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+The Project Gutenberg EBook of An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: An Deutschlands Jugend
+
+Author: Walther Rathenau
+
+Release Date: November 7, 2007 [EBook #23396]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
+produced from images generously made available by the
+Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+
+ An Deutschlands Jugend
+
+ von
+
+ Walther Rathenau
+
+
+ 1918
+
+ S. Fischer • Verlag
+ Berlin
+
+
+
+ 1.-20. _Tausend_
+
+ Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Zueignung und Aufruf 5
+
+Zweifel 18
+
+Glaube 42
+
+Krieg 74
+
+Charakter 97
+
+
+
+
+Zueignung und Aufruf
+
+
+In dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu euch ich mich,
+Menschen der deutschen Jugend. Nie hat eine Menschheit so bewußt und
+verantwortungspflichtig an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die
+Stunde hält ihren Atem an, zu lang für das bangende Herz, zu kurz für
+das flatternde Gewissen, der Klöppel holt aus. Ist der Schlag
+verklungen, nach Menschenjahren, Sekunden des Äon, so stehen wir in
+fremder Welt und Zeit, beladen oder entsühnt, und blicken durch den
+Tränenschleier des Krieges nach dem entsinkenden Reiche der Gewesenheit.
+
+Unbewußter, zweifelfreier waren die, die vor weniger als hundert Jahren
+durch den Nebel der Weltkriege das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen
+sahen. Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene bürgerliche
+Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet als genommen, sie
+fühlten beschäftigt das Nahen von Wissenschaft, Technik und Kapital und
+konnten sich dem überlassen, was sie Restauration nannten, und was der
+häßlichste Nutzbau der übervölkerten, mechanisierungsdurstigen Welt war.
+
+Der Bau wuchs; in den höchsten, luftigsten und frechsten Geschossen des
+Himmelskratzers sind wir geboren und haben wir gelebt; jetzt bricht er
+nieder, aus Mangel an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man
+verschmäht hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, stand auf dem
+Schuttplatz der französischen Revolution, die Raum geschaffen hatte,
+aber keinen Baugrund. Bis in seine höchsten Zinnen, die Nationalismus
+und Imperialismus hießen, trug er keine Idee in sich, nur ein
+empirisches Gleichgewicht der Kräfte; alles was Idee hieß, rankte sich
+äußerlich empor und zermürbte seine Wände.
+
+Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, denn die
+Zerstörung ist da, wir brauchen sie nicht zu rufen. Was gefordert wird,
+ist Arbeit, langsamer, heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten
+Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, die sagt: Laßt mich
+nur, ich bin schlau und vernünftig, ich will einmal versuchen. Nicht aus
+satter Interessiertheit, die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht
+aus Stumpfheit und bürgerlicher Blöde, die sagt: Kommt Zeit, kommt Rat.
+
+Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und Konferenzen, Brand
+und Löschung, sondern über der Bauhütte, über ihren Meistern und
+Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer
+Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, deshalb haben wir vom
+Geist zu reden.
+
+Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines
+Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen
+ausgeschüttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor
+die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten,
+um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die
+Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und
+Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von
+Einsamen, von Jungen, und von denen, die nicht altern und nicht sterben.
+
+Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen,
+Prüfung, Besinnung. Nichts anderes will ich von euch. Prüft meine Worte
+an euren Gedanken, in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, was
+euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, den bestechenden
+Einfall. Nicht ein Führer unter euch vermesse ich mich zu sein, nicht
+ein Berater, ich will mit euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich
+euch nicht; ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure
+Väter, ihr seid ihnen ähnlicher, als ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung;
+auch wir sind eine Hoffnung gewesen und keine Erfüllung geworden,
+obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich
+huldige auch dafür euch nicht, daß ihr in den Krieg geboren und
+gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Väter verschuldet, also haben wir
+ihn verschuldet; den Krieg haben wir verschuldet, also habt ihr ihn
+verschuldet. Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen,
+gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten umfaßt es
+die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der mit seiner
+Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und
+zittert, und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz
+verbrennen. Auch dafür nicht, daß ihr ungebrochen und stark, voll
+Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich euch. In zwanzig Jahren sind
+eure Verwegensten alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des
+Großen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn
+abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr Herz warm erhalten
+haben, um zaghaft und überwältigt zu euren Kindern zu reden. Um des
+Glaubens willen an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe
+willen zu euren Vätern, euren Kindern und am meisten zu euch, um der
+Hoffnung willen, die ihr seid und alle, die nach euch kommen. Denn ihr
+werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf euch liegt die
+Verantwortung und die erste Entscheidung.
+
+Werdet ihr mich hören? Manche von euch, die ursprünglichsten, sind
+sorglos, dem Denken abgewendet, mit billigem zufrieden und eng
+autoritär; manche, die klügsten, sitzen in ihren Schreibstuben und
+Preßzentralen, pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion und warten, daß
+ihrer geschulten Dialektik zuliebe die Welt sich wie Sankt Hieronymus’
+Löwentier aufblickend zu ihren Füßen schmiege.
+
+Verschließt ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir selbst und meinem
+Schöpfer, denn reden muß ich und darf nichts verschweigen, obwohl ich
+weiß, daß jedes Wort mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich
+hassen und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren Geistes,
+reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben erzwingen für das, was sie
+verkünden und was ich nur stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts
+ist in mir, das den Willen rechtfertigt, gehört zu werden, außer dem
+Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung.
+
+In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu euch reden von
+unseren gemeinsamen Schwächen, Trübheiten und Klärungen, so muß ich frei
+vor euch mich zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, damit
+ihr ungetäuscht so hart und milde wie ihr wollt urteilt, und muß euch
+sagen, wer ich bin.
+
+Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche
+Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche
+Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in
+lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines alten
+Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen,
+den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn
+ich war mir des Widersinns der Gaben bewußt. Das Handeln war fruchtlos
+und das Denken irrig, und oftmals wünschte ich, der Wagen möchte
+zerschellen, wenn die feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins
+Gebiß legten und die Arme erlahmten. Das Alter sänftigt. Noch immer ist
+der überschüssige Wille nicht ganz gebrochen, noch immer stehe ich im
+praktischen Handeln, doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal
+scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas in meinem Denken
+befruchtet worden, als habe die Natur mit mir den Versuch vorgehabt, wie
+weit betrachtendes und wollendes Leben sich durchdringen können. Ein
+Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum ersten- und zum
+letztenmal, nicht freiwillig, sondern von Not gezwungen, mich den
+Getrieben des Staates näherte, da wurde durch das geringe Werkzeug
+meines Kopfes und meiner Hände vom deutschen Willen aus einem Gusse
+eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines Einzelnen
+beschlossen ist: die bewußte Schöpfung einer neuen Wirtschaftsordnung,
+die nicht vergehen kann und alle künftigen Wirtschaftsformen in ihrem
+Schoße trägt. Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde Stamm
+nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun schüttet er die verspäteten
+Knospen und Blätter in euren Schoß.
+
+Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern der geistige
+Niederbruch, den er offenbart, nicht die Furchtbarkeit dessen, was ist,
+sondern dessen, was war und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein
+Gewitter zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig und
+absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder da anzufangen, wo sie
+aufgehört haben, am liebsten möchten sie ihn als Mittel betrachten, um
+einige ihrer alten Zwecke zu erreichen.
+
+Andere trösten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher Evolutionen:
+immer haben Kriege die Übergänge der Wirtschaftsformen begleitet, dieser
+ist größer, doch nichts anderes; wir werden den Endzustand erwarten und
+versuchen, ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben nur zur Hälfte
+Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der Weltbrand des europäischen
+Sozialgebäudes, das nie wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede
+Brandstätte ein Baugrund, manche ist wüst geblieben und manche zur
+Spukstätte für Gespenster und Gesindel geworden.
+
+Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so wie es ist, nicht als
+mannhaften Zweikampf, nicht als frisch-fröhlichen Reiterkrieg, sondern
+als Weltgericht: diese wenigen haben es verkündet, nicht als
+politisch-wirtschaftliche, sondern als sittliche Notwendigkeit, als
+Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, die Würde und
+Gerechtigkeit der westlichen Welt zu wecken und zu retten.
+
+Wir gingen zugrunde mit aller Üppigkeit der Technik und mit dem
+verruchten Stolze unseres banalen Wissens; und wir gehen weiter und
+unaufhaltsam zugrunde, mit und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht
+begreifen und uns ermannen.
+
+Noch jetzt, im fünften Jahr, sind die Nationen nicht fertig, ihre
+Kriegsgründe, Kriegsursachen und Kriegsziele zu erklügeln – freilich,
+sie wissen sie nicht und werden sie nicht wissen! – Weltanschauungen zu
+erdichten und zu ertüfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander
+vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mißvergnügten Reisenden
+erlernt haben. Noch heute beschimpfen sich Staatsleute und strafen sich
+Lügen, und deuteln an ihren Forderungen. Nüchterne Polizeiideale werden
+angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzüge werden gepredigt, unüberzeugte
+Gerechtigkeiten werden gefordert. Und im Innern der Völker blüht
+Kriegswucher, Geschwätz und Roheit, während treuherzige Jugend an den
+Fronten verblutet.
+
+Was sind alle Zerstörungen und leiblichen Opfer verglichen mit den
+Zuckungen und Verzerrungen des europäischen Geistes? Dies Leiden ist
+nicht dem Kriege entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd
+sehen und fühlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. Und diese
+Krankheit geht nicht mit dem Kriege, nicht durch den Krieg zu Ende; in
+erneuten Schreckensformen, mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt
+sie weiter bis zur tödlichen Erschöpfung. Die Geisteskrankheit, der
+sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar nur durch die Macht des
+Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr. Die nüchterne
+Wirtschaftsrechnung verschlägt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen.
+
+Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren Tiefen. Kein
+Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine Änderung der
+Einrichtungen. Denn wäre selbst alles aufs beste geschaffen und
+bestimmt, es zerschellte und zersplitterte am Wust der Interessen, an
+der Überzeugungslosigkeit, an der Indolenz, an der geistreichen
+Tüftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und sänke zurück ins
+Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft sind die einzigen Formen, die den
+anarchischen Körper im Scheindasein erhalten können, und beide ertöten
+vollends den Geist.
+
+Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt ist: Kannst du
+noch einmal den deutschen Geist zur Einheit der Überzeugung, zur Treue
+der Weltanschauung aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des
+Mittelalters, die bleibt uns verloren; es sei eine vielfältige Kraft,
+doch darin einig, daß sie das Geistige über das Irdische stellt. Dann
+mag sie vielspältig, mag sie vom Glauben aller Welt verschieden sein,
+denn zwischen echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch
+keinen tötenden Haß und jederzeit die wölbende Synthese.
+
+Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht Heilige, nicht Genien, doch
+Geistige, Aufrechte, frei und weit Blickende, Würdevolle, Spendende,
+Innerliche, Wirkende; nicht Umhüllte von Interessen, Standesverblendung,
+Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei, eitler Geschäftigkeit?
+Denn vergiß nicht: Wäre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht,
+wir hätten heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich,
+auf diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien –, überall der
+gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche mechanisierte
+Sicherheit, bestenfalls hier und da ein wenig weltfremde, spintisierende
+Grübelei, und nirgends ein Mensch, der auch nur von ferne den alten
+mannhaft Großen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden
+Berufen. Die Besten des Landes sind einsam an ihren stillen Werken,
+einseitig, aufgezehrt, gealtert, dem Treiben abhold. Wir alle müssen
+abtreten, zurück in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere
+nicht getan, wir sind nicht die Rechten.
+
+Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulänglichkeit bewußt, der
+Wende unwürdig das Geschick sich erfüllen sahen, habe auch ich meine
+Stimme erhoben, das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet und
+das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert und dereinst erzwingen
+wird, die Änderung von Einrichtungen und Gesinnung, den wirtschaftlichen
+und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der
+Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung irdischer Ordnung im
+Reich der Seele. Unverbrüchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind
+im Anzuge, ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind
+erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im Geiste verwirklicht.
+
+Doch die Liebe zur Heimat überwiegt alles und verlangt, die kommende
+Gerechtigkeit und Adelung möchte als ein Werk deutschen Geistes, als ein
+Geschenk deutschen Herzens an die Völker in die Welt treten,
+Deutschland möchte nicht zag, spät und verdrossen dem Weltlauf folgen,
+Deutschland möchte den Anspruch auf Führung und Verantwortung, also den
+Anspruch auf eigenes Leben nicht mürrisch und verbittert jüngeren
+Völkern preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd hinter
+trockenen Rechten und böser Gewalt zu verschanzen.
+
+Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen? Wo sind
+in dieser Zerfahrenheit der Interessen, der Stumpfheit, der
+selbstverliebten Geschwätzigkeit, in dieser Unklarheit der Wertungen, in
+der prüfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in der Verfilzung
+der Staatseinrichtungen – wo sind noch Ansätze möglich für die
+Keimkräfte des neuen, reinen, freien Lebens? Kann es außerhalb einer
+politisch beeinflußten Tagesmeinung überhaupt noch eine geistige
+deutsche Überzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken entständen, wirkliche
+Gedanken des Geistes und Herzens, Ideen, nicht Forderungen alltäglicher
+Nützlichkeit noch gehässiger Zeitungs- und Versammlungsdunst –, können
+solche Gedanken in Deutschland noch Träger und Verwirklicher finden? Ist
+unser Volk einer nicht bloß herkömmlichen, nicht bloß interessierten,
+nicht bloß agitatorischen Anschauung noch fähig? Was sind überhaupt die
+Voraussetzungen für die Möglichkeit einer deutschen Anschauung? Und sind
+sie verwirklichbar?
+
+Die erste Prüfung endet freilich schlimm. In keinem Lande der Erde wird
+soviel wie bei uns von Anschauung, Weltanschauung, Kultur und Ideal
+geredet. Das kommt daher, daß wir in der vormechanistischen Epoche eine
+wundervolle Blüte des Geistes erlebt haben. Das war in einem kleinen,
+in den Tiefen kaum emanzipierten Volke mit einer Schicht von knapp
+fünftausend Gebildeten, einem Volk also, das eigentlich nur aus
+sichtbarem Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte,
+uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten drei Menschenaltern
+war die Zahl und Kraft der idealistischen Geister so gering, daß es
+zweifelhaft erscheint, ob unsere wissenschaftliche, technische und
+organisatorische Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient.
+
+Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen nach der
+Weltanschauung und den Idealen, für die wir kämpften. Wir erklärten
+ihnen, unsere Feinde seien Händler, wir aber verträten eine heldenhafte
+Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns herrschende
+Kapitalismus abgeschaltet werden mußte, der technisch-organisatorische
+Teil der Kriegführung im Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt
+wurde, wieweit wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, die in
+unserem Namen die Welt versorgten, in das Heldenideal einzubeziehen
+wünschten.
+
+Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen Freiheit beschieden, das
+weniger eine Freiheit als eine sympathische Unfreiheit war, das
+auffällig mit den herrschenden Zuständen übereinstimmte und im Kern auf
+einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief.
+
+Auch das altliberale Bürgerideal hat man uns anzupreisen versucht, mit
+schüchterner Loslösung von seinem englisch-französischen Ursprung, das
+gern auf demokratische Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden
+freisteht, ungestört und unbekümmert vom Nächsten und vom Staat, seinem
+förderlichen Beruf nachzugehen.
+
+Die sogenannten Machtideale bedürfen keiner Erwähnung. Sie passen auf
+jeden, der die Mittel zu haben glaubt oder sucht, um sich auf Kosten
+anderer Vorteile zu schaffen.
+
+Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, und wir beschäftigen
+uns wieder vorwiegend mit Interessen und Tagesfragen. Wo sind die
+deutschen Ideale, wo sind ihre Träger?
+
+Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum großen Teil von
+Schulagitatoren geführt werden. Wir haben acht Millionen unselbständige
+in der Landwirtschaft Beschäftigte, die sich nicht organisieren dürfen
+und nicht Träger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch
+geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit Minderung bürgerlicher
+Rechte drohen dürfen. Wir haben die Stände der Interessierten, die mit
+der Dialektisierung ihrer Gewerbe befaßt sind. Wir haben eine
+Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. Wir haben einen
+selbständigen Mittelstand, der nach den Gründen seines Niederganges
+sucht. Wir haben ein Großbürgertum, das nach Beziehungen und
+Beförderungen lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand,
+der zur Verteidigung alles Bestehenden erzogen ist. Wir haben
+Interessenvertreter und Ortsgrößen, die im politischen Leben stehen und
+ihre Wünsche und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in
+Übereinstimmung zu bringen suchen.
+
+Und dennoch! Solange noch Selbstbewußtsein und Willenskraft in uns ist,
+lieber in tätigem Glauben und edlem Irrtum vergehen als in kranker
+Resignation und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu dir,
+deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten des Lebens nicht
+zermürbt, die wütenden Interessen und giftigen Händel dich nicht
+verfeindet, ein großes Schicksal hat dich verschmolzen und geläutert,
+hilf die Quellen des schmachtenden Landes erschließen.
+
+Laßt uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Laßt uns durch die Öde des
+Zweifels schreiten, laßt uns an das Tor des Glaubens pochen, laßt uns
+das Schicksal unserer Prüfung befragen und unserer eigenen Seele tief
+ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht entmutigt heim.
+Müßten wir auch ein schweres Teil der Völkerschuld auf uns selbst
+nehmen, müßten wir tiefe Sühne und Einkehr von uns selbst verlangen:
+Laßt uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir anderen das
+Behagen der Beschönigung und des Selbstlobes, das seit vier Jahren zur
+schamlosen Pest der Völker geworden ist, und suchen wir den Weg zur
+alten Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes Erbteil
+war.
+
+Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, wie fern wir dem
+Lande unserer Verheißung sind, genug, wenn wir heimkehren mit der
+Botschaft, daß unser Schicksal bei uns selbst steht, daß wir inne
+geworden sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer
+Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt.
+
+Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, und den härteren,
+den wir kämpfen werden, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und
+die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt
+und sie zum Phönixopfer weiht.
+
+
+
+
+Zweifel
+
+
+Wir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu
+preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form
+einer liberal aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte exakte
+Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus,
+gesellschaftlich die bürgerliche Streberei. Das Reich und die Großmacht
+war begründet, einen Schritt darüber hinaus gab es nicht; das Bestehende
+hatte recht, wer Einwände erhob, bekam es mit Bismarck zu tun oder mit
+dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder mit den »besseren« Ständen.
+Alle Gebiete des Lebens überschattete die Autorität des unbestrittenen
+sichtbaren Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverständlich, Urteil
+und Rat vom bereicherten und kaufenden Bürger und der gebildeten
+Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, soweit sie nicht als verderbt galt,
+fügte sich den genehmigten Idealen, ja überbot sie; der oberste der
+genehmigten Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte
+Beamte, das heißt Juristen, die Laufbahn verlangte gesellschaftliche
+Garantien, das heißt studentische und offiziermäßige Korporation. Die
+Vorbilder wirtschaftlichen Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht so
+machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb hatte eine
+gesonderte Aufstiegsordnung, in der ein umfangreiches Assistentenwesen
+und Einheirat eine gewisse Rolle spielten.
+
+Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb
+unbewußt in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autorität
+und Streberei gezwängt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum
+eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, des altmodischen
+Bramarbas und des bezopften Renommisten: den Patentscheißer.
+Aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem
+Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften
+Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers
+nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerliche
+Prüfungsreife erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges
+und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um
+Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und
+Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja
+anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk
+regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. Gewiß, es gab auch
+zahlreiche andere Vertreter der akademischen Jugend, vor allem die,
+deren Mittel zur Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine
+Befürchtung, daß die Generation der achtziger Jahre uns den Ausfall
+einer geistigen Ernte im öffentlichen Leben kosten würde, hat sich
+erfüllt.
+
+In den Formen des ländlichen und kleinbürgerlichen Lebens haben wir uns
+stets bescheiden, sicher und würdig bewegt. Für gesteigerte bürgerliche
+Lebensform ist ein gültiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht
+geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich,
+patriarchalisch, stadtfeindlich, der größere international und
+abgesondert. Der Soldatenstand ließ nach außen nur einen kühlen Schliff
+erkennen, der zu brutal übertreibender Nachahmung verführte, das
+Beamtentum, wirtschaftlich gedrückt und stolz verzichtend, machte in
+seinen Formen die Abwehr fühlbar, die ein Leben in unterordnenden und
+spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten bedingt. Patriziat und alter
+Reichtum, in Deutschland selten und versprengt, fand in sich kein
+Gleichgewicht und drängte zum Adel und Hof.
+
+So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild der Lebensform, des
+Benehmens und der Gesellschaft; unzusammenhängende Konventionen wurden
+unverstanden gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, zur
+Schaffung eines geschlossenen äußeren Erscheinungsbildes reichten sie
+nicht aus. Der erzieherische Nachteil dieses scheinbar äußerlichen
+Mangels für jedes heranwachsende Geschlecht wird unterschätzt. Er läßt
+den jungen Menschen die Würde und Sicherheit einer anerkannten Schulung
+entbehren, verführt zu einem billigen Individualismus, der nur
+Formlosigkeit ist, erschwert die Schätzung und Gemeinschaft einer
+körperlichen Kalokagathie, bewirkt Rückschläge in eine pomadisierte
+Pöbelhaftigkeit und ermöglicht die Entstehung von wechselnden
+Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet werden würden, und von
+denen das der achtziger Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet.
+
+Diese Sorge ist vorüber, denn kommende Zeiten werden die Spaltung der
+Kasten nicht kennen, der aristokratischen, militärischen und
+bureaukratischen Vorbilder nicht bedürfen, sondern ihre Wertungen aus
+menschlichen und volkstümlichen Vorstellungen schöpfen. Für uns bestand
+sie, euch blieb sie erspart.
+
+Denn ihr hattet das Glück, im Widerspruch zu erwachen. Eure Kindheit hat
+der beginnende Wohlstand des Landes gepflegt, ein erwachendes
+Schrifttum, eine nicht volkstümliche Kunst hat euch ein Widerspiel zur
+Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewußtsein erweckt und durch
+Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte Lösung von der Autorität, die
+einigen von uns glückte, andere brach, war für euch kein Problem, denn
+ihr seid frei geboren. Eure Väter konnten euch nicht die
+Unwiderleglichkeit großer Schöpfung entgegenhalten, sie hatten nur die
+Mechanisierung emporgehoben, der sie fruchtlos dienten, den Staat und
+ihr eigenes Machterbe verwahrlost, und euch mit einer gewalttätigen,
+rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, die sich anpreisen
+aber nicht verteidigen konnte. Freilich waren auch unter ihnen große
+Männer, deren Arbeit Gutes schuf und ohne ihr Wissen Künftiges
+bereitete, doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis auf
+seine Wurzeln des schöpferischen Zweifels, und die äußerlich glänzendste
+Epoche, die je der Erde beschieden war, die dicht an das künstliche
+Paradies der Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen
+Schrankenlosigkeit und des ewigen Wohlstandes rührte, erstarb im Geiste.
+
+Ihr durftet zum Bewußtsein erwachen, und wenn uns Älteren ein Anteil an
+der Freude dieses Erwachens zufiel, so war es der, daß einige von uns
+versucht hatten, der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken,
+ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreißen und mit der Gewißheit
+der aufsteigenden Seele heimzukehren. Selbst eure Väter hatten euch
+vorgearbeitet; sie waren der alten Strenge und Herrschgewalt nicht
+fähig, denn die fordert zweifelfreie Überzeugung und Überlieferung, sie
+aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativität, die verstehen
+wollte, aber nicht werten. Unschlüssig lockerten sie das Band der
+Schule; da floß viel Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird,
+und schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, Verwalter und
+Richter des geistigen Erdenguts sein soll. Dafür wurdet ihr freier, und
+lerntet fühlen, daß Jugend, bloße Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des
+Wollens und Handelns ein erfüllendes Glück ist. Ihr wandtet euch ab von
+gepriesenen Werken und Kämpfen, dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor
+euch den Trunk ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin – dies
+ist euer schönster Gewinn – wohin nicht viele Geschlechter gedrungen
+sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit und Freundschaft. Viel fehlte
+nicht, so hättet ihr euch von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit
+losgesagt und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden.
+
+Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft zu Bäumen,
+Tieren und Menschen. Manches Lied und mancher Vogelruf wurde euch
+vernehmlich, und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und lerntet
+die Namen der Kräuter und die Spuren der Tiere auf morgendlichen Wegen.
+In Nächten saßet ihr beisammen und sprachet von freier, verantwortlicher
+Bestimmung des Lebens, von einem Dasein ohne Haß und Gier und vom
+Erwachen des Geistes.
+
+Den Dämonen konnte dies Dasein ein träumerisches Spiel scheinen, zu
+leicht und glücklich selbst für die Jugend Erdgebundener. Da geschah die
+Berufung, die euch vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit
+schlug und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung für künftige Wende
+zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff euch und viele durften siegend
+sterben. Der Zeiger der Geschichte steht still, solange die Urkräfte und
+Titanen ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch
+und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr.
+
+Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, die ihre Unschuld und ihr
+reines Glück, furchtlos, das Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne
+Frage ins Feld getragen haben. Sie sind der blühende Leib und die
+lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind sie mit der Meinung
+und Wertung des Tages zufrieden, mit leichten Erklärungen einverstanden,
+leiblich und geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber werden
+sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, und wenn sie reinen Herzens
+bleiben, tun, so Gott will, was not ist.
+
+Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf und das Weh der Erde zum
+zweiten Male sich abspielt, die in der Angst der Schuld und in der Qual
+des schöpferischen Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt,
+sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue Gestaltung
+emporzutragen. Ihre Verantwortung ist es, wenn die Dinge des Landes und
+des Erdteils so bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die
+treibenden Kräfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die Völker als
+Fremdlinge, als Objekte in den Häusern ihrer Staaten sitzen, wenn
+Ungerechtigkeit, Haß, Gier und Entseelung den entfleischten Erdteil von
+Kampf zu Kampf in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr ist
+Zermürbung der großen Aufgabe und ihrer selbst durch unergriffene
+Klügelei, durch selbstverliebte Theoretik, durch flache Originalität.
+Erschreckt nicht vor dem einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit
+in der verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, vor
+aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; das reine Herz
+muß sie finden.
+
+Mit ihnen, den Zweifelnden, muß ich reden. Nicht als einer, der weiß und
+sicher ist, sondern als einer von denen, die mit ihnen leiden und
+suchen, die fühlen, daß alle Gemeinschaft ein Bekennen ist.
+
+Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? Es gibt nur
+täuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? Es gibt keine absoluten
+Werte. Was ist ein Ziel? Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht
+ist, zu neuen Zielen hinwegstrebt – oder eine unerträglich süße, falsche
+Seligkeit. Was sind menschliche Triebkräfte? Genuß und Macht. Was ist
+Tat und Opfer? Zwang unfreien Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine
+Konvention des Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die
+wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was ist Dasein? Eine
+Verirrung des Absoluten, aus dem es nur den Ausweg gibt in Traum und
+Nichts.
+
+Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle dieser Sätze für wahr
+zu halten. Nur sollte er dann so ehrlich sein, wie es Skeptiker und
+Pessimisten nicht immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf
+Gültigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht versuchen, mit
+dürftiger und verhohlener Anleihe aus anderen geistigen Breiten eine
+Hütte zu zimmern, in der man den ungeselligen, unbequemen,
+unmaßgeblichen Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus
+oder Epikuräertums stillschweigend und verstohlen gegen wohnlichere
+Gerätschaften vertauschen kann.
+
+Drängt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so haben wir schon unbewußt
+und unbeirrt die Wahl getroffen. Unser Wollen erhält nicht mehr sein
+Licht aus der Dämmerwelt des Intellekts, sondern aus dem höheren und
+reineren geistigen Bezirk der Seele, die sich nicht vor unteren
+Instanzen zu verantworten hat, sondern die selbst die höchste, an der
+Grenze des Irdischen waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den
+Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede Quelle höheren
+menschlichen Willens entsprungen ist, gleichviel, ob der geometrische
+Verstand sich nachträglich entschließt, aus handfesten Brocken, Symbolen
+der Erscheinungswelt, Brunnenränder und Deiche zu erbauen. In diesem
+Reiche, das alles Sittliche umschließt und uns mit dem Göttlichen
+verbindet, sind wir frei und bedürfen keiner Beweise und Überredungen,
+denn was wir aus heiligem Bezirk unberührt herniedertragen, leuchtet und
+leuchtet ein, es überzeugt durch sich selbst, aus eigener Kraft. Nur
+dann jedoch wird das prometheische Werk armer menschlicher Kraft
+gelingen, wenn wir dies Reich der Seele nicht verleugnen, wenn wir
+streben, auf seinem Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben
+wollen, ohne den wir nichts wollen können, wenn wir an den Willen
+glauben, ohne den wir nichts glauben können. Hier liegt die Synthese des
+Transzendenten und des Rationalen. Unberührbar, aus hohem Reich gegeben
+ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskräften verbündet und
+anheimgestellt ist das Wollen und der Plan.
+
+Der nächste Zweifel kommt von der Schulweisheit. Alle Weltverbesserung
+ist Utopie. Nie hat sich das innere Wesen des Menschen geändert,
+Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen
+vermehrt sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! Sie kommen
+vorwärts. Doch wer auf eine Änderung, gar eine Veredelung der
+menschlichen Triebkräfte, auf eine Versittlichung der Gesellschaft, der
+Wirtschaft hofft, der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und mag
+Narren trösten.
+
+Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die es werden wollen, in
+der forschen Überzeugung ihrer forscherischen Überlegenheit. Dann wenden
+sie sich wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einfluß der Pappdächer auf
+den Geburtenüberschuß, und vergessen, daß wenn die Welt im Großen nicht
+gebessert werden kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen.
+
+Nie bin ich müde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche
+Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, daß sie uns zeigen kann,
+wie sehr von Urzeiten und Urstämmen her das Wesen des Menschen sich
+geändert hat. Wäre dies Wesen aber auch in sich selbst unveränderlich,
+so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert die Änderung der
+herrschenden sittlichen Bewertungen und mit ihnen die Umstellung alles
+Benehmens. Wenn in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder
+einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa auf die Begriffe der
+Unbestechlichkeit, des Mutes, der Wahrhaftigkeit eingestellt werden –
+und das sind Vorgänge, für die wir im eigenen Lande Beispiele haben –,
+so ist die Erörterung müßig, ob damit über lang oder kurz alle zur
+Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; sicher ist, daß die
+Bestechlichen, die Feigen und die Lügner mit ihren Lastern nicht mehr
+frei hervortreten, und daß diese Laster aufgehört haben, die
+Gemeinschaft zu beherrschen. Immer wieder übersieht man, daß alle
+Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung sehr ähnliche Mischung
+aller sittlichen Qualitäten enthalten, und das sittliche Aussehen und
+Wirken weniger von den überwiegenden Qualitäten bestimmt wird, als von
+denen, welchen gestattet wird, an die Oberfläche zu treten. Welchen aber
+diese freie Bewegung gestattet wird, und welche anderen gezwungen
+werden, sich im Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche
+Bewertung, also im Gegensatz zu überkommenen Eigenschaften, der freie
+sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch zur eigentlichen
+herrschenden Kraft wird.
+
+Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und Vergangenheit
+dadurch enthoben, daß er nicht auf der Ebene physischer Umgestaltung,
+sondern auf der Ebene bewußter Wertung tätig wird, ist somit die Frage
+nach der Veränderlichkeit des Gemeinschaftscharakters eine falsch
+gestellte Frage, so wird auch die Prüfung des Problems vom wachsenden
+Glück ergeben, daß dieser Zweifel die Grundfragen des menschlichen
+Wollens leichtfertig verkennt.
+
+Wir sind nicht da um des Glückes willen. Unser Wille ist nicht da, noch
+weniger ist Entwicklung da, um unser Glück zu vergrößern. Wir schreiten
+nicht den Weg der Beglückung, sondern den Weg der Vervollkommnung, den
+Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glück darüber zugrunde geht. Und wir
+schreiten diesen Weg nicht bloß, weil wir müssen, sondern weil wir
+wollen, weil es noch andere treibende Kräfte gibt, die in uns selbst
+liegen.
+
+Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken und sagen,
+damals seien sie glücklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr.
+Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen
+Glücks wägt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns
+nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit einem absoluten Maß
+an Glücksgefühlen begabt, das alles Maß unserer seligsten Empfindungen
+weit übertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es
+entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, die Glücksstufe ist mehr als
+die Glücksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das
+Geschick alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen als
+das unsere. Könnten wir uns entschließen, alles zu vergessen, was wir
+sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu
+sein? Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und die
+Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller großen Epochen, von der
+deutschen Musik, vom nördlichen Frühling, vom Glauben des Ostens und
+Westens, von zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der
+Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben:
+Könnten wir uns in engen Landstädten, in gerätelosen Kammern, in
+gleichförmigen Marktversammlungen, mit einer auserwählten aber
+vergleichlosen Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie unseres
+Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine
+Rückkehr zur einstimmigen Melodie.
+
+Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedürfen wir nicht;
+denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen
+und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht
+uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des Tuns. Ein Denken, über
+das man sich, bewußt oder unbewußt, stets hinweggesetzt hat und
+hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden.
+Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil
+aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist unzuständig, überdies ist
+dein Urteil falsch und unvollstreckbar.
+
+Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Engländer
+hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer
+Gründlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen
+sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stämme, der
+Überlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung
+die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten
+der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkür des
+Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, alles Überraschende ordnet
+sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese
+Betrachtungsweise hat für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles
+Denken durch gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen
+lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu
+vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, ja alle Naturereignisse
+und Wirrnisse erscheinen als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der
+jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis
+zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv,
+sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre
+Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige
+Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als Störungen, als
+feindliche Mächte – freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben,
+nachträglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen
+Vergangenheitswurzeln bedacht –; im Vorblick wirkt die historische
+Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen,
+ja unentbehrlich.
+
+Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte
+sie sich beschränken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die
+gemütvolle Verführung der wissenschaftlichen Romantik lange genug
+gehemmt; eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen Wende,
+die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee
+fremd, abstrakt, rational, der lokalen Färbung und des gewohnten
+heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem
+ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. Ist die Idee
+verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenständigkeit, die
+eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde.
+
+Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden
+stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und
+nur seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von anderen
+überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, dafür ist gesorgt,
+seine eigenen Wurzeln werden ihn zurückhalten. Alexander hätte nicht den
+Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die
+neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren über
+Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich hätten sie
+vielleicht einige aufklärende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom
+Rückblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel,
+der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein
+anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast
+entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschätzt die
+Fliehkraft des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger wird, je
+weniger er sich um die irdische Bindung kümmert.
+
+Ein ganz tatsächliches Moment sollten die Verehrer des ruhigen Flusses
+und der Überlieferungskräfte nicht vergessen: Die Völker, mit denen die
+nationale Erinnerung sich in feierlichen Augenblicken identifiziert,
+leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Römer, die Franzosen keine
+Franken und die Deutschen keine Germanen. Die Verschmelzung mit
+Unterworfenen und mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die
+Völker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch weit mehr, als
+man zuzugeben geneigt ist, untereinander angeähnlicht. Die geistigen und
+körperlichen Verschiedenheiten der Proletariate Europas, die heute schon
+die überwiegenden Massen der Völker ausmachen und daher auch die
+eigentlich Kriegführenden sind, erweisen sich als sehr gering. Der
+Umschichtungsbewegung, die in Deutschland die letzten fünf Jahrhunderte
+erfüllt, entstammt die ganze sichtbare Änderung unseres Völkerlebens;
+die Einrichtungen sind den Änderungen der Substanz nicht vorausgeeilt,
+sondern zeitweise um große Strecken zurückgeblieben; man erinnere sich
+der kleinen Einzelzüge: daß vor dem Kriege das Wort Volk in der
+offiziellen Sprache verpönt war und nicht an den Reichstagsgiebel
+geschrieben werden durfte, und daß jede Verteidigung des Begriffes der
+Demokratie an Staatsverbrechen rührte. Zweierlei sollten die
+kryptokonservativen Denker im Auge behalten: einmal, daß die Wasser der
+Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das Freiheit heißt, und
+sich niemals haben umkehren lassen, sodann, daß überlange Stauung die
+Dämme bricht.
+
+Der ernsteste Zweifel ist der chaotische.
+
+Es kann geschehen, daß das Entsetzen der Zeit in einem Menschen so
+mächtig wird, daß er Heilung nur noch in der Vernichtung sieht, in der
+Feuerverzehrung selbst, im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das
+Entsetzen der Zeit – ist denn dieses Entsetzen größer als das Entsetzen
+früherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse das Mächtige, ist denn der
+Mord der Millionen schwärzer als der Mord eines Einen? Sind denn
+geschlachtete Städte und Landstriche der Großkönige und Pharaonen, Khane
+und Cäsaren mildere Opfer gewesen als die der Handgranaten und Gase?
+Freilich nicht; menschliches Elend wächst nicht über sich selbst hinaus
+durch angehängte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes als die
+Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte Feuerflut das
+vorbildlose Grauen der Jahrtausende, und es ist begreiflicher, daß
+manche, die es erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben,
+an nichts verzweifeln.
+
+Alles frühere Elend war ein Geißelschlag, der auf den Rücken der
+gesunden Erde sauste. Getroffen wurden von der Furie zwei Heere und was
+ihnen in den Weg kam, das andere blieb gesund. Der Dreißigjährige Krieg
+war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie blieb im Raume
+beschränkt. Den wahren Vergleich dessen, was wir erleben, nein zu
+erleben beginnen, bietet der fünfhundertjährige Brand, in dem ein
+Weltzeitalter sich löste. In der Schmelzglut versank die südliche Antike
+und die mönch-ritterliche Strenge des Nordens stieg empor. Doch auch
+diese Krisis war innerlich milder, denn sie betraf unbewußte
+Geschlechter in der Gestalt eines objektiven Schicksals.
+
+Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der Sinnlosigkeit, die
+selbstgeschaffene Hölle. Nicht Eine verantwortungsvoll lebendige Seele
+will das Leiden, und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in
+Duldung und Haß, in Widerstreben und Furcht das Leid des anderen und das
+Leid der Welt zu mehren. Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tägliches
+Brot verzehrt, ist mitschuldig, schädigt und tötet, keiner kann sich dem
+Geißeltanz entziehen, je heißer er blutet, desto wilder muß er schlagen.
+Keiner weiß den Sinn, keiner den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm
+als Trost nur der selbstentfachte Haß und die zitternde Empörung über
+die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den Ausweg, denn wem es
+schlecht geht, der kann nicht beenden, und wem es gut geht, der wird
+gezwungen, seine Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz
+nicht stumpf ist, fühlt, daß die Schlechtigkeit des anderen es nicht
+allein sein kann, daß hinter allen Schlechtigkeiten ein böses Schicksal
+steht, und daß dieses Schicksal die Ungerechtigkeit aller ist. Und
+deshalb wiederum fühlt man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen
+Not, fühlt man, daß sie nicht zu Ende gehen kann wie die Entscheidung
+eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht durch Buße und Erstattung löst.
+Noch immer zwar, weit tiefer als man weiß und zugibt, ist die Welt
+durchsättigt von der Vorstellung des Gottesurteils, von der Verwerfung
+des Besiegten, von der Rechtfertigung des Siegers, daß der Sieg an sich
+nach Gottes Wohlgefallen neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, daß
+der Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer unter die Füße
+gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung nach freiem Ermessen, wie der
+Ausdruck lautet: auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mißerfolg ein
+tieferes Gefühl als Enttäuschung und Kummer, nämlich die sittliche Angst
+vor der Verwerfung, bei jedem Erfolg ein höheres als Freude, nämlich die
+Sicherheit, auf der Seite des kämpfenden Gottes zu stehen; daher die
+wachsende Hemmung gegen Verständigung: Denn wie sollte der jeweils vom
+Gott Beschirmte, der Träger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem
+vor aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? Und die
+urzeitliche Vorstellung wird bekräftigt durch den öffentlichen
+Wettbewerb der Beteiligten um die Gunst des Schlachtengottes, von dem
+man annimmt, daß sein Entschluß durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung
+und Buße wo nicht geändert, so doch gestärkt werden könne.
+
+Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, das Entsetzen
+auf den Kometen und den Zorn der Dämonen abzuwälzen, der in seinem
+Inneren alle Schuld und Verantwortung für das widerwillig
+selbstgeschaffene Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung so
+überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins Chaos flüchtet. Es kann
+ihm geschehen, daß er getrieben wird, alle Werte anzutasten, daß er die
+Frage wagt, ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte,
+Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft so hoch erhaben, so
+tief gegründet sind, daß in ihrem Namen die Welt friedlich und
+kriegerisch sich in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und
+Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen
+Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe. Der Zweifel kann
+sich versteifen, wenn berufene Ausleger des Wortes, zwischen Schrift und
+Wirklichkeit gestellt, die Gebote der Liebe außer Kraft setzen oder
+durch gewagte Deutung den kämpfenden Mächten unterwerfen. Ist denn nicht
+den Armen und Ohnmächtigen das Himmelreich verheißen? Ist nicht die
+Verkündung allen Völkern gepredigt? Ist es nicht göttlich, Unrecht
+erleiden? Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater im
+Himmel und ein Land die Erde?
+
+Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im
+guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden?
+
+Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es
+mehr an als dem Deutschen, der über Zeiten und Räume blickt, die höhere
+Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das
+den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden Natur genügt, wenn es
+widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens
+überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen
+die Kunst das schönste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus
+den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres
+Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und
+des animalischen Reiches stehen: daß die widerspruchsvollen Bedingungen,
+denen die Schöpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, und
+daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird.
+Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die
+Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, die
+Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die
+Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der
+Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Träumerei, die
+Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die
+Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Härte der
+Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glück und die
+Sehnsucht zum Leiden, die Dämonie der Leidenschaft und die Stille der
+Verklärung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so
+unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit des
+Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfüllbarer
+Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste
+aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann
+man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im
+Äußeren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermählen.
+
+Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder
+resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten
+kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die
+volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und
+Leidenschaftliche, Tätige und Betrachtende, Schaffende und Genießende in
+rechter Mischung enthält, so kann sie den Schein eines vollendeten
+Volkes und einige seiner Richtkräfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem
+wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der
+Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile,
+das Ziel der Hellenen muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß
+es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf
+um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man früher
+nachgesagt, daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles
+Vorzügliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den
+Verzicht der Beschränktheit zu wählen. Uns steht nicht an, was dem
+Orientalen gewährt ist; selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht
+auf Tätigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung
+verzichten. Unser abendländisches und deutsches Los verlangt zum
+Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das
+Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit dürfen wir
+nicht die Familie und nicht die Nation übergehen, auf dem Wege zur
+Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das
+Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den
+Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prüfen,
+sondern bekräftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, daß von den
+greifbaren Dingen auch die höchsten nicht Selbstzweck sind.
+
+Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: Auch wenn wir die
+Ganzheit der nationalen Güter wollen, so könnte es sein, daß aus der
+Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet,
+sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei
+es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was
+bedeuten für die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, aus
+der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt.
+
+Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich
+Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen
+wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit
+auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und
+äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den
+Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein
+Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas,
+das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische
+Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als
+Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und
+Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch
+Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt.
+
+Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht.
+Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweißes und der Tränen, wo der
+eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk springt
+nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche
+Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es
+ein kindliches und beseeltes Volk ist.
+
+Das russische Volk wird alles nachholen müssen, was Völker begangen und
+erduldet haben, den Sündenfall der Bewußtheit, den Zweifel, die
+Selbstvernichtung, die Binnenkämpfe, das innere und äußere Schicksal.
+Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige Krieg, die Zerstampfung
+durch alle Nachbarvölker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und
+Parteien bevor. Wie ihr französisches Vorbild wird die russische
+Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach
+und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird
+in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die französische
+Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos
+verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die französische
+Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Römer,
+sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers,
+das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und
+die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois
+Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie
+erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die
+organisch durchstaatlichte Wirtschaft.
+
+Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der
+östlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhänger
+nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um
+das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um
+das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflösung,
+sondern ein Aufbau, nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen,
+sondern die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht ist
+für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen
+Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche
+Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu schaffen,
+obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit
+tödlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Länder haben zu viel zu
+verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden
+in der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein Umbau
+gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Stützen erhalten
+bleiben.
+
+Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo
+Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionär, als es uns
+bestimmt war, es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung
+diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig politischer und
+sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt,
+Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber
+zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von
+Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem Sozialismus und
+undemokratischem Liberalismus. Den künftigen Aufbau aber werden nicht
+ungezogene Massen und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein
+ernstes, überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, wird ihn
+erarbeiten: das Volk eurer Tage.
+
+Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende
+Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse des hadernden Verstandes.
+Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit,
+nicht der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders,
+nicht das Achselzucken des kleineren Übels wirkt die Wende des
+Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos
+freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube.
+
+
+
+
+Glaube
+
+
+Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens
+geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrückten Quellen
+unseres und des kosmischen Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur
+zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber muß zwischen dem
+Unvergleichbaren wählen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten.
+Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben
+zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklären es zum
+Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das
+Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der
+Schöpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der
+Willensregungen bricht.
+
+Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum
+erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies
+Übel für größer? diese Freude für reiner? dieses Streben für höher?
+diese Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier den Sinnenreiz
+und dort die Mühe? Warum hier das gegenwärtige Übel statt des künftigen,
+dort das künftige statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier die
+Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde und da die Entsagung?
+Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff
+unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende Geschlechter?
+Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode?
+
+Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid
+und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glück, Tagessorge und
+künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, göttliche Liebe und
+irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, vergleichen das
+Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so.
+
+Verschmäht man die Begründung: wir handeln aus Angst und Gier, aus
+Furcht vor Entbehrung, Langeweile, Verachtung, göttlicher Strafe,
+Schmerz und Tod, aus Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz,
+Belohnung und Wechsel; verschmäht man dies menschenunwürdige Bekenntnis,
+so ist anerkannt: Richtkräfte unseres Lebens sind absolute Werte. Diese
+Werte können benannt, aber nicht begründet werden.
+
+So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem Lande uns die
+Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt ist, so wenig kann die
+Gedankenkunst der Philosophie uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust
+du das, so geschieht das. Mir scheint dies das größere, jenes das
+kleinere Übel, dies das höhere, jenes das geringere Gut. Sie schließt:
+du sollst, oder: du mußt. Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich
+soll? aber ich will nicht. Ich muß? nein, ich kann auch anders.
+
+Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt die Faust und
+droht, oder sie wendet sich ab und schmäht.
+
+Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, oder sie sind nicht.
+Wer ehrlich ist, weiß, daß er manchmal Folgen mit dem Verstande
+abgewogen hat, niemals Ziele. Er handelt wie er handeln muß, nach
+innerem Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist göttlich. Wer
+Werte ergrübelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und nicht berufen.
+Die Gründe, die jemand nachträglich für sein Handeln gibt, sind falsch.
+Niemand weiß, was in irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein
+tausendfältiges Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fühlungen und
+Wollungen, und ein Innerstes entscheidet.
+
+Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern geschenkt. Geschenkt
+dem, der reinen Herzens ist, und dessen Geist schweigen kann. Sie sind
+das Geschenk überintellektueller Kräfte, deshalb bedürfen sie keiner
+Begründung und keines Beweises, sie bestehen aus eigener Kraft, denn sie
+entstammen dem Reich der Seele. Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man
+nicht, und doch steht es himmelweit offen. Der höchsten Menschenmacht
+ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens.
+
+Glauben! Zögernd gestehe ich euch, Freunde: ich liebe das Wort nicht. In
+der griechischen und römischen Schrift stehen die Wörter πίστις und
+#fides#, die heißen Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben
+übersetzte, da stand dies schöne Wort seinem Ursinn näher, jetzt ist es
+verwelkt und sagt nicht viel mehr als »für wahr halten«. Nur wenn wir
+bekennen »ich glaube an Gott«, so erklingt der alte Glockenton. Nichts
+steht dem Glauben ferner als das Meinen. Und so wie wir das
+schwachgewordene Wort zum reinen Sinn beleben müssen, ist uns das
+Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft erwecken sollen.
+
+Kränker ist das Wort Religion. Bei den Römern war es stark, es hieß
+Bindung, eine rechte Knebelung mit Stricken, wie die Liktoren sie
+pflogen. Wir denken leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen
+gelehrt und geprüft wird, an ein bürgerliches Unterscheidungsmerkmal.
+Man hat Religion das »Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit« genannt, das
+betont die Bindung und entbehrt der göttlichen Freiheit; der Begriff der
+Transzendenz ist erfüllt vom Denken; zuweilen möchte ich Gottesbund,
+zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten Gottesfriede sagen.
+
+Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem Glauben, so laßt es
+uns in großer Freiheit und ohne Schämen beginnen. Wir, die wir nicht in
+Gemeinden knien können, wir wagen vor beschämter Ehrfurcht nicht, die
+höchsten Worte auszusprechen und fürchten uns, unsere Seelen zu
+entblößen. Wird es uns schwerer als den berufenen Glaubensverkündern,
+diese Scham zu überwinden, um zu bekennen, wie es in unseren Herzen um
+den Glauben steht, so soll es um so rückhaltloser geschehen, ja wir
+wollen vor allem den Versuch wagen, in harter Selbsterforschung das zu
+offenbaren, was jenen nicht obliegt: den unbewußten Widerwillen
+gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den Glauben.
+
+Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. Abendländische
+Sittlichkeit und Erziehung beruht auf der alten Verherrlichung des
+Mutes, der Verdammung der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der
+Wahrhaftigkeit, Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; Furcht
+mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lüge, Zweckhaftigkeit,
+Unterwürfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. Der Begriff der
+Sünde besteht nicht. Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am
+wenigsten Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur das
+Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrät. Keiner Erlösung bedarf
+es, der anständige Mensch getraut sich, mit Welt und Überwelt aus
+eigener Kraft fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger
+Mächte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, nicht im Stiche
+lassen.
+
+Nie wäre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, das Mutideal zu
+brechen und das Zeichen der Unterwerfung zu erhöhen, wäre ihr nicht die
+aufquellende europäische Unterschicht gefügig gewesen. Die Kirche mußte
+die Greuel der Hölle ins Unaussprechliche häufen, um den Funken von
+Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, sie bedurfte der fügsamen
+Kinderseele und der Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendländischen
+Geistesleben nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das seltsamste
+in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen von religiös begabten
+Naturen und von Beschränkten ist der europäische Mann in der Blüte
+seiner Jahre nicht Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine
+Wochentagsanschauung mit einem Sonntagsglauben, der auf das Fühlen,
+geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn Mutvorschriften, wie etwa
+Zweikampf, in Frage stehen, muß die Glaubenskonvention schweigen; das
+Gebot des Backenstreichs ist schlechthin Ärgernis.
+
+So mischt sich für den normalen männlich erwachsenen Europäer in die
+Dinge des Glaubens ein Beigeschmack von Unwahrhaftigkeit,
+Unterwürfigkeit. Widerliche Sünden bekennen, sich selbst hinstellen als
+einen, mit dem man nicht verkehren würde, wenn man ihn träfe, Verzeihung
+erbitten in unwürdiger Haltung und schlechtem Gewissen, erlöst zu werden
+durch Gnade, von einer Gottheit, die das Gröbste an Schmeichelei
+hinnimmt, ja vielleicht verlangt, die von ihren Anhängern eine geläufige
+Konvention der Salbung in Rede und Gebärde fordert: das sind
+Empfindungen, die mit Schrecken zurückgedrängt und verleugnet, sich ins
+Unterbewußte flüchten und den Widerglauben nähren. Wer in seiner Jugend
+eine Periode atheistischer Ungläubigkeit erlebt hat, der erinnert sich
+unter allen Nöten und Leerheiten eines Gefühls resoluter Ehrlichkeit,
+das lieber auf Trost und Heil verzichten als dauernd das Opfer der
+Einsicht und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher
+Widerschein dieses alten Gefühls dämmert auf, wenn wir einem handfesten,
+naturwissenschaftlichen Atheisten begegnen; wir betrachten
+kopfschüttelnd die selbstbewußte Gewißheit, mit der in den höchsten
+Dingen der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir empfinden,
+dieser Mann macht es sich nicht leicht, er hat es schwerer als wir, und
+nicht aus unedlen Gründen. Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und
+Pflicht, den Gottesleugner als Störer irdischer und göttlicher Ordnung
+mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur ein Gefühl verärgerten
+Selbstbewußtseins und unfreiwilliger Achtung erklärt die
+selbstbetäubende Wut und schaustellende Verachtung jener eifernden
+Gerechten.
+
+Vorblickend nehmen wir wahr, daß künftiger Glauben manches Erbteil von
+Babylon und Zion, von Byzanz und Rom, ja einiges auch von Wittenberg
+abstreifen wird; er wird ein freier und männlicher Glauben sein, ohne
+Sündenlümmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, Schmeichelei,
+Bettelei und Winselei, für uns Deutsche aber so, wie er aus deutschen
+Herzen kommt, und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche
+Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch weniger aber
+sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte ist im Lichte der Weltensonne
+nichts; der Glaube steht auf höherem Recht; wenn er Sünde zeiht, so
+werden wir uns schuldig fühlen, wenn er Demut fordert, so werden wir uns
+beugen, wenn er Erlösung verheißt, so werden wir sie begehren. Alle
+diese Dinge aber gehen nicht vor im Bereiche der Wünsche und Ängste, des
+hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, sondern
+in der Stille des Herzens und nicht um Güterwerben, sondern um höchste
+Werte.
+
+Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. Der Glauben steht
+nicht für sich, mit der gläubigen Haltung ist es nicht getan, es
+entsteht gläubiges Leben, Verkehr mit den göttlichen Mächten und sein
+Abbild im täglichen Handeln.
+
+Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudämonismus, das Streben
+nach irdischem Glück und Gut im göttlichen Verkehr, mit Milde
+hinzunehmen, historisch gesonnen, wie nun einmal alles in unserer
+formeldenkenden Zeit, erkennen sie im Eudämonismus eine der religiösen
+Urformen, einen nötigen und erwünschten Durchgang zum reineren Glauben
+und gehen leicht darüber hinweg, daß nur ein verschwindender Teil aller
+Glaubensübung über eudämonistische Beschwörung hinausreicht. Wir jedoch
+haben dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wenn wir wissen wollen,
+welche unterbewußte Strömung viele Gemüter vom Glauben fernhält.
+
+Es soll dem ursprünglichen Menschen nicht verdacht und zu seinem Troste
+gern gegönnt sein, wenn er die göttlichen Personen und ihre Gefolgschaft
+für Wesen hält, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht bloß Glaube
+und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, Sündenbekenntnis und Buße,
+Danksagung und Lobpreisung, inständiges Gebet, ja selbst Gelübde und
+Opfer bewegen die Mächte, von ihrem Vorhaben abzugehen und das zu
+bewilligen, was man erbittet. Man bittet um Seelenheil und Segen im
+allgemeinen, aber auch um Gesundheit und langes Leben für sich und
+andere, um gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, Sieg.
+Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, das durch
+Parteinahme der Gottheit für einen der Kämpfenden entschieden wird. Da
+nun jeder einzelne Dinge erbittet, die alle wünschen, die aber nicht
+allen durchweg gewährt werden können, so entsteht ein Wettbewerb der
+Frömmigkeit um die göttliche Gunst.
+
+Es darf nicht verkannt werden, daß manche innerliche, das Materielle
+weit übersteigende Regung sich in diese gläubige Betriebsamkeit mischt;
+dennoch ist ihr eigentliches Wesen nicht mehr Sache des Gemütes, sondern
+der zweckdienlichen Überlegung und der zielbewußten Nachhaltigkeit. Denn
+wer einigermaßen überzeugt ist, daß alle irdischen Segnungen sich auf
+dem Bittwege und durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der wird
+leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den Vorzug geben und alles
+daransetzen, durch nützliche Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu
+schlagen.
+
+Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die Schlechtesten, die
+den Weg der geistlichen Betriebsamkeit verschmähen, um die ganze Härte
+mannhafter Arbeit auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewußt
+Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhängerische Gestalt, die mit
+Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, der es sich so schwer macht und
+doch nichts erreichen darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich
+nicht gegen die primitive Form des Eudämonismus, sondern gegen den
+Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, der sich irdischen
+Zielen anpaßt, der als Mittel zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als
+Magie, gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg
+gehandhabt.
+
+Religionslehrer und Kirchen mögen sich fragen, ob sie soviel getan haben
+als nötig war, um die Menschen über das wahre Verhältnis des
+Eudämonismus zum Glauben aufzuklären, ob sie nicht gelegentlich die alte
+Nützlichkeitsseite des Glaubens willkommen hießen, gleichviel ob als
+Erziehungsmittel oder um die Gläubigen bei der Stange zu halten.
+
+Künftige Gläubigkeit wird nicht verkennen, daß der Glaube auch eine
+weltliche Sendung habe, wenn auch nicht die der handgreiflichen
+Nützlichkeit: denn er schafft Werte und bewegt somit das ganze Gefüge
+des irdischen Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten,
+unbewußten Kern seines Wollens berührt; er bringt Trost, indem er alles
+Leiden, das in seiner letzten Wurzel ein inneres ist, in der Tiefe
+sänftigt. Das ist die irdische, die geringere Seite des Glaubens. Es mag
+Menschen geben, die sie verschmähen, doch ihre Ablehnung wird eine
+passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, nicht mehr eine
+abstoßende aus verletztem Gefühl und Auflehnung des Charakters.
+
+Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie ist die offenkundige,
+unablässig besprochene, die von uns nur in ihren letzten minder bewußten
+Wirkungen aufgehellt werden soll. Da Glauben nie aufgehört hat, als ein
+Fürwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, was für wahr gehalten
+werden soll, von den meisten Religionslehrern dogmatisch gezogen, von
+vielen ihrer Anhänger zweifelnd überschritten werden, so entstehen die
+Konflikte des Skrupels, die drei Lösungen haben: Entfremdung vom
+Glauben, Kompromiß, und Opfer des Intellekts. Solange der Glaube
+dogmatisch bleibt, ist die letzte Lösung, die des Opfers, die allein
+vollkommene und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem
+Bedenken des Charakters. Immer wieder fühlt der Zweifelnde, daß der
+Beruhigte es sich bequem macht, daß die Schwere des Opfers geradenwegs
+mit der Gewissenhaftigkeit wächst, und in dem Augenblick, wo er es zu
+bringen bereit ist, schreckt er zurück, weil er seine Gewissenhaftigkeit
+durch die Wucht der Vorteile bestochen fürchtet. Freilich haben die
+geistig Armen es gut, sie sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke
+auf den Dämonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer hat. Er
+aber geht nun in seinem Zweifel so weit, daß er die geistig Armen
+schlechthin für Beschränkte, für Unmaßgebliche hält, und in
+selbstverwundetem Stolz um so weiter von der Pforte des Glaubens
+zurückweicht. Er weiß, daß er, soweit es menschenmöglich ist, seinen
+Intellekt zwingen könnte; er könnte es mit symbolischer Ausdeutung
+versuchen, er könnte über die Dinge hinweggleiten, sie an eine dunklere
+Stelle des Bewußtseins rücken, durch Suggestion des Willens die
+Gegenkräfte verdrängen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht würdig; er
+vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie angewendet haben und nun
+ihre Ruhe genießen. Er will nur das eine vermeiden: von den schlechteren
+Kräften seines Wesens zum Guten gezogen zu werden.
+
+Mag falscher Stolz die eine Hälfte der Schuld tragen, die andere Hälfte
+ruht auf den Mechanisierungsformen des Glaubens, die seine Inhalte seit
+unvordenklichen Zeiten nicht fortentwickelt und einer veränderten
+Menschheit angepaßt haben, indem sie nämlich die Inhalte des Glaubens,
+entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen ansahen.
+
+Völkerschaften, die der Mythenbildung fähig sind, gibt es noch heute; es
+sind solche, bei denen das Glauben (im Sinne des Fürwahrhaltens) und das
+Wissen (im Sinne des beweiskräftig Ermittelten) nicht gesondert sind.
+Da, wo man kein Interesse am Beweise hat, weil für die einfachen
+Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht und Lüge keinen
+Nutzen bringt, geschehen noch täglich Wunder, und Wundertäter schaffen
+Religionen. Die Loslösung des bewiesenen vom unbewiesenen Glauben, die
+Trennung von Glauben und Wissen hat den Geist des Abendlandes
+geschaffen, und von dieser Schöpfung haben die Glaubensträger keine
+Notiz genommen.
+
+Es ist nun nicht gemeint, daß sie Mythen und Sagen hätten
+rationalisieren oder in verstandesbürgerlicher Weise ins Symbolische
+hätten umbiegen sollen: das wäre klein gewesen und hätte der Lehre der
+Jahrhunderte nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen
+einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen Glaubens entsprang, war
+die, daß es beim Glauben nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt,
+daß der Glaube nicht von seinen Gegenständen, sondern von seinem Geiste
+lebt, daß er nicht ein Verwalten, sondern ein Verhalten ist.
+
+Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefühls. Alle abendländischen
+Religionen haben sich, dem europäischen Drang zu Ordnung und Aufbau
+folgend, an die Mechanisierungsform der Kirche gebunden. Diese uralte
+Bindung ist so tief ins Bewußtsein der Völker gedrungen, daß selbst die
+Gebildeten, und unter ihnen selbst die, welche gläubig aber nicht
+kirchlich sind, Religion und religiöse Organisation kaum zu trennen
+vermögen.
+
+Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: ihre vornehmste
+gegenwärtige Aufgabe ist der zeitliche und räumliche Schutz ihrer
+Konfessionsgehalte, der Schutz gegen zeitliche Wandlung und räumliche
+Zersplitterung. Beide Aufgaben sind innerlich paradox, beide fordern
+entschiedenen Konservatismus und starken hierarchischen Aufbau. Da
+überdies alle Kirchen mit gutem Recht auf Scheidung zwischen
+esoterischer und exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen
+zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermögen der religiös und
+geistig Minderbegabten, ja Zurückgebliebene nicht ausschließen, und
+diese Einstellungen werden um so einseitiger, je mehr von den geistig
+Höchststehenden der Kirche verlorengehen.
+
+Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von der
+philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, von der
+lebendigen Wirkung der Orden so genährt ist, daß ihr unendlicher Gehalt
+an Überlieferung ohne eigentliche esoterische Disziplin eine
+Mannigfaltigkeit der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den
+anspruchsvolleren Geist beschäftigt, während eine tiefe Mystik der Lehre
+und eine unerhörte Abnegation der Regeln die Gemüter bändigt.
+
+Bestände eine Unabhängigkeit des Glaubens von der Kirche, oder ein
+freier Parallelismus der Bewegung, wobei die Kirche einer selbständigen
+Entwicklung des Glaubens folgte, so wäre es jedem Bekenner freigestellt,
+wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen neigte. In
+Wahrheit aber greifen diese Verhältnisse ins Staatsleben über; die
+Kirche ist Staatskirche und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang.
+
+Kirche und Politik, das unfaßbarste Paradox, und dennoch in den
+Begriffen der Kirchenpolitik und der Staatskirche zur scheinbaren
+Einheit verflochten. Die Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht
+von dieser Welt ist, streitet; organisiert sich als Körperschaft und
+streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. Die mechanisierte
+Glaubensform erscheint im Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch
+wird Beamter.
+
+Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, konnten
+Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. Denn es bestand nicht der
+Begriff der religiösen Konkurrenz, zumal der geduldeten: man war
+gläubiger Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man war
+Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um so milder, je
+urzeitlicher der Priesterstand; um so gefährlicher, je bewußter er sich
+zur Beamtenschaft oder zur Erwerbsklasse organisierte.
+
+In einer Zeit des individuellen Gewissens und der konkurrierenden
+Bekenntnisse greifen die kirchlichen Bureaukratien und Staatsreligionen
+weit über den geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu
+politischen und sozialen Mächten. Sie bemächtigen sich des Staates: und
+er gewährt ihnen, daß jeder Abtrünnige zum Bürger minderen Rechts werde,
+überantwortet ihnen die Erziehung und die bürgerliche Ehrenweihe der
+großen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit und Ehe. Sie
+unterwerfen sich dem Staate und gewähren ihm: Erziehung zum politisch
+Bestehenden, Stützung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der staatlich
+anerkannten Denkweise.
+
+Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von Mittelpunkt zu
+Mittelpunkt, von Staatsregierung zu Kirchenregiment verankert, sie
+kuppelt sich selbst in den entlegensten Gliedern, und die Beziehung von
+Gutsherrschaft und Pfarre, von Militärkommando und Seelsorge, von Schule
+und geistlicher Aufsicht, von städtischem Wohlstand und Kirchengemeinde
+versinnlicht die ins Große und Kleine gehende Wirkung einer
+feudalistisch, militaristisch, ständisch und offiziös gerichteten
+Kirchenmacht.
+
+Eine gewaltige und ehrwürdige Institution, die sich auf die
+Exekutivgewalt des Staates stützt, die über die gesamte Jugend aus
+politischem Recht, über die Landbevölkerung aus praktischer Autorität,
+über die Frauen aus Gewissenseinfluß, über die Zugehörigkeit zur
+bürgerlichen Vollwertigkeit schlechthin verfügt, bildet eine Macht, die
+jede mögliche soziale Polizei an richtunggebender Kraft übertrifft, und
+der sich niemand entziehen kann, sofern er nicht die Stellung des
+bürgerlichen Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist.
+
+Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich gestaltende
+Macht aus eigenem Recht entgegentritt, nicht mehr als gestaltete
+Verwirklichung seines eigenen religiösen Willens, setzt sie ihm ein
+unantastbares Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht
+gemäß gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und dessen laute oder
+stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. Aus politischen und
+traditionellen Gründen, sei es um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft
+zu erschweren, sei es um die Disziplin zu schärfen, sei es um die Lehre
+für die unteren Schichten bindender zu machen oder auch nur um
+Erschlaffung und Spaltung zu verhüten, wird das Bekenntnis so gestaltet,
+daß es freieren Geistern vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer
+Deutung oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint.
+
+Je restloser daher sich die Geister der bürgerlichen, gesellschaftlichen
+und politischen Nötigung der Kirche und ihres Dogmas unterwerfen, desto
+mehr gewöhnen sie sich an innere Entfremdung und bemühen sich, in
+Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, die man aus Gründen
+der Erziehung und Ordnung nicht entbehren kann.
+
+Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die großen religiösen
+Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen sie dereinst entsprangen;
+zu häufig geschieht es, daß die Entfremdung sich auf den Glauben selbst
+erstreckt. Man klagt über das Schwinden der kirchlichen Beziehung bei
+gebildeten Männern jugendlichen Alters: nicht die Beziehung schwindet,
+denn abgesehen vom Gottesdienst werden die Pflichten erfüllt, sind
+Austritte selten – doch je strenger die Kirche auf ihren Rechten und
+Beziehungen besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, und
+nicht nur ihr, sondern dem Glauben.
+
+Daß alle diese einfachen Zusammenhänge sich dem öffentlichen Denken
+entziehen, liegt daran, daß wir in Deutschland nur noch historisch und
+wissenschaftlich, nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen
+uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, wie vielen der
+Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe Religion und Kirche
+innerlich geläufig ist, wie viele über die ursprünglichsten Fragen sich
+eigene Gedanken machen. Unser Denken liegt in den Händen der beamteten
+Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rüstzeug ihrer Gelehrsamkeit und
+immer erneuten Theorien das Bestehende stützen, der Journalisten, die
+das Tägliche bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten das
+Bestehende bekämpfen. Hier heißt es: dem Volke muß der Glaube erhalten
+werden, dort: Trennung von Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz
+wo anders.
+
+Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung nicht mit Politik
+und Einrichtungen zu tun, sondern mit unserer inneren Einstellung zum
+Gegenwärtigen und Künftigen. So muß der letzte Glaubenszweifel, der aus
+dem Wirklichen erwächst, uns abermals den Glauben an den Glauben als an
+ein Unberührbares bekräftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen
+schaffen, welche er will: politische und soziale, militärische und
+erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird unsere Seelen
+läutern und die Seelen unserer Kinder bilden, aber Mittel zum Zweck,
+weder zum edlen, noch zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein
+Glaube sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet wird, kann
+ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von einer Kirche verteidigt
+wird, so werden beide dahinsinken. Denn beide sind Mächte, die in einer
+befreiten Menschheit nur aus eigenem Recht bestehen können. Sind
+Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu erhalten: um so
+besser, so mögen sie sich wandeln, wie alle irdischen Formen sich
+gewandelt haben, wenn nur ihr Urgrund bestehen bleibt. Läßt sich die
+Einheit des Bekenntnisses für die Vielfalt der Herkunft, der
+Landesstriche, der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es
+zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft des gläubigen Lebens
+erwacht, die heute nicht besteht. Mögen hier Ablässe erteilt und Dämonen
+beschworen, mögen dort die reinsten Sakramente empfangen und die
+verklärtesten Botschaften verkündet werden: es ist alles vollkommen, was
+aus reinem Herzen geschieht, und es ist alles unvollkommen, weil es
+irdisches Gleichnis ist. Mögen Gläubige sich zusammenfinden, um den
+Drang ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mögen sie in Straßenlärm
+und Wälder flüchten, um mit ihrer Seele allein zu sein, mögen sie auf
+Märkten predigen oder Priester walten lassen, mögen sie geistliche
+Truppen oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung
+versenken: die göttlichen Mächte hören jedes Wort des Herzens und jeden
+fallenden Tropfen. Ein Glaube aber, der nicht wunschbegieriger
+Aberglaube, nicht böse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht
+Heilsgymnastik und zweckdienliche Übung ist, ein Glaube, der nicht
+Irdisches vom Göttlichen, sondern Göttliches vom Irdischen will, der
+umschließt die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder
+einen jeden begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und Herzens
+er redet, und alle die Eine Verantwortung fühlen und ertragen, die
+unsagbare Not, Seligkeit und Verantwortung, Mensch zu sein.
+
+Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, weil sie seine
+Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben jedem Halm des Glaubens wird
+ein Büschel abergläubischen und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist
+wahr: sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft und
+mutig ist der nüchterne, handfeste Atheist, verglichen mit dem süßlich
+feigen Mucker, dem lüsternen Geisterbeschwörer, dem schamlosen
+Sündenknecht und dem fleißigen Gottesbetrüger. Sollen wir aus Furcht vor
+dem Sekundären verzagen? Wer einen Flußlauf reinigt, darf sich nicht
+wundern, wenn der Bagger Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der
+Muckerei in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne und Wind
+zerstören, was in den Tiefen gärte.
+
+Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen sich in alte
+Götterlehren und Sagen und Gebräuche und meinen, auch wenn man nicht
+daran glaubt, so ist es schön und dient zur Erhebung, über ein Feuer zu
+springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schön, aber nicht echt; es
+dient zur Erhebung, aber zur künstlichen, äußerlichen, flüchtigen und
+gespielten. Es schafft keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines
+heiteren Bildes und einer harmlosen Täuschung, die an die Grenze des
+Seichten und Kindischen rührt. Romantischer Hang zum Vergangenen ist
+Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit im Künftigen. Die alten Sagen und
+Gebräuche waren schön, wie die alten Trachten und Geräte, weil sie aus
+der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht weil sie schön,
+sondern weil sie heilbringend waren. In der Bestimmung über Fluch und
+Segen wurde Erhebung, halb unbewußt vielleicht auch Schönheit empfunden.
+Antiquarische Belustigung auf ästhetischem Grunde schafft keine
+künstliche Naivität, sondern zerstört die Reste der natürlichen.
+
+Manche träumen von neuen Propheten und Erweckern. Wie zur Zeit der
+Kathedralen soll ein einiger Glauben über die bewohnte Erde herrschen.
+Ästheten sehen den neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb eine
+Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, Paulus, Augustinus und
+Luther haben an der literarischen Gestalt keinen Anteil. Vor allem muß
+er arm sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. Freilich,
+setzt der winselnde Ästhet hinzu, er selbst würde ihm schwerlich folgen
+können.
+
+Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird ihm folgen, und deshalb
+wird der Prophet nicht kommen. Goethe ließ Christus zur Erde
+zurückkehren und geleitete ihn bis an die Tür des Pfarrhauses, dann
+brach er das Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt.
+Hauptmann ließ seinen Narren in Christo mit staatlichen und kirchlichen
+Behörden zusammenstoßen und in Einsamkeit enden.
+
+Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere Zeit die Ehrfurcht vor
+dem Gedanken verloren hat. Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr
+eine Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche Leistung
+eines Berufes oder die vergnügliche eines Müßiggangs. Worte sind nicht
+Bekenntnisse, die man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und
+mäkelt. Die Meinungen müssen sich ablösen wie die Tagesblätter und die
+Moden, damit neuer Umsatz Platz findet. Wie sollte auch das Massenhafte
+wahr sein? Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des Glaubens
+willen. Käme heute einer und redete aus dem Herzen der Welt, so hätte er
+die Presse gegen sich, oder die Literatur, oder die Interessenten, oder
+die Polizei, oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum,
+oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar Geistlinge, die ihn
+aus Gegennachahmung ästhetisch werten, ein paar Unzufriedene, und ein
+paar Bürger aus Mißverständnis.
+
+Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann den Stromsturz der
+Prophetie nicht erleben, es rieselt unterirdisch zu Tal und darf nur
+mittelbar wirken. Es wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend
+anderen Rinnsalen mengt, während die Platzregen verdunsten. Die Reihe
+der Empfangenden ist keine räumliche, sondern eine zeitliche. Das Volk
+der Gleichzeitigen irrt, das Volk der Geschlechter ist unfehlbar.
+
+Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehört sein will? Weil
+ich kein Prophet und kein Weiser bin, weil ich euch nichts zu lehren und
+nichts zu verkünden habe. Ich will, daß wir unsere Sorge und Zuversicht
+gemeinsam erörtern, mein Geschlecht mit dem euren, wie eures dereinst
+mit dem nächsten. Wir wollen gemeinsam zweifeln und glauben, uns
+zurechtweisen und bestärken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit
+unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es die: wenn die höhere
+Stimme schweigt, so ist die Entscheidung in uns selbst gelegt. Unsere
+Verantwortung wächst, in uns selbst sollen wir Richtkräfte entwickeln,
+und können es nur, wenn wir den Lärm in unseren Herzen schweigen machen
+und nicht mehr aufhören, in die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen.
+
+Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit der Glaubensinhalte, der
+Einrichtungen und Formeln. Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas
+das sich auf Gegenstände bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das
+wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie das Können,
+etwas, das sich in Formen verwirklicht, er ist ein Verhalten, ein
+Zustand, ein Leben. Einheit des Glaubens ist daher nicht, wie die
+Jahrhunderte meinen, Einheit der gläubigen Vorstellung, sondern Einheit
+gläubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des Glaubens liegt nur
+in der Mannigfalt der Stufenfolge vom furchterfüllten Zauberwesen zur
+segenkaufenden Dämonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter
+Bitte, von wohlgefälliger Buße zu freiem transzendenten Erleben. Diese
+Abstufungen aber bestehen innerhalb aller vorhandenen Glaubensformen;
+jede Religion läßt soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder
+ihrer Bekenner verlangt und erträgt. Eine hochstehende und gläubige
+Epoche unterscheidet sich von der rückläufigen und ungläubigen nicht so
+sehr durch die Form der herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist,
+den sie ihnen einhaucht.
+
+Daß die Daseinsform des Glaubens über jede andere menschliche
+Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begründung, sie ist es aus
+eigenem Recht. Es gibt ein inneres Gefühl der Einschätzung unserer
+Erlebnisse, um das sich die Psychologie nicht kümmert, einer
+Einschätzung, die nicht vom Meßbaren abhängt, sondern das Wesen
+ergreift. So gut wir wissen, daß eine Liebesregung uns mehr bedeutet als
+der seltenste Duft einer Blüte, so wissen wir aus innerer Gewißheit, daß
+jedes seelische Erlebnis auf höherer Ebene herrscht als jedes geistige
+und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis unserer Seele aber
+ist der Glaube.
+
+Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt Musik, nicht jedes
+Herz erlebt Gläubigkeit. Dessen soll sich niemand kränken, denn es geht
+keine Seele verloren. Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig und
+resolut als überzeugter Materialist ein anständig-intellektualistisches
+Leben wählen; tausendmal besser als wenn er aus erquälter Pflicht oder
+der Nützlichkeitsspekulation: Nützt es nicht, so schadet es nicht, sein
+inneres Leben vergewaltigt oder Götzendienst treibt. Es wird der
+Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande Schweigen zu
+gebieten und sich hinzugeben, dann ist er gewandelt, bis dahin wird er
+in der Welt der unsichtbaren Güter ein Helfender, nicht ein Schaffender
+sein.
+
+Das Wort, Glaube sei das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, trifft
+zu, aber umfaßt nicht. Denn Glaube ist auch das Gefühl schaffender
+Liebe, auch das Gefühl der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist
+zugleich vollkommene Gebundenheit und vollkommene Freiheit,
+selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, reines Schenken und
+stilles Empfangen, unablässiges Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er
+ist ein Leben: ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel
+nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen versucht, als
+Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, Liebe.
+
+Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das Tagesleben, das es
+begleitet und erleuchtet, wenn auch die Augenblicke voller Bewußtheit so
+kurz sind wie die Augenblicke bewußten Lebens.
+
+Eure jungen Gemüter, Freunde, rufe ich zum Zeugnis für die Erfüllungen
+des inneren Lebens. Euch, nicht mir, steht es zu, die Fülle zu bekennen,
+die euch reicher und wechselvoller und unberührter als mir gespendet
+ist. Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank und
+Hingabe, in hellblickender Gewißheit und klopfender Erwartung. Sie
+wollen nichts anderes, als bereit sein, sich verschenken, Werkzeug sein,
+dienen. Sie wollen nicht ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre
+Wünsche, nicht ihre Ängste; Strahlen und Schwerter mögen durch sie
+hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schöpfung, der sein
+Bewußtsein darbringt, ein Ätherhauch, durch den das Seiende sich selbst
+verklärt. Sie verwehen in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als
+Staubkorn an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht und ihr Wort
+ist: dein Wille geschehe und nicht mein Wille.
+
+Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid
+der Kreatur in das eigene Herz, löst jede Freudenkraft von sich los, um
+den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des
+Geschaffenen fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als eigene
+Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als
+Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheißung um sie in tätiger
+Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten
+zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns.
+
+Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind sie von der
+Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen sprießt das Gras, klingen die
+Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schöpfung ist selige
+Sicherheit. Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist
+heilig. Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht des
+Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir
+Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe.
+
+Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen Schweigen,
+in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Ströme zu rauschen,
+Bergmassen entweichen, das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine.
+Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und Böse, nicht
+Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses
+Licht, wortlose Erfüllung.
+
+Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden
+kann. Drängender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwörung
+sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt in den
+innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine
+Geistesmächte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede nötige
+Wandlung zu erbitten suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum
+eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung,
+nicht Bemühung; doch sind sie allezeit gewärtig, ihr Strom umrauscht uns
+unerfaßt, wenn wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns
+ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe,
+Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, daß
+alles Heil aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. Jeder
+aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen oder mit starken
+Kräften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidarität. Auch die Sünde
+läßt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser
+Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde
+ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein ist der Gefühlston der
+Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreißen, um erwachend
+dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich aber, das
+das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres Bild finden als das
+vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, daß die Armen am Geiste es
+betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des
+Intellekts den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen.
+
+Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf
+die wechselnden Flächen des örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und
+Fassungsvermögens. Sollten wir wünschen, oder auch nur denken können,
+daß _eine_ Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die
+übrigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben
+und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in dem
+Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung
+gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die
+fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus,
+Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz.
+
+Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich
+weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der
+Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung
+des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung der Menschheit. Nun ist
+sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner
+Glaubensfreiheit bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen,
+fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute
+Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles
+Menschlichen im Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren
+Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare
+Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine.
+
+Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen Geistes
+scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem
+Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die
+Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir frei, was Menschen
+sonst in begreiflicher Verschämtheit nicht leicht berühren, daß jeder
+von uns halb unbewußt eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre
+verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten
+Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen.
+Warum verhüllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich,
+unsystematisch, unbeweisbar sind, – denn wieviel von unseren
+Tagesmeinungen ist beweisbar? – sondern weil wir den Spott vor uns
+selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der Größe, dem Ernst und
+der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die
+leichten Blüten auf dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns
+der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt uns mutig und
+offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen Schöpfungen pflegen und
+unbelächelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen
+Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen
+gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das
+gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten,
+Kirchen versäumten, einsame Denker in langen Abständen mühsam
+unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir
+die blöde Scheu des Alltags verwinden.
+
+Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf
+Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten
+ließ, heute überschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur
+ein Wort zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, oder das
+in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch
+geprüft zu werden, wie ihr einander euch prüfen sollt, und in dem
+Pflichtbewußtsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen.
+
+Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und
+zufälligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als
+dem Geschöpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat
+Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen des Seienden uns
+zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit und Bewußtsein.
+
+Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und
+Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser
+Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden
+Einkehr durchmißt.
+
+Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, von undenklicher
+Zersplitterung bis zum Geist des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der
+organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum
+Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwärts. Diese
+Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir
+wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, daß
+unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewußtsein entstehen,
+Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwärme, Menschenstädte und
+Menschennationen.
+
+Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu
+fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als
+die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt
+ist eine andere als die des Regenwurmes.
+
+Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen
+Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein
+stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe
+Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat
+sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir
+Zweck.
+
+Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum
+Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie
+nur gradweise verschieden.
+
+Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm endet die
+zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine höhere. Im
+Menschen erwachen Gefühlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja
+ihr entgegenwirken können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, zur
+Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen erfüllen das Leben des
+Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen
+ihnen und sind bereit, für sie uns zu opfern.
+
+Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner
+sind wir nicht stärker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen
+Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind
+wir unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir seine Welt, die
+nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist,
+nur ahnen, nicht erfassen.
+
+Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden
+Welten erscheinen als die Weltseite der Schöpfung, was ihnen angehört,
+wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur
+Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, das uns als
+Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge
+ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns
+und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen.
+
+Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der
+Schöpfung zu vollenden und die höhere Reihe der Welten zu beginnen, und
+dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist zu
+verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung aus eigener
+Kraft nicht möglich ist, daß dem guten Willen die rettende Kraft zu
+Hilfe kommt.
+
+Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere Herzen den göttlichen
+Strahlen, die uns allerwärts umfließen, und helfen die Herzen unserer
+Brüder öffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es
+gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die
+Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen
+Zustand, der unrechtes Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten
+Werte außer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen,
+alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls Mittel.
+
+Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und
+Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kämpfende
+Individualität, die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier
+liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle
+Symbole.
+
+Nur ein geringes und unvollkommenes Bild möchte ich andeuten, um eine
+Abstufung zu versinnlichen, die vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die
+Richtung zu einer unmittelbaren, adäquaten Einsicht ahnen läßt. Man
+lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen ein zeitliches
+Bild. Es geschieht, daß wir später dieses Land durchstreifen, es reiht
+sich Erlebnis an Erlebnis, Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt
+durchdringen wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber verschmilzt
+alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem das Räumlich-Zeitliche in
+eine untrennbare Einheit verwachsen ist, das wir mit allen inneren und
+äußeren Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und erfahren
+haben. Unser Geist hält uns eine eigene Schöpfung vor Augen, und wohin
+wir ihn konzentrieren, glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war,
+was sein kann und was nicht sein kann, fast möchten wir sagen, was
+werden wird. Und dennoch dies alles nicht an der doppelten Schnur von
+Raum und Zeit, sondern innerlich, gefühlt, organisch.
+
+Ich glaube, daß mein einfaches Bekenntnis nichts enthält, was nicht in
+höchster Vollkommenheit in den heiligen Schriften aller Zeiten verkündet
+ist. Was wir in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige,
+dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. Doch die
+Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl der Seelen gibt uns die
+Vielseitigkeit des Erlebnisses, deren wir bedürfen, und die Wiederkehr
+der großen Züge gibt uns die Gewißheit einer abgebildeten Wahrheit.
+Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, wenn nicht tote
+Schriften und verbriefte Ordnungen das Wort verwalten, sondern wenn es
+von neuem beginnt, in allen Herzen zu zeugen und zu keimen.
+
+Für unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben und dem Wort die
+Werte und die Maße. Nennen wir es das Reich des Himmels, das Reich
+Gottes oder das Reich der Seele: was uns ihm nähert ist gut, was uns
+entfernt, ist schlecht. Glück, Leben, Wohlstand, Macht, Kultur, Heimat,
+Nation, Menschheit, sind die höchsten irdischen Werte. Wohl dem, der
+keinen von ihnen zu opfern braucht, für den sie Mittel zum Göttlichen
+bleiben. Wir aber werden sie messen an den Maßen der Seele, des Glaubens
+und der Gerechtigkeit, und wo sie das Maß nicht erfüllen, da müssen sie
+sich fügen oder weichen.
+
+
+
+
+Krieg
+
+
+In dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer Geister auf
+Gegenwärtiges und Künftiges gewidmet ist, hat der Krieg nicht bloß die
+Bedeutung des bewegenden Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern
+auch des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das Abendland
+bisher gelebt hat, offenbart.
+
+Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, daß ein
+Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze jener Tage nichts
+wiederkehrt. So wie sie noch immer von Vierteljahr zu Vierteljahr das
+Ende des Kampfes voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, bis
+das neue Geschlecht sie ablöst, daß nach dem Frieden und einer kurzen
+Übergangszeit das wieder eintritt, was sie normale Verhältnisse nennen.
+Freilich werden die Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man eine
+Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden.
+
+Nichts wird sich finden, alles muß neu geschaffen werden in eiserner
+Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser
+Gesellschaftsbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der
+Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft,
+ja selbst unsere Sprache.
+
+Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der
+frühen Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder
+Balzac, daß er sich fragte: Wie, ist das möglich? Dreißig Jahre vor
+dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz,
+und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache
+der Wissenschaft von Industrie und Börse, von Dampfschiffen und Kammern,
+von bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht
+über die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist
+dann wirklich einmal die Rede von einem alten Edelmann, der in jener
+Tändelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener,
+ein zopfiges Gespenst.
+
+So fremd werdet ihr an uns vorüberschreiten. Wir, die wir uns auf
+Sachlichkeit manches zugute taten, und wissenschaftlich, ernst, wo nicht
+gar tief zu sein wähnten: Wir werden euch trotz aller unserer Technik
+leichtfertig, flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, und
+der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem wir uns umgaben, wird euch
+nicht wie der des 18. Jahrhunderts eine Grazie, sondern ein Abscheu
+sein. Denn euer Leben wird abermals ernster und härter, doch so Gott
+will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger sein.
+
+Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden ihn begreifen,
+wenn wir ihn als das kritische Ereignis fassen, das er ist, als den
+Ausbruch aller tiefen Übel und Schwächen der abgelaufenen Epoche. Denn
+jede Deutung als eines Mißgeschickes, Mißverständnisses, schuldhaft
+gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in die örtlich-zeitliche
+Bestimmung des Geschehenen verstrickt, Schuld von allen Seiten. Doch
+wenn ein Erdteil sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten
+Tage seine Gründe und Ziele kennt, so ist die geistige, sittliche und
+physische Erkrankung in den Tiefen seines organischen Aufbaus
+verwurzelt.
+
+Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. Der Grund,
+weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, sondern an ihren Grenzen
+entzündet hat, liegt in der Eigenart unserer Wirtschaft, die zur
+Weltwirtschaft erwachsen ist, und die in ihren Auswirkungen,
+Imperialismus und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte an den
+Rändern der Staatseinheiten gehäuft hat. Die schwerer entzündlichen
+Sprengstoffe im Innern der fester gefügten Staaten bleiben einstweilen
+unberührt, durch den Druck von den Grenzen her gebändigt.
+
+Als unbändige Volksvermehrung vereint mit der Mechanisierung den
+individuellen Produktionsprozeß vernichtete, wurde die Erde eine einzige
+gewaltige Produktionsstätte. Doch ihre nationale Spaltung blieb, und
+innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der Stände.
+Wirtschaftlich betrachtet: eine große Fabrik, doch nicht einheitlich
+gebaut, sondern in den Wohnhäusern und Kammern eines Straßenvierecks
+untergebracht und unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und
+die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen nicht Schritt.
+Das ging so lange, als sich die Erzeugung in mäßigen Grenzen hielt und
+der Nationalismus sich langsam entwickelte.
+
+Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen sahen,
+eine energische Wohlstandspolitik zu treiben, um ihren wachsenden
+Aufwand für Zivilisation, Rüstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als
+die Mechanisierung den Staatskörper ergriffen und ihn zum bewußten
+Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht hatte, gab es Zwiespalt
+zwischen den Parteien.
+
+Jeder wollte so viel Arbeit wie möglich, denn Arbeit bringt Nutzen. Um
+zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe wie möglich, und um sie zu
+bezahlen, wollte er so viel Absatz wie möglich. Er wollte sogar noch
+mehr Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe nötig war, denn die
+heimische Produktion sollte alle anderen überflügeln, und der Absatz im
+eigenen Lande ließ sich nicht beliebig steigern. Was er nicht wollte,
+waren fremde Fabrikate im eigenen Lande, denn die beeinträchtigen den
+Absatz, die Preise und den Nutzen.
+
+Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch ausgedrückt um
+Kolonien und Einflußgebiete. Die Welt war aber klein geworden, die
+unbesetzten Gebiete knapp und von allen umworben.
+
+In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die äußerste Schlußfolgerung
+gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte bei den meisten überdies politische
+Gründe: Man wollte die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im
+Kriege Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand der
+Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schützen. Gleichzeitig begann der
+Kunstgriff, den man drüben dämpfen #(dumping)# nennt: Man warf dem
+Gegner die eigene Überschußware unter Selbstkosten über die Zollmauer
+und schädigte sein Schutzsystem.
+
+Allmählich war auch der Nationalismus zum Gipfel gestiegen, denn die
+europäischen Unterschichten waren in die Historie getreten. Bis zum
+Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie anational gewesen, Geschichte war
+nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt waren sie
+verbürgerlicht, zivilisiert und interessiert, und gaben dem
+Wirtschaftskampf die nationale Färbung. Durch Staatenbildung,
+Staatenerstrebung und Irredentismus mehrten die neuen Nationalgefühle,
+insbesondere die östlichen, den politischen Sprengstoff.
+
+Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe Scheidung der Stände.
+Das Proletariat, an der Tatsache des Produktionsprozesses interessiert,
+an seinem Verlauf nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen,
+dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgültig ist; es führte seinen
+Wirtschaftskampf, und zwang den Unternehmer, für jede Lohnerhöhung sich
+durch Zollerhöhung und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten.
+
+So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf nach außen und
+innen vollkommen anarchisch. Wenigen war er in seinem logischen
+Zusammenhang bewußt; am wenigsten den Staatsmännern, die ihn führten.
+Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen Einfluß zu heben, den
+fremden zu schädigen, den eigenen Absatz zu fördern, den fremden
+zurückzudrängen; so lückenhaft aber war der Zusammenhang, daß viele,
+unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, der
+Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt waren auch die Kampfmittel; es
+waren Bündnisse, Zollverträge, Rüstungen zu Land und See, Einsprüche
+gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was als Endzustand
+vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls eine etwas bessere
+Erdeinteilung, als man sie gerade hatte; meist war man auf den
+gelegentlichen Vorteil aus.
+
+Niemand war sich auch recht darüber klar, wo ihn der Schuh drückte.
+England schob sein Mißbehagen auf Mängel seiner technischen Erziehung
+und die Konkurrenz der Deutschen; Deutschland litt an seiner
+geographischen Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen;
+Frankreich merkte, daß seine Industrie zurückging, und fand, daß das
+elsässische Textilgebiet ihm fehle; Amerika klagte über hohe Löhne und
+Finanzkrisen und griff zu Schutzzöllen. Nie wurde auch nur ein Versuch
+gemacht, die Anarchie in Ordnung zu verwandeln.
+
+Die innere Anarchie: wenn die Außenwirtschaft ihre Grenzen hat, so muß
+die Innenwirtschaft ergiebiger, vor allem solidarischer gestaltet
+werden. Kräfte und Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von außen
+unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft.
+
+Die äußere Anarchie: wenn alle sich um die kargen Tröge des Absatzes und
+Rohstoffes streiten, so muß geteilt werden. Durch den Kampf wird das
+Futter nicht mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und
+zertreten.
+
+Doch es fehlte nach außen die Einsicht, nach innen der Ansporn; trotz
+aller Reibungskämpfe schöpfte die Welt aus dem Vollen wie niemals zuvor
+und niemals wieder, und die leichte Bereicherung äußerte sich in
+Indolenz.
+
+Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung und
+Schuld des Vulkanismus, der unter der politischen Oberfläche des
+Abendlandes bebte, und seine kritischen Zonen unter die Staatengrenzen
+breitete. Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische Taktik
+der Großstaaten während der letzten vierzig Jahre, lockerte die Kruste,
+und eine dritte, fast nebensächliche und zufällige Reihe, die Ereignisse
+um 1914, bestimmten Zeit und Ort des Ausbruchs.
+
+Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung sind alle Staaten
+beteiligt. Sind sie entschuldbar bei der ersten, so sind sie es auch bei
+der zweiten, denn die mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung äußert
+sich in der Hilflosigkeit des politischen Handelns.
+
+Die Schuld Frankreichs ist die tiefste, aber auch die menschlichste. Das
+Rheingold des Elsaß ist nur das Sinnbild eines schwereren Verlustes.
+Unermeßlich ist, was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa
+geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil der Kultur des
+Kontinents vom Westfälischen Frieden bis zur Revolution und brachte die
+bürgerliche Freiheit. Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur
+schenken, so lange sie mächtig war. Die Macht war verloren, sie gab uns
+die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft Europa derart, daß jede
+politische Orientierung von den Vogesen ausgehen mußte, und nur die Wahl
+blieb: für den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit der
+europäischen Politik vernichtet.
+
+Englands Schuld ist fast eine persönliche, ein seltsamer Zug in diesem
+so unpersönlichen Lande. Auch England hatte viel gegeben, noch mehr
+erworben, und manches verloren. Die #Pax Britannica# stand hinter der
+#Pax Romana# nicht zurück. Man mag streiten, ob es recht ist, daß ein
+Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses Volk hat ihn besessen und
+mit wenigen Ausnahmen seiner großen Verantwortung entsprechend
+verwaltet. In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde
+unbehelligt, häufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, alle Häfen und
+Kohlenplätze standen offen. Das Land begnügte sich mit Freihandel, aus
+wohlverstandenem, aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik
+war eigensüchtig, gewalttätig, aber klar erkennbar, weit mehr auf
+eigenen Nutzen als auf fremden Schaden gerichtet. Das änderte
+Eduard VII. Er war zu lange Kronprinz gewesen und hatte sich in den
+Jahren erzwungener Muße und verhohlener Kritik die alten intriganten
+Bündnismethoden der europäischen Höfe angeeignet; er trieb sie zum
+Gipfel, indem er die Vogesenspaltung ausnutzte und Deutschland
+isolierte. Wie weit die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines
+Landes, wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, ist
+schwer zu sagen; er war kein dämonischer Charakter und wurde dennoch zum
+Dämon Europas.
+
+Rußland litt an den Schwächen orientalischer Reiche. Über sich selbst
+hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, kindlich verträumten
+Volk zwar einige europäische Formen, doch keinen Wohlstand, keinen
+Mittelstand, keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft und keinen
+Verkehr erworben. Die Regierung wagte nicht, der unerfahrenen Nation die
+Verwaltung anzuvertrauen, daher blieb ihr nichts anderes übrig, als die
+dünne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu verfolgen, das
+Volk zu verblöden und sich selbst durch das verbrauchte Mittel der
+Expansion zu stärken. Der Balkanstreit mit Österreich, die
+Schuldhörigkeit zu Frankreich bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall,
+daß nach Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer
+aufschloß und die letzte Explosion auslöste.
+
+Daß Deutschland bei seinem gegenwärtigen inneren und äußeren Aufbau
+nicht imstande ist, eine folgerichtige und langatmige auswärtige Politik
+zu führen, habe ich in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des
+Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und Einrichtungen, vor
+allem die Einheitlichkeit des Willens, der Initiative und Verantwortung,
+die organisch eingestellte Stetigkeit und Überlieferung. Diese Mängel
+sind nicht durch Personen und Ämter verschuldet, sondern durch uns
+selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die Hand nehmen, Männer
+unseres Vertrauens zur Ernennung vorschlagen, ihnen dann aber auch die
+Macht und volle Verantwortung gewähren; die wir vielmehr uns von einer
+kleinen, nicht übermäßig geschäftstüchtigen Kaste und deren Assimilanten
+verwalten lassen, die sich hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen
+Dickicht, im neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem
+Mißtrauen verfolgt wird.
+
+Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten darin zutage, daß man
+sich in alles einmischt, für die Galerie arbeitet, alle anderen stört
+und nichts für sich erreicht. Es ist nicht gesagt, daß man niemand
+stören und sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich
+falsch: wenn man alle stört und sich mit allen verfeindet. Wir haben
+Frankreich gestört in Marokko, England in Transvaal, Rußland in
+Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. Wir haben Gelegenheiten zu
+Verständigungen versäumt mit England, Rußland, Japan, und, innerhalb
+gewisser Grenzen, mit Frankreich.
+
+Nicht um unsere Fehler stärker zu betonen als die anderer, sondern
+deshalb, weil sie unsere Fehler sind und uns näher angehen als die
+anderer, müssen wir uns bereit finden, ein Unwägbares zu beobachten, das
+unsere Politik durch eine gleichsam atmosphärische Einwirkung geschädigt
+hat.
+
+Es ist kaum einzuschätzen, wie stark die letzte Generation vom Einfluß
+Richard Wagners gebannt war, und zwar nicht so entscheidend von seiner
+Musik wie von der Gebärde seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen.
+Vielleicht ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt die
+Wagnersche Gebärde der erfaßte Widerhall – er war ein ebenso großer
+Hörer wie Töner – des Zeitgefallens. Es ist leicht, eine Gebärde
+aufzurufen, schwer, sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von
+theatralisch-barbarischem Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner
+Denkmälern und Bauten, in den Verkehrsformen und Kulten einzelner
+Kreise, und wird von vielen als eigentlich deutsch angesehen. Es ist
+immer jemand da, Lohengrin, Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann
+und alles schlägt, die leidende Tugend erlöst, das Laster züchtigt und
+allgemeines Heil bringt, und zwar in einer weitausholenden Pose, mit
+Fanfarenklängen, Beleuchtungseffekt und Tableau. Ein Widerschein dieses
+Opernwesens zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, wie
+Nibelungentreue. Man wünschte, daß jedesmal von uns das erlösende Wort
+mit großer Geste gesprochen werde, man wünschte, historische Momente
+gestellt zu sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten
+rauschen hören. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack der älteren
+Generation gemäßigt. Unser ältlich-nüchterner Kanzler möge durch die
+Aussicht auf fünf Krönungszüge im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn
+zu beleben.
+
+Innerhalb einer ärmlichen, im Ziele nicht erkennbaren Außenpolitik
+wirkte diese Gebärde zuerst verblüffend, dann aufreizend und Mißtrauen
+erregend. Es kam so weit, daß man uns, die gutgläubigste aller Nationen,
+für Schaumschläger und Intriganten hielt. Unser gewaltiger Machtaufstieg
+hätte uns verpflichten sollen, soviel wie möglich zu schweigen, so wenig
+wie möglich uns einzumischen.
+
+In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, die den
+vulkanischen Grund lockerten, sind abermals Fehler von allen Seiten
+einbegriffen, auch von der unseren. Doch eines können wir mit gutem
+Gewissen sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke nicht. Es
+war unser Fehler, daß wir nicht wußten, was wir wollten; eines wollten
+wir sicher nicht: den Krieg.
+
+Die dritte und weitaus nebensächliche Reihe, die der örtlich und
+zeitlich auslösenden Momente, haben wir nicht zu erörtern, denn uns ist
+es nicht um Zeitgeschichte, sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren,
+vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klären, jedenfalls nicht
+früher, als bis die Einzelheiten der französisch-englischen Abmachungen
+und die Vorgänge des österreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen.
+
+Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale Revolution, erzeugt
+durch äußere und innere wirtschaftliche Anarchie und soziale Spannung,
+beschleunigt durch die Fehler der Kabinette.
+
+Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der Nationen gesprochen
+werden soll, so ist es die der Unterlassung. Es fehlte der Welt an
+schöpferischen, sittlichen Gedanken. Jeder fühlte, daß die Erde in ein
+neues Stadium der Zivilisation getreten war, daß sie anfing, eng und
+gefährlich zu werden. Doch man scheute sich, die Gesetze dieser
+Umwälzung, der Mechanisierung, zu ergründen und um ihre sittliche
+Erlösung zu ringen. Große Nationen traten wiedergeboren und ermächtigt
+auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen sich nicht, daß
+sie gesandt und verantwortlich waren, der Welt Ideen und Ideale zu
+schenken. Auch wir haben nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere
+Nation sich verjüngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, denn
+wir Deutschen sind um der Idee willen da.
+
+Nur den einen Gedanken hatten die Völker: wachsen und sich bereichern,
+aufsteigen und überflügeln, mächtig werden und erraffen. Und ihre
+Staatsmänner dienten diesen Zielen mit den alten Mitteln der List und
+Gewalt, mit den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verständigung, der
+Begünstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes und der Betriebsamkeit,
+mit den großen Mitteln der Rüstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der
+Klügere zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, den
+anderen klein zu kriegen, ohne daß er sich versah. Selbstverständlich
+schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, mein Leben ist dein Tod. Warum
+sollte das, so meinte man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch
+immer gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle Nationen waren
+zum Bewußtsein erwacht und kannten die armseligen Spielregeln, einer so
+gut wie der andere.
+
+Daraus aber war gerade die höhere Pflicht zu entnehmen: Endet dies
+unergiebige und würdelose Spiel. Wetteifert; schafft sittliche Ideen,
+die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen
+Gedanken der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte und
+kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges Zusammenwirken; tut das
+soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Völkerverkehr;
+wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit
+sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus und utopischer Duselei;
+beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am größten,
+die Arbeit am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn
+das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und
+Menschlichen.
+
+Noch heute wird es viele geben, die im Glauben an die Heiligkeit der
+Interessen und in selbstbewußter Erkenntnis des sogenannten
+Durchführbaren – nämlich des Trivialen – und des sogenannten Uferlosen –
+nämlich der sittlichen Pflicht – diese Gedanken verlachen. Ich sage euch
+aber: Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die
+Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden
+hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser
+Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken.
+
+Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und Schiedsgerichte sind
+möglich und verständig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als
+erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen
+wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen
+Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und
+gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des
+internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung.
+
+Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur
+gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der
+Konkurrenz; ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum
+Gewaltkampf aller gegen alle.
+
+Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen:
+
+Über die Rohstoffe des internationalen Handelns verfügt ein
+zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen
+Ursprungsbedingungen zur Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang
+nach Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin wird das
+wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen.
+
+Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach
+entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann verlangen, daß die ihm
+zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich
+entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die
+Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhältnis ihrer
+Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen
+werden, Quotenaustausch ist zulässig.
+
+An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jeder
+Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen.
+
+Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden
+müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form,
+oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in
+neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der
+nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, oder zu unaufhörlichen
+Kriegsgewittern führt.
+
+Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen
+Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht
+Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine
+freiwillig anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein
+Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein muß, der als
+mächtigste aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur
+Verfügung steht.
+
+Pazifist im üblichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, weil ich es
+nicht für möglich halte, irgendein Übel restlos aus der Welt zu
+schaffen. Ich halte den Krieg für ein großes Übel, doch nicht für das
+größte, und könnte mir denken, daß noch in Jahrhunderten hier und da
+zwischen Völkerschaften gekämpft wird. Niemals wieder darf es aber
+geschehen, daß die ganze bevölkerte Erde dem Blutrausch verfällt. Kein
+Schlagwort ist so elend Lügen gestraft worden wie das von den sittlich
+und geistig regenerierenden Kräften des Krieges, wie das von der großen
+Zeit. Gewiß geschieht an allen Fronten Großes, und Größeres vielleicht
+da, wo in dunkler Stille die Herzen der Mütter bluten. Doch wer hat so
+frevelhaft am Wert der Menschheit gezweifelt, daß Mut und Opfer ihm des
+Beweises bedurften?
+
+Kahle Täuschung ist es, zu tun, als ob Front und Heimat zwei
+verschiedene Nationen wären, die heldenhafte der Söhne, die anfechtbare
+der Väter. Wir alle sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine
+Schuld. Jeder ist allen und jeder für alle verantwortlich. Unser Ruhm
+ist das mutige Erdulden und Leisten der Front, das stille Opfern und
+Entbehren der Heimat; unser aller Verantwortung ist es, daß das Gesetz
+Deutschlands seine Kraft verlor, daß die Sittlichkeit sank, daß der
+Geist verflachte. Überblicken wir alle Länder, die unmittelbar oder
+mittelbar vom Kriege ergriffen sind, so finden wir überall die gleiche
+Entsittlichung in den Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption,
+des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der Bosheit und Lüge.
+Überall die gleiche Entgeistigung in den Formen der Phrase, der
+Trivialität, der Urteilslosigkeit, des Selbstlobes, des niederen
+Massengeschmacks. Diesen Krieg erträgt die Erde nicht zum zweitenmal,
+wenn sie ihn physisch überstände, so ginge sie seelisch zugrunde.
+
+Doch was bedeutet der nächste Krieg, da der gegenwärtige dauert? Da in
+jeder Stunde, von Bruderhand erschlagen, Menschen, unsere Menschen,
+unsere Brüder ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, daß wir
+das ertragen?
+
+Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden ihn haben. Doch die
+Zeit ist gekommen, daß die Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen
+darf, denn heute weiß sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten kann
+noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und wird dennoch das
+Angesicht der Erde nicht ändern, außer durch Verwüstung.
+
+Es ist Zeit. Die Großen und Mächtigen haben gesprochen und den Krieg
+verurteilt. Es ist nicht einer, der ihn verteidigt; doch sie wissen
+nicht, wie sie ihn beenden, sie glauben, daß ihre Forderungen zu weit
+auseinander gehen.
+
+Es ist Zeit, daß die Niederen und Geringen ihre Stimme erheben und
+Zeugnis ablegen, denn was in Jahren geschehen muß, das kann auch heute
+sein. So wahr wir fest entschlossen sind, jeder für sein Land zu kämpfen
+und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede uns nicht gewährt wird,
+so wahr wir uns unverbrüchlich einordnen in die Gesetze unseres Staates
+und in die Gefolgschaft unserer Führer, so wahr ist es unsere
+menschliche und göttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von neuem die
+Hand auszustrecken und zu sagen: Brüder, laßt uns in Ehren und in
+Menschlichkeit uns finden. Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und
+Frieden der Stärkere sein, der selbstgerecht und gekränkt die Versöhnung
+abweist, und nicht der wird, wenn es sein muß, sich schlechter schlagen,
+der sein Gewissen entlastet. Für die Unberührbarkeit und Ehre des
+Landes, für die Freiheit und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten,
+ist Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung den Kampf will, über
+den kommt das Blut der Unschuldigen.
+
+Die Großen haben gesprochen. Es ist Zeit, daß die Kleinen und Geringen
+reden, bevor die Steine und die Gräber ihren Mund auftun. Und da ich
+unter den Geringen ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme
+erheben, so schwach sie ist.
+
+So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor denen ein fallender
+Tropfen wie Erzklang dröhnt. Auch wenn keines dieser Blätter in das
+fremde Land gerät, so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg
+bahnen, denn die Sprache, die aus heißem Herzen kommt, bedarf keiner
+Laute, und wenn ihr Ruf auch nur _einem_ Herzen begegnet, so wird er ein
+Hagelkorn des Hasses schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat
+in Tau verwandeln.
+
+Feinde, Menschen, Brüder, höret! Es ist genug.
+
+Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn geschlagen. Im
+blinden Wahnsinn haben wir eine Welt zertrümmert.
+
+Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden machen. Ihr und wir,
+wir jubeln, wenn Menschen brennend aus den Lüften stürzen, wenn Menschen
+in der See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet sterben,
+wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir lesen bei Mahlzeiten Dinge,
+von denen der tausendste Teil uns erstarren machen müßte. Sind wir noch
+Menschen?
+
+Die vier göttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser und Erde haben wir
+zu Werkzeugen des Todes gemacht, und das genügte nicht, Gift und Hunger
+holte man zu Hilfe. Aller menschliche Geist zählt und rechnet und
+grübelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue Gewalt, noch eine
+neue Todesart.
+
+Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in fünfzehnhundert Tagen
+hat der rasend gemachte, gehetzte Tod ein blühendes, hilfloses
+Menschenherz zerschnitten, und mit jedem Schnitt hat er ein zweites
+liebendes Herz getroffen. Ungezählt sind die Krüppel, die Blinden, die
+Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen über die Erde und zeugen wider
+uns und euch. Die Kreuze auf den Feldern strecken ihre Arme aus, die
+gemordeten Wälder recken ihre verstümmelten Äste, die aussätzige Kruste
+der Erde, die zertrommelten Städte, sie blicken auf aus erloschenen
+Augen und zeugen wider uns und euch.
+
+In Erdlöchern, in Schlamm und Wasser hocken seit vier Jahren unsere
+Brüder, schützen ihre armen Leiber gegen giftige Dünste, Eisensplitter
+und Bajonette und trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der Erde
+und der Völker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. Bleiche Kinder wachsen
+auf, bleiche Mütter arbeiten in Fabriken.
+
+Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe sind tot, die See
+ist verödet. Was noch geschaffen und geschleppt wird, sind Waffen. In
+den Städten aber rast der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung
+prassen Bereicherte. Die Versuchung wächst, das Gewissen betäubt sich,
+die Sitte wankt.
+
+Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der Planet sie niemals
+trug. Noch immer wächst sie, angefacht durch Rache, Verleumdung, Angst
+und Verblendung.
+
+Und doch ist die Welt nicht böse und nicht schlecht; sie ist wahnsinnig
+und blind. Jeder glaubt, der andere wolle ihn vernichten, und solange
+jeder das vom anderen glaubt, bleibt allen nichts übrig, als zu kämpfen.
+Wollte aber jemand auch nur einen Tag länger den Kampf fortsetzen, als
+Unabhängigkeit, Unberührbarkeit und Lebensraum seines Landes fordern, so
+wäre er für sich allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer der
+Millionen, und es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre.
+
+Feinde, Brüder, es ist Zeit! Es ist sehr spät, und jede Minute tötet,
+und doch ist noch Zeit. Denn noch tötet jeder von uns in gutem Glauben,
+im Glauben an den Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich
+in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten wollen,
+Verblendete, die glauben, man müsse vom Tode leben, vom Schmerz
+Gebrochene, die nach Rache schreien, und, furchtbar zu sagen, vielleicht
+auch Gewinnsüchtige und Machtgierige, die nach göttlichem Recht nicht
+fragen. Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage einen
+Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die wähnen, der Krieg sei
+ein Gottesurteil, der Gott des Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken
+wie Zeus auf dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die Hände
+seiner Lieblinge geben könne, damit sie mit ihnen verfahren nach ihrer
+und seiner Willkür, und neues Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht
+glauben das in abgeschwächter Form auch einige Staatsmänner, und denken,
+der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ändern, daß sie doch noch in
+aller Stille einige Erwerbungen machen können; deshalb scheuen sie sich,
+rund heraus zu reden und zu sagen, was sie verlangen.
+
+Aber ich schwöre euch, es gibt nicht ein einziges Volk auf der Erde, das
+die Vernichtung eines anderen Volkes will und wollen kann. Jedes Volk
+weiß in seinem inneren Bewußtsein, daß es nur _einen_ Frieden geben kann
+und geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in zwanzig
+Jahren geschlossen werden wird, ist genau der gleiche Friede, der heute
+geschlossen werden kann und geschlossen werden soll. Nur versöhnt er
+nicht mehr lebendige Völker und gesunde Länder, sondern arme, verrohte
+Krüppel und Stätten der Verwüstung.
+
+Prüft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. An dem Tage aber,
+an dem ihr, Völker der Erde, das Wort aussprecht, das einfache, klare,
+selbstverständliche Wort: Keinem Volke soll seine Unabhängigkeit und
+sein angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen
+verkürzt werden, an dem gleichen Tage ist der Krieg gebrochen und der
+Frieden in eurer Hand. Denn die Angst der Völker vor einander ist
+erloschen, es können weder Gruppen noch Staatsmänner sie neu entfachen,
+sie können auch nicht mehr durch vieldeutige, geschäftskluge Forderungen
+den Zweifel offen lassen, ob nicht doch, unter der Verhüllung von
+Sittensprüchen der Angriff auf das Leben des anderen lauert.
+
+Welchen Weg dann die Staatsmänner wählen, um die leichte Aufgabe zu
+lösen, wie man zu Verhandlungen kommt, ist ganz gleichgültig. Der
+einfachste Weg scheint mir der beste. Es sollte zunächst jeder Staat
+fünf Forderungen nennen, die er für die wichtigsten hält, dann kann
+jeder rückfragen nach dem, was ihm unklar scheint oder was er nicht
+verstanden hat, dann soll er antworten.
+
+Es ist keine Gefahr, daß die Antworten unbefriedigend ausfallen. Denn
+wem eine offenkundig ungerechte Forderung abgelehnt wird, kann
+ebensowenig um deswillen den Krieg fortsetzen, wie der, der eine
+offenkundig gerechte Forderung ablehnt; es würde ein neuer Krieg mit
+neuen Kriegsgründen sein, den niemand will. Sind aber die Antworten
+erteilt, so mag man entscheiden, ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen
+gestellt oder die mündliche Verhandlung begonnen werden soll.
+
+Menschen und Völker, besinnt euch! Es geht um eure Seelen. Es wird kein
+anderer Frieden über die Erde kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit
+und der guten Gesinnung. Wäre ein anderer Frieden erreichbar, ihr
+dürftet ihn nicht nehmen, denn er wäre kein Frieden, sondern ein
+heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte Frieden, der Frieden Gottes
+kommt, wir mögen ihn wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns
+geschenkt, wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. Sind wir
+seiner würdig, so werden wir ihn erleben, sind wir seiner unwürdig, so
+werden ihn auch unsere Kinder nicht erleben.
+
+Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir es, und handeln
+nicht danach, so sind alle unsere Sittensprüche Heuchelei und unser
+Gewissen wird am Tage der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die
+Verantwortung für eine Zivilisation und Kultur, für das Glück und das
+Leben der Millionen. Diese Verantwortung ist die kleinere. Wir tragen
+die Verantwortung um der Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen,
+diese Verantwortung ist vor Gott und ist die größere. Die Seelen der
+Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. Sie fordern
+von uns nicht Rache, sondern Versöhnung zur Ehre Gottes. Brüder, wir
+wollen einander vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht
+der ist schwach, der Vergebung empfängt, nicht der ist stark, der sie
+zurückweist.
+
+Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu Wasser und in der Luft
+einander standgehalten und sind nicht ermüdet. Ihre Taten sind größer
+als alles Heldentum der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste
+aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet erlebt hat und
+erleben wird, und ein Leuchten wird von ihm ausgehen über das Weltall,
+wenn der Tag anbricht des großen Opfers, der freien, menschlichen und
+göttlichen Versöhnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben allen Haß und
+allen Kummer, alle Tränen und alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der
+Tag, an dem wir uns die Hände reichen, um gemeinsam die Wunden zu
+heilen, die Witwen und Waisen zu trösten, die Erde neuaufzubauen. An
+diesem Tage sind unsere gefallenen Brüder wahrhaft verherrlicht, an
+diesem Tage ist die Erde entsühnt, und das Gottesreich um einen Schritt
+der Welt genähert.
+
+
+
+
+Charakter
+
+
+Wir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine andere Größe,
+Stärke und Freiheit, als die wir kannten.
+
+Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von
+ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer
+das Sichtbare umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen.
+
+Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft
+gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der
+Wirkungsreihe noch tiefer liegt.
+
+Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und
+wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener
+Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heißt Charakter.
+
+Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode des
+Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, deren es, ach, so viele gibt,
+sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir
+überschätzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der
+Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie
+ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt
+und zur Wirtschaft führt. Wir unterschätzen die reine Beobachtung des
+Geistes und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit
+verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und fürchten uns unbewußt vor
+den Ergebnissen.
+
+Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder
+Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand
+beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten
+entscheidet über das geistige Sein, über den Wert der geistigen
+Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um
+ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier
+entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische
+Charakter.
+
+Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir.
+Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen
+wir die bewegenden Kräfte prüfen.
+
+Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und
+Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen,
+auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist
+und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren,
+Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die
+Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der
+energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig,
+sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität.
+
+Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe
+ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei
+ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die
+Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der
+Beobachtung unseres Charakters wiederfinden.
+
+Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und
+sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie
+fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg
+ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen
+Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen
+Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück.
+
+Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind
+unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen
+wollen.
+
+Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung
+und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines
+Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet;
+denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein
+Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten,
+verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten
+Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren
+Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten,
+Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder
+kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar
+Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich
+zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder
+die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System
+ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen
+Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die
+Unabsetzbarkeit.
+
+Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in
+welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und
+Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und
+überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor
+dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte
+bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt.
+Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als
+Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des
+feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten
+und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem
+mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde
+politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese
+der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann.
+Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik
+fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo
+Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum
+folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden
+Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition.
+
+Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform
+dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und
+dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines
+verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre
+geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes
+Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus
+Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische
+Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung,
+vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene
+Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut.
+Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht
+mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die
+Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die
+gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen
+gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt,
+Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen
+selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden
+messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere
+Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst
+sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die
+Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere
+von zwei Übeln.
+
+Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die
+Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische
+Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher
+parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament
+größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System.
+Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch,
+parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat,
+indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung
+kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche
+Gegenbegriff Autokratie und Demokratie.
+
+Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein
+Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem
+Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte
+Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und
+ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus
+offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und
+Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an
+Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man
+beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert
+wird.
+
+Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die
+autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und
+Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil,
+nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer
+Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit
+autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt.
+
+In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen.
+Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende
+Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er
+ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne
+Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper.
+
+Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich.
+Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der
+ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis
+er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum
+Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein
+anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach
+einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens,
+womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern
+geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und
+Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung
+gewachsen ist.
+
+Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus,
+stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments
+gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte
+Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche
+Leben noch unmöglicher.
+
+Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften
+unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung
+erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres
+Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft.
+
+Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene
+Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen
+sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der
+in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen
+Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar,
+es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften,
+sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für
+geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch
+beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die
+ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste
+Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich
+die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk
+an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der
+Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas
+in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem
+der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und
+Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde
+ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der
+nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht
+anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich,
+unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir
+die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die
+niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen
+müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt
+herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt.
+Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir
+verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der
+Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und
+Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man
+Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament
+stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer
+rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries.
+
+In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile über fremden und eigenen
+Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu
+verübeln, wenn es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in
+Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich in
+leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten Hasse hingibt; und
+dieser Haß wütet in der Heimat noch rückhaltloser als im Felde, wo
+ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In
+solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten,
+wenn er nach allgemeinem Urteil strebt.
+
+Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von außen betrachtet,
+anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Völker nahezu
+anarchisch, nach Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet und
+zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen raubtierhaft
+erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint
+es nach außen gutmütig, freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein
+Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis
+von politischer Schwäche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand
+soll und wird aufhören; dann werden die Völker als kollektive Gebilde
+das Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich und
+sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die
+gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit will, soll man sich nicht
+damit brüsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der
+vereinbarten Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die
+Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das
+Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, der andere habe ihm in
+hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen König eingekreist.
+Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im
+Frieden und Kriege erlaubt. Das darüber hinausgehende Unrecht fällt
+jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist
+es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen läßt, das
+Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der
+Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der
+Nachprüfung.
+
+Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher als man glaubt.
+In jedem Volke gibt es Heilige und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose,
+Helden und Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, in
+allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Völker
+untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die
+meisten Vergleiche populärer Psychologie haben den Fehler, daß man
+ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt man bei
+sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich.
+So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populärurteile,
+die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker zu
+entzweien.
+
+Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. Es ist nicht
+Sache der Wissenschaft, noch weniger der bürgerlichen Beobachtung,
+sondern der Einfühlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder
+Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen,
+dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo gelebt und gute oder
+schlechte Geschäfte gemacht hat; das Einfühlen in die Natur eines
+einzelnen, das viel schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes
+fordert intuitive, ja dichterische Begabung.
+
+Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten weit entfernt,
+und viele der Gebildeten unter unseren Gegnern sind es noch heute. Von
+Geschäftsreisenden, Berichterstattern und Stubengelehrten ließen wir uns
+mehr erzählen als nötig war, selten wurde ein berufener Beurteiler
+gehört, viele wollten oder mußten schweigen.
+
+So war die Stimmung vorbereitet für das beschämendste und undeutscheste,
+was in diesem Kriege geschah, die maßlose, schamlose Ausschüttung des
+Selbstlobes. Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, zur
+Mißachtung des Gesetzes, zur Überempfindlichkeit der Stimmung
+beigetragen als die langandauernde tägliche Selbstverherrlichung. Denn
+was brauchte ein Volk von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem
+Gott allein, vor allen anderen, sämtliche Tugenden und Begabungen
+verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, nur wir waren tapfer
+und hingebend, nur wir waren tief und genial, sittlich und heldenhaft,
+gläubig und seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen
+verworfen. Warum Gott die übrigen so unzulänglich geschaffen hatte?
+Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. Wir waren das auserwählte Volk,
+gesandt, um allen Völkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen.
+
+Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war
+kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten
+und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf
+Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine
+Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße
+und Tränen ist noch heute kein Ende.
+
+Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle.
+
+Wir sind kein auserwähltes Volk und wollen es nicht sein. Wir sind ein
+junges Volk und haben dennoch eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf
+unserem Boden sind große Helden erwachsen, die höchsten Dichter und
+Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die Musik der Welt ist
+auf deutschem Boden erstanden.
+
+Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von uns stammt unvermischt
+von taciteischen Germanen, wenige entstammen der Oberschicht, die den
+deutschen Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die meisten
+sind Kinder der namenlosen, unhistorischen unfreien Unterschicht, von
+der die Wissenschaft nichts weiß; viele sind zugewandert. Wir sind jung
+und wissen wenig von uns. Wir wissen, daß sich unsere Jungen gut
+schlagen. Wir wissen, daß wir organisierbar und disziplinierbar sind,
+daß wir uns in die mechanisierte Welt vollkommen eingefügt und sie
+vorwärts gebracht haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine
+bedeutende Technik. Seit dem Ende jener großen Umschichtung, seit
+hundert Jahren, sind uns höchste Geister nur spärlich erstanden. Doch
+fühlen wir uns als die Erben und geistigen Nachkommen jener Großen, weil
+wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir dürfen hoffen, daß
+etwas Verwandtes in uns lebt und sich immer wieder verkörpern wird. Wir
+ringen um die Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres Staates.
+Vor allem: wir blicken uns in die Augen und fühlen das herzliche
+Vertrauen vom einen zum anderen, zum guten Willen und zur reinen Kraft;
+wir blicken in die lieben Augen unserer Frauen und fühlen die blühende
+Wärme des Lebens und die gesegnete Verheißung der Zukunft.
+
+Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern voraus, eines, das
+keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid herausfordert: die Härte
+und Schwere der metaphysischen Pflicht.
+
+Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben, das Streben
+zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und das
+Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum
+Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter
+prüfen als alle anderen, und das schwerste von uns verlangen. Und
+deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt,
+damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen Geist zu
+verherrlichen.
+
+Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen
+freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren
+Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die
+dankbarsten aller Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die
+demütigsten sein.
+
+So sind wir zur Selbstprüfung unseres Charakters zurückgekehrt und haben
+die Härte der Unerbittlichkeit gewonnen. Mit ihr die äußere
+Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. Wehe dem, der die innerlichen Momente
+des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert und
+belauscht, um seiner zu spotten oder gegen ihn zu zeugen. Er hat das
+Recht des Zeugens und des Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn
+schleudert ihn und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem
+Maße sittlich gewertet wird.
+
+Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts übermäßig
+Schweres. Unsere Besten haben es uns oft gesagt, bald spottend, bald
+schmähend; was sie uns nicht gesagt haben, und was wir selbst uns sagen
+müssen, das sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen
+wesentlichen Schwäche unseres voluntarischen Charakters.
+
+Uns Deutschen fehlt das persönliche Unabhängigkeitsgefühl, wir neigen
+zur gewollten Abhängigkeit.
+
+Verwechseln wir nicht Unabhängigkeit mit Zuchtlosigkeit, vermengen wir
+nicht Abhängigkeit und Treue.
+
+Ein Mann soll Zucht halten und Zucht üben, denn der Kosmos ist eine
+Ordnung, nach seiner Idee hat jedes Glied zu tragen und zu lasten, zu
+leisten und zu leiten. Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ,
+der Gewalt; als Freie sollen wir nicht Machthabern gehören und
+gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Führung anvertrauen und
+hingeben. Von trauen kommt Treue, sie ist das freiwillige, überzeugte,
+unverbrüchliche Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein
+begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; Treue,
+die höchste irdische Pflicht, ruht auf Freiheit und Wahrhaftigkeit.
+
+Das bedeutet nun freilich nicht, daß ein jeder sich nach Willkür die
+Bindungen auserwählen kann, welche er auf sich nehmen will, und welche
+nicht. Ein bestehender Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem
+eine wirkende Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der Ordnung der
+Gesetze so unverbrüchlich sind, wie höchste irdische Pflicht es nur sein
+kann. Somit ist jede Frage der Unterwerfung unter rechtskräftiges Gesetz
+und seine Ausübung der Erörterung entzogen.
+
+Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform man will und
+welche man nicht will, ob man dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu
+stürzen oder sich zu selbstgewollter Bindung zu fügen, ob man neigt,
+sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder der Idee, ihrer
+Verkörperung und ihren Trägern zu folgen, ob man der Person oder der
+Sache gehört, ob man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein
+Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher Hütung und Hegung
+zu leben wünscht, oder ob man gewillt ist, Verantwortung zu tragen und
+zu fordern.
+
+Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, daß
+wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form,
+und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur
+ordentlich erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis
+mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig
+hinnahmen. Doch täuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein
+Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue von
+höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der
+unfreien, dienstgewohnten und verängsteten Unterschichten, die
+allzulange, vor allem im mittleren und östlichen Teile des Landes, die
+Masse der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die
+Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß und Peitsche, und der Adel nannte
+seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen
+mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist
+die Abstufung des Abhängigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht
+nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische
+und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung
+eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt,
+nämlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für sich
+verlangen.
+
+Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns der Eigenart
+unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht bewußt sind, und daß wir seine
+sichtbarsten Folgen, die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens,
+die militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische
+Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des bürgerlichen
+Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende
+Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stände, die
+zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die
+Ansprüche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es
+fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in
+gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen,
+lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten
+Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an
+Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten
+sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch
+Vergleich bewußt geworden war.
+
+Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, wie jede
+menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rühmt unsere
+Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und
+Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist,
+geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist
+gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgültig, um welchen
+Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige
+schöpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte
+Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt
+kein Höhepunkt der Präzision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen,
+etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige
+Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, wäre es
+bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, daß
+solche Sondervorteile nicht bestehen.
+
+Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren.
+Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges übertragen, bedeutet
+Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, Haften an Überlieferung, an
+herkömmlichen Denkreihen und Methoden.
+
+In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den
+Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu
+sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum
+über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien
+erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir
+ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende
+schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu
+lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere
+konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger
+ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten.
+
+In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht:
+Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen,
+unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft
+vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die
+Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe
+ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit
+Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit
+als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der
+Atmosphäre.
+
+In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien
+programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie
+gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den
+bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man
+würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu
+sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf
+der Liste zu finden.
+
+Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen
+und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen
+Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner
+verstärkt, ist nichts weiter zu sagen.
+
+Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das
+gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt.
+
+Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und
+Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der
+innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer
+Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge
+Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte
+man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt,
+halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung
+nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele
+wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht
+verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß
+eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere
+der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil
+war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark
+für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen
+Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine
+Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen
+Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis
+erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß,
+keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte.
+
+Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind,
+welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte
+Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter
+Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet
+sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem
+Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen
+Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und
+Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und
+gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der
+ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines
+bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische
+Unabhängigkeit.
+
+Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen
+Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die
+Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom
+wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern,
+Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre,
+Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und
+verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der
+Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo.
+
+Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben
+geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und
+unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und
+dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es
+sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen
+lohnt es nicht.
+
+Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und
+der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten
+Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt
+sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des
+»Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher
+Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d.
+I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von
+der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und
+mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen,
+finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein
+menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik
+übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei,
+einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen,
+so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von
+Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben
+und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche
+seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern.
+Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen
+verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge
+unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig
+oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer
+ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten
+zugrunde.
+
+Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und
+finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit.
+
+Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer
+lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die
+eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied
+organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte,
+seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen
+er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich
+jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der
+Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der
+Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der
+Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des
+Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des
+zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des
+Eingeborenen.
+
+Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen Ursprungs wird in
+anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es
+jeden Tag nötig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen,
+fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes
+bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene
+Menschen keine Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, den
+Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines
+Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der
+Ehrenbezeigungen, die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt
+rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, daß in
+zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von
+unten nach oben oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird
+untertänigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst
+gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu
+Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle
+ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in
+Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren
+zum älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint unter
+Umständen das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan,
+es wird zur Treue, zur Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt.
+
+Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter – Untergebener findet
+ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schärfe gegen den
+Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenüber dem eigenen
+Vorgesetzten; bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung
+nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar
+oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im
+Auslande und in Kolonien entstanden.
+
+Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen
+Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die
+bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und
+theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der
+gottgewollten Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die
+überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren
+Verhältnisse klar überblickt und über auswärtige Vergleiche verfügt,
+wird denn auch häufig und vorurteilslos über das einheimische
+Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum
+vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewürdigt.
+Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend mündig, die feudale
+Schichtung für zu unentbehrlich, um eine Änderung zuzulassen.
+
+In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen
+anderen Zustand vorstellen als den, daß jeder, der es sich leisten kann,
+kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen muß, kommandiert
+wird. Was man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, und noch
+etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als
+Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben.
+
+Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser Land auf den schroffen
+Begriff der Subordination gestellt ist, während Länder weit geringerer
+Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende
+gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis im
+Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es
+nicht übergreifen. Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß
+ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen
+gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln
+ließen. Unsere Gutmütigkeit, die für den Begriff des Anschnauzens
+mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat,
+entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch
+es bleibt genug übrig, was zu denken gibt.
+
+Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit schädigt
+den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen
+unter euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus vor dem
+Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen ließen? In den frohesten Ruf
+mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck
+sagte in theoretischer Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle
+des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß das Vaterland unser
+Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum König die freie
+Zustimmung und Gefolgschaft freier Männer ist?
+
+Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls
+niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mögen genügen. Wenn das
+männliche Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und
+Auflehnung, sondern Passivität. Man muß sich manches gefallen lassen und
+tröstet sich damit, daß es dem Nächsten nicht besser geht, und daß man
+sich vor ihm nicht zu schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre
+Schwächen, man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind sie
+kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht
+aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, da wäre das Spiel
+verdorben. Beim Unglück des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim
+ersten Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am
+Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. Ist jedoch ein
+plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich alle Untugenden des
+Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum
+Herren.
+
+Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befürchten.
+Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, er ist nicht weit davon, ein
+nationales Laster zu sein.
+
+Überblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten
+Unabhängigkeitsgefühls und des ausgesprochenen Abhängigkeitsdranges, so
+dürfen wir sagen: Eine Todsünde belastet uns nicht. Wir sind nicht
+Sklaven, wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind nicht
+Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. Es ist nicht
+unsere Sache, von unseren Tugenden zu reden; dies wissen wir, und das
+mag genug sein: Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, was unser
+Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft geduldet hat.
+
+Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhängigkeitsbedürfnis ist
+eines der schwersten Hemmnisse des inneren und äußeren Aufstieges, es
+ist der politische Kardinalfehler eines Volkes.
+
+Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten Entschlusses, den
+Adel rückhaltloser Entäußerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen
+Verantwortung voraus. Würde, Adel und Herrentum aber können in gewollter
+und geduldeter Abhängigkeit nicht erstehen.
+
+Gewiß wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen Weg schreiten, und
+Einrichtungen werden ihr folgen. Doch beiden voran muß der Aufschwung
+des Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch eine einzige
+Schwäche unseres voluntarischen Charakters.
+
+Würden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk die vollkommensten
+Einrichtungen des staatlichen und kulturellen Lebens beschieden, es wäre
+umsonst. Sie würden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung und
+unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine Güter und Institutionen nur
+auf derjenigen Höhe halten, auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen
+fähig ist.
+
+Früher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, denen wir
+entgegenstreben, heute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen
+Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf
+um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und
+Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. Sie ist nicht die
+Sendung des Militarismus, sie ist auch nicht die Sendung der
+Mechanisierung und der Technik, obwohl sie diese Nützlichkeiten nicht
+verschmäht, sie ist am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist
+die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: die Sendung des
+reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Geistes. Diese
+Sendung fordert nicht Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige
+Männer. Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und Schneider
+für London und Newyork zu liefern, sondern als freie Männer auf freiem
+Boden brüderlich mit den Völkern zu reden und zu wirken, nicht um des
+billigen Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit willen;
+ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu empfangen, was wir
+brauchen.
+
+In eurem Kampfe zählen die Jahre nicht. Es wird euch bekämpfen die
+Herrenkaste, und das ist schade, denn es sind tüchtige Menschen, klug,
+mutig und eigenwillig. Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an
+Phantasie; sie wissen nicht, daß im Sturm das fahrende Schiff sicherer
+ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, daß in einem freien
+Volke ihre Eigenart mehr wert ist als in einem, mit dem sie kämpfen. An
+ihnen haften zwei Sünden: Sie haben das Volk unmündig gehalten, um es
+leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer Herrschaft die
+Verantwortung zu tragen für jenes Menschenalter schlechter Führung, das
+die Gewitteratmosphäre schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf
+ihnen lasten.
+
+Bekämpfen werden euch die Interessenten, und das ist gut, für euch wie
+für sie. Sie wissen nicht, daß mit der geistigen und wirtschaftlichen
+Anarchie, die sie im Lande erregen, sie den Ast absägen, auf dem sie
+sitzen. Sie müssen lernen, daß mit den Geschäften von heute auf morgen,
+die sie erstreben und um die sie sich würgen, das Korn vor der Ernte
+zertreten wird. Das Futter wird nicht mehr, sondern besudelt und
+verstreut, wenn man aus Gier mit beiden Füßen in den Napf springt; die
+Welt ist eng geworden, sie ernährt uns nur dann, wenn die Arbeit sorgsam
+geordnet und geteilt wird.
+
+Bekämpfen werden euch die Indolenten und mehr noch die
+Originalsüchtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache zu tun, sondern um
+ein apartes, literarisch verwertbares Gerede von der Sache. Sie glauben
+die Welt zu ändern, wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen
+und im Kaffeehaus neue Zeitwörter ausdenken. Mit beiden werdet ihr
+fertig, denn sie haben einen kurzen Atem.
+
+Beginnt ihr zu zweifeln und fühlt ihr euch im Kampf ermatten, so erfüllt
+euch mit dem Bilde des ragenden inneren Deutschlands, das wir im Herzen
+tragen, des Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der
+Innigkeit, des reinen Glaubens; tränkt und sättigt euch mit diesem
+Bilde, und blickt um euch. Seht ihr dann noch das kreischende, gierige
+Werben, die vergifteten Genüsse, die zynischen Gestalten der frechen
+List und der brutalen Schaustellung, die unwürdigen Gebäude und
+barbarischen Schaustücke: dann hat das neue Reich das alte noch nicht
+überwunden und der Kampf geht weiter.
+
+Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. Kein Ereignis von
+außen, nicht das Glückbringende, nicht das Bedrückende spricht euch los.
+Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr
+befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht
+seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig seid, begüten, wenn ihr gläubig
+seid, erwecken.
+
+Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie preisen was sie
+besitzen, und festhalten, und dazu erwerben wollen. Oder um der Macht zu
+schmeicheln, oder, weil man es sie gelehrt hat.
+
+Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die sagen, es sei
+anderwärts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser
+Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist
+niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen.
+
+Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen Schriftgelehrten, die
+verkünden: »Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle
+Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine
+unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist eine veraltete
+Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur
+Hörigkeit, von der persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des
+Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidarität nicht
+Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus
+der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und
+Irrationalen.
+
+Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir
+leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern
+sich selbst hören will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen
+Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim
+von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns sträuben, desto härter
+werden wir geführt, und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren
+Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon uns lenkt.
+
+Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir
+gezwungen schreiten. Denn wozu wären euch die seltenen, köstlichen Dinge
+gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der
+Verheißung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es
+euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee
+trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich
+selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge haben.
+Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung,
+die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen.
+
+Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Händen, die
+leuchtende und zündende, die verheerende und verklärende.
+
+Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte
+und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und
+gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den
+göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt.
+
+Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem
+Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu
+Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und
+sich euch hingibt.
+
+Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch
+alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden
+Seele erringt.
+
+Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch
+schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und
+Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden.
+
+Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes.
+
+
+
+_Geschrieben im Juli_ 1918.
+
+
+_Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei in Leipzig._
+
+
+
+_Werke von Walther Rathenau:_
+
+_Zur Kritik der Zeit_
+Fünfzehnte Auflage
+
+_Zur Mechanik des Geistes_
+Neunte Auflage
+
+_Von kommenden Dingen_
+Fünfundsechzigste Auflage
+
+_Deutschlands Rohstoffversorgung_
+Neununddreißigste Auflage
+
+_Probleme der Friedenswirtschaft_
+Fünfundzwanzigste Auflage
+
+_Streitschrift vom Glauben_
+Vierzehnte Auflage
+
+_Vom Aktienwesen_
+Zwanzigste Auflage
+
+_Die neue Wirtschaft_
+Sechsundvierzigste Auflage
+
+_Zeitliches_
+Zwanzigste Auflage
+
+
+_Gesammelte Schriften in fünf Bänden_
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das
+Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das
+Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal
+S. 049: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß
+S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel
+S. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß
+S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebärde
+S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been
+moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau’s
+other works has been moved to the back. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal
+p. 049: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß
+p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel
+p. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß
+p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebärde
+p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND ***
+
+***** This file should be named 23396-0.txt or 23396-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+produced from images generously made available by the
+Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
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+
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+1.E.9.
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+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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