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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/23396-0.txt b/23396-0.txt new file mode 100644 index 0000000..fe13379 --- /dev/null +++ b/23396-0.txt @@ -0,0 +1,3742 @@ +The Project Gutenberg EBook of An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: An Deutschlands Jugend + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: November 7, 2007 [EBook #23396] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + + + An Deutschlands Jugend + + von + + Walther Rathenau + + + 1918 + + S. Fischer • Verlag + Berlin + + + + 1.-20. _Tausend_ + + Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung + + + + +Inhalt + + +Zueignung und Aufruf 5 + +Zweifel 18 + +Glaube 42 + +Krieg 74 + +Charakter 97 + + + + +Zueignung und Aufruf + + +In dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu euch ich mich, +Menschen der deutschen Jugend. Nie hat eine Menschheit so bewußt und +verantwortungspflichtig an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die +Stunde hält ihren Atem an, zu lang für das bangende Herz, zu kurz für +das flatternde Gewissen, der Klöppel holt aus. Ist der Schlag +verklungen, nach Menschenjahren, Sekunden des Äon, so stehen wir in +fremder Welt und Zeit, beladen oder entsühnt, und blicken durch den +Tränenschleier des Krieges nach dem entsinkenden Reiche der Gewesenheit. + +Unbewußter, zweifelfreier waren die, die vor weniger als hundert Jahren +durch den Nebel der Weltkriege das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen +sahen. Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene bürgerliche +Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet als genommen, sie +fühlten beschäftigt das Nahen von Wissenschaft, Technik und Kapital und +konnten sich dem überlassen, was sie Restauration nannten, und was der +häßlichste Nutzbau der übervölkerten, mechanisierungsdurstigen Welt war. + +Der Bau wuchs; in den höchsten, luftigsten und frechsten Geschossen des +Himmelskratzers sind wir geboren und haben wir gelebt; jetzt bricht er +nieder, aus Mangel an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man +verschmäht hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, stand auf dem +Schuttplatz der französischen Revolution, die Raum geschaffen hatte, +aber keinen Baugrund. Bis in seine höchsten Zinnen, die Nationalismus +und Imperialismus hießen, trug er keine Idee in sich, nur ein +empirisches Gleichgewicht der Kräfte; alles was Idee hieß, rankte sich +äußerlich empor und zermürbte seine Wände. + +Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, denn die +Zerstörung ist da, wir brauchen sie nicht zu rufen. Was gefordert wird, +ist Arbeit, langsamer, heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten +Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, die sagt: Laßt mich +nur, ich bin schlau und vernünftig, ich will einmal versuchen. Nicht aus +satter Interessiertheit, die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht +aus Stumpfheit und bürgerlicher Blöde, die sagt: Kommt Zeit, kommt Rat. + +Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und Konferenzen, Brand +und Löschung, sondern über der Bauhütte, über ihren Meistern und +Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer +Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, deshalb haben wir vom +Geist zu reden. + +Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines +Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen +ausgeschüttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor +die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten, +um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die +Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und +Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von +Einsamen, von Jungen, und von denen, die nicht altern und nicht sterben. + +Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen, +Prüfung, Besinnung. Nichts anderes will ich von euch. Prüft meine Worte +an euren Gedanken, in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, was +euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, den bestechenden +Einfall. Nicht ein Führer unter euch vermesse ich mich zu sein, nicht +ein Berater, ich will mit euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich +euch nicht; ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure +Väter, ihr seid ihnen ähnlicher, als ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung; +auch wir sind eine Hoffnung gewesen und keine Erfüllung geworden, +obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich +huldige auch dafür euch nicht, daß ihr in den Krieg geboren und +gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Väter verschuldet, also haben wir +ihn verschuldet; den Krieg haben wir verschuldet, also habt ihr ihn +verschuldet. Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen, +gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten umfaßt es +die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der mit seiner +Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und +zittert, und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz +verbrennen. Auch dafür nicht, daß ihr ungebrochen und stark, voll +Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich euch. In zwanzig Jahren sind +eure Verwegensten alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des +Großen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn +abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr Herz warm erhalten +haben, um zaghaft und überwältigt zu euren Kindern zu reden. Um des +Glaubens willen an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe +willen zu euren Vätern, euren Kindern und am meisten zu euch, um der +Hoffnung willen, die ihr seid und alle, die nach euch kommen. Denn ihr +werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf euch liegt die +Verantwortung und die erste Entscheidung. + +Werdet ihr mich hören? Manche von euch, die ursprünglichsten, sind +sorglos, dem Denken abgewendet, mit billigem zufrieden und eng +autoritär; manche, die klügsten, sitzen in ihren Schreibstuben und +Preßzentralen, pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion und warten, daß +ihrer geschulten Dialektik zuliebe die Welt sich wie Sankt Hieronymus’ +Löwentier aufblickend zu ihren Füßen schmiege. + +Verschließt ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir selbst und meinem +Schöpfer, denn reden muß ich und darf nichts verschweigen, obwohl ich +weiß, daß jedes Wort mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich +hassen und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren Geistes, +reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben erzwingen für das, was sie +verkünden und was ich nur stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts +ist in mir, das den Willen rechtfertigt, gehört zu werden, außer dem +Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung. + +In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu euch reden von +unseren gemeinsamen Schwächen, Trübheiten und Klärungen, so muß ich frei +vor euch mich zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, damit +ihr ungetäuscht so hart und milde wie ihr wollt urteilt, und muß euch +sagen, wer ich bin. + +Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche +Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche +Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in +lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines alten +Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen, +den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn +ich war mir des Widersinns der Gaben bewußt. Das Handeln war fruchtlos +und das Denken irrig, und oftmals wünschte ich, der Wagen möchte +zerschellen, wenn die feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins +Gebiß legten und die Arme erlahmten. Das Alter sänftigt. Noch immer ist +der überschüssige Wille nicht ganz gebrochen, noch immer stehe ich im +praktischen Handeln, doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal +scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas in meinem Denken +befruchtet worden, als habe die Natur mit mir den Versuch vorgehabt, wie +weit betrachtendes und wollendes Leben sich durchdringen können. Ein +Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum ersten- und zum +letztenmal, nicht freiwillig, sondern von Not gezwungen, mich den +Getrieben des Staates näherte, da wurde durch das geringe Werkzeug +meines Kopfes und meiner Hände vom deutschen Willen aus einem Gusse +eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines Einzelnen +beschlossen ist: die bewußte Schöpfung einer neuen Wirtschaftsordnung, +die nicht vergehen kann und alle künftigen Wirtschaftsformen in ihrem +Schoße trägt. Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde Stamm +nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun schüttet er die verspäteten +Knospen und Blätter in euren Schoß. + +Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern der geistige +Niederbruch, den er offenbart, nicht die Furchtbarkeit dessen, was ist, +sondern dessen, was war und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein +Gewitter zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig und +absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder da anzufangen, wo sie +aufgehört haben, am liebsten möchten sie ihn als Mittel betrachten, um +einige ihrer alten Zwecke zu erreichen. + +Andere trösten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher Evolutionen: +immer haben Kriege die Übergänge der Wirtschaftsformen begleitet, dieser +ist größer, doch nichts anderes; wir werden den Endzustand erwarten und +versuchen, ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben nur zur Hälfte +Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der Weltbrand des europäischen +Sozialgebäudes, das nie wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede +Brandstätte ein Baugrund, manche ist wüst geblieben und manche zur +Spukstätte für Gespenster und Gesindel geworden. + +Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so wie es ist, nicht als +mannhaften Zweikampf, nicht als frisch-fröhlichen Reiterkrieg, sondern +als Weltgericht: diese wenigen haben es verkündet, nicht als +politisch-wirtschaftliche, sondern als sittliche Notwendigkeit, als +Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, die Würde und +Gerechtigkeit der westlichen Welt zu wecken und zu retten. + +Wir gingen zugrunde mit aller Üppigkeit der Technik und mit dem +verruchten Stolze unseres banalen Wissens; und wir gehen weiter und +unaufhaltsam zugrunde, mit und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht +begreifen und uns ermannen. + +Noch jetzt, im fünften Jahr, sind die Nationen nicht fertig, ihre +Kriegsgründe, Kriegsursachen und Kriegsziele zu erklügeln – freilich, +sie wissen sie nicht und werden sie nicht wissen! – Weltanschauungen zu +erdichten und zu ertüfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander +vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mißvergnügten Reisenden +erlernt haben. Noch heute beschimpfen sich Staatsleute und strafen sich +Lügen, und deuteln an ihren Forderungen. Nüchterne Polizeiideale werden +angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzüge werden gepredigt, unüberzeugte +Gerechtigkeiten werden gefordert. Und im Innern der Völker blüht +Kriegswucher, Geschwätz und Roheit, während treuherzige Jugend an den +Fronten verblutet. + +Was sind alle Zerstörungen und leiblichen Opfer verglichen mit den +Zuckungen und Verzerrungen des europäischen Geistes? Dies Leiden ist +nicht dem Kriege entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd +sehen und fühlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. Und diese +Krankheit geht nicht mit dem Kriege, nicht durch den Krieg zu Ende; in +erneuten Schreckensformen, mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt +sie weiter bis zur tödlichen Erschöpfung. Die Geisteskrankheit, der +sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar nur durch die Macht des +Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr. Die nüchterne +Wirtschaftsrechnung verschlägt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen. + +Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren Tiefen. Kein +Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine Änderung der +Einrichtungen. Denn wäre selbst alles aufs beste geschaffen und +bestimmt, es zerschellte und zersplitterte am Wust der Interessen, an +der Überzeugungslosigkeit, an der Indolenz, an der geistreichen +Tüftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und sänke zurück ins +Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft sind die einzigen Formen, die den +anarchischen Körper im Scheindasein erhalten können, und beide ertöten +vollends den Geist. + +Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt ist: Kannst du +noch einmal den deutschen Geist zur Einheit der Überzeugung, zur Treue +der Weltanschauung aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des +Mittelalters, die bleibt uns verloren; es sei eine vielfältige Kraft, +doch darin einig, daß sie das Geistige über das Irdische stellt. Dann +mag sie vielspältig, mag sie vom Glauben aller Welt verschieden sein, +denn zwischen echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch +keinen tötenden Haß und jederzeit die wölbende Synthese. + +Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht Heilige, nicht Genien, doch +Geistige, Aufrechte, frei und weit Blickende, Würdevolle, Spendende, +Innerliche, Wirkende; nicht Umhüllte von Interessen, Standesverblendung, +Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei, eitler Geschäftigkeit? +Denn vergiß nicht: Wäre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht, +wir hätten heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich, +auf diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien –, überall der +gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche mechanisierte +Sicherheit, bestenfalls hier und da ein wenig weltfremde, spintisierende +Grübelei, und nirgends ein Mensch, der auch nur von ferne den alten +mannhaft Großen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden +Berufen. Die Besten des Landes sind einsam an ihren stillen Werken, +einseitig, aufgezehrt, gealtert, dem Treiben abhold. Wir alle müssen +abtreten, zurück in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere +nicht getan, wir sind nicht die Rechten. + +Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulänglichkeit bewußt, der +Wende unwürdig das Geschick sich erfüllen sahen, habe auch ich meine +Stimme erhoben, das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet und +das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert und dereinst erzwingen +wird, die Änderung von Einrichtungen und Gesinnung, den wirtschaftlichen +und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der +Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung irdischer Ordnung im +Reich der Seele. Unverbrüchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind +im Anzuge, ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind +erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im Geiste verwirklicht. + +Doch die Liebe zur Heimat überwiegt alles und verlangt, die kommende +Gerechtigkeit und Adelung möchte als ein Werk deutschen Geistes, als ein +Geschenk deutschen Herzens an die Völker in die Welt treten, +Deutschland möchte nicht zag, spät und verdrossen dem Weltlauf folgen, +Deutschland möchte den Anspruch auf Führung und Verantwortung, also den +Anspruch auf eigenes Leben nicht mürrisch und verbittert jüngeren +Völkern preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd hinter +trockenen Rechten und böser Gewalt zu verschanzen. + +Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen? Wo sind +in dieser Zerfahrenheit der Interessen, der Stumpfheit, der +selbstverliebten Geschwätzigkeit, in dieser Unklarheit der Wertungen, in +der prüfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in der Verfilzung +der Staatseinrichtungen – wo sind noch Ansätze möglich für die +Keimkräfte des neuen, reinen, freien Lebens? Kann es außerhalb einer +politisch beeinflußten Tagesmeinung überhaupt noch eine geistige +deutsche Überzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken entständen, wirkliche +Gedanken des Geistes und Herzens, Ideen, nicht Forderungen alltäglicher +Nützlichkeit noch gehässiger Zeitungs- und Versammlungsdunst –, können +solche Gedanken in Deutschland noch Träger und Verwirklicher finden? Ist +unser Volk einer nicht bloß herkömmlichen, nicht bloß interessierten, +nicht bloß agitatorischen Anschauung noch fähig? Was sind überhaupt die +Voraussetzungen für die Möglichkeit einer deutschen Anschauung? Und sind +sie verwirklichbar? + +Die erste Prüfung endet freilich schlimm. In keinem Lande der Erde wird +soviel wie bei uns von Anschauung, Weltanschauung, Kultur und Ideal +geredet. Das kommt daher, daß wir in der vormechanistischen Epoche eine +wundervolle Blüte des Geistes erlebt haben. Das war in einem kleinen, +in den Tiefen kaum emanzipierten Volke mit einer Schicht von knapp +fünftausend Gebildeten, einem Volk also, das eigentlich nur aus +sichtbarem Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte, +uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten drei Menschenaltern +war die Zahl und Kraft der idealistischen Geister so gering, daß es +zweifelhaft erscheint, ob unsere wissenschaftliche, technische und +organisatorische Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient. + +Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen nach der +Weltanschauung und den Idealen, für die wir kämpften. Wir erklärten +ihnen, unsere Feinde seien Händler, wir aber verträten eine heldenhafte +Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns herrschende +Kapitalismus abgeschaltet werden mußte, der technisch-organisatorische +Teil der Kriegführung im Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt +wurde, wieweit wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, die in +unserem Namen die Welt versorgten, in das Heldenideal einzubeziehen +wünschten. + +Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen Freiheit beschieden, das +weniger eine Freiheit als eine sympathische Unfreiheit war, das +auffällig mit den herrschenden Zuständen übereinstimmte und im Kern auf +einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief. + +Auch das altliberale Bürgerideal hat man uns anzupreisen versucht, mit +schüchterner Loslösung von seinem englisch-französischen Ursprung, das +gern auf demokratische Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden +freisteht, ungestört und unbekümmert vom Nächsten und vom Staat, seinem +förderlichen Beruf nachzugehen. + +Die sogenannten Machtideale bedürfen keiner Erwähnung. Sie passen auf +jeden, der die Mittel zu haben glaubt oder sucht, um sich auf Kosten +anderer Vorteile zu schaffen. + +Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, und wir beschäftigen +uns wieder vorwiegend mit Interessen und Tagesfragen. Wo sind die +deutschen Ideale, wo sind ihre Träger? + +Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum großen Teil von +Schulagitatoren geführt werden. Wir haben acht Millionen unselbständige +in der Landwirtschaft Beschäftigte, die sich nicht organisieren dürfen +und nicht Träger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch +geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit Minderung bürgerlicher +Rechte drohen dürfen. Wir haben die Stände der Interessierten, die mit +der Dialektisierung ihrer Gewerbe befaßt sind. Wir haben eine +Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. Wir haben einen +selbständigen Mittelstand, der nach den Gründen seines Niederganges +sucht. Wir haben ein Großbürgertum, das nach Beziehungen und +Beförderungen lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand, +der zur Verteidigung alles Bestehenden erzogen ist. Wir haben +Interessenvertreter und Ortsgrößen, die im politischen Leben stehen und +ihre Wünsche und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in +Übereinstimmung zu bringen suchen. + +Und dennoch! Solange noch Selbstbewußtsein und Willenskraft in uns ist, +lieber in tätigem Glauben und edlem Irrtum vergehen als in kranker +Resignation und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu dir, +deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten des Lebens nicht +zermürbt, die wütenden Interessen und giftigen Händel dich nicht +verfeindet, ein großes Schicksal hat dich verschmolzen und geläutert, +hilf die Quellen des schmachtenden Landes erschließen. + +Laßt uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Laßt uns durch die Öde des +Zweifels schreiten, laßt uns an das Tor des Glaubens pochen, laßt uns +das Schicksal unserer Prüfung befragen und unserer eigenen Seele tief +ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht entmutigt heim. +Müßten wir auch ein schweres Teil der Völkerschuld auf uns selbst +nehmen, müßten wir tiefe Sühne und Einkehr von uns selbst verlangen: +Laßt uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir anderen das +Behagen der Beschönigung und des Selbstlobes, das seit vier Jahren zur +schamlosen Pest der Völker geworden ist, und suchen wir den Weg zur +alten Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes Erbteil +war. + +Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, wie fern wir dem +Lande unserer Verheißung sind, genug, wenn wir heimkehren mit der +Botschaft, daß unser Schicksal bei uns selbst steht, daß wir inne +geworden sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer +Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt. + +Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, und den härteren, +den wir kämpfen werden, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und +die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt +und sie zum Phönixopfer weiht. + + + + +Zweifel + + +Wir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu +preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form +einer liberal aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte exakte +Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus, +gesellschaftlich die bürgerliche Streberei. Das Reich und die Großmacht +war begründet, einen Schritt darüber hinaus gab es nicht; das Bestehende +hatte recht, wer Einwände erhob, bekam es mit Bismarck zu tun oder mit +dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder mit den »besseren« Ständen. +Alle Gebiete des Lebens überschattete die Autorität des unbestrittenen +sichtbaren Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverständlich, Urteil +und Rat vom bereicherten und kaufenden Bürger und der gebildeten +Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, soweit sie nicht als verderbt galt, +fügte sich den genehmigten Idealen, ja überbot sie; der oberste der +genehmigten Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte +Beamte, das heißt Juristen, die Laufbahn verlangte gesellschaftliche +Garantien, das heißt studentische und offiziermäßige Korporation. Die +Vorbilder wirtschaftlichen Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht so +machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb hatte eine +gesonderte Aufstiegsordnung, in der ein umfangreiches Assistentenwesen +und Einheirat eine gewisse Rolle spielten. + +Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb +unbewußt in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autorität +und Streberei gezwängt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum +eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, des altmodischen +Bramarbas und des bezopften Renommisten: den Patentscheißer. +Aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem +Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften +Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers +nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerliche +Prüfungsreife erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges +und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um +Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und +Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja +anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk +regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. Gewiß, es gab auch +zahlreiche andere Vertreter der akademischen Jugend, vor allem die, +deren Mittel zur Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine +Befürchtung, daß die Generation der achtziger Jahre uns den Ausfall +einer geistigen Ernte im öffentlichen Leben kosten würde, hat sich +erfüllt. + +In den Formen des ländlichen und kleinbürgerlichen Lebens haben wir uns +stets bescheiden, sicher und würdig bewegt. Für gesteigerte bürgerliche +Lebensform ist ein gültiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht +geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich, +patriarchalisch, stadtfeindlich, der größere international und +abgesondert. Der Soldatenstand ließ nach außen nur einen kühlen Schliff +erkennen, der zu brutal übertreibender Nachahmung verführte, das +Beamtentum, wirtschaftlich gedrückt und stolz verzichtend, machte in +seinen Formen die Abwehr fühlbar, die ein Leben in unterordnenden und +spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten bedingt. Patriziat und alter +Reichtum, in Deutschland selten und versprengt, fand in sich kein +Gleichgewicht und drängte zum Adel und Hof. + +So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild der Lebensform, des +Benehmens und der Gesellschaft; unzusammenhängende Konventionen wurden +unverstanden gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, zur +Schaffung eines geschlossenen äußeren Erscheinungsbildes reichten sie +nicht aus. Der erzieherische Nachteil dieses scheinbar äußerlichen +Mangels für jedes heranwachsende Geschlecht wird unterschätzt. Er läßt +den jungen Menschen die Würde und Sicherheit einer anerkannten Schulung +entbehren, verführt zu einem billigen Individualismus, der nur +Formlosigkeit ist, erschwert die Schätzung und Gemeinschaft einer +körperlichen Kalokagathie, bewirkt Rückschläge in eine pomadisierte +Pöbelhaftigkeit und ermöglicht die Entstehung von wechselnden +Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet werden würden, und von +denen das der achtziger Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet. + +Diese Sorge ist vorüber, denn kommende Zeiten werden die Spaltung der +Kasten nicht kennen, der aristokratischen, militärischen und +bureaukratischen Vorbilder nicht bedürfen, sondern ihre Wertungen aus +menschlichen und volkstümlichen Vorstellungen schöpfen. Für uns bestand +sie, euch blieb sie erspart. + +Denn ihr hattet das Glück, im Widerspruch zu erwachen. Eure Kindheit hat +der beginnende Wohlstand des Landes gepflegt, ein erwachendes +Schrifttum, eine nicht volkstümliche Kunst hat euch ein Widerspiel zur +Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewußtsein erweckt und durch +Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte Lösung von der Autorität, die +einigen von uns glückte, andere brach, war für euch kein Problem, denn +ihr seid frei geboren. Eure Väter konnten euch nicht die +Unwiderleglichkeit großer Schöpfung entgegenhalten, sie hatten nur die +Mechanisierung emporgehoben, der sie fruchtlos dienten, den Staat und +ihr eigenes Machterbe verwahrlost, und euch mit einer gewalttätigen, +rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, die sich anpreisen +aber nicht verteidigen konnte. Freilich waren auch unter ihnen große +Männer, deren Arbeit Gutes schuf und ohne ihr Wissen Künftiges +bereitete, doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis auf +seine Wurzeln des schöpferischen Zweifels, und die äußerlich glänzendste +Epoche, die je der Erde beschieden war, die dicht an das künstliche +Paradies der Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen +Schrankenlosigkeit und des ewigen Wohlstandes rührte, erstarb im Geiste. + +Ihr durftet zum Bewußtsein erwachen, und wenn uns Älteren ein Anteil an +der Freude dieses Erwachens zufiel, so war es der, daß einige von uns +versucht hatten, der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken, +ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreißen und mit der Gewißheit +der aufsteigenden Seele heimzukehren. Selbst eure Väter hatten euch +vorgearbeitet; sie waren der alten Strenge und Herrschgewalt nicht +fähig, denn die fordert zweifelfreie Überzeugung und Überlieferung, sie +aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativität, die verstehen +wollte, aber nicht werten. Unschlüssig lockerten sie das Band der +Schule; da floß viel Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird, +und schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, Verwalter und +Richter des geistigen Erdenguts sein soll. Dafür wurdet ihr freier, und +lerntet fühlen, daß Jugend, bloße Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des +Wollens und Handelns ein erfüllendes Glück ist. Ihr wandtet euch ab von +gepriesenen Werken und Kämpfen, dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor +euch den Trunk ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin – dies +ist euer schönster Gewinn – wohin nicht viele Geschlechter gedrungen +sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit und Freundschaft. Viel fehlte +nicht, so hättet ihr euch von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit +losgesagt und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden. + +Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft zu Bäumen, +Tieren und Menschen. Manches Lied und mancher Vogelruf wurde euch +vernehmlich, und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und lerntet +die Namen der Kräuter und die Spuren der Tiere auf morgendlichen Wegen. +In Nächten saßet ihr beisammen und sprachet von freier, verantwortlicher +Bestimmung des Lebens, von einem Dasein ohne Haß und Gier und vom +Erwachen des Geistes. + +Den Dämonen konnte dies Dasein ein träumerisches Spiel scheinen, zu +leicht und glücklich selbst für die Jugend Erdgebundener. Da geschah die +Berufung, die euch vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit +schlug und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung für künftige Wende +zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff euch und viele durften siegend +sterben. Der Zeiger der Geschichte steht still, solange die Urkräfte und +Titanen ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch +und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr. + +Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, die ihre Unschuld und ihr +reines Glück, furchtlos, das Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne +Frage ins Feld getragen haben. Sie sind der blühende Leib und die +lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind sie mit der Meinung +und Wertung des Tages zufrieden, mit leichten Erklärungen einverstanden, +leiblich und geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber werden +sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, und wenn sie reinen Herzens +bleiben, tun, so Gott will, was not ist. + +Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf und das Weh der Erde zum +zweiten Male sich abspielt, die in der Angst der Schuld und in der Qual +des schöpferischen Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt, +sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue Gestaltung +emporzutragen. Ihre Verantwortung ist es, wenn die Dinge des Landes und +des Erdteils so bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die +treibenden Kräfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die Völker als +Fremdlinge, als Objekte in den Häusern ihrer Staaten sitzen, wenn +Ungerechtigkeit, Haß, Gier und Entseelung den entfleischten Erdteil von +Kampf zu Kampf in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr ist +Zermürbung der großen Aufgabe und ihrer selbst durch unergriffene +Klügelei, durch selbstverliebte Theoretik, durch flache Originalität. +Erschreckt nicht vor dem einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit +in der verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, vor +aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; das reine Herz +muß sie finden. + +Mit ihnen, den Zweifelnden, muß ich reden. Nicht als einer, der weiß und +sicher ist, sondern als einer von denen, die mit ihnen leiden und +suchen, die fühlen, daß alle Gemeinschaft ein Bekennen ist. + +Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? Es gibt nur +täuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? Es gibt keine absoluten +Werte. Was ist ein Ziel? Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht +ist, zu neuen Zielen hinwegstrebt – oder eine unerträglich süße, falsche +Seligkeit. Was sind menschliche Triebkräfte? Genuß und Macht. Was ist +Tat und Opfer? Zwang unfreien Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine +Konvention des Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die +wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was ist Dasein? Eine +Verirrung des Absoluten, aus dem es nur den Ausweg gibt in Traum und +Nichts. + +Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle dieser Sätze für wahr +zu halten. Nur sollte er dann so ehrlich sein, wie es Skeptiker und +Pessimisten nicht immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf +Gültigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht versuchen, mit +dürftiger und verhohlener Anleihe aus anderen geistigen Breiten eine +Hütte zu zimmern, in der man den ungeselligen, unbequemen, +unmaßgeblichen Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus +oder Epikuräertums stillschweigend und verstohlen gegen wohnlichere +Gerätschaften vertauschen kann. + +Drängt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so haben wir schon unbewußt +und unbeirrt die Wahl getroffen. Unser Wollen erhält nicht mehr sein +Licht aus der Dämmerwelt des Intellekts, sondern aus dem höheren und +reineren geistigen Bezirk der Seele, die sich nicht vor unteren +Instanzen zu verantworten hat, sondern die selbst die höchste, an der +Grenze des Irdischen waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den +Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede Quelle höheren +menschlichen Willens entsprungen ist, gleichviel, ob der geometrische +Verstand sich nachträglich entschließt, aus handfesten Brocken, Symbolen +der Erscheinungswelt, Brunnenränder und Deiche zu erbauen. In diesem +Reiche, das alles Sittliche umschließt und uns mit dem Göttlichen +verbindet, sind wir frei und bedürfen keiner Beweise und Überredungen, +denn was wir aus heiligem Bezirk unberührt herniedertragen, leuchtet und +leuchtet ein, es überzeugt durch sich selbst, aus eigener Kraft. Nur +dann jedoch wird das prometheische Werk armer menschlicher Kraft +gelingen, wenn wir dies Reich der Seele nicht verleugnen, wenn wir +streben, auf seinem Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben +wollen, ohne den wir nichts wollen können, wenn wir an den Willen +glauben, ohne den wir nichts glauben können. Hier liegt die Synthese des +Transzendenten und des Rationalen. Unberührbar, aus hohem Reich gegeben +ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskräften verbündet und +anheimgestellt ist das Wollen und der Plan. + +Der nächste Zweifel kommt von der Schulweisheit. Alle Weltverbesserung +ist Utopie. Nie hat sich das innere Wesen des Menschen geändert, +Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen +vermehrt sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! Sie kommen +vorwärts. Doch wer auf eine Änderung, gar eine Veredelung der +menschlichen Triebkräfte, auf eine Versittlichung der Gesellschaft, der +Wirtschaft hofft, der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und mag +Narren trösten. + +Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die es werden wollen, in +der forschen Überzeugung ihrer forscherischen Überlegenheit. Dann wenden +sie sich wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einfluß der Pappdächer auf +den Geburtenüberschuß, und vergessen, daß wenn die Welt im Großen nicht +gebessert werden kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen. + +Nie bin ich müde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche +Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, daß sie uns zeigen kann, +wie sehr von Urzeiten und Urstämmen her das Wesen des Menschen sich +geändert hat. Wäre dies Wesen aber auch in sich selbst unveränderlich, +so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert die Änderung der +herrschenden sittlichen Bewertungen und mit ihnen die Umstellung alles +Benehmens. Wenn in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder +einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa auf die Begriffe der +Unbestechlichkeit, des Mutes, der Wahrhaftigkeit eingestellt werden – +und das sind Vorgänge, für die wir im eigenen Lande Beispiele haben –, +so ist die Erörterung müßig, ob damit über lang oder kurz alle zur +Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; sicher ist, daß die +Bestechlichen, die Feigen und die Lügner mit ihren Lastern nicht mehr +frei hervortreten, und daß diese Laster aufgehört haben, die +Gemeinschaft zu beherrschen. Immer wieder übersieht man, daß alle +Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung sehr ähnliche Mischung +aller sittlichen Qualitäten enthalten, und das sittliche Aussehen und +Wirken weniger von den überwiegenden Qualitäten bestimmt wird, als von +denen, welchen gestattet wird, an die Oberfläche zu treten. Welchen aber +diese freie Bewegung gestattet wird, und welche anderen gezwungen +werden, sich im Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche +Bewertung, also im Gegensatz zu überkommenen Eigenschaften, der freie +sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch zur eigentlichen +herrschenden Kraft wird. + +Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und Vergangenheit +dadurch enthoben, daß er nicht auf der Ebene physischer Umgestaltung, +sondern auf der Ebene bewußter Wertung tätig wird, ist somit die Frage +nach der Veränderlichkeit des Gemeinschaftscharakters eine falsch +gestellte Frage, so wird auch die Prüfung des Problems vom wachsenden +Glück ergeben, daß dieser Zweifel die Grundfragen des menschlichen +Wollens leichtfertig verkennt. + +Wir sind nicht da um des Glückes willen. Unser Wille ist nicht da, noch +weniger ist Entwicklung da, um unser Glück zu vergrößern. Wir schreiten +nicht den Weg der Beglückung, sondern den Weg der Vervollkommnung, den +Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glück darüber zugrunde geht. Und wir +schreiten diesen Weg nicht bloß, weil wir müssen, sondern weil wir +wollen, weil es noch andere treibende Kräfte gibt, die in uns selbst +liegen. + +Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken und sagen, +damals seien sie glücklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr. +Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen +Glücks wägt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns +nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit einem absoluten Maß +an Glücksgefühlen begabt, das alles Maß unserer seligsten Empfindungen +weit übertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es +entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, die Glücksstufe ist mehr als +die Glücksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das +Geschick alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen als +das unsere. Könnten wir uns entschließen, alles zu vergessen, was wir +sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu +sein? Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und die +Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller großen Epochen, von der +deutschen Musik, vom nördlichen Frühling, vom Glauben des Ostens und +Westens, von zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der +Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben: +Könnten wir uns in engen Landstädten, in gerätelosen Kammern, in +gleichförmigen Marktversammlungen, mit einer auserwählten aber +vergleichlosen Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie unseres +Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine +Rückkehr zur einstimmigen Melodie. + +Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedürfen wir nicht; +denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen +und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht +uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des Tuns. Ein Denken, über +das man sich, bewußt oder unbewußt, stets hinweggesetzt hat und +hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden. +Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil +aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist unzuständig, überdies ist +dein Urteil falsch und unvollstreckbar. + +Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Engländer +hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer +Gründlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen +sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stämme, der +Überlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung +die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten +der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkür des +Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, alles Überraschende ordnet +sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese +Betrachtungsweise hat für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles +Denken durch gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen +lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu +vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, ja alle Naturereignisse +und Wirrnisse erscheinen als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der +jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis +zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv, +sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre +Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige +Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als Störungen, als +feindliche Mächte – freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben, +nachträglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen +Vergangenheitswurzeln bedacht –; im Vorblick wirkt die historische +Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen, +ja unentbehrlich. + +Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte +sie sich beschränken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die +gemütvolle Verführung der wissenschaftlichen Romantik lange genug +gehemmt; eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen Wende, +die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee +fremd, abstrakt, rational, der lokalen Färbung und des gewohnten +heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem +ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. Ist die Idee +verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenständigkeit, die +eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde. + +Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden +stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und +nur seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von anderen +überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, dafür ist gesorgt, +seine eigenen Wurzeln werden ihn zurückhalten. Alexander hätte nicht den +Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die +neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren über +Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich hätten sie +vielleicht einige aufklärende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom +Rückblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel, +der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein +anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast +entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschätzt die +Fliehkraft des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger wird, je +weniger er sich um die irdische Bindung kümmert. + +Ein ganz tatsächliches Moment sollten die Verehrer des ruhigen Flusses +und der Überlieferungskräfte nicht vergessen: Die Völker, mit denen die +nationale Erinnerung sich in feierlichen Augenblicken identifiziert, +leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Römer, die Franzosen keine +Franken und die Deutschen keine Germanen. Die Verschmelzung mit +Unterworfenen und mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die +Völker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch weit mehr, als +man zuzugeben geneigt ist, untereinander angeähnlicht. Die geistigen und +körperlichen Verschiedenheiten der Proletariate Europas, die heute schon +die überwiegenden Massen der Völker ausmachen und daher auch die +eigentlich Kriegführenden sind, erweisen sich als sehr gering. Der +Umschichtungsbewegung, die in Deutschland die letzten fünf Jahrhunderte +erfüllt, entstammt die ganze sichtbare Änderung unseres Völkerlebens; +die Einrichtungen sind den Änderungen der Substanz nicht vorausgeeilt, +sondern zeitweise um große Strecken zurückgeblieben; man erinnere sich +der kleinen Einzelzüge: daß vor dem Kriege das Wort Volk in der +offiziellen Sprache verpönt war und nicht an den Reichstagsgiebel +geschrieben werden durfte, und daß jede Verteidigung des Begriffes der +Demokratie an Staatsverbrechen rührte. Zweierlei sollten die +kryptokonservativen Denker im Auge behalten: einmal, daß die Wasser der +Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das Freiheit heißt, und +sich niemals haben umkehren lassen, sodann, daß überlange Stauung die +Dämme bricht. + +Der ernsteste Zweifel ist der chaotische. + +Es kann geschehen, daß das Entsetzen der Zeit in einem Menschen so +mächtig wird, daß er Heilung nur noch in der Vernichtung sieht, in der +Feuerverzehrung selbst, im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das +Entsetzen der Zeit – ist denn dieses Entsetzen größer als das Entsetzen +früherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse das Mächtige, ist denn der +Mord der Millionen schwärzer als der Mord eines Einen? Sind denn +geschlachtete Städte und Landstriche der Großkönige und Pharaonen, Khane +und Cäsaren mildere Opfer gewesen als die der Handgranaten und Gase? +Freilich nicht; menschliches Elend wächst nicht über sich selbst hinaus +durch angehängte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes als die +Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte Feuerflut das +vorbildlose Grauen der Jahrtausende, und es ist begreiflicher, daß +manche, die es erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben, +an nichts verzweifeln. + +Alles frühere Elend war ein Geißelschlag, der auf den Rücken der +gesunden Erde sauste. Getroffen wurden von der Furie zwei Heere und was +ihnen in den Weg kam, das andere blieb gesund. Der Dreißigjährige Krieg +war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie blieb im Raume +beschränkt. Den wahren Vergleich dessen, was wir erleben, nein zu +erleben beginnen, bietet der fünfhundertjährige Brand, in dem ein +Weltzeitalter sich löste. In der Schmelzglut versank die südliche Antike +und die mönch-ritterliche Strenge des Nordens stieg empor. Doch auch +diese Krisis war innerlich milder, denn sie betraf unbewußte +Geschlechter in der Gestalt eines objektiven Schicksals. + +Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der Sinnlosigkeit, die +selbstgeschaffene Hölle. Nicht Eine verantwortungsvoll lebendige Seele +will das Leiden, und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in +Duldung und Haß, in Widerstreben und Furcht das Leid des anderen und das +Leid der Welt zu mehren. Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tägliches +Brot verzehrt, ist mitschuldig, schädigt und tötet, keiner kann sich dem +Geißeltanz entziehen, je heißer er blutet, desto wilder muß er schlagen. +Keiner weiß den Sinn, keiner den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm +als Trost nur der selbstentfachte Haß und die zitternde Empörung über +die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den Ausweg, denn wem es +schlecht geht, der kann nicht beenden, und wem es gut geht, der wird +gezwungen, seine Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz +nicht stumpf ist, fühlt, daß die Schlechtigkeit des anderen es nicht +allein sein kann, daß hinter allen Schlechtigkeiten ein böses Schicksal +steht, und daß dieses Schicksal die Ungerechtigkeit aller ist. Und +deshalb wiederum fühlt man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen +Not, fühlt man, daß sie nicht zu Ende gehen kann wie die Entscheidung +eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht durch Buße und Erstattung löst. +Noch immer zwar, weit tiefer als man weiß und zugibt, ist die Welt +durchsättigt von der Vorstellung des Gottesurteils, von der Verwerfung +des Besiegten, von der Rechtfertigung des Siegers, daß der Sieg an sich +nach Gottes Wohlgefallen neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, daß +der Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer unter die Füße +gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung nach freiem Ermessen, wie der +Ausdruck lautet: auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mißerfolg ein +tieferes Gefühl als Enttäuschung und Kummer, nämlich die sittliche Angst +vor der Verwerfung, bei jedem Erfolg ein höheres als Freude, nämlich die +Sicherheit, auf der Seite des kämpfenden Gottes zu stehen; daher die +wachsende Hemmung gegen Verständigung: Denn wie sollte der jeweils vom +Gott Beschirmte, der Träger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem +vor aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? Und die +urzeitliche Vorstellung wird bekräftigt durch den öffentlichen +Wettbewerb der Beteiligten um die Gunst des Schlachtengottes, von dem +man annimmt, daß sein Entschluß durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung +und Buße wo nicht geändert, so doch gestärkt werden könne. + +Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, das Entsetzen +auf den Kometen und den Zorn der Dämonen abzuwälzen, der in seinem +Inneren alle Schuld und Verantwortung für das widerwillig +selbstgeschaffene Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung so +überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins Chaos flüchtet. Es kann +ihm geschehen, daß er getrieben wird, alle Werte anzutasten, daß er die +Frage wagt, ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte, +Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft so hoch erhaben, so +tief gegründet sind, daß in ihrem Namen die Welt friedlich und +kriegerisch sich in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und +Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen +Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe. Der Zweifel kann +sich versteifen, wenn berufene Ausleger des Wortes, zwischen Schrift und +Wirklichkeit gestellt, die Gebote der Liebe außer Kraft setzen oder +durch gewagte Deutung den kämpfenden Mächten unterwerfen. Ist denn nicht +den Armen und Ohnmächtigen das Himmelreich verheißen? Ist nicht die +Verkündung allen Völkern gepredigt? Ist es nicht göttlich, Unrecht +erleiden? Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater im +Himmel und ein Land die Erde? + +Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im +guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden? + +Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es +mehr an als dem Deutschen, der über Zeiten und Räume blickt, die höhere +Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das +den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden Natur genügt, wenn es +widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens +überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen +die Kunst das schönste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus +den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres +Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und +des animalischen Reiches stehen: daß die widerspruchsvollen Bedingungen, +denen die Schöpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, und +daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird. +Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die +Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, die +Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die +Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der +Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Träumerei, die +Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die +Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Härte der +Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glück und die +Sehnsucht zum Leiden, die Dämonie der Leidenschaft und die Stille der +Verklärung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so +unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit des +Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfüllbarer +Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste +aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann +man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im +Äußeren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermählen. + +Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder +resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten +kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die +volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und +Leidenschaftliche, Tätige und Betrachtende, Schaffende und Genießende in +rechter Mischung enthält, so kann sie den Schein eines vollendeten +Volkes und einige seiner Richtkräfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem +wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der +Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile, +das Ziel der Hellenen muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß +es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf +um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man früher +nachgesagt, daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles +Vorzügliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den +Verzicht der Beschränktheit zu wählen. Uns steht nicht an, was dem +Orientalen gewährt ist; selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht +auf Tätigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung +verzichten. Unser abendländisches und deutsches Los verlangt zum +Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das +Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit dürfen wir +nicht die Familie und nicht die Nation übergehen, auf dem Wege zur +Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das +Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den +Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prüfen, +sondern bekräftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, daß von den +greifbaren Dingen auch die höchsten nicht Selbstzweck sind. + +Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: Auch wenn wir die +Ganzheit der nationalen Güter wollen, so könnte es sein, daß aus der +Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet, +sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei +es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was +bedeuten für die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, aus +der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt. + +Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich +Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen +wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit +auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und +äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den +Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein +Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas, +das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische +Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als +Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und +Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch +Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt. + +Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht. +Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweißes und der Tränen, wo der +eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk springt +nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche +Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es +ein kindliches und beseeltes Volk ist. + +Das russische Volk wird alles nachholen müssen, was Völker begangen und +erduldet haben, den Sündenfall der Bewußtheit, den Zweifel, die +Selbstvernichtung, die Binnenkämpfe, das innere und äußere Schicksal. +Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige Krieg, die Zerstampfung +durch alle Nachbarvölker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und +Parteien bevor. Wie ihr französisches Vorbild wird die russische +Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach +und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird +in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die französische +Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos +verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die französische +Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Römer, +sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers, +das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und +die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois +Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie +erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die +organisch durchstaatlichte Wirtschaft. + +Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der +östlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhänger +nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um +das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um +das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflösung, +sondern ein Aufbau, nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen, +sondern die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht ist +für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen +Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche +Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu schaffen, +obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit +tödlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Länder haben zu viel zu +verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden +in der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein Umbau +gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Stützen erhalten +bleiben. + +Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo +Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionär, als es uns +bestimmt war, es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung +diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig politischer und +sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt, +Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber +zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von +Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem Sozialismus und +undemokratischem Liberalismus. Den künftigen Aufbau aber werden nicht +ungezogene Massen und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein +ernstes, überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, wird ihn +erarbeiten: das Volk eurer Tage. + +Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende +Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse des hadernden Verstandes. +Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit, +nicht der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders, +nicht das Achselzucken des kleineren Übels wirkt die Wende des +Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos +freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube. + + + + +Glaube + + +Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens +geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrückten Quellen +unseres und des kosmischen Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur +zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber muß zwischen dem +Unvergleichbaren wählen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten. +Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben +zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklären es zum +Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das +Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der +Schöpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der +Willensregungen bricht. + +Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum +erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies +Übel für größer? diese Freude für reiner? dieses Streben für höher? +diese Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier den Sinnenreiz +und dort die Mühe? Warum hier das gegenwärtige Übel statt des künftigen, +dort das künftige statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier die +Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde und da die Entsagung? +Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff +unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende Geschlechter? +Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode? + +Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid +und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glück, Tagessorge und +künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, göttliche Liebe und +irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, vergleichen das +Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so. + +Verschmäht man die Begründung: wir handeln aus Angst und Gier, aus +Furcht vor Entbehrung, Langeweile, Verachtung, göttlicher Strafe, +Schmerz und Tod, aus Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz, +Belohnung und Wechsel; verschmäht man dies menschenunwürdige Bekenntnis, +so ist anerkannt: Richtkräfte unseres Lebens sind absolute Werte. Diese +Werte können benannt, aber nicht begründet werden. + +So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem Lande uns die +Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt ist, so wenig kann die +Gedankenkunst der Philosophie uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust +du das, so geschieht das. Mir scheint dies das größere, jenes das +kleinere Übel, dies das höhere, jenes das geringere Gut. Sie schließt: +du sollst, oder: du mußt. Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich +soll? aber ich will nicht. Ich muß? nein, ich kann auch anders. + +Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt die Faust und +droht, oder sie wendet sich ab und schmäht. + +Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, oder sie sind nicht. +Wer ehrlich ist, weiß, daß er manchmal Folgen mit dem Verstande +abgewogen hat, niemals Ziele. Er handelt wie er handeln muß, nach +innerem Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist göttlich. Wer +Werte ergrübelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und nicht berufen. +Die Gründe, die jemand nachträglich für sein Handeln gibt, sind falsch. +Niemand weiß, was in irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein +tausendfältiges Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fühlungen und +Wollungen, und ein Innerstes entscheidet. + +Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern geschenkt. Geschenkt +dem, der reinen Herzens ist, und dessen Geist schweigen kann. Sie sind +das Geschenk überintellektueller Kräfte, deshalb bedürfen sie keiner +Begründung und keines Beweises, sie bestehen aus eigener Kraft, denn sie +entstammen dem Reich der Seele. Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man +nicht, und doch steht es himmelweit offen. Der höchsten Menschenmacht +ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens. + +Glauben! Zögernd gestehe ich euch, Freunde: ich liebe das Wort nicht. In +der griechischen und römischen Schrift stehen die Wörter πίστις und +#fides#, die heißen Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben +übersetzte, da stand dies schöne Wort seinem Ursinn näher, jetzt ist es +verwelkt und sagt nicht viel mehr als »für wahr halten«. Nur wenn wir +bekennen »ich glaube an Gott«, so erklingt der alte Glockenton. Nichts +steht dem Glauben ferner als das Meinen. Und so wie wir das +schwachgewordene Wort zum reinen Sinn beleben müssen, ist uns das +Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft erwecken sollen. + +Kränker ist das Wort Religion. Bei den Römern war es stark, es hieß +Bindung, eine rechte Knebelung mit Stricken, wie die Liktoren sie +pflogen. Wir denken leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen +gelehrt und geprüft wird, an ein bürgerliches Unterscheidungsmerkmal. +Man hat Religion das »Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit« genannt, das +betont die Bindung und entbehrt der göttlichen Freiheit; der Begriff der +Transzendenz ist erfüllt vom Denken; zuweilen möchte ich Gottesbund, +zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten Gottesfriede sagen. + +Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem Glauben, so laßt es +uns in großer Freiheit und ohne Schämen beginnen. Wir, die wir nicht in +Gemeinden knien können, wir wagen vor beschämter Ehrfurcht nicht, die +höchsten Worte auszusprechen und fürchten uns, unsere Seelen zu +entblößen. Wird es uns schwerer als den berufenen Glaubensverkündern, +diese Scham zu überwinden, um zu bekennen, wie es in unseren Herzen um +den Glauben steht, so soll es um so rückhaltloser geschehen, ja wir +wollen vor allem den Versuch wagen, in harter Selbsterforschung das zu +offenbaren, was jenen nicht obliegt: den unbewußten Widerwillen +gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den Glauben. + +Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. Abendländische +Sittlichkeit und Erziehung beruht auf der alten Verherrlichung des +Mutes, der Verdammung der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der +Wahrhaftigkeit, Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; Furcht +mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lüge, Zweckhaftigkeit, +Unterwürfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. Der Begriff der +Sünde besteht nicht. Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am +wenigsten Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur das +Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrät. Keiner Erlösung bedarf +es, der anständige Mensch getraut sich, mit Welt und Überwelt aus +eigener Kraft fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger +Mächte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, nicht im Stiche +lassen. + +Nie wäre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, das Mutideal zu +brechen und das Zeichen der Unterwerfung zu erhöhen, wäre ihr nicht die +aufquellende europäische Unterschicht gefügig gewesen. Die Kirche mußte +die Greuel der Hölle ins Unaussprechliche häufen, um den Funken von +Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, sie bedurfte der fügsamen +Kinderseele und der Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendländischen +Geistesleben nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das seltsamste +in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen von religiös begabten +Naturen und von Beschränkten ist der europäische Mann in der Blüte +seiner Jahre nicht Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine +Wochentagsanschauung mit einem Sonntagsglauben, der auf das Fühlen, +geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn Mutvorschriften, wie etwa +Zweikampf, in Frage stehen, muß die Glaubenskonvention schweigen; das +Gebot des Backenstreichs ist schlechthin Ärgernis. + +So mischt sich für den normalen männlich erwachsenen Europäer in die +Dinge des Glaubens ein Beigeschmack von Unwahrhaftigkeit, +Unterwürfigkeit. Widerliche Sünden bekennen, sich selbst hinstellen als +einen, mit dem man nicht verkehren würde, wenn man ihn träfe, Verzeihung +erbitten in unwürdiger Haltung und schlechtem Gewissen, erlöst zu werden +durch Gnade, von einer Gottheit, die das Gröbste an Schmeichelei +hinnimmt, ja vielleicht verlangt, die von ihren Anhängern eine geläufige +Konvention der Salbung in Rede und Gebärde fordert: das sind +Empfindungen, die mit Schrecken zurückgedrängt und verleugnet, sich ins +Unterbewußte flüchten und den Widerglauben nähren. Wer in seiner Jugend +eine Periode atheistischer Ungläubigkeit erlebt hat, der erinnert sich +unter allen Nöten und Leerheiten eines Gefühls resoluter Ehrlichkeit, +das lieber auf Trost und Heil verzichten als dauernd das Opfer der +Einsicht und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher +Widerschein dieses alten Gefühls dämmert auf, wenn wir einem handfesten, +naturwissenschaftlichen Atheisten begegnen; wir betrachten +kopfschüttelnd die selbstbewußte Gewißheit, mit der in den höchsten +Dingen der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir empfinden, +dieser Mann macht es sich nicht leicht, er hat es schwerer als wir, und +nicht aus unedlen Gründen. Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und +Pflicht, den Gottesleugner als Störer irdischer und göttlicher Ordnung +mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur ein Gefühl verärgerten +Selbstbewußtseins und unfreiwilliger Achtung erklärt die +selbstbetäubende Wut und schaustellende Verachtung jener eifernden +Gerechten. + +Vorblickend nehmen wir wahr, daß künftiger Glauben manches Erbteil von +Babylon und Zion, von Byzanz und Rom, ja einiges auch von Wittenberg +abstreifen wird; er wird ein freier und männlicher Glauben sein, ohne +Sündenlümmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, Schmeichelei, +Bettelei und Winselei, für uns Deutsche aber so, wie er aus deutschen +Herzen kommt, und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche +Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch weniger aber +sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte ist im Lichte der Weltensonne +nichts; der Glaube steht auf höherem Recht; wenn er Sünde zeiht, so +werden wir uns schuldig fühlen, wenn er Demut fordert, so werden wir uns +beugen, wenn er Erlösung verheißt, so werden wir sie begehren. Alle +diese Dinge aber gehen nicht vor im Bereiche der Wünsche und Ängste, des +hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, sondern +in der Stille des Herzens und nicht um Güterwerben, sondern um höchste +Werte. + +Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. Der Glauben steht +nicht für sich, mit der gläubigen Haltung ist es nicht getan, es +entsteht gläubiges Leben, Verkehr mit den göttlichen Mächten und sein +Abbild im täglichen Handeln. + +Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudämonismus, das Streben +nach irdischem Glück und Gut im göttlichen Verkehr, mit Milde +hinzunehmen, historisch gesonnen, wie nun einmal alles in unserer +formeldenkenden Zeit, erkennen sie im Eudämonismus eine der religiösen +Urformen, einen nötigen und erwünschten Durchgang zum reineren Glauben +und gehen leicht darüber hinweg, daß nur ein verschwindender Teil aller +Glaubensübung über eudämonistische Beschwörung hinausreicht. Wir jedoch +haben dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wenn wir wissen wollen, +welche unterbewußte Strömung viele Gemüter vom Glauben fernhält. + +Es soll dem ursprünglichen Menschen nicht verdacht und zu seinem Troste +gern gegönnt sein, wenn er die göttlichen Personen und ihre Gefolgschaft +für Wesen hält, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht bloß Glaube +und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, Sündenbekenntnis und Buße, +Danksagung und Lobpreisung, inständiges Gebet, ja selbst Gelübde und +Opfer bewegen die Mächte, von ihrem Vorhaben abzugehen und das zu +bewilligen, was man erbittet. Man bittet um Seelenheil und Segen im +allgemeinen, aber auch um Gesundheit und langes Leben für sich und +andere, um gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, Sieg. +Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, das durch +Parteinahme der Gottheit für einen der Kämpfenden entschieden wird. Da +nun jeder einzelne Dinge erbittet, die alle wünschen, die aber nicht +allen durchweg gewährt werden können, so entsteht ein Wettbewerb der +Frömmigkeit um die göttliche Gunst. + +Es darf nicht verkannt werden, daß manche innerliche, das Materielle +weit übersteigende Regung sich in diese gläubige Betriebsamkeit mischt; +dennoch ist ihr eigentliches Wesen nicht mehr Sache des Gemütes, sondern +der zweckdienlichen Überlegung und der zielbewußten Nachhaltigkeit. Denn +wer einigermaßen überzeugt ist, daß alle irdischen Segnungen sich auf +dem Bittwege und durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der wird +leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den Vorzug geben und alles +daransetzen, durch nützliche Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu +schlagen. + +Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die Schlechtesten, die +den Weg der geistlichen Betriebsamkeit verschmähen, um die ganze Härte +mannhafter Arbeit auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewußt +Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhängerische Gestalt, die mit +Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, der es sich so schwer macht und +doch nichts erreichen darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich +nicht gegen die primitive Form des Eudämonismus, sondern gegen den +Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, der sich irdischen +Zielen anpaßt, der als Mittel zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als +Magie, gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg +gehandhabt. + +Religionslehrer und Kirchen mögen sich fragen, ob sie soviel getan haben +als nötig war, um die Menschen über das wahre Verhältnis des +Eudämonismus zum Glauben aufzuklären, ob sie nicht gelegentlich die alte +Nützlichkeitsseite des Glaubens willkommen hießen, gleichviel ob als +Erziehungsmittel oder um die Gläubigen bei der Stange zu halten. + +Künftige Gläubigkeit wird nicht verkennen, daß der Glaube auch eine +weltliche Sendung habe, wenn auch nicht die der handgreiflichen +Nützlichkeit: denn er schafft Werte und bewegt somit das ganze Gefüge +des irdischen Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten, +unbewußten Kern seines Wollens berührt; er bringt Trost, indem er alles +Leiden, das in seiner letzten Wurzel ein inneres ist, in der Tiefe +sänftigt. Das ist die irdische, die geringere Seite des Glaubens. Es mag +Menschen geben, die sie verschmähen, doch ihre Ablehnung wird eine +passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, nicht mehr eine +abstoßende aus verletztem Gefühl und Auflehnung des Charakters. + +Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie ist die offenkundige, +unablässig besprochene, die von uns nur in ihren letzten minder bewußten +Wirkungen aufgehellt werden soll. Da Glauben nie aufgehört hat, als ein +Fürwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, was für wahr gehalten +werden soll, von den meisten Religionslehrern dogmatisch gezogen, von +vielen ihrer Anhänger zweifelnd überschritten werden, so entstehen die +Konflikte des Skrupels, die drei Lösungen haben: Entfremdung vom +Glauben, Kompromiß, und Opfer des Intellekts. Solange der Glaube +dogmatisch bleibt, ist die letzte Lösung, die des Opfers, die allein +vollkommene und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem +Bedenken des Charakters. Immer wieder fühlt der Zweifelnde, daß der +Beruhigte es sich bequem macht, daß die Schwere des Opfers geradenwegs +mit der Gewissenhaftigkeit wächst, und in dem Augenblick, wo er es zu +bringen bereit ist, schreckt er zurück, weil er seine Gewissenhaftigkeit +durch die Wucht der Vorteile bestochen fürchtet. Freilich haben die +geistig Armen es gut, sie sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke +auf den Dämonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer hat. Er +aber geht nun in seinem Zweifel so weit, daß er die geistig Armen +schlechthin für Beschränkte, für Unmaßgebliche hält, und in +selbstverwundetem Stolz um so weiter von der Pforte des Glaubens +zurückweicht. Er weiß, daß er, soweit es menschenmöglich ist, seinen +Intellekt zwingen könnte; er könnte es mit symbolischer Ausdeutung +versuchen, er könnte über die Dinge hinweggleiten, sie an eine dunklere +Stelle des Bewußtseins rücken, durch Suggestion des Willens die +Gegenkräfte verdrängen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht würdig; er +vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie angewendet haben und nun +ihre Ruhe genießen. Er will nur das eine vermeiden: von den schlechteren +Kräften seines Wesens zum Guten gezogen zu werden. + +Mag falscher Stolz die eine Hälfte der Schuld tragen, die andere Hälfte +ruht auf den Mechanisierungsformen des Glaubens, die seine Inhalte seit +unvordenklichen Zeiten nicht fortentwickelt und einer veränderten +Menschheit angepaßt haben, indem sie nämlich die Inhalte des Glaubens, +entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen ansahen. + +Völkerschaften, die der Mythenbildung fähig sind, gibt es noch heute; es +sind solche, bei denen das Glauben (im Sinne des Fürwahrhaltens) und das +Wissen (im Sinne des beweiskräftig Ermittelten) nicht gesondert sind. +Da, wo man kein Interesse am Beweise hat, weil für die einfachen +Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht und Lüge keinen +Nutzen bringt, geschehen noch täglich Wunder, und Wundertäter schaffen +Religionen. Die Loslösung des bewiesenen vom unbewiesenen Glauben, die +Trennung von Glauben und Wissen hat den Geist des Abendlandes +geschaffen, und von dieser Schöpfung haben die Glaubensträger keine +Notiz genommen. + +Es ist nun nicht gemeint, daß sie Mythen und Sagen hätten +rationalisieren oder in verstandesbürgerlicher Weise ins Symbolische +hätten umbiegen sollen: das wäre klein gewesen und hätte der Lehre der +Jahrhunderte nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen +einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen Glaubens entsprang, war +die, daß es beim Glauben nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt, +daß der Glaube nicht von seinen Gegenständen, sondern von seinem Geiste +lebt, daß er nicht ein Verwalten, sondern ein Verhalten ist. + +Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefühls. Alle abendländischen +Religionen haben sich, dem europäischen Drang zu Ordnung und Aufbau +folgend, an die Mechanisierungsform der Kirche gebunden. Diese uralte +Bindung ist so tief ins Bewußtsein der Völker gedrungen, daß selbst die +Gebildeten, und unter ihnen selbst die, welche gläubig aber nicht +kirchlich sind, Religion und religiöse Organisation kaum zu trennen +vermögen. + +Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: ihre vornehmste +gegenwärtige Aufgabe ist der zeitliche und räumliche Schutz ihrer +Konfessionsgehalte, der Schutz gegen zeitliche Wandlung und räumliche +Zersplitterung. Beide Aufgaben sind innerlich paradox, beide fordern +entschiedenen Konservatismus und starken hierarchischen Aufbau. Da +überdies alle Kirchen mit gutem Recht auf Scheidung zwischen +esoterischer und exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen +zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermögen der religiös und +geistig Minderbegabten, ja Zurückgebliebene nicht ausschließen, und +diese Einstellungen werden um so einseitiger, je mehr von den geistig +Höchststehenden der Kirche verlorengehen. + +Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von der +philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, von der +lebendigen Wirkung der Orden so genährt ist, daß ihr unendlicher Gehalt +an Überlieferung ohne eigentliche esoterische Disziplin eine +Mannigfaltigkeit der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den +anspruchsvolleren Geist beschäftigt, während eine tiefe Mystik der Lehre +und eine unerhörte Abnegation der Regeln die Gemüter bändigt. + +Bestände eine Unabhängigkeit des Glaubens von der Kirche, oder ein +freier Parallelismus der Bewegung, wobei die Kirche einer selbständigen +Entwicklung des Glaubens folgte, so wäre es jedem Bekenner freigestellt, +wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen neigte. In +Wahrheit aber greifen diese Verhältnisse ins Staatsleben über; die +Kirche ist Staatskirche und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang. + +Kirche und Politik, das unfaßbarste Paradox, und dennoch in den +Begriffen der Kirchenpolitik und der Staatskirche zur scheinbaren +Einheit verflochten. Die Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht +von dieser Welt ist, streitet; organisiert sich als Körperschaft und +streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. Die mechanisierte +Glaubensform erscheint im Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch +wird Beamter. + +Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, konnten +Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. Denn es bestand nicht der +Begriff der religiösen Konkurrenz, zumal der geduldeten: man war +gläubiger Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man war +Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um so milder, je +urzeitlicher der Priesterstand; um so gefährlicher, je bewußter er sich +zur Beamtenschaft oder zur Erwerbsklasse organisierte. + +In einer Zeit des individuellen Gewissens und der konkurrierenden +Bekenntnisse greifen die kirchlichen Bureaukratien und Staatsreligionen +weit über den geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu +politischen und sozialen Mächten. Sie bemächtigen sich des Staates: und +er gewährt ihnen, daß jeder Abtrünnige zum Bürger minderen Rechts werde, +überantwortet ihnen die Erziehung und die bürgerliche Ehrenweihe der +großen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit und Ehe. Sie +unterwerfen sich dem Staate und gewähren ihm: Erziehung zum politisch +Bestehenden, Stützung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der staatlich +anerkannten Denkweise. + +Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von Mittelpunkt zu +Mittelpunkt, von Staatsregierung zu Kirchenregiment verankert, sie +kuppelt sich selbst in den entlegensten Gliedern, und die Beziehung von +Gutsherrschaft und Pfarre, von Militärkommando und Seelsorge, von Schule +und geistlicher Aufsicht, von städtischem Wohlstand und Kirchengemeinde +versinnlicht die ins Große und Kleine gehende Wirkung einer +feudalistisch, militaristisch, ständisch und offiziös gerichteten +Kirchenmacht. + +Eine gewaltige und ehrwürdige Institution, die sich auf die +Exekutivgewalt des Staates stützt, die über die gesamte Jugend aus +politischem Recht, über die Landbevölkerung aus praktischer Autorität, +über die Frauen aus Gewissenseinfluß, über die Zugehörigkeit zur +bürgerlichen Vollwertigkeit schlechthin verfügt, bildet eine Macht, die +jede mögliche soziale Polizei an richtunggebender Kraft übertrifft, und +der sich niemand entziehen kann, sofern er nicht die Stellung des +bürgerlichen Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist. + +Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich gestaltende +Macht aus eigenem Recht entgegentritt, nicht mehr als gestaltete +Verwirklichung seines eigenen religiösen Willens, setzt sie ihm ein +unantastbares Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht +gemäß gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und dessen laute oder +stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. Aus politischen und +traditionellen Gründen, sei es um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft +zu erschweren, sei es um die Disziplin zu schärfen, sei es um die Lehre +für die unteren Schichten bindender zu machen oder auch nur um +Erschlaffung und Spaltung zu verhüten, wird das Bekenntnis so gestaltet, +daß es freieren Geistern vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer +Deutung oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint. + +Je restloser daher sich die Geister der bürgerlichen, gesellschaftlichen +und politischen Nötigung der Kirche und ihres Dogmas unterwerfen, desto +mehr gewöhnen sie sich an innere Entfremdung und bemühen sich, in +Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, die man aus Gründen +der Erziehung und Ordnung nicht entbehren kann. + +Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die großen religiösen +Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen sie dereinst entsprangen; +zu häufig geschieht es, daß die Entfremdung sich auf den Glauben selbst +erstreckt. Man klagt über das Schwinden der kirchlichen Beziehung bei +gebildeten Männern jugendlichen Alters: nicht die Beziehung schwindet, +denn abgesehen vom Gottesdienst werden die Pflichten erfüllt, sind +Austritte selten – doch je strenger die Kirche auf ihren Rechten und +Beziehungen besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, und +nicht nur ihr, sondern dem Glauben. + +Daß alle diese einfachen Zusammenhänge sich dem öffentlichen Denken +entziehen, liegt daran, daß wir in Deutschland nur noch historisch und +wissenschaftlich, nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen +uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, wie vielen der +Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe Religion und Kirche +innerlich geläufig ist, wie viele über die ursprünglichsten Fragen sich +eigene Gedanken machen. Unser Denken liegt in den Händen der beamteten +Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rüstzeug ihrer Gelehrsamkeit und +immer erneuten Theorien das Bestehende stützen, der Journalisten, die +das Tägliche bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten das +Bestehende bekämpfen. Hier heißt es: dem Volke muß der Glaube erhalten +werden, dort: Trennung von Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz +wo anders. + +Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung nicht mit Politik +und Einrichtungen zu tun, sondern mit unserer inneren Einstellung zum +Gegenwärtigen und Künftigen. So muß der letzte Glaubenszweifel, der aus +dem Wirklichen erwächst, uns abermals den Glauben an den Glauben als an +ein Unberührbares bekräftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen +schaffen, welche er will: politische und soziale, militärische und +erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird unsere Seelen +läutern und die Seelen unserer Kinder bilden, aber Mittel zum Zweck, +weder zum edlen, noch zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein +Glaube sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet wird, kann +ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von einer Kirche verteidigt +wird, so werden beide dahinsinken. Denn beide sind Mächte, die in einer +befreiten Menschheit nur aus eigenem Recht bestehen können. Sind +Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu erhalten: um so +besser, so mögen sie sich wandeln, wie alle irdischen Formen sich +gewandelt haben, wenn nur ihr Urgrund bestehen bleibt. Läßt sich die +Einheit des Bekenntnisses für die Vielfalt der Herkunft, der +Landesstriche, der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es +zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft des gläubigen Lebens +erwacht, die heute nicht besteht. Mögen hier Ablässe erteilt und Dämonen +beschworen, mögen dort die reinsten Sakramente empfangen und die +verklärtesten Botschaften verkündet werden: es ist alles vollkommen, was +aus reinem Herzen geschieht, und es ist alles unvollkommen, weil es +irdisches Gleichnis ist. Mögen Gläubige sich zusammenfinden, um den +Drang ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mögen sie in Straßenlärm +und Wälder flüchten, um mit ihrer Seele allein zu sein, mögen sie auf +Märkten predigen oder Priester walten lassen, mögen sie geistliche +Truppen oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung +versenken: die göttlichen Mächte hören jedes Wort des Herzens und jeden +fallenden Tropfen. Ein Glaube aber, der nicht wunschbegieriger +Aberglaube, nicht böse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht +Heilsgymnastik und zweckdienliche Übung ist, ein Glaube, der nicht +Irdisches vom Göttlichen, sondern Göttliches vom Irdischen will, der +umschließt die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder +einen jeden begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und Herzens +er redet, und alle die Eine Verantwortung fühlen und ertragen, die +unsagbare Not, Seligkeit und Verantwortung, Mensch zu sein. + +Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, weil sie seine +Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben jedem Halm des Glaubens wird +ein Büschel abergläubischen und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist +wahr: sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft und +mutig ist der nüchterne, handfeste Atheist, verglichen mit dem süßlich +feigen Mucker, dem lüsternen Geisterbeschwörer, dem schamlosen +Sündenknecht und dem fleißigen Gottesbetrüger. Sollen wir aus Furcht vor +dem Sekundären verzagen? Wer einen Flußlauf reinigt, darf sich nicht +wundern, wenn der Bagger Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der +Muckerei in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne und Wind +zerstören, was in den Tiefen gärte. + +Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen sich in alte +Götterlehren und Sagen und Gebräuche und meinen, auch wenn man nicht +daran glaubt, so ist es schön und dient zur Erhebung, über ein Feuer zu +springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schön, aber nicht echt; es +dient zur Erhebung, aber zur künstlichen, äußerlichen, flüchtigen und +gespielten. Es schafft keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines +heiteren Bildes und einer harmlosen Täuschung, die an die Grenze des +Seichten und Kindischen rührt. Romantischer Hang zum Vergangenen ist +Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit im Künftigen. Die alten Sagen und +Gebräuche waren schön, wie die alten Trachten und Geräte, weil sie aus +der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht weil sie schön, +sondern weil sie heilbringend waren. In der Bestimmung über Fluch und +Segen wurde Erhebung, halb unbewußt vielleicht auch Schönheit empfunden. +Antiquarische Belustigung auf ästhetischem Grunde schafft keine +künstliche Naivität, sondern zerstört die Reste der natürlichen. + +Manche träumen von neuen Propheten und Erweckern. Wie zur Zeit der +Kathedralen soll ein einiger Glauben über die bewohnte Erde herrschen. +Ästheten sehen den neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb eine +Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, Paulus, Augustinus und +Luther haben an der literarischen Gestalt keinen Anteil. Vor allem muß +er arm sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. Freilich, +setzt der winselnde Ästhet hinzu, er selbst würde ihm schwerlich folgen +können. + +Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird ihm folgen, und deshalb +wird der Prophet nicht kommen. Goethe ließ Christus zur Erde +zurückkehren und geleitete ihn bis an die Tür des Pfarrhauses, dann +brach er das Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt. +Hauptmann ließ seinen Narren in Christo mit staatlichen und kirchlichen +Behörden zusammenstoßen und in Einsamkeit enden. + +Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere Zeit die Ehrfurcht vor +dem Gedanken verloren hat. Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr +eine Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche Leistung +eines Berufes oder die vergnügliche eines Müßiggangs. Worte sind nicht +Bekenntnisse, die man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und +mäkelt. Die Meinungen müssen sich ablösen wie die Tagesblätter und die +Moden, damit neuer Umsatz Platz findet. Wie sollte auch das Massenhafte +wahr sein? Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des Glaubens +willen. Käme heute einer und redete aus dem Herzen der Welt, so hätte er +die Presse gegen sich, oder die Literatur, oder die Interessenten, oder +die Polizei, oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum, +oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar Geistlinge, die ihn +aus Gegennachahmung ästhetisch werten, ein paar Unzufriedene, und ein +paar Bürger aus Mißverständnis. + +Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann den Stromsturz der +Prophetie nicht erleben, es rieselt unterirdisch zu Tal und darf nur +mittelbar wirken. Es wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend +anderen Rinnsalen mengt, während die Platzregen verdunsten. Die Reihe +der Empfangenden ist keine räumliche, sondern eine zeitliche. Das Volk +der Gleichzeitigen irrt, das Volk der Geschlechter ist unfehlbar. + +Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehört sein will? Weil +ich kein Prophet und kein Weiser bin, weil ich euch nichts zu lehren und +nichts zu verkünden habe. Ich will, daß wir unsere Sorge und Zuversicht +gemeinsam erörtern, mein Geschlecht mit dem euren, wie eures dereinst +mit dem nächsten. Wir wollen gemeinsam zweifeln und glauben, uns +zurechtweisen und bestärken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit +unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es die: wenn die höhere +Stimme schweigt, so ist die Entscheidung in uns selbst gelegt. Unsere +Verantwortung wächst, in uns selbst sollen wir Richtkräfte entwickeln, +und können es nur, wenn wir den Lärm in unseren Herzen schweigen machen +und nicht mehr aufhören, in die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen. + +Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit der Glaubensinhalte, der +Einrichtungen und Formeln. Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas +das sich auf Gegenstände bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das +wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie das Können, +etwas, das sich in Formen verwirklicht, er ist ein Verhalten, ein +Zustand, ein Leben. Einheit des Glaubens ist daher nicht, wie die +Jahrhunderte meinen, Einheit der gläubigen Vorstellung, sondern Einheit +gläubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des Glaubens liegt nur +in der Mannigfalt der Stufenfolge vom furchterfüllten Zauberwesen zur +segenkaufenden Dämonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter +Bitte, von wohlgefälliger Buße zu freiem transzendenten Erleben. Diese +Abstufungen aber bestehen innerhalb aller vorhandenen Glaubensformen; +jede Religion läßt soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder +ihrer Bekenner verlangt und erträgt. Eine hochstehende und gläubige +Epoche unterscheidet sich von der rückläufigen und ungläubigen nicht so +sehr durch die Form der herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist, +den sie ihnen einhaucht. + +Daß die Daseinsform des Glaubens über jede andere menschliche +Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begründung, sie ist es aus +eigenem Recht. Es gibt ein inneres Gefühl der Einschätzung unserer +Erlebnisse, um das sich die Psychologie nicht kümmert, einer +Einschätzung, die nicht vom Meßbaren abhängt, sondern das Wesen +ergreift. So gut wir wissen, daß eine Liebesregung uns mehr bedeutet als +der seltenste Duft einer Blüte, so wissen wir aus innerer Gewißheit, daß +jedes seelische Erlebnis auf höherer Ebene herrscht als jedes geistige +und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis unserer Seele aber +ist der Glaube. + +Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt Musik, nicht jedes +Herz erlebt Gläubigkeit. Dessen soll sich niemand kränken, denn es geht +keine Seele verloren. Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig und +resolut als überzeugter Materialist ein anständig-intellektualistisches +Leben wählen; tausendmal besser als wenn er aus erquälter Pflicht oder +der Nützlichkeitsspekulation: Nützt es nicht, so schadet es nicht, sein +inneres Leben vergewaltigt oder Götzendienst treibt. Es wird der +Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande Schweigen zu +gebieten und sich hinzugeben, dann ist er gewandelt, bis dahin wird er +in der Welt der unsichtbaren Güter ein Helfender, nicht ein Schaffender +sein. + +Das Wort, Glaube sei das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, trifft +zu, aber umfaßt nicht. Denn Glaube ist auch das Gefühl schaffender +Liebe, auch das Gefühl der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist +zugleich vollkommene Gebundenheit und vollkommene Freiheit, +selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, reines Schenken und +stilles Empfangen, unablässiges Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er +ist ein Leben: ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel +nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen versucht, als +Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, Liebe. + +Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das Tagesleben, das es +begleitet und erleuchtet, wenn auch die Augenblicke voller Bewußtheit so +kurz sind wie die Augenblicke bewußten Lebens. + +Eure jungen Gemüter, Freunde, rufe ich zum Zeugnis für die Erfüllungen +des inneren Lebens. Euch, nicht mir, steht es zu, die Fülle zu bekennen, +die euch reicher und wechselvoller und unberührter als mir gespendet +ist. Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank und +Hingabe, in hellblickender Gewißheit und klopfender Erwartung. Sie +wollen nichts anderes, als bereit sein, sich verschenken, Werkzeug sein, +dienen. Sie wollen nicht ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre +Wünsche, nicht ihre Ängste; Strahlen und Schwerter mögen durch sie +hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schöpfung, der sein +Bewußtsein darbringt, ein Ätherhauch, durch den das Seiende sich selbst +verklärt. Sie verwehen in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als +Staubkorn an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht und ihr Wort +ist: dein Wille geschehe und nicht mein Wille. + +Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid +der Kreatur in das eigene Herz, löst jede Freudenkraft von sich los, um +den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des +Geschaffenen fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als eigene +Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als +Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheißung um sie in tätiger +Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten +zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns. + +Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind sie von der +Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen sprießt das Gras, klingen die +Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schöpfung ist selige +Sicherheit. Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist +heilig. Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht des +Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir +Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe. + +Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen Schweigen, +in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Ströme zu rauschen, +Bergmassen entweichen, das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine. +Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und Böse, nicht +Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses +Licht, wortlose Erfüllung. + +Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden +kann. Drängender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwörung +sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt in den +innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine +Geistesmächte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede nötige +Wandlung zu erbitten suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum +eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung, +nicht Bemühung; doch sind sie allezeit gewärtig, ihr Strom umrauscht uns +unerfaßt, wenn wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns +ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe, +Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, daß +alles Heil aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. Jeder +aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen oder mit starken +Kräften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidarität. Auch die Sünde +läßt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser +Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde +ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein ist der Gefühlston der +Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreißen, um erwachend +dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich aber, das +das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres Bild finden als das +vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, daß die Armen am Geiste es +betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des +Intellekts den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen. + +Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf +die wechselnden Flächen des örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und +Fassungsvermögens. Sollten wir wünschen, oder auch nur denken können, +daß _eine_ Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die +übrigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben +und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in dem +Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung +gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die +fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus, +Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz. + +Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich +weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der +Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung +des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung der Menschheit. Nun ist +sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner +Glaubensfreiheit bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen, +fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute +Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles +Menschlichen im Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren +Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare +Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine. + +Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen Geistes +scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem +Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die +Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir frei, was Menschen +sonst in begreiflicher Verschämtheit nicht leicht berühren, daß jeder +von uns halb unbewußt eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre +verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten +Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen. +Warum verhüllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich, +unsystematisch, unbeweisbar sind, – denn wieviel von unseren +Tagesmeinungen ist beweisbar? – sondern weil wir den Spott vor uns +selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der Größe, dem Ernst und +der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die +leichten Blüten auf dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns +der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt uns mutig und +offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen Schöpfungen pflegen und +unbelächelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen +Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen +gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das +gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten, +Kirchen versäumten, einsame Denker in langen Abständen mühsam +unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir +die blöde Scheu des Alltags verwinden. + +Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf +Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten +ließ, heute überschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur +ein Wort zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, oder das +in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch +geprüft zu werden, wie ihr einander euch prüfen sollt, und in dem +Pflichtbewußtsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen. + +Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und +zufälligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als +dem Geschöpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat +Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen des Seienden uns +zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit und Bewußtsein. + +Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und +Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser +Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden +Einkehr durchmißt. + +Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, von undenklicher +Zersplitterung bis zum Geist des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der +organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum +Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwärts. Diese +Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir +wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, daß +unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewußtsein entstehen, +Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwärme, Menschenstädte und +Menschennationen. + +Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu +fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als +die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt +ist eine andere als die des Regenwurmes. + +Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen +Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein +stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe +Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat +sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir +Zweck. + +Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum +Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie +nur gradweise verschieden. + +Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm endet die +zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine höhere. Im +Menschen erwachen Gefühlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja +ihr entgegenwirken können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, zur +Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen erfüllen das Leben des +Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen +ihnen und sind bereit, für sie uns zu opfern. + +Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner +sind wir nicht stärker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen +Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind +wir unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir seine Welt, die +nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist, +nur ahnen, nicht erfassen. + +Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden +Welten erscheinen als die Weltseite der Schöpfung, was ihnen angehört, +wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur +Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, das uns als +Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge +ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns +und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen. + +Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der +Schöpfung zu vollenden und die höhere Reihe der Welten zu beginnen, und +dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist zu +verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung aus eigener +Kraft nicht möglich ist, daß dem guten Willen die rettende Kraft zu +Hilfe kommt. + +Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere Herzen den göttlichen +Strahlen, die uns allerwärts umfließen, und helfen die Herzen unserer +Brüder öffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es +gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die +Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen +Zustand, der unrechtes Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten +Werte außer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen, +alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls Mittel. + +Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und +Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kämpfende +Individualität, die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier +liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle +Symbole. + +Nur ein geringes und unvollkommenes Bild möchte ich andeuten, um eine +Abstufung zu versinnlichen, die vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die +Richtung zu einer unmittelbaren, adäquaten Einsicht ahnen läßt. Man +lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen ein zeitliches +Bild. Es geschieht, daß wir später dieses Land durchstreifen, es reiht +sich Erlebnis an Erlebnis, Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt +durchdringen wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber verschmilzt +alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem das Räumlich-Zeitliche in +eine untrennbare Einheit verwachsen ist, das wir mit allen inneren und +äußeren Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und erfahren +haben. Unser Geist hält uns eine eigene Schöpfung vor Augen, und wohin +wir ihn konzentrieren, glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war, +was sein kann und was nicht sein kann, fast möchten wir sagen, was +werden wird. Und dennoch dies alles nicht an der doppelten Schnur von +Raum und Zeit, sondern innerlich, gefühlt, organisch. + +Ich glaube, daß mein einfaches Bekenntnis nichts enthält, was nicht in +höchster Vollkommenheit in den heiligen Schriften aller Zeiten verkündet +ist. Was wir in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige, +dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. Doch die +Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl der Seelen gibt uns die +Vielseitigkeit des Erlebnisses, deren wir bedürfen, und die Wiederkehr +der großen Züge gibt uns die Gewißheit einer abgebildeten Wahrheit. +Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, wenn nicht tote +Schriften und verbriefte Ordnungen das Wort verwalten, sondern wenn es +von neuem beginnt, in allen Herzen zu zeugen und zu keimen. + +Für unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben und dem Wort die +Werte und die Maße. Nennen wir es das Reich des Himmels, das Reich +Gottes oder das Reich der Seele: was uns ihm nähert ist gut, was uns +entfernt, ist schlecht. Glück, Leben, Wohlstand, Macht, Kultur, Heimat, +Nation, Menschheit, sind die höchsten irdischen Werte. Wohl dem, der +keinen von ihnen zu opfern braucht, für den sie Mittel zum Göttlichen +bleiben. Wir aber werden sie messen an den Maßen der Seele, des Glaubens +und der Gerechtigkeit, und wo sie das Maß nicht erfüllen, da müssen sie +sich fügen oder weichen. + + + + +Krieg + + +In dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer Geister auf +Gegenwärtiges und Künftiges gewidmet ist, hat der Krieg nicht bloß die +Bedeutung des bewegenden Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern +auch des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das Abendland +bisher gelebt hat, offenbart. + +Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, daß ein +Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze jener Tage nichts +wiederkehrt. So wie sie noch immer von Vierteljahr zu Vierteljahr das +Ende des Kampfes voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, bis +das neue Geschlecht sie ablöst, daß nach dem Frieden und einer kurzen +Übergangszeit das wieder eintritt, was sie normale Verhältnisse nennen. +Freilich werden die Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man eine +Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden. + +Nichts wird sich finden, alles muß neu geschaffen werden in eiserner +Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser +Gesellschaftsbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der +Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft, +ja selbst unsere Sprache. + +Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der +frühen Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder +Balzac, daß er sich fragte: Wie, ist das möglich? Dreißig Jahre vor +dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz, +und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache +der Wissenschaft von Industrie und Börse, von Dampfschiffen und Kammern, +von bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht +über die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist +dann wirklich einmal die Rede von einem alten Edelmann, der in jener +Tändelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener, +ein zopfiges Gespenst. + +So fremd werdet ihr an uns vorüberschreiten. Wir, die wir uns auf +Sachlichkeit manches zugute taten, und wissenschaftlich, ernst, wo nicht +gar tief zu sein wähnten: Wir werden euch trotz aller unserer Technik +leichtfertig, flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, und +der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem wir uns umgaben, wird euch +nicht wie der des 18. Jahrhunderts eine Grazie, sondern ein Abscheu +sein. Denn euer Leben wird abermals ernster und härter, doch so Gott +will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger sein. + +Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden ihn begreifen, +wenn wir ihn als das kritische Ereignis fassen, das er ist, als den +Ausbruch aller tiefen Übel und Schwächen der abgelaufenen Epoche. Denn +jede Deutung als eines Mißgeschickes, Mißverständnisses, schuldhaft +gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in die örtlich-zeitliche +Bestimmung des Geschehenen verstrickt, Schuld von allen Seiten. Doch +wenn ein Erdteil sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten +Tage seine Gründe und Ziele kennt, so ist die geistige, sittliche und +physische Erkrankung in den Tiefen seines organischen Aufbaus +verwurzelt. + +Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. Der Grund, +weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, sondern an ihren Grenzen +entzündet hat, liegt in der Eigenart unserer Wirtschaft, die zur +Weltwirtschaft erwachsen ist, und die in ihren Auswirkungen, +Imperialismus und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte an den +Rändern der Staatseinheiten gehäuft hat. Die schwerer entzündlichen +Sprengstoffe im Innern der fester gefügten Staaten bleiben einstweilen +unberührt, durch den Druck von den Grenzen her gebändigt. + +Als unbändige Volksvermehrung vereint mit der Mechanisierung den +individuellen Produktionsprozeß vernichtete, wurde die Erde eine einzige +gewaltige Produktionsstätte. Doch ihre nationale Spaltung blieb, und +innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der Stände. +Wirtschaftlich betrachtet: eine große Fabrik, doch nicht einheitlich +gebaut, sondern in den Wohnhäusern und Kammern eines Straßenvierecks +untergebracht und unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und +die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen nicht Schritt. +Das ging so lange, als sich die Erzeugung in mäßigen Grenzen hielt und +der Nationalismus sich langsam entwickelte. + +Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen sahen, +eine energische Wohlstandspolitik zu treiben, um ihren wachsenden +Aufwand für Zivilisation, Rüstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als +die Mechanisierung den Staatskörper ergriffen und ihn zum bewußten +Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht hatte, gab es Zwiespalt +zwischen den Parteien. + +Jeder wollte so viel Arbeit wie möglich, denn Arbeit bringt Nutzen. Um +zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe wie möglich, und um sie zu +bezahlen, wollte er so viel Absatz wie möglich. Er wollte sogar noch +mehr Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe nötig war, denn die +heimische Produktion sollte alle anderen überflügeln, und der Absatz im +eigenen Lande ließ sich nicht beliebig steigern. Was er nicht wollte, +waren fremde Fabrikate im eigenen Lande, denn die beeinträchtigen den +Absatz, die Preise und den Nutzen. + +Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch ausgedrückt um +Kolonien und Einflußgebiete. Die Welt war aber klein geworden, die +unbesetzten Gebiete knapp und von allen umworben. + +In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die äußerste Schlußfolgerung +gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte bei den meisten überdies politische +Gründe: Man wollte die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im +Kriege Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand der +Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schützen. Gleichzeitig begann der +Kunstgriff, den man drüben dämpfen #(dumping)# nennt: Man warf dem +Gegner die eigene Überschußware unter Selbstkosten über die Zollmauer +und schädigte sein Schutzsystem. + +Allmählich war auch der Nationalismus zum Gipfel gestiegen, denn die +europäischen Unterschichten waren in die Historie getreten. Bis zum +Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie anational gewesen, Geschichte war +nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt waren sie +verbürgerlicht, zivilisiert und interessiert, und gaben dem +Wirtschaftskampf die nationale Färbung. Durch Staatenbildung, +Staatenerstrebung und Irredentismus mehrten die neuen Nationalgefühle, +insbesondere die östlichen, den politischen Sprengstoff. + +Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe Scheidung der Stände. +Das Proletariat, an der Tatsache des Produktionsprozesses interessiert, +an seinem Verlauf nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen, +dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgültig ist; es führte seinen +Wirtschaftskampf, und zwang den Unternehmer, für jede Lohnerhöhung sich +durch Zollerhöhung und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten. + +So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf nach außen und +innen vollkommen anarchisch. Wenigen war er in seinem logischen +Zusammenhang bewußt; am wenigsten den Staatsmännern, die ihn führten. +Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen Einfluß zu heben, den +fremden zu schädigen, den eigenen Absatz zu fördern, den fremden +zurückzudrängen; so lückenhaft aber war der Zusammenhang, daß viele, +unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, der +Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt waren auch die Kampfmittel; es +waren Bündnisse, Zollverträge, Rüstungen zu Land und See, Einsprüche +gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was als Endzustand +vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls eine etwas bessere +Erdeinteilung, als man sie gerade hatte; meist war man auf den +gelegentlichen Vorteil aus. + +Niemand war sich auch recht darüber klar, wo ihn der Schuh drückte. +England schob sein Mißbehagen auf Mängel seiner technischen Erziehung +und die Konkurrenz der Deutschen; Deutschland litt an seiner +geographischen Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen; +Frankreich merkte, daß seine Industrie zurückging, und fand, daß das +elsässische Textilgebiet ihm fehle; Amerika klagte über hohe Löhne und +Finanzkrisen und griff zu Schutzzöllen. Nie wurde auch nur ein Versuch +gemacht, die Anarchie in Ordnung zu verwandeln. + +Die innere Anarchie: wenn die Außenwirtschaft ihre Grenzen hat, so muß +die Innenwirtschaft ergiebiger, vor allem solidarischer gestaltet +werden. Kräfte und Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von außen +unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft. + +Die äußere Anarchie: wenn alle sich um die kargen Tröge des Absatzes und +Rohstoffes streiten, so muß geteilt werden. Durch den Kampf wird das +Futter nicht mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und +zertreten. + +Doch es fehlte nach außen die Einsicht, nach innen der Ansporn; trotz +aller Reibungskämpfe schöpfte die Welt aus dem Vollen wie niemals zuvor +und niemals wieder, und die leichte Bereicherung äußerte sich in +Indolenz. + +Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung und +Schuld des Vulkanismus, der unter der politischen Oberfläche des +Abendlandes bebte, und seine kritischen Zonen unter die Staatengrenzen +breitete. Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische Taktik +der Großstaaten während der letzten vierzig Jahre, lockerte die Kruste, +und eine dritte, fast nebensächliche und zufällige Reihe, die Ereignisse +um 1914, bestimmten Zeit und Ort des Ausbruchs. + +Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung sind alle Staaten +beteiligt. Sind sie entschuldbar bei der ersten, so sind sie es auch bei +der zweiten, denn die mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung äußert +sich in der Hilflosigkeit des politischen Handelns. + +Die Schuld Frankreichs ist die tiefste, aber auch die menschlichste. Das +Rheingold des Elsaß ist nur das Sinnbild eines schwereren Verlustes. +Unermeßlich ist, was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa +geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil der Kultur des +Kontinents vom Westfälischen Frieden bis zur Revolution und brachte die +bürgerliche Freiheit. Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur +schenken, so lange sie mächtig war. Die Macht war verloren, sie gab uns +die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft Europa derart, daß jede +politische Orientierung von den Vogesen ausgehen mußte, und nur die Wahl +blieb: für den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit der +europäischen Politik vernichtet. + +Englands Schuld ist fast eine persönliche, ein seltsamer Zug in diesem +so unpersönlichen Lande. Auch England hatte viel gegeben, noch mehr +erworben, und manches verloren. Die #Pax Britannica# stand hinter der +#Pax Romana# nicht zurück. Man mag streiten, ob es recht ist, daß ein +Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses Volk hat ihn besessen und +mit wenigen Ausnahmen seiner großen Verantwortung entsprechend +verwaltet. In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde +unbehelligt, häufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, alle Häfen und +Kohlenplätze standen offen. Das Land begnügte sich mit Freihandel, aus +wohlverstandenem, aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik +war eigensüchtig, gewalttätig, aber klar erkennbar, weit mehr auf +eigenen Nutzen als auf fremden Schaden gerichtet. Das änderte +Eduard VII. Er war zu lange Kronprinz gewesen und hatte sich in den +Jahren erzwungener Muße und verhohlener Kritik die alten intriganten +Bündnismethoden der europäischen Höfe angeeignet; er trieb sie zum +Gipfel, indem er die Vogesenspaltung ausnutzte und Deutschland +isolierte. Wie weit die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines +Landes, wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, ist +schwer zu sagen; er war kein dämonischer Charakter und wurde dennoch zum +Dämon Europas. + +Rußland litt an den Schwächen orientalischer Reiche. Über sich selbst +hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, kindlich verträumten +Volk zwar einige europäische Formen, doch keinen Wohlstand, keinen +Mittelstand, keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft und keinen +Verkehr erworben. Die Regierung wagte nicht, der unerfahrenen Nation die +Verwaltung anzuvertrauen, daher blieb ihr nichts anderes übrig, als die +dünne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu verfolgen, das +Volk zu verblöden und sich selbst durch das verbrauchte Mittel der +Expansion zu stärken. Der Balkanstreit mit Österreich, die +Schuldhörigkeit zu Frankreich bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall, +daß nach Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer +aufschloß und die letzte Explosion auslöste. + +Daß Deutschland bei seinem gegenwärtigen inneren und äußeren Aufbau +nicht imstande ist, eine folgerichtige und langatmige auswärtige Politik +zu führen, habe ich in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des +Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und Einrichtungen, vor +allem die Einheitlichkeit des Willens, der Initiative und Verantwortung, +die organisch eingestellte Stetigkeit und Überlieferung. Diese Mängel +sind nicht durch Personen und Ämter verschuldet, sondern durch uns +selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die Hand nehmen, Männer +unseres Vertrauens zur Ernennung vorschlagen, ihnen dann aber auch die +Macht und volle Verantwortung gewähren; die wir vielmehr uns von einer +kleinen, nicht übermäßig geschäftstüchtigen Kaste und deren Assimilanten +verwalten lassen, die sich hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen +Dickicht, im neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem +Mißtrauen verfolgt wird. + +Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten darin zutage, daß man +sich in alles einmischt, für die Galerie arbeitet, alle anderen stört +und nichts für sich erreicht. Es ist nicht gesagt, daß man niemand +stören und sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich +falsch: wenn man alle stört und sich mit allen verfeindet. Wir haben +Frankreich gestört in Marokko, England in Transvaal, Rußland in +Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. Wir haben Gelegenheiten zu +Verständigungen versäumt mit England, Rußland, Japan, und, innerhalb +gewisser Grenzen, mit Frankreich. + +Nicht um unsere Fehler stärker zu betonen als die anderer, sondern +deshalb, weil sie unsere Fehler sind und uns näher angehen als die +anderer, müssen wir uns bereit finden, ein Unwägbares zu beobachten, das +unsere Politik durch eine gleichsam atmosphärische Einwirkung geschädigt +hat. + +Es ist kaum einzuschätzen, wie stark die letzte Generation vom Einfluß +Richard Wagners gebannt war, und zwar nicht so entscheidend von seiner +Musik wie von der Gebärde seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen. +Vielleicht ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt die +Wagnersche Gebärde der erfaßte Widerhall – er war ein ebenso großer +Hörer wie Töner – des Zeitgefallens. Es ist leicht, eine Gebärde +aufzurufen, schwer, sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von +theatralisch-barbarischem Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner +Denkmälern und Bauten, in den Verkehrsformen und Kulten einzelner +Kreise, und wird von vielen als eigentlich deutsch angesehen. Es ist +immer jemand da, Lohengrin, Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann +und alles schlägt, die leidende Tugend erlöst, das Laster züchtigt und +allgemeines Heil bringt, und zwar in einer weitausholenden Pose, mit +Fanfarenklängen, Beleuchtungseffekt und Tableau. Ein Widerschein dieses +Opernwesens zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, wie +Nibelungentreue. Man wünschte, daß jedesmal von uns das erlösende Wort +mit großer Geste gesprochen werde, man wünschte, historische Momente +gestellt zu sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten +rauschen hören. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack der älteren +Generation gemäßigt. Unser ältlich-nüchterner Kanzler möge durch die +Aussicht auf fünf Krönungszüge im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn +zu beleben. + +Innerhalb einer ärmlichen, im Ziele nicht erkennbaren Außenpolitik +wirkte diese Gebärde zuerst verblüffend, dann aufreizend und Mißtrauen +erregend. Es kam so weit, daß man uns, die gutgläubigste aller Nationen, +für Schaumschläger und Intriganten hielt. Unser gewaltiger Machtaufstieg +hätte uns verpflichten sollen, soviel wie möglich zu schweigen, so wenig +wie möglich uns einzumischen. + +In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, die den +vulkanischen Grund lockerten, sind abermals Fehler von allen Seiten +einbegriffen, auch von der unseren. Doch eines können wir mit gutem +Gewissen sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke nicht. Es +war unser Fehler, daß wir nicht wußten, was wir wollten; eines wollten +wir sicher nicht: den Krieg. + +Die dritte und weitaus nebensächliche Reihe, die der örtlich und +zeitlich auslösenden Momente, haben wir nicht zu erörtern, denn uns ist +es nicht um Zeitgeschichte, sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren, +vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klären, jedenfalls nicht +früher, als bis die Einzelheiten der französisch-englischen Abmachungen +und die Vorgänge des österreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen. + +Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale Revolution, erzeugt +durch äußere und innere wirtschaftliche Anarchie und soziale Spannung, +beschleunigt durch die Fehler der Kabinette. + +Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der Nationen gesprochen +werden soll, so ist es die der Unterlassung. Es fehlte der Welt an +schöpferischen, sittlichen Gedanken. Jeder fühlte, daß die Erde in ein +neues Stadium der Zivilisation getreten war, daß sie anfing, eng und +gefährlich zu werden. Doch man scheute sich, die Gesetze dieser +Umwälzung, der Mechanisierung, zu ergründen und um ihre sittliche +Erlösung zu ringen. Große Nationen traten wiedergeboren und ermächtigt +auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen sich nicht, daß +sie gesandt und verantwortlich waren, der Welt Ideen und Ideale zu +schenken. Auch wir haben nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere +Nation sich verjüngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, denn +wir Deutschen sind um der Idee willen da. + +Nur den einen Gedanken hatten die Völker: wachsen und sich bereichern, +aufsteigen und überflügeln, mächtig werden und erraffen. Und ihre +Staatsmänner dienten diesen Zielen mit den alten Mitteln der List und +Gewalt, mit den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verständigung, der +Begünstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes und der Betriebsamkeit, +mit den großen Mitteln der Rüstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der +Klügere zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, den +anderen klein zu kriegen, ohne daß er sich versah. Selbstverständlich +schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, mein Leben ist dein Tod. Warum +sollte das, so meinte man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch +immer gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle Nationen waren +zum Bewußtsein erwacht und kannten die armseligen Spielregeln, einer so +gut wie der andere. + +Daraus aber war gerade die höhere Pflicht zu entnehmen: Endet dies +unergiebige und würdelose Spiel. Wetteifert; schafft sittliche Ideen, +die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen +Gedanken der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte und +kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges Zusammenwirken; tut das +soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Völkerverkehr; +wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit +sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus und utopischer Duselei; +beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am größten, +die Arbeit am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn +das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und +Menschlichen. + +Noch heute wird es viele geben, die im Glauben an die Heiligkeit der +Interessen und in selbstbewußter Erkenntnis des sogenannten +Durchführbaren – nämlich des Trivialen – und des sogenannten Uferlosen – +nämlich der sittlichen Pflicht – diese Gedanken verlachen. Ich sage euch +aber: Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die +Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden +hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser +Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken. + +Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und Schiedsgerichte sind +möglich und verständig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als +erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen +wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen +Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und +gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des +internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung. + +Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur +gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der +Konkurrenz; ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum +Gewaltkampf aller gegen alle. + +Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen: + +Über die Rohstoffe des internationalen Handelns verfügt ein +zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen +Ursprungsbedingungen zur Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang +nach Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin wird das +wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen. + +Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach +entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann verlangen, daß die ihm +zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich +entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die +Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhältnis ihrer +Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen +werden, Quotenaustausch ist zulässig. + +An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jeder +Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen. + +Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden +müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form, +oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in +neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der +nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, oder zu unaufhörlichen +Kriegsgewittern führt. + +Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen +Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht +Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine +freiwillig anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein +Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein muß, der als +mächtigste aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur +Verfügung steht. + +Pazifist im üblichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, weil ich es +nicht für möglich halte, irgendein Übel restlos aus der Welt zu +schaffen. Ich halte den Krieg für ein großes Übel, doch nicht für das +größte, und könnte mir denken, daß noch in Jahrhunderten hier und da +zwischen Völkerschaften gekämpft wird. Niemals wieder darf es aber +geschehen, daß die ganze bevölkerte Erde dem Blutrausch verfällt. Kein +Schlagwort ist so elend Lügen gestraft worden wie das von den sittlich +und geistig regenerierenden Kräften des Krieges, wie das von der großen +Zeit. Gewiß geschieht an allen Fronten Großes, und Größeres vielleicht +da, wo in dunkler Stille die Herzen der Mütter bluten. Doch wer hat so +frevelhaft am Wert der Menschheit gezweifelt, daß Mut und Opfer ihm des +Beweises bedurften? + +Kahle Täuschung ist es, zu tun, als ob Front und Heimat zwei +verschiedene Nationen wären, die heldenhafte der Söhne, die anfechtbare +der Väter. Wir alle sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine +Schuld. Jeder ist allen und jeder für alle verantwortlich. Unser Ruhm +ist das mutige Erdulden und Leisten der Front, das stille Opfern und +Entbehren der Heimat; unser aller Verantwortung ist es, daß das Gesetz +Deutschlands seine Kraft verlor, daß die Sittlichkeit sank, daß der +Geist verflachte. Überblicken wir alle Länder, die unmittelbar oder +mittelbar vom Kriege ergriffen sind, so finden wir überall die gleiche +Entsittlichung in den Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption, +des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der Bosheit und Lüge. +Überall die gleiche Entgeistigung in den Formen der Phrase, der +Trivialität, der Urteilslosigkeit, des Selbstlobes, des niederen +Massengeschmacks. Diesen Krieg erträgt die Erde nicht zum zweitenmal, +wenn sie ihn physisch überstände, so ginge sie seelisch zugrunde. + +Doch was bedeutet der nächste Krieg, da der gegenwärtige dauert? Da in +jeder Stunde, von Bruderhand erschlagen, Menschen, unsere Menschen, +unsere Brüder ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, daß wir +das ertragen? + +Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden ihn haben. Doch die +Zeit ist gekommen, daß die Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen +darf, denn heute weiß sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten kann +noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und wird dennoch das +Angesicht der Erde nicht ändern, außer durch Verwüstung. + +Es ist Zeit. Die Großen und Mächtigen haben gesprochen und den Krieg +verurteilt. Es ist nicht einer, der ihn verteidigt; doch sie wissen +nicht, wie sie ihn beenden, sie glauben, daß ihre Forderungen zu weit +auseinander gehen. + +Es ist Zeit, daß die Niederen und Geringen ihre Stimme erheben und +Zeugnis ablegen, denn was in Jahren geschehen muß, das kann auch heute +sein. So wahr wir fest entschlossen sind, jeder für sein Land zu kämpfen +und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede uns nicht gewährt wird, +so wahr wir uns unverbrüchlich einordnen in die Gesetze unseres Staates +und in die Gefolgschaft unserer Führer, so wahr ist es unsere +menschliche und göttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von neuem die +Hand auszustrecken und zu sagen: Brüder, laßt uns in Ehren und in +Menschlichkeit uns finden. Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und +Frieden der Stärkere sein, der selbstgerecht und gekränkt die Versöhnung +abweist, und nicht der wird, wenn es sein muß, sich schlechter schlagen, +der sein Gewissen entlastet. Für die Unberührbarkeit und Ehre des +Landes, für die Freiheit und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten, +ist Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung den Kampf will, über +den kommt das Blut der Unschuldigen. + +Die Großen haben gesprochen. Es ist Zeit, daß die Kleinen und Geringen +reden, bevor die Steine und die Gräber ihren Mund auftun. Und da ich +unter den Geringen ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme +erheben, so schwach sie ist. + +So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor denen ein fallender +Tropfen wie Erzklang dröhnt. Auch wenn keines dieser Blätter in das +fremde Land gerät, so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg +bahnen, denn die Sprache, die aus heißem Herzen kommt, bedarf keiner +Laute, und wenn ihr Ruf auch nur _einem_ Herzen begegnet, so wird er ein +Hagelkorn des Hasses schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat +in Tau verwandeln. + +Feinde, Menschen, Brüder, höret! Es ist genug. + +Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn geschlagen. Im +blinden Wahnsinn haben wir eine Welt zertrümmert. + +Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden machen. Ihr und wir, +wir jubeln, wenn Menschen brennend aus den Lüften stürzen, wenn Menschen +in der See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet sterben, +wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir lesen bei Mahlzeiten Dinge, +von denen der tausendste Teil uns erstarren machen müßte. Sind wir noch +Menschen? + +Die vier göttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser und Erde haben wir +zu Werkzeugen des Todes gemacht, und das genügte nicht, Gift und Hunger +holte man zu Hilfe. Aller menschliche Geist zählt und rechnet und +grübelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue Gewalt, noch eine +neue Todesart. + +Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in fünfzehnhundert Tagen +hat der rasend gemachte, gehetzte Tod ein blühendes, hilfloses +Menschenherz zerschnitten, und mit jedem Schnitt hat er ein zweites +liebendes Herz getroffen. Ungezählt sind die Krüppel, die Blinden, die +Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen über die Erde und zeugen wider +uns und euch. Die Kreuze auf den Feldern strecken ihre Arme aus, die +gemordeten Wälder recken ihre verstümmelten Äste, die aussätzige Kruste +der Erde, die zertrommelten Städte, sie blicken auf aus erloschenen +Augen und zeugen wider uns und euch. + +In Erdlöchern, in Schlamm und Wasser hocken seit vier Jahren unsere +Brüder, schützen ihre armen Leiber gegen giftige Dünste, Eisensplitter +und Bajonette und trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der Erde +und der Völker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. Bleiche Kinder wachsen +auf, bleiche Mütter arbeiten in Fabriken. + +Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe sind tot, die See +ist verödet. Was noch geschaffen und geschleppt wird, sind Waffen. In +den Städten aber rast der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung +prassen Bereicherte. Die Versuchung wächst, das Gewissen betäubt sich, +die Sitte wankt. + +Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der Planet sie niemals +trug. Noch immer wächst sie, angefacht durch Rache, Verleumdung, Angst +und Verblendung. + +Und doch ist die Welt nicht böse und nicht schlecht; sie ist wahnsinnig +und blind. Jeder glaubt, der andere wolle ihn vernichten, und solange +jeder das vom anderen glaubt, bleibt allen nichts übrig, als zu kämpfen. +Wollte aber jemand auch nur einen Tag länger den Kampf fortsetzen, als +Unabhängigkeit, Unberührbarkeit und Lebensraum seines Landes fordern, so +wäre er für sich allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer der +Millionen, und es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre. + +Feinde, Brüder, es ist Zeit! Es ist sehr spät, und jede Minute tötet, +und doch ist noch Zeit. Denn noch tötet jeder von uns in gutem Glauben, +im Glauben an den Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich +in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten wollen, +Verblendete, die glauben, man müsse vom Tode leben, vom Schmerz +Gebrochene, die nach Rache schreien, und, furchtbar zu sagen, vielleicht +auch Gewinnsüchtige und Machtgierige, die nach göttlichem Recht nicht +fragen. Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage einen +Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die wähnen, der Krieg sei +ein Gottesurteil, der Gott des Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken +wie Zeus auf dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die Hände +seiner Lieblinge geben könne, damit sie mit ihnen verfahren nach ihrer +und seiner Willkür, und neues Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht +glauben das in abgeschwächter Form auch einige Staatsmänner, und denken, +der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ändern, daß sie doch noch in +aller Stille einige Erwerbungen machen können; deshalb scheuen sie sich, +rund heraus zu reden und zu sagen, was sie verlangen. + +Aber ich schwöre euch, es gibt nicht ein einziges Volk auf der Erde, das +die Vernichtung eines anderen Volkes will und wollen kann. Jedes Volk +weiß in seinem inneren Bewußtsein, daß es nur _einen_ Frieden geben kann +und geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in zwanzig +Jahren geschlossen werden wird, ist genau der gleiche Friede, der heute +geschlossen werden kann und geschlossen werden soll. Nur versöhnt er +nicht mehr lebendige Völker und gesunde Länder, sondern arme, verrohte +Krüppel und Stätten der Verwüstung. + +Prüft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. An dem Tage aber, +an dem ihr, Völker der Erde, das Wort aussprecht, das einfache, klare, +selbstverständliche Wort: Keinem Volke soll seine Unabhängigkeit und +sein angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen +verkürzt werden, an dem gleichen Tage ist der Krieg gebrochen und der +Frieden in eurer Hand. Denn die Angst der Völker vor einander ist +erloschen, es können weder Gruppen noch Staatsmänner sie neu entfachen, +sie können auch nicht mehr durch vieldeutige, geschäftskluge Forderungen +den Zweifel offen lassen, ob nicht doch, unter der Verhüllung von +Sittensprüchen der Angriff auf das Leben des anderen lauert. + +Welchen Weg dann die Staatsmänner wählen, um die leichte Aufgabe zu +lösen, wie man zu Verhandlungen kommt, ist ganz gleichgültig. Der +einfachste Weg scheint mir der beste. Es sollte zunächst jeder Staat +fünf Forderungen nennen, die er für die wichtigsten hält, dann kann +jeder rückfragen nach dem, was ihm unklar scheint oder was er nicht +verstanden hat, dann soll er antworten. + +Es ist keine Gefahr, daß die Antworten unbefriedigend ausfallen. Denn +wem eine offenkundig ungerechte Forderung abgelehnt wird, kann +ebensowenig um deswillen den Krieg fortsetzen, wie der, der eine +offenkundig gerechte Forderung ablehnt; es würde ein neuer Krieg mit +neuen Kriegsgründen sein, den niemand will. Sind aber die Antworten +erteilt, so mag man entscheiden, ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen +gestellt oder die mündliche Verhandlung begonnen werden soll. + +Menschen und Völker, besinnt euch! Es geht um eure Seelen. Es wird kein +anderer Frieden über die Erde kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit +und der guten Gesinnung. Wäre ein anderer Frieden erreichbar, ihr +dürftet ihn nicht nehmen, denn er wäre kein Frieden, sondern ein +heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte Frieden, der Frieden Gottes +kommt, wir mögen ihn wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns +geschenkt, wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. Sind wir +seiner würdig, so werden wir ihn erleben, sind wir seiner unwürdig, so +werden ihn auch unsere Kinder nicht erleben. + +Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir es, und handeln +nicht danach, so sind alle unsere Sittensprüche Heuchelei und unser +Gewissen wird am Tage der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die +Verantwortung für eine Zivilisation und Kultur, für das Glück und das +Leben der Millionen. Diese Verantwortung ist die kleinere. Wir tragen +die Verantwortung um der Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen, +diese Verantwortung ist vor Gott und ist die größere. Die Seelen der +Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. Sie fordern +von uns nicht Rache, sondern Versöhnung zur Ehre Gottes. Brüder, wir +wollen einander vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht +der ist schwach, der Vergebung empfängt, nicht der ist stark, der sie +zurückweist. + +Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu Wasser und in der Luft +einander standgehalten und sind nicht ermüdet. Ihre Taten sind größer +als alles Heldentum der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste +aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet erlebt hat und +erleben wird, und ein Leuchten wird von ihm ausgehen über das Weltall, +wenn der Tag anbricht des großen Opfers, der freien, menschlichen und +göttlichen Versöhnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben allen Haß und +allen Kummer, alle Tränen und alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der +Tag, an dem wir uns die Hände reichen, um gemeinsam die Wunden zu +heilen, die Witwen und Waisen zu trösten, die Erde neuaufzubauen. An +diesem Tage sind unsere gefallenen Brüder wahrhaft verherrlicht, an +diesem Tage ist die Erde entsühnt, und das Gottesreich um einen Schritt +der Welt genähert. + + + + +Charakter + + +Wir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine andere Größe, +Stärke und Freiheit, als die wir kannten. + +Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von +ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer +das Sichtbare umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen. + +Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft +gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der +Wirkungsreihe noch tiefer liegt. + +Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und +wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener +Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heißt Charakter. + +Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode des +Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, deren es, ach, so viele gibt, +sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir +überschätzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der +Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie +ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt +und zur Wirtschaft führt. Wir unterschätzen die reine Beobachtung des +Geistes und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit +verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und fürchten uns unbewußt vor +den Ergebnissen. + +Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder +Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand +beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten +entscheidet über das geistige Sein, über den Wert der geistigen +Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um +ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier +entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische +Charakter. + +Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir. +Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen +wir die bewegenden Kräfte prüfen. + +Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und +Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen, +auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist +und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren, +Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die +Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der +energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig, +sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität. + +Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe +ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei +ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die +Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der +Beobachtung unseres Charakters wiederfinden. + +Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und +sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie +fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg +ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen +Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen +Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück. + +Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind +unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen +wollen. + +Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung +und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines +Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet; +denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein +Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten, +verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten +Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren +Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten, +Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder +kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar +Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich +zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder +die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System +ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen +Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die +Unabsetzbarkeit. + +Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in +welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und +Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und +überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor +dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte +bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt. +Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als +Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des +feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten +und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem +mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde +politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese +der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann. +Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik +fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo +Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum +folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden +Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition. + +Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform +dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und +dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines +verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre +geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes +Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus +Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische +Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung, +vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene +Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut. +Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht +mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die +Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die +gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen +gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt, +Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen +selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden +messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere +Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst +sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die +Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere +von zwei Übeln. + +Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die +Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische +Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher +parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament +größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System. +Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch, +parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat, +indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung +kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche +Gegenbegriff Autokratie und Demokratie. + +Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein +Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem +Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte +Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und +ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus +offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und +Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an +Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man +beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert +wird. + +Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die +autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und +Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil, +nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer +Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit +autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt. + +In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen. +Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende +Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er +ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne +Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper. + +Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich. +Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der +ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis +er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum +Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein +anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach +einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens, +womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern +geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und +Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung +gewachsen ist. + +Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus, +stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments +gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte +Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche +Leben noch unmöglicher. + +Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften +unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung +erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres +Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft. + +Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene +Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen +sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der +in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen +Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar, +es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften, +sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für +geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch +beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die +ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste +Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich +die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk +an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der +Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas +in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem +der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und +Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde +ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der +nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht +anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich, +unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir +die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die +niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen +müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt +herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt. +Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir +verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der +Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und +Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man +Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament +stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer +rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries. + +In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile über fremden und eigenen +Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu +verübeln, wenn es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in +Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich in +leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten Hasse hingibt; und +dieser Haß wütet in der Heimat noch rückhaltloser als im Felde, wo +ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In +solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten, +wenn er nach allgemeinem Urteil strebt. + +Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von außen betrachtet, +anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Völker nahezu +anarchisch, nach Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet und +zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen raubtierhaft +erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint +es nach außen gutmütig, freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein +Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis +von politischer Schwäche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand +soll und wird aufhören; dann werden die Völker als kollektive Gebilde +das Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich und +sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die +gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit will, soll man sich nicht +damit brüsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der +vereinbarten Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die +Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das +Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, der andere habe ihm in +hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen König eingekreist. +Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im +Frieden und Kriege erlaubt. Das darüber hinausgehende Unrecht fällt +jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist +es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen läßt, das +Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der +Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der +Nachprüfung. + +Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher als man glaubt. +In jedem Volke gibt es Heilige und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose, +Helden und Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, in +allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Völker +untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die +meisten Vergleiche populärer Psychologie haben den Fehler, daß man +ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt man bei +sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich. +So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populärurteile, +die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker zu +entzweien. + +Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. Es ist nicht +Sache der Wissenschaft, noch weniger der bürgerlichen Beobachtung, +sondern der Einfühlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder +Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen, +dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo gelebt und gute oder +schlechte Geschäfte gemacht hat; das Einfühlen in die Natur eines +einzelnen, das viel schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes +fordert intuitive, ja dichterische Begabung. + +Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten weit entfernt, +und viele der Gebildeten unter unseren Gegnern sind es noch heute. Von +Geschäftsreisenden, Berichterstattern und Stubengelehrten ließen wir uns +mehr erzählen als nötig war, selten wurde ein berufener Beurteiler +gehört, viele wollten oder mußten schweigen. + +So war die Stimmung vorbereitet für das beschämendste und undeutscheste, +was in diesem Kriege geschah, die maßlose, schamlose Ausschüttung des +Selbstlobes. Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, zur +Mißachtung des Gesetzes, zur Überempfindlichkeit der Stimmung +beigetragen als die langandauernde tägliche Selbstverherrlichung. Denn +was brauchte ein Volk von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem +Gott allein, vor allen anderen, sämtliche Tugenden und Begabungen +verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, nur wir waren tapfer +und hingebend, nur wir waren tief und genial, sittlich und heldenhaft, +gläubig und seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen +verworfen. Warum Gott die übrigen so unzulänglich geschaffen hatte? +Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. Wir waren das auserwählte Volk, +gesandt, um allen Völkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen. + +Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war +kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten +und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf +Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine +Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße +und Tränen ist noch heute kein Ende. + +Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle. + +Wir sind kein auserwähltes Volk und wollen es nicht sein. Wir sind ein +junges Volk und haben dennoch eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf +unserem Boden sind große Helden erwachsen, die höchsten Dichter und +Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die Musik der Welt ist +auf deutschem Boden erstanden. + +Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von uns stammt unvermischt +von taciteischen Germanen, wenige entstammen der Oberschicht, die den +deutschen Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die meisten +sind Kinder der namenlosen, unhistorischen unfreien Unterschicht, von +der die Wissenschaft nichts weiß; viele sind zugewandert. Wir sind jung +und wissen wenig von uns. Wir wissen, daß sich unsere Jungen gut +schlagen. Wir wissen, daß wir organisierbar und disziplinierbar sind, +daß wir uns in die mechanisierte Welt vollkommen eingefügt und sie +vorwärts gebracht haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine +bedeutende Technik. Seit dem Ende jener großen Umschichtung, seit +hundert Jahren, sind uns höchste Geister nur spärlich erstanden. Doch +fühlen wir uns als die Erben und geistigen Nachkommen jener Großen, weil +wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir dürfen hoffen, daß +etwas Verwandtes in uns lebt und sich immer wieder verkörpern wird. Wir +ringen um die Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres Staates. +Vor allem: wir blicken uns in die Augen und fühlen das herzliche +Vertrauen vom einen zum anderen, zum guten Willen und zur reinen Kraft; +wir blicken in die lieben Augen unserer Frauen und fühlen die blühende +Wärme des Lebens und die gesegnete Verheißung der Zukunft. + +Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern voraus, eines, das +keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid herausfordert: die Härte +und Schwere der metaphysischen Pflicht. + +Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben, das Streben +zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und das +Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum +Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter +prüfen als alle anderen, und das schwerste von uns verlangen. Und +deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt, +damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen Geist zu +verherrlichen. + +Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen +freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren +Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die +dankbarsten aller Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die +demütigsten sein. + +So sind wir zur Selbstprüfung unseres Charakters zurückgekehrt und haben +die Härte der Unerbittlichkeit gewonnen. Mit ihr die äußere +Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. Wehe dem, der die innerlichen Momente +des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert und +belauscht, um seiner zu spotten oder gegen ihn zu zeugen. Er hat das +Recht des Zeugens und des Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn +schleudert ihn und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem +Maße sittlich gewertet wird. + +Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts übermäßig +Schweres. Unsere Besten haben es uns oft gesagt, bald spottend, bald +schmähend; was sie uns nicht gesagt haben, und was wir selbst uns sagen +müssen, das sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen +wesentlichen Schwäche unseres voluntarischen Charakters. + +Uns Deutschen fehlt das persönliche Unabhängigkeitsgefühl, wir neigen +zur gewollten Abhängigkeit. + +Verwechseln wir nicht Unabhängigkeit mit Zuchtlosigkeit, vermengen wir +nicht Abhängigkeit und Treue. + +Ein Mann soll Zucht halten und Zucht üben, denn der Kosmos ist eine +Ordnung, nach seiner Idee hat jedes Glied zu tragen und zu lasten, zu +leisten und zu leiten. Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ, +der Gewalt; als Freie sollen wir nicht Machthabern gehören und +gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Führung anvertrauen und +hingeben. Von trauen kommt Treue, sie ist das freiwillige, überzeugte, +unverbrüchliche Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein +begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; Treue, +die höchste irdische Pflicht, ruht auf Freiheit und Wahrhaftigkeit. + +Das bedeutet nun freilich nicht, daß ein jeder sich nach Willkür die +Bindungen auserwählen kann, welche er auf sich nehmen will, und welche +nicht. Ein bestehender Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem +eine wirkende Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der Ordnung der +Gesetze so unverbrüchlich sind, wie höchste irdische Pflicht es nur sein +kann. Somit ist jede Frage der Unterwerfung unter rechtskräftiges Gesetz +und seine Ausübung der Erörterung entzogen. + +Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform man will und +welche man nicht will, ob man dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu +stürzen oder sich zu selbstgewollter Bindung zu fügen, ob man neigt, +sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder der Idee, ihrer +Verkörperung und ihren Trägern zu folgen, ob man der Person oder der +Sache gehört, ob man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein +Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher Hütung und Hegung +zu leben wünscht, oder ob man gewillt ist, Verantwortung zu tragen und +zu fordern. + +Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, daß +wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form, +und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur +ordentlich erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis +mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig +hinnahmen. Doch täuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein +Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue von +höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der +unfreien, dienstgewohnten und verängsteten Unterschichten, die +allzulange, vor allem im mittleren und östlichen Teile des Landes, die +Masse der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die +Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß und Peitsche, und der Adel nannte +seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen +mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist +die Abstufung des Abhängigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht +nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische +und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung +eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt, +nämlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für sich +verlangen. + +Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns der Eigenart +unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht bewußt sind, und daß wir seine +sichtbarsten Folgen, die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens, +die militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische +Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des bürgerlichen +Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende +Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stände, die +zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die +Ansprüche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es +fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in +gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen, +lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten +Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an +Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten +sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch +Vergleich bewußt geworden war. + +Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, wie jede +menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rühmt unsere +Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und +Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist, +geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist +gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgültig, um welchen +Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige +schöpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte +Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt +kein Höhepunkt der Präzision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen, +etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige +Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, wäre es +bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, daß +solche Sondervorteile nicht bestehen. + +Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren. +Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges übertragen, bedeutet +Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, Haften an Überlieferung, an +herkömmlichen Denkreihen und Methoden. + +In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den +Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu +sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum +über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien +erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir +ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende +schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu +lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere +konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger +ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten. + +In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht: +Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen, +unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft +vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die +Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe +ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit +Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit +als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der +Atmosphäre. + +In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien +programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie +gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den +bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man +würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu +sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf +der Liste zu finden. + +Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen +und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen +Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner +verstärkt, ist nichts weiter zu sagen. + +Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das +gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt. + +Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und +Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der +innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer +Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge +Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte +man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt, +halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung +nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele +wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht +verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß +eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere +der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil +war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark +für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen +Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine +Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen +Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis +erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß, +keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte. + +Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind, +welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte +Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter +Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet +sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem +Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen +Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und +Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und +gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der +ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines +bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische +Unabhängigkeit. + +Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen +Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die +Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom +wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern, +Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre, +Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und +verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der +Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo. + +Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben +geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und +unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und +dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es +sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen +lohnt es nicht. + +Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und +der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten +Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt +sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des +»Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher +Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d. +I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von +der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und +mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen, +finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein +menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik +übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei, +einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen, +so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von +Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben +und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche +seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern. +Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen +verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge +unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig +oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer +ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten +zugrunde. + +Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und +finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit. + +Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer +lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die +eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied +organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte, +seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen +er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich +jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der +Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der +Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der +Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des +Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des +zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des +Eingeborenen. + +Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen Ursprungs wird in +anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es +jeden Tag nötig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen, +fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes +bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene +Menschen keine Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, den +Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines +Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der +Ehrenbezeigungen, die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt +rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, daß in +zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von +unten nach oben oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird +untertänigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst +gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu +Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle +ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in +Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren +zum älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint unter +Umständen das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan, +es wird zur Treue, zur Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt. + +Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter – Untergebener findet +ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schärfe gegen den +Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenüber dem eigenen +Vorgesetzten; bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung +nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar +oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im +Auslande und in Kolonien entstanden. + +Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen +Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die +bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und +theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der +gottgewollten Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die +überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren +Verhältnisse klar überblickt und über auswärtige Vergleiche verfügt, +wird denn auch häufig und vorurteilslos über das einheimische +Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum +vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewürdigt. +Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend mündig, die feudale +Schichtung für zu unentbehrlich, um eine Änderung zuzulassen. + +In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen +anderen Zustand vorstellen als den, daß jeder, der es sich leisten kann, +kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen muß, kommandiert +wird. Was man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, und noch +etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als +Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben. + +Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser Land auf den schroffen +Begriff der Subordination gestellt ist, während Länder weit geringerer +Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende +gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis im +Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es +nicht übergreifen. Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß +ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen +gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln +ließen. Unsere Gutmütigkeit, die für den Begriff des Anschnauzens +mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat, +entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch +es bleibt genug übrig, was zu denken gibt. + +Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit schädigt +den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen +unter euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus vor dem +Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen ließen? In den frohesten Ruf +mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck +sagte in theoretischer Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle +des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß das Vaterland unser +Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum König die freie +Zustimmung und Gefolgschaft freier Männer ist? + +Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls +niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mögen genügen. Wenn das +männliche Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und +Auflehnung, sondern Passivität. Man muß sich manches gefallen lassen und +tröstet sich damit, daß es dem Nächsten nicht besser geht, und daß man +sich vor ihm nicht zu schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre +Schwächen, man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind sie +kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht +aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, da wäre das Spiel +verdorben. Beim Unglück des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim +ersten Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am +Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. Ist jedoch ein +plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich alle Untugenden des +Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum +Herren. + +Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befürchten. +Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, er ist nicht weit davon, ein +nationales Laster zu sein. + +Überblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten +Unabhängigkeitsgefühls und des ausgesprochenen Abhängigkeitsdranges, so +dürfen wir sagen: Eine Todsünde belastet uns nicht. Wir sind nicht +Sklaven, wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind nicht +Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. Es ist nicht +unsere Sache, von unseren Tugenden zu reden; dies wissen wir, und das +mag genug sein: Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, was unser +Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft geduldet hat. + +Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhängigkeitsbedürfnis ist +eines der schwersten Hemmnisse des inneren und äußeren Aufstieges, es +ist der politische Kardinalfehler eines Volkes. + +Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten Entschlusses, den +Adel rückhaltloser Entäußerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen +Verantwortung voraus. Würde, Adel und Herrentum aber können in gewollter +und geduldeter Abhängigkeit nicht erstehen. + +Gewiß wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen Weg schreiten, und +Einrichtungen werden ihr folgen. Doch beiden voran muß der Aufschwung +des Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch eine einzige +Schwäche unseres voluntarischen Charakters. + +Würden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk die vollkommensten +Einrichtungen des staatlichen und kulturellen Lebens beschieden, es wäre +umsonst. Sie würden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung und +unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine Güter und Institutionen nur +auf derjenigen Höhe halten, auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen +fähig ist. + +Früher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, denen wir +entgegenstreben, heute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen +Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf +um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und +Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. Sie ist nicht die +Sendung des Militarismus, sie ist auch nicht die Sendung der +Mechanisierung und der Technik, obwohl sie diese Nützlichkeiten nicht +verschmäht, sie ist am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist +die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: die Sendung des +reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Geistes. Diese +Sendung fordert nicht Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige +Männer. Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und Schneider +für London und Newyork zu liefern, sondern als freie Männer auf freiem +Boden brüderlich mit den Völkern zu reden und zu wirken, nicht um des +billigen Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit willen; +ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu empfangen, was wir +brauchen. + +In eurem Kampfe zählen die Jahre nicht. Es wird euch bekämpfen die +Herrenkaste, und das ist schade, denn es sind tüchtige Menschen, klug, +mutig und eigenwillig. Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an +Phantasie; sie wissen nicht, daß im Sturm das fahrende Schiff sicherer +ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, daß in einem freien +Volke ihre Eigenart mehr wert ist als in einem, mit dem sie kämpfen. An +ihnen haften zwei Sünden: Sie haben das Volk unmündig gehalten, um es +leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer Herrschaft die +Verantwortung zu tragen für jenes Menschenalter schlechter Führung, das +die Gewitteratmosphäre schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf +ihnen lasten. + +Bekämpfen werden euch die Interessenten, und das ist gut, für euch wie +für sie. Sie wissen nicht, daß mit der geistigen und wirtschaftlichen +Anarchie, die sie im Lande erregen, sie den Ast absägen, auf dem sie +sitzen. Sie müssen lernen, daß mit den Geschäften von heute auf morgen, +die sie erstreben und um die sie sich würgen, das Korn vor der Ernte +zertreten wird. Das Futter wird nicht mehr, sondern besudelt und +verstreut, wenn man aus Gier mit beiden Füßen in den Napf springt; die +Welt ist eng geworden, sie ernährt uns nur dann, wenn die Arbeit sorgsam +geordnet und geteilt wird. + +Bekämpfen werden euch die Indolenten und mehr noch die +Originalsüchtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache zu tun, sondern um +ein apartes, literarisch verwertbares Gerede von der Sache. Sie glauben +die Welt zu ändern, wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen +und im Kaffeehaus neue Zeitwörter ausdenken. Mit beiden werdet ihr +fertig, denn sie haben einen kurzen Atem. + +Beginnt ihr zu zweifeln und fühlt ihr euch im Kampf ermatten, so erfüllt +euch mit dem Bilde des ragenden inneren Deutschlands, das wir im Herzen +tragen, des Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der +Innigkeit, des reinen Glaubens; tränkt und sättigt euch mit diesem +Bilde, und blickt um euch. Seht ihr dann noch das kreischende, gierige +Werben, die vergifteten Genüsse, die zynischen Gestalten der frechen +List und der brutalen Schaustellung, die unwürdigen Gebäude und +barbarischen Schaustücke: dann hat das neue Reich das alte noch nicht +überwunden und der Kampf geht weiter. + +Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. Kein Ereignis von +außen, nicht das Glückbringende, nicht das Bedrückende spricht euch los. +Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr +befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht +seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig seid, begüten, wenn ihr gläubig +seid, erwecken. + +Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie preisen was sie +besitzen, und festhalten, und dazu erwerben wollen. Oder um der Macht zu +schmeicheln, oder, weil man es sie gelehrt hat. + +Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die sagen, es sei +anderwärts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser +Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist +niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen. + +Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen Schriftgelehrten, die +verkünden: »Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle +Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine +unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist eine veraltete +Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur +Hörigkeit, von der persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des +Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidarität nicht +Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus +der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und +Irrationalen. + +Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir +leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern +sich selbst hören will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen +Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim +von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns sträuben, desto härter +werden wir geführt, und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren +Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon uns lenkt. + +Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir +gezwungen schreiten. Denn wozu wären euch die seltenen, köstlichen Dinge +gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der +Verheißung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es +euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee +trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich +selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge haben. +Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung, +die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen. + +Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Händen, die +leuchtende und zündende, die verheerende und verklärende. + +Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte +und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und +gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den +göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt. + +Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem +Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu +Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und +sich euch hingibt. + +Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch +alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden +Seele erringt. + +Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch +schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und +Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden. + +Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes. + + + +_Geschrieben im Juli_ 1918. + + +_Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei in Leipzig._ + + + +_Werke von Walther Rathenau:_ + +_Zur Kritik der Zeit_ +Fünfzehnte Auflage + +_Zur Mechanik des Geistes_ +Neunte Auflage + +_Von kommenden Dingen_ +Fünfundsechzigste Auflage + +_Deutschlands Rohstoffversorgung_ +Neununddreißigste Auflage + +_Probleme der Friedenswirtschaft_ +Fünfundzwanzigste Auflage + +_Streitschrift vom Glauben_ +Vierzehnte Auflage + +_Vom Aktienwesen_ +Zwanzigste Auflage + +_Die neue Wirtschaft_ +Sechsundvierzigste Auflage + +_Zeitliches_ +Zwanzigste Auflage + + +_Gesammelte Schriften in fünf Bänden_ + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das +Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das +Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal +S. 049: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß +S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel +S. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß +S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebärde +S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been +moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau’s +other works has been moved to the back. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal +p. 049: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß +p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel +p. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß +p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebärde +p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + +***** This file should be named 23396-0.txt or 23396-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/3/9/23396/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/23396-0.zip b/23396-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f08bcb3 --- /dev/null +++ b/23396-0.zip diff --git a/23396-8.txt b/23396-8.txt new file mode 100644 index 0000000..693f385 --- /dev/null +++ b/23396-8.txt @@ -0,0 +1,3742 @@ +The Project Gutenberg EBook of An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: An Deutschlands Jugend + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: November 7, 2007 [EBook #23396] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + + + An Deutschlands Jugend + + von + + Walther Rathenau + + + 1918 + + S. Fischer * Verlag + Berlin + + + + 1.-20. _Tausend_ + + Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung + + + + +Inhalt + + +Zueignung und Aufruf 5 + +Zweifel 18 + +Glaube 42 + +Krieg 74 + +Charakter 97 + + + + +Zueignung und Aufruf + + +In dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu euch ich mich, +Menschen der deutschen Jugend. Nie hat eine Menschheit so bewußt und +verantwortungspflichtig an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die +Stunde hält ihren Atem an, zu lang für das bangende Herz, zu kurz für +das flatternde Gewissen, der Klöppel holt aus. Ist der Schlag +verklungen, nach Menschenjahren, Sekunden des Äon, so stehen wir in +fremder Welt und Zeit, beladen oder entsühnt, und blicken durch den +Tränenschleier des Krieges nach dem entsinkenden Reiche der Gewesenheit. + +Unbewußter, zweifelfreier waren die, die vor weniger als hundert Jahren +durch den Nebel der Weltkriege das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen +sahen. Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene bürgerliche +Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet als genommen, sie +fühlten beschäftigt das Nahen von Wissenschaft, Technik und Kapital und +konnten sich dem überlassen, was sie Restauration nannten, und was der +häßlichste Nutzbau der übervölkerten, mechanisierungsdurstigen Welt war. + +Der Bau wuchs; in den höchsten, luftigsten und frechsten Geschossen des +Himmelskratzers sind wir geboren und haben wir gelebt; jetzt bricht er +nieder, aus Mangel an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man +verschmäht hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, stand auf dem +Schuttplatz der französischen Revolution, die Raum geschaffen hatte, +aber keinen Baugrund. Bis in seine höchsten Zinnen, die Nationalismus +und Imperialismus hießen, trug er keine Idee in sich, nur ein +empirisches Gleichgewicht der Kräfte; alles was Idee hieß, rankte sich +äußerlich empor und zermürbte seine Wände. + +Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, denn die +Zerstörung ist da, wir brauchen sie nicht zu rufen. Was gefordert wird, +ist Arbeit, langsamer, heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten +Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, die sagt: Laßt mich +nur, ich bin schlau und vernünftig, ich will einmal versuchen. Nicht aus +satter Interessiertheit, die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht +aus Stumpfheit und bürgerlicher Blöde, die sagt: Kommt Zeit, kommt Rat. + +Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und Konferenzen, Brand +und Löschung, sondern über der Bauhütte, über ihren Meistern und +Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer +Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, deshalb haben wir vom +Geist zu reden. + +Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines +Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen +ausgeschüttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor +die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten, +um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die +Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und +Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von +Einsamen, von Jungen, und von denen, die nicht altern und nicht sterben. + +Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen, +Prüfung, Besinnung. Nichts anderes will ich von euch. Prüft meine Worte +an euren Gedanken, in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, was +euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, den bestechenden +Einfall. Nicht ein Führer unter euch vermesse ich mich zu sein, nicht +ein Berater, ich will mit euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich +euch nicht; ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure +Väter, ihr seid ihnen ähnlicher, als ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung; +auch wir sind eine Hoffnung gewesen und keine Erfüllung geworden, +obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich +huldige auch dafür euch nicht, daß ihr in den Krieg geboren und +gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Väter verschuldet, also haben wir +ihn verschuldet; den Krieg haben wir verschuldet, also habt ihr ihn +verschuldet. Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen, +gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten umfaßt es +die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der mit seiner +Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und +zittert, und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz +verbrennen. Auch dafür nicht, daß ihr ungebrochen und stark, voll +Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich euch. In zwanzig Jahren sind +eure Verwegensten alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des +Großen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn +abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr Herz warm erhalten +haben, um zaghaft und überwältigt zu euren Kindern zu reden. Um des +Glaubens willen an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe +willen zu euren Vätern, euren Kindern und am meisten zu euch, um der +Hoffnung willen, die ihr seid und alle, die nach euch kommen. Denn ihr +werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf euch liegt die +Verantwortung und die erste Entscheidung. + +Werdet ihr mich hören? Manche von euch, die ursprünglichsten, sind +sorglos, dem Denken abgewendet, mit billigem zufrieden und eng +autoritär; manche, die klügsten, sitzen in ihren Schreibstuben und +Preßzentralen, pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion und warten, daß +ihrer geschulten Dialektik zuliebe die Welt sich wie Sankt Hieronymus' +Löwentier aufblickend zu ihren Füßen schmiege. + +Verschließt ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir selbst und meinem +Schöpfer, denn reden muß ich und darf nichts verschweigen, obwohl ich +weiß, daß jedes Wort mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich +hassen und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren Geistes, +reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben erzwingen für das, was sie +verkünden und was ich nur stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts +ist in mir, das den Willen rechtfertigt, gehört zu werden, außer dem +Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung. + +In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu euch reden von +unseren gemeinsamen Schwächen, Trübheiten und Klärungen, so muß ich frei +vor euch mich zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, damit +ihr ungetäuscht so hart und milde wie ihr wollt urteilt, und muß euch +sagen, wer ich bin. + +Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche +Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche +Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in +lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines alten +Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen, +den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn +ich war mir des Widersinns der Gaben bewußt. Das Handeln war fruchtlos +und das Denken irrig, und oftmals wünschte ich, der Wagen möchte +zerschellen, wenn die feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins +Gebiß legten und die Arme erlahmten. Das Alter sänftigt. Noch immer ist +der überschüssige Wille nicht ganz gebrochen, noch immer stehe ich im +praktischen Handeln, doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal +scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas in meinem Denken +befruchtet worden, als habe die Natur mit mir den Versuch vorgehabt, wie +weit betrachtendes und wollendes Leben sich durchdringen können. Ein +Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum ersten- und zum +letztenmal, nicht freiwillig, sondern von Not gezwungen, mich den +Getrieben des Staates näherte, da wurde durch das geringe Werkzeug +meines Kopfes und meiner Hände vom deutschen Willen aus einem Gusse +eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines Einzelnen +beschlossen ist: die bewußte Schöpfung einer neuen Wirtschaftsordnung, +die nicht vergehen kann und alle künftigen Wirtschaftsformen in ihrem +Schoße trägt. Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde Stamm +nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun schüttet er die verspäteten +Knospen und Blätter in euren Schoß. + +Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern der geistige +Niederbruch, den er offenbart, nicht die Furchtbarkeit dessen, was ist, +sondern dessen, was war und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein +Gewitter zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig und +absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder da anzufangen, wo sie +aufgehört haben, am liebsten möchten sie ihn als Mittel betrachten, um +einige ihrer alten Zwecke zu erreichen. + +Andere trösten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher Evolutionen: +immer haben Kriege die Übergänge der Wirtschaftsformen begleitet, dieser +ist größer, doch nichts anderes; wir werden den Endzustand erwarten und +versuchen, ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben nur zur Hälfte +Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der Weltbrand des europäischen +Sozialgebäudes, das nie wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede +Brandstätte ein Baugrund, manche ist wüst geblieben und manche zur +Spukstätte für Gespenster und Gesindel geworden. + +Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so wie es ist, nicht als +mannhaften Zweikampf, nicht als frisch-fröhlichen Reiterkrieg, sondern +als Weltgericht: diese wenigen haben es verkündet, nicht als +politisch-wirtschaftliche, sondern als sittliche Notwendigkeit, als +Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, die Würde und +Gerechtigkeit der westlichen Welt zu wecken und zu retten. + +Wir gingen zugrunde mit aller Üppigkeit der Technik und mit dem +verruchten Stolze unseres banalen Wissens; und wir gehen weiter und +unaufhaltsam zugrunde, mit und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht +begreifen und uns ermannen. + +Noch jetzt, im fünften Jahr, sind die Nationen nicht fertig, ihre +Kriegsgründe, Kriegsursachen und Kriegsziele zu erklügeln -- freilich, +sie wissen sie nicht und werden sie nicht wissen! -- Weltanschauungen zu +erdichten und zu ertüfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander +vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mißvergnügten Reisenden +erlernt haben. Noch heute beschimpfen sich Staatsleute und strafen sich +Lügen, und deuteln an ihren Forderungen. Nüchterne Polizeiideale werden +angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzüge werden gepredigt, unüberzeugte +Gerechtigkeiten werden gefordert. Und im Innern der Völker blüht +Kriegswucher, Geschwätz und Roheit, während treuherzige Jugend an den +Fronten verblutet. + +Was sind alle Zerstörungen und leiblichen Opfer verglichen mit den +Zuckungen und Verzerrungen des europäischen Geistes? Dies Leiden ist +nicht dem Kriege entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd +sehen und fühlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. Und diese +Krankheit geht nicht mit dem Kriege, nicht durch den Krieg zu Ende; in +erneuten Schreckensformen, mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt +sie weiter bis zur tödlichen Erschöpfung. Die Geisteskrankheit, der +sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar nur durch die Macht des +Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr. Die nüchterne +Wirtschaftsrechnung verschlägt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen. + +Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren Tiefen. Kein +Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine Änderung der +Einrichtungen. Denn wäre selbst alles aufs beste geschaffen und +bestimmt, es zerschellte und zersplitterte am Wust der Interessen, an +der Überzeugungslosigkeit, an der Indolenz, an der geistreichen +Tüftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und sänke zurück ins +Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft sind die einzigen Formen, die den +anarchischen Körper im Scheindasein erhalten können, und beide ertöten +vollends den Geist. + +Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt ist: Kannst du +noch einmal den deutschen Geist zur Einheit der Überzeugung, zur Treue +der Weltanschauung aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des +Mittelalters, die bleibt uns verloren; es sei eine vielfältige Kraft, +doch darin einig, daß sie das Geistige über das Irdische stellt. Dann +mag sie vielspältig, mag sie vom Glauben aller Welt verschieden sein, +denn zwischen echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch +keinen tötenden Haß und jederzeit die wölbende Synthese. + +Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht Heilige, nicht Genien, doch +Geistige, Aufrechte, frei und weit Blickende, Würdevolle, Spendende, +Innerliche, Wirkende; nicht Umhüllte von Interessen, Standesverblendung, +Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei, eitler Geschäftigkeit? +Denn vergiß nicht: Wäre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht, +wir hätten heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich, +auf diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien --, überall der +gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche mechanisierte +Sicherheit, bestenfalls hier und da ein wenig weltfremde, spintisierende +Grübelei, und nirgends ein Mensch, der auch nur von ferne den alten +mannhaft Großen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden +Berufen. Die Besten des Landes sind einsam an ihren stillen Werken, +einseitig, aufgezehrt, gealtert, dem Treiben abhold. Wir alle müssen +abtreten, zurück in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere +nicht getan, wir sind nicht die Rechten. + +Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulänglichkeit bewußt, der +Wende unwürdig das Geschick sich erfüllen sahen, habe auch ich meine +Stimme erhoben, das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet und +das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert und dereinst erzwingen +wird, die Änderung von Einrichtungen und Gesinnung, den wirtschaftlichen +und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der +Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung irdischer Ordnung im +Reich der Seele. Unverbrüchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind +im Anzuge, ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind +erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im Geiste verwirklicht. + +Doch die Liebe zur Heimat überwiegt alles und verlangt, die kommende +Gerechtigkeit und Adelung möchte als ein Werk deutschen Geistes, als ein +Geschenk deutschen Herzens an die Völker in die Welt treten, +Deutschland möchte nicht zag, spät und verdrossen dem Weltlauf folgen, +Deutschland möchte den Anspruch auf Führung und Verantwortung, also den +Anspruch auf eigenes Leben nicht mürrisch und verbittert jüngeren +Völkern preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd hinter +trockenen Rechten und böser Gewalt zu verschanzen. + +Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen? Wo sind +in dieser Zerfahrenheit der Interessen, der Stumpfheit, der +selbstverliebten Geschwätzigkeit, in dieser Unklarheit der Wertungen, in +der prüfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in der Verfilzung +der Staatseinrichtungen -- wo sind noch Ansätze möglich für die +Keimkräfte des neuen, reinen, freien Lebens? Kann es außerhalb einer +politisch beeinflußten Tagesmeinung überhaupt noch eine geistige +deutsche Überzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken entständen, wirkliche +Gedanken des Geistes und Herzens, Ideen, nicht Forderungen alltäglicher +Nützlichkeit noch gehässiger Zeitungs- und Versammlungsdunst --, können +solche Gedanken in Deutschland noch Träger und Verwirklicher finden? Ist +unser Volk einer nicht bloß herkömmlichen, nicht bloß interessierten, +nicht bloß agitatorischen Anschauung noch fähig? Was sind überhaupt die +Voraussetzungen für die Möglichkeit einer deutschen Anschauung? Und sind +sie verwirklichbar? + +Die erste Prüfung endet freilich schlimm. In keinem Lande der Erde wird +soviel wie bei uns von Anschauung, Weltanschauung, Kultur und Ideal +geredet. Das kommt daher, daß wir in der vormechanistischen Epoche eine +wundervolle Blüte des Geistes erlebt haben. Das war in einem kleinen, +in den Tiefen kaum emanzipierten Volke mit einer Schicht von knapp +fünftausend Gebildeten, einem Volk also, das eigentlich nur aus +sichtbarem Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte, +uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten drei Menschenaltern +war die Zahl und Kraft der idealistischen Geister so gering, daß es +zweifelhaft erscheint, ob unsere wissenschaftliche, technische und +organisatorische Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient. + +Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen nach der +Weltanschauung und den Idealen, für die wir kämpften. Wir erklärten +ihnen, unsere Feinde seien Händler, wir aber verträten eine heldenhafte +Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns herrschende +Kapitalismus abgeschaltet werden mußte, der technisch-organisatorische +Teil der Kriegführung im Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt +wurde, wieweit wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, die in +unserem Namen die Welt versorgten, in das Heldenideal einzubeziehen +wünschten. + +Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen Freiheit beschieden, das +weniger eine Freiheit als eine sympathische Unfreiheit war, das +auffällig mit den herrschenden Zuständen übereinstimmte und im Kern auf +einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief. + +Auch das altliberale Bürgerideal hat man uns anzupreisen versucht, mit +schüchterner Loslösung von seinem englisch-französischen Ursprung, das +gern auf demokratische Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden +freisteht, ungestört und unbekümmert vom Nächsten und vom Staat, seinem +förderlichen Beruf nachzugehen. + +Die sogenannten Machtideale bedürfen keiner Erwähnung. Sie passen auf +jeden, der die Mittel zu haben glaubt oder sucht, um sich auf Kosten +anderer Vorteile zu schaffen. + +Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, und wir beschäftigen +uns wieder vorwiegend mit Interessen und Tagesfragen. Wo sind die +deutschen Ideale, wo sind ihre Träger? + +Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum großen Teil von +Schulagitatoren geführt werden. Wir haben acht Millionen unselbständige +in der Landwirtschaft Beschäftigte, die sich nicht organisieren dürfen +und nicht Träger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch +geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit Minderung bürgerlicher +Rechte drohen dürfen. Wir haben die Stände der Interessierten, die mit +der Dialektisierung ihrer Gewerbe befaßt sind. Wir haben eine +Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. Wir haben einen +selbständigen Mittelstand, der nach den Gründen seines Niederganges +sucht. Wir haben ein Großbürgertum, das nach Beziehungen und +Beförderungen lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand, +der zur Verteidigung alles Bestehenden erzogen ist. Wir haben +Interessenvertreter und Ortsgrößen, die im politischen Leben stehen und +ihre Wünsche und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in +Übereinstimmung zu bringen suchen. + +Und dennoch! Solange noch Selbstbewußtsein und Willenskraft in uns ist, +lieber in tätigem Glauben und edlem Irrtum vergehen als in kranker +Resignation und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu dir, +deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten des Lebens nicht +zermürbt, die wütenden Interessen und giftigen Händel dich nicht +verfeindet, ein großes Schicksal hat dich verschmolzen und geläutert, +hilf die Quellen des schmachtenden Landes erschließen. + +Laßt uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Laßt uns durch die Öde des +Zweifels schreiten, laßt uns an das Tor des Glaubens pochen, laßt uns +das Schicksal unserer Prüfung befragen und unserer eigenen Seele tief +ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht entmutigt heim. +Müßten wir auch ein schweres Teil der Völkerschuld auf uns selbst +nehmen, müßten wir tiefe Sühne und Einkehr von uns selbst verlangen: +Laßt uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir anderen das +Behagen der Beschönigung und des Selbstlobes, das seit vier Jahren zur +schamlosen Pest der Völker geworden ist, und suchen wir den Weg zur +alten Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes Erbteil +war. + +Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, wie fern wir dem +Lande unserer Verheißung sind, genug, wenn wir heimkehren mit der +Botschaft, daß unser Schicksal bei uns selbst steht, daß wir inne +geworden sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer +Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt. + +Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, und den härteren, +den wir kämpfen werden, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und +die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt +und sie zum Phönixopfer weiht. + + + + +Zweifel + + +Wir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu +preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form +einer liberal aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte exakte +Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus, +gesellschaftlich die bürgerliche Streberei. Das Reich und die Großmacht +war begründet, einen Schritt darüber hinaus gab es nicht; das Bestehende +hatte recht, wer Einwände erhob, bekam es mit Bismarck zu tun oder mit +dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder mit den »besseren« Ständen. +Alle Gebiete des Lebens überschattete die Autorität des unbestrittenen +sichtbaren Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverständlich, Urteil +und Rat vom bereicherten und kaufenden Bürger und der gebildeten +Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, soweit sie nicht als verderbt galt, +fügte sich den genehmigten Idealen, ja überbot sie; der oberste der +genehmigten Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte +Beamte, das heißt Juristen, die Laufbahn verlangte gesellschaftliche +Garantien, das heißt studentische und offiziermäßige Korporation. Die +Vorbilder wirtschaftlichen Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht so +machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb hatte eine +gesonderte Aufstiegsordnung, in der ein umfangreiches Assistentenwesen +und Einheirat eine gewisse Rolle spielten. + +Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb +unbewußt in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autorität +und Streberei gezwängt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum +eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, des altmodischen +Bramarbas und des bezopften Renommisten: den Patentscheißer. +Aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem +Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften +Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers +nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerliche +Prüfungsreife erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges +und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um +Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und +Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja +anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk +regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. Gewiß, es gab auch +zahlreiche andere Vertreter der akademischen Jugend, vor allem die, +deren Mittel zur Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine +Befürchtung, daß die Generation der achtziger Jahre uns den Ausfall +einer geistigen Ernte im öffentlichen Leben kosten würde, hat sich +erfüllt. + +In den Formen des ländlichen und kleinbürgerlichen Lebens haben wir uns +stets bescheiden, sicher und würdig bewegt. Für gesteigerte bürgerliche +Lebensform ist ein gültiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht +geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich, +patriarchalisch, stadtfeindlich, der größere international und +abgesondert. Der Soldatenstand ließ nach außen nur einen kühlen Schliff +erkennen, der zu brutal übertreibender Nachahmung verführte, das +Beamtentum, wirtschaftlich gedrückt und stolz verzichtend, machte in +seinen Formen die Abwehr fühlbar, die ein Leben in unterordnenden und +spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten bedingt. Patriziat und alter +Reichtum, in Deutschland selten und versprengt, fand in sich kein +Gleichgewicht und drängte zum Adel und Hof. + +So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild der Lebensform, des +Benehmens und der Gesellschaft; unzusammenhängende Konventionen wurden +unverstanden gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, zur +Schaffung eines geschlossenen äußeren Erscheinungsbildes reichten sie +nicht aus. Der erzieherische Nachteil dieses scheinbar äußerlichen +Mangels für jedes heranwachsende Geschlecht wird unterschätzt. Er läßt +den jungen Menschen die Würde und Sicherheit einer anerkannten Schulung +entbehren, verführt zu einem billigen Individualismus, der nur +Formlosigkeit ist, erschwert die Schätzung und Gemeinschaft einer +körperlichen Kalokagathie, bewirkt Rückschläge in eine pomadisierte +Pöbelhaftigkeit und ermöglicht die Entstehung von wechselnden +Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet werden würden, und von +denen das der achtziger Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet. + +Diese Sorge ist vorüber, denn kommende Zeiten werden die Spaltung der +Kasten nicht kennen, der aristokratischen, militärischen und +bureaukratischen Vorbilder nicht bedürfen, sondern ihre Wertungen aus +menschlichen und volkstümlichen Vorstellungen schöpfen. Für uns bestand +sie, euch blieb sie erspart. + +Denn ihr hattet das Glück, im Widerspruch zu erwachen. Eure Kindheit hat +der beginnende Wohlstand des Landes gepflegt, ein erwachendes +Schrifttum, eine nicht volkstümliche Kunst hat euch ein Widerspiel zur +Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewußtsein erweckt und durch +Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte Lösung von der Autorität, die +einigen von uns glückte, andere brach, war für euch kein Problem, denn +ihr seid frei geboren. Eure Väter konnten euch nicht die +Unwiderleglichkeit großer Schöpfung entgegenhalten, sie hatten nur die +Mechanisierung emporgehoben, der sie fruchtlos dienten, den Staat und +ihr eigenes Machterbe verwahrlost, und euch mit einer gewalttätigen, +rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, die sich anpreisen +aber nicht verteidigen konnte. Freilich waren auch unter ihnen große +Männer, deren Arbeit Gutes schuf und ohne ihr Wissen Künftiges +bereitete, doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis auf +seine Wurzeln des schöpferischen Zweifels, und die äußerlich glänzendste +Epoche, die je der Erde beschieden war, die dicht an das künstliche +Paradies der Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen +Schrankenlosigkeit und des ewigen Wohlstandes rührte, erstarb im Geiste. + +Ihr durftet zum Bewußtsein erwachen, und wenn uns Älteren ein Anteil an +der Freude dieses Erwachens zufiel, so war es der, daß einige von uns +versucht hatten, der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken, +ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreißen und mit der Gewißheit +der aufsteigenden Seele heimzukehren. Selbst eure Väter hatten euch +vorgearbeitet; sie waren der alten Strenge und Herrschgewalt nicht +fähig, denn die fordert zweifelfreie Überzeugung und Überlieferung, sie +aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativität, die verstehen +wollte, aber nicht werten. Unschlüssig lockerten sie das Band der +Schule; da floß viel Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird, +und schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, Verwalter und +Richter des geistigen Erdenguts sein soll. Dafür wurdet ihr freier, und +lerntet fühlen, daß Jugend, bloße Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des +Wollens und Handelns ein erfüllendes Glück ist. Ihr wandtet euch ab von +gepriesenen Werken und Kämpfen, dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor +euch den Trunk ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin -- dies +ist euer schönster Gewinn -- wohin nicht viele Geschlechter gedrungen +sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit und Freundschaft. Viel fehlte +nicht, so hättet ihr euch von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit +losgesagt und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden. + +Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft zu Bäumen, +Tieren und Menschen. Manches Lied und mancher Vogelruf wurde euch +vernehmlich, und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und lerntet +die Namen der Kräuter und die Spuren der Tiere auf morgendlichen Wegen. +In Nächten saßet ihr beisammen und sprachet von freier, verantwortlicher +Bestimmung des Lebens, von einem Dasein ohne Haß und Gier und vom +Erwachen des Geistes. + +Den Dämonen konnte dies Dasein ein träumerisches Spiel scheinen, zu +leicht und glücklich selbst für die Jugend Erdgebundener. Da geschah die +Berufung, die euch vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit +schlug und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung für künftige Wende +zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff euch und viele durften siegend +sterben. Der Zeiger der Geschichte steht still, solange die Urkräfte und +Titanen ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch +und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr. + +Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, die ihre Unschuld und ihr +reines Glück, furchtlos, das Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne +Frage ins Feld getragen haben. Sie sind der blühende Leib und die +lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind sie mit der Meinung +und Wertung des Tages zufrieden, mit leichten Erklärungen einverstanden, +leiblich und geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber werden +sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, und wenn sie reinen Herzens +bleiben, tun, so Gott will, was not ist. + +Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf und das Weh der Erde zum +zweiten Male sich abspielt, die in der Angst der Schuld und in der Qual +des schöpferischen Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt, +sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue Gestaltung +emporzutragen. Ihre Verantwortung ist es, wenn die Dinge des Landes und +des Erdteils so bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die +treibenden Kräfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die Völker als +Fremdlinge, als Objekte in den Häusern ihrer Staaten sitzen, wenn +Ungerechtigkeit, Haß, Gier und Entseelung den entfleischten Erdteil von +Kampf zu Kampf in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr ist +Zermürbung der großen Aufgabe und ihrer selbst durch unergriffene +Klügelei, durch selbstverliebte Theoretik, durch flache Originalität. +Erschreckt nicht vor dem einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit +in der verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, vor +aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; das reine Herz +muß sie finden. + +Mit ihnen, den Zweifelnden, muß ich reden. Nicht als einer, der weiß und +sicher ist, sondern als einer von denen, die mit ihnen leiden und +suchen, die fühlen, daß alle Gemeinschaft ein Bekennen ist. + +Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? Es gibt nur +täuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? Es gibt keine absoluten +Werte. Was ist ein Ziel? Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht +ist, zu neuen Zielen hinwegstrebt -- oder eine unerträglich süße, falsche +Seligkeit. Was sind menschliche Triebkräfte? Genuß und Macht. Was ist +Tat und Opfer? Zwang unfreien Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine +Konvention des Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die +wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was ist Dasein? Eine +Verirrung des Absoluten, aus dem es nur den Ausweg gibt in Traum und +Nichts. + +Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle dieser Sätze für wahr +zu halten. Nur sollte er dann so ehrlich sein, wie es Skeptiker und +Pessimisten nicht immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf +Gültigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht versuchen, mit +dürftiger und verhohlener Anleihe aus anderen geistigen Breiten eine +Hütte zu zimmern, in der man den ungeselligen, unbequemen, +unmaßgeblichen Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus +oder Epikuräertums stillschweigend und verstohlen gegen wohnlichere +Gerätschaften vertauschen kann. + +Drängt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so haben wir schon unbewußt +und unbeirrt die Wahl getroffen. Unser Wollen erhält nicht mehr sein +Licht aus der Dämmerwelt des Intellekts, sondern aus dem höheren und +reineren geistigen Bezirk der Seele, die sich nicht vor unteren +Instanzen zu verantworten hat, sondern die selbst die höchste, an der +Grenze des Irdischen waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den +Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede Quelle höheren +menschlichen Willens entsprungen ist, gleichviel, ob der geometrische +Verstand sich nachträglich entschließt, aus handfesten Brocken, Symbolen +der Erscheinungswelt, Brunnenränder und Deiche zu erbauen. In diesem +Reiche, das alles Sittliche umschließt und uns mit dem Göttlichen +verbindet, sind wir frei und bedürfen keiner Beweise und Überredungen, +denn was wir aus heiligem Bezirk unberührt herniedertragen, leuchtet und +leuchtet ein, es überzeugt durch sich selbst, aus eigener Kraft. Nur +dann jedoch wird das prometheische Werk armer menschlicher Kraft +gelingen, wenn wir dies Reich der Seele nicht verleugnen, wenn wir +streben, auf seinem Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben +wollen, ohne den wir nichts wollen können, wenn wir an den Willen +glauben, ohne den wir nichts glauben können. Hier liegt die Synthese des +Transzendenten und des Rationalen. Unberührbar, aus hohem Reich gegeben +ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskräften verbündet und +anheimgestellt ist das Wollen und der Plan. + +Der nächste Zweifel kommt von der Schulweisheit. Alle Weltverbesserung +ist Utopie. Nie hat sich das innere Wesen des Menschen geändert, +Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen +vermehrt sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! Sie kommen +vorwärts. Doch wer auf eine Änderung, gar eine Veredelung der +menschlichen Triebkräfte, auf eine Versittlichung der Gesellschaft, der +Wirtschaft hofft, der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und mag +Narren trösten. + +Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die es werden wollen, in +der forschen Überzeugung ihrer forscherischen Überlegenheit. Dann wenden +sie sich wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einfluß der Pappdächer auf +den Geburtenüberschuß, und vergessen, daß wenn die Welt im Großen nicht +gebessert werden kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen. + +Nie bin ich müde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche +Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, daß sie uns zeigen kann, +wie sehr von Urzeiten und Urstämmen her das Wesen des Menschen sich +geändert hat. Wäre dies Wesen aber auch in sich selbst unveränderlich, +so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert die Änderung der +herrschenden sittlichen Bewertungen und mit ihnen die Umstellung alles +Benehmens. Wenn in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder +einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa auf die Begriffe der +Unbestechlichkeit, des Mutes, der Wahrhaftigkeit eingestellt werden -- +und das sind Vorgänge, für die wir im eigenen Lande Beispiele haben --, +so ist die Erörterung müßig, ob damit über lang oder kurz alle zur +Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; sicher ist, daß die +Bestechlichen, die Feigen und die Lügner mit ihren Lastern nicht mehr +frei hervortreten, und daß diese Laster aufgehört haben, die +Gemeinschaft zu beherrschen. Immer wieder übersieht man, daß alle +Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung sehr ähnliche Mischung +aller sittlichen Qualitäten enthalten, und das sittliche Aussehen und +Wirken weniger von den überwiegenden Qualitäten bestimmt wird, als von +denen, welchen gestattet wird, an die Oberfläche zu treten. Welchen aber +diese freie Bewegung gestattet wird, und welche anderen gezwungen +werden, sich im Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche +Bewertung, also im Gegensatz zu überkommenen Eigenschaften, der freie +sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch zur eigentlichen +herrschenden Kraft wird. + +Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und Vergangenheit +dadurch enthoben, daß er nicht auf der Ebene physischer Umgestaltung, +sondern auf der Ebene bewußter Wertung tätig wird, ist somit die Frage +nach der Veränderlichkeit des Gemeinschaftscharakters eine falsch +gestellte Frage, so wird auch die Prüfung des Problems vom wachsenden +Glück ergeben, daß dieser Zweifel die Grundfragen des menschlichen +Wollens leichtfertig verkennt. + +Wir sind nicht da um des Glückes willen. Unser Wille ist nicht da, noch +weniger ist Entwicklung da, um unser Glück zu vergrößern. Wir schreiten +nicht den Weg der Beglückung, sondern den Weg der Vervollkommnung, den +Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glück darüber zugrunde geht. Und wir +schreiten diesen Weg nicht bloß, weil wir müssen, sondern weil wir +wollen, weil es noch andere treibende Kräfte gibt, die in uns selbst +liegen. + +Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken und sagen, +damals seien sie glücklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr. +Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen +Glücks wägt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns +nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit einem absoluten Maß +an Glücksgefühlen begabt, das alles Maß unserer seligsten Empfindungen +weit übertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es +entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, die Glücksstufe ist mehr als +die Glücksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das +Geschick alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen als +das unsere. Könnten wir uns entschließen, alles zu vergessen, was wir +sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu +sein? Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und die +Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller großen Epochen, von der +deutschen Musik, vom nördlichen Frühling, vom Glauben des Ostens und +Westens, von zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der +Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben: +Könnten wir uns in engen Landstädten, in gerätelosen Kammern, in +gleichförmigen Marktversammlungen, mit einer auserwählten aber +vergleichlosen Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie unseres +Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine +Rückkehr zur einstimmigen Melodie. + +Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedürfen wir nicht; +denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen +und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht +uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des Tuns. Ein Denken, über +das man sich, bewußt oder unbewußt, stets hinweggesetzt hat und +hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden. +Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil +aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist unzuständig, überdies ist +dein Urteil falsch und unvollstreckbar. + +Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Engländer +hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer +Gründlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen +sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stämme, der +Überlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung +die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten +der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkür des +Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, alles Überraschende ordnet +sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese +Betrachtungsweise hat für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles +Denken durch gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen +lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu +vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, ja alle Naturereignisse +und Wirrnisse erscheinen als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der +jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis +zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv, +sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre +Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige +Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als Störungen, als +feindliche Mächte -- freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben, +nachträglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen +Vergangenheitswurzeln bedacht --; im Vorblick wirkt die historische +Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen, +ja unentbehrlich. + +Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte +sie sich beschränken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die +gemütvolle Verführung der wissenschaftlichen Romantik lange genug +gehemmt; eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen Wende, +die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee +fremd, abstrakt, rational, der lokalen Färbung und des gewohnten +heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem +ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. Ist die Idee +verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenständigkeit, die +eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde. + +Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden +stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und +nur seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von anderen +überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, dafür ist gesorgt, +seine eigenen Wurzeln werden ihn zurückhalten. Alexander hätte nicht den +Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die +neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren über +Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich hätten sie +vielleicht einige aufklärende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom +Rückblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel, +der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein +anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast +entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschätzt die +Fliehkraft des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger wird, je +weniger er sich um die irdische Bindung kümmert. + +Ein ganz tatsächliches Moment sollten die Verehrer des ruhigen Flusses +und der Überlieferungskräfte nicht vergessen: Die Völker, mit denen die +nationale Erinnerung sich in feierlichen Augenblicken identifiziert, +leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Römer, die Franzosen keine +Franken und die Deutschen keine Germanen. Die Verschmelzung mit +Unterworfenen und mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die +Völker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch weit mehr, als +man zuzugeben geneigt ist, untereinander angeähnlicht. Die geistigen und +körperlichen Verschiedenheiten der Proletariate Europas, die heute schon +die überwiegenden Massen der Völker ausmachen und daher auch die +eigentlich Kriegführenden sind, erweisen sich als sehr gering. Der +Umschichtungsbewegung, die in Deutschland die letzten fünf Jahrhunderte +erfüllt, entstammt die ganze sichtbare Änderung unseres Völkerlebens; +die Einrichtungen sind den Änderungen der Substanz nicht vorausgeeilt, +sondern zeitweise um große Strecken zurückgeblieben; man erinnere sich +der kleinen Einzelzüge: daß vor dem Kriege das Wort Volk in der +offiziellen Sprache verpönt war und nicht an den Reichstagsgiebel +geschrieben werden durfte, und daß jede Verteidigung des Begriffes der +Demokratie an Staatsverbrechen rührte. Zweierlei sollten die +kryptokonservativen Denker im Auge behalten: einmal, daß die Wasser der +Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das Freiheit heißt, und +sich niemals haben umkehren lassen, sodann, daß überlange Stauung die +Dämme bricht. + +Der ernsteste Zweifel ist der chaotische. + +Es kann geschehen, daß das Entsetzen der Zeit in einem Menschen so +mächtig wird, daß er Heilung nur noch in der Vernichtung sieht, in der +Feuerverzehrung selbst, im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das +Entsetzen der Zeit -- ist denn dieses Entsetzen größer als das Entsetzen +früherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse das Mächtige, ist denn der +Mord der Millionen schwärzer als der Mord eines Einen? Sind denn +geschlachtete Städte und Landstriche der Großkönige und Pharaonen, Khane +und Cäsaren mildere Opfer gewesen als die der Handgranaten und Gase? +Freilich nicht; menschliches Elend wächst nicht über sich selbst hinaus +durch angehängte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes als die +Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte Feuerflut das +vorbildlose Grauen der Jahrtausende, und es ist begreiflicher, daß +manche, die es erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben, +an nichts verzweifeln. + +Alles frühere Elend war ein Geißelschlag, der auf den Rücken der +gesunden Erde sauste. Getroffen wurden von der Furie zwei Heere und was +ihnen in den Weg kam, das andere blieb gesund. Der Dreißigjährige Krieg +war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie blieb im Raume +beschränkt. Den wahren Vergleich dessen, was wir erleben, nein zu +erleben beginnen, bietet der fünfhundertjährige Brand, in dem ein +Weltzeitalter sich löste. In der Schmelzglut versank die südliche Antike +und die mönch-ritterliche Strenge des Nordens stieg empor. Doch auch +diese Krisis war innerlich milder, denn sie betraf unbewußte +Geschlechter in der Gestalt eines objektiven Schicksals. + +Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der Sinnlosigkeit, die +selbstgeschaffene Hölle. Nicht Eine verantwortungsvoll lebendige Seele +will das Leiden, und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in +Duldung und Haß, in Widerstreben und Furcht das Leid des anderen und das +Leid der Welt zu mehren. Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tägliches +Brot verzehrt, ist mitschuldig, schädigt und tötet, keiner kann sich dem +Geißeltanz entziehen, je heißer er blutet, desto wilder muß er schlagen. +Keiner weiß den Sinn, keiner den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm +als Trost nur der selbstentfachte Haß und die zitternde Empörung über +die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den Ausweg, denn wem es +schlecht geht, der kann nicht beenden, und wem es gut geht, der wird +gezwungen, seine Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz +nicht stumpf ist, fühlt, daß die Schlechtigkeit des anderen es nicht +allein sein kann, daß hinter allen Schlechtigkeiten ein böses Schicksal +steht, und daß dieses Schicksal die Ungerechtigkeit aller ist. Und +deshalb wiederum fühlt man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen +Not, fühlt man, daß sie nicht zu Ende gehen kann wie die Entscheidung +eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht durch Buße und Erstattung löst. +Noch immer zwar, weit tiefer als man weiß und zugibt, ist die Welt +durchsättigt von der Vorstellung des Gottesurteils, von der Verwerfung +des Besiegten, von der Rechtfertigung des Siegers, daß der Sieg an sich +nach Gottes Wohlgefallen neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, daß +der Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer unter die Füße +gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung nach freiem Ermessen, wie der +Ausdruck lautet: auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mißerfolg ein +tieferes Gefühl als Enttäuschung und Kummer, nämlich die sittliche Angst +vor der Verwerfung, bei jedem Erfolg ein höheres als Freude, nämlich die +Sicherheit, auf der Seite des kämpfenden Gottes zu stehen; daher die +wachsende Hemmung gegen Verständigung: Denn wie sollte der jeweils vom +Gott Beschirmte, der Träger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem +vor aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? Und die +urzeitliche Vorstellung wird bekräftigt durch den öffentlichen +Wettbewerb der Beteiligten um die Gunst des Schlachtengottes, von dem +man annimmt, daß sein Entschluß durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung +und Buße wo nicht geändert, so doch gestärkt werden könne. + +Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, das Entsetzen +auf den Kometen und den Zorn der Dämonen abzuwälzen, der in seinem +Inneren alle Schuld und Verantwortung für das widerwillig +selbstgeschaffene Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung so +überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins Chaos flüchtet. Es kann +ihm geschehen, daß er getrieben wird, alle Werte anzutasten, daß er die +Frage wagt, ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte, +Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft so hoch erhaben, so +tief gegründet sind, daß in ihrem Namen die Welt friedlich und +kriegerisch sich in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und +Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen +Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe. Der Zweifel kann +sich versteifen, wenn berufene Ausleger des Wortes, zwischen Schrift und +Wirklichkeit gestellt, die Gebote der Liebe außer Kraft setzen oder +durch gewagte Deutung den kämpfenden Mächten unterwerfen. Ist denn nicht +den Armen und Ohnmächtigen das Himmelreich verheißen? Ist nicht die +Verkündung allen Völkern gepredigt? Ist es nicht göttlich, Unrecht +erleiden? Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater im +Himmel und ein Land die Erde? + +Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im +guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden? + +Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es +mehr an als dem Deutschen, der über Zeiten und Räume blickt, die höhere +Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das +den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden Natur genügt, wenn es +widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens +überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen +die Kunst das schönste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus +den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres +Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und +des animalischen Reiches stehen: daß die widerspruchsvollen Bedingungen, +denen die Schöpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, und +daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird. +Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die +Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, die +Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die +Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der +Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Träumerei, die +Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die +Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Härte der +Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glück und die +Sehnsucht zum Leiden, die Dämonie der Leidenschaft und die Stille der +Verklärung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so +unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit des +Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfüllbarer +Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste +aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann +man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im +Äußeren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermählen. + +Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder +resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten +kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die +volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und +Leidenschaftliche, Tätige und Betrachtende, Schaffende und Genießende in +rechter Mischung enthält, so kann sie den Schein eines vollendeten +Volkes und einige seiner Richtkräfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem +wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der +Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile, +das Ziel der Hellenen muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß +es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf +um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man früher +nachgesagt, daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles +Vorzügliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den +Verzicht der Beschränktheit zu wählen. Uns steht nicht an, was dem +Orientalen gewährt ist; selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht +auf Tätigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung +verzichten. Unser abendländisches und deutsches Los verlangt zum +Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das +Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit dürfen wir +nicht die Familie und nicht die Nation übergehen, auf dem Wege zur +Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das +Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den +Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prüfen, +sondern bekräftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, daß von den +greifbaren Dingen auch die höchsten nicht Selbstzweck sind. + +Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: Auch wenn wir die +Ganzheit der nationalen Güter wollen, so könnte es sein, daß aus der +Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet, +sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei +es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was +bedeuten für die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, aus +der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt. + +Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich +Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen +wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit +auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und +äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den +Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein +Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas, +das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische +Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als +Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und +Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch +Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt. + +Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht. +Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweißes und der Tränen, wo der +eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk springt +nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche +Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es +ein kindliches und beseeltes Volk ist. + +Das russische Volk wird alles nachholen müssen, was Völker begangen und +erduldet haben, den Sündenfall der Bewußtheit, den Zweifel, die +Selbstvernichtung, die Binnenkämpfe, das innere und äußere Schicksal. +Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige Krieg, die Zerstampfung +durch alle Nachbarvölker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und +Parteien bevor. Wie ihr französisches Vorbild wird die russische +Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach +und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird +in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die französische +Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos +verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die französische +Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Römer, +sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers, +das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und +die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois +Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie +erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die +organisch durchstaatlichte Wirtschaft. + +Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der +östlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhänger +nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um +das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um +das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflösung, +sondern ein Aufbau, nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen, +sondern die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht ist +für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen +Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche +Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu schaffen, +obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit +tödlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Länder haben zu viel zu +verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden +in der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein Umbau +gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Stützen erhalten +bleiben. + +Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo +Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionär, als es uns +bestimmt war, es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung +diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig politischer und +sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt, +Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber +zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von +Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem Sozialismus und +undemokratischem Liberalismus. Den künftigen Aufbau aber werden nicht +ungezogene Massen und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein +ernstes, überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, wird ihn +erarbeiten: das Volk eurer Tage. + +Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende +Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse des hadernden Verstandes. +Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit, +nicht der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders, +nicht das Achselzucken des kleineren Übels wirkt die Wende des +Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos +freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube. + + + + +Glaube + + +Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens +geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrückten Quellen +unseres und des kosmischen Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur +zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber muß zwischen dem +Unvergleichbaren wählen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten. +Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben +zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklären es zum +Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das +Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der +Schöpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der +Willensregungen bricht. + +Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum +erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies +Übel für größer? diese Freude für reiner? dieses Streben für höher? +diese Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier den Sinnenreiz +und dort die Mühe? Warum hier das gegenwärtige Übel statt des künftigen, +dort das künftige statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier die +Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde und da die Entsagung? +Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff +unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende Geschlechter? +Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode? + +Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid +und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glück, Tagessorge und +künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, göttliche Liebe und +irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, vergleichen das +Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so. + +Verschmäht man die Begründung: wir handeln aus Angst und Gier, aus +Furcht vor Entbehrung, Langeweile, Verachtung, göttlicher Strafe, +Schmerz und Tod, aus Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz, +Belohnung und Wechsel; verschmäht man dies menschenunwürdige Bekenntnis, +so ist anerkannt: Richtkräfte unseres Lebens sind absolute Werte. Diese +Werte können benannt, aber nicht begründet werden. + +So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem Lande uns die +Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt ist, so wenig kann die +Gedankenkunst der Philosophie uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust +du das, so geschieht das. Mir scheint dies das größere, jenes das +kleinere Übel, dies das höhere, jenes das geringere Gut. Sie schließt: +du sollst, oder: du mußt. Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich +soll? aber ich will nicht. Ich muß? nein, ich kann auch anders. + +Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt die Faust und +droht, oder sie wendet sich ab und schmäht. + +Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, oder sie sind nicht. +Wer ehrlich ist, weiß, daß er manchmal Folgen mit dem Verstande +abgewogen hat, niemals Ziele. Er handelt wie er handeln muß, nach +innerem Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist göttlich. Wer +Werte ergrübelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und nicht berufen. +Die Gründe, die jemand nachträglich für sein Handeln gibt, sind falsch. +Niemand weiß, was in irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein +tausendfältiges Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fühlungen und +Wollungen, und ein Innerstes entscheidet. + +Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern geschenkt. Geschenkt +dem, der reinen Herzens ist, und dessen Geist schweigen kann. Sie sind +das Geschenk überintellektueller Kräfte, deshalb bedürfen sie keiner +Begründung und keines Beweises, sie bestehen aus eigener Kraft, denn sie +entstammen dem Reich der Seele. Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man +nicht, und doch steht es himmelweit offen. Der höchsten Menschenmacht +ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens. + +Glauben! Zögernd gestehe ich euch, Freunde: ich liebe das Wort nicht. In +der griechischen und römischen Schrift stehen die Wörter [Greek: pistis] +und #fides#, die heißen Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben +übersetzte, da stand dies schöne Wort seinem Ursinn näher, jetzt ist es +verwelkt und sagt nicht viel mehr als »für wahr halten«. Nur wenn wir +bekennen »ich glaube an Gott«, so erklingt der alte Glockenton. Nichts +steht dem Glauben ferner als das Meinen. Und so wie wir das +schwachgewordene Wort zum reinen Sinn beleben müssen, ist uns das +Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft erwecken sollen. + +Kränker ist das Wort Religion. Bei den Römern war es stark, es hieß +Bindung, eine rechte Knebelung mit Stricken, wie die Liktoren sie +pflogen. Wir denken leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen +gelehrt und geprüft wird, an ein bürgerliches Unterscheidungsmerkmal. +Man hat Religion das »Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit« genannt, das +betont die Bindung und entbehrt der göttlichen Freiheit; der Begriff der +Transzendenz ist erfüllt vom Denken; zuweilen möchte ich Gottesbund, +zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten Gottesfriede sagen. + +Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem Glauben, so laßt es +uns in großer Freiheit und ohne Schämen beginnen. Wir, die wir nicht in +Gemeinden knien können, wir wagen vor beschämter Ehrfurcht nicht, die +höchsten Worte auszusprechen und fürchten uns, unsere Seelen zu +entblößen. Wird es uns schwerer als den berufenen Glaubensverkündern, +diese Scham zu überwinden, um zu bekennen, wie es in unseren Herzen um +den Glauben steht, so soll es um so rückhaltloser geschehen, ja wir +wollen vor allem den Versuch wagen, in harter Selbsterforschung das zu +offenbaren, was jenen nicht obliegt: den unbewußten Widerwillen +gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den Glauben. + +Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. Abendländische +Sittlichkeit und Erziehung beruht auf der alten Verherrlichung des +Mutes, der Verdammung der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der +Wahrhaftigkeit, Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; Furcht +mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lüge, Zweckhaftigkeit, +Unterwürfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. Der Begriff der +Sünde besteht nicht. Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am +wenigsten Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur das +Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrät. Keiner Erlösung bedarf +es, der anständige Mensch getraut sich, mit Welt und Überwelt aus +eigener Kraft fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger +Mächte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, nicht im Stiche +lassen. + +Nie wäre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, das Mutideal zu +brechen und das Zeichen der Unterwerfung zu erhöhen, wäre ihr nicht die +aufquellende europäische Unterschicht gefügig gewesen. Die Kirche mußte +die Greuel der Hölle ins Unaussprechliche häufen, um den Funken von +Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, sie bedurfte der fügsamen +Kinderseele und der Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendländischen +Geistesleben nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das seltsamste +in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen von religiös begabten +Naturen und von Beschränkten ist der europäische Mann in der Blüte +seiner Jahre nicht Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine +Wochentagsanschauung mit einem Sonntagsglauben, der auf das Fühlen, +geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn Mutvorschriften, wie etwa +Zweikampf, in Frage stehen, muß die Glaubenskonvention schweigen; das +Gebot des Backenstreichs ist schlechthin Ärgernis. + +So mischt sich für den normalen männlich erwachsenen Europäer in die +Dinge des Glaubens ein Beigeschmack von Unwahrhaftigkeit, +Unterwürfigkeit. Widerliche Sünden bekennen, sich selbst hinstellen als +einen, mit dem man nicht verkehren würde, wenn man ihn träfe, Verzeihung +erbitten in unwürdiger Haltung und schlechtem Gewissen, erlöst zu werden +durch Gnade, von einer Gottheit, die das Gröbste an Schmeichelei +hinnimmt, ja vielleicht verlangt, die von ihren Anhängern eine geläufige +Konvention der Salbung in Rede und Gebärde fordert: das sind +Empfindungen, die mit Schrecken zurückgedrängt und verleugnet, sich ins +Unterbewußte flüchten und den Widerglauben nähren. Wer in seiner Jugend +eine Periode atheistischer Ungläubigkeit erlebt hat, der erinnert sich +unter allen Nöten und Leerheiten eines Gefühls resoluter Ehrlichkeit, +das lieber auf Trost und Heil verzichten als dauernd das Opfer der +Einsicht und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher +Widerschein dieses alten Gefühls dämmert auf, wenn wir einem handfesten, +naturwissenschaftlichen Atheisten begegnen; wir betrachten +kopfschüttelnd die selbstbewußte Gewißheit, mit der in den höchsten +Dingen der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir empfinden, +dieser Mann macht es sich nicht leicht, er hat es schwerer als wir, und +nicht aus unedlen Gründen. Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und +Pflicht, den Gottesleugner als Störer irdischer und göttlicher Ordnung +mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur ein Gefühl verärgerten +Selbstbewußtseins und unfreiwilliger Achtung erklärt die +selbstbetäubende Wut und schaustellende Verachtung jener eifernden +Gerechten. + +Vorblickend nehmen wir wahr, daß künftiger Glauben manches Erbteil von +Babylon und Zion, von Byzanz und Rom, ja einiges auch von Wittenberg +abstreifen wird; er wird ein freier und männlicher Glauben sein, ohne +Sündenlümmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, Schmeichelei, +Bettelei und Winselei, für uns Deutsche aber so, wie er aus deutschen +Herzen kommt, und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche +Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch weniger aber +sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte ist im Lichte der Weltensonne +nichts; der Glaube steht auf höherem Recht; wenn er Sünde zeiht, so +werden wir uns schuldig fühlen, wenn er Demut fordert, so werden wir uns +beugen, wenn er Erlösung verheißt, so werden wir sie begehren. Alle +diese Dinge aber gehen nicht vor im Bereiche der Wünsche und Ängste, des +hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, sondern +in der Stille des Herzens und nicht um Güterwerben, sondern um höchste +Werte. + +Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. Der Glauben steht +nicht für sich, mit der gläubigen Haltung ist es nicht getan, es +entsteht gläubiges Leben, Verkehr mit den göttlichen Mächten und sein +Abbild im täglichen Handeln. + +Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudämonismus, das Streben +nach irdischem Glück und Gut im göttlichen Verkehr, mit Milde +hinzunehmen, historisch gesonnen, wie nun einmal alles in unserer +formeldenkenden Zeit, erkennen sie im Eudämonismus eine der religiösen +Urformen, einen nötigen und erwünschten Durchgang zum reineren Glauben +und gehen leicht darüber hinweg, daß nur ein verschwindender Teil aller +Glaubensübung über eudämonistische Beschwörung hinausreicht. Wir jedoch +haben dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wenn wir wissen wollen, +welche unterbewußte Strömung viele Gemüter vom Glauben fernhält. + +Es soll dem ursprünglichen Menschen nicht verdacht und zu seinem Troste +gern gegönnt sein, wenn er die göttlichen Personen und ihre Gefolgschaft +für Wesen hält, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht bloß Glaube +und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, Sündenbekenntnis und Buße, +Danksagung und Lobpreisung, inständiges Gebet, ja selbst Gelübde und +Opfer bewegen die Mächte, von ihrem Vorhaben abzugehen und das zu +bewilligen, was man erbittet. Man bittet um Seelenheil und Segen im +allgemeinen, aber auch um Gesundheit und langes Leben für sich und +andere, um gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, Sieg. +Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, das durch +Parteinahme der Gottheit für einen der Kämpfenden entschieden wird. Da +nun jeder einzelne Dinge erbittet, die alle wünschen, die aber nicht +allen durchweg gewährt werden können, so entsteht ein Wettbewerb der +Frömmigkeit um die göttliche Gunst. + +Es darf nicht verkannt werden, daß manche innerliche, das Materielle +weit übersteigende Regung sich in diese gläubige Betriebsamkeit mischt; +dennoch ist ihr eigentliches Wesen nicht mehr Sache des Gemütes, sondern +der zweckdienlichen Überlegung und der zielbewußten Nachhaltigkeit. Denn +wer einigermaßen überzeugt ist, daß alle irdischen Segnungen sich auf +dem Bittwege und durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der wird +leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den Vorzug geben und alles +daransetzen, durch nützliche Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu +schlagen. + +Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die Schlechtesten, die +den Weg der geistlichen Betriebsamkeit verschmähen, um die ganze Härte +mannhafter Arbeit auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewußt +Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhängerische Gestalt, die mit +Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, der es sich so schwer macht und +doch nichts erreichen darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich +nicht gegen die primitive Form des Eudämonismus, sondern gegen den +Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, der sich irdischen +Zielen anpaßt, der als Mittel zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als +Magie, gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg +gehandhabt. + +Religionslehrer und Kirchen mögen sich fragen, ob sie soviel getan haben +als nötig war, um die Menschen über das wahre Verhältnis des +Eudämonismus zum Glauben aufzuklären, ob sie nicht gelegentlich die alte +Nützlichkeitsseite des Glaubens willkommen hießen, gleichviel ob als +Erziehungsmittel oder um die Gläubigen bei der Stange zu halten. + +Künftige Gläubigkeit wird nicht verkennen, daß der Glaube auch eine +weltliche Sendung habe, wenn auch nicht die der handgreiflichen +Nützlichkeit: denn er schafft Werte und bewegt somit das ganze Gefüge +des irdischen Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten, +unbewußten Kern seines Wollens berührt; er bringt Trost, indem er alles +Leiden, das in seiner letzten Wurzel ein inneres ist, in der Tiefe +sänftigt. Das ist die irdische, die geringere Seite des Glaubens. Es mag +Menschen geben, die sie verschmähen, doch ihre Ablehnung wird eine +passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, nicht mehr eine +abstoßende aus verletztem Gefühl und Auflehnung des Charakters. + +Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie ist die offenkundige, +unablässig besprochene, die von uns nur in ihren letzten minder bewußten +Wirkungen aufgehellt werden soll. Da Glauben nie aufgehört hat, als ein +Fürwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, was für wahr gehalten +werden soll, von den meisten Religionslehrern dogmatisch gezogen, von +vielen ihrer Anhänger zweifelnd überschritten werden, so entstehen die +Konflikte des Skrupels, die drei Lösungen haben: Entfremdung vom +Glauben, Kompromiß, und Opfer des Intellekts. Solange der Glaube +dogmatisch bleibt, ist die letzte Lösung, die des Opfers, die allein +vollkommene und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem +Bedenken des Charakters. Immer wieder fühlt der Zweifelnde, daß der +Beruhigte es sich bequem macht, daß die Schwere des Opfers geradenwegs +mit der Gewissenhaftigkeit wächst, und in dem Augenblick, wo er es zu +bringen bereit ist, schreckt er zurück, weil er seine Gewissenhaftigkeit +durch die Wucht der Vorteile bestochen fürchtet. Freilich haben die +geistig Armen es gut, sie sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke +auf den Dämonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer hat. Er +aber geht nun in seinem Zweifel so weit, daß er die geistig Armen +schlechthin für Beschränkte, für Unmaßgebliche hält, und in +selbstverwundetem Stolz um so weiter von der Pforte des Glaubens +zurückweicht. Er weiß, daß er, soweit es menschenmöglich ist, seinen +Intellekt zwingen könnte; er könnte es mit symbolischer Ausdeutung +versuchen, er könnte über die Dinge hinweggleiten, sie an eine dunklere +Stelle des Bewußtseins rücken, durch Suggestion des Willens die +Gegenkräfte verdrängen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht würdig; er +vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie angewendet haben und nun +ihre Ruhe genießen. Er will nur das eine vermeiden: von den schlechteren +Kräften seines Wesens zum Guten gezogen zu werden. + +Mag falscher Stolz die eine Hälfte der Schuld tragen, die andere Hälfte +ruht auf den Mechanisierungsformen des Glaubens, die seine Inhalte seit +unvordenklichen Zeiten nicht fortentwickelt und einer veränderten +Menschheit angepaßt haben, indem sie nämlich die Inhalte des Glaubens, +entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen ansahen. + +Völkerschaften, die der Mythenbildung fähig sind, gibt es noch heute; es +sind solche, bei denen das Glauben (im Sinne des Fürwahrhaltens) und das +Wissen (im Sinne des beweiskräftig Ermittelten) nicht gesondert sind. +Da, wo man kein Interesse am Beweise hat, weil für die einfachen +Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht und Lüge keinen +Nutzen bringt, geschehen noch täglich Wunder, und Wundertäter schaffen +Religionen. Die Loslösung des bewiesenen vom unbewiesenen Glauben, die +Trennung von Glauben und Wissen hat den Geist des Abendlandes +geschaffen, und von dieser Schöpfung haben die Glaubensträger keine +Notiz genommen. + +Es ist nun nicht gemeint, daß sie Mythen und Sagen hätten +rationalisieren oder in verstandesbürgerlicher Weise ins Symbolische +hätten umbiegen sollen: das wäre klein gewesen und hätte der Lehre der +Jahrhunderte nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen +einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen Glaubens entsprang, war +die, daß es beim Glauben nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt, +daß der Glaube nicht von seinen Gegenständen, sondern von seinem Geiste +lebt, daß er nicht ein Verwalten, sondern ein Verhalten ist. + +Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefühls. Alle abendländischen +Religionen haben sich, dem europäischen Drang zu Ordnung und Aufbau +folgend, an die Mechanisierungsform der Kirche gebunden. Diese uralte +Bindung ist so tief ins Bewußtsein der Völker gedrungen, daß selbst die +Gebildeten, und unter ihnen selbst die, welche gläubig aber nicht +kirchlich sind, Religion und religiöse Organisation kaum zu trennen +vermögen. + +Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: ihre vornehmste +gegenwärtige Aufgabe ist der zeitliche und räumliche Schutz ihrer +Konfessionsgehalte, der Schutz gegen zeitliche Wandlung und räumliche +Zersplitterung. Beide Aufgaben sind innerlich paradox, beide fordern +entschiedenen Konservatismus und starken hierarchischen Aufbau. Da +überdies alle Kirchen mit gutem Recht auf Scheidung zwischen +esoterischer und exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen +zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermögen der religiös und +geistig Minderbegabten, ja Zurückgebliebene nicht ausschließen, und +diese Einstellungen werden um so einseitiger, je mehr von den geistig +Höchststehenden der Kirche verlorengehen. + +Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von der +philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, von der +lebendigen Wirkung der Orden so genährt ist, daß ihr unendlicher Gehalt +an Überlieferung ohne eigentliche esoterische Disziplin eine +Mannigfaltigkeit der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den +anspruchsvolleren Geist beschäftigt, während eine tiefe Mystik der Lehre +und eine unerhörte Abnegation der Regeln die Gemüter bändigt. + +Bestände eine Unabhängigkeit des Glaubens von der Kirche, oder ein +freier Parallelismus der Bewegung, wobei die Kirche einer selbständigen +Entwicklung des Glaubens folgte, so wäre es jedem Bekenner freigestellt, +wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen neigte. In +Wahrheit aber greifen diese Verhältnisse ins Staatsleben über; die +Kirche ist Staatskirche und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang. + +Kirche und Politik, das unfaßbarste Paradox, und dennoch in den +Begriffen der Kirchenpolitik und der Staatskirche zur scheinbaren +Einheit verflochten. Die Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht +von dieser Welt ist, streitet; organisiert sich als Körperschaft und +streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. Die mechanisierte +Glaubensform erscheint im Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch +wird Beamter. + +Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, konnten +Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. Denn es bestand nicht der +Begriff der religiösen Konkurrenz, zumal der geduldeten: man war +gläubiger Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man war +Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um so milder, je +urzeitlicher der Priesterstand; um so gefährlicher, je bewußter er sich +zur Beamtenschaft oder zur Erwerbsklasse organisierte. + +In einer Zeit des individuellen Gewissens und der konkurrierenden +Bekenntnisse greifen die kirchlichen Bureaukratien und Staatsreligionen +weit über den geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu +politischen und sozialen Mächten. Sie bemächtigen sich des Staates: und +er gewährt ihnen, daß jeder Abtrünnige zum Bürger minderen Rechts werde, +überantwortet ihnen die Erziehung und die bürgerliche Ehrenweihe der +großen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit und Ehe. Sie +unterwerfen sich dem Staate und gewähren ihm: Erziehung zum politisch +Bestehenden, Stützung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der staatlich +anerkannten Denkweise. + +Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von Mittelpunkt zu +Mittelpunkt, von Staatsregierung zu Kirchenregiment verankert, sie +kuppelt sich selbst in den entlegensten Gliedern, und die Beziehung von +Gutsherrschaft und Pfarre, von Militärkommando und Seelsorge, von Schule +und geistlicher Aufsicht, von städtischem Wohlstand und Kirchengemeinde +versinnlicht die ins Große und Kleine gehende Wirkung einer +feudalistisch, militaristisch, ständisch und offiziös gerichteten +Kirchenmacht. + +Eine gewaltige und ehrwürdige Institution, die sich auf die +Exekutivgewalt des Staates stützt, die über die gesamte Jugend aus +politischem Recht, über die Landbevölkerung aus praktischer Autorität, +über die Frauen aus Gewissenseinfluß, über die Zugehörigkeit zur +bürgerlichen Vollwertigkeit schlechthin verfügt, bildet eine Macht, die +jede mögliche soziale Polizei an richtunggebender Kraft übertrifft, und +der sich niemand entziehen kann, sofern er nicht die Stellung des +bürgerlichen Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist. + +Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich gestaltende +Macht aus eigenem Recht entgegentritt, nicht mehr als gestaltete +Verwirklichung seines eigenen religiösen Willens, setzt sie ihm ein +unantastbares Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht +gemäß gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und dessen laute oder +stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. Aus politischen und +traditionellen Gründen, sei es um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft +zu erschweren, sei es um die Disziplin zu schärfen, sei es um die Lehre +für die unteren Schichten bindender zu machen oder auch nur um +Erschlaffung und Spaltung zu verhüten, wird das Bekenntnis so gestaltet, +daß es freieren Geistern vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer +Deutung oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint. + +Je restloser daher sich die Geister der bürgerlichen, gesellschaftlichen +und politischen Nötigung der Kirche und ihres Dogmas unterwerfen, desto +mehr gewöhnen sie sich an innere Entfremdung und bemühen sich, in +Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, die man aus Gründen +der Erziehung und Ordnung nicht entbehren kann. + +Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die großen religiösen +Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen sie dereinst entsprangen; +zu häufig geschieht es, daß die Entfremdung sich auf den Glauben selbst +erstreckt. Man klagt über das Schwinden der kirchlichen Beziehung bei +gebildeten Männern jugendlichen Alters: nicht die Beziehung schwindet, +denn abgesehen vom Gottesdienst werden die Pflichten erfüllt, sind +Austritte selten -- doch je strenger die Kirche auf ihren Rechten und +Beziehungen besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, und +nicht nur ihr, sondern dem Glauben. + +Daß alle diese einfachen Zusammenhänge sich dem öffentlichen Denken +entziehen, liegt daran, daß wir in Deutschland nur noch historisch und +wissenschaftlich, nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen +uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, wie vielen der +Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe Religion und Kirche +innerlich geläufig ist, wie viele über die ursprünglichsten Fragen sich +eigene Gedanken machen. Unser Denken liegt in den Händen der beamteten +Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rüstzeug ihrer Gelehrsamkeit und +immer erneuten Theorien das Bestehende stützen, der Journalisten, die +das Tägliche bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten das +Bestehende bekämpfen. Hier heißt es: dem Volke muß der Glaube erhalten +werden, dort: Trennung von Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz +wo anders. + +Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung nicht mit Politik +und Einrichtungen zu tun, sondern mit unserer inneren Einstellung zum +Gegenwärtigen und Künftigen. So muß der letzte Glaubenszweifel, der aus +dem Wirklichen erwächst, uns abermals den Glauben an den Glauben als an +ein Unberührbares bekräftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen +schaffen, welche er will: politische und soziale, militärische und +erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird unsere Seelen +läutern und die Seelen unserer Kinder bilden, aber Mittel zum Zweck, +weder zum edlen, noch zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein +Glaube sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet wird, kann +ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von einer Kirche verteidigt +wird, so werden beide dahinsinken. Denn beide sind Mächte, die in einer +befreiten Menschheit nur aus eigenem Recht bestehen können. Sind +Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu erhalten: um so +besser, so mögen sie sich wandeln, wie alle irdischen Formen sich +gewandelt haben, wenn nur ihr Urgrund bestehen bleibt. Läßt sich die +Einheit des Bekenntnisses für die Vielfalt der Herkunft, der +Landesstriche, der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es +zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft des gläubigen Lebens +erwacht, die heute nicht besteht. Mögen hier Ablässe erteilt und Dämonen +beschworen, mögen dort die reinsten Sakramente empfangen und die +verklärtesten Botschaften verkündet werden: es ist alles vollkommen, was +aus reinem Herzen geschieht, und es ist alles unvollkommen, weil es +irdisches Gleichnis ist. Mögen Gläubige sich zusammenfinden, um den +Drang ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mögen sie in Straßenlärm +und Wälder flüchten, um mit ihrer Seele allein zu sein, mögen sie auf +Märkten predigen oder Priester walten lassen, mögen sie geistliche +Truppen oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung +versenken: die göttlichen Mächte hören jedes Wort des Herzens und jeden +fallenden Tropfen. Ein Glaube aber, der nicht wunschbegieriger +Aberglaube, nicht böse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht +Heilsgymnastik und zweckdienliche Übung ist, ein Glaube, der nicht +Irdisches vom Göttlichen, sondern Göttliches vom Irdischen will, der +umschließt die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder +einen jeden begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und Herzens +er redet, und alle die Eine Verantwortung fühlen und ertragen, die +unsagbare Not, Seligkeit und Verantwortung, Mensch zu sein. + +Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, weil sie seine +Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben jedem Halm des Glaubens wird +ein Büschel abergläubischen und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist +wahr: sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft und +mutig ist der nüchterne, handfeste Atheist, verglichen mit dem süßlich +feigen Mucker, dem lüsternen Geisterbeschwörer, dem schamlosen +Sündenknecht und dem fleißigen Gottesbetrüger. Sollen wir aus Furcht vor +dem Sekundären verzagen? Wer einen Flußlauf reinigt, darf sich nicht +wundern, wenn der Bagger Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der +Muckerei in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne und Wind +zerstören, was in den Tiefen gärte. + +Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen sich in alte +Götterlehren und Sagen und Gebräuche und meinen, auch wenn man nicht +daran glaubt, so ist es schön und dient zur Erhebung, über ein Feuer zu +springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schön, aber nicht echt; es +dient zur Erhebung, aber zur künstlichen, äußerlichen, flüchtigen und +gespielten. Es schafft keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines +heiteren Bildes und einer harmlosen Täuschung, die an die Grenze des +Seichten und Kindischen rührt. Romantischer Hang zum Vergangenen ist +Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit im Künftigen. Die alten Sagen und +Gebräuche waren schön, wie die alten Trachten und Geräte, weil sie aus +der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht weil sie schön, +sondern weil sie heilbringend waren. In der Bestimmung über Fluch und +Segen wurde Erhebung, halb unbewußt vielleicht auch Schönheit empfunden. +Antiquarische Belustigung auf ästhetischem Grunde schafft keine +künstliche Naivität, sondern zerstört die Reste der natürlichen. + +Manche träumen von neuen Propheten und Erweckern. Wie zur Zeit der +Kathedralen soll ein einiger Glauben über die bewohnte Erde herrschen. +Ästheten sehen den neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb eine +Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, Paulus, Augustinus und +Luther haben an der literarischen Gestalt keinen Anteil. Vor allem muß +er arm sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. Freilich, +setzt der winselnde Ästhet hinzu, er selbst würde ihm schwerlich folgen +können. + +Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird ihm folgen, und deshalb +wird der Prophet nicht kommen. Goethe ließ Christus zur Erde +zurückkehren und geleitete ihn bis an die Tür des Pfarrhauses, dann +brach er das Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt. +Hauptmann ließ seinen Narren in Christo mit staatlichen und kirchlichen +Behörden zusammenstoßen und in Einsamkeit enden. + +Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere Zeit die Ehrfurcht vor +dem Gedanken verloren hat. Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr +eine Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche Leistung +eines Berufes oder die vergnügliche eines Müßiggangs. Worte sind nicht +Bekenntnisse, die man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und +mäkelt. Die Meinungen müssen sich ablösen wie die Tagesblätter und die +Moden, damit neuer Umsatz Platz findet. Wie sollte auch das Massenhafte +wahr sein? Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des Glaubens +willen. Käme heute einer und redete aus dem Herzen der Welt, so hätte er +die Presse gegen sich, oder die Literatur, oder die Interessenten, oder +die Polizei, oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum, +oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar Geistlinge, die ihn +aus Gegennachahmung ästhetisch werten, ein paar Unzufriedene, und ein +paar Bürger aus Mißverständnis. + +Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann den Stromsturz der +Prophetie nicht erleben, es rieselt unterirdisch zu Tal und darf nur +mittelbar wirken. Es wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend +anderen Rinnsalen mengt, während die Platzregen verdunsten. Die Reihe +der Empfangenden ist keine räumliche, sondern eine zeitliche. Das Volk +der Gleichzeitigen irrt, das Volk der Geschlechter ist unfehlbar. + +Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehört sein will? Weil +ich kein Prophet und kein Weiser bin, weil ich euch nichts zu lehren und +nichts zu verkünden habe. Ich will, daß wir unsere Sorge und Zuversicht +gemeinsam erörtern, mein Geschlecht mit dem euren, wie eures dereinst +mit dem nächsten. Wir wollen gemeinsam zweifeln und glauben, uns +zurechtweisen und bestärken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit +unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es die: wenn die höhere +Stimme schweigt, so ist die Entscheidung in uns selbst gelegt. Unsere +Verantwortung wächst, in uns selbst sollen wir Richtkräfte entwickeln, +und können es nur, wenn wir den Lärm in unseren Herzen schweigen machen +und nicht mehr aufhören, in die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen. + +Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit der Glaubensinhalte, der +Einrichtungen und Formeln. Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas +das sich auf Gegenstände bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das +wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie das Können, +etwas, das sich in Formen verwirklicht, er ist ein Verhalten, ein +Zustand, ein Leben. Einheit des Glaubens ist daher nicht, wie die +Jahrhunderte meinen, Einheit der gläubigen Vorstellung, sondern Einheit +gläubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des Glaubens liegt nur +in der Mannigfalt der Stufenfolge vom furchterfüllten Zauberwesen zur +segenkaufenden Dämonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter +Bitte, von wohlgefälliger Buße zu freiem transzendenten Erleben. Diese +Abstufungen aber bestehen innerhalb aller vorhandenen Glaubensformen; +jede Religion läßt soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder +ihrer Bekenner verlangt und erträgt. Eine hochstehende und gläubige +Epoche unterscheidet sich von der rückläufigen und ungläubigen nicht so +sehr durch die Form der herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist, +den sie ihnen einhaucht. + +Daß die Daseinsform des Glaubens über jede andere menschliche +Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begründung, sie ist es aus +eigenem Recht. Es gibt ein inneres Gefühl der Einschätzung unserer +Erlebnisse, um das sich die Psychologie nicht kümmert, einer +Einschätzung, die nicht vom Meßbaren abhängt, sondern das Wesen +ergreift. So gut wir wissen, daß eine Liebesregung uns mehr bedeutet als +der seltenste Duft einer Blüte, so wissen wir aus innerer Gewißheit, daß +jedes seelische Erlebnis auf höherer Ebene herrscht als jedes geistige +und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis unserer Seele aber +ist der Glaube. + +Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt Musik, nicht jedes +Herz erlebt Gläubigkeit. Dessen soll sich niemand kränken, denn es geht +keine Seele verloren. Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig und +resolut als überzeugter Materialist ein anständig-intellektualistisches +Leben wählen; tausendmal besser als wenn er aus erquälter Pflicht oder +der Nützlichkeitsspekulation: Nützt es nicht, so schadet es nicht, sein +inneres Leben vergewaltigt oder Götzendienst treibt. Es wird der +Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande Schweigen zu +gebieten und sich hinzugeben, dann ist er gewandelt, bis dahin wird er +in der Welt der unsichtbaren Güter ein Helfender, nicht ein Schaffender +sein. + +Das Wort, Glaube sei das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, trifft +zu, aber umfaßt nicht. Denn Glaube ist auch das Gefühl schaffender +Liebe, auch das Gefühl der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist +zugleich vollkommene Gebundenheit und vollkommene Freiheit, +selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, reines Schenken und +stilles Empfangen, unablässiges Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er +ist ein Leben: ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel +nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen versucht, als +Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, Liebe. + +Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das Tagesleben, das es +begleitet und erleuchtet, wenn auch die Augenblicke voller Bewußtheit so +kurz sind wie die Augenblicke bewußten Lebens. + +Eure jungen Gemüter, Freunde, rufe ich zum Zeugnis für die Erfüllungen +des inneren Lebens. Euch, nicht mir, steht es zu, die Fülle zu bekennen, +die euch reicher und wechselvoller und unberührter als mir gespendet +ist. Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank und +Hingabe, in hellblickender Gewißheit und klopfender Erwartung. Sie +wollen nichts anderes, als bereit sein, sich verschenken, Werkzeug sein, +dienen. Sie wollen nicht ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre +Wünsche, nicht ihre Ängste; Strahlen und Schwerter mögen durch sie +hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schöpfung, der sein +Bewußtsein darbringt, ein Ätherhauch, durch den das Seiende sich selbst +verklärt. Sie verwehen in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als +Staubkorn an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht und ihr Wort +ist: dein Wille geschehe und nicht mein Wille. + +Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid +der Kreatur in das eigene Herz, löst jede Freudenkraft von sich los, um +den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des +Geschaffenen fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als eigene +Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als +Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheißung um sie in tätiger +Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten +zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns. + +Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind sie von der +Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen sprießt das Gras, klingen die +Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schöpfung ist selige +Sicherheit. Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist +heilig. Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht des +Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir +Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe. + +Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen Schweigen, +in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Ströme zu rauschen, +Bergmassen entweichen, das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine. +Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und Böse, nicht +Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses +Licht, wortlose Erfüllung. + +Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden +kann. Drängender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwörung +sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt in den +innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine +Geistesmächte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede nötige +Wandlung zu erbitten suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum +eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung, +nicht Bemühung; doch sind sie allezeit gewärtig, ihr Strom umrauscht uns +unerfaßt, wenn wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns +ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe, +Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, daß +alles Heil aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. Jeder +aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen oder mit starken +Kräften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidarität. Auch die Sünde +läßt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser +Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde +ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein ist der Gefühlston der +Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreißen, um erwachend +dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich aber, das +das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres Bild finden als das +vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, daß die Armen am Geiste es +betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des +Intellekts den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen. + +Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf +die wechselnden Flächen des örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und +Fassungsvermögens. Sollten wir wünschen, oder auch nur denken können, +daß _eine_ Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die +übrigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben +und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in dem +Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung +gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die +fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus, +Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz. + +Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich +weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der +Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung +des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung der Menschheit. Nun ist +sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner +Glaubensfreiheit bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen, +fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute +Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles +Menschlichen im Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren +Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare +Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine. + +Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen Geistes +scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem +Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die +Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir frei, was Menschen +sonst in begreiflicher Verschämtheit nicht leicht berühren, daß jeder +von uns halb unbewußt eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre +verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten +Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen. +Warum verhüllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich, +unsystematisch, unbeweisbar sind, -- denn wieviel von unseren +Tagesmeinungen ist beweisbar? -- sondern weil wir den Spott vor uns +selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der Größe, dem Ernst und +der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die +leichten Blüten auf dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns +der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt uns mutig und +offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen Schöpfungen pflegen und +unbelächelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen +Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen +gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das +gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten, +Kirchen versäumten, einsame Denker in langen Abständen mühsam +unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir +die blöde Scheu des Alltags verwinden. + +Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf +Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten +ließ, heute überschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur +ein Wort zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, oder das +in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch +geprüft zu werden, wie ihr einander euch prüfen sollt, und in dem +Pflichtbewußtsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen. + +Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und +zufälligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als +dem Geschöpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat +Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen des Seienden uns +zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit und Bewußtsein. + +Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und +Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser +Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden +Einkehr durchmißt. + +Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, von undenklicher +Zersplitterung bis zum Geist des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der +organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum +Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwärts. Diese +Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir +wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, daß +unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewußtsein entstehen, +Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwärme, Menschenstädte und +Menschennationen. + +Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu +fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als +die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt +ist eine andere als die des Regenwurmes. + +Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen +Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein +stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe +Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat +sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir +Zweck. + +Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum +Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie +nur gradweise verschieden. + +Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm endet die +zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine höhere. Im +Menschen erwachen Gefühlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja +ihr entgegenwirken können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, zur +Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen erfüllen das Leben des +Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen +ihnen und sind bereit, für sie uns zu opfern. + +Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner +sind wir nicht stärker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen +Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind +wir unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir seine Welt, die +nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist, +nur ahnen, nicht erfassen. + +Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden +Welten erscheinen als die Weltseite der Schöpfung, was ihnen angehört, +wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur +Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, das uns als +Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge +ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns +und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen. + +Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der +Schöpfung zu vollenden und die höhere Reihe der Welten zu beginnen, und +dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist zu +verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung aus eigener +Kraft nicht möglich ist, daß dem guten Willen die rettende Kraft zu +Hilfe kommt. + +Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere Herzen den göttlichen +Strahlen, die uns allerwärts umfließen, und helfen die Herzen unserer +Brüder öffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es +gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die +Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen +Zustand, der unrechtes Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten +Werte außer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen, +alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls Mittel. + +Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und +Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kämpfende +Individualität, die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier +liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle +Symbole. + +Nur ein geringes und unvollkommenes Bild möchte ich andeuten, um eine +Abstufung zu versinnlichen, die vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die +Richtung zu einer unmittelbaren, adäquaten Einsicht ahnen läßt. Man +lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen ein zeitliches +Bild. Es geschieht, daß wir später dieses Land durchstreifen, es reiht +sich Erlebnis an Erlebnis, Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt +durchdringen wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber verschmilzt +alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem das Räumlich-Zeitliche in +eine untrennbare Einheit verwachsen ist, das wir mit allen inneren und +äußeren Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und erfahren +haben. Unser Geist hält uns eine eigene Schöpfung vor Augen, und wohin +wir ihn konzentrieren, glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war, +was sein kann und was nicht sein kann, fast möchten wir sagen, was +werden wird. Und dennoch dies alles nicht an der doppelten Schnur von +Raum und Zeit, sondern innerlich, gefühlt, organisch. + +Ich glaube, daß mein einfaches Bekenntnis nichts enthält, was nicht in +höchster Vollkommenheit in den heiligen Schriften aller Zeiten verkündet +ist. Was wir in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige, +dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. Doch die +Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl der Seelen gibt uns die +Vielseitigkeit des Erlebnisses, deren wir bedürfen, und die Wiederkehr +der großen Züge gibt uns die Gewißheit einer abgebildeten Wahrheit. +Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, wenn nicht tote +Schriften und verbriefte Ordnungen das Wort verwalten, sondern wenn es +von neuem beginnt, in allen Herzen zu zeugen und zu keimen. + +Für unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben und dem Wort die +Werte und die Maße. Nennen wir es das Reich des Himmels, das Reich +Gottes oder das Reich der Seele: was uns ihm nähert ist gut, was uns +entfernt, ist schlecht. Glück, Leben, Wohlstand, Macht, Kultur, Heimat, +Nation, Menschheit, sind die höchsten irdischen Werte. Wohl dem, der +keinen von ihnen zu opfern braucht, für den sie Mittel zum Göttlichen +bleiben. Wir aber werden sie messen an den Maßen der Seele, des Glaubens +und der Gerechtigkeit, und wo sie das Maß nicht erfüllen, da müssen sie +sich fügen oder weichen. + + + + +Krieg + + +In dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer Geister auf +Gegenwärtiges und Künftiges gewidmet ist, hat der Krieg nicht bloß die +Bedeutung des bewegenden Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern +auch des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das Abendland +bisher gelebt hat, offenbart. + +Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, daß ein +Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze jener Tage nichts +wiederkehrt. So wie sie noch immer von Vierteljahr zu Vierteljahr das +Ende des Kampfes voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, bis +das neue Geschlecht sie ablöst, daß nach dem Frieden und einer kurzen +Übergangszeit das wieder eintritt, was sie normale Verhältnisse nennen. +Freilich werden die Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man eine +Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden. + +Nichts wird sich finden, alles muß neu geschaffen werden in eiserner +Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser +Gesellschaftsbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der +Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft, +ja selbst unsere Sprache. + +Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der +frühen Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder +Balzac, daß er sich fragte: Wie, ist das möglich? Dreißig Jahre vor +dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz, +und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache +der Wissenschaft von Industrie und Börse, von Dampfschiffen und Kammern, +von bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht +über die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist +dann wirklich einmal die Rede von einem alten Edelmann, der in jener +Tändelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener, +ein zopfiges Gespenst. + +So fremd werdet ihr an uns vorüberschreiten. Wir, die wir uns auf +Sachlichkeit manches zugute taten, und wissenschaftlich, ernst, wo nicht +gar tief zu sein wähnten: Wir werden euch trotz aller unserer Technik +leichtfertig, flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, und +der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem wir uns umgaben, wird euch +nicht wie der des 18. Jahrhunderts eine Grazie, sondern ein Abscheu +sein. Denn euer Leben wird abermals ernster und härter, doch so Gott +will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger sein. + +Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden ihn begreifen, +wenn wir ihn als das kritische Ereignis fassen, das er ist, als den +Ausbruch aller tiefen Übel und Schwächen der abgelaufenen Epoche. Denn +jede Deutung als eines Mißgeschickes, Mißverständnisses, schuldhaft +gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in die örtlich-zeitliche +Bestimmung des Geschehenen verstrickt, Schuld von allen Seiten. Doch +wenn ein Erdteil sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten +Tage seine Gründe und Ziele kennt, so ist die geistige, sittliche und +physische Erkrankung in den Tiefen seines organischen Aufbaus +verwurzelt. + +Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. Der Grund, +weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, sondern an ihren Grenzen +entzündet hat, liegt in der Eigenart unserer Wirtschaft, die zur +Weltwirtschaft erwachsen ist, und die in ihren Auswirkungen, +Imperialismus und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte an den +Rändern der Staatseinheiten gehäuft hat. Die schwerer entzündlichen +Sprengstoffe im Innern der fester gefügten Staaten bleiben einstweilen +unberührt, durch den Druck von den Grenzen her gebändigt. + +Als unbändige Volksvermehrung vereint mit der Mechanisierung den +individuellen Produktionsprozeß vernichtete, wurde die Erde eine einzige +gewaltige Produktionsstätte. Doch ihre nationale Spaltung blieb, und +innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der Stände. +Wirtschaftlich betrachtet: eine große Fabrik, doch nicht einheitlich +gebaut, sondern in den Wohnhäusern und Kammern eines Straßenvierecks +untergebracht und unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und +die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen nicht Schritt. +Das ging so lange, als sich die Erzeugung in mäßigen Grenzen hielt und +der Nationalismus sich langsam entwickelte. + +Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen sahen, +eine energische Wohlstandspolitik zu treiben, um ihren wachsenden +Aufwand für Zivilisation, Rüstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als +die Mechanisierung den Staatskörper ergriffen und ihn zum bewußten +Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht hatte, gab es Zwiespalt +zwischen den Parteien. + +Jeder wollte so viel Arbeit wie möglich, denn Arbeit bringt Nutzen. Um +zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe wie möglich, und um sie zu +bezahlen, wollte er so viel Absatz wie möglich. Er wollte sogar noch +mehr Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe nötig war, denn die +heimische Produktion sollte alle anderen überflügeln, und der Absatz im +eigenen Lande ließ sich nicht beliebig steigern. Was er nicht wollte, +waren fremde Fabrikate im eigenen Lande, denn die beeinträchtigen den +Absatz, die Preise und den Nutzen. + +Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch ausgedrückt um +Kolonien und Einflußgebiete. Die Welt war aber klein geworden, die +unbesetzten Gebiete knapp und von allen umworben. + +In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die äußerste Schlußfolgerung +gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte bei den meisten überdies politische +Gründe: Man wollte die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im +Kriege Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand der +Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schützen. Gleichzeitig begann der +Kunstgriff, den man drüben dämpfen #(dumping)# nennt: Man warf dem +Gegner die eigene Überschußware unter Selbstkosten über die Zollmauer +und schädigte sein Schutzsystem. + +Allmählich war auch der Nationalismus zum Gipfel gestiegen, denn die +europäischen Unterschichten waren in die Historie getreten. Bis zum +Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie anational gewesen, Geschichte war +nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt waren sie +verbürgerlicht, zivilisiert und interessiert, und gaben dem +Wirtschaftskampf die nationale Färbung. Durch Staatenbildung, +Staatenerstrebung und Irredentismus mehrten die neuen Nationalgefühle, +insbesondere die östlichen, den politischen Sprengstoff. + +Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe Scheidung der Stände. +Das Proletariat, an der Tatsache des Produktionsprozesses interessiert, +an seinem Verlauf nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen, +dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgültig ist; es führte seinen +Wirtschaftskampf, und zwang den Unternehmer, für jede Lohnerhöhung sich +durch Zollerhöhung und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten. + +So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf nach außen und +innen vollkommen anarchisch. Wenigen war er in seinem logischen +Zusammenhang bewußt; am wenigsten den Staatsmännern, die ihn führten. +Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen Einfluß zu heben, den +fremden zu schädigen, den eigenen Absatz zu fördern, den fremden +zurückzudrängen; so lückenhaft aber war der Zusammenhang, daß viele, +unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, der +Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt waren auch die Kampfmittel; es +waren Bündnisse, Zollverträge, Rüstungen zu Land und See, Einsprüche +gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was als Endzustand +vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls eine etwas bessere +Erdeinteilung, als man sie gerade hatte; meist war man auf den +gelegentlichen Vorteil aus. + +Niemand war sich auch recht darüber klar, wo ihn der Schuh drückte. +England schob sein Mißbehagen auf Mängel seiner technischen Erziehung +und die Konkurrenz der Deutschen; Deutschland litt an seiner +geographischen Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen; +Frankreich merkte, daß seine Industrie zurückging, und fand, daß das +elsässische Textilgebiet ihm fehle; Amerika klagte über hohe Löhne und +Finanzkrisen und griff zu Schutzzöllen. Nie wurde auch nur ein Versuch +gemacht, die Anarchie in Ordnung zu verwandeln. + +Die innere Anarchie: wenn die Außenwirtschaft ihre Grenzen hat, so muß +die Innenwirtschaft ergiebiger, vor allem solidarischer gestaltet +werden. Kräfte und Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von außen +unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft. + +Die äußere Anarchie: wenn alle sich um die kargen Tröge des Absatzes und +Rohstoffes streiten, so muß geteilt werden. Durch den Kampf wird das +Futter nicht mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und +zertreten. + +Doch es fehlte nach außen die Einsicht, nach innen der Ansporn; trotz +aller Reibungskämpfe schöpfte die Welt aus dem Vollen wie niemals zuvor +und niemals wieder, und die leichte Bereicherung äußerte sich in +Indolenz. + +Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung und +Schuld des Vulkanismus, der unter der politischen Oberfläche des +Abendlandes bebte, und seine kritischen Zonen unter die Staatengrenzen +breitete. Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische Taktik +der Großstaaten während der letzten vierzig Jahre, lockerte die Kruste, +und eine dritte, fast nebensächliche und zufällige Reihe, die Ereignisse +um 1914, bestimmten Zeit und Ort des Ausbruchs. + +Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung sind alle Staaten +beteiligt. Sind sie entschuldbar bei der ersten, so sind sie es auch bei +der zweiten, denn die mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung äußert +sich in der Hilflosigkeit des politischen Handelns. + +Die Schuld Frankreichs ist die tiefste, aber auch die menschlichste. Das +Rheingold des Elsaß ist nur das Sinnbild eines schwereren Verlustes. +Unermeßlich ist, was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa +geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil der Kultur des +Kontinents vom Westfälischen Frieden bis zur Revolution und brachte die +bürgerliche Freiheit. Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur +schenken, so lange sie mächtig war. Die Macht war verloren, sie gab uns +die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft Europa derart, daß jede +politische Orientierung von den Vogesen ausgehen mußte, und nur die Wahl +blieb: für den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit der +europäischen Politik vernichtet. + +Englands Schuld ist fast eine persönliche, ein seltsamer Zug in diesem +so unpersönlichen Lande. Auch England hatte viel gegeben, noch mehr +erworben, und manches verloren. Die #Pax Britannica# stand hinter der +#Pax Romana# nicht zurück. Man mag streiten, ob es recht ist, daß ein +Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses Volk hat ihn besessen und +mit wenigen Ausnahmen seiner großen Verantwortung entsprechend +verwaltet. In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde +unbehelligt, häufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, alle Häfen und +Kohlenplätze standen offen. Das Land begnügte sich mit Freihandel, aus +wohlverstandenem, aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik +war eigensüchtig, gewalttätig, aber klar erkennbar, weit mehr auf +eigenen Nutzen als auf fremden Schaden gerichtet. Das änderte +Eduard VII. Er war zu lange Kronprinz gewesen und hatte sich in den +Jahren erzwungener Muße und verhohlener Kritik die alten intriganten +Bündnismethoden der europäischen Höfe angeeignet; er trieb sie zum +Gipfel, indem er die Vogesenspaltung ausnutzte und Deutschland +isolierte. Wie weit die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines +Landes, wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, ist +schwer zu sagen; er war kein dämonischer Charakter und wurde dennoch zum +Dämon Europas. + +Rußland litt an den Schwächen orientalischer Reiche. Über sich selbst +hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, kindlich verträumten +Volk zwar einige europäische Formen, doch keinen Wohlstand, keinen +Mittelstand, keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft und keinen +Verkehr erworben. Die Regierung wagte nicht, der unerfahrenen Nation die +Verwaltung anzuvertrauen, daher blieb ihr nichts anderes übrig, als die +dünne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu verfolgen, das +Volk zu verblöden und sich selbst durch das verbrauchte Mittel der +Expansion zu stärken. Der Balkanstreit mit Österreich, die +Schuldhörigkeit zu Frankreich bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall, +daß nach Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer +aufschloß und die letzte Explosion auslöste. + +Daß Deutschland bei seinem gegenwärtigen inneren und äußeren Aufbau +nicht imstande ist, eine folgerichtige und langatmige auswärtige Politik +zu führen, habe ich in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des +Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und Einrichtungen, vor +allem die Einheitlichkeit des Willens, der Initiative und Verantwortung, +die organisch eingestellte Stetigkeit und Überlieferung. Diese Mängel +sind nicht durch Personen und Ämter verschuldet, sondern durch uns +selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die Hand nehmen, Männer +unseres Vertrauens zur Ernennung vorschlagen, ihnen dann aber auch die +Macht und volle Verantwortung gewähren; die wir vielmehr uns von einer +kleinen, nicht übermäßig geschäftstüchtigen Kaste und deren Assimilanten +verwalten lassen, die sich hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen +Dickicht, im neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem +Mißtrauen verfolgt wird. + +Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten darin zutage, daß man +sich in alles einmischt, für die Galerie arbeitet, alle anderen stört +und nichts für sich erreicht. Es ist nicht gesagt, daß man niemand +stören und sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich +falsch: wenn man alle stört und sich mit allen verfeindet. Wir haben +Frankreich gestört in Marokko, England in Transvaal, Rußland in +Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. Wir haben Gelegenheiten zu +Verständigungen versäumt mit England, Rußland, Japan, und, innerhalb +gewisser Grenzen, mit Frankreich. + +Nicht um unsere Fehler stärker zu betonen als die anderer, sondern +deshalb, weil sie unsere Fehler sind und uns näher angehen als die +anderer, müssen wir uns bereit finden, ein Unwägbares zu beobachten, das +unsere Politik durch eine gleichsam atmosphärische Einwirkung geschädigt +hat. + +Es ist kaum einzuschätzen, wie stark die letzte Generation vom Einfluß +Richard Wagners gebannt war, und zwar nicht so entscheidend von seiner +Musik wie von der Gebärde seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen. +Vielleicht ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt die +Wagnersche Gebärde der erfaßte Widerhall -- er war ein ebenso großer +Hörer wie Töner -- des Zeitgefallens. Es ist leicht, eine Gebärde +aufzurufen, schwer, sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von +theatralisch-barbarischem Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner +Denkmälern und Bauten, in den Verkehrsformen und Kulten einzelner +Kreise, und wird von vielen als eigentlich deutsch angesehen. Es ist +immer jemand da, Lohengrin, Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann +und alles schlägt, die leidende Tugend erlöst, das Laster züchtigt und +allgemeines Heil bringt, und zwar in einer weitausholenden Pose, mit +Fanfarenklängen, Beleuchtungseffekt und Tableau. Ein Widerschein dieses +Opernwesens zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, wie +Nibelungentreue. Man wünschte, daß jedesmal von uns das erlösende Wort +mit großer Geste gesprochen werde, man wünschte, historische Momente +gestellt zu sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten +rauschen hören. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack der älteren +Generation gemäßigt. Unser ältlich-nüchterner Kanzler möge durch die +Aussicht auf fünf Krönungszüge im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn +zu beleben. + +Innerhalb einer ärmlichen, im Ziele nicht erkennbaren Außenpolitik +wirkte diese Gebärde zuerst verblüffend, dann aufreizend und Mißtrauen +erregend. Es kam so weit, daß man uns, die gutgläubigste aller Nationen, +für Schaumschläger und Intriganten hielt. Unser gewaltiger Machtaufstieg +hätte uns verpflichten sollen, soviel wie möglich zu schweigen, so wenig +wie möglich uns einzumischen. + +In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, die den +vulkanischen Grund lockerten, sind abermals Fehler von allen Seiten +einbegriffen, auch von der unseren. Doch eines können wir mit gutem +Gewissen sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke nicht. Es +war unser Fehler, daß wir nicht wußten, was wir wollten; eines wollten +wir sicher nicht: den Krieg. + +Die dritte und weitaus nebensächliche Reihe, die der örtlich und +zeitlich auslösenden Momente, haben wir nicht zu erörtern, denn uns ist +es nicht um Zeitgeschichte, sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren, +vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klären, jedenfalls nicht +früher, als bis die Einzelheiten der französisch-englischen Abmachungen +und die Vorgänge des österreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen. + +Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale Revolution, erzeugt +durch äußere und innere wirtschaftliche Anarchie und soziale Spannung, +beschleunigt durch die Fehler der Kabinette. + +Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der Nationen gesprochen +werden soll, so ist es die der Unterlassung. Es fehlte der Welt an +schöpferischen, sittlichen Gedanken. Jeder fühlte, daß die Erde in ein +neues Stadium der Zivilisation getreten war, daß sie anfing, eng und +gefährlich zu werden. Doch man scheute sich, die Gesetze dieser +Umwälzung, der Mechanisierung, zu ergründen und um ihre sittliche +Erlösung zu ringen. Große Nationen traten wiedergeboren und ermächtigt +auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen sich nicht, daß +sie gesandt und verantwortlich waren, der Welt Ideen und Ideale zu +schenken. Auch wir haben nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere +Nation sich verjüngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, denn +wir Deutschen sind um der Idee willen da. + +Nur den einen Gedanken hatten die Völker: wachsen und sich bereichern, +aufsteigen und überflügeln, mächtig werden und erraffen. Und ihre +Staatsmänner dienten diesen Zielen mit den alten Mitteln der List und +Gewalt, mit den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verständigung, der +Begünstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes und der Betriebsamkeit, +mit den großen Mitteln der Rüstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der +Klügere zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, den +anderen klein zu kriegen, ohne daß er sich versah. Selbstverständlich +schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, mein Leben ist dein Tod. Warum +sollte das, so meinte man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch +immer gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle Nationen waren +zum Bewußtsein erwacht und kannten die armseligen Spielregeln, einer so +gut wie der andere. + +Daraus aber war gerade die höhere Pflicht zu entnehmen: Endet dies +unergiebige und würdelose Spiel. Wetteifert; schafft sittliche Ideen, +die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen +Gedanken der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte und +kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges Zusammenwirken; tut das +soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Völkerverkehr; +wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit +sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus und utopischer Duselei; +beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am größten, +die Arbeit am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn +das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und +Menschlichen. + +Noch heute wird es viele geben, die im Glauben an die Heiligkeit der +Interessen und in selbstbewußter Erkenntnis des sogenannten +Durchführbaren -- nämlich des Trivialen -- und des sogenannten Uferlosen -- +nämlich der sittlichen Pflicht -- diese Gedanken verlachen. Ich sage euch +aber: Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die +Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden +hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser +Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken. + +Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und Schiedsgerichte sind +möglich und verständig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als +erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen +wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen +Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und +gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des +internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung. + +Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur +gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der +Konkurrenz; ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum +Gewaltkampf aller gegen alle. + +Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen: + +Über die Rohstoffe des internationalen Handelns verfügt ein +zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen +Ursprungsbedingungen zur Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang +nach Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin wird das +wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen. + +Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach +entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann verlangen, daß die ihm +zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich +entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die +Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhältnis ihrer +Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen +werden, Quotenaustausch ist zulässig. + +An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jeder +Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen. + +Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden +müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form, +oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in +neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der +nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, oder zu unaufhörlichen +Kriegsgewittern führt. + +Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen +Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht +Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine +freiwillig anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein +Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein muß, der als +mächtigste aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur +Verfügung steht. + +Pazifist im üblichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, weil ich es +nicht für möglich halte, irgendein Übel restlos aus der Welt zu +schaffen. Ich halte den Krieg für ein großes Übel, doch nicht für das +größte, und könnte mir denken, daß noch in Jahrhunderten hier und da +zwischen Völkerschaften gekämpft wird. Niemals wieder darf es aber +geschehen, daß die ganze bevölkerte Erde dem Blutrausch verfällt. Kein +Schlagwort ist so elend Lügen gestraft worden wie das von den sittlich +und geistig regenerierenden Kräften des Krieges, wie das von der großen +Zeit. Gewiß geschieht an allen Fronten Großes, und Größeres vielleicht +da, wo in dunkler Stille die Herzen der Mütter bluten. Doch wer hat so +frevelhaft am Wert der Menschheit gezweifelt, daß Mut und Opfer ihm des +Beweises bedurften? + +Kahle Täuschung ist es, zu tun, als ob Front und Heimat zwei +verschiedene Nationen wären, die heldenhafte der Söhne, die anfechtbare +der Väter. Wir alle sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine +Schuld. Jeder ist allen und jeder für alle verantwortlich. Unser Ruhm +ist das mutige Erdulden und Leisten der Front, das stille Opfern und +Entbehren der Heimat; unser aller Verantwortung ist es, daß das Gesetz +Deutschlands seine Kraft verlor, daß die Sittlichkeit sank, daß der +Geist verflachte. Überblicken wir alle Länder, die unmittelbar oder +mittelbar vom Kriege ergriffen sind, so finden wir überall die gleiche +Entsittlichung in den Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption, +des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der Bosheit und Lüge. +Überall die gleiche Entgeistigung in den Formen der Phrase, der +Trivialität, der Urteilslosigkeit, des Selbstlobes, des niederen +Massengeschmacks. Diesen Krieg erträgt die Erde nicht zum zweitenmal, +wenn sie ihn physisch überstände, so ginge sie seelisch zugrunde. + +Doch was bedeutet der nächste Krieg, da der gegenwärtige dauert? Da in +jeder Stunde, von Bruderhand erschlagen, Menschen, unsere Menschen, +unsere Brüder ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, daß wir +das ertragen? + +Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden ihn haben. Doch die +Zeit ist gekommen, daß die Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen +darf, denn heute weiß sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten kann +noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und wird dennoch das +Angesicht der Erde nicht ändern, außer durch Verwüstung. + +Es ist Zeit. Die Großen und Mächtigen haben gesprochen und den Krieg +verurteilt. Es ist nicht einer, der ihn verteidigt; doch sie wissen +nicht, wie sie ihn beenden, sie glauben, daß ihre Forderungen zu weit +auseinander gehen. + +Es ist Zeit, daß die Niederen und Geringen ihre Stimme erheben und +Zeugnis ablegen, denn was in Jahren geschehen muß, das kann auch heute +sein. So wahr wir fest entschlossen sind, jeder für sein Land zu kämpfen +und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede uns nicht gewährt wird, +so wahr wir uns unverbrüchlich einordnen in die Gesetze unseres Staates +und in die Gefolgschaft unserer Führer, so wahr ist es unsere +menschliche und göttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von neuem die +Hand auszustrecken und zu sagen: Brüder, laßt uns in Ehren und in +Menschlichkeit uns finden. Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und +Frieden der Stärkere sein, der selbstgerecht und gekränkt die Versöhnung +abweist, und nicht der wird, wenn es sein muß, sich schlechter schlagen, +der sein Gewissen entlastet. Für die Unberührbarkeit und Ehre des +Landes, für die Freiheit und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten, +ist Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung den Kampf will, über +den kommt das Blut der Unschuldigen. + +Die Großen haben gesprochen. Es ist Zeit, daß die Kleinen und Geringen +reden, bevor die Steine und die Gräber ihren Mund auftun. Und da ich +unter den Geringen ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme +erheben, so schwach sie ist. + +So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor denen ein fallender +Tropfen wie Erzklang dröhnt. Auch wenn keines dieser Blätter in das +fremde Land gerät, so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg +bahnen, denn die Sprache, die aus heißem Herzen kommt, bedarf keiner +Laute, und wenn ihr Ruf auch nur _einem_ Herzen begegnet, so wird er ein +Hagelkorn des Hasses schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat +in Tau verwandeln. + +Feinde, Menschen, Brüder, höret! Es ist genug. + +Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn geschlagen. Im +blinden Wahnsinn haben wir eine Welt zertrümmert. + +Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden machen. Ihr und wir, +wir jubeln, wenn Menschen brennend aus den Lüften stürzen, wenn Menschen +in der See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet sterben, +wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir lesen bei Mahlzeiten Dinge, +von denen der tausendste Teil uns erstarren machen müßte. Sind wir noch +Menschen? + +Die vier göttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser und Erde haben wir +zu Werkzeugen des Todes gemacht, und das genügte nicht, Gift und Hunger +holte man zu Hilfe. Aller menschliche Geist zählt und rechnet und +grübelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue Gewalt, noch eine +neue Todesart. + +Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in fünfzehnhundert Tagen +hat der rasend gemachte, gehetzte Tod ein blühendes, hilfloses +Menschenherz zerschnitten, und mit jedem Schnitt hat er ein zweites +liebendes Herz getroffen. Ungezählt sind die Krüppel, die Blinden, die +Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen über die Erde und zeugen wider +uns und euch. Die Kreuze auf den Feldern strecken ihre Arme aus, die +gemordeten Wälder recken ihre verstümmelten Äste, die aussätzige Kruste +der Erde, die zertrommelten Städte, sie blicken auf aus erloschenen +Augen und zeugen wider uns und euch. + +In Erdlöchern, in Schlamm und Wasser hocken seit vier Jahren unsere +Brüder, schützen ihre armen Leiber gegen giftige Dünste, Eisensplitter +und Bajonette und trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der Erde +und der Völker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. Bleiche Kinder wachsen +auf, bleiche Mütter arbeiten in Fabriken. + +Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe sind tot, die See +ist verödet. Was noch geschaffen und geschleppt wird, sind Waffen. In +den Städten aber rast der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung +prassen Bereicherte. Die Versuchung wächst, das Gewissen betäubt sich, +die Sitte wankt. + +Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der Planet sie niemals +trug. Noch immer wächst sie, angefacht durch Rache, Verleumdung, Angst +und Verblendung. + +Und doch ist die Welt nicht böse und nicht schlecht; sie ist wahnsinnig +und blind. Jeder glaubt, der andere wolle ihn vernichten, und solange +jeder das vom anderen glaubt, bleibt allen nichts übrig, als zu kämpfen. +Wollte aber jemand auch nur einen Tag länger den Kampf fortsetzen, als +Unabhängigkeit, Unberührbarkeit und Lebensraum seines Landes fordern, so +wäre er für sich allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer der +Millionen, und es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre. + +Feinde, Brüder, es ist Zeit! Es ist sehr spät, und jede Minute tötet, +und doch ist noch Zeit. Denn noch tötet jeder von uns in gutem Glauben, +im Glauben an den Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich +in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten wollen, +Verblendete, die glauben, man müsse vom Tode leben, vom Schmerz +Gebrochene, die nach Rache schreien, und, furchtbar zu sagen, vielleicht +auch Gewinnsüchtige und Machtgierige, die nach göttlichem Recht nicht +fragen. Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage einen +Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die wähnen, der Krieg sei +ein Gottesurteil, der Gott des Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken +wie Zeus auf dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die Hände +seiner Lieblinge geben könne, damit sie mit ihnen verfahren nach ihrer +und seiner Willkür, und neues Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht +glauben das in abgeschwächter Form auch einige Staatsmänner, und denken, +der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ändern, daß sie doch noch in +aller Stille einige Erwerbungen machen können; deshalb scheuen sie sich, +rund heraus zu reden und zu sagen, was sie verlangen. + +Aber ich schwöre euch, es gibt nicht ein einziges Volk auf der Erde, das +die Vernichtung eines anderen Volkes will und wollen kann. Jedes Volk +weiß in seinem inneren Bewußtsein, daß es nur _einen_ Frieden geben kann +und geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in zwanzig +Jahren geschlossen werden wird, ist genau der gleiche Friede, der heute +geschlossen werden kann und geschlossen werden soll. Nur versöhnt er +nicht mehr lebendige Völker und gesunde Länder, sondern arme, verrohte +Krüppel und Stätten der Verwüstung. + +Prüft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. An dem Tage aber, +an dem ihr, Völker der Erde, das Wort aussprecht, das einfache, klare, +selbstverständliche Wort: Keinem Volke soll seine Unabhängigkeit und +sein angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen +verkürzt werden, an dem gleichen Tage ist der Krieg gebrochen und der +Frieden in eurer Hand. Denn die Angst der Völker vor einander ist +erloschen, es können weder Gruppen noch Staatsmänner sie neu entfachen, +sie können auch nicht mehr durch vieldeutige, geschäftskluge Forderungen +den Zweifel offen lassen, ob nicht doch, unter der Verhüllung von +Sittensprüchen der Angriff auf das Leben des anderen lauert. + +Welchen Weg dann die Staatsmänner wählen, um die leichte Aufgabe zu +lösen, wie man zu Verhandlungen kommt, ist ganz gleichgültig. Der +einfachste Weg scheint mir der beste. Es sollte zunächst jeder Staat +fünf Forderungen nennen, die er für die wichtigsten hält, dann kann +jeder rückfragen nach dem, was ihm unklar scheint oder was er nicht +verstanden hat, dann soll er antworten. + +Es ist keine Gefahr, daß die Antworten unbefriedigend ausfallen. Denn +wem eine offenkundig ungerechte Forderung abgelehnt wird, kann +ebensowenig um deswillen den Krieg fortsetzen, wie der, der eine +offenkundig gerechte Forderung ablehnt; es würde ein neuer Krieg mit +neuen Kriegsgründen sein, den niemand will. Sind aber die Antworten +erteilt, so mag man entscheiden, ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen +gestellt oder die mündliche Verhandlung begonnen werden soll. + +Menschen und Völker, besinnt euch! Es geht um eure Seelen. Es wird kein +anderer Frieden über die Erde kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit +und der guten Gesinnung. Wäre ein anderer Frieden erreichbar, ihr +dürftet ihn nicht nehmen, denn er wäre kein Frieden, sondern ein +heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte Frieden, der Frieden Gottes +kommt, wir mögen ihn wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns +geschenkt, wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. Sind wir +seiner würdig, so werden wir ihn erleben, sind wir seiner unwürdig, so +werden ihn auch unsere Kinder nicht erleben. + +Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir es, und handeln +nicht danach, so sind alle unsere Sittensprüche Heuchelei und unser +Gewissen wird am Tage der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die +Verantwortung für eine Zivilisation und Kultur, für das Glück und das +Leben der Millionen. Diese Verantwortung ist die kleinere. Wir tragen +die Verantwortung um der Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen, +diese Verantwortung ist vor Gott und ist die größere. Die Seelen der +Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. Sie fordern +von uns nicht Rache, sondern Versöhnung zur Ehre Gottes. Brüder, wir +wollen einander vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht +der ist schwach, der Vergebung empfängt, nicht der ist stark, der sie +zurückweist. + +Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu Wasser und in der Luft +einander standgehalten und sind nicht ermüdet. Ihre Taten sind größer +als alles Heldentum der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste +aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet erlebt hat und +erleben wird, und ein Leuchten wird von ihm ausgehen über das Weltall, +wenn der Tag anbricht des großen Opfers, der freien, menschlichen und +göttlichen Versöhnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben allen Haß und +allen Kummer, alle Tränen und alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der +Tag, an dem wir uns die Hände reichen, um gemeinsam die Wunden zu +heilen, die Witwen und Waisen zu trösten, die Erde neuaufzubauen. An +diesem Tage sind unsere gefallenen Brüder wahrhaft verherrlicht, an +diesem Tage ist die Erde entsühnt, und das Gottesreich um einen Schritt +der Welt genähert. + + + + +Charakter + + +Wir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine andere Größe, +Stärke und Freiheit, als die wir kannten. + +Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von +ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer +das Sichtbare umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen. + +Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft +gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der +Wirkungsreihe noch tiefer liegt. + +Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und +wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener +Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heißt Charakter. + +Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode des +Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, deren es, ach, so viele gibt, +sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir +überschätzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der +Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie +ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt +und zur Wirtschaft führt. Wir unterschätzen die reine Beobachtung des +Geistes und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit +verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und fürchten uns unbewußt vor +den Ergebnissen. + +Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder +Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand +beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten +entscheidet über das geistige Sein, über den Wert der geistigen +Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um +ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier +entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische +Charakter. + +Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir. +Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen +wir die bewegenden Kräfte prüfen. + +Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und +Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen, +auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist +und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren, +Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die +Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der +energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig, +sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität. + +Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe +ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei +ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die +Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der +Beobachtung unseres Charakters wiederfinden. + +Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und +sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie +fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg +ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen +Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen +Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück. + +Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind +unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen +wollen. + +Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung +und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines +Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet; +denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein +Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten, +verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten +Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren +Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten, +Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder +kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar +Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich +zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder +die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System +ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen +Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die +Unabsetzbarkeit. + +Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in +welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und +Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und +überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor +dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte +bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt. +Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als +Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des +feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten +und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem +mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde +politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese +der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann. +Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik +fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo +Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum +folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden +Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition. + +Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform +dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und +dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines +verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre +geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes +Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus +Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische +Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung, +vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene +Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut. +Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht +mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die +Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die +gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen +gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt, +Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen +selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden +messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere +Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst +sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die +Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere +von zwei Übeln. + +Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die +Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische +Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher +parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament +größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System. +Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch, +parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat, +indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung +kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche +Gegenbegriff Autokratie und Demokratie. + +Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein +Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem +Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte +Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und +ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus +offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und +Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an +Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man +beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert +wird. + +Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die +autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und +Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil, +nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer +Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit +autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt. + +In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen. +Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende +Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er +ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne +Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper. + +Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich. +Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der +ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis +er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum +Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein +anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach +einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens, +womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern +geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und +Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung +gewachsen ist. + +Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus, +stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments +gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte +Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche +Leben noch unmöglicher. + +Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften +unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung +erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres +Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft. + +Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene +Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen +sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der +in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen +Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar, +es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften, +sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für +geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch +beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die +ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste +Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich +die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk +an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der +Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas +in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem +der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und +Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde +ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der +nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht +anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich, +unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir +die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die +niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen +müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt +herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt. +Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir +verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der +Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und +Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man +Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament +stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer +rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries. + +In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile über fremden und eigenen +Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu +verübeln, wenn es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in +Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich in +leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten Hasse hingibt; und +dieser Haß wütet in der Heimat noch rückhaltloser als im Felde, wo +ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In +solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten, +wenn er nach allgemeinem Urteil strebt. + +Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von außen betrachtet, +anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Völker nahezu +anarchisch, nach Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet und +zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen raubtierhaft +erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint +es nach außen gutmütig, freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein +Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis +von politischer Schwäche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand +soll und wird aufhören; dann werden die Völker als kollektive Gebilde +das Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich und +sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die +gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit will, soll man sich nicht +damit brüsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der +vereinbarten Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die +Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das +Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, der andere habe ihm in +hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen König eingekreist. +Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im +Frieden und Kriege erlaubt. Das darüber hinausgehende Unrecht fällt +jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist +es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen läßt, das +Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der +Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der +Nachprüfung. + +Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher als man glaubt. +In jedem Volke gibt es Heilige und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose, +Helden und Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, in +allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Völker +untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die +meisten Vergleiche populärer Psychologie haben den Fehler, daß man +ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt man bei +sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich. +So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populärurteile, +die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker zu +entzweien. + +Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. Es ist nicht +Sache der Wissenschaft, noch weniger der bürgerlichen Beobachtung, +sondern der Einfühlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder +Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen, +dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo gelebt und gute oder +schlechte Geschäfte gemacht hat; das Einfühlen in die Natur eines +einzelnen, das viel schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes +fordert intuitive, ja dichterische Begabung. + +Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten weit entfernt, +und viele der Gebildeten unter unseren Gegnern sind es noch heute. Von +Geschäftsreisenden, Berichterstattern und Stubengelehrten ließen wir uns +mehr erzählen als nötig war, selten wurde ein berufener Beurteiler +gehört, viele wollten oder mußten schweigen. + +So war die Stimmung vorbereitet für das beschämendste und undeutscheste, +was in diesem Kriege geschah, die maßlose, schamlose Ausschüttung des +Selbstlobes. Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, zur +Mißachtung des Gesetzes, zur Überempfindlichkeit der Stimmung +beigetragen als die langandauernde tägliche Selbstverherrlichung. Denn +was brauchte ein Volk von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem +Gott allein, vor allen anderen, sämtliche Tugenden und Begabungen +verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, nur wir waren tapfer +und hingebend, nur wir waren tief und genial, sittlich und heldenhaft, +gläubig und seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen +verworfen. Warum Gott die übrigen so unzulänglich geschaffen hatte? +Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. Wir waren das auserwählte Volk, +gesandt, um allen Völkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen. + +Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war +kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten +und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf +Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine +Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße +und Tränen ist noch heute kein Ende. + +Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle. + +Wir sind kein auserwähltes Volk und wollen es nicht sein. Wir sind ein +junges Volk und haben dennoch eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf +unserem Boden sind große Helden erwachsen, die höchsten Dichter und +Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die Musik der Welt ist +auf deutschem Boden erstanden. + +Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von uns stammt unvermischt +von taciteischen Germanen, wenige entstammen der Oberschicht, die den +deutschen Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die meisten +sind Kinder der namenlosen, unhistorischen unfreien Unterschicht, von +der die Wissenschaft nichts weiß; viele sind zugewandert. Wir sind jung +und wissen wenig von uns. Wir wissen, daß sich unsere Jungen gut +schlagen. Wir wissen, daß wir organisierbar und disziplinierbar sind, +daß wir uns in die mechanisierte Welt vollkommen eingefügt und sie +vorwärts gebracht haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine +bedeutende Technik. Seit dem Ende jener großen Umschichtung, seit +hundert Jahren, sind uns höchste Geister nur spärlich erstanden. Doch +fühlen wir uns als die Erben und geistigen Nachkommen jener Großen, weil +wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir dürfen hoffen, daß +etwas Verwandtes in uns lebt und sich immer wieder verkörpern wird. Wir +ringen um die Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres Staates. +Vor allem: wir blicken uns in die Augen und fühlen das herzliche +Vertrauen vom einen zum anderen, zum guten Willen und zur reinen Kraft; +wir blicken in die lieben Augen unserer Frauen und fühlen die blühende +Wärme des Lebens und die gesegnete Verheißung der Zukunft. + +Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern voraus, eines, das +keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid herausfordert: die Härte +und Schwere der metaphysischen Pflicht. + +Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben, das Streben +zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und das +Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum +Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter +prüfen als alle anderen, und das schwerste von uns verlangen. Und +deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt, +damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen Geist zu +verherrlichen. + +Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen +freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren +Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die +dankbarsten aller Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die +demütigsten sein. + +So sind wir zur Selbstprüfung unseres Charakters zurückgekehrt und haben +die Härte der Unerbittlichkeit gewonnen. Mit ihr die äußere +Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. Wehe dem, der die innerlichen Momente +des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert und +belauscht, um seiner zu spotten oder gegen ihn zu zeugen. Er hat das +Recht des Zeugens und des Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn +schleudert ihn und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem +Maße sittlich gewertet wird. + +Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts übermäßig +Schweres. Unsere Besten haben es uns oft gesagt, bald spottend, bald +schmähend; was sie uns nicht gesagt haben, und was wir selbst uns sagen +müssen, das sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen +wesentlichen Schwäche unseres voluntarischen Charakters. + +Uns Deutschen fehlt das persönliche Unabhängigkeitsgefühl, wir neigen +zur gewollten Abhängigkeit. + +Verwechseln wir nicht Unabhängigkeit mit Zuchtlosigkeit, vermengen wir +nicht Abhängigkeit und Treue. + +Ein Mann soll Zucht halten und Zucht üben, denn der Kosmos ist eine +Ordnung, nach seiner Idee hat jedes Glied zu tragen und zu lasten, zu +leisten und zu leiten. Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ, +der Gewalt; als Freie sollen wir nicht Machthabern gehören und +gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Führung anvertrauen und +hingeben. Von trauen kommt Treue, sie ist das freiwillige, überzeugte, +unverbrüchliche Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein +begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; Treue, +die höchste irdische Pflicht, ruht auf Freiheit und Wahrhaftigkeit. + +Das bedeutet nun freilich nicht, daß ein jeder sich nach Willkür die +Bindungen auserwählen kann, welche er auf sich nehmen will, und welche +nicht. Ein bestehender Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem +eine wirkende Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der Ordnung der +Gesetze so unverbrüchlich sind, wie höchste irdische Pflicht es nur sein +kann. Somit ist jede Frage der Unterwerfung unter rechtskräftiges Gesetz +und seine Ausübung der Erörterung entzogen. + +Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform man will und +welche man nicht will, ob man dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu +stürzen oder sich zu selbstgewollter Bindung zu fügen, ob man neigt, +sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder der Idee, ihrer +Verkörperung und ihren Trägern zu folgen, ob man der Person oder der +Sache gehört, ob man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein +Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher Hütung und Hegung +zu leben wünscht, oder ob man gewillt ist, Verantwortung zu tragen und +zu fordern. + +Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, daß +wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form, +und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur +ordentlich erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis +mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig +hinnahmen. Doch täuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein +Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue von +höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der +unfreien, dienstgewohnten und verängsteten Unterschichten, die +allzulange, vor allem im mittleren und östlichen Teile des Landes, die +Masse der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die +Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß und Peitsche, und der Adel nannte +seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen +mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist +die Abstufung des Abhängigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht +nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische +und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung +eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt, +nämlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für sich +verlangen. + +Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns der Eigenart +unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht bewußt sind, und daß wir seine +sichtbarsten Folgen, die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens, +die militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische +Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des bürgerlichen +Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende +Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stände, die +zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die +Ansprüche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es +fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in +gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen, +lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten +Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an +Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten +sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch +Vergleich bewußt geworden war. + +Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, wie jede +menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rühmt unsere +Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und +Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist, +geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist +gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgültig, um welchen +Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige +schöpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte +Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt +kein Höhepunkt der Präzision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen, +etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige +Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, wäre es +bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, daß +solche Sondervorteile nicht bestehen. + +Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren. +Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges übertragen, bedeutet +Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, Haften an Überlieferung, an +herkömmlichen Denkreihen und Methoden. + +In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den +Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu +sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum +über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien +erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir +ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende +schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu +lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere +konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger +ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten. + +In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht: +Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen, +unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft +vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die +Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe +ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit +Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit +als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der +Atmosphäre. + +In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien +programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie +gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den +bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man +würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu +sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf +der Liste zu finden. + +Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen +und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen +Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner +verstärkt, ist nichts weiter zu sagen. + +Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das +gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt. + +Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und +Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der +innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer +Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge +Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte +man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt, +halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung +nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele +wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht +verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß +eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere +der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil +war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark +für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen +Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine +Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen +Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis +erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß, +keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte. + +Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind, +welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte +Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter +Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet +sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem +Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen +Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und +Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und +gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der +ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines +bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische +Unabhängigkeit. + +Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen +Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die +Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom +wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern, +Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre, +Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und +verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der +Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo. + +Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben +geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und +unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und +dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es +sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen +lohnt es nicht. + +Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und +der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten +Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt +sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des +»Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher +Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d. +I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von +der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und +mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen, +finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein +menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik +übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei, +einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen, +so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von +Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben +und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche +seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern. +Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen +verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge +unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig +oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer +ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten +zugrunde. + +Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und +finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit. + +Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer +lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die +eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied +organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte, +seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen +er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich +jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der +Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der +Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der +Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des +Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des +zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des +Eingeborenen. + +Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen Ursprungs wird in +anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es +jeden Tag nötig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen, +fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes +bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene +Menschen keine Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, den +Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines +Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der +Ehrenbezeigungen, die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt +rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, daß in +zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von +unten nach oben oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird +untertänigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst +gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu +Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle +ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in +Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren +zum älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint unter +Umständen das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan, +es wird zur Treue, zur Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt. + +Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter -- Untergebener findet +ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schärfe gegen den +Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenüber dem eigenen +Vorgesetzten; bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung +nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar +oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im +Auslande und in Kolonien entstanden. + +Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen +Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die +bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und +theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der +gottgewollten Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die +überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren +Verhältnisse klar überblickt und über auswärtige Vergleiche verfügt, +wird denn auch häufig und vorurteilslos über das einheimische +Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum +vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewürdigt. +Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend mündig, die feudale +Schichtung für zu unentbehrlich, um eine Änderung zuzulassen. + +In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen +anderen Zustand vorstellen als den, daß jeder, der es sich leisten kann, +kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen muß, kommandiert +wird. Was man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, und noch +etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als +Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben. + +Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser Land auf den schroffen +Begriff der Subordination gestellt ist, während Länder weit geringerer +Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende +gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis im +Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es +nicht übergreifen. Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß +ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen +gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln +ließen. Unsere Gutmütigkeit, die für den Begriff des Anschnauzens +mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat, +entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch +es bleibt genug übrig, was zu denken gibt. + +Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit schädigt +den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen +unter euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus vor dem +Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen ließen? In den frohesten Ruf +mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck +sagte in theoretischer Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle +des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß das Vaterland unser +Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum König die freie +Zustimmung und Gefolgschaft freier Männer ist? + +Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls +niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mögen genügen. Wenn das +männliche Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und +Auflehnung, sondern Passivität. Man muß sich manches gefallen lassen und +tröstet sich damit, daß es dem Nächsten nicht besser geht, und daß man +sich vor ihm nicht zu schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre +Schwächen, man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind sie +kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht +aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, da wäre das Spiel +verdorben. Beim Unglück des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim +ersten Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am +Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. Ist jedoch ein +plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich alle Untugenden des +Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum +Herren. + +Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befürchten. +Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, er ist nicht weit davon, ein +nationales Laster zu sein. + +Überblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten +Unabhängigkeitsgefühls und des ausgesprochenen Abhängigkeitsdranges, so +dürfen wir sagen: Eine Todsünde belastet uns nicht. Wir sind nicht +Sklaven, wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind nicht +Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. Es ist nicht +unsere Sache, von unseren Tugenden zu reden; dies wissen wir, und das +mag genug sein: Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, was unser +Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft geduldet hat. + +Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhängigkeitsbedürfnis ist +eines der schwersten Hemmnisse des inneren und äußeren Aufstieges, es +ist der politische Kardinalfehler eines Volkes. + +Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten Entschlusses, den +Adel rückhaltloser Entäußerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen +Verantwortung voraus. Würde, Adel und Herrentum aber können in gewollter +und geduldeter Abhängigkeit nicht erstehen. + +Gewiß wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen Weg schreiten, und +Einrichtungen werden ihr folgen. Doch beiden voran muß der Aufschwung +des Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch eine einzige +Schwäche unseres voluntarischen Charakters. + +Würden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk die vollkommensten +Einrichtungen des staatlichen und kulturellen Lebens beschieden, es wäre +umsonst. Sie würden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung und +unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine Güter und Institutionen nur +auf derjenigen Höhe halten, auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen +fähig ist. + +Früher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, denen wir +entgegenstreben, heute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen +Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf +um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und +Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. Sie ist nicht die +Sendung des Militarismus, sie ist auch nicht die Sendung der +Mechanisierung und der Technik, obwohl sie diese Nützlichkeiten nicht +verschmäht, sie ist am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist +die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: die Sendung des +reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Geistes. Diese +Sendung fordert nicht Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige +Männer. Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und Schneider +für London und Newyork zu liefern, sondern als freie Männer auf freiem +Boden brüderlich mit den Völkern zu reden und zu wirken, nicht um des +billigen Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit willen; +ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu empfangen, was wir +brauchen. + +In eurem Kampfe zählen die Jahre nicht. Es wird euch bekämpfen die +Herrenkaste, und das ist schade, denn es sind tüchtige Menschen, klug, +mutig und eigenwillig. Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an +Phantasie; sie wissen nicht, daß im Sturm das fahrende Schiff sicherer +ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, daß in einem freien +Volke ihre Eigenart mehr wert ist als in einem, mit dem sie kämpfen. An +ihnen haften zwei Sünden: Sie haben das Volk unmündig gehalten, um es +leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer Herrschaft die +Verantwortung zu tragen für jenes Menschenalter schlechter Führung, das +die Gewitteratmosphäre schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf +ihnen lasten. + +Bekämpfen werden euch die Interessenten, und das ist gut, für euch wie +für sie. Sie wissen nicht, daß mit der geistigen und wirtschaftlichen +Anarchie, die sie im Lande erregen, sie den Ast absägen, auf dem sie +sitzen. Sie müssen lernen, daß mit den Geschäften von heute auf morgen, +die sie erstreben und um die sie sich würgen, das Korn vor der Ernte +zertreten wird. Das Futter wird nicht mehr, sondern besudelt und +verstreut, wenn man aus Gier mit beiden Füßen in den Napf springt; die +Welt ist eng geworden, sie ernährt uns nur dann, wenn die Arbeit sorgsam +geordnet und geteilt wird. + +Bekämpfen werden euch die Indolenten und mehr noch die +Originalsüchtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache zu tun, sondern um +ein apartes, literarisch verwertbares Gerede von der Sache. Sie glauben +die Welt zu ändern, wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen +und im Kaffeehaus neue Zeitwörter ausdenken. Mit beiden werdet ihr +fertig, denn sie haben einen kurzen Atem. + +Beginnt ihr zu zweifeln und fühlt ihr euch im Kampf ermatten, so erfüllt +euch mit dem Bilde des ragenden inneren Deutschlands, das wir im Herzen +tragen, des Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der +Innigkeit, des reinen Glaubens; tränkt und sättigt euch mit diesem +Bilde, und blickt um euch. Seht ihr dann noch das kreischende, gierige +Werben, die vergifteten Genüsse, die zynischen Gestalten der frechen +List und der brutalen Schaustellung, die unwürdigen Gebäude und +barbarischen Schaustücke: dann hat das neue Reich das alte noch nicht +überwunden und der Kampf geht weiter. + +Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. Kein Ereignis von +außen, nicht das Glückbringende, nicht das Bedrückende spricht euch los. +Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr +befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht +seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig seid, begüten, wenn ihr gläubig +seid, erwecken. + +Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie preisen was sie +besitzen, und festhalten, und dazu erwerben wollen. Oder um der Macht zu +schmeicheln, oder, weil man es sie gelehrt hat. + +Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die sagen, es sei +anderwärts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser +Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist +niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen. + +Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen Schriftgelehrten, die +verkünden: »Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle +Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine +unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist eine veraltete +Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur +Hörigkeit, von der persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des +Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidarität nicht +Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus +der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und +Irrationalen. + +Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir +leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern +sich selbst hören will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen +Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim +von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns sträuben, desto härter +werden wir geführt, und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren +Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon uns lenkt. + +Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir +gezwungen schreiten. Denn wozu wären euch die seltenen, köstlichen Dinge +gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der +Verheißung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es +euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee +trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich +selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge haben. +Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung, +die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen. + +Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Händen, die +leuchtende und zündende, die verheerende und verklärende. + +Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte +und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und +gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den +göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt. + +Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem +Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu +Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und +sich euch hingibt. + +Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch +alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden +Seele erringt. + +Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch +schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und +Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden. + +Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes. + + + +_Geschrieben im Juli_ 1918. + + +_Druck der Roßberg'schen Buchdruckerei in Leipzig._ + + + +_Werke von Walther Rathenau:_ + +_Zur Kritik der Zeit_ +Fünfzehnte Auflage + +_Zur Mechanik des Geistes_ +Neunte Auflage + +_Von kommenden Dingen_ +Fünfundsechzigste Auflage + +_Deutschlands Rohstoffversorgung_ +Neununddreißigste Auflage + +_Probleme der Friedenswirtschaft_ +Fünfundzwanzigste Auflage + +_Streitschrift vom Glauben_ +Vierzehnte Auflage + +_Vom Aktienwesen_ +Zwanzigste Auflage + +_Die neue Wirtschaft_ +Sechsundvierzigste Auflage + +_Zeitliches_ +Zwanzigste Auflage + + +_Gesammelte Schriften in fünf Bänden_ + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das +Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das +Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal +S. 049: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß +S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel +S. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß +S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebärde +S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been +moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau's +other works has been moved to the back. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal +p. 049: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß +p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel +p. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß +p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebärde +p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + +***** This file should be named 23396-8.txt or 23396-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/3/9/23396/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/23396-8.zip b/23396-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bdebe54 --- /dev/null +++ b/23396-8.zip diff --git a/23396-h.zip b/23396-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a1970eb --- /dev/null +++ b/23396-h.zip diff --git a/23396-h/23396-h.htm b/23396-h/23396-h.htm new file mode 100644 index 0000000..3d1d452 --- /dev/null +++ b/23396-h/23396-h.htm @@ -0,0 +1,4804 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { + margin-top: .75em; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: An Deutschlands Jugend + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: November 7, 2007 [EBook #23396] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + + +</pre> + + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>[Illustration: Publisher's logo]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span></p> --> + +<h1><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>An Deutschlands Jugend</h1> + +<p class="von">von</p> + +<p class="autor">Walther Rathenau</p> + +<hr class="titel" /> + +<p class="jahr">1918</p> + +<p class="verlag">S. Fischer • Verlag<br /> +Berlin</p> + +<p class="copyright"><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>1.–20. <em class="gesperrt">Tausend</em><br/> +Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung</p> + + + +<h2>Inhalt</h2> + +<!-- <p class="tocheader"><em class="gesperrt">An Deutschlands Jugend</em>.</p> --> + +<table class="toc"> +<tr><td><a href="#Zueignung_und_Aufruf">Zueignung und Aufruf</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Zweifel">Zweifel</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_18">18</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Glaube">Glaube</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_42">42</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Krieg">Krieg</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_74">74</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Charakter">Charakter</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_97">97</a></td></tr> +</table> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span><a name="Zueignung_und_Aufruf" id="Zueignung_und_Aufruf"></a>Zueignung und Aufruf</h2> + + +<p style="text-indent: 0em;"><span class="dropcap">I</span>n dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu +euch ich mich, Menschen der deutschen Jugend. +Nie hat eine Menschheit so bewußt und verantwortungspflichtig +an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die +Stunde hält ihren Atem an, zu lang für das bangende +Herz, zu kurz für das flatternde Gewissen, der Klöppel +holt aus. Ist der Schlag verklungen, nach Menschenjahren, +Sekunden des Äon, so stehen wir in fremder +Welt und Zeit, beladen oder entsühnt, und blicken durch +den Tränenschleier des Krieges nach dem entsinkenden +Reiche der Gewesenheit.</p> + +<p>Unbewußter, zweifelfreier waren die, die vor weniger +als hundert Jahren durch den Nebel der Weltkriege +das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen sahen. +Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene bürgerliche +Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet +als genommen, sie fühlten beschäftigt das Nahen von +Wissenschaft, Technik und Kapital und konnten sich dem +überlassen, was sie Restauration nannten, und was +der häßlichste Nutzbau der übervölkerten, mechanisierungsdurstigen +Welt war.</p> + +<p>Der Bau wuchs; in den höchsten, luftigsten und frechsten<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +Geschossen des Himmelskratzers sind wir geboren +und haben wir gelebt; jetzt bricht er nieder, aus Mangel +an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man verschmäht +hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, +stand auf dem Schuttplatz der französischen Revolution, +die Raum geschaffen hatte, aber keinen Baugrund. +Bis in seine höchsten Zinnen, die Nationalismus +und Imperialismus hießen, trug er keine Idee +in sich, nur ein empirisches Gleichgewicht der Kräfte; +alles was Idee hieß, rankte sich äußerlich empor und +zermürbte seine Wände.</p> + +<p>Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, +denn die Zerstörung ist da, wir brauchen sie nicht +zu rufen. Was gefordert wird, ist Arbeit, langsamer, +heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten +Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, +die sagt: Laßt mich nur, ich bin schlau und vernünftig, +ich will einmal versuchen. Nicht aus satter Interessiertheit, +die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht +aus Stumpfheit und bürgerlicher Blöde, die sagt: Kommt +Zeit, kommt Rat.</p> + +<p>Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und +Konferenzen, Brand und Löschung, sondern über der +Bauhütte, über ihren Meistern und Gesellen, dem +Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist +ihrer Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, +deshalb haben wir vom Geist zu reden.</p> + +<p>Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den +Genossen meines Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. +Mein Herz habe ich vor ihnen ausgeschüttet, mein Glauben +und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, +die Gelehrten, um sie zu belächeln, die Praktiker, +um sie zu verspotten, die Interessenten, um sich zu +entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und Tugend zu +erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, +so kamen sie von Einsamen, von Jungen, und von denen, +die nicht altern und nicht sterben.</p> + +<p>Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken +und Mitsorgen, Prüfung, Besinnung. Nichts anderes +will ich von euch. Prüft meine Worte an euren Gedanken, +in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, +was euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, +den bestechenden Einfall. Nicht ein Führer unter euch +vermesse ich mich zu sein, nicht ein Berater, ich will mit +euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich euch nicht; +ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure +Väter, ihr seid ihnen ähnlicher, als ihr meint. Ihr seid +eine Hoffnung; auch wir sind eine Hoffnung gewesen +und keine Erfüllung geworden, obgleich es manche +unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich huldige +auch dafür euch nicht, daß ihr in den Krieg geboren und +gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Väter verschuldet, +also haben wir ihn verschuldet; den Krieg +haben wir verschuldet, also habt ihr ihn verschuldet. +Derer, die getötet worden sind und getötet werden +sollen, gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und +am heißesten umfaßt es die, denen es schwer wird, und +die sich fürchten. Jeder, der mit seiner Seele in den +Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und zittert, +und weint Tränen, die nach innen fließen und das +Herz verbrennen. Auch dafür nicht, daß ihr ungebrochen<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +und stark, voll Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige +ich euch. In zwanzig Jahren sind eure Verwegensten +alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des Großen, +sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, +wenn abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr +Herz warm erhalten haben, um zaghaft und überwältigt +zu euren Kindern zu reden. Um des Glaubens willen +an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe +willen zu euren Vätern, euren Kindern und am meisten +zu euch, um der Hoffnung willen, die ihr seid und alle, +die nach euch kommen. Denn ihr werdet das Reich betreten, +das uns verwehrt ist, auf euch liegt die Verantwortung +und die erste Entscheidung.</p> + +<p>Werdet ihr mich hören? Manche von euch, die ursprünglichsten, +sind sorglos, dem Denken abgewendet, +mit billigem zufrieden und eng autoritär; manche, +die klügsten, sitzen in ihren Schreibstuben und Preßzentralen, +pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion +und warten, daß ihrer geschulten Dialektik zuliebe die +Welt sich wie Sankt Hieronymus’ Löwentier aufblickend +zu ihren Füßen schmiege.</p> + +<p>Verschließt ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir +selbst und meinem Schöpfer, denn reden muß ich und darf +nichts verschweigen, obwohl ich weiß, daß jedes Wort +mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich hassen +und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren +Geistes, reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben +erzwingen für das, was sie verkünden und was ich nur +stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts ist in mir, +das den Willen rechtfertigt, gehört zu werden, außer +dem Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu +euch reden von unseren gemeinsamen Schwächen, +Trübheiten und Klärungen, so muß ich frei vor euch mich +zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, +damit ihr ungetäuscht so hart und milde wie ihr wollt +urteilt, und muß euch sagen, wer ich bin.</p> + +<p>Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein +Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche +Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den +Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in lächelndem +Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines +alten Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: +den Drang zum Wirklichen, den Hang zum Geistigen. +Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn ich +war mir des Widersinns der Gaben bewußt. Das Handeln +war fruchtlos und das Denken irrig, und oftmals +wünschte ich, der Wagen möchte zerschellen, wenn die +feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins Gebiß +legten und die Arme erlahmten. Das Alter sänftigt. +Noch immer ist der überschüssige Wille nicht ganz gebrochen, +noch immer stehe ich im praktischen Handeln, +doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal +scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas +in meinem Denken befruchtet worden, als habe die Natur +mit mir den Versuch vorgehabt, wie weit betrachtendes +und wollendes Leben sich durchdringen können. Ein +Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum +ersten- und zum letztenmal, nicht freiwillig, sondern von +Not gezwungen, mich den Getrieben des Staates näherte, +da wurde durch das geringe Werkzeug meines Kopfes +und meiner Hände vom deutschen Willen aus einem<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +Gusse eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines +Einzelnen beschlossen ist: die bewußte Schöpfung einer +neuen Wirtschaftsordnung, die nicht vergehen kann und +alle künftigen Wirtschaftsformen in ihrem Schoße trägt. +Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde +Stamm nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun +schüttet er die verspäteten Knospen und Blätter in +euren Schoß.</p> + +<p>Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern +der geistige Niederbruch, den er offenbart, nicht die +Furchtbarkeit dessen, was ist, sondern dessen, was war +und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein Gewitter +zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig +und absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder +da anzufangen, wo sie aufgehört haben, am liebsten +möchten sie ihn als Mittel betrachten, um einige ihrer +alten Zwecke zu erreichen.</p> + +<p>Andere trösten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher +Evolutionen: immer haben Kriege die Übergänge der +Wirtschaftsformen begleitet, dieser ist größer, doch nichts +anderes; wir werden den Endzustand erwarten und versuchen, +ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben +nur zur Hälfte Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der +Weltbrand des europäischen Sozialgebäudes, das nie +wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede Brandstätte +ein Baugrund, manche ist wüst geblieben und manche +zur Spukstätte für Gespenster und Gesindel geworden.</p> + +<p>Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so +wie es ist, nicht als mannhaften Zweikampf, nicht als +frisch-fröhlichen Reiterkrieg, sondern als Weltgericht: +diese wenigen haben es verkündet, nicht als politisch-wirtschaftliche,<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +sondern als sittliche Notwendigkeit, als +Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, +die Würde und Gerechtigkeit der westlichen Welt +zu wecken und zu retten.</p> + +<p>Wir gingen zugrunde mit aller Üppigkeit der Technik +und mit dem verruchten Stolze unseres banalen Wissens; +und wir gehen weiter und unaufhaltsam zugrunde, mit +und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht begreifen +und uns ermannen.</p> + +<p>Noch jetzt, im fünften Jahr, sind die Nationen nicht +fertig, ihre Kriegsgründe, Kriegsursachen und Kriegsziele +zu erklügeln – freilich, sie wissen sie nicht und werden +sie nicht wissen! – Weltanschauungen zu erdichten und +zu ertüfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander +vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mißvergnügten +Reisenden erlernt haben. Noch heute beschimpfen +sich Staatsleute und strafen sich Lügen, und deuteln +an ihren Forderungen. Nüchterne Polizeiideale werden +angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzüge werden gepredigt, +unüberzeugte Gerechtigkeiten werden gefordert. +Und im Innern der Völker blüht Kriegswucher, Geschwätz +und Roheit, während treuherzige Jugend an +den Fronten verblutet.</p> + +<p>Was sind alle Zerstörungen und leiblichen Opfer +verglichen mit den Zuckungen und Verzerrungen des +europäischen Geistes? Dies Leiden ist nicht dem Kriege +entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd +sehen und fühlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. +Und diese Krankheit geht nicht mit dem Kriege, +nicht durch den Krieg zu Ende; in erneuten Schreckensformen, +mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +sie weiter bis zur tödlichen Erschöpfung. Die Geisteskrankheit, +der sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar +nur durch die Macht des Gewissens, die Gewalt der Umkehr +und Einkehr. Die nüchterne Wirtschaftsrechnung +verschlägt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen.</p> + +<p>Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren +Tiefen. Kein Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, +keine Änderung der Einrichtungen. Denn wäre selbst +alles aufs beste geschaffen und bestimmt, es zerschellte +und zersplitterte am Wust der Interessen, an der Überzeugungslosigkeit, +an der Indolenz, an der geistreichen +Tüftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und +sänke zurück ins Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft +sind die einzigen Formen, die den anarchischen Körper +im Scheindasein erhalten können, und beide ertöten +vollends den Geist.</p> + +<p>Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt +ist: Kannst du noch einmal den deutschen Geist zur +Einheit der Überzeugung, zur Treue der Weltanschauung +aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des Mittelalters, +die bleibt uns verloren; es sei eine vielfältige +Kraft, doch darin einig, daß sie das Geistige über das +Irdische stellt. Dann mag sie vielspältig, mag sie vom +Glauben aller Welt verschieden sein, denn zwischen +echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch +keinen tötenden Haß und jederzeit die wölbende Synthese.</p> + +<p>Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht +Heilige, nicht Genien, doch Geistige, Aufrechte, frei und +weit Blickende, Würdevolle, Spendende, Innerliche, +Wirkende; nicht Umhüllte von Interessen, Standesverblendung, +Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei,<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +eitler Geschäftigkeit? Denn vergiß nicht: Wäre ein +deutsches Paradies auf Erden verwirklicht, wir hätten +heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich, +auf diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien –, +überall der gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche +mechanisierte Sicherheit, bestenfalls hier und da ein +wenig weltfremde, spintisierende Grübelei, und nirgends +ein Mensch, der auch nur von ferne den alten mannhaft +Großen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden +Berufen. Die Besten des Landes sind einsam +an ihren stillen Werken, einseitig, aufgezehrt, gealtert, +dem Treiben abhold. Wir alle müssen abtreten, zurück +in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere +nicht getan, wir sind nicht die Rechten.</p> + +<p>Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulänglichkeit +bewußt, der Wende unwürdig das Geschick sich erfüllen +sahen, habe auch ich meine Stimme erhoben, +das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet +und das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert +und dereinst erzwingen wird, die Änderung von Einrichtungen +und Gesinnung, den wirtschaftlichen und +sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung +der Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung +irdischer Ordnung im Reich der Seele. Unverbrüchlich +glaube ich an diese Dinge, denn sie sind im Anzuge, +ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn +sie sind erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im +Geiste verwirklicht.</p> + +<p>Doch die Liebe zur Heimat überwiegt alles und verlangt, +die kommende Gerechtigkeit und Adelung möchte +als ein Werk deutschen Geistes, als ein Geschenk deutschen<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +Herzens an die Völker in die Welt treten, Deutschland +möchte nicht zag, spät und verdrossen dem Weltlauf +folgen, Deutschland möchte den Anspruch auf Führung +und Verantwortung, also den Anspruch auf eigenes +Leben nicht mürrisch und verbittert jüngeren Völkern +preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd +hinter trockenen Rechten und böser Gewalt zu verschanzen.</p> + +<p>Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind +die Menschen? Wo sind in dieser Zerfahrenheit der +Interessen, der Stumpfheit, der selbstverliebten Geschwätzigkeit, +in dieser Unklarheit der Wertungen, in der +prüfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in +der Verfilzung der Staatseinrichtungen – wo sind noch +Ansätze möglich für die Keimkräfte des neuen, reinen, +freien Lebens? Kann es außerhalb einer politisch beeinflußten +Tagesmeinung überhaupt noch eine geistige +deutsche Überzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken +entständen, wirkliche Gedanken des Geistes und Herzens, +Ideen, nicht Forderungen alltäglicher Nützlichkeit noch +gehässiger Zeitungs- und Versammlungsdunst –, können +solche Gedanken in Deutschland noch Träger und Verwirklicher +finden? Ist unser Volk einer nicht bloß herkömmlichen, +nicht bloß interessierten, nicht bloß agitatorischen +Anschauung noch fähig? Was sind überhaupt +die Voraussetzungen für die Möglichkeit einer deutschen +Anschauung? Und sind sie verwirklichbar?</p> + +<p>Die erste Prüfung endet freilich schlimm. In keinem +Lande der Erde wird soviel wie bei uns von Anschauung, +Weltanschauung, Kultur und Ideal geredet. Das kommt +daher, daß wir in der vormechanistischen Epoche eine +wundervolle Blüte des Geistes erlebt haben. Das war<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +in einem kleinen, in den Tiefen kaum emanzipierten +Volke mit einer Schicht von knapp fünftausend Gebildeten, +einem Volk also, das eigentlich nur aus sichtbarem +Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte, +uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten +drei Menschenaltern war die Zahl und Kraft der idealistischen +Geister so gering, daß es zweifelhaft erscheint, +ob unsere wissenschaftliche, technische und organisatorische +Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient.</p> + +<p>Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen +nach der Weltanschauung und den Idealen, für die +wir kämpften. Wir erklärten ihnen, unsere Feinde +seien Händler, wir aber verträten eine heldenhafte +Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns +herrschende Kapitalismus abgeschaltet werden mußte, +der technisch-organisatorische Teil der Kriegführung im +Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt wurde, wieweit +wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, +die in unserem Namen die Welt versorgten, in das +Heldenideal einzubeziehen wünschten.</p> + +<p>Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen +Freiheit beschieden, das weniger eine Freiheit als eine +sympathische Unfreiheit war, das auffällig mit den +herrschenden Zuständen übereinstimmte und im Kern +auf einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief.</p> + +<p>Auch das altliberale Bürgerideal hat man uns anzupreisen +versucht, mit schüchterner Loslösung von seinem +englisch-französischen Ursprung, das gern auf demokratische +Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden +freisteht, ungestört und unbekümmert vom Nächsten und +vom Staat, seinem förderlichen Beruf nachzugehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>Die sogenannten Machtideale bedürfen keiner Erwähnung. +Sie passen auf jeden, der die Mittel zu haben +glaubt oder sucht, um sich auf Kosten anderer Vorteile +zu schaffen.</p> + +<p>Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, +und wir beschäftigen uns wieder vorwiegend mit Interessen +und Tagesfragen. Wo sind die deutschen Ideale, +wo sind ihre Träger?</p> + +<p>Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum großen +Teil von Schulagitatoren geführt werden. Wir haben +acht Millionen unselbständige in der Landwirtschaft +Beschäftigte, die sich nicht organisieren dürfen und nicht +Träger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch +geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit +Minderung bürgerlicher Rechte drohen dürfen. Wir +haben die Stände der Interessierten, die mit der Dialektisierung +ihrer Gewerbe befaßt sind. Wir haben eine +Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. +Wir haben einen selbständigen Mittelstand, der nach den +Gründen seines Niederganges sucht. Wir haben ein +Großbürgertum, das nach Beziehungen und Beförderungen +lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand, +der zur Verteidigung alles Bestehenden +erzogen ist. Wir haben Interessenvertreter und Ortsgrößen, +die im politischen Leben stehen und ihre Wünsche +und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in Übereinstimmung +zu bringen suchen.</p> + +<p>Und dennoch! Solange noch Selbstbewußtsein und +Willenskraft in uns ist, lieber in tätigem Glauben und +edlem Irrtum vergehen als in kranker Resignation +und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +dir, deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten +des Lebens nicht zermürbt, die wütenden Interessen und +giftigen Händel dich nicht verfeindet, ein großes Schicksal +hat dich verschmolzen und geläutert, hilf die Quellen +des schmachtenden Landes erschließen.</p> + +<p>Laßt uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Laßt +uns durch die Öde des Zweifels schreiten, laßt uns an +das Tor des Glaubens pochen, laßt uns das Schicksal +unserer Prüfung befragen und unserer eigenen Seele +tief ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht +entmutigt heim. Müßten wir auch ein schweres Teil +der Völkerschuld auf uns selbst nehmen, müßten wir +tiefe Sühne und Einkehr von uns selbst verlangen: Laßt +uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir +anderen das Behagen der Beschönigung und des Selbstlobes, +das seit vier Jahren zur schamlosen Pest der +Völker geworden ist, und suchen wir den Weg zur alten +Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes +Erbteil war.</p> + +<p>Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, +wie fern wir dem Lande unserer Verheißung sind, genug, +wenn wir heimkehren mit der Botschaft, daß unser +Schicksal bei uns selbst steht, daß wir inne geworden +sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer +Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt.</p> + +<p>Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, +und den härteren, den wir kämpfen werden, beendet +nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und die Nation +wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt +und sie zum Phönixopfer weiht.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span><a name="Zweifel" id="Zweifel"></a>Zweifel</h2> + + +<p style="text-indent: 0em;"><span class="dropcap">W</span>ir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer +Jugendjahre zu preisen. Politisch herrschte der +Kampf gegen den Sozialismus in der Form einer liberal +aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte exakte +Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus, +gesellschaftlich die bürgerliche Streberei. Das +Reich und die Großmacht war begründet, einen Schritt +darüber hinaus gab es nicht; das Bestehende hatte recht, +wer Einwände erhob, bekam es mit Bismarck zu tun +oder mit dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder +mit den »besseren« Ständen. Alle Gebiete des Lebens +überschattete die Autorität des unbestrittenen sichtbaren +Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverständlich, +Urteil und Rat vom bereicherten und kaufenden Bürger +und der gebildeten Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, +soweit sie nicht als verderbt galt, fügte sich den genehmigten +Idealen, ja überbot sie; der oberste der genehmigten +Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte +Beamte, das heißt Juristen, die Laufbahn verlangte +gesellschaftliche Garantien, das heißt studentische +und offiziermäßige Korporation. Die Vorbilder wirtschaftlichen +Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +so machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb +hatte eine gesonderte Aufstiegsordnung, in der +ein umfangreiches Assistentenwesen und Einheirat eine +gewisse Rolle spielten.</p> + +<p>Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, +halb freiwillig, halb unbewußt in das ungeistige, unfromme, +phantasielose Joch der Autorität und Streberei +gezwängt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum +eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, +des altmodischen Bramarbas und des bezopften Renommisten: +den Patentscheißer. Aufgeschwemmte Burschen, +schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem +Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den +gestrafften Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den +Kommandoton des Offiziers nachahmte. Den Hochschulbetrieb +verachteten sie, die kümmerliche Prüfungsreife +erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges +und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, +außer wenn es sich um Konnexionen handelte, ihre Zeit +verbrachten sie mit Pauken, Saufen und Erzählen von +Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja +anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, +die das Volk regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. +Gewiß, es gab auch zahlreiche andere Vertreter der akademischen +Jugend, vor allem die, deren Mittel zur +Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine Befürchtung, +daß die Generation der achtziger Jahre uns +den Ausfall einer geistigen Ernte im öffentlichen Leben +kosten würde, hat sich erfüllt.</p> + +<p>In den Formen des ländlichen und kleinbürgerlichen +Lebens haben wir uns stets bescheiden, sicher und würdig<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +bewegt. Für gesteigerte bürgerliche Lebensform ist ein +gültiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht +geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich, +patriarchalisch, stadtfeindlich, der größere international +und abgesondert. Der Soldatenstand ließ nach außen +nur einen kühlen Schliff erkennen, der zu brutal übertreibender +Nachahmung verführte, das Beamtentum, +wirtschaftlich gedrückt und stolz verzichtend, machte in +seinen Formen die Abwehr fühlbar, die ein Leben in +unterordnenden und spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten +bedingt. Patriziat und alter Reichtum, in Deutschland +selten und versprengt, fand in sich kein Gleichgewicht +und drängte zum Adel und Hof.</p> + +<p>So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild +der Lebensform, des Benehmens und der Gesellschaft; +unzusammenhängende Konventionen wurden unverstanden +gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, +zur Schaffung eines geschlossenen äußeren Erscheinungsbildes +reichten sie nicht aus. Der erzieherische Nachteil +dieses scheinbar äußerlichen Mangels für jedes heranwachsende +Geschlecht wird unterschätzt. Er läßt den +jungen Menschen die Würde und Sicherheit einer anerkannten +Schulung entbehren, verführt zu einem billigen +Individualismus, der nur Formlosigkeit ist, erschwert +die Schätzung und Gemeinschaft einer körperlichen +Kalokagathie, bewirkt Rückschläge in eine pomadisierte +Pöbelhaftigkeit und ermöglicht die Entstehung von +wechselnden Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet +werden würden, und von denen das der achtziger +Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet.</p> + +<p>Diese Sorge ist vorüber, denn kommende Zeiten werden<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +die Spaltung der Kasten nicht kennen, der aristokratischen, +militärischen und bureaukratischen Vorbilder nicht +bedürfen, sondern ihre Wertungen aus menschlichen und +volkstümlichen Vorstellungen schöpfen. Für uns bestand +sie, euch blieb sie erspart.</p> + +<p>Denn ihr hattet das Glück, im Widerspruch zu erwachen. +Eure Kindheit hat der beginnende Wohlstand +des Landes gepflegt, ein erwachendes Schrifttum, +eine nicht volkstümliche Kunst hat euch ein Widerspiel +zur Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewußtsein +erweckt und durch Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte +Lösung von der Autorität, die einigen von uns +glückte, andere brach, war für euch kein Problem, denn +ihr seid frei geboren. Eure Väter konnten euch nicht die +Unwiderleglichkeit großer Schöpfung entgegenhalten, +sie hatten nur die Mechanisierung emporgehoben, der +sie fruchtlos dienten, den Staat und ihr eigenes Machterbe +verwahrlost, und euch mit einer gewalttätigen, +rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, +die sich anpreisen aber nicht verteidigen konnte. Freilich +waren auch unter ihnen große Männer, deren Arbeit +Gutes schuf und ohne ihr Wissen Künftiges bereitete, +doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis +auf seine Wurzeln des schöpferischen Zweifels, und die +äußerlich glänzendste Epoche, die je der Erde beschieden +war, die dicht an das künstliche Paradies der +Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen Schrankenlosigkeit +und des ewigen Wohlstandes rührte, erstarb +im Geiste.</p> + +<p>Ihr durftet zum Bewußtsein erwachen, und wenn +uns Älteren ein Anteil an der Freude dieses Erwachens<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +zufiel, so war es der, daß einige von uns versucht hatten, +der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken, +ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreißen und mit +der Gewißheit der aufsteigenden Seele heimzukehren. +Selbst eure Väter hatten euch vorgearbeitet; sie waren +der alten Strenge und Herrschgewalt nicht fähig, denn +die fordert zweifelfreie Überzeugung und Überlieferung, +sie aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativität, +die verstehen wollte, aber nicht werten. Unschlüssig +lockerten sie das Band der Schule; da floß viel +Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird, und +schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, +Verwalter und Richter des geistigen Erdenguts sein +soll. Dafür wurdet ihr freier, und lerntet fühlen, daß +Jugend, bloße Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des +Wollens und Handelns ein erfüllendes Glück ist. Ihr +wandtet euch ab von gepriesenen Werken und Kämpfen, +dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor euch den Trunk +ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin – dies +ist euer schönster Gewinn – wohin nicht viele Geschlechter +gedrungen sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit +und Freundschaft. Viel fehlte nicht, so hättet ihr euch +von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit losgesagt +und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden.</p> + +<p>Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft +zu Bäumen, Tieren und Menschen. Manches +Lied und mancher Vogelruf wurde euch vernehmlich, +und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und +lerntet die Namen der Kräuter und die Spuren der Tiere +auf morgendlichen Wegen. In Nächten saßet ihr beisammen +und sprachet von freier, verantwortlicher Bestimmung<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +des Lebens, von einem Dasein ohne Haß und +Gier und vom Erwachen des Geistes.</p> + +<p>Den Dämonen konnte dies Dasein ein träumerisches +Spiel scheinen, zu leicht und glücklich selbst für die Jugend +Erdgebundener. Da geschah die Berufung, die euch +vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit schlug +und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung für +künftige Wende zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff +euch und viele durften siegend sterben. Der Zeiger der +Geschichte steht still, solange die Urkräfte und Titanen +ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch +und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr.</p> + +<p>Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, +die ihre Unschuld und ihr reines Glück, furchtlos, das +Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne Frage ins +Feld getragen haben. Sie sind der blühende Leib und +die lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind +sie mit der Meinung und Wertung des Tages zufrieden, +mit leichten Erklärungen einverstanden, leiblich und +geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber +werden sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, +und wenn sie reinen Herzens bleiben, tun, so Gott will, +was not ist.</p> + +<p>Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf +und das Weh der Erde zum zweiten Male sich abspielt, +die in der Angst der Schuld und in der Qual des schöpferischen +Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt, +sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue +Gestaltung emporzutragen. Ihre Verantwortung ist +es, wenn die Dinge des Landes und des Erdteils so +bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die treibenden<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +Kräfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die +Völker als Fremdlinge, als Objekte in den Häusern ihrer +Staaten sitzen, wenn Ungerechtigkeit, Haß, Gier und Entseelung +den entfleischten Erdteil von Kampf zu Kampf +in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr +ist Zermürbung der großen Aufgabe und ihrer selbst +durch unergriffene Klügelei, durch selbstverliebte Theoretik, +durch flache Originalität. Erschreckt nicht vor dem +einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit in der +verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, +vor aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; +das reine Herz muß sie finden.</p> + +<p>Mit ihnen, den Zweifelnden, muß ich reden. Nicht +als einer, der weiß und sicher ist, sondern als einer von +denen, die mit ihnen leiden und suchen, die fühlen, +daß alle Gemeinschaft ein Bekennen ist.</p> + +<p>Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? +Es gibt nur täuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? +Es gibt keine absoluten Werte. Was ist ein Ziel? +Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht ist, zu +neuen Zielen hinwegstrebt – oder eine unerträglich süße, +falsche Seligkeit. Was sind menschliche Triebkräfte? +Genuß und Macht. Was ist Tat und Opfer? Zwang unfreien +Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine Konvention des +Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die +wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was +ist Dasein? Eine Verirrung des Absoluten, aus dem es +nur den Ausweg gibt in Traum und Nichts.</p> + +<p>Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle +dieser Sätze für wahr zu halten. Nur sollte er dann +so ehrlich sein, wie es Skeptiker und Pessimisten nicht<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf +Gültigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht +versuchen, mit dürftiger und verhohlener Anleihe aus +anderen geistigen Breiten eine Hütte zu zimmern, in der +man den ungeselligen, unbequemen, unmaßgeblichen +Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus +oder Epikuräertums stillschweigend und verstohlen gegen +wohnlichere Gerätschaften vertauschen kann.</p> + +<p>Drängt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so +haben wir schon unbewußt und unbeirrt die Wahl getroffen. +Unser Wollen erhält nicht mehr sein Licht aus +der Dämmerwelt des Intellekts, sondern aus dem +höheren und reineren geistigen Bezirk der Seele, die +sich nicht vor unteren Instanzen zu verantworten hat, +sondern die selbst die höchste, an der Grenze des Irdischen +waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den +Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede +Quelle höheren menschlichen Willens entsprungen ist, +gleichviel, ob der geometrische Verstand sich nachträglich +entschließt, aus handfesten Brocken, Symbolen der Erscheinungswelt, +Brunnenränder und Deiche zu erbauen. +In diesem Reiche, das alles Sittliche umschließt und uns +mit dem Göttlichen verbindet, sind wir frei und bedürfen +keiner Beweise und Überredungen, denn was wir aus +heiligem Bezirk unberührt herniedertragen, leuchtet +und leuchtet ein, es überzeugt durch sich selbst, aus eigener +Kraft. Nur dann jedoch wird das prometheische Werk +armer menschlicher Kraft gelingen, wenn wir dies Reich +der Seele nicht verleugnen, wenn wir streben, auf seinem +Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben +wollen, ohne den wir nichts wollen können, wenn wir<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +an den Willen glauben, ohne den wir nichts glauben +können. Hier liegt die Synthese des Transzendenten +und des Rationalen. Unberührbar, aus hohem Reich +gegeben ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskräften +verbündet und anheimgestellt ist das Wollen und der +Plan.</p> + +<p>Der nächste Zweifel kommt von der Schulweisheit. +Alle Weltverbesserung ist Utopie. Nie hat sich das innere +Wesen des Menschen geändert, Entwicklung erlebt nur +das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen vermehrt +sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! +Sie kommen vorwärts. Doch wer auf eine Änderung, +gar eine Veredelung der menschlichen Triebkräfte, auf +eine Versittlichung der Gesellschaft, der Wirtschaft hofft, +der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und +mag Narren trösten.</p> + +<p>Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die +es werden wollen, in der forschen Überzeugung ihrer +forscherischen Überlegenheit. Dann wenden sie sich +wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einfluß der +Pappdächer auf den Geburtenüberschuß, und vergessen, +daß wenn die Welt im Großen nicht gebessert werden +kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen.</p> + +<p>Nie bin ich müde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche +Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, +daß sie uns zeigen kann, wie sehr von Urzeiten und Urstämmen +her das Wesen des Menschen sich geändert +hat. Wäre dies Wesen aber auch in sich selbst unveränderlich, +so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert +die Änderung der herrschenden sittlichen Bewertungen +und mit ihnen die Umstellung alles Benehmens. Wenn<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder +einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa +auf die Begriffe der Unbestechlichkeit, des Mutes, der +Wahrhaftigkeit eingestellt werden – und das sind Vorgänge, +für die wir im eigenen Lande Beispiele haben –, +so ist die Erörterung müßig, ob damit über lang oder +kurz alle zur Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; +sicher ist, daß die Bestechlichen, die Feigen und die Lügner +mit ihren Lastern nicht mehr frei hervortreten, +und daß diese Laster aufgehört haben, die Gemeinschaft +zu beherrschen. Immer wieder übersieht man, +daß alle Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung +sehr ähnliche Mischung aller sittlichen Qualitäten enthalten, +und das sittliche Aussehen und Wirken weniger +von den überwiegenden Qualitäten bestimmt wird, als +von denen, welchen gestattet wird, an die Oberfläche +zu treten. Welchen aber diese freie Bewegung gestattet +wird, und welche anderen gezwungen werden, sich im +Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche +Bewertung, also im Gegensatz zu überkommenen Eigenschaften, +der freie sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch +zur eigentlichen herrschenden Kraft wird.</p> + +<p>Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und +Vergangenheit dadurch enthoben, daß er nicht auf der Ebene +physischer Umgestaltung, sondern auf der Ebene bewußter +Wertung tätig wird, ist somit die Frage nach der Veränderlichkeit +des Gemeinschaftscharakters eine falsch gestellte +Frage, so wird auch die Prüfung des Problems +vom wachsenden Glück ergeben, daß dieser Zweifel die +Grundfragen des menschlichen Wollens leichtfertig verkennt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Wir sind nicht da um des Glückes willen. Unser Wille +ist nicht da, noch weniger ist Entwicklung da, um unser +Glück zu vergrößern. Wir schreiten nicht den Weg der +Beglückung, sondern den Weg der Vervollkommnung, +den Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glück darüber +zugrunde geht. Und wir schreiten diesen Weg nicht bloß, +weil wir müssen, sondern weil wir wollen, weil es noch +andere treibende Kräfte gibt, die in uns selbst liegen.</p> + +<p>Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken +und sagen, damals seien sie glücklich gewesen, +jetzt seien sie es nicht mehr. Trotzdem wollen sie nicht +zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen Glücks wägt +die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns +nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit +einem absoluten Maß an Glücksgefühlen begabt, das +alles Maß unserer seligsten Empfindungen weit übertrifft: +wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. +Denn es entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, +die Glücksstufe ist mehr als die Glücksmenge. Wir sind +geneigt, in romantisierender Anwandlung das Geschick +alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen +als das unsere. Könnten wir uns entschließen, +alles zu vergessen, was wir sind und haben, erleiden +und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu sein? +Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und +die Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller +großen Epochen, von der deutschen Musik, vom nördlichen +Frühling, vom Glauben des Ostens und Westens, von +zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der +Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines +Weltsystems leben: Könnten wir uns in engen Landstädten,<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +in gerätelosen Kammern, in gleichförmigen Marktversammlungen, +mit einer auserwählten aber vergleichlosen +Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie +unseres Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine +Stufe ist, duldet keine Rückkehr zur einstimmigen Melodie.</p> + +<p>Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises +bedürfen wir nicht; denn in uns eingepflanzt ist der Drang +nach oben, in Sehnsucht, Wollen und Handeln. Ein +Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht +uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des +Tuns. Ein Denken, über das man sich, bewußt oder unbewußt, +stets hinweggesetzt hat und hinwegsetzen wird, +um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden. Eine +niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns +ihr Urteil aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist +unzuständig, überdies ist dein Urteil falsch und unvollstreckbar.</p> + +<p>Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. +Ein Engländer hat es gelehrt, wir haben die +Lehre aufgenommen und mit unserer Gründlichkeit +hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen +sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der +Stämme, der Überlieferung. Durchdringt man mit +rastloser Liebe und emsiger Forschung die Gegebenheiten +der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten +der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle +Willkür des Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, +alles Überraschende ordnet sich ein, alles unheimatlich +Fremde wird abgeschieden. Diese Betrachtungsweise hat +für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles Denken durch +gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch +immer neu vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, +ja alle Naturereignisse und Wirrnisse erscheinen +als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der jeweiligen +Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette +immer nur bis zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft +ist nun einmal nicht prospektiv, sie kann niemand sagen, +wie er es machen soll, und was, und ihre Prophezeiungen +sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige +Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als +Störungen, als feindliche Mächte – freilich werden sie, +wenn sie Erfolg haben, nachträglich in die Ordnung +eingegliedert und mit den erforderlichen Vergangenheitswurzeln +bedacht –; im Vorblick wirkt die historische +Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland +willkommen, ja unentbehrlich.</p> + +<p>Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und +auf diese sollte sie sich beschränken. Die Gestaltung der +Zukunft wurde uns durch die gemütvolle Verführung +der wissenschaftlichen Romantik lange genug gehemmt; +eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen +Wende, die Idee herrschen. Romantisch betrachtet +erscheint freilich die Idee fremd, abstrakt, rational, der +lokalen Färbung und des gewohnten heraldischen Zierats +ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem +ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. +Ist die Idee verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt +man ihre Bodenständigkeit, die eben durch die Verwirklichung +gewonnen wurde.</p> + +<p>Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit +dem greifbar Bestehenden stammt Entwicklung; der<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und nur +seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von +anderen überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, +dafür ist gesorgt, seine eigenen Wurzeln werden ihn +zurückhalten. Alexander hätte nicht den Osten hellenisiert, +Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die +neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren +über Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich +hätten sie vielleicht einige aufklärende Zustimmung +erlangt. Der Vorblick ist vom Rückblick verschieden; +leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel, der +Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am +Baum sitzt. Ein anderes ist es zu sagen, welche Knospe +sich zum fruchttragenden Ast entwickeln und welche verdorren +wird. Die Wissenschaft unterschätzt die Fliehkraft +des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger +wird, je weniger er sich um die irdische Bindung +kümmert.</p> + +<p>Ein ganz tatsächliches Moment sollten die Verehrer +des ruhigen Flusses und der Überlieferungskräfte nicht +vergessen: Die Völker, mit denen die nationale Erinnerung +sich in feierlichen Augenblicken identifiziert, +leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Römer, die +Franzosen keine Franken und die Deutschen keine Germanen. +Die Verschmelzung mit Unterworfenen und +mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die +Völker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch +weit mehr, als man zuzugeben geneigt ist, untereinander +angeähnlicht. Die geistigen und körperlichen Verschiedenheiten +der Proletariate Europas, die heute schon +die überwiegenden Massen der Völker ausmachen und<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +daher auch die eigentlich Kriegführenden sind, erweisen +sich als sehr gering. Der Umschichtungsbewegung, die +in Deutschland die letzten fünf Jahrhunderte erfüllt, +entstammt die ganze sichtbare Änderung unseres Völkerlebens; +die Einrichtungen sind den Änderungen der +Substanz nicht vorausgeeilt, sondern zeitweise um große +Strecken zurückgeblieben; man erinnere sich der kleinen +Einzelzüge: daß vor dem Kriege das Wort Volk in der +offiziellen Sprache verpönt war und nicht an den Reichstagsgiebel +geschrieben werden durfte, und daß jede Verteidigung +des Begriffes der Demokratie an Staatsverbrechen +rührte. Zweierlei sollten die kryptokonservativen +Denker im Auge behalten: einmal, daß die Wasser +der Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das +Freiheit heißt, und sich niemals haben umkehren lassen, +sodann, daß überlange Stauung die Dämme bricht.</p> + +<p>Der ernsteste Zweifel ist der chaotische.</p> + +<p>Es kann geschehen, daß das Entsetzen der Zeit in einem +Menschen so mächtig wird, daß er Heilung nur noch in +der Vernichtung sieht, in der Feuerverzehrung selbst, +im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das Entsetzen +der Zeit – ist denn dieses Entsetzen größer als das +Entsetzen früherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse +das Mächtige, ist denn der Mord der Millionen schwärzer +als der Mord eines Einen? Sind denn geschlachtete +Städte und Landstriche der Großkönige und Pharaonen, +Khane und Cäsaren mildere Opfer gewesen als die +der Handgranaten und Gase? Freilich nicht; menschliches +Elend wächst nicht über sich selbst hinaus durch +angehängte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes +als die Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +Feuerflut das vorbildlose Grauen der Jahrtausende, +und es ist begreiflicher, daß manche, die es +erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben, +an nichts verzweifeln.</p> + +<p>Alles frühere Elend war ein Geißelschlag, der auf +den Rücken der gesunden Erde sauste. Getroffen wurden +von der Furie zwei Heere und was ihnen in den Weg +kam, das andere blieb gesund. Der Dreißigjährige Krieg +war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie +blieb im Raume beschränkt. Den wahren Vergleich +dessen, was wir erleben, nein zu erleben beginnen, bietet +der fünfhundertjährige Brand, in dem ein Weltzeitalter +sich löste. In der Schmelzglut versank die südliche +Antike und die mönch-ritterliche Strenge des Nordens +stieg empor. Doch auch diese Krisis war innerlich milder, +denn sie betraf unbewußte Geschlechter in der Gestalt +eines objektiven Schicksals.</p> + +<p>Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der +Sinnlosigkeit, die selbstgeschaffene Hölle. Nicht Eine +verantwortungsvoll lebendige Seele will das Leiden, +und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in +Duldung und Haß, in Widerstreben und Furcht das +Leid des anderen und das Leid der Welt zu mehren. +Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tägliches Brot +verzehrt, ist mitschuldig, schädigt und tötet, keiner kann +sich dem Geißeltanz entziehen, je heißer er blutet, desto +wilder muß er schlagen. Keiner weiß den Sinn, keiner +den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm als Trost +nur der selbstentfachte Haß und die zitternde Empörung +über die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den +Ausweg, denn wem es schlecht geht, der kann nicht beenden,<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +und wem es gut geht, der wird gezwungen, seine +Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz +nicht stumpf ist, fühlt, daß die Schlechtigkeit des anderen +es nicht allein sein kann, daß hinter allen Schlechtigkeiten +ein böses Schicksal steht, und daß dieses Schicksal die +Ungerechtigkeit aller ist. Und deshalb wiederum fühlt +man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen Not, +fühlt man, daß sie nicht zu Ende gehen kann wie die +Entscheidung eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht +durch Buße und Erstattung löst. Noch immer zwar, +weit tiefer als man weiß und zugibt, ist die Welt durchsättigt +von der Vorstellung des Gottesurteils, von der +Verwerfung des Besiegten, von der Rechtfertigung +des Siegers, daß der Sieg an sich nach Gottes Wohlgefallen +neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, daß der +Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer +unter die Füße gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung +nach freiem Ermessen, wie der Ausdruck lautet: +auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mißerfolg +ein tieferes Gefühl als Enttäuschung und Kummer, +nämlich die sittliche Angst vor der Verwerfung, bei +jedem Erfolg ein höheres als Freude, nämlich die Sicherheit, +auf der Seite des kämpfenden Gottes zu stehen; +daher die wachsende Hemmung gegen Verständigung: +Denn wie sollte der jeweils vom Gott Beschirmte, der +Träger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem vor +aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? +Und die urzeitliche Vorstellung wird bekräftigt durch +den öffentlichen Wettbewerb der Beteiligten um die +Gunst des Schlachtengottes, von dem man annimmt, +daß sein Entschluß durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +und Buße wo nicht geändert, so doch gestärkt +werden könne.</p> + +<p>Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben +ist, das Entsetzen auf den Kometen und den Zorn der +Dämonen abzuwälzen, der in seinem Inneren alle +Schuld und Verantwortung für das widerwillig selbstgeschaffene +Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung +so überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins +Chaos flüchtet. Es kann ihm geschehen, daß er getrieben +wird, alle Werte anzutasten, daß er die Frage wagt, +ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte, +Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft +so hoch erhaben, so tief gegründet sind, daß in ihrem +Namen die Welt friedlich und kriegerisch sich in die ewige +Sünde der Feindschaft, des Hasses und Neides, der +Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen +Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe. +Der Zweifel kann sich versteifen, wenn berufene Ausleger +des Wortes, zwischen Schrift und Wirklichkeit gestellt, +die Gebote der Liebe außer Kraft setzen oder durch +gewagte Deutung den kämpfenden Mächten unterwerfen. +Ist denn nicht den Armen und Ohnmächtigen das Himmelreich +verheißen? Ist nicht die Verkündung allen +Völkern gepredigt? Ist es nicht göttlich, Unrecht erleiden? +Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater +im Himmel und ein Land die Erde?</p> + +<p>Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit +lösen, die Staaten im guten Willen, die Mächte in göttlicher +Fügung, das Handeln im Dulden?</p> + +<p>Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, +und niemandem steht es mehr an als dem Deutschen,<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +der über Zeiten und Räume blickt, die höhere Menschheitsstufe +zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des +Tieres, das den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden +Natur genügt, wenn es widerspruchlos sich +den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens +überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende +Gleichgewicht, dessen die Kunst das schönste Bild ist, +das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus den Wirrnissen +unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres +Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze +des göttlichen und des animalischen Reiches stehen: daß +die widerspruchsvollen Bedingungen, denen die Schöpfung +uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, +und daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie +uns zugemutet wird. Die Gewalt der Sinnlichkeit +und die Inbrunst der Erdenflucht, die Standkraft der +Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, +die Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft +des Opfers, die Klugheit der Naturbezwingung und die +Kindlichkeit des Aufblicks, der Eigensinn der Arbeit und +die Selbstvergessenheit der Träumerei, die Herrenkraft +der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die +Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, +die Härte der Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, +der Wille zum Glück und die Sehnsucht zum Leiden, die +Dämonie der Leidenschaft und die Stille der Verklärung: +Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so +unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit +des Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild +unerfüllbarer Vollkommenheit erscheint. Die Problematik +der menschlichen Kontraste aber wirkt sich aus<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann man +im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, +so lassen sich im Äußeren die Forderungen der Macht +und Gerechtigkeit nicht vermählen.</p> + +<p>Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos +oder resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit +der Einseitigkeiten kann einer individualistischen +Nation wie der unseren noch immer die volle Rundung +der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und Leidenschaftliche, +Tätige und Betrachtende, Schaffende und +Genießende in rechter Mischung enthält, so kann sie den +Schein eines vollendeten Volkes und einige seiner Richtkräfte +noch immer bewahren. Das Ziel, dem wir zustreben, +ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt +der Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen +aus Vollkommenheit der Teile, das Ziel der Hellenen +muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß +es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus +Furcht vor dem Kampf um Vollendung die Einseitigkeit +der Nation zu wollen. Uns hat man früher nachgesagt, +daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles Vorzügliche +geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft +nicht an, den Verzicht der Beschränktheit zu wählen. +Uns steht nicht an, was dem Orientalen gewährt ist; +selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht auf Tätigkeit, +um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung +verzichten. Unser abendländisches und deutsches +Los verlangt zum Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen +das Geben, zum Leiden das Schaffen, zum +Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit +dürfen wir nicht die Familie und nicht die Nation übergehen,<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +auf dem Wege zur Sittlichkeit nicht die Ordnung, +auf dem Wege zum Geistigen nicht das Greifbare: Boden, +Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den Zweifelnden; +den Selbstgewissen aber, die nicht denken und +prüfen, sondern bekräftigen, werden wir immer wieder +zu sagen haben, daß von den greifbaren Dingen auch +die höchsten nicht Selbstzweck sind.</p> + +<p>Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: +Auch wenn wir die Ganzheit der nationalen Güter +wollen, so könnte es sein, daß aus der Wirrnis unserer +Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet, +sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu +schaffen sei, und sei es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand +schafft fruchtbares Land, und was bedeuten für +die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, +aus der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene +Wald erhebt.</p> + +<p>Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war +das weltgeschichtlich Größte von dem, was bisher im +Kriege geschah und vielleicht geschehen wird, als das +gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit auslöschte, +den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur +Macht und äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit +aufrief und den Feuerbrand in das erstorbene +Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein Hauch der +Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht +etwas, das mehr ist als dummschlau verlogene +Anerbietungen, als prahlerische Drohungen, als Nahrungs- +und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als Erfindung +neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat +der Entäußerung und Befreiung ist wie ein Bekenntnis,<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +durch sie kann gesühnt werden, durch Taten der Verschlagenheit +und Erbitterung wird nicht gesühnt.</p> + +<p>Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem +Volke nicht gemacht. Nicht in einer Welt der Starrheit, +des Schweißes und der Tränen, wo der eine ein Lebenlang, +das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk +springt nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn +es sich durch unvordenkliche Knechtschaft und durch mitschuldige +Duldung besudelt hat, auch wenn es ein kindliches +und beseeltes Volk ist.</p> + +<p>Das russische Volk wird alles nachholen müssen, +was Völker begangen und erduldet haben, den Sündenfall +der Bewußtheit, den Zweifel, die Selbstvernichtung, +die Binnenkämpfe, das innere und äußere +Schicksal. Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige +Krieg, die Zerstampfung durch alle Nachbarvölker und +die Selbstzerfleischung der Gebiete und Parteien bevor. +Wie ihr französisches Vorbild wird die russische Revolution +alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, +der Schmach und Verleugnung, des Terror und der +Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird in Blut und Morast +versinken, und dennoch wird sie wie die französische +Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und +restlos verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. +Die französische Revolution wollte das Naturreich +Rousseaus und die Republik der Römer, sie schuf, was +ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers, +das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen +Liberalismus und die konstitutionelle Plutokratie. Die +russische Bewegung will Tolstois Reich der Gerechtigkeit +und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie erreichen<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs +und die organisch durchstaatlichte Wirtschaft.</p> + +<p>Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der +westlichen und der östlichen Bewegung, den die russischen +Kommunisten und ihre Anhänger nicht erkennen: +Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, +um das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein +Dekret reichte hin, um das zu vollenden. Die kommende +Ordnung jedoch ist keine Auflösung, sondern ein Aufbau, +nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen, sondern +die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht +ist für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen +Bau der russischen Staatswirtschaft und Staatsverfassung +die Abtragung, die wissentliche Staatssabotage +das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu +schaffen, obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene +Operation mit tödlichem Ausgange bedroht. +Entwickeltere Länder haben zu viel zu verlieren; sie haben +in der Not des Krieges manches gelernt und werden in +der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein +Umbau gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil +der Stützen erhalten bleiben.</p> + +<p>Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, +Gewalt zu treiben, wo Kunst und Umsicht helfen kann. +Wir waren nicht revolutionär, als es uns bestimmt war, +es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung +diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig +politischer und sozialer Wille im Volke verankert war. +Wir waren und blieben gewohnt, Rechte und neue Ordnungen +als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber +zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +Gemisch von Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem +Sozialismus und undemokratischem Liberalismus. Den +künftigen Aufbau aber werden nicht ungezogene Massen +und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein ernstes, +überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, +wird ihn erarbeiten: das Volk eurer Tage.</p> + +<p>Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. +Die schaffende Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse +des hadernden Verstandes. Nicht die bange Sorge +der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit, nicht +der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So +oder anders, nicht das Achselzucken des kleineren Übels +wirkt die Wende des Zeitalters und die Wiedergeburt +der Menschheit, sondern der wortlos freudige, fraglos +waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span><a name="Glaube" id="Glaube"></a>Glaube</h2> + + +<p style="text-indent: 0em;"><span class="dropcap">K</span>eine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung +unseres Wollens geschieht, die nicht von den tiefsten, +allem Denken entrückten Quellen unseres und des kosmischen +Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur +zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber +muß zwischen dem Unvergleichbaren wählen, und nur +eine innere Richtkraft kann ihn leiten. Aus der Reihe +unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben +zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und +erklären es zum Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und +Gesetz. In Wahrheit ist es das Hineinragen des Unergründlichen +in unsere Welt, das Walten der Schöpferkraft, +die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel +der Willensregungen bricht.</p> + +<p>Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht +ein anderes? Warum erschrecken wir vor jenem mehr +als vor diesem? Warum halten wir dies Übel für größer? +diese Freude für reiner? dieses Streben für höher? diese +Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier +den Sinnenreiz und dort die Mühe? Warum hier +das gegenwärtige Übel statt des künftigen, dort das künftige +statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +die Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde +und da die Entsagung? Warum opfern wir uns einem +anderen? Warum opfern wir den Inbegriff unserer +Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende +Geschlechter? Warum wollen wir Dinge nach unserem +Tode?</p> + +<p>Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre +und Schmerz, eigenes Leid und fremde Freude, lebendiges +Ungemach und totes Glück, Tagessorge und +künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, +göttliche Liebe und irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, +vergleichen das Unvergleichbare und entscheiden +bald so und bald so.</p> + +<p>Verschmäht man die Begründung: wir handeln aus +Angst und Gier, aus Furcht vor Entbehrung, Langeweile, +Verachtung, göttlicher Strafe, Schmerz und Tod, aus +Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz, Belohnung +und Wechsel; verschmäht man dies menschenunwürdige +Bekenntnis, so ist anerkannt: Richtkräfte +unseres Lebens sind absolute Werte. Diese Werte können +benannt, aber nicht begründet werden.</p> + +<p>So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem +Lande uns die Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt +ist, so wenig kann die Gedankenkunst der Philosophie +uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust du +das, so geschieht das. Mir scheint dies das größere, +jenes das kleinere Übel, dies das höhere, jenes das geringere +Gut. Sie schließt: du sollst, oder: du mußt. +Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich soll? +aber ich will nicht. Ich muß? nein, ich kann auch +anders.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt +die Faust und droht, oder sie wendet sich ab und schmäht.</p> + +<p>Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, +oder sie sind nicht. Wer ehrlich ist, weiß, daß er manchmal +Folgen mit dem Verstande abgewogen hat, niemals +Ziele. Er handelt wie er handeln muß, nach innerem +Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist göttlich. Wer +Werte ergrübelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und +nicht berufen. Die Gründe, die jemand nachträglich für +sein Handeln gibt, sind falsch. Niemand weiß, was in +irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein tausendfältiges +Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fühlungen +und Wollungen, und ein Innerstes entscheidet.</p> + +<p>Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern +geschenkt. Geschenkt dem, der reinen Herzens ist, und +dessen Geist schweigen kann. Sie sind das Geschenk +überintellektueller Kräfte, deshalb bedürfen sie keiner +Begründung und keines Beweises, sie bestehen aus +eigener Kraft, denn sie entstammen dem Reich der Seele. +Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man nicht, und +doch steht es himmelweit offen. Der höchsten Menschenmacht +ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens.</p> + +<p>Glauben! Zögernd gestehe ich euch, Freunde: ich +liebe das Wort nicht. In der griechischen und römischen +Schrift stehen die Wörter πίστις und <em class="antiqua">fides</em>, die heißen +Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben übersetzte, +da stand dies schöne Wort seinem Ursinn näher, jetzt +ist es verwelkt und sagt nicht viel mehr als »für wahr +halten«. Nur wenn wir bekennen »ich glaube an Gott«, +so erklingt der alte Glockenton. Nichts steht dem Glauben +ferner als das Meinen. Und so wie wir das schwachgewordene<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +Wort zum reinen Sinn beleben müssen, ist +uns das Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft +erwecken sollen.</p> + +<p>Kränker ist das Wort Religion. Bei den Römern +war es stark, es hieß Bindung, eine rechte Knebelung +mit Stricken, wie die Liktoren sie pflogen. Wir denken +leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen gelehrt +und geprüft wird, an ein bürgerliches Unterscheidungsmerkmal. +Man hat Religion das »Gefühl schlechthiniger +Abhängigkeit« genannt, das betont die Bindung +und entbehrt der göttlichen Freiheit; der Begriff der +Transzendenz ist erfüllt vom Denken; zuweilen möchte +ich Gottesbund, zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten +Gottesfriede sagen.</p> + +<p>Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem +Glauben, so laßt es uns in großer Freiheit +und ohne Schämen beginnen. Wir, die wir nicht in +Gemeinden knien können, wir wagen vor beschämter +Ehrfurcht nicht, die höchsten Worte auszusprechen und +fürchten uns, unsere Seelen zu entblößen. Wird es uns +schwerer als den berufenen Glaubensverkündern, diese +Scham zu überwinden, um zu bekennen, wie es in unseren +Herzen um den Glauben steht, so soll es um so +rückhaltloser geschehen, ja wir wollen vor allem den Versuch +wagen, in harter Selbsterforschung das zu offenbaren, +was jenen nicht obliegt: den unbewußten Widerwillen +gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den +Glauben.</p> + +<p>Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. +Abendländische Sittlichkeit und Erziehung beruht auf +der alten Verherrlichung des Mutes, der Verdammung<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der Wahrhaftigkeit, +Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; +Furcht mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lüge, +Zweckhaftigkeit, Unterwürfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. +Der Begriff der Sünde besteht nicht. +Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am wenigsten +Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur +das Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrät. +Keiner Erlösung bedarf es, der anständige Mensch getraut +sich, mit Welt und Überwelt aus eigener Kraft +fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger +Mächte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, +nicht im Stiche lassen.</p> + +<p>Nie wäre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, +das Mutideal zu brechen und das Zeichen der Unterwerfung +zu erhöhen, wäre ihr nicht die aufquellende +europäische Unterschicht gefügig gewesen. Die Kirche +mußte die Greuel der Hölle ins Unaussprechliche häufen, +um den Funken von Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, +sie bedurfte der fügsamen Kinderseele und der +Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendländischen Geistesleben +nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das +seltsamste in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen +von religiös begabten Naturen und von Beschränkten +ist der europäische Mann in der Blüte seiner Jahre nicht +Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine Wochentagsanschauung +mit einem Sonntagsglauben, der auf das +Fühlen, geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn +Mutvorschriften, wie etwa Zweikampf, in Frage stehen, +muß die Glaubenskonvention schweigen; das Gebot des +Backenstreichs ist schlechthin Ärgernis.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>So mischt sich für den normalen männlich erwachsenen +Europäer in die Dinge des Glaubens ein Beigeschmack +von Unwahrhaftigkeit, Unterwürfigkeit. Widerliche Sünden +bekennen, sich selbst hinstellen als einen, mit dem +man nicht verkehren würde, wenn man ihn träfe, Verzeihung +erbitten in unwürdiger Haltung und schlechtem +Gewissen, erlöst zu werden durch Gnade, von einer Gottheit, +die das Gröbste an Schmeichelei hinnimmt, ja +vielleicht verlangt, die von ihren Anhängern eine geläufige +Konvention der Salbung in Rede und Gebärde +fordert: das sind Empfindungen, die mit Schrecken +zurückgedrängt und verleugnet, sich ins Unterbewußte +flüchten und den Widerglauben nähren. Wer in seiner +Jugend eine Periode atheistischer Ungläubigkeit erlebt +hat, der erinnert sich unter allen Nöten und Leerheiten +eines Gefühls resoluter Ehrlichkeit, das lieber auf Trost +und Heil verzichten als dauernd das Opfer der Einsicht +und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher +Widerschein dieses alten Gefühls dämmert auf, +wenn wir einem handfesten, naturwissenschaftlichen +Atheisten begegnen; wir betrachten kopfschüttelnd die +selbstbewußte Gewißheit, mit der in den höchsten Dingen +der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir +empfinden, dieser Mann macht es sich nicht leicht, er +hat es schwerer als wir, und nicht aus unedlen Gründen. +Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und Pflicht, +den Gottesleugner als Störer irdischer und göttlicher +Ordnung mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur +ein Gefühl verärgerten Selbstbewußtseins und unfreiwilliger +Achtung erklärt die selbstbetäubende Wut und +schaustellende Verachtung jener eifernden Gerechten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>Vorblickend nehmen wir wahr, daß künftiger Glauben +manches Erbteil von Babylon und Zion, von Byzanz +und Rom, ja einiges auch von Wittenberg abstreifen +wird; er wird ein freier und männlicher Glauben sein, +ohne Sündenlümmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, +Schmeichelei, Bettelei und Winselei, für uns +Deutsche aber so, wie er aus deutschen Herzen kommt, +und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche +Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch +weniger aber sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte +ist im Lichte der Weltensonne nichts; der Glaube steht +auf höherem Recht; wenn er Sünde zeiht, so werden +wir uns schuldig fühlen, wenn er Demut fordert, so +werden wir uns beugen, wenn er Erlösung verheißt, so +werden wir sie begehren. Alle diese Dinge aber gehen +nicht vor im Bereiche der Wünsche und Ängste, des +hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, +sondern in der Stille des Herzens und +nicht um Güterwerben, sondern um höchste Werte.</p> + +<p>Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. +Der Glauben steht nicht für sich, mit der gläubigen Haltung +ist es nicht getan, es entsteht gläubiges Leben, +Verkehr mit den göttlichen Mächten und sein Abbild +im täglichen Handeln.</p> + +<p>Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudämonismus, +das Streben nach irdischem Glück und Gut im +göttlichen Verkehr, mit Milde hinzunehmen, historisch +gesonnen, wie nun einmal alles in unserer formeldenkenden +Zeit, erkennen sie im Eudämonismus eine der +religiösen Urformen, einen nötigen und erwünschten +Durchgang zum reineren Glauben und gehen leicht<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +darüber hinweg, daß nur ein verschwindender Teil aller +Glaubensübung über eudämonistische Beschwörung hinausreicht. +Wir jedoch haben dieser Tatsache ins Auge +zu blicken, wenn wir wissen wollen, welche unterbewußte +Strömung viele Gemüter vom Glauben fernhält.</p> + +<p>Es soll dem ursprünglichen Menschen nicht verdacht +und zu seinem Troste gern gegönnt sein, wenn er die +göttlichen Personen und ihre Gefolgschaft für Wesen +hält, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht +bloß Glaube und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, +Sündenbekenntnis und Buße, Danksagung und Lobpreisung, +inständiges Gebet, ja selbst Gelübde und Opfer +bewegen die Mächte, von ihrem Vorhaben abzugehen +und das zu bewilligen, was man erbittet. Man bittet +um Seelenheil und Segen im allgemeinen, aber auch um +Gesundheit und langes Leben für sich und andere, um +gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, +Sieg. Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, +das durch Parteinahme der Gottheit für einen +der Kämpfenden entschieden wird. Da nun jeder einzelne +Dinge erbittet, die alle wünschen, die aber nicht +allen durchweg gewährt werden können, so entsteht ein +Wettbewerb der Frömmigkeit um die göttliche Gunst.</p> + +<p>Es darf nicht verkannt werden, daß manche innerliche, +das Materielle weit übersteigende Regung sich in diese +gläubige Betriebsamkeit mischt; dennoch ist ihr eigentliches +Wesen nicht mehr Sache des Gemütes, sondern +der zweckdienlichen Überlegung und der zielbewußten +Nachhaltigkeit. Denn wer einigermaßen überzeugt ist, +daß alle irdischen Segnungen sich auf dem Bittwege und +durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +wird leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den +Vorzug geben und alles daransetzen, durch nützliche +Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu schlagen.</p> + +<p>Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die +Schlechtesten, die den Weg der geistlichen Betriebsamkeit +verschmähen, um die ganze Härte mannhafter Arbeit +auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewußt +Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhängerische +Gestalt, die mit Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, +der es sich so schwer macht und doch nichts erreichen +darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich nicht gegen +die primitive Form des Eudämonismus, sondern gegen +den Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, +der sich irdischen Zielen anpaßt, der als Mittel +zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als Magie, +gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg +gehandhabt.</p> + +<p>Religionslehrer und Kirchen mögen sich fragen, ob sie +soviel getan haben als nötig war, um die Menschen über +das wahre Verhältnis des Eudämonismus zum Glauben +aufzuklären, ob sie nicht gelegentlich die alte Nützlichkeitsseite +des Glaubens willkommen hießen, gleichviel ob als +Erziehungsmittel oder um die Gläubigen bei der Stange +zu halten.</p> + +<p>Künftige Gläubigkeit wird nicht verkennen, daß der +Glaube auch eine weltliche Sendung habe, wenn auch +nicht die der handgreiflichen Nützlichkeit: denn er schafft +Werte und bewegt somit das ganze Gefüge des irdischen +Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten, +unbewußten Kern seines Wollens berührt; er bringt +Trost, indem er alles Leiden, das in seiner letzten Wurzel<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +ein inneres ist, in der Tiefe sänftigt. Das ist die irdische, +die geringere Seite des Glaubens. Es mag Menschen +geben, die sie verschmähen, doch ihre Ablehnung wird eine +passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, +nicht mehr eine abstoßende aus verletztem Gefühl und +Auflehnung des Charakters.</p> + +<p>Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie +ist die offenkundige, unablässig besprochene, die von uns +nur in ihren letzten minder bewußten Wirkungen aufgehellt +werden soll. Da Glauben nie aufgehört hat, als +ein Fürwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, +was für wahr gehalten werden soll, von den meisten +Religionslehrern dogmatisch gezogen, von vielen ihrer +Anhänger zweifelnd überschritten werden, so entstehen +die Konflikte des Skrupels, die drei Lösungen haben: +Entfremdung vom Glauben, Kompromiß, und Opfer +des Intellekts. Solange der Glaube dogmatisch bleibt, ist +die letzte Lösung, die des Opfers, die allein vollkommene +und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem +Bedenken des Charakters. Immer wieder fühlt der +Zweifelnde, daß der Beruhigte es sich bequem macht, +daß die Schwere des Opfers geradenwegs mit der Gewissenhaftigkeit +wächst, und in dem Augenblick, wo er +es zu bringen bereit ist, schreckt er zurück, weil er seine +Gewissenhaftigkeit durch die Wucht der Vorteile bestochen +fürchtet. Freilich haben die geistig Armen es gut, sie +sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke auf den +Dämonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer +hat. Er aber geht nun in seinem Zweifel so weit, daß +er die geistig Armen schlechthin für Beschränkte, für +Unmaßgebliche hält, und in selbstverwundetem Stolz<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +um so weiter von der Pforte des Glaubens zurückweicht. +Er weiß, daß er, soweit es menschenmöglich ist, seinen +Intellekt zwingen könnte; er könnte es mit symbolischer +Ausdeutung versuchen, er könnte über die Dinge hinweggleiten, +sie an eine dunklere Stelle des Bewußtseins +rücken, durch Suggestion des Willens die Gegenkräfte +verdrängen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht +würdig; er vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie +angewendet haben und nun ihre Ruhe genießen. Er +will nur das eine vermeiden: von den schlechteren Kräften +seines Wesens zum Guten gezogen zu werden.</p> + +<p>Mag falscher Stolz die eine Hälfte der Schuld tragen, +die andere Hälfte ruht auf den Mechanisierungsformen +des Glaubens, die seine Inhalte seit unvordenklichen +Zeiten nicht fortentwickelt und einer veränderten Menschheit +angepaßt haben, indem sie nämlich die Inhalte des +Glaubens, entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen +ansahen.</p> + +<p>Völkerschaften, die der Mythenbildung fähig sind, +gibt es noch heute; es sind solche, bei denen das Glauben +(im Sinne des Fürwahrhaltens) und das Wissen (im Sinne +des beweiskräftig Ermittelten) nicht gesondert sind. Da, +wo man kein Interesse am Beweise hat, weil für die einfachen +Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht +und Lüge keinen Nutzen bringt, geschehen noch +täglich Wunder, und Wundertäter schaffen Religionen. +Die Loslösung des bewiesenen vom unbewiesenen +Glauben, die Trennung von Glauben und Wissen hat +den Geist des Abendlandes geschaffen, und von dieser +Schöpfung haben die Glaubensträger keine Notiz genommen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>Es ist nun nicht gemeint, daß sie Mythen und Sagen +hätten rationalisieren oder in verstandesbürgerlicher +Weise ins Symbolische hätten umbiegen sollen: das +wäre klein gewesen und hätte der Lehre der Jahrhunderte +nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen +einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen +Glaubens entsprang, war die, daß es beim Glauben +nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt, daß +der Glaube nicht von seinen Gegenständen, sondern von +seinem Geiste lebt, daß er nicht ein Verwalten, sondern +ein Verhalten ist.</p> + +<p>Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefühls. Alle +abendländischen Religionen haben sich, dem europäischen +Drang zu Ordnung und Aufbau folgend, an die Mechanisierungsform +der Kirche gebunden. Diese uralte +Bindung ist so tief ins Bewußtsein der Völker gedrungen, +daß selbst die Gebildeten, und unter ihnen selbst die, +welche gläubig aber nicht kirchlich sind, Religion und +religiöse Organisation kaum zu trennen vermögen.</p> + +<p>Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: +ihre vornehmste gegenwärtige Aufgabe ist der zeitliche +und räumliche Schutz ihrer Konfessionsgehalte, der +Schutz gegen zeitliche Wandlung und räumliche Zersplitterung. +Beide Aufgaben sind innerlich paradox, +beide fordern entschiedenen Konservatismus und starken +hierarchischen Aufbau. Da überdies alle Kirchen mit +gutem Recht auf Scheidung zwischen esoterischer und +exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen +zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermögen +der religiös und geistig Minderbegabten, ja Zurückgebliebene +nicht ausschließen, und diese Einstellungen<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +werden um so einseitiger, je mehr von den geistig +Höchststehenden der Kirche verlorengehen.</p> + +<p>Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von +der philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, +von der lebendigen Wirkung der Orden so genährt +ist, daß ihr unendlicher Gehalt an Überlieferung +ohne eigentliche esoterische Disziplin eine Mannigfaltigkeit +der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den anspruchsvolleren +Geist beschäftigt, während eine tiefe +Mystik der Lehre und eine unerhörte Abnegation der +Regeln die Gemüter bändigt.</p> + +<p>Bestände eine Unabhängigkeit des Glaubens von der +Kirche, oder ein freier Parallelismus der Bewegung, +wobei die Kirche einer selbständigen Entwicklung des +Glaubens folgte, so wäre es jedem Bekenner freigestellt, +wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen +neigte. In Wahrheit aber greifen diese Verhältnisse +ins Staatsleben über; die Kirche ist Staatskirche +und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang.</p> + +<p>Kirche und Politik, das unfaßbarste Paradox, und +dennoch in den Begriffen der Kirchenpolitik und der +Staatskirche zur scheinbaren Einheit verflochten. Die +Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht von dieser +Welt ist, streitet; organisiert sich als Körperschaft und +streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. +Die mechanisierte Glaubensform erscheint im +Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch wird +Beamter.</p> + +<p>Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, +konnten Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. +Denn es bestand nicht der Begriff der religiösen Konkurrenz,<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +zumal der geduldeten: man war gläubiger +Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man +war Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um +so milder, je urzeitlicher der Priesterstand; um so gefährlicher, +je bewußter er sich zur Beamtenschaft oder zur +Erwerbsklasse organisierte.</p> + +<p>In einer Zeit des individuellen Gewissens und der +konkurrierenden Bekenntnisse greifen die kirchlichen +Bureaukratien und Staatsreligionen weit über den +geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu +politischen und sozialen Mächten. Sie bemächtigen sich +des Staates: und er gewährt ihnen, daß jeder Abtrünnige +zum Bürger minderen Rechts werde, überantwortet +ihnen die Erziehung und die bürgerliche Ehrenweihe +der großen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit +und Ehe. Sie unterwerfen sich dem Staate +und gewähren ihm: Erziehung zum politisch Bestehenden, +Stützung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der +staatlich anerkannten Denkweise.</p> + +<p>Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von +Mittelpunkt zu Mittelpunkt, von Staatsregierung zu +Kirchenregiment verankert, sie kuppelt sich selbst in den +entlegensten Gliedern, und die Beziehung von Gutsherrschaft +und Pfarre, von Militärkommando und Seelsorge, +von Schule und geistlicher Aufsicht, von städtischem +Wohlstand und Kirchengemeinde versinnlicht die ins +Große und Kleine gehende Wirkung einer feudalistisch, +militaristisch, ständisch und offiziös gerichteten Kirchenmacht.</p> + +<p>Eine gewaltige und ehrwürdige Institution, die sich +auf die Exekutivgewalt des Staates stützt, die über die<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +gesamte Jugend aus politischem Recht, über die Landbevölkerung +aus praktischer Autorität, über die Frauen +aus Gewissenseinfluß, über die Zugehörigkeit zur bürgerlichen +Vollwertigkeit schlechthin verfügt, bildet eine +Macht, die jede mögliche soziale Polizei an richtunggebender +Kraft übertrifft, und der sich niemand entziehen +kann, sofern er nicht die Stellung des bürgerlichen +Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist.</p> + +<p>Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich +gestaltende Macht aus eigenem Recht entgegentritt, +nicht mehr als gestaltete Verwirklichung seines eigenen +religiösen Willens, setzt sie ihm ein unantastbares +Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht +gemäß gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und +dessen laute oder stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. +Aus politischen und traditionellen Gründen, sei es +um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft zu erschweren, +sei es um die Disziplin zu schärfen, sei es um die Lehre +für die unteren Schichten bindender zu machen oder auch +nur um Erschlaffung und Spaltung zu verhüten, wird +das Bekenntnis so gestaltet, daß es freieren Geistern +vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer Deutung +oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint.</p> + +<p>Je restloser daher sich die Geister der bürgerlichen, +gesellschaftlichen und politischen Nötigung der Kirche +und ihres Dogmas unterwerfen, desto mehr gewöhnen +sie sich an innere Entfremdung und bemühen sich, in +Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, +die man aus Gründen der Erziehung und Ordnung +nicht entbehren kann.</p> + +<p>Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die großen<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +religiösen Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen +sie dereinst entsprangen; zu häufig geschieht es, daß die +Entfremdung sich auf den Glauben selbst erstreckt. Man +klagt über das Schwinden der kirchlichen Beziehung +bei gebildeten Männern jugendlichen Alters: nicht die +Beziehung schwindet, denn abgesehen vom Gottesdienst +werden die Pflichten erfüllt, sind Austritte selten – doch +je strenger die Kirche auf ihren Rechten und Beziehungen +besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, +und nicht nur ihr, sondern dem Glauben.</p> + +<p>Daß alle diese einfachen Zusammenhänge sich dem +öffentlichen Denken entziehen, liegt daran, daß wir +in Deutschland nur noch historisch und wissenschaftlich, +nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen +uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, +wie vielen der Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe +Religion und Kirche innerlich geläufig ist, wie +viele über die ursprünglichsten Fragen sich eigene Gedanken +machen. Unser Denken liegt in den Händen der +beamteten Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rüstzeug +ihrer Gelehrsamkeit und immer erneuten Theorien +das Bestehende stützen, der Journalisten, die das Tägliche +bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten +das Bestehende bekämpfen. Hier heißt es: dem Volke +muß der Glaube erhalten werden, dort: Trennung von +Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz wo +anders.</p> + +<p>Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung +nicht mit Politik und Einrichtungen zu tun, sondern +mit unserer inneren Einstellung zum Gegenwärtigen +und Künftigen. So muß der letzte Glaubenszweifel,<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +der aus dem Wirklichen erwächst, uns abermals den +Glauben an den Glauben als an ein Unberührbares +bekräftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen +schaffen, welche er will: politische und soziale, militärische +und erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird +unsere Seelen läutern und die Seelen unserer Kinder +bilden, aber Mittel zum Zweck, weder zum edlen, noch +zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein Glaube +sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet +wird, kann ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von +einer Kirche verteidigt wird, so werden beide dahinsinken. +Denn beide sind Mächte, die in einer befreiten Menschheit +nur aus eigenem Recht bestehen können. Sind +Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu +erhalten: um so besser, so mögen sie sich wandeln, wie +alle irdischen Formen sich gewandelt haben, wenn nur +ihr Urgrund bestehen bleibt. Läßt sich die Einheit des +Bekenntnisses für die Vielfalt der Herkunft, der Landesstriche, +der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es +zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft +des gläubigen Lebens erwacht, die heute nicht besteht. +Mögen hier Ablässe erteilt und Dämonen beschworen, +mögen dort die reinsten Sakramente empfangen und die +verklärtesten Botschaften verkündet werden: es ist alles +vollkommen, was aus reinem Herzen geschieht, und es +ist alles unvollkommen, weil es irdisches Gleichnis ist. +Mögen Gläubige sich zusammenfinden, um den Drang +ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mögen sie +in Straßenlärm und Wälder flüchten, um mit ihrer +Seele allein zu sein, mögen sie auf Märkten predigen +oder Priester walten lassen, mögen sie geistliche Truppen<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung +versenken: die göttlichen Mächte hören jedes +Wort des Herzens und jeden fallenden Tropfen. Ein +Glaube aber, der nicht wunschbegieriger Aberglaube, +nicht böse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht Heilsgymnastik +und zweckdienliche Übung ist, ein Glaube, +der nicht Irdisches vom Göttlichen, sondern Göttliches +vom Irdischen will, der umschließt die Menschheit zu +einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder einen jeden +begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und +Herzens er redet, und alle die Eine Verantwortung +fühlen und ertragen, die unsagbare Not, Seligkeit und +Verantwortung, Mensch zu sein.</p> + +<p>Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, +weil sie seine Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben +jedem Halm des Glaubens wird ein Büschel abergläubischen +und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist wahr: +sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft +und mutig ist der nüchterne, handfeste Atheist, verglichen +mit dem süßlich feigen Mucker, dem lüsternen +Geisterbeschwörer, dem schamlosen Sündenknecht und +dem fleißigen Gottesbetrüger. Sollen wir aus Furcht +vor dem Sekundären verzagen? Wer einen Flußlauf +reinigt, darf sich nicht wundern, wenn der Bagger +Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der Muckerei +in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne +und Wind zerstören, was in den Tiefen gärte.</p> + +<p>Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen +sich in alte Götterlehren und Sagen und Gebräuche +und meinen, auch wenn man nicht daran glaubt, +so ist es schön und dient zur Erhebung, über ein Feuer<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +zu springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schön, +aber nicht echt; es dient zur Erhebung, aber zur künstlichen, +äußerlichen, flüchtigen und gespielten. Es schafft +keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines heiteren +Bildes und einer harmlosen Täuschung, die an die Grenze +des Seichten und Kindischen rührt. Romantischer Hang +zum Vergangenen ist Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit +im Künftigen. Die alten Sagen und Gebräuche waren +schön, wie die alten Trachten und Geräte, weil sie aus +der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht +weil sie schön, sondern weil sie heilbringend waren. In +der Bestimmung über Fluch und Segen wurde Erhebung, +halb unbewußt vielleicht auch Schönheit empfunden. +Antiquarische Belustigung auf ästhetischem Grunde +schafft keine künstliche Naivität, sondern zerstört die +Reste der natürlichen.</p> + +<p>Manche träumen von neuen Propheten und Erweckern. +Wie zur Zeit der Kathedralen soll ein einiger Glauben +über die bewohnte Erde herrschen. Ästheten sehen den +neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb +eine Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, +Paulus, Augustinus und Luther haben an der literarischen +Gestalt keinen Anteil. Vor allem muß er arm +sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. +Freilich, setzt der winselnde Ästhet hinzu, er selbst würde +ihm schwerlich folgen können.</p> + +<p>Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird +ihm folgen, und deshalb wird der Prophet nicht kommen. +Goethe ließ Christus zur Erde zurückkehren und geleitete +ihn bis an die Tür des Pfarrhauses, dann brach er das +Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt. Hauptmann<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +ließ seinen Narren in Christo mit staatlichen und +kirchlichen Behörden zusammenstoßen und in Einsamkeit +enden.</p> + +<p>Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere +Zeit die Ehrfurcht vor dem Gedanken verloren hat. +Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr eine +Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche +Leistung eines Berufes oder die vergnügliche +eines Müßiggangs. Worte sind nicht Bekenntnisse, die +man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und +mäkelt. Die Meinungen müssen sich ablösen wie die +Tagesblätter und die Moden, damit neuer Umsatz Platz +findet. Wie sollte auch das Massenhafte wahr sein? +Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des +Glaubens willen. Käme heute einer und redete aus dem +Herzen der Welt, so hätte er die Presse gegen sich, oder +die Literatur, oder die Interessenten, oder die Polizei, +oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum, +oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar +Geistlinge, die ihn aus Gegennachahmung ästhetisch +werten, ein paar Unzufriedene, und ein paar Bürger +aus Mißverständnis.</p> + +<p>Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann +den Stromsturz der Prophetie nicht erleben, es rieselt +unterirdisch zu Tal und darf nur mittelbar wirken. Es +wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend anderen +Rinnsalen mengt, während die Platzregen verdunsten. +Die Reihe der Empfangenden ist keine räumliche, sondern +eine zeitliche. Das Volk der Gleichzeitigen irrt, das Volk +der Geschlechter ist unfehlbar.</p> + +<p>Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehört<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +sein will? Weil ich kein Prophet und kein Weiser +bin, weil ich euch nichts zu lehren und nichts zu verkünden +habe. Ich will, daß wir unsere Sorge und Zuversicht +gemeinsam erörtern, mein Geschlecht mit dem euren, +wie eures dereinst mit dem nächsten. Wir wollen gemeinsam +zweifeln und glauben, uns zurechtweisen und +bestärken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit +unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es +die: wenn die höhere Stimme schweigt, so ist die Entscheidung +in uns selbst gelegt. Unsere Verantwortung +wächst, in uns selbst sollen wir Richtkräfte entwickeln, +und können es nur, wenn wir den Lärm in unseren +Herzen schweigen machen und nicht mehr aufhören, in +die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen.</p> + +<p>Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit +der Glaubensinhalte, der Einrichtungen und Formeln. +Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas das sich +auf Gegenstände bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das +wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie +das Können, etwas, das sich in Formen verwirklicht, er +ist ein Verhalten, ein Zustand, ein Leben. Einheit des +Glaubens ist daher nicht, wie die Jahrhunderte meinen, +Einheit der gläubigen Vorstellung, sondern Einheit +gläubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des +Glaubens liegt nur in der Mannigfalt der Stufenfolge +vom furchterfüllten Zauberwesen zur segenkaufenden +Dämonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter +Bitte, von wohlgefälliger Buße zu freiem transzendenten +Erleben. Diese Abstufungen aber bestehen innerhalb +aller vorhandenen Glaubensformen; jede Religion läßt +soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +ihrer Bekenner verlangt und erträgt. Eine hochstehende +und gläubige Epoche unterscheidet sich von der rückläufigen +und ungläubigen nicht so sehr durch die Form der +herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist, den sie +ihnen einhaucht.</p> + +<p>Daß die Daseinsform des Glaubens über jede andere +menschliche Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begründung, +sie ist es aus eigenem Recht. Es gibt ein +inneres Gefühl der Einschätzung unserer Erlebnisse, um +das sich die Psychologie nicht kümmert, einer Einschätzung, +die nicht vom Meßbaren abhängt, sondern das +Wesen ergreift. So gut wir wissen, daß eine Liebesregung +uns mehr bedeutet als der seltenste Duft einer +Blüte, so wissen wir aus innerer Gewißheit, daß jedes +seelische Erlebnis auf höherer Ebene herrscht als jedes +geistige und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis +unserer Seele aber ist der Glaube.</p> + +<p>Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt +Musik, nicht jedes Herz erlebt Gläubigkeit. Dessen soll +sich niemand kränken, denn es geht keine Seele verloren. +Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig +und resolut als überzeugter Materialist ein anständig-intellektualistisches +Leben wählen; tausendmal besser +als wenn er aus erquälter Pflicht oder der Nützlichkeitsspekulation: +Nützt es nicht, so schadet es nicht, sein inneres +Leben vergewaltigt oder Götzendienst treibt. Es wird der +Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande +Schweigen zu gebieten und sich hinzugeben, dann +ist er gewandelt, bis dahin wird er in der Welt der unsichtbaren +Güter ein Helfender, nicht ein Schaffender +sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Das Wort, Glaube sei das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, +trifft zu, aber umfaßt nicht. Denn Glaube +ist auch das Gefühl schaffender Liebe, auch das Gefühl +der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist zugleich +vollkommene Gebundenheit und vollkommene +Freiheit, selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, +reines Schenken und stilles Empfangen, unablässiges +Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er ist ein Leben: +ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel +nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen +versucht, als Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, +Liebe.</p> + +<p>Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das +Tagesleben, das es begleitet und erleuchtet, wenn auch +die Augenblicke voller Bewußtheit so kurz sind wie die +Augenblicke bewußten Lebens.</p> + +<p>Eure jungen Gemüter, Freunde, rufe ich zum Zeugnis +für die Erfüllungen des inneren Lebens. Euch, nicht mir, +steht es zu, die Fülle zu bekennen, die euch reicher und +wechselvoller und unberührter als mir gespendet ist. +Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank +und Hingabe, in hellblickender Gewißheit und klopfender +Erwartung. Sie wollen nichts anderes, als bereit sein, +sich verschenken, Werkzeug sein, dienen. Sie wollen nicht +ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre Wünsche, +nicht ihre Ängste; Strahlen und Schwerter mögen durch +sie hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schöpfung, +der sein Bewußtsein darbringt, ein Ätherhauch, +durch den das Seiende sich selbst verklärt. Sie verwehen +in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als Staubkorn +an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +und ihr Wort ist: dein Wille geschehe und nicht mein +Wille.</p> + +<p>Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe +saugt alles Leid der Kreatur in das eigene Herz, löst +jede Freudenkraft von sich los, um den Schmerzensbrand +der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des Geschaffenen +fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als +eigene Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der +Gerechtigkeit, um sich als Opfer darzubringen, sie ergreifen +die Verheißung um sie in tätiger Liebesglut der +Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten +zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns.</p> + +<p>Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind +sie von der Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen +sprießt das Gras, klingen die Brunnen, sausen die Gestirne. +Im Strom der Schöpfung ist selige Sicherheit. +Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist heilig. +Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht +des Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach +Himmel und Erde, ob mir Leib und Seele verschmachtet, +wenn ich dich nur habe.</p> + +<p>Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen +Schweigen, in der Dunkelglut des Abgrundes +beginnen die Ströme zu rauschen, Bergmassen entweichen, +das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine. +Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und +Böse, nicht Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt +sich, ursprungloses Licht, wortlose Erfüllung.</p> + +<p>Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste +erzwungen werden kann. Drängender Wille, bohrender +Verstand, Versprechung und Beschwörung sind vergebens.<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt +in den innersten Punkt seines Wesens dringen? Und +wenn er alle seine Geistesmächte in Bewegung setzte, +mit kluger Einsicht jede nötige Wandlung zu erbitten +suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum +eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, +Huldigung, nicht Bemühung; doch sind sie allezeit +gewärtig, ihr Strom umrauscht uns unerfaßt, wenn +wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns +ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns +freisteht, Hingabe, Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt +denn das Sinnbild sein Recht, daß alles Heil +aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. +Jeder aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen +oder mit starken Kräften, das ist das Geheimnis +menschlicher Solidarität. Auch die Sünde läßt sich begreifen +als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser +Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das +schwere, zur Erde ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein +ist der Gefühlston der Geister, die sich schmerzlich +vom Vergangenen losreißen, um erwachend dem +kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich +aber, das das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres +Bild finden als das vom Reiche des Himmels, und wenn +gesagt ist, daß die Armen am Geiste es betreten, so verstehen +wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des Intellekts +den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen.</p> + +<p>Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des +Unaussprechlichen auf die wechselnden Flächen des +örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und Fassungsvermögens. +Sollten wir wünschen, oder auch nur denken<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +können, daß <em class="gesperrt">eine</em> Symbolik und Ausdrucksform die +herrschende werde und die übrigen vertilgt oder knechte? +Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben und nicht +einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in +dem Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung +und Uniformierung gegebener Vorstellungsreihen erblicken, +sondern die Vergeistigung, die fortgesetzte, innere +Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus, +Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz.</p> + +<p>Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und +Mechanisierungsformen sich weiterhin zersplittern, so +soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der Wundertat +und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige +Abwendung des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung +der Menschheit. Nun ist sich jeder seiner Glaubenspflicht +und innerhalb dieser Pflicht seiner Glaubensfreiheit +bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen, +fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, +sondern der gute Wille, Erleuchtung und inneres Leben. +Und wie die Mannigfaltigkeit alles Menschlichen im +Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren +Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die +dankbare Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an +das Eine.</p> + +<p>Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen +Geistes scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt +allzubald das Herz in seinem Schwung, wenn +nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die +Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir +frei, was Menschen sonst in begreiflicher Verschämtheit +nicht leicht berühren, daß jeder von uns halb unbewußt<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre +verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, +sie im kalten Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille +geneigt, ihr zu lauschen. Warum verhüllen wir diese +Dinge? Nicht weil sie kindlich, unsystematisch, unbeweisbar +sind, – denn wieviel von unseren Tagesmeinungen +ist beweisbar? – sondern weil wir den Spott vor +uns selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der +Größe, dem Ernst und der Pflicht des Glaubens verloren +haben. Deshalb zertreten wir die leichten Blüten auf +dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns +der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt +uns mutig und offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen +Schöpfungen pflegen und unbelächelt mitteilen, ein Teil +der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen Erlebnissen +und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen +gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, +das gestaltende Wachstum des Glaubens. Was +Wissenschaften nicht vermochten, Kirchen versäumten, +einsame Denker in langen Abständen mühsam unternahmen, +das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, +sofern wir die blöde Scheu des Alltags verwinden.</p> + +<p>Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen +Schriften auf Gedankenwegen bis an die Grenze des +Glaubensbekenntnisses mich leiten ließ, heute überschreite +ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur ein Wort +zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, +oder das in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch +in dem Wunsche, von euch geprüft zu werden, wie ihr +einander euch prüfen sollt, und in dem Pflichtbewußtsein, +der eigenen Forderung nicht auszuweichen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere +wenigen und zufälligen Sinne uns von der wahren +Welt nicht viel mehr offenbaren als dem Geschöpf, das +zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So +hat Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen +des Seienden uns zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit +und Bewußtsein.</p> + +<p>Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus +dem wir Bilder und Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, +und der Kampfplatz, auf dem unser Wille die Laufbahn +von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden +Einkehr durchmißt.</p> + +<p>Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, +von undenklicher Zersplitterung bis zum Geist +des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der organischen +Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis +zum Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer +Folge aufwärts. Diese Welt der Geister ist die wahre +Welt, von ihren Gesetzen wissen wir wenig, doch die +wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, +daß unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem +Bewußtsein entstehen, Zellenstaaten, Ameisenhaufen, +Bienenschwärme, Menschenstädte und Menschennationen.</p> + +<p>Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt +aus dem, was sie zu fassen vermag; die Welt, die der +Granit begreift, ist eine andere als die der Zelle, die +menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt +ist eine andere als die des Regenwurmes.</p> + +<p>Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in +einem einzigen Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. +Dieser Wille hat sich ein stets verfeinertes<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe +Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur +Erhaltung aber hat sich zugespitzt zum mittelbaren +Willen; dessen Gegenstand nennen wir Zweck.</p> + +<p>Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische +Stufenfolge bis zum Menschentum, vom Geist der Alge +bis zum Geist des Staatsmannes sind sie nur gradweise +verschieden.</p> + +<p>Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm +endet die zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht +eine höhere. Im Menschen erwachen Gefühlsreihen, +die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja ihr entgegenwirken +können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, +zur Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen +erfüllen das Leben des Menschen und sind zweckfrei, +sie dienen uns nicht, sondern wir dienen ihnen und +sind bereit, für sie uns zu opfern.</p> + +<p>Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich +der Seele. Seiner sind wir nicht stärker teilhaftig, als +etwa die Zelle des intellektualen Reichs teilhaftig ist. +In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind wir +unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir +seine Welt, die nicht mehr die Welt der raumzeitlichen +Vorstellungen und Begriffe ist, nur ahnen, nicht erfassen.</p> + +<p>Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. +Die durchlaufenden Welten erscheinen als die Weltseite +der Schöpfung, was ihnen angehört, wird im Sinne +der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik +zur Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, +das uns als Vollendung erscheint, und das +der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge ist, streben<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns +und um uns das kommende Reich schon im irdischen +Dasein verwirklichen.</p> + +<p>Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die +mittlere Reihe der Schöpfung zu vollenden und die +höhere Reihe der Welten zu beginnen, und dies ist seine +Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist +zu verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung +aus eigener Kraft nicht möglich ist, daß dem +guten Willen die rettende Kraft zu Hilfe kommt.</p> + +<p>Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere +Herzen den göttlichen Strahlen, die uns allerwärts umfließen, +und helfen die Herzen unserer Brüder öffnen. +Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; +es gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, +selig macht nur die Gesinnung. Es gibt kein sittliches +Handeln, sondern einen sittlichen Zustand, der unrechtes +Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten Werte außer +jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen, +alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls +Mittel.</p> + +<p>Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle +Erscheinungen und Kategorien der intellektualen Welt +beendet sind, mit ihnen die kämpfende Individualität, +die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier +liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. +Es versagen alle Symbole.</p> + +<p>Nur ein geringes und unvollkommenes Bild möchte +ich andeuten, um eine Abstufung zu versinnlichen, die +vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die Richtung zu +einer unmittelbaren, adäquaten Einsicht ahnen läßt.<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +Man lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen +ein zeitliches Bild. Es geschieht, daß wir später +dieses Land durchstreifen, es reiht sich Erlebnis an Erlebnis, +Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt durchdringen +wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber +verschmilzt alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem +das Räumlich-Zeitliche in eine untrennbare Einheit +verwachsen ist, das wir mit allen inneren und äußeren +Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und +erfahren haben. Unser Geist hält uns eine eigene Schöpfung +vor Augen, und wohin wir ihn konzentrieren, +glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war, was +sein kann und was nicht sein kann, fast möchten wir +sagen, was werden wird. Und dennoch dies alles nicht +an der doppelten Schnur von Raum und Zeit, sondern +innerlich, gefühlt, organisch.</p> + +<p>Ich glaube, daß mein einfaches Bekenntnis nichts +enthält, was nicht in höchster Vollkommenheit in den +heiligen Schriften aller Zeiten verkündet ist. Was wir +in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige, +dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. +Doch die Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl +der Seelen gibt uns die Vielseitigkeit des Erlebnisses, +deren wir bedürfen, und die Wiederkehr der großen +Züge gibt uns die Gewißheit einer abgebildeten Wahrheit. +Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, +wenn nicht tote Schriften und verbriefte Ordnungen +das Wort verwalten, sondern wenn es von neuem beginnt, +in allen Herzen zu zeugen und zu keimen.</p> + +<p>Für unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben +und dem Wort die Werte und die Maße. Nennen<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +wir es das Reich des Himmels, das Reich Gottes oder +das Reich der Seele: was uns ihm nähert ist gut, was +uns entfernt, ist schlecht. Glück, Leben, Wohlstand, Macht, +Kultur, Heimat, Nation, Menschheit, sind die höchsten +irdischen Werte. Wohl dem, der keinen von ihnen zu +opfern braucht, für den sie Mittel zum Göttlichen bleiben. +Wir aber werden sie messen an den Maßen der Seele, +des Glaubens und der Gerechtigkeit, und wo sie das +Maß nicht erfüllen, da müssen sie sich fügen oder weichen.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span><a name="Krieg" id="Krieg"></a>Krieg</h2> + + +<p style="text-indent: 0em;"><span class="dropcap">I</span>n dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer +Geister auf Gegenwärtiges und Künftiges gewidmet +ist, hat der Krieg nicht bloß die Bedeutung des bewegenden +Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern auch +des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das +Abendland bisher gelebt hat, offenbart.</p> + +<p>Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, +daß ein Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze +jener Tage nichts wiederkehrt. So wie sie noch immer +von Vierteljahr zu Vierteljahr das Ende des Kampfes +voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, +bis das neue Geschlecht sie ablöst, daß nach dem Frieden +und einer kurzen Übergangszeit das wieder eintritt, was +sie normale Verhältnisse nennen. Freilich werden die +Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man +eine Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden.</p> + +<p>Nichts wird sich finden, alles muß neu geschaffen +werden in eiserner Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, +unsere Wirtschaft, unser Gesellschaftsbau und +unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der Staaten, +der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere +Wissenschaft, ja selbst unsere Sprache.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, +wenn er einen der frühen Schriftsteller der verflossenen +Epoche las, etwa Stendhal oder Balzac, daß er sich fragte: +Wie, ist das möglich? Dreißig Jahre vor dieser Zeit +blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz, +und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in +ihrer neuen Aktensprache der Wissenschaft von Industrie +und Börse, von Dampfschiffen und Kammern, von +bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern +sich nicht über die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, +was vor ihnen war? Ist dann wirklich einmal die Rede +von einem alten Edelmann, der in jener Tändelzeit +jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener, +ein zopfiges Gespenst.</p> + +<p>So fremd werdet ihr an uns vorüberschreiten. Wir, +die wir uns auf Sachlichkeit manches zugute taten, und +wissenschaftlich, ernst, wo nicht gar tief zu sein wähnten: +Wir werden euch trotz aller unserer Technik leichtfertig, +flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, +und der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem +wir uns umgaben, wird euch nicht wie der des 18. Jahrhunderts +eine Grazie, sondern ein Abscheu sein. Denn +euer Leben wird abermals ernster und härter, doch so +Gott will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger +sein.</p> + +<p>Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden +ihn begreifen, wenn wir ihn als das kritische Ereignis +fassen, das er ist, als den Ausbruch aller tiefen Übel und +Schwächen der abgelaufenen Epoche. Denn jede Deutung +als eines Mißgeschickes, Mißverständnisses, schuldhaft +gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +die örtlich-zeitliche Bestimmung des Geschehenen verstrickt, +Schuld von allen Seiten. Doch wenn ein Erdteil +sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten +Tage seine Gründe und Ziele kennt, so ist die geistige, +sittliche und physische Erkrankung in den Tiefen seines +organischen Aufbaus verwurzelt.</p> + +<p>Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. +Der Grund, weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, +sondern an ihren Grenzen entzündet hat, liegt in der +Eigenart unserer Wirtschaft, die zur Weltwirtschaft erwachsen +ist, und die in ihren Auswirkungen, Imperialismus +und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte +an den Rändern der Staatseinheiten gehäuft hat. Die +schwerer entzündlichen Sprengstoffe im Innern der fester +gefügten Staaten bleiben einstweilen unberührt, durch +den Druck von den Grenzen her gebändigt.</p> + +<p>Als unbändige Volksvermehrung vereint mit der +Mechanisierung den individuellen Produktionsprozeß +vernichtete, wurde die Erde eine einzige gewaltige Produktionsstätte. +Doch ihre nationale Spaltung blieb, und +innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der +Stände. Wirtschaftlich betrachtet: eine große Fabrik, doch +nicht einheitlich gebaut, sondern in den Wohnhäusern +und Kammern eines Straßenvierecks untergebracht und +unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und +die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen +nicht Schritt. Das ging so lange, als sich die Erzeugung +in mäßigen Grenzen hielt und der Nationalismus sich +langsam entwickelte.</p> + +<p>Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen +sahen, eine energische Wohlstandspolitik zu<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +treiben, um ihren wachsenden Aufwand für Zivilisation, +Rüstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als die +Mechanisierung den Staatskörper ergriffen und ihn zum +bewußten Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht +hatte, gab es Zwiespalt zwischen den Parteien.</p> + +<p>Jeder wollte so viel Arbeit wie möglich, denn Arbeit +bringt Nutzen. Um zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe +wie möglich, und um sie zu bezahlen, wollte er +so viel Absatz wie möglich. Er wollte sogar noch mehr +Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe nötig war, denn +die heimische Produktion sollte alle anderen überflügeln, +und der Absatz im eigenen Lande ließ sich nicht beliebig +steigern. Was er nicht wollte, waren fremde Fabrikate +im eigenen Lande, denn die beeinträchtigen den Absatz, +die Preise und den Nutzen.</p> + +<p>Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch +ausgedrückt um Kolonien und Einflußgebiete. Die Welt +war aber klein geworden, die unbesetzten Gebiete knapp +und von allen umworben.</p> + +<p>In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die äußerste +Schlußfolgerung gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte +bei den meisten überdies politische Gründe: Man wollte +die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im Kriege +Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand +der Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schützen. +Gleichzeitig begann der Kunstgriff, den man drüben +dämpfen <em class="antiqua">(dumping)</em> nennt: Man warf dem Gegner +die eigene Überschußware unter Selbstkosten über die +Zollmauer und schädigte sein Schutzsystem.</p> + +<p>Allmählich war auch der Nationalismus zum Gipfel +gestiegen, denn die europäischen Unterschichten waren<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +in die Historie getreten. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts +waren sie anational gewesen, Geschichte war +nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt +waren sie verbürgerlicht, zivilisiert und interessiert, und +gaben dem Wirtschaftskampf die nationale Färbung. +Durch Staatenbildung, Staatenerstrebung und Irredentismus +mehrten die neuen Nationalgefühle, insbesondere +die östlichen, den politischen Sprengstoff.</p> + +<p>Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe +Scheidung der Stände. Das Proletariat, an der Tatsache +des Produktionsprozesses interessiert, an seinem Verlauf +nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen, +dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgültig +ist; es führte seinen Wirtschaftskampf, und zwang den +Unternehmer, für jede Lohnerhöhung sich durch Zollerhöhung +und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten.</p> + +<p>So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf +nach außen und innen vollkommen anarchisch. +Wenigen war er in seinem logischen Zusammenhang +bewußt; am wenigsten den Staatsmännern, die ihn +führten. Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen +Einfluß zu heben, den fremden zu schädigen, den eigenen +Absatz zu fördern, den fremden zurückzudrängen; so +lückenhaft aber war der Zusammenhang, daß viele, +unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, +der Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt +waren auch die Kampfmittel; es waren Bündnisse, Zollverträge, +Rüstungen zu Land und See, Einsprüche +gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was +als Endzustand vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls +eine etwas bessere Erdeinteilung, als man sie gerade<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +hatte; meist war man auf den gelegentlichen Vorteil +aus.</p> + +<p>Niemand war sich auch recht darüber klar, wo ihn der +Schuh drückte. England schob sein Mißbehagen auf +Mängel seiner technischen Erziehung und die Konkurrenz +der Deutschen; Deutschland litt an seiner geographischen +Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen; +Frankreich merkte, daß seine Industrie zurückging, und +fand, daß das elsässische Textilgebiet ihm fehle; Amerika +klagte über hohe Löhne und Finanzkrisen und griff zu +Schutzzöllen. Nie wurde auch nur ein Versuch gemacht, +die Anarchie in Ordnung zu verwandeln.</p> + +<p>Die innere Anarchie: wenn die Außenwirtschaft ihre +Grenzen hat, so muß die Innenwirtschaft ergiebiger, +vor allem solidarischer gestaltet werden. Kräfte und +Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von außen +unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft.</p> + +<p>Die äußere Anarchie: wenn alle sich um die kargen +Tröge des Absatzes und Rohstoffes streiten, so muß geteilt +werden. Durch den Kampf wird das Futter nicht +mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und +zertreten.</p> + +<p>Doch es fehlte nach außen die Einsicht, nach innen der +Ansporn; trotz aller Reibungskämpfe schöpfte die Welt +aus dem Vollen wie niemals zuvor und niemals wieder, +und die leichte Bereicherung äußerte sich in Indolenz.</p> + +<p>Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung +und Schuld des Vulkanismus, der unter der +politischen Oberfläche des Abendlandes bebte, und seine +kritischen Zonen unter die Staatengrenzen breitete.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische +Taktik der Großstaaten während der letzten vierzig Jahre, +lockerte die Kruste, und eine dritte, fast nebensächliche und +zufällige Reihe, die Ereignisse um 1914, bestimmten +Zeit und Ort des Ausbruchs.</p> + +<p>Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung +sind alle Staaten beteiligt. Sind sie entschuldbar bei +der ersten, so sind sie es auch bei der zweiten, denn die +mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung äußert sich +in der Hilflosigkeit des politischen Handelns.</p> + +<p>Die Schuld Frankreichs ist die tiefste, aber auch die +menschlichste. Das Rheingold des Elsaß ist nur das +Sinnbild eines schwereren Verlustes. Unermeßlich ist, +was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa +geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil +der Kultur des Kontinents vom Westfälischen Frieden +bis zur Revolution und brachte die bürgerliche Freiheit. +Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur schenken, +so lange sie mächtig war. Die Macht war verloren, sie +gab uns die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft +Europa derart, daß jede politische Orientierung von den +Vogesen ausgehen mußte, und nur die Wahl blieb: für +den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit +der europäischen Politik vernichtet.</p> + +<p>Englands Schuld ist fast eine persönliche, ein seltsamer +Zug in diesem so unpersönlichen Lande. Auch England +hatte viel gegeben, noch mehr erworben, und manches +verloren. Die <em class="antiqua">Pax Britannica</em> stand hinter der <em class="antiqua">Pax +Romana</em> nicht zurück. Man mag streiten, ob es recht ist, +daß ein Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses +Volk hat ihn besessen und mit wenigen Ausnahmen<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +seiner großen Verantwortung entsprechend verwaltet. +In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde +unbehelligt, häufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, +alle Häfen und Kohlenplätze standen offen. Das Land +begnügte sich mit Freihandel, aus wohlverstandenem, +aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik +war eigensüchtig, gewalttätig, aber klar erkennbar, +weit mehr auf eigenen Nutzen als auf fremden Schaden +gerichtet. Das änderte Eduard <em class="antiqua">VII.</em> Er war zu lange +Kronprinz gewesen und hatte sich in den Jahren erzwungener +Muße und verhohlener Kritik die alten intriganten +Bündnismethoden der europäischen Höfe angeeignet; +er trieb sie zum Gipfel, indem er die Vogesenspaltung +ausnutzte und Deutschland isolierte. Wie weit +die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines Landes, +wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, +ist schwer zu sagen; er war kein dämonischer Charakter +und wurde dennoch zum Dämon Europas.</p> + +<p>Rußland litt an den Schwächen orientalischer Reiche. +Über sich selbst hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, +kindlich verträumten Volk zwar einige europäische +Formen, doch keinen Wohlstand, keinen Mittelstand, +keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft +und keinen Verkehr erworben. Die Regierung wagte +nicht, der unerfahrenen Nation die Verwaltung anzuvertrauen, +daher blieb ihr nichts anderes übrig, als die +dünne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu +verfolgen, das Volk zu verblöden und sich selbst durch +das verbrauchte Mittel der Expansion zu stärken. Der +Balkanstreit mit Österreich, die Schuldhörigkeit zu Frankreich +bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall, daß nach<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer +aufschloß und die letzte Explosion auslöste.</p> + +<p>Daß Deutschland bei seinem gegenwärtigen inneren +und äußeren Aufbau nicht imstande ist, eine folgerichtige +und langatmige auswärtige Politik zu führen, habe ich +in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des +Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und +Einrichtungen, vor allem die Einheitlichkeit des Willens, +der Initiative und Verantwortung, die organisch eingestellte +Stetigkeit und Überlieferung. Diese Mängel +sind nicht durch Personen und Ämter verschuldet, sondern +durch uns selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die +Hand nehmen, Männer unseres Vertrauens zur Ernennung +vorschlagen, ihnen dann aber auch die Macht und +volle Verantwortung gewähren; die wir vielmehr uns +von einer kleinen, nicht übermäßig geschäftstüchtigen +Kaste und deren Assimilanten verwalten lassen, die sich +hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen Dickicht, im +neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem +Mißtrauen verfolgt wird.</p> + +<p>Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten +darin zutage, daß man sich in alles einmischt, für die Galerie +arbeitet, alle anderen stört und nichts für sich erreicht. +Es ist nicht gesagt, daß man niemand stören und +sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich +falsch: wenn man alle stört und sich mit allen verfeindet. +Wir haben Frankreich gestört in Marokko, England in +Transvaal, Rußland in Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. +Wir haben Gelegenheiten zu Verständigungen +versäumt mit England, Rußland, Japan, und, innerhalb +gewisser Grenzen, mit Frankreich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Nicht um unsere Fehler stärker zu betonen als die +anderer, sondern deshalb, weil sie unsere Fehler sind und +uns näher angehen als die anderer, müssen wir uns bereit +finden, ein Unwägbares zu beobachten, das unsere +Politik durch eine gleichsam atmosphärische Einwirkung +geschädigt hat.</p> + +<p>Es ist kaum einzuschätzen, wie stark die letzte Generation +vom Einfluß Richard Wagners gebannt war, und zwar +nicht so entscheidend von seiner Musik wie von der Gebärde +seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen. Vielleicht +ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt +die Wagnersche Gebärde der erfaßte Widerhall – er +war ein ebenso großer Hörer wie Töner – des Zeitgefallens. +Es ist leicht, eine Gebärde aufzurufen, schwer, +sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von theatralisch-barbarischem +Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner +Denkmälern und Bauten, in den Verkehrsformen +und Kulten einzelner Kreise, und wird von vielen als eigentlich +deutsch angesehen. Es ist immer jemand da, Lohengrin, +Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann und +alles schlägt, die leidende Tugend erlöst, das Laster +züchtigt und allgemeines Heil bringt, und zwar in einer +weitausholenden Pose, mit Fanfarenklängen, Beleuchtungseffekt +und Tableau. Ein Widerschein dieses Opernwesens +zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, +wie Nibelungentreue. Man wünschte, daß jedesmal von +uns das erlösende Wort mit großer Geste gesprochen +werde, man wünschte, historische Momente gestellt zu +sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten +rauschen hören. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack +der älteren Generation gemäßigt. Unser ältlich-nüchterner<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +Kanzler möge durch die Aussicht auf fünf Krönungszüge +im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn zu beleben.</p> + +<p>Innerhalb einer ärmlichen, im Ziele nicht erkennbaren +Außenpolitik wirkte diese Gebärde zuerst verblüffend, +dann aufreizend und Mißtrauen erregend. Es +kam so weit, daß man uns, die gutgläubigste aller Nationen, +für Schaumschläger und Intriganten hielt. +Unser gewaltiger Machtaufstieg hätte uns verpflichten +sollen, soviel wie möglich zu schweigen, so wenig wie +möglich uns einzumischen.</p> + +<p>In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, +die den vulkanischen Grund lockerten, sind abermals +Fehler von allen Seiten einbegriffen, auch von der +unseren. Doch eines können wir mit gutem Gewissen +sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke +nicht. Es war unser Fehler, daß wir nicht wußten, +was wir wollten; eines wollten wir sicher nicht: den +Krieg.</p> + +<p>Die dritte und weitaus nebensächliche Reihe, die der +örtlich und zeitlich auslösenden Momente, haben wir +nicht zu erörtern, denn uns ist es nicht um Zeitgeschichte, +sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren, +vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klären, +jedenfalls nicht früher, als bis die Einzelheiten der +französisch-englischen Abmachungen und die Vorgänge +des österreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen.</p> + +<p>Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale +Revolution, erzeugt durch äußere und innere wirtschaftliche +Anarchie und soziale Spannung, beschleunigt durch +die Fehler der Kabinette.</p> + +<p>Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +Nationen gesprochen werden soll, so ist es die der Unterlassung. +Es fehlte der Welt an schöpferischen, sittlichen +Gedanken. Jeder fühlte, daß die Erde in ein neues +Stadium der Zivilisation getreten war, daß sie anfing, +eng und gefährlich zu werden. Doch man scheute sich, +die Gesetze dieser Umwälzung, der Mechanisierung, zu +ergründen und um ihre sittliche Erlösung zu ringen. +Große Nationen traten wiedergeboren und ermächtigt +auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen +sich nicht, daß sie gesandt und verantwortlich waren, +der Welt Ideen und Ideale zu schenken. Auch wir haben +nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere Nation sich +verjüngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, +denn wir Deutschen sind um der Idee willen da.</p> + +<p>Nur den einen Gedanken hatten die Völker: wachsen und +sich bereichern, aufsteigen und überflügeln, mächtig werden +und erraffen. Und ihre Staatsmänner dienten diesen +Zielen mit den alten Mitteln der List und Gewalt, mit +den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verständigung, +der Begünstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes +und der Betriebsamkeit, mit den großen Mitteln der +Rüstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der Klügere +zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, +den anderen klein zu kriegen, ohne daß er sich versah. +Selbstverständlich schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, +mein Leben ist dein Tod. Warum sollte das, so meinte +man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch immer +gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle +Nationen waren zum Bewußtsein erwacht und kannten +die armseligen Spielregeln, einer so gut wie der andere.</p> + +<p>Daraus aber war gerade die höhere Pflicht zu entnehmen:<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +Endet dies unergiebige und würdelose Spiel. +Wetteifert; schafft sittliche Ideen, die allen dienen +und niemand vernichten, schafft den universalen Gedanken +der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte +und kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges +Zusammenwirken; tut das soziale Unrecht ab im Innern +und das barbarische im Völkerverkehr; wandelt die +Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit +sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus +und utopischer Duselei; beginnt da, wo die Gefahr am +dringendsten, die Schwierigkeit am größten, die Arbeit +am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, +wenn das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, +zum Geistigen und Menschlichen.</p> + +<p>Noch heute wird es viele geben, die im Glauben +an die Heiligkeit der Interessen und in selbstbewußter +Erkenntnis des sogenannten Durchführbaren – nämlich +des Trivialen – und des sogenannten Uferlosen – nämlich +der sittlichen Pflicht – diese Gedanken verlachen. Ich +sage euch aber: Der kommende Friede wird ein kurzer +Waffenstillstand sein, und die Zahl der kommenden +Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden hinsinken +und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon +dieser Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung +dieser Gedanken.</p> + +<p>Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und +Schiedsgerichte sind möglich und verständig: doch alles +bleibt wirkungslos, sofern nicht als erstes ein Wirtschaftsbund, +eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen wird. +Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen +Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +die Aufteilung und gemeinsame Verwaltung der internationalen +Rohstoffe, die Aufteilung des internationalen +Absatzes und der internationalen Finanzierung.</p> + +<p>Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und +Schiedsgerichte zur gesetzmäßigen Abschlachtung der +Schwächeren auf dem korrekten Wege der Konkurrenz; +ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie +zum Gewaltkampf aller gegen alle.</p> + +<p>Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen:</p> + +<p>Über die Rohstoffe des internationalen Handelns +verfügt ein zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden +allen Nationen zu gleichen Ursprungsbedingungen zur +Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang nach +Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin +wird das wirtschaftliche Wachstum der einzelnen +in Rechnung gezogen.</p> + +<p>Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr +nach entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann +verlangen, daß die ihm zustehende Ausfuhrquote ihm +abgenommen werde. Sie verringert sich entsprechend, +sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die +Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten +Verhältnis ihrer Gütergattungen. Freie Verständigungen +über Abänderungen können getroffen werden, Quotenaustausch +ist zulässig.</p> + +<p>An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen +führen, kann jeder Staat Beteiligungen im Verhältnis +seiner Ausfuhrquote verlangen.</p> + +<p>Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die +vereinbart werden müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg +in seiner alten Form, oder aber, allen Abmachungen<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in +neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder +zur Verarmung der nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, +oder zu unaufhörlichen Kriegsgewittern führt.</p> + +<p>Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der +internationalen Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; +weiterer Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte bedarf es, +um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine freiwillig +anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein +Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein +muß, der als mächtigste aller Exekutiven die Handhabung +der Wirtschaftsordnung zur Verfügung steht.</p> + +<p>Pazifist im üblichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, +weil ich es nicht für möglich halte, irgendein Übel restlos +aus der Welt zu schaffen. Ich halte den Krieg für +ein großes Übel, doch nicht für das größte, und könnte +mir denken, daß noch in Jahrhunderten hier und da +zwischen Völkerschaften gekämpft wird. Niemals wieder +darf es aber geschehen, daß die ganze bevölkerte Erde +dem Blutrausch verfällt. Kein Schlagwort ist so elend +Lügen gestraft worden wie das von den sittlich und geistig +regenerierenden Kräften des Krieges, wie das von der +großen Zeit. Gewiß geschieht an allen Fronten Großes, +und Größeres vielleicht da, wo in dunkler Stille die +Herzen der Mütter bluten. Doch wer hat so frevelhaft +am Wert der Menschheit gezweifelt, daß Mut und Opfer +ihm des Beweises bedurften?</p> + +<p>Kahle Täuschung ist es, zu tun, als ob Front und +Heimat zwei verschiedene Nationen wären, die heldenhafte +der Söhne, die anfechtbare der Väter. Wir alle +sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +Schuld. Jeder ist allen und jeder für alle verantwortlich. +Unser Ruhm ist das mutige Erdulden und Leisten +der Front, das stille Opfern und Entbehren der Heimat; +unser aller Verantwortung ist es, daß das Gesetz Deutschlands +seine Kraft verlor, daß die Sittlichkeit sank, daß +der Geist verflachte. Überblicken wir alle Länder, die +unmittelbar oder mittelbar vom Kriege ergriffen sind, +so finden wir überall die gleiche Entsittlichung in den +Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption, +des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der +Bosheit und Lüge. Überall die gleiche Entgeistigung +in den Formen der Phrase, der Trivialität, der Urteilslosigkeit, +des Selbstlobes, des niederen Massengeschmacks. +Diesen Krieg erträgt die Erde nicht zum zweitenmal, +wenn sie ihn physisch überstände, so ginge sie seelisch zugrunde.</p> + +<p>Doch was bedeutet der nächste Krieg, da der gegenwärtige +dauert? Da in jeder Stunde, von Bruderhand +erschlagen, Menschen, unsere Menschen, unsere Brüder +ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, daß +wir das ertragen?</p> + +<p>Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden +ihn haben. Doch die Zeit ist gekommen, daß die +Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen darf, denn +heute weiß sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten +kann noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und +wird dennoch das Angesicht der Erde nicht ändern, außer +durch Verwüstung.</p> + +<p>Es ist Zeit. Die Großen und Mächtigen haben gesprochen +und den Krieg verurteilt. Es ist nicht einer, +der ihn verteidigt; doch sie wissen nicht, wie sie ihn beenden,<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +sie glauben, daß ihre Forderungen zu weit auseinander +gehen.</p> + +<p>Es ist Zeit, daß die Niederen und Geringen ihre +Stimme erheben und Zeugnis ablegen, denn was in +Jahren geschehen muß, das kann auch heute sein. So +wahr wir fest entschlossen sind, jeder für sein Land zu +kämpfen und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede +uns nicht gewährt wird, so wahr wir uns unverbrüchlich +einordnen in die Gesetze unseres Staates und in die +Gefolgschaft unserer Führer, so wahr ist es unsere menschliche +und göttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von +neuem die Hand auszustrecken und zu sagen: Brüder, +laßt uns in Ehren und in Menschlichkeit uns finden. +Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und Frieden der +Stärkere sein, der selbstgerecht und gekränkt die Versöhnung +abweist, und nicht der wird, wenn es sein muß, +sich schlechter schlagen, der sein Gewissen entlastet. Für +die Unberührbarkeit und Ehre des Landes, für die Freiheit +und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten, ist +Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung +den Kampf will, über den kommt das Blut der Unschuldigen.</p> + +<p>Die Großen haben gesprochen. Es ist Zeit, daß die +Kleinen und Geringen reden, bevor die Steine und die +Gräber ihren Mund auftun. Und da ich unter den Geringen +ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme +erheben, so schwach sie ist.</p> + +<p>So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor +denen ein fallender Tropfen wie Erzklang dröhnt. Auch +wenn keines dieser Blätter in das fremde Land gerät, +so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> +bahnen, denn die Sprache, die aus heißem Herzen kommt, +bedarf keiner Laute, und wenn ihr Ruf auch nur <em class="gesperrt">einem</em> +Herzen begegnet, so wird er ein Hagelkorn des Hasses +schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat in +Tau verwandeln.</p> + +<p>Feinde, Menschen, Brüder, höret! Es ist genug.</p> + +<p>Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn +geschlagen. Im blinden Wahnsinn haben wir eine +Welt zertrümmert.</p> + +<p>Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden +machen. Ihr und wir, wir jubeln, wenn Menschen brennend +aus den Lüften stürzen, wenn Menschen in der +See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet +sterben, wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir +lesen bei Mahlzeiten Dinge, von denen der tausendste +Teil uns erstarren machen müßte. Sind wir noch Menschen?</p> + +<p>Die vier göttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser +und Erde haben wir zu Werkzeugen des Todes gemacht, +und das genügte nicht, Gift und Hunger holte man +zu Hilfe. Aller menschliche Geist zählt und rechnet und +grübelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue +Gewalt, noch eine neue Todesart.</p> + +<p>Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in +fünfzehnhundert Tagen hat der rasend gemachte, gehetzte +Tod ein blühendes, hilfloses Menschenherz zerschnitten, +und mit jedem Schnitt hat er ein zweites liebendes Herz +getroffen. Ungezählt sind die Krüppel, die Blinden, +die Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen über die +Erde und zeugen wider uns und euch. Die Kreuze auf +den Feldern strecken ihre Arme aus, die gemordeten<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> +Wälder recken ihre verstümmelten Äste, die aussätzige +Kruste der Erde, die zertrommelten Städte, sie blicken +auf aus erloschenen Augen und zeugen wider uns und +euch.</p> + +<p>In Erdlöchern, in Schlamm und Wasser hocken seit +vier Jahren unsere Brüder, schützen ihre armen Leiber +gegen giftige Dünste, Eisensplitter und Bajonette und +trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der +Erde und der Völker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. +Bleiche Kinder wachsen auf, bleiche Mütter arbeiten +in Fabriken.</p> + +<p>Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe +sind tot, die See ist verödet. Was noch geschaffen und +geschleppt wird, sind Waffen. In den Städten aber rast +der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung +prassen Bereicherte. Die Versuchung wächst, das Gewissen +betäubt sich, die Sitte wankt.</p> + +<p>Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der +Planet sie niemals trug. Noch immer wächst sie, angefacht +durch Rache, Verleumdung, Angst und Verblendung.</p> + +<p>Und doch ist die Welt nicht böse und nicht schlecht; +sie ist wahnsinnig und blind. Jeder glaubt, der andere +wolle ihn vernichten, und solange jeder das vom anderen +glaubt, bleibt allen nichts übrig, als zu kämpfen. Wollte +aber jemand auch nur einen Tag länger den Kampf +fortsetzen, als Unabhängigkeit, Unberührbarkeit und +Lebensraum seines Landes fordern, so wäre er für sich +allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer +der Millionen, und es wäre ihm besser, daß er nie geboren +wäre.</p> + +<p>Feinde, Brüder, es ist Zeit! Es ist sehr spät, und jede<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +Minute tötet, und doch ist noch Zeit. Denn noch tötet +jeder von uns in gutem Glauben, im Glauben an den +Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich +in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten +wollen, Verblendete, die glauben, man müsse vom Tode +leben, vom Schmerz Gebrochene, die nach Rache schreien, +und, furchtbar zu sagen, vielleicht auch Gewinnsüchtige +und Machtgierige, die nach göttlichem Recht nicht fragen. +Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage +einen Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die +wähnen, der Krieg sei ein Gottesurteil, der Gott des +Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken wie Zeus auf +dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die +Hände seiner Lieblinge geben könne, damit sie mit +ihnen verfahren nach ihrer und seiner Willkür, und neues +Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht glauben das in abgeschwächter +Form auch einige Staatsmänner, und +denken, der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ändern, +daß sie doch noch in aller Stille einige Erwerbungen +machen können; deshalb scheuen sie sich, rund heraus +zu reden und zu sagen, was sie verlangen.</p> + +<p>Aber ich schwöre euch, es gibt nicht ein einziges Volk +auf der Erde, das die Vernichtung eines anderen Volkes +will und wollen kann. Jedes Volk weiß in seinem inneren +Bewußtsein, daß es nur <em class="gesperrt">einen</em> Frieden geben kann und +geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in +zwanzig Jahren geschlossen werden wird, ist genau der +gleiche Friede, der heute geschlossen werden kann und +geschlossen werden soll. Nur versöhnt er nicht mehr +lebendige Völker und gesunde Länder, sondern arme, +verrohte Krüppel und Stätten der Verwüstung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>Prüft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. +An dem Tage aber, an dem ihr, Völker der Erde, das +Wort aussprecht, das einfache, klare, selbstverständliche +Wort: Keinem Volke soll seine Unabhängigkeit und sein +angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen +verkürzt werden, an dem gleichen Tage ist +der Krieg gebrochen und der Frieden in eurer Hand. +Denn die Angst der Völker vor einander ist erloschen, +es können weder Gruppen noch Staatsmänner sie neu +entfachen, sie können auch nicht mehr durch vieldeutige, +geschäftskluge Forderungen den Zweifel offen lassen, +ob nicht doch, unter der Verhüllung von Sittensprüchen +der Angriff auf das Leben des anderen lauert.</p> + +<p>Welchen Weg dann die Staatsmänner wählen, um +die leichte Aufgabe zu lösen, wie man zu Verhandlungen +kommt, ist ganz gleichgültig. Der einfachste Weg scheint +mir der beste. Es sollte zunächst jeder Staat fünf Forderungen +nennen, die er für die wichtigsten hält, dann +kann jeder rückfragen nach dem, was ihm unklar scheint +oder was er nicht verstanden hat, dann soll er antworten.</p> + +<p>Es ist keine Gefahr, daß die Antworten unbefriedigend +ausfallen. Denn wem eine offenkundig ungerechte +Forderung abgelehnt wird, kann ebensowenig um deswillen +den Krieg fortsetzen, wie der, der eine offenkundig +gerechte Forderung ablehnt; es würde ein neuer Krieg +mit neuen Kriegsgründen sein, den niemand will. Sind +aber die Antworten erteilt, so mag man entscheiden, +ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen gestellt oder die +mündliche Verhandlung begonnen werden soll.</p> + +<p>Menschen und Völker, besinnt euch! Es geht um eure +Seelen. Es wird kein anderer Frieden über die Erde<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit und der guten +Gesinnung. Wäre ein anderer Frieden erreichbar, ihr +dürftet ihn nicht nehmen, denn er wäre kein Frieden, +sondern ein heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte +Frieden, der Frieden Gottes kommt, wir mögen ihn +wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns geschenkt, +wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. +Sind wir seiner würdig, so werden wir ihn erleben, +sind wir seiner unwürdig, so werden ihn auch unsere +Kinder nicht erleben.</p> + +<p>Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir +es, und handeln nicht danach, so sind alle unsere Sittensprüche +Heuchelei und unser Gewissen wird am Tage +der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die Verantwortung +für eine Zivilisation und Kultur, für das Glück +und das Leben der Millionen. Diese Verantwortung +ist die kleinere. Wir tragen die Verantwortung um der +Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen, diese Verantwortung +ist vor Gott und ist die größere. Die Seelen +der Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. +Sie fordern von uns nicht Rache, sondern Versöhnung +zur Ehre Gottes. Brüder, wir wollen einander +vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht +der ist schwach, der Vergebung empfängt, nicht der ist +stark, der sie zurückweist.</p> + +<p>Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu +Wasser und in der Luft einander standgehalten und sind +nicht ermüdet. Ihre Taten sind größer als alles Heldentum +der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste +aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet +erlebt hat und erleben wird, und ein Leuchten wird<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +von ihm ausgehen über das Weltall, wenn der Tag anbricht +des großen Opfers, der freien, menschlichen und +göttlichen Versöhnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben +allen Haß und allen Kummer, alle Tränen und +alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der Tag, an +dem wir uns die Hände reichen, um gemeinsam die +Wunden zu heilen, die Witwen und Waisen zu trösten, +die Erde neuaufzubauen. An diesem Tage sind unsere +gefallenen Brüder wahrhaft verherrlicht, an diesem Tage +ist die Erde entsühnt, und das Gottesreich um einen +Schritt der Welt genähert.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span><a name="Charakter" id="Charakter"></a>Charakter</h2> + + +<p style="text-indent: 0em;"><span class="dropcap">W</span>ir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine +andere Größe, Stärke und Freiheit, als die wir +kannten.</p> + +<p>Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen +schaffen, sondern von ihnen geschaffen werden. Die +Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer das Sichtbare +umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen.</p> + +<p>Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen +werden, habe ich oft gesprochen. Zu euch, Freunde, +aber will ich von dem reden, was in der Wirkungsreihe +noch tiefer liegt.</p> + +<p>Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis +wirkt auf Geist und wandelt ihn. Verschieden aber +wird von gleichem Erlebnis verschiedener Geist bestimmt, +und diese Verschiedenheit heißt Charakter.</p> + +<p>Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode +des Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, +deren es, ach, so viele gibt, sie sich aneignen kann. Im +Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir überschätzen +die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der Folgerichtigkeit +hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, +weil sie ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +sie von der Wirtschaft kommt und zur Wirtschaft führt. +Wir unterschätzen die reine Beobachtung des Geistes +und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit +verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und +fürchten uns unbewußt vor den Ergebnissen.</p> + +<p>Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung +eines Menschen oder Volkes, so wird er mit dem geistigen +und seelischen Besitzstand beginnen. Mit Recht. Denn +dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten entscheidet +über das geistige Sein, über den Wert der geistigen +Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, +sondern um ihre Bewegung und Wandlung, um +das Schaffen und Handeln zu tun, hier entscheidet nicht +der intellektuale, sondern der voluntarische Charakter.</p> + +<p>Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir +stehen, wissen wir. Wollen wir wissen, ob und wie +wir die nächste Stufe erreichen, so müssen wir die bewegenden +Kräfte prüfen.</p> + +<p>Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen +und Einrichtungen beobachten, treffen wir, +sofern wir tief genug schürfen, auf die Wurzeln des +intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist und +Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke +wie dem unseren, Trübungen sich zeigen und nicht +weichen wollen, so müssen wir die Ursachen in den +Willenskräften aufdecken können. Nicht in der energetischen +Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig, +sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener +Aktivität.</p> + +<p>Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen +und Gesinnungen habe ich in einem Buch, das vielen<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> +von euch bekannt ist, geschildert. Bei ihnen wollen wir +nur so lange verweilen, bis uns über die Einheitlichkeit +ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der +Beobachtung unseres Charakters wiederfinden.</p> + +<p>Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen +und sozialen Aufbaus sind die gleichen wie +in aller übrigen Welt, sie fordern keine gesonderte Betrachtung. +Mit einer Ausnahme: der Aufstieg ist bei uns +viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen +Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen +Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück.</p> + +<p>Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs +vergleichbar, sind unsere politischen Schwächen, die wir +diesmal nur flüchtig streifen wollen.</p> + +<p>Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer +Komplikation, Reibung und Hemmung. Vollkommene +Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines Verfügens auf +lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet; +denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches +Veto, dem kein Jubeo entgegensteht. Er muß +paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten, verbündeten +Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten +Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen +eigenen Räten, mehreren Parlamenten und zahlreichen +Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten, Gewerbevertretungen, +Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. +Jeder kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann +froh sein, wenn er ein paar Jahre laviert, paktiert +und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich zur +Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, +oder die niemand versteht. Man wendet ein,<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> +daß Bismarck mit diesem System ein Menschenalter +regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen Talisman, +den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die +Unabsetzbarkeit.</p> + +<p>Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller +Staat sind. Ein Staat, in welchem mit Hilfe einer beamteten +Gelehrsamkeit alles Historische und Überlieferte +nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und überliefert +ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und +Demokratie vor dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, +in welchem viele Sonderrechte bestehen und niemand +eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt. +Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, +der nicht als Angehöriger oder Assimilant des +militärischen Feudalismus, des feudalisierten Bureaukratismus +oder des feudalisierten, militarisierten und +bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in +welchem mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft +durch dauernde politische, kirchliche und militärische +Führungskontrolle, eine Auslese der Begabungen stattfindet, +die man als Gegenauslese bezeichnen kann. Ein +Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend +von der Politik fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen +berührt werden, oder wo Beziehungen zu +gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum +folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel +der kontrollierenden Autorität, zu einem Drittel ist es +in Opposition.</p> + +<p>Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. +Die Reform dieser Parlamente, zumal des +Reichstages, ist weit notwendiger und dringender als<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines +verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. +Ihre geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, +als ein geistig hochentwickeltes Volk sie von sich verlangen +kann. Überwiegend bestehen sie aus Ortsgrößen und +Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische +Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist +vorwiegend Abänderung, vielfach Verschlechterung von +Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene Initiative ist +selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut. Routinierte +Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln +leicht mit den Parlamenten fertig, auch in +erregten Sitzungen. Für die Machtlosigkeit der Parlamente +entschädigen sich die Kommissionen und die gewandteren +Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, +die man ihnen gewährt. Würden unsere Parlamente +heute vor die Aufgabe gestellt, Koalitionsministerien +zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen selbst, daß ihre +Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden +messen können. Alles in allem kann man sagen: es +würde ohne unsere Parlamente ebensogut oder besser +regiert werden, als mit ihnen. Dereinst sollen sie die +Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, +die Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie +bestenfalls das kleinere von zwei Übeln.</p> + +<p>Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, +wie die, welche die Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles +System, daher parlamentarische Machtlosigkeit, +daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher parlamentarische +Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem +Parlament größere Verantwortung zu gewähren, daher<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +halbkonstitutionelles System. Den Zirkel könnte nur das +Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch, parlamentsmüde, +noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat, +indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung +kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung +aber stiftet der angebliche Gegenbegriff Autokratie und +Demokratie.</p> + +<p>Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, +das war sein Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, +daß er fast mit dem Makel der Unehrlichkeit behaftet +wurde, das war sein Unrecht. Machte Liberalismus +den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und +ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus +offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte +Obrigkeit und Abhängigkeit; und so erscheint +er den meisten noch heute. Man denkt an Pöbelherrschaft +und Kommunismus und kommt sich klug vor, +wenn man beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich +autokratisch regiert wird.</p> + +<p>Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere +als die autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. +Autokratie und Demokratie sind nicht Gegensätze, +die sich ausschließen; im Gegenteil, nur durch Vereinigung +kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer Grundlage +kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit +autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt.</p> + +<p>In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften +und Massen. Regieren aber ist Kunst, sie kann +nur geübt werden, wenn der schaffende Mensch ungestört, +unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert +er ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot,<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> +regiert er ohne Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, +so ist er Stümper.</p> + +<p>Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie +macht Vertrauen möglich. Vertrauen schenkt man dem, +den man kennt und will, nicht dem, der ernannt +wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen +erwerben; bis er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. +Das Vertrauen zum Erwählten muß und +soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein anderer +richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, +und nach einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch +den Begriff des Vertrauens, womit nicht der plumpe +Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern geistiges +Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und +Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer +Verantwortung gewachsen ist.</p> + +<p>Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen +Autokratismus, stellen ihm die demokratische Wahlform +eines machtlosen Parlaments gegenüber und machen aus +unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte Kontrollen +den uns auferlegten Staatsmännern das an sich +unmögliche Leben noch unmöglicher.</p> + +<p>Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer +Charaktereigenschaften unser politisches Leben verwirrt +und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung erschwert, sei +eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres Verhältnis +zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge +betrifft.</p> + +<p>Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich +bleiben jene Augusttage auch für den, der +hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen sah. Bald<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, +der in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in +der brüderlichen Opferfreude der Älteren anfänglich +verklungen war. Bald wurde fühlbar, es gab auch solche, +die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften, +sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für +geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es +gab auch beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. +Während draußen die ersten und herrlichsten Taten geschahen, +während die erste, heißeste Hingabe der Heimat, +zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich die +ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während +das Volk an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert +wurde, verebbte der Geist. Nie hatte es ein derartiges +Absinken der geistigen Ebene Europas in so +kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz +mit dem der Massen zu aufgeregter, unduldsamer +Suggestion, die jede Prüfung und Besinnung verpönte, +das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde ausgesprengt, +geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder +verfolgt, der nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz +trat auf, die man nicht anders als die Ranküne des +Ungeistes benennen kann, und die sich, unausgesprochen, +folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir +die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch +nannten, die niemand von uns verstand, und die uns +mißfielen, gegen uns gelten lassen müssen. Das hat +jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt herrscht +der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt +bezwingt. Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen +und hören, was wir verstehen, und was uns freut.« Und<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +wirklich, bis in die Auslagen der Läden drang der gut +bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und Pfeifenkopfhumor, +in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las +man Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, +und im Parlament stimmte man einem Redner zu, der +die fünfhundertste Aufführung einer rührenden Operette +als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries.</p> + +<p>In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile +über fremden und eigenen Volkscharakter. Einem leidenden +und erbitterten Volke ist es nicht zu verübeln, wenn +es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in +Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich +in leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten +Hasse hingibt; und dieser Haß wütet in der Heimat noch +rückhaltloser als im Felde, wo ritterliche Anerkennung +feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In solchen +Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten, +wenn er nach allgemeinem Urteil strebt.</p> + +<p>Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von +außen betrachtet, anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. +Solange die Völker nahezu anarchisch, nach +Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet +und zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen +raubtierhaft erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere +zu sein brauchen. Erscheint es nach außen gutmütig, +freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein +Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, +sondern ein Beweis von politischer Schwäche und schlechter +Leitung. Der anarchische Zustand soll und wird aufhören; +dann werden die Völker als kollektive Gebilde das +Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +und sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen +Zustand, die gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit +will, soll man sich nicht damit brüsten, wenn man nicht +den Willen, die Kraft oder den Erfolg der vereinbarten +Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die +Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner +nicht das Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, +der andere habe ihm in hinterlistiger Weise +seine Dame genommen oder seinen König eingekreist. +Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten +fast alle Mittel im Frieden und Kriege erlaubt. Das +darüber hinausgehende Unrecht fällt jedoch meistens +einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist +es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen +läßt, das Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der +Regel an der Einseitigkeit der Berichterstattung und der +Schwierigkeit der Nachprüfung.</p> + +<p>Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher +als man glaubt. In jedem Volke gibt es Heilige +und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose, Helden und +Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, +in allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener +als die Völker untereinander sind die Schichten innerhalb +ein und desselben Volkes. Die meisten Vergleiche populärer +Psychologie haben den Fehler, daß man ungleichartige +Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt +man bei sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere +Schicht zum Vergleich. So entstehen jene grauenhaft +trivialen, grundfalschen Populärurteile, die mehr +als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker +zu entzweien.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. +Es ist nicht Sache der Wissenschaft, noch weniger der +bürgerlichen Beobachtung, sondern der Einfühlung. +Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder Verfassung +eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen, +dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo +gelebt und gute oder schlechte Geschäfte gemacht hat; +das Einfühlen in die Natur eines einzelnen, das viel +schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes fordert +intuitive, ja dichterische Begabung.</p> + +<p>Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten +weit entfernt, und viele der Gebildeten unter +unseren Gegnern sind es noch heute. Von Geschäftsreisenden, +Berichterstattern und Stubengelehrten ließen +wir uns mehr erzählen als nötig war, selten wurde ein +berufener Beurteiler gehört, viele wollten oder mußten +schweigen.</p> + +<p>So war die Stimmung vorbereitet für das beschämendste +und undeutscheste, was in diesem Kriege geschah, +die maßlose, schamlose Ausschüttung des Selbstlobes. +Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, +zur Mißachtung des Gesetzes, zur Überempfindlichkeit +der Stimmung beigetragen als die langandauernde tägliche +Selbstverherrlichung. Denn was brauchte ein Volk +von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem Gott allein, +vor allen anderen, sämtliche Tugenden und Begabungen +verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, +nur wir waren tapfer und hingebend, nur wir waren +tief und genial, sittlich und heldenhaft, gläubig und +seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen +verworfen. Warum Gott die übrigen so unzulänglich<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> +geschaffen hatte? Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. +Wir waren das auserwählte Volk, gesandt, um +allen Völkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen.</p> + +<p>Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte +genannt hat. Es war kein schlechtes Volk, es hat der +Welt die Offenbarung, viele Propheten und ein herrliches +Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes +auf Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut +worden, seine Kinder haben zweitausend Jahre +in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße und Tränen +ist noch heute kein Ende.</p> + +<p>Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser +Frevel falle.</p> + +<p>Wir sind kein auserwähltes Volk und wollen es nicht +sein. Wir sind ein junges Volk und haben dennoch +eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf unserem Boden +sind große Helden erwachsen, die höchsten Dichter und +Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die +Musik der Welt ist auf deutschem Boden erstanden.</p> + +<p>Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von +uns stammt unvermischt von taciteischen Germanen, +wenige entstammen der Oberschicht, die den deutschen +Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die +meisten sind Kinder der namenlosen, unhistorischen +unfreien Unterschicht, von der die Wissenschaft nichts +weiß; viele sind zugewandert. Wir sind jung und wissen +wenig von uns. Wir wissen, daß sich unsere Jungen +gut schlagen. Wir wissen, daß wir organisierbar und +disziplinierbar sind, daß wir uns in die mechanisierte +Welt vollkommen eingefügt und sie vorwärts gebracht +haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> +bedeutende Technik. Seit dem Ende jener großen Umschichtung, +seit hundert Jahren, sind uns höchste Geister +nur spärlich erstanden. Doch fühlen wir uns als die +Erben und geistigen Nachkommen jener Großen, weil +wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir +dürfen hoffen, daß etwas Verwandtes in uns lebt und +sich immer wieder verkörpern wird. Wir ringen um die +Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres +Staates. Vor allem: wir blicken uns in die Augen und +fühlen das herzliche Vertrauen vom einen zum anderen, +zum guten Willen und zur reinen Kraft; wir blicken in +die lieben Augen unserer Frauen und fühlen die blühende +Wärme des Lebens und die gesegnete Verheißung der +Zukunft.</p> + +<p>Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern +voraus, eines, das keine Ruhmredigkeit gestattet und +keinen Neid herausfordert: die Härte und Schwere der +metaphysischen Pflicht.</p> + +<p>Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben +gegeben, das Streben zur Sache, zu den Dingen und zur +Wahrheit: damit wir das Nahe und das Ferne erfassen +und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung +zum Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit +üben, uns selbst härter prüfen als alle anderen, und das +schwerste von uns verlangen. Und deshalb ist uns harter +Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt, +damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen +Geist zu verherrlichen.</p> + +<p>Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, +das anderen freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die +Gnade der bitteren Verantwortung, die auf uns gelegt<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +ist, voll erfassen, so werden wir die dankbarsten aller +Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die demütigsten +sein.</p> + +<p>So sind wir zur Selbstprüfung unseres Charakters +zurückgekehrt und haben die Härte der Unerbittlichkeit +gewonnen. Mit ihr die äußere Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. +Wehe dem, der die innerlichen Momente +des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert +und belauscht, um seiner zu spotten oder gegen +ihn zu zeugen. Er hat das Recht des Zeugens und des +Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn schleudert ihn +und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem +Maße sittlich gewertet wird.</p> + +<p>Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts +übermäßig Schweres. Unsere Besten haben es uns oft +gesagt, bald spottend, bald schmähend; was sie uns nicht +gesagt haben, und was wir selbst uns sagen müssen, das +sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen +wesentlichen Schwäche unseres voluntarischen Charakters.</p> + +<p>Uns Deutschen fehlt das persönliche Unabhängigkeitsgefühl, +wir neigen zur gewollten Abhängigkeit.</p> + +<p>Verwechseln wir nicht Unabhängigkeit mit Zuchtlosigkeit, +vermengen wir nicht Abhängigkeit und Treue.</p> + +<p>Ein Mann soll Zucht halten und Zucht üben, denn der +Kosmos ist eine Ordnung, nach seiner Idee hat jedes +Glied zu tragen und zu lasten, zu leisten und zu leiten. +Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ, der Gewalt; +als Freie sollen wir nicht Machthabern gehören +und gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Führung +anvertrauen und hingeben. Von trauen kommt<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +Treue, sie ist das freiwillige, überzeugte, unverbrüchliche +Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein +begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; +Treue, die höchste irdische Pflicht, ruht auf +Freiheit und Wahrhaftigkeit.</p> + +<p>Das bedeutet nun freilich nicht, daß ein jeder sich nach +Willkür die Bindungen auserwählen kann, welche er +auf sich nehmen will, und welche nicht. Ein bestehender +Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem eine wirkende +Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der +Ordnung der Gesetze so unverbrüchlich sind, wie höchste +irdische Pflicht es nur sein kann. Somit ist jede Frage +der Unterwerfung unter rechtskräftiges Gesetz und seine +Ausübung der Erörterung entzogen.</p> + +<p>Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform +man will und welche man nicht will, ob man +dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu stürzen oder +sich zu selbstgewollter Bindung zu fügen, ob man neigt, +sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder +der Idee, ihrer Verkörperung und ihren Trägern zu +folgen, ob man der Person oder der Sache gehört, ob +man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein +Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher +Hütung und Hegung zu leben wünscht, oder ob man gewillt +ist, Verantwortung zu tragen und zu fordern.</p> + +<p>Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu +beigetragen, daß wir uns niemals lange fragten, ob, mit +welchem Recht, in welcher Form, und zu welchem Zweck +eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur ordentlich +erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis +mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +Fremdherrschaft willig hinnahmen. Doch täuschen +wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein Erbteil +nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue +von höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen +war, sondern der unfreien, dienstgewohnten und +verängsteten Unterschichten, die allzulange, vor allem +im mittleren und östlichen Teile des Landes, die Masse +der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert +galten hier die Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß +und Peitsche, und der Adel nannte seine Hintersassen +die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen +mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, +Franken und Schwaben weist die Abstufung des Abhängigkeitssinnes +in Charakter und Lebensform. Nicht +nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. +Die heroische und geistige Vergangenheit einer Oberschicht +hat nicht immer die Wirkung eines Vorbildes; sie +kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt, nämlich +distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für +sich verlangen.</p> + +<p>Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns +der Eigenart unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht +bewußt sind, und daß wir seine sichtbarsten Folgen, +die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens, die +militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische +Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen +des bürgerlichen Lebens, den schroffen und zurechtweisenden +Verkehrston, das umspannende Netz der Verordnungen +und Verbote, die Bevorzugung der Stände, +die zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher +Behandlung, die Ansprüche der Besitzer und Interessenten<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> +so gar nicht empfinden. Es fehlen uns die +Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in +gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht +zu werden pflegen, lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere +Auswanderer der letzten Menschenalter sind nicht heimgekehrt, +sicher nicht aus Mangel an Heimatsliebe, oder +aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten +sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie +ihnen durch Vergleich bewußt geworden war.</p> + +<p>Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, +wie jede menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden +grenzen. Man rühmt unsere Organisation, besser gesagt, +unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und Disziplin. +Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen +ist, geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was +geordnet ist, stimmt. Das ist gut und soll so bleiben. Doch +es ist nicht gleichgültig, um welchen Preis das letzte +Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige schöpferische +Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte +Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten +rechtfertigt kein Höhepunkt der Präzision. +Selbst wenn nationale Monopolstellungen, etwa auf +dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige +Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, +wäre es bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg +hat gezeigt, daß solche Sondervorteile nicht bestehen.</p> + +<p>Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige +Gefahren. Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges +übertragen, bedeutet Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, +Haften an Überlieferung, an herkömmlichen +Denkreihen und Methoden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff +und den Historismus zu Tode. Wir wagen keinem +Gegenstand unbefangen ins Auge zu sehen, ihn zu werten +und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum über +ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und +Analogien erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen +ihn jedesmal, nachdem wir ihn gutwillig oder mit Gewalt +logisch gemacht haben, am Ende schlechterdings +billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu lassen. +Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, +unsere konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, +sofern sie jünger ist als ein Menschenalter, scheint +ihr geboten.</p> + +<p>In der Verwaltung haften wir an der Tradition. +Eingestanden oder nicht: Man sehnt das Vorbild des +alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen, unmechanisierten +Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft +vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette +verwaltet werden konnte. Die Bewegungsfreiheit der +Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe ich +geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, +mit Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; +man betrachtet diese Abhängigkeit als ebenso gottgewollt, +wie die der Führung, der Anschauung, der Atmosphäre.</p> + +<p>In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen +Parteien programmatisch erstrebt. In der +Praxis würde man erschrecken, wenn sie gewährt würde. +Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von +den bestimmenden Personen zustande gebracht werden +könnte, ist fraglich. Man würde vorziehen, die Verantwortung +in gewohnter Weise übernommen zu sehen,<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen +Namen auf der Liste zu finden.</p> + +<p>Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der +militarisch-feudalen und der bureaukratischen sowie von +der emporgedrungenen plutokratischen Schicht, die sich +gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner verstärkt, +ist nichts weiter zu sagen.</p> + +<p>Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer +Ebene ist das gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum +auswirkt.</p> + +<p>Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- +und Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will +sie nicht entbehren. Der innere Grund ist vermutlich +der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer Aristokratie +für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der +junge Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat +zu bilden, verlangte man nach Legitimation. Diesem +Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt, halb humorvoll +berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der +Schätzung nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen +und Auszeichnungen. Viele wurden dem Bürgertum +zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht verübeln, +ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, +daß eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, +eine entschiedenere der politischen Gesinnung an die +Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil war offenkundig: +Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend +Mark für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die +Würde eines Königlichen Kommerzienrates erhalten, so +war es ihm und den Seinen eine Befriedigung, daß eine +Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen Verhältnisse<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +vorausgegangen, und somit auch nach außen der +Beweis erbracht war, daß die nackte materielle Leistung +allenfalls den Anlaß, keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen +Erhöhung ausmachte.</p> + +<p>Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich +bewußt sind, welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die +selbstgewählte Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums +ihnen gewährt. Unter Hunderttausenden von +bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet sich kaum +ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde +vor dem Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, +im bürgerlichen Verhältnis war er selten. Zieht +man die Wirkung auf Anhang und Gefolgschaft in Betracht, +so ergibt sich, daß die als läßliche und gutartige +Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der +ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den +Verzicht eines bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz +auf politische Unabhängigkeit.</p> + +<p>Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns +von den bürgerlichen Schichten zu den Organisationen +des Proletariats, und finden die Abhängigkeitssucht in +ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom wissenschaftlichen +Dogma, Abhängigkeit der Massen von den +Führern, Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen +Atmosphäre, Abhängigkeit der Führer von den +Massen. Käme Christus wieder und verstieße wider das +Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der Parteiversammlung +nicht sicherer als anderswo.</p> + +<p>Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins +Wirtschaftsleben geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht +aus starkem Charakter und unbeugsamer Überzeugung,<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> +sondern im Dienste des Kampfes um mein und dein. +Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können +wir sein, wenn es sich lohnt. Um einer Million willen +lohnt es, um lumpiger Ideale willen lohnt es nicht.</p> + +<p>Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, +den wir haben, und der einzige, der gezügelt sein sollte, +verbunden mit einer unerhörten Schulung im geschäftspolitischen +und dialektischen Gebaren entwickelt sich zu +unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär +des »Allgemeinen Deutschen Verbandes zur +Wahrung der Interessen sämtlicher Zweige der ausgestopften +Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d. +I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und +formgewandt, von der Tribüne die Bedeutung der ihm +anvertrauten Interessen erläutert und mit historischen, +geographischen, ethnographischen, handelspolitischen, +finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein +menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann +auf unsere Ostpolitik übergeht und darlegt, daß sie unter +Umständen nicht weit entfernt sei, einen gewissen unendlich +wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen, +so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann +Hunderttausende von Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, +Handelskammereingaben und Abgeordneteneinsprüche +die Warnung wiederholen, so werden +manche seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine +Gesamtpolitik zu ändern. Da es schließlich keine Politik +gibt, die nicht irgendwelche Interessen verletzt, so muß +es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge +unternommen werden können, deren Gegeninteressenten +schwach, mißliebig oder spärlich sind; das bedeutet die<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +letzte Einschränkung unserer ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. +Wir gehen am Interessenten zugrunde.</p> + +<p>Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren +herab und finden weniger freundliche Züge unseres +Dranges zur Abhängigkeit.</p> + +<p>Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge +erstarrt zu einer lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, +verbunden durch die eiserne Klammer der +Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied organischer +Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte, +seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch +die Bestimmung: wen er kommandiert und wer ihm etwas +zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich jede Beziehung +in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der +Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte +der Schüler, der Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, +der Schalterbeamte ist der Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, +das Militär ist der Vorgesetzte des Zivils, +und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des +zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als +Vorgesetzter des Eingeborenen.</p> + +<p>Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen +Ursprungs wird in anderen Sprachen als der deutschen +fast nie gebraucht; wir haben es jeden Tag nötig. Es +durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen, +fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und +soll etwas anderes bedeuten. Selbst Gehorsam und +Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene Menschen keine +Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, +den Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> +Unterwerfung eines Menschen unter das Gebot eines +anderen Menschen, und die Symbolik der Ehrenbezeigungen, +die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt +rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, +daß in zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen +wird, je nachdem man von unten nach oben +oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird untertänigst +erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst +gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, +legt sich zu Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet +und im besten Falle ersucht. Hier wird in der dritten +Person Pluralis gesprochen, in Ermangelung einer vierten, +dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren zum +älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint +unter Umständen das ganze Volk als ein kollektiver +Untergebener oder Untertan, es wird zur Treue, zur +Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt.</p> + +<p>Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter – +Untergebener findet ein gewisses Gleichgewicht in sich +selbst: Schärfe gegen den Untergebenen findet ihre Grenze +in der Vorsicht gegenüber dem eigenen Vorgesetzten; +bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung +nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte +unerreichbar oder nicht vorhanden ist. Solche +Folgen sind vorzeiten gelegentlich im Auslande und in +Kolonien entstanden.</p> + +<p>Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen +Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient +ihr dazu, die bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie +sich gern patriotischer und theologischer Argumente bedient, +so hat sie den wirksamem Ausdruck der gottgewollten<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> +Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, +die überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, +welche die inneren Verhältnisse klar überblickt und über +auswärtige Vergleiche verfügt, wird denn auch häufig +und vorurteilslos über das einheimische Subordinationswesen +gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum +vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland +gewürdigt. Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend +mündig, die feudale Schichtung für zu unentbehrlich, +um eine Änderung zuzulassen.</p> + +<p>In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. +Man kann sich keinen anderen Zustand vorstellen als den, +daß jeder, der es sich leisten kann, kommandiert, und jeder, +der es sich gefallen lassen muß, kommandiert wird. Was +man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, +und noch etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu +kommen, diese Dinge als Sittenfragen zu behandeln? +Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben.</p> + +<p>Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser +Land auf den schroffen Begriff der Subordination gestellt +ist, während Länder weit geringerer Zivilisationsstufe +sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende +gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis +im Sachlichen sich auswirken zu lassen, +auf menschliche Beziehung soll es nicht übergreifen. +Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß +ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem +es Menschen gab, die andere grob behandelten, und solche, +die sich grob behandeln ließen. Unsere Gutmütigkeit, +die für den Begriff des Anschnauzens mindestens ein +Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat, entschuldigt<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> +uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, +doch es bleibt genug übrig, was zu denken +gibt.</p> + +<p>Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit +schädigt den Menschenwert. Wir brauchen +Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen unter +euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus +vor dem Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen +ließen? In den frohesten Ruf mischte sich ein aggressiver +Schnarrton von Subordination. Bismarck sagte in theoretischer +Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle +des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß +das Vaterland unser Land, der Staat unser Staat, und +unsere Treue zum König die freie Zustimmung und Gefolgschaft +freier Männer ist?</p> + +<p>Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls +niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen +mögen genügen. Wenn das männliche +Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und Auflehnung, +sondern Passivität. Man muß sich manches +gefallen lassen und tröstet sich damit, daß es dem Nächsten +nicht besser geht, und daß man sich vor ihm nicht zu +schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre Schwächen, +man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind +sie kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, +ist man nicht aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, +da wäre das Spiel verdorben. Beim Unglück +des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim ersten +Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und +Neid am Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. +Ist jedoch ein plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span> +alle Untugenden des Emanzipierten, denn der innerlich +Unfreie wird durch Befreiung nicht zum Herren.</p> + +<p>Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht +viel zu befürchten. Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, +er ist nicht weit davon, ein nationales Laster +zu sein.</p> + +<p>Überblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten +Unabhängigkeitsgefühls und des ausgesprochenen +Abhängigkeitsdranges, so dürfen wir sagen: +Eine Todsünde belastet uns nicht. Wir sind nicht Sklaven, +wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind +nicht Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. +Es ist nicht unsere Sache, von unseren Tugenden +zu reden; dies wissen wir, und das mag genug +sein: Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, was +unser Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft +geduldet hat.</p> + +<p>Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhängigkeitsbedürfnis +ist eines der schwersten Hemmnisse +des inneren und äußeren Aufstieges, es ist der politische +Kardinalfehler eines Volkes.</p> + +<p>Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten +Entschlusses, den Adel rückhaltloser Entäußerung und das +Herrentum des Wollens zur eigenen Verantwortung +voraus. Würde, Adel und Herrentum aber können in +gewollter und geduldeter Abhängigkeit nicht erstehen.</p> + +<p>Gewiß wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen +Weg schreiten, und Einrichtungen werden ihr +folgen. Doch beiden voran muß der Aufschwung des +Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch +eine einzige Schwäche unseres voluntarischen Charakters.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>Würden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk +die vollkommensten Einrichtungen des staatlichen und +kulturellen Lebens beschieden, es wäre umsonst. Sie +würden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung +und unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine +Güter und Institutionen nur auf derjenigen Höhe halten, +auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen fähig ist.</p> + +<p>Früher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, +denen wir entgegenstreben, heute weise ich euch den +friedlichen Kampf, dessen Beginn vielleicht, dessen Ende +ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf um die Seele +unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und +Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. +Sie ist nicht die Sendung des Militarismus, sie ist auch +nicht die Sendung der Mechanisierung und der Technik, +obwohl sie diese Nützlichkeiten nicht verschmäht, sie ist +am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist +die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: +die Sendung des reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren +und unerbittlichen Geistes. Diese Sendung fordert nicht +Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige Männer. +Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und +Schneider für London und Newyork zu liefern, sondern +als freie Männer auf freiem Boden brüderlich mit den +Völkern zu reden und zu wirken, nicht um des billigen +Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit +willen; ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu +empfangen, was wir brauchen.</p> + +<p>In eurem Kampfe zählen die Jahre nicht. Es wird euch +bekämpfen die Herrenkaste, und das ist schade, denn es +sind tüchtige Menschen, klug, mutig und eigenwillig.<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> +Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an Phantasie; +sie wissen nicht, daß im Sturm das fahrende Schiff +sicherer ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, +daß in einem freien Volke ihre Eigenart mehr wert ist +als in einem, mit dem sie kämpfen. An ihnen haften +zwei Sünden: Sie haben das Volk unmündig gehalten, +um es leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer +Herrschaft die Verantwortung zu tragen für jenes Menschenalter +schlechter Führung, das die Gewitteratmosphäre +schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf ihnen +lasten.</p> + +<p>Bekämpfen werden euch die Interessenten, und das +ist gut, für euch wie für sie. Sie wissen nicht, daß mit der +geistigen und wirtschaftlichen Anarchie, die sie im Lande +erregen, sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Sie +müssen lernen, daß mit den Geschäften von heute auf +morgen, die sie erstreben und um die sie sich würgen, +das Korn vor der Ernte zertreten wird. Das Futter +wird nicht mehr, sondern besudelt und verstreut, wenn +man aus Gier mit beiden Füßen in den Napf springt; +die Welt ist eng geworden, sie ernährt uns nur dann, +wenn die Arbeit sorgsam geordnet und geteilt wird.</p> + +<p>Bekämpfen werden euch die Indolenten und mehr noch +die Originalsüchtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache +zu tun, sondern um ein apartes, literarisch verwertbares +Gerede von der Sache. Sie glauben die Welt zu ändern, +wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen und +im Kaffeehaus neue Zeitwörter ausdenken. Mit beiden +werdet ihr fertig, denn sie haben einen kurzen Atem.</p> + +<p>Beginnt ihr zu zweifeln und fühlt ihr euch im Kampf +ermatten, so erfüllt euch mit dem Bilde des ragenden<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span> +inneren Deutschlands, das wir im Herzen tragen, des +Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der +Innigkeit, des reinen Glaubens; tränkt und sättigt +euch mit diesem Bilde, und blickt um euch. Seht ihr +dann noch das kreischende, gierige Werben, die vergifteten +Genüsse, die zynischen Gestalten der frechen List +und der brutalen Schaustellung, die unwürdigen Gebäude +und barbarischen Schaustücke: dann hat das neue +Reich das alte noch nicht überwunden und der Kampf +geht weiter.</p> + +<p>Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. +Kein Ereignis von außen, nicht das Glückbringende, +nicht das Bedrückende spricht euch los. Bei euch, in euch +beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr +befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur +wenn ihr gerecht seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig +seid, begüten, wenn ihr gläubig seid, erwecken.</p> + +<p>Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie +preisen was sie besitzen, und festhalten, und dazu erwerben +wollen. Oder um der Macht zu schmeicheln, +oder, weil man es sie gelehrt hat.</p> + +<p>Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die +sagen, es sei anderwärts nicht besser. Die Tugenden +der anderen sind nicht unser Vorbild, deshalb sind ihre +Laster uns keine Entschuldigung. Es ist niedrig, das eigene +Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen.</p> + +<p>Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen +Schriftgelehrten, die verkünden: »Alles bleibt beim +alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle Eigenschaften, +die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine +unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span> +eine veraltete Tugend. Die unterworfene Menschheit +hat den Weg von der Sklaverei zur Hörigkeit, von der +persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des +Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und +Solidarität nicht Halt machen. Mit der Erscheinung +reift das Erlebnis, im Parallelismus der Gestaltung +und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und +Irrationalen.</p> + +<p>Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen +Vorbild, denn wir leben in der Zeit geistiger +Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern sich selbst hören +will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen +Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und +geigte ihnen heim von Kanzeln und Kathedern. Doch +je mehr wir uns sträuben, desto härter werden wir geführt, +und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren +Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon +uns lenkt.</p> + +<p>Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig +den Weg, den wir gezwungen schreiten. Denn wozu +wären euch die seltenen, köstlichen Dinge gegeben: das +schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der Verheißung, +die erwachende Liebe zum Menschen? An +Macht aber wird es euch nicht fehlen, denn Macht wird +dem Volke geschenkt, das die Idee trägt, in dem Idee +und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich selbst +Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge +haben. Dauernde Macht kann nur der schenkende +Geist, die adlige Verantwortung, die Autorität der Idee +erwerben, erhalten und ertragen.</p> + +<p>Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> +Händen, die leuchtende und zündende, die verheerende +und verklärende.</p> + +<p>Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. +Seid gesegnet mit Härte und Unerbittlichkeit. Die soll +euch fest machen gegen euch selbst und gegen den Versucher. +Sie soll euch Not und Sorge machen, damit +ihr den göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt.</p> + +<p>Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung +und dienendem Herrentum. Die sollen euch niederdrücken +und euch erheben, euch zu Dienenden und Schenkenden +machen, damit die Welt von euch empfängt und sich +euch hingibt.</p> + +<p>Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem +Herzen, damit ihr durch alle Zweifel und Finsternisse +stürmt und den Frieden der glaubenden Seele erringt.</p> + +<p>Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als +ein Feuer aus euch schlagen, soll euch und das Land +läutern von den Schlacken der Zeit und Vorzeit, und auffahren +als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden.</p> + +<p>Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes.</p> + + +<p class="geschrieben"><em class="gesperrt">Geschrieben im Juli</em> 1918.</p> + + +<p class="printer"><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span><em class="gesperrt">Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei in Leipzig</em>.</p> + + + +<div class="advertisements"> +<p class="werke"><em class="gesperrt">Werke von Walther Rathenau:</em></p> + +<p class="titel">Zur Kritik der Zeit</p> +<p class="auflage">Fünfzehnte Auflage</p> + +<p class="titel">Zur Mechanik des Geistes</p> +<p class="auflage">Neunte Auflage</p> + +<p class="titel">Von kommenden Dingen</p> +<p class="auflage">Fünfundsechzigste Auflage</p> + +<p class="titel">Deutschlands Rohstoffversorgung</p> +<p class="auflage">Neununddreißigste Auflage</p> + +<p class="titel">Probleme der Friedenswirtschaft</p> +<p class="auflage">Fünfundzwanzigste Auflage</p> + +<p class="titel">Streitschrift vom Glauben</p> +<p class="auflage">Vierzehnte Auflage</p> + +<p class="titel">Vom Aktienwesen</p> +<p class="auflage">Zwanzigste Auflage</p> + +<p class="titel">Die neue Wirtschaft</p> +<p class="auflage">Sechsundvierzigste Auflage</p> + +<p class="titel">Zeitliches</p> +<p class="auflage">Zwanzigste Auflage</p> + +<p class="titel">Gesammelte Schriften in fünf Bänden</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, +das Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_9">S. 09</a>: zum ersten- und zum letzenmal → letztenmal</li> +<li><a href="#Page_49">S. 49</a>: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß → ist, daß</li> +<li><a href="#Page_59">S. 59</a>: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel → ein Büschel</li> +<li><a href="#Page_63">S. 63</a>: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes → daß</li> +<li><a href="#Page_83">S. 83</a>: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde → Gebärde</li> +<li><a href="#Page_98">S. 98</a>: geistigen und seelichen Besitzstand → seelischen</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been +moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau’s +other works has been moved to the back. The table below lists all +corrections applied to the original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_9">p. 09</a>: zum ersten- und zum letzenmal → letztenmal</li> +<li><a href="#Page_49">p. 49</a>: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß → ist, daß</li> +<li><a href="#Page_59">p. 59</a>: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel → ein Büschel</li> +<li><a href="#Page_63">p. 63</a>: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes → daß</li> +<li><a href="#Page_83">p. 83</a>: [normalized] die Wagnersche Geberde → Gebärde</li> +<li><a href="#Page_98">p. 98</a>: geistigen und seelichen Besitzstand → seelischen</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND *** + +***** This file should be named 23396-h.htm or 23396-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/3/9/23396/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by the +Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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