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+ <title>Ideen zu einer Physiognomik der Gew&auml;chse</title>
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+<pb n="3"/><anchor id="Pg3"/>
+<p>
+Wenn der Mensch mit regsamem Sinne die Natur
+durchforscht, oder in seiner Phantasie die weiten
+Räume der organischen Schöpfung misst, so wirkt unter
+den vielfachen Eindrücken, die er empfängt, keiner
+so tief und mächtig als der, welchen die allverbreitete
+Fülle des Lebens erzeugt. Ueberall, selbst
+am beeisten Pol, ertönt die Luft von dem Gesange der
+Vögel, wie von dem Sumsen schwirrender Insecten.
+Nicht die unteren Schichten allein, in welchen die
+verdichteten Dünste schweben, auch die oberen ätherischreinen,
+sind belebt. Denn so oft man den Rücken
+der Peruanischen Cordilleren, oder, südlich vom
+Leman-See, den Gipfel des Weissen-Berges bestieg,
+hat man selbst in diesen Einöden noch Thiere entdeckt.
+Am Chimborazo, sechsmal höher als der Brocken,
+sahen wir Schmetterlinge und andere geflügelte
+Insecten. Wenn auch, von senkrechten Luftströmen
+getrieben, sie sich dahin, als Fremdlinge, verirrten,
+wohin unruhige Forschbegier des Menschen sorgsame
+Schritte leitet; so beweiset ihr Daseyn doch, dass die
+biegsamere animalische Schöpfung ausdauert, wo die
+vegetabilische längst ihre Grenze erreicht hat. Höher,
+<pb n="4"/><anchor id="Pg4"/>
+als der Kegelberg von Teneriffa auf den Aetna gethürmt;
+höher, als alle Gipfel der Andeskette, schwebte
+oft über uns der Cundur, der Riese unter den Geiern.
+Raubsucht und Nachstellung der zartwolligen
+Vikunnas, welche gemsenartig und heerdenweise in
+den beschneiten Grasebenen schwärmen, locken den
+mächtigen Vogel in diese Region.
+</p>
+<p>
+Zeigt nun schon das unbewafnete Auge den ganzen
+Luftkreis belebt, so enthüllt noch grössere Wunder
+das bewafnete Auge. Räderthiere, Brachionen,
+und eine Schaar mikroskopischer Geschöpfe heben die
+Winde aus den troknenden Gewässern empor. Unbeweglich
+und in Scheintod versenkt, schweben sie vielleicht
+jahrelang in den Lüften, bis der Thau sie zur
+Erde zurükführt, die Hülle löst, die ihren durchsichtigen
+wirbelnden Körper einschliesst, und (wahrscheinlich
+durch den Lebensstoff, den alles Wasser
+enthält) den Organen neue Erregbarkeit einhaucht.
+</p>
+<p>
+Neben den entwickelten Geschöpfen trägt der
+Luftkreis auch zahllose Keime künftiger Bildungen,
+Insecten-Eier und Eier der Pflanzen, die durch Haar-
+und Feder-Kronen zur langen Herbstreise geschikt
+sind. Selbst den belebenden Staub, den, bei getrennten
+Geschlechtern, die männlichen Blüthen ausstreuen,
+tragen Winde und geflügelte Insecten über Meer und
+Land den einsamen weiblichen zu. Wohin der Blick
+des Naturforschers dringt, ist Leben, oder Keim zum
+Leben, verbreitet.
+</p>
+<p>
+Dient aber auch das bewegliche Luftmeer, in das
+wir getaucht sind, und über dessen Oberfläche wir
+<pb n="5"/><anchor id="Pg5"/>
+uns nicht zu erheben vermögen, vielen organischen
+Geschöpfen zur nothwendigsten Nahrung; so bedürfen
+dieselben dabei doch noch einer gröberen Speise,
+welche nur der Boden dieses gasförmigen Oceans darbietet.
+Dieser Boden ist zwiefacher Art. Den kleineren
+Theil bildet die trockene Erde, unmittelbar von
+Luft umflossen; den gröxseren Theil bildet das Wasser,
+vielleicht einst vor Jahrtausenden durch elektrisches
+Feuer aus luftförmigen Stoffen zusammengeronnen,
+und jezt unaufhörlich in der Werkstatt der Wolken,
+wie in den pulsirenden Gefässen der Thiere und Pflanzen,
+zersezt.
+</p>
+<p>
+Unentschieden ist es, wo grössere Lebensfülle
+verbreitet sey; ob auf dem Continent, oder in dem
+unergründeten Meere. In diesem erscheinen gallertartige
+Seegewürme, bald lebendig, bald abgestorben,
+als leuchtende Sterne. Ihr Phosphorlicht wandelt die
+grünliche Flache des unermesslichen Ozeans in ein
+Feuermeer um. Unauslöschlich wird mir der Eindruck
+jener stillen Tropen-Nachte der Südsee bleiben,
+wo aus der duftigen Himmelsbläue das hohe Sternbild
+des Schiffes und das gesenkt untergehende Kreuz ihr
+mildes planetarisches Licht ausgossen, und wo zugleich
+in der schäumenden Meeresfluth die Delphine
+ihre leuchtenden Furchen zogen.
+</p>
+<p>
+Aber nicht der Ozean allein, auch die Sumpfwasser
+verbergen zahllose Gewürme von wunderbarer Gestalt.
+Unserem Auge fast unerkennbar sind die Cyclidien,
+die gefranzten Trichoden und das Heer der Naiden,
+theilbar durch Aeste, wie die Lemna, deren
+<pb n="6"/><anchor id="Pg6"/>
+Schatten sie suchen. Von mannichfaltigen Luftgemengen
+umgeben, und mit dem Lichte unbekannt, athmen:
+die geflekte Askaris, welche die Haut des Regenwurms,
+die silberglänzende Leukophra, welche das
+Innere der Ufer·Naide, und der Echynorynchus, welcher
+die weitzellige Lunge der tropischen Klapperschlange
+bewohnt. So sind auch die verborgensten
+Bäume der Schöpfung mit Leben erfüllt. Wir wollen
+hier bescheiden bei den Geschlechtern der Pflanzen
+verweilen; denn auf ihrem Daseyn beruht das Daseyn
+der thierischen Schöpfung. Unablässig sind sie bemüht,
+den rohen Stoff der Erde organisch an einander zu
+reihen, und vorbereitend, durch lebendige Kraft, zu
+mischen, was nach tausend Umwandlungen zur regsamen
+Nervenfaser veredelt wird. Derselbe Blick,
+den wir auf die Verbreitung der Pflanzendecke heften,
+enthüllt uns die Fülle des thierischen Lebens, das von
+jener genährt und erhalten wird.
+</p>
+<p>
+Ungleich ist der Teppich gewebt, den die blüthenreiche
+Flora über den nakten Erdkörper ausbreitet;
+dichter, wo die Sonne höher an dem nie bewölkten
+Himmel emporsteigt; lockerer gegen die trägen
+Pole hin, wo der wiederkehrende Frost bald die entwickelte
+Knospe tödtet, bald die reifende Frucht erhascht.
+Doch überall darf der Mensch sich der nährenden
+Pflanzen erfreuen. Trennt im Meeresboden
+ein Vulkan die kochende Fluth, und schiebt plözlich
+(wie einst zwischen den griechischen Inseln) einen
+schlackigen Fels empor; oder erheben (um an eine
+friedlichere Naturerscheinung zu erinnern) die einträchtigen
+<pb n="7"/><anchor id="Pg7"/>
+Nereiden ihre zelligen Wohnungen, bis sie
+nach Jahrtausenden über den Wasserspiegel hervorragend,
+absterben, und ein flaches Corallen-Eiland bilden:
+so sind die organischen Kräfte sogleich bereit,
+den todten Fels zu beleben. Was den Saamen so
+plözlich herbeiführt: ob wandernde Vögel, oder Winde,
+oder die Wogen des Meeres; ist bei der grossen
+Entfernung der Küsten schwer zu entscheiden. Aber
+auf dem nakten Steine, sobald ihn zuerst die Luft
+berührt, bildet sich in den nordischen Ländern ein
+Gewebe sammtartiger Fasern, die dem unbewafneten
+Auge als farbige Flecken erscheinen. Einige sind
+durch hervorragende Linien bald einfach bald doppelt
+begränzt; andere sind in Furchen durchschnitten und
+in Fächer getheilt. Mit zunehmendem Alter verdunkelt
+sich ihre lichte Farbe. Das fernleuchtende
+Gelb wird braun, und das bläuliche Grau der Leprarien
+verwandelt sich nach und nach in ein staubartiges
+Schwarz. Die Gränzen der alternden Decke fliessen
+in einander, und auf dem dunkeln Grunde bilden sich
+neue zirkelrunde Flechten von blendender Weisse.
+So lagert sich schichtenweise ein organisches Gewebe
+auf das andere; und wie das sich ansiedelnde Menschengeschlecht
+bestimmte Stufen der sittlichen Kultur
+durchlaufen muss, so ist die allmählige Verbreitung
+der Pflanzen an bestimmte physische Geseze gebunden.
+Wo jezt hohe Waldbäume ihre Gipfel luftig erheben,
+da überzogen einst zarte Flechten das erdenlose Gestein.
+Laubmoose, Gräser, krautartige Gewächse und
+Sträucher, füllen die Kluft der langen aber ungemessenen
+<pb n="8"/><anchor id="Pg8"/>
+Zwischenzeit aus. Was im Norden Flechten
+und Moose, das bewirken in den Tropen <hi rend="italic">Portulacca</hi>,
+<hi rend="italic">Gomphrenen</hi> und andere niedrige Uferpflanzen. Die
+Geschichte der Pflanzendecke, und ihre allmählige
+Ausbreitung über die öde Erdrinde, hat ihre Epochen,
+wie die Geschichte des spätern Menschengeschlechts.
+</p>
+<p>
+Ist aber auch Fülle des Lebens überall verbreitet;
+ist der Organismus auch unablässig bemüht, die durch
+den Tod entfesselten Elemente zu neuen Gestalten zu
+verbinden: so ist diese Lebensfülle und ihre Erneuerung
+doch nach Verschiedenheit der Himmelsstriche
+verschieden. Periodisch erstarrt die Natur in der kalten
+Zone; denn Flüssigkeit ist Bedingniss zum Leben.
+Thiere und Pflanzen (Laubmoose und andre Cryptogamen
+abgerechnet) liegen hier viele Monate hindurch
+im Winterschlaf vergraben. In einem grossen Theile
+der Erde haben daher nur solche organische Wesen
+sich entwickeln können, welche einer beträchtlichen
+Entziehung von Wärmestoff widerstehen, oder einer
+langen Unterbrechung der Lebensfunctionen fähig sind.
+Je näher dagegen den Tropen, desto mehr nimmt Mannichfaltigkeit
+der Bildungen, Anmuth der Form und
+des Farbengemisches, ewige Jugend und Kraft des organischen
+Lebens zu.
+</p>
+<p>
+Diese Zunahme kann leicht von denen bezweifelt
+werden, welche nie unsern Welttheil verlassen, oder
+das Studium der allgemeinen Erdkunde vernachlässigt
+haben. Wenn man aus unsern dicklaubigen Eichenwäldern
+über die Alpen oder Pyrenäen-Kette nach
+Welschland oder Spanien hinabsteigt; wenn man gar
+<pb n="9"/><anchor id="Pg9"/>
+seinen Blick auf die afrikanischen Küstenländer des
+Mittelmeeres richtet: so wird man leicht zu dem
+Fehlschlusse verleitet, als sei Baumlosigkeit der Charakter
+heisser Klimate. Aber man vergisst, dass das
+südliche Europa eine andere Gestalt hatte, als pelasgische
+oder carthagischc Pflanzvölker sich zuerst darinn
+festsezten; man vergisst, dass frühere Bildung des
+Menschengeschlechts die Waldungen verdrängt, und
+dass der umschaffende Geist der Nazionen der Erde allmählig
+den Schmuck raubt, der uns in dem Norden
+erfreut, und der (mehr, als alle Geschichte) die Jugend
+unserer sittlichen Kultur anzeigt. Die grosse Katastrophe,
+durch welche das Mittelmeer sich gebildet,
+indem es, ein anschwellendes Binnenwasser, die
+Schleusen der Dardanellen und die Säulen des Herkules
+durchbrochen, diese Katastrophe scheint die angränzenden
+Länder eines grossen Theils ihrer Dammerde
+beraubt zu haben. Was bei den griechischen
+Schriftstellern von den Samothracischen Sagen erwähnt
+wird, deutet die Neuheit dieser zerstörenden Naturveränderung
+an. Auch ist in allen Ländern, welche
+das Mittelmeer begränzt, und welche die Kalkformation
+des Jura charakterisirt, ein grosser Theil der Erdoberfläche
+nackter Fels, Das Mahlerische italienischer
+Gegenden beruht vorzüglich auf diesem lieblichen
+Kontraste zwischen dem unbelebten öden Gestein
+und der üppigen Vegetation, welche inselförmig darinn
+aufsprosst. Wo dieses Gestein, minder zerklüftet,
+die Wasser auf der Oberfläche zusammen hält,
+wo diese mit Erde bedeckt ist, (wie an den reizenden
+<pb n="10"/><anchor id="Pg10"/>
+Ufern des Albaner Sees) da hat selbst Italien seine
+Eichenwälder, so schattig und grün, als der Bewohner
+des Norden sie wünscht.
+</p>
+<p>
+Auch die Wüsten jenseits des Atlas, und die unermesslichen
+Ebenen oder Steppen von Süd-Amerika,
+sind als blosse Lokalerscheinungen zu betrachten. Diese
+findet man, in der Regenzeit wenigstens, mit Gras
+und niedrigen, fast krautartigen, Mimosen bedeckt;
+jene sind Sand-Meere im Innern des alten Continents,
+grosse pflanzenleere Räume, mit ewiggrünen waldigen
+Ufern umgeben. Nur einzeln stehende Fächerpalmen
+erinnern den Wanderer, dass diese Einöden Theile
+einer belebten Schöpfung sind. Im trügerischen Lichtspiele,
+das die strahlende Wärme erregt, sieht man
+bald den Fuss dieser Palmen frei in der Luft schweben,
+bald ihr umgekehrtes Bild in den wogenartig-zitternden
+Luftschichten wiederholt. Auch westlich von der
+peruanischen Andeskette, an den Küsten des stillen
+Meeres, haben wir Wochen gebraucht, um solche
+wasserleere Wüsten zu durchstreichen. Der Ursprung
+derselben, diese Pflanzenlosigkeit grosser Erdstrecken,
+in Gegenden, wo umher die kraftvolleste Vegetation
+herrscht, ist ein wenig beachtetes geognostisches Phänomen,
+welches sich unstreitig in alten Naturrevoluzionen
+(in Ueberschwemmungen, oder vulkanischen
+Umwandelungen der Erdrinde) gründet. Hat eine
+Gegend einmal ihre Pflanzendecke verloren, ist der
+Sand beweglich und quellenleer, hindert die heisse,
+senkrecht aufsteigende Luft den Niederschlag der
+Wolken: so vergehen Jahrtausende, ehe von den grünen
+<pb n="11"/><anchor id="Pg11"/>
+Ufern aus organisches Leben in das Innere der
+Einöde dringt.
+</p>
+<p>
+Wer demnach die Natur mit Einem Blicke zu umfassen,
+und von Lokalphänomenen zu abstrahiren
+weiss, der sieht, wie mit Zunahme der belebenden
+Wärme, von den Polen zum Aequator hin, sich auch
+allmählig organische Kraft und Lebensfülle vermehren.
+Aber bei dieser Vermehrung sind doch jedem
+Erdstriche besondere Schönheiten vorbehalten: den
+Tropen Mannichfaltigkeit und Grösse der Pflanzenformen;
+dem Norden der Anblick der Wiesen, und das
+periodische Wiedererwachen der Natur beim ersten
+Wehen der Frühlingslüfte. Jede Zone hat ausser den
+ihr eigenen Vorzügen auch ihren eigenthümlichen
+Character. So wie man an einzelnen organischen Wesen
+eine bestimmte Physiognomie erkennt; wie beschreibende
+Botanik und Zoologie, im engern Sinne
+des Worts, fast nichts als Zergliederung der Thier- und
+Pflanzenformen ist: so giebt es auch eine gewisse Naturphysiognomie,
+welche jedem Himmelsstriche ausschliesslich
+zukommt.
+</p>
+<p>
+Was der Mahler mit den Ausdrücken schweizer
+Natur, italienischer Himmel, bezeichnet, gründet sich
+auf das dunkle Gefühl dieses lokalen Naturcharakters.
+Himmelsbläue, Beleuchtung, Duft, der auf der Ferne
+ruht, Gestalt der Thiere, Saftfülle der Kräuter, Glanz
+des Laubes, Umriss der Berge &mdash; alle diese Elemente
+bestimmen den Totaleindruck einer Gegend. Zwar
+bilden unter allen Zonen dieselben Gebirgsarten Felsgruppen,
+von einerlei Physiognomie. Die Grünsteinklippen
+<pb n="12"/><anchor id="Pg12"/>
+in Süd-Amerika und Mexiko gleichen denen
+des deutschen Fichtelgebirges, wie unter den Thieren
+die Form des Alco oder der ursprünglichen Hunderace
+des neuen Continents, mit der der europäischen Race
+genau übereinstimmt. Denn die unorganische Rinde
+der Erde ist gleichsam unabhängig von klimatischen
+Einflüssen; sey es, dass der Unterschied der Klimate
+neuer als das Gestein ist; sei es, dass die erhärtende,
+Wärme-entbindende Erdmasse sich selbst ihre Temperatur
+gab, statt sie von aussen zu empfangen. Alle
+Formationen sind daher allen Weltgegenden eigen,
+und in allen gleichgestaltet. Ueberall bildet der Basalt
+Zwillings-Berge und abgestumpfte Kegel; überall <corr
+sic="ercheint">erscheint</corr> der Trapporphyr
+in grotesken Felsmassen, der
+Granit in sanftrundlichen Kuppen. Auch ähnliche
+Pflanzenformen, Tannen und Eichen, bekränzen die
+Berggehänge in Schweden, wie die des südlichsten
+Theils von Mexiko. Und bei aller dieser Uebereinstimmung
+in den Gestalten, bei dieser Gleichheit der
+einzelnen Umrisse, nimmt die Gruppirung derselben
+zu einem Ganzen doch den verschiedensten Charakter
+an.
+</p>
+<p>
+So wie die Kenntniss der Fossilien sich von der
+Gebirgslehre unterscheidet; so ist von der individuellen
+Naturbeschreibung die allgemeine, oder die Physiognomik
+der Natur, verschieden. Georg Forster in
+seinen Reisen und in seinen kleinen Schriften; Göthe
+in den Naturschilderungen, welche so manche seiner
+unsterblichen Werke enthalten; Herder, Büffon, Bernardin
+de St.&nbsp;Pierre, und selbst Chateaubriand, haben
+<pb n="13"/><anchor id="Pg13"/>
+mit unnachahmlicher Wahrheit den Charakter einzelner
+Himmelsstriche geschildert. Solche Schilderungen
+sind aber nicht blos dazu geeignet, dem Gemüthe einen
+Genuss der edelsten Art zu verschaffen; nein,
+die Kenntniss von dem Naturcharakter verschiedener
+Weltgegenden ist mit der Geschichte des Menschengeschlechtes,
+und mit der seiner Kultur, aufs innigste
+verknüpft, Denn wenn auch der Anfang dieser Kultur
+nicht durch physische Einflüsse allein bestimmt
+wird; so hängt doch die Richtung derselben, so hängen
+Volkscharacter, düstere oder heitere Stimmung
+der Menschheit, grossentheils von klimatischen Verhältnissen
+ab. Wie mächtig hat der griechische Himmel
+auf Seine Bewohner gewirkt! Wie sind nicht in
+dem schönen und glücklichen Erdstriche zwischen dem
+Oxus, dem Tigris, und dem ägeischen Meere, die
+sich ansiedelnden Völker zuerst zu sittlicher Anmuth
+und zarteren Gefühlen erwacht? Und haben nicht,
+als Europa in neue Barbarei versank, und religiöse
+Begeisterung plözlich den heiligen Orient öfnete, unsere
+Vorältern aus jenen milden Thälern von neuem
+mildere Sitten heimgebracht! Die Dichterwerke der
+Griechen und die rauheren, Gesänge der nordischen Urvölker
+verdankten grösstentheils ihren eigenthümlichen
+Charakter der Gestalt der Pflanzen und Thiere,
+den Gebirgsthälern, die den Dichter umgaben, und
+der Luft, die ihn umwehte. Wer fühlt sich nicht,
+um selbst nur an nahe Gegenstände zu erinnern, anders
+gestimmt, in dem dunkeln Schatten der Buchen,
+oder auf Hügeln, die mit einzeln stehenden Tannen
+<pb n="14"/><anchor id="Pg14"/>
+bekränzt sind; oder auf der Grasflur, wo der Wind in
+dem zitternden Laube der Birken säuselt! Melancholische,
+ernsterhebende, oder fröhliche Bilder rufen
+diese vaterländische Pflanzengestalten in uns hervor.
+Der Einfluss der physischen Welt auf die moralische,
+dies geheimnissvolle Ineinander-Wirken des Sinnlichen
+und Aussersinnlichen, giebt dem Naturstudium, wenn
+man es zu höheren Gesichtspunkten erhebt, einen eigenen,
+noch zu wenig gekannten Reiz.
+</p>
+<p>
+Wenn aber auch der Charakter verschiedener Weltgegenden
+von allen äusseren Erscheinungen zugleich
+abhängt; wenn Umriss der Gebirge, Physiognomie der
+Pflanzen und Thiere, wenn Himmelsbläue, Wolkengestalt
+und Durchsichtigkeit des Luftkreises, den Totaleindruk
+bewirken; so ist doch nicht zu läugnen,
+dass das Hauptbestimmende dieses Eindrucks die
+Pflanzendecke ist. Dem thierischen Organismus fehlt
+es an Masse, und die Beweglichkeit der Individuen
+entzieht sie oft unsern Blicken. Die Pflanzenschöpfung
+dagegen wirkt durch stetige Grösse auf unsere Einbildungskraft.
+Ihre Masse bezeichnete ihr Alter, und in
+den Gewächsen allein ist Alter und Ausdruck stets
+sich erneuernder Kraft mit einander gepaart. Der riesenförmige
+Drachenbaum, den ich auf den kanarischen
+Inseln sah, und der 16&nbsp;Schuh im Durchmesser hat,
+trägt noch immerdar (gleichsam in ewiger Jugend)
+Blüthe und Frucht. Als französische Abentheurer,
+die Bethencourts, im vierzehnten Jahrhundert die
+glücklichen Inseln eroberten, war der Drachenbaum
+von Oratava (den Eingeborenen heilig wie der Oelbaum
+<pb n="15"/><anchor id="Pg15"/>
+in der Burg zu Athen, oder die nordische Esche,
+unter der Odin und Asi zusammenkamen) von eben
+der kolossalen Stärke als jezt. In den Tropen ist ein
+Wald von Hymeneen und Caesalpinien vielleicht das
+Denkmal von einem Jahrtausend.
+</p>
+<p>
+Umfasst man die verschiedenen Pflanzenarten,
+welche bereits auf dem Erdboden entdeckt sind, und
+von denen <hi rend="gesperrt">Willdenow's</hi> grosses Werk allein über
+20,000 genau zergliedert, mit Einem Blick; so erkennt
+man in dieser wundervollen Menge wenige
+Hauptformen, auf welche sich alle andere zurückführen
+lassen. Zur Bestimmung dieser Formen, von deren
+individueller Schönheit, Vertheilung und Gruppirung
+die Physiognomie der Vegetation eines Landes
+abhängt, muss man nicht (wie in den botanischen
+Systemen aus andern Beweggründen geschieht) auf
+die kleinsten Theile der Blüthen und Früchte, sondern
+nur auf das Rücksicht nehmen, was durch Masse
+den Totaleindruck einer Gegend individualisirt. Unter
+den Hauptformen der Vegetation giebt es allerdings
+ganze Familien der sogenannten natürlichen Systeme.
+Bananengewächse und Palmen werden auch in diesen
+einzeln aufgeführt. Aber der botanische Systematiker
+trennt eine Menge von Pflanzengruppen, welche
+der Physiognomiker sich gezwungen sieht, mit einander
+zu verbinden. Wo die Gewächse sich als Massen
+darstellen, fliessen Umrisse und Vertheilung der Blätter,
+Gestalt der Stämme und Zweige, in einander.
+Der Mahler (und gerade dem feinen Naturgefühle des
+Künstlers kommt hier der Ausspruch zu!) unterscheidet
+in dem Mittel- und Hintergrunde einer Landschaft
+<pb n="16"/><anchor id="Pg16"/>
+Tannen- oder Palmengebüsehe von Buchen, nicht aber
+diese von andern Laubholzwäldern!
+</p>
+<p>
+Sechszehn Pflanzenformen bestimmen hauptsächlich
+die Physiognomie der Natur. Ich zähle nur diejenigen
+auf, welche ich bei meinen Reisen durch beide
+Welttheile, und bei einer vieljährigen Aufmerksamkeit
+auf die Vegetation der verschiedenen Himmelsstriche
+zwischen dem 55sten Grade nördlicher und dem
+12ten Grade südlicher Breite, beobachtet habe. Die
+Zahl dieser Formen wird gewiss ansehnlich vermehrt
+werden, wenn man einst in das Innere der Continente
+tiefer eindringt, und neue Pflanzengattungen entdeckt.
+Im südöstlichen Asien, im Inneren von Afrika
+und Neuholland, in Süd-Amerika vom Amazonenstrome
+bis zum Gebirge Chiquitos hin, ist uns die Vegetation
+noch völlig unbekannt. Wie, wenn man gar
+ein Land entdeckte, in welchem holzige Schwämme,
+z.&nbsp;B. Calvarien oder Moose, hohe Bäume bildeten?
+Nekera dendro&iuml;des, ein deutsches Laubmoos, ist in
+der That baumartig, und die tropischen Farrenkräuter,
+oft höher als unsere Linden und Erlen, sind für den
+Europäer noch jezt ein eben so überraschender Anblick,
+als dem ersten Entdecker ein Wald hoher Laubmoose
+seyn würde! Grösse und Entwickelung der
+Organe hängt von der Begünstigung klimatischer
+Verhältnisse ab. Die kleine, aber schlanke Form unserer
+Eidechse dehnt sich im Süden zu dem kolossalen
+und gepanzerten Körper furchtbarer Crocodyle aus. In
+den ungeheuern Katzen von Afrika und Amerika, im
+Tiger, im Löwen und Jaguar, ist die Gestalt eines
+<pb n="17"/><anchor id="Pg17"/>
+unserer kleinsten Hausthiere nach einem grösseren
+Maasstabe wiederholt. Dringen wir gar in das Innere
+der Erde, durchwühlen wir die Grabstätte der Pflanzen
+und Thiere, so verkündigen uns die Versteinerungen
+nicht bloss eine Vertheilung der Formen,
+die mit den jetzigen Klimaten in Widerspruch steht;
+nein, sie zeigen uns auch kolossale Gestalten, welche
+mit den kleinlichen, die uns gegenwärtig umgeben,
+nicht minder contrastiren, als die einfache Heldennatur
+der Griechen gegen die Charaktergrösse neuerer
+Zeit. Hat die Temperatur des Erdkörpers beträchtliche,
+vielleicht periodisch wiederkehrende Veränderungen
+erlitten; ist das Verhältniss zwischen Meer
+und Land, ja selbst die Höhe des Luftozeans und
+sein Druck nicht immer derselbe gewesen: so muss
+die Physiognomie der Natur, so müssen Grösse und
+Gestalt des Organismus, ebenfalls schon manchem
+Wechsel unterworfen gewesen sein. Unfähig, diese
+Physiognomie des alternden Planeten nach ihren gegenwärtigen
+Zügen vollständig zu schildern, wage
+ich nur diejenigen Charaktere auszuheben, welche
+jeder Pflanzengruppe vorzüglich zukommen. Bei
+allem Reichthum und aller Biegsamkeit unserer vaterländischen
+Sprache, ist es ein schwieriges Unternehmen,
+mit Worten zu bezeichnen, was eigentlich
+nur der nachahmenden Kunst des Malers darzustellen
+geziemt. Auch wünschte ich, das Ermüdende
+des Eindrucks zu vermeiden, das jede Aufzählung
+einzelner Formen unausbleiblich erregen
+muss.
+</p>
+<pb n="18"/><anchor id="Pg18"/>
+<p>
+Wir beginnen mit den <hi rend="gesperrt">Palmen</hi>, der höchsten
+und edelsten aller Pflanzengestalten. Denn ihr haben
+stets die Völker (und die früheste Menschenbildung
+war in der asiatischen Palmenwelt, oder in dem Erdstriche,
+der zunächst an die Palmenwelt gränzt) den
+Preis der Schönheit zuerkannt. Hohe, schlanke, geringelte,
+bisweilen stachliche Schäfte mit anstrebendem,
+glänzendem, bald gefächertem, bald gefiedertem
+Laube. Die Blatter sind oft grasartig gekräuselt.
+Der glatte Stamm erreicht bis 180&nbsp;Fuss Höhe. Die
+Palmenform nimmt an Pracht und Grösse ab, vom
+Aequator gegen die gemässigte Zone hin. Europa hat
+unter seinen einheimischen Gewächsen nur einen Repräsentanten
+dieser Form, die zwergartige Küstenpalme,
+den Chamaerops, der in Spanien und Italien
+sich nördlich bis zum 44sten Breitengrade erstreckt.
+Das eigentliche Palmenklima der Erde hat 21°.&nbsp;mittlerer
+Wärme. Aber die aus Afrika zu uns gebrachte
+Dattelpalme, welche minder schön als andere Arten
+dieser Gruppen ist, vegetirt noch im südlichen Europa
+in Gegenden, deren mittlere Temperatur 14°.
+also mehr als doppelt grösser, als die von Berlin, ist.
+Palmenstämme und Elephantengerippe liegen im nördlichen
+Deutschlande im Inneren der Erde vergraben,
+und ihre Lage macht es wahrscheinlich, dass sie nicht
+von den Tropen her gegen Norden geschwemmt wurden;
+sondern, dass in den grossen Revoluzionen unseres
+Planeten die Klimate, wie die durch sie bestimmte
+Physiognomie der Natur, vielfach verändert
+worden sind.
+</p>
+<pb n="19"/><anchor id="Pg19"/>
+<p>
+Zu den Palmen gesellt sich in allen Welttheilen
+die Pisang oder <hi rend="font-weight: bold">Bananenform</hi>, die Scitamineen der
+Botaniker, <hi rend="italic">Heliconia</hi>, <hi rend="italic">Amomum</hi>, <hi rend="italic">Strelitzia</hi>. Ein
+niedriger aber saftreicher, fast krautartiger Stamm,
+an dessen Spitze sich dünn und lokkergewebte, zartgestreifte,
+seidenartig-glänzende Blätter erheben.
+Pisanggebüsche sind der Schmuck feuchter Gegenden.
+Auf ihrer Frucht beruht die Nahrung aller Bewohner
+des heissen Erdgürtels. Wie die mehlreichen Cerealien
+oder Getreidearten des Nordens, so begleiten Pisangstämme
+den Menschen seit der frühesten Kindheit
+seiner Kultur. Asiatische Mythen setzen die
+ursprüngliche Heimath dieser nährenden Tropenpflanze
+an den Euphrat, oder an den Fuss des Himalus
+in Indien. Griechische Sagen nennen die Gefilde
+von Enna als das glückliche Vaterland der Cerealien.
+Wenn diese, durch die Kultur über die nördliche Erde
+verbreitet, und dort einförmige weitgedehnte Grasfluren
+bildend, wenig den Anblick der Natur verschönern,
+so vervielfacht dagegen der sich ansiedelnde
+Tropenbewohner durch Pisangpflanzungen
+eine der herrlichsten und edelsten Gestalten.
+</p>
+<p>
+<hi rend="gesperrt">Malvenform</hi>, <hi rend="italic">Sterculia</hi>, <hi rend="italic">Hibiscus</hi>, <hi rend="italic">Lavatera</hi>,
+<hi rend="italic">Ochroma</hi>. Kurze aber kolossalisch dikke Stämme
+mit zartwolligen, grossen, herzförmigen, oft eingeschnittenen
+Blättern, und prachtvollen oft purpurrothen
+Blüthen. Zu dieser Pflanzengruppe gehört
+der Affenbrodbaum, <hi rend="italic">Adansonia digitata</hi>, der bei
+32&nbsp;Fuss Höhe 30&nbsp;Fuss Durchmesser hat, und der wahrscheinlich
+das grösste und älteste organische Denkmahl
+<pb n="20"/><anchor id="Pg20"/>
+auf unserm Planeten ist. in Italien fängt die
+Malvenform bereits an, der Vegetation einen eigenthümlichen
+südlichen Charakter zu geben.
+</p>
+<p>
+Dagegen entbehret unsere gemässigte Zone im
+alten Continent leider ganz die zartgefiederten Blätter,
+die <hi rend="gesperrt">Form der Mimosen</hi>, <hi rend="italic">Gleditsia</hi>, <hi rend="italic">Porleria</hi>,
+<hi rend="italic">Tamarindus</hi>. Den vereinigten Staaten von Nord-Amerika,
+in denen unter gleicher Breite die Vegetation
+mannichfaltiger und üppiger als in Europa ist,
+fehlt diese schöne Form nicht. Bei den Mimosen ist
+eine schirmartige Verbreitung der Zweige, fast wie
+bei den italienischen Pinien, gewöhnlich. Die tiefe
+Himmelsbläue des Tropenklimas durch die zartgefiederten
+Blätter schimmernd, ist von überaus malerischem
+Effekte.
+</p>
+<p>
+Eine meist afrikanische Pflanzengruppe sind die
+<hi rend="gesperrt">Heidekräuter</hi>; dahin gehören auch die <hi rend="italic">Andromeda</hi>,
+<hi rend="italic">Passerinen</hi> und <hi rend="italic">Gnidien</hi>, eine Gruppe, die
+mit der der Nadelhölzer einige Aehnlichkeit hat, und
+eben deshalb mit dieser durch die Fülle glokkenförmiger
+Blüthen, desto reizender contrastirt. Die baumartigen
+Heidekräuter, wie einige andere afrikanische
+Gewächse, erreichen das nördliche Ufer des Mittelmeers.
+Sie schmükken Welschland und die Cistus-Gebüsche
+des südlichen Spaniens. Am üppigsten
+wachsend habe ich sie auf den afrikanischen Inseln,
+am Abhange des <hi rend="gesperrt">Pics</hi> von <hi rend="gesperrt">Teyde</hi> gesehen. Bei uns
+in den baltischen Ländern, und noch nördlicher hin,
+ist diese Pflanzenform gefürchtet, Dürre und Unfruchtbarkeit
+verkündigend. Unsere Heidekräuter, <hi rend="italic">Erica vulgaris</hi>
+<pb n="21"/><anchor id="Pg21"/>
+und <hi rend="italic">tetralix</hi> sind gesellschaftlich lebende
+Gewächse, gegen deren fortschreitenden Zug die ackerbauenden
+Völker seit Jahrhunderten mit wenigem
+Glükke ankämpfen. Sonderbar, dass der Hauptrepräsentant
+dieser Form blos einer Seite unsers Planeten
+eigen ist. Von den 137 jezt bekannten Arten von
+<hi rend="italic">Erica</hi> findet sich auch nicht eine einzige im neuen
+Continent von Pensilvanien und Labrador bis gegen
+Nootka und Alaschka hin.
+</p>
+<p>
+Dagegen ist bloss dem neuen Continent eigenthümlich
+die <hi rend="gesperrt">Cactusform</hi>, bald kugelförmig, bald
+gegliedert, bald in hohen, vielekkigen Säulen, wie
+Orgelpfeifen, aufrechtstehend. Diese Gruppe bildet
+den höchsten Contrast mit der Gestalt der Liliengewächse
+und der Bananen. Sie gehört zu den Pflanzen,
+welche Bernardin de St.&nbsp;Pierre sehr glücklich
+die vegetabilischen Quellen der Wüste nennt. In den
+wasserleeren Ebenen von Südamerika suchen die von
+Durst geängsteten Thiere den <hi rend="italic">Melonen-Cactus</hi>, eine
+kugelförmige, halb im dürren Sande verborgene
+Pflanze, deren saftreiches Innere unter furchtbaren
+Stacheln versteckt ist. Die säulenförmigen Cactus-Stämme
+erreichen bis 30&nbsp;Fuss Höhe und candelaberartig
+getheilt, haben sie eine auffallende Aehnlichkeit
+der Physiognomie mit einigen afrikanischen Euphorbien.
+</p>
+<p>
+Wie diese grüne Wasen in den pflanzenleeren
+Wüsten bilden, so beleben die <hi rend="gesperrt">Orchideen</hi> den vom
+Licht verkohlten Stamm der Tropenbäume und die
+ödesten Felsenritzen. Die Vanillenform zeichnet sich
+<pb n="22"/><anchor id="Pg22"/>
+durch hellgrüne saftvolle Blätter und durch vielfarbige
+Blüthen von wunderbarem Baue aus. Diese Blüthen
+gleichen bald den geflügelten Insekten, bald den zarten
+Vögeln, welche der Duft der Honiggefässe anlokket.
+Das Leben eines Malers wäre nicht hinlänglich,
+um alle die prachtvollen Orchideen abzubilden,
+welche die tiefausgefurchten Gebirgsthäler der peruanischen
+Andeskette zieren.
+</p>
+<p>
+Blattlos, wie fast alle Cactusarten, ist die <hi rend="gesperrt">Form
+der Casuarinen</hi>, einer Pflanzengestalt, bloss der
+Südsee und Ostindien eigen. Bäume mit schachtelhalmähnlichen
+Zweigen. Doch finden sich auch in
+andern Weltgegenden Spuren dieses mehr sonderbaren
+als schönen Typus. <hi rend="gesperrt">Plumier's</hi> <hi rend="italic">Equisetum altissimum</hi>,
+die Ephedra aus Nord-Afrika, die peruanischen
+Colletien und das sibirische Calligonum Pallasia,
+sind der Casuarinenform nahe verwandt.
+</p>
+<p>
+So wie in den Pisanggewächsen die höchste Ausdehnung,
+so ist in den Casuarinen und in den <hi rend="gesperrt">Nadelhölzern</hi>
+die höchste Zusammenziehung der
+Blattgefässe. Tannen, Thuja und Cypressen bilden
+eine nordische Form, die in den Tropen selten ist.
+Ihr ewig-frisches Grün erheitert die öde Winter-Landschaft.
+Es verkündigt gleichsam den Polarvölkern,
+dass, wenn Schnee und Eis den Boden bedekken,
+das innere Leben der Pflanzen, wie das Prometheische
+Feuer, nie auf unserm Planeten erlischt.
+</p>
+<p>
+Parasitisch wie bei uns Moose und Flechten, überziehen
+in der Tropenwelt ausser den Orchideen auch
+die <hi rend="gesperrt">Pothosgewächse</hi> den alternden Stamm der
+<pb n="23"/><anchor id="Pg23"/>
+Waldbäume. Saftige, krautartige Stengel mit grossen,
+bald pfeilförmigen, bald gefingerten, bald länglichen
+aber stets dik-adrigen Blättern. Blumen in Scheiden.
+<hi rend="italic">Pothos</hi>, <hi rend="italic">Dracontium</hi>, <hi rend="italic">Arum</hi>, leztere dem Norden
+fehlend, aber in Spanien und Italien mit saftvollem
+Huflattig, hohen Distelstauden und <hi rend="italic">Acanthus</hi>, die
+Ueppigkeit des südlichen Pflanzenwuchses bezeichnend.
+</p>
+<p>
+Zu dieser <hi rend="gesperrt">Arumform</hi> gesellt sich die Form der
+<hi rend="gesperrt">Lianen</hi>, beide in heissen Erdstrichen von Süd-Amerika
+in vorzüglicher Kraft der Vegetation. <hi rend="italic">Paullinia</hi>,
+<hi rend="italic">Banisteria</hi>, <hi rend="italic">Bignonien</hi>. Unser rankender
+Hopfen und unsere Weinreben erinnern an diese
+Pflanzengestalt der Tropenwelt. Am Orinoco haben
+die blattlosen Zweige der <hi rend="italic">Bauhinien</hi> oft 40&nbsp;Fuss
+Länge. Sie fallen theils senkrecht aus dem Gipfel
+hoher Swietenien herab; theils sind sie schräg wie
+Masttaue ausgespannt, und die Tigerkatze hat eine
+bewundernswürdige Geschiklichkeit, daran auf- und
+abzuklettern.
+</p>
+<p>
+Mit den biegsamen sich rankenden Lianen, mit
+ihrem frischen und leichten Grün, kontrastirt die
+selbstständige Form der bläulichen <hi rend="gesperrt">Aloegewächse</hi>;
+Stämme, wenn sie vorhanden sind, fast ungetheilt,
+enggeringelt und schlangenartig gewunden. An dem
+Gipfel sind saftreiche, fleischige, lang·zugespitzte
+Blätter stralenartig zusammengehäuft. Die hochstämmigen
+Aloegewächse bilden nicht Gebüsche, wie andere
+gesellschaftlich lebende Pflanzen. Sie stehen einzeln
+in dürren Ebenen, und geben der Tropengegend
+<pb n="24"/><anchor id="Pg24"/>
+dadurch oft einen eigenen melancholischen (man
+möchte sagen afrikanischen) Charakter.
+</p>
+<p>
+Wie die Aloeform sich durch ernste Ruhe und
+Festigkeit, so charakterisirt sich die <hi rend="gesperrt">Grasform</hi>, besonders
+die Physiognomie der baumartigen Gräser,
+durch den Ausdruck fröhlicher Leichtigkeit und beweglicher
+Schlankheit. Bambusgebüsche bilden schattige
+Bogengänge in beiden Indien. Der glatte, oft
+geneigt-hinschwebende Stamm der Tropen-Gräser
+übertrift die Höhe unserer Erlen und Eichen. Schon
+in Italien fängt im <hi rend="italic">Arundo Donax</hi> diese Form an,
+sich vom Boden zu erheben, und durch Höhe und
+Masse den Naturcharakter des Landes zu bestimmen.
+</p>
+<p>
+Mit der Gestalt der Gräser ist auch die der <hi rend="gesperrt">Farrenkräuter</hi>
+in den heissen Erdstrichen veredelt.
+Baumartige, oft 35&nbsp;Fuss hohe Farrenkräuter haben
+ein palmenartiges Ansehen; aber ihr Stamm ist minder
+schlank, kürzer, schuppig-rauher als der der
+Palmen. Das Laub ist zarter, lokker gewebt, durchscheinend,
+und an den Rändern sauber ausgezakt.
+Diese kolossalen Farrenkräuter sind fast ausschliesslich
+den Tropen eigen, aber in diesen ziehen sie ein
+gemässigtes Klima dem ganz heissen vor. Da nun die
+Milderung der Hitze bloss eine Folge der Höhe ist;
+so darf man Gebirge, die 2&nbsp;bis 3000&nbsp;Fuss über dem
+Meere erhaben sind, oder die Höhe unsers deutschen
+Brokkens, als den Hauptsiz dieser Form nennen.
+Hochstämmige Farrenkräuter begleiten in Süd-Amerika
+den wohlthätigen Baum, der die heilende Fieberrinde
+darbietet. Beide bezeichnen die glükliche Region
+<pb n="25"/><anchor id="Pg25"/>
+der Erde, in der ewige Milde des Frühlings
+herrscht.
+</p>
+<p>
+Noch nenne ich die Form der <hi rend="gesperrt">Liliengewächse</hi>,
+(<hi rend="italic">Amaryllis</hi>, <hi rend="italic">Pancratium</hi>) mit schilfartigen Blättern
+und prachtvollen Blüthen, eine Form, deren Hauptvaterland
+das südliche Afrika ist; ferner die <hi rend="gesperrt">Weidenform</hi>,
+in allen Welttheilen einheimisch; und
+wo <hi rend="italic">Salix</hi> fehlt, in den <hi rend="italic">Banksien</hi> und einigen <hi rend="italic">Proteen</hi>
+wiederholt; <hi rend="gesperrt">Myrthengewächse</hi>, (<hi rend="italic">Metrosideros</hi>,
+<hi rend="italic">Eucalyptus</hi>, <hi rend="italic">Escallonia</hi>) <hi rend="gesperrt">Melastomen-</hi> und
+<hi rend="gesperrt">Lorbeerform</hi>.
+</p>
+<p>
+Es wäre ein Unternehmen, eines grossen Künstlers
+werth, den Charakter aller dieser Pflanzengruppen
+nicht in Treibhäusern oder in den Beschreibungen
+der Botaniker, sondern in der grossen Tropen-Natur
+selbst, zu studiren. Wie interessant und lehrreich
+für den Landschaftsmaler ware ein Werk, welches
+dem Auge die aufgezählten sechszehn Hauptformen,
+erst einzeln, und dann in ihrem Contraste
+gegen einander, darstellte. Was ist malerischer,
+als baumartige Farrenkräuter, die ihre zartgewebten
+Blätter über die Mexikanischen Lorbeereichen ausbreiten!
+Was reizender, als Pisanggebüsche von hohen
+Bambusgräsern umschattet! Dem Künstler ist es
+gegeben, die Gruppen zu zergliedern, und unter seiner
+Hand löst sich (wenn ich den Ausdruk wagen
+darf) das grosse Zauberbild der Natur, gleich den geschriebenen
+Werken der Menschen, in wenige einfache
+Züge auf!
+</p>
+<p>
+Am glühenden Sonnenstral des tropischen Himmels
+<pb n="26"/><anchor id="Pg26"/>
+gedeihen die herrlichsten Gestalten der Pflanzen. Wie
+im kalten Norden die Baumrinde mit dürren Flechten
+und Laubmoosen bedekt ist, so beleben dort Cymbidium
+und duftende Vanille den Stamm der Anacardien
+und der riesenmässigen Feigenbäume. Das frische
+Grün der Pothosblätter und der Dracontien kontrastirt
+mit den vielfarbigen Blüthen der Orchideen. Rankende
+Bauhinien, Passifloren und gelbblühende Banisterien
+umschlingen den Stamm der Waldbäume.
+Zarte Blumen entfalten sich aus den Wurzeln der
+<hi rend="italic">Theobroma</hi>, wie aus der dichten und rauhen Rinde
+der Crescentien und der <hi rend="italic">Gustavia</hi>. Bei dieser Fülle
+von Blüthen und Blättern, bei diesem üppigen
+Wuchse und der Verwirrung rankender Gewächse,
+wird es dem Naturforscher oft schwer zu erkennen,
+welchem Stamme Blüthen und Blätter zugehören.
+Ein einziger Baum mit Paullinien, Bignonien und
+Dendrobium geschmükt, bildet eine Gruppe von Pflanzen,
+welche, von einander getrennt, einen beträchtlichen
+Erdraum bedekken würden.
+</p>
+<p>
+In den Tropen sind die Gewächse saftstrotzender,
+von frischerem Grün, mit grösseren und glänzenderen
+Blättern geziert, als in den nördlichern Erdstrichen.
+Gesellschaftlich lebende Pflanzen, welche die europäische
+Vegetation so einförmig machen, fehlen am
+Aequator beinah gänzlich. Bäume, fast zweimal so
+hoch als unsere Eichen, prangen dort mit Blüthen,
+welche gross und prachtvoll wie unsere Lilien sind.
+An den schattigen Ufern des Madalenenflusses in Süd-Amerika
+wächst eine rankende Aristolochia, deren
+<pb n="27"/><anchor id="Pg27"/>
+Blume, von vier Fuss Umfang, sich die indischen
+Knaben in ihren Spielen über den Scheitel ziehen.
+</p>
+<p>
+Die ausserordentliche Höhe, zu welcher sich unter
+den Wendekreisen nicht blos einzelne Berge, sondern
+ganze Länder erheben, und die Kälte, welche Folge
+dieser Höhe ist, gewähren dem Tropen-Bewohner
+einen seltsamen Anblik. Ausser den Palmen und Pisanggebüschen
+umgeben ihn auch die Pflanzenformen,
+welche nur den nordischen Ländern anzugehören
+scheinen. Cypressen, Tannen und Eichen, Berberissträucher
+und Erlen (nahe mit den unsrigen verwandt)
+bedekken die Gebirgsebenen im südlichen
+Mexiko, wie die Andeskette unter dem Aequator.
+So hat die Natur dem Menschen in der heissen Zone
+verliehen, ohne seine Heimath zu verlassen, alle
+Pflanzengestalten der Erde zu sehen; wie das Himmelsgewölbe
+von Pol zu Pol ihm keine seiner leuchtenden
+Welten verbirgt.
+</p>
+<p>
+Diesen und so manchen andern Naturgenuss entbehren
+die nordischen Völker. Viele Gestirne und
+viele Pflanzenformen, von diesen gerade die schönsten,
+(Palmen und Pisanggewächse, baumartige Gräser
+und feingefiederte Mimosen) bleiben ihnen ewig
+unbekannt. Die krankenden Gewächse, welche unsere
+Treibhäuser einschliessen, gewähren nur ein
+schwaches Bild von der Majestät der Tropenvegetation.
+Aber in der Ausbildung unserer Sprache, in
+der glühenden Phantasie des Dichters, in der darstellenden
+Kunst der Maler, ist uns eine reiche Quelle
+des Ersatzes geöfnet. Aus ihr schöpft unsere Einbildungskraft
+<pb n="28"/><anchor id="Pg28"/>
+die lebendigen Bilder einer exotischen
+Natur. Im kalten Norden, in der öden Heide, kann
+der einsame Mensch sich aneignen, was in den fernsten
+Erdstrichen erforscht wird, und so in seinem
+Innern eine Welt sich schaffen, welche das Werk
+seines Geistes, frei und unvergänglich, wie dieser,
+ist.
+</p>
+</body>
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+</text>
+</TEI.2>
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