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+The Project Gutenberg EBook of Frau Pauline Brater, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Pauline Brater
+ Lebensbild einer deutschen Frau
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: October 21, 2007 [EBook #23134]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU PAULINE BRATER ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+ Frau Pauline Brater
+
+ Lebensbild einer deutschen Frau
+
+
+ Von
+ Agnes Sapper
+
+
+ Mit zwei Bildnissen
+
+
+ [Illustration: C. H. Beck logo]
+
+
+ C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung _Oskar Beck_
+ _München_ 1908
+
+ C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen
+
+
+[Illustration: Pauline Brater]
+
+
+
+
+Vorwort
+
+
+Wer ist Frau Brater, oder wer war sie?
+
+Warum sollen wir uns für sie interessieren? Ist sie eine Künstlerin,
+eine Gelehrte, eine Wohltäterin für die Menschheit gewesen? Hat sie auf
+irgend einem Gebiet Hervorragendes geleistet und sich in der Welt einen
+Namen gemacht?
+
+Diese so berechtigten Fragen haben mir viele Bedenken verursacht, denn
+sie müssen alle verneint werden. Frau Brater ist nie in die
+Öffentlichkeit getreten, sie war nichts weiter als eine deutsche Frau.
+Wer sie nicht persönlich kannte, weiß nichts von ihr. Aber das ist eben
+der Punkt: _wer_ sie persönlich kannte, der hatte einen tiefen Eindruck
+von ihrer Eigenart, der empfing von ihr, was er gerade bedurfte; denn
+sie konnte vieles geben: Klarheit in schwierigen Lebensfragen,
+Erheiterung in bedrückter Stimmung, Aufrüttelung der Energielosigkeit,
+Wahrheit im Scheinwesen, Hinweisung zum Göttlichen.
+
+Sollten von diesen vielseitigen Wirkungen nicht auch jetzt noch welche
+ausgehen, wenn wir im Geist mit dieser Frau verkehren? Gewiß, wenn es
+gelingen würde, ihr Leben und Wesen recht lebendig zu schildern, so
+müßten wir in dieser Darstellung etwas von dem Reiz empfinden, den ihr
+persönlicher Umgang gewährte.
+
+Das ist der Gedanke, der mich trieb, ihr Lebensbild zu zeichnen. Und mit
+ihrem Bild zugleich wird ein anderes auftauchen, das Karl Braters, des
+edlen Vorkämpfers für die deutsche Einheit, von dem Professor Robert
+Piloty in einer eben erschienenen Schrift sagt: »Offenen und ehrlichen
+Kampf für Staat, Recht und Freiheit hat er zeitlebens geführt, sein
+Andenken wird stets verbunden sein mit den Erinnerungen an Bayerns
+schwerste Zeiten, in denen er mit energischem Willen und klarem Verstand
+auf der Seite der guten Sache beharrte und kämpfte.«
+
+Wenn meine Feder nicht zu ungeschickt ist zu schildern, was mich selbst,
+während es an meinem Geist vorüberzog, tief bewegte, so könnte sich
+durch dieses Buch das Wort bewahrheiten, das nach Frau Braters Tod über
+sie gesprochen wurde: »An solchen geisteskräftigen Persönlichkeiten
+erhält das sittliche Streben neuen Schwung und Antrieb, sie wirken nach,
+auch wenn sie längst nicht mehr in unserer Mitte sind.«
+
+_Würzburg_, im Sommer 1908.
+
+ =Die Verfasserin.=
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+ Seite
+_Erster Teil:_ =Mädchenjahre=
+
+Vorwort III
+
+Inhalt V
+
+1. Kapitel 1827-1835. Das achte Kind. Pfaff und Rückert.
+Damajanti. Drei Ehen. Aurora. Horoskop. Wesen der Eltern.
+Die vier »Pfaffsbuben«. Heimatboden. Kalte Winter. Eingang
+durchs Fenster. Anne. Gespensterfurcht. Preisarbeit. Pfaffs
+Krankheit und Tod 3
+
+2. Kapitel 1835-1849. Schulzeit. Die Familie Brater.
+Erwachender Ordnungssinn. Geselligkeit. Sparsame
+Verhältnisse. Gedicht über Freundschaft. Da und dort zur
+Aushilfe. Astronomisches. Narkose. Braters äußere
+Erscheinung und sein Wesen. Nördlinger Plan 21
+
+3. Kapitel 1849-1850. Geschwisterhaushalt. Karl Brater auf
+der Bleiche. Verlobung. Briefe der beiden Mütter. Eines
+Vetters Bedenken. Besuch der Braut in Erlangen. Briefe aus
+der Brautzeit. Proklamation. Hochzeit und Abschied 38
+
+
+_Zweiter Teil:_ =Gattin und Mutter=
+
+4. Kapitel 1850-1851. Einzug in Nördlingen. Eheliches
+Verhältnis. Erste Einträge in der Familienchronik. In der
+Rosenlaube und in der Amtsstube. Herr von Welden.
+Amtsniederlegung. Frau Pfaffs Bericht über die Bleiche. Am
+Schreibtisch. Die geborgte Wiege 59
+
+5. Kapitel 1851-1855. Das erste Kind. Übersiedelung nach
+München. Vergebliche Bemühungen um Anstellung. Das zweite
+Kind. Sommer in Egern. Sorglosigkeit und Einfachheit der
+jungen Mutter. Rückkehr nach Nördlingen. Die »Bälge«. Reise
+nach Erlangen. Braters Arbeit. Bluntschli über Brater.
+Veränderte Handschrift 74
+
+6. Kapitel 1855-1858. Plan zum Staatswörterbuch. Nach
+München. Die kleinen Gassenkinder. Tischrücken. Verkehr mit
+Friedrich Rohmer. Freundschaft mit Bluntschli und Hecker.
+Knieleiden. Vergebliche Bewerbung. Optimismus.
+Polizeiliches. Colomann Pfaff. Flugschrift. Landtagswahl.
+Telegramm. Hans und Fritz Pfaff. Frau Brater als Erzieherin.
+Religiöser Standpunkt. Schleimfieber 92
+
+7. Kapitel 1858-1862. Baumgarten über Brater. Gründung der
+Süddeutschen Zeitung. In der Dienersgasse. Wilbrandt und
+andere Mitarbeiter. Abschiedsgesellschaft für Bluntschli.
+Tod Frau Pfaffs. In Ammerland. Überarbeitung. Drei harte
+»muß«. Bei Buhl in Deidesheim. Verlegung der Zeitung nach
+Frankfurt 118
+
+8. Kapitel 1862-1863. Auf dem Grünten. Das »Jammerkind« in
+Frankfurt. Winter in Wiesbaden. Annas Augenkrankheit. Das
+Weihnachtsfest. Todesnachricht aus Erlangen. Übersiedlung
+dorthin. Häusliche Zustände. Wahlbewegung in Nürnberg. Zum
+Landtag nach München. Frau Braters Erkrankung 135
+
+9. Kapitel 1863-1866. Schleswig-Holstein. Getäuschte
+Hoffnung. In Frankfurt. Briefverkehr mit den Kindern.
+Wilbrandt. Wiedervereinigung mit den Kindern. Leben in
+möblierten Zimmern. Mißstände im Erlanger Hauswesen.
+Aufenthalt im Palmsgarten. Der Krieg vom Jahre 66.
+Waffenstillstand 154
+
+10. Kapitel 1866-1869. Winterpläne. Stuttgart. Cannes.
+Deutsche Häuslichkeit. Religiöser Einfluß. Erfolglosigkeit
+der Kur. Entschluß zur Abreise. Bozen. Ausflug nach Meran.
+Rückkehr nach München. Französisches Examen. Die Kinder in
+Erlangen. Kammerauflösung. Telegraphische Berufung. Tod Karl
+Braters 176
+
+
+_Dritter Teil:_ =Die Witwe=
+
+11. Kapitel 1869-1870. Aufzeichnungen über die letzten
+Lebenstage. In tiefer Trauer. Briefe von Braters Freunden.
+Teilnahme an den politischen Erlebnissen. Entschluß zu dem
+Bruder zu ziehen. Religiöse Zweifel. Einfluß Nagels.
+Adreßdebatte 197
+
+12. Kapitel 1870-1875. Gemeinsamer Haushalt in Erlangen.
+Schwierigkeiten mit den Kindern. Der Krieg vom Jahre 70.
+Jahrestag von Braters Tod. Gedicht von Leuthold. Eine Braut
+im Hause. Wie das Paar zusammenkam. Friedensschluß.
+Hochzeit. Geselliges Talent. Tod des Bruders Hans.
+Vormundschaft. Großmutterfreuden. Schwager und Schwägerin
+Sartorius. 211
+
+13. Kapitel 1875-1883. Die zweite Braut. Schwere Trennung.
+Briefwechsel zwischen Mutter und Tochter. Besuche in
+Blaubeuren. Drei Enkelsöhne. Kerlers Versetzung. Kampf gegen
+materialistische Weltanschauung. Übersiedelung nach
+Würzburg. Das Schicksal des ältesten Pflegsohnes 238
+
+14. Kapitel 1883-1886. Aufregende Fragen. Abschied von
+Julie. Nachrichten aus Amerika. Frau Brater im Ruhestand.
+Interesse für Afrika. Kontrolle der Sonnenbahn. Pfarrer
+Blumhardt in Boll. Nagels Buch. Briefe von Schultheß 258
+
+15. Kapitel 1886-1896. Tod des Bruders Fritz. Alte
+Freundschaften. Frau Braters hervorragende Eigenschaften im
+Verkehr. Ihr Einfluß. Der kleine Haushalt. Wärmeverwertung.
+Reisen in die Schweiz und nach Tirol. Augenleiden. Über
+Dienstmädchen. Eine neue Nichte. Sorge um der Enkelin Leben.
+Kerlers silberne Hochzeit 275
+
+16. Kapitel 1896-1907. Letzter Brief von Ernst Rohmer.
+Lungenentzündung. Tod des Schwiegersohnes Sapper.
+Übersiedelung der Familie nach Würzburg. Gemeinsame
+Haushaltung mit der Tochter. Entbehren der häuslichen
+Tätigkeit. Schriften von #Dr.# Johannes Müller. Letzte
+Briefe an Lina Sartorius. Gedanken über Erlösung aus
+hoffnungslosem Leiden. Urgroßmutter. Letzter Besuch des
+Schwiegersohnes. Sein Scheiden. Trauer. Ein leichter
+Heimgang 295
+
+
+
+
+_Erster Teil_
+
+=Mädchenjahre=
+
+
+
+
+I.
+
+1827-1835
+
+
+Ein Familienereignis ersten Ranges war es nicht, als am 27. August 1827
+dem Professor der Mathematik in Erlangen Wilhelm Pfaff von seiner
+Ehefrau Luise, verwitwete Kraz, ein Töchterlein geboren wurde. Waren
+doch schon Kinder in stattlicher Zahl vorhanden! Gab es doch schon:
+
+ Aurora,
+ Heinrich,
+ Luise,
+ Siegfried,
+ Hans,
+ Colomann,
+ Friedrich;
+
+vielleicht wären die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen,
+die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, während nicht
+übergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens nötig
+ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl
+von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen
+haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht für etwas
+Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glück zu empfinden,
+wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das Nötige zuteil wurde.
+
+Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie
+nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mußte freilich eng zusammenrücken,
+damit der Platz reichte in der beschränkten Wohnung. Vielleicht war es
+eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der
+Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des
+Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der
+lärmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestört arbeiten zu
+können. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschränkten
+Geldverhältnissen nicht gönnen. So zog er denn in dem großen gemeinsamen
+Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke
+durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im übrigen Teil des
+Zimmers herumtoben wie sie wollten, das störte den Gelehrten nicht in
+seiner Arbeit und er ließ sie gutmütig gewähren. Betrat aber einer der
+Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die
+sichere Folge dieses Übertritts in das verbotene Gebiet.
+
+Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter
+und damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit,
+an der Übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins
+Deutsche. Da nun Rückert ebenso sparsam wie Pfaff war -- hatte sich doch
+einer der beiden Professoren von dem andern das Sanskritlexikon
+abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen -- so behalfen sich auch die
+beiden Gelehrten mit _einem_ Exemplar dieser Dichtung und täglich
+wanderte das Buch über die Straße hinüber und herüber. Den Kindern der
+beiden Häuser, die die Boten machen mußten, waren Nal und Damajanti
+vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden.
+Weil nun Pfaffs Jüngste auf die Welt kam, während ihres Vaters Gedanken
+auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti,
+den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug, doch
+wurde ihr zum täglichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut
+bürgerliche Name Pauline beigelegt.
+
+Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren
+aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise
+geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen.
+
+Sie beide stammten aus Württemberg, hatten sich dort schon als junge
+Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht
+zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zunächst noch in die Ferne.
+Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Rußland an die neu
+gegründete Universität Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte
+und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat gründete er
+seinen Hausstand, indem er sich mit einer livländischen Adeligen,
+Fräulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe,
+doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht
+nach der alten Heimat trieb Pfaff, die glänzende Stellung aufzugeben und
+mit Frau und Kind nach Deutschland zurückzukehren, wo er auch Anstellung
+fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor.
+
+Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet
+und in glücklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in
+Württemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren
+durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich
+und Luise. So fanden sich nach wohl zehnjähriger Trennung die
+Verwitweten wieder. Als eine gereifte dreißigjährige Frau trat sie ihm
+entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemüts. Die alte Liebe
+erwachte und führte diesmal zu glücklicher Verbindung. An Geld und Gut
+brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend für
+ihre Lebensanschauung, daß Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie möchte
+ihm statt eines Eherings ein hebräisches Lexikon geben. Die Vermählten
+zogen zunächst nach Würzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die
+Universität Erlangen folgend dorthin übersiedelte. Durch diese Ehe kamen
+die Kinder der livländischen Adeligen und des schwäbischen Geistlichen
+als Geschwister zusammen.
+
+Die beiden in die Ehe gebrachten Töchter Aurora Pfaff und Luise Kraz
+lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene
+Mädchen, als nach vier Brüdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in
+jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora wäre vielleicht längst in der
+Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches
+Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben hätten. Als Aurora zu
+einem schönen Mädchen erblüht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger
+Mann, der durch den Schein besonderer Frömmigkeit ihre Seele für sich
+gewann. Vater und Mutter mißtrauten seinem Wesen und waren gegen die
+Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem
+Geliebten fest und beeinflußte endlich die Eltern, die keine Tatsachen
+gegen ihn vorbringen konnten, sondern bloß eine Antipathie empfanden,
+dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die
+Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der
+Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben
+sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr
+Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er
+die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze
+Unglückskarte. Lachend erklärte er das Spiel für mißlungen, mischte die
+Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschlägers und zum
+zweitenmale kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erblaßte.
+Dem Vater war es leid. Er wollte den übeln Eindruck verwischen, nahm das
+Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der
+Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verließ das
+Zimmer.
+
+Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben
+geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter
+ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr früher Tod
+machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Daß der
+naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen
+verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso
+wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns
+Goethe im Eingang von »Dichtung und Wahrheit« erzählt. Auch Pfaff hat um
+seines Töchterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz
+speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des
+Völkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus
+den Sternen las. So müssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine
+Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis
+leuchten und die Atmosphäre prüfen, in der du aufwachsen sollst. Dann
+ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann
+leugnen, daß das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal
+beeinflußt, ja oft bestimmt?
+
+Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter
+mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns
+geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken
+und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der
+Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den
+Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des
+Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den äußern Schein allzusehr
+verschmähend; in mildtätiger Liebe fast zu weit gehend, so daß er von
+bedürftigen Studierenden oft über Gebühr ausgenützt wurde.
+
+Ähnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere
+Schwäbin mit köstlichem Humor, voll Herzensgüte und aufopfernder Liebe,
+von größter persönlicher Anspruchslosigkeit und unermüdlichem Fleiß,
+auch sie das Äußere geringachtend, Ordnung und Schönheit hintansetzend.
+Beide beliebt in hohem Maße, denn die Bedenken pedantischer Leute über
+die originelle Haushaltung und äußere Erscheinung konnten nicht
+aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so
+bescheidene Wesen dieses glücklichen und Glück verbreitenden Paares. Man
+sah es der Frau Hofrätin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, daß sie
+in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemdärmel
+ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb gehörte; man
+gewöhnte sich daran, daß bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf
+pedantisch in das für ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf,
+während sie so heiter und gemütvoll zu plaudern wußte, wer verstand
+nicht, daß sie in unermüdlichem Schaffen und Sorgen für ihre große
+Familie an die äußere Erscheinung wenig denken konnte? Überdies wurde
+sie auch außerhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen.
+Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis
+erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine
+entschiedene natürliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten
+Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zunächst nach Frau Pfaff
+zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie
+wußte oft guten Rat und in ihrer großen Herzensgüte fand sie es nur
+natürlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde.
+
+So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht
+gute Geistesgaben, edlen Sinn und fröhlichen Humor voraussagen? Und
+müssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick für
+die äußere Erscheinung, Ordnungs- und Schönheitssinn nicht ganz abgehen
+wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflüsse,
+die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zuströmen, bald
+hemmend bald fördernd, was ihm von der Natur eigen ist.
+
+Nächst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen
+sich später noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber früh
+verstarb. Am nächsten im Alter standen Pauline ihre vier Brüder,
+»Friedel, Hans, Co und Fritz«, ihre täglichen Spielkameraden, die
+Genossen ihrer Jugend, vier prächtige Jungen voll Geist und Leben,
+treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier »Pfaffsbuben«
+bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat
+mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft,
+ließ sie gewähren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die
+Mutter sah der Jugend ihren Übermut nach. Sie nahm es z. B. nicht
+schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Stühlen fünf
+mit etwas abgesägten Beinen vorfand, schön regelmäßig abgestuft, einer
+immer etwas kürzer als der andere, damit die ungleich großen Kinder am
+Tisch sitzend alle gleich groß erschienen. Dieses merkwürdige Mobiliar
+fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber
+wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte:
+»Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet« und darüber
+bemerkte, das müßte ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem
+kleinen Spötter mit dem Kochlöffel einen solchen Treff, daß ihm und den
+anderen klar wurde: Die göttlichen Dinge dürften nicht herabgezogen
+werden.
+
+Denken wir uns zu solchen vier Brüdern eine kleine Schwester, so dürfen
+wir ihr prophezeien, daß sie fröhlich und unternehmend, nicht
+zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich müssen wir auch
+fürchten, daß diese Fröhlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit
+ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einfälle bringen
+wird, die einem artigen Professorentöchterchen nicht wohl anstehen. So
+lesen wir auch in dem Brief einer Tante, die zu Besuch kam, folgendes
+Urteil über die damals vierjährige Pauline: »Sie ist so wild und
+unbändig als die Knaben, was ihr als Mädchen viel übler ansteht, recht
+gutmütig ist sie wohl, auch recht hübsch, allein ein wahrer Husar.«
+
+Aber als Gegengewicht standen obenan zwei erwachsene Schwestern, solche
+sind immer die geborenen Erzieherinnen für das jüngste Kind, und bald
+wird sich noch ein anderer Einfluß bemerkbar machen: eine gesittete
+Freundin tritt auf. Ehe wir aber diese schildern, müssen wir auch die
+Stadt besehen, den Heimatboden aus dem das Pflänzchen hervorwächst.
+
+Die bayerische Universitätsstadt Erlangen liegt in Mittelfranken,
+demjenigen Kreise des Königreichs, in dem die protestantische
+Bevölkerung vorherrscht. So ist auch auf dieser Universität die
+theologische Fakultät von jeher bedeutend gewesen. Die kleine
+bescheidene Stadt läßt Muße zu fleißigen Studien. Daneben entwickelt
+sich dort auch ein fröhliches Burschenleben sowie ein traulicher Verkehr
+zwischen den Professorenfamilien. Viele bedeutende Namen klingen zu uns
+aus dieser Stadt. Von den Zeitgenossen Pfaffs, die dort gelebt und mit
+denen er in Berührung war, wollen wir nur einige nennen: Schelling,
+Rückert, Platen, Raumer -- Namen, die keinem gebildeten Deutschen fremd
+klingen.
+
+Führt uns heute unser Weg nach Erlangen und sind wir begierig, den Ort
+zu sehen, in dem so viele geistig bedeutende Menschen sich entwickelten
+oder anderen zur Entwicklung halfen, so wundern wir uns über die stille
+Stadt mit den auffallend kleinen Häusern; nur wenig von modernem Leben
+und Treiben tritt uns da entgegen, Ruhe herrscht in den weiten Straßen
+und auf den großen Plätzen. Manche der Einwohnerzahl nach kleinere
+Städte machen durch höhere Häuser, engere Straßen und allerlei laute
+Gewerbe einen belebteren Eindruck als Erlangen, gar nicht zu reden von
+manch andern Universitätsstädten, in denen Fremdenverkehr mit
+Hotelomnibus, Automobilen und eleganten Gefährten der Stadt ein
+vornehmes Gepräge verleihen. Davon ist in Erlangen nichts zu sehen. Zwar
+würden die Großeltern der jetzigen jungen Generation staunen über die
+Reinlichkeit der kanalisierten Straßen, in denen zu ihrer Zeit trübe
+Lachen vor den Häusern standen, staunen über die nächtliche Beleuchtung,
+die ihre kleinen Handlaternen in die Rumpelkammern verwiesen hat;
+manches Häuserviertel wäre ihnen vollständig unbekannt, die neuen
+Universitätsgebäude, die sorgfältig gepflegten Anlagen und schönen
+Brunnen würden ihre Bewunderung erregen. Aber dennoch, im Vergleiche mit
+andern war und ist Erlangen eine einfache Stadt, sie gab und gibt noch
+den Beweis, daß der menschliche Geist, der in einer so kleinen Schale
+eingeschlossen ist, auch keine große, stattliche Behausung braucht.
+
+Manche mögen ungünstig über die kleine Universitätsstadt urteilen und
+sie langweilig nennen, aber es wird immer auch solche geben, denen sie
+lieb ist und sinnbildlich erscheint für einen in sich gekehrten
+deutschen Gelehrten.
+
+In der Atmosphäre dieser kleinen Stadt ist Pauline aufgewachsen und
+unser Horoskop verspricht ein mehr dem Schlichten als dem Vornehmen
+zugewandtes Wesen ohne Streberei, mit Sinn für fröhliches Behagen und
+mit der Anschauung, daß nicht Geld, sondern Geist die Welt regiert.
+
+In der Spitalstraße stand das Haus, dessen unteren Stock die Familie
+Pfaff bewohnte. Es war eine kalte Parterrewohnung und so ist auch die
+Erinnerung an die erlittene Kälte eine der frühesten, die Pauline aus
+ihrer Kindheit behielt. Sie stand in dem besonders kalten Winter von
+1830 auf 31 erst in ihrem vierten Lebensjahre, doch hat sie einen
+unauslöschlichen Eindruck davon behalten, der wohl begreiflich ist, wenn
+man liest, was ihre Mutter damals an die Tochter Luise Kraz schrieb, die
+bei dem verheirateten Bruder Heinrich über Weihnachten zu Gast war. Es
+heißt in diesem Brief: »Ich lege dir ein Paar warme Schuhe bei, denn bei
+der heftigen Kälte wirst du sie wohl brauchen können. Bei uns ist es
+fürchterlich kalt, zwei Tage brachten wir keine Fenster auf und da die
+Läden zu waren, so mußten wir in völliger Dunkelheit leben; nun hat
+Siegfried mit Kohlen aufgetaut und so haben wir doch wieder Licht. Meine
+Pauline leidet sehr, weil sie sich Hand und Füße erfroren hat.«
+
+Bis ins Frühjahr hinein dauerte die grausame Kälte, die bis zu 30°
+stieg, so daß das Quecksilber einfror, und es ist wohl zu begreifen, daß
+in der Seele des Kindes dieser Eindruck haften blieb, trat ihr doch hier
+zum erstenmal ein großes Leiden entgegen, an dem sie selbst ihr kleines
+Teil mittragen mußte und das Menschen und Tiere zugleich betraf; nie
+vergaß sie den Anblick erfrorener Tauben, die man morgens auf der Straße
+liegen sah. Es folgten damals noch viele kalte Winter, doppelt
+empfindlich in den schlecht verwahrten Wohnungen. Treppentüren gab es
+noch nicht, so oft die Haustüre aufging, drang der eisige Luftstrom bis
+an die Zimmer; Winterfenster waren unbekannt, die Küchen hatten noch
+offene Kamine, durch die der Schnee in die Feuerstätte hereingeweht
+wurde. Eine Eigenart der Erlanger Häuser waren lange unverglaste Gänge
+auf der Rückseite, durch die die Kälte überall Einlaß fand. Die
+Türschlösser, die nach außen gingen, konnte man während der grimmigsten
+Kälte nicht mit der bloßen Hand berühren, weil die Haut daran kleben
+blieb.
+
+Darum schütteln die alten Leute aus jener Zeit die Köpfe, wenn wir in
+unseren wohlverwahrten Wohnungen über Kälte klagen wollen. »Ihr wißt gar
+nicht, was Kälte heißt« sagen uns die Erlanger der alten Zeit.
+
+Die Parterrewohnungen waren sehr niedrig, man konnte sie von der Straße
+aus ganz überblicken. Die Pfaffsjugend wußte daraus Vorteil zu ziehen.
+In der besseren Jahreszeit, wo die Fenster immer offen standen, brauchte
+man nicht erst an der Haustüre zu klingeln und auf Einlaß zu warten, man
+nahm den kürzeren Weg durchs Fenster. Gegen solch zweckmäßige
+Einrichtungen hatten die Eltern gewöhnlich nichts einzuwenden, nur
+geschah es dann auch in Fällen, wo es ihnen nicht passend erschien. So
+erzählte Frau Pfaff in späteren Jahren, wie einmal ein würdiger alter
+Herr von auswärts gekommen sei, um den Herrn Hofrat zu sprechen, und bei
+ihr sitzend auf dessen Heimkehr wartete, als plötzlich ein paar der
+Buben nacheinander und zuletzt auch Pauline zum Fenster hereinsprangen,
+worüber, da es nicht ohne Gepolter abging, der Fremde jedesmal
+zusammenschrak und sich wohl im stillen über die Sitte wunderte, die im
+Hause des Hofrates herrschte. Aber es wird ihm ergangen sein wie so
+vielen, daß ihm im Gespräch mit der frischen, herzgewinnenden Frau diese
+Dinge als nebensächlich, ja als Ausfluß ihres unbefangenen Wesens ganz
+natürlich erschienen.
+
+Fragten so Vater und Mutter nicht viel nach der sonst üblichen Form und
+Sitte, so war doch _ein_ Element in dem Haus, das manchmal danach sah,
+was denn in anderen Professorenfamilien Brauch sei und diese Sitten auch
+einführen wollte, und das war Anne, der dienstbare Geist des Hauses.
+Diese treue Person liebte vor allem die kleine Pauline und hätte sie
+gerne feiner gekleidet gesehen. Besonders eines war es, das sie immer
+wieder beantragte, das Kind sollte auch, wie andere seines Standes,
+Ohrringe bekommen. Sie wandte sich an die Mutter, ja an den Herrn Hofrat
+selbst, aber ihre Bitte fand kein Gehör, denn für solchen Luxus war man
+nicht zu haben. Anne aber konnte die schmucklosen Ohren ihres Lieblings
+nimmer ertragen. Sie wartete, bis sie wieder ihren Lohn erhalten hatte,
+nahm dann heimlich das Kind mit sich, kaufte ihm nach ihrem Geschmack
+goldene Ohrringe, stach sie ihm selbst kunstgerecht und führte stolz die
+so geschmückte Kleine den Eltern vor, indem sie sagte, die Pauline sei
+so gut ein Professorenkind wie andere auch, darum müsse sie auch wie
+diese Ohrringe tragen. Und die Eltern, obgleich sie solchen Schmuck
+nicht leiden konnten, waren doch viel zu gutmütig, um dem Mädchen, das
+sein Geld daran gewendet hatte, die Freude zu verderben, und Pauline
+trug Ohrringe wenigstens so lange Anne im Hause blieb.
+
+Der Einfluß dieser treuen Dienerin war kein geringer auf Pauline, die
+später oft scherzhaft von Anne als ihrer Erzieherin sprach. Für eine
+solche wäre nur etwas weniger Aberglauben zu wünschen gewesen. Der naive
+Standpunkt, auf dem in dieser Hinsicht die wackere Person stand, geht
+aus folgendem Zuge hervor: Am Himmelfahrtsfest hatte sie an eine Schürze
+ein neues Band angenäht, war sich dabei aber einer Feiertagsentheiligung
+bewußt. Als nun am Nachmittag ein schweres Gewitter heraufzog, fühlte
+sie sich durch diese Sünde um so mehr beunruhigt, je heftiger es blitzte
+und donnerte. In ihrer Seelenangst eilte sie endlich hinauf in den
+obersten Bodenraum, hing die Schürze mit dem sündhaften Band zur
+Dachlucke hinaus und rief: »So Blitz, jetzt schlag in den Bändel!«
+
+Solche Eindrücke blieben der kleinen Pauline ebenso wie die unheimlichen
+Gespenstergeschichten, die Anne erzählte und von deren Wahrheit sie ganz
+überzeugt war. Dadurch wurde in der Kinderseele eine Furcht erweckt, die
+sich in einsamen und in nächtlichen Stunden oft zur Qual steigerte. War
+Pauline zufällig abends allein zu Hause, so kam mit der Dunkelheit die
+Furcht über sie, aber nur die Gespensterfurcht war es, eine andere
+kannte sie nicht. Deshalb verfiel sie auch auf eine eigentümliche
+Schutzmaßregel. Sobald es dunkelte, öffnete sie weit alle Türen und
+Fenster der Parterrewohnung, um Gelegenheit zur Flucht zu haben. Dann
+blickte sie wachsam nach allen Seiten, um nach der einen zu entfliehen,
+sobald von der andern das Gespenst auftauchen würde. Sie war überzeugt,
+daß kein Besuch aus der vierten Dimension es hinsichtlich der
+Schnelligkeit der Beine mit ihr aufnehmen könne.
+
+Oft erwachte sie nachts und horchte mit Bangen und Herzklopfen nach
+irgend einem unerklärlichen Geräusch. Es gab deren so viele in dem alten
+Haus, und besonders in der Dachkammer, die zeitweise ihre Schlafstätte
+war. Oft wehte der Schnee oder drang der Regen durch die Schindeln des
+Daches und das Bett mußte hin- und hergeschoben werden, bis sich eine
+trockene Stelle fand. Sie erinnerte sich noch in ihrem Alter einer
+Schreckensnacht, in der sie an einem Geräusch erwachte und deutlich
+spürte, daß etwas auf ihrer Decke sich auf sie zu bewegte. Ihre erregte
+Phantasie hatte im Nu ein Gespenst daraus gemacht. Sie wagte sich nicht
+zu rühren und nicht zu schreien und empfand buchstäblich, was wir meist
+nur bildlich so ausdrücken, daß ihre Haare sich vor Entsetzen sträubten,
+bis sie erkannte, daß es nur eine Katze war, die den Weg in die Kammer
+gefunden hatte. Pauline hat die Gespensterfurcht als das schrecklichste
+Leiden ihrer Kinderzeit im Gedächtnis behalten.
+
+Hat die treue Anne in diesem Punkt Unheil angerichtet, so tat sie doch
+sonst den Kindern nur Gutes und nahm an Freud und Leid der Familie
+Anteil, wie wenn sie ein Glied derselben gewesen wäre, ja sogar das auf
+Reichtum und Ehre am meisten bedachte Glied. Einmal hatte es auch den
+Anschein, als sollte ihr Ehrgeiz befriedigt werden und Reichtum in die
+Familie Pfaff einkehren. Die französische Akademie hatte einen
+Ehrenpreis ausgesetzt für die Lösung einer ungemein schwierigen
+astronomischen Berechnung. Pfaff, der sich für die gestellte Aufgabe
+interessierte, machte sich an die mühsame Arbeit. Vierzehn Bogen Papier
+-- so sagt wenigstens die Familientradition -- mußte seine Frau
+aneinanderkleben, damit die Berechnung darauf Platz fand. Die Lösung
+gelang, wurde eingesandt und von der Akademie als preiswürdig erkannt.
+Jeden Tag konnte der ausgesetzte Preis eintreffen. Statt seiner kam in
+den Zeitungen die Nachricht von dem neuen #régime# in Frankreich,
+welches das alte gestürzt hatte, und in den Wirren der Julirevolution
+blieb der erwartete Goldregen aus. Die Enttäuschung wäre wohl noch
+bitterer gewesen, wenn sie auf einmal gekommen wäre, aber man konnte ja
+noch immer hoffen auf günstigen Umschlag, auf Rückkehr der alten
+Zeiten, und über diesen Hoffnungen vergingen sachte die Jahre und die
+vierzehn Bögen gerieten allmählich in Vergessenheit.
+
+Es kamen andere Sorgen, die der Familie näher gingen. Da war zuerst der
+schon früher erwähnte Tod der Tochter Aurora, dann starb das nach
+Pauline geborene Töchterchen, Sophie, etwa sechsjährig, an Croup. Bis in
+ihr Alter erinnerte sich Pauline dieser lieblichen kleinen Schwester und
+des Augenblicks, da diese in ihrer Todesnot nach Atem ringend ihr
+Bettkittelchen von unten bis oben zerriß, um Luft zu bekommen. Noch
+trauernd um diesen Verlust sah die Mutter einen noch herberen nahen,
+fühlte sie die Grundfeste des Hauses wanken. Ihr bis dahin so gesunder
+Mann erlitt im Jahre 1834 einen Schlaganfall, dem später noch weitere
+folgten. Für ihn und die Seinen entstand daraus eine schwere
+Leidenszeit. In verschiedenen Briefen an ihre treue Schwester Adelheid,
+die mit Rektor Roth in Nürnberg verheiratet war und an die Verwandten in
+Württemberg spricht sich der tiefe Kummer über die Krankheit, die bange
+Sorge vor der Zukunft aus. Sie schreibt: »Ihr glaubt nicht, in welcher
+Spannung und Angst ich lebe, ich bin nur froh, wenn ein Tag wieder herum
+ist. Oft denke ich: nur auch _ein_mal möchte ich mich wieder
+niederlegen, ohne daß die schweren Sorgen mich drücken, die werden mich
+aber wohl nicht mehr verlassen, besser kommt es wohl nimmer, aber
+schlimmer kann es ja noch werden.« Es gibt wohl kaum eine größere Qual
+als die, welche sie nun durchmachen mußte; zusehen, wie nicht nur die
+körperlichen, sondern auch die geistigen Kräfte des geliebten Mannes
+infolge jedes neuen Anfalls immer mehr abnahmen. Dazu kam, daß er selbst
+sich zeitweise dieses Zustands bewußt und dann im höchsten Grade erregt
+war.
+
+Den Kindern blieb ein Auftritt in Erinnerung, unter dem sie ihre Mutter
+erzittern sahen. Sie saß am Bette des Mannes, der sie immer um sich
+haben wollte, und mit dem zu sprechen doch so qualvoll war, weil ihm oft
+die Worte nicht zu Gebote standen und er dadurch in wachsende Erregung
+geriet. So suchte er diesmal nach einem Namen, konnte ihn nicht finden
+und fragte seine Frau: »Wie heißt der Student, der so oft zu uns kommt?«
+Sie nannte einen Namen und wieder einen, jeder falsche Vorschlag regte
+ihn mehr auf und sie besann sich in wachsender Angst auf die zahllosen
+Studenten, die jemals aus- und eingegangen waren, bis er endlich in Wut
+ausbrechend ihr zurief: »Du Rabenmutter, es ist ja Dein eigener Sohn!«
+Der Sohn Heinrich war es, dessen Namen er gesucht hatte. Auf solche
+Stunden der Erregung folgten auch wieder ruhigere, in denen sein
+früheres liebevolles, anspruchloses Wesen zum Ausdruck kam, denn auch
+bei geistig Erkrankten tritt ihr eigentliches Naturell zeitweise zutage.
+Der selbstlose Mensch wird immer zu unterscheiden sein von dem Egoisten,
+der feinfühlende von dem gemeinen, und es hat etwas unendlich Rührendes,
+wenn solch edle Eigenschaften durchleuchten zwischen den durch die
+Krankheit verdunkelten Stunden.
+
+So blieb auch diesem Kranken die Liebe und Verehrung der Seinen treu bis
+zu dem Augenblick, wo ihn der Tod erlöste, im Sommer 1835.
+
+Wie es der Witwe zumute war, als sie allein stand mit ihrer Kinderschar,
+spricht sie aus gegen den ältesten Sohn Heinrich, der damals schon eine
+Anstellung hatte an dem theologischen Seminar im Kloster Schönthal in
+Württemberg.
+
+ _Lieber Heinrich!_
+
+ Schwere kummervolle Tage habe ich zurückgelegt seit Du von uns
+ gingst und noch immer kann ich mich an den Gedanken nicht
+ gewöhnen, daß Ihr für dieses Leben keinen Vater mehr habt und
+ daß auch mir die Seele von meinem Leben fehlt. Die erste Zeit
+ wurde mir dadurch leichter, weil der Gedanke, daß er nun Ruhe
+ habe, mir so tröstlich war. Allein jetzt, seit die Erinnerung an
+ seine Leiden schwächer wird und sein Bild wieder in meiner Seele
+ lebendig wird, wie er früher war, mit welcher Liebe er an uns
+ hing und mit welcher Treue er alle seine Pflichten erfüllte und
+ wie sein Geist und Beispiel noch so wohltätig für seine Kinder
+ gewesen wäre, da möchte ich wohl fragen: warum Du lieber Gott
+ hast Du uns das wohl getan? und schwer wird es mir, mich mit
+ Ergebung in Gottes Willen zu fügen. Ich habe mit der
+ schmerzlichsten Sehnsucht gehofft, er werde vor seinem Ende noch
+ so viel Bewußtsein bekommen, daß er seinen Kindern auch noch
+ einen Segen, mir nur auch ein Trosteswort zurücklassen könne,
+ denn schon bei einer kurzen Trennung tut es wohl, wenn man
+ Abschied nehmen kann und ich mußte bei dieser schmerzlichen und
+ vielleicht langen Trennung auch diesen Trost noch entbehren ....
+
+
+
+
+II.
+
+1835-1849
+
+
+Unsere kleine Pauline war inzwischen ein Schulmädchen geworden, ein
+begabtes, wenn auch nicht eben ein fleißiges. Sie konnte, wenn es darauf
+ankam, schon ganz ordentliche Briefe schreiben. Es ist uns solch ein
+Kinderbrief erhalten, den sie anläßlich der Verlobung ihres Bruders Kraz
+mit Luise Elsäßer an diese schrieb. Sie redet die neue Schwägerin gleich
+als Schwester an.
+
+ _Liebe Schwester!_
+
+ Es freut mich, daß Du einen Bräutigam hast und daß es mein
+ Bruder ist. Heiratet Euch nur bald, ich freue mich recht bis die
+ Hochzeit ist, denn ich komme auch dazu. Weil Du gesagt hast, ich
+ soll Dir schreiben, so will ich es tun. Ich kenne Dich zwar noch
+ nicht, aber ich kann mir schon denken, wie Du bist, wenn Du für
+ den Heinrich recht bist. Schreibe mir in dem Brief, wo Du mir
+ antwortest, wie Du bist, denn viel weiß ich noch nicht. Komme
+ auch bald zu uns, es gefällt Dir gewiß, denn dem Herrn Vischer
+ hat es auch gefallen, der doch schon weit in der Welt herum
+ gekommen ist. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, daß Du uns
+ geschrieben hast. Hast Du denn auch noch Geschwister? die dann
+ meine Schwestern und Brüder sind. Ich kann nichts weiter
+ schreiben, denn ich weiß nichts mehr. Wir grüßen Dich alle,
+ besonders ich. Lebe wohl und habe lieb Deine
+
+ Antworte mir.
+ Pauline Pfaff.
+
+Wenn auch Pauline im Lesen und Schreiben mit mancher fleißigeren
+Schülerin Schritt hielt, so hatte sie doch keinen rechten Ernst in den
+Schulstunden und wenig Eifer zum Lernen ihrer Aufgaben, aber unbewußt
+lernte sie mit den geistig regsamen Brüdern, die des Vaters
+naturwissenschaftliche Interessen und auch einige Kenntnisse in diesem
+Fach überkommen hatten; sie wußten mit den vorhandenen Mitteln,
+Elektrisiermaschine, Teleskop, Sternkarten u. dergl. umzugehen und
+Pauline nahm an diesem Treiben teil mit angeborenem Interesse und
+Verständnis. Jeder Lehrer hätte an dieser aufgeweckten Schülerin seine
+Freude haben können, wenn diese sich nur dazu verstanden hätte, den
+Unterricht, der ihr mit einer Anzahl anderer Mädchen privatim erteilt
+wurde, regelmäßig zu besuchen. Das hielt sie aber nicht für nötig und
+das Schwänzen der Schulstunden beschwerte durchaus nicht ihr Gewissen,
+das zurzeit auf solche kleine Vergehen noch nicht reagierte. Die
+Schulaufgaben wurden möglichst rasch erledigt, denn am Abend tummelte
+sie sich lieber auf dem nahen Kirchenplatz und trieb dort allerlei
+Schabernack. So flößte sie gern den Menschen Schrecken ein, indem sie in
+der Dunkelheit ein weiß behangenes Bügelbrett feierlich um die Kirche
+trug, was bei dem Gespensterglauben jener Zeit seine Wirkung nicht
+verfehlte.
+
+Doch nun trat in ihren Lebensweg eine Freundin, die großen Einfluß auf
+sie gewinnen sollte, ein gesittetes, gewissenhaftes und wohlerzogenes
+Mädchen. Es war die Tochter einer als Witwe nach Erlangen gezogenen
+Oberappellationsgerichtsrätin, die in der Nähe Wohnung nahm. Dem Namen
+dieser Familie werden wir in diesem Buche noch oft begegnen -- er heißt
+_Brater_.
+
+Ob wohl eine Ahnung der guten Frau Pfaff sagte, von welcher Bedeutung es
+einst für sie sein würde, daß vor dem Haus ihr gegenüber ein bepackter
+Wagen aus München ankam, der den Hausrat der verwitweten Frau Brater
+brachte, und als diese selbst, eine feine, ernste Frau in
+Trauerkleidern, mit ihren drei Töchtern Einzug hielt in der bescheidenen
+Wohnung? Ihr einziger Sohn, Karl, studierte in München, von ihm war
+zunächst nichts zu sehen, aber die Töchter, Julie, Luise und Emilie,
+wurden freundlich in Erlangen empfangen durch ihre Verwandten, denn Frau
+Brater war ihrer ebenfalls verwitweten Schwester, Frau Schunck,
+nachgezogen und durch diese Pfaffs wohlbekannte Familie entstanden bald
+Beziehungen zu den Neuangekommenen.
+
+Luise und Pauline wurden Schulkamerädinnen und ihre ungleichartigen
+Naturen zogen sich an. Die kleine Fremde war bald ganz eingenommen für
+die fröhliche Kamerädin, die vielerlei anzustellen wußte, allezeit
+lustig und guter Dinge war. Aber sie merkte auch, daß Pauline manches
+tat, was ihr unerlaubt schien, und während die Frische und
+Ungebundenheit der neuen Freundin sie anzog, machte das wohlerzogene
+Kind sich doch über dieses und jenes Gedanken, erzählte wohl auch der
+Mutter davon und diese richtete nun ihr Streben darauf, die wilde kleine
+Hummel, die auch ihr trotz mancher Unart gar wohl gefiel, in ihr Haus
+herein zu locken, damit die beiden Freundinnen unter ihrer Aufsicht
+miteinander verkehrten. Pauline hat nie die Eindrücke vergessen, die sie
+hier empfing. Es gingen ihr die Augen darüber auf, wie es in einem
+wohlgeordneten Haushalt eigentlich aussehen sollte. Mit Staunen bemerkte
+sie, daß hier jedes Ding seinen festen Platz hatte, daß täglich
+aufgeräumt und abgestaubt wurde und daß die bescheidenen Räume dadurch
+ein feines, wohnliches Aussehen erhielten. Der kleinen energischen
+Person war nicht sobald das Licht für Ordnung und Schönheit aufgegangen,
+als sie auch schon strebte, solche daheim einzuführen. Es wollte ihr
+nimmer gefallen, wenn das Frühstücksgeschirr bis zum Mittagessen auf dem
+Tische stand und jeder der vielen Hausgenossen allerlei dazwischen
+schob, sie wollte nun auch aufräumen und abstauben. Anfangs waren ihre
+Ordnungsversuche etwas roher Art: sie hob die Schürze auf, schob alles
+was da umherlag hinein und trug es in das nebenan liegende Schlafzimmer,
+denn ihr neuerwachter Ordnungssinn beschränkte sich zunächst auf das
+große Wohnzimmer. Aber je mehr sie heranwuchs, um so ausgeprägter wurde
+dieser Sinn und erstreckte sich auch auf andere Gebiete. Der eine und
+andere der Brüder fing an, auf ihre Bestrebungen einzugehen, besonders
+der älteste der vier Pfaffssöhne, Siegfried, der auch von Natur zur
+Ordnung geneigt war, sowie der jüngste, Fritz, unterstützten sie. Die
+andern Geschwister fanden wenigstens an der Schwester diese Anlage
+angenehm und wandten sich an sie, wenn die Mutter nicht Zeit fand, für
+Kleidung und Wäsche zu sorgen. Einer von ihnen, Colomann, gewöhnlich nur
+Co genannt, kam übrigens noch im Knabenalter nach Württemberg, um dort
+das theologische Seminar zu besuchen, in dessen strenge Zucht sich
+freilich ein so ganz in Freiheit aufgewachsener junger Bursche schwer
+einleben konnte. Ungemein frisch und fröhlich, voll übersprudelnden
+Humors und Lebenslust war er bei jedermann, nur bei den Lehrern nicht
+beliebt, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Die Schwierigkeiten, die
+er in den Schuljahren und noch späterhin machte, verursachten seiner
+Mutter viel Kummer und es wäre ihr zu gönnen gewesen, hätte sie voraus
+gewußt, was wir wissen, daß auch er es schließlich zum wohlangesehenen
+Professor der Mathematik in Stuttgart brachte.
+
+Bei aller Einfachheit und Sparsamkeit entwickelte sich doch, als die
+jungen Pfaffs heranwuchsen und fröhliche Studenten, meist Bubenreuther
+wurden, ein überaus beglückendes geselliges Leben im Haus, an dem die
+Mutter, trotz aller Arbeit und Sorge, die auf ihr lag, selbst ihre
+Freude hatte. Die älteste Tochter Luise, ein geistig bedeutendes
+Mädchen, und ihre Freundin, Hannchen Richter, sowie die Brüder mit ihren
+Freunden, vereinigten sich oft im Haus Pfaff zu Spielen und
+Darstellungen oder zu gemeinschaftlichen Ausflügen. Zu diesem Kreise
+gehörte nun auch _Karl Brater_, der sich mit Siegfried und Hans Pfaff
+eng befreundet hatte. Ganz anders geartet als diese, ernst,
+zurückhaltend, schon in den Studienjahren ein vielversprechender Jurist,
+von Haus aus an gesetzte Manieren gewohnt, unterschied er sich von der
+übermütig fröhlichen, unbefangenen und lauten Art seiner Freunde, fühlte
+sich aber angezogen von dem frischen, treuherzigen Ton des Hauses und
+nahm mit Begeisterung teil an den Aufführungen klassischer Werke, zu
+denen Frau Pfaff, bereitwilliger als wohl andere Hausfrauen, ihr Zimmer
+zur Verfügung stellte. Neben der erwachsenen Schwester und deren
+Freundinnen, der schönen Julie Nees v. Esenbeck, der geistig bedeutenden
+Julie Brater und dem originellen Hannchen Richter, die von den jungen
+Männern gefeiert wurden, kam die erst halb erwachsene Pauline und ihre
+Freundin Luise noch nicht zur Geltung und Beachtung, aber doch behielt
+Pauline eine beglückende Erinnerung an diese Geselligkeit und freute
+sich im späteren Leben, wenn sie Familien traf, die ebenso harmlos und
+ungezwungen ihr Haus für Freunde und Freundinnen öffneten. Was braucht
+die Jugend mehr als eben ihresgleichen, um vergnügt zu sein? Es ist ein
+Irrtum, zu meinen, daß es ohne Aufwand an Essen und Trinken, an Toilette
+und Bedienung keine Freude gäbe. Im Haus Pfaff war umständliches
+Vorbereiten und Einladen nicht Sitte, man kam meist nach dem Abendessen
+zusammen, die jungen Mädchen mit Laternen in der Hand, wie es für
+schicklich galt in den schlecht beleuchteten Straßen und eingehüllt in
+lange Kragen, die man »Tugendhüllen« nannte. Auf Tafelgenüsse wurde
+nicht gerechnet, denn während ihre Söhne studierten, wußte Frau Pfaff
+oft nicht, woher Geld zum Nötigsten nehmen, und ihre Kinder erinnerten
+sich später, wie sie gar manchmal an das Geldschublädchen gingen, das
+vertrauensvoll für alle zugänglich war, wie sie zu diesem oder jenem
+Einkaufe Geld herausnehmen wollten, aber nachdem sie den Inhalt
+visitiert hatten, gern auf alles verzichteten und die kleine Lade wieder
+zuschoben, weil sie allzu dünn belegt war mit dem, was doch für den
+ganzen Monat ausreichen mußte.
+
+Lange Zeit besaßen die drei jüngsten Söhne nur einen gemeinsamen
+Sonntagsanzug. Derjenige, welcher am frühesten aufstand, nahm Besitz
+davon, die andern hatten das Nachsehen und konnten Sonntags nicht aus
+dem Hause gehen.
+
+Viele Jahre wohnte die Familie Pfaff in einem Haus in der Karlstraße,
+das der Witwe des Professor Kopp gehörte. Die beiden Frauen, als
+Württembergerinnen schon vorher befreundet und nun in ähnlichen
+Verhältnissen lebend, schlossen sich eng aneinander, halfen sich auch
+getreulich aus. Einst brachte der Postbote für Frau Pfaff ein
+unfrankiertes Paket. Es war wohl Ende des Monats, denn die Pfaffsche
+Geldschublade war leer. In ihrer Verlegenheit wegen des Portos sprang
+Frau Pfaff die Treppe hinauf, um bei Frau Kopp das Sümmchen zu
+entlehnen. Diese gute Kollegin besaß aber im Augenblick auch nichts
+mehr, dagegen hatte sie ein wackeres Dienstmädchen, das war im Besitze
+der nötigen Groschen und konnte den beiden Professorinnen aus der
+Verlegenheit helfen.
+
+In dieser Zeit war es wohl auch, daß ein Besuch im Spätherbst, als es
+schon recht unangenehm kühl war, ein kaltes Zimmer voll Rauch antraf.
+Frau Pfaff entschuldigte sich: sie habe grünes Holz gekauft, weil dies
+billiger sei und nicht brenne; für so junge Leute wie die ihrigen sei es
+genug, wenn sie auch nur am Rauch merkten, daß eingeheizt sei.
+
+Der fröhliche, gesellige Kreis lichtete sich allmählich und verlor
+seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in
+Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine
+Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit häufiger als jetzt
+vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein
+Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen
+hier folgen:
+
+ 1.
+
+ Freundschaft, die bei Kinderspielen
+ In der Kinderstub entstanden,
+ Ist verwandt der pflichtgemäßen
+ Liebe zwischen Blutsverwandten.
+ Eh Du noch mit klaren Blicken
+ Deinen Sinn erkannt und ihren, --
+ Einem Zufall hat's gefallen,
+ Dich und sie zusamm' zu führen.
+ Freie Wahl in spätern Jahren
+ Wird vielleicht den Zufall preisen,
+ Wird vielleicht gleichgültig scheidend
+ Euer altes Band zerreißen.
+
+
+ 2.
+
+ Freundschaftsbünde, wie sie zwischen
+ Alten Leuten sich begeben,
+ Kenn ich freilich, Dank dem Himmel,
+ Nicht aus eigenem Erleben.
+ Aber können die mit voller
+ Froher, junger Liebe lieben,
+ Die sich in der Zeit der Fülle,
+ Freude, Jugend, fern geblieben?
+ Alte, schon vernarbte Herzen,
+ Die in gut und schlechten Tagen
+ Ihre Lust und ihre Leiden
+ Einsam durch die Welt getragen?
+
+
+ 3.
+
+ Freundschaft, die sich Jugend gründet,
+ Ist ein Bau fürs Menschenleben,
+ Ein Hospiz, das immer offen
+ Freundlich Obdach Dir zu geben.
+ Jugend ist die Zimmerstätte,
+ Wo der Mensch sein Schicksal gründet,
+ Jeden kann er drein verflechten,
+ Der sich willig zu ihm findet.
+ Jugend ist in vielem Schüler,
+ Aber Meisterin im Lieben
+ Alt wird, ohne Jugend, welcher
+ Ohne Liebe jung geblieben.
+
+Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, gründete auch Siegfried Pfaff
+den eigenen Hausstand in Nürnberg und Pauline wurde von da an gar oft
+zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie
+war flink, fleißig und gänzlich frei von den störenden Eigenschaften des
+Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brüder
+durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht
+lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu
+kam die rührende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr
+verständlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin
+für einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese
+Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng
+verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort
+eine Kur gebrauchen mußte. Die kränkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und
+dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke
+die Gäste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen Mädchen davon,
+denn sie erhoben nicht den Anspruch, daß man auch sie verköstigen solle.
+Sie gingen über die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem
+mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch
+ganz selbstverständlich, daß es unter so erschwerenden Umständen einige
+Tage kein Mittagessen für sie gab.
+
+Je öfter Pauline in ihren Mädchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen
+wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurück, der sie als
+jetzt einzige Tochter immer näher trat und an deren Sorgen sie treuen
+Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brüdern
+Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten
+Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch
+hatte sich des Vaters Interesse für die Astronomie auf die Jugend
+vererbt, so daß auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben
+dadurch viele Freuden genoß, die andern fremd sind. Wir Städter blicken
+ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne längst nicht
+mehr nötig, wie in früheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit
+einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir
+richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und
+Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der
+Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wußten alle, wann und wo
+Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf.
+Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein
+Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber
+dann wieder vergessen, waren ihnen so geläufig wie uns etwa, daß ein
+Jahr 365 Tage hat.
+
+Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbürger, die mit einem
+gewissen Stolz sich bewußt waren, fortwährend mit einer Geschwindigkeit
+von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein
+Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenwärtig, daß
+dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurückgelegt und doch nur
+acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so
+begrüßten sie ihn als unsern nächsten Nachbarn unter den Gestirnen, als
+einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des
+Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem
+Fuße, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren,
+geheimnisvollen, die sich nicht enthüllten vor dem besten Fernrohr. Mit
+Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von
+Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf.
+
+Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde
+beeinflußt, hat für den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich
+hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es
+später ausgesprochen, daß die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie
+mehr als alle Religionslehre mit dem Gefühl des Daseins Gottes
+durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende
+Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brüder zu gewinnen.
+Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in
+vielen Familien die dogmatischen Lehrsätze betont wurden, so daß z. B.
+eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: »Ich
+möchte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen«.
+
+Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es
+waren, können sich besonders schwer in dogmatische Lehrsätze finden und
+haben von diesen oft nur den einen Nutzen, daß der innere Widerspruch
+sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen
+großer Astronomen lesen, so ist es merkwürdig zu beobachten, wie sie
+fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was
+in früheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr
+brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind
+erfüllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und bestätigen
+das Psalmwort: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.
+
+Von den Brüdern Pfaff wählte übrigens keiner die Astronomie als Beruf.
+Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und
+Fritz zunächst Medizin, später wandte sich dieser der Geologie zu und
+hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vorträgen seine
+Überzeugung vertreten, daß die naturwissenschaftlichen Forschungen in
+Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der
+Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der
+Äther als Betäubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den
+lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafür
+volles Verständnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort für seine
+Versuche zur Verfügung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz
+tatsächlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie
+gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei
+ihrem Erwachen aus der Betäubung: es war der Gesang eines durch die
+stille Straße am Krankenhaus vorübergehenden Burschen; sein Lied drang
+durch das geöffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers
+bekannt:
+
+ Ei du schöne Sonnenblume,
+ Du hast mir das Herz gewonnen,
+ Du liegst mir in meinem Sinn
+ Wie der Kern im Kümmerling.[1]
+
+ [Fußnote 1: Erlanger Ausdruck für Gurke (Kukumer).]
+
+Der für Pauline so anregende Verkehr mit den Brüdern verminderte sich
+naturgemäß, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn
+ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zunächst eine Hauslehrerstelle
+auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise
+Brater, verließ die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu
+lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus
+zurück; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brüdern Pfaff zu
+allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner
+Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die
+sich sonst durch fröhliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm
+gegenüber schüchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr
+viel zu unbedeutend für diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit
+seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und
+in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: »Dem
+Brater gegenüber fühle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen.« Und
+die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von
+seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr
+sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts
+Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte
+etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Züge, die edle Stirne,
+die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, daß hier
+ungewöhnliche Eigenschaften des Geistes und Gemüts vereinigt waren. Aber
+dabei hatte sein Wesen etwas Zurückhaltendes, Strenges, seine Rede war
+oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches
+Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das
+Justizministerium nach München berufen worden. Wie sehr er sich schon im
+Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht
+aus der folgenden Äußerung eines Zeitgenossen hervor: »Brater warf sich
+mit jugendlichem Feuer und dem heißen Drang des deutschen Patrioten in
+die politische Strömung und trat mit Erfolg als Redner bei den
+Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brüdern Friedrich und
+Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische Tätigkeit in
+bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch maßvolle Haltung
+bei aller kritischen Schärfe, sowie durch ihren glänzenden Stil
+allgemeines Aufsehen.«
+
+Daß Pauline die längst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden
+Manne für einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der
+bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie
+war nun 21 Jahre alt, eine kleine, äußerst bewegliche, anmutige Gestalt.
+Konnte man sie auch nicht geradezu schön nennen -- dazu war schon die
+Pfaffsche Nase zu energisch -- so war doch das rosige, frische, von
+dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit fröhlichen
+Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres
+Reizes durchaus nicht bewußt und verschloß tief im Herzen ihre geheime
+Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre
+alt, einem ehrenvollen Ruf als Bürgermeister in die Stadt Nördlingen
+folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden.
+
+Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die
+auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame,
+deren Kinder er unterrichtete, wurde sein längeres Verweilen in dieser
+Stellung unmöglich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jüngsten
+Tochter des Hauses gefaßt hatte, eine Neigung, die zwar von ihr
+erwidert, aber von dem Vater nicht begünstigt wurde. Die Kluft zwischen
+Adeligen und Bürgerlichen, die schon so viele Liebende unglücklich
+gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verließ das
+Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.
+
+Nun bot sich auch ihm eine Stelle in Nördlingen, als Subrektor an der
+dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im
+Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als
+Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, daß die Schwester
+zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene Häuslichkeit bereiten solle.
+
+Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so
+lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen
+Vorschlag einzugehen; es ist, als hätte ihr eine Ahnung gesagt, daß sie
+sich damit für immer aus dem Elternhause lösen sollte.
+
+Sie schreibt darüber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849:
+
+ _Liebe Luise!_
+
+ Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so könnte es
+ mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten,
+ indem unser Briefwechsel so unregelmäßig geführt wird, daß die
+ Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und
+ man voraussetzen muß, daß ein Brief bei uns viel mehr Störungen
+ erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu spät
+ ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch höheren
+ Einfluß dieser Brief beschleunigt wird.....
+
+ Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schluß gemacht haben, daß
+ ich nach Nördlingen gehe. Die Sache wurde während Hans'
+ Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen
+ durch seine Ankunft freudig überraschte. Übrigens gibt es viel
+ mehr Schwierigkeiten dabei zu überwinden, als ich bisher gedacht
+ hatte, und ich nehme überhaupt jetzt alles recht schwer. Der
+ Hans ließ gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wünsche nur,
+ daß es ihn nicht reut, denn wir werden gehörig viel Geld für den
+ Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit Möbeln selbst
+ versehen müssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so müssen
+ wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint
+ mir das zu sein, daß ich natürlich nach so viel Ausgaben viel
+ mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter
+ zurückkehren kann, welcher Gedanke mich mit großem Heimweh
+ erfüllt. Was ich Dir sonst noch drüber schreiben könnte, will
+ ich aufschieben bis auf Nördlingen selbst, wohin ich also Anfang
+ Mai reisen werde.
+
+ Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, während des Hans
+ Anwesenheit waren wir sehr vergnügt. Wir experimentierten wieder
+ mit der Luftpumpe und mit der Elektrizität, wo mir bei letzterem
+ besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden
+ Grundstoffe zersetzt und aufgelöst ward. Ich dachte immer dabei
+ an Dich, es hätte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus
+ wurde aus seinem Schlaf aufgerüttelt und mußte uns alles
+ Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus
+ betrachtest, so bedenke, daß sie gegenwärtig aussieht wie ¼
+ Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht
+ wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu hören.
+
+ Deine Pauline.
+
+
+
+
+III.
+
+1849-1850
+
+
+Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach Nördlingen, der
+ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind
+die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von Gärten und
+Obstbäumen umgeben, einen malerischen Anblick.
+
+Vor dem einen der alten Tore, dem Löpsinger, liegt ein Anwesen: die
+Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den
+Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese
+nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule
+stürmte -- sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt --,
+so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte
+sie guten Rat in dem fremden Städtchen, so fehlte es ihr daran nicht,
+denn bald öffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der
+angesehensten Häuser der Stadt: die Beck'sche Buchhandlung. Neben dem
+geistig hervorragenden Leiter des Geschäfts waltete hier eine seelengute
+Frau in schön geordneten Verhältnissen, glücklich als Gattin und Mutter.
+Frau Beck war nur wenige Jahre älter als Pauline und kam der jungen
+Fremden freundlich entgegen.
+
+Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen
+besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie
+zusammen, denn mit dem Frühjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im
+Alter am nächsten stand, zu ihm, dem Bürgermeister, gezogen, um ihm Haus
+zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und
+als Familienverhältnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene
+Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich
+regelmäßig zu Kaffee und nachfolgendem gemütlichen Kartenspiel bei den
+Geschwistern ein.
+
+Nun könnte man meinen, daß der in Amt und Würden stehende Herr
+Bürgermeister Pauline noch mehr eingeschüchtert hätte, als es der
+frühere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die
+Hausfrau vorzustellen hatte, vergaß sie über der Fürsorge die
+Befangenheit. Sie mußte es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste
+zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen
+saßen. Wo hätte der junge Bürgermeister sich so offen und vertrauensvoll
+aussprechen können wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die
+Erlanger, den Nördlingern gegenüber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie
+vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt
+unter neu geknüpften stehen. Dazu kam der gemütliche Tarock; die Pfaffs
+waren alle gute Spieler. Der Spieleifer läßt aber keinen Raum mehr für
+Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit
+geschadet, wo es nur möglich ist, dem Partner wird alles Gute
+zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar
+Minuten später sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft
+und Feindschaft ist aufgehoben und vollständige Neutralität waltet, bis
+aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, daß das
+Kartenspiel eine vorzügliche Übung in der Selbstbeherrschung sei und sie
+schätzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswürdig _verlieren_
+konnten.
+
+In dieser Häuslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes
+genauer kennen. Nun verhüllte sich ihm nicht mehr, was für ein Schatz
+von geistigen und gemütlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte
+und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken dürfte. Auch
+sah er das junge Mädchen jetzt losgelöst von der mütterlichen
+Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett
+im Stande hielt, was seiner an Ordnung gewöhnten Natur Bedingung des
+Behagens schien. So kam der Entschluß, den er in den Erlanger Jahren
+wohl schon überlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife.
+
+In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe
+an und schreibt dann weiter: »Im allgemeinen vermute ich, daß Ihr zwar
+nichts dawider hättet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz
+bleiben ließe, -- _meine_ unparteiische Meinung ist das wenigstens -- daß
+Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgezählt
+acht vortreffliche Eigenschaften: Große Gutmütigkeit, viel
+Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick,
+Häuslichkeit, körperliche Gesundheit, angenehme und hübsche Züge; mit
+etwas graziöserem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe
+wäre sie sogar eine Schönheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund
+organisierte Natur, wie ich unter allen Mädchen meiner Bekanntschaft
+keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen
+Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht.
+
+Von Dir möchte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit
+ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand weißt. Sie scheint
+mir so unbefangen, daß ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben
+kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schüchternheit,
+die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen könnte, wenn sie nicht
+plausibler durch _mein_ ziemlich schroffes Benehmen erklärt wäre. Du
+wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschluß zu geben, soweit ich ihn
+brauche und wenn es mir deine Antwort, die du _umgehend_ schreiben mußt,
+nicht unmöglich macht, wate ich nächsten Samstag durch fußtiefen Schnee
+zur Brautwerbung.
+
+Die Sache bleibt natürlich noch vollständiges Geheimnis. Schreibe mir
+auch, daß Ihr mir die Freude gönnt und Euren Segen dazu gebt, wenn's
+zustande kommt.«
+
+Aus diesem »Ihr« ist wohl zu schließen, daß auch die Mutter in das
+Vertrauen gezogen war.
+
+Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die
+Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft
+erheiternd zu sehen, wie dringend und plötzlich auch bei sonst ruhigen
+und überlegten Naturen die Brautwerbung ausgeführt und durchaus nicht
+mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der
+schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr
+anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die
+Antwort noch in nächtlicher Stunde zurückbringen sollte!
+
+So hat auch Karl Brater, als er die günstige Antwort der Schwester in
+Händen hatte, es für nötig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen
+Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem
+Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als
+glücklicher Bräutigam abends wieder durch das Löpsinger Tor
+zurückgekehrt in seine weitläufige, einsame Amtswohnung, während die
+glückselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame
+Kunde mitzuteilen.
+
+Frau Pfaff saß diesen Winter viel einsam in ihrem früher so belebten
+Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn
+vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten
+hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu
+stricken, zu nähen und zu spinnen für die großen Kinder und die kleinen
+Enkel, aber in der _einsamen_ Arbeit bedrückten die Sorgen sie mehr als
+früher, wo fröhliche Jugend sich um sie tummelte. All die auswärtigen
+Kinder schrieben ja heim über ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und
+für Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, für sie sorgte sich das
+Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer »Line« werden, wenn die Brüder
+sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein würde? Sie
+mochte sich diese ihre geliebte Jüngste nicht vereinsamt vorstellen und
+bekümmerte sich darüber, wenn sie so allein in der langen Dämmerung der
+Winterabende saß und strickte.
+
+In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr
+an einem Dezemberabend den Brief aus Nördlingen brachte. Eifrig hat sie
+dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuzünden, hat ihre
+große Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: daß ihre
+Pauline die glückselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute
+Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in
+all ihrer Lebhaftigkeit hinüber zu Frau Brater. Wie muß ihr gutes
+Gesicht geleuchtet haben unter dem Häubchen und wie schief mag dies in
+der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mütter sich
+besprochen haben über ihrer Kinder Glück! Vor uns liegen die ersten
+Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst
+so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Blätter und lesen
+was darin steht von Glück und Dankbarkeit. Groß und deutlich sind die
+Schriftzüge, in denen Frau Pfaff auf das nächste derbe Schreibpapier,
+das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb:
+
+ _Geliebtes, teures Kind!_
+
+ Könnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen
+ ausdrücken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt
+ mein höchster Wunsch, Dich glücklich zu wissen, erfüllt und die
+ einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert
+ hätte, mir abgenommen; ich wüßte niemand in der Welt, dem ich so
+ mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben hätte als Brater und mit
+ keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie
+ mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne
+ euch und gebe, daß all die Hoffnungen und Wünsche erfüllt
+ werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht
+ vollkommen überrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da
+ mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht
+ hat, bin ich jetzt um so glücklicher, überhaupt war mir es heute
+ den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren hätte
+ und mein Leben ein herrliches gewesen wäre; ach und im ganzen
+ ist es auch so, ich war so glücklich mit eurem Vater, daß ich
+ auch in schweren Stunden mir nie gewünscht hätte, daß es anders
+ sein möchte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben,
+ alles andere ist Scheingut und muß abgelegt werden wie ein
+ Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewiß noch
+ über dieses Leben hinaus. Grüße Brater herzlich und sage ihm,
+ mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. Könnte ich mit
+ Worten ausdrücken, was mich innerlich bewegt, so hätte ich ihm
+ heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht
+ recht fassen; wäre doch die Zeit schon vorüber, bis ihr kommt.
+
+ An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch
+ Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht
+ geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Tränen
+ ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich
+ freue, sie glücklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie
+ noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir
+ wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt.
+
+ Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch.
+
+ Mit treuer Liebe Eure Mutter.
+
+Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend,
+wie es so der Brüder Art ist, schreibt er: »Wenn man deinetwegen einen
+Schwager haben _muß_, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.«
+
+Der Glückwunsch, den die junge Braut von der künftigen Schwiegermutter
+erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet:
+
+
+ _Meine liebe Pauline!_
+
+ Gewiß ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit
+ besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht
+ wundern, daß es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, daß Du
+ und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen
+ möchtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen
+ Freude in Erfüllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes
+ dauerndes Glück an Deiner Seite begründet, und begrüße Dich mit
+ wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! Möge der gnädige Gott
+ den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemühen,
+ Euch das Leben zu versüßen! Schenke auch mir künftig eine
+ kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon
+ jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von
+ allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle
+ sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser
+ Karl Dich uns zuführen wird. Wie schade, daß Dich nicht auch
+ unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil
+ ihres Lebensglückes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile
+ ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit.
+
+ Daß Deine gute Mutter mir künftig so nahe befreundet sein wird,
+ sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr schätze, ist
+ kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst,
+ Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben.
+
+ So leb denn wohl, liebes Töchterchen, Du hochgeliebte Braut
+ Deines überseligen Bräutigams, und sei auf das herzlichste
+ umarmt von Deiner mütterlichen Freundin
+
+ Ch. Brater.
+
+ Luischen grüße mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen
+ Brief von mir.
+
+Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein
+Verhältnis angebahnt, das nie durch einen Mißton getrübt ward. Mag das
+auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund
+verrufen sein, manchmal gestaltet das Verhältnis sich doch zu einem
+besonders zarten, beglückenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und
+Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas überginge
+in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es
+nicht die fest gegründete, kaum zu erschütternde Liebe sein wie zwischen
+Mutter und Kind, auf die man unter allen Umständen baut, auch einmal
+rücksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die bräutliche
+bewahrt und gepflegt werden müssen. Das hat Karl Braters Mutter
+verstanden, ihre Güte und Nachsicht war für Pauline eine köstliche
+Dreingabe zum ehelichen Glück.
+
+Rührend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius über die
+Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was
+im Herzen der jüngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus
+Schweinfurt:
+
+ _Liebste Pauline!_
+
+ Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines
+ Briefs erkannte, erschrak ich so, daß ich am ganzen Leib
+ zitterte, denn ich dachte, er müsse entweder etwas sehr Frohes
+ oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, daß es das
+ erstere war. Nun war ich aber auch ganz außer mir, und seit ich
+ verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so stürmisch umarmt
+ und geküßt. Wie leid tut es mir, daß ich sonst niemand habe, dem
+ ich mein volles Herz ausschütten kann, denn wenn ich es auch
+ hier meinen Bekannten erzähle, so wissen sie doch nicht, was es
+ für ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie
+ freuen sich nicht mehr darüber, als wenn Du den ersten besten
+ Philister heiraten würdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein
+ Wort über diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, daß
+ wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine
+ Vorwürfe, daß Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst
+ vermied es, diesen Gegenstand zu berühren. Nun brenne ich aber
+ vor Begierde, etwas Näheres von Dir selbst zu hören, und ich
+ hoffe, daß ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben
+ wirst. -- Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, daß wir hier so
+ hinausgestoßen sind. Was wird jetzt für eine Freude in der
+ ganzen Familie sein und wir können sie nicht mitgenießen! Doch
+ will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht
+ erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar
+ nichts mehr wünschen, da mir _dieser_ Wunsch in Erfüllung
+ gegangen ist, und nun drängen sich gleich wieder Wünsche auf. --
+ Nun lebe wohl und ich wünsche nur noch, daß Dir nichts Dein
+ Glück trüben möchte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil
+ sie sahen, daß ich so vergnügt war, mein Mann natürlich auch und
+ er läßt Dir durch mich die herzlichsten Glückwünsche sagen.
+
+ Deine treue Schwester _Luise_.«
+
+Nur _eine_ Stimme in den Briefen, die uns erhalten sind, klingt anders.
+Eine treue Tante des Bräutigams, Frau Schunck, führt, wohl nur zum Spaß,
+eine Äußerung ihres Sohnes an. Sie schreibt an Pauline: Mein Karl aber
+schüttelt den Kopf und sagt: »Der Braters Karl und die Pfaffs Pauline?
+Wenn das gut geht, so will ich's loben!«
+
+Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute
+zusammenpaßten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, daß sie sich
+ähnlich gewesen wären, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht
+nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf
+schütteln. Gewiß gibt es auch glückliche Ehen trotz großer
+Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu
+rechnen. Oft sehen wir, daß zwei an sich gute Menschen doch keine
+harmonische Ehe führen, weil ihre Naturen und Anschauungen zu
+verschieden sind. So fühlt sich der eine Teil, der etwa poetisch
+angelegt ist, verletzt durch den nüchternen, der gesellige gehemmt durch
+den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrückt durch den einsilbigen;
+der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der
+orthodoxe entsetzt sich über die Ansichten des liberalen, der modern
+gerichtete hält den altmodischen für rückständig.
+
+Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft
+beglückende wird, kommt es meist daher, daß der eine Teil sein Wesen,
+seine Anschauungen von der Familie überkommen, aber sich innerlich nicht
+zu eigen gemacht und bald hineinwächst in die Art des andern oder auch,
+daß die beiden neben aller Verschiedenheit durch _eine_ Seite ihres
+Wesens mächtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete
+begegnen, beglücken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in
+seiner Eigenart ungestört zu lassen, nicht zu verlangen, daß er sich
+ändere.
+
+Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen
+den Müttern, den Söhnen und den Töchtern bewiesen, daß trotz der
+Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die
+Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mißbilligen
+und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als
+pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollständig überein in
+der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung für alles Edle, Große;
+in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprüchen.
+
+So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte
+den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen
+Vetters Äußerung entnehmen.
+
+Pauline blieb zunächst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine
+Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigebäude, wo der
+Bürgermeister seine Amtswohnung hatte.
+
+Ein solches Blättchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl
+ihr erster schriftlicher Gruß an den Bräutigam; er hat weder Anrede noch
+Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen Mädchen noch nicht
+recht aus der Feder; der Bräutigam hat es vermutlich am Morgen nach der
+Verlobung erhalten. Es lautet:
+
+»Ob ich's noch erlebe, daß Du einmal wieder herauskommst? Wie machen's
+denn die Leute, daß ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen.
+Du mußt aber doch nicht früher kommen als Du ohnedem gekommen wärst, ich
+schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes
+Elend gestürzt; übrigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der
+von Rechts wegen keine Unüberlegtheiten zutage fördern soll, so scheint
+mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, daß Du Dich erstens bei
+-10° R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der
+Bleiche wohnt, doch -- 's' ist schon so', mach eben jetzt gute Miene zum
+bösen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich hätte Dir
+gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob
+ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu
+verführerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gruß.«
+
+Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl
+ein Höhepunkt des Glückes für beide Familien. Pauline hat dies erste
+Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wußte, daß
+sie kommen würde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz
+nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein
+Geschäft auswärts, vielleicht mußte sie nach der Wäsche sehen auf dem
+Trockenboden oder dergl. Dieses zurückzustellen, weil Pauline kam, oder
+gar für die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, wäre ihr
+gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wußte ja, wo in solchen Fällen
+der Schlüssel versteckt lag, sie fand Einlaß in die Wohnung und wartete
+da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und
+sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten.
+Manchmal hat sie in späteren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in
+der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerühmt, wenn
+sie sah, wie etwa für eine von der Reise heimkehrende Tochter
+übertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder
+gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch
+war Pauline ihr Liebling und sie freute sich unsäglich über deren Glück,
+und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen für ihre Verheiratung
+zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mütter ganz sorglos
+entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte
+und die ihre älteste Tochter mit derselben Not kämpfen sah, empfand es
+als eine ganz neue und ungewohnte Freude, daß dieses Gespenst hier nicht
+drohte; eine schöne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden
+Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen
+Jahren schon Frau Bürgermeisterin werden und eine große Amtswohnung mit
+Garten beziehen, welcher Reichtum!
+
+Noch für kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurück und diese Zeit
+benützte der Bräutigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der
+berühmte Porträtmaler Alexander Bruckmann übernahm den Auftrag und
+führte ihn zu großer Befriedigung aus. Von diesem Ölbild ist die
+Photographie abgenommen, die unserem Buch als _Titelbild_ beigegeben
+ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu
+besorgen, als das Bild in schönem Rahmen in die Bürgermeisterswohnung
+geliefert wurde. Der Bräutigam schreibt ihr darüber:
+
+»Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft
+betrachtet hat es etwas #à la Le Bret# an sich, aber wenn ich unter vier
+Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und
+entwickelt so liebenswürdige Eigenschaften, daß Du eifersüchtig werden
+könntest. Nur etwas zu spröd finde ich seine Haltung, denn aus seinem
+sanften gemäßigten Lächeln ist es nicht heraus zu schrecken, während das
+Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft gerät.«
+
+Da die Hochzeit schon auf Ostern festgesetzt wurde, mußte in Erlangen
+fleißig an der Aussteuer gearbeitet werden. Aus dieser Geschäftigkeit
+heraus gab Pauline ihrem Bräutigam eine wenig verlockende Schilderung:
+
+»In unserem Haus sind nun die Näherinnen und der enge Raum ist voll
+Unordnung, Dunkelheit, Staub, Bettfedern, und um die Mannigfaltigkeit
+des Anblicks zu vervollkommnen, eine überall hin verteilte
+mineralogische Sammlung (von Fritz). Wenn man sich umher bewegt, wird
+man voll Bettfedern, an meinen Haaren und Kleidern trage ich immer eine
+halbe Gans herum. Trotz all der Wüstenei, die mich umgibt, bin ich doch
+eine ganz vereinsamte Kreatur, ich komme mir vor wie einer, der aus der
+Welt hinausgefallen ist, überall wohin ich schaue ist nichts und gar
+nichts, du darfst wohl Mitleid mit einem so armseligen verlassenen
+Menschen haben und ihm einen Brief schreiben.«
+
+Er läßt auch sein »Herzkind« nicht lange warten und erzählt ihr, wie
+auch er in Vorbereitungen für den künftigen Hausstand steckt:
+
+»Unsere häusliche Einrichtung entwickelt sich. Es ist hübsch anzusehen,
+wie aus der öden Zelle eines Junggesellen sich so ganz allmählich der
+Wohnsitz einer Familie gestaltet. Die größten Fortschritte hat das
+Schlafzimmer gemacht und das ist, obwohl nur durch Zufall herbeigeführt,
+nicht mehr als billig. Denn alle andern Gemächer kann sich ein
+armseliger Junggeselle in beliebiger Zeit splendid und behaglich
+herstellen, nur an der Einrichtung des Schlafzimmers ist auf den ersten
+Blick der merkwürdige Unterschied erkenntlich. Es war mir seltsam
+vergnüglich zu Mut, wie ich vorhin in der Dämmerung hineintrat und alles
+fast schon bereit war, uns zu empfangen.«
+
+Der Hochzeitstermin naht und der Braut wird bange trotz allen Sehnens.
+»Ich bin gestern abend furchtbar erschrocken«, schreibt sie, »wie ich
+den Mond wahrhaftig schon beinahe voll gesehen habe, das ist der letzte
+Termin, das letzte Viertel scheint schon in Nördlingen. Ich hab's schon
+lang kommen sehen, daß es jetzt ernst wird!«
+
+Was sie furchtsam machte, wußte er wohl: es war der Gedanke, den sie ihm
+gleich bei der Verlobung ausgesprochen hatte, daß sie ihm nicht genügen
+könne. Er hatte ihr versichert, sie würde bald anders empfinden und
+erkundigt sich nun darnach:
+
+»Sage mir jetzt, wie steht es um deine Furchtsamkeit und zweifelsüchtige
+Selbstpeinigungen. Wie hat unsere grausame Trennung gewirkt, bindend
+oder lösend? Hast Du die wunderbare Erscheinung noch nicht bemerkt, daß
+der _Raum_ ohnmächtig gegen uns ist, daß wir uns auf eine Distanz von
+dreißig Poststunden ununterbrochen in den Armen halten und hast Du nicht
+daraus gefolgert, daß wir gewiß mit Leib und Seele zusammen gehören?
+Jeden Morgen und Abend frage ich Dich: Du Kleingläubige und Zaghafte:
+'Fürchtest Du Dich noch?' Immer hat sie bis jetzt 'ja' genickt, aber
+seit etlichen Tagen leichter und schwächer und es will mir erscheinen,
+als wollte sich's allmählich in eine andere Bewegung verwandeln. Komm
+und gesteh -- oder leugne auch, wenn es sein muß, aber _komm_ nur, denn
+diese Distanzen von dreißig Stunden, wenn sie auch nur Illusion sind,
+ich kann sie doch nicht vertragen. Gute Nacht! Wenn Du im Schlaf durch
+ein Rauschen aufgestört wirst, so heiße Deine Nerven sich beruhigen, es
+ist nur ein Traum von mir, der Dich belauscht.«
+
+Mehr und mehr drängen sich nun praktische Besprechungen in den
+Vordergrund des Briefwechsels und unsere Brautleute sind glücklich in
+der Kirche proklamiert. Der Bräutigam schreibt darüber:
+
+»Heute abend komme ich von einer Waldpartie nach Hause und will gerade
+wieder gehen, um Hans und Bruckmann aufzusuchen, da stürzt mir atemlos
+der Kirchner Brunner nach. Zweimal habe er mich schon umsonst gesucht
+und es sei jetzt höchste Zeit. Der Herr Stadtpfarrer lassen sich
+empfehlen und anfragen, mit welchem Titel der Herr Bürgermeister
+wünschen, daß Ihre Fräulein Braut morgen proklamiert werde -- Jungfrau
+oder Fräulein? Der Herr Stadtpfarrer meine, da die Eltern der Braut
+dasjenige gewesen sind, was sie gewesen sind, so lasse sich wohl das
+Prädikat 'Fräulein' anwenden. 'So,' sag' ich, 'was ist denn der übliche
+Ausdruck bei angesehenen Bürgern oder Beamten?' 'Ja,' sagt der Kirchner
+achselzuckend, 'Jungfrau'. 'Also,' sag' ich, 'sagen Sie dem Herrn
+Stadtpfarrer meine Empfehlung und weil ich glaube, daß meine Braut auf
+den Titel 'Jungfrau,' der mir recht gut gefällt, gleichfalls Anspruch
+habe, laß ich ihn ersuchen, sich desselben zu bedienen.' Hierauf zog
+sich der Diener der Kirche zurück, bestürzt, daß ein Gnadengeschenk von
+solchem Wert abgelehnt werden könne und die Jungfrau #P. P.# ist heute
+(10.) proklamiert worden.«
+
+Es folgen hierauf einige praktische Mitteilungen über Schreiner und
+andere Handwerksleute, aber der Gedanke, daß sie künftig in diesen
+Räumen leben wird, führt ihn bald wieder zum Ausdruck seiner Liebe: »Der
+Gedanke, daß auf der Welt ein Wesen ist, das nur für mich lebt und in
+mir, macht mich, so oft ich ihn fasse (wiewohl ich ihn kaum fassen
+kann), beinahe schwindeln vor Freude. Wenn ich in Deinen Augen meine
+Seele sich spiegeln sehe, so ist es wie eine Bürgschaft der
+Unsterblichkeit, denn ich fühle, daß meine Seele auch außer mir
+fortleben kann und fortlebt. Das ist die Kraft und Zuversicht, die ich --
+trotz Deiner Protestationen -- durch Dich gewinne.«
+
+Die Brautzeit geht ihrem Ende zu, am Donnerstag nach Ostern soll die
+Hochzeit sein; ein komischer letzter Auftrag der Braut fliegt auf einem
+Blättchen dem Bräutigam zu:
+
+»Könntest Du mir nicht aus einem Zigarrenkästchen von mir, das in der
+Schublade einer Kommode steht und worin sich ein Wust von Blumen
+befindet und worunter sich eine mörderisch große weiße Rose befindet,
+diese große Rose mitbringen, es kann sie Eine anziehen. Jetzt leb
+geschwind wohl!«
+
+Am 4. April 1850 fand in Erlangen die Hochzeit statt. Mit köstlichem
+Humor feierten die Brüder den Polterabend und Hochzeitstag ihrer
+kleinen Lieblingsschwester. Noch einmal hatte Frau Pfaff, die nun schon
+im 63. Lebensjahre stand, das Haus voll Gäste und Fröhlichkeit. Eine
+Mutter wie sie, die selbst ihr größtes Glück in der Ehe gefunden und
+dann als Witwe ihren ganzen Schatz von Liebe den Kindern zugewendet hat,
+kommt in einen merkwürdigen Widerstreit der Gefühle, wenn sie die letzte
+Tochter aus dem Hause scheiden sieht. Sie empfindet ja mit ihrem Kinde
+die ganze Seligkeit der jungen Liebe, darum strahlt ihr Gesicht von
+inniger Mitfreude, aber für sie selbst verschwindet die Sonne, die ihre
+Tage beleuchtet hatte, darum füllen sich die Augen dieses strahlenden
+Gesichtes immer wieder, und ganz gegen ihren Willen, mit Tränen. Und die
+Tochter, -- wenn sie der Mutter treue Hand zum letztenmal drückt, wird
+auch übermannt von dem Schmerz und weiß, daß sie in diesem Augenblick
+zugleich von der harmlosen Jugendzeit Abschied nimmt. Aber dann wendet
+sie sich dem jungen Gatten und damit dem neuen Leben zu und am nächsten
+Tag ist's nur noch die Mutter, die mit den Tränen kämpft, während sie
+beiseite räumt, was in dem verlassenen Mädchenzimmer zurückgeblieben ist
+von ihrem herzlieben Kind.
+
+
+
+
+_Zweiter Teil_
+
+=Gattin und Mutter=
+
+
+
+
+IV.
+
+1850-1851
+
+
+Im Nördlinger Wochenblatt vom 9. April 1850 finden wir die folgende
+Beschreibung von der Ankunft des Bürgermeisters mit seiner jungen
+Gemahlin:
+
+»Am Bahnhof von einigen Freunden begrüßt und von denselben zu Wagen nach
+Hause begleitet, wurde das junge Paar in der Amtswohnung von Mitgliedern
+des Magistrats feierlich bewillkommt und in die festlich beleuchteten
+Zimmer geführt, deren Eingang mit grünen Verzierungen und sinnigen
+Transparenten angemessen dekoriert war. Wenige Minuten nach erfolgter
+Ankunft fand sich unter glänzendem Fackelschein der Gesangverein und das
+Orchester des Musikvereins vor der Wohnung ein und brachten in
+gelungenen Vorträgen eine halbstündige Serenade, während die Vorstände
+beider Vereine die Neuvermählten beglückwünschten. Wir finden in dieser
+Auszeichnung eine verdiente Anerkennung der Umsicht und unermüdeten
+Tätigkeit, mit welcher sich Herr Bürgermeister Brater während einer
+eineinhalbjährigen Funktion seinem schweren Beruf gewidmet hat, und
+wünschen dem jungen Paar einen recht glücklichen Hausstand.«
+
+Die äußeren Bedingungen zu einem glücklichen Hausstande waren gegeben
+und Pauline fand sich nun versetzt in eine sorgenlose Stellung, in
+angenehme Verhältnisse. Die schöne, geräumige Amtswohnung im
+Polizeigebäude war mit vereinten Kräften behaglich eingerichtet worden.
+In der Küche waltete ein feines Mädchen als Köchin und wartete auf die
+Befehle der jungen Hausfrau.
+
+Die Nördlinger ließen es nicht fehlen an Aufmerksamkeiten für ihre Frau
+Bürgermeisterin und ergänzten durch mannigfaltige Hochzeitsgeschenke,
+was noch fehlte in Zimmern, Küche und Keller. Trotz all dieser
+Herrlichkeit hat Frau Brater nie diese Zeit als eine besonders
+glückliche hervorgehoben, sie gehörte nicht zu denen, die die
+Flitterwochen preisen; im Gegenteil hat sie später mancher Braut und
+jungen Frau versichert: Es ist gar nicht wahr, daß die erste Zeit die
+schönste sei, neben der vertieften Liebe, dem Gefühl innigster
+Zusammengehörigkeit, das die Jahre bringen, ist die Verliebtheit der
+ersten Wochen wie Spielerei. Dazu kam, daß sich das junge Paar erst
+ineinander finden mußte, und das fiel Pauline nicht so leicht. Wie wohl
+manche junge Frau, so nahm auch sie zunächst als richtige Norm für den
+Mann die Art an, die sie zu Hause von Vater und Brüdern gewohnt war. An
+diesem Maßstab gemessen bestand aber der gestrenge Bürgermeister nicht
+gut. Die beispiellose Anspruchslosigkeit und schrankenlose Gutmütigkeit,
+die vor allem Bruder Hans im Zusammenleben gezeigt hatte, fand sie nicht
+bei ihrem Mann. Wie er ein Meister in Selbstbeherrschung und
+Pflichterfüllung war, so forderte er solche auch von andern, von den
+Untergebenen im Amt, von den Dienstmädchen, von seiner Frau.
+Pünktlichkeit auf die Minute, Sorgsamkeit in allem Tun. Das war in
+seiner Familie Grundsatz gewesen, aber »Pfaffisch« war das nicht, und
+wiewohl es eigentlich ihrem Ordnungssinn entsprach, gefiel es ihr doch
+nicht an ihm. Es erschien ihr kleinlich, sie sprach es auch aus und in
+ihrer lebhaften Art machte sie ihm Vorwürfe über seine unausstehliche
+Pedanterie und versicherte ihm manchmal, daß sie sich heute noch von ihm
+scheiden lasse. Aber dieser Mann, dem bei seiner ernsten, strengen Art
+überall widerspruchsloser Gehorsam entgegengebracht wurde, freute sich,
+daß seine Frau sich rückhaltslos gegen ihn aussprach, und es kränkte ihn
+nicht, wenn sie kräftig gegen ihn aufbrauste, wie es sonst niemand
+wagte. Er gab zwar in der Sache, wenn sie ihm richtig schien, nicht
+nach, aber er suchte ihr ruhig zu erklären, daß er nicht aus kleinlichem
+Eigensinn beharre. Nicht _sein_ und nicht _ihr_ Wille solle gelten im
+Haus, sondern was recht und gut sei, wollten sie als Norm anerkennen,
+und sich darüber immer miteinander zu verständigen suchen. Sie schämte
+sich dann manchmal ihres Ungestüms, aber er tröstete sie mit der
+Versicherung, daß es ihm immer recht sei zu erfahren, wie es ihr zu Mute
+sei, nur wollten sie nie abends zu Bette gehen, ohne sich vorher wieder
+geeinigt zu haben.
+
+Auf diese Weise legten sich die Stürme der ersten Zeit, ohne Schaden
+anzurichten, und die »Schmiegsamkeit«, die der Bräutigam einst unter den
+acht guten Eigenschaften der Braut aufgezählt hatte, bewährte sich
+darin, daß die Gattin sich sehr bald dem Wesen des Gatten anbequemte.
+
+Aus den ersten Wochen ihrer Ehe ist ein Brief von Frau Brater an ihre
+Freundin Lina Rohmer erhalten, mit der sie in rückhaltsloser Offenheit
+zu verkehren pflegte. Dennoch würden wir vergeblich in diesem Brief
+Andeutungen über die erwähnten Schwierigkeiten mit ihrem Manne suchen,
+denn das Verhältnis zu ihm war ihr viel zu heilig, als daß sie irgend
+jemandem darüber geschrieben hätte; erst in späten Jahren, als das alles
+längst hinter ihr lag, sprach sie wohl davon zum Nutz und Frommen
+anderer. Nur zwischen den Zeilen können wir lesen, daß die junge Frau
+sich noch nicht vollständig in ihrer Lage zurecht gefunden hatte. Sie
+schreibt:
+
+ _Liebe Line!_
+
+ Du weißt, daß ich mich bereits über drei Wochen hier in
+ Nördlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz
+ eingewöhnt, auch möchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen,
+ die mich so respektvoll »Frau Bürgermeister« nennen, denn
+ wahrhaftig, wenn's einem Menschen respekteinflößend zu Mute ist,
+ so bin ichs gewiß nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren
+ Übergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das
+ fühle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn
+ manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine
+ Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin
+ doch die glücklichste Person von der Welt. Ich habe die
+ Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug
+ hat's gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu können
+ und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl
+ ist den Tag über fast immer auf dem Bureau, von morgens ½9 Uhr
+ bis abends 6 Uhr ist er höchstens eine Stunde oben, dafür bleibt
+ er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr
+ frühstücken, bleibt er auch da bis ½9 Uhr. Mein Hans kommt
+ ziemlich fleißig, denn es gefällt ihm so allein gar nicht auf
+ seiner Bleiche. --
+
+In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine
+Familienchronik geführt, in die bald er, bald sie Einträge machten. Am
+9. Mai schreibt darin Pauline:
+
+»Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch
+schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer bloß
+an mich allein ergehen; denn in Nördlingen sind bloß die großen
+_Damen_-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging
+ich mit großer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so
+fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die
+Ordnung immer mehr her, wir führen ein ziemlich regelmäßiges Leben.
+Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel
+Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht's
+schon eher, weil sie weiß, was sie zu tun hat und alles von selbst tut,
+wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht's mit Zittern und
+Beben.«
+
+Am 26. Mai. »Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch
+mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden
+Brüder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich
+freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr
+vergnügt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns überhaupt
+die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grün und wir
+sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch
+manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus
+München als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter
+von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht
+gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon große Untugenden
+blicken lassen und macht mir großen Kummer, ich will's jetzt keiner Frau
+mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mägden spricht, denn ich werde es
+nächstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von
+meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.«
+
+10. Juni. »Es waren wieder allerlei Gäste da, die uns gewöhnlich durch
+die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen
+gefürchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, überhaupt werde
+ich mich nächstens daran gewöhnen, alle Gäste ohne Angst zu erwarten.
+Wir haben uns jetzt wunderschöne Reisepläne gemacht für nächsten Herbst,
+Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurück.
+Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei
+Hindernisse in den Weg stellen, das wäre ein unendlicher Jammer,
+besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.«
+
+Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezüglich, deutet auf dessen
+stilles Liebesverhältnis hin:
+
+»Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Fräulein Agnes
+v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere hätte sich sehr dafür
+interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach München
+gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei
+uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.«
+
+Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres
+Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt,
+so war doch der Besuch ein Beweis, daß das junge Mädchen ihm treu blieb,
+so gering auch die Hoffnung war, daß der adelige Vater je nachgeben
+würde.
+
+Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er
+gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht
+gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel
+Beachtung schenken, aber Pauline paßte sich der Art an, die ihrem Manne
+sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtsträger:
+
+»Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als #pater familias# und
+recht eigentlich im 'Schoß' meiner eigensten Familie gefeiert habe.
+Pauline hat sich die festlichen Gebräuche angeeignet, die ich vom
+elterlichen Haus her gewöhnt bin und nicht gern vermissen möchte. Sie
+hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid
+beschenkt.«
+
+Auch in einem Briefe nach Erlangen erwähnt er desselben Geburtstags:
+
+ »_Liebe Mutter!_
+
+ An meinem Geburstag früh, während wir noch beim Kaffee
+ beschäftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure
+ Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter
+ liebenswürdiger Heftigkeit durchwühlt wurde. Sie geriet über
+ jeden Fund in Entzücken und meine soliden Dankbarkeitsgefühle
+ wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger
+ Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser
+ gestellt...«
+
+Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen
+Gattin gezeigt haben, müssen wir jetzt den Bürgermeister in seiner
+Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild.
+
+Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfüllt von nationaler Begeisterung, die
+Bürgermeisterstelle in Nördlingen angenommen hatte, war dies geschehen
+in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen
+Sache ersprießliche Dienste leisten zu können. Aber der Anfang der 50er
+Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen
+fühlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungspräsident von Augsburg, zu
+dessen Bezirk Nördlingen gehörte, stand an der Spitze der reaktionären
+Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Bürgermeister
+sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde
+nichts vergeben, sich nicht einem Willkürregiment beugen, das die
+Selbstverwaltung der Stadt beeinträchtigt hätte. Obgleich er dabei nur
+das Wohl von Nördlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt
+selbst eine, wenn auch kleine, reaktionäre Partei, die durch
+Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich
+höheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung
+unbequemen Bürgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem
+Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete:
+
+»Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionären Partei,
+die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhörliche politische
+Denunzationen ganz gefangen hat. Die große Mehrheit ist auf meiner
+Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.«
+
+Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische
+Tätigkeit für Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der
+Riß zwischen ihm und dem Regierungspräsidenten immer größer und man
+hatte nicht übel Lust, ihn als Hochverräter in Untersuchung zu ziehen.
+Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen
+doch die Verhängung einer Disziplinaruntersuchung gegen den
+Bürgermeister und die Mehrheit der Magistratsräte. Aber es stellte sich
+heraus, daß die Geschäftsführung des tüchtigen, gewissenhaften Juristen
+musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge
+Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzüge der gewissenhaften Art
+ihres Mannes erkennen.
+
+Der Sommer rückte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gästen und
+mitten unter diesen wird der Regierungspräsident v. Welden genannt. »Er
+kam,« schreibt Brater, »mit der Idee, mich durch gemütliches Räsonnement
+und große Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm
+manchmal unbequem wird, heraus zu manöverieren. Wir sprachen lang und
+sehr unumwunden über die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Güte,
+mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkürliche
+Regierungsmaßregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und
+Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat -- eine
+sehr charakteristische und für _einen_ von uns beiden gewiß ehrenvolle
+Bemerkung.«
+
+Die Gegenpartei hatte vom Erscheinen des Präsidenten sich allerlei
+fatale Folgen für den national gesinnten Bürgermeister versprochen,
+diese blieben aus, aber freilich auch die Annäherung, zu der die Hand
+geboten war, kam nicht zustande, konnte nicht zustande kommen, wenn
+Brater nicht seine Grundsätze opfern wollte, und dazu war er nicht der
+Mann. Der jungen Gattin mochte es oft wunderlich zumute sein bei
+derartigen Besuchen; von ihr schreibt Brater bei solchem Anlaß an seine
+Schwester Julie:
+
+»Bei solchem Kriegszustand ginge mir der Humor vielleicht doch aus, wenn
+nicht Pauline wäre, an die ich mich halten kann, so oft mir der Ekel zu
+stark wird.« Und an anderer Stelle: »Ihre Liebe ist mir, wie es sein
+soll, eine gesunde, milde Lebensluft, die mich umgibt, wo ich bin und
+was ich tue, wenn es auch das Fremdartigste ist.« Die für den September
+geplante Gebirgsreise mußte aufgegeben werden, der jungen Frau wegen,
+die nicht in der richtigen Verfassung dazu war, aber ein gemeinsamer
+Besuch in Erlangen bei den Verwandten wurde ausgeführt, und es war
+höchste Zeit, wenn sie sich dort in ihrer Bürgermeistersherrlichkeit
+zeigen wollten, denn mit dieser ging es nun rasch zu Ende.
+
+Erneute gehässige Angriffe der reaktionären Partei reiften bei Brater
+den Entschluß, sein Amt niederzulegen.
+
+Mit welchen Empfindungen mag wohl die junge Frau Bürgermeisterin das
+Schriftstück abgeschrieben haben, das von ihrer Hand geschrieben vor uns
+liegt und folgenden Wortlaut hat:
+
+»Am heutigen Tage lege ich das Amt nieder, zu dem ich im Jahr 1848 durch
+die Wahl des Gemeindekollegiums berufen worden bin. Das Vertrauen einer
+großen Mehrheit der städtischen Vertreter und, wenn ich nicht irre, der
+Bürgerschaft selbst hat mir bis jetzt möglich gemacht, in einer von
+Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Stellung auszuharren. Aber
+Verhältnisse, die ich nicht näher bezeichnen darf, weil dies nur mit den
+Ausdrücken der tiefsten Indignation geschehen könnte, haben mir
+allmählich eine Empfindung des Widerwillens und des Überdrusses
+eingeflößt, wie man sie auf längere Zeit nicht verträgt, wenn man nicht
+_muß_. Indem ich einen seit Monaten gefaßten Entschluß unter den
+erneuten und verstärkten Eindrücken dieser Empfindung ausführe, sage ich
+den Herren Magistratsräten, die meine Amtsführung unterstützt haben,
+weil sie den Grundsatz rücksichtsloser Pflichterfüllung in ihr
+erkannten, meinen herzlichen Dank. Früher oder später werden sich die
+Verhältnisse unserer Stadt so gestalten, daß ein künftiger
+Magistratsvorstand es über sich gewinnen kann, dem Beruf, von dem ich
+zurücktrete, sich _dauernd_ zu widmen. Wenn diese Umgestaltung erreicht
+und ein einträchtiges, gedeihliches Wirken der städtischen Vertreter
+wieder möglich geworden ist, wird keiner von Ihren Mitbürgern sich
+aufrichtiger als ich dessen freuen. Ich füge hinzu, daß ich bereit bin,
+die Amtsgeschäfte bis zum Schluß dieses Jahres fortzuführen und daß ich
+im Begriff bin, der königlichen Kreisregierung die geeignete Anzeige zu
+erstatten.«
+
+Im Nördlinger Wochenblatt lesen wir einige Zeit nach dieser Mitteilung
+den folgenden Beschluß der Gemeindebevollmächtigten:
+
+»Es wurde in der heutigen Sitzung mit 17 gegen 3 Stimmen folgender
+Beschluß gefaßt: Es wird von seiten des Kollegiums der ausgesprochene
+Rücktritt des Herrn Magistratsratsvorstandes aufrichtig beklagt.
+Wir drücken demselben hiermit unsere vollste Anerkennung seiner
+Verdienste und Geschäftsführung aus und bitten, es möge dem Herrn
+Magistratsratsvorstand gefallen, die eingegebene Erklärung
+zurückzunehmen, eventuell aber die Geschäfte bis Neujahr zu leiten.«
+
+Eine Aufforderung im gleichen Sinne erging auch mündlich an den
+Bürgermeister, der aber seinen wohl überlegten Entschluß nicht
+zurücknahm.
+
+Was nun? Die Frage war nicht so leicht zu beantworten, denn der
+ehemalige Bürgermeister mußte sich sagen, daß an eine Staatsanstellung
+nach solchen Vorgängen nicht zu denken war; er, der ausgesprochene Feind
+des oben herrschenden reaktionären Systems konnte darauf so wenig
+rechnen wie auf Bestätigung seiner Wahl, wenn er sich in einer andern
+Stadt um eine Bürgermeisterstelle beworben hätte. Wohl wußte er, daß
+manche sich im stillen freuten über seine mannhafte Opposition gegen
+willkürliche Beschränkung der Gemeinderechte, aber nur wenige waren es,
+die sich offen zu ihm bekannten, die meisten fügten sich der Majorität
+und hätten es für klüger gehalten, wenn auch er sich gebeugt hätte.
+
+So sah sich Brater als angehender Familienvater ganz auf sich selbst
+gestellt und mußte ohne Vermögen, ohne Rückhalt an den Verwandten den
+Unterhalt für die Familie aufzubringen suchen.
+
+In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn früher fleißig
+aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht mißliebig zu machen,
+ist ihm seine junge Frau zur verständnisvollen Bundesgenossin
+herangewachsen. Nun erst erfaßte sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff
+sie eine hohe Begeisterung für seine edeln Grundsätze, sein
+unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefühl, sich selbst, ihr materielles
+Wohl vergaß sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer
+Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten.
+
+Meinten da und dort ängstliche Leute: »Ja, wenn er noch allein wäre --
+aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden« -- so
+empfanden die beiden ganz anders und wußten es besser. Nur im festen
+Zusammenschluß, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kämpfen und
+Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur
+dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wäre er durch
+diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mürbe geworden,
+mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so
+recht die Verhältnisse, in denen eine wahre Ehe ihren höchsten Wert
+zeigen kann.
+
+Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Bürgermeisteramt. Das
+Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war
+die Haushaltung in der Auflösung begriffen; am 26. Dezember verließ
+unser Paar die staatlichen Räume und zog hinaus auf die Bleiche.
+
+Zielbewußt und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der
+politischen und volkswirtschaftlichen Tätigkeit für sein Vaterland zu.
+Er beriet sich zunächst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhändler
+Karl Beck und gründete mit ihm die »Blätter für administrative Praxis«,
+eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war
+und welche noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, wenn auch in
+veränderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische
+und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleiße saß er in dem
+bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb.
+
+Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden
+begrüßt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgänger Teil am Haushalt
+der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der
+Ödigkeit des Wirtshauslebens befreiend.
+
+Die »Prinzessin«, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen
+Haushalts paßte, ward entlassen, bescheidene Bedienung genügte für die
+kleinen Räume.
+
+Im Februar traf, um Großmutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein.
+Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher
+geborgen glaubte, einreihen müssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu
+kämpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche
+aus:
+
+»Ich kann wohl sagen, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten,
+und daß Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinübergegangen sind.
+Daß Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon
+hat er Proben, auch fürchtet er, daß sie es lange werden anstehen
+lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhält und bis durch solche
+(schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine
+Haushaltung erfordert, da gehört doch große Anstrengung dazu. Aber man
+hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen können und so wird zuletzt auch
+alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brüderlich, er wohnt jetzt
+oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stübchen eine
+Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer.
+Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl
+denken, wie wir uns behelfen müssen und wie groß der Unterschied ist mit
+ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht
+heiter und ich habe sie nie klagen hören.«
+
+Daß in dieser Zeit notwendiger Einschränkung und Sparsamkeit keinerlei
+kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende
+Kindlein zu empfangen, läßt sich denken, doch trat hier Frau Senning,
+die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer
+freundlichen Gesinnung hat Frau Brater später manchmal gedacht und sich
+erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zögernd ihr
+Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit
+stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie möchte diese, wenn es die
+junge Frau nicht übel nähme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach
+lag in der geborgten Wiege ein niedliches Töchterlein.
+
+
+
+
+V.
+
+1851-1855
+
+
+Das erste Kind! Mit Stolz trägt der Vater am 27. Februar 1851 die
+Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses
+Geschöpfchen -- anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatsächlich
+verleiht es gleich die höchsten Würden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer
+wollte es bestreiten, daß es eine Würde ist? Wird doch nichts auf Erden
+so hoch eingeschätzt wie eben das Menschenleben. Im Gefühl des Volkes,
+in der Gerichtsbarkeit, überall steht es oben an. Gilt es eines aus der
+Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverständlich, die größten Opfer
+gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollständig
+diesen jungen Eltern überlassen und anvertraut. Würde und Bürde sind
+hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten
+Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen
+Ankömmling, der ihm gehört und den er doch nicht zu behandeln versteht;
+weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von
+der Natur sofort angewiesen ist.
+
+Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich
+hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater
+an seine Schwester Julie:
+
+»Das Fräulein ist nach Angabe der Sachverständigen überaus schön,
+ungewöhnlich stark und bereits liebenswürdig.« Und später: »Ich hätte
+Dir noch einiges Anziehende über das Thema: Pauline als Mutter
+vorzutragen, aber da sie eben erklärt, daß sie diesen Brief lesen werde,
+um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches über ihr Kind
+eingeflossen ist, so muß ich mir natürlich solche Dinge versagen.«
+Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: »Ich könnte Dir noch
+erzählen, was für eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bündel
+habe, wenn ich nicht dächte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut
+es eben möglich ist. Übrigens glaube ich nicht, daß andere Leute auch
+eine so große Freude haben, es könnte sonst nicht auffallend sein, wenn
+man auf der Straße hie und da ein paar Luftsprünge machte, juhe! schrie
+oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts
+berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als
+Liebenswürdigkeit entdecke, so müßtest Du ja denken, daß ich bereits mit
+dicker, mütterlicher Blindheit geschlagen sei.«
+
+Seliger als sie sich nun fühlte, hätte die junge Mutter auch in der
+früheren vornehmen Amtswohnung nicht sein können. Dicht nebenan der
+Mann, unablässig fleißig und doch wenn sie in sein Zimmer trat, gern
+bereit, die Feder wegzulegen und sich durch ein paar Worte mit ihr zu
+erfrischen oder sich von den wunderbaren Fortschritten des »Annakindes«
+berichten zu lassen. Und jeden Abend, wenn er seine anstrengende
+Tagesarbeit vollbracht hatte, saßen sie beisammen, plauderten und
+freuten sich aneinander. Das Kind mußte um diese Zeit zur Ruhe gebracht
+sein, den Feierabend der Eltern und ihr gemeinsames Lesen sollte es,
+wenn irgend möglich, nicht stören. Im ersten Winter waren es die
+historischen Dramen von Shakespeare, die sie gemeinsam genossen. Auch
+Mittags gab es eine regelmäßige Arbeitspause; wenn die verschneiten
+Bleichwege nicht verlockten zum Spazierengehen und doch das Bedürfnis
+nach körperlicher Bewegung vorhanden war, so wurden Federbälle und
+Raketen herbeigeholt und Volant geschlagen. Pauline war geschmeidig und
+behend in all ihren Bewegungen, und die beiden brachten es in dieser
+Kunst zu solcher Fertigkeit, daß sie mit drei Bällen zugleich schlagen
+konnten, und es ein Spaß war zuzusehen, wie die gefiederten Bällchen
+durch die Luft flogen.
+
+So fühlte sich das junge Paar glücklich und vergnügt, während vielleicht
+mancher die armen Leutchen, die da draußen auf der Bleiche eingeschneit
+waren, bedauerte. Übrigens konnte von Armut im gewöhnlichen Sinne bald
+nicht mehr die Rede sein, denn eine Arbeit nach der andern, geschätzt
+und begehrt, kam aus der Feder des gedankenreichen Mannes. Er hielt
+seine Arbeitszeit ein, Tag für Tag mit einer Gewissenhaftigkeit, wie es
+nur wenige junge Männer ohne jeglichen äußeren Zwang durch Vorgesetzte
+oder Vorschriften zustande bringen würden. Es ist kein Wunder, daß die
+Gattin nun nicht mehr aufbegehrte über die Pedanterie des Gatten, daß
+diese treue Pflichterfüllung ihr vielmehr die größte Hochachtung
+einflößte. Zugleich aber auch einen Zorn gegen diejenigen, die solch
+einen Mann nicht anstellen wollten und neuerdings seine Bemühungen um
+eine Advokatur zurückgewiesen hatten. Nahm _er_ das ruhig hin, so sprach
+_sie_ in um so kräftigeren Ausdrücken ihren Unwillen über die
+»schändliche Bande« aus. Sie war ohnedies als Schwester von fünf
+Brüdern an mancherlei nicht gerade zarte Ausdrücke gewöhnt, und wenn
+solche gleich in der Familie Brater verpönt waren, so wartete der Mann
+doch geduldig, ob sie sich allmählich von selbst verlieren würden, denn
+das unmittelbare Wesen seiner Frau war ihm viel zu köstlich, als daß er
+es durch Korrekturen hätte beirren mögen. _Ganz_ hat sie die kräftigen
+Ausdrücke bis in ihre alten Tage nicht verloren, so lebhafte Naturen wie
+die ihrige müssen sich offenbar in Ausnahmefällen Luft machen und kommen
+ohne ein gelegentliches »Donnerwetter« nicht aus.
+
+An ihre Schwägerin Julie schreibt Pauline in dieser Zeit: »Karl benimmt
+sich so ziemlich wie ein Fisch in dieser Angelegenheit, ich rechne nur
+auf Verjährung meines Grimms.«
+
+Noch im September dachte die junge Familie nicht anders, als daß sie den
+Winter auf der Bleiche zubringen würden, da erhielt Brater unerwartet
+eine Aufforderung von der Zeitung »Der Nürnberger Korrespondent«, beim
+Wiederbeginn des Landtags in München die Berichterstattung über dessen
+Sitzungen zu übernehmen. Die pekuniären Bedingungen waren günstig, rasch
+wurde der Entschluß gefaßt, für den Winter nach München zu übersiedeln.
+Während Pauline die nötigen Zurüstungen zum Umzuge traf, reiste der
+junge Ehemann voraus, um Quartier zu machen für sich und die Seinen. Die
+kurze Zeit, die er allein in München zubringen mußte, währte ihm schon
+zu lang. Er schreibt am 30. September 1851 an seine Frau:
+
+»Mein Schatz, sind wir auch wirklich kopuliert? Es ist mir in dieser
+einsamen Stube ganz junggesellig und unter der Fürsorge unserer
+würdigen Schneiderin recht zimmerherrlich zumute«... Es folgt nun eine
+Beschreibung der gemieteten möblierten Wohnung und genaue Anweisungen
+über alles, was zur Ergänzung mitzubringen sei. Der Schluß lautet:
+»Studiere und exekutiere diesen Brief sorgfältig, fahre bei schlechtem
+Wetter #II.# Klasse, trinke in Augsburg Kaffee, komme wenn menschenmöglich
+schon Donnerstag, melde Dich zuvor an, sei unbesorgt um Milch, Holz und
+Magd und behüt Dich Gott, denn dieses Junggesellenbewußtsein habe ich
+satt und sehne mich von Herzen nach Euch!«
+
+Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß die Reise am Donnerstag
+»menschenmöglich« gemacht wurde, denn flink und praktisch war die junge
+Frau wie nicht leicht eine zweite, hielt sich auch nicht mit unnötigen
+Bedenken auf und konnte in solchen Fällen, wie man sagt, »fünfe gerade
+sein lassen«.
+
+So kam sie nun zum erstenmal nach München, in die ihr noch unbekannte
+große Stadt. Die drei möblierten Zimmer boten nicht sonderlich viel
+Behagen und ganz ungewohnt waren ihr die einsamen Stunden, in denen der
+Gatte nicht wie bisher daheim arbeitete, sondern den Kammersitzungen
+beiwohnte. Es schien für sie ein unerfreulicher Winter zu werden. Aber
+bei der Nachricht von der Übersiedlung faßte ihre Schwiegermutter den
+Entschluß, mit der jüngsten Tochter Emilie, die sich in der Musik
+ausbilden wollte, für die Wintermonate nach München zu kommen. Es fanden
+sich Zimmer für sie im gleichen Haus und so konnte gemeinschaftliche
+Wirtschaft geführt werden; die gütige Nachsicht der älteren Frau Brater,
+der fröhliche Humor der jüngeren, die Freundschaft zwischen den beiden
+Schwägerinnen, die gemeinsame Freude an der kleinen Anna brachten es
+zustande, daß alles in schönster Harmonie zusammenklang. Ein längerer
+Eintrag des Familienvaters in der Chronik erwähnt auch den geselligen
+Verkehr der Familie.
+
+»Sylvesterabend 1851. Unser geselliger Verkehr ist ziemlich beschränkt.
+Gemeinschaftlich trinken wir von Woche zu Woche einmal im
+Ennemoser[2]schen Hause Tee oder haben diese Familie bei uns. Der
+Verkehr mit Rohmers (es ist hier der verheiratete Philosoph Friedrich
+Rohmer gemeint) wird nur durch mich lebhaft unterhalten. Bei Thiersch[3]
+und Schubert[4] sind Besuche gemacht worden, welche die üblichen
+Gegenbesuche und dann und wann eine Einladung zur Folge haben ....
+
+ [Fußnote 2: Ennemoser hatte als magnetischer Arzt und durch
+ wissenschaftliche Arbeiten über Magnetismus in München großen
+ Ruf.]
+
+ [Fußnote 3: Friedrich Thiersch, bedeutender Philologe.]
+
+ [Fußnote 4: Gotthilf Heinrich Schubert, Naturforscher.]
+
+Im Kind entwickeln sich Anwandlungen von Menschenverstand und
+Sprechlust, auch kriecht es vierfüßig mit ziemlicher Gewandtheit und
+befaßt sich mit den Anfangsgründen des Laufens. Es hat die mütterliche
+Lebhaftigkeit ererbt. Im künftigen Neujahrsbericht hoffe ich das
+Gedeihen eines zweiten kleinen Geschöpfes, das mit der väterlichen
+Sanftmut und verkannten Gemütstiefe ausgestattet ist, notieren zu
+können.
+
+Mein Gewerbe ist geistig und bisweilen auch körperlich ermüdend. Monate
+lang Tag für Tag und Zug für Zug der Abspiegelung einer bodenlosen
+politischen Misere als notgedrungener, aufmerksamer Beobachter folgen zu
+müssen, ist eine Tortur, welche die standhafteste Apathie schwer
+erträgt. Daneben erübrige ich jedoch noch die erforderliche Zeit zur
+Redaktion meiner Blätter (für admin. Praxis) und zur Beteiligung an
+Dollmanns Gesetzeskommentaren.
+
+Von den erbetenen Advokaturen ist mir keine genehmigt worden;
+Verdächtigungen, die aus meiner Tätigkeit zur Zeit der
+Reichsverfassungsfrage abgeleitet sind, haben zu der Ansicht geführt,
+daß meine Anstellung jedenfalls allerhöchsten Ortes nicht genehmigt
+werden. An diesem Ort (bei dem König) persönlich zu supplizieren, kann
+ich mich nicht entschließen, weil ein solches Supplizieren die
+Verzichtleistung entweder auf die persönliche Würde oder auf den Erfolg
+voraussetzte. Es ist mir der definitive Bescheid des Justizministers
+zugekommen, daß es für jetzt unmöglich sei, mich anzustellen und daß ich
+wohl daran tun würde, in meiner gemeinnützigen Tätigkeit fortzufahren
+und Gras über die Sache wachsen zu lassen.«
+
+»Dieses Gras wächst langsam,« schreibt Frau Brater gelegentlich. Sie
+hatte so zuversichtlich gehofft, der Aufenthalt in München werde ihrem
+Manne Gelegenheit geben, mit Erfolg um eine feste Anstellung
+einzukommen, aber die Monate verstrichen, schon nahte die Osterzeit und
+damit das Ende der Landtagsperiode. Sie mußte sich mit der Erfüllung
+einer anderen Hoffnung begnügen: am Ostermontag 1852 kam ein zweites
+Töchterlein zur Welt.
+
+Die Mutter, die seit einiger Zeit ein Heft angelegt hatte für Notizen
+über die Kinder, schreibt darin:
+
+»Ostermontag kam die kleine Jungfer Agnes auf die Welt als ein gesundes
+kräftiges Kind mit einer ungeheuren Nase, wodurch sie mehr einem Vogel
+als einem Menschen und als Mensch einem alten, griesgrämigen
+Mathematiker ähnlich sah. Eigentlich war es auf einen Buben abgesehen,
+man war aber doch sehr erfreut über ihre glückliche Ankunft und trug ihr
+nichts nach. Sie begann ihr Leben, wie es für die teure Zeit angemessen
+ist, mit Nahrungssorgen, d. h. sie war kaum recht auf der Welt, als sie
+schon rechts und links mit dem Kopf nach Futter suchte und endlich beide
+Händchen in den Mund nahm und dermaßen daran schnullte, daß man's durchs
+ganze Zimmer hörte.«
+
+Wie die Mutter so scheint auch der Vater über den ersten Anblick des
+Mädchens etwas betroffen gewesen zu sein, denn er notiert noch am selben
+Abend in die Familienchronik: »Die kleine Geborene ist ein robustes
+Mädchen von etwas seltsamer vogelähnlicher Physiognomie«, bemerkt aber
+nach einigen Wochen: »Sie hat ein definitiv menschliches Aussehen
+gewonnen, so daß unbedenklich zur Taufe geschritten werden konnte.«
+
+Im Mai wurde der Münchner Haushalt aufgelöst und zur großen Freude von
+Pauline, die sich längst gesehnt hatte, das nahe Gebirge kennen zu
+lernen, übersiedelte die ganze Familie nach dem kleinen Dorf Egern am
+Tegernsee, im bayerischen Gebirge gelegen. Wir dürfen uns unter diesem
+Aufenthalt keine luxuriöse Sommerfrische im Hotel vorstellen, im
+Gegenteil ein Leben, einfacher und billiger, als es in der Stadt geführt
+werden konnte. »Beim Gassenschuster« wurde eingemietet und selbst
+gewirtschaftet. So hatte wohl die junge Mutter ihr gut Teil Arbeit, aber
+nicht zu viel, denn sie machte sich keine unnötige, und für unnötig galt
+ihr vieles, was nicht nur jetzt, sondern auch schon dazumal andere
+Frauen für nötig hielten. Vor allem kannte sie keine Toilettensorgen.
+Mit geschickter Hand wußte sie zu reinigen und auszubessern und man fand
+nichts Unpünktliches an ihrem Anzug, aber Überlegung, ob etwa ein Kleid
+nicht mehr modern sei, gab es bei ihr nicht, auch wenn die Farbe
+gebleicht oder verwaschen war, so hielt sie es nicht für nötig, um
+dieser natürlichen Einwirkungen der Sonne und des Regens willen
+Änderungen oder Neuanschaffungen vorzunehmen. Bei der Wahl der
+Kinderkleider kannte sie nur den Standpunkt der Zweckmäßigkeit, nichts
+Helles, damit nicht oft zu waschen war, einfach zugeschnitten, denn das
+Bügeln durfte nicht viel Zeit wegnehmen, wurde auch wohl ganz umgangen;
+fest über die Tischplatte gezogen waren die Röckchen nach ihrer Meinung
+reichlich glatt genug, um von den Kindern im Gebrauche gleich wieder
+verknittert zu werden. Trotzdem dünkte ihr die Zeit, die auf die
+Bekleidung gewendet wurde, noch zu lang, und sie seufzte manchmal,
+»kämen doch die Menschen in schönem Pelz auf die Welt«. Ebenso bedauerte
+sie oft, daß die Zubereitung der Speisen -- in der sie übrigens sehr
+sorgfältig war -- so viel Zeit in Anspruch nahm, und sie äußerte wohl, im
+Gedanken, daß wir doch indirekt all unsere Nahrung aus dem Erdboden
+ziehen, »könnten wir nur unsern Planeten direkt essen«.
+
+An Warte und Pflege wurde den Kindern auch nicht mehr als das Nötigste
+zuteil. Für ihre Unterhaltung mochten sie selbst sorgen. Langweilten sie
+sich, fingen sie an zu weinen oder zu schreien, so wurden sie tunlichst
+weit von dem arbeitenden Vater entfernt, sonst aber wurde keine Notiz
+von ihrer übeln Laune genommen.
+
+Die junge Mutter kannte keine Ängstlichkeit. Sie ließ ihre Große, die in
+jenem Sommer in Egern erst eineinhalb Jahr alt, aber schon fest auf den
+Beinchen war, allein im Haus und Garten umherlaufen, in der guten
+Zuversicht, daß nicht gleich ein Unglück geschehen werde. Einstens wurde
+das Kind vermißt und nun, doch nicht ohne Sorgen wegen der Nähe des
+Sees, gesucht. Man fand die Kleine endlich im Kuhstall, wo sie eben ihr
+Schürzchen einem Kalb zum Fressen hinhielt und das junge Tier, noch
+ebenso unerfahren wie das kleine Menschenkind, an dem dargebotenen Stoff
+kaute. Diese Sorglosigkeit der jungen Mutter, die der Vater übrigens
+nicht gut hieß, verlor sich mit der jugendlichen Unerfahrenheit, aber
+dem Grundsatze der Einfachheit ist Frau Brater in allen
+Lebensverhältnissen treu geblieben. Die Anspruchslosigkeit und
+praktische Sparsamkeit der Hausfrau war so durchgehend, daß in dieser
+Beziehung nie eine Mahnung oder Einmischung des Mannes nötig war; das
+durch seine treue Arbeitsamkeit erworbene Geld wurde ihr übergeben, von
+ihr aufs beste eingeteilt und verwaltet und mit Befriedigung wird in der
+Chronik erwähnt, daß genügend erspart worden sei, um einer
+Lebensversicherung beitreten zu können.
+
+Eine Verwandte, Emma Schunck, schrieb damals über die junge Hausfrau:
+»Schon immer achtete ich Pauline sehr, aber die Art, wie sie in ihrem
+Haus waltet, die Entschiedenheit in allem, das Benehmen gegen ihre
+Kinder, die zuvorkommende Liebe zu ihrem Mann, das alles stellt sie in
+meinen Augen sehr hoch. Auch das bewundere ich an ihr, daß sie das
+Schwere in ihrer Lage, Karls Zurücksetzung so leicht nimmt, weil sie
+immer nur an das Gute denkt.«
+
+Brater schreibt aus Egern an seine Schwester Julie: »Wir haben keine
+Ursache, über unser Dasein und Hiersein zu klagen, zumal auch für das
+tägliche Brot jetzt sattsam gesorgt ist, denn es fehlt weder am Absatz
+meiner Blätter noch an sonstigen Bestellungen, ich bin auf Jahr und Tag,
+ohne einen Schritt darum getan zu haben, in Anspruch genommen und könnte
+daneben auch noch einem Gesellen Arbeit geben.« Ebenso pünktlich wie die
+Arbeitszeit wurde aber auch die Erholungszeit eingehalten und die
+herrliche Umgebung von Egern genossen. Es heißt in der Familienchronik:
+»Pauline ist von der ihr neuen Herrlichkeit des Gebirges zu Wasser und
+Land begeistert, sie macht ihre Studien in der Führung des Ruders und
+des Bergstockes mit gutem Erfolg; wir hoffen Egern nicht zu verlassen,
+bevor wir mit allen Gipfeln der Umgebung Bekanntschaft gemacht
+haben..... Die Kinder sind wie Kälber auf der Alm gediehen.«
+
+So war der Sommer verstrichen und Brater schreibt: »Am 4. Oktober haben
+wir den Bergen Adieu gesagt, und am 5. unsern Einzug auf der Bleiche
+gehalten. Trotz allem Heimweh weiß man doch die Annehmlichkeiten des
+eigenen häuslichen Herdes und der bequemen Einrichtungen zu schätzen.
+Ein harter Schlag war aber der Tod Karl Becks, der am 6. Dezember nach
+fünfwöchentlichem Hoffen und Fürchten einem Nervenfieber erlag. Die
+Stadt hat an ihm ihren besten Bürger verloren; an Einsicht, Bildung,
+Geschäftskenntnis, Gemeinsinn war keiner mit ihm zu vergleichen. Ich war
+bei aller Verschiedenheit der Naturen und Anschauungen persönlich mit
+ihm befreundet und finde hier keinen Ersatz für ihn. Auch unsere
+geselligen Verhältnisse, in welchen er ein wesentliches Glied war, sind
+durch seinen Tod vollends wertlos geworden. Für mich ist es ein Glück,
+daß ich Ernst Rohmer, der im Sommer 1851 in Becks Geschäft eintrat,
+wieder getroffen habe. Mit ihm und seinen Schwestern (Witwe Bruckmann
+und Lina Rohmer) haben wir eine wöchentliche Zusammenkunft.«
+
+Außer diesem Verkehr lebte die junge Familie sehr still für sich. »Ich
+bin ganz Bleichbewohnerin,« schreibt Pauline an ihre Schwägerin Julie,
+»wenn ich hie und da notwendige Gänge habe, so laufe ich im Sturmschritt
+durch die Gassen mit dem einzigen Gedanken, schnell wieder zu Hause zu
+sein, wo man mich mit oder ohne Geschrei erwartet..... Ich kann kaum die
+Zeit erwarten, bis die Kinder so weit sind, daß wenigstens nimmer alle
+beide nur so gerade hinausschreien, wenn ihnen etwas gegen den Strich
+geht, d. h. bis Anna ihre Vernunft und ihre Zähne beisammen hat..... Mir
+sind alle Beschäftigungen unmöglich geworden, bei denen es sich nicht
+verträgt, alle Minuten aufzustehen, da einem Kind etwas zu wehren, dort
+eines trocken zu legen oder im günstigsten Fall mir die Ohren aus Wohl-
+oder Übellaune abwechselnd von der einen oder andern Tochter
+vollschreien zu lassen. Dieses ist die beständige Begleitung meiner Näh-
+und Flickereien sowie meiner nächtlichen Ruhe und wenn man nicht mit
+Bestimmtheit wüßte, daß die Bälge täglich älter und somit menschlicher
+werden, möchte man oft verzweifeln.« An diesen Brief fügt der Vater die
+entschuldigende Bemerkung hinzu: Man merke, daß er unter Kopfschmerzen
+geschrieben sei.
+
+Es lautet allerdings nicht zärtlich, wenn die Mutter so über die »Bälge«
+klagt, allein sie sprach und schrieb eben ganz ohne Rückhalt und
+Beschönigung, so wie sie gerade empfand, und jede Frau, die kleine
+Kinder aufzieht und zwar ohne sie an ein Kindermädchen abzuschieben,
+kennt wohl solche Stimmungen, wie Pauline sie durchmachte, wenn sie in
+diesem Winter mit den Kleinen auf das enge Wohnzimmer der Bleiche
+angewiesen war, nach einer unruhigen Nacht ruhebedürftig, mit
+schmerzendem Kopfe dem Schreien der Kinder doch nicht entrinnen konnte
+und sich unzählige Male bücken mußte, um sie zu versorgen.
+
+Freilich kann ein süßes Lächeln, eine zärtliche Schmeichelei der Kleinen
+alle Mühe vergessen machen, aber sie haben eben ihre Tage, an denen sie
+nicht lächeln, nicht schmeicheln, sondern verdrießlich und weinerlich
+sind. Dann ist es wirklich ein Tagewerk, so ermüdend und abspannend wie
+kein anderes, und am Abend ist nicht einmal ein merkliches Resultat
+dieser Tagesarbeit zu sehen, die Kinder sind anscheinend am Abend nicht
+weiter, als sie am Morgen waren. So darf man der geplagten Mutter einen
+gelegentlichen Stoßseufzer nicht verargen.
+
+Die kleine Anna, zuerst ein durchaus gesundes Kind, bekam infolge des
+Impfens, das mit schlechtem Stoff vorgenommen wurde, einen Ausschlag,
+der sie besonders bei Nacht quälte. In vielen Briefen der nächsten Jahre
+ist dies Leiden erwähnt, das Mutter und Kind oft zur Verzweiflung
+brachte und schlimmen Einfluß auf das Kopfwehleiden und die
+empfindlichen Augen der Mutter ausübte. Für sie wurden die Nächte erst
+wieder besser, als das Kind die Einsicht erlangte, daß die Mutter ihm
+nicht helfen könne und die Selbstbeherrschung gewann, die nächtlichen
+Qualen still für sich allein zu tragen, bis sie sich endlich verloren.
+
+In der schlimmsten Periode dieser Unruhe wurde beschlossen, daß die
+geplagte Frau auf einige Wochen zur Erholung nach Erlangen gehen solle.
+Freilich, Anna mußte sie mitnehmen, denn dieses Kind konnte nicht dem
+Mädchen überlassen werden; wenn es nachts erwachte und ins Schreien kam,
+so vermochte niemand anders als die Mutter durch den großen Einfluß, den
+sie auf das Kind ausübte, es aus dem aufgeregten Weinen zum Horchen auf
+ihre tröstende Stimme und dadurch allmählich wieder zur Ruhe zu bringen.
+
+So wurde denn Anna mit auf die Reise genommen, hingegen die Kleine, die
+ein ruhiges Kind war, bei dem Dienstmädchen gelassen unter der
+Oberaufsicht des Vaters. Der kleine »nächtliche Würgteufel«, wie sich
+die Mutter oft ausdrückte, war bei Tageslicht ein fröhliches Kind und
+für ihre zwei Jahre schon sehr entwickelt. Pauline empfand den freudigen
+Stolz, mit dem jede junge Mutter zum erstenmal ihr Kind den Verwandten
+und Freunden der alten Heimat vorstellt.
+
+Sie schildert die Reiseerlebnisse in einem Brief an ihren Mann: »Du
+weißt, daß wir gut hier angekommen sind mit einer Gesellschaft von
+Auswanderern, deren übertriebene Lustigkeit das Annakind so in Anspruch
+nahm, daß sie sich auf dem ganzen Weg aufs beste unterhielt. Sie war
+überaus komisch, wenn der Zug auf der Station eine Weile still gestanden
+hatte, so sagte sie voll Ungeduld: »No, geht das Ding?« In Nürnberg
+empfing uns Fritz, ich war sehr froh, denn man mußte die Wagen wechseln
+und ich hatte so rasend Kopfweh, daß mir's ganz unheimlich zumute war.
+
+Die Ankunft in Erlangen war komisch. Deine Mutter und mein Hans waren am
+Bahnhof, kaum waren wir ausgestiegen, so hatte Hans schon das Kind auf
+dem Arm und ohne weitere Notiz von mir oder der großmütterlichen
+Zärtlichkeit zu nehmen, war er mit demselben auf und davon und wir
+hatten das Nachsehen.
+
+Ich hatte am ersten Abend schrecklich Heimweh und Kopfweh, am zweiten
+hatte letzteres nachgelassen und jetzt, am dritten, geht's durch und
+durch besser, aber ich denke immerfort an Dich und kann garnicht von Dir
+reden. Das Annakind erntet über Erwarten Beifall und rührend ist die
+Zärtlichkeit, die zwischen ihr und den Onkeln stattfindet, Hans füttert
+sie, Fritz trägt sie zu den Bekannten. In unserer Wirtschaft kommt mir's
+so komisch vor, ich muß oft wie eine Fremde darüber lachen. Gestern kam
+ein fremder Herr, die Brüder schauen sich an, wem wohl der Besuch gilt,
+endlich fühlt sich Hans getroffen. Da er gerade das Kind füttert, gibt
+er Fritz den Bündel. Wie sich herausstellte, daß der Herr eigentlich zu
+Fritz will, wird er von diesem in das Kabinett hineingeführt, welches
+als sein Arbeitszimmer und Salon durch den Zuwachs von meinem und einem
+Kinderbett sehr an belebtem Aussehen gewonnen hat und den ersten
+Eindruck aufs wunderbarste steigern muß. Ich weiß oft gar nicht, wie mir
+geschieht, alles so bekannt, gar nichts Neues und doch fast unglaublich.
+
+... Wenn ich höre, daß es Dir und meinem guten, guten Herzensbrocken gut
+geht und Du Dir über Kind und Küche nicht viel Sorgen machst, so will
+ich gern mein Pensum hier abmachen und dann recht vom Fundament aus, ich
+kann Dir garnicht beschreiben _wie_ vergnügt bei _Dir_ sein. Trotz der
+Unruhe ist mir's wohl hier, weil ich für garnichts zu sorgen habe, das
+Annakind fährt fort, Eroberungen zu machen; wenn's ihr auf den Bällen
+einmal ergeht wie jetzt hier, so hat sie die Schwindsucht schon nach
+dem Fuchsenball, sie tanzt schon jetzt lauter Extratouren.
+
+Laß Dir's recht gut gehen, mach diesem Brief zu Ehren einen Kuckuck und
+dergleichen mit dem Kind und denk Dir einen Kuß von mir oder
+viele .....«
+
+6. Mai ... »Neulich war eine große Teevisite bei Deiner Mutter
+(Rahmtorte!!!) Da wurde fünf Viertelstunden am Tisch gestanden und
+gezittert und geholfen und gewünscht, allein vergebens.« (Über dieses
+»Tischrücken«, das damals Mode war, werden wir später noch mehr hören.)
+»Meine Wut kannst Du Dir denken, ich war ganz außer mir. Heute ging ich
+mit Emma Schunck zu Fuhrmanns, die einen sehr sensitiven Tisch haben und
+siehe, es ging prächtig in einer Viertelstunde, so daß es den Tisch
+drehte und fortrutschte, daß man nur nachzulaufen hatte und es ihn
+rechts und links in die Höhe warf, daß es zum Totlachen war, übrigens
+mache ich mir meine ganz besonderen Gedanken.«
+
+Sobald Pauline sich ein wenig gekräftigt hatte, kehrte sie nach Hause
+zurück, und wenn sie auch noch öfter zu solch kleinen Erholungsreisen
+genötigt war, so fand sie doch ohne den Mann so wenig Freude daran, daß
+sie heim drängte, sobald sie nur konnte, trotzdem zu Hause manches
+Schwere auf sie wartete, denn die nun folgenden Jahre boten äußerlich
+betrachtet der jungen Familie Brater wenig Erfreuliches. Sehen wir
+zunächst auf den Mann, so finden wir ein ganz merkwürdiges, fast
+unverständliches Mißverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Er
+redigiert die Blätter für administrative Praxis, und sie werden als
+mustergültig anerkannt; er bearbeitet die bayerische Gerichtsordnung,
+und die Juristen finden die Arbeit vorzüglich; er gibt eine Ausgabe der
+bayerischen Verfassungsurkunde heraus, sie erscheint in mehreren
+Auflagen; seine Kommentare zum Preß- und Forstgesetz kommen in
+Verwendung; seine »Fliegenden Blätter aus Bayern« erregen Aufsehen in
+politischen Kreisen, aber wenn dieser hervorragende Jurist sich bewirbt
+um eine Advokatur, um ein Bürgermeisteramt, wenn er anfragt, ob ihm die
+Erlaubnis erteilt würde, sich in Erlangen als Privatdozent
+niederzulassen, so ist die Antwort »nein« und immer wieder »nein«. Und
+doch hat er den sehnlichen Wunsch nach praktischer Arbeit, möchte nicht
+nebendraußen stehen, sondern einen Posten ausfüllen, der ihm gestattet,
+seine Ideale nicht nur auf dem Papier niederzulegen, sondern sie im
+Leben zu betätigen.
+
+Professor Bluntschli, der berühmte Rechtsgelehrte, der damals in München
+lebte und später mit Brater in Verbindung trat, spricht sich darüber aus
+in seinen »Denkwürdigkeiten aus meinem Leben«: »Brater war jeder
+Übertreibung wie allem unlautern Treiben feind, dabei gründlich
+gebildet, von durchdringendem Verstand, immer besonnen und klar,
+zuweilen pedantisch-genau, ein überaus fleißiger Arbeiter. Ich habe es
+lange nicht verstehen können, daß in Bayern, das wirklich keinen
+Überfluß an tüchtigen Beamten hatte, eine solche Kraft brachgelegt
+wurde. Ich begriff es erst später vollständig, als ich sah, wie die
+nationale deutsche Gesinnung, die in Brater lebendig war, die ihn
+jederzeit opferbereit fand, den Verdacht einer strafbaren Untreue gegen
+Bayern, wenn nicht des Hochverrats auf sich zog.«
+
+Eine Enttäuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann
+und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang
+litt sie an peinlicher Augenentzündung und mußte nach damaliger Methode
+der Augenärzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast untätig sitzen.
+Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzähligen schlechten
+Nächte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung
+Platz. Die Außenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich
+glücklich fühlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte
+man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur
+gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann:
+»Ich habe eine wahre Todesangst, daß Du nach meiner Heimkehr bald
+verreisen mußt.«
+
+Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline
+an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer
+Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffällig bemerklich. Die
+dünnen, schrägen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste,
+geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die
+charaktervollen Schriftzüge Frau Braters kaum mehr an die einstige
+Handschrift von Pauline Pfaff.
+
+
+
+
+VI.
+
+1855-1858
+
+
+Die Nördlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein
+literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranlaßte,
+nach München zu übersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der
+Chronik, daß Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatswörterbuch
+herauszugeben, und sich wegen dieses groß gedachten Werkes an Brater
+wandte. Schon war der Verleger nach Nördlingen gekommen, man hatte sich
+über alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren
+gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur großen
+Enttäuschung für Brater, der in der Chronik berichtet: »Die Arbeit hätte
+mich fünf Jahre lang unter günstigen Bedingungen beschäftigt, aber die
+türkischen Verwicklungen schüchterten den Verleger ein und ich wurde zum
+zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.«
+
+Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: »Das Projekt
+Bluntschlis nähert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen
+Konjunkturen längere Zeit geruht hatte, seiner Ausführung. Ich übernehme
+die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatswörterbuchs,
+das in zirka zehn Bänden in den Jahren 1856-60 erscheinen soll.
+Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung
+der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird
+die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein großer Schritt, den
+man wagt. Die Verleger sind Schultheß und Scheitlin.«
+
+Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines
+Menschen auf das Leben anderer ausübt. Professor Bluntschli faßt den
+Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Münchner Professors
+hat die Wirkung, daß Frau Brater in eifriger Tätigkeit ist, ihren
+Nördlinger Haushalt aufzulösen; dieser Gedanke ist die Ursache, daß zwei
+kleine Mädchen von den Wiesen und Obstgärten abgerufen werden, um nie
+mehr diese goldene Freiheit zu genießen. Ja, wenn auf der Löpsinger oder
+Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das
+Dienstmädchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist
+an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Münchner Professors
+schuld, der das Mädchen in die Residenz zieht. Der Abschied von
+Nördlingen galt zunächst nicht für einen definitiven, nur für die Dauer
+der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch
+lag die Aussicht der Rückkehr in unbestimmter Ferne und das junge
+Ehepaar verließ nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor
+fünf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimstätte, der Geburtsort
+der Kinder, behält für ein glückliches Paar seinen eigenen Reiz und auch
+die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse für eine
+Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von
+der Witwe des Buchhändlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen
+Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden
+wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein
+lebhafter sowohl geschäftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel
+verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck'schen
+Verlag vorstand und einige Jahre später sich mit der Witwe Beck
+verheiratete.
+
+Die Lust zur Übersiedelung nach München war nicht groß, denn schon bei
+dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, daß mit knappen
+Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzügen der großen Stadt
+nicht viel zu genießen ist. Aber ob gern oder ungern -- es mußte
+abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem
+traulichen Städtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu
+gründen.
+
+Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in München Augustenstraße
+Nr. 5. Diese, heutzutage längst ausgebaute und mitten im Verkehr
+stehende Straße war damals noch eine stille Vorstadtstraße, einzelne
+Gärten unterbrachen noch auf beiden Seiten die Häuserreihen, gestatteten
+den Ausblick in die Ferne und gewährten Pauline die Möglichkeit, den
+Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten überall Zutritt.
+
+Die erste Sorge der Hausfrau mußte sein, möglichst rasch das
+Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit
+wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der große Lehnsessel
+davor -- das einzige luxuriöse Stück der Ausstattung -- waren Bücher,
+Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefüllt, so
+mochte im übrigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und hörte
+es nicht mehr. Das Staatswörterbuch brachte sofort und für lange Jahre
+eine Menge mühsamer und oft ärgerlicher redaktioneller Geschäfte, aber
+diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die
+ihn freute. Von dem mächtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande
+vorwärts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken,
+schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewußtsein,
+daß es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas
+beizutragen zur Lösung der höchsten nationalen Aufgabe, erfüllte ihn mit
+tiefinnerer Befriedigung und ließ ihn auf äußere Anerkennung verzichten.
+
+Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster
+war ein sogenannter »Tritt« angebracht, eine Erhöhung, auf der nur der
+Nähtisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Straße zu
+überblicken und dieser Blick erwies sich bald als nützlich; denn als das
+Frühjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unmöglich, ihre Kinder, die
+auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig
+dachte sie daran, die Kleinen stundenlang täglich in die Anlagen zu
+schicken oder spazieren zu führen, sie hielt dies für einen
+unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes übrig, als sie
+auf die Straße springen zu lassen. Anna war nun fünf Jahre, verständig,
+äußerst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen
+Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten
+Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben,
+geschweige denn den Mädchen gestattet, auf der Straße zu spielen. So
+erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstraße, daß
+die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater hätte es vielleicht auch nicht
+so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der
+Erziehung; »das mußt _Du_ wissen« sagte er bei solchen Anlässen in
+vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ängstlich. »Die
+Kinder sollen nur aufpassen lernen,« war ihre Meinung, wenn jemand auf
+die Gefahren der Straße aufmerksam machte. War aber von dem ungünstigen
+Einfluß die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausüben konnte, so
+schreckte sie auch das nicht ab. »Unten mögen sie reden wie die andern,«
+meinte sie, »oben werde ich mirs schon verbitten.« Sie brachte das auch
+zustande. Bald kam es vor, daß die Kleine einer Spielgenossin in die
+Dachwohnung hinauf rief: »Marie, kimm abi« und dann der Mutter, die es
+hörte, die Erklärung gab: »Weißt' das heißt: komm herunter!«
+
+Die meisten Kinder, die sich in den Münchener Straßen aufhielten, waren
+katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, daß sie den gelegentlich
+vorübergehenden Geistlichen die Hand küßten, und arglos folgte sie
+diesem Beispiel. Bei solchem Anlaß fragte ein katholischer Geistlicher
+das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es
+heiße und wem es gehöre. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch
+verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den
+Ultramontanen verhaßt wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen
+Herrn sehr merkwürdig vorkommen, daß das Kind dieses Mannes ihm den
+Handkuß gab, und er entließ es mit einem Gruß an ihren Vater.
+Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren
+auch, welchem Umstand sie den Gruß verdankten. Mit feinem, sarkastischen
+Lächeln sagte der Vater zu seinem Töchterchen nur: »Du brauchst künftig
+niemandem mehr die Hand zu küssen.«
+
+Also durften die Braters Mädchen auf der Straße spielen und wurden von
+andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering
+geschätzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der
+außergewöhnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natürlichen
+Anlage seiner Frau, daß die Frage: »Was sagen die Leute dazu?« gar nicht
+vorkam im Wörterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, daß
+sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht
+ängstlich nach der Meinung anderer.
+
+Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausgängen verwendet, Anna war
+allerdings ein so praktisches Kind, daß man es wagen konnte. Um so
+unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glück zu
+sagen, daß doch immer alles gnädig ablief. So wurden der Kleinen einmal
+Druckbögen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen
+Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer
+ruhig deren Führung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet.
+Als sie nun zum erstenmal allein auf den großen Platz gelangt war, in
+dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Straßen
+abgehen, wußte sie nicht, welche sie einzuschlagen hätte. So stand sie
+denn ratlos in der Mitte des Platzes, wußte sich nicht zu helfen und
+fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorübergehender die
+trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und
+erfuhr, daß sie den Weg in die Druckerei nicht fände. Nun wollte aber
+der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wußte das Kind nicht
+Bescheid, zu Hause hieß es eben schlechthin: Die Druckerei.
+Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch
+Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen
+Druckerei geleitet. Es hätte freilich auch anders ausfallen können,
+damals, wo oft nur die Anonymität den Verfasser geharnischter Artikel
+vor Verfolgung schützte.
+
+Einige Monate nach der Übersiedlung war Brater schon in so vielerlei
+Arbeit verwickelt, daß eine Rückkehr nach Nördlingen ganz undenkbar
+erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer:
+
+... »Die Erinnerung an Nördlingen liegt schon weit hinter mir, insofern
+ich nicht mehr wie anfangs Nördlingen als meine Heimat betrachte, wohin
+ich zurückzukehren strebe, sobald die Verhältnisse es gestatten. Ich
+sehe wohl, daß daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen,
+sondern um Karls willen, denn den großen Unterschied für ihn sehe ich
+jetzt erst recht ein; also Nördlingen ist meiner Überzeugung nach
+abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir
+versichern, daß mir oft die Tränen kommen, wenn ich die Kinder
+miteinander reden höre, wie sie sich vergnügen wollen, wenn sie wieder
+»heim« kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen
+u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, daß wir nächstens
+heimkehren werden.«
+
+Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das
+Tischrücken auf, das damals eine merkwürdige Anziehungskraft sogar auf
+solche Männer ausübte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten.
+Frau Brater schreibt:
+
+»Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den
+Freund Bärmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um
+das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze
+Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte
+und ich konnte mich gar nicht genug über die Leichtgläubigkeit Deines
+Herrn Bruders und meines Gatten ärgern. Ernst hat Dir vielleicht
+erzählt, was für ein Wunder mit dem Tisch sich in Bärmanns Schreibstube
+zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich
+darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdruß über seine
+Leichtgläubigkeit darzutun.«
+
+Das Interesse für das Tischrücken war in jener Zeit erregt worden durch
+einen Artikel in der »Allgemeinen Zeitung«, der über wunderbare
+derartige Vorgänge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen
+Kreisen zu Versuchen den Anlaß gab. Die Meinungen waren geteilt und es
+wurde mit Erregung darüber gestritten, ob man es mit Einwirkung von
+übernatürlichen Kräften oder mit Elektrizität und Magnetismus zu tun
+habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere
+scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein.
+
+Der Verkehr mit dem obenerwähnten Theodor Rohmer und seinem älteren
+Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das
+Interesse für deren religiöse und philosophische Ansichten. Zwar die
+persönliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung für
+Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des
+Anstoßes und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern
+Rohmer, in die selbstbewußte, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie
+sich nicht finden. Es war ihr unfaßlich, wie ihr Mann so hoch
+hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzüge seiner eigenen
+Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein
+Prinzip aus: »Ich lasse mich gehen« und er handelte danach. Ihres Mannes
+Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er übte sie an sich,
+forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie
+Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler
+Bruder, Theodor, sich dessen Ansprüchen unterordneten. Die geistige
+Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewußte Eigenart übte eine
+unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, »eine
+unglückselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen
+Leidenschaften«. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das Höchste
+von ihm erhofften, religiöse, politische und soziale Umgestaltung
+Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gewöhnlichem
+Maße messen zu dürfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses
+Mannes gezeigt, wie die höchste geistige Begabung nur Unfrieden bringt,
+Harmonien zerstört und den Träger selbst unbefriedigt läßt, wenn sie
+nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht
+beherrscht.
+
+Braters Freundschaft mit Friedrich Rohmer war ein Schatten im Haus, aber
+Pauline wurde sich dessen bewußt und sorgte, daß er sich nicht trennend
+zwischen sie und ihren Mann schob. Sie suchte ihre Abneigung gegen
+diesen Verkehr zu überwinden. Dabei kam ihr zu Hilfe, daß die Gedanken
+Friedrich Rohmers, über die sie ihren Mann und seine Freunde sprechen
+hörte, sie allmählich ergriffen, so daß sie die Rohmerschen Schriften
+las und nun auch mächtig durch dieselben bewegt wurde. Pauline gehörte
+zu den echt weiblichen Naturen, denen nur durch Vermittlung des Mannes
+ein neues Interesse erweckt, ein Verständnis aufgeschlossen wird.
+
+Wie sie durch ihre Brüder gelernt hatte die Naturwissenschaften mit Liebe
+zu erfassen, so traten ihr durch Rohmer die religiös-philosophischen
+Fragen nahe und immer zunehmend in den folgenden Jahren die nationalen
+und politischen Interessen ihres Mannes. Nichts eignete sie sich etwa
+aus Lernbegier, aus absichtlichem Streben nach Weiterbildung an. So
+blieb sie z. B., trotzdem sie einen großen Teil ihres Lebens in der
+Kunststadt München zubrachte, der Kunst vollständig fremd, sah sie als
+einen Luxus an, ließ sie kaum als eine Lebensaufgabe, die auch ihren
+sittlichen Wert hat, gelten. Es trat eben kein Künstler in ihren
+Lebenskreis, der sie für seine Sache erwärmt hätte, und sie erfaßte nur,
+was ihr durch Persönlichkeiten nahe gebracht wurde, in denen es lebte,
+dann aber ergriff sie es mit solcher Wärme der Empfindung und
+Begeisterung, daß ihr Feuer sogleich wieder das der andern belebte, und
+da solches nie ein Strohfeuer war, sondern eine warme anhaltende Glut,
+so gewann sie im Laufe des Lebens immer mehr an innerem Reichtum und
+konnte viele anregen, erwärmen und begeistern.
+
+An Lina Rohmer schreibt sie: »Gegenwärtig studiere ich Kritik des
+Gottesbegriffs (von Rohmer), was aber nur dazu beiträgt, meine Ungeduld
+nach dem Neuen Gottesbegriff zu vermehren; es wäre zu schade, wenn
+Friedrich nicht zu rechter Zeit sein Buch drein feuern könnte,
+besonders da ich immer glaube, daß er es dann überhaupt nicht mehr
+abfeuert, sondern eben auch da stecken bleibt, wo andere auch nicht
+hinüber kommen.« Diese Befürchtung sollte sich bewahrheiten. Noch im
+selben Sommer berichtet Brater in der Chronik: »Wir waren in den letzten
+Wochen in häufigem Verkehr mit Friedrich Rohmer gestanden, der eine
+lebhafte Zuneigung zu unserer kleinen Anna gewann, sich mit Pauline
+befreundete und mir ein offenes, unbedingtes Vertrauen erwies. Ich hatte
+in früheren Jahren den Eindruck seines _Gemütes_ selten so rein und tief
+wie jetzt in den Gesprächen, die sich über unser persönliches
+Verhältnis, über das seinige zu Theodor und Bluntschli, über sein
+Bedürfnis eines neuen Familienlebens und über politische Zukunftspläne
+erstreckten. Zu derselben Zeit war seine _geistige_ Produktion von
+solcher Größe und Fülle, daß Bluntschli, der diese Ideen aufzunehmen und
+sich anzueignen hatte, fast erlag.
+
+Wir befanden uns seit kurzer Zeit (zum Landaufenthalt) in Aibling und
+erwarteten seinen Besuch, als die Nachricht seines Todes eintraf.
+Bluntschli schrieb am 11. Juni: »Gestern noch war er gesund, heiter,
+auch am Abend frei und ruhig. Heute morgen ging er ins Bad. Im Bad traf
+ihn der Nervenschlag, der ihn zum ewigen Lichte rief.«
+
+Auch Theodor Rohmer, der seine ganze Kraft selbstlos im Dienste des
+Bruders, den er verehrte, aufgerieben hatte, starb bald darauf und
+Brater verlor an den beiden Brüdern die Jugendfreunde, die ihn mehr als
+alle anderen gefesselt und beeinflußt hatten. Um so näher fühlte er sich
+mit Bluntschli verbunden. Längst waren zu den geschäftlichen Beziehungen
+mit diesem auch freundschaftliche Familienbeziehungen getreten. Pauline
+fühlte sich besonders zu Bluntschlis ältester Tochter Luise hingezogen,
+deren gerade, offene Natur zu der ihrigen paßte. Nach ihrer Verheiratung
+mit Prof. #Dr.# Hecker (später Obermedizinalrat) wandte die junge Frau
+ihr ganzes Vertrauen Frau Brater zu und eine treue Freundschaft
+verknüpfte die beiden. Als Bluntschli und seine Frau die silberne
+Hochzeit feierten, waren auch Braters mit einigen Freunden des Hauses,
+worunter Liebig und Kaulbach, dazu geladen. Daß dieses fröhliche
+Familienfest für lange Zeit ihr letzter Ausgang sein sollte, ahnte Frau
+Brater an diesem Abend noch nicht. Ein Schmerz im Knie, der sie schon
+manchmal belästigt hatte, trat plötzlich so heftig auf, daß sie nicht
+mehr gehen konnte. »Pauline ist genötigt, auf dem Sopha zu liegen,«
+berichtet ihr Mann und fügt hinzu: »es ist erstaunlich was dazu gehört,
+eine Familie von nur vier Köpfen imstande zu halten; keine Woche
+vergeht, daß es nicht da oder dort knarrt und eine Fuge aus dem Leime zu
+gehen droht.«
+
+Der Zustand verschlimmerte sich, ein Gipsverband wurde angelegt und mehr
+als ein halbes Jahr verging, bis Pauline an Lina Rohmer schreiben
+konnte: »Der Gipsverband ist vor acht Tagen abgenommen worden. Die
+Möglichkeit des Gehenlernens scheint mir nun auch näher zu liegen als
+noch vor acht Wochen, auftreten kann ich freilich noch nicht, aber doch
+besser liegen. Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich darüber bin, wohl
+ängstige ich mich und fürchte mich selbst vor meiner zuversichtlichen
+Hoffnung, aber nichts desto weniger habe ich sie .... Diesen Winter wird
+meine Mutter längere Zeit bei uns zubringen, was mich für sie und mich
+sehr freut, ich habe es eben überhaupt so gut auf dieser Welt, daß ich
+immer denke, so ein kleines Kreuz wie mein böses Knie sei mir eben nötig
+und ich fürchte deshalb oft, es wird mir schon noch bleiben.«
+
+Im selben Briefe spricht sie der Freundin, die eine schwere
+Krankenpflege zu besorgen hat, Mut zu: »Halte nur Du Dich tapfer und laß
+Dich nicht übermannen, ich zweifle auch gar nicht daran, Du könntest mit
+Deinem Mut allen aushelfen, hast Du Dein Gesangbuch bei Dir, so lies das
+siebente Lied und denke, daß es mein Lieblingslied ist, denke besonders
+bei den drei letzten Versen an mich.« (Es ist das Gerhardtsche Lied:
+Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht fröhlich sein?)
+
+Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte,
+hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie
+schreibt an Lina Rohmer: »Ich kann nur sagen, daß sich meine Geduld
+schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat
+und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... Überhaupt ist dies
+München ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier
+viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatswörterbuch
+ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe
+eine große Wut, da ich ohnedies diesem Staatswörterbuch nie hold gewesen
+bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen
+Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder hänge ich dann mit der
+Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut für sie,
+dies ist die einzige Möglichkeit, ein anständiges Leben zu führen; ich
+warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst
+misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm
+in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande wäre
+und wenn ich 6000 fl. Besoldung hätte.«
+
+Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzündung am Knie war endlich
+gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline
+erzählte später manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den
+Rücken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: »Nun holen
+Sie sich aber einen anderen Arzt!« Wieder mußte sie liegen und viele
+Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Gedächtnis geblieben, wie
+die Mutter trotz dieser Hemmnisse fleißig war. Sie hatte sich ein
+schmales Brett zuschneiden lassen, das quer über dem Kanapee ruhen
+konnte, auf dem sie lag; sie benützte das als Bügelbrett und hat alle
+Stärkwäsche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebügelt.
+
+Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten
+konnte: »Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die
+Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert
+ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit
+mäßiger Benützung des Stockes ohne allzu große Ermüdung und üble
+Nachwirkungen zurück.« Das waren schlimme Jahre, auch in pekuniärer
+Beziehung, denn Ärzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und
+die Einnahmen waren nicht im richtigen Verhältnis zu solchen Ausgaben.
+Unter diesen Umständen beschloß Brater, sich noch ein letztes Mal um
+eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche
+Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer
+gewesen wäre, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht hätte.
+Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner
+Schwester Julie mit: »Nachdem Seine Majestät mein Gesuch gelesen hatte,
+befahl er es #ad acta# zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so
+unabhängige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon
+setzte mich der Kabinettsekretär in Kenntnis und meinte, eine
+_abhängige_ Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei
+der _Staats_anwaltschaft mein Glück versuchen wolle ....« Unter den
+gegebenen Verhältnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft
+fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem
+Staat als Anwalt dienen, so lange die Männer an der Spitze standen,
+deren reaktionäre und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bekämpfte?
+Er mußte auf das Angebot verzichten, um seiner Grundsätze willen.
+
+Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue
+Enttäuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen.
+Nachdem er den Hergang erklärt hat, schreibt er: »Du mußt außerdem
+bedenken, daß ich aus diesen Händeln mit _erhöhtem Selbstgefühl_
+hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn
+ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft außerhalb des Zeitcharakters
+steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür
+büßen müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen
+Tugend und meiner Unfähigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt
+anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.«
+Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlösse mit
+pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zustände und die
+Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater läßt sich nicht
+erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: »Die heutige
+Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis
+der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem öffentlichen Leben
+vorwärts.« Und an seine Schwester: »Einstweilen muß man an dem Gedanken
+festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die
+politische Entwicklung geht vorwärts.«
+
+Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie
+lebten in der bisherigen fleißigen und sparsamen Weise weiter und trugen
+gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen
+Freude und ein wackeres Dienstmädchen unterstützte die Frau, während
+diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mädchen
+bewährte sich als ein treues, verständiges Glied der Familie. Sie wurde
+einst, während Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort
+über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin
+gereist sei und mit welchen Männern er verkehre. Denn je mehr seine
+nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die
+Bemühungen, ihn zu verdächtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener
+preußenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mädchen ließ
+sich keine andere Antwort herauslocken als die: man möchte doch ihren
+Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid
+mußte man sie schließlich ziehen lassen. Man war damals noch mancher
+Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das
+Zigarrenrauchen auf der Straße als Zeichen einer verpönten Gesinnung
+nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei
+ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging
+täglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal
+in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot
+aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: »Entschuldigen Sie, ich
+bin hier fremd« die Zigarre wegwarf. So trieb er's, bis einst ein
+Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: »Ja, entschuldigen Sie, wie
+lang sind denn Sie noch fremd?« Von da an hielt es Colomann doch für
+geraten, das Rauchen auf der Straße aufzugeben.
+
+Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmählich eine bessere Wendung für
+die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der
+Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen
+durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war,
+anläßlich der Präsidentenwahl sofort wieder aufgelöst. Infolge dieses
+Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb
+Brater eine Flugschrift: »Regierung und Volksvertretung in Bayern.« Sie
+wurde zwar in Nördlingen gedruckt, doch erschien es rätlich, sie
+außerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma
+ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck,
+war augenblicklich vergriffen und mußte in zweiter Auflage erscheinen.
+Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen
+darauf hin, daß der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die
+Abgeordnetenkammer gehöre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken
+als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am
+günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persönlich
+aufzutreten. An fortgesetzte Enttäuschungen gewöhnt, ging Brater ungern,
+weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach
+Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr,
+falls er wirklich gewählt würde, sofort zu telegraphieren.
+
+Mit dem heißen Wunsche, daß ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein
+möchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen
+von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die
+Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm
+ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen
+Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die
+Mutter wandten, stets die Antwort: »Seid still, ich muß mich auf etwas
+besinnen.« An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie
+mußte sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen
+Mißerfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen könne, daß er
+alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon
+verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es
+doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der
+konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewählt.
+Die Verspätung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als
+Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin
+unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz
+umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen
+zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So
+konnte es noch lange währen und Brater wußte seine Bundesgenossin zu
+Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben
+abgehenden Zug nach dem nächsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort
+aus und reiste mit dem nächsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den
+Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich
+vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert
+hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr
+Mann sie auch im ärgsten Getriebe nie vergaß und alles andere lieber als
+sie zurückstehen ließ; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes,
+beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die
+höchste Stufe der ehelichen Treue.
+
+Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem
+Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die
+erste öffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob
+die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen hätte, aber die Freundschaft
+der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der
+Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und
+gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner
+wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit
+ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, muß doch zuletzt alles
+gut werden.
+
+Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag
+erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der
+Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjähriger stiller,
+treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: »Ihr Vater ist
+durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne äußeren Anlaß seine
+Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich muß sagen, Hans hat sich
+treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.«
+
+Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen,
+ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie
+tätig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populären Vorträge
+verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie
+diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche
+Fragen, die sich ihr aufdrängten und um deren Beantwortung sie ihn bat.
+In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: »Mehr
+als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.«
+
+Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen
+Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wäre nun
+vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen
+Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel
+köstlich nennt: Mühe und Arbeit.
+
+Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den
+ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz
+Selbstverständliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen
+tun; aber je länger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte
+sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an
+dieselbe aus.
+
+»Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich
+freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen,
+aber jetzt hoffe ich doch, daß Du Dich auch einmal ein wenig mit mir
+erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es
+ist wahr, Du hast allmählich Deine Kinder so weit gebracht, daß ihnen
+die Löcher geflickt werden, auch ohne daß Du Deine Nadel einfädelst,
+aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch
+stets, daß die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes
+ersetzt werden könnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und
+nach zu Müttern und Vätern geworden sind, je mehr lernen sie schätzen,
+was Du ihnen bist, trotzdem daß ihnen die Suppe sogar von einer Magd
+gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten,
+sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen
+her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich
+übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben
+verwöhnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden
+Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall
+zustatten. Sie sind über Deine schöne Handschrift immer höchst erfreut:
+'Der Großmutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben
+hat sie ein bißle verlernt'.«
+
+Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule.
+Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so
+groß, daß sie zwar im Dämmerstündchen sich noch der Mutter auf den Schoß
+setze, aber selbst ein ganz verschämtes Gesichtchen dazu mache wegen der
+langen Beine, die da herabhingen. Solch zärtliches auf dem Schoß sitzen
+und dergleichen erlangte zwar »das kleine Schmeichelkätzchen« hie und
+da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich
+auch nicht mit ihren Grundsätzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit
+Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit
+Liebkosung und Zärtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie
+teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für »Unkräuter« halten
+und dankbar sein, daß man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den
+Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen
+Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie
+galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige
+Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete
+sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, können, leisten noch
+nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen.
+
+Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur
+Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine
+fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab,
+sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen
+Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus
+pädagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der
+Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lästige Pflicht, sondern
+als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab
+vielleicht nicht viele Häuser, in denen so gewissenhaft jede unnötige
+Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz
+dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder
+hörten kaum davon reden; sie waren schon große Schulmädchen, als sie
+zufällig und zu ihrem Staunen entdeckten, daß das Dienstmädchen um Lohn
+und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat.
+Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein
+bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mädchen gegenüber zur Folge hatte.
+
+Als die Kinder mehrmals zu dem nächsten Droschkenplatz geschickt wurden,
+um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob
+es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden
+erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher
+etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus
+zu diesem System und erreichten damit, daß die Kleinen dankbar waren,
+wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden,
+glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zufloß und vor allem
+tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe
+verriet, die ihnen um so köstlicher war, je seltener sie in zärtlichen
+Worten zum Ausdruck kam.
+
+In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die
+Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, daß damit der beste
+Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem
+Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber
+die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das
+Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorität
+der Eltern hinaufgewiesen zu der höchsten Autorität und geleitet auf dem
+Wege zum höchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.
+
+Äußerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religiösem Leben in der
+Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und
+mit großer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott,
+mach mich fromm, daß ich zu dir in' Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit
+sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die
+Kinder anzuregen, ihre äußeren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu
+bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an
+Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des
+Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in
+jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den
+sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre
+Kinder. Oft sprach sie es aus, daß sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe
+der Religion nicht zu erziehen wüßte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer
+beeinflußt, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger
+sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament
+schätzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die
+Mutter erwähnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die
+Kinder machte, es heißt da von Anna: »Alle Morgen wird ein Abschnitt aus
+der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt
+sich häufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklärte die erstenmale
+immer: »Das hab ich mir auch gemerkt«, fand es dann aber einfacher, ein
+für alle Male zu sagen: »Jetzt Mama, ich merk' mir eben immer das, was
+sich die Anna merkt.«
+
+So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig ließen
+sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und
+waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort »Lüge« zu brandmarken, was
+kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Großen
+erwähnt: »Anna ist von großer Wahrhaftigkeit«, berichtet sie von der
+Kleinen: »Sie hat eine so lebhafte Phantasie, daß sie beständig im Reden
+und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von
+Wahrheit zu haben.« Sie hatte die ruhige Zuversicht, daß in ihrem Haus
+die Unwahrhaftigkeit nicht groß wachsen würde.
+
+Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau
+Brater oft bedauert hat, denn eine größere Geschwisterschar war nach
+ihrer eigenen Erfahrung ein köstlicher Schatz und überdies eine
+Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn
+jedes einzelne unter einer großen Kinderzahl wird sich entbehrlicher
+vorkommen als so ein einziges Pärchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt
+sie gelegentlich: »Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind hätte,
+überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht«; ein
+andermal: »vier Kinder wären mein Ideal« und die Sehnsucht nach einem
+Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden
+Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.
+
+Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch
+seine schlechten Wasserverhältnisse und häufige Typhuserkrankungen
+verrufen war, mußten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an
+einem typhösen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater
+schreibt darüber an ihre Schwägerin Julie: »Der arme Tropf hatte eine
+schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der
+Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende
+Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine
+schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie
+sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen ließ, so klopft das Herzchen
+mit einer Gewalt, daß man glaubte, es könne es unmöglich überdauern....
+Wunderbar war die Veränderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze
+unverändert, dagegen waren die glutroten Backen schneeweiß geworden, sie
+lag in fast immerwährendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten
+Woche ebenso. Unerhört war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und
+dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten,
+es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der
+dritten Woche, das kommt gewiß auch nur bei Kindern vor, war die
+Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne
+_allmähliche_ Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht
+gehabt und hatte morgens unverändert hundertundzwanzig Pulsschläge.
+Abends _saß_ sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter
+und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an
+waren wir außer Sorge, es ging gottlob alles so gut, daß sie jetzt zwar
+lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast
+frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden
+Strapazen in immerwährendem Kopfweh spüre.«
+
+
+
+
+VII.
+
+1858-1862
+
+
+Die ersten Münchner Jahre in der stillen Augustenstraße waren
+verhältnismäßig ruhig vorüber gegangen, aber es kam allmählich anders.
+
+Als Abgeordneter stand Brater nicht mehr, wie früher, allein. Eine
+kleine Gruppe national gesinnter Männer fand sich in der Kammer zusammen
+und bald bildete sich zwischen diesen ein Freundschaftsverhältnis, das
+auch häuslichen Verkehr mit sich brachte. Oft war das Haus Brater der
+Mittelpunkt, in dem sich die kleine Truppe zusammen fand, die es
+unternahm, gegen den altbayrischen Fanatismus anzukämpfen und für den
+deutschen Bundesstaat unter Preußens Führung einzutreten.
+
+Die erste praktische Folge der Beratungen dieser kleinen Partei war die
+Gründung einer Wochenschrift, deren Redaktion Brater übernahm. Einer der
+vorzüglichsten Mitarbeiter derselben war Professor Baumgarten, ein
+Braunschweiger, der damals mit seiner Familie in München lebte und mit
+dessen Frau sich auch Pauline bald herzlich befreundete, standen doch
+ihre Männer im gleichen Kampf, an dem beide Frauen mit ganzem Herzen
+Anteil nahmen. Bald zeigte sich's, daß eine Wochenschrift nicht genüge,
+und es trat an Brater die Lebensfrage heran, ob er die Redaktion einer
+großen politischen Tageszeitung übernehmen wolle. Professor Baumgarten
+hat diese Überlegungen in einem Aufsatz der Preußischen Jahrbücher[5]
+geschildert und wir teilen sie in seinen Worten mit:
+
+ [Fußnote 5: Band #XXIV#.]
+
+»Die schwache Stimme einer Wochenschrift konnte in dem Lärm jener Tage
+nicht weit dringen. Wir erkannten bald, daß, wenn der überaus rührigen
+Agitation im Süden, welche soeben um ein Haar Deutschland in einen
+verderblichen Krieg gestürzt hätte, wirksam entgegen gearbeitet werden
+sollte, eine tägliche Zeitung nicht entbehrt werden könnte. Nach langen
+Verhandlungen, vielen Mühen wurde es möglich, die Begründung eines
+solchen Blattes ernstlich ins Auge zu fassen. Und zwar in München, in
+dem eigentlichen Hauptquartier der Gegner. An die Ausführung eines so
+verwegenen Planes ließ sich aber nur denken, wenn ein Mann von
+hervorragender Fähigkeit, von bedeutender Autorität in dem Lande und von
+unantastbarem Charakter die Leitung übernahm. Denn daß das Auftreten
+einer gegen Preußen gerechten, der nationalen Sache aufrichtig ergebenen
+Zeitung in München mit den größten Schwierigkeiten verknüpft sein werde,
+deren nur ganz ungewöhnliche Leistungen Herr zu werden hoffen dürften,
+darüber konnte sich niemand täuschen. Alles hing daran, ob Brater sich
+entschließen mochte, der Redaktion seine Kraft, vielleicht seine
+Existenz zu widmen.
+
+Ich erinnere mich genau der eingehenden Gespräche welche wir im Sommer
+über die Sache hatten. Wie immer erwog er alle Momente der Frage mit der
+Objektivität eines durch keine Umstände beeinflußten Richters; die hohe
+politische Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des Unternehmens erkannte er
+vollkommen an, aber über seine Mißlichkeit, über die fast
+unübersteiglichen Hindernisse, denen er begegnen werde, täuschte er sich
+ebensowenig. Namentlich war ihm klar, daß für ihn persönlich ein fast zu
+großes Opfer damit verbunden sei. Nach langer, mühseliger,
+entbehrungsvoller Arbeit war er endlich dahin gelangt, sich in Bayern
+eine bedeutende Stellung zu erringen. Hielt er sich im Kreise der
+bayerischen Politik, so konnte ihm eine höchst befriedigende, d. h. für
+das öffentliche Interesse fruchtbare und seinen bescheidenen
+persönlichen Ansprüchen gerecht werdende Zukunft nicht entgehen. Betrat
+er dagegen den Boden der deutschen Politik mit einer in Bayern bei
+Regierung und Volk gleich verhaßten Richtung, so durfte er für die
+Zukunft noch viel schwereren Kämpfen entgegensehen, als ihm die
+Vergangenheit gebracht hatte.
+
+Er zählte damals vierzig Jahre; er war ohne Vermögen; nur angestrengte
+Tätigkeit und eine seltene Einfachheit des Lebens machte ihm möglich,
+mit der Feder zu erwerben, was die Bedürfnisse seiner Familie
+erforderten. Unter allen diesen Verhältnissen würden sehr wenige sich
+entschlossen haben, auf das Wagnis einzugehen. Brater unternahm es
+dennoch kraft jener Mischung geistiger Eigenschaften, der man in dieser
+Weise nur sehr selten begegnen wird. Er war ganz klare, scharfe Kritik
+und zugleich hingebende Begeisterung. Er besaß ganz die Nüchternheit des
+Verstandes, welche meistens zu klugem Egoismus führt und verband damit
+einen enthusiastischen Patriotismus, wie er meist nur in unklaren Köpfen
+wohnt ....
+
+[Illustration: Karl Brater]
+
+... Brater hatte sich nicht getäuscht. Als er am 1. Oktober 1859 die
+erste Nummer der »Süddeutschen Zeitung« herausgab, tobte es förmlich von
+allen Seiten gegen ihn. Man fand es geradezu unerträglich, daß sich in
+München ein »preußisches Blatt« ans Licht wage. Jede Verdächtigung in
+der kleinen Schmutzpresse der Stadt, jede persönliche Schikane wurde in
+Bewegung gesetzt, um Brater die Existenz in München unmöglich zu machen.
+Wer freilich die Blätter der jungen Zeitung las, der wurde von all
+diesen jede Stunde des Herausgebers verbitternden Widerwärtigkeiten
+nichts gewahr. ..... Der Grundgedanke, Deutschlands Führung durch
+Preußen, wurde den widerwilligen Gemütern der Süddeutschen mit nie
+aussetzender Konsequenz, aber zugleich mit jener schonenden Milde
+gepredigt, welche am besten geeignet ist, dauernde Überzeugungen zu
+begründen. Der deutsche Beruf Preußens hat niemals im Süden einen
+wirksamern Vorkämpfer gehabt als Braters Süddeutsche Zeitung. Anfangs
+mit einmütigem Haß empfangen, wurde sie in kurzer Zeit das
+Lieblingsblatt des gebildeten München.«
+
+Daß eine solche Berufsergreifung auch das Familienleben stark
+beeinflußte, ist selbstverständlich. Sofort ergab sich das Bedürfnis, in
+den Mittelpunkt der Stadt zu ziehen. Frau Brater schreibt darüber an
+ihre Freundin Emilie von Breuls, geb. Kopp: »Ich bin eigentlich eine
+halbe Strohwitwe geworden; Du hast vollkommen Recht, wenn Du meinst, die
+Zeitung werde meinem Mann viel Arbeit machen, es ist mir fast zu arg,
+dazu muß er seine Geschäfte in der Nähe der Druckerei und Post
+vornehmen, so daß er sich mit seinen Redakteuren in der Stadt ein paar
+Zimmer mieten mußte, wo er nun den ganzen Tag ist und ich ihn nur
+mittags ganz kurz sehe, im April ziehen wir nun ganz hinein und so sehr
+ich's bedauere, unsere schöne, freie sonnige Wohnung mit einer
+Stadtwohnung vertauschen zu müssen, so kann ich's nun doch kaum
+erwarten, bis der unbehagliche Zustand des Hin- und Herrennens auf einem
+halbstündigen Weg ein Ende nimmt; daß Du die Süddeutsche Zeitung liest,
+freut mich sehr; Du kennst nun dadurch unser ganzes Leben, denn ihr
+Inhalt und überhaupt was sich jetzt in der Welt zuträgt beschäftigt
+meinen Mann ausschließlich und somit auch mich, ich bin ganz und gar
+eine Politikerin geworden und von meiner Zeitung eingenommen wie von
+meinen Kindern.«
+
+Im Frühjahr machte sich Frau Brater daran, eine für die veränderten
+Umstände passende Wohnung zu suchen, und mietete eine solche. Aber nach
+kurzer Zeit benachrichtigte sie der Vermieter, daß er sein Wort
+zurücknehmen müsse, -- er hatte inzwischen erfahren, um wen es sich
+handle, und wagte es nicht, sich mit einem so staatsgefährlichen
+Mietsmann einzulassen. So mußte Frau Brater ihre Wanderung aufs neue
+antreten und fand endlich eine entsprechende Wohnung in der Dienersgasse
+Nr. 23. Freilich war es ein altes, dunkles Haus, mitten im Lärm der
+Straßen und ihre geliebten Sterne waren ihr durch das gegenüberliegende
+Regierungsgebäude verdeckt. Auch das ganze Hauswesen bekam plötzlich
+einen anderen Anstrich. Das größte Zimmer wurde für die Redaktion
+eingeräumt, der eine oder andere Mitarbeiter wohnte auch im Stockwerk,
+geschäftig ging es den ganzen Tag aus und ein und ein Laufbursche mußte
+angestellt werden. Dies alles gab einen gehörigen Zuwachs von Arbeit und
+das Familienleben gewann nicht an Gemütlichkeit durch diese Änderung,
+auch war es für Frau Brater peinlich mit anzusehen, daß ihr Mann eine
+allzugroße Arbeitslast übernommen hatte. Sie schreibt darüber an ihre
+Schwiegermutter:
+
+»... Daß Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht
+ja daraus immer, was uns beschäftigt; an Neujahr soll sie nun etwas
+größer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die
+Maßregel nicht etwa ungünstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies
+langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren
+Gehilfen für den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen
+Referenten für den Landtag; Du wirst gesehen haben, daß der Landtag im
+Januar zusammentritt, ein großer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese
+Zeit schon überstanden wäre! Karl hat nun alle seine übrigen Arbeiten
+abgegeben und wenn derselbige Referent tüchtig ist, so wird es eher
+leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.«
+
+Daß sich tüchtige Hilfskräfte für solch eine Zeitung schwer fanden, ist
+selbstverständlich, und manche merkwürdige Figur tauchte im
+»Redaktionszimmer« auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich
+auch bedeutende Männer zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der
+Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Münchener Neuesten
+Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der spätere Schriftsteller
+und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schöner, geistig
+anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In
+seinen Artikeln für die Süddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe
+literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde
+hochgeschätzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem
+geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich
+die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr
+Frau Brater die große Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh büßen
+mußte, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war,
+ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis
+Übersiedelung nach Heidelberg Anlaß zu einer großen Abschiedsgesellschaft,
+über die sie an Ernst Rohmer berichtet:
+
+»... Auch wir hatten diese Woche eine große Soiree wo es an Humor und
+sogar an Tränen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen,
+unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und
+ich wollte nur, Du hättest die Toaste mit anhören können, es überbot
+immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefühl einer
+großen Freundschaft und Innigkeit.«
+
+Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die
+nun als größere Schulmädchen wohl zu brauchen waren und fremder
+Bedienung vorzuziehen. Das Münchener Bier spielte keine kleine Rolle bei
+manchen der Geladenen; es wurde in großen Krügen geholt und die Kinder
+gingen von einem Gaste zum andern, um leere Gläser aufzufüllen. Am
+leistungsfähigsten war in diesem Stück der allgemein bekannte und
+beliebte Abgeordnete Völk, der urwüchsige, kräftige Mann vom Algäu, ein
+Volksredner von prächtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen
+Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm
+immer wieder aufs neue ein, denn er wußte auch schon dieses _kleine_
+Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Räumen zu
+Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfänglichen
+Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches
+Talent zu statten, sie kochte vorzüglich und war die Mahlzeit
+aufgetragen, so kam noch als beste Würze ihr guter Humor in der
+Unterhaltung.
+
+Das waren inhaltsreiche Jahre für die Frau, die an allem, was den Mann
+beschäftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem
+Arbeitszimmer herüber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen,
+ehe er ihn in die Druckerei schickte. »Du bist mein Publikum,« sagte er,
+»ich muß sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.«
+Ihre gesunde Empfindung befähigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert
+war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier
+geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu benützen wollte, um die
+Verleumdungen zu widerlegen, die andere Blätter gegen ihn brachten, dann
+setzte sie ihm zu, wollte, daß er die Grobheiten gehörig heimgebe, und
+hätte ihm solche am liebsten in kräftigen Worten in die Feder diktiert.
+Aber er ließ sich nicht beirren: »Um die Sache handelt es sich, nicht um
+meine _Person_,« erklärte er ihr immer wieder; »warum von dem kostbaren
+Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persönlicher Angriffe verwenden,
+laß sie nur schimpfen, viel besser ist's, wir bleiben bei der Sache.« Im
+Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme
+Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmählich auch ohne
+Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an
+Hilfskräften fehlte und sie dem mit Arbeit überladenen Manne
+Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder mußten, wenn der
+Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe genoß, oft
+genug Besorgungen für die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen,
+die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn
+ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief über Mittag eine
+Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam
+sie eben noch recht für die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff
+Anna das Telegramm, rannte in der Schürze, ohne Hut, über den glühend
+heißen Odeonsplatz und die Drucker wußten schon, wenn sie so atemlos
+hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das _mußte_ noch in die
+heutige Nummer. Heimwärts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr
+ohne Hut über den heißen Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall
+ein, so ging ihr doch wieder die Süddeutsche Zeitung über alle
+persönlichen Rücksichten.
+
+War nun in diesem geschäftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich,
+vergaß sie auch alle persönlichen Bedürfnisse über der großen Sache, der
+sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich plötzlich
+abrufen ließ aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der
+schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise
+Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt
+war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine
+Lungenentzündung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach
+Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen
+Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verließ sie München
+und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand,
+schildert sie selbst ihrem Manne:
+
+»Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt
+und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir's doch nicht
+leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann
+ich es nicht begreifen, daß dieses das Wiedersehen sein soll, auf das
+ich mich schon so lang freute, und daß es das letzte sein soll; wenn ich
+nur recht so wie ich möchte bei ihr bleiben und weinen dürfte, aber um
+Luisens willen und um meiner Augen willen muß ich so viel als eben
+möglich an mich halten. Ich will Dir erzählen, wie es ging: Auf meiner
+Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und
+der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt
+und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz
+schon von weitem und sah auch gleich, daß ich mich getäuscht hatte, er
+hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher
+als bis ich wirklich die letzten Atemzüge gehört hatte.... Als ich ankam
+und sie begrüßte, konnte sie mir's nur dadurch erwidern, daß sie mich
+ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gruß von den
+Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, daß ich's nie vergessen
+werde, ich kannte sie kaum, so waren die Züge von Schmerz und
+Anstrengung entstellt....
+
+Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden
+Todes, sie lag regungslos und atmete in immer größeren Zwischenräumen,
+um halb fünf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten
+noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei
+und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene
+weichen mußte, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr
+nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es
+auf dieser Welt nur geben kann.
+
+Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir fürchteten, sie ist
+wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr
+Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so
+weit, daß sie sich selber im Bett bewegen kann.... Daß die Mutter auf
+diese Weise sterben mußte, darüber kann ich mich nicht leicht beruhigen,
+die Krankheit wurde selbst verschuldet.«
+
+Über diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trösten und schreibt: »Sie ist
+in der Aufopferung für andere, der ihr ganzes _Leben_ gewidmet war, auch
+_gestorben_. Darüber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem
+Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam hätte entziehen
+lassen.«
+
+Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren
+Krankheit, ein harter Schlag für den Mann und die fünf Kinder, deren
+ältestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch für
+Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten
+Schwager Sartorius schreibt sie:
+
+»Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin
+mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fühlt man die
+Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man
+möchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der
+Gedanke an sie das ganze Herz ausfüllt; hier fühle ich mich mit meiner
+Betrübnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene
+Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt,
+allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrübnis zeigen,
+ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen?
+Ich kann das nicht.«
+
+In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen
+Kinder und in späteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, »den
+kleinen Hansel« zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den
+eigenen Töchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte
+Pauline in späteren Jahren die Freude, daß die mutterlose Schar aufs
+neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewährte
+Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwägerin und
+durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde.
+
+Im Sommer 1861 gönnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine
+Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein köstliches
+Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschüssen,
+nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch für Pauline
+eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfällen, und eine
+Wonne für die Schulkinder. In einem Fischerhäuschen wohnten sie, bei
+freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See
+zu, sich der schönen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestörten
+Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere
+Freude als die _eine_, allerdings tief beglückende, das Tagewerk gut
+vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenuß, die freie Muße mit
+wohligem Behagen empfunden. Für drei Tage machten die Eltern allein
+einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glück, sich
+wieder einmal ganz anzugehören. Mit großem Vertrauen und beneidenswerter
+Sorglosigkeit ließen sie das zehn- und elfjährige Schwesternpaar im
+Fischerhäuschen zurück, wo die Kinder sich mit großem Stolze Frühstück
+und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aßen.
+
+Ein längerer Landaufenthalt war freilich nicht möglich, denn die Arbeit
+drängte. Als Mitbegründer des deutschen Nationalvereins hatte Brater
+überdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach,
+Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien
+solche Tätigkeit fürs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rücksicht auf die
+eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft.
+
+Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die nötigen
+Hilfskräfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt
+Pauline: »Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer
+Mitredakteur ist sehr kränklich und es fragt sich, wie lange er
+aushalten wird, er hat schon selbst seine Befürchtungen ausgesprochen
+und hätte sich gar nicht auf dieses Geschäft einlassen sollen« und eine
+Nachschrift dieses Briefes teilt mit: »Unser Redakteur liegt heute
+bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es
+nicht gefährlich. -- Ich bin in Verzweiflung.«
+
+Selbstverständlich mußte bei solch plötzlichem Versagen der Hilfskräfte
+immer Brater seine eigene schon aufs äußerste angespannte Kraft
+einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tägliche Nahrung
+und wenn Frau Brater mit »Grausen« das neue Jahr angetreten hatte, wenn
+sie, so wenig ängstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das
+Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da.
+
+Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: »Meinem Mann hat
+der fatale Winter schließlich doch auch noch einen recht hartnäckigen
+Husten angehängt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon
+vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen
+bekam er nun ganz plötzlich einen ziemlich starken Anfall von
+Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz
+vorüber sind, doch erklärte Lindwurm nach genauer Untersuchung, daß es
+nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Daß er
+ihn nach Berlin reisen läßt, wundert mich trotzdem und ich würde es
+gewiß nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in
+der Unterbrechung seiner gewöhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil
+sähe; wenn es nur ein mäßiges Wetter wird, ich bin eben doch in großer
+Sorge.«
+
+Sechs Wochen später -- und die beiden Ärzte Professor Lindwurm und der
+befreundete Professor #Dr.# Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch,
+Brater müsse das überanstrengende Geschäft der Redaktion abgeben, müsse
+das rauhe Münchner Klima verlassen und müsse noch, ehe dies alles
+geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie möglich
+fort in mildere Gegend.
+
+Schwer trafen diese drei harten »Muß« den Mann, der wohl wußte, daß die
+Süddeutsche Zeitung von seiner Persönlichkeit abhing, und seiner Frau
+war es zumute, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. In der Tat,
+war nicht alles erschüttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung,
+das Leben ihres Mannes und somit ihr Glück?
+
+Noch ehe Brater einen Entschluß wegen der Zeitung fassen konnte, mußte
+er München verlassen, um den rauhen Frühlingsstürmen zu entgehen. Das
+war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber
+freundlich bot sich dem Erkrankten eine Stätte zur Erholung. Der
+Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in
+Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn
+herzlich zu sich ein und so bald die nötigste Vertretung gefunden war,
+reiste er dorthin. Die Sorge für die Zeitung begleitete ihn. In
+Versammlungen national Gesinnter wurde beraten über die Fortführung der
+Zeitung. »Wir sahen«, schreibt Baumgarten, »wie die Zeitung jeden Tag
+mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie
+hätte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche
+für Brater hätte eintreten können. Ohne ihn war das Blatt noch immer in
+München unmöglich.«
+
+So blieb denn keine andere Möglichkeit als entweder die Süddeutsche
+Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an
+dem ihre Redaktion nicht mit so ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden
+war wie in München und sich demnach leichter ein Redakteur finden ließe.
+Von Deidesheim aus schreibt darüber Brater an seine Frau: »Gestern sind
+Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ...
+verhandelt haben. Das Resultat wäre, daß vom 1. Juli an die Süddeutsche
+Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in _Frankfurt_ erscheint.
+Die Redaktion würde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits
+(unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhältnisse) nur um
+Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer
+politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch
+noch öffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich
+glaube, daß wir mit diesem Schritt das Zweckmäßigste tun, was unter den
+obwaltenden Umständen geschehen kann und daß auch Du damit einverstanden
+sein wirst. Bis auf weiteres darf davon _durchaus nichts verlauten_, die
+Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen
+geschehen wird.«
+
+Zugleich mit diesem Plane, der auch zur Ausführung kam, wurde die Frage
+über den künftigen Aufenthalt der Familie beraten. Am Sitz der Redaktion
+selbst sollte Brater nicht wohnen, um nicht aufs neue zu sehr in das
+Getriebe hineingezogen zu werden, doch allzuweit sollte er auch nicht
+davon entfernt sein, eine Stadt in der Nähe von Frankfurt schien am
+günstigsten. Viele Briefe gingen zwischen Deidesheim und München hin und
+her, bis einer derselben den energischen Vorschlag brachte, Pauline
+solle zu ihrem Manne kommen, mündlich ließe sich das alles viel leichter
+beraten. Zur Beaufsichtigung der Kinder und des Haushaltes war die
+Schwester Julie Brater bereit und so folgte Pauline dem Ruf und reiste
+über Württemberg nach der Pfalz. Es waren schon einige Wochen seit
+Braters Abreise verflossen, seine Nachrichten hatten jedesmal über
+fortgesetzte, wenn auch langsame Besserung berichtet, mit unendlicher
+Sehnsucht sah sie der Wiedervereinigung entgegen und wurde aufs
+liebevollste in dem gastlichen Hause Buhl aufgenommen. Aber die Wochen
+der Trennung mochten die Ursache sein, daß sie ihren Mann objektiver
+betrachtete und nun sah, wie krank er war. Wir lesen es zwischen den
+Zeilen in einem Brief an ihre Schwägerin Julie in München, wo es nach
+der Beschreibung der Reise heißt: »Was nun die Hauptsache ist, so
+konnte ich mich im ersten Augenblick des Wiedersehens kaum recht fassen
+ob meiner getäuschten Erwartungen, vielleicht hatte ich mir bei den
+fortwährenden Besserungsberichten zu viel Hoffnung gemacht.... So war
+ich gestern in recht trauriger Stimmung, die ich kaum zu verbergen
+wußte, Karl ist sehr heiter, und heute habe ich mich nun auch gefaßt und
+schiebe alle eingehenden Gedanken auf die Seite. Es gibt so viel zu
+beraten und zu überlegen, daß wir noch gar nicht angefangen haben, was
+kann man auch am Ende für Entschließungen fassen, wo doch alles von
+Karls Besserung abhängt? Möchte es Gottes Wille sein, daß uns diese
+Bitte erhört wird!... Hier ist alles herrlich, die Natur und das Haus,
+aber trotzdem will Karl die Gastfreundschaft nicht zu lang in Anspruch
+nehmen und möchte eben gern bei den Seinen sein.«
+
+
+
+
+VIII.
+
+1862-1863
+
+
+Fünf Jahre war die Familie Brater in München gewesen, hatte Verbindungen
+geschlossen, die ihr allmählich lieb geworden waren, und nun sollte sie
+wieder abbrechen und sich an einem gänzlich unbekannten Orte
+niederlassen. Dies ist an sich schon schwer und ist es doppelt, wenn
+eine traurige Ursache den Anlaß zu solchem Wandern gibt. Brater ging von
+Deidesheim aus nach Frankfurt, um dort die nötigen Vorbereitungen für
+die Übergabe der Süddeutschen Zeitung zu treffen, und kehrte dann nach
+München zurück, um die Redaktion aufzulösen. Für den Sommer rieten die
+Ärzte zu einem Aufenthalt in Höhenluft und dem Gebrauch einer Molkenkur.
+Wieder war es ein Abgeordneter, der hier Rat wußte. Auf dem Grünten,
+einem Berg in den bayerischen Alpen, besaß der Abgeordnete Hirnbein ein
+Anwesen, in dem Molkenwirtschaft betrieben wurde und einige Zimmer für
+Fremde eingerichtet waren. Zwar hatte sich noch nie eine Familie länger
+dort aufgehalten, nur Passanten, die den Grünten um der schönen Aussicht
+willen bestiegen, pflegten dort zu übernachten, aber für die
+bescheidenen Ansprüche der Familie Brater konnten die Räume genügen und
+es wurde beschlossen, dort hinauf zu ziehen. Der Besitzer, der selbst
+nicht oben wohnte, empfahl seinen Leuten die Münchner Familie und so
+wurde diese mit freundlicher Zuvorkommenheit aufgenommen und fühlte sich
+da droben, wie wenn sie im eigenen Hause säße und der ganze Berg ihr
+untertan wäre. Nach den schweren Aufregungen der letzten Monate war das
+Zusammenleben in der stillen, gewaltigen Natur eine große Wohltat für
+die Familie, und Brater, der in der dünnen Bergluft leichter atmete,
+fühlte sich wohl genug, um den Aufenthalt zu genießen. So war es eine
+schöne Zeit, trotzdem die unsichere Zukunft einen leisen Schatten
+darüber warf. Pauline schreibt von dort aus an Ernst Rohmer:
+
+ _Lieber Ernst!_
+
+ Du wirst es ohne Zweifel sehr schnöde finden, daß wir so lange
+ nichts von uns hören ließen, allein diesmal war es eine höhere
+ Macht, die sich hemmend unserm Verkehr entgegenstellte. Vor acht
+ Tagen übergab Karl vier Briefe der Post, die sich in Gestalt
+ eines _Esels_ von unserer Burg nach Sonthofen hinabschlängelt,
+ allein drunten angekommen, konnte das wackere Tier die Briefe
+ nicht weiter befördern, weil sie sämtlich verloren waren und
+ trotz Bekanntmachung in der Kirche und der besten Versprechungen
+ nimmer zum Vorschein kamen. Daß unter diesen Verlorenen gerade
+ auch einer an Dich war, ein großer, langer, vielleicht seit
+ Jahren der erste anständige, war uns besonders leid, war aber
+ eben nicht zu ändern!
+
+ Laß Dir nun vor allem schönsten Dank sagen für Deine
+ freundschaftlichen Anerbietungen in Deinem letzten Brief, Du
+ hast vollkommen Recht, wenn Du sagst, »wir verstehen uns« und
+ darfst auch überzeugt sein, daß wir uns nötigen Falles an
+ niemand mit so leichtem Herzen wenden würden als an Euch.
+ Gegenwärtig sind wir aber gut daran und hoffen, nicht so bald in
+ die Brüche zu kommen, da wir einen sehr angenehmen Zuschuß zur
+ Kur von Onkel Karl[6] in Fiume erhalten haben.
+
+ Ich bin also heute vor acht Tagen mit Schwiegermutter,
+ Schwägerin Julie und den Kindern glücklich hier oben angekommen
+ und wir befinden uns aufs beste; da man die Bergpartie auf dem
+ Roß mit aller Bequemlichkeit zurücklegt, so können wir Dir
+ nichts Besseres raten, als auch noch auf einige Zeit zu uns zu
+ kommen; für Dich und überhaupt für alle Nerven muß diese Luft
+ herrlich sein, ich habe auch noch kein Kopfweh gehabt. Meinen
+ Mann fand ich recht gut aussehend und vielleicht auch in der
+ Hauptsache etwas besser, doch bilde ich mir ein, in einer
+ _beständig_ warmen Luft wäre es vielleicht noch besser
+ geworden.... Über unsere weiteren Pläne sind wir noch ganz im
+ unklaren, mein Wunsch wäre, daß Karl diesen Monat hier oben und
+ dann vielleicht noch zwei Monate irgendwo in der Wärme zubringt,
+ etwa Reichenhall oder noch besser Meran, aber das Jammerkind in
+ Frankfurt gönnt einem ja keine ruhige Stunde ...
+
+ [Fußnote 6: Meynier, ein Bruder von Braters Mutter.]
+
+Das »Jammerkind«, die Zeitung, gewöhnte sich schwer ein in Frankfurt und
+als der sechswöchentliche Aufenthalt auf dem Grünten vorüber war, reiste
+Brater nach Frankfurt, um in der Redaktion zu helfen. Es scheint, daß
+Frau Brater diese Trennung, verbunden mit der auf ihr lastenden
+Unsicherheit über die nächste Zukunft, schwer nahm; auch fürchtete sie
+wohl, daß der Erfolg der Kur wieder durch übermäßige Arbeit verloren
+ginge, und sie hat wohl ihren Unmut herzhaft in ihren Briefen
+ausgesprochen, denn der Gatte antwortet ihr: »Ein hübsches Quantum
+schlechter Laune hast Du in Deinem letzten Brief abgeladen. Aber ich
+gönne Dir die kleine Erleichterung, die einzige, zu der ich Dir
+behilflich sein kann. Laß Dir nur die Widerwärtigkeiten nicht über den
+Kopf wachsen: in einigen Wochen sind wir doch wieder beisammen. Freilich
+liegen dazwischen einige unersetzliche Tage!«
+
+In dem folgenden Briefe teilt Brater den Seinigen mit, daß er nun in der
+nahen Stadt Aschaffenburg eine Wohnung gemietet habe, die sofort zu
+beziehen war, und eifrig begannen Frau und Töchter den Hausrat
+einzupacken, als ihnen ein weiterer Brief Halt gebot. Daran war wieder
+die Zeitung Schuld. Es gewann immer mehr den Anschein, daß sie sich
+nicht halten würde, und so schien es geratener, mit einem vollständigen
+Umzuge noch bis zum Frühjahr zu warten und für den Winter nur irgendwo
+in der Nähe Frankfurts in möblierter Wohnung einen provisorischen
+Aufenthalt zu nehmen. Brater schreibt: »Es kommt nun ein neues Projekt
+in Betracht. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß Wiesbaden ein
+außerordentlich mildes Klima habe und deshalb zum Winteraufenthalt
+vorzüglich zu empfehlen, auch im Winter nicht teuer sei. Ich habe heute
+mit einem dortigen Freund gesprochen und ihn beauftragt, nach dem Preis
+einer möblierten Wohnung zu fragen ... Käme dieser Plan zur Ausführung,
+so müßte man das Mobiliar in München stehen lassen und gleich die
+Wohnung in Aschaffenburg kündigen. Ich möchte, daß Du bald mit Lindwurm
+und Hecker sprichst, ob sie Wert auf eine solche Maßregel legen
+würden... Du siehst, daß ich darauf bedacht bin, Dir für Zerstreuung zu
+sorgen, armer Teufel!«
+
+Dieses Projekt kam im Herbst 1862 zur Ausführung, die Familie zog nach
+Wiesbaden und mietete in einem Gasthause für den Winter einige möblierte
+Zimmer. Brater, vollauf beschäftigt mit Arbeiten, vermißte weniger die
+eigene Wirtschaft wie seine Frau. Nach dem ungewöhnlich bewegten
+Haushalt der Münchner Jahre sah sie sich nun vollständig zur Ruhe
+gesetzt, denn da sie keine Küche zur Verfügung hatte, konnte sie nicht
+selbst wirtschaften, das Essen wurde aufs Zimmer gebracht und es gehörte
+viel Elastizität dazu, sich plötzlich wieder in so ganz andere
+Verhältnisse zu finden, auf einige kleine Zimmer angewiesen zu sein und
+keinerlei Verkehr zu haben. »Ich bin's nun schon ganz gewöhnt,« schrieb
+sie nach den ersten Wochen, »daß, wenn bei uns angeklopft wird, niemand
+anders als das Stubenmädchen erscheint.« Den Kindern war das Neue an
+dieser Lebensart und dem anderen Wohnsitz interessant, die heißen
+Quellen vor allem, deren eine auch durch die Wohnung geleitet war und
+mit ihrem fast kochenden Wasser zu ihrer Verfügung stand, wenn sie das
+Frühstücksgeschirr abzuwaschen hatten. Sie besuchten ein Institut und
+fingen an, sich mit den Nassauischen Mädchen zu befreunden, als eine
+schlimme Sache dazwischen kam und den kaum begonnenen Unterricht
+unterbrach.
+
+Anna, die schon acht oder vierzehn Tage über Kopfweh geklagt hatte,
+fragte eines Abends, als längst die Lampe brannte, warum man denn nicht
+endlich Licht mache, es sei doch so dunkel. Ein solches Wort muß wohl
+auch eine tapfere Mutter mit Schrecken erfüllen und so schnell als
+möglich wurde ein Augenarzt zu Rate gezogen. Er fand eine schwere
+Netzhautentzündung, welche die Sehkraft in höchste Gefahr brachte. In
+späteren Jahren sprachen verschiedene Augenärzte ihre Verwunderung
+darüber aus, daß die hochgradige Erkrankung geheilt werden konnte, und
+es war dies offenbar dem energischen Eingreifen des vorzüglichen
+Augenarztes Pagenstecher zu verdanken. Er leitete sofort eine Behandlung
+mit künstlichen Blutegeln, Blasenpflastern und Fontanellen ein, die
+freilich sehr schmerzhaft war. Das arme Kind hatte viel zu leiden und
+die Mutter litt mit ihm; sie hatte stets tiefes Mitleid mit allen denen,
+die körperliche Schmerzen zu erdulden hatten, und es war rührend und für
+ihre Kinder unendlich tröstend, wie sie in solchen Fällen in einem
+zärtlich liebkosenden Tone mit ihnen sprach, der ihr sonst fremd war und
+um so tieferen Eindruck machte. Auch Schmerzensgeld und süßer Lohn für
+bewiesene Tapferkeit spendete sie da und diese seltenen verwöhnenden
+Liebeszeichen warfen einen hellen Schimmer in dunkle Krankheitszeiten
+und verbanden die Kinder aufs innigste mit ihrer Mutter.
+
+Auch der Vater ließ sich in diesen Zeiten öfter herbei, sich mit der
+Patientin zu unterhalten, und da er bei Anna ein warmes patriotisches
+Interesse fand, gereichte es ihm selbst zur Freude. Während er sonst in
+Briefen die Kinder höchstens kurz erwähnt, findet sich in einem solchen
+aus Wiesbaden die Mitteilung eines Kindergespräches, das ihn selbst
+überraschte und das wir als Zeichen für die Atmosphäre, in der die
+Kinder aufwuchsen, hier anführen. Brater schreibt am Schluß eines
+geschäftlichen Briefes an Rohmer:
+
+»Anna hat mich gestern an ihrem zwölften Geburtstag nicht wenig in
+Verwunderung gesetzt durch einen Vortrag über die deutsche Frage. Sie
+setzte nämlich auseinander, daß es mit den vielen Königen nichts sei,
+daß aber auch der Kaiser von Österreich und der König von Preußen als
+solche nicht über Deutschland gesetzt werden dürften, weil sie sich nur
+für ihre Hausmacht interessieren würden, daß man einen Kaiser brauche,
+der mit seinen Herzögen ganz Deutschland regiere und daß man eben suchen
+müsse, für dieses Programm eine Mehrheit zu gewinnen, die dann mit
+Waffengewalt die Minderheit zu Paaren treibe. Durch meine Zwischenfragen
+herausgeholt, kam das alles in kindischen Ausdrücken ganz rund und nett
+zum Vorschein.«
+
+Das erkrankte Auge fing an, sich zu bessern; in der Hoffnung, auch von
+der schmerzhaften Behandlung bald befreit zu sein, sah die Patientin
+fröhlich dem nahen Weihnachtsfest entgegen, da warf sich die Krankheit
+auf das andere Auge und gerade am Vorabend des Festes minderte sich
+stündlich die Sehkraft des Auges. In großer Angst wurde der Augenarzt
+herbeigerufen; die Kinder und mit ihnen die Eltern bangten vor dem zu
+erwartenden Ausspruch, daß Anna liegen müsse und von einem Christbaum
+mit Lichterglanz keine Rede sein könne. #Dr.# Pagenstecher kam und
+untersuchte. Er fragte auch genau nach dem Kopfschmerz und allgemeinen
+Empfinden. Die Patientin gab darüber günstigen Bescheid, allein es lag
+für den Arzt nahe zu denken, daß die Furcht vor der schmerzhaften
+Behandlung, die sie schon kannte, ihre Aussagen beeinflussen möchte.
+Der Vater bemerkte dies Mißtrauen und er, der vielleicht noch nie in
+Gegenwart des Kindes diesem ein Lob ausgestellt hatte, sagte nun ruhig
+und bestimmt: »Wir können uns absolut auf ihre Gewissenhaftigkeit
+verlassen.« Die Freude der kleinen Leidenden über dieses ehrenvolle
+Zeugnis konnte kaum noch erhöht werden durch die Genehmigung des Arztes,
+daß sie, mit blauer Brille bewaffnet, zur Bescheerung aufstehen dürfe.
+Freilich hatte sie noch ihre schmerzhaften Blasenpflaster und sah noch
+die Dinge, die unter dem Christbaum lagen, in verkehrten Farben, aber
+daran war sie nun schon gewöhnt und die Freude war nach der
+ausgestandenen Angst doppelt groß.
+
+Die fernen Verwandten, die an jenem Weihnachtsfest an die Familie Brater
+dachten, waren voll innigen Mitleids. Sie sagten sich: welch trauriges
+Fest in der Fremde, ohne jegliches Behagen, die Sorge wegen des Mannes
+Befinden, dazu das leidende Kind und die vermehrten Ausgaben. Dies war
+alles richtig und dennoch standen die Viere glücklich und dankbar unter
+dem Christbaum. In andern Familien waren vielleicht die Verhältnisse
+günstiger, aber ein einziger Mißton konnte die Harmonie mehr stören als
+es hier alle äußeren Umstände zu Wege brachten. Man darf sich immer zum
+Trost sagen im Hinblick auf schwere Zeiten, die uns oder unsern Lieben
+das Leben bringt, daß es neben allem Unglück eine unerschöpfliche
+Möglichkeit des Glückes gibt: eine vorübergehende Besserung, eine
+abziehende Sorge, ein freieres Aufatmen kann dem Menschenherzen so wohl
+tun, daß es im Augenblicke nur diese Guttat empfindet und nicht so sehr
+zu bedauern ist, wie es sich die Phantasie ausmalt. Auch ist ja unserer
+Menschennatur eine große Fähigkeit der Gewöhnung mitgegeben, die bald
+erleichtert, was zuerst unerträglich schien.
+
+Diese Gewöhnung war es, die in diesem und den folgenden Jahren auch der
+Familie Brater zu Hilfe kam. So war allmählich der Husten und das
+erschwerte Atmen bei Brater der normale Zustand geworden, an diesen
+gewöhnte man sich, war zufrieden, wenn nur keine Verschlimmerung
+eintrat, war glücklich und hoffnungsfroh, wenn sich zeitweise eine
+Besserung einstellte.
+
+In einem Brief an ihre kranke Schwiegermutter, die nun mit den Töchtern
+in München lebte, schildert Pauline das Wiesbadener Leben:
+
+ _Liebe Mutter!_
+
+ Es geht mir noch immer ab, daß ich Dir diesmal keinen
+ eigenhändigen Neujahrs- und Geburtstagsgruß schicken konnte,
+ gerade heuer, wo wir so viele gemeinsame Wünsche und Gebete mit
+ ins neue Jahr hinübernehmen.... Die Berichte über Dein Befinden,
+ liebste Mutter, sind leider noch nicht so gut wie wir gehofft
+ und so sehnlich gewünscht hatten, wie muß es Dir doch so schwer
+ fallen, Dich immer so schonen zu müssen, und wie schwer fällt es
+ besonders uns Entfernten, so garnichts zu Deiner Erleichterung
+ beitragen zu können, wir können nur eines tun, liebe Mutter,
+ nämlich uns an Deiner oft erprobten und bewährten Geduld und
+ Ergebung ein Beispiel nehmen, dann können wir auch getrosten
+ Mutes wieder auf die besseren Tage hoffen.
+
+ Bei Anna geht es stets vorwärts, wenn wir gleich noch mitten in
+ einer schwierigen Kur drin stecken; bei dieser Gelegenheit habe
+ ich mich zum erstenmal mit unserem hiesigen Aufenthalt
+ ausgesöhnt, wo wir einen so ausgezeichneten Augenarzt bei der
+ Hand haben; wäre das Übel nicht gleich richtig erkannt und
+ behandelt worden, so hätte es schlimm gehen können; im übrigen
+ aber wächst unsere Sehnsucht nach Euch Lieben von Tag zu Tag,
+ auch die Kinder sprechen eigentlich von gar nichts anderem mehr;
+ wenn alles gesund ist, dann kann man schon eine Weile im Exil
+ leben und Umgang sowie jede häusliche Bequemlichkeit entbehren,
+ wenn aber dann hier und dort nicht alles nach Wunsch geht, dann
+ ist's einem oft, als müßte man geradewegs davonlaufen. So war es
+ mir in den letzten Tagen zumute. Ich habe eine widerwärtige
+ Geschichte mit einem sogenannten Ais oder Ast durchgemacht .....
+ und hatte doch keine Zeit zum Bettliegen, da es gerade zwei
+ Kurtage für Anna waren; ich hatte ganz entsetzliche Schmerzen
+ mit dieser Albernheit und lag dann schließlich doch noch zwei
+ Tage, um Umschläge zu machen. Karl bedauerte nur, daß wir uns
+ nicht mit unserer ganzen Umgebung photographieren lassen
+ konnten: Anna im Bett hinter einem großen Lichtschirm, ich im
+ Bett mit Überschlägen beschäftigt, Karl über einem Trichter
+ Dämpfe einatmend, dabei Agnes als Hausfrau und Pflegerin all
+ dieser Patienten. Agnes hat sich übrigens wacker
+ durchgeschlagen, schön langsam und umständlich ist ihr
+ Losungswort, aber dabei ist sie doch sorgfältig und unverdrossen
+ ...... Anna soll sich jeglicher Tätigkeit enthalten, ich darf
+ ihr nicht einmal etwas auswendig lernen lassen, das ist schwer
+ für ein Kind, das kein Talent zum Müßiggehen hat und auch nicht
+ leicht für ihre Umgebung; trotzdem sind wir alle vergnügt und
+ dankbar und ich freue mich besonders, bis Du Karl wiedersiehst,
+ ich glaube, man kann ihn jetzt fast ganz gesund nennen.«
+
+Freundlich bezeugte auch Wilbrandt der kleinen Patientin seine
+Teilnahme. Er war in diesem Winter als Mitglied des Nationalvereins in
+Frankfurt, kam von dort zu geschäftlicher Besprechung mit Brater nach
+Wiesbaden, traf Anna an ihrem zwölften Geburtstag in der peinlichen Kur
+ihrer Augen und beglückte sie, indem er auf eben diese Augen das
+folgende Gedichtchen machte:
+
+ _Zum 12. Geburtstag._
+
+ Liebe, viel geprüfte Sterne
+ Laßt von diesem frohen Tage
+ Eure Herrin ohne Klage
+ In ein lieblich Leben sehen.
+ Leitet sie getreu und gerne
+ Über Täler, über Höhn!
+ Lehrt sie alle Näh' und Ferne
+ Und der Erde Herrlichkeiten
+ Und ihr Glück und ihre Leiden
+ Liebreich ohne Schmerz verstehn.
+
+Im Februar kam aus Erlangen eine Nachricht, die Pauline schmerzlich
+ergriff und auf ihr ferneres Leben von großem Einfluß sein sollte: Ihr
+Bruder Hans hatte seine junge Gattin verloren. Elf Jahre hatten die
+Liebenden sich nach ihrer Verbindung gesehnt und kaum sechs Jahre des
+Zusammenlebens waren ihnen beschieden. Ganz fassungslos stand der Witwer
+mit vier kleinen Kindern da. Obwohl Anna noch der Pflege bedurfte,
+reiste Pauline doch nach Erlangen, um dem Bruder zu Hilfe zu kommen,
+dessen Nerven so erschüttert waren, daß er, von rasendem Kopfschmerz
+gepeinigt, von Halluzinationen heimgesucht, sich nicht zurechtfinden
+konnte in seiner traurigen Lage. Zu dem körperlichen und gemütlichen
+Schmerze kam noch das Gefühl, daß seine Kinder und sein Hauswesen so
+nicht weiter bestehen konnten. Schon während der Krankheit seiner Frau --
+Typhus war es gewesen -- hatten die Dienstmädchen, denen das Hauswesen
+überlassen war, dieses schnöde vernachlässigt und es war ein trostloser
+Zustand, in dem Pauline das Haus und die vier mutterlosen Kleinen
+vorfand, deren ältestes erst vier Jahre zählte. Als sie im März
+notgedrungen wieder zu den Ihrigen zurückkehrte, verließ sie den der
+Verzweiflung nahen Bruder mit dem Trost, nach Schluß des Wiesbadener
+Aufenthalts, wenn die Ärzte es irgend erlauben würden, mit Mann und Kind
+zu ihm zu kommen und sein Hauswesen in geordneten Gang zu bringen.
+Brater, voll Teilnahme für den Schwager erklärte sich gern bereit dazu,
+und als im Frühjahr die Neuwahlen zum Landtag ihn nach Nürnberg riefen,
+wurde der Wiesbadener Haushalt abgebrochen und die Familie zog nach
+Erlangen. Dort war inzwischen alles drunter und drüber gegangen, durch
+schlechte Mägdewirtschaft war vieles veruntreut und verwahrlost worden,
+den Kindern fehlte alles, was sie brauchten, Pauline wußte kaum, wo sie
+zuerst anfangen sollte. Zunächst wurde die treulose Magd entlassen, von
+der die Nachbarschaft schon längst wußte, daß sie jeden Abend einen
+vollen Korb aus dem Haus getragen und einen leeren wieder zurückgebracht
+hatte. Und nun begann in dem Haus ein Räumen, das fast endlos schien. Es
+ist kaum zu glauben, wie in wenig Monaten ein Haushalt herunterkommen
+kann, wenn niemand da ist, der für die Ordnung sorgt. Unter die Schränke
+und Betten hatten die Mägde die Sachen geschoben, die ihnen im Wege
+lagen, alle Schlüssel der Möbel waren verloren, Zerbrochenes,
+Zerrissenes war in die Winkel geschoben oder in den Hof geworfen, und
+von den Weißzeugvorräten, welche die junge Frau als Aussteuer
+mitgebracht hatte, war nirgends mehr ein halbes Dutzend beisammen.
+
+Die Bücher, die dem Mathematikprofessor von den Buchhandlungen zur
+Ansicht geschickt wurden, lagen packweise auf dem Stubenboden, wo Besen
+und Scheuerlumpen sie in einen solchen Zustand versetzt hatten, daß sie
+nimmer zurückgegeben werden konnten und hohe Buchhändlersrechnungen
+angewachsen waren.
+
+Nach dem stillen Winter in den Wiesbadener Zimmern sah sich Frau Brater
+plötzlich in ein vom Keller bis zum Bodenraum ungeordnetes Haus mit Hof
+und Garten versetzt, hatte statt zweier Kinder sechs zu versorgen und
+sollte zwei Herren zugleich dienen. Aber das tiefe Mitleid mit dem
+körperlich und seelisch leidenden Bruder und die Liebe zu der kleinen
+mutterlosen Schar half ihr über alle Schwierigkeiten hinweg; die beiden
+Männer waren ja treue Freunde, einander von Jugend auf zugetan, und
+jeder nahm gerne Rücksicht auf den andern, die großen und die kleinen
+Kinder freuten sich aneinander, und wenn auch die Kraft der Hausfrau
+aufs äußerste in Anspruch genommen wurde, es ging doch und allmählich
+hatte sie die Befriedigung, einen menschenwürdigen Zustand im Hause
+geschaffen zu haben. Die Kleinen hingen bald mit Liebe an der Tante und
+ihr Vater erholte sich allmählich von dem Schlag, der ihn so tief
+erschüttert hatte.
+
+In dieses Frühjahr fiel eine besonders lebhafte politische Tätigkeit für
+Brater. Er war oft zu längerem Aufenthalt in Nürnberg. Nicht nur um
+seine eigene Wiederwahl in den neuen Landtag handelte es sich dort,
+diese war bald gesichert, aber der kleine Kreis von Freunden, der sich
+im Laufe der letzten Jahre gesammelt hatte, fühlte sich jetzt stark
+genug, um eine eigene Partei zu gründen, und es galt nun, in allen
+Teilen Bayerns Gesinnungsgenossen aufzufordern und sie zu gewinnen für
+ein gemeinsames Programm, dessen Hauptgedanke war: ein einiges
+Deutschland unter der Führung Preußens. Wie rührig Brater an der Arbeit
+war, geht aus seinen Nürnberger Briefen hervor, denn auch im ärgsten
+Trubel ließ er doch seine Frau nicht ohne Nachricht und es ist rührend
+zu sehen, wie bei ihm jede persönliche Rücksicht, nur allein die auf
+seine Frau nicht zurückstehen mußte hinter den Angelegenheiten des
+Vaterlandes. Er hatte sich in Nürnberg im Hotel Schultheß eingemietet
+und in seinem Hotelzimmer liefen alle Fäden zusammen, welche die
+Gründung der »Fortschrittspartei in Bayern« zur Folge hatten. Er
+schreibt von dort:
+
+ _Liebster Schatz!_
+
+ Mein Zimmer hat sich in ein Bureau verwandelt und unter dem
+ Geplauder der Leute muß ich schreiben. ... Du mußt Dir
+ vorstellen, daß ich diesen Brief nach je drei Zeilen
+ unterbreche, um über diesen oder jenen von den sechzig andern
+ Briefen, die in der Stube expediert werden, Aufschluß zu geben.
+ Bei der gestrigen Beratung ist die Wahlsache in Ordnung
+ gekommen, Barth und Völk sind beigetreten. Das Programm hast Du
+ bereits in der Zeitung gelesen. Den von Barth und mir
+ zusammengewürfelten Aufruf, der erst noch weitere Unterschriften
+ erhalten muß, lege ich Dir bei. Die Sache ist gut im Zug und ich
+ _muß hier bleiben_.... Die hiesige Partei ist fest für mich,
+ aber ebenso fest die Gegenpartei, die den sehr vernünftigen Satz
+ aufstellt, sie müsse einen Nürnberger haben.... Auf baldiges
+ Wiedersehen! Von Herzen
+
+ Dein K.
+
+Gelegentlich kommt auch eine Mitteilung über sein Befinden. »Varrentrapp
+(ein politischer Freund und zugleich Arzt) war zufrieden, hat sich aber
+für die Wiederholung der Dünne-Luft-Kur entschieden erklärt. Es fragt
+sich nur, ob dieses System nicht am Ende doch grundverkehrt ist, denn
+nachdem ich gestern sechs Stunden in der _dicksten_ Luft, die zu haben
+ist, zugebracht hatte, blieb beim Niederlegen der Husten vollständig
+aus, so daß ich beinahe beunruhigt war. Doch hat er sich diesen Morgen,
+obwohl ohne alle Steigerung, wieder eingestellt. Lebe wohl, mein Schatz,
+und grüße die Kinder. Ein hiesiger Verehrer, Firma Forster, hat mir
+etliche Baseler Lebkuchen ins Zimmer gelegt, die ganz appetitlich
+aussehen und Euch schmecken werden.«
+
+In einem anderen Brief äußerte Brater: Manches was notwendig geschehen
+sollte, geschähe nicht, wenn _er_ es nicht tue, aus dem einfachen
+Grunde, weil andere die Politik nur als Nebenbeschäftigung betrieben
+und deshalb zu wenig Zeit zur Verfügung hätten, er sei der einzige, der
+sie zum eigentlichen Lebensberuf habe. »Ich habe in den letzten vierzehn
+Tagen zehn Leitartikel für die Süddeutsche geschrieben« berichtet er.
+
+Mitten in diesem Trubel erhielt er die telegraphische Nachricht von
+einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden seiner Mutter. Er war
+schwankend, ob er zu ihr eilen oder in der Arbeit bleiben solle und
+fragte wiederum telegraphisch bei den Schwestern an, ob die Mutter nach
+ihm verlange. Die Antwort muß wohl bejahend gelautet haben, denn er
+entschloß sich rasch zu einer Reise nach München und wenn er auch nur
+ganz kurz dort verweilen konnte, so war es ihm doch, wie er schreibt,
+eine Wohltat, ihr noch einmal ins Auge gesehen zu haben und den Eindruck
+ihrer gottergebenen Fassung und ihren mütterlichen Segen mit fort zu
+nehmen. Acht Tage später bekam er die Todesnachricht.
+
+Die Wahlen gingen vorüber und der schöne Erfolg, daß mancher
+Gesinnungsgenosse in die Kammer kam, lohnte die großen Anstrengungen.
+Für sich persönlich hatte Brater in der Zukunft keinerlei Wahlagitation
+mehr nötig, denn als er einige Jahre später, schon schwer leidend, bei
+den Neuwahlen sich anschickte, wieder die gewohnten Wahlversammlungen in
+Nürnberg zu halten, erhielt er von dort den Bescheid: er möchte sich
+nicht bemühen, seine Wahl sei gesichert, ohne daß es auch nur eines
+Wortes bedürfe, ihren Brater ließen sich die Nürnberger nicht nehmen.
+
+Der Sommer 1863 brachte ein ruhigeres Zusammenleben in Erlangen, in der
+Gartenlaube sitzend genoß die erweiterte Familie die warmen
+Sommerabende und Pauline wäre herzlich froh gewesen, hätte sie nun auch
+für länger den geordneten Zustand genießen dürfen, den sie geschaffen
+hatte. Aber unvermutet schnell wurde der neue Landtag einberufen, und
+ihren Mann allein nach München ziehen zu lassen, wie es ja allerdings
+das Los der meisten Abgeordneten war, das brachte sie nicht übers Herz,
+und es wäre ja auch für sie selbst ein stetes Entbehren gewesen. So hieß
+es denn wieder: abbrechen, einpacken. »Unstet und flüchtig muß ich sein
+und habe doch keinen Abel erschlagen,« schreibt sie an Bekannte und mit
+schwerem Herzen verließ sie den Bruder, die Kinderchen, die sich an sie
+schon wie an eine Mutter gewöhnt hatten und die auch ihrer großen Kinder
+Freude geworden waren. Da gar nicht vorauszusehen war, ob der Landtag
+Wochen oder Monate beisammen bleiben würde, so wurde einstweilen nur
+eine kleine möblierte Wohnung gemietet und die Kinder bei den Tanten
+Brater untergebracht. In solchem »einstweilen« liegt viel Unbehagen und
+Frau Brater seufzte in jener Zeit so manchmal: »Ich möchte nur einmal
+wieder mit all unserm Hab und Gut vereinigt sein.« Sie schreibt an Lina
+Sartorius geb. Rohmer:
+
+»Wir sind inzwischen nach München übersiedelt, nachdem ich endlich noch
+für meines Bruders Haushalt eine zuverlässige Person gefunden habe; der
+Abschied von meinem Bruder, der in jeder Beziehung noch sehr leidend
+ist, wurde mir sehr schwer, auch kann ich nicht leugnen, daß ich das
+ewige Wandern auch genug hätte; jetzt wohnen wir hier in der
+Schommergasse, die Kinder sind bei meinen Schwägerinnen in Kost, Logis
+und Unterricht und auch wir essen dort zu Mittag; leider ist die
+Entfernung sehr groß, was mir wegen des Verkehrs mit den Kindern
+besonders unlieb ist.« Es war aber ein großes Glück für die beiden
+heranwachsenden Mädchen, daß diese Tanten bereit waren, jetzt und auch
+später wieder die Lücken im Unterricht auszufüllen, die sich bei solchem
+Wanderleben notgedrungen ergeben mußten.
+
+Im Hochsommer durften sie mit ihren Tanten aufs Land und als Brater für
+ein paar Tage zu einer Abgeordnetenversammlung nach Frankfurt mußte,
+benützte seine Frau diese Zeit zu einem Besuch in Egern, wo ihre
+Freundin Luise Hecker weilte, von dort schreibt sie: »Mir weckt dieser
+Aufenthalt hier Erinnerungen aus einer scheinbar _längst_ vergangenen
+Zeit, ich sah es nimmer dieses Egern, seit ich mit meiner
+sechswöchentlichen Agnes damals meinen Einzug als eine ganz junge,
+sorglose Frau gehalten hatte, und wohne zufällig auch jetzt wieder beim
+'Gassenschuster' ... Wir führen hier ein rechtes Freundschaftsleben und
+sind vergnügt, obwohl ich mir immer einiges Heimweh nach Mann und
+Kindern vorbehalte, man wird in diesem Stück von Jahr zu Jahr ärger, und
+so oft ich mich noch von meinem Mann trennte, nahm ich mir fest vor, daß
+dieses gewiß das letzte Mal sei, wenigstens so weit es von mir abhängt.«
+
+Oft genug hing es in den nächsten Jahren nicht von ihr ab und schon in
+diesem Herbst ergab sich eine längere Trennung. Sobald es der Schluß des
+Landtags ermöglichte, reiste Brater in Angelegenheiten der Süddeutschen
+Zeitung, sowie in Sachen des Nationalvereins nach Frankfurt, Eisenach,
+Göttingen und Leipzig und mündete dann nach Erlangen. Dort hatte Bruder
+Hans schon sehnlich die Wiederherstellung des gemeinsamen Haushalts
+erwartet und Pauline rüstete sich, den Münchner Hausstand aufzulösen, da
+wurde sie mitten im Packen von einer Krankheit ergriffen, die sich als
+eine Gehirnhautentzündung herausstellte. Von den Schwägerinnen Julie und
+Luise freundlich gepflegt, lag sie in großen Schmerzen und dabei in dem
+unbehaglichen Bewußtsein, daß sie in Erlangen schwer entbehrt wurde.
+Wochen vergingen, bis sie nur so weit war, den Kopf wieder frei heben zu
+können.
+
+
+
+
+IX.
+
+1863-1866
+
+
+Der Winter des Jahres 1863 nahte und brachte ein politisches Ereignis,
+das wieder auf das Leben der Familie einwirken sollte: den Tod des
+Königs von Dänemark, das Erlöschen seiner Linie und infolgedessen den
+schleswig-holsteinschen Krieg. Die deutsche Begeisterung flammte hoch
+auf für Befreiung der Herzogtümer vom dänischen Joch und für Anerkennung
+des Herzogs Friedrich von Augustenburg. Es wurden viele Versammlungen
+gehalten und für den Politiker von Fach war ein unruhiger Winter zu
+erwarten, vielleicht auch wieder ein mehrfacher Wechsel des Aufenthalts.
+Im Hinblick darauf machten die beiden Schwägerinnen, noch während
+Pauline bei ihnen krank lag, den Vorschlag, die Kinder über den Winter
+in München zu behalten, damit sie nicht wieder aus dem Studium der
+französischen Sprache, das ernstlich betrieben wurde, herausgerissen
+würden. Dankbar nahmen die Eltern das Anerbieten an.
+
+Endlich war Frau Brater so weit hergestellt, um die Reise nach Erlangen
+wagen zu können, und kaum wieder bei Kräften, machte sie sich daran
+einzupacken -- worin sie bereits eine große Fertigkeit hatte --, um
+endlich ihrem Manne nach Erlangen nachzukommen. Zum ersten Male ließ sie
+für längere Zeit die Kinder zurück und es fiel ihr, die sich noch
+geschwächt fühlte, der Abschied schwer. Aber in Erlangen war sie gar
+sehnlich erwartet worden von den beiden Männern, denen sie häusliches
+Behagen bringen sollte, auch die Haushälterin, der es nicht leicht fiel,
+mit dem Haushaltungsgeld auszukommen und mit der Erziehung der größeren
+Kinder fertig zu werden, hoffte auf ihre Unterstützung und die Kinder
+folgten ihr auf Schritt und Tritt, wenn sie ordnend und einrichtend
+durchs Haus ging. Während ihr Mann in politischen Geschäften
+vorübergehend nach Frankfurt reiste, richtete sie für ihn ein
+behagliches Arbeitszimmer ein und freute sich, ihm bei seiner Rückkehr,
+die für den heiligen Abend zu erwarten war, das veränderte und nun
+gemütlich aussehende Winterquartier zu zeigen. Er kam auch eben noch zur
+rechten Zeit, um mit ihr und der Familie Pfaff den heiligen Abend zu
+feiern, nur zeigte er nicht die eingehende Teilnahme für die
+Einrichtung, wie sie erwartet hatte, und war schweigsamer als sonst. Am
+nächsten Morgen sollte sie erfahren warum, er hatte nicht die Freude des
+Wiedersehens, die Feier des heiligen Abends verderben wollen, aber nun
+konnte er ihr nimmer verhehlen, daß ihre Hoffnung, den Winter in
+Erlangen zuzubringen, nicht in Erfüllung gehen sollte: zu Neujahr mußten
+sie übersiedeln nach Frankfurt.
+
+Brater war zum geschäftsführenden Mitglied des Zentralausschusses für die
+schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ernannt, der in Frankfurt seinen
+Sitz hatte. Es war ja begreiflich, daß man sich wieder an ihn, den
+Politiker von Fach, wandte, und es galt allen für selbstverständlich, daß
+er sich einer solch nationalen Sache nicht entziehen würde, allen, auch
+Frau Brater. Aber im ersten Augenblick erschien es ihr doch unmöglich,
+schon wieder abzubrechen! Und wie wenig Zeit blieb zur Beratung! Schon
+auf 31. Dezember war eine Versammlung von 500 Abgeordneten deutscher
+Ständeversammlungen nach Frankfurt einberufen und alle Gedanken ihres
+Mannes waren durch diese Angelegenheit in Anspruch genommen. Er reiste
+voraus, sie richtete in möglichster Eile alles, um ihm zu folgen, der
+schon ungeduldig schrieb: »Hätte ich Dich nur schon morgen hier zur
+gemeinschaftlichen Silvesterabend- und Silvesternacht-Feier. Am 2.
+könntest Du wohl reisen?« Und am 1. Januar schrieb er:
+
+ _Liebster Schatz!_
+
+ Die Silvesternacht habe ich in unserem neuen Hauptquartier
+ zugebracht -- freilich in tiefer Einsamkeit. Ich erwarte nun
+ stündlich die Nachricht von Deinem baldigen Eintreffen und
+ rechne darauf, daß Du nicht lange mehr zögern wirst. Du bekommst
+ ein behagliches kleines Wohnzimmer, weniger bequem ist die
+ Schlafgelegenheit bestellt. Das Bettzeug wirst Du mitbringen
+ müssen. Eine vollständige, aber rattenkahle Küche steht zu
+ Deiner Verfügung. Da es möglich ist -- obwohl die preußische
+ Regierung den Senat schon bedrängt hat, unserem Dasein ein Ende
+ zu machen -- daß wir manchen Monat hier zubringen, so solltest Du
+ es Dich nicht gereuen lassen, nachträglich einige Kleinigkeiten
+ einzupacken, die ein Zimmer beleben und verzieren, wenn sie auch
+ nicht zu den Notwendigkeiten gehören. Nur von Schreibmaterialien
+ bitte ich ja nichts hierher zu schleppen, da wir durch eine
+ Kollekte bei den Schreibmaterialisten in diesem Fach reich
+ ausgestattet sind.
+
+Als sie auf diese Briefe hin in möglichster Eile alles zur Abreise
+gerichtet hatte, kam wieder ein Brief, der ihr Halt gebot.
+
+ »Heute traf die Einladung der holsteinischen Regierung zu einer
+ Besprechung in Kiel ein.... Es ist ärgerlich genug, doch tröste
+ ich mich einigermaßen damit, daß bis dahin für Deine Reise
+ vielleicht besseres Wetter eingetreten ist. Schone Dich nur auf
+ alle Art....
+
+ Für meine Verpackung ist gut gesorgt: ich bin mit einer
+ vollständigen Pelzhose und Rock versehen. Gestern sind auch
+ unsere finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht worden:
+ vierteljährlich 500 Taler mit freier Wohnung, Heizung und
+ Beleuchtung. Der Zeitungsausschuß weigert sich, mir meinen
+ Gehaltsbezug einzustellen und überläßt es mir, dagegen nach
+ Belieben Aktien zu nehmen. Jedenfalls ist auf diese Art
+ anständig gesorgt.
+
+ Nimm dich zusammen, mein Schatz, und lasse Dich nicht von Deinen
+ melancholischen Anwandlungen überwältigen; bringe auch, wenn Du
+ Platz hast, ein Kopfkissen mit zur Ergänzung einer etwas
+ unzulänglichen Bettdecke.... Auf endliches Wiedersehen
+
+ Dein Karl.«
+
+(Nachschrift). »Die Beischaffung eines zweiten Bettes, das man ebenfalls
+gratis liefern wollte,[7] macht, wie mir heute berichtet wird,
+unerwartete Schwierigkeiten. Da Du nun Muße hast zu packen, so wäre wohl
+das Zweckmäßigste, eines von unsern eigenen mitzubringen.... Von dem
+übrigen Gepäck habe ich noch nichts und bin hinsichtlich der Wäsche
+nicht übel in Verlegenheit. Heute lasse ich noch am Bahnhof fragen.«
+
+ [Fußnote 7: Dies geschah alles aus Begeisterung für die
+ schleswig-holsteinische Sache.]
+
+Diese hauswirtschaftlichen Bemerkungen werfen ein Licht auf die vielen
+kleinen Opfer, die ein solches Wanderleben mit sich brachte, und jede
+Hausfrau kann sich vorstellen, daß Pauline eine geringe Freude hatte,
+als sie nach möglichst beschleunigten Reisevorbereitungen den Termin
+wieder verändert sah und das verlangte Bett nachschicken mußte. Sie
+schrieb in jenen Tagen an Lina Sartorius:
+
+ _Liebe Lina!_
+
+ Eigentlich wollte ich Dir erst aus Frankfurt schreiben, da aber
+ meine Abreise dorthin unvermutet im letzten Augenblick noch um
+ einige Tage verschoben wurde, so will ich den heutigen freien
+ Sonntag doch noch schnell in dieser Weise verwenden und freue
+ mich, endlich einmal wieder mit Dir ein wenig plaudern zu
+ können, auch für Deinen letzten Brief schönen Dank zu sagen; ein
+ teilnehmendes Wort war bei mir, seit ich hier bin, wirklich
+ recht angewendet, es war mir eine schwere Zeit ohne meine
+ Kinder, auch fast immer von meinem Mann getrennt, mit dem
+ mühevollen Geschäft des Einrichtens und nach allen Seiten hin im
+ Haus in Anspruch genommen, wo es eben wieder an allem und allem
+ fehlte. Ich war wirklich bis Weihnachten stets in einer wahren
+ Hetze, den Haushalt meines Bruders wieder aufs Laufende und
+ unsere Einrichtung in Ordnung zu bringen, und wie hatte ich mich
+ gefreut, dann endlich einmal in Ruhe und zu dem Gefühl einer
+ Heimat und geordneten Häuslichkeit zu kommen, da brachte mir
+ mein Mann am heiligen Weihnachtsabend aus Frankfurt die
+ Nachricht mit, daß wir nun fürs erste dorthin übersiedeln
+ müssen. Ich versichere Dir, es schien mir im ersten Augenblick
+ fast unmöglich, mich wieder hier loszureißen und meinen Bruder
+ abermals zu verlassen.«
+
+Während sie so schrieb, war Brater auf der Reise nach Kiel und schrieb
+ihr von Altona: »In Erwartung einiger Personen, denen ich hier
+Rendezvous gegeben habe, finde ich Zeit, diesen Brief anzufangen, der
+morgen von Kiel an Dich abgehen soll.
+
+Wir sind also hier auf schleswig-holsteinischem Boden, das kleine Hotel
+mit der Inschrift: »Deutsche Bundeskommission« und dem sogenannten
+Reichsadler befindet sich in nächster Nähe, die sächsischen und
+hannoverischen Exekutionssoldaten marschieren durch die Gassen und lösen
+ihre Wachtposten ab.
+
+Die gestrige Reise von Frankfurt nach Hamburg verlief dank dem mildern
+Wetter und den trefflichen Pelzen Varrentrapps ganz gut. Von Harburg am
+linken Elbufer hat man noch anderhalb Stunden bis Hamburg in einem
+vollgestopften Omnibus zu fahren, der zweimal mit Dampffähre über zwei
+Elbarme gesetzt wird. Wenn aber das Treibeis zu stark geht, hört diese
+Verbindung ganz auf und man genießt das Vergnügen, tagelang auf
+günstigeres Wetter in Harburg zu warten.
+
+Kiel, Freitag früh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und
+mir, Häusser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier
+angekommen und haben von neun bis zwölf unsere erste Besprechung mit den
+Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und
+Lange ist, daß der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag
+die Anerkennungsfrage erledigt wird, worüber voraussichtlich manche
+Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren
+würde, könnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wäre. Allein die fehlt
+gänzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser größern
+Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.«
+
+Gleich nach der Rückkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in
+Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte
+Januar schreibt sie an Ernst Rohmer:
+
+»In meiner Übersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines
+verspäteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, daß er zu
+wenig Außergeschäftlichem kommen wird, Du weißt ja, was er für ein
+Wühler ist, und hier ist er ja noch dazu Wühler von Profession. Wie
+müßte Dir seßhaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben
+vorkommen wie wir es führen! Mein Geschmack ist es indes auch nicht,
+besonders nicht wegen derer, die ich zurückließ; ich war in
+Verzweiflung, aber was half es! Hier führen wir nun wieder eine
+originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein großmächtiges leerstehendes Haus
+(gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfügung, Küchen, Keller,
+Böden etc. und können uns mit diesem Überfluß zu trösten suchen, für das
+was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir können jedem Tisch und
+Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schüsserl seine
+eigene Küche anweisen, aber schließlich bleibt es doch nur so eine
+Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt
+hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer
+Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; übrigens
+wohnen wir hübsch und ganz Frankfurt gefällt mir, auch das Leben ist
+unter den jetzigen Umständen natürlich sehr interessant, möchte es nur
+zu einem guten Ziele führen.«
+
+In dem großen stillen Gebäude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb
+schon von den Mietsleuten verlassen war, vermißte Frau Brater oft
+schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: »Da dies alles dem
+Herzog zuliebe geschieht, so muß man eben zufrieden damit sein; der
+Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in
+der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte
+in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater
+hatte nur einen alten Reiserock an, das muß recht schön ausgesehen
+haben.« -- Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch
+schon ein kleiner Ersatz für den persönlichen, da die beiden Mädchen nun
+über das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch
+Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es
+gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches
+hervorzulocken, was sie vielleicht bei mündlichem Verkehr in
+Befangenheit unterdrückt hätten. An Anna schreibt sie zu deren
+dreizehnten Geburtstag:
+
+ _Liebe Anna!_
+
+ Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander
+ feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergnügt
+ sein und weißt auch, daß unsere guten Wünsche und unser treues
+ Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten
+ lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken
+ mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir's fast,
+ als müßtet Ihr spüren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr
+ lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir für dieses neue
+ Lebensjahr gewiß wieder manchen guten Vorsatz gefaßt haben oder
+ es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man muß
+ immer und unermüdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu
+ arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewöhnen, besonders
+ wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich
+ herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie
+ man achtgeben muß, um seinen guten Vorsätzen nicht untreu zu
+ werden? --
+
+ Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen
+ sein werden, ob ich mich über Eure Fortschritte freuen kann.
+
+ Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhältst, zeichnen sich
+ mehr durch ihre Nützlichkeit als durch Schönheit aus, ein paar
+ alte Röcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weiße Unterrock
+ doch noch sehr schön und wenn er nicht aus meinem Besitz
+ stammte, so hättest Du wohl kaum einen so schönen bekommen. Am
+ Reifrock hast Du oben am Bund die Fältchen nach Bedarf noch fest
+ zu nähe..... Deine Geburtstagswünsche hast Du wohl bedacht
+ _außen_ auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, daß,
+ wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfüllen, irgend ein Thurn-
+ und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen
+ hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt
+ Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten
+ Rähmchen und vielen schönen Glückwünschen, ich habe ihm aber
+ gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwöhne. Die
+ kleine Broschüre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im
+ Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut
+ verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht
+ gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den
+ Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natürlich, denn es
+ geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet
+ dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafür geben.
+ Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare
+ auf Bestellung verschickt und ungefähr weitere zwanzigtausend
+ bestellt. Wie viel das aber Mühe und Kopfzerbrechen gekostet
+ hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an,
+ und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur
+ dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es
+ bei uns von früh bis abends geschäftig her, so daß kein
+ Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wäret, müßtet Ihr wohl auch
+ oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben,
+ aber z. B. es müssen so schnell als möglich
+ eintausendfünfhundert Stück gedruckte Briefe je einzeln mit
+ Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint
+ Ihr, daß daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und
+ im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur
+ um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die
+ kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her,
+ bald mit diesem, bald mit jenem.....«
+
+Einen scherzhaften Glückwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag
+schrieb, möchten wir anführen, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre
+1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die
+Einigung ihres Vaterlandes nahe zu wähnen. Brater schreibt seinen
+Glückwunsch auf ein gedrucktes Formular, das für Mitteilungen der
+geschäftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache
+bestimmt war, und redet als deren Geschäftsführer seine Tochter an. Nach
+feierlicher Einleitung kommt folgender Glückwunsch: »Mögen Sie
+wohlbehalten _so viele Jahre_ erleben, als von heute an bis zu dem
+gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter
+_einen_ Hut gebracht und seinem großen Elend ein Ende gemacht ist. Möge
+Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und
+durch ein _heiteres Alter_ verschönert werden. Mögen Sie Ihren würdigen
+Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude
+gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und einträchtigen Verkehr
+mit jüngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfüllen, welchen sich mit
+geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben.
+
+Namens der geschäftsleitenden Kommission:
+
+Der Vorsitzende Der Geschäftsführer
+ verhindert Brater.
+
+Der »Geschäftsführer« ahnte nicht, daß er damit der Geburtsträgerin nur
+noch sechs glückliche Jahre wünschte!
+
+Für Brater ergaben sich mancherlei Geschäftsreisen in diesem Frühjahr
+und oft wurde es für die zurückbleibende Gattin fast unheimlich in dem
+verlassenen Haus. Sie erzählte später manchmal, daß sie mit einem
+gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Türen vorbei die stillen
+Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umständen war es für sie eine
+doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklärte, nach Frankfurt zu
+kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschäftigte ihn
+schon damals sein großer erster Roman und man sah es voraus, daß der
+Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund
+drängen würde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder
+der Arbeit, die überdies nichts weniger als trocken politisch war, da
+sie mit Begeisterung aufgefaßt wurde. Die gemeinsamen Münchner
+Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt
+Wilbrandt noch näher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde,
+mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus
+gegenüber der zehn Jahre älteren Frau, ließ sich in düsteren Stimmungen
+gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde
+geistige Anregung. -- Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die
+Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Süddeutschen
+Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater
+hochgeschätzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in späteren
+Jahren Bedeutung für Frau Brater.
+
+Bis in den Sommer hinein verlängerte sich der Frankfurter Aufenthalt.
+Frau Brater schreibt darüber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb.
+Kopp: »Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann
+hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dächten, die
+schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat,
+werde bis dorthin ihren gewünschten Abschluß gefunden haben, aber wir
+hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit
+tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind
+einstweilen mit meiner Schwägerin Luise schon in Erlangen, denn daß wir
+dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur führen wir immer ein so
+unruhiges Wanderleben, daß ein anderer nie recht wissen kann, _wo_ wir
+eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, müßt
+Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit
+gedenken können, der Kindheit, dieser harmlos glücklichen Zeit, und
+unserer guten Mütter. Dieses Erlangen ist mir oft so öde und
+ausgestorben erschienen, von meinen früheren Freunden ist gar niemand
+mehr dort und auf den Straßen lauter fremde Gesichter, die mir wie
+Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, daß meine
+Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bänkchen
+sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hörte, wenn sie nicht gerade mit
+ihrer Nachbarin zu schwätzen hatte, übrigens sind meine Kinder viel
+aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleißig,
+daß ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin,
+denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, möglichst viel
+Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich
+auch die Mitschülerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten
+lassen.
+
+Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach
+München ruft, so wird Anna im Frühjahr in unserer Kirche konfirmiert,
+auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und
+ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch
+einmal den Präparandenunterricht nehmen will.« ....
+
+Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester
+Julie:
+
+»Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, -- soweit
+davon die Rede sein kann bei einem täglichen Verkehr mit halb
+Deutschland und bei zwei dreistündigen Sitzungen wöchentlich -- hat Dir
+P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest
+Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehör unter
+Kreuzband mitgehen lasse«. (Zusammenstellung der Teilnehmer des
+Nationalvereins.) »Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat,
+diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg
+solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein
+und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann muß dies
+begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wäre, wenn
+wir -- das Volk -- diese fünf Monate hindurch die Hände in den Schoß
+gelegt hätten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute
+Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen.
+
+Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen
+soll, wie Du weißt, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung
+ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich
+auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich
+müßte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden,
+denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Süddeutsche
+Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit
+leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis
+zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewöhnt, mir von der
+Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, daß
+ich mit sträflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa
+neues bescheren wird.«
+
+In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: »So viel ist mir jetzt
+vollends klar geworden, daß ich nur die Wahl habe, mich der Politik
+_ganz_ zu ergeben, oder mich _ganz_ von ihr zurückzuziehen. Wer den
+Mittelweg einhalten will, muß ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf
+das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden
+Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Königs (Max
+#II.#), habe ich wohl daran gedacht, daß man mir jetzt die Zulassung zur
+Advokatur nicht mehr verweigern würde, aber ich fürchte mich vor dem
+Handwerk und die Bewerbung wäre der sauerste Entschluß meines Lebens.«
+Die Notwendigkeit, diesen Entschluß zu fassen, trat nie ein, es ergab
+sich immer Arbeit mehr als genug und es wäre wohl in jeder politisch
+bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Kräfte »frei zum Dienste«
+bereit stünden.
+
+Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu
+ihren Kindern zurückzukehren, erfüllt; mit Freude und Jubel wurden die
+Eltern nach fast dreivierteljähriger Trennung von den beiden Mädchen
+empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater
+dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch
+weiter unterrichtet wurden.
+
+In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen
+Ausschüsse ein häufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und
+München, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die
+Familie nach München, so war nie vorauszusehen ob für lange oder kurze
+Zeit. Deshalb wurden immer nur möblierte Zimmer genommen und um die
+Sache möglichst billig einzurichten, beschränkte man sich aufs äußerste,
+mietete z. B. oft nur drei Betten und für die vierte Person, die
+jüngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem
+und jenem Bettstück auf dem Boden ein Lager bereitet.
+
+So ergaben sich in den möblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst
+hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer
+adeligen Dame, einer Gräfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt
+und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Möbel
+abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfändet waren. In
+theatralischer Weise fiel die Gräfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann
+und beschwor ihn, für sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, daß er
+als Landtagsabgeordneter unmöglich so kurzer Hand auf die Straße gesetzt
+werden könne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder
+abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff
+sich die Gräfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es
+war nicht möglich, lange da zu verweilen.
+
+In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt
+wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestmaß von
+Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen
+solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum
+Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhältnissen
+waren. Es gehörte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit
+ruhiger Selbstverständlichkeit Leute aus vornehmen und luxuriösen
+Kreisen in ihren einfachen Räumen zu empfangen. Buhl, den man den
+Pfälzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schloß kommend,
+sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da
+Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen
+konnte. Solchen Gästen gegenüber gab die Hausfrau wohl die Erklärung für
+die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte über
+die mangelhafte Einrichtung, sie verhüllte sie nicht. Wenn so die
+wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den
+Verkehr mit den nächsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen
+auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die
+Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte für die Saison einige ihrer
+Bilder zum Wandschmuck und wäre jederzeit zu allen Opfern bereit
+gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wäre.
+
+Die pekuniären Verhältnisse waren in diesen Jahren oft ungünstig.
+Pauline äußerte einmal ihrer Schwägerin gegenüber, daß ihr Mann sich bei
+seinem zunehmenden Leiden darüber manchmal Sorge mache und sie fügte
+hinzu: »Ich aber gar nicht, denn wir _können_ nicht mehr sparen.« Dies
+bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Möglichste tun, dann aber
+nicht sorgen.
+
+Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Münchener möblierten
+Wohnungen nach Erlangen zurück, so fand man dort zwar die eigenen Möbel,
+wurde auch vom Bruder Hans mit rührender Freude empfangen, aber immer
+größer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die
+eine mehr und mehr empfindliche Haushälterin ohne Einmischung
+weiterführen wollte, und je älter die Kinder wurden, um so weniger war
+es möglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur
+Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal
+ihrer Erziehung war: nur nach außen keinen Anstoß erregen, und das
+dritte Wort: »Was sagen die Leut!« Verfing das nicht mehr bei den
+Kindern, so suchte sie ihre Autorität zu stützen durch die Drohung:
+»Wartet nur, wenn die Tante kommt!« Auf diese Weise zerstörte sie, zwar
+nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der
+Kinder und da sich tatsächlich jedesmal Mißbräuche eingeschlichen
+hatten, die abgestellt werden mußten, so brauchte es immer längere Zeit,
+bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mußte die immerhin
+unentbehrliche Haushälterin ihrer großen Empfindlichkeit wegen mit einer
+Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren
+Persönlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war.
+
+Manchmal seufzte sie in jener Zeit: »Das schwerste Kunststück für den
+Menschen ist, mit den Menschen auszukommen!« Sie bemühte sich aber
+redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr
+Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermöglichte es ihm doch, in dieser
+Weise den Hausstand fortzuführen, und ihm war alles recht, was ihm den
+Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein
+ganzes Herz gehörte noch seiner ersten Liebe. In großer Selbstlosigkeit
+schickten sich die beiden Männer in die kleinen unvermeidlichen
+Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder
+schlossen sich in geschwisterlichem Verhältnis zusammen, aber das Haus
+selbst, nördlich gelegen, war kein günstiger Aufenthalt für einen
+Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich.
+
+So wurde im Jahre 1866 für das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig
+gemacht, der klimatisch günstiger war und doch keine vollständige
+Trennung nötig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt,
+auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshäuschen, ein kleiner grauer
+Sandsteinbau mitten in großem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als
+Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Häuschen hatte
+sich der Nürnberger Buchhändler Palm verborgen gehalten, der im Jahre
+1806 wegen der Verbreitung der Schrift: »Deutschland in seiner tiefen
+Erniedrigung« auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum
+hatte die Familie Brater dieses stille Landhäuschen bezogen, als -- wegen
+des drohenden Krieges -- im Frühjahr 1866 der Landtag einberufen wurde.
+So mußte Brater auf unbestimmte Zeit nach München und Frau und Kinder im
+Palmshäuschen zurücklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den
+Württemberger Verwandten:
+
+... »Wir haben in unserm Gartenhäuschen anfangs vor allem andern den
+Ofen schätzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prächtig grünen Bäume
+im dicken, dicken Schneegestöber sehen mußten. Übrigens ist der Schnee
+wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch
+erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges
+andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie
+beteiligt sich mit großer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes
+Pflänzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon
+sehr glücklich in unserer ländlichen Wirtschaft und Behausung, allein
+seit mein Mann fort ist, ist natürlich auch mir die Freude halb
+genommen, ja wenn ich nur gewiß wüßte, daß er in kurzer Zeit
+wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Mißgeschick fügen
+als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der
+Landtag könnte sich in die Länge ziehen und der Sommer meinem Mann
+erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird's mir ganz
+verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu
+fürchten, mein Mann hielt es für möglich, daß der Landtag mit vier
+Wochen zu Ende gehen werde. -- Während nun die Herren in München und in
+ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rüstungen abgeben, sitzen
+wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, daß man
+denken könnte, es gäbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als
+Gemüse und Salat pflanzen. Für meinen Mann könnte ich mir kein
+passenderes Plätzchen wünschen, es ist so ruhig, alles grün um uns, der
+Wald ganz nahe, so daß sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bäumen
+hören und sehen ließ, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen
+sind uns ganz gewöhnliche Gäste. Auch mir tut diese Stille nach dem
+unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst
+wieder genießen, wenn er von außen her wieder befestigt ist! Ich halte
+noch immer an der Hoffnung, daß der Krieg vermieden wird...
+
+Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die
+Brüder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem
+Augenblick aber fast übermäßig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried
+sind politisch verschiedener Richtung und da könnte jemand, der sich
+nicht auskennt, leicht meinen, sie möchten sich einander umbringen, aber
+es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen
+sich immer schon im voraus auf den Spektakel...«
+
+Vierzehn Tage später (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwägerin
+Emilie Schunck: »Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach
+verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg
+ausgebrochen sein! Das Empörendste an der Sache ist doch immer das, daß
+hier ein Krieg geführt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht
+will, -- was sind denn das für Einrichtungen und was für Menschen, die
+sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann
+man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie
+sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten
+sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken
+von diesen kläglichen Zuständen abwenden können, während die Männer, die
+das Ganze ausmachen, und _jeder_ ein Teil desselben ist, Arbeit und
+Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre
+Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten
+empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, daß der
+Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen
+kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurückkehren. Mit welcher
+Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du
+weißt ja, daß wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen
+Nest, das für Karl gewiß ein recht wohltätiger Aufenthalt wird, ach, und
+er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so daß ich
+eigentlich in einer beständigen Aufregung war um jeden Tag, den er in
+München zubrachte, und ich bin nicht völlig ruhig, bis er wirklich und
+leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, daß sich sein Befinden in
+München wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin
+bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen
+Sommer sind nun schon viele Wochen ungenützt verstrichen...«
+
+Als der Ersehnte endlich zurückkam, fand Pauline sein Befinden merklich
+verschlimmert und es erwies sich als eine große Wohltat, daß auch er nun
+in der stillen, ländlichen Wohnung Ruhe fand. Unten in der Stadt
+erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt, als ein Gefecht in nächster
+Nähe erwartet wurde. Auch waren die österreichisch gesinnten Elemente
+der Bevölkerung aufgehetzt und Brater, der Bismarcks Bedeutung längst
+erkannt und offen hervorgehoben hatte, erfuhr, daß der Pöbel gewillt
+war, ihm »seine preußischen Fenster« einzuwerfen. Aber mit Eintritt des
+Waffenstillstandes verlief sich rasch die Erregung und das Jahr 1866
+wurde in Beziehung auf die Feindseligkeiten gegen Brater ein Wendepunkt.
+Nachdem die Ereignisse ihm Recht gegeben, verlor die Feindschaft mehr
+und mehr ihren Stachel und immer weitere Kreise gingen vom engherzigen
+Partikularismus zu nationaler Gesinnung über.
+
+
+
+
+X.
+
+1866-1869
+
+
+Im Herbste des Jahres 1866 tauchte der Plan auf, daß für Braters
+Gesundheit eine richtige Kur unternommen werden sollte, ein
+Winteraufenthalt im Süden wurde ihm geraten. Ein solcher machte aber
+eine Beurlaubung von der Ständekammer, ein Aussetzen seiner meisten
+Arbeiten nötig und davor bangte Pauline; von da an, meinte sie, wird er
+erst empfinden, daß er krank ist, bis jetzt ließ die Arbeit ihn nicht zu
+diesem Bewußtsein kommen und wie groß mußte nach solchen Opfern seine
+Enttäuschung sein, wenn etwa der Erfolg doch ausblieb! So wurde hin und
+her beraten, bis Brater in seiner ruhigen, sachlichen Weise seinem
+Arzte, Prof. Herz in Erlangen, klare Fragen vorlegte, deren Beantwortung
+den Entscheid gaben. Er schreibt darüber an Ernst Rohmer:
+
+ »Herz hatte mir nun die Fragen zu beantworten:
+
+ 1. Kann eine klimatische Kur insofern nachhaltig wirken, daß sie
+ die weitere Entwicklung des Übels wesentlich aufhält?
+
+ Antwort: Ja.
+
+ 2. Ist ohne eingreifende Gegenmittel eine fortwährende
+ Steigerung des Übels zu erwarten?
+
+ Antwort: Ja.
+
+ 3. Kann die Kur nicht ohne Bedenken auf ein späteres Jahr
+ verschoben werden?
+
+ Antwort: Die Reaktionsfähigkeit des Organismus und folglich die
+ Wahrscheinlichkeit, daß die Kur wirkt, nimmt mit jedem Jahr ab,
+ und wenn man am Ende der Vierziger steht, ist es eben noch
+ Zeit.« ...
+
+Damit war für Brater die Frage entschieden, denn für die Möglichkeit der
+Ausführung hatten andere gesorgt. In ergreifender Weise waren dem
+Kranken, noch ehe der Plan zum Entschluß gereift war, die Mittel zur Kur
+angetragen worden. Nicht nur von seinem treuen Onkel Meynier, sondern
+auch von Freunden, deren Beweggrund war, ihre nationale Gesinnung auch
+dadurch zu betätigen, daß sie dem Manne beistanden, der für die
+nationale Sache seine Kraft und Gesundheit eingesetzt hatte. Dies war
+ein erhebendes Gefühl für Brater und seine Frau und ein Beweis, daß
+nicht nur das Böse immer wieder Böses, sondern auch das Edle wieder
+Edles erzeugt. Das »Zuviel« wurde abgelehnt, das Nötige dankbaren
+Herzens angenommen. Nun handelte es sich um die Wahl des Ortes, es
+wurden damals Cannes, Hyères, Palermo und Montreux genannt und
+Erkundigungen eingezogen. Der Entscheid fiel für Cannes, die
+südfranzösische Stadt an der Rivièra. Eltern und Kinder bereiteten sich
+auf eine neue, lange Trennung vor, freundlich erklärten sich die Tanten
+Brater bereit, die Nichten für den Winter aufzunehmen, schon lag dieser
+Abschiedsschmerz schwer auf der Seele, da tat sich eine Möglichkeit auf,
+der Sparsamkeit und doch zugleich dem Herzenszug gerecht zu werden. Es
+wurde in Cannes eine möblierte Wohnung mit Küche ermittelt, in der die
+Familie eigene Wirtschaft führen und dadurch zu viert nicht wesentlich
+teurer leben würde, als zu zweit in einer Pension. Anna und Agnes, nun
+beide konfirmiert und der Schule entwachsen, sollten das Kochen besorgen
+und sich dadurch einigermaßen den interessanten Aufenthalt verdienen,
+der ohne eine solche Leistung nach den Grundsätzen der Eltern zu
+verwöhnend gewesen wäre. Die Freude der Kinder bei der Mitteilung, daß
+man sie auf solche Weise mit gutem Gewissen mitnehmen könne, war so
+überwältigend, daß dadurch diese ganze, aus trauriger Ursache
+unternommene Reise einen fröhlichen Charakter bekam.
+
+Zunächst wurde noch ein vierwöchentlicher Kuraufenthalt in Stuttgart
+genommen, wo damals für Brustkranke eine Anstalt zum Gebrauche
+komprimierter Luft bestand. Ein Erfolg war wohl nicht zu verzeichnen,
+aber angenehm wurde der Aufenthalt durch den Verkehr mit dem Bruder,
+Professor Heinrich Kraz und seiner Familie, auch Kolomann Pfaff lebte in
+Stuttgart als Professor der Mathematik und das Zusammensein mit diesen
+Brüdern war eine besondere Freude vor dem Antritt einer Reise, die so
+weit ab von allen Lieben führen sollte. Im November ging die Fahrt über
+Genf, Lyon, Marseille, Toulon nach Cannes.
+
+Frau Brater, die bei diesem Unternehmen nur an ihren Mann und dessen
+Erholung gedacht und über allem, was vor der Reise zu besorgen war, sich
+selbst vergessen hatte, war von einem unerwarteten Glücksgefühl
+überrascht bei dem Anblick des Meeres und der herrlichen südlichen
+Landschaft, in der nun für einen ganzen Winter ihr Aufenthaltsort sein
+sollte. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß ihnen ungesucht aus dem Traurigen
+eine Freude erwachsen war, und weit entfernt, sich dieser zu
+verschließen, genoß sie mit Wonne das Schöne, öffnete auch ihren Kindern
+die Augen dafür und beglückte dadurch ihren Mann, dem es schon oft
+schwer geworden war, daß durch sein Leiden ein Schatten in die Familie
+fiel.
+
+Auch die häuslichen Verhältnisse gestalteten sich angenehm. Dicht an dem
+evangelischen Kirchlein stand das Haus, dessen unteren Stock sie
+bewohnten und das in allen Stockwerken für Fremde eingerichtet war.
+Franzosen, Spanier und Engländer waren die Mitbewohner, die nun manchmal
+neugierig und staunend an der Parterrewohnung vorübergingen und in die
+offene Küche einen Blick warfen, wo die deutsche Hausfrau und ihre
+Töchter an der Arbeit waren. Zuerst glaubten sie wohl nicht, daß es
+Leute ihres Bildungsstandes sein könnten, aber allmählich wurde ihnen
+bekannt, daß der Herr ein Gelehrter mit dem Doktortitel sei. (Brater war
+kurz vorher zum Ehrendoktor der Universität Heidelberg ernannt worden.)
+So lernten sie deutsche Art kennen und auch hochschätzen. Und wie gerne
+wirtschafteten Mutter und Töchter zusammen, wie viel Neues war zu sehen,
+wenn sie ausgingen, um Küchenvorräte heimzuholen! Auf dem Markte standen
+die Metzger, um zahllose Hammelschlegel zu verkaufen, wunderliches
+Seegetier lag in Körben, die Gemüse waren auf dem Boden ausgebreitet.
+Stände mit Parfümeriewaren, Vanille und Porzellanknöpfen fehlten an
+keinem Markttage. Zwischen den Verkäufern trieben sich Kinder umher,
+bissen mit Lust in die ungeschälten Orangen, in die rohen Zwiebeln und
+begleiteten mit ausdrucksvollen Gebärden das Patois, das sie mit
+südlicher Lebhaftigkeit sprachen.
+
+In den Kaufläden konnten die Fremden französische Höflichkeit kennen
+lernen. So einmal, als eines der jungen Mädchen, die sich noch gar nicht
+als Fräulein fühlten, in ein Geschäft trat und Sago zu kaufen verlangte.
+Man gab ihr Bescheid, daß Sago nicht in diesem Laden, jedoch in der Nähe
+zu haben sei, aber sie selbst durfte sich nicht bemühen, rasch wurde ein
+Junge danach geschickt, der #»Mamichella« (Mademoiselle)# einstweilen
+ein Stuhl -- auf die Straße gestellt, da konnte sie Platz nehmen, bis das
+Gewünschte zu ihr kam!
+
+Der Heimweg von solchem Ausgang führte eine Strecke weit am Meeresufer
+hin, das bei starkem Winde mächtig an den Steinwall brandete, der die
+Straße schützte. Am fernen Horizont war an solchen Tagen eine
+auffallende Erscheinung zu sehen: wie Berge, die aufstiegen und wieder
+abfielen -- es waren die mächtigen Wogen der offenen See. »Bei uns ist's
+so schön und herrlich« schreibt Pauline, »daß ich jeden Tag meine Freude
+habe, ja wären wir Menschenkinder imstande, nur der Gegenwart zu leben,
+so würde mir kaum etwas zu wünschen übrig bleiben, aber wir können uns
+eben nicht enthalten, vorwärts zu blicken!«
+
+In den ersten Wochen überwog die Freude an dem Schönen, als sich aber
+gegen Weihnachten noch keine Spur einer Besserung zeigen wollte, klang
+Leid und Sorge in jedem Brief und dieser Klang wäre vielleicht noch
+stärker hervorgetreten, hätte Pauline nicht die drückende Mutlosigkeit
+vor ihrem Manne verbergen wollen. Wie sehr sie in dieser Stimmung
+empfänglich war für treue, teilnehmende Worte aus der Heimat, geht aus
+dem nachstehenden Brief an E. Rohmer hervor.
+
+ _Lieber Ernst!_
+
+ Dein langer Brief, in der vielbeschäftigten Weihnachtszeit
+ geschrieben, ist mit voller Anerkennung und großer Freude
+ empfangen worden, und da es bis zum letzten Augenblick den
+ Anschein hatte, als sollte Euer Gruß der einzige Weihnachtsgruß
+ aus der Heimat sein, entstand namentlich in der Phantasie meiner
+ Kinder nach und nach eine förmliche Glorie um die Treue Deines
+ Freundeshauptes, und als dann während der Bescherung noch zwei
+ Briefe von den untreuen Erlangern einliefen, so wurde keine
+ Absolution erteilt, denn es sei ein Leichtsinn, hieß es, so bis
+ zum letzten Augenblick zu warten, und der Onkel Ernst sei eben
+ immer der einzige Mensch, auf den man sich verlassen könne...
+ Daß Dir unsere Briefe einen guten Eindruck betreffs der Gegend
+ und des Klimas machen, ist ganz recht, wir schreiben natürlich
+ ganz wahrheitsgetreu und hoffen nun auch, daß Du unserm Plan
+ zustimmen und mit Deiner Gattin für den Monat April hierher
+ kommen wirst. Dieser Plan ist nämlich bei uns bereits zum
+ Beschluß erhoben, da wir überzeugt sind, daß Du gar nichts
+ Gescheiteres tun kannst, der April ist bei Euch noch so recht
+ der Monat für Zahnweh und Rheumatismen, während man hier Sommer
+ haben wird; dazu ist die Reise an sich schon ein Vergnügen. Die
+ Ausgabe ist nicht so groß, für 80 fl. à Person kommst Du bequem
+ hierher, wir haben mit dritter Klasse u. dergl. à Person 54 fl.
+ gebraucht. Hier finde ich Euch um diese Zeit gewiß ein
+ erwünschtes Quartier und meine Mädchen haben bis dorthin sicher
+ so viel Fortschritte in der Kochkunst gemacht, daß ich Euch mit
+ gutem Gewissen an unsere Tafel laden kann. Also wenn Du in den
+ nächsten Tagen Deinen Etat für das Jahr 67 machst, so hast Du
+ ein paar hundert Gulden für eine Reise nach Cannes anzusetzen.
+ Ein paar hübsche Ausflüge haben wir schon auf Euere Ankunft
+ verschoben, nämlich eine Wasserfahrt nach der eine kleine Stunde
+ entfernten Insel Marguerite, wo es wunderschön sein soll und wo
+ seinerzeit der Mann mit der eisernen Maske residierte, und dann
+ eine Fahrt zu Wagen auf das Kap Roux hinaus. Eine neue Zierde
+ unserer Gegend haben wir inzwischen auf einer nahen Anhöhe
+ entdeckt, nämlich eine ansehnliche Kette der schneebedeckten
+ Seealpen, es sind mächtige Bergspitzen, die zum Teil 13000 Fuß
+ erreichen. Also komm und siehe, denn Du kannst Dir eine solche
+ Natur nicht vorstellen, die beständig im Sonntagsgewand
+ einhergeht, und wenn ich zehn Jahre jünger und alles gesund
+ wäre, ich glaube, ich würde den ganzen Tag nichts tun, als
+ singen und Juhe schreien ...
+
+ Unsere Feiertage sind uns recht vergnüglich vergangen, etwas
+ ruhiger als bei Euch, das ist gewiß, es wollte mir fast komisch
+ erscheinen, als ich für meine zwei alten Kinder einen Baum
+ bestellte, aber es rentierte sich doch, und sie freuten sich
+ daran wie echte Kinder und waren sehr stolz über die
+ Bewunderung, die er bei unsern Französinnen erregte... Was die
+ Heilwirkung der hiesigen Luft betrifft, so können wir leider
+ noch immer nicht viel Gutes sagen, es ist mir unfaßlich, daß
+ meines Mannes Husten nicht nachläßt, ich hatte gedacht, daß bei
+ dieser Lebensweise in einem Zeitraum von etwa acht Wochen doch
+ schon eine kleine Besserung eintreten würde, es ist bis jetzt
+ aber noch nichts zu bemerken, indes hoffe ich um so
+ zuversichtlicher, daß sich die Besserung vorbereitet und dann
+ dauerhaft zum Vorschein kommt. Karls gutes Aussehen deutet gewiß
+ eine solche Vorbereitung an.
+
+ Nun noch meine besten Grüße an Dein ganzes Haus ... in treuer
+ Liebe Euere
+
+ _Pauline._
+
+Es findet sich von Braters Hand noch die Randbemerkung: »Gestern hat
+sich die Juchheschreierin über dem Schleppkleid einer kreolischen
+Hausgenossin, die bei ihr zum Besuch war, den Fuß vertreten und muß
+jetzt das Zimmer hüten!« Ein schönes Zeichen seines Optimismus bietet
+der Schluß seines eigenen Briefs, geschäftlichen und politischen
+Inhaltes: »Gott befohlen für das neue Jahr. Es geht in der Welt mit Ach
+und Krach, doch _immer und immer vorwärts!_«
+
+Was Frau Brater von dem Aufenthalt in dem französischen, katholischen
+Luftkurort am wenigsten erwartet hätte, das wurde ihr und noch mehr
+ihren Kindern ganz ungesucht zuteil: eine religiöse Anregung. Die
+Hausbesitzerin, eine ältere Dame, und ihre nächsten Freunde gehörten der
+evangelischen Kirche, der #»église libre«# an. Sie kamen ihren
+protestantischen Mietsleuten als Glaubensgenossen freundlich entgegen
+und auf diesem Grund entstand bald eine wahre Freundschaft. Die kleine
+Gemeinde in Cannes hatte jenes warme Gefühl der Zusammengehörigkeit, das
+man immer dort trifft, wo es gilt, durch Einigkeit stark genug zu
+werden, um den von allen Seiten andrängenden Feindseligkeiten der
+übermächtigen Majoritätskirche zu widerstehen. Der sonntägliche
+Gottesdienst, dem jegliches Gepränge fehlte, hatte trotz oder wegen
+seiner Nüchternheit etwas ergreifend Ernstes und Wahres. Ohne Talar, im
+gewohnten schwarzen Rock, trat der Geistliche an den Tisch, der den
+Altar ersetzte und seiner klaren, schlichten Rede folgte jeder Zuhörer
+gespannt und aufmerksam. Nichts dröhnte salbungsvoll oder pathetisch
+über die Häupter hinweg, die Redeweise unterschied sich kaum von der des
+täglichen Verkehrs, es kam auch wohl vor, daß der Geistliche eine
+Zwischenbemerkung machte, wie etwa: »bitte die Türe zu schließen, es
+zieht,« daß er am Schluß der Predigt einige Bekannte aufforderte, mit
+ihm zu Mittag zu essen. So menschlich nahe war Frau Brater und ihren
+Kindern noch nie die Kirche getreten und so deutlich wie an den Gliedern
+der kleinen Gemeinde hatten sie nirgends sonst den vertiefenden Einfluß
+warmer, religiöser Überzeugung empfunden. Brater freute sich der
+Anregung, welche die Seinigen von diesen trefflichen Menschen empfingen,
+wenn ihm persönlich auch der Umgang mit ihnen durch seine geringere
+Kenntnis der französischen Sprache nicht möglich war. So weit ihn nicht
+die Kur in Anspruch nahm, führte er sein stilles Leben am Schreibtisch,
+versorgte aus der Ferne die politische Wochenschrift mit Beiträgen, die
+Redaktion des Staatswörterbuchs mit Korrekturen und lebte im Geist in
+seinem Vaterland.
+
+So wäre alles recht, ja über Erwarten schön gewesen, wenn nur die
+Hauptsache, die Besserung des Leidens, der Erfolg der Kur nicht
+ausgeblieben wäre. Sechs Monate waren für den Aufenthalt in Aussicht
+genommen, nach Verlauf von vier Monaten schreibt Frau Brater an ihre
+Schwägerin:
+
+ _Liebe Julie!_
+
+ Wir haben einen raschen Entschluß gefaßt und die Umstände
+ bringen ihn zu rascher Ausführung: ich zeige Dir an, daß wir im
+ Begriffe sind, Cannes zu verlassen und darnach trachten, in
+ Gries bei Botzen ein Unterkommen zu finden. Die Besserung in
+ Karls Befinden war nur eine scheinbare und es hat sich gleich
+ darauf (_ohne_ Veranlassung) eine dauernde Verschlimmerung
+ eingestellt, die zwar nicht über die früheren Zustände
+ hinausgeht, aber eben doch unerwünscht ist, so läßt mir die
+ Befürchtung, daß für Karl ein Seeklima ungünstig ist, keine Ruhe
+ mehr, ich habe Dir das ja schon früher einmal gesagt und Du bist
+ am Ende über diese Neuigkeit des Übersiedelns weniger überrascht
+ als wir selbst. Dazu kommt, daß der März hier wegen seiner Winde
+ ein schlechter Monat ist und wenn es uns in Gries nach Wunsch
+ gelingt, denken wir einen guten Tausch zu machen und hoffen, bei
+ der jetzigen vorgerückten Jahreszeit keinesfalls zu verlieren.
+ Ich habe unvermutet schnell die Wohnung angebracht und wir
+ hoffen, die Sache mit unbedeutenden Opfern durchzubringen, doch
+ sind wir Frauensleute alle in Tränen dagestanden, als wir den
+ Kontrakt der Abmietung unterzeichneten. Mir tut das Herz weh den
+ ganzen Tag und Anna hat immer die Augen voll Wasser. Das Leben
+ hier hat uns viel Freude gebracht und wir verlassen treue
+ Freunde, die wir wohl nie wieder sehen werden. Wir haben uns
+ heimisch und wohl geborgen gefühlt und werden nun am Samstag
+ schon aus unserem warmen Nest hinausgetrieben, ohne uns schon in
+ Gedanken am zukünftigen erfreuen zu können... Wir haben eine
+ schöne Reise vor uns, der Riviera entlang bis Genua, leider
+ etwas teuer wegen der mangelnden Eisenbahn. _Wie_ wir die Reise
+ machen werden, wissen wir selbst noch nicht, ich habe die
+ hübsche Mission, morgen nach Nice zu fahren, um wegen der
+ verschiedenen #Diligencen# u. dergl. Erkundigungen einzuholen,
+ ein gutes Stück Arbeit bei meiner Sprachfertigkeit, es ist mir
+ nicht recht wohl bei dieser Angelegenheit.«
+
+Die Verwandten und Freunde in der Heimat mochten es leicht verstehen,
+wenn Pauline nicht ohne Wehmut von der herrlichen Gegend, von dem Meere
+schied, das je wieder zu sehen sie kaum hoffte, aber daß der Abschied
+von solch neuen Bekannten, überdies französischer Nation, ihr und den
+Töchtern wirklich schwer wurde und überhaupt in Betracht kam, gegenüber
+dem Wiedersehen der alten, treuen Bekannten, dies konnten sie sich wohl
+schwer erklären, wenn sie nicht wußten, daß ein starker Einfluß
+ausgegangen war von den religiösen Naturen dieser kleinen Menschengruppe
+in Cannes und nicht selbst schon erfahren hatten, wie sehr der Mensch an
+diejenigen anhänglich ist, die sein Wesen irgendwie gefördert und
+bereichert haben. Schmerzlich war es unter allen Umständen, den Ort zu
+verlassen ohne jegliche günstige Wirkung der Kur. Aber in diesen Jahren
+bewährte sich das Wort: »Geteiltes Leid ist halbes Leid« gar sehr bei
+diesem Paar. Wollte einem von beiden der Mut sinken, so half das andere
+mit dem seinigen aus, und indem der Leidende jede Klage aus Liebe für
+die Mitleidende unterdrückte, hielt er sich selbst seine Trösterin
+frisch und anregend.
+
+Die Reise in der kaiserlichen #messagerie#, d. h. in vier-,
+streckenweise sechsspänniger Post auf der herrlichen, längs des
+Meerufers sich hinziehenden Straße über Mentone, Nizza, San Remo bis
+Genua war ein großer Genuß, wenn auch mit Anstrengung erkauft, denn die
+Fahrt ging auch bei Nacht ohne Unterbrechung weiter. Frau Brater
+schreibt von Bozen aus an Ernst Rohmer:
+
+»... Unsere Reise war vom Wetter begünstigt, K. hat sie glücklich zurück
+gelegt und wir freuen uns alle von Herzen, wieder im deutschen Vaterland
+zu sein, obwohl es vorderhand nur Österreich ist..... Unser Weg war
+Nizza, Genua, Mailand, Verona und dann vollends das Etschtal herauf;
+durch und durch interessant und schön, namentlich der erste Teil
+Nice--San Remo findet seinesgleichen selten, wir werden diese
+Herrlichkeit unser Lebtag nicht vergessen, das müßt Ihr sehen. -- Nun
+sind wir in Bozen installiert und führen unsern Haushalt in einer
+großen, billigen Wohnung, mit aller Bequemlichkeit; daß wir vorderhand
+von unserm neuen Aufenthalt nicht sehr entzückt sind, ist kein Wunder,
+hier ist noch alles kahl, kaum einige blühende Bäume, und das Meer --
+wann werde ich das einmal wiedersehen, mir tut das Herz weh, wenn ich
+daran denke! Übrigens bin ich überzeugt, daß wir wohlgetan haben, und
+Karl fühlt sich hier behaglicher; Gott gebe, daß wir auch einmal von
+einer Besserung zu berichten haben!«
+
+Die Überlegungen und den Entschluß, ob Cannes zu verlassen und Bozen zu
+wählen sei, hatte Brater in der Hauptsache seiner Frau überlassen. Er
+selbst war wenig medizinisch veranlagt und traute ihr in diesen Dingen
+mehr zu als sich, auch beobachtete und verglich sie sein Befinden
+genauer, als er selbst es tat. Seine Gewohnheit, nicht viel an die
+eigene Person zu denken, aber doch gewissenhaft zu befolgen, was ihm die
+Ärzte verordneten, machten ihn zu einem Patienten, wie man sie selten
+trifft. Er behandelte seine eigene Krankheit so objektiv wie die eines
+anderen Menschen. War alles befolgt, was die Kur ihm vorschrieb, so
+hatte er auch weiter keine Gedanken mehr für sein Leiden übrig, es
+mochte dann gehen wie es wollte, sein ganzes Interesse wandte sich der
+Arbeit zu.
+
+Von Bozen aus unternahm Brater mit den Seinigen einmal einen Ausflug
+nach Meran. Auf dem dortigen Kirchhof war Braters Vater begraben. Als
+ein neunundvierzigjähriger Mann hatte er, lungenleidend, zu seiner
+Erholung ein bis zwei Jahre in Meran zugebracht und war dort seinem
+Leiden erlegen. In ernsten Gedanken stand nun der Sohn am Grabe des
+Vaters, fast im gleichen Alter, als dieser gewesen, an der gleichen
+Krankheit leidend, mit derselben Erfahrung, daß keine Kur das Übel
+aufhalten konnte. Es war ein ergreifender Gang! Aber mit großer
+Selbstbeherrschung wurde jede schmerzliche Erregung, jeder düstere
+Ausblick in die Zukunft unterdrückt; ergeben in sein Schicksal wandte er
+seine Schritte bald wieder weg von dem Orte der Trauer, der Stadt zu,
+deren großartige Naturschönheit er Frau und Kindern zeigen wollte.
+
+Auf Mitte Mai war die Heimkehr angesetzt. Er schreibt an Ernst Rohmer,
+der ihn bald zu sehen verlangte: »Morgen soll nun nach München
+aufgebrochen werden, wo wir am Donnerstag einzutreffen gedenken, die
+drei Frostheiligen sind vorüber und es kann, wenn der gute Wille
+vorhanden ist, jetzt auch bei uns eine anständige Witterung eintreten.
+Der Kontrast gegen Bozen, wo wir seit einiger Zeit abends 10 Uhr 17° #R#
+zu haben pflegen, wird immerhin ziemlich stark sein; kämen wir direkt
+von Cannes, so wäre es noch stärker und schon deshalb war die hiesige
+Zwischenstation gewiß zweckmäßig. Im ganzen komme ich, wie schon
+bemerkt, ziemlich unverändert zurück und es wird sich nun fragen, wie
+mir die Münchner Lebensart zusagt...... In München dürfen wir also
+erwarten, Dich bald zu sehen. Ich kann Dir unsere Wohnung nicht angeben,
+weil sich noch keine gefunden hat und wir uns vermutlich vorerst mit
+einem Interim behelfen werden. Es ist die schwere Not: ich soll nicht zu
+kalt und nicht zu warm, nicht hoch und nicht abgelegen, nicht im
+vorstädtischen Staub und nicht im städtischen Spektakel leben -- wie läßt
+sich das machen?..... Pauline muß von München nach Erlangen gehen, um
+dort Geschäfte abzutun, es wird also darauf zu sehen sein, daß Ihr Euch
+in M. nicht verfehlt.«
+
+Auf der Heimreise über den Brenner, Mitte Mai, bekamen unsere Reisenden
+in diesem Jahre den ersten Schnee zu sehen. In München wurden sie von
+der Schwester Julie empfangen, die einstweilen für ein provisorisches
+Unterkommen gesorgt hatte. Die Ärzte, die nach langer Abwesenheit ihren
+Patienten wieder sahen und untersuchten, sprachen von einer wesentlichen
+Besserung, die sich eingestellt habe. Dem Kranken selber und den
+Seinigen kam davon allerdings nichts zum Bewußstein, aber dieser
+ärztliche Ausspruch belebte dennoch die Hoffnung und erweckte neuen
+Lebensmut, so daß sich auch Brater sofort wieder in den Mittelpunkt der
+politischen Tätigkeit begab. In der Kammer sprach er nur noch selten,
+seine Stimme war schwach aber noch immer klar und wir lesen in einem
+Berichte jener Zeit: »Wenn er sprach, so lauschte die ganze Kammer.« Es
+war auch kein unnötiges Wort in seiner Rede, mußte er doch mit jedem
+Atemzug haushalten. Wenn er mühsam Stufe für Stufe die Treppe des
+Ständehauses hinaufstieg, ging jeder still und achtungsvoll grüßend an
+dem Manne vorbei, von dem alle erkannten, daß er seine letzte Kraft
+einsetzte. Seine Haupttätigkeit war die im Gesetzgebungsausschuß und
+diese Arbeit hielt ihn in den folgenden zwei Jahren meist in München
+fest, wenn auch nötige Erholungspausen ihn zeitenweise aus der Stadt
+hinaus ins bayerische Gebirg, einmal auch auf die Retraite, einem
+stillen Landsitz bei Bayreuth, führten. Während dieses Aufenthalts
+erhielt Frau Brater die Nachricht von dem Tode ihres Bruders Siegfried.
+Sie schreibt darüber: »Wie oft hatte ich meinem schwer leidenden Bruder
+ein sanftes Ende gewünscht. Nun ist mein Wunsch erfüllt, sanft und
+schmerzlos durfte er aus dieser Welt scheiden, aber so sind wir Menschen
+-- die Freude, daß nun dieser schwer Geprüfte von allen Leiden erlöst
+ist, empfinde ich kaum, ich fühle nur immer und immer wieder den Schmerz
+des Nimmerwiedersehens....... Mein Siegfried war mir immer ein
+liebevoller und freundlicher Bruder, so weit ich zurück denke, und wie
+liebenswürdig und gemütlich war er im Verkehr, es war ein wohltuendes
+und behagliches Gefühl, sowie er nur ins Zimmer trat; auch meinem Mann
+war er immer eine liebe Erscheinung. Dies ist nun alles vorbei ..... Wie
+lieb man seine Geschwister hat, das weißt Du ja aus Deinem eigenen
+Herzen, sie sind eben das eigene Fleisch und Blut, eins ist durch das
+andere und mit dem anderen das geworden, was es ist, sie sind ein Stück
+des eigenen Wesens, gemeinsam trägt man die Erinnerung an Jugend und
+Elternhaus, die auch dem späteren Leben noch Licht und Wärme verleiht
+und bei niemand baut man so sicher und rückhaltlos auf Treue und
+Verständnis als eben bei Geschwistern ....«
+
+Nach der Rückkehr der Familie Brater vom Land ergab sich ein längerer
+Aufenthalt in München, den die Eltern der Ausbildung ihrer Töchter
+zugute kommen ließen. Diese sollten sich auf das Examen in der
+französischen Sprache vorbereiten, um später Unterricht erteilen zu
+können. Frau Brater selbst war zwar durchaus keine Freundin von der
+damals noch ganz neuen Einrichtung, daß Mädchen Examen machen und sich
+auf einen speziellen Beruf vorbereiten sollten. Aber sie fügte sich dem
+Rate der beiden Schwägerinnen, denen die Kinder ihre Ausbildung
+verdankten, und erkannte auch, daß es ihrem Mann eine Beruhigung war,
+seinen Töchtern eine weitere Existenzmöglichkeit mit ins Leben zu geben.
+Als Gegengewicht für diese Arbeit und den ohnedies bei dem zunehmenden
+Leiden des Vaters ernsten Lebenszuschnitt ließ sie die jungen Mädchen
+auch Tanzstunden nehmen und freute sich, wenn sie dadurch unter
+fröhliche Jugend kamen. Das französische Examen, das heutzutage fast
+eine Woche in Anspruch nimmt und zu dem sich in mehreren Städten Bayerns
+alljährlich weit über hundert Mädchen einfinden, wurde damals nur in
+München, und zwar am Palmsonntag nachmittag abgehalten und außer unseren
+zwei Privatschülerinnen nahmen nur einige Mädchen aus dem bekannten
+Ascherschen Institut teil. Als die kleine Zahl um den Prüfungstisch saß,
+sahen die prüfenden Herren lächelnd auf die emsig schreibenden Mädchen
+und der eine sprach zum andern in dem Gefühl eines noch nicht
+dagewesenen Erlebnisses: »Welch ein Bild des neunzehnten Jahrhunderts!«
+
+Nach einigen Wochen erhielten die Geprüften ihre Zeugnisse, und zwar
+hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note #I# bekommen. Damals
+galt es noch, die Mädchen zu ermutigen, daß sie von der neuen
+Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um
+sich vor der Überzahl zu schützen.
+
+Ein Brief von Frau Brater an Lina Rohmer läßt einen Einblick tun in ihr
+damaliges Münchner Leben: ».... Ich wollte Dir nur noch sagen, daß ich
+trotz der Massen von Bekannten und lieben Freunden doch niemand habe,
+der _meine_ Anliegen so mit mir teilen und tragen könnte wie Du (d. h.
+ich sehe ab von meiner Schwägerin, die mir wie eine Schwester ist). Die
+Menschen sind im Durchschnitt sehr egoistisch und ganz von ihren eigenen
+Angelegenheiten durchdrungen und manche, die eine Ausnahme machen, haben
+nicht so das Verständnis für andere. So bin ich hier die Vertraute und
+Ratgeberin für manche Freundinnen, weil ich selbst schon manches Schwere
+durchgemacht habe und mich in die Lage der andern versetzen kann, aber
+was mich auf dem Herzen drückt, das kommt da nie zur Sprache, ich dränge
+mich nicht auf und fühle mich viel wohler dabei, das, was mein Innerstes
+bewegt, nur wenigen mitzuteilen. So kommt es nun, daß mich das
+vielbewegte Leben in München ganz kalt läßt, denn Du weißt ja, wie ich
+ganz von meinem Mann und Kindern abhänge und nur in ihnen meine Freude
+habe und kannst Dir somit auch denken, daß mir eine Sorge um sie so
+nahe geht, daß ich nicht leicht davon sprechen kann. So ist mir meines
+Mannes Befinden ein steter Kummer, denn wir können uns nicht verhehlen,
+daß es von Jahr zu Jahr etwas schlimmer wird und zwar in einer Weise,
+die eben recht peinlich ist; die Atmungsbeschwerden sind recht lästig,
+es ist ihm jetzt schon _eine_ Treppe eine Schwierigkeit, natürlich
+entbehrt er unter solchen Umständen alle Körperbewegung und das ist auch
+nicht gut und so ist er eben in allen Dingen ein Leidender und als
+Leidender zu pflegen und ohne Hoffnung für die Zukunft, an die wir uns
+aller Gedanken entschlagen müssen. Du darfst indessen nicht denken, daß
+es gerade in diesem Augenblick nicht gut gehe, im Gegenteil, mein Mann
+arbeitet sehr viel, ohne Nachteil, und ist heiter, ja seine gleichmäßige
+Stimmung und freundliche Teilnahme für alles und alles, was die Seinen
+angeht, ist mir oft auffallend und ich denke mir oft: am Ende nimmt er
+sich nur unserthalben so zusammen, damit nicht auch wir darunter leiden
+sollen, und am Ende leitet ihn auch manchmal der Gedanke, daß man sich
+Liebes und Gutes erzeigen soll, weil man nicht weiß, wie lange Zeit
+einem noch dazu vergönnt ist. So leben wir in unserem Hause friedlich
+und glücklich, die beiden Mädchen ahnungslos und voller Lebenslust und
+Freude; wer uns oft zusammen lachen und schwätzen hörte, der würde nicht
+glauben, wie oft ich dagegen im stillen weine; oft mache ich mir auch
+Vorwürfe über meine Traurigkeit, denn _jetzt_ steht ja noch alles gut,
+aber das hilft nichts, daß mein Mann krank ist, fühle ich zu jeder
+Stunde.«
+
+Der Herbst 1869 führte die Familie wieder vorübergehend nach Erlangen
+und die beiden Töchter blieben auch dort zurück, als der Landtag
+einberufen wurde, über dessen Dauer man erst näheres erfahren mußte, um
+zu bestimmen, ob es sich lohne, die eigenen Möbel mitzubringen. Während
+nun die Mädchen in Erlangen auf nähere Weisung wartend einige Wochen
+dort blieben, spielten sich in München eigentümliche Landtagssitzungen
+ab; die neue Kammer konnte sich nicht einigen über die Präsidentenwahl,
+es ergab sich die gleiche Stimmenzahl für den einen Vorgeschlagenen wie
+für den andern. Brater, unfähig zu Fuß zu gehen, fuhr täglich ins
+Ständehaus, wo er mühsam Atem holend die Treppe hinaufstieg, um bei der
+Präsidentenwahl seine Stimme abzugeben und dann sofort wieder
+heimzukommen mit der Nachricht: Gleiche Stimmenzahl. So wiederholte sich
+der Vorgang dreimal, worauf die Kammer als beschlußunfähig aufgelöst und
+die Neuwahl angeordnet wurde. Die Kinder in Erlangen verfolgten diesen
+Hergang mit persönlichem Interesse. Ein freundliches Briefchen des
+Vaters vom 9. Oktober sagte ihnen, sie sollten die verlängerte Wartezeit
+benützen, um ein Kissen auf der Mutter Stuhl anzufertigen, zum Schmuck
+der eben gemieteten einfachen Wohnung in der Barerstraße. Zehn Tage
+später kam ihnen ein Telegramm der Mutter zu, das sie sofort nach
+München berief, da sich des Vaters Zustand verschlimmert habe.
+Unverzüglich reisten die Kinder ab, kamen in später Abendstunde an, und
+noch ehe der Morgen des 20. Oktober anbrach, hatten sie den Vater
+verloren.
+
+
+
+
+Dritter Teil
+
+Die Witwe
+
+
+
+
+XI.
+
+1869-1870
+
+
+Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre
+Aufzeichnungen über die letzten Lebenstage ihres Mannes enthält. Wir
+entnehmen daraus folgendes:
+
+»Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mühe
+aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war groß und
+hoch.
+
+Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: 'heute habe ich
+einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer', er sah matt aus. Abends
+war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: 'es wird besser
+sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.' Er nahm während des
+Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach.
+Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens
+insofern sorglos _gute_ Nacht, als ich nicht zweifelte, daß sie ihm mit
+Morphium zuteil werden würde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen
+rief er mir laut und deutlich: 'Pauline, zieh dich einmal ein wenig an',
+ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, daß ich
+nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: 'es
+ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon _zwei_ Pulver genommen und habe
+keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl,
+vielleicht wird mir's da leichter' -- sein Atem war unendlich kurz, die
+Stimme klanglos und in seinen Zügen sah ich, daß er im Todeskampfe war,
+-- ich stand da unter heißen, strömenden Tränen, sagte ihm liebe Worte,
+aber helfen konnte ich ihm nimmer. Während ich ihn ankleidete, sagte er
+lächelnd: 'du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich
+etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.'
+
+Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: 'so jetzt mach, daß
+du ins Bett kommst, -- _schlafe_ und weine nicht in Deinem Bett.' Gott
+weiß, ich habe nicht geschlafen, denn ich wußte nun, daß mir das
+treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glück
+zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kämpfte er noch zwei Tage gegen
+den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlöste.«
+
+Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau
+Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes,
+an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehörigen fühlt
+sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus
+freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war.
+Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: »So ist es
+also vorüber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke,
+wie öde und verlassen Du Dich fühlen wirst nach so langer, tiefinnerster
+Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die
+Zukunft grau und farblos, weil nun ein Riß in mein Dasein erfolgt ist,
+der nicht mehr zu überbrücken ist! Ist dies persönlich so, so ist es
+noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen
+denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben
+einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es
+aus, daß Bayern seinen besten Bürger verloren hat, die Partei ihre
+Seele.« -- Frau Brater antwortete dem Freund:
+
+ _Lieber Ernst!_
+
+ Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber
+ vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich weiß ja recht
+ wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen
+ kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir
+ ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen
+ Augenblick finde, ist mir's so hohl und ausgestorben zumute, so
+ abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen,
+ wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast
+ maschinenmäßig hersagt, so daß ich mich nun beinahe besinnen muß
+ auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur
+ halb begriffen das Herz zusammenschnürt; jeden Morgen stehe ich
+ auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an
+ seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und
+ den Platz mit Küssen bedeckend, wo seine Hände lagen.
+
+ Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet
+ gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich
+ schon unter heißen Tränen im Bett gelegen, wenn ich dem
+ Ruhelosen und Gequälten »Gute Nacht« gesagt hatte und doch so
+ gut wußte, daß sie ihm nicht zuteil werden würde! Darum hat
+ sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes
+ ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprägt
+ als Trost und Erlösung und wenn mich der Schmerz übermannen
+ will, so vergegenwärtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig
+ _liegen_ konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren
+ Monaten und wie die müde Brust ausruhte vom Kampf gegen den
+ eindringenden Tod. Ja, _seine_ Ruhe ist mein einziger Trost und
+ das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wußte, wie
+ glücklich ich war, wir wußten es ja beide, wir haben es uns oft
+ ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren
+ lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz
+ hinein.
+
+ Daß ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch ich
+ ihm wohl gönnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte
+ ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer
+ Kraft er die letzten schweren Tage durchgekämpft hat, wird Dir
+ berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom
+ Körper nicht fesseln ließ, täuschte auch mich bis zum letzten
+ Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und
+ bis zum letzten Atemzug kein Seufzer über seine Lippen gekommen
+ und noch im letzten Augenblick, wo er husten mußte und doch die
+ Kraft nimmer da war, tröstete er mich, »es geht schon nach und
+ nach«, dann sank er aufs Kissen zurück, richtete den Blick in
+ die Höhe und ich sah, daß der Geist im Scheiden war -- kaum
+ konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen.
+
+ Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lächeln
+ abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und
+ seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat,
+ weiß ich nicht, das Morphium verfehlte seine betäubende Wirkung
+ nicht; als ich um zwölf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte
+ er: »ich glaube ich habe geschlafen«, dann hieß er mich ins Bett
+ gehen, weil er immer darum besorgt war, daß man sich keine Mühe
+ um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um
+ zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch
+ warmen Wein (die letzte Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn
+ Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte
+ noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhören
+ der mühevollen Atemzüge, ich horchte noch lange und immer
+ wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand
+ still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft
+ hatte.
+
+ Daß die kranke Lunge nicht die _nächste_ Ursache des Todes war,
+ hat sich bei der Sektion gezeigt, es war das miterkrankte Herz,
+ Du wirst ja den Bericht erfahren haben; nun können wir uns »die
+ Unruhe in der Brust« erklären, von der er so oft sprach, noch am
+ letzten Abend legte er meine Hand auf seine Brust und sagte: »da
+ fühle, wie es da klopft«.
+
+ ... Man hat mir schon von mehreren Seiten freundliche
+ Anerbietungen gemacht und ich weiß, daß mein Mann treue Freunde
+ hat, die seine Frau nicht in Not kommen lassen würden, aber mein
+ Mann hat selbst der Not vorgebeugt und es käme mir wie bitterer
+ Undank vor, wenn ich mir nicht damit genügen lassen wollte
+ ...... Nimmermehr möchte ich im Wohlstand leben, nachdem wir
+ zusammen gesorgt und gespart und uns manches versagt haben, aber
+ doch, ich kann es sagen, _nie_ mit bekümmertem Herzen, es hat
+ diese Sorge dem Glück unseres Lebens keinen Eintrag getan ...
+
+Die Freunde ließen es sich dennoch nicht nehmen, ihre edle Gesinnung für
+den Verstorbenen seinen Kindern gegenüber zu betätigen. »Am Mittwoch
+übersiedle ich zu Julie in die Schommergasse« schreibt Frau Brater, »bis
+dahin steht der Arbeitstisch meines Mannes unberührt, dann gibt's einen
+schweren Abschied!«
+
+In einem Album, das Bilder all der Orte enthält, die für Frau Braters
+Leben bedeutungsvoll waren, ist auch ein Blatt, das den Münchener
+Kirchhof zeigt. Daneben steht der Vers:
+
+ In stiller Nacht ist er von Dir geschieden,
+ der Deine Liebe war, Dein Stolz, Dein Glück.
+ Du fragst: was kann das Leben mir noch bieten,
+ was soll ich noch, da er mich einsam ließ zurück?
+ Das hellste Licht zeigt auch den dunkeln Schatten,
+ dem größten Glück folgt tiefste Traurigkeit.
+ Wo zwei so innig sich verwachsen hatten,
+ da ist die Trennung schier ein unerträglich Leid.
+
+Ja, schier unerträglich erschien ihr der Gedanke an eine Trennung für
+Lebenszeit. Wußte sie doch, wie schwer sie an jeder vorübergehenden
+Trennung getragen hatte, trotz der Aussicht auf baldiges Wiedersehen,
+und nun sollte dieser Zustand dauern, immerzu dauern, eine Trauer ohne
+Ende dünkte ihr das vor ihr liegende Leben. Sie hatte völlig verlernt,
+sich allein für etwas zu interessieren, sich ohne ihn zu freuen. Wenn
+teilnehmende Menschen sie auf die Kinder hinwiesen, die sie noch besaß,
+die mit ganzer Liebe an ihr hingen, so wies sie auch diesen Trost ab,
+auch die Freude an den Kindern schien ihr unmöglich, wenn sie nicht vom
+Gatten geteilt wurde. Wohl beherrschte sie äußerlich ihren Schmerz, aber
+innerlich beugte sie sich nicht unter ihn. Stille Ergebung lag nicht in
+ihrer Natur, vielmehr war sie gewöhnt, anzukämpfen gegen das Übel; in
+allen schweren Lebenslagen, in den knappen Verhältnissen, im Unbehagen
+des Wanderlebens, in den Krankheitszuständen ihres Mannes, immer war sie
+mit geschärften Geisteskräften und mit praktischer Tätigkeit auf
+Abhilfe, Verbesserung, Erleichterung bedacht gewesen, hatte sich um so
+tapferer gewehrt, je größer das Übel war. Aber hier kam ein Leid, dem
+nicht beizukommen war, es ließ sich nicht umbiegen, nicht wenden, daß
+eine gute Seite herauskäme, es lockte nicht ihren Tätigkeitstrieb,
+sondern hemmte ihn vielmehr, es reizte nicht ihre Widerstandskraft, nein
+es lähmte sie.
+
+In dieser trostlosen Verfassung kam ihr ein Brief ihres Bruders Hans zu.
+Er, der ähnlichen Schmerz erfahren hatte, empfand die wärmste Teilnahme
+für sie und er wußte auch, daß seine Schwester nicht in Untätigkeit
+Trost finden würde. Er bat sie zu kommen, für immer die beiden
+halbverwaisten Haushaltungen zu vereinigen und ihn dadurch so glücklich
+zu machen, wie er es nie mehr gehofft hatte zu werden. Aber ihre Antwort
+war ein »Nein«, ein schmerzlicher Aufschrei »ich kann nicht, wenigstens
+jetzt noch nicht, gönne mir Zeit, mich zu fassen«. Es tat ihr weh, dem
+Bruder das zu schreiben, aber sie lag zu tief darnieder, um sich so
+schnell aufraffen zu können. Sie blieb den Winter in München bei ihrer
+Schwägerin Julie, die dort wohnte und die drei betrübten Gäste bei sich
+aufnahm. Sie führten gemeinsame Wirtschaft, die Mädchen besorgten die
+Küche und lernten noch weiter, die Tante gab französischen Unterricht
+und Frau Brater saß in ihrem kleinen Zimmer und durchlebte in den
+stillen Wintertagen und vielen schlaflosen Nächten die tiefste Trübsal.
+Nur das konnte ihr Interesse erwecken, was mit ihrem Manne zusammenhing,
+und bezeichnend ist für sie, wie sich in ihren Briefen die alte Frische
+und Tatkraft zeigte, wenn sie in ihres Mannes Geist und an seinem Werk
+arbeiten konnte. In den letzten Jahren war ihnen beiden ein früherer
+Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung persönlich näher getreten, #Dr.#
+Nagel, der ähnlich wie Brater keine feste Anstellung hatte und später
+als Verfasser eines tief durchdachten religiösen Buches bekannt geworden
+ist. Über diesen gemeinsamen Bekannten schreibt sie an Rohmer: »Ich lege
+Dir einen Brief von Nagel bei, wegen dessen was er über seine
+Angelegenheiten schreibt; mir scheint, es wäre jetzt vielleicht der
+Augenblick gekommen, wo man diese tüchtige Kraft für Bayern wieder
+gewinnen könnte; Du weißt, er hat weiland in der Süddeutschen Zeitung
+Artikel geschrieben, von denen Karl sagte, daß er sie ohne weiteres für
+seine eigenen erklären könnte, und Karl hat auch mehrfach geäußert, wie
+erwünscht es ihm schiene, wenn Nagel zu haben wäre. Aber welche Stellung
+und Aufgabe könnte man ihm denn zuweisen? Die Wochenschrift? oder wäre
+an der Süddeutschen Presse ein Wirkungskreis? -- Überlege Dir's doch und
+schmiede das Eisen so lange es warm ist; Nagels religiöser Standpunkt
+ist gewiß kein Hindernis, war er's doch auch nicht bei Hofmann[8], und
+überhaupt, wenn die Bestrebungen einer Partei nicht die Probe der
+Religion Jesu aushalten, so sind sie gewiß irrig, wenigstens nach meinem
+schwachen weiblichen Urteil; an meines Mannes Reden und Handeln hat man
+diese Probe jederzeit anlegen können... Nagel hat immer ein schneidiges
+Wort geführt. Mich hat sein Brief in eine förmliche Aufregung versetzt,
+weil ich überzeugt bin, Karl würde Nagel festnehmen.«
+
+ [Fußnote 8: Professor der Theologie in Erlangen, Mitglied der
+ Fortschrittspartei in Bayern.]
+
+Manches erhebende, tröstende Wort durfte die Witwe lesen, in Briefen,
+welche die Freunde des Verstorbenen an sie richteten, in Nekrologen, die
+nicht nur in Zeitungen Gleichgesinnter, sondern auch in Blättern
+erschienen, die seine Richtung immer bekämpft hatten und trotzdem seiner
+Person die Anerkennung nicht versagten. Hatte doch schon das ehrenvolle
+Trauergeleite zur letzten Ruhestätte gezeigt, wie sich dieser viel
+angefeindete Mann durchgerungen und zur Geltung gebracht hatte. Wer
+hätte zehn Jahre früher für möglich gehalten, daß die königlichen
+Staatsminister teilnehmen würden an seinem Leichenbegängnis! Er hatte
+seine Grundsätze nicht verleugnet und sich nicht gebeugt vor den
+Mächtigen, aber die gute Sache, der er mit Hingebung gedient hatte, die
+war es, die ihn mit in die Höhe gehoben hatte.
+
+Worte wie die folgenden mußten der Witwe wohltun, wenngleich auch die
+Anerkennung nach dem Tode etwas unendlich Wehmütiges für die
+Hinterbliebenen hat.
+
+Prof. #Dr.# Ad. _Wagner_ schrieb ihr: »... Ihnen muß es Stolz und
+Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein
+schwerer für die Partei, für das Vaterland empfunden wird. Möge auch
+über seinen Tod hinaus sein Wirken von Einfluß bleiben und Früchte für
+Deutschland tragen, das wird ihm das schönste Denkmal sein...«
+
+_Nagel_ schrieb: »... Wohl wissen Alle, daß wir an ihm eine
+staatsmännische Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches
+Führertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder
+bekannt, daß in diesem schwächlichen Körper -- zum leuchtenden Zeugnis
+für die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft über die Materie --
+ein stählener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes,
+in der Tat und Wahrheit eine Römerseele gewohnt hat; aber nur wir, die
+wir das Glück seines persönlichen Umgangs genossen, haben auch seine
+allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens
+vollkommen schätzen und lieben lernen können. Auch _das_ konnten nur die
+näheren Bekannten völlig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das
+Persönliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an
+Staat und Vaterland ihn so völlig beherrschte und erfüllte, daß es
+einfach nicht möglich war, irgend ein persönliches Interesse, sei es
+auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewußt
+im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen.
+Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen
+Eigenschaften vielleicht die seltenste ...«
+
+Prof. H. _Baumgarten_: »... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig
+Jahren die schweren Kämpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein
+wieder zu gewinnen, ich habe im Süden und Norden einen großen Teil der
+Männer kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden
+Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen
+Männern einer großen Sache am reinsten, uneigennützigsten,
+unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhältnissen
+gedient habe, so würde ich keinen Augenblick anstehen zu erklären: Karl
+Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet
+und mit voller Liebe gestützt zu haben, wie Sie getan, das ist ein
+schönes, beneidenswertes Los, und wie groß Ihr Schmerz sein muß, daß Sie
+nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, _Sie sind doch
+unendlich viel glücklicher als Millionen_, die heiter ein inhaltsleeres
+Leben führen. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird
+nicht klagen...«
+
+»Sie sind unendlich viel glücklicher als Millionen?« ... In den Tagen,
+da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht
+zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen
+ist keine so _unglücklich_ wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens.
+Aber Baumgarten hatte doch recht und wußte, was er sagte. Nicht nur die
+Erinnerung an das schönste Lebensglück meinte er, die ja ein
+unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte
+er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die
+höchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne
+in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung
+ihrer Persönlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden über alles
+Kleinliche, Selbstsüchtige, Unwahre, für das Große und Gute hatte er
+ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie
+wohl glücklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie
+versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie
+darüber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle
+diejenigen glücklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein
+Wiedersehen im Jenseits und wünscht sehnlich, auch zu diesen zu gehören,
+da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. »Aber
+ganz ohne Hoffnung bin ich nicht«, schließt sie diese Betrachtungen.
+
+In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine
+tiefreligiöse Natur und von lebendigem Glauben erfüllt, für Suchende und
+Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem
+ersten Brief nach Braters Tod berührte er die Frage, welche, wie er
+ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mußte.
+
+Er schrieb: »Ich weiß nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten
+und wahren Trostgründe, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich
+versöhnen können mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit
+der furchtbaren Tatsache des Todes -- ob Sie diese Gründe gelten lassen,
+unsere Anschauungen hierüber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht
+sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen überzeugt -- was auch alles
+die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen möge, um den
+Menschen auch um diese Hoffnung ärmer zu machen. Und doch können wir
+diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewißheit erheben -- wenn wir nämlich
+_wollen_.«
+
+Diese Ansicht -- wir _können_ glauben, wenn wir _wollen_ --, der Einfluß
+des Willens auf die Überzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels
+tiefe Überzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines später
+erschienenen Buches: »Der christliche Glaube und die menschliche
+Freiheit«. Diesem von warmer Überzeugung beseelten Manne sprach Frau
+Brater alle ihre Zweifel und religiösen Kämpfe aus und seine Briefe,
+sowie später seine Schriften gewannen für ihr Leben Bedeutung und warfen
+ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als
+Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz
+raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an
+der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter
+zu führen. Sie schrieb an ihren Bruder, daß sie seinem Rufe folgen und
+im März zu ihm kommen wolle.
+
+Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwägerin, die
+ihre Trauer teilte, und mit den Töchtern dem Andenken des Verstorbenen
+leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter
+Empfindung die politischen Kämpfe der Partei verfolgt, zu deren Führern
+Brater gehört hatte. Sie schreibt an Rohmer: »Daß die Adreßdebatte nun
+zum Schluß gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir
+scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind
+auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr
+verachteten; natürlich mußte angegriffen, gestritten und das Herz an
+diesem Ort ausgeschüttet werden, aber kurz und bündig und ohne sich dann
+weiter in die Balgerei einzulassen, denn daß sie damit etwas _erreichen_
+würden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wäre es anders
+gegangen, wenn Karl noch als 'stiller Wächter' dabei gestanden wäre, die
+beiden Parteien _müssen_ ja doch nebeneinander stehen, Karl hätte gewiß
+den möglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet für die
+_beiden_ Parteien und die unwürdige Debatte wäre abgeschnitten worden
+..... Ich habe den Eindruck, als ob über die Saat, die er ausgestreut
+hat, bereits ein böser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht
+sagen, in welchem Maße mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein
+einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wäre mir ein Trost,
+wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefaßt hätten
+wie ich .....«
+
+Allmählich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kämpfen entrückt zu
+sehen:
+
+»Die gegenwärtige Kammertätigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem
+friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen
+Kampfplatz auch noch immer für unser eigenstes Revier halten möchte, so
+durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, daß diese reine Seele
+nun zu einem höheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.«
+
+
+
+
+XII.
+
+1870-1875
+
+
+Als Frau Brater im Frühjahr 1870 mit ihren beiden Töchtern nach Erlangen
+übersiedelte, stand sie im dreiundvierzigsten Lebensjahr. Ihre flinke,
+bewegliche Art ließ sie eher noch jünger erscheinen, so wie auch ihre
+frische Gesichtsfarbe auf kräftigere Gesundheit schließen ließ, als sie
+tatsächlich besaß. Die heitere Umgangsform, die ihr von Natur eigen und
+in den Jahren tief innerlichen Glückes zur Lebensgewohnheit geworden
+war, blieb ihr auch in der Trauerzeit treu und so konnte jeder
+oberflächliche Beobachter glauben, sie sei der Aufgabe, den Haushalt des
+Bruders zu übernehmen, in jeder Hinsicht gewachsen. Und doch war dem
+nicht so, vielmehr gingen ihr die mannigfaltigen Anforderungen
+körperlich und gemütlich oft über die Kraft, und ihre Aufgabe war in der
+Tat keine kleine. Wieder galt es, sich möglichst sparsam einzurichten.
+Die Haushälterin wurde entlassen und nur ein Dienstmädchen beibehalten.
+Anna, die tüchtig gewesen wäre, mit anzugreifen in der Haushaltung,
+wurde zunächst zur Unterstützung einer befreundeten Familie nach Weimar
+berufen, Agnes war bald durch französischen Unterricht in Anspruch
+genommen, den zu erteilen sich günstige Gelegenheit bot. So lag viel auf
+der Hausfrau. Ihre vier Pflegekinder, zwei Knaben und zwei Mädchen,
+standen nun im Alter von acht bis zwölf Jahren, und es galt vor allem,
+sie wieder an die neue Ordnung zu gewöhnen. So leicht sich nun einzelne
+Kinder einzugewöhnen pflegen, wenn sie aus ihrer Umgebung herausgenommen
+und in eine fremde versetzt werden, so schwer ist es, wenn so ein
+Trüppchen beisammen in den gewohnten Verhältnissen bleibt und doch
+plötzlich ein anderes Regiment über sie kommt. Wer kann es ihnen
+verargen, daß sie sich in der gewohnten Freiheit beschränkt, in allen
+Rechten verkürzt, im täglichen Leben beengt fühlen? Mit einem tiefen
+Seufzer klagte die kleine Julie eines Abends bei Agnes: »Es gibt eben
+jetzt so viel, ach so arg viel, was wir nimmer tun dürfen und was wir
+vorher gedurft haben.« Und wer kann es andererseits der gebildeten Frau
+verargen, wenn sie mit den Forderungen des Gehorsams, der Wahrhaftigkeit
+und der Ordnung herantritt an ihre Pflegebefohlenen? Mußte sie es nicht
+tun, wenn ihr das Wohl dieser Kinder am Herzen lag, wie das ihrer
+eigenen? Aber eine Erziehung, die jahrelang gefehlt hat und dann
+plötzlich einsetzt, wird von Kindern schwerlich als Liebe empfunden.
+Traurig äußerte sie in jener Zeit: »Die Kinder, die mir so zugetan waren
+wie eigene, sind mir ganz entfremdet worden. Mit Furcht und Mißtrauen
+stehen sie mir gegenüber und verheimlichen all ihr Tun vor mir.«
+
+Das waren große Schwierigkeiten und nur einer im Hause blieb wunderbar
+unberührt davon, Bruder Hans. Er setzte in seine Schwester das größte
+Vertrauen und hatte für seine Kinder eine rührende Liebe. Von der Stunde
+an, wo er Schwester und Kinder beisammen wußte, fühlte er sich glücklich
+und war voll der besten Zuversicht. Nach seiner Überzeugung mußten die
+Kinder die Tante lieben, und diese würde an der Erziehung alles gut
+machen, was versäumt war, die finanziellen Angelegenheiten ruhten bei
+ihr in besten Händen, also war allem Elend abgeholfen und man ließ ihn
+künftig in Ruhe mit Heiratsprojekten. Leichteren Herzens als seit Jahren
+ging er in sein Kolleg, paßte ihn doch die Haushälterin nimmer an der
+Treppe ab, um ihre Klagen über die Kinder und die Geldnot vor ihn zu
+bringen; fröhlich wanderte er durch Hof und Garten, die merkwürdig
+sauber aussahen, seitdem Pauline zwei Wagen voll Schutt hatte
+hinausschaffen lassen, zerbrochene Ofenteile, verdorbenen Hausrat,
+zersprungenes Geschirr, was alles in Jahren durch das Fenster in den Hof
+geflogen oder durch die Kinder in den Garten geraten war. Wenn er abends
+mit der Schwester im Garten saß, fühlte er sich glücklich und Pauline
+mochte ihn nicht behelligen mit Klagen über die mannigfaltigen
+Schwierigkeiten, gönnte sie es ihm doch so von Herzen, daß es ihm auch
+noch einmal gut ging im Leben. Hingegen schilderte sie in Briefen an
+Anna die unerfreulichen Zustände, die sie und Agnes im Hause vorgefunden
+hatten. Aber als sie aus Annas Briefen erkannte, daß diese infolgedessen
+sich gar nicht auf ihre bevorstehende Heimkehr von Weimar freuen konnte,
+suchte sie ihr wieder Lust und Mut zu machen und schrieb der Tochter:
+
+..... »Du fragst, ob ich auch jetzt noch des Onkels Haus als unsern
+Aufenthalt wählen würde, und ich bin darüber keinen Augenblick
+zweifelhaft, so sehr sich auch oft das Herz abwendet von Verhältnissen,
+die mit den vergangenen so ganz im Widerspruch stehen.
+
+Es würde uns wenig Erleichterung bringen, könnten wir auch die Form von
+ehedem noch mehr bewahren, wir würden dennoch jede Stunde inne werden,
+daß das Licht und die Sonne fehlt, die unser Leben bis hierher so
+glänzend erleuchtet haben. -- Wenn ich manchmal hinuntergehe in des
+Vaters (früheres) Stübchen, wo sein Tisch und Stuhl steht, da wird es
+mir immer nur so untröstlich zumute, daß ich glaube, man kämpft sich
+leichter durch, wenn man sich entschließt, in Gottes Namen alles und
+alles dahinzugeben, da uns ja doch alles nur an den Verlust mahnt. Wenn
+wir des Vaters _Beispiel_ befolgen wollen, so können wir auch nicht
+zweifelhaft sein, daß wir hier am rechten Platze sind. Sei überzeugt:
+wenn ich den Vater hätte fragen können, so hätte er uns das geraten, was
+ich nun getan habe, hat denn nicht auch er sich immer an den Posten
+gestellt, wo die Arbeit notwendig und dringend war, ohne Rücksicht auf
+die eigene Bequemlichkeit; ja wenn wir in diesem Hause tun, was in
+unsern Kräften steht, so leben wir nach seinem Geist und Vorbild und
+werden darin unser Glück finden. Daß man aus einem arbeitsvollen Leben
+mehr Segen und Befriedigung zieht, als wenn man seiner Neigung und
+Bequemlichkeit folgen kann, das ist ja eine Wahrheit, die nicht ich erst
+erfunden, wohl aber in reichem Maße erprobt habe. Für euch beide glaube
+ich, daß es auch jetzt schon am besten _hier_ ist, habt ihr doch im
+Umgang mit eurem Onkel immer eine Anregung, die ihr außerdem schwer
+entbehren würdet, und oft denke ich daran, wie vielen Grund zur
+Dankbarkeit wir haben, daß er uns seine treue Liebe so zuwendet. Als
+neulich Frau Professor Thiersch eine von euch engagieren wollte, sprach
+sich der Onkel mit aller Heftigkeit dagegen aus, zuletzt sagte er noch:
+'ich kann's so nicht erwarten, bis die Anna wieder kommt, ich zähle
+jeden Tag.' Im ganzen sind wir doch auch schon ein wenig heimisch hier
+geworden und schwer ist nur die Kinderunruhe, die man eben den ganzen
+Tag hat und bei der man nicht zu Worte kommen kann, doch in Jahresfrist
+werden sie ein wenig wohlgezogen sein. Immerhin ist es aber gut, wenn Du
+Dir vergegenwärtigst, daß es hier zunächst einiges Entsagen gilt, Du
+wirst Dich dennoch da heimisch fühlen, wo ich bin .....«
+
+Ganz allmählich besserte sich das Verhältnis zu den Kindern. Der älteste
+ihrer Pflegebefohlenen, Robert, ein sehr begabter Knabe, fühlte, daß ihm
+der Verkehr mit der Tante ganz ungewohnte geistige Anregung bot, und
+besprach sich gern mit ihr; bei dem jüngsten, dem kleinen Wilhelm, einem
+herzensguten Kind, hatte das Mißtrauen nie feste Wurzel gefaßt, er
+wandte sich bald wieder zutraulich an die Tante und diese Wandlung der
+Brüder blieb nicht ohne Einfluß auf die Schwestern. Doch wird sich bei
+Mädchen nie so leicht ein kindliches, vertrauensvolles Verhältnis
+bilden, weil sie viel zugänglicher sind für die Einreden törichter oder
+gewissenloser Leute, die in solch schwierigen Verhältnissen nie fehlen.
+Niemand hatte es je Frau Brater übel gedeutet, wenn sie die eigenen
+Kinder einfach hielt, aber bei Neffen und Nichten war das anders, und
+jedermann glaubte sich berechtigt, sich einzumischen. Derartige
+Schwierigkeiten lassen sich nicht in Wochen und Monaten überwinden, man
+muß da mit Jahren rechnen, ja es ist Lebensarbeit und wir sind alle
+unvollkommene Arbeiter. Frau Brater wäre die erste gewesen, das
+zuzugeben, nie war sie der Meinung, jederzeit den richtigen Ton
+getroffen zu haben. In späteren Jahren, aus der Ferne zurückblickend,
+glaubte sie manchen Fehler zu erkennen und war um so dankbarer dafür,
+daß schließlich alles gut geworden und sie in ihren alten Tagen die
+volle Liebe derer genießen durfte, denen sie Mutterstelle ersetzt hatte.
+In den Briefen aus der Zeit der größten Schwierigkeiten tut sie deren
+kaum Erwähnung, nur die Trauer, die unverändert in ihrem Herzen lebte,
+spricht sie manchmal ergreifend aus. So an Ernst Rohmer nach einem
+Besuch ihres gemeinsamen Freundes Nagel: »Ich habe Dich während Nagels
+Anwesenheit oftmals zu uns gewünscht ... Was mich vor allem mit wahrer
+Sympathie zu ihm hinführt, das ist die Ähnlichkeit, die er trotz aller
+Verschiedenheit im letzten Grunde mit meinem Mann hat, es ist dieses
+ernste, unermüdliche Wollen und dieses unbestechliche Anerkennen und
+Voranstellen der Wahrheit. Mich hat dieser tiefe moralische Ernst sehr
+bewegt, denn er hat mir das Beispiel meines lieben Mannes wieder lebhaft
+vor Augen geführt, ich sehe sein unermüdliches Arbeiten, auch wo es ihm
+schwer wurde, und so fühle ich mich veranlaßt, auch auf meinem traurigen
+Wege nicht schwach die Hände sinken zu lassen. -- Ach, man muß eben ein
+ganz anderer Mensch werden, wenn man einen solchen Verlust erlitten hat,
+und wie lange, wie lange wird das dauern! Noch habe ich so gar nichts
+zustande gebracht, noch hängt mein Herz so ganz und ausschließlich an
+ihm, daß ich mir noch gar nicht _denken_ kann, daß es anders werden
+wird; es ist ja nicht, als ob ich mich der Gegenwart verschlösse und
+gewaltsam die Vergangenheit festhalten wollte, im Gegenteil, ich seufze
+oft förmlich nach Erleichterung dieses bittern, bittern Schmerzes.«
+
+Dieser Brief ist vom 12. Juni datiert. Allen denen, die in jener Zeit im
+eigenen Leid versunken sich sehnten, darüber hinaus gehoben zu werden,
+kam eine mächtige Hilfe von außen: einen Monat später wurde der
+deutsch-französische Krieg erklärt. Es läßt sich denken, wie dieses
+Ereignis, das auch die schläfrigsten unter den Deutschen aufzurütteln
+vermochte, in der patriotischen Familie des Hauses Pfaff-Brater
+widerhallte! Entrüstet über die leichtfertige Kriegserklärung der
+Franzosen schreibt Frau Brater: »Könnte man doch den Groll der deutschen
+Frauen nutzbar machen fürs Vaterland!« Was aber sie, wie alle national
+gesinnten Deutschen zunächst am meisten bewegte, war die Frage, ob
+Süddeutschland einig mit Preußen gegen Frankreich ziehen würde. Wir
+können uns heutzutage kaum mehr vorstellen, welche feindselige Gesinnung
+gegen Preußen damals noch in breiten Schichten des bayerischen Volkes
+herrschte. In einem Artikel des Volksboten vom Oktober 1868 finden wir
+folgende Stelle: »Wir tragen kein unnötiges Verlangen, an der Seite
+Frankreichs gegen unsere einzigen Feinde, die Preußen, in den Krieg zu
+ziehen, solange Frankreich allein fertig werden kann mit unsern
+Quälgeistern; wir wollen nicht Knechte und Vasallen werden, weder der
+Franzosen noch der Preußen; aber das wird man nicht verwehren können,
+daß viele in den Franzosen ihre einzigen Schützer gegen preußische
+Vergewaltigung, ihre einzigen Helfer in der Not, ihre Retter von der
+Annexion 1866 und -- wenn Gott es will -- ihre dereinstigen Befreier von
+dem unerträglichen Joche des brutalen Preußentums sehen. Frankreich
+bedarf unserer Hilfe nicht, solange es allein imstande ist, den tönernen
+nordischen Koloß zu demütigen, wenn nicht zu zerschlagen.«
+
+Wir begreifen, daß bei solcher Gesinnung ein Zusammengehen aller
+deutschen Stämme gegen den äußeren Feind keineswegs gesichert war, ja in
+Frankreich war bei der Kriegserklärung zuversichtlich auf die deutsche
+Uneinigkeit gebaut worden. Daß sich unsere Feinde darin verrechnet
+haben, daß das nationale Bewußtsein doch den Sieg davon trug ist gewiß
+zum Teil auch das Verdienst solch treuer Vorkämpfer wie Brater, die ihr
+ganzes Leben dem Erwecken der nationalen Gesinnung geopfert haben. Als
+die Kunde von dem einmütigen Vorgehen der Deutschen kam und bald darnach
+die ersten Siegesnachrichten einliefen, drang der Jubel und das
+Dankgefühl auch der trauernden Witwe ins Herz.
+
+In heller Begeisterung schreibt Frau Brater nach dem ersten Sieg bei
+Weißenburg an Rohmer:
+
+
+ Erlangen, 5. August 1870.
+
+ _Lieber Ernst!_
+
+ Es läßt mir keine Ruhe, ich muß heute noch ein paar Worte an
+ Dich richten, denn der erste Sieg, wenn er auch noch keinen
+ Schluß auf den letzten gestattet, läßt uns dennoch die
+ namenlose, unbegrenzte Freude ahnen, die wir empfinden würden,
+ wenn auch der endliche Sieg auf unserer Seite wäre!
+
+ Ich habe heute lebhafter als je zuvor empfunden, daß man im
+ Glück der Teilnahme noch dringender bedarf als im Schmerz;
+ diesen trägt man leichter in der Stille, aber wenn das Herz vor
+ Freude überwallt, dann verlangt es mit stürmischer Sehnsucht
+ dahin, wo es volle Teilnahme und volles Verständnis gefunden
+ hatte, wo das Glück im doppelten Empfinden noch erhöht wurde.
+ Ich weiß, daß auch du in dieser Zeit oft seiner gedenkst, als
+ des Freundes, der mit Dir im vollsten Einverständnis gestanden
+ war und als der treueste Freund, den er auf dieser Welt besessen
+ hat.
+
+ Dennoch habe ich meinen lieben Mann noch mit keinem Gedanken
+ zurückgewünscht.... Das Gefühl, daß er hoch über den Leiden und
+ Freuden dieser Welt steht, hat mich ganz durchdrungen und es ist
+ mir eine stete Beruhigung, wenn ich mir sein stilles Bild
+ vergegenwärtige; wem die letzten Atemzüge so ganz den Ausdruck
+ der seligen Ruhe verleihen, der hinterläßt den Seinen ein
+ trostbringendes Andenken, und ich möchte jedem sagen, tut eure
+ Schuldigkeit so treu wie er, so kann's uns hier und dort nicht
+ fehlen.
+
+ Daß mich unser Schicksal auf das mächtigste bewegt, wirst Du
+ nicht bezweifeln, war es doch meines Mannes teuerste
+ Herzenssache und noch habe ich auch nicht gelernt, mich an etwas
+ zu erfreuen, was außer Zusammenhang mit ihm steht. In diesem
+ Augenblick ist man nun in glücklicher Stimmung, aber dennoch bin
+ ich mehr als sonst wohl dazu angetan, des Schmerzes zu gedenken,
+ der nebenbei durch unser Vaterland zieht, wie viele heiße Tränen
+ werden fließen um die, die uns mit ihrem Leben den Sieg
+ erkaufen.
+
+ Hier war der Abschied unsres Bataillons, das viele Söhne
+ hiesiger Bürger und Professoren mit sich nahm, ein sehr
+ trauriger, so traurig, daß ich fast kleinmütig über unsre
+ Soldaten wurde, aber ich glaube, es ist doch natürlich, daß in
+ einem solchen Augenblick der _Mensch_ stärker ist als der
+ Soldat.
+
+ Wie wird sich unsre Sache entwickeln, das fragt man sich den Tag
+ hundertmal; wenn die Zuversicht zum Sieg verhilft, so wird er
+ auf unsrer Seite sein, daß er _nicht_ auf unsrer Seite sein
+ wird, das kann man sich nicht vorstellen und doch wird er schwer
+ zu erringen sein, davon ist jeder überzeugt.
+
+ Es ist eine schreckliche Zeit und man bringt den Tag kaum herum,
+ bis wieder eine Zeitung kommt; was mich indes bis jetzt am
+ meisten in Aufregung setzte, ist die Beobachtung der auswärtigen
+ Mächte und das Benehmen Englands (vielleicht deute ich es nicht
+ ganz richtig), das empört mich in einem solchen Maße, daß ich
+ vor Grimm und Verachtung zittere, wenn ich daran denke. O wenn
+ es uns gelänge, unsre Sache rund und nett allein zum Siege zu
+ bringen, denke nur daran, was das wäre! Was würde man denn da
+ anfangen in seiner Freude, ich wüßte mir nicht zu helfen, kommt
+ nur gleich und ohne Verzug hierher, sowie Ihr von einem großen
+ Sieg hört. -- Freust Du Dich nicht auch über die schöne
+ Kriegspoesie, die schon entstanden ist, ein echt nationaler
+ Krieg! Hast Du den Kladderadatsch? Er hatte das schönste Gedicht
+ »An den Tyrannen«; wenn Ihr's nicht habt, so schick ich's Euch.
+
+Ein anderer Brief aus dieser Kriegszeit schließt mit den Worten:
+»Gottloserweise gab ich mich auch einer recht herzlichen Schadenfreude
+hin, vielleicht muß ich die Sünde einmal büßen, tut nichts, jetzt finde
+ich es gar zu schön, wenn wir den großmäuligen Franzosen so wackere
+Schläge geben.«
+
+Sieg auf Sieg folgte in den nächsten Monaten, das Interesse des ganzen
+Hauses richtete sich auf ein und denselben Punkt, die Kinder
+wetteiferten, wer zuerst eine neue Siegesdepesche heimbrächte, und durch
+allgemeine Illumination der Stadt wurde der Tag von Sedan gefeiert, von
+dem man damals hoffte, daß er den Frieden unmittelbar im Gefolge haben
+würde.
+
+Mitten in dieser Siegesstimmung jährte sich der Todestag Braters und
+seine Witwe, die da glaubte, der Name ihres Mannes sei vergessen über
+den Helden des Tages, durfte erfahren, daß dennoch treulich seiner
+gedacht wurde. In den Münchner Neuesten Nachrichten erschien ein
+Artikel, der an den Todestag Braters erinnerte und dem wir folgende
+Sätze entnehmen: »Wenn wir mit jubelnder Begeisterung die Heldentaten
+unsrer Söhne und Brüder feiern, wenn wir in stolzer Trauer des Muts und
+der Opfer der Gefallenen gedenken, so werden wir auch des stillen
+Denkers, des beredten Kämpfers, des treuen Beraters Deutschlands,
+unseres _Brater_, dankerfüllt uns erinnern, der mitgeholfen, die
+herrlichen Siege unsrer Tage vorzubereiten und der, wenn auch nicht auf
+blutigem Schlachtfelde, doch auf dem Felde der Ehre, mitten in seinem
+deutschen Berufe fiel. Wir aber, und mit uns gewiß alle treuen Anhänger
+des Fortschrittes, erneuern das Versprechen, den Kampf, dem er zu früh
+entrissen wurde, in seinem Geiste fortzusetzen, damit all das, wozu er,
+der Edelsten einer, für das Vaterland den Keim gelegt, zur schönsten
+Entfaltung gelange.«
+
+Wie wohl tat an diesem Jahrestag der Witwe schon das _eine_ Wort:
+»_Unser_ Brater«, so fühlte sie sich nicht alleinstehend mit ihrem
+Schmerz, die Freunde teilten ihn. Auch der Dichter Leuthold, der
+vorübergehend an der Süddeutschen Zeitung mitgearbeitet hatte, schrieb
+ergreifende Verse, die später unter seinen Gedichten gedruckt
+erschienen:
+
+ _Auf Karl Brater._
+
+ Dein gedenk ich heute beim Sieg der großen
+ deutschen Sache, der Dein charakterstrenger
+ hoher Freimut, Deine gedankenklare
+ Seele geweiht war.
+
+ Wenn ein Held im Taumel der Schlacht nach tapfern
+ Taten hinsinkt, schmückt ihn der blut'ge Lorbeer,
+ sein Gedächtnis feiert die Zeit und dankbar
+ nennt ihn die Nachwelt.
+
+ Doch es bleibt die stillere Größe jener,
+ die zum Wohl des Volks in Gedankenschlachten
+ tropfenweis verbluten ein reines Leben,
+ minder beachtet,
+
+ Ja, es bleicht anspülend die Flut bewegter
+ Zeit die besten Namen, und mancher Grabstein
+ übermoost, manch geistige Tat entfällt dem
+ Mund der Geschichte.
+
+ Denn es hat der Lebende recht, die Menge
+ liebt, was glänzt, und käufliche Lippen preisen
+ jene nur, die willig das Lob mit vollen
+ Händen belohnen.
+
+ Doch dem Dichter ziemt es im Angedenken
+ seines Volks, die Toten erstehn zu lassen
+ und die denkmallosen Gedankenhelden
+ würdig zu ehren.
+
+Vier Wochen waren seit diesem traurigen Gedenktage verstrichen, November
+war es und in der nördlichen Wohnung kalt und dunkel, da fiel plötzlich
+ein Sonnenstrahl ins Haus, so warm und belebend, daß er auch Frau Brater
+ins innerste Herz drang und endlich wieder ein glückliches Strahlen auf
+ihrem Gesicht hervorrief: Ihre Tochter Anna wurde Braut. Der Bräutigam,
+Universitätsbibliothekar #Dr.# Dietr. Kerler, war ihr als ein
+vorzüglicher Charakter und als politischer Gesinnungsgenosse ihres
+Mannes längst bekannt, ohne Sorge konnte sie zu dieser Verbindung ihren
+Segen geben.
+
+Auf welche Weise das Band zwischen dem jungen Paar entstanden war, das
+hat sie selbst, fünfundzwanzig Jahre später, bei Kerlers silberner
+Hochzeit in launigen Versen mitgeteilt.
+
+Sie schildert die bescheidenen Verhältnisse, in denen die kleine Anna
+zur Welt kam und fährt fort:
+
+ Wie die Mutter dies ihr Kindlein
+ erstmals auf den Armen trägt,
+ eine Frage an das Schicksal
+ unwillkürlich sie bewegt:
+ Ob wohl dieses kleine Würmlein
+ unbewußt jetzt auf der Erde
+ seinem Ziel entgegen wachse,
+ auch einst eine Mutter werde?
+ Und ob schon vielleicht ein Bürschlein
+ irgendwo zur Schule müsse,
+ daß es seinerzeit zur Jungfrau
+ sichern Weg zu finden wisse?
+
+ Wie die Mutter also dachte,
+ war's noch frühe Morgenstunde,
+ Winter war's und kalt und finster,
+ keine Ahnung gab ihr Kunde,
+ daß fürwahr ein solcher Bursche
+ war im Deutschen Reich vorhanden
+ und in dieser frühen Stunde
+ schon in Ulm war aufgestanden.
+ Dietrich hieß der stramme Junge,
+ riß sich los aus Schlafes Armen,
+ nicht dem eignen Antrieb folgend,
+ nein, ein Wecker ohn' Erbarmen
+ geht durchs ganze Land der Schwaben
+ wo man nur ein Bürschlein kennt,
+ daß es zur Tortur sich rüste,
+ die man Landexamen nennt.
+ Denn in diesem biedern Lande
+ ist ein Knäblein kaum geboren,
+ wird's schon in der Wochenstube
+ für ein Kloster auserkoren.
+ Und so gähnt und lernt der Junge
+ schon in dieser düstern Stunde,
+ denn auch ihm gab keine Ahnung
+ von dem kleinen Sternlein Kunde,
+ das soeben aufgegangen
+ und bestimmt war seinem Leben,
+ was es nur an Liebe wünschte
+ seinerzeit vollauf zu geben.
+ Doch zu blicken in die Ferne
+ Hat er weder Zeit noch Ruh',
+ denn Examen und #»pro locos«#
+ gehen scheinbar endlos zu,
+ Griechen, Römer und Hebräer
+ trägt ausschließlich er im Herzen
+ und die deutschen Jungfrauen machen
+ ihm noch lange keine Schmerzen. --
+ Doch auch hier, wie allenthalben,
+ fliehn die Jahre pfeilgeschwind,
+ Klöster, Stift und alle Plagen
+ glücklich überstanden sind.
+ Auch das letzte der Examen
+ bringt er glänzend hinter sich
+ und ganz würdig auf der Kanzel
+ sieht man nun den Dieterich!
+ Doch wie kam's, daß er so kurz nur
+ auf dem schönen Posten stand
+ und auf einmal ostwärts schielte
+ nach dem fremden Bayernland?
+ Scheinbar war es die Geschichte,
+ die ihn fortgetrieben hat,
+ er erfaßt sie und er wandert
+ ihrethalb von Stadt zu Stadt.
+ Schließlich kommt er in Erlangen,
+ diesem kleinen Städtchen an,
+ sonderbar dort bleibt er hangen
+ und wird dort ein Büchermann.
+ Aber wo ist denn das Mägdlein,
+ das damals geboren war?
+ Nun, es ist längst aus der Wiege,
+ geht zur Schule Jahr für Jahr
+ ist ein junger Backfisch worden,
+ fleißig rührig ohne Rast,
+ doch vor allem die Geschichte
+ hat mit Eifer sie erfaßt;
+ einstmals kam man in Erlangen,
+ diesem kleinen Städtchen an,
+ und sie wünscht sich ein Geschichtsbuch,
+ geht deshalb zum Büchermann.
+ Dieser, freundlich wie er immer,
+ hat das Buch ihr anvertraut,
+ doch viel tiefer als es nötig
+ in die Augen ihr geschaut!
+ Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts,
+ bald auch zog man wieder fort
+ und lebt nun drei volle Jahre
+ fern von diesem lieben Ort.
+ Doch es kommt die Zeit der Rückkehr
+ und man siedelt fest sich an
+ und an jene Augen denkend
+ schleicht ins Haus der Büchermann.
+ Ja nun ist es etwas andres,
+ sie die Jungfrau, er der Mann,
+ haben sich's nun gegenseitig
+ mit den Blicken angetan!
+ Und die Frage an das Schicksal,
+ die die Mutter einst gestellt,
+ überglücklich und bejahend
+ ist gelöst vor aller Welt.
+
+Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau
+Brater der festen Überzeugung, daß die Verbindung eine tief beglückende
+werden würde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: »Dein
+Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so
+glücklich, als ich es nur wünschen kann, so glücklich, daß es mir ist,
+als sähe ich mein eigenes schönes Leben wieder aufblühen, ich freue mich
+dieses Glückes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel
+heißen Tränen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist
+wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die
+zurückgedrängten Empfindungen aufs neue wach. -- -- Anna hat sich einen
+kostbaren Schatz erworben und ich wüßte kaum einen Mann, dem ich mein
+Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben würde ..... und ich
+weiß, daß auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen würde;
+sie kannten sich noch und Kerler spricht mit großer Liebe von unserem
+teuren Geschiedenen.
+
+Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, daß
+sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine
+ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das
+Eingewöhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben
+abgeschlossen, sein Zweck erfüllt scheint, dann dünkt es einem zuweilen
+fast unmöglich vorwärts zu steuern, _vorwärts_ wo das Herz mit aller
+Macht nach rückwärts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt
+hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu _denken_, was meinem Herzen
+lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr
+gelernt allein zu sein, ich bin's gewöhnt mein Teuerstes für immer
+entbehren zu müssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich weiß
+daß nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die
+Verhältnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, daß wir uns
+unlöslich verbunden sind, daß ich ihm einzig und allein angehöre, und
+oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit
+meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir -- es
+ist mir, als könnte ich seine Hand fassen ...«
+
+Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann über die
+Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das bräutliche
+Glück der Tochter zu trüben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen,
+daß sie beim Anblick ihres Liebesglücks mit Schmerzen daran dachte, wie
+auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren würden. Sie
+freute sich mit den Fröhlichen und drängte den Kummer ganz zurück bis
+sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand
+unter dem Einfluß des glücklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen
+Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Großen in fröhlicher
+Vorfreude und Geschäftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen
+Deutschen das Herz bewegte: der große Tag in Versailles, die Gründung
+des Deutschen Reiches als schönster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai
+brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schöne Familienfest,
+die Hochzeitsfeier.
+
+Das junge Paar ließ sich in Erlangen nieder, so trübte kein
+Trennungsschmerz das fröhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als
+glückstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei
+diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prüfend
+und erwägend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie für
+das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde
+plötzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwöhnt und sie dadurch
+im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht
+glücklich machen und kann sie nicht glücklich _machen_, so wird sie auch
+nicht glücklich _sein_. Solche Überlegungen lagen Frau Brater um so
+näher als sie durchdrungen davon war, daß es viel mehr in der Hand der
+Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glücklich zu gestalten, ja in
+ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Für jede unglückliche Ehe mache
+ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem
+unbewußten Gefühl, daß es ihr mit ihren glücklichen Gaben und der
+seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenüber
+gelungen wäre, zu verhüten, daß ein _schlechtes_ Verhältnis entstünde.
+Sie äußerte manchmal: »Es ist eigentlich noch wichtiger, daß die Frau
+gescheidt ist, als der Mann«, und man versteht das, wenn sie der Frau
+zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schönheit auszubauen.
+
+Frau Brater konnte bei dem Rückblick auf ihr Erziehungswerk über den
+Hauptpunkt beruhigt sein: verwöhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in
+der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie
+getrost auf das eheliche Glück des jungen Paares hoffen.
+
+Bei der Hochzeitsfeier ließ sie sich nicht anmerken, wie unsäglich
+wehmütig und schmerzlich ihr zumute war, daß sie diesen Tag ohne den
+geliebten Mann begehen mußte. Sie verschloß tief im Herzen die Trauer,
+wenn sie unter den Gästen saß und widmete sich diesen vollständig. So
+verlief das Fest freudig für alle, die daran teilnahmen. Bei solchen
+Anlässen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem
+Grade besaß. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie für
+deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es für ebenso
+wichtig, daß Geist und Gemüt ihrer Gäste nicht leer ausgingen, und wie
+sie dieser geselligen Pflicht unzählige Male in ihrem Leben nachgekommen
+war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun
+mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den fröhlichen Ton an,
+der allen wohl tat.
+
+Sie war immer anregend in Geselligkeit und doch führte sie nicht das
+große Wort wie manche hervorragend gesellige Talente tun, die zwar
+unsere Bewunderung erregen, uns prächtig unterhalten, aber doch das
+Gefühl hinterlassen, daß neben ihnen niemand zur Geltung kommen konnte.
+Sie ließ gerne die anderen zu Wort kommen und verstand es prächtig, die
+Rede auf das zu bringen was diese beschäftigte. »Sie versteht so
+ausgezeichnet die Kunst zuzuhören«, rühmte gelegentlich ein Freund ihres
+Mannes von ihr und mit dieser Kunst tat sie vielen wohl, denn sie
+antwortete auf das Gehörte liebenswürdig und treffend, nie in
+konventionellen Redensarten, sondern in Ausdrücken die ihr direkt aus
+dem Herzen kamen und denen ihr freundlicher Humor eine originelle
+Wendung gab.
+
+Leistete sie so ihr Möglichstes in Geselligkeit, so war sie auch höchst
+entrüstet über Menschen, die sich nur unterhalten ließen, sich selbst
+aber ihrer geselligen Pflichten gar nicht bewußt waren. Ganz empört
+konnte sie sein über Frauen und Mädchen, die während des Gesprächs immer
+auf ihre Handarbeit sahen, ihre Stiche abzählten und nur mit halbem Ohr
+bei der Geselligkeit waren, und über Männer, die dasaßen, schwiegen und
+sich ganz bequem von andern unterhalten ließen. »Langweilig sein ist die
+größte Sünde« erklärte sie und war der Ansicht, es müsse jeder gebildete
+Mensch sein Teil zur Unterhaltung beitragen oder er sollte sich lieber
+gar nicht in Gesellschaft blicken lassen.
+
+Wer Frau Brater in solcher Entrüstung reden hörte, der glaubte
+schließlich selbst an die Sünde der Langeweile. Man konnte nicht so
+leicht dem widerstehen oder das vergessen, was sie mit ihrer ganzen
+Wärme und Energie als ihre Überzeugung vorgebracht hatte.
+
+Im ersten Winter nach der Verheiratung ihrer Tochter schrieb sie an ihre
+Freundin, Frau Professor Hecker: »... Du kannst Dir kaum vorstellen wie
+viele Freude ich an meinem glücklichen Paar habe und wie sich das
+Freundschaftsverhältnis, das zwischen mir und meinen Kindern besteht,
+mit der verheirateten Tochter nun noch weiter und umfassender entwickelt
+hat; und ich möchte sagen, ebenso geht es mir mit Agnes; seit wir nun
+noch allein beisammen sind, ist unsere Anhänglichkeit aneinander so groß
+geworden, daß mir's oft ganz bange dabei wird; sie hängt ihr Herz gar zu
+sehr an mich, ich muß so oft der unvermeidlichen Trennung denken ...«
+
+Während Frau Brater in solchen Worten andeutete, daß sie, die oft vor
+Müdigkeit fast der Arbeit erlag, sich selbst keine lange Lebensdauer
+zutraute, war es ihr bestimmt, alle ihre Geschwister zu überleben. Vor
+zwei Jahren war ihr Bruder Siegfried gestorben und nun trat deutlich und
+drohend bei ihrem Bruder Hans ein inneres Leiden zutage, das nach einem
+schweren Winter rasch eine tödliche Wendung nahm. An Pfingsten 1872,
+während in Erlangen die »Bergkirchweihe« gefeiert wurde und alles
+hinausgeströmt war, um sich zu ergötzen, kämpfte dieses Leben den
+letzten Kampf, und Frau Brater mußte den geliebten Bruder scheiden
+sehen. Wehmütig schreibt sie: »Ein treues Herz, wie es kein treueres,
+liebenderes geben kann, habe ich auch jetzt wieder scheiden sehen müssen
+und habe ihm einen Teil meines eigenen Wesens mit ins Grab gegeben. Ich
+muß immer aufs neue daran denken, wie gern mein Bruder noch bei uns
+geblieben wäre.... Die Kinder behalte ich so lange ich nur immer kann.«
+
+Die vier so früh verwaisten Geschwister konnten auf diese Weise im
+elterlichen Hause beisammenbleiben und wenn auch in der Folge das eine
+oder andere seiner Ausbildung wegen fortkam, so stand ihnen doch für
+die Ferien ein Heim offen, in dem sie mütterliche Liebe fanden, das
+bittere Gefühl des Verwaistseins blieb ihnen erspart.
+
+Der Bruder des Verstorbenen, Professor Fritz Pfaff, wurde Vormund. Da er
+aber außerhalb der Stadt, in einem Landhaus auf dem Berg wohnte und
+überdies in jener Zeit viel leidend war, so blieb die Sorge für die vier
+Unmündigen auf Frau Brater liegen, auch das Geschäftliche wurde ihr
+übergeben. Gelegentlich einer Vorladung wurde ihr auf dem Gericht
+mitgeteilt, wie sie für die Waisen Buch zu führen und Rechnung abzulegen
+habe. Als sie von diesem umständlichen Verfahren hörte, sie, der jede
+pedantisch-bürokratische Maßregel in der Seele zuwider war, entgegnete
+sie sofort in ihrer überzeugenden Art, solch umständliche Rechnung könne
+sie unmöglich führen, die würde auch bei ihr gar nicht stimmen, sie
+wolle mit den Kindern so weiter wirtschaften wie zu ihres Vaters
+Lebzeiten, hoffe auch mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, aber
+alles weitere sei ganz unnötig. Die beiden anwesenden Beamten sollen
+sich daraufhin etwas ratlos angesehen, aber die Sache »vorläufig«
+beigelegt haben. In der kleinen Stadt kannte man ja seine Leute, wußte
+daß hier alles in Ordnung und die Mündel aufs beste versorgt wären, und
+daß man froh sein mußte, sie so gut untergebracht zu wissen. Bei der
+bewährten Sparsamkeit der Hausfrau gelang es auch, die Söhne studieren
+zu lassen, und in den Jahren, da die Kosten am bedeutendsten waren,
+wurde Frau Brater am wenigsten vom Gerichte behelligt, man war wohl auf
+dem Amte zufrieden, wenn _sie_ zufrieden war.
+
+Eine sparsame Einrichtung setzt voraus, daß die Hausfrau selbst tüchtig
+mit angreift und so lag nun auch ein gut Teil Arbeit auf Frau Brater.
+Die Zimmer, die ihr Mann und ihr Bruder bewohnt hatten, vermietete sie,
+obgleich diese »Zimmerherrn« nicht unwesentlich die Arbeit vermehrten.
+Ein Brief an ihre Tochter Agnes, die vorübergehend verreist war, gibt
+einen Einblick in den unruhigen Haushalt:
+
+ _Liebe Agnes!_
+
+ »Am Ende eines sehr, sehr stürmischen Tages setze ich mich und
+ versuche einen Brief an Dich, denn es ist doch unter allen
+ Umständen sehr angenehm, daß man beim Schreiben _sitzen_ kann.
+
+ Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein
+ Gewürge gerade dann komisch, wenn man es unmöglich mehr
+ beherrschen kann, sondern alles drunter und drüber gehen läßt.
+
+ Ich begann meinen Tageslauf mit der großen Bügelei, die mit
+ allen Zimmerherrnvorhängen ziemlich umfangreich war, zu gleicher
+ Zeit stellte sich der neue Gärtner ein und extra meinen
+ Vorhängen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann
+ für den Gartenzaun, dann kam der Schlosser für das Tor, dann
+ Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen,
+ dann eine Ladung für den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma
+ Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stöberte und fegte
+ unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schließlich
+ klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau
+ Brater einen Freitisch hatte) zu Klößen und Sauerbraten und
+ sprach heute noch weniger als gar nichts... Schließlich hängen
+ nun doch alle Vorhänge, die Betten sind gesonnt und überzogen,
+ kein Stäubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr
+ seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn
+ ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse
+ ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir,
+ als sei'st Du schon 14 Tage weg!«
+
+Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gönnte, ab
+und zu ein paar Stunden in dem glücklichen, friedlichen Heim der Familie
+Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rückkehr meist schon an der
+Haustüre von Groß und Klein mit allerlei Anliegen überfallen und im Chor
+fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe
+hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemütlich, aber liegt
+nicht für jede Frau doch auch etwas Beglückendes in dieser
+Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, daß sie
+noch ein so reiches Feld der Tätigkeit hatte, eines das sich noch
+erweiterte, als sie im Sommer 1872 Großmutter wurde.
+
+Als sie ihr erstes Enkeltöchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte
+der Vierzig, man sah ihr die Würde nicht an, wohl aber die Freude. »Ich
+mag es kaum eingestehen, welches Entzücken das liebe Geschöpf bereitet,«
+schreibt sie in Erinnerung daran, daß sie sich als junge Frau gehütet
+hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte
+sie diese Zurückhaltung nicht mehr über sich bringen, der
+Großmutterfreude ließ sie freien Lauf. Die Wonne über dies prächtig
+gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich,
+wenn die Eltern des Kindes dieses verwöhnt oder zu sehr in den
+Vordergrund gestellt hätten, so wäre ihre Freude an der Enkelin gleich
+getrübt worden, denn ihre Erziehungsgrundsätze waren ein Teil ihres
+Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam
+die Kleine zu Besuch in das großmütterliche Haus, so sorgte die
+Großmutter, daß ihr nicht von allen Seiten Beachtung, überschwängliche
+Begrüßung zuteil wurde oder die originellen Äußerungen des Kindes
+belacht und in seiner Gegenwart weitererzählt wurden. Sie hatte am
+liebsten, wenn das Kind für sich allein spielte, begünstigte das soviel
+sie konnte und sorgte, daß der Tätigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr
+durch Rücksicht auf die Kleider beschränkt werden mußte. Sie sah sie
+deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit
+bunten Röckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergnügen
+ließ sie dann das Kind »Salat waschen« d. h. mit Gras und Kraut im
+Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles
+tropfnaß, so war doch die Kleine seelenvergnügt dabei.
+
+Vier Jahre später gesellte sich noch ein Brüderchen zu der kleinen
+Berta, und wenn allmählich wieder Glück und Lebenslust aus Frau Braters
+Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge
+Familie Kerler, die solchen Ton anklingen ließen.
+
+Übrigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen
+Beziehungen in dem alten Erlangen, wo außer den drei Familien Pfaff nun
+auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine große
+Schar von Abkömmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten
+Örtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und
+die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte
+fröhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine
+Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am
+fleißigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die
+Brücke gewesen, die diese Beiden zusammengeführt hatte und immer standen
+sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften
+Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius:
+»Doch der Mann von Stahl und Eisen, läßt sich absolut nichts weisen.«
+Mit solch eisenfesten Ehemännern ist nicht immer leicht auszukommen,
+mögen ihre Grundsätze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht
+selten Frau Lina Sartorius zu der Schwägerin hinaus, um häusliche Nöte
+mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhänge anschaffen
+wollte und der gestrenge Eheherr erklärte, solange der Staat seine
+Beamten so schlecht besolde, daß es kaum zum Nötigen reiche, dürfe man
+sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf
+den ersten Blick sehe, daß zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche.
+Die Ehefrau hingegen fand, daß bei solch schönen Grundsätzen ihre Zimmer
+nicht schön aussähen und wollte die Vorhänge durchsetzen.
+
+Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und
+ähnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um
+seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lächeln trat er vor die Frauen,
+denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. »Habt Ihr recht
+über mich losgezogen?« fragte er und sie antworteten lachend: »Jawohl,
+die ganze Zeit.«
+
+Wie es mit den Vorhängen ausfiel, weiß niemand, wohl aber, daß das
+Ehepaar immer in schönster Harmonie von der Schwägerin nachhause
+kehrte.
+
+
+
+
+XIII.
+
+1875-1883
+
+
+Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein
+Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den
+ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer
+netten Häuslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So
+gefiele mir's auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an
+den Kaffeetisch führte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu
+einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und
+eines Tages erhielt Frau Brater aus dem württembergischen Städtchen
+Blaubeuren einen Brief in dem der damalige »Stadtschultheiß«
+(Bürgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im
+Juni wurde die Verlobung gefeiert.
+
+Frau Brater beantwortete die Glückwünsche der treuen Nördlinger Freunde:
+
+... »Ich weiß ja, daß Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes
+gönnt, daß nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht
+bezweifeln, wenn ich in Agnesens glückliche Augen sehe; ich selbst kenne
+den Bräutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft
+rasch ein volles Zutrauen gefaßt habe, so fühle ich doch jetzt bei der
+Trennung von ihm, daß wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke,
+daß, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes
+Kind entführen wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rührt an
+manchen durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
+
+Schon nach drei Monaten kam der Bräutigam um die Braut heimzuholen. Wohl
+gab es wieder ein fröhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mußte eine
+Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der
+eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren
+Tränen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig
+zusammen gewachsen war.
+
+Man möchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mädchen, das
+zuhause in warmer Liebe und schönster Harmonie mit den Ihrigen gelebt
+hat, überdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf
+hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekuniär selbständig
+machte, wenn ein Mädchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein
+unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden
+Verhältnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so
+lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht
+einmal das Gefühl einer mutigen Tat, eines großen Wagnisses, sie folgt
+unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es über sich, alles zu
+verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war.
+Und je glücklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so
+zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glück erwarten.
+
+Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der
+erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte,
+wohin die Hochzeitsreise sie führen sollte.
+
+ »_Liebes teures Kind!_
+
+ Den ganzen Tag schon ist es mir Bedürfnis, ein Viertelstündchen
+ zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen könnte, nicht gerade
+ weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen hätte, sondern nur weil
+ ich eben noch immer der Meinung bin, daß ich Dir jeden Gedanken
+ mitteilen könne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach
+ Dir verlangt, würde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht
+ zugleich die sichere Hoffnung in mir trüge, daß das Glück, das
+ Ihr Euch gründen werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird
+ für das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der
+ briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter
+ werden und wenn das Stürmen und Regnen nachläßt, bei dem man
+ seine Lieben so ungern auf der Reise weiß, dennoch sage ich mir,
+ daß ja Euer Glück nicht vom schönen Wetter abhängig ist,
+ Gottlob!
+
+ Ich will Dir erzählen, wie es seit gestern gegangen ist, Du
+ kannst es Dir zwar an den Fingern abzählen, aber so lange man
+ noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, muß man's genau
+ wissen: Nachdem Ihr fort wart, war große Stille im Hause, Mine
+ ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war
+ ich herrlich allein und fing ganz still an aufzuräumen, das
+ Geschäft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen
+ ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stück
+ lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und
+ schließlich waren der Objekte zum Aufräumen so viele, daß ich,
+ wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Tätigkeit erblickte;
+ gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgäste zurück, nachdem sogar
+ Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise
+ »das wildeste Tempo« erbeten hatte. Sie waren alle
+ außerordentlich vergnügt gewesen; daheim schenkten sie dann dem
+ »Ochsenfuß« noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen
+ sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen
+ überfielen mit rücksichtsloser Eile unsere Betten und endlich
+ wurde auch bei mir der Schlaf Herr über das Kopfweh, das sich so
+ allmählich zu schöner Höhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst
+ Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in
+ Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzählen wie der heutige
+ Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber
+ Dein Bett stand leer neben mir, ich wußte es schon genau ehe ich
+ die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang,
+ nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in
+ gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater,
+ der Regen strömte ohne Aufhören, ich trank dort nur schnell
+ Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu
+ ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kämpft den ganzen Tag
+ mit den Tränen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint
+ rückhaltslos. Im Prater war alles vergnügt, sie spielten...
+ Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um
+ ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen.
+
+ Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst
+ Du nun noch genau, nach und nach wird's anders werden, auch habe
+ ich mich diesmal ausschließlich an Dich gewendet in der
+ Vermutung, daß diese Details höchst uninteressant für Eduard
+ sind. Wann Du diesen Brief erhältst weiß ich ja nicht, aber
+ immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen
+ zurückkehren. Einstweilen behüt Euch Gott!«
+
+ 5. Oktober.
+
+ _Liebes Kind!_
+
+ »Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glückes und
+ Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache,
+ drängt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes
+ zurück und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster
+ und freudiger zumute. Laß Dich nur nie abhalten etwas zu
+ schreiben ... sei stets überzeugt, daß in Deinem Leben mir
+ nichts fremd sein kann, ja daß im Gegenteil eine verheiratete
+ Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht
+ als vordem, denn jetzt erst können sie sich gemeinsam freuen an
+ den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben
+ einem Menschen bringen kann, und daß das Glück, das uns der
+ Liebesfrühling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in
+ seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich
+ sein und so halte fest an dem Bewußtsein, daß ich stets bei Dir
+ bin.
+
+ Die Freude des Zusammen_lebens_ entbehre ich freilich trotz
+ allem noch immer schwer, unsere Plauderstündchen lassen sich
+ brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft
+ des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich
+ zurückhalte weil mir erst einfällt, daß ja niemand mehr da ist,
+ der sie _recht_ versteht, und welch ein unaussprechliches Glück
+ es ist, _recht verstanden_ zu werden, in den kleinsten
+ Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt beständig empfinden. Ich
+ habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten
+ Beziehungen das Glück des Einverständnisses ein so beseligendes
+ ist.«
+
+ November.
+
+ _Liebe Agnes!_
+
+ »Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen,
+ erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger
+ Seelenüberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann
+ segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele
+ zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten
+ Gesichtern sah und nur _Du_ nicht dabei warst, da wurde mir's
+ recht traurig ums Herz und Du mußtest wohl eine Ahnung gehabt
+ haben, daß Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke,
+ daß daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente
+ mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen
+ und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit
+ aller Muße an deinen Brief, der mich mit seinen vergnügten
+ Nachrichten auch wieder ganz vergnügt machte, aber auf einen
+ Punkt Deines Schreibens muß ich noch eingehen, denn er erregt
+ meine Mißbilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch
+ denken, man täuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude,
+ die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir müssen es
+ nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat
+ mich fast schon gereut, daß ich meinem Verlangen, Euch Lieben
+ wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fühle es
+ wenigstens meinerseits, daß ich mich eben nicht recht trennen
+ _mag_ und doch trennen _muß_; ach die liebe Gewohnheit des
+ Zusammenlebens, des Einverständnisses in den hundert kleinen
+ Dingen des täglichen Lebens, _ich_ muß sie aufgeben, _Du_
+ überträgst sie nach und nach. Dem Heimweh läßt sich mit keinem
+ Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die _Zeit_,
+ man löst sich eben nicht so leicht aus Verhältnissen, mit und in
+ denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber
+ von Tag zu Tag verwächst man mit den neuen Verhältnissen und
+ wenn einige Zeit herum ist, so sind einem _diese_ zur
+ Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden.
+
+ Wenn ich so zurückblicke auf mein Leben mit dem Vater, so
+ erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflächliches
+ Glück im Vergleich zu den späteren, übrigens kam das nicht ganz
+ von selbst, man muß sein Glück pflegen und behüten und das
+ werdet Ihr ja auch tun.
+
+ Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der
+ _Unfrieden_ sein wird, der über kurz oder lang doch auch bei
+ Euch einmal ausbrechen muß; wenn Ihr einmal recht Händel
+ miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, daß eins das
+ andere bei mir verklagt, so lange ich nicht weiß, worüber Ihr
+ streiten könnt, so lange habe ich noch kein erschöpfendes Bild,
+ auch dürft Ihr nicht denken, daß ich Eure Zwietracht sehr hoch
+ anschlage.
+
+ Das Staatswörterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich,
+ diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen,
+ Du weißt ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben
+ mit diesem Werk verknüpft ist, wie überall, wo wir auch waren,
+ immer das erste Geschäft war, die Verbindung mit dem Verleger
+ und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in
+ alle Meeresflächen und auf Bergeshöhen verfolgten. Manches
+ werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel
+ »Gemeinde«, die Ideen oder die Auffassung, die darin
+ niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute
+ Bewußtsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt
+ als selbstverständlich betrachtet und hingenommen, was noch vor
+ zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast geächtet wurde...
+
+ Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll,
+ um mein Haus zu verlassen, ich weiß wahrlich nicht wie ich an
+ eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir ärgerlich
+ weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um
+ Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder ärgerlich
+ wegen seiner Unpünktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie
+ ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen könnte.«
+
+Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mußte zu
+möglichst großer Rente ausgenützt werden. Es waren mühsame und
+arbeitsvolle Jahre für Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten
+_konnte_, war es gut, daß sie noch ein Feld der Tätigkeit hatte. Denn in
+den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von
+unschätzbarem Wert, aber sie wußte doch, daß sie nicht immer nötig war,
+und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte
+eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft
+führen. Um so mehr freute sie sich, vorübergehend zu ihnen zu kommen,
+und genoß das Glück, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln
+empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach
+Württemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu.
+
+In dem früher erwähnten Album finden wir eine Photographie dieses
+reizend gelegenen Städtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater
+sagt, daß sie dreimal dorthin berufen wird
+
+ »Und sie kriegt zum Lohn
+ jedesmal, so bald sie kommt,
+ Einen Enkelsohn.«
+
+So wußte sie es doch, wenn es not tat, immer möglich zu machen, von zu
+Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur
+Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo
+sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: »Sechs rauchende junge
+Vettern, die zu meiner Begrüßung geladen waren, haben meinen Augen
+vollends den Treff gegeben« und ein andermal:
+
+ _Liebe Agnes!_
+
+ »Gottlob wieder in Erlangen; Hätte ich ein Tagebuch, mit der
+ allerschwärzesten Tinte würde ich diesen letzten Teil meiner
+ Vergnügungsreise darin verzeichnen! Meine Augen brachten mich an
+ den Rand der Verzweiflung.... In Tübingen wurde es mit jeder
+ Minute schlimmer. Mein Mittel hatte ich wohl dabei, konnte es
+ aber nur noch abends anwenden, denn es schmerzte unsinnig. Ich
+ überlegte immer, ob ich nicht mit dem ersten besten Zug nach
+ Hause fahren sollte, aber ich mochte doch nicht so rasch
+ abbrechen, wurde ja so herzlich empfangen!...«
+
+Von den drei kleinen Enkelsöhnchen, die sie bei ihrem Erscheinen auf
+dieser Welt freundlich bewillkommt und in treue Pflege genommen hatte,
+blieb ihr nur das erstgeborene erhalten. Das zweite, von Anfang an ein
+zartes Pflänzchen, half sie liebevoll pflegen und als es trotz aller
+Fürsorge im zweiten Lebensjahre starb, stand sie unter dem Eindruck, daß
+hier ein Leben zu Ende ging, das vielleicht doch nur Leiden gewesen
+wäre, und ihr gesundes natürliches Gefühl ließ sie den Tod schwächlicher
+und leidender Menschen nie so schmerzlich beklagen. Als aber ein Jahr
+später das dritte Kind, ein prächtig gediehener fast zweijähriger Knabe
+ganz rasch von der Diphtheritis dahingerafft wurde, empfand sie dies als
+einen furchtbaren Schmerz. Sie erhielt die Todesnachricht während sie
+mit der Familie Kerler zum Landaufenthalt im Spessart war. Keine
+Naturschönheit vermag die Gedanken von solcher Trauer abzubringen, aber
+es kam das Mittel, das einzige was solchen Kummer in den Hintergrund
+drängen kann, die Sorge vor noch herberem Verlust; auch Karl, der
+älteste der drei kleinen Brüder erkrankte an der Diphtheritis und
+schwebte in Lebensgefahr. Der Gedanke, daß ihre Tochter auch das letzte
+Kind verlieren sollte, war ihr entsetzlich und lag ihr damals besonders
+nahe, denn es waren die Jahre, in denen diese Krankheit furchtbar um
+sich griff, viele Eltern in einer Woche kinderlos wurden, und alle für
+ihre Kinder bangten. Als die Nachricht von der Besserung und
+allmählichen Genesung des kleinen Karl eintraf, konnte sie doch wieder
+Glück und Dankbarkeit empfinden und sie schloß dieses Kind mit
+besonderer Liebe in ihr Herz und hatte später eine große Freude daran,
+daß zwei kleine Schwestern sich zu dem Vereinsamten gesellten.
+
+Wenn sie von den Reisen zu ihrer Tochter nach Erlangen zurückkam, so
+hatte sie dort zwar kein Kleinkindergeschrei mehr um sich, aber doch
+auch Unruhe genug. Liest man ihre Briefe, in denen sie ihr Erlanger
+Leben schildert, so sieht man in eine belebte Stube, in der die vier
+Schulkinder sich umhertreiben mit viel Lärm und Zank, der aber mit Humor
+aufgefaßt wird. So schreibt Frau Brater einmal der Tochter: »... Den
+ganzen Tag kam ich nicht ans Schreiben und als ich abends meinen Brief
+begann, erbat sich Wilhelm als besonderes Vergnügen, den geriebenen
+Kartoffelsalat machen zu dürfen, wobei er so viel interessante
+Erfahrungen machte, daß er immer meiner Teilnahme und meines Rates
+bedurfte, und nebenbei ging beständig der Zank mit den Schwestern, die
+die Behauptung aufstellten, Kartoffelsalat machen schicke sich nicht für
+Buben, während Wilhelm entgegnete, wenn er wolle könne er seine Hände so
+sauber waschen wie andere Leute etc.«
+
+»Gestern war ich mit auf dem Eis, denn alle Viere drängen schon seit
+lange, daß ich einmal ihre Kunst bewundere, die Mädchen fahren hübsch,
+es sieht sehr anmutig aus, die Buben natürlich ohnedies, die tun sich ja
+in allen körperlichen Künsten hervor. Wilhelm klettert auf die höchsten
+Bäume und zerreißt alle Tage ein paar Hosen.«
+
+Allmählich geben die Berichte ein anderes Bild: »Meine Vier sind
+ungewöhnlich lebhaft und laut, doch sind sie alle heiter und glücklich
+angelegt und ein fröhlicher Spektakel ist wenigstens leichter zu haben
+als ein widerwärtiger, überdies geht mir Julie schon tüchtig zur Hand
+und ist mir überhaupt eine liebe Tochter, wenn nun Johanne auch noch aus
+dem Institut ist, dann sehe ich den Zeitpunkt nahen, wo ich unverrückt
+auf dem Sopha sitzen bleiben kann, denn beide Mädchen sind sehr fleißig,
+übrigens tritt diesen Winter die Verpflichtung an mich heran, mich halbe
+Nächte lang auf Bällen herumzutreiben und tagelang mit Bügeln, Garnieren
+usw. beschäftigt zu sein, da meine Mädchen jedoch ziemlich anspruchslos
+und bescheiden sind, so tue ich es gerne.« Bald waren die Jahre vorbei,
+in denen sie einer Stellvertreterin bedurfte wenn sie verreiste, Julie
+und Johanne waren nun fleißige Haustöchter. Sie rühmt von ihnen: »Im
+Haus habe ich alles in schönster Ordnung getroffen, die Rechnung stimmt
+auf den Pfennig.«
+
+So war der Familienstand durchaus erfreulich, aber unvermutet drohte
+eine große Veränderung. Frau Brater schreibt an Agnes: »Was wirst Du
+sagen, wenn Du hörst, daß es sich gegenwärtig um eine Versetzung
+Dietrichs nach Würzburg handelt? Dort winkt eine höhere Rangstelle, es
+ist dort ein sogenanntes Oberbibliothekariat, auch eine größere
+Bibliothek usw., _hier_ ist andererseits weniger Arbeit und sind sehr
+angenehme Verhältnisse. Es geschieht jedenfalls das möglichste, um
+Dietrich hierzuhalten, aber über gewisse Grenzen können sie eben nicht
+hinaus. Die Sache steht auf der Schwebe, doch glaube ich eher an
+Erlangen als an Würzburg. Was für ein harter Schlag mir diese Trennung
+wäre, das kannst Du ermessen!«
+
+Der Entscheid fiel für Würzburg und im Frühjahr 1878 übersiedelte die
+Familie Kerler dorthin, zum großen Schmerze für Frau Brater, die täglich
+im beglückenden Verkehr mit Tochter und Schwiegersohn und den beiden
+Enkelkindern gestanden hatte. »Ich empfinde die Trennung immerwährend
+sehr schmerzlich« schreibt sie an Anna »und es ist mir fast
+unbegreiflich, daß ich nun die lieben Kinderstimmen so lange nimmer
+hören und keinen Blick aus ihren hellen Augen empfangen soll. Dennoch
+sage ich mir beständig, daß ja doch niemand gestorben ist und daß wir
+uns in kurzer Zeit daran gewöhnen werden, über die kleine Wegstrecke
+hinweg uns des glücklichen Bewußtseins der Liebe und Zusammengehörigkeit
+zu erfreuen.« An Agnes: »Ich bin so froh, wenn ich die Handwerksleute,
+die in Haus und Hof zugleich sind, endlich los habe, es ist dies eine
+unleidliche Sache. Überdies haben alle Verbesserungen sowohl im Haus wie
+im Garten für mich den Reiz verloren, die Kinder sind nun erwachsen, die
+Buben gehen beide fort, die Mädchen werden auch nicht immer daheim
+bleiben, was soll mir nun das öde Haus? Wilhelm hatte recht, indem er
+bei Kerlers Berufung sagte: »unsere ganze Existenz ist untergraben!«
+
+Die Zurückbleibenden existierten aber dennoch weiter und zwischen den
+herangewachsenen Kindern und ihrer Tante ergaben sich im Laufe der Jahre
+immer mehr gemeinsame Interessen, die das tägliche Leben besonders in
+den Ferienzeiten, wenn sich alle zusammenfanden, bereicherten. Auf den
+jüngsten Sohn hatte sich das naturwissenschaftliche Interesse der Pfaffs
+vererbt, zur großen Freude seiner Tante. Nach den Osterferien schreibt
+sie an Agnes: »Wilhelm ist diesen Abend auch wieder abgereist, es wird
+mir immer schwer, ihn wieder ziehen zu lassen, sein Wesen entwickelt
+sich so auffallend in der mir verwandten Pfaffschen Art und führt mir
+das Andenken an meine teuren Brüder in lebensfrischer Weise vor die
+Seele, ich unterhalte mich mit ihm gerade so, wie ich es in jungen
+Jahren mit diesen getan habe, oder wenigstens über dieselben
+Gegenstände. Seine Neigung zur Mathematik nimmt immer zu und erfüllt ihn
+ganz.« »Jetzt, nachdem ich wieder längere Zeit von den Kindern getrennt
+war, fällt mir wieder deren unendlich lebhaftes Wesen auf, es schwirrt
+mir den ganzen Tag der Kopf und ein Fremder, der unten am Haus
+vorbeiginge, würde nimmermehr glauben, daß all der Lärm von vier in
+Frieden lebenden Familiengliedern herrühre, und Du weißt wie sie sind,
+_ich_ muß in erster Linie alles anhören, stehle ich mich ein wenig in
+den Garten hinunter oder ins Besuchszimmer hinein, es dauert keine fünf
+Minuten, so ist die Gesellschaft auch da. Namentlich aber in den ersten
+Tagen der Ankunft bis das übervolle Herz ausgeschüttet ist, so nun
+Wilhelm, er begleitet mich auf Schritt und Tritt und während ich in der
+Küche Julie den Kochunterricht gebe, setzt er nicht aus, mir irgend ein
+physikalisches Gesetz oder ein geometrisches Problem zu erklären.
+Abgesehen von der Strapaze ist übrigens die Unterhaltung mit den Kindern
+jetzt anregend und macht mir oft Spaß, z. B. gestern abend kamen wir auf
+die Definition von Begriffen zu sprechen, da wechselte dann immer
+stilles tiefes Denken mit plötzlichem lauten Gebrüll ab, wenn jeder das
+beste sagen zu können glaubte, schließlich fragte ich: was ist ein Ofen?
+Das war uns nun unvermutet schwer und es war komisch zu sehen, wie die
+beiden Buben ihre Stühle drehten und den unschuldigen Ofen immer von
+oben bis unten so bedenklich betrachteten ... Wilhelm sieht gar zu
+schlecht aus, ich mag ihm die Ferien sehr gönnen, mit seinem Erscheinen
+ist auch sogleich Säge, Schaufel, Hammer usw. wieder in Bewegung
+gekommen, die abgefaulte Gartenbank ist gemacht, ein Baum umgehauen,
+Löcher für zwei andere sind gegraben und das geht alles mit einer Kraft
+und Geschicklichkeit, daß mich's freut. Bezeichnend ist, daß er mir ein
+Päckchen Nägel mitgebracht hat, weil sie ihm »so schön erschienen sind«.
+
+Neben diesen heiteren Gesprächen kam in diesen und noch mehr in den
+folgenden Jahren ein ernstes Thema immer öfter zur Sprache: es war die
+Religion. Die jungen Leute brachten von draußen die materialistische
+Weltanschauung mit herein, die von der Tante mit Feuereifer bekämpft
+wurde. Da sie aber durchaus nie den Wunsch hatte, die Leute zum
+Schweigen zu bringen, sondern zu offener, rückhaltsloser Aussprache, so
+wurde von beiden Seiten mit derselben Lebhaftigkeit disputiert, in der
+auch schon die vorige Generation von Pfaffschen Brüdern ihre
+Streitigkeiten ausgefochten hatten, und wie damals geschah es auch jetzt
+zuweilen, daß Vorübergehende unter den offenen Fenstern stehen blieben,
+horchten ob es Mord und Totschlag gäbe, aber dann beruhigt von dannen
+gingen, weil sie statt harter Reden nur Stichwörter vernahmen wie Strauß
+und Darwin, Seele und Gott.
+
+Die religiösen Einflüsse, die das Leben ihr gebracht hatte, der des
+Freundes Nagel vor allem, hatten bei Frau Brater den Glauben an den
+lebendigen Gott zu tiefer Überzeugung gereift und wenn sie auch über
+einzelne dogmatische Schwierigkeiten nicht hinweg kam, so ließ sie diese
+als unwesentlich beiseite. Verhängnisvoll für jeden einzelnen und für
+ihr geliebtes deutsches Volk erschien ihr die materialistische
+Weltanschauung, die nach ihrer Überzeugung das Edelste und Beste im
+Menschen leugnet und dadurch verkommen läßt, die auch nie ideale
+Charaktere wie den ihres Mannes hervorbringen würde, und der Drang, sich
+und anderen die Unhaltbarkeit derselben immer klarer zu machen, trieb
+sie, manches ernste Werk zu lesen, und ließ sie jede Gelegenheit
+aufsuchen, durch schriftlichen oder mündlichen Verkehr einzudringen in
+diese Fragen, die ihr immer mehr Herzenssache wurden. Sie gewann dadurch
+nicht nur auf ihre Pflegekinder, sondern auch auf andere, die im Hause
+verkehrten, starken Einfluß und wurde im Laufe der Jahre für manchen
+jungen Menschen der Anlaß, über religiöse Dinge nachzudenken, bot vielen
+die seltene Gelegenheit, Zweifel vorbringen, auch atheistische
+Anschauungen aussprechen zu dürfen, ohne deshalb verurteilt zu werden,
+und fand die warmen, klaren Worte, die Herz und Verstand zugleich für
+eine neue Anschauung erschließen können.
+
+Neben all diesen Interessen wurden Frau Brater die sich mehrenden
+geselligen Beziehungen in Erlangen und die Arbeit, die das Haus mit
+sich brachte, oft zu viel; sie stand unter dem Eindruck einer
+Zersplitterung und eines Gehetzes, das ihr unsympathisch war. »Ich mache
+täglich an mir die Erfahrung«, schreibt sie an Frau Hecker, »daß es gar
+nichts übleres gibt, als in einem Gehetze zu leben, mit dem Bewußtsein,
+seine Sache unmöglich ganz gut machen zu können, auch kann man ohne eine
+gewisse Behaglichkeit keinen guten Humor haben und mit einem schlechten
+Humor verpfuscht man alles.« ... »In diesem unruhigen Frühjahr bewegte
+ich recht oft den Gedanken in meinem Herzen, von Erlangen wegzuziehen
+und das Haus zu vermieten, denn gerade das relativ weitläufige Haus mit
+Zimmerherrn und Garten macht doch recht viel Plage, ich sehe es immer
+wenn ich ein paar Wochen verreist war, es gibt dann endlose Rückstände.
+Übrigens spreche ich noch nicht von diesem stillen Plan, denn erstens
+merke ich, daß ich mich selbst sehr schwer vom Garten trennen würde, der
+nun so hübsch ist und mir viele Freude macht, und dann käme ich ja
+_heuer_ keinesfalls mehr zur Ausführung des Planes, darum schweige ich
+noch. Aber in diesem Augenblick habe ich die hiesige Wirtschaft ein
+wenig satt und sehne mich unter den vielen Menschen nach meinen
+Kindern.«
+
+Als sich späterhin Frau Brater entschloß ihren Neffen und Nichten den
+Vorschlag der Übersiedelung nach Würzburg zu machen, fand sie allgemeine
+Zustimmung, und da sie von Kindern und Enkeln in Würzburg herzlich
+willkommen geheißen wurde, so galt es nur noch, für Haus und Garten
+einen Mieter zu finden. Dies gelang über Erwarten bald und der Umzug
+wurde im Sommer 1880 bewerkstelligt. Das Loslösen aus dieser alten
+Heimat mit ihren vielen teueren Erinnerungen wurde ihr wohl schwer und
+die Trennung von den Verwandten ging ihr nahe, aber noch in letzter
+Stunde half ein freudiges Ereignis über den Abschied hinweg, es war die
+Verlobung ihrer Nichte Johanne, die nun zunächst noch als Braut mit
+übersiedelte nach Würzburg, das nach bewegtem Wanderleben Frau Braters
+letzte Heimstätte werden sollte. Ganz nahe bei der Familie Kerler wurde
+eine freundliche Wohnung gemietet und der tägliche Verkehr in diesem
+Hause war von nun an ihre Herzensfreude. Die Stadt selbst, am Main
+gelegen, von den umliegenden Höhen aus betrachtet ein schönes Bild
+bietend, war ihr indes lange Zeit nicht sympathisch. »Weinberge sind
+etwas Schreckliches,« schreibt sie, »hier ist's schattenlos und staubig,
+man kommt heim, wie wenn man im Mehl herumgestiegen wäre; wenn die Höhen
+ringsum nicht alle abgeholzt wären, hätten wir auch mehr Regen, aber der
+Wald ist weit weg und die Trockenheit groß.« Jedoch -- ob Weinberg oder
+Wald -- diese äußeren Verhältnisse sollten ihr bald recht nebensächlich
+erscheinen, denn die nächsten Jahre brachten ihr ungewöhnliche
+Aufregungen durch die Schicksale, die sie mit ihren Pflegekindern
+teilte. Diese standen ja ihrem Herzen nahe wie eigene Kinder und eine
+Mutter kann nicht aufhören, für ihre Kinder zu sorgen, auch nicht wenn
+diese herangewachsen sind, ja es kann ihr auch kein Gericht durch die
+Mündigkeitserklärung das Gefühl der Verantwortlichkeit abnehmen, denn
+der Einfluß, den sie bisher gehabt hat, hört nicht plötzlich auf, sie
+ist sich bewußt, ihn noch immer zu besitzen, und es sind die Schicksale
+erwachsener Kinder oft dadurch besonders aufregend für die Mutter, daß
+es in jedem einzelnen Fall eine Frage des Gewissens und des Taktes ist,
+wie weit sie ihren Einfluß noch geltend machen soll.
+
+Der älteste Neffe, ein hochbegabter und liebenswürdiger junger Mann, der
+mit großer Liebe an seiner Tante und an den Geschwistern hing, hatte
+doch nicht die nötige Charakterstärke, sein kleines Vermögen
+zusammenzuhalten, als er es ausgehändigt bekam und es wurde ihm zum
+Unsegen. Er entzog sich dem Einfluß der Familie, verließ Würzburg und
+verlor dadurch den letzten Halt. Schmerzlich klingt aus allen Briefen
+Frau Braters in jener Zeit die Klage; »Wir wissen nicht, wo Robert ist«
+und oft genug stellt sie sich die Gewissensfrage: »Hätte ich ihn nicht
+halten können?« Jahr und Tag verflossen, bis der Vermißte zurückkam zu
+den Seinigen. Das Wiedersehen war unendlich traurig, denn was sollte nun
+aus ihm werden? In seinem juristischen Berufe konnte er nicht wieder
+ankommen, die Türen, die früher für ihn offen gestanden, waren nun
+geschlossen, umsonst wurde überall angeklopft, er fand keine Anstellung.
+In mancher schlaflosen Nacht quälte sich Frau Brater, um einen Ausweg zu
+finden, und diese Wochen gehörten zu den peinlichsten ihres Lebens. In
+dieser schwierigen Lage tat sich endlich eine Möglichkeit der Existenz
+auf. In Südamerika wurden deutsche Lehrkräfte gewünscht und von Barmen
+aus dorthin empfohlen. Dankbar wurde die Hand ergriffen, die sich zur
+Hilfe bot, um so mehr als der Aufenthalt im warmen Klima günstig für die
+angegriffene Gesundheit des jungen Mannes erschien. Er schiffte sich
+ein, erreichte glücklich das Ziel und die verheißene Anstellung. Mancher
+Brief, voll Liebe und Dankbarkeit gelangte aus weiter Ferne in Frau
+Braters Hände und gab ihr die beruhigende Überzeugung, daß unter diesen
+traurigen Umständen das Beste geschehen war. Nur die erschütterte
+Gesundheit wollte sich nicht wieder befestigen, immer bedenklicher
+lauteten in dieser Hinsicht die Nachrichten. Traurig schreibt sie über
+ihn: »Roberts Befinden scheint rasch abwärts zu gehen, es ist mir so
+unsäglich schmerzlich, den schwer Leidenden so einsam in der Fremde zu
+wissen! Wir haben ihm in letzter Zeit öfter geschrieben und es ist mir
+ein Trost, daß er sich wenigstens an diesen Briefen und Liebeszeichen
+erfreut.« Ein Jahr etwa, nachdem Frau Brater den ersten Brief aus
+Amerika erhalten hatte, traf der letzte ein und bald darnach die
+Todesanzeige.
+
+»Es tut einem das Herz weh,« schreibt sie an ihre Tochter, »wenn man
+dieses so traurig zu Ende gegangene Leben überblickt, und die Wehmut
+wird nur vermehrt dadurch, daß man zuletzt noch seine Erkenntnis teilen
+durfte. Ich zweifle nicht, daß er den Weg zur ewigen Heimat gesucht und
+gefunden hat.«
+
+
+
+
+XIV.
+
+1883-1886
+
+
+In derselben Zeit, da Frau Brater voll Schmerzen an den Neffen in der
+Ferne dachte, nahmen auch die Lebenspläne ihrer Nichte Julie sie vollauf
+in Anspruch. Das junge Mädchen wurde zur Frau begehrt von einem
+Deutschen in Südamerika, der früher in Erlangen gelebt hatte und ihr
+lieb war. Tief im Innern Argentiniens war er als Professor an einer
+höheren Lehranstalt angestellt und dort wollte sie dem Vereinsamten
+heimisches Glück bereiten. Die Frage, ob sie in diese weite Ferne
+ziehen, in unbekannten Verhältnissen einen Hausstand gründen sollte, war
+wiederum ein schwerer Entschluß. Freilich hatte diesen nicht eigentlich
+Frau Brater zu fassen, aber sie wußte doch, daß ihr Einfluß, ihr Rat
+schwer in die Wagschale fiel, und war bedrückt von dem Gefühl der
+Verantwortlichkeit.
+
+Im Oktober 83 war Frau Brater zu neuen Großmutterpflichten nach
+Württemberg gereist, denn trotz aller Schwierigkeiten daheim brachte sie
+es nicht über sich, der Tochter in solcher Zeit ihre Hilfe zu versagen.
+Von dort zurückgekehrt schrieb sie an ihre Tochter Agnes: ... »Was mich
+betrifft, so bin ich hier in einen Strudel gekommen, in dem ich mich
+fast nimmer aufrecht halten konnte. Juliens Angelegenheiten haben sich
+soweit vorgeschoben, daß man nimmer gut zögern konnte, und doch zeigen
+sich Schwierigkeiten und unmäßige Ausgaben. Ich habe mich zermartert, um
+einen Ausweg zu finden, oder die Sache zu verzögern, bis S. Aussicht
+hätte, in einen Ort zu kommen, der nicht fast unerreichbar ist; aber wir
+können ihm ja nimmer zuverlässig schreiben, bis er den Brief erhält, ist
+er ja vielleicht schon auf der Reise, ihr entgegen, und _wenn_ er schon
+auf der Reise ist, so müssen Juliens Sachen längstens bis Samstag
+unterwegs sein!
+
+Wir sind also in stürmischer Eile, um eine Sache zu bewerkstelligen, die
+ich in meiner gegenwärtigen Stimmung für ein Unglück halte; ich war kaum
+zwei Stunden hier, so schrieb ich schon an Krazers nach Stuttgart um
+eiserne Bettstellen. Ich bestellte Kisten, Matratzen, Betten usw. und
+noch weiß ich nicht sicher, ob unsere Sachen noch angenommen werden. Ich
+war in den ersten Tagen hier nahezu verzweiflungsvoll, denn ich fühle
+mich verantwortlich und hätte zu rechter Zeit Julie gut bestimmen
+können, noch ein Jahr zu warten, aber indem man immer »für alle Fälle«
+Zurüstungen traf, übersah man den Punkt, von wo aus der Rückweg
+abgeschnitten war. Soeben habe ich einen Sattel gekauft für 140 Mark,
+Julie hat von der Endstation bis zu ihrem Ziel drei Tage zu reiten! Wenn
+diese Woche mit ihren aufregenden Zurüstungen vollends überstanden ist,
+dann beruhige ich mich auch wieder und unwillkürlich werden dann mehr
+die Lichtseiten in den Vordergrund kommen, die Julie als hell leuchtend
+erkennt.«
+
+Die großen Kisten mit dem nötigen Hausrat gelangten glücklich auf das
+Segelschiff und während sie auf dem Ozean schwammen, beging die Familie
+noch mit wehmütiger Freude das Weihnachtsfest. Fehlte doch der älteste
+Bruder und mußte man nicht annehmen, daß auch die drei Geschwister das
+Fest zum letztenmal gemeinsam feiern würden? Gleich nach Weihnachten
+wurde der Platz auf dem Schiffe, das in Marseille abgehen sollte,
+bestellt und der Koffer gepackt, der das Nötigste für die sechs Wochen
+lange Seereise enthielt und das Hochzeitskleid der Braut. Am 8. Januar
+früh morgens, noch ehe es Tag war, geleiteten die Tante und die
+Schwester das tapfere Mädchen an die Bahn.
+
+Noch am selben Tag und auch am folgenden sandte Frau Brater der
+Reisenden die ersten Grüße nach, die sie in Basel und in Marseille
+erhielt. Es drängte sie, noch einmal ihre ganze Liebe der
+entschwindenden Pflegetochter auszusprechen. In einem langen Briefe
+blickt sie zurück auf die Zeit, in der sie die kleinen Mutterlosen
+übernahm, und erzählt: »In der letzten Nacht, die Deine liebe Mutter
+erlebte, sagte sie mehrmals zu Eurem Vater: 'sorgt für eine treue Person
+für meine Kinder' und welches Mutterherz könnte diese Bitte nicht
+nachempfinden und würde sie nicht erfüllen, wenn es ihm möglich wäre?
+Als ich in jener traurigen Zeit zu Euch kam, da ward Ihr ja noch klein
+und kummerlos, aber jede Nacht, wenn ich vor dem Schlafengehen noch nach
+den vier kleinen Schläfern schaute, hatte ich das Gefühl, daß auch Euer
+Mütterlein sanft ruhen könne, wenn eine liebende Hand ihre Kinder
+zudeckt; als dann auch Euer Vater uns verließ, da stand ich oft, oft vor
+den Bildern Eurer lieben Eltern und fragte mich prüfend: 'Bist Du auch
+gewiß diese treue Person? und kannst Du einst bestehen vor ihnen mit all
+Deinem Tun?' -- So glaubt mir nun eben, Ihr lieben Kinder, und vor allem
+_Du_, mein liebes Kind, das nun aus dem Nest geflogen ist, meine
+_Absicht_ war gut und wo ich gefehlt habe, da werdet Ihr mir's nicht
+nachtragen, der Verzeihung und Nachsicht bedürfen wir alle, wir
+schwachen Menschen.«
+
+Am 11. Januar schreibt Frau Brater nach Nördlingen: »Wieder habe ich ein
+teures Kind in die Ferne ziehen lassen ohne das beglückende Wort: 'auf
+Wiedersehen!' Dennoch fühlen wir uns alle erleichtert, denn die letzte
+Zeit war unendlich aufregend und unruhig. Der Abschied war natürlich
+unsäglich schmerzvoll, aber trotz aller bitteren Tränen stand Julie doch
+bis zum letzten Augenblick getrost und freudig da, so daß ich mich
+selbst an ihrer Freudigkeit aufrichten konnte und mir dieselbe immer
+wieder vergegenwärtige, wenn ich mit Tränen nach der Himmelsrichtung
+blicke, in der sie uns in raschem Flug enteilt. Heute reist sie aus
+Basel und Montag aus Marseille ab. Wie und warum ich mich in den letzten
+Monaten so entsetzlich gesorgt und gequält habe, könnte man nur
+verstehen, wenn ich die ganze Entwicklungsgeschichte erzählte, ich
+glaube ich wäre noch melancholisch geworden, hätte ich nicht endlich all
+mein Sorgen als nutzlos erkannt und aus vollem Herzen mein gutes Kind
+unter Gottes Schutz allein gestellt mit dem innigen Gebet, daß er auch
+alle unsere Irrtümer und Fehler zum Guten wenden möge. -- Ich freue mich
+sehr, nun bald, so Gott will, einige Muße und Zeit für mich zu haben,
+seit Monaten waren Kopf und Hände ausschließlich mit Julie beschäftigt,
+nun bin ich geradewegs _überall_ mit Briefen und Besuchen im Rückstand,
+die Kommode mit der Flickwäsche will platzen, Kleider haben wir auch
+keine zum Anziehen und das ganze Haus ist in unordentlichem Zustand.«
+
+Es sollte noch nicht so schnell Ruhe eintreten, denn von der jungen
+Reisenden traf die Nachricht ein, daß ihr großer Koffer vermißt werde,
+der Koffer, der alles enthielt, was sie für die Seereise bedurfte und
+noch mehr: die Papiere, die für die Trauung erforderlich waren, das
+Hochzeitskleid und alles, was sie an Silber oder Schmuck besaß. Das
+waren aufregende Nachrichten für die Zurückgebliebenen. Frau Brater
+schreibt an Agnes: »Es wäre wahrlich ein Unglück zu nennen, wenn
+wirklich der Koffer nicht auf dem Schiff wäre, und die Sache ängstigt
+mich sehr. In ihrem Handkoffer hat Julie nur das Nachtzeug, auf dem Leib
+hat sie natürlich ein Winterkleid und Filzhut und sie wird schon jetzt
+in der Hitze sein! Aber auch wenn man den verzweiflungsvollen Zustand
+auf dem Schiff in Kauf nehmen wollte, was soll sie denn in Buenos Aires
+beginnen ohne ihren Koffer? Wir sind ganz wütend über diese
+Angelegenheit; ich habe sogleich an den Agenten geschrieben.«
+
+2. Februar. »Der Koffer kam also wirklich erst nach Abgang des Schiffes
+in Marseille an! Ich kann dies Mißgeschick nicht eher verschmerzen, als
+bis ich weiß, daß auch Julie sich über diese Sache getröstet hat, d. h.
+bis ich annehmen kann, sie hat es nun hinter sich, ihren Willkomm und
+Eintritt in die fremde Welt arm, fast wie ein Bettelmädchen zu halten.«
+
+Am 25. März konnte Frau Brater nach Nördlingen berichten: »Ich muß Euch
+doch mitteilen, daß wir von unserer Auswandererin gute Berichte haben.
+Die Seekrankheit hat sie zwar nie verloren, hingegen ist sie in der
+Familie Krauß wie in einem Elternhaus aufgenommen. Die Liebe und Treue,
+die sich in fernen Landen die deutschen Landsleute erweisen, hat für
+mich etwas ganz Ergreifendes. In welchem Maße durfte sie auch Robert
+erfahren! Aber ich muß dabei auch all der Sehnsucht, all des Heimwehs
+gedenken, die solche Treue wohl in sich schließt! Mein gutes Kind
+befindet sich nun im Stadium mächtigen Heimwehs, so daß ich immer mit
+Tränen an sie denken muß ...«
+
+Das Heimweh war leicht begreiflich, denn es kam vieles zusammen, das
+bräutliche Glück zu trüben. Wohl war die Braut in Buenos Aires
+einstweilen aufs beste geborgen, wohl machte der Bräutigam die weite
+Reise aus dem Innern des Landes, um sie heimzuholen, aber Hindernisse
+der verschiedensten Art stellten sich der Verbindung entgegen, so daß
+diese zunächst auf spätere Zeit verschoben, dann aber, nach harten
+inneren Kämpfen ganz aufgegeben wurde.
+
+Als nach langer Pause im Briefwechsel diese Nachricht eintraf, war Frau
+Brater tief bewegt in dem Gedanken an all die Trübsal, die dieses
+geliebte Kind in der Fremde durchzumachen hatte, und Briefe, in denen
+die wärmste Mutterliebe und die dankbarste Kindesliebe sich aussprachen,
+wurden mit jedem Schiff ausgetauscht und halfen dem jungen Mädchen über
+das Gefühl der völligen Vereinsamung hinweg. Sie beschloß, nicht sofort
+wieder in die alten Verhältnisse zurückzukehren, vielmehr sich dort
+einen Beruf zu suchen, was ihr auch durch die Hilfe des Rektors an der
+deutschen Schule in Buenos Aires bald gelang, so daß Frau Brater wieder
+ruhiger an sie denken und von ihr berichten konnte: »Meine Julie ist in
+einer guten Stelle und wenn das Eingewöhnen auch nicht ohne erneutes
+Heimweh ging, so ist sie doch glücklich und stolz, daß sie etwas leisten
+kann, und diese Erfahrungen haben sie und mich um ein gutes Stück
+vorwärts gebracht, aber sie wurden auch teuer erkauft. Wann und wie
+werde ich sie wohl wiedersehen? Ich bin mir des Zusammenhangs mit ihr
+lebhaft bewußt.«
+
+Nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika kehrte die geliebte
+Pflegetochter in die Heimat zurück und verwertete ihre Lebenserfahrungen
+als treue Gehilfin in deutschen Familien.
+
+In diesen innerlich und äußerlich durch die Schicksale ihrer
+Pflegekinder bewegten Jahren ergab es sich einmal, daß Frau Brater zehn
+Tage ganz allein war. Aus dieser völlig ungewohnten Stille heraus
+schreibt sie an Lina Sartorius: »Bei mir ist's wie ausgestorben.... Ich
+möchte ja nicht _immer_ so allein sein und gewiß ist es auch dem
+Menschen besser, wenn er mit andern lebt und sich mit dem Wesen und den
+Eigenheiten anderer zurechtfinden muß, aber so zehn Tage einmal ganz
+seinem Egoismus, ganz den eigenen Neigungen leben können ist wahrlich
+schön und ich will schon trachten, daß mir dadurch nicht gleich der
+ganze Charakter verdorben wird.«
+
+Allmählich wurde zur Regel, was vorher nur Ausnahmszustand gewesen war:
+die Stille und Einsamkeit. Noch ein Jahr oder zwei lebte die Nichte
+Johanne mit Frau Brater traulich zusammen, auch ihr Bräutigam, Assistent
+am Gymnasium, wurde ihr ein liebes Familienglied, aber als er im Jahre
+1885 eine Anstellung in der Pfalz erhielt, verließ auch Johanne als
+letztes ihrer Pflegekinder das Haus, um dem jungen Gatten zu folgen, und
+nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, die eine Hochzeit im eigenen Hause
+mit sich bringt, fand sich Frau Brater zum erstenmal ohne Familie.
+
+Sie hatte anfangs bei diesem dauernden Ferienzustande kein gutes
+Gewissen und doch war ihr, der bald Sechzigjährigen, nach solch bewegtem
+Leben der Ruhestand wohl zu gönnen. Sie schreibt an Agnes: »Ich habe
+manche herrliche Stunde des Morgens mit einem interessanten Buch in den
+Glacis-Anlagen; ich gebe mich dem Genuß mit vollem Herzen hin und bin
+sehr dankbar, daß es meine Augen gerade recht liberal gestatten;
+außerdem ist bis auf einen kleinen Rest von Flickerei alles
+aufgearbeitet und das Haus in musterhafter Ordnung; nun kommen mir aber
+die Bedenken, ob es auch recht und erlaubt ist, ein so behagliches Leben
+der Selbstpflege zu führen? Ich habe noch Kräfte, um mehr zu leisten,
+und doch -- was soll ich tun? Wieder ein paar Wickelkinder übernehmen --
+dazu fehlt mir doch der Mut und ich habe ein Haar darin gefunden -- also
+warte ich nun einmal, ob sich etwas ergibt....« Oft genug ergab sich
+etwas; bald half sie der Tochter in Württemberg bei der Pflege eines am
+Scharlach schwer erkrankten Enkels, bald saß sie am Bette der
+zeitenweise leidenden Tochter Anna, verkürzte ihr die langen Stunden
+durch Vorlesen und freute sich an diesen Lesestunden, da die Tochter
+vollständig ihr Interesse für naturwissenschaftliche und
+religiös-theologische Bücher sowie für Reisebeschreibungen teilte. Der
+treue Freund, Ernst Rohmer, sandte aus seiner Buchhandlung alles, was
+die Freundin interessieren konnte, und sie hatte nur immer zu danken und
+abzuwehren. »Aber Ernst, aber Ernst!« beginnt einer ihrer Briefe,
+zankend verbittet sie sich die häufigen Sendungen und ist doch gerührt
+und beglückt durch dieselben. So schreibt sie einmal: »Die beiden
+Afrika-Bücher sind nicht nur von mir, sondern von der ganzen Familie
+freudig empfangen worden und Alt und Jung wird sich darein vertiefen,
+Afrika ist gegenwärtig unser gemeinsamer Sparren und sowie Ihr Euch zur
+Auswanderung entschlossen habt, kannst Du ungefragt auch für uns die
+Billete mitlösen; neulich wo unserem kleinen Otto ein Gemüse nicht recht
+schmecken wollte, sagte Anna zu ihm: 'ja wie kannst Du denn nach Afrika,
+wenn Du so genäschig bist?' Darauf die bescheidene Antwort: 'ja, ich
+will ja gar nicht nach Afrika'; darauf seine Mutter: 'was fällt Dir ein,
+jeder Mensch muß nach Afrika wollen.' Im Geheimen stelle ich oft
+_andere_ Betrachtungen über das Auswandern an, die Anhänglichkeit an
+Heimat und Vaterland macht uns Deutschen in der Fremde gar bitteres
+Herzweh. -- Auch für meinen Kalender noch extra Dank, er freut mich immer
+wegen seiner astronomischen Mitteilungen und die kleine Tabelle der
+mittleren Zeit hat mich einmal eine volle Tagereise lang von hier bis
+Neckarth. ausschließlich und eifrig beschäftigt, allerdings hatte mich
+die Sache vordem schon oft geniert und die schließliche Klarheit mich
+außerordentlich gefreut, wer weiß ob Du, der _Verleger_ des Kalenders,
+nicht leichtsinnig genug bist, die Sonne täglich ohne alle Kontrolle
+auf- und untergehen zu lassen, und wer weiß, ob Du Dich nicht
+schließlich dabei ganz wohl fühlst?«
+
+Frau Brater übte allerdings pünktlich Kontrolle über die Sonne. Sie
+wählte schon ihre Wohnungen darnach, wo der Lauf der Gestirne gut zu
+beobachten war, je höher droben, je besser. Erreichte im Sommer die
+Sonne ihren höchsten Stand, so wurde auf dem Fenstersims ein Zeichen
+eingegraben an dem Punkte, den ihr letzter Strahl beschien, ebenso am
+kürzesten Tag und jedes Jahr wurde mit Befriedigung die Pünktlichkeit
+des Gestirnes festgestellt, wenn der letzte Strahl haarscharf den Punkt
+des Vorjahres traf. Auch Barometer und Thermometer beobachtete sie
+regelmäßig und als ihr zum erstenmal ein Maximum- und Minimum-Thermometer
+verbesserter Konstruktion zu Gesicht kam, erklärte sie in ihrer
+Bewunderung für diese Erfindung, sie schenke von nun an keinem jungen
+Paar mehr etwas anderes zur Hochzeit als solch einen genialen
+Thermometer.
+
+Nachdem sie eine neue Wohnung bezogen hatte, die einen weiten, freien
+Blick gestattete, schrieb sie an Agnes: »Ich steige manchmal nachts vor
+Schlafengehen noch hinauf 'auf meines Daches Zinne', wo ich durch die
+Oberlichtfenster eine herrliche Aussicht habe. Wenn Ihr einmal auf einem
+höhern Standort wohnt, werde ich Dir an der Hand meiner kleinen
+Sternkarte einige Anweisung geben, die Du seinerzeit wieder auf Deine
+Kinder übertragen kannst; im allgemeinen hat zwar jeder Mensch reichlich
+Beschäftigung auf seinem eigenen Planeten und braucht nicht immer
+darüber hinauszuschauen, da aber unsere Bestimmung doch die ist, uns
+schließlich aus der Gefangenschaft von diesem Planeten aufzuschwingen,
+so ist es mir immer vorgekommen, als sei die Betrachtung dieser fernen
+Welten, diese gewissermaßen sinnliche Anschauung des Unendlichen ganz
+besonders geeignet, auch den Geist dem Unendlichen und Ewigen nahe zu
+führen. Ich freue mich, wenn es mir noch zuteil wird, Berta einmal in
+diese Dinge einführen zu können, es ist ein Genuß, mit diesem Kinde zu
+verkehren, wo es im Begreifen kaum eine Schwierigkeit gibt.«
+
+Im Herbst 1886 begleitete Frau Brater diese ihre liebe Enkelin Berta
+nach Boll in Württemberg zu dem bekannten Pfarrer Blumhardt, bei dem sie
+einen Winter zubringen und den Konfirmandenunterricht besuchen sollte.
+Kaum hatte sich das Mädchen dort eingewöhnt, als es erkrankte. Die ganze
+großmütterliche Liebe spricht aus den Briefen, die sie der Enkelin
+schreibt in dem weichen, zärtlichen Ton, der seinen tröstenden Einfluß
+auf die Kinder um so weniger verfehlte, als sie ihn in gesunden Tagen
+nie zu hören bekamen. Einer der Briefe ist auf einen bemalten Bogen
+geschrieben und die Anrede zeigt gleich die Liebkosung:
+
+ _Mein lieber Schneck!_
+
+ Das schönste Briefbögelein, das ich besitze und dessen Ursprung
+ Dir bekannt ist, das nehme ich nun, damit Du siehst, daß ich Dir
+ gerne eine Freude machen und Dir eine fröhliche Zeit gönnen
+ möchte.
+
+ Du tust mir herzlich leid, mein liebes Kind, daß Du so getäuscht
+ wurdest und die Besserung noch keinen Bestand hatte! nicht wahr,
+ wenn man einmal so 14 Tage im Bett gelegen ist, dann kommt es
+ einem schon wie eine recht lange Geduldsprüfung vor und es ist
+ auch eine solche, nun erwartet aber, wie es scheint, der liebe
+ Gott von Dir, daß Du ihm noch ein wenig mehr Geduld darbringst,
+ und ich glaube von Dir, mein liebes Kind, daß Du auch dieses
+ noch zustande bringst. Denke nur daran, wie wir auch hier
+ _alles_ in Gedanken mit Dir teilen, es ist mir doch fast gerade
+ so zu Mute, als ob ich bei meinem Strobelkopf am Bett säße und
+ zu ihm sagte: sei nur ganz vergnügt, der liebe Gott schickt Dir
+ ja den Tag der Genesung gerade zur rechten Zeit. Und wenn Dir
+ jetzt das Heimweh ein wenig wiederkommen will, so geniere Dich
+ nur ja nicht, sondern sprich es aus und weine auch nach
+ Herzenslust, denn da wird es einem dann bald wieder leichter zu
+ Mute und man denkt: warum bin ich denn eigentlich traurig, meine
+ Lieben haben mich ja aus der Ferne gerade so lieb und die Zeit
+ der Heimkehr kommt sicher auch wieder. -- Ich denke mir, Du wirst
+ jetzt noch ein paar weniger gute Tage haben (was ist denn
+ schlimmer: Zahnweh oder Herzstechen?) und dann wird alles
+ miteinander vergehen, und dann aber wollen wir uns zusammen
+ freuen und dankbar sein!! -- Kannst Du Dir gar nicht denken, daß
+ Du Dich erkältet oder mit irgend etwas Dir geschadet hast? es
+ wäre gut, wenn man es wüßte. -- Dein Heimweh vergeht sicher, wenn
+ es Dir wieder besser ist und außerdem sage es uns nur. Wenn Du
+ mir heute schreibst: liebe Großmutter komm und hole mich, dann
+ kann ich ja nach zwei Tagen schon bei Dir sein und ich kann zu
+ Deiner Pflege kommen, wenn es nötig ist.... Ich wünsche Dir von
+ ganzem Herzen, daß Du Dich durch ein paar böse Tage vollends gut
+ durchschlägst. -- Es grüßt Dich in stetem treuen Andenken
+
+ Deine Großmutter.
+
+ Nachschrift: Heute gehe ich mit einer Weihnachtsliste in die
+ Stadt, _Du_ dürftest diese Liste nicht lesen, auch Otto nicht.
+
+Die »bösen Tage« machten bald guten Platz, und der Aufenthalt in Boll,
+der Einfluß Blumhardts, entsprach den Erwartungen. Frau Brater schreibt
+über Blumhardt: »Ich begreife die Begeisterung, die diese ursprüngliche,
+liebevolle Persönlichkeit hervorrufen kann, hingegen verstehe ich auch,
+daß Geistliche, die in ihrer Schablone befestigt sind, sich von
+Blumhardt geradezu antipathisch berührt fühlen können. Eine Predigt
+z. B., in der auch einmal der Humor durchschimmert, so daß man sich des
+Lächelns nicht erwehren kann, das ist uns sehr fremdartig; diese
+heitere, stets in unmittelbarem Verkehr mit Gott stehende Natur, dabei
+der derbe Schwabe, das ist eine Eigenart, die nicht jedem zusagt.«
+
+Sie selbst ließ sich durch diese Art nicht beirren. Ihr Herz und Ohr war
+immer offen, um von irgend einer Seite religiöse Anregung zu empfangen.
+Einen tiefen Eindruck hatte ihr das zuerst anonym erschienene Buch ihres
+Freundes Nagel gemacht »Der christliche Glaube und die menschliche
+Freiheit«. Noch war es ihr ungewohnt, ja erschien ihr fast anmaßend, mit
+Männern über solche Fragen zu korrespondieren, aber endlich sagte sie
+sich: »In religiösen Dingen ist niemand ein Laie, der ein Herz und ein
+Gewissen hat, und jeder solche darf sich über solch ein Buch ein Urteil
+anmaßen« und so schreibt sie an Rohmer: »Dieses Buch hat mich vielfach
+in die unmittelbare Nähe Gottes geführt. Ich denke mir, daß es den
+Kindern des 19. Jahrhunderts eine Wohltat sein muß, ein erlösendes Wort
+für ihre Zweifel zu finden; mein oftmals geängstetes und mitunter von
+allen Zweifeln erfülltes Herz findet darin volles Genügen .... allein
+daß von der Erkenntnis der Wahrheit bis zu der Aneignung derselben eine
+weite Kluft ist, das weiß ich nur gar zu gut.... Läßt sich äußerlich
+etwas tun zu der Verbreitung des Buches? Versäume doch ja nichts. -- Du
+siehst: 'wes das Herz voll ist etc.' Ich bin zu begierig jemandes Urteil
+zu hören, habe natürlich mit niemandem sprechen können, da ja die
+Anonymität so sehr gewahrt werden soll.« Und in einem späteren Briefe:
+»Deinen Brief habe ich Lina mitgeteilt, aber über das Buch habe ich
+geschwiegen, wenn ich _hier_ über dasselbe spreche, so ist der Autor
+sofort erkannt, ich bin aber vollständig zum Schweigen verpflichtet.
+Wollen wir nur fleißig in dem Buche lesen, es verfehlt seine beseligende
+Wirkung nicht und wird uns, wenn dieses Leben die Geburtsstätte für ein
+künftiges ist, auf die Dauer zusammenführen.«
+
+Immer weitergehend auf dieser Spur fand sie noch manches Werk, das ihr
+vorwärts half, teilte in gegenseitiger Anregung mit ihrer Tochter Anna
+dieses warme Interesse und war besorgt, auch der fernen Tochter von
+ihren Bücherschätzen mitzuteilen. »Sehr erfreut war ich,« schreibt sie
+ihr, »daß Du Dixon (»Das heilige Land«) so gern gelesen hast und auch
+die Erfahrung machtest, daß man vieles im neuen Testament nach ihm erst
+richtig erfassen lernt. Mir war das Christentum, so wie ich es
+überkommen hatte, ein kaltes, totes Lehrgebäude und erst in meinen
+spätern Jahren habe ich es in dem Sinn, wie auch Dixon es andeutet warm
+ins Herz fassen lernen, und darum möchte ich andern, vor allem Dir, auch
+zu dieser Erkenntnis verhelfen. Für Deinen Braterischen
+Widerspruchsgeist scheint es mir vor allem nötig, Dich in das Bewußtsein
+Deiner vollkommenen Freiheit zu versetzen, man widerstrebt nur solange
+man denkt, daß einem etwas aufgenötigt wird, was von Menschen gemacht
+ist.«
+
+In Beziehung auf geistigen Besitz gilt das Wort: »Wer da hat, dem wird
+gegeben.« Wo ein Mensch lebhaftes Interesse für irgend einen Gegenstand
+zeigt, da wird ihm von allen Seiten zugeführt was dieses noch mehr
+beleben kann. Hatte Nagel vor allen andern Frau Brater sein Buch
+zugesandt, so brachte Schwiegersohn Kerler ihr und seiner Frau zu
+gemeinsamem Lesen, was ihm hervorragend erschien, und so sandte ihr
+Rohmer eine Reihe von Briefen religiösen Inhaltes, die von Schultheß
+geschrieben waren, einem tiefen Denker, mit dem schon Brater in
+Beziehung gestanden war. Eine lange Zeit bildeten diese den Inhalt des
+Briefwechsels zwischen ihr und Rohmer.
+
+Sie schreibt: »Daß Du inmitten aller Sorgen, Arbeiten und Freuden
+dennoch mit Schultheß in der Weise korrespondierst, das zeigt eben, daß
+es Dir geht wie mir, was Augustin so ausdrückt: 'Du hast uns, Gott,
+gemacht zu Dir und unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in
+Dir.' Ich habe diesen Brief mit größtem Interesse und ebensoviel Freude
+gelesen, es wäre wahrlich ein Unrecht gewesen, hättet Ihr ihn nicht
+drucken lassen. Wenn ein Mann wie Schultheß, den man im kirchlichen Sinn
+nicht einen Christen nennen kann, ein solches Glaubensbekenntnis ablegt,
+so hat dies etwas wahrhaft Erhebendes und Stärkendes auch für
+diejenigen, die einen Schritt weiter trachten als er. Ja, es scheint
+mir, daß, wenn alle Menschen voll und ganz sein Bekenntnis teilen
+würden, man nicht mehr zu beten brauchte: »Dein Reich komme ...« Ich
+meine unsere Geistlichen müßten die Glaubensartikel im Lauf ihres Lebens
+und Wirkens mit ihrer Gemeinde zu ergreifen _trachten_, Geistliche und
+Gemeinde müßten als _werdende_, nicht immer schon als _seiende_ Christen
+angesehen werden ...
+
+Wenn ich die so interessanten und sympathischen Briefe von Schultheß
+lese, so geniere ich mich fast, irgend zu widersprechen, darum will ich
+auch nicht versäumen demütig das Bekenntnis meiner großen Unwissenheit
+auszusprechen; nur in einem Punkt nehme ich auch für uns Frauen etwas in
+Anspruch: ein Gefühl für das, was wahr sein kann.«
+
+Mitten aus seiner regen geistigen Tätigkeit heraus wurde Schultheß durch
+den Tod abgerufen, zum tiefen Schmerz all seiner Freunde.
+
+»Ich muß oft an ihn denken,« schreibt Frau Brater an Rohmer, »an ihn,
+der nun vom Glauben zum Schauen hindurch gedrungen ist und von dem ich
+annehme, daß er nicht in ein »dunkles Land« sondern in eine heimische
+Umgebung eingetreten ist....
+
+... Laß Dir noch besonders danken für Deine Mitteilungen über Schultheß'
+Heimgang. Welch ein schöner Tod, wenn sich einfach der ermüdete Körper
+niederlegt und der Geist frei wird! Die Äußerung von Schultheß: »ich
+habe in siebzig Jahren niemals Schmerzen gehabt« war mir höchst
+merkwürdig und ist mir ein Schlüssel zu seinem Wesen. Es ist doch
+sicher, daß derjenige, der selbst nie _wesentliche_ Schmerzen überwunden
+hat, sich solche auch _unmöglich_ vorstellen kann, also eine der
+härtesten Lasten, ja vielleicht _die_ härteste Last, die das arme
+Menschengeschlecht drückt, war Schultheß unbekannt und damit auch
+zugleich der stärkste Antrieb zum Zweifel an einer persönlichen
+Wirksamkeit Gottes und daher wiederum sein leichtes Überzeugtsein von
+einer solchen. Es ist ja möglich, daß Schultheß dennoch schwere Tage
+durchmachte, aber Sorgen oder Seelenschmerzen haben immer schon eine
+Verwandtschaft mit dem Göttlichen, leiten uns dahin, nur die
+Körperschmerzen haben so etwas elend Herunterziehendes.«
+
+
+
+
+XV.
+
+1886-1896
+
+
+Die traurige Beigabe des höheren Alters, einen Jugendgenossen nach dem
+andern scheiden zu sehen, mußte Frau Brater reichlich erfahren. Von den
+vier Brüdern Pfaff starb auch der letzte, Professor Fritz Pfaff, schon
+im Jahr 1886, ihr ältester Bruder Heinrich Kraz war der einzige, der ein
+hohes Alter erreichte. Sie schreibt an Agnes:
+
+»Ich bringe mir erst jetzt zum Bewußtsein, wie unendlich oft ich meines
+Bruders Fritz gedachte, und in wie vielen Dingen ich mich an ihn wenden
+konnte. Als ich das letztemal bei ihm war, sagte ich ihm: 'Das ganze
+Jahr hindurch drängen sich mir immer Fragen an Dich auf und wenn ich bei
+Dir bin, fallen sie mir nimmer ein.' Da schlug seine Else vor, ich solle
+doch einen Fragebogen anlegen. Das tat ich und ein solches Blatt mit
+Fragen liegt nun in meiner Briefmappe und bleibt für immer
+unbeantwortet.«
+
+Gingen die Brüder frühe dahin, so blieben ihr doch zwei von den
+Schwestern ihres Mannes erhalten und standen ihr nahe wie eigene. Ihre
+Altersgenossin Luise war fast jedes Jahr einige Wochen mit ihr
+vereinigt, so daß es zusammen einen beträchtlichen Teil des Lebens
+ausmachte. Treulich hielt sie auch an den alten Freundschaften fest und
+aus dem unbefangenen Ton ihrer Briefe geht hervor, wie vertrauensvoll
+sie zusammenstanden. Gelegentlich eines Familienfestes schreibt sie an
+Lina Sartorius:
+
+».... Ja, es ist ein langes Stück Leben, das wir in inniger Teilnahme
+miteinander zurücklegten und vieles schließt es in sich bis zwei
+übermütige, leichtsinnige, lebensfrische junge Mädchen zu zwei so
+wackeligen Gestalten heranreifen wie wir es nun beide sind; ich bin in
+Gedanken bei Dir und an Deinem Feiertage im Geiste mitten unter Deinen
+Gästen und da sehe ich, wie Du in gleicher Frische wie vor einem halben
+Jahrhundert nun das Jugendglück Deiner Kinder mitempfindest; was Dich
+selbst etwa beschwert, drängst Du in den Hintergrund, ich sehe nur Dein
+fröhliches Gesicht, denn Heiterkeit und Genügsamkeit sind Dir als zwei
+Edelsteine in die Wiege gelegt.«
+
+Wie in den Briefen Frau Braters, so war auch im mündlichen Verkehr die
+Mischung von gemütvollem Ernst und fröhlichem Humor ein eigenartiger
+Reiz ihrer Unterhaltung. Wer auch nur eine Stunde bei ihr war, hatte
+gewiß beides kennen gelernt, sowohl ihren heiteren Ton als auch ihre
+ernste Lebensauffassung, denn diese beiden Seiten ihres Wesens kamen
+immer zum Ausdruck. Sie hatte nicht, wie manche, ihre Stunden oder Tage,
+an denen sie zu Spaß und Scherz aufgelegt war und andere, an denen nur
+Ernstes sie beschäftigte. Nein, die Heiterkeit leuchtete stetig aus
+ihrem Wesen und umfloß wie ein freundliches Licht die Ewigkeitsfragen,
+die bei all ihren Gesprächen anklangen. Eine Gesellschaft, in der
+fortgesetzt ernster gemessener Ton waltete, sagte ihrem Wesen nicht zu
+und wurde bald durch einen Schimmer ihres freundlichen Humors belebt,
+aber ebensowenig war sie innerlich befriedigt, wenn Spaß an Spaß, Witz
+an Witz sich drängte, obwohl sie mittun konnte, ja dem lustigen Ton
+unwillkürlich Vorschub leistete durch die köstliche Eigenschaft, die sie
+besaß, nie etwas übel auszulegen und sich jede Neckerei gefallen zu
+lassen. Als einmal in größerem Familienkreis unter andern Fragen diese
+aufgegeben wurde: wer von uns steht himmelweit über der Empfindlichkeit?
+wurde sofort auf sie geraten.
+
+So fand jeder, der zu ihr kam, was er brauchte, mit Ernst ging sie ein
+auf das, was einen jeden beschäftigte, und mit Heiterkeit erfrischte sie
+alle Müden oder pessimistisch Gestimmten.
+
+Und noch etwas zog die Menschen zu ihr hin: ihre Entschiedenheit. Wer
+unsicher und schwankend vor irgend einem Entscheide stand oder sich in
+verwirrten Lebensverhältnissen nicht zurecht fand, der konnte sich bei
+ihr Rat holen. Mit seltener Klarheit fühlte sie heraus, was das Richtige
+sei, und gab ihre Meinung ab, ohne sie durch ein vorsichtiges
+»einerseits, andererseits« wieder einzuschränken. Sie fürchtete nicht
+die Verantwortung eines entscheidenden Einflusses, sondern nahm diese
+auf sich und hätte ihr je einmal jemand gesagt: »Ihr Ratschlag war kein
+guter« so hätte sie das bedauert, aber nicht bereut. Sie schätzte die
+Menschen nicht hoch, von denen sie scherzend das Wort zitierte: »Ich
+sage nicht so und nicht so, dann kann man nicht sagen, ich hätte so oder
+so gesagt.«
+
+Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß sich ihre Ratschläge nicht
+bewährt hätten, denn praktisch und vorurteilslos, immer das Sittliche
+als Norm empfindend, war sie wohl geeignet, das Richtige zu treffen. Für
+alle schwankenden Naturen ist der Umgang mit einer solchen
+Persönlichkeit von größtem Werte. Manches Schicksal hat sie gelenkt,
+manchen Entschluß herbeigeführt, aber wie sie über solche
+Vertrauenssachen immer Schweigen bewahrt hat, so soll dies auch ferner
+verschwiegen bleiben. Nur die Worte einer Freundin sollen angeführt
+werden, die selbst den Wunsch geäußert hat, hier niederzulegen, was Frau
+Brater ihr war:
+
+»Sie ahnte meine Schwierigkeiten, meine inneren Kämpfe, sie wurde meine
+Beraterin, meine treue Helferin in stets sich steigernder Not. Wer weiß,
+wie ich diese ertragen hätte ohne die sichere Hilfe der
+Menschenfreundin. Ihr und ihrem energischen Eingreifen hab ich's zu
+verdanken, aus meiner lähmenden Unentschiedenheit herausgerissen worden
+zu sein. Ich kann mich in dem mehr als zwanzigjährigen Verkehr mit der
+geklärten innerlich erhabenen Freundin keiner Zeit erinnern, in der ich
+mich in großen wie in kleinen Dingen nicht durch ihre starke Stütze
+gehoben und getragen gefühlt hätte. Wie viele Menschen mag sie, die
+Starke, in ihrer Hilfssicherheit so über Wasser gehalten haben! Daß sie
+mich wegen meiner Schwäche nicht aufgab, hat mir oft zu neuem Mut und
+Selbstvertrauen verholfen. Dies danke ich ihr über ihr Grab bis zu
+meinem Grab.«
+
+Von allen, die zu Frau Brater kamen, gingen wohl nur die unbefriedigt
+von dannen, die in trivialer Klatschsucht ihre Unterhaltung suchten.
+Solchen konnte sie nichts bieten, denn von Stadtneuigkeiten wußte sie
+nicht viel, sie hatte kein Auge und Ohr dafür. Stand sie am Fenster, so
+sah sie nicht nach den Vorübergehenden, sie sah nach Wolken und Wind.
+Nahm sie die Zeitung zur Hand, so geschah es wohl in der Absicht sie
+ganz zu lesen, aber zunächst interessierte sie sich für das Politische
+und war das gelesen, so reichte meist die Kraft ihrer Augen nimmer zu
+den Lokalnachrichten. Wurden in ihrer Gegenwart nichtige Dinge des
+Langen und Breiten verhandelt, so verlor sie die Geduld, die ohnedies
+nicht ihre starke Seite war. Fing da jemand umständlich an: »Wie wir im
+August vorigen Jahres in N. waren -- oder war's schon im Juli?« dann
+konnte sie gleich die Bemerkung einwerfen: »Ganz einerlei, nur weiter!«
+Gab irgend ein Familienereignis Anlaß zu allerlei Gerede, so witterte
+sie schon Klatschsucht, die ihr in der Seele zuwider war, und sie lenkte
+ab, zwar nie in schroffer Weise, mehr mit Humor, aber immerhin deutlich.
+Übrigens wandte Frau Brater auch kleinen häuslichen Angelegenheiten ihr
+volles Interesse zu, sowie diese nicht nur als Unterhaltungsstoff
+dienten, sondern es sich darum handelte, die richtige Stellung dazu
+einzunehmen. So hielt sie es wohl der Mühe wert, trotz der schmerzenden
+Augen, ihrer Tochter Agnes gelegentlich eines Magdwechsels eingehend zu
+schreiben:
+
+»... In Beziehung auf Dein junges, neues Mägdlein habe ich die Sorge,
+daß Du sie verwöhnst, d. h. nicht gehörig abrichtest; bei Euch in
+Württemberg ist das Verhältnis zwischen Frau und Dienstmädchen im
+Durchschnitt ein wenig anders als bei uns, bei Euch betrachtet es das
+Mädchen als selbstverständlich, daß die Frau die Hausarbeit eben so gut
+kann wie sie und daß sie natürlich mit angreift, wenn das Mädchen nicht
+fertig wird, sie findet nichts Auffallendes daran, daß auch die Frau
+Magdarbeit tut. Du hast Dich nun dieser Auffassung ein wenig
+angeschlossen, Beispiel: als einmal Deine Pauline fort war, sagtest Du
+mir, daß Du in solchen Fällen immer besonders schön abspülest und die
+Küche aufräumest; bei uns würde man in solchem Falle nur das
+_Notwendigste_ tun und das Übrige für die Magd zurückstellen; Dein
+Verfahren ist nun ganz schön, vorausgesetzt, daß es das Mädchen
+_richtig_ annimmt. Pauline war ja eine pflichttreue fleißige Person, da
+war nichts Wesentliches zu fürchten, aber wenn Du nun ein so junges
+Mädchen bekommst, das sich bei Dir ihre Auffassung des Verhältnisses
+teilweise erst bildet, so mußt Du vorsichtig sein. Sie muß von der
+Überzeugung durchdrungen sein, daß diese Geschäfte für _Dich_ nicht
+passen, daß eine tüchtige Magd diese Arbeiten der Frau abnehmen muß,
+weil diese für andere Leistungen und Verhältnisse da ist. Die Gefahr,
+daß sie Dich für hochmütig oder geringschätzend hält, wirst Du nicht
+fürchten, denn diese Eigenschaften sind etwas _ganz_ anderes und wenn
+sie ihr Dienstbotenverhältnis richtig erfaßt, so wie es eben sein muß,
+Deine _Dienerin_, so wird sie auch Deine Freundlichkeiten, Rücksichten
+und Anerkennung in rechter Weise aufnehmen und sich dabei wohl fühlen.
+Das Anleiten einer Magd habe ich immer als etwas Schwieriges empfunden,
+denn wir sind dazu nicht aristokratisch genug, und wenn wir sie dann
+glücklich verwöhnt haben, ärgern wir uns doch darüber und es tut kein
+gut; rücksichtslose und bequeme Frauen machen es in _dem_ Stück wirklich
+besser...«
+
+Freundlich gestaltete sich Frau Braters Leben während der nächsten Jahre
+in ihrer stillen Würzburger Behausung. So oft sie das Bedürfnis fühlte,
+konnte sie im Hause Kerler Anregung finden und die beiden
+heranwachsenden Enkelkinder brachten ganz neue Interessen in ihr Leben.
+In ihrem Album ist dieser Periode mit den Worten gedacht: »Sie lauschet
+der Enkelin lieblichem Sang, sieht stolz auf des Enkels heroischen
+Gang.« So stand sie mitten im Leben und fand doch in ihrer kleinen
+Wohnung die Feierabendruhe, die sie täglich mit Wonne empfand. Eine
+»Zugehfrau« nahm ihr einen Teil der Hausarbeit ab. Solche Frauen stehen
+meist im harten Kampf ums Dasein, Frau Brater nahm daran warmen Anteil
+und half mancher aus schwieriger Lebenslage, denn bei ihrer rührenden
+Anspruchslosigkeit und zweckmäßigen Einteilung behielt sie immer Geld
+übrig und spendete nach allen Seiten. Es war komisch, zu beobachten, wie
+verschieden ihre pekuniären Verhältnisse beurteilt wurden: wer auf ihre
+Einfachheit und Sparsamkeit sah, der urteilte: »Eine ganz arme Frau!«
+Wer es erfuhr, daß sie einer bedrängten Familie aufhalf und es ihr dabei
+auf einen Hundertmarkschein nicht ankam, der sagte: »So gibt nur eine
+sehr reiche Frau.« Beides war nicht richtig. Reich war sie, wenn man
+reich jeden heißt, der mehr hat als er braucht, aber sie brauchte für
+sich weniger als wohl die meisten ihres Standes. Sie blieb bei der alten
+Gewohnheit höchster Einfachheit, auch noch nachdem sie durch den Tod des
+treuen Familienonkels Meynier in bessere Verhältnisse gekommen war, denn
+es freute sie beides gleich sehr, das Sparen und das Geben und das
+letztere wurde durch das erstere möglich. Es mögen wohl die meisten
+deutschen Hausfrauen sparen, aber vielleicht wenige so durchgehend, wie
+sie es tat. Wer Frau Braters System in ihrem kleinen Miniaturhaushalt
+beobachtete, der konnte im Punkte praktischer Einteilung gewiß immer
+noch etwas dazu lernen. So z. B. die Ausnützung der Wärme. Wärmeverlust
+konnte sie nicht mit ansehen. Hatte sie einen Topf voll Milch
+abgekocht, so war ihr der Gedanke ärgerlich, daß nun die Wärme dieser
+achtziggradigen Milch nutzlos verloren gehen sollte. Also wurde dieser
+Topf mit Milch schnell in eine Schüssel mit kaltem Wasser gestellt und
+der Moment abgepaßt, da die Temperatur der Milch sich mit der des
+Wassers ausgeglichen hatte und in diesem, ohne jeglichen Verbrauch von
+Brennmaterial erwärmten Wasser wurde das Frühstücksgeschirr
+aufgewaschen. Die Befriedigung lag dann nicht sowohl in dem ersparten
+Pfennig als in dem schön durchgeführten Prinzip der rationellen
+Wärmeverwertung.
+
+Es hat wohl keine Wohnung gegeben, in der, wenn Frau Brater darin gelebt
+hatte, die Öfen nachher noch ebenso aussahen wie vorher. Irgend etwas
+Unzweckmäßiges konnte sie da nicht dulden. Rauch und Ruß durften nicht
+vorkommen, ihre Öfen mußten, ohne geputzt zu werden, den Winter durch
+aushalten, ebensowenig durfte aber die Wärme zu rasch abgehen, sie
+wollte nicht »den Weltenraum heizen«. Auch eine gute Backröhre ließ sie
+sich in jeder Wohnung einrichten. So war denn auch ein begabter Häfner
+das Ideal, nach dem sie immer strebte und oft genug sagte sie, es sollte
+niemand Häfner werden dürfen, der nicht Physik studiert hat! Hatte sie
+nun so einen Handwerksmann, der eben nicht Physiker war, berufen, so
+wich sie ihm nicht von der Seite und wollte er zuerst mit einem kühlen
+»ich weiß schon« oder »so macht man's immer« nach gewohnter Schablone
+arbeiten, so wußte sie ihn in so eifriger und netter Weise für ihr Ideal
+zu interessieren und entschuldigte dabei ihre verständigen Wünsche auf
+so bescheidene Weise als eine bloße Liebhaberei von ihr, die er eben
+berücksichtigen möchte, daß jeder schließlich darauf einging und ihren
+Angaben folgte. Alle Handwerksleute hatten gerne mit ihr zu tun und es
+zeigte sich oft, wie anziehend eine originelle Persönlichkeit auf Leute
+jeder Gesellschaftsklasse wirkt.
+
+Wie die Wärme, so sparte Frau Brater auch andere Kräfte. Besah man sich
+genau ihre nette, in musterhafter Ordnung gehaltene Wohnung, so bemerkte
+man, daß ihre Schränke an den vorderen Füßchen kleine Holzklötzchen
+unterlegt hatten. Warum? Weil dadurch die Schranktüren von selbst die
+Neigung hatten zuzufallen und es somit nicht nötig war, sie immer mit
+dem Schlüssel zuzuschließen, was ihr als eine unzweckmäßige Zeit- und
+Kraftverschwendung erschien.
+
+Zeit, Kraft und Geld zu sparen, um solche dann reichlich zur Verfügung
+zu haben, war ihr Ideal; und wie sie im Kleinen darnach lebte, so
+wünschte sie sehnlich es auch im Großen, im Staat, durchgeführt zu
+sehen. Schlechte Finanzverhältnisse waren ihr ein Greuel, sie empfand
+solche als etwas Unmoralisches und sprach sich oft in ihrer lebhaften
+Art dagegen aus. Sie erlebte in späteren Jahren, daß der älteste Sohn
+ihres Bruders Siegfried Finanzminister in Bayern wurde. Da nun Siegfried
+schon im Elternhause derjenige gewesen war, der ihren Ordnungssinn
+geteilt, und da er später an seiner Gattin eine musterhafte Hausfrau
+gehabt hatte, so frohlockte sie, als sie hörte, daß dessen Sohn künftig
+im Staat den Haushalt führen sollte.
+
+In ihrem kleinen, rationell eingerichteten Heim fühlte sich Frau Brater
+sehr wohl, aber sie spann sich doch nicht zu sehr darin ein. Jedes Jahr
+reiste sie nach Calw, in den Schwarzwald, wo jetzt ihr Schwiegersohn
+Sapper als Gerichtsnotar angestellt war und im Sommer begleitete sie die
+Familie Kerler auf das Land. Von solch einem Aufenthalt, im
+Fichtelgebirg, schreibt sie an ihren Neffen Hermann Braun: »So etwas von
+Waldespracht sieht man nicht leicht und nach unsern Laubwäldern tritt
+einem der Charakter des Nadelwaldes wahrhaft imposant entgegen, die
+dunkle Farbe, die gemessene Bewegung; während so ein belaubter Baum im
+Winde mit seinen tausend Blättern zappelt und plaudert, wiegt so eine
+Tanne still sinnend ihr Haupt. Wir haben eine Fahrt an den Fuß des
+Schneeberges gemacht, den die Jungen und Gesunden erstiegen. Ich blieb
+mit Anna in dem unermeßlich scheinenden Walde zurück umgeben von einem
+Felsenchaos, das an einen Weltuntergang mahnte. Diese Felsen erhöhen
+allenthalben das Anziehende des Fichtelgebirges und das Herz schlägt
+ganz anders, wenn man auf einem so kantigen, glitzernden Granitbrocken
+steht als auf einem jämmerlichen Sand- oder Kalkstein, der für
+gewöhnlich die Unterlage unseres Daseins bildet.«
+
+Mit der Familie Rohmer machte Frau Brater zweimal Reisen in die
+Schweizer und Tiroler Alpen, die zu ihren schönsten Freuden gehörten.
+Nach der Heimreise von der Schweiz schrieb sie an die Familie Rohmer,
+die sich noch dort aufhielt: ».... Morgens um ½7 schon war ich in Luzern
+auf dem Wege zu den drei Linden, wo es so schön war, daß ich selbst fast
+angewurzelt wäre, denn ich konnte mich gar nicht zum Fortgehen
+entschließen. Dann sah ich den Gletschergarten! Wenn Ihr bedenkt, daß
+ich schon in meiner Jugend immer dachte, wenn ich König wäre, würde ich
+einen Sommer lang alle meine Soldaten verwenden, um einen Gletscher
+abzuräumen, damit ich sehen könnte, wie es _unter_ dem Eis aussieht --
+dann könnt Ihr Euch auch denken, wie ich nun im allerhöchsten Grade
+befriedigt bin, diese meine Neugierde gestillt zu sehen! Es ist in der
+Tat eine rechte Erweiterung der Kenntnis über die Gletschertätigkeit,
+die einem dieser Anblick verschafft, und staunend steht man hier vor
+einem Resultat, welches das Werk von wenigstens Jahr_tausenden_ zu sein
+scheint! Wahrlich, dieser Gletschergarten ist ein wahrer Glücksfund!...
+Mit dem Abendzug fuhr ich nach Schaffhausen, in Dachsen nahm ich
+schmerzerfüllt Abschied von den sonnenglänzenden, ewigen Schneebergen,
+die schon in weiter, weiter Ferne lagen, aber noch goldig
+herübergrüßten. Ich dachte Eurer und sende Euch jetzt noch meinen Dank
+für den unvergeßlichen Genuß, den Ihr mir bereitet habt, und für alle
+Eure Liebe und Freundschaft!«
+
+Noch tieferen Eindruck machte ihr die großartige Natur des
+Ortlergebietes, wohin sie auch mit Rohmer, dessen Frau und Tochter
+reiste. Sie war noch ganz erfüllt davon ein Jahr später, als ein Bild
+von Trafoi, das ihr Rohmer zuschickte, ihr die Herrlichkeit wieder vor
+Augen führte.
+
+Sie schreibt am 3. Februar.
+
+»Daß Du mir das reizende Bildchen ausgewählt hast, ist ein Zeichen, daß
+auch Du mit der gleichen unnennbaren Freude wie ich an die Herrlichkeit
+denkst, die Gott in diesem Revier ausgebreitet hat. Blumhard sagt einmal
+irgendwo: es sei ein großer, ein _Haupt_mangel, daß wir die Herrlichkeit
+Gottes so ferne liegen ließen, ich glaube, er folgerte daraus auch zum
+Teil unsere Scheu vor Tod und Jenseits, ich muß dieser Worte oft
+gedenken und das unsägliche Entzücken, das wir oft bei Eindrücken
+dieser Welt empfinden, kann ich mir nicht anders erklären, als daß durch
+sie unsere Seele eine Ahnung der Herrlichkeit ihres Schöpfers empfängt,
+wenn auch oft ganz unbewußt. Mir ist eine großartige Natur das
+Erhebendste von irdischen Dingen, Du ersiehst es daraus, daß ich schon
+bei dem kleinen Bilde wieder denken mußte: 'Dein ist das Reich und die
+Kraft und die Herrlichkeit.' Versenke Dich doch einmal wieder recht in
+die unergründliche Tiefe dieser drei Worte.... Übrigens zeigt das Bild
+den schönsten Punkt unserer gemeinsamen idealen Reise; ja wären meine
+Augen nicht gar so elend, ich glaube ich würde Euch noch einmal dahin
+überreden!«
+
+Ja diese Augen! Sie ließen sich nicht ungestraft dazu benützen, Tag für
+Tag die strahlenden Bilder der Schneeberge aufzunehmen. Sie
+verschlimmerten sich sehr am Schluß der Reise und wurden zur täglichen
+Qual.
+
+Über dieses Augenleiden berichtet in jener Zeit ihre Tochter Anna an
+Ernst Rohmer: »Der Zustand der Augen verschlimmert sich oft plötzlich
+und die Schmerzen nehmen sich dann aus wie ein heftiger Nervenschmerz
+hinter den Augen, nach einigen Stunden wird es oft wieder besser und
+verhältnismäßig erträglich. Ihr kleiner eigener Haushalt ist jetzt für
+die Mutter von größtem Wert, da er ihr die einzige für sie mögliche
+Beschäftigung liefert. Sehr wohltätig empfinden wir auch die Nähe
+unserer Wohnungen, 150 Schritte. Die Mutter ist regelmäßig von 5-10 Uhr
+abends bei uns und trotz allem spielen wir da ein Schach, das ihre Augen
+verhältnismäßig wenig anstrengt. Ich kann es nicht sagen, wie sehnlich
+ich auf Besserung hoffe, die Geduldsprüfung, die wahrlich nicht klein
+ist, wenn man auf alle Beschäftigung mit den Augen verzichten muß,
+ließe sich noch ertragen, aber die Schmerzen und die Pein sind so groß,
+daß ich ihre Fortdauer als eine schwere Prüfung ansehen würde. Die
+Mutter ist geistig so frisch und teilnehmend wie je, klagt auch nicht,
+aber man sieht ja doch wie sie leidet!« Die gehoffte Besserung stellte
+sich zeitenweise ein, aber immer wieder kamen Monate, in denen die
+Schmerzen nur in der Ruhe und Dunkelheit der Nacht vergingen und morgens
+wieder auftraten. Keiner der vielen Augenärzte, die man im Laufe der
+Jahre zuzog, konnte sie von dieser Qual befreien.
+
+»Ich sehe ganz gut,« äußerte sie oft, »aber ich kann nicht schauen, es
+ist immer, wie wenn die Augen voll Sandkörner wären.« Manchmal sagte sie
+auch: »Meine Augen sind wie in Feuer gebettet.« In späteren Jahren kam
+noch eine andere, mit dieser Empfindlichkeit nicht in Zusammenhang
+stehende Erkrankung dazu, die die Sehkraft beeinträchtigte. Wegen dieser
+neuen Erscheinung konsultierte sie nach langer Zeit wieder einen
+Augenarzt. Dieser nahm auch Notiz von der allgemeinen Empfindlichkeit
+der Augen, die ihr so viel Pein bereitete. »Seit wann sind Ihre Augen so
+empfindlich gegen das Licht?« fragte er, und als ihm das Großmütterlein
+antwortete: »Ich glaube seit meinem fünften Jahr,« da meinte er, das sei
+freilich kein frischer Fall, und gab den Gedanken an eine Behandlung
+auf. Sie erinnerte sich, daß es ihr schon im ersten Schuljahr eine Pein
+war, die Lehrerin anzusehen, weil deren Gestalt sich von einer
+weißgetünchten Wand abhob. Aber sie klagte darüber so wenig wie andere
+Menschen sich beschweren, daß es sie blendet, wenn sie direkt in die
+Sonne sehen. Sie wuchs auf in der Meinung, daß Schauen eine Anstrengung
+sei. So von jeher abgehärtet gegen diese peinliche Empfindung, brachte
+sie auch in diesen schlimmen Jahren noch manchen eigenhändigen Brief
+zustande, denn sie entschloß sich immer ungern zum Diktieren, sie hatte
+das tiefe Bedürfnis, mit ihren Lieben in der Ferne in Beziehung zu
+bleiben und auch mit der heranwachsenden Generation in Verbindung zu
+treten. So schrieb sie an ihren Enkel, Karl Sapper, der ihr als
+Lateinschüler zu Weihnachten einen geschichtlichen Aufsatz gemacht
+hatte:
+
+ _Mein lieber Karl!_
+
+ »Welche Überraschung und Freude hast Du mir gemacht! Das war ja
+ eine große Arbeit, da sehe ich nun schon, daß Du mich lieb hast,
+ weil Du Dir so viele Mühe gemacht hast! Der Aufsatz ist mir sehr
+ nützlich, denn wenn man älter wird, vergißt man gar vieles, nun
+ habe ich wenigstens den dreißigjährigen Krieg schön
+ übersichtlich beisammen; wenn ich nun etwas nimmer recht weiß,
+ darf ich nur Dein Heft aufschlagen.
+
+ Vielleicht kommst Du einmal nach Erlangen und Nürnberg, zwischen
+ diesen beiden Städten hatte Wallenstein auch einmal ein großes
+ Lager, da steht noch ein Turm, man nennt ihn 'die alte Feste',
+ von da aus hat Wallenstein sein Lager überblickt, da darfst Du
+ dann hinaufsteigen und zu denselben Luken hinaussehen, wo
+ Wallenstein auch hinausgeschaut hat, aber wahrscheinlich nicht
+ so leichten Herzens als Du; wenn Du dann das weite, weite Feld,
+ wo seine Soldaten lagerten, genugsam überblickt hast, dann
+ steigt man wieder herunter und unten beim Turm steht ein
+ gemütliches Wirtshäuslein, da gibt's gutes Bier und Kaffee
+ u. s. w., was man sich dann ohne Angst vor dem Totschießen gut
+ schmecken lassen kann. Also wollen wir sehen, ob wir einmal
+ miteinander da hinaufkommen?...«
+
+Im Sommer des Jahres 1895 tritt eine weitere Korrespondentin zu den
+seitherigen, ein neues Familienglied ist zu begrüßen. Der Neffe Wilhelm
+Pfaff, wohlangestellter Ingenieur, teilte der Tante seine Verlobung mit,
+und noch am selben Tage schreibt sie der Braut, um sie willkommen zu
+heißen, tut es mit den großen Buchstaben, die dem Eingeweihten zeigen,
+daß die Augen kaum parieren wollen. »Sie wissen ja wohl,« schreibt sie,
+»daß Wilhelm mir näher steht, als dies gewöhnlich zwischen Tante und
+Neffe der Fall ist; sein Leben hat sich ja von seinem ersten Jahre an
+unter meiner Sorge und Teilnahme entwickelt und nun ist mein
+langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: er hat sich eine liebe Braut
+gewählt!«
+
+Da die neue Nichte und ihre Tante beide offene Naturen waren, so kam
+zwischen ihnen schon im zweiten Briefe zur Sprache, was allein bei
+dieser Verbindung zu bedauern war, die Verschiedenheit der Konfession,
+die Braut gehörte der katholischen Kirche an. Frau Brater schrieb ihr:
+»Dein lieber Brief hat mich sehr gefreut, ich sehe daraus, daß Du Deinem
+Wilhelm mit großer Liebe zugetan bist, sein Wesen verstehst und zu
+schätzen weißt, und da er Dir ja die gleiche Liebe und das gleiche
+Vertrauen entgegenbringt, freue ich mich von Herzen dieser
+Gemeinsamkeit, die ein so schönes Glück verbürgt. Daß diese
+Gemeinsamkeit sich nicht auch auf die Kirche erstreckt, der Ihr beide
+angehört, erregt in unserer Familie natürlich das gleiche Bedauern wie
+wohl auch in der Deinigen, ich wollte das in meinem ersten Brief an Dich
+nicht gleich erwähnen, damit Du nicht zweifeln solltest, daß wir das
+Bedürfnis haben, Dich als liebes Familienglied ins Herz zu schließen,
+denn neben der äußern Verschiedenheit der Religion bleibt ja doch in der
+Hauptsache und im _tiefsten_ Grunde die Gleichheit, wir beten gemeinsam
+zu unserm Vater im Himmel, als dessen Kinder wir uns fühlen, und unser
+gemeinsames Ziel des Lebens ist die ewige Heimat bei Ihm! So müßt Ihr
+nur recht festhalten an dem, was Euch auch hierin verbindet, denkt nur
+an den Spruch, der uns ja allen gesagt ist: 'Selig sind die reines
+Herzens sind, denn sie werden Gott schauen' ... dann wird es Euch
+gelingen, die Religion nicht als eine Scheidewand zu empfinden, sondern
+als den Weg, den jedes in seiner Weise geht, um sich dieses reine Herze
+zu erringen.«
+
+Durch dieses offene Aussprechen wurde auch zwischen Tante und Nichte die
+Verschiedenheit der Konfession nicht eine Scheidewand, sondern fast im
+Gegenteil eine Verbindung, insofern sie Anlaß gab, sehr bald von der
+Oberfläche in die Tiefe zu gehen und da gemeinsame Interessen
+aufzusuchen. Im Februar 1896 war die Hochzeit, unmittelbar vorher
+schreibt Frau Brater:
+
+ »_Liebes Brautpaar!_
+
+ Noch vor Torschluß möchte ich Euch als solches begrüßen und Euch
+ meines Andenkens versichern ... ich bin mit tief empfundenen
+ Glückwünschen bei Euch und es ist mir, als ob ich sie auch im
+ Namen Deines mir so unsäglich teueren Vaters ausspräche, lieber
+ Wilhelm.
+
+ Als ich mich verlobte, sagte mein lieber Mann zu mir: 'wir
+ wollen nie die Sonne untergehen lassen, ohne daß alles klar und
+ rein zwischen uns ist', dieses möchte ich nun Euch anraten und
+ Ihr werdet gut dabei fahren, ich glaube auch, daß das Euren
+ beiderseitigen Naturen nicht besonders schwer wird, aber dennoch
+ hat man manchmal etwas auf dem Herzen, was man nicht _gerne_
+ sagt, aber sagt Euch nur immer alles und alles und seid Euch
+ zwei gute Kameraden auf dem Lebenswege.
+
+ Ich schließe, habe gar zu schlechte Augen! Also Glück auf!!«
+
+Bald wurde das Band zwischen Tante und Nichte ein inniges und von nun an
+wurden Briefe mannigfaltigsten Inhaltes getauscht, aus denen der neuen
+Verwandten bald das charakteristische Bild Frau Braters entgegentrat,
+denn die Briefe zeigten freundlichen Humor und tiefen Ernst, gaben
+praktische Hausfrauenwinke und religiös-philosophische Gedanken, und das
+alles hervorgehend aus dem warmen Bedürfnisse, dem andern Liebe zu
+erweisen, indem man ihm vorwärts hilft; dabei ist ihr kein Mittel zu
+unscheinbar, ein gutes heimatliches Klößrezept muß der jungen Hausfrau
+ebensowohl geschrieben werden wie der Titel einer religiösen Broschüre,
+mit der dringenden Aufforderung, sie zu lesen.
+
+Während von dieser Seite Frau Braters Leben bereichert wurde, drohte von
+anderer Seite eine Verarmung. Sie schreibt an die Familie Kraz in
+Stuttgart am 12. April 96:
+
+ »_Meine Lieben!_
+
+ ... Ich wollte erst einen Anflug von Besserung abwarten, ehe ich
+ Euch mitteilte, daß Berta am Typhus schwer erkrankt ist... Das
+ Fieber trat gleich in voller Heftigkeit auf (40-41°),
+ infolgedessen schon am fünften Tag solche Herzschwäche, daß wir
+ glaubten, schon im Angesicht des Todes zu stehen. Dann ließ sich
+ das Fieber einige Zeit herabdrücken, und das Herz durch
+ Digitalis- und Kampfereinspritzungen zu seiner Tätigkeit
+ antreiben. Seit gestern ist nun eine leichte
+ Rippenfellentzündung hinzugetreten und wir hatten die
+ sorgenvollsten Stunden mit Atemnot und Herzschwäche ....
+
+ Ihr könnt Euch denken, wie uns zumute ist, es ist mir, als ob
+ wir ohne dies teure Leben ganz ohne Sonnenschein leben müßten.
+ Anna hält sich tapfer in diesem Kummer, stellt ihr Anliegen in
+ Gottes treue Vaterhand. Die Pflege ist mühsam und schwer, da sie
+ selbst sich _gar_ nicht bewegen soll, wegen des Herzens, aber
+ sie ist eine geduldige Kranke und hat in leichten Stunden stets
+ ein freundliches Wort für uns. Sie ist ganz klar.«
+
+Zehn Tage später an Agnes: »Wir haben seit den Tagen, wo eine scheinbare
+Besserung eingetreten war, wieder viel Sorge gehabt..... Mut und Geduld
+unserer teuren Kranken ist auf harter Probe, denn der Zustand wird
+peinlicher mit der zunehmenden Körperschwäche, sie hat bei der Berührung
+und Bewegung große Schmerzen. Sie hält trotzdem an ihrer heitern Art
+fest. Heute sagte Dietrich zu ihr: 'wenn du wieder gesund bist, dann
+darfst du dir einen Landaufenthalt wählen, wo du willst, und ich bringe
+dich hin', da erwiderte sie mit heiterem Lächeln: 'Vater, ich will dich
+nicht ausbeuten, jetzt wo dein Herz weich ist', und später sagte sie:
+'Mutter, ich war elend nobel gegen den Vater'... Was für peinliche
+Nächte auch ich drüben in meiner Abgeschiedenheit habe, kannst Du Dir
+denken.«
+
+Die Herzschwäche wurde so groß, daß die Kranke mehr als einmal in
+unmittelbarer Todesgefahr schwebte, und manchen Abend verließ die
+Großmutter das Haus mit der bangen Sorge, daß sie am nächsten Morgen die
+geliebte Enkelin nimmer am Leben treffen würde. Und dennoch siegte das
+Leben. Frau Brater sprach es oftmals aus, daß sie den Eindruck bekommen
+habe, ein Mensch mit weniger energischem Lebenswillen wäre dieser
+Krankheit erlegen. Auf der Höhe des Fiebers hatte die Kranke gesagt:
+Phantasiert wird nicht und gestorben wird nicht! und sie behielt in der
+Tat immer das Bewußtsein. Für Frau Brater, die den Willen des Menschen
+so hoch anschlug, die bei aller Erziehung, ja auch bei der
+Selbsterziehung zur Religion, sich immer bemühte, den Willen in Bewegung
+zu setzen, für sie war dies eine Lebenserfahrung, die sie viel
+beschäftigte. Vor allem aber empfand sie eine unbeschreibliche Freude,
+als die Macht des Fiebers endlich gebrochen war und die Kranke
+allmählich der Genesung entgegenging. Freilich wollte es nun für die
+Geduld der Großmutter etwas zu langsam vorwärts gehen und ihrem Naturell
+erschien die große Vorsicht übertrieben, die Ärzte und Pflegerinnen
+anwandten, um ganz sicher vor einem Rückfall zu sein. Frau Brater war
+jederzeit die beste und teilnehmendste Pflegerin für Schwerkranke, sowie
+für solche, die Schmerzen litten. Sobald aber Gefahr und Schmerzen
+vorbei waren und es sich nur darum handelte, Empfindliche zu schonen,
+Schwache zu berücksichtigen, so ging das gegen ihre Natur und zugleich
+gegen ihr pädagogisches Gefühl, das sofort eine Verwöhnung des
+Rekonvaleszenten fürchtete. Mit einem ungeduldigen »ach was macht ihr
+für Umstände« lehnte sie die Teilnahme an weitgehender Schonung ab oder
+willfahrte nur mit Verleugnung ihrer eigenen Grundsätze. Daß ein kaltes
+Lüftchen der kränklichen Lunge, daß eine nicht durch das Haarsieb
+getriebene Speise dem Magen schaden könne, dies zu glauben war sie nicht
+geneigt. So wäre sie auch nie die geeignete Pflegerin für Gemütskranke
+oder Hysterische gewesen, denn sie neigte zu der Ansicht, daß man solche
+Menschen wohl dazu bringen könne, sich mit eigener Willenskraft wieder
+aufzurütteln, und so erschien ihr in solchen Fällen eingehende Teilnahme
+und Pflege nur schädlich. Sie war sich dessen bewußt und sagte manchmal:
+»Ich bin nur froh, daß kein Gemütsleidender in unserer Familie ist, der
+hätte es bei mir nicht gut.« Ihre selbstlose Güte kam da in Konflikt mit
+dem, was tief in ihrem Wesen lag, das Bedürfnis, die Menschen nicht
+durch Guttaten zu verwöhnen, sondern das Gute in ihnen zu fördern und zu
+stärken.
+
+An Ostern war ihre geliebte Enkelin wie eine Sterbende im stillen
+Krankenzimmer gelegen, am 28. Mai saß sie, wenn auch noch zart und
+spitz, doch wieder in aufblühender Gesundheit an der festlichen Tafel,
+an der die silberne Hochzeit ihrer Eltern gefeiert wurde.
+
+
+
+
+XVI.
+
+1896-1907
+
+
+Auf die fröhliche Feier der silbernen Hochzeit folgte im nächsten Jahre
+die von Frau Braters siebzigstem Geburtstag. Es fand sich nur die
+jüngere Generation dazu ein, denn von den Altersgenossen waren nur noch
+wenige am Leben. In den neunziger Jahren hatte sie viele zu betrauern,
+sie verlor den letzten Bruder, Heinrich Kraz, ihre Schwägerin Julie
+Brater, den Schwager Sartorius und den alten, treuen Familienfreund
+Ernst Rohmer. Dieser schrieb ihr noch aus seiner letzten schweren
+Leidenszeit die ergreifenden Worte:
+
+ »_Liebe Pauline!_
+
+ Da ich gerade eine erträgliche Stunde habe, drängt es mich, Dir
+ zu sagen, wie tief mich Deine so innig teilnehmenden Zeilen
+ gerührt haben und wie dankbar ich für Deine treue Anteilnahme
+ bin. Ich bin jetzt bald vier Monate in der Trübsalshitze, zum
+ Skelett abgemagert, ein erprobter Hungerkünstler und eine
+ medizinische Rarität.... Ich bezweifle, daß eine Änderung
+ eintritt, und werde wohl so nach und nach aushungern. Nun wie
+ Gott will!..... Wieviel Gutes hat Er mir zuteil werden lassen,
+ auch jetzt eine allseitige rührende Teilnahme! Herzlichst und
+ dankbarst grüßt Dich Dein alter Freund und Vetter
+
+ #E. R.«#
+
+In diesen Jahren, da sie eine Trauerbotschaft nach der andern erhielt,
+gedachte Frau Brater oft eines Verses aus ihrer Mutter Stammbuch:
+
+ Mein Baum war schattendicht.
+ O Herbstwind, komm und zeige,
+ indem du ihn entlaubst,
+ den Himmel durch die Zweige.
+
+Einmal glaubte sie selbst schon am Ziel ihrer Wanderung zu sein. Sie
+wurde, während sie in Calw bei der Tochter zu Besuch war, von einer
+heftigen Lungenentzündung befallen. An dieser Krankheit war ihre Mutter
+gestorben und sie zweifelte nicht, daß es bei ihr den gleichen Ausgang
+nehmen würde. Aber schon nach wenigen Tagen trat eine Krisis ein und die
+Siebzigerin erholte sich von der Krankheit so, daß auch nicht eine Spur
+zurückblieb. Aber sie konnte sich gar nicht gleich darein finden. Als
+sie zum erstenmal wieder das Bett verlassen durfte und Kinder und Enkel
+sich darüber freuten, sagte sie: »Ich habe gemeint, ich dürfte jetzt
+abschließen, und war so dankbar, daß es mir leicht werden sollte und nun
+soll ich noch einmal frisch anfangen?« Nach sechs Wochen konnte sie
+wieder heim reisen und ihre Lieben in Würzburg sorgten dafür, daß sie
+empfand, wie teuer ihr Leben ihnen noch war. Aber in den folgenden
+Jahren traten allerlei Altersbeschwerden auf, die es allmählich
+untunlich erscheinen ließen, daß sie ferner für sich ganz allein wohnte.
+Und doch konnte sie sich nicht entschließen, jemand zu sich zu nehmen
+oder zu ihren Kindern zu ziehen, weil ihr damit die Besorgung ihres
+Haushaltes, die einzige Beschäftigung, die ihre Augen gestatteten,
+abgeschnitten war. Sie schreibt an Lina Sartorius: »Ich wäre so dankbar,
+wenn ich mein einfaches Stilleben noch eine Zeitlang weiterführen könnte
+und keine Hilfe brauchte. In letzter Zeit war ich in dieser Hinsicht oft
+zaghaft und fürchtete, meine alte baufällige Hütte wolle sich nimmer
+recht stützen lassen. Die Leberbeschwerden ließen mich zu keiner
+Kräftigung kommen .... so vergingen mir die Tage öde und miserabel und
+dabei traurig im Gefühl, wie sehr es mir noch an freudiger Ergebung in
+Gottes Willen fehlt.«
+
+Die Frage über ihre künftige Lebenseinrichtung fand eine unverhoffte
+Lösung durch einen neuen Trauerfall. Schon seit zwei Jahren wankte die
+Gesundheit ihres Schwiegersohnes Sapper und im September 1898 erhielt
+sie die Nachricht von dessen Tod. Zunächst waren ihre Gedanken ganz und
+ausschließlich von der Teilnahme für ihre verwitwete Tochter und deren
+drei Kinder erfüllt und mit dankbaren Worten gedenkt sie des treuen
+Schwiegersohnes, der sie jedes Jahr mit der herzlichsten
+Gastfreundschaft aufgenommen hatte und immer darauf bedacht war, durch
+Ausflüge in die schöne Umgebung ihrem Aufenthalte noch besonderen Reiz
+zu verleihen. »Eine durch und durch noble Natur« nennt sie ihn.
+
+Aber wenn sie auch die Trauer der Tochter verstand und teilte, so mahnte
+sie doch die Verwitwete: »Denke nicht, daß die Erweisung von Treue und
+Liebe _darin_ besteht, daß man sich ganz und ausschließlich der einen
+Empfindung der Trauer hingibt, o nein, Liebe und Treue erweisen sich in
+der _Dauer_, in der Unwandelbarkeit, gönne Dir und Deinen Kindern auch
+eine fröhliche und heitere Stunde, wenn sie sich ergibt, das Gemüt kann
+dafür empfänglich sein, auch zwischen den betrübten Stunden.« Durch ihre
+schlimmen Augen am Schreiben gehemmt, schrieb sie schmerzlich bedauernd
+der Tochter: »Bei allen Menschen wollte ich mich noch gerne zum
+Diktieren herbeilassen, obwohl es mir überall schwer fällt -- wenn ich
+nur _Dir_ selbst schreiben könnte. Das Beste, was man sich zu sagen hat,
+geht eben doch nur direkt von Herz zu Herzen, nicht nur durch ein Medium
+hindurch, aber ich gebe mich wenigstens der Hoffnung hin, daß Du die
+Unvollkommenheit des Diktierens zu ergänzen weißt.«
+
+Bald nach dem Tode des Schwiegersohnes tauchte der Plan auf, daß die
+Tochter mit ihren Kindern nach Würzburg ziehen und die Mutter zu sich
+nehmen solle. »Diese Lösung«, schreibt Frau Brater, »erscheint mir als
+ein _großes_ Glück für mich, aber natürlich nur dann, wenn ich von der
+Überzeugung durchdrungen sein kann, Du würdest diese Wahl des Ortes auch
+in Rücksicht für Dich und Deine Kinder treffen, denn auf mich, deren
+Jahre doch gezählt sind, darf man nichts bauen, da würde ich mich ja gar
+nicht zu sterben trauen.«
+
+Die Tochter und ihre drei erwachsenen Kinder, die sich nicht so leicht
+entschließen konnten, die alte Heimat zu verlassen, machten den
+Vorschlag, erst im Herbste zu übersiedeln. Traurig darüber schreibt Frau
+Brater: »Das ist fast noch ein Jahr! Ein Jahr ist lang für mich, ich
+möchte Euch doch selbst noch helfen eingewöhnen, Euch mit meinen
+hiesigen Freunden bekannt machen, wer weiß, wie lang ich es noch
+vermag.« Daraufhin wurde ein früherer Termin festgesetzt und im April
+übersiedelte die Tochter mit den zwei eben erwachsenen Enkeltöchtern,
+wieder eine Anna und Agnes, nach Würzburg, während der Sohn als Vikar in
+Württemberg Stellung nahm und nur als Gast in der gemeinsamen Würzburger
+Haushaltung erschien.
+
+So zog denn Frau Brater -- zum letztenmal -- aus. Im »Zwinger« war eine
+freundliche Wohnung mit dem Blick in Gärten und Anlagen gefunden worden
+und es war die höchste Zeit, daß die Alleinstehende Anschluß fand, denn
+schon den Umzug konnte sie kaum mehr bewerkstelligen wegen der
+schmerzhaften Leberbeschwerden, die einige Wochen lang anhielten, und
+noch im gleichen Jahre wurde sie von einem, wenn auch ganz leichten
+Schlaganfall heimgesucht, der ihr zwar nicht einmal für einen Moment das
+Bewußtsein raubte, aber ihr doch dauernd das Gehen erschwerte. So
+erkannte sie voll Dankbarkeit an, daß sie nun geborgen und versorgt war,
+umgeben von denen, die sie von ganzem Herzen liebten, und doch nicht
+getrennt von der Familie Kerler, an deren täglichem Verkehr sie ihre
+Herzensfreude hatte. Wer da kam, pries es als glücklichen Umstand, daß
+eben jetzt, wo sie nicht mehr selbst für sich sorgen konnte, andere
+Hände für sie frei geworden waren und sie stimmte dankbar ein in diesen
+Preis. Aber dennoch, und wenn sie es gar niemandem sagen und sich selbst
+nicht eingestehen mochte, dennoch wollte es ihr nicht gelingen, sich so
+glücklich zu fühlen, wie sie es vorher in ihrer Selbständigkeit gewesen
+war. Mit dem Augenblick, wo sie nichts mehr zu tun hatte, wo andere für
+sie sorgten und der Tag keine Arbeit mehr für sie brachte, schien ihr
+das Leben keinen Zweck mehr zu haben. Sie konnte sich ja in guten
+Stunden wohl noch ein wenig beschäftigen, aber wenn ihr die Enkelin auch
+mit freundlicher Bitte um Hilfe ein kleines Küchengeschäft
+hereinbrachte, die Großmutter durchschaute doch, warum es geschah.
+Merkwürdig, aber gewiß wahr ist es, daß keine Liebe und Fürsorge, keine
+Unterhaltung, kein Spiel, kein Vorlesen ihr ersetzen konnte, was man
+doch als ein so bescheidenes Glück betrachten möchte: die eigene
+Tätigkeit im selbständigen Haushalt.
+
+Aber was wir hier feststellen, wollte sie nicht Wort's haben, es wäre
+ihr als größter Undank erschienen und sie kämpfte an gegen dieses innere
+Unbefriedigtsein täglich und durch Jahre hindurch. Auch brachte jeder
+Tag solche Stunden, in denen sie sich behaglich fühlte, vor allem dann,
+wenn auch die Hausgenossen nichts arbeiteten, wenn man bei Tisch oder
+abends beim Lampenlicht saß und etwa ein Spiel machte und vor allem
+_die_ Stunden oder besser Viertelstunden, wenn die Augen ihr
+gestatteten, ein wenig selbst in die Bücher zu blicken, die sie gerade
+am meisten beschäftigten. Zu diesen gehörten vor allem die Schriften von
+#Dr.# Johannes Müller.
+
+Sie hatte dessen Vorträge gehört, die sie mächtig ergriffen und hielt
+seitdem die von ihm herausgegebenen »Blätter zur Pflege persönlichen
+Lebens«. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es
+rätselhaft, daß eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich
+erfassen könne. Das Rätsel war aber sehr einfach zu lösen; in diesen
+Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar
+ausgesprochen, was sie dunkel gefühlt hatte. Wer Müllers Schriften
+aufschlägt, trifft auf die Worte »Persönliches Leben«, »Ursprünglichkeit«.
+-- »Persönliches Leben« war ihr eigenes Leben gewesen, »Ursprünglichkeit«
+ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe Überzeugung, daß der Glaube an
+Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen müsse,
+oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Müllers Heften zu
+lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch
+unsympathisch, aber sie ließ solches ruhig beiseite oder ging auch
+leicht über einzelne Aussprüche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg
+mit der Bemerkung: »Er meint das ganz anders, als es dasteht.« Aber jene
+Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, ließ sie sich von
+Kindern, Enkeln und Gästen, die sie besuchten, immer wieder vorlesen.
+Zwar solchen gegenüber, die befriedigt in der alten Auffassung des
+Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche
+Bücher ferne und pries sie glücklich, wenn sie nur einen _lebendigen_
+Glauben zeigten. Hingegen drängte es sie, allen, die von Zweifeln
+umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenüberstanden, das
+mitzuteilen, was ihrem eigenen religiösen Bedürfnisse so sehr entsprach.
+Solche mußten wohl oder übel Müllers Schriften lesen, sonst konnten sie
+nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: »Sage mir
+doch, ob Du die Müllerschen Hefte fortgesetzt _nicht_ liesest? ob Ihr
+_alle_ so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu
+für Eueresgleichen wie gemacht, denn Müller ist ja förmlich ein Apostel
+der Freiheit und Selbständigkeit und auch mit Deinem besten Willen
+kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr
+als irgend einer und ich lebe förmlich in seinen Gedanken, je mehr ich
+sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er führt in die
+unmittelbare Gottesnähe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das
+soeben erschienene vierte hat wieder Großartiges und Ergreifendes.«
+
+Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, mußten mindestens erfahren,
+wie viel für sie die in den »Grünen Heften« niedergelegte Auffassung
+war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: »Müller ist
+absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens
+gehend.« An ihre Nichten Kraz: »Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des
+vierten grünen Heftes mit dem Artikel: 'Warum ist das Leiden in der
+Welt'; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser
+Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner
+Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem
+einzelnen. Dieser Artikel über das Leiden ist zum Eckstein meiner
+Lebensanschauung geworden.«
+
+Jahrelang lag auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Lehnstuhl eines jener
+grünen Hefte und sie griff darnach, wenn es still um sie war. Wollten
+ihr die Augen auch nur zehn Minuten des Lesens ermöglichen, so hatte sie
+doch wieder Gedanken geschöpft, die sie erhoben über das körperliche
+Elend, Gedanken, die sich in Seelenkräfte verwandelten, in Geduld und
+Liebe. Es kam vor, daß Frau Brater mutlos über sich selbst klagte und
+meinte: ach der Mensch bleibt doch immer der gleiche, all sein Arbeiten
+an sich selbst hilft nichts, wer lieblos und ungeduldig ist, der wird
+einmal nicht liebevoll und geduldig. Aber sie bewies ganz augenfällig
+das Gegenteil. Stets hatte sie etwas Friedliches, Geduldiges, wenn sie
+sich versenkt hatte in göttliche Gedanken, und dieses liebevolle Wesen
+war um so gewinnender, als es einen Sieg bedeutete über die Ungeduld,
+die das tatenlose Dasein in ihr erwecken wollte. Hätte sie nicht ihr
+ganzes Leben hindurch Selbstbeherrschung geübt, so wäre sie mit dieser
+schweren Prüfung nicht fertig geworden. Gewiß wird man jedem Menschen
+bis in sein Alter die Fehler anmerken, zu denen seine Natur neigt, aber
+bei dem, der dies Unkraut wuchern läßt, wird es immer störender
+hervortreten, hingegen bei dem, der dagegen ankämpft, wird es nie die
+edeln Blüten seines Wesens verdecken oder ersticken.
+
+Deutlich erkennen wir das Ringen nach Geduld und Ergebung in ihren
+Briefen an Nahestehende, so an Luise Hecker: »... Bei mir geht es leider
+stets merklich abwärts ... es will mich das oft recht bedrücken, aber
+ich sage mir: dies ist nun deine letzte Aufgabe, die Beschwerden des
+Alters fröhlichen und dankbaren Herzens hinnehmen zu lernen, freilich
+bilde ich mir ein, es würde mir leicht werden, wenn ich nur _lesen_
+könnte, mich erheben an dem Geist anderer, wenn der eigene flügellahm
+ist, aber gerade dies soll eben nicht sein; oft stehe ich an meinem
+Bücherschrank, da stehen die Bücher, besonders die naturwissenschaftlichen,
+die schauen mich an wie teure Verstorbene und das Herz tut mir weh...«
+
+An Lina Sartorius schreibt sie, nachdem diese alte, treue Freundin sie
+wieder besucht hatte, eigenhändig mit zitternder Hand: »Dies Blatt soll
+nur ein Gruß sein, es gibt ja bei mir nichts anderes mehr, aber ein
+schöner Dank für Deine stete Freundlichkeit, die Du auch meinem
+ungeduldigen Wesen gegenüber stets bewährst, dieses ist mein großer
+Fehler, und wenngleich Du mir jetzt vielleicht eine Schmeichelei sagen
+würdest, so sage ich: _schweige_, denn es ist ja leider _zu_ wahr.
+Wollen wir eben beide fleißig in Müller studieren und Fortschritte
+machen und dabei aneinander denken und zwar in alter Liebe und Treue.«
+
+... »Ich denke mit Freude daran, daß Dich das neue Jahr zu uns führen
+wird, Gott gebe uns ein fröhliches Wiedersehen! mein Befinden geht stets
+ein wenig abwärts, ist aber doch noch recht erträglich, um das, was etwa
+noch kommt, wollen wir uns nicht ohne Not grämen, Du sagst es ja auch.
+Mein Enkel Karl hat mir schon mehrfach zu Geburtstag oder dergleichen
+kleine Arbeiten gemacht, heuer eine Disposition zu dem Müllerschen
+Artikel 'Was ist Wahrheit', es hilft mir dies sehr zur Erfassung des
+Ganzen, interessiert es Dich, so schicke ich Dir's einmal....« »Liebe
+Lina! treue Korrespondentin, Dank für Deinen Brief! vielleicht sehen wir
+uns doch noch in diesem Jahr, d. h. vielleicht kannst Du doch noch
+kommen; ich freue mich sehr auf Eugenie, unsere Vermittlerin. -- Das
+Buch, das ich mit Dir lesen wollte, heißt: Der Deutsche und sein
+Vaterland von Gurlitt, _sehr_ interessant, würde Euch _alle_
+befriedigen, besonders eine Rektorin a. D., wie Du bist.... Meine Hand
+versagt den Dienst, deshalb: behüt Dich Gott!
+
+Lies doch das Müllersche Heft Bd. 6 Heft 2 'Der Mensch Jesus Christus',
+mir ein Glück, eine Erlösung, d. h. wahre Befriedigung. _Langsam_ lesen,
+viel Zeit dazu nehmen!«
+
+»Inzwischen ist nun wieder ein Brief von Dir, Du treue Seele,
+eingetroffen, aber ... ich muß recht entschieden das Lob zurückweisen,
+das Du meiner 'Ergebung und Geduld' spendest, ich habe es ja in der Tat
+so gut wie nicht viele Menschen, bin umgeben von Liebe und Teilnahme,
+_muß_ nicht mehr leisten, als ich gut kann, und doch will mich das
+Entbehren durch meine Augen und jetzt schwachen Beine etc. oft ganz
+mißmutig und gedrückt machen, so daß ich oft denke, es geschähe mir
+recht, wenn es noch viel schlimmer käme.« »Mein Leben, zwischen Bett und
+Lehnstuhl sich abwickelnd, ist doch nicht öde und ich bin so dankbar,
+daß ich wenig Schmerzen habe und mein täglich Brot nicht _verdienen_
+muß. In Gedanken bin ich oft bei Dir und allen denen, die auch wir beide
+gemeinsam lieben...«
+
+»Wir sind eben jetzt zwei alte Kracherinnen und werden erst im Himmel
+wieder lustig miteinander herumspringen.«
+
+Jedes Jahr kam die alte, treue Freundin zu Besuch und immer inniger
+fühlten sie sich zusammengehörig, je mehr das Häuflein der
+Jugendgenossen zusammenschmolz. Rührend war es, die den Achtzigern
+nahestehenden Frauen in ihrem stets heiteren und doch so tiefgründigen
+Verkehr zu beobachten. Wieder war für das Frühjahr 1905 ein Besuch
+geplant, da kam im Januar die Nachricht, daß die Freundin schwer an
+Lungenentzündung erkrankt war. Frau Brater schickte ihr ein letztes
+eigenhändiges Briefchen:
+
+ _Liebe Lina!_
+
+ »Ich sitze bei Dir am Bett, mache mit Dir in Liebe und Treue die
+ schweren Stunden durch, in denen Du jetzt leidest und wo Du mir
+ stets ein Vorbild gewesen bist. Gar manche nächtliche Stunde bin
+ ich bei Dir und Deinen Kindern und ich weiß, _wie_ wir in
+ Gedanken verbunden sind und zusammenhängen. Wie sehr wünsche
+ ich Dir gute Besserung und eine getroste, friedvolle Zeit, wie
+ dankbar wollen wir miteinander dafür sein, schreibe Du mir bald,
+ ich will nur Deine liebe Schrift sehen, nur zwei Worte; liebe
+ alte, Getreue, Du begreifst, wie dringend ich jetzt auf gute
+ Nachricht hoffe, und freue mich unsäglich, bis die
+ Prüfungsstunden überstanden sind! Bis dahin in innigem Gedanken
+ und guten Wünschen aus voller Seele Deine alte Pauline.
+
+ An Ernst und vor allem an Eugenie von Herzen Gruß.«
+
+Dies war der letzte Gruß einer fast siebzigjährigen Freundschaft, denn
+die ersehnten zwei Worte der lieben Handschrift kamen nimmer, am
+1. Februar starb die Jugendfreundin.
+
+»Vorausgegangen«, in diesem Worte lag der Trost für die Vereinsamte und
+ihre Trauer wurde gemildert durch die Dankbarkeit dafür, daß die letzte
+Krankheit und das Ende leicht gewesen waren. Beneidenswert schienen ihr
+alle, die überwunden hatten, denn sie fühlte sich körperlichen Schmerzen
+gegenüber nicht als Heldin. Es bewegte sie ein tiefes Erbarmen für alle
+hoffnungslos Leidenden und für diejenigen, die aus Verzweiflung darüber
+ihrem Leben selbst ein Ende machten. Oft kam dadurch die Rede auf die
+Möglichkeit einer Erlösung für solch gequälte Menschen. Sollte man
+diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen, nicht lösen von ihrer Last,
+anstatt sie der Versuchung zum Selbstmord zu überlassen?
+
+Ihre Überzeugung und ihr Herzenswunsch war, daß es einmal dahin kommen
+würde, und sie hörte gerne der andern Ansicht darüber, wie es geschehen
+könnte. In der Zukunft -- wenn auch noch in ferner -- würde man einen
+gesetzlichen Weg finden. Ein hoffnungslos Leidender müßte bei Gericht
+den Antrag stellen dürfen, daß ein Arzt ihm die Qual abkürze. Statt des
+heimlichen Selbstmordes, der wie ein Alp auf den Hinterbliebenen lastet,
+würde dann nach gerichtlicher Entscheidung in feierlich erhebender Weise
+dem Kranken, der den Antrag gestellt hatte, durch den Arzt der ersehnte
+letzte Schlaf gebracht. Sobald die Obrigkeit das erlauben, in die Hand
+nehmen und den Gerichtsarzt damit betrauen würde, wäre es kein Unrecht
+mehr. Sie hörte gerne diese Gedanken aussprechen, deren Verwirklichung
+auch ihr die Angst vor langem hoffnungslosen Schmerzenslager benommen
+hätte.
+
+Das Leiden fürchtete sie, aber nicht den Tod. Ihr letzter eigenhändiger
+Brief an ihre Freundin Luise Hecker spricht das aus:
+
+ _Liebe Luise!_
+
+ »Es ist mir ein wahres Bedürfnis und wäre mir eine große Freude,
+ wenn ich Dir so eine Art Abschiedsbrief _selbst_ schreiben
+ könnte; nicht als ob ich das Gefühl hätte, unsere gemeinsame
+ Wanderung auf dieser Welt nahe sich ihrem Ende, ach nein, das
+ nicht, im Gegenteil, ich fürchte jetzt fast mehr als früher, daß
+ mir noch ein langes Leben beschieden sein könnte, aber ich fühle
+ recht klar, daß es höchste Zeit ist, als Schreiberin und als
+ Diktantin vom Schauplatz abzutreten, denn das eine wie das
+ andere übersteigt völlig meine Fähigkeiten. Nur eines ist
+ unverändert bei mir, das treue Gedenken an alle meine Freunde
+ und: 'Die Liebe hört nimmer auf'. Die Wahrheit dieses Spruches
+ durchdringt mich so vollständig, daß sie allein schon mir eine
+ Gewähr ist für die Unsterblichkeit.
+
+ .... Meine zunehmende Gelähmtheit, die Du an der Schrift
+ erkennen kannst, beschwert mich und meine Pflegenden fast am
+ meisten, ich kann nimmer zum Haus hinaus, kaum mehr durch meine
+ Zimmer gehen, ich lasse es auch ganz unversucht.... Du siehst
+ nun, liebe und getreue Alte, was für ein Krüppel ich für diese
+ Welt geworden bin, aber ich erkenne immer klarer, immer
+ zweifelloser, daß wir hier nur in einer Vorschule sind und
+ diesen Körper als Handwerkszeug zur Schule tragen müssen, wie
+ gerne denke ich an die Zeit, wo wir diese Last ablegen dürfen
+ und einkehren zur ewigen Heimat zu einem barmherzigen Vater. In
+ dem Bestreben, mich in dieser Heimat schon ein wenig einzuleben,
+ nicht so ganz als Fremdling zu erscheinen, wird mir die Zeit
+ nicht so lang, wie es vielleicht außerdem der Fall wäre. Du
+ würdest mich sehr verstehen, aber ich begreife gar wohl, wie Du
+ in Deiner Jugendkraft noch ganz vom Leben erfüllt bist und ich
+ fühle in voller Teilnahme mit Dir....«
+
+Diesem Briefe liegt ein Blättchen bei mit dem bekannten Rückertschen
+Vers:
+
+ Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
+ klingt ein Lied mir immerdar,
+ o wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
+ was mein einst war!
+
+Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen
+Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der älteren,
+immer mehr vereinsamten Freundin.
+
+Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerfälle auch in ihren alten
+Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von
+anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl
+hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich
+den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren
+wurde, schrieb die achtundsiebzigjährige Urgroßmutter noch eigenhändig
+zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers:
+
+ Will Dir einen Glückwunsch bringen,
+ trag auch viele Dir entgegen,
+ doch der Reim will nicht gelingen.
+ Nun, daran ist nichts gelegen.
+ Denn mit Dir, Du kleiner Engel,
+ ist das Glück ja selbst gekommen,
+ hat sich eingelebt im Herzen,
+ feste Wohnung hier genommen.
+
+Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermärker auf die Welt kam,
+nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft
+unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue
+Generation. Als sie sich einmal ungehalten über ihre blöden Augen
+aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen
+tröstend zu ihr: »Aber Großmutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch
+ganz deutlich«, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst
+ganz fremden unlogischen Weise: »Nun ja, den schon, weil er eben gar so
+ein netter Kerl ist.« Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und
+saßen zum Familienabend um den großen Tisch, so saß sie liebevoll und an
+jeder Fröhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die
+Schwerhörigkeit des Alters sie behinderte, so daß sie manchmal erklärte:
+»Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder böse, sondern in
+solche, die deutlich und undeutlich reden.«
+
+Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr »Hausgeistlicher«, wie sie
+scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner
+kräftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich
+erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser
+Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach
+beendigter Predigt ließen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein
+beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stück
+Lebensweg und immer in bestem Einverständnisse gegangen waren, hatten
+sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gespräch in das Nebenzimmer
+drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, daß sie sich an
+der schönen gemeinsamen Erinnerung freuten, »als die Kinder noch klein
+waren«. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue
+Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal über den nahen
+Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten
+ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte für Kerler der siebzigste, für
+Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim
+Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: »Adieu Mutter, laß Dir's
+gut gehen«, und keines von beiden ahnte, daß es ein letztes
+Abschiedswort war, keines hätte gedacht, daß der nächste Sonntag der
+Todestag dieses noch so frischen, kräftigen Mannes wäre. Eine
+Lungenentzündung überfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes
+Ende, daß er fast ohne Leiden scheiden durfte.
+
+Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn
+ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche
+schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst
+ersparen, solange man noch hoffen konnte, daß sie gnädig vorübergehen
+würde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie
+innerlich unvorbereitet. Das war ein erschütternder Schmerz, denn in
+dieser Todesnachricht lag für sie das Bewußtsein, daß das Lebensglück
+ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an
+beglückender Innigkeit. Niemand wußte so wie sie, was das heißt, und sie
+trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr
+im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Großmutter in Tränen,
+manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in
+rührender Rücksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu
+bekümmern.
+
+So waren fünf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau
+Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das
+Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mühsam in ihren Lehnstuhl an
+den Tisch. »Sieh, Großmutter,« sagte die Enkelin, »da ist das neue
+weiche Rückenkissen, wollen wir's einmal probieren?« »Ja«, sagte sie,
+»aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren
+Kopfschmerz«, und sie lehnte sich zurück in den Stuhl, griff nach der
+Stirne und schloß die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im
+Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schloß sie und hat sie
+nicht wieder geöffnet.
+
+Es war ein Schlaganfall. Das Bewußtsein verlor sich langsam. Sie
+versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir
+hören konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin:
+»Anni, hilf mir ein bißle!« Von da an währte das Leben noch einige Tage,
+aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam
+der letzte Atemzug.
+
+Wir sagten uns alle: Wie gnädig ist es ihr ergangen, wie hat sie so
+schmerzlos hinüberschlummern dürfen, wir gönnten ihr auch, daß sie von
+aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig
+Jahre, da darf man nicht klagen, und _dennoch_ -- o Du herzliebe Mutter,
+wie sollten wir Dich nicht vermissen??
+
+Unser Buch schließt traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir
+zu kurzsichtig sind, um über den Tod hinaus zu sehen, in die
+Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat.
+Seine besten Kräfte stammten aus dem Göttlichen und wenn sie nun nimmer
+in die irdische Hülle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein
+mit ihrem göttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann
+verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben
+Kräften und dann ist das Beste, dann ist der _Geist_ unserer Mutter bei
+uns geblieben.
+
+
+
+
+Von _derselben Verfasserin_ sind im Verlag von _Gundert_ in _Stuttgart_
+erschienen:
+
+=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren.
+3. Aufl. geb. M 1.20
+
+=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12-16 Jahren.
+2. Aufl. geb. M 3.--
+(Die beiden Erzählungen in einem Band M 4.--)
+
+=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen, mit Bildern von Gertrud
+Caspari. geb. M. 3.60
+
+=Das kleine Dummerle= und andere Erzählungen, zum Vorlesen im
+Familienkreise. geb. M 3.--
+
+=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte.
+2. Aufl. geb. M 3.--
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen
+S. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und
+S. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied
+S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] »Mein 31. Geburtstag
+S. 074: 1851-1856 -> 1855
+S. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen
+S. 085: [Anführungszeichen ergänzt] wöchentliche Zusammenkunft.«
+S. 089: [vereinheitlicht] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck
+S. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem
+S. 100: [Komma ergänzt] allmählich ergriffen, so
+S. 117: [Komma ergänzt] schneeweiß geworden, sie lag
+S. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über
+S. 147: [Komma ergänzt] hatte sie die Befriedigung, einen
+S. 149: [Anführungszeichen gestrichen] äußerte Brater: »Manches
+S. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch
+S. 167: [Anführungszeichen ergänzt] »Man sieht ihr nicht an,
+S. 197: ich erschrack sehr -> erschrak
+S. 200: [komma korrigiert] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte
+S. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen
+p. 233: [gesperrt] _Liebe Agnes!_
+S. 239: [Anführungszeichen ergänzt] durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
+S. 250: [Komma gelöscht] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das
+S. 270: [Anführungszeichen ergänzt] Urteil anmaßen« und so schreibt sie
+
+Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 160, 162,
+248, 271, 305)
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen
+p. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und
+p. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied
+p. 065: [added quotes] »Mein 31. Geburtstag
+p. 074: 1851-1856 -> 1855
+p. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen
+p. 085: [added quotes] wöchentliche Zusammenkunft.«
+p. 089: [unified] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck
+p. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem
+p. 100: [added comma] allmählich ergriffen, so
+p. 117: [added comma] schneeweiß geworden, sie lag
+p. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über
+p. 147: [added comma] hatte sie die Befriedigung, einen
+p. 149: [removed quotes] äußerte Brater: »Manches
+p. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch
+p. 167: [added quotes] »Man sieht ihr nicht an,
+p. 197: ich erschrack sehr -> erschrak
+p. 200: [corrected comma] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte
+p. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen
+p. 233: [spaced out] _Liebe Agnes!_
+p. 239: [added quotes] durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
+p. 250: [removed comma] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das
+p. 270: [added quotes] Urteil anmaßen« und so schreibt sie
+
+The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 160, 162, 248,
+271, 305)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Frau Pauline Brater, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU PAULINE BRATER ***
+
+***** This file should be named 23134-8.txt or 23134-8.zip *****
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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