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+Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Hermann und Dorothea
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: October 6, 2019 [EBook #2312]
+First posted: September, 2000
+Last updated: April 3, 2015
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA ***
+
+
+
+
+Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly
+
+
+
+
+
+Hermann und Dorothea
+
+Johann Wolfgang Goethe
+
+
+
+
+Inhalt:
+
+Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil
+Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann
+Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger
+Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn
+Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger
+Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter
+Siebenter Gesang: Erato. Dorothea
+Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea
+Neunter Gesang: Urania. Aussicht
+
+
+
+
+Kalliope
+
+Schicksal und Anteil
+
+
+"Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!
+Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig,
+Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern.
+Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder,
+Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen.
+Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen,
+Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.
+Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend
+Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe,
+Leider, das überrheinische Land, das schöne, verlassend,
+Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel
+Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen wandern.
+Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort
+Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken,
+Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen.
+Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste!
+Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich
+Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher.
+Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!"
+So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte,
+Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Löwen.
+
+Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau:
+"Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand,
+Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben,
+Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne
+Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden,
+Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn.
+Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert.
+Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen,
+Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert,
+Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode."
+
+Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte:
+"Ungern vermiß ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock,
+Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder.
+Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll
+Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen,
+Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze."
+
+"Siehe!" versetzte die Frau, "dort kommen schon einige wieder,
+Die den Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein.
+Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter
+Glühen! und jeglicher führt das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab.
+Möcht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht
+Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten."
+
+Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck:
+"Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen,
+Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist,
+Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wölkchen zu sehen,
+Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung.
+Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon;
+Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte."
+
+Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer
+Und der Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben;
+Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren
+Rasch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar,
+An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,
+Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt).
+Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen,
+Mancher Fabriken befliß man sich da, und manches Gewerbes.
+
+Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg
+Über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend.
+Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte:
+"Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar
+Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen,
+Was sie draußen gesehn und was zu schauen nicht froh macht."
+
+Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar,
+Setzten sich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg,
+Staub von den Füßen schüttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fächelnd.
+Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Grüßen,
+Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrießlich:
+"So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andre,
+Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället!
+Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt,
+Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird.
+Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen
+Elend, und niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schicksal
+Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, oder doch künftig.
+Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen."
+
+Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr,
+Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne.
+Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis,
+War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen,
+Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung;
+Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften.
+Dieser sprach: "Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen
+Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab;
+Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft
+Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet.
+Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen,
+Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge
+Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue,
+Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße;
+Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht.
+In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte der Leichtsinn,
+Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren
+Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog.
+Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren
+Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt,
+Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet;
+Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden."
+
+Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau:
+"Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen."
+
+"Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck,
+"Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren.
+Und wer erzählet es wohl, das mannigfaltigste Elend!
+Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen
+Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel
+Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen.
+Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten,
+War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen.
+Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn,
+Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei,
+Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens.
+Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe,
+Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein
+Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat,
+Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich,
+Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren
+Durcheinander geladen, mit Übereilung geflüchtet.
+Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke,
+In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel.
+Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig
+Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung,
+Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure zurückläßt.
+Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt,
+Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend:
+Alte Bretter und Fässer, den Gänsestall und den Käfig.
+Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend,
+Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches;
+Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe.
+Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort,
+Ordnungslos und verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine
+Wünschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen.
+Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder,
+Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer,
+Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren
+Übergepackten Wagen auf Betten saßen und schwankten.
+Aber, aus dem Gleise gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs
+Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den Graben das Fuhrwerk,
+Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die Menschen,
+Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich.
+Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen.
+Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie
+Unter der Last der Kisten und Schränke zerschmettert zu schauen.
+Und so lag zerbrochen der Wagen und hülflos die Menschen;
+Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber,
+Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome.
+Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten,
+Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden
+Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern,
+Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube."
+
+Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt:
+"Möge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden.
+Ungern würd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers.
+Schon von dem ersten Bericht so großer Leiden gerühret,
+Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Überfluß, daß nur
+Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt.
+Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern;
+Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen,
+Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist.
+Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen.
+Nie scheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort
+Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen
+Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben.
+Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser."
+Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung.
+
+Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,
+In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde,
+Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins.
+Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten
+Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen.
+Heiter klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers;
+Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine,
+Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten:
+
+"Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück
+Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren.
+Denn wer erkennet es nicht, daß seit dem schrecklichen Brande,
+Da er so hart uns gestraft, er uns nun beständig erfreut hat
+Und beständig beschützt, so wie der Mensch sich des Auges
+Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist.
+Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten?
+Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren;
+Sollt' er die blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger
+Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet,
+Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung vernichten?"
+
+Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde:
+"Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung;
+Denn sie macht im Glücke verständig und sicher, im Unglück
+Reicht sie den schönsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung."
+
+Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken:
+"Wie begrüßt' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms,
+Wenn ich, reisend nach meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte!
+Immer schien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüte;
+Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein liebliches Ufer
+Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken,
+Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben.
+Seht, so schützt die Natur, so schützen die wackeren Deutschen
+Und so schützt uns der Herr; wer wollte töricht verzagen?
+Müde schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden.
+Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, gefeiert
+Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel,
+Und die Trompete schmettert, das hohe 'Te Deum' begleitend --
+Möge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer,
+Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen,
+Und das glückliche Fest, in allen den Landen begangen,
+Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag!
+Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig
+Mir in dem Hause sich regt, nach außen langsam und schüchtern.
+Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen;
+Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen Gesellschaft
+Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret."
+
+Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde
+Fernes Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen,
+Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg.
+
+
+
+
+Terpsichore
+
+Hermann
+
+
+Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat,
+Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen
+Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen
+Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen enträtselt,
+Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten:
+"Kommt Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals
+Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft.
+Fröhlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben
+Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen."
+
+Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten:
+"Ob ich löblich gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat
+Mich geheißen zu tun, so wie ich genau nun erzähle.
+Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stücke zu suchen
+Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen,
+Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket.
+Als ich nun endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam,
+Strömte zurück die Menge der Bürger mit Weibern und Kindern,
+Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen.
+Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu,
+Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten.
+Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr,
+Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gefüget,
+Von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands,
+Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen,
+Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere,
+Trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich.
+Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen
+Näher und sagte zu mir: 'Nicht immer war es mit uns so
+Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket.
+Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen,
+Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen;
+Aber mich dränget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe
+Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers,
+Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet.
+Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie.
+Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme,
+Und mit wenigem nur vermögen die Unsern zu helfen,
+Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken,
+Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon vorüber.
+Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr
+Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen.'
+
+Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche
+Wöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen:
+'Guten Menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu,
+Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht;
+Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem
+Jammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.'
+Und ich löste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock
+Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch.
+Und sie dankte mit Freuden und rief: 'Der Glückliche glaubt nicht,
+Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man
+Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten
+Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.'
+Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand,
+Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen.
+'Eilen wir', sagte zu ihr die Jungfrau, 'dem Dorf zu, in welchem
+Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält;
+Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.'
+Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus,
+Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte,
+Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen,
+Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen
+Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hier
+Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte.
+Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr
+Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende:
+'Gutes Mädchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine
+Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide,
+Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke,
+Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens.
+Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine
+Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den Auftrag;
+Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.'
+Drauf versetzte das Mädchen: 'Mit aller Treue verwend ich
+Eure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.'
+Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens,
+Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote,
+Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes.
+Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.
+Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so
+Weiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu."
+
+Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar
+Gleich das Wort und rief: "O glücklich, wer in den Tagen
+Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt,
+Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen!
+Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heute
+Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein.
+Öfters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten
+Sachen zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten
+Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt.
+Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafft wird.
+Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt,
+Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht groß ist.
+Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von Hause.
+Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich
+Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten."
+
+"Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck,
+"Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede.
+Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im Unglück
+Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen
+Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird?
+Lieber möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen;
+Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes
+Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück bevorsteht."
+
+Lächelnd sagte darauf der Vater: "So hör ich dich gerne!
+Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen."
+
+Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein:
+"Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel.
+Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet,
+Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen.
+Montag morgens -- ich weiß es genau, denn Tages vorher war
+Jener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte --
+Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute,
+Heiß und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte.
+Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern,
+Auf den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen.
+Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief
+Eilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind.
+Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte,
+Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und das Haus war
+Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit.
+Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch,
+Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend;
+Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens
+Mich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt,
+Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen.
+Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder
+Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele.
+Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen,
+Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet,
+Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüt noch.
+Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daherstieg,
+Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah,
+Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte.
+Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken
+Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere.
+Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig:
+Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden.
+Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und sagtest:
+'Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen;
+Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.'
+Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen
+Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe,
+Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben.
+Und du setztest mich nieder und küßtest mich und ich verwehrt' es.
+Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten:
+'Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen,
+Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.'
+Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter
+Schicktest und schnell das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war.
+Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebälkes
+Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn;
+Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten
+Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben.
+Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen
+Auch ein Mädchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten
+Und es wagtest zu frein im Krieg und über den Trümmern."
+
+Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte:
+"Die Gesinnung ist löblich, und wahr ist auch die Geschichte,
+Mütterchen, die du erzählst; denn so ist alles begegnet.
+Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es,
+Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen;
+Nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere taten,
+Oh, wie glücklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon
+Wohlbestellt übergeben und der mit Gedeihen es ausziert!
+Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft.
+Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird täglich
+Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben.
+Und so hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens
+In das Haus die Braut mit schöner Mitgift hereinführst;
+Denn ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen,
+Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen
+Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt.
+Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter
+Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe;
+Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte,
+Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück:
+Denn sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben
+Jenen Jüngling erfreun, der sie vor allen erwählt hat.
+Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet,
+Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet
+Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat.
+Nur wohl ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn;
+Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet,
+Und er hält sie als Magd, die als Magd mit dem Bündel hereinkam.
+Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen.
+Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich erfreuen,
+Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest
+Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen.
+Reich ist der Mann fürwahr: sein Handel und seine Fabriken
+Machen ihn täglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann?
+Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein das Vermögen.
+Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die zweite
+Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben.
+Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert,
+Eins mir der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug."
+
+Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater:
+"Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter
+Unsers Nachbars zu wählen. Wir sind zusammen erzogen,
+Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren Zeiten,
+Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet.
+Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen
+Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele.
+Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich ging auch zuzeiten
+Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, hinüber;
+Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen.
+Denn sie tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen:
+Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe
+Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekräuselt.
+Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene
+Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen,
+Und um die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt.
+Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten,
+Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch
+Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten,
+Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jüngste.
+Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen,
+Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt,
+Angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche.
+Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht.
+Minchen saß am Klavier; es war der Vater zugegen,
+Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune.
+Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war,
+Aber ich hörte viel von Pamina, viel von Tamino,
+Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet,
+Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen.
+Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater
+Sagte: 'Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?'
+Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Mädchen,
+Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte.
+Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher
+Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten.
+Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause,
+Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter
+Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle.
+Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos,
+Und ich höre, noch heiß' ich bei ihnen immer Tamino."
+
+Da versetzte die Mutter: "Du solltest, Hermann, so lange
+Mit den Kindern nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich.
+Minchen fürwahr ist gut und war dir immer gewogen;
+Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wählen!"
+
+Da versetzte bedenklich der Sohn: "Ich weiß nicht, es prägte
+Jener Verdruß sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht
+Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen."
+
+Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte:
+"Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer,
+Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker:
+Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes,
+Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren,
+Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte.
+Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter,
+Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals
+Wie den andern gelang und du immer der Unterste saßest.
+Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen
+Eines Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will.
+Hätte mein Vater gesorgt für mich, so wie ich für dich tat,
+Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten,
+Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen Löwen!"
+
+Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe,
+Langsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet,
+Rief ihm nach: "So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf!
+Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte;
+Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen
+Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle!
+Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,
+Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden
+Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.
+Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich
+Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen!
+Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten,
+Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln,
+Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!" Da drückte
+Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube.
+
+
+
+
+Thalia
+
+Die Bürger
+
+
+Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede;
+Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen --
+"Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich
+Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen,
+Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Beßrer.
+Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nicht immer
+Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen
+Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland!
+Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen
+Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,
+Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung!
+Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei,
+Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt.
+Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben
+Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt,
+Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,
+Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue
+Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.
+Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,
+Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,
+Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.
+Darum hab ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen
+Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt
+Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
+Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht,
+Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren.
+Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore
+Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche?
+Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten,
+Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und Sicherheit bringen,
+Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei,
+Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande?
+Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall,
+Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet,
+Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt
+Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen.
+So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates.
+Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau
+Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.
+Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln!
+Denn die einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur,
+Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen.
+Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben."
+
+Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter:
+"Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und
+So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet.
+Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;
+So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
+Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.
+Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;
+Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise
+Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten;
+Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt,
+Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern,
+Und im Rate gewiß, ich seh es voraus, nicht der Letzte.
+Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen
+Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast."
+Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach,
+Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten
+Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es.
+
+Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater:
+"Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder!
+Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben,
+Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln.
+Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:
+Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es."
+
+Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig:
+"Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer
+Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist;
+Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat,
+Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern?
+Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er
+Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel,
+Das Bedürfnis zu groß; so wird er immer gehindert.
+Manches hätt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten
+Solcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten!
+Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen,
+Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster;
+Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen
+Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben?
+Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen
+Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt!
+Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln die Scheiben,
+Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes!
+Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten,
+Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Löwe.
+So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, und
+Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen
+Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen.
+Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte,
+Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht,
+Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes
+Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge
+Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen.
+Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert,
+Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren
+Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten.
+Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich
+Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll,
+Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke.
+Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung
+Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten.
+Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen;
+Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat;
+Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste,
+Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen?
+Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder,
+Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen
+Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet;
+Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung."
+
+
+
+
+Euterpe
+
+Mutter und Sohn
+
+
+Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter
+Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen,
+Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war.
+Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen,
+Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte,
+Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute.
+Und es sagte der Knecht: "Er ist in den Garten gegangen."
+Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe,
+Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen,
+Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens
+Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums,
+Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste
+Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige,
+Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg;
+Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens.
+Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen,
+Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,
+Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte.
+Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube,
+Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen
+Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister.
+Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber,
+Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg
+Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret.
+Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben
+Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen.
+Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,
+Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten.
+Und es hingen herein Gutedel und Muskateller,
+Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe,
+Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren.
+Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke,
+Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt.
+Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend
+Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel
+Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt,
+Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden
+Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird.
+Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen
+Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam,
+Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang.
+Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals.
+Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die Sorge
+Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall.
+Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden;
+Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs
+Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein,
+Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte.
+Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute
+Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,
+Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.
+Zwischen den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad,
+Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel
+Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten.
+Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend
+Weit und breit gesehn und berühmt die Früchte des Baumes.
+Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag
+Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;
+Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen.
+Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte,
+Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen
+Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken.
+Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter.
+Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge.
+
+"Mutter", sagt' er betroffen, "Ihr überrascht mich!" Und eilig
+Trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles.
+"Wie? du weinest, mein Sohn?" versetzte die Mutter betroffen;
+"Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren!
+Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen
+Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins Auge?"
+
+Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte:
+"Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
+Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;
+Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich
+Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.
+Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir;
+Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite
+Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt,
+Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen
+Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen.
+Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines
+Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge
+Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht!
+Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend
+Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge
+Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge.
+Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben?
+Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall?
+Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrießt mich,
+Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas
+Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur,
+Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe;
+Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne
+An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft?
+Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen
+Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben
+Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben.
+Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen,
+An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden,
+Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten
+Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren,
+Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen!
+Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen,
+Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig;
+Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.
+Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus
+Geh ich gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern
+Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen.
+Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir
+Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!"
+
+Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter,
+Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge:
+"Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüte,
+Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer,
+Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist?
+Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich
+Höchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen,
+Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.
+Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser.
+Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken.
+Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete,
+Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen;
+Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,
+Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.
+Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?"
+
+Ernsthaft sagte der Sohn: "Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist
+Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne;
+Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Geräusche
+Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat.
+Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir
+Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill,
+Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern;
+Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.
+Alles, fühl ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten.
+Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich
+Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.
+Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich
+Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke,
+Meinem Vaterland hülfreich zu sein und schrecklich den Feinden.
+Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur
+Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.
+Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche
+Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn.
+Denn ich weiß es recht wohl: der einzelne schadet sich selber,
+Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben."
+
+"Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter,
+"Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste!
+Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte,
+Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege;
+Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt
+Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen.
+Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,
+Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern,
+Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen."
+
+Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte,
+Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet:
+"Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen,
+Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage.
+Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, und niemand
+Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten
+Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten.
+Vieles hab ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet,
+Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten;
+Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen:
+Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags
+Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte,
+Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks,
+Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward:
+Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wüten
+Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen,
+Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen
+Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen.
+Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden,
+Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm,
+Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward,
+Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen.
+Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich,
+Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat,
+Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter,
+Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern.
+Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen,
+Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen,
+Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen.
+Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne,
+Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen.
+Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,
+Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten,
+Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter!
+Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel
+Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache,
+Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon
+Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne,
+Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte:
+Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und
+Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt;
+Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin."
+
+Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:
+"Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen,
+Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens
+Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,
+Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer
+Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.
+Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir:
+Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte
+Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,
+Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten.
+Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,
+Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.
+Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:
+Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast."
+
+"Liebe Mutter, Ihr sagt's!" versetzte lebhaft der Sohn drauf.
+"Ja, sie ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause
+Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer
+In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn.
+Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung
+Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar.
+Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider;
+Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen.
+Denn es löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande,
+Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßt
+Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt;
+Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater,
+Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn.
+Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt.
+Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen,
+Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen
+Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre."
+
+Da versetzte behend die gute verständige Mutter:
+"Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander!
+Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,
+Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen.
+Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem
+Herzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe,
+Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat.
+Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,
+Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte.
+Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen;
+Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische,
+Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt,
+Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf
+Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern
+Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber.
+Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche
+Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt.
+Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist
+Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte.
+Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur,
+Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt
+Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen."
+
+Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend,
+Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide
+Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend.
+
+
+
+
+Polyhymnia
+
+Der Weltbürger
+
+
+Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen,
+Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte,
+Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe,
+Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward.
+Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf:
+"Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll
+Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch
+Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue.
+Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen
+Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten
+Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.
+Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.
+Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig;
+Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal.
+Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und rastlos
+Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde
+Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreuet,
+Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft;
+Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger,
+Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet
+Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten.
+Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden,
+Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme
+Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret.
+Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen,
+Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes.
+Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde,
+Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;
+Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke.
+Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab!
+Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen
+Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart!
+Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket;
+Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter,
+Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend,
+Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen.
+Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen
+Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet."
+
+Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein,
+Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend.
+"Vater", sprach sie, "wie oft gedachten wir, untereinander
+Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig
+Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute!
+Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes
+Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze.
+Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel
+Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden.
+Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen?
+Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft
+Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen!
+Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden.
+Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet.
+Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande."
+
+Und es sagte der Sohn: "Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat
+Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter."
+
+Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf,
+Nahm das Wort und sprach: "Der Augenblick nur entscheidet
+Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;
+Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur
+Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte.
+Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenes
+Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren.
+Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte
+Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem.
+Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch.
+Seid nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet,
+Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht
+Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget.
+Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben
+Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.
+Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten,
+Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.
+Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht,
+Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet!
+Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.
+Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling.
+Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses,
+Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben."
+
+Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig,
+Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war:
+"Laßt uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten!
+Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise.
+Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen,
+Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen:
+Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite.
+Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen,
+Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.
+Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen."
+
+Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten:
+"Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche,
+Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde;
+Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen.
+Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen,
+Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift,
+Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken.
+Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges,
+Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude
+Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben.
+Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?
+Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet.
+Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste,
+Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück vergessend,
+Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich.
+Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten;
+Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn
+Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin,
+Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?"
+
+Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf:
+"Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde
+Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte!
+Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist:
+Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter
+Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt,
+Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann.
+Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hülf' es?
+Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus.
+Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter
+Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen!"
+
+Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde:
+"Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret,
+Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt.
+Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen.
+Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und Mutter
+Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder
+Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde
+Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten,
+Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit,
+Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung,
+Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen."
+Und so ging er hinaus, indessen manches die andern
+Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.
+
+Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste
+Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten
+Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen.
+Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an,
+Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen
+Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel,
+Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon
+Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend.
+Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern
+Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde.
+Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg.
+Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen,
+Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurücke,
+Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme.
+So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu,
+Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter.
+Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte
+Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser,
+Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.
+
+Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet,
+Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt,
+War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender Anger
+Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.
+Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen.
+Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke,
+Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll,
+Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich.
+Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die Pferde
+Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte:
+"Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret,
+Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete.
+Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes;
+Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin,
+Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.
+Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen;
+Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar.
+Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider:
+Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,
+Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;
+Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,
+Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut;
+Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;
+Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;
+Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an
+Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel.
+Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten:
+Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht,
+Sondern befraget die andern und hört, was sie alles erzählen.
+Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter,
+Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre.
+Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren."
+
+Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu,
+Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen
+Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand.
+Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an den Wagen,
+Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber,
+Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.
+Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere,
+Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher,
+Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten;
+Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau.
+Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen
+Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,
+Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter,
+Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse,
+Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohte.
+"Hat uns", rief er, "noch nicht das Unglück also gebändigt,
+Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden
+Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt?
+Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden
+Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern?
+Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet,
+Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!"
+
+Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich
+Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen.
+Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen
+Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,
+Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte:
+"Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt,
+Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut
+Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert,
+Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste
+Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander,
+Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten:
+Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort.
+Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens,
+Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um,
+Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung,
+Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte:
+Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei,
+Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens.
+Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter von diesen
+Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt?
+Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer,
+Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet.
+Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses."
+
+Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter:
+"Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten,
+Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.
+Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat,
+Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten.
+Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter
+Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig.
+Oh, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen,
+Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche
+Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer."
+
+Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war
+Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte,
+Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm:
+"Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen.
+Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme
+Wieder, sobald ich sie finde." Es nickte der Pfarrer dagegen,
+Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher.
+
+
+
+
+Klio
+
+Das Zeitalter
+
+
+Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte,
+Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben,
+Sagte der Mann darauf: "Nicht kurz sind unsere Leiden;
+Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre getrunken,
+Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward.
+Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben,
+Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen,
+Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,
+Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei,
+Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!
+Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich
+Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,
+Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.
+Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen
+Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen
+Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?
+Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft,
+Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind?
+Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache?
+
+Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet.
+Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken
+Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.
+Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele
+Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit,
+Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung.
+Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter,
+Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte.
+So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken,
+Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm Beginnen,
+Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut.
+Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges;
+Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne,
+Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen.
+
+Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam
+Schwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend!
+Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste,
+Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte.
+Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen die Greise,
+Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles.
+
+Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft
+Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen.
+Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen
+Nachbarn und Brüder und sandten die eigennützige Menge.
+Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen,
+Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen;
+Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen.
+Allzu groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung;
+Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages.
+Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gelaßnes Gemüt an,
+Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen
+Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung.
+Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen,
+Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke.
+Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges!
+Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's,
+Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der seine,
+Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet.
+Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab
+Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter.
+Dann ist sein Gemüt auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung
+Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen.
+Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde
+Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen.
+Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten
+Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers.
+
+Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun,
+Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste.
+Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings
+Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke.
+Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke,
+Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf.
+Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung
+Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense.
+Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung;
+Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche.
+Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung
+Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick.
+Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren!
+Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,
+Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb."
+
+"Trefflicher Mann!" versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck,
+"Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten;
+Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen!
+Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen,
+Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet.
+Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen,
+Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen,
+Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott."
+
+Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter.
+"Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses
+Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert,
+Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt.
+Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich;
+Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes.
+Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen
+Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis.
+Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen,
+Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde,
+Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen;
+Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich
+Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte.
+Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird,
+Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes.
+Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen,
+Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau,
+Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb;
+Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen.
+Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels,
+Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen.
+Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau
+Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen.
+Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos
+Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen.
+Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel,
+Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen.
+Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen,
+Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode.
+Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet."
+
+Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen,
+Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf,
+Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten?
+Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde?
+Aber da trat herbei der Apotheker behende,
+Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte:
+"Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden,
+Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen;
+Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!"
+Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter
+Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten.
+Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr
+An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig.
+"Seht Ihr", sagt' er, "das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt,
+Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen
+Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat.
+Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.
+Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;
+Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,
+Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;
+Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet
+Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut;
+Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,
+Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;
+Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe
+Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen
+Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.
+Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen,
+Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen."
+
+Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend:
+"Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder,
+Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe.
+Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!
+Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling.
+Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen,
+Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet.
+Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden,
+Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert,
+Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht.
+So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele
+Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter."
+
+Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich:
+"Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen,
+Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:
+'Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,
+Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,
+Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.'
+Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun,
+Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen."
+
+"Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend;
+"Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich."
+Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen,
+Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam.
+Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht:
+"Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier
+Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt
+Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward.
+Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine.
+Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht."
+
+Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat,
+Sagt' er: "Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte
+Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet,
+Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte --
+Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren,
+Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten
+Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß
+Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren.
+Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen
+Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten
+Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben,
+Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand;
+Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke."
+Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten,
+Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels
+War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet,
+Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn),
+Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: "Teilet den Pfennig
+Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!"
+Doch es weigerte sich der Mann und sagte: "Wir haben
+Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen,
+Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist."
+
+Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein:
+"Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand
+Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten!
+Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet;
+Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht
+Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret."
+
+"Ei doch!" sagte darauf der Apotheker geschäftig,
+"Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben,
+Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's.
+Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen
+Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt."
+Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel
+An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war,
+Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen.
+"Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß.
+"Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen."
+Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.
+
+Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter.
+"Eilen wir!" sprach der verständige Mann; "es wartet der Jüngling
+Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft."
+Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet
+An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften
+Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken,
+Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher,
+Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben.
+Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen;
+Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr
+Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg:
+"Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues
+Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend!
+Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen,
+Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen,
+Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute."
+
+Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude
+Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich,
+Seufzete tief und sprach: "Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk,
+Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause;
+Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen,
+Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt.
+Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen,
+Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht?
+Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam
+Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an.
+Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte
+Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?
+Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe?
+Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung
+Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte,
+Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat
+Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen.
+Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet."
+
+Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon;
+Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein:
+"Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen,
+Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward.
+Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen,
+Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen;
+Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern
+Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze
+Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte,
+Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst
+Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend.
+Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet,
+Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war.
+Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte
+Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären.
+Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich.
+Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer
+In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste;
+Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar,
+Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen.
+Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen
+Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber.
+Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen,
+Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!"
+
+"Sei es, wie ihm auch sei!" versetzte der Jüngling, der kaum auf
+Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen;
+"Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren
+Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen
+Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat.
+Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich.
+Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal
+Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen;
+Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern
+Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret;
+Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich
+Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret.
+Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet
+Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren,
+Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen.
+Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel
+An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter
+Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute
+Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine
+Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder."
+
+Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel,
+Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend,
+Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte.
+
+Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest:
+"Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an;
+Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret,
+Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt."
+Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest:
+"Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele;
+Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen,
+Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen.
+Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken,
+Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich
+Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch,
+Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden,
+Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt."
+
+Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen,
+Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet;
+Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles.
+Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen.
+Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben,
+Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken.
+
+
+
+
+Erato
+
+Dorothea
+
+
+Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne
+Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte,
+Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens
+Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,
+Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben:
+So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens
+Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen.
+Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam
+Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder
+Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen.
+Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es
+Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel
+Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen.
+Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick
+Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also:
+"Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt,
+Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen?
+Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt,
+Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen?
+Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten.
+Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?"
+
+Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling,
+Sprach: "So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet,
+Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat;
+Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich.
+Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen,
+Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten.
+Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen,
+Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt,
+Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen
+Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen
+Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.
+Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle
+Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt;
+Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis
+Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er."
+
+Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter
+Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten
+Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen;
+Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über.
+Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels
+Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel.
+"Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling;
+Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich
+Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde:
+"Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde
+Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?"
+
+Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke
+Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge,
+Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen,
+Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe,
+Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.
+Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen:
+"Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.
+Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen?
+Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern
+Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten
+Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach.
+Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause
+Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft.
+Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde
+Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau,
+Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen.
+Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause,
+Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe,
+An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen.
+Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit,
+Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder,
+Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen,
+Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde
+Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen,
+Was sie wünschen wie ich. -- Verzeih mir die stotternde Rede."
+
+"Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, "das Weitre zu sprechen;
+Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden.
+Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken:
+Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter,
+Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht;
+Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden,
+Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte.
+Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein.
+Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals.
+Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder
+Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung;
+Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden.
+Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat
+Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln,
+Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen
+Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen:
+Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder
+Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht!
+Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren
+Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne;
+Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe.
+Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden
+Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.
+Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen."
+
+Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung,
+Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen.
+Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen,
+In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst.
+Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens;
+Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten.
+
+"Laßt uns", fuhr sie nun fort, "zurücke kehren! Die Mädchen
+Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen;
+Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen."
+Also standen sie auf und schauten beide noch einmal
+In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.
+
+Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel,
+Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben.
+Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen.
+"Laßt ihn", sprach sie; "es trägt sich besser die gleichere Last so.
+Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen.
+Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!
+Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung!
+Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,
+Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.
+Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,
+Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen
+Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre.
+Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer
+Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages,
+Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,
+Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern!
+Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle,
+Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret
+Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.
+Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,
+Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn."
+
+Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter
+Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune,
+Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen,
+Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld.
+Beide traten hinein; und von der anderen Seite
+Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein.
+Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren;
+Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte.
+Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen,
+Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen!
+Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich,
+Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken.
+Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,
+Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter.
+Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser;
+Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.
+
+Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte:
+"Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch
+Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze:
+Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt,
+Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet,
+Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes,
+Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet.
+Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben.
+Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern
+Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich
+Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist.
+Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken,
+Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise.
+Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen,
+Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern;
+Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen,
+Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen.
+Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling,
+Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet.
+Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet
+Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt.
+Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln,
+Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte,
+Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet!
+Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter,
+"Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!"
+
+Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder,
+Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel.
+Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann:
+"Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen,
+Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.
+Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde,
+So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet;
+Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist,
+Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen,
+Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein
+Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen.
+Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet,
+Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist.
+Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt,
+Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter."
+
+Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte,
+Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend.
+Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann
+Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.
+Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin:
+"Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen."
+Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte:
+"Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen."
+Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber.
+Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie.
+Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen
+Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen.
+Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend:
+"Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten
+Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte,
+Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug,
+Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten."
+Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie
+Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern.
+
+
+
+
+Melpomene
+
+Hermann und Dorothea
+
+
+Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
+Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,
+Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken
+Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.
+"Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa
+Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte."
+Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes,
+Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.
+Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde:
+"Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke,
+Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut!
+Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen,
+Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin;
+Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun,
+Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen,
+Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat.
+Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?"
+
+Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling:
+"Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen,
+Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!
+Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen,
+Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm,
+Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg.
+Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen;
+Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen,
+Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest.
+Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch.
+Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos,
+Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle.
+Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches
+Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist;
+Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen.
+Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben,
+Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung,
+Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt,
+Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein."
+
+Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte
+Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung:
+"Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen;
+Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen,
+Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde.
+Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten
+Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger
+Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen.
+Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich
+Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen
+Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus.
+Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin,
+Was von Herzen mir geht -- ich will es dem Alten erzeigen.
+Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen,
+Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?"
+
+Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum.
+Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter;
+Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne.
+Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander
+Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte.
+Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten
+Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war,
+Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen.
+Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet,
+Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend:
+"Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!"
+Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde
+Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen,
+Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen.
+Also saßen sie still und schweigend nebeneinander.
+Aber das Mädchen begann und sagte: "Wie find ich des Mondes
+Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich.
+Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe,
+An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben."
+
+"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling,
+"Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe,
+Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache,
+Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause.
+Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte.
+Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen.
+Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten
+Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber,
+Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond."
+Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin,
+Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend;
+Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.
+
+Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter,
+Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang.
+Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände;
+Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie,
+Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ.
+Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing;
+Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen,
+Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen.
+Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus,
+Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter,
+Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er,
+Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt,
+Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere.
+Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens
+Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet,
+Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.
+
+Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte:
+"Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute
+Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt.
+Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet!
+Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln
+Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest."
+
+
+
+
+Urania
+
+Aussicht
+
+
+Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt,
+Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet,
+An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt:
+Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden,
+Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn!
+Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet!
+
+Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder
+Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen,
+Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes;
+Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren;
+Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen,
+Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.
+
+"Mache nicht schlimmer das Übel!" versetzt' unmutig der Vater;
+"Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs."
+
+Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen:
+"Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde
+Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel
+Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb
+Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen."
+"Sagt", versetzte der Pfarrer, "welch Kunststück brauchte der Alte?"
+"Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken",
+Sagte der Nachbar darauf. "Als Knabe stand ich am Sonntag
+Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend,
+Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.
+Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin,
+Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe.
+Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische,
+Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen.
+Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich
+Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme,
+Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte:
+'Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt?
+Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge,
+Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden.
+Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen,
+Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen
+Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden;
+Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber,
+Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt,
+Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.'
+Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen,
+Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet,
+Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche.
+Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung
+Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken."
+
+Lächelnd sagte der Pfarrer: "Des Todes rührendes Bild steht
+Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.
+Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;
+Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung;
+Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht
+Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.
+Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters
+Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises
+Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!"
+
+Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich,
+Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten
+Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar;
+Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten
+Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle.
+Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten.
+"Hier ist", sagt' er, "ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet.
+Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe
+Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft,
+Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden."
+Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite,
+Sagte: "Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis
+Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre.
+Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben,
+Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte,
+Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat.
+Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum
+Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage.
+Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!"
+Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft.
+Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters
+Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte
+Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen:
+"Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat
+Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen.
+Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste
+In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es.
+Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen,
+Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt.
+Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung?
+Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen."
+
+Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder
+Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.
+
+Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten,
+Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen,
+Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken
+Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen,
+Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend:
+"Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet,
+Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers;
+Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne,
+Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen.
+Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen,
+Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist;
+Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen,
+Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei.
+Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein,
+Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht;
+Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis.
+Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen,
+Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?"
+
+Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde,
+Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum.
+Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens
+Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge.
+Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen,
+Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens.
+Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten:
+"Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands,
+Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest,
+Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten;
+Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres,
+Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort.
+Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege,
+Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit;
+Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie:
+Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt,
+Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt,
+Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet,
+Mit der Kinder roher und übermütiger Unart:
+Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen
+Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken.
+Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters
+Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt,
+Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle."
+
+Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen,
+Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle
+Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang,
+Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen:
+"Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten
+Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien
+Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt.
+Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden?
+Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung.
+Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge.
+Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte
+Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend.
+Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben;
+Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen,
+Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend.
+Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen,
+Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen.
+Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich
+Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet,
+Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte
+Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen.
+Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer
+In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens,
+Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren.
+Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines
+Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen.
+Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben.
+Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen)
+Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen,
+Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze.
+Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich
+Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen.
+Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist
+Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre.
+Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet,
+Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke.
+Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend,
+Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet;
+Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen?
+Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis
+Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar.
+Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger
+Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe,
+Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung.
+Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken,
+Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern,
+Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt,
+Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen
+Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde.
+Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin,
+Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden.
+Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen."
+
+Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend,
+Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend.
+Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen,
+Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend:
+"Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen?
+Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte."
+Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen,
+Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte:
+"Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden,
+Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages!
+Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber,
+Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet,
+Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten.
+Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen
+Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette."
+Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen,
+Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war.
+Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte:
+"Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen!
+Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen,
+Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat.
+Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache.
+Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze!
+Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren,
+Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit."
+
+Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte:
+"Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis
+Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte?
+Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden?
+Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?"
+Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte:
+"Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen;
+Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine.
+Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen,
+Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben.
+Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung
+Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge,
+Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest.
+Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes.
+Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!"
+Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling
+Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude,
+Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung
+Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet.
+
+Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret.
+Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut
+Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend,
+Sprach: "Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen,
+Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude.
+Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses
+Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden!
+Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war,
+Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet,
+Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!"
+
+Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend.
+Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich,
+Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen.
+
+Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr
+Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring
+(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten),
+Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder,
+Sprach: "Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung,
+Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten.
+Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen
+Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling erwünscht ist.
+Also verlob' ich euch hier und segn' euch künftigen Zeiten,
+Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes."
+
+Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar.
+Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun
+Steckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderen staunend,
+Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet.
+Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten:
+"Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der erste
+Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!"
+
+Aber sie sagte darauf. "Oh, laßt mich dieser Erinnrung
+Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute,
+Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zurückkam.
+Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit,
+Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken,
+Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand.
+'Lebe glücklich', sagt' er. 'Ich gehe; denn alles bewegt sich
+Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen.
+Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten,
+Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,
+Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe.
+Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder
+Finde -- wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten.
+Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden;
+Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden.
+Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze;
+Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen;
+Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts
+Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten.
+Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder
+Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfe,
+Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal.
+Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat!
+Aber soll es nicht sein, daß je wir, aus diesen Gefahren
+Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen,
+Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken,
+Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist!
+Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung,
+So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet!
+Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar.
+Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf;
+Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes.
+Heilig sei dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höher
+Als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.'
+Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder.
+Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung.
+Nun auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier
+Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt.
+Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich
+Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer
+Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken."
+
+Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander.
+Aber der Bräutigam sprach mit edler männlicher Rührung:
+"Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschüttrung,
+Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern,
+Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum.
+Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,
+Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter;
+Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.
+Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung
+Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin.
+'Dies ist unser!' so laß uns sagen und so es behaupten!
+Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen,
+Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder
+Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen.
+Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals.
+Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen,
+Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde
+Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen.
+Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern,
+Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen.
+Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf
+Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens."
+
+
+
+
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+Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Hermann und Dorothea
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: October 6, 2019 [EBook #2312]
+First posted: September, 2000
+Last updated: April 3, 2015
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA ***
+
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+Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly
+
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+<div id="titlepage">
+<h1>Hermann und Dorothea</h1>
+
+<p style="font-size: 150%;">Johann Wolfgang Goethe</p>
+</div>
+
+
+<p><b>Inhalt:</b></p>
+<ul>
+<li>Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil</li>
+<li>Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann</li>
+<li>Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger</li>
+<li>Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn</li>
+<li>Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger</li>
+<li>Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter</li>
+<li>Siebenter Gesang: Erato. Dorothea</li>
+<li>Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea</li>
+<li>Neunter Gesang: Urania. Aussicht</li>
+</ul>
+
+
+
+<h2>Kalliope<br />
+
+Schicksal und Anteil</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!</span><br />
+<span class="line">Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig,</span><br />
+<span class="line">Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern.</span><br />
+<span class="line">Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder,</span><br />
+<span class="line">Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen.</span><br />
+<span class="line">Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen,</span><br />
+<span class="line">Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.</span><br />
+<span class="line">Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend</span><br />
+<span class="line">Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe,</span><br />
+<span class="line">Leider, das überrheinische Land, das schöne, verlassend,</span><br />
+<span class="line">Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel</span><br />
+<span class="line">Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen wandern.</span><br />
+<span class="line">Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort</span><br />
+<span class="line">Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken,</span><br />
+<span class="line">Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen.</span><br />
+<span class="line">Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste!</span><br />
+<span class="line">Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich</span><br />
+<span class="line">Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher.</span><br />
+<span class="line">Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte,</span><br />
+<span class="line">Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Löwen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand,</span><br />
+<span class="line">Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben,</span><br />
+<span class="line">Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne</span><br />
+<span class="line">Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden,</span><br />
+<span class="line">Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn.</span><br />
+<span class="line">Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert.</span><br />
+<span class="line">Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen,</span><br />
+<span class="line">Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert,</span><br />
+<span class="line">Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ungern vermiß ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock,</span><br />
+<span class="line">Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder.</span><br />
+<span class="line">Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll</span><br />
+<span class="line">Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen,</span><br />
+<span class="line">Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Siehe!&rdquo; versetzte die Frau, &ldquo;dort kommen schon einige wieder,</span><br />
+<span class="line">Die den Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein.</span><br />
+<span class="line">Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter</span><br />
+<span class="line">Glühen! und jeglicher führt das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab.</span><br />
+<span class="line">Möcht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht</span><br />
+<span class="line">Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen,</span><br />
+<span class="line">Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist,</span><br />
+<span class="line">Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wölkchen zu sehen,</span><br />
+<span class="line">Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung.</span><br />
+<span class="line">Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon;</span><br />
+<span class="line">Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer</span><br />
+<span class="line">Und der Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben;</span><br />
+<span class="line">Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren</span><br />
+<span class="line">Rasch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar,</span><br />
+<span class="line">An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,</span><br />
+<span class="line">Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt).</span><br />
+<span class="line">Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen,</span><br />
+<span class="line">Mancher Fabriken befliß man sich da, und manches Gewerbes.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg</span><br />
+<span class="line">Über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend.</span><br />
+<span class="line">Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar</span><br />
+<span class="line">Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen,</span><br />
+<span class="line">Was sie draußen gesehn und was zu schauen nicht froh macht.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar,</span><br />
+<span class="line">Setzten sich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg,</span><br />
+<span class="line">Staub von den Füßen schüttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fächelnd.</span><br />
+<span class="line">Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Grüßen,</span><br />
+<span class="line">Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrießlich:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andre,</span><br />
+<span class="line">Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället!</span><br />
+<span class="line">Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt,</span><br />
+<span class="line">Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird.</span><br />
+<span class="line">Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen</span><br />
+<span class="line">Elend, und niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schicksal</span><br />
+<span class="line">Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, oder doch künftig.</span><br />
+<span class="line">Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr,</span><br />
+<span class="line">Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne.</span><br />
+<span class="line">Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis,</span><br />
+<span class="line">War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen,</span><br />
+<span class="line">Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung;</span><br />
+<span class="line">Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften.</span><br />
+<span class="line">Dieser sprach: &ldquo;Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen</span><br />
+<span class="line">Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab;</span><br />
+<span class="line">Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft</span><br />
+<span class="line">Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet.</span><br />
+<span class="line">Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen,</span><br />
+<span class="line">Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge</span><br />
+<span class="line">Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue,</span><br />
+<span class="line">Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße;</span><br />
+<span class="line">Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht.</span><br />
+<span class="line">In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte der Leichtsinn,</span><br />
+<span class="line">Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren</span><br />
+<span class="line">Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog.</span><br />
+<span class="line">Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren</span><br />
+<span class="line">Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt,</span><br />
+<span class="line">Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet;</span><br />
+<span class="line">Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren.</span><br />
+<span class="line">Und wer erzählet es wohl, das mannigfaltigste Elend!</span><br />
+<span class="line">Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen</span><br />
+<span class="line">Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel</span><br />
+<span class="line">Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen.</span><br />
+<span class="line">Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten,</span><br />
+<span class="line">War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen.</span><br />
+<span class="line">Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn,</span><br />
+<span class="line">Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei,</span><br />
+<span class="line">Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens.</span><br />
+<span class="line">Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe,</span><br />
+<span class="line">Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein</span><br />
+<span class="line">Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat,</span><br />
+<span class="line">Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich,</span><br />
+<span class="line">Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren</span><br />
+<span class="line">Durcheinander geladen, mit Übereilung geflüchtet.</span><br />
+<span class="line">Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke,</span><br />
+<span class="line">In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel.</span><br />
+<span class="line">Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig</span><br />
+<span class="line">Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung,</span><br />
+<span class="line">Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure zurückläßt.</span><br />
+<span class="line">Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt,</span><br />
+<span class="line">Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend:</span><br />
+<span class="line">Alte Bretter und Fässer, den Gänsestall und den Käfig.</span><br />
+<span class="line">Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend,</span><br />
+<span class="line">Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches;</span><br />
+<span class="line">Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe.</span><br />
+<span class="line">Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort,</span><br />
+<span class="line">Ordnungslos und verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine</span><br />
+<span class="line">Wünschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen.</span><br />
+<span class="line">Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder,</span><br />
+<span class="line">Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer,</span><br />
+<span class="line">Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren</span><br />
+<span class="line">Übergepackten Wagen auf Betten saßen und schwankten.</span><br />
+<span class="line">Aber, aus dem Gleise gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs</span><br />
+<span class="line">Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den Graben das Fuhrwerk,</span><br />
+<span class="line">Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die Menschen,</span><br />
+<span class="line">Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich.</span><br />
+<span class="line">Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen.</span><br />
+<span class="line">Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie</span><br />
+<span class="line">Unter der Last der Kisten und Schränke zerschmettert zu schauen.</span><br />
+<span class="line">Und so lag zerbrochen der Wagen und hülflos die Menschen;</span><br />
+<span class="line">Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber,</span><br />
+<span class="line">Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome.</span><br />
+<span class="line">Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten,</span><br />
+<span class="line">Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden</span><br />
+<span class="line">Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern,</span><br />
+<span class="line">Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Möge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden.</span><br />
+<span class="line">Ungern würd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers.</span><br />
+<span class="line">Schon von dem ersten Bericht so großer Leiden gerühret,</span><br />
+<span class="line">Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Überfluß, daß nur</span><br />
+<span class="line">Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt.</span><br />
+<span class="line">Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern;</span><br />
+<span class="line">Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen,</span><br />
+<span class="line">Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist.</span><br />
+<span class="line">Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen.</span><br />
+<span class="line">Nie scheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort</span><br />
+<span class="line">Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen</span><br />
+<span class="line">Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben.</span><br />
+<span class="line">Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,</span><br />
+<span class="line">In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde,</span><br />
+<span class="line">Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins.</span><br />
+<span class="line">Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten</span><br />
+<span class="line">Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen.</span><br />
+<span class="line">Heiter klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers;</span><br />
+<span class="line">Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine,</span><br />
+<span class="line">Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten:</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück</span><br />
+<span class="line">Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren.</span><br />
+<span class="line">Denn wer erkennet es nicht, daß seit dem schrecklichen Brande,</span><br />
+<span class="line">Da er so hart uns gestraft, er uns nun beständig erfreut hat</span><br />
+<span class="line">Und beständig beschützt, so wie der Mensch sich des Auges</span><br />
+<span class="line">Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist.</span><br />
+<span class="line">Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten?</span><br />
+<span class="line">Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren;</span><br />
+<span class="line">Sollt' er die blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger</span><br />
+<span class="line">Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet,</span><br />
+<span class="line">Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung vernichten?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung;</span><br />
+<span class="line">Denn sie macht im Glücke verständig und sicher, im Unglück</span><br />
+<span class="line">Reicht sie den schönsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie begrüßt' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich, reisend nach meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte!</span><br />
+<span class="line">Immer schien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüte;</span><br />
+<span class="line">Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein liebliches Ufer</span><br />
+<span class="line">Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken,</span><br />
+<span class="line">Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben.</span><br />
+<span class="line">Seht, so schützt die Natur, so schützen die wackeren Deutschen</span><br />
+<span class="line">Und so schützt uns der Herr; wer wollte töricht verzagen?</span><br />
+<span class="line">Müde schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden.</span><br />
+<span class="line">Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, gefeiert</span><br />
+<span class="line">Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel,</span><br />
+<span class="line">Und die Trompete schmettert, das hohe &lsquo;Te Deum&rsquo; begleitend &mdash;</span><br />
+<span class="line">Möge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer,</span><br />
+<span class="line">Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen,</span><br />
+<span class="line">Und das glückliche Fest, in allen den Landen begangen,</span><br />
+<span class="line">Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag!</span><br />
+<span class="line">Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig</span><br />
+<span class="line">Mir in dem Hause sich regt, nach außen langsam und schüchtern.</span><br />
+<span class="line">Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen;</span><br />
+<span class="line">Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen Gesellschaft</span><br />
+<span class="line">Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde</span><br />
+<span class="line">Fernes Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen,</span><br />
+<span class="line">Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Terpsichore<br />
+
+Hermann</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat,</span><br />
+<span class="line">Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen</span><br />
+<span class="line">Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen</span><br />
+<span class="line">Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen enträtselt,</span><br />
+<span class="line">Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Kommt Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals</span><br />
+<span class="line">Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft.</span><br />
+<span class="line">Fröhlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben</span><br />
+<span class="line">Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ob ich löblich gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat</span><br />
+<span class="line">Mich geheißen zu tun, so wie ich genau nun erzähle.</span><br />
+<span class="line">Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stücke zu suchen</span><br />
+<span class="line">Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen,</span><br />
+<span class="line">Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket.</span><br />
+<span class="line">Als ich nun endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam,</span><br />
+<span class="line">Strömte zurück die Menge der Bürger mit Weibern und Kindern,</span><br />
+<span class="line">Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen.</span><br />
+<span class="line">Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu,</span><br />
+<span class="line">Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten.</span><br />
+<span class="line">Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr,</span><br />
+<span class="line">Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gefüget,</span><br />
+<span class="line">Von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands,</span><br />
+<span class="line">Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere,</span><br />
+<span class="line">Trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich.</span><br />
+<span class="line">Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen</span><br />
+<span class="line">Näher und sagte zu mir: &lsquo;Nicht immer war es mit uns so</span><br />
+<span class="line">Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket.</span><br />
+<span class="line">Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen,</span><br />
+<span class="line">Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen;</span><br />
+<span class="line">Aber mich dränget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe</span><br />
+<span class="line">Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers,</span><br />
+<span class="line">Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet.</span><br />
+<span class="line">Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie.</span><br />
+<span class="line">Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme,</span><br />
+<span class="line">Und mit wenigem nur vermögen die Unsern zu helfen,</span><br />
+<span class="line">Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken,</span><br />
+<span class="line">Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon vorüber.</span><br />
+<span class="line">Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr</span><br />
+<span class="line">Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen.&rsquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche</span><br />
+<span class="line">Wöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Guten Menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu,</span><br />
+<span class="line">Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht;</span><br />
+<span class="line">Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem</span><br />
+<span class="line">Jammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und ich löste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock</span><br />
+<span class="line">Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch.</span><br />
+<span class="line">Und sie dankte mit Freuden und rief: &lsquo;Der Glückliche glaubt nicht,</span><br />
+<span class="line">Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man</span><br />
+<span class="line">Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten</span><br />
+<span class="line">Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand,</span><br />
+<span class="line">Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen.</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Eilen wir&rsquo;, sagte zu ihr die Jungfrau, &lsquo;dem Dorf zu, in welchem</span><br />
+<span class="line">Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält;</span><br />
+<span class="line">Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus,</span><br />
+<span class="line">Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte,</span><br />
+<span class="line">Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen,</span><br />
+<span class="line">Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen</span><br />
+<span class="line">Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hier</span><br />
+<span class="line">Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte.</span><br />
+<span class="line">Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr</span><br />
+<span class="line">Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Gutes Mädchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine</span><br />
+<span class="line">Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide,</span><br />
+<span class="line">Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke,</span><br />
+<span class="line">Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens.</span><br />
+<span class="line">Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine</span><br />
+<span class="line">Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den Auftrag;</span><br />
+<span class="line">Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Drauf versetzte das Mädchen: &lsquo;Mit aller Treue verwend ich</span><br />
+<span class="line">Eure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens,</span><br />
+<span class="line">Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote,</span><br />
+<span class="line">Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes.</span><br />
+<span class="line">Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.</span><br />
+<span class="line">Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so</span><br />
+<span class="line">Weiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar</span><br />
+<span class="line">Gleich das Wort und rief: &ldquo;O glücklich, wer in den Tagen</span><br />
+<span class="line">Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt,</span><br />
+<span class="line">Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen!</span><br />
+<span class="line">Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heute</span><br />
+<span class="line">Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein.</span><br />
+<span class="line">Öfters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten</span><br />
+<span class="line">Sachen zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten</span><br />
+<span class="line">Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt.</span><br />
+<span class="line">Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafft wird.</span><br />
+<span class="line">Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt,</span><br />
+<span class="line">Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht groß ist.</span><br />
+<span class="line">Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von Hause.</span><br />
+<span class="line">Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich</span><br />
+<span class="line">Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede.</span><br />
+<span class="line">Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im Unglück</span><br />
+<span class="line">Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen</span><br />
+<span class="line">Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird?</span><br />
+<span class="line">Lieber möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen;</span><br />
+<span class="line">Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes</span><br />
+<span class="line">Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück bevorsteht.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd sagte darauf der Vater: &ldquo;So hör ich dich gerne!</span><br />
+<span class="line">Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel.</span><br />
+<span class="line">Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet,</span><br />
+<span class="line">Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen.</span><br />
+<span class="line">Montag morgens &mdash; ich weiß es genau, denn Tages vorher war</span><br />
+<span class="line">Jener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte &mdash;</span><br />
+<span class="line">Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute,</span><br />
+<span class="line">Heiß und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte.</span><br />
+<span class="line">Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern,</span><br />
+<span class="line">Auf den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen.</span><br />
+<span class="line">Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief</span><br />
+<span class="line">Eilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind.</span><br />
+<span class="line">Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte,</span><br />
+<span class="line">Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und das Haus war</span><br />
+<span class="line">Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit.</span><br />
+<span class="line">Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch,</span><br />
+<span class="line">Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend;</span><br />
+<span class="line">Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens</span><br />
+<span class="line">Mich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt,</span><br />
+<span class="line">Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen.</span><br />
+<span class="line">Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder</span><br />
+<span class="line">Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele.</span><br />
+<span class="line">Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen,</span><br />
+<span class="line">Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet,</span><br />
+<span class="line">Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüt noch.</span><br />
+<span class="line">Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daherstieg,</span><br />
+<span class="line">Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah,</span><br />
+<span class="line">Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte.</span><br />
+<span class="line">Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken</span><br />
+<span class="line">Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere.</span><br />
+<span class="line">Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig:</span><br />
+<span class="line">Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden.</span><br />
+<span class="line">Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und sagtest:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen;</span><br />
+<span class="line">Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen</span><br />
+<span class="line">Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe,</span><br />
+<span class="line">Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben.</span><br />
+<span class="line">Und du setztest mich nieder und küßtest mich und ich verwehrt' es.</span><br />
+<span class="line">Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen,</span><br />
+<span class="line">Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter</span><br />
+<span class="line">Schicktest und schnell das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war.</span><br />
+<span class="line">Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebälkes</span><br />
+<span class="line">Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn;</span><br />
+<span class="line">Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten</span><br />
+<span class="line">Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben.</span><br />
+<span class="line">Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen</span><br />
+<span class="line">Auch ein Mädchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten</span><br />
+<span class="line">Und es wagtest zu frein im Krieg und über den Trümmern.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Die Gesinnung ist löblich, und wahr ist auch die Geschichte,</span><br />
+<span class="line">Mütterchen, die du erzählst; denn so ist alles begegnet.</span><br />
+<span class="line">Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es,</span><br />
+<span class="line">Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen;</span><br />
+<span class="line">Nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere taten,</span><br />
+<span class="line">Oh, wie glücklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon</span><br />
+<span class="line">Wohlbestellt übergeben und der mit Gedeihen es ausziert!</span><br />
+<span class="line">Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft.</span><br />
+<span class="line">Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird täglich</span><br />
+<span class="line">Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben.</span><br />
+<span class="line">Und so hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens</span><br />
+<span class="line">In das Haus die Braut mit schöner Mitgift hereinführst;</span><br />
+<span class="line">Denn ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen</span><br />
+<span class="line">Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt.</span><br />
+<span class="line">Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter</span><br />
+<span class="line">Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe;</span><br />
+<span class="line">Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte,</span><br />
+<span class="line">Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück:</span><br />
+<span class="line">Denn sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben</span><br />
+<span class="line">Jenen Jüngling erfreun, der sie vor allen erwählt hat.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet,</span><br />
+<span class="line">Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet</span><br />
+<span class="line">Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat.</span><br />
+<span class="line">Nur wohl ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn;</span><br />
+<span class="line">Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet,</span><br />
+<span class="line">Und er hält sie als Magd, die als Magd mit dem Bündel hereinkam.</span><br />
+<span class="line">Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen.</span><br />
+<span class="line">Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich erfreuen,</span><br />
+<span class="line">Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest</span><br />
+<span class="line">Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen.</span><br />
+<span class="line">Reich ist der Mann fürwahr: sein Handel und seine Fabriken</span><br />
+<span class="line">Machen ihn täglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann?</span><br />
+<span class="line">Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein das Vermögen.</span><br />
+<span class="line">Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die zweite</span><br />
+<span class="line">Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben.</span><br />
+<span class="line">Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert,</span><br />
+<span class="line">Eins mir der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter</span><br />
+<span class="line">Unsers Nachbars zu wählen. Wir sind zusammen erzogen,</span><br />
+<span class="line">Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren Zeiten,</span><br />
+<span class="line">Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet.</span><br />
+<span class="line">Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen</span><br />
+<span class="line">Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele.</span><br />
+<span class="line">Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich ging auch zuzeiten</span><br />
+<span class="line">Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, hinüber;</span><br />
+<span class="line">Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen.</span><br />
+<span class="line">Denn sie tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen:</span><br />
+<span class="line">Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe</span><br />
+<span class="line">Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekräuselt.</span><br />
+<span class="line">Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene</span><br />
+<span class="line">Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen,</span><br />
+<span class="line">Und um die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt.</span><br />
+<span class="line">Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten,</span><br />
+<span class="line">Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch</span><br />
+<span class="line">Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten,</span><br />
+<span class="line">Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jüngste.</span><br />
+<span class="line">Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen,</span><br />
+<span class="line">Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt,</span><br />
+<span class="line">Angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche.</span><br />
+<span class="line">Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht.</span><br />
+<span class="line">Minchen saß am Klavier; es war der Vater zugegen,</span><br />
+<span class="line">Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune.</span><br />
+<span class="line">Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war,</span><br />
+<span class="line">Aber ich hörte viel von Pamina, viel von Tamino,</span><br />
+<span class="line">Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet,</span><br />
+<span class="line">Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen.</span><br />
+<span class="line">Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater</span><br />
+<span class="line">Sagte: &lsquo;Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte.</span><br />
+<span class="line">Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher</span><br />
+<span class="line">Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten.</span><br />
+<span class="line">Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause,</span><br />
+<span class="line">Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter</span><br />
+<span class="line">Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle.</span><br />
+<span class="line">Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos,</span><br />
+<span class="line">Und ich höre, noch heiß' ich bei ihnen immer Tamino.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte die Mutter: &ldquo;Du solltest, Hermann, so lange</span><br />
+<span class="line">Mit den Kindern nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich.</span><br />
+<span class="line">Minchen fürwahr ist gut und war dir immer gewogen;</span><br />
+<span class="line">Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wählen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte bedenklich der Sohn: &ldquo;Ich weiß nicht, es prägte</span><br />
+<span class="line">Jener Verdruß sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht</span><br />
+<span class="line">Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer,</span><br />
+<span class="line">Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker:</span><br />
+<span class="line">Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes,</span><br />
+<span class="line">Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren,</span><br />
+<span class="line">Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte.</span><br />
+<span class="line">Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter,</span><br />
+<span class="line">Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals</span><br />
+<span class="line">Wie den andern gelang und du immer der Unterste saßest.</span><br />
+<span class="line">Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen</span><br />
+<span class="line">Eines Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will.</span><br />
+<span class="line">Hätte mein Vater gesorgt für mich, so wie ich für dich tat,</span><br />
+<span class="line">Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten,</span><br />
+<span class="line">Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen Löwen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe,</span><br />
+<span class="line">Langsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet,</span><br />
+<span class="line">Rief ihm nach: &ldquo;So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf!</span><br />
+<span class="line">Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte;</span><br />
+<span class="line">Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen</span><br />
+<span class="line">Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle!</span><br />
+<span class="line">Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,</span><br />
+<span class="line">Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden</span><br />
+<span class="line">Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.</span><br />
+<span class="line">Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich</span><br />
+<span class="line">Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen!</span><br />
+<span class="line">Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten,</span><br />
+<span class="line">Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln,</span><br />
+<span class="line">Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!&rdquo; Da drückte</span><br />
+<span class="line">Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Thalia<br />
+
+Die Bürger</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede;</span><br />
+<span class="line">Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen &mdash;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich</span><br />
+<span class="line">Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen,</span><br />
+<span class="line">Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Beßrer.</span><br />
+<span class="line">Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nicht immer</span><br />
+<span class="line">Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen</span><br />
+<span class="line">Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland!</span><br />
+<span class="line">Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen</span><br />
+<span class="line">Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,</span><br />
+<span class="line">Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung!</span><br />
+<span class="line">Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei,</span><br />
+<span class="line">Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt.</span><br />
+<span class="line">Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben</span><br />
+<span class="line">Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt,</span><br />
+<span class="line">Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,</span><br />
+<span class="line">Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue</span><br />
+<span class="line">Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.</span><br />
+<span class="line">Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,</span><br />
+<span class="line">Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,</span><br />
+<span class="line">Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.</span><br />
+<span class="line">Darum hab ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen</span><br />
+<span class="line">Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt</span><br />
+<span class="line">Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.</span><br />
+<span class="line">Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht,</span><br />
+<span class="line">Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren.</span><br />
+<span class="line">Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore</span><br />
+<span class="line">Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche?</span><br />
+<span class="line">Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten,</span><br />
+<span class="line">Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und Sicherheit bringen,</span><br />
+<span class="line">Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei,</span><br />
+<span class="line">Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande?</span><br />
+<span class="line">Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall,</span><br />
+<span class="line">Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet,</span><br />
+<span class="line">Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt</span><br />
+<span class="line">Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen.</span><br />
+<span class="line">So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates.</span><br />
+<span class="line">Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau</span><br />
+<span class="line">Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.</span><br />
+<span class="line">Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln!</span><br />
+<span class="line">Denn die einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur,</span><br />
+<span class="line">Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen.</span><br />
+<span class="line">Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und</span><br />
+<span class="line">So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet.</span><br />
+<span class="line">Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;</span><br />
+<span class="line">So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,</span><br />
+<span class="line">Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.</span><br />
+<span class="line">Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;</span><br />
+<span class="line">Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise</span><br />
+<span class="line">Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten;</span><br />
+<span class="line">Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt,</span><br />
+<span class="line">Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern,</span><br />
+<span class="line">Und im Rate gewiß, ich seh es voraus, nicht der Letzte.</span><br />
+<span class="line">Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen</span><br />
+<span class="line">Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach,</span><br />
+<span class="line">Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten</span><br />
+<span class="line">Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder!</span><br />
+<span class="line">Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben,</span><br />
+<span class="line">Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln.</span><br />
+<span class="line">Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:</span><br />
+<span class="line">Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer</span><br />
+<span class="line">Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist;</span><br />
+<span class="line">Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat,</span><br />
+<span class="line">Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern?</span><br />
+<span class="line">Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er</span><br />
+<span class="line">Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel,</span><br />
+<span class="line">Das Bedürfnis zu groß; so wird er immer gehindert.</span><br />
+<span class="line">Manches hätt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten</span><br />
+<span class="line">Solcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten!</span><br />
+<span class="line">Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen,</span><br />
+<span class="line">Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster;</span><br />
+<span class="line">Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen</span><br />
+<span class="line">Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben?</span><br />
+<span class="line">Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen</span><br />
+<span class="line">Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt!</span><br />
+<span class="line">Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln die Scheiben,</span><br />
+<span class="line">Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes!</span><br />
+<span class="line">Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten,</span><br />
+<span class="line">Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Löwe.</span><br />
+<span class="line">So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, und</span><br />
+<span class="line">Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen</span><br />
+<span class="line">Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen.</span><br />
+<span class="line">Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte,</span><br />
+<span class="line">Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht,</span><br />
+<span class="line">Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes</span><br />
+<span class="line">Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge</span><br />
+<span class="line">Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen.</span><br />
+<span class="line">Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert,</span><br />
+<span class="line">Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren</span><br />
+<span class="line">Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten.</span><br />
+<span class="line">Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich</span><br />
+<span class="line">Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll,</span><br />
+<span class="line">Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke.</span><br />
+<span class="line">Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung</span><br />
+<span class="line">Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten.</span><br />
+<span class="line">Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen;</span><br />
+<span class="line">Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat;</span><br />
+<span class="line">Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste,</span><br />
+<span class="line">Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen?</span><br />
+<span class="line">Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder,</span><br />
+<span class="line">Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen</span><br />
+<span class="line">Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet;</span><br />
+<span class="line">Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung.&rdquo;</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Euterpe<br />
+
+Mutter und Sohn</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter</span><br />
+<span class="line">Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen,</span><br />
+<span class="line">Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war.</span><br />
+<span class="line">Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen,</span><br />
+<span class="line">Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte,</span><br />
+<span class="line">Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute.</span><br />
+<span class="line">Und es sagte der Knecht: &ldquo;Er ist in den Garten gegangen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe,</span><br />
+<span class="line">Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen,</span><br />
+<span class="line">Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens</span><br />
+<span class="line">Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums,</span><br />
+<span class="line">Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste</span><br />
+<span class="line">Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige,</span><br />
+<span class="line">Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg;</span><br />
+<span class="line">Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens.</span><br />
+<span class="line">Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen,</span><br />
+<span class="line">Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,</span><br />
+<span class="line">Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte.</span><br />
+<span class="line">Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube,</span><br />
+<span class="line">Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen</span><br />
+<span class="line">Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister.</span><br />
+<span class="line">Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber,</span><br />
+<span class="line">Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg</span><br />
+<span class="line">Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret.</span><br />
+<span class="line">Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben</span><br />
+<span class="line">Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen.</span><br />
+<span class="line">Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,</span><br />
+<span class="line">Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten.</span><br />
+<span class="line">Und es hingen herein Gutedel und Muskateller,</span><br />
+<span class="line">Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe,</span><br />
+<span class="line">Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren.</span><br />
+<span class="line">Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke,</span><br />
+<span class="line">Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt.</span><br />
+<span class="line">Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend</span><br />
+<span class="line">Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel</span><br />
+<span class="line">Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt,</span><br />
+<span class="line">Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden</span><br />
+<span class="line">Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird.</span><br />
+<span class="line">Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen</span><br />
+<span class="line">Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam,</span><br />
+<span class="line">Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang.</span><br />
+<span class="line">Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals.</span><br />
+<span class="line">Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die Sorge</span><br />
+<span class="line">Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall.</span><br />
+<span class="line">Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden;</span><br />
+<span class="line">Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs</span><br />
+<span class="line">Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein,</span><br />
+<span class="line">Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte.</span><br />
+<span class="line">Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute</span><br />
+<span class="line">Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,</span><br />
+<span class="line">Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.</span><br />
+<span class="line">Zwischen den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad,</span><br />
+<span class="line">Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel</span><br />
+<span class="line">Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten.</span><br />
+<span class="line">Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend</span><br />
+<span class="line">Weit und breit gesehn und berühmt die Früchte des Baumes.</span><br />
+<span class="line">Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag</span><br />
+<span class="line">Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;</span><br />
+<span class="line">Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen.</span><br />
+<span class="line">Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte,</span><br />
+<span class="line">Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen</span><br />
+<span class="line">Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken.</span><br />
+<span class="line">Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter.</span><br />
+<span class="line">Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Mutter", sagt' er betroffen, &ldquo;Ihr überrascht mich!&rdquo; Und eilig</span><br />
+<span class="line">Trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie? du weinest, mein Sohn?&rdquo; versetzte die Mutter betroffen;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren!</span><br />
+<span class="line">Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen</span><br />
+<span class="line">Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins Auge?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo</span><br />
+<span class="line">Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;</span><br />
+<span class="line">Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich</span><br />
+<span class="line">Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.</span><br />
+<span class="line">Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir;</span><br />
+<span class="line">Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite</span><br />
+<span class="line">Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt,</span><br />
+<span class="line">Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen</span><br />
+<span class="line">Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines</span><br />
+<span class="line">Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge</span><br />
+<span class="line">Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht!</span><br />
+<span class="line">Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend</span><br />
+<span class="line">Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge</span><br />
+<span class="line">Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge.</span><br />
+<span class="line">Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben?</span><br />
+<span class="line">Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall?</span><br />
+<span class="line">Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrießt mich,</span><br />
+<span class="line">Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas</span><br />
+<span class="line">Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur,</span><br />
+<span class="line">Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe;</span><br />
+<span class="line">Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne</span><br />
+<span class="line">An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft?</span><br />
+<span class="line">Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen</span><br />
+<span class="line">Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben</span><br />
+<span class="line">Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben.</span><br />
+<span class="line">Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen,</span><br />
+<span class="line">An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden,</span><br />
+<span class="line">Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten</span><br />
+<span class="line">Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren,</span><br />
+<span class="line">Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen!</span><br />
+<span class="line">Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen,</span><br />
+<span class="line">Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig;</span><br />
+<span class="line">Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.</span><br />
+<span class="line">Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus</span><br />
+<span class="line">Geh ich gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern</span><br />
+<span class="line">Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen.</span><br />
+<span class="line">Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir</span><br />
+<span class="line">Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter,</span><br />
+<span class="line">Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüte,</span><br />
+<span class="line">Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer,</span><br />
+<span class="line">Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist?</span><br />
+<span class="line">Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich</span><br />
+<span class="line">Höchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen,</span><br />
+<span class="line">Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.</span><br />
+<span class="line">Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser.</span><br />
+<span class="line">Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken.</span><br />
+<span class="line">Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete,</span><br />
+<span class="line">Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen;</span><br />
+<span class="line">Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,</span><br />
+<span class="line">Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.</span><br />
+<span class="line">Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ernsthaft sagte der Sohn: &ldquo;Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist</span><br />
+<span class="line">Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne;</span><br />
+<span class="line">Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Geräusche</span><br />
+<span class="line">Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat.</span><br />
+<span class="line">Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir</span><br />
+<span class="line">Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill,</span><br />
+<span class="line">Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern;</span><br />
+<span class="line">Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.</span><br />
+<span class="line">Alles, fühl ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten.</span><br />
+<span class="line">Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich</span><br />
+<span class="line">Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.</span><br />
+<span class="line">Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich</span><br />
+<span class="line">Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke,</span><br />
+<span class="line">Meinem Vaterland hülfreich zu sein und schrecklich den Feinden.</span><br />
+<span class="line">Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur</span><br />
+<span class="line">Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.</span><br />
+<span class="line">Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche</span><br />
+<span class="line">Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn.</span><br />
+<span class="line">Denn ich weiß es recht wohl: der einzelne schadet sich selber,</span><br />
+<span class="line">Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste!</span><br />
+<span class="line">Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte,</span><br />
+<span class="line">Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege;</span><br />
+<span class="line">Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt</span><br />
+<span class="line">Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen.</span><br />
+<span class="line">Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,</span><br />
+<span class="line">Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern,</span><br />
+<span class="line">Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte,</span><br />
+<span class="line">Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen,</span><br />
+<span class="line">Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage.</span><br />
+<span class="line">Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, und niemand</span><br />
+<span class="line">Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten</span><br />
+<span class="line">Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten.</span><br />
+<span class="line">Vieles hab ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet,</span><br />
+<span class="line">Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten;</span><br />
+<span class="line">Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen:</span><br />
+<span class="line">Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags</span><br />
+<span class="line">Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte,</span><br />
+<span class="line">Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks,</span><br />
+<span class="line">Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward:</span><br />
+<span class="line">Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wüten</span><br />
+<span class="line">Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen,</span><br />
+<span class="line">Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen</span><br />
+<span class="line">Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen.</span><br />
+<span class="line">Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden,</span><br />
+<span class="line">Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm,</span><br />
+<span class="line">Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward,</span><br />
+<span class="line">Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen.</span><br />
+<span class="line">Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich,</span><br />
+<span class="line">Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat,</span><br />
+<span class="line">Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter,</span><br />
+<span class="line">Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen,</span><br />
+<span class="line">Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen,</span><br />
+<span class="line">Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen.</span><br />
+<span class="line">Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne,</span><br />
+<span class="line">Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen.</span><br />
+<span class="line">Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,</span><br />
+<span class="line">Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten,</span><br />
+<span class="line">Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter!</span><br />
+<span class="line">Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel</span><br />
+<span class="line">Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache,</span><br />
+<span class="line">Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon</span><br />
+<span class="line">Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne,</span><br />
+<span class="line">Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte:</span><br />
+<span class="line">Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und</span><br />
+<span class="line">Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt;</span><br />
+<span class="line">Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen,</span><br />
+<span class="line">Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens</span><br />
+<span class="line">Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,</span><br />
+<span class="line">Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer</span><br />
+<span class="line">Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.</span><br />
+<span class="line">Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir:</span><br />
+<span class="line">Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte</span><br />
+<span class="line">Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,</span><br />
+<span class="line">Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten.</span><br />
+<span class="line">Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,</span><br />
+<span class="line">Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.</span><br />
+<span class="line">Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:</span><br />
+<span class="line">Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Liebe Mutter, Ihr sagt's!&rdquo; versetzte lebhaft der Sohn drauf.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ja, sie ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause</span><br />
+<span class="line">Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer</span><br />
+<span class="line">In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn.</span><br />
+<span class="line">Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung</span><br />
+<span class="line">Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar.</span><br />
+<span class="line">Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider;</span><br />
+<span class="line">Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen.</span><br />
+<span class="line">Denn es löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande,</span><br />
+<span class="line">Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßt</span><br />
+<span class="line">Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt;</span><br />
+<span class="line">Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater,</span><br />
+<span class="line">Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn.</span><br />
+<span class="line">Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt.</span><br />
+<span class="line">Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen,</span><br />
+<span class="line">Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen</span><br />
+<span class="line">Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte behend die gute verständige Mutter:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander!</span><br />
+<span class="line">Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,</span><br />
+<span class="line">Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen.</span><br />
+<span class="line">Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem</span><br />
+<span class="line">Herzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe,</span><br />
+<span class="line">Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat.</span><br />
+<span class="line">Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,</span><br />
+<span class="line">Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte.</span><br />
+<span class="line">Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen;</span><br />
+<span class="line">Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische,</span><br />
+<span class="line">Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt,</span><br />
+<span class="line">Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf</span><br />
+<span class="line">Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern</span><br />
+<span class="line">Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber.</span><br />
+<span class="line">Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche</span><br />
+<span class="line">Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt.</span><br />
+<span class="line">Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist</span><br />
+<span class="line">Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte.</span><br />
+<span class="line">Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur,</span><br />
+<span class="line">Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt</span><br />
+<span class="line">Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend,</span><br />
+<span class="line">Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide</span><br />
+<span class="line">Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Polyhymnia<br />
+
+Der Weltbürger</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen,</span><br />
+<span class="line">Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte,</span><br />
+<span class="line">Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe,</span><br />
+<span class="line">Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward.</span><br />
+<span class="line">Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll</span><br />
+<span class="line">Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch</span><br />
+<span class="line">Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue.</span><br />
+<span class="line">Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen</span><br />
+<span class="line">Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten</span><br />
+<span class="line">Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.</span><br />
+<span class="line">Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.</span><br />
+<span class="line">Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig;</span><br />
+<span class="line">Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal.</span><br />
+<span class="line">Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und rastlos</span><br />
+<span class="line">Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde</span><br />
+<span class="line">Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreuet,</span><br />
+<span class="line">Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft;</span><br />
+<span class="line">Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger,</span><br />
+<span class="line">Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet</span><br />
+<span class="line">Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten.</span><br />
+<span class="line">Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden,</span><br />
+<span class="line">Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme</span><br />
+<span class="line">Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret.</span><br />
+<span class="line">Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen,</span><br />
+<span class="line">Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes.</span><br />
+<span class="line">Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde,</span><br />
+<span class="line">Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;</span><br />
+<span class="line">Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke.</span><br />
+<span class="line">Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab!</span><br />
+<span class="line">Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen</span><br />
+<span class="line">Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart!</span><br />
+<span class="line">Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket;</span><br />
+<span class="line">Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter,</span><br />
+<span class="line">Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend,</span><br />
+<span class="line">Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen</span><br />
+<span class="line">Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein,</span><br />
+<span class="line">Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater", sprach sie, &ldquo;wie oft gedachten wir, untereinander</span><br />
+<span class="line">Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig</span><br />
+<span class="line">Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute!</span><br />
+<span class="line">Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes</span><br />
+<span class="line">Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze.</span><br />
+<span class="line">Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel</span><br />
+<span class="line">Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden.</span><br />
+<span class="line">Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen?</span><br />
+<span class="line">Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft</span><br />
+<span class="line">Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen!</span><br />
+<span class="line">Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden.</span><br />
+<span class="line">Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet.</span><br />
+<span class="line">Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte der Sohn: &ldquo;Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat</span><br />
+<span class="line">Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf,</span><br />
+<span class="line">Nahm das Wort und sprach: &ldquo;Der Augenblick nur entscheidet</span><br />
+<span class="line">Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;</span><br />
+<span class="line">Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur</span><br />
+<span class="line">Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte.</span><br />
+<span class="line">Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenes</span><br />
+<span class="line">Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren.</span><br />
+<span class="line">Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte</span><br />
+<span class="line">Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem.</span><br />
+<span class="line">Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch.</span><br />
+<span class="line">Seid nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet,</span><br />
+<span class="line">Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht</span><br />
+<span class="line">Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget.</span><br />
+<span class="line">Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben</span><br />
+<span class="line">Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.</span><br />
+<span class="line">Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten,</span><br />
+<span class="line">Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.</span><br />
+<span class="line">Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht,</span><br />
+<span class="line">Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet!</span><br />
+<span class="line">Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.</span><br />
+<span class="line">Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling.</span><br />
+<span class="line">Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses,</span><br />
+<span class="line">Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig,</span><br />
+<span class="line">Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laßt uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten!</span><br />
+<span class="line">Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise.</span><br />
+<span class="line">Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen,</span><br />
+<span class="line">Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen:</span><br />
+<span class="line">Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite.</span><br />
+<span class="line">Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.</span><br />
+<span class="line">Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche,</span><br />
+<span class="line">Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde;</span><br />
+<span class="line">Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen.</span><br />
+<span class="line">Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift,</span><br />
+<span class="line">Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken.</span><br />
+<span class="line">Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges,</span><br />
+<span class="line">Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude</span><br />
+<span class="line">Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben.</span><br />
+<span class="line">Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?</span><br />
+<span class="line">Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet.</span><br />
+<span class="line">Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste,</span><br />
+<span class="line">Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück vergessend,</span><br />
+<span class="line">Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich.</span><br />
+<span class="line">Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten;</span><br />
+<span class="line">Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn</span><br />
+<span class="line">Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin,</span><br />
+<span class="line">Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde</span><br />
+<span class="line">Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte!</span><br />
+<span class="line">Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist:</span><br />
+<span class="line">Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter</span><br />
+<span class="line">Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt,</span><br />
+<span class="line">Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann.</span><br />
+<span class="line">Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hülf' es?</span><br />
+<span class="line">Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus.</span><br />
+<span class="line">Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter</span><br />
+<span class="line">Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret,</span><br />
+<span class="line">Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt.</span><br />
+<span class="line">Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen.</span><br />
+<span class="line">Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und Mutter</span><br />
+<span class="line">Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder</span><br />
+<span class="line">Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde</span><br />
+<span class="line">Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten,</span><br />
+<span class="line">Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit,</span><br />
+<span class="line">Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung,</span><br />
+<span class="line">Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und so ging er hinaus, indessen manches die andern</span><br />
+<span class="line">Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste</span><br />
+<span class="line">Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten</span><br />
+<span class="line">Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen.</span><br />
+<span class="line">Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an,</span><br />
+<span class="line">Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen</span><br />
+<span class="line">Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel,</span><br />
+<span class="line">Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon</span><br />
+<span class="line">Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend.</span><br />
+<span class="line">Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern</span><br />
+<span class="line">Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde.</span><br />
+<span class="line">Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg.</span><br />
+<span class="line">Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen,</span><br />
+<span class="line">Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurücke,</span><br />
+<span class="line">Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme.</span><br />
+<span class="line">So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu,</span><br />
+<span class="line">Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter.</span><br />
+<span class="line">Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte</span><br />
+<span class="line">Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser,</span><br />
+<span class="line">Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet,</span><br />
+<span class="line">Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt,</span><br />
+<span class="line">War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender Anger</span><br />
+<span class="line">Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.</span><br />
+<span class="line">Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen.</span><br />
+<span class="line">Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke,</span><br />
+<span class="line">Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll,</span><br />
+<span class="line">Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich.</span><br />
+<span class="line">Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die Pferde</span><br />
+<span class="line">Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret,</span><br />
+<span class="line">Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete.</span><br />
+<span class="line">Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes;</span><br />
+<span class="line">Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin,</span><br />
+<span class="line">Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.</span><br />
+<span class="line">Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen;</span><br />
+<span class="line">Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar.</span><br />
+<span class="line">Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider:</span><br />
+<span class="line">Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,</span><br />
+<span class="line">Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;</span><br />
+<span class="line">Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,</span><br />
+<span class="line">Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut;</span><br />
+<span class="line">Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;</span><br />
+<span class="line">Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;</span><br />
+<span class="line">Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an</span><br />
+<span class="line">Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel.</span><br />
+<span class="line">Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten:</span><br />
+<span class="line">Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht,</span><br />
+<span class="line">Sondern befraget die andern und hört, was sie alles erzählen.</span><br />
+<span class="line">Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter,</span><br />
+<span class="line">Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre.</span><br />
+<span class="line">Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu,</span><br />
+<span class="line">Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen</span><br />
+<span class="line">Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand.</span><br />
+<span class="line">Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an den Wagen,</span><br />
+<span class="line">Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber,</span><br />
+<span class="line">Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.</span><br />
+<span class="line">Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere,</span><br />
+<span class="line">Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher,</span><br />
+<span class="line">Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten;</span><br />
+<span class="line">Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau.</span><br />
+<span class="line">Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen</span><br />
+<span class="line">Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,</span><br />
+<span class="line">Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter,</span><br />
+<span class="line">Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse,</span><br />
+<span class="line">Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohte.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Hat uns", rief er, &ldquo;noch nicht das Unglück also gebändigt,</span><br />
+<span class="line">Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden</span><br />
+<span class="line">Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt?</span><br />
+<span class="line">Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden</span><br />
+<span class="line">Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern?</span><br />
+<span class="line">Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet,</span><br />
+<span class="line">Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich</span><br />
+<span class="line">Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen.</span><br />
+<span class="line">Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen</span><br />
+<span class="line">Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,</span><br />
+<span class="line">Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt,</span><br />
+<span class="line">Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut</span><br />
+<span class="line">Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert,</span><br />
+<span class="line">Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste</span><br />
+<span class="line">Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander,</span><br />
+<span class="line">Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten:</span><br />
+<span class="line">Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort.</span><br />
+<span class="line">Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens,</span><br />
+<span class="line">Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um,</span><br />
+<span class="line">Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung,</span><br />
+<span class="line">Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte:</span><br />
+<span class="line">Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei,</span><br />
+<span class="line">Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens.</span><br />
+<span class="line">Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter von diesen</span><br />
+<span class="line">Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt?</span><br />
+<span class="line">Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer,</span><br />
+<span class="line">Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet.</span><br />
+<span class="line">Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten,</span><br />
+<span class="line">Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.</span><br />
+<span class="line">Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat,</span><br />
+<span class="line">Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten.</span><br />
+<span class="line">Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter</span><br />
+<span class="line">Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig.</span><br />
+<span class="line">Oh, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen,</span><br />
+<span class="line">Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche</span><br />
+<span class="line">Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war</span><br />
+<span class="line">Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte,</span><br />
+<span class="line">Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme</span><br />
+<span class="line">Wieder, sobald ich sie finde.&rdquo; Es nickte der Pfarrer dagegen,</span><br />
+<span class="line">Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Klio<br />
+
+Das Zeitalter</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte,</span><br />
+<span class="line">Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben,</span><br />
+<span class="line">Sagte der Mann darauf: &ldquo;Nicht kurz sind unsere Leiden;</span><br />
+<span class="line">Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre getrunken,</span><br />
+<span class="line">Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward.</span><br />
+<span class="line">Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben,</span><br />
+<span class="line">Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen,</span><br />
+<span class="line">Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,</span><br />
+<span class="line">Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei,</span><br />
+<span class="line">Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!</span><br />
+<span class="line">Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich</span><br />
+<span class="line">Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,</span><br />
+<span class="line">Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.</span><br />
+<span class="line">Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen</span><br />
+<span class="line">Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen</span><br />
+<span class="line">Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?</span><br />
+<span class="line">Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft,</span><br />
+<span class="line">Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind?</span><br />
+<span class="line">Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache?</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet.</span><br />
+<span class="line">Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken</span><br />
+<span class="line">Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.</span><br />
+<span class="line">Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele</span><br />
+<span class="line">Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit,</span><br />
+<span class="line">Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung.</span><br />
+<span class="line">Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter,</span><br />
+<span class="line">Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte.</span><br />
+<span class="line">So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken,</span><br />
+<span class="line">Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm Beginnen,</span><br />
+<span class="line">Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut.</span><br />
+<span class="line">Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges;</span><br />
+<span class="line">Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne,</span><br />
+<span class="line">Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam</span><br />
+<span class="line">Schwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend!</span><br />
+<span class="line">Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste,</span><br />
+<span class="line">Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte.</span><br />
+<span class="line">Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen die Greise,</span><br />
+<span class="line">Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft</span><br />
+<span class="line">Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen.</span><br />
+<span class="line">Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen</span><br />
+<span class="line">Nachbarn und Brüder und sandten die eigennützige Menge.</span><br />
+<span class="line">Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen,</span><br />
+<span class="line">Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen;</span><br />
+<span class="line">Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen.</span><br />
+<span class="line">Allzu groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung;</span><br />
+<span class="line">Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages.</span><br />
+<span class="line">Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gelaßnes Gemüt an,</span><br />
+<span class="line">Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen</span><br />
+<span class="line">Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung.</span><br />
+<span class="line">Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen,</span><br />
+<span class="line">Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke.</span><br />
+<span class="line">Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges!</span><br />
+<span class="line">Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's,</span><br />
+<span class="line">Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der seine,</span><br />
+<span class="line">Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet.</span><br />
+<span class="line">Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab</span><br />
+<span class="line">Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter.</span><br />
+<span class="line">Dann ist sein Gemüt auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung</span><br />
+<span class="line">Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen.</span><br />
+<span class="line">Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde</span><br />
+<span class="line">Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen.</span><br />
+<span class="line">Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten</span><br />
+<span class="line">Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun,</span><br />
+<span class="line">Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste.</span><br />
+<span class="line">Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings</span><br />
+<span class="line">Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke.</span><br />
+<span class="line">Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke,</span><br />
+<span class="line">Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf.</span><br />
+<span class="line">Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung</span><br />
+<span class="line">Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense.</span><br />
+<span class="line">Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung;</span><br />
+<span class="line">Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche.</span><br />
+<span class="line">Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung</span><br />
+<span class="line">Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick.</span><br />
+<span class="line">Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren!</span><br />
+<span class="line">Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,</span><br />
+<span class="line">Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Trefflicher Mann!&rdquo; versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten;</span><br />
+<span class="line">Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen!</span><br />
+<span class="line">Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen,</span><br />
+<span class="line">Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet.</span><br />
+<span class="line">Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen,</span><br />
+<span class="line">Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen,</span><br />
+<span class="line">Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses</span><br />
+<span class="line">Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert,</span><br />
+<span class="line">Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt.</span><br />
+<span class="line">Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich;</span><br />
+<span class="line">Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes.</span><br />
+<span class="line">Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen</span><br />
+<span class="line">Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen,</span><br />
+<span class="line">Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde,</span><br />
+<span class="line">Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen;</span><br />
+<span class="line">Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich</span><br />
+<span class="line">Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte.</span><br />
+<span class="line">Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird,</span><br />
+<span class="line">Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes.</span><br />
+<span class="line">Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen,</span><br />
+<span class="line">Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau,</span><br />
+<span class="line">Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb;</span><br />
+<span class="line">Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen.</span><br />
+<span class="line">Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels,</span><br />
+<span class="line">Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen.</span><br />
+<span class="line">Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau</span><br />
+<span class="line">Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen.</span><br />
+<span class="line">Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos</span><br />
+<span class="line">Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel,</span><br />
+<span class="line">Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen.</span><br />
+<span class="line">Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode.</span><br />
+<span class="line">Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen,</span><br />
+<span class="line">Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf,</span><br />
+<span class="line">Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten?</span><br />
+<span class="line">Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde?</span><br />
+<span class="line">Aber da trat herbei der Apotheker behende,</span><br />
+<span class="line">Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden,</span><br />
+<span class="line">Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen;</span><br />
+<span class="line">Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter</span><br />
+<span class="line">Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten.</span><br />
+<span class="line">Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr</span><br />
+<span class="line">An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Seht Ihr", sagt' er, &ldquo;das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt,</span><br />
+<span class="line">Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen</span><br />
+<span class="line">Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat.</span><br />
+<span class="line">Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.</span><br />
+<span class="line">Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;</span><br />
+<span class="line">Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,</span><br />
+<span class="line">Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;</span><br />
+<span class="line">Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet</span><br />
+<span class="line">Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut;</span><br />
+<span class="line">Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,</span><br />
+<span class="line">Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;</span><br />
+<span class="line">Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe</span><br />
+<span class="line">Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen</span><br />
+<span class="line">Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.</span><br />
+<span class="line">Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen,</span><br />
+<span class="line">Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder,</span><br />
+<span class="line">Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe.</span><br />
+<span class="line">Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!</span><br />
+<span class="line">Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling.</span><br />
+<span class="line">Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen,</span><br />
+<span class="line">Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet.</span><br />
+<span class="line">Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden,</span><br />
+<span class="line">Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert,</span><br />
+<span class="line">Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht.</span><br />
+<span class="line">So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele</span><br />
+<span class="line">Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen,</span><br />
+<span class="line">Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,</span><br />
+<span class="line">Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,</span><br />
+<span class="line">Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun,</span><br />
+<span class="line">Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen,</span><br />
+<span class="line">Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam.</span><br />
+<span class="line">Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier</span><br />
+<span class="line">Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt</span><br />
+<span class="line">Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward.</span><br />
+<span class="line">Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine.</span><br />
+<span class="line">Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat,</span><br />
+<span class="line">Sagt' er: &ldquo;Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte</span><br />
+<span class="line">Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet,</span><br />
+<span class="line">Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte &mdash;</span><br />
+<span class="line">Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren,</span><br />
+<span class="line">Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten</span><br />
+<span class="line">Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß</span><br />
+<span class="line">Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren.</span><br />
+<span class="line">Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen</span><br />
+<span class="line">Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten</span><br />
+<span class="line">Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben,</span><br />
+<span class="line">Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand;</span><br />
+<span class="line">Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten,</span><br />
+<span class="line">Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels</span><br />
+<span class="line">War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet,</span><br />
+<span class="line">Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn),</span><br />
+<span class="line">Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: &ldquo;Teilet den Pfennig</span><br />
+<span class="line">Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Doch es weigerte sich der Mann und sagte: &ldquo;Wir haben</span><br />
+<span class="line">Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen,</span><br />
+<span class="line">Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand</span><br />
+<span class="line">Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten!</span><br />
+<span class="line">Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet;</span><br />
+<span class="line">Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht</span><br />
+<span class="line">Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Ei doch!&rdquo; sagte darauf der Apotheker geschäftig,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben,</span><br />
+<span class="line">Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's.</span><br />
+<span class="line">Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen</span><br />
+<span class="line">Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel</span><br />
+<span class="line">An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war,</span><br />
+<span class="line">Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Eilen wir!&rdquo; sprach der verständige Mann; &ldquo;es wartet der Jüngling</span><br />
+<span class="line">Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet</span><br />
+<span class="line">An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften</span><br />
+<span class="line">Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken,</span><br />
+<span class="line">Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher,</span><br />
+<span class="line">Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben.</span><br />
+<span class="line">Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen;</span><br />
+<span class="line">Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr</span><br />
+<span class="line">Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues</span><br />
+<span class="line">Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend!</span><br />
+<span class="line">Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen,</span><br />
+<span class="line">Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen,</span><br />
+<span class="line">Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude</span><br />
+<span class="line">Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich,</span><br />
+<span class="line">Seufzete tief und sprach: &ldquo;Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk,</span><br />
+<span class="line">Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause;</span><br />
+<span class="line">Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen,</span><br />
+<span class="line">Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt.</span><br />
+<span class="line">Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen,</span><br />
+<span class="line">Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht?</span><br />
+<span class="line">Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam</span><br />
+<span class="line">Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an.</span><br />
+<span class="line">Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte</span><br />
+<span class="line">Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?</span><br />
+<span class="line">Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe?</span><br />
+<span class="line">Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung</span><br />
+<span class="line">Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte,</span><br />
+<span class="line">Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat</span><br />
+<span class="line">Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen.</span><br />
+<span class="line">Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon;</span><br />
+<span class="line">Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen,</span><br />
+<span class="line">Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward.</span><br />
+<span class="line">Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen,</span><br />
+<span class="line">Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen;</span><br />
+<span class="line">Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern</span><br />
+<span class="line">Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze</span><br />
+<span class="line">Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte,</span><br />
+<span class="line">Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst</span><br />
+<span class="line">Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend.</span><br />
+<span class="line">Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet,</span><br />
+<span class="line">Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war.</span><br />
+<span class="line">Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte</span><br />
+<span class="line">Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären.</span><br />
+<span class="line">Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich.</span><br />
+<span class="line">Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer</span><br />
+<span class="line">In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste;</span><br />
+<span class="line">Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar,</span><br />
+<span class="line">Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen.</span><br />
+<span class="line">Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen</span><br />
+<span class="line">Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber.</span><br />
+<span class="line">Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen,</span><br />
+<span class="line">Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Sei es, wie ihm auch sei!&rdquo; versetzte der Jüngling, der kaum auf</span><br />
+<span class="line">Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren</span><br />
+<span class="line">Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen</span><br />
+<span class="line">Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat.</span><br />
+<span class="line">Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich.</span><br />
+<span class="line">Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal</span><br />
+<span class="line">Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen;</span><br />
+<span class="line">Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern</span><br />
+<span class="line">Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret;</span><br />
+<span class="line">Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich</span><br />
+<span class="line">Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret.</span><br />
+<span class="line">Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet</span><br />
+<span class="line">Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren,</span><br />
+<span class="line">Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel</span><br />
+<span class="line">An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter</span><br />
+<span class="line">Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute</span><br />
+<span class="line">Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine</span><br />
+<span class="line">Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel,</span><br />
+<span class="line">Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend,</span><br />
+<span class="line">Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an;</span><br />
+<span class="line">Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret,</span><br />
+<span class="line">Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele;</span><br />
+<span class="line">Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen,</span><br />
+<span class="line">Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen.</span><br />
+<span class="line">Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken,</span><br />
+<span class="line">Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich</span><br />
+<span class="line">Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch,</span><br />
+<span class="line">Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden,</span><br />
+<span class="line">Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen,</span><br />
+<span class="line">Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet;</span><br />
+<span class="line">Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles.</span><br />
+<span class="line">Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen.</span><br />
+<span class="line">Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben,</span><br />
+<span class="line">Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Erato<br />
+
+Dorothea</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne</span><br />
+<span class="line">Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte,</span><br />
+<span class="line">Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens</span><br />
+<span class="line">Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,</span><br />
+<span class="line">Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben:</span><br />
+<span class="line">So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens</span><br />
+<span class="line">Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen.</span><br />
+<span class="line">Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam</span><br />
+<span class="line">Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder</span><br />
+<span class="line">Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen.</span><br />
+<span class="line">Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es</span><br />
+<span class="line">Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel</span><br />
+<span class="line">Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen.</span><br />
+<span class="line">Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick</span><br />
+<span class="line">Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt,</span><br />
+<span class="line">Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen?</span><br />
+<span class="line">Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt,</span><br />
+<span class="line">Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen?</span><br />
+<span class="line">Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten.</span><br />
+<span class="line">Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling,</span><br />
+<span class="line">Sprach: &ldquo;So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet,</span><br />
+<span class="line">Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat;</span><br />
+<span class="line">Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich.</span><br />
+<span class="line">Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen,</span><br />
+<span class="line">Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten.</span><br />
+<span class="line">Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen,</span><br />
+<span class="line">Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt,</span><br />
+<span class="line">Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen</span><br />
+<span class="line">Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen</span><br />
+<span class="line">Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.</span><br />
+<span class="line">Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle</span><br />
+<span class="line">Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt;</span><br />
+<span class="line">Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis</span><br />
+<span class="line">Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter</span><br />
+<span class="line">Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten</span><br />
+<span class="line">Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen;</span><br />
+<span class="line">Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über.</span><br />
+<span class="line">Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels</span><br />
+<span class="line">Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling;</span><br />
+<span class="line">Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich</span><br />
+<span class="line">Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde</span><br />
+<span class="line">Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke</span><br />
+<span class="line">Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge,</span><br />
+<span class="line">Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen,</span><br />
+<span class="line">Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe,</span><br />
+<span class="line">Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.</span><br />
+<span class="line">Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.</span><br />
+<span class="line">Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen?</span><br />
+<span class="line">Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern</span><br />
+<span class="line">Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten</span><br />
+<span class="line">Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach.</span><br />
+<span class="line">Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause</span><br />
+<span class="line">Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft.</span><br />
+<span class="line">Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde</span><br />
+<span class="line">Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau,</span><br />
+<span class="line">Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen.</span><br />
+<span class="line">Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause,</span><br />
+<span class="line">Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe,</span><br />
+<span class="line">An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen.</span><br />
+<span class="line">Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit,</span><br />
+<span class="line">Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder,</span><br />
+<span class="line">Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen,</span><br />
+<span class="line">Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde</span><br />
+<span class="line">Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen,</span><br />
+<span class="line">Was sie wünschen wie ich. &mdash; Verzeih mir die stotternde Rede.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, &ldquo;das Weitre zu sprechen;</span><br />
+<span class="line">Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden.</span><br />
+<span class="line">Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken:</span><br />
+<span class="line">Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter,</span><br />
+<span class="line">Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht;</span><br />
+<span class="line">Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden,</span><br />
+<span class="line">Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte.</span><br />
+<span class="line">Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals.</span><br />
+<span class="line">Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder</span><br />
+<span class="line">Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung;</span><br />
+<span class="line">Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden.</span><br />
+<span class="line">Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat</span><br />
+<span class="line">Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln,</span><br />
+<span class="line">Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen</span><br />
+<span class="line">Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen:</span><br />
+<span class="line">Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder</span><br />
+<span class="line">Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht!</span><br />
+<span class="line">Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren</span><br />
+<span class="line">Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne;</span><br />
+<span class="line">Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden</span><br />
+<span class="line">Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.</span><br />
+<span class="line">Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung,</span><br />
+<span class="line">Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen.</span><br />
+<span class="line">Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen,</span><br />
+<span class="line">In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst.</span><br />
+<span class="line">Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens;</span><br />
+<span class="line">Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Laßt uns", fuhr sie nun fort, &ldquo;zurücke kehren! Die Mädchen</span><br />
+<span class="line">Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen;</span><br />
+<span class="line">Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Also standen sie auf und schauten beide noch einmal</span><br />
+<span class="line">In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel,</span><br />
+<span class="line">Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben.</span><br />
+<span class="line">Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laßt ihn", sprach sie; &ldquo;es trägt sich besser die gleichere Last so.</span><br />
+<span class="line">Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen.</span><br />
+<span class="line">Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!</span><br />
+<span class="line">Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung!</span><br />
+<span class="line">Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,</span><br />
+<span class="line">Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.</span><br />
+<span class="line">Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,</span><br />
+<span class="line">Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen</span><br />
+<span class="line">Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre.</span><br />
+<span class="line">Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer</span><br />
+<span class="line">Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages,</span><br />
+<span class="line">Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,</span><br />
+<span class="line">Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern!</span><br />
+<span class="line">Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle,</span><br />
+<span class="line">Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret</span><br />
+<span class="line">Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.</span><br />
+<span class="line">Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,</span><br />
+<span class="line">Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter</span><br />
+<span class="line">Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune,</span><br />
+<span class="line">Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen,</span><br />
+<span class="line">Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld.</span><br />
+<span class="line">Beide traten hinein; und von der anderen Seite</span><br />
+<span class="line">Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein.</span><br />
+<span class="line">Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren;</span><br />
+<span class="line">Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte.</span><br />
+<span class="line">Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen,</span><br />
+<span class="line">Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen!</span><br />
+<span class="line">Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich,</span><br />
+<span class="line">Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken.</span><br />
+<span class="line">Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,</span><br />
+<span class="line">Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter.</span><br />
+<span class="line">Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser;</span><br />
+<span class="line">Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch</span><br />
+<span class="line">Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze:</span><br />
+<span class="line">Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt,</span><br />
+<span class="line">Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet,</span><br />
+<span class="line">Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes,</span><br />
+<span class="line">Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet.</span><br />
+<span class="line">Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben.</span><br />
+<span class="line">Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern</span><br />
+<span class="line">Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich</span><br />
+<span class="line">Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist.</span><br />
+<span class="line">Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken,</span><br />
+<span class="line">Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise.</span><br />
+<span class="line">Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen,</span><br />
+<span class="line">Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern;</span><br />
+<span class="line">Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen.</span><br />
+<span class="line">Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling,</span><br />
+<span class="line">Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet.</span><br />
+<span class="line">Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet</span><br />
+<span class="line">Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt.</span><br />
+<span class="line">Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln,</span><br />
+<span class="line">Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte,</span><br />
+<span class="line">Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet!</span><br />
+<span class="line">Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder,</span><br />
+<span class="line">Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel.</span><br />
+<span class="line">Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen,</span><br />
+<span class="line">Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.</span><br />
+<span class="line">Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde,</span><br />
+<span class="line">So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet;</span><br />
+<span class="line">Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist,</span><br />
+<span class="line">Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen,</span><br />
+<span class="line">Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein</span><br />
+<span class="line">Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen.</span><br />
+<span class="line">Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet,</span><br />
+<span class="line">Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist.</span><br />
+<span class="line">Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt,</span><br />
+<span class="line">Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte,</span><br />
+<span class="line">Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend.</span><br />
+<span class="line">Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann</span><br />
+<span class="line">Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.</span><br />
+<span class="line">Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber.</span><br />
+<span class="line">Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie.</span><br />
+<span class="line">Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen</span><br />
+<span class="line">Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen.</span><br />
+<span class="line">Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten</span><br />
+<span class="line">Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte,</span><br />
+<span class="line">Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug,</span><br />
+<span class="line">Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie</span><br />
+<span class="line">Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Melpomene<br />
+
+Hermann und Dorothea</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,</span><br />
+<span class="line">Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,</span><br />
+<span class="line">Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken</span><br />
+<span class="line">Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, &ldquo;nicht etwa</span><br />
+<span class="line">Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes,</span><br />
+<span class="line">Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.</span><br />
+<span class="line">Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke,</span><br />
+<span class="line">Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut!</span><br />
+<span class="line">Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen,</span><br />
+<span class="line">Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin;</span><br />
+<span class="line">Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun,</span><br />
+<span class="line">Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen,</span><br />
+<span class="line">Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat.</span><br />
+<span class="line">Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!</span><br />
+<span class="line">Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm,</span><br />
+<span class="line">Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg.</span><br />
+<span class="line">Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen;</span><br />
+<span class="line">Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen,</span><br />
+<span class="line">Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest.</span><br />
+<span class="line">Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch.</span><br />
+<span class="line">Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches</span><br />
+<span class="line">Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist;</span><br />
+<span class="line">Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen.</span><br />
+<span class="line">Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben,</span><br />
+<span class="line">Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung,</span><br />
+<span class="line">Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt,</span><br />
+<span class="line">Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte</span><br />
+<span class="line">Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen;</span><br />
+<span class="line">Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen,</span><br />
+<span class="line">Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde.</span><br />
+<span class="line">Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten</span><br />
+<span class="line">Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger</span><br />
+<span class="line">Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen.</span><br />
+<span class="line">Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich</span><br />
+<span class="line">Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen</span><br />
+<span class="line">Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus.</span><br />
+<span class="line">Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin,</span><br />
+<span class="line">Was von Herzen mir geht &mdash; ich will es dem Alten erzeigen.</span><br />
+<span class="line">Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen,</span><br />
+<span class="line">Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum.</span><br />
+<span class="line">Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter;</span><br />
+<span class="line">Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne.</span><br />
+<span class="line">Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander</span><br />
+<span class="line">Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte.</span><br />
+<span class="line">Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten</span><br />
+<span class="line">Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war,</span><br />
+<span class="line">Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen.</span><br />
+<span class="line">Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet,</span><br />
+<span class="line">Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde</span><br />
+<span class="line">Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen,</span><br />
+<span class="line">Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen.</span><br />
+<span class="line">Also saßen sie still und schweigend nebeneinander.</span><br />
+<span class="line">Aber das Mädchen begann und sagte: &ldquo;Wie find ich des Mondes</span><br />
+<span class="line">Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich.</span><br />
+<span class="line">Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe,</span><br />
+<span class="line">An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe,</span><br />
+<span class="line">Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache,</span><br />
+<span class="line">Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause.</span><br />
+<span class="line">Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte.</span><br />
+<span class="line">Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen.</span><br />
+<span class="line">Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten</span><br />
+<span class="line">Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber,</span><br />
+<span class="line">Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin,</span><br />
+<span class="line">Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend;</span><br />
+<span class="line">Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter,</span><br />
+<span class="line">Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang.</span><br />
+<span class="line">Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände;</span><br />
+<span class="line">Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie,</span><br />
+<span class="line">Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ.</span><br />
+<span class="line">Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing;</span><br />
+<span class="line">Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen,</span><br />
+<span class="line">Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen.</span><br />
+<span class="line">Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus,</span><br />
+<span class="line">Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter,</span><br />
+<span class="line">Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er,</span><br />
+<span class="line">Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt,</span><br />
+<span class="line">Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere.</span><br />
+<span class="line">Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens</span><br />
+<span class="line">Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet,</span><br />
+<span class="line">Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute</span><br />
+<span class="line">Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt.</span><br />
+<span class="line">Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet!</span><br />
+<span class="line">Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln</span><br />
+<span class="line">Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest.&rdquo;</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Urania<br />
+
+Aussicht</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt,</span><br />
+<span class="line">Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet,</span><br />
+<span class="line">An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt:</span><br />
+<span class="line">Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden,</span><br />
+<span class="line">Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn!</span><br />
+<span class="line">Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet!</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder</span><br />
+<span class="line">Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen,</span><br />
+<span class="line">Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes;</span><br />
+<span class="line">Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren;</span><br />
+<span class="line">Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen,</span><br />
+<span class="line">Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Mache nicht schlimmer das Übel!&rdquo; versetzt' unmutig der Vater;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde</span><br />
+<span class="line">Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel</span><br />
+<span class="line">Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb</span><br />
+<span class="line">Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sagt", versetzte der Pfarrer, &ldquo;welch Kunststück brauchte der Alte?&rdquo;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken",</span><br />
+<span class="line">Sagte der Nachbar darauf. &ldquo;Als Knabe stand ich am Sonntag</span><br />
+<span class="line">Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend,</span><br />
+<span class="line">Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.</span><br />
+<span class="line">Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin,</span><br />
+<span class="line">Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe.</span><br />
+<span class="line">Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische,</span><br />
+<span class="line">Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen.</span><br />
+<span class="line">Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich</span><br />
+<span class="line">Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme,</span><br />
+<span class="line">Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt?</span><br />
+<span class="line">Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge,</span><br />
+<span class="line">Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden.</span><br />
+<span class="line">Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen,</span><br />
+<span class="line">Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen</span><br />
+<span class="line">Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden;</span><br />
+<span class="line">Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber,</span><br />
+<span class="line">Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt,</span><br />
+<span class="line">Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen,</span><br />
+<span class="line">Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet,</span><br />
+<span class="line">Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche.</span><br />
+<span class="line">Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung</span><br />
+<span class="line">Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd sagte der Pfarrer: &ldquo;Des Todes rührendes Bild steht</span><br />
+<span class="line">Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.</span><br />
+<span class="line">Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;</span><br />
+<span class="line">Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung;</span><br />
+<span class="line">Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht</span><br />
+<span class="line">Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.</span><br />
+<span class="line">Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters</span><br />
+<span class="line">Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises</span><br />
+<span class="line">Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich,</span><br />
+<span class="line">Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten</span><br />
+<span class="line">Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar;</span><br />
+<span class="line">Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten</span><br />
+<span class="line">Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle.</span><br />
+<span class="line">Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Hier ist", sagt' er, &ldquo;ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet.</span><br />
+<span class="line">Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe</span><br />
+<span class="line">Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft,</span><br />
+<span class="line">Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite,</span><br />
+<span class="line">Sagte: &ldquo;Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis</span><br />
+<span class="line">Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre.</span><br />
+<span class="line">Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben,</span><br />
+<span class="line">Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte,</span><br />
+<span class="line">Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat.</span><br />
+<span class="line">Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum</span><br />
+<span class="line">Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage.</span><br />
+<span class="line">Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft.</span><br />
+<span class="line">Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters</span><br />
+<span class="line">Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte</span><br />
+<span class="line">Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat</span><br />
+<span class="line">Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen.</span><br />
+<span class="line">Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste</span><br />
+<span class="line">In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es.</span><br />
+<span class="line">Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen,</span><br />
+<span class="line">Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt.</span><br />
+<span class="line">Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung?</span><br />
+<span class="line">Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder</span><br />
+<span class="line">Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten,</span><br />
+<span class="line">Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen,</span><br />
+<span class="line">Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken</span><br />
+<span class="line">Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen,</span><br />
+<span class="line">Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet,</span><br />
+<span class="line">Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers;</span><br />
+<span class="line">Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne,</span><br />
+<span class="line">Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen.</span><br />
+<span class="line">Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen,</span><br />
+<span class="line">Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist;</span><br />
+<span class="line">Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen,</span><br />
+<span class="line">Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei.</span><br />
+<span class="line">Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein,</span><br />
+<span class="line">Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht;</span><br />
+<span class="line">Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis.</span><br />
+<span class="line">Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen,</span><br />
+<span class="line">Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde,</span><br />
+<span class="line">Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum.</span><br />
+<span class="line">Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens</span><br />
+<span class="line">Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge.</span><br />
+<span class="line">Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen,</span><br />
+<span class="line">Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens.</span><br />
+<span class="line">Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands,</span><br />
+<span class="line">Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest,</span><br />
+<span class="line">Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten;</span><br />
+<span class="line">Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres,</span><br />
+<span class="line">Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort.</span><br />
+<span class="line">Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege,</span><br />
+<span class="line">Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit;</span><br />
+<span class="line">Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie:</span><br />
+<span class="line">Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt,</span><br />
+<span class="line">Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt,</span><br />
+<span class="line">Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet,</span><br />
+<span class="line">Mit der Kinder roher und übermütiger Unart:</span><br />
+<span class="line">Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen</span><br />
+<span class="line">Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken.</span><br />
+<span class="line">Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters</span><br />
+<span class="line">Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt,</span><br />
+<span class="line">Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle</span><br />
+<span class="line">Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang,</span><br />
+<span class="line">Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten</span><br />
+<span class="line">Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien</span><br />
+<span class="line">Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt.</span><br />
+<span class="line">Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden?</span><br />
+<span class="line">Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung.</span><br />
+<span class="line">Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge.</span><br />
+<span class="line">Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte</span><br />
+<span class="line">Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend.</span><br />
+<span class="line">Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben;</span><br />
+<span class="line">Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen,</span><br />
+<span class="line">Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend.</span><br />
+<span class="line">Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen,</span><br />
+<span class="line">Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen.</span><br />
+<span class="line">Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich</span><br />
+<span class="line">Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet,</span><br />
+<span class="line">Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte</span><br />
+<span class="line">Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen.</span><br />
+<span class="line">Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer</span><br />
+<span class="line">In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens,</span><br />
+<span class="line">Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren.</span><br />
+<span class="line">Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines</span><br />
+<span class="line">Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen.</span><br />
+<span class="line">Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben.</span><br />
+<span class="line">Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen)</span><br />
+<span class="line">Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich</span><br />
+<span class="line">Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen.</span><br />
+<span class="line">Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist</span><br />
+<span class="line">Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre.</span><br />
+<span class="line">Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet,</span><br />
+<span class="line">Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke.</span><br />
+<span class="line">Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend,</span><br />
+<span class="line">Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet;</span><br />
+<span class="line">Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen?</span><br />
+<span class="line">Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis</span><br />
+<span class="line">Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar.</span><br />
+<span class="line">Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger</span><br />
+<span class="line">Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe,</span><br />
+<span class="line">Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung.</span><br />
+<span class="line">Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken,</span><br />
+<span class="line">Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern,</span><br />
+<span class="line">Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt,</span><br />
+<span class="line">Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen</span><br />
+<span class="line">Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde.</span><br />
+<span class="line">Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin,</span><br />
+<span class="line">Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden.</span><br />
+<span class="line">Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend,</span><br />
+<span class="line">Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend.</span><br />
+<span class="line">Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen?</span><br />
+<span class="line">Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen,</span><br />
+<span class="line">Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden,</span><br />
+<span class="line">Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages!</span><br />
+<span class="line">Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber,</span><br />
+<span class="line">Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet,</span><br />
+<span class="line">Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten.</span><br />
+<span class="line">Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen</span><br />
+<span class="line">Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen,</span><br />
+<span class="line">Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war.</span><br />
+<span class="line">Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen!</span><br />
+<span class="line">Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen,</span><br />
+<span class="line">Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat.</span><br />
+<span class="line">Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache.</span><br />
+<span class="line">Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze!</span><br />
+<span class="line">Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren,</span><br />
+<span class="line">Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis</span><br />
+<span class="line">Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte?</span><br />
+<span class="line">Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden?</span><br />
+<span class="line">Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen;</span><br />
+<span class="line">Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine.</span><br />
+<span class="line">Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen,</span><br />
+<span class="line">Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung</span><br />
+<span class="line">Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge,</span><br />
+<span class="line">Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest.</span><br />
+<span class="line">Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes.</span><br />
+<span class="line">Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling</span><br />
+<span class="line">Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude,</span><br />
+<span class="line">Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung</span><br />
+<span class="line">Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret.</span><br />
+<span class="line">Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut</span><br />
+<span class="line">Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend,</span><br />
+<span class="line">Sprach: &ldquo;Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen,</span><br />
+<span class="line">Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude.</span><br />
+<span class="line">Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses</span><br />
+<span class="line">Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden!</span><br />
+<span class="line">Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war,</span><br />
+<span class="line">Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet,</span><br />
+<span class="line">Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend.</span><br />
+<span class="line">Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich,</span><br />
+<span class="line">Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr</span><br />
+<span class="line">Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring</span><br />
+<span class="line">(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten),</span><br />
+<span class="line">Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder,</span><br />
+<span class="line">Sprach: &ldquo;Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung,</span><br />
+<span class="line">Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten.</span><br />
+<span class="line">Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen</span><br />
+<span class="line">Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling erwünscht ist.</span><br />
+<span class="line">Also verlob' ich euch hier und segn' euch künftigen Zeiten,</span><br />
+<span class="line">Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar.</span><br />
+<span class="line">Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun</span><br />
+<span class="line">Steckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderen staunend,</span><br />
+<span class="line">Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet.</span><br />
+<span class="line">Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der erste</span><br />
+<span class="line">Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber sie sagte darauf. &ldquo;Oh, laßt mich dieser Erinnrung</span><br />
+<span class="line">Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute,</span><br />
+<span class="line">Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zurückkam.</span><br />
+<span class="line">Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit,</span><br />
+<span class="line">Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken,</span><br />
+<span class="line">Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand.</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Lebe glücklich&rsquo;, sagt' er. &lsquo;Ich gehe; denn alles bewegt sich</span><br />
+<span class="line">Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen.</span><br />
+<span class="line">Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten,</span><br />
+<span class="line">Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,</span><br />
+<span class="line">Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe.</span><br />
+<span class="line">Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder</span><br />
+<span class="line">Finde &mdash; wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten.</span><br />
+<span class="line">Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden;</span><br />
+<span class="line">Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden.</span><br />
+<span class="line">Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze;</span><br />
+<span class="line">Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen;</span><br />
+<span class="line">Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts</span><br />
+<span class="line">Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten.</span><br />
+<span class="line">Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder</span><br />
+<span class="line">Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfe,</span><br />
+<span class="line">Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal.</span><br />
+<span class="line">Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat!</span><br />
+<span class="line">Aber soll es nicht sein, daß je wir, aus diesen Gefahren</span><br />
+<span class="line">Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen,</span><br />
+<span class="line">Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken,</span><br />
+<span class="line">Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist!</span><br />
+<span class="line">Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung,</span><br />
+<span class="line">So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet!</span><br />
+<span class="line">Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar.</span><br />
+<span class="line">Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf;</span><br />
+<span class="line">Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes.</span><br />
+<span class="line">Heilig sei dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höher</span><br />
+<span class="line">Als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder.</span><br />
+<span class="line">Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung.</span><br />
+<span class="line">Nun auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier</span><br />
+<span class="line">Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt.</span><br />
+<span class="line">Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich</span><br />
+<span class="line">Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer</span><br />
+<span class="line">Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander.</span><br />
+<span class="line">Aber der Bräutigam sprach mit edler männlicher Rührung:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschüttrung,</span><br />
+<span class="line">Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern,</span><br />
+<span class="line">Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum.</span><br />
+<span class="line">Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,</span><br />
+<span class="line">Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter;</span><br />
+<span class="line">Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.</span><br />
+<span class="line">Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung</span><br />
+<span class="line">Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin.</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Dies ist unser!&rsquo; so laß uns sagen und so es behaupten!</span><br />
+<span class="line">Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen,</span><br />
+<span class="line">Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder</span><br />
+<span class="line">Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen.</span><br />
+<span class="line">Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals.</span><br />
+<span class="line">Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen,</span><br />
+<span class="line">Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde</span><br />
+<span class="line">Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen.</span><br />
+<span class="line">Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern,</span><br />
+<span class="line">Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen.</span><br />
+<span class="line">Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf</span><br />
+<span class="line">Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens.&rdquo;</span></div>
+</div>
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+<pre>
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+End of Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe
+
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+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #2312 (https://www.gutenberg.org/ebooks/2312)
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@@ -0,0 +1,2206 @@
+Project Gutenberg Etext "Hermann und Dorothea",
+von Johann Wolfgang von Goethe
+#9 in our series by Goethe
+
+* Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg *
+* Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter *
+* der Internet-Adresse http://gutenberg.aol.de erreichbar. *
+* *
+* This book was generously donated to us by the "Gutenberg *
+* Projekt-DE". Their web site is located at *
+* http://gutenberg.aol.de, where additional German language *
+* books can be found. *
+****************************************************************
+
+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the copyright laws for your country before posting these files!!
+
+Please take a look at the important information in this header.
+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
+electronic path open for the next readers. Do not remove this.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*These Etexts Prepared By Hundreds of Volunteers and Donations*
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and
+further information is included below. We need your donations.
+
+
+Hermann und Dorothea
+
+by Johann Wolfgang von Goethe
+
+September, [Etext #2312]
+
+
+***Project Gutenberg Etext "Hermann und Dorothea", by Goethe****
+******This file should be named 2312-8.txt or 2312-8.zip******
+
+
+Etext reformatted by Michael Pullen
+globaltraveler5565@yahoo.com
+
+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+
+We are now trying to release all our books one month in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+
+Please note: neither this list nor its contents are final till
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so. To be sure you have an
+up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes
+in the first week of the next month. Since our ftp program has
+a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a
+look at the file size will have to do, but we will try to see a
+new copy has at least one byte more or less.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release thirty-six text
+files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+
+If these reach just 10% of the computerized population, then the
+total should reach over 200 billion Etexts given away this year.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only ~5% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we
+manage to get some real funding; currently our funding is mostly
+from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an
+assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few
+more years, so we are looking for something to replace it, as we
+don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person.
+
+We need your donations more than ever!
+
+
+All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are
+tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie-
+Mellon University).
+
+For these and other matters, please mail to:
+
+Project Gutenberg
+P. O. Box 2782
+Champaign, IL 61825
+
+When all other email fails. . .try our Executive Director:
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org
+if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if
+it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . .
+
+We would prefer to send you this information by email.
+
+******
+
+To access Project Gutenberg etexts, use any Web browser
+to view http://promo.net/pg. This site lists Etexts by
+author and by title, and includes information about how
+to get involved with Project Gutenberg. You could also
+download our past Newsletters, or subscribe here. This
+is one of our major sites, please email hart@pobox.com,
+for a more complete list of our various sites.
+
+To go directly to the etext collections, use FTP or any
+Web browser to visit a Project Gutenberg mirror (mirror
+sites are available on 7 continents; mirrors are listed
+at http://promo.net/pg).
+
+Mac users, do NOT point and click, typing works better.
+
+Example FTP session:
+
+ftp sunsite.unc.edu
+login: anonymous
+password: your@login
+cd pub/docs/books/gutenberg
+cd etext90 through etext99
+dir [to see files]
+get or mget [to get files. . .set bin for zip files]
+GET GUTINDEX.?? [to get a year's listing of books, e.g., GUTINDEX.99]
+GET GUTINDEX.ALL [to get a listing of ALL books]
+
+***
+
+**Information prepared by the Project Gutenberg legal advisor**
+
+(Three Pages)
+
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this etext, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you can distribute copies of this etext if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS ETEXT
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+etext, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this etext by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this etext on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM ETEXTS
+This PROJECT GUTENBERG-tm etext, like most PROJECT GUTENBERG-
+tm etexts, is a "public domain" work distributed by Professor
+Michael S. Hart through the Project Gutenberg Association at
+Carnegie-Mellon University (the "Project"). Among other
+things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this etext
+under the Project's "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+To create these etexts, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's etexts and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other etext medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] the Project (and any other party you may receive this
+etext from as a PROJECT GUTENBERG-tm etext) disclaims all
+liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this etext within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS ETEXT IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE ETEXT OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold the Project, its directors,
+officers, members and agents harmless from all liability, cost
+and expense, including legal fees, that arise directly or
+indirectly from any of the following that you do or cause:
+[1] distribution of this etext, [2] alteration, modification,
+or addition to the etext, or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this etext electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ etext or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this etext in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word pro-
+ cessing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The etext, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The etext may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the etext (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ etext in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the etext refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Project of 20% of the
+ net profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Association/Carnegie-Mellon
+ University" within the 60 days following each
+ date you prepare (or were legally required to prepare)
+ your annual (or equivalent periodic) tax return.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+The Project gratefully accepts contributions in money, time,
+scanning machines, OCR software, public domain etexts, royalty
+free copyright licenses, and every other sort of contribution
+you can think of. Money should be paid to "Project Gutenberg
+Association / Carnegie-Mellon University".
+
+*END*THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.04.29.93*END*
+
+
+
+
+
+Etext reformatted by Michael Pullen
+globaltraveler5565@yahoo.com
+
+
+
+
+
+Hermann und Dorothea
+
+Johann Wolfgang Goethe
+
+
+
+Inhalt:
+
+Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil
+Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann
+Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger
+Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn
+Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger
+Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter
+Siebenter Gesang: Erato. Dorothea
+Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea
+Neunter Gesang: Urania. Aussicht
+
+
+
+
+Kalliope
+Schicksal und Anteil
+
+"Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen! Ist doch
+die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig, Deucht mir,
+blieben zurück von allen unsern Bewohnern. Was die Neugier nicht tut!
+So rennt und läuft nun ein jeder, Um den traurigen Zug der armen
+Vertriebnen zu sehen. Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer
+ein Stündchen, Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.
+Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend Guter
+fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe, Leider, das
+überrheinische Land, das schöne, verlassend, Zu uns herüberkommen und
+durch den glücklichen Winkel Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen
+wandern. Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort
+Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken, Um es den Armen
+zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen. Was der Junge doch fährt!
+und wie er bändigt die Hengste! Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus,
+das neue; bequemlich Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher.
+Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!" So sprach, unter
+dem Tore des Hauses sitzend am Markte, Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt
+zum Goldenen Löwen.
+
+Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau: "Vater, nicht
+gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand, Denn sie ist zu manchem
+Gebrauch und für Geld nicht zu haben, Wenn man ihrer bedarf. Doch heute
+gab ich so gerne Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden, Denn ich
+hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn. Wirst du mir aber
+verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert. Und besonders den
+Schlafrock mit indianischen Blumen, Von dem feinsten Kattun, mit feinem
+Flanelle gefüttert, Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode."
+
+Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte: "Ungern vermiß
+ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock, Echt ostindischen Stoffs;
+so etwas kriegt man nicht wieder. Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man
+will jetzt freilich, der Mann soll Immer gehn im Surtout und in der
+Pekesche sich zeigen, Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und
+Mütze."
+
+"Siehe!" versetzte die Frau, "dort kommen schon einige wieder, Die den
+Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein. Seht, wie allen die
+Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter Glühen! und jeglicher führt
+das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab. Möcht' ich doch auch in
+der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht Laufen und leiden!
+Fürwahr, ich habe genug am Erzählten."
+
+Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: "Solch ein Wetter ist
+selten zu solcher Ernte gekommen, Und wir bringen die Frucht herein, wie
+das Heu schon herein ist, Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein
+Wölkchen zu sehen, Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung.
+Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon; Morgen
+fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte."
+
+Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer Und der
+Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben; Und so kam auch zurück
+mit seinen Töchtern gefahren Rasch, an die andere Seite des Markts, der
+begüterte Nachbar, An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,
+Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt). Lebhaft wurden die
+Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen, Mancher Fabriken befliß man
+sich da, und manches Gewerbes.
+
+Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg Über das wandernde
+Volk mit mancher Bemerkung ergötzend. Endlich aber begann die würdige
+Hausfrau und sagte: "Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der
+Nachbar Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen, Was sie draußen
+gesehn und was zu schauen nicht froh macht."
+
+Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar, Setzten sich auf
+die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg, Staub von den Füßen schüttelnd,
+und Luft mit dem Tuche sich fächelnd. Da begann denn zuerst, nach
+wechselseitigen Grüßen, Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe
+verdrießlich: "So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der
+andre, Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället!
+Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt, Jeder
+den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird. Jeder spaziert
+nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen Elend, und niemand bedenkt,
+daß ihn das ähnliche Schicksal Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann,
+oder doch künftig. Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er
+im Menschen."
+
+Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr, Er, die Zierde der
+Stadt, ein Jüngling näher dem Manne. Dieser kannte das Leben und kannte
+der Hörer Bedürfnis, War vom hohen Werte der heiligen Schriften
+durchdrungen, Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung;
+Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften. Dieser
+sprach: "Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen Für unschädliche
+Triebe die gute Mutter Natur gab; Denn was Verstand und Vernunft nicht
+immer vermögen, vermag oft Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich
+uns leitet. Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen,
+Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge
+Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, Suchet das
+Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße; Endlich begehrt er das Gute, das
+ihn erhebet und wert macht. In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte
+der Leichtsinn, Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die
+Spuren Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog.
+Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren Sich der
+gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt, Der im Glück wie im
+Unglück sich eifrig und tätig bestrebet; Denn das Gute bringt er hervor
+und ersetzet den Schaden."
+
+Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau: "Saget uns, was ihr
+gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen."
+
+"Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, "Werd ich so
+bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren. Und wer erzählet es
+wohl, das mannigfaltigste Elend! Schon von ferne sahn wir den Staub, noch
+eh' wir die Wiesen Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel
+Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen. Als wir nun aber den Weg,
+der quer durchs Tal geht, erreichten, War Gedräng und Getümmel noch groß
+der Wandrer und Wagen. Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn,
+Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei, Und wie
+froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens. Traurig war es zu sehn, die
+mannigfaltige Habe, Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die
+ein Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat, Immer bereit zum
+Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich, Nun zu sehen das alles, auf
+mancherlei Wagen und Karren Durcheinander geladen, mit Übereilung
+geflüchtet. Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke, In
+dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel. Ach! und es
+nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig Jahren auch wohl gesehn,
+dem Menschen alle Besinnung, Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure
+zurückläßt. Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt, Schlechte
+Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend: Alte Bretter und Fässer,
+den Gänsestall und den Käfig. Auch so keuchten die Weiber und Kinder,
+mit Bündeln sich schleppend, Unter Körben und Butten voll Sachen keines
+Gebrauches; Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe.
+Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort, Ordnungslos und
+verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine Wünschte langsam zu fahren, ein
+andrer emsig zu eilen. Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber
+und Kinder, Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer, Und
+ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren Übergepackten
+Wagen auf Betten saßen und schwankten. Aber, aus dem Gleise gedrängt,
+nach dem Rande des Hochwegs Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den
+Graben das Fuhrwerk, Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die
+Menschen, Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich.
+Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen. Wahrlich, wer
+im Fallen sie sah, der erwartete nun sie Unter der Last der Kisten und
+Schränke zerschmettert zu schauen. Und so lag zerbrochen der Wagen und
+hülflos die Menschen; Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber, Nur
+sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome. Und wir eilten hinzu
+und fanden die Kranken und Alten, Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr
+dauerndes Leiden Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern,
+Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube."
+
+Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt: "Möge doch Hermann
+sie treffen und sie erquicken und kleiden. Ungern würd' ich sie sehn;
+mich schmerzt der Anblick des Jammers. Schon von dem ersten Bericht so
+großer Leiden gerühret, Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm
+Überfluß, daß nur Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt.
+Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; Denn es
+beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen, Und die Sorge,
+die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist. Tretet herein in den
+hinteren Raum, das kühlere Sälchen. Nie scheint Sonne dahin, nie dringet
+wärmere Luft dort Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns
+ein Gläschen Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben.
+Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser."
+Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung.
+
+Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines, In geschliffener
+Flasche auf blankem zinnernem Runde, Mit den grünlichen Römern, den echten
+Bechern des Rheinweins. Und so sitzend umgaben die drei den glänzend
+gebohnten Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen. Heiter
+klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers; Doch unbeweglich
+hielt der dritte denkend das seine, Und es fordert' ihn auf der Wirt mit
+freundlichen Worten:
+
+"Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück Gott uns
+gnädig und wird auch künftig uns also bewahren. Denn wer erkennet es
+nicht, daß seit dem schrecklichen Brande, Da er so hart uns gestraft, er
+uns nun beständig erfreut hat Und beständig beschützt, so wie der Mensch
+sich des Auges Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb
+ist. Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten? Denn man
+sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren; Sollt' er die
+blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger Neu aus der Asche gebaut
+und dann sie reichlich gesegnet, Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung
+vernichten?"
+
+Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: "Haltet am Glauben
+fest und fest an dieser Gesinnung; Denn sie macht im Glücke verständig und
+sicher, im Unglück Reicht sie den schönsten Trost und belebt die
+herrlichste Hoffnung."
+
+Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken: "Wie begrüßt' ich
+so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms, Wenn ich, reisend nach
+meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte! Immer schien er mir groß und erhob
+mir Sinn und Gemüte; Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein
+liebliches Ufer Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, Und
+sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben. Seht, so schützt die
+Natur, so schützen die wackeren Deutschen Und so schützt uns der Herr; wer
+wollte töricht verzagen? Müde schon sind die Streiter, und alles deutet
+auf Frieden. Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte,
+gefeiert Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel, Und
+die Trompete schmettert, das hohe,Te Deum. begleitend Möge mein Hermann
+doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer, Mit der Braut, entschlossen, vor
+Euch am Altare sich stellen, Und das glückliche Fest, in allen den Landen
+begangen, Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag!
+Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig Mir in dem Hause
+sich regt, nach außen langsam und schüchtern. Wenig findet er Lust, sich
+unter Leuten zu zeigen; Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen
+Gesellschaft Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret."
+
+Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde Fernes
+Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen, Der mit gewaltiger Eile
+nun donnert' unter den Torweg.
+
+
+
+
+Terpsichore
+Hermann
+
+Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat, Schaute der Prediger
+ihm mit scharfen Blicken entgegen Und betrachtete seine Gestalt und sein
+ganzes Benehmen Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen
+enträtselt, Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten: "Kommt
+Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals Euch so munter
+gesehn und Eure Blicke so lebhaft. Fröhlich kommt Ihr und heiter; man
+sieht, Ihr habet die Gaben Unter die Armen verteilt und ihren Segen
+empfangen."
+
+Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten: "Ob ich löblich
+gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat Mich geheißen zu tun, so
+wie ich genau nun erzähle. Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten
+Stücke zu suchen Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen,
+Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket. Als ich nun
+endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam, Strömte zurück die Menge
+der Bürger mit Weibern und Kindern, Mir entgegen; denn fern war schon der
+Zug der Vertriebnen. Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem
+Dorf zu, Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten. Als ich
+nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr, Fiel mir ein Wagen ins Auge,
+von tüchtigen Bäumen gefüget, Von zwei Ochsen gezogen, den größten und
+stärksten des Auslands, Nebenher aber ging mit starken Schritten ein
+Mädchen, Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere, Trieb sie an
+und hielt sie zurück, sie leitete klüglich. Als mich das Mädchen
+erblickte, so trat sie den Pferden gelassen Näher und sagte zu mir: "Nicht
+immer war es mit uns so Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen
+erblicket. Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen,
+Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen; Aber mich dränget die
+Not, zu reden. Hier auf dem Strohe Liegt die erst entbundene Frau des
+reichen Besitzers, Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre,
+gerettet. Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie.
+Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme, Und mit wenigem nur
+vermögen die Unsern zu helfen, Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu
+rasten gedenken, Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon
+vorüber. Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr
+Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen."
+
+Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche Wöchnerin,
+schaute nach mir; ich aber sagte dagegen: "Guten Menschen fürwahr spricht
+oft ein himmlischer Geist zu, Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder
+bevorsteht; Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem Jammer,
+ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen." Und ich löste
+die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock Unsers Vaters dahin, und
+gab ihr Hemden und Leintuch. Und sie dankte mit Freuden und rief: "Der
+Glückliche glaubt nicht, Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend
+erkennt man Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten Leitet.
+Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber." Und ich sah die
+Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand, Aber besonders den weichen
+Flanell des Schlafrocks befühlen. "Eilen wir", sagte zu ihr die Jungfrau,
+"dem Dorf zu, in welchem Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch
+sich aufhält; Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes."
+Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus, Trieb die
+Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte, Hielt die Pferde noch an;
+denn Zwiespalt war mir im Herzen, Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf
+erreichte, die Speisen Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich
+hier Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte. Und ich
+entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr Sachte nach und
+erreichte sie bald und sagte behende: "Gutes Mädchen, mir hat die Mutter
+nicht Leinwand alleine Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten
+bekleide, Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke, Und es
+ist mir genug davon im Kasten des Wagens. Nun bin ich aber geneigt, auch
+diese Gaben in deine Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den
+Auftrag; Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen." Drauf
+versetzte das Mädchen: "Mit aller Treue verwend ich Eure Gaben; der
+Dürftige soll sich derselben erfreuen." Also sprach sie. Ich öffnete
+schnell die Kasten des Wagens, Brachte die Schinken hervor, die schweren,
+brachte die Brote, Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und
+jedes. Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.
+Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so Weiter; ich
+eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu."
+
+Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar Gleich das Wort
+und rief: "O glücklich, wer in den Tagen Dieser Flucht und Verwirrung in
+seinem Haus nur allein lebt, Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange
+sich schmiegen! Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht
+heute Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein. Öfters
+dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten Sachen
+zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten Meiner seligen Mutter, das
+alles noch heilig verwahrt liegt. Freilich bliebe noch vieles zurück,
+das so leicht nicht geschafft wird. Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit
+vielem Fleiße gesammelt, Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware
+nicht groß ist. Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von
+Hause. Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich
+Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten."
+
+"Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck, "Keinesweges
+denk ich wie Ihr und tadle die Rede. Ist wohl der ein würdiger Mann, der
+im Glück und im Unglück Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu
+teilen Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird? Lieber
+möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen; Denn manch gutes
+Mädchen bedarf des schützenden Mannes Und der Mann des erheiternden Weibs,
+wenn ihm Unglück bevorsteht."
+
+Lächelnd sagte darauf der Vater: "So hör ich dich gerne! Solch ein
+vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen."
+
+Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein: "Sohn, fürwahr! du hast
+recht; wir Eltern gaben das Beispiel. Denn wir haben uns nicht an
+fröhlichen Tagen erwählet, Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde
+zusammen. Montag morgens--ich weiß es genau, denn Tages vorher war Jener
+schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte--Zwanzig Jahre sind's
+nun; es war ein Sonntag wie heute, Heiß und trocken die Zeit und wenig
+Wasser im Orte. Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern, Auf
+den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen. Und am Ende der
+Stadt begann das Feuer. Der Brand lief Eilig die Straßen hindurch,
+erzeugend sich selber den Zugwind. Und es brannten die Scheunen der
+reich gesammelten Ernte, Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und
+das Haus war Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit.
+Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch, Vor der Stadt
+auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend; Doch zuletzt befiel mich
+der Schlaf, und als nun des Morgens Mich die Kühlung erweckte, die vor der
+Sonne herabfällt, Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und
+Essen. Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder
+Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele. Da erhob ich mich
+eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen, Wo die Wohnung gestanden, und
+ob sich die Hühner gerettet, Die ich besonders geliebt; denn kindisch war
+mein Gemüt noch. Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes
+daherstieg, Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah,
+Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte. Dir war
+ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken Lagen darüber
+und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere. Also standen wir
+gegeneinander, bedenklich und traurig: Denn die Wand war gefallen, die
+unsere Höfe geschieden. Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und
+sagtest: "Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die
+Sohlen; Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln."
+Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen Hof weg. Da
+stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe, Wie es jetzt steht; es
+war allein von allem geblieben. Und du setztest mich nieder und küßtest
+mich und ich verwehrt' es. Aber du sagtest darauf mit freundlich
+bedeutenden Worten: "Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf
+mir es bauen, Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem." Doch ich
+verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter Schicktest und schnell
+das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war. Noch erinnr' ich mich
+heute des halbverbrannten Gebälkes Freudig und sehe die Sonne noch immer
+so herrlich heraufgehn; Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die
+ersten Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben.
+Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen Auch ein Mädchen
+dir denkst in diesen traurigen Zeiten Und es wagtest zu frein im Krieg und
+über den Trümmern."
+
+Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte: "Die Gesinnung ist
+löblich, und wahr ist auch die Geschichte, Mütterchen, die du erzählst;
+denn so ist alles begegnet. Aber besser ist besser. Nicht einen jeden
+betrifft es, Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen; Nicht soll
+jeder sich quälen, wie wir und andere taten, Oh, wie glücklich ist der,
+dem Vater und Mutter das Haus schon Wohlbestellt übergeben und der mit
+Gedeihen es ausziert! Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang
+der Wirtschaft. Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird
+täglich Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben. Und so
+hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens In das Haus die Braut
+mit schöner Mitgift hereinführst; Denn ein wackerer Mann verdient ein
+begütertes Mädchen, Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten
+Weibchen Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt. Nicht
+umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter Viele Leinwand der Tochter,
+von feinem und starkem Gewebe; Nicht umsonst verehren die Paten ihr
+Silbergeräte, Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück: Denn
+sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben Jenen Jüngling erfreun, der
+sie vor allen erwählt hat. Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im
+Hause sich findet, Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet Und
+das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat. Nur wohl
+ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn; Denn die Arme wird doch
+nur zuletzt vom Manne verachtet, Und er hält sie als Magd, die als Magd
+mit dem Bündel hereinkam. Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten
+der Liebe vergehen. Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich
+erfreuen, Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest Aus
+der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen. Reich ist der Mann
+fürwahr: sein Handel und seine Fabriken Machen ihn täglich reicher: denn
+wo gewinnt nicht der Kaufmann? Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein
+das Vermögen. Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die
+zweite Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben.
+Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert, Eins mir
+der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug."
+
+Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater: "Wirklich, mein
+Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter Unsers Nachbars zu wählen.
+Wir sind zusammen erzogen, Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren
+Zeiten, Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet. Doch
+das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen Endlich billig
+zu Haus und fliehn die wilderen Spiele. Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich
+ging auch zuzeiten Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet,
+hinüber; Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen. Denn sie
+tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen: Gar zu lang war mein Rock,
+zu grob das Tuch und die Farbe Gar zu gemein und die Haare nicht recht
+gestutzt und gekräuselt. Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen
+wie jene Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen, Und um
+die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt. Aber noch früh genug
+merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten, Und das war mir empfindlich,
+mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch Kränkte mich's tief, daß so sie
+den guten Willen verkannten, Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen,
+die jüngste. Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen, Hatte
+den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt, Angezogen und war
+frisiert wie die übrigen Bursche. Als ich eintrat, kicherten sie; doch
+zog ich's auf mich nicht. Minchen saß am Klavier; es war der Vater
+zugegen, Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune.
+Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war, Aber ich hörte
+viel von Pamina, viel von Tamino, Und ich wollte doch auch nicht stumm
+sein! Sobald sie geendet, Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden
+Personen. Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater Sagte:
+"Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?" Niemand hielt sich
+alsdann, und laut auf lachten die Mädchen, Laut auf lachten die Knaben, es
+hielt den Bauch sich der Alte. Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit,
+und das Gekicher Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und
+spielten. Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause,
+Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter Mit den Fingern
+und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle. Und ich hatte wohl
+recht; denn eitel sind sie und lieblos, Und ich höre, noch heiß' ich bei
+ihnen immer Tamino."
+
+Da versetzte die Mutter: "Du solltest, Hermann, so lange Mit den Kindern
+nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich. Minchen fürwahr ist gut
+und war dir immer gewogen; Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest
+du wählen!"
+
+Da versetzte bedenklich der Sohn: "Ich weiß nicht, es prägte Jener Verdruß
+sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht Sie am Klaviere mehr
+sehn und ihre Liedchen vernehmen."
+
+Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte: "Wenig Freud' erleb
+ich an dir! Ich sagt' es doch immer, Als du zu Pferden nur und Lust nur
+bezeugtest zum Acker: Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten
+Mannes, Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren, Der ihm zur
+Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte. Und so täuschte mich früh
+mit leerer Hoffnung die Mutter, Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben
+und Lernen dir niemals Wie den andern gelang und du immer der Unterste
+saßest. Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen Eines
+Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will. Hätte mein Vater
+gesorgt für mich, so wie ich für dich tat, Mich zur Schule gesendet und
+mir die Lehrer gehalten, Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen
+Löwen!"
+
+Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe, Langsam und
+ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet, Rief ihm nach: "So gehe nur
+hin! ich kenne den Trotzkopf! Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß
+ich nicht schelte; Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen
+Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle! Lange hab ich
+gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, Weiß zu bewirten die Herren und
+Frauen, daß sie zufrieden Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig
+zu schmeicheln. Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen
+endlich Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen! Spielen soll
+sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten, Besten Leute der Stadt
+sich mit Vergnügen versammeln, Wie es sonntags geschieht im Hause des
+Nachbars!" Da drückte Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er
+die Stube.
+
+
+
+
+Thalia
+Die Bürger
+
+Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede; Aber der Vater fuhr
+in der Art fort, wie er begonnen--"Was im Menschen nicht ist, kommt auch
+nicht aus ihm, und schwerlich Wird mich des herzlichsten Wunsches
+Erfüllung jemals erfreuen, Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei,
+sondern ein Beßrer. Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn
+nicht immer Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen Und zu
+verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland! Soll doch nicht
+als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen Und verfaulen geschwind an
+dem Platze, der ihn erzeugt hat, Keine Spur nachlassend von seiner
+lebendigen Wirkung! Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes
+der Herr sei, Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt.
+Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben Unrat sich
+häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, Wo der Stein aus der Fuge
+sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, Wo der Balken verfault und das
+Haus vergeblich die neue Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.
+Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, Da
+gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, Wie der Bettler
+sich auch an lumpige Kleider gewöhnet. Darum hab ich gewünscht, es solle
+sich Hermann auf Reisen Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und
+Frankfurt Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
+Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht,
+Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren. Lobt
+nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore Und den geweihten Turm
+und die wohlerneuerte Kirche? Rühmt nicht jeder das Pflaster? die
+wasserreichen, verdeckten, Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und
+Sicherheit bringen, Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt
+sei, Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande? Bauherr
+war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall, Habe mir herzlichen Dank von
+guten Bürgern verdienet, Was ich angab, emsig betrieben und so auch die
+Anstalt Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen. So
+kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates. Alle bestreben sich
+jetzt, und schon ist der neue Chausseebau Fest beschlossen, der uns mit
+der großen Straße verbindet. Aber ich fürchte nur sehr, so wird die
+Jugend nicht handeln! Denn die einen, sie denken auf Lust und
+vergänglichen Putz nur, Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen.
+Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben."
+
+Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter: "Immer bist du doch,
+Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und So wird am wenigsten dir dein
+Wunsch des Guten erfüllet. Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne
+nicht formen; So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
+Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. Denn der eine hat
+die, die anderen andere Gaben; Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur
+auf eigene Weise Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht
+schelten; Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt, Wert
+und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern, Und im Rate gewiß,
+ich seh es voraus, nicht der Letzte. Aber täglich mit Schelten und
+Tadeln hemmst du dem Armen Allen Mut in der Brust, so wie du es heute
+getan hast." Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach,
+Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten Wieder erfreute;
+denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es.
+
+Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater: "Sind doch ein
+wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder! Jedes lebet so gern nach
+seinem eignen Belieben, Und man sollte hernach nur immer loben und
+streicheln. Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten: Wer
+nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es."
+
+Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig: "Gerne geb ich es zu,
+Herr Nachbar, und sehe mich immer Selbst nach dem Besseren um, wofern es
+nicht teuer doch neu ist; Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle
+des Gelds hat, Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern?
+Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er Nicht zu
+erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel, Das Bedürfnis zu
+groß; so wird er immer gehindert. Manches hätt' ich getan; allein wer
+scheut nicht die Kosten Solcher Verändrung, besonders in diesen
+gefährlichen Zeiten! Lange lachte mir schon mein Haus im modischen
+Kleidchen, Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster; Aber
+wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen Auch die Wege noch
+kennt, auf welchen das Beste zu haben? Seht nur das Haus an da drüben, das
+neue! Wie prächtig in grünen Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel
+sich ausnimmt! Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln
+die Scheiben, Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes! Und
+doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten, Die Apotheke
+zum Engel sowie der Goldene Löwe. So war mein Garten auch in der ganzen
+Gegend berühmt, und Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen
+Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen. Wem ich den
+Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte, Das nun freilich
+verstaubt und halb verfallen mir dasteht, Der erfreute sich hoch des
+farbig schimmernden Lichtes Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem
+Auge Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen. Ebenso
+ward in dem Saale die Malerei auch bewundert, Wo die geputzten Herren und
+Damen im Garten spazieren Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und
+halten. Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich Kaum
+mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll, Wie sie's
+heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke. Alles ist einfach und
+glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung Will man mehr, und es kostet das
+fremde Holz nun am meisten. Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was
+Neues zu schaffen; Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den
+Hausrat; Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste,
+Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen? Neulich kam
+mir's in Sinn, den Engel Michael wieder, Der mir die Offizin bezeichnet,
+vergolden zu lassen Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich
+windet; Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die
+Fordrung."
+
+
+
+
+Euterpe
+Mutter und Sohn
+
+Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter Ging indessen,
+den Sohn erst vor dem Hause zu suchen, Auf der steinernen Bank, wo sein
+gewöhnlicher Sitz war. Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im
+Stalle zu schauen, Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber
+besorgte, Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute. Und es
+sagte der Knecht: "Er ist in den Garten gegangen." Da durchschritt sie
+behende die langen doppelten Höfe, Ließ die Ställe zurück und die
+wohlgezimmerten Scheunen, Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern
+des Städtchens Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches
+Wachstums, Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste Ruhten
+des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige, Nahm gleich einige
+Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg; Denn ein geschäftiges Weib tut
+keine Schritte vergebens. Also war sie ans Ende des langen Gartens
+gekommen, Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,
+Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte. Aber nur
+angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube, Aus besonderer Gunst,
+durch die Mauer des Städtchens gebrochen Hatte der Ahnherr einst, der
+würdige Burgemeister. Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber,
+Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg Aufstieg steileren
+Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret. Auch den schritt sie hinauf und
+freute der Fülle der Trauben Sich im Steigen, die kaum sich unter den
+Blättern verbargen. Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,
+Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten. Und es hingen herein
+Gutedel und Muskateller, Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe,
+Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren. Aber den
+übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke, Kleinere Trauben tragend, von
+denen der köstliche Wein kommt. Also schritt sie hinauf, sich schon des
+Herbstes erfreuend Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel
+Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt, Feuerwerke
+des Abends von allen Orten und Enden Leuchten und knallen und so der
+Ernten schönste geehrt wird. Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem
+Sohne gerufen Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam, Das
+von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang. Ihn zu
+suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals. Weit, er sagt' es
+ihr denn, um zu verhüten die Sorge Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht
+vor dem Unfall. Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu
+finden; Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs Standen
+gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein, Das mit weiter
+Fläche den Rücken des Hügels bedeckte. Immer noch wandelte sie auf
+eigenem Boden und freute Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden
+Kornes, Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte. Zwischen
+den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad, Hatte den
+Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel Stand, die Grenze der
+Felder, die ihrem Hause gehörten. Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht
+wissen. Er war in der Gegend Weit und breit gesehn und berühmt die
+Früchte des Baumes. Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu
+freuen am Mittag Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;
+Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen. Und sie irrete nicht;
+dort saß ihr Hermann und ruhte, Saß mit dem Arme gestützt und schien in
+die Gegend zu schauen Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den
+Rücken. Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter.
+Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge.
+
+"Mutter", sagt' er betroffen, "Ihr überrascht mich!" Und eilig Trocknet'
+er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles. "Wie? du weinest, mein
+Sohn?" versetzte die Mutter betroffen; "Daran kenn ich dich nicht! ich
+habe das niemals erfahren! Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt
+dich, einsam zu sitzen Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins
+Auge?"
+
+Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte: "Wahrlich,
+dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo Nicht die Not der Menschen,
+der umgetriebnen, empfindet; Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um
+sein eigenes Wohl sich Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen
+bekümmert. Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir; Und
+nun ging ich heraus und sah die herrliche weite Landschaft, die sich vor
+uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt, Sah die goldene Frucht den Garben
+entgegen sich neigen Und ein reichliches Obst und volle Kammern
+versprechen. Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines
+Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge Jenem
+schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht! Denn sie rufen
+zusammen aus allen Enden die Jugend Wie das Alter und dringen gewaltig vor,
+und die Menge Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die
+Menge. Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben? Hofft
+vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall? Liebe Mutter, ich sag
+Euch, am heutigen Tage verdrießt mich, Daß man mich neulich entschuldigt,
+als man die Streitenden auslas Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der
+einzige Sohn nur, Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe;
+Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne An der Grenze, als
+hier zu erwarten Elend und Knechtschaft? Ja, mir hat es der Geist gesagt,
+und im innersten Busen Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben
+Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben. Wahrlich, wäre
+die Kraft der deutschen Jugend beisammen, An der Grenze, verbündet, nicht
+nachzugeben den Fremden, Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden
+betreten Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren, Nicht den
+Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen! Sehet, Mutter, mir ist im
+tiefsten Herzen beschlossen, Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht
+und verständig; Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.
+Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus Geh ich
+gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern Diesen Arm und dies Herz, dem
+Vaterlande zu dienen. Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl
+mir Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!"
+
+Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter, Stille Tränen
+vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge: "Sohn, was hat sich in dir
+verändert und deinem Gemüte, Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie
+gestern und immer, Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß
+ist? Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich Höchlich
+loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen, Durch dein Wort
+verführt und deine bedeutenden Reden. Doch ich tadle dich nur; denn sieh,
+ich kenne dich besser. Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre
+Gedanken. Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die
+Trompete, Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen;
+Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist, Wohl
+zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen. Darum sage mir
+frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?"
+
+Ernsthaft sagte der Sohn: "Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist Nicht dem
+anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne; Besser im stillen reift er
+zur Tat oft als im Geräusche Wilden, schwankenden Lebens, das manchen
+Jüngling verderbt hat. Und so still ich auch bin und war, so hat in der
+Brust mir Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill, Und
+ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern; Auch hat die
+Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket. Alles, fühl ich, ist wahr;
+ich darf es kühnlich behaupten. Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o
+Mutter, und habt mich Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.
+Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich Aus dem Hause
+des Vaters und nicht der hohe Gedanke, Meinem Vaterland hülfreich zu sein
+und schrecklich den Feinden. Worte waren es nur, die ich sprach: sie
+sollten vor Euch nur Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.
+Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche Hege im
+Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn. Denn ich weiß es
+recht wohl: der einzelne schadet sich selber, Der sich hingibt, wenn sich
+nicht alle zum Ganzen bestreben."
+
+"Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter, "Alles mir zu
+erzählen, das Größte wie das Geringste! Denn die Männer sind heftig und
+denken nur immer das Letzte, Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht
+von dem Wege; Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und
+wandelt Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen. Sage mir
+alles daher, warum du so heftig bewegt bist, Wie ich dich niemals gesehn,
+und das Blut dir wallt in den Adern, Wider Willen die Träne dem Auge sich
+dringt zu entstürzen."
+
+Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte, Weinte laut an
+der Brust der Mutter und sprach so erweichet: "Wahrlich! des Vaters Wort
+hat heute mich kränkend getroffen, Das ich niemals verdient, nicht heut
+und keinen der Tage. Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes,
+und niemand Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten
+Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten. Vieles hab ich
+fürwahr von meinen Gespielen geduldet, Wenn sie mit Tücke mir oft den
+guten Willen vergalten; Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche
+gerochen: Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags Aus der
+Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte, Lachten sie über das Band der
+Mütze, die Blumen des Schlafrocks, Den er so stattlich trug und der erst
+heute verschenkt ward: Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit
+grimmigem Wüten Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen,
+Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen Und entrissen sich
+kaum den wütenden Tritten und Schlägen. Und so wuchs ich heran, um viel
+vom Vater zu dulden, Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm,
+Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward, Und ich büßte
+den Streit und die Ränke seiner Kollegen. Oftmals habt Ihr mich selbst
+bedauert; denn vieles ertrug ich, Stets in Gedanken der Eltern von Herzen
+zu ehrende Wohltat, Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die
+Güter, Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern. Aber,
+ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen, Macht das Glück, es
+macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen, Nicht der Acker am Acker, so
+schön sich die Güter auch schließen. Denn der Vater wird alt, und mit
+ihm altern die Söhne, Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für
+morgen. Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,
+Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten, Dort die
+Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter! Aber seh ich dann dort
+das Hinterhaus, wo an dem Giebel Sich das Fenster uns zeigt von meinem
+Stübchen im Dache, Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den
+Mond schon Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne, Wenn der
+gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte: Ach! da kommt mir so
+einsam vor, wie die Kammer, der Hof und Garten, das herrliche Feld, das
+über die Hügel sich hinstreckt; Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre
+der Gattin."
+
+Da antwortete drauf die gute Mutter verständig: "Sohn, mehr wünschest du
+nicht, die Braut in die Kammer zu führen, Daß dir werde die Nacht zur
+schönen Hälfte des Lebens Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener
+werde, Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer
+Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen. Aber mir ist es
+bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir: Wenn die Stunde nicht kommt, die
+rechte, wenn nicht das rechte Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das
+Wählen im Weiten, Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am
+meisten. Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,
+Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich. Sag
+es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: Jenes Mädchen ist's,
+das vertriebene, die du gewählt hast."
+
+"Liebe Mutter, Ihr sagt's!" versetzte lebhaft der Sohn drauf. "Ja, sie
+ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause Heute noch, ziehet
+sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer In der Verwirrung des
+Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn. Mutter, ewig umsonst gedeiht
+mir die reiche Besitzung Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir
+fruchtbar. Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider; Ach!
+und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen. Denn es
+löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande, Wenn sie die ihrigen knüpft;
+und nicht das Mädchen allein läßt Vater und Mutter zurück, wenn sie dem
+erwähleten Mann folgt; Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter
+und Vater, Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn.
+Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt. Denn mein
+Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen, Und sein Haus ist nicht
+mehr das meine, wenn er das Mädchen Ausschließt, das ich allein nach Haus
+zu führen begehre."
+
+Da versetzte behend die gute verständige Mutter: "Stehen wie Felsen doch
+zwei Männer gegeneinander! Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich
+nähern, Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. Darum sag
+ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem Herzen, daß er sie dir,
+wenn sie gut und brav ist, verlobe, Obgleich arm, so entschieden er auch
+die Arme versagt hat. Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art
+aus, Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. Aber
+ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen; Denn er ist Vater! Auch
+wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische, Wo er heftiger spricht und
+anderer Gründe bezweifelt, Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche
+Kraft auf Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern Nicht
+vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber. Aber es kommt der
+Abend heran, und die vielen Gespräche Sind nun zwischen ihm und seinen
+Freunden gewechselt. Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das
+Räuschchen vorbei ist Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft
+erzeugte. Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur, Und
+wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt Sitzen;
+besonders wird uns der würdige Geistliche helfen."
+
+Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend, Auch vom Sitze
+den Sohn, den willig folgenden. Beide Kamen schweigend herunter, den
+wichtigen Vorsatz bedenkend.
+
+
+
+
+Polyhymnia
+Der Weltbürger
+
+Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen, Mit dem geistlichen
+Herrn der Apotheker beim Wirte, Und es war das Gespräch noch immer
+ebendasselbe, Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward. Aber
+der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf: "Widersprechen
+will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll Immer streben zum
+Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch Immer dem Höheren nach, zum
+wenigsten sucht er das Neue. Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen
+Gefühlen Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten Und sich
+dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist. Aller Zustand ist gut, der
+natürlich ist und vernünftig. Vieles wünscht sich der Mensch, und doch
+bedarf er nur wenig; Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der
+Sterblichen Schicksal. Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und
+rastlos Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde Kühn und emsig
+befährt und sich des Gewinnes erfreuet, Welcher sich reichlich um ihn und
+um die Seinen herum häuft; Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger,
+Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet Und die Erde
+besorgt, so wie es die Stunden gebieten. Nicht verändert sich ihm in
+jedem Jahre der Boden, Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte,
+die Arme Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret. Nein,
+der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen, Immer gleichen,
+ruhigen Sinns und des graden Verstandes. Denn nur wenige Samen vertraut
+er der nährenden Erde, Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;
+Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke. Glücklich, wem die
+Natur ein so gestimmtes Gemüt gab! Er ernähret uns alle. Und Heil dem
+Bürger des kleinen Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb
+paart! Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann
+beschränket; Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter,
+Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend, Nachzustreben
+gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen. Segnet immer darum des
+Sohnes ruhig Bemühen Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte,
+sich wählet."
+
+Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein, Führend ihn
+bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend. "Vater", sprach sie, "wie
+oft gedachten wir, untereinander Schwatzend, des fröhlichen Tags, der
+kommen würde, wenn künftig Hermann, seine Braut sich erwählend, uns
+endlich erfreute! Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes
+Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze. Nun ist er kommen,
+der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel Hergeführt und gezeigt, es hat
+sein Herz nun entschieden. Sagten wir damals nicht immer: er solle
+selber sich wählen? Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und
+lebhaft Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen! Ja, er
+hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden. Jenes Mädchen
+ist's, die Fremde, die ihm begegnet. Gib sie ihm; oder er bleibt, so
+schwur er, im ledigen Stande."
+
+Und es sagte der Sohn: "Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat Rein und
+sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter."
+
+Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf, Nahm das
+Wort und sprach: "Der Augenblick nur entscheidet Über das Leben des
+Menschen und über sein ganzes Geschicke; Denn nach langer Beratung ist
+doch ein jeder Entschluß nur Werk des Moments, es ergreift doch nur der
+Verständ'ge das Rechte. Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und
+jenes Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren. Rein ist
+Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte Schon als Knabe die
+Hände nicht aus nach diesem und jenem. Was er begehrte, das war ihm
+gemäß; so hielt er es fest auch. Seid nicht scheu und verwundert, daß
+nun auf einmal erscheinet, Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die
+Erscheinung fürwahr nicht Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn
+etwa geheget. Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die
+Gaben Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten. Nun verkennet es
+nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten, Guten, verständigen Sohn zuerst
+die Seele bewegt hat. Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte
+die Hand reicht, Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen
+verschmachtet! Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.
+Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling. Nicht beweglich
+ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses, Gehen die Jahre dahin, die
+schönsten, in traurigem Leben."
+
+Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig, Dem schon lange das Wort
+von der Lippe zu springen bereit war: "Laßt uns auch diesmal doch nur die
+Mittelstraße betreten! Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus'
+Devise. Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen, Meinen
+geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen: Und besonders bedarf die
+Jugend, daß man sie leite. Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen,
+das Mädchen, Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.
+Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen."
+
+Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten: "Tut es, Nachbar,
+und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche, Daß der Herr Pfarrer sich
+auch in Eurer Gesellschaft befinde; Zwei so treffliche Männer sind
+unverwerfliche Zeugen. Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das
+Mädchen, Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift, Und den
+Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken. Nein; das wilde
+Geschick des allverderblichen Krieges, Das die Welt zerstört und manches
+feste Gebäude Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben.
+Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend? Fürsten
+fliehen vermummt, und Könige leben verbannet. Ach, so ist auch sie, von
+ihren Schwestern die beste, Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück
+vergessend, Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich. Groß
+sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten; Sollte nicht auch ein
+Glück aus diesem Unglück hervorgehn Und ich, im Arme der Braut, der
+zuverlässigen Gattin, Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des
+Brandes Euch freutet?"
+
+Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf: "Wie ist, o Sohn,
+dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde Lange Jahre gestockt und nur
+sich dürftig bewegte! Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht
+ist: Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter Allzu gelind
+begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt, Wenn es über den Vater nun
+hergeht oder den Ehmann. Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen;
+was hülf' es? Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus.
+Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter Mir ins Haus; wo
+nicht, so mag er das Mädchen vergessen!"
+
+Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde: "Noch vor Abend ist
+Euch die trefflichste Tochter bescheret, Wie sie der Mann sich wünscht,
+dem ein kluger Sinn in der Brust lebt. Glücklich ist die Gute dann auch,
+so darf ich es hoffen. Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und
+Mutter Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder Wünschen.
+Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde Gleich und führe die
+Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten, Überlasse die Männer sich
+selbst und der eigenen Klugheit, Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz
+nach ihrer Entscheidung, Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist,
+das Mädchen." Und so ging er hinaus, indessen manches die andern Weislich
+erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.
+
+Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste Ruhig standen
+und rasch den reinen Hafer verzehrten Und das trockene Heu, auf der besten
+Wiese gehauen. Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an, Zog die
+Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen Und befestigte dann
+die langen, breiteren Zügel, Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der
+willige Knecht schon Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel
+bewegend. Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern
+Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. Hermann faßte
+die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg. Als die Freunde nun
+gleich die geräumigen Plätze genommen, Rollte der Wagen eilig und ließ das
+Pflaster zurücke, Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen
+Türme. So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu, Rasch, und
+säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter. Als er aber nunmehr den
+Turm des Dorfes erblickte Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen
+Häuser, Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.
+
+Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet, Die Jahrhunderte
+schon an dieser Stelle gewurzelt, War mit Rasen bedeckt ein weiter
+grünender Anger Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.
+Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen. Stieg man die
+Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke, Rings um die Quelle gesetzt,
+die immer lebendig hervorquoll, Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu
+schöpfen bequemlich. Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die
+Pferde Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte: "Steiget,
+Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret, Ob das Mädchen auch wert
+der Hand sei, die ich ihr biete. Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr
+nichts Neues und Seltnes; Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu
+dem Dorf hin, Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.
+Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen; Denn wohl schwerlich
+ist an Bildung ihr eine vergleichbar. Aber ich geb Euch noch die Zeichen
+der reinlichen Kleider: Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,
+Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; Sauber hat
+sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet, Die ihr das Kinn umgibt, das
+runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich des Kopfes
+zierliches Eirund; Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln
+gewickelt; Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an Und
+umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel. Doch das will ich Euch
+sagen und noch mir ausdrücklich erbitten: Redet nicht mit dem Mädchen, und
+laßt nicht merken die Absicht, Sondern befraget die andern und hört, was
+sie alles erzählen. Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und
+Mutter, Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre. Also
+dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren."
+
+Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu, Wo in Gärten
+und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen Wimmelte, Karrn an Karrn
+die breite Straße dahin stand. Männer versorgten das brüllende Vieh und
+die Pferd' an den Wagen, Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die
+Weiber, Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.
+Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere, Sahen sie
+rechts und links sich um, die gesendeten Späher, Ob sie nicht etwa das
+Bild des bezeichneten Mädchens erblickten; Aber keine von allen erschien
+die herrliche Jungfrau. Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um
+die Wagen Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,
+Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter, Trat
+zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse, Als er Ruhe
+gebot, und väterlich ernst sie bedrohte. "Hat uns", rief er, "noch nicht
+das Unglück also gebändigt, Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu
+dulden Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt?
+Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden Endlich euch
+lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern? Gönnet einander
+den Platz auf fremdem Boden und teilet, Was ihr habet, zusammen, damit ihr
+Barmherzigkeit findet!"
+
+Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich Ordneten Vieh und
+Wagen die wieder besänftigten Menschen. Als der Geistliche nun die Rede
+des Mannes vernommen Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,
+Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte: "Vater, fürwahr!
+wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt, Von der Erde sich nährend,
+die weit und breit sich auftut Und die erwünschten Gaben in Jahren und
+Monden erneuert, Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste
+Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander, Und der vernünftigste
+Mann ist wie ein andrer gehalten: Denn was alles geschieht, geht still,
+wie von selber, den Gang fort. Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen
+Wege des Lebens, Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um,
+Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung, Schleppt in
+die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte: Ach! da sieht man
+sich um, wer wohl der verständigste Mann sei, Und er redet nicht mehr die
+herrlichen Worte vergebens. Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter
+von diesen Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt? Ja,
+Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer, Die durch Wüsten und
+Irren vertriebene Völker geleitet. Denk ich doch eben, ich rede mit
+Josua oder mit Moses."
+
+Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter: "Wahrlich, unsere
+Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten, Die die Geschichte bemerkt,
+die heilige wie die gemeine. Denn wer gestern und heut in diesen Tagen
+gelebt hat, Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten.
+Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter Auf dem Haupte
+zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig. Oh, wir anderen dürfen
+uns wohl mit jenen vergleichen, Denen in ernster Stund' erschien im
+feurigen Busche Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer."
+
+Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war Und das
+Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte, Sagte behend der
+Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm: "Sprecht mit dem Richter nur
+fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen. Aber ich gehe herum, sie
+aufzusuchen, und komme Wieder, sobald ich sie finde." Es nickte der
+Pfarrer dagegen, Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der
+Späher.
+
+
+
+
+Klio
+Das Zeitalter
+
+Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte, Was die Gemeine
+gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben, Sagte der Mann darauf: "Nicht
+kurz sind unsere Leiden; Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre
+getrunken, Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört
+ward. Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben, Ihm
+die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen, Als sich der erste Glanz
+der neuen Sonne heranhob, Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen
+gemein sei, Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen
+Gleichheit! Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich
+Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte, Das der Müßiggang und
+der Eigennutz in der Hand hielt. Schauten nicht alle Völker in jenen
+drängenden Tagen Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange
+gewesen Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente? Waren nicht
+jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft, Namen den höchsten
+gleich, die unter die Sterne gesetzt sind? Wuchs nicht jeglichem Menschen
+der Mut und der Geist und die Sprache?
+
+Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet. Drauf begann der
+Krieg, und die Züge bewaffneter Franken Rückten näher; allein sie schienen
+nur Freundschaft zu bringen. Und die brachten sie auch: denn ihnen
+erhöht war die Seele Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der
+Freiheit, Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung.
+Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter, Und der muntere
+Tanz begann um die neue Standarte. So gewannen sie bald, die
+überwiegenden Franken, Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm
+Beginnen, Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut.
+Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges; Denn die
+Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne, Lockte die Blicke hinaus
+in neueröffnete Bahnen.
+
+Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam Schwinget
+im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend! Aber herrlicher
+war die Zeit, in der uns das Höchste, Was der Mensch sich denkt, als nah
+und erreichbar sich zeigte. Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen
+die Greise, Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles.
+
+Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft Stritt
+ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen. Sie
+ermordeten sich und unterdrückten die neuen Nachbarn und Brüder und
+sandten die eigennützige Menge. Und es praßten bei uns die Obern und
+raubten im großen, Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die
+Kleinen; Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen. Allzu
+groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung; Niemand vernahm das
+Geschrei, sie waren die Herren des Tages. Da fiel Kummer und Wut auch
+selbst ein gelaßnes Gemüt an, Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung
+alle zu rächen Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung.
+Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen, Und der Franke
+floh mit eiligen Märschen zurücke. Ach, da fühlten wir erst das traurige
+Schicksal des Krieges! Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten
+scheint er's, Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der
+seine, Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet. Aber der
+Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab Und verzehret
+nur schnell und ohne Rücksicht die Güter. Dann ist sein Gemüt auch
+erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung Aus dem Herzen hervor das
+frevelhafte Beginnen. Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die
+wilde Begierde Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum
+Entsetzen. Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten
+Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers.
+
+Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun, Das Verlorne zu
+rächen und zu verteid'gen die Reste. Alles ergriff die Waffen, gelockt
+von der Eile des Flüchtlings Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren
+Blicke. Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke, Und die
+künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. Schnell verwandelte
+sich des Feldbaus friedliche Rüstung Nun in Wehre; da troff von Blute
+Gabel und Sense. Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung;
+Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche. Möcht' ich den
+Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung Wieder sehn! Das wütende
+Tier ist ein besserer Anblick. Sprech' er doch nie von Freiheit, als
+könn' er sich selber regieren! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken
+hinweg sind, Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb."
+
+"Trefflicher Mann!" versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck, "Wenn ihr
+den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten; Habt Ihr
+doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen! Wolltet Ihr aber zurück
+die traurigen Tage durchschauen, Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr
+auch Gutes erblicktet. Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem
+Herzen, Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den
+Menschen, Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott."
+
+Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter. "Ihr erinnert mich
+klug, wie oft nach dem Brande des Hauses Man den betrübten Besitzer an
+Gold und Silber erinnert, Das geschmolzen im Schutt nun überblieben
+zerstreut liegt. Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich;
+Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes. Und so kehr
+ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen Wenigen guten Taten, die
+aufbewahrt das Gedächtnis. Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich
+Feinde versöhnen, Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der
+Freunde, Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen; Sah, wie
+der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich Wieder
+verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte. Ja, und das
+schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird, Zeigte sich tapfer
+und mächtig und gegenwärtigen Geistes. Und so laßt mich vor allen der
+schönen Tat noch erwähnen, Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die
+treffliche Jungfrau, Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen
+zurückblieb; Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen. Da
+überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels, Plündernd, und drängte
+sogleich sich in die Zimmer der Frauen. Sie erblickten das Bild der
+schön erwachsenen Jungfrau Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu
+heißen. Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos Auf die
+zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen. Aber sie riß dem einen
+sogleich von der Seite den Säbel, Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr
+blutend zu Füßen. Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die
+Mädchen, Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode. Dann
+verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet."
+
+Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen, Stieg die Hoffnung
+sogleich für seinen Freund im Gemüt auf, Und er war im Begriff, zu fragen,
+wohin sie geraten? Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich
+befinde? Aber da trat herbei der Apotheker behende, Zupfte den geistlichen
+Herrn und sagte die wispernden Worte: "Hab ich doch endlich das Mädchen
+aus vielen hundert gefunden, Nach der Beschreibung! So kommt und sehet
+sie selber mit Augen; Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere
+hören!" Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter Von den
+Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten. Doch es folgte
+sogleich dem Apotheker der Pfarrherr An die Lücke des Zauns, und jener
+deutete listig. "Seht Ihr", sagt' er, "das Mädchen? Sie hat die Puppe
+gewickelt, Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen
+Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat. Sie
+verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke. Diese sind deutliche
+Zeichen, es treffen die übrigen alle; Denn der rote Latz erhebt den
+gewölbeten Busen, Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr
+knapp an; Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet Und umgibt
+ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich
+des Kopfes zierliches Eirund, Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln
+gewickelt; Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe Und
+den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen Reichlich herunterwallt zum
+wohlgebildeten Knöchel. Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir
+vernehmen, Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen."
+
+Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend: "Daß sie den
+Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder, Denn sie hält vor dem
+Blick des erfahrenen Mannes die Probe. Glücklich, wem doch Mutter Natur
+die rechte Gestalt gab! Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er
+ein Fremdling. Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen, Wenn
+die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet. Ich versichr'
+Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden, Das ihm die künftigen Tage
+des Lebens herrlich erheitert, Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten
+ihm beisteht. So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele
+Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter." Und es
+sagte darauf der Apotheker bedenklich: "Trüget doch öfter der Schein! Ich
+mag dem Äußern nicht trauen, Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet
+gefunden: "Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,
+Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,
+Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe." Lasset uns
+also zuerst bei guten Leuten uns umtun, Denen das Mädchen bekannt ist und
+die uns von ihr nun erzählen."
+
+"Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend; "Frein wir
+doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich." Und sie gingen
+darauf dem wackern Richter entgegen, Der in seinen Geschäften die Straße
+wieder heraufkam. Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit
+Vorsicht: "Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst
+hier Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt Aus
+getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward. Uns gefiel die
+Gestalt, sie scheint der Wackeren eine. Saget uns, was Ihr wißt; wir
+fragen aus löblicher Absicht."
+
+Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat, Sagt'
+er: "Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte Von der herrlichen Tat,
+die jene Jungfrau verrichtet, Als sie das Schwert ergriff und sich und
+die Ihren beschützte Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig
+geboren, Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten Pflegte sie
+bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß Über des Städtchens Not und
+seiner Besitzung Gefahren. Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die
+Schmerzen ertragen Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im
+ersten Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben, Selbst
+hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand; Denn wie zu Hause,
+so dort, bestritt er Willkür und Ränke." Also sagte der Richter. Die
+beiden schieden und dankten, Und der Geistliche zog ein Goldstück (das
+Silber des Beutels War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet,
+Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn), Und er
+reicht' es dem Schulzen und sagte: "Teilet den Pfennig Unter die Dürftigen
+aus, und Gott vermehre die Gabe!" Doch es weigerte sich der Mann und sagte:
+"Wir haben Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen, Und ich
+hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist."
+
+Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein:
+"Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand Weigre sich
+anzunehmen, was ihm die Milde geboten! Niemand weiß, wie lang er es hat,
+was er ruhig besitzet; Niemand, wie lang er noch in fremden Landen
+umherzieht Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret."
+
+"Ei doch!" sagte darauf der Apotheker geschäftig, "Wäre mir jetzt nur
+Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben, Groß wie klein; denn viele
+gewiß der Euren bedürfen's. Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit
+Ihr den Willen Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt."
+Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel An den Riemen
+hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war, Öffnete zierlich und teilte; da
+fanden sich einige Pfeifen. "Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da
+sagte der Schultheiß. "Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer
+willkommen." Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.
+
+Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter. "Eilen
+wir!" sprach der verständige Mann; "es wartet der Jüngling Peinlich. Er
+höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft." Und sie eilten und
+kamen und fanden den Jüngling gelehnet An den Wagen unter den Linden. Die
+Pferde zerstampften Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in
+Gedanken, Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher, Bis
+sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben. Schon von ferne
+begann der Apotheker zu sprechen; Doch sie traten näher hinzu. Da faßte
+der Pfarrherr Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg:
+"Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues Herz hat richtig
+gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend! Deiner ist sie wert; drum
+komm und wende den Wagen, Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes
+erreichen, Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute."
+
+Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude Hört' er die Worte
+des Boten, die himmlisch waren und tröstlich, Seufzete tief und sprach:
+"Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk, Und wir ziehen vielleicht beschämt und
+langsam nach Hause; Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge
+befallen, Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt.
+Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen, Weil
+wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht? Armut selbst
+macht stolz, die unverdiente. Genügsam Scheint das Mädchen und tätig; und
+so gehört ihr die Welt an. Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher
+Schönheit und Sitte Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?
+Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe? Fahret
+nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung Sachte die Pferde
+herum nach Hause lenken. Ich fürchte, Irgendein Jüngling besitzt dies
+Herz, und die wackere Hand hat Eingeschlagen und schon dem Glücklichen
+Treue versprochen. Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet."
+
+Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon; Doch es fiel der
+Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein: "Freilich! so wären wir nicht
+vorzeiten verlegen gewesen, Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise
+vollbracht ward. Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen,
+Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen; Diesen sandte
+man dann als Freiersmann zu den Eltern Der erkorenen Braut, der dann in
+stattlichem Putze Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte,
+Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst Wechselnd und klug das
+Gespräch zu lenken und wenden verstehend. Endlich nach langem Umschweif
+ward auch der Tochter erwähnet, Rühmlich, und rühmlich des Manns und des
+Hauses, von dem man gesandt war. Kluge Leute merkten die Absicht; der
+kluge Gesandte Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären.
+Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich.
+Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer In dem Hause der
+Erste bei jedem häuslichen Feste; Denn es erinnerte sich durchs ganze
+Leben das Ehpaar, Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen.
+Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen Aus der Mode gekommen,
+und jeder freit für sich selber. Nehme denn jeglicher auch den Korb mit
+eigenen Händen, Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem
+Mädchen!"
+
+"Sei es, wie ihm auch sei!" versetzte der Jüngling, der kaum auf Alle die
+Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen; "Selber geh ich und
+will mein Schicksal selber erfahren Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich
+das größte Vertrauen Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt
+hat. Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich. Soll
+ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal Diesem offenen
+Blick des schwarzen Auges begegnen; Drück ich sie nie an das Herz, so will
+ich die Brust und die Schultern Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu
+umschließen begehret; Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja
+mich Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. Aber
+laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet Euch zu Vater und
+Mutter zurück, damit sie erfahren, Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß
+es wert ist das Mädchen. Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den
+Hügel An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter Geh ich näher nach
+Hause zurück. Oh, daß ich die Traute Freudig und schnell heimführte!
+Vielleicht auch schleich ich alleine Jene Pfade nach Haus und betrete froh
+sie nicht wieder."
+
+Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel, Der verständig sie
+faßte, die schäumenden Rosse beherrschend, Schnell den Wagen bestieg und
+den Sitz des Führers besetzte.
+
+Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest: "Gerne vertrau
+ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an; Aber Leib und Gebein
+ist nicht zum besten verwahret, Wenn die geistliche Hand der weltlichen
+Zügel sich anmaßt." Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und
+sagtest: "Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele;
+Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen, Und das
+Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen. Denn wir waren in
+Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken, Als ich den jungen Baron dahin
+begleitete; täglich Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor
+durch, Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden, Mitten durch
+Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt."
+
+Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen, Saß wie einer, der
+sich zum weislichen Sprunge bereitet; Und die Hengste rannten nach Hause,
+begierig des Stalles. Aber die Wolke des Staubs quoll unter den
+mächtigen Hufen. Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich
+erheben, Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken.
+
+
+
+
+Erato
+Dorothea
+
+Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne Sie noch einmal ins
+Auge, die schnell verschwindende, faßte, Dann im dunkeln Gebüsch und an
+der Seite des Felsens Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur
+wendet, Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben: So
+bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens Sanft sich vorbei
+und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen. Aber er fuhr aus dem
+staunenden Traum auf, wendete langsam Nach dem Dorfe sich zu und staunte
+wieder; denn wieder Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens
+entgegen. Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es
+Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel Tragend in
+jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen. Und er ging ihr
+freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick Mut und Kraft; er sprach zu
+seiner Verwunderten also: "Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs
+neue beschäftigt, Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die
+Menschen? Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt
+liegt, Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen? Freilich
+ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten. Jener Kranken
+bringst du es wohl, die du treulich gerettet?"
+
+Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling, Sprach: "So
+ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet, Da ich finde den Guten,
+der uns so vieles gereicht hat; Denn der Anblick des Gebers ist, wie die
+Gaben, erfreulich. Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen,
+Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten. Daß Ihr aber
+sogleich vernehmet, warum ich gekommen, Hier zu schöpfen, wo rein und
+unablässig der Quell fließt, Sag ich Euch dies: es haben die
+unvorsichtigen Menschen Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und
+Ochsen Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.
+Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle Tröge des Dorfes
+beschmutzt und alle Brunnen besudelt; Denn ein jeglicher denkt nur, sich
+selbst und das nächste Bedürfnis Schnell zu befriedigen und rasch, und
+nicht des Folgenden denkt er."
+
+Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter Mit dem Begleiter
+gelangt; und auf das Mäuerchen setzten Beide sich nieder des Quells. Sie
+beugte sich über, zu schöpfen; Und er faßte den anderen Krug und beugte
+sich über. Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels
+Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel.
+"Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling; Und sie reicht' ihm
+den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich Auf die Gefäße gelehnt; sie
+aber sagte zum Freunde: "Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und
+Pferde Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?"
+
+Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke Ruhig gegen sie
+auf und sah ihr freundlich ins Auge, Fühlte sich still und getrost.
+Jedoch ihr von Liebe zu sprechen, Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge
+blickte nicht Liebe, Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.
+Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen: "Laß mich
+reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. Deinetwegen kam ich hierher!
+was soll ich's verbergen? Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden
+Eltern Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten Als der
+einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach. Alle Felder besorg ich,
+der Vater waltet im Hause Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die
+Wirtschaft. Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde Bald
+durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau, Immer sie
+nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen. Lange wünschte die
+Mutter daher sich ein Mädchen im Hause, Das mit der Hand nicht allein, das
+auch mit dem Herzen ihr hülfe, An der Tochter Statt, der leider frühe
+verlornen. Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit,
+Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder, Als ich die
+Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen, Und ich eilte nach
+Hause, den Eltern und Freunden die Fremde Rühmend nach ihrem Verdienst.
+Nun komm ich dir aber zu sagen, Was sie wünschen wie ich.--Verzeih mir die
+stotternde Rede."
+
+"Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, "das Weitre zu sprechen; Ihr
+beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden. Sagt es nur grad
+heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken: Dingen möchtet Ihr mich als
+Magd für Vater und Mutter, Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch
+dasteht; Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden, Zu der
+Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte. Euer Antrag war kurz, so
+soll die Antwort auch kurz sein. Ja, ich gehe mit Euch und folge dem
+Rufe des Schicksals. Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin
+wieder Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung; Schon sind
+die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden. Alle denken gewiß,
+in kurzen Tagen zur Heimat Wiederzukehren, so pflegt sich stets der
+Vertriebne zu schmeicheln, Aber ich täusche mich nicht mit leichter
+Hoffnung in diesen Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen:
+Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder Als allein
+nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht! Kann ich im Hause des
+würdigen Manns mich, dienend, ernähren Unter den Augen der trefflichen
+Frau, so tu ich es gerne; Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von
+schwankendem Rufe. Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den
+Freunden Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten. Kommt!
+Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen."
+
+Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung, Zweifelnd,
+ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen. Aber es schien ihm das
+beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen, In sein Haus sie zu führen, zu
+werben um Liebe nur dort erst. Ach! und den goldenen Ring erblickt' er
+am Finger des Mädchens; Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig
+den Worten.
+
+"Laßt uns", fuhr sie nun fort, "zurücke kehren! Die Mädchen Werden immer
+getadelt, die lange beim Brunnen verweilen; Und doch ist es am rinnenden
+Quell so lieblich zu schwätzen." Also standen sie auf und schauten beide
+noch einmal In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.
+
+Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel, Stieg die Stufen
+hinan, und Hermann folgte der Lieben. Einen Krug verlangt' er von ihr,
+die Bürde zu teilen. "Laßt ihn", sprach sie; "es trägt sich besser die
+gleichere Last so. Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht
+dienen. Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!
+Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung! Denn durch Dienen
+allein gelangt sie endlich zum Herrschen, Zu der verdienten Gewalt, die
+doch ihr im Hause gehöret. Dienet die Schwester dem Bruder doch früh,
+sie dienet den Eltern, Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen
+Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre. Wohl ihr,
+wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer Wird, und die
+Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, Daß ihr niemals die
+Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt, Daß sie sich ganz vergißt und
+leben mag nur in andern! Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden
+alle, Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret Von der
+Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen. Zwanzig Männer
+verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, Und sie sollen es nicht; doch
+sollen sie dankbar es einsehn."
+
+Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter Durch den Garten
+gekommen, bis an die Tenne der Scheune, Wo die Wöchnerin lag, die sie froh
+mit den Töchtern verlassen, Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern
+der Unschuld. Beide traten hinein; und von der anderen Seite Trat, ein
+Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein. Diese waren bisher der
+jammernden Mutter verloren; Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der
+Alte. Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen, Sich des
+Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen! Auf Dorotheen sprangen sie
+dann und grüßten sie freundlich, Brot verlangend und Obst, vor allem aber
+zu trinken. Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,
+Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter.
+Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; Säuerlich war's und
+erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.
+
+Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte: "Freunde, dieses
+ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch Führe zum Munde, daß ich die
+Lippen mit Wasser Euch netze: Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der
+Trunk labt, Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet,
+Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes, Den ich aus
+Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet. Was Ihr mir Gutes erzeigt,
+erkenn ich durchs künftige Leben. Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder
+ist diesmal dem andern Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir
+endlich Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist.
+Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken, Diese Hülle
+des Kinds und jene willkommene Speise. Dieser kommt und wirbt, in seinem
+Haus mich zu sehen, Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern;
+Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen, Und ihr wäre
+zur Last, bedient im Hause zu ruhen. Also folg ich ihm gern; er scheint
+ein verständiger Jüngling, Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen
+geziemet. Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet Euch des
+lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt. Drücket Ihr ihn
+an die Brust in diesen farbigen Wickeln, Oh, so gedenket des Jünglings,
+des guten, der sie uns reichte, Und der künftig auch mich, die Eure,
+nähret und kleidet! Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet
+zum Richter, "Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!"
+
+Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder, Küßte die weinende Frau
+und vernahm des Segens Gelispel. Aber du sagtest indes, ehrwürdiger
+Richter, zu Hermann: "Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu
+zählen, Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.
+Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde, So wie Schafe,
+genau bei Tausch und Handel betrachtet; Aber den Menschen, der alles
+erhält, wenn er tüchtig und gut ist, Und der alles zerstreut und zerstört
+durch falsches Beginnen, Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins
+Haus ein Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen. Aber es
+scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet, Euch zu
+dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist. Haltet sie wohl! Ihr
+werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt, Nicht die Schwester
+vermissen, noch Eure Eltern die Tochter."
+
+Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte, Manches bringend und ihr
+die bessere Wohnung verkündend. Alle vernahmen des Mädchens Entschluß
+und segneten Hermann Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.
+Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin: "Wenn aus dem
+Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen." Hermann faßte darauf sie
+bei der Hand an und sagte: "Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und
+fern ist das Städtchen." Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die
+Weiber. Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie. Aber da
+fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen Ihr in die Kleider
+und wollten die zweite Mutter nicht lassen. Aber ein' und die andre der
+Weiber sagte gebietend: "Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und
+bringt euch des guten Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte,
+Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug, Und ihr sehet sie
+bald mit den schön vergoldeten Deuten." Und so ließen die Kinder sie los,
+und Hermann entriß sie Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden
+Tüchern.
+
+
+
+
+Melpomene
+Hermann und Dorothea
+
+Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief,
+gewitterdrohend, verhüllte, Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit
+glühenden Blicken Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.
+"Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa Schloßen uns
+bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte." Und sie freuten sich
+beide des hohen, wankenden Kornes, Das die Durchschreitenden fast, die
+hohen Gestalten, erreichte. Und es sagte darauf das Mädchen zum
+leitenden Freunde: "Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal
+verdanke, Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm
+dräut! Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, Denen
+ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; Denn kennt jemand den
+Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, Wenn er die Dinge bedenkt, die
+jenem die wichtigsten scheinen, Und auf die er den Sinn, den fest
+bestimmten, gesetzt hat. Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und
+Mutter?"
+
+Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling: "Oh, wie geb ich
+dir recht, du kluges, treffliches Mädchen, Daß du zuvörderst dich nach dem
+Sinne der Eltern befragest! Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem
+Vater zu dienen, Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm,
+Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg. Meine Mutter
+befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen; Und so wirst du ihr auch
+das trefflichste Mädchen erscheinen, Wenn du das Haus besorgst, als wenn
+du das deine bedächtest. Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den
+Schein auch. Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos,
+Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle. Ja, ich schwör
+es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches Wort die Zunge verläßt,
+die nicht zu schwatzen gewohnt ist; Aber du lockst mir hervor aus der
+Brust ein jedes Vertrauen. Einige Zierde verlangt der gute Vater im
+Leben, Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, Und er
+würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, Der dies wüßte zu
+nutzen, und würde dem besseren gram sein."
+
+Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte Durch den
+dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: "Beide zusammen hoff
+ich fürwahr zufriedenzustellen; Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes
+Wesen, Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. Unsere
+Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten Hielten auf Höflichkeit
+viel; sie war dem Edlen und Bürger Wie den Bauern gemein, und jeder
+empfahl sie den Seinen. Und so brachten bei uns auf deutscher Seite
+gewöhnlich Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen
+Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. Alles, was
+ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, Was von Herzen mir
+geht--ich will es dem Alten erzeigen. Aber wer sagt mir nunmehr: wie
+soll ich dir selber begegnen, Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem
+Gebieter?"
+
+Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. Herrlich
+glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; Nacht war's, völlig
+bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. Und so lagen vor ihnen in Massen
+gegeneinander Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte.
+Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten Hermann, des
+herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, Der noch heute die Tränen
+um seine Vertriebne gesehen. Und indem sie sich nieder ein wenig zu
+ruhen gesetzet, Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens
+ergreifend: "Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!"
+Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde Günstig war; er
+fürchtete, nur ein Nein zu ereilen, Ach, und er fühlte den Ring am Finger,
+das schmerzliche Zeichen. Also saßen sie still und schweigend
+nebeneinander. Aber das Mädchen begann und sagte: "Wie find ich des
+Mondes Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich.
+Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe, An dem Giebel
+ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben."
+
+"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling, "Das ist unsere
+Wohnung, in die ich nieder dich führe, Und dies Fenster dort ist meines
+Zimmers im Dache, Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im
+Hause. Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. Hier
+im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen. Aber laß uns
+nunmehr hinab durch Weinberg und Garten Steigen; denn sieh, es rückt das
+schwere Gewitter herüber, Wetterleuchtend und bald verschlingend den
+lieblichen Vollmond." Und so standen sie auf und wandelten nieder, das
+Feld hin, Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend;
+Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.
+
+Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter, Die, unbehauen gelegt,
+als Stufen dienten im Laubgang. Langsam schritt sie hinab, auf seinen
+Schultern die Hände; Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub,
+überblickte der Mond sie, Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das
+Paar ließ. Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing;
+Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, Fehlte tretend, es
+knackte der Fuß, sie drohte zu fallen. Eilig streckte gewandt der
+sinnige Jüngling den Arm aus, Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis
+auf die Schulter, Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand
+er, Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt, Drückte nicht
+fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. Und so fühlt' er die
+herrliche Last, die Wärme des Herzens Und den Balsam des Atems, an seinen
+Lippen verhauchet, Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.
+
+Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: "Das
+bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute Wenn beim Eintritt ins Haus,
+nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt. Hätt' ich mir doch fürwahr
+ein besseres Zeichen gewünschet! Laß uns ein wenig verweilen, damit dich
+die Eltern nicht tadeln Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt
+du erscheinest."
+
+
+
+
+Urania
+Aussicht
+
+Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt, Auf dem Wege bisher
+den trefflichen Jüngling geleitet, An die Brust ihm das Mädchen noch vor
+der Verlobung gedrückt habt: Helfet auch ferner den Bund des lieblichen
+Paares vollenden, Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich
+heraufziehn! Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet!
+
+Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder Schon das Zimmer der
+Männer, das sorglich erst sie verlassen, Sprechend vom nahen Gewitter, vom
+schnellen Verdunkeln des Mondes; Dann vom Außenbleiben des Sohns und der
+Nächte Gefahren; Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu
+sprechen, Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.
+
+"Mache nicht schlimmer das Übel!" versetzt' unmutig der Vater; "Denn du
+siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs."
+
+Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen: "Immer verdank ich
+es doch in solch unruhiger Stunde Meinem seligen Vater, der mir, als
+Knaben, die Wurzel Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen
+zurückblieb Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen."
+"Sagt", versetzte der Pfarrer, "welch Kunststück brauchte der Alte?" "Das
+erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken", Sagte der Nachbar
+darauf. "Als Knabe stand ich am Sonntag Ungeduldig einmal, die Kutsche
+begierig erwartend, Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.
+Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen
+hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe. Meine Hände prickelten
+mir; ich kratzte die Tische, Trappelte stampfend herum, und nahe war mir
+das Weinen. Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich Gar zu
+töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme, Führte zum Fenster mich
+hin und sprach die bedenklichen Worte: "Siehst du des Tischlers da drüben
+für heute geschlossene Werkstatt? Morgen eröffnet er sie; da rühret sich
+Hobel und Säge, Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden.
+Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen, Da der Meister
+sich regt mit allen seinen Gesellen Dir den Sarg zu bereiten und schnell
+und geschickt zu vollenden; Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig
+herüber, Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt, Und gar
+bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist." Alles sah ich sogleich
+im Geiste wirklich geschehen, Sah die Bretter gefügt und die schwarze
+Farbe bereitet, Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche.
+Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung Ungebärdig herum, da muß ich
+des Sarges gedenken."
+
+Lächelnd sagte der Pfarrer: "Des Todes rührendes Bild steht Nicht als
+Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drängt es ins
+Leben zurück und lehret ihn handeln; Diesem stärkt es, zu künftigem Heil,
+im Trübsal die Hoffnung; Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit
+Unrecht Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen. Zeige man
+doch dem Jüngling des edel reifenden Alters Wert und dem Alter die Jugend,
+daß beide des ewigen Kreises Sich erfreuen und so sich Leben im Leben
+vollende!"
+
+Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich, Und es
+erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten Über die Bildung
+der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar; Ja, es schien die Türe zu
+klein, die hohen Gestalten Einzulassen, die nun zusammen betraten die
+Schwelle. Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten.
+"Hier ist", sagt' er, "ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet.
+Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe Mutter,
+befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft, Daß Ihr seht,
+wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden." Eilig führt' er darauf den
+trefflichen Pfarrer beiseite, Sagte: "Würdiger Herr, nun helft mir aus
+dieser Besorgnis Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich
+schaudre. Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben,
+Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte, Daß
+unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat. Aber entschieden
+sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum Soll sie bleiben, wie ich nicht
+länger den Zweifel ertrage. Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die
+wir verehren!" Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft.
+Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters Schon die Seele des
+Mädchens; er hatte die munteren Worte Mit behaglicher Art im guten Sinne
+gesprochen: "Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der
+Sohn hat Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen. Immer
+die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste In sein Haus als
+Frau sich geholt; das Mütterchen war es. Denn an der Braut, die der Mann
+sich erwählt, läßt gleich sich erkennen, Welches Geistes er ist, und ob er
+sich eigenen Wert fühlt. Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur
+Entschließung? Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen."
+
+Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder Innen, und
+stille war der ganze Kreis nun auf einmal.
+
+Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten, Wie sie ihr
+schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen, Stand, mit fliegender
+Röte die Wange bis gegen den Nacken Übergossen; doch hielt sie sich an und
+nahm sich zusammen, Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen
+verbergend: "Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet,
+Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers; Und ich weiß,
+ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne, Der sich klug mit jedem beträgt
+und gemäß den Personen. Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid
+genug mit der Armen, Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen
+bereit ist; Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen,
+Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei. Freilich
+tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein, Das mit allem versehn
+die frohen Bewohner gewiß macht; Aber ich kenne mich wohl und fühle das
+ganze Verhältnis. Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen,
+Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?"
+
+Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde, Daß er ins
+Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum. Eilig trat der
+Kluge heran und schaute des Mädchens Stillen Verdruß und gehaltenen
+Schmerz und Tränen im Auge. Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die
+Verwirrung zu lösen, Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des
+Mädchens. Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten: "Sicher,
+du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands, Wenn du bei Fremden zu
+dienen dich allzu eilig entschlossest, Was es heiße, das Haus des
+gebietenden Herrn zu betreten; Denn der Handschlag bestimmt das ganze
+Schicksal des Jahres, Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges
+Jawort. Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege,
+Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit; Denn mit dem Knechte
+zugleich bemüht sich der tätige Freie: Aber zu dulden die Laune des Herrn,
+wenn er ungerecht tadelt, Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber
+in Zwiespalt, Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet,
+Mit der Kinder roher und übermütiger Unart: Das ist schwer zu ertragen,
+und doch die Pflicht zu erfüllen Ungesäumt und rasch, und selbst nicht
+mürrisch zu stocken. Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die
+Scherze des Vaters Schon dich treffen so tief, und doch nichts
+gewöhnlicher vorkommt, Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein
+Jüngling gefalle."
+
+Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen, Und sie hielt
+sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle Mächtig, es hob sich die
+Brust, aus der ein Seufzer hervordrang, Und sie sagte sogleich mit heiß
+vergossenen Tränen: "Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns
+zu raten Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien Je
+von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt. Ihr seid
+glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden? Doch der
+Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung. Nein, es hülfe mir
+nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge. Zeige sich gleich, was
+später nur tiefere Schmerzen vermehrte Und mich drängte vielleicht in
+stillverzehrendes Elend. Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause
+nicht bleiben; Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen, Die ich
+im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend. Dies ist mein
+fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen, Was im Herzen sich
+sonst wohl Jahre hätte verborgen. Ja, des Vaters Spott hat tief mich
+getroffen: nicht, weil ich Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd
+nicht geziemet, Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte
+Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen. Denn als
+er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer In Gedanken
+geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens, Das er vielleicht schon
+als Braut im Herzen möchte bewahren. Und als ich wieder am Brunnen ihn
+fand, da freut' ich mich seines Anblicks so sehr, als wär' mir der
+Himmlischen einer erschienen. Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur
+Magd mich geworben. Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es
+gestehen) Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen,
+Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze. Aber, ach!
+nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich Mich begab, so nah dem still
+Geliebten zu wohnen. Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen
+entfernt ist Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre.
+Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet, Das ein
+Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke. Denn das mußt' ich
+erwarten, die stillen Wünsche verbergend, Daß er sich brächte zunächst die
+Braut zum Hause geführet; Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen
+Schmerzen ertragen? Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das
+Geheimnis Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar.
+Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger Hier nichts
+halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe, Frei die Neigung
+bekennend und jene törichte Hoffnung. Nicht die Nacht, die breit sich
+bedeckt mit sinkenden Wolken, Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll
+mich verhindern, Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt,
+Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen Auf der traurigen
+Flucht und nah am verfolgenden Feinde. Und ich gehe nun wieder hinaus,
+wie ich lange gewohnt bin, Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem
+zu scheiden. Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen."
+
+Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend, Unter dem Arm
+das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend. Aber die Mutter ergriff
+mit beiden Armen das Mädchen, Um den Leib sie fassend, und rief verwundert
+und staunend: "Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen?
+Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte." Aber der
+Vater stand mit Widerwillen dagegen, Auf die Weinende schauend, und sprach
+die verdrießlichen Worte: "Also das ist mir zuletzt für die höchste
+Nachsicht geworden, Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse
+des Tages! Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber,
+Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet, Was mit ein
+wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten. Mir ist lästig, noch
+länger dies wunderliche Beginnen Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich
+gehe zu Bette." Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen,
+Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. Aber ihn hielt
+der Sohn und sagte die flehenden Worte: "Vater, eilet nur nicht und zürnt
+nicht über das Mädchen! Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu
+tragen, Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat.
+Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache. Häufet nicht
+Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze! Denn ich möchte so hoch
+Euch nicht in Zukunft verehren, Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt
+herrlicher Weisheit."
+
+Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte: "Welche Klugheit
+hätte denn wohl das schöne Bekenntnis Dieser Guten entlockt und uns
+enthüllt ihr Gemüte? Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude
+geworden? Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?" Nun
+trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte: "Laß dich die
+Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen; Denn sie vollenden
+mein Glück und, wie ich wünsche, das deine. Nicht das treffliche Mädchen
+als Magd, die Fremde, zu dingen, Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine
+Liebe zu werben. Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die
+Neigung Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge, Als
+aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest. Dich ins Haus
+nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes. Aber nun vollendest
+du mir's! Oh, sei mir gesegnet!" Und es schaute das Mädchen mit tiefer
+Rührung zum Jüngling Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der
+Freude, Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung
+Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet.
+
+Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret. Aber das Mädchen kam,
+vor dem Vater sich herzlich mit Anmut Neigend und so ihm die Hand, die
+zurückgezogene, küssend, Sprach: "Ihr werdet gerecht der Überraschten
+verzeihen, Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude.
+Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses Und laßt nur mich
+ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden! Ja, der erste Verdruß, an
+dem ich Verworrene schuld war, Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd
+sich verpflichtet, Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch
+leisten!"
+
+Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend. Traulich kam
+die Mutter herbei und küßte sie herzlich, Schüttelte Hand in Hand; es
+schwiegen die weinenden Frauen.
+
+Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr Erst des Vaters Hand und
+zog ihm vom Finger den Trauring (Nicht so leicht; er war vom rundlichen
+Gliede gehalten), Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder,
+Sprach: "Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung, Fest ein Band zu
+knüpfen, das völlig gleiche dem alten. Dieser Jüngling ist tief von der
+Liebe zum Mädchen durchdrungen Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der
+Jüngling erwünscht ist. Also verlob' ich euch hier und segn' euch
+künftigen Zeiten, Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des
+Freundes."
+
+Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar. Aber als der
+geistliche Herr den goldenen Reif nun Steckt' an die Hand des Mädchens,
+erblickt' er den anderen staunend, Den schon Hermann zuvor am Brunnen
+sorglich betrachtet. Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden
+Worten: "Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der
+erste Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!"
+
+Aber sie sagte darauf. "Oh, laßt mich dieser Erinnrung Einen Augenblick
+weihen! Denn wohl verdient sie der Gute, Der mir ihn scheidend gab und
+nicht zur Heimat zurückkam. Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der
+Freiheit, Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken, Trieb
+nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand. "Lebe glücklich",
+sagt' er. "Ich gehe; denn alles bewegt sich Jetzt auf Erden einmal, es
+scheint sich alles zu trennen. Grundgesetze lösen sich auf der festesten
+Staaten, Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer, Freund sich
+los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe. Ich verlasse dich hier;
+und wo ich jemals dich wieder Finde--wer weiß es? Vielleicht sind diese
+Gespräche die letzten. Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der
+Mensch hier auf Erden; Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder
+geworden. Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze; Gold
+und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen; Alles regt sich, als
+wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts Lösen in Chaos und Nacht sich
+auf, und neu sich gestalten. Du bewahrst mir dein Herz; und finden
+dereinst wir uns wieder Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute
+Geschöpfe, Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal. Denn was
+fesselte den, der solche Tage durchlebt hat! Aber soll es nicht sein, daß
+je wir, aus diesen Gefahren Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden
+wieder umfangen, Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken,
+Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist! Locket neue
+Wohnung dich an und neue Verbindung, So genieße mit Dank, was dann dir das
+Schicksal bereitet! Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich
+dankbar. Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf; Denn
+es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes. Heilig sei dir der
+Tag; doch schätze das Leben nicht höher Als ein anderes Gut, und alle
+Güter sind trüglich." Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder.
+Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung. Nun
+auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier Neu
+bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt. Oh, verzeih,
+mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich Haltend, bebe!
+So scheint dem endlich gelandeten Schiffer Auch der sicherste Grund des
+festesten Bodens zu schwanken."
+
+Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander. Aber der Bräutigam
+sprach mit edler männlicher Rührung: "Desto fester sei, bei der
+allgemeinen Erschüttrung, Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und
+dauern, Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum. Denn der
+Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der
+vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem
+Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Nicht dem Deutschen geziemt es,
+die fürchterliche Bewegung Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und
+dorthin. "Dies ist unser!" so laß uns sagen und so es behaupten! Denn
+es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen, Die für Gott und
+Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder Stritten und gegen den Feind
+zusammenstehend erlagen. Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als
+jemals. Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen,
+Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde Oder künftig, so
+rüste mich selbst und reiche die Waffen. Weiß ich durch dich nur
+versorgt das Haus und die liebenden Eltern, Oh, so stellt sich die Brust
+dem Feinde sicher entgegen. Und gedächte jeder wie ich, so stünde die
+Macht auf Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens."
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+Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Hermann und Dorathea" von Goethe.
+End of Project Gutenberg Etext "Hermann und Dorothea", by Goethe
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diff --git a/old/092000-2312-8.zip b/old/092000-2312-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..a3ab801
--- /dev/null
+++ b/old/092000-2312-8.zip
Binary files differ