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Beck'sche Verlagsbuchhandlung _Oskar Beck_ + _München_ 1908 + + C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen + + +[Illustration: Pauline Brater] + + + + +Vorwort + + +Wer ist Frau Brater, oder wer war sie? + +Warum sollen wir uns für sie interessieren? Ist sie eine Künstlerin, +eine Gelehrte, eine Wohltäterin für die Menschheit gewesen? Hat sie auf +irgend einem Gebiet Hervorragendes geleistet und sich in der Welt einen +Namen gemacht? + +Diese so berechtigten Fragen haben mir viele Bedenken verursacht, denn +sie müssen alle verneint werden. Frau Brater ist nie in die +Öffentlichkeit getreten, sie war nichts weiter als eine deutsche Frau. +Wer sie nicht persönlich kannte, weiß nichts von ihr. Aber das ist eben +der Punkt: _wer_ sie persönlich kannte, der hatte einen tiefen Eindruck +von ihrer Eigenart, der empfing von ihr, was er gerade bedurfte; denn +sie konnte vieles geben: Klarheit in schwierigen Lebensfragen, +Erheiterung in bedrückter Stimmung, Aufrüttelung der Energielosigkeit, +Wahrheit im Scheinwesen, Hinweisung zum Göttlichen. + +Sollten von diesen vielseitigen Wirkungen nicht auch jetzt noch welche +ausgehen, wenn wir im Geist mit dieser Frau verkehren? Gewiß, wenn es +gelingen würde, ihr Leben und Wesen recht lebendig zu schildern, so +müßten wir in dieser Darstellung etwas von dem Reiz empfinden, den ihr +persönlicher Umgang gewährte. + +Das ist der Gedanke, der mich trieb, ihr Lebensbild zu zeichnen. Und mit +ihrem Bild zugleich wird ein anderes auftauchen, das Karl Braters, des +edlen Vorkämpfers für die deutsche Einheit, von dem Professor Robert +Piloty in einer eben erschienenen Schrift sagt: »Offenen und ehrlichen +Kampf für Staat, Recht und Freiheit hat er zeitlebens geführt, sein +Andenken wird stets verbunden sein mit den Erinnerungen an Bayerns +schwerste Zeiten, in denen er mit energischem Willen und klarem Verstand +auf der Seite der guten Sache beharrte und kämpfte.« + +Wenn meine Feder nicht zu ungeschickt ist zu schildern, was mich selbst, +während es an meinem Geist vorüberzog, tief bewegte, so könnte sich +durch dieses Buch das Wort bewahrheiten, das nach Frau Braters Tod über +sie gesprochen wurde: »An solchen geisteskräftigen Persönlichkeiten +erhält das sittliche Streben neuen Schwung und Antrieb, sie wirken nach, +auch wenn sie längst nicht mehr in unserer Mitte sind.« + +_Würzburg_, im Sommer 1908. + + =Die Verfasserin.= + + + + +Inhaltsverzeichnis + + Seite +_Erster Teil:_ =Mädchenjahre= + +Vorwort III + +Inhalt V + +1. Kapitel 1827-1835. Das achte Kind. Pfaff und Rückert. +Damajanti. Drei Ehen. Aurora. Horoskop. Wesen der Eltern. +Die vier »Pfaffsbuben«. Heimatboden. Kalte Winter. Eingang +durchs Fenster. Anne. Gespensterfurcht. Preisarbeit. Pfaffs +Krankheit und Tod 3 + +2. Kapitel 1835-1849. Schulzeit. Die Familie Brater. +Erwachender Ordnungssinn. Geselligkeit. Sparsame +Verhältnisse. Gedicht über Freundschaft. Da und dort zur +Aushilfe. Astronomisches. Narkose. Braters äußere +Erscheinung und sein Wesen. Nördlinger Plan 21 + +3. Kapitel 1849-1850. Geschwisterhaushalt. Karl Brater auf +der Bleiche. Verlobung. Briefe der beiden Mütter. Eines +Vetters Bedenken. Besuch der Braut in Erlangen. Briefe aus +der Brautzeit. Proklamation. Hochzeit und Abschied 38 + + +_Zweiter Teil:_ =Gattin und Mutter= + +4. Kapitel 1850-1851. Einzug in Nördlingen. Eheliches +Verhältnis. Erste Einträge in der Familienchronik. In der +Rosenlaube und in der Amtsstube. Herr von Welden. +Amtsniederlegung. Frau Pfaffs Bericht über die Bleiche. Am +Schreibtisch. Die geborgte Wiege 59 + +5. Kapitel 1851-1855. Das erste Kind. Übersiedelung nach +München. Vergebliche Bemühungen um Anstellung. Das zweite +Kind. Sommer in Egern. Sorglosigkeit und Einfachheit der +jungen Mutter. Rückkehr nach Nördlingen. Die »Bälge«. Reise +nach Erlangen. Braters Arbeit. Bluntschli über Brater. +Veränderte Handschrift 74 + +6. Kapitel 1855-1858. Plan zum Staatswörterbuch. Nach +München. Die kleinen Gassenkinder. Tischrücken. Verkehr mit +Friedrich Rohmer. Freundschaft mit Bluntschli und Hecker. +Knieleiden. Vergebliche Bewerbung. Optimismus. +Polizeiliches. Colomann Pfaff. Flugschrift. Landtagswahl. +Telegramm. Hans und Fritz Pfaff. Frau Brater als Erzieherin. +Religiöser Standpunkt. Schleimfieber 92 + +7. Kapitel 1858-1862. Baumgarten über Brater. Gründung der +Süddeutschen Zeitung. In der Dienersgasse. Wilbrandt und +andere Mitarbeiter. Abschiedsgesellschaft für Bluntschli. +Tod Frau Pfaffs. In Ammerland. Überarbeitung. Drei harte +»muß«. Bei Buhl in Deidesheim. Verlegung der Zeitung nach +Frankfurt 118 + +8. Kapitel 1862-1863. Auf dem Grünten. Das »Jammerkind« in +Frankfurt. Winter in Wiesbaden. Annas Augenkrankheit. Das +Weihnachtsfest. Todesnachricht aus Erlangen. Übersiedlung +dorthin. Häusliche Zustände. Wahlbewegung in Nürnberg. Zum +Landtag nach München. Frau Braters Erkrankung 135 + +9. Kapitel 1863-1866. Schleswig-Holstein. Getäuschte +Hoffnung. In Frankfurt. Briefverkehr mit den Kindern. +Wilbrandt. Wiedervereinigung mit den Kindern. Leben in +möblierten Zimmern. Mißstände im Erlanger Hauswesen. +Aufenthalt im Palmsgarten. Der Krieg vom Jahre 66. +Waffenstillstand 154 + +10. Kapitel 1866-1869. Winterpläne. Stuttgart. Cannes. +Deutsche Häuslichkeit. Religiöser Einfluß. Erfolglosigkeit +der Kur. Entschluß zur Abreise. Bozen. Ausflug nach Meran. +Rückkehr nach München. Französisches Examen. Die Kinder in +Erlangen. Kammerauflösung. Telegraphische Berufung. Tod Karl +Braters 176 + + +_Dritter Teil:_ =Die Witwe= + +11. Kapitel 1869-1870. Aufzeichnungen über die letzten +Lebenstage. In tiefer Trauer. Briefe von Braters Freunden. +Teilnahme an den politischen Erlebnissen. Entschluß zu dem +Bruder zu ziehen. Religiöse Zweifel. Einfluß Nagels. +Adreßdebatte 197 + +12. Kapitel 1870-1875. Gemeinsamer Haushalt in Erlangen. +Schwierigkeiten mit den Kindern. Der Krieg vom Jahre 70. +Jahrestag von Braters Tod. Gedicht von Leuthold. Eine Braut +im Hause. Wie das Paar zusammenkam. Friedensschluß. +Hochzeit. Geselliges Talent. Tod des Bruders Hans. +Vormundschaft. Großmutterfreuden. Schwager und Schwägerin +Sartorius. 211 + +13. Kapitel 1875-1883. Die zweite Braut. Schwere Trennung. +Briefwechsel zwischen Mutter und Tochter. Besuche in +Blaubeuren. Drei Enkelsöhne. Kerlers Versetzung. Kampf gegen +materialistische Weltanschauung. Übersiedelung nach +Würzburg. Das Schicksal des ältesten Pflegsohnes 238 + +14. Kapitel 1883-1886. Aufregende Fragen. Abschied von +Julie. Nachrichten aus Amerika. Frau Brater im Ruhestand. +Interesse für Afrika. Kontrolle der Sonnenbahn. Pfarrer +Blumhardt in Boll. Nagels Buch. Briefe von Schultheß 258 + +15. Kapitel 1886-1896. Tod des Bruders Fritz. Alte +Freundschaften. Frau Braters hervorragende Eigenschaften im +Verkehr. Ihr Einfluß. Der kleine Haushalt. Wärmeverwertung. +Reisen in die Schweiz und nach Tirol. Augenleiden. Über +Dienstmädchen. Eine neue Nichte. Sorge um der Enkelin Leben. +Kerlers silberne Hochzeit 275 + +16. Kapitel 1896-1907. Letzter Brief von Ernst Rohmer. +Lungenentzündung. Tod des Schwiegersohnes Sapper. +Übersiedelung der Familie nach Würzburg. Gemeinsame +Haushaltung mit der Tochter. Entbehren der häuslichen +Tätigkeit. Schriften von #Dr.# Johannes Müller. Letzte +Briefe an Lina Sartorius. Gedanken über Erlösung aus +hoffnungslosem Leiden. Urgroßmutter. Letzter Besuch des +Schwiegersohnes. Sein Scheiden. Trauer. Ein leichter +Heimgang 295 + + + + +_Erster Teil_ + +=Mädchenjahre= + + + + +I. + +1827-1835 + + +Ein Familienereignis ersten Ranges war es nicht, als am 27. August 1827 +dem Professor der Mathematik in Erlangen Wilhelm Pfaff von seiner +Ehefrau Luise, verwitwete Kraz, ein Töchterlein geboren wurde. Waren +doch schon Kinder in stattlicher Zahl vorhanden! Gab es doch schon: + + Aurora, + Heinrich, + Luise, + Siegfried, + Hans, + Colomann, + Friedrich; + +vielleicht wären die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen, +die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, während nicht +übergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens nötig +ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl +von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen +haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht für etwas +Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glück zu empfinden, +wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das Nötige zuteil wurde. + +Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie +nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mußte freilich eng zusammenrücken, +damit der Platz reichte in der beschränkten Wohnung. Vielleicht war es +eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der +Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des +Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der +lärmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestört arbeiten zu +können. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschränkten +Geldverhältnissen nicht gönnen. So zog er denn in dem großen gemeinsamen +Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke +durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im übrigen Teil des +Zimmers herumtoben wie sie wollten, das störte den Gelehrten nicht in +seiner Arbeit und er ließ sie gutmütig gewähren. Betrat aber einer der +Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die +sichere Folge dieses Übertritts in das verbotene Gebiet. + +Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter +und damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit, +an der Übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins +Deutsche. Da nun Rückert ebenso sparsam wie Pfaff war -- hatte sich doch +einer der beiden Professoren von dem andern das Sanskritlexikon +abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen -- so behalfen sich auch die +beiden Gelehrten mit _einem_ Exemplar dieser Dichtung und täglich +wanderte das Buch über die Straße hinüber und herüber. Den Kindern der +beiden Häuser, die die Boten machen mußten, waren Nal und Damajanti +vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden. +Weil nun Pfaffs Jüngste auf die Welt kam, während ihres Vaters Gedanken +auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti, +den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug, doch +wurde ihr zum täglichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut +bürgerliche Name Pauline beigelegt. + +Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren +aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise +geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen. + +Sie beide stammten aus Württemberg, hatten sich dort schon als junge +Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht +zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zunächst noch in die Ferne. +Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Rußland an die neu +gegründete Universität Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte +und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat gründete er +seinen Hausstand, indem er sich mit einer livländischen Adeligen, +Fräulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe, +doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht +nach der alten Heimat trieb Pfaff, die glänzende Stellung aufzugeben und +mit Frau und Kind nach Deutschland zurückzukehren, wo er auch Anstellung +fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor. + +Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet +und in glücklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in +Württemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren +durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich +und Luise. So fanden sich nach wohl zehnjähriger Trennung die +Verwitweten wieder. Als eine gereifte dreißigjährige Frau trat sie ihm +entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemüts. Die alte Liebe +erwachte und führte diesmal zu glücklicher Verbindung. An Geld und Gut +brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend für +ihre Lebensanschauung, daß Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie möchte +ihm statt eines Eherings ein hebräisches Lexikon geben. Die Vermählten +zogen zunächst nach Würzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die +Universität Erlangen folgend dorthin übersiedelte. Durch diese Ehe kamen +die Kinder der livländischen Adeligen und des schwäbischen Geistlichen +als Geschwister zusammen. + +Die beiden in die Ehe gebrachten Töchter Aurora Pfaff und Luise Kraz +lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene +Mädchen, als nach vier Brüdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in +jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora wäre vielleicht längst in der +Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches +Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben hätten. Als Aurora zu +einem schönen Mädchen erblüht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger +Mann, der durch den Schein besonderer Frömmigkeit ihre Seele für sich +gewann. Vater und Mutter mißtrauten seinem Wesen und waren gegen die +Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem +Geliebten fest und beeinflußte endlich die Eltern, die keine Tatsachen +gegen ihn vorbringen konnten, sondern bloß eine Antipathie empfanden, +dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die +Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der +Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben +sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr +Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er +die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze +Unglückskarte. Lachend erklärte er das Spiel für mißlungen, mischte die +Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschlägers und zum +zweitenmale kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erblaßte. +Dem Vater war es leid. Er wollte den übeln Eindruck verwischen, nahm das +Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der +Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verließ das +Zimmer. + +Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben +geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter +ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr früher Tod +machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Daß der +naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen +verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso +wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns +Goethe im Eingang von »Dichtung und Wahrheit« erzählt. Auch Pfaff hat um +seines Töchterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz +speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des +Völkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus +den Sternen las. So müssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine +Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis +leuchten und die Atmosphäre prüfen, in der du aufwachsen sollst. Dann +ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann +leugnen, daß das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal +beeinflußt, ja oft bestimmt? + +Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter +mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns +geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken +und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der +Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den +Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des +Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den äußern Schein allzusehr +verschmähend; in mildtätiger Liebe fast zu weit gehend, so daß er von +bedürftigen Studierenden oft über Gebühr ausgenützt wurde. + +Ähnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere +Schwäbin mit köstlichem Humor, voll Herzensgüte und aufopfernder Liebe, +von größter persönlicher Anspruchslosigkeit und unermüdlichem Fleiß, +auch sie das Äußere geringachtend, Ordnung und Schönheit hintansetzend. +Beide beliebt in hohem Maße, denn die Bedenken pedantischer Leute über +die originelle Haushaltung und äußere Erscheinung konnten nicht +aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so +bescheidene Wesen dieses glücklichen und Glück verbreitenden Paares. Man +sah es der Frau Hofrätin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, daß sie +in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemdärmel +ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb gehörte; man +gewöhnte sich daran, daß bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf +pedantisch in das für ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf, +während sie so heiter und gemütvoll zu plaudern wußte, wer verstand +nicht, daß sie in unermüdlichem Schaffen und Sorgen für ihre große +Familie an die äußere Erscheinung wenig denken konnte? Überdies wurde +sie auch außerhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen. +Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis +erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine +entschiedene natürliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten +Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zunächst nach Frau Pfaff +zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie +wußte oft guten Rat und in ihrer großen Herzensgüte fand sie es nur +natürlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde. + +So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht +gute Geistesgaben, edlen Sinn und fröhlichen Humor voraussagen? Und +müssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick für +die äußere Erscheinung, Ordnungs- und Schönheitssinn nicht ganz abgehen +wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflüsse, +die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zuströmen, bald +hemmend bald fördernd, was ihm von der Natur eigen ist. + +Nächst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen +sich später noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber früh +verstarb. Am nächsten im Alter standen Pauline ihre vier Brüder, +»Friedel, Hans, Co und Fritz«, ihre täglichen Spielkameraden, die +Genossen ihrer Jugend, vier prächtige Jungen voll Geist und Leben, +treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier »Pfaffsbuben« +bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat +mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft, +ließ sie gewähren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die +Mutter sah der Jugend ihren Übermut nach. Sie nahm es z. B. nicht +schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Stühlen fünf +mit etwas abgesägten Beinen vorfand, schön regelmäßig abgestuft, einer +immer etwas kürzer als der andere, damit die ungleich großen Kinder am +Tisch sitzend alle gleich groß erschienen. Dieses merkwürdige Mobiliar +fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber +wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte: +»Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet« und darüber +bemerkte, das müßte ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem +kleinen Spötter mit dem Kochlöffel einen solchen Treff, daß ihm und den +anderen klar wurde: Die göttlichen Dinge dürften nicht herabgezogen +werden. + +Denken wir uns zu solchen vier Brüdern eine kleine Schwester, so dürfen +wir ihr prophezeien, daß sie fröhlich und unternehmend, nicht +zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich müssen wir auch +fürchten, daß diese Fröhlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit +ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einfälle bringen +wird, die einem artigen Professorentöchterchen nicht wohl anstehen. So +lesen wir auch in dem Brief einer Tante, die zu Besuch kam, folgendes +Urteil über die damals vierjährige Pauline: »Sie ist so wild und +unbändig als die Knaben, was ihr als Mädchen viel übler ansteht, recht +gutmütig ist sie wohl, auch recht hübsch, allein ein wahrer Husar.« + +Aber als Gegengewicht standen obenan zwei erwachsene Schwestern, solche +sind immer die geborenen Erzieherinnen für das jüngste Kind, und bald +wird sich noch ein anderer Einfluß bemerkbar machen: eine gesittete +Freundin tritt auf. Ehe wir aber diese schildern, müssen wir auch die +Stadt besehen, den Heimatboden aus dem das Pflänzchen hervorwächst. + +Die bayerische Universitätsstadt Erlangen liegt in Mittelfranken, +demjenigen Kreise des Königreichs, in dem die protestantische +Bevölkerung vorherrscht. So ist auch auf dieser Universität die +theologische Fakultät von jeher bedeutend gewesen. Die kleine +bescheidene Stadt läßt Muße zu fleißigen Studien. Daneben entwickelt +sich dort auch ein fröhliches Burschenleben sowie ein traulicher Verkehr +zwischen den Professorenfamilien. Viele bedeutende Namen klingen zu uns +aus dieser Stadt. Von den Zeitgenossen Pfaffs, die dort gelebt und mit +denen er in Berührung war, wollen wir nur einige nennen: Schelling, +Rückert, Platen, Raumer -- Namen, die keinem gebildeten Deutschen fremd +klingen. + +Führt uns heute unser Weg nach Erlangen und sind wir begierig, den Ort +zu sehen, in dem so viele geistig bedeutende Menschen sich entwickelten +oder anderen zur Entwicklung halfen, so wundern wir uns über die stille +Stadt mit den auffallend kleinen Häusern; nur wenig von modernem Leben +und Treiben tritt uns da entgegen, Ruhe herrscht in den weiten Straßen +und auf den großen Plätzen. Manche der Einwohnerzahl nach kleinere +Städte machen durch höhere Häuser, engere Straßen und allerlei laute +Gewerbe einen belebteren Eindruck als Erlangen, gar nicht zu reden von +manch andern Universitätsstädten, in denen Fremdenverkehr mit +Hotelomnibus, Automobilen und eleganten Gefährten der Stadt ein +vornehmes Gepräge verleihen. Davon ist in Erlangen nichts zu sehen. Zwar +würden die Großeltern der jetzigen jungen Generation staunen über die +Reinlichkeit der kanalisierten Straßen, in denen zu ihrer Zeit trübe +Lachen vor den Häusern standen, staunen über die nächtliche Beleuchtung, +die ihre kleinen Handlaternen in die Rumpelkammern verwiesen hat; +manches Häuserviertel wäre ihnen vollständig unbekannt, die neuen +Universitätsgebäude, die sorgfältig gepflegten Anlagen und schönen +Brunnen würden ihre Bewunderung erregen. Aber dennoch, im Vergleiche mit +andern war und ist Erlangen eine einfache Stadt, sie gab und gibt noch +den Beweis, daß der menschliche Geist, der in einer so kleinen Schale +eingeschlossen ist, auch keine große, stattliche Behausung braucht. + +Manche mögen ungünstig über die kleine Universitätsstadt urteilen und +sie langweilig nennen, aber es wird immer auch solche geben, denen sie +lieb ist und sinnbildlich erscheint für einen in sich gekehrten +deutschen Gelehrten. + +In der Atmosphäre dieser kleinen Stadt ist Pauline aufgewachsen und +unser Horoskop verspricht ein mehr dem Schlichten als dem Vornehmen +zugewandtes Wesen ohne Streberei, mit Sinn für fröhliches Behagen und +mit der Anschauung, daß nicht Geld, sondern Geist die Welt regiert. + +In der Spitalstraße stand das Haus, dessen unteren Stock die Familie +Pfaff bewohnte. Es war eine kalte Parterrewohnung und so ist auch die +Erinnerung an die erlittene Kälte eine der frühesten, die Pauline aus +ihrer Kindheit behielt. Sie stand in dem besonders kalten Winter von +1830 auf 31 erst in ihrem vierten Lebensjahre, doch hat sie einen +unauslöschlichen Eindruck davon behalten, der wohl begreiflich ist, wenn +man liest, was ihre Mutter damals an die Tochter Luise Kraz schrieb, die +bei dem verheirateten Bruder Heinrich über Weihnachten zu Gast war. Es +heißt in diesem Brief: »Ich lege dir ein Paar warme Schuhe bei, denn bei +der heftigen Kälte wirst du sie wohl brauchen können. Bei uns ist es +fürchterlich kalt, zwei Tage brachten wir keine Fenster auf und da die +Läden zu waren, so mußten wir in völliger Dunkelheit leben; nun hat +Siegfried mit Kohlen aufgetaut und so haben wir doch wieder Licht. Meine +Pauline leidet sehr, weil sie sich Hand und Füße erfroren hat.« + +Bis ins Frühjahr hinein dauerte die grausame Kälte, die bis zu 30° +stieg, so daß das Quecksilber einfror, und es ist wohl zu begreifen, daß +in der Seele des Kindes dieser Eindruck haften blieb, trat ihr doch hier +zum erstenmal ein großes Leiden entgegen, an dem sie selbst ihr kleines +Teil mittragen mußte und das Menschen und Tiere zugleich betraf; nie +vergaß sie den Anblick erfrorener Tauben, die man morgens auf der Straße +liegen sah. Es folgten damals noch viele kalte Winter, doppelt +empfindlich in den schlecht verwahrten Wohnungen. Treppentüren gab es +noch nicht, so oft die Haustüre aufging, drang der eisige Luftstrom bis +an die Zimmer; Winterfenster waren unbekannt, die Küchen hatten noch +offene Kamine, durch die der Schnee in die Feuerstätte hereingeweht +wurde. Eine Eigenart der Erlanger Häuser waren lange unverglaste Gänge +auf der Rückseite, durch die die Kälte überall Einlaß fand. Die +Türschlösser, die nach außen gingen, konnte man während der grimmigsten +Kälte nicht mit der bloßen Hand berühren, weil die Haut daran kleben +blieb. + +Darum schütteln die alten Leute aus jener Zeit die Köpfe, wenn wir in +unseren wohlverwahrten Wohnungen über Kälte klagen wollen. »Ihr wißt gar +nicht, was Kälte heißt« sagen uns die Erlanger der alten Zeit. + +Die Parterrewohnungen waren sehr niedrig, man konnte sie von der Straße +aus ganz überblicken. Die Pfaffsjugend wußte daraus Vorteil zu ziehen. +In der besseren Jahreszeit, wo die Fenster immer offen standen, brauchte +man nicht erst an der Haustüre zu klingeln und auf Einlaß zu warten, man +nahm den kürzeren Weg durchs Fenster. Gegen solch zweckmäßige +Einrichtungen hatten die Eltern gewöhnlich nichts einzuwenden, nur +geschah es dann auch in Fällen, wo es ihnen nicht passend erschien. So +erzählte Frau Pfaff in späteren Jahren, wie einmal ein würdiger alter +Herr von auswärts gekommen sei, um den Herrn Hofrat zu sprechen, und bei +ihr sitzend auf dessen Heimkehr wartete, als plötzlich ein paar der +Buben nacheinander und zuletzt auch Pauline zum Fenster hereinsprangen, +worüber, da es nicht ohne Gepolter abging, der Fremde jedesmal +zusammenschrak und sich wohl im stillen über die Sitte wunderte, die im +Hause des Hofrates herrschte. Aber es wird ihm ergangen sein wie so +vielen, daß ihm im Gespräch mit der frischen, herzgewinnenden Frau diese +Dinge als nebensächlich, ja als Ausfluß ihres unbefangenen Wesens ganz +natürlich erschienen. + +Fragten so Vater und Mutter nicht viel nach der sonst üblichen Form und +Sitte, so war doch _ein_ Element in dem Haus, das manchmal danach sah, +was denn in anderen Professorenfamilien Brauch sei und diese Sitten auch +einführen wollte, und das war Anne, der dienstbare Geist des Hauses. +Diese treue Person liebte vor allem die kleine Pauline und hätte sie +gerne feiner gekleidet gesehen. Besonders eines war es, das sie immer +wieder beantragte, das Kind sollte auch, wie andere seines Standes, +Ohrringe bekommen. Sie wandte sich an die Mutter, ja an den Herrn Hofrat +selbst, aber ihre Bitte fand kein Gehör, denn für solchen Luxus war man +nicht zu haben. Anne aber konnte die schmucklosen Ohren ihres Lieblings +nimmer ertragen. Sie wartete, bis sie wieder ihren Lohn erhalten hatte, +nahm dann heimlich das Kind mit sich, kaufte ihm nach ihrem Geschmack +goldene Ohrringe, stach sie ihm selbst kunstgerecht und führte stolz die +so geschmückte Kleine den Eltern vor, indem sie sagte, die Pauline sei +so gut ein Professorenkind wie andere auch, darum müsse sie auch wie +diese Ohrringe tragen. Und die Eltern, obgleich sie solchen Schmuck +nicht leiden konnten, waren doch viel zu gutmütig, um dem Mädchen, das +sein Geld daran gewendet hatte, die Freude zu verderben, und Pauline +trug Ohrringe wenigstens so lange Anne im Hause blieb. + +Der Einfluß dieser treuen Dienerin war kein geringer auf Pauline, die +später oft scherzhaft von Anne als ihrer Erzieherin sprach. Für eine +solche wäre nur etwas weniger Aberglauben zu wünschen gewesen. Der naive +Standpunkt, auf dem in dieser Hinsicht die wackere Person stand, geht +aus folgendem Zuge hervor: Am Himmelfahrtsfest hatte sie an eine Schürze +ein neues Band angenäht, war sich dabei aber einer Feiertagsentheiligung +bewußt. Als nun am Nachmittag ein schweres Gewitter heraufzog, fühlte +sie sich durch diese Sünde um so mehr beunruhigt, je heftiger es blitzte +und donnerte. In ihrer Seelenangst eilte sie endlich hinauf in den +obersten Bodenraum, hing die Schürze mit dem sündhaften Band zur +Dachlucke hinaus und rief: »So Blitz, jetzt schlag in den Bändel!« + +Solche Eindrücke blieben der kleinen Pauline ebenso wie die unheimlichen +Gespenstergeschichten, die Anne erzählte und von deren Wahrheit sie ganz +überzeugt war. Dadurch wurde in der Kinderseele eine Furcht erweckt, die +sich in einsamen und in nächtlichen Stunden oft zur Qual steigerte. War +Pauline zufällig abends allein zu Hause, so kam mit der Dunkelheit die +Furcht über sie, aber nur die Gespensterfurcht war es, eine andere +kannte sie nicht. Deshalb verfiel sie auch auf eine eigentümliche +Schutzmaßregel. Sobald es dunkelte, öffnete sie weit alle Türen und +Fenster der Parterrewohnung, um Gelegenheit zur Flucht zu haben. Dann +blickte sie wachsam nach allen Seiten, um nach der einen zu entfliehen, +sobald von der andern das Gespenst auftauchen würde. Sie war überzeugt, +daß kein Besuch aus der vierten Dimension es hinsichtlich der +Schnelligkeit der Beine mit ihr aufnehmen könne. + +Oft erwachte sie nachts und horchte mit Bangen und Herzklopfen nach +irgend einem unerklärlichen Geräusch. Es gab deren so viele in dem alten +Haus, und besonders in der Dachkammer, die zeitweise ihre Schlafstätte +war. Oft wehte der Schnee oder drang der Regen durch die Schindeln des +Daches und das Bett mußte hin- und hergeschoben werden, bis sich eine +trockene Stelle fand. Sie erinnerte sich noch in ihrem Alter einer +Schreckensnacht, in der sie an einem Geräusch erwachte und deutlich +spürte, daß etwas auf ihrer Decke sich auf sie zu bewegte. Ihre erregte +Phantasie hatte im Nu ein Gespenst daraus gemacht. Sie wagte sich nicht +zu rühren und nicht zu schreien und empfand buchstäblich, was wir meist +nur bildlich so ausdrücken, daß ihre Haare sich vor Entsetzen sträubten, +bis sie erkannte, daß es nur eine Katze war, die den Weg in die Kammer +gefunden hatte. Pauline hat die Gespensterfurcht als das schrecklichste +Leiden ihrer Kinderzeit im Gedächtnis behalten. + +Hat die treue Anne in diesem Punkt Unheil angerichtet, so tat sie doch +sonst den Kindern nur Gutes und nahm an Freud und Leid der Familie +Anteil, wie wenn sie ein Glied derselben gewesen wäre, ja sogar das auf +Reichtum und Ehre am meisten bedachte Glied. Einmal hatte es auch den +Anschein, als sollte ihr Ehrgeiz befriedigt werden und Reichtum in die +Familie Pfaff einkehren. Die französische Akademie hatte einen +Ehrenpreis ausgesetzt für die Lösung einer ungemein schwierigen +astronomischen Berechnung. Pfaff, der sich für die gestellte Aufgabe +interessierte, machte sich an die mühsame Arbeit. Vierzehn Bogen Papier +-- so sagt wenigstens die Familientradition -- mußte seine Frau +aneinanderkleben, damit die Berechnung darauf Platz fand. Die Lösung +gelang, wurde eingesandt und von der Akademie als preiswürdig erkannt. +Jeden Tag konnte der ausgesetzte Preis eintreffen. Statt seiner kam in +den Zeitungen die Nachricht von dem neuen #régime# in Frankreich, +welches das alte gestürzt hatte, und in den Wirren der Julirevolution +blieb der erwartete Goldregen aus. Die Enttäuschung wäre wohl noch +bitterer gewesen, wenn sie auf einmal gekommen wäre, aber man konnte ja +noch immer hoffen auf günstigen Umschlag, auf Rückkehr der alten +Zeiten, und über diesen Hoffnungen vergingen sachte die Jahre und die +vierzehn Bögen gerieten allmählich in Vergessenheit. + +Es kamen andere Sorgen, die der Familie näher gingen. Da war zuerst der +schon früher erwähnte Tod der Tochter Aurora, dann starb das nach +Pauline geborene Töchterchen, Sophie, etwa sechsjährig, an Croup. Bis in +ihr Alter erinnerte sich Pauline dieser lieblichen kleinen Schwester und +des Augenblicks, da diese in ihrer Todesnot nach Atem ringend ihr +Bettkittelchen von unten bis oben zerriß, um Luft zu bekommen. Noch +trauernd um diesen Verlust sah die Mutter einen noch herberen nahen, +fühlte sie die Grundfeste des Hauses wanken. Ihr bis dahin so gesunder +Mann erlitt im Jahre 1834 einen Schlaganfall, dem später noch weitere +folgten. Für ihn und die Seinen entstand daraus eine schwere +Leidenszeit. In verschiedenen Briefen an ihre treue Schwester Adelheid, +die mit Rektor Roth in Nürnberg verheiratet war und an die Verwandten in +Württemberg spricht sich der tiefe Kummer über die Krankheit, die bange +Sorge vor der Zukunft aus. Sie schreibt: »Ihr glaubt nicht, in welcher +Spannung und Angst ich lebe, ich bin nur froh, wenn ein Tag wieder herum +ist. Oft denke ich: nur auch _ein_mal möchte ich mich wieder +niederlegen, ohne daß die schweren Sorgen mich drücken, die werden mich +aber wohl nicht mehr verlassen, besser kommt es wohl nimmer, aber +schlimmer kann es ja noch werden.« Es gibt wohl kaum eine größere Qual +als die, welche sie nun durchmachen mußte; zusehen, wie nicht nur die +körperlichen, sondern auch die geistigen Kräfte des geliebten Mannes +infolge jedes neuen Anfalls immer mehr abnahmen. Dazu kam, daß er selbst +sich zeitweise dieses Zustands bewußt und dann im höchsten Grade erregt +war. + +Den Kindern blieb ein Auftritt in Erinnerung, unter dem sie ihre Mutter +erzittern sahen. Sie saß am Bette des Mannes, der sie immer um sich +haben wollte, und mit dem zu sprechen doch so qualvoll war, weil ihm oft +die Worte nicht zu Gebote standen und er dadurch in wachsende Erregung +geriet. So suchte er diesmal nach einem Namen, konnte ihn nicht finden +und fragte seine Frau: »Wie heißt der Student, der so oft zu uns kommt?« +Sie nannte einen Namen und wieder einen, jeder falsche Vorschlag regte +ihn mehr auf und sie besann sich in wachsender Angst auf die zahllosen +Studenten, die jemals aus- und eingegangen waren, bis er endlich in Wut +ausbrechend ihr zurief: »Du Rabenmutter, es ist ja Dein eigener Sohn!« +Der Sohn Heinrich war es, dessen Namen er gesucht hatte. Auf solche +Stunden der Erregung folgten auch wieder ruhigere, in denen sein +früheres liebevolles, anspruchloses Wesen zum Ausdruck kam, denn auch +bei geistig Erkrankten tritt ihr eigentliches Naturell zeitweise zutage. +Der selbstlose Mensch wird immer zu unterscheiden sein von dem Egoisten, +der feinfühlende von dem gemeinen, und es hat etwas unendlich Rührendes, +wenn solch edle Eigenschaften durchleuchten zwischen den durch die +Krankheit verdunkelten Stunden. + +So blieb auch diesem Kranken die Liebe und Verehrung der Seinen treu bis +zu dem Augenblick, wo ihn der Tod erlöste, im Sommer 1835. + +Wie es der Witwe zumute war, als sie allein stand mit ihrer Kinderschar, +spricht sie aus gegen den ältesten Sohn Heinrich, der damals schon eine +Anstellung hatte an dem theologischen Seminar im Kloster Schönthal in +Württemberg. + + _Lieber Heinrich!_ + + Schwere kummervolle Tage habe ich zurückgelegt seit Du von uns + gingst und noch immer kann ich mich an den Gedanken nicht + gewöhnen, daß Ihr für dieses Leben keinen Vater mehr habt und + daß auch mir die Seele von meinem Leben fehlt. Die erste Zeit + wurde mir dadurch leichter, weil der Gedanke, daß er nun Ruhe + habe, mir so tröstlich war. Allein jetzt, seit die Erinnerung an + seine Leiden schwächer wird und sein Bild wieder in meiner Seele + lebendig wird, wie er früher war, mit welcher Liebe er an uns + hing und mit welcher Treue er alle seine Pflichten erfüllte und + wie sein Geist und Beispiel noch so wohltätig für seine Kinder + gewesen wäre, da möchte ich wohl fragen: warum Du lieber Gott + hast Du uns das wohl getan? und schwer wird es mir, mich mit + Ergebung in Gottes Willen zu fügen. Ich habe mit der + schmerzlichsten Sehnsucht gehofft, er werde vor seinem Ende noch + so viel Bewußtsein bekommen, daß er seinen Kindern auch noch + einen Segen, mir nur auch ein Trosteswort zurücklassen könne, + denn schon bei einer kurzen Trennung tut es wohl, wenn man + Abschied nehmen kann und ich mußte bei dieser schmerzlichen und + vielleicht langen Trennung auch diesen Trost noch entbehren .... + + + + +II. + +1835-1849 + + +Unsere kleine Pauline war inzwischen ein Schulmädchen geworden, ein +begabtes, wenn auch nicht eben ein fleißiges. Sie konnte, wenn es darauf +ankam, schon ganz ordentliche Briefe schreiben. Es ist uns solch ein +Kinderbrief erhalten, den sie anläßlich der Verlobung ihres Bruders Kraz +mit Luise Elsäßer an diese schrieb. Sie redet die neue Schwägerin gleich +als Schwester an. + + _Liebe Schwester!_ + + Es freut mich, daß Du einen Bräutigam hast und daß es mein + Bruder ist. Heiratet Euch nur bald, ich freue mich recht bis die + Hochzeit ist, denn ich komme auch dazu. Weil Du gesagt hast, ich + soll Dir schreiben, so will ich es tun. Ich kenne Dich zwar noch + nicht, aber ich kann mir schon denken, wie Du bist, wenn Du für + den Heinrich recht bist. Schreibe mir in dem Brief, wo Du mir + antwortest, wie Du bist, denn viel weiß ich noch nicht. Komme + auch bald zu uns, es gefällt Dir gewiß, denn dem Herrn Vischer + hat es auch gefallen, der doch schon weit in der Welt herum + gekommen ist. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, daß Du uns + geschrieben hast. Hast Du denn auch noch Geschwister? die dann + meine Schwestern und Brüder sind. Ich kann nichts weiter + schreiben, denn ich weiß nichts mehr. Wir grüßen Dich alle, + besonders ich. Lebe wohl und habe lieb Deine + + Antworte mir. + Pauline Pfaff. + +Wenn auch Pauline im Lesen und Schreiben mit mancher fleißigeren +Schülerin Schritt hielt, so hatte sie doch keinen rechten Ernst in den +Schulstunden und wenig Eifer zum Lernen ihrer Aufgaben, aber unbewußt +lernte sie mit den geistig regsamen Brüdern, die des Vaters +naturwissenschaftliche Interessen und auch einige Kenntnisse in diesem +Fach überkommen hatten; sie wußten mit den vorhandenen Mitteln, +Elektrisiermaschine, Teleskop, Sternkarten u. dergl. umzugehen und +Pauline nahm an diesem Treiben teil mit angeborenem Interesse und +Verständnis. Jeder Lehrer hätte an dieser aufgeweckten Schülerin seine +Freude haben können, wenn diese sich nur dazu verstanden hätte, den +Unterricht, der ihr mit einer Anzahl anderer Mädchen privatim erteilt +wurde, regelmäßig zu besuchen. Das hielt sie aber nicht für nötig und +das Schwänzen der Schulstunden beschwerte durchaus nicht ihr Gewissen, +das zurzeit auf solche kleine Vergehen noch nicht reagierte. Die +Schulaufgaben wurden möglichst rasch erledigt, denn am Abend tummelte +sie sich lieber auf dem nahen Kirchenplatz und trieb dort allerlei +Schabernack. So flößte sie gern den Menschen Schrecken ein, indem sie in +der Dunkelheit ein weiß behangenes Bügelbrett feierlich um die Kirche +trug, was bei dem Gespensterglauben jener Zeit seine Wirkung nicht +verfehlte. + +Doch nun trat in ihren Lebensweg eine Freundin, die großen Einfluß auf +sie gewinnen sollte, ein gesittetes, gewissenhaftes und wohlerzogenes +Mädchen. Es war die Tochter einer als Witwe nach Erlangen gezogenen +Oberappellationsgerichtsrätin, die in der Nähe Wohnung nahm. Dem Namen +dieser Familie werden wir in diesem Buche noch oft begegnen -- er heißt +_Brater_. + +Ob wohl eine Ahnung der guten Frau Pfaff sagte, von welcher Bedeutung es +einst für sie sein würde, daß vor dem Haus ihr gegenüber ein bepackter +Wagen aus München ankam, der den Hausrat der verwitweten Frau Brater +brachte, und als diese selbst, eine feine, ernste Frau in +Trauerkleidern, mit ihren drei Töchtern Einzug hielt in der bescheidenen +Wohnung? Ihr einziger Sohn, Karl, studierte in München, von ihm war +zunächst nichts zu sehen, aber die Töchter, Julie, Luise und Emilie, +wurden freundlich in Erlangen empfangen durch ihre Verwandten, denn Frau +Brater war ihrer ebenfalls verwitweten Schwester, Frau Schunck, +nachgezogen und durch diese Pfaffs wohlbekannte Familie entstanden bald +Beziehungen zu den Neuangekommenen. + +Luise und Pauline wurden Schulkamerädinnen und ihre ungleichartigen +Naturen zogen sich an. Die kleine Fremde war bald ganz eingenommen für +die fröhliche Kamerädin, die vielerlei anzustellen wußte, allezeit +lustig und guter Dinge war. Aber sie merkte auch, daß Pauline manches +tat, was ihr unerlaubt schien, und während die Frische und +Ungebundenheit der neuen Freundin sie anzog, machte das wohlerzogene +Kind sich doch über dieses und jenes Gedanken, erzählte wohl auch der +Mutter davon und diese richtete nun ihr Streben darauf, die wilde kleine +Hummel, die auch ihr trotz mancher Unart gar wohl gefiel, in ihr Haus +herein zu locken, damit die beiden Freundinnen unter ihrer Aufsicht +miteinander verkehrten. Pauline hat nie die Eindrücke vergessen, die sie +hier empfing. Es gingen ihr die Augen darüber auf, wie es in einem +wohlgeordneten Haushalt eigentlich aussehen sollte. Mit Staunen bemerkte +sie, daß hier jedes Ding seinen festen Platz hatte, daß täglich +aufgeräumt und abgestaubt wurde und daß die bescheidenen Räume dadurch +ein feines, wohnliches Aussehen erhielten. Der kleinen energischen +Person war nicht sobald das Licht für Ordnung und Schönheit aufgegangen, +als sie auch schon strebte, solche daheim einzuführen. Es wollte ihr +nimmer gefallen, wenn das Frühstücksgeschirr bis zum Mittagessen auf dem +Tische stand und jeder der vielen Hausgenossen allerlei dazwischen +schob, sie wollte nun auch aufräumen und abstauben. Anfangs waren ihre +Ordnungsversuche etwas roher Art: sie hob die Schürze auf, schob alles +was da umherlag hinein und trug es in das nebenan liegende Schlafzimmer, +denn ihr neuerwachter Ordnungssinn beschränkte sich zunächst auf das +große Wohnzimmer. Aber je mehr sie heranwuchs, um so ausgeprägter wurde +dieser Sinn und erstreckte sich auch auf andere Gebiete. Der eine und +andere der Brüder fing an, auf ihre Bestrebungen einzugehen, besonders +der älteste der vier Pfaffssöhne, Siegfried, der auch von Natur zur +Ordnung geneigt war, sowie der jüngste, Fritz, unterstützten sie. Die +andern Geschwister fanden wenigstens an der Schwester diese Anlage +angenehm und wandten sich an sie, wenn die Mutter nicht Zeit fand, für +Kleidung und Wäsche zu sorgen. Einer von ihnen, Colomann, gewöhnlich nur +Co genannt, kam übrigens noch im Knabenalter nach Württemberg, um dort +das theologische Seminar zu besuchen, in dessen strenge Zucht sich +freilich ein so ganz in Freiheit aufgewachsener junger Bursche schwer +einleben konnte. Ungemein frisch und fröhlich, voll übersprudelnden +Humors und Lebenslust war er bei jedermann, nur bei den Lehrern nicht +beliebt, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Die Schwierigkeiten, die +er in den Schuljahren und noch späterhin machte, verursachten seiner +Mutter viel Kummer und es wäre ihr zu gönnen gewesen, hätte sie voraus +gewußt, was wir wissen, daß auch er es schließlich zum wohlangesehenen +Professor der Mathematik in Stuttgart brachte. + +Bei aller Einfachheit und Sparsamkeit entwickelte sich doch, als die +jungen Pfaffs heranwuchsen und fröhliche Studenten, meist Bubenreuther +wurden, ein überaus beglückendes geselliges Leben im Haus, an dem die +Mutter, trotz aller Arbeit und Sorge, die auf ihr lag, selbst ihre +Freude hatte. Die älteste Tochter Luise, ein geistig bedeutendes +Mädchen, und ihre Freundin, Hannchen Richter, sowie die Brüder mit ihren +Freunden, vereinigten sich oft im Haus Pfaff zu Spielen und +Darstellungen oder zu gemeinschaftlichen Ausflügen. Zu diesem Kreise +gehörte nun auch _Karl Brater_, der sich mit Siegfried und Hans Pfaff +eng befreundet hatte. Ganz anders geartet als diese, ernst, +zurückhaltend, schon in den Studienjahren ein vielversprechender Jurist, +von Haus aus an gesetzte Manieren gewohnt, unterschied er sich von der +übermütig fröhlichen, unbefangenen und lauten Art seiner Freunde, fühlte +sich aber angezogen von dem frischen, treuherzigen Ton des Hauses und +nahm mit Begeisterung teil an den Aufführungen klassischer Werke, zu +denen Frau Pfaff, bereitwilliger als wohl andere Hausfrauen, ihr Zimmer +zur Verfügung stellte. Neben der erwachsenen Schwester und deren +Freundinnen, der schönen Julie Nees v. Esenbeck, der geistig bedeutenden +Julie Brater und dem originellen Hannchen Richter, die von den jungen +Männern gefeiert wurden, kam die erst halb erwachsene Pauline und ihre +Freundin Luise noch nicht zur Geltung und Beachtung, aber doch behielt +Pauline eine beglückende Erinnerung an diese Geselligkeit und freute +sich im späteren Leben, wenn sie Familien traf, die ebenso harmlos und +ungezwungen ihr Haus für Freunde und Freundinnen öffneten. Was braucht +die Jugend mehr als eben ihresgleichen, um vergnügt zu sein? Es ist ein +Irrtum, zu meinen, daß es ohne Aufwand an Essen und Trinken, an Toilette +und Bedienung keine Freude gäbe. Im Haus Pfaff war umständliches +Vorbereiten und Einladen nicht Sitte, man kam meist nach dem Abendessen +zusammen, die jungen Mädchen mit Laternen in der Hand, wie es für +schicklich galt in den schlecht beleuchteten Straßen und eingehüllt in +lange Kragen, die man »Tugendhüllen« nannte. Auf Tafelgenüsse wurde +nicht gerechnet, denn während ihre Söhne studierten, wußte Frau Pfaff +oft nicht, woher Geld zum Nötigsten nehmen, und ihre Kinder erinnerten +sich später, wie sie gar manchmal an das Geldschublädchen gingen, das +vertrauensvoll für alle zugänglich war, wie sie zu diesem oder jenem +Einkaufe Geld herausnehmen wollten, aber nachdem sie den Inhalt +visitiert hatten, gern auf alles verzichteten und die kleine Lade wieder +zuschoben, weil sie allzu dünn belegt war mit dem, was doch für den +ganzen Monat ausreichen mußte. + +Lange Zeit besaßen die drei jüngsten Söhne nur einen gemeinsamen +Sonntagsanzug. Derjenige, welcher am frühesten aufstand, nahm Besitz +davon, die andern hatten das Nachsehen und konnten Sonntags nicht aus +dem Hause gehen. + +Viele Jahre wohnte die Familie Pfaff in einem Haus in der Karlstraße, +das der Witwe des Professor Kopp gehörte. Die beiden Frauen, als +Württembergerinnen schon vorher befreundet und nun in ähnlichen +Verhältnissen lebend, schlossen sich eng aneinander, halfen sich auch +getreulich aus. Einst brachte der Postbote für Frau Pfaff ein +unfrankiertes Paket. Es war wohl Ende des Monats, denn die Pfaffsche +Geldschublade war leer. In ihrer Verlegenheit wegen des Portos sprang +Frau Pfaff die Treppe hinauf, um bei Frau Kopp das Sümmchen zu +entlehnen. Diese gute Kollegin besaß aber im Augenblick auch nichts +mehr, dagegen hatte sie ein wackeres Dienstmädchen, das war im Besitze +der nötigen Groschen und konnte den beiden Professorinnen aus der +Verlegenheit helfen. + +In dieser Zeit war es wohl auch, daß ein Besuch im Spätherbst, als es +schon recht unangenehm kühl war, ein kaltes Zimmer voll Rauch antraf. +Frau Pfaff entschuldigte sich: sie habe grünes Holz gekauft, weil dies +billiger sei und nicht brenne; für so junge Leute wie die ihrigen sei es +genug, wenn sie auch nur am Rauch merkten, daß eingeheizt sei. + +Der fröhliche, gesellige Kreis lichtete sich allmählich und verlor +seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in +Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine +Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit häufiger als jetzt +vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein +Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen +hier folgen: + + 1. + + Freundschaft, die bei Kinderspielen + In der Kinderstub entstanden, + Ist verwandt der pflichtgemäßen + Liebe zwischen Blutsverwandten. + Eh Du noch mit klaren Blicken + Deinen Sinn erkannt und ihren, -- + Einem Zufall hat's gefallen, + Dich und sie zusamm' zu führen. + Freie Wahl in spätern Jahren + Wird vielleicht den Zufall preisen, + Wird vielleicht gleichgültig scheidend + Euer altes Band zerreißen. + + + 2. + + Freundschaftsbünde, wie sie zwischen + Alten Leuten sich begeben, + Kenn ich freilich, Dank dem Himmel, + Nicht aus eigenem Erleben. + Aber können die mit voller + Froher, junger Liebe lieben, + Die sich in der Zeit der Fülle, + Freude, Jugend, fern geblieben? + Alte, schon vernarbte Herzen, + Die in gut und schlechten Tagen + Ihre Lust und ihre Leiden + Einsam durch die Welt getragen? + + + 3. + + Freundschaft, die sich Jugend gründet, + Ist ein Bau fürs Menschenleben, + Ein Hospiz, das immer offen + Freundlich Obdach Dir zu geben. + Jugend ist die Zimmerstätte, + Wo der Mensch sein Schicksal gründet, + Jeden kann er drein verflechten, + Der sich willig zu ihm findet. + Jugend ist in vielem Schüler, + Aber Meisterin im Lieben + Alt wird, ohne Jugend, welcher + Ohne Liebe jung geblieben. + +Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, gründete auch Siegfried Pfaff +den eigenen Hausstand in Nürnberg und Pauline wurde von da an gar oft +zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie +war flink, fleißig und gänzlich frei von den störenden Eigenschaften des +Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brüder +durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht +lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu +kam die rührende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr +verständlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin +für einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese +Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng +verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort +eine Kur gebrauchen mußte. Die kränkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und +dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke +die Gäste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen Mädchen davon, +denn sie erhoben nicht den Anspruch, daß man auch sie verköstigen solle. +Sie gingen über die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem +mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch +ganz selbstverständlich, daß es unter so erschwerenden Umständen einige +Tage kein Mittagessen für sie gab. + +Je öfter Pauline in ihren Mädchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen +wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurück, der sie als +jetzt einzige Tochter immer näher trat und an deren Sorgen sie treuen +Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brüdern +Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten +Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch +hatte sich des Vaters Interesse für die Astronomie auf die Jugend +vererbt, so daß auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben +dadurch viele Freuden genoß, die andern fremd sind. Wir Städter blicken +ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne längst nicht +mehr nötig, wie in früheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit +einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir +richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und +Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der +Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wußten alle, wann und wo +Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf. +Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein +Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber +dann wieder vergessen, waren ihnen so geläufig wie uns etwa, daß ein +Jahr 365 Tage hat. + +Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbürger, die mit einem +gewissen Stolz sich bewußt waren, fortwährend mit einer Geschwindigkeit +von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein +Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenwärtig, daß +dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurückgelegt und doch nur +acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so +begrüßten sie ihn als unsern nächsten Nachbarn unter den Gestirnen, als +einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des +Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem +Fuße, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren, +geheimnisvollen, die sich nicht enthüllten vor dem besten Fernrohr. Mit +Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von +Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf. + +Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde +beeinflußt, hat für den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich +hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es +später ausgesprochen, daß die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie +mehr als alle Religionslehre mit dem Gefühl des Daseins Gottes +durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende +Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brüder zu gewinnen. +Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in +vielen Familien die dogmatischen Lehrsätze betont wurden, so daß z. B. +eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: »Ich +möchte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen«. + +Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es +waren, können sich besonders schwer in dogmatische Lehrsätze finden und +haben von diesen oft nur den einen Nutzen, daß der innere Widerspruch +sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen +großer Astronomen lesen, so ist es merkwürdig zu beobachten, wie sie +fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was +in früheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr +brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind +erfüllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und bestätigen +das Psalmwort: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre. + +Von den Brüdern Pfaff wählte übrigens keiner die Astronomie als Beruf. +Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und +Fritz zunächst Medizin, später wandte sich dieser der Geologie zu und +hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vorträgen seine +Überzeugung vertreten, daß die naturwissenschaftlichen Forschungen in +Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der +Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der +Äther als Betäubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den +lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafür +volles Verständnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort für seine +Versuche zur Verfügung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz +tatsächlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie +gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei +ihrem Erwachen aus der Betäubung: es war der Gesang eines durch die +stille Straße am Krankenhaus vorübergehenden Burschen; sein Lied drang +durch das geöffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers +bekannt: + + Ei du schöne Sonnenblume, + Du hast mir das Herz gewonnen, + Du liegst mir in meinem Sinn + Wie der Kern im Kümmerling.[1] + + [Fußnote 1: Erlanger Ausdruck für Gurke (Kukumer).] + +Der für Pauline so anregende Verkehr mit den Brüdern verminderte sich +naturgemäß, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn +ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zunächst eine Hauslehrerstelle +auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise +Brater, verließ die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu +lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus +zurück; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brüdern Pfaff zu +allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner +Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die +sich sonst durch fröhliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm +gegenüber schüchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr +viel zu unbedeutend für diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit +seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und +in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: »Dem +Brater gegenüber fühle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen.« Und +die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von +seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr +sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts +Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte +etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Züge, die edle Stirne, +die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, daß hier +ungewöhnliche Eigenschaften des Geistes und Gemüts vereinigt waren. Aber +dabei hatte sein Wesen etwas Zurückhaltendes, Strenges, seine Rede war +oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches +Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das +Justizministerium nach München berufen worden. Wie sehr er sich schon im +Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht +aus der folgenden Äußerung eines Zeitgenossen hervor: »Brater warf sich +mit jugendlichem Feuer und dem heißen Drang des deutschen Patrioten in +die politische Strömung und trat mit Erfolg als Redner bei den +Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brüdern Friedrich und +Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische Tätigkeit in +bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch maßvolle Haltung +bei aller kritischen Schärfe, sowie durch ihren glänzenden Stil +allgemeines Aufsehen.« + +Daß Pauline die längst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden +Manne für einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der +bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie +war nun 21 Jahre alt, eine kleine, äußerst bewegliche, anmutige Gestalt. +Konnte man sie auch nicht geradezu schön nennen -- dazu war schon die +Pfaffsche Nase zu energisch -- so war doch das rosige, frische, von +dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit fröhlichen +Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres +Reizes durchaus nicht bewußt und verschloß tief im Herzen ihre geheime +Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre +alt, einem ehrenvollen Ruf als Bürgermeister in die Stadt Nördlingen +folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden. + +Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die +auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame, +deren Kinder er unterrichtete, wurde sein längeres Verweilen in dieser +Stellung unmöglich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jüngsten +Tochter des Hauses gefaßt hatte, eine Neigung, die zwar von ihr +erwidert, aber von dem Vater nicht begünstigt wurde. Die Kluft zwischen +Adeligen und Bürgerlichen, die schon so viele Liebende unglücklich +gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verließ das +Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr. + +Nun bot sich auch ihm eine Stelle in Nördlingen, als Subrektor an der +dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im +Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als +Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, daß die Schwester +zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene Häuslichkeit bereiten solle. + +Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so +lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen +Vorschlag einzugehen; es ist, als hätte ihr eine Ahnung gesagt, daß sie +sich damit für immer aus dem Elternhause lösen sollte. + +Sie schreibt darüber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849: + + _Liebe Luise!_ + + Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so könnte es + mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten, + indem unser Briefwechsel so unregelmäßig geführt wird, daß die + Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und + man voraussetzen muß, daß ein Brief bei uns viel mehr Störungen + erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu spät + ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch höheren + Einfluß dieser Brief beschleunigt wird..... + + Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schluß gemacht haben, daß + ich nach Nördlingen gehe. Die Sache wurde während Hans' + Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen + durch seine Ankunft freudig überraschte. Übrigens gibt es viel + mehr Schwierigkeiten dabei zu überwinden, als ich bisher gedacht + hatte, und ich nehme überhaupt jetzt alles recht schwer. Der + Hans ließ gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wünsche nur, + daß es ihn nicht reut, denn wir werden gehörig viel Geld für den + Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit Möbeln selbst + versehen müssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so müssen + wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint + mir das zu sein, daß ich natürlich nach so viel Ausgaben viel + mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter + zurückkehren kann, welcher Gedanke mich mit großem Heimweh + erfüllt. Was ich Dir sonst noch drüber schreiben könnte, will + ich aufschieben bis auf Nördlingen selbst, wohin ich also Anfang + Mai reisen werde. + + Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, während des Hans + Anwesenheit waren wir sehr vergnügt. Wir experimentierten wieder + mit der Luftpumpe und mit der Elektrizität, wo mir bei letzterem + besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden + Grundstoffe zersetzt und aufgelöst ward. Ich dachte immer dabei + an Dich, es hätte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus + wurde aus seinem Schlaf aufgerüttelt und mußte uns alles + Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus + betrachtest, so bedenke, daß sie gegenwärtig aussieht wie ¼ + Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht + wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu hören. + + Deine Pauline. + + + + +III. + +1849-1850 + + +Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach Nördlingen, der +ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind +die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von Gärten und +Obstbäumen umgeben, einen malerischen Anblick. + +Vor dem einen der alten Tore, dem Löpsinger, liegt ein Anwesen: die +Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den +Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese +nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule +stürmte -- sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt --, +so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte +sie guten Rat in dem fremden Städtchen, so fehlte es ihr daran nicht, +denn bald öffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der +angesehensten Häuser der Stadt: die Beck'sche Buchhandlung. Neben dem +geistig hervorragenden Leiter des Geschäfts waltete hier eine seelengute +Frau in schön geordneten Verhältnissen, glücklich als Gattin und Mutter. +Frau Beck war nur wenige Jahre älter als Pauline und kam der jungen +Fremden freundlich entgegen. + +Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen +besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie +zusammen, denn mit dem Frühjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im +Alter am nächsten stand, zu ihm, dem Bürgermeister, gezogen, um ihm Haus +zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und +als Familienverhältnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene +Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich +regelmäßig zu Kaffee und nachfolgendem gemütlichen Kartenspiel bei den +Geschwistern ein. + +Nun könnte man meinen, daß der in Amt und Würden stehende Herr +Bürgermeister Pauline noch mehr eingeschüchtert hätte, als es der +frühere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die +Hausfrau vorzustellen hatte, vergaß sie über der Fürsorge die +Befangenheit. Sie mußte es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste +zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen +saßen. Wo hätte der junge Bürgermeister sich so offen und vertrauensvoll +aussprechen können wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die +Erlanger, den Nördlingern gegenüber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie +vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt +unter neu geknüpften stehen. Dazu kam der gemütliche Tarock; die Pfaffs +waren alle gute Spieler. Der Spieleifer läßt aber keinen Raum mehr für +Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit +geschadet, wo es nur möglich ist, dem Partner wird alles Gute +zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar +Minuten später sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft +und Feindschaft ist aufgehoben und vollständige Neutralität waltet, bis +aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, daß das +Kartenspiel eine vorzügliche Übung in der Selbstbeherrschung sei und sie +schätzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswürdig _verlieren_ +konnten. + +In dieser Häuslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes +genauer kennen. Nun verhüllte sich ihm nicht mehr, was für ein Schatz +von geistigen und gemütlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte +und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken dürfte. Auch +sah er das junge Mädchen jetzt losgelöst von der mütterlichen +Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett +im Stande hielt, was seiner an Ordnung gewöhnten Natur Bedingung des +Behagens schien. So kam der Entschluß, den er in den Erlanger Jahren +wohl schon überlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife. + +In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe +an und schreibt dann weiter: »Im allgemeinen vermute ich, daß Ihr zwar +nichts dawider hättet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz +bleiben ließe, -- _meine_ unparteiische Meinung ist das wenigstens -- daß +Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgezählt +acht vortreffliche Eigenschaften: Große Gutmütigkeit, viel +Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick, +Häuslichkeit, körperliche Gesundheit, angenehme und hübsche Züge; mit +etwas graziöserem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe +wäre sie sogar eine Schönheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund +organisierte Natur, wie ich unter allen Mädchen meiner Bekanntschaft +keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen +Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht. + +Von Dir möchte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit +ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand weißt. Sie scheint +mir so unbefangen, daß ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben +kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schüchternheit, +die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen könnte, wenn sie nicht +plausibler durch _mein_ ziemlich schroffes Benehmen erklärt wäre. Du +wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschluß zu geben, soweit ich ihn +brauche und wenn es mir deine Antwort, die du _umgehend_ schreiben mußt, +nicht unmöglich macht, wate ich nächsten Samstag durch fußtiefen Schnee +zur Brautwerbung. + +Die Sache bleibt natürlich noch vollständiges Geheimnis. Schreibe mir +auch, daß Ihr mir die Freude gönnt und Euren Segen dazu gebt, wenn's +zustande kommt.« + +Aus diesem »Ihr« ist wohl zu schließen, daß auch die Mutter in das +Vertrauen gezogen war. + +Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die +Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft +erheiternd zu sehen, wie dringend und plötzlich auch bei sonst ruhigen +und überlegten Naturen die Brautwerbung ausgeführt und durchaus nicht +mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der +schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr +anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die +Antwort noch in nächtlicher Stunde zurückbringen sollte! + +So hat auch Karl Brater, als er die günstige Antwort der Schwester in +Händen hatte, es für nötig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen +Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem +Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als +glücklicher Bräutigam abends wieder durch das Löpsinger Tor +zurückgekehrt in seine weitläufige, einsame Amtswohnung, während die +glückselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame +Kunde mitzuteilen. + +Frau Pfaff saß diesen Winter viel einsam in ihrem früher so belebten +Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn +vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten +hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu +stricken, zu nähen und zu spinnen für die großen Kinder und die kleinen +Enkel, aber in der _einsamen_ Arbeit bedrückten die Sorgen sie mehr als +früher, wo fröhliche Jugend sich um sie tummelte. All die auswärtigen +Kinder schrieben ja heim über ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und +für Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, für sie sorgte sich das +Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer »Line« werden, wenn die Brüder +sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein würde? Sie +mochte sich diese ihre geliebte Jüngste nicht vereinsamt vorstellen und +bekümmerte sich darüber, wenn sie so allein in der langen Dämmerung der +Winterabende saß und strickte. + +In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr +an einem Dezemberabend den Brief aus Nördlingen brachte. Eifrig hat sie +dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuzünden, hat ihre +große Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: daß ihre +Pauline die glückselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute +Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in +all ihrer Lebhaftigkeit hinüber zu Frau Brater. Wie muß ihr gutes +Gesicht geleuchtet haben unter dem Häubchen und wie schief mag dies in +der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mütter sich +besprochen haben über ihrer Kinder Glück! Vor uns liegen die ersten +Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst +so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Blätter und lesen +was darin steht von Glück und Dankbarkeit. Groß und deutlich sind die +Schriftzüge, in denen Frau Pfaff auf das nächste derbe Schreibpapier, +das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb: + + _Geliebtes, teures Kind!_ + + Könnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen + ausdrücken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt + mein höchster Wunsch, Dich glücklich zu wissen, erfüllt und die + einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert + hätte, mir abgenommen; ich wüßte niemand in der Welt, dem ich so + mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben hätte als Brater und mit + keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie + mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne + euch und gebe, daß all die Hoffnungen und Wünsche erfüllt + werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht + vollkommen überrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da + mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht + hat, bin ich jetzt um so glücklicher, überhaupt war mir es heute + den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren hätte + und mein Leben ein herrliches gewesen wäre; ach und im ganzen + ist es auch so, ich war so glücklich mit eurem Vater, daß ich + auch in schweren Stunden mir nie gewünscht hätte, daß es anders + sein möchte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben, + alles andere ist Scheingut und muß abgelegt werden wie ein + Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewiß noch + über dieses Leben hinaus. Grüße Brater herzlich und sage ihm, + mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. Könnte ich mit + Worten ausdrücken, was mich innerlich bewegt, so hätte ich ihm + heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht + recht fassen; wäre doch die Zeit schon vorüber, bis ihr kommt. + + An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch + Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht + geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Tränen + ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich + freue, sie glücklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie + noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir + wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt. + + Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch. + + Mit treuer Liebe Eure Mutter. + +Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend, +wie es so der Brüder Art ist, schreibt er: »Wenn man deinetwegen einen +Schwager haben _muß_, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.« + +Der Glückwunsch, den die junge Braut von der künftigen Schwiegermutter +erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet: + + + _Meine liebe Pauline!_ + + Gewiß ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit + besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht + wundern, daß es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, daß Du + und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen + möchtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen + Freude in Erfüllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes + dauerndes Glück an Deiner Seite begründet, und begrüße Dich mit + wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! Möge der gnädige Gott + den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemühen, + Euch das Leben zu versüßen! Schenke auch mir künftig eine + kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon + jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von + allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle + sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser + Karl Dich uns zuführen wird. Wie schade, daß Dich nicht auch + unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil + ihres Lebensglückes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile + ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit. + + Daß Deine gute Mutter mir künftig so nahe befreundet sein wird, + sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr schätze, ist + kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst, + Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben. + + So leb denn wohl, liebes Töchterchen, Du hochgeliebte Braut + Deines überseligen Bräutigams, und sei auf das herzlichste + umarmt von Deiner mütterlichen Freundin + + Ch. Brater. + + Luischen grüße mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen + Brief von mir. + +Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein +Verhältnis angebahnt, das nie durch einen Mißton getrübt ward. Mag das +auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund +verrufen sein, manchmal gestaltet das Verhältnis sich doch zu einem +besonders zarten, beglückenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und +Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas überginge +in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es +nicht die fest gegründete, kaum zu erschütternde Liebe sein wie zwischen +Mutter und Kind, auf die man unter allen Umständen baut, auch einmal +rücksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die bräutliche +bewahrt und gepflegt werden müssen. Das hat Karl Braters Mutter +verstanden, ihre Güte und Nachsicht war für Pauline eine köstliche +Dreingabe zum ehelichen Glück. + +Rührend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius über die +Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was +im Herzen der jüngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus +Schweinfurt: + + _Liebste Pauline!_ + + Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines + Briefs erkannte, erschrak ich so, daß ich am ganzen Leib + zitterte, denn ich dachte, er müsse entweder etwas sehr Frohes + oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, daß es das + erstere war. Nun war ich aber auch ganz außer mir, und seit ich + verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so stürmisch umarmt + und geküßt. Wie leid tut es mir, daß ich sonst niemand habe, dem + ich mein volles Herz ausschütten kann, denn wenn ich es auch + hier meinen Bekannten erzähle, so wissen sie doch nicht, was es + für ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie + freuen sich nicht mehr darüber, als wenn Du den ersten besten + Philister heiraten würdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein + Wort über diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, daß + wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine + Vorwürfe, daß Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst + vermied es, diesen Gegenstand zu berühren. Nun brenne ich aber + vor Begierde, etwas Näheres von Dir selbst zu hören, und ich + hoffe, daß ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben + wirst. -- Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, daß wir hier so + hinausgestoßen sind. Was wird jetzt für eine Freude in der + ganzen Familie sein und wir können sie nicht mitgenießen! Doch + will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht + erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar + nichts mehr wünschen, da mir _dieser_ Wunsch in Erfüllung + gegangen ist, und nun drängen sich gleich wieder Wünsche auf. -- + Nun lebe wohl und ich wünsche nur noch, daß Dir nichts Dein + Glück trüben möchte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil + sie sahen, daß ich so vergnügt war, mein Mann natürlich auch und + er läßt Dir durch mich die herzlichsten Glückwünsche sagen. + + Deine treue Schwester _Luise_.« + +Nur _eine_ Stimme in den Briefen, die uns erhalten sind, klingt anders. +Eine treue Tante des Bräutigams, Frau Schunck, führt, wohl nur zum Spaß, +eine Äußerung ihres Sohnes an. Sie schreibt an Pauline: Mein Karl aber +schüttelt den Kopf und sagt: »Der Braters Karl und die Pfaffs Pauline? +Wenn das gut geht, so will ich's loben!« + +Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute +zusammenpaßten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, daß sie sich +ähnlich gewesen wären, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht +nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf +schütteln. Gewiß gibt es auch glückliche Ehen trotz großer +Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu +rechnen. Oft sehen wir, daß zwei an sich gute Menschen doch keine +harmonische Ehe führen, weil ihre Naturen und Anschauungen zu +verschieden sind. So fühlt sich der eine Teil, der etwa poetisch +angelegt ist, verletzt durch den nüchternen, der gesellige gehemmt durch +den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrückt durch den einsilbigen; +der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der +orthodoxe entsetzt sich über die Ansichten des liberalen, der modern +gerichtete hält den altmodischen für rückständig. + +Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft +beglückende wird, kommt es meist daher, daß der eine Teil sein Wesen, +seine Anschauungen von der Familie überkommen, aber sich innerlich nicht +zu eigen gemacht und bald hineinwächst in die Art des andern oder auch, +daß die beiden neben aller Verschiedenheit durch _eine_ Seite ihres +Wesens mächtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete +begegnen, beglücken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in +seiner Eigenart ungestört zu lassen, nicht zu verlangen, daß er sich +ändere. + +Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen +den Müttern, den Söhnen und den Töchtern bewiesen, daß trotz der +Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die +Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mißbilligen +und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als +pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollständig überein in +der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung für alles Edle, Große; +in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprüchen. + +So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte +den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen +Vetters Äußerung entnehmen. + +Pauline blieb zunächst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine +Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigebäude, wo der +Bürgermeister seine Amtswohnung hatte. + +Ein solches Blättchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl +ihr erster schriftlicher Gruß an den Bräutigam; er hat weder Anrede noch +Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen Mädchen noch nicht +recht aus der Feder; der Bräutigam hat es vermutlich am Morgen nach der +Verlobung erhalten. Es lautet: + +»Ob ich's noch erlebe, daß Du einmal wieder herauskommst? Wie machen's +denn die Leute, daß ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen. +Du mußt aber doch nicht früher kommen als Du ohnedem gekommen wärst, ich +schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes +Elend gestürzt; übrigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der +von Rechts wegen keine Unüberlegtheiten zutage fördern soll, so scheint +mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, daß Du Dich erstens bei +-10° R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der +Bleiche wohnt, doch -- 's' ist schon so', mach eben jetzt gute Miene zum +bösen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich hätte Dir +gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob +ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu +verführerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gruß.« + +Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl +ein Höhepunkt des Glückes für beide Familien. Pauline hat dies erste +Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wußte, daß +sie kommen würde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz +nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein +Geschäft auswärts, vielleicht mußte sie nach der Wäsche sehen auf dem +Trockenboden oder dergl. Dieses zurückzustellen, weil Pauline kam, oder +gar für die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, wäre ihr +gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wußte ja, wo in solchen Fällen +der Schlüssel versteckt lag, sie fand Einlaß in die Wohnung und wartete +da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und +sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten. +Manchmal hat sie in späteren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in +der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerühmt, wenn +sie sah, wie etwa für eine von der Reise heimkehrende Tochter +übertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder +gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch +war Pauline ihr Liebling und sie freute sich unsäglich über deren Glück, +und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen für ihre Verheiratung +zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mütter ganz sorglos +entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte +und die ihre älteste Tochter mit derselben Not kämpfen sah, empfand es +als eine ganz neue und ungewohnte Freude, daß dieses Gespenst hier nicht +drohte; eine schöne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden +Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen +Jahren schon Frau Bürgermeisterin werden und eine große Amtswohnung mit +Garten beziehen, welcher Reichtum! + +Noch für kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurück und diese Zeit +benützte der Bräutigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der +berühmte Porträtmaler Alexander Bruckmann übernahm den Auftrag und +führte ihn zu großer Befriedigung aus. Von diesem Ölbild ist die +Photographie abgenommen, die unserem Buch als _Titelbild_ beigegeben +ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu +besorgen, als das Bild in schönem Rahmen in die Bürgermeisterswohnung +geliefert wurde. Der Bräutigam schreibt ihr darüber: + +»Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft +betrachtet hat es etwas #à la Le Bret# an sich, aber wenn ich unter vier +Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und +entwickelt so liebenswürdige Eigenschaften, daß Du eifersüchtig werden +könntest. Nur etwas zu spröd finde ich seine Haltung, denn aus seinem +sanften gemäßigten Lächeln ist es nicht heraus zu schrecken, während das +Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft gerät.« + +Da die Hochzeit schon auf Ostern festgesetzt wurde, mußte in Erlangen +fleißig an der Aussteuer gearbeitet werden. Aus dieser Geschäftigkeit +heraus gab Pauline ihrem Bräutigam eine wenig verlockende Schilderung: + +»In unserem Haus sind nun die Näherinnen und der enge Raum ist voll +Unordnung, Dunkelheit, Staub, Bettfedern, und um die Mannigfaltigkeit +des Anblicks zu vervollkommnen, eine überall hin verteilte +mineralogische Sammlung (von Fritz). Wenn man sich umher bewegt, wird +man voll Bettfedern, an meinen Haaren und Kleidern trage ich immer eine +halbe Gans herum. Trotz all der Wüstenei, die mich umgibt, bin ich doch +eine ganz vereinsamte Kreatur, ich komme mir vor wie einer, der aus der +Welt hinausgefallen ist, überall wohin ich schaue ist nichts und gar +nichts, du darfst wohl Mitleid mit einem so armseligen verlassenen +Menschen haben und ihm einen Brief schreiben.« + +Er läßt auch sein »Herzkind« nicht lange warten und erzählt ihr, wie +auch er in Vorbereitungen für den künftigen Hausstand steckt: + +»Unsere häusliche Einrichtung entwickelt sich. Es ist hübsch anzusehen, +wie aus der öden Zelle eines Junggesellen sich so ganz allmählich der +Wohnsitz einer Familie gestaltet. Die größten Fortschritte hat das +Schlafzimmer gemacht und das ist, obwohl nur durch Zufall herbeigeführt, +nicht mehr als billig. Denn alle andern Gemächer kann sich ein +armseliger Junggeselle in beliebiger Zeit splendid und behaglich +herstellen, nur an der Einrichtung des Schlafzimmers ist auf den ersten +Blick der merkwürdige Unterschied erkenntlich. Es war mir seltsam +vergnüglich zu Mut, wie ich vorhin in der Dämmerung hineintrat und alles +fast schon bereit war, uns zu empfangen.« + +Der Hochzeitstermin naht und der Braut wird bange trotz allen Sehnens. +»Ich bin gestern abend furchtbar erschrocken«, schreibt sie, »wie ich +den Mond wahrhaftig schon beinahe voll gesehen habe, das ist der letzte +Termin, das letzte Viertel scheint schon in Nördlingen. Ich hab's schon +lang kommen sehen, daß es jetzt ernst wird!« + +Was sie furchtsam machte, wußte er wohl: es war der Gedanke, den sie ihm +gleich bei der Verlobung ausgesprochen hatte, daß sie ihm nicht genügen +könne. Er hatte ihr versichert, sie würde bald anders empfinden und +erkundigt sich nun darnach: + +»Sage mir jetzt, wie steht es um deine Furchtsamkeit und zweifelsüchtige +Selbstpeinigungen. Wie hat unsere grausame Trennung gewirkt, bindend +oder lösend? Hast Du die wunderbare Erscheinung noch nicht bemerkt, daß +der _Raum_ ohnmächtig gegen uns ist, daß wir uns auf eine Distanz von +dreißig Poststunden ununterbrochen in den Armen halten und hast Du nicht +daraus gefolgert, daß wir gewiß mit Leib und Seele zusammen gehören? +Jeden Morgen und Abend frage ich Dich: Du Kleingläubige und Zaghafte: +'Fürchtest Du Dich noch?' Immer hat sie bis jetzt 'ja' genickt, aber +seit etlichen Tagen leichter und schwächer und es will mir erscheinen, +als wollte sich's allmählich in eine andere Bewegung verwandeln. Komm +und gesteh -- oder leugne auch, wenn es sein muß, aber _komm_ nur, denn +diese Distanzen von dreißig Stunden, wenn sie auch nur Illusion sind, +ich kann sie doch nicht vertragen. Gute Nacht! Wenn Du im Schlaf durch +ein Rauschen aufgestört wirst, so heiße Deine Nerven sich beruhigen, es +ist nur ein Traum von mir, der Dich belauscht.« + +Mehr und mehr drängen sich nun praktische Besprechungen in den +Vordergrund des Briefwechsels und unsere Brautleute sind glücklich in +der Kirche proklamiert. Der Bräutigam schreibt darüber: + +»Heute abend komme ich von einer Waldpartie nach Hause und will gerade +wieder gehen, um Hans und Bruckmann aufzusuchen, da stürzt mir atemlos +der Kirchner Brunner nach. Zweimal habe er mich schon umsonst gesucht +und es sei jetzt höchste Zeit. Der Herr Stadtpfarrer lassen sich +empfehlen und anfragen, mit welchem Titel der Herr Bürgermeister +wünschen, daß Ihre Fräulein Braut morgen proklamiert werde -- Jungfrau +oder Fräulein? Der Herr Stadtpfarrer meine, da die Eltern der Braut +dasjenige gewesen sind, was sie gewesen sind, so lasse sich wohl das +Prädikat 'Fräulein' anwenden. 'So,' sag' ich, 'was ist denn der übliche +Ausdruck bei angesehenen Bürgern oder Beamten?' 'Ja,' sagt der Kirchner +achselzuckend, 'Jungfrau'. 'Also,' sag' ich, 'sagen Sie dem Herrn +Stadtpfarrer meine Empfehlung und weil ich glaube, daß meine Braut auf +den Titel 'Jungfrau,' der mir recht gut gefällt, gleichfalls Anspruch +habe, laß ich ihn ersuchen, sich desselben zu bedienen.' Hierauf zog +sich der Diener der Kirche zurück, bestürzt, daß ein Gnadengeschenk von +solchem Wert abgelehnt werden könne und die Jungfrau #P. P.# ist heute +(10.) proklamiert worden.« + +Es folgen hierauf einige praktische Mitteilungen über Schreiner und +andere Handwerksleute, aber der Gedanke, daß sie künftig in diesen +Räumen leben wird, führt ihn bald wieder zum Ausdruck seiner Liebe: »Der +Gedanke, daß auf der Welt ein Wesen ist, das nur für mich lebt und in +mir, macht mich, so oft ich ihn fasse (wiewohl ich ihn kaum fassen +kann), beinahe schwindeln vor Freude. Wenn ich in Deinen Augen meine +Seele sich spiegeln sehe, so ist es wie eine Bürgschaft der +Unsterblichkeit, denn ich fühle, daß meine Seele auch außer mir +fortleben kann und fortlebt. Das ist die Kraft und Zuversicht, die ich -- +trotz Deiner Protestationen -- durch Dich gewinne.« + +Die Brautzeit geht ihrem Ende zu, am Donnerstag nach Ostern soll die +Hochzeit sein; ein komischer letzter Auftrag der Braut fliegt auf einem +Blättchen dem Bräutigam zu: + +»Könntest Du mir nicht aus einem Zigarrenkästchen von mir, das in der +Schublade einer Kommode steht und worin sich ein Wust von Blumen +befindet und worunter sich eine mörderisch große weiße Rose befindet, +diese große Rose mitbringen, es kann sie Eine anziehen. Jetzt leb +geschwind wohl!« + +Am 4. April 1850 fand in Erlangen die Hochzeit statt. Mit köstlichem +Humor feierten die Brüder den Polterabend und Hochzeitstag ihrer +kleinen Lieblingsschwester. Noch einmal hatte Frau Pfaff, die nun schon +im 63. Lebensjahre stand, das Haus voll Gäste und Fröhlichkeit. Eine +Mutter wie sie, die selbst ihr größtes Glück in der Ehe gefunden und +dann als Witwe ihren ganzen Schatz von Liebe den Kindern zugewendet hat, +kommt in einen merkwürdigen Widerstreit der Gefühle, wenn sie die letzte +Tochter aus dem Hause scheiden sieht. Sie empfindet ja mit ihrem Kinde +die ganze Seligkeit der jungen Liebe, darum strahlt ihr Gesicht von +inniger Mitfreude, aber für sie selbst verschwindet die Sonne, die ihre +Tage beleuchtet hatte, darum füllen sich die Augen dieses strahlenden +Gesichtes immer wieder, und ganz gegen ihren Willen, mit Tränen. Und die +Tochter, -- wenn sie der Mutter treue Hand zum letztenmal drückt, wird +auch übermannt von dem Schmerz und weiß, daß sie in diesem Augenblick +zugleich von der harmlosen Jugendzeit Abschied nimmt. Aber dann wendet +sie sich dem jungen Gatten und damit dem neuen Leben zu und am nächsten +Tag ist's nur noch die Mutter, die mit den Tränen kämpft, während sie +beiseite räumt, was in dem verlassenen Mädchenzimmer zurückgeblieben ist +von ihrem herzlieben Kind. + + + + +_Zweiter Teil_ + +=Gattin und Mutter= + + + + +IV. + +1850-1851 + + +Im Nördlinger Wochenblatt vom 9. April 1850 finden wir die folgende +Beschreibung von der Ankunft des Bürgermeisters mit seiner jungen +Gemahlin: + +»Am Bahnhof von einigen Freunden begrüßt und von denselben zu Wagen nach +Hause begleitet, wurde das junge Paar in der Amtswohnung von Mitgliedern +des Magistrats feierlich bewillkommt und in die festlich beleuchteten +Zimmer geführt, deren Eingang mit grünen Verzierungen und sinnigen +Transparenten angemessen dekoriert war. Wenige Minuten nach erfolgter +Ankunft fand sich unter glänzendem Fackelschein der Gesangverein und das +Orchester des Musikvereins vor der Wohnung ein und brachten in +gelungenen Vorträgen eine halbstündige Serenade, während die Vorstände +beider Vereine die Neuvermählten beglückwünschten. Wir finden in dieser +Auszeichnung eine verdiente Anerkennung der Umsicht und unermüdeten +Tätigkeit, mit welcher sich Herr Bürgermeister Brater während einer +eineinhalbjährigen Funktion seinem schweren Beruf gewidmet hat, und +wünschen dem jungen Paar einen recht glücklichen Hausstand.« + +Die äußeren Bedingungen zu einem glücklichen Hausstande waren gegeben +und Pauline fand sich nun versetzt in eine sorgenlose Stellung, in +angenehme Verhältnisse. Die schöne, geräumige Amtswohnung im +Polizeigebäude war mit vereinten Kräften behaglich eingerichtet worden. +In der Küche waltete ein feines Mädchen als Köchin und wartete auf die +Befehle der jungen Hausfrau. + +Die Nördlinger ließen es nicht fehlen an Aufmerksamkeiten für ihre Frau +Bürgermeisterin und ergänzten durch mannigfaltige Hochzeitsgeschenke, +was noch fehlte in Zimmern, Küche und Keller. Trotz all dieser +Herrlichkeit hat Frau Brater nie diese Zeit als eine besonders +glückliche hervorgehoben, sie gehörte nicht zu denen, die die +Flitterwochen preisen; im Gegenteil hat sie später mancher Braut und +jungen Frau versichert: Es ist gar nicht wahr, daß die erste Zeit die +schönste sei, neben der vertieften Liebe, dem Gefühl innigster +Zusammengehörigkeit, das die Jahre bringen, ist die Verliebtheit der +ersten Wochen wie Spielerei. Dazu kam, daß sich das junge Paar erst +ineinander finden mußte, und das fiel Pauline nicht so leicht. Wie wohl +manche junge Frau, so nahm auch sie zunächst als richtige Norm für den +Mann die Art an, die sie zu Hause von Vater und Brüdern gewohnt war. An +diesem Maßstab gemessen bestand aber der gestrenge Bürgermeister nicht +gut. Die beispiellose Anspruchslosigkeit und schrankenlose Gutmütigkeit, +die vor allem Bruder Hans im Zusammenleben gezeigt hatte, fand sie nicht +bei ihrem Mann. Wie er ein Meister in Selbstbeherrschung und +Pflichterfüllung war, so forderte er solche auch von andern, von den +Untergebenen im Amt, von den Dienstmädchen, von seiner Frau. +Pünktlichkeit auf die Minute, Sorgsamkeit in allem Tun. Das war in +seiner Familie Grundsatz gewesen, aber »Pfaffisch« war das nicht, und +wiewohl es eigentlich ihrem Ordnungssinn entsprach, gefiel es ihr doch +nicht an ihm. Es erschien ihr kleinlich, sie sprach es auch aus und in +ihrer lebhaften Art machte sie ihm Vorwürfe über seine unausstehliche +Pedanterie und versicherte ihm manchmal, daß sie sich heute noch von ihm +scheiden lasse. Aber dieser Mann, dem bei seiner ernsten, strengen Art +überall widerspruchsloser Gehorsam entgegengebracht wurde, freute sich, +daß seine Frau sich rückhaltslos gegen ihn aussprach, und es kränkte ihn +nicht, wenn sie kräftig gegen ihn aufbrauste, wie es sonst niemand +wagte. Er gab zwar in der Sache, wenn sie ihm richtig schien, nicht +nach, aber er suchte ihr ruhig zu erklären, daß er nicht aus kleinlichem +Eigensinn beharre. Nicht _sein_ und nicht _ihr_ Wille solle gelten im +Haus, sondern was recht und gut sei, wollten sie als Norm anerkennen, +und sich darüber immer miteinander zu verständigen suchen. Sie schämte +sich dann manchmal ihres Ungestüms, aber er tröstete sie mit der +Versicherung, daß es ihm immer recht sei zu erfahren, wie es ihr zu Mute +sei, nur wollten sie nie abends zu Bette gehen, ohne sich vorher wieder +geeinigt zu haben. + +Auf diese Weise legten sich die Stürme der ersten Zeit, ohne Schaden +anzurichten, und die »Schmiegsamkeit«, die der Bräutigam einst unter den +acht guten Eigenschaften der Braut aufgezählt hatte, bewährte sich +darin, daß die Gattin sich sehr bald dem Wesen des Gatten anbequemte. + +Aus den ersten Wochen ihrer Ehe ist ein Brief von Frau Brater an ihre +Freundin Lina Rohmer erhalten, mit der sie in rückhaltsloser Offenheit +zu verkehren pflegte. Dennoch würden wir vergeblich in diesem Brief +Andeutungen über die erwähnten Schwierigkeiten mit ihrem Manne suchen, +denn das Verhältnis zu ihm war ihr viel zu heilig, als daß sie irgend +jemandem darüber geschrieben hätte; erst in späten Jahren, als das alles +längst hinter ihr lag, sprach sie wohl davon zum Nutz und Frommen +anderer. Nur zwischen den Zeilen können wir lesen, daß die junge Frau +sich noch nicht vollständig in ihrer Lage zurecht gefunden hatte. Sie +schreibt: + + _Liebe Line!_ + + Du weißt, daß ich mich bereits über drei Wochen hier in + Nördlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz + eingewöhnt, auch möchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen, + die mich so respektvoll »Frau Bürgermeister« nennen, denn + wahrhaftig, wenn's einem Menschen respekteinflößend zu Mute ist, + so bin ichs gewiß nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren + Übergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das + fühle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn + manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine + Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin + doch die glücklichste Person von der Welt. Ich habe die + Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug + hat's gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu können + und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl + ist den Tag über fast immer auf dem Bureau, von morgens ½9 Uhr + bis abends 6 Uhr ist er höchstens eine Stunde oben, dafür bleibt + er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr + frühstücken, bleibt er auch da bis ½9 Uhr. Mein Hans kommt + ziemlich fleißig, denn es gefällt ihm so allein gar nicht auf + seiner Bleiche. -- + +In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine +Familienchronik geführt, in die bald er, bald sie Einträge machten. Am +9. Mai schreibt darin Pauline: + +»Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch +schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer bloß +an mich allein ergehen; denn in Nördlingen sind bloß die großen +_Damen_-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging +ich mit großer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so +fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die +Ordnung immer mehr her, wir führen ein ziemlich regelmäßiges Leben. +Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel +Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht's +schon eher, weil sie weiß, was sie zu tun hat und alles von selbst tut, +wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht's mit Zittern und +Beben.« + +Am 26. Mai. »Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch +mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden +Brüder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich +freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr +vergnügt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns überhaupt +die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grün und wir +sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch +manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus +München als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter +von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht +gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon große Untugenden +blicken lassen und macht mir großen Kummer, ich will's jetzt keiner Frau +mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mägden spricht, denn ich werde es +nächstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von +meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.« + +10. Juni. »Es waren wieder allerlei Gäste da, die uns gewöhnlich durch +die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen +gefürchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, überhaupt werde +ich mich nächstens daran gewöhnen, alle Gäste ohne Angst zu erwarten. +Wir haben uns jetzt wunderschöne Reisepläne gemacht für nächsten Herbst, +Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurück. +Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei +Hindernisse in den Weg stellen, das wäre ein unendlicher Jammer, +besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.« + +Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezüglich, deutet auf dessen +stilles Liebesverhältnis hin: + +»Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Fräulein Agnes +v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere hätte sich sehr dafür +interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach München +gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei +uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.« + +Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres +Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt, +so war doch der Besuch ein Beweis, daß das junge Mädchen ihm treu blieb, +so gering auch die Hoffnung war, daß der adelige Vater je nachgeben +würde. + +Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er +gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht +gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel +Beachtung schenken, aber Pauline paßte sich der Art an, die ihrem Manne +sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtsträger: + +»Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als #pater familias# und +recht eigentlich im 'Schoß' meiner eigensten Familie gefeiert habe. +Pauline hat sich die festlichen Gebräuche angeeignet, die ich vom +elterlichen Haus her gewöhnt bin und nicht gern vermissen möchte. Sie +hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid +beschenkt.« + +Auch in einem Briefe nach Erlangen erwähnt er desselben Geburtstags: + + »_Liebe Mutter!_ + + An meinem Geburstag früh, während wir noch beim Kaffee + beschäftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure + Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter + liebenswürdiger Heftigkeit durchwühlt wurde. Sie geriet über + jeden Fund in Entzücken und meine soliden Dankbarkeitsgefühle + wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger + Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser + gestellt...« + +Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen +Gattin gezeigt haben, müssen wir jetzt den Bürgermeister in seiner +Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild. + +Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfüllt von nationaler Begeisterung, die +Bürgermeisterstelle in Nördlingen angenommen hatte, war dies geschehen +in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen +Sache ersprießliche Dienste leisten zu können. Aber der Anfang der 50er +Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen +fühlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungspräsident von Augsburg, zu +dessen Bezirk Nördlingen gehörte, stand an der Spitze der reaktionären +Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Bürgermeister +sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde +nichts vergeben, sich nicht einem Willkürregiment beugen, das die +Selbstverwaltung der Stadt beeinträchtigt hätte. Obgleich er dabei nur +das Wohl von Nördlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt +selbst eine, wenn auch kleine, reaktionäre Partei, die durch +Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich +höheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung +unbequemen Bürgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem +Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete: + +»Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionären Partei, +die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhörliche politische +Denunzationen ganz gefangen hat. Die große Mehrheit ist auf meiner +Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.« + +Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische +Tätigkeit für Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der +Riß zwischen ihm und dem Regierungspräsidenten immer größer und man +hatte nicht übel Lust, ihn als Hochverräter in Untersuchung zu ziehen. +Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen +doch die Verhängung einer Disziplinaruntersuchung gegen den +Bürgermeister und die Mehrheit der Magistratsräte. Aber es stellte sich +heraus, daß die Geschäftsführung des tüchtigen, gewissenhaften Juristen +musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge +Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzüge der gewissenhaften Art +ihres Mannes erkennen. + +Der Sommer rückte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gästen und +mitten unter diesen wird der Regierungspräsident v. Welden genannt. »Er +kam,« schreibt Brater, »mit der Idee, mich durch gemütliches Räsonnement +und große Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm +manchmal unbequem wird, heraus zu manöverieren. Wir sprachen lang und +sehr unumwunden über die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Güte, +mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkürliche +Regierungsmaßregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und +Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat -- eine +sehr charakteristische und für _einen_ von uns beiden gewiß ehrenvolle +Bemerkung.« + +Die Gegenpartei hatte vom Erscheinen des Präsidenten sich allerlei +fatale Folgen für den national gesinnten Bürgermeister versprochen, +diese blieben aus, aber freilich auch die Annäherung, zu der die Hand +geboten war, kam nicht zustande, konnte nicht zustande kommen, wenn +Brater nicht seine Grundsätze opfern wollte, und dazu war er nicht der +Mann. Der jungen Gattin mochte es oft wunderlich zumute sein bei +derartigen Besuchen; von ihr schreibt Brater bei solchem Anlaß an seine +Schwester Julie: + +»Bei solchem Kriegszustand ginge mir der Humor vielleicht doch aus, wenn +nicht Pauline wäre, an die ich mich halten kann, so oft mir der Ekel zu +stark wird.« Und an anderer Stelle: »Ihre Liebe ist mir, wie es sein +soll, eine gesunde, milde Lebensluft, die mich umgibt, wo ich bin und +was ich tue, wenn es auch das Fremdartigste ist.« Die für den September +geplante Gebirgsreise mußte aufgegeben werden, der jungen Frau wegen, +die nicht in der richtigen Verfassung dazu war, aber ein gemeinsamer +Besuch in Erlangen bei den Verwandten wurde ausgeführt, und es war +höchste Zeit, wenn sie sich dort in ihrer Bürgermeistersherrlichkeit +zeigen wollten, denn mit dieser ging es nun rasch zu Ende. + +Erneute gehässige Angriffe der reaktionären Partei reiften bei Brater +den Entschluß, sein Amt niederzulegen. + +Mit welchen Empfindungen mag wohl die junge Frau Bürgermeisterin das +Schriftstück abgeschrieben haben, das von ihrer Hand geschrieben vor uns +liegt und folgenden Wortlaut hat: + +»Am heutigen Tage lege ich das Amt nieder, zu dem ich im Jahr 1848 durch +die Wahl des Gemeindekollegiums berufen worden bin. Das Vertrauen einer +großen Mehrheit der städtischen Vertreter und, wenn ich nicht irre, der +Bürgerschaft selbst hat mir bis jetzt möglich gemacht, in einer von +Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Stellung auszuharren. Aber +Verhältnisse, die ich nicht näher bezeichnen darf, weil dies nur mit den +Ausdrücken der tiefsten Indignation geschehen könnte, haben mir +allmählich eine Empfindung des Widerwillens und des Überdrusses +eingeflößt, wie man sie auf längere Zeit nicht verträgt, wenn man nicht +_muß_. Indem ich einen seit Monaten gefaßten Entschluß unter den +erneuten und verstärkten Eindrücken dieser Empfindung ausführe, sage ich +den Herren Magistratsräten, die meine Amtsführung unterstützt haben, +weil sie den Grundsatz rücksichtsloser Pflichterfüllung in ihr +erkannten, meinen herzlichen Dank. Früher oder später werden sich die +Verhältnisse unserer Stadt so gestalten, daß ein künftiger +Magistratsvorstand es über sich gewinnen kann, dem Beruf, von dem ich +zurücktrete, sich _dauernd_ zu widmen. Wenn diese Umgestaltung erreicht +und ein einträchtiges, gedeihliches Wirken der städtischen Vertreter +wieder möglich geworden ist, wird keiner von Ihren Mitbürgern sich +aufrichtiger als ich dessen freuen. Ich füge hinzu, daß ich bereit bin, +die Amtsgeschäfte bis zum Schluß dieses Jahres fortzuführen und daß ich +im Begriff bin, der königlichen Kreisregierung die geeignete Anzeige zu +erstatten.« + +Im Nördlinger Wochenblatt lesen wir einige Zeit nach dieser Mitteilung +den folgenden Beschluß der Gemeindebevollmächtigten: + +»Es wurde in der heutigen Sitzung mit 17 gegen 3 Stimmen folgender +Beschluß gefaßt: Es wird von seiten des Kollegiums der ausgesprochene +Rücktritt des Herrn Magistratsratsvorstandes aufrichtig beklagt. +Wir drücken demselben hiermit unsere vollste Anerkennung seiner +Verdienste und Geschäftsführung aus und bitten, es möge dem Herrn +Magistratsratsvorstand gefallen, die eingegebene Erklärung +zurückzunehmen, eventuell aber die Geschäfte bis Neujahr zu leiten.« + +Eine Aufforderung im gleichen Sinne erging auch mündlich an den +Bürgermeister, der aber seinen wohl überlegten Entschluß nicht +zurücknahm. + +Was nun? Die Frage war nicht so leicht zu beantworten, denn der +ehemalige Bürgermeister mußte sich sagen, daß an eine Staatsanstellung +nach solchen Vorgängen nicht zu denken war; er, der ausgesprochene Feind +des oben herrschenden reaktionären Systems konnte darauf so wenig +rechnen wie auf Bestätigung seiner Wahl, wenn er sich in einer andern +Stadt um eine Bürgermeisterstelle beworben hätte. Wohl wußte er, daß +manche sich im stillen freuten über seine mannhafte Opposition gegen +willkürliche Beschränkung der Gemeinderechte, aber nur wenige waren es, +die sich offen zu ihm bekannten, die meisten fügten sich der Majorität +und hätten es für klüger gehalten, wenn auch er sich gebeugt hätte. + +So sah sich Brater als angehender Familienvater ganz auf sich selbst +gestellt und mußte ohne Vermögen, ohne Rückhalt an den Verwandten den +Unterhalt für die Familie aufzubringen suchen. + +In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn früher fleißig +aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht mißliebig zu machen, +ist ihm seine junge Frau zur verständnisvollen Bundesgenossin +herangewachsen. Nun erst erfaßte sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff +sie eine hohe Begeisterung für seine edeln Grundsätze, sein +unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefühl, sich selbst, ihr materielles +Wohl vergaß sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer +Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten. + +Meinten da und dort ängstliche Leute: »Ja, wenn er noch allein wäre -- +aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden« -- so +empfanden die beiden ganz anders und wußten es besser. Nur im festen +Zusammenschluß, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kämpfen und +Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur +dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wäre er durch +diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mürbe geworden, +mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so +recht die Verhältnisse, in denen eine wahre Ehe ihren höchsten Wert +zeigen kann. + +Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Bürgermeisteramt. Das +Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war +die Haushaltung in der Auflösung begriffen; am 26. Dezember verließ +unser Paar die staatlichen Räume und zog hinaus auf die Bleiche. + +Zielbewußt und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der +politischen und volkswirtschaftlichen Tätigkeit für sein Vaterland zu. +Er beriet sich zunächst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhändler +Karl Beck und gründete mit ihm die »Blätter für administrative Praxis«, +eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war +und welche noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, wenn auch in +veränderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische +und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleiße saß er in dem +bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb. + +Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden +begrüßt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgänger Teil am Haushalt +der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der +Ödigkeit des Wirtshauslebens befreiend. + +Die »Prinzessin«, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen +Haushalts paßte, ward entlassen, bescheidene Bedienung genügte für die +kleinen Räume. + +Im Februar traf, um Großmutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein. +Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher +geborgen glaubte, einreihen müssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu +kämpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche +aus: + +»Ich kann wohl sagen, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten, +und daß Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinübergegangen sind. +Daß Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon +hat er Proben, auch fürchtet er, daß sie es lange werden anstehen +lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhält und bis durch solche +(schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine +Haushaltung erfordert, da gehört doch große Anstrengung dazu. Aber man +hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen können und so wird zuletzt auch +alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brüderlich, er wohnt jetzt +oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stübchen eine +Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer. +Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl +denken, wie wir uns behelfen müssen und wie groß der Unterschied ist mit +ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht +heiter und ich habe sie nie klagen hören.« + +Daß in dieser Zeit notwendiger Einschränkung und Sparsamkeit keinerlei +kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende +Kindlein zu empfangen, läßt sich denken, doch trat hier Frau Senning, +die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer +freundlichen Gesinnung hat Frau Brater später manchmal gedacht und sich +erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zögernd ihr +Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit +stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie möchte diese, wenn es die +junge Frau nicht übel nähme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach +lag in der geborgten Wiege ein niedliches Töchterlein. + + + + +V. + +1851-1855 + + +Das erste Kind! Mit Stolz trägt der Vater am 27. Februar 1851 die +Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses +Geschöpfchen -- anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatsächlich +verleiht es gleich die höchsten Würden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer +wollte es bestreiten, daß es eine Würde ist? Wird doch nichts auf Erden +so hoch eingeschätzt wie eben das Menschenleben. Im Gefühl des Volkes, +in der Gerichtsbarkeit, überall steht es oben an. Gilt es eines aus der +Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverständlich, die größten Opfer +gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollständig +diesen jungen Eltern überlassen und anvertraut. Würde und Bürde sind +hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten +Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen +Ankömmling, der ihm gehört und den er doch nicht zu behandeln versteht; +weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von +der Natur sofort angewiesen ist. + +Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich +hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater +an seine Schwester Julie: + +»Das Fräulein ist nach Angabe der Sachverständigen überaus schön, +ungewöhnlich stark und bereits liebenswürdig.« Und später: »Ich hätte +Dir noch einiges Anziehende über das Thema: Pauline als Mutter +vorzutragen, aber da sie eben erklärt, daß sie diesen Brief lesen werde, +um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches über ihr Kind +eingeflossen ist, so muß ich mir natürlich solche Dinge versagen.« +Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: »Ich könnte Dir noch +erzählen, was für eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bündel +habe, wenn ich nicht dächte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut +es eben möglich ist. Übrigens glaube ich nicht, daß andere Leute auch +eine so große Freude haben, es könnte sonst nicht auffallend sein, wenn +man auf der Straße hie und da ein paar Luftsprünge machte, juhe! schrie +oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts +berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als +Liebenswürdigkeit entdecke, so müßtest Du ja denken, daß ich bereits mit +dicker, mütterlicher Blindheit geschlagen sei.« + +Seliger als sie sich nun fühlte, hätte die junge Mutter auch in der +früheren vornehmen Amtswohnung nicht sein können. Dicht nebenan der +Mann, unablässig fleißig und doch wenn sie in sein Zimmer trat, gern +bereit, die Feder wegzulegen und sich durch ein paar Worte mit ihr zu +erfrischen oder sich von den wunderbaren Fortschritten des »Annakindes« +berichten zu lassen. Und jeden Abend, wenn er seine anstrengende +Tagesarbeit vollbracht hatte, saßen sie beisammen, plauderten und +freuten sich aneinander. Das Kind mußte um diese Zeit zur Ruhe gebracht +sein, den Feierabend der Eltern und ihr gemeinsames Lesen sollte es, +wenn irgend möglich, nicht stören. Im ersten Winter waren es die +historischen Dramen von Shakespeare, die sie gemeinsam genossen. Auch +Mittags gab es eine regelmäßige Arbeitspause; wenn die verschneiten +Bleichwege nicht verlockten zum Spazierengehen und doch das Bedürfnis +nach körperlicher Bewegung vorhanden war, so wurden Federbälle und +Raketen herbeigeholt und Volant geschlagen. Pauline war geschmeidig und +behend in all ihren Bewegungen, und die beiden brachten es in dieser +Kunst zu solcher Fertigkeit, daß sie mit drei Bällen zugleich schlagen +konnten, und es ein Spaß war zuzusehen, wie die gefiederten Bällchen +durch die Luft flogen. + +So fühlte sich das junge Paar glücklich und vergnügt, während vielleicht +mancher die armen Leutchen, die da draußen auf der Bleiche eingeschneit +waren, bedauerte. Übrigens konnte von Armut im gewöhnlichen Sinne bald +nicht mehr die Rede sein, denn eine Arbeit nach der andern, geschätzt +und begehrt, kam aus der Feder des gedankenreichen Mannes. Er hielt +seine Arbeitszeit ein, Tag für Tag mit einer Gewissenhaftigkeit, wie es +nur wenige junge Männer ohne jeglichen äußeren Zwang durch Vorgesetzte +oder Vorschriften zustande bringen würden. Es ist kein Wunder, daß die +Gattin nun nicht mehr aufbegehrte über die Pedanterie des Gatten, daß +diese treue Pflichterfüllung ihr vielmehr die größte Hochachtung +einflößte. Zugleich aber auch einen Zorn gegen diejenigen, die solch +einen Mann nicht anstellen wollten und neuerdings seine Bemühungen um +eine Advokatur zurückgewiesen hatten. Nahm _er_ das ruhig hin, so sprach +_sie_ in um so kräftigeren Ausdrücken ihren Unwillen über die +»schändliche Bande« aus. Sie war ohnedies als Schwester von fünf +Brüdern an mancherlei nicht gerade zarte Ausdrücke gewöhnt, und wenn +solche gleich in der Familie Brater verpönt waren, so wartete der Mann +doch geduldig, ob sie sich allmählich von selbst verlieren würden, denn +das unmittelbare Wesen seiner Frau war ihm viel zu köstlich, als daß er +es durch Korrekturen hätte beirren mögen. _Ganz_ hat sie die kräftigen +Ausdrücke bis in ihre alten Tage nicht verloren, so lebhafte Naturen wie +die ihrige müssen sich offenbar in Ausnahmefällen Luft machen und kommen +ohne ein gelegentliches »Donnerwetter« nicht aus. + +An ihre Schwägerin Julie schreibt Pauline in dieser Zeit: »Karl benimmt +sich so ziemlich wie ein Fisch in dieser Angelegenheit, ich rechne nur +auf Verjährung meines Grimms.« + +Noch im September dachte die junge Familie nicht anders, als daß sie den +Winter auf der Bleiche zubringen würden, da erhielt Brater unerwartet +eine Aufforderung von der Zeitung »Der Nürnberger Korrespondent«, beim +Wiederbeginn des Landtags in München die Berichterstattung über dessen +Sitzungen zu übernehmen. Die pekuniären Bedingungen waren günstig, rasch +wurde der Entschluß gefaßt, für den Winter nach München zu übersiedeln. +Während Pauline die nötigen Zurüstungen zum Umzuge traf, reiste der +junge Ehemann voraus, um Quartier zu machen für sich und die Seinen. Die +kurze Zeit, die er allein in München zubringen mußte, währte ihm schon +zu lang. Er schreibt am 30. September 1851 an seine Frau: + +»Mein Schatz, sind wir auch wirklich kopuliert? Es ist mir in dieser +einsamen Stube ganz junggesellig und unter der Fürsorge unserer +würdigen Schneiderin recht zimmerherrlich zumute«... Es folgt nun eine +Beschreibung der gemieteten möblierten Wohnung und genaue Anweisungen +über alles, was zur Ergänzung mitzubringen sei. Der Schluß lautet: +»Studiere und exekutiere diesen Brief sorgfältig, fahre bei schlechtem +Wetter #II.# Klasse, trinke in Augsburg Kaffee, komme wenn menschenmöglich +schon Donnerstag, melde Dich zuvor an, sei unbesorgt um Milch, Holz und +Magd und behüt Dich Gott, denn dieses Junggesellenbewußtsein habe ich +satt und sehne mich von Herzen nach Euch!« + +Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß die Reise am Donnerstag +»menschenmöglich« gemacht wurde, denn flink und praktisch war die junge +Frau wie nicht leicht eine zweite, hielt sich auch nicht mit unnötigen +Bedenken auf und konnte in solchen Fällen, wie man sagt, »fünfe gerade +sein lassen«. + +So kam sie nun zum erstenmal nach München, in die ihr noch unbekannte +große Stadt. Die drei möblierten Zimmer boten nicht sonderlich viel +Behagen und ganz ungewohnt waren ihr die einsamen Stunden, in denen der +Gatte nicht wie bisher daheim arbeitete, sondern den Kammersitzungen +beiwohnte. Es schien für sie ein unerfreulicher Winter zu werden. Aber +bei der Nachricht von der Übersiedlung faßte ihre Schwiegermutter den +Entschluß, mit der jüngsten Tochter Emilie, die sich in der Musik +ausbilden wollte, für die Wintermonate nach München zu kommen. Es fanden +sich Zimmer für sie im gleichen Haus und so konnte gemeinschaftliche +Wirtschaft geführt werden; die gütige Nachsicht der älteren Frau Brater, +der fröhliche Humor der jüngeren, die Freundschaft zwischen den beiden +Schwägerinnen, die gemeinsame Freude an der kleinen Anna brachten es +zustande, daß alles in schönster Harmonie zusammenklang. Ein längerer +Eintrag des Familienvaters in der Chronik erwähnt auch den geselligen +Verkehr der Familie. + +»Sylvesterabend 1851. Unser geselliger Verkehr ist ziemlich beschränkt. +Gemeinschaftlich trinken wir von Woche zu Woche einmal im +Ennemoser[2]schen Hause Tee oder haben diese Familie bei uns. Der +Verkehr mit Rohmers (es ist hier der verheiratete Philosoph Friedrich +Rohmer gemeint) wird nur durch mich lebhaft unterhalten. Bei Thiersch[3] +und Schubert[4] sind Besuche gemacht worden, welche die üblichen +Gegenbesuche und dann und wann eine Einladung zur Folge haben .... + + [Fußnote 2: Ennemoser hatte als magnetischer Arzt und durch + wissenschaftliche Arbeiten über Magnetismus in München großen + Ruf.] + + [Fußnote 3: Friedrich Thiersch, bedeutender Philologe.] + + [Fußnote 4: Gotthilf Heinrich Schubert, Naturforscher.] + +Im Kind entwickeln sich Anwandlungen von Menschenverstand und +Sprechlust, auch kriecht es vierfüßig mit ziemlicher Gewandtheit und +befaßt sich mit den Anfangsgründen des Laufens. Es hat die mütterliche +Lebhaftigkeit ererbt. Im künftigen Neujahrsbericht hoffe ich das +Gedeihen eines zweiten kleinen Geschöpfes, das mit der väterlichen +Sanftmut und verkannten Gemütstiefe ausgestattet ist, notieren zu +können. + +Mein Gewerbe ist geistig und bisweilen auch körperlich ermüdend. Monate +lang Tag für Tag und Zug für Zug der Abspiegelung einer bodenlosen +politischen Misere als notgedrungener, aufmerksamer Beobachter folgen zu +müssen, ist eine Tortur, welche die standhafteste Apathie schwer +erträgt. Daneben erübrige ich jedoch noch die erforderliche Zeit zur +Redaktion meiner Blätter (für admin. Praxis) und zur Beteiligung an +Dollmanns Gesetzeskommentaren. + +Von den erbetenen Advokaturen ist mir keine genehmigt worden; +Verdächtigungen, die aus meiner Tätigkeit zur Zeit der +Reichsverfassungsfrage abgeleitet sind, haben zu der Ansicht geführt, +daß meine Anstellung jedenfalls allerhöchsten Ortes nicht genehmigt +werden. An diesem Ort (bei dem König) persönlich zu supplizieren, kann +ich mich nicht entschließen, weil ein solches Supplizieren die +Verzichtleistung entweder auf die persönliche Würde oder auf den Erfolg +voraussetzte. Es ist mir der definitive Bescheid des Justizministers +zugekommen, daß es für jetzt unmöglich sei, mich anzustellen und daß ich +wohl daran tun würde, in meiner gemeinnützigen Tätigkeit fortzufahren +und Gras über die Sache wachsen zu lassen.« + +»Dieses Gras wächst langsam,« schreibt Frau Brater gelegentlich. Sie +hatte so zuversichtlich gehofft, der Aufenthalt in München werde ihrem +Manne Gelegenheit geben, mit Erfolg um eine feste Anstellung +einzukommen, aber die Monate verstrichen, schon nahte die Osterzeit und +damit das Ende der Landtagsperiode. Sie mußte sich mit der Erfüllung +einer anderen Hoffnung begnügen: am Ostermontag 1852 kam ein zweites +Töchterlein zur Welt. + +Die Mutter, die seit einiger Zeit ein Heft angelegt hatte für Notizen +über die Kinder, schreibt darin: + +»Ostermontag kam die kleine Jungfer Agnes auf die Welt als ein gesundes +kräftiges Kind mit einer ungeheuren Nase, wodurch sie mehr einem Vogel +als einem Menschen und als Mensch einem alten, griesgrämigen +Mathematiker ähnlich sah. Eigentlich war es auf einen Buben abgesehen, +man war aber doch sehr erfreut über ihre glückliche Ankunft und trug ihr +nichts nach. Sie begann ihr Leben, wie es für die teure Zeit angemessen +ist, mit Nahrungssorgen, d. h. sie war kaum recht auf der Welt, als sie +schon rechts und links mit dem Kopf nach Futter suchte und endlich beide +Händchen in den Mund nahm und dermaßen daran schnullte, daß man's durchs +ganze Zimmer hörte.« + +Wie die Mutter so scheint auch der Vater über den ersten Anblick des +Mädchens etwas betroffen gewesen zu sein, denn er notiert noch am selben +Abend in die Familienchronik: »Die kleine Geborene ist ein robustes +Mädchen von etwas seltsamer vogelähnlicher Physiognomie«, bemerkt aber +nach einigen Wochen: »Sie hat ein definitiv menschliches Aussehen +gewonnen, so daß unbedenklich zur Taufe geschritten werden konnte.« + +Im Mai wurde der Münchner Haushalt aufgelöst und zur großen Freude von +Pauline, die sich längst gesehnt hatte, das nahe Gebirge kennen zu +lernen, übersiedelte die ganze Familie nach dem kleinen Dorf Egern am +Tegernsee, im bayerischen Gebirge gelegen. Wir dürfen uns unter diesem +Aufenthalt keine luxuriöse Sommerfrische im Hotel vorstellen, im +Gegenteil ein Leben, einfacher und billiger, als es in der Stadt geführt +werden konnte. »Beim Gassenschuster« wurde eingemietet und selbst +gewirtschaftet. So hatte wohl die junge Mutter ihr gut Teil Arbeit, aber +nicht zu viel, denn sie machte sich keine unnötige, und für unnötig galt +ihr vieles, was nicht nur jetzt, sondern auch schon dazumal andere +Frauen für nötig hielten. Vor allem kannte sie keine Toilettensorgen. +Mit geschickter Hand wußte sie zu reinigen und auszubessern und man fand +nichts Unpünktliches an ihrem Anzug, aber Überlegung, ob etwa ein Kleid +nicht mehr modern sei, gab es bei ihr nicht, auch wenn die Farbe +gebleicht oder verwaschen war, so hielt sie es nicht für nötig, um +dieser natürlichen Einwirkungen der Sonne und des Regens willen +Änderungen oder Neuanschaffungen vorzunehmen. Bei der Wahl der +Kinderkleider kannte sie nur den Standpunkt der Zweckmäßigkeit, nichts +Helles, damit nicht oft zu waschen war, einfach zugeschnitten, denn das +Bügeln durfte nicht viel Zeit wegnehmen, wurde auch wohl ganz umgangen; +fest über die Tischplatte gezogen waren die Röckchen nach ihrer Meinung +reichlich glatt genug, um von den Kindern im Gebrauche gleich wieder +verknittert zu werden. Trotzdem dünkte ihr die Zeit, die auf die +Bekleidung gewendet wurde, noch zu lang, und sie seufzte manchmal, +»kämen doch die Menschen in schönem Pelz auf die Welt«. Ebenso bedauerte +sie oft, daß die Zubereitung der Speisen -- in der sie übrigens sehr +sorgfältig war -- so viel Zeit in Anspruch nahm, und sie äußerte wohl, im +Gedanken, daß wir doch indirekt all unsere Nahrung aus dem Erdboden +ziehen, »könnten wir nur unsern Planeten direkt essen«. + +An Warte und Pflege wurde den Kindern auch nicht mehr als das Nötigste +zuteil. Für ihre Unterhaltung mochten sie selbst sorgen. Langweilten sie +sich, fingen sie an zu weinen oder zu schreien, so wurden sie tunlichst +weit von dem arbeitenden Vater entfernt, sonst aber wurde keine Notiz +von ihrer übeln Laune genommen. + +Die junge Mutter kannte keine Ängstlichkeit. Sie ließ ihre Große, die in +jenem Sommer in Egern erst eineinhalb Jahr alt, aber schon fest auf den +Beinchen war, allein im Haus und Garten umherlaufen, in der guten +Zuversicht, daß nicht gleich ein Unglück geschehen werde. Einstens wurde +das Kind vermißt und nun, doch nicht ohne Sorgen wegen der Nähe des +Sees, gesucht. Man fand die Kleine endlich im Kuhstall, wo sie eben ihr +Schürzchen einem Kalb zum Fressen hinhielt und das junge Tier, noch +ebenso unerfahren wie das kleine Menschenkind, an dem dargebotenen Stoff +kaute. Diese Sorglosigkeit der jungen Mutter, die der Vater übrigens +nicht gut hieß, verlor sich mit der jugendlichen Unerfahrenheit, aber +dem Grundsatze der Einfachheit ist Frau Brater in allen +Lebensverhältnissen treu geblieben. Die Anspruchslosigkeit und +praktische Sparsamkeit der Hausfrau war so durchgehend, daß in dieser +Beziehung nie eine Mahnung oder Einmischung des Mannes nötig war; das +durch seine treue Arbeitsamkeit erworbene Geld wurde ihr übergeben, von +ihr aufs beste eingeteilt und verwaltet und mit Befriedigung wird in der +Chronik erwähnt, daß genügend erspart worden sei, um einer +Lebensversicherung beitreten zu können. + +Eine Verwandte, Emma Schunck, schrieb damals über die junge Hausfrau: +»Schon immer achtete ich Pauline sehr, aber die Art, wie sie in ihrem +Haus waltet, die Entschiedenheit in allem, das Benehmen gegen ihre +Kinder, die zuvorkommende Liebe zu ihrem Mann, das alles stellt sie in +meinen Augen sehr hoch. Auch das bewundere ich an ihr, daß sie das +Schwere in ihrer Lage, Karls Zurücksetzung so leicht nimmt, weil sie +immer nur an das Gute denkt.« + +Brater schreibt aus Egern an seine Schwester Julie: »Wir haben keine +Ursache, über unser Dasein und Hiersein zu klagen, zumal auch für das +tägliche Brot jetzt sattsam gesorgt ist, denn es fehlt weder am Absatz +meiner Blätter noch an sonstigen Bestellungen, ich bin auf Jahr und Tag, +ohne einen Schritt darum getan zu haben, in Anspruch genommen und könnte +daneben auch noch einem Gesellen Arbeit geben.« Ebenso pünktlich wie die +Arbeitszeit wurde aber auch die Erholungszeit eingehalten und die +herrliche Umgebung von Egern genossen. Es heißt in der Familienchronik: +»Pauline ist von der ihr neuen Herrlichkeit des Gebirges zu Wasser und +Land begeistert, sie macht ihre Studien in der Führung des Ruders und +des Bergstockes mit gutem Erfolg; wir hoffen Egern nicht zu verlassen, +bevor wir mit allen Gipfeln der Umgebung Bekanntschaft gemacht +haben..... Die Kinder sind wie Kälber auf der Alm gediehen.« + +So war der Sommer verstrichen und Brater schreibt: »Am 4. Oktober haben +wir den Bergen Adieu gesagt, und am 5. unsern Einzug auf der Bleiche +gehalten. Trotz allem Heimweh weiß man doch die Annehmlichkeiten des +eigenen häuslichen Herdes und der bequemen Einrichtungen zu schätzen. +Ein harter Schlag war aber der Tod Karl Becks, der am 6. Dezember nach +fünfwöchentlichem Hoffen und Fürchten einem Nervenfieber erlag. Die +Stadt hat an ihm ihren besten Bürger verloren; an Einsicht, Bildung, +Geschäftskenntnis, Gemeinsinn war keiner mit ihm zu vergleichen. Ich war +bei aller Verschiedenheit der Naturen und Anschauungen persönlich mit +ihm befreundet und finde hier keinen Ersatz für ihn. Auch unsere +geselligen Verhältnisse, in welchen er ein wesentliches Glied war, sind +durch seinen Tod vollends wertlos geworden. Für mich ist es ein Glück, +daß ich Ernst Rohmer, der im Sommer 1851 in Becks Geschäft eintrat, +wieder getroffen habe. Mit ihm und seinen Schwestern (Witwe Bruckmann +und Lina Rohmer) haben wir eine wöchentliche Zusammenkunft.« + +Außer diesem Verkehr lebte die junge Familie sehr still für sich. »Ich +bin ganz Bleichbewohnerin,« schreibt Pauline an ihre Schwägerin Julie, +»wenn ich hie und da notwendige Gänge habe, so laufe ich im Sturmschritt +durch die Gassen mit dem einzigen Gedanken, schnell wieder zu Hause zu +sein, wo man mich mit oder ohne Geschrei erwartet..... Ich kann kaum die +Zeit erwarten, bis die Kinder so weit sind, daß wenigstens nimmer alle +beide nur so gerade hinausschreien, wenn ihnen etwas gegen den Strich +geht, d. h. bis Anna ihre Vernunft und ihre Zähne beisammen hat..... Mir +sind alle Beschäftigungen unmöglich geworden, bei denen es sich nicht +verträgt, alle Minuten aufzustehen, da einem Kind etwas zu wehren, dort +eines trocken zu legen oder im günstigsten Fall mir die Ohren aus Wohl- +oder Übellaune abwechselnd von der einen oder andern Tochter +vollschreien zu lassen. Dieses ist die beständige Begleitung meiner Näh- +und Flickereien sowie meiner nächtlichen Ruhe und wenn man nicht mit +Bestimmtheit wüßte, daß die Bälge täglich älter und somit menschlicher +werden, möchte man oft verzweifeln.« An diesen Brief fügt der Vater die +entschuldigende Bemerkung hinzu: Man merke, daß er unter Kopfschmerzen +geschrieben sei. + +Es lautet allerdings nicht zärtlich, wenn die Mutter so über die »Bälge« +klagt, allein sie sprach und schrieb eben ganz ohne Rückhalt und +Beschönigung, so wie sie gerade empfand, und jede Frau, die kleine +Kinder aufzieht und zwar ohne sie an ein Kindermädchen abzuschieben, +kennt wohl solche Stimmungen, wie Pauline sie durchmachte, wenn sie in +diesem Winter mit den Kleinen auf das enge Wohnzimmer der Bleiche +angewiesen war, nach einer unruhigen Nacht ruhebedürftig, mit +schmerzendem Kopfe dem Schreien der Kinder doch nicht entrinnen konnte +und sich unzählige Male bücken mußte, um sie zu versorgen. + +Freilich kann ein süßes Lächeln, eine zärtliche Schmeichelei der Kleinen +alle Mühe vergessen machen, aber sie haben eben ihre Tage, an denen sie +nicht lächeln, nicht schmeicheln, sondern verdrießlich und weinerlich +sind. Dann ist es wirklich ein Tagewerk, so ermüdend und abspannend wie +kein anderes, und am Abend ist nicht einmal ein merkliches Resultat +dieser Tagesarbeit zu sehen, die Kinder sind anscheinend am Abend nicht +weiter, als sie am Morgen waren. So darf man der geplagten Mutter einen +gelegentlichen Stoßseufzer nicht verargen. + +Die kleine Anna, zuerst ein durchaus gesundes Kind, bekam infolge des +Impfens, das mit schlechtem Stoff vorgenommen wurde, einen Ausschlag, +der sie besonders bei Nacht quälte. In vielen Briefen der nächsten Jahre +ist dies Leiden erwähnt, das Mutter und Kind oft zur Verzweiflung +brachte und schlimmen Einfluß auf das Kopfwehleiden und die +empfindlichen Augen der Mutter ausübte. Für sie wurden die Nächte erst +wieder besser, als das Kind die Einsicht erlangte, daß die Mutter ihm +nicht helfen könne und die Selbstbeherrschung gewann, die nächtlichen +Qualen still für sich allein zu tragen, bis sie sich endlich verloren. + +In der schlimmsten Periode dieser Unruhe wurde beschlossen, daß die +geplagte Frau auf einige Wochen zur Erholung nach Erlangen gehen solle. +Freilich, Anna mußte sie mitnehmen, denn dieses Kind konnte nicht dem +Mädchen überlassen werden; wenn es nachts erwachte und ins Schreien kam, +so vermochte niemand anders als die Mutter durch den großen Einfluß, den +sie auf das Kind ausübte, es aus dem aufgeregten Weinen zum Horchen auf +ihre tröstende Stimme und dadurch allmählich wieder zur Ruhe zu bringen. + +So wurde denn Anna mit auf die Reise genommen, hingegen die Kleine, die +ein ruhiges Kind war, bei dem Dienstmädchen gelassen unter der +Oberaufsicht des Vaters. Der kleine »nächtliche Würgteufel«, wie sich +die Mutter oft ausdrückte, war bei Tageslicht ein fröhliches Kind und +für ihre zwei Jahre schon sehr entwickelt. Pauline empfand den freudigen +Stolz, mit dem jede junge Mutter zum erstenmal ihr Kind den Verwandten +und Freunden der alten Heimat vorstellt. + +Sie schildert die Reiseerlebnisse in einem Brief an ihren Mann: »Du +weißt, daß wir gut hier angekommen sind mit einer Gesellschaft von +Auswanderern, deren übertriebene Lustigkeit das Annakind so in Anspruch +nahm, daß sie sich auf dem ganzen Weg aufs beste unterhielt. Sie war +überaus komisch, wenn der Zug auf der Station eine Weile still gestanden +hatte, so sagte sie voll Ungeduld: »No, geht das Ding?« In Nürnberg +empfing uns Fritz, ich war sehr froh, denn man mußte die Wagen wechseln +und ich hatte so rasend Kopfweh, daß mir's ganz unheimlich zumute war. + +Die Ankunft in Erlangen war komisch. Deine Mutter und mein Hans waren am +Bahnhof, kaum waren wir ausgestiegen, so hatte Hans schon das Kind auf +dem Arm und ohne weitere Notiz von mir oder der großmütterlichen +Zärtlichkeit zu nehmen, war er mit demselben auf und davon und wir +hatten das Nachsehen. + +Ich hatte am ersten Abend schrecklich Heimweh und Kopfweh, am zweiten +hatte letzteres nachgelassen und jetzt, am dritten, geht's durch und +durch besser, aber ich denke immerfort an Dich und kann garnicht von Dir +reden. Das Annakind erntet über Erwarten Beifall und rührend ist die +Zärtlichkeit, die zwischen ihr und den Onkeln stattfindet, Hans füttert +sie, Fritz trägt sie zu den Bekannten. In unserer Wirtschaft kommt mir's +so komisch vor, ich muß oft wie eine Fremde darüber lachen. Gestern kam +ein fremder Herr, die Brüder schauen sich an, wem wohl der Besuch gilt, +endlich fühlt sich Hans getroffen. Da er gerade das Kind füttert, gibt +er Fritz den Bündel. Wie sich herausstellte, daß der Herr eigentlich zu +Fritz will, wird er von diesem in das Kabinett hineingeführt, welches +als sein Arbeitszimmer und Salon durch den Zuwachs von meinem und einem +Kinderbett sehr an belebtem Aussehen gewonnen hat und den ersten +Eindruck aufs wunderbarste steigern muß. Ich weiß oft gar nicht, wie mir +geschieht, alles so bekannt, gar nichts Neues und doch fast unglaublich. + +... Wenn ich höre, daß es Dir und meinem guten, guten Herzensbrocken gut +geht und Du Dir über Kind und Küche nicht viel Sorgen machst, so will +ich gern mein Pensum hier abmachen und dann recht vom Fundament aus, ich +kann Dir garnicht beschreiben _wie_ vergnügt bei _Dir_ sein. Trotz der +Unruhe ist mir's wohl hier, weil ich für garnichts zu sorgen habe, das +Annakind fährt fort, Eroberungen zu machen; wenn's ihr auf den Bällen +einmal ergeht wie jetzt hier, so hat sie die Schwindsucht schon nach +dem Fuchsenball, sie tanzt schon jetzt lauter Extratouren. + +Laß Dir's recht gut gehen, mach diesem Brief zu Ehren einen Kuckuck und +dergleichen mit dem Kind und denk Dir einen Kuß von mir oder +viele .....« + +6. Mai ... »Neulich war eine große Teevisite bei Deiner Mutter +(Rahmtorte!!!) Da wurde fünf Viertelstunden am Tisch gestanden und +gezittert und geholfen und gewünscht, allein vergebens.« (Über dieses +»Tischrücken«, das damals Mode war, werden wir später noch mehr hören.) +»Meine Wut kannst Du Dir denken, ich war ganz außer mir. Heute ging ich +mit Emma Schunck zu Fuhrmanns, die einen sehr sensitiven Tisch haben und +siehe, es ging prächtig in einer Viertelstunde, so daß es den Tisch +drehte und fortrutschte, daß man nur nachzulaufen hatte und es ihn +rechts und links in die Höhe warf, daß es zum Totlachen war, übrigens +mache ich mir meine ganz besonderen Gedanken.« + +Sobald Pauline sich ein wenig gekräftigt hatte, kehrte sie nach Hause +zurück, und wenn sie auch noch öfter zu solch kleinen Erholungsreisen +genötigt war, so fand sie doch ohne den Mann so wenig Freude daran, daß +sie heim drängte, sobald sie nur konnte, trotzdem zu Hause manches +Schwere auf sie wartete, denn die nun folgenden Jahre boten äußerlich +betrachtet der jungen Familie Brater wenig Erfreuliches. Sehen wir +zunächst auf den Mann, so finden wir ein ganz merkwürdiges, fast +unverständliches Mißverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Er +redigiert die Blätter für administrative Praxis, und sie werden als +mustergültig anerkannt; er bearbeitet die bayerische Gerichtsordnung, +und die Juristen finden die Arbeit vorzüglich; er gibt eine Ausgabe der +bayerischen Verfassungsurkunde heraus, sie erscheint in mehreren +Auflagen; seine Kommentare zum Preß- und Forstgesetz kommen in +Verwendung; seine »Fliegenden Blätter aus Bayern« erregen Aufsehen in +politischen Kreisen, aber wenn dieser hervorragende Jurist sich bewirbt +um eine Advokatur, um ein Bürgermeisteramt, wenn er anfragt, ob ihm die +Erlaubnis erteilt würde, sich in Erlangen als Privatdozent +niederzulassen, so ist die Antwort »nein« und immer wieder »nein«. Und +doch hat er den sehnlichen Wunsch nach praktischer Arbeit, möchte nicht +nebendraußen stehen, sondern einen Posten ausfüllen, der ihm gestattet, +seine Ideale nicht nur auf dem Papier niederzulegen, sondern sie im +Leben zu betätigen. + +Professor Bluntschli, der berühmte Rechtsgelehrte, der damals in München +lebte und später mit Brater in Verbindung trat, spricht sich darüber aus +in seinen »Denkwürdigkeiten aus meinem Leben«: »Brater war jeder +Übertreibung wie allem unlautern Treiben feind, dabei gründlich +gebildet, von durchdringendem Verstand, immer besonnen und klar, +zuweilen pedantisch-genau, ein überaus fleißiger Arbeiter. Ich habe es +lange nicht verstehen können, daß in Bayern, das wirklich keinen +Überfluß an tüchtigen Beamten hatte, eine solche Kraft brachgelegt +wurde. Ich begriff es erst später vollständig, als ich sah, wie die +nationale deutsche Gesinnung, die in Brater lebendig war, die ihn +jederzeit opferbereit fand, den Verdacht einer strafbaren Untreue gegen +Bayern, wenn nicht des Hochverrats auf sich zog.« + +Eine Enttäuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann +und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang +litt sie an peinlicher Augenentzündung und mußte nach damaliger Methode +der Augenärzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast untätig sitzen. +Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzähligen schlechten +Nächte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung +Platz. Die Außenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich +glücklich fühlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte +man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur +gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann: +»Ich habe eine wahre Todesangst, daß Du nach meiner Heimkehr bald +verreisen mußt.« + +Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline +an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer +Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffällig bemerklich. Die +dünnen, schrägen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste, +geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die +charaktervollen Schriftzüge Frau Braters kaum mehr an die einstige +Handschrift von Pauline Pfaff. + + + + +VI. + +1855-1858 + + +Die Nördlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein +literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranlaßte, +nach München zu übersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der +Chronik, daß Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatswörterbuch +herauszugeben, und sich wegen dieses groß gedachten Werkes an Brater +wandte. Schon war der Verleger nach Nördlingen gekommen, man hatte sich +über alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren +gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur großen +Enttäuschung für Brater, der in der Chronik berichtet: »Die Arbeit hätte +mich fünf Jahre lang unter günstigen Bedingungen beschäftigt, aber die +türkischen Verwicklungen schüchterten den Verleger ein und ich wurde zum +zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.« + +Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: »Das Projekt +Bluntschlis nähert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen +Konjunkturen längere Zeit geruht hatte, seiner Ausführung. Ich übernehme +die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatswörterbuchs, +das in zirka zehn Bänden in den Jahren 1856-60 erscheinen soll. +Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung +der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird +die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein großer Schritt, den +man wagt. Die Verleger sind Schultheß und Scheitlin.« + +Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines +Menschen auf das Leben anderer ausübt. Professor Bluntschli faßt den +Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Münchner Professors +hat die Wirkung, daß Frau Brater in eifriger Tätigkeit ist, ihren +Nördlinger Haushalt aufzulösen; dieser Gedanke ist die Ursache, daß zwei +kleine Mädchen von den Wiesen und Obstgärten abgerufen werden, um nie +mehr diese goldene Freiheit zu genießen. Ja, wenn auf der Löpsinger oder +Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das +Dienstmädchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist +an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Münchner Professors +schuld, der das Mädchen in die Residenz zieht. Der Abschied von +Nördlingen galt zunächst nicht für einen definitiven, nur für die Dauer +der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch +lag die Aussicht der Rückkehr in unbestimmter Ferne und das junge +Ehepaar verließ nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor +fünf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimstätte, der Geburtsort +der Kinder, behält für ein glückliches Paar seinen eigenen Reiz und auch +die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse für eine +Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von +der Witwe des Buchhändlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen +Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden +wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein +lebhafter sowohl geschäftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel +verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck'schen +Verlag vorstand und einige Jahre später sich mit der Witwe Beck +verheiratete. + +Die Lust zur Übersiedelung nach München war nicht groß, denn schon bei +dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, daß mit knappen +Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzügen der großen Stadt +nicht viel zu genießen ist. Aber ob gern oder ungern -- es mußte +abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem +traulichen Städtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu +gründen. + +Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in München Augustenstraße +Nr. 5. Diese, heutzutage längst ausgebaute und mitten im Verkehr +stehende Straße war damals noch eine stille Vorstadtstraße, einzelne +Gärten unterbrachen noch auf beiden Seiten die Häuserreihen, gestatteten +den Ausblick in die Ferne und gewährten Pauline die Möglichkeit, den +Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten überall Zutritt. + +Die erste Sorge der Hausfrau mußte sein, möglichst rasch das +Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit +wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der große Lehnsessel +davor -- das einzige luxuriöse Stück der Ausstattung -- waren Bücher, +Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefüllt, so +mochte im übrigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und hörte +es nicht mehr. Das Staatswörterbuch brachte sofort und für lange Jahre +eine Menge mühsamer und oft ärgerlicher redaktioneller Geschäfte, aber +diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die +ihn freute. Von dem mächtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande +vorwärts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken, +schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewußtsein, +daß es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas +beizutragen zur Lösung der höchsten nationalen Aufgabe, erfüllte ihn mit +tiefinnerer Befriedigung und ließ ihn auf äußere Anerkennung verzichten. + +Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster +war ein sogenannter »Tritt« angebracht, eine Erhöhung, auf der nur der +Nähtisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Straße zu +überblicken und dieser Blick erwies sich bald als nützlich; denn als das +Frühjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unmöglich, ihre Kinder, die +auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig +dachte sie daran, die Kleinen stundenlang täglich in die Anlagen zu +schicken oder spazieren zu führen, sie hielt dies für einen +unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes übrig, als sie +auf die Straße springen zu lassen. Anna war nun fünf Jahre, verständig, +äußerst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen +Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten +Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben, +geschweige denn den Mädchen gestattet, auf der Straße zu spielen. So +erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstraße, daß +die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater hätte es vielleicht auch nicht +so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der +Erziehung; »das mußt _Du_ wissen« sagte er bei solchen Anlässen in +vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ängstlich. »Die +Kinder sollen nur aufpassen lernen,« war ihre Meinung, wenn jemand auf +die Gefahren der Straße aufmerksam machte. War aber von dem ungünstigen +Einfluß die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausüben konnte, so +schreckte sie auch das nicht ab. »Unten mögen sie reden wie die andern,« +meinte sie, »oben werde ich mirs schon verbitten.« Sie brachte das auch +zustande. Bald kam es vor, daß die Kleine einer Spielgenossin in die +Dachwohnung hinauf rief: »Marie, kimm abi« und dann der Mutter, die es +hörte, die Erklärung gab: »Weißt' das heißt: komm herunter!« + +Die meisten Kinder, die sich in den Münchener Straßen aufhielten, waren +katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, daß sie den gelegentlich +vorübergehenden Geistlichen die Hand küßten, und arglos folgte sie +diesem Beispiel. Bei solchem Anlaß fragte ein katholischer Geistlicher +das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es +heiße und wem es gehöre. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch +verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den +Ultramontanen verhaßt wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen +Herrn sehr merkwürdig vorkommen, daß das Kind dieses Mannes ihm den +Handkuß gab, und er entließ es mit einem Gruß an ihren Vater. +Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren +auch, welchem Umstand sie den Gruß verdankten. Mit feinem, sarkastischen +Lächeln sagte der Vater zu seinem Töchterchen nur: »Du brauchst künftig +niemandem mehr die Hand zu küssen.« + +Also durften die Braters Mädchen auf der Straße spielen und wurden von +andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering +geschätzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der +außergewöhnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natürlichen +Anlage seiner Frau, daß die Frage: »Was sagen die Leute dazu?« gar nicht +vorkam im Wörterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, daß +sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht +ängstlich nach der Meinung anderer. + +Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausgängen verwendet, Anna war +allerdings ein so praktisches Kind, daß man es wagen konnte. Um so +unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glück zu +sagen, daß doch immer alles gnädig ablief. So wurden der Kleinen einmal +Druckbögen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen +Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer +ruhig deren Führung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet. +Als sie nun zum erstenmal allein auf den großen Platz gelangt war, in +dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Straßen +abgehen, wußte sie nicht, welche sie einzuschlagen hätte. So stand sie +denn ratlos in der Mitte des Platzes, wußte sich nicht zu helfen und +fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorübergehender die +trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und +erfuhr, daß sie den Weg in die Druckerei nicht fände. Nun wollte aber +der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wußte das Kind nicht +Bescheid, zu Hause hieß es eben schlechthin: Die Druckerei. +Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch +Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen +Druckerei geleitet. Es hätte freilich auch anders ausfallen können, +damals, wo oft nur die Anonymität den Verfasser geharnischter Artikel +vor Verfolgung schützte. + +Einige Monate nach der Übersiedlung war Brater schon in so vielerlei +Arbeit verwickelt, daß eine Rückkehr nach Nördlingen ganz undenkbar +erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer: + +... »Die Erinnerung an Nördlingen liegt schon weit hinter mir, insofern +ich nicht mehr wie anfangs Nördlingen als meine Heimat betrachte, wohin +ich zurückzukehren strebe, sobald die Verhältnisse es gestatten. Ich +sehe wohl, daß daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen, +sondern um Karls willen, denn den großen Unterschied für ihn sehe ich +jetzt erst recht ein; also Nördlingen ist meiner Überzeugung nach +abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir +versichern, daß mir oft die Tränen kommen, wenn ich die Kinder +miteinander reden höre, wie sie sich vergnügen wollen, wenn sie wieder +»heim« kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen +u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, daß wir nächstens +heimkehren werden.« + +Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das +Tischrücken auf, das damals eine merkwürdige Anziehungskraft sogar auf +solche Männer ausübte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten. +Frau Brater schreibt: + +»Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den +Freund Bärmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um +das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze +Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte +und ich konnte mich gar nicht genug über die Leichtgläubigkeit Deines +Herrn Bruders und meines Gatten ärgern. Ernst hat Dir vielleicht +erzählt, was für ein Wunder mit dem Tisch sich in Bärmanns Schreibstube +zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich +darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdruß über seine +Leichtgläubigkeit darzutun.« + +Das Interesse für das Tischrücken war in jener Zeit erregt worden durch +einen Artikel in der »Allgemeinen Zeitung«, der über wunderbare +derartige Vorgänge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen +Kreisen zu Versuchen den Anlaß gab. Die Meinungen waren geteilt und es +wurde mit Erregung darüber gestritten, ob man es mit Einwirkung von +übernatürlichen Kräften oder mit Elektrizität und Magnetismus zu tun +habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere +scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein. + +Der Verkehr mit dem obenerwähnten Theodor Rohmer und seinem älteren +Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das +Interesse für deren religiöse und philosophische Ansichten. Zwar die +persönliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung für +Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des +Anstoßes und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern +Rohmer, in die selbstbewußte, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie +sich nicht finden. Es war ihr unfaßlich, wie ihr Mann so hoch +hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzüge seiner eigenen +Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein +Prinzip aus: »Ich lasse mich gehen« und er handelte danach. Ihres Mannes +Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er übte sie an sich, +forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie +Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler +Bruder, Theodor, sich dessen Ansprüchen unterordneten. Die geistige +Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewußte Eigenart übte eine +unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, »eine +unglückselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen +Leidenschaften«. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das Höchste +von ihm erhofften, religiöse, politische und soziale Umgestaltung +Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gewöhnlichem +Maße messen zu dürfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses +Mannes gezeigt, wie die höchste geistige Begabung nur Unfrieden bringt, +Harmonien zerstört und den Träger selbst unbefriedigt läßt, wenn sie +nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht +beherrscht. + +Braters Freundschaft mit Friedrich Rohmer war ein Schatten im Haus, aber +Pauline wurde sich dessen bewußt und sorgte, daß er sich nicht trennend +zwischen sie und ihren Mann schob. Sie suchte ihre Abneigung gegen +diesen Verkehr zu überwinden. Dabei kam ihr zu Hilfe, daß die Gedanken +Friedrich Rohmers, über die sie ihren Mann und seine Freunde sprechen +hörte, sie allmählich ergriffen, so daß sie die Rohmerschen Schriften +las und nun auch mächtig durch dieselben bewegt wurde. Pauline gehörte +zu den echt weiblichen Naturen, denen nur durch Vermittlung des Mannes +ein neues Interesse erweckt, ein Verständnis aufgeschlossen wird. + +Wie sie durch ihre Brüder gelernt hatte die Naturwissenschaften mit Liebe +zu erfassen, so traten ihr durch Rohmer die religiös-philosophischen +Fragen nahe und immer zunehmend in den folgenden Jahren die nationalen +und politischen Interessen ihres Mannes. Nichts eignete sie sich etwa +aus Lernbegier, aus absichtlichem Streben nach Weiterbildung an. So +blieb sie z. B., trotzdem sie einen großen Teil ihres Lebens in der +Kunststadt München zubrachte, der Kunst vollständig fremd, sah sie als +einen Luxus an, ließ sie kaum als eine Lebensaufgabe, die auch ihren +sittlichen Wert hat, gelten. Es trat eben kein Künstler in ihren +Lebenskreis, der sie für seine Sache erwärmt hätte, und sie erfaßte nur, +was ihr durch Persönlichkeiten nahe gebracht wurde, in denen es lebte, +dann aber ergriff sie es mit solcher Wärme der Empfindung und +Begeisterung, daß ihr Feuer sogleich wieder das der andern belebte, und +da solches nie ein Strohfeuer war, sondern eine warme anhaltende Glut, +so gewann sie im Laufe des Lebens immer mehr an innerem Reichtum und +konnte viele anregen, erwärmen und begeistern. + +An Lina Rohmer schreibt sie: »Gegenwärtig studiere ich Kritik des +Gottesbegriffs (von Rohmer), was aber nur dazu beiträgt, meine Ungeduld +nach dem Neuen Gottesbegriff zu vermehren; es wäre zu schade, wenn +Friedrich nicht zu rechter Zeit sein Buch drein feuern könnte, +besonders da ich immer glaube, daß er es dann überhaupt nicht mehr +abfeuert, sondern eben auch da stecken bleibt, wo andere auch nicht +hinüber kommen.« Diese Befürchtung sollte sich bewahrheiten. Noch im +selben Sommer berichtet Brater in der Chronik: »Wir waren in den letzten +Wochen in häufigem Verkehr mit Friedrich Rohmer gestanden, der eine +lebhafte Zuneigung zu unserer kleinen Anna gewann, sich mit Pauline +befreundete und mir ein offenes, unbedingtes Vertrauen erwies. Ich hatte +in früheren Jahren den Eindruck seines _Gemütes_ selten so rein und tief +wie jetzt in den Gesprächen, die sich über unser persönliches +Verhältnis, über das seinige zu Theodor und Bluntschli, über sein +Bedürfnis eines neuen Familienlebens und über politische Zukunftspläne +erstreckten. Zu derselben Zeit war seine _geistige_ Produktion von +solcher Größe und Fülle, daß Bluntschli, der diese Ideen aufzunehmen und +sich anzueignen hatte, fast erlag. + +Wir befanden uns seit kurzer Zeit (zum Landaufenthalt) in Aibling und +erwarteten seinen Besuch, als die Nachricht seines Todes eintraf. +Bluntschli schrieb am 11. Juni: »Gestern noch war er gesund, heiter, +auch am Abend frei und ruhig. Heute morgen ging er ins Bad. Im Bad traf +ihn der Nervenschlag, der ihn zum ewigen Lichte rief.« + +Auch Theodor Rohmer, der seine ganze Kraft selbstlos im Dienste des +Bruders, den er verehrte, aufgerieben hatte, starb bald darauf und +Brater verlor an den beiden Brüdern die Jugendfreunde, die ihn mehr als +alle anderen gefesselt und beeinflußt hatten. Um so näher fühlte er sich +mit Bluntschli verbunden. Längst waren zu den geschäftlichen Beziehungen +mit diesem auch freundschaftliche Familienbeziehungen getreten. Pauline +fühlte sich besonders zu Bluntschlis ältester Tochter Luise hingezogen, +deren gerade, offene Natur zu der ihrigen paßte. Nach ihrer Verheiratung +mit Prof. #Dr.# Hecker (später Obermedizinalrat) wandte die junge Frau +ihr ganzes Vertrauen Frau Brater zu und eine treue Freundschaft +verknüpfte die beiden. Als Bluntschli und seine Frau die silberne +Hochzeit feierten, waren auch Braters mit einigen Freunden des Hauses, +worunter Liebig und Kaulbach, dazu geladen. Daß dieses fröhliche +Familienfest für lange Zeit ihr letzter Ausgang sein sollte, ahnte Frau +Brater an diesem Abend noch nicht. Ein Schmerz im Knie, der sie schon +manchmal belästigt hatte, trat plötzlich so heftig auf, daß sie nicht +mehr gehen konnte. »Pauline ist genötigt, auf dem Sopha zu liegen,« +berichtet ihr Mann und fügt hinzu: »es ist erstaunlich was dazu gehört, +eine Familie von nur vier Köpfen imstande zu halten; keine Woche +vergeht, daß es nicht da oder dort knarrt und eine Fuge aus dem Leime zu +gehen droht.« + +Der Zustand verschlimmerte sich, ein Gipsverband wurde angelegt und mehr +als ein halbes Jahr verging, bis Pauline an Lina Rohmer schreiben +konnte: »Der Gipsverband ist vor acht Tagen abgenommen worden. Die +Möglichkeit des Gehenlernens scheint mir nun auch näher zu liegen als +noch vor acht Wochen, auftreten kann ich freilich noch nicht, aber doch +besser liegen. Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich darüber bin, wohl +ängstige ich mich und fürchte mich selbst vor meiner zuversichtlichen +Hoffnung, aber nichts desto weniger habe ich sie .... Diesen Winter wird +meine Mutter längere Zeit bei uns zubringen, was mich für sie und mich +sehr freut, ich habe es eben überhaupt so gut auf dieser Welt, daß ich +immer denke, so ein kleines Kreuz wie mein böses Knie sei mir eben nötig +und ich fürchte deshalb oft, es wird mir schon noch bleiben.« + +Im selben Briefe spricht sie der Freundin, die eine schwere +Krankenpflege zu besorgen hat, Mut zu: »Halte nur Du Dich tapfer und laß +Dich nicht übermannen, ich zweifle auch gar nicht daran, Du könntest mit +Deinem Mut allen aushelfen, hast Du Dein Gesangbuch bei Dir, so lies das +siebente Lied und denke, daß es mein Lieblingslied ist, denke besonders +bei den drei letzten Versen an mich.« (Es ist das Gerhardtsche Lied: +Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht fröhlich sein?) + +Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte, +hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie +schreibt an Lina Rohmer: »Ich kann nur sagen, daß sich meine Geduld +schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat +und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... Überhaupt ist dies +München ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier +viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatswörterbuch +ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe +eine große Wut, da ich ohnedies diesem Staatswörterbuch nie hold gewesen +bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen +Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder hänge ich dann mit der +Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut für sie, +dies ist die einzige Möglichkeit, ein anständiges Leben zu führen; ich +warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst +misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm +in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande wäre +und wenn ich 6000 fl. Besoldung hätte.« + +Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzündung am Knie war endlich +gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline +erzählte später manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den +Rücken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: »Nun holen +Sie sich aber einen anderen Arzt!« Wieder mußte sie liegen und viele +Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Gedächtnis geblieben, wie +die Mutter trotz dieser Hemmnisse fleißig war. Sie hatte sich ein +schmales Brett zuschneiden lassen, das quer über dem Kanapee ruhen +konnte, auf dem sie lag; sie benützte das als Bügelbrett und hat alle +Stärkwäsche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebügelt. + +Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten +konnte: »Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die +Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert +ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit +mäßiger Benützung des Stockes ohne allzu große Ermüdung und üble +Nachwirkungen zurück.« Das waren schlimme Jahre, auch in pekuniärer +Beziehung, denn Ärzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und +die Einnahmen waren nicht im richtigen Verhältnis zu solchen Ausgaben. +Unter diesen Umständen beschloß Brater, sich noch ein letztes Mal um +eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche +Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer +gewesen wäre, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht hätte. +Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner +Schwester Julie mit: »Nachdem Seine Majestät mein Gesuch gelesen hatte, +befahl er es #ad acta# zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so +unabhängige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon +setzte mich der Kabinettsekretär in Kenntnis und meinte, eine +_abhängige_ Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei +der _Staats_anwaltschaft mein Glück versuchen wolle ....« Unter den +gegebenen Verhältnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft +fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem +Staat als Anwalt dienen, so lange die Männer an der Spitze standen, +deren reaktionäre und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bekämpfte? +Er mußte auf das Angebot verzichten, um seiner Grundsätze willen. + +Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue +Enttäuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen. +Nachdem er den Hergang erklärt hat, schreibt er: »Du mußt außerdem +bedenken, daß ich aus diesen Händeln mit _erhöhtem Selbstgefühl_ +hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn +ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft außerhalb des Zeitcharakters +steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür +büßen müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen +Tugend und meiner Unfähigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt +anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.« +Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlösse mit +pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zustände und die +Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater läßt sich nicht +erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: »Die heutige +Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis +der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem öffentlichen Leben +vorwärts.« Und an seine Schwester: »Einstweilen muß man an dem Gedanken +festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die +politische Entwicklung geht vorwärts.« + +Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie +lebten in der bisherigen fleißigen und sparsamen Weise weiter und trugen +gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen +Freude und ein wackeres Dienstmädchen unterstützte die Frau, während +diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mädchen +bewährte sich als ein treues, verständiges Glied der Familie. Sie wurde +einst, während Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort +über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin +gereist sei und mit welchen Männern er verkehre. Denn je mehr seine +nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die +Bemühungen, ihn zu verdächtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener +preußenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mädchen ließ +sich keine andere Antwort herauslocken als die: man möchte doch ihren +Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid +mußte man sie schließlich ziehen lassen. Man war damals noch mancher +Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das +Zigarrenrauchen auf der Straße als Zeichen einer verpönten Gesinnung +nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei +ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging +täglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal +in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot +aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: »Entschuldigen Sie, ich +bin hier fremd« die Zigarre wegwarf. So trieb er's, bis einst ein +Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: »Ja, entschuldigen Sie, wie +lang sind denn Sie noch fremd?« Von da an hielt es Colomann doch für +geraten, das Rauchen auf der Straße aufzugeben. + +Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmählich eine bessere Wendung für +die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der +Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen +durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war, +anläßlich der Präsidentenwahl sofort wieder aufgelöst. Infolge dieses +Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb +Brater eine Flugschrift: »Regierung und Volksvertretung in Bayern.« Sie +wurde zwar in Nördlingen gedruckt, doch erschien es rätlich, sie +außerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma +ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck, +war augenblicklich vergriffen und mußte in zweiter Auflage erscheinen. +Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen +darauf hin, daß der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die +Abgeordnetenkammer gehöre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken +als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am +günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persönlich +aufzutreten. An fortgesetzte Enttäuschungen gewöhnt, ging Brater ungern, +weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach +Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr, +falls er wirklich gewählt würde, sofort zu telegraphieren. + +Mit dem heißen Wunsche, daß ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein +möchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen +von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die +Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm +ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen +Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die +Mutter wandten, stets die Antwort: »Seid still, ich muß mich auf etwas +besinnen.« An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie +mußte sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen +Mißerfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen könne, daß er +alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon +verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es +doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der +konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewählt. +Die Verspätung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als +Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin +unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz +umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen +zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So +konnte es noch lange währen und Brater wußte seine Bundesgenossin zu +Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben +abgehenden Zug nach dem nächsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort +aus und reiste mit dem nächsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den +Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich +vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert +hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr +Mann sie auch im ärgsten Getriebe nie vergaß und alles andere lieber als +sie zurückstehen ließ; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes, +beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die +höchste Stufe der ehelichen Treue. + +Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem +Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die +erste öffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob +die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen hätte, aber die Freundschaft +der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der +Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und +gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner +wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit +ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, muß doch zuletzt alles +gut werden. + +Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag +erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der +Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjähriger stiller, +treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: »Ihr Vater ist +durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne äußeren Anlaß seine +Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich muß sagen, Hans hat sich +treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.« + +Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen, +ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie +tätig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populären Vorträge +verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie +diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche +Fragen, die sich ihr aufdrängten und um deren Beantwortung sie ihn bat. +In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: »Mehr +als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.« + +Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen +Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wäre nun +vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen +Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel +köstlich nennt: Mühe und Arbeit. + +Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den +ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz +Selbstverständliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen +tun; aber je länger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte +sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an +dieselbe aus. + +»Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich +freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen, +aber jetzt hoffe ich doch, daß Du Dich auch einmal ein wenig mit mir +erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es +ist wahr, Du hast allmählich Deine Kinder so weit gebracht, daß ihnen +die Löcher geflickt werden, auch ohne daß Du Deine Nadel einfädelst, +aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch +stets, daß die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes +ersetzt werden könnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und +nach zu Müttern und Vätern geworden sind, je mehr lernen sie schätzen, +was Du ihnen bist, trotzdem daß ihnen die Suppe sogar von einer Magd +gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten, +sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen +her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich +übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben +verwöhnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden +Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall +zustatten. Sie sind über Deine schöne Handschrift immer höchst erfreut: +'Der Großmutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben +hat sie ein bißle verlernt'.« + +Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule. +Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so +groß, daß sie zwar im Dämmerstündchen sich noch der Mutter auf den Schoß +setze, aber selbst ein ganz verschämtes Gesichtchen dazu mache wegen der +langen Beine, die da herabhingen. Solch zärtliches auf dem Schoß sitzen +und dergleichen erlangte zwar »das kleine Schmeichelkätzchen« hie und +da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich +auch nicht mit ihren Grundsätzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit +Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit +Liebkosung und Zärtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie +teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für »Unkräuter« halten +und dankbar sein, daß man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den +Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen +Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie +galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige +Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete +sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, können, leisten noch +nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen. + +Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur +Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine +fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab, +sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen +Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus +pädagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der +Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lästige Pflicht, sondern +als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab +vielleicht nicht viele Häuser, in denen so gewissenhaft jede unnötige +Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz +dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder +hörten kaum davon reden; sie waren schon große Schulmädchen, als sie +zufällig und zu ihrem Staunen entdeckten, daß das Dienstmädchen um Lohn +und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat. +Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein +bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mädchen gegenüber zur Folge hatte. + +Als die Kinder mehrmals zu dem nächsten Droschkenplatz geschickt wurden, +um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob +es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden +erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher +etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus +zu diesem System und erreichten damit, daß die Kleinen dankbar waren, +wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden, +glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zufloß und vor allem +tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe +verriet, die ihnen um so köstlicher war, je seltener sie in zärtlichen +Worten zum Ausdruck kam. + +In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die +Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, daß damit der beste +Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem +Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber +die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das +Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorität +der Eltern hinaufgewiesen zu der höchsten Autorität und geleitet auf dem +Wege zum höchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will. + +Äußerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religiösem Leben in der +Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und +mit großer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott, +mach mich fromm, daß ich zu dir in' Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit +sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die +Kinder anzuregen, ihre äußeren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu +bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an +Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des +Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in +jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den +sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre +Kinder. Oft sprach sie es aus, daß sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe +der Religion nicht zu erziehen wüßte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer +beeinflußt, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger +sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament +schätzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die +Mutter erwähnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die +Kinder machte, es heißt da von Anna: »Alle Morgen wird ein Abschnitt aus +der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt +sich häufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklärte die erstenmale +immer: »Das hab ich mir auch gemerkt«, fand es dann aber einfacher, ein +für alle Male zu sagen: »Jetzt Mama, ich merk' mir eben immer das, was +sich die Anna merkt.« + +So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig ließen +sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und +waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort »Lüge« zu brandmarken, was +kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Großen +erwähnt: »Anna ist von großer Wahrhaftigkeit«, berichtet sie von der +Kleinen: »Sie hat eine so lebhafte Phantasie, daß sie beständig im Reden +und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von +Wahrheit zu haben.« Sie hatte die ruhige Zuversicht, daß in ihrem Haus +die Unwahrhaftigkeit nicht groß wachsen würde. + +Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau +Brater oft bedauert hat, denn eine größere Geschwisterschar war nach +ihrer eigenen Erfahrung ein köstlicher Schatz und überdies eine +Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn +jedes einzelne unter einer großen Kinderzahl wird sich entbehrlicher +vorkommen als so ein einziges Pärchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt +sie gelegentlich: »Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind hätte, +überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht«; ein +andermal: »vier Kinder wären mein Ideal« und die Sehnsucht nach einem +Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden +Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten. + +Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch +seine schlechten Wasserverhältnisse und häufige Typhuserkrankungen +verrufen war, mußten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an +einem typhösen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater +schreibt darüber an ihre Schwägerin Julie: »Der arme Tropf hatte eine +schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der +Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende +Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine +schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie +sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen ließ, so klopft das Herzchen +mit einer Gewalt, daß man glaubte, es könne es unmöglich überdauern.... +Wunderbar war die Veränderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze +unverändert, dagegen waren die glutroten Backen schneeweiß geworden, sie +lag in fast immerwährendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten +Woche ebenso. Unerhört war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und +dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten, +es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der +dritten Woche, das kommt gewiß auch nur bei Kindern vor, war die +Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne +_allmähliche_ Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht +gehabt und hatte morgens unverändert hundertundzwanzig Pulsschläge. +Abends _saß_ sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter +und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an +waren wir außer Sorge, es ging gottlob alles so gut, daß sie jetzt zwar +lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast +frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden +Strapazen in immerwährendem Kopfweh spüre.« + + + + +VII. + +1858-1862 + + +Die ersten Münchner Jahre in der stillen Augustenstraße waren +verhältnismäßig ruhig vorüber gegangen, aber es kam allmählich anders. + +Als Abgeordneter stand Brater nicht mehr, wie früher, allein. Eine +kleine Gruppe national gesinnter Männer fand sich in der Kammer zusammen +und bald bildete sich zwischen diesen ein Freundschaftsverhältnis, das +auch häuslichen Verkehr mit sich brachte. Oft war das Haus Brater der +Mittelpunkt, in dem sich die kleine Truppe zusammen fand, die es +unternahm, gegen den altbayrischen Fanatismus anzukämpfen und für den +deutschen Bundesstaat unter Preußens Führung einzutreten. + +Die erste praktische Folge der Beratungen dieser kleinen Partei war die +Gründung einer Wochenschrift, deren Redaktion Brater übernahm. Einer der +vorzüglichsten Mitarbeiter derselben war Professor Baumgarten, ein +Braunschweiger, der damals mit seiner Familie in München lebte und mit +dessen Frau sich auch Pauline bald herzlich befreundete, standen doch +ihre Männer im gleichen Kampf, an dem beide Frauen mit ganzem Herzen +Anteil nahmen. Bald zeigte sich's, daß eine Wochenschrift nicht genüge, +und es trat an Brater die Lebensfrage heran, ob er die Redaktion einer +großen politischen Tageszeitung übernehmen wolle. Professor Baumgarten +hat diese Überlegungen in einem Aufsatz der Preußischen Jahrbücher[5] +geschildert und wir teilen sie in seinen Worten mit: + + [Fußnote 5: Band #XXIV#.] + +»Die schwache Stimme einer Wochenschrift konnte in dem Lärm jener Tage +nicht weit dringen. Wir erkannten bald, daß, wenn der überaus rührigen +Agitation im Süden, welche soeben um ein Haar Deutschland in einen +verderblichen Krieg gestürzt hätte, wirksam entgegen gearbeitet werden +sollte, eine tägliche Zeitung nicht entbehrt werden könnte. Nach langen +Verhandlungen, vielen Mühen wurde es möglich, die Begründung eines +solchen Blattes ernstlich ins Auge zu fassen. Und zwar in München, in +dem eigentlichen Hauptquartier der Gegner. An die Ausführung eines so +verwegenen Planes ließ sich aber nur denken, wenn ein Mann von +hervorragender Fähigkeit, von bedeutender Autorität in dem Lande und von +unantastbarem Charakter die Leitung übernahm. Denn daß das Auftreten +einer gegen Preußen gerechten, der nationalen Sache aufrichtig ergebenen +Zeitung in München mit den größten Schwierigkeiten verknüpft sein werde, +deren nur ganz ungewöhnliche Leistungen Herr zu werden hoffen dürften, +darüber konnte sich niemand täuschen. Alles hing daran, ob Brater sich +entschließen mochte, der Redaktion seine Kraft, vielleicht seine +Existenz zu widmen. + +Ich erinnere mich genau der eingehenden Gespräche welche wir im Sommer +über die Sache hatten. Wie immer erwog er alle Momente der Frage mit der +Objektivität eines durch keine Umstände beeinflußten Richters; die hohe +politische Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des Unternehmens erkannte er +vollkommen an, aber über seine Mißlichkeit, über die fast +unübersteiglichen Hindernisse, denen er begegnen werde, täuschte er sich +ebensowenig. Namentlich war ihm klar, daß für ihn persönlich ein fast zu +großes Opfer damit verbunden sei. Nach langer, mühseliger, +entbehrungsvoller Arbeit war er endlich dahin gelangt, sich in Bayern +eine bedeutende Stellung zu erringen. Hielt er sich im Kreise der +bayerischen Politik, so konnte ihm eine höchst befriedigende, d. h. für +das öffentliche Interesse fruchtbare und seinen bescheidenen +persönlichen Ansprüchen gerecht werdende Zukunft nicht entgehen. Betrat +er dagegen den Boden der deutschen Politik mit einer in Bayern bei +Regierung und Volk gleich verhaßten Richtung, so durfte er für die +Zukunft noch viel schwereren Kämpfen entgegensehen, als ihm die +Vergangenheit gebracht hatte. + +Er zählte damals vierzig Jahre; er war ohne Vermögen; nur angestrengte +Tätigkeit und eine seltene Einfachheit des Lebens machte ihm möglich, +mit der Feder zu erwerben, was die Bedürfnisse seiner Familie +erforderten. Unter allen diesen Verhältnissen würden sehr wenige sich +entschlossen haben, auf das Wagnis einzugehen. Brater unternahm es +dennoch kraft jener Mischung geistiger Eigenschaften, der man in dieser +Weise nur sehr selten begegnen wird. Er war ganz klare, scharfe Kritik +und zugleich hingebende Begeisterung. Er besaß ganz die Nüchternheit des +Verstandes, welche meistens zu klugem Egoismus führt und verband damit +einen enthusiastischen Patriotismus, wie er meist nur in unklaren Köpfen +wohnt .... + +[Illustration: Karl Brater] + +... Brater hatte sich nicht getäuscht. Als er am 1. Oktober 1859 die +erste Nummer der »Süddeutschen Zeitung« herausgab, tobte es förmlich von +allen Seiten gegen ihn. Man fand es geradezu unerträglich, daß sich in +München ein »preußisches Blatt« ans Licht wage. Jede Verdächtigung in +der kleinen Schmutzpresse der Stadt, jede persönliche Schikane wurde in +Bewegung gesetzt, um Brater die Existenz in München unmöglich zu machen. +Wer freilich die Blätter der jungen Zeitung las, der wurde von all +diesen jede Stunde des Herausgebers verbitternden Widerwärtigkeiten +nichts gewahr. ..... Der Grundgedanke, Deutschlands Führung durch +Preußen, wurde den widerwilligen Gemütern der Süddeutschen mit nie +aussetzender Konsequenz, aber zugleich mit jener schonenden Milde +gepredigt, welche am besten geeignet ist, dauernde Überzeugungen zu +begründen. Der deutsche Beruf Preußens hat niemals im Süden einen +wirksamern Vorkämpfer gehabt als Braters Süddeutsche Zeitung. Anfangs +mit einmütigem Haß empfangen, wurde sie in kurzer Zeit das +Lieblingsblatt des gebildeten München.« + +Daß eine solche Berufsergreifung auch das Familienleben stark +beeinflußte, ist selbstverständlich. Sofort ergab sich das Bedürfnis, in +den Mittelpunkt der Stadt zu ziehen. Frau Brater schreibt darüber an +ihre Freundin Emilie von Breuls, geb. Kopp: »Ich bin eigentlich eine +halbe Strohwitwe geworden; Du hast vollkommen Recht, wenn Du meinst, die +Zeitung werde meinem Mann viel Arbeit machen, es ist mir fast zu arg, +dazu muß er seine Geschäfte in der Nähe der Druckerei und Post +vornehmen, so daß er sich mit seinen Redakteuren in der Stadt ein paar +Zimmer mieten mußte, wo er nun den ganzen Tag ist und ich ihn nur +mittags ganz kurz sehe, im April ziehen wir nun ganz hinein und so sehr +ich's bedauere, unsere schöne, freie sonnige Wohnung mit einer +Stadtwohnung vertauschen zu müssen, so kann ich's nun doch kaum +erwarten, bis der unbehagliche Zustand des Hin- und Herrennens auf einem +halbstündigen Weg ein Ende nimmt; daß Du die Süddeutsche Zeitung liest, +freut mich sehr; Du kennst nun dadurch unser ganzes Leben, denn ihr +Inhalt und überhaupt was sich jetzt in der Welt zuträgt beschäftigt +meinen Mann ausschließlich und somit auch mich, ich bin ganz und gar +eine Politikerin geworden und von meiner Zeitung eingenommen wie von +meinen Kindern.« + +Im Frühjahr machte sich Frau Brater daran, eine für die veränderten +Umstände passende Wohnung zu suchen, und mietete eine solche. Aber nach +kurzer Zeit benachrichtigte sie der Vermieter, daß er sein Wort +zurücknehmen müsse, -- er hatte inzwischen erfahren, um wen es sich +handle, und wagte es nicht, sich mit einem so staatsgefährlichen +Mietsmann einzulassen. So mußte Frau Brater ihre Wanderung aufs neue +antreten und fand endlich eine entsprechende Wohnung in der Dienersgasse +Nr. 23. Freilich war es ein altes, dunkles Haus, mitten im Lärm der +Straßen und ihre geliebten Sterne waren ihr durch das gegenüberliegende +Regierungsgebäude verdeckt. Auch das ganze Hauswesen bekam plötzlich +einen anderen Anstrich. Das größte Zimmer wurde für die Redaktion +eingeräumt, der eine oder andere Mitarbeiter wohnte auch im Stockwerk, +geschäftig ging es den ganzen Tag aus und ein und ein Laufbursche mußte +angestellt werden. Dies alles gab einen gehörigen Zuwachs von Arbeit und +das Familienleben gewann nicht an Gemütlichkeit durch diese Änderung, +auch war es für Frau Brater peinlich mit anzusehen, daß ihr Mann eine +allzugroße Arbeitslast übernommen hatte. Sie schreibt darüber an ihre +Schwiegermutter: + +»... Daß Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht +ja daraus immer, was uns beschäftigt; an Neujahr soll sie nun etwas +größer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die +Maßregel nicht etwa ungünstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies +langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren +Gehilfen für den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen +Referenten für den Landtag; Du wirst gesehen haben, daß der Landtag im +Januar zusammentritt, ein großer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese +Zeit schon überstanden wäre! Karl hat nun alle seine übrigen Arbeiten +abgegeben und wenn derselbige Referent tüchtig ist, so wird es eher +leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.« + +Daß sich tüchtige Hilfskräfte für solch eine Zeitung schwer fanden, ist +selbstverständlich, und manche merkwürdige Figur tauchte im +»Redaktionszimmer« auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich +auch bedeutende Männer zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der +Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Münchener Neuesten +Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der spätere Schriftsteller +und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schöner, geistig +anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In +seinen Artikeln für die Süddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe +literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde +hochgeschätzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem +geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich +die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr +Frau Brater die große Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh büßen +mußte, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war, +ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis +Übersiedelung nach Heidelberg Anlaß zu einer großen Abschiedsgesellschaft, +über die sie an Ernst Rohmer berichtet: + +»... Auch wir hatten diese Woche eine große Soiree wo es an Humor und +sogar an Tränen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen, +unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und +ich wollte nur, Du hättest die Toaste mit anhören können, es überbot +immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefühl einer +großen Freundschaft und Innigkeit.« + +Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die +nun als größere Schulmädchen wohl zu brauchen waren und fremder +Bedienung vorzuziehen. Das Münchener Bier spielte keine kleine Rolle bei +manchen der Geladenen; es wurde in großen Krügen geholt und die Kinder +gingen von einem Gaste zum andern, um leere Gläser aufzufüllen. Am +leistungsfähigsten war in diesem Stück der allgemein bekannte und +beliebte Abgeordnete Völk, der urwüchsige, kräftige Mann vom Algäu, ein +Volksredner von prächtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen +Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm +immer wieder aufs neue ein, denn er wußte auch schon dieses _kleine_ +Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Räumen zu +Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfänglichen +Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches +Talent zu statten, sie kochte vorzüglich und war die Mahlzeit +aufgetragen, so kam noch als beste Würze ihr guter Humor in der +Unterhaltung. + +Das waren inhaltsreiche Jahre für die Frau, die an allem, was den Mann +beschäftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem +Arbeitszimmer herüber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen, +ehe er ihn in die Druckerei schickte. »Du bist mein Publikum,« sagte er, +»ich muß sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.« +Ihre gesunde Empfindung befähigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert +war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier +geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu benützen wollte, um die +Verleumdungen zu widerlegen, die andere Blätter gegen ihn brachten, dann +setzte sie ihm zu, wollte, daß er die Grobheiten gehörig heimgebe, und +hätte ihm solche am liebsten in kräftigen Worten in die Feder diktiert. +Aber er ließ sich nicht beirren: »Um die Sache handelt es sich, nicht um +meine _Person_,« erklärte er ihr immer wieder; »warum von dem kostbaren +Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persönlicher Angriffe verwenden, +laß sie nur schimpfen, viel besser ist's, wir bleiben bei der Sache.« Im +Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme +Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmählich auch ohne +Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an +Hilfskräften fehlte und sie dem mit Arbeit überladenen Manne +Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder mußten, wenn der +Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe genoß, oft +genug Besorgungen für die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen, +die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn +ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief über Mittag eine +Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam +sie eben noch recht für die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff +Anna das Telegramm, rannte in der Schürze, ohne Hut, über den glühend +heißen Odeonsplatz und die Drucker wußten schon, wenn sie so atemlos +hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das _mußte_ noch in die +heutige Nummer. Heimwärts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr +ohne Hut über den heißen Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall +ein, so ging ihr doch wieder die Süddeutsche Zeitung über alle +persönlichen Rücksichten. + +War nun in diesem geschäftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich, +vergaß sie auch alle persönlichen Bedürfnisse über der großen Sache, der +sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich plötzlich +abrufen ließ aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der +schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise +Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt +war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine +Lungenentzündung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach +Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen +Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verließ sie München +und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand, +schildert sie selbst ihrem Manne: + +»Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt +und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir's doch nicht +leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann +ich es nicht begreifen, daß dieses das Wiedersehen sein soll, auf das +ich mich schon so lang freute, und daß es das letzte sein soll; wenn ich +nur recht so wie ich möchte bei ihr bleiben und weinen dürfte, aber um +Luisens willen und um meiner Augen willen muß ich so viel als eben +möglich an mich halten. Ich will Dir erzählen, wie es ging: Auf meiner +Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und +der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt +und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz +schon von weitem und sah auch gleich, daß ich mich getäuscht hatte, er +hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher +als bis ich wirklich die letzten Atemzüge gehört hatte.... Als ich ankam +und sie begrüßte, konnte sie mir's nur dadurch erwidern, daß sie mich +ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gruß von den +Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, daß ich's nie vergessen +werde, ich kannte sie kaum, so waren die Züge von Schmerz und +Anstrengung entstellt.... + +Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden +Todes, sie lag regungslos und atmete in immer größeren Zwischenräumen, +um halb fünf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten +noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei +und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene +weichen mußte, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr +nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es +auf dieser Welt nur geben kann. + +Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir fürchteten, sie ist +wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr +Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so +weit, daß sie sich selber im Bett bewegen kann.... Daß die Mutter auf +diese Weise sterben mußte, darüber kann ich mich nicht leicht beruhigen, +die Krankheit wurde selbst verschuldet.« + +Über diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trösten und schreibt: »Sie ist +in der Aufopferung für andere, der ihr ganzes _Leben_ gewidmet war, auch +_gestorben_. Darüber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem +Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam hätte entziehen +lassen.« + +Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren +Krankheit, ein harter Schlag für den Mann und die fünf Kinder, deren +ältestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch für +Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten +Schwager Sartorius schreibt sie: + +»Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin +mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fühlt man die +Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man +möchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der +Gedanke an sie das ganze Herz ausfüllt; hier fühle ich mich mit meiner +Betrübnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene +Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt, +allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrübnis zeigen, +ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen? +Ich kann das nicht.« + +In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen +Kinder und in späteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, »den +kleinen Hansel« zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den +eigenen Töchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte +Pauline in späteren Jahren die Freude, daß die mutterlose Schar aufs +neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewährte +Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwägerin und +durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde. + +Im Sommer 1861 gönnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine +Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein köstliches +Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschüssen, +nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch für Pauline +eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfällen, und eine +Wonne für die Schulkinder. In einem Fischerhäuschen wohnten sie, bei +freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See +zu, sich der schönen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestörten +Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere +Freude als die _eine_, allerdings tief beglückende, das Tagewerk gut +vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenuß, die freie Muße mit +wohligem Behagen empfunden. Für drei Tage machten die Eltern allein +einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glück, sich +wieder einmal ganz anzugehören. Mit großem Vertrauen und beneidenswerter +Sorglosigkeit ließen sie das zehn- und elfjährige Schwesternpaar im +Fischerhäuschen zurück, wo die Kinder sich mit großem Stolze Frühstück +und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aßen. + +Ein längerer Landaufenthalt war freilich nicht möglich, denn die Arbeit +drängte. Als Mitbegründer des deutschen Nationalvereins hatte Brater +überdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach, +Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien +solche Tätigkeit fürs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rücksicht auf die +eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft. + +Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die nötigen +Hilfskräfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt +Pauline: »Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer +Mitredakteur ist sehr kränklich und es fragt sich, wie lange er +aushalten wird, er hat schon selbst seine Befürchtungen ausgesprochen +und hätte sich gar nicht auf dieses Geschäft einlassen sollen« und eine +Nachschrift dieses Briefes teilt mit: »Unser Redakteur liegt heute +bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es +nicht gefährlich. -- Ich bin in Verzweiflung.« + +Selbstverständlich mußte bei solch plötzlichem Versagen der Hilfskräfte +immer Brater seine eigene schon aufs äußerste angespannte Kraft +einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tägliche Nahrung +und wenn Frau Brater mit »Grausen« das neue Jahr angetreten hatte, wenn +sie, so wenig ängstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das +Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da. + +Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: »Meinem Mann hat +der fatale Winter schließlich doch auch noch einen recht hartnäckigen +Husten angehängt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon +vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen +bekam er nun ganz plötzlich einen ziemlich starken Anfall von +Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz +vorüber sind, doch erklärte Lindwurm nach genauer Untersuchung, daß es +nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Daß er +ihn nach Berlin reisen läßt, wundert mich trotzdem und ich würde es +gewiß nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in +der Unterbrechung seiner gewöhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil +sähe; wenn es nur ein mäßiges Wetter wird, ich bin eben doch in großer +Sorge.« + +Sechs Wochen später -- und die beiden Ärzte Professor Lindwurm und der +befreundete Professor #Dr.# Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch, +Brater müsse das überanstrengende Geschäft der Redaktion abgeben, müsse +das rauhe Münchner Klima verlassen und müsse noch, ehe dies alles +geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie möglich +fort in mildere Gegend. + +Schwer trafen diese drei harten »Muß« den Mann, der wohl wußte, daß die +Süddeutsche Zeitung von seiner Persönlichkeit abhing, und seiner Frau +war es zumute, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. In der Tat, +war nicht alles erschüttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung, +das Leben ihres Mannes und somit ihr Glück? + +Noch ehe Brater einen Entschluß wegen der Zeitung fassen konnte, mußte +er München verlassen, um den rauhen Frühlingsstürmen zu entgehen. Das +war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber +freundlich bot sich dem Erkrankten eine Stätte zur Erholung. Der +Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in +Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn +herzlich zu sich ein und so bald die nötigste Vertretung gefunden war, +reiste er dorthin. Die Sorge für die Zeitung begleitete ihn. In +Versammlungen national Gesinnter wurde beraten über die Fortführung der +Zeitung. »Wir sahen«, schreibt Baumgarten, »wie die Zeitung jeden Tag +mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie +hätte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche +für Brater hätte eintreten können. Ohne ihn war das Blatt noch immer in +München unmöglich.« + +So blieb denn keine andere Möglichkeit als entweder die Süddeutsche +Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an +dem ihre Redaktion nicht mit so ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden +war wie in München und sich demnach leichter ein Redakteur finden ließe. +Von Deidesheim aus schreibt darüber Brater an seine Frau: »Gestern sind +Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ... +verhandelt haben. Das Resultat wäre, daß vom 1. Juli an die Süddeutsche +Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in _Frankfurt_ erscheint. +Die Redaktion würde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits +(unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhältnisse) nur um +Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer +politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch +noch öffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich +glaube, daß wir mit diesem Schritt das Zweckmäßigste tun, was unter den +obwaltenden Umständen geschehen kann und daß auch Du damit einverstanden +sein wirst. Bis auf weiteres darf davon _durchaus nichts verlauten_, die +Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen +geschehen wird.« + +Zugleich mit diesem Plane, der auch zur Ausführung kam, wurde die Frage +über den künftigen Aufenthalt der Familie beraten. Am Sitz der Redaktion +selbst sollte Brater nicht wohnen, um nicht aufs neue zu sehr in das +Getriebe hineingezogen zu werden, doch allzuweit sollte er auch nicht +davon entfernt sein, eine Stadt in der Nähe von Frankfurt schien am +günstigsten. Viele Briefe gingen zwischen Deidesheim und München hin und +her, bis einer derselben den energischen Vorschlag brachte, Pauline +solle zu ihrem Manne kommen, mündlich ließe sich das alles viel leichter +beraten. Zur Beaufsichtigung der Kinder und des Haushaltes war die +Schwester Julie Brater bereit und so folgte Pauline dem Ruf und reiste +über Württemberg nach der Pfalz. Es waren schon einige Wochen seit +Braters Abreise verflossen, seine Nachrichten hatten jedesmal über +fortgesetzte, wenn auch langsame Besserung berichtet, mit unendlicher +Sehnsucht sah sie der Wiedervereinigung entgegen und wurde aufs +liebevollste in dem gastlichen Hause Buhl aufgenommen. Aber die Wochen +der Trennung mochten die Ursache sein, daß sie ihren Mann objektiver +betrachtete und nun sah, wie krank er war. Wir lesen es zwischen den +Zeilen in einem Brief an ihre Schwägerin Julie in München, wo es nach +der Beschreibung der Reise heißt: »Was nun die Hauptsache ist, so +konnte ich mich im ersten Augenblick des Wiedersehens kaum recht fassen +ob meiner getäuschten Erwartungen, vielleicht hatte ich mir bei den +fortwährenden Besserungsberichten zu viel Hoffnung gemacht.... So war +ich gestern in recht trauriger Stimmung, die ich kaum zu verbergen +wußte, Karl ist sehr heiter, und heute habe ich mich nun auch gefaßt und +schiebe alle eingehenden Gedanken auf die Seite. Es gibt so viel zu +beraten und zu überlegen, daß wir noch gar nicht angefangen haben, was +kann man auch am Ende für Entschließungen fassen, wo doch alles von +Karls Besserung abhängt? Möchte es Gottes Wille sein, daß uns diese +Bitte erhört wird!... Hier ist alles herrlich, die Natur und das Haus, +aber trotzdem will Karl die Gastfreundschaft nicht zu lang in Anspruch +nehmen und möchte eben gern bei den Seinen sein.« + + + + +VIII. + +1862-1863 + + +Fünf Jahre war die Familie Brater in München gewesen, hatte Verbindungen +geschlossen, die ihr allmählich lieb geworden waren, und nun sollte sie +wieder abbrechen und sich an einem gänzlich unbekannten Orte +niederlassen. Dies ist an sich schon schwer und ist es doppelt, wenn +eine traurige Ursache den Anlaß zu solchem Wandern gibt. Brater ging von +Deidesheim aus nach Frankfurt, um dort die nötigen Vorbereitungen für +die Übergabe der Süddeutschen Zeitung zu treffen, und kehrte dann nach +München zurück, um die Redaktion aufzulösen. Für den Sommer rieten die +Ärzte zu einem Aufenthalt in Höhenluft und dem Gebrauch einer Molkenkur. +Wieder war es ein Abgeordneter, der hier Rat wußte. Auf dem Grünten, +einem Berg in den bayerischen Alpen, besaß der Abgeordnete Hirnbein ein +Anwesen, in dem Molkenwirtschaft betrieben wurde und einige Zimmer für +Fremde eingerichtet waren. Zwar hatte sich noch nie eine Familie länger +dort aufgehalten, nur Passanten, die den Grünten um der schönen Aussicht +willen bestiegen, pflegten dort zu übernachten, aber für die +bescheidenen Ansprüche der Familie Brater konnten die Räume genügen und +es wurde beschlossen, dort hinauf zu ziehen. Der Besitzer, der selbst +nicht oben wohnte, empfahl seinen Leuten die Münchner Familie und so +wurde diese mit freundlicher Zuvorkommenheit aufgenommen und fühlte sich +da droben, wie wenn sie im eigenen Hause säße und der ganze Berg ihr +untertan wäre. Nach den schweren Aufregungen der letzten Monate war das +Zusammenleben in der stillen, gewaltigen Natur eine große Wohltat für +die Familie, und Brater, der in der dünnen Bergluft leichter atmete, +fühlte sich wohl genug, um den Aufenthalt zu genießen. So war es eine +schöne Zeit, trotzdem die unsichere Zukunft einen leisen Schatten +darüber warf. Pauline schreibt von dort aus an Ernst Rohmer: + + _Lieber Ernst!_ + + Du wirst es ohne Zweifel sehr schnöde finden, daß wir so lange + nichts von uns hören ließen, allein diesmal war es eine höhere + Macht, die sich hemmend unserm Verkehr entgegenstellte. Vor acht + Tagen übergab Karl vier Briefe der Post, die sich in Gestalt + eines _Esels_ von unserer Burg nach Sonthofen hinabschlängelt, + allein drunten angekommen, konnte das wackere Tier die Briefe + nicht weiter befördern, weil sie sämtlich verloren waren und + trotz Bekanntmachung in der Kirche und der besten Versprechungen + nimmer zum Vorschein kamen. Daß unter diesen Verlorenen gerade + auch einer an Dich war, ein großer, langer, vielleicht seit + Jahren der erste anständige, war uns besonders leid, war aber + eben nicht zu ändern! + + Laß Dir nun vor allem schönsten Dank sagen für Deine + freundschaftlichen Anerbietungen in Deinem letzten Brief, Du + hast vollkommen Recht, wenn Du sagst, »wir verstehen uns« und + darfst auch überzeugt sein, daß wir uns nötigen Falles an + niemand mit so leichtem Herzen wenden würden als an Euch. + Gegenwärtig sind wir aber gut daran und hoffen, nicht so bald in + die Brüche zu kommen, da wir einen sehr angenehmen Zuschuß zur + Kur von Onkel Karl[6] in Fiume erhalten haben. + + Ich bin also heute vor acht Tagen mit Schwiegermutter, + Schwägerin Julie und den Kindern glücklich hier oben angekommen + und wir befinden uns aufs beste; da man die Bergpartie auf dem + Roß mit aller Bequemlichkeit zurücklegt, so können wir Dir + nichts Besseres raten, als auch noch auf einige Zeit zu uns zu + kommen; für Dich und überhaupt für alle Nerven muß diese Luft + herrlich sein, ich habe auch noch kein Kopfweh gehabt. Meinen + Mann fand ich recht gut aussehend und vielleicht auch in der + Hauptsache etwas besser, doch bilde ich mir ein, in einer + _beständig_ warmen Luft wäre es vielleicht noch besser + geworden.... Über unsere weiteren Pläne sind wir noch ganz im + unklaren, mein Wunsch wäre, daß Karl diesen Monat hier oben und + dann vielleicht noch zwei Monate irgendwo in der Wärme zubringt, + etwa Reichenhall oder noch besser Meran, aber das Jammerkind in + Frankfurt gönnt einem ja keine ruhige Stunde ... + + [Fußnote 6: Meynier, ein Bruder von Braters Mutter.] + +Das »Jammerkind«, die Zeitung, gewöhnte sich schwer ein in Frankfurt und +als der sechswöchentliche Aufenthalt auf dem Grünten vorüber war, reiste +Brater nach Frankfurt, um in der Redaktion zu helfen. Es scheint, daß +Frau Brater diese Trennung, verbunden mit der auf ihr lastenden +Unsicherheit über die nächste Zukunft, schwer nahm; auch fürchtete sie +wohl, daß der Erfolg der Kur wieder durch übermäßige Arbeit verloren +ginge, und sie hat wohl ihren Unmut herzhaft in ihren Briefen +ausgesprochen, denn der Gatte antwortet ihr: »Ein hübsches Quantum +schlechter Laune hast Du in Deinem letzten Brief abgeladen. Aber ich +gönne Dir die kleine Erleichterung, die einzige, zu der ich Dir +behilflich sein kann. Laß Dir nur die Widerwärtigkeiten nicht über den +Kopf wachsen: in einigen Wochen sind wir doch wieder beisammen. Freilich +liegen dazwischen einige unersetzliche Tage!« + +In dem folgenden Briefe teilt Brater den Seinigen mit, daß er nun in der +nahen Stadt Aschaffenburg eine Wohnung gemietet habe, die sofort zu +beziehen war, und eifrig begannen Frau und Töchter den Hausrat +einzupacken, als ihnen ein weiterer Brief Halt gebot. Daran war wieder +die Zeitung Schuld. Es gewann immer mehr den Anschein, daß sie sich +nicht halten würde, und so schien es geratener, mit einem vollständigen +Umzuge noch bis zum Frühjahr zu warten und für den Winter nur irgendwo +in der Nähe Frankfurts in möblierter Wohnung einen provisorischen +Aufenthalt zu nehmen. Brater schreibt: »Es kommt nun ein neues Projekt +in Betracht. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß Wiesbaden ein +außerordentlich mildes Klima habe und deshalb zum Winteraufenthalt +vorzüglich zu empfehlen, auch im Winter nicht teuer sei. Ich habe heute +mit einem dortigen Freund gesprochen und ihn beauftragt, nach dem Preis +einer möblierten Wohnung zu fragen ... Käme dieser Plan zur Ausführung, +so müßte man das Mobiliar in München stehen lassen und gleich die +Wohnung in Aschaffenburg kündigen. Ich möchte, daß Du bald mit Lindwurm +und Hecker sprichst, ob sie Wert auf eine solche Maßregel legen +würden... Du siehst, daß ich darauf bedacht bin, Dir für Zerstreuung zu +sorgen, armer Teufel!« + +Dieses Projekt kam im Herbst 1862 zur Ausführung, die Familie zog nach +Wiesbaden und mietete in einem Gasthause für den Winter einige möblierte +Zimmer. Brater, vollauf beschäftigt mit Arbeiten, vermißte weniger die +eigene Wirtschaft wie seine Frau. Nach dem ungewöhnlich bewegten +Haushalt der Münchner Jahre sah sie sich nun vollständig zur Ruhe +gesetzt, denn da sie keine Küche zur Verfügung hatte, konnte sie nicht +selbst wirtschaften, das Essen wurde aufs Zimmer gebracht und es gehörte +viel Elastizität dazu, sich plötzlich wieder in so ganz andere +Verhältnisse zu finden, auf einige kleine Zimmer angewiesen zu sein und +keinerlei Verkehr zu haben. »Ich bin's nun schon ganz gewöhnt,« schrieb +sie nach den ersten Wochen, »daß, wenn bei uns angeklopft wird, niemand +anders als das Stubenmädchen erscheint.« Den Kindern war das Neue an +dieser Lebensart und dem anderen Wohnsitz interessant, die heißen +Quellen vor allem, deren eine auch durch die Wohnung geleitet war und +mit ihrem fast kochenden Wasser zu ihrer Verfügung stand, wenn sie das +Frühstücksgeschirr abzuwaschen hatten. Sie besuchten ein Institut und +fingen an, sich mit den Nassauischen Mädchen zu befreunden, als eine +schlimme Sache dazwischen kam und den kaum begonnenen Unterricht +unterbrach. + +Anna, die schon acht oder vierzehn Tage über Kopfweh geklagt hatte, +fragte eines Abends, als längst die Lampe brannte, warum man denn nicht +endlich Licht mache, es sei doch so dunkel. Ein solches Wort muß wohl +auch eine tapfere Mutter mit Schrecken erfüllen und so schnell als +möglich wurde ein Augenarzt zu Rate gezogen. Er fand eine schwere +Netzhautentzündung, welche die Sehkraft in höchste Gefahr brachte. In +späteren Jahren sprachen verschiedene Augenärzte ihre Verwunderung +darüber aus, daß die hochgradige Erkrankung geheilt werden konnte, und +es war dies offenbar dem energischen Eingreifen des vorzüglichen +Augenarztes Pagenstecher zu verdanken. Er leitete sofort eine Behandlung +mit künstlichen Blutegeln, Blasenpflastern und Fontanellen ein, die +freilich sehr schmerzhaft war. Das arme Kind hatte viel zu leiden und +die Mutter litt mit ihm; sie hatte stets tiefes Mitleid mit allen denen, +die körperliche Schmerzen zu erdulden hatten, und es war rührend und für +ihre Kinder unendlich tröstend, wie sie in solchen Fällen in einem +zärtlich liebkosenden Tone mit ihnen sprach, der ihr sonst fremd war und +um so tieferen Eindruck machte. Auch Schmerzensgeld und süßer Lohn für +bewiesene Tapferkeit spendete sie da und diese seltenen verwöhnenden +Liebeszeichen warfen einen hellen Schimmer in dunkle Krankheitszeiten +und verbanden die Kinder aufs innigste mit ihrer Mutter. + +Auch der Vater ließ sich in diesen Zeiten öfter herbei, sich mit der +Patientin zu unterhalten, und da er bei Anna ein warmes patriotisches +Interesse fand, gereichte es ihm selbst zur Freude. Während er sonst in +Briefen die Kinder höchstens kurz erwähnt, findet sich in einem solchen +aus Wiesbaden die Mitteilung eines Kindergespräches, das ihn selbst +überraschte und das wir als Zeichen für die Atmosphäre, in der die +Kinder aufwuchsen, hier anführen. Brater schreibt am Schluß eines +geschäftlichen Briefes an Rohmer: + +»Anna hat mich gestern an ihrem zwölften Geburtstag nicht wenig in +Verwunderung gesetzt durch einen Vortrag über die deutsche Frage. Sie +setzte nämlich auseinander, daß es mit den vielen Königen nichts sei, +daß aber auch der Kaiser von Österreich und der König von Preußen als +solche nicht über Deutschland gesetzt werden dürften, weil sie sich nur +für ihre Hausmacht interessieren würden, daß man einen Kaiser brauche, +der mit seinen Herzögen ganz Deutschland regiere und daß man eben suchen +müsse, für dieses Programm eine Mehrheit zu gewinnen, die dann mit +Waffengewalt die Minderheit zu Paaren treibe. Durch meine Zwischenfragen +herausgeholt, kam das alles in kindischen Ausdrücken ganz rund und nett +zum Vorschein.« + +Das erkrankte Auge fing an, sich zu bessern; in der Hoffnung, auch von +der schmerzhaften Behandlung bald befreit zu sein, sah die Patientin +fröhlich dem nahen Weihnachtsfest entgegen, da warf sich die Krankheit +auf das andere Auge und gerade am Vorabend des Festes minderte sich +stündlich die Sehkraft des Auges. In großer Angst wurde der Augenarzt +herbeigerufen; die Kinder und mit ihnen die Eltern bangten vor dem zu +erwartenden Ausspruch, daß Anna liegen müsse und von einem Christbaum +mit Lichterglanz keine Rede sein könne. #Dr.# Pagenstecher kam und +untersuchte. Er fragte auch genau nach dem Kopfschmerz und allgemeinen +Empfinden. Die Patientin gab darüber günstigen Bescheid, allein es lag +für den Arzt nahe zu denken, daß die Furcht vor der schmerzhaften +Behandlung, die sie schon kannte, ihre Aussagen beeinflussen möchte. +Der Vater bemerkte dies Mißtrauen und er, der vielleicht noch nie in +Gegenwart des Kindes diesem ein Lob ausgestellt hatte, sagte nun ruhig +und bestimmt: »Wir können uns absolut auf ihre Gewissenhaftigkeit +verlassen.« Die Freude der kleinen Leidenden über dieses ehrenvolle +Zeugnis konnte kaum noch erhöht werden durch die Genehmigung des Arztes, +daß sie, mit blauer Brille bewaffnet, zur Bescheerung aufstehen dürfe. +Freilich hatte sie noch ihre schmerzhaften Blasenpflaster und sah noch +die Dinge, die unter dem Christbaum lagen, in verkehrten Farben, aber +daran war sie nun schon gewöhnt und die Freude war nach der +ausgestandenen Angst doppelt groß. + +Die fernen Verwandten, die an jenem Weihnachtsfest an die Familie Brater +dachten, waren voll innigen Mitleids. Sie sagten sich: welch trauriges +Fest in der Fremde, ohne jegliches Behagen, die Sorge wegen des Mannes +Befinden, dazu das leidende Kind und die vermehrten Ausgaben. Dies war +alles richtig und dennoch standen die Viere glücklich und dankbar unter +dem Christbaum. In andern Familien waren vielleicht die Verhältnisse +günstiger, aber ein einziger Mißton konnte die Harmonie mehr stören als +es hier alle äußeren Umstände zu Wege brachten. Man darf sich immer zum +Trost sagen im Hinblick auf schwere Zeiten, die uns oder unsern Lieben +das Leben bringt, daß es neben allem Unglück eine unerschöpfliche +Möglichkeit des Glückes gibt: eine vorübergehende Besserung, eine +abziehende Sorge, ein freieres Aufatmen kann dem Menschenherzen so wohl +tun, daß es im Augenblicke nur diese Guttat empfindet und nicht so sehr +zu bedauern ist, wie es sich die Phantasie ausmalt. Auch ist ja unserer +Menschennatur eine große Fähigkeit der Gewöhnung mitgegeben, die bald +erleichtert, was zuerst unerträglich schien. + +Diese Gewöhnung war es, die in diesem und den folgenden Jahren auch der +Familie Brater zu Hilfe kam. So war allmählich der Husten und das +erschwerte Atmen bei Brater der normale Zustand geworden, an diesen +gewöhnte man sich, war zufrieden, wenn nur keine Verschlimmerung +eintrat, war glücklich und hoffnungsfroh, wenn sich zeitweise eine +Besserung einstellte. + +In einem Brief an ihre kranke Schwiegermutter, die nun mit den Töchtern +in München lebte, schildert Pauline das Wiesbadener Leben: + + _Liebe Mutter!_ + + Es geht mir noch immer ab, daß ich Dir diesmal keinen + eigenhändigen Neujahrs- und Geburtstagsgruß schicken konnte, + gerade heuer, wo wir so viele gemeinsame Wünsche und Gebete mit + ins neue Jahr hinübernehmen.... Die Berichte über Dein Befinden, + liebste Mutter, sind leider noch nicht so gut wie wir gehofft + und so sehnlich gewünscht hatten, wie muß es Dir doch so schwer + fallen, Dich immer so schonen zu müssen, und wie schwer fällt es + besonders uns Entfernten, so garnichts zu Deiner Erleichterung + beitragen zu können, wir können nur eines tun, liebe Mutter, + nämlich uns an Deiner oft erprobten und bewährten Geduld und + Ergebung ein Beispiel nehmen, dann können wir auch getrosten + Mutes wieder auf die besseren Tage hoffen. + + Bei Anna geht es stets vorwärts, wenn wir gleich noch mitten in + einer schwierigen Kur drin stecken; bei dieser Gelegenheit habe + ich mich zum erstenmal mit unserem hiesigen Aufenthalt + ausgesöhnt, wo wir einen so ausgezeichneten Augenarzt bei der + Hand haben; wäre das Übel nicht gleich richtig erkannt und + behandelt worden, so hätte es schlimm gehen können; im übrigen + aber wächst unsere Sehnsucht nach Euch Lieben von Tag zu Tag, + auch die Kinder sprechen eigentlich von gar nichts anderem mehr; + wenn alles gesund ist, dann kann man schon eine Weile im Exil + leben und Umgang sowie jede häusliche Bequemlichkeit entbehren, + wenn aber dann hier und dort nicht alles nach Wunsch geht, dann + ist's einem oft, als müßte man geradewegs davonlaufen. So war es + mir in den letzten Tagen zumute. Ich habe eine widerwärtige + Geschichte mit einem sogenannten Ais oder Ast durchgemacht ..... + und hatte doch keine Zeit zum Bettliegen, da es gerade zwei + Kurtage für Anna waren; ich hatte ganz entsetzliche Schmerzen + mit dieser Albernheit und lag dann schließlich doch noch zwei + Tage, um Umschläge zu machen. Karl bedauerte nur, daß wir uns + nicht mit unserer ganzen Umgebung photographieren lassen + konnten: Anna im Bett hinter einem großen Lichtschirm, ich im + Bett mit Überschlägen beschäftigt, Karl über einem Trichter + Dämpfe einatmend, dabei Agnes als Hausfrau und Pflegerin all + dieser Patienten. Agnes hat sich übrigens wacker + durchgeschlagen, schön langsam und umständlich ist ihr + Losungswort, aber dabei ist sie doch sorgfältig und unverdrossen + ...... Anna soll sich jeglicher Tätigkeit enthalten, ich darf + ihr nicht einmal etwas auswendig lernen lassen, das ist schwer + für ein Kind, das kein Talent zum Müßiggehen hat und auch nicht + leicht für ihre Umgebung; trotzdem sind wir alle vergnügt und + dankbar und ich freue mich besonders, bis Du Karl wiedersiehst, + ich glaube, man kann ihn jetzt fast ganz gesund nennen.« + +Freundlich bezeugte auch Wilbrandt der kleinen Patientin seine +Teilnahme. Er war in diesem Winter als Mitglied des Nationalvereins in +Frankfurt, kam von dort zu geschäftlicher Besprechung mit Brater nach +Wiesbaden, traf Anna an ihrem zwölften Geburtstag in der peinlichen Kur +ihrer Augen und beglückte sie, indem er auf eben diese Augen das +folgende Gedichtchen machte: + + _Zum 12. Geburtstag._ + + Liebe, viel geprüfte Sterne + Laßt von diesem frohen Tage + Eure Herrin ohne Klage + In ein lieblich Leben sehen. + Leitet sie getreu und gerne + Über Täler, über Höhn! + Lehrt sie alle Näh' und Ferne + Und der Erde Herrlichkeiten + Und ihr Glück und ihre Leiden + Liebreich ohne Schmerz verstehn. + +Im Februar kam aus Erlangen eine Nachricht, die Pauline schmerzlich +ergriff und auf ihr ferneres Leben von großem Einfluß sein sollte: Ihr +Bruder Hans hatte seine junge Gattin verloren. Elf Jahre hatten die +Liebenden sich nach ihrer Verbindung gesehnt und kaum sechs Jahre des +Zusammenlebens waren ihnen beschieden. Ganz fassungslos stand der Witwer +mit vier kleinen Kindern da. Obwohl Anna noch der Pflege bedurfte, +reiste Pauline doch nach Erlangen, um dem Bruder zu Hilfe zu kommen, +dessen Nerven so erschüttert waren, daß er, von rasendem Kopfschmerz +gepeinigt, von Halluzinationen heimgesucht, sich nicht zurechtfinden +konnte in seiner traurigen Lage. Zu dem körperlichen und gemütlichen +Schmerze kam noch das Gefühl, daß seine Kinder und sein Hauswesen so +nicht weiter bestehen konnten. Schon während der Krankheit seiner Frau -- +Typhus war es gewesen -- hatten die Dienstmädchen, denen das Hauswesen +überlassen war, dieses schnöde vernachlässigt und es war ein trostloser +Zustand, in dem Pauline das Haus und die vier mutterlosen Kleinen +vorfand, deren ältestes erst vier Jahre zählte. Als sie im März +notgedrungen wieder zu den Ihrigen zurückkehrte, verließ sie den der +Verzweiflung nahen Bruder mit dem Trost, nach Schluß des Wiesbadener +Aufenthalts, wenn die Ärzte es irgend erlauben würden, mit Mann und Kind +zu ihm zu kommen und sein Hauswesen in geordneten Gang zu bringen. +Brater, voll Teilnahme für den Schwager erklärte sich gern bereit dazu, +und als im Frühjahr die Neuwahlen zum Landtag ihn nach Nürnberg riefen, +wurde der Wiesbadener Haushalt abgebrochen und die Familie zog nach +Erlangen. Dort war inzwischen alles drunter und drüber gegangen, durch +schlechte Mägdewirtschaft war vieles veruntreut und verwahrlost worden, +den Kindern fehlte alles, was sie brauchten, Pauline wußte kaum, wo sie +zuerst anfangen sollte. Zunächst wurde die treulose Magd entlassen, von +der die Nachbarschaft schon längst wußte, daß sie jeden Abend einen +vollen Korb aus dem Haus getragen und einen leeren wieder zurückgebracht +hatte. Und nun begann in dem Haus ein Räumen, das fast endlos schien. Es +ist kaum zu glauben, wie in wenig Monaten ein Haushalt herunterkommen +kann, wenn niemand da ist, der für die Ordnung sorgt. Unter die Schränke +und Betten hatten die Mägde die Sachen geschoben, die ihnen im Wege +lagen, alle Schlüssel der Möbel waren verloren, Zerbrochenes, +Zerrissenes war in die Winkel geschoben oder in den Hof geworfen, und +von den Weißzeugvorräten, welche die junge Frau als Aussteuer +mitgebracht hatte, war nirgends mehr ein halbes Dutzend beisammen. + +Die Bücher, die dem Mathematikprofessor von den Buchhandlungen zur +Ansicht geschickt wurden, lagen packweise auf dem Stubenboden, wo Besen +und Scheuerlumpen sie in einen solchen Zustand versetzt hatten, daß sie +nimmer zurückgegeben werden konnten und hohe Buchhändlersrechnungen +angewachsen waren. + +Nach dem stillen Winter in den Wiesbadener Zimmern sah sich Frau Brater +plötzlich in ein vom Keller bis zum Bodenraum ungeordnetes Haus mit Hof +und Garten versetzt, hatte statt zweier Kinder sechs zu versorgen und +sollte zwei Herren zugleich dienen. Aber das tiefe Mitleid mit dem +körperlich und seelisch leidenden Bruder und die Liebe zu der kleinen +mutterlosen Schar half ihr über alle Schwierigkeiten hinweg; die beiden +Männer waren ja treue Freunde, einander von Jugend auf zugetan, und +jeder nahm gerne Rücksicht auf den andern, die großen und die kleinen +Kinder freuten sich aneinander, und wenn auch die Kraft der Hausfrau +aufs äußerste in Anspruch genommen wurde, es ging doch und allmählich +hatte sie die Befriedigung, einen menschenwürdigen Zustand im Hause +geschaffen zu haben. Die Kleinen hingen bald mit Liebe an der Tante und +ihr Vater erholte sich allmählich von dem Schlag, der ihn so tief +erschüttert hatte. + +In dieses Frühjahr fiel eine besonders lebhafte politische Tätigkeit für +Brater. Er war oft zu längerem Aufenthalt in Nürnberg. Nicht nur um +seine eigene Wiederwahl in den neuen Landtag handelte es sich dort, +diese war bald gesichert, aber der kleine Kreis von Freunden, der sich +im Laufe der letzten Jahre gesammelt hatte, fühlte sich jetzt stark +genug, um eine eigene Partei zu gründen, und es galt nun, in allen +Teilen Bayerns Gesinnungsgenossen aufzufordern und sie zu gewinnen für +ein gemeinsames Programm, dessen Hauptgedanke war: ein einiges +Deutschland unter der Führung Preußens. Wie rührig Brater an der Arbeit +war, geht aus seinen Nürnberger Briefen hervor, denn auch im ärgsten +Trubel ließ er doch seine Frau nicht ohne Nachricht und es ist rührend +zu sehen, wie bei ihm jede persönliche Rücksicht, nur allein die auf +seine Frau nicht zurückstehen mußte hinter den Angelegenheiten des +Vaterlandes. Er hatte sich in Nürnberg im Hotel Schultheß eingemietet +und in seinem Hotelzimmer liefen alle Fäden zusammen, welche die +Gründung der »Fortschrittspartei in Bayern« zur Folge hatten. Er +schreibt von dort: + + _Liebster Schatz!_ + + Mein Zimmer hat sich in ein Bureau verwandelt und unter dem + Geplauder der Leute muß ich schreiben. ... Du mußt Dir + vorstellen, daß ich diesen Brief nach je drei Zeilen + unterbreche, um über diesen oder jenen von den sechzig andern + Briefen, die in der Stube expediert werden, Aufschluß zu geben. + Bei der gestrigen Beratung ist die Wahlsache in Ordnung + gekommen, Barth und Völk sind beigetreten. Das Programm hast Du + bereits in der Zeitung gelesen. Den von Barth und mir + zusammengewürfelten Aufruf, der erst noch weitere Unterschriften + erhalten muß, lege ich Dir bei. Die Sache ist gut im Zug und ich + _muß hier bleiben_.... Die hiesige Partei ist fest für mich, + aber ebenso fest die Gegenpartei, die den sehr vernünftigen Satz + aufstellt, sie müsse einen Nürnberger haben.... Auf baldiges + Wiedersehen! Von Herzen + + Dein K. + +Gelegentlich kommt auch eine Mitteilung über sein Befinden. »Varrentrapp +(ein politischer Freund und zugleich Arzt) war zufrieden, hat sich aber +für die Wiederholung der Dünne-Luft-Kur entschieden erklärt. Es fragt +sich nur, ob dieses System nicht am Ende doch grundverkehrt ist, denn +nachdem ich gestern sechs Stunden in der _dicksten_ Luft, die zu haben +ist, zugebracht hatte, blieb beim Niederlegen der Husten vollständig +aus, so daß ich beinahe beunruhigt war. Doch hat er sich diesen Morgen, +obwohl ohne alle Steigerung, wieder eingestellt. Lebe wohl, mein Schatz, +und grüße die Kinder. Ein hiesiger Verehrer, Firma Forster, hat mir +etliche Baseler Lebkuchen ins Zimmer gelegt, die ganz appetitlich +aussehen und Euch schmecken werden.« + +In einem anderen Brief äußerte Brater: Manches was notwendig geschehen +sollte, geschähe nicht, wenn _er_ es nicht tue, aus dem einfachen +Grunde, weil andere die Politik nur als Nebenbeschäftigung betrieben +und deshalb zu wenig Zeit zur Verfügung hätten, er sei der einzige, der +sie zum eigentlichen Lebensberuf habe. »Ich habe in den letzten vierzehn +Tagen zehn Leitartikel für die Süddeutsche geschrieben« berichtet er. + +Mitten in diesem Trubel erhielt er die telegraphische Nachricht von +einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden seiner Mutter. Er war +schwankend, ob er zu ihr eilen oder in der Arbeit bleiben solle und +fragte wiederum telegraphisch bei den Schwestern an, ob die Mutter nach +ihm verlange. Die Antwort muß wohl bejahend gelautet haben, denn er +entschloß sich rasch zu einer Reise nach München und wenn er auch nur +ganz kurz dort verweilen konnte, so war es ihm doch, wie er schreibt, +eine Wohltat, ihr noch einmal ins Auge gesehen zu haben und den Eindruck +ihrer gottergebenen Fassung und ihren mütterlichen Segen mit fort zu +nehmen. Acht Tage später bekam er die Todesnachricht. + +Die Wahlen gingen vorüber und der schöne Erfolg, daß mancher +Gesinnungsgenosse in die Kammer kam, lohnte die großen Anstrengungen. +Für sich persönlich hatte Brater in der Zukunft keinerlei Wahlagitation +mehr nötig, denn als er einige Jahre später, schon schwer leidend, bei +den Neuwahlen sich anschickte, wieder die gewohnten Wahlversammlungen in +Nürnberg zu halten, erhielt er von dort den Bescheid: er möchte sich +nicht bemühen, seine Wahl sei gesichert, ohne daß es auch nur eines +Wortes bedürfe, ihren Brater ließen sich die Nürnberger nicht nehmen. + +Der Sommer 1863 brachte ein ruhigeres Zusammenleben in Erlangen, in der +Gartenlaube sitzend genoß die erweiterte Familie die warmen +Sommerabende und Pauline wäre herzlich froh gewesen, hätte sie nun auch +für länger den geordneten Zustand genießen dürfen, den sie geschaffen +hatte. Aber unvermutet schnell wurde der neue Landtag einberufen, und +ihren Mann allein nach München ziehen zu lassen, wie es ja allerdings +das Los der meisten Abgeordneten war, das brachte sie nicht übers Herz, +und es wäre ja auch für sie selbst ein stetes Entbehren gewesen. So hieß +es denn wieder: abbrechen, einpacken. »Unstet und flüchtig muß ich sein +und habe doch keinen Abel erschlagen,« schreibt sie an Bekannte und mit +schwerem Herzen verließ sie den Bruder, die Kinderchen, die sich an sie +schon wie an eine Mutter gewöhnt hatten und die auch ihrer großen Kinder +Freude geworden waren. Da gar nicht vorauszusehen war, ob der Landtag +Wochen oder Monate beisammen bleiben würde, so wurde einstweilen nur +eine kleine möblierte Wohnung gemietet und die Kinder bei den Tanten +Brater untergebracht. In solchem »einstweilen« liegt viel Unbehagen und +Frau Brater seufzte in jener Zeit so manchmal: »Ich möchte nur einmal +wieder mit all unserm Hab und Gut vereinigt sein.« Sie schreibt an Lina +Sartorius geb. Rohmer: + +»Wir sind inzwischen nach München übersiedelt, nachdem ich endlich noch +für meines Bruders Haushalt eine zuverlässige Person gefunden habe; der +Abschied von meinem Bruder, der in jeder Beziehung noch sehr leidend +ist, wurde mir sehr schwer, auch kann ich nicht leugnen, daß ich das +ewige Wandern auch genug hätte; jetzt wohnen wir hier in der +Schommergasse, die Kinder sind bei meinen Schwägerinnen in Kost, Logis +und Unterricht und auch wir essen dort zu Mittag; leider ist die +Entfernung sehr groß, was mir wegen des Verkehrs mit den Kindern +besonders unlieb ist.« Es war aber ein großes Glück für die beiden +heranwachsenden Mädchen, daß diese Tanten bereit waren, jetzt und auch +später wieder die Lücken im Unterricht auszufüllen, die sich bei solchem +Wanderleben notgedrungen ergeben mußten. + +Im Hochsommer durften sie mit ihren Tanten aufs Land und als Brater für +ein paar Tage zu einer Abgeordnetenversammlung nach Frankfurt mußte, +benützte seine Frau diese Zeit zu einem Besuch in Egern, wo ihre +Freundin Luise Hecker weilte, von dort schreibt sie: »Mir weckt dieser +Aufenthalt hier Erinnerungen aus einer scheinbar _längst_ vergangenen +Zeit, ich sah es nimmer dieses Egern, seit ich mit meiner +sechswöchentlichen Agnes damals meinen Einzug als eine ganz junge, +sorglose Frau gehalten hatte, und wohne zufällig auch jetzt wieder beim +'Gassenschuster' ... Wir führen hier ein rechtes Freundschaftsleben und +sind vergnügt, obwohl ich mir immer einiges Heimweh nach Mann und +Kindern vorbehalte, man wird in diesem Stück von Jahr zu Jahr ärger, und +so oft ich mich noch von meinem Mann trennte, nahm ich mir fest vor, daß +dieses gewiß das letzte Mal sei, wenigstens so weit es von mir abhängt.« + +Oft genug hing es in den nächsten Jahren nicht von ihr ab und schon in +diesem Herbst ergab sich eine längere Trennung. Sobald es der Schluß des +Landtags ermöglichte, reiste Brater in Angelegenheiten der Süddeutschen +Zeitung, sowie in Sachen des Nationalvereins nach Frankfurt, Eisenach, +Göttingen und Leipzig und mündete dann nach Erlangen. Dort hatte Bruder +Hans schon sehnlich die Wiederherstellung des gemeinsamen Haushalts +erwartet und Pauline rüstete sich, den Münchner Hausstand aufzulösen, da +wurde sie mitten im Packen von einer Krankheit ergriffen, die sich als +eine Gehirnhautentzündung herausstellte. Von den Schwägerinnen Julie und +Luise freundlich gepflegt, lag sie in großen Schmerzen und dabei in dem +unbehaglichen Bewußtsein, daß sie in Erlangen schwer entbehrt wurde. +Wochen vergingen, bis sie nur so weit war, den Kopf wieder frei heben zu +können. + + + + +IX. + +1863-1866 + + +Der Winter des Jahres 1863 nahte und brachte ein politisches Ereignis, +das wieder auf das Leben der Familie einwirken sollte: den Tod des +Königs von Dänemark, das Erlöschen seiner Linie und infolgedessen den +schleswig-holsteinschen Krieg. Die deutsche Begeisterung flammte hoch +auf für Befreiung der Herzogtümer vom dänischen Joch und für Anerkennung +des Herzogs Friedrich von Augustenburg. Es wurden viele Versammlungen +gehalten und für den Politiker von Fach war ein unruhiger Winter zu +erwarten, vielleicht auch wieder ein mehrfacher Wechsel des Aufenthalts. +Im Hinblick darauf machten die beiden Schwägerinnen, noch während +Pauline bei ihnen krank lag, den Vorschlag, die Kinder über den Winter +in München zu behalten, damit sie nicht wieder aus dem Studium der +französischen Sprache, das ernstlich betrieben wurde, herausgerissen +würden. Dankbar nahmen die Eltern das Anerbieten an. + +Endlich war Frau Brater so weit hergestellt, um die Reise nach Erlangen +wagen zu können, und kaum wieder bei Kräften, machte sie sich daran +einzupacken -- worin sie bereits eine große Fertigkeit hatte --, um +endlich ihrem Manne nach Erlangen nachzukommen. Zum ersten Male ließ sie +für längere Zeit die Kinder zurück und es fiel ihr, die sich noch +geschwächt fühlte, der Abschied schwer. Aber in Erlangen war sie gar +sehnlich erwartet worden von den beiden Männern, denen sie häusliches +Behagen bringen sollte, auch die Haushälterin, der es nicht leicht fiel, +mit dem Haushaltungsgeld auszukommen und mit der Erziehung der größeren +Kinder fertig zu werden, hoffte auf ihre Unterstützung und die Kinder +folgten ihr auf Schritt und Tritt, wenn sie ordnend und einrichtend +durchs Haus ging. Während ihr Mann in politischen Geschäften +vorübergehend nach Frankfurt reiste, richtete sie für ihn ein +behagliches Arbeitszimmer ein und freute sich, ihm bei seiner Rückkehr, +die für den heiligen Abend zu erwarten war, das veränderte und nun +gemütlich aussehende Winterquartier zu zeigen. Er kam auch eben noch zur +rechten Zeit, um mit ihr und der Familie Pfaff den heiligen Abend zu +feiern, nur zeigte er nicht die eingehende Teilnahme für die +Einrichtung, wie sie erwartet hatte, und war schweigsamer als sonst. Am +nächsten Morgen sollte sie erfahren warum, er hatte nicht die Freude des +Wiedersehens, die Feier des heiligen Abends verderben wollen, aber nun +konnte er ihr nimmer verhehlen, daß ihre Hoffnung, den Winter in +Erlangen zuzubringen, nicht in Erfüllung gehen sollte: zu Neujahr mußten +sie übersiedeln nach Frankfurt. + +Brater war zum geschäftsführenden Mitglied des Zentralausschusses für die +schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ernannt, der in Frankfurt seinen +Sitz hatte. Es war ja begreiflich, daß man sich wieder an ihn, den +Politiker von Fach, wandte, und es galt allen für selbstverständlich, daß +er sich einer solch nationalen Sache nicht entziehen würde, allen, auch +Frau Brater. Aber im ersten Augenblick erschien es ihr doch unmöglich, +schon wieder abzubrechen! Und wie wenig Zeit blieb zur Beratung! Schon +auf 31. Dezember war eine Versammlung von 500 Abgeordneten deutscher +Ständeversammlungen nach Frankfurt einberufen und alle Gedanken ihres +Mannes waren durch diese Angelegenheit in Anspruch genommen. Er reiste +voraus, sie richtete in möglichster Eile alles, um ihm zu folgen, der +schon ungeduldig schrieb: »Hätte ich Dich nur schon morgen hier zur +gemeinschaftlichen Silvesterabend- und Silvesternacht-Feier. Am 2. +könntest Du wohl reisen?« Und am 1. Januar schrieb er: + + _Liebster Schatz!_ + + Die Silvesternacht habe ich in unserem neuen Hauptquartier + zugebracht -- freilich in tiefer Einsamkeit. Ich erwarte nun + stündlich die Nachricht von Deinem baldigen Eintreffen und + rechne darauf, daß Du nicht lange mehr zögern wirst. Du bekommst + ein behagliches kleines Wohnzimmer, weniger bequem ist die + Schlafgelegenheit bestellt. Das Bettzeug wirst Du mitbringen + müssen. Eine vollständige, aber rattenkahle Küche steht zu + Deiner Verfügung. Da es möglich ist -- obwohl die preußische + Regierung den Senat schon bedrängt hat, unserem Dasein ein Ende + zu machen -- daß wir manchen Monat hier zubringen, so solltest Du + es Dich nicht gereuen lassen, nachträglich einige Kleinigkeiten + einzupacken, die ein Zimmer beleben und verzieren, wenn sie auch + nicht zu den Notwendigkeiten gehören. Nur von Schreibmaterialien + bitte ich ja nichts hierher zu schleppen, da wir durch eine + Kollekte bei den Schreibmaterialisten in diesem Fach reich + ausgestattet sind. + +Als sie auf diese Briefe hin in möglichster Eile alles zur Abreise +gerichtet hatte, kam wieder ein Brief, der ihr Halt gebot. + + »Heute traf die Einladung der holsteinischen Regierung zu einer + Besprechung in Kiel ein.... Es ist ärgerlich genug, doch tröste + ich mich einigermaßen damit, daß bis dahin für Deine Reise + vielleicht besseres Wetter eingetreten ist. Schone Dich nur auf + alle Art.... + + Für meine Verpackung ist gut gesorgt: ich bin mit einer + vollständigen Pelzhose und Rock versehen. Gestern sind auch + unsere finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht worden: + vierteljährlich 500 Taler mit freier Wohnung, Heizung und + Beleuchtung. Der Zeitungsausschuß weigert sich, mir meinen + Gehaltsbezug einzustellen und überläßt es mir, dagegen nach + Belieben Aktien zu nehmen. Jedenfalls ist auf diese Art + anständig gesorgt. + + Nimm dich zusammen, mein Schatz, und lasse Dich nicht von Deinen + melancholischen Anwandlungen überwältigen; bringe auch, wenn Du + Platz hast, ein Kopfkissen mit zur Ergänzung einer etwas + unzulänglichen Bettdecke.... Auf endliches Wiedersehen + + Dein Karl.« + +(Nachschrift). »Die Beischaffung eines zweiten Bettes, das man ebenfalls +gratis liefern wollte,[7] macht, wie mir heute berichtet wird, +unerwartete Schwierigkeiten. Da Du nun Muße hast zu packen, so wäre wohl +das Zweckmäßigste, eines von unsern eigenen mitzubringen.... Von dem +übrigen Gepäck habe ich noch nichts und bin hinsichtlich der Wäsche +nicht übel in Verlegenheit. Heute lasse ich noch am Bahnhof fragen.« + + [Fußnote 7: Dies geschah alles aus Begeisterung für die + schleswig-holsteinische Sache.] + +Diese hauswirtschaftlichen Bemerkungen werfen ein Licht auf die vielen +kleinen Opfer, die ein solches Wanderleben mit sich brachte, und jede +Hausfrau kann sich vorstellen, daß Pauline eine geringe Freude hatte, +als sie nach möglichst beschleunigten Reisevorbereitungen den Termin +wieder verändert sah und das verlangte Bett nachschicken mußte. Sie +schrieb in jenen Tagen an Lina Sartorius: + + _Liebe Lina!_ + + Eigentlich wollte ich Dir erst aus Frankfurt schreiben, da aber + meine Abreise dorthin unvermutet im letzten Augenblick noch um + einige Tage verschoben wurde, so will ich den heutigen freien + Sonntag doch noch schnell in dieser Weise verwenden und freue + mich, endlich einmal wieder mit Dir ein wenig plaudern zu + können, auch für Deinen letzten Brief schönen Dank zu sagen; ein + teilnehmendes Wort war bei mir, seit ich hier bin, wirklich + recht angewendet, es war mir eine schwere Zeit ohne meine + Kinder, auch fast immer von meinem Mann getrennt, mit dem + mühevollen Geschäft des Einrichtens und nach allen Seiten hin im + Haus in Anspruch genommen, wo es eben wieder an allem und allem + fehlte. Ich war wirklich bis Weihnachten stets in einer wahren + Hetze, den Haushalt meines Bruders wieder aufs Laufende und + unsere Einrichtung in Ordnung zu bringen, und wie hatte ich mich + gefreut, dann endlich einmal in Ruhe und zu dem Gefühl einer + Heimat und geordneten Häuslichkeit zu kommen, da brachte mir + mein Mann am heiligen Weihnachtsabend aus Frankfurt die + Nachricht mit, daß wir nun fürs erste dorthin übersiedeln + müssen. Ich versichere Dir, es schien mir im ersten Augenblick + fast unmöglich, mich wieder hier loszureißen und meinen Bruder + abermals zu verlassen.« + +Während sie so schrieb, war Brater auf der Reise nach Kiel und schrieb +ihr von Altona: »In Erwartung einiger Personen, denen ich hier +Rendezvous gegeben habe, finde ich Zeit, diesen Brief anzufangen, der +morgen von Kiel an Dich abgehen soll. + +Wir sind also hier auf schleswig-holsteinischem Boden, das kleine Hotel +mit der Inschrift: »Deutsche Bundeskommission« und dem sogenannten +Reichsadler befindet sich in nächster Nähe, die sächsischen und +hannoverischen Exekutionssoldaten marschieren durch die Gassen und lösen +ihre Wachtposten ab. + +Die gestrige Reise von Frankfurt nach Hamburg verlief dank dem mildern +Wetter und den trefflichen Pelzen Varrentrapps ganz gut. Von Harburg am +linken Elbufer hat man noch anderhalb Stunden bis Hamburg in einem +vollgestopften Omnibus zu fahren, der zweimal mit Dampffähre über zwei +Elbarme gesetzt wird. Wenn aber das Treibeis zu stark geht, hört diese +Verbindung ganz auf und man genießt das Vergnügen, tagelang auf +günstigeres Wetter in Harburg zu warten. + +Kiel, Freitag früh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und +mir, Häusser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier +angekommen und haben von neun bis zwölf unsere erste Besprechung mit den +Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und +Lange ist, daß der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag +die Anerkennungsfrage erledigt wird, worüber voraussichtlich manche +Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren +würde, könnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wäre. Allein die fehlt +gänzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser größern +Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.« + +Gleich nach der Rückkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in +Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte +Januar schreibt sie an Ernst Rohmer: + +»In meiner Übersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines +verspäteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, daß er zu +wenig Außergeschäftlichem kommen wird, Du weißt ja, was er für ein +Wühler ist, und hier ist er ja noch dazu Wühler von Profession. Wie +müßte Dir seßhaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben +vorkommen wie wir es führen! Mein Geschmack ist es indes auch nicht, +besonders nicht wegen derer, die ich zurückließ; ich war in +Verzweiflung, aber was half es! Hier führen wir nun wieder eine +originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein großmächtiges leerstehendes Haus +(gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfügung, Küchen, Keller, +Böden etc. und können uns mit diesem Überfluß zu trösten suchen, für das +was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir können jedem Tisch und +Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schüsserl seine +eigene Küche anweisen, aber schließlich bleibt es doch nur so eine +Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt +hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer +Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; übrigens +wohnen wir hübsch und ganz Frankfurt gefällt mir, auch das Leben ist +unter den jetzigen Umständen natürlich sehr interessant, möchte es nur +zu einem guten Ziele führen.« + +In dem großen stillen Gebäude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb +schon von den Mietsleuten verlassen war, vermißte Frau Brater oft +schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: »Da dies alles dem +Herzog zuliebe geschieht, so muß man eben zufrieden damit sein; der +Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in +der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte +in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater +hatte nur einen alten Reiserock an, das muß recht schön ausgesehen +haben.« -- Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch +schon ein kleiner Ersatz für den persönlichen, da die beiden Mädchen nun +über das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch +Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es +gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches +hervorzulocken, was sie vielleicht bei mündlichem Verkehr in +Befangenheit unterdrückt hätten. An Anna schreibt sie zu deren +dreizehnten Geburtstag: + + _Liebe Anna!_ + + Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander + feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergnügt + sein und weißt auch, daß unsere guten Wünsche und unser treues + Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten + lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken + mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir's fast, + als müßtet Ihr spüren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr + lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir für dieses neue + Lebensjahr gewiß wieder manchen guten Vorsatz gefaßt haben oder + es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man muß + immer und unermüdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu + arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewöhnen, besonders + wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich + herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie + man achtgeben muß, um seinen guten Vorsätzen nicht untreu zu + werden? -- + + Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen + sein werden, ob ich mich über Eure Fortschritte freuen kann. + + Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhältst, zeichnen sich + mehr durch ihre Nützlichkeit als durch Schönheit aus, ein paar + alte Röcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weiße Unterrock + doch noch sehr schön und wenn er nicht aus meinem Besitz + stammte, so hättest Du wohl kaum einen so schönen bekommen. Am + Reifrock hast Du oben am Bund die Fältchen nach Bedarf noch fest + zu nähe..... Deine Geburtstagswünsche hast Du wohl bedacht + _außen_ auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, daß, + wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfüllen, irgend ein Thurn- + und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen + hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt + Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten + Rähmchen und vielen schönen Glückwünschen, ich habe ihm aber + gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwöhne. Die + kleine Broschüre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im + Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut + verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht + gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den + Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natürlich, denn es + geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet + dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafür geben. + Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare + auf Bestellung verschickt und ungefähr weitere zwanzigtausend + bestellt. Wie viel das aber Mühe und Kopfzerbrechen gekostet + hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an, + und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur + dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es + bei uns von früh bis abends geschäftig her, so daß kein + Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wäret, müßtet Ihr wohl auch + oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben, + aber z. B. es müssen so schnell als möglich + eintausendfünfhundert Stück gedruckte Briefe je einzeln mit + Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint + Ihr, daß daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und + im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur + um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die + kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her, + bald mit diesem, bald mit jenem.....« + +Einen scherzhaften Glückwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag +schrieb, möchten wir anführen, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre +1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die +Einigung ihres Vaterlandes nahe zu wähnen. Brater schreibt seinen +Glückwunsch auf ein gedrucktes Formular, das für Mitteilungen der +geschäftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache +bestimmt war, und redet als deren Geschäftsführer seine Tochter an. Nach +feierlicher Einleitung kommt folgender Glückwunsch: »Mögen Sie +wohlbehalten _so viele Jahre_ erleben, als von heute an bis zu dem +gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter +_einen_ Hut gebracht und seinem großen Elend ein Ende gemacht ist. Möge +Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und +durch ein _heiteres Alter_ verschönert werden. Mögen Sie Ihren würdigen +Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude +gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und einträchtigen Verkehr +mit jüngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfüllen, welchen sich mit +geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben. + +Namens der geschäftsleitenden Kommission: + +Der Vorsitzende Der Geschäftsführer + verhindert Brater. + +Der »Geschäftsführer« ahnte nicht, daß er damit der Geburtsträgerin nur +noch sechs glückliche Jahre wünschte! + +Für Brater ergaben sich mancherlei Geschäftsreisen in diesem Frühjahr +und oft wurde es für die zurückbleibende Gattin fast unheimlich in dem +verlassenen Haus. Sie erzählte später manchmal, daß sie mit einem +gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Türen vorbei die stillen +Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umständen war es für sie eine +doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklärte, nach Frankfurt zu +kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschäftigte ihn +schon damals sein großer erster Roman und man sah es voraus, daß der +Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund +drängen würde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder +der Arbeit, die überdies nichts weniger als trocken politisch war, da +sie mit Begeisterung aufgefaßt wurde. Die gemeinsamen Münchner +Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt +Wilbrandt noch näher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde, +mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus +gegenüber der zehn Jahre älteren Frau, ließ sich in düsteren Stimmungen +gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde +geistige Anregung. -- Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die +Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Süddeutschen +Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater +hochgeschätzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in späteren +Jahren Bedeutung für Frau Brater. + +Bis in den Sommer hinein verlängerte sich der Frankfurter Aufenthalt. +Frau Brater schreibt darüber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb. +Kopp: »Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann +hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dächten, die +schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat, +werde bis dorthin ihren gewünschten Abschluß gefunden haben, aber wir +hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit +tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind +einstweilen mit meiner Schwägerin Luise schon in Erlangen, denn daß wir +dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur führen wir immer ein so +unruhiges Wanderleben, daß ein anderer nie recht wissen kann, _wo_ wir +eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, müßt +Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit +gedenken können, der Kindheit, dieser harmlos glücklichen Zeit, und +unserer guten Mütter. Dieses Erlangen ist mir oft so öde und +ausgestorben erschienen, von meinen früheren Freunden ist gar niemand +mehr dort und auf den Straßen lauter fremde Gesichter, die mir wie +Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, daß meine +Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bänkchen +sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hörte, wenn sie nicht gerade mit +ihrer Nachbarin zu schwätzen hatte, übrigens sind meine Kinder viel +aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleißig, +daß ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin, +denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, möglichst viel +Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich +auch die Mitschülerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten +lassen. + +Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach +München ruft, so wird Anna im Frühjahr in unserer Kirche konfirmiert, +auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und +ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch +einmal den Präparandenunterricht nehmen will.« .... + +Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester +Julie: + +»Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, -- soweit +davon die Rede sein kann bei einem täglichen Verkehr mit halb +Deutschland und bei zwei dreistündigen Sitzungen wöchentlich -- hat Dir +P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest +Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehör unter +Kreuzband mitgehen lasse«. (Zusammenstellung der Teilnehmer des +Nationalvereins.) »Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat, +diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg +solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein +und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann muß dies +begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wäre, wenn +wir -- das Volk -- diese fünf Monate hindurch die Hände in den Schoß +gelegt hätten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute +Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen. + +Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen +soll, wie Du weißt, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung +ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich +auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich +müßte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden, +denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Süddeutsche +Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit +leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis +zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewöhnt, mir von der +Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, daß +ich mit sträflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa +neues bescheren wird.« + +In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: »So viel ist mir jetzt +vollends klar geworden, daß ich nur die Wahl habe, mich der Politik +_ganz_ zu ergeben, oder mich _ganz_ von ihr zurückzuziehen. Wer den +Mittelweg einhalten will, muß ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf +das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden +Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Königs (Max +#II.#), habe ich wohl daran gedacht, daß man mir jetzt die Zulassung zur +Advokatur nicht mehr verweigern würde, aber ich fürchte mich vor dem +Handwerk und die Bewerbung wäre der sauerste Entschluß meines Lebens.« +Die Notwendigkeit, diesen Entschluß zu fassen, trat nie ein, es ergab +sich immer Arbeit mehr als genug und es wäre wohl in jeder politisch +bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Kräfte »frei zum Dienste« +bereit stünden. + +Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu +ihren Kindern zurückzukehren, erfüllt; mit Freude und Jubel wurden die +Eltern nach fast dreivierteljähriger Trennung von den beiden Mädchen +empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater +dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch +weiter unterrichtet wurden. + +In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen +Ausschüsse ein häufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und +München, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die +Familie nach München, so war nie vorauszusehen ob für lange oder kurze +Zeit. Deshalb wurden immer nur möblierte Zimmer genommen und um die +Sache möglichst billig einzurichten, beschränkte man sich aufs äußerste, +mietete z. B. oft nur drei Betten und für die vierte Person, die +jüngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem +und jenem Bettstück auf dem Boden ein Lager bereitet. + +So ergaben sich in den möblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst +hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer +adeligen Dame, einer Gräfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt +und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Möbel +abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfändet waren. In +theatralischer Weise fiel die Gräfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann +und beschwor ihn, für sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, daß er +als Landtagsabgeordneter unmöglich so kurzer Hand auf die Straße gesetzt +werden könne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder +abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff +sich die Gräfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es +war nicht möglich, lange da zu verweilen. + +In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt +wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestmaß von +Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen +solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum +Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhältnissen +waren. Es gehörte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit +ruhiger Selbstverständlichkeit Leute aus vornehmen und luxuriösen +Kreisen in ihren einfachen Räumen zu empfangen. Buhl, den man den +Pfälzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schloß kommend, +sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da +Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen +konnte. Solchen Gästen gegenüber gab die Hausfrau wohl die Erklärung für +die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte über +die mangelhafte Einrichtung, sie verhüllte sie nicht. Wenn so die +wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den +Verkehr mit den nächsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen +auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die +Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte für die Saison einige ihrer +Bilder zum Wandschmuck und wäre jederzeit zu allen Opfern bereit +gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wäre. + +Die pekuniären Verhältnisse waren in diesen Jahren oft ungünstig. +Pauline äußerte einmal ihrer Schwägerin gegenüber, daß ihr Mann sich bei +seinem zunehmenden Leiden darüber manchmal Sorge mache und sie fügte +hinzu: »Ich aber gar nicht, denn wir _können_ nicht mehr sparen.« Dies +bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Möglichste tun, dann aber +nicht sorgen. + +Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Münchener möblierten +Wohnungen nach Erlangen zurück, so fand man dort zwar die eigenen Möbel, +wurde auch vom Bruder Hans mit rührender Freude empfangen, aber immer +größer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die +eine mehr und mehr empfindliche Haushälterin ohne Einmischung +weiterführen wollte, und je älter die Kinder wurden, um so weniger war +es möglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur +Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal +ihrer Erziehung war: nur nach außen keinen Anstoß erregen, und das +dritte Wort: »Was sagen die Leut!« Verfing das nicht mehr bei den +Kindern, so suchte sie ihre Autorität zu stützen durch die Drohung: +»Wartet nur, wenn die Tante kommt!« Auf diese Weise zerstörte sie, zwar +nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der +Kinder und da sich tatsächlich jedesmal Mißbräuche eingeschlichen +hatten, die abgestellt werden mußten, so brauchte es immer längere Zeit, +bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mußte die immerhin +unentbehrliche Haushälterin ihrer großen Empfindlichkeit wegen mit einer +Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren +Persönlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war. + +Manchmal seufzte sie in jener Zeit: »Das schwerste Kunststück für den +Menschen ist, mit den Menschen auszukommen!« Sie bemühte sich aber +redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr +Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermöglichte es ihm doch, in dieser +Weise den Hausstand fortzuführen, und ihm war alles recht, was ihm den +Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein +ganzes Herz gehörte noch seiner ersten Liebe. In großer Selbstlosigkeit +schickten sich die beiden Männer in die kleinen unvermeidlichen +Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder +schlossen sich in geschwisterlichem Verhältnis zusammen, aber das Haus +selbst, nördlich gelegen, war kein günstiger Aufenthalt für einen +Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich. + +So wurde im Jahre 1866 für das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig +gemacht, der klimatisch günstiger war und doch keine vollständige +Trennung nötig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt, +auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshäuschen, ein kleiner grauer +Sandsteinbau mitten in großem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als +Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Häuschen hatte +sich der Nürnberger Buchhändler Palm verborgen gehalten, der im Jahre +1806 wegen der Verbreitung der Schrift: »Deutschland in seiner tiefen +Erniedrigung« auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum +hatte die Familie Brater dieses stille Landhäuschen bezogen, als -- wegen +des drohenden Krieges -- im Frühjahr 1866 der Landtag einberufen wurde. +So mußte Brater auf unbestimmte Zeit nach München und Frau und Kinder im +Palmshäuschen zurücklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den +Württemberger Verwandten: + +... »Wir haben in unserm Gartenhäuschen anfangs vor allem andern den +Ofen schätzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prächtig grünen Bäume +im dicken, dicken Schneegestöber sehen mußten. Übrigens ist der Schnee +wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch +erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges +andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie +beteiligt sich mit großer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes +Pflänzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon +sehr glücklich in unserer ländlichen Wirtschaft und Behausung, allein +seit mein Mann fort ist, ist natürlich auch mir die Freude halb +genommen, ja wenn ich nur gewiß wüßte, daß er in kurzer Zeit +wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Mißgeschick fügen +als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der +Landtag könnte sich in die Länge ziehen und der Sommer meinem Mann +erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird's mir ganz +verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu +fürchten, mein Mann hielt es für möglich, daß der Landtag mit vier +Wochen zu Ende gehen werde. -- Während nun die Herren in München und in +ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rüstungen abgeben, sitzen +wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, daß man +denken könnte, es gäbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als +Gemüse und Salat pflanzen. Für meinen Mann könnte ich mir kein +passenderes Plätzchen wünschen, es ist so ruhig, alles grün um uns, der +Wald ganz nahe, so daß sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bäumen +hören und sehen ließ, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen +sind uns ganz gewöhnliche Gäste. Auch mir tut diese Stille nach dem +unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst +wieder genießen, wenn er von außen her wieder befestigt ist! Ich halte +noch immer an der Hoffnung, daß der Krieg vermieden wird... + +Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die +Brüder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem +Augenblick aber fast übermäßig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried +sind politisch verschiedener Richtung und da könnte jemand, der sich +nicht auskennt, leicht meinen, sie möchten sich einander umbringen, aber +es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen +sich immer schon im voraus auf den Spektakel...« + +Vierzehn Tage später (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwägerin +Emilie Schunck: »Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach +verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg +ausgebrochen sein! Das Empörendste an der Sache ist doch immer das, daß +hier ein Krieg geführt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht +will, -- was sind denn das für Einrichtungen und was für Menschen, die +sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann +man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie +sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten +sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken +von diesen kläglichen Zuständen abwenden können, während die Männer, die +das Ganze ausmachen, und _jeder_ ein Teil desselben ist, Arbeit und +Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre +Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten +empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, daß der +Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen +kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurückkehren. Mit welcher +Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du +weißt ja, daß wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen +Nest, das für Karl gewiß ein recht wohltätiger Aufenthalt wird, ach, und +er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so daß ich +eigentlich in einer beständigen Aufregung war um jeden Tag, den er in +München zubrachte, und ich bin nicht völlig ruhig, bis er wirklich und +leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, daß sich sein Befinden in +München wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin +bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen +Sommer sind nun schon viele Wochen ungenützt verstrichen...« + +Als der Ersehnte endlich zurückkam, fand Pauline sein Befinden merklich +verschlimmert und es erwies sich als eine große Wohltat, daß auch er nun +in der stillen, ländlichen Wohnung Ruhe fand. Unten in der Stadt +erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt, als ein Gefecht in nächster +Nähe erwartet wurde. Auch waren die österreichisch gesinnten Elemente +der Bevölkerung aufgehetzt und Brater, der Bismarcks Bedeutung längst +erkannt und offen hervorgehoben hatte, erfuhr, daß der Pöbel gewillt +war, ihm »seine preußischen Fenster« einzuwerfen. Aber mit Eintritt des +Waffenstillstandes verlief sich rasch die Erregung und das Jahr 1866 +wurde in Beziehung auf die Feindseligkeiten gegen Brater ein Wendepunkt. +Nachdem die Ereignisse ihm Recht gegeben, verlor die Feindschaft mehr +und mehr ihren Stachel und immer weitere Kreise gingen vom engherzigen +Partikularismus zu nationaler Gesinnung über. + + + + +X. + +1866-1869 + + +Im Herbste des Jahres 1866 tauchte der Plan auf, daß für Braters +Gesundheit eine richtige Kur unternommen werden sollte, ein +Winteraufenthalt im Süden wurde ihm geraten. Ein solcher machte aber +eine Beurlaubung von der Ständekammer, ein Aussetzen seiner meisten +Arbeiten nötig und davor bangte Pauline; von da an, meinte sie, wird er +erst empfinden, daß er krank ist, bis jetzt ließ die Arbeit ihn nicht zu +diesem Bewußtsein kommen und wie groß mußte nach solchen Opfern seine +Enttäuschung sein, wenn etwa der Erfolg doch ausblieb! So wurde hin und +her beraten, bis Brater in seiner ruhigen, sachlichen Weise seinem +Arzte, Prof. Herz in Erlangen, klare Fragen vorlegte, deren Beantwortung +den Entscheid gaben. Er schreibt darüber an Ernst Rohmer: + + »Herz hatte mir nun die Fragen zu beantworten: + + 1. Kann eine klimatische Kur insofern nachhaltig wirken, daß sie + die weitere Entwicklung des Übels wesentlich aufhält? + + Antwort: Ja. + + 2. Ist ohne eingreifende Gegenmittel eine fortwährende + Steigerung des Übels zu erwarten? + + Antwort: Ja. + + 3. Kann die Kur nicht ohne Bedenken auf ein späteres Jahr + verschoben werden? + + Antwort: Die Reaktionsfähigkeit des Organismus und folglich die + Wahrscheinlichkeit, daß die Kur wirkt, nimmt mit jedem Jahr ab, + und wenn man am Ende der Vierziger steht, ist es eben noch + Zeit.« ... + +Damit war für Brater die Frage entschieden, denn für die Möglichkeit der +Ausführung hatten andere gesorgt. In ergreifender Weise waren dem +Kranken, noch ehe der Plan zum Entschluß gereift war, die Mittel zur Kur +angetragen worden. Nicht nur von seinem treuen Onkel Meynier, sondern +auch von Freunden, deren Beweggrund war, ihre nationale Gesinnung auch +dadurch zu betätigen, daß sie dem Manne beistanden, der für die +nationale Sache seine Kraft und Gesundheit eingesetzt hatte. Dies war +ein erhebendes Gefühl für Brater und seine Frau und ein Beweis, daß +nicht nur das Böse immer wieder Böses, sondern auch das Edle wieder +Edles erzeugt. Das »Zuviel« wurde abgelehnt, das Nötige dankbaren +Herzens angenommen. Nun handelte es sich um die Wahl des Ortes, es +wurden damals Cannes, Hyères, Palermo und Montreux genannt und +Erkundigungen eingezogen. Der Entscheid fiel für Cannes, die +südfranzösische Stadt an der Rivièra. Eltern und Kinder bereiteten sich +auf eine neue, lange Trennung vor, freundlich erklärten sich die Tanten +Brater bereit, die Nichten für den Winter aufzunehmen, schon lag dieser +Abschiedsschmerz schwer auf der Seele, da tat sich eine Möglichkeit auf, +der Sparsamkeit und doch zugleich dem Herzenszug gerecht zu werden. Es +wurde in Cannes eine möblierte Wohnung mit Küche ermittelt, in der die +Familie eigene Wirtschaft führen und dadurch zu viert nicht wesentlich +teurer leben würde, als zu zweit in einer Pension. Anna und Agnes, nun +beide konfirmiert und der Schule entwachsen, sollten das Kochen besorgen +und sich dadurch einigermaßen den interessanten Aufenthalt verdienen, +der ohne eine solche Leistung nach den Grundsätzen der Eltern zu +verwöhnend gewesen wäre. Die Freude der Kinder bei der Mitteilung, daß +man sie auf solche Weise mit gutem Gewissen mitnehmen könne, war so +überwältigend, daß dadurch diese ganze, aus trauriger Ursache +unternommene Reise einen fröhlichen Charakter bekam. + +Zunächst wurde noch ein vierwöchentlicher Kuraufenthalt in Stuttgart +genommen, wo damals für Brustkranke eine Anstalt zum Gebrauche +komprimierter Luft bestand. Ein Erfolg war wohl nicht zu verzeichnen, +aber angenehm wurde der Aufenthalt durch den Verkehr mit dem Bruder, +Professor Heinrich Kraz und seiner Familie, auch Kolomann Pfaff lebte in +Stuttgart als Professor der Mathematik und das Zusammensein mit diesen +Brüdern war eine besondere Freude vor dem Antritt einer Reise, die so +weit ab von allen Lieben führen sollte. Im November ging die Fahrt über +Genf, Lyon, Marseille, Toulon nach Cannes. + +Frau Brater, die bei diesem Unternehmen nur an ihren Mann und dessen +Erholung gedacht und über allem, was vor der Reise zu besorgen war, sich +selbst vergessen hatte, war von einem unerwarteten Glücksgefühl +überrascht bei dem Anblick des Meeres und der herrlichen südlichen +Landschaft, in der nun für einen ganzen Winter ihr Aufenthaltsort sein +sollte. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß ihnen ungesucht aus dem Traurigen +eine Freude erwachsen war, und weit entfernt, sich dieser zu +verschließen, genoß sie mit Wonne das Schöne, öffnete auch ihren Kindern +die Augen dafür und beglückte dadurch ihren Mann, dem es schon oft +schwer geworden war, daß durch sein Leiden ein Schatten in die Familie +fiel. + +Auch die häuslichen Verhältnisse gestalteten sich angenehm. Dicht an dem +evangelischen Kirchlein stand das Haus, dessen unteren Stock sie +bewohnten und das in allen Stockwerken für Fremde eingerichtet war. +Franzosen, Spanier und Engländer waren die Mitbewohner, die nun manchmal +neugierig und staunend an der Parterrewohnung vorübergingen und in die +offene Küche einen Blick warfen, wo die deutsche Hausfrau und ihre +Töchter an der Arbeit waren. Zuerst glaubten sie wohl nicht, daß es +Leute ihres Bildungsstandes sein könnten, aber allmählich wurde ihnen +bekannt, daß der Herr ein Gelehrter mit dem Doktortitel sei. (Brater war +kurz vorher zum Ehrendoktor der Universität Heidelberg ernannt worden.) +So lernten sie deutsche Art kennen und auch hochschätzen. Und wie gerne +wirtschafteten Mutter und Töchter zusammen, wie viel Neues war zu sehen, +wenn sie ausgingen, um Küchenvorräte heimzuholen! Auf dem Markte standen +die Metzger, um zahllose Hammelschlegel zu verkaufen, wunderliches +Seegetier lag in Körben, die Gemüse waren auf dem Boden ausgebreitet. +Stände mit Parfümeriewaren, Vanille und Porzellanknöpfen fehlten an +keinem Markttage. Zwischen den Verkäufern trieben sich Kinder umher, +bissen mit Lust in die ungeschälten Orangen, in die rohen Zwiebeln und +begleiteten mit ausdrucksvollen Gebärden das Patois, das sie mit +südlicher Lebhaftigkeit sprachen. + +In den Kaufläden konnten die Fremden französische Höflichkeit kennen +lernen. So einmal, als eines der jungen Mädchen, die sich noch gar nicht +als Fräulein fühlten, in ein Geschäft trat und Sago zu kaufen verlangte. +Man gab ihr Bescheid, daß Sago nicht in diesem Laden, jedoch in der Nähe +zu haben sei, aber sie selbst durfte sich nicht bemühen, rasch wurde ein +Junge danach geschickt, der #»Mamichella« (Mademoiselle)# einstweilen +ein Stuhl -- auf die Straße gestellt, da konnte sie Platz nehmen, bis das +Gewünschte zu ihr kam! + +Der Heimweg von solchem Ausgang führte eine Strecke weit am Meeresufer +hin, das bei starkem Winde mächtig an den Steinwall brandete, der die +Straße schützte. Am fernen Horizont war an solchen Tagen eine +auffallende Erscheinung zu sehen: wie Berge, die aufstiegen und wieder +abfielen -- es waren die mächtigen Wogen der offenen See. »Bei uns ist's +so schön und herrlich« schreibt Pauline, »daß ich jeden Tag meine Freude +habe, ja wären wir Menschenkinder imstande, nur der Gegenwart zu leben, +so würde mir kaum etwas zu wünschen übrig bleiben, aber wir können uns +eben nicht enthalten, vorwärts zu blicken!« + +In den ersten Wochen überwog die Freude an dem Schönen, als sich aber +gegen Weihnachten noch keine Spur einer Besserung zeigen wollte, klang +Leid und Sorge in jedem Brief und dieser Klang wäre vielleicht noch +stärker hervorgetreten, hätte Pauline nicht die drückende Mutlosigkeit +vor ihrem Manne verbergen wollen. Wie sehr sie in dieser Stimmung +empfänglich war für treue, teilnehmende Worte aus der Heimat, geht aus +dem nachstehenden Brief an E. Rohmer hervor. + + _Lieber Ernst!_ + + Dein langer Brief, in der vielbeschäftigten Weihnachtszeit + geschrieben, ist mit voller Anerkennung und großer Freude + empfangen worden, und da es bis zum letzten Augenblick den + Anschein hatte, als sollte Euer Gruß der einzige Weihnachtsgruß + aus der Heimat sein, entstand namentlich in der Phantasie meiner + Kinder nach und nach eine förmliche Glorie um die Treue Deines + Freundeshauptes, und als dann während der Bescherung noch zwei + Briefe von den untreuen Erlangern einliefen, so wurde keine + Absolution erteilt, denn es sei ein Leichtsinn, hieß es, so bis + zum letzten Augenblick zu warten, und der Onkel Ernst sei eben + immer der einzige Mensch, auf den man sich verlassen könne... + Daß Dir unsere Briefe einen guten Eindruck betreffs der Gegend + und des Klimas machen, ist ganz recht, wir schreiben natürlich + ganz wahrheitsgetreu und hoffen nun auch, daß Du unserm Plan + zustimmen und mit Deiner Gattin für den Monat April hierher + kommen wirst. Dieser Plan ist nämlich bei uns bereits zum + Beschluß erhoben, da wir überzeugt sind, daß Du gar nichts + Gescheiteres tun kannst, der April ist bei Euch noch so recht + der Monat für Zahnweh und Rheumatismen, während man hier Sommer + haben wird; dazu ist die Reise an sich schon ein Vergnügen. Die + Ausgabe ist nicht so groß, für 80 fl. à Person kommst Du bequem + hierher, wir haben mit dritter Klasse u. dergl. à Person 54 fl. + gebraucht. Hier finde ich Euch um diese Zeit gewiß ein + erwünschtes Quartier und meine Mädchen haben bis dorthin sicher + so viel Fortschritte in der Kochkunst gemacht, daß ich Euch mit + gutem Gewissen an unsere Tafel laden kann. Also wenn Du in den + nächsten Tagen Deinen Etat für das Jahr 67 machst, so hast Du + ein paar hundert Gulden für eine Reise nach Cannes anzusetzen. + Ein paar hübsche Ausflüge haben wir schon auf Euere Ankunft + verschoben, nämlich eine Wasserfahrt nach der eine kleine Stunde + entfernten Insel Marguerite, wo es wunderschön sein soll und wo + seinerzeit der Mann mit der eisernen Maske residierte, und dann + eine Fahrt zu Wagen auf das Kap Roux hinaus. Eine neue Zierde + unserer Gegend haben wir inzwischen auf einer nahen Anhöhe + entdeckt, nämlich eine ansehnliche Kette der schneebedeckten + Seealpen, es sind mächtige Bergspitzen, die zum Teil 13000 Fuß + erreichen. Also komm und siehe, denn Du kannst Dir eine solche + Natur nicht vorstellen, die beständig im Sonntagsgewand + einhergeht, und wenn ich zehn Jahre jünger und alles gesund + wäre, ich glaube, ich würde den ganzen Tag nichts tun, als + singen und Juhe schreien ... + + Unsere Feiertage sind uns recht vergnüglich vergangen, etwas + ruhiger als bei Euch, das ist gewiß, es wollte mir fast komisch + erscheinen, als ich für meine zwei alten Kinder einen Baum + bestellte, aber es rentierte sich doch, und sie freuten sich + daran wie echte Kinder und waren sehr stolz über die + Bewunderung, die er bei unsern Französinnen erregte... Was die + Heilwirkung der hiesigen Luft betrifft, so können wir leider + noch immer nicht viel Gutes sagen, es ist mir unfaßlich, daß + meines Mannes Husten nicht nachläßt, ich hatte gedacht, daß bei + dieser Lebensweise in einem Zeitraum von etwa acht Wochen doch + schon eine kleine Besserung eintreten würde, es ist bis jetzt + aber noch nichts zu bemerken, indes hoffe ich um so + zuversichtlicher, daß sich die Besserung vorbereitet und dann + dauerhaft zum Vorschein kommt. Karls gutes Aussehen deutet gewiß + eine solche Vorbereitung an. + + Nun noch meine besten Grüße an Dein ganzes Haus ... in treuer + Liebe Euere + + _Pauline._ + +Es findet sich von Braters Hand noch die Randbemerkung: »Gestern hat +sich die Juchheschreierin über dem Schleppkleid einer kreolischen +Hausgenossin, die bei ihr zum Besuch war, den Fuß vertreten und muß +jetzt das Zimmer hüten!« Ein schönes Zeichen seines Optimismus bietet +der Schluß seines eigenen Briefs, geschäftlichen und politischen +Inhaltes: »Gott befohlen für das neue Jahr. Es geht in der Welt mit Ach +und Krach, doch _immer und immer vorwärts!_« + +Was Frau Brater von dem Aufenthalt in dem französischen, katholischen +Luftkurort am wenigsten erwartet hätte, das wurde ihr und noch mehr +ihren Kindern ganz ungesucht zuteil: eine religiöse Anregung. Die +Hausbesitzerin, eine ältere Dame, und ihre nächsten Freunde gehörten der +evangelischen Kirche, der #»église libre«# an. Sie kamen ihren +protestantischen Mietsleuten als Glaubensgenossen freundlich entgegen +und auf diesem Grund entstand bald eine wahre Freundschaft. Die kleine +Gemeinde in Cannes hatte jenes warme Gefühl der Zusammengehörigkeit, das +man immer dort trifft, wo es gilt, durch Einigkeit stark genug zu +werden, um den von allen Seiten andrängenden Feindseligkeiten der +übermächtigen Majoritätskirche zu widerstehen. Der sonntägliche +Gottesdienst, dem jegliches Gepränge fehlte, hatte trotz oder wegen +seiner Nüchternheit etwas ergreifend Ernstes und Wahres. Ohne Talar, im +gewohnten schwarzen Rock, trat der Geistliche an den Tisch, der den +Altar ersetzte und seiner klaren, schlichten Rede folgte jeder Zuhörer +gespannt und aufmerksam. Nichts dröhnte salbungsvoll oder pathetisch +über die Häupter hinweg, die Redeweise unterschied sich kaum von der des +täglichen Verkehrs, es kam auch wohl vor, daß der Geistliche eine +Zwischenbemerkung machte, wie etwa: »bitte die Türe zu schließen, es +zieht,« daß er am Schluß der Predigt einige Bekannte aufforderte, mit +ihm zu Mittag zu essen. So menschlich nahe war Frau Brater und ihren +Kindern noch nie die Kirche getreten und so deutlich wie an den Gliedern +der kleinen Gemeinde hatten sie nirgends sonst den vertiefenden Einfluß +warmer, religiöser Überzeugung empfunden. Brater freute sich der +Anregung, welche die Seinigen von diesen trefflichen Menschen empfingen, +wenn ihm persönlich auch der Umgang mit ihnen durch seine geringere +Kenntnis der französischen Sprache nicht möglich war. So weit ihn nicht +die Kur in Anspruch nahm, führte er sein stilles Leben am Schreibtisch, +versorgte aus der Ferne die politische Wochenschrift mit Beiträgen, die +Redaktion des Staatswörterbuchs mit Korrekturen und lebte im Geist in +seinem Vaterland. + +So wäre alles recht, ja über Erwarten schön gewesen, wenn nur die +Hauptsache, die Besserung des Leidens, der Erfolg der Kur nicht +ausgeblieben wäre. Sechs Monate waren für den Aufenthalt in Aussicht +genommen, nach Verlauf von vier Monaten schreibt Frau Brater an ihre +Schwägerin: + + _Liebe Julie!_ + + Wir haben einen raschen Entschluß gefaßt und die Umstände + bringen ihn zu rascher Ausführung: ich zeige Dir an, daß wir im + Begriffe sind, Cannes zu verlassen und darnach trachten, in + Gries bei Botzen ein Unterkommen zu finden. Die Besserung in + Karls Befinden war nur eine scheinbare und es hat sich gleich + darauf (_ohne_ Veranlassung) eine dauernde Verschlimmerung + eingestellt, die zwar nicht über die früheren Zustände + hinausgeht, aber eben doch unerwünscht ist, so läßt mir die + Befürchtung, daß für Karl ein Seeklima ungünstig ist, keine Ruhe + mehr, ich habe Dir das ja schon früher einmal gesagt und Du bist + am Ende über diese Neuigkeit des Übersiedelns weniger überrascht + als wir selbst. Dazu kommt, daß der März hier wegen seiner Winde + ein schlechter Monat ist und wenn es uns in Gries nach Wunsch + gelingt, denken wir einen guten Tausch zu machen und hoffen, bei + der jetzigen vorgerückten Jahreszeit keinesfalls zu verlieren. + Ich habe unvermutet schnell die Wohnung angebracht und wir + hoffen, die Sache mit unbedeutenden Opfern durchzubringen, doch + sind wir Frauensleute alle in Tränen dagestanden, als wir den + Kontrakt der Abmietung unterzeichneten. Mir tut das Herz weh den + ganzen Tag und Anna hat immer die Augen voll Wasser. Das Leben + hier hat uns viel Freude gebracht und wir verlassen treue + Freunde, die wir wohl nie wieder sehen werden. Wir haben uns + heimisch und wohl geborgen gefühlt und werden nun am Samstag + schon aus unserem warmen Nest hinausgetrieben, ohne uns schon in + Gedanken am zukünftigen erfreuen zu können... Wir haben eine + schöne Reise vor uns, der Riviera entlang bis Genua, leider + etwas teuer wegen der mangelnden Eisenbahn. _Wie_ wir die Reise + machen werden, wissen wir selbst noch nicht, ich habe die + hübsche Mission, morgen nach Nice zu fahren, um wegen der + verschiedenen #Diligencen# u. dergl. Erkundigungen einzuholen, + ein gutes Stück Arbeit bei meiner Sprachfertigkeit, es ist mir + nicht recht wohl bei dieser Angelegenheit.« + +Die Verwandten und Freunde in der Heimat mochten es leicht verstehen, +wenn Pauline nicht ohne Wehmut von der herrlichen Gegend, von dem Meere +schied, das je wieder zu sehen sie kaum hoffte, aber daß der Abschied +von solch neuen Bekannten, überdies französischer Nation, ihr und den +Töchtern wirklich schwer wurde und überhaupt in Betracht kam, gegenüber +dem Wiedersehen der alten, treuen Bekannten, dies konnten sie sich wohl +schwer erklären, wenn sie nicht wußten, daß ein starker Einfluß +ausgegangen war von den religiösen Naturen dieser kleinen Menschengruppe +in Cannes und nicht selbst schon erfahren hatten, wie sehr der Mensch an +diejenigen anhänglich ist, die sein Wesen irgendwie gefördert und +bereichert haben. Schmerzlich war es unter allen Umständen, den Ort zu +verlassen ohne jegliche günstige Wirkung der Kur. Aber in diesen Jahren +bewährte sich das Wort: »Geteiltes Leid ist halbes Leid« gar sehr bei +diesem Paar. Wollte einem von beiden der Mut sinken, so half das andere +mit dem seinigen aus, und indem der Leidende jede Klage aus Liebe für +die Mitleidende unterdrückte, hielt er sich selbst seine Trösterin +frisch und anregend. + +Die Reise in der kaiserlichen #messagerie#, d. h. in vier-, +streckenweise sechsspänniger Post auf der herrlichen, längs des +Meerufers sich hinziehenden Straße über Mentone, Nizza, San Remo bis +Genua war ein großer Genuß, wenn auch mit Anstrengung erkauft, denn die +Fahrt ging auch bei Nacht ohne Unterbrechung weiter. Frau Brater +schreibt von Bozen aus an Ernst Rohmer: + +»... Unsere Reise war vom Wetter begünstigt, K. hat sie glücklich zurück +gelegt und wir freuen uns alle von Herzen, wieder im deutschen Vaterland +zu sein, obwohl es vorderhand nur Österreich ist..... Unser Weg war +Nizza, Genua, Mailand, Verona und dann vollends das Etschtal herauf; +durch und durch interessant und schön, namentlich der erste Teil +Nice--San Remo findet seinesgleichen selten, wir werden diese +Herrlichkeit unser Lebtag nicht vergessen, das müßt Ihr sehen. -- Nun +sind wir in Bozen installiert und führen unsern Haushalt in einer +großen, billigen Wohnung, mit aller Bequemlichkeit; daß wir vorderhand +von unserm neuen Aufenthalt nicht sehr entzückt sind, ist kein Wunder, +hier ist noch alles kahl, kaum einige blühende Bäume, und das Meer -- +wann werde ich das einmal wiedersehen, mir tut das Herz weh, wenn ich +daran denke! Übrigens bin ich überzeugt, daß wir wohlgetan haben, und +Karl fühlt sich hier behaglicher; Gott gebe, daß wir auch einmal von +einer Besserung zu berichten haben!« + +Die Überlegungen und den Entschluß, ob Cannes zu verlassen und Bozen zu +wählen sei, hatte Brater in der Hauptsache seiner Frau überlassen. Er +selbst war wenig medizinisch veranlagt und traute ihr in diesen Dingen +mehr zu als sich, auch beobachtete und verglich sie sein Befinden +genauer, als er selbst es tat. Seine Gewohnheit, nicht viel an die +eigene Person zu denken, aber doch gewissenhaft zu befolgen, was ihm die +Ärzte verordneten, machten ihn zu einem Patienten, wie man sie selten +trifft. Er behandelte seine eigene Krankheit so objektiv wie die eines +anderen Menschen. War alles befolgt, was die Kur ihm vorschrieb, so +hatte er auch weiter keine Gedanken mehr für sein Leiden übrig, es +mochte dann gehen wie es wollte, sein ganzes Interesse wandte sich der +Arbeit zu. + +Von Bozen aus unternahm Brater mit den Seinigen einmal einen Ausflug +nach Meran. Auf dem dortigen Kirchhof war Braters Vater begraben. Als +ein neunundvierzigjähriger Mann hatte er, lungenleidend, zu seiner +Erholung ein bis zwei Jahre in Meran zugebracht und war dort seinem +Leiden erlegen. In ernsten Gedanken stand nun der Sohn am Grabe des +Vaters, fast im gleichen Alter, als dieser gewesen, an der gleichen +Krankheit leidend, mit derselben Erfahrung, daß keine Kur das Übel +aufhalten konnte. Es war ein ergreifender Gang! Aber mit großer +Selbstbeherrschung wurde jede schmerzliche Erregung, jeder düstere +Ausblick in die Zukunft unterdrückt; ergeben in sein Schicksal wandte er +seine Schritte bald wieder weg von dem Orte der Trauer, der Stadt zu, +deren großartige Naturschönheit er Frau und Kindern zeigen wollte. + +Auf Mitte Mai war die Heimkehr angesetzt. Er schreibt an Ernst Rohmer, +der ihn bald zu sehen verlangte: »Morgen soll nun nach München +aufgebrochen werden, wo wir am Donnerstag einzutreffen gedenken, die +drei Frostheiligen sind vorüber und es kann, wenn der gute Wille +vorhanden ist, jetzt auch bei uns eine anständige Witterung eintreten. +Der Kontrast gegen Bozen, wo wir seit einiger Zeit abends 10 Uhr 17° #R# +zu haben pflegen, wird immerhin ziemlich stark sein; kämen wir direkt +von Cannes, so wäre es noch stärker und schon deshalb war die hiesige +Zwischenstation gewiß zweckmäßig. Im ganzen komme ich, wie schon +bemerkt, ziemlich unverändert zurück und es wird sich nun fragen, wie +mir die Münchner Lebensart zusagt...... In München dürfen wir also +erwarten, Dich bald zu sehen. Ich kann Dir unsere Wohnung nicht angeben, +weil sich noch keine gefunden hat und wir uns vermutlich vorerst mit +einem Interim behelfen werden. Es ist die schwere Not: ich soll nicht zu +kalt und nicht zu warm, nicht hoch und nicht abgelegen, nicht im +vorstädtischen Staub und nicht im städtischen Spektakel leben -- wie läßt +sich das machen?..... Pauline muß von München nach Erlangen gehen, um +dort Geschäfte abzutun, es wird also darauf zu sehen sein, daß Ihr Euch +in M. nicht verfehlt.« + +Auf der Heimreise über den Brenner, Mitte Mai, bekamen unsere Reisenden +in diesem Jahre den ersten Schnee zu sehen. In München wurden sie von +der Schwester Julie empfangen, die einstweilen für ein provisorisches +Unterkommen gesorgt hatte. Die Ärzte, die nach langer Abwesenheit ihren +Patienten wieder sahen und untersuchten, sprachen von einer wesentlichen +Besserung, die sich eingestellt habe. Dem Kranken selber und den +Seinigen kam davon allerdings nichts zum Bewußstein, aber dieser +ärztliche Ausspruch belebte dennoch die Hoffnung und erweckte neuen +Lebensmut, so daß sich auch Brater sofort wieder in den Mittelpunkt der +politischen Tätigkeit begab. In der Kammer sprach er nur noch selten, +seine Stimme war schwach aber noch immer klar und wir lesen in einem +Berichte jener Zeit: »Wenn er sprach, so lauschte die ganze Kammer.« Es +war auch kein unnötiges Wort in seiner Rede, mußte er doch mit jedem +Atemzug haushalten. Wenn er mühsam Stufe für Stufe die Treppe des +Ständehauses hinaufstieg, ging jeder still und achtungsvoll grüßend an +dem Manne vorbei, von dem alle erkannten, daß er seine letzte Kraft +einsetzte. Seine Haupttätigkeit war die im Gesetzgebungsausschuß und +diese Arbeit hielt ihn in den folgenden zwei Jahren meist in München +fest, wenn auch nötige Erholungspausen ihn zeitenweise aus der Stadt +hinaus ins bayerische Gebirg, einmal auch auf die Retraite, einem +stillen Landsitz bei Bayreuth, führten. Während dieses Aufenthalts +erhielt Frau Brater die Nachricht von dem Tode ihres Bruders Siegfried. +Sie schreibt darüber: »Wie oft hatte ich meinem schwer leidenden Bruder +ein sanftes Ende gewünscht. Nun ist mein Wunsch erfüllt, sanft und +schmerzlos durfte er aus dieser Welt scheiden, aber so sind wir Menschen +-- die Freude, daß nun dieser schwer Geprüfte von allen Leiden erlöst +ist, empfinde ich kaum, ich fühle nur immer und immer wieder den Schmerz +des Nimmerwiedersehens....... Mein Siegfried war mir immer ein +liebevoller und freundlicher Bruder, so weit ich zurück denke, und wie +liebenswürdig und gemütlich war er im Verkehr, es war ein wohltuendes +und behagliches Gefühl, sowie er nur ins Zimmer trat; auch meinem Mann +war er immer eine liebe Erscheinung. Dies ist nun alles vorbei ..... Wie +lieb man seine Geschwister hat, das weißt Du ja aus Deinem eigenen +Herzen, sie sind eben das eigene Fleisch und Blut, eins ist durch das +andere und mit dem anderen das geworden, was es ist, sie sind ein Stück +des eigenen Wesens, gemeinsam trägt man die Erinnerung an Jugend und +Elternhaus, die auch dem späteren Leben noch Licht und Wärme verleiht +und bei niemand baut man so sicher und rückhaltlos auf Treue und +Verständnis als eben bei Geschwistern ....« + +Nach der Rückkehr der Familie Brater vom Land ergab sich ein längerer +Aufenthalt in München, den die Eltern der Ausbildung ihrer Töchter +zugute kommen ließen. Diese sollten sich auf das Examen in der +französischen Sprache vorbereiten, um später Unterricht erteilen zu +können. Frau Brater selbst war zwar durchaus keine Freundin von der +damals noch ganz neuen Einrichtung, daß Mädchen Examen machen und sich +auf einen speziellen Beruf vorbereiten sollten. Aber sie fügte sich dem +Rate der beiden Schwägerinnen, denen die Kinder ihre Ausbildung +verdankten, und erkannte auch, daß es ihrem Mann eine Beruhigung war, +seinen Töchtern eine weitere Existenzmöglichkeit mit ins Leben zu geben. +Als Gegengewicht für diese Arbeit und den ohnedies bei dem zunehmenden +Leiden des Vaters ernsten Lebenszuschnitt ließ sie die jungen Mädchen +auch Tanzstunden nehmen und freute sich, wenn sie dadurch unter +fröhliche Jugend kamen. Das französische Examen, das heutzutage fast +eine Woche in Anspruch nimmt und zu dem sich in mehreren Städten Bayerns +alljährlich weit über hundert Mädchen einfinden, wurde damals nur in +München, und zwar am Palmsonntag nachmittag abgehalten und außer unseren +zwei Privatschülerinnen nahmen nur einige Mädchen aus dem bekannten +Ascherschen Institut teil. Als die kleine Zahl um den Prüfungstisch saß, +sahen die prüfenden Herren lächelnd auf die emsig schreibenden Mädchen +und der eine sprach zum andern in dem Gefühl eines noch nicht +dagewesenen Erlebnisses: »Welch ein Bild des neunzehnten Jahrhunderts!« + +Nach einigen Wochen erhielten die Geprüften ihre Zeugnisse, und zwar +hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note #I# bekommen. Damals +galt es noch, die Mädchen zu ermutigen, daß sie von der neuen +Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um +sich vor der Überzahl zu schützen. + +Ein Brief von Frau Brater an Lina Rohmer läßt einen Einblick tun in ihr +damaliges Münchner Leben: ».... Ich wollte Dir nur noch sagen, daß ich +trotz der Massen von Bekannten und lieben Freunden doch niemand habe, +der _meine_ Anliegen so mit mir teilen und tragen könnte wie Du (d. h. +ich sehe ab von meiner Schwägerin, die mir wie eine Schwester ist). Die +Menschen sind im Durchschnitt sehr egoistisch und ganz von ihren eigenen +Angelegenheiten durchdrungen und manche, die eine Ausnahme machen, haben +nicht so das Verständnis für andere. So bin ich hier die Vertraute und +Ratgeberin für manche Freundinnen, weil ich selbst schon manches Schwere +durchgemacht habe und mich in die Lage der andern versetzen kann, aber +was mich auf dem Herzen drückt, das kommt da nie zur Sprache, ich dränge +mich nicht auf und fühle mich viel wohler dabei, das, was mein Innerstes +bewegt, nur wenigen mitzuteilen. So kommt es nun, daß mich das +vielbewegte Leben in München ganz kalt läßt, denn Du weißt ja, wie ich +ganz von meinem Mann und Kindern abhänge und nur in ihnen meine Freude +habe und kannst Dir somit auch denken, daß mir eine Sorge um sie so +nahe geht, daß ich nicht leicht davon sprechen kann. So ist mir meines +Mannes Befinden ein steter Kummer, denn wir können uns nicht verhehlen, +daß es von Jahr zu Jahr etwas schlimmer wird und zwar in einer Weise, +die eben recht peinlich ist; die Atmungsbeschwerden sind recht lästig, +es ist ihm jetzt schon _eine_ Treppe eine Schwierigkeit, natürlich +entbehrt er unter solchen Umständen alle Körperbewegung und das ist auch +nicht gut und so ist er eben in allen Dingen ein Leidender und als +Leidender zu pflegen und ohne Hoffnung für die Zukunft, an die wir uns +aller Gedanken entschlagen müssen. Du darfst indessen nicht denken, daß +es gerade in diesem Augenblick nicht gut gehe, im Gegenteil, mein Mann +arbeitet sehr viel, ohne Nachteil, und ist heiter, ja seine gleichmäßige +Stimmung und freundliche Teilnahme für alles und alles, was die Seinen +angeht, ist mir oft auffallend und ich denke mir oft: am Ende nimmt er +sich nur unserthalben so zusammen, damit nicht auch wir darunter leiden +sollen, und am Ende leitet ihn auch manchmal der Gedanke, daß man sich +Liebes und Gutes erzeigen soll, weil man nicht weiß, wie lange Zeit +einem noch dazu vergönnt ist. So leben wir in unserem Hause friedlich +und glücklich, die beiden Mädchen ahnungslos und voller Lebenslust und +Freude; wer uns oft zusammen lachen und schwätzen hörte, der würde nicht +glauben, wie oft ich dagegen im stillen weine; oft mache ich mir auch +Vorwürfe über meine Traurigkeit, denn _jetzt_ steht ja noch alles gut, +aber das hilft nichts, daß mein Mann krank ist, fühle ich zu jeder +Stunde.« + +Der Herbst 1869 führte die Familie wieder vorübergehend nach Erlangen +und die beiden Töchter blieben auch dort zurück, als der Landtag +einberufen wurde, über dessen Dauer man erst näheres erfahren mußte, um +zu bestimmen, ob es sich lohne, die eigenen Möbel mitzubringen. Während +nun die Mädchen in Erlangen auf nähere Weisung wartend einige Wochen +dort blieben, spielten sich in München eigentümliche Landtagssitzungen +ab; die neue Kammer konnte sich nicht einigen über die Präsidentenwahl, +es ergab sich die gleiche Stimmenzahl für den einen Vorgeschlagenen wie +für den andern. Brater, unfähig zu Fuß zu gehen, fuhr täglich ins +Ständehaus, wo er mühsam Atem holend die Treppe hinaufstieg, um bei der +Präsidentenwahl seine Stimme abzugeben und dann sofort wieder +heimzukommen mit der Nachricht: Gleiche Stimmenzahl. So wiederholte sich +der Vorgang dreimal, worauf die Kammer als beschlußunfähig aufgelöst und +die Neuwahl angeordnet wurde. Die Kinder in Erlangen verfolgten diesen +Hergang mit persönlichem Interesse. Ein freundliches Briefchen des +Vaters vom 9. Oktober sagte ihnen, sie sollten die verlängerte Wartezeit +benützen, um ein Kissen auf der Mutter Stuhl anzufertigen, zum Schmuck +der eben gemieteten einfachen Wohnung in der Barerstraße. Zehn Tage +später kam ihnen ein Telegramm der Mutter zu, das sie sofort nach +München berief, da sich des Vaters Zustand verschlimmert habe. +Unverzüglich reisten die Kinder ab, kamen in später Abendstunde an, und +noch ehe der Morgen des 20. Oktober anbrach, hatten sie den Vater +verloren. + + + + +Dritter Teil + +Die Witwe + + + + +XI. + +1869-1870 + + +Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre +Aufzeichnungen über die letzten Lebenstage ihres Mannes enthält. Wir +entnehmen daraus folgendes: + +»Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mühe +aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war groß und +hoch. + +Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: 'heute habe ich +einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer', er sah matt aus. Abends +war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: 'es wird besser +sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.' Er nahm während des +Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach. +Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens +insofern sorglos _gute_ Nacht, als ich nicht zweifelte, daß sie ihm mit +Morphium zuteil werden würde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen +rief er mir laut und deutlich: 'Pauline, zieh dich einmal ein wenig an', +ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, daß ich +nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: 'es +ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon _zwei_ Pulver genommen und habe +keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl, +vielleicht wird mir's da leichter' -- sein Atem war unendlich kurz, die +Stimme klanglos und in seinen Zügen sah ich, daß er im Todeskampfe war, +-- ich stand da unter heißen, strömenden Tränen, sagte ihm liebe Worte, +aber helfen konnte ich ihm nimmer. Während ich ihn ankleidete, sagte er +lächelnd: 'du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich +etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.' + +Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: 'so jetzt mach, daß +du ins Bett kommst, -- _schlafe_ und weine nicht in Deinem Bett.' Gott +weiß, ich habe nicht geschlafen, denn ich wußte nun, daß mir das +treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glück +zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kämpfte er noch zwei Tage gegen +den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlöste.« + +Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau +Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes, +an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehörigen fühlt +sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus +freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war. +Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: »So ist es +also vorüber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke, +wie öde und verlassen Du Dich fühlen wirst nach so langer, tiefinnerster +Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die +Zukunft grau und farblos, weil nun ein Riß in mein Dasein erfolgt ist, +der nicht mehr zu überbrücken ist! Ist dies persönlich so, so ist es +noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen +denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben +einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es +aus, daß Bayern seinen besten Bürger verloren hat, die Partei ihre +Seele.« -- Frau Brater antwortete dem Freund: + + _Lieber Ernst!_ + + Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber + vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich weiß ja recht + wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen + kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir + ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen + Augenblick finde, ist mir's so hohl und ausgestorben zumute, so + abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen, + wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast + maschinenmäßig hersagt, so daß ich mich nun beinahe besinnen muß + auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur + halb begriffen das Herz zusammenschnürt; jeden Morgen stehe ich + auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an + seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und + den Platz mit Küssen bedeckend, wo seine Hände lagen. + + Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet + gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich + schon unter heißen Tränen im Bett gelegen, wenn ich dem + Ruhelosen und Gequälten »Gute Nacht« gesagt hatte und doch so + gut wußte, daß sie ihm nicht zuteil werden würde! Darum hat + sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes + ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprägt + als Trost und Erlösung und wenn mich der Schmerz übermannen + will, so vergegenwärtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig + _liegen_ konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren + Monaten und wie die müde Brust ausruhte vom Kampf gegen den + eindringenden Tod. Ja, _seine_ Ruhe ist mein einziger Trost und + das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wußte, wie + glücklich ich war, wir wußten es ja beide, wir haben es uns oft + ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren + lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz + hinein. + + Daß ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch ich + ihm wohl gönnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte + ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer + Kraft er die letzten schweren Tage durchgekämpft hat, wird Dir + berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom + Körper nicht fesseln ließ, täuschte auch mich bis zum letzten + Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und + bis zum letzten Atemzug kein Seufzer über seine Lippen gekommen + und noch im letzten Augenblick, wo er husten mußte und doch die + Kraft nimmer da war, tröstete er mich, »es geht schon nach und + nach«, dann sank er aufs Kissen zurück, richtete den Blick in + die Höhe und ich sah, daß der Geist im Scheiden war -- kaum + konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen. + + Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lächeln + abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und + seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat, + weiß ich nicht, das Morphium verfehlte seine betäubende Wirkung + nicht; als ich um zwölf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte + er: »ich glaube ich habe geschlafen«, dann hieß er mich ins Bett + gehen, weil er immer darum besorgt war, daß man sich keine Mühe + um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um + zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch + warmen Wein (die letzte Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn + Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte + noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhören + der mühevollen Atemzüge, ich horchte noch lange und immer + wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand + still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft + hatte. + + Daß die kranke Lunge nicht die _nächste_ Ursache des Todes war, + hat sich bei der Sektion gezeigt, es war das miterkrankte Herz, + Du wirst ja den Bericht erfahren haben; nun können wir uns »die + Unruhe in der Brust« erklären, von der er so oft sprach, noch am + letzten Abend legte er meine Hand auf seine Brust und sagte: »da + fühle, wie es da klopft«. + + ... Man hat mir schon von mehreren Seiten freundliche + Anerbietungen gemacht und ich weiß, daß mein Mann treue Freunde + hat, die seine Frau nicht in Not kommen lassen würden, aber mein + Mann hat selbst der Not vorgebeugt und es käme mir wie bitterer + Undank vor, wenn ich mir nicht damit genügen lassen wollte + ...... Nimmermehr möchte ich im Wohlstand leben, nachdem wir + zusammen gesorgt und gespart und uns manches versagt haben, aber + doch, ich kann es sagen, _nie_ mit bekümmertem Herzen, es hat + diese Sorge dem Glück unseres Lebens keinen Eintrag getan ... + +Die Freunde ließen es sich dennoch nicht nehmen, ihre edle Gesinnung für +den Verstorbenen seinen Kindern gegenüber zu betätigen. »Am Mittwoch +übersiedle ich zu Julie in die Schommergasse« schreibt Frau Brater, »bis +dahin steht der Arbeitstisch meines Mannes unberührt, dann gibt's einen +schweren Abschied!« + +In einem Album, das Bilder all der Orte enthält, die für Frau Braters +Leben bedeutungsvoll waren, ist auch ein Blatt, das den Münchener +Kirchhof zeigt. Daneben steht der Vers: + + In stiller Nacht ist er von Dir geschieden, + der Deine Liebe war, Dein Stolz, Dein Glück. + Du fragst: was kann das Leben mir noch bieten, + was soll ich noch, da er mich einsam ließ zurück? + Das hellste Licht zeigt auch den dunkeln Schatten, + dem größten Glück folgt tiefste Traurigkeit. + Wo zwei so innig sich verwachsen hatten, + da ist die Trennung schier ein unerträglich Leid. + +Ja, schier unerträglich erschien ihr der Gedanke an eine Trennung für +Lebenszeit. Wußte sie doch, wie schwer sie an jeder vorübergehenden +Trennung getragen hatte, trotz der Aussicht auf baldiges Wiedersehen, +und nun sollte dieser Zustand dauern, immerzu dauern, eine Trauer ohne +Ende dünkte ihr das vor ihr liegende Leben. Sie hatte völlig verlernt, +sich allein für etwas zu interessieren, sich ohne ihn zu freuen. Wenn +teilnehmende Menschen sie auf die Kinder hinwiesen, die sie noch besaß, +die mit ganzer Liebe an ihr hingen, so wies sie auch diesen Trost ab, +auch die Freude an den Kindern schien ihr unmöglich, wenn sie nicht vom +Gatten geteilt wurde. Wohl beherrschte sie äußerlich ihren Schmerz, aber +innerlich beugte sie sich nicht unter ihn. Stille Ergebung lag nicht in +ihrer Natur, vielmehr war sie gewöhnt, anzukämpfen gegen das Übel; in +allen schweren Lebenslagen, in den knappen Verhältnissen, im Unbehagen +des Wanderlebens, in den Krankheitszuständen ihres Mannes, immer war sie +mit geschärften Geisteskräften und mit praktischer Tätigkeit auf +Abhilfe, Verbesserung, Erleichterung bedacht gewesen, hatte sich um so +tapferer gewehrt, je größer das Übel war. Aber hier kam ein Leid, dem +nicht beizukommen war, es ließ sich nicht umbiegen, nicht wenden, daß +eine gute Seite herauskäme, es lockte nicht ihren Tätigkeitstrieb, +sondern hemmte ihn vielmehr, es reizte nicht ihre Widerstandskraft, nein +es lähmte sie. + +In dieser trostlosen Verfassung kam ihr ein Brief ihres Bruders Hans zu. +Er, der ähnlichen Schmerz erfahren hatte, empfand die wärmste Teilnahme +für sie und er wußte auch, daß seine Schwester nicht in Untätigkeit +Trost finden würde. Er bat sie zu kommen, für immer die beiden +halbverwaisten Haushaltungen zu vereinigen und ihn dadurch so glücklich +zu machen, wie er es nie mehr gehofft hatte zu werden. Aber ihre Antwort +war ein »Nein«, ein schmerzlicher Aufschrei »ich kann nicht, wenigstens +jetzt noch nicht, gönne mir Zeit, mich zu fassen«. Es tat ihr weh, dem +Bruder das zu schreiben, aber sie lag zu tief darnieder, um sich so +schnell aufraffen zu können. Sie blieb den Winter in München bei ihrer +Schwägerin Julie, die dort wohnte und die drei betrübten Gäste bei sich +aufnahm. Sie führten gemeinsame Wirtschaft, die Mädchen besorgten die +Küche und lernten noch weiter, die Tante gab französischen Unterricht +und Frau Brater saß in ihrem kleinen Zimmer und durchlebte in den +stillen Wintertagen und vielen schlaflosen Nächten die tiefste Trübsal. +Nur das konnte ihr Interesse erwecken, was mit ihrem Manne zusammenhing, +und bezeichnend ist für sie, wie sich in ihren Briefen die alte Frische +und Tatkraft zeigte, wenn sie in ihres Mannes Geist und an seinem Werk +arbeiten konnte. In den letzten Jahren war ihnen beiden ein früherer +Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung persönlich näher getreten, #Dr.# +Nagel, der ähnlich wie Brater keine feste Anstellung hatte und später +als Verfasser eines tief durchdachten religiösen Buches bekannt geworden +ist. Über diesen gemeinsamen Bekannten schreibt sie an Rohmer: »Ich lege +Dir einen Brief von Nagel bei, wegen dessen was er über seine +Angelegenheiten schreibt; mir scheint, es wäre jetzt vielleicht der +Augenblick gekommen, wo man diese tüchtige Kraft für Bayern wieder +gewinnen könnte; Du weißt, er hat weiland in der Süddeutschen Zeitung +Artikel geschrieben, von denen Karl sagte, daß er sie ohne weiteres für +seine eigenen erklären könnte, und Karl hat auch mehrfach geäußert, wie +erwünscht es ihm schiene, wenn Nagel zu haben wäre. Aber welche Stellung +und Aufgabe könnte man ihm denn zuweisen? Die Wochenschrift? oder wäre +an der Süddeutschen Presse ein Wirkungskreis? -- Überlege Dir's doch und +schmiede das Eisen so lange es warm ist; Nagels religiöser Standpunkt +ist gewiß kein Hindernis, war er's doch auch nicht bei Hofmann[8], und +überhaupt, wenn die Bestrebungen einer Partei nicht die Probe der +Religion Jesu aushalten, so sind sie gewiß irrig, wenigstens nach meinem +schwachen weiblichen Urteil; an meines Mannes Reden und Handeln hat man +diese Probe jederzeit anlegen können... Nagel hat immer ein schneidiges +Wort geführt. Mich hat sein Brief in eine förmliche Aufregung versetzt, +weil ich überzeugt bin, Karl würde Nagel festnehmen.« + + [Fußnote 8: Professor der Theologie in Erlangen, Mitglied der + Fortschrittspartei in Bayern.] + +Manches erhebende, tröstende Wort durfte die Witwe lesen, in Briefen, +welche die Freunde des Verstorbenen an sie richteten, in Nekrologen, die +nicht nur in Zeitungen Gleichgesinnter, sondern auch in Blättern +erschienen, die seine Richtung immer bekämpft hatten und trotzdem seiner +Person die Anerkennung nicht versagten. Hatte doch schon das ehrenvolle +Trauergeleite zur letzten Ruhestätte gezeigt, wie sich dieser viel +angefeindete Mann durchgerungen und zur Geltung gebracht hatte. Wer +hätte zehn Jahre früher für möglich gehalten, daß die königlichen +Staatsminister teilnehmen würden an seinem Leichenbegängnis! Er hatte +seine Grundsätze nicht verleugnet und sich nicht gebeugt vor den +Mächtigen, aber die gute Sache, der er mit Hingebung gedient hatte, die +war es, die ihn mit in die Höhe gehoben hatte. + +Worte wie die folgenden mußten der Witwe wohltun, wenngleich auch die +Anerkennung nach dem Tode etwas unendlich Wehmütiges für die +Hinterbliebenen hat. + +Prof. #Dr.# Ad. _Wagner_ schrieb ihr: »... Ihnen muß es Stolz und +Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein +schwerer für die Partei, für das Vaterland empfunden wird. Möge auch +über seinen Tod hinaus sein Wirken von Einfluß bleiben und Früchte für +Deutschland tragen, das wird ihm das schönste Denkmal sein...« + +_Nagel_ schrieb: »... Wohl wissen Alle, daß wir an ihm eine +staatsmännische Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches +Führertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder +bekannt, daß in diesem schwächlichen Körper -- zum leuchtenden Zeugnis +für die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft über die Materie -- +ein stählener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes, +in der Tat und Wahrheit eine Römerseele gewohnt hat; aber nur wir, die +wir das Glück seines persönlichen Umgangs genossen, haben auch seine +allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens +vollkommen schätzen und lieben lernen können. Auch _das_ konnten nur die +näheren Bekannten völlig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das +Persönliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an +Staat und Vaterland ihn so völlig beherrschte und erfüllte, daß es +einfach nicht möglich war, irgend ein persönliches Interesse, sei es +auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewußt +im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen. +Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen +Eigenschaften vielleicht die seltenste ...« + +Prof. H. _Baumgarten_: »... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig +Jahren die schweren Kämpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein +wieder zu gewinnen, ich habe im Süden und Norden einen großen Teil der +Männer kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden +Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen +Männern einer großen Sache am reinsten, uneigennützigsten, +unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhältnissen +gedient habe, so würde ich keinen Augenblick anstehen zu erklären: Karl +Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet +und mit voller Liebe gestützt zu haben, wie Sie getan, das ist ein +schönes, beneidenswertes Los, und wie groß Ihr Schmerz sein muß, daß Sie +nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, _Sie sind doch +unendlich viel glücklicher als Millionen_, die heiter ein inhaltsleeres +Leben führen. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird +nicht klagen...« + +»Sie sind unendlich viel glücklicher als Millionen?« ... In den Tagen, +da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht +zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen +ist keine so _unglücklich_ wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens. +Aber Baumgarten hatte doch recht und wußte, was er sagte. Nicht nur die +Erinnerung an das schönste Lebensglück meinte er, die ja ein +unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte +er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die +höchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne +in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung +ihrer Persönlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden über alles +Kleinliche, Selbstsüchtige, Unwahre, für das Große und Gute hatte er +ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie +wohl glücklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie +versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie +darüber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle +diejenigen glücklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein +Wiedersehen im Jenseits und wünscht sehnlich, auch zu diesen zu gehören, +da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. »Aber +ganz ohne Hoffnung bin ich nicht«, schließt sie diese Betrachtungen. + +In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine +tiefreligiöse Natur und von lebendigem Glauben erfüllt, für Suchende und +Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem +ersten Brief nach Braters Tod berührte er die Frage, welche, wie er +ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mußte. + +Er schrieb: »Ich weiß nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten +und wahren Trostgründe, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich +versöhnen können mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit +der furchtbaren Tatsache des Todes -- ob Sie diese Gründe gelten lassen, +unsere Anschauungen hierüber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht +sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen überzeugt -- was auch alles +die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen möge, um den +Menschen auch um diese Hoffnung ärmer zu machen. Und doch können wir +diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewißheit erheben -- wenn wir nämlich +_wollen_.« + +Diese Ansicht -- wir _können_ glauben, wenn wir _wollen_ --, der Einfluß +des Willens auf die Überzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels +tiefe Überzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines später +erschienenen Buches: »Der christliche Glaube und die menschliche +Freiheit«. Diesem von warmer Überzeugung beseelten Manne sprach Frau +Brater alle ihre Zweifel und religiösen Kämpfe aus und seine Briefe, +sowie später seine Schriften gewannen für ihr Leben Bedeutung und warfen +ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als +Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz +raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an +der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter +zu führen. Sie schrieb an ihren Bruder, daß sie seinem Rufe folgen und +im März zu ihm kommen wolle. + +Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwägerin, die +ihre Trauer teilte, und mit den Töchtern dem Andenken des Verstorbenen +leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter +Empfindung die politischen Kämpfe der Partei verfolgt, zu deren Führern +Brater gehört hatte. Sie schreibt an Rohmer: »Daß die Adreßdebatte nun +zum Schluß gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir +scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind +auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr +verachteten; natürlich mußte angegriffen, gestritten und das Herz an +diesem Ort ausgeschüttet werden, aber kurz und bündig und ohne sich dann +weiter in die Balgerei einzulassen, denn daß sie damit etwas _erreichen_ +würden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wäre es anders +gegangen, wenn Karl noch als 'stiller Wächter' dabei gestanden wäre, die +beiden Parteien _müssen_ ja doch nebeneinander stehen, Karl hätte gewiß +den möglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet für die +_beiden_ Parteien und die unwürdige Debatte wäre abgeschnitten worden +..... Ich habe den Eindruck, als ob über die Saat, die er ausgestreut +hat, bereits ein böser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht +sagen, in welchem Maße mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein +einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wäre mir ein Trost, +wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefaßt hätten +wie ich .....« + +Allmählich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kämpfen entrückt zu +sehen: + +»Die gegenwärtige Kammertätigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem +friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen +Kampfplatz auch noch immer für unser eigenstes Revier halten möchte, so +durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, daß diese reine Seele +nun zu einem höheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.« + + + + +XII. + +1870-1875 + + +Als Frau Brater im Frühjahr 1870 mit ihren beiden Töchtern nach Erlangen +übersiedelte, stand sie im dreiundvierzigsten Lebensjahr. Ihre flinke, +bewegliche Art ließ sie eher noch jünger erscheinen, so wie auch ihre +frische Gesichtsfarbe auf kräftigere Gesundheit schließen ließ, als sie +tatsächlich besaß. Die heitere Umgangsform, die ihr von Natur eigen und +in den Jahren tief innerlichen Glückes zur Lebensgewohnheit geworden +war, blieb ihr auch in der Trauerzeit treu und so konnte jeder +oberflächliche Beobachter glauben, sie sei der Aufgabe, den Haushalt des +Bruders zu übernehmen, in jeder Hinsicht gewachsen. Und doch war dem +nicht so, vielmehr gingen ihr die mannigfaltigen Anforderungen +körperlich und gemütlich oft über die Kraft, und ihre Aufgabe war in der +Tat keine kleine. Wieder galt es, sich möglichst sparsam einzurichten. +Die Haushälterin wurde entlassen und nur ein Dienstmädchen beibehalten. +Anna, die tüchtig gewesen wäre, mit anzugreifen in der Haushaltung, +wurde zunächst zur Unterstützung einer befreundeten Familie nach Weimar +berufen, Agnes war bald durch französischen Unterricht in Anspruch +genommen, den zu erteilen sich günstige Gelegenheit bot. So lag viel auf +der Hausfrau. Ihre vier Pflegekinder, zwei Knaben und zwei Mädchen, +standen nun im Alter von acht bis zwölf Jahren, und es galt vor allem, +sie wieder an die neue Ordnung zu gewöhnen. So leicht sich nun einzelne +Kinder einzugewöhnen pflegen, wenn sie aus ihrer Umgebung herausgenommen +und in eine fremde versetzt werden, so schwer ist es, wenn so ein +Trüppchen beisammen in den gewohnten Verhältnissen bleibt und doch +plötzlich ein anderes Regiment über sie kommt. Wer kann es ihnen +verargen, daß sie sich in der gewohnten Freiheit beschränkt, in allen +Rechten verkürzt, im täglichen Leben beengt fühlen? Mit einem tiefen +Seufzer klagte die kleine Julie eines Abends bei Agnes: »Es gibt eben +jetzt so viel, ach so arg viel, was wir nimmer tun dürfen und was wir +vorher gedurft haben.« Und wer kann es andererseits der gebildeten Frau +verargen, wenn sie mit den Forderungen des Gehorsams, der Wahrhaftigkeit +und der Ordnung herantritt an ihre Pflegebefohlenen? Mußte sie es nicht +tun, wenn ihr das Wohl dieser Kinder am Herzen lag, wie das ihrer +eigenen? Aber eine Erziehung, die jahrelang gefehlt hat und dann +plötzlich einsetzt, wird von Kindern schwerlich als Liebe empfunden. +Traurig äußerte sie in jener Zeit: »Die Kinder, die mir so zugetan waren +wie eigene, sind mir ganz entfremdet worden. Mit Furcht und Mißtrauen +stehen sie mir gegenüber und verheimlichen all ihr Tun vor mir.« + +Das waren große Schwierigkeiten und nur einer im Hause blieb wunderbar +unberührt davon, Bruder Hans. Er setzte in seine Schwester das größte +Vertrauen und hatte für seine Kinder eine rührende Liebe. Von der Stunde +an, wo er Schwester und Kinder beisammen wußte, fühlte er sich glücklich +und war voll der besten Zuversicht. Nach seiner Überzeugung mußten die +Kinder die Tante lieben, und diese würde an der Erziehung alles gut +machen, was versäumt war, die finanziellen Angelegenheiten ruhten bei +ihr in besten Händen, also war allem Elend abgeholfen und man ließ ihn +künftig in Ruhe mit Heiratsprojekten. Leichteren Herzens als seit Jahren +ging er in sein Kolleg, paßte ihn doch die Haushälterin nimmer an der +Treppe ab, um ihre Klagen über die Kinder und die Geldnot vor ihn zu +bringen; fröhlich wanderte er durch Hof und Garten, die merkwürdig +sauber aussahen, seitdem Pauline zwei Wagen voll Schutt hatte +hinausschaffen lassen, zerbrochene Ofenteile, verdorbenen Hausrat, +zersprungenes Geschirr, was alles in Jahren durch das Fenster in den Hof +geflogen oder durch die Kinder in den Garten geraten war. Wenn er abends +mit der Schwester im Garten saß, fühlte er sich glücklich und Pauline +mochte ihn nicht behelligen mit Klagen über die mannigfaltigen +Schwierigkeiten, gönnte sie es ihm doch so von Herzen, daß es ihm auch +noch einmal gut ging im Leben. Hingegen schilderte sie in Briefen an +Anna die unerfreulichen Zustände, die sie und Agnes im Hause vorgefunden +hatten. Aber als sie aus Annas Briefen erkannte, daß diese infolgedessen +sich gar nicht auf ihre bevorstehende Heimkehr von Weimar freuen konnte, +suchte sie ihr wieder Lust und Mut zu machen und schrieb der Tochter: + +..... »Du fragst, ob ich auch jetzt noch des Onkels Haus als unsern +Aufenthalt wählen würde, und ich bin darüber keinen Augenblick +zweifelhaft, so sehr sich auch oft das Herz abwendet von Verhältnissen, +die mit den vergangenen so ganz im Widerspruch stehen. + +Es würde uns wenig Erleichterung bringen, könnten wir auch die Form von +ehedem noch mehr bewahren, wir würden dennoch jede Stunde inne werden, +daß das Licht und die Sonne fehlt, die unser Leben bis hierher so +glänzend erleuchtet haben. -- Wenn ich manchmal hinuntergehe in des +Vaters (früheres) Stübchen, wo sein Tisch und Stuhl steht, da wird es +mir immer nur so untröstlich zumute, daß ich glaube, man kämpft sich +leichter durch, wenn man sich entschließt, in Gottes Namen alles und +alles dahinzugeben, da uns ja doch alles nur an den Verlust mahnt. Wenn +wir des Vaters _Beispiel_ befolgen wollen, so können wir auch nicht +zweifelhaft sein, daß wir hier am rechten Platze sind. Sei überzeugt: +wenn ich den Vater hätte fragen können, so hätte er uns das geraten, was +ich nun getan habe, hat denn nicht auch er sich immer an den Posten +gestellt, wo die Arbeit notwendig und dringend war, ohne Rücksicht auf +die eigene Bequemlichkeit; ja wenn wir in diesem Hause tun, was in +unsern Kräften steht, so leben wir nach seinem Geist und Vorbild und +werden darin unser Glück finden. Daß man aus einem arbeitsvollen Leben +mehr Segen und Befriedigung zieht, als wenn man seiner Neigung und +Bequemlichkeit folgen kann, das ist ja eine Wahrheit, die nicht ich erst +erfunden, wohl aber in reichem Maße erprobt habe. Für euch beide glaube +ich, daß es auch jetzt schon am besten _hier_ ist, habt ihr doch im +Umgang mit eurem Onkel immer eine Anregung, die ihr außerdem schwer +entbehren würdet, und oft denke ich daran, wie vielen Grund zur +Dankbarkeit wir haben, daß er uns seine treue Liebe so zuwendet. Als +neulich Frau Professor Thiersch eine von euch engagieren wollte, sprach +sich der Onkel mit aller Heftigkeit dagegen aus, zuletzt sagte er noch: +'ich kann's so nicht erwarten, bis die Anna wieder kommt, ich zähle +jeden Tag.' Im ganzen sind wir doch auch schon ein wenig heimisch hier +geworden und schwer ist nur die Kinderunruhe, die man eben den ganzen +Tag hat und bei der man nicht zu Worte kommen kann, doch in Jahresfrist +werden sie ein wenig wohlgezogen sein. Immerhin ist es aber gut, wenn Du +Dir vergegenwärtigst, daß es hier zunächst einiges Entsagen gilt, Du +wirst Dich dennoch da heimisch fühlen, wo ich bin .....« + +Ganz allmählich besserte sich das Verhältnis zu den Kindern. Der älteste +ihrer Pflegebefohlenen, Robert, ein sehr begabter Knabe, fühlte, daß ihm +der Verkehr mit der Tante ganz ungewohnte geistige Anregung bot, und +besprach sich gern mit ihr; bei dem jüngsten, dem kleinen Wilhelm, einem +herzensguten Kind, hatte das Mißtrauen nie feste Wurzel gefaßt, er +wandte sich bald wieder zutraulich an die Tante und diese Wandlung der +Brüder blieb nicht ohne Einfluß auf die Schwestern. Doch wird sich bei +Mädchen nie so leicht ein kindliches, vertrauensvolles Verhältnis +bilden, weil sie viel zugänglicher sind für die Einreden törichter oder +gewissenloser Leute, die in solch schwierigen Verhältnissen nie fehlen. +Niemand hatte es je Frau Brater übel gedeutet, wenn sie die eigenen +Kinder einfach hielt, aber bei Neffen und Nichten war das anders, und +jedermann glaubte sich berechtigt, sich einzumischen. Derartige +Schwierigkeiten lassen sich nicht in Wochen und Monaten überwinden, man +muß da mit Jahren rechnen, ja es ist Lebensarbeit und wir sind alle +unvollkommene Arbeiter. Frau Brater wäre die erste gewesen, das +zuzugeben, nie war sie der Meinung, jederzeit den richtigen Ton +getroffen zu haben. In späteren Jahren, aus der Ferne zurückblickend, +glaubte sie manchen Fehler zu erkennen und war um so dankbarer dafür, +daß schließlich alles gut geworden und sie in ihren alten Tagen die +volle Liebe derer genießen durfte, denen sie Mutterstelle ersetzt hatte. +In den Briefen aus der Zeit der größten Schwierigkeiten tut sie deren +kaum Erwähnung, nur die Trauer, die unverändert in ihrem Herzen lebte, +spricht sie manchmal ergreifend aus. So an Ernst Rohmer nach einem +Besuch ihres gemeinsamen Freundes Nagel: »Ich habe Dich während Nagels +Anwesenheit oftmals zu uns gewünscht ... Was mich vor allem mit wahrer +Sympathie zu ihm hinführt, das ist die Ähnlichkeit, die er trotz aller +Verschiedenheit im letzten Grunde mit meinem Mann hat, es ist dieses +ernste, unermüdliche Wollen und dieses unbestechliche Anerkennen und +Voranstellen der Wahrheit. Mich hat dieser tiefe moralische Ernst sehr +bewegt, denn er hat mir das Beispiel meines lieben Mannes wieder lebhaft +vor Augen geführt, ich sehe sein unermüdliches Arbeiten, auch wo es ihm +schwer wurde, und so fühle ich mich veranlaßt, auch auf meinem traurigen +Wege nicht schwach die Hände sinken zu lassen. -- Ach, man muß eben ein +ganz anderer Mensch werden, wenn man einen solchen Verlust erlitten hat, +und wie lange, wie lange wird das dauern! Noch habe ich so gar nichts +zustande gebracht, noch hängt mein Herz so ganz und ausschließlich an +ihm, daß ich mir noch gar nicht _denken_ kann, daß es anders werden +wird; es ist ja nicht, als ob ich mich der Gegenwart verschlösse und +gewaltsam die Vergangenheit festhalten wollte, im Gegenteil, ich seufze +oft förmlich nach Erleichterung dieses bittern, bittern Schmerzes.« + +Dieser Brief ist vom 12. Juni datiert. Allen denen, die in jener Zeit im +eigenen Leid versunken sich sehnten, darüber hinaus gehoben zu werden, +kam eine mächtige Hilfe von außen: einen Monat später wurde der +deutsch-französische Krieg erklärt. Es läßt sich denken, wie dieses +Ereignis, das auch die schläfrigsten unter den Deutschen aufzurütteln +vermochte, in der patriotischen Familie des Hauses Pfaff-Brater +widerhallte! Entrüstet über die leichtfertige Kriegserklärung der +Franzosen schreibt Frau Brater: »Könnte man doch den Groll der deutschen +Frauen nutzbar machen fürs Vaterland!« Was aber sie, wie alle national +gesinnten Deutschen zunächst am meisten bewegte, war die Frage, ob +Süddeutschland einig mit Preußen gegen Frankreich ziehen würde. Wir +können uns heutzutage kaum mehr vorstellen, welche feindselige Gesinnung +gegen Preußen damals noch in breiten Schichten des bayerischen Volkes +herrschte. In einem Artikel des Volksboten vom Oktober 1868 finden wir +folgende Stelle: »Wir tragen kein unnötiges Verlangen, an der Seite +Frankreichs gegen unsere einzigen Feinde, die Preußen, in den Krieg zu +ziehen, solange Frankreich allein fertig werden kann mit unsern +Quälgeistern; wir wollen nicht Knechte und Vasallen werden, weder der +Franzosen noch der Preußen; aber das wird man nicht verwehren können, +daß viele in den Franzosen ihre einzigen Schützer gegen preußische +Vergewaltigung, ihre einzigen Helfer in der Not, ihre Retter von der +Annexion 1866 und -- wenn Gott es will -- ihre dereinstigen Befreier von +dem unerträglichen Joche des brutalen Preußentums sehen. Frankreich +bedarf unserer Hilfe nicht, solange es allein imstande ist, den tönernen +nordischen Koloß zu demütigen, wenn nicht zu zerschlagen.« + +Wir begreifen, daß bei solcher Gesinnung ein Zusammengehen aller +deutschen Stämme gegen den äußeren Feind keineswegs gesichert war, ja in +Frankreich war bei der Kriegserklärung zuversichtlich auf die deutsche +Uneinigkeit gebaut worden. Daß sich unsere Feinde darin verrechnet +haben, daß das nationale Bewußtsein doch den Sieg davon trug ist gewiß +zum Teil auch das Verdienst solch treuer Vorkämpfer wie Brater, die ihr +ganzes Leben dem Erwecken der nationalen Gesinnung geopfert haben. Als +die Kunde von dem einmütigen Vorgehen der Deutschen kam und bald darnach +die ersten Siegesnachrichten einliefen, drang der Jubel und das +Dankgefühl auch der trauernden Witwe ins Herz. + +In heller Begeisterung schreibt Frau Brater nach dem ersten Sieg bei +Weißenburg an Rohmer: + + + Erlangen, 5. August 1870. + + _Lieber Ernst!_ + + Es läßt mir keine Ruhe, ich muß heute noch ein paar Worte an + Dich richten, denn der erste Sieg, wenn er auch noch keinen + Schluß auf den letzten gestattet, läßt uns dennoch die + namenlose, unbegrenzte Freude ahnen, die wir empfinden würden, + wenn auch der endliche Sieg auf unserer Seite wäre! + + Ich habe heute lebhafter als je zuvor empfunden, daß man im + Glück der Teilnahme noch dringender bedarf als im Schmerz; + diesen trägt man leichter in der Stille, aber wenn das Herz vor + Freude überwallt, dann verlangt es mit stürmischer Sehnsucht + dahin, wo es volle Teilnahme und volles Verständnis gefunden + hatte, wo das Glück im doppelten Empfinden noch erhöht wurde. + Ich weiß, daß auch du in dieser Zeit oft seiner gedenkst, als + des Freundes, der mit Dir im vollsten Einverständnis gestanden + war und als der treueste Freund, den er auf dieser Welt besessen + hat. + + Dennoch habe ich meinen lieben Mann noch mit keinem Gedanken + zurückgewünscht.... Das Gefühl, daß er hoch über den Leiden und + Freuden dieser Welt steht, hat mich ganz durchdrungen und es ist + mir eine stete Beruhigung, wenn ich mir sein stilles Bild + vergegenwärtige; wem die letzten Atemzüge so ganz den Ausdruck + der seligen Ruhe verleihen, der hinterläßt den Seinen ein + trostbringendes Andenken, und ich möchte jedem sagen, tut eure + Schuldigkeit so treu wie er, so kann's uns hier und dort nicht + fehlen. + + Daß mich unser Schicksal auf das mächtigste bewegt, wirst Du + nicht bezweifeln, war es doch meines Mannes teuerste + Herzenssache und noch habe ich auch nicht gelernt, mich an etwas + zu erfreuen, was außer Zusammenhang mit ihm steht. In diesem + Augenblick ist man nun in glücklicher Stimmung, aber dennoch bin + ich mehr als sonst wohl dazu angetan, des Schmerzes zu gedenken, + der nebenbei durch unser Vaterland zieht, wie viele heiße Tränen + werden fließen um die, die uns mit ihrem Leben den Sieg + erkaufen. + + Hier war der Abschied unsres Bataillons, das viele Söhne + hiesiger Bürger und Professoren mit sich nahm, ein sehr + trauriger, so traurig, daß ich fast kleinmütig über unsre + Soldaten wurde, aber ich glaube, es ist doch natürlich, daß in + einem solchen Augenblick der _Mensch_ stärker ist als der + Soldat. + + Wie wird sich unsre Sache entwickeln, das fragt man sich den Tag + hundertmal; wenn die Zuversicht zum Sieg verhilft, so wird er + auf unsrer Seite sein, daß er _nicht_ auf unsrer Seite sein + wird, das kann man sich nicht vorstellen und doch wird er schwer + zu erringen sein, davon ist jeder überzeugt. + + Es ist eine schreckliche Zeit und man bringt den Tag kaum herum, + bis wieder eine Zeitung kommt; was mich indes bis jetzt am + meisten in Aufregung setzte, ist die Beobachtung der auswärtigen + Mächte und das Benehmen Englands (vielleicht deute ich es nicht + ganz richtig), das empört mich in einem solchen Maße, daß ich + vor Grimm und Verachtung zittere, wenn ich daran denke. O wenn + es uns gelänge, unsre Sache rund und nett allein zum Siege zu + bringen, denke nur daran, was das wäre! Was würde man denn da + anfangen in seiner Freude, ich wüßte mir nicht zu helfen, kommt + nur gleich und ohne Verzug hierher, sowie Ihr von einem großen + Sieg hört. -- Freust Du Dich nicht auch über die schöne + Kriegspoesie, die schon entstanden ist, ein echt nationaler + Krieg! Hast Du den Kladderadatsch? Er hatte das schönste Gedicht + »An den Tyrannen«; wenn Ihr's nicht habt, so schick ich's Euch. + +Ein anderer Brief aus dieser Kriegszeit schließt mit den Worten: +»Gottloserweise gab ich mich auch einer recht herzlichen Schadenfreude +hin, vielleicht muß ich die Sünde einmal büßen, tut nichts, jetzt finde +ich es gar zu schön, wenn wir den großmäuligen Franzosen so wackere +Schläge geben.« + +Sieg auf Sieg folgte in den nächsten Monaten, das Interesse des ganzen +Hauses richtete sich auf ein und denselben Punkt, die Kinder +wetteiferten, wer zuerst eine neue Siegesdepesche heimbrächte, und durch +allgemeine Illumination der Stadt wurde der Tag von Sedan gefeiert, von +dem man damals hoffte, daß er den Frieden unmittelbar im Gefolge haben +würde. + +Mitten in dieser Siegesstimmung jährte sich der Todestag Braters und +seine Witwe, die da glaubte, der Name ihres Mannes sei vergessen über +den Helden des Tages, durfte erfahren, daß dennoch treulich seiner +gedacht wurde. In den Münchner Neuesten Nachrichten erschien ein +Artikel, der an den Todestag Braters erinnerte und dem wir folgende +Sätze entnehmen: »Wenn wir mit jubelnder Begeisterung die Heldentaten +unsrer Söhne und Brüder feiern, wenn wir in stolzer Trauer des Muts und +der Opfer der Gefallenen gedenken, so werden wir auch des stillen +Denkers, des beredten Kämpfers, des treuen Beraters Deutschlands, +unseres _Brater_, dankerfüllt uns erinnern, der mitgeholfen, die +herrlichen Siege unsrer Tage vorzubereiten und der, wenn auch nicht auf +blutigem Schlachtfelde, doch auf dem Felde der Ehre, mitten in seinem +deutschen Berufe fiel. Wir aber, und mit uns gewiß alle treuen Anhänger +des Fortschrittes, erneuern das Versprechen, den Kampf, dem er zu früh +entrissen wurde, in seinem Geiste fortzusetzen, damit all das, wozu er, +der Edelsten einer, für das Vaterland den Keim gelegt, zur schönsten +Entfaltung gelange.« + +Wie wohl tat an diesem Jahrestag der Witwe schon das _eine_ Wort: +»_Unser_ Brater«, so fühlte sie sich nicht alleinstehend mit ihrem +Schmerz, die Freunde teilten ihn. Auch der Dichter Leuthold, der +vorübergehend an der Süddeutschen Zeitung mitgearbeitet hatte, schrieb +ergreifende Verse, die später unter seinen Gedichten gedruckt +erschienen: + + _Auf Karl Brater._ + + Dein gedenk ich heute beim Sieg der großen + deutschen Sache, der Dein charakterstrenger + hoher Freimut, Deine gedankenklare + Seele geweiht war. + + Wenn ein Held im Taumel der Schlacht nach tapfern + Taten hinsinkt, schmückt ihn der blut'ge Lorbeer, + sein Gedächtnis feiert die Zeit und dankbar + nennt ihn die Nachwelt. + + Doch es bleibt die stillere Größe jener, + die zum Wohl des Volks in Gedankenschlachten + tropfenweis verbluten ein reines Leben, + minder beachtet, + + Ja, es bleicht anspülend die Flut bewegter + Zeit die besten Namen, und mancher Grabstein + übermoost, manch geistige Tat entfällt dem + Mund der Geschichte. + + Denn es hat der Lebende recht, die Menge + liebt, was glänzt, und käufliche Lippen preisen + jene nur, die willig das Lob mit vollen + Händen belohnen. + + Doch dem Dichter ziemt es im Angedenken + seines Volks, die Toten erstehn zu lassen + und die denkmallosen Gedankenhelden + würdig zu ehren. + +Vier Wochen waren seit diesem traurigen Gedenktage verstrichen, November +war es und in der nördlichen Wohnung kalt und dunkel, da fiel plötzlich +ein Sonnenstrahl ins Haus, so warm und belebend, daß er auch Frau Brater +ins innerste Herz drang und endlich wieder ein glückliches Strahlen auf +ihrem Gesicht hervorrief: Ihre Tochter Anna wurde Braut. Der Bräutigam, +Universitätsbibliothekar #Dr.# Dietr. Kerler, war ihr als ein +vorzüglicher Charakter und als politischer Gesinnungsgenosse ihres +Mannes längst bekannt, ohne Sorge konnte sie zu dieser Verbindung ihren +Segen geben. + +Auf welche Weise das Band zwischen dem jungen Paar entstanden war, das +hat sie selbst, fünfundzwanzig Jahre später, bei Kerlers silberner +Hochzeit in launigen Versen mitgeteilt. + +Sie schildert die bescheidenen Verhältnisse, in denen die kleine Anna +zur Welt kam und fährt fort: + + Wie die Mutter dies ihr Kindlein + erstmals auf den Armen trägt, + eine Frage an das Schicksal + unwillkürlich sie bewegt: + Ob wohl dieses kleine Würmlein + unbewußt jetzt auf der Erde + seinem Ziel entgegen wachse, + auch einst eine Mutter werde? + Und ob schon vielleicht ein Bürschlein + irgendwo zur Schule müsse, + daß es seinerzeit zur Jungfrau + sichern Weg zu finden wisse? + + Wie die Mutter also dachte, + war's noch frühe Morgenstunde, + Winter war's und kalt und finster, + keine Ahnung gab ihr Kunde, + daß fürwahr ein solcher Bursche + war im Deutschen Reich vorhanden + und in dieser frühen Stunde + schon in Ulm war aufgestanden. + Dietrich hieß der stramme Junge, + riß sich los aus Schlafes Armen, + nicht dem eignen Antrieb folgend, + nein, ein Wecker ohn' Erbarmen + geht durchs ganze Land der Schwaben + wo man nur ein Bürschlein kennt, + daß es zur Tortur sich rüste, + die man Landexamen nennt. + Denn in diesem biedern Lande + ist ein Knäblein kaum geboren, + wird's schon in der Wochenstube + für ein Kloster auserkoren. + Und so gähnt und lernt der Junge + schon in dieser düstern Stunde, + denn auch ihm gab keine Ahnung + von dem kleinen Sternlein Kunde, + das soeben aufgegangen + und bestimmt war seinem Leben, + was es nur an Liebe wünschte + seinerzeit vollauf zu geben. + Doch zu blicken in die Ferne + Hat er weder Zeit noch Ruh', + denn Examen und #»pro locos«# + gehen scheinbar endlos zu, + Griechen, Römer und Hebräer + trägt ausschließlich er im Herzen + und die deutschen Jungfrauen machen + ihm noch lange keine Schmerzen. -- + Doch auch hier, wie allenthalben, + fliehn die Jahre pfeilgeschwind, + Klöster, Stift und alle Plagen + glücklich überstanden sind. + Auch das letzte der Examen + bringt er glänzend hinter sich + und ganz würdig auf der Kanzel + sieht man nun den Dieterich! + Doch wie kam's, daß er so kurz nur + auf dem schönen Posten stand + und auf einmal ostwärts schielte + nach dem fremden Bayernland? + Scheinbar war es die Geschichte, + die ihn fortgetrieben hat, + er erfaßt sie und er wandert + ihrethalb von Stadt zu Stadt. + Schließlich kommt er in Erlangen, + diesem kleinen Städtchen an, + sonderbar dort bleibt er hangen + und wird dort ein Büchermann. + Aber wo ist denn das Mägdlein, + das damals geboren war? + Nun, es ist längst aus der Wiege, + geht zur Schule Jahr für Jahr + ist ein junger Backfisch worden, + fleißig rührig ohne Rast, + doch vor allem die Geschichte + hat mit Eifer sie erfaßt; + einstmals kam man in Erlangen, + diesem kleinen Städtchen an, + und sie wünscht sich ein Geschichtsbuch, + geht deshalb zum Büchermann. + Dieser, freundlich wie er immer, + hat das Buch ihr anvertraut, + doch viel tiefer als es nötig + in die Augen ihr geschaut! + Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts, + bald auch zog man wieder fort + und lebt nun drei volle Jahre + fern von diesem lieben Ort. + Doch es kommt die Zeit der Rückkehr + und man siedelt fest sich an + und an jene Augen denkend + schleicht ins Haus der Büchermann. + Ja nun ist es etwas andres, + sie die Jungfrau, er der Mann, + haben sich's nun gegenseitig + mit den Blicken angetan! + Und die Frage an das Schicksal, + die die Mutter einst gestellt, + überglücklich und bejahend + ist gelöst vor aller Welt. + +Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau +Brater der festen Überzeugung, daß die Verbindung eine tief beglückende +werden würde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: »Dein +Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so +glücklich, als ich es nur wünschen kann, so glücklich, daß es mir ist, +als sähe ich mein eigenes schönes Leben wieder aufblühen, ich freue mich +dieses Glückes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel +heißen Tränen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist +wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die +zurückgedrängten Empfindungen aufs neue wach. -- -- Anna hat sich einen +kostbaren Schatz erworben und ich wüßte kaum einen Mann, dem ich mein +Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben würde ..... und ich +weiß, daß auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen würde; +sie kannten sich noch und Kerler spricht mit großer Liebe von unserem +teuren Geschiedenen. + +Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, daß +sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine +ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das +Eingewöhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben +abgeschlossen, sein Zweck erfüllt scheint, dann dünkt es einem zuweilen +fast unmöglich vorwärts zu steuern, _vorwärts_ wo das Herz mit aller +Macht nach rückwärts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt +hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu _denken_, was meinem Herzen +lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr +gelernt allein zu sein, ich bin's gewöhnt mein Teuerstes für immer +entbehren zu müssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich weiß +daß nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die +Verhältnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, daß wir uns +unlöslich verbunden sind, daß ich ihm einzig und allein angehöre, und +oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit +meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir -- es +ist mir, als könnte ich seine Hand fassen ...« + +Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann über die +Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das bräutliche +Glück der Tochter zu trüben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen, +daß sie beim Anblick ihres Liebesglücks mit Schmerzen daran dachte, wie +auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren würden. Sie +freute sich mit den Fröhlichen und drängte den Kummer ganz zurück bis +sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand +unter dem Einfluß des glücklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen +Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Großen in fröhlicher +Vorfreude und Geschäftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen +Deutschen das Herz bewegte: der große Tag in Versailles, die Gründung +des Deutschen Reiches als schönster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai +brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schöne Familienfest, +die Hochzeitsfeier. + +Das junge Paar ließ sich in Erlangen nieder, so trübte kein +Trennungsschmerz das fröhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als +glückstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei +diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prüfend +und erwägend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie für +das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde +plötzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwöhnt und sie dadurch +im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht +glücklich machen und kann sie nicht glücklich _machen_, so wird sie auch +nicht glücklich _sein_. Solche Überlegungen lagen Frau Brater um so +näher als sie durchdrungen davon war, daß es viel mehr in der Hand der +Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glücklich zu gestalten, ja in +ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Für jede unglückliche Ehe mache +ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem +unbewußten Gefühl, daß es ihr mit ihren glücklichen Gaben und der +seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenüber +gelungen wäre, zu verhüten, daß ein _schlechtes_ Verhältnis entstünde. +Sie äußerte manchmal: »Es ist eigentlich noch wichtiger, daß die Frau +gescheidt ist, als der Mann«, und man versteht das, wenn sie der Frau +zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schönheit auszubauen. + +Frau Brater konnte bei dem Rückblick auf ihr Erziehungswerk über den +Hauptpunkt beruhigt sein: verwöhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in +der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie +getrost auf das eheliche Glück des jungen Paares hoffen. + +Bei der Hochzeitsfeier ließ sie sich nicht anmerken, wie unsäglich +wehmütig und schmerzlich ihr zumute war, daß sie diesen Tag ohne den +geliebten Mann begehen mußte. Sie verschloß tief im Herzen die Trauer, +wenn sie unter den Gästen saß und widmete sich diesen vollständig. So +verlief das Fest freudig für alle, die daran teilnahmen. Bei solchen +Anlässen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem +Grade besaß. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie für +deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es für ebenso +wichtig, daß Geist und Gemüt ihrer Gäste nicht leer ausgingen, und wie +sie dieser geselligen Pflicht unzählige Male in ihrem Leben nachgekommen +war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun +mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den fröhlichen Ton an, +der allen wohl tat. + +Sie war immer anregend in Geselligkeit und doch führte sie nicht das +große Wort wie manche hervorragend gesellige Talente tun, die zwar +unsere Bewunderung erregen, uns prächtig unterhalten, aber doch das +Gefühl hinterlassen, daß neben ihnen niemand zur Geltung kommen konnte. +Sie ließ gerne die anderen zu Wort kommen und verstand es prächtig, die +Rede auf das zu bringen was diese beschäftigte. »Sie versteht so +ausgezeichnet die Kunst zuzuhören«, rühmte gelegentlich ein Freund ihres +Mannes von ihr und mit dieser Kunst tat sie vielen wohl, denn sie +antwortete auf das Gehörte liebenswürdig und treffend, nie in +konventionellen Redensarten, sondern in Ausdrücken die ihr direkt aus +dem Herzen kamen und denen ihr freundlicher Humor eine originelle +Wendung gab. + +Leistete sie so ihr Möglichstes in Geselligkeit, so war sie auch höchst +entrüstet über Menschen, die sich nur unterhalten ließen, sich selbst +aber ihrer geselligen Pflichten gar nicht bewußt waren. Ganz empört +konnte sie sein über Frauen und Mädchen, die während des Gesprächs immer +auf ihre Handarbeit sahen, ihre Stiche abzählten und nur mit halbem Ohr +bei der Geselligkeit waren, und über Männer, die dasaßen, schwiegen und +sich ganz bequem von andern unterhalten ließen. »Langweilig sein ist die +größte Sünde« erklärte sie und war der Ansicht, es müsse jeder gebildete +Mensch sein Teil zur Unterhaltung beitragen oder er sollte sich lieber +gar nicht in Gesellschaft blicken lassen. + +Wer Frau Brater in solcher Entrüstung reden hörte, der glaubte +schließlich selbst an die Sünde der Langeweile. Man konnte nicht so +leicht dem widerstehen oder das vergessen, was sie mit ihrer ganzen +Wärme und Energie als ihre Überzeugung vorgebracht hatte. + +Im ersten Winter nach der Verheiratung ihrer Tochter schrieb sie an ihre +Freundin, Frau Professor Hecker: »... Du kannst Dir kaum vorstellen wie +viele Freude ich an meinem glücklichen Paar habe und wie sich das +Freundschaftsverhältnis, das zwischen mir und meinen Kindern besteht, +mit der verheirateten Tochter nun noch weiter und umfassender entwickelt +hat; und ich möchte sagen, ebenso geht es mir mit Agnes; seit wir nun +noch allein beisammen sind, ist unsere Anhänglichkeit aneinander so groß +geworden, daß mir's oft ganz bange dabei wird; sie hängt ihr Herz gar zu +sehr an mich, ich muß so oft der unvermeidlichen Trennung denken ...« + +Während Frau Brater in solchen Worten andeutete, daß sie, die oft vor +Müdigkeit fast der Arbeit erlag, sich selbst keine lange Lebensdauer +zutraute, war es ihr bestimmt, alle ihre Geschwister zu überleben. Vor +zwei Jahren war ihr Bruder Siegfried gestorben und nun trat deutlich und +drohend bei ihrem Bruder Hans ein inneres Leiden zutage, das nach einem +schweren Winter rasch eine tödliche Wendung nahm. An Pfingsten 1872, +während in Erlangen die »Bergkirchweihe« gefeiert wurde und alles +hinausgeströmt war, um sich zu ergötzen, kämpfte dieses Leben den +letzten Kampf, und Frau Brater mußte den geliebten Bruder scheiden +sehen. Wehmütig schreibt sie: »Ein treues Herz, wie es kein treueres, +liebenderes geben kann, habe ich auch jetzt wieder scheiden sehen müssen +und habe ihm einen Teil meines eigenen Wesens mit ins Grab gegeben. Ich +muß immer aufs neue daran denken, wie gern mein Bruder noch bei uns +geblieben wäre.... Die Kinder behalte ich so lange ich nur immer kann.« + +Die vier so früh verwaisten Geschwister konnten auf diese Weise im +elterlichen Hause beisammenbleiben und wenn auch in der Folge das eine +oder andere seiner Ausbildung wegen fortkam, so stand ihnen doch für +die Ferien ein Heim offen, in dem sie mütterliche Liebe fanden, das +bittere Gefühl des Verwaistseins blieb ihnen erspart. + +Der Bruder des Verstorbenen, Professor Fritz Pfaff, wurde Vormund. Da er +aber außerhalb der Stadt, in einem Landhaus auf dem Berg wohnte und +überdies in jener Zeit viel leidend war, so blieb die Sorge für die vier +Unmündigen auf Frau Brater liegen, auch das Geschäftliche wurde ihr +übergeben. Gelegentlich einer Vorladung wurde ihr auf dem Gericht +mitgeteilt, wie sie für die Waisen Buch zu führen und Rechnung abzulegen +habe. Als sie von diesem umständlichen Verfahren hörte, sie, der jede +pedantisch-bürokratische Maßregel in der Seele zuwider war, entgegnete +sie sofort in ihrer überzeugenden Art, solch umständliche Rechnung könne +sie unmöglich führen, die würde auch bei ihr gar nicht stimmen, sie +wolle mit den Kindern so weiter wirtschaften wie zu ihres Vaters +Lebzeiten, hoffe auch mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, aber +alles weitere sei ganz unnötig. Die beiden anwesenden Beamten sollen +sich daraufhin etwas ratlos angesehen, aber die Sache »vorläufig« +beigelegt haben. In der kleinen Stadt kannte man ja seine Leute, wußte +daß hier alles in Ordnung und die Mündel aufs beste versorgt wären, und +daß man froh sein mußte, sie so gut untergebracht zu wissen. Bei der +bewährten Sparsamkeit der Hausfrau gelang es auch, die Söhne studieren +zu lassen, und in den Jahren, da die Kosten am bedeutendsten waren, +wurde Frau Brater am wenigsten vom Gerichte behelligt, man war wohl auf +dem Amte zufrieden, wenn _sie_ zufrieden war. + +Eine sparsame Einrichtung setzt voraus, daß die Hausfrau selbst tüchtig +mit angreift und so lag nun auch ein gut Teil Arbeit auf Frau Brater. +Die Zimmer, die ihr Mann und ihr Bruder bewohnt hatten, vermietete sie, +obgleich diese »Zimmerherrn« nicht unwesentlich die Arbeit vermehrten. +Ein Brief an ihre Tochter Agnes, die vorübergehend verreist war, gibt +einen Einblick in den unruhigen Haushalt: + + _Liebe Agnes!_ + + »Am Ende eines sehr, sehr stürmischen Tages setze ich mich und + versuche einen Brief an Dich, denn es ist doch unter allen + Umständen sehr angenehm, daß man beim Schreiben _sitzen_ kann. + + Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein + Gewürge gerade dann komisch, wenn man es unmöglich mehr + beherrschen kann, sondern alles drunter und drüber gehen läßt. + + Ich begann meinen Tageslauf mit der großen Bügelei, die mit + allen Zimmerherrnvorhängen ziemlich umfangreich war, zu gleicher + Zeit stellte sich der neue Gärtner ein und extra meinen + Vorhängen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann + für den Gartenzaun, dann kam der Schlosser für das Tor, dann + Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen, + dann eine Ladung für den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma + Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stöberte und fegte + unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schließlich + klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau + Brater einen Freitisch hatte) zu Klößen und Sauerbraten und + sprach heute noch weniger als gar nichts... Schließlich hängen + nun doch alle Vorhänge, die Betten sind gesonnt und überzogen, + kein Stäubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr + seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn + ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse + ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir, + als sei'st Du schon 14 Tage weg!« + +Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gönnte, ab +und zu ein paar Stunden in dem glücklichen, friedlichen Heim der Familie +Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rückkehr meist schon an der +Haustüre von Groß und Klein mit allerlei Anliegen überfallen und im Chor +fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe +hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemütlich, aber liegt +nicht für jede Frau doch auch etwas Beglückendes in dieser +Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, daß sie +noch ein so reiches Feld der Tätigkeit hatte, eines das sich noch +erweiterte, als sie im Sommer 1872 Großmutter wurde. + +Als sie ihr erstes Enkeltöchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte +der Vierzig, man sah ihr die Würde nicht an, wohl aber die Freude. »Ich +mag es kaum eingestehen, welches Entzücken das liebe Geschöpf bereitet,« +schreibt sie in Erinnerung daran, daß sie sich als junge Frau gehütet +hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte +sie diese Zurückhaltung nicht mehr über sich bringen, der +Großmutterfreude ließ sie freien Lauf. Die Wonne über dies prächtig +gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich, +wenn die Eltern des Kindes dieses verwöhnt oder zu sehr in den +Vordergrund gestellt hätten, so wäre ihre Freude an der Enkelin gleich +getrübt worden, denn ihre Erziehungsgrundsätze waren ein Teil ihres +Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam +die Kleine zu Besuch in das großmütterliche Haus, so sorgte die +Großmutter, daß ihr nicht von allen Seiten Beachtung, überschwängliche +Begrüßung zuteil wurde oder die originellen Äußerungen des Kindes +belacht und in seiner Gegenwart weitererzählt wurden. Sie hatte am +liebsten, wenn das Kind für sich allein spielte, begünstigte das soviel +sie konnte und sorgte, daß der Tätigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr +durch Rücksicht auf die Kleider beschränkt werden mußte. Sie sah sie +deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit +bunten Röckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergnügen +ließ sie dann das Kind »Salat waschen« d. h. mit Gras und Kraut im +Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles +tropfnaß, so war doch die Kleine seelenvergnügt dabei. + +Vier Jahre später gesellte sich noch ein Brüderchen zu der kleinen +Berta, und wenn allmählich wieder Glück und Lebenslust aus Frau Braters +Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge +Familie Kerler, die solchen Ton anklingen ließen. + +Übrigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen +Beziehungen in dem alten Erlangen, wo außer den drei Familien Pfaff nun +auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine große +Schar von Abkömmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten +Örtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und +die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte +fröhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine +Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am +fleißigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die +Brücke gewesen, die diese Beiden zusammengeführt hatte und immer standen +sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften +Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius: +»Doch der Mann von Stahl und Eisen, läßt sich absolut nichts weisen.« +Mit solch eisenfesten Ehemännern ist nicht immer leicht auszukommen, +mögen ihre Grundsätze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht +selten Frau Lina Sartorius zu der Schwägerin hinaus, um häusliche Nöte +mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhänge anschaffen +wollte und der gestrenge Eheherr erklärte, solange der Staat seine +Beamten so schlecht besolde, daß es kaum zum Nötigen reiche, dürfe man +sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf +den ersten Blick sehe, daß zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche. +Die Ehefrau hingegen fand, daß bei solch schönen Grundsätzen ihre Zimmer +nicht schön aussähen und wollte die Vorhänge durchsetzen. + +Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und +ähnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um +seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lächeln trat er vor die Frauen, +denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. »Habt Ihr recht +über mich losgezogen?« fragte er und sie antworteten lachend: »Jawohl, +die ganze Zeit.« + +Wie es mit den Vorhängen ausfiel, weiß niemand, wohl aber, daß das +Ehepaar immer in schönster Harmonie von der Schwägerin nachhause +kehrte. + + + + +XIII. + +1875-1883 + + +Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein +Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den +ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer +netten Häuslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So +gefiele mir's auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an +den Kaffeetisch führte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu +einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und +eines Tages erhielt Frau Brater aus dem württembergischen Städtchen +Blaubeuren einen Brief in dem der damalige »Stadtschultheiß« +(Bürgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im +Juni wurde die Verlobung gefeiert. + +Frau Brater beantwortete die Glückwünsche der treuen Nördlinger Freunde: + +... »Ich weiß ja, daß Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes +gönnt, daß nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht +bezweifeln, wenn ich in Agnesens glückliche Augen sehe; ich selbst kenne +den Bräutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft +rasch ein volles Zutrauen gefaßt habe, so fühle ich doch jetzt bei der +Trennung von ihm, daß wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke, +daß, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes +Kind entführen wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rührt an +manchen durchgekämpften Abschiedsschmerz.« + +Schon nach drei Monaten kam der Bräutigam um die Braut heimzuholen. Wohl +gab es wieder ein fröhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mußte eine +Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der +eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren +Tränen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig +zusammen gewachsen war. + +Man möchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mädchen, das +zuhause in warmer Liebe und schönster Harmonie mit den Ihrigen gelebt +hat, überdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf +hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekuniär selbständig +machte, wenn ein Mädchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein +unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden +Verhältnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so +lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht +einmal das Gefühl einer mutigen Tat, eines großen Wagnisses, sie folgt +unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es über sich, alles zu +verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war. +Und je glücklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so +zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glück erwarten. + +Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der +erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte, +wohin die Hochzeitsreise sie führen sollte. + + »_Liebes teures Kind!_ + + Den ganzen Tag schon ist es mir Bedürfnis, ein Viertelstündchen + zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen könnte, nicht gerade + weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen hätte, sondern nur weil + ich eben noch immer der Meinung bin, daß ich Dir jeden Gedanken + mitteilen könne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach + Dir verlangt, würde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht + zugleich die sichere Hoffnung in mir trüge, daß das Glück, das + Ihr Euch gründen werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird + für das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der + briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter + werden und wenn das Stürmen und Regnen nachläßt, bei dem man + seine Lieben so ungern auf der Reise weiß, dennoch sage ich mir, + daß ja Euer Glück nicht vom schönen Wetter abhängig ist, + Gottlob! + + Ich will Dir erzählen, wie es seit gestern gegangen ist, Du + kannst es Dir zwar an den Fingern abzählen, aber so lange man + noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, muß man's genau + wissen: Nachdem Ihr fort wart, war große Stille im Hause, Mine + ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war + ich herrlich allein und fing ganz still an aufzuräumen, das + Geschäft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen + ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stück + lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und + schließlich waren der Objekte zum Aufräumen so viele, daß ich, + wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Tätigkeit erblickte; + gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgäste zurück, nachdem sogar + Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise + »das wildeste Tempo« erbeten hatte. Sie waren alle + außerordentlich vergnügt gewesen; daheim schenkten sie dann dem + »Ochsenfuß« noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen + sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen + überfielen mit rücksichtsloser Eile unsere Betten und endlich + wurde auch bei mir der Schlaf Herr über das Kopfweh, das sich so + allmählich zu schöner Höhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst + Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in + Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzählen wie der heutige + Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber + Dein Bett stand leer neben mir, ich wußte es schon genau ehe ich + die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang, + nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in + gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater, + der Regen strömte ohne Aufhören, ich trank dort nur schnell + Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu + ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kämpft den ganzen Tag + mit den Tränen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint + rückhaltslos. Im Prater war alles vergnügt, sie spielten... + Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um + ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen. + + Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst + Du nun noch genau, nach und nach wird's anders werden, auch habe + ich mich diesmal ausschließlich an Dich gewendet in der + Vermutung, daß diese Details höchst uninteressant für Eduard + sind. Wann Du diesen Brief erhältst weiß ich ja nicht, aber + immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen + zurückkehren. Einstweilen behüt Euch Gott!« + + 5. Oktober. + + _Liebes Kind!_ + + »Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glückes und + Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache, + drängt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes + zurück und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster + und freudiger zumute. Laß Dich nur nie abhalten etwas zu + schreiben ... sei stets überzeugt, daß in Deinem Leben mir + nichts fremd sein kann, ja daß im Gegenteil eine verheiratete + Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht + als vordem, denn jetzt erst können sie sich gemeinsam freuen an + den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben + einem Menschen bringen kann, und daß das Glück, das uns der + Liebesfrühling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in + seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich + sein und so halte fest an dem Bewußtsein, daß ich stets bei Dir + bin. + + Die Freude des Zusammen_lebens_ entbehre ich freilich trotz + allem noch immer schwer, unsere Plauderstündchen lassen sich + brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft + des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich + zurückhalte weil mir erst einfällt, daß ja niemand mehr da ist, + der sie _recht_ versteht, und welch ein unaussprechliches Glück + es ist, _recht verstanden_ zu werden, in den kleinsten + Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt beständig empfinden. Ich + habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten + Beziehungen das Glück des Einverständnisses ein so beseligendes + ist.« + + November. + + _Liebe Agnes!_ + + »Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen, + erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger + Seelenüberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann + segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele + zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten + Gesichtern sah und nur _Du_ nicht dabei warst, da wurde mir's + recht traurig ums Herz und Du mußtest wohl eine Ahnung gehabt + haben, daß Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke, + daß daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente + mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen + und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit + aller Muße an deinen Brief, der mich mit seinen vergnügten + Nachrichten auch wieder ganz vergnügt machte, aber auf einen + Punkt Deines Schreibens muß ich noch eingehen, denn er erregt + meine Mißbilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch + denken, man täuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude, + die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir müssen es + nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat + mich fast schon gereut, daß ich meinem Verlangen, Euch Lieben + wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fühle es + wenigstens meinerseits, daß ich mich eben nicht recht trennen + _mag_ und doch trennen _muß_; ach die liebe Gewohnheit des + Zusammenlebens, des Einverständnisses in den hundert kleinen + Dingen des täglichen Lebens, _ich_ muß sie aufgeben, _Du_ + überträgst sie nach und nach. Dem Heimweh läßt sich mit keinem + Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die _Zeit_, + man löst sich eben nicht so leicht aus Verhältnissen, mit und in + denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber + von Tag zu Tag verwächst man mit den neuen Verhältnissen und + wenn einige Zeit herum ist, so sind einem _diese_ zur + Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden. + + Wenn ich so zurückblicke auf mein Leben mit dem Vater, so + erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflächliches + Glück im Vergleich zu den späteren, übrigens kam das nicht ganz + von selbst, man muß sein Glück pflegen und behüten und das + werdet Ihr ja auch tun. + + Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der + _Unfrieden_ sein wird, der über kurz oder lang doch auch bei + Euch einmal ausbrechen muß; wenn Ihr einmal recht Händel + miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, daß eins das + andere bei mir verklagt, so lange ich nicht weiß, worüber Ihr + streiten könnt, so lange habe ich noch kein erschöpfendes Bild, + auch dürft Ihr nicht denken, daß ich Eure Zwietracht sehr hoch + anschlage. + + Das Staatswörterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich, + diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen, + Du weißt ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben + mit diesem Werk verknüpft ist, wie überall, wo wir auch waren, + immer das erste Geschäft war, die Verbindung mit dem Verleger + und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in + alle Meeresflächen und auf Bergeshöhen verfolgten. Manches + werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel + »Gemeinde«, die Ideen oder die Auffassung, die darin + niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute + Bewußtsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt + als selbstverständlich betrachtet und hingenommen, was noch vor + zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast geächtet wurde... + + Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll, + um mein Haus zu verlassen, ich weiß wahrlich nicht wie ich an + eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir ärgerlich + weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um + Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder ärgerlich + wegen seiner Unpünktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie + ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen könnte.« + +Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mußte zu +möglichst großer Rente ausgenützt werden. Es waren mühsame und +arbeitsvolle Jahre für Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten +_konnte_, war es gut, daß sie noch ein Feld der Tätigkeit hatte. Denn in +den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von +unschätzbarem Wert, aber sie wußte doch, daß sie nicht immer nötig war, +und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte +eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft +führen. Um so mehr freute sie sich, vorübergehend zu ihnen zu kommen, +und genoß das Glück, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln +empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach +Württemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu. + +In dem früher erwähnten Album finden wir eine Photographie dieses +reizend gelegenen Städtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater +sagt, daß sie dreimal dorthin berufen wird + + »Und sie kriegt zum Lohn + jedesmal, so bald sie kommt, + Einen Enkelsohn.« + +So wußte sie es doch, wenn es not tat, immer möglich zu machen, von zu +Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur +Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo +sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: »Sechs rauchende junge +Vettern, die zu meiner Begrüßung geladen waren, haben meinen Augen +vollends den Treff gegeben« und ein andermal: + + _Liebe Agnes!_ + + »Gottlob wieder in Erlangen; Hätte ich ein Tagebuch, mit der + allerschwärzesten Tinte würde ich diesen letzten Teil meiner + Vergnügungsreise darin verzeichnen! Meine Augen brachten mich an + den Rand der Verzweiflung.... In Tübingen wurde es mit jeder + Minute schlimmer. Mein Mittel hatte ich wohl dabei, konnte es + aber nur noch abends anwenden, denn es schmerzte unsinnig. Ich + überlegte immer, ob ich nicht mit dem ersten besten Zug nach + Hause fahren sollte, aber ich mochte doch nicht so rasch + abbrechen, wurde ja so herzlich empfangen!...« + +Von den drei kleinen Enkelsöhnchen, die sie bei ihrem Erscheinen auf +dieser Welt freundlich bewillkommt und in treue Pflege genommen hatte, +blieb ihr nur das erstgeborene erhalten. Das zweite, von Anfang an ein +zartes Pflänzchen, half sie liebevoll pflegen und als es trotz aller +Fürsorge im zweiten Lebensjahre starb, stand sie unter dem Eindruck, daß +hier ein Leben zu Ende ging, das vielleicht doch nur Leiden gewesen +wäre, und ihr gesundes natürliches Gefühl ließ sie den Tod schwächlicher +und leidender Menschen nie so schmerzlich beklagen. Als aber ein Jahr +später das dritte Kind, ein prächtig gediehener fast zweijähriger Knabe +ganz rasch von der Diphtheritis dahingerafft wurde, empfand sie dies als +einen furchtbaren Schmerz. Sie erhielt die Todesnachricht während sie +mit der Familie Kerler zum Landaufenthalt im Spessart war. Keine +Naturschönheit vermag die Gedanken von solcher Trauer abzubringen, aber +es kam das Mittel, das einzige was solchen Kummer in den Hintergrund +drängen kann, die Sorge vor noch herberem Verlust; auch Karl, der +älteste der drei kleinen Brüder erkrankte an der Diphtheritis und +schwebte in Lebensgefahr. Der Gedanke, daß ihre Tochter auch das letzte +Kind verlieren sollte, war ihr entsetzlich und lag ihr damals besonders +nahe, denn es waren die Jahre, in denen diese Krankheit furchtbar um +sich griff, viele Eltern in einer Woche kinderlos wurden, und alle für +ihre Kinder bangten. Als die Nachricht von der Besserung und +allmählichen Genesung des kleinen Karl eintraf, konnte sie doch wieder +Glück und Dankbarkeit empfinden und sie schloß dieses Kind mit +besonderer Liebe in ihr Herz und hatte später eine große Freude daran, +daß zwei kleine Schwestern sich zu dem Vereinsamten gesellten. + +Wenn sie von den Reisen zu ihrer Tochter nach Erlangen zurückkam, so +hatte sie dort zwar kein Kleinkindergeschrei mehr um sich, aber doch +auch Unruhe genug. Liest man ihre Briefe, in denen sie ihr Erlanger +Leben schildert, so sieht man in eine belebte Stube, in der die vier +Schulkinder sich umhertreiben mit viel Lärm und Zank, der aber mit Humor +aufgefaßt wird. So schreibt Frau Brater einmal der Tochter: »... Den +ganzen Tag kam ich nicht ans Schreiben und als ich abends meinen Brief +begann, erbat sich Wilhelm als besonderes Vergnügen, den geriebenen +Kartoffelsalat machen zu dürfen, wobei er so viel interessante +Erfahrungen machte, daß er immer meiner Teilnahme und meines Rates +bedurfte, und nebenbei ging beständig der Zank mit den Schwestern, die +die Behauptung aufstellten, Kartoffelsalat machen schicke sich nicht für +Buben, während Wilhelm entgegnete, wenn er wolle könne er seine Hände so +sauber waschen wie andere Leute etc.« + +»Gestern war ich mit auf dem Eis, denn alle Viere drängen schon seit +lange, daß ich einmal ihre Kunst bewundere, die Mädchen fahren hübsch, +es sieht sehr anmutig aus, die Buben natürlich ohnedies, die tun sich ja +in allen körperlichen Künsten hervor. Wilhelm klettert auf die höchsten +Bäume und zerreißt alle Tage ein paar Hosen.« + +Allmählich geben die Berichte ein anderes Bild: »Meine Vier sind +ungewöhnlich lebhaft und laut, doch sind sie alle heiter und glücklich +angelegt und ein fröhlicher Spektakel ist wenigstens leichter zu haben +als ein widerwärtiger, überdies geht mir Julie schon tüchtig zur Hand +und ist mir überhaupt eine liebe Tochter, wenn nun Johanne auch noch aus +dem Institut ist, dann sehe ich den Zeitpunkt nahen, wo ich unverrückt +auf dem Sopha sitzen bleiben kann, denn beide Mädchen sind sehr fleißig, +übrigens tritt diesen Winter die Verpflichtung an mich heran, mich halbe +Nächte lang auf Bällen herumzutreiben und tagelang mit Bügeln, Garnieren +usw. beschäftigt zu sein, da meine Mädchen jedoch ziemlich anspruchslos +und bescheiden sind, so tue ich es gerne.« Bald waren die Jahre vorbei, +in denen sie einer Stellvertreterin bedurfte wenn sie verreiste, Julie +und Johanne waren nun fleißige Haustöchter. Sie rühmt von ihnen: »Im +Haus habe ich alles in schönster Ordnung getroffen, die Rechnung stimmt +auf den Pfennig.« + +So war der Familienstand durchaus erfreulich, aber unvermutet drohte +eine große Veränderung. Frau Brater schreibt an Agnes: »Was wirst Du +sagen, wenn Du hörst, daß es sich gegenwärtig um eine Versetzung +Dietrichs nach Würzburg handelt? Dort winkt eine höhere Rangstelle, es +ist dort ein sogenanntes Oberbibliothekariat, auch eine größere +Bibliothek usw., _hier_ ist andererseits weniger Arbeit und sind sehr +angenehme Verhältnisse. Es geschieht jedenfalls das möglichste, um +Dietrich hierzuhalten, aber über gewisse Grenzen können sie eben nicht +hinaus. Die Sache steht auf der Schwebe, doch glaube ich eher an +Erlangen als an Würzburg. Was für ein harter Schlag mir diese Trennung +wäre, das kannst Du ermessen!« + +Der Entscheid fiel für Würzburg und im Frühjahr 1878 übersiedelte die +Familie Kerler dorthin, zum großen Schmerze für Frau Brater, die täglich +im beglückenden Verkehr mit Tochter und Schwiegersohn und den beiden +Enkelkindern gestanden hatte. »Ich empfinde die Trennung immerwährend +sehr schmerzlich« schreibt sie an Anna »und es ist mir fast +unbegreiflich, daß ich nun die lieben Kinderstimmen so lange nimmer +hören und keinen Blick aus ihren hellen Augen empfangen soll. Dennoch +sage ich mir beständig, daß ja doch niemand gestorben ist und daß wir +uns in kurzer Zeit daran gewöhnen werden, über die kleine Wegstrecke +hinweg uns des glücklichen Bewußtseins der Liebe und Zusammengehörigkeit +zu erfreuen.« An Agnes: »Ich bin so froh, wenn ich die Handwerksleute, +die in Haus und Hof zugleich sind, endlich los habe, es ist dies eine +unleidliche Sache. Überdies haben alle Verbesserungen sowohl im Haus wie +im Garten für mich den Reiz verloren, die Kinder sind nun erwachsen, die +Buben gehen beide fort, die Mädchen werden auch nicht immer daheim +bleiben, was soll mir nun das öde Haus? Wilhelm hatte recht, indem er +bei Kerlers Berufung sagte: »unsere ganze Existenz ist untergraben!« + +Die Zurückbleibenden existierten aber dennoch weiter und zwischen den +herangewachsenen Kindern und ihrer Tante ergaben sich im Laufe der Jahre +immer mehr gemeinsame Interessen, die das tägliche Leben besonders in +den Ferienzeiten, wenn sich alle zusammenfanden, bereicherten. Auf den +jüngsten Sohn hatte sich das naturwissenschaftliche Interesse der Pfaffs +vererbt, zur großen Freude seiner Tante. Nach den Osterferien schreibt +sie an Agnes: »Wilhelm ist diesen Abend auch wieder abgereist, es wird +mir immer schwer, ihn wieder ziehen zu lassen, sein Wesen entwickelt +sich so auffallend in der mir verwandten Pfaffschen Art und führt mir +das Andenken an meine teuren Brüder in lebensfrischer Weise vor die +Seele, ich unterhalte mich mit ihm gerade so, wie ich es in jungen +Jahren mit diesen getan habe, oder wenigstens über dieselben +Gegenstände. Seine Neigung zur Mathematik nimmt immer zu und erfüllt ihn +ganz.« »Jetzt, nachdem ich wieder längere Zeit von den Kindern getrennt +war, fällt mir wieder deren unendlich lebhaftes Wesen auf, es schwirrt +mir den ganzen Tag der Kopf und ein Fremder, der unten am Haus +vorbeiginge, würde nimmermehr glauben, daß all der Lärm von vier in +Frieden lebenden Familiengliedern herrühre, und Du weißt wie sie sind, +_ich_ muß in erster Linie alles anhören, stehle ich mich ein wenig in +den Garten hinunter oder ins Besuchszimmer hinein, es dauert keine fünf +Minuten, so ist die Gesellschaft auch da. Namentlich aber in den ersten +Tagen der Ankunft bis das übervolle Herz ausgeschüttet ist, so nun +Wilhelm, er begleitet mich auf Schritt und Tritt und während ich in der +Küche Julie den Kochunterricht gebe, setzt er nicht aus, mir irgend ein +physikalisches Gesetz oder ein geometrisches Problem zu erklären. +Abgesehen von der Strapaze ist übrigens die Unterhaltung mit den Kindern +jetzt anregend und macht mir oft Spaß, z. B. gestern abend kamen wir auf +die Definition von Begriffen zu sprechen, da wechselte dann immer +stilles tiefes Denken mit plötzlichem lauten Gebrüll ab, wenn jeder das +beste sagen zu können glaubte, schließlich fragte ich: was ist ein Ofen? +Das war uns nun unvermutet schwer und es war komisch zu sehen, wie die +beiden Buben ihre Stühle drehten und den unschuldigen Ofen immer von +oben bis unten so bedenklich betrachteten ... Wilhelm sieht gar zu +schlecht aus, ich mag ihm die Ferien sehr gönnen, mit seinem Erscheinen +ist auch sogleich Säge, Schaufel, Hammer usw. wieder in Bewegung +gekommen, die abgefaulte Gartenbank ist gemacht, ein Baum umgehauen, +Löcher für zwei andere sind gegraben und das geht alles mit einer Kraft +und Geschicklichkeit, daß mich's freut. Bezeichnend ist, daß er mir ein +Päckchen Nägel mitgebracht hat, weil sie ihm »so schön erschienen sind«. + +Neben diesen heiteren Gesprächen kam in diesen und noch mehr in den +folgenden Jahren ein ernstes Thema immer öfter zur Sprache: es war die +Religion. Die jungen Leute brachten von draußen die materialistische +Weltanschauung mit herein, die von der Tante mit Feuereifer bekämpft +wurde. Da sie aber durchaus nie den Wunsch hatte, die Leute zum +Schweigen zu bringen, sondern zu offener, rückhaltsloser Aussprache, so +wurde von beiden Seiten mit derselben Lebhaftigkeit disputiert, in der +auch schon die vorige Generation von Pfaffschen Brüdern ihre +Streitigkeiten ausgefochten hatten, und wie damals geschah es auch jetzt +zuweilen, daß Vorübergehende unter den offenen Fenstern stehen blieben, +horchten ob es Mord und Totschlag gäbe, aber dann beruhigt von dannen +gingen, weil sie statt harter Reden nur Stichwörter vernahmen wie Strauß +und Darwin, Seele und Gott. + +Die religiösen Einflüsse, die das Leben ihr gebracht hatte, der des +Freundes Nagel vor allem, hatten bei Frau Brater den Glauben an den +lebendigen Gott zu tiefer Überzeugung gereift und wenn sie auch über +einzelne dogmatische Schwierigkeiten nicht hinweg kam, so ließ sie diese +als unwesentlich beiseite. Verhängnisvoll für jeden einzelnen und für +ihr geliebtes deutsches Volk erschien ihr die materialistische +Weltanschauung, die nach ihrer Überzeugung das Edelste und Beste im +Menschen leugnet und dadurch verkommen läßt, die auch nie ideale +Charaktere wie den ihres Mannes hervorbringen würde, und der Drang, sich +und anderen die Unhaltbarkeit derselben immer klarer zu machen, trieb +sie, manches ernste Werk zu lesen, und ließ sie jede Gelegenheit +aufsuchen, durch schriftlichen oder mündlichen Verkehr einzudringen in +diese Fragen, die ihr immer mehr Herzenssache wurden. Sie gewann dadurch +nicht nur auf ihre Pflegekinder, sondern auch auf andere, die im Hause +verkehrten, starken Einfluß und wurde im Laufe der Jahre für manchen +jungen Menschen der Anlaß, über religiöse Dinge nachzudenken, bot vielen +die seltene Gelegenheit, Zweifel vorbringen, auch atheistische +Anschauungen aussprechen zu dürfen, ohne deshalb verurteilt zu werden, +und fand die warmen, klaren Worte, die Herz und Verstand zugleich für +eine neue Anschauung erschließen können. + +Neben all diesen Interessen wurden Frau Brater die sich mehrenden +geselligen Beziehungen in Erlangen und die Arbeit, die das Haus mit +sich brachte, oft zu viel; sie stand unter dem Eindruck einer +Zersplitterung und eines Gehetzes, das ihr unsympathisch war. »Ich mache +täglich an mir die Erfahrung«, schreibt sie an Frau Hecker, »daß es gar +nichts übleres gibt, als in einem Gehetze zu leben, mit dem Bewußtsein, +seine Sache unmöglich ganz gut machen zu können, auch kann man ohne eine +gewisse Behaglichkeit keinen guten Humor haben und mit einem schlechten +Humor verpfuscht man alles.« ... »In diesem unruhigen Frühjahr bewegte +ich recht oft den Gedanken in meinem Herzen, von Erlangen wegzuziehen +und das Haus zu vermieten, denn gerade das relativ weitläufige Haus mit +Zimmerherrn und Garten macht doch recht viel Plage, ich sehe es immer +wenn ich ein paar Wochen verreist war, es gibt dann endlose Rückstände. +Übrigens spreche ich noch nicht von diesem stillen Plan, denn erstens +merke ich, daß ich mich selbst sehr schwer vom Garten trennen würde, der +nun so hübsch ist und mir viele Freude macht, und dann käme ich ja +_heuer_ keinesfalls mehr zur Ausführung des Planes, darum schweige ich +noch. Aber in diesem Augenblick habe ich die hiesige Wirtschaft ein +wenig satt und sehne mich unter den vielen Menschen nach meinen +Kindern.« + +Als sich späterhin Frau Brater entschloß ihren Neffen und Nichten den +Vorschlag der Übersiedelung nach Würzburg zu machen, fand sie allgemeine +Zustimmung, und da sie von Kindern und Enkeln in Würzburg herzlich +willkommen geheißen wurde, so galt es nur noch, für Haus und Garten +einen Mieter zu finden. Dies gelang über Erwarten bald und der Umzug +wurde im Sommer 1880 bewerkstelligt. Das Loslösen aus dieser alten +Heimat mit ihren vielen teueren Erinnerungen wurde ihr wohl schwer und +die Trennung von den Verwandten ging ihr nahe, aber noch in letzter +Stunde half ein freudiges Ereignis über den Abschied hinweg, es war die +Verlobung ihrer Nichte Johanne, die nun zunächst noch als Braut mit +übersiedelte nach Würzburg, das nach bewegtem Wanderleben Frau Braters +letzte Heimstätte werden sollte. Ganz nahe bei der Familie Kerler wurde +eine freundliche Wohnung gemietet und der tägliche Verkehr in diesem +Hause war von nun an ihre Herzensfreude. Die Stadt selbst, am Main +gelegen, von den umliegenden Höhen aus betrachtet ein schönes Bild +bietend, war ihr indes lange Zeit nicht sympathisch. »Weinberge sind +etwas Schreckliches,« schreibt sie, »hier ist's schattenlos und staubig, +man kommt heim, wie wenn man im Mehl herumgestiegen wäre; wenn die Höhen +ringsum nicht alle abgeholzt wären, hätten wir auch mehr Regen, aber der +Wald ist weit weg und die Trockenheit groß.« Jedoch -- ob Weinberg oder +Wald -- diese äußeren Verhältnisse sollten ihr bald recht nebensächlich +erscheinen, denn die nächsten Jahre brachten ihr ungewöhnliche +Aufregungen durch die Schicksale, die sie mit ihren Pflegekindern +teilte. Diese standen ja ihrem Herzen nahe wie eigene Kinder und eine +Mutter kann nicht aufhören, für ihre Kinder zu sorgen, auch nicht wenn +diese herangewachsen sind, ja es kann ihr auch kein Gericht durch die +Mündigkeitserklärung das Gefühl der Verantwortlichkeit abnehmen, denn +der Einfluß, den sie bisher gehabt hat, hört nicht plötzlich auf, sie +ist sich bewußt, ihn noch immer zu besitzen, und es sind die Schicksale +erwachsener Kinder oft dadurch besonders aufregend für die Mutter, daß +es in jedem einzelnen Fall eine Frage des Gewissens und des Taktes ist, +wie weit sie ihren Einfluß noch geltend machen soll. + +Der älteste Neffe, ein hochbegabter und liebenswürdiger junger Mann, der +mit großer Liebe an seiner Tante und an den Geschwistern hing, hatte +doch nicht die nötige Charakterstärke, sein kleines Vermögen +zusammenzuhalten, als er es ausgehändigt bekam und es wurde ihm zum +Unsegen. Er entzog sich dem Einfluß der Familie, verließ Würzburg und +verlor dadurch den letzten Halt. Schmerzlich klingt aus allen Briefen +Frau Braters in jener Zeit die Klage; »Wir wissen nicht, wo Robert ist« +und oft genug stellt sie sich die Gewissensfrage: »Hätte ich ihn nicht +halten können?« Jahr und Tag verflossen, bis der Vermißte zurückkam zu +den Seinigen. Das Wiedersehen war unendlich traurig, denn was sollte nun +aus ihm werden? In seinem juristischen Berufe konnte er nicht wieder +ankommen, die Türen, die früher für ihn offen gestanden, waren nun +geschlossen, umsonst wurde überall angeklopft, er fand keine Anstellung. +In mancher schlaflosen Nacht quälte sich Frau Brater, um einen Ausweg zu +finden, und diese Wochen gehörten zu den peinlichsten ihres Lebens. In +dieser schwierigen Lage tat sich endlich eine Möglichkeit der Existenz +auf. In Südamerika wurden deutsche Lehrkräfte gewünscht und von Barmen +aus dorthin empfohlen. Dankbar wurde die Hand ergriffen, die sich zur +Hilfe bot, um so mehr als der Aufenthalt im warmen Klima günstig für die +angegriffene Gesundheit des jungen Mannes erschien. Er schiffte sich +ein, erreichte glücklich das Ziel und die verheißene Anstellung. Mancher +Brief, voll Liebe und Dankbarkeit gelangte aus weiter Ferne in Frau +Braters Hände und gab ihr die beruhigende Überzeugung, daß unter diesen +traurigen Umständen das Beste geschehen war. Nur die erschütterte +Gesundheit wollte sich nicht wieder befestigen, immer bedenklicher +lauteten in dieser Hinsicht die Nachrichten. Traurig schreibt sie über +ihn: »Roberts Befinden scheint rasch abwärts zu gehen, es ist mir so +unsäglich schmerzlich, den schwer Leidenden so einsam in der Fremde zu +wissen! Wir haben ihm in letzter Zeit öfter geschrieben und es ist mir +ein Trost, daß er sich wenigstens an diesen Briefen und Liebeszeichen +erfreut.« Ein Jahr etwa, nachdem Frau Brater den ersten Brief aus +Amerika erhalten hatte, traf der letzte ein und bald darnach die +Todesanzeige. + +»Es tut einem das Herz weh,« schreibt sie an ihre Tochter, »wenn man +dieses so traurig zu Ende gegangene Leben überblickt, und die Wehmut +wird nur vermehrt dadurch, daß man zuletzt noch seine Erkenntnis teilen +durfte. Ich zweifle nicht, daß er den Weg zur ewigen Heimat gesucht und +gefunden hat.« + + + + +XIV. + +1883-1886 + + +In derselben Zeit, da Frau Brater voll Schmerzen an den Neffen in der +Ferne dachte, nahmen auch die Lebenspläne ihrer Nichte Julie sie vollauf +in Anspruch. Das junge Mädchen wurde zur Frau begehrt von einem +Deutschen in Südamerika, der früher in Erlangen gelebt hatte und ihr +lieb war. Tief im Innern Argentiniens war er als Professor an einer +höheren Lehranstalt angestellt und dort wollte sie dem Vereinsamten +heimisches Glück bereiten. Die Frage, ob sie in diese weite Ferne +ziehen, in unbekannten Verhältnissen einen Hausstand gründen sollte, war +wiederum ein schwerer Entschluß. Freilich hatte diesen nicht eigentlich +Frau Brater zu fassen, aber sie wußte doch, daß ihr Einfluß, ihr Rat +schwer in die Wagschale fiel, und war bedrückt von dem Gefühl der +Verantwortlichkeit. + +Im Oktober 83 war Frau Brater zu neuen Großmutterpflichten nach +Württemberg gereist, denn trotz aller Schwierigkeiten daheim brachte sie +es nicht über sich, der Tochter in solcher Zeit ihre Hilfe zu versagen. +Von dort zurückgekehrt schrieb sie an ihre Tochter Agnes: ... »Was mich +betrifft, so bin ich hier in einen Strudel gekommen, in dem ich mich +fast nimmer aufrecht halten konnte. Juliens Angelegenheiten haben sich +soweit vorgeschoben, daß man nimmer gut zögern konnte, und doch zeigen +sich Schwierigkeiten und unmäßige Ausgaben. Ich habe mich zermartert, um +einen Ausweg zu finden, oder die Sache zu verzögern, bis S. Aussicht +hätte, in einen Ort zu kommen, der nicht fast unerreichbar ist; aber wir +können ihm ja nimmer zuverlässig schreiben, bis er den Brief erhält, ist +er ja vielleicht schon auf der Reise, ihr entgegen, und _wenn_ er schon +auf der Reise ist, so müssen Juliens Sachen längstens bis Samstag +unterwegs sein! + +Wir sind also in stürmischer Eile, um eine Sache zu bewerkstelligen, die +ich in meiner gegenwärtigen Stimmung für ein Unglück halte; ich war kaum +zwei Stunden hier, so schrieb ich schon an Krazers nach Stuttgart um +eiserne Bettstellen. Ich bestellte Kisten, Matratzen, Betten usw. und +noch weiß ich nicht sicher, ob unsere Sachen noch angenommen werden. Ich +war in den ersten Tagen hier nahezu verzweiflungsvoll, denn ich fühle +mich verantwortlich und hätte zu rechter Zeit Julie gut bestimmen +können, noch ein Jahr zu warten, aber indem man immer »für alle Fälle« +Zurüstungen traf, übersah man den Punkt, von wo aus der Rückweg +abgeschnitten war. Soeben habe ich einen Sattel gekauft für 140 Mark, +Julie hat von der Endstation bis zu ihrem Ziel drei Tage zu reiten! Wenn +diese Woche mit ihren aufregenden Zurüstungen vollends überstanden ist, +dann beruhige ich mich auch wieder und unwillkürlich werden dann mehr +die Lichtseiten in den Vordergrund kommen, die Julie als hell leuchtend +erkennt.« + +Die großen Kisten mit dem nötigen Hausrat gelangten glücklich auf das +Segelschiff und während sie auf dem Ozean schwammen, beging die Familie +noch mit wehmütiger Freude das Weihnachtsfest. Fehlte doch der älteste +Bruder und mußte man nicht annehmen, daß auch die drei Geschwister das +Fest zum letztenmal gemeinsam feiern würden? Gleich nach Weihnachten +wurde der Platz auf dem Schiffe, das in Marseille abgehen sollte, +bestellt und der Koffer gepackt, der das Nötigste für die sechs Wochen +lange Seereise enthielt und das Hochzeitskleid der Braut. Am 8. Januar +früh morgens, noch ehe es Tag war, geleiteten die Tante und die +Schwester das tapfere Mädchen an die Bahn. + +Noch am selben Tag und auch am folgenden sandte Frau Brater der +Reisenden die ersten Grüße nach, die sie in Basel und in Marseille +erhielt. Es drängte sie, noch einmal ihre ganze Liebe der +entschwindenden Pflegetochter auszusprechen. In einem langen Briefe +blickt sie zurück auf die Zeit, in der sie die kleinen Mutterlosen +übernahm, und erzählt: »In der letzten Nacht, die Deine liebe Mutter +erlebte, sagte sie mehrmals zu Eurem Vater: 'sorgt für eine treue Person +für meine Kinder' und welches Mutterherz könnte diese Bitte nicht +nachempfinden und würde sie nicht erfüllen, wenn es ihm möglich wäre? +Als ich in jener traurigen Zeit zu Euch kam, da ward Ihr ja noch klein +und kummerlos, aber jede Nacht, wenn ich vor dem Schlafengehen noch nach +den vier kleinen Schläfern schaute, hatte ich das Gefühl, daß auch Euer +Mütterlein sanft ruhen könne, wenn eine liebende Hand ihre Kinder +zudeckt; als dann auch Euer Vater uns verließ, da stand ich oft, oft vor +den Bildern Eurer lieben Eltern und fragte mich prüfend: 'Bist Du auch +gewiß diese treue Person? und kannst Du einst bestehen vor ihnen mit all +Deinem Tun?' -- So glaubt mir nun eben, Ihr lieben Kinder, und vor allem +_Du_, mein liebes Kind, das nun aus dem Nest geflogen ist, meine +_Absicht_ war gut und wo ich gefehlt habe, da werdet Ihr mir's nicht +nachtragen, der Verzeihung und Nachsicht bedürfen wir alle, wir +schwachen Menschen.« + +Am 11. Januar schreibt Frau Brater nach Nördlingen: »Wieder habe ich ein +teures Kind in die Ferne ziehen lassen ohne das beglückende Wort: 'auf +Wiedersehen!' Dennoch fühlen wir uns alle erleichtert, denn die letzte +Zeit war unendlich aufregend und unruhig. Der Abschied war natürlich +unsäglich schmerzvoll, aber trotz aller bitteren Tränen stand Julie doch +bis zum letzten Augenblick getrost und freudig da, so daß ich mich +selbst an ihrer Freudigkeit aufrichten konnte und mir dieselbe immer +wieder vergegenwärtige, wenn ich mit Tränen nach der Himmelsrichtung +blicke, in der sie uns in raschem Flug enteilt. Heute reist sie aus +Basel und Montag aus Marseille ab. Wie und warum ich mich in den letzten +Monaten so entsetzlich gesorgt und gequält habe, könnte man nur +verstehen, wenn ich die ganze Entwicklungsgeschichte erzählte, ich +glaube ich wäre noch melancholisch geworden, hätte ich nicht endlich all +mein Sorgen als nutzlos erkannt und aus vollem Herzen mein gutes Kind +unter Gottes Schutz allein gestellt mit dem innigen Gebet, daß er auch +alle unsere Irrtümer und Fehler zum Guten wenden möge. -- Ich freue mich +sehr, nun bald, so Gott will, einige Muße und Zeit für mich zu haben, +seit Monaten waren Kopf und Hände ausschließlich mit Julie beschäftigt, +nun bin ich geradewegs _überall_ mit Briefen und Besuchen im Rückstand, +die Kommode mit der Flickwäsche will platzen, Kleider haben wir auch +keine zum Anziehen und das ganze Haus ist in unordentlichem Zustand.« + +Es sollte noch nicht so schnell Ruhe eintreten, denn von der jungen +Reisenden traf die Nachricht ein, daß ihr großer Koffer vermißt werde, +der Koffer, der alles enthielt, was sie für die Seereise bedurfte und +noch mehr: die Papiere, die für die Trauung erforderlich waren, das +Hochzeitskleid und alles, was sie an Silber oder Schmuck besaß. Das +waren aufregende Nachrichten für die Zurückgebliebenen. Frau Brater +schreibt an Agnes: »Es wäre wahrlich ein Unglück zu nennen, wenn +wirklich der Koffer nicht auf dem Schiff wäre, und die Sache ängstigt +mich sehr. In ihrem Handkoffer hat Julie nur das Nachtzeug, auf dem Leib +hat sie natürlich ein Winterkleid und Filzhut und sie wird schon jetzt +in der Hitze sein! Aber auch wenn man den verzweiflungsvollen Zustand +auf dem Schiff in Kauf nehmen wollte, was soll sie denn in Buenos Aires +beginnen ohne ihren Koffer? Wir sind ganz wütend über diese +Angelegenheit; ich habe sogleich an den Agenten geschrieben.« + +2. Februar. »Der Koffer kam also wirklich erst nach Abgang des Schiffes +in Marseille an! Ich kann dies Mißgeschick nicht eher verschmerzen, als +bis ich weiß, daß auch Julie sich über diese Sache getröstet hat, d. h. +bis ich annehmen kann, sie hat es nun hinter sich, ihren Willkomm und +Eintritt in die fremde Welt arm, fast wie ein Bettelmädchen zu halten.« + +Am 25. März konnte Frau Brater nach Nördlingen berichten: »Ich muß Euch +doch mitteilen, daß wir von unserer Auswandererin gute Berichte haben. +Die Seekrankheit hat sie zwar nie verloren, hingegen ist sie in der +Familie Krauß wie in einem Elternhaus aufgenommen. Die Liebe und Treue, +die sich in fernen Landen die deutschen Landsleute erweisen, hat für +mich etwas ganz Ergreifendes. In welchem Maße durfte sie auch Robert +erfahren! Aber ich muß dabei auch all der Sehnsucht, all des Heimwehs +gedenken, die solche Treue wohl in sich schließt! Mein gutes Kind +befindet sich nun im Stadium mächtigen Heimwehs, so daß ich immer mit +Tränen an sie denken muß ...« + +Das Heimweh war leicht begreiflich, denn es kam vieles zusammen, das +bräutliche Glück zu trüben. Wohl war die Braut in Buenos Aires +einstweilen aufs beste geborgen, wohl machte der Bräutigam die weite +Reise aus dem Innern des Landes, um sie heimzuholen, aber Hindernisse +der verschiedensten Art stellten sich der Verbindung entgegen, so daß +diese zunächst auf spätere Zeit verschoben, dann aber, nach harten +inneren Kämpfen ganz aufgegeben wurde. + +Als nach langer Pause im Briefwechsel diese Nachricht eintraf, war Frau +Brater tief bewegt in dem Gedanken an all die Trübsal, die dieses +geliebte Kind in der Fremde durchzumachen hatte, und Briefe, in denen +die wärmste Mutterliebe und die dankbarste Kindesliebe sich aussprachen, +wurden mit jedem Schiff ausgetauscht und halfen dem jungen Mädchen über +das Gefühl der völligen Vereinsamung hinweg. Sie beschloß, nicht sofort +wieder in die alten Verhältnisse zurückzukehren, vielmehr sich dort +einen Beruf zu suchen, was ihr auch durch die Hilfe des Rektors an der +deutschen Schule in Buenos Aires bald gelang, so daß Frau Brater wieder +ruhiger an sie denken und von ihr berichten konnte: »Meine Julie ist in +einer guten Stelle und wenn das Eingewöhnen auch nicht ohne erneutes +Heimweh ging, so ist sie doch glücklich und stolz, daß sie etwas leisten +kann, und diese Erfahrungen haben sie und mich um ein gutes Stück +vorwärts gebracht, aber sie wurden auch teuer erkauft. Wann und wie +werde ich sie wohl wiedersehen? Ich bin mir des Zusammenhangs mit ihr +lebhaft bewußt.« + +Nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika kehrte die geliebte +Pflegetochter in die Heimat zurück und verwertete ihre Lebenserfahrungen +als treue Gehilfin in deutschen Familien. + +In diesen innerlich und äußerlich durch die Schicksale ihrer +Pflegekinder bewegten Jahren ergab es sich einmal, daß Frau Brater zehn +Tage ganz allein war. Aus dieser völlig ungewohnten Stille heraus +schreibt sie an Lina Sartorius: »Bei mir ist's wie ausgestorben.... Ich +möchte ja nicht _immer_ so allein sein und gewiß ist es auch dem +Menschen besser, wenn er mit andern lebt und sich mit dem Wesen und den +Eigenheiten anderer zurechtfinden muß, aber so zehn Tage einmal ganz +seinem Egoismus, ganz den eigenen Neigungen leben können ist wahrlich +schön und ich will schon trachten, daß mir dadurch nicht gleich der +ganze Charakter verdorben wird.« + +Allmählich wurde zur Regel, was vorher nur Ausnahmszustand gewesen war: +die Stille und Einsamkeit. Noch ein Jahr oder zwei lebte die Nichte +Johanne mit Frau Brater traulich zusammen, auch ihr Bräutigam, Assistent +am Gymnasium, wurde ihr ein liebes Familienglied, aber als er im Jahre +1885 eine Anstellung in der Pfalz erhielt, verließ auch Johanne als +letztes ihrer Pflegekinder das Haus, um dem jungen Gatten zu folgen, und +nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, die eine Hochzeit im eigenen Hause +mit sich bringt, fand sich Frau Brater zum erstenmal ohne Familie. + +Sie hatte anfangs bei diesem dauernden Ferienzustande kein gutes +Gewissen und doch war ihr, der bald Sechzigjährigen, nach solch bewegtem +Leben der Ruhestand wohl zu gönnen. Sie schreibt an Agnes: »Ich habe +manche herrliche Stunde des Morgens mit einem interessanten Buch in den +Glacis-Anlagen; ich gebe mich dem Genuß mit vollem Herzen hin und bin +sehr dankbar, daß es meine Augen gerade recht liberal gestatten; +außerdem ist bis auf einen kleinen Rest von Flickerei alles +aufgearbeitet und das Haus in musterhafter Ordnung; nun kommen mir aber +die Bedenken, ob es auch recht und erlaubt ist, ein so behagliches Leben +der Selbstpflege zu führen? Ich habe noch Kräfte, um mehr zu leisten, +und doch -- was soll ich tun? Wieder ein paar Wickelkinder übernehmen -- +dazu fehlt mir doch der Mut und ich habe ein Haar darin gefunden -- also +warte ich nun einmal, ob sich etwas ergibt....« Oft genug ergab sich +etwas; bald half sie der Tochter in Württemberg bei der Pflege eines am +Scharlach schwer erkrankten Enkels, bald saß sie am Bette der +zeitenweise leidenden Tochter Anna, verkürzte ihr die langen Stunden +durch Vorlesen und freute sich an diesen Lesestunden, da die Tochter +vollständig ihr Interesse für naturwissenschaftliche und +religiös-theologische Bücher sowie für Reisebeschreibungen teilte. Der +treue Freund, Ernst Rohmer, sandte aus seiner Buchhandlung alles, was +die Freundin interessieren konnte, und sie hatte nur immer zu danken und +abzuwehren. »Aber Ernst, aber Ernst!« beginnt einer ihrer Briefe, +zankend verbittet sie sich die häufigen Sendungen und ist doch gerührt +und beglückt durch dieselben. So schreibt sie einmal: »Die beiden +Afrika-Bücher sind nicht nur von mir, sondern von der ganzen Familie +freudig empfangen worden und Alt und Jung wird sich darein vertiefen, +Afrika ist gegenwärtig unser gemeinsamer Sparren und sowie Ihr Euch zur +Auswanderung entschlossen habt, kannst Du ungefragt auch für uns die +Billete mitlösen; neulich wo unserem kleinen Otto ein Gemüse nicht recht +schmecken wollte, sagte Anna zu ihm: 'ja wie kannst Du denn nach Afrika, +wenn Du so genäschig bist?' Darauf die bescheidene Antwort: 'ja, ich +will ja gar nicht nach Afrika'; darauf seine Mutter: 'was fällt Dir ein, +jeder Mensch muß nach Afrika wollen.' Im Geheimen stelle ich oft +_andere_ Betrachtungen über das Auswandern an, die Anhänglichkeit an +Heimat und Vaterland macht uns Deutschen in der Fremde gar bitteres +Herzweh. -- Auch für meinen Kalender noch extra Dank, er freut mich immer +wegen seiner astronomischen Mitteilungen und die kleine Tabelle der +mittleren Zeit hat mich einmal eine volle Tagereise lang von hier bis +Neckarth. ausschließlich und eifrig beschäftigt, allerdings hatte mich +die Sache vordem schon oft geniert und die schließliche Klarheit mich +außerordentlich gefreut, wer weiß ob Du, der _Verleger_ des Kalenders, +nicht leichtsinnig genug bist, die Sonne täglich ohne alle Kontrolle +auf- und untergehen zu lassen, und wer weiß, ob Du Dich nicht +schließlich dabei ganz wohl fühlst?« + +Frau Brater übte allerdings pünktlich Kontrolle über die Sonne. Sie +wählte schon ihre Wohnungen darnach, wo der Lauf der Gestirne gut zu +beobachten war, je höher droben, je besser. Erreichte im Sommer die +Sonne ihren höchsten Stand, so wurde auf dem Fenstersims ein Zeichen +eingegraben an dem Punkte, den ihr letzter Strahl beschien, ebenso am +kürzesten Tag und jedes Jahr wurde mit Befriedigung die Pünktlichkeit +des Gestirnes festgestellt, wenn der letzte Strahl haarscharf den Punkt +des Vorjahres traf. Auch Barometer und Thermometer beobachtete sie +regelmäßig und als ihr zum erstenmal ein Maximum- und Minimum-Thermometer +verbesserter Konstruktion zu Gesicht kam, erklärte sie in ihrer +Bewunderung für diese Erfindung, sie schenke von nun an keinem jungen +Paar mehr etwas anderes zur Hochzeit als solch einen genialen +Thermometer. + +Nachdem sie eine neue Wohnung bezogen hatte, die einen weiten, freien +Blick gestattete, schrieb sie an Agnes: »Ich steige manchmal nachts vor +Schlafengehen noch hinauf 'auf meines Daches Zinne', wo ich durch die +Oberlichtfenster eine herrliche Aussicht habe. Wenn Ihr einmal auf einem +höhern Standort wohnt, werde ich Dir an der Hand meiner kleinen +Sternkarte einige Anweisung geben, die Du seinerzeit wieder auf Deine +Kinder übertragen kannst; im allgemeinen hat zwar jeder Mensch reichlich +Beschäftigung auf seinem eigenen Planeten und braucht nicht immer +darüber hinauszuschauen, da aber unsere Bestimmung doch die ist, uns +schließlich aus der Gefangenschaft von diesem Planeten aufzuschwingen, +so ist es mir immer vorgekommen, als sei die Betrachtung dieser fernen +Welten, diese gewissermaßen sinnliche Anschauung des Unendlichen ganz +besonders geeignet, auch den Geist dem Unendlichen und Ewigen nahe zu +führen. Ich freue mich, wenn es mir noch zuteil wird, Berta einmal in +diese Dinge einführen zu können, es ist ein Genuß, mit diesem Kinde zu +verkehren, wo es im Begreifen kaum eine Schwierigkeit gibt.« + +Im Herbst 1886 begleitete Frau Brater diese ihre liebe Enkelin Berta +nach Boll in Württemberg zu dem bekannten Pfarrer Blumhardt, bei dem sie +einen Winter zubringen und den Konfirmandenunterricht besuchen sollte. +Kaum hatte sich das Mädchen dort eingewöhnt, als es erkrankte. Die ganze +großmütterliche Liebe spricht aus den Briefen, die sie der Enkelin +schreibt in dem weichen, zärtlichen Ton, der seinen tröstenden Einfluß +auf die Kinder um so weniger verfehlte, als sie ihn in gesunden Tagen +nie zu hören bekamen. Einer der Briefe ist auf einen bemalten Bogen +geschrieben und die Anrede zeigt gleich die Liebkosung: + + _Mein lieber Schneck!_ + + Das schönste Briefbögelein, das ich besitze und dessen Ursprung + Dir bekannt ist, das nehme ich nun, damit Du siehst, daß ich Dir + gerne eine Freude machen und Dir eine fröhliche Zeit gönnen + möchte. + + Du tust mir herzlich leid, mein liebes Kind, daß Du so getäuscht + wurdest und die Besserung noch keinen Bestand hatte! nicht wahr, + wenn man einmal so 14 Tage im Bett gelegen ist, dann kommt es + einem schon wie eine recht lange Geduldsprüfung vor und es ist + auch eine solche, nun erwartet aber, wie es scheint, der liebe + Gott von Dir, daß Du ihm noch ein wenig mehr Geduld darbringst, + und ich glaube von Dir, mein liebes Kind, daß Du auch dieses + noch zustande bringst. Denke nur daran, wie wir auch hier + _alles_ in Gedanken mit Dir teilen, es ist mir doch fast gerade + so zu Mute, als ob ich bei meinem Strobelkopf am Bett säße und + zu ihm sagte: sei nur ganz vergnügt, der liebe Gott schickt Dir + ja den Tag der Genesung gerade zur rechten Zeit. Und wenn Dir + jetzt das Heimweh ein wenig wiederkommen will, so geniere Dich + nur ja nicht, sondern sprich es aus und weine auch nach + Herzenslust, denn da wird es einem dann bald wieder leichter zu + Mute und man denkt: warum bin ich denn eigentlich traurig, meine + Lieben haben mich ja aus der Ferne gerade so lieb und die Zeit + der Heimkehr kommt sicher auch wieder. -- Ich denke mir, Du wirst + jetzt noch ein paar weniger gute Tage haben (was ist denn + schlimmer: Zahnweh oder Herzstechen?) und dann wird alles + miteinander vergehen, und dann aber wollen wir uns zusammen + freuen und dankbar sein!! -- Kannst Du Dir gar nicht denken, daß + Du Dich erkältet oder mit irgend etwas Dir geschadet hast? es + wäre gut, wenn man es wüßte. -- Dein Heimweh vergeht sicher, wenn + es Dir wieder besser ist und außerdem sage es uns nur. Wenn Du + mir heute schreibst: liebe Großmutter komm und hole mich, dann + kann ich ja nach zwei Tagen schon bei Dir sein und ich kann zu + Deiner Pflege kommen, wenn es nötig ist.... Ich wünsche Dir von + ganzem Herzen, daß Du Dich durch ein paar böse Tage vollends gut + durchschlägst. -- Es grüßt Dich in stetem treuen Andenken + + Deine Großmutter. + + Nachschrift: Heute gehe ich mit einer Weihnachtsliste in die + Stadt, _Du_ dürftest diese Liste nicht lesen, auch Otto nicht. + +Die »bösen Tage« machten bald guten Platz, und der Aufenthalt in Boll, +der Einfluß Blumhardts, entsprach den Erwartungen. Frau Brater schreibt +über Blumhardt: »Ich begreife die Begeisterung, die diese ursprüngliche, +liebevolle Persönlichkeit hervorrufen kann, hingegen verstehe ich auch, +daß Geistliche, die in ihrer Schablone befestigt sind, sich von +Blumhardt geradezu antipathisch berührt fühlen können. Eine Predigt +z. B., in der auch einmal der Humor durchschimmert, so daß man sich des +Lächelns nicht erwehren kann, das ist uns sehr fremdartig; diese +heitere, stets in unmittelbarem Verkehr mit Gott stehende Natur, dabei +der derbe Schwabe, das ist eine Eigenart, die nicht jedem zusagt.« + +Sie selbst ließ sich durch diese Art nicht beirren. Ihr Herz und Ohr war +immer offen, um von irgend einer Seite religiöse Anregung zu empfangen. +Einen tiefen Eindruck hatte ihr das zuerst anonym erschienene Buch ihres +Freundes Nagel gemacht »Der christliche Glaube und die menschliche +Freiheit«. Noch war es ihr ungewohnt, ja erschien ihr fast anmaßend, mit +Männern über solche Fragen zu korrespondieren, aber endlich sagte sie +sich: »In religiösen Dingen ist niemand ein Laie, der ein Herz und ein +Gewissen hat, und jeder solche darf sich über solch ein Buch ein Urteil +anmaßen« und so schreibt sie an Rohmer: »Dieses Buch hat mich vielfach +in die unmittelbare Nähe Gottes geführt. Ich denke mir, daß es den +Kindern des 19. Jahrhunderts eine Wohltat sein muß, ein erlösendes Wort +für ihre Zweifel zu finden; mein oftmals geängstetes und mitunter von +allen Zweifeln erfülltes Herz findet darin volles Genügen .... allein +daß von der Erkenntnis der Wahrheit bis zu der Aneignung derselben eine +weite Kluft ist, das weiß ich nur gar zu gut.... Läßt sich äußerlich +etwas tun zu der Verbreitung des Buches? Versäume doch ja nichts. -- Du +siehst: 'wes das Herz voll ist etc.' Ich bin zu begierig jemandes Urteil +zu hören, habe natürlich mit niemandem sprechen können, da ja die +Anonymität so sehr gewahrt werden soll.« Und in einem späteren Briefe: +»Deinen Brief habe ich Lina mitgeteilt, aber über das Buch habe ich +geschwiegen, wenn ich _hier_ über dasselbe spreche, so ist der Autor +sofort erkannt, ich bin aber vollständig zum Schweigen verpflichtet. +Wollen wir nur fleißig in dem Buche lesen, es verfehlt seine beseligende +Wirkung nicht und wird uns, wenn dieses Leben die Geburtsstätte für ein +künftiges ist, auf die Dauer zusammenführen.« + +Immer weitergehend auf dieser Spur fand sie noch manches Werk, das ihr +vorwärts half, teilte in gegenseitiger Anregung mit ihrer Tochter Anna +dieses warme Interesse und war besorgt, auch der fernen Tochter von +ihren Bücherschätzen mitzuteilen. »Sehr erfreut war ich,« schreibt sie +ihr, »daß Du Dixon (»Das heilige Land«) so gern gelesen hast und auch +die Erfahrung machtest, daß man vieles im neuen Testament nach ihm erst +richtig erfassen lernt. Mir war das Christentum, so wie ich es +überkommen hatte, ein kaltes, totes Lehrgebäude und erst in meinen +spätern Jahren habe ich es in dem Sinn, wie auch Dixon es andeutet warm +ins Herz fassen lernen, und darum möchte ich andern, vor allem Dir, auch +zu dieser Erkenntnis verhelfen. Für Deinen Braterischen +Widerspruchsgeist scheint es mir vor allem nötig, Dich in das Bewußtsein +Deiner vollkommenen Freiheit zu versetzen, man widerstrebt nur solange +man denkt, daß einem etwas aufgenötigt wird, was von Menschen gemacht +ist.« + +In Beziehung auf geistigen Besitz gilt das Wort: »Wer da hat, dem wird +gegeben.« Wo ein Mensch lebhaftes Interesse für irgend einen Gegenstand +zeigt, da wird ihm von allen Seiten zugeführt was dieses noch mehr +beleben kann. Hatte Nagel vor allen andern Frau Brater sein Buch +zugesandt, so brachte Schwiegersohn Kerler ihr und seiner Frau zu +gemeinsamem Lesen, was ihm hervorragend erschien, und so sandte ihr +Rohmer eine Reihe von Briefen religiösen Inhaltes, die von Schultheß +geschrieben waren, einem tiefen Denker, mit dem schon Brater in +Beziehung gestanden war. Eine lange Zeit bildeten diese den Inhalt des +Briefwechsels zwischen ihr und Rohmer. + +Sie schreibt: »Daß Du inmitten aller Sorgen, Arbeiten und Freuden +dennoch mit Schultheß in der Weise korrespondierst, das zeigt eben, daß +es Dir geht wie mir, was Augustin so ausdrückt: 'Du hast uns, Gott, +gemacht zu Dir und unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in +Dir.' Ich habe diesen Brief mit größtem Interesse und ebensoviel Freude +gelesen, es wäre wahrlich ein Unrecht gewesen, hättet Ihr ihn nicht +drucken lassen. Wenn ein Mann wie Schultheß, den man im kirchlichen Sinn +nicht einen Christen nennen kann, ein solches Glaubensbekenntnis ablegt, +so hat dies etwas wahrhaft Erhebendes und Stärkendes auch für +diejenigen, die einen Schritt weiter trachten als er. Ja, es scheint +mir, daß, wenn alle Menschen voll und ganz sein Bekenntnis teilen +würden, man nicht mehr zu beten brauchte: »Dein Reich komme ...« Ich +meine unsere Geistlichen müßten die Glaubensartikel im Lauf ihres Lebens +und Wirkens mit ihrer Gemeinde zu ergreifen _trachten_, Geistliche und +Gemeinde müßten als _werdende_, nicht immer schon als _seiende_ Christen +angesehen werden ... + +Wenn ich die so interessanten und sympathischen Briefe von Schultheß +lese, so geniere ich mich fast, irgend zu widersprechen, darum will ich +auch nicht versäumen demütig das Bekenntnis meiner großen Unwissenheit +auszusprechen; nur in einem Punkt nehme ich auch für uns Frauen etwas in +Anspruch: ein Gefühl für das, was wahr sein kann.« + +Mitten aus seiner regen geistigen Tätigkeit heraus wurde Schultheß durch +den Tod abgerufen, zum tiefen Schmerz all seiner Freunde. + +»Ich muß oft an ihn denken,« schreibt Frau Brater an Rohmer, »an ihn, +der nun vom Glauben zum Schauen hindurch gedrungen ist und von dem ich +annehme, daß er nicht in ein »dunkles Land« sondern in eine heimische +Umgebung eingetreten ist.... + +... Laß Dir noch besonders danken für Deine Mitteilungen über Schultheß' +Heimgang. Welch ein schöner Tod, wenn sich einfach der ermüdete Körper +niederlegt und der Geist frei wird! Die Äußerung von Schultheß: »ich +habe in siebzig Jahren niemals Schmerzen gehabt« war mir höchst +merkwürdig und ist mir ein Schlüssel zu seinem Wesen. Es ist doch +sicher, daß derjenige, der selbst nie _wesentliche_ Schmerzen überwunden +hat, sich solche auch _unmöglich_ vorstellen kann, also eine der +härtesten Lasten, ja vielleicht _die_ härteste Last, die das arme +Menschengeschlecht drückt, war Schultheß unbekannt und damit auch +zugleich der stärkste Antrieb zum Zweifel an einer persönlichen +Wirksamkeit Gottes und daher wiederum sein leichtes Überzeugtsein von +einer solchen. Es ist ja möglich, daß Schultheß dennoch schwere Tage +durchmachte, aber Sorgen oder Seelenschmerzen haben immer schon eine +Verwandtschaft mit dem Göttlichen, leiten uns dahin, nur die +Körperschmerzen haben so etwas elend Herunterziehendes.« + + + + +XV. + +1886-1896 + + +Die traurige Beigabe des höheren Alters, einen Jugendgenossen nach dem +andern scheiden zu sehen, mußte Frau Brater reichlich erfahren. Von den +vier Brüdern Pfaff starb auch der letzte, Professor Fritz Pfaff, schon +im Jahr 1886, ihr ältester Bruder Heinrich Kraz war der einzige, der ein +hohes Alter erreichte. Sie schreibt an Agnes: + +»Ich bringe mir erst jetzt zum Bewußtsein, wie unendlich oft ich meines +Bruders Fritz gedachte, und in wie vielen Dingen ich mich an ihn wenden +konnte. Als ich das letztemal bei ihm war, sagte ich ihm: 'Das ganze +Jahr hindurch drängen sich mir immer Fragen an Dich auf und wenn ich bei +Dir bin, fallen sie mir nimmer ein.' Da schlug seine Else vor, ich solle +doch einen Fragebogen anlegen. Das tat ich und ein solches Blatt mit +Fragen liegt nun in meiner Briefmappe und bleibt für immer +unbeantwortet.« + +Gingen die Brüder frühe dahin, so blieben ihr doch zwei von den +Schwestern ihres Mannes erhalten und standen ihr nahe wie eigene. Ihre +Altersgenossin Luise war fast jedes Jahr einige Wochen mit ihr +vereinigt, so daß es zusammen einen beträchtlichen Teil des Lebens +ausmachte. Treulich hielt sie auch an den alten Freundschaften fest und +aus dem unbefangenen Ton ihrer Briefe geht hervor, wie vertrauensvoll +sie zusammenstanden. Gelegentlich eines Familienfestes schreibt sie an +Lina Sartorius: + +».... Ja, es ist ein langes Stück Leben, das wir in inniger Teilnahme +miteinander zurücklegten und vieles schließt es in sich bis zwei +übermütige, leichtsinnige, lebensfrische junge Mädchen zu zwei so +wackeligen Gestalten heranreifen wie wir es nun beide sind; ich bin in +Gedanken bei Dir und an Deinem Feiertage im Geiste mitten unter Deinen +Gästen und da sehe ich, wie Du in gleicher Frische wie vor einem halben +Jahrhundert nun das Jugendglück Deiner Kinder mitempfindest; was Dich +selbst etwa beschwert, drängst Du in den Hintergrund, ich sehe nur Dein +fröhliches Gesicht, denn Heiterkeit und Genügsamkeit sind Dir als zwei +Edelsteine in die Wiege gelegt.« + +Wie in den Briefen Frau Braters, so war auch im mündlichen Verkehr die +Mischung von gemütvollem Ernst und fröhlichem Humor ein eigenartiger +Reiz ihrer Unterhaltung. Wer auch nur eine Stunde bei ihr war, hatte +gewiß beides kennen gelernt, sowohl ihren heiteren Ton als auch ihre +ernste Lebensauffassung, denn diese beiden Seiten ihres Wesens kamen +immer zum Ausdruck. Sie hatte nicht, wie manche, ihre Stunden oder Tage, +an denen sie zu Spaß und Scherz aufgelegt war und andere, an denen nur +Ernstes sie beschäftigte. Nein, die Heiterkeit leuchtete stetig aus +ihrem Wesen und umfloß wie ein freundliches Licht die Ewigkeitsfragen, +die bei all ihren Gesprächen anklangen. Eine Gesellschaft, in der +fortgesetzt ernster gemessener Ton waltete, sagte ihrem Wesen nicht zu +und wurde bald durch einen Schimmer ihres freundlichen Humors belebt, +aber ebensowenig war sie innerlich befriedigt, wenn Spaß an Spaß, Witz +an Witz sich drängte, obwohl sie mittun konnte, ja dem lustigen Ton +unwillkürlich Vorschub leistete durch die köstliche Eigenschaft, die sie +besaß, nie etwas übel auszulegen und sich jede Neckerei gefallen zu +lassen. Als einmal in größerem Familienkreis unter andern Fragen diese +aufgegeben wurde: wer von uns steht himmelweit über der Empfindlichkeit? +wurde sofort auf sie geraten. + +So fand jeder, der zu ihr kam, was er brauchte, mit Ernst ging sie ein +auf das, was einen jeden beschäftigte, und mit Heiterkeit erfrischte sie +alle Müden oder pessimistisch Gestimmten. + +Und noch etwas zog die Menschen zu ihr hin: ihre Entschiedenheit. Wer +unsicher und schwankend vor irgend einem Entscheide stand oder sich in +verwirrten Lebensverhältnissen nicht zurecht fand, der konnte sich bei +ihr Rat holen. Mit seltener Klarheit fühlte sie heraus, was das Richtige +sei, und gab ihre Meinung ab, ohne sie durch ein vorsichtiges +»einerseits, andererseits« wieder einzuschränken. Sie fürchtete nicht +die Verantwortung eines entscheidenden Einflusses, sondern nahm diese +auf sich und hätte ihr je einmal jemand gesagt: »Ihr Ratschlag war kein +guter« so hätte sie das bedauert, aber nicht bereut. Sie schätzte die +Menschen nicht hoch, von denen sie scherzend das Wort zitierte: »Ich +sage nicht so und nicht so, dann kann man nicht sagen, ich hätte so oder +so gesagt.« + +Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß sich ihre Ratschläge nicht +bewährt hätten, denn praktisch und vorurteilslos, immer das Sittliche +als Norm empfindend, war sie wohl geeignet, das Richtige zu treffen. Für +alle schwankenden Naturen ist der Umgang mit einer solchen +Persönlichkeit von größtem Werte. Manches Schicksal hat sie gelenkt, +manchen Entschluß herbeigeführt, aber wie sie über solche +Vertrauenssachen immer Schweigen bewahrt hat, so soll dies auch ferner +verschwiegen bleiben. Nur die Worte einer Freundin sollen angeführt +werden, die selbst den Wunsch geäußert hat, hier niederzulegen, was Frau +Brater ihr war: + +»Sie ahnte meine Schwierigkeiten, meine inneren Kämpfe, sie wurde meine +Beraterin, meine treue Helferin in stets sich steigernder Not. Wer weiß, +wie ich diese ertragen hätte ohne die sichere Hilfe der +Menschenfreundin. Ihr und ihrem energischen Eingreifen hab ich's zu +verdanken, aus meiner lähmenden Unentschiedenheit herausgerissen worden +zu sein. Ich kann mich in dem mehr als zwanzigjährigen Verkehr mit der +geklärten innerlich erhabenen Freundin keiner Zeit erinnern, in der ich +mich in großen wie in kleinen Dingen nicht durch ihre starke Stütze +gehoben und getragen gefühlt hätte. Wie viele Menschen mag sie, die +Starke, in ihrer Hilfssicherheit so über Wasser gehalten haben! Daß sie +mich wegen meiner Schwäche nicht aufgab, hat mir oft zu neuem Mut und +Selbstvertrauen verholfen. Dies danke ich ihr über ihr Grab bis zu +meinem Grab.« + +Von allen, die zu Frau Brater kamen, gingen wohl nur die unbefriedigt +von dannen, die in trivialer Klatschsucht ihre Unterhaltung suchten. +Solchen konnte sie nichts bieten, denn von Stadtneuigkeiten wußte sie +nicht viel, sie hatte kein Auge und Ohr dafür. Stand sie am Fenster, so +sah sie nicht nach den Vorübergehenden, sie sah nach Wolken und Wind. +Nahm sie die Zeitung zur Hand, so geschah es wohl in der Absicht sie +ganz zu lesen, aber zunächst interessierte sie sich für das Politische +und war das gelesen, so reichte meist die Kraft ihrer Augen nimmer zu +den Lokalnachrichten. Wurden in ihrer Gegenwart nichtige Dinge des +Langen und Breiten verhandelt, so verlor sie die Geduld, die ohnedies +nicht ihre starke Seite war. Fing da jemand umständlich an: »Wie wir im +August vorigen Jahres in N. waren -- oder war's schon im Juli?« dann +konnte sie gleich die Bemerkung einwerfen: »Ganz einerlei, nur weiter!« +Gab irgend ein Familienereignis Anlaß zu allerlei Gerede, so witterte +sie schon Klatschsucht, die ihr in der Seele zuwider war, und sie lenkte +ab, zwar nie in schroffer Weise, mehr mit Humor, aber immerhin deutlich. +Übrigens wandte Frau Brater auch kleinen häuslichen Angelegenheiten ihr +volles Interesse zu, sowie diese nicht nur als Unterhaltungsstoff +dienten, sondern es sich darum handelte, die richtige Stellung dazu +einzunehmen. So hielt sie es wohl der Mühe wert, trotz der schmerzenden +Augen, ihrer Tochter Agnes gelegentlich eines Magdwechsels eingehend zu +schreiben: + +»... In Beziehung auf Dein junges, neues Mägdlein habe ich die Sorge, +daß Du sie verwöhnst, d. h. nicht gehörig abrichtest; bei Euch in +Württemberg ist das Verhältnis zwischen Frau und Dienstmädchen im +Durchschnitt ein wenig anders als bei uns, bei Euch betrachtet es das +Mädchen als selbstverständlich, daß die Frau die Hausarbeit eben so gut +kann wie sie und daß sie natürlich mit angreift, wenn das Mädchen nicht +fertig wird, sie findet nichts Auffallendes daran, daß auch die Frau +Magdarbeit tut. Du hast Dich nun dieser Auffassung ein wenig +angeschlossen, Beispiel: als einmal Deine Pauline fort war, sagtest Du +mir, daß Du in solchen Fällen immer besonders schön abspülest und die +Küche aufräumest; bei uns würde man in solchem Falle nur das +_Notwendigste_ tun und das Übrige für die Magd zurückstellen; Dein +Verfahren ist nun ganz schön, vorausgesetzt, daß es das Mädchen +_richtig_ annimmt. Pauline war ja eine pflichttreue fleißige Person, da +war nichts Wesentliches zu fürchten, aber wenn Du nun ein so junges +Mädchen bekommst, das sich bei Dir ihre Auffassung des Verhältnisses +teilweise erst bildet, so mußt Du vorsichtig sein. Sie muß von der +Überzeugung durchdrungen sein, daß diese Geschäfte für _Dich_ nicht +passen, daß eine tüchtige Magd diese Arbeiten der Frau abnehmen muß, +weil diese für andere Leistungen und Verhältnisse da ist. Die Gefahr, +daß sie Dich für hochmütig oder geringschätzend hält, wirst Du nicht +fürchten, denn diese Eigenschaften sind etwas _ganz_ anderes und wenn +sie ihr Dienstbotenverhältnis richtig erfaßt, so wie es eben sein muß, +Deine _Dienerin_, so wird sie auch Deine Freundlichkeiten, Rücksichten +und Anerkennung in rechter Weise aufnehmen und sich dabei wohl fühlen. +Das Anleiten einer Magd habe ich immer als etwas Schwieriges empfunden, +denn wir sind dazu nicht aristokratisch genug, und wenn wir sie dann +glücklich verwöhnt haben, ärgern wir uns doch darüber und es tut kein +gut; rücksichtslose und bequeme Frauen machen es in _dem_ Stück wirklich +besser...« + +Freundlich gestaltete sich Frau Braters Leben während der nächsten Jahre +in ihrer stillen Würzburger Behausung. So oft sie das Bedürfnis fühlte, +konnte sie im Hause Kerler Anregung finden und die beiden +heranwachsenden Enkelkinder brachten ganz neue Interessen in ihr Leben. +In ihrem Album ist dieser Periode mit den Worten gedacht: »Sie lauschet +der Enkelin lieblichem Sang, sieht stolz auf des Enkels heroischen +Gang.« So stand sie mitten im Leben und fand doch in ihrer kleinen +Wohnung die Feierabendruhe, die sie täglich mit Wonne empfand. Eine +»Zugehfrau« nahm ihr einen Teil der Hausarbeit ab. Solche Frauen stehen +meist im harten Kampf ums Dasein, Frau Brater nahm daran warmen Anteil +und half mancher aus schwieriger Lebenslage, denn bei ihrer rührenden +Anspruchslosigkeit und zweckmäßigen Einteilung behielt sie immer Geld +übrig und spendete nach allen Seiten. Es war komisch, zu beobachten, wie +verschieden ihre pekuniären Verhältnisse beurteilt wurden: wer auf ihre +Einfachheit und Sparsamkeit sah, der urteilte: »Eine ganz arme Frau!« +Wer es erfuhr, daß sie einer bedrängten Familie aufhalf und es ihr dabei +auf einen Hundertmarkschein nicht ankam, der sagte: »So gibt nur eine +sehr reiche Frau.« Beides war nicht richtig. Reich war sie, wenn man +reich jeden heißt, der mehr hat als er braucht, aber sie brauchte für +sich weniger als wohl die meisten ihres Standes. Sie blieb bei der alten +Gewohnheit höchster Einfachheit, auch noch nachdem sie durch den Tod des +treuen Familienonkels Meynier in bessere Verhältnisse gekommen war, denn +es freute sie beides gleich sehr, das Sparen und das Geben und das +letztere wurde durch das erstere möglich. Es mögen wohl die meisten +deutschen Hausfrauen sparen, aber vielleicht wenige so durchgehend, wie +sie es tat. Wer Frau Braters System in ihrem kleinen Miniaturhaushalt +beobachtete, der konnte im Punkte praktischer Einteilung gewiß immer +noch etwas dazu lernen. So z. B. die Ausnützung der Wärme. Wärmeverlust +konnte sie nicht mit ansehen. Hatte sie einen Topf voll Milch +abgekocht, so war ihr der Gedanke ärgerlich, daß nun die Wärme dieser +achtziggradigen Milch nutzlos verloren gehen sollte. Also wurde dieser +Topf mit Milch schnell in eine Schüssel mit kaltem Wasser gestellt und +der Moment abgepaßt, da die Temperatur der Milch sich mit der des +Wassers ausgeglichen hatte und in diesem, ohne jeglichen Verbrauch von +Brennmaterial erwärmten Wasser wurde das Frühstücksgeschirr +aufgewaschen. Die Befriedigung lag dann nicht sowohl in dem ersparten +Pfennig als in dem schön durchgeführten Prinzip der rationellen +Wärmeverwertung. + +Es hat wohl keine Wohnung gegeben, in der, wenn Frau Brater darin gelebt +hatte, die Öfen nachher noch ebenso aussahen wie vorher. Irgend etwas +Unzweckmäßiges konnte sie da nicht dulden. Rauch und Ruß durften nicht +vorkommen, ihre Öfen mußten, ohne geputzt zu werden, den Winter durch +aushalten, ebensowenig durfte aber die Wärme zu rasch abgehen, sie +wollte nicht »den Weltenraum heizen«. Auch eine gute Backröhre ließ sie +sich in jeder Wohnung einrichten. So war denn auch ein begabter Häfner +das Ideal, nach dem sie immer strebte und oft genug sagte sie, es sollte +niemand Häfner werden dürfen, der nicht Physik studiert hat! Hatte sie +nun so einen Handwerksmann, der eben nicht Physiker war, berufen, so +wich sie ihm nicht von der Seite und wollte er zuerst mit einem kühlen +»ich weiß schon« oder »so macht man's immer« nach gewohnter Schablone +arbeiten, so wußte sie ihn in so eifriger und netter Weise für ihr Ideal +zu interessieren und entschuldigte dabei ihre verständigen Wünsche auf +so bescheidene Weise als eine bloße Liebhaberei von ihr, die er eben +berücksichtigen möchte, daß jeder schließlich darauf einging und ihren +Angaben folgte. Alle Handwerksleute hatten gerne mit ihr zu tun und es +zeigte sich oft, wie anziehend eine originelle Persönlichkeit auf Leute +jeder Gesellschaftsklasse wirkt. + +Wie die Wärme, so sparte Frau Brater auch andere Kräfte. Besah man sich +genau ihre nette, in musterhafter Ordnung gehaltene Wohnung, so bemerkte +man, daß ihre Schränke an den vorderen Füßchen kleine Holzklötzchen +unterlegt hatten. Warum? Weil dadurch die Schranktüren von selbst die +Neigung hatten zuzufallen und es somit nicht nötig war, sie immer mit +dem Schlüssel zuzuschließen, was ihr als eine unzweckmäßige Zeit- und +Kraftverschwendung erschien. + +Zeit, Kraft und Geld zu sparen, um solche dann reichlich zur Verfügung +zu haben, war ihr Ideal; und wie sie im Kleinen darnach lebte, so +wünschte sie sehnlich es auch im Großen, im Staat, durchgeführt zu +sehen. Schlechte Finanzverhältnisse waren ihr ein Greuel, sie empfand +solche als etwas Unmoralisches und sprach sich oft in ihrer lebhaften +Art dagegen aus. Sie erlebte in späteren Jahren, daß der älteste Sohn +ihres Bruders Siegfried Finanzminister in Bayern wurde. Da nun Siegfried +schon im Elternhause derjenige gewesen war, der ihren Ordnungssinn +geteilt, und da er später an seiner Gattin eine musterhafte Hausfrau +gehabt hatte, so frohlockte sie, als sie hörte, daß dessen Sohn künftig +im Staat den Haushalt führen sollte. + +In ihrem kleinen, rationell eingerichteten Heim fühlte sich Frau Brater +sehr wohl, aber sie spann sich doch nicht zu sehr darin ein. Jedes Jahr +reiste sie nach Calw, in den Schwarzwald, wo jetzt ihr Schwiegersohn +Sapper als Gerichtsnotar angestellt war und im Sommer begleitete sie die +Familie Kerler auf das Land. Von solch einem Aufenthalt, im +Fichtelgebirg, schreibt sie an ihren Neffen Hermann Braun: »So etwas von +Waldespracht sieht man nicht leicht und nach unsern Laubwäldern tritt +einem der Charakter des Nadelwaldes wahrhaft imposant entgegen, die +dunkle Farbe, die gemessene Bewegung; während so ein belaubter Baum im +Winde mit seinen tausend Blättern zappelt und plaudert, wiegt so eine +Tanne still sinnend ihr Haupt. Wir haben eine Fahrt an den Fuß des +Schneeberges gemacht, den die Jungen und Gesunden erstiegen. Ich blieb +mit Anna in dem unermeßlich scheinenden Walde zurück umgeben von einem +Felsenchaos, das an einen Weltuntergang mahnte. Diese Felsen erhöhen +allenthalben das Anziehende des Fichtelgebirges und das Herz schlägt +ganz anders, wenn man auf einem so kantigen, glitzernden Granitbrocken +steht als auf einem jämmerlichen Sand- oder Kalkstein, der für +gewöhnlich die Unterlage unseres Daseins bildet.« + +Mit der Familie Rohmer machte Frau Brater zweimal Reisen in die +Schweizer und Tiroler Alpen, die zu ihren schönsten Freuden gehörten. +Nach der Heimreise von der Schweiz schrieb sie an die Familie Rohmer, +die sich noch dort aufhielt: ».... Morgens um ½7 schon war ich in Luzern +auf dem Wege zu den drei Linden, wo es so schön war, daß ich selbst fast +angewurzelt wäre, denn ich konnte mich gar nicht zum Fortgehen +entschließen. Dann sah ich den Gletschergarten! Wenn Ihr bedenkt, daß +ich schon in meiner Jugend immer dachte, wenn ich König wäre, würde ich +einen Sommer lang alle meine Soldaten verwenden, um einen Gletscher +abzuräumen, damit ich sehen könnte, wie es _unter_ dem Eis aussieht -- +dann könnt Ihr Euch auch denken, wie ich nun im allerhöchsten Grade +befriedigt bin, diese meine Neugierde gestillt zu sehen! Es ist in der +Tat eine rechte Erweiterung der Kenntnis über die Gletschertätigkeit, +die einem dieser Anblick verschafft, und staunend steht man hier vor +einem Resultat, welches das Werk von wenigstens Jahr_tausenden_ zu sein +scheint! Wahrlich, dieser Gletschergarten ist ein wahrer Glücksfund!... +Mit dem Abendzug fuhr ich nach Schaffhausen, in Dachsen nahm ich +schmerzerfüllt Abschied von den sonnenglänzenden, ewigen Schneebergen, +die schon in weiter, weiter Ferne lagen, aber noch goldig +herübergrüßten. Ich dachte Eurer und sende Euch jetzt noch meinen Dank +für den unvergeßlichen Genuß, den Ihr mir bereitet habt, und für alle +Eure Liebe und Freundschaft!« + +Noch tieferen Eindruck machte ihr die großartige Natur des +Ortlergebietes, wohin sie auch mit Rohmer, dessen Frau und Tochter +reiste. Sie war noch ganz erfüllt davon ein Jahr später, als ein Bild +von Trafoi, das ihr Rohmer zuschickte, ihr die Herrlichkeit wieder vor +Augen führte. + +Sie schreibt am 3. Februar. + +»Daß Du mir das reizende Bildchen ausgewählt hast, ist ein Zeichen, daß +auch Du mit der gleichen unnennbaren Freude wie ich an die Herrlichkeit +denkst, die Gott in diesem Revier ausgebreitet hat. Blumhard sagt einmal +irgendwo: es sei ein großer, ein _Haupt_mangel, daß wir die Herrlichkeit +Gottes so ferne liegen ließen, ich glaube, er folgerte daraus auch zum +Teil unsere Scheu vor Tod und Jenseits, ich muß dieser Worte oft +gedenken und das unsägliche Entzücken, das wir oft bei Eindrücken +dieser Welt empfinden, kann ich mir nicht anders erklären, als daß durch +sie unsere Seele eine Ahnung der Herrlichkeit ihres Schöpfers empfängt, +wenn auch oft ganz unbewußt. Mir ist eine großartige Natur das +Erhebendste von irdischen Dingen, Du ersiehst es daraus, daß ich schon +bei dem kleinen Bilde wieder denken mußte: 'Dein ist das Reich und die +Kraft und die Herrlichkeit.' Versenke Dich doch einmal wieder recht in +die unergründliche Tiefe dieser drei Worte.... Übrigens zeigt das Bild +den schönsten Punkt unserer gemeinsamen idealen Reise; ja wären meine +Augen nicht gar so elend, ich glaube ich würde Euch noch einmal dahin +überreden!« + +Ja diese Augen! Sie ließen sich nicht ungestraft dazu benützen, Tag für +Tag die strahlenden Bilder der Schneeberge aufzunehmen. Sie +verschlimmerten sich sehr am Schluß der Reise und wurden zur täglichen +Qual. + +Über dieses Augenleiden berichtet in jener Zeit ihre Tochter Anna an +Ernst Rohmer: »Der Zustand der Augen verschlimmert sich oft plötzlich +und die Schmerzen nehmen sich dann aus wie ein heftiger Nervenschmerz +hinter den Augen, nach einigen Stunden wird es oft wieder besser und +verhältnismäßig erträglich. Ihr kleiner eigener Haushalt ist jetzt für +die Mutter von größtem Wert, da er ihr die einzige für sie mögliche +Beschäftigung liefert. Sehr wohltätig empfinden wir auch die Nähe +unserer Wohnungen, 150 Schritte. Die Mutter ist regelmäßig von 5-10 Uhr +abends bei uns und trotz allem spielen wir da ein Schach, das ihre Augen +verhältnismäßig wenig anstrengt. Ich kann es nicht sagen, wie sehnlich +ich auf Besserung hoffe, die Geduldsprüfung, die wahrlich nicht klein +ist, wenn man auf alle Beschäftigung mit den Augen verzichten muß, +ließe sich noch ertragen, aber die Schmerzen und die Pein sind so groß, +daß ich ihre Fortdauer als eine schwere Prüfung ansehen würde. Die +Mutter ist geistig so frisch und teilnehmend wie je, klagt auch nicht, +aber man sieht ja doch wie sie leidet!« Die gehoffte Besserung stellte +sich zeitenweise ein, aber immer wieder kamen Monate, in denen die +Schmerzen nur in der Ruhe und Dunkelheit der Nacht vergingen und morgens +wieder auftraten. Keiner der vielen Augenärzte, die man im Laufe der +Jahre zuzog, konnte sie von dieser Qual befreien. + +»Ich sehe ganz gut,« äußerte sie oft, »aber ich kann nicht schauen, es +ist immer, wie wenn die Augen voll Sandkörner wären.« Manchmal sagte sie +auch: »Meine Augen sind wie in Feuer gebettet.« In späteren Jahren kam +noch eine andere, mit dieser Empfindlichkeit nicht in Zusammenhang +stehende Erkrankung dazu, die die Sehkraft beeinträchtigte. Wegen dieser +neuen Erscheinung konsultierte sie nach langer Zeit wieder einen +Augenarzt. Dieser nahm auch Notiz von der allgemeinen Empfindlichkeit +der Augen, die ihr so viel Pein bereitete. »Seit wann sind Ihre Augen so +empfindlich gegen das Licht?« fragte er, und als ihm das Großmütterlein +antwortete: »Ich glaube seit meinem fünften Jahr,« da meinte er, das sei +freilich kein frischer Fall, und gab den Gedanken an eine Behandlung +auf. Sie erinnerte sich, daß es ihr schon im ersten Schuljahr eine Pein +war, die Lehrerin anzusehen, weil deren Gestalt sich von einer +weißgetünchten Wand abhob. Aber sie klagte darüber so wenig wie andere +Menschen sich beschweren, daß es sie blendet, wenn sie direkt in die +Sonne sehen. Sie wuchs auf in der Meinung, daß Schauen eine Anstrengung +sei. So von jeher abgehärtet gegen diese peinliche Empfindung, brachte +sie auch in diesen schlimmen Jahren noch manchen eigenhändigen Brief +zustande, denn sie entschloß sich immer ungern zum Diktieren, sie hatte +das tiefe Bedürfnis, mit ihren Lieben in der Ferne in Beziehung zu +bleiben und auch mit der heranwachsenden Generation in Verbindung zu +treten. So schrieb sie an ihren Enkel, Karl Sapper, der ihr als +Lateinschüler zu Weihnachten einen geschichtlichen Aufsatz gemacht +hatte: + + _Mein lieber Karl!_ + + »Welche Überraschung und Freude hast Du mir gemacht! Das war ja + eine große Arbeit, da sehe ich nun schon, daß Du mich lieb hast, + weil Du Dir so viele Mühe gemacht hast! Der Aufsatz ist mir sehr + nützlich, denn wenn man älter wird, vergißt man gar vieles, nun + habe ich wenigstens den dreißigjährigen Krieg schön + übersichtlich beisammen; wenn ich nun etwas nimmer recht weiß, + darf ich nur Dein Heft aufschlagen. + + Vielleicht kommst Du einmal nach Erlangen und Nürnberg, zwischen + diesen beiden Städten hatte Wallenstein auch einmal ein großes + Lager, da steht noch ein Turm, man nennt ihn 'die alte Feste', + von da aus hat Wallenstein sein Lager überblickt, da darfst Du + dann hinaufsteigen und zu denselben Luken hinaussehen, wo + Wallenstein auch hinausgeschaut hat, aber wahrscheinlich nicht + so leichten Herzens als Du; wenn Du dann das weite, weite Feld, + wo seine Soldaten lagerten, genugsam überblickt hast, dann + steigt man wieder herunter und unten beim Turm steht ein + gemütliches Wirtshäuslein, da gibt's gutes Bier und Kaffee + u. s. w., was man sich dann ohne Angst vor dem Totschießen gut + schmecken lassen kann. Also wollen wir sehen, ob wir einmal + miteinander da hinaufkommen?...« + +Im Sommer des Jahres 1895 tritt eine weitere Korrespondentin zu den +seitherigen, ein neues Familienglied ist zu begrüßen. Der Neffe Wilhelm +Pfaff, wohlangestellter Ingenieur, teilte der Tante seine Verlobung mit, +und noch am selben Tage schreibt sie der Braut, um sie willkommen zu +heißen, tut es mit den großen Buchstaben, die dem Eingeweihten zeigen, +daß die Augen kaum parieren wollen. »Sie wissen ja wohl,« schreibt sie, +»daß Wilhelm mir näher steht, als dies gewöhnlich zwischen Tante und +Neffe der Fall ist; sein Leben hat sich ja von seinem ersten Jahre an +unter meiner Sorge und Teilnahme entwickelt und nun ist mein +langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: er hat sich eine liebe Braut +gewählt!« + +Da die neue Nichte und ihre Tante beide offene Naturen waren, so kam +zwischen ihnen schon im zweiten Briefe zur Sprache, was allein bei +dieser Verbindung zu bedauern war, die Verschiedenheit der Konfession, +die Braut gehörte der katholischen Kirche an. Frau Brater schrieb ihr: +»Dein lieber Brief hat mich sehr gefreut, ich sehe daraus, daß Du Deinem +Wilhelm mit großer Liebe zugetan bist, sein Wesen verstehst und zu +schätzen weißt, und da er Dir ja die gleiche Liebe und das gleiche +Vertrauen entgegenbringt, freue ich mich von Herzen dieser +Gemeinsamkeit, die ein so schönes Glück verbürgt. Daß diese +Gemeinsamkeit sich nicht auch auf die Kirche erstreckt, der Ihr beide +angehört, erregt in unserer Familie natürlich das gleiche Bedauern wie +wohl auch in der Deinigen, ich wollte das in meinem ersten Brief an Dich +nicht gleich erwähnen, damit Du nicht zweifeln solltest, daß wir das +Bedürfnis haben, Dich als liebes Familienglied ins Herz zu schließen, +denn neben der äußern Verschiedenheit der Religion bleibt ja doch in der +Hauptsache und im _tiefsten_ Grunde die Gleichheit, wir beten gemeinsam +zu unserm Vater im Himmel, als dessen Kinder wir uns fühlen, und unser +gemeinsames Ziel des Lebens ist die ewige Heimat bei Ihm! So müßt Ihr +nur recht festhalten an dem, was Euch auch hierin verbindet, denkt nur +an den Spruch, der uns ja allen gesagt ist: 'Selig sind die reines +Herzens sind, denn sie werden Gott schauen' ... dann wird es Euch +gelingen, die Religion nicht als eine Scheidewand zu empfinden, sondern +als den Weg, den jedes in seiner Weise geht, um sich dieses reine Herze +zu erringen.« + +Durch dieses offene Aussprechen wurde auch zwischen Tante und Nichte die +Verschiedenheit der Konfession nicht eine Scheidewand, sondern fast im +Gegenteil eine Verbindung, insofern sie Anlaß gab, sehr bald von der +Oberfläche in die Tiefe zu gehen und da gemeinsame Interessen +aufzusuchen. Im Februar 1896 war die Hochzeit, unmittelbar vorher +schreibt Frau Brater: + + »_Liebes Brautpaar!_ + + Noch vor Torschluß möchte ich Euch als solches begrüßen und Euch + meines Andenkens versichern ... ich bin mit tief empfundenen + Glückwünschen bei Euch und es ist mir, als ob ich sie auch im + Namen Deines mir so unsäglich teueren Vaters ausspräche, lieber + Wilhelm. + + Als ich mich verlobte, sagte mein lieber Mann zu mir: 'wir + wollen nie die Sonne untergehen lassen, ohne daß alles klar und + rein zwischen uns ist', dieses möchte ich nun Euch anraten und + Ihr werdet gut dabei fahren, ich glaube auch, daß das Euren + beiderseitigen Naturen nicht besonders schwer wird, aber dennoch + hat man manchmal etwas auf dem Herzen, was man nicht _gerne_ + sagt, aber sagt Euch nur immer alles und alles und seid Euch + zwei gute Kameraden auf dem Lebenswege. + + Ich schließe, habe gar zu schlechte Augen! Also Glück auf!!« + +Bald wurde das Band zwischen Tante und Nichte ein inniges und von nun an +wurden Briefe mannigfaltigsten Inhaltes getauscht, aus denen der neuen +Verwandten bald das charakteristische Bild Frau Braters entgegentrat, +denn die Briefe zeigten freundlichen Humor und tiefen Ernst, gaben +praktische Hausfrauenwinke und religiös-philosophische Gedanken, und das +alles hervorgehend aus dem warmen Bedürfnisse, dem andern Liebe zu +erweisen, indem man ihm vorwärts hilft; dabei ist ihr kein Mittel zu +unscheinbar, ein gutes heimatliches Klößrezept muß der jungen Hausfrau +ebensowohl geschrieben werden wie der Titel einer religiösen Broschüre, +mit der dringenden Aufforderung, sie zu lesen. + +Während von dieser Seite Frau Braters Leben bereichert wurde, drohte von +anderer Seite eine Verarmung. Sie schreibt an die Familie Kraz in +Stuttgart am 12. April 96: + + »_Meine Lieben!_ + + ... Ich wollte erst einen Anflug von Besserung abwarten, ehe ich + Euch mitteilte, daß Berta am Typhus schwer erkrankt ist... Das + Fieber trat gleich in voller Heftigkeit auf (40-41°), + infolgedessen schon am fünften Tag solche Herzschwäche, daß wir + glaubten, schon im Angesicht des Todes zu stehen. Dann ließ sich + das Fieber einige Zeit herabdrücken, und das Herz durch + Digitalis- und Kampfereinspritzungen zu seiner Tätigkeit + antreiben. Seit gestern ist nun eine leichte + Rippenfellentzündung hinzugetreten und wir hatten die + sorgenvollsten Stunden mit Atemnot und Herzschwäche .... + + Ihr könnt Euch denken, wie uns zumute ist, es ist mir, als ob + wir ohne dies teure Leben ganz ohne Sonnenschein leben müßten. + Anna hält sich tapfer in diesem Kummer, stellt ihr Anliegen in + Gottes treue Vaterhand. Die Pflege ist mühsam und schwer, da sie + selbst sich _gar_ nicht bewegen soll, wegen des Herzens, aber + sie ist eine geduldige Kranke und hat in leichten Stunden stets + ein freundliches Wort für uns. Sie ist ganz klar.« + +Zehn Tage später an Agnes: »Wir haben seit den Tagen, wo eine scheinbare +Besserung eingetreten war, wieder viel Sorge gehabt..... Mut und Geduld +unserer teuren Kranken ist auf harter Probe, denn der Zustand wird +peinlicher mit der zunehmenden Körperschwäche, sie hat bei der Berührung +und Bewegung große Schmerzen. Sie hält trotzdem an ihrer heitern Art +fest. Heute sagte Dietrich zu ihr: 'wenn du wieder gesund bist, dann +darfst du dir einen Landaufenthalt wählen, wo du willst, und ich bringe +dich hin', da erwiderte sie mit heiterem Lächeln: 'Vater, ich will dich +nicht ausbeuten, jetzt wo dein Herz weich ist', und später sagte sie: +'Mutter, ich war elend nobel gegen den Vater'... Was für peinliche +Nächte auch ich drüben in meiner Abgeschiedenheit habe, kannst Du Dir +denken.« + +Die Herzschwäche wurde so groß, daß die Kranke mehr als einmal in +unmittelbarer Todesgefahr schwebte, und manchen Abend verließ die +Großmutter das Haus mit der bangen Sorge, daß sie am nächsten Morgen die +geliebte Enkelin nimmer am Leben treffen würde. Und dennoch siegte das +Leben. Frau Brater sprach es oftmals aus, daß sie den Eindruck bekommen +habe, ein Mensch mit weniger energischem Lebenswillen wäre dieser +Krankheit erlegen. Auf der Höhe des Fiebers hatte die Kranke gesagt: +Phantasiert wird nicht und gestorben wird nicht! und sie behielt in der +Tat immer das Bewußtsein. Für Frau Brater, die den Willen des Menschen +so hoch anschlug, die bei aller Erziehung, ja auch bei der +Selbsterziehung zur Religion, sich immer bemühte, den Willen in Bewegung +zu setzen, für sie war dies eine Lebenserfahrung, die sie viel +beschäftigte. Vor allem aber empfand sie eine unbeschreibliche Freude, +als die Macht des Fiebers endlich gebrochen war und die Kranke +allmählich der Genesung entgegenging. Freilich wollte es nun für die +Geduld der Großmutter etwas zu langsam vorwärts gehen und ihrem Naturell +erschien die große Vorsicht übertrieben, die Ärzte und Pflegerinnen +anwandten, um ganz sicher vor einem Rückfall zu sein. Frau Brater war +jederzeit die beste und teilnehmendste Pflegerin für Schwerkranke, sowie +für solche, die Schmerzen litten. Sobald aber Gefahr und Schmerzen +vorbei waren und es sich nur darum handelte, Empfindliche zu schonen, +Schwache zu berücksichtigen, so ging das gegen ihre Natur und zugleich +gegen ihr pädagogisches Gefühl, das sofort eine Verwöhnung des +Rekonvaleszenten fürchtete. Mit einem ungeduldigen »ach was macht ihr +für Umstände« lehnte sie die Teilnahme an weitgehender Schonung ab oder +willfahrte nur mit Verleugnung ihrer eigenen Grundsätze. Daß ein kaltes +Lüftchen der kränklichen Lunge, daß eine nicht durch das Haarsieb +getriebene Speise dem Magen schaden könne, dies zu glauben war sie nicht +geneigt. So wäre sie auch nie die geeignete Pflegerin für Gemütskranke +oder Hysterische gewesen, denn sie neigte zu der Ansicht, daß man solche +Menschen wohl dazu bringen könne, sich mit eigener Willenskraft wieder +aufzurütteln, und so erschien ihr in solchen Fällen eingehende Teilnahme +und Pflege nur schädlich. Sie war sich dessen bewußt und sagte manchmal: +»Ich bin nur froh, daß kein Gemütsleidender in unserer Familie ist, der +hätte es bei mir nicht gut.« Ihre selbstlose Güte kam da in Konflikt mit +dem, was tief in ihrem Wesen lag, das Bedürfnis, die Menschen nicht +durch Guttaten zu verwöhnen, sondern das Gute in ihnen zu fördern und zu +stärken. + +An Ostern war ihre geliebte Enkelin wie eine Sterbende im stillen +Krankenzimmer gelegen, am 28. Mai saß sie, wenn auch noch zart und +spitz, doch wieder in aufblühender Gesundheit an der festlichen Tafel, +an der die silberne Hochzeit ihrer Eltern gefeiert wurde. + + + + +XVI. + +1896-1907 + + +Auf die fröhliche Feier der silbernen Hochzeit folgte im nächsten Jahre +die von Frau Braters siebzigstem Geburtstag. Es fand sich nur die +jüngere Generation dazu ein, denn von den Altersgenossen waren nur noch +wenige am Leben. In den neunziger Jahren hatte sie viele zu betrauern, +sie verlor den letzten Bruder, Heinrich Kraz, ihre Schwägerin Julie +Brater, den Schwager Sartorius und den alten, treuen Familienfreund +Ernst Rohmer. Dieser schrieb ihr noch aus seiner letzten schweren +Leidenszeit die ergreifenden Worte: + + »_Liebe Pauline!_ + + Da ich gerade eine erträgliche Stunde habe, drängt es mich, Dir + zu sagen, wie tief mich Deine so innig teilnehmenden Zeilen + gerührt haben und wie dankbar ich für Deine treue Anteilnahme + bin. Ich bin jetzt bald vier Monate in der Trübsalshitze, zum + Skelett abgemagert, ein erprobter Hungerkünstler und eine + medizinische Rarität.... Ich bezweifle, daß eine Änderung + eintritt, und werde wohl so nach und nach aushungern. Nun wie + Gott will!..... Wieviel Gutes hat Er mir zuteil werden lassen, + auch jetzt eine allseitige rührende Teilnahme! Herzlichst und + dankbarst grüßt Dich Dein alter Freund und Vetter + + #E. R.«# + +In diesen Jahren, da sie eine Trauerbotschaft nach der andern erhielt, +gedachte Frau Brater oft eines Verses aus ihrer Mutter Stammbuch: + + Mein Baum war schattendicht. + O Herbstwind, komm und zeige, + indem du ihn entlaubst, + den Himmel durch die Zweige. + +Einmal glaubte sie selbst schon am Ziel ihrer Wanderung zu sein. Sie +wurde, während sie in Calw bei der Tochter zu Besuch war, von einer +heftigen Lungenentzündung befallen. An dieser Krankheit war ihre Mutter +gestorben und sie zweifelte nicht, daß es bei ihr den gleichen Ausgang +nehmen würde. Aber schon nach wenigen Tagen trat eine Krisis ein und die +Siebzigerin erholte sich von der Krankheit so, daß auch nicht eine Spur +zurückblieb. Aber sie konnte sich gar nicht gleich darein finden. Als +sie zum erstenmal wieder das Bett verlassen durfte und Kinder und Enkel +sich darüber freuten, sagte sie: »Ich habe gemeint, ich dürfte jetzt +abschließen, und war so dankbar, daß es mir leicht werden sollte und nun +soll ich noch einmal frisch anfangen?« Nach sechs Wochen konnte sie +wieder heim reisen und ihre Lieben in Würzburg sorgten dafür, daß sie +empfand, wie teuer ihr Leben ihnen noch war. Aber in den folgenden +Jahren traten allerlei Altersbeschwerden auf, die es allmählich +untunlich erscheinen ließen, daß sie ferner für sich ganz allein wohnte. +Und doch konnte sie sich nicht entschließen, jemand zu sich zu nehmen +oder zu ihren Kindern zu ziehen, weil ihr damit die Besorgung ihres +Haushaltes, die einzige Beschäftigung, die ihre Augen gestatteten, +abgeschnitten war. Sie schreibt an Lina Sartorius: »Ich wäre so dankbar, +wenn ich mein einfaches Stilleben noch eine Zeitlang weiterführen könnte +und keine Hilfe brauchte. In letzter Zeit war ich in dieser Hinsicht oft +zaghaft und fürchtete, meine alte baufällige Hütte wolle sich nimmer +recht stützen lassen. Die Leberbeschwerden ließen mich zu keiner +Kräftigung kommen .... so vergingen mir die Tage öde und miserabel und +dabei traurig im Gefühl, wie sehr es mir noch an freudiger Ergebung in +Gottes Willen fehlt.« + +Die Frage über ihre künftige Lebenseinrichtung fand eine unverhoffte +Lösung durch einen neuen Trauerfall. Schon seit zwei Jahren wankte die +Gesundheit ihres Schwiegersohnes Sapper und im September 1898 erhielt +sie die Nachricht von dessen Tod. Zunächst waren ihre Gedanken ganz und +ausschließlich von der Teilnahme für ihre verwitwete Tochter und deren +drei Kinder erfüllt und mit dankbaren Worten gedenkt sie des treuen +Schwiegersohnes, der sie jedes Jahr mit der herzlichsten +Gastfreundschaft aufgenommen hatte und immer darauf bedacht war, durch +Ausflüge in die schöne Umgebung ihrem Aufenthalte noch besonderen Reiz +zu verleihen. »Eine durch und durch noble Natur« nennt sie ihn. + +Aber wenn sie auch die Trauer der Tochter verstand und teilte, so mahnte +sie doch die Verwitwete: »Denke nicht, daß die Erweisung von Treue und +Liebe _darin_ besteht, daß man sich ganz und ausschließlich der einen +Empfindung der Trauer hingibt, o nein, Liebe und Treue erweisen sich in +der _Dauer_, in der Unwandelbarkeit, gönne Dir und Deinen Kindern auch +eine fröhliche und heitere Stunde, wenn sie sich ergibt, das Gemüt kann +dafür empfänglich sein, auch zwischen den betrübten Stunden.« Durch ihre +schlimmen Augen am Schreiben gehemmt, schrieb sie schmerzlich bedauernd +der Tochter: »Bei allen Menschen wollte ich mich noch gerne zum +Diktieren herbeilassen, obwohl es mir überall schwer fällt -- wenn ich +nur _Dir_ selbst schreiben könnte. Das Beste, was man sich zu sagen hat, +geht eben doch nur direkt von Herz zu Herzen, nicht nur durch ein Medium +hindurch, aber ich gebe mich wenigstens der Hoffnung hin, daß Du die +Unvollkommenheit des Diktierens zu ergänzen weißt.« + +Bald nach dem Tode des Schwiegersohnes tauchte der Plan auf, daß die +Tochter mit ihren Kindern nach Würzburg ziehen und die Mutter zu sich +nehmen solle. »Diese Lösung«, schreibt Frau Brater, »erscheint mir als +ein _großes_ Glück für mich, aber natürlich nur dann, wenn ich von der +Überzeugung durchdrungen sein kann, Du würdest diese Wahl des Ortes auch +in Rücksicht für Dich und Deine Kinder treffen, denn auf mich, deren +Jahre doch gezählt sind, darf man nichts bauen, da würde ich mich ja gar +nicht zu sterben trauen.« + +Die Tochter und ihre drei erwachsenen Kinder, die sich nicht so leicht +entschließen konnten, die alte Heimat zu verlassen, machten den +Vorschlag, erst im Herbste zu übersiedeln. Traurig darüber schreibt Frau +Brater: »Das ist fast noch ein Jahr! Ein Jahr ist lang für mich, ich +möchte Euch doch selbst noch helfen eingewöhnen, Euch mit meinen +hiesigen Freunden bekannt machen, wer weiß, wie lang ich es noch +vermag.« Daraufhin wurde ein früherer Termin festgesetzt und im April +übersiedelte die Tochter mit den zwei eben erwachsenen Enkeltöchtern, +wieder eine Anna und Agnes, nach Würzburg, während der Sohn als Vikar in +Württemberg Stellung nahm und nur als Gast in der gemeinsamen Würzburger +Haushaltung erschien. + +So zog denn Frau Brater -- zum letztenmal -- aus. Im »Zwinger« war eine +freundliche Wohnung mit dem Blick in Gärten und Anlagen gefunden worden +und es war die höchste Zeit, daß die Alleinstehende Anschluß fand, denn +schon den Umzug konnte sie kaum mehr bewerkstelligen wegen der +schmerzhaften Leberbeschwerden, die einige Wochen lang anhielten, und +noch im gleichen Jahre wurde sie von einem, wenn auch ganz leichten +Schlaganfall heimgesucht, der ihr zwar nicht einmal für einen Moment das +Bewußtsein raubte, aber ihr doch dauernd das Gehen erschwerte. So +erkannte sie voll Dankbarkeit an, daß sie nun geborgen und versorgt war, +umgeben von denen, die sie von ganzem Herzen liebten, und doch nicht +getrennt von der Familie Kerler, an deren täglichem Verkehr sie ihre +Herzensfreude hatte. Wer da kam, pries es als glücklichen Umstand, daß +eben jetzt, wo sie nicht mehr selbst für sich sorgen konnte, andere +Hände für sie frei geworden waren und sie stimmte dankbar ein in diesen +Preis. Aber dennoch, und wenn sie es gar niemandem sagen und sich selbst +nicht eingestehen mochte, dennoch wollte es ihr nicht gelingen, sich so +glücklich zu fühlen, wie sie es vorher in ihrer Selbständigkeit gewesen +war. Mit dem Augenblick, wo sie nichts mehr zu tun hatte, wo andere für +sie sorgten und der Tag keine Arbeit mehr für sie brachte, schien ihr +das Leben keinen Zweck mehr zu haben. Sie konnte sich ja in guten +Stunden wohl noch ein wenig beschäftigen, aber wenn ihr die Enkelin auch +mit freundlicher Bitte um Hilfe ein kleines Küchengeschäft +hereinbrachte, die Großmutter durchschaute doch, warum es geschah. +Merkwürdig, aber gewiß wahr ist es, daß keine Liebe und Fürsorge, keine +Unterhaltung, kein Spiel, kein Vorlesen ihr ersetzen konnte, was man +doch als ein so bescheidenes Glück betrachten möchte: die eigene +Tätigkeit im selbständigen Haushalt. + +Aber was wir hier feststellen, wollte sie nicht Wort's haben, es wäre +ihr als größter Undank erschienen und sie kämpfte an gegen dieses innere +Unbefriedigtsein täglich und durch Jahre hindurch. Auch brachte jeder +Tag solche Stunden, in denen sie sich behaglich fühlte, vor allem dann, +wenn auch die Hausgenossen nichts arbeiteten, wenn man bei Tisch oder +abends beim Lampenlicht saß und etwa ein Spiel machte und vor allem +_die_ Stunden oder besser Viertelstunden, wenn die Augen ihr +gestatteten, ein wenig selbst in die Bücher zu blicken, die sie gerade +am meisten beschäftigten. Zu diesen gehörten vor allem die Schriften von +#Dr.# Johannes Müller. + +Sie hatte dessen Vorträge gehört, die sie mächtig ergriffen und hielt +seitdem die von ihm herausgegebenen »Blätter zur Pflege persönlichen +Lebens«. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es +rätselhaft, daß eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich +erfassen könne. Das Rätsel war aber sehr einfach zu lösen; in diesen +Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar +ausgesprochen, was sie dunkel gefühlt hatte. Wer Müllers Schriften +aufschlägt, trifft auf die Worte »Persönliches Leben«, »Ursprünglichkeit«. +-- »Persönliches Leben« war ihr eigenes Leben gewesen, »Ursprünglichkeit« +ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe Überzeugung, daß der Glaube an +Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen müsse, +oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Müllers Heften zu +lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch +unsympathisch, aber sie ließ solches ruhig beiseite oder ging auch +leicht über einzelne Aussprüche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg +mit der Bemerkung: »Er meint das ganz anders, als es dasteht.« Aber jene +Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, ließ sie sich von +Kindern, Enkeln und Gästen, die sie besuchten, immer wieder vorlesen. +Zwar solchen gegenüber, die befriedigt in der alten Auffassung des +Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche +Bücher ferne und pries sie glücklich, wenn sie nur einen _lebendigen_ +Glauben zeigten. Hingegen drängte es sie, allen, die von Zweifeln +umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenüberstanden, das +mitzuteilen, was ihrem eigenen religiösen Bedürfnisse so sehr entsprach. +Solche mußten wohl oder übel Müllers Schriften lesen, sonst konnten sie +nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: »Sage mir +doch, ob Du die Müllerschen Hefte fortgesetzt _nicht_ liesest? ob Ihr +_alle_ so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu +für Eueresgleichen wie gemacht, denn Müller ist ja förmlich ein Apostel +der Freiheit und Selbständigkeit und auch mit Deinem besten Willen +kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr +als irgend einer und ich lebe förmlich in seinen Gedanken, je mehr ich +sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er führt in die +unmittelbare Gottesnähe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das +soeben erschienene vierte hat wieder Großartiges und Ergreifendes.« + +Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, mußten mindestens erfahren, +wie viel für sie die in den »Grünen Heften« niedergelegte Auffassung +war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: »Müller ist +absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens +gehend.« An ihre Nichten Kraz: »Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des +vierten grünen Heftes mit dem Artikel: 'Warum ist das Leiden in der +Welt'; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser +Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner +Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem +einzelnen. Dieser Artikel über das Leiden ist zum Eckstein meiner +Lebensanschauung geworden.« + +Jahrelang lag auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Lehnstuhl eines jener +grünen Hefte und sie griff darnach, wenn es still um sie war. Wollten +ihr die Augen auch nur zehn Minuten des Lesens ermöglichen, so hatte sie +doch wieder Gedanken geschöpft, die sie erhoben über das körperliche +Elend, Gedanken, die sich in Seelenkräfte verwandelten, in Geduld und +Liebe. Es kam vor, daß Frau Brater mutlos über sich selbst klagte und +meinte: ach der Mensch bleibt doch immer der gleiche, all sein Arbeiten +an sich selbst hilft nichts, wer lieblos und ungeduldig ist, der wird +einmal nicht liebevoll und geduldig. Aber sie bewies ganz augenfällig +das Gegenteil. Stets hatte sie etwas Friedliches, Geduldiges, wenn sie +sich versenkt hatte in göttliche Gedanken, und dieses liebevolle Wesen +war um so gewinnender, als es einen Sieg bedeutete über die Ungeduld, +die das tatenlose Dasein in ihr erwecken wollte. Hätte sie nicht ihr +ganzes Leben hindurch Selbstbeherrschung geübt, so wäre sie mit dieser +schweren Prüfung nicht fertig geworden. Gewiß wird man jedem Menschen +bis in sein Alter die Fehler anmerken, zu denen seine Natur neigt, aber +bei dem, der dies Unkraut wuchern läßt, wird es immer störender +hervortreten, hingegen bei dem, der dagegen ankämpft, wird es nie die +edeln Blüten seines Wesens verdecken oder ersticken. + +Deutlich erkennen wir das Ringen nach Geduld und Ergebung in ihren +Briefen an Nahestehende, so an Luise Hecker: »... Bei mir geht es leider +stets merklich abwärts ... es will mich das oft recht bedrücken, aber +ich sage mir: dies ist nun deine letzte Aufgabe, die Beschwerden des +Alters fröhlichen und dankbaren Herzens hinnehmen zu lernen, freilich +bilde ich mir ein, es würde mir leicht werden, wenn ich nur _lesen_ +könnte, mich erheben an dem Geist anderer, wenn der eigene flügellahm +ist, aber gerade dies soll eben nicht sein; oft stehe ich an meinem +Bücherschrank, da stehen die Bücher, besonders die naturwissenschaftlichen, +die schauen mich an wie teure Verstorbene und das Herz tut mir weh...« + +An Lina Sartorius schreibt sie, nachdem diese alte, treue Freundin sie +wieder besucht hatte, eigenhändig mit zitternder Hand: »Dies Blatt soll +nur ein Gruß sein, es gibt ja bei mir nichts anderes mehr, aber ein +schöner Dank für Deine stete Freundlichkeit, die Du auch meinem +ungeduldigen Wesen gegenüber stets bewährst, dieses ist mein großer +Fehler, und wenngleich Du mir jetzt vielleicht eine Schmeichelei sagen +würdest, so sage ich: _schweige_, denn es ist ja leider _zu_ wahr. +Wollen wir eben beide fleißig in Müller studieren und Fortschritte +machen und dabei aneinander denken und zwar in alter Liebe und Treue.« + +... »Ich denke mit Freude daran, daß Dich das neue Jahr zu uns führen +wird, Gott gebe uns ein fröhliches Wiedersehen! mein Befinden geht stets +ein wenig abwärts, ist aber doch noch recht erträglich, um das, was etwa +noch kommt, wollen wir uns nicht ohne Not grämen, Du sagst es ja auch. +Mein Enkel Karl hat mir schon mehrfach zu Geburtstag oder dergleichen +kleine Arbeiten gemacht, heuer eine Disposition zu dem Müllerschen +Artikel 'Was ist Wahrheit', es hilft mir dies sehr zur Erfassung des +Ganzen, interessiert es Dich, so schicke ich Dir's einmal....« »Liebe +Lina! treue Korrespondentin, Dank für Deinen Brief! vielleicht sehen wir +uns doch noch in diesem Jahr, d. h. vielleicht kannst Du doch noch +kommen; ich freue mich sehr auf Eugenie, unsere Vermittlerin. -- Das +Buch, das ich mit Dir lesen wollte, heißt: Der Deutsche und sein +Vaterland von Gurlitt, _sehr_ interessant, würde Euch _alle_ +befriedigen, besonders eine Rektorin a. D., wie Du bist.... Meine Hand +versagt den Dienst, deshalb: behüt Dich Gott! + +Lies doch das Müllersche Heft Bd. 6 Heft 2 'Der Mensch Jesus Christus', +mir ein Glück, eine Erlösung, d. h. wahre Befriedigung. _Langsam_ lesen, +viel Zeit dazu nehmen!« + +»Inzwischen ist nun wieder ein Brief von Dir, Du treue Seele, +eingetroffen, aber ... ich muß recht entschieden das Lob zurückweisen, +das Du meiner 'Ergebung und Geduld' spendest, ich habe es ja in der Tat +so gut wie nicht viele Menschen, bin umgeben von Liebe und Teilnahme, +_muß_ nicht mehr leisten, als ich gut kann, und doch will mich das +Entbehren durch meine Augen und jetzt schwachen Beine etc. oft ganz +mißmutig und gedrückt machen, so daß ich oft denke, es geschähe mir +recht, wenn es noch viel schlimmer käme.« »Mein Leben, zwischen Bett und +Lehnstuhl sich abwickelnd, ist doch nicht öde und ich bin so dankbar, +daß ich wenig Schmerzen habe und mein täglich Brot nicht _verdienen_ +muß. In Gedanken bin ich oft bei Dir und allen denen, die auch wir beide +gemeinsam lieben...« + +»Wir sind eben jetzt zwei alte Kracherinnen und werden erst im Himmel +wieder lustig miteinander herumspringen.« + +Jedes Jahr kam die alte, treue Freundin zu Besuch und immer inniger +fühlten sie sich zusammengehörig, je mehr das Häuflein der +Jugendgenossen zusammenschmolz. Rührend war es, die den Achtzigern +nahestehenden Frauen in ihrem stets heiteren und doch so tiefgründigen +Verkehr zu beobachten. Wieder war für das Frühjahr 1905 ein Besuch +geplant, da kam im Januar die Nachricht, daß die Freundin schwer an +Lungenentzündung erkrankt war. Frau Brater schickte ihr ein letztes +eigenhändiges Briefchen: + + _Liebe Lina!_ + + »Ich sitze bei Dir am Bett, mache mit Dir in Liebe und Treue die + schweren Stunden durch, in denen Du jetzt leidest und wo Du mir + stets ein Vorbild gewesen bist. Gar manche nächtliche Stunde bin + ich bei Dir und Deinen Kindern und ich weiß, _wie_ wir in + Gedanken verbunden sind und zusammenhängen. Wie sehr wünsche + ich Dir gute Besserung und eine getroste, friedvolle Zeit, wie + dankbar wollen wir miteinander dafür sein, schreibe Du mir bald, + ich will nur Deine liebe Schrift sehen, nur zwei Worte; liebe + alte, Getreue, Du begreifst, wie dringend ich jetzt auf gute + Nachricht hoffe, und freue mich unsäglich, bis die + Prüfungsstunden überstanden sind! Bis dahin in innigem Gedanken + und guten Wünschen aus voller Seele Deine alte Pauline. + + An Ernst und vor allem an Eugenie von Herzen Gruß.« + +Dies war der letzte Gruß einer fast siebzigjährigen Freundschaft, denn +die ersehnten zwei Worte der lieben Handschrift kamen nimmer, am +1. Februar starb die Jugendfreundin. + +»Vorausgegangen«, in diesem Worte lag der Trost für die Vereinsamte und +ihre Trauer wurde gemildert durch die Dankbarkeit dafür, daß die letzte +Krankheit und das Ende leicht gewesen waren. Beneidenswert schienen ihr +alle, die überwunden hatten, denn sie fühlte sich körperlichen Schmerzen +gegenüber nicht als Heldin. Es bewegte sie ein tiefes Erbarmen für alle +hoffnungslos Leidenden und für diejenigen, die aus Verzweiflung darüber +ihrem Leben selbst ein Ende machten. Oft kam dadurch die Rede auf die +Möglichkeit einer Erlösung für solch gequälte Menschen. Sollte man +diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen, nicht lösen von ihrer Last, +anstatt sie der Versuchung zum Selbstmord zu überlassen? + +Ihre Überzeugung und ihr Herzenswunsch war, daß es einmal dahin kommen +würde, und sie hörte gerne der andern Ansicht darüber, wie es geschehen +könnte. In der Zukunft -- wenn auch noch in ferner -- würde man einen +gesetzlichen Weg finden. Ein hoffnungslos Leidender müßte bei Gericht +den Antrag stellen dürfen, daß ein Arzt ihm die Qual abkürze. Statt des +heimlichen Selbstmordes, der wie ein Alp auf den Hinterbliebenen lastet, +würde dann nach gerichtlicher Entscheidung in feierlich erhebender Weise +dem Kranken, der den Antrag gestellt hatte, durch den Arzt der ersehnte +letzte Schlaf gebracht. Sobald die Obrigkeit das erlauben, in die Hand +nehmen und den Gerichtsarzt damit betrauen würde, wäre es kein Unrecht +mehr. Sie hörte gerne diese Gedanken aussprechen, deren Verwirklichung +auch ihr die Angst vor langem hoffnungslosen Schmerzenslager benommen +hätte. + +Das Leiden fürchtete sie, aber nicht den Tod. Ihr letzter eigenhändiger +Brief an ihre Freundin Luise Hecker spricht das aus: + + _Liebe Luise!_ + + »Es ist mir ein wahres Bedürfnis und wäre mir eine große Freude, + wenn ich Dir so eine Art Abschiedsbrief _selbst_ schreiben + könnte; nicht als ob ich das Gefühl hätte, unsere gemeinsame + Wanderung auf dieser Welt nahe sich ihrem Ende, ach nein, das + nicht, im Gegenteil, ich fürchte jetzt fast mehr als früher, daß + mir noch ein langes Leben beschieden sein könnte, aber ich fühle + recht klar, daß es höchste Zeit ist, als Schreiberin und als + Diktantin vom Schauplatz abzutreten, denn das eine wie das + andere übersteigt völlig meine Fähigkeiten. Nur eines ist + unverändert bei mir, das treue Gedenken an alle meine Freunde + und: 'Die Liebe hört nimmer auf'. Die Wahrheit dieses Spruches + durchdringt mich so vollständig, daß sie allein schon mir eine + Gewähr ist für die Unsterblichkeit. + + .... Meine zunehmende Gelähmtheit, die Du an der Schrift + erkennen kannst, beschwert mich und meine Pflegenden fast am + meisten, ich kann nimmer zum Haus hinaus, kaum mehr durch meine + Zimmer gehen, ich lasse es auch ganz unversucht.... Du siehst + nun, liebe und getreue Alte, was für ein Krüppel ich für diese + Welt geworden bin, aber ich erkenne immer klarer, immer + zweifelloser, daß wir hier nur in einer Vorschule sind und + diesen Körper als Handwerkszeug zur Schule tragen müssen, wie + gerne denke ich an die Zeit, wo wir diese Last ablegen dürfen + und einkehren zur ewigen Heimat zu einem barmherzigen Vater. In + dem Bestreben, mich in dieser Heimat schon ein wenig einzuleben, + nicht so ganz als Fremdling zu erscheinen, wird mir die Zeit + nicht so lang, wie es vielleicht außerdem der Fall wäre. Du + würdest mich sehr verstehen, aber ich begreife gar wohl, wie Du + in Deiner Jugendkraft noch ganz vom Leben erfüllt bist und ich + fühle in voller Teilnahme mit Dir....« + +Diesem Briefe liegt ein Blättchen bei mit dem bekannten Rückertschen +Vers: + + Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit + klingt ein Lied mir immerdar, + o wie liegt so weit, o wie liegt so weit, + was mein einst war! + +Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen +Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der älteren, +immer mehr vereinsamten Freundin. + +Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerfälle auch in ihren alten +Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von +anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl +hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich +den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren +wurde, schrieb die achtundsiebzigjährige Urgroßmutter noch eigenhändig +zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers: + + Will Dir einen Glückwunsch bringen, + trag auch viele Dir entgegen, + doch der Reim will nicht gelingen. + Nun, daran ist nichts gelegen. + Denn mit Dir, Du kleiner Engel, + ist das Glück ja selbst gekommen, + hat sich eingelebt im Herzen, + feste Wohnung hier genommen. + +Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermärker auf die Welt kam, +nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft +unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue +Generation. Als sie sich einmal ungehalten über ihre blöden Augen +aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen +tröstend zu ihr: »Aber Großmutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch +ganz deutlich«, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst +ganz fremden unlogischen Weise: »Nun ja, den schon, weil er eben gar so +ein netter Kerl ist.« Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und +saßen zum Familienabend um den großen Tisch, so saß sie liebevoll und an +jeder Fröhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die +Schwerhörigkeit des Alters sie behinderte, so daß sie manchmal erklärte: +»Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder böse, sondern in +solche, die deutlich und undeutlich reden.« + +Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr »Hausgeistlicher«, wie sie +scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner +kräftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich +erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser +Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach +beendigter Predigt ließen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein +beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stück +Lebensweg und immer in bestem Einverständnisse gegangen waren, hatten +sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gespräch in das Nebenzimmer +drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, daß sie sich an +der schönen gemeinsamen Erinnerung freuten, »als die Kinder noch klein +waren«. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue +Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal über den nahen +Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten +ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte für Kerler der siebzigste, für +Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim +Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: »Adieu Mutter, laß Dir's +gut gehen«, und keines von beiden ahnte, daß es ein letztes +Abschiedswort war, keines hätte gedacht, daß der nächste Sonntag der +Todestag dieses noch so frischen, kräftigen Mannes wäre. Eine +Lungenentzündung überfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes +Ende, daß er fast ohne Leiden scheiden durfte. + +Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn +ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche +schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst +ersparen, solange man noch hoffen konnte, daß sie gnädig vorübergehen +würde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie +innerlich unvorbereitet. Das war ein erschütternder Schmerz, denn in +dieser Todesnachricht lag für sie das Bewußtsein, daß das Lebensglück +ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an +beglückender Innigkeit. Niemand wußte so wie sie, was das heißt, und sie +trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr +im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Großmutter in Tränen, +manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in +rührender Rücksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu +bekümmern. + +So waren fünf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau +Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das +Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mühsam in ihren Lehnstuhl an +den Tisch. »Sieh, Großmutter,« sagte die Enkelin, »da ist das neue +weiche Rückenkissen, wollen wir's einmal probieren?« »Ja«, sagte sie, +»aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren +Kopfschmerz«, und sie lehnte sich zurück in den Stuhl, griff nach der +Stirne und schloß die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im +Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schloß sie und hat sie +nicht wieder geöffnet. + +Es war ein Schlaganfall. Das Bewußtsein verlor sich langsam. Sie +versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir +hören konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin: +»Anni, hilf mir ein bißle!« Von da an währte das Leben noch einige Tage, +aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam +der letzte Atemzug. + +Wir sagten uns alle: Wie gnädig ist es ihr ergangen, wie hat sie so +schmerzlos hinüberschlummern dürfen, wir gönnten ihr auch, daß sie von +aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig +Jahre, da darf man nicht klagen, und _dennoch_ -- o Du herzliebe Mutter, +wie sollten wir Dich nicht vermissen?? + +Unser Buch schließt traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir +zu kurzsichtig sind, um über den Tod hinaus zu sehen, in die +Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat. +Seine besten Kräfte stammten aus dem Göttlichen und wenn sie nun nimmer +in die irdische Hülle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein +mit ihrem göttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann +verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben +Kräften und dann ist das Beste, dann ist der _Geist_ unserer Mutter bei +uns geblieben. + + + + +Von _derselben Verfasserin_ sind im Verlag von _Gundert_ in _Stuttgart_ +erschienen: + +=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren. +3. Aufl. geb. M 1.20 + +=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12-16 Jahren. +2. Aufl. geb. M 3.-- +(Die beiden Erzählungen in einem Band M 4.--) + +=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen, mit Bildern von Gertrud +Caspari. geb. M. 3.60 + +=Das kleine Dummerle= und andere Erzählungen, zum Vorlesen im +Familienkreise. geb. M 3.-- + +=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. +2. Aufl. geb. M 3.-- + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen +S. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und +S. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied +S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] »Mein 31. Geburtstag +S. 074: 1851-1856 -> 1855 +S. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen +S. 085: [Anführungszeichen ergänzt] wöchentliche Zusammenkunft.« +S. 089: [vereinheitlicht] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck +S. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem +S. 100: [Komma ergänzt] allmählich ergriffen, so +S. 117: [Komma ergänzt] schneeweiß geworden, sie lag +S. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über +S. 147: [Komma ergänzt] hatte sie die Befriedigung, einen +S. 149: [Anführungszeichen gestrichen] äußerte Brater: »Manches +S. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch +S. 167: [Anführungszeichen ergänzt] »Man sieht ihr nicht an, +S. 197: ich erschrack sehr -> erschrak +S. 200: [komma korrigiert] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte +S. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen +p. 233: [gesperrt] _Liebe Agnes!_ +S. 239: [Anführungszeichen ergänzt] durchgekämpften Abschiedsschmerz.« +S. 250: [Komma gelöscht] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das +S. 270: [Anführungszeichen ergänzt] Urteil anmaßen« und so schreibt sie + +Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 160, 162, +248, 271, 305) + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen +p. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und +p. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied +p. 065: [added quotes] »Mein 31. Geburtstag +p. 074: 1851-1856 -> 1855 +p. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen +p. 085: [added quotes] wöchentliche Zusammenkunft.« +p. 089: [unified] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck +p. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem +p. 100: [added comma] allmählich ergriffen, so +p. 117: [added comma] schneeweiß geworden, sie lag +p. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über +p. 147: [added comma] hatte sie die Befriedigung, einen +p. 149: [removed quotes] äußerte Brater: »Manches +p. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch +p. 167: [added quotes] »Man sieht ihr nicht an, +p. 197: ich erschrack sehr -> erschrak +p. 200: [corrected comma] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte +p. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen +p. 233: [spaced out] _Liebe Agnes!_ +p. 239: [added quotes] durchgekämpften Abschiedsschmerz.« +p. 250: [removed comma] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das +p. 270: [added quotes] Urteil anmaßen« und so schreibt sie + +The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 160, 162, 248, +271, 305) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Frau Pauline Brater, by Agnes Sapper + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU PAULINE BRATER *** + +***** This file should be named 23134-8.txt or 23134-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/3/1/3/23134/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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