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+The Project Gutenberg EBook of Der Weihnachtsabend, by Charles Dickens
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Weihnachtsabend
+ Eine Geistergeschichte
+
+Author: Charles Dickens
+
+Translator: Julius Seybt
+
+Release Date: August 31, 2007 [EBook #22465]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Der Weihnachtsabend.
+
+
+ Eine Geistergeschichte
+
+ von
+
+ Charles Dickens.
+
+
+ Aus dem Englischen
+
+ von
+
+ Julius Seybt.
+
+
+
+ Leipzig.
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+ Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Erstes Kapitel: Marleys Geist. 3
+ Zweites Kapitel: Der erste der drei Geister. 25
+ Drittes Kapitel: Der zweite der drei Geister. 45
+ Viertes Kapitel: Der letzte der drei Geister. 71
+ Fünftes Kapitel: Das Ende. 89
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Marleys Geist.
+
+
+Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Ein Zweifel darüber kann
+nicht stattfinden. Der Schein über seine Bestattung wurde von dem
+Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbesorger und den vornehmsten
+Leidtragenden unterschrieben. Scrooge unterschrieb ihn und Scrooges Name
+wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte
+Marley war so tot wie ein Thürnagel.
+
+Merkt wohl auf! Ich will nicht etwa sagen, daß ein Thürnagel etwas
+besonders Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung
+geneigt sein, ein Sargnagel sei das toteste Stück Eisenwerk auf der
+Welt. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in dem Gleichnisse und
+meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um
+das Vaterland geschehen. Man wird mir daher erlauben, mit besonderem
+Nachdruck zu wiederholen, daß Marley so tot wie ein Thürnagel war.
+
+Scrooge wußte, daß er tot war? Natürlich wußte er's. Wie konnte es auch
+anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wie vielen
+Jahren, Handlungsgesellschafter. Scrooge war sein einziger
+Testamentsvollstrecker, sein einziger Administrator, sein einziger Erbe,
+sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge
+war von dem traurigen Ereignis nicht so entsetzlich gerührt, daß er
+selbst an dem Begräbnistage nicht ein vortrefflicher Geschäftsmann
+gewesen wäre und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel gefeiert
+hätte.
+
+Die Erwähnung von Marleys Begräbnistag bringt mich zu dem Ausgangspunkt
+meiner Erzählung wieder zurück. Es ist ganz unzweifelhaft, daß Marley
+tot war. Das muß scharf ins Auge gefaßt werden, sonst kann in der
+Geschichte, die ich eben erzählen will, nichts Wunderbares geschehen.
+Wenn wir nicht vollkommen fest überzeugt wären, daß Hamlets Vater tot
+ist, ehe das Stück beginnt, würde durchaus nichts Merkwürdiges in seinem
+nächtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines
+eignen Schlosses sein. Nicht mehr, als bei jedem andern Herrn in
+mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem
+Spaziergang auf einem luftigen Platze, zum Beispiel Sankt Pauls
+Kirchhof, entschließt, bloß um seinen schwachen Sohn in Erstaunen zu
+setzen.
+
+Scrooge ließ Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand
+über der Thür des Speichers »Scrooge und Marley.« Die Firma war unter
+dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Zuweilen nannten Leute, die ihn
+noch nicht kannten, Scrooge Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte
+auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.
+
+O, er war ein wahrer Blutsauger, der Scrooge! ein gieriger,
+zusammenscharrender, festhaltender, geiziger alter Sünder; hart und
+scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken
+geschlagen hat; verschlossen und selbstbegnügt und für sich, wie eine
+Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Züge erstarren,
+seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht von Runzeln, seinen Gang
+steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und klang aus seiner
+krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf
+seinen Augenbrauen, auf den starken kurzen Haaren seines Bartes. Er
+schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum; in den
+Hundstagen kühlte er sein Comptoir wie mit Eis; zur Weihnachtszeit
+wärmte er es nicht um einen Grad.
+
+Aeußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte
+ihn wärmen, keine Kälte ihn frösteln machen. Kein Wind war schneidender
+als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein
+schlagender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter
+konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten
+sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: Sie gaben oft im
+Ueberfluß, und das that Scrooge nie.
+
+Niemals trat ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichem
+Gesicht zu ihm zu sagen: Mein lieber Scrooge, wie geht's, wann werden
+Sie mich einmal besuchen? Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit
+an, kein Kind frug ihn, welche Zeit es sei, kein Mann und kein Weib hat
+ihn je in seinem Leben um den Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden
+schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zupfte er seinen
+Herrn, daß er in ein Haus trete und wedelte dann mit dem Schwanze, als
+wollte er sagen: kein Auge ist besser, als ein böses Auge, blinder Herr.
+
+Doch was kümmerte das Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg
+durch die gedrängten Pfade des Lebens zu gehen, jedem menschlichen
+Gefühl zu sagen: bleib' mir fern, das war das, was Scrooge gefiel.
+
+Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahre der beste, der
+Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Comptoir. Es war draußen
+schneidend kalt und nebelig und er konnte hören, wie die Leute im Hofe
+draußen prustend auf und nieder gingen, die Hände zusammenschlugen und
+mit den Füßen stampften, um sich zu erwärmen. Es hatte eben erst Drei
+geschlagen, war aber schon ganz finster. Den ganzen Tag über war es
+nicht hell geworden und aus den Fenstern der benachbarten Comptoirs
+erblickte man Lichter, wie rote Flecken auf der dicken, braunen Luft.
+Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes Schlüsselloch und war
+draußen so dick, daß die gegenüber stehenden Häuser des sehr kleinen
+Hofes wie ihre eignen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke Wolke,
+alles verfinsternd, heruntersinken sah, hätte man meinen können, die
+Natur wohne dicht nebenan und braue =en gros=.
+
+Die Thür von Scrooges Comptoir stand offen, damit er seinen Commis
+beaufsichtigen könne, welcher in einem unheimlich feuchten, kleinen
+Raume, einer Art Burgverließ, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein
+sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um so viel kleiner, daß
+es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen, denn
+Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer und allemal, wenn der
+Diener, mit der Kohlenschaufel in der Hand, hereinkam, meinte der Herr,
+es würde wohl nötig sein, daß sie sich trennten, worauf der Diener
+seinen weißen Shawl umband und versuchte, sich an dem Lichte zu wärmen,
+was, da er ein Mann von nicht zu starker Einbildungskraft war, immer
+fehlschlug.
+
+»Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!« rief eine heitere
+Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der ihm so schnell auf
+den Hals kam, daß dieser Gruß die erste Ankündigung seiner Annäherung
+war.
+
+»Pah,« sagte Scrooge, »dummes Zeug!«
+
+Der Neffe war vom schnellen Laufen so warm geworden, daß er über und
+über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine Augen glänzten und
+sein Atem rauchte.
+
+»Weihnachten dummes Zeug, Onkel?« sagte Scrooges Neffe, »das kann nicht
+Ihr Ernst sein.«
+
+»Es ist mein Ernst,« sagte Scrooge. »Fröhliche Weihnachten? Was für ein
+Recht hast du, fröhlich zu sein? was für einen Grund, fröhlich zu sein?
+Du bist arm genug.«
+
+»Nun,« antwortete der Neffe heiter, »was für ein Recht haben Sie,
+grämlich zu sein? was für einen Grund, mürrisch zu sein? Sie sind reich
+genug.«
+
+Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort bereit hatte, sagte
+noch einmal »Pah!« und brummte ein »Dummes Zeug!« hinterher.
+
+»Seien Sie nicht bös, Onkel,« sagte der Neffe.
+
+»Was soll ich anders sein,« antwortete der Onkel, »wenn ich in einer
+Welt voll solcher Narren lebe? Fröhliche Weihnachten! Der Henker hole
+die fröhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten für dich anders, als ein
+Tag, wo du Rechnungen bezahlen sollst, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo
+du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein
+Tag, wo du deine Bücher abschließest und in jedem Posten durch ein
+volles Dutzend von Monaten ein Deficit siehst? Wenn es nach mir ginge,«
+sagte Scrooge heftig, »so müßte jeder Narr, der mit seinem fröhlichen
+Weihnachten herumläuft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem
+Pfahl von Stecheiche im Herzen begraben werden.«
+
+»Onkel!« sagte der Neffe.
+
+»Neffe!« antwortete der Onkel heftig, »feiere du Weihnachten nach deiner
+Art und laß es mich nach meiner feiern.«
+
+»Feiern!« wiederholte Scrooges Neffe; »aber Sie feiern es nicht.«
+
+»Laß mich ungeschoren,« sagte Scrooge. »Mag es dir Nutzen bringen! viel
+genützt hat es dir schon.«
+
+»Es giebt viel Dinge, die mir hätten nützen können und die ich nicht
+benutzt habe, das weiß ich,« antwortete der Neffe, »und Weihnachten ist
+eins von denen. Aber ich weiß gewiß, daß ich Weihnachten, wenn es
+gekommen ist, abgesehen von der Verehrung, die wir seinem heiligen Namen
+und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe,
+als eine liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als
+die einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne, wo
+die Menschen einträchtig ihre verschlossenen Herzen aufthun und die
+andern Menschen betrachten, als wenn sie wirklich Reisegefährten nach
+dem Grabe wären und nicht eine ganz andere Art von Geschöpfen, die einen
+ganz andern Weg gehen. Und daher, Onkel, ob es mir gleich niemals ein
+Stück Gold oder Silber in die Tasche gebracht hat, glaube ich doch, es
+hat mir Gutes gethan und es wird mir Gutes thun, und ich sage: Gott
+segne es!«
+
+Der Diener in dem Burgverließe draußen applaudierte unwillkürlich; aber
+den Augenblick darauf fühlte er auch die Unschicklichkeit seines
+Betragens, schürte die Kohlen und verlöschte den letzten kleinen Funken
+auf immer.
+
+»Wenn _Sie_ mich noch einen einzigen Laut hören lassen,« sagte Scrooge,
+»so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust Ihrer Stelle. Du bist
+ein ganz gewaltiger Redner,« fügte er hinzu, sich zu seinem Neffen
+wendend. »Es wundert mich, daß du nicht ins Parlament kommst.«
+
+»Seien Sie nicht bös, Onkel. Essen Sie morgen mit uns.«
+
+Scrooge sagte, daß er ihn erst verdammt sehen wollte, ja wahrhaftig, er
+sprach sich ganz deutlich aus.
+
+»Aber warum?« rief Scrooges Neffe, »warum?«
+
+»Warum hast du dich verheiratet?« sagte Scrooge.
+
+»Weil ich mich verliebte.«
+
+»Weil er sich verliebte!« brummte Scrooge, als ob das das einzige Ding
+in der Welt wäre, noch lächerlicher als eine fröhliche Weihnacht. »Guten
+Nachmittag!«
+
+»Aber, Onkel, Sie haben mich ja auch nie vorher besucht. Warum soll es
+da ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?«
+
+»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.
+
+»Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen, warum
+können wir nicht gute Freunde sein?«
+
+»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.
+
+»Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnäckig zu finden. Wir haben
+nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld gewesen wäre. Aber
+ich habe den Versuch gemacht, Weihnachten zu Ehren und ich will meine
+Weihnachtsstimmung bis zuletzt behalten. Fröhliche Weihnachten, Onkel!«
+
+»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.
+
+»Und ein glückliches Neujahr!«
+
+»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.
+
+Aber doch verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der
+Hausthür blieb er noch stehen, um mit dem Glückwunsche des Tages den
+Diener zu begrüßen, der bei aller Kälte doch noch wärmer als Scrooge
+war, denn er gab den Gruß freundlich zurück.
+
+»Das ist auch so ein Kerl,« brummte Scrooge, der es hörte. »Mein Diener,
+mit fünfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern, spricht von
+fröhlichen Weihnachten. Ich gehe nach Bedlam.«
+
+Der Diener hatte, indem er den Neffen hinausließ, zwei andere Personen
+eingelassen. Es waren zwei behäbige, wohlansehnliche Herren, die jetzt,
+den Hut in der Hand, in Scrooges Comptoir standen. Sie hatten Bücher und
+Papiere in der Hand und verbeugten sich.
+
+»Scrooge und Marley, glaube ich,« sagte einer der Herren, indem er auf
+seine Liste sah. »Hab' ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley
+zu sprechen?«
+
+»Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot,« antwortete Scrooge. »Er starb
+heute vor sieben Jahren.«
+
+»Wir zweifeln nicht, daß sein überlebender Compagnon ganz seine
+Freigebigkeit besitzen wird,« sagte der Herr, indem er sein
+Beglaubigungsschreiben hinreichte.
+
+Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen.
+Bei dem ominösen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die Stirn,
+schüttelte den Kopf und gab das Papier zurück.
+
+»An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge,« sagte der Herr,
+eine Feder ergreifend, »ist es mehr als gewöhnlich wünschenswert,
+einigermaßen wenigstens für die Armut zu sorgen, die zu dieser Zeit in
+großer Bedrängnis ist. Vielen Tausenden fehlen selbst die notwendigsten
+Bedürfnisse, Hunderttausenden die notdürftigsten Bequemlichkeiten des
+Lebens.«
+
+»Giebt es keine Gefängnisse?« fragte Scrooge.
+
+»Ueberfluß von Gefängnissen,« sagte der Herr, die Feder wieder
+hinlegend.
+
+»Und die Union-Armenhäuser?« fragte Scrooge. »Bestehen sie noch?«
+
+»Allerdings. Aber doch,« antwortete der Herr, »wünschte ich, sie
+brauchten weniger in Anspruch genommen zu werden.«
+
+»Tretmühle und Armengesetz sind in voller Kraft,« sagte Scrooge.
+
+»Beide haben alle Hände voll zu thun.«
+
+»So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, es halte sie etwas
+in ihrem nützlichen Laufe auf,« sagte Scrooge. »Ich freue mich, das zu
+hören.«
+
+»In der Ueberzeugung, daß sie doch wohl kaum fähig sind, der Seele oder
+dem Leib der Armen christliche Stärkung zu geben,« antwortete der Herr,
+»sind einige von uns zur Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten,
+um für die Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Wir wählen
+diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am
+bittersten gefühlt wird und der Reiche sich freut. Welche Summe soll ich
+für Sie aufschreiben?«
+
+»Nichts,« antwortete Scrooge.
+
+»Sie wünschen ungenannt zu bleiben?«
+
+»Ich wünsche, daß man mich zufrieden lasse,« sagte Scrooge. »Da Sie mich
+fragen, was ich wünsche, meine Herren, so ist das meine Antwort. Ich
+freue mich selbst nicht zu Weihnachten und habe nicht die Mittel, mit
+meinem Gelde Faulenzern Freude zu machen. Ich trage meinen Teil zu den
+Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es
+schlecht geht, der mag dorthin gehen!«
+
+»Viele können nicht hingehen und viele würden lieber sterben.«
+
+»Wenn sie lieber sterben würden,« sagte Scrooge, »so wäre es gut, wenn
+sie es thäten, und die überflüssige Bevölkerung verminderten. Uebrigens,
+Sie werden mich entschuldigen, weiß ich nichts davon.«
+
+»Aber Sie könnten es wissen,« bemerkte der Herr.
+
+»Es geht mich nichts an,« antwortete Scrooge. »Es genügt, wenn ein Mann
+sein eigenes Geschäft versteht und sich nicht in das anderer Leute
+mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten
+Nachmittag, meine Herren!«
+
+Da sie deutlich sahen, wie vergeblich weitere Versuche sein würden,
+zogen sich die Herren zurück. Scrooge setzte sich wieder mit einer
+erhöhten Meinung von sich selbst und in einer besseren Laune, als
+gewöhnlich, an die Arbeit.
+
+Unterdessen hatten Nebel und Finsternis so zugenommen, daß Leute mit
+brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen vorzuleuchten. Der
+Kirchturm, dessen brummende alte Glocke immer aus einem alten gotischen
+Fenster in der Mauer gar schlau auf Scrooge herabsah, wurde unsichtbar
+und schlug die Stunden und Viertel in den Wolken mit einem zitternden
+Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Knopf droben die Zähne klapperten.
+Die Kälte wurde immer schneidender. In der Hauptstraße an der Ecke der
+Sackgasse wurden die Gasröhren ausgebessert und die Arbeiter hatten ein
+großes Feuer in einer Kohlenpfanne angezündet, um welche sich einige
+zerlumpte Männer und Knaben drängten, sich die Hände wärmend und mit den
+Augen blinzelnd vor der behaglichen Flamme. Die Wasserröhre, sich selbst
+überlassen, strömte ungehindert ihr Wasser aus; aber bald war es zu Eis
+erstarrt. Der Schimmer der Läden, in denen Stecheichenzweige und Beeren
+in der Lampenwärme der Fenster knisterten, rötete die bleichen Gesichter
+der Vorübergehenden. Die Gewölbe der Geflügel- und Materialwarenhändler
+sahen aus wie ein glänzendes, fröhliches Märchen, mit dem es fast
+unmöglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache, wie Kauf und
+Verkauf, zu verbinden. Der Lord Mayor gab in den innern Gemächern des
+Mansion-House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern Befehl,
+Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord Mayors würdig ist, und selbst
+der kleine Schneider, den er am Montage vorher wegen Trunkenheit und
+öffentlich ausgesprochenen Blutdurstes um fünf Schilling gestraft hatte,
+rührte den morgenden Pudding in seinem Dachkämmerchen um, während sein
+abgemagertes Weib mit dem Säugling auf dem Arm ausging, um den
+Rinderbraten zu kaufen.
+
+Immer nebeliger und kälter wurde es, durchdringend, schneidend kalt.
+Wenn der gute, heilige Dunstan des Gottseibeiuns Nase nur mit einem
+Hauch von diesem Wetter gefaßt hätte, anstatt seine gewöhnlichen Waffen
+zu brauchen, dann würde er erst recht gebrüllt haben. Der Inhaber einer
+kleinen, jungen Nase, benagt und angebissen von der hungrigen Kälte, wie
+Knochen von Hunden benagt werden, legte sich an Scrooges Schlüsselloch,
+um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen. Aber bei dem ersten Tone
+des Liedes ergriff Scrooge das Lineal mit einer solchen Energie, daß der
+Sänger voll Schrecken entfloh und das Schlüsselloch dem Nebel und der
+noch verwandteren Kälte überließ.
+
+Endlich kam die Feierabendstunde. Unwillig stieg Scrooge von seinem
+Sessel und gab dem harrenden Diener in dem Verließ stillschweigend die
+Einwilligung, worauf dieser sogleich das Licht auslöschte und den Hut
+aufsetzte.
+
+»Sie wollen den ganzen Tag morgen haben, vermute ich,« sagte Scrooge.
+
+»Wenn es Ihnen paßt, Sir.«
+
+»Es paßt mir nicht,« sagte Scrooge, »und es gehört sich nicht. Wenn ich
+Ihnen eine halbe Krone dafür abzöge, würden Sie denken, es geschähe
+Ihnen unrecht, nicht?«
+
+Der Diener antwortete mit einem gezwungenen Lächeln.
+
+»Und doch,« sagte Scrooge, »denken Sie nicht daran, daß mir unrecht
+geschieht, wenn ich einen Tag Lohn für einen Tag Faulenzen bezahle.«
+
+Der Diener bemerkte, daß es nur einmal im Jahre geschähe.
+
+»Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fünfundzwanzigsten Dezember
+eines Mannes Tasche zu bestehlen,« sagte Scrooge, indem er seinen
+Ueberrock bis an das Kinn zuknöpfte. »Aber ich vermute, Sie wollen den
+ganzen Tag frei haben. Sie werden den ganzen Vormittag hier sein.«
+
+Der Diener versprach, daß er kommen wolle und Scrooge ging mit einem
+Brummen fort. Das Comptoir war in einem Nu geschlossen und der Diener,
+die langen Enden seines weißen Shawls über die Brust herabhängend (denn
+er konnte sich keines Ueberrocks rühmen), fuhr zu Ehren des Festes als
+der Letzte einer Reihe von Knaben zwanzigmal auf einer Glander Cornhill
+hinunter und lief dann so schnell als möglich in seine Wohnung in
+Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.
+
+Scrooge nahm sein einsames, trübseliges Mahl in seinem gewöhnlichen
+einsamen, trübseligen Gasthause ein; und nachdem er alle Zeitungen
+gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Bankjournal vertrieben
+hatte, ging er nach Haus schlafen. Er wohnte in den Zimmern, welche
+seinem verstorbenen Compagnon gehört hatten. Es war eine düstere Reihe
+von Zimmern in einem niedrigen, finstern Gebäude in einem Hofe, wo es so
+wenig an seinem Platze stand, daß man fast hätte glauben mögen, es habe
+sich dorthin verlaufen, als es noch ein junges Haus war und mit andern
+Häusern Versteckens spielte, und sich nicht wieder herausfinden können.
+Es war jetzt alt und öde genug, denn niemand wohnte dort, außer Scrooge,
+da die andern Räume alle als Geschäftslokale vermietet waren. Der Hof
+war so dunkel, daß selbst Scrooge, der jeden Stein desselben kannte,
+seinen Weg mit den Händen fühlen mußte. Der Nebel und der Frost hing so
+dick und schwer um den schwarzen alten Thorweg des Hauses, als ob der
+Genius des Wetters in trauerndem Nachsinnen auf der Schwelle säße.
+
+Nun ist es ausgemacht, daß an dem Klopfer der Hausthür ganz und gar
+nichts Besonderes war, als seine Größe. Auch ist es ausgemacht, daß
+Scrooge ihn jeden Abend und jeden Morgen, seitdem er das Haus bewohnte,
+gesehen hatte, und daß Scrooge so wenig Phantasie besaß als irgend
+jemand in der City von London, mit Einschluß -- wenn es erlaubt ist, das
+zu sagen -- des Stadtrats, der Aldermen und der Zünfte. Man vergesse
+auch nicht, daß Scrooge, außer heute Nachmittag, mit keinem Wörtchen an
+seinen seit sieben Jahren verstorbenen Compagnon gedacht hatte. Und nun
+soll mir jemand erklären, warum Scrooge, als er seinen Schlüssel in das
+Thürschloß steckte, in dem Klopfer, ohne daß er sich verändert hätte,
+keinen Thürklopfer, sondern Marleys Gesicht sah.
+
+Ja, Marleys Gesicht. Es war nicht von so undurchdringlichem Dunkel
+umgeben, wie die andern Gegenstände im Hofe, sondern von einem
+unheimlichen Lichte, wie eine verdorbene Hummer in einem dunklen Keller.
+Er blickte ihm nicht wild oder zürnend entgegen, sondern sah Scrooge an,
+wie ihn Marley gewöhnlich ansah: mit der gespenstischen Brille auf die
+gespenstische Stirn hinauf geschoben. Das Haar stand seltsam in die
+Höhe, wie von Wind oder heißer Luft gehoben; und obgleich die Augen weit
+offen standen, waren sie doch ohne alle Bewegung. Das und die
+leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich; aber seine
+Schrecklichkeit schien mehr, außerhalb des Gesichts und nicht in seiner
+Macht, als ein Teil seines Ausdrucks zu sein.
+
+Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, war es wieder ein
+Thürklopfer.
+
+Zu sagen, er wäre nicht erschrocken, oder sein Blut hätte nicht ein
+grausendes Gefühl empfunden, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt
+geblieben war, wäre eine Unwahrheit. Aber er faßte sich gewaltsam, legte
+die Hand wieder auf den Schlüssel, drehte ihn um, trat in das Haus, und
+zündete sein Licht an.
+
+Aber doch zögerte er einen Augenblick, ehe er die Thür schloß, und er
+guckte erst vorsichtig dahinter, als fürchte er wirklich, mit dem
+Anblick von Marleys Zopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Thür war
+nichts, als die Schrauben, welche den Klopfer fest hielten; und so sagte
+er: »Bah, bah!« und warf sie zu.
+
+Der Schall klang durch das Haus wie ein Donner. Jedes Zimmer oben, und
+jedes Faß in des Weinhändlers Keller unten schien mit seinem besondern
+Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos
+erschrecken ließ. Er schloß die Thür zu, ging über die Hausflur und die
+Treppe hinauf, und zwar langsam, und das Licht heller machend, während
+er hinaufging.
+
+Die Treppe war breit genug, um eine Bahre der Quere hinaufzubringen, und
+das ist vielleicht die Ursache, warum Scrooge glaubte, er sähe vor sich
+eine Bahre sich hinaufbewegen. Ein halbes Dutzend Gaslampen von der
+Straße aus würden den Eingang nicht zu hell gemacht haben, und so kann
+man sich denken, daß es bei Scrooges kleinem Lichte ziemlich dunkel
+blieb.
+
+Scrooge aber ging hinauf und kümmerte sich keinen Pfifferling darum.
+Dunkelheit ist billig, und das hatte Scrooge gern. Aber ehe er seine
+schwere Thür zumachte, ging er durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles
+in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch gerade genug um das
+zu wünschen.
+
+Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gerätkammer, alles war, wie es sein sollte.
+Niemand unter dem Tische, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf
+dem Rost, Löffel und Teller bereit und das kleine Töpfchen Suppe
+(Scrooge hatte den Schnupfen) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett,
+niemand in dem Alkoven, niemand in seinem Schlafrock, der auf eine ganz
+verdächtige Weise an der Wand hing. Die Gerätkammer wie gewöhnlich. Ein
+alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, ein dreibeiniger
+Waschtisch und ein Schüreisen.
+
+Vollkommen zufriedengestellt machte er die Thür zu und schloß sich ein
+und riegelte noch zu, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen
+Ueberraschung sichergestellt, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen
+Schlafrock und die Pantoffeln an, setzte die Nachtmütze auf und setzte
+sich so vor das Feuer, um seine Suppe zu essen.
+
+Es war wirklich ein sehr kleines Feuer, so gut wie gar keins in einer so
+kalten Nacht. Er mußte sich dicht daran setzen und sich darüber
+hinbeugen, um das geringste Wärmegefühl von einer solchen Handvoll
+Kohlen zu genießen. Der Kamin war vor langen Jahren von einem
+holländischen Kaufmann gebaut worden und ringsum mit seltsamen
+holländischen Fliesen mit biblischen Bildern belegt. Da sah man Kain und
+Abel, Pharaos Töchter, Königinnen von Saba, Engel durch die Luft auf
+Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Belsazar, Apostel in
+See gehend auf Butterschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu
+beschäftigen; und doch kam das Gesicht Marleys wie der Stab des alten
+Propheten, und verschlang alles andere. Wenn jedes glänzende Flies weiß
+gewesen wäre und die Macht gehabt hätte, aus den vereinzelten Fragmenten
+seiner Gedanken ein Bild auf seine Fläche zu zaubern, auf jedem wäre ein
+Abbild von des alten Marleys Gesicht erschienen.
+
+»Dummes Zeug!« sagte Scrooge und schritt durch das Zimmer.
+
+Nachdem er einigemal auf und ab gegangen war, setzte er sich wieder
+nieder. Wie er den Kopf in den Stuhl zurücklegte, fiel sein Auge wie von
+ungefähr auf eine Klingel, eine alte, nicht mehr gebrauchte Klingel,
+welche zu einem jetzt vergessenen Zweck mit einem Zimmer in dem obersten
+Stockwerk des Hauses in Verbindung stand. Zu seinem großen Erstaunen und
+mit einem seltsamen unerklärlichen Schauer sah er, wie die Klingel
+anfing sich zu bewegen; erst bewegte sie sich so wenig, daß sie kaum
+einen Ton von sich gab; aber bald schellte sie laut und mit ihr jede
+Klingel des Hauses.
+
+Das mochte eine halbe Minute oder eine Minute gedauert haben, aber es
+schien eine Stunde zu sein. Die Klingeln hörten gleichzeitig auf, wie
+sie gleichzeitig angefangen hatten. Dann vernahm man ein Klirren, tief
+unten, als ob jemand eine schwere Kette über die Fässer in des
+Weinhändlers Keller schleppe. Jetzt erinnerte sich Scrooge gehört zu
+haben, daß Gespenster Ketten schleppen sollten.
+
+Die Kellerthür flog mit einem dumpfdröhnenden Schall auf und dann hörte
+er das Klirren viel lauter auf der Hausflur unten; dann wie es die
+Treppe herauf kam; und dann wie es gerade auf seine Thür zukam.
+
+»'s ist dummes Zeug,« sagte Scrooge. »Ich glaube nicht dran.«
+
+Aber doch veränderte er die Farbe, als es, ohne zu verweilen, durch die
+schwere Thür und in das Zimmer kam. Als es herein trat, flammte das
+sterbende Feuer auf, als ob es riefe, ich kenne ihn, Marleys Geist! und
+sank wieder zusammen.
+
+Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seinem Zopf, seiner
+gewöhnlichen Weste, den engen Hosen und hohen Stiefeln; die Quasten der
+letztern standen zu Berge, wie sein Zopf und seine Rockschöße und das
+Haar auf seinem Kopfe. Die Kette, welche er hinter sich her schleppte,
+war um seinen Leib geschlungen. Sie war lang und ringelte sich wie ein
+Schwanz; und war, denn Scrooge betrachtete sie sehr genau, aus
+Geldkassen, Schlüsseln, Schlössern, Hauptbüchern, Kontrakten und
+schweren Börsen aus Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war durchsichtig,
+so daß Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knöpfe hinten auf
+seinem Rock sehen konnte.
+
+Scrooge hatte oft sagen gehört, Marley habe kein Herz im Leibe, aber er
+glaubte es erst jetzt.
+
+Nein, er glaubte es selbst jetzt noch nicht. Obgleich er das Gespenst
+durch und durch und vor sich stehen sah; obgleich er den kältenden
+Schauer seiner totenstarren Augen fühlte und selbst den Stoff des Tuches
+erkannte, welches um seinen Kopf und sein Kinn gebunden war und das er
+früher nicht bemerkt hatte, war er doch noch ungläubig und sträubte
+sich gegen das Zeugnis seiner Sinne.
+
+»Nun,« sagte Scrooge, kaustisch und kalt wie gewöhnlich, »was wollt
+Ihr?«
+
+»Viel!« Das war Marleys Stimme.
+
+»Wer seid Ihr?«
+
+»Fragt mich, wer ich _war_.«
+
+»Nun, wer waret Ihr?« sagte Scrooge lauter.
+
+»Als ich lebte, war ich Euer Compagnon, Jakob Marley.«
+
+»Könnt Ihr Euch setzen?« fragte Scrooge, ihn zweifelnd ansehend.
+
+»Ich kann es.«
+
+»So thut's.«
+
+Scrooge that die Fragen, weil er nicht wußte, ob ein so durchsichtiger
+Geist sich werde setzen können, und fühlte die Notwendigkeit einer
+unangenehmen Erklärung, wenn es ihm nicht möglich wäre. Aber der Geist
+setzte sich auf der andern Seite des Kamins nieder, als wenn er es
+gewohnt wäre.
+
+»Ihr glaubt nicht an mich?« sagte der Geist.
+
+»Nein,« sagte Scrooge.
+
+»Welches Zeugnis wollt Ihr, außer dem Eurer Sinne, von meiner
+Wirklichkeit haben?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Scrooge.
+
+»Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?«
+
+»Weil sie eine Kleinigkeit stört,« sagte Scrooge. »Eine kleine
+Unpäßlichkeit des Magens macht sie zu Lügnern. Ihr könnt ein unverdautes
+Stück Rindfleisch, ein Käserindchen, ein Stückchen schlechter Kartoffel
+sein. Wer Ihr auch sein mögt, Ihr habt mehr vom Unterleib, als von der
+Unterwelt an Euch.«
+
+Es war nicht eben Scrooges Gewohnheit, Witze zu machen, auch fühlte er
+eben jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit ist, daß er sich
+bestrebte lustig zu sein, um sich zu zerstreuen und sein Entsetzen
+niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark
+seiner Knochen erzittern.
+
+Nur einen Augenblick schweigend diesen starren, toten Augen gegenüber zu
+sitzen, wäre halber Tod gewesen, das fühlte Scrooge wohl. Auch war es so
+grauenerregend, daß das Gespenst seine eigene höllische Atmosphäre
+hatte. Scrooge fühlte sie nicht selbst, aber doch mußte es so sein; denn
+obgleich das Gespenst ganz regungslos dasaß, bewegten sich seine Haare,
+seine Rockschöße und seine Stiefelquasten wie von dem heißen Dunst eines
+Ofens.
+
+»Ihr seht diesen Zahnstocher,« sagte Scrooge, aus dem eben angeführten
+Grunde seinen Angriff sogleich wieder beginnend und von dem Wunsche
+beseelt, wenn auch nur für einen Augenblick den starren, eisigen Blick
+des Gespenstes von sich abzuwenden.
+
+»Ja,« antwortete der Geist.
+
+»Ihr seht ihn ja nicht an,« sagte Scrooge.
+
+»Aber ich sehe ihn doch,« sagte das Gespenst.
+
+»Gut,« erwiderte Scrooge. »Ich brauche ihn nur hinunterzuschlucken und
+mein ganzes übriges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde,
+die ich selbst erschaffen habe. Dummes Zeug, sag' ich, dummes Zeug!«
+
+Bei diesen Worten stieß das Gespenst einen schrecklichen Schrei aus und
+ließ seine Kette so grauenerregend und fürchterlich klirren, daß Scrooge
+sich fest an seinen Stuhl halten mußte, um nicht in Ohnmacht
+herunterzufallen. Aber wie wuchs sein Entsetzen, als das Gespenst das
+Tuch von dem Kopf nahm, als wäre es ihm zu warm im Zimmer, und die
+Unterkinnlade auf die Brust herabsank.
+
+Scrooge fiel auf die Kniee nieder und schlug die Hände vors Gesicht.
+
+»Gnade!« rief er. »Schreckliche Erscheinung, warum verfolgst du mich?«
+
+»Mensch mit der irdisch gesinnten Seele,« entgegnete der Geist, »glaubst
+du an mich, oder nicht?«
+
+»Ich glaube,« sagte Scrooge, »ich muß glauben. Aber warum wandeln
+Geister auf Erden und warum kommen sie zu mir?«
+
+»Von jedem Menschen wird es verlangt,« antwortete der Geist, »daß seine
+Seele unter seinen Mitmenschen wandle, in der Ferne und in der Nähe; und
+wenn dieser Geist nicht während des Lebens hinausgeht, so ist er
+verdammt, es nach dem Tode zu thun. Er ist verdammt, durch die Welt zu
+wandern -- ach, wehe mir -- und zu sehen, was er nicht teilen kann, was
+er aber auf Erden hätte teilen und zu seinem Glück anwenden können.«
+
+Und wieder stieß das Gespenst einen Schrei aus und schüttelte seine
+Ketten und rang die schattenhaften Hände.
+
+»Du bist gefesselt,« sagte Scrooge zitternd. »Sage mir, warum?«
+
+»Ich trage die Kette, die ich während meines Lebens geschmiedet habe,«
+sagte der Geist. »Ich schmiedete sie Glied nach Glied und Elle nach
+Elle; mit meinem eigenen freien Willen lud ich sie mir auf und mit
+meinem eigenen freien Willen trug ich sie. Ihre Glieder kommen dir
+seltsam vor.«
+
+Scrooge zitterte mehr und mehr.
+
+»Oder willst du wissen,« fuhr der Geist fort, »wie schwer und wie lang
+die Kette ist, die du selbst trägst? Sie war gerade so lang und so
+schwer, wie diese hier, vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du daran
+gearbeitet. Es ist eine schwere Kette.«
+
+Scrooge sah auf den Boden herab, in der Erwartung, von fünfzig oder
+sechzig Klaftern Eisenketten sich umschlungen zu sehen; aber er sah
+nichts.
+
+»Jakob,« sagte er flehend. »Jakob Marley, sage mir mehr. Sprich mir
+Trost ein, Jakob.«
+
+»Ich habe keinen Trost zu geben,« antwortete der Geist. »Er kommt von
+anderen Regionen, Ebenezer Scrooge, und wird von andern Boten zu andern
+Menschen gebracht. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich dir sagen
+möchte. Ein klein wenig mehr ist alles, was mir erlaubt ist. Nirgendwo
+kann ich rasten oder ruhen. Mein Geist ging nie über unser Comptoir
+hinaus -- merke wohl auf -- im Leben blieb mein Geist immer in den engen
+Grenzen unsrer schachernden Höhle; und weite Reisen liegen noch vor
+mir.«
+
+Scrooge hatte die Gewohnheit, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in
+die Hosentasche zu stecken. Ueber das, was der Geist sagte, nachsinnend,
+that er es auch jetzt, aber ohne die Augen zu erheben, oder vom Stuhl
+aufzustehen.
+
+»Du mußt dir aber viel Zeit genommen haben, Jakob,« bemerkte er mit dem
+Tone eines Geschäftsmannes, obgleich mit vieler Demut und Ehrerbietung.
+
+»Viel Zeit!« sagte der Geist.
+
+»Sieben Jahre tot,« sagte sinnend Scrooge. »Und die ganze Zeit über
+gereist.«
+
+»Die ganze Zeit,« sagte der Geist. »Ohne Frieden, ohne Ruhe und mit den
+Qualen ewiger Reue.«
+
+»Du reisest schnell,« sagte Scrooge.
+
+»Auf den Schwingen des Windes,« sagte der Geist.
+
+»Du hättest eine große Strecke in sieben Jahren bereisen können,« sagte
+Scrooge.
+
+Als der Geist dies hörte, stieß er wieder einen Schrei aus und klirrte
+so gräßlich mit seiner Kette durch das Grabesschweigen der Nacht, daß
+ihn die Polizei mit vollem Rechte wegen Ruhestörung hätte bestrafen
+können.
+
+»O, gefangen und gefesselt,« rief das Gespenst, »nicht zu wissen, daß
+Zeitalter von unaufhörlicher Arbeit sterblicher Geschöpfe vergehen, ehe
+das Gute, dessen die Erde fähig ist, sich entwickeln kann; nicht zu
+wissen, daß ein christlicher Geist, und wenn er auch in einem noch so
+kleinen Kreise von Liebe wirkt, in diesem Erdenleben sich selbst
+belohnende Arbeit genug finden kann! Aber ich wußte es nicht, ach, ich
+wußte es nicht!«
+
+»Aber du warst immer ein guter Geschäftsmann, Jakob,« stotterte Scrooge
+zitternd, der jetzt anfing, das Schicksal des Geistes auf sich selbst
+anzuwenden.
+
+»Geschäft!« rief das Gespenst, seine Hände abermals ringend. »Der Mensch
+war mein Geschäft. Das allgemeine Wohlsein war mein Geschäft;
+Barmherzigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe, alles das war mein Geschäft.
+Alles, was ich in meinem Gewerbe that, war nur ein kleiner Tropfen
+Wasser in dem weiten Ocean meines Geschäftes.«
+
+Er hielt seine Kette vor sich hin, als ob dies die Ursache seines
+nutzlosen Schmerzes gewesen wäre, und warf sie wieder dröhnend nieder.
+
+»Zu dieser Zeit des schwindenden Jahres,« sagte das Gespenst, »leide ich
+am meisten. Warum ging ich mit zur Erde blickenden Augen durch das
+Gedränge meiner Mitmenschen und wendete meinen Blick nie zu dem
+gesegneten Stern empor, der die Weisen zur Wohnung der Armut führte? Gab
+es keine arme Hütte, wohin mich sein Licht hätte leiten können?«
+
+Scrooge hörte mit Entsetzen das Gespenst so reden und fing an gar sehr
+zu zittern.
+
+»Höre mich,« rief der Geist. »Meine Zeit ist fast vorüber.«
+
+»Ich will hören,« sagte Scrooge. »Aber mache es gnädig mit mir! Werde
+nicht hitzig, Jakob, ich bitte dich.«
+
+»Wie es kommt, daß ich vor dich in einer dir sichtbaren Gestalt treten
+kann, weiß ich nicht. Viele, viele Tage habe ich unsichtbar neben dir
+gesessen.«
+
+Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge schauderte und wischte sich den
+Schweiß von der Stirn.
+
+»Es ist kein leichter Teil meiner Buße,« fuhr der Geist fort. »Heute
+Nacht komme ich zu dir, um dich zu warnen, daß noch für dich eine
+Möglichkeit vorhanden ist, meinem Schicksal zu entgehen. Eine
+Möglichkeit und eine Hoffnung, die du mir zu verdanken hast.«
+
+»Du bist immer mein guter Freund gewesen,« sagte Scrooge. »Ich danke
+dir.«
+
+»Drei Geister,« fuhr das Gespenst fort, »werden zu dir kommen.« Bei
+diesen Worten wurde Scrooges Angesicht noch trauriger als das des
+Gespenstes.
+
+»Ist das die Möglichkeit und die Hoffnung, die du genannt hast, Jakob?«
+fragte er mit bebender Stimme.
+
+»Ja.«
+
+»Ich -- ich sollte meinen, das wäre eben keine Hoffnung,« sagte Scrooge.
+
+»Ohne ihr Kommen,« sagte der Geist, »kannst du nicht hoffen, den Pfad zu
+vermeiden, den ich verfolgen muß. Erwarte den ersten morgen früh, wenn
+die Glocke Eins schlägt.«
+
+»Könnte ich sie nicht alle auf einen Schluck nehmen?« meinte Scrooge.
+
+»Erwarte den zweiten in der nächsten Nacht um dieselbe Stunde. Den
+dritten in der nächsten Nacht, wenn der letzte Schlag Zwölf ausgeklungen
+hat. Schau mich an, denn du siehst mich nicht mehr; und schau mich an,
+daß du dich, um deinetwillen an das erinnerst, was zwischen uns
+geschehen ist.«
+
+Als es diese Worte gesprochen hatte, nahm das Gespenst das Tuch von dem
+Tische und band es sich wieder um den Kopf. Scrooge erfuhr das durch das
+Knirschen der Zähne, als die Kinnladen zusammen klappten. Er wagte es,
+die Augen zu erheben und erblickte seinen übernatürlichen Besuch vor
+sich stehen, die Augen noch starr auf ihn geheftet, und die Kette um den
+Leib und den Arm gewunden.
+
+Die Erscheinung entfernte sich rückwärtsgehend; und bei jedem Schritt
+öffnete sich das Fenster ein wenig, so daß, als das Gespenst es
+erreichte, es weit offen stand. Es winkte Scrooge näher zu kommen, was
+er that. Als sie noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, hob
+Marleys Geist die Hand in die Höhe, ihm gebietend, nicht näher zu
+kommen. Scrooge stand still.
+
+Weniger aus Gehorsam, als aus Ueberraschung und Furcht: denn wie sich
+die gespenstische Hand erhob, hörte er verwirrte Klänge durch die Luft
+schwirren und unzusammenhängende Töne des Klagens und des Leides,
+unsagbar, schmerzensvoll und reuig. Das Gespenst horchte ihnen eine
+Weile zu und stimmte dann in das Klagelied ein; dann schwebte es in die
+dunkle Nacht hinaus.
+
+Scrooge trat an das Fenster, von der Neugier bis zur Verzweiflung
+getrieben. Er sah hinaus.
+
+Die Luft war mit Schatten angefüllt, welche in ruheloser Hast und
+klagend hin und her schwebten. Jeder trug eine Kette, wie Marleys Geist;
+einige wenige waren zusammengeschmiedet (wahrscheinlich schuldige
+Ministerien), keines war ganz fessellos. Viele waren Scrooge während
+ihres Lebens bekannt gewesen. Ganz genau hatte er einen alten Geist in
+einer weißen Weste gekannt, welcher einen ungeheuren eisernen Geldkasten
+hinter sich herschleppte und jämmerlich schrie, einem armen, alten Weibe
+mit einem Kinde nicht beistehen zu können, welches unten auf einer
+Thürschwelle saß. Man sah es klar, ihre Pein war, sich umsonst bestreben
+zu müssen, den Menschen Gutes zu thun und die Macht dazu auf immer
+verloren zu haben.
+
+Ob diese Wesen in dem Nebel zergingen, oder ob sie der Nebel einhüllte,
+wußte er nicht zu sagen. Aber sie und ihre Gespensterstimmen vergingen
+zu gleicher Zeit und die Nacht wurde wieder so, wie sie bei seinem
+Nachhausegehen gewesen war.
+
+Scrooge schloß das Fenster und untersuchte die Thür, durch welche das
+Gespenst hereingekommen war. Sie war noch verschlossen und verriegelt,
+wie vorher. Er versuchte zu sagen: dummes Zeug, aber blieb bei der
+ersten Silbe stecken, und da er von der innern Bewegung, oder von den
+Anstrengungen des Tages, oder von seinem Einblick in die unsichtbare
+Welt, oder der Unterhaltung mit dem Gespenst, oder der späten Stunde
+sehr erschöpft worden war, ging er sogleich zu Bett, ohne sich
+auszuziehen, und sank bald in Schlaf.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Der erste der drei Geister.
+
+
+Als Scrooge wieder aufwachte, war es so finster, daß er kaum das
+durchsichtige Fenster von den Wänden seines Zimmers unterscheiden
+konnte. Er bemühte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen zu
+durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der Nachbarschaft
+viertelte. Er lauschte, um die Stunde schlagen zu hören. Zu seinem
+großen Erstaunen schlug die Glocke fort, von sechs zu sieben, und von
+sieben zu acht und so weiter bis zwölf; dann schwieg sie.
+
+Zwölf! Es war Zwei vorüber gewesen, als er sich zu Bett gelegt hatte.
+Das Uhrwerk mußte falsch gehen. Ein Eiszapfen mußte zwischen die Räder
+gekommen sein. Zwölf!
+
+Er drückte an die Feder seiner Repetieruhr, um der verrückten Glocke
+nachzuhelfen. Ihr kleiner, lebendiger Puls schlug Zwölf, und schwieg.
+
+»Was! es ist doch nicht möglich,« sagte Scrooge, »ich sollte den ganzen
+Tag und tief in die andere Nacht geschlafen haben? Es ist doch nicht
+möglich, daß der Sonne etwas passiert und daß es mittags um Zwölf ist.«
+
+Mit diesem unruhigen Gedanken beschäftigt, stieg er aus dem Bett und
+tappte bis an das Fenster. Er mußte das Eis erst wegkratzen und das
+Fenster mit dem Aermel seines Schlafrockes abwischen, ehe er etwas sehen
+konnte; und auch hernach konnte er nur sehr wenig sehen. Alles, was er
+gewahren konnte, war, daß es noch sehr nebelig und sehr kalt war, und
+daß man nicht den Lärm hin und her eilender Leute hörte, der doch gewiß
+stattgefunden hätte, wenn Nacht den hellen Tag vertrieben und selbst
+Besitz von der Welt genommen hätte. Das war ein großer Trost, weil »drei
+Tage nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer Scrooge
+oder dessen Order u. s. w.« eine bloße Vereinigte Staaten-Sicherheit
+gewesen wäre, wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zählen.
+
+Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darüber hin und her,
+konnte aber zu keinem Schlusse kommen. Je mehr er nachdachte, desto
+verwirrter wurde er; und je mehr er sich bestrebte, nicht nachzudenken,
+desto mehr dachte er nach. Marleys Geist machte ihm viel zu schaffen.
+Allemal wenn er nach reiflicher Ueberlegung zu dem festen Entschluß
+gekommen war, das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist
+wie eine starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurück
+und legte ihm dieselbe Frage wieder vor, die er schon zehnmal überlegt
+hatte: War es ein Traum oder nicht?
+
+Scrooge blieb in diesem Zustande liegen, bis es wieder drei Viertel
+schlug. Da besann er sich plötzlich, daß der Geist ihm eine Erscheinung
+mit dem Schlage Eins versprochen hatte. So beschloß er wach zu bleiben,
+bis die Stunde vorüber sei; und wenn man bedenkt, daß er eben so wenig
+schlafen, als in den Himmel kommen konnte, war dies gewiß der klügste
+Entschluß, den er fassen konnte.
+
+Die Viertelstunde war so lang, daß es ihm mehr als einmal vorkam, er
+müßte unversehens in Schlaf gefallen sein und die Uhr überhört haben.
+Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die Glocke.
+
+»Bim, baum!«
+
+»Ein Viertel,« sagte Scrooge zählend.
+
+»Bim, baum!«
+
+»Halb,« sagte Scrooge.
+
+»Bim, baum!«
+
+»Drei Viertel,« sagte Scrooge.
+
+»Bim, baum!«
+
+»Voll!« rief Scrooge freudig, »und weiter nichts!«
+
+Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit einem
+tiefen, hohlen, melancholischen Eins that. In demselben Augenblicke
+wurde es hell in dem Zimmer und die Vorhänge seines Bettes wurden
+geöffnet.
+
+Ich sag' es euch, die Vorhänge seines Bettes wurden von einer Hand
+weggezogen; nicht die Vorhänge ihm zu Füßen, nicht die Vorhänge hinter
+seinem Rücken, sondern die Vorhänge, gegen die sich sein Gesicht kehrte,
+die Vorhänge wurden weggezogen; und Scrooge, sich aufrichtend, blickte
+dem unirdischen Gast in das Gesicht, der sie geöffnet hatte; so dicht
+stand er ihm gegenüber, wie ich jetzt im Geiste neben euch stehe.
+
+Es war eine wunderbare Gestalt, gleich einem Kinde; aber doch eigentlich
+nicht gleich einem Kinde, sondern mehr wie ein Greis, der durch einen
+wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem Auge entrückt und auf diese
+Weise so klein geworden wie ein Kind. Sein Haar, welches in langen
+Locken auf seine Schultern herabwallte, war weiß, wie vom Alter; aber
+doch hatte das Gesicht keine einzige Runzel und um das Kinn bemerkte man
+den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskulös; die Hände ebenso,
+als liege eine ungeheure Kraft in ihnen. Seine Füße, zart und fein
+geformt, waren, wie die Arme, entblößt. Der Geist trug eine Tunika vom
+reinsten Weiß; und um seinen Leib schlang sich ein Gürtel von
+wunderbarem Schimmer. Er hielt einen frisch-grünen Stecheichenzweig in
+der Hand; aber in seltsamem Widerspruch mit diesem Zeichen des Winters
+war das Kleid mit Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, daß
+aus der Krone auf seinem Haupte ein heller Lichtstrahl in die Höhe
+schoß, welcher alles rings erleuchtete, und welcher gewiß die Ursache
+war, daß der Geist bei weniger guter Laune einen großen Lichtauslöscher,
+den er jetzt unter dem Arme trug, als Mütze aufsetzte.
+
+Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn wie der
+Gürtel des Geistes jetzt an dieser Stelle glänzte und funkelte und jetzt
+an jener, und wie das, was im Augenblick hell gewesen war, jetzt dunkel
+wurde, so verwandelte sich auch die Gestalt selbst, man wußte nicht wie:
+jetzt war es ein Ding mit einem Arm, jetzt mit einem Bein, jetzt mit
+zwanzig Beinen, jetzt bloß zwei Füße ohne Kopf, jetzt ein Kopf ohne
+Leib; und wie einer dieser Teile verschwand, blieb keine Spur von ihm
+in dem dichten Dunkel zurück, welches ihn aufnahm. Und das größte Wunder
+dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe.
+
+»Sind Sie der Geist, dessen Erscheinung mir vorhergesagt wurde?« fragte
+Scrooge.
+
+»Ich bin es.«
+
+Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als käme sie nicht
+aus dichtester Nähe, sondern aus einiger Entfernung.
+
+»Wer und was seid Ihr?« fragte Scrooge, schon etwas mehr Vertrauen
+fassend.
+
+»Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachten.«
+
+»Der lange vergangenen?« fragte Scrooge, seiner zwerghaften Gestalt
+denkend.
+
+»Nein, deiner vergangenen.«
+
+Vielleicht hätte Scrooge niemand sagen können, warum, wenn ihn jemand
+gefragt hätte, aber doch fühlte er ein ganz besonderes Verlangen, den
+Geist in seiner Mütze zu sehen; und er bat ihn, sich zu bedecken.
+
+»Was?« rief der Geist, »willst du sobald mit irdisch gesinnter Hand das
+Licht, welches ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug, daß du einer
+von denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze geschaffen haben und
+mich zwingen, durch lange, lange Jahre meine Stirn damit zu verhüllen?«
+
+Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht den Willen
+gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu wissen, daß er
+irgend je in seinem Leben dem Geiste Ursache gegeben habe, sich zu
+bedecken. Dann war er so frei, zu fragen, was ihn hierher führe.
+
+»Dein Wohl,« sagte der Geist.
+
+Scrooge drückte seine Dankbarkeit aus, aber konnte sich doch des
+Gedankens nicht erwehren, daß eine Nacht ungestörten Schlafes ihm mehr
+genützt haben würde. Der Geist mußte ihn haben denken hören, denn er
+sagte sogleich: »Deine Besserung also. Nimm dich in acht!«
+
+Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach und ergriff sanft
+seinen Arm.
+
+»Steh' auf und folge mir.«
+
+Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und Stunde sei
+schlecht geeignet zum Spazierengehen; das Bett sei warm und der
+Thermometer ein gutes Stück unter dem Gefrierpunkte; er sei nur leicht
+in Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt
+den Schnupfen. Dem Griff, war er auch so sanft, wie der einer
+Frauenhand, war nicht zu widerstehen. Er stand auf, aber wie er sah, daß
+der Geist nach dem Fenster schwebte, faßte er ihn flehend bei dem
+Gewande.
+
+»Ich bin ein Sterblicher,« sagte Scrooge, »und kann fallen.«
+
+»Dulde nur eine Berührung meiner Hand dort,« sagte der Geist, indem er
+ihm die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren
+überwinden, als diese hier.«
+
+Als diese Worte gesprochen waren, schwanden die beiden durch die Wände
+und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße, rings von Feldern
+umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden. Keine Spur war mehr davon
+übrig. Die Finsternis und der Nebel waren mit ihr verschwunden, denn es
+war jetzt ein klarer, kalter Wintertag und der Boden war mit weißem,
+reinem Schnee bedeckt.
+
+»Gütiger Himmel!« rief Scrooge, die Hände faltend, als er um sich
+blickte. »Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich noch als Knabe.«
+
+Der Geist schaute ihn mit mildem Blicke an. Seine sanfte Berührung,
+obgleich sie nur leise und augenblicklich gewesen war, klang immer noch
+in dem Herzen des alten Mannes nach. Er fühlte wie tausend Düfte durch
+die Luft schwebten, jeder mit tausend Gedanken und Hoffnungen und
+Freuden und Sorgen verbunden, die lange, lange vergessen waren.
+
+»Deine Lippe zittert,« sagte der Geist. »Und was glänzt auf deiner
+Wange?«
+
+Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Stocken in der Stimme, es sei
+ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen, wohin er wolle.
+
+»Erinnerst du dich des Weges?« frug der Geist.
+
+»Ob ich mich seiner erinnere?« rief Scrooge mit Innigkeit; »ich könnte
+ihn blindlings gehen.«
+
+»Seltsam, daß du ihn so viele Jahre lang vergessen hast,« sagte der
+Geist. »Komm!«
+
+Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Thor, jeden Pfahl,
+jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in der Ferne mit seiner
+Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluß erschien. Jetzt kamen einige
+Knaben, auf zottigen Ponys reitend, auf sie zu, welche anderen Knaben in
+ländlichen Wagen laut zuriefen. Alle diese Knaben waren gar fröhlich und
+laut, bis die weiten Felder so voll heiterer Musik waren, daß die kalte,
+sonnige Luft lachte, sie zu hören.
+
+»Dies sind bloß Schatten der Dinge, die gewesen sind,« sagte der Geist,
+»sie wissen nichts von uns.«
+
+Die fröhlichen Reisenden kamen näher und jetzt erkannte Scrooge sie alle
+und konnte sie alle bei Namen nennen. Warum freute er sich über alle
+Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein kaltes Auge feucht, warum
+frohlockte sein Herz, als sie vorübereilten, warum wurde sein Herz
+weich, wie sie an den Kreuzwegen voneinander schieden und sich fröhliche
+Weihnachten wünschten?
+
+Was gingen Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der Henker hole fröhliche
+Weihnachten! Welchen Nutzen hatte er jemals davon gehabt?
+
+»Die Schule ist nicht ganz verlassen,« sagte der Geist »Ein Kind, eine
+verlassene Waise sitzt noch einsam dort.«
+
+Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.
+
+Sie verließen jetzt die Heerstraße auf einem wohlbekannten Feldwege und
+erreichten bald ein Haus von dunkelroten Ziegeln, mit einem kleinen
+Türmchen auf dem Dache und darin eine Glocke. Es war ein großes Haus,
+aber jetzt vernachlässigt und verfallen, denn die geräumigen Gemächer
+waren wenig gebraucht, die Wände feucht und grün, die Fenster
+zerbrochen, die Thüren morsch und zerfallen. Hühner gluckten und
+scharrten in den Ställen; und der Wagenschuppen war mit Gras
+überwachsen. Auch im Innern war nichts von seiner alten Pracht übrig
+geblieben, denn als sie in die verödete Hausflur eintraten und durch die
+offenen Thüren in die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur ärmlich
+ausgestattete, kalte, große Räume. Ein erdiger, dumpfiger Geruch
+erfüllte die Luft, eine frostige Unbehaglichkeit schien um den Ort zu
+schweben, die auf irgend eine Art an zu oft früh bei Licht aufstehen,
+und nicht zu viel zu essen zu bekommen erinnerte.
+
+Der Geist und Scrooge gingen über die Hausflur nach einer Thür auf der
+Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte ihnen einen
+langen, kahlen, unbehaglichen Saal, noch kahler und unbehaglicher
+gemacht durch die Reihen von einfachen hölzernen Bänken.
+
+Auf einer derselben saß einsam ein Knabe neben einem schwachen Feuer und
+las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und weinte, sein
+eigenes, vergessenes Selbst, wie es in früheren Jahren war, zu sehen.
+
+Kein dumpfer Widerhall in dem Hause, kein Rascheln der Mäuse hinter dem
+Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen Röhrtrogs in dem Hofe hinten,
+kein Seufzer in den blattlosen Zweigen einer verlassen trauernden
+Pappel, nicht das Klappen der vom Winde hin und her geschwungenen Thür
+des Vorratshauses im Hofe, selbst nicht das Knistern des Feuers war für
+Scrooge verloren. Alles fiel auf sein Herz mit erweichenden Tönen und
+löste seine Thränen.
+
+Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in ein Buch
+vertieftes Selbst. Plötzlich stand ein Mann in fremdartiger Tracht mit
+einer Axt im Gürtel und einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend,
+draußen vor dem Fenster, wundersam wirklich und deutlich zu sehen.
+
+»Was! das ist ja Ali Baba!« rief Scrooge voller Freude aus. »Es ist der
+alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich weiß noch. Einst zur
+Weihnachtszeit, als jener verlassene Knabe hier ganz allein saß, kam er
+zum erstenmal, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin,«
+fuhr Scrooge fort, »und sein wilder Bruder Orson, dort gehen sie! Und
+wie heißt der, der mitten im Schlafe vor das Thor von Damaskus gesetzt
+wurde? siehst du ihn nicht! Und der Stallmeister des Sultans, der von
+den Genien auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er! Ha, ha, es
+geschieht ihm schon recht! Wer heißt ihn die Prinzessin heiraten
+wollen!«
+
+Scrooge mit vollem Ernste und mit einer Stimme zwischen Lachen und
+Weinen über solche Gegenstände reden zu hören und sein vor Freude
+aufgeregtes Gesicht zu sehen, wäre für seine Geschäftsfreunde in der
+City gewiß eine große Ueberraschung gewesen.
+
+»Da ist auch der Papagei,« rief Scrooge, »mit grünem Leib und gelbem
+Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn, als er wieder von
+seiner Umsegelung der Insel nach Haus kam. Robinson Crusoe, wo bist du
+gewesen? Er glaubte, er träume, aber es war der Papagei. Ha, dort läuft
+Freitag in der kleinen Bucht. Es gilt das Leben. Hallo, ho, hallo!«
+
+Dann sagte er mit einem schnellen Wechsel der Gefühle, der seinem
+gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: »Der arme Knabe!« und er weinte
+wieder.
+
+»Ich wollte,« murmelte Scrooge, die Hand in die Tasche steckend und um
+sich blickend, nachdem er sich mit dem Rockaufschlag die Augen gewischt
+hatte, »aber es ist zu spät jetzt.«
+
+»Was willst du?« frug der Geist.
+
+»Nichts,« sagte Scrooge, »nichts. Gestern Abend sang vor meiner Thür ein
+Knabe ein Weihnachtslied. Ich wollte, ich hätte ihm etwas gegeben,
+weiter war es nichts.«
+
+Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann sagte er:
+»Laß uns ein anderes Weihnachten sehen.«
+
+Scrooges früheres Selbst wurde bei diesen Worten größer, und das Zimmer
+etwas finstrer und schwärzer; das Getäfel warf sich, die Fensterscheiben
+sprangen; Stücke Kalkbewurf fielen von der Decke, und das bloße
+Lattenwerk zeigte sich; aber wie das alles geschah, wußte Scrooge
+ebensowenig als ihr. Er wußte nur, alles sei ganz in der Ordnung, und
+habe sich ganz so zugetragen, und er sei es wieder, der dort allein
+sitze, während die andern Knaben nach Hause zur fröhlichen
+Weihnachtsfeier gereist waren.
+
+Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und ab.
+Scrooge blickte den Geist an, und schaute mit einem traurigen
+Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Thür.
+
+Sie ging auf, und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Knabe, sprang
+herein, schlang die Arme um seinen Hals, küßte ihn und begrüßte ihn als
+ihren »lieben, lieben Bruder.«
+
+»Ich komme, um dich mit nach Haus zu nehmen, lieber Bruder!« sagte das
+Kind, fröhlich mit den Händen klatschend. »Dich mit nach Haus zu nehmen,
+nach Haus!«
+
+»Nach Haus, liebe Fanny?« frug der Knabe.
+
+»Ja!« antwortete die Kleine, in überströmender Lust. »Nach Hause und für
+immer. Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, daß es bei uns wie
+im Himmel ist. Er sprach eines Abends, als ich zu Bett ging, so
+freundlich mit mir, daß ich mir ein Herz faßte, und ihn frug, ob du
+nicht nach Hause kommen dürftest; und er sagte ja, und schickt mich im
+Wagen her, um dich zu holen. Und du sollst jetzt dein freier Herr sein,«
+sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, »und nicht mehr hierher
+zurückkehren; aber erst sollen wir alle zusammen das Weihnachtsfest
+feiern und recht lustig sein.«
+
+»Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny!« rief der Knabe aus.
+
+Sie klatschte in die Hände und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf
+zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich
+auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer
+Ungeduld nach der Thür, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.
+
+Eine schreckliche Stimme in der Hausflur rief: »Bringt Master Scrooges
+Koffer herunter!« Es war der Schullehrer selbst, welcher Master Scrooge
+mit gestrengster Herablassung anstierte, und ihn in großen Schrecken
+setzte, wie er ihm die Hand drückte. Dann führte er ihn und seine
+Schwester in ein feuchtes, fröstelnerregendes Putzzimmer, wo die Erd-
+und Himmelsgloben im Fenster vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine
+Flasche merkwürdig leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren
+Kuchen herbei, und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen
+auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig aussehende Magd
+hinaus, um dem Postillon ein Gläschen anzubieten, wofür dieser aber mit
+den Worten dankte, wenn es von demselben Faß wie das vorige sei, möchte
+er lieber nicht kosten. Während dieser Zeit war Master Scrooges Koffer
+auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Bedauern von
+dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen, und fuhren so
+schnell zum Garten hinaus, daß der Reif und der Schnee von den
+immergrünen Gebüschen wie Schaum stob.
+
+»Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte verwelken
+können,« sagte der Geist. »Aber sie hatte ein reiches Herz.«
+
+»Ja, das hatte sie,« rief Scrooge. »Ich will nicht widersprechen, Geist.
+Gott verhüte es!«
+
+»Sie starb verheiratet,« sagte der Geist, »und hatte Kinder, glaube
+ich.«
+
+»Ein Kind,« antwortete Scrooge.
+
+»Ja,« sagte der Geist. »Dein Neffe.«
+
+Scrooge schien unruhig zu werden und er antwortete kurz »Ja.«
+
+Obgleich sie kaum einen Augenblick die Schule hinter sich gelassen
+hatten, befanden sie sich doch jetzt mitten in den lebendigsten Straßen
+der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger vorübergingen, wo gespenstische
+Wagen und Kutschen sich um Platz stritten und wo alles Gedräng und alles
+wirre Leben einer wirklichen Stadt war. An dem Aufputz der Läden sah
+man, daß auch hier Weihnachten sei; aber es war Abend und die
+Straßenlaternen brannten.
+
+Der Geist blieb vor einer Gewölbethür stehen und frug Scrooge, ob er sie
+kenne.
+
+»Ob ich sie kenne?« sagte Scrooge. »Hab' ich hier nicht gelernt?«
+
+Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzperücke,
+welcher hinter einem so hohen Pulte saß, daß er mit dem Kopf hätte an
+die Decke stoßen müssen, wenn er zwei Zoll größer gewesen wäre, rief
+Scrooge in großer Aufregung: »Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott
+segne ihn, es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!«
+
+Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah nach der Uhr, deren
+Zeiger auf Sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine geräumige Weste
+herunter, lachte über und über, von den Schuhspitzen bis zu dem Organ
+der Gutmütigkeit und rief mit einer behäbigen, voll und doch mild
+tönenden heitern Stimme: »Hallo, dort! Ebenezer! Dick!«
+
+Scrooges früheres Selbst, jetzt zu einem Jüngling geworden, trat munter
+herein, begleitet von seinem Mitlehrling.
+
+»Dick Wilkins, wahrhaftig!« sagte Scrooge zu dem Geist. »Wahrhaftig, er
+ist es. Er hat mich sehr lieb, der Dick. Der arme Dick! Gott, Gott!«
+
+»Hallo, meine Burschen,« sagte Fezziwig. »Feierabend heute. Weihnachten,
+Dick! Weihnachten, Ebenezer! Macht die Laden zu,« rief der alte
+Fezziwig, munter die Hände zusammenklatschend, »ehe ein Mann sagen kann
+Jack Robinson.«
+
+Man hätte nicht glauben sollen, wie frisch die beiden Jungen daran
+gingen. Sie liefen mit den Laden hinaus -- eins, zwei, drei -- hatten
+sie eingesetzt -- vier, fünf, sechs -- sie zugeriegelt und zugeschraubt
+-- sieben, acht, neun -- und kamen zurück, ehe man zwölf sagen konnte,
+außer Atem, wie Rennpferde.
+
+»Hussaho!« rief der alte Fezziwig, mit wunderbarer Geschicklichkeit von
+seinem hohen Sessel herunterspringend. »Räumt auf, Jungens, und macht
+viel Platz! Hussaho, Dick! Hallo, Ebenezer!«
+
+Aufräumen! Sie würden alles weggeräumt haben und konnten alles
+wegräumen, wo Fezziwig zuschaute. Es war in einer Minute geschehen.
+Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Winkel geschoben,
+als wenn es für immer aus dem öffentlichen Dienste entlassen worden
+wäre; die Flur wurde gekehrt und gesprengt, die Lampen geputzt, Kohlen
+auf das Feuer geschüttet; und der Laden war so behaglich und warm und
+hell, wie ein Ballzimmer, wie man es nur an einem Winterabende verlangen
+kann.
+
+Jetzt trat ein Fiedler mit einem Notenbuche herein und stieg Fezziwigs
+hohen Stuhl hinauf, dort sein Orchester aufzuschlagen und stimmte wie
+toll. Dann kam Mrs. Fezziwig, _ein_ behagliches Lächeln über und über.
+Dann kamen die drei Miß Fezziwigs, freudestrahlend und liebenswürdig.
+Dann kamen die sechs Jünglinge, deren Herzen sie brachen. Dann kamen die
+Burschen und Mädchen, die im Hause einen Dienst hatten: das Hausmädchen
+mit ihrem Vetter, dem Bäcker, die Köchin mit ihres Bruders vertrautem
+Freund, dem Milchmann. Dann kam der Bursche von gegenüber, von dem man
+sagte, er habe bei seinem Herrn knappe Kost; er versuchte, sich hinter
+dem Mädchen aus dem Nachbarhause zu verstecken, der man bewies, sie sei
+von ihrer Herrschaft ausgescholten worden. Sie kamen alle, einer nach
+dem andern; einige blöde, andere keck, einige mit Geschick, andere mit
+Ungeschick, die zerrend und jene stoßend. Dann ging es los, zwanzig Paar
+auf einmal, eine halbe Runde hin und zurück, dann die Mitte des Zimmers
+hinauf und wieder herab, dann in verschiedenen Kreisen sich drehend;
+das alte erste Paar immer an der falschen Stelle stehen bleibend; das
+neue erste Paar immer wieder anfangend, wenn es stehen bleiben sollte;
+bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte. Als sie so
+weit gekommen waren, klatschte der alte Fezziwig zum Zeichen, daß der
+Tanz aus sei und rief »Bravo!« und der Fiedler senkte sein glühendes
+Gesicht in einen Krug Porter, der besonders zu diesem Zweck neben ihm
+stand. Aber kaum war er wieder herausgestiegen, als er wieder
+aufzuspielen anfing, obgleich noch keine Tänzer dastanden, als wenn der
+alte Fiedler erschöpft nach Hause getragen worden und er ein ganz
+frischer sei, entschlossen, ihn vergessen zu machen, oder zu sterben.
+
+Dann folgten noch mehrere Tänze und Pfänderspiele und wieder Tänze. Dann
+kam Kuchen und Negus und ein großes Stück kalter Rinderbraten, und dann
+ein großes Stück kaltes, gekochtes Rindfleisch und Fleischpasteten und
+Ueberfluß von Bier. Aber der Glanzpunkt des Abends kam nach dem
+Rindfleisch, als der Fiedler (ein pfiffiger Kopf, er kannte sein
+Geschäft besser, als ihr oder ich es ihm hätte lehren können) anfing
+»Sir Roger de Coverley.«[1] Da trat der alte Fezziwig mit Mrs. Fezziwig
+an und zwar als das erste Paar. Sie hatten ein gut Stück Arbeit vor
+sich, drei- oder vierundzwanzig Paar Tänzer, Leute, mit denen nicht zu
+spaßen war, Leute, die tanzen wollten und keinen Begriff vom Gehen
+hatten.
+
+ [1] Eine Art Großvatertanz.
+
+Aber wenn es zweimal, ja viermal so viel gewesen wären, hätte es der
+alte Fezziwig mit ihnen aufgenommen und auch Mrs. Fezziwig. Sie war, im
+vollen Sinne des Wortes, würdig, seine Tänzerin zu sein. Wenn das kein
+großes Lob ist, so sagt mir ein größeres und ich will es aussprechen.
+Fezziwigs Waden schienen wirklich zu leuchten. Sie glänzten in jedem
+Teil des Tanzes wie ein Paar Monde. Ihr hättet zu irgend einer Minute
+nicht voraus sagen können, was aus ihnen in der nächsten werden würde.
+Und als der alte Fezziwig und Mrs. Fezziwig alle Touren des Tanzes
+durchgemacht hatten, battierte Fezziwig so geschickt, daß es war, als
+zwinkerte er mit den Beinen, und er kam, ohne zu wanken, wieder auf die
+Füße.
+
+Mit dem Glockenschlag Elf war dieser häusliche Ball zu Ende. Mr. und
+Mrs. Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Thür auf, schüttelten
+jedem einzelnen der Gäste die Hand zum Abschied und wünschten ihm oder
+ihr fröhliche Weihnachten.
+
+Als alles, außer den zwei Lehrlingen, fort war, thaten sie diesen das
+Gleiche. So waren die heitern Stimmen verklungen, und die Burschen
+gingen in ihr Bett, welches sich unter einem Ladentisch in der
+hintersten Niederlage befand.
+
+Während dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein Verrückter
+benommen. Sein Herz und seine Seele waren mit dem Ball und seinem
+früheren Selbst. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute
+sich über alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung. Nicht
+eher, als bis die fröhlichen Gesichter seines frühern Selbst und Dicks
+verschwunden waren, dachte er daran, daß der Geist neben ihm stehe und
+ihn anschaue, während das Licht auf seinem Haupte in voller Klarheit
+brannte.
+
+»Eine Kleinigkeit,« sagte der Geist, »diesen närrischen Leuten solche
+Dankbarkeit einzuflößen.«
+
+»Eine Kleinigkeit!« gab Scrooge zurück.
+
+Der Geist gab ihm ein Zeichen, den beiden Lehrlingen zuzuhören, welche
+ihr Herz in Lobpreisungen Fezziwigs ausschütteten; und als Scrooge das
+gethan hatte, sprach der Geist: »Nun, ist es nicht so? Er hat nur ein
+paar Pfund Eures irdischen Geldes hingegeben; vielleicht drei oder vier.
+Ist das so viel, daß er solches Lob verdient?«
+
+»Das ist's nicht,« sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt und wie
+sein früheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend. »Das ist's
+nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glücklich oder unglücklich, unsern
+Dienst zu einer Last oder zu einer Bürde, zu einer Freude oder zu einer
+Qual zu machen. Du magst sagen, seine Macht liege in Worten und Blicken,
+in so unbedeutenden und kleinen Dingen, daß es unmöglich ist, sie
+herzuzählen: was schadet das? Das Glück, welches er bereitet, ist so
+groß, als wenn es sein ganzes Vermögen kostete.«
+
+Er fühlte des Geistes Blick und schwieg.
+
+»Was giebt's?« fragte der Geist.
+
+»Nichts, nichts,« sagte Scrooge.
+
+»Etwas, sollt' ich meinen,« drängte der Geist.
+
+»Nein,« sagte Scrooge, »nein. Ich möchte nur eben ein paar Worte mit
+meinem Diener sprechen. Das ist alles.«
+
+Sein früheres Selbst löschte die Lampen aus, als er diesen Wunsch
+aussprach, und Scrooge und der Geist standen wieder im Freien.
+
+»Meine Zeit geht zu Ende,« sagte der Geist. »Schnell!«
+
+Dies letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er sehen
+konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder sah Scrooge sich
+selbst. Er war jetzt älter geworden: ein Mann in der Blüte seiner Jahre.
+Sein Gesicht hatte nicht die schroffen, rauhen Züge seiner spätern
+Jahre, aber schon fing es an, die Zeichen der Sorge und des Geizes zu
+tragen. In seinem Auge brannte ein ruheloses, habsüchtiges Feuer,
+welches von der Leidenschaft sprach, die dort Wurzel geschlagen hatte,
+und zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fallen würde.
+
+Er war nicht allein, sondern saß neben einem schönen jungen Mädchen in
+Trauerkleidern. In ihrem Auge standen Thränen, welche in dem Lichte
+glänzten, das von dem Geist vergangener Weihnachten ausströmte.
+
+»Es ist ohne Bedeutung,« sagte sie sanft. »Ihnen von gar keiner. Ein
+anderes Götzenbild hat mich verdrängt; und wenn es Sie in späterer Zeit
+trösten und aufrecht erhalten kann, wie ich es versucht haben würde, so
+habe ich keine gerechte Ursache zu klagen.«
+
+»Welches Götzenbild hätte Sie verdrängt?« erwiderte er.
+
+»Ein goldenes.«
+
+»Dies ist die Gerechtigkeit der Welt!« sagte er. »Gegen nichts ist sie
+so hart, wie gegen die Armut; und nichts tadelt sie mit größerer
+Strenge, als das Streben nach Reichtum.«
+
+»Sie fürchten das Urteil der Welt zu sehr,« antwortete sie sanft. »Alle
+Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor diesem
+engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe Ihre edleren
+Bestrebungen eine nach der andern verschwinden sehen, bis die eine
+Leidenschaft nach Gold Sie ganz erfüllt. Ist es nicht wahr?«
+
+»Und was ist da weiter?« antwortete er. »Selbst wenn ich so viel klüger
+geworden bin, was ist da weiter? Gegen Sie bin ich nie anders geworden.«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Bin ich anders.«
+
+»Unser Bund ist aus alter Zeit. Er wurde geschlossen, als wir beide arm
+und zufrieden waren, bis wir unser Los durch ausdauernden Fleiß
+verbessern könnten. Sie haben sich verändert. Als er geschlossen wurde,
+waren Sie ein anderer Mensch.«
+
+»Ich war ein Knabe,« sagte er ungeduldig.
+
+»Ihr eigenes Gefühl sagt Ihnen, daß Sie nicht so waren, wie Sie jetzt
+sind,« antwortete sie. »Ich bin noch dieselbe. Das, was uns Glück
+versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren, muß uns Unglück
+bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind. Wie oft und wie bitter
+ich dies gefühlt habe, will ich nicht sagen; es ist genug, daß ich es
+gefühlt habe und daß ich Ihnen Ihr Wort zurückgeben kann.«
+
+»Habe ich dies jemals verlangt?«
+
+»In Worten? Nein. Niemals!«
+
+»Womit dann?«
+
+»Durch ein verändertes Wesen, durch einen andern Sinn, durch andere
+Bestrebungen des Lebens und durch eine andere Hoffnung, als seinem Ziel.
+In allem, was meiner Liebe in Ihren Augen einigen Wert gab. Wenn alles
+Frühere nicht zwischen uns geschehen wäre,« sagte das Mädchen, ihn mit
+sanftem, aber festem Blicke ansehend, »würden Sie mich jetzt aufsuchen
+und um mich werben? Gewiß nicht!«
+
+Er schien die Wahrheit dieser Voraussetzung wider seinen Willen
+zuzugeben. Aber er that seinen Gefühlen Gewalt an und sagte: »Sie
+glauben es nicht?«
+
+»Gern glaubte ich es, wenn ich es könnte,« sagte sie, »Gott weiß es!
+Wenn ich eine Wahrheit, gleich dieser, erkannt habe, weiß ich, wie
+unwiderstehlich sie sein muß. Aber wenn Sie heute oder morgen, oder
+gestern frei wären, soll ich glauben, daß Sie ein armes Mädchen wählen
+würden, Sie, der selbst in den vertrautesten Stunden alles nach dem
+Gewinn abmißt? oder soll ich mir verhehlen, daß selbst, wenn Sie für
+einen Augenblick Ihrem einen leitenden Grundsatze untreu werden könnten,
+Sie gewiß einst Täuschung und bittere Reue fühlen würden? Nein, und
+deswegen gebe ich Ihnen Ihr Wort zurück. Willig und um die Liebe dessen,
+der Sie einst waren.«
+
+Er wollte sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort:
+»Vielleicht -- der Gedanke an die Vergangenheit läßt es mich fast hoffen
+-- wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und Sie werden
+dann die Erinnerung daran fallen lassen, freudig, wie die Gedanken eines
+unnützen Traumes, von dem zu erwachen ein Glück für Sie war. Möge Sie
+alles Glück auf dem erwählten Lebenswege begleiten!«
+
+Sie schieden.
+
+»Geist,« sagte Scrooge, »zeige mir nichts mehr, führe mich nach Haus.
+Warum erfreust du dich daran, mich zu quälen?«
+
+»Noch ein Gesicht,« rief der Geist aus.
+
+»Nein,« rief Scrooge. »Nein! Ich mag keins mehr sehen. Zeige mir keins
+mehr.«
+
+Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Händen fest und zwang
+ihn, zu betrachten, was zunächst geschah.
+
+Sie befanden sich an einem andern Ort, in einem Zimmer, nicht sehr groß
+oder schön, aber voller Behaglichkeit. Neben dem Kamin saß ein schönes
+junges Mädchen, so gleich der, welche Scrooge zuletzt gesehen hatte, daß
+er glaubte, es sei dieselbe, bis er sie, jetzt eine stattliche Matrone,
+der Tochter gegenüber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr,
+denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner Aufregung
+zählen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig Kinder wie eins,
+sondern jedes Kind wie vierzig. Die Folge davon war ein Lärm
+sondergleichen; aber niemand schien sich darum zu kümmern; im Gegenteil,
+Mutter und Tochter lachten herzlich und freuten sich darüber; und die
+letztere, die sich bald in die Spiele mischte, wurde von den kleinen
+Schelmen gar grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines
+dieser Kinder zu sein, obgleich ich nimmer so ungezogen gewesen wäre.
+Nein, nein! für alle Schätze der Welt hätte ich nicht diese Locken
+zerdrückt und zerwühlt; und diesen lieben, kleinen Schuh hätte ich nicht
+entwendet, um mein Leben zu retten. Im Scherz ihre Taille zu messen, wie
+die kecke, junge Brut that, ich hätte es nicht gewagt; ich hätte
+geglaubt, mein Arm würde zur Strafe krumm werden und nie wieder gerade
+wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe es, hätte ich ihre Lippen
+berührt; wie gern hätte ich sie gefragt, damit sie sich geöffnet hätten;
+wie gern hätte ich die Wimpern dieser niedergeschlagenen Augen
+betrachtet, ohne ein Erröten hervorzurufen; wie gern hätte ich dieses
+wogende Haar gelöst, von dem ein Zoll ein Schatz über allen Preis
+gewesen wäre; kurz, wie gern hätte ich das kleinste Privilegium eines
+Kindes gehabt, mit der Bedingung, Mann genug zu sein, um seinen Wert zu
+kennen.
+
+Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Thür gehört, was einen so
+allgemeinen Sturz nach derselben veranlaßte, daß sie mit lachendem
+Gesicht und verwirrtem Anzug in der Mitte eines frohlockenden lärmenden
+Haufens nach der Thür gedrängt wurde, dem Vater entgegen, der nach Haus
+kam, in Begleitung eines Mannes mit Weihnachtsgeschenken beladen. Aber
+nun das Geschrei und das Gedräng und der Sturm auf den verteidigungslosen
+Träger! Wie sie auf Stühlen an ihm hinaufstiegen, in seine Taschen
+guckten, die Papierpäckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an
+seinem Halse hingen, ihm auf den Rücken trommelten und an die Beine
+stießen -- alles in unwiderstehlicher Freude! Dann diese Ausrufungen der
+Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes Päckchens
+begrüßt wurde! Die schreckliche Kunde, daß das Wickelkind ertappt worden
+sei, wie es die Bratpfanne der Puppe in den Mund gesteckt, oder wohl gar
+das hölzerne Huhn samt der Schüssel hinuntergeschluckt habe! Die große
+Beruhigung, zu finden, daß es ein falscher Lärm gewesen sei! Die Freude
+und die Dankbarkeit und das Entzücken! Dies alles ist über alle
+Beschreibung. Es muß genügen, zu wissen, daß die Kinder und ihre Freuden
+endlich aus dem Zimmer kamen und _eine_ Treppe auf einmal hinaufgingen,
+wo sie zu Bett gebracht wurden und dort blieben.
+
+Und als jetzt Scrooge sah, wie der Herr des Hauses, die Tochter zärtlich
+an seine Seite geschmiegt, sich mit ihr und ihrer Mutter an seinem
+eigenen Herd niedersetzte; und wie er dachte, daß ein solches Wesen
+ebenso lieblich und hoffnungsreich ihn hätte Vater nennen und wie
+Frühlingszeit in dem öden Winter seines Lebens hätte sein können, da
+wurden seine Augen wirklich trübe.
+
+»Bella,« sagte der Mann, sich lächelnd zu seiner Gattin wendend, »ich
+sah heut' Nachmittag einen alten Freund von dir.«
+
+»Wer war es?«
+
+»Rate.«
+
+»Wie kann ich das? Ach, jetzt weiß ich,« fügte sie sogleich hinzu,
+lachend, wie er lachte. »Mr. Scrooge.«
+
+»Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Comptoirfenster vorüber; und da
+kein Laden davor war und er Licht drin hatte, mußte ich ihn fast sehen.
+Sein Compagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er saß allein dort. Ganz
+allein in der Welt, glaube ich.«
+
+»Geist,« sagte Scrooge mit bebender Stimme, »führe mich weg von diesem
+Orte.«
+
+»Ich sagte dir, daß dieses Schatten gewesener Dinge wären,« sagte der
+Geist. »Gieb mir nicht die Schuld, daß sie so sind, wie sie sind.«
+
+»Führe mich weg!« rief Scrooge aus. »Ich kann es nicht ertragen.«
+
+Er wandte sich gegen den Geist, und wie er sah, daß er ihn mit einem
+Gesicht anblickte, in welchem sich auf eine seltsame Weise einzelne Züge
+all der Gesichter zeigten, die er gesehen hatte, rang er mit ihm.
+
+»Verlaß mich, führ' mich weg. Umschwebe mich nicht länger.«
+
+In dem Kampfe, wenn das ein Kampf genannt werden kann, wo der Geist,
+ohne einen sichtbaren Widerstand von seiner Seite, von den Anstrengungen
+seines Gegners ungestört blieb, bemerkte Scrooge, daß das Licht auf
+seinem Haupte hoch und hell brenne; und in einem dunklen Instinkt jenes
+Licht mit des Geistes Einfluß auf sich verbindend, ergriff er den
+Lichtauslöscher und stülpte ihn auf des Geistes Haupt.
+
+Der Geist sank darunter zusammen, so daß der Lichtauslöscher seine ganze
+Gestalt bedeckte; aber obgleich Scrooge ihn mit seiner ganzen Kraft
+niederdrückte, konnte er das Licht nicht verbergen, welches darunter
+hervor und mit hellem Schimmer über den Boden strömte.
+
+Er fühlte, daß er erschöpft sei und von einer unüberwindlichen
+Schläfrigkeit befallen werde und wußte, daß er in seinem eignen
+Schlafzimmer sei. Er gab dem Lichtauslöscher noch einen Druck zum
+Abschiede und fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, ehe er in tiefen
+Schlaf sank.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Der zweite der drei Geister.
+
+
+Scrooge erwachte mitten in einem tüchtigen Geschnarch und setzte sich in
+dem Bette in die Höhe, um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal hatte
+niemand nötig, ihm zu sagen, daß es gerade Eins sei. Er fühlte, daß er
+gerade zu der rechten Zeit und zu dem ausdrücklichen Zwecke erwacht sei,
+eine Konferenz mit dem zweiten an ihn durch Jakob Marleys Vermittlung
+abgesandten Boten zu halten. Aber bei dem Gedanken, welche seiner
+Bettgardinen wohl das neue Gespenst zurückschlagen würde, wurde es ihm
+ganz unheimlich kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Händen
+zurück. Dann legte er sich wieder nieder und beschloß, genau
+aufzupassen, denn er wollte den Geist in dem Augenblicke seiner
+Erscheinung anrufen, und wünschte nicht überrascht und erschreckt zu
+werden.
+
+Leute von keckem Mute, die sich schmeicheln, es schon mit etwas
+aufnehmen zu können, und immer an ihrem Platze zu sein, drücken den
+weiten Bereich ihrer Fähigkeiten mit den Worten aus: Sie wären gut für
+alles, vom Brotessen bis zum Menschenverschlingen; zwischen welchen
+beiden Extremen ohne Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Darlegung
+ihrer Kräfte liegt. Ohne gerade zu behaupten, daß Scrooge es so weit
+gebracht hätte, muß ich doch von dem Leser den Glauben fordern, daß er
+auf ein recht schönes Sortiment von Erscheinungen gefaßt war, und daß
+nichts zwischen einem Wickelkind und einem Rhinoceros ihn sehr staunen
+gemacht haben würde.
+
+Eben weil er auf fast alles gefaßt war, war er nicht vorbereitet, nichts
+zu sehen; und so, als die Glocke Eins schlug und keine Gestalt
+erschien, überfiel ihn ein heftiges Zittern. Fünf Minuten, zehn Minuten,
+eine Viertelstunde vergingen, aber es kam nichts. Die ganze Zeit über
+lag er auf seinem Bett recht in der Mitte eines Stromes rötlichen
+Lichtes, welches sich über ihn ausgoß, als die Glocke die Stunde
+verkündigte; und welches, weil es nur Licht war, viel beunruhigender als
+ein Dutzend Geister war, da es ihm unmöglich war zu erraten, was es
+bedeute oder was es wolle. Ja, er fürchtete zuweilen, er möchte in
+diesem Augenblick ein merkwürdiger Fall von Selbstentzündung sein, ohne
+den Trost zu haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu denken,
+daß die Quelle dieses geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden
+Zimmer sein möge, aus dem es bei näherer Betrachtung zu strömen schien.
+Wie dieser Gedanke die Herrschaft über seine Seele bekommen hatte, stand
+er leise auf und schlürfte in den Pantoffeln nach der Thür.
+
+In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf den Drücker legte,
+rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hieß ihn eintreten. Er
+gehorchte.
+
+Es war sein eigenes Zimmer. Daran ließ sich nicht zweifeln. Aber eine
+wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wände und Decke waren
+ganz mit grünen Zweigen bedeckt, daß es ganz aussah wie eine Laube, in
+der überall glänzende Beeren schimmerten. Die glänzenden, strammen
+Blätter der Stecheiche, der Mistel und des Epheus warfen das Licht
+zurück und erschienen wie ebensoviel kleine Spiegel. Eine so gewaltige
+Flamme loderte die Esse hinauf, wie dieses Spottbild eines Kamines in
+Scrooges oder Marleys Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht gekannt
+hatte. Auf dem Fußboden waren zu einer Art von Thron Truthähne, Gänse,
+Wildbret, große Braten, Spanferkel, lange Reihen von Würsten, Pasteten,
+Plumpuddings, Austerfäßchen, glühende Kastanien, rotbäckige Aepfel,
+saftige Orangen, appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende
+Punschbowlen aufgehäuft, welche das Zimmer mit köstlichem Geruch
+erfüllten. Auf diesem Thron saß behaglich und mit fröhlichem Angesicht
+ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der Hand trug er eine brennende
+Fackel, fast wie ein Füllhorn gestaltet, und hielt sie hoch in die Höhe,
+um Scrooge damit zu beleuchten, wie er in das Zimmer guckte.
+
+»Nur herein,« rief der Geist. »Nur herein, und lerne mich besser
+kennen.«
+
+Scrooge trat schüchtern ein und senkte das Haupt vor dem Geiste. Er war
+nicht mehr der hartfühlende, nichtsscheuende Scrooge wie früher, und
+obgleich des Geistes Augen hell und mild glänzten, wünschte er ihnen
+doch nicht zu begegnen.
+
+»Ich bin der Geist der heurigen Weihnacht,« sagte die Gestalt. »Sieh'
+mich an.«
+
+Scrooge that es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war in ein
+einfaches, dunkelgrünes Gewand, mit weißem Pelz verbrämt, gekleidet. Die
+breite Brust war entblößt, als verschmähe sie, sich zu verstecken. Auch
+die Füße waren bloß und schauten unter den weiten Falten des Gewandes
+hervor; und das Haupt hatte keine andere Bedeckung, als einen
+Stecheichenkranz, in dem hier und da Eiszapfen glänzten. Seine
+dunkelbraunen Locken wallten fessellos auf die Schultern. Sein munteres
+Gesicht, sein glänzendes Auge, seine fröhliche Stimme, sein
+ungezwungenes Benehmen, alles sprach von Offenheit und heiterm Sinn. Um
+den Leib trug er eine alte Degenscheide gegürtet; aber sie war von Rost
+zerfressen und kein Schwert stak darin.
+
+»Du hast nie meinesgleichen vorher gesehen,« rief der Geist.
+
+»Niemals,« entgegnete Scrooge.
+
+»Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie abgegeben; ich
+meine (denn ich bin sehr jung) meine ältern Brüder, welche in den
+letztern Jahren geboren worden sind,« fuhr das Phantom fort.
+
+»Ich glaube nicht,« sagte Scrooge. »Es thut mir leid, es nicht gethan zu
+haben. Hast du viele Brüder gehabt, Geist?«
+
+»Mehr als achtzehnhundert,« sagte dieser.
+
+»Eine schrecklich große Familie, wer für sie zu sorgen hat,« murmelte
+Scrooge.
+
+Der Geist der heurigen Weihnacht stand auf.
+
+»Geist,« sagte Scrooge demütig, »führe mich wohin du willst. Gestern
+Nacht wurde ich durch Zwang hinausgeführt und mir wurde eine Lehre
+gegeben, die jetzt im Wirken ist. Heute bin ich bereit zu folgen, und
+wenn du mir etwas zu lehren hast, will ich hören.«
+
+»Berühre mein Gewand.«
+
+Scrooge that, wie ihm gesagt worden und hielt es fest.
+
+Stecheichen, Misteln, rote Beeren, Epheu, Truthähne, Gänse, Braten,
+Spanferkel, Würste, Austern, Pasteten, Puddings, Früchte und Punsch,
+alles verschwand augenblicklich. Auch das Zimmer verschwand, das Feuer,
+der rötliche Schimmer, die nächtliche Stunde, und sie standen in den
+Straßen der Stadt, am Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute, denn es
+war sehr kalt, eine rauhe, aber muntere und nicht unangenehme Musik
+machten, wie sie den Schnee von dem Straßenpflaster und den Dächern der
+Häuser zusammenscharrten. Und daneben standen die Kinder und freuten
+sich und frohlockten, wie die Schneelawinen von den Dächern
+herunterstürzten und in künstliche Schneestürme zerstiebten.
+
+Die Häuser erschienen schwarz und die Fenster noch schwärzer, verglichen
+mit der glatten, weißen Schneedecke auf den Dächern und dem schmutzigern
+Schnee auf den Straßen. In den letztern war er von den schweren Rädern
+der Wagen und Karren in tiefe Furchen aufgepflügt; Furchen, die sich
+hundert- und aberhundertmal kreuzten, wo eine Nebenstraße ausging, und
+in dem dicken, gelben Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische
+Kanäle bildeten. Der Himmel war trübe und selbst die kürzesten Straßen
+schienen sich in einen dicken Nebel zu verlieren, dessen schwerere Teile
+in einem rußigen Regen niederfielen, als wenn alle Essen von England
+sich auf einmal entzündet hätten und jetzt nach Herzenslust brennten. Es
+war nichts Heiteres in der ganzen Umgebung und doch lag etwas in der
+Luft, was die klarste Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht
+hätten verbreiten können.
+
+Denn die Leute, welche den Schnee von den Dächern schaufelten, waren
+lustig und voll mutwilliger Laune. Sie riefen sich einander zu von den
+Dächern und wechselten dann und wann einen Schneeball -- ein
+gutmütigerer Pfeil, als manches Wort -- und lachten herzlich, wenn er
+traf und nicht weniger herzlich, wenn sie fehlschossen. Die Läden der
+Geflügelhändler waren noch halb offen und die der Fruchthändler
+strahlten in heller Freude. Da sah man große, runde, dickbäuchige Körbe
+voll Kastanien, gleich den Westen lustiger, alter Herren, an den Thüren
+lehnend, oder im apoplektischen Ueberfluß auf die Straße rollend. Da sah
+man braune, dickbäuchige, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettheit
+spanischen Mönchen gleichend und mutwillig den Mädchen winkend, welche
+vorübergingen und verschämt nach dem Mistelzweige schielten. Da sah man
+Birnen und Aepfel in Pyramiden zusammengestellt; Trauben, die der
+Kaufmann in seiner Gutmütigkeit recht augenfällig im Gewölbe hängen
+ließ, daß den Vorübergehenden der Mund gratis wässere; Haufen von
+Haselnüssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft vergangene
+Streifereien in den Wald durch das raschelnde, fußhohe welke Laub
+zurückrufend; Norfolk-Biffins, fett und krispig, mit ihrer Bräune von
+den gelben Orangen abstechend und gar dringend bittend, daß man sie nach
+Hause tragen und nach Tische essen möge. Ja, selbst die Gold- und
+Silberfische, welche in einem Glas mitten unter den auserlesenen
+Früchten standen, obgleich von einem dick- und kaltblütigen Geschlechte,
+schienen zu wissen, daß etwas Besonderes los sei und schwammen um ihre
+kleine Welt in langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.
+
+Ach die Materialwarenläden! fast geschlossen waren sie, vielleicht ein
+oder zwei Laden vorgesetzt; aber welche Herrlichkeiten sah man durch
+diese Oeffnungen! Nicht allein, daß die Wagschalen mit einem fröhlichen
+Klange auf den Ladentisch klirrten, oder daß der Bindfaden und seine
+Rolle so munter voneinander schieden, oder daß die Büchsen wie durch
+Zauberei blitzschnell hin und her fuhren, oder daß der vermischte Geruch
+von Kaffee und Thee der Nase so wohlthuend war, die Rosinen so
+wunderschön, die Mandeln so außerordentlich weiß, die Zimtstengel so
+lang und gerade, die andern Gewürze so köstlich, die eingemachten
+Früchte so dick mit geschmolzenem Zucker belegt waren, daß der kälteste
+Zuschauer entzückt wurde; nicht daß die Feigen so saftig und fleischig
+waren, oder daß die Brignolen in bescheidener Koketterie in ihren
+verzierten Büchsen erröteten, oder daß alles so gut zu essen oder so
+schön in seinem Weihnachtskleid war; das war es nicht allein. Die
+Kaufenden waren auch alle so eifrig und eilig in der Hoffnung des
+Festes, daß sie in der Thüre gegeneinander rannten, wie von Sinnen mit
+ihren Körben zusammenstießen und ihre Einkäufe vergaßen und wieder
+zurückliefen, um sie zu holen, und tausend ähnliche Irrtümer in der
+bestmöglichsten Laune begingen, während der Kaufmann und seine Leute so
+frisch und froh waren, daß die blanken Herzen, welche ihre Schürzen
+hinten zusammenhielten, ihre eigenen hätten sein können, die für aller
+Augen Besichtigung auswendig getragen wurden.
+
+Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und der Kapelle und in
+ihren besten Kleidern und mit ihren feiertäglichsten Gesichtern gingen
+die Leute durch die Straßen; und zu derselben Zeit strömten aus den
+Nebenstraßen und Gäßchen und namenlosen Winkeln zahllose Leute, welche
+ihr Mittagsessen zu dem Bäcker trugen. Der Anblick dieser Armen und doch
+so Glücklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen, denn
+er blieb mit Scrooge neben eines Bäckers Thür stehen, und indem er die
+Decken von den Schüsseln nahm, wie die Träger vorübergingen, bestreute
+er ihr Mahl mit Weihrauch von seiner Fackel. Es war eine gar wunderbare
+Fackel, denn ein paarmal, als ein paar von den Leuten zusammengerannt
+waren und einige heftige Worte fielen, besprengte er sie mit einigen
+Tropfen Thau von seiner Fackel und ihre gute Laune war augenblicklich
+wiederhergestellt. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am
+Weihnachtstage zu zanken.
+
+Jetzt schwiegen die Glocken und die Läden der Bäcker wurden geschlossen;
+und doch schwebte noch ein Schattenbild von allen diesen Mittagsessen
+und dem Fortschreiten ihrer Zubereitung in dem gethauten, nassen Fleck
+über jedem Ofen; und vor ihnen rauchte das Pflaster, als wenn selbst die
+Steine kochten.
+
+»Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut?« frug
+Scrooge.
+
+»Ja. Meine eigene.«
+
+»Und wirkt sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tage?« fragte Scrooge.
+
+»Auf jedes, welches gern gegeben wird. Auf ein ärmliches am meisten.«
+
+»Warum auf ein ärmliches am meisten?«
+
+»Weil das sie am meisten bedarf.«
+
+»Geist,« sagte Scrooge nach einem augenblicklichen Sinnen, »mich
+wundert's, daß du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns wünschen
+solltest, diesen Leuten die Gelegenheit unschuldigen Genusses zu
+rauben.«
+
+»Ich?« rief der Geist.
+
+»Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebenten Tag zu Mittag zu
+essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie überhaupt zu Mittag
+essen können,« sagte Scrooge.
+
+»Ich?« rief der Geist.
+
+»Verzeihe mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen geschehen
+oder wenigstens in dem deiner Familie,« sagte Scrooge.
+
+»Es giebt Menschen auf Eurer Erde,« entgegnete der Geist, »welche uns
+kennen wollen und ihre Thaten des Stolzes, der Mißgunst, des Hasses, des
+Neides, des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen thun; die uns
+in allem, was zu uns gehört, so fremd sind, als wenn sie nie gelebt
+hätten. Bedenke das und schreibe ihre Thaten ihnen selbst zu und nicht
+uns.«
+
+Scrooge versprach es und sie gingen unsichtbar, wie bisher, weiter in
+die Vorstadt. Es war eine wunderbare Eigenschaft des Geistes (Scrooge
+hatte sie bei dem Bäcker bemerkt), daß er, trotz seiner riesenhaften
+Gestalt, doch überall leicht Platz fand; und daß er unter einem
+niedrigen Dach ebenso schön und wie ein übernatürliches Wesen dastand,
+wie im geräumigen hohen Saal.
+
+Vielleicht war es die Freude, welche der gute Geist darin fühlte, diese
+Macht zu zeigen, vielleicht auch seine warmherzige, freundliche Natur
+und seine Teilnahme für alle Armen, was ihn gerade zu Scrooges Diener
+führte; denn er ging wirklich hin und nahm Scrooge mit, der sich an sein
+Gewand festhielt. Auf der Schwelle stand der Geist lächelnd still und
+segnete Bob Cratchits Wohnung mit dem Thau seiner Fackel. Bedenkt nur,
+Bob hatte nur fünfzehn »Bob«[2] die Woche; er steckte Sonnabends nur
+fünfzehn seiner Namensvettern in die Tasche; und doch segnete der Geist
+der heurigen Weihnacht sein Haus.
+
+ [2] Schillinge.
+
+Mr. Cratchits Frau, in einem ärmlichen, zweimal gewendeten Kleid, schön
+aufgeputzt mit Bändern, die billig sind, aber hübsch genug für sechs
+Pence aussehen, stand im Zimmer und deckte den Tisch. Belinda Cratchit,
+ihre zweite Tochter, half ihr, während Mr. Peter Cratchit mit der Gabel
+in eine Schüssel voll Kartoffeln stach und die Spitzen seines ungeheuren
+Hemdkragens (Bobs Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des
+Festes geliehen) in den Mund kriegte, voller Stolz, so schön angezogen
+zu sein und voll Sehnsucht, sein weißes Hemd in den fashionablen Parks
+zur Schau zu tragen. Jetzt kamen die zwei kleinern Cratchits, ein
+Mädchen und ein Knabe, hereingesprungen und schrieen, sie hätten an des
+Bäckers Thür die Gans gerochen und gewußt, daß es ihre eigene sei; und
+in freudigen Träumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch
+und erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, während er (nicht
+stolz, obgleich der Hemdkragen ihn fast erstickte) das Feuer blies, bis
+die Kartoffeln aufwallend an den Topfdeckel klopften, daß man sie
+herauslassen und schälen möge.
+
+»Wo bleibt nur der Vater?« sagte Mrs. Cratchit. »Und dein Bruder Tiny
+Tim; und Martha kam vorige Weihnachten eine halbe Stunde früher.«
+
+»Hier ist Martha, Mutter,« sagte ein Mädchen, zur Thür hereintretend.
+
+»Hier ist Martha, Mutter,« riefen die beiden kleinen Cratchits. »Hurra,
+das ist eine Gans, Martha.«
+
+»Gott grüße dich, liebes Kind! wie spät du kommst!« sagte Mrs. Cratchit,
+sie ein dutzendmal küssend und mit zuthulichem Eifer ihr Shawl und Hut
+abnehmend.
+
+»Wir hatten gestern Abend viel zurecht zu machen,« antwortete das
+Mädchen, »und mußten heute alles fertig machen, Mutter.«
+
+»Nun, es schadet nichts, da du doch da bist,« sagte Mrs. Cratchit.
+»Setze dich an das Feuer, liebes Kind, und wärme dich.«
+
+»Nein, nein, der Vater kommt,« riefen die beiden kleinen Cratchits, die
+überall zu gleicher Zeit waren. »Versteck' dich, Martha, versteck'
+dich!«
+
+Martha versteckte sich und jetzt trat Bob herein, der Vater. Wenigstens
+drei Fuß, ungerechnet der Fransen, hing der Shawl auf seine Brust herab
+und die abgetragnen Kleider waren geflickt und gebürstet, um ihnen ein
+Ansehen zu geben. Tiny Tim saß auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim!
+er trug eine kleine Krücke und seine Glieder wurden von eisernen
+Schienen gestützt.
+
+»Nun, wo ist unsere Martha?« rief Bob Cratchit, im Zimmer herumschauend.
+
+»Sie kommt nicht,« sagte Mrs. Cratchit.
+
+»Sie kommt nicht?« sagte Bob mit einer plötzlichen Abnahme seiner
+fröhlichen Laune; denn er war den ganzen Weg von der Kirche Tims Pferd
+gewesen und im vollen Laufe nach Hause gerannt. »Sie kommt nicht zum
+Weihnachtsabend?«
+
+Martha wollte ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus Scherz,
+und so trat sie hinter der Thür hervor und schlang die Arme um seinen
+Hals, während die beiden kleinen Cratchits sich Tiny Tims bemächtigten
+und ihn nach dem Waschhause trugen, damit er den Pudding im Kessel
+singen höre.
+
+»Und wie hat sich der kleine Tim aufgeführt?« frug Mrs. Cratchit, als
+sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit geneckt und Bob seine Tochter
+nach Herzenslust geküßt hatte.
+
+»Wie ein Goldkind,« sagte Bob, »und noch besser. Ich weiß nicht, wie es
+zugeht, aber er wird jetzt so träumerisch vom Alleinsitzen, und sinnt
+sich die seltsamsten Dinge aus. Heute wie wir nach Haus gingen, sagte
+er, er hoffe, die Leute sähen ihn in der Kirche, denn er sei ein
+Krüppel, und es wäre vielleicht gut für sie, sich am Christtag an den zu
+erinnern, der Lahme gehend und Blinde sehend machte.«
+
+Bobs Stimme zitterte, als er dies sagte und zitterte noch mehr, als er
+hinzufügte, daß Tiny Tim stärker und gesunder werden würde.
+
+Man hörte jetzt seine kleine Krücke auf dem Fußboden und ehe weiter ein
+Wort gesprochen worden, war Tim wieder da und wurde von seinem Bruder
+und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben dem Feuer geführt. Während
+jetzt Bob, seine Rockaufschläge in die Höhe schlagend -- als wenn es
+möglich wäre, sie noch mehr abzutragen -- in einer Bowle aus Cognac und
+Citronen eine heiße Mischung zubereitete, und sie umrührte und wieder an
+das Feuer setzte, damit sie sich warm halten möge, gingen Master Peter
+und die zwei sich überall befindenden kleinen Cratchits, um die Gans zu
+holen, mit der sie bald in feierlichem Zuge zurückkehrten.
+
+Jetzt entstand ein solcher Lärm, als ob eine Gans der seltenste aller
+Vögel wäre, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein schwarzer Schwan etwas
+ganz Gewöhnliches wäre, und wirklich war sie es auch in diesem Hause.
+Mrs. Cratchit ließ die Bratenbrühe aufwallen; Master Peter schmorte die
+Kartoffeln mit unglaublichem Eifer; Miß Belinda machte die Aepfelsauce
+süß; Martha stäubte die gewärmten Teller ab; Bob trug Tiny Tim neben
+sich in eine behagliche Ecke am Tisch; die beiden kleinen Cratchits
+stellten die Stühle zurecht, wobei sie sich nicht vergaßen, und nahmen
+ihren Posten ein, den Löffel in den Mund steckend, damit sie nicht nach
+Gans schrieen, ehe die Reihe an sie kam. Endlich wurde das Gericht
+aufgetragen und das Tischgebet gesprochen. Darauf folgte eine atemlose
+Pause, als Mrs. Cratchit, das Vorschneidemesser langsam von der Spitze
+bis zum Heft betrachtend, sich zurecht machte, es der Gans in die Brust
+zu stoßen; aber wie sie es that, und wie der lang erwartete Strom des
+Gefüllsels sich ergoß, ertönte ein freudiges Murmeln um den ganzen
+Tisch, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen Cratchits in Feuer
+gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers auf den Tisch und rief ein
+schwaches Hurra.
+
+Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht, daß
+jemals eine solche Gans gebraten worden wäre. Ihre Zartheit und ihr
+Fett, ihre Größe und ihre Billigkeit waren der Gegenstand allgemeiner
+Bewunderung. Mit Hilfe der Aepfelsauce und der geschmorten Kartoffeln,
+gab sie ein hinreichendes Mahl für die ganze Familie; und wie Mrs.
+Cratchit einen einzigen kleinen Knochen noch auf der Schüssel liegen
+sah, sagte sie mit großer Freude, sie hätten doch nicht alles
+aufgegessen! Aber jeder von ihnen hatte genug und die kleinen Cratchits
+waren bis an die Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. Jetzt
+wurden die Teller von Miß Belinda gewechselt und Mrs. Cratchit verließ
+das Zimmer allein -- denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu können --
+um den Pudding herauszunehmen und hereinzubringen.
+
+Wenn er nicht ausgebacken wäre! Wenn er beim Herausnehmen in Stücke
+zerfiele! Wenn jemand über die Mauer des Hinterhauses geklettert wäre
+und ihn gestohlen hätte, während sie sich an der Gans erquickten -- ein
+Gedanke, bei dem die beiden kleinen Cratchits bleich vor Schrecken
+wurden! Alles mögliche Schreckliche dachte man sich.
+
+Hallo eine Wolke Rauch! der Pudding war aus dem Kessel genommen. Ein
+Geruch, wie an einem Waschtag! das war die Serviette. Ein Geruch wie in
+einem Speisehause, mit einem Pastetenbäcker auf der einen und einer
+Wäscherin auf der andern Seite! Das war der Pudding. In einer halben
+Minute trat Mrs. Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lächelnd und vor
+sich den Pudding, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel, in
+einem Viertelquart Rum flammend und in der Mitte mit der festlichen
+Stecheiche geschmückt.
+
+O, ein wunderbarer Pudding! Bob Cratchit sagte mit ruhiger und sicherer
+Stimme, er halte das für das größte Kochkunststück, welches Mrs.
+Cratchit seit ihrer Heirat verrichtet habe. Mrs. Cratchit sagte, jetzt
+da die Last von ihrem Herzen sei, wolle sie nur gestehen, daß sie wegen
+der Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. Jeder hatte darüber
+etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei doch ein kleiner
+Pudding für eine so große Familie. Das wäre offenbare Ketzerei gewesen.
+Jeder Cratchit würde sich geschämt haben, so etwas nur zu denken.
+
+Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war abgedeckt, der
+Herd gekehrt und das Feuer aufgeschürt. Das Gemisch in der Bowle wurde
+gekostet und für fertig erklärt, Aepfel und Apfelsinen auf den Tisch
+gesetzt und ein paar Hände voll Kastanien auf das Feuer geschüttet. Dann
+setzte sich die ganze Familie Cratchit um den Kamin in einem Kreise, wie
+es Bob Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war;
+Bob in der Mitte und neben ihm der Gläservorrat der Familie; zwei
+Paßgläser und ein Milchkännchen ohne Henkel.
+
+Diese Gefäße aber hielten das heiße Gemisch aus der Bowle so gut, als
+wenn es goldene Pokale gewesen wären, und Bob schenkte es mit
+strahlenden Blicken ein, während die Kastanien auf dem Feuer spuckten
+und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor: »Uns allen eine fröhliche
+Weihnacht, meine Lieben! Gott segne uns!«
+
+Die ganze Familie wiederholte den Toast.
+
+»Gott segne uns alle und jeden!« sagte Tiny Tim, der letzte von allen.
+
+Er saß dicht neben seinem Vater auf seinem kleinen Stuhle. Bob hielt
+seine kleine welke Hand in der seinigen, als wenn er das Kind liebe und
+wünsche, es bei sich zu behalten und fürchte, es möchte ihm bald
+genommen werden.
+
+»Geist,« sagte Scrooge mit einer Teilnahme, wie er sie noch nie gefühlt
+hatte, »sag' mir, wird Tiny Tim leben bleiben?«
+
+»Ich sehe einen leeren Stuhl,« antwortete der Geist, »in der Kaminecke
+und eine Krücke ohne einen Besitzer sorgfältig aufbewahrt. Wenn die
+Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind sterben.«
+
+»Nein, nein,« sagte Scrooge. »Ach nein, guter Geist, sage, daß er leben
+bleiben wird.«
+
+»Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert, wird kein anderer
+meines Geschlechtes,« antwortete der Geist, »das Kind noch hier finden.
+Was thut es auch? Wenn es sterben muß, ist es besser, es thue es gleich
+und vermindere die überflüssige Bevölkerung.«
+
+Scrooge senkte das Haupt, seine eigenen Worte von dem Geiste zu hören,
+und fühlte sich von Reue und Schmerz überwältigt.
+
+»Mensch,« sagte der Geist, »wenn du ein menschliches Herz hast und kein
+steinernes, so hüte dich, so heuchlerisch zu reden, bis du weißt, was
+und wo dieser Ueberfluß ist. Willst du entscheiden, welche Menschen
+leben, welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen
+des Himmels unwürdiger und unfähiger zu leben, als Millionen, gleich
+dieses armen Mannes Kind. O Gott, das Gewürme auf dem Blatt über die zu
+vielen Lebenden unter seinen hungrigen Brüdern im Staube reden zu
+hören!«
+
+Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demütig hin und schlug die Augen
+nieder, aber er blickte schnell wieder in die Höhe, wie er seinen Namen
+nennen hörte.
+
+»Es lebe Mr. Scrooge!« sagte Bob, »Mr. Scrooge, der Schöpfer dieses
+Festes!«
+
+»Der Schöpfer dieses Festes, wahrhaftig!« rief Mrs. Cratchit mit
+glühendem Gesicht. »Ich wollte, ich hätte ihn hier. Ich wollte ihm ein
+Stück von meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe, sie würde ihm
+schmecken.«
+
+»Liebe Frau,« sagte Bob, »die Kinder! -- es ist Weihnachten.«
+
+»Freilich muß es Weihnachten sein,« sagte sie, »wenn man die Gesundheit
+eines so niederträchtigen, geizigen, fühllosen Menschen, wie Scrooge
+ist, trinken kann. Und du weißt es, Robert, daß er es ist, niemand weiß
+es besser als du!«
+
+»Liebe Frau,« antwortete Bob mild, »es ist Weihnachten.«
+
+»Ich will seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu gefallen,«
+sagte Mrs. Cratchit, »nicht seinetwegen. Möge er lange leben! Ein
+fröhliches Weihnachten und ein glückliches neues Jahr! -- Er wird sehr
+fröhlich und sehr glücklich sein, das glaub' ich.« Die Kinder tranken
+die Gesundheit nach ihr. Es war das erste, was sie an diesem Abend ohne
+Herzlichkeit und Wärme vernahmen. Tiny Tim trank sie zuletzt, aber er
+gab keinen Pfifferling darum. Scrooge war der Popanz der Familie. Die
+Erwähnung seines Namens warf über alle einen düstern Schatten, der volle
+fünf Minuten zum Verschwinden brauchte.
+
+Wie er weg war, waren sie zehnmal lustiger als vorher, schon weil sie
+Scrooge, den Schrecklichen, los waren. Bob Cratchit erzählte, wie er
+eine Stelle für Mr. Peter in Aussicht habe, welche diesem ganzer fünf und
+einen halben Schilling wöchentlich einbringen werde. Die beiden kleinen
+Cratchits lachten fürchterlich bei dem Gedanken, Petern als
+Geschäftsmann zu sehen; und Peter selbst blickte gedankenvoll zwischen
+seinen Halskragen hervor in das Feuer, als denke er nach, in welchen
+Aktien er wohl seine Ersparnisse anlegen würde, wenn er in Besitz dieser
+unglaublichen Summe käme. Martha, welche bei einer Putzmacherin Gehilfin
+war, erzählte ihnen, was für Arbeit sie jetzt mache und wie viel Stunden
+sie in der guten Zeit arbeiten müsse und wie sie morgen früh
+auszuschlafen gedenke; denn morgen war für sie ein Feiertag. Auch
+erzählte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Gräfin und einen Lord
+gesehen und daß der Lord fast so groß wie Peter gewesen sei, bei welchen
+Worten Peter seinen Hemdkragen so hoch in die Höhe zupfte, daß sein Kopf
+dazwischen verschwand. Während dieser ganzen Zeit gingen die Kastanien
+und der Punsch ringsum und dazwischen sang Tiny Tim mit seiner klagenden
+Stimme ein Lied von einem Kind, was sich im Schnee verlaufen, und sang
+es recht hübsch.
+
+In alle dem war nichts Besonderes. Es waren keine hübschen Gesichter in
+der Familie; sie waren nicht schön angezogen; ihre Schuhe waren nichts
+weniger als wasserdicht; ihre Kleider waren ärmlich; und Peter mochte
+wohl das Innere eines Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren
+glücklich, voller Dank für ihre bescheidenen Freuden, einig
+untereinander und zufrieden; und als ihre Gestalten verblichen und in
+dem scheidenden Lichte der Fackel des Geistes noch glücklicher
+aussahen, verweilte Scrooges Auge immer noch auf ihnen und vor allem auf
+Tiny Tim.
+
+Es war jetzt dunkel geworden und es fiel ein starker Schnee; und wie
+Scrooge und der Geist durch die Straßen gingen, war der Glanz der
+lodernden Feuer in Küchen, Putzstuben und aller Art Gemächern wundervoll
+über alle Maßen. Hier zeigte die flackernde Flamme die Vorbereitungen zu
+einem traulichen Mahl, die heißen Teller, wie sie sich vor dem Feuer
+durch und durch wärmten und die dunkelroten Gardinen, bereit, Kälte und
+Nacht auszuschließen. Dort liefen alle Kinder des Hauses hinaus auf die
+beschneite Straße, ihren verheirateten Schwestern, Brüdern, Vettern,
+Basen, Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begrüßen. Hier
+zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gäste; und dort eine
+Gruppe hübscher Mädchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln, alle zugleich
+redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars Haus eilend. Wehe
+dem Junggesellen, der sie dort ganz glühend eintreten sah und die
+kleinen Hexen wußten das recht gut!
+
+Wenn man nach der Zahl der Leute hätte urteilen wollen, die zu
+freundschaftlichen Besuchen eilten, hätte man glauben können, es sei
+niemand da, sie zu bewillkommnen. Aber anstatt dessen erwartete jedes
+Haus Gäste und in jedem Kamine loderte die Flamme. Wie sich der Geist
+freute! wie er seine breite Brust entblößte und seine volle Hand aufthat
+und dahinschwebte, freigebig seine heitere und harmlose Lust über alles
+in seinem Bereiche ausschüttend! Selbst der Laternenmann, welcher durch
+die dunklen Straßen rannte, um ihre trüben Nebel mit Flecken Licht zu
+erhellen und der bereits angeputzt war, um den Abend irgendwo
+zuzubringen, lachte laut auf, wie der Geist vorüberschwebte.
+
+Und jetzt, ohne daß der Geist vorher etwas gesagt hätte, standen sie auf
+einer kahlen, öden Haide, wo ungeheure Felsblöcke umhergestreut waren,
+als wäre hier eine Begräbnisstätte von Riesen; und Wasser breitete sich
+aus, wo es nur Lust hatte -- oder würde es gethan haben, wenn es der
+Frost nicht gefangen hielt; und nichts wuchs dort, als Moos und Gestrüpp
+und hartes, spitziges Gras. Tief im Westen hatte die untergehende Sonne
+einen Streifen glühenden Rotes gelassen, der einen Augenblick auf die
+öde Steppe niederschaute, wie ein zürnendes Auge und immer tiefer und
+tiefer sank, bis er sich im Dunkel der tiefsten Nacht verlor.
+
+»Was ist das für ein Ort?« frug Scrooge.
+
+»Ein Ort, wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten,« antwortete der
+Geist. »Aber sie kennen mich. Sieh!«
+
+Ein Licht glänzte aus dem Fenster einer Hütte und sie schwebten schnell
+darauf zu. Hier fanden sie eine fröhliche Gesellschaft um ein wärmendes
+Feuer sitzen. Ein alter, alter Mann und eine greise Frau mit ihren
+Kindern und Enkeln und Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der Alte
+sang mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des Windes auf der
+Einöde übertönte, ein Weihnachtslied; es war schon ein sehr altes Lied
+gewesen, als er noch ein Knabe war; und von Zeit zu Zeit fielen sie alle
+im Chore ein. Und stets wie ihre Stimmen ertönten, wurde der Alte
+lebendig und laut; und immer, wie sie aufhörten, sank seine Kraft
+wieder.
+
+Der Geist verweilte hier nicht, sondern befahl Scrooge, sich an sein
+Gewand zu halten. Sie schwebten über die Oede, aber wohin? doch nicht
+aufs Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge hinter sich das
+Land verschwinden; und sein Ohr wurde betäubt von dem Donner der Wogen,
+wie sie unter den grausenden Höhlen, welche sie genagt hatten, heulten
+und brüllten und wüteten und mit wildem Grimm die Erde zu unterwühlen
+trachteten.
+
+Auf einer einsamen, halb im Wasser versunkenen Klippe, wohl eine Meile
+vom Lande, stand ein einsamer Leuchtturm. Das ganze öde Jahr hindurch
+schäumten und tosten um ihn die Wogen. Große Haufen von Seegras umgaben
+seinen Fuß und Sturmvögel -- geboren vom Winde, konnte man glauben, wie
+Seegras von den Wellen -- hoben sich und senkten sich um seine Spitze,
+wie die wogenden Wellen unten, über die sie segelten.
+
+Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer angezündet,
+welches durch das Guckloch in der dicken, steinernen Mauer einen
+hellglänzenden Streifen auf die nächtliche See hinauswarf. Die harten
+Hände sich über den Tisch hinreichend, an dem sie saßen, wünschten sie
+sich eine fröhliche Weihnacht und stießen mit den Groggläsern darauf an;
+und einer der beiden, der Aeltere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm
+und Wetter gebräunt und gefurcht, wie das Gallionbild eines alten
+Schiffes, stimmte ein kräftiges Lied an, das wie ein Sturmwind schallte.
+
+Wieder schwebte der Geist über die dunkelwogende See dahin, immer weiter
+und weiter, bis sie, fern von jeder Küste, wie der Geist zu Scrooge
+sagte, auf einem Schiffe niedersanken. Sie standen neben dem Steuermann
+an dem Rade, dem Ausgucker vorn, neben den Offizieren, welche die Wacht
+hatten. Wie dunkle, gespenstische Gestalten standen diese auf ihrem
+Posten, aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte einen
+Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinen Kameraden von einem
+früheren Weihnachtsabend und heimatlichen Hoffnungen, die sich daran
+knüpften. Und jeder einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder
+schlecht, hatte an diesem Tage ein herzlicheres Wort für seine Kameraden
+gehabt, als an jedem andern Tag des Jahres, und wenigstens einigermaßen
+ihn gefeiert; und hatte an die gedacht, die sich jetzt seiner in der
+Ferne erinnerten und hatte gewußt, daß sie jetzt seiner freundlich
+gedachten.
+
+Eine große Ueberraschung war es für Scrooge, während er dem Stöhnen des
+Windes lauschte und nachdachte, wie schauerlich es doch sei, durch die
+öde Nacht über einen unbekannten Abgrund, der Geheimnisse barg, so tief
+wie der Tod, zu schiffen; eine große Ueberraschung war es für Scrooge,
+sagte ich, plötzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen. Noch größer
+war Scrooges Ueberraschung, als er darin das Lachen seines eigenen
+Neffen erkannte und sich in einem hellen, behaglich warmen Zimmer
+wiederfand, während der Geist an seiner Seite stand und mit beifälligem,
+mildem Lächeln auf diesen selbigen Neffen herabblickte.
+
+»Haha!« lachte Scrooges Neffe. »Hahaha!«
+
+Wenn durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall jemand einen Menschen
+kennt, der sich glücklicher fühlt, zu lachen, als Scrooges Neffe, so
+kann ich nur sagen, ich möchte ihn auch kennen. Stellt mich ihm vor und
+ich werde seine Freundschaft kultivieren.
+
+Es ist doch eine gerechte und schöne Anordnung, daß, wie Krankheit und
+Kummer ansteckend sind, auch in der ganzen weiten Welt nichts so
+unwiderstehlich ansteckend ist, wie Lachen und Fröhlichkeit.
+
+Wie Scrooges Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem Kopfe
+wackelte und die allermerkwürdigsten Gesichter schnitt, lachte Scrooges
+Nichte (durch Heirat) so herzlich wie er. Und die versammelten Freunde,
+nicht faul, fielen in den Lachchor ein.
+
+»Haha! Haha! Haha!«
+
+»Er sagte, Weihnachten wäre dummes Zeug, so wahr ich lebe,« rief
+Scrooges Neffe. »Er glaubt es auch.«
+
+»Die Schande ist um so größer für ihn, Fritz,« sagte Scrooges Nichte
+entrüstet. Gott segne die Frauen! Sie thun nie etwas halb. Sie sind
+immer in vollem Ernste.
+
+Sie war hübsch, sehr hübsch. Sie hatte ein liebliches, schelmisches
+Gesicht; einen frischen kleinen Mund, der zum Küssen geschaffen schien
+-- wie er es ohne Zweifel auch war; alle Arten lieber kleiner Grübchen
+um das Kinn, welche ineinander flossen, wenn sie lachte; und das
+sonnenhellste Paar Augen, welches je erblickt wurde. Ja, sie war
+reizend, liebenswürdig, hinreißend.
+
+»Es ist ein komischer alter Kerl,« sagte Scrooges Neffe, »das ist wahr;
+und nicht so angenehm, wie er sein könnte, doch seine Fehler bestrafen
+sich selbst und ich habe ihn nicht zu tadeln.«
+
+»Er muß sehr reich sein, Fritz,« meinte Scrooges Nichte. »Wenigstens
+sagst du es immer.«
+
+»Was geht das uns an, Liebe!« sagte Scrooges Neffe. »Sein Reichtum nützt
+ihm nichts. Er thut nichts Gutes damit. Er macht sich nicht einmal
+selbst das Leben damit angenehm. Er hat nicht das Vergnügen, zu denken
+-- hahaha -- daß er uns am Ende damit eine Freude machen wird.«
+
+»Ich habe keine Geduld mit ihm,« bemerkte Scrooges Nichte. Die Schwester
+von Scrooges Nichte und all die anderen Damen waren derselben Meinung.
+
+»O, ich habe Geduld,« sagte Scrooges Neffe. »Mir thut er leid; ich
+könnte nicht bös auf ihn werden, selbst wenn ich's versuchte. Wer leidet
+unter seiner bösen Laune? Er selber, weiter niemand. Jetzt hat er sich
+in den Kopf gesetzt, uns nicht leiden zu können und will nicht unsere
+Einladung zum Mittagsessen annehmen. Was ist die Folge davon? Er
+verliert nicht viel an unserm Essen.«
+
+»Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen,« unterbrach ihn
+Scrooges Nichte. Die anderen sagten dasselbe und man konnte ihnen die
+Kompetenz nicht bestreiten, weil sie eben zu essen aufgehört hatten und
+jetzt bei dem Dessert bei Lampenlicht um den Kamin saßen.
+
+»Nun, es freut mich, das zu hören,« sagte Scrooges Neffe, »weil ich kein
+großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen habe. Was sagen Sie dazu,
+Topper?«
+
+Ganz klärlich war's, Topper hatte ein Auge auf eine der Schwestern von
+Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein Hagestolz sei ein
+unglücklicher, heimatloser Mensch, der kein Recht habe, eine Meinung
+über diesen Gegenstand auszusprechen; bei welchen Worten die Schwester
+von Scrooges Nichte -- die Dicke mit dem Spitzenkragen, nicht die mit
+der Rose im Haar -- rot wurde.
+
+»Weiter, weiter, Fritz!« sagte Scrooges Nichte, in die Hände klatschend.
+»Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er ist ein so närrischer
+Kerl.«
+
+Scrooges Neffe schwelgte in einem andern Gelächter, und es war
+unmöglich, sich von der Ansteckung fern zu halten, obgleich die dicke
+Schwester es sogar mit =quatre voleurs= versuchte: sein Beispiel wurde
+einstimmig nachgeahmt.
+
+»Ich wollte nur sagen,« sagte Scrooges Neffe, »daß die Folge seines
+Mißfallens an uns und seiner Weigerung, mit uns fröhlich zu sein, die
+ist, daß er einige angenehme Augenblicke verliert, welche ihm nicht
+schaden würden. Gewiß verliert er angenehmere Unterhaltung, als ihm
+seine eigenen Gedanken in seinem dumpfigen alten Comptoir oder in seiner
+Wohnung geben. Ich denke ihm jedes Jahr die Gelegenheit dazu zu geben,
+ob es ihm nun gefällt oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf
+Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er muß doch endlich besser
+davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu ihm kommen
+sieht, mit den Worten: Onkel Scrooge, wie befinden Sie sich? Wenn es ihm
+nur den Gedanken eingiebt, seinem armen Diener fünfzig Pfund zu
+hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas; und ich glaube, ich
+packte ihn gestern.«
+
+Es war jetzt an ihnen die Reihe zu lachen, bei dem Gedanken, daß er
+Scrooge gepackt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig war und sich
+nicht sehr darum kümmerte, über was sie lachten, wenn sie nur überhaupt
+lachten, so fiel er in ihre Fröhlichkeit ein und ließ die Flasche munter
+herum gehen.
+
+Nach dem Thee war Musik. Denn sie waren eine musikalische Familie und
+wußten, was sie thaten, wenn sie einen Glee oder Catch sangen, darauf
+könnt ihr euch verlassen, vorzüglich Topper, der den Baß brummen konnte
+nach Noten, ohne daß die großen Adern auf der Stirn anschwollen, oder
+sein Gesicht rot wurde. Scrooges Nichte spielte die Harfe recht gut; und
+spielte unter anderen Stücken auch ein kleines Liedchen (ein bloßes
+Nichts, ihr hättet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), welches das
+Kind, von dem Scrooge aus der Schule geholt worden war, wie ihn der
+Geist der vergangenen Weihnachten gezeigt hatte, oft gesungen hatte. Als
+Scrooge dieses Liedchen hörte, trat alles, was ihm der Geist gezeigt
+hatte, wieder vor seine Seele; er wurde weicher und weicher und dachte,
+wenn er es vor Jahren oft hätte hören können, so hätte er die
+gemütlichen Seiten des Lebens genießen können, ohne erst zu des
+Totengräbers Spaten, der Jakob Marley begraben, seine Zuflucht nehmen zu
+müssen.
+
+Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach einer Weile
+fingen sie Pfänderspiele an, denn es ist gut zuweilen Kind zu sein und
+vorzüglich zu Weihnachten, als der Gründer dieses Festes selbst ein Kind
+war. Doch halt, erst spielten sie noch Blindekuh. Und ich glaube
+ebensowenig, daß Topper wirklich blind war, als ich glaube, er hätte
+Augen in seinen Stiefeln gehabt. Ich vermute, es war zwischen ihm und
+Scrooges Neffen abgekartet und der Geist der heurigen Weihnacht wußte
+es. Die Art, wie er die dicke Schwester in dem Spitzenkragen verfolgte,
+war eine Beleidigung der menschlichen Leichtgläubigkeit. Wo sie ging,
+ging er auch, die Feuereisen umstoßend, über Stühle stolpernd, an das
+Piano anrennend, sich in den Gardinen verwirrend. Immer wußte er, wo die
+dicke Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wäre, wie einige
+thaten, oder sich vor ihn hingestellt hätte, würde er gethan haben, als
+bemühe er sich, ihn zu ergreifen, wäre aber augenblicklich umgekehrt,
+der dicken Schwester nach. Sie rief oft, das sei nicht ehrlich und
+wirklich war es das auch nicht. Aber endlich hatte er sie gefunden und
+trotz ihres Sträubens sperrte er sie in eine Ecke, wo keine Flucht
+möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich. Denn sein
+Vorgeben, er kenne sie nicht: er müsse ihren Kopfputz anfassen und, um
+sie zu erkennen, einen gewissen Ring auf ihrem Finger und eine gewisse
+Kette um ihren Hals befühlen, war ganz, ganz abscheulich! Und gewiß
+sagte sie ihm auch ihre Meinung darüber, denn als ein anderer Blinder an
+der Reihe war, waren sie hinter den Gardinen sehr vertraut miteinander.
+
+Scrooges Nichte nahm nicht mit an dem Blindekuhspiele teil, sondern saß
+gemütlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhle mit einem
+Fußbänkchen, und der Geist und Scrooge standen dicht hinter ihr. Aber
+Pfänder spielte sie mit und liebte ihre Liebe mit allen Buchstaben des
+Alphabets zur Bewunderung. Auch in dem Spiele: Wie, wenn und wo, war sie
+sehr stark und stellte zur geheimen Freude von Scrooges Neffen ihre
+Schwestern gar sehr in Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite
+Mädchen waren, wie uns Topper hätte sagen können. Es mochten ungefähr
+zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie spielten alle und
+auch Scrooge spielte mit; denn in seiner Teilnahme an dem Geschehenen
+ganz vergessend, daß ihnen seine Stimme nicht hörbar war, sagte er oft
+seine Antwort auf die Fragen ganz laut und riet auch oft ganz richtig.
+
+Dem Geiste gefiel es sehr, ihn in dieser Laune zu sehen und er blickte
+ihn so freundlich an, daß Scrooge wie ein Knabe ihn bat, noch warten zu
+dürfen, bis die Gäste fortgingen. Aber der Geist sagte, dies könne nicht
+geschehen!
+
+»Es fängt ein neues Spiel an,« sagte Scrooge. »Nur eine einzige halbe
+Stunde, Geist.«
+
+Es war ein Spiel, was man Ja und Nein nennt, wo Scrooges Neffe sich
+etwas zu denken hatte und die anderen erraten mußten: was; auf ihre
+Fragen brauchte er bloß mit Ja oder Nein zu antworten. Die schnell
+aufeinander folgenden Fragen, die ihm vorgelegt wurden, stellten heraus,
+daß er sich ein Tier dachte, ein lebendiges Tier, ein häßliches Tier,
+ein wildes Tier, ein Tier, das zuweilen brummte und zuweilen sprach und
+in London sich aufhielt und in den Straßen herumlief und nicht für Geld
+gezeigt und nicht herumgeführt würde und nicht in einer Menagerie sei
+und nicht geschlachtet werde, und weder ein Pferd, noch ein Esel, noch
+eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein Tiger, noch ein Hund, noch ein
+Schwein, noch eine Katze, noch ein Bär sei. Bei jeder neuen Frage, die
+ihm gestellt wurde, brach Scrooges Neffe von neuem in ein Gelächter aus
+und konnte gar nicht wieder heraus kommen, so daß er vom Sofa aufstehen
+und mit den Füßen stampfen mußte. Endlich rief die dicke Schwester mit
+einem ebenso unauslöschlichen Gelächter: »Ich habe es, ich weiß es,
+Fritz, ich weiß es.«
+
+»Was ist es?« rief Fritz.
+
+»Es ist Onkel Scrooge.«
+
+Und der war es auch. Bewunderung war das allgemeine Gefühl, obgleich
+einige meinten, die Frage: ist es ein Bär? hätte müssen mit Ja
+beantwortet werden, denn eine verneinende Antwort sei schon hinreichend
+gewesen, ihre Gedanken von Scrooge abzubringen, selbst wenn sie auf dem
+Wege zu ihm gewesen wären.
+
+»Nun, er hat uns Freude genug gemacht,« sagte Fritz, »und so wäre es
+undankbar, nicht seine Gesundheit zu trinken. Hier ist ein Glas Glühwein
+dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!«
+
+»Es lebe Onkel Scrooge!« riefen sie alle.
+
+»Eine fröhliche Weihnacht und ein glückliches Neujahr dem Alten, wie er
+immer sein möge!« sagte Scrooges Neffe. »Er wollte den Wunsch nicht von
+mir annehmen, aber er soll ihn doch haben.«
+
+Onkel Scrooge war unmerklich so fröhlich und leichtherzig geworden, daß
+er der von seiner Gegenwart nichts wissenden Gesellschaft ihren Toast
+erwidert und ihr mit einer unhörbaren Rede gedankt haben würde, wenn der
+Geist ihm Zeit gelassen hätte. Aber alles verschwand in dem Hauche von
+dem letzten Worte des Neffen und er und der Geist waren wieder
+unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten manchen Herd,
+aber immer spendeten sie Glück. Der Geist stand neben Kranken, und sie
+wurden heiter und hoffend; neben Wandernden in fernen Ländern und sie
+träumten von der Heimat; neben solchen, die mit dem Leben rangen, und
+sie harrten geduldig aus; neben Armen, und sie waren reich. Im
+Armenhause und im Lazarette, im Kerker und in jedem Zufluchtsorte des
+Jammers, wo der Mensch in seiner kurzen ärmlichen Herrschaft dem Geiste
+die Thür verschlossen hatte, spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge
+seine Weise.
+
+Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber Scrooge
+zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen in die Zeit, die
+sie miteinander zubrachten, zusammengedrängt zu sein. Es war auch
+sonderbar, daß während Scrooge äußerlich ganz unverändert blieb, der
+Geist offenbar älter wurde. Scrooge hatte diese Veränderung bemerkt,
+aber sprach nie davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesellschaft
+weggingen, wo er bemerkte, daß des Geistes Haar grau geworden war.
+
+»Ist das Leben der Geister so kurz?« fragte Scrooge.
+
+»Mein Leben auf dieser Erde ist sehr kurz,« sagte der Geist, »es endet
+noch diese Nacht.«
+
+»Diese Nacht noch!« rief Scrooge.
+
+»Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet.«
+
+Die Glocke schlug drei Viertel auf Zwölf.
+
+»Vergieb mir, wenn ich nicht recht thue, zu fragen,« sagte jetzt
+Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, »aber ich sehe etwas
+Seltsames, was nicht zu dir gehört, unter deinem Mantel hervorblicken.
+Ist es ein Fuß oder eine Klaue?«
+
+»Nach dem wenigen Fleisch, was darauf ist, könnte es wohl eine Klaue
+sein,« gab der Geist traurig zur Antwort.
+
+»Sieh' hier.«
+
+Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt zwei
+Kinder: elend, abgemagert, häßlich und jammererregend. Sie knieten vor
+ihm nieder und hielten sich fest an den Saum seines Gewandes.
+
+»O, Mensch, sieh' hier. Sieh' hier, sieh' hier!« rief der Geist.
+
+Es war ein Knabe und ein Mädchen. Gelb, elend, zerlumpt und mit wildem,
+tückischem Blick; aber doch demütig. Wo die Schönheit der Jugend ihre
+Züge hätte füllen und mit ihren frischesten Farben kleiden sollen, hatte
+eine runzlige, abgelebte Hand, gleich der des Alters, sie berührt und
+versehrt. Wo Engel hätten thronen können, lauerten Teufel mit grimmigem,
+drohendem Blick. Keine Veränderung, keine Entwürdigung der Menschheit in
+allen Geheimnissen der Schöpfung hat so schreckliche und grauenerregende
+Ungeheuer aufzuweisen.
+
+Scrooge fuhr entsetzt zurück. Da sie ihm der Geist auf diese Weise
+gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne Kinder, aber die
+Worte erstickten sich selbst, um nicht teilzuhaben an einer so
+ungeheuren Lüge.
+
+»Geist, sind das deine Kinder?« Scrooge konnte weiter nichts sagen.
+
+»Es sind des Menschen Kinder,« sagte der Geist, auf sie herabschauend.
+»Und sie hängen sich an mich, vor mir ihre Väter anklagend. Dieses
+Mädchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der Mangel. Nimm sie
+beide wohl in acht, aber vor allem diesen Knaben, denn auf seiner Stirn
+seh' ich geschrieben, was Verhängnis ist, wenn die Schrift nicht
+verlöscht wird. Leugnet es,« rief der Geist, seine Hand nach der Stadt
+ausstreckend. »Verleumdet die, welche es euch sagen! Gebt es zu um eurer
+Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet das Ende!«
+
+»Haben sie keine Stütze, keinen Zufluchtsort?« rief Scrooge.
+
+»Giebt es keine Gefängnisse?« sagte der Geist, das letzte Mal seine
+eigenen Worte gegen ihn gebrauchend. »Giebt es keine Armenhäuser?«
+
+Die Glocke schlug Zwölf.
+
+Scrooge sah sich nach dem Geiste um, aber er war verschwunden. Wie der
+letzte Schlag verklungen war, erinnerte er sich an die Vorhersagung des
+alten Jakob Marley und die Augen erhebend, sah er ein grauenerregendes,
+tief verhülltes Gespenst auf sich zukommen, wie ein Nebel auf den Boden
+hinrollt.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Der letzte der drei Geister.
+
+
+Die Erscheinung kam langsam, feierlich und schweigend auf ihn zu. Als
+sie näher gekommen war, fiel Scrooge auf die Kniee nieder, denn selbst
+die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien geheimnisvolles
+Grauen zu verbreiten.
+
+Die Erscheinung war in einen schwarzen, weiten Mantel verhüllt, der
+nichts von ihr sichtbar ließ, als eine ausgestreckte Hand. Wenn diese
+nicht gewesen wäre, würde es schwer gewesen sein, die Gestalt von der
+Nacht zu trennen, welche sie umgab.
+
+Als sie neben ihm stand, fühlte er, daß sie groß und stattlich war und
+daß ihre geheimnisvolle Gegenwart ihn mit einem feierlichen Grauen
+erfüllte. Er wußte weiter nichts, denn der Geist sprach und bewegte sich
+nicht.
+
+»Ich stehe vor dem Geiste der zukünftigen Weihnachten?« fragte Scrooge.
+
+Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand auf die Erde.
+
+»Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, welche nicht geschehen
+sind, aber geschehen werden,« fuhr Scrooge fort. »Willst du das, Geist?«
+
+Der obere Teil der Verhüllung legte sich auf einen Augenblick in Falten,
+als ob der Geist sein Haupt neigte; dies war die einzige Antwort, welche
+Scrooge erhielt.
+
+Obgleich so ziemlich an gespenstische Gesellschaft gewöhnt, fürchtete
+sich Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so sehr, daß seine Kniee
+wankten und er kaum noch stehen konnte, als er sich bereit machte, ihr
+zu folgen. Der Geist stand für einen Augenblick still, als bemerkte er
+seine Furcht und wollte ihm Zeit geben, sich zu erholen.
+
+Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein vages,
+unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem Gedanken, hinter diesem
+schwarzen Schleier hefteten sich gespenstische Augen fest auf ihn,
+während er, obgleich er seine Augen aufs äußerste anstrengte, doch
+nichts sehen konnte als eine gespenstische Hand und eine große, schwarze
+Faltenmasse.
+
+»Geist der Zukunft,« rief er, »ich fürchte dich mehr als die Geister,
+die ich schon gesehen habe. Aber da ich weiß, daß es dein Zweck ist, mir
+Gutes zu thun, und da ich hoffe zu leben, um ein anderer Mensch zu
+werden, als ich früher war, bin ich bereit, dich zu begleiten und thue
+es mit einem dankerfüllten Herzen. Willst du nicht zu mir sprechen?«
+
+Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade in die Ferne vor
+ihn.
+
+»Führe mich,« sagte Scrooge. »Führe mich, die Nacht schwindet schnell
+und die Zeit ist kostbar für mich. Führe mich, Geist.«
+
+Die Erscheinung bewegte sich von ihm weg, wie sie auf ihn zugekommen
+war. Scrooge folgte dem Schatten ihres Gewandes, welcher, schien es ihm,
+ihn erhob und von dannen trug.
+
+Kaum war es, als ob sie in die City träten; denn die City schien mehr
+rings um sie in die Höhe zu wachsen und sie zu umstellen. Aber sie waren
+doch im Herzen derselben, auf der Börse unter den Kaufleuten, welche hin
+und her eilten, mit dem Gelde in ihren Taschen klimperten, in Gruppen
+miteinander sprachen, nach der Uhr blickten und gedankenvoll mit den
+großen, goldenen Siegeln daran spielten, wie Scrooge es oft gesehen
+hatte.
+
+Der Geist blieb bei einer Gruppe Kaufleute stehen. Scrooge sah, daß die
+Hand der Erscheinung darauf hinwies, und so näherte er sich ihnen, um
+ihr Gespräch zu belauschen.
+
+»Nein,« sagte ein großer, dicker Mann mit einem ungeheuern Unterkinn,
+»ich weiß nicht viel davon zu sagen. Ich weiß nur, daß er tot ist.«
+
+»Wann starb er?« frug ein anderer.
+
+»Vorige Nacht, glaub' ich.«
+
+»Nun, wie geht das zu?« fragte ein Dritter, eine große Prise aus einer
+sehr großen Dose nehmend. »Ich glaubte, er würde nie sterben.«
+
+»Weiß Gott, wie es zugeht,« sagte der Erste gähnend.
+
+»Was hat er mit seinem Gelde angefangen?« fragte ein Herr mit einem
+roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze, welcher wackelte,
+wie der Lappen eines Truthahns.
+
+»Ich habe nichts davon gehört,« sagte der Mann mit dem großen Unterkinn,
+abermals gähnend. »Hat es wahrscheinlich seiner Gilde hinterlassen. Mir
+hat er's nicht vermacht. Das weiß ich.«
+
+Dieser anmutige Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelächter
+aufgenommen.
+
+»Es wird wohl ein sehr billiges Begräbnis werden,« fuhr derselbe
+Sprecher fort; »denn so wahr ich lebe, ich kenne niemand, der mitgehen
+sollte. Wenn wir nun zusammenträten und freiwillig mitgingen?«
+
+»Ich thue mit, wenn für ein Lunch gesorgt wird,« bemerkte der Herr mit
+dem Auswuchse an der Nasenspitze. »Aber ich muß traktiert werden, wenn
+ich dabei sein soll.«
+
+Ein neues Gelächter.
+
+»Nun da bin ich doch wohl der Uneigennützigste von euch,« sagte der
+erste Sprecher, »denn ich trage nie schwarze Handschuhe und esse nie
+Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich noch andere finden. Wenn ich mir's
+recht überlege, war ich am Ende sein vertrautester Freund; denn wir
+blieben stehen und sprachen miteinander, wenn wir uns auf der Straße
+trafen. Guten Morgen, guten Morgen!«
+
+Sprecher und Zuhörer gingen fort und mischten sich unter andere
+Gruppen. Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden
+Blicke an.
+
+Die Erscheinung schwebte weiter auf die Straße.
+
+Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen.
+
+Scrooge hörte wieder zu, in der Hoffnung, hier die Erklärung zu finden.
+
+Auch diese Leute kannte er recht gut. Es waren Kaufleute, sehr reich und
+von großem Ansehen. Er hatte sich immer bestrebt, sich in ihrer Achtung
+zu erhalten, das heißt in Geschäftssachen, bloß in Geschäftssachen.
+
+»Wie geht's?« sagte der eine.
+
+»Wie geht's Ihnen?« sagte der andere.
+
+»Gut,« sagte der Erste. »Der alte Geizhals ist endlich tot, wissen Sie
+es?«
+
+»Ich hörte es,« erwiderte der Zweite. »'s ist kalt, nicht?«
+
+»Wie sich's zu Weihnachten paßt. Sie sind wohl kein Schlittschuhläufer?«
+
+»Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten Morgen!«
+
+Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so schieden sie.
+
+Scrooge war erst zu staunen geneigt, daß der Geist auf anscheinend so
+unbedeutende Gespräche ein Gewicht zu legen schien; aber sein Gefühl
+sagte ihm, daß sie eine verborgene Bedeutung haben müßten und er dachte
+nach, was wohl diese sein möge. Sie konnten sich nicht auf den Tod
+Jakobs, seines alten Compagnons, beziehen, denn der gehörte der
+Vergangenheit an, und sein Führer war der Geist der Zukunft. Auch konnte
+er sich niemand von den ihn näher Angehenden denken, auf den er sie
+hätte beziehen können. Aber in der Gewißheit, daß, auf wen sie sich auch
+beziehen möchten, doch für ihn eine wichtige Lehre darin liege, beschloß
+er, jedes Wort, das er hörte und jede Scene, die er sah, treu in seinem
+Herzen aufzubewahren, und vorzüglich seinen Schatten zu beobachten, wenn
+er erschien. Denn er erwartete von dem Benehmen seines zukünftigen
+Selbst die vermißte Aufklärung und die Lösung der Rätsel, die ihm jetzt
+so schwierig schien.
+
+Schon auf der Börse schaute er sich nach seinem Selbst um; aber ein
+anderer stand in seiner gewohnten Ecke und obgleich die Uhr auf die
+Stunde wies, wo er gewöhnlich dort war, sah er sich doch auch nicht
+unter den Scharen, welche durch den Eingang sich herein drängten. Das
+überraschte ihn jedoch wenig, denn er hatte schon lange daran gedacht,
+sein Geschäft aufzugeben und glaubte und hoffte, in diesen Erscheinungen
+die künftige Verwirklichung seines Planes zu sehen.
+
+Reglos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit seiner
+ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner nachdenklichen Stellung
+aufblickte, glaubte er nach der Richtung der Hand, daß die unsichtbaren
+Augen sich starr auf ihn hefteten. Bei dem Gedanken überlief ihn ein
+kalter Schauer.
+
+Sie verließen die geschäftige Umgebung und gingen in einen abgelegenen
+Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher gewesen war, dessen Lage und
+schlechten Ruf er aber kannte. Die Straßen waren schmutzig und eng und
+krumm; die Läden und Häuser ärmlich; die Menschen halbnackt, betrunken,
+barfuß, häßlich. Gäßchen und Thorwege, wie ebensoviele Kloaken, strömten
+abscheuerregende Gerüche und Schmutz und Menschen in die Straßen; und
+das ganze Viertel schien erfüllt von Verbrechen, von Schmutz und von
+Elend.
+
+In einem der tiefsten Winkel dieses Zufluchtsortes der Sünde und der
+Schmach war ein niedriger, dunkler Laden unter einem Wetterdache, wo
+Eisen, Lampen, Flaschen, Knochen und schmierige Abfälle aller Art
+verkauft wurden. Auf dem Fußboden drinnen lag ein Haufen verrosteter
+Schlüssel, Nägel, Ketten, Thürangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes
+Eisen aller Art. Geheimnisse, nach deren Enträtselung wenige verlangen
+würden, wurden erzeugt und verborgen in Bergen widriger Lumpen, Massen
+verdorbenen Fettes und ganzen Beinhäusern von Knochen. Mitten unter den
+Waren, mit denen er handelte, saß neben einem aus alten Ziegeln
+zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast siebzigjähriger Schelm,
+der sich vor der Kälte draußen durch einen bauschigen Vorhang von
+allerlei Lumpen, auf eine Leine gehängt, geschützt hatte und seine
+Pfeife im Vollgenusse des Behagens rauchte.
+
+Scrooge und die Erscheinung traten neben diesen Mann, gerade wie eine
+Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Aber sie war kaum
+eingetreten, als eine zweite Frau, auch mit einem Bündel, ihr nachkam;
+und auf diese folgte dicht ein Mann in altem, abgetragenem schwarzen
+Anzuge, der nicht weniger von ihrem Anblick erschrocken war, als sie vor
+einander erschrocken waren. Nach einigen Augenblicken sprachlosen
+Staunens, an dem der Alte mit der Pfeife teilgenommen hatte, brachen sie
+alle drei in ein lautes Gelächter aus.
+
+»Sage jemand, die Leichenwäscherin würde die Erste sein,« sagte die
+zuerst Eingetretene. »Sage jemand, die Wärterin würde die Zweite sein;
+und nenne jemand des Leichenbesorgers Gehilfen den Dritten. Schau',
+alter Joe, wie sich das fügt! ob wir uns nicht alle drei hier getroffen
+haben, ohne daß wir's wollten.«
+
+»Ihr hättet euch an keinem besseren Orte treffen können,« sagte der alte
+Joe, die Pfeife aus dem Munde nehmend. »Kommt in das Staatszimmer. Ihr
+habt schon seit lange das Bürgerrecht dort, das wißt ihr; und die
+anderen zwei sind auch keine Fremden. Wartet, bis ich die Ladenthür
+zugemacht habe. O, wie sie knarrt! ich glaube, es giebt kein so rostiges
+Stück Eisen in dem ganzen Laden, als die Thürangeln; und ich weiß, es
+giebt keine so alten Knochen hier, wie meine. Haha, wir passen alle zu
+unserm Geschäft. Kommt ins Staatszimmer.«
+
+Das Staatszimmer war der Raum hinter dem Lumpenvorhange. Der Alte
+scharrte das Feuer mit einem alten Rouleaustabe zusammen, schob den
+Docht seiner rauchigen Lampe, denn es war Abend, mit dem Stiele seiner
+Pfeife in die Höhe und steckte diese wieder in den Mund.
+
+Während er so beschäftigt war, warf die zuerst eingetretene Frau ihr
+Bündel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender Frechheit auf
+einen Stuhl, dann legte sie die Hände auf die Kniee und sah die beiden
+andern mit kühnem Trotz an.
+
+»Nun, was ist da für ein Unterschied, Mrs. Dilber? Jeder hat das Recht,
+für sich zu sorgen. Er that es immer.«
+
+»Das ist wahr,« sagte die Wärterin. »Keiner that es mehr.«
+
+»Nun, warum guckt ihr euch da einander an, als fürchtetet ihr euch? Wer
+ist der Klügere? Wir wollen doch nicht einander die Augen aushacken,
+denk' ich!«
+
+»Nein, gewiß nicht,« sagten Mrs. Dilber und der Mann zusammen. »Wir
+wollen es nicht hoffen.«
+
+»Nun gut denn,« rief die Frau, »das ist genug. Wem schadet's, wenn wir
+so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer Leiche gewiß nicht!«
+
+»Nein, gewiß nicht,« sagte Mrs. Dilber lachend.
+
+»Wenn er sie, wie ein alter Geizhals, noch nach dem Tode behalten
+wollte,« fuhr die Frau fort, »warum war er während seines Lebens nicht
+besser? Wenn er's gewesen wäre, würde jemand um ihn gewesen sein, als er
+starb, statt daß er allein seinen letzten Atem fahren lassen mußte.«
+
+»Es ist das wahrste Wort, was je gesprochen worden,« sagte Mrs. Dilber.
+
+»Es ist ein Gottesgericht.«
+
+»Ich wollte, es wäre ein bißchen schwerer ausgefallen,« sagte die Frau;
+»und es wär's auch, verlaßt euch drauf, wenn ich mehr hätte kriegen
+können. Mache das Bündel auf, Joe, und sag' mir, was es wert ist. Sprich
+gerade heraus. Ich fürchte mich nicht, die Erste zu sein, noch es ihnen
+sehen zu lassen. Wir wußten gut genug, daß wir für uns sorgten, ehe wir
+uns hier trafen. 's ist keine Sünde. Mach' das Bündel auf, Joe.«
+
+Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und der
+Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine Beute zuerst. Es
+war nicht viel daran. Ein oder zwei Siegel, ein silberner Bleistift, ein
+paar Hemdknöpfe und eine Brosche von geringem Werte, war alles. Sie
+wurden von dem alten Joe untersucht und abgeschätzt, worauf er die
+Summe, welche er für jedes bezahlen wollte, an die Wand schrieb und
+zusammenrechnete, wie er fand, daß nichts mehr kam.
+
+»Das ist Eure Rechnung,« sagte Joe, »und ich gebe keinen Sixpence mehr
+und wenn ich in Stücke gehauen werden sollte. Wer kommt jetzt?«
+
+Mrs. Dilber war die Nächste. Sie hatte Bett- und Handtücher, einige
+Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Theelöffel, eine Zuckerzange
+und einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde auf dieselbe Weise an die
+Wand geschrieben.
+
+»Damen gebe ich immer zu viel. 's ist meine Schwäche und ich richte mich
+damit zu Grunde,« sagte der alte Joe. »Das ist Eure Rechnung. Wenn Ihr
+einen Pfennig mehr haben wolltet und ließet es darauf ankommen, so thäte
+es mir leid, so freigebig gewesen zu sein und ich zöge eine halbe Krone
+ab.«
+
+»Und nun mach' mein Bündel auf, Joe,« sagte die Erste.
+
+Joe kniete nieder, um bequemer das Bündel öffnen zu können, und nachdem
+er eine große Menge Knoten aufgemacht hatte, zog er eine große und
+schwere Rolle eines dunklen Zeugs heraus.
+
+»Was ist das?« sagte Joe. »Bettgardinen.«
+
+»Ach,« rief das Weib lachend und sich vorbeugend, »Bettgardinen!«
+
+»Ihr wollt doch nicht sagen, Ihr hättet sie 'runter genommen, wie er
+dort lag?« sagte Joe.
+
+»I, freilich,« sagte das Weib. »Warum nicht?«
+
+»Ihr seid geboren, Euer Glück zu machen, und Ihr werdet's auch.«
+
+»Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht ruhig einstecken, wenn ich
+sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um so eines Mannes
+willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe,« antwortete das Weib ruhig.
+»Laßt kein Oel auf die Bettdecken fallen.«
+
+»Seine Bettdecke?« fragte Joe.
+
+»Von wem soll sie denn sonst sein?« antwortete das Weib. »Er wird auch
+ohne dies nicht frieren, das behaupte ich.«
+
+»Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendem?« sagte der alte Joe,
+seine Beschäftigung unterbrechend und sie anblickend.
+
+»Das braucht Ihr nicht zu befürchten,« antwortete die Frau. »Ich hatte
+ihn nicht so lieb, daß ich dann bei ihm geblieben wäre um solcher Sachen
+willen. Ha, Ihr könnt durch das Hemd gucken, bis Euch Eure Augen weh
+thun; Ihr findet kein Loch drin und keine dünne Stelle. Es ist das
+beste, was er hatte, und fein ist's auch. Sie hätten's verdorben, wenn
+ich nicht gewesen wäre.«
+
+»Was nennt Ihr, es verderben?« fragte der alte Joe.
+
+»Nun, ihm das Hemd in das Grab anziehen, was sonst?« erwiderte die Frau
+lachend.
+
+»Es war jemand Narr genug, es ihm anzuziehen, aber ich zog's ihm wieder
+aus. Wenn Kattun zu so etwas nicht gut genug ist, weiß ich nicht, zu was
+er sonst gut wäre. Es steht einer Leiche ebenso gut. Er kann nicht
+häßlicher aussehen, als er in dem aussah.«
+
+Scrooge hörte das Gespräch mit Grausen an. Wie sie da um ihren Raub
+herum in dem kärglichen Licht der Lampe des Alten saßen, betrachtete er
+sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der nicht größer hätte sein
+können, wenn es scheußliche Dämonen gewesen wären, die um die Leiche
+selbst feilschten.
+
+»Ha, ha!« lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten
+flanellenen Geldbeutel herauslangend, jedem den Preis des Raubes auf
+den Fußboden hinzählte. »Das ist das Ende von der Geschichte, seht ihr!
+Er scheuchte jeden von sich, so lange er lebte, um uns zu nützen, da er
+tot ist! Ha, ha, ha!«
+
+»Geist,« sagte Scrooge, vom Fuß bis zum Scheitel zitternd. »Ich verstehe
+dich. Das Los dieses Unglücklichen könnte das meinige sein. Mein Leben
+geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gnädiger Himmel, was ist das?«
+
+Er fuhr entsetzt zurück, denn die Scene hatte sich geändert und er stand
+dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhangnen Bett, wo unter einer
+groben Decke etwas Verhülltes lag, was, obgleich es stumm war, sich doch
+in grausenerregender Sprache nannte.
+
+Das Zimmer war sehr finster, zu finster, um etwas genau erkennen zu
+können, obgleich Scrooge, einem geheimen Gefühle gehorchend, sich
+umschaute, voll Begier, zu wissen, was für ein Zimmer es sei. Ein
+bleiches Licht, welches von draußen kam, fiel gerade auf das Bett; und
+auf diesem, geplündert und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die
+Leiche dieses Mannes.
+
+Scrooge blickte die Erscheinung an. Ihre reglose Hand wies auf das Haupt
+des Leichnams. Die Decke war so sorglos zurecht gelegt, daß das
+geringste Verschieben, die leiseste Berührung von Scrooges Finger das
+Antlitz enthüllt hätte. Er dachte daran, fühlte, wie leicht es geschehen
+könnte, und sehnte sich, es zu thun; aber er hatte nicht mehr Macht, die
+Hülle wegzuziehen, als den Geist an seiner Seite zu entlassen.
+
+O, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf und
+umgieb ihn mit den Schrecken, die dir zu Gebote stehen: denn dies ist
+dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt kannst du kein Haar
+krümmen, von ihm kannst du keinen Zug widerlich machen. Nicht weil die
+Hand schwer ist und herabsinkt, wenn man sie fallen läßt, nicht, weil
+das Herz und der Puls schweigen; sondern weil die Hand offen war und
+barmherzig, weil das Herz offen war und warm und gut und der Puls ein
+menschlicher. Töte, Schatten, töte! Und sieh, wie seine guten Thaten aus
+der Todeswunde hervorströmen, um in der Welt unsterbliches Leben zu
+sehen.
+
+Keine Stimme flüsterte diese Worte in Scrooges Ohren, aber doch hörte er
+sie, wie er auf das Bett blickte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt
+wieder erweckt werden könnte, was würde wohl sein erster Gedanke sein?
+Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. Ein schönes Ziel haben sie ihm
+bereitet!
+
+Er lag in dem dunklen leeren Hause und kein Mann, oder Weib, oder Kind
+war da, um zu sagen, er war gütig gegen mich in dem und in jenem, und
+dieses einen gütigen Wortes gedenkend, will ich seiner warten. Eine
+Katze kratzte an der Thür und die Ratten nagten und raschelten unter dem
+Kamin. Was sie in dem Gemach des Todes wollten und warum sie so unruhig
+waren, wagte Scrooge nicht auszudenken.
+
+»Geist,« sagte er, »dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn
+verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. Laß uns
+gehen.«
+
+Immer noch wies der Geist mit reglosem Finger auf das Haupt der Leiche.
+
+»Ich verstehe dich,« antwortete Scrooge, »und ich thäte es, wenn ich
+könnte. Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft
+nicht dazu.«
+
+Wieder schien der Geist ihn anzublicken.
+
+»Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes Tod etwas
+fühlt,« sagte Scrooge erschüttert, »so zeige mir ihn, Geist, ich flehe
+dich darum an.«
+
+Die Erscheinung breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick vor ihm
+aus wie einen Fittich; und wie sie ihn wieder wegzog, sah er ein
+taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren Kindern befand.
+
+Sie hoffte auf jemandes Kommen in angstvoller Erwartung; denn sie ging
+im Zimmer auf und ab: erschrak bei jedem Geräusch; sah zum Fenster
+hinaus; blickte nach der Uhr; versuchte vergebens zu arbeiten; und
+konnte kaum die Stimmen der spielenden Kinder ertragen.
+
+Endlich hörte sie das langersehnte Klopfen an der Hausthür und traf, als
+sie hinaussehen wollte, ihren Gatten. Sein Gesicht war bekümmert und
+niedergeschlagen, obgleich er noch jung war. Es zeigte sich jetzt ein
+merkwürdiger Ausdruck in demselben, eine Art ernster Freude, deren er
+sich schämte und die er sich zu unterdrücken bemühte.
+
+Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer aufgehoben hatte;
+und als sie ihn erst nach langem Schweigen frug, was er für Nachrichten
+bringe, schien er um die Antwort verlegen zu sein.
+
+»Sind sie gut,« sagte sie, »oder schlecht?«
+
+»Schlecht,« antwortete er.
+
+»Wir sind ganz zu Grunde gerichtet?«
+
+»Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Karoline.«
+
+»Wenn er sich erweichen läßt,« rief sie erstaunt, »dann ist noch welche
+da! Ueberall ist noch Hoffnung, wenn ein solches Wunder geschehen ist.«
+
+»Für ihn ist es zu spät, sich zu erbarmen,« sagte der Gatte. »Er ist
+tot!«
+
+Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und geduldiges
+Wesen; aber sie war dankbar dafür in ihrem Herzen und sagte es mit
+gefalteten Händen. Sie bat im nächsten Augenblick Gott, daß er ihr
+verzeihen möge und bereute es; aber das erste war die Stimme ihres
+Herzens gewesen.
+
+»Was mir die halbbetrunkene Frau gestern Abend sagte, als ich ihn
+sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wollte; und was ich nur für
+eine bloße Entschuldigung hielt, um mich abzuweisen, zeigt sich jetzt
+als die reine Wahrheit. Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im
+Sterben.«
+
+»Auf wen wird unsere Schuld übergehen?«
+
+»Ich weiß es nicht. Aber vor dieser Zeit noch werden wir das Geld
+haben; und selbst, wenn dies nicht wäre, wäre es ein großes Mißgeschick
+in seinem Erben einen so unbarmherzigen Gläubiger zu finden. Wir können
+heute Nacht mit leichterem Herzen schlafen, Karoline.«
+
+Ja, sie mochten es verhehlen, wie sie wollten, ihre Herzen waren
+leichter. Die Gesichter der Kinder, welche sich still um sie drängten,
+um zu hören, was sie so wenig verstanden, erhellten sich und alle wurden
+glücklicher durch dieses Mannes Tod. Das einzige von diesem Ereignis
+erregte Gefühl, welches ihm der Geist zeigen konnte, war eins der
+Freude.
+
+»Laß mich ein zärtliches, mit dem Tode verbundenes Gefühl sehen,« sagte
+Scrooge, »oder dies dunkle Zimmer, welches wir eben verlassen haben,
+wird mir immer vor Augen bleiben.«
+
+Der Geist führte ihn durch mehrere Straßen, durch die er oft gegangen
+war; und wie sie vorüber schwebten, hoffte Scrooge sich hier und da zu
+erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie traten in Bob Cratchits
+Haus, dieselbe Wohnung, die sie schon früher besucht hatten, und fanden
+die Mutter und die Kinder um das Feuer sitzen.
+
+Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lärmenden kleinen
+Cratchits saßen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und sahen auf
+Peter, der ein Buch vor sich hatte. Die Mutter und die Töchter nähten.
+Aber gewiß waren sie auch still, sehr still.
+
+»Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.«
+
+Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Der Knabe mußte sie gelesen haben,
+als er und der Geist über die Schwelle traten. Warum fuhr er nicht fort?
+
+Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und fuhr mit der Hand nach
+dem Auge.
+
+»Die Farbe blendet mich,« sagte sie.
+
+Die Farbe? ach, der arme Tiny Tim!
+
+»Sie sind jetzt wieder besser,« sagte Cratchits Frau. »Die Farbe blendet
+sie bei Licht und ich möchte den Vater, wenn er heimkommt, nicht sehen
+lassen, daß ich schwache Augen habe. Es muß bald seine Zeit sein.«
+
+»Fast schon vorüber,« erwiderte Peter, das Buch schließend. »Aber ich
+glaube, er geht jetzt ein wenig langsamer als gewöhnlich, Mutter.«
+
+Sie waren wieder sehr still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen,
+heitern Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte: »Ich weiß, daß er mit
+-- ich weiß, daß er mit Tiny Tim auf der Schulter sehr schnell ging.«
+
+»Und ich auch,« rief Peter. »Oft.«
+
+»Und ich auch,« riefen die andern.
+
+»Aber er war sehr leicht zu tragen,« fing sie wieder an, fest auf ihre
+Arbeit sehend, »und der Vater liebte ihn so, daß es keine Beschwerde.
+Und da kommt der Vater.«
+
+Sie eilte ihm entgegen und Bob mit dem Shawl -- er hatte ihn nötig, der
+arme Kerl -- trat herein. Sein Thee stand bereit und sie drängten sich
+alle herbei, wer ihm am meisten helfen könne. Dann kletterten die beiden
+kleinen Cratchits auf seine Kniee und jedes Kind legte eine kleine Wange
+an die seine, als wollten sie sagen: kümmere dich nicht so sehr, Vater.
+
+Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen Familie. Er
+besah die Arbeit auf dem Tische und lobte den Fleiß und den Eifer seiner
+Frau und Töchter. »Sie würden lange vor Sonntag fertig sein,« sagte er.
+
+»Sonntag! Du warst also heute dort, Robert!« sagte seine Frau.
+
+»Ja, meine Liebe,« antwortete Bob. »Ich wollte, du hättest hingehen
+können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen, wie grün die Stelle
+ist. Aber du wirst sie oft sehen. Ich versprach ihm, Sonntags
+hinzugehen. Mein liebes, liebes Kind!« weinte Bob. »Mein liebes Kind!«
+
+Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht dafür. Wenn er dafür
+gekonnt hätte, so wäre er und sein Kind wohl weiter voneinander getrennt
+gewesen.
+
+Er verließ das Zimmer und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer, welches
+hell erleuchtet und weihnachtsmäßig aufgeputzt war. Ein Stuhl stand
+dicht neben dem Kinde und man sah, daß vor kurzem jemand dagewesen war.
+Der arme Bob setzte sich nieder, und als er ein wenig nachgedacht und
+sich gefaßt hatte, küßte er das kleine, kalte Gesicht. Er war versöhnt
+mit dem Geschehenen und ging wieder hinunter ganz glücklich.
+
+Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten sich; die Mädchen und die
+Mutter arbeiteten fort. Bob erzählte ihnen von der außerordentlichen
+Freundlichkeit von Scrooges Neffen, den er kaum ein einziges Mal gesehen
+habe. Er habe ihn heute auf der Straße getroffen und wie er gesehen, daß
+er ein wenig niedergeschlagen aussähe, habe er ihn befragt, was ihn
+bekümmere. »Worauf,« sagte Bob, »denn er ist der leutseligste junge
+Herr, den ich nur kenne, ich es ihm sagte. Ich bedaure Sie herzlich, Mr.
+Cratchit, sagte er, und auch Ihre gute Frau. Uebrigens, wie er das
+wissen kann, möchte ich wissen.«
+
+»Was soll er wissen, mein Lieber?«
+
+»Nun, daß du eine gute Frau bist,« antwortete Bob.
+
+»Jedermann weiß das,« sagte Peter.
+
+»Sehr gut bemerkt, mein Junge,« rief Bob. »Ich hoffe, 's ist so.
+Herzlich bedaure ich, sagte er, Ihre gute Frau. Wenn ich Ihnen auf
+irgend eine Weise behilflich sein kann, sagte er, indem er mir seine
+Karte gab, das ist meine Wohnung. Kommen Sie nur zu mir. Nun,« rief Bob,
+»ist es nicht gerade um deswillen, daß er etwas für uns thun könnte,
+sondern mehr wegen seiner herzlichen Weise, daß ich mich darüber so
+freute. Es schien wirklich, als hätte er unsern Tiny Tim gekannt und
+fühlte mit uns.«
+
+»Er ist gewiß eine gute Seele,« sagte Mrs. Cratchit.
+
+»Du würdest das noch sicherer glauben, Liebe,« antwortete Bob, »wenn du
+ihn sähest und mit ihm sprächest. Es sollte mich gar nicht wundern,
+wenn er Petern eine bessere Stelle verschaffte. Merkt euch meine Worte.«
+
+»Nun höre nur, Peter,« sagte Mrs. Cratchit.
+
+»Und dann,« rief eins der Mädchen, »wird sich Peter nach einer Frau
+umsehen.«
+
+»Ach, sei still,« antwortete Peter lachend.
+
+»Nun, das kann schon kommen,« sagte Bob, »aber dazu hat er noch Zeit im
+Ueberfluß. Aber wie und wenn wir uns auch voneinander trennen sollten,
+so bin ich doch überzeugt, daß keiner von uns den armen Tiny Tim, oder
+diese erste Trennung, welche wir erfuhren, vergessen wird.«
+
+»Niemals, Vater,« riefen alle.
+
+»Und ich weiß,« sagte Bob, »ich weiß, meine Lieben, wenn wir daran
+denken werden, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur ein
+kleines, kleines Kind war, werden wir nicht so leicht uns zanken und den
+guten Tiny Tim vergessen, wenn wir's thun.«
+
+»Nein, niemals, Vater,« riefen sie alle.
+
+»Ich bin sehr glücklich,« sagte Bob, »sehr glücklich.«
+
+Mrs. Cratchit küßte ihn, seine Töchter küßten ihn, die beiden kleinen
+Cratchits küßten ihn und Peter und er drückten sich die Hand. Seele Tiny
+Tims, du warst ein Hauch von Gott.
+
+»Geist,« sagte Scrooge, »ein Etwas sagt mir, daß wir bald scheiden
+werden. Ich weiß es, aber ich weiß nicht wie. Sage mir, wer es war, den
+wir auf dem Totenbett sahen.«
+
+Der Geist der zukünftigen Weihnachten führte ihn wie früher -- obgleich
+zu verschiedener Zeit, dünkte ihm, überhaupt schien in den verschiedenen
+letzten Gesichten keine Zeitfolge stattzufinden -- an die
+Zusammenkunftsorte der Geschäftsleute, aber er sah sich nicht. Der Geist
+verweilte nirgends, sondern schwebte immer weiter, wie nach dem Ort zu,
+wo Scrooge die gewünschte Lösung des Rätsels finden würde, bis ihn
+dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.
+
+»Ja, dieser Hof,« sagte Scrooge, »durch den wir jetzt eilen, war einst
+mein Geschäft und war es lange Jahre. Ich sehe das Haus. Laß mich sehen,
+was ich in den kommenden Tagen sein werde.«
+
+Der Geist stand still; die Hand wies wo anders hin.
+
+»Das Haus ist dort,« rief Scrooge. »Warum weisest du wo anders hin?«
+
+Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an.
+
+Scrooge eilte nach dem Fenster seines Comptoirs und schaute hinein. Es
+war noch ein Comptoir, aber nicht das seinige. Die Möbel waren nicht
+dieselben und die Gestalt in dem Stuhl war nicht die seine. Die
+Erscheinung zeigte nach derselben Richtung, wie früher.
+
+Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie gingen,
+begleitete er sie, bis sie eine eiserne Gitterpforte erreichten. Er
+stand still, um sich vor dem Eintreten umzusehen.
+
+Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglückliche, dessen Namen er
+noch erfahren sollte, unter der Erde. Der Ort war seiner würdig. Rings
+von hohen Häusern umgeben; überwuchert von Unkraut, entsprossen dem Tod,
+nicht dem Leben der Vegetation; vollgepfropft von zu viel Leichen;
+gesättigt von übersättigtem Genuß.
+
+Der Geist stand inmitten der Gräber still und wies auf eins derselben
+hinab. Scrooge näherte sich ihm zitternd. Die Erscheinung war noch ganz
+so wie früher, aber ihm war es immer, als sähe er eine neue Bedeutung in
+der düstern Gestalt.
+
+»Ehe ich mich dem Stein nähere, den du mir zeigst,« sagte Scrooge,
+»beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge, welche
+sein werden, oder nur von denen, welche sein können?«
+
+Immer noch wies der Geist auf das Grab hinab, vor dem sie standen.
+
+»Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich,« sagte Scrooge. »Aber
+wenn er einen andern Weg einschlägt, ändert sich das Ziel. Sage, ist es
+so mit dem, was du mir zeigen wirst?«
+
+Der Geist blieb so unbeweglich wie immer.
+
+Scrooge näherte sich zitternd dem Grabe und wie er der Richtung des
+Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen Namen.
+
+»_Ebenezer Scrooge._«
+
+»Bin ich es, der auf jenem Bett lag?« rief er, auf die Kniee sinkend.
+
+Der Finger wies von dem Grabe auf ihn und wieder zurück.
+
+»Nein, Geist, o nein!«
+
+Der Finger wies immer noch dorthin.
+
+»Geist,« rief er, sich fest an sein Gewand klammernd, »ich bin nicht
+mehr der Mensch, der ich war. Ich will ein anderer Mensch werden, als
+ich vor diesen Tagen gewesen bin. Warum zeigst du mir dies, wenn alle
+Hoffnung vorüber ist?«
+
+Zum erstenmal schien die Hand zu zittern.
+
+»Guter Geist,« fuhr er fort, »dein eigenes Herz bittet für mich und
+bemitleidet mich. Sage mir, daß ich durch ein verändertes Leben die
+Schatten, welche du mir gezeigt hast, ändern kann!«
+
+Die gütige Hand zitterte.
+
+»Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren und versuchen es zu feiern.
+Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben. Die
+Geister von allen dreien sollen in mir wirken. Ich will mein Herz nicht
+ihren Lehren verschließen. O, sage mir, daß ich die Schrift auf diesem
+Steine weglöschen kann.«
+
+In seiner Angst ergriff er die gespenstische Hand. Sie versuchte, sich
+von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem Flehen und hielt sie
+fest. Der Geist, noch stärker, stieß ihn zurück.
+
+Wie er seine Hände zu einem letzten Flehen um Aenderung seines
+Schicksals in die Höhe hielt, sah er die Erscheinung sich verändern. Sie
+wurde kleiner und kleiner und kleiner und schwand zu einer Bettpfoste
+zusammen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Das Ende.
+
+
+Ja, und es war seine eigene Bettpfoste. Es war sein Bett und sein
+Zimmer. Und was das Glücklichste und Beste war, die Zukunft war sein zur
+Besserung.
+
+»Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben,«
+wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett kletterte. »Die Geister von
+allen dreien sollen in mir wirken. O, Jakob Marley! der Himmel und die
+Weihnachtszeit seien dafür gepriesen! Ich sage es auf meinen Knieen,
+alter Jakob, auf meinen Knieen.«
+
+Er war von seinen guten Vorsätzen so erregt und außer sich, daß seine
+bebende Stimme kaum auf seinen Ruf antworten wollte. Er hatte während
+seines Ringens mit dem Geiste bitterlich geweint und sein Gesicht war
+noch naß von den Thränen.
+
+»Sie sind nicht herabgerissen,« rief Scrooge, eine der Bettgardinen an
+die Brust drückend, »sie sind nicht herabgerissen. Sie sind da, ich bin
+da, die Schatten der Dinge, welche kommen, können vertrieben werden. Ja,
+ich weiß es gewiß, ich weiß es.«
+
+Während dieser ganzen Zeit beschäftigten sich seine Hände mit den
+Kleidungsstücken: er zog sie verkehrt an, zerriß sie, verlor sie und
+machte allerhand tolle Sprünge damit.
+
+»Ich weiß nicht, was ich thue,« rief Scrooge in einem Atem weinend und
+lachend und mit seinen Strümpfen einen wahren Laokoon aus sich machend.
+»Ich bin leicht wie eine Feder, glücklich wie ein Engel, lustig wie ein
+Schulknabe, schwindlich wie ein Betrunkener. Fröhliche Weihnachten
+allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der ganzen Welt! Hallo! hussa!
+hurra!«
+
+Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt dort ganz außer Atem
+stehen.
+
+»Da ist die Schüssel, in der die Suppe war!« rief Scrooge, indem er um
+den Kamin herumsprang. »Da ist die Thür, durch welche Jakob Marleys
+Geist hereinkam, da ist die Ecke, wo der Geist der heurigen Weihnachten
+saß, da ist das Fenster, wo ich die herumirrenden Geister sah! Es ist
+alles recht, es ist alles wahr, es ist alles geschehen. Hahahaha!«
+
+Wirklich für einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war, war
+es ein vortreffliches Lachen, ein herrliches Lachen. Der Vater einer
+langen, langen Reihe herrlicher Gelächter!
+
+»Ich weiß nicht, den Wievieltesten wir heute haben,« rief Scrooge. »Ich
+weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin. Ich weiß gar
+nichts. Ich bin wie ein neugebornes Kind. Es schadet nichts. Ist mir
+einerlei. Ich will lieber ein Kind sein. Hallo! hussa! hurra!«
+
+Er wurde in seinen Freudenausrufungen von dem Geläute der Kirchenglocken
+unterbrochen, die ihm so munter zu klingen schienen, wie nie vorher. Bim
+baum, kling, klang, bim baum. Ach, herrlich, herrlich!
+
+Er lief zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus. Kein Nebel;
+ein klarer, luftig heller, kalter Morgen, eine Kälte, die dem Blute
+einen Tanz vorpfiff; goldenes Sonnenlicht; ein himmlischer Himmel;
+liebliche, frische Luft, fröhliche Glocken. O, herrlich, herrlich!
+
+»Was ist denn heute?« rief Scrooge einem Knaben in Sonntagskleidern zu,
+der unten stand.
+
+»He?« fragte der Knabe mit der allermöglichsten Verwunderung.
+
+»Was ist heute, mein Junge?« sagte Scrooge.
+
+»Heute?« antwortete der Knabe. »Nun, Christtag.«
+
+»'s ist Christtag,« sagte Scrooge zu sich selber. »Ich habe ihn nicht
+versäumt. Die Geister haben alles in einer Nacht gethan. Sie können
+alles, was sie wollen. Natürlich, natürlich. Heda, mein Junge!«
+
+»Heda!« antwortete der Knabe.
+
+»Weißt du des Geflügelhändlers Laden in der zweitnächsten Straße an der
+Ecke?« frug Scrooge.
+
+»I, warum denn nicht,« antwortete der Junge.
+
+»Ein gescheiter Junge,« sagte Scrooge. »Ein merkwürdiger Junge! Weißt du
+nicht, ob der Preistruthahn, der dort hing, verkauft ist? nicht der
+kleine Preistruthahn, der große.«
+
+»Was, der so groß ist wie ich?« antwortete der Junge.
+
+»Was für ein lieber Junge!« sagte Scrooge. »'s ist eine Freude, mit ihm
+zu sprechen. Ja, mein Prachtjunge.«
+
+»Er hängt noch dort,« antwortete der Junge.
+
+»Ist's wahr?« sagte Scrooge. »Nun, da geh' und kaufe ihn.«
+
+»Hetsch!« rief der Junge aus.
+
+»Nein, nein,« sagte Scrooge, »'s ist mein Ernst. Geh' hin und kaufe ihn
+und sage, sie sollen ihn hierher bringen, daß ich ihnen die Adresse
+geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem Träger wieder her
+und ich gebe dir einen Schilling. Komm in weniger als fünf Minuten
+zurück und du bekommst eine halbe Krone.«
+
+Der Bursche verschwand wie ein Blitz.
+
+»Ich will ihn Bob Cratchit schicken,« flüsterte Scrooge, sich die Hände
+reibend und fast vor Lachen platzend. »Er soll nicht wissen, wer ihn
+schickt. Er ist zweimal so groß als Tiny Tim. Joe Miller hat niemals
+einen Witz gemacht wie den.«
+
+Wie er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb so gut
+es gehen wollte, und ging die Treppe hinab, um die Hausthür zu öffnen,
+den Truthahn erwartend. Wie er dastand fiel sein Auge auf den
+Thürklopfer.
+
+»Ich werde ihn lieb haben, so lange ich lebe,« rief Scrooge ihn
+streichelnd. »Früher habe ich ihn kaum angesehen. Was für ein ehrliches
+Gesicht er hat! Es ist ein wunderbarer Thürklopfer! -- Da ist der
+Truthahn. Hallo! hussa! Wie geht's? Fröhliche Weihnachten!«
+
+Das war ein Truthahn; er hätte nicht mehr lebendig auf seinen Füßen
+stehen können. Sie wären -- knicks -- zerbrochen wie eine Stange
+Siegellack.
+
+»Was, das ist ja fast unmöglich, den nach Camden-Town zu tragen,« sagte
+Scrooge. »Ihr müßt einen Wagen nehmen.«
+
+Das Lachen, mit dem er dies sagte und das Lachen, mit dem er den
+Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen bezahlte, und
+das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld gab, wurden nur von dem
+Lachen übertroffen, mit dem er sich atemlos in seinen Stuhl niedersetzte
+und lachte, bis die Thränen an den Backen hinunter liefen.
+
+Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte immer noch
+sehr; und Rasieren verlangt große Aufmerksamkeit, selbst wenn man nicht
+gerade während dem tanzt. Aber wenn er sich die Nasenspitze
+weggeschnitten hätte, würde er ein Stückchen englisches Pflaster darauf
+geklebt haben und zufrieden gewesen sein.
+
+Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Straße. Die
+Leute strömten jetzt gerade aus ihren Häusern, wie er es gesehen hatte,
+als er den Geist der heurigen Weihnacht begleitete; und mit auf dem
+Rücken zusammengeschlagenen Händen durch die Straßen gehend, blickte
+Scrooge jeden mit einem freundlichen Lächeln an. Er sah so
+unwiderstehlich freundlich aus, daß drei oder vier lustige Leute zu ihm
+sagten: »Guten Morgen, Sir, fröhliche Weihnachten!« und Scrooge sagte
+oft nachher, daß von allen lieblichen Klängen, die er je gehört, dieser
+seinem Ohr am lieblichsten geklungen hätte.
+
+Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf sich
+zukommen sah, der am Tage vorher in sein Comptoir getreten war mit den
+Worten: »Scrooge und Marley, wenn ich nicht irre.« Es gab ihm einen
+Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der alte Herr beim
+Vorübergehen ansehen würde; aber er wußte, welchen Weg er zu gehen
+hatte, und ging ihn.
+
+»Lieber Herr,« sagte Scrooge, schneller gehend und des alten Herrn beide
+Hände ergreifend, »wie geht's Ihnen? Ich hoffe, Sie hatten gestern einen
+guten Tag. Es war sehr freundlich von Ihnen. Ich wünsche Ihnen fröhliche
+Weihnachten, Sir.«
+
+»Mr. Scrooge?«
+
+»Ja,« sagte Scrooge. »Das ist mein Name und ich fürchte, er klingt Ihnen
+nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, daß ich Sie um Verzeihung bitte. Und
+wollen Sie die Güte haben« -- hier flüsterte ihm Scrooge etwas in das
+Ohr.
+
+»Himmel!« rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben wäre. »Mein
+lieber Mr. Scrooge, ist das Ihr Ernst?«
+
+»Wenn es Ihnen gefällig ist,« sagte Scrooge. »Keinen Penny weniger. Es
+sind viele Rückstände dabei, ich versichere es Ihnen. Wollen Sie die
+Güte haben?«
+
+»Bester Herr,« sagte der andere, ihm die Hand schüttelnd, »ich weiß
+nicht, was ich zu einer solchen großartigen Freigebigkeit sagen soll.«
+
+»Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu,« antwortete Scrooge. »Besuchen
+Sie mich. Wollen Sie mich besuchen?«
+
+»Herzlich gern,« rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm mit der
+Versicherung Ernst.
+
+»Ich danke Ihnen,« sagte Scrooge. »Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich
+danke Ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!«
+
+Er ging in die Kirche, ging durch die Straßen, sah die Leute hin und her
+laufen, klopfte Kindern die Wange, frug Bettler, und sah hinab in die
+Küchen und hinauf zu den Fenstern der Häuser; und fand, daß alles das
+ihm Vergnügen machen könne. Er hatte sich nie geträumt, daß ein
+Spaziergang oder sonst etwas ihn so glücklich hätte machen können.
+Nachmittags lenkte er seine Schritte nach seines Neffen Wohnung.
+
+Er ging wohl ein dutzendmal an der Thür vorüber, ehe er den Mut hatte,
+anzuklopfen. Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte.
+
+»Ist dein Herr zu Hause, meine Liebe?« sagte Scrooge zu dem Mädchen.
+»Ein hübsches Mädchen, wahrhaftig!«
+
+»Ja, Sir.«
+
+»Wo ist er, meine Liebe?« sagte Scrooge.
+
+»Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit der Madame. Ich will Sie
+hinaufführen, wenn Sie erlauben.«
+
+»Danke, danke. Er kennt mich,« sagte Scrooge, mit der Hand schon auf dem
+Thürdrücker. »Ich will hier hereintreten, meine Liebe.«
+
+Er machte die Thür leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie
+betrachteten den Speisetisch (der mit großem Aufwand von Pracht gedeckt
+war); denn solche junge Leute sind immer sehr unruhig über solche Punkte
+und sähen gern alles in Ordnung.
+
+»Fritz!« sagte Scrooge.
+
+Heiliger Himmel! wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in dem
+Augenblicke vergessen, daß sie mit dem Fußbänkchen in der Ecke gesessen
+hatte, sonst hätte er es um keinen Preis gethan.
+
+»Potztausend!« rief Fritz, »wer ist das!«
+
+»Ich bin's, dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst du mich
+hereinlassen, Fritz?«
+
+Ihn hereinlassen! Es war nur gut, daß er ihm nicht den Arm abriß. Er war
+in fünf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte herzlicher sein, als die
+Begrüßung seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn ganz so
+herzlich. Auch Topper, wie er kam. Auch die dicke Schwester, wie sie
+kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen. Wundervolle Gesellschaft,
+wundervolle Spiele, wundervolle Eintracht, wundervolle Glückseligkeit!
+
+Aber am andern Morgen war er früh in seinem Comptoir. O, er war gar früh
+da. Wenn er nur dort hätte zuerst sein können und Bob Cratchit beim
+Zuspätkommen erwischen! Das war's, worauf sein Sinn stand! Und es gelang
+ihm wahrhaftig! Die Uhr schlug Neun. Kein Bob. Ein Viertel auf Zehn.
+Kein Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät. Scrooge
+hatte seine Thür weit offen stehen lassen, damit er ihn in das Verließ
+kommen sähe.
+
+Sein Hut war vom Kopfe, ehe er die Thür öffnete, auch der Shawl von
+seinem Halse. In einem Nu saß er auf seinem Stuhle und jagte mit der
+Feder übers Papier, als wollte er versuchen, neun Uhr einzuholen.
+
+»Heda,« brummte Scrooge, so gut wie es ging, seine gewohnte Stimme
+nachmachend. »Was soll das heißen, daß Sie so spät kommen?«
+
+»Es thut mir sehr leid, Sir,« sagte Bob. »Ich habe mich verspätigt.«
+
+»Nun, Sie gestehen's,« wiederholte Scrooge. »Ich meine es auch. Hier
+herein, wenn's gefällig ist.«
+
+»Es ist nur einmal im Jahre, Sir,« sagte Bob, aus dem Verließ
+hereintretend. »Es soll nicht wieder vorfallen. Ich war ein bißchen
+lustig gestern, Sir.«
+
+»Nun, ich will Ihnen was sagen, Freundchen,« sagte Scrooge, »ich kann
+das nicht länger so mit ansehen. Und daher,« fuhr er fort, von seinem
+Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die Brust gebend, daß er
+wieder in das Verließ zurückstolperte, »und daher will ich Ihr Salär
+erhöhen!«
+
+Bob zitterte und trat dem Lineal etwas näher. Er hatte einen
+augenblicklichen Gedanken, Scrooge eins damit auf den Kopf zu geben,
+ihn fest zu halten und die Leute im Hofe um Hilfe und eine Zwangsjacke
+anzurufen.
+
+»Fröhliche Weihnachten, Bob!« sagte Scrooge, mit einem Ernst, der nicht
+mißverstanden werden konnte, indem er ihn auf die Achsel klopfte.
+»Fröhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr habe feiern
+lassen. Ich will Ihr Salär erhöhen und mich bemühen, Ihrer Familie unter
+die Arme zu greifen. Wir wollen heut' Nachmittag bei einer
+Weihnachtsbowle dampfenden Punsches über Ihre Angelegenheiten sprechen,
+Bob! Schüren Sie das Feuer an und kaufen Sie eine andere Kohlenschaufel,
+ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i machen, Bob Cratchit!«
+
+Scrooge war besser als sein Wort. Er that alles und mehr noch, als er
+versprochen hatte; und für Tiny Tim, welcher nicht starb, wurde er ein
+zweiter Vater. Er wurde ein so guter Freund und so guter Mensch, wie nur
+die liebe alte City oder jede andere liebe alte Stadt oder Dorf in der
+lieben alten Welt je gesehen. Einige Leute lachten, ihn so verändert zu
+sehen, aber er ließ sie lachen und kümmerte sich wenig darum, denn er
+war klug genug, zu wissen, daß nichts Gutes in dieser Welt geschehen
+kann, worüber nicht von vornherein einige Leute lachen müssen; und da er
+wußte, daß derart Leute doch blind bleiben würden, dachte er bei sich,
+es ist besser, sie legen ihre Gesichter durch Lachen in Falten, als daß
+sie's auf weniger anziehende Weise thun. Sein eigenes Herz lachte und
+damit war er zufrieden.
+
+Er hatte keinen fernern Verkehr mit Geistern, sondern lebte von jetzt an
+nach dem Prinzip gänzlicher Enthaltsamkeit; und immer sagte man von ihm,
+er wisse Weihnachten recht zu feiern, wenn es überhaupt ein Mensch
+wisse. Möge dies auch in Wahrheit von uns allen gesagt werden können!
+Und so schließen wir mit Tiny Tims Worten: Gott segne uns alle und
+jeden!
+
+
++Ende.+
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die im Reclam-Verlag erschienene Ausgabe wurde dem Original getreu
+übertragen. Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und Rechtschreibung
+wurden dabei nicht angeglichen. Lediglich die folgenden offensichtlichen
+Druckfehler wurden korrigiert:
+
+Seite 17: 'zwei Köpfe' --> 'zwei Knöpfe'
+Seite 31: 'Wiederhall' --> 'Widerhall'
+Seite 37: 'sein Orchester auszuschlagen' --> 'sein Orchester aufzuschlagen'
+Seite 41: Anführungszeichen eingefügt, '»zeige mir nichts mehr'
+Seite 43: 'hintergeschluckt' --> 'hinuntergeschluckt'
+Seite 43: Anführungszeichen eingefügt, '»ich sah heut' Nachmittag'
+
+Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.
+Im Original gesperrt und fett gesetzter Text ist mit + gekennzeichnet.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Übersicht nachträglich
+eingefügt.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Weihnachtsabend, by Charles Dickens
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND ***
+
+***** This file should be named 22465-8.txt or 22465-8.zip *****
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+Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
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+will be renamed.
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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