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diff --git a/2312-0.txt b/2312-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ffc7346 --- /dev/null +++ b/2312-0.txt @@ -0,0 +1,2641 @@ +Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Hermann und Dorothea + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: October 6, 2019 [EBook #2312] +First posted: September, 2000 +Last updated: April 3, 2015 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA *** + + + + +Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly + + + + + +Hermann und Dorothea + +Johann Wolfgang Goethe + + + + +Inhalt: + +Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil +Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann +Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger +Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn +Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger +Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter +Siebenter Gesang: Erato. Dorothea +Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea +Neunter Gesang: Urania. Aussicht + + + + +Kalliope + +Schicksal und Anteil + + +"Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen! +Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig, +Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern. +Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder, +Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen. +Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen, +Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags. +Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend +Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe, +Leider, das überrheinische Land, das schöne, verlassend, +Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel +Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen wandern. +Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort +Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken, +Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen. +Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste! +Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich +Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher. +Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!" +So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte, +Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Löwen. + +Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau: +"Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand, +Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben, +Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne +Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden, +Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn. +Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert. +Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen, +Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert, +Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode." + +Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte: +"Ungern vermiß ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock, +Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder. +Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll +Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen, +Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze." + +"Siehe!" versetzte die Frau, "dort kommen schon einige wieder, +Die den Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein. +Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter +Glühen! und jeglicher führt das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab. +Möcht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht +Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten." + +Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: +"Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen, +Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist, +Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wölkchen zu sehen, +Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung. +Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon; +Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte." + +Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer +Und der Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben; +Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren +Rasch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar, +An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes, +Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt). +Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen, +Mancher Fabriken befliß man sich da, und manches Gewerbes. + +Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg +Über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend. +Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte: +"Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar +Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen, +Was sie draußen gesehn und was zu schauen nicht froh macht." + +Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar, +Setzten sich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg, +Staub von den Füßen schüttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fächelnd. +Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Grüßen, +Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrießlich: +"So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andre, +Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället! +Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt, +Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird. +Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen +Elend, und niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schicksal +Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, oder doch künftig. +Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen." + +Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr, +Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne. +Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis, +War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen, +Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung; +Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften. +Dieser sprach: "Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen +Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab; +Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft +Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet. +Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen, +Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge +Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, +Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße; +Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht. +In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte der Leichtsinn, +Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren +Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog. +Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren +Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt, +Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet; +Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden." + +Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau: +"Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen." + +"Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, +"Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren. +Und wer erzählet es wohl, das mannigfaltigste Elend! +Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen +Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel +Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen. +Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten, +War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen. +Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn, +Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei, +Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens. +Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe, +Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein +Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat, +Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich, +Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren +Durcheinander geladen, mit Übereilung geflüchtet. +Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke, +In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel. +Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig +Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung, +Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure zurückläßt. +Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt, +Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend: +Alte Bretter und Fässer, den Gänsestall und den Käfig. +Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend, +Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches; +Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe. +Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort, +Ordnungslos und verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine +Wünschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen. +Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder, +Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer, +Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren +Übergepackten Wagen auf Betten saßen und schwankten. +Aber, aus dem Gleise gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs +Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den Graben das Fuhrwerk, +Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die Menschen, +Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich. +Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen. +Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie +Unter der Last der Kisten und Schränke zerschmettert zu schauen. +Und so lag zerbrochen der Wagen und hülflos die Menschen; +Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber, +Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome. +Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten, +Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden +Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern, +Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube." + +Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt: +"Möge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden. +Ungern würd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers. +Schon von dem ersten Bericht so großer Leiden gerühret, +Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Überfluß, daß nur +Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt. +Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; +Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen, +Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist. +Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen. +Nie scheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort +Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen +Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben. +Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser." +Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung. + +Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines, +In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde, +Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins. +Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten +Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen. +Heiter klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers; +Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine, +Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten: + +"Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück +Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren. +Denn wer erkennet es nicht, daß seit dem schrecklichen Brande, +Da er so hart uns gestraft, er uns nun beständig erfreut hat +Und beständig beschützt, so wie der Mensch sich des Auges +Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist. +Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten? +Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren; +Sollt' er die blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger +Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet, +Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung vernichten?" + +Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: +"Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung; +Denn sie macht im Glücke verständig und sicher, im Unglück +Reicht sie den schönsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung." + +Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken: +"Wie begrüßt' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms, +Wenn ich, reisend nach meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte! +Immer schien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüte; +Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein liebliches Ufer +Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, +Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben. +Seht, so schützt die Natur, so schützen die wackeren Deutschen +Und so schützt uns der Herr; wer wollte töricht verzagen? +Müde schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden. +Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, gefeiert +Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel, +Und die Trompete schmettert, das hohe 'Te Deum' begleitend -- +Möge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer, +Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen, +Und das glückliche Fest, in allen den Landen begangen, +Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag! +Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig +Mir in dem Hause sich regt, nach außen langsam und schüchtern. +Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen; +Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen Gesellschaft +Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret." + +Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde +Fernes Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen, +Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg. + + + + +Terpsichore + +Hermann + + +Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat, +Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen +Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen +Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen enträtselt, +Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten: +"Kommt Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals +Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft. +Fröhlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben +Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen." + +Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten: +"Ob ich löblich gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat +Mich geheißen zu tun, so wie ich genau nun erzähle. +Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stücke zu suchen +Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen, +Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket. +Als ich nun endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam, +Strömte zurück die Menge der Bürger mit Weibern und Kindern, +Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen. +Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu, +Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten. +Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr, +Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gefüget, +Von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands, +Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen, +Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere, +Trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich. +Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen +Näher und sagte zu mir: 'Nicht immer war es mit uns so +Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket. +Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen, +Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen; +Aber mich dränget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe +Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers, +Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet. +Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie. +Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme, +Und mit wenigem nur vermögen die Unsern zu helfen, +Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken, +Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon vorüber. +Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr +Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen.' + +Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche +Wöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen: +'Guten Menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu, +Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht; +Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem +Jammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.' +Und ich löste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock +Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch. +Und sie dankte mit Freuden und rief: 'Der Glückliche glaubt nicht, +Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man +Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten +Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.' +Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand, +Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen. +'Eilen wir', sagte zu ihr die Jungfrau, 'dem Dorf zu, in welchem +Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält; +Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.' +Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus, +Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte, +Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen, +Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen +Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hier +Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte. +Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr +Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende: +'Gutes Mädchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine +Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide, +Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke, +Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens. +Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine +Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den Auftrag; +Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.' +Drauf versetzte das Mädchen: 'Mit aller Treue verwend ich +Eure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.' +Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens, +Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote, +Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes. +Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten. +Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so +Weiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu." + +Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar +Gleich das Wort und rief: "O glücklich, wer in den Tagen +Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt, +Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen! +Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heute +Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein. +Öfters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten +Sachen zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten +Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt. +Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafft wird. +Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt, +Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht groß ist. +Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von Hause. +Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich +Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten." + +"Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck, +"Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede. +Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im Unglück +Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen +Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird? +Lieber möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen; +Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes +Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück bevorsteht." + +Lächelnd sagte darauf der Vater: "So hör ich dich gerne! +Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen." + +Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein: +"Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel. +Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet, +Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen. +Montag morgens -- ich weiß es genau, denn Tages vorher war +Jener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte -- +Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute, +Heiß und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte. +Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern, +Auf den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen. +Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief +Eilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind. +Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte, +Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und das Haus war +Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit. +Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch, +Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend; +Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens +Mich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt, +Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen. +Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder +Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele. +Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen, +Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet, +Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüt noch. +Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daherstieg, +Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah, +Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte. +Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken +Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere. +Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig: +Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden. +Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und sagtest: +'Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen; +Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.' +Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen +Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe, +Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben. +Und du setztest mich nieder und küßtest mich und ich verwehrt' es. +Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten: +'Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen, +Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.' +Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter +Schicktest und schnell das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war. +Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebälkes +Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn; +Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten +Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben. +Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen +Auch ein Mädchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten +Und es wagtest zu frein im Krieg und über den Trümmern." + +Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte: +"Die Gesinnung ist löblich, und wahr ist auch die Geschichte, +Mütterchen, die du erzählst; denn so ist alles begegnet. +Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es, +Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen; +Nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere taten, +Oh, wie glücklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon +Wohlbestellt übergeben und der mit Gedeihen es ausziert! +Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. +Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird täglich +Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben. +Und so hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens +In das Haus die Braut mit schöner Mitgift hereinführst; +Denn ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen, +Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen +Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt. +Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter +Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe; +Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte, +Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück: +Denn sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben +Jenen Jüngling erfreun, der sie vor allen erwählt hat. +Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet, +Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet +Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat. +Nur wohl ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn; +Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet, +Und er hält sie als Magd, die als Magd mit dem Bündel hereinkam. +Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen. +Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich erfreuen, +Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest +Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen. +Reich ist der Mann fürwahr: sein Handel und seine Fabriken +Machen ihn täglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann? +Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein das Vermögen. +Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die zweite +Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben. +Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert, +Eins mir der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug." + +Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater: +"Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter +Unsers Nachbars zu wählen. Wir sind zusammen erzogen, +Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren Zeiten, +Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet. +Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen +Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele. +Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich ging auch zuzeiten +Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, hinüber; +Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen. +Denn sie tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen: +Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe +Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekräuselt. +Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene +Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen, +Und um die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt. +Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten, +Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch +Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten, +Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jüngste. +Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen, +Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt, +Angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche. +Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht. +Minchen saß am Klavier; es war der Vater zugegen, +Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune. +Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war, +Aber ich hörte viel von Pamina, viel von Tamino, +Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet, +Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen. +Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater +Sagte: 'Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?' +Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Mädchen, +Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte. +Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher +Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten. +Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause, +Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter +Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle. +Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos, +Und ich höre, noch heiß' ich bei ihnen immer Tamino." + +Da versetzte die Mutter: "Du solltest, Hermann, so lange +Mit den Kindern nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich. +Minchen fürwahr ist gut und war dir immer gewogen; +Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wählen!" + +Da versetzte bedenklich der Sohn: "Ich weiß nicht, es prägte +Jener Verdruß sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht +Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen." + +Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte: +"Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer, +Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker: +Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes, +Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren, +Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte. +Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter, +Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals +Wie den andern gelang und du immer der Unterste saßest. +Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen +Eines Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will. +Hätte mein Vater gesorgt für mich, so wie ich für dich tat, +Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten, +Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen Löwen!" + +Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe, +Langsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet, +Rief ihm nach: "So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf! +Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte; +Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen +Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle! +Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, +Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden +Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln. +Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich +Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen! +Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten, +Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln, +Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!" Da drückte +Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube. + + + + +Thalia + +Die Bürger + + +Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede; +Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen -- +"Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich +Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen, +Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Beßrer. +Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nicht immer +Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen +Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland! +Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen +Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat, +Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung! +Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, +Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. +Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben +Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, +Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, +Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue +Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. +Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, +Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, +Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet. +Darum hab ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen +Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt +Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. +Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht, +Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren. +Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore +Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche? +Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten, +Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und Sicherheit bringen, +Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei, +Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande? +Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall, +Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet, +Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt +Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen. +So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates. +Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau +Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet. +Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln! +Denn die einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur, +Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen. +Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben." + +Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter: +"Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und +So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet. +Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen; +So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, +Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. +Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben; +Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise +Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten; +Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt, +Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern, +Und im Rate gewiß, ich seh es voraus, nicht der Letzte. +Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen +Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast." +Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach, +Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten +Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es. + +Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater: +"Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder! +Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben, +Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln. +Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten: +Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es." + +Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig: +"Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer +Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist; +Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat, +Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern? +Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er +Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel, +Das Bedürfnis zu groß; so wird er immer gehindert. +Manches hätt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten +Solcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten! +Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen, +Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster; +Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen +Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben? +Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen +Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt! +Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln die Scheiben, +Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes! +Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten, +Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Löwe. +So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, und +Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen +Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen. +Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte, +Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht, +Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes +Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge +Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen. +Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert, +Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren +Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten. +Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich +Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll, +Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke. +Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung +Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten. +Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen; +Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat; +Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste, +Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen? +Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder, +Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen +Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet; +Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung." + + + + +Euterpe + +Mutter und Sohn + + +Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter +Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen, +Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war. +Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen, +Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte, +Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute. +Und es sagte der Knecht: "Er ist in den Garten gegangen." +Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe, +Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen, +Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens +Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums, +Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste +Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige, +Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg; +Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens. +Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen, +Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da, +Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte. +Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube, +Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen +Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister. +Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber, +Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg +Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret. +Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben +Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen. +Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang, +Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten. +Und es hingen herein Gutedel und Muskateller, +Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe, +Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren. +Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke, +Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt. +Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend +Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel +Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt, +Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden +Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird. +Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen +Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam, +Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang. +Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals. +Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die Sorge +Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall. +Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden; +Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs +Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein, +Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte. +Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute +Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes, +Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte. +Zwischen den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad, +Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel +Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten. +Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend +Weit und breit gesehn und berühmt die Früchte des Baumes. +Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag +Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten; +Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen. +Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte, +Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen +Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken. +Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter. +Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge. + +"Mutter", sagt' er betroffen, "Ihr überrascht mich!" Und eilig +Trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles. +"Wie? du weinest, mein Sohn?" versetzte die Mutter betroffen; +"Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren! +Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen +Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins Auge?" + +Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte: +"Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo +Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet; +Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich +Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert. +Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir; +Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite +Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt, +Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen +Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen. +Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines +Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge +Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht! +Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend +Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge +Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge. +Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben? +Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall? +Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrießt mich, +Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas +Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur, +Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe; +Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne +An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft? +Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen +Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben +Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben. +Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen, +An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden, +Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten +Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren, +Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen! +Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen, +Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig; +Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste. +Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus +Geh ich gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern +Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen. +Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir +Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!" + +Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter, +Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge: +"Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüte, +Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer, +Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist? +Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich +Höchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen, +Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden. +Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser. +Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken. +Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete, +Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen; +Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist, +Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen. +Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?" + +Ernsthaft sagte der Sohn: "Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist +Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne; +Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Geräusche +Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat. +Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir +Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill, +Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern; +Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket. +Alles, fühl ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten. +Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich +Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. +Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich +Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke, +Meinem Vaterland hülfreich zu sein und schrecklich den Feinden. +Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur +Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen. +Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche +Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn. +Denn ich weiß es recht wohl: der einzelne schadet sich selber, +Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben." + +"Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter, +"Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste! +Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte, +Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege; +Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt +Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen. +Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist, +Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern, +Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen." + +Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte, +Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet: +"Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen, +Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage. +Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, und niemand +Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten +Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten. +Vieles hab ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet, +Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten; +Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen: +Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags +Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte, +Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks, +Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward: +Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wüten +Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen, +Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen +Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen. +Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden, +Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm, +Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward, +Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen. +Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich, +Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat, +Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter, +Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern. +Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen, +Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen, +Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen. +Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne, +Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen. +Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen, +Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten, +Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter! +Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel +Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache, +Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon +Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne, +Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte: +Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und +Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt; +Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin." + +Da antwortete drauf die gute Mutter verständig: +"Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen, +Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens +Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde, +Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer +Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen. +Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir: +Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte +Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten, +Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten. +Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet, +Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich. +Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: +Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast." + +"Liebe Mutter, Ihr sagt's!" versetzte lebhaft der Sohn drauf. +"Ja, sie ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause +Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer +In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn. +Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung +Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar. +Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider; +Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen. +Denn es löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande, +Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßt +Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt; +Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater, +Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn. +Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt. +Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen, +Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen +Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre." + +Da versetzte behend die gute verständige Mutter: +"Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander! +Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern, +Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. +Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem +Herzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe, +Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat. +Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus, +Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. +Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen; +Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische, +Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt, +Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf +Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern +Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber. +Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche +Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. +Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist +Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte. +Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur, +Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt +Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen." + +Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend, +Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide +Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend. + + + + +Polyhymnia + +Der Weltbürger + + +Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen, +Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte, +Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe, +Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward. +Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf: +"Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll +Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch +Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue. +Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen +Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten +Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist. +Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig. +Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig; +Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal. +Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und rastlos +Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde +Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreuet, +Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft; +Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger, +Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet +Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. +Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden, +Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme +Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret. +Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen, +Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes. +Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde, +Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen; +Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke. +Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab! +Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen +Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart! +Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket; +Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter, +Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend, +Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen. +Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen +Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet." + +Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein, +Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend. +"Vater", sprach sie, "wie oft gedachten wir, untereinander +Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig +Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute! +Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes +Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze. +Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel +Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden. +Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen? +Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft +Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen! +Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden. +Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet. +Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande." + +Und es sagte der Sohn: "Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat +Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter." + +Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf, +Nahm das Wort und sprach: "Der Augenblick nur entscheidet +Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke; +Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur +Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte. +Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenes +Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren. +Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte +Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem. +Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch. +Seid nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet, +Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht +Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget. +Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben +Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten. +Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten, +Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat. +Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht, +Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet! +Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden. +Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling. +Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses, +Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben." + +Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig, +Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war: +"Laßt uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten! +Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise. +Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen, +Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen: +Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite. +Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen, +Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist. +Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen." + +Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten: +"Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche, +Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde; +Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen. +Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen, +Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift, +Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken. +Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges, +Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude +Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben. +Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend? +Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet. +Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste, +Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück vergessend, +Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich. +Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten; +Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn +Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin, +Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?" + +Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf: +"Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde +Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte! +Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist: +Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter +Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt, +Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann. +Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hülf' es? +Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus. +Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter +Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen!" + +Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde: +"Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret, +Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt. +Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen. +Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und Mutter +Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder +Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde +Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten, +Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit, +Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung, +Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen." +Und so ging er hinaus, indessen manches die andern +Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen. + +Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste +Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten +Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen. +Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an, +Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen +Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel, +Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon +Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend. +Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern +Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. +Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg. +Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen, +Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurücke, +Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme. +So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu, +Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter. +Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte +Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser, +Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde. + +Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet, +Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt, +War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender Anger +Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. +Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen. +Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke, +Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll, +Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich. +Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die Pferde +Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte: +"Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret, +Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete. +Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes; +Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin, +Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal. +Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen; +Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar. +Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider: +Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen, +Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; +Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet, +Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut; +Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund; +Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt; +Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an +Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel. +Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten: +Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht, +Sondern befraget die andern und hört, was sie alles erzählen. +Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter, +Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre. +Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren." + +Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu, +Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen +Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand. +Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an den Wagen, +Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber, +Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches. +Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere, +Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher, +Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten; +Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. +Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen +Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber, +Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter, +Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse, +Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohte. +"Hat uns", rief er, "noch nicht das Unglück also gebändigt, +Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden +Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt? +Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden +Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern? +Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet, +Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!" + +Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich +Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen. +Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen +Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte, +Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte: +"Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt, +Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut +Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert, +Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste +Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander, +Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten: +Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort. +Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens, +Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um, +Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung, +Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte: +Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei, +Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens. +Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter von diesen +Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt? +Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer, +Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet. +Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses." + +Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter: +"Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten, +Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine. +Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat, +Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten. +Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter +Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig. +Oh, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen, +Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche +Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer." + +Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war +Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte, +Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm: +"Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen. +Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme +Wieder, sobald ich sie finde." Es nickte der Pfarrer dagegen, +Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher. + + + + +Klio + +Das Zeitalter + + +Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte, +Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben, +Sagte der Mann darauf: "Nicht kurz sind unsere Leiden; +Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre getrunken, +Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward. +Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben, +Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen, +Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob, +Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei, +Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit! +Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich +Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte, +Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt. +Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen +Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen +Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente? +Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft, +Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind? +Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache? + +Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet. +Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken +Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen. +Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele +Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit, +Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung. +Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter, +Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte. +So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken, +Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm Beginnen, +Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut. +Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges; +Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne, +Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen. + +Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam +Schwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend! +Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste, +Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte. +Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen die Greise, +Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles. + +Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft +Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen. +Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen +Nachbarn und Brüder und sandten die eigennützige Menge. +Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen, +Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen; +Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen. +Allzu groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung; +Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages. +Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gelaßnes Gemüt an, +Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen +Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung. +Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen, +Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke. +Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges! +Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's, +Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der seine, +Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet. +Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab +Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter. +Dann ist sein Gemüt auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung +Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen. +Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde +Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen. +Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten +Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers. + +Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun, +Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste. +Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings +Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke. +Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke, +Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. +Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung +Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense. +Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung; +Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche. +Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung +Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick. +Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren! +Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, +Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb." + +"Trefflicher Mann!" versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck, +"Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten; +Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen! +Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen, +Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet. +Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen, +Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen, +Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott." + +Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter. +"Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses +Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert, +Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt. +Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich; +Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes. +Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen +Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis. +Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen, +Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde, +Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen; +Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich +Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte. +Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird, +Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes. +Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen, +Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau, +Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb; +Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen. +Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels, +Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen. +Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau +Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen. +Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos +Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen. +Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel, +Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen. +Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen, +Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode. +Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet." + +Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen, +Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf, +Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten? +Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde? +Aber da trat herbei der Apotheker behende, +Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte: +"Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden, +Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen; +Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!" +Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter +Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten. +Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr +An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig. +"Seht Ihr", sagt' er, "das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt, +Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen +Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat. +Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke. +Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle; +Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen, +Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; +Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet +Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut; +Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund, +Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt; +Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe +Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen +Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel. +Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen, +Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen." + +Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend: +"Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder, +Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe. +Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab! +Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling. +Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen, +Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet. +Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden, +Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert, +Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht. +So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele +Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter." + +Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich: +"Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen, +Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden: +'Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret, +Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser, +Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.' +Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun, +Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen." + +"Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend; +"Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich." +Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen, +Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam. +Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht: +"Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier +Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt +Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward. +Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine. +Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht." + +Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat, +Sagt' er: "Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte +Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet, +Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte -- +Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren, +Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten +Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß +Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren. +Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen +Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten +Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben, +Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand; +Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke." +Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten, +Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels +War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet, +Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn), +Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: "Teilet den Pfennig +Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!" +Doch es weigerte sich der Mann und sagte: "Wir haben +Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen, +Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist." + +Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein: +"Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand +Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten! +Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet; +Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht +Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret." + +"Ei doch!" sagte darauf der Apotheker geschäftig, +"Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben, +Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's. +Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen +Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt." +Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel +An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war, +Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen. +"Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß. +"Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen." +Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster. + +Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter. +"Eilen wir!" sprach der verständige Mann; "es wartet der Jüngling +Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft." +Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet +An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften +Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken, +Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher, +Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben. +Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen; +Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr +Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg: +"Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues +Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend! +Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen, +Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen, +Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute." + +Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude +Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich, +Seufzete tief und sprach: "Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk, +Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause; +Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen, +Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt. +Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen, +Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht? +Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam +Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an. +Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte +Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen? +Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe? +Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung +Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte, +Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat +Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen. +Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet." + +Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon; +Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein: +"Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen, +Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward. +Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen, +Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen; +Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern +Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze +Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte, +Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst +Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend. +Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet, +Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war. +Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte +Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären. +Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich. +Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer +In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste; +Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar, +Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen. +Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen +Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber. +Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen, +Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!" + +"Sei es, wie ihm auch sei!" versetzte der Jüngling, der kaum auf +Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen; +"Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren +Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen +Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat. +Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich. +Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal +Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen; +Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern +Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret; +Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich +Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. +Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet +Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren, +Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen. +Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel +An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter +Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute +Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine +Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder." + +Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel, +Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend, +Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte. + +Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest: +"Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an; +Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret, +Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt." +Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest: +"Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele; +Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen, +Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen. +Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken, +Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich +Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch, +Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden, +Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt." + +Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen, +Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet; +Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles. +Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen. +Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben, +Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken. + + + + +Erato + +Dorothea + + +Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne +Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte, +Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens +Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet, +Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben: +So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens +Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen. +Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam +Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder +Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen. +Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es +Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel +Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen. +Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick +Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also: +"Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt, +Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen? +Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt, +Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen? +Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten. +Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?" + +Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling, +Sprach: "So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet, +Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat; +Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich. +Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen, +Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten. +Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen, +Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt, +Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen +Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen +Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern. +Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle +Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt; +Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis +Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er." + +Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter +Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten +Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen; +Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über. +Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels +Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel. +"Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling; +Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich +Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde: +"Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde +Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?" + +Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke +Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge, +Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen, +Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe, +Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden. +Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen: +"Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. +Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen? +Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern +Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten +Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach. +Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause +Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft. +Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde +Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau, +Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen. +Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause, +Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe, +An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen. +Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit, +Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder, +Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen, +Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde +Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen, +Was sie wünschen wie ich. -- Verzeih mir die stotternde Rede." + +"Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, "das Weitre zu sprechen; +Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden. +Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken: +Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter, +Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht; +Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden, +Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte. +Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein. +Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals. +Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder +Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung; +Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden. +Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat +Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln, +Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen +Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen: +Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder +Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht! +Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren +Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne; +Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe. +Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden +Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten. +Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen." + +Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung, +Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen. +Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen, +In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst. +Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens; +Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten. + +"Laßt uns", fuhr sie nun fort, "zurücke kehren! Die Mädchen +Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen; +Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen." +Also standen sie auf und schauten beide noch einmal +In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie. + +Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel, +Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben. +Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen. +"Laßt ihn", sprach sie; "es trägt sich besser die gleichere Last so. +Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen. +Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich! +Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung! +Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, +Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret. +Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern, +Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen +Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre. +Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer +Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, +Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt, +Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern! +Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle, +Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret +Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen. +Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, +Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn." + +Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter +Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune, +Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen, +Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld. +Beide traten hinein; und von der anderen Seite +Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein. +Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren; +Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte. +Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen, +Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen! +Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich, +Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken. +Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder, +Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter. +Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; +Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen. + +Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte: +"Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch +Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze: +Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt, +Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet, +Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes, +Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet. +Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben. +Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern +Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich +Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist. +Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken, +Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise. +Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen, +Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern; +Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen, +Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen. +Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling, +Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet. +Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet +Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt. +Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln, +Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte, +Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet! +Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter, +"Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!" + +Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder, +Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel. +Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann: +"Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen, +Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind. +Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde, +So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet; +Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist, +Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen, +Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein +Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen. +Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet, +Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist. +Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt, +Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter." + +Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte, +Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend. +Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann +Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken. +Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin: +"Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen." +Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte: +"Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen." +Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber. +Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie. +Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen +Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen. +Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend: +"Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten +Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte, +Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug, +Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten." +Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie +Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern. + + + + +Melpomene + +Hermann und Dorothea + + +Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, +Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte, +Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken +Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. +"Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa +Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte." +Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes, +Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte. +Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde: +"Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke, +Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut! +Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, +Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; +Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, +Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen, +Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat. +Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?" + +Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling: +"Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen, +Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest! +Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen, +Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm, +Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg. +Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen; +Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen, +Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest. +Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch. +Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos, +Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle. +Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches +Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist; +Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen. +Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben, +Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, +Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, +Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein." + +Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte +Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: +"Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen; +Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen, +Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. +Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten +Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger +Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen. +Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich +Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen +Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. +Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, +Was von Herzen mir geht -- ich will es dem Alten erzeigen. +Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen, +Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?" + +Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. +Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; +Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. +Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander +Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte. +Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten +Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, +Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen. +Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet, +Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend: +"Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!" +Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde +Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen, +Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen. +Also saßen sie still und schweigend nebeneinander. +Aber das Mädchen begann und sagte: "Wie find ich des Mondes +Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich. +Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe, +An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben." + +"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling, +"Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe, +Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache, +Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause. +Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. +Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen. +Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten +Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber, +Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond." +Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin, +Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend; +Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel. + +Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter, +Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang. +Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände; +Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie, +Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ. +Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing; +Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, +Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen. +Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus, +Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter, +Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er, +Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt, +Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. +Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens +Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet, +Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes. + +Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: +"Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute +Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt. +Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet! +Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln +Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest." + + + + +Urania + +Aussicht + + +Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt, +Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet, +An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt: +Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden, +Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn! +Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet! + +Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder +Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen, +Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes; +Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren; +Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen, +Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet. + +"Mache nicht schlimmer das Übel!" versetzt' unmutig der Vater; +"Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs." + +Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen: +"Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde +Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel +Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb +Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen." +"Sagt", versetzte der Pfarrer, "welch Kunststück brauchte der Alte?" +"Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken", +Sagte der Nachbar darauf. "Als Knabe stand ich am Sonntag +Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend, +Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden. +Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, +Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe. +Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische, +Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen. +Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich +Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme, +Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte: +'Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt? +Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge, +Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden. +Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen, +Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen +Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden; +Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber, +Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt, +Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.' +Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen, +Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet, +Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche. +Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung +Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken." + +Lächelnd sagte der Pfarrer: "Des Todes rührendes Bild steht +Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. +Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln; +Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung; +Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht +Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen. +Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters +Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises +Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!" + +Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich, +Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten +Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar; +Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten +Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle. +Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten. +"Hier ist", sagt' er, "ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet. +Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe +Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft, +Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden." +Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite, +Sagte: "Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis +Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre. +Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben, +Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte, +Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat. +Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum +Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage. +Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!" +Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft. +Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters +Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte +Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen: +"Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat +Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen. +Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste +In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es. +Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen, +Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt. +Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung? +Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen." + +Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder +Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal. + +Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten, +Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen, +Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken +Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen, +Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend: +"Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet, +Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers; +Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne, +Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen. +Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen, +Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist; +Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen, +Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei. +Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein, +Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht; +Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis. +Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen, +Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?" + +Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde, +Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum. +Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens +Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge. +Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen, +Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens. +Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten: +"Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands, +Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest, +Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten; +Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres, +Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort. +Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege, +Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit; +Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie: +Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt, +Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt, +Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet, +Mit der Kinder roher und übermütiger Unart: +Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen +Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken. +Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters +Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt, +Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle." + +Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen, +Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle +Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang, +Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen: +"Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten +Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien +Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt. +Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden? +Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung. +Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge. +Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte +Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend. +Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben; +Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen, +Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend. +Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen, +Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen. +Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich +Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet, +Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte +Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen. +Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer +In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens, +Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren. +Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines +Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. +Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben. +Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen) +Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen, +Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze. +Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich +Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen. +Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist +Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre. +Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet, +Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke. +Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend, +Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet; +Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen? +Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis +Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar. +Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger +Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe, +Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung. +Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken, +Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern, +Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt, +Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen +Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde. +Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin, +Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden. +Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen." + +Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend, +Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend. +Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen, +Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend: +"Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen? +Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte." +Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen, +Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte: +"Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden, +Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages! +Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber, +Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet, +Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten. +Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen +Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette." +Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen, +Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. +Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte: +"Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen! +Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen, +Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat. +Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache. +Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze! +Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren, +Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit." + +Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte: +"Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis +Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte? +Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden? +Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?" +Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte: +"Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen; +Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine. +Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen, +Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben. +Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung +Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge, +Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest. +Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes. +Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!" +Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling +Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude, +Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung +Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet. + +Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret. +Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut +Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend, +Sprach: "Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen, +Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude. +Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses +Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden! +Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war, +Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet, +Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!" + +Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend. +Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich, +Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen. + +Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr +Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring +(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten), +Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder, +Sprach: "Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung, +Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten. +Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen +Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling erwünscht ist. +Also verlob' ich euch hier und segn' euch künftigen Zeiten, +Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes." + +Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar. +Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun +Steckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderen staunend, +Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet. +Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten: +"Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der erste +Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!" + +Aber sie sagte darauf. "Oh, laßt mich dieser Erinnrung +Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute, +Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zurückkam. +Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit, +Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken, +Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand. +'Lebe glücklich', sagt' er. 'Ich gehe; denn alles bewegt sich +Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen. +Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten, +Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer, +Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe. +Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder +Finde -- wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten. +Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden; +Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden. +Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze; +Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen; +Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts +Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten. +Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder +Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfe, +Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal. +Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat! +Aber soll es nicht sein, daß je wir, aus diesen Gefahren +Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen, +Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken, +Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist! +Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung, +So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet! +Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar. +Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf; +Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes. +Heilig sei dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höher +Als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.' +Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder. +Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung. +Nun auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier +Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt. +Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich +Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer +Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken." + +Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander. +Aber der Bräutigam sprach mit edler männlicher Rührung: +"Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschüttrung, +Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern, +Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum. +Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, +Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; +Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. +Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung +Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin. +'Dies ist unser!' so laß uns sagen und so es behaupten! +Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen, +Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder +Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen. +Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals. +Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen, +Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde +Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen. +Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern, +Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen. +Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf +Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens." + + + + + + +End of Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA *** + +***** This file should be named 2312-0.txt or 2312-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/1/2312/ + +Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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