diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:53:57 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:53:57 -0700 |
| commit | f9dfc58cf4d11c134d92a5634747963470416791 (patch) | |
| tree | e2665d0d418ebe668c481f2c26116e0eac210bc7 /22761-tei | |
Diffstat (limited to '22761-tei')
| -rw-r--r-- | 22761-tei/22761-tei.tei | 982 |
1 files changed, 982 insertions, 0 deletions
diff --git a/22761-tei/22761-tei.tei b/22761-tei/22761-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..146d2e1 --- /dev/null +++ b/22761-tei/22761-tei.tei @@ -0,0 +1,982 @@ +<?xml version="1.0" encoding="iso-8859-1" ?> + +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> + +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse</title> + <author>Humboldt, Alexander von</author> + </titleStmt> + <editionStmt> + <edition n="1"> + Edition 1 + </edition> + </editionStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date>September 24, 2007</date> + <idno type="etext-no">22761</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and + with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it + away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg + License online at www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <p>(Project Gutenberg doesn't like to be specific + as to particular source edition.)</p> + </sourceDesc> + </fileDesc> + <encodingDesc> + </encodingDesc> + <profileDesc> + <langUsage> + <language id="en"></language> + <language id="de"></language> + </langUsage> + </profileDesc> + <revisionDesc> + <change> + <date value="2007-09-24">September 24, 2007</date> + <respStmt><name>Ralf Stephan</name></respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + +<pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .boxed { x-class: boxed } + .shaded { x-class: shaded } + .rules { x-class: rules; rules: all } + .indent { margin-left: 2 } + .right { margin-left: 16 } + .bold { font-weight: bold } + .italic { font-style: italic } + <!-- .antiqua { font-weight: bold }--> + .gesperrt { font-weight: bold } + .hgesperrt { font-style: italic } + .small { margin-left: 2 } + .smallcaps { font-variant: small-caps } + .hsmallcaps { } <!-- FIXME PDF { font-variant: small-caps } --> + figure { text-align: center; page-float: 'htb' } + .floatleft { float: left; margin-right: 2em } + .floatright { float: right; margin-left: 2em } + .w100 { } + .w75 { } + .w66 { } + .w50 { } + .w25 { } + @media pdf { + .w100 { width: 100% } + .w75 { width: 75% } + .w66 { width: 66% } + .w50 { width: 50% } + .w25 { width: 25% } + } + </pgStyleSheet> + <pgCharMap formats="txt.iso-8859-1"> + <char id="U0x2014"> + <charName>mdash</charName> + <desc>EM DASH</desc> + <mapping>--</mapping> + </char> + <char id="U0x2003"> + <charName>emsp</charName> + <desc>EM SPACE</desc> + <mapping> </mapping> + </char> + <char id="U0x2026"> + <charName>hellip</charName> + <desc>HORIZONTAL ELLIPSIS</desc> + <mapping>...</mapping> + </char> + <char id="U0x2044"> + <charName>frasl</charName> + <desc>FRACTION SLASH</desc> + <mapping>/</mapping> + </char> + </pgCharMap> +</pgExtensions> +<text lang="de"> + <front> + <div> + <divGen type="pgheader" /> + </div> + + <div> + <divGen type="encodingDesc" /> + </div> + + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="titlepage" /> + </div> + + <div rend="page-break-before: right"> + <index index="pdf" /> + <head>Contents</head> + <divGen type="toc" /> + </div> + </front> + +<body rend="page-break-before: right"> +<pb n="3"/><anchor id="Pg3"/> +<p> +Wenn der Mensch mit regsamem Sinne die Natur +durchforscht, oder in seiner Phantasie die weiten +Räume der organischen Schöpfung misst, so wirkt unter +den vielfachen Eindrücken, die er empfängt, keiner +so tief und mächtig als der, welchen die allverbreitete +Fülle des Lebens erzeugt. Ueberall, selbst +am beeisten Pol, ertönt die Luft von dem Gesange der +Vögel, wie von dem Sumsen schwirrender Insecten. +Nicht die unteren Schichten allein, in welchen die +verdichteten Dünste schweben, auch die oberen ätherischreinen, +sind belebt. Denn so oft man den Rücken +der Peruanischen Cordilleren, oder, südlich vom +Leman-See, den Gipfel des Weissen-Berges bestieg, +hat man selbst in diesen Einöden noch Thiere entdeckt. +Am Chimborazo, sechsmal höher als der Brocken, +sahen wir Schmetterlinge und andere geflügelte +Insecten. Wenn auch, von senkrechten Luftströmen +getrieben, sie sich dahin, als Fremdlinge, verirrten, +wohin unruhige Forschbegier des Menschen sorgsame +Schritte leitet; so beweiset ihr Daseyn doch, dass die +biegsamere animalische Schöpfung ausdauert, wo die +vegetabilische längst ihre Grenze erreicht hat. Höher, +<pb n="4"/><anchor id="Pg4"/> +als der Kegelberg von Teneriffa auf den Aetna gethürmt; +höher, als alle Gipfel der Andeskette, schwebte +oft über uns der Cundur, der Riese unter den Geiern. +Raubsucht und Nachstellung der zartwolligen +Vikunnas, welche gemsenartig und heerdenweise in +den beschneiten Grasebenen schwärmen, locken den +mächtigen Vogel in diese Region. +</p> +<p> +Zeigt nun schon das unbewafnete Auge den ganzen +Luftkreis belebt, so enthüllt noch grössere Wunder +das bewafnete Auge. Räderthiere, Brachionen, +und eine Schaar mikroskopischer Geschöpfe heben die +Winde aus den troknenden Gewässern empor. Unbeweglich +und in Scheintod versenkt, schweben sie vielleicht +jahrelang in den Lüften, bis der Thau sie zur +Erde zurükführt, die Hülle löst, die ihren durchsichtigen +wirbelnden Körper einschliesst, und (wahrscheinlich +durch den Lebensstoff, den alles Wasser +enthält) den Organen neue Erregbarkeit einhaucht. +</p> +<p> +Neben den entwickelten Geschöpfen trägt der +Luftkreis auch zahllose Keime künftiger Bildungen, +Insecten-Eier und Eier der Pflanzen, die durch Haar- +und Feder-Kronen zur langen Herbstreise geschikt +sind. Selbst den belebenden Staub, den, bei getrennten +Geschlechtern, die männlichen Blüthen ausstreuen, +tragen Winde und geflügelte Insecten über Meer und +Land den einsamen weiblichen zu. Wohin der Blick +des Naturforschers dringt, ist Leben, oder Keim zum +Leben, verbreitet. +</p> +<p> +Dient aber auch das bewegliche Luftmeer, in das +wir getaucht sind, und über dessen Oberfläche wir +<pb n="5"/><anchor id="Pg5"/> +uns nicht zu erheben vermögen, vielen organischen +Geschöpfen zur nothwendigsten Nahrung; so bedürfen +dieselben dabei doch noch einer gröberen Speise, +welche nur der Boden dieses gasförmigen Oceans darbietet. +Dieser Boden ist zwiefacher Art. Den kleineren +Theil bildet die trockene Erde, unmittelbar von +Luft umflossen; den gröxseren Theil bildet das Wasser, +vielleicht einst vor Jahrtausenden durch elektrisches +Feuer aus luftförmigen Stoffen zusammengeronnen, +und jezt unaufhörlich in der Werkstatt der Wolken, +wie in den pulsirenden Gefässen der Thiere und Pflanzen, +zersezt. +</p> +<p> +Unentschieden ist es, wo grössere Lebensfülle +verbreitet sey; ob auf dem Continent, oder in dem +unergründeten Meere. In diesem erscheinen gallertartige +Seegewürme, bald lebendig, bald abgestorben, +als leuchtende Sterne. Ihr Phosphorlicht wandelt die +grünliche Flache des unermesslichen Ozeans in ein +Feuermeer um. Unauslöschlich wird mir der Eindruck +jener stillen Tropen-Nachte der Südsee bleiben, +wo aus der duftigen Himmelsbläue das hohe Sternbild +des Schiffes und das gesenkt untergehende Kreuz ihr +mildes planetarisches Licht ausgossen, und wo zugleich +in der schäumenden Meeresfluth die Delphine +ihre leuchtenden Furchen zogen. +</p> +<p> +Aber nicht der Ozean allein, auch die Sumpfwasser +verbergen zahllose Gewürme von wunderbarer Gestalt. +Unserem Auge fast unerkennbar sind die Cyclidien, +die gefranzten Trichoden und das Heer der Naiden, +theilbar durch Aeste, wie die Lemna, deren +<pb n="6"/><anchor id="Pg6"/> +Schatten sie suchen. Von mannichfaltigen Luftgemengen +umgeben, und mit dem Lichte unbekannt, athmen: +die geflekte Askaris, welche die Haut des Regenwurms, +die silberglänzende Leukophra, welche das +Innere der Ufer·Naide, und der Echynorynchus, welcher +die weitzellige Lunge der tropischen Klapperschlange +bewohnt. So sind auch die verborgensten +Bäume der Schöpfung mit Leben erfüllt. Wir wollen +hier bescheiden bei den Geschlechtern der Pflanzen +verweilen; denn auf ihrem Daseyn beruht das Daseyn +der thierischen Schöpfung. Unablässig sind sie bemüht, +den rohen Stoff der Erde organisch an einander zu +reihen, und vorbereitend, durch lebendige Kraft, zu +mischen, was nach tausend Umwandlungen zur regsamen +Nervenfaser veredelt wird. Derselbe Blick, +den wir auf die Verbreitung der Pflanzendecke heften, +enthüllt uns die Fülle des thierischen Lebens, das von +jener genährt und erhalten wird. +</p> +<p> +Ungleich ist der Teppich gewebt, den die blüthenreiche +Flora über den nakten Erdkörper ausbreitet; +dichter, wo die Sonne höher an dem nie bewölkten +Himmel emporsteigt; lockerer gegen die trägen +Pole hin, wo der wiederkehrende Frost bald die entwickelte +Knospe tödtet, bald die reifende Frucht erhascht. +Doch überall darf der Mensch sich der nährenden +Pflanzen erfreuen. Trennt im Meeresboden +ein Vulkan die kochende Fluth, und schiebt plözlich +(wie einst zwischen den griechischen Inseln) einen +schlackigen Fels empor; oder erheben (um an eine +friedlichere Naturerscheinung zu erinnern) die einträchtigen +<pb n="7"/><anchor id="Pg7"/> +Nereiden ihre zelligen Wohnungen, bis sie +nach Jahrtausenden über den Wasserspiegel hervorragend, +absterben, und ein flaches Corallen-Eiland bilden: +so sind die organischen Kräfte sogleich bereit, +den todten Fels zu beleben. Was den Saamen so +plözlich herbeiführt: ob wandernde Vögel, oder Winde, +oder die Wogen des Meeres; ist bei der grossen +Entfernung der Küsten schwer zu entscheiden. Aber +auf dem nakten Steine, sobald ihn zuerst die Luft +berührt, bildet sich in den nordischen Ländern ein +Gewebe sammtartiger Fasern, die dem unbewafneten +Auge als farbige Flecken erscheinen. Einige sind +durch hervorragende Linien bald einfach bald doppelt +begränzt; andere sind in Furchen durchschnitten und +in Fächer getheilt. Mit zunehmendem Alter verdunkelt +sich ihre lichte Farbe. Das fernleuchtende +Gelb wird braun, und das bläuliche Grau der Leprarien +verwandelt sich nach und nach in ein staubartiges +Schwarz. Die Gränzen der alternden Decke fliessen +in einander, und auf dem dunkeln Grunde bilden sich +neue zirkelrunde Flechten von blendender Weisse. +So lagert sich schichtenweise ein organisches Gewebe +auf das andere; und wie das sich ansiedelnde Menschengeschlecht +bestimmte Stufen der sittlichen Kultur +durchlaufen muss, so ist die allmählige Verbreitung +der Pflanzen an bestimmte physische Geseze gebunden. +Wo jezt hohe Waldbäume ihre Gipfel luftig erheben, +da überzogen einst zarte Flechten das erdenlose Gestein. +Laubmoose, Gräser, krautartige Gewächse und +Sträucher, füllen die Kluft der langen aber ungemessenen +<pb n="8"/><anchor id="Pg8"/> +Zwischenzeit aus. Was im Norden Flechten +und Moose, das bewirken in den Tropen <hi rend="italic">Portulacca</hi>, +<hi rend="italic">Gomphrenen</hi> und andere niedrige Uferpflanzen. Die +Geschichte der Pflanzendecke, und ihre allmählige +Ausbreitung über die öde Erdrinde, hat ihre Epochen, +wie die Geschichte des spätern Menschengeschlechts. +</p> +<p> +Ist aber auch Fülle des Lebens überall verbreitet; +ist der Organismus auch unablässig bemüht, die durch +den Tod entfesselten Elemente zu neuen Gestalten zu +verbinden: so ist diese Lebensfülle und ihre Erneuerung +doch nach Verschiedenheit der Himmelsstriche +verschieden. Periodisch erstarrt die Natur in der kalten +Zone; denn Flüssigkeit ist Bedingniss zum Leben. +Thiere und Pflanzen (Laubmoose und andre Cryptogamen +abgerechnet) liegen hier viele Monate hindurch +im Winterschlaf vergraben. In einem grossen Theile +der Erde haben daher nur solche organische Wesen +sich entwickeln können, welche einer beträchtlichen +Entziehung von Wärmestoff widerstehen, oder einer +langen Unterbrechung der Lebensfunctionen fähig sind. +Je näher dagegen den Tropen, desto mehr nimmt Mannichfaltigkeit +der Bildungen, Anmuth der Form und +des Farbengemisches, ewige Jugend und Kraft des organischen +Lebens zu. +</p> +<p> +Diese Zunahme kann leicht von denen bezweifelt +werden, welche nie unsern Welttheil verlassen, oder +das Studium der allgemeinen Erdkunde vernachlässigt +haben. Wenn man aus unsern dicklaubigen Eichenwäldern +über die Alpen oder Pyrenäen-Kette nach +Welschland oder Spanien hinabsteigt; wenn man gar +<pb n="9"/><anchor id="Pg9"/> +seinen Blick auf die afrikanischen Küstenländer des +Mittelmeeres richtet: so wird man leicht zu dem +Fehlschlusse verleitet, als sei Baumlosigkeit der Charakter +heisser Klimate. Aber man vergisst, dass das +südliche Europa eine andere Gestalt hatte, als pelasgische +oder carthagischc Pflanzvölker sich zuerst darinn +festsezten; man vergisst, dass frühere Bildung des +Menschengeschlechts die Waldungen verdrängt, und +dass der umschaffende Geist der Nazionen der Erde allmählig +den Schmuck raubt, der uns in dem Norden +erfreut, und der (mehr, als alle Geschichte) die Jugend +unserer sittlichen Kultur anzeigt. Die grosse Katastrophe, +durch welche das Mittelmeer sich gebildet, +indem es, ein anschwellendes Binnenwasser, die +Schleusen der Dardanellen und die Säulen des Herkules +durchbrochen, diese Katastrophe scheint die angränzenden +Länder eines grossen Theils ihrer Dammerde +beraubt zu haben. Was bei den griechischen +Schriftstellern von den Samothracischen Sagen erwähnt +wird, deutet die Neuheit dieser zerstörenden Naturveränderung +an. Auch ist in allen Ländern, welche +das Mittelmeer begränzt, und welche die Kalkformation +des Jura charakterisirt, ein grosser Theil der Erdoberfläche +nackter Fels, Das Mahlerische italienischer +Gegenden beruht vorzüglich auf diesem lieblichen +Kontraste zwischen dem unbelebten öden Gestein +und der üppigen Vegetation, welche inselförmig darinn +aufsprosst. Wo dieses Gestein, minder zerklüftet, +die Wasser auf der Oberfläche zusammen hält, +wo diese mit Erde bedeckt ist, (wie an den reizenden +<pb n="10"/><anchor id="Pg10"/> +Ufern des Albaner Sees) da hat selbst Italien seine +Eichenwälder, so schattig und grün, als der Bewohner +des Norden sie wünscht. +</p> +<p> +Auch die Wüsten jenseits des Atlas, und die unermesslichen +Ebenen oder Steppen von Süd-Amerika, +sind als blosse Lokalerscheinungen zu betrachten. Diese +findet man, in der Regenzeit wenigstens, mit Gras +und niedrigen, fast krautartigen, Mimosen bedeckt; +jene sind Sand-Meere im Innern des alten Continents, +grosse pflanzenleere Räume, mit ewiggrünen waldigen +Ufern umgeben. Nur einzeln stehende Fächerpalmen +erinnern den Wanderer, dass diese Einöden Theile +einer belebten Schöpfung sind. Im trügerischen Lichtspiele, +das die strahlende Wärme erregt, sieht man +bald den Fuss dieser Palmen frei in der Luft schweben, +bald ihr umgekehrtes Bild in den wogenartig-zitternden +Luftschichten wiederholt. Auch westlich von der +peruanischen Andeskette, an den Küsten des stillen +Meeres, haben wir Wochen gebraucht, um solche +wasserleere Wüsten zu durchstreichen. Der Ursprung +derselben, diese Pflanzenlosigkeit grosser Erdstrecken, +in Gegenden, wo umher die kraftvolleste Vegetation +herrscht, ist ein wenig beachtetes geognostisches Phänomen, +welches sich unstreitig in alten Naturrevoluzionen +(in Ueberschwemmungen, oder vulkanischen +Umwandelungen der Erdrinde) gründet. Hat eine +Gegend einmal ihre Pflanzendecke verloren, ist der +Sand beweglich und quellenleer, hindert die heisse, +senkrecht aufsteigende Luft den Niederschlag der +Wolken: so vergehen Jahrtausende, ehe von den grünen +<pb n="11"/><anchor id="Pg11"/> +Ufern aus organisches Leben in das Innere der +Einöde dringt. +</p> +<p> +Wer demnach die Natur mit Einem Blicke zu umfassen, +und von Lokalphänomenen zu abstrahiren +weiss, der sieht, wie mit Zunahme der belebenden +Wärme, von den Polen zum Aequator hin, sich auch +allmählig organische Kraft und Lebensfülle vermehren. +Aber bei dieser Vermehrung sind doch jedem +Erdstriche besondere Schönheiten vorbehalten: den +Tropen Mannichfaltigkeit und Grösse der Pflanzenformen; +dem Norden der Anblick der Wiesen, und das +periodische Wiedererwachen der Natur beim ersten +Wehen der Frühlingslüfte. Jede Zone hat ausser den +ihr eigenen Vorzügen auch ihren eigenthümlichen +Character. So wie man an einzelnen organischen Wesen +eine bestimmte Physiognomie erkennt; wie beschreibende +Botanik und Zoologie, im engern Sinne +des Worts, fast nichts als Zergliederung der Thier- und +Pflanzenformen ist: so giebt es auch eine gewisse Naturphysiognomie, +welche jedem Himmelsstriche ausschliesslich +zukommt. +</p> +<p> +Was der Mahler mit den Ausdrücken schweizer +Natur, italienischer Himmel, bezeichnet, gründet sich +auf das dunkle Gefühl dieses lokalen Naturcharakters. +Himmelsbläue, Beleuchtung, Duft, der auf der Ferne +ruht, Gestalt der Thiere, Saftfülle der Kräuter, Glanz +des Laubes, Umriss der Berge — alle diese Elemente +bestimmen den Totaleindruck einer Gegend. Zwar +bilden unter allen Zonen dieselben Gebirgsarten Felsgruppen, +von einerlei Physiognomie. Die Grünsteinklippen +<pb n="12"/><anchor id="Pg12"/> +in Süd-Amerika und Mexiko gleichen denen +des deutschen Fichtelgebirges, wie unter den Thieren +die Form des Alco oder der ursprünglichen Hunderace +des neuen Continents, mit der der europäischen Race +genau übereinstimmt. Denn die unorganische Rinde +der Erde ist gleichsam unabhängig von klimatischen +Einflüssen; sey es, dass der Unterschied der Klimate +neuer als das Gestein ist; sei es, dass die erhärtende, +Wärme-entbindende Erdmasse sich selbst ihre Temperatur +gab, statt sie von aussen zu empfangen. Alle +Formationen sind daher allen Weltgegenden eigen, +und in allen gleichgestaltet. Ueberall bildet der Basalt +Zwillings-Berge und abgestumpfte Kegel; überall <corr +sic="ercheint">erscheint</corr> der Trapporphyr +in grotesken Felsmassen, der +Granit in sanftrundlichen Kuppen. Auch ähnliche +Pflanzenformen, Tannen und Eichen, bekränzen die +Berggehänge in Schweden, wie die des südlichsten +Theils von Mexiko. Und bei aller dieser Uebereinstimmung +in den Gestalten, bei dieser Gleichheit der +einzelnen Umrisse, nimmt die Gruppirung derselben +zu einem Ganzen doch den verschiedensten Charakter +an. +</p> +<p> +So wie die Kenntniss der Fossilien sich von der +Gebirgslehre unterscheidet; so ist von der individuellen +Naturbeschreibung die allgemeine, oder die Physiognomik +der Natur, verschieden. Georg Forster in +seinen Reisen und in seinen kleinen Schriften; Göthe +in den Naturschilderungen, welche so manche seiner +unsterblichen Werke enthalten; Herder, Büffon, Bernardin +de St. Pierre, und selbst Chateaubriand, haben +<pb n="13"/><anchor id="Pg13"/> +mit unnachahmlicher Wahrheit den Charakter einzelner +Himmelsstriche geschildert. Solche Schilderungen +sind aber nicht blos dazu geeignet, dem Gemüthe einen +Genuss der edelsten Art zu verschaffen; nein, +die Kenntniss von dem Naturcharakter verschiedener +Weltgegenden ist mit der Geschichte des Menschengeschlechtes, +und mit der seiner Kultur, aufs innigste +verknüpft, Denn wenn auch der Anfang dieser Kultur +nicht durch physische Einflüsse allein bestimmt +wird; so hängt doch die Richtung derselben, so hängen +Volkscharacter, düstere oder heitere Stimmung +der Menschheit, grossentheils von klimatischen Verhältnissen +ab. Wie mächtig hat der griechische Himmel +auf Seine Bewohner gewirkt! Wie sind nicht in +dem schönen und glücklichen Erdstriche zwischen dem +Oxus, dem Tigris, und dem ägeischen Meere, die +sich ansiedelnden Völker zuerst zu sittlicher Anmuth +und zarteren Gefühlen erwacht? Und haben nicht, +als Europa in neue Barbarei versank, und religiöse +Begeisterung plözlich den heiligen Orient öfnete, unsere +Vorältern aus jenen milden Thälern von neuem +mildere Sitten heimgebracht! Die Dichterwerke der +Griechen und die rauheren, Gesänge der nordischen Urvölker +verdankten grösstentheils ihren eigenthümlichen +Charakter der Gestalt der Pflanzen und Thiere, +den Gebirgsthälern, die den Dichter umgaben, und +der Luft, die ihn umwehte. Wer fühlt sich nicht, +um selbst nur an nahe Gegenstände zu erinnern, anders +gestimmt, in dem dunkeln Schatten der Buchen, +oder auf Hügeln, die mit einzeln stehenden Tannen +<pb n="14"/><anchor id="Pg14"/> +bekränzt sind; oder auf der Grasflur, wo der Wind in +dem zitternden Laube der Birken säuselt! Melancholische, +ernsterhebende, oder fröhliche Bilder rufen +diese vaterländische Pflanzengestalten in uns hervor. +Der Einfluss der physischen Welt auf die moralische, +dies geheimnissvolle Ineinander-Wirken des Sinnlichen +und Aussersinnlichen, giebt dem Naturstudium, wenn +man es zu höheren Gesichtspunkten erhebt, einen eigenen, +noch zu wenig gekannten Reiz. +</p> +<p> +Wenn aber auch der Charakter verschiedener Weltgegenden +von allen äusseren Erscheinungen zugleich +abhängt; wenn Umriss der Gebirge, Physiognomie der +Pflanzen und Thiere, wenn Himmelsbläue, Wolkengestalt +und Durchsichtigkeit des Luftkreises, den Totaleindruk +bewirken; so ist doch nicht zu läugnen, +dass das Hauptbestimmende dieses Eindrucks die +Pflanzendecke ist. Dem thierischen Organismus fehlt +es an Masse, und die Beweglichkeit der Individuen +entzieht sie oft unsern Blicken. Die Pflanzenschöpfung +dagegen wirkt durch stetige Grösse auf unsere Einbildungskraft. +Ihre Masse bezeichnete ihr Alter, und in +den Gewächsen allein ist Alter und Ausdruck stets +sich erneuernder Kraft mit einander gepaart. Der riesenförmige +Drachenbaum, den ich auf den kanarischen +Inseln sah, und der 16 Schuh im Durchmesser hat, +trägt noch immerdar (gleichsam in ewiger Jugend) +Blüthe und Frucht. Als französische Abentheurer, +die Bethencourts, im vierzehnten Jahrhundert die +glücklichen Inseln eroberten, war der Drachenbaum +von Oratava (den Eingeborenen heilig wie der Oelbaum +<pb n="15"/><anchor id="Pg15"/> +in der Burg zu Athen, oder die nordische Esche, +unter der Odin und Asi zusammenkamen) von eben +der kolossalen Stärke als jezt. In den Tropen ist ein +Wald von Hymeneen und Caesalpinien vielleicht das +Denkmal von einem Jahrtausend. +</p> +<p> +Umfasst man die verschiedenen Pflanzenarten, +welche bereits auf dem Erdboden entdeckt sind, und +von denen <hi rend="gesperrt">Willdenow's</hi> grosses Werk allein über +20,000 genau zergliedert, mit Einem Blick; so erkennt +man in dieser wundervollen Menge wenige +Hauptformen, auf welche sich alle andere zurückführen +lassen. Zur Bestimmung dieser Formen, von deren +individueller Schönheit, Vertheilung und Gruppirung +die Physiognomie der Vegetation eines Landes +abhängt, muss man nicht (wie in den botanischen +Systemen aus andern Beweggründen geschieht) auf +die kleinsten Theile der Blüthen und Früchte, sondern +nur auf das Rücksicht nehmen, was durch Masse +den Totaleindruck einer Gegend individualisirt. Unter +den Hauptformen der Vegetation giebt es allerdings +ganze Familien der sogenannten natürlichen Systeme. +Bananengewächse und Palmen werden auch in diesen +einzeln aufgeführt. Aber der botanische Systematiker +trennt eine Menge von Pflanzengruppen, welche +der Physiognomiker sich gezwungen sieht, mit einander +zu verbinden. Wo die Gewächse sich als Massen +darstellen, fliessen Umrisse und Vertheilung der Blätter, +Gestalt der Stämme und Zweige, in einander. +Der Mahler (und gerade dem feinen Naturgefühle des +Künstlers kommt hier der Ausspruch zu!) unterscheidet +in dem Mittel- und Hintergrunde einer Landschaft +<pb n="16"/><anchor id="Pg16"/> +Tannen- oder Palmengebüsehe von Buchen, nicht aber +diese von andern Laubholzwäldern! +</p> +<p> +Sechszehn Pflanzenformen bestimmen hauptsächlich +die Physiognomie der Natur. Ich zähle nur diejenigen +auf, welche ich bei meinen Reisen durch beide +Welttheile, und bei einer vieljährigen Aufmerksamkeit +auf die Vegetation der verschiedenen Himmelsstriche +zwischen dem 55sten Grade nördlicher und dem +12ten Grade südlicher Breite, beobachtet habe. Die +Zahl dieser Formen wird gewiss ansehnlich vermehrt +werden, wenn man einst in das Innere der Continente +tiefer eindringt, und neue Pflanzengattungen entdeckt. +Im südöstlichen Asien, im Inneren von Afrika +und Neuholland, in Süd-Amerika vom Amazonenstrome +bis zum Gebirge Chiquitos hin, ist uns die Vegetation +noch völlig unbekannt. Wie, wenn man gar +ein Land entdeckte, in welchem holzige Schwämme, +z. B. Calvarien oder Moose, hohe Bäume bildeten? +Nekera dendroïdes, ein deutsches Laubmoos, ist in +der That baumartig, und die tropischen Farrenkräuter, +oft höher als unsere Linden und Erlen, sind für den +Europäer noch jezt ein eben so überraschender Anblick, +als dem ersten Entdecker ein Wald hoher Laubmoose +seyn würde! Grösse und Entwickelung der +Organe hängt von der Begünstigung klimatischer +Verhältnisse ab. Die kleine, aber schlanke Form unserer +Eidechse dehnt sich im Süden zu dem kolossalen +und gepanzerten Körper furchtbarer Crocodyle aus. In +den ungeheuern Katzen von Afrika und Amerika, im +Tiger, im Löwen und Jaguar, ist die Gestalt eines +<pb n="17"/><anchor id="Pg17"/> +unserer kleinsten Hausthiere nach einem grösseren +Maasstabe wiederholt. Dringen wir gar in das Innere +der Erde, durchwühlen wir die Grabstätte der Pflanzen +und Thiere, so verkündigen uns die Versteinerungen +nicht bloss eine Vertheilung der Formen, +die mit den jetzigen Klimaten in Widerspruch steht; +nein, sie zeigen uns auch kolossale Gestalten, welche +mit den kleinlichen, die uns gegenwärtig umgeben, +nicht minder contrastiren, als die einfache Heldennatur +der Griechen gegen die Charaktergrösse neuerer +Zeit. Hat die Temperatur des Erdkörpers beträchtliche, +vielleicht periodisch wiederkehrende Veränderungen +erlitten; ist das Verhältniss zwischen Meer +und Land, ja selbst die Höhe des Luftozeans und +sein Druck nicht immer derselbe gewesen: so muss +die Physiognomie der Natur, so müssen Grösse und +Gestalt des Organismus, ebenfalls schon manchem +Wechsel unterworfen gewesen sein. Unfähig, diese +Physiognomie des alternden Planeten nach ihren gegenwärtigen +Zügen vollständig zu schildern, wage +ich nur diejenigen Charaktere auszuheben, welche +jeder Pflanzengruppe vorzüglich zukommen. Bei +allem Reichthum und aller Biegsamkeit unserer vaterländischen +Sprache, ist es ein schwieriges Unternehmen, +mit Worten zu bezeichnen, was eigentlich +nur der nachahmenden Kunst des Malers darzustellen +geziemt. Auch wünschte ich, das Ermüdende +des Eindrucks zu vermeiden, das jede Aufzählung +einzelner Formen unausbleiblich erregen +muss. +</p> +<pb n="18"/><anchor id="Pg18"/> +<p> +Wir beginnen mit den <hi rend="gesperrt">Palmen</hi>, der höchsten +und edelsten aller Pflanzengestalten. Denn ihr haben +stets die Völker (und die früheste Menschenbildung +war in der asiatischen Palmenwelt, oder in dem Erdstriche, +der zunächst an die Palmenwelt gränzt) den +Preis der Schönheit zuerkannt. Hohe, schlanke, geringelte, +bisweilen stachliche Schäfte mit anstrebendem, +glänzendem, bald gefächertem, bald gefiedertem +Laube. Die Blatter sind oft grasartig gekräuselt. +Der glatte Stamm erreicht bis 180 Fuss Höhe. Die +Palmenform nimmt an Pracht und Grösse ab, vom +Aequator gegen die gemässigte Zone hin. Europa hat +unter seinen einheimischen Gewächsen nur einen Repräsentanten +dieser Form, die zwergartige Küstenpalme, +den Chamaerops, der in Spanien und Italien +sich nördlich bis zum 44sten Breitengrade erstreckt. +Das eigentliche Palmenklima der Erde hat 21°. mittlerer +Wärme. Aber die aus Afrika zu uns gebrachte +Dattelpalme, welche minder schön als andere Arten +dieser Gruppen ist, vegetirt noch im südlichen Europa +in Gegenden, deren mittlere Temperatur 14°. +also mehr als doppelt grösser, als die von Berlin, ist. +Palmenstämme und Elephantengerippe liegen im nördlichen +Deutschlande im Inneren der Erde vergraben, +und ihre Lage macht es wahrscheinlich, dass sie nicht +von den Tropen her gegen Norden geschwemmt wurden; +sondern, dass in den grossen Revoluzionen unseres +Planeten die Klimate, wie die durch sie bestimmte +Physiognomie der Natur, vielfach verändert +worden sind. +</p> +<pb n="19"/><anchor id="Pg19"/> +<p> +Zu den Palmen gesellt sich in allen Welttheilen +die Pisang oder <hi rend="font-weight: bold">Bananenform</hi>, die Scitamineen der +Botaniker, <hi rend="italic">Heliconia</hi>, <hi rend="italic">Amomum</hi>, <hi rend="italic">Strelitzia</hi>. Ein +niedriger aber saftreicher, fast krautartiger Stamm, +an dessen Spitze sich dünn und lokkergewebte, zartgestreifte, +seidenartig-glänzende Blätter erheben. +Pisanggebüsche sind der Schmuck feuchter Gegenden. +Auf ihrer Frucht beruht die Nahrung aller Bewohner +des heissen Erdgürtels. Wie die mehlreichen Cerealien +oder Getreidearten des Nordens, so begleiten Pisangstämme +den Menschen seit der frühesten Kindheit +seiner Kultur. Asiatische Mythen setzen die +ursprüngliche Heimath dieser nährenden Tropenpflanze +an den Euphrat, oder an den Fuss des Himalus +in Indien. Griechische Sagen nennen die Gefilde +von Enna als das glückliche Vaterland der Cerealien. +Wenn diese, durch die Kultur über die nördliche Erde +verbreitet, und dort einförmige weitgedehnte Grasfluren +bildend, wenig den Anblick der Natur verschönern, +so vervielfacht dagegen der sich ansiedelnde +Tropenbewohner durch Pisangpflanzungen +eine der herrlichsten und edelsten Gestalten. +</p> +<p> +<hi rend="gesperrt">Malvenform</hi>, <hi rend="italic">Sterculia</hi>, <hi rend="italic">Hibiscus</hi>, <hi rend="italic">Lavatera</hi>, +<hi rend="italic">Ochroma</hi>. Kurze aber kolossalisch dikke Stämme +mit zartwolligen, grossen, herzförmigen, oft eingeschnittenen +Blättern, und prachtvollen oft purpurrothen +Blüthen. Zu dieser Pflanzengruppe gehört +der Affenbrodbaum, <hi rend="italic">Adansonia digitata</hi>, der bei +32 Fuss Höhe 30 Fuss Durchmesser hat, und der wahrscheinlich +das grösste und älteste organische Denkmahl +<pb n="20"/><anchor id="Pg20"/> +auf unserm Planeten ist. in Italien fängt die +Malvenform bereits an, der Vegetation einen eigenthümlichen +südlichen Charakter zu geben. +</p> +<p> +Dagegen entbehret unsere gemässigte Zone im +alten Continent leider ganz die zartgefiederten Blätter, +die <hi rend="gesperrt">Form der Mimosen</hi>, <hi rend="italic">Gleditsia</hi>, <hi rend="italic">Porleria</hi>, +<hi rend="italic">Tamarindus</hi>. Den vereinigten Staaten von Nord-Amerika, +in denen unter gleicher Breite die Vegetation +mannichfaltiger und üppiger als in Europa ist, +fehlt diese schöne Form nicht. Bei den Mimosen ist +eine schirmartige Verbreitung der Zweige, fast wie +bei den italienischen Pinien, gewöhnlich. Die tiefe +Himmelsbläue des Tropenklimas durch die zartgefiederten +Blätter schimmernd, ist von überaus malerischem +Effekte. +</p> +<p> +Eine meist afrikanische Pflanzengruppe sind die +<hi rend="gesperrt">Heidekräuter</hi>; dahin gehören auch die <hi rend="italic">Andromeda</hi>, +<hi rend="italic">Passerinen</hi> und <hi rend="italic">Gnidien</hi>, eine Gruppe, die +mit der der Nadelhölzer einige Aehnlichkeit hat, und +eben deshalb mit dieser durch die Fülle glokkenförmiger +Blüthen, desto reizender contrastirt. Die baumartigen +Heidekräuter, wie einige andere afrikanische +Gewächse, erreichen das nördliche Ufer des Mittelmeers. +Sie schmükken Welschland und die Cistus-Gebüsche +des südlichen Spaniens. Am üppigsten +wachsend habe ich sie auf den afrikanischen Inseln, +am Abhange des <hi rend="gesperrt">Pics</hi> von <hi rend="gesperrt">Teyde</hi> gesehen. Bei uns +in den baltischen Ländern, und noch nördlicher hin, +ist diese Pflanzenform gefürchtet, Dürre und Unfruchtbarkeit +verkündigend. Unsere Heidekräuter, <hi rend="italic">Erica vulgaris</hi> +<pb n="21"/><anchor id="Pg21"/> +und <hi rend="italic">tetralix</hi> sind gesellschaftlich lebende +Gewächse, gegen deren fortschreitenden Zug die ackerbauenden +Völker seit Jahrhunderten mit wenigem +Glükke ankämpfen. Sonderbar, dass der Hauptrepräsentant +dieser Form blos einer Seite unsers Planeten +eigen ist. Von den 137 jezt bekannten Arten von +<hi rend="italic">Erica</hi> findet sich auch nicht eine einzige im neuen +Continent von Pensilvanien und Labrador bis gegen +Nootka und Alaschka hin. +</p> +<p> +Dagegen ist bloss dem neuen Continent eigenthümlich +die <hi rend="gesperrt">Cactusform</hi>, bald kugelförmig, bald +gegliedert, bald in hohen, vielekkigen Säulen, wie +Orgelpfeifen, aufrechtstehend. Diese Gruppe bildet +den höchsten Contrast mit der Gestalt der Liliengewächse +und der Bananen. Sie gehört zu den Pflanzen, +welche Bernardin de St. Pierre sehr glücklich +die vegetabilischen Quellen der Wüste nennt. In den +wasserleeren Ebenen von Südamerika suchen die von +Durst geängsteten Thiere den <hi rend="italic">Melonen-Cactus</hi>, eine +kugelförmige, halb im dürren Sande verborgene +Pflanze, deren saftreiches Innere unter furchtbaren +Stacheln versteckt ist. Die säulenförmigen Cactus-Stämme +erreichen bis 30 Fuss Höhe und candelaberartig +getheilt, haben sie eine auffallende Aehnlichkeit +der Physiognomie mit einigen afrikanischen Euphorbien. +</p> +<p> +Wie diese grüne Wasen in den pflanzenleeren +Wüsten bilden, so beleben die <hi rend="gesperrt">Orchideen</hi> den vom +Licht verkohlten Stamm der Tropenbäume und die +ödesten Felsenritzen. Die Vanillenform zeichnet sich +<pb n="22"/><anchor id="Pg22"/> +durch hellgrüne saftvolle Blätter und durch vielfarbige +Blüthen von wunderbarem Baue aus. Diese Blüthen +gleichen bald den geflügelten Insekten, bald den zarten +Vögeln, welche der Duft der Honiggefässe anlokket. +Das Leben eines Malers wäre nicht hinlänglich, +um alle die prachtvollen Orchideen abzubilden, +welche die tiefausgefurchten Gebirgsthäler der peruanischen +Andeskette zieren. +</p> +<p> +Blattlos, wie fast alle Cactusarten, ist die <hi rend="gesperrt">Form +der Casuarinen</hi>, einer Pflanzengestalt, bloss der +Südsee und Ostindien eigen. Bäume mit schachtelhalmähnlichen +Zweigen. Doch finden sich auch in +andern Weltgegenden Spuren dieses mehr sonderbaren +als schönen Typus. <hi rend="gesperrt">Plumier's</hi> <hi rend="italic">Equisetum altissimum</hi>, +die Ephedra aus Nord-Afrika, die peruanischen +Colletien und das sibirische Calligonum Pallasia, +sind der Casuarinenform nahe verwandt. +</p> +<p> +So wie in den Pisanggewächsen die höchste Ausdehnung, +so ist in den Casuarinen und in den <hi rend="gesperrt">Nadelhölzern</hi> +die höchste Zusammenziehung der +Blattgefässe. Tannen, Thuja und Cypressen bilden +eine nordische Form, die in den Tropen selten ist. +Ihr ewig-frisches Grün erheitert die öde Winter-Landschaft. +Es verkündigt gleichsam den Polarvölkern, +dass, wenn Schnee und Eis den Boden bedekken, +das innere Leben der Pflanzen, wie das Prometheische +Feuer, nie auf unserm Planeten erlischt. +</p> +<p> +Parasitisch wie bei uns Moose und Flechten, überziehen +in der Tropenwelt ausser den Orchideen auch +die <hi rend="gesperrt">Pothosgewächse</hi> den alternden Stamm der +<pb n="23"/><anchor id="Pg23"/> +Waldbäume. Saftige, krautartige Stengel mit grossen, +bald pfeilförmigen, bald gefingerten, bald länglichen +aber stets dik-adrigen Blättern. Blumen in Scheiden. +<hi rend="italic">Pothos</hi>, <hi rend="italic">Dracontium</hi>, <hi rend="italic">Arum</hi>, leztere dem Norden +fehlend, aber in Spanien und Italien mit saftvollem +Huflattig, hohen Distelstauden und <hi rend="italic">Acanthus</hi>, die +Ueppigkeit des südlichen Pflanzenwuchses bezeichnend. +</p> +<p> +Zu dieser <hi rend="gesperrt">Arumform</hi> gesellt sich die Form der +<hi rend="gesperrt">Lianen</hi>, beide in heissen Erdstrichen von Süd-Amerika +in vorzüglicher Kraft der Vegetation. <hi rend="italic">Paullinia</hi>, +<hi rend="italic">Banisteria</hi>, <hi rend="italic">Bignonien</hi>. Unser rankender +Hopfen und unsere Weinreben erinnern an diese +Pflanzengestalt der Tropenwelt. Am Orinoco haben +die blattlosen Zweige der <hi rend="italic">Bauhinien</hi> oft 40 Fuss +Länge. Sie fallen theils senkrecht aus dem Gipfel +hoher Swietenien herab; theils sind sie schräg wie +Masttaue ausgespannt, und die Tigerkatze hat eine +bewundernswürdige Geschiklichkeit, daran auf- und +abzuklettern. +</p> +<p> +Mit den biegsamen sich rankenden Lianen, mit +ihrem frischen und leichten Grün, kontrastirt die +selbstständige Form der bläulichen <hi rend="gesperrt">Aloegewächse</hi>; +Stämme, wenn sie vorhanden sind, fast ungetheilt, +enggeringelt und schlangenartig gewunden. An dem +Gipfel sind saftreiche, fleischige, lang·zugespitzte +Blätter stralenartig zusammengehäuft. Die hochstämmigen +Aloegewächse bilden nicht Gebüsche, wie andere +gesellschaftlich lebende Pflanzen. Sie stehen einzeln +in dürren Ebenen, und geben der Tropengegend +<pb n="24"/><anchor id="Pg24"/> +dadurch oft einen eigenen melancholischen (man +möchte sagen afrikanischen) Charakter. +</p> +<p> +Wie die Aloeform sich durch ernste Ruhe und +Festigkeit, so charakterisirt sich die <hi rend="gesperrt">Grasform</hi>, besonders +die Physiognomie der baumartigen Gräser, +durch den Ausdruck fröhlicher Leichtigkeit und beweglicher +Schlankheit. Bambusgebüsche bilden schattige +Bogengänge in beiden Indien. Der glatte, oft +geneigt-hinschwebende Stamm der Tropen-Gräser +übertrift die Höhe unserer Erlen und Eichen. Schon +in Italien fängt im <hi rend="italic">Arundo Donax</hi> diese Form an, +sich vom Boden zu erheben, und durch Höhe und +Masse den Naturcharakter des Landes zu bestimmen. +</p> +<p> +Mit der Gestalt der Gräser ist auch die der <hi rend="gesperrt">Farrenkräuter</hi> +in den heissen Erdstrichen veredelt. +Baumartige, oft 35 Fuss hohe Farrenkräuter haben +ein palmenartiges Ansehen; aber ihr Stamm ist minder +schlank, kürzer, schuppig-rauher als der der +Palmen. Das Laub ist zarter, lokker gewebt, durchscheinend, +und an den Rändern sauber ausgezakt. +Diese kolossalen Farrenkräuter sind fast ausschliesslich +den Tropen eigen, aber in diesen ziehen sie ein +gemässigtes Klima dem ganz heissen vor. Da nun die +Milderung der Hitze bloss eine Folge der Höhe ist; +so darf man Gebirge, die 2 bis 3000 Fuss über dem +Meere erhaben sind, oder die Höhe unsers deutschen +Brokkens, als den Hauptsiz dieser Form nennen. +Hochstämmige Farrenkräuter begleiten in Süd-Amerika +den wohlthätigen Baum, der die heilende Fieberrinde +darbietet. Beide bezeichnen die glükliche Region +<pb n="25"/><anchor id="Pg25"/> +der Erde, in der ewige Milde des Frühlings +herrscht. +</p> +<p> +Noch nenne ich die Form der <hi rend="gesperrt">Liliengewächse</hi>, +(<hi rend="italic">Amaryllis</hi>, <hi rend="italic">Pancratium</hi>) mit schilfartigen Blättern +und prachtvollen Blüthen, eine Form, deren Hauptvaterland +das südliche Afrika ist; ferner die <hi rend="gesperrt">Weidenform</hi>, +in allen Welttheilen einheimisch; und +wo <hi rend="italic">Salix</hi> fehlt, in den <hi rend="italic">Banksien</hi> und einigen <hi rend="italic">Proteen</hi> +wiederholt; <hi rend="gesperrt">Myrthengewächse</hi>, (<hi rend="italic">Metrosideros</hi>, +<hi rend="italic">Eucalyptus</hi>, <hi rend="italic">Escallonia</hi>) <hi rend="gesperrt">Melastomen-</hi> und +<hi rend="gesperrt">Lorbeerform</hi>. +</p> +<p> +Es wäre ein Unternehmen, eines grossen Künstlers +werth, den Charakter aller dieser Pflanzengruppen +nicht in Treibhäusern oder in den Beschreibungen +der Botaniker, sondern in der grossen Tropen-Natur +selbst, zu studiren. Wie interessant und lehrreich +für den Landschaftsmaler ware ein Werk, welches +dem Auge die aufgezählten sechszehn Hauptformen, +erst einzeln, und dann in ihrem Contraste +gegen einander, darstellte. Was ist malerischer, +als baumartige Farrenkräuter, die ihre zartgewebten +Blätter über die Mexikanischen Lorbeereichen ausbreiten! +Was reizender, als Pisanggebüsche von hohen +Bambusgräsern umschattet! Dem Künstler ist es +gegeben, die Gruppen zu zergliedern, und unter seiner +Hand löst sich (wenn ich den Ausdruk wagen +darf) das grosse Zauberbild der Natur, gleich den geschriebenen +Werken der Menschen, in wenige einfache +Züge auf! +</p> +<p> +Am glühenden Sonnenstral des tropischen Himmels +<pb n="26"/><anchor id="Pg26"/> +gedeihen die herrlichsten Gestalten der Pflanzen. Wie +im kalten Norden die Baumrinde mit dürren Flechten +und Laubmoosen bedekt ist, so beleben dort Cymbidium +und duftende Vanille den Stamm der Anacardien +und der riesenmässigen Feigenbäume. Das frische +Grün der Pothosblätter und der Dracontien kontrastirt +mit den vielfarbigen Blüthen der Orchideen. Rankende +Bauhinien, Passifloren und gelbblühende Banisterien +umschlingen den Stamm der Waldbäume. +Zarte Blumen entfalten sich aus den Wurzeln der +<hi rend="italic">Theobroma</hi>, wie aus der dichten und rauhen Rinde +der Crescentien und der <hi rend="italic">Gustavia</hi>. Bei dieser Fülle +von Blüthen und Blättern, bei diesem üppigen +Wuchse und der Verwirrung rankender Gewächse, +wird es dem Naturforscher oft schwer zu erkennen, +welchem Stamme Blüthen und Blätter zugehören. +Ein einziger Baum mit Paullinien, Bignonien und +Dendrobium geschmükt, bildet eine Gruppe von Pflanzen, +welche, von einander getrennt, einen beträchtlichen +Erdraum bedekken würden. +</p> +<p> +In den Tropen sind die Gewächse saftstrotzender, +von frischerem Grün, mit grösseren und glänzenderen +Blättern geziert, als in den nördlichern Erdstrichen. +Gesellschaftlich lebende Pflanzen, welche die europäische +Vegetation so einförmig machen, fehlen am +Aequator beinah gänzlich. Bäume, fast zweimal so +hoch als unsere Eichen, prangen dort mit Blüthen, +welche gross und prachtvoll wie unsere Lilien sind. +An den schattigen Ufern des Madalenenflusses in Süd-Amerika +wächst eine rankende Aristolochia, deren +<pb n="27"/><anchor id="Pg27"/> +Blume, von vier Fuss Umfang, sich die indischen +Knaben in ihren Spielen über den Scheitel ziehen. +</p> +<p> +Die ausserordentliche Höhe, zu welcher sich unter +den Wendekreisen nicht blos einzelne Berge, sondern +ganze Länder erheben, und die Kälte, welche Folge +dieser Höhe ist, gewähren dem Tropen-Bewohner +einen seltsamen Anblik. Ausser den Palmen und Pisanggebüschen +umgeben ihn auch die Pflanzenformen, +welche nur den nordischen Ländern anzugehören +scheinen. Cypressen, Tannen und Eichen, Berberissträucher +und Erlen (nahe mit den unsrigen verwandt) +bedekken die Gebirgsebenen im südlichen +Mexiko, wie die Andeskette unter dem Aequator. +So hat die Natur dem Menschen in der heissen Zone +verliehen, ohne seine Heimath zu verlassen, alle +Pflanzengestalten der Erde zu sehen; wie das Himmelsgewölbe +von Pol zu Pol ihm keine seiner leuchtenden +Welten verbirgt. +</p> +<p> +Diesen und so manchen andern Naturgenuss entbehren +die nordischen Völker. Viele Gestirne und +viele Pflanzenformen, von diesen gerade die schönsten, +(Palmen und Pisanggewächse, baumartige Gräser +und feingefiederte Mimosen) bleiben ihnen ewig +unbekannt. Die krankenden Gewächse, welche unsere +Treibhäuser einschliessen, gewähren nur ein +schwaches Bild von der Majestät der Tropenvegetation. +Aber in der Ausbildung unserer Sprache, in +der glühenden Phantasie des Dichters, in der darstellenden +Kunst der Maler, ist uns eine reiche Quelle +des Ersatzes geöfnet. Aus ihr schöpft unsere Einbildungskraft +<pb n="28"/><anchor id="Pg28"/> +die lebendigen Bilder einer exotischen +Natur. Im kalten Norden, in der öden Heide, kann +der einsame Mensch sich aneignen, was in den fernsten +Erdstrichen erforscht wird, und so in seinem +Innern eine Welt sich schaffen, welche das Werk +seines Geistes, frei und unvergänglich, wie dieser, +ist. +</p> +</body> + <back> + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter" /> + </div> + + </back> +</text> +</TEI.2> + |
