übermäßig +Schweres. Unsere Besten haben es uns oft gesagt, bald spottend, bald +schmähend; was sie uns nicht gesagt haben, und was wir selbst uns sagen +müssen, das sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen +wesentlichen Schwäche unseres voluntarischen Charakters. + +Uns Deutschen fehlt das persönliche Unabhängigkeitsgefühl, wir neigen +zur gewollten Abhängigkeit. + +Verwechseln wir nicht Unabhängigkeit mit Zuchtlosigkeit, vermengen wir +nicht Abhängigkeit und Treue. + +Ein Mann soll Zucht halten und Zucht üben, denn der Kosmos ist eine +Ordnung, nach seiner Idee hat jedes Glied zu tragen und zu lasten, zu +leisten und zu leiten. Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ, +der Gewalt; als Freie sollen wir nicht Machthabern gehören und +gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Führung anvertrauen und +hingeben. Von trauen kommt Treue, sie ist das freiwillige, überzeugte, +unverbrüchliche Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein +begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; Treue, +die höchste irdische Pflicht, ruht auf Freiheit und Wahrhaftigkeit. + +Das bedeutet nun freilich nicht, daß ein jeder sich nach Willkür die +Bindungen auserwählen kann, welche er auf sich nehmen will, und welche +nicht. Ein bestehender Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem +eine wirkende Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der Ordnung der +Gesetze so unverbrüchlich sind, wie höchste irdische Pflicht es nur sein +kann. Somit ist jede Frage der Unterwerfung unter rechtskräftiges Gesetz +und seine Ausübung der Erörterung entzogen. + +Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform man will und +welche man nicht will, ob man dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu +stürzen oder sich zu selbstgewollter Bindung zu fügen, ob man neigt, +sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder der Idee, ihrer +Verkörperung und ihren Trägern zu folgen, ob man der Person oder der +Sache gehört, ob man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein +Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher Hütung und Hegung +zu leben wünscht, oder ob man gewillt ist, Verantwortung zu tragen und +zu fordern. + +Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, daß +wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form, +und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur +ordentlich erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis +mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig +hinnahmen. Doch täuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein +Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue von +höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der +unfreien, dienstgewohnten und verängsteten Unterschichten, die +allzulange, vor allem im mittleren und östlichen Teile des Landes, die +Masse der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die +Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß und Peitsche, und der Adel nannte +seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen +mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist +die Abstufung des Abhängigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht +nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische +und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung +eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt, +nämlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für sich +verlangen. + +Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns der Eigenart +unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht bewußt sind, und daß wir seine +sichtbarsten Folgen, die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens, +die militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische +Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des bürgerlichen +Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende +Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stände, die +zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die +Ansprüche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es +fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in +gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen, +lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten +Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an +Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten +sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch +Vergleich bewußt geworden war. + +Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, wie jede +menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rühmt unsere +Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und +Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist, +geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist +gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgültig, um welchen +Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige +schöpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte +Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt +kein Höhepunkt der Präzision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen, +etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige +Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, wäre es +bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, daß +solche Sondervorteile nicht bestehen. + +Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren. +Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges übertragen, bedeutet +Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, Haften an Überlieferung, an +herkömmlichen Denkreihen und Methoden. + +In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den +Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu +sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum +über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien +erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir +ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende +schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu +lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere +konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger +ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten. + +In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht: +Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen, +unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft +vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die +Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe +ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit +Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit +als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der +Atmosphäre. + +In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien +programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie +gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den +bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man +würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu +sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf +der Liste zu finden. + +Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen +und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen +Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner +verstärkt, ist nichts weiter zu sagen. + +Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das +gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt. + +Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und +Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der +innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer +Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge +Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte +man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt, +halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung +nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele +wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht +verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß +eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere +der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil +war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark +für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen +Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine +Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen +Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis +erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß, +keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte. + +Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind, +welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte +Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter +Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet +sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem +Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen +Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und +Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und +gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der +ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines +bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische +Unabhängigkeit. + +Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen +Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die +Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom +wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern, +Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre, +Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und +verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der +Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo. + +Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben +geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und +unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und +dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es +sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen +lohnt es nicht. + +Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und +der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten +Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt +sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des +»Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher +Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d. +I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von +der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und +mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen, +finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein +menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik +übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei, +einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen, +so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von +Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben +und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche +seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern. +Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen +verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge +unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig +oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer +ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten +zugrunde. + +Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und +finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit. + +Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer +lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die +eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied +organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte, +seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen +er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich +jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der +Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der +Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der +Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des +Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des +zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des +Eingeborenen. + +Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen Ursprungs wird in +anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es +jeden Tag nötig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen, +fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes +bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene +Menschen keine Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, den +Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines +Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der +Ehrenbezeigungen, die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt +rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, daß in +zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von +unten nach oben oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird +untertänigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst +gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu +Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle +ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in +Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren +zum älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint unter +Umständen das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan, +es wird zur Treue, zur Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt. + +Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter – Untergebener findet +ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schärfe gegen den +Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenüber dem eigenen +Vorgesetzten; bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung +nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar +oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im +Auslande und in Kolonien entstanden. + +Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen +Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die +bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und +theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der +gottgewollten Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die +überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren +Verhältnisse klar überblickt und über auswärtige Vergleiche verfügt, +wird denn auch häufig und vorurteilslos über das einheimische +Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum +vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewürdigt. +Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend mündig, die feudale +Schichtung für zu unentbehrlich, um eine Änderung zuzulassen. + +In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen +anderen Zustand vorstellen als den, daß jeder, der es sich leisten kann, +kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen muß, kommandiert +wird. Was man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, und noch +etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als +Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben. + +Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser Land auf den schroffen +Begriff der Subordination gestellt ist, während Länder weit geringerer +Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende +gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis im +Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es +nicht übergreifen. Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß +ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen +gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln +ließen. Unsere Gutmütigkeit, die für den Begriff des Anschnauzens +mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat, +entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch +es bleibt genug übrig, was zu denken gibt. + +Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit schädigt +den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen +unter euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus vor dem +Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen ließen? In den frohesten Ruf +mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck +sagte in theoretischer Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle +des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß das Vaterland unser +Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum König die freie +Zustimmung und Gefolgschaft freier Männer ist? + +Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls +niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mögen genügen. Wenn das +männliche Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und +Auflehnung, sondern Passivität. Man muß sich manches gefallen lassen und +tröstet sich damit, daß es dem Nächsten nicht besser geht, und daß man +sich vor ihm nicht zu schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre +Schwächen, man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind sie +kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht +aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, da wäre das Spiel +verdorben. Beim Unglück des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim +ersten Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am +Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. Ist jedoch ein +plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich alle Untugenden des +Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum +Herren. + +Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befürchten. +Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, er ist nicht weit davon, ein +nationales Laster zu sein. + +Überblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten +Unabhängigkeitsgefühls und des ausgesprochenen Abhängigkeitsdranges, so +dürfen wir sagen: Eine Todsünde belastet uns nicht. Wir sind nicht +Sklaven, wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind nicht +Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. Es ist nicht +unsere Sache, von unseren Tugenden zu reden; dies wissen wir, und das +mag genug sein: Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, was unser +Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft geduldet hat. + +Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhängigkeitsbedürfnis ist +eines der schwersten Hemmnisse des inneren und äußeren Aufstieges, es +ist der politische Kardinalfehler eines Volkes. + +Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten Entschlusses, den +Adel rückhaltloser Entäußerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen +Verantwortung voraus. Würde, Adel und Herrentum aber können in gewollter +und geduldeter Abhängigkeit nicht erstehen. + +Gewiß wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen Weg schreiten, und +Einrichtungen werden ihr folgen. Doch beiden voran muß der Aufschwung +des Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch eine einzige +Schwäche unseres voluntarischen Charakters. + +Würden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk die vollkommensten +Einrichtungen des staatlichen und kulturellen Lebens beschieden, es wäre +umsonst. Sie würden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung und +unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine Güter und Institutionen nur +auf derjenigen Höhe halten, auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen +fähig ist. + +Früher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, denen wir +entgegenstreben, heute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen +Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf +um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und +Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. Sie ist nicht die +Sendung des Militarismus, sie ist auch nicht die Sendung der +Mechanisierung und der Technik, obwohl sie diese Nützlichkeiten nicht +verschmäht, sie ist am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist +die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: die Sendung des +reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Geistes. Diese +Sendung fordert nicht Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige +Männer. Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und Schneider +für London und Newyork zu liefern, sondern als freie Männer auf freiem +Boden brüderlich mit den Völkern zu reden und zu wirken, nicht um des +billigen Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit willen; +ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu empfangen, was wir +brauchen. + +In eurem Kampfe zählen die Jahre nicht. Es wird euch bekämpfen die +Herrenkaste, und das ist schade, denn es sind tüchtige Menschen, klug, +mutig und eigenwillig. Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an +Phantasie; sie wissen nicht, daß im Sturm das fahrende Schiff sicherer +ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, daß in einem freien +Volke ihre Eigenart mehr wert ist als in einem, mit dem sie kämpfen. An +ihnen haften zwei Sünden: Sie haben das Volk unmündig gehalten, um es +leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer Herrschaft die +Verantwortung zu tragen für jenes Menschenalter schlechter Führung, das +die Gewitteratmosphäre schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf +ihnen lasten. + +Bekämpfen werden euch die Interessenten, und das ist gut, für euch wie +für sie. Sie wissen nicht, daß mit der geistigen und wirtschaftlichen +Anarchie, die sie im Lande erregen, sie den Ast absägen, auf dem sie +sitzen. Sie müssen lernen, daß mit den Geschäften von heute auf morgen, +die sie erstreben und um die sie sich würgen, das Korn vor der Ernte +zertreten wird. Das Futter wird nicht mehr, sondern besudelt und +verstreut, wenn man aus Gier mit beiden Füßen in den Napf springt; die +Welt ist eng geworden, sie ernährt uns nur dann, wenn die Arbeit sorgsam +geordnet und geteilt wird. + +Bekämpfen werden euch die Indolenten und mehr noch die +Originalsüchtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache zu tun, sondern um +ein apartes, literarisch verwertbares Gerede von der Sache. Sie glauben +die Welt zu ändern, wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen +und im Kaffeehaus neue Zeitwörter ausdenken. Mit beiden werdet ihr +fertig, denn sie haben einen kurzen Atem. + +Beginnt ihr zu zweifeln und fühlt ihr euch im Kampf ermatten, so erfüllt +euch mit dem Bilde des ragenden inneren Deutschlands, das wir im Herzen +tragen, des Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der +Innigkeit, des reinen Glaubens; tränkt und sättigt euch mit diesem +Bilde, und blickt um euch. Seht ihr dann noch das kreischende, gierige +Werben, die vergifteten Genüsse, die zynischen Gestalten der frechen +List und der brutalen Schaustellung, die unwürdigen Gebäude und +barbarischen Schaustücke: dann hat das neue Reich das alte noch nicht +überwunden und der Kampf geht weiter. + +Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. Kein Ereignis von +außen, nicht das Glückbringende, nicht das Bedrückende spricht euch los. +Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr +befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht +seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig seid, begüten, wenn ihr gläubig +seid, erwecken. + +Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie preisen was sie +besitzen, und festhalten, und dazu erwerben wollen. Oder um der Macht zu +schmeicheln, oder, weil man es sie gelehrt hat. + +Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die sagen, es sei +anderwärts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser +Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist +niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen. + +Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen Schriftgelehrten, die +verkünden: »Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle +Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine +unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist eine veraltete +Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur +Hörigkeit, von der persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des +Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidarität nicht +Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus +der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und +Irrationalen. + +Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir +leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern +sich selbst hören will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen +Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim +von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns sträuben, desto härter +werden wir geführt, und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren +Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon uns lenkt. + +Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir +gezwungen schreiten. Denn wozu wären euch die seltenen, köstlichen Dinge +gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der +Verheißung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es +euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee +trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich +selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge haben. +Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung, +die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen. + +Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Händen, die +leuchtende und zündende, die verheerende und verklärende. + +Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte +und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und +gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den +göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt. + +Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem +Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu +Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und +sich euch hingibt. + +Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch +alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden +Seele erringt. + +Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch +schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und +Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden. + +Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes. + + + +_Geschrieben im Juli_ 1918. + + +_Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei in Leipzig._ + + + +_Werke von Walther Rathenau:_ + +_Zur Kritik der Zeit_ +Fünfzehnte Auflage + +_Zur Mechanik des Geistes_ +Neunte Auflage + +_Von kommenden Dingen_ +Fünfundsechzigste Auflage + +_Deutschlands Rohstoffversorgung_ +Neununddreißigste Auflage + +_Probleme der Friedenswirtschaft_ +Fünfundzwanzigste Auflage + +_Streitschrift vom Glauben_ +Vierzehnte Auflage + +_Vom Aktienwesen_ +Zwanzigste Auflage + +_Die neue Wirtschaft_ +Sechsundvierzigste Auflage + +_Zeitliches_ +Zwanzigste Auflage + + +_Gesammelte Schriften in fünf Bänden_ + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das +Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das +Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal +S. 049: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß +S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel +S. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß +S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebärde +S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been +moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau’s +other works has been moved to the back. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal +p. 049: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß +p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel +p. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß +p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebärde +p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + +***** This file should be named 23396-0.txt or 23396-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/3/9/23396/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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