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+The Project Gutenberg EBook of Faust: Der Tragödie zweiter Teil, by
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Faust: Der Tragödie zweiter Teil
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Posting Date: January 26, 2010 [EBook #2230]
+Release Date: June 2000
+[Last updated: May 14, 2012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST: DER TRAGÖDIE ZWEITER TEIL ***
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+Produced by Michael Pullen
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+ Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+ zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+ http://gutenberg.aol.de erreichbar.
+
+ This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+ which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
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+
+ Faust: Der Tragödie zweiter Teil
+
+ von Johann Wolfgang von Goethe
+
+ 1. Anmutige Gegend
+ 2. Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
+ 3. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
+ 4. Hochgebirg
+ 5. Offene Gegend
+
+
+
+
+ 1. Akt--Anmutige Gegend
+
+ Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig,
+ schlafsuchend.
+
+ Dämmerung.
+
+ Geister-Kreis schwebend bewegt, anmutige kleine Gestalten.
+
+
+ ARIEL.
+
+ Gesang von Aolsharfen begleitet.
+
+ Wenn der Blüten Frühlingsregen
+ Über alle schwebend sinkt,
+ Wenn der Felder grüner Segen
+ Allen Erdgebornen blinkt,
+ Kleiner Elfen Geistergröße
+ Eilet, wo sie helfen kann;
+ Ob er heilig, ob er böse,
+ Jammert sie der Unglücksmann.
+
+ Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise,
+ Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise:
+ Besänftiget des Herzens grimmen Strauß,
+ Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,
+ Sein Innres reinigt von erlebtem Graus!
+ Vier sind die Pausen nächtiger Weile;
+ Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus!
+ Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder,
+ Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut!
+ Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,
+ Wenn er gestärkt dem Tag entgegen ruht.
+ Vollbringt der Elfen schönste Pflicht:
+ Gebt ihn zurück dem heiligen Licht!
+
+
+ CHOR
+
+ einzeln, zu zweien und vielen, abwechselnd und gesammelt.
+
+ Wenn sich lau die Lüfte füllen
+ Um den grünumschränkten Plan,
+ Süße Düfte, Nebelhüllen
+ Senkt die Dämmerung heran,
+ Lispelt leise süßen Frieden,
+ Wiegt das Herz in Kindesruh
+ Und den Augen dieses Müden
+ Schließt des Tages Pforte zu.
+
+ Nacht ist schon hereingesunken,
+ Schließt sich heilig Stern an Stern;
+ Große Lichter, kleine Funken
+ Glitzern nah und glänzen fern;
+ Glitzern hier im See sich spiegelnd,
+ Glänzen droben klarer Nacht;
+ Tiefsten Ruhens Glück besiegelnd
+ Herrscht des Mondes volle Pracht.
+
+ Schon verloschen sind die Stunden,
+ Hingeschwunden Schmerz und Glück;
+ Fühl' es vor! Du wirst gesunden;
+ Traue neuem Tagesblick!
+ Täler grünen, Hügel schwellen,
+ Buschen sich zu Schattenruh;
+ Und in schwanken Silberwellen
+ Wogt die Saat der Ernte zu.
+
+ Wunsch um Wünsche zu erlangen
+ Schaue nach dem Glänze dort!
+ Leise bist du nur umfangen;
+ Schlaf ist Schale: wirf sie fort!
+ Säume nicht dich zu erdreisten,
+ Wenn die Menge zaudernd schweift;
+ Alles kann der Edle leisten,
+ Der versteht und rasch ergreift.
+
+ Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne.
+
+
+ ARIEL.
+
+ Horchet! horcht dem Sturm der Hören!
+ Tönend wird für Geistesohren
+ Schon der neue Tag geboren.
+ Felsentore knarren rasselnd,
+ Phöbus' Räder rollen prasselnd,
+ Welch Getöse bringt das Licht!
+ Es trommetet, es posaunet,
+ Auge blinzt und Ohr erstaunet,
+ Unerhörtes hört sich nicht.
+ Schlüpfet zu den Blumenkronen,
+ Tiefer, tiefer, still zu wohnen,
+ In die Felsen, unters Laub!
+ Trifft es euch, so seid ihr taub.
+
+
+ FAUST.
+
+ Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
+ Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen.
+ Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
+ Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
+ Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben.
+ Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
+ Zum höchsten Dasein immer fortzustreben.--
+ In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen,
+ Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben,
+ Tal aus Tal ein ist Nebelstreif ergossen;
+ Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen,
+ Und Zweig' und Äste, frisch erquickt, entsprossen
+ Dem duft'gen Abgrund, wo versenkt sie schliefen.
+ Auch Färb' an Farbe klärt sich los vom Grunde,
+ Wo Blunr und Blatt von Zitterperle triefen--
+ Ein Paradies wird um mich her die Runde.
+
+ Hinaufgeschaut!--Der Berge Gipfelriesen
+ Verkünden schon die feierlichste Stunde;
+ Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
+ Das später sich zu uns hernieder wendet.
+ Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen
+ Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,
+ Und stufenweis herab ist es gelungen--
+ Sie tritt hervor!--und, leider schon geblendet,
+ Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
+
+ So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
+ Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
+ Erfüllungspforten findet flügeloffen;
+ Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
+ Ein Flammenübermaß--wir stehn betroffen.
+ Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
+ Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
+ Ist's Lieb', ist's Haß, die glühend uns umwinden,
+ Mit Schmerz-und Freuden wechselnd ungeheuer,
+ So daß wir wieder nach der Erde blicken,
+ Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier?
+
+ So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
+ Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
+ Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.
+ Von Sturz zu Sturze wälzt er jetzt in tausend,
+ Dann abertausend Strömen sich ergießend,
+ Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
+ Allein wie herrlich diesem Sturm entsprießend.
+ Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
+ Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
+ Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
+ Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
+ Ihm sinne nach und du begreifst genauer:
+ Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
+
+
+ KAISERLICHE PFALZ
+
+ SAAL DES THRONES
+
+ Staatsrat in Erwartung des Kaisers.
+ Trompeten.
+
+ Hofgesinde aller Art, prächtig gekleidet, tritt vor.
+ Der Kaiser gelangt auf den Thron, zu seiner Rechten
+ der Astrolog.
+
+
+ KAISER.
+
+ Ich grüße die Getreuen, Lieben,
+ Versammelt aus der Näh und Weite.--
+ Den Weisen seh' ich mir zur Seite,
+ Allein wo ist der Narr geblieben?
+
+
+ JUNKER.
+
+ Gleich hinter deiner Mantelschleppe
+ Stürzt' er zusammen auf der Treppe,
+ Man trug hinweg das Fettgewicht;
+ Tot oder trunken, weiß man nicht.
+
+
+ ZWEITER JUNKER.
+
+ Sogleich mit wunderbarer Schnelle
+ Drängt sich ein andrer an die Stelle.
+ Gar köstlich ist er aufgeputzt,
+ Doch fratzenhaft, daß jeder stutzt.
+ Die Wache hält ihm an der Schwelle
+ Kreuzweis die Hellebarden vor--
+ Da ist er doch, der kühne Tor!
+
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ am Throne kniend.
+ Was ist verwünscht und stets willkommen?
+ Was ist ersehnt und stets verjagt?
+ Was immerfort in Schutz genommen?
+ Was hart gescholten und verklagt?
+ Wen darfst du nicht herbeiberufen?
+ Wen höret jeder gern genannt?
+ Was naht sich deines Thrones Stufen?
+ Was hat sich selbst hinweggebannt?
+
+ KAISER:
+ Für diesmal spare deine Worte!
+ Hier sind die Rätsel nicht am Orte,
+ Das ist die Sache dieser Herrn.--
+ Da löse du! das hört' ich gern.
+ Mein alter Narr ging, fürcht' ich, weit ins Weite;
+ Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.
+
+ GEMURMEL DER MENGE:
+ Ein neuer Narr--Zu neuer Pein--
+ Wo kommt er her?--Wie kam er ein?--
+ Der alte fiel--Der hat vertan--
+ Es war ein Faß--Nun ist's ein Span--
+
+ KAISER:
+ Und also, ihr Getreuen, Lieben,
+ Willkommen aus der Näh' und Ferne!
+ Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne,
+ Da droben ist uns Glück und Heil geschrieben.
+ Doch sagt, warum in diesen Tagen,
+ Wo wir der Sorgen uns entschlagen,
+ Schönbärte mummenschänzlich tragen
+ Und Heitres nur genießen wollten,
+ Warum wir uns ratschlagend quälen sollten?
+ Doch weil ihr meint, es ging' nicht anders an,
+ Geschehen ist's, so sei's getan.
+
+ KANZLER:
+ Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein,
+ Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein
+ Vermag sie gültig auszuüben:
+ Gerechtigkeit!--Was alle Menschen lieben,
+ Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren,
+ Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewähren.
+ Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
+ Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,
+ Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wütet
+ Und übel sich in übeln überbrütet?
+ Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
+ Ins weite Reich, ihm scheint's ein schwerer Traum,
+ Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
+ Das Ungesetz gesetzlich überwaltet
+ Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.
+ Der raubt sich Herden, der ein Weib,
+ Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
+ Berühmt sich dessen manche Jahre
+ Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.
+ Jetzt drängen Kläger sich zur Halle,
+ Der Richter prunkt auf hohem Pfühl,
+ Indessen wogt in grimmigem Schwalle
+ Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.
+ Der darf auf Schand' und Frevel pochen,
+ Der auf Mitschuldigste sich stützt,
+ Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen,
+ Wo Unschuld nur sich selber schützt.
+ So will sich alle Welt zerstückeln,
+ Vernichtigen, was sich gebührt;
+ Wie soll sich da der Sinn entwickeln,
+ Der einzig uns zum Rechten führt?
+ Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
+ Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher,
+ Ein Richter, der nicht strafen kann,
+ Gesellt sich endlich zum Verbrecher.
+ Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
+ Zög' ich dem Bilde lieber vor.
+ Entschlüsse sind nicht zu vermeiden;
+ Wenn alle schädigen, alle leiden,
+ Geht selbst die Majestät zu Raub.
+
+ HEERMEISTER:
+ Wie tobt's in diesen wilden Tagen!
+ Ein jeder schlägt und wird erschlagen,
+ Und fürs Kommando bleibt man taub.
+ Der Bürger hinter seinen Mauern,
+ Der Ritter auf dem Felsennest
+ Verschwuren sich, uns auszudauern,
+ Und halten ihre Kräfte fest.
+ Der Mietsoldat wird ungeduldig,
+ Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn,
+ Und wären wir ihm nichts mehr schuldig,
+ Er liefe ganz und gar davon.
+ Verbiete wer, was alle wollten,
+ Der hat ins Wespennest gestört;
+ Das Reich, das sie beschützen sollten,
+ Es liegt geplündert und verheert.
+ Man läßt ihr Toben wütend hausen,
+ Schon ist die halbe Welt vertan;
+ Es sind noch Könige da draußen,
+ Doch keiner denkt, es ging' ihn irgend an.
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Wer wird auf Bundsgenossen pochen!
+ Subsidien, die man uns versprochen,
+ Wie Röhrenwasser bleiben aus.
+ Auch, Herr, in deinen weiten Staaten
+ An wen ist der Besitz geraten?
+ Wohin man kommt, da hält ein Neuer Haus,
+ Und unabhängig will er leben,
+ Zusehen muß man, wie er's treibt;
+ Wir haben so viel Rechte hingegeben,
+ Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrigbleibt.
+ Auch auf Parteien, wie sie heißen,
+ Ist heutzutage kein Verlaß;
+ Sie mögen schelten oder preisen,
+ Gleichgültig wurden Lieb' und Haß.
+ Die Ghibellinen wie die Guelfen
+ Verbergen sich, um auszuruhn;
+ Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
+ Ein jeder hat für sich zu tun.
+ Die Goldespforten sind verrammelt,
+ Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt,
+ Und unsre Kassen bleiben leer.
+
+ MARSCHALK:
+ Welch Unheil muß auch ich erfahren!
+ Wir wollen alle Tage sparen
+ Und brauchen alle Tage mehr,
+ Und täglich wächst mir neue Pein.
+ Den Köchen tut kein Mangel wehe;
+ Wildschweine, Hirsche, Hasen, Rehe,
+ Welschhühner, Hühner, Gäns' und Enten,
+ Die Deputate, sichre Renten,
+ Sie gehen noch so ziemlich ein.
+ Jedoch am Ende fehlt's an Wein.
+ Wenn sonst im Keller Faß an Faß sich häufte,
+ Der besten Berg' und Jahresläufte,
+ So schlürft unendliches Gesäufte
+ Der edlen Herrn den letzten Tropfen aus.
+ Der Stadtrat muß sein Lager auch verzapfen,
+ Man greift zu Humpen, greift zu Napfen,
+ Und unterm Tische liegt der Schmaus.
+ Nun soll ich zahlen, alle lohnen;
+ Der Jude wird mich nicht verschonen,
+ Der schafft Antizipationen,
+ Die speisen Jahr um Jahr voraus.
+ Die Schweine kommen nicht zu Fette,
+ Verpfändet ist der Pfühl im Bette,
+ Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot.
+
+ KAISER:
+ Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Not?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich? Keineswegs. Den Glanz umher zu schauen,
+ Dich und die Deinen!--Mangelte Vertrauen,
+ Wo Majestät unweigerlich gebeut,
+ Bereite Macht Feindseliges zerstreut?
+ Wo guter Wille, kräftig durch Verstand,
+ Und Tätigkeit, vielfältige, zur Hand?
+ Was könnte da zum Unheil sich vereinen,
+ Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?
+
+ GEMURMEL:
+ Das ist ein Schalk--Der's wohl versteht--
+ Er lügt sich ein--So lang' es geht--
+ Ich weiß schon--Was dahinter steckt--
+ Und was denn weiter?--Ein Projekt--
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt?
+ Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
+ Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
+ Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
+ In Bergesadern, Mauergründen
+ Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,
+ Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft:
+ Begabten Manns Natur--und Geisteskraft.
+
+ KANZLER:
+ Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen.
+ Deshalb verbrennt man Atheisten,
+ Weil solche Reden höchst gefährlich sind.
+ Natur ist Sünde, Geist ist Teufel,
+ Sie hegen zwischen sich den Zweifel,
+ Ihr mißgestaltet Zwitterkind.
+ Uns nicht so!--Kaisers alten Landen
+ Sind zwei Geschlechter nur entstanden,
+ Sie stützen würdig seinen Thron:
+ Die Heiligen sind es und die Ritter;
+ Sie stehen jedem Ungewitter
+ Und nehmen Kirch' und Staat zum Lohn.
+ Dem Pöbelsinn verworrner Geister
+ Entwickelt sich ein Widerstand:
+ Die Ketzer sind's! die Hexenmeister!
+ Und sie verderben Stadt und Land.
+ Die willst du nun mit frechen Scherzen
+ In diese hohen Kreise schwärzen;
+ Ihr hegt euch an verderbtem Herzen,
+ Dem Narren sind sie nah verwandt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!
+ Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
+ Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar,
+ Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
+ Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,
+ Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.
+
+ KAISER:
+ Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt,
+ Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
+ Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
+ Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr;
+ Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer;
+ Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
+ Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?
+ Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,
+ Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,
+ Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
+ Sein Liebstes da--und dortwohin versteckte.
+ So war's von je in mächtiger Römer Zeit,
+ Und so fortan, bis gestern, ja bis heut.
+ Das alles liegt im Boden still begraben,
+ Der Boden ist des Kaisers, der soll's haben.
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Für einen Narren spricht er gar nicht schlecht,
+ Das ist fürwahr des alten Kaisers Recht.
+
+ KANZLER:
+ Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen:
+ Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.
+
+ MARSCHALK:
+ Schafft' er uns nur zu Hof willkommne Gaben,
+ Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben.
+
+ HEERMEISTER:
+ Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt;
+ Fragt der Soldat doch nicht, woher es kommt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen,
+ Hier steht ein Mann! da, fragt den Astrologen!
+ In Kreis' um Kreise kennt er Stund' und Haus;
+ So sage denn: wie sieht's am Himmel aus?
+
+ GEMURMEL:
+ Zwei Schelme sind's--Verstehn sich schon--
+ Narr und Phantast--So nah dem Thron--
+ Ein mattgesungen--Alt Gedicht--
+ Der Tor bläst ein--Der Weise spricht--
+
+ ASTROLOG:
+ Die Sonne selbst, sie ist ein lautres Gold,
+ Merkur, der Bote, dient um Gunst und Sold,
+ Frau Venus hat's euch allen angetan,
+ So früh als spat blickt sie euch lieblich an;
+ Die keusche Luna launet grillenhaft;
+ Mars, trifft er nicht, so dräut euch seine Kraft.
+ Und Jupiter bleibt doch der schönste Schein,
+ Saturn ist groß, dem Auge fern und klein.
+ Ihn als Metall verehren wir nicht sehr,
+ An Wert gering, doch im Gewichte schwer.
+ Ja! wenn zu Sol sich Luna fein gesellt,
+ Zum Silber Gold, dann ist es heitre Welt;
+ Das übrige ist alles zu erlangen:
+ Paläste, Gärten, brüstlein, rote Wangen,
+ Das alles schafft der hochgelahrte Mann,
+ Der das vermag, was unser keiner kann.
+
+ KAISER:
+ Ich höre doppelt, was er spricht,
+ Und dennoch überzeugt's mich nicht.
+
+ GEMURMEL:
+ Was soll uns das?--Gedroschner Spaß--
+ Kalenderei--Chymisterei--
+ Das hört' ich oft--Und falsch gehofft--
+ Und kommt er auch--So ist's ein Gauch--
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da stehen sie umher und staunen,
+ Vertrauen nicht dem hohen Fund,
+ Der eine faselt von Alraunen,
+ Der andre von dem schwarzen Hund.
+ Was soll es, daß der eine witzelt,
+ Ein andrer Zauberei verklagt,
+ Wenn ihm doch auch einmal die Sohle kitzelt,
+ Wenn ihm der sichre Schritt versagt.
+ Ihr alle fühlt geheimes Wirken
+ Der ewig waltenden Natur,
+ Und aus den untersten Bezirken
+ Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur.
+ Wenn es in allen Gliedern zwackt,
+ Wenn es unheimlich wird am Platz,
+ Nur gleich entschlossen grabt und hackt,
+ Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz!
+
+ GEMURMEL:
+ Mir liegt's im Fuß wie Bleigewicht--
+ Mir krampft's im Arme--Das ist Gicht--
+ Mir krabbelt's an der großen Zeh'--
+ Mir tut der ganze Rücken weh--
+ Nach solchen Zeichen wäre hier
+ Das allerreichste Schatzrevier.
+
+ KAISER:
+ Nur eilig! du entschlüpfst nicht wieder,
+ Erprobe deine Lügenschäume
+ Und zeig uns gleich die edlen Räume.
+ Ich lege Schwert und Zepter nieder
+ Und will mit eignen hohen Händen,
+ Wenn du nicht lügst, das Werk vollenden,
+ Dich, wenn du lügst, zur Hölle senden!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Den Weg dahin wüßt' allenfalls zu finden--
+ Doch kann ich nicht genug verkünden,
+ Was überall besitzlos harrend liegt.
+ Der Bauer, der die Furche pflügt,
+ Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,
+ Salpeter hofft er von der Leimenwand
+ Und findet golden-goldne Rolle
+ Erschreckt, erfreut in kümmerlicher Hand.
+ Was für Gewölbe sind zu sprengen,
+ In welchen Klüften, welchen Gängen
+ Muß sich der Schatzbewußte drängen,
+ Zur Nachbarschaft der Unterwelt!
+ In weiten, altverwahrten Kellern
+ Von goldnen Humpen, Schüsseln, Tellern
+ Sieht er sich Reihen aufgestellt;
+ Pokale stehen aus Rubinen,
+ Und will er deren sich bedienen,
+ Daneben liegt uraltes Naß.
+ Doch--werdet ihr dem Kundigen glauben--
+ Verfault ist längst das Holz der Dauben,
+ Der Weinstein schuf dem Wein ein Faß.
+ Essenzen solcher edlen Weine,
+ Gold und Juwelen nicht alleine
+ Umhüllen sich mit Nacht und Graus.
+ Der Weise forscht hier unverdrossen;
+ Am Tag erkennen, das sind Possen,
+ Im Finstern sind Mysterien zu Haus.
+
+ KAISER:
+ Die lass' ich dir! Was will das Düstre frommen?
+ Hat etwas Wert, es muß zu Tage kommen.
+ Wer kennt den Schelm in tiefer Nacht genau?
+ Schwarz sind die Kühe, so die Katzen grau.
+ Die Töpfe drunten, voll von Goldgewicht--
+ Zieh deinen Pflug und ackre sie ans Licht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,
+ Die Bauernarbeit macht dich groß,
+ Und eine Herde goldner Kälber,
+ Sie reißen sich vom Boden los.
+ Dann ohne Zaudern, mit Entzücken
+ Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmücken;
+ Ein leuchtend Farb--und Glanzgestein erhöht
+ Die Schönheit wie die Majestät.
+
+ KAISER:
+ Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es währen!
+
+ ASTROLOG:
+ Herr, mäßige solch dringendes Begehren,
+ Laß erst vorbei das bunte Freudenspiel;
+ Zerstreutes Wesen führt uns nicht zum Ziel.
+ Erst müssen wir in Fassung uns versühnen,
+ Das Untre durch das Obere berdienen.
+ Wer Gutes will, der sei erst gut;
+ Wer Freude will, besänftige sein Blut;
+ Wer Wein verlangt, der keltre reife Trauben;
+ Wer Wunder hofft, der stärke seinen Glauben.
+
+ KAISER:
+ So sei die Zeit in Fröhlichkeit vertan!
+ Und ganz erwünscht kommt Aschermittwoch an.
+ Indessen feiern wir, auf jeden Fall,
+ Nur lustiger das wilde Karneval.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie sich Verdienst und Glück verketten,
+ Das fällt den Toren niemals ein;
+ Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
+ Der Weise mangelte dem Stein.
+
+
+ Weitläufiger Saal mit Nebengemächern
+
+ HEROLD:
+ Denkt nicht, ihr seid in deutschen Grenzen
+ Von Teufels-, Narren- und Totentänzen;
+ Ein heitres Fest erwartet euch.
+ Der Herr, auf seinen Römerzügen,
+ Hat, sich zu Nutz, euch zum Vergnügen,
+ Die hohen Alpen überstiegen,
+ Gewonnen sich ein heitres Reich.
+ Der Kaiser, er, an heiligen Sohlen
+ Erbat sich erst das Recht zur Macht,
+ Und als er ging, die Krone sich zu holen,
+ Hat er uns auch die Kappe mitgebracht.
+ Nun sind wir alle neugeboren;
+ Ein jeder weltgewandte Mann
+ Zieht sie behaglich über Kopf und Ohren;
+ Sie ähnelt ihn verrückten Toren,
+ Er ist darunter weise, wie er kann.
+ Ich sehe schon, wie sie sich scharen,
+ Sich schwankend sondern, traulich paaren;
+ Zudringlich schließt sich Chor an Chor.
+ Herein, hinaus, nur unverdrossen;
+ Es bleibt doch endlich nach wie vor
+ Mit ihren hunderttausend Possen
+ Die Welt ein einzig großer Tor.
+
+ GÄRTNERINNEN:
+ Euren Beifall zu gewinnen,
+ Schmückten wir uns diese Nacht,
+ Junge Florentinerinnen
+ Folgten deutschen Hofes Pracht;
+ Tragen wir in braunen Locken
+ Mancher heitern Blume Zier;
+ Seidenfäden, Seidenflocken
+ Spielen ihre Rolle hier.
+ Denn wir halten es verdienstlich,
+ Lobenswürdig ganz und gar,
+ Unsere Blumen, glänzend künstlich,
+ Blühen fort das ganze Jahr.
+ Allerlei gefärbten Schnitzeln
+ Ward symmetrisch Recht getan;
+ Mögt ihr Stück für Stück bewitzeln,
+ Doch das Ganze zieht euch an.
+ Niedlich sind wir anzuschauen,
+ Gärtnerinnen und galant;
+ Denn das Naturell der Frauen
+ Ist so nah mit Kunst verwandt.
+
+ HEROLD:
+ Laßt die reichen Körbe sehen,
+ Die ihr auf den Häupten traget,
+ Die sich bunt am Arme blähen,
+ Jeder wähle, was behaget.
+ Eilig, daß in Laub und Gängen
+ Sich ein Garten offenbare!
+ Würdig sind sie zu umdrängen,
+ Krämerinnen wie die Ware.
+
+ GÄRTNERINNEN:
+ Feilschet nun am heitern Orte,
+ Doch kein Markten finde statt!
+ Und mit sinnig kurzem Worte
+ Wisse jeder, was er hat.
+
+ OLIVENZWEIG MIT FRUCHTEN:
+ Keinen Blumenflor beneid' ich,
+ Allen Widerstreit vermeid' ich;
+ Mir ist's gegen die Natur:
+ Bin ich doch das Mark der Lande
+ Und, zum sichern Unterpfande,
+ Friedenszeichen jeder Flur.
+ Heute, hoff' ich, soll mir's glücken,
+ Würdig schönes Haupt zu schmücken.
+
+ ÄHRENKRANZ:
+ Ceres' Gaben, euch zu putzen,
+ Werden hold und lieblich stehn:
+ Das Erwünschteste dem Nutzen
+ Sei als eure Zierde schön.
+
+ PHANTASIEKRANZ:
+ Bunte Blumen, Malven ähnlich,
+ Aus dem Moos ein Wunderflor!
+ Der Natur ist's nicht gewöhnlich,
+ Doch die Mode bringt's hervor.
+
+ PHANTASIESTRAUSS:
+ Meinen Namen euch zu sagen,
+ Würde Theophrast nicht wagen;
+ Und doch hoff' ich, wo nicht allen,
+ Aber mancher zu gefallen,
+ Der ich mich wohl eignen möchte,
+ Wenn sie mich ins Haar verflöchte,
+ Wenn sie sich entschließen könnte,
+ Mir am Herzen Platz vergönnte.
+
+ ROSENKNOSPEN:
+ Mögen bunte Phantasieen
+ Für des Tages Mode blühen,
+ Wunderseltsam sein gestaltet,
+ Wie Natur sich nie entfaltet;
+ Grüne Stiele, goldne Glocken,
+ Blickt hervor aus reichen Locken!--
+ Doch wir--halten uns versteckt:
+ Glücklich, wer uns frisch entdeckt.
+ Wenn der Sommer sich verkündet,
+ Rosenknospe sich entzündet,
+ Wer mag solches Glück entbehren?
+ Das Versprechen, das Gewähren,
+ Das beherrscht in Florens Reich
+ Blick und Sinn und Herz zugleich.
+
+ GÄRTNER:
+ Blumen sehet ruhig sprießen,
+ Reizend euer Haupt umzieren;
+ Früchte wollen nicht verführen,
+ Kostend mag man sie genießen.
+ Bieten bräunliche Gesichter
+ Kirschen, Pfirschen, Königspflaumen,
+ Kauft! denn gegen Zung' und Gaumen
+ Hält sich Auge schlecht als Richter.
+ Kommt, von allerreifsten Früchten
+ Mit Geschmack und Lust zu speisen!
+ über Rosen läßt sich dichten,
+ In die äpfel muß man beißen.
+ Sei's erlaubt, uns anzupaaren
+ Eurem reichen Jugendflor,
+ Und wir putzen reifer Waren
+ Fülle nachbarlich empor.
+ Unter lustigen Gewinden,
+ In geschmückter Lauben Bucht,
+ Alles ist zugleich zu finden:
+ Knospe, Blätter, Blume, Frucht.
+
+ MUTTER:
+ Mädchen, als du kamst ans Licht,
+ Schmückt' ich dich im Häubchen;
+ Warst so lieblich von Gesicht
+ Und so zart am Leibchen.
+ Dachte dich sogleich als Braut,
+ Gleich dem Reichsten angetraut,
+ Dachte dich als Weibchen.
+ Ach! Nun ist schon manches Jahr
+ Ungenützt verflogen,
+ Der Sponsierer bunte Schar
+ Schnell vorbeigezogen;
+ Tanztest mit dem einen flink,
+ Gabst dem andern feinen Wink
+ Mit dem Ellenbogen.
+ Welches Fest man auch ersann,
+ Ward umsonst begangen,
+ Pfänderspiel und dritter Mann
+ Wollten nicht verfangen;
+ Heute sind die Narren los,
+ Liebchen, öffne deinen Schoß,
+ Bleibt wohl einer hangen.
+
+ HOLZHAUER:
+ Nur Platz! nur Blöße!
+ Wir brauchen Räume,
+ Wir fällen Bäume,
+ Die krachen, schlagen;
+ Und wenn wir tragen,
+ Da gibt es Stöße.
+ Zu unserm Lobe
+ Bringt dies ins reine;
+ Denn wirkten Grobe
+ Nicht auch im Lande,
+ Wie kämen Feine
+ Für sich zustande,
+ So sehr sie witzten?
+ Des seid belehret!
+ Denn ihr erfröret,
+ Wenn wir nicht schwitzten.
+
+ PULCINELLE:
+ Ihr seid die Toren,
+ Gebückt geboren.
+ Wir sind die Klugen,
+ Die nie was trugen;
+ Denn unsre Kappen,
+ Jacken und Lappen
+ Sind leicht zu tragen;
+ Und mit Behagen
+ Wir immer müßig,
+ Pantoffelfüßig,
+ Durch Markt und Haufen
+ Einherzulaufen,
+ Gaffend zu stehen,
+ Uns anzukrähen;
+ Auf solche Klänge
+ Durch Drang und Menge
+ Aalgleich zu schlüpfen,
+ Gesamt zu hüpfen,
+ Vereint zu toben.
+ Ihr mögt uns loben,
+ Ihr mögt uns schelten,
+ Wir lassen's gelten.
+
+ PARASITEN:
+ Ihr wackern Träger
+ Und eure Schwäger,
+ Die Kohlenbrenner,
+ Sind unsre Männer.
+ Denn alles Bücken,
+ Bejahndes Nicken,
+ Gewundne Phrasen,
+ Das Doppelblasen,
+ Das wärmt und kühlet,
+ Wie's einer fühlet,
+ Was könnt' es frommen?
+ Es möchte Feuer
+ Selbst ungeheuer
+ Vom Himmel kommen,
+ Gäb' es nicht Scheite
+ Und Kohlentrachten,
+ Die Herdesbreite
+ Zur Glut entfachten.
+ Da brät's und prudelt's,
+ Da kocht's und strudelt's.
+ Der wahre Schmecker,
+ Der Tellerlecker,
+ Er riecht den Braten,
+ Er ahnet Fische;
+ Das regt zu Taten
+ An Gönners Tische.
+
+ TRUNKNER:
+ Sei mir heute nichts zuwider!
+ Fühle mich so frank und frei;
+ Frische Lust und heitre Lieder,
+ Holt' ich selbst sie doch herbei.
+ Und so trink' ich! Trinke, trinke!
+ Stoßet an, ihr! Tinke, Tinke!
+ Du dorthinten, komm heran!
+ Stoßet an, so ist's getan.
+ Schrie mein Weibchen doch entrüstet,
+ Rümpfte diesem bunten Rock,
+ Und, wie sehr ich mich gebrüstet,
+ Schalt mich einen Maskenstock.
+ Doch ich trinke! Trinke, trinke!
+ Angeklungen! Tinke, Tinke!
+ Maskenstöcke, stoßet an!
+ Wenn es klingt, so ist's getan.
+ Saget nicht, daß ich verirrt bin,
+ Bin ich doch, wo mir's behagt.
+ Borgt der Wirt nicht, borgt die Wirtin,
+ Und am Ende borgt die Magd.
+ Immer trink' ich! Trinke, trinke!
+ Auf, ihr andern! Tinke, Tinke!
+ Jeder jedem! so fortan!
+ Dünkt mich's doch, es sei getan.
+ Wie und wo ich mich vergnüge,
+ Mag es immerhin geschehn;
+ Laß mich liegen, wo ich liege,
+ Denn ich mag nicht länger stehn.
+
+ CHOR:
+ Jeder Bruder trinke, trinke!
+ Toastet frisch ein Tinke, Tinke!
+ Sitzet fest auf Bank und Span!
+ Unterm Tisch dem ist's getan.
+
+ SATIRIKER:
+ Wißt ihr, was mich Poeten
+ Erst recht erfreuen sollte?
+ Dürft' ich singen und reden,
+ Was niemand hören wollte.
+
+ AGLAIA:
+ Anmut bringen wir ins Leben;
+ Leget Anmut in das Geben.
+
+ HEGEMONE:
+ Leget Anmut ins Empfangen,
+ Lieblich ist's, den Wunsch erlangen.
+
+ EUPHRASYNE:
+ Und in stiller Tage Schranken
+ Höchst anmutig sei das Danken.
+
+ ATROPOS:
+ Mich, die älteste, zum Spinnen
+ Hat man diesmal eingeladen;
+ Viel zu denken, viel zu sinnen
+ Gibt's beim zarten Lebensfaden.
+ Daß er euch gelenk und weich sei,
+ Wußt' ich feinsten Flachs zu sichten;
+ Daß er glatt und schlank und gleich sei,
+ Wird der kluge Finger schlichten.
+ Wolltet ihr bei Lust und Tänzen
+ Allzu üppig euch erweisen,
+ Denkt an dieses Fadens Grenzen,
+ Hütet euch! Er möchte reißen.
+
+ KLOTHO:
+ Wißt, in diesen letzten Tagen
+ Ward die Schere mir vertraut;
+ Denn man war von dem Betragen
+ Unsrer Alten nicht erbaut.
+ Zerrt unnützeste Gespinste
+ Lange sie an Licht und Luft,
+ Hoffnung herrlichster Gewinste
+ Schleppt sie schneidend zu der Gruft.
+ Doch auch ich im Jugendwalten
+ Irrte mich schon hundertmal;
+ Heute mich im Zaum zu halten,
+ Schere steckt im Futteral.
+ Und so bin ich gern gebunden,
+ Blicke freundlich diesem Ort;
+ Ihr in diesen freien Stunden
+ Schwärmt nur immer fort und fort.
+
+ LACHESIS:
+ Mir, die ich allein verständig,
+ Blieb das Ordnen zugeteilt;
+ Meine Weife, stets lebendig,
+ Hat noch nie sich übereilt.
+ Fäden kommen, Fäden weifen,
+ Jeden lenk' ich seine Bahn,
+ Keinen lass' ich überschweifen,
+ Füg' er sich im Kreis heran.
+ Könnt' ich einmal mich vergessen,
+ Wär' es um die Welt mir bang;
+ Stunden zählen, Jahre messen,
+ Und der Weber nimmt den Strang.
+
+ HEROLD:
+ Die jetzo kommen, werdet ihr nicht kennen,
+ Wärt ihr noch so gelehrt in alten Schriften;
+ Sie anzusehn, die so viel übel stiften,
+ Ihr würdet sie willkommne Gäste nennen.
+ Die Furien sind es, niemand wird uns glauben,
+ Hübsch, wohlgestaltet, freundlich, jung von Jahren;
+ Laßt euch mit ihnen ein, ihr sollt erfahren,
+ Wie schlangenhaft verletzen solche Tauben.
+ Zwar sind sie tückisch, doch am heutigen Tage,
+ Wo jeder Narr sich rühmet seiner Mängel,
+ Auch sie verlangen nicht den Ruhm als Engel,
+ Bekennen sich als Stadt- und Landesplage.
+
+ ALEKTO:
+ Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen,
+ Denn wir sind hübsch und jung und Schmeichelkätzchen;
+ Hat einer unter euch ein Liebeschätzchen,
+ Wir werden ihm so lang die Ohren krauen,
+ Bis wir ihm sagen dürfen, Aug' in Auge:
+ Daß sie zugleich auch dem und jenem winke,
+ Im Kopfe dumm, im Rücken krumm, und hinke
+ Und, wenn sie seine Braut ist, gar nichts tauge.
+ So wissen wir die Braut auch zu bedrängen:
+ Es hat sogar der Freund, vor wenig Wochen,
+ Verächtliches von ihr zu der gesprochen!--
+ Versöhnt man sich, so bleibt doch etwas hängen.
+
+ MEGÄRA:
+ Das ist nur Spaß! denn, sind sie erst verbunden,
+ Ich nehm' es auf und weiß; in allen Fällen,
+ Das schönste Glück durch Grille zu vergällen;
+ Der Mensch ist ungleich, ungleich sind die Stunden.
+ Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,
+ Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte,
+ Vom höchsten Glück, woran er sich gewöhnte;
+ Die Sonne flieht er, will den Frost erwarmen.
+ Mit diesem allen weiß ich zu gebaren
+ Und führe her Asmodi, den Getreuen,
+ Zu rechter Zeit Unseliges auszustreuen,
+ Verderbe so das Menschenvolk in Paaren.
+
+ TISIPHONE:
+ Gift und Dolch statt böser Zungen
+ Misch' ich, schärf' ich dem Verräter;
+ Liebst du andre, früher, später
+ Hat Verderben dich durchdrungen.
+ Muß der Augenblicke Süßtes
+ Sich zu Gischt und Galle wandeln!
+ Hier kein Markten, hier kein Handeln--
+ Wie er es beging', er büßt es.
+ Singe keiner vom Vergeben!
+ Felsen klag' ich meine Sache,
+ Echo! horch! erwidert: Rache!
+ Und wer wechselt, soll nicht leben.
+
+ HEROLD:
+ Belieb' es euch, zur Seite wegzuweichen,
+ Denn was jetzt kommt, ist nicht von euresgleichen.
+ Ihr seht, wie sich ein Berg herangedrängt,
+ Mit bunten Teppichen die Weichen stolz behängt,
+ Ein Haupt mit langen Zähnen, Schlangenrüssel,
+ Geheimnisvoll, doch zeig' ich euch den Schlüssel.
+ Im Nacken sitzt ihm zierlich-zarte Frau,
+ Mit feinem Stäbchen lenkt sie ihn genau;
+ Die andre, droben stehend herrlich-hehr,
+ Umgibt ein Glanz, der blendet mich zu sehr.
+ Zur Seite gehn gekettet edle Frauen,
+ Die eine bang, die andre froh zu schauen;
+ Die eine wünscht, die andre fühlt sich frei.
+ Verkünde jede, wer sie sei.
+
+ FURCHT:
+ Dunstige Fackeln, Lampen, Lichter
+ Dämmern durchs verworrne Fest;
+ Zwischen diese Truggesichter
+ Bannt mich, ach! die Kette fest.
+ Fort, ihr lächerlichen Lacher!
+ Euer Grinsen gibt Verdacht;
+ Alle meine Widersacher
+ Drängen mich in dieser Nacht.
+ Hier! ein Freund ist Feind geworden,
+ Seine Maske kenn' ich schon;
+ Jener wollte mich ermorden,
+ Nun entdeckt schleicht er davon.
+ Ach wie gern in jeder Richtung
+ Flöh' ich zu der Welt hinaus;
+ Doch von drüben droht Vernichtung,
+ Hält mich zwischen Dunst und Graus.
+
+ HOFFNUNG:
+ Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern!
+ Habt ihr euch schon heut' und gestern
+ In Vermummungen gefallen,
+ Weiß ich doch gewiß von allen:
+ Morgen wollt ihr euch enthüllen.
+ Und wenn wir bei Fackelscheine
+ Uns nicht sonderlich behagen,
+ Werden wir in heitern Tagen
+ Ganz nach unserm eignen Willen
+ Bald gesellig, bald alleine
+ Frei durch schöne Fluren wandeln,
+ Nach Belieben ruhn und handeln
+ Und in sorgenfreiem Leben
+ Nie entbehren, stets erstreben;
+ überall willkommne Gäste,
+ Treten wir getrost hinein:
+ Sicherlich, es muß das Beste
+ Irgendwo zu finden sein.
+
+ KLUGHEIT:
+ Zwei der größten Menschenfeinde,
+ Furcht und Hoffnung, angekettet,
+ Halt' ich ab von der Gemeinde;
+ Platz gemacht! ihr seid gerettet.
+ Den lebendigen Kolossen
+ Führ' ich, seht ihr, turmbeladen,
+ Und er wandelt unverdrossen
+ Schritt vor Schritt auf steilen Pfaden.
+ Droben aber auf der Zinne
+ Jene Göttin, mit behenden
+ Breiten Flügeln, zum Gewinne
+ Allerseits sich hinzuwenden.
+ Rings umgibt sie Glanz und Glorie,
+ Leuchtend fern nach allen Seiten;
+ Und sie nennet sich Viktorie,
+ Göttin aller Tätigkeiten.
+
+ ZOILO-THERSITES:
+ Hu! Hu! da komm' ich eben recht,
+ Ich schelt' euch allzusammen schlecht!
+ Doch was ich mir zum Ziel ersah,
+ Ist oben Frau Viktoria.
+ Mit ihrem weißen Flügelpaar
+ Sie dünkt sich wohl, sie sei ein Aar,
+ Und wo sie sich nur hingewandt,
+ Gehör' ihr alles Volk und Land;
+ Doch, wo was Rühmliches gelingt,
+ Es mich sogleich in Harnisch bringt.
+ Das Tiefe hoch, das Hohe tief,
+ Das Schiefe grad, das Grade schief,
+ Das ganz allein macht mich gesund,
+ So will ich's auf dem Erdenrund.
+
+ HEROLD:
+ So treffe dich, du Lumpenhund,
+ Des frommen Stabes Meisterstreich!
+ Da krümm und winde dich sogleich!--
+ Wie sich die Doppelzwerggestalt
+ So schnell zum eklen Klumpen ballt!--
+ --Doch Wunder!--Klumpen wird zum Ei,
+ Das bläht sich auf und platzt entzwei.
+ Nun fällt ein Zwillingspaar heraus,
+ Die Otter und die Fledermaus;
+ Die eine fort im Staube kriecht,
+ Die andre schwarz zur Decke fliegt.
+ Sie eilen draußen zum Verein;
+ Da möcht' ich nicht der dritte sein.
+
+ GEMURMEL:
+ Frisch! dahinten tanzt man schon--
+ Nein! Ich wollt', ich wär' davon--
+ Fühlst du, wie uns das umflicht,
+ Das gespenstische Gezücht?--
+ Saust es mir doch übers Haar--
+ Ward ich's doch am Fuß gewahr--
+ Keiner ist von uns verletzt--
+ Alle doch in Furcht gesetzt--
+ Ganz verdorben ist der Spaß--
+ Und die Bestien wollten das.
+
+ HEROLD:
+ Seit mir sind bei Maskeraden
+ Heroldspflichten aufgeladen,
+ Wach' ich ernstlich an der Pforte,
+ Daß euch hier am lustigen Orte
+ Nichts Verderbliches erschleiche,
+ Weder wanke, weder weiche.
+ Doch ich fürchte, durch die Fenster
+ Ziehen luftige Gespenster,
+ Und von Spuk und Zaubereien
+ Wüßt' ich euch nicht zu befreien.
+ Machte sich der Zwerg verdächtig,
+ Nun! dort hinten strömt es mächtig.
+ Die Bedeutung der Gestalten
+ Möcht' ich amtsgemäß entfalten.
+ Aber was nicht zu begreifen,
+ Wüßt' ich auch nicht zu erklären;
+ Helfet alle mich belehren!--
+ Seht ihr's durch die Menge schweifen?
+ Vierbespannt ein prächtiger Wagen
+ Wird durch alles durchgetragen;
+ Doch er teilet nicht die Menge,
+ Nirgend seh' ich ein Gedränge.
+ Farbig glitzert's in der Ferne,
+ Irrend leuchten bunte Sterne
+ Wie von magischer Laterne,
+ Schnaubt heran mit Sturmgewalt.
+ Platz gemacht! Mich schaudert's! +
+
+ KNABE WAGENLENKER:
+ Halt!
+ Rosse, hemmet eure Flügel,
+ Fühlet den gewohnten Zügel,
+ Meistert euch, wie ich euch meistre,
+ Rauschet hin, wenn ich begeistre--
+ Diese Räume laßt uns ehren!
+ Schaut umher, wie sie sich mehren,
+ Die Bewundrer, Kreis um Kreise.
+ Herold auf! nach deiner Weise,
+ Ehe wir von euch entfliehen,
+ Uns zu schildern, uns zu nennen;
+ Denn wir sind Allegorien,
+ Und so solltest du uns kennen.
+
+ HEROLD:
+ Wüßte nicht, dich zu benennen;
+ Eher könnt' ich dich beschreiben.
+
+ KNABE LENKER:
+ So probier's! +
+
+ HEROLD:
+ Man muß gestehn:
+ Erstlich bist du jung und schön.
+ Halbwüchsiger Knabe bist du; doch die Frauen,
+ Sie möchten dich ganz ausgewachsen schauen.
+ Du scheinest mir ein künftiger Sponsierer,
+ Recht so von Haus aus ein Verführer.
+
+ KNABE LENKER:
+ Das läßt sich hören! fahre fort,
+ Erfinde dir des Rätsels heitres Wort.
+
+ HEROLD:
+ Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken,
+ Erheitert von juwelnem Band!
+ Und welch ein zierliches Gewand
+ Fließt dir von Schultern zu den Socken,
+ Mit Purpursaum und Glitzertand!
+ Man könnte dich ein Mädchen schelten;
+ Doch würdest du, zu Wohl und Weh,
+ Auch jetzo schon bei Mädchen gelten,
+ Sie lehrten dich das ABC.
+
+ KNABE LENKER:
+ Und dieser, der als Prachtgebilde
+ Hier auf dem Wagenthrone prangt?
+
+ HEROLD:
+ Er scheint ein König reich und milde,
+ Wohl dem, der seine Gunst erlangt!
+ Er hat nichts weiter zu erstreben,
+ Wo's irgend fehlte, späht sein Blick,
+ Und seine reine Lust zu geben
+ Ist größer als Besitz und Glück.
+
+ KNABE LENKER:
+ Hiebei darfst du nicht stehen bleiben,
+ Du mußt ihn recht genau beschreiben.
+
+ HEROLD:
+ Das Würdige beschreibt sich nicht.
+ Doch das gesunde Mondgesicht,
+ Ein voller Mund, erblühte Wangen,
+ Die unterm Schmuck des Turbans prangen;
+ Im Faltenkleid ein reich Behagen!
+ Was soll ich von dem Anstand sagen?
+ Als Herrscher scheint er mir bekannt.
+
+ KNABE LENKER:
+ Plutus, des Reichtums Gott genannt!
+ Derselbe kommt in Prunk daher,
+ Der hohe Kaiser wünscht ihn sehr.
+
+ HEROLD:
+ Sag von dir selber auch das Was und Wie!
+
+ KNABE LENKER:
+ Bin die Verschwendung, bin die Poesie;
+ Bin der Poet, der sich vollendet,
+ Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.
+ Auch ich bin unermeßlich reich
+ Und schätze mich dem Plutus gleich,
+ Beleb' und schmück' ihm Tanz und Schmaus,
+ Das, was ihm fehlt, das teil' ich aus.
+
+ HEROLD:
+ Das Prahlen steht dir gar zu schön,
+ Doch laß uns deine Künste sehn.
+
+ KNABE LENKER:
+ Hier seht mich nur ein Schnippchen schlagen,
+ Schon glänzt's und glitzert's um den Wagen.
+ Da springt eine Perlenschnur hervor!
+ Nehmt goldne Spange für Hals und Ohr;
+ Auch Kamm und Krönchen ohne Fehl,
+ In Ringen köstlichstes Juwel;
+ Auch Flämmchen spend' ich dann und wann,
+ Erwartend, wo es zünden kann.
+
+ HEROLD:
+ Wie greift und hascht die liebe Menge!
+ Fast kommt der Geber ins Gedränge.
+ Kleinode schnippt er wie ein Traum,
+ Und alles hascht im weiten Raum.
+ Doch da erleb' ich neue Pfiffe:
+ Was einer noch so emsig griffe,
+ Des hat er wirklich schlechten Lohn,
+ Die Gabe flattert ihm davon.
+ Es löst sich auf das Perlenband,
+ Ihm krabbeln Käfer in der Hand,
+ Er wirft sie weg, der arme Tropf,
+ Und sie umsummen ihm den Kopf.
+ Die andern statt solider Dinge
+ Erhaschen frevle Schmetterlinge.
+ Wie doch der Schelm so viel verheißt
+ Und nur verleiht, was golden gleißt!
+
+ KNABE LENKER:
+ Zwar Masken, merk' ich, weißt du zu verkünden,
+ Allein der Schale Wesen zu ergründen,
+ Sind Herolds Hofgeschäfte nicht;
+ Das fordert schärferes Gesicht.
+ Doch hüt' ich mich vor jeder Fehde;
+ An dich, Gebieter, wend' ich Frag' und Rede.
+ Hast du mir nicht die Windesbraut
+ Des Viergespannes anvertraut?
+ Lenk' ich nicht glücklich, wie du leitest?
+ Bin ich nicht da, wohin du deutest?
+ Und wußt' ich nicht auf kühnen Schwingen
+ Für dich die Palme zu erringen?
+ Wie oft ich auch für dich gefochten,
+ Mir ist es jederzeit geglückt:
+ Wenn Lorbeer deine Stirne schmückt,
+ Hab' ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten?
+
+ PLUTUS:
+ Wenn's nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste,
+ So sag' ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.
+ Du handelst stets nach meinem Sinn,
+ Bist reicher, als ich selber bin.
+ Ich schätze, deinen Dienst zu lohnen,
+ Den grünen Zweig vor allen meinen Kronen.
+ Ein wahres Wort verkünd' ich allen:
+ Mein lieber Sohn, an dir hab' ich Gefallen.
+
+ KNABE LENKER:
+ Die größten Gaben meiner Hand,
+ Seht! hab' ich rings umher gesandt.
+ Auf dem und jenem Kopfe glüht
+ Ein Flämmchen, das ich angesprüht;
+ Von einem zu dem andern hüpft's,
+ An diesem hält sich's, dem entschlüpft's,
+ Gar selten aber flammt's empor,
+ Und leuchtet rasch in kurzem Flor;
+ Doch vielen, eh' man's noch erkannt,
+ Verlischt es, traurig ausgebrannt.
+
+ WEIBERGEKLATSCH:
+ Da droben auf dem Viergespann
+ Das ist gewiß ein Scharlatan;
+ Gekauzt da hintendrauf Hanswurst,
+ Doch abgezehrt von Hunger und Durst,
+ Wie man ihn niemals noch erblickt;
+ Er fühlt wohl nicht, wenn man ihn zwickt.
+
+ DER ABGEMAGERTE:
+ Vom Leibe mir, ekles Weibsgeschlecht!
+ Ich weiß, dir komm' ich niemals recht.--
+ Wie noch die Frau den Herd versah,
+ Da hieß ich Avaritia;
+ Da stand es gut um unser Haus:
+ Nur viel herein und nichts hinaus!
+ Ich eiferte für Kist' und Schrein;
+ Das sollte wohl gar ein Laster sein.
+ Doch als in allerneusten Jahren
+ Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen,
+ Und, wie ein jeder böser Zahler,
+ Weit mehr Begierden hat als Taler,
+ Da bleibt dem Manne viel zu dulden,
+ Wo er nur hinsieht, da sind Schulden.
+ Sie wendet's, kann sie was erspulen,
+ An ihren Leib, an ihren Buhlen;
+ Auch speist sie besser, trinkt noch mehr
+ Mit der Sponsierer leidigem Heer;
+ Das steigert mir des Goldes Reiz:
+ Bin männlichen Geschlechts, der Geiz!
+
+ HAUPTWEIB:
+ Mit Drachen mag der Drache geizen;
+ Ist's doch am Ende Lug und Trug!
+ Er kommt, die Männer aufzureizen,
+ Sie sind schon unbequem genug.
+
+ WEIBER IN MASSE:
+ Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe!
+ Was will das Marterholz uns dräun?
+ Wir sollen seine Fratze scheun!
+ Die Drachen sind von Holz und Pappe,
+ Frisch an und dringt auf ihn hinein!
+
+ HEROLD:
+ Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!--
+ Doch braucht es meiner Hülfe kaum;
+ Seht, wie die grimmen Ungestalten,
+ Bewegt im rasch gewonnenen Raum,
+ Das Doppel-Flügelpaar entfalten.
+ Entrüstet schütteln sich der Drachen
+ Umschuppte, feuerspeiende Rachen;
+ Die Menge flieht, rein ist der Platz.
+
+ HEROLD:
+ Er tritt herab, wie königlich!
+ Er winkt, die Drachen rühren sich,
+ Die Kiste haben sie vom Wagen
+ Mit Gold und Geiz herangetragen,
+ Sie steht zu seinen Füßen da:
+ Ein Wunder ist es, wie's geschah.
+
+ PLUTUS:
+ Nun bist du los der allzulästigen Schwere,
+ Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphäre!
+ Hier ist sie nicht! Verworren, scheckig, wild
+ Umdrängt uns hier ein fratzenhaft Gebild.
+ Nur wo du klar ins holde Klare schaust,
+ Dir angehörst und dir allein vertraust,
+ Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,
+ Zur Einsamkeit!--Da schaffe deine Welt.
+
+ KNABE LENKER:
+ So acht' ich mich als werten Abgesandten,
+ So lieb' ich dich als nächsten Anverwandten.
+ Wo du verweilst, ist Fülle; wo ich bin,
+ Fühlt jeder sich im herrlichsten Gewinn.
+ Auch schwankt er oft im widersinnigen Leben:
+ Soll er sich dir? soll er sich mir ergeben?
+ Die Deinen freilich können müßig ruhn,
+ Doch wer mir folgt, hat immer was zu tun.
+ Nicht insgeheim vollführ' ich meine Taten,
+ Ich atme nur, und schon bin ich verraten.
+ So lebe wohl! Du gönnst mir ja mein Glück;
+ Doch lisple leis', und gleich bin ich zurück.
+
+ PLUTUS:
+ Nun ist es Zeit, die Schätze zu entfesseln!
+ Die Schlösser treff' ich mit des Herolds Rute.
+ Es tut sich auf! schaut her! in ehrnen Kesseln
+ Entwickelt sich's und wallt von goldnem Blute,
+ Zunächst der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen;
+ Es schwillt und droht, ihn schmelzend zu verschlingen.
+
+ WECHSELGESCHREI DER MENGE:
+ Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt,
+ Die Kiste bis zum Rande füllt.--
+ Gefäße, goldne, schmelzen sich,
+ Gemünzte Rollen wälzen sich.--
+ Dukaten hüpfen wie geprägt,
+ O wie mir das den Busen regt--
+ Wie schau' ich alle mein Begehr!
+ Da kollern sie am Boden her.--
+ Man bietet's euch, benutzt's nur gleich
+ Und bückt euch nur und werdet reich.--
+ Wir andern, rüstig wie der Blitz,
+ Wir nehmen den Koffer in Besitz.
+
+ HEROLD:
+ Was soll's, ihr Toren? soll mir das?
+ Es ist ja nur ein Maskenspaß.
+ Heut abend wird nicht mehr begehrt;
+ Glaubt ihr, man geb' euch Gold und Wert?
+ Sind doch für euch in diesem Spiel
+ Selbst Rechenpfennige zuviel.
+ Ihr Täppischen! ein artiger Schein
+ Soll gleich die plumpe Wahrheit sein.
+ Was soll euch Wahrheit?--Dumpfen Wahn
+ Packt ihr an allen Zipfeln an.--
+ Vermummter Plutus, Maskenheld,
+ Schlag dieses Volk mir aus dem Feld.
+
+ PLUTUS:
+ Dein Stab ist wohl dazu bereit,
+ Verleih ihn mir auf kurze Zeit.--
+ Ich tauch' ihn rasch in Sud und Glut.--
+ Nun, Masken, seid auf eurer Hut!
+ Wie's blitzt und platzt, in Funken sprüht!
+ Der Stab, schon ist er angeglüht.
+ Wer sich zu nah herangedrängt,
+ Ist unbarmherzig gleich versengt.--
+ Jetzt fang' ich meinen Umgang an.
+
+ GESCHREI UND GEDRÄNG:
+ O weh! Es ist um uns getan.--
+ Entfliehe, wer entfliehen kann!--
+ Zurück, zurück, du Hintermann!--
+ Mir sprüht er heiß ins Angesicht.--
+ Mich drückt des glühenden Stabs Gewicht--
+ Verloren sind wir all' und all'.--
+ Zurück, zurück, du Maskenschwall!
+ Zurück, zurück, unsinniger Hauf'!--
+ O hätt' ich Flügel, flög' ich auf.--
+
+ PLUTUS:
+ Schon ist der Kreis zurückgedrängt,
+ Und niemand, glaub' ich, ist versengt.
+ Die Menge weicht,
+ Sie ist verscheucht.--
+ Doch solcher Ordnung Unterpfand
+ Zieh' ich ein unsichtbares Band.
+
+ HEROLD:
+ Du hast ein herrlich Werk vollbracht,
+ Wie dank' ich deiner klugen Macht!
+
+ PLUTUS:
+ Noch braucht es, edler Freund, Geduld:
+ Es droht noch mancherlei Tumult.
+
+ GEIZ:
+ So kann man doch, wenn es beliebt,
+ Vergnüglich diesen Kreis beschauen;
+ Denn immerfort sind vornenan die Frauen,
+ Wo's was zu gaffen, was zu naschen gibt.
+ Noch bin ich nicht so völlig eingerostet!
+ Ein schönes Weib ist immer schön;
+ Und heute, weil es mich nichts kostet,
+ So wollen wir getrost sponsieren gehn.
+ Doch weil am überfüllten Orte
+ Nicht jedem Ohr vernehmlich alle Worte,
+ Versuch' ich klug und hoff', es soll mir glücken,
+ Mich pantomimisch deutlich auszudrücken.
+ Hand, Fuß, Gebärde reicht mir da nicht hin,
+ Da muß ich mich um einen Schwank bemühn.
+ Wie feuchten Ton will ich das Gold behandeln,
+ Denn dies Metall läßt sich in alles wandeln.
+
+ HEROLD:
+ Was fängt der an, der magre Tor!
+ Hat so ein Hungermann Humor?
+ Er knetet alles Gold zu Teig,
+ Ihm wird es untern Händen weich;
+ Wie er es drückt und wie es ballt,
+ Bleibt's immer doch nur ungestalt.
+ Er wendet sich zu den Weibern dort,
+ Sie schreien alle, möchten fort,
+ Gebärden sich gar widerwärtig;
+ Der Schalk erweist sich übelfertig.
+ Ich fürchte, daß er sich ergetzt,
+ Wenn er die Sittlichkeit verletzt.
+ Dazu darf ich nicht schweigsam bleiben,
+ Gib meinen Stab, ihn zu vertreiben.
+
+ PLUTUS:
+ Er ahnet nicht, was uns von außen droht;
+ Laß ihn die Narrenteidung treiben!
+ Ihm wird kein Raum für seine Possen bleiben;
+ Gesetz ist mächtig, mächtiger ist die Not.
+
+ GETÜMMEL UND GESANG:
+ Das wilde Heer, es kommt zumal
+ Von Bergeshöh' und Waldestal,
+ Unwiderstehlich schreitet's an:
+ Sie feiren ihren großen Pan.
+ Sie wissen doch, was keiner weiß,
+ Und drängen in den leeren Kreis.
+
+ PLUTUS:
+ Ich kenn' euch wohl und euren großen Pan!
+ Zusammen habt ihr kühnen Schritt getan.
+ Ich weiß recht gut, was nicht ein jeder weiß,
+ Und öffne schuldig diesen engen Kreis.
+ Mag sie ein gut Geschick begleiten!
+ Das Wunderlichste kann geschehn;
+ Sie wissen nicht, wohin sie schreiten,
+ Sie haben sich nicht vorgesehn.
+
+ WILDGESANG:
+ Geputztes Volk du, Flitterschau!
+ Sie kommen roh, sie kommen rauh,
+ In hohem Sprung, in raschem Lauf,
+ Sie treten derb und tüchtig auf.
+
+ FAUNEN:
+ Die Faunenschar
+ Im lustigen Tanz,
+ Den Eichenkranz
+ Im krausen Haar,
+ Ein feines zugespitztes Ohr
+ Dringt an dem Lockenkopf hervor,
+ Ein stumpfes Näschen, ein breit Gesicht,
+ Das schadet alles bei Frauen nicht:
+ Dem Faun, wenn er die Patsche reicht,
+ Versagt die Schönste den Tanz nicht leicht.
+
+ SATYR:
+ Der Satyr hüpft nun hinterdrein
+ Mit Ziegenfuß und dürrem Bein,
+ Ihm sollen sie mager und sehnig sein,
+ Und gemsenartig auf Bergeshöhn
+ Belustigt er sich, umherzusehn.
+ In Freiheitsluft erquickt alsdann,
+ Verhöhnt er Kind und Weib und Mann,
+ Die tief in Tales Dampf und Rauch
+ Behaglich meinen, sie lebten auch,
+ Da ihm doch rein und ungestört
+ Die Welt dort oben allein gehört.
+
+ GNOMEN:
+ Da trippelt ein die kleine Schar,
+ Sie hält nicht gern sich Paar und Paar;
+ Im moosigen Kleid mit Lämplein hell
+ Bewegt sich's durcheinander schnell,
+ Wo jedes für sich selber schafft,
+ Wie Leucht-Ameisen wimmelhaft;
+ Und wuselt emsig hin und her,
+ Beschäftigt in die Kreuz und Quer.
+ Den frommen Gütchen nah verwandt,
+ Als Felschirurgen wohlbekannt;
+ Die hohen Berge schröpfen wir,
+ Aus vollen Adern schöpfen wir;
+ Metalle stürzen wir zuhauf,
+ Mit Gruß getrost: Glück auf! Glück auf!
+ Das ist von Grund aus wohlgemeint:
+ Wir sind der guten Menschen Freund.
+ Doch bringen wir das Gold zu Tag,
+ Damit man stehlen und kuppeln mag,
+ Nicht Eisen fehle dem stolzen Mann,
+ Der allgemeinen Mord ersann.
+ Und wer die drei Gebot' veracht't,
+ Sich auch nichts aus den andern macht.
+ Das alles ist nicht unsre Schuld;
+ Drum habt so fort, wie wir, Geduld.
+
+ RIESEN:
+ Die wilden Männer sind s' genannt,
+ Am Harzgebirge wohlbekannt;
+ Natürlich nackt in aller Kraft,
+ Sie kommen sämtlich riesenhaft.
+ Den Fichtenstamm in rechter Hand
+ Und um den Leib ein wulstig Band,
+ Den derbsten Schurz von Zweig und Blatt,
+ Leibwacht, wie der Papst nicht hat.
+
+ NYMPHEN IM CHOR:
+ Auch kommt er an!--
+ Das All der Welt
+ Wird vorgestellt
+ Im großen Pan.
+ Ihr Heitersten, umgebet ihn,
+ Im Gaukeltanz umschwebet ihn:
+ Denn weil er ernst und gut dabei,
+ So will er, daß man fröhlich sei.
+ Auch unterm blauen Wölbedach
+ Verhielt' er sich beständig wach;
+ Doch rieseln ihm die Bäche zu,
+ Und Lüftlein wiegen ihn mild in Ruh.
+ Und wenn er zu Mittage schläft,
+ Sich nicht das Blatt am Zweige regt;
+ Gesunder Pflanzen Balsamduft
+ Erfüllt die schweigsam stille Luft;
+ Die Nymphe darf nicht munter sein,
+ Und wo sie stand, da schläft sie ein.
+ Wenn unerwartet mit Gewalt
+ Dann aber seine Stimm' erschallt,
+ Wie Blitzes Knattern, Meergebraus,
+ Dann niemand weiß, wo ein noch aus,
+ Zerstreut sich tapfres Heer im Feld,
+ Und im Getümmel bebt der Held.
+ So Ehre dem, dem Ehre gebührt,
+ Und Heil ihm, der uns hergeführt!
+
+ DEPUTATION DER GNOMEN:
+ Wenn das glänzend reiche Gute
+ Fadenweis durch Klüfte streicht,
+ Nur der klugen Wünschelrute
+ Seine Labyrinthe zeigt,
+ Wölben wir in dunklen Grüften
+ Troglodytisch unser Haus,
+ Und an reinen Tageslüften
+ Teilst du Schätze gnädig aus.
+ Nun entdecken wir hieneben
+ Eine Quelle wunderbar,
+ Die bequem verspricht zu geben,
+ Was kaum zu erreichen war.
+ Dies vermagst du zu vollenden,
+ Nimm es, Herr, in deine Hut:
+ Jeder Schatz in deinen Händen
+ Kommt der ganzen Welt zugut.
+
+ PLUTUS:
+ Wir müssen uns im hohen Sinne fassen
+ Und, was geschieht, getrost geschehen lassen,
+ Du bist ja sonst des stärksten Mutes voll.
+ Nun wird sich gleich ein Greulichstes eräugnen,
+ Hartnäckig wird es Welt und Nachwelt leugnen:
+ Du schreib es treulich in dein Protokoll.
+
+ HEROLD:
+ Die Zwerge führen den großen Pan
+ Zur Feuerquelle sacht heran;
+ Sie siedet auf vom tiefsten Schlund,
+ Dann sinkt sie wieder hinab zum Grund,
+ Und finster steht der offne Mund;
+ Wallt wieder auf in Glut und Sud,
+ Der große Pan steht wohlgemut,
+ Freut sich des wundersamen Dings,
+ Und Perlenschaum sprüht rechts und links.
+ Wie mag er solchem Wesen traun?
+ Er bückt sich tief hineinzuschaun.--
+ Nun aber fällt sein Bart hinein!--
+ Wer mag das glatte Kinn wohl sein?
+ Die Hand verbirgt es unserm Blick.--
+ Nun folgt ein großes Ungeschick:
+ Der Bart entflammt und fliegt zurück,
+ Entzündet Kranz und Haupt und Brust,
+ Zu Leiden wandelt sich die Lust.--
+ Zu löschen läuft die Schar herbei,
+ Doch keiner bleibt von Flammen frei,
+ Und wie es patscht und wie es schlägt,
+ Wird neues Flammen aufgeregt;
+ Verflochten in das Element,
+ Ein ganzer Maskenklump verbrennt.
+ Was aber, hör' ich wird uns kund
+ Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund!
+ O ewig unglücksel'ge Nacht,
+ Was hast du uns für Leid gebracht!
+ Verkünden wird der nächste Tag,
+ Was niemand willig hören mag;
+ Doch hör' ich aller Orten schrein:
+ "Der Kaiser leidet solche Pein."
+ O wäre doch ein andres wahr!
+ Der Kaiser brennt und seine Schar.
+ Sie sei verflucht, die ihn verführt,
+ In harzig Reis sich eingeschnürt,
+ Zu toben her mit Brüllgesang
+ Zu allerseitigem Untergang.
+ O Jugend, Jugend, wirst du nie
+ Der Freude reines Maß bezirken?
+ O Hoheit, Hoheit, wirst du nie
+ Vernünftig wie allmächtig wirken?
+ Schon geht der Wald in Flammen auf,
+ Sie züngeln leckend spitz hinauf
+ Zum holzverschränkten Deckenband;
+ Uns droht ein allgemeiner Brand.
+ Des Jammers Maß ist übervoll,
+ Ich weiß nicht, wer uns retten soll.
+ Ein Aschenhaufen einer Nacht
+ Liegt morgen reiche Kaiserpracht.
+
+ PLUTUS:
+ Schrecken ist genug verbreitet,
+ Hilfe sei nun eingeleitet!--
+ Schlage, heil'gen Stabs Gewalt,
+ Daß der Boden bebt und schallt!
+ Du, geräumig weite Luft,
+ Fülle dich mit kühlem Duft!
+ Zieht heran, umherzuschweifen,
+ Nebeldünste, schwangre Streifen,
+ Deckt ein flammendes Gewühl!
+ Rieselt, säuselt, Wölkchen kräuselt,
+ Schlüpfet wallend, leise dämpfet,
+ Löschend überall bekämpfet,
+ Ihr, die lindernden, die feuchten,
+ Wandelt in ein Wetterleuchten
+ Solcher eitlen Flamme Spiel!--
+ Drohen Geister, uns zu schädigen,
+ Soll sich die Magie betätigen.
+
+
+
+ Lustgarten
+
+ FAUST:
+ Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel?
+
+ KAISER:
+ Ich wünsche mir dergleichen Scherze viel.--
+ Auf einmal sah ich mich in glühnder Sphäre,
+ Es schien mir fast, als ob ich Pluto wäre.
+ Aus Nacht und Kohlen lag ein Felsengrund,
+ Von Flämmchen glühend. Dem und jenem Schlund
+ Aufwirbelten viel tausend wilde Flammen
+ Und flackerten in ein Gewölb' zusammen.
+ Zum höchsten Dome züngelt' es empor,
+ Der immer ward und immer sich verlor.
+ Durch fernen Raum gewundner Feuersäulen
+ Sah ich bewegt der Völker lange Zeilen,
+ Sie drängten sich im weiten Kreis heran
+ Und huldigten, wie sie es stets getan.
+ Vom meinem Hof erkannt' ich ein und andern,
+ Ich schien ein Fürst von tausend Salamandern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das bist du, Herr! weil jedes Element
+ Die Majestät als unbedingt erkennt.
+ Gehorsam Feuer hast du nun erprobt;
+ Wirf dich ins Meer, wo es am wildsten tobt,
+ Und kaum betrittst du perlenreichen Grund,
+ So bildet wallend sich ein herrlich Rund;
+ Siehst auf und ab lichtgrüne schwanke Wellen,
+ Mit Purpursaum, zur schönsten Wohnung schwellen
+ Um dich, den Mittelpunkt. Bei jedem Schritt,
+ Wohin du gehst, gehn die Paläste mit.
+ Die Wände selbst erfreuen sich des Lebens,
+ Pfeilschnellen Wimmlens, Hin- und Widerstrebens.
+ Meerwunder drängen sich zum neuen milden Schein,
+ Sie schießen an, und keines darf herein.
+ Da spielen farbig goldbeschuppte Drachen,
+ Der Haifisch klafft, du lachst ihm in den Rachen.
+ Wie sich auch jetzt der Hof um dich entzückt,
+ Hast du doch nie ein solch Gedräng' erblickt.
+ Doch bleibst du nicht vom Lieblichsten geschieden:
+ Es nahen sich neugierige Nereiden
+ Der prächt'gen Wohnung in der ew'gen Frische,
+ Die jüngsten scheu und lüstern wie die Fische,
+ Die spätern klug. Schon wird es Thetis kund,
+ Dem zweiten Peleus reicht sie Hand und Mund.--
+ Den Sitz alsdann auf des Olymps Revier...
+
+ KAISER:
+ Die luft'gen Räume, die erlass' ich dir:
+ Noch früh genug besteigt man jenen Thron.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und, höchster Herr! die Erde hast du schon.
+
+ KAISER:
+ Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht,
+ Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht?
+ Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden,
+ Versichr' ich dich der höchsten aller Gnaden.
+ Sei stets bereit, wenn eure Tageswelt,
+ Wie's oft geschieht, mir widerlichst mißfällt.
+
+ MARSCHALK:
+ Durchlauchtigster, ich dacht' in meinem Leben
+ Vom schönsten Glück Verkündung nicht zu geben
+ Als diese, die mich hoch beglückt,
+ In deiner Gegenwart entzückt:
+ Rechnung für Rechnung ist berichtigt,
+ Die Wucherklauen sind beschwichtigt,
+ Los bin ich solcher Höllenpein;
+ Im Himmel kann's nicht heitrer sein.
+
+ HEERMEISTER:
+ Abschläglich ist der Sold entrichtet,
+ Das ganze Heer aufs neu' verpflichtet,
+ Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,
+ Und Wirt und Dirnen haben's gut.
+
+ KAISER:
+ Wie atmet eure Brust erweitert!
+ Das faltige Gesicht erheitert!
+ Wie eilig tretet ihr heran!
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Befrage diese, die das Werk getan.
+
+ FAUST:
+ Dem Kanzler ziemt's, die Sache vorzutragen.
+
+ KANZLER:
+ Beglückt genug in meinen alten Tagen.--
+ So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,
+ Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
+ "Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:
+ Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
+ Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
+ Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
+ Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
+ Sogleich gehoben, diene zum Ersatz."
+
+ KAISER:
+ Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
+ Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?
+ Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
+ Erst heute nacht. Du standst als großer Pan,
+ Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
+ "Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
+ Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen."
+ Du zogst sie rein, dann ward's in dieser Nacht
+ Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
+ Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
+ So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
+ Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.
+ Ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat.
+ Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
+ Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!
+ Obschon dein Name längst die Welt beglückt,
+ Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.
+ Das Alphabet ist nun erst überzählig,
+ In diesem Zeichen wird nun jeder selig.
+
+ KAISER:
+ Und meinen Leuten gilt's für gutes Gold?
+ Dem Heer, dem Hofe gnügt's zu vollem Sold?
+ So sehr mich's wundert, muß ich's gelten lassen.
+
+ MARSCHALK:
+ Unmöglich wär's, die Flüchtigen einzufassen;
+ Mit Blitzeswink zerstreute sich's im Lauf.
+ Die Wechslerbänke stehen sperrig auf:
+ Man honoriert daselbst ein jedes Blatt
+ Durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt.
+ Nun geht's von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;
+ Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
+ Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.
+ Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.
+ Bei "Hoch dem Kaiser!" sprudelt's in den Kellern,
+ Dort kocht's und brät's und klappert mit den Tellern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer die Terrassen einsam abspaziert,
+ Gewahrt die Schönste, herrlich aufgeziert,
+ Ein Aug' verdeckt vom stolzen Pfauenwedel,
+ Sie schmunzelt uns und blickt nach solcher Schedel;
+ Und hurt'ger als durch Witz und Redekunst
+ Vermittelt sich die reichste Liebesgunst.
+ Man wird sich nicht mit Börs' und Beutel plagen,
+ Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen,
+ Mit Liebesbrieflein paart's bequem sich hier.
+ Der Priester trägt's andächtig im Brevier,
+ Und der Soldat, um rascher sich zu wenden,
+ Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden.
+ Die Majestät verzeihe, wenn ins Kleine
+ Das hohe Werk ich zu erniedern scheine.
+
+ FAUST:
+ Das übermaß der Schätze, das, erstarrt,
+ In deinen Landen tief im Boden harrt,
+ Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
+ Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
+ Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
+ Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
+ Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
+ Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
+ Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
+ Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
+ Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen.
+ Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
+ Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
+ Pokal und Kette wird verauktioniert,
+ Und das Papier, sogleich amortisiert,
+ Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
+ Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
+ So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
+ An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.
+
+ KAISER:
+ Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
+ Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
+ Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
+ Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.
+ Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
+ Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.
+ Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
+ Erfüllt mit Lust die Würden eures Platzes,
+ Wo mit der obern sich die Unterwelt,
+ In Einigkeit beglückt, zusammenstellt.
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen,
+ Ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.
+
+ KAISER:
+ Beschenk' ich nun bei Hofe Mann für Mann,
+ Gesteh' er mir, wozu er's brauchen kann.
+
+ PAGE:
+ Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge.
+
+ EIN ANDRER:
+ Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett' und Ringe.
+
+ KÄMMERER:
+ Von nun an trink' ich doppelt beßre Flasche.
+
+ EIN ANDRER:
+ Die Würfel jucken mich schon in der Tasche.
+
+ BANNERHERR:
+ Mein Schloß und Feld, ich mach' es schuldenfrei.
+
+ EIN ANDRER:
+ Es ist ein Schatz, den leg' ich Schätzen bei.
+
+ KAISER:
+ Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten;
+ Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.
+ Ich merk' es wohl: bei aller Schätze Flor,
+ Wie ihr gewesen, bleibt ihr nach wie vor.
+
+ NARR:
+ Ihr spendet Gnaden, gönnt auch mir davon!
+
+ KAISER:
+ Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.
+
+ NARR:
+ Die Zauberblätter! ich versteh's nicht recht.
+
+ KAISER:
+ Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.
+
+ NARR:
+ Da fallen andere; weiß nicht, was ich tu'.
+
+ KAISER:
+ Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.
+
+ NARR:
+ Fünftausend Kronen wären mir zu Handen!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?
+
+ NARR:
+ Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du freust dich so, daß dich's in Schweiß versetzt.
+
+ NARR:
+ Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.
+
+ NARR:
+ Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.
+
+ NARR:
+ Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Traun!
+ Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!
+
+ NARR:
+ Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz!--
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!
+
+
+
+ Finstere Galerie
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was ziehst du mich in diese düstern Gänge?
+ Ist nicht da drinnen Lust genug,
+ Im dichten, bunten Hofgedränge
+ Gelegenheit zu Spaß und Trug?
+
+ FAUST:
+ Sag mir das nicht, du hast's in alten Tagen
+ Längst an den Sohlen abgetragen;
+ Doch jetzt dein Hin- und Widergehn
+ Ist nur, um mir nicht Wort zu stehn.
+ Ich aber bin gequält zu tun:
+ Der Marschalk und der Kämmrer treibt mich nun.
+ Der Kaiser will, es muß sogleich geschehn,
+ Will Helena und Paris vor sich sehn;
+ Das Musterbild der Männer so der Frauen
+ In deutlichen Gestalten will er schauen.
+ Geschwind ans Werk! ich darf mein Wort nicht brechen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Unsinnig war's, leichtsinnig zu versprechen.
+
+ FAUST:
+ Du hast, Geselle, nicht bedacht,
+ Wohin uns deine Künste führen;
+ Erst haben wir ihn reich gemacht,
+ Nun sollen wir ihn amüsieren.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du wähnst, es füge sich sogleich;
+ Hier stehen wir vor steilern Stufen,
+ Greifst in ein fremdestes Bereich,
+ Machst frevelhaft am Ende neue Schulden,
+ Denkst Helenen so leicht hervorzurufen
+ Wie das Papiergespenst der Gulden.--
+ Mit Hexen-Fexen, mit Gespenst-Gespinsten,
+ Kielkröpfigen Zwergen steh' ich gleich zu Diensten;
+ Doch Teufels-Liebchen, wenn auch nicht zu schelten,
+ Sie können nicht für Heroinen gelten.
+
+ FAUST:
+ Da haben wir den alten Leierton!
+ Bei dir gerät man stets ins Ungewisse.
+ Der Vater bist du aller Hindernisse,
+ Für jedes Mittel willst du neuen Lohn.
+ Mit wenig Murmeln, weiß ich, ist's getan;
+ Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das Heidenvolk geht mich nichts an,
+ Es haust in seiner eignen Hölle;
+ Doch gibt's ein Mittel. +
+
+ FAUST:
+ Sprich, und ohne Säumnis!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis.
+ Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
+ Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
+ Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
+ Die Mütter sind es! +
+
+ FAUST:
+ Mütter! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Schaudert's dich?
+
+ FAUST:
+ Die Mütter! Mütter!--'s klingt so wunderlich!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
+ Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
+ Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
+ Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.
+
+ FAUST:
+ Wohin der Weg? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Kein Weg! Ins Unbetretene,
+ Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene,
+ Nicht zu Erbittende. Bist du bereit?--
+ Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben,
+ Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben.
+ Hast du Begriff von öd' und Einsamkeit?
+
+ FAUST:
+ Du spartest, dächt' ich, solche Sprüche;
+ Hier wittert's nach der Hexenküche,
+ Nach einer längst vergangnen Zeit.
+ Mußt' ich nicht mit der Welt verkehren?
+ Das Leere lernen, Leeres lehren?--
+ Sprach ich vernünftig, wie ich's angeschaut,
+ Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;
+ Mußt' ich sogar vor widerwärtigen Streichen
+ Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen
+ Und, um nicht ganz versäumt, allein zu leben,
+ Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und hättest du den Ozean durchschwommen,
+ Das Grenzenlose dort geschaut,
+ So sähst du dort doch Well' auf Welle kommen,
+ Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
+ Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
+ Gestillter Meere streichende Delphine;
+ Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne--
+ Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
+ Den Schritt nicht hören, den du tust,
+ Nichts Festes finden, wo du ruhst.
+
+ FAUST:
+ Du sprichst als erster aller Mystagogen,
+ Die treue Neophyten je betrogen;
+ Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere,
+ Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
+ Behandelst mich, daß ich, wie jene Katze,
+ Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
+ Nur immer zu! wir wollen es ergründen,
+ In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich rühme dich, eh' du dich von mir trennst,
+ Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst;
+ Hier diesen Schlüssel nimm. +
+
+ FAUST:
+ Das kleine Ding!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering.
+
+ FAUST:
+ Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, blitzt!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt?
+ Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern,
+ Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.
+
+ FAUST:
+ Den Müttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag!
+ Was ist das Wort, das ich nicht hören mag?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Bist du beschränkt, daß neues Wort dich stört?
+ Willst du nur hören, was du schon gehört?
+ Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge,
+ Schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge.
+
+ FAUST:
+ Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil,
+ Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil;
+ Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure,
+ Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
+ 's ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
+ In der Gebilde losgebundne Reiche!
+ Ergetze dich am längst nicht mehr Vorhandnen;
+ Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe,
+ Den Schlüssel schwinge, halte sie vom Leibe!
+
+ FAUST:
+ Wohl! fest ihn fassend fühl' ich neue Stärke,
+ Die Brust erweitert, hin zum großen Werke.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ein glühnder Dreifuß tut dir endlich kund,
+ Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund.
+ Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn,
+ Die einen sitzen, andre stehn und gehn,
+ Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
+ Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
+ Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
+ Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.
+ Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß,
+ Und gehe grad' auf jenen Dreifuß los,
+ Berühr ihn mit dem Schlüssel! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So ist's recht!
+ Er schließt sich an, er folgt als treuer Knecht;
+ Gelassen steigst du, dich erhebt das Glück,
+ Und eh' sie's merken, bist mit ihm zurück.
+ Und hast du ihn einmal hierher gebracht,
+ So rufst du Held und Heldin aus der Nacht,
+ Der erste, der sich jener Tat erdreistet;
+ Sie ist getan, und du hast es geleistet.
+ Dann muß fortan, nach magischem Behandeln,
+ Der Weihrauchsnebel sich in Götter wandeln.
+
+ FAUST:
+ Und nun was jetzt? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dein Wesen strebe nieder;
+ Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wenn ihm der Schlüssel nur zum besten frommt!
+ Neugierig bin ich, ob er wiederkommt.
+
+
+
+ Hell erleuchtete Säle
+
+ KÄMMERER:
+ Ihr seid uns noch die Geisterszene schuldig;
+ Macht Euch daran! der Herr ist ungeduldig.
+
+ MARSCHALK:
+ Soeben fragt der Gnädigste darnach;
+ Ihr! zaudert nicht der Majestät zur Schmach.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ist mein Kumpan doch deshalb weggegangen;
+ Er weiß schon, wie es anzufangen,
+ Und laboriert verschlossen still,
+ Muß ganz besonders sich befleißen;
+ Denn wer den Schatz, das Schöne, heben will,
+ Bedarf der höchsten Kunst, Magie der Weisen.
+
+ MARSCHALK:
+ Was ihr für Künste braucht, ist einerlei:
+ Der Kaiser will, daß alles fertig sei.
+
+ BLONDINE:
+ Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht,
+ Jedoch so ist's im leidigen Sommer nicht!
+ Da sprossen hundert bräunlich rote Flecken,
+ Die zum Verdruß die weiße Haut bedecken.
+ Ein Mittel! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Schade! so ein leuchtend Schätzchen
+ Im Mai getupft wie eure Pantherkätzchen.
+ Nehmt Froschlaich, Krötenzungen, kohobiert,
+ Im vollsten Mondlicht sorglich distilliert
+ Und, wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen,
+ Der Frühling kommt, die Tupfen sind entwichen.
+
+ BRAUNE:
+ Die Menge drängt heran, Euch zu umschranzen.
+ Ich bitt' um Mittel! Ein erfrorner Fuß
+ Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen,
+ Selbst ungeschickt beweg' ich mich zum Gruß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß.
+
+ BRAUNE:
+ Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mein Fußtritt, Kind! hat Größres zu bedeuten.
+ Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt;
+ Fuß heilet Fuß, so ist's mit allen Gliedern.
+ Heran! Gebt acht! Ihr sollt es nicht erwidern.
+
+ BRAUNE:
+ Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt, +
+ Wie Pferdehuf.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Heilung nehmt Ihr mit.
+ Du kannst nunmehr den Tanz nach Lust verüben,
+ Bei Tafel schwelgend füßle mit dem Lieben.
+
+ DAME:
+ Laßt mich hindurch! Zu groß sind meine Schmerzen,
+ Sie wühlen siedend mir im tiefsten Herzen;
+ Bis gestern sucht' Er Heil in meinen Blicken,
+ Er schwatzt mit ihr und wendet mir den Rücken.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Bedenklich ist es, aber höre mich.
+ An ihn heran mußt du dich leise drüchen;
+ Nimm diese Kohle, streich ihm einen Strich
+ Auf ärmel, Mantel, Schulter, wie sich's macht;
+ Er fühlt im Herzen holden Reuestich.
+ Die Kohle doch mußt du sogleich verschlingen,
+ Nicht Wein, nicht Wasser an die Lippen bringen;
+ Er seufzt vor deiner Tür noch heute nacht.
+
+ DAME:
+ Ist doch kein Gift? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Respekt, wo sich's gebührt!
+ Weit müßtet Ihr nach solcher Kohle laufen;
+ Sie kommt von einem Scheiterhaufen,
+ Den wir sonst emsiger angeschürt.
+
+ PAGE:
+ Ich bin verliebt, man hält mich nicht für voll.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich weiß nicht mehr, wohin ich hören soll.
+ Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen.
+ Die Angejahrten wissen Euch zu schätzen.--
+ Schon wieder Neue! Welch ein harter Strauß!
+ Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus;
+ Der schlechteste Behelf! Die Not ist groß.--
+ O Mütter, Mütter! Laßt nur Fausten los!
+ Die Lichter brennen trübe schon im Saal,
+ Der ganze Hof bewegt sich auf einmal.
+ Anständig seh' ich sie in Folge ziehn
+ Durch lange Gänge, ferne Galerien.
+ Nun! sie versammeln sich im weiten Raum
+ Des alten Rittersaals, er faßt sie kaum.
+ Auf breite Wände Teppiche spendiert,
+ Mit Rüstung Eck' und Nischen ausgeziert.
+ Hier braucht es, dächt' ich, keine Zauberworte;
+ Die Geister finden sich von selbst zum Orte.
+
+
+
+ Rittersaal
+
+ HEROLD:
+ Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden,
+ Verkümmert mir der Geister heimlich Walten;
+ Vergebens wagt man, aus verständigen Gründen
+ Sich zu erklären das verworrene Schalten.
+ Die Sessel sind, die Stühle schon zur Hand;
+ Den Kaiser setzt man grade vor die Wand;
+ Auf den Tapeten mag er da die Schlachten
+ Der großen Zeit bequemlichstens betrachten.
+ Hier sitzt nun alles, Herr und Hof im Runde,
+ Die Bänke drängen sich im Hintergrunde;
+ Auch Liebchen hat, in düstern Geisterstunden,
+ Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden.
+ Und so, da alle schicklich Platz genommen,
+ Sind wir bereit; die Geister mögen kommen!
+
+ ASTROLOG:
+ Beginne gleich das Drama seinen Lauf,
+ Der Herr befiehlt's, ihr Wände tut euch auf!
+ Nichts hindert mehr, hier ist Magie zur Hand:
+ Die Teppiche schwinden, wie gerollt vom Brand;
+ Die Mauer spaltet sich, sie kehrt sich um,
+ Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
+ Geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen,
+ Und ich besteige das Proszenium.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunst,
+ Einbläsereien sind des Teufels Redekunst.
+ Du kennst den Takt, in dem die Sterne gehn,
+ Und wirst mein Flüstern meisterlich verstehn.
+
+ ASTROLOG:
+ Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau,
+ Massiv genug, ein alter Tempelbau.
+ Dem Atlas gleich, der einst den Himmel trug,
+ Stehn reihenweis der Säulen hier genug;
+ Sie mögen wohl der Felsenlast genügen,
+ Da zweie schon ein groß Gebäude trügen.
+
+ ARCHITEKT:
+ Das wär' antik! Ich wüßt' es nicht zu preisen,
+ Es sollte plump und überlästig heißen.
+ Roh nennt man edel, unbehülflich groß.
+ Schmalpfeiler lieb' ich, strebend, grenzenlos;
+ Spitzbögiger Zenit erhebt den Geist;
+ Solch ein Gebäu erbaut uns allermeist.
+
+ ASTROLOG:
+ Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden;
+ Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden;
+ Dagegen weit heran bewege frei
+ Sich herrliche verwegne Phantasei.
+ Mit Augen schaut nun, was ihr kühn begehrt,
+ Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.
+
+ ASTROLOG:
+ Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann,
+ Der nun vollbringt, was er getrost begann.
+ Ein Dreifuß steigt mit ihm aus hohler Gruft,
+ Schon ahn' ich aus der Schale Weihrauchduft.
+ Er rüstet sich, das hohe Werk zu segnen;
+ Es kann fortan nur Glückliches begegnen.
+
+ FAUST:
+ In eurem Namen, Mütter, die ihr thront
+ Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt,
+ Und doch gesellig. Euer Haupt umschweben
+ Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben.
+ Was einmal war, in allem Glanz und Schein,
+ Es regt sich dort; denn es will ewig sein.
+ Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte,
+ Zum Zelt des Tages, zum Gewölb der Nächte.
+ Die einen faßt des Lebens holder Lauf,
+ Die andern sucht der kühne Magier auf;
+ In reicher Spende läßt er, voll Vertrauen,
+ Was jeder wünscht, das Wunderwürdige schauen.
+
+ ASTROLOG:
+ Der glühnde Schlüssel rührt die Schale kaum,
+ Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum;
+ Er schleicht sich ein, er wogt nach Wolkenart,
+ Gedehnt, geballt, verschränkt, geteilt, gepaart.
+ Und nun erkennt ein Geister-Meisterstück!
+ So wie sie wandeln, machen sie Musik.
+ Aus luft'gen Tönen quillt ein Weißnichtwie,
+ Indem sie ziehn, wird alles Melodie.
+ Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt,
+ Ich glaube gar, der ganze Tempel singt.
+ Das Dunstige senkt sich; aus dem leichten Flor
+ Ein schöner Jüngling tritt im Takt hervor.
+ Hier schweigt mein Amt, ich brauch' ihn nicht zu nennen,
+ Wer sollte nicht den holden Paris kennen!
+
+ DAME:
+ O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!
+
+ ZWEITE:
+ Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!
+
+ DRITTE:
+ Die fein gezognen, süß geschwollnen Lippen!
+
+ VIERTE:
+ Du möchtest wohl an solchem Becher nippen?
+
+ FÜNFTE:
+ Er ist gar hübsch, wenn auch nicht eben fein.
+
+ SECHSTE:
+ Ein bißchen könnt' er doch gewandter sein.
+
+ RITTER:
+ Den Schäferknecht glaub' ich allhier zu spüren,
+ Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.
+
+ ANDRER:
+ Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön,
+ Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn!
+
+ DAME:
+ Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.
+
+ ritter
+ Auf seinem Schoße wär' Euch wohl bequem?
+
+ ANDRE:
+ Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt.
+
+ KÄMMERER:
+ Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt!
+
+ DAME:
+ Ihr Herren wißt an allem was zu mäkeln.
+
+ DERSELBE:
+ In Kaisers Gegenwart sich hinzuräkeln!
+
+ DAME:
+ Er stellt's nur vor! Er glaubt sich ganz allein.
+
+ DERSELBE:
+ Das Schauspiel selbst, hier sollt' es höflich sein.
+
+ DAME:
+ Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen.
+
+ DERSELBE:
+ Er schnarcht nun gleich; natürlich ist's, vollkommen!
+
+ JUNGE DAME:
+ Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt,
+ Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?
+
+ ÄLTERE:
+ Fürwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemüte,
+ Er kommt von ihm! +
+
+ ÄLTESTE:
+ Es ist des Wachstums Blüte,
+ Im Jüngling als Ambrosia bereitet
+ Und atmosphärisch ringsumher verbreitet.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das wär' sie denn! Vor dieser hätt' ich Ruh';
+ Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.
+
+ ASTROLOG:
+ Für mich ist diesmal weiter nichts zu tun,
+ Als Ehrenmann gesteh', bekenn' ich's nun.
+ Die Schöne kommt, und hätt' ich Feuerzungen!--
+ Von Schönheit ward von jeher viel gesungen--
+ Wem sie erscheint, wird aus sich selbst entrückt,
+ Wem sie gehörte, ward zu hoch beglückt.
+
+ FAUST:
+ Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn
+ Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen?
+ Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn.
+ Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen!
+ Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft?
+ Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft!
+ Verschwinde mir des Lebens Atemkraft,
+ Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!--
+ Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,
+ In Zauberspiegelung beglückte,
+ War nur ein Schaumbild solcher Schöne!--
+ Du bist's, der ich die Regung aller Kraft,
+ Den Inbegriff der Leidenschaft,
+ Dir Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn zolle.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!
+
+ ÄLTERE DAME:
+ Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.
+
+ JÜNGERE:
+ Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein!
+
+ DIPLOMAT:
+ Fürstinnen hab' ich dieser Art gesehn,
+ Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön.
+
+ HOFMANN:
+ Sie nähert sich dem Schläfer listig mild.
+
+ DAME:
+ Wie häßlich neben jugendreinem Bild!
+
+ POET:
+ Von ihrer Schönheit ist er angestrahlt.
+
+ DAME:
+ Endymion und Luna! wie gemalt!
+
+ DERSELBE:
+ Ganz recht! Die Göttin scheint herabzusinken,
+ Sie neigt sich über, seinen Hauch zu trinken;
+ Beneidenswert!--Ein Kuß!--Das Maß ist voll.
+
+ DUENNA:
+ Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!
+
+ FAUST:
+ Furchtbare Gunst dem Knaben!--+
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ruhig! still!
+ Laß das Gespenst doch machen was es will.
+
+ HOFMANN:
+ Sie schleicht sich weg, leichtfüßig; er erwacht.
+
+ DAME:
+ Sie sieht sich um! Das hab' ich wohl gedacht.
+
+ HOFMANN:
+ Er staunt! Ein Wunder ist's, was ihm geschieht.
+
+ DAME:
+ Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.
+
+ HOFMANN:
+ Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.
+
+ DAME:
+ Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre;
+ In solchem Fall sind alle Männer dumm,
+ Er glaubt wohl auch, daß er der erste wäre.
+
+ RITTER:
+ Laßt mir sie gelten! Majestätisch fein!--
+
+ DAME:
+ Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein!
+
+ PAGE:
+ Ich möchte wohl an seiner Stelle sein!
+
+ HOFMANN:
+ Wer würde nicht in solchem Netz gefangen?
+
+ DAME:
+ Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen,
+ Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.
+
+ ANDRE:
+ Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
+
+ RITTER:
+ Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste;
+ Ich hielte mich an diese schönen Reste.
+
+ GELAHRTER:
+ Ich seh' sie deutlich, doch gesteh' ich frei:
+ Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei.
+ Die Gegenwart verführt ins übertriebne,
+ Ich halte mich vor allem ans Geschriebne.
+ Da les' ich denn, sie habe wirklich allen
+ Graubärten Trojas sonderlich gefallen;
+ Und wie mich dünkt, vollkommen paßt das hier:
+ Ich bin nicht jung, und doch gefällt sie mir.
+
+ ASTROLOG:
+ Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann,
+ Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann.
+ Gestärkten Arms hebt er sie hoch empor,
+ Entführt er sie wohl gar? +
+
+ FAUST:
+ Verwegner Tor!
+ Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel!
+
+ EMPHISTOPHELES:
+ Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!
+
+ ASTROLOG:
+ Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah,
+ Nenn' ich das Stück den Raub der Helena.
+
+ FAUST:
+ Was Raub! Bin ich für nichts an dieser Stelle!
+ Ist dieser Schlüssel nicht in meiner Hand!
+ Er führte mich, durch Graus und Wog' und Welle
+ Der Einsamkeiten, her zum festen Strand.
+ Hier fass' ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten,
+ Von hier aus darf der Geist mit Geistern streiten,
+ Das Doppelreich, das große, sich bereiten.
+ So fern sie war, wie kann sie näher sein!
+ Ich rette sie, und sie ist doppelt mein.
+ Gewagt! Ihr Mütter! Mütter! müßt's gewähren!
+ Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.
+
+ ASTROLOG:
+ Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt
+ Faßt er sie an, schon trübt sich die Gestalt.
+ Den Schlüssel kehrt er nach dem Jüngling zu,
+ Berührt ihn!--Weh uns, Wehe! Nu! im Nu!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da habt ihr's nun! mit Narren sich beladen,
+ Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
+
+
+
+
+ 2. Akt--Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier lieg, Unseliger! verführt
+ Zu schwergelöstem Liebesbande!
+ Wen Helena paralysiert,
+ Der kommt so leicht nicht zu Verstande.
+ Blick' ich hinauf, hierher, hinüber,
+ Allunverändert ist es, unversehrt;
+ Die bunten Scheiben sind, so dünkt mich, trüber,
+ Die Spinneweben haben sich vermehrt;
+ Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier;
+ Doch alles ist am Platz geblieben;
+ Sogar die Feder liegt noch hier,
+ Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben.
+ Ja! tiefer in dem Rohre stockt
+ Ein Tröpflein Blut, wie ich's ihm abgelockt.
+ Zu einem solchen einzigen Stück
+ Wünscht' ich dem größten Sammler Glück.
+ Auch hängt der alte Pelz am alten Haken,
+ Erinnert mich an jene Schnaken,
+ Wie ich den Knaben einst belehrt,
+ Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt.
+ Es kommt mir wahrlich das Gelüsten,
+ Rauchwarme Hülle, dir vereint
+ Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten,
+ Wie man so völlig recht zu haben meint.
+ Gelehrte wissen's zu erlangen,
+ Dem Teufel ist es längst vergangen.
+
+ CHOR DER INSEKTEN:
+ Willkommen! willkommen,
+ Du alter Patron!
+ Wir schweben und summen
+ Und kennen dich schon.
+ Nur einzeln im stillen
+ Du hast uns gepflanzt;
+ Zu Tausenden kommen wir,
+ Vater, getanzt.
+ Der Schalk in dem Busen
+ Verbirgt sich so sehr,
+ Vom Pelze die Läuschen
+ Enthüllen sich eh'r.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut!
+ Man säe nur, man erntet mit der Zeit.
+ Ich schüttle noch einmal den alten Flaus,
+ Noch eines flattert hier und dort hinaus.--
+ Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken
+ Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken.
+ Dort, wo die alten Schachteln stehn,
+ Hier im bebräunten Pergamen,
+ In staubigen Scherben alter Töpfe,
+ Dem Hohlaug' jener Totenköpfe.
+ In solchem Wust und Moderleben
+ Muß es für ewig Grillen geben.
+ Komm, decke mir die Schultern noch einmal!
+ Heut bin ich wieder Prinzipal.
+ Doch hilft es nichts, mich so zu nennen;
+ Wo sind die Leute, die mich anerkennen?
+
+ FAMULUS:
+ Welch ein Tönen! welch ein Schauer!
+ Treppe schwankt, es bebt die Mauer;
+ Durch der Fenster buntes Zittern
+ Seh' ich wetterleuchtend Wittern.
+ Springt das Estrich, und von oben
+ Rieselt Kalk und Schutt verschoben.
+ Und die Türe, fest verriegelt,
+ Ist durch Wunderkraft entsiegelt.--
+ Dort! Wie fürchterlich! Ein Riese
+ Steht in Faustens altem Vliese!
+ Seinen Blicken, seinem Winken
+ Möcht' ich in die Kniee sinken.
+ Soll ich fliehen? Soll ich stehn?
+ Ach, wie wird es mir ergehn!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Heran, mein Freund!--Ihr heißet Nikodemus.
+
+ FAMULUS:
+ Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam'--Oremus.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das lassen wir! +
+
+ FAMULUS:
+ Wie froh, daß Ihr mich kennt!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student,
+ Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann
+ Studiert so fort, weil er nicht anders kann.
+ So baut man sich ein mäßig Kartenhaus,
+ Der größte Geist baut's doch nicht völlig aus.
+ Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner:
+ Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner,
+ Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt!
+ Er ist's allein, der sie zusammenhält,
+ Der Weisheit täglicher Vermehrer.
+ Allwißbegierige Horcher, Hörer
+ Versammeln sich um ihn zuhauf.
+ Er leuchtet einzig vom Katheder;
+ Die Schlüssel übt er wie Sankt Peter,
+ Das Untre so das Obre schließt er auf.
+ Wie er vor allen glüht und funkelt,
+ Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter stand;
+ Selbst Faustus' Name wird verdunkelt,
+ Er ist es, der allein erfand.
+
+ FAMULUS:
+ Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage,
+ Wenn ich zu widersprechen wage:
+ Von allem dem ist nicht die Frage;
+ Bescheidenheit ist sein beschieden Teil.
+ Ins unbegreifliche Verschwinden
+ Des hohen Manns weiß er sich nicht zu finden;
+ Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil.
+ Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus' Tagen,
+ Noch unberührt seitdem er fern,
+ Erwartet seinen alten Herrn.
+ Kaum wag' ich's, mich hereinzuwagen.
+ Was muß die Sternenstunde sein?--
+ Gemäuer scheint mir zu erbangen;
+ Türpfosten bebten, Riegel sprangen,
+ Sonst kamt Ihr selber nicht herein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wo hat der Mann sich hingetan?
+ Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!
+
+ FAMULUS:
+ Ach! sein Verbot ist gar zu scharf,
+ Ich weiß nicht, ob ich's wagen darf.
+ Monatelang, des großen Werkes willen,
+ Lebt' er im allerstillsten Stillen.
+ Der zarteste gelehrter Männer,
+ Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner,
+ Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen,
+ Die Augen rot vom Feuerblasen,
+ So lechzt er jedem Augenblick;
+ Geklirr der Zange gibt Musik.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Sollt' er den Zutritt mir verneinen?
+ Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen.
+ Kaum hab' ich Posto hier gefaßt,
+ Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast.
+ Doch diesmal ist er von den Neusten,
+ Er wird sich grenzenlos erdreusten.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Tor und Türe find' ich offen!
+ Nun, da läßt sich endlich hoffen,
+ Daß nicht, wie bisher, im Moder
+ Der Lebendige wie ein Toter
+ Sich verkümmere, sich verderbe
+ Und am Leben selber sterbe.
+ Diese Mauern, diese Wände
+ Neigen, senken sich zum Ende,
+ Und wenn wir nicht bald entweichen,
+ Wird uns Fall und Sturz erreichen.
+ Bin verwegen, wie nicht einer,
+ Aber weiter bringt mich keiner.
+ Doch was soll ich heut erfahren!
+ War's nicht hier, vor so viel Jahren,
+ Wo ich, ängstlich und beklommen,
+ War als guter Fuchs gekommen?
+ Wo ich diesen Bärtigen traute,
+ Mich an ihrem Schnack erbaute?
+ Aus den alten Bücherkrusten
+ Logen sie mir, was sie wußten,
+ Was sie wußten, selbst nicht glaubten,
+ Sich und mir das Leben raubten.
+ Wie?--Dort hinten in der Zelle
+ Sitzt noch einer dunkel-helle!
+ Nahend seh' ich's mit Erstaunen,
+ Sitzt er noch im Pelz, dem braunen,
+ Wahrlich, wie ich ihn verließ,
+ Noch gehüllt im rauhen Vlies!
+ Damals schien er zwar gewandt,
+ Als ich ihn noch nicht verstand.
+ Heute wird es nichts verfangen,
+ Frisch an ihn herangegangen!
+ Wenn, alter Herr, nicht Lethes trübe Fluten
+ Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen,
+ Seht anerkennend hier den Schüler kommen,
+ Entwachsen akademischen Ruten.
+ Ich find' Euch noch, wie ich Euch sah;
+ Ein anderer bin ich wieder da.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mich freut, daß ich Euch hergeläutet.
+ Ich schätzt' Euch damals nicht gering;
+ Die Raupe schon, die Chrysalide deutet
+ Den künftigen bunten Schmetterling.
+ Am Lockenkopf und Spitzenkragen
+ Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.--
+ Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?--
+ Heut schau' ich Euch im Schwedenkopf.
+ Ganz resolut und wacker seht Ihr aus;
+ Kommt nur nicht absolut nach Haus.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte;
+ Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf
+ Und sparet doppelsinnige Worte;
+ Wir passen nun ganz anders auf.
+ Ihr hänseltet den guten treuen Jungen;
+ Das ist Euch ohne Kunst gelungen,
+ Was heutzutage niemand wagt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,
+ Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt,
+ Sie aber hinterdrein nach Jahren
+ Das alles derb an eigner Haut erfahren,
+ Dann dünkeln sie, es käm' aus eignem Schopf;
+ Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht
+ Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?
+ Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern,
+ Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit;
+ Zum Lehren seid Ihr, merk' ich, selbst bereit.
+ Seit manchen Monden, einigen Sonnen
+ Erfahrungsfülle habt Ihr wohl gewonnen.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
+ Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
+ Gesteht! was man von je gewußt,
+ Es ist durchaus nicht wissenswürdig.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mich deucht es längst. Ich war ein Tor,
+ Nun komm' ich mir recht schal und albern vor.
+
+ BACC:
+ Das freut mich sehr! Da hör' ich doch Verstand;
+ Der erste Greis, den ich vernünftig fand!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
+ Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze
+ Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
+
+ BACCALAUREUS:
+ Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier oben wird mir Licht und Luft benommen;
+ Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?
+
+ BACCALAUREUS:
+ Anmaßlich find' ich, daß zur schlechtsten Frist
+ Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist.
+ Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
+ Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
+ Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
+ Das neues Leben sich aus Leben schafft.
+ Da regt sich alles, da wird was getan,
+ Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
+ Indessen wir die halbe Welt gewonnen,
+ Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen,
+ Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
+ Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
+ Im Frost von grillenhafter Not.
+ Hat einer dreißig Jahr vorüber,
+ So ist er schon so gut wie tot.
+ Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.
+
+ BACC:
+ Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Dies ist der Jugend edelster Beruf!
+ Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf;
+ Die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf;
+ Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
+ Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
+ Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
+ Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
+ Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
+ Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
+ Philisterhaft einklemmender Gedanken?
+ Ich aber frei, wie mir's im Geiste spricht,
+ Verfolge froh mein innerliches Licht,
+ Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
+ Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Original, fahr hin in deiner Pracht!--
+ Wie würde dich die Einsicht kränken:
+ Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
+ Das nicht die Vorwelt schon gedacht?--
+ Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,
+ In wenig Jahren wird es anders sein:
+ Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
+ Es gibt zuletzt doch noch e' Wein.
+ [Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,
+ [Euch guten Kindern laß ich's gehen;
+ Bedenkt: der Teufel, der ist alt,
+ So werdet alt, ihn zu verstehen!
+
+
+
+ Laboratorium
+
+ WAGNER:
+ Die Glocke tönt, die fürchterliche,
+ Durchschauert die berußten Mauern.
+ Nicht länger kann das Ungewisse
+ Der ernstesten Erwartung dauern.
+ Schon hellen sich die Finsternisse;
+ Schon in der innersten Phiole
+ Erglüht es wie lebendige Kohle,
+ Ja wie der herrlichste Karfunkel,
+ Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.
+ Ein helles weißes Licht erscheint!
+ O daß ich's diesmal nicht verliere!--
+ Ach Gott! was rasselt an der Türe?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Willkommen! es ist gut gemeint.
+
+ WAGNER:
+ Willkommen zu dem Stern der Stunde!
+ Doch haltet Wort und Atem fest im Munde,
+ Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was gibt es denn? +
+
+ WAGNER:
+ Es wird ein Mensch gemacht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar
+ Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?
+
+ WAGNER:
+ Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,
+ Erklären wir für eitel Possen.
+ Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,
+ Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
+ Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
+ Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,
+ Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;
+ Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,
+ So muß der Mensch mit seinen großen Gaben
+ Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben.
+ Es leuchtet! seht!--Nun läßt sich wirklich hoffen,
+ Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
+ Durch Mischung--denn auf Mischung kommt es an--
+ Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
+ In einen Kolben verlutieren
+ Und ihn gehörig kohobieren,
+ So ist das Werk im stillen abgetan.
+ Es wird! die Masse regt sich klarer!
+ Die überzeugung wahrer, wahrer:
+ Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
+ Das wagen wir verständig zu probieren,
+ Und was sie sonst organisieren ließ,
+ Das lassen wir kristallisieren.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer lange lebt, hat viel erfahren,
+ [Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.
+ Ich habe schon in meinen Wanderjahren
+ Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.
+
+ WAGNER:
+ Es steigt, es blitzt, es häuft sich an,
+ Im Augenblick ist es getan.
+ Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;
+ Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,
+ Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,
+ Wird künftig auch ein Denker machen.
+ Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,
+ Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!
+ Ich seh' in zierlicher Gestalt
+ Ein artig Männlein sich gebärden.
+ Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?
+ Denn das Geheimnis liegt am Tage.
+ Gebt diesem Laute nur Gehör,
+ Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz.
+ Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!
+ Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
+ Das ist die Eigenschaft der Dinge:
+ Natürlichem genügt das Weltall kaum,
+ Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.
+ Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier
+ Im rechten Augenblick? ich danke dir.
+ Ein gut Geschick führt dich zu uns herein;
+ Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.
+ Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen.
+ Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.
+
+ WAGNER:
+ Nur noch ein Wort! Bisher mußt' ich mich schämen,
+ Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen.
+ Zum Beispiel nur: noch niemand konnt' es fassen,
+ Wie Seel' und Leib so schön zusammenpassen,
+ So fest sich halten, als um nie zu scheiden,
+ Und doch den Tag sich immerfort verleiden.
+ Sodann--+
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Halt ein! ich wollte lieber fragen:
+ Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?
+ Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins reine.
+ Hier gibt's zu tun, das eben will der Kleine.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Was gibt's zu tun? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier zeige deine Gabe!
+
+ WAGNER:
+ Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!
+
+ HOMUNCULUS:
+ Bedeutend!--+
+ Schön umgeben!--Klar Gewässer
+ Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden,
+ Die allerliebsten!--Das wird immer besser.
+ Doch eine läßt sich glänzend unterscheiden,
+ Aus höchstem Helden-, wohl aus Götterstamme.
+ Sie setzt den Fuß in das durchsichtige Helle;
+ Des edlen Körpers holde Lebensflamme
+ Kühlt sich im schmiegsamen Kristall der Welle.--
+ Doch welch Getöse rasch bewegter Flügel,
+ Welch Sausen, Plätschern wühlt im glatten Spiegel?
+ Die Mädchen fliehn verschüchtert; doch allein
+ Die Königin, sie blickt gelassen drein
+ Und sieht mit stolzem weiblichem Vergnügen
+ Der Schwäne Fürsten ihrem Knie sich schmiegen,
+ Zudringlich-zahm. Er scheint sich zu gewöhnen.--
+ Auf einmal aber steigt ein Dunst empor
+ Und deckt mit dichtgewebtem Flor
+ Die lieblichste von allen Szenen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was du nicht alles zu erzählen hast!
+ So klein du bist, so groß bist du Phantast.
+ Ich sehe nichts--+
+
+ HOMUNCULUS:
+ Das glaub' ich. Du aus Norden,
+ Im Nebelalter jung geworden,
+ Im Wust von Rittertum und Pfäfferei,
+ Wo wäre da dein Auge frei!
+ Im Düstern bist du nur zu Hause.
+ Verbräunt Gestein, bemodert, widrig,
+ Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig!--
+ Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,
+ Er bleibt gleich auf der Stelle tot.
+ Waldquellen, Schwäne, nackte Schönen,
+ Das war sein ahnungsvoller Traum;
+ Wie wollt' er sich hierher gewöhnen!
+ Ich, der Bequemste, duld' es kaum.
+ Nun fort mit ihm! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Ausweg soll mich freuen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Befiehl den Krieger in die Schlacht,
+ Das Mädchen führe du zum Reihen,
+ So ist gleich alles abgemacht.
+ Jetzt eben, wie ich schnell bedacht,
+ Ist klassische Walpurgisnacht;
+ Das Beste, was begegnen könnte.
+ Bringt ihn zu seinem Elemente!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dergleichen hab' ich nie vernommen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Wie wollt' es auch zu euren Ohren kommen?
+ Romantische Gespenster kennt ihr nur allein;
+ Ein echt Gespenst, auch klassisch hat's zu sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen?
+ Mich widern schon antikische Kollegen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier,
+ Südöstlich diesmal aber segeln wir--
+ An großer Fläche fließt Peneios frei,
+ Umbuscht, umbaumt, in still--und feuchten Buchten;
+ Die Ebne dehnt sich zu der Berge Schluchten,
+ Und oben liegt Pharsalus, alt und neu.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite
+ Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.
+ Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan,
+ So fangen sie von vorne wieder an;
+ Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt
+ Vom Asmodeus, der dahinter steckt.
+ Sie streiten sich, so heißt's, um Freiheitsrechte;
+ Genau besehn, sind's Knechte gegen Knechte.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Den Menschen laß ihr widerspenstig Wesen,
+ Ein jeder muß sich wehren, wie er kann,
+ Vom Knaben auf, so wird's zuletzt ein Mann.
+ Hier fragt sich's nur, wie dieser kann genesen.
+ Hast du ein Mittel, so erprob' es hier,
+ Vermagst du's nicht, so überlaß es mir.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben,
+ Doch Heidenriegel find' ich vorgeschoben.
+ Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!
+ Doch blendet's euch mit freiem Sinnenspiel,
+ Verlockt des Menschen Brust zu heitern Sünden;
+ Die unsern wird man immer düster finden.
+ Und nun, was soll's? +
+
+ HOMUNCULUS:
+ Du bist ja sonst nicht blöde;
+ Und wenn ich von thessalischen Hexen rede,
+ So denk' ich, hab' ich was gesagt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen,
+ Nach denen hab' ich lang' gefragt.
+ Mit ihnen Nacht für Nacht zu wohnen,
+ Ich glaube nicht, daß es behagt;
+ Doch zum Besuch, Versuch--+
+
+ HOMUNCULUS:
+ Den Mantel her,
+ Und um den Ritter umgeschlagen!
+ Der Lappen wird euch, wie bisher,
+ Den einen mit dem andern tragen;
+ Ich leuchte vor. +
+
+ WAGNER:
+ Und ich? +
+
+ HOMUNCULUS:
+ Eh nun,
+ Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.
+ Entfalte du die alten Pergamente,
+ Nach Vorschrift sammle Lebenselemente
+ Und füge sie mit Vorsicht eins ans andre.
+ Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.
+ Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre,
+ Entdeck' ich wohl das Tüpfchen auf das i.
+ Dann ist der große Zweck erreicht;
+ Solch einen Lohn verdient ein solches Streben:
+ Gold, Ehre, Ruhm, gesundes langes Leben,
+ Und Wissenschaft und Tugend--auch vielleicht.
+ Leb wohl! +
+
+ WAGNER:
+ Leb wohl! Das drückt das Herz mir nieder.
+ Ich fürchte schon, ich seh' dich niemals wieder.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nun zum Peneios frisch hinab!
+ Herr Vetter ist nicht zu verachten.
+ Am Ende hängen wir doch ab
+ Von Kreaturen, die wir machten.
+
+
+
+ Klassische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder
+
+ ERICHTHO:
+ Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon,
+ Tret' ich einher, Erichtho, ich, die düstere;
+ Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich
+ Im übermaß verlästern... Endigen sie doch nie
+ In Lob und Tadel... überbleicht erscheint mir schon
+ Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,
+ Als Nachgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht.
+ Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort
+ Ins Ewige wiederholen... Keiner gönnt das Reich
+ Dem andern; dem gönnt's keiner, der's mit Kraft erwarb
+ Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst
+ Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern
+ Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemäß...
+ Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft:
+ Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,
+ Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreißt,
+ Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.
+ Hier träumte Magnus früher Größe Blütentag,
+ Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort!
+ Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem's gelang.
+ Wachfeuer glühen, rote Flammen spendende,
+ Der Boden haucht vergoßnen Blutes Widerschein,
+ Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,
+ Versammelt sich hellenischer Sage Legion.
+ Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt
+ Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild...
+ Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,
+ Erhebt sich, milden Glanz verbreitend überall;
+ Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.
+ Doch über mir! welch unerwartet Meteor?
+ Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball.
+ Ich wittre Leben. Da geziemen will mir's nicht,
+ Lebendigem zu nahen, dem ich schädlich bin;
+ Das bringt mir bösen Ruf und frommt mir nicht.
+ Schon sinkt es nieder. Weich' ich aus mit Wohlbedacht!
+
+ HOMUNCULUS:
+ Schwebe noch einmal die Runde
+ über Flamm- und Schaudergrauen;
+ Ist es doch in Tal und Grunde
+ Gar gespenstisch anzuschauen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Seh' ich, wie durchs alte Fenster
+ In des Nordens Wust und Graus,
+ Ganz abscheuliche Gespenster,
+ Bin ich hier wie dort zu Haus.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Sieh! da schreitet eine Lange
+ Weiten Schrittes vor uns hin.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ist es doch, als wär' ihr bange;
+ Sah uns durch die Lüfte ziehn.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Laß sie schreiten! setz ihn nieder,
+ Deinen Ritter, und sogleich
+ Kehret ihm das Leben wieder,
+ Denn er sucht's im Fabelreich.
+
+ FAUST:
+ Wo ist sie?--+
+
+ HOMUNCULUS:
+ Wüßten's nicht zu sagen,
+ Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
+ In Eile magst du, eh' es tagt,
+ Von Flamm' zu Flamme spürend gehen:
+ Wer zu den Müttern sich gewagt,
+ Hat weiter nichts zu überstehen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auch ich bin hier an meinem Teil;
+ Doch wüßt' ich Besseres nicht zu unserm Heil,
+ Als: jeder möge durch die Feuer
+ Versuchen sich sein eigen Abenteuer.
+ Dann, um uns wieder zu vereinen,
+ Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend scheinen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ So soll es blitzen, soll es klingen.
+ Nun frisch zu neuen Wunderdingen!
+
+ FAUST:
+ Wo ist sie?--Frage jetzt nicht weiter nach...
+ Wär's nicht die Scholle, die sie trug,
+ Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,
+ So ist's die Luft, die ihre Sprache sprach.
+ Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!
+ Ich fühlte gleich den Boden, wo ich stand;
+ Wie mich, den Schläfer, frisch ein Geist durchglühte,
+ So steh' ich, ein Antäus an Gemüte.
+ Und find' ich hier das Seltsamste beisammen,
+ Durchforsch' ich ernst dies Labyrinth der Flammen.
+
+
+
+ Am oberen Peneios
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,
+ So find' ich mich doch ganz und gar entfremdet,
+ Fast alles nackt, nur hie und da behemdet:
+ Die Sphinxe schamlos, unverschämt die Greife,
+ Und was nicht alles, lockig und beflügelt,
+ Von vorn und hinten sich im Auge spiegelt...
+ Zwar sind auch wir von Herzen unanständig,
+ Doch das Antike find' ich zu lebendig;
+ Das müßte man mit neustem Sinn bemeistern
+ Und mannigfaltig modisch überkleistern...
+ Ein widrig Volk! Doch darf mich's nicht verdrießen,
+ Als neuer Gast anständig sie zu grüßen...
+ Glüchzu den schönen Fraun, den klugen Greisen!
+
+ GREIF:
+ Nicht Greisen! Greifen!--Niemand hört es gern,
+ Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt
+ Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:
+ Grau, grämlich, griesgram, greulich, Gräber, grimmig,
+ Etymologisch gleicherweise stimmig, +
+ Verstimmen uns.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und doch, nicht abzuschweifen,
+ Gefäallt das Grei im Ehrentitel Greifen.
+
+ GREIF:
+ Natürlich! Die Verwandtschaft ist erprobt,
+ Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt;
+ Man greife nun nach Mädchen, Kronen, Gold,
+ Dem Greifenden ist meist Fortuna hold.
+
+ AMEISEN:
+ Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt,
+ In Fels- und Höhlen heimlich eingerammelt;
+ Das Arimaspen-Volk hat's ausgespürt,
+ Sie lachen dort, wie weit sie's weggeführt.
+
+ GREIFE:
+ Wir wollen sie schon zum Geständnis bringen.
+
+ ARIMASPEN:
+ Nur nicht zur freien Jubelnacht.
+ Bis morgen ist's alles durchgebracht,
+ Es wird uns diesmal wohl gelingen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie leicht und gern ich mich hierher gewöhne,
+ Denn ich verstehe Mann für Mann.
+
+ SPHINX:
+ Wir hauchen unsre Geistertöne,
+ Und ihr verkörpert sie alsdann.
+ Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen--
+ Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
+ Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
+ Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;
+ Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.
+ Sie zeugten auch: Im alten Bühnenspiel
+ Sah man mich dort als old Iniquity.
+
+ SPINX:
+ Wie kam man drauf? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich weiß es selbst nicht wie.
+
+ SPINX:
+ Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde?
+ Was sagst du zu der gegenwärt'gen Stunde?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Stern schießt nach Stern, beschnittner Mond scheint helle,
+ Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle,
+ Ich wärme mich an deinem Löwenfelle.
+ Hinauf sich zu versteigen, wär' zum Schaden;
+ Gib Rätsel auf, gib allenfalls Scharaden.
+
+ SPINX:
+ Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein.
+ Versuch einmal, dich innigst aufzulösen:
+ "Dem frommen Manne nötig wie dem bösen,
+ Dem ein Plastron, aszetisch zu rapieren,
+ Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen,
+ Und beides nur, um Zeus zu amüsieren."
+
+ ERSTER GREIF:
+ Den mag ich nicht! +
+
+ ZWEITER GREIF:
+ Was will uns der?
+
+ BEIDE:
+ Der Garstige gehöret nicht hierher!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du glaubst vielleicht, des Gastes Nägel krauen
+ Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen?
+ Versuch's einmal! +
+
+ SPINX:
+ Du magst nur immer bleiben,
+ Wird dich's doch selbst aus unsrer Mitte treiben;
+ In deinem Lande tust dir was zugute,
+ Doch, irr' ich nicht, hier ist dir schlecht zumute.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du bist recht appetitlich oben anzuschauen,
+ Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.
+
+ SPINX:
+ Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße,
+ Denn unsre Tatzen sind gesund;
+ Dir mit verschrumpftem Pferdefuße
+ Behagt es nicht in unserem Bund.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer sind die Vögel, in den ästen
+ Des Pappelstromes hingewiegt?
+
+ SPINX:
+ Gewahrt euch nur! Die Allerbesten
+ Hat solch ein Singsang schon besiegt.
+
+ SIRENEN:
+ Ach was wollt ihr euch verwöhnen
+ In dem Häßlich-Wunderbaren!
+ Horcht, wir kommen hier zu Scharen
+ Und in wohlgestimmten Tönen;
+ So geziemet es Sirenen.
+
+ SPINXE:
+ Nötigt sie, herabzusteigen!
+ Sie verbergen in den Zweigen
+ Ihre garstigen Habichtskrallen,
+ Euch verderblich anzufallen,
+ Wenn ihr euer Ohr verleiht.
+
+ SIRENEN:
+ Weg das Hassen! weg das Neiden!
+ Sammeln wir die klarsten Freuden,
+ Unterm Himmel ausgestreut!
+ Auf dem Wasser, auf der Erde
+ Sei's die heiterste Gebärde,
+ Die man dem Willkommnen beut.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das sind die saubern Neuigkeiten,
+ Wo aus der Kehle, von den Saiten
+ Ein Ton sich um den andern flicht.
+ Das Trallern ist bei mir verloren:
+ Es krabbelt wohl mir um die Ohren,
+ Allein zum Herzen dringt es nicht.
+
+ SPINXE:
+ Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel;
+ Ein lederner verschrumpfter Beutel,
+ Das paßt dir eher zu Gesicht.
+
+ FAUST:
+ Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnüge,
+ Im Widerwärtigen große, tüchtige Züge.
+ Ich ahne schon ein günstiges Geschick;
+ Wohin versetzt mich dieser ernste Blick?
+ Vor solchen hat einst ödipus gestanden;
+ Vor solchen krümmte sich Ulyß in hänfnen Banden;
+ Von solchen ward der höchste Schatz gespart,
+ Von diesen treu und ohne Fehl bewahrt.
+ Vom frischen Geiste fühl' ich mich durchdrungen;
+ Gestalten groß, groß die Erinnerungen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Sonst hättest du dergleichen weggeflucht,
+ Doch jetzo scheint es dir zu frommen;
+ Denn wo man die Geliebte sucht,
+ Sind Ungeheuer selbst willkommen.
+
+ FAUST:
+ Ihr Frauenbilder müßt mir Rede stehn:
+ Hat eins der Euren Helena gesehn?
+
+ SPHINXE:
+ Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen,
+ Die letztesten hat Herkules erschlagen.
+ Von Chiron könntest du's erfragen;
+ Der sprengt herum in dieser Geisternacht;
+ Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht.
+
+ SIRENEN:
+ Sollte dir's doch auch nicht fehlen!...
+ Wie Ulyß bei uns verweilte,
+ Schmähend nicht vorübereilte,
+ Wußt' er vieles zu erzählen;
+ Würden alles dir vertrauen,
+ Wolltest du zu unsern Gauen
+ Dich ans grüne Meer verfügen.
+
+ SPHINX:
+ Laß dich, Elder, nicht betrügen.
+ Statt daß Ulyß sich binden ließ,
+ Laß unsern guten Rat dich binden;
+ Kannst du den hohen Chiron finden,
+ Erfährst du, was ich dir verhieß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was krächzt vorbei mit Flügelschlag?
+ So schnell, daß man's nicht sehen mag,
+ Und immer eins dem andern nach,
+ Den Jäger würden sie ermüden.
+
+ SPHINX:
+ Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar,
+ Alcides' Pfeilen kaum erreichbar;
+ Es sind die raschen Stymphaliden,
+ Und wohlgemeint ihr Krächzegruß,
+ Mit Geierschnabel und Gänsefuß.
+ Sie möchten gern in unsern Kreisen
+ Als Stammverwandte sich erweisen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Noch andres Zeug zischt zwischen drein.
+
+ SPHINX:
+ Vor diesen sei Euch ja nicht bange!
+ Es sind die Köpfe der lernäischen Schlange,
+ Vom Rumpf getrennt, und glauben was zu sein.
+ Doch sagt, was soll nur aus Euch werden?
+ Was für unruhige Gebärden?
+ Wo wollt Ihr hin? Begebt Euch fort!...
+ Ich sehe, jener Chorus dort
+ Macht Euch zum Wendehals. Bezwingt Euch nicht,
+ Geht hin! begrüßt manch reizendes Gesicht!
+ Die Lamien sind's, lustfeine Dirnen,
+ Mit Lächelmund und frechen Stirnen,
+ Wie sie dem Satyrvolk behagen;
+ Ein Bocksfuß darf dort alles wagen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ihr bleibt doch hier? daß ich euch wiederfinde.
+
+ SPHINXE:
+ Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde.
+ Wir, von ägypten her, sind längst gewohnt,
+ Daß unsereins in tausend Jahre thront.
+ Und respektiert nur unsre Lage,
+ So regeln wir die Mond- und Sonnentage.
+ Sitzen vor den Pyramiden,
+ Zu der Völker Hochgericht;
+ überschwemmung, Krieg und Frieden--
+ Und verziehen kein Gesicht.
+
+
+
+ Am untern Peneios
+
+ PENEIOS:
+ Rege dich, du Schilfgeflüster!
+ Hauche leise, Rohregeschwister,
+ Säuselt, leichte Weidensträuche,
+ Lispelt, Pappelzitterzweige,
+ Unterbrochnen Träumen zu!...
+ Weckt mich doch ein grauslich Wittern,
+ Heimlich allbewegend Zittern
+ Aus dem Wallestrom und Ruh'.
+
+ FAUST:
+ Hör' ich recht, so muß ich glauben:
+ Hinter den verschränkten Lauben
+ Dieser Zweige, dieser Stauden
+ Tönt ein menschenähnlichs Lauten.
+ Scheint die Welle doch ein Schwätzen,
+ Lüftein wie--ein Scherzergetzen.
+
+ NYMPHEN:
+ Am besten geschäh' dir,
+ Du legtest dich nieder,
+ Erholtest im Kühlen
+ Ermüdete Glieder,
+ Genössest der immer
+ Dich meidenden Ruh;
+ Wir säuseln, wir rieseln,
+ Wir flüstern dir zu.
+
+ FAUST:
+ Ich wache ja! O laßt sie walten,
+ Die unvergleichlichen Gestalten,
+ Wie sie dorthin mein Auge schickt.
+ So wunderbar bin ich durchdrungen!
+ Sind'd Träume? Sind's Erinnerungen?
+ Schon einmal warst du so beglückt.
+ Gewässer schleichen durch die Frische
+ Der dichten, sanft bewegten Büsche,
+ Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;
+ Von allen Seiten hundert Quellen
+ Vereinen sich im reinlich hellen,
+ Zum Bade flach vertieften Raum.
+ Gesunde junge Frauenglieder,
+ Vom feuchten Spiegel doppelt wieder
+ Ergetztem Auge zugebracht!
+ Gesellig dann und fröhlich badend,
+ Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;
+ Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.
+ Begnügen sollt' ich mich an diesen,
+ Mein Auge sollte hier genießen,
+ Doch immer weiter strebt mein Sinn.
+ Der Blick dringt scharf nach jener Hülle,
+ Das reiche Laub der grünen Fülle
+ Verbirgt die hohe Königin.
+ Wundersam! auch Schwäne kommen
+ Aus den Buchten hergeschwommen,
+ Majestätisch rein bewegt.
+ Ruhig schwebend, zart gesellig,
+ Aber stolz und selbstgefällig,
+ Wie sich Haupt und Schnabel regt...
+ Einer aber scheint vor allen
+ Brüstend kühn sich zu gefallen,
+ Segelnd rasch durch alle fort;
+ Sein Gefieder bläht sich schwellend,
+ Welle selbst, auf Wogen wellend,
+ Dringt er zu dem heiligen Ort....
+ Die andern schwimmen hin und wider
+ Mit ruhig glänzendem Gefieder,
+ Bald auch in regem prächtigen Streit,
+ Die scheuen Mädchen abzulenken,
+ Daß sie an ihren Dienst nicht denken,
+ Nur an die eigne Sicherheit.
+
+ NYMPHEN:
+ Leget, Schwestern, euer Ohr
+ An des Ufers grüne Stufe;
+ Hör' ich recht, so kommt mir's vor
+ Als der Schall von Pferdes Hufe.
+ Wüßt' ich nur, wer dieser Nacht
+ Schnelle Botschaft zugebracht.
+
+ FAUST:
+ Ist mir doch, als dröhnt' die Erde,
+ Schallend unter eiligem Pferde.
+ Dorthin mein Blick!
+ Ein günstiges Geschick,
+ Soll es mich schon erreichen?
+ O Wunder ohnegleichen!
+ Ein Reuter kommt herangetrabt,
+ Er scheint von Geist und Mut begabt,
+ Von blendend-weißem Pferd getragen...
+ Ich irre nicht, ich kenn' ihn schon,
+ Der Philyra berühmter Sohn!--
+ Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen...
+
+ CHIRON:
+ Was gibt's? Was ist's? +
+
+ FAUST:
+ Bezähme deinen Schritt!
+
+ CHIRON:
+ Ich raste nicht. +
+
+ FAUST:
+ So bitte! nimm mich mit!
+
+ CHIRON:
+ Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:
+ Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,
+ Ich bin bereit, dich durch den Fluß zu tragen.
+
+ FAUST:
+ Wohin du willst. Für ewig dank' ich's dir...
+ Der große Mann, der edle Pädagog,
+ Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,
+ Den schönen Kreis der edlen Argonauten
+ Und alle, die des Dichters Welt erbauten.
+
+ CHIRON:
+ Das lassen wir an seinem Ort!
+ Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;
+ Am Ende treiben sie's nach ihrer Weise fort,
+ Als wenn sie nicht erzogen wären.
+
+ FAUST:
+ Den Arzt, der jede Pflanze nennt,
+ Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,
+ Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,
+ Umarm' ich hier in Geist- und Körperkraft!
+
+ CHIRON:
+ Ward neben mir ein Held verletzt,
+ Da wußt' ich Hülf' und Rat zu schaffen;
+ Doch ließ ich meine Kunst zuletzt
+ Den Wurzelweibern und den Pfaffen.
+
+ FAUST:
+ Du bist der wahre große Mann,
+ Der Lobeswort nicht hören kann.
+ Er sucht bescheiden auszuweichen
+ Und tut, als gäb' es seinesgleichen.
+
+ CHIRON:
+ Du scheinest mir geschickt zu heucheln,
+ Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.
+
+ FAUST:
+ So wirst du mir denn doch gestehn:
+ Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,
+ Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,
+ Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt.
+ Doch unter den heroischen Gestalten
+ Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten?
+
+ CHIRON:
+ Im hehren Argonautenkreise
+ War jeder brav nach seiner eignen Weise,
+ Und nach der Kraft, die ihn beseelte,
+ Konnt' er genügen, wo's den andern fehlte.
+ Die Dioskuren haben stets gesiegt,
+ Wo Jugendfüll' und Schönheit überwiegt.
+ Entschluß und schnelle Tat zu andrer Heil,
+ Den Boreaden ward's zum schönsten Teil.
+ Nachsinnend, kräftig, klug, im Rat bequem,
+ So herrschte Jason, Frauen angenehm.
+ Dann Orpheus: zart und immer still bedächtig,
+ Schlug er die Leier allen übermächtig.
+ Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und Nacht
+ Das heil'ge Schiff durch Klipp' und Strand gebracht...
+ Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:
+ Wenn einer wirkt, die andern alle loben...
+
+ FAUST:
+ Von Herkules willst nichts erwähnen?
+
+ CHIRON:
+ O weh! errege nicht mein Sehnen...
+ Ich hatte Phöbus nie gesehn,
+ Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;
+ Da sah ich mir vor Augen stehn,
+ Was alle Menschen göttlich preisen.
+ So war er ein geborner König,
+ Als Jüngling herrlichst anzuschaun;
+ Dem ältern Bruder untertänig
+ Und auch den allerliebsten Fraun.
+ Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,
+ Nicht führt ihn Hebe himmelein;
+ Vergebens mühen sich die Lieder,
+ Vergebens quälen sie den Stein.
+
+ FAUST:
+ So sehr auch Bildner auf ihn pochen,
+ So herrlich kam er nie zur Schau.
+ Vom schönsten Mann hast du gesprochen,
+ Nun sprich auch von der schönsten Frau!
+
+ CHIRON:
+ Was!... Frauenschönheit will nichts heißen,
+ Ist gar zu oft ein starres Bild;
+ Nur solch ein Wesen kann ich preisen,
+ Das froh und lebenslustig quillt.
+ Die Schöne bleibt sich selber selig;
+ Die Anmut macht unwiderstehlich,
+ Wie Helena, da ich sie trug.
+
+ FAUST:
+ Du trugst sie? +
+
+ CHIRON:
+ Ja, auf diesem Rücken.
+
+ FAUST:
+ Bin ich nicht schon verwirrt genug?
+ Und solch ein Sitz muß mich beglücken!
+
+ CHIRON:
+ Sie faßte so mich in das Haar,
+ Wie du es tust. +
+
+ FAUST:
+ O ganz und gar
+ Verlier' ich mich! Erzähle, wie?
+ Sie ist mein einziges Begehren!
+ Woher, wohin, ach, trugst du sie?
+
+ CHIRON:
+ Die Frage läßt sich leicht gewähren.
+ Die Dioskuren hatten jener Zeit
+ Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.
+ Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,
+ Ermannten sich urd stürmten hintendrein.
+ Da hielten der Geschwister eiligen Lauf
+ Die Sümpfe bei Eleusis auf;
+ Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber;
+ Da sprang sie ab und streichelte
+ Die feuchte Mähne, schmeichelte
+ Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt.
+ Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!
+
+ FAUST:
+ Erst zehen Jahr!... +
+
+ CHIRON:
+ Ich seh', die Philologen,
+ Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.
+ Ganz eigen ist's mit mythologischer Frau,
+ Der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau:
+ Nie wird sie mündig, wird nicht alt,
+ Stets appetitlicher Gestalt,
+ Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;
+ Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.
+
+ FAUST:
+ So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!
+ Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,
+ Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:
+ Errungen Liebe gegen das Geschick!
+ Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
+ Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?
+ Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,
+ So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?
+ Du sahst sie einst; heut hab' ich sie gesehn,
+ So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.
+ Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;
+ Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.
+
+ CHIRON:
+ Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;
+ Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.
+ Nun trifft sich's hier zu deinem Glücke;
+ Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,
+ Pfleg' ich bei Manto vorzutreten,
+ Der Tochter äskulaps; im stillen Beten
+ Fleht sie zum Vater, daß, zu seiner Ehre,
+ Er endlich doch der ärzte Sinn verkläre
+ Und vom verwegnen Totschlag sie bekehre...
+ Die liebste mir aus der Sibyllengilde,
+ Nicht fratzenhaft bewegt, wohltätig milde;
+ Ihr glückt es wohl, bei einigem Verweilen,
+ Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen.
+
+ FAUST:
+ Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig;
+ Da wär' ich ja wie andre niederträchtig.
+
+ CHIRON:
+ Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!
+ Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.
+
+ FAUST:
+ Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,
+ Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?
+
+ CHIRON:
+ Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,
+ Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,
+ Das größte Reich, das sich im Sand verliert;
+ Der König flieht, der Bürger triumphiert.
+ Blick auf! hier steht, bedeutend nah,
+ Im Mondenschein der ewige Tempel da.
+
+ MANTO:
+ Von Pferdes Hufe
+ Erklingt die heilige Stufe,
+ Halbgötter treten heran.
+
+ CHIRON:
+ Ganz recht!
+ Nur die Augen aufgetan!
+
+ MANTO:
+ Willkommen! ich seh', du bleibst nicht aus.
+
+ CHIRON:
+ Steht dir doch auch dein Tempelhaus!
+
+ MANTO:
+ Streiftst du noch immer unermüdet?
+
+ CHIRON:
+ Wohnst du doch immer still umfriedet,
+ Indes zu kreisen mich erfreut.
+
+ MANTO:
+ Ich harre, mich umkreist die Zeit.
+ Und dieser? +
+
+ CHIRON:
+ Die verrufene Nacht
+ Hat strudelnd ihn hierher gebracht.
+ Helenen, mit verrückten Sinnen,
+ Helenen will er sich gewinnen
+ Und weiß nicht, wie und wo beginnen;
+ Asklepischer Kur vor andern wert.
+
+ MANTO:
+ Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.
+
+ MANTO:
+ Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!
+ Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.
+ In des Olympus hohlem Fuß
+ Lauscht sie geheim verbotnem Gruß.
+ Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;
+ Benutz es besser! frisch! beherzt!
+
+
+
+ Am obern Peneios
+
+ SIRENEN:
+ Stürzt euch in Peneios' Flut!
+ Plätschernd ziemt es da zu schwimmen,
+ Lied um Lieder anzustimmen,
+ Dem unseligen Volk zugut.
+ Ohne Wasser ist kein Heil!
+ Führen wir mit hellem Heere
+ Eilig zum ägäischen Meere,
+ Würd' uns jede Lust zuteil.
+
+ SIRENEN:
+ Schäumend kehrt die Welle wieder,
+ Fließt nicht mehr im Bett darnieder;
+ Grund erbebt, das Wasser staucht,
+ Kies und Ufer berstend raucht.
+ Flüchten wir! Kommt alle, kommt!
+ Niemand, dem das Wunder frommt.
+ Fort! ihr edlen frohen Gäste,
+ Zu dem seeisch heitern Feste,
+ Blinkend, wo die Zitterwellen,
+ Ufernetzend, leise schwellen;
+ Da, wo Luna doppelt leuchtet,
+ Uns mit heil'gem Tau befeuchtet.
+ Dort ein freibewegtes Leben,
+ Hier ein ängstlich Erdebeben;
+ Eile jeder Kluge fort!
+ Schauderhaft ist's um den Ort.
+
+ SEISMOS:
+ Einmal noch mit Kraft geschoben,
+ Mit den Schultern brav gehoben!
+ So gelangen wir nach oben,
+ Wo uns alles weichen muß.
+
+ SPHINXE:
+ Welch ein widerwärtig Zittern,
+ Häßlich grausenhaftes Wittern!
+ Welch ein Schwanken, welches Beben,
+ Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
+ Welch unleidlicher Verdruß!
+ Doch wir ändern nicht die Stelle,
+ Bräche los die ganze Hölle.
+ Nun erhebt sich ein Gewölbe
+ Wundersam. Es ist derselbe,
+ Jener Alte, längst Ergraute,
+ Der die Insel Delos baute,
+ Einer Kreißenden zulieb'
+ Aus der Wog' empor sie trieb.
+ Er, mit Streben, Drängen, Drücken,
+ Arme straff, gekrümmt den Rücken,
+ Wie ein Atlas an Gebärde,
+ Hebt er Boden, Rasen, Erde,
+ Kies und Grieß und Sand und Letten,
+ Unsres Ufers stille Betten.
+ So zerreißt er eine Strecke
+ Quer des Tales ruhige Decke.
+ Angestrengtest, nimmer müde,
+ Kolossale Karyatide,
+ Trägt ein furchtbar Steingerüste,
+ Noch im Boden bis zur Büste;
+ Weiter aber soll's nicht kommen,
+ Sphinxe haben Platz genommen.
+
+ SEISMOS:
+ Das hab' ich ganz allein vermittelt,
+ Man wird mir's endlich zugestehn;
+ Und hätt' ich nicht geschüttelt und gerüttelt,
+ Wie wäre diese Welt so schön?--
+ Wie ständen eure Berge droben
+ In prächtig-reinem ätherblau,
+ Hätt' ich sie nicht hervorgeschoben
+ Zu malerisch-entzückter Schau?
+ Als, angesichts der höchsten Ahnen,
+ Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug
+ Und, in Gesellschaft von Titanen,
+ Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug,
+ Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,
+ Bis überdrüssig noch zuletzt
+ Wir dem Parnaß, als eine Doppelmütze,
+ Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt...
+ Apollen hält ein froh Verweilen
+ Dort nun mit seliger Musen Chor.
+ Selbst Jupitern und seinen Donnerkeilen
+ Hob ich den Sessel hoch empor.
+ Jetzt so, mit ungeheurem Streben,
+ Drang aus dem Abgrund ich herauf
+ Und fordre laut, zu neuem Leben,
+ Mir fröhliche Bewohner auf.
+
+ SPHINXE:
+ Uralt, müßte man gestehen,
+ Sei das hier Emporgebürgte,
+ Hätten wir nicht selbst gesehen,
+ Wie sich's aus dem Boden würgte.
+ Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,
+ Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran;
+ Ein Sphinx wird sich daran nicht kehren:
+ Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören.
+
+ GREIFE:
+ Gold in Blättchen, Gold in Flittern
+ Durch die Ritzen seh ich zittern.
+ Laßt euch solchen Schatz nicht rauben,
+ Imsen, auf! es auszuklauben.
+
+ CHOR DER AMEISEN:
+ Wie ihn die Riesigen
+ Emporgehoben,
+ Ihr Zappelfüßigen,
+ Geschwind nach oben!
+ Behendest aus und ein!
+ In solchen Ritzen
+ Ist jedes Bröselein
+ Wert zu besitzen.
+ Das Allermindeste
+ Müßt ihr entdecken
+ Auf das geschwindeste
+ In allen Ecken.
+ Allemsig müßt ihr sein,
+ Ihr Wimmelscharen;
+ Nur mit dem Gold herein!
+ Den Berg laßt fahren.
+
+ GREIFE:
+ Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!
+ Wir legen unsre Klauen drauf;
+ Sind Riegel von der besten Art,
+ Der größte Schatz ist wohlverwahrt.
+
+ PYGMÄEN:
+ Haben wirklich Platz genommen,
+ Wissen nicht, wie es geschah.
+ Fraget nicht, woher wir kommen,
+ Denn wir sind nun einmal da!
+ Zu des Lebens lustigem Sitze
+ Eignet sich ein jedes Land;
+ Zeigt sich eine Felsenritze,
+ Ist auch schon der Zwerg zur Hand.
+ Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße,
+ Musterhaft ein jedes Paar;
+ Weiß nicht, ob es gleicher Weise
+ Schon im Paradiese war.
+ Doch wir finden's hier zum besten,
+ Segnen dankbar unsern Stern;
+ Denn im Osten wie im Westen
+ Zeugt die Mutter Erde gern.
+
+ DAKTYLE:
+ Hat sie in einer Nacht
+ Die Kleinen hervorgebracht,
+ Sie wird die Kleinsten erzeugen;
+ Finden auch ihresgleichen.
+
+ PYGMÄEN-ÄLTESTE:
+ Eilet, bequemen
+ Sitz einzunehmen!
+ Eilig zum Werke!
+ Schnelle für Stärke!
+ Noch ist es Friede;
+ Baut euch die Schmiede,
+ Harnisch und Waffen
+ Dem Heer zu schaffen.
+ Ihr Imsen alle,
+ Rührige im Schwalle,
+ Schafft uns Metalle!
+ Und ihr Daktyle,
+ Kleinste, so viele,
+ Euch sei befohlen,
+ Hölzer zu holen!
+ Schlichtet zusammen
+ Heimliche Flammen,
+ Schaffet uns Kohlen.
+
+ GENERALISSIMUS:
+ Mit Pfeil und Bogen
+ Frisch ausgezogen!
+ An jenem Weiher
+ Schießt mir die Reiher,
+ Unzählig nistende,
+ Hochmütig brüstende,
+ Auf einen Ruck,
+ Alle wie einen!
+ Daß wir erscheinen
+ Mit Helm und Schmuck.
+
+ IMSEN UND DAKTYLE:
+ Wer wird uns retten!
+ Wir schaffen 's Eisen,
+ Sie schmieden Ketten.
+ Uns loszureißen,
+ Ist noch nicht zeitig,
+ Drum seid geschmeidig.
+
+ DIE KRANICHE DES IBYKUS:
+ Mordgeschrei und Sterbeklagen!
+ ängstlich Flügelflatterschlagen!
+ Welch ein ächzen, welch Gestöhn
+ Dringt herauf zu unsern Höhn!
+ Alle sind sie schon ertötet,
+ See von ihrem Blut gerötet,
+ Mißgestaltete Begierde
+ Raubt des Reihers edle Zierde.
+ Weht sie doch schon auf dem Helme
+ Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
+ Ihr Genossen unsres Heeres,
+ Reihenwanderer des Meeres,
+ Euch berufen wir zur Rache
+ In so nahverwandter Sache.
+ Keiner spare Kraft und Blut!
+ Ewige Feindschaft dieser Brut!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die nordischen Hexen wußt' ich wohl zu meistern,
+ Mir wird's nicht just mit diesen fremden Geistern.
+ Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,
+ Wo man auch sei, man findet sich zumal.
+ Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein,
+ Auf seiner Höh' wird Heinrich munter sein,
+ Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,
+ Doch alles ist für tausend Jahr getan.
+ Wer weiß denn hier nur, wo er geht und steht,
+ Ob unter ihm sich nicht der Boden bläht?...
+ Ich wandle lustig durch ein glattes Tal,
+ Und hinter mir erhebt sich auf einmal
+ Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,
+ Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen
+ Schon hoch genug--hier zuckt noch manches Feuer
+ Das Tal hinab und flammt ums Abenteuer...
+ Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,
+ Spitzbübisch gaukelnd, der galante Chor.
+ Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,
+ Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen.
+
+ LAMIEN:
+ Geschwind, geschwinder!
+ Und immer weiter!
+ Dann wieder zaudernd,
+ Geschwätzig plaudernd.
+ Es ist so heiter,
+ Den alten Sünder
+ Uns nachzuziehen,
+ Zu schwerer Buße.
+ Mit starrem Fuße
+ Kommt er geholpert,
+ Einhergestolpert;
+ Er schleppt das Bein,
+ Wie wir ihn fliehen,
+ Uns hinterdrein!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!
+ Von Adam her verführte Hansen!
+ Alt wird man wohl, wer aber klug?
+ Warst du nicht schon vernarrt genug!
+ Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,
+ Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts.
+ Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,
+ Wo man sie anfaßt, morsch in allen Gliedern.
+ Man weiß, man sieht's, man kann es greifen,
+ Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!
+
+ LAMIEN:
+ Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;
+ Entgegnet ihm, daß er euch nicht entgeht!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nur zu! und laß dich ins Gewebe
+ Der Zweifelei nicht törig ein;
+ Denn wenn es keine Hexen gäbe,
+ Wer Teufel möchte Teufel sein!
+
+ LAMIEN:
+ Kreisen wir um diesen Helden!
+ Liebe wird in seinem Herzen
+ Sich gewiß für eine melden.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Zwar bei ungewissem Schimmer
+ Scheint ihr hübsche Frauenzimmer,
+ Und so möcht' ich euch nicht schelten.
+
+ EMPUSE:
+ Auch nicht mich! als eine solche
+ Laßt mich ein in eure Folge.
+
+ LAMIEN:
+ Die ist in unserm Kreis zuviel,
+ Verdirbt doch immer unser Spiel.
+
+ EMPUSE:
+ Begrüßt von Mühmichen Empuse,
+ Der Trauten mit dem Eselsfuße!
+ Du hast nur einen Pferdefuß,
+ Und doch, Herr Vetter, schönsten Gruß!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier dacht' ich lauter Unbekannte
+ Und finde leider Nahverwandte;
+ Es ist ein altes Buch zu blättern:
+ Vom Harz bis Hellas immer Vettern!
+
+ EMPUSE:
+ Entschieden weiß ich gleich zu handeln,
+ In vieles könnt' ich mich verwandeln;
+ Doch Euch zu Ehren hab' ich jetzt
+ Das Eselsköpfchen aufgesetzt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich merk', es hat bei diesen Leuten
+ Verwandtschaft Großes zu bedeuten;
+ Doch mag sich, was auch will, eräugnen,
+ Den Eselskopf möcht' ich verleugnen.
+
+ LAMIEN:
+ Daß diese Garstige, sie verscheucht,
+ Was irgend schön und lieblich deucht;
+ Was irgend schön und lieblich wär'--
+ Sie kommt heran, es ist nicht mehr!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auch diese Mühmchen zart und schmächtig,
+ Sie sind mir allesamt verdächtig;
+ Und hinter solcher Wänglein Rosen
+ Fürcht' ich doch auch Metamorphosen.
+
+ LAMIEN:
+ Versuch es doch! sind unsrer viele.
+ Greif zu! Und hast du Glück im Spiele,
+ Erhasche dir das beste Los.
+ Was soll das lüsterne Geleier?
+ Du bist ein miserabler Freier,
+ Stolzierst einher und tust so groß!--
+ Nun mischt er sich in unsre Scharen;
+ Laßt nach und nach die Masken fahren
+ Und gebt ihm euer Wesen bloß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Schönste hab' ich mir erlesen...
+ O weh mir! welch ein dürrer Besen!
+ Und diese?... Schmähliches Gesicht!
+
+ LAMIEN:
+ Verdienst du's besser? dünkt es nicht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Kleine möcht' ich mir verpfänden...
+ Lacerte schlüpft mir aus den Händen!
+ Und schlangenhaft der glatte Zopf.
+ Dagegen fass' ich mir die Lange...
+ Da pack' ich eine Thyrsusstange,
+ Den Pinienapfel als den Kopf!
+ Wo will's hinaus?... Noch eine Dicke,
+ An der ich mich vielleicht erquicke;
+ Zum letztenmal gewagt! Es sei!
+ Recht quammig, quappig, das bezahlen
+ Mit hohem Preis Orientalen...
+ Doch ach! der Bovist platzt entzwei!
+
+ LAMIEN:
+ Fahrt auseinander, schwankt und schwebet
+ Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet
+ Den eingedrungnen Hexensohn!
+ Unsichre, schauderhafte Kreise!
+ Schweigsamen Fittichs, Fledermäuse!
+ Zu wohlfeil kommt er doch davon.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;
+ Absurd ist's hier, absurd im Norden,
+ Gespenster hier wie dort vertrackt,
+ Volk und Poeten abgeschmackt.
+ Ist eben hier eine Mummenschanz
+ Wie überall, ein Sinnentanz.
+ Ich griff nach holden Maskenzügen
+ Und faßte Wesen, daß mich's schauerte...
+ Ich möchte gerne mich betrügen,
+ Wenn es nur länger dauerte.
+ Wo bin ich denn? Wo will's hinaus?
+ Das war ein Pfad, nun ist's ein Graus.
+ Ich kam daher auf glatten Wegen,
+ Und jetzt steht mir Geröll entgegen.
+ Vergebens klettr' ich auf und nieder,
+ Wo find' ich meine Sphinxe wieder?
+ So toll hätt' ich mir's nicht gedacht,
+ Ein solch Gebirge in einer Nacht!
+ Das heiß' ich frischen Hexenritt,
+ Die bringen ihren Blocksberg mit.
+
+ OREAS:
+ Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
+ Steht in ursprünglicher Gestalt.
+ Verehre schroffe Felsensteige,
+ Des Pindus letztgedehnte Zweige!
+ Schon stand ich unerschüttert so,
+ Als über mich Pompejus floh.
+ Daneben das Gebild des Wahns
+ Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.
+ Dergleichen Märchen seh' ich oft entstehn
+ Und plötzlich wieder untergehn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt,
+ Von hoher Eichenkraft umlaubt!
+ Der allerklarste Mondenschein
+ Dringt nicht zur Finsternis herein.--
+ Doch neben am Gebüsche zieht
+ Ein Licht, das gar bescheiden glüht.
+ Wie sich das alles fügen muß!
+ Fürwahr, es ist Homunculus!
+ Woher des Wegs, du Kleingeselle?
+
+ HOMUNCULUS:
+ Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
+ Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
+ Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;
+ Allein, was ich bisher gesehn,
+ Hinein da möcht' ich mich nicht wagen.
+ Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
+ Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
+ Ich horchte zu, es hieß: Natur, Natur!
+ Von diesen will ich mich nicht trennen,
+ Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;
+ Und ich erfahre wohl am Ende,
+ Wohin ich mich am allerklügsten wende.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das tu auf deine eigne Hand.
+ Denn wo Gespenster Platz genommen,
+ Ist auch der Philosoph willkommen.
+ Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,
+ Erschafft er gleich ein Dutzend neue.
+ Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.
+ Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!
+
+ HOMUNCULUS:
+ Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So fahre hin! Wir wollen's weiter sehn.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;
+ Bedarf es Weitres, dich zu überzeugen?
+
+ THALES:
+ Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
+ Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.
+
+ THALES:
+ Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Laßt mich an eurer Seite gehn.
+ Mir selbst gelüstet's, zu entstehn!
+
+ ANAXAGORAS:
+ Hast du, o Thales, je in einer Nacht
+ Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?
+
+ THALES:
+ Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
+ Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
+ Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
+ Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Hier aber war's! Plutonisch grimmig Feuer,
+ äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,
+ Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,
+ Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.
+
+ THALES:
+ Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?
+ Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.
+ Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
+ Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,
+ Die Felsenspalten zu bewohnen;
+ Pygmäen, Imsen, Däumerlinge
+ Und andre tätig kleine Dinge.
+ Nie hast du Großem nachgestrebt,
+ Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;
+ Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,
+ So laß ich dich als König krönen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Was sagt mein Thales? +
+
+ THALES:
+ Will's nicht raten;
+ Mit Kleinen tut man kleine Taten,
+ Mit Großen wird der Kleine groß.
+ Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!
+ Sie droht dem aufgeregten Volke
+ Und würde so dem König drohn.
+ Mit scharfen Schnäbeln, krallen Beinen,
+ Sie stechen nieder auf die Kleinen;
+ Verhängnis wetterleuchtet schon.
+ Ein Frevel tötete die Reiher,
+ Umstellend ruhigen Friedensweiher.
+ Doch jener Mordgeschosse Regen
+ Schafft grausam-blut'gen Rachesegen,
+ Erregt der Nahverwandten Wut
+ Nach der Pygmäen frevlem Blut.
+ Was nützt nun Schild und Helm und Speer?
+ Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?
+ Wie sich Daktyl und Imse bergen!
+ Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Konnt' ich bisher die Unterirdischen loben,
+ So wend' ich mich in diesem Fall nach oben...
+ Du! droben ewig Unveraltete,
+ Dreinamig-Dreigestaltete,
+ Dich ruf' ich an bei meines Volkes Weh,
+ Diana, Luna, Hekate!
+ Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,
+ Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,
+ Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
+ Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
+ Bin ich zu schnell erhört?
+ Hat mein Flehn
+ Nach jenen Höhn
+ Die Ordnung der Natur gestört?
+ Und größer, immer größer nahet schon
+ Der Göttin rundumschriebner Thron,
+ Dem Auge furchtbar, ungeheuer!
+ Ins Düstre rötet sich sein Feuer...
+ Nicht näher, drohend-mächtige Runde!
+ Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!
+ So wär' es wahr, daß dich thessalische Frauen
+ In frevlend magischem Vertrauen
+ Von deinem Pfad herabgesungen,
+ Verderblichstes dir abgerungen?...
+ Das lichte Schild hat sich umdunkelt,
+ Auf einmal reißt's und blitzt und funkelt!
+ Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!
+ Ein Donnern, Windgetüm dazwischen!--
+ Demütig zu des Thrones Stufen!--
+ Verzeiht! Ich hab' es hergerufen.
+
+ THALES:
+ Was dieser Mann nicht alles hört' und sah!
+ Ich weiß nicht recht, wie uns geschah,
+ Auch hab' ich's nicht mit ihm empfunden.
+ Gestehen wir, es sind verrückte Stunden,
+ Und Luna wiegt sich ganz bequem
+ An ihrem Platz, so wie vordem.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Schaut hin nach der Pygmäen Sitz!
+ Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.
+ Ich spürt' ein ungeheures Prallen,
+ Der Fels war aus dem Mond gefallen;
+ Gleich hat er, ohne nachzufragen,
+ So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.
+ Doch muß ich solche Künste loben,
+ Die schöpferisch, in einer Nacht,
+ Zugleich von unten und von oben,
+ Dies Berggebäu zustand gebracht.
+
+ THALES:
+ Sei ruhig! Es war nur gedacht.
+ Sie fahre hin, die garstige Brut!
+ Daß du nicht König warst, ist gut.
+ Nun fort zum heitern Meeresfeste,
+ Dort hofft und ehrt man Wundergäste.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da muß ich mich durch steile Felsentreppen,
+ Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!
+ Auf meinem Harz der harzige Dunst
+ Hat was vom Pech, und das hat meine Gunst,
+ Zunächst dem Schwefel... Hier, bei diesen Griechen
+ Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;
+ Neugierig aber wär' ich, nachzuspüren,
+ Womit sie Höllenqual und--flamme schüren.
+
+ DRYAS:
+ In deinem Lande sei einheimisch klug,
+ Im fremden bist du nicht gewandt genug.
+ Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
+ Der heiligen Eichen Würde hier verehren.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man denkt an das, was man verließ;
+ Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.
+ Doch sagt: was in der Höhle dort,
+ Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?
+
+ DRYAS:
+ Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort
+ Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune!
+ So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn:
+ Dergleichen hab' ich nie gesehn,
+ Die sind ja schlimmer als Alraune...
+ Wird man die urverworfnen Sünden
+ Im mindesten noch häßlich finden,
+ Wenn man dies Dreigetüm erblickt?
+ Wir litten sie nicht auf den Schwellen
+ Der grauenvollsten unsrer Höllen.
+ Hier wurzelt's in der Schönheit Land,
+ Das wird mit Ruhm antik genannt...
+ Sie regen sich, sie scheinen mich zu spüren,
+ Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampyren.
+
+ PHORKYAS:
+ Gebt mir das Auge, Schwestern, daß es frage,
+ Wer sich so nah an unsre Tempel wage.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen
+ Und euren Segen dreifach zu empfahen.
+ Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,
+ Doch, irr' ich nicht, weitläufiger Verwandter.
+ Altwürdige Götter hab' ich schon erblickt,
+ Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebückt;
+ Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,
+ Ich sah sie gestern--oder ehegestern;
+ Doch euresgleichen hab' ich nie erblickt.
+ Ich schweige nun und fühle mich entzückt.
+
+ PHORKYADEN:
+ Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nur wundert's mich, daß euch kein Dichter preist.
+ Und sagt: wie kam's, wie konnte das geschehn?
+ Im Bilde hab' ich nie euch Würdigste gesehn;
+ Versuch's der Meißel doch, euch zu erreichen,
+ Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.
+
+ PHORKYADEN:
+ Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,
+ Hat unser Drei noch nie daran gedacht!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie sollt' es auch? da ihr, der Welt entrückt,
+ Hier niemand seht und niemand euch erblickt.
+ Da müßtet ihr an solchen Orten wohnen,
+ Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,
+ Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,
+ Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.
+ Wo-- +
+
+ PHORKYADEN:
+ Schweige still und gib uns kein Gelüsten!
+ Was hülf' es uns, und wenn wir's besser wüßten?
+ In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,
+ Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,
+ Man kann sich selbst auch andern übertragen.
+ Euch dreien gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn;
+ Da ging' es wohl auch mythologisch an,
+ In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,
+ Der Dritten Bildnis mir zu überlassen,
+ Auf kurze Zeit. +
+
+ EINE:
+ Wie dünkt's euch? ging' es an?
+
+ DIE ANDERN:
+ Versuchen wir's!--doch ohne Aug' und Zahn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;
+ Wie würde da das strengste Bild vollkommen!
+
+ EINE:
+ Drück du ein Auge zu, 's ist leicht geschehn,
+ Laß alsofort den einen Raffzahn sehn,
+ Und im Profil wirst du sogleich erreichen,
+ Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Viel Ehr'! Es sei! +
+
+ PHORKYADEN:
+ Es sei! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da steh' ich schon,
+ Des Chaos vielgeliebter Sohn!
+
+ PHORKYADEN:
+ Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.
+
+ PHORKYADEN:
+ Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!
+ Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Vor aller Augen muß ich mich verstecken,
+ Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken.
+
+
+
+ Felsbuchten des ägäischen Meers
+
+ SIRENEN:
+ Haben sonst bei nächtigem Grauen
+ Dich thessalische Zauberfrauen
+ Frevelhaft herabgezogen,
+ Blicke ruhig von dem Bogen
+ Deiner Nacht auf Zitterwogen
+ Mildeblitzend Glanzgewimmel
+ Und erleuchte das Getümmel,
+ Das sich aus den Wogen hebt!
+ Dir zu jedem Dienst erbötig,
+ Schöne Luna, sei uns gnädig!
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Tönet laut in schärfern Tönen,
+ Die das breite Meer durchdröhnen,
+ Volk der Tiefe ruft fortan!
+ Vor des Sturmes grausen Schlünden
+ Wichen wir zu stillsten Gründen,
+ Holder Sang zieht uns heran.
+ Seht, wie wir im Hochentzücken
+ Uns mit goldenen Ketten schmücken,
+ Auch zu Kron' und Edelsteinen
+ Spang- und Gürtelschmuck vereinen!
+ Alles das ist eure Frucht.
+ Schätze, scheiternd hier verschlungen,
+ Habt ihr uns herangesungen,
+ Ihr Dämonen unsrer Bucht.
+
+ SIRENEN:
+ Wissen's wohl, in Meeresfrische
+ Glatt behagen sich die Fische,
+ Schwanken Lebens ohne Leid;
+ Doch, ihr festlich regen Scharen,
+ Heute möchten wir erfahren,
+ Daß ihr mehr als Fische seid.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Ehe wir hieher gekommen,
+ Haben wir's zu Sinn genommen;
+ Schwestern, Bur*der, jetzt geschwind!
+ Heut bedarf's der kleinsten Reise
+ Zum vollgültigsten Beweise,
+ Daß wir mehr als Fische sind.
+
+ SIRENEN:
+ Fort sind sie im Nu!
+ Nach Samothrace grade zu,
+ Verschwunden mit günstigem Wind.
+ Was denken sie zu vollführen
+ Im Reiche der hohen Kabiren?
+ Sind Götter! Wundersam eigen,
+ Die sich immerfort selbst erzeugen
+ Und niemals wissen, was sie sind.
+ Bleibe auf deinen Höhn,
+ Holde Luna, gnädig stehn,
+ Daß es nächtig verbleibe,
+ Uns der Tag nicht vertreibe!
+
+ THALES:
+ Ich führte dich zum alten Nereus gern;
+ Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,
+ Doch hat er einen harten Kopf,
+ Der widerwärtige Sauertopf.
+ Das ganze menschliche Geschlecht
+ Macht's ihm, dem Griesgram, nimmer recht.
+ Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,
+ Dafür hat jedermann Respekt
+ Und ehret ihn auf seinem Posten;
+ Auch hat er manchem wohlgetan.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Probieren wir's und klopfen an!
+ Nicht gleich wird's Glas und Flamme kosten.
+
+ NEREUS:
+ Sind's Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?
+ Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!
+ Gebilde, strebsam, Götter zu erreichen,
+ Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
+ Seit alten Jahren konnt' ich göttlich ruhn,
+ Doch trieb mich's an, den Besten wohlzutun;
+ Und schaut' ich dann zuletzt vollbrachte Taten,
+ So war es ganz, als hätt' ich nicht geraten.
+
+ THALES:
+ Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir;
+ Du bist der Weise, treib uns nicht von hier!
+ Schau diese Flamme, menschenähnlich zwar,
+ Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.
+
+ NEREUS:
+ Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?
+ Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.
+ So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,
+ Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.
+ Wie hab' ich Paris väterlich gewarnt,
+ Eh sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt.
+ Am griechischen Ufer stand er kühnlich da,
+ Ihm kündet' ich, was ich im Geiste sah:
+ Die Lüfte qualmend, überströmend Rot,
+ Gebälke glühend, unten Mord und Tod:
+ Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,
+ Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.
+ Des Alten Wort, dem Frechen schien's ein Spiel,
+ Er folgte seiner Lust, und Ilios fiel--
+ Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,
+ Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.
+ Ulyssen auch! sagt' ich ihm nicht voraus
+ Der Circe Listen, des Zyklopen Graus?
+ Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,
+ Und was nicht alles! Bracht' ihm das Gewinn?
+ Bis vielgeschaukelt ihn, doch spät genug,
+ Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.
+
+ THALES:
+ Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;
+ Der gute doch versucht es noch einmal.
+ Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,
+ Die Zentner Undanks völlig überwiegen.
+ Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:
+ Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn.
+
+ NEREUS:
+ Verderbt mir nicht den seltensten Humor!
+ Ganz andres steht mir heute noch bevor:
+ Die Töchter hab' ich alle herbeschieden,
+ Die Grazien des Meeres, die Doriden.
+ Nicht der Olymp, nicht euer Boden trägt
+ Ein schön Gebild, das sich so zierlich regt.
+ Sie werfen sich, anmutigster Gebärde,
+ Vom Wasserdrachen auf Neptunus' Pferde,
+ Dem Element aufs zarteste vereint,
+ Daß selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.
+ Im Farbenspiel von Venus' Muschelwagen
+ Kommt Galatee, die Schönste, nun getragen,
+ Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,
+ In Paphos wird als Göttin selbst verehrt.
+ Und so besitzt die Holde lange schon,
+ Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.
+ Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde
+ Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.
+ Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:
+ Wie man entstehn und sich verwandlen kann.
+
+ THALES:
+ Wir haben nichts durch siesen Schritt gewonnen,
+ Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;
+ Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,
+ Was staunen macht und in Verwirrung setzt.
+ Du bist einmal bedürftig solchen Rats,
+ Versuchen wir's und wandlen unsres Pfads!
+
+ SIRENEN:
+ Was sehen wir von weiten
+ Das Wellenreich durchgleiten?
+ Als wie nach Windes Regel
+ Anzögen weiße Segel,
+ So hell sind sie zu schauen,
+ Verklärte Meeresfrauen.
+ Laßt uns herunterklimmen,
+ Vernehmt ihr doch die Stimmen.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Was wir auf Händen tragen,
+ Soll allen euch behagen.
+ Chelonens Riesenschilde
+ Entglänzt ein streng Gebilde:
+ Sind Götter, die wir bringen;
+ Müßt hohe Lieder singen.
+
+ SIRENEN:
+ Klein von Gestalt,
+ Groß von Gewalt,
+ Der Scheiternden Retter,
+ Uralt verehrte Götter.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Wir bringen die Kabiren,
+ Ein friedlich Fest zu führen;
+ Denn wo sie heilig walten,
+ Neptun wird freundlich schalten.
+
+ SIRENEN:
+ Wir stehen euch nach;
+ Wenn ein Schiff zerbrach,
+ Unwiderstehbar an Kraft
+ Schützt ihr die Mannschaft.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Drei haben wir mitgenommen,
+ Der vierte wollte nicht kommen;
+ Er sagte, er sei der Rechte,
+ Der für sie alle dächte.
+
+ SIRENEN:
+ Ein Gott den andern Gott
+ Macht wohl zu Spott.
+ Ehrt ihr alle Gnaden,
+ Fürchtet jeden Schaden.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Sind eigentlich ihrer sieben.
+
+ SIRENEN:
+ Wo sind die drei geblieben?
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Wir wüßten's nicht zu sagen,
+ Sind im Olymp zu erfragen;
+ Dort west auch wohl der achte,
+ An den noch niemand dachte!
+ In Gnaden uns gewärtig,
+ Doch alle noch nicht fertig.
+ Diese Unvergleichlichen
+ Wollen immer weiter,
+ Sehnsuchtsvolle Hungerleider
+ Nach dem Unerreichlichen.
+
+ SIRENEN:
+ Wir sind gewohnt,
+ Wo es auch thront,
+ In Sonn' und Mond
+ Hinzubeten; es lohnt.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Wie unser Ruhm zum höchsten prangt,
+ Dieses Fest anzuführen!
+
+ SIRENEN:
+ Die Helden des Altertums
+ Ermangeln des Ruhms,
+ Wo und wie er auch prangt,
+ Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+ Ihr die Kabiren.
+ Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+ Wir die Kabiren. +
+ Ihr
+
+ HOMUNCULUS:
+ Die Ungestalten seh' ich an
+ Als irden-schlechte Töpfe,
+ Nun stoßen sich die Weisen dran
+ Und brechen harte Köpfe.
+
+ THALES:
+ Das ist es ja, was man begehrt:
+ Der rost macht erst die Münze wert.
+
+ PROTEUS:
+ So etwas freut mich alten Fabler!
+ Je wunderlicher, desto respektabler.
+
+ THALES:
+ Wo bist du, Proteus? +
+
+ PROTEUS:
+ Hier! und hier!
+
+ THALES:
+ Den alten Scherz verzeih' ich dir;
+ Doch einem Freund nicht eitle Worte!
+ Ich weiß, du sprichst vom falschen Orte.
+
+ PROTEUS:
+ Leb' wohl! +
+
+ THALES:
+ Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!
+ Er ist neugierig wie ein Fisch;
+ Und wo er auch gestaltet stockt,
+ Durch Flammen wird er hergelockt.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Ergieß'ich gleich des Lichtes Menge,
+ Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.
+
+ PROTEUS:
+ Was leuchtet so anmutig schön?
+
+ THALES:
+ Gut! Wenn du Lust hast, kannst du's näher sehn.
+ Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen
+ Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen.
+ Mit unsern Gunsten sei's, mit unserm Willen,
+ Wer schauen will, was wir verhüllen.
+
+ PROTEUS:
+ Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.
+
+ THALES:
+ Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.
+
+ PROTEUS:
+ Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!
+
+ THALES:
+ Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
+ Er ist, wie ich von ihm vernommen,
+ Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
+ Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
+ Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
+ Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
+ Doch wär' er gern zunächst verkörperlicht.
+
+ PROTEUS:
+ Du bist ein wahrer Jungfernsohn,
+ Eh' du sein solltest, bist du schon!
+
+ THALES:
+ Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:
+ Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.
+
+ PROTEUS:
+ Da muß es desto eher glücken;
+ So wie er anlangt, wird sich's schicken.
+ Doch gilt es hier nicht viel Besinnen:
+ Im weiten Meere mußt du anbeginnen!
+ Da fängt man erst im kleinen an
+ Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
+ Man wächst so nach und nach heran
+ Und bildet sich zu höherem Vollbringen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Hier weht gar eine weiche Luft,
+ Es grunelt so, und mir behagt der Duft!
+
+ PROTEUS:
+ Das glaub' ich, allerliebster Junge!
+ Und weiter hin wird's viel behäglicher,
+ Auf dieser schmalen Strandeszunge
+ Der Dunstkreis noch unsäglicher;
+ Da vorne sehen wir den Zug,
+ Der eben herschwebt, nah genug.
+ Kommt mit dahin! +
+
+ THALES:
+ Ich gehe mit.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Dreifach merkwürd'ger Geisterschritt!
+
+ CHOR:
+ Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet,
+ Womit er die regesten Wellen begütet.
+ Entfaltet der Donnrer die Wolken, die vollen,
+ Entgegnet Neptunus dem greulichen Rollen;
+ Und wie auch von oben es zackig erblitzt,
+ Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;
+ Und was auch dazwischen in ängsten gerungen,
+ Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;
+ Weshalb er uns heute den Zepter gereicht--
+ Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht.
+
+ SIRENEN:
+ Euch, dem Helios Geweihten,
+ Heitern Tags Gebenedeiten,
+ Gruß zur Stunde, die bewegt
+ Lunas Hochverehrung regt!
+
+ TELCHINEN:
+ Allieblichste Göttin am Bogen da droben!
+ Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben.
+ Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,
+ Dort steigt ihm ein ewiger Päan hervor.
+ Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,
+ Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.
+ Die Berge, die Städte, die Ufer, die Welle
+ Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.
+ Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,
+ Ein Strahl und ein Lüftchen, die Insel ist rein!
+ Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,
+ Als Jüngling, als Riesen, den großen, den milden.
+ Wir ersten, wir waren's, die Göttergewalt
+ Aufstellten in würdiger Menschengestalt.
+
+ PROTEUS:
+ Laß du sie singen, laß sie prahlen!
+ Der Sonne heiligen Lebestrahlen
+ Sind tote Werke nur ein Spaß.
+ Das bildet, schmelzend, unverdrossen;
+ Und haben sie's in Erz gegossen,
+ Dann denken sie, es wäre was.
+ Was ist's zuletzt mit diesen Stolzen?
+ Die Götterbilder standen groß--
+ Zerstörte sie ein Erdestoß;
+ Längst sind sie wieder eingeschmolzen.
+ Das Erdetreiben, wie's auch sei,
+ Ist immer doch nur Plackerei;
+ Dem Leben frommt die Welle besser;
+ Dich trägt ins ewige Gewässer
+
+ PROTEUS-DELPHIN:
+ Schon ist's getan!
+ Da soll es dir zum schönsten glücken:
+ Ich nehme dich auf meinen Rücken,
+ Vermähle dich dem Ozean.
+
+ THALES:
+ Gib nach dem löblichen Verlangen,
+ Von vorn die Schöpfung anzufangen!
+ Zu raschem Wirken sei bereit!
+ Da regst du dich nach ewigen Normen,
+ Durch tausend, abertausend Formen,
+ Und bis zum Menschen hast du Zeit.
+
+ PROTEUS:
+ Komm geistig mit in feuchte Weite,
+ Da lebst du gleich in Läng' und Breite,
+ Beliebig regest du dich hier;
+ Nur strebe nicht nach höheren Orden:
+ Denn bist du erst ein Mensch geworden,
+ Dann ist es völlig aus mit dir.
+
+ THALES:
+ Nachdem es kommt; 's ist auch wohl fein,
+ Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.
+
+ PROTEUS:
+ So einer wohl von deinem Schlag!
+ Das hält noch eine Weile nach;
+ Denn unter bleichen Geisterscharen
+ Seh' ich dich schon seit vielen hundret Jahern.
+
+ SIRENEN:
+ Welch ein Ring von Wölkchen ründet
+ Um den Mond so reichen Kreis?
+ Tauben sind es, liebentzündet,
+ Fittiche, wie Licht so weiß.
+ Paphos hat sie hergesendet,
+ Ihre brünstige Vogelschar;
+ Unser Fest, es ist vollendet,
+ Heitre Wonne voll und klar!
+
+ NEREUS:
+ Nennte wohl ein nächtiger Wanderer
+ Diesen Mondhof Lufterscheinung;
+ Doch wir Geister sind ganz anderer
+ Und der einzig richtigen Meinung:
+ Tauben sind es, die begleiten
+ Meiner Tochter Muschelfahrt,
+ Wunderflugs besondrer Art,
+ Angelernt vor alten Zeiten.
+
+ THALES:
+ Auch ich halte das fürs Beste,
+ Was dem wackern Mann gefällt,
+ Wenn im stillen, warmen Neste
+ Sich ein Heiliges lebend hält.
+
+ PSYLLEN UND MARSEN:
+ In Cyperns rauhen Höhlegrüften,
+ Vom Meergott nicht verschüttet,
+ Vom Seismos nicht zerrüttet,
+ Umweht von ewigen Lüften,
+ Und, wie in den ältesten Tagen,
+ In stillbewußtem Behagen
+ Bewahren wir Cypriens Wagen
+ Und führen, beim Säuseln der Nächte,
+ Durch liebliches Wellengeflechte,
+ Unsichtbar dem neuen Geschlechte,
+ Die lieblichste Tochter heran.
+ Wir leise Geschäftigen scheuen
+ Weder Adler noch geflügelten Leuen,
+ Weder Kreuz noch Mond,
+ Wie es oben wohnt und thront,
+ Sich wechselnd wegt und regt,
+ Sich vertreibt und totschlägt,
+ Saaten und Städte niederlegt.
+ Wir, so fortan,
+ Bringen die lieblichste Herrin heran.
+
+ SIRENEN:
+ Leicht bewegt, in mäßiger Eile,
+ Um den Wagen, Kreis um Kreis,
+ Bald verschlungen Zeil' an Zeile,
+ Schlangenartig reihenweis,
+ Naht euch, rüstige Nereiden,
+ Derbe Fraun, gefällig wild,
+ Bringet, zärtliche Doriden,
+ Galateen, der Mutter Bild:
+ Ernst, den Göttern gleich zu schauen,
+ Würdiger Unsterblichkeit,
+ Doch wie holde Menschenfrauen
+ Lockender Anmutigkeit.
+
+ DORIDEN:
+ Leih uns, Luna, Licht und Schatten,
+ Klarheit diesem Jugendflor!
+ Denn wir zeigen liebe Gatten
+ Unserm Vater bittend vor.
+ Knaben sind's, die wir gerettet
+ Aus der Brandung grimmem Zahn,
+ Sie, auf Schilf und Moos gebettet,
+ Aufgewärmt zum Licht heran,
+ Die es nun mit heißen Küssen
+ Treulich uns verdanken müssen;
+ Schau die Holden günstig an!
+
+ NEREUS:
+ Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen:
+ Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.
+
+ DORIDEN:
+ Lobst du, Vater, unser Walten,
+ Gönnst uns wohlerworbene Lust,
+ Laß uns fest, unsterblich halten
+ Sie an ewiger Jungendbrust.
+
+ NEREUS:
+ Mögt euch des schönen Fanges freuen,
+ Den Jüngling bildet euch als Mann;
+ Allein ich könnte nicht verleihen,
+ Was Zeus allein gewähren kann.
+ Die Welle, die euch wogt und schaukelt,
+ Läßt auch der Liebe nicht Bestand,
+ Und hat die Neigung ausgegaukelt,
+ So setzt gemächlich sie ans Land.
+
+ DORIDEN:
+ Ihr, holde Knaben, seid uns wert,
+ Doch müssen wir traurig scheiden;
+ Wir haben ewige Treue begehrt,
+ Die Götter wollen's nicht leiden.
+
+ DIE JÜNGLINGE:
+ Wenn ihr uns nur so ferner labt,
+ Uns wackre Schifferknaben;
+ Wir haben's nie so gut gehabt
+ Und wollen's nicht besser haben.
+
+ NEREUS:
+ Du bist es, mein Liebchen! +
+
+ GALATEE:
+ O Vater! das Glück!
+ Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.
+
+ NEREUS:
+ Vorüber schon, sie ziehen vorüber
+ In kreisenden Schwunges Bewegung;
+ Was kümmert sie die innre herzliche Regung!
+ Ach, nähmen sie mich mit hinüber!
+ Doch ein einziger Blick ergetzt,
+ Daß er das ganze Jahr ersetzt,
+
+ THALES:
+ Heil! Heil! aufs neue!
+ Wie ich mich blühend freue,
+ Vom Schönen, Wahren durchdrungen...
+ Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
+ Alles wird durch das Wasser erhalten!
+ Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.
+ Wenn du nicht Wolken sendetest,
+ Nicht reiche Bäche spendetest,
+ Hin und her nicht Flüsse wendetest,
+ Die Ströme nicht vollendetest,
+ Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
+ Du bist's der das frischeste Leben erhält.
+
+ ECHO:
+ Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.
+
+ NEREUS:
+ Sie kehren schwankend fern zurück,
+ Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
+ In gedehnten Kettenkreisen,
+ Sich festgemäß zu erweisen,
+ Windet sich die unzählige Schar.
+ Aber Galateas Muschelthron
+ Seh' ich schon und aber schon.
+ Er glänzt wie ein stern
+ Durch die Menge.
+ Geliebtes leuchtet durchs Gedränge!
+ Auch noch so fern
+ Schimmert's hell und klar,
+ Immer nah und wahr.
+
+ HOMUNCULUS:
+ In dieser holden Feuchte
+ Was ich auch hier beleuchte,
+ Ist alles reizend schön.
+
+ PROTEUS:
+ In dieser Lebensfeuchte
+ Erglänzt erst deine Leuchte
+ Mit herrlichem Getön.
+
+ NEREUS:
+ Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
+ Will unseren Augen sich offengebaren?
+ Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
+ Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
+ Als wär' es von Pulsen der Liebe gerührt.
+
+ THALES:
+ Homunculus ist es, von Proteus verführt...
+ Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
+ Mir ahnet das ächzen beängsteten Dröhnens;
+ Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
+ Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.
+
+ SIRENEN:
+ Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
+ Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
+ So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
+ Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
+ Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
+ So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
+ Heil dem Meere! Heil den Wogen,
+ Von dem heilgen Feuer umzogen!
+ Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
+ Heil dem seltnen Abenteuer!
+
+ ALL-ALLE:
+ Heil den mildgewogenen Lüften!
+ Heil geheimnisreichen Grüften!
+ Hochgefeiert seid allhier,
+ Element' ihr alle vier!
+
+
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+ 3. Akt--Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
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+ HELENA:
+ Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
+ Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind,
+ Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
+ Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her
+ Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst
+ Und Euros' Kraft, in vaterländische Buchten trug.
+ Dort unten freuet nun der König Menelas
+ Der Rückkehr samt den tapfersten seiner Krieger sich.
+ Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
+ Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange sich
+ Von Pallas' Hügel wiederkehrend aufgebaut
+ Und, als ich hier mit Klytämnestren schwesterlich,
+ Mit Kastor auch und Pollux fröhlich spielend wuchs,
+ Vor allen Häusern Spartas herrlich ausgeschmückt.
+ Gegrüßet seid mir, der ehrnen Pforte Flügel ihr!
+ Durch euer gastlich ladendes Weit-Eröffnen einst
+ Geschah's, daß mir, erwählt aus vielen, Menelas
+ In Bräutigamsgestalt entgegenleuchtete.
+ Eröffnet mir sie wieder, daß ich ein Eilgebot
+ Des Königs treu erfülle, wie der Gattin ziemt.
+ Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir,
+ Was mich umstrürmte bis hieher, verhängnisvoll.
+ Denn seit ich diese Schwelle sorgenlos verließ,
+ Cytherens Tempel besuchend, heiliger Pflicht gemäß,
+ Mich aber dort ein Räuber griff, der phrygische,
+ Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breit
+ So gern erzählen, aber der nicht gerne hört,
+ Von dem die Sage wachsend sich zum Märchen spann.
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+ CHOR:
+ Verschmähe nicht, o herrliche Frau,
+ Des höchsten Gutes Ehrenbesitz!
+ Denn das größte Glück ist dir einzig beschert,
+ Der Schönheit Ruhm, der vor allen sich hebt.
+ Dem Helden tönt sein Name voran,
+ Drum schreitet er stolz;
+ Doch beugt sogleich hartnäckigster Mann
+ Vor der allbezwingenden Schöne den Sinn.
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+ HELENA:
+ Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft
+ Und nun von ihm zu seiner Stadt voraugesandt;
+ Doch welchen Sinn er hegen mag, errat' ich nicht.
+ Komm' ich als Gattin? komm' ich eine Königin?
+ Komm' ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz
+ Und für der Griechen lang' erduldetes Mißgeschick?
+ Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht!
+ Denn Ruf und Schicksal bestimmten füwahr die Unsterblichen
+ Zweideutig mir, der Schöngestalt bedenkliche
+ Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar
+ Mit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn.
+ Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl
+ Nur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.
+ Als wenn er Unheil sänne, saß er gegen mir.
+ Nun aber, als des Eurotas tiefem Buchtgestad
+ Hinangefahren der vordern Schiffe Schnäbel kaum
+ Das Land begrüßten, sprach er, wie vom Gott bewegt:
+ "Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus,
+ Ich mustere sie, am Strand des Meeres hingereiht;
+ Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen
+ Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf,
+ Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,
+ Bis daß zur schönen Ebene du gelangen magst,
+ Wo Lakedämon, einst ein fruchtbar weites Feld,
+ Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.
+ Betrete dann das hochgetürmte Fürstenhaus
+ Und mustere mir die Mägde, die ich dort zurück
+ Gelassen, samt der klugen alten Schaffnerin.
+ Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,
+ Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbst
+ In Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehäuft.
+ Du findest alles nach der Ordnung stehen; denn
+ Das ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treu
+ In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch
+ An seinem Platze jedes, wie er's dort verließ.
+ Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt."
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+ CHOR:
+ Erquicke nun am herrlichen Schatz,
+ Dem stets vermehrten, Augen und Brust!
+ Denn der Kette Zier, der Krone Geschmuck,
+ Da ruhn sie stolz, und sie dünken sich was;
+ Doch tritt nur ein und fordre sie auf,
+ Sie rüsten sich schnell.
+ Mich freuet, zu sehn Schönheit in dem Kampf
+ Gegen Gold und Perlen und Edelgestein.
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+ HELENA:
+ Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:
+ "Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,
+ Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst,
+ Und mancherlei Gefäße, die der Opfer sich
+ Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch.
+ Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund;
+ Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei
+ In hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz,
+ Der Flammen schnell empfänglich, halte da bereit;
+ Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;
+ Doch alles andre geb' ich deiner Sorge hin."
+ So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts
+ Lebendigen Atems zeichnet mir der Ordnende,
+ Das er, die Olympier zu verehren, schlachten will.
+ Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,
+ Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,
+ Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,
+ Es möge gut von Menschen oder möge bös
+ Geachtet sein; die Sterblichen, wir ertragen das.
+ Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
+ Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf
+ Und konnt' es nicht vollbringen, denn ihn hinderte
+ Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.
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+ CHOR:
+ Was geschehen werde, sinnst du nicht aus;
+ Königin, schreite dahin
+ Guten Muts!
+ Gutes und Böses kommt
+ Unerwartet dem Menschen;
+ Auch verkündet, glauben wir's nicht.
+ Brannte doch Troja, sahen wir doch
+ Tod vor Augen, schmählichen Tod;
+ Und sind wir nicht hier
+ Dir gesellt, dienstbar freudig,
+ Schauen des Himmels blendende Sonne
+ Und das Schönste der Erde
+ Huldvoll, dich, uns Glücklichen?
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+ HELENA:
+ Sei's wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt,
+ Hinaufzusteigen ungesäumt in das Königshaus,
+ Das, lang' entbehrt und viel ersehnt und fast verscherzt,
+ Mir abermals vor Augen steht, ich weiß nicht wie.
+ Die Füße tragen mich so mutig nicht empor
+ Die hohen Stufen, die ich kindisch übersprang.
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+ CHOR:
+ Werfet, o Schwestern, ihr
+ Traurig gefangenen,
+ Alle Schmerzen ins Weite;
+ Teilet der Herrin Glück,
+ Teilet Helenens Glück,
+ Welche zu Vaterhauses Herd,
+ Zwar mit spät zurückkehrendem,
+ Aber mit desto festerem
+ Fuße freudig herannaht.
+ Preiset die heiligen,
+ Glücklich herstellenden
+ Und heimführenden Götter!
+ Schwebt der Entbundene
+ Doch wie auf Fittichen
+ über das Rauhste, wenn umsonst
+ Der Gefangene sehnsuchtsvoll
+ über die Zinne des Kerkers hin
+ Armausbreitend sich abhärmt.
+ Aber sie ergriff ein Gott,
+ Die Entfernte;
+ Und aus Ilios' Schutt
+ Trug er hierher sie zurück
+ In das alte, das neugeschmückte
+ Vaterhaus,
+ Nach unsäglichen
+ Freuden und Qualen,
+ Früher Jugendzeit
+ Angefrischt zu gedenken.
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+ PANTHALIS:
+ Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad
+ Und wendet nach der Türe Flügeln euren Blick!
+ Was seh' ich, Schwestern? Kehret nicht die Königin
+ Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?
+ Was ist es, große Königin, was konnte dir
+ In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruß,
+ Erschütterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;
+ Denn Widerwillen seh' ich an der Stirne dir,
+ Ein edles Zürnen, das mit überraschung kämpft.
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+ HELENA:
+ Der Tochter Zeus' geziemet nicht gemeine Furcht,
+ Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht;
+ Doch das Entsetzen, das, dem Schoß der alten Nacht
+ Von Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch
+ Wie glühende Wolken aus des Berges Feuerschlund
+ Herauf sich wälzt, erschüttert auch des Helden Brust.
+ So haben heute grauenvoll die Stygischen
+ Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, daß ich gern
+ Von oft betretner, langersehnter Schwelle mich,
+ Entlaßnem Gaste gleich, entfernend scheiden mag.
+ Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und sollt
+ Ihr weiter nicht mich treiben, Mächte, wer ihr seid.
+ Auf Weihe will ich sinnen, dann gereinigt mag
+ Des Herdes Glut die Frau begrüßen wie den Herrn.
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+ CHORFÜHRERIN:
+ Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,
+ Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist.
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+ HELENA:
+ Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,
+ Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich
+ Zurückgeschlungen in ihrer Tiefe Wunderschoß.
+ Doch daß ihr's wisset, sag' ich's euch mit Worten an:
+ Als ich des Königshauses ernsten Binnenraum,
+ Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
+ Erstaunt' ich ob der öden Gänge Schweigsamkeit,
+ Nicht Schall der emsig Wandelnden begegnete
+ Dem Ohr, nicht raschgeschäftiges Eiligtun dem Blick,
+ Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin,
+ Die jeden Fremden freundlich sonst begrüßenden.
+ Als aber ich dem Schoße des Herdes mich genaht,
+ Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,
+ Am Boden sitzen welch verhülltes großes Weib,
+ Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden.
+ Mit Herrscherworten ruf' ich sie zur Arbeit auf,
+ Die Schaffnerin mir vermutend, die indes vielleicht
+ Des Gatten Vorsicht hinterlassend angestellt;
+ Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche;
+ Nur endlich rührt sie auf mein Dräun den rechten Arm,
+ Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.
+ Ich wende zürnend mich ab von ihr und eile gleich
+ Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos
+ Geschmückt sich hebt und nah daran das Schatzgemach;
+ Allein das Wunder reißt sich schnell vom Boden auf,
+ Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich
+ In hagrer Größe, hohlen, blutig-trüben Blicks,
+ Seltsamer Bildung, wie sie Aug' und Geist verwirrt.
+ Doch red' ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht
+ Sich nur umsonst, Gestalten schöpferisch aufzubaun.
+ Da seht sie selbst! sie wagt sogar sich ans Licht hervor!
+ Hier sind wir Meister, bis der Herr und König kommt.
+ Die grausen Nachtgeburten drängt der Schönheitsfreund
+ Phöbus hinweg in Höhlen, oder bändigt sie.
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+ CHOR:
+ Vieles erlebt' ich, obgleich die Locke
+ Jugendlich wallet mir um die Schläfe!
+ Schreckliches hab' ich vieles gesehen,
+ Kriegrischen Jammer, Ilios' Nacht,
+ Als es fiel.
+ Durch das umwölkte, staubende Tosen
+ Drängender Krieger hört' ich die Götter
+ Fürchterlich rufen, hört' ich der Zwietracht
+ Eherne Stimme schallen durchs Feld,
+ Mauerwärts.
+ Ach! sie standen noch, Ilios'
+ Mauern, aber die Flammenglut
+ Zog vom Nachbar zum Nachbar schon,
+ Sich verbreitend von hier und dort
+ Mit des eignen Sturmes Wehn
+ über die nächtliche Stadt hin.
+ Flüchtend sah ich durch Rauch und Glut
+ Und der züngelnden Flamme Loh'n
+ Gräßlich zürnender Götter Nahn,
+ Schreitend Wundergestalten
+ Riesengroß, durch düsteren
+ Feuerumleuchteten Qualm hin.
+ Sah ich's, oder bildete
+ Mir der angstumschlungene Geist
+ Solches Verworrene? sagen kann
+ Nimmer ich's, doch daß ich dies
+ Gräßliche hier mit Augen schau',
+ Solches gewiß ja weiß ich;
+ Könnt' es mit Händen fassen gar,
+ Hielte von dem Gefährlichen
+ Nicht zurücke die Furcht mich.
+ Welche von Phorkys'
+ Töchtern nur bist du?
+ Denn ich vergleiche dich
+ Diesem Geschlechte.
+ Bist du vielleicht der graugebornen,
+ Eines Auges und eines Zahns
+ Wechselsweis teilhaftigen
+ Graien eine gekommen?
+ Wagest du Scheusal
+ Neben der Schönheit
+ Dich vor dem Kennerblick
+ Phöbus' zu zeigen?
+ Tritt du dennoch hervor nur immer;
+ Denn das Häßliche schaut er nicht,
+ Wie sein heilig Auge noch
+ Nie erblickte den Schatten.
+ Doch uns Sterbliche nötigt, ach,
+ Leider trauriges Mißgeschick
+ Zu dem unsäglichen Augenschmerz,
+ Den das Verwerfliche, Ewig-Unselige
+ Schönheitliebenden rege macht.
+ Ja, so höre denn, wenn du frech
+ Uns entgegenest, höre Fluch,
+ Höre jeglicher Schelte Drohn
+ Aus dem verwünschenden Munde der Glücklichen,
+ Die von Göttern gebildet sind.
+
+ PHORKYAS:
+ Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn,
+ Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand,
+ Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad.
+ Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß,
+ Daß, wo sie immer irgend auch des Weges sich
+ Begegnen, jede der Gernerin den Rücken kehrt.
+ Dann eilet jede wieder heftiger, weiter fort,
+ Die Scham betrübt, die Schönheit aber frech gesinnt,
+ Bis sie zuletzt des Orkus hohle Nacht umfängt,
+ Wenn nicht das Alter sie vorher gebändigt hat.
+ Euch find' ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her
+ Mit übermut ergossen, gleich der Kraniche
+ Laut-heiser klingendem Zug, der über unser Haupt,
+ In langer Wolke, krächzend sein Getön herab
+ Schickt, das den stillen Wandrer über sich hinauf
+ Zu blicken lockt; doch ziehn sie ihren Weg dahin,
+ Er geht den seinen; also wird's mit uns geschehn.
+ Wer seid denn ihr, daß ihr des Königes Hochpalast
+ Mänadisch wild, Betrunknen gleich, umtoben dürft?
+ Wer seid ihr denn, daß ihr des Hauses Schaffnerin
+ Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar?
+ Wähnt ihr, verborgen sei mir, welch Geschlecht ihr seid,
+ Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut?
+ Mannlustige du, so wie verführt verführende,
+ Entnervend beide, Kriegers auch und Bürgers Kraft!
+ Zu Hauf euch sehend, scheint mir ein Zikadenschwarm
+ Herabzustürzen, deckend grüne Feldersaat.
+ Verzehrerinnen fremden Fleißes! Naschende
+ Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands ihr!
+ Erobert', marktverkauft', vertauschte Ware du!
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+ HELENA:
+ Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen schilt,
+ Der Gebietrin Hausrecht tastet er vermessen an;
+ Denn ihr gebührt allein, das Lobenswürdige
+ Zu rühmen, wie zu strafen, was verwerflich ist.
+ Auch bin des Dienstes ich wohl zufrieden, den sie mir
+ Geleistet, als die hohe Kraft von Ilios
+ Umlagert stand und fiel und lag; nicht weniger,
+ Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechselnot
+ Ertrugen, wo sonst jeder sich der Nächste bleibt.
+ Auch hier erwart' ich Gleiches von der muntern Schar;
+ Nicht, was der Knecht sei, fragt der Herr, nur, wie er dient.
+ Drum schweige du und grinse sie nicht länger an.
+ Hast du das Haus des Königs wohl verwahrt bisher
+ Anstatt der Hausfrau, solches dient zum Ruhme dir;
+ Doch jetzo kommt sie selber, tritt nun du zurück,
+ Damit nicht Strafe werde statt verdienten Lohns.
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+ PHORKYAS:
+ Den Hausgenossen drohen bleibt ein großes Recht,
+ Das gottbeglückten Herrschers hohe Gattin sich
+ Durch langer Jahre weise Leitung wohl verdient.
+ Da du, nun Anerkannte, neu den alten Platz
+ Der Königin und Hausfrau wiederum betrittst,
+ So fasse längst erschlaffte Zügel, herrsche nun,
+ Nimm in Besitz den Schatz und sämtlich uns dazu.
+ Vor allem aber schütze mich, die ältere,
+ Vor dieser Schar, die neben deiner Schönheit Schwan
+ Nur schlecht befitticht', schnatterhafte Gänse sind.
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+ CHORFÜHRERIN:
+ Wie häßlich neben Schönheit zeigt sich Häßlichkeit.
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+ PHORKYAS:
+ Wie unverständig neben Klugheit Unverstand.
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+ CHORETIDE 1:
+ Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht.
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+ PHORKYAS:
+ So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind.
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+ CHORETIDE 2:
+ An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor.
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+ PHORKYAS:
+ Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf.
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+ CHORETIDE 3:
+ Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung.
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+ PHORKYAS:
+ Tiresias, den Alten, gehe buhlend an.
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+ CHORETIDE 4:
+ Orions Amme war dir Ur-Urenkelin.
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+ PHORKYAS:
+ Harpyen, wähn' ich, fütterten dich im Unflat auf.
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+ CHORETIDE 5:
+ Mit was ernährst du so gepflegte Magerkeit?
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+ PHORKYAS:
+ Mit Blute nicht, wonach du allzulüstern bist.
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+ CHORETIDE 6:
+ Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!
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+ PHORKYAS:
+ Vampyren-Zähne glänzen dir im frechen Maul.
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+ CHORFÜHRERIN:
+ Das deine stopf' ich, wenn ich sage, wer du seist.
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+ PHORKYAS:
+ So nenne dich zuerst; das Rätsel hebt sich auf.
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+ HELENA:
+ Nicht zürnend, aber traurend schreit' ich zwischen euch,
+ Verbietend solchen Wechselstreites Ungestüm!
+ Denn Schädlicheres begegnet nichts dem Herrscherherrn
+ Als treuer Diener heimlich unterschworner Zwist.
+ Das Echo seiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr
+ In schnell vollbrachter Tat wohlstimmig ihm zurück,
+ Nein, eigenwillig brausend tost es um ihn her,
+ Den selbstverirrten, ins Vergebne scheltenden.
+ Dies nicht allein. Ihr habt in sittelosem Zorn
+ Unsel'ger Bilder Schreckgestalten hergebannt,
+ Die mich umdrängen, daß ich selbst zum Orkus mich
+ Gerissen fühle, vaterländ'scher Flur zum Trutz.
+ Ist's wohl Gedächtnis? war es Wahn, der mich ergreift?
+ War ich das alles? Bin ich's? Werd' ich's künftig sein,
+ Das Traum- und Schreckbild jener Städteverwüstenden?
+ Die Mädchen schaudern, aber du, die älteste,
+ Du stehst gelassen; rede mir verständig Wort.
+
+ PHORKYAS:
+ Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt,
+ Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst ein Traum.
+ Du aber, hochbegünstigt sonder Maß und Ziel,
+ In Lebensreihe sahst nur Liebesbrünstige,
+ Entzündet rasch zum kühnsten Wagstück jeder Art.
+ Schon Theseus haschte früh dich, gierig aufgeregt,
+ Wie Herakles stark, ein herrlich schön geformter Mann.
+
+ HELENA:
+ Entführte mich, ein zehenjährig schlankes Reh,
+ Und mich umschloß Aphidnus' Burg in Attika.
+
+ PHORKYAS:
+ Durch Kastor und durch Pollux aber bald befreit,
+ Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.
+
+ HELENA:
+ Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh',
+ Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.
+
+ PHORKYAS:
+ Doch Vaterwille traute dich an Menelas,
+ Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.
+
+ HELENA:
+ Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm.
+ Aus ehlichem Beisein sproßte dann Hermione.
+
+ PHORKYAS:
+ Doch als er fern sich Kretas Erbe kühn erstritt,
+ Dir Einsamen da erschien ein allzuschöner Gast.
+
+ HELENA:
+ Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft,
+ Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs?
+
+ PHORKYAS:
+ Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin
+ Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.
+
+ HELENA:
+ Als Schaffnerin bestellt' er dich sogleich hieher,
+ Vertrauend vieles, Burg und kühn erworbnen Schatz.
+
+ PHORKYAS:
+ Die du verließest, Ilios' umtürmter Stadt
+ Und unerschöpften Liebesfreuden zugewandt.
+
+ HELENA:
+ Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leids
+ Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.
+
+ PHORKYAS:
+ Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild,
+ In Ilios gesehen und in ägypten auch.
+
+ HELENA:
+ Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar.
+ Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht.
+
+ PHORKYAS:
+ Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf
+ Gesellte sich inbrünstig noch Achill zu dir!
+ Dich früher liebend gegen allen Geschicks Beschluß.
+
+ HELENA:
+ Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich.
+ Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst.
+ Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.
+
+ CHOR:
+ Schweige, schweige!
+ Mißblickende, Mißredende du!
+ Aus so gräßlichen einzahnigen
+ Lippen, was enthaucht wohl
+ Solchem furchtbaren Greuelschlund!
+ Denn der Bösartige, wohltätig erscheinend,
+ Wolfesgrimm unter schafwolligem Vlies,
+ Mir ist er weit schrecklicher als des drei-+
+ köpfigen/ Hundes Rachen.
+ ängstlich lauschend stehn wir da:
+ Wann? wie? wo nur bricht's hervor,
+ Solcher Tücke
+ Tiefauflauerndes Ungetüm?
+ Nun denn, statt freundlich mit Trost reich begabten,
+ Letheschenkenden, holdmildesten Worts
+ Regest du auf aller Vergangenheit
+ Bösestes mehr denn Gutes
+ Und verdüsterst allzugleich
+ Mit dem Glanz der Gegenwart
+ Auch der Zukunft
+ Mild aufschimmerndes Hoffnungslicht.
+ Schweige, schweige!
+ Daß der Königin Seele,
+ Schon zu entfliehen bereit,
+ Sich noch halte, festhalte
+ Die Gestalt aller Gestalten,
+ Welche die Sonne jemals beschien.
+
+ PHORKYAS:
+ Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags,
+ Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze herrscht.
+ Wie die Welt sich dir entfaltet, schaust du selbst mit holdem Blick.
+ Schelten sie mich auch für häßlich, kenn' ich doch das Schöne wohl.
+
+ HELENA:
+ Tret' ich schwankend aus der öde, die im Schwindel mich umgab,
+ Pflegt' ich gern der Ruhe wieder, denn so müd' ist mein Gebein:
+ Doch es ziemet Königinnen, allen Menschen ziemt es wohl,
+ Sich zu fassen, zu ermannen, was auch drohend überrascht.
+
+ PHORKYAS:
+ Stehst du nun in deiner Großheit, deiner Schöne vor uns da,
+ Sagt dein Blick, daß du befiehlest; was befiehlst du? sprich es aus.
+
+ HELENA:
+ Eures Haders frech Versäumnis auszugleichen, seid bereit;
+ Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der König mir gebot.
+
+ PHORKYAS:
+ Alles ist bereit im Hause, Schale, Dreifuß, scharfes Beil,
+ Zum Besprengen, zum Beräuchern; das zu Opfernde zeig' an!
+
+ HELENA:
+ Nicht bezeichnet' es der König. +
+
+ PHORKYAS:
+ Sprach's nicht aus? O Jammerwort!
+
+ HELENA:
+ Welch ein Jammer überfällt dich? +
+
+ PHORKYAS:
+ Königin, du bist gemeint!
+
+ HELENA:
+ Ich? +
+
+ PHORKYAS:
+ Und diese. +
+
+ CHOR:
+ Weh und Jammer! +
+
+ PHORKYAS:
+ Fallen wirst du durch das Beil.
+
+ HELENA:
+ Gräßlich doch geahnt; ich Arme! +
+
+ PHORKYAS:
+ Unvermeidlich scheint es mir.
+
+ CHOR:
+ Ach! Und uns? + was wird begegnen?
+
+ PHORKYAS:
+ Sie stirbt einen edlen Tod;
+ Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel trägt,
+ Wie im Vogelfang die Drosseln, zappelt ihr der Reihe nach.
+
+ PHORKYAS:
+ Gespenster!--Gleich erstarrten Bildern steht ihr da,
+ Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehört.
+ Die Menschen, die Gespenster sämtlich gleich wie ihr,
+ Entsagen auch nicht willig hehrem Sonnenschein;
+ Doch bittet oder rettet niemand sie vom Schluß;
+ Sie wissen's alle, wenigen doch gefällt es nur.
+ Genug, ihr seid verloren! Also frisch ans Werk.
+ Herbei, du düstres, kugelrundes Ungetüm!
+ Wälzt euch hieher, zu schaden gibt es hier nach Lust.
+ Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz,
+ Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand,
+ Die Wasserkrüge füllet, abzuwaschen gibt's
+ Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung.
+ Den Teppich breitet köstlich hier am Staube hin,
+ Damit das Opfer niederkniee königlich
+ Und eingewickelt, zwar getrennten Haupts sogleich,
+ Anständig würdig aber doch bestattet sei.
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Die Königin stehet sinnend an der Seite hier,
+ Die Mädchen welken gleich gemähtem Wiesengras;
+ Mir aber deucht, der ältesten, heiliger Pflicht gemäß,
+ Mit dir das Wort zu wechseln, Ur-Urälteste.
+ Du bist erfahren, weise, scheinst uns gut gesinnt,
+ Obschon verkennend hirnlos diese Schar dich traf.
+ Drum sage, was du möglich noch von Rettung weißt.
+
+ PHORKYAS:
+ Ist leicht gesagt: von der Königin hängt allein es ab,
+ Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr.
+ Entschlossenheit ist nötig und die behendeste.
+
+ CHOR:
+ Ehrenwürdigste der Parzen, weiseste Sibylle du,
+ Halte gesperrt die goldene Schere, dann verkünd' uns Tag und Heil;
+ Denn wir fühlen schon im Schweben, Schwanken, Bammeln unergetzlich
+ Unsere Gliederchen, die lieber erst im Tanze sich ergetzten,
+ Ruhten drauf an Liebchens Brust.
+
+ HELENA:
+ Laß diese bangen! Schmerz empfind' ich, keine Furcht;
+ Doch kennst du Rettung, dankbar sei sie anerkannt.
+ Dem Klungen, Weitumsichtigen zeigt fürwahr sich oft
+ Unmögliches noch als möglich. Sprich und sag' es an.
+
+ CHOR:
+ Sprich und sage, sag uns eilig: wie entrinnen wir den grausen,
+ Garstigen Schlingen, die bedrohlich, als die schlechtesten Geschmeide,
+ Sich um unsre Hälse ziehen? Vorempfinden wir's, die Armen,
+ Zum Entatmen, zum Ersticken, wenn du, Rhea, aller Götter
+ Hohe Mutter, dich nicht erbarmst.
+
+ PHORKYAS:
+ Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug
+ Still anzuhören? Mancherlei Geschichten sind's.
+
+ CHOR:
+ Geduld genug! Zuhörend leben wir indes.
+
+ PHORKYAS:
+ Dem, der zu Hause verharrend edlen Schatz bewahrt
+ Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiß,
+ Wie auch das Dach zu sichern vor des Regens Drang,
+ Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch;
+ Wer aber seiner Schwelle heilige Richte leicht
+ Mit flüchtigen Sohlen überschreitet freventlich,
+ Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz,
+ Doch umgeändert alles, wo nicht gar zerstört.
+
+ HELENA:
+ Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier?
+ Du willst erzählen; rege nicht an Verdrießliches.
+
+ PHORKYAS:
+ Geschichtlich ist es, ist ein Vorwurf keineswegs.
+ Raubschiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht,
+ Gestad' und Inseln, alles streift' er feindlich an,
+ Mit Beute wiederkehrend, wie sie drinnen starrt.
+ Vor Ilios verbracht' er langer Jahre zehn;
+ Zur Heimfahrt aber weiß ich nicht wie viel es war.
+ Allein wie steht es hier am Platz um Tyndareos'
+ Erhabnes Haus? wie stehet es mit dem Reich umher?
+
+ HELENA:
+ Ist dir denn so das Schelten gänzlich einverleibt,
+ Daß ohne Tadeln du keine Lippe regen kannst?
+
+ PHORKYAS:
+ So viele Jahre stand verlassen das Talgebrig,
+ Das hinter Sparta nordwärts in die Höhe steigt,
+ Taygetos im Rücken, wo als muntrer Bach
+ Herab Eurotas rollt und dann, durch unser Tal
+ An Rohren breit hinfließend, eure sChwäne nährt.
+ Dort hinten still im Gebirgtal hat ein kühn Geschlecht
+ Sich angesiedelt, dringend aus cimmerischer Nacht,
+ Und unersteiglich feste Burg sich aufgetürmt,
+ Von da sie Land und Leute placken, wie's behagt.
+
+ HELENA:
+ Das konnten sie vollführen? Ganz unmöglich scheint's.
+
+ PHORKYAS:
+ Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre sind's.
+
+ HELENA:
+ Ist einer Herr? sind's Räuber viel, verbündete?
+
+ PHORKYAS:
+ Nicht Räuber sind es, einer aber ist der Herr.
+ Ich schelt' ihn nicht, und wenn er schon mich heimgesucht.
+ Wohl konnt' er alles nehmen, doch begnügt' er sich
+ Mit wenigen Freigeschenken, nannt' er's, nicht Tribut.
+
+ HELENA:
+ Wie sieht er aus? +
+
+ PHORKYAS:
+ Nicht übel! mir gefällt er schon.
+ Es ist ein munterer, kecker, wohlgebildeter,
+ Wie unter Griechen wenig', ein verständ'ger Mann.
+ Man schilt das Volk Barbaren, doch ich dächte nicht,
+ Daß grausam einer wäre, wie vor Ilios
+ Gar mancher Held sich menschenfresserisch erwies.
+ Ich acht' auf seine Großheit, ihm vertraut' ich mich.
+ Und seine Burg! die solltet ihr mit Augen sehn!
+ Das ist was anderes gegen plumpes Mauerwerk,
+ Das eure Väter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt,
+ Zyklopisch wie Zyklopen, rohen Stein sogleich
+ Auf rohe Steine stürzend; dort hingegen, dort
+ Ist alles senk- und waagerecht und regelhaft.
+ Von außen schaut sie! himmelan sie strebt empor,
+ So starr, so wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl.
+ Zu klettern hier--ja selbst der Gedanke gleitet ab.
+ Und innen großer Höfe Raumgelasse, rings
+ Mit Baulichkeit umgeben, aller Art und Zweck.
+ Da seht ihr Säulen, Säulchen, Bogen, Bögelchen,
+ Altane, Galerien, zu schauen aus und ein,
+ Und Wappen. +
+
+ CHOR:
+ Was sind Wappen? +
+
+ PHORKYAS:
+ Ajax führte ja
+ Geschlungene Schlang' im Schilde, wie ihr selbst gesehn.
+ Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerein
+ Ein jeder auf seinem Schilde, reich bedeutungsvoll.
+ Da sah man Mond und Stern' am nächtigen Himmelsraum,
+ Auch Göttin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch,
+ Und was Bedrängliches guten Städten grimmig droht.
+ Ein solch Gebilde führt auch unsre Heldenschar
+ Von seinen Ur-Urahnen her in Farbenglanz.
+ Da seht ihr Löwen, Adler, Klau' und Schnabel auch,
+ Dann Büffelhörner, Flügel, Rosen, Pfauenschweif,
+ Auch Streifen, gold und schwarz und silbern, blau und rot.
+ Dergleichen hängt in Sälen Reih' an Reihe fort.
+ In Sälen, grenzenlosen, wie die Welt so weit;
+ Da könnt ihr tanzen! +
+
+ CHOR:
+ Sage, gibt's auch Tänzer da?
+
+ PHORKYAS:
+ Die besten! goldgelockte, frische Bubenschar.
+ Die duften Jugend! Paris duftete einzig so,
+ Als er der Königin zu nahe kam. +
+
+ HELENA:
+ Du fällst
+ Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!
+
+ PHORKYAS:
+ Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja!
+ Sogleich umgeb' ich dich mit jener Burg. +
+
+ CHOR:
+ O sprich
+ Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!
+
+ HELENA:
+ Wie? sollt' ich fürchten, daß der König Menelas
+ So grausam sich verginge, mich zu schädigen?
+
+ PHORKYAS:
+ Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,
+ Des totgekämpften = paris Bruder, unerhört
+ Verstümmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt
+ Und glücklich kebste? Nas' und Ohren schnitt er ab
+ Und stümmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun.
+
+ HELENA:
+ Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.
+
+ PHORKYAS:
+ Um jenes willen wird er dir das gleiche tun.
+ Unteilbar ist die Schönheit; der sie ganz besaß,
+ Zerstört sie lieber, fluchend jedem Teilbesitz.
+ Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid'
+ Zerreißend anfaßt, also krallt sich Eifersucht
+ Im Busen fest des Mannes, der das nie vergißt,
+ Was einst er besaß und nun verlor, nicht mehr besitzt.
+
+ CHOR:
+ Hörst du nicht die Hörner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?
+
+ PHORKYAS:
+ Sei willkommen, Herr und König, gerne geb' ich Rechenschaft.
+
+ CHOR:
+ Aber wir? +
+
+ PHORKYAS:
+ Ihr wißt es deutlich, seht vor Augen ihren Tod,
+ Merkt den eurigen da drinne: nein, zu helfen ist euch nicht.
+
+ HELENA:
+ Ich sann mir aus das Nächste, was ich wagen darf.
+ Ein Widerdämon bist du, das empfind' ich wohl
+ Und fürchte, Gutes wendest du zum Bösen um.
+ Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg;
+ Das andre weiß ich; was die Königin dabei
+ Im tiefen Busen geheimnisvoll verbergen mag,
+ Sei jedem unzugänglich. Alte, geh voran!
+
+ CHOR:
+ O wie gern gehen wir hin,
+ Eilenden Fußes;
+ Hinter uns Tod,
+ Vor uns abermals
+ Ragender Feste
+ Unzugängliche Mauer.
+ Schütze sie ebenso gut,
+ Eben wie Ilios' Burg,
+ Die doch endlich nur
+ Niederträchtiger List erlag.
+ Wie? aber wie?
+ Schwestern, schaut euch um!
+ Was es nicht heiterer Tag?
+ Nebel schwanken streifig empor
+ Aus Eurotas' heil'ger Flut;
+ Schon entschwand das liebliche
+ Schilfumkränzte Gestade dem Blick;
+ Auch die frei, zierlich-stolz
+ Sanfthingleitenden Schwäne
+ In gesell'ger Schwimmlust
+ Seh' ich, ach, nicht mehr!
+ Doch, aber doch
+ Tönen hör' ich sie,
+ Tönen fern heiseren Ton!
+ Tod verkündenden, sagen sie.
+ Ach daß uns er nur nicht auch,
+ Statt verheißener Rettung Heil,
+ Untergang verkünde zuletzt;
+ Uns, den Schwangleichen, Lang-+
+ Schön-Weißhalsigen,/ und ach!
+ Unsrer Schwanerzeugten.
+ Weh uns, weh, weh!
+ Alles deckte sich schon
+ Rings mit Nebel umher.
+ Sehen wir doch einander nicht!
+ Was geschieht? gehen wir?
+ Schweben wir nur
+ Trippelnden Schrittes am Boden hin?
+ Siehst du nichts? Schwebt nicht etwa gar
+ Hermes voran? Blinkt nicht der goldne Stab
+ Heischend, gebietend uns wieder zurück
+ Zu dem unerfreulichen, grautagenden,
+ Ungreifbarer Gebilde vollen,
+ überfüllten, ewig leeren Hades?
+ Ja auf einmal wird es düster, ohne Glanz entschwebt der Nebel
+ Dunkelgräulich, mauerbräunlich. Mauern stellen sich dem Blicke,
+ Freiem Blicke starr entgegen. Ist's ein Hof? ist's tiefe Grube?
+ Schauerlich in jedem Falle! Schwestern, ach! wir sind gefangen,
+ So gefangen wie nur je.
+
+
+
+ Innerer Burghof
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Vorschnell und töricht, echt wahrhaftes Weibsgebild!
+ Vom Augenblick abhängig, Spiel der Witterung,
+ Des Glücks und Unglücks! Keins von beiden wißt ihr je
+ Zu bestehn mit Gleichmut. Eine widerspricht ja stets
+ Der andern heftig, überquer die andern ihr;
+ In Freud' und Schmerz nur heult und lacht ihr gleichen Tons.
+ Nun schweigt! und wartet horchend, was die Herrscherin
+ Hochsinnig hier beschließen mag für sich und uns.
+
+ HELENA:
+ Wo bist du, Pythonissa? heiße, wie du magst;
+ Aus diesen Gewölben tritt hervor der düstern Burg.
+ Gingst etwa du, dem wunderbaren Heldenherrn
+ Mich anzukündigen, Wohlempfang bereitend mir,
+ So habe Dank und führe schnell mich ein zu ihm;
+ Beschluß der Irrfahrt wünsch' ich. Ruhe wünsch' ich nur.
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Vergebens blickst du, Königin, allseits um dich her;
+ Verschwunden ist das leidige Bild, verblieb vielleicht
+ Im Nebel dort, aus dessen Busen wir hieher,
+ Ich weiß nicht wie, gekommen, schnell und sonder Schritt.
+ Vielleicht auch irrt sie zweifelhaft im Labyrinth
+ Der wundersam aus vielen einsgewordnen Burg,
+ Den Herrn erfragend fürstlicher Hochbegrüßung halb.
+ Doch sieh, dort oben regt in Menge sich allbereits,
+ In Galerien, am Fenster, in Portalen rasch
+ Sich hin und her bewegend, viele Dienerschaft;
+ Vornehm-willkommnen Gastempfang verkündet es.
+
+ CHOR:
+ Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin,
+ Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt
+ Jungholdeste Schar anständig bewegt
+ Den geregelten Zug. Wie! auf wessen Befehl
+ Nur erscheinen, gereiht und gebildet so früh,
+ Von Jünglingsknaben das herrliche Volk?
+ Was bewundr' ich zumeist? Ist es zierlicher Gang,
+ Etwa des Haupts Lockhaar um die blendende Stirn,
+ Etwa der Wänglein Paar, wie die Pfirsiche rot
+ Und eben auch so weichwollig beflaumt?
+ Gern biss' ich hinein, doch ich schaudre davor;
+ Denn in ähnlichem Fall, da erfüllte der Mund
+ Sich, gräßlich zu sagen! mit Asche.
+ Aber die schönsten,
+ Sie kommen daher;
+ Was tragen sie nur?
+ Stufen zum Thron,
+ Teppich und Sitz,
+ Umhang und zelt-+
+ Artigen/ Schmuck;
+ über überwallt er,
+ Wolkenkränze bildend,
+ Unsrer Königin Haupt;
+ Denn schon bestieg sie
+ Eingeladen herrlichen Pfühl.
+ Tretet heran,
+ Stufe für Stufe
+ Reihet euch ernst.
+ Würdig, o würdig, dreifach würdig
+ Sei gesegnet ein solcher Empfang!
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Wenn diesem nicht die Götter, wie sie öfter tun,
+ Für wenige Zeit nur wundernswürdige Gestalt,
+ Erhabnen Anstand, liebenswerte Gegenwart
+ Vorübergänglich liehen, wird ihm jedesmal,
+ Was er beginnt, gelingen, sei's in Männerschlacht,
+ So auch im kleinen Kriege mit den schönsten Fraun.
+ Er ist fürwahr gar vielen andern vorzuziehn,
+ Die ich doch auch als hochgeschätzt mit Augen sah.
+ Mit langsam-ernstem, ehrfurchtsvoll gehaltnem Schritt
+ Seh' ich den Fürsten; wende dich, o Königin!
+
+ FAUST:
+ Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte,
+ Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring' ich dir
+ In Ketten hart geschlossen solchen Knecht,
+ Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand.
+ Hier kniee nieder, dieser höchsten Frau
+ Bekenntnis abzulegen deiner Schuld.
+ Dies ist, erhabne Herrscherin, der Mann,
+ Mit seltnem Augenblitz vom hohen Turm
+ Umherzuschaun bestellt, dort Himmelsraum
+ Und Erdenbreite scharf zu überspähn,
+ Was etwa da und dort sich melden mag,
+ Vom Hügelkreis ins Tal zur festen Burg
+ Sich regen mag, der Herden Woge sei's,
+ Ein Heereszug vielleicht; wir schützen jene,
+ Begegnen diesem. Heute, welch Versäumnis!
+ Du kommst heran, er meldet's nicht; verfehlt
+ Ist ehrenvoller, schuldigster Empfang
+ So hohen Gastes. Freventlich verwirkt
+ Das Leben hat er, läge schon im Blut
+ Verdienten Todes; doch nur du allein
+ Bestrafst, begnadigst, wie dir's wohlgefällt.
+
+ HELENA:
+ So hohe Würde, wie du sie vergönnst,
+ Als Richterin, als Herrscherin, und wär's
+ Versuchend nur, wie ich vermuten darf--
+ So üb' nun des Richters erste Pflicht,
+ Beschuldigte zu hören. Rede denn.
+
+ TURMWÄRTER LYNKEUS:
+ Laß mich knieen, laß mich schauen,
+ Laß mich sterben, laß mich leben,
+ Denn schon bin ich hingegeben
+ Dieser gottgegebnen Frauen.
+ Harrend auf des Morgens Wonne,
+ östlich spähend ihren Lauf,
+ Ging auf einmal mir die Sonne
+ Wunderbar im Süden auf.
+ Zog den Blick nach jener Seite,
+ Statt der Schluchten, statt der Höhn,
+ Statt der Erd- und Himmelsweite
+ Sie, die Einzige, zu spähn.
+ Augenstrahl ist mir verliehen
+ Wie dem Luchs auf höchstem Baum;
+ Doch nun mußt' ich mich bemühen
+ Wie aus tiefem, düsterm Traum.
+ Wüßt' ich irgend mich zu finden?
+ Zinne? Turm? geschloßnes Tor?
+ Nebel schwanken, Nebel schwinden,
+ Solche Göttin tritt hervor!
+ Aug' und Brust ihr zugewendet,
+ Sog ich an den milden Glanz;
+ Diese Schönheit, wie sie blendet,
+ Blendete mich Armen ganz.
+ Ich vergaß des Wächters Pflichten,
+ Völlig das beschworne Horn;
+ Drohe nur, mich zu vernichten--
+ Schönheit bändigt allen Zorn.
+
+ HELENA:
+ Das übel, das ich brachte, darf ich nicht
+ Bestrafen. Wehe mir! Welch streng Geschick
+ Verfolgt mich, überall der Männer Busen
+ So zu betören, daß sie weder sich
+ Noch sonst ein Würdiges verschonten. Raubend jetzt,
+ Verführend, fechtend, hin und her entrückend,
+ Halbgötter, Helden, Götter, ja Dämonen,
+ Sie führten mich im Irren her und hin.
+ Einfach die Welt verwirrt' ich, dopplet mehr;
+ Nun dreifach, vierfach bring' ich Not auf Not.
+ Entferne diesen Guten, laß ihn frei;
+ Den Gottbetörten treffe keine Schmach.
+
+ FAUST:
+ Erstaunt, o Königin, seh' ich zugleich
+ Die sicher Treffende, hier den Getroffnen;
+ Ich seh' den Bogen, der den Pfeil entsandt,
+ Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen,
+ Mich treffend. Allwärts ahn' ich überquer
+ Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.
+ Was bin ich nun? Auf einmal machst du mir
+ Rebellisch die Getreusten, meine Mauern
+ Unsicher. Also fürcht' ich schon, mein Heer
+ Gehorcht der siegend unbesiegten Frau.
+ Was bleibt mir übrig, als mich selbst und alles,
+ Im Wahn des Meine, dir anheimzugeben?
+ Zu deinen Füßen laß mich, frei und treu,
+ Dich Herrin anerkennen, die sogleich
+ Auftretend sich Besitz und Thron erwarb.
+
+ LYNKEUS:
+ Du siehst mich, Königin, zurück!
+ Der Reiche bettelt einen Blick,
+ Er sieht dich an und fühlt sogleich
+ Sich bettelarm und fürstenreich.
+ Was war ich erst? was bin ich nun?
+ Was ist zu wollen? was zu tun?
+ Was hilft der Augen schärfster Blitz!
+ Er prallt zurück an deinem Sitz.
+ Von Osten kamen wir heran,
+ Und um den Westen war's getan;
+ Ein lang und breites Volksgewicht,
+ Der erste wußte vom letzten nicht.
+ Der erste fiel, der zweite stand,
+ Des dritten Lanze war zur Hand;
+ Ein jeder hundertfach gestärkt,
+ Erschlagne Tausend unbemerkt.
+ Wir drängten fort, wir stürmten fort,
+ Wir waren Herrn von Ort zu Ort;
+ Und wo ich herrisch heut befahl,
+ Ein andrer morgen raubt' und stahl.
+ Wir schauten--elig war die Schau;
+ Der griff die allerschönste Frau,
+ Der griff den Stier von festem Tritt,
+ Die Pferde mußten alle mit.
+ Ich aber liebte, zu erspähn
+ Das Seltenste, was man gesehn;
+ Und was ein andrer auch besaß,
+ Das war für mich gedörrtes Gras.
+ Den Schätzen war ich auf der Spur,
+ Den scharfen Blicken folgt' ich nur,
+ In alle Taschen blickt' ich ein,
+ Durchsichtig war mir jeder Schrein.
+ Und Haufen Goldes waren mein,
+ Am herrlichsten der Edelstein:
+ Nun der Smaragd allein verdient,
+ Daß er an deinem Herzen grünt.
+ Nun schwanke zwischen Ohr und Mund
+ Das Tropfenei aus Meeresgrund;
+ Rubinen werden gar verscheucht,
+ Das Wangenrot sie niederbleicht.
+ Und so den allergrößten Schatz
+ Versetz' ich hier auf deinen Platz;
+ Zu deinen Füßen sei gebracht
+ Die Ernte mancher blut'gen Schlacht.
+ So viele Kisten schlepp' ich her,
+ Der Eisenkisten hab' ich mehr;
+ Erlaube mich auf deiner Bahn,
+ Und Schatzgewölbe füll' ich an.
+ Denn du bestiegest kaum den Thron,
+ So neigen schon, so beugen schon
+ Verstand und Reichtum und Gewalt
+ Sich vor der einzigen Gestalt.
+ Das alles hielt ich fest und mein,
+ Nun aber, lose, wird es dein.
+ Ich glaubt' es würdig, hoch und bar,
+ Nun seh' ich, daß es nichtig war.
+ Verschwunden ist, was ich besaß,
+ Ein abgemähtes, welkes Gras.
+ O gib mit einem heitern Blick
+ Ihm seinen ganzen Wert zurück!
+
+ FAUST:
+ Entferne schnell die kühn erworbne Last,
+ Zwar nicht getadelt, aber unbelohnt.
+ Schon ist Ihr alles eigen, was die Burg
+ Im Schoß verbirgt; Besondres Ihr zu bieten,
+ Ist unnütz. Geh und häufe Schatz auf Schatz
+ Geordnet an. Der ungesehnen Pracht
+ Erhabnes Bild stell' auf! Laß die Gewölbe
+ Wie frische Himmel blinken, Paradiese
+ Von lebelosem Leben richte zu.
+ Voreilend ihren Tritten laß beblümt
+ An Teppich Teppiche sich wälzen; ihrem Tritt
+ Begegne sanfter Boden; ihrem Blick,
+ Nur Göttliche nicht blendend, höchster Glanz.
+
+ LYNKEUS:
+ Schwach ist, was der Herr befiehlt,
+ Tut's der Diener, es ist gespielt:
+ Herrscht doch über Gut und Blut
+ Dieser Schönheit übermut.
+ Schon das ganze Heer ist zahm,
+ Alle Schwerter stumpf und lahm,
+ Vor der herrlichen Gestalt
+ Selbst die Sonne matt und kalt,
+ Vor dem Reichtum des Gesichts
+ Alles leer und alles nichts.
+
+ HELENA:
+ Ich wünsche dich zu sprechen, doch herauf
+ An meine Seite komm! Der leere Platz
+ Beruft den Herrn und sichert mir den meinen.
+
+ FAUST:
+ Erst knieend laß die treue Widmung dir
+ Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich
+ An deine Seite hebt, laß mich sie küssen.
+ Bestärke mich als Mitregenten deines
+ Grenzunbewußten Reichs, gewinne dir
+ Verehrer, Diener, Wächter all' in einem!
+
+ HELENA:
+ Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an,
+ Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel.
+ Doch wünscht' ich Unterricht, warum die Rede
+ Des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich.
+ Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
+ Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
+ Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.
+
+ FAUST:
+ Gefällt dir schon die Sprechart unsrer Völker,
+ O so gewiß entzückt auch der Gesang,
+ Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.
+ Doch ist am sichersten, wir üben's gleich;
+ Die Wechselrede lockt es, ruft's hervor.
+
+ HELENA:
+ So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
+
+ FAUST:
+ Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
+ Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
+ Man sieht sich um und fragt--+
+
+ HELENA:
+ Wer mitgenießt.
+
+ FAUST:
+ Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück,
+ Die Gegenwart allein--+
+
+ HELENA:
+ ist unser Glück.
+
+ FAUST:
+ Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand;
+ Bestätigung, wer gibt sie? +
+
+ HELENA:
+ Meine Hand.
+
+ CHOR:
+ Wer verdächt' es unsrer Fürstin,
+ Gönnet sie dem Herrn der Burg
+ Freundliches Erzeigen?
+ Denn gesteht, sämtliche sind wir
+ Ja Gefangene, wie schon öfter
+ Seit dem schmählichen Untergang
+ Ilios' und der ängstlich-+
+ labyrinthischen/ Kummerfahrt.
+ Fraun, gewöhnt an Männerliebe,
+ Wählerinnen sind sie nicht,
+ Aber Kennerinnen.
+ Und wie goldlockigen Hirten
+ Vielleicht schwarzborstigen Faunen,
+ Wie es bringt die Gelegenheit,
+ über die schwellenden Glieder
+ Vollerteilen sie gleiches Recht.
+ Nah und näher sitzen sie schon
+ An einander gelehnet,
+ Schulter an Schulter, Knie an Knie,
+ Hand in Hand wiegen sie sich
+ über des Throns
+ Aufgepolsterter Herrlichkeit.
+ Nicht versagt sich die Majestät
+ Heimlicher Freuden
+ Vor den Augen des Volkes
+ übermütiges Offenbarsein.
+
+ HELENA:
+ Ich fühle mich so fern und doch so nah,
+ Und sage nur zu gern: Da bin ich! da!
+
+ FAUST:
+ Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort;
+ Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.
+
+ HELENA:
+ Ich scheine mir verlebt und doch so neu,
+ In dich verwebt, dem Unbekannten treu.
+
+ FAUST:
+ Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!
+ Dasein ist Pflicht, und wär's ein Augenblick.
+
+ PHORKYAS:
+ Buchstabiert in Liebesfibeln,
+ Tändelnd grübelt nur am Liebeln,
+ Müßig liebelt fort im Grübeln,
+ Doch dazu ist keine Zeit.
+ Fühlt ihr nicht ein dumpfes Wettern?
+ Hört nur die Trompete schmettern,
+ Das Verderben ist nicht weit.
+ Menelas mit Volkeswogen
+ Kommt auf euch herangezogen;
+ Rüstet euch zu herbem Streit!
+ Von der Siegerschar umwimmelt,
+ Wie Deiphobus verstümmelt,
+ Büßest du das Fraungeleit.
+ Bammelt erst die leichte Ware,
+ Dieser gleich ist am Altare
+ Neugeschliffnes Beil bereit.
+
+ FAUST:
+ Verwegne Störung! widerwärtig dringt sie ein;
+ Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestüm.
+ Den schönsten Boten, Unglücksbotschaft häßlicht ihn;
+ Du Häßlichste gar, nur schlimme Botschaft bringst du gern.
+ Doch diesmal soll dir's nicht geraten: leeren Hauchs
+ Erschüttere du die Lüfte. Hier ist nicht Gefahr,
+ Und selbst Gefahr erschiene nur als eitles Dräun.
+
+ FAUST:
+ Nein, gleich sollst du versammelt schauen
+ Der Helden ungetrennten Kreis:
+ Nur der verdient die Gunst der Frauen,
+ Der kräftigst sie zu schützen weiß.
+ Mit angehaltnem stillen Wüten,
+ Das euch gewiß den Sieg verschafft,
+ Ihr, Nordens jugendliche Blüten,
+ Ihr, Ostens blumenreiche Kraft.
+ In Stahl gehüllt, vom Strahl umwittert,
+ Die Schar, die Reich um Reich zerbrach,
+ Sie treten auf, die Erde schüttert,
+ Sie schreiten fort, es donnert nach.
+ An Pylos traten wir zu Lande,
+ Der alte Nestor ist nicht mehr,
+ Und alle kleinen Königsbande
+ Zersprengt das ungebundne Heer.
+ Drängt ungesäumt von diesen Mauern
+ Jetzt Menelas dem Meer zurück;
+ Dort irren mag er, rauben, lauern,
+ Ihm war es Neigung und Geschick.
+ Herzoge soll ich euch begrüßen,
+ Gebietet Spartas Königin;
+ Nun legt ihr Berg und Tal zu Füßen,
+ Und euer sei des Reichs Gewinn.
+ Germane du! Korinthus' Buchten
+ Verteidige mit Wall und Schutz!
+ Achaia dann mit hundert Schluchten
+ Empfehl' ich, Gote, deinem Trutz.
+ Nach Elis ziehn der Franken Heere,
+ Messene sei der Sachsen Los,
+ Normanne reinige die Meere
+ Und Argolis erschaff' er groß.
+ Dann wird ein jeder häuslich wohnen,
+ Nach außen richten Kraft und Blitz;
+ Doch Sparta soll euch überthronen,
+ Der Königin verjährter Sitz.
+ All-einzeln sieht sie euch genießen
+ Des Landes, dem kein Wohl gebricht;
+ Ihr sucht getrost zu ihren Füßen
+ Bestätigung und Recht und Licht.
+
+ CHOR:
+ Wer die Schönste für sich begehrt,
+ Tüchtig vor allen Dingen
+ Seh' er nach Waffen weise sich um;
+ Schmeichelnd wohl gewann er sich,
+ Was auf Erden das Höchste;
+ Aber ruhig besitzt er's nicht:
+ Schleicher listig entschmeicheln sie ihm,
+ Räuber kühnlich entreißen sie ihm;
+ Dieses zu hinderen, sei er bedacht.
+ Unsern Fürsten lob' ich drum,
+ Schätz' ihn höher vor andern,
+ Wie er so tapfer klug sich verband,
+ Daß die Starken gehorchend stehn,
+ Jedes Winkes gewärtig.
+ Seinen Befehl vollziehn sie treu,
+ Jeder sich selbst zu eignem Nutz
+ Wie dem Herrscher zu lohnendem Dank,
+ Beiden zu höchlichem Ruhmesgewinn.
+ Denn wer entreißet sie jetzt
+ Dem gewalt'gen Besitzer?
+ Ihm gehört sie, ihm sei sie gegönnt,
+ Doppelt von uns gegönnt, die er
+ Samt ihr zugleich innen mit sicherster Mauer,
+ Außen mit mächtigstem Heer umgab.
+
+ FAUST:
+ Die Gaben, diesen hier verliehen--
+ An jeglichen ein reiches Land--,
+ Sind groß und herrlich; laß sie ziehen!
+ Wir halten in der Mitte stand.
+ Und sie beschützen um die Wette,
+ Ringsum von Wellen angehüpft,
+ Nichtinsel dich, mit leichter Hügelkette
+ Europens letztem Bergast angeknüpft.
+ Das Land, vor aller Länder Sonnen,
+ Sei ewig jedem Stamm beglückt,
+ Nun meiner Königin gewonnen,
+ Das früh an ihr hinaufgeblickt,
+ Als mit Eurotas' Schilfgeflüster
+ Sie leuchtend aus der Schale brach,
+ Der hohen Mutter, dem Geschwister
+ Das Licht der Augen überstach.
+ Dies Land, allein zu dir gekehret,
+ Entbietet seinen höchsten Flor;
+ Dem Erdkreis, der dir angehöret,
+ Dein Vaterland, o zieh es vor!
+ Und duldet auch auf seiner Berge Rücken
+ Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,
+ Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken,
+ Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil.
+ Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,
+ Und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.
+ Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche
+ Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.
+ Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
+ Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;
+ Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,
+ Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.
+ Pan schützt sie dort, und Lebensnymphen wohnen
+ In buschiger Klüfte feucht erfrischtem Raum,
+ Und sehnsuchtsvoll nach höhern Regionen
+ Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.
+ Alt-Wälder sind's! Die Eiche starret mächtig,
+ Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
+ Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,
+ Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.
+ Und mütterlich im stillen Schattenkreise
+ Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
+ Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
+ Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.
+ Hier ist das Wohlbehagen erblich,
+ Die Wange heitert wie der Mund,
+ Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
+ Sie sind zufrieden und gesund.
+ Und so entwickelt sich am reinen Tage
+ Zu Vaterkraft das holde Kind.
+ Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage:
+ Ob's Götter, ob es Menschen sind?
+ So war Apoll den Hirten zugestaltet,
+ Daß ihm der schönsten einer glich;
+ Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,
+ Ergreifen alle Welten sich.
+ So ist es mir, so ist es dir gelungen;
+ Vergangeheit sei hinter uns getan!
+ O fühle dich vom höchsten Gott entsprungen,
+ Der ersten Welt gehörst du einzig an.
+ Nicht feste Burg soll dich umschreiben!
+ Noch zirkt in ewiger Jugendkraft
+ Für uns, zu wonnevollem Bleiben,
+ Arkadien in Spartas Nachbarschaft.
+ Gelockt, auf sel'gem Grund zu wohnen,
+ Du flüchtetest ins heiterste Geschick!
+ Zur Laube wandeln sich die Thronen,
+ Arkadisch frei sei unser Glück!
+
+
+
+ Szene 42
+
+ PHORKYAS:
+ Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht;
+ Ob sie sich träumen ließen, was ich hell und klar
+ Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt.
+ Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk;
+ Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt,
+ Glaubhafter Wunder Lösung endlich anzuschaun.
+ Hervor! hervor! Und schüttelt eure Locken rasch!
+ Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hört mich an!
+
+ CHOR:
+ Rede nur, erzähl', erzähle, was sich Wunderlichs begeben!
+ Hören möchten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben können;
+ Denn wir haben Langeweile, diese Felsen anzusehn.
+
+ PHORKYAS:
+ Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon?
+ So vernehmt: in diesen Höhlen, diesen Grotten, diesen Lauben
+ Schutz und Schirmung war verliehen, wie idyllischem Liebespaare,
+ Unserm Herrn und unsrer Frauen. +
+
+ CHOR:
+ Wie, da drinnen? +
+
+ PHORKYAS:
+ Abgesondert
+ Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste.
+ Hochgeehrt stand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet,
+ Schaut' ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier- und dorthin,
+ Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirksamkeiten,
+ Und so blieben sie allein.
+
+ CHOR:
+ Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären,
+ Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst du ab!
+
+ PHORKYAS:
+ Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen:
+ Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend aus.
+ Doch auf einmal ein Gelächter echot in den Höhlenräumen;
+ Schau' ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen Schoß zum Manne,
+ Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getändel,
+ Töriger Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze
+ Wechselnd übertäuben mich.
+ Nackt, ein Genius ohne Flügel, faunenartig ohne Tierheit,
+ Springt er auf den festen Boden; doch der Boden gegenwirkend
+ Schnellt ihn zu der luft'gen Höhe, und im zweiten, dritten Sprunge
+ Rührt er an das Hochgewölb.
+ ängstlich ruft die Mutter: Springe wiederholt und nach Belieben,
+ Aber hüte dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.
+ Und so mahnt der treue Vater: In der Erde liegt die Schnellkraft,
+ Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden,
+ Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt.
+ Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante
+ Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt.
+ Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden,
+ Und nun scheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater tröstet,
+ Achselzuckend steh' ich ängstlich. Doch nun wieder welch Erscheinen!
+ Liegen Schätze dort verborgen? Blumenstreifige Gewande
+ Hat er würdig angetan.
+ Quasten schwanken von den Armen, Binden flattern um den Busen,
+ In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus,
+ Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem überhang; wir staunen.
+ Und die Eltern vor Entzücken werfen wechselnd sich ans Herz.
+ Denn wie leuchtet's ihm zu Haupten? Was erglänzt, ist schwer zu sagen,
+ Ist es Goldschmuck, ist es Flamme übermächtiger Geisteskraft?
+ Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe schon verkündend
+ Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen Melodien
+ Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hören,
+ Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung.
+
+ CHOR:
+ Nennst du ein Wunder dies,
+ Kretas Erzeugte?
+ Dichtend belehrendem Wort
+ Hast du gelauscht wohl nimmer?
+ Niemals noch gehört Ioniens,
+ Nie vernommen auch Hellas'
+ Urväterlicher Sagen
+ Göttlich-heldenhaften Reichtum?
+ Alles, was je geschieht
+ Heutigen Tages,
+ Trauriger Nachklang ist's
+ Herrlicher Ahnherrntage;
+ Nicht vergleicht sich dein Erzählen
+ Dem, was liebliche Lüge,
+ Glaubhaftiger als Wahrheit,
+ Von dem Sohne sang der Maja.
+ Diesen zierlich und kräftig doch
+ Kaum geborenen Säugling
+ Faltet in reinster Windeln Flaum,
+ Strenget in köstlicher Wickeln Schmuck
+ Klatschender Wärterinnen Schar
+ Unvernünftigen Wähnens.
+ Kräftig und zierlich aber zieht
+ Schon der Schalk die geschmeidigen
+ Doch elastischen Glieder
+ Listig heraus, die purpurne,
+ ängstlich drückende Schale
+ Lassend ruhig an seiner Statt;
+ Gleich dem fertigen Schmetterling,
+ Der aus starrem Puppenzwang
+ Flügel entfaltend behendig schlüpft,
+ Sonnedurchstrahlten äther kühn
+ Und mutwillig durchflatternd.
+ So auch er, der Behendeste,
+ Daß er Dieben und Schälken,
+ Vorteilsuchenden allen auch
+ Ewig günstiger Dämon sei,
+ Dies betätigt er alsobald
+ Durch gewandteste Künste.
+ Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt
+ Er den Trident, ja dem Ares selbst
+ Schlau das Schwert aus der Scheide;
+ Bogen und Pfeil dem Phöbus auch,
+ Wie dem Hephästos die Zange;
+ Selber Zeus', des Vaters, Blitz
+ Nähm' er, schreckt' ihn das Feuer nicht;
+ Doch dem Eros siegt er ob
+ In beinstellendem Ringerspiel;
+ Raubt auch Cyprien, wie sie ihm kost,
+ Noch vom Busen den Gürtel.
+
+ PHORKYAS:
+ Höret allerliebste Klänge,
+ Macht euch schnell von Fabeln frei!
+ Eurer Götter alt Gemenge,
+ Laßt es hin, es ist vorbei.
+ Niemand will euch mehr verstehen,
+ Fordern wir doch höhern Zoll:
+ Denn es muß von Herzen gehen,
+ Was auf Herzen wirken soll.
+
+ CHOR:
+ Bist du, fürchterliches Wesen,
+ Diesem Schmeichelton geneigt,
+ Fühlen wir, als frisch genesen,
+ Uns zur Tränenlust erweicht.
+ Laß der Sonne Glanz verschwinden,
+ Wenn es in der Seele tagt,
+ Wir im eignen Herzen finden,
+ Was die ganze Welt versagt.
+
+ EUPHORION:
+ Hört ihr Kindeslieder singen,
+ Gleich ist's euer eigner Scherz;
+ Seht ihr mich im Takte springen,
+ Hüpft euch elterlich das Herz.
+
+ HELENA:
+ Liebe, menschlich zu beglücken,
+ Nähert sie ein edles Zwei,
+ Doch zu göttlichem Entzücken
+ Bildet sie ein köstlich Drei.
+
+ FAUST:
+ Alles ist sodann gefunden:
+ Ich bin dein, und du bist mein;
+ Und so stehen wir verbunden,
+ Dürft' es doch nicht anders sein!
+
+ CHOR:
+ Wohlgefallen vieler Jahre
+ In des Knaben mildem Schein
+ Sammelt sich auf diesem Paare.
+ O, wie rührt mich der Verein!
+
+ EUPHORION:
+ Nun laßt mich hüpfen,
+ Nun laßt mich springen!
+ Zu allen Lüften
+ Hinaufzudringen,
+ Ist mir Begierde,
+ Sie faßt mich schon.
+
+ FAUST:
+ Nur mäßig! mäßig!
+ Nicht ins Verwegne,
+ Daß Sturz und Unfall
+ Dir nicht begegne,
+ Zugrund uns richte
+ Der teure Sohn!
+
+ EUPHORION:
+ Ich will nicht länger
+ Am Boden stocken;
+ Laßt meine Hände,
+ Laßt meine Locken,
+ Laßt meine Kleider!
+ Sie sind ja mein.
+
+ HELENA:
+ O denk! o denke,
+ Wem du gehörest!
+ Wie es uns kränke,
+ Wie du zerstörest
+ Das schön errungene
+ Mein, Dein und Sein.
+
+ CHOR:
+ Bald löst, ich fürchte,
+ Sich der Verein!
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Bändige! bändige
+ Eltern zuliebe
+ überlebendige,
+ Heftige Triebe!
+ Ländlich im stillen
+ Ziere den Plan.
+
+ EUPHORION:
+ Nur euch zu Willen
+ Halt' ich mich an.
+ Leichter umschweb' ich hie
+ Muntres Geschlecht.
+ Ist nun die Melodie,
+ Ist die Bewegung recht?
+
+ HELENA:
+ Ja, das ist wohlgetan;
+ Führe die Schönen an
+ Künstlichem Reihn.
+
+ FAUST:
+ Wäre das doch vorbei!
+ Mich kann die Gaukelei
+ Gar nicht erfreun.
+
+ CHOR:
+ Wenn du der Arme Paar
+ Lieblich bewegest,
+ Im Glanz dein lockig Haar
+ Schüttelnd erregest,
+ Wenn dir der Fuß so leicht
+ über die Erde schleicht,
+ Dort und da wieder hin
+ Glieder um Glied sich ziehn,
+ Hast du dein Ziel erreicht,
+ Liebliches Kind;
+ All' unsre Herzen sind
+ All' dir geneigt.
+
+ EUPHORION:
+ Ihr seid so viele
+ Leichtfüßige Rehe;
+ Zu neuem Spiele
+ Frisch aus der Nähe!
+ Ich bin der Jäger,
+ ihr seid das Wild.
+
+ CHOR:
+ Willst du uns fangen,
+ Sei nicht behende,
+ Denn wir verlangen
+ Doch nur am Ende,
+ Dich zu umarmen,
+ Du schönes Bild!
+
+ EUPHORION:
+ Nur durch die Haine!
+ Zu Stock und Steine!
+ Das leicht Errungene,
+ Das widert mir,
+ Nur das Erzwungene
+ Ergetzt mich schier.
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Welch ein Mutwill'! welch ein Rasen!
+ Keine Mäßigung ist zu hoffen.
+ Klingt es doch wie Hörnerblasen
+ über Tal und Wälder dröhnend;
+ Welch ein Unfug! welch Geschrei!
+
+ CHOR:
+ Uns ist er vorbeigelaufen;
+ Mit Verachtung uns verhöhnend,
+ schleppt er von dem ganzen Haufen
+ Nun die Wildeste herbei.
+
+ EUPHORION:
+ Schlepp' ich her die derbe Kleine
+ Zu erzwungenem Genusse;
+ Mir zur Wonne, mir zur Lust
+ Drück' ich widerspenstige Brust,
+ Küss' ich widerwärtigen Mund,
+ Tue Kraft und Willen kund.
+
+ MÄDCHEN:
+ Laß mich los! In dieser Hülle
+ Ist auch Geistes Mut und Kraft;
+ Deinem gleich ist unser Wille
+ Nicht so leicht hinweggerafft.
+ Glaubst du wohl mich im Gedränge?
+ Deinem Arm vertraust du viel!
+ Halte fest, und ich versenge
+ Dich, den Toren, mir zum Spiel.
+ Folge mir in leichte Lüfte,
+ Folge mir in starre Grüfte,
+ Hasche das verschwundne Ziel!
+
+ EUPHORION:
+ Felsengedränge hier
+ Zwischen dem Waldgebüsch,
+ Was soll die Enge mir,
+ Bin ich doch jung und frisch.
+ Winde, sie sausen ja,
+ Wellen, sie brausen da;
+ Hör' ich doch beides fern,
+ Nah wär' ich gern.
+
+ HELENA, FAUST UND CHOR:
+ Wolltest du den Gemsen gleichen?
+ Vor dem Falle muß uns graun.
+
+ EUPHORION:
+ Immer höher muß ich steigen,
+ Immer weiter muß ich schaun.
+ Weiß ich nun, wo ich bin!
+ Mitten der Insel drin,
+ Mitten in Pelops' Land,
+ Erde--wie seeverwandt.
+
+ CHOR:
+ Magst nicht in Berg und Wald
+ Friedlich verweilen?
+ Suchen wir alsobald
+ Reben in Zeilen,
+ Reben am Hügelrand,
+ Feigen und Apfelgold.
+ Ach in dem holden Land
+ Bleibe du hold!
+
+ EUPHORION:
+ Träumt ihr den Friedenstag?
+ Träume, wer träumen mag.
+ Krieg! ist das Losungswort.
+ Sieg! und so klingt es fort.
+
+ CHOR:
+ Wer im Frieden
+ Wünschet sich Krieg zurück,
+ Der ist geschieden
+ Vom Hoffnungsglück.
+
+ EUPHORION:
+ Welche dies Land gebar
+ Aus Gefahr in Gefahr,
+ Frei, unbegrenzten Muts,
+ Verschwendrisch eignen Bluts,
+ Den nicht zu dämpfenden
+ Heiligen Sinn--
+ Alle den Kämpfenden
+ Bring' es Gewinn!
+
+ CHOR:
+ Seht hinauf, wie hoch gestiegen!
+ Und er scheint uns doch nicht klein:
+ Wie im Harnisch, wie zum Siegen,
+ Wie von Erz und Stahl der Schein.
+
+ EUPHORION:
+ Keine Wälle, keine Mauern,
+ Jeder nur sich selbst bewußt;
+ Feste Burg, um auszudauern,
+ Ist des Mannes ehrne Brust.
+ Wollt ihr unerobert wohnen,
+ Leicht bewaffnet rasch ins Feld;
+ Frauen werden Amazonen
+ Und ein jedes Kind ein Held.
+
+ CHOR:
+ Heilige Poesie,
+ Himmelan steige sie!
+ Glänze, der schönste Stern,
+ Fern und so weiter fern!
+ Und sie erreicht uns doch
+ Immer, man hört sie noch,
+ Vernimmt sie gern.
+
+ EUPHORION:
+ Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,
+ In Waffen kommt der Jüngling an;
+ Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
+ Hat er im Geiste schon getan.
+ Nun fort!
+ Nun dort
+ Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Kaum ins Leben eingerufen,
+ Heitrem Tag gegeben kaum,
+ Sehnest du von Schwindelstufen
+ Dich zu schmerzenvollem Raum.
+ Sind denn wir
+ Gar nichts dir?
+ Ist der holde Bund ein Traum?
+
+ EUPHORION:
+ Und hört ihr donnern auf dem Meere?
+ Dort widerdonnern Tal um Tal,
+ In Staub und Wellen, Heer dem Heere,
+ In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
+ Und der Tod
+ Ist Gebot,
+ Das versteht sich nun einmal.
+
+ HELENA, FAUST UND CHOR:
+ Welch Entsetzen! welches Grauen!
+ Ist der Tod denn dir Gebot?
+
+ EUPHORION:
+ Sollt' ich aus der Ferne schauen?
+ Nein! ich teile Sorg' und Not.
+
+ DIE VORIGEN:
+ Übermut und Gefahr,
+ Tödliches Los!
+
+ EUPHORION:
+ Doch!--und ein Flügelpaar
+ Faltet sich los!
+ Dorthin! Ich muß! ich muß!
+ Gönnt mir den Flug!
+
+ CHOR:
+ Ikarus! Ikarus!
+ Jammer genug.
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Der Freude folgt sogleich
+ Grimmige Pein.
+
+ EUPHORIONS STIMME:
+ Laß mich im düstern Reich,
+ Mutter, mich nicht allein!
+
+ CHOR:
+ Nicht allein!--wo du auch weilest,
+ Denn wir glauben dich zu kennen;
+ Ach! wenn du dem Tag enteilest,
+ Wird kein Herz von dir sich trennen.
+ Wüßten wir doch kaum zu klagen,
+ Neidend singen wir dein Los:
+ Dir in klar- und trüben Tagen
+ Lied und Mut war schön und groß.
+ Ach! zum Erdenglück geboren,
+ Hoher Ahnen, großer Kraft,
+ Leider früh dir selbst verloren,
+ Jugendblüte weggerafft!
+ Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
+ Mitsinn jedem Herzensdrang,
+ Liebesglut der besten Frauen
+ Und ein eigenster Gesang.
+ Doch du ranntest unaufhaltsam
+ Frei ins willenlose Netz,
+ So entzweitest du gewaltsam
+ dich mit Sitte, mit Gesetz;
+ Doch zuletzt das höchste Sinnen
+ Gab dem reinen Mut Gewicht,
+ Wolltest Herrliches gewinnen,
+ Aber es gelang dir nicht.
+ Wem gelingt es?--Trübe Frage,
+ Der das Schicksal sich vermummt,
+ Wenn am unglückseligsten Tage
+ Blutend alles Volk verstummt.
+ Doch erfrischet neue Lieder,
+ Steht nicht länger tief gebeugt:
+ Denn der Boden zeugt sie wieder,
+ Wie von je er sie gezeugt.
+
+ HELENA:
+ Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:
+ Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.
+ Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;
+ Bejammernd beide, sag' ich schmerzlich Lebewohl
+ Und werfe mich noch einmal in die Arme dir.
+ Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!
+
+ PHORKYAS:
+ Halte fest, was dir von allem übrigblieb.
+ Das Kleid, laß es nicht los. Da zupfen schon
+ Dämonen an den Zipfeln, möchten gern
+ Zur Unterwelt es reißen. Halte fest!
+ Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,
+ Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,
+ Unschätzbaren Gunst und hebe dich empor:
+ Es trägt dich über alles Gemeine rasch
+ Am äther hin, so lange du dauern kannst.
+ Wir sehn uns wieder, weit, gar weit von hier.
+
+ PHORKYAS:
+ Noch immer glücklich aufgefunden!
+ Die Flamme freilich ist verschwunden,
+ Doch ist mir um die Welt nicht leid.
+ Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,
+ Zu stiften Gild- und Handwerksneid;
+ Und kann ich die Talente nicht verleihen,
+ Verborg' ich wenigstens das Kleid.
+
+ PANTHALIS:
+ Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los,
+ Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang,
+ So des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch,
+ Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.
+ Hinab zum Hades! Eilte doch die Königin
+ Mit ernstem Gang hinunter. Ihrer Sohle sei
+ Unmittelbar getreuer Mägde Schritt gefügt.
+ Wir finden sie am Throne der Unerforschlichen.
+
+ CHOR:
+ Königinnen freilich, überall sind sie gern;
+ Auch im Hades stehen sie obenan,
+ Stolz zu ihresgleichen gesellt,
+ Mit Persephonen innigst vertraut;
+ Aber wir im Hintergrunde
+ Tiefer Asphodelos-Wiesen,
+ Langgestreckten Pappeln,
+ Unfruchtbaren Weiden zugesellt,
+ Welchen Zeitvertreib haben wir?
+ Fledermausgleich zu piepsen,
+ Geflüster, unerfreulich, gespenstig.
+
+ PANTHALIS:
+ Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
+ Gehört den Elementen an; so fahret hin!
+ Mit meiner Königin zu sein, verlangt mich heiß;
+ Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person.
+
+ ALLE:
+ Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht,
+ Zwar Personen nicht mehr,
+ Das fühlen, das wissen wir,
+ Aber zum Hades kehren wir nimmer.
+ Ewig lebendige Natur
+ Macht auf uns Geister,
+ Wir auf sie vollgültigen Anspruch.
+
+ EIN TEIL DES CHORES:
+ Wir in dieser tausend äste Flüsterzittern, Säuselschweben
+ Reizen tändelnd, locken leise wurzelauf des Lebens Quellen
+ Nach den Zweigen; bald mit Blättern, bald mit Blüten überschwenglich
+ Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn.
+ Fällt die Frucht, sogleich versammeln lebenslustig Volk und Herden
+ Sich zum Greifen, sich zum Naschen, eilig kommend, emsig drängend;
+ Und wie vor den ersten Göttern bückt sich alles um uns her.
+
+ EIN ANDRER TEIL:
+ Wir, an dieser Felsenwände weithinleuchtend glatten Spiegel
+ Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd an;
+ Horchen, lauschen jedem Laute, Vogelsängen, Röhrigflöten,
+ Sei es Pans furchtbarer Stimme, Antwort ist sogleich bereit;
+ Säuselt's, säuseln wir erwidernd, donnert's, rollen unsre Donner
+ In erschütterndem Verdoppeln, dreifach, zehnfach hintennach.
+
+ EIN DRITTER TEIL:
+ Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter;
+ Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte Hügelzüge.
+ Immer abwärts, immer tiefer wässern wir, mäandrisch wallend,
+ Jetzt die Wiese, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus.
+ Dort bezeichnen's der Zypressen schlanke Wipfel, über Landschaft,
+ Uferzug und Wellenspiegel nach dem äther steigende.
+
+ EIN VIERTER TEIL:
+ Wallt ihr andern, wo's beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen
+ Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am Stab die Rebe grünt;
+ Dort zu aller Tage Stunden läßt die Leidenschaft des Winzers
+ Uns des liebevollsten Fleißes zweifelhaft Gelingen sehn.
+ Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Häufeln, Schneiden, Binden
+ Betet er zu allen Göttern, fördersamst zum Sonnengott.
+ Bacchus kümmert sich, der Weichling, wenig um den treuen Diener,
+ Ruht in Lauben, lehnt in Höhlen, faselnd mit dem jüngsten Faun.
+ Was zu seiner Träumereien halbem Rausch er je bedurfte,
+ Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Krügen und Gefäßen,
+ Rechts und links der kühlen Grüfte, ewige Zeiten aufbewahrt.
+ Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen,
+ Lüftend, feuchtend, wärmend, glutend, Beeren-Füllhorn aufgehäuft,
+ Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebendig,
+ Und es rauscht in jedem Laube, raschelt um von Stock zu Stock.
+ Körbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten ächzen hin,
+ Alles nach der großen Kufe zu der Keltrer kräft'gem Tanz;
+ Und so wird die heilige Fülle reingeborner saftiger Beeren
+ Frech zertreten, schäumend, sprühend mischt sich's, widerlich zerquetscht.
+ Und nun gellt ins Ohr der Zimbeln mit der Becken Erzgetöne,
+ Denn es hat sich Dionysos aus Mysterien enthüllt;
+ Kommt hervor mit Ziegenfüßlern, schwenkend Ziegenfüßlerinnen,
+ Und dazwischen schreit unbändig grell Silenus' öhrig Tier.
+ Nichts geschont! Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder,
+ Alle Sinne wirbeln taumlich, gräßlich übertäubt das Ohr.
+ Nach der Schale tappen Trunkne, überfüllt sind Kopf und Wänste,
+ Sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die Tumulte,
+ Denn um neuen Most zu bergen, leert man rasch den alten Schlauch!
+
+
+
+
+
+ 4. Akt--Hochgebirg
+
+ FAUST:
+ Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,
+ Betret' ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,
+ Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
+ An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
+ Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
+ Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
+ Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
+ Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.
+ Doch will sich's modeln.--Ja! das Auge trügt mich nicht!--
+ Auf sonnbeglänzten Pfühlen herrlich hingestreckt,
+ Zwar riesenhaft, ein göttergleiches Fraungebild,
+ Ich seh's! Junonen ähnlich, Leda'n, Helenen,
+ Wie majestätisch lieblich mir's im Auge schwankt.
+ Ach! schon verrückt sich's! Formlos breit und aufgetürmt
+ Ruht es in Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
+ Und spiegelt blendend flücht'ger Tage großen Sinn.
+ Doch mir umschwebt ein zarter lichter Nebelstreif
+ Noch Brust und Stirn, erheiternd, kühl und schmeichelhaft.
+ Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und höher auf,
+ Fügt sich zusammen.--Täuscht mich ein entzückend Bild,
+ Als jugenderstes, längstentbehrtes höchstes Gut?
+ Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf:
+ Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet's mir,
+ Den schnellempfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
+ Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.
+ Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,
+ Löst sich nicht auf, erhebt sich in den äther hin
+ Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das heiß' ich endlich vorgeschritten!
+ Nun aber sag, was fällt dir ein?
+ Steigst ab in solcher Greuel Mitten,
+ Im gräßlich gähnenden Gestein?
+ Ich kenn' es wohl, doch nicht an dieser Stelle,
+ Denn eigentlich war das der Grund der Hölle.
+
+ FAUST:
+ Es fehlt dir nie an närrischen Legenden;
+ Fängst wieder an, dergleichen auszuspenden.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Als Gott der Herr--ich weiß auch wohl, warum--
+ Uns aus der Luft in tiefste Tiefen bannte,
+ Da, wo zentralisch glühend, um und um,
+ Ein ewig Feuer flammend sich durchbrannte,
+ Wir fanden uns bei allzugroßer Hellung
+ In sehr gedrängter, unbequemer Stellung.
+ Die Teufel fingen sämtlich an zu husten,
+ Von oben und von unten auszupusten;
+ Die Hölle schwoll von Schwefelstank und--säure,
+ Das gab ein Gas! Das ging ins Ungeheure,
+ So daß gar bald der Länder flache Kruste,
+ So dick sie war, zerkrachend bersten mußte.
+ Nun haben wir's an einem andern Zipfel,
+ Was ehmals Grund war, ist nun Gipfel.
+ Sie gründen auch hierauf die rechten Lehren,
+ Das Unterste ins Oberste zu kehren.
+ Denn wir entrannen knechtisch-heißer Gruft
+ Ins übermaß der Herrschaft freier Luft.
+ Ein offenbar Geheimnis, wohl verwahrt,
+ Und wird nur spät den Völkern offenbart.((ephes. 6,12))
+
+ FAUST:
+ Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm,
+ Ich frage nicht woher und nicht warum.
+ Als die Natur sich in sich selbst gegründet,
+ Da hat sie rein den Erdball abgeründet,
+ Der Gipfel sich, der Schluchten sich erfreut
+ Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht,
+ Die Hügel dann bequem hinabgebildet,
+ Mit sanftem Zug sie in das Tal gemildet.
+ Da grünt's und wächst's, und um sich zu erfreuen,
+ Bedarf sie nicht der tollen Strudeleien.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar;
+ Doch weiß es anders, der zugegen war.
+ Ich war dabei, als noch da drunten siedend
+ Der Abgrund schwoll und strömend Flammen trug;
+ Als Molochs Hammer, Fels an Felsen schmiedend,
+ Gebirgestrümmer in die Ferne schlug.
+ Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen;
+ Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht?
+ Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen,
+ Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen,
+ Zuschanden haben wir uns schon gedacht.--
+ Das treu-gemeine Volk allein begreift
+ Und läßt sich im Begriff nicht stören;
+ Ihm ist die Weisheit längst gereift:
+ Ein Wunder ist's, der Satan kommt zu Ehren.
+ Mein Wandrer hinkt an seiner Glaubenskrücke
+ Zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.
+
+ FAUST:
+ Es ist doch auch bemerkenswert zu achten,
+ Zu sehn, wie Teufel die Natur betrachten.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was geht mich's an! Natur sei, wie sie sei!
+ 's ist Ehrenpunkt: der Teufel war dabei!
+ Wir sind die Leute, Großes zu erreichen;
+ Tumult, Gewalt und Unsinn! sieh das Zeichen!--
+ Doch, daß ich endlich ganz verständlich spreche,
+ Gefiel dir nichts an unsrer Oberfläche?
+ Du übersahst, in ungemeßnen Weiten,
+ Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten. ((matth. 4))
+ Doch, ungenügsam, wie du bist,
+ Empfandest du wohl kein Gelüst?
+
+ FAUST:
+ Und doch! ein Großes zog mich an.
+ Errate! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das ist bald getan.
+ Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus,
+ Im Kerne Bürger-Nahrungs-Graus,
+ Krummenge Gäßchen, spitze Giebeln,
+ Beschränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln;
+ Fleischbänke, wo die Schmeißen hausen,
+ Die fetten Braten anzuschmausen;
+ Da findest du zu jeder Zeit
+ Gewiß Gestank und Tätigkeit.
+ Dann weite Plätze, breite Straßen,
+ Vornehmen Schein sich anzumaßen;
+ Und endlich, wo kein Tor beschränkt,
+ Vorstädte grenzenlos verlängt.
+ Da freut' ich mich an Rollekutschen,
+ Am lärmigen Hin- und Widerrutschen,
+ Am ewigen Hin- und Widerlaufen
+ Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen.
+ Und wenn ich führe, wenn ich ritte,
+ Erschien' ich immer ihre Mitte,
+ Von Hunderttausenden verehrt.
+
+ FAUST:
+ Das kann mich nicht zufriedenstellen.
+ Man freut sich, daß das Volk sich mehrt,
+ Nach seiner Art behaglich nährt,
+ Sogar sich bildet, sich belehrt--
+ Und man erzieht sich nur Rebellen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dann baut' ich, grandios, mir selbst bewußt,
+ Am lustigen Ort ein Schloß zur Lust.
+ Wald, Hügel, Flächen, Wiesen, Feld
+ Zum Garten prächtig umbestellt.
+ Vor grünen Wänden Sammetmatten,
+ Schnurwege, kunstgerechte Schatten,
+ Kaskadensturz, durch Fels zu Fels gepaart,
+ Und Wasserstrahlen aller Art;
+ Ehrwürdig steigt es dort, doch an den Seiten
+ Da zischt's und pißt's in tausend Kleinigkeiten.
+ Dann aber ließ ich allerschönsten Frauen
+ Vertraut-bequeme Häuslein bauen;
+ Verbrächte da grenzenlose Zeit
+ In allerliebst-geselliger Einsamkeit.
+ Ich sage Fraun; denn ein für allemal
+ Denk' ich die Schönen im Plural.
+
+ FAUST:
+ Schlecht und modern! Sardanapal!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Errät man wohl, wornach du strebtest?
+ Es war gewiß erhaben kühn.
+ Der du dem Mond um so viel näher schwebtest,
+ Dich zog wohl deine Sucht dahin?
+
+ FAUST:
+ Mit nichten! dieser Erdenkreis
+ Gewährt noch Raum zu großen Taten.
+ Erstaunenswürdiges soll geraten,
+ Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und also willst du Ruhm verdienen?
+ Man merkt's, du kommst von Heroinen.
+
+ FAUST:
+ Herrschaft gewinn' ich, Eigentum!
+ Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Doch werden sich Poeten finden,
+ Der Nachwelt deinen Glanz zu künden,
+ Durch Torheit Torheit zu entzünden.
+
+ FAUST:
+ Von allem ist dir nichts gewährt.
+ Was weißt du, was der Mensch begehrt?
+ Dein widrig Wesen, bitter, scharf,
+ Was weiß es, was der Mensch bedarf?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Geschehe denn nach deinem Willen!
+ Vertraue mir den Umfang deiner Grillen.
+
+ FAUST:
+ Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen;
+ Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen,
+ Dann ließ es nach und schüttete die Wogen,
+ Des flachen Ufers Breite zu bestürmen.
+ Und das verdroß mich; wie der übermut
+ Den freien Geist, der alle Rechte schätzt,
+ Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut
+ Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt.
+ Ich hielt's für Zufall, schärfte meinen Blick:
+ Die Woge stand und rollte dann zurück,
+ Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel;
+ Die Stunde kommt, sie wiederholt das Spiel.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da ist für mich nichts Neues zu erfahren,
+ Das kenn' ich schon seit hunderttausend Jahren.
+
+ FAUST:
+ Sie schleicht heran, an abertausend Enden,
+ Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden;
+ Nun schwillt's und wächst und rollt und überzieht
+ Der wüsten Strecke widerlich Gebiet.
+ Da herrschet Well' auf Welle kraftbegeistet,
+ Zieht sich zurück, und es ist nichts geleistet,
+ Was zur Verzweiflung mich beängstigen könnte!
+ Zwecklose Kraft unbändiger Elemente!
+ Da wagt mein Geist, sich selbst zu überfliegen;
+ Hier möcht' ich kämpfen, dies möcht' ich besiegen.
+ Und es ist möglich!--Flutend wie sie sei,
+ An jedem Hügel schmiegt sie sich vorbei;
+ Sie mag sich noch so übermütig regen,
+ Geringe Höhe ragt ihr stolz entgegen,
+ Geringe Tiefe zieht sie mächtig an.
+ Da faßt' ich schnell im Geiste Plan auf Plan:
+ Erlange dir das köstliche Genießen,
+ Das herrische Meer vom Ufer auszuschließen,
+ Der feuchten Breite Grenzen zu verengen
+ Und, weit hinein, sie in sich selbst zu drängen.
+ Von Schritt zu Schritt wußt' ich mir's zu erörtern;
+ Das ist mein Wunsch, den wage zu befördern!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie leicht ist das! Hörst du die Trommeln fern?
+
+ FAUST:
+ Schon wieder Krieg! der Kluge hört's nicht gern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Krieg oder Frieden. Klug ist das Bemühen,
+ Zu seinem Vorteil etwas auszuziehen.
+ Man paßt, man merkt auf jedes günstige Nu.
+ Gelegenheit ist da, nun, Fauste, greife zu!
+
+ FAUST:
+ Mit solchem Rätselkram verschone mich!
+ Und kurz und gut, was soll's? Erkläre dich.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen:
+ Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen.
+ Du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten,
+ Ihm falschen Reichtum in die Hände spielten,
+ Da war die ganze Welt ihm feil.
+ Denn jung ward ihm der Thron zuteil,
+ Und ihm beliebt' es, falsch zu schließen,
+ Es könne wohl zusammengehn
+ Und sei recht wünschenswert und schön:
+ Regieren und zugleich genießen.
+
+ FAUST:
+ Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll,
+ Muß im Befehlen Seligkeit empfinden.
+ Ihm ist die Brust von hohem Willen voll,
+ Doch was er will, es darf's kein Mensch ergründen.
+ Was er den Treusten in das Ohr geraunt,
+ Es ist getan, und alle Welt erstaunt.
+ So wird er stets der Allerhöchste sein,
+ Der Würdigste--; Genießen macht gemein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So ist er nicht. Er selbst genoß, und wie!
+ Indes zerfiel das Reich in Anarchie,
+ Wo groß und klein sich kreuz und quer befehdeten
+ Und Brüder sich vertrieben, töteten,
+ Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,
+ Zunft gegen Adel Fehde hat,
+ Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;
+ Was sich nur ansah, waren Feinde.
+ In Kirchen Mord und Totschlag, vor den Toren
+ Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren.
+ Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering;
+ Denn leben hieß sich wehren.--Nun, das ging.
+
+ FAUST:
+ Es ging--es hinkte, fiel, stand wieder auf,
+ Dann überschlug sich's, rollte plump zuhauf.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und solchen Zustand durfte niemand schelten,
+ Ein jeder konnte, jeder wollte gelten.
+ Der Kleinste selbst, er galt für voll.
+ Doch war's zuletzt den Besten allzutoll.
+ Die Tüchtigen, sie standen auf mit Kraft
+ Und sagten: Herr ist, der uns Ruhe schafft.
+ Der Kaiser kann's nicht, will's nicht--laßt uns wählen,
+ Den neuen Kaiser neu das Reich beseelen,
+ Indem er jeden sicher stellt,
+ In einer frisch geschaffnen Welt
+ Fried' und Gerechtigkeit vermählen.
+
+ FAUST:
+ Das klingt sehr pfäffisch. +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Pfaffen waren's auch,
+ Sie sicherten den wohlgenährten Bauch.
+ Sie waren mehr als andere beteiligt.
+ Der Aufruhr schwoll, der Aufruhr ward geheiligt;
+ Und unser Kaiser, den wir froh gemacht,
+ Zieht sich hieher, vielleicht zur letzten Schlacht.
+
+ FAUST:
+ Er jammert mich; er war so gut und offen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen.
+ Befrein wir ihn aus diesem engen Tale!
+ Einmal gerettet, ist's für tausend Male.
+ Wer weiß, wie noch die Würfel fallen?
+ Und hat er Glück, so hat er auch Vasallen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Stellung, seh' ich, gut ist sie genommen;
+ Wir treten zu, dann ist der Sieg vollkommen.
+
+ FAUST:
+ Was kann da zu erwarten sein?
+ Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Kriegslist, um Schlachten zu gewinnen!
+ Befestige dich bei großen Sinnen,
+ Indem du deinen Zweck bedenkst.
+ Erhalten wir dem Kaiser Thron und Lande,
+ So kniest du nieder und empfängst
+ Die Lehn von grenzenlosem Strande.
+
+ FAUST:
+ Schon manches hast du durchgemacht,
+ Nun, so gewinn auch eine Schlacht!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nein, du gewinnst sie! Diesesmal
+ Bist du der Obergeneral.
+
+ FAUST:
+ Das wäre mir die rechte Höhe,
+ Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Laß du den Generalstab sorgen,
+ Und der Feldmarschall ist geborgen.
+ Kriegsunrat hab' ich längst verspürt,
+ Den Kriegsrat gleich voraus formiert
+ Aus Urgebirgs Urmenschenkraft;
+ Wohl dem, der sie zusammenrafft.
+
+ FAUST:
+ Was seh' ich dort, was Waffen trägt?
+ Hast du das Bergvolk aufgeregt?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nein! aber, gleich Herrn Peter Squenz,
+ Vom ganzen Praß die Quintessenz.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da kommen meine Bursche ja!
+ Du siehst, von sehr verschiednen Jahren,
+ Verschiednem Kleid und Rüstung sind sie da;
+ Du wirst nicht schlecht mit ihnen fahren.
+ Es liebt sich jetzt ein jedes Kind
+ Den Harnisch und den Ritterkragen;
+ Und, allegorisch wie die Lumpe sind,
+ Sie werden nur um desto mehr behagen.
+
+ RAUFEBOLD:
+ Wenn einer mir ins Auge sieht,
+ Werd' ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren,
+ Und eine Memme, wenn sie flieht,
+ Fass' ich bei ihren letzten Haaren.
+
+ HABEBALD:
+ So leere Händel, das sind Possen,
+ Damit verdirbt man seinen Tag;
+ Im Nehmen sei nur unverdrossen,
+ Nach allem andern frag' hernach.
+
+ HALTEFEST:
+ Damit ist auch nicht viel gewonnen!
+ Bald ist ein großes Gut zerronnen,
+ Es rauscht im Lebensstrom hinab.
+ Zwar nehmen ist recht gut, doch besser ist's, behalten;
+ Laß du den grauen Kerl nur walten,
+ Und niemand nimmt dir etwas ab.
+
+
+
+ Auf dem Vorgebirg
+
+ obergeneral
+ Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen,
+ Daß wir in dies gelegene Tal
+ Das ganze Heer gedrängt zurückgezogen;
+ Ich hoffe fest, uns glückt die Wahl.
+
+ KAISER:
+ Wie es nun geht, es muß sich zeigen;
+ Doch mich verdrießt die halbe Flucht, das Weichen.
+
+ OBERGENERAL:
+ Schau hier, mein Fürst, auf unsre rechte Flanke!
+ Solch ein Terrain wünscht sich der Kriegsgedanke:
+ Nicht steil die Hügel, doch nicht allzu gänglich,
+ Den Unsern vorteilhaft, dem Feind verfänglich;
+ Wir, halb versteckt, auf wellenförmigem Plan;
+ Die Reiterei, sie wagt sich nicht heran.
+
+ KAISER:
+ Mir bleibt nichts übrig, als zu loben;
+ Hier kann sich Arm und Brust erproben.
+
+ OBERGENERAL:
+ Hier, auf der Mittelwiese flachen Räumlichkeiten,
+ Siehst du den Phalanx, wohlgemut zu streiten.
+ Die Piken blinken flimmernd in der Luft,
+ Im Sonnenglanz, durch Morgennebelduft.
+ Wie dunkel wogt das mächtige Quadrat!
+ Zu Tausenden glüht's hier auf große Tat.
+ Du kannst daran die Masse Kraft erkennen,
+ Ich trau' ihr zu, der Feinde Kraft zu trennen.
+
+ KAISER:
+ Den schönen Blick hab' ich zum erstenmal.
+ Ein solches Heer gilt für die Doppelzahl.
+
+ OBERGENERAL:
+ Von unsrer Linken hab' ich nichts zu melden,
+ Den starren Fels besetzen wackere Helden,
+ Das Steingeklipp, das jetzt von Waffen blitzt,
+ Den wichtigen Paß der engen Klause schützt.
+ Ich ahne schon, hier scheitern Feindeskräfte
+ Unvorgesehn im blutigen Geschäfte.
+
+ KAISER:
+ Dort ziehn sie her, die falschen Anverwandten,
+ Wie sie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten,
+ Sich immer mehr und wieder mehr erlaubten,
+ Dem Zepter Kraft, dem Thron Verehrung raubten,
+ Dann, unter sich entzweit, das Reich verheerten
+ Und nun gesamt sich gegen mich empörten.
+ Die Menge schwankt im ungewissen Geist,
+ Dann strömt sie nach, wohin der Strom sie reißt.
+
+ OBERGENERAL:
+ Ein treuer Mann, auf Kundschaft ausgeschickt,
+ Kommt eilig felsenab; sei's ihm geglückt!
+
+ ERSTER KUNDSCHAFTER:
+ Glücklich ist sie uns gelungen,
+ Listig, mutig, unsre Kunst,
+ Daß wir hin und her gedrungen;
+ Doch wir bringen wenig Gunst.
+ Viele schwören reine Huldigung
+ Dir, wie manche treue Schar;
+ Doch Untätigkeits-Entschuldigung:
+ Innere Gärung, Volksgefahr.
+
+ KAISER:
+ Sich selbst erhalten bleibt der Selbstsucht Lehre,
+ Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre.
+ Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll,
+ Daß Nachbars Hausbrand euch verzehren soll?
+
+ OBERGENERAL:
+ Der zweite kommt, nur langsam steigt er nieder,
+ Dem müden Manne zittern alle Glieder.
+
+ ZWEITER KUNDSCHAFTER:
+ Erst gewahrten wir vergnüglich
+ Wilden Wesens irren Lauf;
+ Unerwartet, unverzüglich
+ Trat ein neuer Kaiser auf.
+ Und auf vorgeschriebnen Bahnen
+ Zieht die Menge durch die Flur;
+ Den entrollten Lügenfahnen
+ Folgen alle.--Schafsnatur!
+
+ KAISER:
+ Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn:
+ Nun fühl' ich erst, daß ich der Kaiser bin.
+ Nur als Soldat legt' ich den Harnisch an,
+ Zu höherm Zweck ist er nun umgetan.
+ Bei jedem Fest, wenn's noch so glänzend war,
+ Nichts ward vermißt, mir fehlte die Gefahr.
+ Wie ihr auch seid, zum Ringspiel rietet ihr,
+ Mir schlug das Herz, ich atmete Turnier;
+ Und hättet ihr mir nicht vom Kriegen abgeraten,
+ Jetzt glänzt' ich schon in lichten Heldentaten.
+ Selbständig fühlt' ich meine Brust besiegelt,
+ Als ich mich dort im Feuerreich bespiegelt;
+ Das Element drang gräßlich auf mich los,
+ Es war nur Schein, allein der Schein war groß.
+ Von Sieg und Ruhm hab' ich verwirrt geträumt;
+ Ich bringe nach, was frevelhaft versäumt.
+
+ FAUST:
+ Wir treten auf und hoffen, ungescholten;
+ Auch ohne Not hat Vorsicht wohl gegolten.
+ Du weißt, das Bergvolk denkt und simuliert,
+ Ist in Natur- und Felsenschrift studiert.
+ Die Geister, längst dem flachen Land entzogen,
+ Sind mehr als sonst dem Felsgebirg gewogen.
+ Sie wirken still durch labyrinthische Klüfte
+ Im edlen Gas metallisch reicher Düfte;
+ In stetem Sondern, Prüfen und Verbinden
+ Ihr einziger Trieb ist, Neues zu erfinden.
+ Mit leisem Finger geistiger Gewalten
+ Erbauen sie durchsichtige Gestalten;
+ Dann im Kristall und seiner ewigen Schweignis
+ Erblicken sie der Oberwelt Ereignis.
+
+ KAISER:
+ Vernommen hab' ich's, und ich glaube dir;
+ Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier?
+
+ FAUST:
+ Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,
+ Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener.
+ Welch greulich Schicksal droht' ihm ungeheuer!
+ Das Reisig prasselte, schon züngelte das Feuer;
+ Die trocknen Scheite, ringsumher verschränkt,
+ Mit Pech und Schwefelruten untermengt;
+ Nicht Mensch, noch Gott, noch Teufel konnte retten,
+ Die Majestät zersprengte glühende Ketten.
+ Dort war's in Rom. Er bleibt dir hoch verpflichtet,
+ Auf deinen Gang in Sorge stets gerichtet.
+ Von jener Stund' an ganz vergaß er sich,
+ Er fragt den Stern, die Tiefe nur für dich.
+ Er trug uns auf, als eiligstes Geschäfte,
+ Bei dir zu stehn. Groß sind des Berges Kräfte;
+ Da wirkt Natur so übermächtig frei,
+ Der Pfaffen Stumpfsinn schilt es Zauberei.
+
+ KAISER:
+ Am Freudentag, wenn wir die Gäste grüßen,
+ Die heiter kommen, heiter zu genießen,
+ Da freut uns jeder, wie er schiebt und drängt
+ Und, Mann für Mann, der Säle Raum verengt.
+ Doch höchst willkommen muß der Biedre sein,
+ Tritt er als Beistand kräftig zu uns ein
+ Zur Morgenstunde, die bedenklich waltet,
+ Weil über ihr des Schicksals Waage schaltet.
+ Doch lenket hier im hohen Augenblick
+ Die starke Hand vom willigen Schwert zurück,
+ Ehrt den Moment, wo manche Tausend schreiten,
+ Für oder wider mich zu streiten.
+ Selbst ist der Mann! Wer Thron und Kron' begehrt,
+ Persönlich sei er solcher Ehren wert.
+ Sei das Gespenst, das, gegen uns erstanden,
+ Sich Kaiser nennt und Herr von unsern Landen,
+ Des Heeres Herzog, Lehnherr unsrer Großen,
+ Mit eigner Faust ins Totenreich gestoßen!
+
+ FAUST:
+ Wie es auch sei, das Große zu vollenden,
+ Du tust nicht wohl, dein Haupt so zu verpfänden.
+ Ist nicht der Helm mit Kamm und Busch geschmückt?
+ Er schützt das Haupt, das unsern Mut entzückt.
+ Was, ohne Haupt, was förderten die Glieder?
+ Denn schläfert jenes, alle sinken nieder;
+ Wird es verletzt, gleich alle sind verwundet,
+ Erstehen frisch, wenn jenes rasch gesundet.
+ Schnell weiß der Arm sein starkes Recht zu nützen;
+ Er hebt den Schild, den Schädel zu beschützen;
+ Das Schwert gewahret seiner Pflicht sogleich,
+ Lenkt kräftig ab und wiederholt den Streich;
+ Der tüchtige Fuß nimmt teil an ihrem Glück,
+ Setzt dem Erschlagnen frisch sich ins Genick.
+
+ KAISER:
+ Das ist mein Zorn, so möcht' ich ihn behandeln,
+ Das stolze Haupt in Schemeltritt verwandeln!
+
+ HEROLDE:
+ Wenig Ehre, wenig Geltung
+ Haben wir daselbst genossen,
+ Unsrer kräftig edlen Meldung
+ Lachten sie als schaler Possen:
+ "Euer Kaiser ist verschollen,
+ Echo dort im engen Tal;
+ Wenn wir sein gedenken sollen,
+ Märchen sagt:--Es war einmal."
+
+ FAUST:
+ Dem Wunsch gemäß der Besten ist's geschehn,
+ Die fest und treu an deiner Seite stehn.
+ Dort naht der Feind, die Deinen harren brünstig;
+ Befiehl den Angriff, der Moment ist günstig.
+
+ KAISER:
+ Auf das Kommando leist' ich hier Verzicht.
+ In deinen Händen, Fürst, sei deine Pflicht.
+
+ OBERGENERAL:
+ So trete denn der rechte Flügel an!
+ Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen,
+ Soll, eh' sie noch den letzten Schritt getan,
+ Der Jungendkraft geprüfter Treue weichen.
+
+ FAUST:
+ Erlaube denn, daß dieser muntre Held
+ Sich ungesäumt in deine Reihen stellt,
+ Sich deinen Reihen innigst einverleibt
+ Und, so gesellt, sein kräftig Wesen treibt.
+
+ RAUFEBOLD:
+ Wer das Gesicht mir zeigt, der kehrt's nicht ab
+ Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken;
+ Wer mir den Rücken kehrt, gleich liegt ihm schlapp
+ Hals, Kopf und Schopf hinschlotternd graß im Nacken.
+ Und schlagen deine Männer dann
+ Mit Schwert und Kolben, wie ich wüte,
+ So stürzt der Feind, Mann über Mann,
+ Ersäuft im eigenen Geblüte.
+
+ OBERGENERAL:
+ Der Phalanx unsrer Mitte folge sacht,
+ Dem Feind begegn' er, klug mit aller Macht;
+ Ein wenig rechts, dort hat bereits, erbittert,
+ Der Unsern Streitkraft ihren Plan erschüttert.
+
+ FAUST:
+ So folge denn auch dieser deinem Wort!
+ Er ist behend, reißt alles mit sich fort.
+
+ HABEBALD:
+ Dem Heldenmut der Kaiserscharen
+ Soll sich der Durst nach Beute paaren;
+ Und allen sei das Ziel gestellt:
+ Des Gegenkaisers reiches Zelt.
+ Er prahlt nicht lang auf seinem Sitze,
+ Ich ordne mich dem Phalanx an die Spitze.
+
+ EILEBEUTE:
+ Bin ich auch ihm nicht angeweibt,
+ Er mir der liebste Buhle bleibt.
+ Für uns ist solch ein Herbst gereift!
+ Die Frau ist grimmig, wenn sie greift,
+ Ist ohne Schonung, wenn sie raubt;
+ Im Sieg voran! und alles ist erlaubt.
+
+ OBERGENERAL:
+ Auf unsre Linke, wie vorauszusehn,
+ Stürzt ihre Rechte, kräftig. Widerstehn
+ Wird Mann für Mann dem wütenden Beginnen,
+ Den engen Paß des Felswegs zu gewinnen.
+
+ FAUST:
+ So bitte, Herr, auch diesen zu bemerken;
+ Es schadet nichts, wenn Starke sich verstärken.
+
+ HALTEFEST:
+ Dem linken Flügel keine Sorgen!
+ Da, wo ich bin, ist der Besitz geborgen;
+ In ihm bewähret sich der Alte,
+ Kein Strahlblitz spaltet, was ich halte.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nun schauet, wie im Hintergrunde
+ Aus jedem zackigen Felsenschlunde
+ Bewaffnete hervor sich drängen,
+ Die schmalen Pfade zu verengen,
+ Mit Helm und Harnisch, Schwertern, Schilden
+ In unserm Rücken eine Mauer bilden,
+ Den Wink erwartend, zuzuschlagen.
+ Woher das kommt, müßt ihr nicht fragen.
+ Ich habe freilich nicht gesäumt,
+ Die Waffensäle ringsum ausgeräumt;
+ Da standen sie zu Fuß, zu Pferde,
+ Als wären sie noch Herrn der Erde;
+ Sonst waren's Ritter, König, Kaiser,
+ Jetzt sind es nichts als leere Schneckenhäuser;
+ Gar manch Gespenst hat sich darein geputzt,
+ Das Mittelalter lebhaft aufgestutzt.
+ Welch Teufelchen auch drinne steckt,
+ Für diesmal macht es doch Effekt.
+ Hört, wie sie sich voraus erbosen,
+ Blechklappernd aneinander stoßen!
+ Auch flattern Fahnenfetzen bei Standarten,
+ Die frischer Lüftchen ungeduldig harrten.
+ Bedenkt, hier ist ein altes Volk bereit
+ Und mischte gern sich auch zum neuen Streit.
+
+ FAUST:
+ Der Horizont hat sich verdunkelt,
+ Nur hie und da bedeutend funkelt
+ Ein roter ahnungsvoller Schein;
+ Schon blutig blinken die Gewehre;
+ Der Fels, der Wald, die Atmosphäre,
+ Der ganze Himmel mischt sich ein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die rechte Flanke hält sich kräftig;
+ Doch seh' ich ragend unter diesen
+ Hans Raufbold, den behenden Riesen,
+ Auf seine Weise rasch geschäftig.
+
+ KAISER:
+ Erst sah ich einen Arm erhoben,
+ Jetzt seh' ich schon ein Dutzend toben;
+ Naturgemäß geschieht es nicht.
+
+ FAUST:
+ Vernahmst du nichts von Nebelstreifen,
+ Die auf Siziliens Küsten schweifen?
+ Dort, schwankend klar, im Tageslicht,
+ Erhoben zu den Mittellüften,
+ Gespiegelt in besondern Düften,
+ Erscheint ein seltsames Gesicht:
+ Da schwanken Städte hin und wider,
+ Da steigen Gärten auf und nieder,
+ Wie Bild um Bild den äther bricht.
+
+ KAISER:
+ Doch wie bedenklich! Alle Spitzen
+ Der hohen Speere seh' ich blitzen;
+ Auf unsres Phalanx blanken Lanzen
+ Seh' ich behende Flämmchen tanzen.
+ Das scheint mir gar zu geisterhaft.
+
+ FAUST:
+ Verzeih, o Herr, das sind die Spuren
+ Verschollner geistiger Naturen,
+ Ein Widerschein der Dioskuren,
+ Bei denen alle Schiffer schwuren;
+ Sie sammeln hier die letzte Kraft.
+
+ KAISER:
+ Doch sage: wem sind wir verpflichtet,
+ Daß die Natur, auf uns gerichtet,
+ Das Seltenste zusammenrafft?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wem als dem Meister, jenem hohen,
+ Der dein Geschick im Busen trägt?
+ Durch deiner Feinde starkes Drohen
+ Ist er im Tiefsten aufgeregt.
+ Sein Dank will dich gerettet sehen,
+ Und sollt' er selbst daran vergehen.
+
+ KAISER:
+ Sie jubelten, mich pomphaft umzuführen;
+ Ich war nun was, das wollt' ich auch probieren
+ Und fand's gelegen, ohne viel zu denken,
+ Dem weißen Barte kühle Luft zu schenken.
+ Dem Klerus hab' ich eine Lust verdorben,
+ Und ihre Gunst mir freilich nicht erworben.
+ Nun sollt' ich, seit so manchen Jahren,
+ Die Wirkung frohen Tuns erfahren?
+
+ FAUST:
+ Freiherzige Wohltat wuchert reich;
+ Laß deinen Blick sich aufwärts wenden!
+ Mich deucht, er will ein Zeichen senden,
+ Gib acht, es deutet sich sogleich.
+
+ KAISER:
+ Ein Adler schwebt im Himmelhohen,
+ Ein Greif ihm nach mit wildem Drohen.
+
+ FAUST:
+ Gib acht: gar günstig scheint es mir.
+ Greif ist ein fabelhaftes Tier;
+ Wie kann es sich so weit vergessen,
+ Mit echtem Adler sich zu messen?
+
+ KAISER:
+ Nunmehr, in weitgedehnten Kreisen,
+ Umziehn sie sich;--in gleichem Nu
+ Sie fahren aufeinander zu,
+ Sich Brust und Hälse zu zerreißen.
+
+ FAUST:
+ Nun merke, wie der leidige Greif,
+ Zerzerrt, zerzaust, nur Schaden findet
+ Und mit gesenktem Löwenschweif,
+ Zum Gipfelwald gestürzt, verschwindet.
+
+ KAISER:
+ Sei's, wie gedeutet, so getan!
+ Ich nehm' es mit Verwundrung an.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dringend wiederholten Streichen
+ Müssen unsre Feinde weichen,
+ Und mit ungewissem Fechten
+ Drängen sie nach ihrer Rechten
+ Und verwirren so im Streite
+ Ihrer Hauptmacht linke Seite.
+ Unsers Phalanx feste Spitze
+ Zieht sich rechts, und gleich dem Blitze
+ Fährt sie in die schwache Stelle.--
+ Nun, wie sturmerregte Welle
+ Sprühend, wüten gleiche Mächte
+ Wild in doppeltem Gefechte;
+ Herrlichers ist nichts ersonnen,
+ Uns ist diese Schlacht gewonnen!
+
+ KAISER:
+ Schau! Mir scheint es dort bedenklich,
+ Unser Posten steht verfänglich.
+ Keine Steine seh' ich fliegen,
+ Niedre Felsen sind erstiegen,
+ Obre stehen schon verlassen.
+ Jetzt!--Der Feind, zu ganzen Massen
+ Immer näher angedrungen,
+ Hat vielleicht den Paß errungen,
+ Schlußerfolg unheiligen Strebens!
+ Eure Künste sind vergebens.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da kommen meine beiden Raben,
+ Was mögen die für Botschaft haben?
+ Ich fürchte gar, es geht uns schlecht.
+
+ KAISER:
+ Was sollen diese leidigen Vögel?
+ Sie richten ihre schwarzen Segel
+ Hierher vom heißen Felsgefecht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Setzt euch ganz nah zu meinen Ohren.
+ Wen ihr beschützt, ist nicht verloren,
+ Denn euer Rat ist folgerecht.
+
+ FAUST:
+ Von Tauben hast du ja vernommen,
+ Die aus den fernsten Landen kommen
+ Zu ihres Nestes Brut und Kost.
+ Hier ist's mit wichtigen Unterschieden:
+ Die Taubenpost bedient den Frieden,
+ Der Krieg befiehlt die Rabenpost.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Es meldet sich ein schwer Verhängnis:
+ Seht hin! gewahret die Bedrängnis
+ Um unsrer Helden Felsenrand!
+ Die nächsten Höhen sind erstiegen,
+ Und würden sie den Paß besiegen,
+ Wir hätten einen schweren Stand.
+
+ KAISER:
+ So bin ich endlich doch betrogen!
+ Ihr habt mich in das Netz gezogen;
+ Mir graut, seitdem es mich umstrickt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nur Mut! Noch ist es nicht mißglückt.
+ Geduld und Pfiff zum letzten Knoten!
+ Gewöhnlich geht's am Ende scharf.
+ Ich habe meine sichern Boten;
+ Befehlt, daß ich befehlen darf!
+
+ OBERGENERAL:
+ Mit diesen hast du dich vereinigt,
+ Mich hat's die ganze Zeit gepeinigt,
+ Das Gaukeln schafft kein festes Glück.
+ Ich weiß nichts an der Schlacht zu wenden;
+ Begannen sie's, sie mögen's enden,
+ Ich gebe meinen Stab zurück.
+
+ KAISER:
+ Behalt ihn bis zu bessern Stunden,
+ Die uns vielleicht das Glück verleiht.
+ Mir schaudert vor dem garstigen Kunden
+ Und seiner Rabentraulichkeit.
+ Den Stab kann ich dir nicht verleihen,
+ Du scheinst mir nicht der rechte Mann;
+ Befiehl und such uns zu befreien!
+ Geschehe, was geschehen kann.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mag ihn der stumpfe Stab beschützen!
+ Uns andern könnt' er wenig nützen,
+ Es war so was vom Kreuz daran.
+
+ FAUST:
+ Was ist zu tun? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Es ist getan!--
+ Nun, schwarze Vettern, rasch im Dienen,
+ Zum großen Bergsee! grüßt mir die Undinen
+ Und bittet sie um ihrer Fluten Schein.
+ Durch Weiberkünste, schwer zu kennen,
+ Verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen,
+ Und jeder schwört, das sei das Sein.
+
+ FAUST:
+ Den Wasserfräulein müssen unsre Raben
+ Recht aus dem Grund geschmeichelt haben;
+ Dort fängt es schon zu rieseln an.
+ An mancher trocknen, kahlen Felsenstelle
+ Entwickelt sich die volle, rasche Quelle;
+ Um jener Sieg ist es getan.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das ist ein wunderbarer Gruß,
+ Die kühnsten Klettrer sind konfus.
+
+ FAUST:
+ Schon rauscht ein Bach zu Bächen mächtig nieder,
+ Aus Schluchten kehren sie gedoppelt wieder,
+ Ein Strom nun wirft den Bogenstrahl;
+ Auf einmal legt er sich in flache Felsenbreite
+ Und rauscht und schäumt nach der und jener Seite,
+ Und stufenweise wirft er sich ins Tal.
+ Was hilft ein tapfres, heldenmäßiges Stemmen?
+ Die mächtige Woge strömt, sie wegzuschwemmen.
+ Mir schaudert selbst vor solchem wilden Schwall.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich sehe nichts von diesen Wasserlügen,
+ Nur Menschenaugen lassen sich betrügen,
+ Und mich ergetzt der wunderliche Fall.
+ Sie stürzen fort zu ganzen Haufen,
+ Die Narren wähnen zu ersaufen,
+ Indem sie frei auf festem Lande schnaufen
+ Und lächerlich mit Schwimmgebärden laufen.
+ Nun ist Verwirrung überall.
+ Ich werd' euch bei dem hohen Meister loben;
+ Wollt ihr euch nun als Meister selbst erproben,
+ So eilet zu der glühnden Schmiede,
+ Wo das Gezwergvolk, nimmer müde,
+ Metall und Stein zu Funken schlägt.
+ Verlangt, weitläufig sie beschwatzend,
+ Ein Feuer, leuchtend, blinkend, platzend,
+ Wie man's im hohen Sinne hegt.
+ Zwar Wetterleuchten in der weiten Ferne,
+ Blickschnelles Fallen allerhöchster Sterne
+ Mag jede Sommernacht geschehn;
+ Doch Wetterleuchten in verworrnen Büschen
+ Und Sterne, die am feuchten Boden zischen,
+ Das hat man nicht so leicht gesehn.
+ So müßt ihr, ohn' euch viel zu quälen,
+ Zuvörderst bitten, dann befehlen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Den Feinden dichte Finsternisse!
+ Und Tritt und Schritt ins Ungewisse!
+ Irrfunkenblick an allen Enden,
+ Ein Leuchten, plötzlich zu verblenden!
+ Das alles wäre wunderschön,
+ Nun aber braucht's noch Schreckgetön.
+
+ FAUST:
+ Die hohlen Waffen aus der Säle Grüften
+ Empfinden sich erstarkt in freien Lüften;
+ Da droben klappert's, rasselt's lange schon,
+ Ein wunderbarer falscher Ton.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ganz recht! Sie sind nicht mehr zu zügeln;
+ Schon schallt's von ritterlichen Prügeln,
+ Wie in der holden alten Zeit.
+ Armschienen wie der Beine Schienen,
+ Als Guelfen und als Ghibellinen,
+ Erneuen rasch den ewigen Streit.
+ Fest, im ererbten Sinne wöhnlich,
+ Erweisen sie sich unversöhnlich;
+ Schon klingt das Tosen weit und breit.
+ Zuletzt, bei allen Teufelsfesten,
+ Wirkt der Parteihaß doch zum besten,
+ Bis in den allerletzten Graus;
+ Schallt wider-widerwärtig panisch,
+ Mitunter grell und scharf satanisch,
+ Erschreckend in das Tal hinaus.
+
+
+
+ Des Gegenkaisers Zelt
+
+ EILEBEUTE:
+ So sind wir doch die ersten hier!
+
+ HABEBALD:
+ Kein Rabe fliegt so schnell als wir.
+
+ EILEBEUTE:
+ O! welch ein Schatz liegt hier zuhauf!
+ Wo fang' ich an? Wo hör' ich auf?
+
+ HABEBALD:
+ Steht doch der ganze Raum so voll!
+ Weiß nicht, wozu ich greifen soll.
+
+ EILEBEUTE:
+ Der Teppich wär' mir eben recht,
+ Mein Lager ist oft gar zu schlecht.
+
+ HABEBALD:
+ Hier hängt von Stahl ein Morgenstern,
+ Dergleichen hätt' ich lange gern.
+
+ EILEBEUTE:
+ Den roten Mantel goldgesäumt,
+ So etwas hatt' ich mir geträumt.
+
+ HABEBALD:
+ Damit ist es gar bald getan,
+ Man schlägt ihn tot und geht voran.
+ Du hast so viel schon aufgepackt
+ Und doch nichts Rechtes eingesackt.
+ Den Plunder laß an seinem Ort,
+ Nehm' eines dieser Kistchen fort!
+ Dies ist des Heers beschiedner Sold,
+ In seinem Bauche lauter Gold.
+
+ EILEBEUTE:
+ Das hat ein mörderisch Gewicht!
+ Ich heb' es nicht, ich trag' es nicht.
+
+ HABEBALD:
+ Geschwinde duck' dich! Mußt dich bücken!
+ Ich hucke dir's auf den starken Rücken.
+
+ EILEBEUTE:
+ O weh! O weh, nun ist's vorbei!
+ Die Last bricht mir das Kreuz entzwei.
+
+ HABEBALD:
+ Da liegt das rote Gold zuhauf--
+ Geschwinde zu und raff es auf!
+
+ EILEBEUTE:
+ Geschwinde nur zum Schoß hinein!
+ Noch immer wird's zur Gnüge sein.
+
+ HABEBALD:
+ Und so genug! und eile doch!
+ O weh, die Schürze hat ein Loch!
+ Wohin du gehst und wo du stehst,
+ Verschwenderisch die Schätze säst.
+
+ TRABANTEN USERS KAISERS:
+ Was schafft ihr hier am heiligen Platz?
+ Was kramt ihr in dem Kaiserschatz?
+
+ HABEBALD:
+ Wir trugen unsre Glieder feil
+ Und holen unser Beuteteil.
+ In Feindeszelten ist's der Brauch,
+ Und wir, Soldaten sind wir auch.
+
+ TRABANTEN:
+ Das passet nicht in unsern Kreis:
+ Zugleich Soldat und Diebsgeschmeiß;
+ Und wer sich unserm Kaiser naht,
+ Der sei ein redlicher Soldat.
+
+ HABEBALD:
+ Die Redlichkeit, die kennt man schon,
+ Sie heißet: Kontribution.
+ Ihr alle seid auf gleichem Fuß:
+ Gib her! das ist der Handwerksgruß.
+ Mach fort und schleppe, was du hast,
+ Hier sind wir nicht willkommner Gast.
+
+ ERSTER TRABANT:
+ Sag, warum gabst du nicht sogleich
+ Dem frechen Kerl einen Backenstreich?
+
+ ZWEITER:
+ Ich weiß nicht, mir verging die Kraft,
+ Sie waren so gespensterhaft.
+
+ DRITTER:
+ Mir ward es vor den Augen schlecht,
+ Da flimmert' es, ich sah nicht recht.
+
+ VIERTER:
+ Wie ich es nicht zu sagen weiß:
+ Es war den ganzen Tag so heiß,
+ So bänglich, so beklommen schwül,
+ Der eine stand, der andre fiel,
+ Man tappte hin und schlug zugleich,
+ Der Gegner fiel vor jedem Streich,
+ Vor Augen schwebt' es wie ein Flor,
+ Dann summt's und saust's und zischt' im Ohr;
+ Das ging so fort, nun sind wir da
+ Und wissen selbst nicht, wie's geschah.
+
+ KAISER:
+ Es sei nun, wie ihm sei! uns ist die Schlacht gewonnen,
+ Des Feinds zerstreute Flucht im flachen Feld zerronnen.
+ Hier steht der leere Thron, verräterischer Schatz,
+ Von Teppichen umhüllt, verengt umher den Platz.
+ Wir, ehrenvoll geschützt von eigenen Trabanten,
+ Erwarten kaiserlich der Völker Abgesandten;
+ Von allen Seiten her kommt frohe Botschaft an:
+ Beruhigt sei das Reich, uns freudig zugetan.
+ Hat sich in unsern Kampf auch Gaukelei geflochten,
+ Am Ende haben wir uns nur allein gefochten.
+ Zufälle kommen ja dem Streitenden zugut:
+ Vom Himmel fällt ein Stein, dem Feinde regnet's Blut,
+ Aus Felsenhöhlen tönt's von mächtigen Wunderklängen,
+ Die unsre Brust erhöhn, des Feindes Brust verengen.
+ Der überwundne fiel, zu stets erneutem Spott,
+ Der Sieger, wie er prangt, preist den gewognen Gott.
+ Und alles stimmt mit ein, er braucht nicht zu befehlen,
+ Herr Gott, dich loben wir! aus Millionen Kehlen.
+ Jedoch zum höchsten Preis wend' ich den frommen Blick,
+ Das selten sonst geschah, zur eignen Brust zurück.
+ Ein junger, muntrer Fürst mag seinen Tag vergeuden,
+ Die Jahre lehren ihn des Augenblicks Bedeuten.
+ Deshalb denn ungesäumt verbind' ich mich sogleich
+ Mit euch vier Würdigen, für Haus und Hof und Reich.
+ Dein war, o Fürst! des Heers geordnet kluge Schichtung,
+ Sodann im Hauptmoment heroisch kühne Richtung;
+ Im Frieden wirke nun, wie es die Zeit begehrt,
+ Erzmarschall nenn' ich dich, verleihe dir das Schwert.
+
+ ERZMARSCHALL:
+ Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beschäftigt,
+ Wenn's an der Grenze dich und deinen Thron bekräftigt,
+ Dann sei es uns vergönnt, bei Festesdrang im Saal
+ Geräumiger Väterburg zu rüsten dir das Mahl.
+ Blank trag' ich's dir dann vor, blank halt' ich dir's zur Seite,
+ Der höchsten Majestät zu ewigem Geleite.
+
+ KAISER:
+ Der sich als tapfrer Mann auch zart gefällig zeigt,
+ Du! sei Erzkämmerer; der Auftrag ist nicht leicht.
+ Du bist der Oberste von allem Hausgesinde,
+ Bei deren innerm Streit ich schlechte Diener finde;
+ Dein Beispiel sei fortan in Ehren aufgestellt,
+ Wie man dem Herrn, dem Hof und allen wohlgefällt.
+
+ ERZKÄMMERER:
+ Des Herren großen Sinn zu fördern, bringt zu Gnaden:
+ Den Besten hülfreich sein, den Schlechten selbst nicht schaden,
+ Dann klar sein ohne List und ruhig ohne Trug!
+ Wenn du mich, Herr, durchschaust, geschieht mir schon genug.
+ Darf sich die Phantasie auf jenes Fest erstrecken?
+ Wenn du zur Tafel gehst, reich' ich das goldne Becken,
+ Die Ringe halt' ich dir, damit zur Wonnezeit
+ Sich deine Hand erfrischt, wie mich dein Blick erfreut.
+
+ KAISER:
+ Zwar fühl' ich mich zu ernst, auf Festlichkeit zu sinnen,
+ Doch sei's! Es fördert auch frohmütiges Beginnen.
+ Dich wähl' ich zum Erztruchseß! Also sei fortan
+ Dir Jagd, Geflügelhof und Vorwerk untertan;
+ Der Lieblingsspeisen Wahl laß mir zu allen Zeiten,
+ Wie sie der Monat bringt, und sorgsam zubereiten.
+
+ ERZTRUCHSESS:
+ Streng Fasten sei für mich die angenehmste Pflicht,
+ Bis, vor dich hingestellt, dich freut ein Wohlgericht.
+ Der Küche Dienerschaft soll sich mit mir vereinigen,
+ Das Ferne beizuziehn, die Jahrszeit zu beschleunigen.
+ Dich reizt nicht Fern und Früh, womit die Tafel prangt,
+ Einfach und kräftig ist's, wornach dein Sinn verlangt.
+
+ KAISER:
+ Weil unausweichlich hier sich's nur von Festen handelt,
+ So sei mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt.
+ Erzschenke, sorge nun, daß unsre Kellerei
+ Aufs reichlichste versorgt mit gutem Weine sei.
+ Du selbst sei mäßig, laß nicht über Heiterkeiten
+ Durch der Gelegenheit Verlocken dich verleiten!
+
+ ERZSCHENK:
+ Mein Fürst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut,
+ Steht, eh' man sich's versieht, zu Männern auferbaut.
+ Auch ich versetze mich zu jenem großen Feste;
+ Ein kaiserlich Büfett schmück' ich aufs allerbeste
+ Mit Prachtgefäßen, gülden, silbern allzumal,
+ Doch wähl' ich dir voraus den lieblichsten Pokal:
+ Ein blank venedisch Glas, worin Behagen lauschet,
+ Des Weins Geschmack sich stärkt und nimmermehr berauschet.
+ Auf solchen Wunderschatz vertraut man oft zu sehr;
+ Doch deine Mäßigkeit, du Höchster, schützt noch mehr.
+
+ KAISER:
+ Was ich euch zugedacht in dieser ernsten Stunde,
+ Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverlässigem Munde.
+ Des Kaisers Wort ist groß und sichert jede Gift,
+ Doch zur Bekräftigung bedarf's der edlen Schrift,
+ Bedarf's der Signatur. Die förmlich zu bereiten,
+ Seh' ich den rechten Mann zu rechter Stunde schreiten.
+
+ KAISER:
+ Wenn ein Gewölbe sich dem Schlußstein anvertraut,
+ Dann ist's mit Sicherheit für ewige Zeit erbaut.
+ Du siehst vier Fürsten da! Wir haben erst erörtert,
+ Was den Bestand zunächst von Haus und Hof befördert.
+ Nun aber, was das Reich in seinem Ganzen hegt,
+ Sei, mit Gewicht und Kraft, der Fünfzahl auferlegt.
+ An Ländern sollen sie vor allen andern glänzen;
+ Deshalb erweitr' ich gleich jetzt des Besitztums Grenzen
+ Vom Erbteil jener, die sich von uns abgewandt.
+ Euch Treuen sprech' ich zu so manches schöne Land,
+ Zugleich das hohe Recht, euch nach Gelegenheiten
+ Durch Anfall, Kauf und Tausch ins Weitre zu verbreiten;
+ Dann sei bestimmt--vergönnt, zu üben ungestört--,
+ Was von Gerechtsamen euch Landesherrn gehört.
+ Als Richter werdet ihr die Endurteile fällen,
+ Berufung gelte nicht von euern höchsten Stellen.
+ Dann Steuer, Zins und Beth', Lehn und Geleit und Zoll,
+ Berg-, Salz- und Münzregal euch angehören soll.
+ Denn meine Dankbarkeit vollgültig zu erproben,
+ Hab ich euch ganz zunächst der Majestät erhoben.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht!
+ Du machst uns stark und fest und stärkest deine Macht.
+
+ KAISER:
+ Euch fünfen will ich noch erhöhtere Würde geben.
+ Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu leben;
+ Doch hoher Ahnen Kette zieht bedächtigen Blick
+ Aus rascher Strebsamkeit ins Drohende zurück.
+ Auch werd' ich seinerzeit mich von den Teuren trennen,
+ Dann sei es eure Pflicht, den Folger zu ernennen.
+ Gekrönt erhebt ihn hoch auf heiligem Altar,
+ Und friedlich ende dann, was jetzt so stürmisch war.
+
+ ERZKANZLER:
+ Mit Stolz in tiefster Brust, mit Demut an Gebärde,
+ Stehn Fürsten dir gebeugt, die ersten auf der Erde.
+ Solang das treue Blut die vollen Adern regt,
+ Sind wir der Körper, den dein Wille leicht bewegt.
+
+ KAISER:
+ Und also sei, zum Schluß, was wir bisher betätigt,
+ Für alle Folgezeit durch Schrift und Zug bestätigt.
+ Zwar habt ihr den Besitz als Herren völlig frei,
+ Mit dem Beding jedoch, daß er unteilbar sei.
+ Und wie ihr auch vermehrt, was ihr von uns empfangen,
+ Es soll's der ältste Sohn in gleichem Maß erlangen.
+
+ ERZKANZLER:
+ Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemut,
+ Zum Glück dem Reich und uns, das wichtigste Statut;
+ Reinschrift und Sieglung soll die Kanzelei beschäftigen,
+ Mit heiliger Signatur wirst du's, der Herr, bekräftigen.
+
+ KAISER:
+ Und so entlass' ich euch, damit den großen Tag
+ Gesammelt jedermann sich überlegen mag.
+
+ DER GEISTLICHE:
+ Der Kanzler ging hinweg, der Bischof ist geblieben,
+ Vom ernsten Warnegeist zu deinem Ohr getrieben!
+ Sein väterliches Herz, von Sorge bangt's um dich.
+
+ KAISER:
+ Was hast du Bängliches zur frohen Stunde? sprich!
+
+ ERZBISCHOF:
+ Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieser Stunde,
+ Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde!
+ Zwar, wie es scheinen will, gesichert auf dem Thron,
+ Doch leider! Gott dem Herrn, dem Vater Papst zum Hohn.
+ Wenn dieser es erfährt, schnell wird er sträflich richten,
+ Mit heiligem Strahl dein Reich, das sündige, zu vernichten.
+ Denn noch vergaß er nicht, wie du, zur höchsten Zeit,
+ An deinem Krönungstag, den Zauberer befreit.
+ Von deinem Diadem, der Christenheit zum Schaden,
+ Traf das verfluchte Haupt der erste Strahl der Gnaden.
+ Doch schlag an deine Brust und gib vom frevlen Glück
+ Ein mäßig Scherflein gleich dem Heiligtum zurück:
+ Den breiten Hügelraum, da, wo dein Zelt gestanden,
+ Wo böse Geister sich zu deinem Schutz verbanden,
+ Dem Lügenfürsten du ein horchsam Ohr geliehn,
+ Den stifte, fromm belehrt, zu heiligem Bemühn;
+ Mit Berg und dichtem Wald, so weit sie sich erstrecken,
+ Mit Höhen, die sich grün zu fetter Weide decken,
+ Fischreichen, klaren Seen, dann Bächlein ohne Zahl,
+ Wie sie sich, eilig schlängelnd, stürzen ab zu Tal;
+ Das breite Tal dann selbst, mit Wiesen, Gauen, Gründen:
+ Die Reue spricht sich aus, und du wirst Gnade finden.
+
+ KAISER:
+ Durch meinen schweren Fehl bin ich so tief erschreckt;
+ Die Grenze sei von dir nach eignem Maß gesteckt.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Erst! der entweihte Raum, wo man sich so versündigt,
+ Sei alsobald zum Dienst des Höchsten angekündigt.
+ Behende steigt im Geist Gemäuer stark empor,
+ Der Morgensonne Blick erleuchtet schon das Chor,
+ Zum Kreuz erweitert sich das wachsende Gebäude,
+ Das Schiff erlängt, erhöht sich zu der Gläubigen Freude;
+ Sie strömen brünstig schon durchs würdige Portal,
+ Der erste Glockenruf erscholl durch Berg und Tal,
+ Von hohen Türmen tönt's, wie sie zum Himmel streben,
+ Der Büßer kommt heran zu neugeschaffnem Leben.
+ Dem hohen Weihetag--er trete bald herein!--
+ Wird deine Gegenwart die höchste Zierde sein.
+
+ KAISER:
+ Mag ein so großes Werk den frommen Sinn verkündigen,
+ Zu preisen Gott den Herrn, so wie mich zu entsündigen.
+ Genug! Ich fühle schon, wie sich mein Sinn erhöht.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Als Kanzler fördr' ich nun Schluß und Formalität.
+
+ KAISER:
+ Ein förmlich Dokument, der Kirche das zu eignen,
+ Du legst es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht,
+ Gesamte Landsgefälle: Zehnten, Zinsen, Beth',
+ Für ewig. Viel bedarf's zu würdiger Unterhaltung,
+ Und schwere Kosten macht die sorgliche Verwaltung.
+ Zum schnellen Aufbau selbst auf solchem wüsten Platz
+ Reichst du uns einiges Gold, aus deinem Beuteschatz.
+ Daneben braucht man auch, ich kann es nicht verschweigen,
+ Entferntes Holz und Kalk und Schiefer und dergleichen.
+ Die Fuhren tut das Volk, vom Predigtstuhl belehrt,
+ Die Kirche segnet den, der ihr zu Diensten fährt.
+
+ KAISER:
+ Die Sünd' ist groß und schwer, womit ich mich beladen;
+ Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten Schaden.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Verzeih, o Herr! Es ward dem sehr verrufnen Mann
+ Des Reiches Strand verliehn; doch diesen trifft der Bann,
+ Verleihst du reuig nicht der hohen Kirchenstelle
+ Auch dort den Zehnten, Zins und Gaben und Gefälle.
+
+ KAISER:
+ Das Land ist noch nicht da, im Meer liegt es breit.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Wer 's Recht hat und Geduld, für den kommt auch die Zeit.
+ Für uns mög' Euer Wort in seinen Kräften bleiben!
+
+ KAISER:
+ So könnt' ich wohl zunächst das ganze Reich verschreiben.
+
+
+
+
+ 5. Akt--Offene Gegend
+
+ WANDRER:
+ Ja! sie sind's, die dunkeln Linden,
+ Dort, in ihres Alters Kraft.
+ Und ich soll sie wiederfinden,
+ Nach so langer Wanderschaft!
+ Ist es doch die alte Stelle,
+ Jene Hütte, die mich barg,
+ Als die sturmerregte Welle
+ Mich an jene Dünen warf!
+ Meine Wirte möcht' ich segnen,
+ Hilfsbereit, ein wackres Paar,
+ Das, um heut mir zu begegnen,
+ Alt schon jener Tage war.
+ Ach! das waren fromme Leute!
+ Poch' ich? ruf' ich?--Seid gegrüßt,
+ Wenn gastfreundlich auch noch heute
+ Ihr des Wohltuns Glück genießt!
+
+ BAUCIS:
+ Lieber Kömmling! Leise! Leise!
+ Ruhe! laß den Gatten ruhn!
+ Langer Schlaf verleiht dem Greise
+ Kurzen Wachens rasches Tun.
+
+ WANDRER:
+ Sage, Mutter: bist du's eben,
+ Meinen Dank noch zu empfahn,
+ Was du für des Jünglings Leben
+ Mit dem Gatten einst getan?
+ Bist du Baucis, die geschäftig
+ Halberstorbnen Mund erquickt?
+ Du Philemon, der so kräftig
+ Meinen Schatz der Flut entrückt?
+ Eure Flammen raschen Feuers,
+ Eures Glöckchens Silberlaut,
+ Jenes grausen Abenteuers
+ Lösung war euch anvertraut.
+ Und nun laßt hervor mich treten,
+ Schaun das grenzenlose Meer;
+ Laßt mich knieen, laßt mich beten,
+ Mich bedrängt die Brust so sehr.
+
+ PHILEMON:
+ Eile nur, den Tisch zu decken,
+ Wo's im Gärtchen munter blüht.
+ Laß ihn rennen, ihn erschrecken,
+ Denn er glaubt nicht, was er sieht.
+ Das Euch grimmig mißgehandelt,
+ Wog' auf Woge, schäumend wild,
+ Seht als Garten Ihr behandelt,
+ Seht ein paradiesisch Bild.
+ älter, war ich nicht zuhanden,
+ Hülfreich nicht wie sonst bereit;
+ Und wie meine Kräfte schwanden,
+ War auch schon die Woge weit.
+ Kluger Herren kühne Knechte
+ Gruben Gräben, dämmten ein,
+ Schmälerten des Meeres Rechte,
+ Herrn an seiner Statt zu sein.
+ Schaue grünend Wies' an Wiese,
+ Anger, Garten, Dorf und Wald.--
+ Komm nun aber und genieße,
+ Denn die Sonne scheidet bald.--
+ Dort im Fernsten ziehen Segel,
+ Suchen nächtlich sichern Port.
+ Kennen doch ihr Nest die Vögel;
+ Denn jetzt ist der Hafen dort.
+ So erblickst du in der Weite
+ Erst des Meeres blauen Saum,
+ Rechts und links, in aller Breite,
+ Dichtgedrängt bewohnten Raum.
+
+ BAUCIS:
+ Bleibst du stumm? und keinen Bissen
+ Bringst du zum verlechzten Mund?
+
+ PHILEMON:
+ Möcht' er doch vom Wunder wissen;
+ Sprichst so gerne, tu's ihm kund.
+
+ BAUCIS:
+ Wohl! ein Wunder ist's gewesen!
+ Läßt mich heut noch nicht in Ruh;
+ Denn es ging das ganze Wesen
+ Nicht mit rechten Dingen zu.
+
+ PHILEMON:
+ Kann der Kaiser sich versünd'gen,
+ Der das Ufer ihm verliehn?
+ Tät's ein Herold nicht verkünd'gen
+ Schmetternd im Vorüberziehn?
+ Nicht entfernt von unsern Dünen
+ Ward der erste Fuß gefaßt,
+ Zelte, Hütten!--Doch im Grünen
+ Richtet bald sich ein Palast.
+
+ BAUCIS:
+ Tags umsonst die Knechte lärmten,
+ Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag;
+ Wo die Flämmchen nächtig schwärmten,
+ Stand ein Damm den andern Tag.
+ Menschenopfer mußten bluten,
+ Nachts erscholl des Jammers Qual;
+ Meerab flossen Feuergluten,
+ Morgens war es ein Kanal.
+ Gottlos ist er, ihn gelüstet
+ Unsre Hütte, unser Hain;
+ Wie er sich als Nachbar brüstet,
+ Soll man untertänig sein.
+
+ PHILEMON:
+ Hat er uns doch angeboten
+ Schönes Gut im neuen Land!
+
+ BAUCIS:
+ Traue nicht dem Wasserboden,
+ Halt auf deiner Höhe stand!
+
+ PHILEMON:
+ Laßt uns zur Kapelle treten,
+ Letzten Sonnenblick zu schaun!
+ Laßt uns läuten, knieen, beten
+ Und dem alten Gott vertraun!
+
+
+
+ Palast
+
+ LYNKEUS DER TÜRMER:
+ Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe,
+ Sie ziehen munter hafenein.
+ Ein großer Kahn ist im Begriffe,
+ Auf dem Kanale hier zu sein.
+ Die bunten Wimpel wehen fröhlich,
+ Die starren Masten stehn bereit;
+ In dir preist sich der Bootsmann selig,
+ Dich grüßt das Glück zur höchsten Zeit.
+
+ FAUST:
+ Verdammtes Läuten! Allzuschändlich
+ Verwundet's, wie ein tückischer Schuß;
+ Vor Augen ist mein Reich unendlich,
+ Im Rücken neckt mich der Verdruß,
+ Erinnert mich durch neidische Laute:
+ Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
+ Der Lindenraum, die braune Baute,
+ Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
+ Und wünscht' ich, dort mich zu erholen,
+ Vor fremdem Schatten schaudert mir,
+ Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen;
+ O! wär' ich weit hinweg von hier!
+
+ TÜRMER:
+ Wie segelt froh der bunte Kahn
+ Mit frischem Abendwind heran!
+ Wie türmt sich sein behender Lauf
+ In Kisten, Kasten, Säcken auf!
+
+ CHORUS:
+ Da landen wir,
+ Da sind wir schon.
+ Glückan dem Herren,
+ Dem Patron!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So haben wir uns wohl erprobt,
+ Vergnügt, wenn der Patron es lobt.
+ Nur mit zwei Schiffen ging es fort,
+ Mit zwanzig sind wir nun im Port.
+ Was große Dinge wir getan,
+ Das sieht man unsrer Ladung an.
+ Das freie Meer befreit den Geist,
+ Wer weiß da, was Besinnen heißt!
+ Da fördert nur ein rascher Griff,
+ Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff,
+ Und ist man erst der Herr zu drei,
+ Dann hakelt man das vierte bei;
+ Da geht es denn dem fünften schlecht,
+ Man hat Gewalt, so hat man Recht.
+ Man fragt ums Was, und nicht ums Wie.
+ Ich müßte keine Schiffahrt kennen:
+ Krieg, Handel und Piraterie,
+ Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.
+
+ DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN:
+ Nicht Dank und Gruß!
+ Nicht Gruß und Dank!
+ Als brächten wir
+ Dem Herrn Gestank.
+ Er macht ein
+ Widerlich Gesicht;
+ Das Königsgut
+ Gefällt ihm nicht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erwartet weiter
+ Keinen Lohn!
+ Nahmt ihr doch
+ Euren Teil davon.
+
+ DIE GESELLEN:
+ Das ist nur für
+ Die Langeweil';
+ Wir alle fordern
+ Gleichen Teil.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erst ordnet oben
+ Saal an Saal
+ Die Kostbarkeiten
+ Allzumal!
+ Und tritt er zu
+ Der reichen Schau,
+ Berechnet er alles
+ Mehr genau,
+ Er sich gewiß
+ Nicht lumpen läßt
+ Und gibt der Flotte
+ Fest nach Fest.
+ Die bunten Vögel kommen morgen,
+ Für die werd' ich zum besten sorgen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mit ernster Stirn, mit düstrem Blick
+ Vernimmst du dein erhaben Glück.
+ Die hohe Weisheit wird gekrönt,
+ Das Ufer ist dem Meer versöhnt;
+ Vom Ufer nimmt, zu rascher Bahn,
+ Das Meer die Schiffe willig an;
+ So sprich, daß hier, hier vom Palast
+ Dein Arm die ganze Welt umfaßt.
+ Von dieser Stelle ging es aus,
+ Hier stand das erste Bretterhaus;
+ Ein Gräbchen ward hinabgeritzt,
+ Wo jetzt das Ruder emsig spritzt.
+ Dein hoher Sinn, der Deinen Fleiß
+ Erwarb des Meers, der Erde Preis.
+ Von hier aus--+
+
+ FAUST:
+ Das verfluchte Hier!
+ Das eben, leidig lastet's mir.
+ Dir Vielgewandtem muß ich's sagen,
+ Mir gibt's im Herzen Stich um Stich,
+ Mir ist's unmöglich zu ertragen!
+ Und wie ich's sage, schäm' ich mich.
+ Die Alten droben sollten weichen,
+ Die Linden wünscht' ich mir zum Sitz,
+ Die wenig Bäume, nicht mein eigen,
+ Verderben mir den Weltbesitz.
+ Dort wollt' ich, weit umherzuschauen,
+ Von Ast zu Ast Gerüste bauen,
+ Dem Blick eröffnen weite Bahn,
+ Zu sehn, was alles ich getan,
+ Zu überschaun mit einem Blick
+ Des Menschengeistes Meisterstück,
+ Betätigend mit klugem Sinn
+ Der Völker breiten Wohngewinn.
+ So sind am härtsten wir gequält,
+ Im Reichtum fühlend, was uns fehlt.
+ Des Glöckchens Klang, der Linden Duft
+ Umfängt mich wie in Kirch' und Gruft.
+ Des allgewaltigen Willens Kür
+ Bricht sich an diesem Sande hier.
+ Wie schaff' ich mir es vom Gemüte!
+ Das Glöcklein läutet, und ich wüte.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Natürlich! daß ein Hauptverdruß
+ Das Leben dir vergällen muß.
+ Wer leugnet's! Jedem edlen Ohr
+ Kommt das Geklingel widrig vor.
+ Und das verfluchte Bim-Baum-Bimmel,
+ Umnebelnd heitern Abendhimmel,
+ Mischt sich in jegliches Begebnis,
+ Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
+ Als wäre zwischen Bim und Baum
+ Das Leben ein verschollner Traum.
+
+ FAUST:
+ Das Widerstehn, der Eigensinn
+ Verkümmern herrlichsten Gewinn,
+ Daß man, zu tiefer, grimmiger Pein,
+ Ermüden muß, gerecht zu sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was willst du dich denn hier genieren?
+ Mußt du nicht längst kolonisieren?
+
+ FAUST:
+ So geht und schafft sie mir zur Seite!--
+ Das schöne Gütchen kennst du ja,
+ Das ich den Alten ausersah.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man trägt sie fort und setzt sie nieder,
+ Eh' man sich umsieht, stehn sie wieder;
+ Nach überstandener Gewalt
+ Versöhnt ein schöner Aufenthalt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Kommt, wie der Herr gebieten läßt!
+ Und morgen gibt's ein Flottenfest.
+
+ DIE DREI:
+ Der alte Herr empfing uns schlecht,
+ Ein flottes Fest ist uns zu Recht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auch hier geschieht, was längst geschah,
+ Denn Naboths Weinberg war schon da. ((regum i,21))
+
+
+
+ Tiefe Nacht
+
+ LYNKEUS DER TÜRMER:
+ Zum Sehen geboren,
+ Zum Schauen bestellt,
+ Dem Turme geschworen,
+ Gefällt mir die Welt.
+ Ich blick' in die Ferne,
+ Ich seh' in der Näh'
+ Den Mond und die Sterne,
+ Den Wald und das Reh.
+ So seh' ich in allen
+ Die ewige Zier,
+ Und wie mir's gefallen,
+ Gefall' ich auch mir.
+ Ihr glücklichen Augen,
+ Was je ihr gesehn,
+ Es sei wie es wolle,
+ Es war doch so schön!
+ Nicht allein mich zu ergetzen,
+ Bin ich hier so hoch gestellt;
+ Welch ein greuliches Entsetzen
+ Droht mir aus der finstern Welt!
+ Funkenblicke seh' ich sprühen
+ Durch der Linden Doppelnacht,
+ Immer stärker wühlt ein Glühen,
+ Von der Zugluft angefacht.
+ Ach! die innre Hütte lodert,
+ Die bemoost und feucht gestanden;
+ Schnelle Hülfe wird gefordert,
+ Keine Rettung ist vorhanden.
+ Ach! die guten alten Leute,
+ Sonst so sorglich um das Feuer,
+ Werden sie dem Qualm zur Beute!
+ Welch ein schrecklich Abenteuer!
+ Flamme flammet, rot in Gluten
+ Steht das schwarze Moosgestelle;
+ Retteten sich nur die Guten
+ Aus der wildentbrannten Hölle!
+ Züngelnd lichte Blitze steigen
+ Zwischen Blättern, zwischen Zweigen;
+ äste dürr, die flackernd brennen,
+ Glühen schnell und stürzen ein.
+ Sollt ihr Augen dies erkennen!
+ Muß ich so weitsichtig sein!
+ Das Kapellchen bricht zusammen
+ Von der äste Sturz und Last.
+ Schlängelnd sind, mit spitzen Flammen,
+ Schon die Gipfel angefaßt.
+ Bis zur Wurzel glühn die hohlen
+ Stämme, purpurrot im Glühn.--
+ Was sich sonst dem Blick empfohlen,
+ Mit Jahrhunderten ist hin.
+
+ FAUST:
+ Von oben welch ein singend Wimmern?
+ Das Wort ist hier, der Ton zu spat.
+ Mein Türmer jammert; mich, im Innern,
+ Verdrießt die ungeduld'ge Tat.
+ Doch sei der Lindenwuchs vernichtet
+ Zu halbverkohlter Stämme Graun,
+ Ein Luginsland ist bald errichtet,
+ Um ins Unendliche zu schaun.
+ Da seh' ich auch die neue Wohnung,
+ Die jenes alte Paar umschließt,
+ Das, im Gefühl großmütiger Schonung,
+ Der späten Tage froh genießt.
+
+ MEPHISTOPHELES UND DIE DREIE:
+ Da kommen wir mit vollem Trab;
+ Verzeiht! es ging nicht gütlich ab.
+ Wir klopften an, wir pochten an,
+ Und immer ward nicht aufgetan;
+ Wir rüttelten, wir pochten fort,
+ Da lag die morsche Türe dort;
+ Wir riefen laut und drohten schwer,
+ Allein wir fanden kein Gehör.
+ Und wie's in solchem Fall geschicht,
+ Sie hörten nicht, sie wollten nicht;
+ Wir aber haben nicht gesäumt,
+ Behende dir sie weggeräumt.
+ Das Paar hat sich nicht viel gequält,
+ Vor Schrecken fielen sie entseelt.
+ Ein Fremder, der sich dort versteckt
+ Und fechten wollte, ward gestreckt.
+ In wilden Kampfes kurzer Zeit
+ Von Kohlen, ringsumher gestreut,
+ Entflammte Stroh. Nun lodert's frei,
+ Als Scheiterhaufen dieser drei.
+
+ FAUST:
+ Ward ihr für meine Worte taub?
+ Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub.
+ Dem unbesonnenen wilden Streich,
+ Ihm fluch' ich; teilt es unter euch!
+
+ CHORUS:
+ Das alte Wort, das Wort erschallt:
+ Gehorche willig der Gewalt!
+ Und bist du kühn und hälst du Stich,
+ So wage Haus und Hof und--dich.
+
+ FAUST:
+ Die Sterne bergen Blick und Schein,
+ Das Feuer sinkt und lodert klein;
+ Ein Schauerwindchen fächelt's an,
+ Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
+ Geboten schnell, zu schnell getan!--
+ Was schwebet schattenhaft heran?
+
+
+
+ Mitternacht
+
+ ERSTE:
+ Ich heiße der Mangel. +
+
+ ZWEITE:
+ Ich heiße die Schuld.
+
+ DRITTE:
+ Ich heiße die Sorge. +
+
+ VIERTE:
+ Ich heiße die Not.
+
+ ZU DREI:
+ Die Tür ist verschlossen, wir können nicht ein;
+ Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.
+
+ MANGEL:
+ Da werd' ich zum Schatten. +
+
+ SCHULD:
+ Da werd' ich zunicht.
+
+ NOT:
+ Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.
+
+ SORGE:
+ Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein.
+ Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.
+
+ MANGEL:
+ Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.
+
+ SCHULD:
+ Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.
+
+ NOT:
+ Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.
+
+ ZU DREI:
+ Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
+ Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
+ Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der------Tod.
+
+ FAUST:
+ Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
+ Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn.
+ Es klang so nach, als hieß' es--Not,
+ Ein düstres Reimwort folgte--Tod.
+ Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.
+ Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
+ Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
+ Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
+ Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
+ Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.
+ Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte,
+ Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
+ Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
+ Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.
+ Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
+ In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
+ Wir kehren froh von junger Flur zurück,
+ Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.
+ Von Aberglauben früh und spat umgarnt:
+ Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt.
+ Und so verschüchtert, stehen wir allein.
+ Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein.
+ Ist jemand hier? +
+
+ SORGE:
+ Die Frage fordert Ja!
+
+ FAUST:
+ Und du, wer bist denn du? +
+
+ SORGE:
+ Bin einmal da.
+
+ FAUST:
+ Entferne dich! +
+
+ SORGE:
+ Ich bin am rechten Ort.
+
+ FAUST:
+ Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.
+
+ SORGE:
+ Würde mich kein Ohr vernehmen,
+ Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
+ In verwandelter Gestalt
+ üb' ich grimmige Gewalt.
+ Auf den Pfaden, auf der Welle,
+ Ewig ängstlicher Geselle,
+ Stets gefunden, nie gesucht,
+ So geschmeichelt wie verflucht.--
+ Hast du die Sorge nie gekannt?
+
+ FAUST:
+ Ich bin nur durch die Welt gerannt;
+ Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
+ Was nicht genügte, ließ ich fahren,
+ Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
+ Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
+ Und abermals gewünscht und so mit Macht
+ Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
+ Nun aber geht es weise, geht bedächtig.
+ Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
+ Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
+ Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
+ Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
+ Er stehe fest und sehe hier sich um;
+ Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
+ Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
+ Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
+ Er wandle so den Erdentag entlang;
+ Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
+ Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
+ Er, unbefriedigt jeden Augenblick!
+
+ SORGE:
+ Wen ich einmal besitze,
+ Dem ist alle Welt nichts nütze;
+ Ewiges Düstre steigt herunter,
+ Sonne geht nicht auf noch unter,
+ Bei vollkommnen äußern Sinnen
+ Wohnen Finsternisse drinnen,
+ Und er weiß von allen Schätzen
+ Sich nicht in Besitz zu setzen.
+ Glück und Unglück wird zur Grille,
+ Er verhungert in der Fülle;
+ Sei es Wonne, sei es Plage,
+ Schieb er's zu dem andern Tage,
+ Ist der Zukunft nur gewärtig,
+ Und so wird er niemals fertig.
+
+ FAUST:
+ Hör auf! so kommst du mir nicht bei!
+ Ich mag nicht solchen Unsinn hören.
+ Fahr hin! die schlechte Litanei,
+ Sie könnte selbst den klügsten Mann betören.
+
+ SORGE:
+ Soll er gehen, soll er kommen?
+ Der Entschluß ist ihm genommen;
+ Auf gebahnten Weges Mitte
+ Wankt er tastend halbe Schritte.
+ Er verliert sich immer tiefer,
+ Siehet alle Dinge schiefer,
+ Sich und andre lästig drückend;
+ Atemholend und erstickend;
+ Nicht erstickt und ohne Leben,
+ Nicht verzweiflend, nicht ergeben.
+ So ein unaufhaltsam Rollen,
+ Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
+ Bald Befreien, bald Erdrücken,
+ Halber Schlaf und schlecht Erquicken
+ Heftet ihn an seine Stelle
+ Und bereitet ihn zur Hölle.
+
+ FAUST:
+ Unselige Gespenster! so behandelt ihr
+ Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;
+ Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr
+ In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.
+ Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,
+ Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen;
+ Doch deine Macht, Sorge, schleichend groß,
+ Ich werde sie nicht anerkennen.
+
+ SORGE:
+ Erfahre sie, wie ich geschwind
+ Mich mit Verwünschung von dir wende!
+ Die Menschen sind im ganzen Leben blind,
+ Nun, Fauste, werde du's am Ende!
+
+ FAUST:
+ Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
+ Allein im Innern leuchtet helles Licht;
+ Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen;
+ Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht.
+ Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!
+ Laßt glücklich schauen, was ich kühn ersann.
+ Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten!
+ Das Abgesteckte muß sogleich geraten.
+ Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß
+ Erfolgt der allerschönste Preis;
+ Daß sich das größte Werk vollende,
+ Genügt ein Geist für tausend Hände.
+
+
+
+ Grosser Vorhof des Palasts
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Herbei, herbei! Herein, herein!
+ Ihr schlotternden Lemuren,
+ Aus Bändern, Sehnen und Gebein
+ Geflickte Halbnaturen.
+
+ LEMUREN:
+ Wir treten dir sogleich zur Hand,
+ Und wie wir halb vernommen,
+ Es gilt wohl gar ein weites Land,
+ Das sollen wir bekommen.
+ Gespitzte Pfähle, die sind da,
+ Die Kette lang zum Messen;
+ Warum an uns den Ruf geschah,
+ Das haben wir vergessen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier gilt kein künstlerisch Bemühn;
+ Verfahret nur nach eignen Maßen!
+ Der Längste lege längelang sich hin,
+ Ihr andern lüftet ringsumher den Rasen;
+ Wie man's für unsre Väter tat,
+ Vertieft ein längliches Quadrat!
+ Aus dem Palast ins enge Haus,
+ So dumm läuft es am Ende doch hinaus.
+
+ LEMUREN:
+ Wie jung ich war und lebt' und liebt',
+ Mich deucht, das war wohl süße;
+ Wo's fröhlich klang und lustig ging,
+ Da rührten sich meine Füße.
+ Nun hat das tückische Alter mich
+ Mit seiner Krücke getroffen;
+ Ich stolpert' über Grabes Tür,
+ Warum stand sie just offen!
+
+ FAUST:
+ Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
+ Es ist die Menge, die mir frönet,
+ Die Erde mit sich selbst versöhnet,
+ Den Wellen ihre Grenze setzt,
+ Das Meer mit strengem Band umzieht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du bist doch nur für uns bemüht
+ Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;
+ Denn du bereitest schon Neptunen,
+ Dem Wasserteufel, großen Schmaus.
+ In jeder Art seid ihr verloren;--
+ Die Elemente sind mit uns verschworen,
+ Und auf Vernichtung läuft's hinaus.
+
+ FAUST:
+ Aufseher! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier! +
+
+ FAUST:
+ Wie es auch möglich sei,
+ Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,
+ Ermuntere durch Genuß und Strenge,
+ Bezahle, locke, presse bei!
+ Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
+ Wie sich verlängt der unternommene Graben.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man spricht, wie man mir Nachricht gab,
+ Von keinem Graben, doch vom Grab.
+
+ FAUST:
+ Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
+ Verpestet alles schon Errungene;
+ Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
+ Das Letzte wär' das Höchsterrungene.
+ Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
+ Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
+ Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
+ Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
+ Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
+ Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
+ Im Innern hier ein paradiesisch Land,
+ Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
+ Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
+ Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
+ Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
+ Das ist der Weisheit letzter Schluß:
+ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
+ Der täglich sie erobern muß.
+ Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
+ Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
+ Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
+ Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
+ Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
+ Verweile doch, du bist so schön!
+ Es kann die Spur von meinen Erdetagen
+ Nicht in äonen untergehn.--
+ Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
+ Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,
+ So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
+ Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
+ Der Arme wünscht ihn festzuhalten.
+ Der mir so kräftig widerstand,
+ Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
+ Die Uhr steht still--+
+
+ CHOR:
+ Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht.
+ Der Zeiger fällt. +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Er fällt, es ist vollbracht.
+
+ CHOR:
+ Es ist vorbei. +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Vorbei! ein dummes Wort.
+ Warum vorbei?
+ Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
+ Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!
+ Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
+ "Da ist's vorbei!" Was ist daran zu lesen?
+ Es ist so gut, als wär' es nicht gewesen,
+ Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
+ Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
+
+
+
+ Grablegung
+
+ LEMUR--SOLO:
+ Wer hat das Haus so schlecht gebaut,
+ Mit Schaufeln und mit Spaten?
+
+ LEMUREN--CHOR:
+ Dir, dumpfer Gast im hänfnen Gewand,
+ Ist's viel zu gut geraten.
+
+ LEMUR--SOLO:
+ Wer hat den Saal so schlecht versorgt?
+ Wo blieben Tisch und Stühle?
+
+ LEMUREN--CHOR:
+ Es war auf kurze Zeit geborgt;
+ Der Gläubiger sind so viele.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Körper liegt, und will der Geist entfliehn,
+ Ich zeig' ihm rasch den blutgeschriebnen Titel;--
+ Doch leider hat man jetzt so viele Mittel,
+ Dem Teufel Seelen zu entziehn.
+ Auf altem Wege stößt man an,
+ Auf neuem sind wir nicht empfohlen;
+ Sonst hätt' ich es allein getan,
+ Jetzt muß ich Helfershelfer holen.
+ Uns geht's in allen Dingen schlecht!
+ Herkömmliche Gewohnheit, altes Recht,
+ Man kann auf gar nichts mehr vertrauen.
+ Sonst mit dem letzten Atem fuhr sie aus,
+ Ich paßt' ihr auf und, wie die schnellste Maus,
+ Schnapps! hielt ich sie in fest verschloßnen Klauen.
+ Nun zaudert sie und will den düstern Ort,
+ Des schlechten Leichnams ekles Haus nicht lassen;
+ Die Elemente, die sich hassen,
+ Die treiben sie am Ende schmählich fort.
+ Und wenn ich Tag' und Stunden mich zerplage,
+ Wann? wie? und wo? das ist die leidige Frage;
+ Der alte Tod verlor die rasche Kraft,
+ Das Ob? sogar ist lange zweifelhaft;
+ Oft sah ich lüstern auf die starren Glieder--
+ Es war nur Schein, das rührte, das regte sich wieder.
+ Nur frisch heran! verdoppelt euren Schritt,
+ Ihr Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne,
+ Von altem Teufelsschrot und--korne,
+ Bringt ihr zugleich den Höllenrachen mit.
+ Zwar hat die Hölle Rachen viele! viele!
+ Nach Standsgebühr und Würden schlingt sie ein;
+ Doch wird man auch bei diesem letzten Spiele
+ Ins künftige nicht so bedenklich sein.
+ Eckzähne klaffen; dem Gewölb des Schlundes
+ Entquillt der Feuerstrom in Wut,
+ Und in dem Siedequalm des Hintergrundes
+ Seh' ich die Flammenstadt in ewiger Glut.
+ Die rote Brandung schlägt hervor bis an die Zähne,
+ Verdammte, Rettung hoffend, schwimmen an;
+ Doch kolossal zerknirscht sie die Hyäne,
+ Und sie erneuen ängstlich heiße Bahn.
+ In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken,
+ So viel Erschrecklichstes im engsten Raum!
+ Ihr tut sehr wohl, die Sünder zu erschrecken;
+ Sie halten's doch für Lug und Trug und Traum.
+ Nun, wanstige Schuften mit den Feuerbacken!
+ Ihr glüht so recht vom Höllenschwefel feist;
+ Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken!
+ Hier unten lauert, ob's wie Phosphor gleißt:
+ Das ist das Seelchen, Psyche mit den Flügeln,
+ Die rupft ihr aus, so ist's ein garstiger Wurm;
+ Mit meinem Stempel will ich sie besiegeln,
+ Dann fort mit ihr im Feuerwirbelsturm!
+ Paßt auf die niedern Regionen,
+ Ihr Schläuche, das ist eure Pflicht;
+ Ob's ihr beliebte, da zu wohnen,
+ So akkurat weiß man das nicht.
+ Im Nabel ist sie gern zu Haus--
+ Nehmt es in acht, sie wischt euch dort heraus.
+ Ihr Firlefanze, flügelmännische Riesen,
+ Greift in die Luft, versucht euch ohne Rast!
+ Die Arme strack, die Klauen scharf gewiesen,
+ Daß ihr die Flatternde, die Flüchtige faßt.
+ Es ist ihr sicher schlecht im alten Haus,
+ Und das Genie, es will gleich obenaus.
+
+ HIMMLISCHE HEERSCHAR:
+ Folget, Gesandte,
+ Himmelsverwandte,
+ Gemächlichen Flugs:
+ Sündern vergeben,
+ Staub zu beleben;
+ Allen Naturen
+ Freundliche Spuren
+ Wirket im Schweben
+ Des weilenden Zugs!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mißtöne hör' ich, garstiges Geklimper,
+ Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag;
+ Es ist das bübisch-mädchenhafte Gestümper,
+ Wie frömmelnder Geschmack sich's lieben mag.
+ Ihr wißt, wie wir in tiefverruchten Stunden
+ Vernichtung sannen menschlichem Geschlecht;
+ Das Schändlichste, was wir erfunden,
+ Ist ihrer Andacht eben recht.
+ Sie kommen gleisnerisch, die Laffen!
+ So haben sie uns manchen weggeschnappt,
+ Bekriegen uns mit unsern eignen Waffen;
+ Es sind auch Teufel, doch verkappt.
+ Hier zu verlieren, wär' euch ew'ge Schande;
+ Ans Grab heran und haltet fest am Rande!
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Rosen, ihr blendenden,
+ Balsam versendenden!
+ Flatternde, schwebende,
+ Heimlich belebende,
+ Zweigleinbeflügelte,
+ Knospenentsiegelte,
+ Eilet zu blühn.
+ Frühling entsprieße,
+ Purpur und Grün!
+ Tragt Paradiese
+ Dem Ruhenden hin.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was duckt und zuckt ihr? ist das Höllenbrauch?
+ So haltet stand und laßt sie streuen.
+ An seinen Platz ein jeder Gauch!
+ Sie denken wohl, mit solchen Blümeleien
+ Die heißen Teufel einzuschneien;
+ Das schmilzt und schrumpft vor eurem Hauch.
+ Nun pustet, Püstriche!--Genug, genug!
+ Vor eurem Broden bleicht der ganze Flug.--
+ Nicht so gewaltsam! schließet Maul und Nasen!
+ Fürwahr, ihr habt zu stark geblasen.
+ Daß ihr doch nie die rechten Maße kennt!
+ Das schrumpft nicht nur, es bräunt sich, dorrt, es brennt!
+ Schon schwebt's heran mit giftig klaren Flammen;
+ Stemmt euch dagegen, drängt euch fest zusammen!--
+ Die Kraft erlischt! dahin ist aller Mut!
+ Die Teufel wittern fremde Schmeichelglut.
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Blüten, die seligen,
+ Flammen, die fröhlichen,
+ Liebe verbreiten sie,
+ Wonne bereiten sie,
+ Herz wie es mag.
+ Worte, die wahren,
+ äther im Klaren,
+ Ewigen Scharen
+ überall Tag!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ O Fluch! o Schande solchen Tröpfen!
+ Satane stehen auf den Köpfen,
+ Die Plumpen schlagen Rad auf Rad
+ Und stürzen ärschlings in die Hölle.
+ Gesegn' euch das verdiente heiße Bad!
+ Ich aber bleib' auf meiner Stelle.--
+ Irrlichter, fort! Du, leuchte noch so stark,
+ Du bleibst, gehascht, ein ekler Gallert-Quark.
+ Was flatterst du? Willst du dich packen!--
+ Es klemmt wie Pech und Schwefel mir im Nacken.
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Was euch nicht angehört,
+ Müsset ihr meiden,
+ Was euch das Innre stört,
+ Dürft ihr nicht leiden.
+ Dringt es gewaltig ein,
+ Müssen wir tüchtig sein.
+ Liebe nur Liebende
+ Führet herein!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt,
+ Ein überteuflisch Element!
+ Weit spitziger als Höllenfeuer!--
+ Drum jammert ihr so ungeheuer,
+ Unglückliche Verliebte! die, verschmäht,
+ Verdrehten Halses nach der Liebsten späht.
+ Auch mir! Was zieht den Kopf auf jene Seite?
+ Bin ich mit ihr doch in geschwornem Streite!
+ Der Anblick war mir sonst so feindlich scharf.
+ Hat mich ein Fremdes durch und durch gedrungen?
+ Ich mag sie gerne sehn, die allerliebsten Jungen;
+ Was hält mich ab, daß ich nicht fluchen darf?--
+ Und wenn ich mich betören lasse,
+ Wer heißt denn künftighin der Tor?
+ Die Wetterbuben, die ich hasse,
+ Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor!--
+ Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen:
+ Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?
+ Ihr seid so hübsch, fürwahr ich möcht' euch küssen,
+ Mir ist's, als kämt ihr eben recht.
+ Es ist mir so behaglich, so natürlich,
+ Als hätt' ich euch schon tausendmal gesehn;
+ So heimlich-kätzchenhaft begierlich;
+ Mit jedem Blick aufs neue schöner schön.
+ O nähert euch, o gönnt mir einen Blick!
+
+ ENGEL:
+ Wir kommen schon, warum weichst du zurück?
+ Wir nähern uns, und wenn du kannst, so bleib!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ihr scheltet uns verdammte Geister
+ Und seid die wahren Hexenmeister;
+ Denn ihr verführet Mann und Weib.--
+ Welch ein verfluchtes Abenteuer!
+ Ist dies das Liebeselement?
+ Der ganze Körper steht in Feuer,
+ Ich fühle kaum, daß es im Nacken brennt.--
+ Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
+ Ein bißchen weltlicher bewegt die holden Glieder;
+ Fürwahr, der Ernst steht euch recht schön;
+ Doch möcht' ich euch nur einmal lächeln sehn!
+ Das wäre mir ein ewiges Entzücken.
+ Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken:
+ Ein kleiner Zug am Mund, so ist's getan.
+ Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
+ Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,
+ So sieh mich doch ein wenig lüstern an!
+ Auch könntet ihr anständig-nackter gehen,
+ Das lange Faltenhemd ist übersittlich--
+ Sie wenden sich--von hinten anzusehen!--
+ Die Racker sind doch gar zu appetitlich!
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Wendet zur Klarheit
+ Euch, liebende Flammen!
+ Die sich verdammen,
+ Heile die Wahrheit;
+ Daß sie vom Bösen
+ Froh sich erlösen,
+ Um in dem Allverein
+ Selig zu sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie wird mir!--Hiobsartig, Beul' an Beule
+ Der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut,
+ Und triumphiert zugleich, wenn er sich ganz durchschaut,
+ Wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut;
+ Gerettet sind die edlen Teufelsteile,
+ Der Liebespuk, er wirft sich auf die Haut;
+ Schon ausgebrannt sind die verruchten Flammen,
+ Und wie es sich gehört, fluch' ich euch allzusammen!
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Heilige Gluten!
+ Wen sie umschweben,
+ Fühlt sich im Leben
+ Selig mit Guten.
+ Alle vereinigt
+ Hebt euch und preist!
+ Luft ist gereinigt,
+ Atme der Geist!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Doch wie?--wo sind sie hingezogen?
+ Unmündiges Volk, du hast mich überrascht,
+ Sind mit der Beute himmelwärts entflogen;
+ Drum haben sie an dieser Gruft genascht!
+ Mir ist ein großer, einziger Schatz entwendet:
+ Die hohe Seele, die sich mir verpfändet,
+ Die haben sie mir pfiffig weggepascht.
+ Bei wem soll ich mich nun beklagen?
+ Wer schafft mir mein erworbenes Recht?
+ Du bist getäuscht in deinen alten Tagen,
+ Du hast's verdient, es geht dir grimmig schlecht.
+ Ich habe schimpflich mißgehandelt,
+ Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan;
+ Gemein Gelüst, absurde Liebschaft wandelt
+ Den ausgepichten Teufel an.
+ Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding
+ Der Klugerfahrne sich beschäftigt,
+ So ist fürwahr die Torheit nicht gering,
+ Die seiner sich am Schluß bemächtigt.
+
+
+
+ Bergschluchten
+
+ CHOR UN ECHO:
+ Waldung, sie schwankt heran,
+ Felsen, sie lasten dran,
+ Wurzeln, sie klammern an,
+ Stamm dicht an Stamm hinan,
+ Woge nach Woge spritzt,
+ Höhle, die tiefste, schützt.
+ Löwen, sie schleichen stumm-+
+ freundlich/ um uns herum,
+ Ehren geweihten Ort,
+ Heiligen Liebeshort.
+
+ PATER ECSTATICUS:
+ Ewiger Wonnebrand,
+ Glühendes Liebeband,
+ Siedender Schmerz der Brust,
+ Schäumende Gotteslust.
+ Pfeile, durchdringet mich,
+ Lanzen, bezwinget mich,
+ Keulen, zerschmettert mich,
+ Blitze, durchwettert mich!
+ Daß ja das Nichtige
+ Alles verflüchtige,
+ Glänze der Dauerstern,
+ Ewiger Liebe Kern.
+
+ PATER PROFUNDUS:
+ Wie Felsenabgrund mir zu Füßen
+ Auf tiefem Abgrund lastend ruht,
+ Wie tausend Bäche strahlend fließen
+ Zum grausen Sturz des Schaums der Flut,
+ Wie strack mit eignem kräftigen Triebe
+ Der Stamm sich in die Lüfte trägt:
+ So ist es die allmächtige Liebe,
+ Die alles bildet, alles hegt.
+ Ist um mich her ein wildes Brausen,
+ Als wogte Wald und Felsengrund,
+ Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,
+ Die Wasserfülle sich zum Schlund,
+ Berufen, gleich das Tal zu wässern;
+ Der Blitz, der flammend niederschlug,
+ Die Atmosphäre zu verbessern,
+ Die Gift und Dunst im Busen trug--
+ Sind Liebesboten, sie verkünden,
+ Was ewig schaffend uns umwallt.
+ Mein Innres mög' es auch entzünden,
+ Wo sich der Geist, verworren, kalt,
+ Verquält in stumpfer Sinne Schranken,
+ Scharfangeschloßnem Kettenschmerz.
+ O Gott! beschwichtige die Gedanken,
+ Erleuchte mein bedürftig Herz!
+
+ PATER SERAPHICUS:
+ Welch ein Morgenwölkchen schwebet
+ Durch der Tannen schwankend Haar!
+ Ahn' ich, was im Innern lebet?
+ Es ist junge Geisterschar.
+
+ CHOR SELIGER KNABEN:
+ Sag uns, Vater, wo wir wallen,
+ Sag uns, Guter, wer wir sind?
+ Glücklich sind wir: allen, allen
+ Ist das Dasein so gelind.
+
+ PATER SERAPHICUS:
+ Knaben! Mitternachts-Geborne,
+ Halb erschlossen Geist und Sinn,
+ Für die Eltern gleich Verlorne,
+ Für die Engel zum Gewinn.
+ Daß ein Liebender zugegen,
+ Fühlt ihr wohl, so naht euch nur;
+ Doch von schroffen Erdewegen,
+ Glückliche! habt ihr keine Spur.
+ Steigt herab in meiner Augen
+ Welt- und erdgemäß Organ,
+ Könnt sie als die euren brauchen,
+ Schaut euch diese Gegend an!
+ Das sind Bäume, das sind Felsen,
+ Wasserstrom, der abestürzt
+ Und mit ungeheurem Wälzen
+ Sich den steilen Weg verkürzt.
+
+ SELIGE KNABEN:
+ Das ist mächtig anzuschauen,
+ Doch zu düster ist der Ort,
+ Schüttelt uns mit Schreck und Grauen.
+ Edler, Guter, laß uns fort!
+
+ PATER SERAPHICUS:
+ Steigt hinan zu höherm Kreise,
+ Wachset immer unvermerkt,
+ Wie, nach ewig reiner Weise,
+ Gottes Gegenwart verstärkt.
+ Denn das ist der Geister Nahrung,
+ Die im freisten äther waltet:
+ Ewigen Liebens Offenbarung,
+ Die zur Seligkeit entfaltet.
+
+ CHOR SELIGER KNABEN:
+ Hände verschlinget
+ Freudig zum Ringverein,
+ Regt euch und singet
+ Heil'ge Gefühle drein!
+ Göttlich belehret,
+ Dürft ihr vertrauen;
+ Den ihr verehret,
+ Werdet ihr schauen.
+
+ ENGEL:
+ Gerettet ist das edle Glied
+ Der Geisterwelt vom Bösen,
+ Wer immer strebend sich bemüht,
+ Den können wir erlösen.
+ Und hat an ihm die Liebe gar
+ Von oben teilgenommen,
+ Begegnet ihm die selige Schar
+ Mit herzlichem Willkommen.
+
+ DIE JÜNGEREN ENGEL:
+ Jene Rosen aus den Händen
+ Liebend-heiliger Büßerinnen
+ Halfen uns den Sieg gewinnen,
+ Uns das hohe Werk vollenden,
+ Diesen Seelenschatz erbeuten.
+ Böse wichen, als wir streuten,
+ Teufel flohen, als wir trafen.
+ Statt gewohnter Höllenstrafen
+ Fühlten Liebesqual die Geister;
+ Selbst der alte Satansmeister
+ War von spitzer Pein durchdrungen.
+ Jauchzet auf! es ist gelungen.
+
+ DIE VOLLENDETEREN ENGEL:
+ Uns bleibt ein Erdenrest
+ Zu tragen peinlich,
+ Und wär' er von Asbest,
+ Er ist nicht reinlich.
+ Wenn starke Geisteskraft
+ Die Elemente
+ An sich herangerafft,
+ Kein Engel trennte
+ Geeinte Zwienatur
+ Der innigen beiden,
+ Die ewige Liebe nur
+ Vermag's zu scheiden.
+
+ DIE JÜNGEREN ENGEL:
+ Nebelnd um Felsenhöh'
+ Spür' ich soeben,
+ Regend sich in der Näh',
+ Ein Geisterleben.
+ Die Wölkchen werden klar,
+ Ich seh' bewegte Schar
+ Seliger Knaben,
+ Los von der Erde Druck,
+ Im Kreis gesellt,
+ Die sich erlaben
+ Am neuen Lenz und Schmuck
+ Der obern Welt.
+ Sei er zum Anbeginn,
+ Steigendem Vollgewinn
+ Diesen gesellt!
+
+ DIE SELIGEN KNABEN:
+ Freudig empfangen wir
+ Diesen im Puppenstand;
+ Also erlangen wir
+ Englisches Unterpfand.
+ Löset die Flocken los,
+ Die ihn umgeben!
+ Schon ist er schön und groß
+ Von heiligem Leben.
+
+ DOCTOR MARIANUS:
+ Hier ist die Aussicht frei,
+ Der Geist erhoben.
+ Dort ziehen Fraun vorbei,
+ Schwebend nach oben.
+ Die Herrliche mitteninn
+ Im Sternenkranze,
+ Die Himmelskönigin,
+ Ich seh's am Glanze.
+ Höchste Herrscherin der Welt!
+ Lasse mich im blauen,
+ Ausgespannten Himmelszelt
+ Dein Geheimnis schauen.
+ Billige, was des Mannes Brust
+ Ernst und zart beweget
+ Und mit heiliger Liebeslust
+ Dir entgegenträget.
+ Unbezwinglich unser Mut,
+ Wenn du hehr gebietest;
+ Plötzlich mildert sich die Glut,
+ Wie du uns befriedest.
+ Jungfrau, rein im schönsten Sinn,
+ Mutter, Ehren würdig,
+ Uns erwählte Königin,
+ Göttern ebenbürtig.
+ Um sie verschlingen
+ Sich leichte Wölkchen,
+ Sind Büßerinnen,
+ Ein zartes Völkchen,
+ Um ihre Kniee
+ Den äther schlürfend,
+ Gnade bedürfend.
+ Dir, der Unberührbaren,
+ Ist es nicht benommen,
+ Daß die leicht Verführbaren
+ Traulich zu dir kommen.
+ In die Schwachheit hingerafft,
+ Sind sie schwer zu retten;
+ Wer zerreißt aus eigner Kraft
+ Der Gelüste Ketten?
+ Wie entgleitet schnell der Fuß
+ Schiefem, glattem Boden?
+ Wen betört nicht Blick und Gruß,
+ Schmeichelhafter Odem?
+
+ CHOR DER BÜSSERINNEN:
+ Du schwebst zu Höhen
+ Der ewigen Reiche,
+ Vernimm das Flehen,
+ Du Ohnegleiche,
+ Du Gnadenreiche!
+
+ MAGNA PECCATRIX:
+ Bei der Liebe, die den Füßen
+ Deines gottverklärten Sohnes
+ Tränen ließ zum Balsam fließen,
+ Trotz des Pharisäerhohnes;
+ Beim Gefäße, das so reichlich
+ Tropfte Wohlgeruch hernieder,
+ Bei den Locken, die so weichlich
+ Trockneten die heil'gen Glieder--
+
+ MULIER SAMARITANA:
+ Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
+ Abram ließ die Herde führen,
+ Bei dem Eimer, der dem Heiland
+ Kühl die Lippe durft' berühren;
+ Bei der reinen, reichen Quelle,
+ Die nun dorther sich ergießet,
+ überflüssig, ewig helle
+ Rings durch alle Welten fließet--
+
+ MARIA AEGYPTIACA:
+ Bei dem hochgeweihten Orte,
+ Wo den Herrn man niederließ,
+ Bei dem Arm, der von der Pforte
+ Warnend mich zurücke stieß;
+ Bei der vierzigjährigen Buße,
+ Der ich treu in Wüsten blieb,
+ Bei dem seligen Scheidegruße,
+ Den im Sand ich niederschrieb--
+
+ ZU DREI:
+ Die du großen Sünderinnen
+ Deine Nähe nicht verweigerst
+ Und ein büßendes Gewinnen
+ In die Ewigkeiten steigerst,
+ Gönn auch dieser guten Seele,
+ Die sich einmal nur vergessen,
+ Die nicht ahnte, daß sie fehlte,
+ Dein Verzeihen angemessen!
+
+ UNA POENITENTIUM, SONST GRETCHEN GENANNT:
+ Neige, neige,
+ Du Ohnegleiche,
+ Du Strahlenreiche,
+ Dein Antlitz gnädig meinem Glück!
+ Der früh Geliebte,
+ Nicht mehr Getrübte,
+ Er kommt zurück.
+
+ SELIGE KNABEN:
+ Er überwächst uns schon
+ An mächtigen Gliedern,
+ Wird treuer Pflege Lohn
+ Reichlich erwidern.
+ Wir wurden früh entfernt
+ Von Lebechören;
+ Doch dieser hat gelernt,
+ Er wird uns lehren.
+
+ DIE EINE BÜSSERIN, SONST GRETCHEN GENANNT:
+ Vom edlen Geisterchor umgeben,
+ Wird sich der Neue kaum gewahr,
+ Er ahnet kaum das frische Leben,
+ So gleicht er schon der heiligen Schar.
+ Sieh, wie er jedem Erdenbande
+ Der alten Hülle sich entrafft
+ Und aus ätherischem Gewande
+ Hervortritt erste Jugendkraft.
+ Vergönne mir, ihn zu belehren,
+ Noch blendet ihn der neue Tag.
+
+ MATER GLORIOSA:
+ Komm! hebe dich zu höhern Sphären!
+ Wenn er dich ahnet, folgt er nach.
+
+ DOCTOR MARIANUS:
+ Blicket auf zum Retterblick,
+ Alle reuig Zarten,
+ Euch zu seligem Geschick
+ Dankend umzuarten.
+ Werde jeder beßre Sinn
+ Dir zum Dienst erbötig;
+ Jungfrau, Mutter, Königin,
+ Göttin, bleibe gnädig!
+
+ CHORUS MYSTICUS:
+ Alles Vergängliche
+ Ist nur ein Gleichnis;
+ Das Unzulängliche,
+ Hier wird's Ereignis;
+ Das Unbeschreibliche,
+ Hier ist's getan;
+ Das Ewig-Weibliche
+ Zieht uns hinan.
+
+
+
+
+
+
+
+
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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