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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:18:55 -0700 |
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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Hermann und Dorothea + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: October 6, 2019 [EBook #2312] +First posted: September, 2000 +Last updated: April 3, 2015 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA *** + + + + +Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly + + + + + +Hermann und Dorothea + +Johann Wolfgang Goethe + + + + +Inhalt: + +Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil +Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann +Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger +Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn +Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger +Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter +Siebenter Gesang: Erato. Dorothea +Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea +Neunter Gesang: Urania. Aussicht + + + + +Kalliope + +Schicksal und Anteil + + +"Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen! +Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig, +Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern. +Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder, +Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen. +Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen, +Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags. +Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend +Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe, +Leider, das überrheinische Land, das schöne, verlassend, +Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel +Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen wandern. +Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort +Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken, +Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen. +Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste! +Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich +Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher. +Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!" +So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte, +Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Löwen. + +Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau: +"Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand, +Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben, +Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne +Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden, +Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn. +Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert. +Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen, +Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert, +Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode." + +Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte: +"Ungern vermiß ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock, +Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder. +Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll +Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen, +Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze." + +"Siehe!" versetzte die Frau, "dort kommen schon einige wieder, +Die den Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein. +Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter +Glühen! und jeglicher führt das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab. +Möcht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht +Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten." + +Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: +"Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen, +Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist, +Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wölkchen zu sehen, +Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung. +Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon; +Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte." + +Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer +Und der Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben; +Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren +Rasch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar, +An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes, +Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt). +Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen, +Mancher Fabriken befliß man sich da, und manches Gewerbes. + +Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg +Über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend. +Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte: +"Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar +Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen, +Was sie draußen gesehn und was zu schauen nicht froh macht." + +Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar, +Setzten sich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg, +Staub von den Füßen schüttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fächelnd. +Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Grüßen, +Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrießlich: +"So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andre, +Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället! +Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt, +Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird. +Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen +Elend, und niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schicksal +Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, oder doch künftig. +Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen." + +Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr, +Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne. +Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis, +War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen, +Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung; +Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften. +Dieser sprach: "Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen +Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab; +Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft +Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet. +Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen, +Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge +Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, +Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße; +Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht. +In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte der Leichtsinn, +Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren +Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog. +Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren +Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt, +Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet; +Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden." + +Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau: +"Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen." + +"Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, +"Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren. +Und wer erzählet es wohl, das mannigfaltigste Elend! +Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen +Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel +Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen. +Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten, +War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen. +Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn, +Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei, +Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens. +Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe, +Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein +Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat, +Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich, +Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren +Durcheinander geladen, mit Übereilung geflüchtet. +Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke, +In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel. +Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig +Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung, +Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure zurückläßt. +Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt, +Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend: +Alte Bretter und Fässer, den Gänsestall und den Käfig. +Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend, +Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches; +Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe. +Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort, +Ordnungslos und verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine +Wünschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen. +Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder, +Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer, +Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren +Übergepackten Wagen auf Betten saßen und schwankten. +Aber, aus dem Gleise gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs +Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den Graben das Fuhrwerk, +Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die Menschen, +Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich. +Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen. +Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie +Unter der Last der Kisten und Schränke zerschmettert zu schauen. +Und so lag zerbrochen der Wagen und hülflos die Menschen; +Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber, +Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome. +Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten, +Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden +Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern, +Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube." + +Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt: +"Möge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden. +Ungern würd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers. +Schon von dem ersten Bericht so großer Leiden gerühret, +Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Überfluß, daß nur +Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt. +Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; +Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen, +Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist. +Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen. +Nie scheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort +Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen +Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben. +Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser." +Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung. + +Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines, +In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde, +Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins. +Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten +Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen. +Heiter klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers; +Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine, +Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten: + +"Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück +Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren. +Denn wer erkennet es nicht, daß seit dem schrecklichen Brande, +Da er so hart uns gestraft, er uns nun beständig erfreut hat +Und beständig beschützt, so wie der Mensch sich des Auges +Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist. +Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten? +Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren; +Sollt' er die blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger +Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet, +Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung vernichten?" + +Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: +"Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung; +Denn sie macht im Glücke verständig und sicher, im Unglück +Reicht sie den schönsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung." + +Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken: +"Wie begrüßt' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms, +Wenn ich, reisend nach meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte! +Immer schien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüte; +Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein liebliches Ufer +Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, +Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben. +Seht, so schützt die Natur, so schützen die wackeren Deutschen +Und so schützt uns der Herr; wer wollte töricht verzagen? +Müde schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden. +Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, gefeiert +Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel, +Und die Trompete schmettert, das hohe 'Te Deum' begleitend -- +Möge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer, +Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen, +Und das glückliche Fest, in allen den Landen begangen, +Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag! +Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig +Mir in dem Hause sich regt, nach außen langsam und schüchtern. +Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen; +Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen Gesellschaft +Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret." + +Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde +Fernes Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen, +Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg. + + + + +Terpsichore + +Hermann + + +Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat, +Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen +Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen +Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen enträtselt, +Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten: +"Kommt Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals +Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft. +Fröhlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben +Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen." + +Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten: +"Ob ich löblich gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat +Mich geheißen zu tun, so wie ich genau nun erzähle. +Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stücke zu suchen +Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen, +Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket. +Als ich nun endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam, +Strömte zurück die Menge der Bürger mit Weibern und Kindern, +Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen. +Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu, +Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten. +Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr, +Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gefüget, +Von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands, +Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen, +Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere, +Trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich. +Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen +Näher und sagte zu mir: 'Nicht immer war es mit uns so +Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket. +Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen, +Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen; +Aber mich dränget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe +Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers, +Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet. +Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie. +Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme, +Und mit wenigem nur vermögen die Unsern zu helfen, +Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken, +Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon vorüber. +Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr +Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen.' + +Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche +Wöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen: +'Guten Menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu, +Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht; +Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem +Jammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.' +Und ich löste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock +Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch. +Und sie dankte mit Freuden und rief: 'Der Glückliche glaubt nicht, +Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man +Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten +Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.' +Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand, +Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen. +'Eilen wir', sagte zu ihr die Jungfrau, 'dem Dorf zu, in welchem +Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält; +Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.' +Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus, +Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte, +Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen, +Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen +Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hier +Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte. +Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr +Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende: +'Gutes Mädchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine +Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide, +Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke, +Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens. +Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine +Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den Auftrag; +Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.' +Drauf versetzte das Mädchen: 'Mit aller Treue verwend ich +Eure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.' +Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens, +Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote, +Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes. +Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten. +Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so +Weiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu." + +Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar +Gleich das Wort und rief: "O glücklich, wer in den Tagen +Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt, +Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen! +Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heute +Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein. +Öfters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten +Sachen zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten +Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt. +Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafft wird. +Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt, +Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht groß ist. +Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von Hause. +Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich +Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten." + +"Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck, +"Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede. +Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im Unglück +Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen +Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird? +Lieber möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen; +Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes +Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück bevorsteht." + +Lächelnd sagte darauf der Vater: "So hör ich dich gerne! +Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen." + +Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein: +"Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel. +Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet, +Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen. +Montag morgens -- ich weiß es genau, denn Tages vorher war +Jener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte -- +Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute, +Heiß und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte. +Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern, +Auf den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen. +Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief +Eilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind. +Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte, +Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und das Haus war +Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit. +Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch, +Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend; +Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens +Mich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt, +Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen. +Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder +Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele. +Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen, +Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet, +Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüt noch. +Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daherstieg, +Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah, +Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte. +Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken +Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere. +Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig: +Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden. +Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und sagtest: +'Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen; +Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.' +Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen +Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe, +Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben. +Und du setztest mich nieder und küßtest mich und ich verwehrt' es. +Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten: +'Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen, +Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.' +Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter +Schicktest und schnell das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war. +Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebälkes +Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn; +Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten +Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben. +Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen +Auch ein Mädchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten +Und es wagtest zu frein im Krieg und über den Trümmern." + +Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte: +"Die Gesinnung ist löblich, und wahr ist auch die Geschichte, +Mütterchen, die du erzählst; denn so ist alles begegnet. +Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es, +Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen; +Nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere taten, +Oh, wie glücklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon +Wohlbestellt übergeben und der mit Gedeihen es ausziert! +Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. +Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird täglich +Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben. +Und so hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens +In das Haus die Braut mit schöner Mitgift hereinführst; +Denn ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen, +Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen +Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt. +Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter +Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe; +Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte, +Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück: +Denn sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben +Jenen Jüngling erfreun, der sie vor allen erwählt hat. +Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet, +Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet +Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat. +Nur wohl ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn; +Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet, +Und er hält sie als Magd, die als Magd mit dem Bündel hereinkam. +Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen. +Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich erfreuen, +Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest +Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen. +Reich ist der Mann fürwahr: sein Handel und seine Fabriken +Machen ihn täglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann? +Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein das Vermögen. +Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die zweite +Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben. +Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert, +Eins mir der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug." + +Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater: +"Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter +Unsers Nachbars zu wählen. Wir sind zusammen erzogen, +Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren Zeiten, +Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet. +Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen +Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele. +Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich ging auch zuzeiten +Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, hinüber; +Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen. +Denn sie tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen: +Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe +Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekräuselt. +Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene +Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen, +Und um die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt. +Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten, +Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch +Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten, +Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jüngste. +Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen, +Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt, +Angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche. +Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht. +Minchen saß am Klavier; es war der Vater zugegen, +Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune. +Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war, +Aber ich hörte viel von Pamina, viel von Tamino, +Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet, +Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen. +Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater +Sagte: 'Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?' +Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Mädchen, +Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte. +Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher +Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten. +Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause, +Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter +Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle. +Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos, +Und ich höre, noch heiß' ich bei ihnen immer Tamino." + +Da versetzte die Mutter: "Du solltest, Hermann, so lange +Mit den Kindern nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich. +Minchen fürwahr ist gut und war dir immer gewogen; +Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wählen!" + +Da versetzte bedenklich der Sohn: "Ich weiß nicht, es prägte +Jener Verdruß sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht +Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen." + +Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte: +"Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer, +Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker: +Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes, +Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren, +Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte. +Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter, +Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals +Wie den andern gelang und du immer der Unterste saßest. +Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen +Eines Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will. +Hätte mein Vater gesorgt für mich, so wie ich für dich tat, +Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten, +Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen Löwen!" + +Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe, +Langsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet, +Rief ihm nach: "So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf! +Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte; +Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen +Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle! +Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, +Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden +Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln. +Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich +Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen! +Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten, +Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln, +Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!" Da drückte +Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube. + + + + +Thalia + +Die Bürger + + +Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede; +Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen -- +"Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich +Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen, +Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Beßrer. +Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nicht immer +Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen +Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland! +Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen +Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat, +Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung! +Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, +Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. +Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben +Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, +Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, +Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue +Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. +Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, +Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, +Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet. +Darum hab ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen +Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt +Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. +Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht, +Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren. +Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore +Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche? +Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten, +Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und Sicherheit bringen, +Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei, +Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande? +Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall, +Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet, +Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt +Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen. +So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates. +Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau +Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet. +Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln! +Denn die einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur, +Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen. +Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben." + +Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter: +"Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und +So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet. +Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen; +So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, +Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. +Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben; +Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise +Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten; +Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt, +Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern, +Und im Rate gewiß, ich seh es voraus, nicht der Letzte. +Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen +Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast." +Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach, +Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten +Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es. + +Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater: +"Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder! +Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben, +Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln. +Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten: +Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es." + +Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig: +"Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer +Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist; +Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat, +Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern? +Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er +Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel, +Das Bedürfnis zu groß; so wird er immer gehindert. +Manches hätt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten +Solcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten! +Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen, +Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster; +Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen +Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben? +Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen +Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt! +Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln die Scheiben, +Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes! +Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten, +Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Löwe. +So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, und +Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen +Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen. +Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte, +Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht, +Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes +Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge +Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen. +Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert, +Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren +Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten. +Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich +Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll, +Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke. +Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung +Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten. +Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen; +Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat; +Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste, +Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen? +Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder, +Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen +Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet; +Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung." + + + + +Euterpe + +Mutter und Sohn + + +Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter +Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen, +Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war. +Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen, +Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte, +Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute. +Und es sagte der Knecht: "Er ist in den Garten gegangen." +Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe, +Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen, +Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens +Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums, +Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste +Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige, +Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg; +Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens. +Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen, +Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da, +Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte. +Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube, +Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen +Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister. +Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber, +Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg +Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret. +Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben +Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen. +Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang, +Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten. +Und es hingen herein Gutedel und Muskateller, +Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe, +Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren. +Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke, +Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt. +Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend +Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel +Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt, +Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden +Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird. +Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen +Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam, +Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang. +Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals. +Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die Sorge +Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall. +Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden; +Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs +Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein, +Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte. +Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute +Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes, +Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte. +Zwischen den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad, +Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel +Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten. +Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend +Weit und breit gesehn und berühmt die Früchte des Baumes. +Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag +Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten; +Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen. +Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte, +Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen +Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken. +Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter. +Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge. + +"Mutter", sagt' er betroffen, "Ihr überrascht mich!" Und eilig +Trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles. +"Wie? du weinest, mein Sohn?" versetzte die Mutter betroffen; +"Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren! +Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen +Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins Auge?" + +Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte: +"Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo +Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet; +Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich +Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert. +Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir; +Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite +Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt, +Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen +Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen. +Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines +Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge +Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht! +Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend +Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge +Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge. +Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben? +Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall? +Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrießt mich, +Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas +Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur, +Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe; +Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne +An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft? +Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen +Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben +Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben. +Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen, +An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden, +Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten +Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren, +Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen! +Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen, +Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig; +Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste. +Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus +Geh ich gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern +Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen. +Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir +Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!" + +Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter, +Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge: +"Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüte, +Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer, +Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist? +Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich +Höchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen, +Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden. +Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser. +Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken. +Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete, +Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen; +Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist, +Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen. +Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?" + +Ernsthaft sagte der Sohn: "Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist +Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne; +Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Geräusche +Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat. +Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir +Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill, +Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern; +Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket. +Alles, fühl ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten. +Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich +Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. +Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich +Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke, +Meinem Vaterland hülfreich zu sein und schrecklich den Feinden. +Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur +Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen. +Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche +Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn. +Denn ich weiß es recht wohl: der einzelne schadet sich selber, +Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben." + +"Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter, +"Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste! +Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte, +Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege; +Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt +Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen. +Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist, +Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern, +Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen." + +Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte, +Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet: +"Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen, +Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage. +Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, und niemand +Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten +Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten. +Vieles hab ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet, +Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten; +Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen: +Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags +Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte, +Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks, +Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward: +Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wüten +Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen, +Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen +Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen. +Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden, +Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm, +Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward, +Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen. +Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich, +Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat, +Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter, +Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern. +Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen, +Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen, +Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen. +Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne, +Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen. +Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen, +Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten, +Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter! +Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel +Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache, +Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon +Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne, +Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte: +Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und +Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt; +Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin." + +Da antwortete drauf die gute Mutter verständig: +"Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen, +Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens +Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde, +Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer +Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen. +Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir: +Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte +Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten, +Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten. +Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet, +Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich. +Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: +Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast." + +"Liebe Mutter, Ihr sagt's!" versetzte lebhaft der Sohn drauf. +"Ja, sie ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause +Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer +In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn. +Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung +Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar. +Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider; +Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen. +Denn es löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande, +Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßt +Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt; +Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater, +Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn. +Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt. +Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen, +Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen +Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre." + +Da versetzte behend die gute verständige Mutter: +"Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander! +Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern, +Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. +Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem +Herzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe, +Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat. +Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus, +Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. +Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen; +Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische, +Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt, +Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf +Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern +Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber. +Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche +Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. +Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist +Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte. +Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur, +Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt +Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen." + +Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend, +Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide +Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend. + + + + +Polyhymnia + +Der Weltbürger + + +Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen, +Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte, +Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe, +Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward. +Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf: +"Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll +Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch +Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue. +Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen +Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten +Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist. +Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig. +Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig; +Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal. +Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und rastlos +Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde +Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreuet, +Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft; +Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger, +Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet +Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. +Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden, +Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme +Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret. +Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen, +Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes. +Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde, +Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen; +Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke. +Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab! +Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen +Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart! +Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket; +Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter, +Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend, +Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen. +Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen +Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet." + +Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein, +Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend. +"Vater", sprach sie, "wie oft gedachten wir, untereinander +Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig +Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute! +Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes +Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze. +Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel +Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden. +Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen? +Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft +Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen! +Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden. +Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet. +Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande." + +Und es sagte der Sohn: "Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat +Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter." + +Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf, +Nahm das Wort und sprach: "Der Augenblick nur entscheidet +Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke; +Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur +Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte. +Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenes +Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren. +Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte +Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem. +Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch. +Seid nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet, +Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht +Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget. +Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben +Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten. +Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten, +Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat. +Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht, +Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet! +Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden. +Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling. +Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses, +Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben." + +Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig, +Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war: +"Laßt uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten! +Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise. +Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen, +Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen: +Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite. +Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen, +Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist. +Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen." + +Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten: +"Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche, +Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde; +Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen. +Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen, +Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift, +Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken. +Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges, +Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude +Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben. +Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend? +Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet. +Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste, +Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück vergessend, +Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich. +Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten; +Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn +Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin, +Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?" + +Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf: +"Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde +Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte! +Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist: +Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter +Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt, +Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann. +Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hülf' es? +Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus. +Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter +Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen!" + +Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde: +"Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret, +Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt. +Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen. +Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und Mutter +Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder +Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde +Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten, +Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit, +Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung, +Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen." +Und so ging er hinaus, indessen manches die andern +Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen. + +Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste +Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten +Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen. +Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an, +Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen +Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel, +Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon +Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend. +Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern +Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. +Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg. +Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen, +Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurücke, +Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme. +So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu, +Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter. +Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte +Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser, +Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde. + +Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet, +Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt, +War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender Anger +Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. +Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen. +Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke, +Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll, +Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich. +Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die Pferde +Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte: +"Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret, +Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete. +Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes; +Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin, +Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal. +Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen; +Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar. +Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider: +Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen, +Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; +Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet, +Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut; +Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund; +Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt; +Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an +Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel. +Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten: +Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht, +Sondern befraget die andern und hört, was sie alles erzählen. +Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter, +Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre. +Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren." + +Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu, +Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen +Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand. +Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an den Wagen, +Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber, +Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches. +Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere, +Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher, +Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten; +Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. +Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen +Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber, +Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter, +Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse, +Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohte. +"Hat uns", rief er, "noch nicht das Unglück also gebändigt, +Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden +Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt? +Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden +Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern? +Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet, +Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!" + +Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich +Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen. +Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen +Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte, +Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte: +"Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt, +Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut +Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert, +Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste +Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander, +Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten: +Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort. +Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens, +Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um, +Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung, +Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte: +Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei, +Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens. +Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter von diesen +Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt? +Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer, +Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet. +Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses." + +Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter: +"Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten, +Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine. +Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat, +Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten. +Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter +Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig. +Oh, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen, +Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche +Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer." + +Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war +Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte, +Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm: +"Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen. +Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme +Wieder, sobald ich sie finde." Es nickte der Pfarrer dagegen, +Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher. + + + + +Klio + +Das Zeitalter + + +Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte, +Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben, +Sagte der Mann darauf: "Nicht kurz sind unsere Leiden; +Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre getrunken, +Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward. +Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben, +Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen, +Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob, +Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei, +Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit! +Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich +Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte, +Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt. +Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen +Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen +Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente? +Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft, +Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind? +Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache? + +Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet. +Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken +Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen. +Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele +Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit, +Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung. +Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter, +Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte. +So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken, +Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm Beginnen, +Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut. +Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges; +Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne, +Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen. + +Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam +Schwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend! +Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste, +Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte. +Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen die Greise, +Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles. + +Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft +Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen. +Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen +Nachbarn und Brüder und sandten die eigennützige Menge. +Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen, +Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen; +Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen. +Allzu groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung; +Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages. +Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gelaßnes Gemüt an, +Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen +Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung. +Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen, +Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke. +Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges! +Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's, +Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der seine, +Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet. +Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab +Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter. +Dann ist sein Gemüt auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung +Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen. +Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde +Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen. +Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten +Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers. + +Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun, +Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste. +Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings +Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke. +Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke, +Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. +Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung +Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense. +Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung; +Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche. +Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung +Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick. +Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren! +Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, +Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb." + +"Trefflicher Mann!" versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck, +"Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten; +Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen! +Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen, +Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet. +Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen, +Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen, +Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott." + +Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter. +"Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses +Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert, +Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt. +Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich; +Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes. +Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen +Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis. +Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen, +Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde, +Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen; +Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich +Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte. +Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird, +Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes. +Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen, +Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau, +Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb; +Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen. +Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels, +Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen. +Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau +Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen. +Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos +Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen. +Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel, +Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen. +Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen, +Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode. +Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet." + +Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen, +Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf, +Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten? +Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde? +Aber da trat herbei der Apotheker behende, +Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte: +"Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden, +Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen; +Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!" +Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter +Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten. +Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr +An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig. +"Seht Ihr", sagt' er, "das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt, +Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen +Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat. +Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke. +Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle; +Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen, +Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; +Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet +Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut; +Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund, +Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt; +Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe +Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen +Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel. +Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen, +Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen." + +Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend: +"Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder, +Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe. +Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab! +Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling. +Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen, +Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet. +Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden, +Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert, +Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht. +So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele +Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter." + +Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich: +"Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen, +Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden: +'Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret, +Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser, +Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.' +Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun, +Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen." + +"Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend; +"Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich." +Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen, +Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam. +Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht: +"Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier +Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt +Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward. +Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine. +Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht." + +Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat, +Sagt' er: "Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte +Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet, +Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte -- +Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren, +Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten +Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß +Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren. +Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen +Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten +Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben, +Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand; +Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke." +Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten, +Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels +War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet, +Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn), +Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: "Teilet den Pfennig +Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!" +Doch es weigerte sich der Mann und sagte: "Wir haben +Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen, +Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist." + +Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein: +"Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand +Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten! +Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet; +Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht +Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret." + +"Ei doch!" sagte darauf der Apotheker geschäftig, +"Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben, +Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's. +Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen +Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt." +Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel +An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war, +Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen. +"Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß. +"Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen." +Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster. + +Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter. +"Eilen wir!" sprach der verständige Mann; "es wartet der Jüngling +Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft." +Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet +An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften +Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken, +Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher, +Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben. +Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen; +Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr +Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg: +"Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues +Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend! +Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen, +Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen, +Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute." + +Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude +Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich, +Seufzete tief und sprach: "Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk, +Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause; +Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen, +Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt. +Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen, +Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht? +Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam +Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an. +Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte +Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen? +Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe? +Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung +Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte, +Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat +Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen. +Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet." + +Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon; +Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein: +"Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen, +Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward. +Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen, +Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen; +Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern +Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze +Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte, +Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst +Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend. +Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet, +Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war. +Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte +Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären. +Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich. +Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer +In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste; +Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar, +Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen. +Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen +Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber. +Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen, +Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!" + +"Sei es, wie ihm auch sei!" versetzte der Jüngling, der kaum auf +Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen; +"Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren +Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen +Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat. +Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich. +Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal +Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen; +Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern +Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret; +Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich +Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. +Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet +Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren, +Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen. +Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel +An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter +Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute +Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine +Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder." + +Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel, +Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend, +Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte. + +Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest: +"Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an; +Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret, +Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt." +Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest: +"Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele; +Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen, +Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen. +Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken, +Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich +Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch, +Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden, +Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt." + +Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen, +Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet; +Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles. +Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen. +Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben, +Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken. + + + + +Erato + +Dorothea + + +Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne +Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte, +Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens +Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet, +Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben: +So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens +Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen. +Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam +Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder +Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen. +Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es +Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel +Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen. +Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick +Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also: +"Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt, +Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen? +Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt, +Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen? +Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten. +Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?" + +Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling, +Sprach: "So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet, +Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat; +Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich. +Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen, +Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten. +Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen, +Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt, +Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen +Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen +Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern. +Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle +Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt; +Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis +Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er." + +Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter +Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten +Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen; +Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über. +Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels +Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel. +"Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling; +Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich +Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde: +"Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde +Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?" + +Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke +Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge, +Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen, +Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe, +Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden. +Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen: +"Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. +Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen? +Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern +Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten +Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach. +Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause +Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft. +Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde +Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau, +Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen. +Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause, +Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe, +An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen. +Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit, +Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder, +Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen, +Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde +Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen, +Was sie wünschen wie ich. -- Verzeih mir die stotternde Rede." + +"Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, "das Weitre zu sprechen; +Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden. +Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken: +Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter, +Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht; +Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden, +Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte. +Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein. +Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals. +Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder +Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung; +Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden. +Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat +Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln, +Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen +Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen: +Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder +Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht! +Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren +Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne; +Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe. +Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden +Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten. +Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen." + +Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung, +Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen. +Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen, +In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst. +Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens; +Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten. + +"Laßt uns", fuhr sie nun fort, "zurücke kehren! Die Mädchen +Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen; +Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen." +Also standen sie auf und schauten beide noch einmal +In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie. + +Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel, +Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben. +Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen. +"Laßt ihn", sprach sie; "es trägt sich besser die gleichere Last so. +Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen. +Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich! +Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung! +Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, +Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret. +Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern, +Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen +Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre. +Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer +Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, +Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt, +Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern! +Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle, +Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret +Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen. +Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, +Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn." + +Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter +Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune, +Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen, +Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld. +Beide traten hinein; und von der anderen Seite +Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein. +Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren; +Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte. +Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen, +Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen! +Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich, +Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken. +Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder, +Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter. +Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; +Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen. + +Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte: +"Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch +Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze: +Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt, +Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet, +Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes, +Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet. +Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben. +Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern +Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich +Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist. +Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken, +Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise. +Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen, +Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern; +Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen, +Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen. +Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling, +Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet. +Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet +Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt. +Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln, +Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte, +Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet! +Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter, +"Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!" + +Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder, +Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel. +Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann: +"Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen, +Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind. +Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde, +So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet; +Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist, +Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen, +Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein +Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen. +Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet, +Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist. +Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt, +Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter." + +Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte, +Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend. +Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann +Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken. +Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin: +"Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen." +Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte: +"Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen." +Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber. +Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie. +Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen +Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen. +Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend: +"Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten +Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte, +Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug, +Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten." +Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie +Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern. + + + + +Melpomene + +Hermann und Dorothea + + +Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, +Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte, +Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken +Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. +"Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa +Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte." +Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes, +Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte. +Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde: +"Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke, +Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut! +Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, +Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; +Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, +Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen, +Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat. +Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?" + +Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling: +"Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen, +Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest! +Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen, +Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm, +Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg. +Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen; +Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen, +Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest. +Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch. +Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos, +Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle. +Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches +Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist; +Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen. +Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben, +Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, +Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, +Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein." + +Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte +Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: +"Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen; +Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen, +Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. +Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten +Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger +Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen. +Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich +Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen +Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. +Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, +Was von Herzen mir geht -- ich will es dem Alten erzeigen. +Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen, +Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?" + +Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. +Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; +Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. +Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander +Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte. +Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten +Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, +Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen. +Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet, +Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend: +"Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!" +Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde +Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen, +Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen. +Also saßen sie still und schweigend nebeneinander. +Aber das Mädchen begann und sagte: "Wie find ich des Mondes +Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich. +Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe, +An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben." + +"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling, +"Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe, +Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache, +Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause. +Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. +Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen. +Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten +Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber, +Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond." +Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin, +Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend; +Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel. + +Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter, +Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang. +Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände; +Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie, +Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ. +Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing; +Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, +Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen. +Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus, +Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter, +Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er, +Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt, +Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. +Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens +Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet, +Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes. + +Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: +"Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute +Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt. +Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet! +Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln +Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest." + + + + +Urania + +Aussicht + + +Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt, +Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet, +An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt: +Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden, +Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn! +Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet! + +Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder +Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen, +Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes; +Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren; +Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen, +Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet. + +"Mache nicht schlimmer das Übel!" versetzt' unmutig der Vater; +"Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs." + +Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen: +"Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde +Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel +Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb +Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen." +"Sagt", versetzte der Pfarrer, "welch Kunststück brauchte der Alte?" +"Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken", +Sagte der Nachbar darauf. "Als Knabe stand ich am Sonntag +Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend, +Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden. +Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, +Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe. +Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische, +Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen. +Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich +Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme, +Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte: +'Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt? +Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge, +Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden. +Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen, +Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen +Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden; +Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber, +Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt, +Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.' +Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen, +Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet, +Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche. +Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung +Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken." + +Lächelnd sagte der Pfarrer: "Des Todes rührendes Bild steht +Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. +Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln; +Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung; +Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht +Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen. +Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters +Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises +Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!" + +Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich, +Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten +Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar; +Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten +Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle. +Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten. +"Hier ist", sagt' er, "ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet. +Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe +Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft, +Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden." +Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite, +Sagte: "Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis +Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre. +Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben, +Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte, +Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat. +Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum +Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage. +Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!" +Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft. +Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters +Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte +Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen: +"Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat +Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen. +Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste +In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es. +Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen, +Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt. +Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung? +Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen." + +Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder +Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal. + +Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten, +Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen, +Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken +Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen, +Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend: +"Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet, +Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers; +Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne, +Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen. +Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen, +Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist; +Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen, +Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei. +Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein, +Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht; +Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis. +Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen, +Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?" + +Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde, +Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum. +Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens +Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge. +Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen, +Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens. +Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten: +"Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands, +Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest, +Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten; +Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres, +Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort. +Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege, +Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit; +Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie: +Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt, +Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt, +Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet, +Mit der Kinder roher und übermütiger Unart: +Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen +Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken. +Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters +Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt, +Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle." + +Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen, +Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle +Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang, +Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen: +"Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten +Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien +Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt. +Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden? +Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung. +Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge. +Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte +Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend. +Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben; +Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen, +Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend. +Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen, +Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen. +Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich +Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet, +Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte +Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen. +Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer +In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens, +Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren. +Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines +Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. +Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben. +Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen) +Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen, +Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze. +Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich +Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen. +Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist +Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre. +Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet, +Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke. +Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend, +Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet; +Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen? +Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis +Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar. +Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger +Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe, +Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung. +Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken, +Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern, +Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt, +Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen +Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde. +Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin, +Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden. +Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen." + +Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend, +Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend. +Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen, +Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend: +"Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen? +Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte." +Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen, +Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte: +"Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden, +Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages! +Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber, +Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet, +Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten. +Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen +Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette." +Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen, +Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. +Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte: +"Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen! +Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen, +Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat. +Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache. +Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze! +Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren, +Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit." + +Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte: +"Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis +Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte? +Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden? +Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?" +Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte: +"Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen; +Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine. +Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen, +Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben. +Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung +Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge, +Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest. +Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes. +Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!" +Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling +Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude, +Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung +Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet. + +Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret. +Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut +Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend, +Sprach: "Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen, +Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude. +Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses +Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden! +Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war, +Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet, +Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!" + +Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend. +Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich, +Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen. + +Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr +Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring +(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten), +Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder, +Sprach: "Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung, +Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten. +Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen +Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling erwünscht ist. +Also verlob' ich euch hier und segn' euch künftigen Zeiten, +Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes." + +Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar. +Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun +Steckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderen staunend, +Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet. +Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten: +"Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der erste +Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!" + +Aber sie sagte darauf. "Oh, laßt mich dieser Erinnrung +Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute, +Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zurückkam. +Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit, +Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken, +Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand. +'Lebe glücklich', sagt' er. 'Ich gehe; denn alles bewegt sich +Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen. +Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten, +Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer, +Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe. +Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder +Finde -- wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten. +Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden; +Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden. +Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze; +Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen; +Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts +Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten. +Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder +Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfe, +Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal. +Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat! +Aber soll es nicht sein, daß je wir, aus diesen Gefahren +Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen, +Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken, +Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist! +Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung, +So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet! +Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar. +Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf; +Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes. +Heilig sei dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höher +Als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.' +Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder. +Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung. +Nun auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier +Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt. +Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich +Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer +Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken." + +Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander. +Aber der Bräutigam sprach mit edler männlicher Rührung: +"Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschüttrung, +Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern, +Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum. +Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, +Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; +Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. +Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung +Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin. +'Dies ist unser!' so laß uns sagen und so es behaupten! +Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen, +Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder +Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen. +Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals. +Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen, +Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde +Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen. +Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern, +Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen. +Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf +Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens." + + + + + + +End of Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA *** + +***** This file should be named 2312-0.txt or 2312-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/1/2312/ + +Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Hermann und Dorothea + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: October 6, 2019 [EBook #2312] +First posted: September, 2000 +Last updated: April 3, 2015 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA *** + + + + +Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly + + + + + +</pre> + +<div id="titlepage"> +<h1>Hermann und Dorothea</h1> + +<p style="font-size: 150%;">Johann Wolfgang Goethe</p> +</div> + + +<p><b>Inhalt:</b></p> +<ul> +<li>Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil</li> +<li>Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann</li> +<li>Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger</li> +<li>Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn</li> +<li>Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger</li> +<li>Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter</li> +<li>Siebenter Gesang: Erato. Dorothea</li> +<li>Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea</li> +<li>Neunter Gesang: Urania. Aussicht</li> +</ul> + + + +<h2>Kalliope<br /> + +Schicksal und Anteil</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">“Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!</span><br /> +<span class="line">Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig,</span><br /> +<span class="line">Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern.</span><br /> +<span class="line">Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder,</span><br /> +<span class="line">Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen.</span><br /> +<span class="line">Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen,</span><br /> +<span class="line">Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.</span><br /> +<span class="line">Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend</span><br /> +<span class="line">Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe,</span><br /> +<span class="line">Leider, das überrheinische Land, das schöne, verlassend,</span><br /> +<span class="line">Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel</span><br /> +<span class="line">Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen wandern.</span><br /> +<span class="line">Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort</span><br /> +<span class="line">Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken,</span><br /> +<span class="line">Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen.</span><br /> +<span class="line">Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste!</span><br /> +<span class="line">Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich</span><br /> +<span class="line">Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher.</span><br /> +<span class="line">Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!”</span><br /> +<span class="line">So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte,</span><br /> +<span class="line">Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Löwen.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau:</span><br /> +<span class="line">“Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand,</span><br /> +<span class="line">Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben,</span><br /> +<span class="line">Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne</span><br /> +<span class="line">Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden,</span><br /> +<span class="line">Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn.</span><br /> +<span class="line">Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert.</span><br /> +<span class="line">Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen,</span><br /> +<span class="line">Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert,</span><br /> +<span class="line">Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Ungern vermiß ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock,</span><br /> +<span class="line">Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder.</span><br /> +<span class="line">Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll</span><br /> +<span class="line">Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen,</span><br /> +<span class="line">Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Siehe!” versetzte die Frau, “dort kommen schon einige wieder,</span><br /> +<span class="line">Die den Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein.</span><br /> +<span class="line">Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter</span><br /> +<span class="line">Glühen! und jeglicher führt das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab.</span><br /> +<span class="line">Möcht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht</span><br /> +<span class="line">Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck:</span><br /> +<span class="line">“Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen,</span><br /> +<span class="line">Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist,</span><br /> +<span class="line">Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wölkchen zu sehen,</span><br /> +<span class="line">Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung.</span><br /> +<span class="line">Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon;</span><br /> +<span class="line">Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer</span><br /> +<span class="line">Und der Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben;</span><br /> +<span class="line">Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren</span><br /> +<span class="line">Rasch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar,</span><br /> +<span class="line">An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,</span><br /> +<span class="line">Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt).</span><br /> +<span class="line">Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen,</span><br /> +<span class="line">Mancher Fabriken befliß man sich da, und manches Gewerbes.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg</span><br /> +<span class="line">Über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend.</span><br /> +<span class="line">Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar</span><br /> +<span class="line">Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen,</span><br /> +<span class="line">Was sie draußen gesehn und was zu schauen nicht froh macht.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar,</span><br /> +<span class="line">Setzten sich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg,</span><br /> +<span class="line">Staub von den Füßen schüttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fächelnd.</span><br /> +<span class="line">Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Grüßen,</span><br /> +<span class="line">Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrießlich:</span><br /> +<span class="line">“So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andre,</span><br /> +<span class="line">Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället!</span><br /> +<span class="line">Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt,</span><br /> +<span class="line">Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird.</span><br /> +<span class="line">Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen</span><br /> +<span class="line">Elend, und niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schicksal</span><br /> +<span class="line">Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, oder doch künftig.</span><br /> +<span class="line">Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr,</span><br /> +<span class="line">Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne.</span><br /> +<span class="line">Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis,</span><br /> +<span class="line">War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen,</span><br /> +<span class="line">Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung;</span><br /> +<span class="line">Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften.</span><br /> +<span class="line">Dieser sprach: “Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen</span><br /> +<span class="line">Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab;</span><br /> +<span class="line">Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft</span><br /> +<span class="line">Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet.</span><br /> +<span class="line">Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen,</span><br /> +<span class="line">Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge</span><br /> +<span class="line">Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue,</span><br /> +<span class="line">Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße;</span><br /> +<span class="line">Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht.</span><br /> +<span class="line">In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte der Leichtsinn,</span><br /> +<span class="line">Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren</span><br /> +<span class="line">Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog.</span><br /> +<span class="line">Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren</span><br /> +<span class="line">Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt,</span><br /> +<span class="line">Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet;</span><br /> +<span class="line">Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau:</span><br /> +<span class="line">“Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck,</span><br /> +<span class="line">“Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren.</span><br /> +<span class="line">Und wer erzählet es wohl, das mannigfaltigste Elend!</span><br /> +<span class="line">Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen</span><br /> +<span class="line">Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel</span><br /> +<span class="line">Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen.</span><br /> +<span class="line">Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten,</span><br /> +<span class="line">War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen.</span><br /> +<span class="line">Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn,</span><br /> +<span class="line">Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei,</span><br /> +<span class="line">Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens.</span><br /> +<span class="line">Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe,</span><br /> +<span class="line">Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein</span><br /> +<span class="line">Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat,</span><br /> +<span class="line">Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich,</span><br /> +<span class="line">Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren</span><br /> +<span class="line">Durcheinander geladen, mit Übereilung geflüchtet.</span><br /> +<span class="line">Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke,</span><br /> +<span class="line">In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel.</span><br /> +<span class="line">Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig</span><br /> +<span class="line">Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung,</span><br /> +<span class="line">Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure zurückläßt.</span><br /> +<span class="line">Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt,</span><br /> +<span class="line">Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend:</span><br /> +<span class="line">Alte Bretter und Fässer, den Gänsestall und den Käfig.</span><br /> +<span class="line">Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend,</span><br /> +<span class="line">Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches;</span><br /> +<span class="line">Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe.</span><br /> +<span class="line">Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort,</span><br /> +<span class="line">Ordnungslos und verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine</span><br /> +<span class="line">Wünschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen.</span><br /> +<span class="line">Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder,</span><br /> +<span class="line">Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer,</span><br /> +<span class="line">Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren</span><br /> +<span class="line">Übergepackten Wagen auf Betten saßen und schwankten.</span><br /> +<span class="line">Aber, aus dem Gleise gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs</span><br /> +<span class="line">Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den Graben das Fuhrwerk,</span><br /> +<span class="line">Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die Menschen,</span><br /> +<span class="line">Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich.</span><br /> +<span class="line">Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen.</span><br /> +<span class="line">Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie</span><br /> +<span class="line">Unter der Last der Kisten und Schränke zerschmettert zu schauen.</span><br /> +<span class="line">Und so lag zerbrochen der Wagen und hülflos die Menschen;</span><br /> +<span class="line">Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber,</span><br /> +<span class="line">Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome.</span><br /> +<span class="line">Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten,</span><br /> +<span class="line">Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden</span><br /> +<span class="line">Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern,</span><br /> +<span class="line">Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt:</span><br /> +<span class="line">“Möge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden.</span><br /> +<span class="line">Ungern würd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers.</span><br /> +<span class="line">Schon von dem ersten Bericht so großer Leiden gerühret,</span><br /> +<span class="line">Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Überfluß, daß nur</span><br /> +<span class="line">Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt.</span><br /> +<span class="line">Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern;</span><br /> +<span class="line">Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen,</span><br /> +<span class="line">Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist.</span><br /> +<span class="line">Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen.</span><br /> +<span class="line">Nie scheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort</span><br /> +<span class="line">Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen</span><br /> +<span class="line">Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben.</span><br /> +<span class="line">Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser.”</span><br /> +<span class="line">Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,</span><br /> +<span class="line">In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde,</span><br /> +<span class="line">Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins.</span><br /> +<span class="line">Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten</span><br /> +<span class="line">Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen.</span><br /> +<span class="line">Heiter klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers;</span><br /> +<span class="line">Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine,</span><br /> +<span class="line">Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten:</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück</span><br /> +<span class="line">Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren.</span><br /> +<span class="line">Denn wer erkennet es nicht, daß seit dem schrecklichen Brande,</span><br /> +<span class="line">Da er so hart uns gestraft, er uns nun beständig erfreut hat</span><br /> +<span class="line">Und beständig beschützt, so wie der Mensch sich des Auges</span><br /> +<span class="line">Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist.</span><br /> +<span class="line">Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten?</span><br /> +<span class="line">Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren;</span><br /> +<span class="line">Sollt' er die blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger</span><br /> +<span class="line">Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet,</span><br /> +<span class="line">Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung vernichten?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde:</span><br /> +<span class="line">“Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung;</span><br /> +<span class="line">Denn sie macht im Glücke verständig und sicher, im Unglück</span><br /> +<span class="line">Reicht sie den schönsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken:</span><br /> +<span class="line">“Wie begrüßt' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms,</span><br /> +<span class="line">Wenn ich, reisend nach meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte!</span><br /> +<span class="line">Immer schien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüte;</span><br /> +<span class="line">Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein liebliches Ufer</span><br /> +<span class="line">Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken,</span><br /> +<span class="line">Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben.</span><br /> +<span class="line">Seht, so schützt die Natur, so schützen die wackeren Deutschen</span><br /> +<span class="line">Und so schützt uns der Herr; wer wollte töricht verzagen?</span><br /> +<span class="line">Müde schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden.</span><br /> +<span class="line">Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, gefeiert</span><br /> +<span class="line">Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel,</span><br /> +<span class="line">Und die Trompete schmettert, das hohe ‘Te Deum’ begleitend —</span><br /> +<span class="line">Möge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer,</span><br /> +<span class="line">Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen,</span><br /> +<span class="line">Und das glückliche Fest, in allen den Landen begangen,</span><br /> +<span class="line">Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag!</span><br /> +<span class="line">Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig</span><br /> +<span class="line">Mir in dem Hause sich regt, nach außen langsam und schüchtern.</span><br /> +<span class="line">Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen;</span><br /> +<span class="line">Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen Gesellschaft</span><br /> +<span class="line">Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde</span><br /> +<span class="line">Fernes Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen,</span><br /> +<span class="line">Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg.</span></div> +</div> + + + +<h2>Terpsichore<br /> + +Hermann</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat,</span><br /> +<span class="line">Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen</span><br /> +<span class="line">Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen</span><br /> +<span class="line">Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen enträtselt,</span><br /> +<span class="line">Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten:</span><br /> +<span class="line">“Kommt Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals</span><br /> +<span class="line">Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft.</span><br /> +<span class="line">Fröhlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben</span><br /> +<span class="line">Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten:</span><br /> +<span class="line">“Ob ich löblich gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat</span><br /> +<span class="line">Mich geheißen zu tun, so wie ich genau nun erzähle.</span><br /> +<span class="line">Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stücke zu suchen</span><br /> +<span class="line">Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen,</span><br /> +<span class="line">Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket.</span><br /> +<span class="line">Als ich nun endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam,</span><br /> +<span class="line">Strömte zurück die Menge der Bürger mit Weibern und Kindern,</span><br /> +<span class="line">Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen.</span><br /> +<span class="line">Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu,</span><br /> +<span class="line">Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten.</span><br /> +<span class="line">Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr,</span><br /> +<span class="line">Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gefüget,</span><br /> +<span class="line">Von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands,</span><br /> +<span class="line">Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere,</span><br /> +<span class="line">Trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich.</span><br /> +<span class="line">Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen</span><br /> +<span class="line">Näher und sagte zu mir: ‘Nicht immer war es mit uns so</span><br /> +<span class="line">Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket.</span><br /> +<span class="line">Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen,</span><br /> +<span class="line">Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen;</span><br /> +<span class="line">Aber mich dränget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe</span><br /> +<span class="line">Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers,</span><br /> +<span class="line">Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet.</span><br /> +<span class="line">Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie.</span><br /> +<span class="line">Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme,</span><br /> +<span class="line">Und mit wenigem nur vermögen die Unsern zu helfen,</span><br /> +<span class="line">Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken,</span><br /> +<span class="line">Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon vorüber.</span><br /> +<span class="line">Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr</span><br /> +<span class="line">Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen.’</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche</span><br /> +<span class="line">Wöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen:</span><br /> +<span class="line">‘Guten Menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu,</span><br /> +<span class="line">Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht;</span><br /> +<span class="line">Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem</span><br /> +<span class="line">Jammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.’</span><br /> +<span class="line">Und ich löste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock</span><br /> +<span class="line">Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch.</span><br /> +<span class="line">Und sie dankte mit Freuden und rief: ‘Der Glückliche glaubt nicht,</span><br /> +<span class="line">Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man</span><br /> +<span class="line">Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten</span><br /> +<span class="line">Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.’</span><br /> +<span class="line">Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand,</span><br /> +<span class="line">Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen.</span><br /> +<span class="line">‘Eilen wir’, sagte zu ihr die Jungfrau, ‘dem Dorf zu, in welchem</span><br /> +<span class="line">Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält;</span><br /> +<span class="line">Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.’</span><br /> +<span class="line">Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus,</span><br /> +<span class="line">Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte,</span><br /> +<span class="line">Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen,</span><br /> +<span class="line">Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen</span><br /> +<span class="line">Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hier</span><br /> +<span class="line">Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte.</span><br /> +<span class="line">Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr</span><br /> +<span class="line">Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende:</span><br /> +<span class="line">‘Gutes Mädchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine</span><br /> +<span class="line">Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide,</span><br /> +<span class="line">Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke,</span><br /> +<span class="line">Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens.</span><br /> +<span class="line">Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine</span><br /> +<span class="line">Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den Auftrag;</span><br /> +<span class="line">Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.’</span><br /> +<span class="line">Drauf versetzte das Mädchen: ‘Mit aller Treue verwend ich</span><br /> +<span class="line">Eure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.’</span><br /> +<span class="line">Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens,</span><br /> +<span class="line">Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote,</span><br /> +<span class="line">Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes.</span><br /> +<span class="line">Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.</span><br /> +<span class="line">Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so</span><br /> +<span class="line">Weiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar</span><br /> +<span class="line">Gleich das Wort und rief: “O glücklich, wer in den Tagen</span><br /> +<span class="line">Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt,</span><br /> +<span class="line">Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen!</span><br /> +<span class="line">Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heute</span><br /> +<span class="line">Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein.</span><br /> +<span class="line">Öfters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten</span><br /> +<span class="line">Sachen zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten</span><br /> +<span class="line">Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt.</span><br /> +<span class="line">Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafft wird.</span><br /> +<span class="line">Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt,</span><br /> +<span class="line">Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht groß ist.</span><br /> +<span class="line">Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von Hause.</span><br /> +<span class="line">Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich</span><br /> +<span class="line">Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck,</span><br /> +<span class="line">“Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede.</span><br /> +<span class="line">Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im Unglück</span><br /> +<span class="line">Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen</span><br /> +<span class="line">Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird?</span><br /> +<span class="line">Lieber möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen;</span><br /> +<span class="line">Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes</span><br /> +<span class="line">Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück bevorsteht.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Lächelnd sagte darauf der Vater: “So hör ich dich gerne!</span><br /> +<span class="line">Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein:</span><br /> +<span class="line">“Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel.</span><br /> +<span class="line">Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet,</span><br /> +<span class="line">Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen.</span><br /> +<span class="line">Montag morgens — ich weiß es genau, denn Tages vorher war</span><br /> +<span class="line">Jener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte —</span><br /> +<span class="line">Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute,</span><br /> +<span class="line">Heiß und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte.</span><br /> +<span class="line">Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern,</span><br /> +<span class="line">Auf den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen.</span><br /> +<span class="line">Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief</span><br /> +<span class="line">Eilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind.</span><br /> +<span class="line">Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte,</span><br /> +<span class="line">Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und das Haus war</span><br /> +<span class="line">Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit.</span><br /> +<span class="line">Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch,</span><br /> +<span class="line">Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend;</span><br /> +<span class="line">Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens</span><br /> +<span class="line">Mich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt,</span><br /> +<span class="line">Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen.</span><br /> +<span class="line">Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder</span><br /> +<span class="line">Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele.</span><br /> +<span class="line">Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen,</span><br /> +<span class="line">Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet,</span><br /> +<span class="line">Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüt noch.</span><br /> +<span class="line">Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daherstieg,</span><br /> +<span class="line">Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah,</span><br /> +<span class="line">Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte.</span><br /> +<span class="line">Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken</span><br /> +<span class="line">Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere.</span><br /> +<span class="line">Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig:</span><br /> +<span class="line">Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden.</span><br /> +<span class="line">Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und sagtest:</span><br /> +<span class="line">‘Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen;</span><br /> +<span class="line">Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.’</span><br /> +<span class="line">Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen</span><br /> +<span class="line">Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe,</span><br /> +<span class="line">Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben.</span><br /> +<span class="line">Und du setztest mich nieder und küßtest mich und ich verwehrt' es.</span><br /> +<span class="line">Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten:</span><br /> +<span class="line">‘Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen,</span><br /> +<span class="line">Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.’</span><br /> +<span class="line">Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter</span><br /> +<span class="line">Schicktest und schnell das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war.</span><br /> +<span class="line">Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebälkes</span><br /> +<span class="line">Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn;</span><br /> +<span class="line">Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten</span><br /> +<span class="line">Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben.</span><br /> +<span class="line">Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen</span><br /> +<span class="line">Auch ein Mädchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten</span><br /> +<span class="line">Und es wagtest zu frein im Krieg und über den Trümmern.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Die Gesinnung ist löblich, und wahr ist auch die Geschichte,</span><br /> +<span class="line">Mütterchen, die du erzählst; denn so ist alles begegnet.</span><br /> +<span class="line">Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es,</span><br /> +<span class="line">Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen;</span><br /> +<span class="line">Nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere taten,</span><br /> +<span class="line">Oh, wie glücklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon</span><br /> +<span class="line">Wohlbestellt übergeben und der mit Gedeihen es ausziert!</span><br /> +<span class="line">Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft.</span><br /> +<span class="line">Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird täglich</span><br /> +<span class="line">Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben.</span><br /> +<span class="line">Und so hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens</span><br /> +<span class="line">In das Haus die Braut mit schöner Mitgift hereinführst;</span><br /> +<span class="line">Denn ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen</span><br /> +<span class="line">Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt.</span><br /> +<span class="line">Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter</span><br /> +<span class="line">Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe;</span><br /> +<span class="line">Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte,</span><br /> +<span class="line">Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück:</span><br /> +<span class="line">Denn sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben</span><br /> +<span class="line">Jenen Jüngling erfreun, der sie vor allen erwählt hat.</span><br /> +<span class="line">Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet,</span><br /> +<span class="line">Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet</span><br /> +<span class="line">Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat.</span><br /> +<span class="line">Nur wohl ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn;</span><br /> +<span class="line">Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet,</span><br /> +<span class="line">Und er hält sie als Magd, die als Magd mit dem Bündel hereinkam.</span><br /> +<span class="line">Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen.</span><br /> +<span class="line">Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich erfreuen,</span><br /> +<span class="line">Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest</span><br /> +<span class="line">Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen.</span><br /> +<span class="line">Reich ist der Mann fürwahr: sein Handel und seine Fabriken</span><br /> +<span class="line">Machen ihn täglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann?</span><br /> +<span class="line">Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein das Vermögen.</span><br /> +<span class="line">Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die zweite</span><br /> +<span class="line">Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben.</span><br /> +<span class="line">Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert,</span><br /> +<span class="line">Eins mir der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater:</span><br /> +<span class="line">“Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter</span><br /> +<span class="line">Unsers Nachbars zu wählen. Wir sind zusammen erzogen,</span><br /> +<span class="line">Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren Zeiten,</span><br /> +<span class="line">Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet.</span><br /> +<span class="line">Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen</span><br /> +<span class="line">Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele.</span><br /> +<span class="line">Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich ging auch zuzeiten</span><br /> +<span class="line">Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, hinüber;</span><br /> +<span class="line">Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen.</span><br /> +<span class="line">Denn sie tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen:</span><br /> +<span class="line">Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe</span><br /> +<span class="line">Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekräuselt.</span><br /> +<span class="line">Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene</span><br /> +<span class="line">Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen,</span><br /> +<span class="line">Und um die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt.</span><br /> +<span class="line">Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten,</span><br /> +<span class="line">Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch</span><br /> +<span class="line">Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten,</span><br /> +<span class="line">Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jüngste.</span><br /> +<span class="line">Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen,</span><br /> +<span class="line">Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt,</span><br /> +<span class="line">Angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche.</span><br /> +<span class="line">Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht.</span><br /> +<span class="line">Minchen saß am Klavier; es war der Vater zugegen,</span><br /> +<span class="line">Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune.</span><br /> +<span class="line">Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war,</span><br /> +<span class="line">Aber ich hörte viel von Pamina, viel von Tamino,</span><br /> +<span class="line">Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet,</span><br /> +<span class="line">Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen.</span><br /> +<span class="line">Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater</span><br /> +<span class="line">Sagte: ‘Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?’</span><br /> +<span class="line">Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte.</span><br /> +<span class="line">Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher</span><br /> +<span class="line">Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten.</span><br /> +<span class="line">Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause,</span><br /> +<span class="line">Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter</span><br /> +<span class="line">Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle.</span><br /> +<span class="line">Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos,</span><br /> +<span class="line">Und ich höre, noch heiß' ich bei ihnen immer Tamino.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte die Mutter: “Du solltest, Hermann, so lange</span><br /> +<span class="line">Mit den Kindern nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich.</span><br /> +<span class="line">Minchen fürwahr ist gut und war dir immer gewogen;</span><br /> +<span class="line">Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wählen!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte bedenklich der Sohn: “Ich weiß nicht, es prägte</span><br /> +<span class="line">Jener Verdruß sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht</span><br /> +<span class="line">Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte:</span><br /> +<span class="line">“Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer,</span><br /> +<span class="line">Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker:</span><br /> +<span class="line">Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes,</span><br /> +<span class="line">Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren,</span><br /> +<span class="line">Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte.</span><br /> +<span class="line">Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter,</span><br /> +<span class="line">Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals</span><br /> +<span class="line">Wie den andern gelang und du immer der Unterste saßest.</span><br /> +<span class="line">Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen</span><br /> +<span class="line">Eines Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will.</span><br /> +<span class="line">Hätte mein Vater gesorgt für mich, so wie ich für dich tat,</span><br /> +<span class="line">Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten,</span><br /> +<span class="line">Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen Löwen!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe,</span><br /> +<span class="line">Langsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet,</span><br /> +<span class="line">Rief ihm nach: “So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf!</span><br /> +<span class="line">Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte;</span><br /> +<span class="line">Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen</span><br /> +<span class="line">Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle!</span><br /> +<span class="line">Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,</span><br /> +<span class="line">Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden</span><br /> +<span class="line">Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.</span><br /> +<span class="line">Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich</span><br /> +<span class="line">Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen!</span><br /> +<span class="line">Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten,</span><br /> +<span class="line">Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln,</span><br /> +<span class="line">Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!” Da drückte</span><br /> +<span class="line">Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube.</span></div> +</div> + + + +<h2>Thalia<br /> + +Die Bürger</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede;</span><br /> +<span class="line">Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen —</span><br /> +<span class="line">“Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich</span><br /> +<span class="line">Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen,</span><br /> +<span class="line">Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Beßrer.</span><br /> +<span class="line">Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nicht immer</span><br /> +<span class="line">Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen</span><br /> +<span class="line">Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland!</span><br /> +<span class="line">Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen</span><br /> +<span class="line">Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,</span><br /> +<span class="line">Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung!</span><br /> +<span class="line">Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei,</span><br /> +<span class="line">Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt.</span><br /> +<span class="line">Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben</span><br /> +<span class="line">Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt,</span><br /> +<span class="line">Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,</span><br /> +<span class="line">Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue</span><br /> +<span class="line">Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.</span><br /> +<span class="line">Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,</span><br /> +<span class="line">Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,</span><br /> +<span class="line">Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.</span><br /> +<span class="line">Darum hab ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen</span><br /> +<span class="line">Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt</span><br /> +<span class="line">Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.</span><br /> +<span class="line">Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht,</span><br /> +<span class="line">Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren.</span><br /> +<span class="line">Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore</span><br /> +<span class="line">Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche?</span><br /> +<span class="line">Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten,</span><br /> +<span class="line">Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und Sicherheit bringen,</span><br /> +<span class="line">Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei,</span><br /> +<span class="line">Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande?</span><br /> +<span class="line">Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall,</span><br /> +<span class="line">Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet,</span><br /> +<span class="line">Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt</span><br /> +<span class="line">Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen.</span><br /> +<span class="line">So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates.</span><br /> +<span class="line">Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau</span><br /> +<span class="line">Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.</span><br /> +<span class="line">Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln!</span><br /> +<span class="line">Denn die einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur,</span><br /> +<span class="line">Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen.</span><br /> +<span class="line">Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter:</span><br /> +<span class="line">“Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und</span><br /> +<span class="line">So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet.</span><br /> +<span class="line">Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;</span><br /> +<span class="line">So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,</span><br /> +<span class="line">Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.</span><br /> +<span class="line">Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;</span><br /> +<span class="line">Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise</span><br /> +<span class="line">Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten;</span><br /> +<span class="line">Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt,</span><br /> +<span class="line">Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern,</span><br /> +<span class="line">Und im Rate gewiß, ich seh es voraus, nicht der Letzte.</span><br /> +<span class="line">Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen</span><br /> +<span class="line">Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast.”</span><br /> +<span class="line">Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach,</span><br /> +<span class="line">Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten</span><br /> +<span class="line">Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater:</span><br /> +<span class="line">“Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder!</span><br /> +<span class="line">Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben,</span><br /> +<span class="line">Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln.</span><br /> +<span class="line">Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:</span><br /> +<span class="line">Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig:</span><br /> +<span class="line">“Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer</span><br /> +<span class="line">Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist;</span><br /> +<span class="line">Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat,</span><br /> +<span class="line">Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern?</span><br /> +<span class="line">Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er</span><br /> +<span class="line">Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel,</span><br /> +<span class="line">Das Bedürfnis zu groß; so wird er immer gehindert.</span><br /> +<span class="line">Manches hätt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten</span><br /> +<span class="line">Solcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten!</span><br /> +<span class="line">Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen,</span><br /> +<span class="line">Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster;</span><br /> +<span class="line">Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen</span><br /> +<span class="line">Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben?</span><br /> +<span class="line">Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen</span><br /> +<span class="line">Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt!</span><br /> +<span class="line">Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln die Scheiben,</span><br /> +<span class="line">Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes!</span><br /> +<span class="line">Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten,</span><br /> +<span class="line">Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Löwe.</span><br /> +<span class="line">So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, und</span><br /> +<span class="line">Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen</span><br /> +<span class="line">Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen.</span><br /> +<span class="line">Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte,</span><br /> +<span class="line">Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht,</span><br /> +<span class="line">Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes</span><br /> +<span class="line">Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge</span><br /> +<span class="line">Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen.</span><br /> +<span class="line">Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert,</span><br /> +<span class="line">Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren</span><br /> +<span class="line">Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten.</span><br /> +<span class="line">Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich</span><br /> +<span class="line">Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll,</span><br /> +<span class="line">Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke.</span><br /> +<span class="line">Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung</span><br /> +<span class="line">Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten.</span><br /> +<span class="line">Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen;</span><br /> +<span class="line">Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat;</span><br /> +<span class="line">Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste,</span><br /> +<span class="line">Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen?</span><br /> +<span class="line">Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder,</span><br /> +<span class="line">Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen</span><br /> +<span class="line">Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet;</span><br /> +<span class="line">Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung.”</span></div> +</div> + + + +<h2>Euterpe<br /> + +Mutter und Sohn</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter</span><br /> +<span class="line">Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen,</span><br /> +<span class="line">Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war.</span><br /> +<span class="line">Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen,</span><br /> +<span class="line">Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte,</span><br /> +<span class="line">Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute.</span><br /> +<span class="line">Und es sagte der Knecht: “Er ist in den Garten gegangen.”</span><br /> +<span class="line">Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe,</span><br /> +<span class="line">Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen,</span><br /> +<span class="line">Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens</span><br /> +<span class="line">Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums,</span><br /> +<span class="line">Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste</span><br /> +<span class="line">Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige,</span><br /> +<span class="line">Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg;</span><br /> +<span class="line">Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens.</span><br /> +<span class="line">Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen,</span><br /> +<span class="line">Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,</span><br /> +<span class="line">Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte.</span><br /> +<span class="line">Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube,</span><br /> +<span class="line">Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen</span><br /> +<span class="line">Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister.</span><br /> +<span class="line">Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber,</span><br /> +<span class="line">Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg</span><br /> +<span class="line">Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret.</span><br /> +<span class="line">Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben</span><br /> +<span class="line">Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen.</span><br /> +<span class="line">Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,</span><br /> +<span class="line">Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten.</span><br /> +<span class="line">Und es hingen herein Gutedel und Muskateller,</span><br /> +<span class="line">Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe,</span><br /> +<span class="line">Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren.</span><br /> +<span class="line">Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke,</span><br /> +<span class="line">Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt.</span><br /> +<span class="line">Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend</span><br /> +<span class="line">Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel</span><br /> +<span class="line">Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt,</span><br /> +<span class="line">Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden</span><br /> +<span class="line">Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird.</span><br /> +<span class="line">Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen</span><br /> +<span class="line">Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam,</span><br /> +<span class="line">Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang.</span><br /> +<span class="line">Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals.</span><br /> +<span class="line">Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die Sorge</span><br /> +<span class="line">Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall.</span><br /> +<span class="line">Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden;</span><br /> +<span class="line">Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs</span><br /> +<span class="line">Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein,</span><br /> +<span class="line">Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte.</span><br /> +<span class="line">Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute</span><br /> +<span class="line">Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,</span><br /> +<span class="line">Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.</span><br /> +<span class="line">Zwischen den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad,</span><br /> +<span class="line">Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel</span><br /> +<span class="line">Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten.</span><br /> +<span class="line">Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend</span><br /> +<span class="line">Weit und breit gesehn und berühmt die Früchte des Baumes.</span><br /> +<span class="line">Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag</span><br /> +<span class="line">Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;</span><br /> +<span class="line">Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen.</span><br /> +<span class="line">Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte,</span><br /> +<span class="line">Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen</span><br /> +<span class="line">Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken.</span><br /> +<span class="line">Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter.</span><br /> +<span class="line">Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Mutter", sagt' er betroffen, “Ihr überrascht mich!” Und eilig</span><br /> +<span class="line">Trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles.</span><br /> +<span class="line">“Wie? du weinest, mein Sohn?” versetzte die Mutter betroffen;</span><br /> +<span class="line">“Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren!</span><br /> +<span class="line">Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen</span><br /> +<span class="line">Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins Auge?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo</span><br /> +<span class="line">Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;</span><br /> +<span class="line">Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich</span><br /> +<span class="line">Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.</span><br /> +<span class="line">Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir;</span><br /> +<span class="line">Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite</span><br /> +<span class="line">Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt,</span><br /> +<span class="line">Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen</span><br /> +<span class="line">Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen.</span><br /> +<span class="line">Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines</span><br /> +<span class="line">Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge</span><br /> +<span class="line">Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht!</span><br /> +<span class="line">Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend</span><br /> +<span class="line">Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge</span><br /> +<span class="line">Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge.</span><br /> +<span class="line">Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben?</span><br /> +<span class="line">Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall?</span><br /> +<span class="line">Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrießt mich,</span><br /> +<span class="line">Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas</span><br /> +<span class="line">Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur,</span><br /> +<span class="line">Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe;</span><br /> +<span class="line">Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne</span><br /> +<span class="line">An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft?</span><br /> +<span class="line">Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen</span><br /> +<span class="line">Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben</span><br /> +<span class="line">Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben.</span><br /> +<span class="line">Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen,</span><br /> +<span class="line">An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden,</span><br /> +<span class="line">Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten</span><br /> +<span class="line">Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren,</span><br /> +<span class="line">Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen!</span><br /> +<span class="line">Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen,</span><br /> +<span class="line">Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig;</span><br /> +<span class="line">Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.</span><br /> +<span class="line">Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus</span><br /> +<span class="line">Geh ich gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern</span><br /> +<span class="line">Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen.</span><br /> +<span class="line">Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir</span><br /> +<span class="line">Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter,</span><br /> +<span class="line">Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge:</span><br /> +<span class="line">“Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüte,</span><br /> +<span class="line">Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer,</span><br /> +<span class="line">Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist?</span><br /> +<span class="line">Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich</span><br /> +<span class="line">Höchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen,</span><br /> +<span class="line">Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.</span><br /> +<span class="line">Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser.</span><br /> +<span class="line">Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken.</span><br /> +<span class="line">Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete,</span><br /> +<span class="line">Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen;</span><br /> +<span class="line">Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,</span><br /> +<span class="line">Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.</span><br /> +<span class="line">Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Ernsthaft sagte der Sohn: “Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist</span><br /> +<span class="line">Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne;</span><br /> +<span class="line">Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Geräusche</span><br /> +<span class="line">Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat.</span><br /> +<span class="line">Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir</span><br /> +<span class="line">Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill,</span><br /> +<span class="line">Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern;</span><br /> +<span class="line">Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.</span><br /> +<span class="line">Alles, fühl ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten.</span><br /> +<span class="line">Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich</span><br /> +<span class="line">Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.</span><br /> +<span class="line">Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich</span><br /> +<span class="line">Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke,</span><br /> +<span class="line">Meinem Vaterland hülfreich zu sein und schrecklich den Feinden.</span><br /> +<span class="line">Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur</span><br /> +<span class="line">Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.</span><br /> +<span class="line">Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche</span><br /> +<span class="line">Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn.</span><br /> +<span class="line">Denn ich weiß es recht wohl: der einzelne schadet sich selber,</span><br /> +<span class="line">Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter,</span><br /> +<span class="line">“Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste!</span><br /> +<span class="line">Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte,</span><br /> +<span class="line">Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege;</span><br /> +<span class="line">Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt</span><br /> +<span class="line">Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen.</span><br /> +<span class="line">Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,</span><br /> +<span class="line">Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern,</span><br /> +<span class="line">Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte,</span><br /> +<span class="line">Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet:</span><br /> +<span class="line">“Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen,</span><br /> +<span class="line">Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage.</span><br /> +<span class="line">Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, und niemand</span><br /> +<span class="line">Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten</span><br /> +<span class="line">Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten.</span><br /> +<span class="line">Vieles hab ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet,</span><br /> +<span class="line">Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten;</span><br /> +<span class="line">Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen:</span><br /> +<span class="line">Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags</span><br /> +<span class="line">Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte,</span><br /> +<span class="line">Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks,</span><br /> +<span class="line">Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward:</span><br /> +<span class="line">Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wüten</span><br /> +<span class="line">Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen,</span><br /> +<span class="line">Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen</span><br /> +<span class="line">Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen.</span><br /> +<span class="line">Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden,</span><br /> +<span class="line">Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm,</span><br /> +<span class="line">Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward,</span><br /> +<span class="line">Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen.</span><br /> +<span class="line">Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich,</span><br /> +<span class="line">Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat,</span><br /> +<span class="line">Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter,</span><br /> +<span class="line">Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern.</span><br /> +<span class="line">Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen,</span><br /> +<span class="line">Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen,</span><br /> +<span class="line">Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen.</span><br /> +<span class="line">Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne,</span><br /> +<span class="line">Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen.</span><br /> +<span class="line">Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,</span><br /> +<span class="line">Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten,</span><br /> +<span class="line">Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter!</span><br /> +<span class="line">Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel</span><br /> +<span class="line">Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache,</span><br /> +<span class="line">Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon</span><br /> +<span class="line">Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne,</span><br /> +<span class="line">Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte:</span><br /> +<span class="line">Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und</span><br /> +<span class="line">Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt;</span><br /> +<span class="line">Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:</span><br /> +<span class="line">“Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen,</span><br /> +<span class="line">Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens</span><br /> +<span class="line">Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,</span><br /> +<span class="line">Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer</span><br /> +<span class="line">Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.</span><br /> +<span class="line">Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir:</span><br /> +<span class="line">Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte</span><br /> +<span class="line">Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,</span><br /> +<span class="line">Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten.</span><br /> +<span class="line">Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,</span><br /> +<span class="line">Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.</span><br /> +<span class="line">Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:</span><br /> +<span class="line">Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Liebe Mutter, Ihr sagt's!” versetzte lebhaft der Sohn drauf.</span><br /> +<span class="line">“Ja, sie ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause</span><br /> +<span class="line">Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer</span><br /> +<span class="line">In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn.</span><br /> +<span class="line">Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung</span><br /> +<span class="line">Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar.</span><br /> +<span class="line">Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider;</span><br /> +<span class="line">Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen.</span><br /> +<span class="line">Denn es löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande,</span><br /> +<span class="line">Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßt</span><br /> +<span class="line">Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt;</span><br /> +<span class="line">Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater,</span><br /> +<span class="line">Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn.</span><br /> +<span class="line">Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt.</span><br /> +<span class="line">Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen,</span><br /> +<span class="line">Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen</span><br /> +<span class="line">Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte behend die gute verständige Mutter:</span><br /> +<span class="line">“Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander!</span><br /> +<span class="line">Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,</span><br /> +<span class="line">Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen.</span><br /> +<span class="line">Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem</span><br /> +<span class="line">Herzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe,</span><br /> +<span class="line">Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat.</span><br /> +<span class="line">Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,</span><br /> +<span class="line">Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte.</span><br /> +<span class="line">Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen;</span><br /> +<span class="line">Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische,</span><br /> +<span class="line">Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt,</span><br /> +<span class="line">Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf</span><br /> +<span class="line">Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern</span><br /> +<span class="line">Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber.</span><br /> +<span class="line">Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche</span><br /> +<span class="line">Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt.</span><br /> +<span class="line">Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist</span><br /> +<span class="line">Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte.</span><br /> +<span class="line">Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur,</span><br /> +<span class="line">Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt</span><br /> +<span class="line">Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend,</span><br /> +<span class="line">Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide</span><br /> +<span class="line">Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend.</span></div> +</div> + + + +<h2>Polyhymnia<br /> + +Der Weltbürger</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen,</span><br /> +<span class="line">Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte,</span><br /> +<span class="line">Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe,</span><br /> +<span class="line">Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward.</span><br /> +<span class="line">Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf:</span><br /> +<span class="line">“Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll</span><br /> +<span class="line">Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch</span><br /> +<span class="line">Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue.</span><br /> +<span class="line">Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen</span><br /> +<span class="line">Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten</span><br /> +<span class="line">Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.</span><br /> +<span class="line">Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.</span><br /> +<span class="line">Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig;</span><br /> +<span class="line">Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal.</span><br /> +<span class="line">Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und rastlos</span><br /> +<span class="line">Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde</span><br /> +<span class="line">Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreuet,</span><br /> +<span class="line">Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft;</span><br /> +<span class="line">Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger,</span><br /> +<span class="line">Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet</span><br /> +<span class="line">Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten.</span><br /> +<span class="line">Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden,</span><br /> +<span class="line">Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme</span><br /> +<span class="line">Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret.</span><br /> +<span class="line">Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen,</span><br /> +<span class="line">Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes.</span><br /> +<span class="line">Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde,</span><br /> +<span class="line">Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;</span><br /> +<span class="line">Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke.</span><br /> +<span class="line">Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab!</span><br /> +<span class="line">Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen</span><br /> +<span class="line">Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart!</span><br /> +<span class="line">Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket;</span><br /> +<span class="line">Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter,</span><br /> +<span class="line">Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend,</span><br /> +<span class="line">Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen.</span><br /> +<span class="line">Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen</span><br /> +<span class="line">Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein,</span><br /> +<span class="line">Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend.</span><br /> +<span class="line">“Vater", sprach sie, “wie oft gedachten wir, untereinander</span><br /> +<span class="line">Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig</span><br /> +<span class="line">Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute!</span><br /> +<span class="line">Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes</span><br /> +<span class="line">Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze.</span><br /> +<span class="line">Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel</span><br /> +<span class="line">Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden.</span><br /> +<span class="line">Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen?</span><br /> +<span class="line">Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft</span><br /> +<span class="line">Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen!</span><br /> +<span class="line">Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden.</span><br /> +<span class="line">Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet.</span><br /> +<span class="line">Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es sagte der Sohn: “Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat</span><br /> +<span class="line">Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf,</span><br /> +<span class="line">Nahm das Wort und sprach: “Der Augenblick nur entscheidet</span><br /> +<span class="line">Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;</span><br /> +<span class="line">Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur</span><br /> +<span class="line">Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte.</span><br /> +<span class="line">Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenes</span><br /> +<span class="line">Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren.</span><br /> +<span class="line">Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte</span><br /> +<span class="line">Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem.</span><br /> +<span class="line">Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch.</span><br /> +<span class="line">Seid nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet,</span><br /> +<span class="line">Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht</span><br /> +<span class="line">Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget.</span><br /> +<span class="line">Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben</span><br /> +<span class="line">Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.</span><br /> +<span class="line">Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten,</span><br /> +<span class="line">Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.</span><br /> +<span class="line">Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht,</span><br /> +<span class="line">Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet!</span><br /> +<span class="line">Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.</span><br /> +<span class="line">Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling.</span><br /> +<span class="line">Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses,</span><br /> +<span class="line">Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig,</span><br /> +<span class="line">Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war:</span><br /> +<span class="line">“Laßt uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten!</span><br /> +<span class="line">Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise.</span><br /> +<span class="line">Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen,</span><br /> +<span class="line">Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen:</span><br /> +<span class="line">Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite.</span><br /> +<span class="line">Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.</span><br /> +<span class="line">Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten:</span><br /> +<span class="line">“Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche,</span><br /> +<span class="line">Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde;</span><br /> +<span class="line">Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen.</span><br /> +<span class="line">Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift,</span><br /> +<span class="line">Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken.</span><br /> +<span class="line">Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges,</span><br /> +<span class="line">Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude</span><br /> +<span class="line">Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben.</span><br /> +<span class="line">Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?</span><br /> +<span class="line">Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet.</span><br /> +<span class="line">Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste,</span><br /> +<span class="line">Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück vergessend,</span><br /> +<span class="line">Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich.</span><br /> +<span class="line">Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten;</span><br /> +<span class="line">Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn</span><br /> +<span class="line">Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin,</span><br /> +<span class="line">Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf:</span><br /> +<span class="line">“Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde</span><br /> +<span class="line">Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte!</span><br /> +<span class="line">Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist:</span><br /> +<span class="line">Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter</span><br /> +<span class="line">Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt,</span><br /> +<span class="line">Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann.</span><br /> +<span class="line">Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hülf' es?</span><br /> +<span class="line">Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus.</span><br /> +<span class="line">Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter</span><br /> +<span class="line">Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde:</span><br /> +<span class="line">“Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret,</span><br /> +<span class="line">Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt.</span><br /> +<span class="line">Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen.</span><br /> +<span class="line">Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und Mutter</span><br /> +<span class="line">Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder</span><br /> +<span class="line">Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde</span><br /> +<span class="line">Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten,</span><br /> +<span class="line">Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit,</span><br /> +<span class="line">Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung,</span><br /> +<span class="line">Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen.”</span><br /> +<span class="line">Und so ging er hinaus, indessen manches die andern</span><br /> +<span class="line">Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste</span><br /> +<span class="line">Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten</span><br /> +<span class="line">Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen.</span><br /> +<span class="line">Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an,</span><br /> +<span class="line">Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen</span><br /> +<span class="line">Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel,</span><br /> +<span class="line">Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon</span><br /> +<span class="line">Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend.</span><br /> +<span class="line">Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern</span><br /> +<span class="line">Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde.</span><br /> +<span class="line">Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg.</span><br /> +<span class="line">Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen,</span><br /> +<span class="line">Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurücke,</span><br /> +<span class="line">Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme.</span><br /> +<span class="line">So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu,</span><br /> +<span class="line">Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter.</span><br /> +<span class="line">Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte</span><br /> +<span class="line">Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser,</span><br /> +<span class="line">Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet,</span><br /> +<span class="line">Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt,</span><br /> +<span class="line">War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender Anger</span><br /> +<span class="line">Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.</span><br /> +<span class="line">Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen.</span><br /> +<span class="line">Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke,</span><br /> +<span class="line">Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll,</span><br /> +<span class="line">Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich.</span><br /> +<span class="line">Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die Pferde</span><br /> +<span class="line">Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte:</span><br /> +<span class="line">“Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret,</span><br /> +<span class="line">Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete.</span><br /> +<span class="line">Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes;</span><br /> +<span class="line">Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin,</span><br /> +<span class="line">Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.</span><br /> +<span class="line">Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen;</span><br /> +<span class="line">Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar.</span><br /> +<span class="line">Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider:</span><br /> +<span class="line">Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,</span><br /> +<span class="line">Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;</span><br /> +<span class="line">Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,</span><br /> +<span class="line">Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut;</span><br /> +<span class="line">Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;</span><br /> +<span class="line">Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;</span><br /> +<span class="line">Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an</span><br /> +<span class="line">Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel.</span><br /> +<span class="line">Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten:</span><br /> +<span class="line">Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht,</span><br /> +<span class="line">Sondern befraget die andern und hört, was sie alles erzählen.</span><br /> +<span class="line">Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter,</span><br /> +<span class="line">Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre.</span><br /> +<span class="line">Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu,</span><br /> +<span class="line">Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen</span><br /> +<span class="line">Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand.</span><br /> +<span class="line">Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an den Wagen,</span><br /> +<span class="line">Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber,</span><br /> +<span class="line">Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.</span><br /> +<span class="line">Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere,</span><br /> +<span class="line">Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher,</span><br /> +<span class="line">Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten;</span><br /> +<span class="line">Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau.</span><br /> +<span class="line">Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen</span><br /> +<span class="line">Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,</span><br /> +<span class="line">Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter,</span><br /> +<span class="line">Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse,</span><br /> +<span class="line">Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohte.</span><br /> +<span class="line">“Hat uns", rief er, “noch nicht das Unglück also gebändigt,</span><br /> +<span class="line">Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden</span><br /> +<span class="line">Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt?</span><br /> +<span class="line">Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden</span><br /> +<span class="line">Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern?</span><br /> +<span class="line">Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet,</span><br /> +<span class="line">Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich</span><br /> +<span class="line">Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen.</span><br /> +<span class="line">Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen</span><br /> +<span class="line">Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,</span><br /> +<span class="line">Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte:</span><br /> +<span class="line">“Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt,</span><br /> +<span class="line">Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut</span><br /> +<span class="line">Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert,</span><br /> +<span class="line">Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste</span><br /> +<span class="line">Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander,</span><br /> +<span class="line">Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten:</span><br /> +<span class="line">Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort.</span><br /> +<span class="line">Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens,</span><br /> +<span class="line">Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um,</span><br /> +<span class="line">Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung,</span><br /> +<span class="line">Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte:</span><br /> +<span class="line">Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei,</span><br /> +<span class="line">Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens.</span><br /> +<span class="line">Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter von diesen</span><br /> +<span class="line">Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt?</span><br /> +<span class="line">Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer,</span><br /> +<span class="line">Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet.</span><br /> +<span class="line">Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter:</span><br /> +<span class="line">“Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten,</span><br /> +<span class="line">Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.</span><br /> +<span class="line">Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat,</span><br /> +<span class="line">Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten.</span><br /> +<span class="line">Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter</span><br /> +<span class="line">Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig.</span><br /> +<span class="line">Oh, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen,</span><br /> +<span class="line">Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche</span><br /> +<span class="line">Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war</span><br /> +<span class="line">Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte,</span><br /> +<span class="line">Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm:</span><br /> +<span class="line">“Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen.</span><br /> +<span class="line">Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme</span><br /> +<span class="line">Wieder, sobald ich sie finde.” Es nickte der Pfarrer dagegen,</span><br /> +<span class="line">Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher.</span></div> +</div> + + + +<h2>Klio<br /> + +Das Zeitalter</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte,</span><br /> +<span class="line">Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben,</span><br /> +<span class="line">Sagte der Mann darauf: “Nicht kurz sind unsere Leiden;</span><br /> +<span class="line">Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre getrunken,</span><br /> +<span class="line">Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward.</span><br /> +<span class="line">Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben,</span><br /> +<span class="line">Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen,</span><br /> +<span class="line">Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,</span><br /> +<span class="line">Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei,</span><br /> +<span class="line">Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!</span><br /> +<span class="line">Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich</span><br /> +<span class="line">Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,</span><br /> +<span class="line">Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.</span><br /> +<span class="line">Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen</span><br /> +<span class="line">Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen</span><br /> +<span class="line">Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?</span><br /> +<span class="line">Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft,</span><br /> +<span class="line">Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind?</span><br /> +<span class="line">Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache?</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet.</span><br /> +<span class="line">Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken</span><br /> +<span class="line">Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.</span><br /> +<span class="line">Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele</span><br /> +<span class="line">Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit,</span><br /> +<span class="line">Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung.</span><br /> +<span class="line">Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter,</span><br /> +<span class="line">Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte.</span><br /> +<span class="line">So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken,</span><br /> +<span class="line">Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm Beginnen,</span><br /> +<span class="line">Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut.</span><br /> +<span class="line">Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges;</span><br /> +<span class="line">Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne,</span><br /> +<span class="line">Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam</span><br /> +<span class="line">Schwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend!</span><br /> +<span class="line">Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste,</span><br /> +<span class="line">Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte.</span><br /> +<span class="line">Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen die Greise,</span><br /> +<span class="line">Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft</span><br /> +<span class="line">Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen.</span><br /> +<span class="line">Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen</span><br /> +<span class="line">Nachbarn und Brüder und sandten die eigennützige Menge.</span><br /> +<span class="line">Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen,</span><br /> +<span class="line">Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen;</span><br /> +<span class="line">Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen.</span><br /> +<span class="line">Allzu groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung;</span><br /> +<span class="line">Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages.</span><br /> +<span class="line">Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gelaßnes Gemüt an,</span><br /> +<span class="line">Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen</span><br /> +<span class="line">Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung.</span><br /> +<span class="line">Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen,</span><br /> +<span class="line">Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke.</span><br /> +<span class="line">Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges!</span><br /> +<span class="line">Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's,</span><br /> +<span class="line">Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der seine,</span><br /> +<span class="line">Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet.</span><br /> +<span class="line">Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab</span><br /> +<span class="line">Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter.</span><br /> +<span class="line">Dann ist sein Gemüt auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung</span><br /> +<span class="line">Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen.</span><br /> +<span class="line">Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde</span><br /> +<span class="line">Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen.</span><br /> +<span class="line">Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten</span><br /> +<span class="line">Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun,</span><br /> +<span class="line">Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste.</span><br /> +<span class="line">Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings</span><br /> +<span class="line">Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke.</span><br /> +<span class="line">Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke,</span><br /> +<span class="line">Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf.</span><br /> +<span class="line">Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung</span><br /> +<span class="line">Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense.</span><br /> +<span class="line">Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung;</span><br /> +<span class="line">Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche.</span><br /> +<span class="line">Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung</span><br /> +<span class="line">Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick.</span><br /> +<span class="line">Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren!</span><br /> +<span class="line">Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,</span><br /> +<span class="line">Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Trefflicher Mann!” versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck,</span><br /> +<span class="line">“Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten;</span><br /> +<span class="line">Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen!</span><br /> +<span class="line">Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen,</span><br /> +<span class="line">Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet.</span><br /> +<span class="line">Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen,</span><br /> +<span class="line">Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen,</span><br /> +<span class="line">Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter.</span><br /> +<span class="line">“Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses</span><br /> +<span class="line">Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert,</span><br /> +<span class="line">Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt.</span><br /> +<span class="line">Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich;</span><br /> +<span class="line">Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes.</span><br /> +<span class="line">Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen</span><br /> +<span class="line">Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis.</span><br /> +<span class="line">Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen,</span><br /> +<span class="line">Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde,</span><br /> +<span class="line">Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen;</span><br /> +<span class="line">Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich</span><br /> +<span class="line">Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte.</span><br /> +<span class="line">Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird,</span><br /> +<span class="line">Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes.</span><br /> +<span class="line">Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen,</span><br /> +<span class="line">Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau,</span><br /> +<span class="line">Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb;</span><br /> +<span class="line">Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen.</span><br /> +<span class="line">Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels,</span><br /> +<span class="line">Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen.</span><br /> +<span class="line">Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau</span><br /> +<span class="line">Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen.</span><br /> +<span class="line">Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos</span><br /> +<span class="line">Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen.</span><br /> +<span class="line">Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel,</span><br /> +<span class="line">Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen.</span><br /> +<span class="line">Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode.</span><br /> +<span class="line">Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen,</span><br /> +<span class="line">Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf,</span><br /> +<span class="line">Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten?</span><br /> +<span class="line">Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde?</span><br /> +<span class="line">Aber da trat herbei der Apotheker behende,</span><br /> +<span class="line">Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte:</span><br /> +<span class="line">“Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden,</span><br /> +<span class="line">Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen;</span><br /> +<span class="line">Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!”</span><br /> +<span class="line">Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter</span><br /> +<span class="line">Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten.</span><br /> +<span class="line">Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr</span><br /> +<span class="line">An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig.</span><br /> +<span class="line">“Seht Ihr", sagt' er, “das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt,</span><br /> +<span class="line">Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen</span><br /> +<span class="line">Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat.</span><br /> +<span class="line">Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.</span><br /> +<span class="line">Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;</span><br /> +<span class="line">Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,</span><br /> +<span class="line">Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;</span><br /> +<span class="line">Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet</span><br /> +<span class="line">Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut;</span><br /> +<span class="line">Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,</span><br /> +<span class="line">Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;</span><br /> +<span class="line">Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe</span><br /> +<span class="line">Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen</span><br /> +<span class="line">Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.</span><br /> +<span class="line">Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen,</span><br /> +<span class="line">Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend:</span><br /> +<span class="line">“Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder,</span><br /> +<span class="line">Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe.</span><br /> +<span class="line">Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!</span><br /> +<span class="line">Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling.</span><br /> +<span class="line">Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen,</span><br /> +<span class="line">Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet.</span><br /> +<span class="line">Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden,</span><br /> +<span class="line">Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert,</span><br /> +<span class="line">Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht.</span><br /> +<span class="line">So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele</span><br /> +<span class="line">Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich:</span><br /> +<span class="line">“Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen,</span><br /> +<span class="line">Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:</span><br /> +<span class="line">‘Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,</span><br /> +<span class="line">Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,</span><br /> +<span class="line">Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.’</span><br /> +<span class="line">Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun,</span><br /> +<span class="line">Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend;</span><br /> +<span class="line">“Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich.”</span><br /> +<span class="line">Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen,</span><br /> +<span class="line">Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam.</span><br /> +<span class="line">Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht:</span><br /> +<span class="line">“Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier</span><br /> +<span class="line">Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt</span><br /> +<span class="line">Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward.</span><br /> +<span class="line">Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine.</span><br /> +<span class="line">Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat,</span><br /> +<span class="line">Sagt' er: “Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte</span><br /> +<span class="line">Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet,</span><br /> +<span class="line">Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte —</span><br /> +<span class="line">Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren,</span><br /> +<span class="line">Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten</span><br /> +<span class="line">Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß</span><br /> +<span class="line">Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren.</span><br /> +<span class="line">Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen</span><br /> +<span class="line">Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten</span><br /> +<span class="line">Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben,</span><br /> +<span class="line">Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand;</span><br /> +<span class="line">Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke.”</span><br /> +<span class="line">Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten,</span><br /> +<span class="line">Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels</span><br /> +<span class="line">War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet,</span><br /> +<span class="line">Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn),</span><br /> +<span class="line">Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: “Teilet den Pfennig</span><br /> +<span class="line">Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!”</span><br /> +<span class="line">Doch es weigerte sich der Mann und sagte: “Wir haben</span><br /> +<span class="line">Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen,</span><br /> +<span class="line">Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein:</span><br /> +<span class="line">“Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand</span><br /> +<span class="line">Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten!</span><br /> +<span class="line">Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet;</span><br /> +<span class="line">Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht</span><br /> +<span class="line">Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Ei doch!” sagte darauf der Apotheker geschäftig,</span><br /> +<span class="line">“Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben,</span><br /> +<span class="line">Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's.</span><br /> +<span class="line">Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen</span><br /> +<span class="line">Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt.”</span><br /> +<span class="line">Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel</span><br /> +<span class="line">An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war,</span><br /> +<span class="line">Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen.</span><br /> +<span class="line">“Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß.</span><br /> +<span class="line">“Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen.”</span><br /> +<span class="line">Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter.</span><br /> +<span class="line">“Eilen wir!” sprach der verständige Mann; “es wartet der Jüngling</span><br /> +<span class="line">Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft.”</span><br /> +<span class="line">Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet</span><br /> +<span class="line">An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften</span><br /> +<span class="line">Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken,</span><br /> +<span class="line">Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher,</span><br /> +<span class="line">Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben.</span><br /> +<span class="line">Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen;</span><br /> +<span class="line">Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr</span><br /> +<span class="line">Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg:</span><br /> +<span class="line">“Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues</span><br /> +<span class="line">Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend!</span><br /> +<span class="line">Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen,</span><br /> +<span class="line">Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen,</span><br /> +<span class="line">Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude</span><br /> +<span class="line">Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich,</span><br /> +<span class="line">Seufzete tief und sprach: “Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk,</span><br /> +<span class="line">Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause;</span><br /> +<span class="line">Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen,</span><br /> +<span class="line">Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt.</span><br /> +<span class="line">Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen,</span><br /> +<span class="line">Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht?</span><br /> +<span class="line">Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam</span><br /> +<span class="line">Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an.</span><br /> +<span class="line">Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte</span><br /> +<span class="line">Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?</span><br /> +<span class="line">Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe?</span><br /> +<span class="line">Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung</span><br /> +<span class="line">Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte,</span><br /> +<span class="line">Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat</span><br /> +<span class="line">Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen.</span><br /> +<span class="line">Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon;</span><br /> +<span class="line">Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein:</span><br /> +<span class="line">“Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen,</span><br /> +<span class="line">Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward.</span><br /> +<span class="line">Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen,</span><br /> +<span class="line">Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen;</span><br /> +<span class="line">Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern</span><br /> +<span class="line">Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze</span><br /> +<span class="line">Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte,</span><br /> +<span class="line">Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst</span><br /> +<span class="line">Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend.</span><br /> +<span class="line">Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet,</span><br /> +<span class="line">Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war.</span><br /> +<span class="line">Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte</span><br /> +<span class="line">Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären.</span><br /> +<span class="line">Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich.</span><br /> +<span class="line">Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer</span><br /> +<span class="line">In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste;</span><br /> +<span class="line">Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar,</span><br /> +<span class="line">Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen.</span><br /> +<span class="line">Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen</span><br /> +<span class="line">Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber.</span><br /> +<span class="line">Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen,</span><br /> +<span class="line">Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Sei es, wie ihm auch sei!” versetzte der Jüngling, der kaum auf</span><br /> +<span class="line">Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen;</span><br /> +<span class="line">“Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren</span><br /> +<span class="line">Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen</span><br /> +<span class="line">Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat.</span><br /> +<span class="line">Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich.</span><br /> +<span class="line">Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal</span><br /> +<span class="line">Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen;</span><br /> +<span class="line">Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern</span><br /> +<span class="line">Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret;</span><br /> +<span class="line">Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich</span><br /> +<span class="line">Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret.</span><br /> +<span class="line">Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet</span><br /> +<span class="line">Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren,</span><br /> +<span class="line">Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen.</span><br /> +<span class="line">Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel</span><br /> +<span class="line">An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter</span><br /> +<span class="line">Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute</span><br /> +<span class="line">Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine</span><br /> +<span class="line">Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel,</span><br /> +<span class="line">Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend,</span><br /> +<span class="line">Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest:</span><br /> +<span class="line">“Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an;</span><br /> +<span class="line">Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret,</span><br /> +<span class="line">Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt.”</span><br /> +<span class="line">Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest:</span><br /> +<span class="line">“Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele;</span><br /> +<span class="line">Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen,</span><br /> +<span class="line">Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen.</span><br /> +<span class="line">Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken,</span><br /> +<span class="line">Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich</span><br /> +<span class="line">Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch,</span><br /> +<span class="line">Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden,</span><br /> +<span class="line">Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen,</span><br /> +<span class="line">Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet;</span><br /> +<span class="line">Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles.</span><br /> +<span class="line">Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen.</span><br /> +<span class="line">Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben,</span><br /> +<span class="line">Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken.</span></div> +</div> + + + +<h2>Erato<br /> + +Dorothea</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne</span><br /> +<span class="line">Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte,</span><br /> +<span class="line">Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens</span><br /> +<span class="line">Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,</span><br /> +<span class="line">Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben:</span><br /> +<span class="line">So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens</span><br /> +<span class="line">Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen.</span><br /> +<span class="line">Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam</span><br /> +<span class="line">Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder</span><br /> +<span class="line">Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen.</span><br /> +<span class="line">Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es</span><br /> +<span class="line">Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel</span><br /> +<span class="line">Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen.</span><br /> +<span class="line">Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick</span><br /> +<span class="line">Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also:</span><br /> +<span class="line">“Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt,</span><br /> +<span class="line">Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen?</span><br /> +<span class="line">Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt,</span><br /> +<span class="line">Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen?</span><br /> +<span class="line">Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten.</span><br /> +<span class="line">Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling,</span><br /> +<span class="line">Sprach: “So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet,</span><br /> +<span class="line">Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat;</span><br /> +<span class="line">Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich.</span><br /> +<span class="line">Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen,</span><br /> +<span class="line">Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten.</span><br /> +<span class="line">Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen,</span><br /> +<span class="line">Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt,</span><br /> +<span class="line">Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen</span><br /> +<span class="line">Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen</span><br /> +<span class="line">Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.</span><br /> +<span class="line">Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle</span><br /> +<span class="line">Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt;</span><br /> +<span class="line">Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis</span><br /> +<span class="line">Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter</span><br /> +<span class="line">Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten</span><br /> +<span class="line">Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen;</span><br /> +<span class="line">Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über.</span><br /> +<span class="line">Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels</span><br /> +<span class="line">Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel.</span><br /> +<span class="line">“Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling;</span><br /> +<span class="line">Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich</span><br /> +<span class="line">Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde:</span><br /> +<span class="line">“Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde</span><br /> +<span class="line">Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke</span><br /> +<span class="line">Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge,</span><br /> +<span class="line">Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen,</span><br /> +<span class="line">Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe,</span><br /> +<span class="line">Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.</span><br /> +<span class="line">Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen:</span><br /> +<span class="line">“Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.</span><br /> +<span class="line">Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen?</span><br /> +<span class="line">Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern</span><br /> +<span class="line">Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten</span><br /> +<span class="line">Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach.</span><br /> +<span class="line">Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause</span><br /> +<span class="line">Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft.</span><br /> +<span class="line">Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde</span><br /> +<span class="line">Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau,</span><br /> +<span class="line">Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen.</span><br /> +<span class="line">Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause,</span><br /> +<span class="line">Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe,</span><br /> +<span class="line">An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen.</span><br /> +<span class="line">Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit,</span><br /> +<span class="line">Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder,</span><br /> +<span class="line">Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen,</span><br /> +<span class="line">Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde</span><br /> +<span class="line">Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen,</span><br /> +<span class="line">Was sie wünschen wie ich. — Verzeih mir die stotternde Rede.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, “das Weitre zu sprechen;</span><br /> +<span class="line">Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden.</span><br /> +<span class="line">Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken:</span><br /> +<span class="line">Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter,</span><br /> +<span class="line">Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht;</span><br /> +<span class="line">Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden,</span><br /> +<span class="line">Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte.</span><br /> +<span class="line">Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein.</span><br /> +<span class="line">Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals.</span><br /> +<span class="line">Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder</span><br /> +<span class="line">Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung;</span><br /> +<span class="line">Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden.</span><br /> +<span class="line">Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat</span><br /> +<span class="line">Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln,</span><br /> +<span class="line">Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen</span><br /> +<span class="line">Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen:</span><br /> +<span class="line">Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder</span><br /> +<span class="line">Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht!</span><br /> +<span class="line">Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren</span><br /> +<span class="line">Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne;</span><br /> +<span class="line">Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe.</span><br /> +<span class="line">Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden</span><br /> +<span class="line">Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.</span><br /> +<span class="line">Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung,</span><br /> +<span class="line">Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen.</span><br /> +<span class="line">Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen,</span><br /> +<span class="line">In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst.</span><br /> +<span class="line">Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens;</span><br /> +<span class="line">Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Laßt uns", fuhr sie nun fort, “zurücke kehren! Die Mädchen</span><br /> +<span class="line">Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen;</span><br /> +<span class="line">Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen.”</span><br /> +<span class="line">Also standen sie auf und schauten beide noch einmal</span><br /> +<span class="line">In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel,</span><br /> +<span class="line">Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben.</span><br /> +<span class="line">Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen.</span><br /> +<span class="line">“Laßt ihn", sprach sie; “es trägt sich besser die gleichere Last so.</span><br /> +<span class="line">Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen.</span><br /> +<span class="line">Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!</span><br /> +<span class="line">Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung!</span><br /> +<span class="line">Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,</span><br /> +<span class="line">Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.</span><br /> +<span class="line">Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,</span><br /> +<span class="line">Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen</span><br /> +<span class="line">Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre.</span><br /> +<span class="line">Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer</span><br /> +<span class="line">Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages,</span><br /> +<span class="line">Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,</span><br /> +<span class="line">Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern!</span><br /> +<span class="line">Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle,</span><br /> +<span class="line">Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret</span><br /> +<span class="line">Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.</span><br /> +<span class="line">Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,</span><br /> +<span class="line">Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter</span><br /> +<span class="line">Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune,</span><br /> +<span class="line">Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen,</span><br /> +<span class="line">Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld.</span><br /> +<span class="line">Beide traten hinein; und von der anderen Seite</span><br /> +<span class="line">Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein.</span><br /> +<span class="line">Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren;</span><br /> +<span class="line">Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte.</span><br /> +<span class="line">Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen,</span><br /> +<span class="line">Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen!</span><br /> +<span class="line">Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich,</span><br /> +<span class="line">Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken.</span><br /> +<span class="line">Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,</span><br /> +<span class="line">Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter.</span><br /> +<span class="line">Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser;</span><br /> +<span class="line">Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch</span><br /> +<span class="line">Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze:</span><br /> +<span class="line">Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt,</span><br /> +<span class="line">Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet,</span><br /> +<span class="line">Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes,</span><br /> +<span class="line">Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet.</span><br /> +<span class="line">Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben.</span><br /> +<span class="line">Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern</span><br /> +<span class="line">Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich</span><br /> +<span class="line">Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist.</span><br /> +<span class="line">Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken,</span><br /> +<span class="line">Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise.</span><br /> +<span class="line">Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen,</span><br /> +<span class="line">Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern;</span><br /> +<span class="line">Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen.</span><br /> +<span class="line">Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling,</span><br /> +<span class="line">Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet.</span><br /> +<span class="line">Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet</span><br /> +<span class="line">Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt.</span><br /> +<span class="line">Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln,</span><br /> +<span class="line">Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte,</span><br /> +<span class="line">Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet!</span><br /> +<span class="line">Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter,</span><br /> +<span class="line">“Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder,</span><br /> +<span class="line">Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel.</span><br /> +<span class="line">Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann:</span><br /> +<span class="line">“Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen,</span><br /> +<span class="line">Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.</span><br /> +<span class="line">Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde,</span><br /> +<span class="line">So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet;</span><br /> +<span class="line">Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist,</span><br /> +<span class="line">Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen,</span><br /> +<span class="line">Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein</span><br /> +<span class="line">Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen.</span><br /> +<span class="line">Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet,</span><br /> +<span class="line">Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist.</span><br /> +<span class="line">Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt,</span><br /> +<span class="line">Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte,</span><br /> +<span class="line">Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend.</span><br /> +<span class="line">Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann</span><br /> +<span class="line">Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.</span><br /> +<span class="line">Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin:</span><br /> +<span class="line">“Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen.”</span><br /> +<span class="line">Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen.”</span><br /> +<span class="line">Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber.</span><br /> +<span class="line">Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie.</span><br /> +<span class="line">Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen</span><br /> +<span class="line">Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen.</span><br /> +<span class="line">Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend:</span><br /> +<span class="line">“Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten</span><br /> +<span class="line">Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte,</span><br /> +<span class="line">Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug,</span><br /> +<span class="line">Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten.”</span><br /> +<span class="line">Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie</span><br /> +<span class="line">Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern.</span></div> +</div> + + + +<h2>Melpomene<br /> + +Hermann und Dorothea</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,</span><br /> +<span class="line">Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,</span><br /> +<span class="line">Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken</span><br /> +<span class="line">Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.</span><br /> +<span class="line">“Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, “nicht etwa</span><br /> +<span class="line">Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte.”</span><br /> +<span class="line">Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes,</span><br /> +<span class="line">Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.</span><br /> +<span class="line">Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde:</span><br /> +<span class="line">“Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke,</span><br /> +<span class="line">Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut!</span><br /> +<span class="line">Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen,</span><br /> +<span class="line">Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin;</span><br /> +<span class="line">Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun,</span><br /> +<span class="line">Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen,</span><br /> +<span class="line">Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat.</span><br /> +<span class="line">Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling:</span><br /> +<span class="line">“Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!</span><br /> +<span class="line">Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen,</span><br /> +<span class="line">Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm,</span><br /> +<span class="line">Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg.</span><br /> +<span class="line">Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen;</span><br /> +<span class="line">Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen,</span><br /> +<span class="line">Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest.</span><br /> +<span class="line">Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch.</span><br /> +<span class="line">Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos,</span><br /> +<span class="line">Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle.</span><br /> +<span class="line">Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches</span><br /> +<span class="line">Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist;</span><br /> +<span class="line">Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen.</span><br /> +<span class="line">Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben,</span><br /> +<span class="line">Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung,</span><br /> +<span class="line">Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt,</span><br /> +<span class="line">Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte</span><br /> +<span class="line">Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung:</span><br /> +<span class="line">“Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen;</span><br /> +<span class="line">Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen,</span><br /> +<span class="line">Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde.</span><br /> +<span class="line">Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten</span><br /> +<span class="line">Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger</span><br /> +<span class="line">Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen.</span><br /> +<span class="line">Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich</span><br /> +<span class="line">Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen</span><br /> +<span class="line">Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus.</span><br /> +<span class="line">Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin,</span><br /> +<span class="line">Was von Herzen mir geht — ich will es dem Alten erzeigen.</span><br /> +<span class="line">Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen,</span><br /> +<span class="line">Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum.</span><br /> +<span class="line">Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter;</span><br /> +<span class="line">Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne.</span><br /> +<span class="line">Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander</span><br /> +<span class="line">Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte.</span><br /> +<span class="line">Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten</span><br /> +<span class="line">Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war,</span><br /> +<span class="line">Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen.</span><br /> +<span class="line">Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet,</span><br /> +<span class="line">Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend:</span><br /> +<span class="line">“Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!”</span><br /> +<span class="line">Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde</span><br /> +<span class="line">Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen,</span><br /> +<span class="line">Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen.</span><br /> +<span class="line">Also saßen sie still und schweigend nebeneinander.</span><br /> +<span class="line">Aber das Mädchen begann und sagte: “Wie find ich des Mondes</span><br /> +<span class="line">Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich.</span><br /> +<span class="line">Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe,</span><br /> +<span class="line">An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling,</span><br /> +<span class="line">“Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe,</span><br /> +<span class="line">Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache,</span><br /> +<span class="line">Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause.</span><br /> +<span class="line">Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte.</span><br /> +<span class="line">Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen.</span><br /> +<span class="line">Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten</span><br /> +<span class="line">Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber,</span><br /> +<span class="line">Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond.”</span><br /> +<span class="line">Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin,</span><br /> +<span class="line">Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend;</span><br /> +<span class="line">Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter,</span><br /> +<span class="line">Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang.</span><br /> +<span class="line">Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände;</span><br /> +<span class="line">Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie,</span><br /> +<span class="line">Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ.</span><br /> +<span class="line">Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing;</span><br /> +<span class="line">Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen,</span><br /> +<span class="line">Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen.</span><br /> +<span class="line">Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus,</span><br /> +<span class="line">Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter,</span><br /> +<span class="line">Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er,</span><br /> +<span class="line">Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt,</span><br /> +<span class="line">Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere.</span><br /> +<span class="line">Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens</span><br /> +<span class="line">Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet,</span><br /> +<span class="line">Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte:</span><br /> +<span class="line">“Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute</span><br /> +<span class="line">Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt.</span><br /> +<span class="line">Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet!</span><br /> +<span class="line">Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln</span><br /> +<span class="line">Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest.”</span></div> +</div> + + + +<h2>Urania<br /> + +Aussicht</h2> + +<div class="verse"><div class="stanza"> +<span class="line">Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt,</span><br /> +<span class="line">Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet,</span><br /> +<span class="line">An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt:</span><br /> +<span class="line">Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden,</span><br /> +<span class="line">Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn!</span><br /> +<span class="line">Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet!</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder</span><br /> +<span class="line">Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen,</span><br /> +<span class="line">Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes;</span><br /> +<span class="line">Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren;</span><br /> +<span class="line">Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen,</span><br /> +<span class="line">Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">“Mache nicht schlimmer das Übel!” versetzt' unmutig der Vater;</span><br /> +<span class="line">“Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen:</span><br /> +<span class="line">“Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde</span><br /> +<span class="line">Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel</span><br /> +<span class="line">Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb</span><br /> +<span class="line">Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen.”</span><br /> +<span class="line">“Sagt", versetzte der Pfarrer, “welch Kunststück brauchte der Alte?”</span><br /> +<span class="line">“Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken",</span><br /> +<span class="line">Sagte der Nachbar darauf. “Als Knabe stand ich am Sonntag</span><br /> +<span class="line">Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend,</span><br /> +<span class="line">Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.</span><br /> +<span class="line">Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin,</span><br /> +<span class="line">Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe.</span><br /> +<span class="line">Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische,</span><br /> +<span class="line">Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen.</span><br /> +<span class="line">Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich</span><br /> +<span class="line">Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme,</span><br /> +<span class="line">Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte:</span><br /> +<span class="line">‘Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt?</span><br /> +<span class="line">Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge,</span><br /> +<span class="line">Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden.</span><br /> +<span class="line">Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen,</span><br /> +<span class="line">Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen</span><br /> +<span class="line">Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden;</span><br /> +<span class="line">Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber,</span><br /> +<span class="line">Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt,</span><br /> +<span class="line">Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.’</span><br /> +<span class="line">Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen,</span><br /> +<span class="line">Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet,</span><br /> +<span class="line">Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche.</span><br /> +<span class="line">Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung</span><br /> +<span class="line">Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Lächelnd sagte der Pfarrer: “Des Todes rührendes Bild steht</span><br /> +<span class="line">Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.</span><br /> +<span class="line">Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;</span><br /> +<span class="line">Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung;</span><br /> +<span class="line">Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht</span><br /> +<span class="line">Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.</span><br /> +<span class="line">Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters</span><br /> +<span class="line">Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises</span><br /> +<span class="line">Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich,</span><br /> +<span class="line">Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten</span><br /> +<span class="line">Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar;</span><br /> +<span class="line">Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten</span><br /> +<span class="line">Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle.</span><br /> +<span class="line">Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten.</span><br /> +<span class="line">“Hier ist", sagt' er, “ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet.</span><br /> +<span class="line">Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe</span><br /> +<span class="line">Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft,</span><br /> +<span class="line">Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden.”</span><br /> +<span class="line">Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite,</span><br /> +<span class="line">Sagte: “Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis</span><br /> +<span class="line">Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre.</span><br /> +<span class="line">Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben,</span><br /> +<span class="line">Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte,</span><br /> +<span class="line">Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat.</span><br /> +<span class="line">Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum</span><br /> +<span class="line">Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage.</span><br /> +<span class="line">Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!”</span><br /> +<span class="line">Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft.</span><br /> +<span class="line">Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters</span><br /> +<span class="line">Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte</span><br /> +<span class="line">Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen:</span><br /> +<span class="line">“Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat</span><br /> +<span class="line">Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen.</span><br /> +<span class="line">Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste</span><br /> +<span class="line">In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es.</span><br /> +<span class="line">Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen,</span><br /> +<span class="line">Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt.</span><br /> +<span class="line">Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung?</span><br /> +<span class="line">Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder</span><br /> +<span class="line">Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten,</span><br /> +<span class="line">Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen,</span><br /> +<span class="line">Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken</span><br /> +<span class="line">Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen,</span><br /> +<span class="line">Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend:</span><br /> +<span class="line">“Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet,</span><br /> +<span class="line">Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers;</span><br /> +<span class="line">Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne,</span><br /> +<span class="line">Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen.</span><br /> +<span class="line">Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen,</span><br /> +<span class="line">Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist;</span><br /> +<span class="line">Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen,</span><br /> +<span class="line">Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei.</span><br /> +<span class="line">Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein,</span><br /> +<span class="line">Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht;</span><br /> +<span class="line">Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis.</span><br /> +<span class="line">Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen,</span><br /> +<span class="line">Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde,</span><br /> +<span class="line">Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum.</span><br /> +<span class="line">Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens</span><br /> +<span class="line">Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge.</span><br /> +<span class="line">Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen,</span><br /> +<span class="line">Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens.</span><br /> +<span class="line">Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten:</span><br /> +<span class="line">“Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands,</span><br /> +<span class="line">Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest,</span><br /> +<span class="line">Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten;</span><br /> +<span class="line">Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres,</span><br /> +<span class="line">Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort.</span><br /> +<span class="line">Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege,</span><br /> +<span class="line">Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit;</span><br /> +<span class="line">Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie:</span><br /> +<span class="line">Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt,</span><br /> +<span class="line">Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt,</span><br /> +<span class="line">Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet,</span><br /> +<span class="line">Mit der Kinder roher und übermütiger Unart:</span><br /> +<span class="line">Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen</span><br /> +<span class="line">Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken.</span><br /> +<span class="line">Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters</span><br /> +<span class="line">Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt,</span><br /> +<span class="line">Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle</span><br /> +<span class="line">Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang,</span><br /> +<span class="line">Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen:</span><br /> +<span class="line">“Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten</span><br /> +<span class="line">Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien</span><br /> +<span class="line">Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt.</span><br /> +<span class="line">Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden?</span><br /> +<span class="line">Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung.</span><br /> +<span class="line">Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge.</span><br /> +<span class="line">Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte</span><br /> +<span class="line">Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend.</span><br /> +<span class="line">Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben;</span><br /> +<span class="line">Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen,</span><br /> +<span class="line">Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend.</span><br /> +<span class="line">Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen,</span><br /> +<span class="line">Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen.</span><br /> +<span class="line">Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich</span><br /> +<span class="line">Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet,</span><br /> +<span class="line">Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte</span><br /> +<span class="line">Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen.</span><br /> +<span class="line">Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer</span><br /> +<span class="line">In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens,</span><br /> +<span class="line">Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren.</span><br /> +<span class="line">Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines</span><br /> +<span class="line">Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen.</span><br /> +<span class="line">Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben.</span><br /> +<span class="line">Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen)</span><br /> +<span class="line">Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen,</span><br /> +<span class="line">Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze.</span><br /> +<span class="line">Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich</span><br /> +<span class="line">Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen.</span><br /> +<span class="line">Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist</span><br /> +<span class="line">Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre.</span><br /> +<span class="line">Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet,</span><br /> +<span class="line">Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke.</span><br /> +<span class="line">Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend,</span><br /> +<span class="line">Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet;</span><br /> +<span class="line">Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen?</span><br /> +<span class="line">Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis</span><br /> +<span class="line">Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar.</span><br /> +<span class="line">Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger</span><br /> +<span class="line">Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe,</span><br /> +<span class="line">Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung.</span><br /> +<span class="line">Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken,</span><br /> +<span class="line">Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern,</span><br /> +<span class="line">Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt,</span><br /> +<span class="line">Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen</span><br /> +<span class="line">Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde.</span><br /> +<span class="line">Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin,</span><br /> +<span class="line">Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden.</span><br /> +<span class="line">Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend,</span><br /> +<span class="line">Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend.</span><br /> +<span class="line">Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen,</span><br /> +<span class="line">Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend:</span><br /> +<span class="line">“Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen?</span><br /> +<span class="line">Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte.”</span><br /> +<span class="line">Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen,</span><br /> +<span class="line">Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte:</span><br /> +<span class="line">“Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden,</span><br /> +<span class="line">Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages!</span><br /> +<span class="line">Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber,</span><br /> +<span class="line">Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet,</span><br /> +<span class="line">Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten.</span><br /> +<span class="line">Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen</span><br /> +<span class="line">Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette.”</span><br /> +<span class="line">Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen,</span><br /> +<span class="line">Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war.</span><br /> +<span class="line">Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte:</span><br /> +<span class="line">“Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen!</span><br /> +<span class="line">Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen,</span><br /> +<span class="line">Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat.</span><br /> +<span class="line">Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache.</span><br /> +<span class="line">Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze!</span><br /> +<span class="line">Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren,</span><br /> +<span class="line">Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte:</span><br /> +<span class="line">“Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis</span><br /> +<span class="line">Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte?</span><br /> +<span class="line">Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden?</span><br /> +<span class="line">Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?”</span><br /> +<span class="line">Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte:</span><br /> +<span class="line">“Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen;</span><br /> +<span class="line">Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine.</span><br /> +<span class="line">Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen,</span><br /> +<span class="line">Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben.</span><br /> +<span class="line">Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung</span><br /> +<span class="line">Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge,</span><br /> +<span class="line">Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest.</span><br /> +<span class="line">Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes.</span><br /> +<span class="line">Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!”</span><br /> +<span class="line">Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling</span><br /> +<span class="line">Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude,</span><br /> +<span class="line">Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung</span><br /> +<span class="line">Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret.</span><br /> +<span class="line">Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut</span><br /> +<span class="line">Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend,</span><br /> +<span class="line">Sprach: “Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen,</span><br /> +<span class="line">Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude.</span><br /> +<span class="line">Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses</span><br /> +<span class="line">Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden!</span><br /> +<span class="line">Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war,</span><br /> +<span class="line">Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet,</span><br /> +<span class="line">Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend.</span><br /> +<span class="line">Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich,</span><br /> +<span class="line">Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen.</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr</span><br /> +<span class="line">Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring</span><br /> +<span class="line">(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten),</span><br /> +<span class="line">Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder,</span><br /> +<span class="line">Sprach: “Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung,</span><br /> +<span class="line">Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten.</span><br /> +<span class="line">Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen</span><br /> +<span class="line">Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling erwünscht ist.</span><br /> +<span class="line">Also verlob' ich euch hier und segn' euch künftigen Zeiten,</span><br /> +<span class="line">Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar.</span><br /> +<span class="line">Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun</span><br /> +<span class="line">Steckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderen staunend,</span><br /> +<span class="line">Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet.</span><br /> +<span class="line">Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten:</span><br /> +<span class="line">“Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der erste</span><br /> +<span class="line">Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Aber sie sagte darauf. “Oh, laßt mich dieser Erinnrung</span><br /> +<span class="line">Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute,</span><br /> +<span class="line">Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zurückkam.</span><br /> +<span class="line">Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit,</span><br /> +<span class="line">Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken,</span><br /> +<span class="line">Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand.</span><br /> +<span class="line">‘Lebe glücklich’, sagt' er. ‘Ich gehe; denn alles bewegt sich</span><br /> +<span class="line">Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen.</span><br /> +<span class="line">Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten,</span><br /> +<span class="line">Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,</span><br /> +<span class="line">Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe.</span><br /> +<span class="line">Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder</span><br /> +<span class="line">Finde — wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten.</span><br /> +<span class="line">Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden;</span><br /> +<span class="line">Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden.</span><br /> +<span class="line">Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze;</span><br /> +<span class="line">Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen;</span><br /> +<span class="line">Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts</span><br /> +<span class="line">Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten.</span><br /> +<span class="line">Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder</span><br /> +<span class="line">Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfe,</span><br /> +<span class="line">Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal.</span><br /> +<span class="line">Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat!</span><br /> +<span class="line">Aber soll es nicht sein, daß je wir, aus diesen Gefahren</span><br /> +<span class="line">Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen,</span><br /> +<span class="line">Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken,</span><br /> +<span class="line">Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist!</span><br /> +<span class="line">Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung,</span><br /> +<span class="line">So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet!</span><br /> +<span class="line">Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar.</span><br /> +<span class="line">Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf;</span><br /> +<span class="line">Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes.</span><br /> +<span class="line">Heilig sei dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höher</span><br /> +<span class="line">Als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.’</span><br /> +<span class="line">Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder.</span><br /> +<span class="line">Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung.</span><br /> +<span class="line">Nun auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier</span><br /> +<span class="line">Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt.</span><br /> +<span class="line">Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich</span><br /> +<span class="line">Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer</span><br /> +<span class="line">Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken.”</span></div> +<div class="stanza"> +<span class="line">Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander.</span><br /> +<span class="line">Aber der Bräutigam sprach mit edler männlicher Rührung:</span><br /> +<span class="line">“Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschüttrung,</span><br /> +<span class="line">Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern,</span><br /> +<span class="line">Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum.</span><br /> +<span class="line">Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,</span><br /> +<span class="line">Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter;</span><br /> +<span class="line">Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.</span><br /> +<span class="line">Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung</span><br /> +<span class="line">Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin.</span><br /> +<span class="line">‘Dies ist unser!’ so laß uns sagen und so es behaupten!</span><br /> +<span class="line">Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen,</span><br /> +<span class="line">Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder</span><br /> +<span class="line">Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen.</span><br /> +<span class="line">Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals.</span><br /> +<span class="line">Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen,</span><br /> +<span class="line">Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde</span><br /> +<span class="line">Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen.</span><br /> +<span class="line">Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern,</span><br /> +<span class="line">Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen.</span><br /> +<span class="line">Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf</span><br /> +<span class="line">Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens.”</span></div> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA *** + +***** This file should be named 2312-h.htm or 2312-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/1/2312/ + +Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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If our value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour this year as we release thirty-six text +files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+ +If these reach just 10% of the computerized population, then the +total should reach over 200 billion Etexts given away this year. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext +Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only ~5% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we +manage to get some real funding; currently our funding is mostly +from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an +assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few +more years, so we are looking for something to replace it, as we +don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person. + +We need your donations more than ever! + + +All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are +tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie- +Mellon University). + +For these and other matters, please mail to: + +Project Gutenberg +P. O. 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Die Bürger +Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn +Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger +Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter +Siebenter Gesang: Erato. Dorothea +Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea +Neunter Gesang: Urania. Aussicht + + + + +Kalliope +Schicksal und Anteil + +"Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen! Ist doch +die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig, Deucht mir, +blieben zurück von allen unsern Bewohnern. Was die Neugier nicht tut! +So rennt und läuft nun ein jeder, Um den traurigen Zug der armen +Vertriebnen zu sehen. Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer +ein Stündchen, Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags. +Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend Guter +fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe, Leider, das +überrheinische Land, das schöne, verlassend, Zu uns herüberkommen und +durch den glücklichen Winkel Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen +wandern. Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort +Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken, Um es den Armen +zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen. Was der Junge doch fährt! +und wie er bändigt die Hengste! Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, +das neue; bequemlich Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher. +Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!" So sprach, unter +dem Tore des Hauses sitzend am Markte, Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt +zum Goldenen Löwen. + +Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau: "Vater, nicht +gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand, Denn sie ist zu manchem +Gebrauch und für Geld nicht zu haben, Wenn man ihrer bedarf. Doch heute +gab ich so gerne Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden, Denn ich +hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn. Wirst du mir aber +verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert. Und besonders den +Schlafrock mit indianischen Blumen, Von dem feinsten Kattun, mit feinem +Flanelle gefüttert, Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode." + +Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte: "Ungern vermiß +ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock, Echt ostindischen Stoffs; +so etwas kriegt man nicht wieder. Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man +will jetzt freilich, der Mann soll Immer gehn im Surtout und in der +Pekesche sich zeigen, Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und +Mütze." + +"Siehe!" versetzte die Frau, "dort kommen schon einige wieder, Die den +Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein. Seht, wie allen die +Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter Glühen! und jeglicher führt +das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab. Möcht' ich doch auch in +der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht Laufen und leiden! +Fürwahr, ich habe genug am Erzählten." + +Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: "Solch ein Wetter ist +selten zu solcher Ernte gekommen, Und wir bringen die Frucht herein, wie +das Heu schon herein ist, Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein +Wölkchen zu sehen, Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung. +Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon; Morgen +fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte." + +Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer Und der +Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben; Und so kam auch zurück +mit seinen Töchtern gefahren Rasch, an die andere Seite des Markts, der +begüterte Nachbar, An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes, +Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt). Lebhaft wurden die +Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen, Mancher Fabriken befliß man +sich da, und manches Gewerbes. + +Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg Über das wandernde +Volk mit mancher Bemerkung ergötzend. Endlich aber begann die würdige +Hausfrau und sagte: "Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der +Nachbar Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen, Was sie draußen +gesehn und was zu schauen nicht froh macht." + +Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar, Setzten sich auf +die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg, Staub von den Füßen schüttelnd, +und Luft mit dem Tuche sich fächelnd. Da begann denn zuerst, nach +wechselseitigen Grüßen, Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe +verdrießlich: "So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der +andre, Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället! +Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt, Jeder +den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird. Jeder spaziert +nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen Elend, und niemand bedenkt, +daß ihn das ähnliche Schicksal Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, +oder doch künftig. Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er +im Menschen." + +Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr, Er, die Zierde der +Stadt, ein Jüngling näher dem Manne. Dieser kannte das Leben und kannte +der Hörer Bedürfnis, War vom hohen Werte der heiligen Schriften +durchdrungen, Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung; +Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften. Dieser +sprach: "Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen Für unschädliche +Triebe die gute Mutter Natur gab; Denn was Verstand und Vernunft nicht +immer vermögen, vermag oft Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich +uns leitet. Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen, +Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge +Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, Suchet das +Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße; Endlich begehrt er das Gute, das +ihn erhebet und wert macht. In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte +der Leichtsinn, Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die +Spuren Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog. +Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren Sich der +gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt, Der im Glück wie im +Unglück sich eifrig und tätig bestrebet; Denn das Gute bringt er hervor +und ersetzet den Schaden." + +Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau: "Saget uns, was ihr +gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen." + +"Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, "Werd ich so +bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren. Und wer erzählet es +wohl, das mannigfaltigste Elend! Schon von ferne sahn wir den Staub, noch +eh' wir die Wiesen Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel +Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen. Als wir nun aber den Weg, +der quer durchs Tal geht, erreichten, War Gedräng und Getümmel noch groß +der Wandrer und Wagen. Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn, +Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei, Und wie +froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens. Traurig war es zu sehn, die +mannigfaltige Habe, Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die +ein Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat, Immer bereit zum +Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich, Nun zu sehen das alles, auf +mancherlei Wagen und Karren Durcheinander geladen, mit Übereilung +geflüchtet. Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke, In +dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel. Ach! und es +nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig Jahren auch wohl gesehn, +dem Menschen alle Besinnung, Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure +zurückläßt. Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt, Schlechte +Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend: Alte Bretter und Fässer, +den Gänsestall und den Käfig. Auch so keuchten die Weiber und Kinder, +mit Bündeln sich schleppend, Unter Körben und Butten voll Sachen keines +Gebrauches; Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe. +Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort, Ordnungslos und +verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine Wünschte langsam zu fahren, ein +andrer emsig zu eilen. Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber +und Kinder, Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer, Und +ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren Übergepackten +Wagen auf Betten saßen und schwankten. Aber, aus dem Gleise gedrängt, +nach dem Rande des Hochwegs Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den +Graben das Fuhrwerk, Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die +Menschen, Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich. +Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen. Wahrlich, wer +im Fallen sie sah, der erwartete nun sie Unter der Last der Kisten und +Schränke zerschmettert zu schauen. Und so lag zerbrochen der Wagen und +hülflos die Menschen; Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber, Nur +sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome. Und wir eilten hinzu +und fanden die Kranken und Alten, Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr +dauerndes Leiden Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern, +Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube." + +Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt: "Möge doch Hermann +sie treffen und sie erquicken und kleiden. Ungern würd' ich sie sehn; +mich schmerzt der Anblick des Jammers. Schon von dem ersten Bericht so +großer Leiden gerühret, Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm +Überfluß, daß nur Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt. +Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; Denn es +beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen, Und die Sorge, +die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist. Tretet herein in den +hinteren Raum, das kühlere Sälchen. Nie scheint Sonne dahin, nie dringet +wärmere Luft dort Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns +ein Gläschen Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben. +Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser." +Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung. + +Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines, In geschliffener +Flasche auf blankem zinnernem Runde, Mit den grünlichen Römern, den echten +Bechern des Rheinweins. Und so sitzend umgaben die drei den glänzend +gebohnten Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen. Heiter +klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers; Doch unbeweglich +hielt der dritte denkend das seine, Und es fordert' ihn auf der Wirt mit +freundlichen Worten: + +"Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück Gott uns +gnädig und wird auch künftig uns also bewahren. Denn wer erkennet es +nicht, daß seit dem schrecklichen Brande, Da er so hart uns gestraft, er +uns nun beständig erfreut hat Und beständig beschützt, so wie der Mensch +sich des Auges Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb +ist. Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten? Denn man +sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren; Sollt' er die +blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger Neu aus der Asche gebaut +und dann sie reichlich gesegnet, Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung +vernichten?" + +Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: "Haltet am Glauben +fest und fest an dieser Gesinnung; Denn sie macht im Glücke verständig und +sicher, im Unglück Reicht sie den schönsten Trost und belebt die +herrlichste Hoffnung." + +Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken: "Wie begrüßt' ich +so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms, Wenn ich, reisend nach +meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte! Immer schien er mir groß und erhob +mir Sinn und Gemüte; Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein +liebliches Ufer Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, Und +sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben. Seht, so schützt die +Natur, so schützen die wackeren Deutschen Und so schützt uns der Herr; wer +wollte töricht verzagen? Müde schon sind die Streiter, und alles deutet +auf Frieden. Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, +gefeiert Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel, Und +die Trompete schmettert, das hohe,Te Deum. begleitend Möge mein Hermann +doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer, Mit der Braut, entschlossen, vor +Euch am Altare sich stellen, Und das glückliche Fest, in allen den Landen +begangen, Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag! +Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig Mir in dem Hause +sich regt, nach außen langsam und schüchtern. Wenig findet er Lust, sich +unter Leuten zu zeigen; Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen +Gesellschaft Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret." + +Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde Fernes +Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen, Der mit gewaltiger Eile +nun donnert' unter den Torweg. + + + + +Terpsichore +Hermann + +Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat, Schaute der Prediger +ihm mit scharfen Blicken entgegen Und betrachtete seine Gestalt und sein +ganzes Benehmen Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen +enträtselt, Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten: "Kommt +Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals Euch so munter +gesehn und Eure Blicke so lebhaft. Fröhlich kommt Ihr und heiter; man +sieht, Ihr habet die Gaben Unter die Armen verteilt und ihren Segen +empfangen." + +Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten: "Ob ich löblich +gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat Mich geheißen zu tun, so +wie ich genau nun erzähle. Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten +Stücke zu suchen Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen, +Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket. Als ich nun +endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam, Strömte zurück die Menge +der Bürger mit Weibern und Kindern, Mir entgegen; denn fern war schon der +Zug der Vertriebnen. Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem +Dorf zu, Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten. Als ich +nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr, Fiel mir ein Wagen ins Auge, +von tüchtigen Bäumen gefüget, Von zwei Ochsen gezogen, den größten und +stärksten des Auslands, Nebenher aber ging mit starken Schritten ein +Mädchen, Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere, Trieb sie an +und hielt sie zurück, sie leitete klüglich. Als mich das Mädchen +erblickte, so trat sie den Pferden gelassen Näher und sagte zu mir: "Nicht +immer war es mit uns so Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen +erblicket. Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen, +Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen; Aber mich dränget die +Not, zu reden. Hier auf dem Strohe Liegt die erst entbundene Frau des +reichen Besitzers, Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, +gerettet. Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie. +Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme, Und mit wenigem nur +vermögen die Unsern zu helfen, Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu +rasten gedenken, Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon +vorüber. Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr +Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen." + +Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche Wöchnerin, +schaute nach mir; ich aber sagte dagegen: "Guten Menschen fürwahr spricht +oft ein himmlischer Geist zu, Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder +bevorsteht; Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem Jammer, +ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen." Und ich löste +die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock Unsers Vaters dahin, und +gab ihr Hemden und Leintuch. Und sie dankte mit Freuden und rief: "Der +Glückliche glaubt nicht, Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend +erkennt man Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten Leitet. +Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber." Und ich sah die +Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand, Aber besonders den weichen +Flanell des Schlafrocks befühlen. "Eilen wir", sagte zu ihr die Jungfrau, +"dem Dorf zu, in welchem Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch +sich aufhält; Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes." +Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus, Trieb die +Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte, Hielt die Pferde noch an; +denn Zwiespalt war mir im Herzen, Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf +erreichte, die Speisen Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich +hier Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte. Und ich +entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr Sachte nach und +erreichte sie bald und sagte behende: "Gutes Mädchen, mir hat die Mutter +nicht Leinwand alleine Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten +bekleide, Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke, Und es +ist mir genug davon im Kasten des Wagens. Nun bin ich aber geneigt, auch +diese Gaben in deine Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den +Auftrag; Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen." Drauf +versetzte das Mädchen: "Mit aller Treue verwend ich Eure Gaben; der +Dürftige soll sich derselben erfreuen." Also sprach sie. Ich öffnete +schnell die Kasten des Wagens, Brachte die Schinken hervor, die schweren, +brachte die Brote, Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und +jedes. Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten. +Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so Weiter; ich +eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu." + +Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar Gleich das Wort +und rief: "O glücklich, wer in den Tagen Dieser Flucht und Verwirrung in +seinem Haus nur allein lebt, Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange +sich schmiegen! Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht +heute Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein. Öfters +dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten Sachen +zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten Meiner seligen Mutter, das +alles noch heilig verwahrt liegt. Freilich bliebe noch vieles zurück, +das so leicht nicht geschafft wird. Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit +vielem Fleiße gesammelt, Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware +nicht groß ist. Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von +Hause. Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich +Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten." + +"Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck, "Keinesweges +denk ich wie Ihr und tadle die Rede. Ist wohl der ein würdiger Mann, der +im Glück und im Unglück Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu +teilen Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird? Lieber +möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen; Denn manch gutes +Mädchen bedarf des schützenden Mannes Und der Mann des erheiternden Weibs, +wenn ihm Unglück bevorsteht." + +Lächelnd sagte darauf der Vater: "So hör ich dich gerne! Solch ein +vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen." + +Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein: "Sohn, fürwahr! du hast +recht; wir Eltern gaben das Beispiel. Denn wir haben uns nicht an +fröhlichen Tagen erwählet, Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde +zusammen. Montag morgens--ich weiß es genau, denn Tages vorher war Jener +schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte--Zwanzig Jahre sind's +nun; es war ein Sonntag wie heute, Heiß und trocken die Zeit und wenig +Wasser im Orte. Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern, Auf +den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen. Und am Ende der +Stadt begann das Feuer. Der Brand lief Eilig die Straßen hindurch, +erzeugend sich selber den Zugwind. Und es brannten die Scheunen der +reich gesammelten Ernte, Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und +das Haus war Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit. +Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch, Vor der Stadt +auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend; Doch zuletzt befiel mich +der Schlaf, und als nun des Morgens Mich die Kühlung erweckte, die vor der +Sonne herabfällt, Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und +Essen. Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder +Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele. Da erhob ich mich +eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen, Wo die Wohnung gestanden, und +ob sich die Hühner gerettet, Die ich besonders geliebt; denn kindisch war +mein Gemüt noch. Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes +daherstieg, Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah, +Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte. Dir war +ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken Lagen darüber +und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere. Also standen wir +gegeneinander, bedenklich und traurig: Denn die Wand war gefallen, die +unsere Höfe geschieden. Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und +sagtest: "Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die +Sohlen; Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln." +Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen Hof weg. Da +stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe, Wie es jetzt steht; es +war allein von allem geblieben. Und du setztest mich nieder und küßtest +mich und ich verwehrt' es. Aber du sagtest darauf mit freundlich +bedeutenden Worten: "Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf +mir es bauen, Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem." Doch ich +verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter Schicktest und schnell +das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war. Noch erinnr' ich mich +heute des halbverbrannten Gebälkes Freudig und sehe die Sonne noch immer +so herrlich heraufgehn; Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die +ersten Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben. +Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen Auch ein Mädchen +dir denkst in diesen traurigen Zeiten Und es wagtest zu frein im Krieg und +über den Trümmern." + +Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte: "Die Gesinnung ist +löblich, und wahr ist auch die Geschichte, Mütterchen, die du erzählst; +denn so ist alles begegnet. Aber besser ist besser. Nicht einen jeden +betrifft es, Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen; Nicht soll +jeder sich quälen, wie wir und andere taten, Oh, wie glücklich ist der, +dem Vater und Mutter das Haus schon Wohlbestellt übergeben und der mit +Gedeihen es ausziert! Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang +der Wirtschaft. Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird +täglich Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben. Und so +hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens In das Haus die Braut +mit schöner Mitgift hereinführst; Denn ein wackerer Mann verdient ein +begütertes Mädchen, Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten +Weibchen Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt. Nicht +umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter Viele Leinwand der Tochter, +von feinem und starkem Gewebe; Nicht umsonst verehren die Paten ihr +Silbergeräte, Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück: Denn +sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben Jenen Jüngling erfreun, der +sie vor allen erwählt hat. Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im +Hause sich findet, Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet Und +das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat. Nur wohl +ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn; Denn die Arme wird doch +nur zuletzt vom Manne verachtet, Und er hält sie als Magd, die als Magd +mit dem Bündel hereinkam. Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten +der Liebe vergehen. Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich +erfreuen, Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest Aus +der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen. Reich ist der Mann +fürwahr: sein Handel und seine Fabriken Machen ihn täglich reicher: denn +wo gewinnt nicht der Kaufmann? Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein +das Vermögen. Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die +zweite Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben. +Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert, Eins mir +der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug." + +Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater: "Wirklich, mein +Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter Unsers Nachbars zu wählen. +Wir sind zusammen erzogen, Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren +Zeiten, Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet. Doch +das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen Endlich billig +zu Haus und fliehn die wilderen Spiele. Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich +ging auch zuzeiten Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, +hinüber; Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen. Denn sie +tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen: Gar zu lang war mein Rock, +zu grob das Tuch und die Farbe Gar zu gemein und die Haare nicht recht +gestutzt und gekräuselt. Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen +wie jene Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen, Und um +die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt. Aber noch früh genug +merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten, Und das war mir empfindlich, +mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch Kränkte mich's tief, daß so sie +den guten Willen verkannten, Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, +die jüngste. Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen, Hatte +den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt, Angezogen und war +frisiert wie die übrigen Bursche. Als ich eintrat, kicherten sie; doch +zog ich's auf mich nicht. Minchen saß am Klavier; es war der Vater +zugegen, Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune. +Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war, Aber ich hörte +viel von Pamina, viel von Tamino, Und ich wollte doch auch nicht stumm +sein! Sobald sie geendet, Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden +Personen. Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater Sagte: +"Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?" Niemand hielt sich +alsdann, und laut auf lachten die Mädchen, Laut auf lachten die Knaben, es +hielt den Bauch sich der Alte. Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, +und das Gekicher Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und +spielten. Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause, +Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter Mit den Fingern +und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle. Und ich hatte wohl +recht; denn eitel sind sie und lieblos, Und ich höre, noch heiß' ich bei +ihnen immer Tamino." + +Da versetzte die Mutter: "Du solltest, Hermann, so lange Mit den Kindern +nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich. Minchen fürwahr ist gut +und war dir immer gewogen; Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest +du wählen!" + +Da versetzte bedenklich der Sohn: "Ich weiß nicht, es prägte Jener Verdruß +sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht Sie am Klaviere mehr +sehn und ihre Liedchen vernehmen." + +Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte: "Wenig Freud' erleb +ich an dir! Ich sagt' es doch immer, Als du zu Pferden nur und Lust nur +bezeugtest zum Acker: Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten +Mannes, Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren, Der ihm zur +Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte. Und so täuschte mich früh +mit leerer Hoffnung die Mutter, Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben +und Lernen dir niemals Wie den andern gelang und du immer der Unterste +saßest. Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen Eines +Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will. Hätte mein Vater +gesorgt für mich, so wie ich für dich tat, Mich zur Schule gesendet und +mir die Lehrer gehalten, Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen +Löwen!" + +Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe, Langsam und +ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet, Rief ihm nach: "So gehe nur +hin! ich kenne den Trotzkopf! Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß +ich nicht schelte; Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen +Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle! Lange hab ich +gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, Weiß zu bewirten die Herren und +Frauen, daß sie zufrieden Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig +zu schmeicheln. Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen +endlich Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen! Spielen soll +sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten, Besten Leute der Stadt +sich mit Vergnügen versammeln, Wie es sonntags geschieht im Hause des +Nachbars!" Da drückte Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er +die Stube. + + + + +Thalia +Die Bürger + +Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede; Aber der Vater fuhr +in der Art fort, wie er begonnen--"Was im Menschen nicht ist, kommt auch +nicht aus ihm, und schwerlich Wird mich des herzlichsten Wunsches +Erfüllung jemals erfreuen, Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, +sondern ein Beßrer. Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn +nicht immer Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen Und zu +verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland! Soll doch nicht +als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen Und verfaulen geschwind an +dem Platze, der ihn erzeugt hat, Keine Spur nachlassend von seiner +lebendigen Wirkung! Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes +der Herr sei, Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. +Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben Unrat sich +häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, Wo der Stein aus der Fuge +sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, Wo der Balken verfault und das +Haus vergeblich die neue Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. +Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, Da +gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, Wie der Bettler +sich auch an lumpige Kleider gewöhnet. Darum hab ich gewünscht, es solle +sich Hermann auf Reisen Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und +Frankfurt Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. +Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht, +Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren. Lobt +nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore Und den geweihten Turm +und die wohlerneuerte Kirche? Rühmt nicht jeder das Pflaster? die +wasserreichen, verdeckten, Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und +Sicherheit bringen, Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt +sei, Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande? Bauherr +war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall, Habe mir herzlichen Dank von +guten Bürgern verdienet, Was ich angab, emsig betrieben und so auch die +Anstalt Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen. So +kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates. Alle bestreben sich +jetzt, und schon ist der neue Chausseebau Fest beschlossen, der uns mit +der großen Straße verbindet. Aber ich fürchte nur sehr, so wird die +Jugend nicht handeln! Denn die einen, sie denken auf Lust und +vergänglichen Putz nur, Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen. +Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben." + +Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter: "Immer bist du doch, +Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und So wird am wenigsten dir dein +Wunsch des Guten erfüllet. Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne +nicht formen; So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, +Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. Denn der eine hat +die, die anderen andere Gaben; Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur +auf eigene Weise Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht +schelten; Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt, Wert +und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern, Und im Rate gewiß, +ich seh es voraus, nicht der Letzte. Aber täglich mit Schelten und +Tadeln hemmst du dem Armen Allen Mut in der Brust, so wie du es heute +getan hast." Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach, +Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten Wieder erfreute; +denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es. + +Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater: "Sind doch ein +wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder! Jedes lebet so gern nach +seinem eignen Belieben, Und man sollte hernach nur immer loben und +streicheln. Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten: Wer +nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es." + +Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig: "Gerne geb ich es zu, +Herr Nachbar, und sehe mich immer Selbst nach dem Besseren um, wofern es +nicht teuer doch neu ist; Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle +des Gelds hat, Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern? +Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er Nicht zu +erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel, Das Bedürfnis zu +groß; so wird er immer gehindert. Manches hätt' ich getan; allein wer +scheut nicht die Kosten Solcher Verändrung, besonders in diesen +gefährlichen Zeiten! Lange lachte mir schon mein Haus im modischen +Kleidchen, Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster; Aber +wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen Auch die Wege noch +kennt, auf welchen das Beste zu haben? Seht nur das Haus an da drüben, das +neue! Wie prächtig in grünen Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel +sich ausnimmt! Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln +die Scheiben, Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes! Und +doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten, Die Apotheke +zum Engel sowie der Goldene Löwe. So war mein Garten auch in der ganzen +Gegend berühmt, und Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen +Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen. Wem ich den +Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte, Das nun freilich +verstaubt und halb verfallen mir dasteht, Der erfreute sich hoch des +farbig schimmernden Lichtes Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem +Auge Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen. Ebenso +ward in dem Saale die Malerei auch bewundert, Wo die geputzten Herren und +Damen im Garten spazieren Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und +halten. Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich Kaum +mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll, Wie sie's +heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke. Alles ist einfach und +glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung Will man mehr, und es kostet das +fremde Holz nun am meisten. Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was +Neues zu schaffen; Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den +Hausrat; Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste, +Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen? Neulich kam +mir's in Sinn, den Engel Michael wieder, Der mir die Offizin bezeichnet, +vergolden zu lassen Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich +windet; Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die +Fordrung." + + + + +Euterpe +Mutter und Sohn + +Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter Ging indessen, +den Sohn erst vor dem Hause zu suchen, Auf der steinernen Bank, wo sein +gewöhnlicher Sitz war. Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im +Stalle zu schauen, Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber +besorgte, Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute. Und es +sagte der Knecht: "Er ist in den Garten gegangen." Da durchschritt sie +behende die langen doppelten Höfe, Ließ die Ställe zurück und die +wohlgezimmerten Scheunen, Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern +des Städtchens Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches +Wachstums, Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste Ruhten +des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige, Nahm gleich einige +Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg; Denn ein geschäftiges Weib tut +keine Schritte vergebens. Also war sie ans Ende des langen Gartens +gekommen, Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da, +Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte. Aber nur +angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube, Aus besonderer Gunst, +durch die Mauer des Städtchens gebrochen Hatte der Ahnherr einst, der +würdige Burgemeister. Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber, +Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg Aufstieg steileren +Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret. Auch den schritt sie hinauf und +freute der Fülle der Trauben Sich im Steigen, die kaum sich unter den +Blättern verbargen. Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang, +Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten. Und es hingen herein +Gutedel und Muskateller, Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe, +Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren. Aber den +übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke, Kleinere Trauben tragend, von +denen der köstliche Wein kommt. Also schritt sie hinauf, sich schon des +Herbstes erfreuend Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel +Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt, Feuerwerke +des Abends von allen Orten und Enden Leuchten und knallen und so der +Ernten schönste geehrt wird. Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem +Sohne gerufen Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam, Das +von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang. Ihn zu +suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals. Weit, er sagt' es +ihr denn, um zu verhüten die Sorge Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht +vor dem Unfall. Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu +finden; Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs Standen +gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein, Das mit weiter +Fläche den Rücken des Hügels bedeckte. Immer noch wandelte sie auf +eigenem Boden und freute Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden +Kornes, Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte. Zwischen +den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad, Hatte den +Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel Stand, die Grenze der +Felder, die ihrem Hause gehörten. Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht +wissen. Er war in der Gegend Weit und breit gesehn und berühmt die +Früchte des Baumes. Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu +freuen am Mittag Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten; +Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen. Und sie irrete nicht; +dort saß ihr Hermann und ruhte, Saß mit dem Arme gestützt und schien in +die Gegend zu schauen Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den +Rücken. Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter. +Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge. + +"Mutter", sagt' er betroffen, "Ihr überrascht mich!" Und eilig Trocknet' +er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles. "Wie? du weinest, mein +Sohn?" versetzte die Mutter betroffen; "Daran kenn ich dich nicht! ich +habe das niemals erfahren! Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt +dich, einsam zu sitzen Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins +Auge?" + +Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte: "Wahrlich, +dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo Nicht die Not der Menschen, +der umgetriebnen, empfindet; Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um +sein eigenes Wohl sich Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen +bekümmert. Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir; Und +nun ging ich heraus und sah die herrliche weite Landschaft, die sich vor +uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt, Sah die goldene Frucht den Garben +entgegen sich neigen Und ein reichliches Obst und volle Kammern +versprechen. Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines +Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge Jenem +schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht! Denn sie rufen +zusammen aus allen Enden die Jugend Wie das Alter und dringen gewaltig vor, +und die Menge Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die +Menge. Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben? Hofft +vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall? Liebe Mutter, ich sag +Euch, am heutigen Tage verdrießt mich, Daß man mich neulich entschuldigt, +als man die Streitenden auslas Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der +einzige Sohn nur, Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe; +Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne An der Grenze, als +hier zu erwarten Elend und Knechtschaft? Ja, mir hat es der Geist gesagt, +und im innersten Busen Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben +Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben. Wahrlich, wäre +die Kraft der deutschen Jugend beisammen, An der Grenze, verbündet, nicht +nachzugeben den Fremden, Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden +betreten Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren, Nicht den +Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen! Sehet, Mutter, mir ist im +tiefsten Herzen beschlossen, Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht +und verständig; Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste. +Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus Geh ich +gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern Diesen Arm und dies Herz, dem +Vaterlande zu dienen. Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl +mir Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!" + +Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter, Stille Tränen +vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge: "Sohn, was hat sich in dir +verändert und deinem Gemüte, Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie +gestern und immer, Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß +ist? Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich Höchlich +loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen, Durch dein Wort +verführt und deine bedeutenden Reden. Doch ich tadle dich nur; denn sieh, +ich kenne dich besser. Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre +Gedanken. Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die +Trompete, Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen; +Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist, Wohl +zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen. Darum sage mir +frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?" + +Ernsthaft sagte der Sohn: "Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist Nicht dem +anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne; Besser im stillen reift er +zur Tat oft als im Geräusche Wilden, schwankenden Lebens, das manchen +Jüngling verderbt hat. Und so still ich auch bin und war, so hat in der +Brust mir Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill, Und +ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern; Auch hat die +Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket. Alles, fühl ich, ist wahr; +ich darf es kühnlich behaupten. Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o +Mutter, und habt mich Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. +Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich Aus dem Hause +des Vaters und nicht der hohe Gedanke, Meinem Vaterland hülfreich zu sein +und schrecklich den Feinden. Worte waren es nur, die ich sprach: sie +sollten vor Euch nur Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen. +Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche Hege im +Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn. Denn ich weiß es +recht wohl: der einzelne schadet sich selber, Der sich hingibt, wenn sich +nicht alle zum Ganzen bestreben." + +"Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter, "Alles mir zu +erzählen, das Größte wie das Geringste! Denn die Männer sind heftig und +denken nur immer das Letzte, Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht +von dem Wege; Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und +wandelt Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen. Sage mir +alles daher, warum du so heftig bewegt bist, Wie ich dich niemals gesehn, +und das Blut dir wallt in den Adern, Wider Willen die Träne dem Auge sich +dringt zu entstürzen." + +Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte, Weinte laut an +der Brust der Mutter und sprach so erweichet: "Wahrlich! des Vaters Wort +hat heute mich kränkend getroffen, Das ich niemals verdient, nicht heut +und keinen der Tage. Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, +und niemand Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten +Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten. Vieles hab ich +fürwahr von meinen Gespielen geduldet, Wenn sie mit Tücke mir oft den +guten Willen vergalten; Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche +gerochen: Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags Aus der +Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte, Lachten sie über das Band der +Mütze, die Blumen des Schlafrocks, Den er so stattlich trug und der erst +heute verschenkt ward: Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit +grimmigem Wüten Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen, +Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen Und entrissen sich +kaum den wütenden Tritten und Schlägen. Und so wuchs ich heran, um viel +vom Vater zu dulden, Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm, +Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward, Und ich büßte +den Streit und die Ränke seiner Kollegen. Oftmals habt Ihr mich selbst +bedauert; denn vieles ertrug ich, Stets in Gedanken der Eltern von Herzen +zu ehrende Wohltat, Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die +Güter, Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern. Aber, +ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen, Macht das Glück, es +macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen, Nicht der Acker am Acker, so +schön sich die Güter auch schließen. Denn der Vater wird alt, und mit +ihm altern die Söhne, Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für +morgen. Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen, +Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten, Dort die +Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter! Aber seh ich dann dort +das Hinterhaus, wo an dem Giebel Sich das Fenster uns zeigt von meinem +Stübchen im Dache, Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den +Mond schon Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne, Wenn der +gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte: Ach! da kommt mir so +einsam vor, wie die Kammer, der Hof und Garten, das herrliche Feld, das +über die Hügel sich hinstreckt; Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre +der Gattin." + +Da antwortete drauf die gute Mutter verständig: "Sohn, mehr wünschest du +nicht, die Braut in die Kammer zu führen, Daß dir werde die Nacht zur +schönen Hälfte des Lebens Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener +werde, Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer +Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen. Aber mir ist es +bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir: Wenn die Stunde nicht kommt, die +rechte, wenn nicht das rechte Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das +Wählen im Weiten, Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am +meisten. Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet, +Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich. Sag +es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: Jenes Mädchen ist's, +das vertriebene, die du gewählt hast." + +"Liebe Mutter, Ihr sagt's!" versetzte lebhaft der Sohn drauf. "Ja, sie +ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause Heute noch, ziehet +sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer In der Verwirrung des +Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn. Mutter, ewig umsonst gedeiht +mir die reiche Besitzung Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir +fruchtbar. Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider; Ach! +und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen. Denn es +löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande, Wenn sie die ihrigen knüpft; +und nicht das Mädchen allein läßt Vater und Mutter zurück, wenn sie dem +erwähleten Mann folgt; Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter +und Vater, Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn. +Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt. Denn mein +Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen, Und sein Haus ist nicht +mehr das meine, wenn er das Mädchen Ausschließt, das ich allein nach Haus +zu führen begehre." + +Da versetzte behend die gute verständige Mutter: "Stehen wie Felsen doch +zwei Männer gegeneinander! Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich +nähern, Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. Darum sag +ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem Herzen, daß er sie dir, +wenn sie gut und brav ist, verlobe, Obgleich arm, so entschieden er auch +die Arme versagt hat. Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art +aus, Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. Aber +ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen; Denn er ist Vater! Auch +wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische, Wo er heftiger spricht und +anderer Gründe bezweifelt, Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche +Kraft auf Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern Nicht +vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber. Aber es kommt der +Abend heran, und die vielen Gespräche Sind nun zwischen ihm und seinen +Freunden gewechselt. Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das +Räuschchen vorbei ist Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft +erzeugte. Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur, Und +wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt Sitzen; +besonders wird uns der würdige Geistliche helfen." + +Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend, Auch vom Sitze +den Sohn, den willig folgenden. Beide Kamen schweigend herunter, den +wichtigen Vorsatz bedenkend. + + + + +Polyhymnia +Der Weltbürger + +Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen, Mit dem geistlichen +Herrn der Apotheker beim Wirte, Und es war das Gespräch noch immer +ebendasselbe, Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward. Aber +der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf: "Widersprechen +will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll Immer streben zum +Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch Immer dem Höheren nach, zum +wenigsten sucht er das Neue. Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen +Gefühlen Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten Und sich +dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist. Aller Zustand ist gut, der +natürlich ist und vernünftig. Vieles wünscht sich der Mensch, und doch +bedarf er nur wenig; Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der +Sterblichen Schicksal. Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und +rastlos Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde Kühn und emsig +befährt und sich des Gewinnes erfreuet, Welcher sich reichlich um ihn und +um die Seinen herum häuft; Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger, +Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet Und die Erde +besorgt, so wie es die Stunden gebieten. Nicht verändert sich ihm in +jedem Jahre der Boden, Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, +die Arme Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret. Nein, +der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen, Immer gleichen, +ruhigen Sinns und des graden Verstandes. Denn nur wenige Samen vertraut +er der nährenden Erde, Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen; +Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke. Glücklich, wem die +Natur ein so gestimmtes Gemüt gab! Er ernähret uns alle. Und Heil dem +Bürger des kleinen Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb +paart! Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann +beschränket; Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter, +Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend, Nachzustreben +gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen. Segnet immer darum des +Sohnes ruhig Bemühen Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, +sich wählet." + +Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein, Führend ihn +bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend. "Vater", sprach sie, "wie +oft gedachten wir, untereinander Schwatzend, des fröhlichen Tags, der +kommen würde, wenn künftig Hermann, seine Braut sich erwählend, uns +endlich erfreute! Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes +Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze. Nun ist er kommen, +der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel Hergeführt und gezeigt, es hat +sein Herz nun entschieden. Sagten wir damals nicht immer: er solle +selber sich wählen? Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und +lebhaft Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen! Ja, er +hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden. Jenes Mädchen +ist's, die Fremde, die ihm begegnet. Gib sie ihm; oder er bleibt, so +schwur er, im ledigen Stande." + +Und es sagte der Sohn: "Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat Rein und +sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter." + +Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf, Nahm das +Wort und sprach: "Der Augenblick nur entscheidet Über das Leben des +Menschen und über sein ganzes Geschicke; Denn nach langer Beratung ist +doch ein jeder Entschluß nur Werk des Moments, es ergreift doch nur der +Verständ'ge das Rechte. Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und +jenes Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren. Rein ist +Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte Schon als Knabe die +Hände nicht aus nach diesem und jenem. Was er begehrte, das war ihm +gemäß; so hielt er es fest auch. Seid nicht scheu und verwundert, daß +nun auf einmal erscheinet, Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die +Erscheinung fürwahr nicht Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn +etwa geheget. Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die +Gaben Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten. Nun verkennet es +nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten, Guten, verständigen Sohn zuerst +die Seele bewegt hat. Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte +die Hand reicht, Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen +verschmachtet! Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden. +Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling. Nicht beweglich +ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses, Gehen die Jahre dahin, die +schönsten, in traurigem Leben." + +Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig, Dem schon lange das Wort +von der Lippe zu springen bereit war: "Laßt uns auch diesmal doch nur die +Mittelstraße betreten! Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' +Devise. Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen, Meinen +geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen: Und besonders bedarf die +Jugend, daß man sie leite. Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, +das Mädchen, Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist. +Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen." + +Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten: "Tut es, Nachbar, +und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche, Daß der Herr Pfarrer sich +auch in Eurer Gesellschaft befinde; Zwei so treffliche Männer sind +unverwerfliche Zeugen. Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das +Mädchen, Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift, Und den +Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken. Nein; das wilde +Geschick des allverderblichen Krieges, Das die Welt zerstört und manches +feste Gebäude Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben. +Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend? Fürsten +fliehen vermummt, und Könige leben verbannet. Ach, so ist auch sie, von +ihren Schwestern die beste, Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück +vergessend, Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich. Groß +sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten; Sollte nicht auch ein +Glück aus diesem Unglück hervorgehn Und ich, im Arme der Braut, der +zuverlässigen Gattin, Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des +Brandes Euch freutet?" + +Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf: "Wie ist, o Sohn, +dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde Lange Jahre gestockt und nur +sich dürftig bewegte! Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht +ist: Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter Allzu gelind +begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt, Wenn es über den Vater nun +hergeht oder den Ehmann. Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; +was hülf' es? Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus. +Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter Mir ins Haus; wo +nicht, so mag er das Mädchen vergessen!" + +Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde: "Noch vor Abend ist +Euch die trefflichste Tochter bescheret, Wie sie der Mann sich wünscht, +dem ein kluger Sinn in der Brust lebt. Glücklich ist die Gute dann auch, +so darf ich es hoffen. Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und +Mutter Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder Wünschen. +Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde Gleich und führe die +Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten, Überlasse die Männer sich +selbst und der eigenen Klugheit, Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz +nach ihrer Entscheidung, Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, +das Mädchen." Und so ging er hinaus, indessen manches die andern Weislich +erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen. + +Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste Ruhig standen +und rasch den reinen Hafer verzehrten Und das trockene Heu, auf der besten +Wiese gehauen. Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an, Zog die +Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen Und befestigte dann +die langen, breiteren Zügel, Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der +willige Knecht schon Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel +bewegend. Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern +Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. Hermann faßte +die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg. Als die Freunde nun +gleich die geräumigen Plätze genommen, Rollte der Wagen eilig und ließ das +Pflaster zurücke, Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen +Türme. So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu, Rasch, und +säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter. Als er aber nunmehr den +Turm des Dorfes erblickte Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen +Häuser, Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde. + +Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet, Die Jahrhunderte +schon an dieser Stelle gewurzelt, War mit Rasen bedeckt ein weiter +grünender Anger Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. +Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen. Stieg man die +Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke, Rings um die Quelle gesetzt, +die immer lebendig hervorquoll, Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu +schöpfen bequemlich. Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die +Pferde Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte: "Steiget, +Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret, Ob das Mädchen auch wert +der Hand sei, die ich ihr biete. Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr +nichts Neues und Seltnes; Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu +dem Dorf hin, Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal. +Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen; Denn wohl schwerlich +ist an Bildung ihr eine vergleichbar. Aber ich geb Euch noch die Zeichen +der reinlichen Kleider: Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen, +Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; Sauber hat +sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet, Die ihr das Kinn umgibt, das +runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich des Kopfes +zierliches Eirund; Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln +gewickelt; Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an Und +umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel. Doch das will ich Euch +sagen und noch mir ausdrücklich erbitten: Redet nicht mit dem Mädchen, und +laßt nicht merken die Absicht, Sondern befraget die andern und hört, was +sie alles erzählen. Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und +Mutter, Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre. Also +dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren." + +Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu, Wo in Gärten +und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen Wimmelte, Karrn an Karrn +die breite Straße dahin stand. Männer versorgten das brüllende Vieh und +die Pferd' an den Wagen, Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die +Weiber, Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches. +Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere, Sahen sie +rechts und links sich um, die gesendeten Späher, Ob sie nicht etwa das +Bild des bezeichneten Mädchens erblickten; Aber keine von allen erschien +die herrliche Jungfrau. Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um +die Wagen Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber, +Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter, Trat +zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse, Als er Ruhe +gebot, und väterlich ernst sie bedrohte. "Hat uns", rief er, "noch nicht +das Unglück also gebändigt, Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu +dulden Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt? +Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden Endlich euch +lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern? Gönnet einander +den Platz auf fremdem Boden und teilet, Was ihr habet, zusammen, damit ihr +Barmherzigkeit findet!" + +Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich Ordneten Vieh und +Wagen die wieder besänftigten Menschen. Als der Geistliche nun die Rede +des Mannes vernommen Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte, +Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte: "Vater, fürwahr! +wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt, Von der Erde sich nährend, +die weit und breit sich auftut Und die erwünschten Gaben in Jahren und +Monden erneuert, Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste +Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander, Und der vernünftigste +Mann ist wie ein andrer gehalten: Denn was alles geschieht, geht still, +wie von selber, den Gang fort. Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen +Wege des Lebens, Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um, +Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung, Schleppt in +die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte: Ach! da sieht man +sich um, wer wohl der verständigste Mann sei, Und er redet nicht mehr die +herrlichen Worte vergebens. Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter +von diesen Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt? Ja, +Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer, Die durch Wüsten und +Irren vertriebene Völker geleitet. Denk ich doch eben, ich rede mit +Josua oder mit Moses." + +Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter: "Wahrlich, unsere +Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten, Die die Geschichte bemerkt, +die heilige wie die gemeine. Denn wer gestern und heut in diesen Tagen +gelebt hat, Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten. +Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter Auf dem Haupte +zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig. Oh, wir anderen dürfen +uns wohl mit jenen vergleichen, Denen in ernster Stund' erschien im +feurigen Busche Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer." + +Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war Und das +Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte, Sagte behend der +Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm: "Sprecht mit dem Richter nur +fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen. Aber ich gehe herum, sie +aufzusuchen, und komme Wieder, sobald ich sie finde." Es nickte der +Pfarrer dagegen, Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der +Späher. + + + + +Klio +Das Zeitalter + +Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte, Was die Gemeine +gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben, Sagte der Mann darauf: "Nicht +kurz sind unsere Leiden; Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre +getrunken, Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört +ward. Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben, Ihm +die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen, Als sich der erste Glanz +der neuen Sonne heranhob, Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen +gemein sei, Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen +Gleichheit! Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich +Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte, Das der Müßiggang und +der Eigennutz in der Hand hielt. Schauten nicht alle Völker in jenen +drängenden Tagen Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange +gewesen Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente? Waren nicht +jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft, Namen den höchsten +gleich, die unter die Sterne gesetzt sind? Wuchs nicht jeglichem Menschen +der Mut und der Geist und die Sprache? + +Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet. Drauf begann der +Krieg, und die Züge bewaffneter Franken Rückten näher; allein sie schienen +nur Freundschaft zu bringen. Und die brachten sie auch: denn ihnen +erhöht war die Seele Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der +Freiheit, Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung. +Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter, Und der muntere +Tanz begann um die neue Standarte. So gewannen sie bald, die +überwiegenden Franken, Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm +Beginnen, Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut. +Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges; Denn die +Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne, Lockte die Blicke hinaus +in neueröffnete Bahnen. + +Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam Schwinget +im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend! Aber herrlicher +war die Zeit, in der uns das Höchste, Was der Mensch sich denkt, als nah +und erreichbar sich zeigte. Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen +die Greise, Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles. + +Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft Stritt +ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen. Sie +ermordeten sich und unterdrückten die neuen Nachbarn und Brüder und +sandten die eigennützige Menge. Und es praßten bei uns die Obern und +raubten im großen, Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die +Kleinen; Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen. Allzu +groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung; Niemand vernahm das +Geschrei, sie waren die Herren des Tages. Da fiel Kummer und Wut auch +selbst ein gelaßnes Gemüt an, Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung +alle zu rächen Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung. +Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen, Und der Franke +floh mit eiligen Märschen zurücke. Ach, da fühlten wir erst das traurige +Schicksal des Krieges! Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten +scheint er's, Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der +seine, Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet. Aber der +Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab Und verzehret +nur schnell und ohne Rücksicht die Güter. Dann ist sein Gemüt auch +erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung Aus dem Herzen hervor das +frevelhafte Beginnen. Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die +wilde Begierde Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum +Entsetzen. Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten +Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers. + +Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun, Das Verlorne zu +rächen und zu verteid'gen die Reste. Alles ergriff die Waffen, gelockt +von der Eile des Flüchtlings Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren +Blicke. Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke, Und die +künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. Schnell verwandelte +sich des Feldbaus friedliche Rüstung Nun in Wehre; da troff von Blute +Gabel und Sense. Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung; +Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche. Möcht' ich den +Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung Wieder sehn! Das wütende +Tier ist ein besserer Anblick. Sprech' er doch nie von Freiheit, als +könn' er sich selber regieren! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken +hinweg sind, Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb." + +"Trefflicher Mann!" versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck, "Wenn ihr +den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten; Habt Ihr +doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen! Wolltet Ihr aber zurück +die traurigen Tage durchschauen, Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr +auch Gutes erblicktet. Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem +Herzen, Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den +Menschen, Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott." + +Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter. "Ihr erinnert mich +klug, wie oft nach dem Brande des Hauses Man den betrübten Besitzer an +Gold und Silber erinnert, Das geschmolzen im Schutt nun überblieben +zerstreut liegt. Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich; +Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes. Und so kehr +ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen Wenigen guten Taten, die +aufbewahrt das Gedächtnis. Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich +Feinde versöhnen, Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der +Freunde, Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen; Sah, wie +der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich Wieder +verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte. Ja, und das +schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird, Zeigte sich tapfer +und mächtig und gegenwärtigen Geistes. Und so laßt mich vor allen der +schönen Tat noch erwähnen, Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die +treffliche Jungfrau, Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen +zurückblieb; Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen. Da +überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels, Plündernd, und drängte +sogleich sich in die Zimmer der Frauen. Sie erblickten das Bild der +schön erwachsenen Jungfrau Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu +heißen. Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos Auf die +zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen. Aber sie riß dem einen +sogleich von der Seite den Säbel, Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr +blutend zu Füßen. Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die +Mädchen, Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode. Dann +verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet." + +Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen, Stieg die Hoffnung +sogleich für seinen Freund im Gemüt auf, Und er war im Begriff, zu fragen, +wohin sie geraten? Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich +befinde? Aber da trat herbei der Apotheker behende, Zupfte den geistlichen +Herrn und sagte die wispernden Worte: "Hab ich doch endlich das Mädchen +aus vielen hundert gefunden, Nach der Beschreibung! So kommt und sehet +sie selber mit Augen; Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere +hören!" Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter Von den +Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten. Doch es folgte +sogleich dem Apotheker der Pfarrherr An die Lücke des Zauns, und jener +deutete listig. "Seht Ihr", sagt' er, "das Mädchen? Sie hat die Puppe +gewickelt, Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen +Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat. Sie +verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke. Diese sind deutliche +Zeichen, es treffen die übrigen alle; Denn der rote Latz erhebt den +gewölbeten Busen, Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr +knapp an; Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet Und umgibt +ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich +des Kopfes zierliches Eirund, Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln +gewickelt; Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe Und +den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen Reichlich herunterwallt zum +wohlgebildeten Knöchel. Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir +vernehmen, Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen." + +Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend: "Daß sie den +Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder, Denn sie hält vor dem +Blick des erfahrenen Mannes die Probe. Glücklich, wem doch Mutter Natur +die rechte Gestalt gab! Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er +ein Fremdling. Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen, Wenn +die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet. Ich versichr' +Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden, Das ihm die künftigen Tage +des Lebens herrlich erheitert, Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten +ihm beisteht. So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele +Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter." Und es +sagte darauf der Apotheker bedenklich: "Trüget doch öfter der Schein! Ich +mag dem Äußern nicht trauen, Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet +gefunden: "Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret, +Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser, +Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe." Lasset uns +also zuerst bei guten Leuten uns umtun, Denen das Mädchen bekannt ist und +die uns von ihr nun erzählen." + +"Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend; "Frein wir +doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich." Und sie gingen +darauf dem wackern Richter entgegen, Der in seinen Geschäften die Straße +wieder heraufkam. Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit +Vorsicht: "Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst +hier Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt Aus +getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward. Uns gefiel die +Gestalt, sie scheint der Wackeren eine. Saget uns, was Ihr wißt; wir +fragen aus löblicher Absicht." + +Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat, Sagt' +er: "Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte Von der herrlichen Tat, +die jene Jungfrau verrichtet, Als sie das Schwert ergriff und sich und +die Ihren beschützte Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig +geboren, Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten Pflegte sie +bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß Über des Städtchens Not und +seiner Besitzung Gefahren. Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die +Schmerzen ertragen Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im +ersten Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben, Selbst +hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand; Denn wie zu Hause, +so dort, bestritt er Willkür und Ränke." Also sagte der Richter. Die +beiden schieden und dankten, Und der Geistliche zog ein Goldstück (das +Silber des Beutels War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet, +Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn), Und er +reicht' es dem Schulzen und sagte: "Teilet den Pfennig Unter die Dürftigen +aus, und Gott vermehre die Gabe!" Doch es weigerte sich der Mann und sagte: +"Wir haben Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen, Und ich +hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist." + +Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein: +"Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand Weigre sich +anzunehmen, was ihm die Milde geboten! Niemand weiß, wie lang er es hat, +was er ruhig besitzet; Niemand, wie lang er noch in fremden Landen +umherzieht Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret." + +"Ei doch!" sagte darauf der Apotheker geschäftig, "Wäre mir jetzt nur +Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben, Groß wie klein; denn viele +gewiß der Euren bedürfen's. Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit +Ihr den Willen Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt." +Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel An den Riemen +hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war, Öffnete zierlich und teilte; da +fanden sich einige Pfeifen. "Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da +sagte der Schultheiß. "Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer +willkommen." Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster. + +Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter. "Eilen +wir!" sprach der verständige Mann; "es wartet der Jüngling Peinlich. Er +höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft." Und sie eilten und +kamen und fanden den Jüngling gelehnet An den Wagen unter den Linden. Die +Pferde zerstampften Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in +Gedanken, Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher, Bis +sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben. Schon von ferne +begann der Apotheker zu sprechen; Doch sie traten näher hinzu. Da faßte +der Pfarrherr Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg: +"Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues Herz hat richtig +gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend! Deiner ist sie wert; drum +komm und wende den Wagen, Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes +erreichen, Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute." + +Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude Hört' er die Worte +des Boten, die himmlisch waren und tröstlich, Seufzete tief und sprach: +"Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk, Und wir ziehen vielleicht beschämt und +langsam nach Hause; Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge +befallen, Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt. +Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen, Weil +wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht? Armut selbst +macht stolz, die unverdiente. Genügsam Scheint das Mädchen und tätig; und +so gehört ihr die Welt an. Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher +Schönheit und Sitte Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen? +Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe? Fahret +nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung Sachte die Pferde +herum nach Hause lenken. Ich fürchte, Irgendein Jüngling besitzt dies +Herz, und die wackere Hand hat Eingeschlagen und schon dem Glücklichen +Treue versprochen. Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet." + +Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon; Doch es fiel der +Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein: "Freilich! so wären wir nicht +vorzeiten verlegen gewesen, Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise +vollbracht ward. Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen, +Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen; Diesen sandte +man dann als Freiersmann zu den Eltern Der erkorenen Braut, der dann in +stattlichem Putze Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte, +Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst Wechselnd und klug das +Gespräch zu lenken und wenden verstehend. Endlich nach langem Umschweif +ward auch der Tochter erwähnet, Rühmlich, und rühmlich des Manns und des +Hauses, von dem man gesandt war. Kluge Leute merkten die Absicht; der +kluge Gesandte Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären. +Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich. +Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer In dem Hause der +Erste bei jedem häuslichen Feste; Denn es erinnerte sich durchs ganze +Leben das Ehpaar, Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen. +Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen Aus der Mode gekommen, +und jeder freit für sich selber. Nehme denn jeglicher auch den Korb mit +eigenen Händen, Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem +Mädchen!" + +"Sei es, wie ihm auch sei!" versetzte der Jüngling, der kaum auf Alle die +Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen; "Selber geh ich und +will mein Schicksal selber erfahren Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich +das größte Vertrauen Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt +hat. Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich. Soll +ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal Diesem offenen +Blick des schwarzen Auges begegnen; Drück ich sie nie an das Herz, so will +ich die Brust und die Schultern Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu +umschließen begehret; Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja +mich Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. Aber +laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet Euch zu Vater und +Mutter zurück, damit sie erfahren, Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß +es wert ist das Mädchen. Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den +Hügel An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter Geh ich näher nach +Hause zurück. Oh, daß ich die Traute Freudig und schnell heimführte! +Vielleicht auch schleich ich alleine Jene Pfade nach Haus und betrete froh +sie nicht wieder." + +Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel, Der verständig sie +faßte, die schäumenden Rosse beherrschend, Schnell den Wagen bestieg und +den Sitz des Führers besetzte. + +Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest: "Gerne vertrau +ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an; Aber Leib und Gebein +ist nicht zum besten verwahret, Wenn die geistliche Hand der weltlichen +Zügel sich anmaßt." Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und +sagtest: "Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele; +Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen, Und das +Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen. Denn wir waren in +Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken, Als ich den jungen Baron dahin +begleitete; täglich Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor +durch, Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden, Mitten durch +Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt." + +Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen, Saß wie einer, der +sich zum weislichen Sprunge bereitet; Und die Hengste rannten nach Hause, +begierig des Stalles. Aber die Wolke des Staubs quoll unter den +mächtigen Hufen. Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich +erheben, Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken. + + + + +Erato +Dorothea + +Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne Sie noch einmal ins +Auge, die schnell verschwindende, faßte, Dann im dunkeln Gebüsch und an +der Seite des Felsens Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur +wendet, Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben: So +bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens Sanft sich vorbei +und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen. Aber er fuhr aus dem +staunenden Traum auf, wendete langsam Nach dem Dorfe sich zu und staunte +wieder; denn wieder Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens +entgegen. Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es +Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel Tragend in +jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen. Und er ging ihr +freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick Mut und Kraft; er sprach zu +seiner Verwunderten also: "Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs +neue beschäftigt, Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die +Menschen? Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt +liegt, Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen? Freilich +ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten. Jener Kranken +bringst du es wohl, die du treulich gerettet?" + +Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling, Sprach: "So +ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet, Da ich finde den Guten, +der uns so vieles gereicht hat; Denn der Anblick des Gebers ist, wie die +Gaben, erfreulich. Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen, +Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten. Daß Ihr aber +sogleich vernehmet, warum ich gekommen, Hier zu schöpfen, wo rein und +unablässig der Quell fließt, Sag ich Euch dies: es haben die +unvorsichtigen Menschen Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und +Ochsen Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern. +Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle Tröge des Dorfes +beschmutzt und alle Brunnen besudelt; Denn ein jeglicher denkt nur, sich +selbst und das nächste Bedürfnis Schnell zu befriedigen und rasch, und +nicht des Folgenden denkt er." + +Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter Mit dem Begleiter +gelangt; und auf das Mäuerchen setzten Beide sich nieder des Quells. Sie +beugte sich über, zu schöpfen; Und er faßte den anderen Krug und beugte +sich über. Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels +Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel. +"Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling; Und sie reicht' ihm +den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich Auf die Gefäße gelehnt; sie +aber sagte zum Freunde: "Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und +Pferde Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?" + +Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke Ruhig gegen sie +auf und sah ihr freundlich ins Auge, Fühlte sich still und getrost. +Jedoch ihr von Liebe zu sprechen, Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge +blickte nicht Liebe, Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden. +Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen: "Laß mich +reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. Deinetwegen kam ich hierher! +was soll ich's verbergen? Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden +Eltern Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten Als der +einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach. Alle Felder besorg ich, +der Vater waltet im Hause Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die +Wirtschaft. Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde Bald +durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau, Immer sie +nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen. Lange wünschte die +Mutter daher sich ein Mädchen im Hause, Das mit der Hand nicht allein, das +auch mit dem Herzen ihr hülfe, An der Tochter Statt, der leider frühe +verlornen. Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit, +Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder, Als ich die +Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen, Und ich eilte nach +Hause, den Eltern und Freunden die Fremde Rühmend nach ihrem Verdienst. +Nun komm ich dir aber zu sagen, Was sie wünschen wie ich.--Verzeih mir die +stotternde Rede." + +"Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, "das Weitre zu sprechen; Ihr +beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden. Sagt es nur grad +heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken: Dingen möchtet Ihr mich als +Magd für Vater und Mutter, Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch +dasteht; Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden, Zu der +Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte. Euer Antrag war kurz, so +soll die Antwort auch kurz sein. Ja, ich gehe mit Euch und folge dem +Rufe des Schicksals. Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin +wieder Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung; Schon sind +die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden. Alle denken gewiß, +in kurzen Tagen zur Heimat Wiederzukehren, so pflegt sich stets der +Vertriebne zu schmeicheln, Aber ich täusche mich nicht mit leichter +Hoffnung in diesen Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen: +Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder Als allein +nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht! Kann ich im Hause des +würdigen Manns mich, dienend, ernähren Unter den Augen der trefflichen +Frau, so tu ich es gerne; Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von +schwankendem Rufe. Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den +Freunden Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten. Kommt! +Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen." + +Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung, Zweifelnd, +ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen. Aber es schien ihm das +beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen, In sein Haus sie zu führen, zu +werben um Liebe nur dort erst. Ach! und den goldenen Ring erblickt' er +am Finger des Mädchens; Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig +den Worten. + +"Laßt uns", fuhr sie nun fort, "zurücke kehren! Die Mädchen Werden immer +getadelt, die lange beim Brunnen verweilen; Und doch ist es am rinnenden +Quell so lieblich zu schwätzen." Also standen sie auf und schauten beide +noch einmal In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie. + +Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel, Stieg die Stufen +hinan, und Hermann folgte der Lieben. Einen Krug verlangt' er von ihr, +die Bürde zu teilen. "Laßt ihn", sprach sie; "es trägt sich besser die +gleichere Last so. Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht +dienen. Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich! +Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung! Denn durch Dienen +allein gelangt sie endlich zum Herrschen, Zu der verdienten Gewalt, die +doch ihr im Hause gehöret. Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, +sie dienet den Eltern, Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen +Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre. Wohl ihr, +wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer Wird, und die +Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, Daß ihr niemals die +Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt, Daß sie sich ganz vergißt und +leben mag nur in andern! Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden +alle, Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret Von der +Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen. Zwanzig Männer +verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, Und sie sollen es nicht; doch +sollen sie dankbar es einsehn." + +Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter Durch den Garten +gekommen, bis an die Tenne der Scheune, Wo die Wöchnerin lag, die sie froh +mit den Töchtern verlassen, Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern +der Unschuld. Beide traten hinein; und von der anderen Seite Trat, ein +Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein. Diese waren bisher der +jammernden Mutter verloren; Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der +Alte. Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen, Sich des +Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen! Auf Dorotheen sprangen sie +dann und grüßten sie freundlich, Brot verlangend und Obst, vor allem aber +zu trinken. Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder, +Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter. +Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; Säuerlich war's und +erquicklich, gesund zu trinken den Menschen. + +Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte: "Freunde, dieses +ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch Führe zum Munde, daß ich die +Lippen mit Wasser Euch netze: Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der +Trunk labt, Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet, +Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes, Den ich aus +Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet. Was Ihr mir Gutes erzeigt, +erkenn ich durchs künftige Leben. Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder +ist diesmal dem andern Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir +endlich Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist. +Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken, Diese Hülle +des Kinds und jene willkommene Speise. Dieser kommt und wirbt, in seinem +Haus mich zu sehen, Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern; +Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen, Und ihr wäre +zur Last, bedient im Hause zu ruhen. Also folg ich ihm gern; er scheint +ein verständiger Jüngling, Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen +geziemet. Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet Euch des +lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt. Drücket Ihr ihn +an die Brust in diesen farbigen Wickeln, Oh, so gedenket des Jünglings, +des guten, der sie uns reichte, Und der künftig auch mich, die Eure, +nähret und kleidet! Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet +zum Richter, "Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!" + +Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder, Küßte die weinende Frau +und vernahm des Segens Gelispel. Aber du sagtest indes, ehrwürdiger +Richter, zu Hermann: "Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu +zählen, Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind. +Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde, So wie Schafe, +genau bei Tausch und Handel betrachtet; Aber den Menschen, der alles +erhält, wenn er tüchtig und gut ist, Und der alles zerstreut und zerstört +durch falsches Beginnen, Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins +Haus ein Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen. Aber es +scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet, Euch zu +dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist. Haltet sie wohl! Ihr +werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt, Nicht die Schwester +vermissen, noch Eure Eltern die Tochter." + +Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte, Manches bringend und ihr +die bessere Wohnung verkündend. Alle vernahmen des Mädchens Entschluß +und segneten Hermann Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken. +Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin: "Wenn aus dem +Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen." Hermann faßte darauf sie +bei der Hand an und sagte: "Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und +fern ist das Städtchen." Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die +Weiber. Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie. Aber da +fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen Ihr in die Kleider +und wollten die zweite Mutter nicht lassen. Aber ein' und die andre der +Weiber sagte gebietend: "Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und +bringt euch des guten Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte, +Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug, Und ihr sehet sie +bald mit den schön vergoldeten Deuten." Und so ließen die Kinder sie los, +und Hermann entriß sie Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden +Tüchern. + + + + +Melpomene +Hermann und Dorothea + +Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief, +gewitterdrohend, verhüllte, Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit +glühenden Blicken Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. +"Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa Schloßen uns +bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte." Und sie freuten sich +beide des hohen, wankenden Kornes, Das die Durchschreitenden fast, die +hohen Gestalten, erreichte. Und es sagte darauf das Mädchen zum +leitenden Freunde: "Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal +verdanke, Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm +dräut! Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, Denen +ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; Denn kennt jemand den +Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, Wenn er die Dinge bedenkt, die +jenem die wichtigsten scheinen, Und auf die er den Sinn, den fest +bestimmten, gesetzt hat. Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und +Mutter?" + +Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling: "Oh, wie geb ich +dir recht, du kluges, treffliches Mädchen, Daß du zuvörderst dich nach dem +Sinne der Eltern befragest! Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem +Vater zu dienen, Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm, +Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg. Meine Mutter +befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen; Und so wirst du ihr auch +das trefflichste Mädchen erscheinen, Wenn du das Haus besorgst, als wenn +du das deine bedächtest. Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den +Schein auch. Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos, +Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle. Ja, ich schwör +es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches Wort die Zunge verläßt, +die nicht zu schwatzen gewohnt ist; Aber du lockst mir hervor aus der +Brust ein jedes Vertrauen. Einige Zierde verlangt der gute Vater im +Leben, Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, Und er +würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, Der dies wüßte zu +nutzen, und würde dem besseren gram sein." + +Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte Durch den +dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: "Beide zusammen hoff +ich fürwahr zufriedenzustellen; Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes +Wesen, Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. Unsere +Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten Hielten auf Höflichkeit +viel; sie war dem Edlen und Bürger Wie den Bauern gemein, und jeder +empfahl sie den Seinen. Und so brachten bei uns auf deutscher Seite +gewöhnlich Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen +Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. Alles, was +ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, Was von Herzen mir +geht--ich will es dem Alten erzeigen. Aber wer sagt mir nunmehr: wie +soll ich dir selber begegnen, Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem +Gebieter?" + +Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. Herrlich +glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; Nacht war's, völlig +bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. Und so lagen vor ihnen in Massen +gegeneinander Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte. +Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten Hermann, des +herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, Der noch heute die Tränen +um seine Vertriebne gesehen. Und indem sie sich nieder ein wenig zu +ruhen gesetzet, Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens +ergreifend: "Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!" +Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde Günstig war; er +fürchtete, nur ein Nein zu ereilen, Ach, und er fühlte den Ring am Finger, +das schmerzliche Zeichen. Also saßen sie still und schweigend +nebeneinander. Aber das Mädchen begann und sagte: "Wie find ich des +Mondes Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich. +Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe, An dem Giebel +ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben." + +"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling, "Das ist unsere +Wohnung, in die ich nieder dich führe, Und dies Fenster dort ist meines +Zimmers im Dache, Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im +Hause. Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. Hier +im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen. Aber laß uns +nunmehr hinab durch Weinberg und Garten Steigen; denn sieh, es rückt das +schwere Gewitter herüber, Wetterleuchtend und bald verschlingend den +lieblichen Vollmond." Und so standen sie auf und wandelten nieder, das +Feld hin, Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend; +Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel. + +Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter, Die, unbehauen gelegt, +als Stufen dienten im Laubgang. Langsam schritt sie hinab, auf seinen +Schultern die Hände; Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, +überblickte der Mond sie, Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das +Paar ließ. Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing; +Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, Fehlte tretend, es +knackte der Fuß, sie drohte zu fallen. Eilig streckte gewandt der +sinnige Jüngling den Arm aus, Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis +auf die Schulter, Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand +er, Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt, Drückte nicht +fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. Und so fühlt' er die +herrliche Last, die Wärme des Herzens Und den Balsam des Atems, an seinen +Lippen verhauchet, Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes. + +Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: "Das +bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute Wenn beim Eintritt ins Haus, +nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt. Hätt' ich mir doch fürwahr +ein besseres Zeichen gewünschet! Laß uns ein wenig verweilen, damit dich +die Eltern nicht tadeln Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt +du erscheinest." + + + + +Urania +Aussicht + +Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt, Auf dem Wege bisher +den trefflichen Jüngling geleitet, An die Brust ihm das Mädchen noch vor +der Verlobung gedrückt habt: Helfet auch ferner den Bund des lieblichen +Paares vollenden, Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich +heraufziehn! Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet! + +Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder Schon das Zimmer der +Männer, das sorglich erst sie verlassen, Sprechend vom nahen Gewitter, vom +schnellen Verdunkeln des Mondes; Dann vom Außenbleiben des Sohns und der +Nächte Gefahren; Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu +sprechen, Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet. + +"Mache nicht schlimmer das Übel!" versetzt' unmutig der Vater; "Denn du +siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs." + +Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen: "Immer verdank ich +es doch in solch unruhiger Stunde Meinem seligen Vater, der mir, als +Knaben, die Wurzel Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen +zurückblieb Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen." +"Sagt", versetzte der Pfarrer, "welch Kunststück brauchte der Alte?" "Das +erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken", Sagte der Nachbar +darauf. "Als Knabe stand ich am Sonntag Ungeduldig einmal, die Kutsche +begierig erwartend, Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden. +Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen +hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe. Meine Hände prickelten +mir; ich kratzte die Tische, Trappelte stampfend herum, und nahe war mir +das Weinen. Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich Gar zu +töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme, Führte zum Fenster mich +hin und sprach die bedenklichen Worte: "Siehst du des Tischlers da drüben +für heute geschlossene Werkstatt? Morgen eröffnet er sie; da rühret sich +Hobel und Säge, Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden. +Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen, Da der Meister +sich regt mit allen seinen Gesellen Dir den Sarg zu bereiten und schnell +und geschickt zu vollenden; Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig +herüber, Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt, Und gar +bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist." Alles sah ich sogleich +im Geiste wirklich geschehen, Sah die Bretter gefügt und die schwarze +Farbe bereitet, Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche. +Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung Ungebärdig herum, da muß ich +des Sarges gedenken." + +Lächelnd sagte der Pfarrer: "Des Todes rührendes Bild steht Nicht als +Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drängt es ins +Leben zurück und lehret ihn handeln; Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, +im Trübsal die Hoffnung; Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit +Unrecht Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen. Zeige man +doch dem Jüngling des edel reifenden Alters Wert und dem Alter die Jugend, +daß beide des ewigen Kreises Sich erfreuen und so sich Leben im Leben +vollende!" + +Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich, Und es +erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten Über die Bildung +der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar; Ja, es schien die Türe zu +klein, die hohen Gestalten Einzulassen, die nun zusammen betraten die +Schwelle. Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten. +"Hier ist", sagt' er, "ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet. +Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe Mutter, +befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft, Daß Ihr seht, +wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden." Eilig führt' er darauf den +trefflichen Pfarrer beiseite, Sagte: "Würdiger Herr, nun helft mir aus +dieser Besorgnis Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich +schaudre. Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben, +Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte, Daß +unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat. Aber entschieden +sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum Soll sie bleiben, wie ich nicht +länger den Zweifel ertrage. Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die +wir verehren!" Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft. +Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters Schon die Seele des +Mädchens; er hatte die munteren Worte Mit behaglicher Art im guten Sinne +gesprochen: "Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der +Sohn hat Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen. Immer +die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste In sein Haus als +Frau sich geholt; das Mütterchen war es. Denn an der Braut, die der Mann +sich erwählt, läßt gleich sich erkennen, Welches Geistes er ist, und ob er +sich eigenen Wert fühlt. Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur +Entschließung? Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen." + +Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder Innen, und +stille war der ganze Kreis nun auf einmal. + +Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten, Wie sie ihr +schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen, Stand, mit fliegender +Röte die Wange bis gegen den Nacken Übergossen; doch hielt sie sich an und +nahm sich zusammen, Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen +verbergend: "Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet, +Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers; Und ich weiß, +ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne, Der sich klug mit jedem beträgt +und gemäß den Personen. Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid +genug mit der Armen, Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen +bereit ist; Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen, +Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei. Freilich +tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein, Das mit allem versehn +die frohen Bewohner gewiß macht; Aber ich kenne mich wohl und fühle das +ganze Verhältnis. Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen, +Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?" + +Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde, Daß er ins +Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum. Eilig trat der +Kluge heran und schaute des Mädchens Stillen Verdruß und gehaltenen +Schmerz und Tränen im Auge. Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die +Verwirrung zu lösen, Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des +Mädchens. Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten: "Sicher, +du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands, Wenn du bei Fremden zu +dienen dich allzu eilig entschlossest, Was es heiße, das Haus des +gebietenden Herrn zu betreten; Denn der Handschlag bestimmt das ganze +Schicksal des Jahres, Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges +Jawort. Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege, +Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit; Denn mit dem Knechte +zugleich bemüht sich der tätige Freie: Aber zu dulden die Laune des Herrn, +wenn er ungerecht tadelt, Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber +in Zwiespalt, Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet, +Mit der Kinder roher und übermütiger Unart: Das ist schwer zu ertragen, +und doch die Pflicht zu erfüllen Ungesäumt und rasch, und selbst nicht +mürrisch zu stocken. Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die +Scherze des Vaters Schon dich treffen so tief, und doch nichts +gewöhnlicher vorkommt, Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein +Jüngling gefalle." + +Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen, Und sie hielt +sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle Mächtig, es hob sich die +Brust, aus der ein Seufzer hervordrang, Und sie sagte sogleich mit heiß +vergossenen Tränen: "Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns +zu raten Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien Je +von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt. Ihr seid +glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden? Doch der +Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung. Nein, es hülfe mir +nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge. Zeige sich gleich, was +später nur tiefere Schmerzen vermehrte Und mich drängte vielleicht in +stillverzehrendes Elend. Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause +nicht bleiben; Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen, Die ich +im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend. Dies ist mein +fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen, Was im Herzen sich +sonst wohl Jahre hätte verborgen. Ja, des Vaters Spott hat tief mich +getroffen: nicht, weil ich Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd +nicht geziemet, Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte +Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen. Denn als +er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer In Gedanken +geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens, Das er vielleicht schon +als Braut im Herzen möchte bewahren. Und als ich wieder am Brunnen ihn +fand, da freut' ich mich seines Anblicks so sehr, als wär' mir der +Himmlischen einer erschienen. Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur +Magd mich geworben. Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es +gestehen) Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen, +Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze. Aber, ach! +nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich Mich begab, so nah dem still +Geliebten zu wohnen. Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen +entfernt ist Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre. +Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet, Das ein +Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke. Denn das mußt' ich +erwarten, die stillen Wünsche verbergend, Daß er sich brächte zunächst die +Braut zum Hause geführet; Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen +Schmerzen ertragen? Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das +Geheimnis Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar. +Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger Hier nichts +halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe, Frei die Neigung +bekennend und jene törichte Hoffnung. Nicht die Nacht, die breit sich +bedeckt mit sinkenden Wolken, Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll +mich verhindern, Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt, +Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen Auf der traurigen +Flucht und nah am verfolgenden Feinde. Und ich gehe nun wieder hinaus, +wie ich lange gewohnt bin, Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem +zu scheiden. Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen." + +Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend, Unter dem Arm +das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend. Aber die Mutter ergriff +mit beiden Armen das Mädchen, Um den Leib sie fassend, und rief verwundert +und staunend: "Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen? +Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte." Aber der +Vater stand mit Widerwillen dagegen, Auf die Weinende schauend, und sprach +die verdrießlichen Worte: "Also das ist mir zuletzt für die höchste +Nachsicht geworden, Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse +des Tages! Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber, +Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet, Was mit ein +wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten. Mir ist lästig, noch +länger dies wunderliche Beginnen Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich +gehe zu Bette." Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen, +Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. Aber ihn hielt +der Sohn und sagte die flehenden Worte: "Vater, eilet nur nicht und zürnt +nicht über das Mädchen! Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu +tragen, Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat. +Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache. Häufet nicht +Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze! Denn ich möchte so hoch +Euch nicht in Zukunft verehren, Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt +herrlicher Weisheit." + +Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte: "Welche Klugheit +hätte denn wohl das schöne Bekenntnis Dieser Guten entlockt und uns +enthüllt ihr Gemüte? Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude +geworden? Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?" Nun +trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte: "Laß dich die +Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen; Denn sie vollenden +mein Glück und, wie ich wünsche, das deine. Nicht das treffliche Mädchen +als Magd, die Fremde, zu dingen, Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine +Liebe zu werben. Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die +Neigung Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge, Als +aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest. Dich ins Haus +nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes. Aber nun vollendest +du mir's! Oh, sei mir gesegnet!" Und es schaute das Mädchen mit tiefer +Rührung zum Jüngling Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der +Freude, Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung +Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet. + +Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret. Aber das Mädchen kam, +vor dem Vater sich herzlich mit Anmut Neigend und so ihm die Hand, die +zurückgezogene, küssend, Sprach: "Ihr werdet gerecht der Überraschten +verzeihen, Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude. +Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses Und laßt nur mich +ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden! Ja, der erste Verdruß, an +dem ich Verworrene schuld war, Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd +sich verpflichtet, Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch +leisten!" + +Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend. Traulich kam +die Mutter herbei und küßte sie herzlich, Schüttelte Hand in Hand; es +schwiegen die weinenden Frauen. + +Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr Erst des Vaters Hand und +zog ihm vom Finger den Trauring (Nicht so leicht; er war vom rundlichen +Gliede gehalten), Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder, +Sprach: "Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung, Fest ein Band zu +knüpfen, das völlig gleiche dem alten. Dieser Jüngling ist tief von der +Liebe zum Mädchen durchdrungen Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der +Jüngling erwünscht ist. Also verlob' ich euch hier und segn' euch +künftigen Zeiten, Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des +Freundes." + +Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar. Aber als der +geistliche Herr den goldenen Reif nun Steckt' an die Hand des Mädchens, +erblickt' er den anderen staunend, Den schon Hermann zuvor am Brunnen +sorglich betrachtet. Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden +Worten: "Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der +erste Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!" + +Aber sie sagte darauf. "Oh, laßt mich dieser Erinnrung Einen Augenblick +weihen! Denn wohl verdient sie der Gute, Der mir ihn scheidend gab und +nicht zur Heimat zurückkam. Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der +Freiheit, Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken, Trieb +nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand. "Lebe glücklich", +sagt' er. "Ich gehe; denn alles bewegt sich Jetzt auf Erden einmal, es +scheint sich alles zu trennen. Grundgesetze lösen sich auf der festesten +Staaten, Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer, Freund sich +los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe. Ich verlasse dich hier; +und wo ich jemals dich wieder Finde--wer weiß es? Vielleicht sind diese +Gespräche die letzten. Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der +Mensch hier auf Erden; Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder +geworden. Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze; Gold +und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen; Alles regt sich, als +wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts Lösen in Chaos und Nacht sich +auf, und neu sich gestalten. Du bewahrst mir dein Herz; und finden +dereinst wir uns wieder Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute +Geschöpfe, Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal. Denn was +fesselte den, der solche Tage durchlebt hat! Aber soll es nicht sein, daß +je wir, aus diesen Gefahren Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden +wieder umfangen, Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken, +Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist! Locket neue +Wohnung dich an und neue Verbindung, So genieße mit Dank, was dann dir das +Schicksal bereitet! Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich +dankbar. Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf; Denn +es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes. Heilig sei dir der +Tag; doch schätze das Leben nicht höher Als ein anderes Gut, und alle +Güter sind trüglich." Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder. +Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung. Nun +auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier Neu +bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt. Oh, verzeih, +mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich Haltend, bebe! +So scheint dem endlich gelandeten Schiffer Auch der sicherste Grund des +festesten Bodens zu schwanken." + +Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander. Aber der Bräutigam +sprach mit edler männlicher Rührung: "Desto fester sei, bei der +allgemeinen Erschüttrung, Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und +dauern, Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum. Denn der +Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der +vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem +Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Nicht dem Deutschen geziemt es, +die fürchterliche Bewegung Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und +dorthin. "Dies ist unser!" so laß uns sagen und so es behaupten! Denn +es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen, Die für Gott und +Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder Stritten und gegen den Feind +zusammenstehend erlagen. Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als +jemals. Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen, +Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde Oder künftig, so +rüste mich selbst und reiche die Waffen. Weiß ich durch dich nur +versorgt das Haus und die liebenden Eltern, Oh, so stellt sich die Brust +dem Feinde sicher entgegen. Und gedächte jeder wie ich, so stünde die +Macht auf Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens." + + + + + +Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Hermann und Dorathea" von Goethe. +End of Project Gutenberg Etext "Hermann und Dorothea", by Goethe + diff --git a/old/092000-2312-8.zip b/old/092000-2312-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a3ab801 --- /dev/null +++ b/old/092000-2312-8.zip |
