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+The Project Gutenberg EBook of Faust: Der Tragödie zweiter Teil, by
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Faust: Der Tragödie zweiter Teil
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Posting Date: January 26, 2010 [EBook #2230]
+Release Date: June 2000
+[Last updated: May 14, 2012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST: DER TRAGÖDIE ZWEITER TEIL ***
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+Produced by Michael Pullen
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+ Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+ zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+ http://gutenberg.aol.de erreichbar.
+
+ This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+ which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
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+ Faust: Der Tragödie zweiter Teil
+
+ von Johann Wolfgang von Goethe
+
+ 1. Anmutige Gegend
+ 2. Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
+ 3. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
+ 4. Hochgebirg
+ 5. Offene Gegend
+
+
+
+
+ 1. Akt--Anmutige Gegend
+
+ Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig,
+ schlafsuchend.
+
+ Dämmerung.
+
+ Geister-Kreis schwebend bewegt, anmutige kleine Gestalten.
+
+
+ ARIEL.
+
+ Gesang von Aolsharfen begleitet.
+
+ Wenn der Blüten Frühlingsregen
+ Über alle schwebend sinkt,
+ Wenn der Felder grüner Segen
+ Allen Erdgebornen blinkt,
+ Kleiner Elfen Geistergröße
+ Eilet, wo sie helfen kann;
+ Ob er heilig, ob er böse,
+ Jammert sie der Unglücksmann.
+
+ Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise,
+ Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise:
+ Besänftiget des Herzens grimmen Strauß,
+ Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,
+ Sein Innres reinigt von erlebtem Graus!
+ Vier sind die Pausen nächtiger Weile;
+ Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus!
+ Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder,
+ Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut!
+ Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,
+ Wenn er gestärkt dem Tag entgegen ruht.
+ Vollbringt der Elfen schönste Pflicht:
+ Gebt ihn zurück dem heiligen Licht!
+
+
+ CHOR
+
+ einzeln, zu zweien und vielen, abwechselnd und gesammelt.
+
+ Wenn sich lau die Lüfte füllen
+ Um den grünumschränkten Plan,
+ Süße Düfte, Nebelhüllen
+ Senkt die Dämmerung heran,
+ Lispelt leise süßen Frieden,
+ Wiegt das Herz in Kindesruh
+ Und den Augen dieses Müden
+ Schließt des Tages Pforte zu.
+
+ Nacht ist schon hereingesunken,
+ Schließt sich heilig Stern an Stern;
+ Große Lichter, kleine Funken
+ Glitzern nah und glänzen fern;
+ Glitzern hier im See sich spiegelnd,
+ Glänzen droben klarer Nacht;
+ Tiefsten Ruhens Glück besiegelnd
+ Herrscht des Mondes volle Pracht.
+
+ Schon verloschen sind die Stunden,
+ Hingeschwunden Schmerz und Glück;
+ Fühl' es vor! Du wirst gesunden;
+ Traue neuem Tagesblick!
+ Täler grünen, Hügel schwellen,
+ Buschen sich zu Schattenruh;
+ Und in schwanken Silberwellen
+ Wogt die Saat der Ernte zu.
+
+ Wunsch um Wünsche zu erlangen
+ Schaue nach dem Glänze dort!
+ Leise bist du nur umfangen;
+ Schlaf ist Schale: wirf sie fort!
+ Säume nicht dich zu erdreisten,
+ Wenn die Menge zaudernd schweift;
+ Alles kann der Edle leisten,
+ Der versteht und rasch ergreift.
+
+ Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne.
+
+
+ ARIEL.
+
+ Horchet! horcht dem Sturm der Hören!
+ Tönend wird für Geistesohren
+ Schon der neue Tag geboren.
+ Felsentore knarren rasselnd,
+ Phöbus' Räder rollen prasselnd,
+ Welch Getöse bringt das Licht!
+ Es trommetet, es posaunet,
+ Auge blinzt und Ohr erstaunet,
+ Unerhörtes hört sich nicht.
+ Schlüpfet zu den Blumenkronen,
+ Tiefer, tiefer, still zu wohnen,
+ In die Felsen, unters Laub!
+ Trifft es euch, so seid ihr taub.
+
+
+ FAUST.
+
+ Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
+ Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen.
+ Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
+ Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
+ Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben.
+ Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
+ Zum höchsten Dasein immer fortzustreben.--
+ In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen,
+ Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben,
+ Tal aus Tal ein ist Nebelstreif ergossen;
+ Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen,
+ Und Zweig' und Äste, frisch erquickt, entsprossen
+ Dem duft'gen Abgrund, wo versenkt sie schliefen.
+ Auch Färb' an Farbe klärt sich los vom Grunde,
+ Wo Blunr und Blatt von Zitterperle triefen--
+ Ein Paradies wird um mich her die Runde.
+
+ Hinaufgeschaut!--Der Berge Gipfelriesen
+ Verkünden schon die feierlichste Stunde;
+ Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
+ Das später sich zu uns hernieder wendet.
+ Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen
+ Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,
+ Und stufenweis herab ist es gelungen--
+ Sie tritt hervor!--und, leider schon geblendet,
+ Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
+
+ So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
+ Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
+ Erfüllungspforten findet flügeloffen;
+ Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
+ Ein Flammenübermaß--wir stehn betroffen.
+ Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
+ Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
+ Ist's Lieb', ist's Haß, die glühend uns umwinden,
+ Mit Schmerz-und Freuden wechselnd ungeheuer,
+ So daß wir wieder nach der Erde blicken,
+ Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier?
+
+ So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
+ Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
+ Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.
+ Von Sturz zu Sturze wälzt er jetzt in tausend,
+ Dann abertausend Strömen sich ergießend,
+ Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
+ Allein wie herrlich diesem Sturm entsprießend.
+ Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
+ Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
+ Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
+ Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
+ Ihm sinne nach und du begreifst genauer:
+ Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
+
+
+ KAISERLICHE PFALZ
+
+ SAAL DES THRONES
+
+ Staatsrat in Erwartung des Kaisers.
+ Trompeten.
+
+ Hofgesinde aller Art, prächtig gekleidet, tritt vor.
+ Der Kaiser gelangt auf den Thron, zu seiner Rechten
+ der Astrolog.
+
+
+ KAISER.
+
+ Ich grüße die Getreuen, Lieben,
+ Versammelt aus der Näh und Weite.--
+ Den Weisen seh' ich mir zur Seite,
+ Allein wo ist der Narr geblieben?
+
+
+ JUNKER.
+
+ Gleich hinter deiner Mantelschleppe
+ Stürzt' er zusammen auf der Treppe,
+ Man trug hinweg das Fettgewicht;
+ Tot oder trunken, weiß man nicht.
+
+
+ ZWEITER JUNKER.
+
+ Sogleich mit wunderbarer Schnelle
+ Drängt sich ein andrer an die Stelle.
+ Gar köstlich ist er aufgeputzt,
+ Doch fratzenhaft, daß jeder stutzt.
+ Die Wache hält ihm an der Schwelle
+ Kreuzweis die Hellebarden vor--
+ Da ist er doch, der kühne Tor!
+
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ am Throne kniend.
+ Was ist verwünscht und stets willkommen?
+ Was ist ersehnt und stets verjagt?
+ Was immerfort in Schutz genommen?
+ Was hart gescholten und verklagt?
+ Wen darfst du nicht herbeiberufen?
+ Wen höret jeder gern genannt?
+ Was naht sich deines Thrones Stufen?
+ Was hat sich selbst hinweggebannt?
+
+ KAISER:
+ Für diesmal spare deine Worte!
+ Hier sind die Rätsel nicht am Orte,
+ Das ist die Sache dieser Herrn.--
+ Da löse du! das hört' ich gern.
+ Mein alter Narr ging, fürcht' ich, weit ins Weite;
+ Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.
+
+ GEMURMEL DER MENGE:
+ Ein neuer Narr--Zu neuer Pein--
+ Wo kommt er her?--Wie kam er ein?--
+ Der alte fiel--Der hat vertan--
+ Es war ein Faß--Nun ist's ein Span--
+
+ KAISER:
+ Und also, ihr Getreuen, Lieben,
+ Willkommen aus der Näh' und Ferne!
+ Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne,
+ Da droben ist uns Glück und Heil geschrieben.
+ Doch sagt, warum in diesen Tagen,
+ Wo wir der Sorgen uns entschlagen,
+ Schönbärte mummenschänzlich tragen
+ Und Heitres nur genießen wollten,
+ Warum wir uns ratschlagend quälen sollten?
+ Doch weil ihr meint, es ging' nicht anders an,
+ Geschehen ist's, so sei's getan.
+
+ KANZLER:
+ Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein,
+ Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein
+ Vermag sie gültig auszuüben:
+ Gerechtigkeit!--Was alle Menschen lieben,
+ Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren,
+ Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewähren.
+ Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
+ Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,
+ Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wütet
+ Und übel sich in übeln überbrütet?
+ Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
+ Ins weite Reich, ihm scheint's ein schwerer Traum,
+ Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
+ Das Ungesetz gesetzlich überwaltet
+ Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.
+ Der raubt sich Herden, der ein Weib,
+ Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
+ Berühmt sich dessen manche Jahre
+ Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.
+ Jetzt drängen Kläger sich zur Halle,
+ Der Richter prunkt auf hohem Pfühl,
+ Indessen wogt in grimmigem Schwalle
+ Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.
+ Der darf auf Schand' und Frevel pochen,
+ Der auf Mitschuldigste sich stützt,
+ Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen,
+ Wo Unschuld nur sich selber schützt.
+ So will sich alle Welt zerstückeln,
+ Vernichtigen, was sich gebührt;
+ Wie soll sich da der Sinn entwickeln,
+ Der einzig uns zum Rechten führt?
+ Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
+ Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher,
+ Ein Richter, der nicht strafen kann,
+ Gesellt sich endlich zum Verbrecher.
+ Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
+ Zög' ich dem Bilde lieber vor.
+ Entschlüsse sind nicht zu vermeiden;
+ Wenn alle schädigen, alle leiden,
+ Geht selbst die Majestät zu Raub.
+
+ HEERMEISTER:
+ Wie tobt's in diesen wilden Tagen!
+ Ein jeder schlägt und wird erschlagen,
+ Und fürs Kommando bleibt man taub.
+ Der Bürger hinter seinen Mauern,
+ Der Ritter auf dem Felsennest
+ Verschwuren sich, uns auszudauern,
+ Und halten ihre Kräfte fest.
+ Der Mietsoldat wird ungeduldig,
+ Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn,
+ Und wären wir ihm nichts mehr schuldig,
+ Er liefe ganz und gar davon.
+ Verbiete wer, was alle wollten,
+ Der hat ins Wespennest gestört;
+ Das Reich, das sie beschützen sollten,
+ Es liegt geplündert und verheert.
+ Man läßt ihr Toben wütend hausen,
+ Schon ist die halbe Welt vertan;
+ Es sind noch Könige da draußen,
+ Doch keiner denkt, es ging' ihn irgend an.
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Wer wird auf Bundsgenossen pochen!
+ Subsidien, die man uns versprochen,
+ Wie Röhrenwasser bleiben aus.
+ Auch, Herr, in deinen weiten Staaten
+ An wen ist der Besitz geraten?
+ Wohin man kommt, da hält ein Neuer Haus,
+ Und unabhängig will er leben,
+ Zusehen muß man, wie er's treibt;
+ Wir haben so viel Rechte hingegeben,
+ Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrigbleibt.
+ Auch auf Parteien, wie sie heißen,
+ Ist heutzutage kein Verlaß;
+ Sie mögen schelten oder preisen,
+ Gleichgültig wurden Lieb' und Haß.
+ Die Ghibellinen wie die Guelfen
+ Verbergen sich, um auszuruhn;
+ Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
+ Ein jeder hat für sich zu tun.
+ Die Goldespforten sind verrammelt,
+ Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt,
+ Und unsre Kassen bleiben leer.
+
+ MARSCHALK:
+ Welch Unheil muß auch ich erfahren!
+ Wir wollen alle Tage sparen
+ Und brauchen alle Tage mehr,
+ Und täglich wächst mir neue Pein.
+ Den Köchen tut kein Mangel wehe;
+ Wildschweine, Hirsche, Hasen, Rehe,
+ Welschhühner, Hühner, Gäns' und Enten,
+ Die Deputate, sichre Renten,
+ Sie gehen noch so ziemlich ein.
+ Jedoch am Ende fehlt's an Wein.
+ Wenn sonst im Keller Faß an Faß sich häufte,
+ Der besten Berg' und Jahresläufte,
+ So schlürft unendliches Gesäufte
+ Der edlen Herrn den letzten Tropfen aus.
+ Der Stadtrat muß sein Lager auch verzapfen,
+ Man greift zu Humpen, greift zu Napfen,
+ Und unterm Tische liegt der Schmaus.
+ Nun soll ich zahlen, alle lohnen;
+ Der Jude wird mich nicht verschonen,
+ Der schafft Antizipationen,
+ Die speisen Jahr um Jahr voraus.
+ Die Schweine kommen nicht zu Fette,
+ Verpfändet ist der Pfühl im Bette,
+ Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot.
+
+ KAISER:
+ Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Not?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich? Keineswegs. Den Glanz umher zu schauen,
+ Dich und die Deinen!--Mangelte Vertrauen,
+ Wo Majestät unweigerlich gebeut,
+ Bereite Macht Feindseliges zerstreut?
+ Wo guter Wille, kräftig durch Verstand,
+ Und Tätigkeit, vielfältige, zur Hand?
+ Was könnte da zum Unheil sich vereinen,
+ Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?
+
+ GEMURMEL:
+ Das ist ein Schalk--Der's wohl versteht--
+ Er lügt sich ein--So lang' es geht--
+ Ich weiß schon--Was dahinter steckt--
+ Und was denn weiter?--Ein Projekt--
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt?
+ Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
+ Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
+ Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
+ In Bergesadern, Mauergründen
+ Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,
+ Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft:
+ Begabten Manns Natur--und Geisteskraft.
+
+ KANZLER:
+ Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen.
+ Deshalb verbrennt man Atheisten,
+ Weil solche Reden höchst gefährlich sind.
+ Natur ist Sünde, Geist ist Teufel,
+ Sie hegen zwischen sich den Zweifel,
+ Ihr mißgestaltet Zwitterkind.
+ Uns nicht so!--Kaisers alten Landen
+ Sind zwei Geschlechter nur entstanden,
+ Sie stützen würdig seinen Thron:
+ Die Heiligen sind es und die Ritter;
+ Sie stehen jedem Ungewitter
+ Und nehmen Kirch' und Staat zum Lohn.
+ Dem Pöbelsinn verworrner Geister
+ Entwickelt sich ein Widerstand:
+ Die Ketzer sind's! die Hexenmeister!
+ Und sie verderben Stadt und Land.
+ Die willst du nun mit frechen Scherzen
+ In diese hohen Kreise schwärzen;
+ Ihr hegt euch an verderbtem Herzen,
+ Dem Narren sind sie nah verwandt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!
+ Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
+ Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar,
+ Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
+ Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,
+ Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.
+
+ KAISER:
+ Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt,
+ Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
+ Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
+ Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr;
+ Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer;
+ Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
+ Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?
+ Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,
+ Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,
+ Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
+ Sein Liebstes da--und dortwohin versteckte.
+ So war's von je in mächtiger Römer Zeit,
+ Und so fortan, bis gestern, ja bis heut.
+ Das alles liegt im Boden still begraben,
+ Der Boden ist des Kaisers, der soll's haben.
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Für einen Narren spricht er gar nicht schlecht,
+ Das ist fürwahr des alten Kaisers Recht.
+
+ KANZLER:
+ Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen:
+ Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.
+
+ MARSCHALK:
+ Schafft' er uns nur zu Hof willkommne Gaben,
+ Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben.
+
+ HEERMEISTER:
+ Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt;
+ Fragt der Soldat doch nicht, woher es kommt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen,
+ Hier steht ein Mann! da, fragt den Astrologen!
+ In Kreis' um Kreise kennt er Stund' und Haus;
+ So sage denn: wie sieht's am Himmel aus?
+
+ GEMURMEL:
+ Zwei Schelme sind's--Verstehn sich schon--
+ Narr und Phantast--So nah dem Thron--
+ Ein mattgesungen--Alt Gedicht--
+ Der Tor bläst ein--Der Weise spricht--
+
+ ASTROLOG:
+ Die Sonne selbst, sie ist ein lautres Gold,
+ Merkur, der Bote, dient um Gunst und Sold,
+ Frau Venus hat's euch allen angetan,
+ So früh als spat blickt sie euch lieblich an;
+ Die keusche Luna launet grillenhaft;
+ Mars, trifft er nicht, so dräut euch seine Kraft.
+ Und Jupiter bleibt doch der schönste Schein,
+ Saturn ist groß, dem Auge fern und klein.
+ Ihn als Metall verehren wir nicht sehr,
+ An Wert gering, doch im Gewichte schwer.
+ Ja! wenn zu Sol sich Luna fein gesellt,
+ Zum Silber Gold, dann ist es heitre Welt;
+ Das übrige ist alles zu erlangen:
+ Paläste, Gärten, brüstlein, rote Wangen,
+ Das alles schafft der hochgelahrte Mann,
+ Der das vermag, was unser keiner kann.
+
+ KAISER:
+ Ich höre doppelt, was er spricht,
+ Und dennoch überzeugt's mich nicht.
+
+ GEMURMEL:
+ Was soll uns das?--Gedroschner Spaß--
+ Kalenderei--Chymisterei--
+ Das hört' ich oft--Und falsch gehofft--
+ Und kommt er auch--So ist's ein Gauch--
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da stehen sie umher und staunen,
+ Vertrauen nicht dem hohen Fund,
+ Der eine faselt von Alraunen,
+ Der andre von dem schwarzen Hund.
+ Was soll es, daß der eine witzelt,
+ Ein andrer Zauberei verklagt,
+ Wenn ihm doch auch einmal die Sohle kitzelt,
+ Wenn ihm der sichre Schritt versagt.
+ Ihr alle fühlt geheimes Wirken
+ Der ewig waltenden Natur,
+ Und aus den untersten Bezirken
+ Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur.
+ Wenn es in allen Gliedern zwackt,
+ Wenn es unheimlich wird am Platz,
+ Nur gleich entschlossen grabt und hackt,
+ Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz!
+
+ GEMURMEL:
+ Mir liegt's im Fuß wie Bleigewicht--
+ Mir krampft's im Arme--Das ist Gicht--
+ Mir krabbelt's an der großen Zeh'--
+ Mir tut der ganze Rücken weh--
+ Nach solchen Zeichen wäre hier
+ Das allerreichste Schatzrevier.
+
+ KAISER:
+ Nur eilig! du entschlüpfst nicht wieder,
+ Erprobe deine Lügenschäume
+ Und zeig uns gleich die edlen Räume.
+ Ich lege Schwert und Zepter nieder
+ Und will mit eignen hohen Händen,
+ Wenn du nicht lügst, das Werk vollenden,
+ Dich, wenn du lügst, zur Hölle senden!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Den Weg dahin wüßt' allenfalls zu finden--
+ Doch kann ich nicht genug verkünden,
+ Was überall besitzlos harrend liegt.
+ Der Bauer, der die Furche pflügt,
+ Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,
+ Salpeter hofft er von der Leimenwand
+ Und findet golden-goldne Rolle
+ Erschreckt, erfreut in kümmerlicher Hand.
+ Was für Gewölbe sind zu sprengen,
+ In welchen Klüften, welchen Gängen
+ Muß sich der Schatzbewußte drängen,
+ Zur Nachbarschaft der Unterwelt!
+ In weiten, altverwahrten Kellern
+ Von goldnen Humpen, Schüsseln, Tellern
+ Sieht er sich Reihen aufgestellt;
+ Pokale stehen aus Rubinen,
+ Und will er deren sich bedienen,
+ Daneben liegt uraltes Naß.
+ Doch--werdet ihr dem Kundigen glauben--
+ Verfault ist längst das Holz der Dauben,
+ Der Weinstein schuf dem Wein ein Faß.
+ Essenzen solcher edlen Weine,
+ Gold und Juwelen nicht alleine
+ Umhüllen sich mit Nacht und Graus.
+ Der Weise forscht hier unverdrossen;
+ Am Tag erkennen, das sind Possen,
+ Im Finstern sind Mysterien zu Haus.
+
+ KAISER:
+ Die lass' ich dir! Was will das Düstre frommen?
+ Hat etwas Wert, es muß zu Tage kommen.
+ Wer kennt den Schelm in tiefer Nacht genau?
+ Schwarz sind die Kühe, so die Katzen grau.
+ Die Töpfe drunten, voll von Goldgewicht--
+ Zieh deinen Pflug und ackre sie ans Licht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,
+ Die Bauernarbeit macht dich groß,
+ Und eine Herde goldner Kälber,
+ Sie reißen sich vom Boden los.
+ Dann ohne Zaudern, mit Entzücken
+ Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmücken;
+ Ein leuchtend Farb--und Glanzgestein erhöht
+ Die Schönheit wie die Majestät.
+
+ KAISER:
+ Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es währen!
+
+ ASTROLOG:
+ Herr, mäßige solch dringendes Begehren,
+ Laß erst vorbei das bunte Freudenspiel;
+ Zerstreutes Wesen führt uns nicht zum Ziel.
+ Erst müssen wir in Fassung uns versühnen,
+ Das Untre durch das Obere berdienen.
+ Wer Gutes will, der sei erst gut;
+ Wer Freude will, besänftige sein Blut;
+ Wer Wein verlangt, der keltre reife Trauben;
+ Wer Wunder hofft, der stärke seinen Glauben.
+
+ KAISER:
+ So sei die Zeit in Fröhlichkeit vertan!
+ Und ganz erwünscht kommt Aschermittwoch an.
+ Indessen feiern wir, auf jeden Fall,
+ Nur lustiger das wilde Karneval.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie sich Verdienst und Glück verketten,
+ Das fällt den Toren niemals ein;
+ Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
+ Der Weise mangelte dem Stein.
+
+
+ Weitläufiger Saal mit Nebengemächern
+
+ HEROLD:
+ Denkt nicht, ihr seid in deutschen Grenzen
+ Von Teufels-, Narren- und Totentänzen;
+ Ein heitres Fest erwartet euch.
+ Der Herr, auf seinen Römerzügen,
+ Hat, sich zu Nutz, euch zum Vergnügen,
+ Die hohen Alpen überstiegen,
+ Gewonnen sich ein heitres Reich.
+ Der Kaiser, er, an heiligen Sohlen
+ Erbat sich erst das Recht zur Macht,
+ Und als er ging, die Krone sich zu holen,
+ Hat er uns auch die Kappe mitgebracht.
+ Nun sind wir alle neugeboren;
+ Ein jeder weltgewandte Mann
+ Zieht sie behaglich über Kopf und Ohren;
+ Sie ähnelt ihn verrückten Toren,
+ Er ist darunter weise, wie er kann.
+ Ich sehe schon, wie sie sich scharen,
+ Sich schwankend sondern, traulich paaren;
+ Zudringlich schließt sich Chor an Chor.
+ Herein, hinaus, nur unverdrossen;
+ Es bleibt doch endlich nach wie vor
+ Mit ihren hunderttausend Possen
+ Die Welt ein einzig großer Tor.
+
+ GÄRTNERINNEN:
+ Euren Beifall zu gewinnen,
+ Schmückten wir uns diese Nacht,
+ Junge Florentinerinnen
+ Folgten deutschen Hofes Pracht;
+ Tragen wir in braunen Locken
+ Mancher heitern Blume Zier;
+ Seidenfäden, Seidenflocken
+ Spielen ihre Rolle hier.
+ Denn wir halten es verdienstlich,
+ Lobenswürdig ganz und gar,
+ Unsere Blumen, glänzend künstlich,
+ Blühen fort das ganze Jahr.
+ Allerlei gefärbten Schnitzeln
+ Ward symmetrisch Recht getan;
+ Mögt ihr Stück für Stück bewitzeln,
+ Doch das Ganze zieht euch an.
+ Niedlich sind wir anzuschauen,
+ Gärtnerinnen und galant;
+ Denn das Naturell der Frauen
+ Ist so nah mit Kunst verwandt.
+
+ HEROLD:
+ Laßt die reichen Körbe sehen,
+ Die ihr auf den Häupten traget,
+ Die sich bunt am Arme blähen,
+ Jeder wähle, was behaget.
+ Eilig, daß in Laub und Gängen
+ Sich ein Garten offenbare!
+ Würdig sind sie zu umdrängen,
+ Krämerinnen wie die Ware.
+
+ GÄRTNERINNEN:
+ Feilschet nun am heitern Orte,
+ Doch kein Markten finde statt!
+ Und mit sinnig kurzem Worte
+ Wisse jeder, was er hat.
+
+ OLIVENZWEIG MIT FRUCHTEN:
+ Keinen Blumenflor beneid' ich,
+ Allen Widerstreit vermeid' ich;
+ Mir ist's gegen die Natur:
+ Bin ich doch das Mark der Lande
+ Und, zum sichern Unterpfande,
+ Friedenszeichen jeder Flur.
+ Heute, hoff' ich, soll mir's glücken,
+ Würdig schönes Haupt zu schmücken.
+
+ ÄHRENKRANZ:
+ Ceres' Gaben, euch zu putzen,
+ Werden hold und lieblich stehn:
+ Das Erwünschteste dem Nutzen
+ Sei als eure Zierde schön.
+
+ PHANTASIEKRANZ:
+ Bunte Blumen, Malven ähnlich,
+ Aus dem Moos ein Wunderflor!
+ Der Natur ist's nicht gewöhnlich,
+ Doch die Mode bringt's hervor.
+
+ PHANTASIESTRAUSS:
+ Meinen Namen euch zu sagen,
+ Würde Theophrast nicht wagen;
+ Und doch hoff' ich, wo nicht allen,
+ Aber mancher zu gefallen,
+ Der ich mich wohl eignen möchte,
+ Wenn sie mich ins Haar verflöchte,
+ Wenn sie sich entschließen könnte,
+ Mir am Herzen Platz vergönnte.
+
+ ROSENKNOSPEN:
+ Mögen bunte Phantasieen
+ Für des Tages Mode blühen,
+ Wunderseltsam sein gestaltet,
+ Wie Natur sich nie entfaltet;
+ Grüne Stiele, goldne Glocken,
+ Blickt hervor aus reichen Locken!--
+ Doch wir--halten uns versteckt:
+ Glücklich, wer uns frisch entdeckt.
+ Wenn der Sommer sich verkündet,
+ Rosenknospe sich entzündet,
+ Wer mag solches Glück entbehren?
+ Das Versprechen, das Gewähren,
+ Das beherrscht in Florens Reich
+ Blick und Sinn und Herz zugleich.
+
+ GÄRTNER:
+ Blumen sehet ruhig sprießen,
+ Reizend euer Haupt umzieren;
+ Früchte wollen nicht verführen,
+ Kostend mag man sie genießen.
+ Bieten bräunliche Gesichter
+ Kirschen, Pfirschen, Königspflaumen,
+ Kauft! denn gegen Zung' und Gaumen
+ Hält sich Auge schlecht als Richter.
+ Kommt, von allerreifsten Früchten
+ Mit Geschmack und Lust zu speisen!
+ über Rosen läßt sich dichten,
+ In die äpfel muß man beißen.
+ Sei's erlaubt, uns anzupaaren
+ Eurem reichen Jugendflor,
+ Und wir putzen reifer Waren
+ Fülle nachbarlich empor.
+ Unter lustigen Gewinden,
+ In geschmückter Lauben Bucht,
+ Alles ist zugleich zu finden:
+ Knospe, Blätter, Blume, Frucht.
+
+ MUTTER:
+ Mädchen, als du kamst ans Licht,
+ Schmückt' ich dich im Häubchen;
+ Warst so lieblich von Gesicht
+ Und so zart am Leibchen.
+ Dachte dich sogleich als Braut,
+ Gleich dem Reichsten angetraut,
+ Dachte dich als Weibchen.
+ Ach! Nun ist schon manches Jahr
+ Ungenützt verflogen,
+ Der Sponsierer bunte Schar
+ Schnell vorbeigezogen;
+ Tanztest mit dem einen flink,
+ Gabst dem andern feinen Wink
+ Mit dem Ellenbogen.
+ Welches Fest man auch ersann,
+ Ward umsonst begangen,
+ Pfänderspiel und dritter Mann
+ Wollten nicht verfangen;
+ Heute sind die Narren los,
+ Liebchen, öffne deinen Schoß,
+ Bleibt wohl einer hangen.
+
+ HOLZHAUER:
+ Nur Platz! nur Blöße!
+ Wir brauchen Räume,
+ Wir fällen Bäume,
+ Die krachen, schlagen;
+ Und wenn wir tragen,
+ Da gibt es Stöße.
+ Zu unserm Lobe
+ Bringt dies ins reine;
+ Denn wirkten Grobe
+ Nicht auch im Lande,
+ Wie kämen Feine
+ Für sich zustande,
+ So sehr sie witzten?
+ Des seid belehret!
+ Denn ihr erfröret,
+ Wenn wir nicht schwitzten.
+
+ PULCINELLE:
+ Ihr seid die Toren,
+ Gebückt geboren.
+ Wir sind die Klugen,
+ Die nie was trugen;
+ Denn unsre Kappen,
+ Jacken und Lappen
+ Sind leicht zu tragen;
+ Und mit Behagen
+ Wir immer müßig,
+ Pantoffelfüßig,
+ Durch Markt und Haufen
+ Einherzulaufen,
+ Gaffend zu stehen,
+ Uns anzukrähen;
+ Auf solche Klänge
+ Durch Drang und Menge
+ Aalgleich zu schlüpfen,
+ Gesamt zu hüpfen,
+ Vereint zu toben.
+ Ihr mögt uns loben,
+ Ihr mögt uns schelten,
+ Wir lassen's gelten.
+
+ PARASITEN:
+ Ihr wackern Träger
+ Und eure Schwäger,
+ Die Kohlenbrenner,
+ Sind unsre Männer.
+ Denn alles Bücken,
+ Bejahndes Nicken,
+ Gewundne Phrasen,
+ Das Doppelblasen,
+ Das wärmt und kühlet,
+ Wie's einer fühlet,
+ Was könnt' es frommen?
+ Es möchte Feuer
+ Selbst ungeheuer
+ Vom Himmel kommen,
+ Gäb' es nicht Scheite
+ Und Kohlentrachten,
+ Die Herdesbreite
+ Zur Glut entfachten.
+ Da brät's und prudelt's,
+ Da kocht's und strudelt's.
+ Der wahre Schmecker,
+ Der Tellerlecker,
+ Er riecht den Braten,
+ Er ahnet Fische;
+ Das regt zu Taten
+ An Gönners Tische.
+
+ TRUNKNER:
+ Sei mir heute nichts zuwider!
+ Fühle mich so frank und frei;
+ Frische Lust und heitre Lieder,
+ Holt' ich selbst sie doch herbei.
+ Und so trink' ich! Trinke, trinke!
+ Stoßet an, ihr! Tinke, Tinke!
+ Du dorthinten, komm heran!
+ Stoßet an, so ist's getan.
+ Schrie mein Weibchen doch entrüstet,
+ Rümpfte diesem bunten Rock,
+ Und, wie sehr ich mich gebrüstet,
+ Schalt mich einen Maskenstock.
+ Doch ich trinke! Trinke, trinke!
+ Angeklungen! Tinke, Tinke!
+ Maskenstöcke, stoßet an!
+ Wenn es klingt, so ist's getan.
+ Saget nicht, daß ich verirrt bin,
+ Bin ich doch, wo mir's behagt.
+ Borgt der Wirt nicht, borgt die Wirtin,
+ Und am Ende borgt die Magd.
+ Immer trink' ich! Trinke, trinke!
+ Auf, ihr andern! Tinke, Tinke!
+ Jeder jedem! so fortan!
+ Dünkt mich's doch, es sei getan.
+ Wie und wo ich mich vergnüge,
+ Mag es immerhin geschehn;
+ Laß mich liegen, wo ich liege,
+ Denn ich mag nicht länger stehn.
+
+ CHOR:
+ Jeder Bruder trinke, trinke!
+ Toastet frisch ein Tinke, Tinke!
+ Sitzet fest auf Bank und Span!
+ Unterm Tisch dem ist's getan.
+
+ SATIRIKER:
+ Wißt ihr, was mich Poeten
+ Erst recht erfreuen sollte?
+ Dürft' ich singen und reden,
+ Was niemand hören wollte.
+
+ AGLAIA:
+ Anmut bringen wir ins Leben;
+ Leget Anmut in das Geben.
+
+ HEGEMONE:
+ Leget Anmut ins Empfangen,
+ Lieblich ist's, den Wunsch erlangen.
+
+ EUPHRASYNE:
+ Und in stiller Tage Schranken
+ Höchst anmutig sei das Danken.
+
+ ATROPOS:
+ Mich, die älteste, zum Spinnen
+ Hat man diesmal eingeladen;
+ Viel zu denken, viel zu sinnen
+ Gibt's beim zarten Lebensfaden.
+ Daß er euch gelenk und weich sei,
+ Wußt' ich feinsten Flachs zu sichten;
+ Daß er glatt und schlank und gleich sei,
+ Wird der kluge Finger schlichten.
+ Wolltet ihr bei Lust und Tänzen
+ Allzu üppig euch erweisen,
+ Denkt an dieses Fadens Grenzen,
+ Hütet euch! Er möchte reißen.
+
+ KLOTHO:
+ Wißt, in diesen letzten Tagen
+ Ward die Schere mir vertraut;
+ Denn man war von dem Betragen
+ Unsrer Alten nicht erbaut.
+ Zerrt unnützeste Gespinste
+ Lange sie an Licht und Luft,
+ Hoffnung herrlichster Gewinste
+ Schleppt sie schneidend zu der Gruft.
+ Doch auch ich im Jugendwalten
+ Irrte mich schon hundertmal;
+ Heute mich im Zaum zu halten,
+ Schere steckt im Futteral.
+ Und so bin ich gern gebunden,
+ Blicke freundlich diesem Ort;
+ Ihr in diesen freien Stunden
+ Schwärmt nur immer fort und fort.
+
+ LACHESIS:
+ Mir, die ich allein verständig,
+ Blieb das Ordnen zugeteilt;
+ Meine Weife, stets lebendig,
+ Hat noch nie sich übereilt.
+ Fäden kommen, Fäden weifen,
+ Jeden lenk' ich seine Bahn,
+ Keinen lass' ich überschweifen,
+ Füg' er sich im Kreis heran.
+ Könnt' ich einmal mich vergessen,
+ Wär' es um die Welt mir bang;
+ Stunden zählen, Jahre messen,
+ Und der Weber nimmt den Strang.
+
+ HEROLD:
+ Die jetzo kommen, werdet ihr nicht kennen,
+ Wärt ihr noch so gelehrt in alten Schriften;
+ Sie anzusehn, die so viel übel stiften,
+ Ihr würdet sie willkommne Gäste nennen.
+ Die Furien sind es, niemand wird uns glauben,
+ Hübsch, wohlgestaltet, freundlich, jung von Jahren;
+ Laßt euch mit ihnen ein, ihr sollt erfahren,
+ Wie schlangenhaft verletzen solche Tauben.
+ Zwar sind sie tückisch, doch am heutigen Tage,
+ Wo jeder Narr sich rühmet seiner Mängel,
+ Auch sie verlangen nicht den Ruhm als Engel,
+ Bekennen sich als Stadt- und Landesplage.
+
+ ALEKTO:
+ Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen,
+ Denn wir sind hübsch und jung und Schmeichelkätzchen;
+ Hat einer unter euch ein Liebeschätzchen,
+ Wir werden ihm so lang die Ohren krauen,
+ Bis wir ihm sagen dürfen, Aug' in Auge:
+ Daß sie zugleich auch dem und jenem winke,
+ Im Kopfe dumm, im Rücken krumm, und hinke
+ Und, wenn sie seine Braut ist, gar nichts tauge.
+ So wissen wir die Braut auch zu bedrängen:
+ Es hat sogar der Freund, vor wenig Wochen,
+ Verächtliches von ihr zu der gesprochen!--
+ Versöhnt man sich, so bleibt doch etwas hängen.
+
+ MEGÄRA:
+ Das ist nur Spaß! denn, sind sie erst verbunden,
+ Ich nehm' es auf und weiß; in allen Fällen,
+ Das schönste Glück durch Grille zu vergällen;
+ Der Mensch ist ungleich, ungleich sind die Stunden.
+ Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,
+ Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte,
+ Vom höchsten Glück, woran er sich gewöhnte;
+ Die Sonne flieht er, will den Frost erwarmen.
+ Mit diesem allen weiß ich zu gebaren
+ Und führe her Asmodi, den Getreuen,
+ Zu rechter Zeit Unseliges auszustreuen,
+ Verderbe so das Menschenvolk in Paaren.
+
+ TISIPHONE:
+ Gift und Dolch statt böser Zungen
+ Misch' ich, schärf' ich dem Verräter;
+ Liebst du andre, früher, später
+ Hat Verderben dich durchdrungen.
+ Muß der Augenblicke Süßtes
+ Sich zu Gischt und Galle wandeln!
+ Hier kein Markten, hier kein Handeln--
+ Wie er es beging', er büßt es.
+ Singe keiner vom Vergeben!
+ Felsen klag' ich meine Sache,
+ Echo! horch! erwidert: Rache!
+ Und wer wechselt, soll nicht leben.
+
+ HEROLD:
+ Belieb' es euch, zur Seite wegzuweichen,
+ Denn was jetzt kommt, ist nicht von euresgleichen.
+ Ihr seht, wie sich ein Berg herangedrängt,
+ Mit bunten Teppichen die Weichen stolz behängt,
+ Ein Haupt mit langen Zähnen, Schlangenrüssel,
+ Geheimnisvoll, doch zeig' ich euch den Schlüssel.
+ Im Nacken sitzt ihm zierlich-zarte Frau,
+ Mit feinem Stäbchen lenkt sie ihn genau;
+ Die andre, droben stehend herrlich-hehr,
+ Umgibt ein Glanz, der blendet mich zu sehr.
+ Zur Seite gehn gekettet edle Frauen,
+ Die eine bang, die andre froh zu schauen;
+ Die eine wünscht, die andre fühlt sich frei.
+ Verkünde jede, wer sie sei.
+
+ FURCHT:
+ Dunstige Fackeln, Lampen, Lichter
+ Dämmern durchs verworrne Fest;
+ Zwischen diese Truggesichter
+ Bannt mich, ach! die Kette fest.
+ Fort, ihr lächerlichen Lacher!
+ Euer Grinsen gibt Verdacht;
+ Alle meine Widersacher
+ Drängen mich in dieser Nacht.
+ Hier! ein Freund ist Feind geworden,
+ Seine Maske kenn' ich schon;
+ Jener wollte mich ermorden,
+ Nun entdeckt schleicht er davon.
+ Ach wie gern in jeder Richtung
+ Flöh' ich zu der Welt hinaus;
+ Doch von drüben droht Vernichtung,
+ Hält mich zwischen Dunst und Graus.
+
+ HOFFNUNG:
+ Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern!
+ Habt ihr euch schon heut' und gestern
+ In Vermummungen gefallen,
+ Weiß ich doch gewiß von allen:
+ Morgen wollt ihr euch enthüllen.
+ Und wenn wir bei Fackelscheine
+ Uns nicht sonderlich behagen,
+ Werden wir in heitern Tagen
+ Ganz nach unserm eignen Willen
+ Bald gesellig, bald alleine
+ Frei durch schöne Fluren wandeln,
+ Nach Belieben ruhn und handeln
+ Und in sorgenfreiem Leben
+ Nie entbehren, stets erstreben;
+ überall willkommne Gäste,
+ Treten wir getrost hinein:
+ Sicherlich, es muß das Beste
+ Irgendwo zu finden sein.
+
+ KLUGHEIT:
+ Zwei der größten Menschenfeinde,
+ Furcht und Hoffnung, angekettet,
+ Halt' ich ab von der Gemeinde;
+ Platz gemacht! ihr seid gerettet.
+ Den lebendigen Kolossen
+ Führ' ich, seht ihr, turmbeladen,
+ Und er wandelt unverdrossen
+ Schritt vor Schritt auf steilen Pfaden.
+ Droben aber auf der Zinne
+ Jene Göttin, mit behenden
+ Breiten Flügeln, zum Gewinne
+ Allerseits sich hinzuwenden.
+ Rings umgibt sie Glanz und Glorie,
+ Leuchtend fern nach allen Seiten;
+ Und sie nennet sich Viktorie,
+ Göttin aller Tätigkeiten.
+
+ ZOILO-THERSITES:
+ Hu! Hu! da komm' ich eben recht,
+ Ich schelt' euch allzusammen schlecht!
+ Doch was ich mir zum Ziel ersah,
+ Ist oben Frau Viktoria.
+ Mit ihrem weißen Flügelpaar
+ Sie dünkt sich wohl, sie sei ein Aar,
+ Und wo sie sich nur hingewandt,
+ Gehör' ihr alles Volk und Land;
+ Doch, wo was Rühmliches gelingt,
+ Es mich sogleich in Harnisch bringt.
+ Das Tiefe hoch, das Hohe tief,
+ Das Schiefe grad, das Grade schief,
+ Das ganz allein macht mich gesund,
+ So will ich's auf dem Erdenrund.
+
+ HEROLD:
+ So treffe dich, du Lumpenhund,
+ Des frommen Stabes Meisterstreich!
+ Da krümm und winde dich sogleich!--
+ Wie sich die Doppelzwerggestalt
+ So schnell zum eklen Klumpen ballt!--
+ --Doch Wunder!--Klumpen wird zum Ei,
+ Das bläht sich auf und platzt entzwei.
+ Nun fällt ein Zwillingspaar heraus,
+ Die Otter und die Fledermaus;
+ Die eine fort im Staube kriecht,
+ Die andre schwarz zur Decke fliegt.
+ Sie eilen draußen zum Verein;
+ Da möcht' ich nicht der dritte sein.
+
+ GEMURMEL:
+ Frisch! dahinten tanzt man schon--
+ Nein! Ich wollt', ich wär' davon--
+ Fühlst du, wie uns das umflicht,
+ Das gespenstische Gezücht?--
+ Saust es mir doch übers Haar--
+ Ward ich's doch am Fuß gewahr--
+ Keiner ist von uns verletzt--
+ Alle doch in Furcht gesetzt--
+ Ganz verdorben ist der Spaß--
+ Und die Bestien wollten das.
+
+ HEROLD:
+ Seit mir sind bei Maskeraden
+ Heroldspflichten aufgeladen,
+ Wach' ich ernstlich an der Pforte,
+ Daß euch hier am lustigen Orte
+ Nichts Verderbliches erschleiche,
+ Weder wanke, weder weiche.
+ Doch ich fürchte, durch die Fenster
+ Ziehen luftige Gespenster,
+ Und von Spuk und Zaubereien
+ Wüßt' ich euch nicht zu befreien.
+ Machte sich der Zwerg verdächtig,
+ Nun! dort hinten strömt es mächtig.
+ Die Bedeutung der Gestalten
+ Möcht' ich amtsgemäß entfalten.
+ Aber was nicht zu begreifen,
+ Wüßt' ich auch nicht zu erklären;
+ Helfet alle mich belehren!--
+ Seht ihr's durch die Menge schweifen?
+ Vierbespannt ein prächtiger Wagen
+ Wird durch alles durchgetragen;
+ Doch er teilet nicht die Menge,
+ Nirgend seh' ich ein Gedränge.
+ Farbig glitzert's in der Ferne,
+ Irrend leuchten bunte Sterne
+ Wie von magischer Laterne,
+ Schnaubt heran mit Sturmgewalt.
+ Platz gemacht! Mich schaudert's! +
+
+ KNABE WAGENLENKER:
+ Halt!
+ Rosse, hemmet eure Flügel,
+ Fühlet den gewohnten Zügel,
+ Meistert euch, wie ich euch meistre,
+ Rauschet hin, wenn ich begeistre--
+ Diese Räume laßt uns ehren!
+ Schaut umher, wie sie sich mehren,
+ Die Bewundrer, Kreis um Kreise.
+ Herold auf! nach deiner Weise,
+ Ehe wir von euch entfliehen,
+ Uns zu schildern, uns zu nennen;
+ Denn wir sind Allegorien,
+ Und so solltest du uns kennen.
+
+ HEROLD:
+ Wüßte nicht, dich zu benennen;
+ Eher könnt' ich dich beschreiben.
+
+ KNABE LENKER:
+ So probier's! +
+
+ HEROLD:
+ Man muß gestehn:
+ Erstlich bist du jung und schön.
+ Halbwüchsiger Knabe bist du; doch die Frauen,
+ Sie möchten dich ganz ausgewachsen schauen.
+ Du scheinest mir ein künftiger Sponsierer,
+ Recht so von Haus aus ein Verführer.
+
+ KNABE LENKER:
+ Das läßt sich hören! fahre fort,
+ Erfinde dir des Rätsels heitres Wort.
+
+ HEROLD:
+ Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken,
+ Erheitert von juwelnem Band!
+ Und welch ein zierliches Gewand
+ Fließt dir von Schultern zu den Socken,
+ Mit Purpursaum und Glitzertand!
+ Man könnte dich ein Mädchen schelten;
+ Doch würdest du, zu Wohl und Weh,
+ Auch jetzo schon bei Mädchen gelten,
+ Sie lehrten dich das ABC.
+
+ KNABE LENKER:
+ Und dieser, der als Prachtgebilde
+ Hier auf dem Wagenthrone prangt?
+
+ HEROLD:
+ Er scheint ein König reich und milde,
+ Wohl dem, der seine Gunst erlangt!
+ Er hat nichts weiter zu erstreben,
+ Wo's irgend fehlte, späht sein Blick,
+ Und seine reine Lust zu geben
+ Ist größer als Besitz und Glück.
+
+ KNABE LENKER:
+ Hiebei darfst du nicht stehen bleiben,
+ Du mußt ihn recht genau beschreiben.
+
+ HEROLD:
+ Das Würdige beschreibt sich nicht.
+ Doch das gesunde Mondgesicht,
+ Ein voller Mund, erblühte Wangen,
+ Die unterm Schmuck des Turbans prangen;
+ Im Faltenkleid ein reich Behagen!
+ Was soll ich von dem Anstand sagen?
+ Als Herrscher scheint er mir bekannt.
+
+ KNABE LENKER:
+ Plutus, des Reichtums Gott genannt!
+ Derselbe kommt in Prunk daher,
+ Der hohe Kaiser wünscht ihn sehr.
+
+ HEROLD:
+ Sag von dir selber auch das Was und Wie!
+
+ KNABE LENKER:
+ Bin die Verschwendung, bin die Poesie;
+ Bin der Poet, der sich vollendet,
+ Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.
+ Auch ich bin unermeßlich reich
+ Und schätze mich dem Plutus gleich,
+ Beleb' und schmück' ihm Tanz und Schmaus,
+ Das, was ihm fehlt, das teil' ich aus.
+
+ HEROLD:
+ Das Prahlen steht dir gar zu schön,
+ Doch laß uns deine Künste sehn.
+
+ KNABE LENKER:
+ Hier seht mich nur ein Schnippchen schlagen,
+ Schon glänzt's und glitzert's um den Wagen.
+ Da springt eine Perlenschnur hervor!
+ Nehmt goldne Spange für Hals und Ohr;
+ Auch Kamm und Krönchen ohne Fehl,
+ In Ringen köstlichstes Juwel;
+ Auch Flämmchen spend' ich dann und wann,
+ Erwartend, wo es zünden kann.
+
+ HEROLD:
+ Wie greift und hascht die liebe Menge!
+ Fast kommt der Geber ins Gedränge.
+ Kleinode schnippt er wie ein Traum,
+ Und alles hascht im weiten Raum.
+ Doch da erleb' ich neue Pfiffe:
+ Was einer noch so emsig griffe,
+ Des hat er wirklich schlechten Lohn,
+ Die Gabe flattert ihm davon.
+ Es löst sich auf das Perlenband,
+ Ihm krabbeln Käfer in der Hand,
+ Er wirft sie weg, der arme Tropf,
+ Und sie umsummen ihm den Kopf.
+ Die andern statt solider Dinge
+ Erhaschen frevle Schmetterlinge.
+ Wie doch der Schelm so viel verheißt
+ Und nur verleiht, was golden gleißt!
+
+ KNABE LENKER:
+ Zwar Masken, merk' ich, weißt du zu verkünden,
+ Allein der Schale Wesen zu ergründen,
+ Sind Herolds Hofgeschäfte nicht;
+ Das fordert schärferes Gesicht.
+ Doch hüt' ich mich vor jeder Fehde;
+ An dich, Gebieter, wend' ich Frag' und Rede.
+ Hast du mir nicht die Windesbraut
+ Des Viergespannes anvertraut?
+ Lenk' ich nicht glücklich, wie du leitest?
+ Bin ich nicht da, wohin du deutest?
+ Und wußt' ich nicht auf kühnen Schwingen
+ Für dich die Palme zu erringen?
+ Wie oft ich auch für dich gefochten,
+ Mir ist es jederzeit geglückt:
+ Wenn Lorbeer deine Stirne schmückt,
+ Hab' ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten?
+
+ PLUTUS:
+ Wenn's nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste,
+ So sag' ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.
+ Du handelst stets nach meinem Sinn,
+ Bist reicher, als ich selber bin.
+ Ich schätze, deinen Dienst zu lohnen,
+ Den grünen Zweig vor allen meinen Kronen.
+ Ein wahres Wort verkünd' ich allen:
+ Mein lieber Sohn, an dir hab' ich Gefallen.
+
+ KNABE LENKER:
+ Die größten Gaben meiner Hand,
+ Seht! hab' ich rings umher gesandt.
+ Auf dem und jenem Kopfe glüht
+ Ein Flämmchen, das ich angesprüht;
+ Von einem zu dem andern hüpft's,
+ An diesem hält sich's, dem entschlüpft's,
+ Gar selten aber flammt's empor,
+ Und leuchtet rasch in kurzem Flor;
+ Doch vielen, eh' man's noch erkannt,
+ Verlischt es, traurig ausgebrannt.
+
+ WEIBERGEKLATSCH:
+ Da droben auf dem Viergespann
+ Das ist gewiß ein Scharlatan;
+ Gekauzt da hintendrauf Hanswurst,
+ Doch abgezehrt von Hunger und Durst,
+ Wie man ihn niemals noch erblickt;
+ Er fühlt wohl nicht, wenn man ihn zwickt.
+
+ DER ABGEMAGERTE:
+ Vom Leibe mir, ekles Weibsgeschlecht!
+ Ich weiß, dir komm' ich niemals recht.--
+ Wie noch die Frau den Herd versah,
+ Da hieß ich Avaritia;
+ Da stand es gut um unser Haus:
+ Nur viel herein und nichts hinaus!
+ Ich eiferte für Kist' und Schrein;
+ Das sollte wohl gar ein Laster sein.
+ Doch als in allerneusten Jahren
+ Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen,
+ Und, wie ein jeder böser Zahler,
+ Weit mehr Begierden hat als Taler,
+ Da bleibt dem Manne viel zu dulden,
+ Wo er nur hinsieht, da sind Schulden.
+ Sie wendet's, kann sie was erspulen,
+ An ihren Leib, an ihren Buhlen;
+ Auch speist sie besser, trinkt noch mehr
+ Mit der Sponsierer leidigem Heer;
+ Das steigert mir des Goldes Reiz:
+ Bin männlichen Geschlechts, der Geiz!
+
+ HAUPTWEIB:
+ Mit Drachen mag der Drache geizen;
+ Ist's doch am Ende Lug und Trug!
+ Er kommt, die Männer aufzureizen,
+ Sie sind schon unbequem genug.
+
+ WEIBER IN MASSE:
+ Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe!
+ Was will das Marterholz uns dräun?
+ Wir sollen seine Fratze scheun!
+ Die Drachen sind von Holz und Pappe,
+ Frisch an und dringt auf ihn hinein!
+
+ HEROLD:
+ Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!--
+ Doch braucht es meiner Hülfe kaum;
+ Seht, wie die grimmen Ungestalten,
+ Bewegt im rasch gewonnenen Raum,
+ Das Doppel-Flügelpaar entfalten.
+ Entrüstet schütteln sich der Drachen
+ Umschuppte, feuerspeiende Rachen;
+ Die Menge flieht, rein ist der Platz.
+
+ HEROLD:
+ Er tritt herab, wie königlich!
+ Er winkt, die Drachen rühren sich,
+ Die Kiste haben sie vom Wagen
+ Mit Gold und Geiz herangetragen,
+ Sie steht zu seinen Füßen da:
+ Ein Wunder ist es, wie's geschah.
+
+ PLUTUS:
+ Nun bist du los der allzulästigen Schwere,
+ Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphäre!
+ Hier ist sie nicht! Verworren, scheckig, wild
+ Umdrängt uns hier ein fratzenhaft Gebild.
+ Nur wo du klar ins holde Klare schaust,
+ Dir angehörst und dir allein vertraust,
+ Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,
+ Zur Einsamkeit!--Da schaffe deine Welt.
+
+ KNABE LENKER:
+ So acht' ich mich als werten Abgesandten,
+ So lieb' ich dich als nächsten Anverwandten.
+ Wo du verweilst, ist Fülle; wo ich bin,
+ Fühlt jeder sich im herrlichsten Gewinn.
+ Auch schwankt er oft im widersinnigen Leben:
+ Soll er sich dir? soll er sich mir ergeben?
+ Die Deinen freilich können müßig ruhn,
+ Doch wer mir folgt, hat immer was zu tun.
+ Nicht insgeheim vollführ' ich meine Taten,
+ Ich atme nur, und schon bin ich verraten.
+ So lebe wohl! Du gönnst mir ja mein Glück;
+ Doch lisple leis', und gleich bin ich zurück.
+
+ PLUTUS:
+ Nun ist es Zeit, die Schätze zu entfesseln!
+ Die Schlösser treff' ich mit des Herolds Rute.
+ Es tut sich auf! schaut her! in ehrnen Kesseln
+ Entwickelt sich's und wallt von goldnem Blute,
+ Zunächst der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen;
+ Es schwillt und droht, ihn schmelzend zu verschlingen.
+
+ WECHSELGESCHREI DER MENGE:
+ Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt,
+ Die Kiste bis zum Rande füllt.--
+ Gefäße, goldne, schmelzen sich,
+ Gemünzte Rollen wälzen sich.--
+ Dukaten hüpfen wie geprägt,
+ O wie mir das den Busen regt--
+ Wie schau' ich alle mein Begehr!
+ Da kollern sie am Boden her.--
+ Man bietet's euch, benutzt's nur gleich
+ Und bückt euch nur und werdet reich.--
+ Wir andern, rüstig wie der Blitz,
+ Wir nehmen den Koffer in Besitz.
+
+ HEROLD:
+ Was soll's, ihr Toren? soll mir das?
+ Es ist ja nur ein Maskenspaß.
+ Heut abend wird nicht mehr begehrt;
+ Glaubt ihr, man geb' euch Gold und Wert?
+ Sind doch für euch in diesem Spiel
+ Selbst Rechenpfennige zuviel.
+ Ihr Täppischen! ein artiger Schein
+ Soll gleich die plumpe Wahrheit sein.
+ Was soll euch Wahrheit?--Dumpfen Wahn
+ Packt ihr an allen Zipfeln an.--
+ Vermummter Plutus, Maskenheld,
+ Schlag dieses Volk mir aus dem Feld.
+
+ PLUTUS:
+ Dein Stab ist wohl dazu bereit,
+ Verleih ihn mir auf kurze Zeit.--
+ Ich tauch' ihn rasch in Sud und Glut.--
+ Nun, Masken, seid auf eurer Hut!
+ Wie's blitzt und platzt, in Funken sprüht!
+ Der Stab, schon ist er angeglüht.
+ Wer sich zu nah herangedrängt,
+ Ist unbarmherzig gleich versengt.--
+ Jetzt fang' ich meinen Umgang an.
+
+ GESCHREI UND GEDRÄNG:
+ O weh! Es ist um uns getan.--
+ Entfliehe, wer entfliehen kann!--
+ Zurück, zurück, du Hintermann!--
+ Mir sprüht er heiß ins Angesicht.--
+ Mich drückt des glühenden Stabs Gewicht--
+ Verloren sind wir all' und all'.--
+ Zurück, zurück, du Maskenschwall!
+ Zurück, zurück, unsinniger Hauf'!--
+ O hätt' ich Flügel, flög' ich auf.--
+
+ PLUTUS:
+ Schon ist der Kreis zurückgedrängt,
+ Und niemand, glaub' ich, ist versengt.
+ Die Menge weicht,
+ Sie ist verscheucht.--
+ Doch solcher Ordnung Unterpfand
+ Zieh' ich ein unsichtbares Band.
+
+ HEROLD:
+ Du hast ein herrlich Werk vollbracht,
+ Wie dank' ich deiner klugen Macht!
+
+ PLUTUS:
+ Noch braucht es, edler Freund, Geduld:
+ Es droht noch mancherlei Tumult.
+
+ GEIZ:
+ So kann man doch, wenn es beliebt,
+ Vergnüglich diesen Kreis beschauen;
+ Denn immerfort sind vornenan die Frauen,
+ Wo's was zu gaffen, was zu naschen gibt.
+ Noch bin ich nicht so völlig eingerostet!
+ Ein schönes Weib ist immer schön;
+ Und heute, weil es mich nichts kostet,
+ So wollen wir getrost sponsieren gehn.
+ Doch weil am überfüllten Orte
+ Nicht jedem Ohr vernehmlich alle Worte,
+ Versuch' ich klug und hoff', es soll mir glücken,
+ Mich pantomimisch deutlich auszudrücken.
+ Hand, Fuß, Gebärde reicht mir da nicht hin,
+ Da muß ich mich um einen Schwank bemühn.
+ Wie feuchten Ton will ich das Gold behandeln,
+ Denn dies Metall läßt sich in alles wandeln.
+
+ HEROLD:
+ Was fängt der an, der magre Tor!
+ Hat so ein Hungermann Humor?
+ Er knetet alles Gold zu Teig,
+ Ihm wird es untern Händen weich;
+ Wie er es drückt und wie es ballt,
+ Bleibt's immer doch nur ungestalt.
+ Er wendet sich zu den Weibern dort,
+ Sie schreien alle, möchten fort,
+ Gebärden sich gar widerwärtig;
+ Der Schalk erweist sich übelfertig.
+ Ich fürchte, daß er sich ergetzt,
+ Wenn er die Sittlichkeit verletzt.
+ Dazu darf ich nicht schweigsam bleiben,
+ Gib meinen Stab, ihn zu vertreiben.
+
+ PLUTUS:
+ Er ahnet nicht, was uns von außen droht;
+ Laß ihn die Narrenteidung treiben!
+ Ihm wird kein Raum für seine Possen bleiben;
+ Gesetz ist mächtig, mächtiger ist die Not.
+
+ GETÜMMEL UND GESANG:
+ Das wilde Heer, es kommt zumal
+ Von Bergeshöh' und Waldestal,
+ Unwiderstehlich schreitet's an:
+ Sie feiren ihren großen Pan.
+ Sie wissen doch, was keiner weiß,
+ Und drängen in den leeren Kreis.
+
+ PLUTUS:
+ Ich kenn' euch wohl und euren großen Pan!
+ Zusammen habt ihr kühnen Schritt getan.
+ Ich weiß recht gut, was nicht ein jeder weiß,
+ Und öffne schuldig diesen engen Kreis.
+ Mag sie ein gut Geschick begleiten!
+ Das Wunderlichste kann geschehn;
+ Sie wissen nicht, wohin sie schreiten,
+ Sie haben sich nicht vorgesehn.
+
+ WILDGESANG:
+ Geputztes Volk du, Flitterschau!
+ Sie kommen roh, sie kommen rauh,
+ In hohem Sprung, in raschem Lauf,
+ Sie treten derb und tüchtig auf.
+
+ FAUNEN:
+ Die Faunenschar
+ Im lustigen Tanz,
+ Den Eichenkranz
+ Im krausen Haar,
+ Ein feines zugespitztes Ohr
+ Dringt an dem Lockenkopf hervor,
+ Ein stumpfes Näschen, ein breit Gesicht,
+ Das schadet alles bei Frauen nicht:
+ Dem Faun, wenn er die Patsche reicht,
+ Versagt die Schönste den Tanz nicht leicht.
+
+ SATYR:
+ Der Satyr hüpft nun hinterdrein
+ Mit Ziegenfuß und dürrem Bein,
+ Ihm sollen sie mager und sehnig sein,
+ Und gemsenartig auf Bergeshöhn
+ Belustigt er sich, umherzusehn.
+ In Freiheitsluft erquickt alsdann,
+ Verhöhnt er Kind und Weib und Mann,
+ Die tief in Tales Dampf und Rauch
+ Behaglich meinen, sie lebten auch,
+ Da ihm doch rein und ungestört
+ Die Welt dort oben allein gehört.
+
+ GNOMEN:
+ Da trippelt ein die kleine Schar,
+ Sie hält nicht gern sich Paar und Paar;
+ Im moosigen Kleid mit Lämplein hell
+ Bewegt sich's durcheinander schnell,
+ Wo jedes für sich selber schafft,
+ Wie Leucht-Ameisen wimmelhaft;
+ Und wuselt emsig hin und her,
+ Beschäftigt in die Kreuz und Quer.
+ Den frommen Gütchen nah verwandt,
+ Als Felschirurgen wohlbekannt;
+ Die hohen Berge schröpfen wir,
+ Aus vollen Adern schöpfen wir;
+ Metalle stürzen wir zuhauf,
+ Mit Gruß getrost: Glück auf! Glück auf!
+ Das ist von Grund aus wohlgemeint:
+ Wir sind der guten Menschen Freund.
+ Doch bringen wir das Gold zu Tag,
+ Damit man stehlen und kuppeln mag,
+ Nicht Eisen fehle dem stolzen Mann,
+ Der allgemeinen Mord ersann.
+ Und wer die drei Gebot' veracht't,
+ Sich auch nichts aus den andern macht.
+ Das alles ist nicht unsre Schuld;
+ Drum habt so fort, wie wir, Geduld.
+
+ RIESEN:
+ Die wilden Männer sind s' genannt,
+ Am Harzgebirge wohlbekannt;
+ Natürlich nackt in aller Kraft,
+ Sie kommen sämtlich riesenhaft.
+ Den Fichtenstamm in rechter Hand
+ Und um den Leib ein wulstig Band,
+ Den derbsten Schurz von Zweig und Blatt,
+ Leibwacht, wie der Papst nicht hat.
+
+ NYMPHEN IM CHOR:
+ Auch kommt er an!--
+ Das All der Welt
+ Wird vorgestellt
+ Im großen Pan.
+ Ihr Heitersten, umgebet ihn,
+ Im Gaukeltanz umschwebet ihn:
+ Denn weil er ernst und gut dabei,
+ So will er, daß man fröhlich sei.
+ Auch unterm blauen Wölbedach
+ Verhielt' er sich beständig wach;
+ Doch rieseln ihm die Bäche zu,
+ Und Lüftlein wiegen ihn mild in Ruh.
+ Und wenn er zu Mittage schläft,
+ Sich nicht das Blatt am Zweige regt;
+ Gesunder Pflanzen Balsamduft
+ Erfüllt die schweigsam stille Luft;
+ Die Nymphe darf nicht munter sein,
+ Und wo sie stand, da schläft sie ein.
+ Wenn unerwartet mit Gewalt
+ Dann aber seine Stimm' erschallt,
+ Wie Blitzes Knattern, Meergebraus,
+ Dann niemand weiß, wo ein noch aus,
+ Zerstreut sich tapfres Heer im Feld,
+ Und im Getümmel bebt der Held.
+ So Ehre dem, dem Ehre gebührt,
+ Und Heil ihm, der uns hergeführt!
+
+ DEPUTATION DER GNOMEN:
+ Wenn das glänzend reiche Gute
+ Fadenweis durch Klüfte streicht,
+ Nur der klugen Wünschelrute
+ Seine Labyrinthe zeigt,
+ Wölben wir in dunklen Grüften
+ Troglodytisch unser Haus,
+ Und an reinen Tageslüften
+ Teilst du Schätze gnädig aus.
+ Nun entdecken wir hieneben
+ Eine Quelle wunderbar,
+ Die bequem verspricht zu geben,
+ Was kaum zu erreichen war.
+ Dies vermagst du zu vollenden,
+ Nimm es, Herr, in deine Hut:
+ Jeder Schatz in deinen Händen
+ Kommt der ganzen Welt zugut.
+
+ PLUTUS:
+ Wir müssen uns im hohen Sinne fassen
+ Und, was geschieht, getrost geschehen lassen,
+ Du bist ja sonst des stärksten Mutes voll.
+ Nun wird sich gleich ein Greulichstes eräugnen,
+ Hartnäckig wird es Welt und Nachwelt leugnen:
+ Du schreib es treulich in dein Protokoll.
+
+ HEROLD:
+ Die Zwerge führen den großen Pan
+ Zur Feuerquelle sacht heran;
+ Sie siedet auf vom tiefsten Schlund,
+ Dann sinkt sie wieder hinab zum Grund,
+ Und finster steht der offne Mund;
+ Wallt wieder auf in Glut und Sud,
+ Der große Pan steht wohlgemut,
+ Freut sich des wundersamen Dings,
+ Und Perlenschaum sprüht rechts und links.
+ Wie mag er solchem Wesen traun?
+ Er bückt sich tief hineinzuschaun.--
+ Nun aber fällt sein Bart hinein!--
+ Wer mag das glatte Kinn wohl sein?
+ Die Hand verbirgt es unserm Blick.--
+ Nun folgt ein großes Ungeschick:
+ Der Bart entflammt und fliegt zurück,
+ Entzündet Kranz und Haupt und Brust,
+ Zu Leiden wandelt sich die Lust.--
+ Zu löschen läuft die Schar herbei,
+ Doch keiner bleibt von Flammen frei,
+ Und wie es patscht und wie es schlägt,
+ Wird neues Flammen aufgeregt;
+ Verflochten in das Element,
+ Ein ganzer Maskenklump verbrennt.
+ Was aber, hör' ich wird uns kund
+ Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund!
+ O ewig unglücksel'ge Nacht,
+ Was hast du uns für Leid gebracht!
+ Verkünden wird der nächste Tag,
+ Was niemand willig hören mag;
+ Doch hör' ich aller Orten schrein:
+ "Der Kaiser leidet solche Pein."
+ O wäre doch ein andres wahr!
+ Der Kaiser brennt und seine Schar.
+ Sie sei verflucht, die ihn verführt,
+ In harzig Reis sich eingeschnürt,
+ Zu toben her mit Brüllgesang
+ Zu allerseitigem Untergang.
+ O Jugend, Jugend, wirst du nie
+ Der Freude reines Maß bezirken?
+ O Hoheit, Hoheit, wirst du nie
+ Vernünftig wie allmächtig wirken?
+ Schon geht der Wald in Flammen auf,
+ Sie züngeln leckend spitz hinauf
+ Zum holzverschränkten Deckenband;
+ Uns droht ein allgemeiner Brand.
+ Des Jammers Maß ist übervoll,
+ Ich weiß nicht, wer uns retten soll.
+ Ein Aschenhaufen einer Nacht
+ Liegt morgen reiche Kaiserpracht.
+
+ PLUTUS:
+ Schrecken ist genug verbreitet,
+ Hilfe sei nun eingeleitet!--
+ Schlage, heil'gen Stabs Gewalt,
+ Daß der Boden bebt und schallt!
+ Du, geräumig weite Luft,
+ Fülle dich mit kühlem Duft!
+ Zieht heran, umherzuschweifen,
+ Nebeldünste, schwangre Streifen,
+ Deckt ein flammendes Gewühl!
+ Rieselt, säuselt, Wölkchen kräuselt,
+ Schlüpfet wallend, leise dämpfet,
+ Löschend überall bekämpfet,
+ Ihr, die lindernden, die feuchten,
+ Wandelt in ein Wetterleuchten
+ Solcher eitlen Flamme Spiel!--
+ Drohen Geister, uns zu schädigen,
+ Soll sich die Magie betätigen.
+
+
+
+ Lustgarten
+
+ FAUST:
+ Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel?
+
+ KAISER:
+ Ich wünsche mir dergleichen Scherze viel.--
+ Auf einmal sah ich mich in glühnder Sphäre,
+ Es schien mir fast, als ob ich Pluto wäre.
+ Aus Nacht und Kohlen lag ein Felsengrund,
+ Von Flämmchen glühend. Dem und jenem Schlund
+ Aufwirbelten viel tausend wilde Flammen
+ Und flackerten in ein Gewölb' zusammen.
+ Zum höchsten Dome züngelt' es empor,
+ Der immer ward und immer sich verlor.
+ Durch fernen Raum gewundner Feuersäulen
+ Sah ich bewegt der Völker lange Zeilen,
+ Sie drängten sich im weiten Kreis heran
+ Und huldigten, wie sie es stets getan.
+ Vom meinem Hof erkannt' ich ein und andern,
+ Ich schien ein Fürst von tausend Salamandern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das bist du, Herr! weil jedes Element
+ Die Majestät als unbedingt erkennt.
+ Gehorsam Feuer hast du nun erprobt;
+ Wirf dich ins Meer, wo es am wildsten tobt,
+ Und kaum betrittst du perlenreichen Grund,
+ So bildet wallend sich ein herrlich Rund;
+ Siehst auf und ab lichtgrüne schwanke Wellen,
+ Mit Purpursaum, zur schönsten Wohnung schwellen
+ Um dich, den Mittelpunkt. Bei jedem Schritt,
+ Wohin du gehst, gehn die Paläste mit.
+ Die Wände selbst erfreuen sich des Lebens,
+ Pfeilschnellen Wimmlens, Hin- und Widerstrebens.
+ Meerwunder drängen sich zum neuen milden Schein,
+ Sie schießen an, und keines darf herein.
+ Da spielen farbig goldbeschuppte Drachen,
+ Der Haifisch klafft, du lachst ihm in den Rachen.
+ Wie sich auch jetzt der Hof um dich entzückt,
+ Hast du doch nie ein solch Gedräng' erblickt.
+ Doch bleibst du nicht vom Lieblichsten geschieden:
+ Es nahen sich neugierige Nereiden
+ Der prächt'gen Wohnung in der ew'gen Frische,
+ Die jüngsten scheu und lüstern wie die Fische,
+ Die spätern klug. Schon wird es Thetis kund,
+ Dem zweiten Peleus reicht sie Hand und Mund.--
+ Den Sitz alsdann auf des Olymps Revier...
+
+ KAISER:
+ Die luft'gen Räume, die erlass' ich dir:
+ Noch früh genug besteigt man jenen Thron.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und, höchster Herr! die Erde hast du schon.
+
+ KAISER:
+ Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht,
+ Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht?
+ Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden,
+ Versichr' ich dich der höchsten aller Gnaden.
+ Sei stets bereit, wenn eure Tageswelt,
+ Wie's oft geschieht, mir widerlichst mißfällt.
+
+ MARSCHALK:
+ Durchlauchtigster, ich dacht' in meinem Leben
+ Vom schönsten Glück Verkündung nicht zu geben
+ Als diese, die mich hoch beglückt,
+ In deiner Gegenwart entzückt:
+ Rechnung für Rechnung ist berichtigt,
+ Die Wucherklauen sind beschwichtigt,
+ Los bin ich solcher Höllenpein;
+ Im Himmel kann's nicht heitrer sein.
+
+ HEERMEISTER:
+ Abschläglich ist der Sold entrichtet,
+ Das ganze Heer aufs neu' verpflichtet,
+ Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,
+ Und Wirt und Dirnen haben's gut.
+
+ KAISER:
+ Wie atmet eure Brust erweitert!
+ Das faltige Gesicht erheitert!
+ Wie eilig tretet ihr heran!
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Befrage diese, die das Werk getan.
+
+ FAUST:
+ Dem Kanzler ziemt's, die Sache vorzutragen.
+
+ KANZLER:
+ Beglückt genug in meinen alten Tagen.--
+ So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,
+ Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
+ "Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:
+ Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
+ Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
+ Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
+ Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
+ Sogleich gehoben, diene zum Ersatz."
+
+ KAISER:
+ Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
+ Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?
+ Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
+ Erst heute nacht. Du standst als großer Pan,
+ Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
+ "Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
+ Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen."
+ Du zogst sie rein, dann ward's in dieser Nacht
+ Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
+ Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
+ So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
+ Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.
+ Ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat.
+ Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
+ Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!
+ Obschon dein Name längst die Welt beglückt,
+ Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.
+ Das Alphabet ist nun erst überzählig,
+ In diesem Zeichen wird nun jeder selig.
+
+ KAISER:
+ Und meinen Leuten gilt's für gutes Gold?
+ Dem Heer, dem Hofe gnügt's zu vollem Sold?
+ So sehr mich's wundert, muß ich's gelten lassen.
+
+ MARSCHALK:
+ Unmöglich wär's, die Flüchtigen einzufassen;
+ Mit Blitzeswink zerstreute sich's im Lauf.
+ Die Wechslerbänke stehen sperrig auf:
+ Man honoriert daselbst ein jedes Blatt
+ Durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt.
+ Nun geht's von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;
+ Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
+ Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.
+ Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.
+ Bei "Hoch dem Kaiser!" sprudelt's in den Kellern,
+ Dort kocht's und brät's und klappert mit den Tellern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer die Terrassen einsam abspaziert,
+ Gewahrt die Schönste, herrlich aufgeziert,
+ Ein Aug' verdeckt vom stolzen Pfauenwedel,
+ Sie schmunzelt uns und blickt nach solcher Schedel;
+ Und hurt'ger als durch Witz und Redekunst
+ Vermittelt sich die reichste Liebesgunst.
+ Man wird sich nicht mit Börs' und Beutel plagen,
+ Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen,
+ Mit Liebesbrieflein paart's bequem sich hier.
+ Der Priester trägt's andächtig im Brevier,
+ Und der Soldat, um rascher sich zu wenden,
+ Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden.
+ Die Majestät verzeihe, wenn ins Kleine
+ Das hohe Werk ich zu erniedern scheine.
+
+ FAUST:
+ Das übermaß der Schätze, das, erstarrt,
+ In deinen Landen tief im Boden harrt,
+ Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
+ Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
+ Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
+ Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
+ Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
+ Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
+ Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
+ Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
+ Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen.
+ Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
+ Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
+ Pokal und Kette wird verauktioniert,
+ Und das Papier, sogleich amortisiert,
+ Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
+ Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
+ So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
+ An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.
+
+ KAISER:
+ Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
+ Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
+ Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
+ Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.
+ Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
+ Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.
+ Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
+ Erfüllt mit Lust die Würden eures Platzes,
+ Wo mit der obern sich die Unterwelt,
+ In Einigkeit beglückt, zusammenstellt.
+
+ SCHATZMEISTER:
+ Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen,
+ Ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.
+
+ KAISER:
+ Beschenk' ich nun bei Hofe Mann für Mann,
+ Gesteh' er mir, wozu er's brauchen kann.
+
+ PAGE:
+ Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge.
+
+ EIN ANDRER:
+ Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett' und Ringe.
+
+ KÄMMERER:
+ Von nun an trink' ich doppelt beßre Flasche.
+
+ EIN ANDRER:
+ Die Würfel jucken mich schon in der Tasche.
+
+ BANNERHERR:
+ Mein Schloß und Feld, ich mach' es schuldenfrei.
+
+ EIN ANDRER:
+ Es ist ein Schatz, den leg' ich Schätzen bei.
+
+ KAISER:
+ Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten;
+ Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.
+ Ich merk' es wohl: bei aller Schätze Flor,
+ Wie ihr gewesen, bleibt ihr nach wie vor.
+
+ NARR:
+ Ihr spendet Gnaden, gönnt auch mir davon!
+
+ KAISER:
+ Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.
+
+ NARR:
+ Die Zauberblätter! ich versteh's nicht recht.
+
+ KAISER:
+ Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.
+
+ NARR:
+ Da fallen andere; weiß nicht, was ich tu'.
+
+ KAISER:
+ Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.
+
+ NARR:
+ Fünftausend Kronen wären mir zu Handen!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?
+
+ NARR:
+ Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du freust dich so, daß dich's in Schweiß versetzt.
+
+ NARR:
+ Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.
+
+ NARR:
+ Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.
+
+ NARR:
+ Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Traun!
+ Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!
+
+ NARR:
+ Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz!--
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!
+
+
+
+ Finstere Galerie
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was ziehst du mich in diese düstern Gänge?
+ Ist nicht da drinnen Lust genug,
+ Im dichten, bunten Hofgedränge
+ Gelegenheit zu Spaß und Trug?
+
+ FAUST:
+ Sag mir das nicht, du hast's in alten Tagen
+ Längst an den Sohlen abgetragen;
+ Doch jetzt dein Hin- und Widergehn
+ Ist nur, um mir nicht Wort zu stehn.
+ Ich aber bin gequält zu tun:
+ Der Marschalk und der Kämmrer treibt mich nun.
+ Der Kaiser will, es muß sogleich geschehn,
+ Will Helena und Paris vor sich sehn;
+ Das Musterbild der Männer so der Frauen
+ In deutlichen Gestalten will er schauen.
+ Geschwind ans Werk! ich darf mein Wort nicht brechen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Unsinnig war's, leichtsinnig zu versprechen.
+
+ FAUST:
+ Du hast, Geselle, nicht bedacht,
+ Wohin uns deine Künste führen;
+ Erst haben wir ihn reich gemacht,
+ Nun sollen wir ihn amüsieren.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du wähnst, es füge sich sogleich;
+ Hier stehen wir vor steilern Stufen,
+ Greifst in ein fremdestes Bereich,
+ Machst frevelhaft am Ende neue Schulden,
+ Denkst Helenen so leicht hervorzurufen
+ Wie das Papiergespenst der Gulden.--
+ Mit Hexen-Fexen, mit Gespenst-Gespinsten,
+ Kielkröpfigen Zwergen steh' ich gleich zu Diensten;
+ Doch Teufels-Liebchen, wenn auch nicht zu schelten,
+ Sie können nicht für Heroinen gelten.
+
+ FAUST:
+ Da haben wir den alten Leierton!
+ Bei dir gerät man stets ins Ungewisse.
+ Der Vater bist du aller Hindernisse,
+ Für jedes Mittel willst du neuen Lohn.
+ Mit wenig Murmeln, weiß ich, ist's getan;
+ Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das Heidenvolk geht mich nichts an,
+ Es haust in seiner eignen Hölle;
+ Doch gibt's ein Mittel. +
+
+ FAUST:
+ Sprich, und ohne Säumnis!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis.
+ Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
+ Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
+ Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
+ Die Mütter sind es! +
+
+ FAUST:
+ Mütter! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Schaudert's dich?
+
+ FAUST:
+ Die Mütter! Mütter!--'s klingt so wunderlich!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
+ Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
+ Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
+ Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.
+
+ FAUST:
+ Wohin der Weg? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Kein Weg! Ins Unbetretene,
+ Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene,
+ Nicht zu Erbittende. Bist du bereit?--
+ Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben,
+ Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben.
+ Hast du Begriff von öd' und Einsamkeit?
+
+ FAUST:
+ Du spartest, dächt' ich, solche Sprüche;
+ Hier wittert's nach der Hexenküche,
+ Nach einer längst vergangnen Zeit.
+ Mußt' ich nicht mit der Welt verkehren?
+ Das Leere lernen, Leeres lehren?--
+ Sprach ich vernünftig, wie ich's angeschaut,
+ Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;
+ Mußt' ich sogar vor widerwärtigen Streichen
+ Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen
+ Und, um nicht ganz versäumt, allein zu leben,
+ Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und hättest du den Ozean durchschwommen,
+ Das Grenzenlose dort geschaut,
+ So sähst du dort doch Well' auf Welle kommen,
+ Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
+ Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
+ Gestillter Meere streichende Delphine;
+ Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne--
+ Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
+ Den Schritt nicht hören, den du tust,
+ Nichts Festes finden, wo du ruhst.
+
+ FAUST:
+ Du sprichst als erster aller Mystagogen,
+ Die treue Neophyten je betrogen;
+ Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere,
+ Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
+ Behandelst mich, daß ich, wie jene Katze,
+ Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
+ Nur immer zu! wir wollen es ergründen,
+ In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich rühme dich, eh' du dich von mir trennst,
+ Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst;
+ Hier diesen Schlüssel nimm. +
+
+ FAUST:
+ Das kleine Ding!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering.
+
+ FAUST:
+ Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, blitzt!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt?
+ Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern,
+ Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.
+
+ FAUST:
+ Den Müttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag!
+ Was ist das Wort, das ich nicht hören mag?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Bist du beschränkt, daß neues Wort dich stört?
+ Willst du nur hören, was du schon gehört?
+ Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge,
+ Schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge.
+
+ FAUST:
+ Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil,
+ Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil;
+ Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure,
+ Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
+ 's ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
+ In der Gebilde losgebundne Reiche!
+ Ergetze dich am längst nicht mehr Vorhandnen;
+ Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe,
+ Den Schlüssel schwinge, halte sie vom Leibe!
+
+ FAUST:
+ Wohl! fest ihn fassend fühl' ich neue Stärke,
+ Die Brust erweitert, hin zum großen Werke.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ein glühnder Dreifuß tut dir endlich kund,
+ Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund.
+ Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn,
+ Die einen sitzen, andre stehn und gehn,
+ Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
+ Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
+ Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
+ Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.
+ Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß,
+ Und gehe grad' auf jenen Dreifuß los,
+ Berühr ihn mit dem Schlüssel! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So ist's recht!
+ Er schließt sich an, er folgt als treuer Knecht;
+ Gelassen steigst du, dich erhebt das Glück,
+ Und eh' sie's merken, bist mit ihm zurück.
+ Und hast du ihn einmal hierher gebracht,
+ So rufst du Held und Heldin aus der Nacht,
+ Der erste, der sich jener Tat erdreistet;
+ Sie ist getan, und du hast es geleistet.
+ Dann muß fortan, nach magischem Behandeln,
+ Der Weihrauchsnebel sich in Götter wandeln.
+
+ FAUST:
+ Und nun was jetzt? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dein Wesen strebe nieder;
+ Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wenn ihm der Schlüssel nur zum besten frommt!
+ Neugierig bin ich, ob er wiederkommt.
+
+
+
+ Hell erleuchtete Säle
+
+ KÄMMERER:
+ Ihr seid uns noch die Geisterszene schuldig;
+ Macht Euch daran! der Herr ist ungeduldig.
+
+ MARSCHALK:
+ Soeben fragt der Gnädigste darnach;
+ Ihr! zaudert nicht der Majestät zur Schmach.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ist mein Kumpan doch deshalb weggegangen;
+ Er weiß schon, wie es anzufangen,
+ Und laboriert verschlossen still,
+ Muß ganz besonders sich befleißen;
+ Denn wer den Schatz, das Schöne, heben will,
+ Bedarf der höchsten Kunst, Magie der Weisen.
+
+ MARSCHALK:
+ Was ihr für Künste braucht, ist einerlei:
+ Der Kaiser will, daß alles fertig sei.
+
+ BLONDINE:
+ Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht,
+ Jedoch so ist's im leidigen Sommer nicht!
+ Da sprossen hundert bräunlich rote Flecken,
+ Die zum Verdruß die weiße Haut bedecken.
+ Ein Mittel! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Schade! so ein leuchtend Schätzchen
+ Im Mai getupft wie eure Pantherkätzchen.
+ Nehmt Froschlaich, Krötenzungen, kohobiert,
+ Im vollsten Mondlicht sorglich distilliert
+ Und, wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen,
+ Der Frühling kommt, die Tupfen sind entwichen.
+
+ BRAUNE:
+ Die Menge drängt heran, Euch zu umschranzen.
+ Ich bitt' um Mittel! Ein erfrorner Fuß
+ Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen,
+ Selbst ungeschickt beweg' ich mich zum Gruß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß.
+
+ BRAUNE:
+ Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mein Fußtritt, Kind! hat Größres zu bedeuten.
+ Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt;
+ Fuß heilet Fuß, so ist's mit allen Gliedern.
+ Heran! Gebt acht! Ihr sollt es nicht erwidern.
+
+ BRAUNE:
+ Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt, +
+ Wie Pferdehuf.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Heilung nehmt Ihr mit.
+ Du kannst nunmehr den Tanz nach Lust verüben,
+ Bei Tafel schwelgend füßle mit dem Lieben.
+
+ DAME:
+ Laßt mich hindurch! Zu groß sind meine Schmerzen,
+ Sie wühlen siedend mir im tiefsten Herzen;
+ Bis gestern sucht' Er Heil in meinen Blicken,
+ Er schwatzt mit ihr und wendet mir den Rücken.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Bedenklich ist es, aber höre mich.
+ An ihn heran mußt du dich leise drüchen;
+ Nimm diese Kohle, streich ihm einen Strich
+ Auf ärmel, Mantel, Schulter, wie sich's macht;
+ Er fühlt im Herzen holden Reuestich.
+ Die Kohle doch mußt du sogleich verschlingen,
+ Nicht Wein, nicht Wasser an die Lippen bringen;
+ Er seufzt vor deiner Tür noch heute nacht.
+
+ DAME:
+ Ist doch kein Gift? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Respekt, wo sich's gebührt!
+ Weit müßtet Ihr nach solcher Kohle laufen;
+ Sie kommt von einem Scheiterhaufen,
+ Den wir sonst emsiger angeschürt.
+
+ PAGE:
+ Ich bin verliebt, man hält mich nicht für voll.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich weiß nicht mehr, wohin ich hören soll.
+ Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen.
+ Die Angejahrten wissen Euch zu schätzen.--
+ Schon wieder Neue! Welch ein harter Strauß!
+ Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus;
+ Der schlechteste Behelf! Die Not ist groß.--
+ O Mütter, Mütter! Laßt nur Fausten los!
+ Die Lichter brennen trübe schon im Saal,
+ Der ganze Hof bewegt sich auf einmal.
+ Anständig seh' ich sie in Folge ziehn
+ Durch lange Gänge, ferne Galerien.
+ Nun! sie versammeln sich im weiten Raum
+ Des alten Rittersaals, er faßt sie kaum.
+ Auf breite Wände Teppiche spendiert,
+ Mit Rüstung Eck' und Nischen ausgeziert.
+ Hier braucht es, dächt' ich, keine Zauberworte;
+ Die Geister finden sich von selbst zum Orte.
+
+
+
+ Rittersaal
+
+ HEROLD:
+ Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden,
+ Verkümmert mir der Geister heimlich Walten;
+ Vergebens wagt man, aus verständigen Gründen
+ Sich zu erklären das verworrene Schalten.
+ Die Sessel sind, die Stühle schon zur Hand;
+ Den Kaiser setzt man grade vor die Wand;
+ Auf den Tapeten mag er da die Schlachten
+ Der großen Zeit bequemlichstens betrachten.
+ Hier sitzt nun alles, Herr und Hof im Runde,
+ Die Bänke drängen sich im Hintergrunde;
+ Auch Liebchen hat, in düstern Geisterstunden,
+ Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden.
+ Und so, da alle schicklich Platz genommen,
+ Sind wir bereit; die Geister mögen kommen!
+
+ ASTROLOG:
+ Beginne gleich das Drama seinen Lauf,
+ Der Herr befiehlt's, ihr Wände tut euch auf!
+ Nichts hindert mehr, hier ist Magie zur Hand:
+ Die Teppiche schwinden, wie gerollt vom Brand;
+ Die Mauer spaltet sich, sie kehrt sich um,
+ Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
+ Geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen,
+ Und ich besteige das Proszenium.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunst,
+ Einbläsereien sind des Teufels Redekunst.
+ Du kennst den Takt, in dem die Sterne gehn,
+ Und wirst mein Flüstern meisterlich verstehn.
+
+ ASTROLOG:
+ Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau,
+ Massiv genug, ein alter Tempelbau.
+ Dem Atlas gleich, der einst den Himmel trug,
+ Stehn reihenweis der Säulen hier genug;
+ Sie mögen wohl der Felsenlast genügen,
+ Da zweie schon ein groß Gebäude trügen.
+
+ ARCHITEKT:
+ Das wär' antik! Ich wüßt' es nicht zu preisen,
+ Es sollte plump und überlästig heißen.
+ Roh nennt man edel, unbehülflich groß.
+ Schmalpfeiler lieb' ich, strebend, grenzenlos;
+ Spitzbögiger Zenit erhebt den Geist;
+ Solch ein Gebäu erbaut uns allermeist.
+
+ ASTROLOG:
+ Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden;
+ Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden;
+ Dagegen weit heran bewege frei
+ Sich herrliche verwegne Phantasei.
+ Mit Augen schaut nun, was ihr kühn begehrt,
+ Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.
+
+ ASTROLOG:
+ Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann,
+ Der nun vollbringt, was er getrost begann.
+ Ein Dreifuß steigt mit ihm aus hohler Gruft,
+ Schon ahn' ich aus der Schale Weihrauchduft.
+ Er rüstet sich, das hohe Werk zu segnen;
+ Es kann fortan nur Glückliches begegnen.
+
+ FAUST:
+ In eurem Namen, Mütter, die ihr thront
+ Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt,
+ Und doch gesellig. Euer Haupt umschweben
+ Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben.
+ Was einmal war, in allem Glanz und Schein,
+ Es regt sich dort; denn es will ewig sein.
+ Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte,
+ Zum Zelt des Tages, zum Gewölb der Nächte.
+ Die einen faßt des Lebens holder Lauf,
+ Die andern sucht der kühne Magier auf;
+ In reicher Spende läßt er, voll Vertrauen,
+ Was jeder wünscht, das Wunderwürdige schauen.
+
+ ASTROLOG:
+ Der glühnde Schlüssel rührt die Schale kaum,
+ Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum;
+ Er schleicht sich ein, er wogt nach Wolkenart,
+ Gedehnt, geballt, verschränkt, geteilt, gepaart.
+ Und nun erkennt ein Geister-Meisterstück!
+ So wie sie wandeln, machen sie Musik.
+ Aus luft'gen Tönen quillt ein Weißnichtwie,
+ Indem sie ziehn, wird alles Melodie.
+ Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt,
+ Ich glaube gar, der ganze Tempel singt.
+ Das Dunstige senkt sich; aus dem leichten Flor
+ Ein schöner Jüngling tritt im Takt hervor.
+ Hier schweigt mein Amt, ich brauch' ihn nicht zu nennen,
+ Wer sollte nicht den holden Paris kennen!
+
+ DAME:
+ O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!
+
+ ZWEITE:
+ Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!
+
+ DRITTE:
+ Die fein gezognen, süß geschwollnen Lippen!
+
+ VIERTE:
+ Du möchtest wohl an solchem Becher nippen?
+
+ FÜNFTE:
+ Er ist gar hübsch, wenn auch nicht eben fein.
+
+ SECHSTE:
+ Ein bißchen könnt' er doch gewandter sein.
+
+ RITTER:
+ Den Schäferknecht glaub' ich allhier zu spüren,
+ Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.
+
+ ANDRER:
+ Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön,
+ Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn!
+
+ DAME:
+ Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.
+
+ ritter
+ Auf seinem Schoße wär' Euch wohl bequem?
+
+ ANDRE:
+ Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt.
+
+ KÄMMERER:
+ Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt!
+
+ DAME:
+ Ihr Herren wißt an allem was zu mäkeln.
+
+ DERSELBE:
+ In Kaisers Gegenwart sich hinzuräkeln!
+
+ DAME:
+ Er stellt's nur vor! Er glaubt sich ganz allein.
+
+ DERSELBE:
+ Das Schauspiel selbst, hier sollt' es höflich sein.
+
+ DAME:
+ Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen.
+
+ DERSELBE:
+ Er schnarcht nun gleich; natürlich ist's, vollkommen!
+
+ JUNGE DAME:
+ Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt,
+ Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?
+
+ ÄLTERE:
+ Fürwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemüte,
+ Er kommt von ihm! +
+
+ ÄLTESTE:
+ Es ist des Wachstums Blüte,
+ Im Jüngling als Ambrosia bereitet
+ Und atmosphärisch ringsumher verbreitet.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das wär' sie denn! Vor dieser hätt' ich Ruh';
+ Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.
+
+ ASTROLOG:
+ Für mich ist diesmal weiter nichts zu tun,
+ Als Ehrenmann gesteh', bekenn' ich's nun.
+ Die Schöne kommt, und hätt' ich Feuerzungen!--
+ Von Schönheit ward von jeher viel gesungen--
+ Wem sie erscheint, wird aus sich selbst entrückt,
+ Wem sie gehörte, ward zu hoch beglückt.
+
+ FAUST:
+ Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn
+ Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen?
+ Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn.
+ Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen!
+ Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft?
+ Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft!
+ Verschwinde mir des Lebens Atemkraft,
+ Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!--
+ Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,
+ In Zauberspiegelung beglückte,
+ War nur ein Schaumbild solcher Schöne!--
+ Du bist's, der ich die Regung aller Kraft,
+ Den Inbegriff der Leidenschaft,
+ Dir Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn zolle.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!
+
+ ÄLTERE DAME:
+ Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.
+
+ JÜNGERE:
+ Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein!
+
+ DIPLOMAT:
+ Fürstinnen hab' ich dieser Art gesehn,
+ Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön.
+
+ HOFMANN:
+ Sie nähert sich dem Schläfer listig mild.
+
+ DAME:
+ Wie häßlich neben jugendreinem Bild!
+
+ POET:
+ Von ihrer Schönheit ist er angestrahlt.
+
+ DAME:
+ Endymion und Luna! wie gemalt!
+
+ DERSELBE:
+ Ganz recht! Die Göttin scheint herabzusinken,
+ Sie neigt sich über, seinen Hauch zu trinken;
+ Beneidenswert!--Ein Kuß!--Das Maß ist voll.
+
+ DUENNA:
+ Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!
+
+ FAUST:
+ Furchtbare Gunst dem Knaben!--+
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ruhig! still!
+ Laß das Gespenst doch machen was es will.
+
+ HOFMANN:
+ Sie schleicht sich weg, leichtfüßig; er erwacht.
+
+ DAME:
+ Sie sieht sich um! Das hab' ich wohl gedacht.
+
+ HOFMANN:
+ Er staunt! Ein Wunder ist's, was ihm geschieht.
+
+ DAME:
+ Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.
+
+ HOFMANN:
+ Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.
+
+ DAME:
+ Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre;
+ In solchem Fall sind alle Männer dumm,
+ Er glaubt wohl auch, daß er der erste wäre.
+
+ RITTER:
+ Laßt mir sie gelten! Majestätisch fein!--
+
+ DAME:
+ Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein!
+
+ PAGE:
+ Ich möchte wohl an seiner Stelle sein!
+
+ HOFMANN:
+ Wer würde nicht in solchem Netz gefangen?
+
+ DAME:
+ Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen,
+ Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.
+
+ ANDRE:
+ Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
+
+ RITTER:
+ Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste;
+ Ich hielte mich an diese schönen Reste.
+
+ GELAHRTER:
+ Ich seh' sie deutlich, doch gesteh' ich frei:
+ Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei.
+ Die Gegenwart verführt ins übertriebne,
+ Ich halte mich vor allem ans Geschriebne.
+ Da les' ich denn, sie habe wirklich allen
+ Graubärten Trojas sonderlich gefallen;
+ Und wie mich dünkt, vollkommen paßt das hier:
+ Ich bin nicht jung, und doch gefällt sie mir.
+
+ ASTROLOG:
+ Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann,
+ Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann.
+ Gestärkten Arms hebt er sie hoch empor,
+ Entführt er sie wohl gar? +
+
+ FAUST:
+ Verwegner Tor!
+ Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel!
+
+ EMPHISTOPHELES:
+ Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!
+
+ ASTROLOG:
+ Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah,
+ Nenn' ich das Stück den Raub der Helena.
+
+ FAUST:
+ Was Raub! Bin ich für nichts an dieser Stelle!
+ Ist dieser Schlüssel nicht in meiner Hand!
+ Er führte mich, durch Graus und Wog' und Welle
+ Der Einsamkeiten, her zum festen Strand.
+ Hier fass' ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten,
+ Von hier aus darf der Geist mit Geistern streiten,
+ Das Doppelreich, das große, sich bereiten.
+ So fern sie war, wie kann sie näher sein!
+ Ich rette sie, und sie ist doppelt mein.
+ Gewagt! Ihr Mütter! Mütter! müßt's gewähren!
+ Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.
+
+ ASTROLOG:
+ Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt
+ Faßt er sie an, schon trübt sich die Gestalt.
+ Den Schlüssel kehrt er nach dem Jüngling zu,
+ Berührt ihn!--Weh uns, Wehe! Nu! im Nu!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da habt ihr's nun! mit Narren sich beladen,
+ Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
+
+
+
+
+ 2. Akt--Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier lieg, Unseliger! verführt
+ Zu schwergelöstem Liebesbande!
+ Wen Helena paralysiert,
+ Der kommt so leicht nicht zu Verstande.
+ Blick' ich hinauf, hierher, hinüber,
+ Allunverändert ist es, unversehrt;
+ Die bunten Scheiben sind, so dünkt mich, trüber,
+ Die Spinneweben haben sich vermehrt;
+ Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier;
+ Doch alles ist am Platz geblieben;
+ Sogar die Feder liegt noch hier,
+ Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben.
+ Ja! tiefer in dem Rohre stockt
+ Ein Tröpflein Blut, wie ich's ihm abgelockt.
+ Zu einem solchen einzigen Stück
+ Wünscht' ich dem größten Sammler Glück.
+ Auch hängt der alte Pelz am alten Haken,
+ Erinnert mich an jene Schnaken,
+ Wie ich den Knaben einst belehrt,
+ Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt.
+ Es kommt mir wahrlich das Gelüsten,
+ Rauchwarme Hülle, dir vereint
+ Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten,
+ Wie man so völlig recht zu haben meint.
+ Gelehrte wissen's zu erlangen,
+ Dem Teufel ist es längst vergangen.
+
+ CHOR DER INSEKTEN:
+ Willkommen! willkommen,
+ Du alter Patron!
+ Wir schweben und summen
+ Und kennen dich schon.
+ Nur einzeln im stillen
+ Du hast uns gepflanzt;
+ Zu Tausenden kommen wir,
+ Vater, getanzt.
+ Der Schalk in dem Busen
+ Verbirgt sich so sehr,
+ Vom Pelze die Läuschen
+ Enthüllen sich eh'r.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut!
+ Man säe nur, man erntet mit der Zeit.
+ Ich schüttle noch einmal den alten Flaus,
+ Noch eines flattert hier und dort hinaus.--
+ Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken
+ Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken.
+ Dort, wo die alten Schachteln stehn,
+ Hier im bebräunten Pergamen,
+ In staubigen Scherben alter Töpfe,
+ Dem Hohlaug' jener Totenköpfe.
+ In solchem Wust und Moderleben
+ Muß es für ewig Grillen geben.
+ Komm, decke mir die Schultern noch einmal!
+ Heut bin ich wieder Prinzipal.
+ Doch hilft es nichts, mich so zu nennen;
+ Wo sind die Leute, die mich anerkennen?
+
+ FAMULUS:
+ Welch ein Tönen! welch ein Schauer!
+ Treppe schwankt, es bebt die Mauer;
+ Durch der Fenster buntes Zittern
+ Seh' ich wetterleuchtend Wittern.
+ Springt das Estrich, und von oben
+ Rieselt Kalk und Schutt verschoben.
+ Und die Türe, fest verriegelt,
+ Ist durch Wunderkraft entsiegelt.--
+ Dort! Wie fürchterlich! Ein Riese
+ Steht in Faustens altem Vliese!
+ Seinen Blicken, seinem Winken
+ Möcht' ich in die Kniee sinken.
+ Soll ich fliehen? Soll ich stehn?
+ Ach, wie wird es mir ergehn!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Heran, mein Freund!--Ihr heißet Nikodemus.
+
+ FAMULUS:
+ Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam'--Oremus.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das lassen wir! +
+
+ FAMULUS:
+ Wie froh, daß Ihr mich kennt!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student,
+ Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann
+ Studiert so fort, weil er nicht anders kann.
+ So baut man sich ein mäßig Kartenhaus,
+ Der größte Geist baut's doch nicht völlig aus.
+ Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner:
+ Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner,
+ Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt!
+ Er ist's allein, der sie zusammenhält,
+ Der Weisheit täglicher Vermehrer.
+ Allwißbegierige Horcher, Hörer
+ Versammeln sich um ihn zuhauf.
+ Er leuchtet einzig vom Katheder;
+ Die Schlüssel übt er wie Sankt Peter,
+ Das Untre so das Obre schließt er auf.
+ Wie er vor allen glüht und funkelt,
+ Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter stand;
+ Selbst Faustus' Name wird verdunkelt,
+ Er ist es, der allein erfand.
+
+ FAMULUS:
+ Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage,
+ Wenn ich zu widersprechen wage:
+ Von allem dem ist nicht die Frage;
+ Bescheidenheit ist sein beschieden Teil.
+ Ins unbegreifliche Verschwinden
+ Des hohen Manns weiß er sich nicht zu finden;
+ Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil.
+ Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus' Tagen,
+ Noch unberührt seitdem er fern,
+ Erwartet seinen alten Herrn.
+ Kaum wag' ich's, mich hereinzuwagen.
+ Was muß die Sternenstunde sein?--
+ Gemäuer scheint mir zu erbangen;
+ Türpfosten bebten, Riegel sprangen,
+ Sonst kamt Ihr selber nicht herein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wo hat der Mann sich hingetan?
+ Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!
+
+ FAMULUS:
+ Ach! sein Verbot ist gar zu scharf,
+ Ich weiß nicht, ob ich's wagen darf.
+ Monatelang, des großen Werkes willen,
+ Lebt' er im allerstillsten Stillen.
+ Der zarteste gelehrter Männer,
+ Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner,
+ Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen,
+ Die Augen rot vom Feuerblasen,
+ So lechzt er jedem Augenblick;
+ Geklirr der Zange gibt Musik.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Sollt' er den Zutritt mir verneinen?
+ Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen.
+ Kaum hab' ich Posto hier gefaßt,
+ Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast.
+ Doch diesmal ist er von den Neusten,
+ Er wird sich grenzenlos erdreusten.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Tor und Türe find' ich offen!
+ Nun, da läßt sich endlich hoffen,
+ Daß nicht, wie bisher, im Moder
+ Der Lebendige wie ein Toter
+ Sich verkümmere, sich verderbe
+ Und am Leben selber sterbe.
+ Diese Mauern, diese Wände
+ Neigen, senken sich zum Ende,
+ Und wenn wir nicht bald entweichen,
+ Wird uns Fall und Sturz erreichen.
+ Bin verwegen, wie nicht einer,
+ Aber weiter bringt mich keiner.
+ Doch was soll ich heut erfahren!
+ War's nicht hier, vor so viel Jahren,
+ Wo ich, ängstlich und beklommen,
+ War als guter Fuchs gekommen?
+ Wo ich diesen Bärtigen traute,
+ Mich an ihrem Schnack erbaute?
+ Aus den alten Bücherkrusten
+ Logen sie mir, was sie wußten,
+ Was sie wußten, selbst nicht glaubten,
+ Sich und mir das Leben raubten.
+ Wie?--Dort hinten in der Zelle
+ Sitzt noch einer dunkel-helle!
+ Nahend seh' ich's mit Erstaunen,
+ Sitzt er noch im Pelz, dem braunen,
+ Wahrlich, wie ich ihn verließ,
+ Noch gehüllt im rauhen Vlies!
+ Damals schien er zwar gewandt,
+ Als ich ihn noch nicht verstand.
+ Heute wird es nichts verfangen,
+ Frisch an ihn herangegangen!
+ Wenn, alter Herr, nicht Lethes trübe Fluten
+ Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen,
+ Seht anerkennend hier den Schüler kommen,
+ Entwachsen akademischen Ruten.
+ Ich find' Euch noch, wie ich Euch sah;
+ Ein anderer bin ich wieder da.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mich freut, daß ich Euch hergeläutet.
+ Ich schätzt' Euch damals nicht gering;
+ Die Raupe schon, die Chrysalide deutet
+ Den künftigen bunten Schmetterling.
+ Am Lockenkopf und Spitzenkragen
+ Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.--
+ Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?--
+ Heut schau' ich Euch im Schwedenkopf.
+ Ganz resolut und wacker seht Ihr aus;
+ Kommt nur nicht absolut nach Haus.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte;
+ Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf
+ Und sparet doppelsinnige Worte;
+ Wir passen nun ganz anders auf.
+ Ihr hänseltet den guten treuen Jungen;
+ Das ist Euch ohne Kunst gelungen,
+ Was heutzutage niemand wagt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,
+ Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt,
+ Sie aber hinterdrein nach Jahren
+ Das alles derb an eigner Haut erfahren,
+ Dann dünkeln sie, es käm' aus eignem Schopf;
+ Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht
+ Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?
+ Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern,
+ Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit;
+ Zum Lehren seid Ihr, merk' ich, selbst bereit.
+ Seit manchen Monden, einigen Sonnen
+ Erfahrungsfülle habt Ihr wohl gewonnen.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
+ Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
+ Gesteht! was man von je gewußt,
+ Es ist durchaus nicht wissenswürdig.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mich deucht es längst. Ich war ein Tor,
+ Nun komm' ich mir recht schal und albern vor.
+
+ BACC:
+ Das freut mich sehr! Da hör' ich doch Verstand;
+ Der erste Greis, den ich vernünftig fand!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
+ Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze
+ Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
+
+ BACCALAUREUS:
+ Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier oben wird mir Licht und Luft benommen;
+ Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?
+
+ BACCALAUREUS:
+ Anmaßlich find' ich, daß zur schlechtsten Frist
+ Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist.
+ Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
+ Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
+ Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
+ Das neues Leben sich aus Leben schafft.
+ Da regt sich alles, da wird was getan,
+ Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
+ Indessen wir die halbe Welt gewonnen,
+ Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen,
+ Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
+ Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
+ Im Frost von grillenhafter Not.
+ Hat einer dreißig Jahr vorüber,
+ So ist er schon so gut wie tot.
+ Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.
+
+ BACC:
+ Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.
+
+ BACCALAUREUS:
+ Dies ist der Jugend edelster Beruf!
+ Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf;
+ Die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf;
+ Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
+ Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
+ Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
+ Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
+ Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
+ Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
+ Philisterhaft einklemmender Gedanken?
+ Ich aber frei, wie mir's im Geiste spricht,
+ Verfolge froh mein innerliches Licht,
+ Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
+ Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Original, fahr hin in deiner Pracht!--
+ Wie würde dich die Einsicht kränken:
+ Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
+ Das nicht die Vorwelt schon gedacht?--
+ Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,
+ In wenig Jahren wird es anders sein:
+ Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
+ Es gibt zuletzt doch noch e' Wein.
+ [Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,
+ [Euch guten Kindern laß ich's gehen;
+ Bedenkt: der Teufel, der ist alt,
+ So werdet alt, ihn zu verstehen!
+
+
+
+ Laboratorium
+
+ WAGNER:
+ Die Glocke tönt, die fürchterliche,
+ Durchschauert die berußten Mauern.
+ Nicht länger kann das Ungewisse
+ Der ernstesten Erwartung dauern.
+ Schon hellen sich die Finsternisse;
+ Schon in der innersten Phiole
+ Erglüht es wie lebendige Kohle,
+ Ja wie der herrlichste Karfunkel,
+ Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.
+ Ein helles weißes Licht erscheint!
+ O daß ich's diesmal nicht verliere!--
+ Ach Gott! was rasselt an der Türe?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Willkommen! es ist gut gemeint.
+
+ WAGNER:
+ Willkommen zu dem Stern der Stunde!
+ Doch haltet Wort und Atem fest im Munde,
+ Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was gibt es denn? +
+
+ WAGNER:
+ Es wird ein Mensch gemacht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar
+ Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?
+
+ WAGNER:
+ Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,
+ Erklären wir für eitel Possen.
+ Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,
+ Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
+ Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
+ Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,
+ Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;
+ Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,
+ So muß der Mensch mit seinen großen Gaben
+ Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben.
+ Es leuchtet! seht!--Nun läßt sich wirklich hoffen,
+ Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
+ Durch Mischung--denn auf Mischung kommt es an--
+ Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
+ In einen Kolben verlutieren
+ Und ihn gehörig kohobieren,
+ So ist das Werk im stillen abgetan.
+ Es wird! die Masse regt sich klarer!
+ Die überzeugung wahrer, wahrer:
+ Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
+ Das wagen wir verständig zu probieren,
+ Und was sie sonst organisieren ließ,
+ Das lassen wir kristallisieren.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer lange lebt, hat viel erfahren,
+ [Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.
+ Ich habe schon in meinen Wanderjahren
+ Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.
+
+ WAGNER:
+ Es steigt, es blitzt, es häuft sich an,
+ Im Augenblick ist es getan.
+ Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;
+ Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,
+ Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,
+ Wird künftig auch ein Denker machen.
+ Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,
+ Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!
+ Ich seh' in zierlicher Gestalt
+ Ein artig Männlein sich gebärden.
+ Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?
+ Denn das Geheimnis liegt am Tage.
+ Gebt diesem Laute nur Gehör,
+ Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz.
+ Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!
+ Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
+ Das ist die Eigenschaft der Dinge:
+ Natürlichem genügt das Weltall kaum,
+ Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.
+ Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier
+ Im rechten Augenblick? ich danke dir.
+ Ein gut Geschick führt dich zu uns herein;
+ Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.
+ Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen.
+ Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.
+
+ WAGNER:
+ Nur noch ein Wort! Bisher mußt' ich mich schämen,
+ Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen.
+ Zum Beispiel nur: noch niemand konnt' es fassen,
+ Wie Seel' und Leib so schön zusammenpassen,
+ So fest sich halten, als um nie zu scheiden,
+ Und doch den Tag sich immerfort verleiden.
+ Sodann--+
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Halt ein! ich wollte lieber fragen:
+ Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?
+ Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins reine.
+ Hier gibt's zu tun, das eben will der Kleine.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Was gibt's zu tun? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier zeige deine Gabe!
+
+ WAGNER:
+ Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!
+
+ HOMUNCULUS:
+ Bedeutend!--+
+ Schön umgeben!--Klar Gewässer
+ Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden,
+ Die allerliebsten!--Das wird immer besser.
+ Doch eine läßt sich glänzend unterscheiden,
+ Aus höchstem Helden-, wohl aus Götterstamme.
+ Sie setzt den Fuß in das durchsichtige Helle;
+ Des edlen Körpers holde Lebensflamme
+ Kühlt sich im schmiegsamen Kristall der Welle.--
+ Doch welch Getöse rasch bewegter Flügel,
+ Welch Sausen, Plätschern wühlt im glatten Spiegel?
+ Die Mädchen fliehn verschüchtert; doch allein
+ Die Königin, sie blickt gelassen drein
+ Und sieht mit stolzem weiblichem Vergnügen
+ Der Schwäne Fürsten ihrem Knie sich schmiegen,
+ Zudringlich-zahm. Er scheint sich zu gewöhnen.--
+ Auf einmal aber steigt ein Dunst empor
+ Und deckt mit dichtgewebtem Flor
+ Die lieblichste von allen Szenen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was du nicht alles zu erzählen hast!
+ So klein du bist, so groß bist du Phantast.
+ Ich sehe nichts--+
+
+ HOMUNCULUS:
+ Das glaub' ich. Du aus Norden,
+ Im Nebelalter jung geworden,
+ Im Wust von Rittertum und Pfäfferei,
+ Wo wäre da dein Auge frei!
+ Im Düstern bist du nur zu Hause.
+ Verbräunt Gestein, bemodert, widrig,
+ Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig!--
+ Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,
+ Er bleibt gleich auf der Stelle tot.
+ Waldquellen, Schwäne, nackte Schönen,
+ Das war sein ahnungsvoller Traum;
+ Wie wollt' er sich hierher gewöhnen!
+ Ich, der Bequemste, duld' es kaum.
+ Nun fort mit ihm! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Ausweg soll mich freuen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Befiehl den Krieger in die Schlacht,
+ Das Mädchen führe du zum Reihen,
+ So ist gleich alles abgemacht.
+ Jetzt eben, wie ich schnell bedacht,
+ Ist klassische Walpurgisnacht;
+ Das Beste, was begegnen könnte.
+ Bringt ihn zu seinem Elemente!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dergleichen hab' ich nie vernommen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Wie wollt' es auch zu euren Ohren kommen?
+ Romantische Gespenster kennt ihr nur allein;
+ Ein echt Gespenst, auch klassisch hat's zu sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen?
+ Mich widern schon antikische Kollegen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier,
+ Südöstlich diesmal aber segeln wir--
+ An großer Fläche fließt Peneios frei,
+ Umbuscht, umbaumt, in still--und feuchten Buchten;
+ Die Ebne dehnt sich zu der Berge Schluchten,
+ Und oben liegt Pharsalus, alt und neu.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite
+ Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.
+ Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan,
+ So fangen sie von vorne wieder an;
+ Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt
+ Vom Asmodeus, der dahinter steckt.
+ Sie streiten sich, so heißt's, um Freiheitsrechte;
+ Genau besehn, sind's Knechte gegen Knechte.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Den Menschen laß ihr widerspenstig Wesen,
+ Ein jeder muß sich wehren, wie er kann,
+ Vom Knaben auf, so wird's zuletzt ein Mann.
+ Hier fragt sich's nur, wie dieser kann genesen.
+ Hast du ein Mittel, so erprob' es hier,
+ Vermagst du's nicht, so überlaß es mir.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben,
+ Doch Heidenriegel find' ich vorgeschoben.
+ Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!
+ Doch blendet's euch mit freiem Sinnenspiel,
+ Verlockt des Menschen Brust zu heitern Sünden;
+ Die unsern wird man immer düster finden.
+ Und nun, was soll's? +
+
+ HOMUNCULUS:
+ Du bist ja sonst nicht blöde;
+ Und wenn ich von thessalischen Hexen rede,
+ So denk' ich, hab' ich was gesagt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen,
+ Nach denen hab' ich lang' gefragt.
+ Mit ihnen Nacht für Nacht zu wohnen,
+ Ich glaube nicht, daß es behagt;
+ Doch zum Besuch, Versuch--+
+
+ HOMUNCULUS:
+ Den Mantel her,
+ Und um den Ritter umgeschlagen!
+ Der Lappen wird euch, wie bisher,
+ Den einen mit dem andern tragen;
+ Ich leuchte vor. +
+
+ WAGNER:
+ Und ich? +
+
+ HOMUNCULUS:
+ Eh nun,
+ Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.
+ Entfalte du die alten Pergamente,
+ Nach Vorschrift sammle Lebenselemente
+ Und füge sie mit Vorsicht eins ans andre.
+ Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.
+ Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre,
+ Entdeck' ich wohl das Tüpfchen auf das i.
+ Dann ist der große Zweck erreicht;
+ Solch einen Lohn verdient ein solches Streben:
+ Gold, Ehre, Ruhm, gesundes langes Leben,
+ Und Wissenschaft und Tugend--auch vielleicht.
+ Leb wohl! +
+
+ WAGNER:
+ Leb wohl! Das drückt das Herz mir nieder.
+ Ich fürchte schon, ich seh' dich niemals wieder.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nun zum Peneios frisch hinab!
+ Herr Vetter ist nicht zu verachten.
+ Am Ende hängen wir doch ab
+ Von Kreaturen, die wir machten.
+
+
+
+ Klassische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder
+
+ ERICHTHO:
+ Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon,
+ Tret' ich einher, Erichtho, ich, die düstere;
+ Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich
+ Im übermaß verlästern... Endigen sie doch nie
+ In Lob und Tadel... überbleicht erscheint mir schon
+ Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,
+ Als Nachgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht.
+ Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort
+ Ins Ewige wiederholen... Keiner gönnt das Reich
+ Dem andern; dem gönnt's keiner, der's mit Kraft erwarb
+ Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst
+ Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern
+ Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemäß...
+ Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft:
+ Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,
+ Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreißt,
+ Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.
+ Hier träumte Magnus früher Größe Blütentag,
+ Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort!
+ Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem's gelang.
+ Wachfeuer glühen, rote Flammen spendende,
+ Der Boden haucht vergoßnen Blutes Widerschein,
+ Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,
+ Versammelt sich hellenischer Sage Legion.
+ Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt
+ Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild...
+ Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,
+ Erhebt sich, milden Glanz verbreitend überall;
+ Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.
+ Doch über mir! welch unerwartet Meteor?
+ Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball.
+ Ich wittre Leben. Da geziemen will mir's nicht,
+ Lebendigem zu nahen, dem ich schädlich bin;
+ Das bringt mir bösen Ruf und frommt mir nicht.
+ Schon sinkt es nieder. Weich' ich aus mit Wohlbedacht!
+
+ HOMUNCULUS:
+ Schwebe noch einmal die Runde
+ über Flamm- und Schaudergrauen;
+ Ist es doch in Tal und Grunde
+ Gar gespenstisch anzuschauen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Seh' ich, wie durchs alte Fenster
+ In des Nordens Wust und Graus,
+ Ganz abscheuliche Gespenster,
+ Bin ich hier wie dort zu Haus.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Sieh! da schreitet eine Lange
+ Weiten Schrittes vor uns hin.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ist es doch, als wär' ihr bange;
+ Sah uns durch die Lüfte ziehn.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Laß sie schreiten! setz ihn nieder,
+ Deinen Ritter, und sogleich
+ Kehret ihm das Leben wieder,
+ Denn er sucht's im Fabelreich.
+
+ FAUST:
+ Wo ist sie?--+
+
+ HOMUNCULUS:
+ Wüßten's nicht zu sagen,
+ Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
+ In Eile magst du, eh' es tagt,
+ Von Flamm' zu Flamme spürend gehen:
+ Wer zu den Müttern sich gewagt,
+ Hat weiter nichts zu überstehen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auch ich bin hier an meinem Teil;
+ Doch wüßt' ich Besseres nicht zu unserm Heil,
+ Als: jeder möge durch die Feuer
+ Versuchen sich sein eigen Abenteuer.
+ Dann, um uns wieder zu vereinen,
+ Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend scheinen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ So soll es blitzen, soll es klingen.
+ Nun frisch zu neuen Wunderdingen!
+
+ FAUST:
+ Wo ist sie?--Frage jetzt nicht weiter nach...
+ Wär's nicht die Scholle, die sie trug,
+ Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,
+ So ist's die Luft, die ihre Sprache sprach.
+ Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!
+ Ich fühlte gleich den Boden, wo ich stand;
+ Wie mich, den Schläfer, frisch ein Geist durchglühte,
+ So steh' ich, ein Antäus an Gemüte.
+ Und find' ich hier das Seltsamste beisammen,
+ Durchforsch' ich ernst dies Labyrinth der Flammen.
+
+
+
+ Am oberen Peneios
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,
+ So find' ich mich doch ganz und gar entfremdet,
+ Fast alles nackt, nur hie und da behemdet:
+ Die Sphinxe schamlos, unverschämt die Greife,
+ Und was nicht alles, lockig und beflügelt,
+ Von vorn und hinten sich im Auge spiegelt...
+ Zwar sind auch wir von Herzen unanständig,
+ Doch das Antike find' ich zu lebendig;
+ Das müßte man mit neustem Sinn bemeistern
+ Und mannigfaltig modisch überkleistern...
+ Ein widrig Volk! Doch darf mich's nicht verdrießen,
+ Als neuer Gast anständig sie zu grüßen...
+ Glüchzu den schönen Fraun, den klugen Greisen!
+
+ GREIF:
+ Nicht Greisen! Greifen!--Niemand hört es gern,
+ Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt
+ Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:
+ Grau, grämlich, griesgram, greulich, Gräber, grimmig,
+ Etymologisch gleicherweise stimmig, +
+ Verstimmen uns.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und doch, nicht abzuschweifen,
+ Gefäallt das Grei im Ehrentitel Greifen.
+
+ GREIF:
+ Natürlich! Die Verwandtschaft ist erprobt,
+ Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt;
+ Man greife nun nach Mädchen, Kronen, Gold,
+ Dem Greifenden ist meist Fortuna hold.
+
+ AMEISEN:
+ Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt,
+ In Fels- und Höhlen heimlich eingerammelt;
+ Das Arimaspen-Volk hat's ausgespürt,
+ Sie lachen dort, wie weit sie's weggeführt.
+
+ GREIFE:
+ Wir wollen sie schon zum Geständnis bringen.
+
+ ARIMASPEN:
+ Nur nicht zur freien Jubelnacht.
+ Bis morgen ist's alles durchgebracht,
+ Es wird uns diesmal wohl gelingen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie leicht und gern ich mich hierher gewöhne,
+ Denn ich verstehe Mann für Mann.
+
+ SPHINX:
+ Wir hauchen unsre Geistertöne,
+ Und ihr verkörpert sie alsdann.
+ Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen--
+ Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
+ Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
+ Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;
+ Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.
+ Sie zeugten auch: Im alten Bühnenspiel
+ Sah man mich dort als old Iniquity.
+
+ SPINX:
+ Wie kam man drauf? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich weiß es selbst nicht wie.
+
+ SPINX:
+ Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde?
+ Was sagst du zu der gegenwärt'gen Stunde?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Stern schießt nach Stern, beschnittner Mond scheint helle,
+ Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle,
+ Ich wärme mich an deinem Löwenfelle.
+ Hinauf sich zu versteigen, wär' zum Schaden;
+ Gib Rätsel auf, gib allenfalls Scharaden.
+
+ SPINX:
+ Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein.
+ Versuch einmal, dich innigst aufzulösen:
+ "Dem frommen Manne nötig wie dem bösen,
+ Dem ein Plastron, aszetisch zu rapieren,
+ Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen,
+ Und beides nur, um Zeus zu amüsieren."
+
+ ERSTER GREIF:
+ Den mag ich nicht! +
+
+ ZWEITER GREIF:
+ Was will uns der?
+
+ BEIDE:
+ Der Garstige gehöret nicht hierher!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du glaubst vielleicht, des Gastes Nägel krauen
+ Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen?
+ Versuch's einmal! +
+
+ SPINX:
+ Du magst nur immer bleiben,
+ Wird dich's doch selbst aus unsrer Mitte treiben;
+ In deinem Lande tust dir was zugute,
+ Doch, irr' ich nicht, hier ist dir schlecht zumute.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du bist recht appetitlich oben anzuschauen,
+ Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.
+
+ SPINX:
+ Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße,
+ Denn unsre Tatzen sind gesund;
+ Dir mit verschrumpftem Pferdefuße
+ Behagt es nicht in unserem Bund.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wer sind die Vögel, in den ästen
+ Des Pappelstromes hingewiegt?
+
+ SPINX:
+ Gewahrt euch nur! Die Allerbesten
+ Hat solch ein Singsang schon besiegt.
+
+ SIRENEN:
+ Ach was wollt ihr euch verwöhnen
+ In dem Häßlich-Wunderbaren!
+ Horcht, wir kommen hier zu Scharen
+ Und in wohlgestimmten Tönen;
+ So geziemet es Sirenen.
+
+ SPINXE:
+ Nötigt sie, herabzusteigen!
+ Sie verbergen in den Zweigen
+ Ihre garstigen Habichtskrallen,
+ Euch verderblich anzufallen,
+ Wenn ihr euer Ohr verleiht.
+
+ SIRENEN:
+ Weg das Hassen! weg das Neiden!
+ Sammeln wir die klarsten Freuden,
+ Unterm Himmel ausgestreut!
+ Auf dem Wasser, auf der Erde
+ Sei's die heiterste Gebärde,
+ Die man dem Willkommnen beut.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das sind die saubern Neuigkeiten,
+ Wo aus der Kehle, von den Saiten
+ Ein Ton sich um den andern flicht.
+ Das Trallern ist bei mir verloren:
+ Es krabbelt wohl mir um die Ohren,
+ Allein zum Herzen dringt es nicht.
+
+ SPINXE:
+ Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel;
+ Ein lederner verschrumpfter Beutel,
+ Das paßt dir eher zu Gesicht.
+
+ FAUST:
+ Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnüge,
+ Im Widerwärtigen große, tüchtige Züge.
+ Ich ahne schon ein günstiges Geschick;
+ Wohin versetzt mich dieser ernste Blick?
+ Vor solchen hat einst ödipus gestanden;
+ Vor solchen krümmte sich Ulyß in hänfnen Banden;
+ Von solchen ward der höchste Schatz gespart,
+ Von diesen treu und ohne Fehl bewahrt.
+ Vom frischen Geiste fühl' ich mich durchdrungen;
+ Gestalten groß, groß die Erinnerungen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Sonst hättest du dergleichen weggeflucht,
+ Doch jetzo scheint es dir zu frommen;
+ Denn wo man die Geliebte sucht,
+ Sind Ungeheuer selbst willkommen.
+
+ FAUST:
+ Ihr Frauenbilder müßt mir Rede stehn:
+ Hat eins der Euren Helena gesehn?
+
+ SPHINXE:
+ Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen,
+ Die letztesten hat Herkules erschlagen.
+ Von Chiron könntest du's erfragen;
+ Der sprengt herum in dieser Geisternacht;
+ Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht.
+
+ SIRENEN:
+ Sollte dir's doch auch nicht fehlen!...
+ Wie Ulyß bei uns verweilte,
+ Schmähend nicht vorübereilte,
+ Wußt' er vieles zu erzählen;
+ Würden alles dir vertrauen,
+ Wolltest du zu unsern Gauen
+ Dich ans grüne Meer verfügen.
+
+ SPHINX:
+ Laß dich, Elder, nicht betrügen.
+ Statt daß Ulyß sich binden ließ,
+ Laß unsern guten Rat dich binden;
+ Kannst du den hohen Chiron finden,
+ Erfährst du, was ich dir verhieß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was krächzt vorbei mit Flügelschlag?
+ So schnell, daß man's nicht sehen mag,
+ Und immer eins dem andern nach,
+ Den Jäger würden sie ermüden.
+
+ SPHINX:
+ Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar,
+ Alcides' Pfeilen kaum erreichbar;
+ Es sind die raschen Stymphaliden,
+ Und wohlgemeint ihr Krächzegruß,
+ Mit Geierschnabel und Gänsefuß.
+ Sie möchten gern in unsern Kreisen
+ Als Stammverwandte sich erweisen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Noch andres Zeug zischt zwischen drein.
+
+ SPHINX:
+ Vor diesen sei Euch ja nicht bange!
+ Es sind die Köpfe der lernäischen Schlange,
+ Vom Rumpf getrennt, und glauben was zu sein.
+ Doch sagt, was soll nur aus Euch werden?
+ Was für unruhige Gebärden?
+ Wo wollt Ihr hin? Begebt Euch fort!...
+ Ich sehe, jener Chorus dort
+ Macht Euch zum Wendehals. Bezwingt Euch nicht,
+ Geht hin! begrüßt manch reizendes Gesicht!
+ Die Lamien sind's, lustfeine Dirnen,
+ Mit Lächelmund und frechen Stirnen,
+ Wie sie dem Satyrvolk behagen;
+ Ein Bocksfuß darf dort alles wagen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ihr bleibt doch hier? daß ich euch wiederfinde.
+
+ SPHINXE:
+ Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde.
+ Wir, von ägypten her, sind längst gewohnt,
+ Daß unsereins in tausend Jahre thront.
+ Und respektiert nur unsre Lage,
+ So regeln wir die Mond- und Sonnentage.
+ Sitzen vor den Pyramiden,
+ Zu der Völker Hochgericht;
+ überschwemmung, Krieg und Frieden--
+ Und verziehen kein Gesicht.
+
+
+
+ Am untern Peneios
+
+ PENEIOS:
+ Rege dich, du Schilfgeflüster!
+ Hauche leise, Rohregeschwister,
+ Säuselt, leichte Weidensträuche,
+ Lispelt, Pappelzitterzweige,
+ Unterbrochnen Träumen zu!...
+ Weckt mich doch ein grauslich Wittern,
+ Heimlich allbewegend Zittern
+ Aus dem Wallestrom und Ruh'.
+
+ FAUST:
+ Hör' ich recht, so muß ich glauben:
+ Hinter den verschränkten Lauben
+ Dieser Zweige, dieser Stauden
+ Tönt ein menschenähnlichs Lauten.
+ Scheint die Welle doch ein Schwätzen,
+ Lüftein wie--ein Scherzergetzen.
+
+ NYMPHEN:
+ Am besten geschäh' dir,
+ Du legtest dich nieder,
+ Erholtest im Kühlen
+ Ermüdete Glieder,
+ Genössest der immer
+ Dich meidenden Ruh;
+ Wir säuseln, wir rieseln,
+ Wir flüstern dir zu.
+
+ FAUST:
+ Ich wache ja! O laßt sie walten,
+ Die unvergleichlichen Gestalten,
+ Wie sie dorthin mein Auge schickt.
+ So wunderbar bin ich durchdrungen!
+ Sind'd Träume? Sind's Erinnerungen?
+ Schon einmal warst du so beglückt.
+ Gewässer schleichen durch die Frische
+ Der dichten, sanft bewegten Büsche,
+ Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;
+ Von allen Seiten hundert Quellen
+ Vereinen sich im reinlich hellen,
+ Zum Bade flach vertieften Raum.
+ Gesunde junge Frauenglieder,
+ Vom feuchten Spiegel doppelt wieder
+ Ergetztem Auge zugebracht!
+ Gesellig dann und fröhlich badend,
+ Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;
+ Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.
+ Begnügen sollt' ich mich an diesen,
+ Mein Auge sollte hier genießen,
+ Doch immer weiter strebt mein Sinn.
+ Der Blick dringt scharf nach jener Hülle,
+ Das reiche Laub der grünen Fülle
+ Verbirgt die hohe Königin.
+ Wundersam! auch Schwäne kommen
+ Aus den Buchten hergeschwommen,
+ Majestätisch rein bewegt.
+ Ruhig schwebend, zart gesellig,
+ Aber stolz und selbstgefällig,
+ Wie sich Haupt und Schnabel regt...
+ Einer aber scheint vor allen
+ Brüstend kühn sich zu gefallen,
+ Segelnd rasch durch alle fort;
+ Sein Gefieder bläht sich schwellend,
+ Welle selbst, auf Wogen wellend,
+ Dringt er zu dem heiligen Ort....
+ Die andern schwimmen hin und wider
+ Mit ruhig glänzendem Gefieder,
+ Bald auch in regem prächtigen Streit,
+ Die scheuen Mädchen abzulenken,
+ Daß sie an ihren Dienst nicht denken,
+ Nur an die eigne Sicherheit.
+
+ NYMPHEN:
+ Leget, Schwestern, euer Ohr
+ An des Ufers grüne Stufe;
+ Hör' ich recht, so kommt mir's vor
+ Als der Schall von Pferdes Hufe.
+ Wüßt' ich nur, wer dieser Nacht
+ Schnelle Botschaft zugebracht.
+
+ FAUST:
+ Ist mir doch, als dröhnt' die Erde,
+ Schallend unter eiligem Pferde.
+ Dorthin mein Blick!
+ Ein günstiges Geschick,
+ Soll es mich schon erreichen?
+ O Wunder ohnegleichen!
+ Ein Reuter kommt herangetrabt,
+ Er scheint von Geist und Mut begabt,
+ Von blendend-weißem Pferd getragen...
+ Ich irre nicht, ich kenn' ihn schon,
+ Der Philyra berühmter Sohn!--
+ Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen...
+
+ CHIRON:
+ Was gibt's? Was ist's? +
+
+ FAUST:
+ Bezähme deinen Schritt!
+
+ CHIRON:
+ Ich raste nicht. +
+
+ FAUST:
+ So bitte! nimm mich mit!
+
+ CHIRON:
+ Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:
+ Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,
+ Ich bin bereit, dich durch den Fluß zu tragen.
+
+ FAUST:
+ Wohin du willst. Für ewig dank' ich's dir...
+ Der große Mann, der edle Pädagog,
+ Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,
+ Den schönen Kreis der edlen Argonauten
+ Und alle, die des Dichters Welt erbauten.
+
+ CHIRON:
+ Das lassen wir an seinem Ort!
+ Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;
+ Am Ende treiben sie's nach ihrer Weise fort,
+ Als wenn sie nicht erzogen wären.
+
+ FAUST:
+ Den Arzt, der jede Pflanze nennt,
+ Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,
+ Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,
+ Umarm' ich hier in Geist- und Körperkraft!
+
+ CHIRON:
+ Ward neben mir ein Held verletzt,
+ Da wußt' ich Hülf' und Rat zu schaffen;
+ Doch ließ ich meine Kunst zuletzt
+ Den Wurzelweibern und den Pfaffen.
+
+ FAUST:
+ Du bist der wahre große Mann,
+ Der Lobeswort nicht hören kann.
+ Er sucht bescheiden auszuweichen
+ Und tut, als gäb' es seinesgleichen.
+
+ CHIRON:
+ Du scheinest mir geschickt zu heucheln,
+ Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.
+
+ FAUST:
+ So wirst du mir denn doch gestehn:
+ Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,
+ Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,
+ Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt.
+ Doch unter den heroischen Gestalten
+ Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten?
+
+ CHIRON:
+ Im hehren Argonautenkreise
+ War jeder brav nach seiner eignen Weise,
+ Und nach der Kraft, die ihn beseelte,
+ Konnt' er genügen, wo's den andern fehlte.
+ Die Dioskuren haben stets gesiegt,
+ Wo Jugendfüll' und Schönheit überwiegt.
+ Entschluß und schnelle Tat zu andrer Heil,
+ Den Boreaden ward's zum schönsten Teil.
+ Nachsinnend, kräftig, klug, im Rat bequem,
+ So herrschte Jason, Frauen angenehm.
+ Dann Orpheus: zart und immer still bedächtig,
+ Schlug er die Leier allen übermächtig.
+ Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und Nacht
+ Das heil'ge Schiff durch Klipp' und Strand gebracht...
+ Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:
+ Wenn einer wirkt, die andern alle loben...
+
+ FAUST:
+ Von Herkules willst nichts erwähnen?
+
+ CHIRON:
+ O weh! errege nicht mein Sehnen...
+ Ich hatte Phöbus nie gesehn,
+ Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;
+ Da sah ich mir vor Augen stehn,
+ Was alle Menschen göttlich preisen.
+ So war er ein geborner König,
+ Als Jüngling herrlichst anzuschaun;
+ Dem ältern Bruder untertänig
+ Und auch den allerliebsten Fraun.
+ Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,
+ Nicht führt ihn Hebe himmelein;
+ Vergebens mühen sich die Lieder,
+ Vergebens quälen sie den Stein.
+
+ FAUST:
+ So sehr auch Bildner auf ihn pochen,
+ So herrlich kam er nie zur Schau.
+ Vom schönsten Mann hast du gesprochen,
+ Nun sprich auch von der schönsten Frau!
+
+ CHIRON:
+ Was!... Frauenschönheit will nichts heißen,
+ Ist gar zu oft ein starres Bild;
+ Nur solch ein Wesen kann ich preisen,
+ Das froh und lebenslustig quillt.
+ Die Schöne bleibt sich selber selig;
+ Die Anmut macht unwiderstehlich,
+ Wie Helena, da ich sie trug.
+
+ FAUST:
+ Du trugst sie? +
+
+ CHIRON:
+ Ja, auf diesem Rücken.
+
+ FAUST:
+ Bin ich nicht schon verwirrt genug?
+ Und solch ein Sitz muß mich beglücken!
+
+ CHIRON:
+ Sie faßte so mich in das Haar,
+ Wie du es tust. +
+
+ FAUST:
+ O ganz und gar
+ Verlier' ich mich! Erzähle, wie?
+ Sie ist mein einziges Begehren!
+ Woher, wohin, ach, trugst du sie?
+
+ CHIRON:
+ Die Frage läßt sich leicht gewähren.
+ Die Dioskuren hatten jener Zeit
+ Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.
+ Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,
+ Ermannten sich urd stürmten hintendrein.
+ Da hielten der Geschwister eiligen Lauf
+ Die Sümpfe bei Eleusis auf;
+ Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber;
+ Da sprang sie ab und streichelte
+ Die feuchte Mähne, schmeichelte
+ Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt.
+ Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!
+
+ FAUST:
+ Erst zehen Jahr!... +
+
+ CHIRON:
+ Ich seh', die Philologen,
+ Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.
+ Ganz eigen ist's mit mythologischer Frau,
+ Der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau:
+ Nie wird sie mündig, wird nicht alt,
+ Stets appetitlicher Gestalt,
+ Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;
+ Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.
+
+ FAUST:
+ So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!
+ Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,
+ Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:
+ Errungen Liebe gegen das Geschick!
+ Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
+ Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?
+ Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,
+ So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?
+ Du sahst sie einst; heut hab' ich sie gesehn,
+ So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.
+ Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;
+ Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.
+
+ CHIRON:
+ Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;
+ Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.
+ Nun trifft sich's hier zu deinem Glücke;
+ Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,
+ Pfleg' ich bei Manto vorzutreten,
+ Der Tochter äskulaps; im stillen Beten
+ Fleht sie zum Vater, daß, zu seiner Ehre,
+ Er endlich doch der ärzte Sinn verkläre
+ Und vom verwegnen Totschlag sie bekehre...
+ Die liebste mir aus der Sibyllengilde,
+ Nicht fratzenhaft bewegt, wohltätig milde;
+ Ihr glückt es wohl, bei einigem Verweilen,
+ Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen.
+
+ FAUST:
+ Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig;
+ Da wär' ich ja wie andre niederträchtig.
+
+ CHIRON:
+ Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!
+ Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.
+
+ FAUST:
+ Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,
+ Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?
+
+ CHIRON:
+ Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,
+ Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,
+ Das größte Reich, das sich im Sand verliert;
+ Der König flieht, der Bürger triumphiert.
+ Blick auf! hier steht, bedeutend nah,
+ Im Mondenschein der ewige Tempel da.
+
+ MANTO:
+ Von Pferdes Hufe
+ Erklingt die heilige Stufe,
+ Halbgötter treten heran.
+
+ CHIRON:
+ Ganz recht!
+ Nur die Augen aufgetan!
+
+ MANTO:
+ Willkommen! ich seh', du bleibst nicht aus.
+
+ CHIRON:
+ Steht dir doch auch dein Tempelhaus!
+
+ MANTO:
+ Streiftst du noch immer unermüdet?
+
+ CHIRON:
+ Wohnst du doch immer still umfriedet,
+ Indes zu kreisen mich erfreut.
+
+ MANTO:
+ Ich harre, mich umkreist die Zeit.
+ Und dieser? +
+
+ CHIRON:
+ Die verrufene Nacht
+ Hat strudelnd ihn hierher gebracht.
+ Helenen, mit verrückten Sinnen,
+ Helenen will er sich gewinnen
+ Und weiß nicht, wie und wo beginnen;
+ Asklepischer Kur vor andern wert.
+
+ MANTO:
+ Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.
+
+ MANTO:
+ Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!
+ Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.
+ In des Olympus hohlem Fuß
+ Lauscht sie geheim verbotnem Gruß.
+ Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;
+ Benutz es besser! frisch! beherzt!
+
+
+
+ Am obern Peneios
+
+ SIRENEN:
+ Stürzt euch in Peneios' Flut!
+ Plätschernd ziemt es da zu schwimmen,
+ Lied um Lieder anzustimmen,
+ Dem unseligen Volk zugut.
+ Ohne Wasser ist kein Heil!
+ Führen wir mit hellem Heere
+ Eilig zum ägäischen Meere,
+ Würd' uns jede Lust zuteil.
+
+ SIRENEN:
+ Schäumend kehrt die Welle wieder,
+ Fließt nicht mehr im Bett darnieder;
+ Grund erbebt, das Wasser staucht,
+ Kies und Ufer berstend raucht.
+ Flüchten wir! Kommt alle, kommt!
+ Niemand, dem das Wunder frommt.
+ Fort! ihr edlen frohen Gäste,
+ Zu dem seeisch heitern Feste,
+ Blinkend, wo die Zitterwellen,
+ Ufernetzend, leise schwellen;
+ Da, wo Luna doppelt leuchtet,
+ Uns mit heil'gem Tau befeuchtet.
+ Dort ein freibewegtes Leben,
+ Hier ein ängstlich Erdebeben;
+ Eile jeder Kluge fort!
+ Schauderhaft ist's um den Ort.
+
+ SEISMOS:
+ Einmal noch mit Kraft geschoben,
+ Mit den Schultern brav gehoben!
+ So gelangen wir nach oben,
+ Wo uns alles weichen muß.
+
+ SPHINXE:
+ Welch ein widerwärtig Zittern,
+ Häßlich grausenhaftes Wittern!
+ Welch ein Schwanken, welches Beben,
+ Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
+ Welch unleidlicher Verdruß!
+ Doch wir ändern nicht die Stelle,
+ Bräche los die ganze Hölle.
+ Nun erhebt sich ein Gewölbe
+ Wundersam. Es ist derselbe,
+ Jener Alte, längst Ergraute,
+ Der die Insel Delos baute,
+ Einer Kreißenden zulieb'
+ Aus der Wog' empor sie trieb.
+ Er, mit Streben, Drängen, Drücken,
+ Arme straff, gekrümmt den Rücken,
+ Wie ein Atlas an Gebärde,
+ Hebt er Boden, Rasen, Erde,
+ Kies und Grieß und Sand und Letten,
+ Unsres Ufers stille Betten.
+ So zerreißt er eine Strecke
+ Quer des Tales ruhige Decke.
+ Angestrengtest, nimmer müde,
+ Kolossale Karyatide,
+ Trägt ein furchtbar Steingerüste,
+ Noch im Boden bis zur Büste;
+ Weiter aber soll's nicht kommen,
+ Sphinxe haben Platz genommen.
+
+ SEISMOS:
+ Das hab' ich ganz allein vermittelt,
+ Man wird mir's endlich zugestehn;
+ Und hätt' ich nicht geschüttelt und gerüttelt,
+ Wie wäre diese Welt so schön?--
+ Wie ständen eure Berge droben
+ In prächtig-reinem ätherblau,
+ Hätt' ich sie nicht hervorgeschoben
+ Zu malerisch-entzückter Schau?
+ Als, angesichts der höchsten Ahnen,
+ Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug
+ Und, in Gesellschaft von Titanen,
+ Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug,
+ Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,
+ Bis überdrüssig noch zuletzt
+ Wir dem Parnaß, als eine Doppelmütze,
+ Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt...
+ Apollen hält ein froh Verweilen
+ Dort nun mit seliger Musen Chor.
+ Selbst Jupitern und seinen Donnerkeilen
+ Hob ich den Sessel hoch empor.
+ Jetzt so, mit ungeheurem Streben,
+ Drang aus dem Abgrund ich herauf
+ Und fordre laut, zu neuem Leben,
+ Mir fröhliche Bewohner auf.
+
+ SPHINXE:
+ Uralt, müßte man gestehen,
+ Sei das hier Emporgebürgte,
+ Hätten wir nicht selbst gesehen,
+ Wie sich's aus dem Boden würgte.
+ Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,
+ Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran;
+ Ein Sphinx wird sich daran nicht kehren:
+ Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören.
+
+ GREIFE:
+ Gold in Blättchen, Gold in Flittern
+ Durch die Ritzen seh ich zittern.
+ Laßt euch solchen Schatz nicht rauben,
+ Imsen, auf! es auszuklauben.
+
+ CHOR DER AMEISEN:
+ Wie ihn die Riesigen
+ Emporgehoben,
+ Ihr Zappelfüßigen,
+ Geschwind nach oben!
+ Behendest aus und ein!
+ In solchen Ritzen
+ Ist jedes Bröselein
+ Wert zu besitzen.
+ Das Allermindeste
+ Müßt ihr entdecken
+ Auf das geschwindeste
+ In allen Ecken.
+ Allemsig müßt ihr sein,
+ Ihr Wimmelscharen;
+ Nur mit dem Gold herein!
+ Den Berg laßt fahren.
+
+ GREIFE:
+ Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!
+ Wir legen unsre Klauen drauf;
+ Sind Riegel von der besten Art,
+ Der größte Schatz ist wohlverwahrt.
+
+ PYGMÄEN:
+ Haben wirklich Platz genommen,
+ Wissen nicht, wie es geschah.
+ Fraget nicht, woher wir kommen,
+ Denn wir sind nun einmal da!
+ Zu des Lebens lustigem Sitze
+ Eignet sich ein jedes Land;
+ Zeigt sich eine Felsenritze,
+ Ist auch schon der Zwerg zur Hand.
+ Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße,
+ Musterhaft ein jedes Paar;
+ Weiß nicht, ob es gleicher Weise
+ Schon im Paradiese war.
+ Doch wir finden's hier zum besten,
+ Segnen dankbar unsern Stern;
+ Denn im Osten wie im Westen
+ Zeugt die Mutter Erde gern.
+
+ DAKTYLE:
+ Hat sie in einer Nacht
+ Die Kleinen hervorgebracht,
+ Sie wird die Kleinsten erzeugen;
+ Finden auch ihresgleichen.
+
+ PYGMÄEN-ÄLTESTE:
+ Eilet, bequemen
+ Sitz einzunehmen!
+ Eilig zum Werke!
+ Schnelle für Stärke!
+ Noch ist es Friede;
+ Baut euch die Schmiede,
+ Harnisch und Waffen
+ Dem Heer zu schaffen.
+ Ihr Imsen alle,
+ Rührige im Schwalle,
+ Schafft uns Metalle!
+ Und ihr Daktyle,
+ Kleinste, so viele,
+ Euch sei befohlen,
+ Hölzer zu holen!
+ Schlichtet zusammen
+ Heimliche Flammen,
+ Schaffet uns Kohlen.
+
+ GENERALISSIMUS:
+ Mit Pfeil und Bogen
+ Frisch ausgezogen!
+ An jenem Weiher
+ Schießt mir die Reiher,
+ Unzählig nistende,
+ Hochmütig brüstende,
+ Auf einen Ruck,
+ Alle wie einen!
+ Daß wir erscheinen
+ Mit Helm und Schmuck.
+
+ IMSEN UND DAKTYLE:
+ Wer wird uns retten!
+ Wir schaffen 's Eisen,
+ Sie schmieden Ketten.
+ Uns loszureißen,
+ Ist noch nicht zeitig,
+ Drum seid geschmeidig.
+
+ DIE KRANICHE DES IBYKUS:
+ Mordgeschrei und Sterbeklagen!
+ ängstlich Flügelflatterschlagen!
+ Welch ein ächzen, welch Gestöhn
+ Dringt herauf zu unsern Höhn!
+ Alle sind sie schon ertötet,
+ See von ihrem Blut gerötet,
+ Mißgestaltete Begierde
+ Raubt des Reihers edle Zierde.
+ Weht sie doch schon auf dem Helme
+ Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
+ Ihr Genossen unsres Heeres,
+ Reihenwanderer des Meeres,
+ Euch berufen wir zur Rache
+ In so nahverwandter Sache.
+ Keiner spare Kraft und Blut!
+ Ewige Feindschaft dieser Brut!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die nordischen Hexen wußt' ich wohl zu meistern,
+ Mir wird's nicht just mit diesen fremden Geistern.
+ Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,
+ Wo man auch sei, man findet sich zumal.
+ Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein,
+ Auf seiner Höh' wird Heinrich munter sein,
+ Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,
+ Doch alles ist für tausend Jahr getan.
+ Wer weiß denn hier nur, wo er geht und steht,
+ Ob unter ihm sich nicht der Boden bläht?...
+ Ich wandle lustig durch ein glattes Tal,
+ Und hinter mir erhebt sich auf einmal
+ Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,
+ Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen
+ Schon hoch genug--hier zuckt noch manches Feuer
+ Das Tal hinab und flammt ums Abenteuer...
+ Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,
+ Spitzbübisch gaukelnd, der galante Chor.
+ Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,
+ Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen.
+
+ LAMIEN:
+ Geschwind, geschwinder!
+ Und immer weiter!
+ Dann wieder zaudernd,
+ Geschwätzig plaudernd.
+ Es ist so heiter,
+ Den alten Sünder
+ Uns nachzuziehen,
+ Zu schwerer Buße.
+ Mit starrem Fuße
+ Kommt er geholpert,
+ Einhergestolpert;
+ Er schleppt das Bein,
+ Wie wir ihn fliehen,
+ Uns hinterdrein!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!
+ Von Adam her verführte Hansen!
+ Alt wird man wohl, wer aber klug?
+ Warst du nicht schon vernarrt genug!
+ Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,
+ Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts.
+ Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,
+ Wo man sie anfaßt, morsch in allen Gliedern.
+ Man weiß, man sieht's, man kann es greifen,
+ Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!
+
+ LAMIEN:
+ Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;
+ Entgegnet ihm, daß er euch nicht entgeht!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nur zu! und laß dich ins Gewebe
+ Der Zweifelei nicht törig ein;
+ Denn wenn es keine Hexen gäbe,
+ Wer Teufel möchte Teufel sein!
+
+ LAMIEN:
+ Kreisen wir um diesen Helden!
+ Liebe wird in seinem Herzen
+ Sich gewiß für eine melden.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Zwar bei ungewissem Schimmer
+ Scheint ihr hübsche Frauenzimmer,
+ Und so möcht' ich euch nicht schelten.
+
+ EMPUSE:
+ Auch nicht mich! als eine solche
+ Laßt mich ein in eure Folge.
+
+ LAMIEN:
+ Die ist in unserm Kreis zuviel,
+ Verdirbt doch immer unser Spiel.
+
+ EMPUSE:
+ Begrüßt von Mühmichen Empuse,
+ Der Trauten mit dem Eselsfuße!
+ Du hast nur einen Pferdefuß,
+ Und doch, Herr Vetter, schönsten Gruß!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier dacht' ich lauter Unbekannte
+ Und finde leider Nahverwandte;
+ Es ist ein altes Buch zu blättern:
+ Vom Harz bis Hellas immer Vettern!
+
+ EMPUSE:
+ Entschieden weiß ich gleich zu handeln,
+ In vieles könnt' ich mich verwandeln;
+ Doch Euch zu Ehren hab' ich jetzt
+ Das Eselsköpfchen aufgesetzt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich merk', es hat bei diesen Leuten
+ Verwandtschaft Großes zu bedeuten;
+ Doch mag sich, was auch will, eräugnen,
+ Den Eselskopf möcht' ich verleugnen.
+
+ LAMIEN:
+ Daß diese Garstige, sie verscheucht,
+ Was irgend schön und lieblich deucht;
+ Was irgend schön und lieblich wär'--
+ Sie kommt heran, es ist nicht mehr!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auch diese Mühmchen zart und schmächtig,
+ Sie sind mir allesamt verdächtig;
+ Und hinter solcher Wänglein Rosen
+ Fürcht' ich doch auch Metamorphosen.
+
+ LAMIEN:
+ Versuch es doch! sind unsrer viele.
+ Greif zu! Und hast du Glück im Spiele,
+ Erhasche dir das beste Los.
+ Was soll das lüsterne Geleier?
+ Du bist ein miserabler Freier,
+ Stolzierst einher und tust so groß!--
+ Nun mischt er sich in unsre Scharen;
+ Laßt nach und nach die Masken fahren
+ Und gebt ihm euer Wesen bloß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Schönste hab' ich mir erlesen...
+ O weh mir! welch ein dürrer Besen!
+ Und diese?... Schmähliches Gesicht!
+
+ LAMIEN:
+ Verdienst du's besser? dünkt es nicht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Kleine möcht' ich mir verpfänden...
+ Lacerte schlüpft mir aus den Händen!
+ Und schlangenhaft der glatte Zopf.
+ Dagegen fass' ich mir die Lange...
+ Da pack' ich eine Thyrsusstange,
+ Den Pinienapfel als den Kopf!
+ Wo will's hinaus?... Noch eine Dicke,
+ An der ich mich vielleicht erquicke;
+ Zum letztenmal gewagt! Es sei!
+ Recht quammig, quappig, das bezahlen
+ Mit hohem Preis Orientalen...
+ Doch ach! der Bovist platzt entzwei!
+
+ LAMIEN:
+ Fahrt auseinander, schwankt und schwebet
+ Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet
+ Den eingedrungnen Hexensohn!
+ Unsichre, schauderhafte Kreise!
+ Schweigsamen Fittichs, Fledermäuse!
+ Zu wohlfeil kommt er doch davon.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;
+ Absurd ist's hier, absurd im Norden,
+ Gespenster hier wie dort vertrackt,
+ Volk und Poeten abgeschmackt.
+ Ist eben hier eine Mummenschanz
+ Wie überall, ein Sinnentanz.
+ Ich griff nach holden Maskenzügen
+ Und faßte Wesen, daß mich's schauerte...
+ Ich möchte gerne mich betrügen,
+ Wenn es nur länger dauerte.
+ Wo bin ich denn? Wo will's hinaus?
+ Das war ein Pfad, nun ist's ein Graus.
+ Ich kam daher auf glatten Wegen,
+ Und jetzt steht mir Geröll entgegen.
+ Vergebens klettr' ich auf und nieder,
+ Wo find' ich meine Sphinxe wieder?
+ So toll hätt' ich mir's nicht gedacht,
+ Ein solch Gebirge in einer Nacht!
+ Das heiß' ich frischen Hexenritt,
+ Die bringen ihren Blocksberg mit.
+
+ OREAS:
+ Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
+ Steht in ursprünglicher Gestalt.
+ Verehre schroffe Felsensteige,
+ Des Pindus letztgedehnte Zweige!
+ Schon stand ich unerschüttert so,
+ Als über mich Pompejus floh.
+ Daneben das Gebild des Wahns
+ Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.
+ Dergleichen Märchen seh' ich oft entstehn
+ Und plötzlich wieder untergehn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt,
+ Von hoher Eichenkraft umlaubt!
+ Der allerklarste Mondenschein
+ Dringt nicht zur Finsternis herein.--
+ Doch neben am Gebüsche zieht
+ Ein Licht, das gar bescheiden glüht.
+ Wie sich das alles fügen muß!
+ Fürwahr, es ist Homunculus!
+ Woher des Wegs, du Kleingeselle?
+
+ HOMUNCULUS:
+ Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
+ Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
+ Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;
+ Allein, was ich bisher gesehn,
+ Hinein da möcht' ich mich nicht wagen.
+ Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
+ Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
+ Ich horchte zu, es hieß: Natur, Natur!
+ Von diesen will ich mich nicht trennen,
+ Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;
+ Und ich erfahre wohl am Ende,
+ Wohin ich mich am allerklügsten wende.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das tu auf deine eigne Hand.
+ Denn wo Gespenster Platz genommen,
+ Ist auch der Philosoph willkommen.
+ Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,
+ Erschafft er gleich ein Dutzend neue.
+ Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.
+ Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!
+
+ HOMUNCULUS:
+ Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So fahre hin! Wir wollen's weiter sehn.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;
+ Bedarf es Weitres, dich zu überzeugen?
+
+ THALES:
+ Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
+ Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.
+
+ THALES:
+ Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Laßt mich an eurer Seite gehn.
+ Mir selbst gelüstet's, zu entstehn!
+
+ ANAXAGORAS:
+ Hast du, o Thales, je in einer Nacht
+ Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?
+
+ THALES:
+ Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
+ Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
+ Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
+ Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Hier aber war's! Plutonisch grimmig Feuer,
+ äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,
+ Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,
+ Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.
+
+ THALES:
+ Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?
+ Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.
+ Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
+ Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,
+ Die Felsenspalten zu bewohnen;
+ Pygmäen, Imsen, Däumerlinge
+ Und andre tätig kleine Dinge.
+ Nie hast du Großem nachgestrebt,
+ Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;
+ Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,
+ So laß ich dich als König krönen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Was sagt mein Thales? +
+
+ THALES:
+ Will's nicht raten;
+ Mit Kleinen tut man kleine Taten,
+ Mit Großen wird der Kleine groß.
+ Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!
+ Sie droht dem aufgeregten Volke
+ Und würde so dem König drohn.
+ Mit scharfen Schnäbeln, krallen Beinen,
+ Sie stechen nieder auf die Kleinen;
+ Verhängnis wetterleuchtet schon.
+ Ein Frevel tötete die Reiher,
+ Umstellend ruhigen Friedensweiher.
+ Doch jener Mordgeschosse Regen
+ Schafft grausam-blut'gen Rachesegen,
+ Erregt der Nahverwandten Wut
+ Nach der Pygmäen frevlem Blut.
+ Was nützt nun Schild und Helm und Speer?
+ Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?
+ Wie sich Daktyl und Imse bergen!
+ Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer.
+
+ ANAXAGORAS:
+ Konnt' ich bisher die Unterirdischen loben,
+ So wend' ich mich in diesem Fall nach oben...
+ Du! droben ewig Unveraltete,
+ Dreinamig-Dreigestaltete,
+ Dich ruf' ich an bei meines Volkes Weh,
+ Diana, Luna, Hekate!
+ Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,
+ Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,
+ Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
+ Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
+ Bin ich zu schnell erhört?
+ Hat mein Flehn
+ Nach jenen Höhn
+ Die Ordnung der Natur gestört?
+ Und größer, immer größer nahet schon
+ Der Göttin rundumschriebner Thron,
+ Dem Auge furchtbar, ungeheuer!
+ Ins Düstre rötet sich sein Feuer...
+ Nicht näher, drohend-mächtige Runde!
+ Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!
+ So wär' es wahr, daß dich thessalische Frauen
+ In frevlend magischem Vertrauen
+ Von deinem Pfad herabgesungen,
+ Verderblichstes dir abgerungen?...
+ Das lichte Schild hat sich umdunkelt,
+ Auf einmal reißt's und blitzt und funkelt!
+ Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!
+ Ein Donnern, Windgetüm dazwischen!--
+ Demütig zu des Thrones Stufen!--
+ Verzeiht! Ich hab' es hergerufen.
+
+ THALES:
+ Was dieser Mann nicht alles hört' und sah!
+ Ich weiß nicht recht, wie uns geschah,
+ Auch hab' ich's nicht mit ihm empfunden.
+ Gestehen wir, es sind verrückte Stunden,
+ Und Luna wiegt sich ganz bequem
+ An ihrem Platz, so wie vordem.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Schaut hin nach der Pygmäen Sitz!
+ Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.
+ Ich spürt' ein ungeheures Prallen,
+ Der Fels war aus dem Mond gefallen;
+ Gleich hat er, ohne nachzufragen,
+ So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.
+ Doch muß ich solche Künste loben,
+ Die schöpferisch, in einer Nacht,
+ Zugleich von unten und von oben,
+ Dies Berggebäu zustand gebracht.
+
+ THALES:
+ Sei ruhig! Es war nur gedacht.
+ Sie fahre hin, die garstige Brut!
+ Daß du nicht König warst, ist gut.
+ Nun fort zum heitern Meeresfeste,
+ Dort hofft und ehrt man Wundergäste.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da muß ich mich durch steile Felsentreppen,
+ Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!
+ Auf meinem Harz der harzige Dunst
+ Hat was vom Pech, und das hat meine Gunst,
+ Zunächst dem Schwefel... Hier, bei diesen Griechen
+ Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;
+ Neugierig aber wär' ich, nachzuspüren,
+ Womit sie Höllenqual und--flamme schüren.
+
+ DRYAS:
+ In deinem Lande sei einheimisch klug,
+ Im fremden bist du nicht gewandt genug.
+ Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
+ Der heiligen Eichen Würde hier verehren.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man denkt an das, was man verließ;
+ Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.
+ Doch sagt: was in der Höhle dort,
+ Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?
+
+ DRYAS:
+ Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort
+ Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune!
+ So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn:
+ Dergleichen hab' ich nie gesehn,
+ Die sind ja schlimmer als Alraune...
+ Wird man die urverworfnen Sünden
+ Im mindesten noch häßlich finden,
+ Wenn man dies Dreigetüm erblickt?
+ Wir litten sie nicht auf den Schwellen
+ Der grauenvollsten unsrer Höllen.
+ Hier wurzelt's in der Schönheit Land,
+ Das wird mit Ruhm antik genannt...
+ Sie regen sich, sie scheinen mich zu spüren,
+ Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampyren.
+
+ PHORKYAS:
+ Gebt mir das Auge, Schwestern, daß es frage,
+ Wer sich so nah an unsre Tempel wage.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen
+ Und euren Segen dreifach zu empfahen.
+ Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,
+ Doch, irr' ich nicht, weitläufiger Verwandter.
+ Altwürdige Götter hab' ich schon erblickt,
+ Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebückt;
+ Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,
+ Ich sah sie gestern--oder ehegestern;
+ Doch euresgleichen hab' ich nie erblickt.
+ Ich schweige nun und fühle mich entzückt.
+
+ PHORKYADEN:
+ Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nur wundert's mich, daß euch kein Dichter preist.
+ Und sagt: wie kam's, wie konnte das geschehn?
+ Im Bilde hab' ich nie euch Würdigste gesehn;
+ Versuch's der Meißel doch, euch zu erreichen,
+ Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.
+
+ PHORKYADEN:
+ Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,
+ Hat unser Drei noch nie daran gedacht!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie sollt' es auch? da ihr, der Welt entrückt,
+ Hier niemand seht und niemand euch erblickt.
+ Da müßtet ihr an solchen Orten wohnen,
+ Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,
+ Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,
+ Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.
+ Wo-- +
+
+ PHORKYADEN:
+ Schweige still und gib uns kein Gelüsten!
+ Was hülf' es uns, und wenn wir's besser wüßten?
+ In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,
+ Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,
+ Man kann sich selbst auch andern übertragen.
+ Euch dreien gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn;
+ Da ging' es wohl auch mythologisch an,
+ In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,
+ Der Dritten Bildnis mir zu überlassen,
+ Auf kurze Zeit. +
+
+ EINE:
+ Wie dünkt's euch? ging' es an?
+
+ DIE ANDERN:
+ Versuchen wir's!--doch ohne Aug' und Zahn.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;
+ Wie würde da das strengste Bild vollkommen!
+
+ EINE:
+ Drück du ein Auge zu, 's ist leicht geschehn,
+ Laß alsofort den einen Raffzahn sehn,
+ Und im Profil wirst du sogleich erreichen,
+ Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Viel Ehr'! Es sei! +
+
+ PHORKYADEN:
+ Es sei! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da steh' ich schon,
+ Des Chaos vielgeliebter Sohn!
+
+ PHORKYADEN:
+ Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.
+
+ PHORKYADEN:
+ Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!
+ Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Vor aller Augen muß ich mich verstecken,
+ Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken.
+
+
+
+ Felsbuchten des ägäischen Meers
+
+ SIRENEN:
+ Haben sonst bei nächtigem Grauen
+ Dich thessalische Zauberfrauen
+ Frevelhaft herabgezogen,
+ Blicke ruhig von dem Bogen
+ Deiner Nacht auf Zitterwogen
+ Mildeblitzend Glanzgewimmel
+ Und erleuchte das Getümmel,
+ Das sich aus den Wogen hebt!
+ Dir zu jedem Dienst erbötig,
+ Schöne Luna, sei uns gnädig!
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Tönet laut in schärfern Tönen,
+ Die das breite Meer durchdröhnen,
+ Volk der Tiefe ruft fortan!
+ Vor des Sturmes grausen Schlünden
+ Wichen wir zu stillsten Gründen,
+ Holder Sang zieht uns heran.
+ Seht, wie wir im Hochentzücken
+ Uns mit goldenen Ketten schmücken,
+ Auch zu Kron' und Edelsteinen
+ Spang- und Gürtelschmuck vereinen!
+ Alles das ist eure Frucht.
+ Schätze, scheiternd hier verschlungen,
+ Habt ihr uns herangesungen,
+ Ihr Dämonen unsrer Bucht.
+
+ SIRENEN:
+ Wissen's wohl, in Meeresfrische
+ Glatt behagen sich die Fische,
+ Schwanken Lebens ohne Leid;
+ Doch, ihr festlich regen Scharen,
+ Heute möchten wir erfahren,
+ Daß ihr mehr als Fische seid.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Ehe wir hieher gekommen,
+ Haben wir's zu Sinn genommen;
+ Schwestern, Bur*der, jetzt geschwind!
+ Heut bedarf's der kleinsten Reise
+ Zum vollgültigsten Beweise,
+ Daß wir mehr als Fische sind.
+
+ SIRENEN:
+ Fort sind sie im Nu!
+ Nach Samothrace grade zu,
+ Verschwunden mit günstigem Wind.
+ Was denken sie zu vollführen
+ Im Reiche der hohen Kabiren?
+ Sind Götter! Wundersam eigen,
+ Die sich immerfort selbst erzeugen
+ Und niemals wissen, was sie sind.
+ Bleibe auf deinen Höhn,
+ Holde Luna, gnädig stehn,
+ Daß es nächtig verbleibe,
+ Uns der Tag nicht vertreibe!
+
+ THALES:
+ Ich führte dich zum alten Nereus gern;
+ Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,
+ Doch hat er einen harten Kopf,
+ Der widerwärtige Sauertopf.
+ Das ganze menschliche Geschlecht
+ Macht's ihm, dem Griesgram, nimmer recht.
+ Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,
+ Dafür hat jedermann Respekt
+ Und ehret ihn auf seinem Posten;
+ Auch hat er manchem wohlgetan.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Probieren wir's und klopfen an!
+ Nicht gleich wird's Glas und Flamme kosten.
+
+ NEREUS:
+ Sind's Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?
+ Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!
+ Gebilde, strebsam, Götter zu erreichen,
+ Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
+ Seit alten Jahren konnt' ich göttlich ruhn,
+ Doch trieb mich's an, den Besten wohlzutun;
+ Und schaut' ich dann zuletzt vollbrachte Taten,
+ So war es ganz, als hätt' ich nicht geraten.
+
+ THALES:
+ Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir;
+ Du bist der Weise, treib uns nicht von hier!
+ Schau diese Flamme, menschenähnlich zwar,
+ Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.
+
+ NEREUS:
+ Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?
+ Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.
+ So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,
+ Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.
+ Wie hab' ich Paris väterlich gewarnt,
+ Eh sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt.
+ Am griechischen Ufer stand er kühnlich da,
+ Ihm kündet' ich, was ich im Geiste sah:
+ Die Lüfte qualmend, überströmend Rot,
+ Gebälke glühend, unten Mord und Tod:
+ Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,
+ Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.
+ Des Alten Wort, dem Frechen schien's ein Spiel,
+ Er folgte seiner Lust, und Ilios fiel--
+ Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,
+ Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.
+ Ulyssen auch! sagt' ich ihm nicht voraus
+ Der Circe Listen, des Zyklopen Graus?
+ Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,
+ Und was nicht alles! Bracht' ihm das Gewinn?
+ Bis vielgeschaukelt ihn, doch spät genug,
+ Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.
+
+ THALES:
+ Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;
+ Der gute doch versucht es noch einmal.
+ Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,
+ Die Zentner Undanks völlig überwiegen.
+ Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:
+ Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn.
+
+ NEREUS:
+ Verderbt mir nicht den seltensten Humor!
+ Ganz andres steht mir heute noch bevor:
+ Die Töchter hab' ich alle herbeschieden,
+ Die Grazien des Meeres, die Doriden.
+ Nicht der Olymp, nicht euer Boden trägt
+ Ein schön Gebild, das sich so zierlich regt.
+ Sie werfen sich, anmutigster Gebärde,
+ Vom Wasserdrachen auf Neptunus' Pferde,
+ Dem Element aufs zarteste vereint,
+ Daß selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.
+ Im Farbenspiel von Venus' Muschelwagen
+ Kommt Galatee, die Schönste, nun getragen,
+ Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,
+ In Paphos wird als Göttin selbst verehrt.
+ Und so besitzt die Holde lange schon,
+ Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.
+ Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde
+ Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.
+ Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:
+ Wie man entstehn und sich verwandlen kann.
+
+ THALES:
+ Wir haben nichts durch siesen Schritt gewonnen,
+ Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;
+ Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,
+ Was staunen macht und in Verwirrung setzt.
+ Du bist einmal bedürftig solchen Rats,
+ Versuchen wir's und wandlen unsres Pfads!
+
+ SIRENEN:
+ Was sehen wir von weiten
+ Das Wellenreich durchgleiten?
+ Als wie nach Windes Regel
+ Anzögen weiße Segel,
+ So hell sind sie zu schauen,
+ Verklärte Meeresfrauen.
+ Laßt uns herunterklimmen,
+ Vernehmt ihr doch die Stimmen.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Was wir auf Händen tragen,
+ Soll allen euch behagen.
+ Chelonens Riesenschilde
+ Entglänzt ein streng Gebilde:
+ Sind Götter, die wir bringen;
+ Müßt hohe Lieder singen.
+
+ SIRENEN:
+ Klein von Gestalt,
+ Groß von Gewalt,
+ Der Scheiternden Retter,
+ Uralt verehrte Götter.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Wir bringen die Kabiren,
+ Ein friedlich Fest zu führen;
+ Denn wo sie heilig walten,
+ Neptun wird freundlich schalten.
+
+ SIRENEN:
+ Wir stehen euch nach;
+ Wenn ein Schiff zerbrach,
+ Unwiderstehbar an Kraft
+ Schützt ihr die Mannschaft.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Drei haben wir mitgenommen,
+ Der vierte wollte nicht kommen;
+ Er sagte, er sei der Rechte,
+ Der für sie alle dächte.
+
+ SIRENEN:
+ Ein Gott den andern Gott
+ Macht wohl zu Spott.
+ Ehrt ihr alle Gnaden,
+ Fürchtet jeden Schaden.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Sind eigentlich ihrer sieben.
+
+ SIRENEN:
+ Wo sind die drei geblieben?
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Wir wüßten's nicht zu sagen,
+ Sind im Olymp zu erfragen;
+ Dort west auch wohl der achte,
+ An den noch niemand dachte!
+ In Gnaden uns gewärtig,
+ Doch alle noch nicht fertig.
+ Diese Unvergleichlichen
+ Wollen immer weiter,
+ Sehnsuchtsvolle Hungerleider
+ Nach dem Unerreichlichen.
+
+ SIRENEN:
+ Wir sind gewohnt,
+ Wo es auch thront,
+ In Sonn' und Mond
+ Hinzubeten; es lohnt.
+
+ NEREIDEN UND TRITONEN:
+ Wie unser Ruhm zum höchsten prangt,
+ Dieses Fest anzuführen!
+
+ SIRENEN:
+ Die Helden des Altertums
+ Ermangeln des Ruhms,
+ Wo und wie er auch prangt,
+ Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+ Ihr die Kabiren.
+ Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+ Wir die Kabiren. +
+ Ihr
+
+ HOMUNCULUS:
+ Die Ungestalten seh' ich an
+ Als irden-schlechte Töpfe,
+ Nun stoßen sich die Weisen dran
+ Und brechen harte Köpfe.
+
+ THALES:
+ Das ist es ja, was man begehrt:
+ Der rost macht erst die Münze wert.
+
+ PROTEUS:
+ So etwas freut mich alten Fabler!
+ Je wunderlicher, desto respektabler.
+
+ THALES:
+ Wo bist du, Proteus? +
+
+ PROTEUS:
+ Hier! und hier!
+
+ THALES:
+ Den alten Scherz verzeih' ich dir;
+ Doch einem Freund nicht eitle Worte!
+ Ich weiß, du sprichst vom falschen Orte.
+
+ PROTEUS:
+ Leb' wohl! +
+
+ THALES:
+ Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!
+ Er ist neugierig wie ein Fisch;
+ Und wo er auch gestaltet stockt,
+ Durch Flammen wird er hergelockt.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Ergieß'ich gleich des Lichtes Menge,
+ Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.
+
+ PROTEUS:
+ Was leuchtet so anmutig schön?
+
+ THALES:
+ Gut! Wenn du Lust hast, kannst du's näher sehn.
+ Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen
+ Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen.
+ Mit unsern Gunsten sei's, mit unserm Willen,
+ Wer schauen will, was wir verhüllen.
+
+ PROTEUS:
+ Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.
+
+ THALES:
+ Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.
+
+ PROTEUS:
+ Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!
+
+ THALES:
+ Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
+ Er ist, wie ich von ihm vernommen,
+ Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
+ Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
+ Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
+ Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
+ Doch wär' er gern zunächst verkörperlicht.
+
+ PROTEUS:
+ Du bist ein wahrer Jungfernsohn,
+ Eh' du sein solltest, bist du schon!
+
+ THALES:
+ Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:
+ Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.
+
+ PROTEUS:
+ Da muß es desto eher glücken;
+ So wie er anlangt, wird sich's schicken.
+ Doch gilt es hier nicht viel Besinnen:
+ Im weiten Meere mußt du anbeginnen!
+ Da fängt man erst im kleinen an
+ Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
+ Man wächst so nach und nach heran
+ Und bildet sich zu höherem Vollbringen.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Hier weht gar eine weiche Luft,
+ Es grunelt so, und mir behagt der Duft!
+
+ PROTEUS:
+ Das glaub' ich, allerliebster Junge!
+ Und weiter hin wird's viel behäglicher,
+ Auf dieser schmalen Strandeszunge
+ Der Dunstkreis noch unsäglicher;
+ Da vorne sehen wir den Zug,
+ Der eben herschwebt, nah genug.
+ Kommt mit dahin! +
+
+ THALES:
+ Ich gehe mit.
+
+ HOMUNCULUS:
+ Dreifach merkwürd'ger Geisterschritt!
+
+ CHOR:
+ Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet,
+ Womit er die regesten Wellen begütet.
+ Entfaltet der Donnrer die Wolken, die vollen,
+ Entgegnet Neptunus dem greulichen Rollen;
+ Und wie auch von oben es zackig erblitzt,
+ Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;
+ Und was auch dazwischen in ängsten gerungen,
+ Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;
+ Weshalb er uns heute den Zepter gereicht--
+ Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht.
+
+ SIRENEN:
+ Euch, dem Helios Geweihten,
+ Heitern Tags Gebenedeiten,
+ Gruß zur Stunde, die bewegt
+ Lunas Hochverehrung regt!
+
+ TELCHINEN:
+ Allieblichste Göttin am Bogen da droben!
+ Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben.
+ Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,
+ Dort steigt ihm ein ewiger Päan hervor.
+ Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,
+ Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.
+ Die Berge, die Städte, die Ufer, die Welle
+ Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.
+ Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,
+ Ein Strahl und ein Lüftchen, die Insel ist rein!
+ Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,
+ Als Jüngling, als Riesen, den großen, den milden.
+ Wir ersten, wir waren's, die Göttergewalt
+ Aufstellten in würdiger Menschengestalt.
+
+ PROTEUS:
+ Laß du sie singen, laß sie prahlen!
+ Der Sonne heiligen Lebestrahlen
+ Sind tote Werke nur ein Spaß.
+ Das bildet, schmelzend, unverdrossen;
+ Und haben sie's in Erz gegossen,
+ Dann denken sie, es wäre was.
+ Was ist's zuletzt mit diesen Stolzen?
+ Die Götterbilder standen groß--
+ Zerstörte sie ein Erdestoß;
+ Längst sind sie wieder eingeschmolzen.
+ Das Erdetreiben, wie's auch sei,
+ Ist immer doch nur Plackerei;
+ Dem Leben frommt die Welle besser;
+ Dich trägt ins ewige Gewässer
+
+ PROTEUS-DELPHIN:
+ Schon ist's getan!
+ Da soll es dir zum schönsten glücken:
+ Ich nehme dich auf meinen Rücken,
+ Vermähle dich dem Ozean.
+
+ THALES:
+ Gib nach dem löblichen Verlangen,
+ Von vorn die Schöpfung anzufangen!
+ Zu raschem Wirken sei bereit!
+ Da regst du dich nach ewigen Normen,
+ Durch tausend, abertausend Formen,
+ Und bis zum Menschen hast du Zeit.
+
+ PROTEUS:
+ Komm geistig mit in feuchte Weite,
+ Da lebst du gleich in Läng' und Breite,
+ Beliebig regest du dich hier;
+ Nur strebe nicht nach höheren Orden:
+ Denn bist du erst ein Mensch geworden,
+ Dann ist es völlig aus mit dir.
+
+ THALES:
+ Nachdem es kommt; 's ist auch wohl fein,
+ Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.
+
+ PROTEUS:
+ So einer wohl von deinem Schlag!
+ Das hält noch eine Weile nach;
+ Denn unter bleichen Geisterscharen
+ Seh' ich dich schon seit vielen hundret Jahern.
+
+ SIRENEN:
+ Welch ein Ring von Wölkchen ründet
+ Um den Mond so reichen Kreis?
+ Tauben sind es, liebentzündet,
+ Fittiche, wie Licht so weiß.
+ Paphos hat sie hergesendet,
+ Ihre brünstige Vogelschar;
+ Unser Fest, es ist vollendet,
+ Heitre Wonne voll und klar!
+
+ NEREUS:
+ Nennte wohl ein nächtiger Wanderer
+ Diesen Mondhof Lufterscheinung;
+ Doch wir Geister sind ganz anderer
+ Und der einzig richtigen Meinung:
+ Tauben sind es, die begleiten
+ Meiner Tochter Muschelfahrt,
+ Wunderflugs besondrer Art,
+ Angelernt vor alten Zeiten.
+
+ THALES:
+ Auch ich halte das fürs Beste,
+ Was dem wackern Mann gefällt,
+ Wenn im stillen, warmen Neste
+ Sich ein Heiliges lebend hält.
+
+ PSYLLEN UND MARSEN:
+ In Cyperns rauhen Höhlegrüften,
+ Vom Meergott nicht verschüttet,
+ Vom Seismos nicht zerrüttet,
+ Umweht von ewigen Lüften,
+ Und, wie in den ältesten Tagen,
+ In stillbewußtem Behagen
+ Bewahren wir Cypriens Wagen
+ Und führen, beim Säuseln der Nächte,
+ Durch liebliches Wellengeflechte,
+ Unsichtbar dem neuen Geschlechte,
+ Die lieblichste Tochter heran.
+ Wir leise Geschäftigen scheuen
+ Weder Adler noch geflügelten Leuen,
+ Weder Kreuz noch Mond,
+ Wie es oben wohnt und thront,
+ Sich wechselnd wegt und regt,
+ Sich vertreibt und totschlägt,
+ Saaten und Städte niederlegt.
+ Wir, so fortan,
+ Bringen die lieblichste Herrin heran.
+
+ SIRENEN:
+ Leicht bewegt, in mäßiger Eile,
+ Um den Wagen, Kreis um Kreis,
+ Bald verschlungen Zeil' an Zeile,
+ Schlangenartig reihenweis,
+ Naht euch, rüstige Nereiden,
+ Derbe Fraun, gefällig wild,
+ Bringet, zärtliche Doriden,
+ Galateen, der Mutter Bild:
+ Ernst, den Göttern gleich zu schauen,
+ Würdiger Unsterblichkeit,
+ Doch wie holde Menschenfrauen
+ Lockender Anmutigkeit.
+
+ DORIDEN:
+ Leih uns, Luna, Licht und Schatten,
+ Klarheit diesem Jugendflor!
+ Denn wir zeigen liebe Gatten
+ Unserm Vater bittend vor.
+ Knaben sind's, die wir gerettet
+ Aus der Brandung grimmem Zahn,
+ Sie, auf Schilf und Moos gebettet,
+ Aufgewärmt zum Licht heran,
+ Die es nun mit heißen Küssen
+ Treulich uns verdanken müssen;
+ Schau die Holden günstig an!
+
+ NEREUS:
+ Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen:
+ Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.
+
+ DORIDEN:
+ Lobst du, Vater, unser Walten,
+ Gönnst uns wohlerworbene Lust,
+ Laß uns fest, unsterblich halten
+ Sie an ewiger Jungendbrust.
+
+ NEREUS:
+ Mögt euch des schönen Fanges freuen,
+ Den Jüngling bildet euch als Mann;
+ Allein ich könnte nicht verleihen,
+ Was Zeus allein gewähren kann.
+ Die Welle, die euch wogt und schaukelt,
+ Läßt auch der Liebe nicht Bestand,
+ Und hat die Neigung ausgegaukelt,
+ So setzt gemächlich sie ans Land.
+
+ DORIDEN:
+ Ihr, holde Knaben, seid uns wert,
+ Doch müssen wir traurig scheiden;
+ Wir haben ewige Treue begehrt,
+ Die Götter wollen's nicht leiden.
+
+ DIE JÜNGLINGE:
+ Wenn ihr uns nur so ferner labt,
+ Uns wackre Schifferknaben;
+ Wir haben's nie so gut gehabt
+ Und wollen's nicht besser haben.
+
+ NEREUS:
+ Du bist es, mein Liebchen! +
+
+ GALATEE:
+ O Vater! das Glück!
+ Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.
+
+ NEREUS:
+ Vorüber schon, sie ziehen vorüber
+ In kreisenden Schwunges Bewegung;
+ Was kümmert sie die innre herzliche Regung!
+ Ach, nähmen sie mich mit hinüber!
+ Doch ein einziger Blick ergetzt,
+ Daß er das ganze Jahr ersetzt,
+
+ THALES:
+ Heil! Heil! aufs neue!
+ Wie ich mich blühend freue,
+ Vom Schönen, Wahren durchdrungen...
+ Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
+ Alles wird durch das Wasser erhalten!
+ Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.
+ Wenn du nicht Wolken sendetest,
+ Nicht reiche Bäche spendetest,
+ Hin und her nicht Flüsse wendetest,
+ Die Ströme nicht vollendetest,
+ Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
+ Du bist's der das frischeste Leben erhält.
+
+ ECHO:
+ Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.
+
+ NEREUS:
+ Sie kehren schwankend fern zurück,
+ Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
+ In gedehnten Kettenkreisen,
+ Sich festgemäß zu erweisen,
+ Windet sich die unzählige Schar.
+ Aber Galateas Muschelthron
+ Seh' ich schon und aber schon.
+ Er glänzt wie ein stern
+ Durch die Menge.
+ Geliebtes leuchtet durchs Gedränge!
+ Auch noch so fern
+ Schimmert's hell und klar,
+ Immer nah und wahr.
+
+ HOMUNCULUS:
+ In dieser holden Feuchte
+ Was ich auch hier beleuchte,
+ Ist alles reizend schön.
+
+ PROTEUS:
+ In dieser Lebensfeuchte
+ Erglänzt erst deine Leuchte
+ Mit herrlichem Getön.
+
+ NEREUS:
+ Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
+ Will unseren Augen sich offengebaren?
+ Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
+ Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
+ Als wär' es von Pulsen der Liebe gerührt.
+
+ THALES:
+ Homunculus ist es, von Proteus verführt...
+ Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
+ Mir ahnet das ächzen beängsteten Dröhnens;
+ Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
+ Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.
+
+ SIRENEN:
+ Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
+ Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
+ So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
+ Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
+ Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
+ So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
+ Heil dem Meere! Heil den Wogen,
+ Von dem heilgen Feuer umzogen!
+ Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
+ Heil dem seltnen Abenteuer!
+
+ ALL-ALLE:
+ Heil den mildgewogenen Lüften!
+ Heil geheimnisreichen Grüften!
+ Hochgefeiert seid allhier,
+ Element' ihr alle vier!
+
+
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+ 3. Akt--Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
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+ HELENA:
+ Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
+ Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind,
+ Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
+ Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her
+ Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst
+ Und Euros' Kraft, in vaterländische Buchten trug.
+ Dort unten freuet nun der König Menelas
+ Der Rückkehr samt den tapfersten seiner Krieger sich.
+ Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
+ Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange sich
+ Von Pallas' Hügel wiederkehrend aufgebaut
+ Und, als ich hier mit Klytämnestren schwesterlich,
+ Mit Kastor auch und Pollux fröhlich spielend wuchs,
+ Vor allen Häusern Spartas herrlich ausgeschmückt.
+ Gegrüßet seid mir, der ehrnen Pforte Flügel ihr!
+ Durch euer gastlich ladendes Weit-Eröffnen einst
+ Geschah's, daß mir, erwählt aus vielen, Menelas
+ In Bräutigamsgestalt entgegenleuchtete.
+ Eröffnet mir sie wieder, daß ich ein Eilgebot
+ Des Königs treu erfülle, wie der Gattin ziemt.
+ Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir,
+ Was mich umstrürmte bis hieher, verhängnisvoll.
+ Denn seit ich diese Schwelle sorgenlos verließ,
+ Cytherens Tempel besuchend, heiliger Pflicht gemäß,
+ Mich aber dort ein Räuber griff, der phrygische,
+ Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breit
+ So gern erzählen, aber der nicht gerne hört,
+ Von dem die Sage wachsend sich zum Märchen spann.
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+ CHOR:
+ Verschmähe nicht, o herrliche Frau,
+ Des höchsten Gutes Ehrenbesitz!
+ Denn das größte Glück ist dir einzig beschert,
+ Der Schönheit Ruhm, der vor allen sich hebt.
+ Dem Helden tönt sein Name voran,
+ Drum schreitet er stolz;
+ Doch beugt sogleich hartnäckigster Mann
+ Vor der allbezwingenden Schöne den Sinn.
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+ HELENA:
+ Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft
+ Und nun von ihm zu seiner Stadt voraugesandt;
+ Doch welchen Sinn er hegen mag, errat' ich nicht.
+ Komm' ich als Gattin? komm' ich eine Königin?
+ Komm' ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz
+ Und für der Griechen lang' erduldetes Mißgeschick?
+ Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht!
+ Denn Ruf und Schicksal bestimmten füwahr die Unsterblichen
+ Zweideutig mir, der Schöngestalt bedenkliche
+ Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar
+ Mit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn.
+ Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl
+ Nur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.
+ Als wenn er Unheil sänne, saß er gegen mir.
+ Nun aber, als des Eurotas tiefem Buchtgestad
+ Hinangefahren der vordern Schiffe Schnäbel kaum
+ Das Land begrüßten, sprach er, wie vom Gott bewegt:
+ "Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus,
+ Ich mustere sie, am Strand des Meeres hingereiht;
+ Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen
+ Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf,
+ Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,
+ Bis daß zur schönen Ebene du gelangen magst,
+ Wo Lakedämon, einst ein fruchtbar weites Feld,
+ Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.
+ Betrete dann das hochgetürmte Fürstenhaus
+ Und mustere mir die Mägde, die ich dort zurück
+ Gelassen, samt der klugen alten Schaffnerin.
+ Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,
+ Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbst
+ In Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehäuft.
+ Du findest alles nach der Ordnung stehen; denn
+ Das ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treu
+ In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch
+ An seinem Platze jedes, wie er's dort verließ.
+ Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt."
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+ CHOR:
+ Erquicke nun am herrlichen Schatz,
+ Dem stets vermehrten, Augen und Brust!
+ Denn der Kette Zier, der Krone Geschmuck,
+ Da ruhn sie stolz, und sie dünken sich was;
+ Doch tritt nur ein und fordre sie auf,
+ Sie rüsten sich schnell.
+ Mich freuet, zu sehn Schönheit in dem Kampf
+ Gegen Gold und Perlen und Edelgestein.
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+ HELENA:
+ Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:
+ "Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,
+ Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst,
+ Und mancherlei Gefäße, die der Opfer sich
+ Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch.
+ Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund;
+ Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei
+ In hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz,
+ Der Flammen schnell empfänglich, halte da bereit;
+ Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;
+ Doch alles andre geb' ich deiner Sorge hin."
+ So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts
+ Lebendigen Atems zeichnet mir der Ordnende,
+ Das er, die Olympier zu verehren, schlachten will.
+ Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,
+ Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,
+ Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,
+ Es möge gut von Menschen oder möge bös
+ Geachtet sein; die Sterblichen, wir ertragen das.
+ Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
+ Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf
+ Und konnt' es nicht vollbringen, denn ihn hinderte
+ Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.
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+ CHOR:
+ Was geschehen werde, sinnst du nicht aus;
+ Königin, schreite dahin
+ Guten Muts!
+ Gutes und Böses kommt
+ Unerwartet dem Menschen;
+ Auch verkündet, glauben wir's nicht.
+ Brannte doch Troja, sahen wir doch
+ Tod vor Augen, schmählichen Tod;
+ Und sind wir nicht hier
+ Dir gesellt, dienstbar freudig,
+ Schauen des Himmels blendende Sonne
+ Und das Schönste der Erde
+ Huldvoll, dich, uns Glücklichen?
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+ HELENA:
+ Sei's wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt,
+ Hinaufzusteigen ungesäumt in das Königshaus,
+ Das, lang' entbehrt und viel ersehnt und fast verscherzt,
+ Mir abermals vor Augen steht, ich weiß nicht wie.
+ Die Füße tragen mich so mutig nicht empor
+ Die hohen Stufen, die ich kindisch übersprang.
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+ CHOR:
+ Werfet, o Schwestern, ihr
+ Traurig gefangenen,
+ Alle Schmerzen ins Weite;
+ Teilet der Herrin Glück,
+ Teilet Helenens Glück,
+ Welche zu Vaterhauses Herd,
+ Zwar mit spät zurückkehrendem,
+ Aber mit desto festerem
+ Fuße freudig herannaht.
+ Preiset die heiligen,
+ Glücklich herstellenden
+ Und heimführenden Götter!
+ Schwebt der Entbundene
+ Doch wie auf Fittichen
+ über das Rauhste, wenn umsonst
+ Der Gefangene sehnsuchtsvoll
+ über die Zinne des Kerkers hin
+ Armausbreitend sich abhärmt.
+ Aber sie ergriff ein Gott,
+ Die Entfernte;
+ Und aus Ilios' Schutt
+ Trug er hierher sie zurück
+ In das alte, das neugeschmückte
+ Vaterhaus,
+ Nach unsäglichen
+ Freuden und Qualen,
+ Früher Jugendzeit
+ Angefrischt zu gedenken.
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+ PANTHALIS:
+ Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad
+ Und wendet nach der Türe Flügeln euren Blick!
+ Was seh' ich, Schwestern? Kehret nicht die Königin
+ Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?
+ Was ist es, große Königin, was konnte dir
+ In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruß,
+ Erschütterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;
+ Denn Widerwillen seh' ich an der Stirne dir,
+ Ein edles Zürnen, das mit überraschung kämpft.
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+ HELENA:
+ Der Tochter Zeus' geziemet nicht gemeine Furcht,
+ Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht;
+ Doch das Entsetzen, das, dem Schoß der alten Nacht
+ Von Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch
+ Wie glühende Wolken aus des Berges Feuerschlund
+ Herauf sich wälzt, erschüttert auch des Helden Brust.
+ So haben heute grauenvoll die Stygischen
+ Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, daß ich gern
+ Von oft betretner, langersehnter Schwelle mich,
+ Entlaßnem Gaste gleich, entfernend scheiden mag.
+ Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und sollt
+ Ihr weiter nicht mich treiben, Mächte, wer ihr seid.
+ Auf Weihe will ich sinnen, dann gereinigt mag
+ Des Herdes Glut die Frau begrüßen wie den Herrn.
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+ CHORFÜHRERIN:
+ Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,
+ Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist.
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+ HELENA:
+ Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,
+ Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich
+ Zurückgeschlungen in ihrer Tiefe Wunderschoß.
+ Doch daß ihr's wisset, sag' ich's euch mit Worten an:
+ Als ich des Königshauses ernsten Binnenraum,
+ Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
+ Erstaunt' ich ob der öden Gänge Schweigsamkeit,
+ Nicht Schall der emsig Wandelnden begegnete
+ Dem Ohr, nicht raschgeschäftiges Eiligtun dem Blick,
+ Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin,
+ Die jeden Fremden freundlich sonst begrüßenden.
+ Als aber ich dem Schoße des Herdes mich genaht,
+ Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,
+ Am Boden sitzen welch verhülltes großes Weib,
+ Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden.
+ Mit Herrscherworten ruf' ich sie zur Arbeit auf,
+ Die Schaffnerin mir vermutend, die indes vielleicht
+ Des Gatten Vorsicht hinterlassend angestellt;
+ Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche;
+ Nur endlich rührt sie auf mein Dräun den rechten Arm,
+ Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.
+ Ich wende zürnend mich ab von ihr und eile gleich
+ Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos
+ Geschmückt sich hebt und nah daran das Schatzgemach;
+ Allein das Wunder reißt sich schnell vom Boden auf,
+ Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich
+ In hagrer Größe, hohlen, blutig-trüben Blicks,
+ Seltsamer Bildung, wie sie Aug' und Geist verwirrt.
+ Doch red' ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht
+ Sich nur umsonst, Gestalten schöpferisch aufzubaun.
+ Da seht sie selbst! sie wagt sogar sich ans Licht hervor!
+ Hier sind wir Meister, bis der Herr und König kommt.
+ Die grausen Nachtgeburten drängt der Schönheitsfreund
+ Phöbus hinweg in Höhlen, oder bändigt sie.
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+ CHOR:
+ Vieles erlebt' ich, obgleich die Locke
+ Jugendlich wallet mir um die Schläfe!
+ Schreckliches hab' ich vieles gesehen,
+ Kriegrischen Jammer, Ilios' Nacht,
+ Als es fiel.
+ Durch das umwölkte, staubende Tosen
+ Drängender Krieger hört' ich die Götter
+ Fürchterlich rufen, hört' ich der Zwietracht
+ Eherne Stimme schallen durchs Feld,
+ Mauerwärts.
+ Ach! sie standen noch, Ilios'
+ Mauern, aber die Flammenglut
+ Zog vom Nachbar zum Nachbar schon,
+ Sich verbreitend von hier und dort
+ Mit des eignen Sturmes Wehn
+ über die nächtliche Stadt hin.
+ Flüchtend sah ich durch Rauch und Glut
+ Und der züngelnden Flamme Loh'n
+ Gräßlich zürnender Götter Nahn,
+ Schreitend Wundergestalten
+ Riesengroß, durch düsteren
+ Feuerumleuchteten Qualm hin.
+ Sah ich's, oder bildete
+ Mir der angstumschlungene Geist
+ Solches Verworrene? sagen kann
+ Nimmer ich's, doch daß ich dies
+ Gräßliche hier mit Augen schau',
+ Solches gewiß ja weiß ich;
+ Könnt' es mit Händen fassen gar,
+ Hielte von dem Gefährlichen
+ Nicht zurücke die Furcht mich.
+ Welche von Phorkys'
+ Töchtern nur bist du?
+ Denn ich vergleiche dich
+ Diesem Geschlechte.
+ Bist du vielleicht der graugebornen,
+ Eines Auges und eines Zahns
+ Wechselsweis teilhaftigen
+ Graien eine gekommen?
+ Wagest du Scheusal
+ Neben der Schönheit
+ Dich vor dem Kennerblick
+ Phöbus' zu zeigen?
+ Tritt du dennoch hervor nur immer;
+ Denn das Häßliche schaut er nicht,
+ Wie sein heilig Auge noch
+ Nie erblickte den Schatten.
+ Doch uns Sterbliche nötigt, ach,
+ Leider trauriges Mißgeschick
+ Zu dem unsäglichen Augenschmerz,
+ Den das Verwerfliche, Ewig-Unselige
+ Schönheitliebenden rege macht.
+ Ja, so höre denn, wenn du frech
+ Uns entgegenest, höre Fluch,
+ Höre jeglicher Schelte Drohn
+ Aus dem verwünschenden Munde der Glücklichen,
+ Die von Göttern gebildet sind.
+
+ PHORKYAS:
+ Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn,
+ Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand,
+ Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad.
+ Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß,
+ Daß, wo sie immer irgend auch des Weges sich
+ Begegnen, jede der Gernerin den Rücken kehrt.
+ Dann eilet jede wieder heftiger, weiter fort,
+ Die Scham betrübt, die Schönheit aber frech gesinnt,
+ Bis sie zuletzt des Orkus hohle Nacht umfängt,
+ Wenn nicht das Alter sie vorher gebändigt hat.
+ Euch find' ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her
+ Mit übermut ergossen, gleich der Kraniche
+ Laut-heiser klingendem Zug, der über unser Haupt,
+ In langer Wolke, krächzend sein Getön herab
+ Schickt, das den stillen Wandrer über sich hinauf
+ Zu blicken lockt; doch ziehn sie ihren Weg dahin,
+ Er geht den seinen; also wird's mit uns geschehn.
+ Wer seid denn ihr, daß ihr des Königes Hochpalast
+ Mänadisch wild, Betrunknen gleich, umtoben dürft?
+ Wer seid ihr denn, daß ihr des Hauses Schaffnerin
+ Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar?
+ Wähnt ihr, verborgen sei mir, welch Geschlecht ihr seid,
+ Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut?
+ Mannlustige du, so wie verführt verführende,
+ Entnervend beide, Kriegers auch und Bürgers Kraft!
+ Zu Hauf euch sehend, scheint mir ein Zikadenschwarm
+ Herabzustürzen, deckend grüne Feldersaat.
+ Verzehrerinnen fremden Fleißes! Naschende
+ Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands ihr!
+ Erobert', marktverkauft', vertauschte Ware du!
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+ HELENA:
+ Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen schilt,
+ Der Gebietrin Hausrecht tastet er vermessen an;
+ Denn ihr gebührt allein, das Lobenswürdige
+ Zu rühmen, wie zu strafen, was verwerflich ist.
+ Auch bin des Dienstes ich wohl zufrieden, den sie mir
+ Geleistet, als die hohe Kraft von Ilios
+ Umlagert stand und fiel und lag; nicht weniger,
+ Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechselnot
+ Ertrugen, wo sonst jeder sich der Nächste bleibt.
+ Auch hier erwart' ich Gleiches von der muntern Schar;
+ Nicht, was der Knecht sei, fragt der Herr, nur, wie er dient.
+ Drum schweige du und grinse sie nicht länger an.
+ Hast du das Haus des Königs wohl verwahrt bisher
+ Anstatt der Hausfrau, solches dient zum Ruhme dir;
+ Doch jetzo kommt sie selber, tritt nun du zurück,
+ Damit nicht Strafe werde statt verdienten Lohns.
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+ PHORKYAS:
+ Den Hausgenossen drohen bleibt ein großes Recht,
+ Das gottbeglückten Herrschers hohe Gattin sich
+ Durch langer Jahre weise Leitung wohl verdient.
+ Da du, nun Anerkannte, neu den alten Platz
+ Der Königin und Hausfrau wiederum betrittst,
+ So fasse längst erschlaffte Zügel, herrsche nun,
+ Nimm in Besitz den Schatz und sämtlich uns dazu.
+ Vor allem aber schütze mich, die ältere,
+ Vor dieser Schar, die neben deiner Schönheit Schwan
+ Nur schlecht befitticht', schnatterhafte Gänse sind.
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+ CHORFÜHRERIN:
+ Wie häßlich neben Schönheit zeigt sich Häßlichkeit.
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+ PHORKYAS:
+ Wie unverständig neben Klugheit Unverstand.
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+ CHORETIDE 1:
+ Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht.
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+ PHORKYAS:
+ So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind.
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+ CHORETIDE 2:
+ An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor.
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+ PHORKYAS:
+ Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf.
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+ CHORETIDE 3:
+ Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung.
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+ PHORKYAS:
+ Tiresias, den Alten, gehe buhlend an.
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+ CHORETIDE 4:
+ Orions Amme war dir Ur-Urenkelin.
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+ PHORKYAS:
+ Harpyen, wähn' ich, fütterten dich im Unflat auf.
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+ CHORETIDE 5:
+ Mit was ernährst du so gepflegte Magerkeit?
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+ PHORKYAS:
+ Mit Blute nicht, wonach du allzulüstern bist.
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+ CHORETIDE 6:
+ Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!
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+ PHORKYAS:
+ Vampyren-Zähne glänzen dir im frechen Maul.
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+ CHORFÜHRERIN:
+ Das deine stopf' ich, wenn ich sage, wer du seist.
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+ PHORKYAS:
+ So nenne dich zuerst; das Rätsel hebt sich auf.
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+ HELENA:
+ Nicht zürnend, aber traurend schreit' ich zwischen euch,
+ Verbietend solchen Wechselstreites Ungestüm!
+ Denn Schädlicheres begegnet nichts dem Herrscherherrn
+ Als treuer Diener heimlich unterschworner Zwist.
+ Das Echo seiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr
+ In schnell vollbrachter Tat wohlstimmig ihm zurück,
+ Nein, eigenwillig brausend tost es um ihn her,
+ Den selbstverirrten, ins Vergebne scheltenden.
+ Dies nicht allein. Ihr habt in sittelosem Zorn
+ Unsel'ger Bilder Schreckgestalten hergebannt,
+ Die mich umdrängen, daß ich selbst zum Orkus mich
+ Gerissen fühle, vaterländ'scher Flur zum Trutz.
+ Ist's wohl Gedächtnis? war es Wahn, der mich ergreift?
+ War ich das alles? Bin ich's? Werd' ich's künftig sein,
+ Das Traum- und Schreckbild jener Städteverwüstenden?
+ Die Mädchen schaudern, aber du, die älteste,
+ Du stehst gelassen; rede mir verständig Wort.
+
+ PHORKYAS:
+ Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt,
+ Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst ein Traum.
+ Du aber, hochbegünstigt sonder Maß und Ziel,
+ In Lebensreihe sahst nur Liebesbrünstige,
+ Entzündet rasch zum kühnsten Wagstück jeder Art.
+ Schon Theseus haschte früh dich, gierig aufgeregt,
+ Wie Herakles stark, ein herrlich schön geformter Mann.
+
+ HELENA:
+ Entführte mich, ein zehenjährig schlankes Reh,
+ Und mich umschloß Aphidnus' Burg in Attika.
+
+ PHORKYAS:
+ Durch Kastor und durch Pollux aber bald befreit,
+ Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.
+
+ HELENA:
+ Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh',
+ Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.
+
+ PHORKYAS:
+ Doch Vaterwille traute dich an Menelas,
+ Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.
+
+ HELENA:
+ Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm.
+ Aus ehlichem Beisein sproßte dann Hermione.
+
+ PHORKYAS:
+ Doch als er fern sich Kretas Erbe kühn erstritt,
+ Dir Einsamen da erschien ein allzuschöner Gast.
+
+ HELENA:
+ Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft,
+ Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs?
+
+ PHORKYAS:
+ Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin
+ Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.
+
+ HELENA:
+ Als Schaffnerin bestellt' er dich sogleich hieher,
+ Vertrauend vieles, Burg und kühn erworbnen Schatz.
+
+ PHORKYAS:
+ Die du verließest, Ilios' umtürmter Stadt
+ Und unerschöpften Liebesfreuden zugewandt.
+
+ HELENA:
+ Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leids
+ Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.
+
+ PHORKYAS:
+ Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild,
+ In Ilios gesehen und in ägypten auch.
+
+ HELENA:
+ Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar.
+ Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht.
+
+ PHORKYAS:
+ Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf
+ Gesellte sich inbrünstig noch Achill zu dir!
+ Dich früher liebend gegen allen Geschicks Beschluß.
+
+ HELENA:
+ Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich.
+ Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst.
+ Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.
+
+ CHOR:
+ Schweige, schweige!
+ Mißblickende, Mißredende du!
+ Aus so gräßlichen einzahnigen
+ Lippen, was enthaucht wohl
+ Solchem furchtbaren Greuelschlund!
+ Denn der Bösartige, wohltätig erscheinend,
+ Wolfesgrimm unter schafwolligem Vlies,
+ Mir ist er weit schrecklicher als des drei-+
+ köpfigen/ Hundes Rachen.
+ ängstlich lauschend stehn wir da:
+ Wann? wie? wo nur bricht's hervor,
+ Solcher Tücke
+ Tiefauflauerndes Ungetüm?
+ Nun denn, statt freundlich mit Trost reich begabten,
+ Letheschenkenden, holdmildesten Worts
+ Regest du auf aller Vergangenheit
+ Bösestes mehr denn Gutes
+ Und verdüsterst allzugleich
+ Mit dem Glanz der Gegenwart
+ Auch der Zukunft
+ Mild aufschimmerndes Hoffnungslicht.
+ Schweige, schweige!
+ Daß der Königin Seele,
+ Schon zu entfliehen bereit,
+ Sich noch halte, festhalte
+ Die Gestalt aller Gestalten,
+ Welche die Sonne jemals beschien.
+
+ PHORKYAS:
+ Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags,
+ Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze herrscht.
+ Wie die Welt sich dir entfaltet, schaust du selbst mit holdem Blick.
+ Schelten sie mich auch für häßlich, kenn' ich doch das Schöne wohl.
+
+ HELENA:
+ Tret' ich schwankend aus der öde, die im Schwindel mich umgab,
+ Pflegt' ich gern der Ruhe wieder, denn so müd' ist mein Gebein:
+ Doch es ziemet Königinnen, allen Menschen ziemt es wohl,
+ Sich zu fassen, zu ermannen, was auch drohend überrascht.
+
+ PHORKYAS:
+ Stehst du nun in deiner Großheit, deiner Schöne vor uns da,
+ Sagt dein Blick, daß du befiehlest; was befiehlst du? sprich es aus.
+
+ HELENA:
+ Eures Haders frech Versäumnis auszugleichen, seid bereit;
+ Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der König mir gebot.
+
+ PHORKYAS:
+ Alles ist bereit im Hause, Schale, Dreifuß, scharfes Beil,
+ Zum Besprengen, zum Beräuchern; das zu Opfernde zeig' an!
+
+ HELENA:
+ Nicht bezeichnet' es der König. +
+
+ PHORKYAS:
+ Sprach's nicht aus? O Jammerwort!
+
+ HELENA:
+ Welch ein Jammer überfällt dich? +
+
+ PHORKYAS:
+ Königin, du bist gemeint!
+
+ HELENA:
+ Ich? +
+
+ PHORKYAS:
+ Und diese. +
+
+ CHOR:
+ Weh und Jammer! +
+
+ PHORKYAS:
+ Fallen wirst du durch das Beil.
+
+ HELENA:
+ Gräßlich doch geahnt; ich Arme! +
+
+ PHORKYAS:
+ Unvermeidlich scheint es mir.
+
+ CHOR:
+ Ach! Und uns? + was wird begegnen?
+
+ PHORKYAS:
+ Sie stirbt einen edlen Tod;
+ Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel trägt,
+ Wie im Vogelfang die Drosseln, zappelt ihr der Reihe nach.
+
+ PHORKYAS:
+ Gespenster!--Gleich erstarrten Bildern steht ihr da,
+ Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehört.
+ Die Menschen, die Gespenster sämtlich gleich wie ihr,
+ Entsagen auch nicht willig hehrem Sonnenschein;
+ Doch bittet oder rettet niemand sie vom Schluß;
+ Sie wissen's alle, wenigen doch gefällt es nur.
+ Genug, ihr seid verloren! Also frisch ans Werk.
+ Herbei, du düstres, kugelrundes Ungetüm!
+ Wälzt euch hieher, zu schaden gibt es hier nach Lust.
+ Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz,
+ Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand,
+ Die Wasserkrüge füllet, abzuwaschen gibt's
+ Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung.
+ Den Teppich breitet köstlich hier am Staube hin,
+ Damit das Opfer niederkniee königlich
+ Und eingewickelt, zwar getrennten Haupts sogleich,
+ Anständig würdig aber doch bestattet sei.
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Die Königin stehet sinnend an der Seite hier,
+ Die Mädchen welken gleich gemähtem Wiesengras;
+ Mir aber deucht, der ältesten, heiliger Pflicht gemäß,
+ Mit dir das Wort zu wechseln, Ur-Urälteste.
+ Du bist erfahren, weise, scheinst uns gut gesinnt,
+ Obschon verkennend hirnlos diese Schar dich traf.
+ Drum sage, was du möglich noch von Rettung weißt.
+
+ PHORKYAS:
+ Ist leicht gesagt: von der Königin hängt allein es ab,
+ Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr.
+ Entschlossenheit ist nötig und die behendeste.
+
+ CHOR:
+ Ehrenwürdigste der Parzen, weiseste Sibylle du,
+ Halte gesperrt die goldene Schere, dann verkünd' uns Tag und Heil;
+ Denn wir fühlen schon im Schweben, Schwanken, Bammeln unergetzlich
+ Unsere Gliederchen, die lieber erst im Tanze sich ergetzten,
+ Ruhten drauf an Liebchens Brust.
+
+ HELENA:
+ Laß diese bangen! Schmerz empfind' ich, keine Furcht;
+ Doch kennst du Rettung, dankbar sei sie anerkannt.
+ Dem Klungen, Weitumsichtigen zeigt fürwahr sich oft
+ Unmögliches noch als möglich. Sprich und sag' es an.
+
+ CHOR:
+ Sprich und sage, sag uns eilig: wie entrinnen wir den grausen,
+ Garstigen Schlingen, die bedrohlich, als die schlechtesten Geschmeide,
+ Sich um unsre Hälse ziehen? Vorempfinden wir's, die Armen,
+ Zum Entatmen, zum Ersticken, wenn du, Rhea, aller Götter
+ Hohe Mutter, dich nicht erbarmst.
+
+ PHORKYAS:
+ Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug
+ Still anzuhören? Mancherlei Geschichten sind's.
+
+ CHOR:
+ Geduld genug! Zuhörend leben wir indes.
+
+ PHORKYAS:
+ Dem, der zu Hause verharrend edlen Schatz bewahrt
+ Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiß,
+ Wie auch das Dach zu sichern vor des Regens Drang,
+ Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch;
+ Wer aber seiner Schwelle heilige Richte leicht
+ Mit flüchtigen Sohlen überschreitet freventlich,
+ Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz,
+ Doch umgeändert alles, wo nicht gar zerstört.
+
+ HELENA:
+ Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier?
+ Du willst erzählen; rege nicht an Verdrießliches.
+
+ PHORKYAS:
+ Geschichtlich ist es, ist ein Vorwurf keineswegs.
+ Raubschiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht,
+ Gestad' und Inseln, alles streift' er feindlich an,
+ Mit Beute wiederkehrend, wie sie drinnen starrt.
+ Vor Ilios verbracht' er langer Jahre zehn;
+ Zur Heimfahrt aber weiß ich nicht wie viel es war.
+ Allein wie steht es hier am Platz um Tyndareos'
+ Erhabnes Haus? wie stehet es mit dem Reich umher?
+
+ HELENA:
+ Ist dir denn so das Schelten gänzlich einverleibt,
+ Daß ohne Tadeln du keine Lippe regen kannst?
+
+ PHORKYAS:
+ So viele Jahre stand verlassen das Talgebrig,
+ Das hinter Sparta nordwärts in die Höhe steigt,
+ Taygetos im Rücken, wo als muntrer Bach
+ Herab Eurotas rollt und dann, durch unser Tal
+ An Rohren breit hinfließend, eure sChwäne nährt.
+ Dort hinten still im Gebirgtal hat ein kühn Geschlecht
+ Sich angesiedelt, dringend aus cimmerischer Nacht,
+ Und unersteiglich feste Burg sich aufgetürmt,
+ Von da sie Land und Leute placken, wie's behagt.
+
+ HELENA:
+ Das konnten sie vollführen? Ganz unmöglich scheint's.
+
+ PHORKYAS:
+ Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre sind's.
+
+ HELENA:
+ Ist einer Herr? sind's Räuber viel, verbündete?
+
+ PHORKYAS:
+ Nicht Räuber sind es, einer aber ist der Herr.
+ Ich schelt' ihn nicht, und wenn er schon mich heimgesucht.
+ Wohl konnt' er alles nehmen, doch begnügt' er sich
+ Mit wenigen Freigeschenken, nannt' er's, nicht Tribut.
+
+ HELENA:
+ Wie sieht er aus? +
+
+ PHORKYAS:
+ Nicht übel! mir gefällt er schon.
+ Es ist ein munterer, kecker, wohlgebildeter,
+ Wie unter Griechen wenig', ein verständ'ger Mann.
+ Man schilt das Volk Barbaren, doch ich dächte nicht,
+ Daß grausam einer wäre, wie vor Ilios
+ Gar mancher Held sich menschenfresserisch erwies.
+ Ich acht' auf seine Großheit, ihm vertraut' ich mich.
+ Und seine Burg! die solltet ihr mit Augen sehn!
+ Das ist was anderes gegen plumpes Mauerwerk,
+ Das eure Väter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt,
+ Zyklopisch wie Zyklopen, rohen Stein sogleich
+ Auf rohe Steine stürzend; dort hingegen, dort
+ Ist alles senk- und waagerecht und regelhaft.
+ Von außen schaut sie! himmelan sie strebt empor,
+ So starr, so wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl.
+ Zu klettern hier--ja selbst der Gedanke gleitet ab.
+ Und innen großer Höfe Raumgelasse, rings
+ Mit Baulichkeit umgeben, aller Art und Zweck.
+ Da seht ihr Säulen, Säulchen, Bogen, Bögelchen,
+ Altane, Galerien, zu schauen aus und ein,
+ Und Wappen. +
+
+ CHOR:
+ Was sind Wappen? +
+
+ PHORKYAS:
+ Ajax führte ja
+ Geschlungene Schlang' im Schilde, wie ihr selbst gesehn.
+ Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerein
+ Ein jeder auf seinem Schilde, reich bedeutungsvoll.
+ Da sah man Mond und Stern' am nächtigen Himmelsraum,
+ Auch Göttin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch,
+ Und was Bedrängliches guten Städten grimmig droht.
+ Ein solch Gebilde führt auch unsre Heldenschar
+ Von seinen Ur-Urahnen her in Farbenglanz.
+ Da seht ihr Löwen, Adler, Klau' und Schnabel auch,
+ Dann Büffelhörner, Flügel, Rosen, Pfauenschweif,
+ Auch Streifen, gold und schwarz und silbern, blau und rot.
+ Dergleichen hängt in Sälen Reih' an Reihe fort.
+ In Sälen, grenzenlosen, wie die Welt so weit;
+ Da könnt ihr tanzen! +
+
+ CHOR:
+ Sage, gibt's auch Tänzer da?
+
+ PHORKYAS:
+ Die besten! goldgelockte, frische Bubenschar.
+ Die duften Jugend! Paris duftete einzig so,
+ Als er der Königin zu nahe kam. +
+
+ HELENA:
+ Du fällst
+ Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!
+
+ PHORKYAS:
+ Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja!
+ Sogleich umgeb' ich dich mit jener Burg. +
+
+ CHOR:
+ O sprich
+ Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!
+
+ HELENA:
+ Wie? sollt' ich fürchten, daß der König Menelas
+ So grausam sich verginge, mich zu schädigen?
+
+ PHORKYAS:
+ Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,
+ Des totgekämpften = paris Bruder, unerhört
+ Verstümmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt
+ Und glücklich kebste? Nas' und Ohren schnitt er ab
+ Und stümmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun.
+
+ HELENA:
+ Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.
+
+ PHORKYAS:
+ Um jenes willen wird er dir das gleiche tun.
+ Unteilbar ist die Schönheit; der sie ganz besaß,
+ Zerstört sie lieber, fluchend jedem Teilbesitz.
+ Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid'
+ Zerreißend anfaßt, also krallt sich Eifersucht
+ Im Busen fest des Mannes, der das nie vergißt,
+ Was einst er besaß und nun verlor, nicht mehr besitzt.
+
+ CHOR:
+ Hörst du nicht die Hörner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?
+
+ PHORKYAS:
+ Sei willkommen, Herr und König, gerne geb' ich Rechenschaft.
+
+ CHOR:
+ Aber wir? +
+
+ PHORKYAS:
+ Ihr wißt es deutlich, seht vor Augen ihren Tod,
+ Merkt den eurigen da drinne: nein, zu helfen ist euch nicht.
+
+ HELENA:
+ Ich sann mir aus das Nächste, was ich wagen darf.
+ Ein Widerdämon bist du, das empfind' ich wohl
+ Und fürchte, Gutes wendest du zum Bösen um.
+ Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg;
+ Das andre weiß ich; was die Königin dabei
+ Im tiefen Busen geheimnisvoll verbergen mag,
+ Sei jedem unzugänglich. Alte, geh voran!
+
+ CHOR:
+ O wie gern gehen wir hin,
+ Eilenden Fußes;
+ Hinter uns Tod,
+ Vor uns abermals
+ Ragender Feste
+ Unzugängliche Mauer.
+ Schütze sie ebenso gut,
+ Eben wie Ilios' Burg,
+ Die doch endlich nur
+ Niederträchtiger List erlag.
+ Wie? aber wie?
+ Schwestern, schaut euch um!
+ Was es nicht heiterer Tag?
+ Nebel schwanken streifig empor
+ Aus Eurotas' heil'ger Flut;
+ Schon entschwand das liebliche
+ Schilfumkränzte Gestade dem Blick;
+ Auch die frei, zierlich-stolz
+ Sanfthingleitenden Schwäne
+ In gesell'ger Schwimmlust
+ Seh' ich, ach, nicht mehr!
+ Doch, aber doch
+ Tönen hör' ich sie,
+ Tönen fern heiseren Ton!
+ Tod verkündenden, sagen sie.
+ Ach daß uns er nur nicht auch,
+ Statt verheißener Rettung Heil,
+ Untergang verkünde zuletzt;
+ Uns, den Schwangleichen, Lang-+
+ Schön-Weißhalsigen,/ und ach!
+ Unsrer Schwanerzeugten.
+ Weh uns, weh, weh!
+ Alles deckte sich schon
+ Rings mit Nebel umher.
+ Sehen wir doch einander nicht!
+ Was geschieht? gehen wir?
+ Schweben wir nur
+ Trippelnden Schrittes am Boden hin?
+ Siehst du nichts? Schwebt nicht etwa gar
+ Hermes voran? Blinkt nicht der goldne Stab
+ Heischend, gebietend uns wieder zurück
+ Zu dem unerfreulichen, grautagenden,
+ Ungreifbarer Gebilde vollen,
+ überfüllten, ewig leeren Hades?
+ Ja auf einmal wird es düster, ohne Glanz entschwebt der Nebel
+ Dunkelgräulich, mauerbräunlich. Mauern stellen sich dem Blicke,
+ Freiem Blicke starr entgegen. Ist's ein Hof? ist's tiefe Grube?
+ Schauerlich in jedem Falle! Schwestern, ach! wir sind gefangen,
+ So gefangen wie nur je.
+
+
+
+ Innerer Burghof
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Vorschnell und töricht, echt wahrhaftes Weibsgebild!
+ Vom Augenblick abhängig, Spiel der Witterung,
+ Des Glücks und Unglücks! Keins von beiden wißt ihr je
+ Zu bestehn mit Gleichmut. Eine widerspricht ja stets
+ Der andern heftig, überquer die andern ihr;
+ In Freud' und Schmerz nur heult und lacht ihr gleichen Tons.
+ Nun schweigt! und wartet horchend, was die Herrscherin
+ Hochsinnig hier beschließen mag für sich und uns.
+
+ HELENA:
+ Wo bist du, Pythonissa? heiße, wie du magst;
+ Aus diesen Gewölben tritt hervor der düstern Burg.
+ Gingst etwa du, dem wunderbaren Heldenherrn
+ Mich anzukündigen, Wohlempfang bereitend mir,
+ So habe Dank und führe schnell mich ein zu ihm;
+ Beschluß der Irrfahrt wünsch' ich. Ruhe wünsch' ich nur.
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Vergebens blickst du, Königin, allseits um dich her;
+ Verschwunden ist das leidige Bild, verblieb vielleicht
+ Im Nebel dort, aus dessen Busen wir hieher,
+ Ich weiß nicht wie, gekommen, schnell und sonder Schritt.
+ Vielleicht auch irrt sie zweifelhaft im Labyrinth
+ Der wundersam aus vielen einsgewordnen Burg,
+ Den Herrn erfragend fürstlicher Hochbegrüßung halb.
+ Doch sieh, dort oben regt in Menge sich allbereits,
+ In Galerien, am Fenster, in Portalen rasch
+ Sich hin und her bewegend, viele Dienerschaft;
+ Vornehm-willkommnen Gastempfang verkündet es.
+
+ CHOR:
+ Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin,
+ Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt
+ Jungholdeste Schar anständig bewegt
+ Den geregelten Zug. Wie! auf wessen Befehl
+ Nur erscheinen, gereiht und gebildet so früh,
+ Von Jünglingsknaben das herrliche Volk?
+ Was bewundr' ich zumeist? Ist es zierlicher Gang,
+ Etwa des Haupts Lockhaar um die blendende Stirn,
+ Etwa der Wänglein Paar, wie die Pfirsiche rot
+ Und eben auch so weichwollig beflaumt?
+ Gern biss' ich hinein, doch ich schaudre davor;
+ Denn in ähnlichem Fall, da erfüllte der Mund
+ Sich, gräßlich zu sagen! mit Asche.
+ Aber die schönsten,
+ Sie kommen daher;
+ Was tragen sie nur?
+ Stufen zum Thron,
+ Teppich und Sitz,
+ Umhang und zelt-+
+ Artigen/ Schmuck;
+ über überwallt er,
+ Wolkenkränze bildend,
+ Unsrer Königin Haupt;
+ Denn schon bestieg sie
+ Eingeladen herrlichen Pfühl.
+ Tretet heran,
+ Stufe für Stufe
+ Reihet euch ernst.
+ Würdig, o würdig, dreifach würdig
+ Sei gesegnet ein solcher Empfang!
+
+ CHORFÜHRERIN:
+ Wenn diesem nicht die Götter, wie sie öfter tun,
+ Für wenige Zeit nur wundernswürdige Gestalt,
+ Erhabnen Anstand, liebenswerte Gegenwart
+ Vorübergänglich liehen, wird ihm jedesmal,
+ Was er beginnt, gelingen, sei's in Männerschlacht,
+ So auch im kleinen Kriege mit den schönsten Fraun.
+ Er ist fürwahr gar vielen andern vorzuziehn,
+ Die ich doch auch als hochgeschätzt mit Augen sah.
+ Mit langsam-ernstem, ehrfurchtsvoll gehaltnem Schritt
+ Seh' ich den Fürsten; wende dich, o Königin!
+
+ FAUST:
+ Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte,
+ Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring' ich dir
+ In Ketten hart geschlossen solchen Knecht,
+ Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand.
+ Hier kniee nieder, dieser höchsten Frau
+ Bekenntnis abzulegen deiner Schuld.
+ Dies ist, erhabne Herrscherin, der Mann,
+ Mit seltnem Augenblitz vom hohen Turm
+ Umherzuschaun bestellt, dort Himmelsraum
+ Und Erdenbreite scharf zu überspähn,
+ Was etwa da und dort sich melden mag,
+ Vom Hügelkreis ins Tal zur festen Burg
+ Sich regen mag, der Herden Woge sei's,
+ Ein Heereszug vielleicht; wir schützen jene,
+ Begegnen diesem. Heute, welch Versäumnis!
+ Du kommst heran, er meldet's nicht; verfehlt
+ Ist ehrenvoller, schuldigster Empfang
+ So hohen Gastes. Freventlich verwirkt
+ Das Leben hat er, läge schon im Blut
+ Verdienten Todes; doch nur du allein
+ Bestrafst, begnadigst, wie dir's wohlgefällt.
+
+ HELENA:
+ So hohe Würde, wie du sie vergönnst,
+ Als Richterin, als Herrscherin, und wär's
+ Versuchend nur, wie ich vermuten darf--
+ So üb' nun des Richters erste Pflicht,
+ Beschuldigte zu hören. Rede denn.
+
+ TURMWÄRTER LYNKEUS:
+ Laß mich knieen, laß mich schauen,
+ Laß mich sterben, laß mich leben,
+ Denn schon bin ich hingegeben
+ Dieser gottgegebnen Frauen.
+ Harrend auf des Morgens Wonne,
+ östlich spähend ihren Lauf,
+ Ging auf einmal mir die Sonne
+ Wunderbar im Süden auf.
+ Zog den Blick nach jener Seite,
+ Statt der Schluchten, statt der Höhn,
+ Statt der Erd- und Himmelsweite
+ Sie, die Einzige, zu spähn.
+ Augenstrahl ist mir verliehen
+ Wie dem Luchs auf höchstem Baum;
+ Doch nun mußt' ich mich bemühen
+ Wie aus tiefem, düsterm Traum.
+ Wüßt' ich irgend mich zu finden?
+ Zinne? Turm? geschloßnes Tor?
+ Nebel schwanken, Nebel schwinden,
+ Solche Göttin tritt hervor!
+ Aug' und Brust ihr zugewendet,
+ Sog ich an den milden Glanz;
+ Diese Schönheit, wie sie blendet,
+ Blendete mich Armen ganz.
+ Ich vergaß des Wächters Pflichten,
+ Völlig das beschworne Horn;
+ Drohe nur, mich zu vernichten--
+ Schönheit bändigt allen Zorn.
+
+ HELENA:
+ Das übel, das ich brachte, darf ich nicht
+ Bestrafen. Wehe mir! Welch streng Geschick
+ Verfolgt mich, überall der Männer Busen
+ So zu betören, daß sie weder sich
+ Noch sonst ein Würdiges verschonten. Raubend jetzt,
+ Verführend, fechtend, hin und her entrückend,
+ Halbgötter, Helden, Götter, ja Dämonen,
+ Sie führten mich im Irren her und hin.
+ Einfach die Welt verwirrt' ich, dopplet mehr;
+ Nun dreifach, vierfach bring' ich Not auf Not.
+ Entferne diesen Guten, laß ihn frei;
+ Den Gottbetörten treffe keine Schmach.
+
+ FAUST:
+ Erstaunt, o Königin, seh' ich zugleich
+ Die sicher Treffende, hier den Getroffnen;
+ Ich seh' den Bogen, der den Pfeil entsandt,
+ Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen,
+ Mich treffend. Allwärts ahn' ich überquer
+ Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.
+ Was bin ich nun? Auf einmal machst du mir
+ Rebellisch die Getreusten, meine Mauern
+ Unsicher. Also fürcht' ich schon, mein Heer
+ Gehorcht der siegend unbesiegten Frau.
+ Was bleibt mir übrig, als mich selbst und alles,
+ Im Wahn des Meine, dir anheimzugeben?
+ Zu deinen Füßen laß mich, frei und treu,
+ Dich Herrin anerkennen, die sogleich
+ Auftretend sich Besitz und Thron erwarb.
+
+ LYNKEUS:
+ Du siehst mich, Königin, zurück!
+ Der Reiche bettelt einen Blick,
+ Er sieht dich an und fühlt sogleich
+ Sich bettelarm und fürstenreich.
+ Was war ich erst? was bin ich nun?
+ Was ist zu wollen? was zu tun?
+ Was hilft der Augen schärfster Blitz!
+ Er prallt zurück an deinem Sitz.
+ Von Osten kamen wir heran,
+ Und um den Westen war's getan;
+ Ein lang und breites Volksgewicht,
+ Der erste wußte vom letzten nicht.
+ Der erste fiel, der zweite stand,
+ Des dritten Lanze war zur Hand;
+ Ein jeder hundertfach gestärkt,
+ Erschlagne Tausend unbemerkt.
+ Wir drängten fort, wir stürmten fort,
+ Wir waren Herrn von Ort zu Ort;
+ Und wo ich herrisch heut befahl,
+ Ein andrer morgen raubt' und stahl.
+ Wir schauten--elig war die Schau;
+ Der griff die allerschönste Frau,
+ Der griff den Stier von festem Tritt,
+ Die Pferde mußten alle mit.
+ Ich aber liebte, zu erspähn
+ Das Seltenste, was man gesehn;
+ Und was ein andrer auch besaß,
+ Das war für mich gedörrtes Gras.
+ Den Schätzen war ich auf der Spur,
+ Den scharfen Blicken folgt' ich nur,
+ In alle Taschen blickt' ich ein,
+ Durchsichtig war mir jeder Schrein.
+ Und Haufen Goldes waren mein,
+ Am herrlichsten der Edelstein:
+ Nun der Smaragd allein verdient,
+ Daß er an deinem Herzen grünt.
+ Nun schwanke zwischen Ohr und Mund
+ Das Tropfenei aus Meeresgrund;
+ Rubinen werden gar verscheucht,
+ Das Wangenrot sie niederbleicht.
+ Und so den allergrößten Schatz
+ Versetz' ich hier auf deinen Platz;
+ Zu deinen Füßen sei gebracht
+ Die Ernte mancher blut'gen Schlacht.
+ So viele Kisten schlepp' ich her,
+ Der Eisenkisten hab' ich mehr;
+ Erlaube mich auf deiner Bahn,
+ Und Schatzgewölbe füll' ich an.
+ Denn du bestiegest kaum den Thron,
+ So neigen schon, so beugen schon
+ Verstand und Reichtum und Gewalt
+ Sich vor der einzigen Gestalt.
+ Das alles hielt ich fest und mein,
+ Nun aber, lose, wird es dein.
+ Ich glaubt' es würdig, hoch und bar,
+ Nun seh' ich, daß es nichtig war.
+ Verschwunden ist, was ich besaß,
+ Ein abgemähtes, welkes Gras.
+ O gib mit einem heitern Blick
+ Ihm seinen ganzen Wert zurück!
+
+ FAUST:
+ Entferne schnell die kühn erworbne Last,
+ Zwar nicht getadelt, aber unbelohnt.
+ Schon ist Ihr alles eigen, was die Burg
+ Im Schoß verbirgt; Besondres Ihr zu bieten,
+ Ist unnütz. Geh und häufe Schatz auf Schatz
+ Geordnet an. Der ungesehnen Pracht
+ Erhabnes Bild stell' auf! Laß die Gewölbe
+ Wie frische Himmel blinken, Paradiese
+ Von lebelosem Leben richte zu.
+ Voreilend ihren Tritten laß beblümt
+ An Teppich Teppiche sich wälzen; ihrem Tritt
+ Begegne sanfter Boden; ihrem Blick,
+ Nur Göttliche nicht blendend, höchster Glanz.
+
+ LYNKEUS:
+ Schwach ist, was der Herr befiehlt,
+ Tut's der Diener, es ist gespielt:
+ Herrscht doch über Gut und Blut
+ Dieser Schönheit übermut.
+ Schon das ganze Heer ist zahm,
+ Alle Schwerter stumpf und lahm,
+ Vor der herrlichen Gestalt
+ Selbst die Sonne matt und kalt,
+ Vor dem Reichtum des Gesichts
+ Alles leer und alles nichts.
+
+ HELENA:
+ Ich wünsche dich zu sprechen, doch herauf
+ An meine Seite komm! Der leere Platz
+ Beruft den Herrn und sichert mir den meinen.
+
+ FAUST:
+ Erst knieend laß die treue Widmung dir
+ Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich
+ An deine Seite hebt, laß mich sie küssen.
+ Bestärke mich als Mitregenten deines
+ Grenzunbewußten Reichs, gewinne dir
+ Verehrer, Diener, Wächter all' in einem!
+
+ HELENA:
+ Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an,
+ Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel.
+ Doch wünscht' ich Unterricht, warum die Rede
+ Des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich.
+ Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
+ Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
+ Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.
+
+ FAUST:
+ Gefällt dir schon die Sprechart unsrer Völker,
+ O so gewiß entzückt auch der Gesang,
+ Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.
+ Doch ist am sichersten, wir üben's gleich;
+ Die Wechselrede lockt es, ruft's hervor.
+
+ HELENA:
+ So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
+
+ FAUST:
+ Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
+ Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
+ Man sieht sich um und fragt--+
+
+ HELENA:
+ Wer mitgenießt.
+
+ FAUST:
+ Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück,
+ Die Gegenwart allein--+
+
+ HELENA:
+ ist unser Glück.
+
+ FAUST:
+ Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand;
+ Bestätigung, wer gibt sie? +
+
+ HELENA:
+ Meine Hand.
+
+ CHOR:
+ Wer verdächt' es unsrer Fürstin,
+ Gönnet sie dem Herrn der Burg
+ Freundliches Erzeigen?
+ Denn gesteht, sämtliche sind wir
+ Ja Gefangene, wie schon öfter
+ Seit dem schmählichen Untergang
+ Ilios' und der ängstlich-+
+ labyrinthischen/ Kummerfahrt.
+ Fraun, gewöhnt an Männerliebe,
+ Wählerinnen sind sie nicht,
+ Aber Kennerinnen.
+ Und wie goldlockigen Hirten
+ Vielleicht schwarzborstigen Faunen,
+ Wie es bringt die Gelegenheit,
+ über die schwellenden Glieder
+ Vollerteilen sie gleiches Recht.
+ Nah und näher sitzen sie schon
+ An einander gelehnet,
+ Schulter an Schulter, Knie an Knie,
+ Hand in Hand wiegen sie sich
+ über des Throns
+ Aufgepolsterter Herrlichkeit.
+ Nicht versagt sich die Majestät
+ Heimlicher Freuden
+ Vor den Augen des Volkes
+ übermütiges Offenbarsein.
+
+ HELENA:
+ Ich fühle mich so fern und doch so nah,
+ Und sage nur zu gern: Da bin ich! da!
+
+ FAUST:
+ Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort;
+ Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.
+
+ HELENA:
+ Ich scheine mir verlebt und doch so neu,
+ In dich verwebt, dem Unbekannten treu.
+
+ FAUST:
+ Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!
+ Dasein ist Pflicht, und wär's ein Augenblick.
+
+ PHORKYAS:
+ Buchstabiert in Liebesfibeln,
+ Tändelnd grübelt nur am Liebeln,
+ Müßig liebelt fort im Grübeln,
+ Doch dazu ist keine Zeit.
+ Fühlt ihr nicht ein dumpfes Wettern?
+ Hört nur die Trompete schmettern,
+ Das Verderben ist nicht weit.
+ Menelas mit Volkeswogen
+ Kommt auf euch herangezogen;
+ Rüstet euch zu herbem Streit!
+ Von der Siegerschar umwimmelt,
+ Wie Deiphobus verstümmelt,
+ Büßest du das Fraungeleit.
+ Bammelt erst die leichte Ware,
+ Dieser gleich ist am Altare
+ Neugeschliffnes Beil bereit.
+
+ FAUST:
+ Verwegne Störung! widerwärtig dringt sie ein;
+ Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestüm.
+ Den schönsten Boten, Unglücksbotschaft häßlicht ihn;
+ Du Häßlichste gar, nur schlimme Botschaft bringst du gern.
+ Doch diesmal soll dir's nicht geraten: leeren Hauchs
+ Erschüttere du die Lüfte. Hier ist nicht Gefahr,
+ Und selbst Gefahr erschiene nur als eitles Dräun.
+
+ FAUST:
+ Nein, gleich sollst du versammelt schauen
+ Der Helden ungetrennten Kreis:
+ Nur der verdient die Gunst der Frauen,
+ Der kräftigst sie zu schützen weiß.
+ Mit angehaltnem stillen Wüten,
+ Das euch gewiß den Sieg verschafft,
+ Ihr, Nordens jugendliche Blüten,
+ Ihr, Ostens blumenreiche Kraft.
+ In Stahl gehüllt, vom Strahl umwittert,
+ Die Schar, die Reich um Reich zerbrach,
+ Sie treten auf, die Erde schüttert,
+ Sie schreiten fort, es donnert nach.
+ An Pylos traten wir zu Lande,
+ Der alte Nestor ist nicht mehr,
+ Und alle kleinen Königsbande
+ Zersprengt das ungebundne Heer.
+ Drängt ungesäumt von diesen Mauern
+ Jetzt Menelas dem Meer zurück;
+ Dort irren mag er, rauben, lauern,
+ Ihm war es Neigung und Geschick.
+ Herzoge soll ich euch begrüßen,
+ Gebietet Spartas Königin;
+ Nun legt ihr Berg und Tal zu Füßen,
+ Und euer sei des Reichs Gewinn.
+ Germane du! Korinthus' Buchten
+ Verteidige mit Wall und Schutz!
+ Achaia dann mit hundert Schluchten
+ Empfehl' ich, Gote, deinem Trutz.
+ Nach Elis ziehn der Franken Heere,
+ Messene sei der Sachsen Los,
+ Normanne reinige die Meere
+ Und Argolis erschaff' er groß.
+ Dann wird ein jeder häuslich wohnen,
+ Nach außen richten Kraft und Blitz;
+ Doch Sparta soll euch überthronen,
+ Der Königin verjährter Sitz.
+ All-einzeln sieht sie euch genießen
+ Des Landes, dem kein Wohl gebricht;
+ Ihr sucht getrost zu ihren Füßen
+ Bestätigung und Recht und Licht.
+
+ CHOR:
+ Wer die Schönste für sich begehrt,
+ Tüchtig vor allen Dingen
+ Seh' er nach Waffen weise sich um;
+ Schmeichelnd wohl gewann er sich,
+ Was auf Erden das Höchste;
+ Aber ruhig besitzt er's nicht:
+ Schleicher listig entschmeicheln sie ihm,
+ Räuber kühnlich entreißen sie ihm;
+ Dieses zu hinderen, sei er bedacht.
+ Unsern Fürsten lob' ich drum,
+ Schätz' ihn höher vor andern,
+ Wie er so tapfer klug sich verband,
+ Daß die Starken gehorchend stehn,
+ Jedes Winkes gewärtig.
+ Seinen Befehl vollziehn sie treu,
+ Jeder sich selbst zu eignem Nutz
+ Wie dem Herrscher zu lohnendem Dank,
+ Beiden zu höchlichem Ruhmesgewinn.
+ Denn wer entreißet sie jetzt
+ Dem gewalt'gen Besitzer?
+ Ihm gehört sie, ihm sei sie gegönnt,
+ Doppelt von uns gegönnt, die er
+ Samt ihr zugleich innen mit sicherster Mauer,
+ Außen mit mächtigstem Heer umgab.
+
+ FAUST:
+ Die Gaben, diesen hier verliehen--
+ An jeglichen ein reiches Land--,
+ Sind groß und herrlich; laß sie ziehen!
+ Wir halten in der Mitte stand.
+ Und sie beschützen um die Wette,
+ Ringsum von Wellen angehüpft,
+ Nichtinsel dich, mit leichter Hügelkette
+ Europens letztem Bergast angeknüpft.
+ Das Land, vor aller Länder Sonnen,
+ Sei ewig jedem Stamm beglückt,
+ Nun meiner Königin gewonnen,
+ Das früh an ihr hinaufgeblickt,
+ Als mit Eurotas' Schilfgeflüster
+ Sie leuchtend aus der Schale brach,
+ Der hohen Mutter, dem Geschwister
+ Das Licht der Augen überstach.
+ Dies Land, allein zu dir gekehret,
+ Entbietet seinen höchsten Flor;
+ Dem Erdkreis, der dir angehöret,
+ Dein Vaterland, o zieh es vor!
+ Und duldet auch auf seiner Berge Rücken
+ Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,
+ Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken,
+ Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil.
+ Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,
+ Und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.
+ Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche
+ Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.
+ Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
+ Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;
+ Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,
+ Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.
+ Pan schützt sie dort, und Lebensnymphen wohnen
+ In buschiger Klüfte feucht erfrischtem Raum,
+ Und sehnsuchtsvoll nach höhern Regionen
+ Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.
+ Alt-Wälder sind's! Die Eiche starret mächtig,
+ Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
+ Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,
+ Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.
+ Und mütterlich im stillen Schattenkreise
+ Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
+ Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
+ Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.
+ Hier ist das Wohlbehagen erblich,
+ Die Wange heitert wie der Mund,
+ Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
+ Sie sind zufrieden und gesund.
+ Und so entwickelt sich am reinen Tage
+ Zu Vaterkraft das holde Kind.
+ Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage:
+ Ob's Götter, ob es Menschen sind?
+ So war Apoll den Hirten zugestaltet,
+ Daß ihm der schönsten einer glich;
+ Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,
+ Ergreifen alle Welten sich.
+ So ist es mir, so ist es dir gelungen;
+ Vergangeheit sei hinter uns getan!
+ O fühle dich vom höchsten Gott entsprungen,
+ Der ersten Welt gehörst du einzig an.
+ Nicht feste Burg soll dich umschreiben!
+ Noch zirkt in ewiger Jugendkraft
+ Für uns, zu wonnevollem Bleiben,
+ Arkadien in Spartas Nachbarschaft.
+ Gelockt, auf sel'gem Grund zu wohnen,
+ Du flüchtetest ins heiterste Geschick!
+ Zur Laube wandeln sich die Thronen,
+ Arkadisch frei sei unser Glück!
+
+
+
+ Szene 42
+
+ PHORKYAS:
+ Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht;
+ Ob sie sich träumen ließen, was ich hell und klar
+ Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt.
+ Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk;
+ Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt,
+ Glaubhafter Wunder Lösung endlich anzuschaun.
+ Hervor! hervor! Und schüttelt eure Locken rasch!
+ Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hört mich an!
+
+ CHOR:
+ Rede nur, erzähl', erzähle, was sich Wunderlichs begeben!
+ Hören möchten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben können;
+ Denn wir haben Langeweile, diese Felsen anzusehn.
+
+ PHORKYAS:
+ Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon?
+ So vernehmt: in diesen Höhlen, diesen Grotten, diesen Lauben
+ Schutz und Schirmung war verliehen, wie idyllischem Liebespaare,
+ Unserm Herrn und unsrer Frauen. +
+
+ CHOR:
+ Wie, da drinnen? +
+
+ PHORKYAS:
+ Abgesondert
+ Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste.
+ Hochgeehrt stand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet,
+ Schaut' ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier- und dorthin,
+ Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirksamkeiten,
+ Und so blieben sie allein.
+
+ CHOR:
+ Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären,
+ Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst du ab!
+
+ PHORKYAS:
+ Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen:
+ Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend aus.
+ Doch auf einmal ein Gelächter echot in den Höhlenräumen;
+ Schau' ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen Schoß zum Manne,
+ Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getändel,
+ Töriger Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze
+ Wechselnd übertäuben mich.
+ Nackt, ein Genius ohne Flügel, faunenartig ohne Tierheit,
+ Springt er auf den festen Boden; doch der Boden gegenwirkend
+ Schnellt ihn zu der luft'gen Höhe, und im zweiten, dritten Sprunge
+ Rührt er an das Hochgewölb.
+ ängstlich ruft die Mutter: Springe wiederholt und nach Belieben,
+ Aber hüte dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.
+ Und so mahnt der treue Vater: In der Erde liegt die Schnellkraft,
+ Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden,
+ Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt.
+ Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante
+ Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt.
+ Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden,
+ Und nun scheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater tröstet,
+ Achselzuckend steh' ich ängstlich. Doch nun wieder welch Erscheinen!
+ Liegen Schätze dort verborgen? Blumenstreifige Gewande
+ Hat er würdig angetan.
+ Quasten schwanken von den Armen, Binden flattern um den Busen,
+ In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus,
+ Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem überhang; wir staunen.
+ Und die Eltern vor Entzücken werfen wechselnd sich ans Herz.
+ Denn wie leuchtet's ihm zu Haupten? Was erglänzt, ist schwer zu sagen,
+ Ist es Goldschmuck, ist es Flamme übermächtiger Geisteskraft?
+ Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe schon verkündend
+ Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen Melodien
+ Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hören,
+ Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung.
+
+ CHOR:
+ Nennst du ein Wunder dies,
+ Kretas Erzeugte?
+ Dichtend belehrendem Wort
+ Hast du gelauscht wohl nimmer?
+ Niemals noch gehört Ioniens,
+ Nie vernommen auch Hellas'
+ Urväterlicher Sagen
+ Göttlich-heldenhaften Reichtum?
+ Alles, was je geschieht
+ Heutigen Tages,
+ Trauriger Nachklang ist's
+ Herrlicher Ahnherrntage;
+ Nicht vergleicht sich dein Erzählen
+ Dem, was liebliche Lüge,
+ Glaubhaftiger als Wahrheit,
+ Von dem Sohne sang der Maja.
+ Diesen zierlich und kräftig doch
+ Kaum geborenen Säugling
+ Faltet in reinster Windeln Flaum,
+ Strenget in köstlicher Wickeln Schmuck
+ Klatschender Wärterinnen Schar
+ Unvernünftigen Wähnens.
+ Kräftig und zierlich aber zieht
+ Schon der Schalk die geschmeidigen
+ Doch elastischen Glieder
+ Listig heraus, die purpurne,
+ ängstlich drückende Schale
+ Lassend ruhig an seiner Statt;
+ Gleich dem fertigen Schmetterling,
+ Der aus starrem Puppenzwang
+ Flügel entfaltend behendig schlüpft,
+ Sonnedurchstrahlten äther kühn
+ Und mutwillig durchflatternd.
+ So auch er, der Behendeste,
+ Daß er Dieben und Schälken,
+ Vorteilsuchenden allen auch
+ Ewig günstiger Dämon sei,
+ Dies betätigt er alsobald
+ Durch gewandteste Künste.
+ Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt
+ Er den Trident, ja dem Ares selbst
+ Schlau das Schwert aus der Scheide;
+ Bogen und Pfeil dem Phöbus auch,
+ Wie dem Hephästos die Zange;
+ Selber Zeus', des Vaters, Blitz
+ Nähm' er, schreckt' ihn das Feuer nicht;
+ Doch dem Eros siegt er ob
+ In beinstellendem Ringerspiel;
+ Raubt auch Cyprien, wie sie ihm kost,
+ Noch vom Busen den Gürtel.
+
+ PHORKYAS:
+ Höret allerliebste Klänge,
+ Macht euch schnell von Fabeln frei!
+ Eurer Götter alt Gemenge,
+ Laßt es hin, es ist vorbei.
+ Niemand will euch mehr verstehen,
+ Fordern wir doch höhern Zoll:
+ Denn es muß von Herzen gehen,
+ Was auf Herzen wirken soll.
+
+ CHOR:
+ Bist du, fürchterliches Wesen,
+ Diesem Schmeichelton geneigt,
+ Fühlen wir, als frisch genesen,
+ Uns zur Tränenlust erweicht.
+ Laß der Sonne Glanz verschwinden,
+ Wenn es in der Seele tagt,
+ Wir im eignen Herzen finden,
+ Was die ganze Welt versagt.
+
+ EUPHORION:
+ Hört ihr Kindeslieder singen,
+ Gleich ist's euer eigner Scherz;
+ Seht ihr mich im Takte springen,
+ Hüpft euch elterlich das Herz.
+
+ HELENA:
+ Liebe, menschlich zu beglücken,
+ Nähert sie ein edles Zwei,
+ Doch zu göttlichem Entzücken
+ Bildet sie ein köstlich Drei.
+
+ FAUST:
+ Alles ist sodann gefunden:
+ Ich bin dein, und du bist mein;
+ Und so stehen wir verbunden,
+ Dürft' es doch nicht anders sein!
+
+ CHOR:
+ Wohlgefallen vieler Jahre
+ In des Knaben mildem Schein
+ Sammelt sich auf diesem Paare.
+ O, wie rührt mich der Verein!
+
+ EUPHORION:
+ Nun laßt mich hüpfen,
+ Nun laßt mich springen!
+ Zu allen Lüften
+ Hinaufzudringen,
+ Ist mir Begierde,
+ Sie faßt mich schon.
+
+ FAUST:
+ Nur mäßig! mäßig!
+ Nicht ins Verwegne,
+ Daß Sturz und Unfall
+ Dir nicht begegne,
+ Zugrund uns richte
+ Der teure Sohn!
+
+ EUPHORION:
+ Ich will nicht länger
+ Am Boden stocken;
+ Laßt meine Hände,
+ Laßt meine Locken,
+ Laßt meine Kleider!
+ Sie sind ja mein.
+
+ HELENA:
+ O denk! o denke,
+ Wem du gehörest!
+ Wie es uns kränke,
+ Wie du zerstörest
+ Das schön errungene
+ Mein, Dein und Sein.
+
+ CHOR:
+ Bald löst, ich fürchte,
+ Sich der Verein!
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Bändige! bändige
+ Eltern zuliebe
+ überlebendige,
+ Heftige Triebe!
+ Ländlich im stillen
+ Ziere den Plan.
+
+ EUPHORION:
+ Nur euch zu Willen
+ Halt' ich mich an.
+ Leichter umschweb' ich hie
+ Muntres Geschlecht.
+ Ist nun die Melodie,
+ Ist die Bewegung recht?
+
+ HELENA:
+ Ja, das ist wohlgetan;
+ Führe die Schönen an
+ Künstlichem Reihn.
+
+ FAUST:
+ Wäre das doch vorbei!
+ Mich kann die Gaukelei
+ Gar nicht erfreun.
+
+ CHOR:
+ Wenn du der Arme Paar
+ Lieblich bewegest,
+ Im Glanz dein lockig Haar
+ Schüttelnd erregest,
+ Wenn dir der Fuß so leicht
+ über die Erde schleicht,
+ Dort und da wieder hin
+ Glieder um Glied sich ziehn,
+ Hast du dein Ziel erreicht,
+ Liebliches Kind;
+ All' unsre Herzen sind
+ All' dir geneigt.
+
+ EUPHORION:
+ Ihr seid so viele
+ Leichtfüßige Rehe;
+ Zu neuem Spiele
+ Frisch aus der Nähe!
+ Ich bin der Jäger,
+ ihr seid das Wild.
+
+ CHOR:
+ Willst du uns fangen,
+ Sei nicht behende,
+ Denn wir verlangen
+ Doch nur am Ende,
+ Dich zu umarmen,
+ Du schönes Bild!
+
+ EUPHORION:
+ Nur durch die Haine!
+ Zu Stock und Steine!
+ Das leicht Errungene,
+ Das widert mir,
+ Nur das Erzwungene
+ Ergetzt mich schier.
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Welch ein Mutwill'! welch ein Rasen!
+ Keine Mäßigung ist zu hoffen.
+ Klingt es doch wie Hörnerblasen
+ über Tal und Wälder dröhnend;
+ Welch ein Unfug! welch Geschrei!
+
+ CHOR:
+ Uns ist er vorbeigelaufen;
+ Mit Verachtung uns verhöhnend,
+ schleppt er von dem ganzen Haufen
+ Nun die Wildeste herbei.
+
+ EUPHORION:
+ Schlepp' ich her die derbe Kleine
+ Zu erzwungenem Genusse;
+ Mir zur Wonne, mir zur Lust
+ Drück' ich widerspenstige Brust,
+ Küss' ich widerwärtigen Mund,
+ Tue Kraft und Willen kund.
+
+ MÄDCHEN:
+ Laß mich los! In dieser Hülle
+ Ist auch Geistes Mut und Kraft;
+ Deinem gleich ist unser Wille
+ Nicht so leicht hinweggerafft.
+ Glaubst du wohl mich im Gedränge?
+ Deinem Arm vertraust du viel!
+ Halte fest, und ich versenge
+ Dich, den Toren, mir zum Spiel.
+ Folge mir in leichte Lüfte,
+ Folge mir in starre Grüfte,
+ Hasche das verschwundne Ziel!
+
+ EUPHORION:
+ Felsengedränge hier
+ Zwischen dem Waldgebüsch,
+ Was soll die Enge mir,
+ Bin ich doch jung und frisch.
+ Winde, sie sausen ja,
+ Wellen, sie brausen da;
+ Hör' ich doch beides fern,
+ Nah wär' ich gern.
+
+ HELENA, FAUST UND CHOR:
+ Wolltest du den Gemsen gleichen?
+ Vor dem Falle muß uns graun.
+
+ EUPHORION:
+ Immer höher muß ich steigen,
+ Immer weiter muß ich schaun.
+ Weiß ich nun, wo ich bin!
+ Mitten der Insel drin,
+ Mitten in Pelops' Land,
+ Erde--wie seeverwandt.
+
+ CHOR:
+ Magst nicht in Berg und Wald
+ Friedlich verweilen?
+ Suchen wir alsobald
+ Reben in Zeilen,
+ Reben am Hügelrand,
+ Feigen und Apfelgold.
+ Ach in dem holden Land
+ Bleibe du hold!
+
+ EUPHORION:
+ Träumt ihr den Friedenstag?
+ Träume, wer träumen mag.
+ Krieg! ist das Losungswort.
+ Sieg! und so klingt es fort.
+
+ CHOR:
+ Wer im Frieden
+ Wünschet sich Krieg zurück,
+ Der ist geschieden
+ Vom Hoffnungsglück.
+
+ EUPHORION:
+ Welche dies Land gebar
+ Aus Gefahr in Gefahr,
+ Frei, unbegrenzten Muts,
+ Verschwendrisch eignen Bluts,
+ Den nicht zu dämpfenden
+ Heiligen Sinn--
+ Alle den Kämpfenden
+ Bring' es Gewinn!
+
+ CHOR:
+ Seht hinauf, wie hoch gestiegen!
+ Und er scheint uns doch nicht klein:
+ Wie im Harnisch, wie zum Siegen,
+ Wie von Erz und Stahl der Schein.
+
+ EUPHORION:
+ Keine Wälle, keine Mauern,
+ Jeder nur sich selbst bewußt;
+ Feste Burg, um auszudauern,
+ Ist des Mannes ehrne Brust.
+ Wollt ihr unerobert wohnen,
+ Leicht bewaffnet rasch ins Feld;
+ Frauen werden Amazonen
+ Und ein jedes Kind ein Held.
+
+ CHOR:
+ Heilige Poesie,
+ Himmelan steige sie!
+ Glänze, der schönste Stern,
+ Fern und so weiter fern!
+ Und sie erreicht uns doch
+ Immer, man hört sie noch,
+ Vernimmt sie gern.
+
+ EUPHORION:
+ Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,
+ In Waffen kommt der Jüngling an;
+ Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
+ Hat er im Geiste schon getan.
+ Nun fort!
+ Nun dort
+ Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Kaum ins Leben eingerufen,
+ Heitrem Tag gegeben kaum,
+ Sehnest du von Schwindelstufen
+ Dich zu schmerzenvollem Raum.
+ Sind denn wir
+ Gar nichts dir?
+ Ist der holde Bund ein Traum?
+
+ EUPHORION:
+ Und hört ihr donnern auf dem Meere?
+ Dort widerdonnern Tal um Tal,
+ In Staub und Wellen, Heer dem Heere,
+ In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
+ Und der Tod
+ Ist Gebot,
+ Das versteht sich nun einmal.
+
+ HELENA, FAUST UND CHOR:
+ Welch Entsetzen! welches Grauen!
+ Ist der Tod denn dir Gebot?
+
+ EUPHORION:
+ Sollt' ich aus der Ferne schauen?
+ Nein! ich teile Sorg' und Not.
+
+ DIE VORIGEN:
+ Übermut und Gefahr,
+ Tödliches Los!
+
+ EUPHORION:
+ Doch!--und ein Flügelpaar
+ Faltet sich los!
+ Dorthin! Ich muß! ich muß!
+ Gönnt mir den Flug!
+
+ CHOR:
+ Ikarus! Ikarus!
+ Jammer genug.
+
+ HELENA UND FAUST:
+ Der Freude folgt sogleich
+ Grimmige Pein.
+
+ EUPHORIONS STIMME:
+ Laß mich im düstern Reich,
+ Mutter, mich nicht allein!
+
+ CHOR:
+ Nicht allein!--wo du auch weilest,
+ Denn wir glauben dich zu kennen;
+ Ach! wenn du dem Tag enteilest,
+ Wird kein Herz von dir sich trennen.
+ Wüßten wir doch kaum zu klagen,
+ Neidend singen wir dein Los:
+ Dir in klar- und trüben Tagen
+ Lied und Mut war schön und groß.
+ Ach! zum Erdenglück geboren,
+ Hoher Ahnen, großer Kraft,
+ Leider früh dir selbst verloren,
+ Jugendblüte weggerafft!
+ Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
+ Mitsinn jedem Herzensdrang,
+ Liebesglut der besten Frauen
+ Und ein eigenster Gesang.
+ Doch du ranntest unaufhaltsam
+ Frei ins willenlose Netz,
+ So entzweitest du gewaltsam
+ dich mit Sitte, mit Gesetz;
+ Doch zuletzt das höchste Sinnen
+ Gab dem reinen Mut Gewicht,
+ Wolltest Herrliches gewinnen,
+ Aber es gelang dir nicht.
+ Wem gelingt es?--Trübe Frage,
+ Der das Schicksal sich vermummt,
+ Wenn am unglückseligsten Tage
+ Blutend alles Volk verstummt.
+ Doch erfrischet neue Lieder,
+ Steht nicht länger tief gebeugt:
+ Denn der Boden zeugt sie wieder,
+ Wie von je er sie gezeugt.
+
+ HELENA:
+ Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:
+ Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.
+ Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;
+ Bejammernd beide, sag' ich schmerzlich Lebewohl
+ Und werfe mich noch einmal in die Arme dir.
+ Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!
+
+ PHORKYAS:
+ Halte fest, was dir von allem übrigblieb.
+ Das Kleid, laß es nicht los. Da zupfen schon
+ Dämonen an den Zipfeln, möchten gern
+ Zur Unterwelt es reißen. Halte fest!
+ Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,
+ Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,
+ Unschätzbaren Gunst und hebe dich empor:
+ Es trägt dich über alles Gemeine rasch
+ Am äther hin, so lange du dauern kannst.
+ Wir sehn uns wieder, weit, gar weit von hier.
+
+ PHORKYAS:
+ Noch immer glücklich aufgefunden!
+ Die Flamme freilich ist verschwunden,
+ Doch ist mir um die Welt nicht leid.
+ Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,
+ Zu stiften Gild- und Handwerksneid;
+ Und kann ich die Talente nicht verleihen,
+ Verborg' ich wenigstens das Kleid.
+
+ PANTHALIS:
+ Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los,
+ Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang,
+ So des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch,
+ Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.
+ Hinab zum Hades! Eilte doch die Königin
+ Mit ernstem Gang hinunter. Ihrer Sohle sei
+ Unmittelbar getreuer Mägde Schritt gefügt.
+ Wir finden sie am Throne der Unerforschlichen.
+
+ CHOR:
+ Königinnen freilich, überall sind sie gern;
+ Auch im Hades stehen sie obenan,
+ Stolz zu ihresgleichen gesellt,
+ Mit Persephonen innigst vertraut;
+ Aber wir im Hintergrunde
+ Tiefer Asphodelos-Wiesen,
+ Langgestreckten Pappeln,
+ Unfruchtbaren Weiden zugesellt,
+ Welchen Zeitvertreib haben wir?
+ Fledermausgleich zu piepsen,
+ Geflüster, unerfreulich, gespenstig.
+
+ PANTHALIS:
+ Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
+ Gehört den Elementen an; so fahret hin!
+ Mit meiner Königin zu sein, verlangt mich heiß;
+ Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person.
+
+ ALLE:
+ Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht,
+ Zwar Personen nicht mehr,
+ Das fühlen, das wissen wir,
+ Aber zum Hades kehren wir nimmer.
+ Ewig lebendige Natur
+ Macht auf uns Geister,
+ Wir auf sie vollgültigen Anspruch.
+
+ EIN TEIL DES CHORES:
+ Wir in dieser tausend äste Flüsterzittern, Säuselschweben
+ Reizen tändelnd, locken leise wurzelauf des Lebens Quellen
+ Nach den Zweigen; bald mit Blättern, bald mit Blüten überschwenglich
+ Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn.
+ Fällt die Frucht, sogleich versammeln lebenslustig Volk und Herden
+ Sich zum Greifen, sich zum Naschen, eilig kommend, emsig drängend;
+ Und wie vor den ersten Göttern bückt sich alles um uns her.
+
+ EIN ANDRER TEIL:
+ Wir, an dieser Felsenwände weithinleuchtend glatten Spiegel
+ Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd an;
+ Horchen, lauschen jedem Laute, Vogelsängen, Röhrigflöten,
+ Sei es Pans furchtbarer Stimme, Antwort ist sogleich bereit;
+ Säuselt's, säuseln wir erwidernd, donnert's, rollen unsre Donner
+ In erschütterndem Verdoppeln, dreifach, zehnfach hintennach.
+
+ EIN DRITTER TEIL:
+ Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter;
+ Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte Hügelzüge.
+ Immer abwärts, immer tiefer wässern wir, mäandrisch wallend,
+ Jetzt die Wiese, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus.
+ Dort bezeichnen's der Zypressen schlanke Wipfel, über Landschaft,
+ Uferzug und Wellenspiegel nach dem äther steigende.
+
+ EIN VIERTER TEIL:
+ Wallt ihr andern, wo's beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen
+ Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am Stab die Rebe grünt;
+ Dort zu aller Tage Stunden läßt die Leidenschaft des Winzers
+ Uns des liebevollsten Fleißes zweifelhaft Gelingen sehn.
+ Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Häufeln, Schneiden, Binden
+ Betet er zu allen Göttern, fördersamst zum Sonnengott.
+ Bacchus kümmert sich, der Weichling, wenig um den treuen Diener,
+ Ruht in Lauben, lehnt in Höhlen, faselnd mit dem jüngsten Faun.
+ Was zu seiner Träumereien halbem Rausch er je bedurfte,
+ Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Krügen und Gefäßen,
+ Rechts und links der kühlen Grüfte, ewige Zeiten aufbewahrt.
+ Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen,
+ Lüftend, feuchtend, wärmend, glutend, Beeren-Füllhorn aufgehäuft,
+ Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebendig,
+ Und es rauscht in jedem Laube, raschelt um von Stock zu Stock.
+ Körbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten ächzen hin,
+ Alles nach der großen Kufe zu der Keltrer kräft'gem Tanz;
+ Und so wird die heilige Fülle reingeborner saftiger Beeren
+ Frech zertreten, schäumend, sprühend mischt sich's, widerlich zerquetscht.
+ Und nun gellt ins Ohr der Zimbeln mit der Becken Erzgetöne,
+ Denn es hat sich Dionysos aus Mysterien enthüllt;
+ Kommt hervor mit Ziegenfüßlern, schwenkend Ziegenfüßlerinnen,
+ Und dazwischen schreit unbändig grell Silenus' öhrig Tier.
+ Nichts geschont! Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder,
+ Alle Sinne wirbeln taumlich, gräßlich übertäubt das Ohr.
+ Nach der Schale tappen Trunkne, überfüllt sind Kopf und Wänste,
+ Sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die Tumulte,
+ Denn um neuen Most zu bergen, leert man rasch den alten Schlauch!
+
+
+
+
+
+ 4. Akt--Hochgebirg
+
+ FAUST:
+ Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,
+ Betret' ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,
+ Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
+ An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
+ Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
+ Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
+ Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
+ Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.
+ Doch will sich's modeln.--Ja! das Auge trügt mich nicht!--
+ Auf sonnbeglänzten Pfühlen herrlich hingestreckt,
+ Zwar riesenhaft, ein göttergleiches Fraungebild,
+ Ich seh's! Junonen ähnlich, Leda'n, Helenen,
+ Wie majestätisch lieblich mir's im Auge schwankt.
+ Ach! schon verrückt sich's! Formlos breit und aufgetürmt
+ Ruht es in Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
+ Und spiegelt blendend flücht'ger Tage großen Sinn.
+ Doch mir umschwebt ein zarter lichter Nebelstreif
+ Noch Brust und Stirn, erheiternd, kühl und schmeichelhaft.
+ Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und höher auf,
+ Fügt sich zusammen.--Täuscht mich ein entzückend Bild,
+ Als jugenderstes, längstentbehrtes höchstes Gut?
+ Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf:
+ Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet's mir,
+ Den schnellempfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
+ Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.
+ Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,
+ Löst sich nicht auf, erhebt sich in den äther hin
+ Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das heiß' ich endlich vorgeschritten!
+ Nun aber sag, was fällt dir ein?
+ Steigst ab in solcher Greuel Mitten,
+ Im gräßlich gähnenden Gestein?
+ Ich kenn' es wohl, doch nicht an dieser Stelle,
+ Denn eigentlich war das der Grund der Hölle.
+
+ FAUST:
+ Es fehlt dir nie an närrischen Legenden;
+ Fängst wieder an, dergleichen auszuspenden.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Als Gott der Herr--ich weiß auch wohl, warum--
+ Uns aus der Luft in tiefste Tiefen bannte,
+ Da, wo zentralisch glühend, um und um,
+ Ein ewig Feuer flammend sich durchbrannte,
+ Wir fanden uns bei allzugroßer Hellung
+ In sehr gedrängter, unbequemer Stellung.
+ Die Teufel fingen sämtlich an zu husten,
+ Von oben und von unten auszupusten;
+ Die Hölle schwoll von Schwefelstank und--säure,
+ Das gab ein Gas! Das ging ins Ungeheure,
+ So daß gar bald der Länder flache Kruste,
+ So dick sie war, zerkrachend bersten mußte.
+ Nun haben wir's an einem andern Zipfel,
+ Was ehmals Grund war, ist nun Gipfel.
+ Sie gründen auch hierauf die rechten Lehren,
+ Das Unterste ins Oberste zu kehren.
+ Denn wir entrannen knechtisch-heißer Gruft
+ Ins übermaß der Herrschaft freier Luft.
+ Ein offenbar Geheimnis, wohl verwahrt,
+ Und wird nur spät den Völkern offenbart.((ephes. 6,12))
+
+ FAUST:
+ Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm,
+ Ich frage nicht woher und nicht warum.
+ Als die Natur sich in sich selbst gegründet,
+ Da hat sie rein den Erdball abgeründet,
+ Der Gipfel sich, der Schluchten sich erfreut
+ Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht,
+ Die Hügel dann bequem hinabgebildet,
+ Mit sanftem Zug sie in das Tal gemildet.
+ Da grünt's und wächst's, und um sich zu erfreuen,
+ Bedarf sie nicht der tollen Strudeleien.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar;
+ Doch weiß es anders, der zugegen war.
+ Ich war dabei, als noch da drunten siedend
+ Der Abgrund schwoll und strömend Flammen trug;
+ Als Molochs Hammer, Fels an Felsen schmiedend,
+ Gebirgestrümmer in die Ferne schlug.
+ Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen;
+ Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht?
+ Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen,
+ Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen,
+ Zuschanden haben wir uns schon gedacht.--
+ Das treu-gemeine Volk allein begreift
+ Und läßt sich im Begriff nicht stören;
+ Ihm ist die Weisheit längst gereift:
+ Ein Wunder ist's, der Satan kommt zu Ehren.
+ Mein Wandrer hinkt an seiner Glaubenskrücke
+ Zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.
+
+ FAUST:
+ Es ist doch auch bemerkenswert zu achten,
+ Zu sehn, wie Teufel die Natur betrachten.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was geht mich's an! Natur sei, wie sie sei!
+ 's ist Ehrenpunkt: der Teufel war dabei!
+ Wir sind die Leute, Großes zu erreichen;
+ Tumult, Gewalt und Unsinn! sieh das Zeichen!--
+ Doch, daß ich endlich ganz verständlich spreche,
+ Gefiel dir nichts an unsrer Oberfläche?
+ Du übersahst, in ungemeßnen Weiten,
+ Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten. ((matth. 4))
+ Doch, ungenügsam, wie du bist,
+ Empfandest du wohl kein Gelüst?
+
+ FAUST:
+ Und doch! ein Großes zog mich an.
+ Errate! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das ist bald getan.
+ Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus,
+ Im Kerne Bürger-Nahrungs-Graus,
+ Krummenge Gäßchen, spitze Giebeln,
+ Beschränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln;
+ Fleischbänke, wo die Schmeißen hausen,
+ Die fetten Braten anzuschmausen;
+ Da findest du zu jeder Zeit
+ Gewiß Gestank und Tätigkeit.
+ Dann weite Plätze, breite Straßen,
+ Vornehmen Schein sich anzumaßen;
+ Und endlich, wo kein Tor beschränkt,
+ Vorstädte grenzenlos verlängt.
+ Da freut' ich mich an Rollekutschen,
+ Am lärmigen Hin- und Widerrutschen,
+ Am ewigen Hin- und Widerlaufen
+ Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen.
+ Und wenn ich führe, wenn ich ritte,
+ Erschien' ich immer ihre Mitte,
+ Von Hunderttausenden verehrt.
+
+ FAUST:
+ Das kann mich nicht zufriedenstellen.
+ Man freut sich, daß das Volk sich mehrt,
+ Nach seiner Art behaglich nährt,
+ Sogar sich bildet, sich belehrt--
+ Und man erzieht sich nur Rebellen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dann baut' ich, grandios, mir selbst bewußt,
+ Am lustigen Ort ein Schloß zur Lust.
+ Wald, Hügel, Flächen, Wiesen, Feld
+ Zum Garten prächtig umbestellt.
+ Vor grünen Wänden Sammetmatten,
+ Schnurwege, kunstgerechte Schatten,
+ Kaskadensturz, durch Fels zu Fels gepaart,
+ Und Wasserstrahlen aller Art;
+ Ehrwürdig steigt es dort, doch an den Seiten
+ Da zischt's und pißt's in tausend Kleinigkeiten.
+ Dann aber ließ ich allerschönsten Frauen
+ Vertraut-bequeme Häuslein bauen;
+ Verbrächte da grenzenlose Zeit
+ In allerliebst-geselliger Einsamkeit.
+ Ich sage Fraun; denn ein für allemal
+ Denk' ich die Schönen im Plural.
+
+ FAUST:
+ Schlecht und modern! Sardanapal!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Errät man wohl, wornach du strebtest?
+ Es war gewiß erhaben kühn.
+ Der du dem Mond um so viel näher schwebtest,
+ Dich zog wohl deine Sucht dahin?
+
+ FAUST:
+ Mit nichten! dieser Erdenkreis
+ Gewährt noch Raum zu großen Taten.
+ Erstaunenswürdiges soll geraten,
+ Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und also willst du Ruhm verdienen?
+ Man merkt's, du kommst von Heroinen.
+
+ FAUST:
+ Herrschaft gewinn' ich, Eigentum!
+ Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Doch werden sich Poeten finden,
+ Der Nachwelt deinen Glanz zu künden,
+ Durch Torheit Torheit zu entzünden.
+
+ FAUST:
+ Von allem ist dir nichts gewährt.
+ Was weißt du, was der Mensch begehrt?
+ Dein widrig Wesen, bitter, scharf,
+ Was weiß es, was der Mensch bedarf?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Geschehe denn nach deinem Willen!
+ Vertraue mir den Umfang deiner Grillen.
+
+ FAUST:
+ Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen;
+ Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen,
+ Dann ließ es nach und schüttete die Wogen,
+ Des flachen Ufers Breite zu bestürmen.
+ Und das verdroß mich; wie der übermut
+ Den freien Geist, der alle Rechte schätzt,
+ Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut
+ Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt.
+ Ich hielt's für Zufall, schärfte meinen Blick:
+ Die Woge stand und rollte dann zurück,
+ Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel;
+ Die Stunde kommt, sie wiederholt das Spiel.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da ist für mich nichts Neues zu erfahren,
+ Das kenn' ich schon seit hunderttausend Jahren.
+
+ FAUST:
+ Sie schleicht heran, an abertausend Enden,
+ Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden;
+ Nun schwillt's und wächst und rollt und überzieht
+ Der wüsten Strecke widerlich Gebiet.
+ Da herrschet Well' auf Welle kraftbegeistet,
+ Zieht sich zurück, und es ist nichts geleistet,
+ Was zur Verzweiflung mich beängstigen könnte!
+ Zwecklose Kraft unbändiger Elemente!
+ Da wagt mein Geist, sich selbst zu überfliegen;
+ Hier möcht' ich kämpfen, dies möcht' ich besiegen.
+ Und es ist möglich!--Flutend wie sie sei,
+ An jedem Hügel schmiegt sie sich vorbei;
+ Sie mag sich noch so übermütig regen,
+ Geringe Höhe ragt ihr stolz entgegen,
+ Geringe Tiefe zieht sie mächtig an.
+ Da faßt' ich schnell im Geiste Plan auf Plan:
+ Erlange dir das köstliche Genießen,
+ Das herrische Meer vom Ufer auszuschließen,
+ Der feuchten Breite Grenzen zu verengen
+ Und, weit hinein, sie in sich selbst zu drängen.
+ Von Schritt zu Schritt wußt' ich mir's zu erörtern;
+ Das ist mein Wunsch, den wage zu befördern!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie leicht ist das! Hörst du die Trommeln fern?
+
+ FAUST:
+ Schon wieder Krieg! der Kluge hört's nicht gern.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Krieg oder Frieden. Klug ist das Bemühen,
+ Zu seinem Vorteil etwas auszuziehen.
+ Man paßt, man merkt auf jedes günstige Nu.
+ Gelegenheit ist da, nun, Fauste, greife zu!
+
+ FAUST:
+ Mit solchem Rätselkram verschone mich!
+ Und kurz und gut, was soll's? Erkläre dich.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen:
+ Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen.
+ Du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten,
+ Ihm falschen Reichtum in die Hände spielten,
+ Da war die ganze Welt ihm feil.
+ Denn jung ward ihm der Thron zuteil,
+ Und ihm beliebt' es, falsch zu schließen,
+ Es könne wohl zusammengehn
+ Und sei recht wünschenswert und schön:
+ Regieren und zugleich genießen.
+
+ FAUST:
+ Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll,
+ Muß im Befehlen Seligkeit empfinden.
+ Ihm ist die Brust von hohem Willen voll,
+ Doch was er will, es darf's kein Mensch ergründen.
+ Was er den Treusten in das Ohr geraunt,
+ Es ist getan, und alle Welt erstaunt.
+ So wird er stets der Allerhöchste sein,
+ Der Würdigste--; Genießen macht gemein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So ist er nicht. Er selbst genoß, und wie!
+ Indes zerfiel das Reich in Anarchie,
+ Wo groß und klein sich kreuz und quer befehdeten
+ Und Brüder sich vertrieben, töteten,
+ Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,
+ Zunft gegen Adel Fehde hat,
+ Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;
+ Was sich nur ansah, waren Feinde.
+ In Kirchen Mord und Totschlag, vor den Toren
+ Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren.
+ Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering;
+ Denn leben hieß sich wehren.--Nun, das ging.
+
+ FAUST:
+ Es ging--es hinkte, fiel, stand wieder auf,
+ Dann überschlug sich's, rollte plump zuhauf.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Und solchen Zustand durfte niemand schelten,
+ Ein jeder konnte, jeder wollte gelten.
+ Der Kleinste selbst, er galt für voll.
+ Doch war's zuletzt den Besten allzutoll.
+ Die Tüchtigen, sie standen auf mit Kraft
+ Und sagten: Herr ist, der uns Ruhe schafft.
+ Der Kaiser kann's nicht, will's nicht--laßt uns wählen,
+ Den neuen Kaiser neu das Reich beseelen,
+ Indem er jeden sicher stellt,
+ In einer frisch geschaffnen Welt
+ Fried' und Gerechtigkeit vermählen.
+
+ FAUST:
+ Das klingt sehr pfäffisch. +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Pfaffen waren's auch,
+ Sie sicherten den wohlgenährten Bauch.
+ Sie waren mehr als andere beteiligt.
+ Der Aufruhr schwoll, der Aufruhr ward geheiligt;
+ Und unser Kaiser, den wir froh gemacht,
+ Zieht sich hieher, vielleicht zur letzten Schlacht.
+
+ FAUST:
+ Er jammert mich; er war so gut und offen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen.
+ Befrein wir ihn aus diesem engen Tale!
+ Einmal gerettet, ist's für tausend Male.
+ Wer weiß, wie noch die Würfel fallen?
+ Und hat er Glück, so hat er auch Vasallen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die Stellung, seh' ich, gut ist sie genommen;
+ Wir treten zu, dann ist der Sieg vollkommen.
+
+ FAUST:
+ Was kann da zu erwarten sein?
+ Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Kriegslist, um Schlachten zu gewinnen!
+ Befestige dich bei großen Sinnen,
+ Indem du deinen Zweck bedenkst.
+ Erhalten wir dem Kaiser Thron und Lande,
+ So kniest du nieder und empfängst
+ Die Lehn von grenzenlosem Strande.
+
+ FAUST:
+ Schon manches hast du durchgemacht,
+ Nun, so gewinn auch eine Schlacht!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nein, du gewinnst sie! Diesesmal
+ Bist du der Obergeneral.
+
+ FAUST:
+ Das wäre mir die rechte Höhe,
+ Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Laß du den Generalstab sorgen,
+ Und der Feldmarschall ist geborgen.
+ Kriegsunrat hab' ich längst verspürt,
+ Den Kriegsrat gleich voraus formiert
+ Aus Urgebirgs Urmenschenkraft;
+ Wohl dem, der sie zusammenrafft.
+
+ FAUST:
+ Was seh' ich dort, was Waffen trägt?
+ Hast du das Bergvolk aufgeregt?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nein! aber, gleich Herrn Peter Squenz,
+ Vom ganzen Praß die Quintessenz.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da kommen meine Bursche ja!
+ Du siehst, von sehr verschiednen Jahren,
+ Verschiednem Kleid und Rüstung sind sie da;
+ Du wirst nicht schlecht mit ihnen fahren.
+ Es liebt sich jetzt ein jedes Kind
+ Den Harnisch und den Ritterkragen;
+ Und, allegorisch wie die Lumpe sind,
+ Sie werden nur um desto mehr behagen.
+
+ RAUFEBOLD:
+ Wenn einer mir ins Auge sieht,
+ Werd' ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren,
+ Und eine Memme, wenn sie flieht,
+ Fass' ich bei ihren letzten Haaren.
+
+ HABEBALD:
+ So leere Händel, das sind Possen,
+ Damit verdirbt man seinen Tag;
+ Im Nehmen sei nur unverdrossen,
+ Nach allem andern frag' hernach.
+
+ HALTEFEST:
+ Damit ist auch nicht viel gewonnen!
+ Bald ist ein großes Gut zerronnen,
+ Es rauscht im Lebensstrom hinab.
+ Zwar nehmen ist recht gut, doch besser ist's, behalten;
+ Laß du den grauen Kerl nur walten,
+ Und niemand nimmt dir etwas ab.
+
+
+
+ Auf dem Vorgebirg
+
+ obergeneral
+ Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen,
+ Daß wir in dies gelegene Tal
+ Das ganze Heer gedrängt zurückgezogen;
+ Ich hoffe fest, uns glückt die Wahl.
+
+ KAISER:
+ Wie es nun geht, es muß sich zeigen;
+ Doch mich verdrießt die halbe Flucht, das Weichen.
+
+ OBERGENERAL:
+ Schau hier, mein Fürst, auf unsre rechte Flanke!
+ Solch ein Terrain wünscht sich der Kriegsgedanke:
+ Nicht steil die Hügel, doch nicht allzu gänglich,
+ Den Unsern vorteilhaft, dem Feind verfänglich;
+ Wir, halb versteckt, auf wellenförmigem Plan;
+ Die Reiterei, sie wagt sich nicht heran.
+
+ KAISER:
+ Mir bleibt nichts übrig, als zu loben;
+ Hier kann sich Arm und Brust erproben.
+
+ OBERGENERAL:
+ Hier, auf der Mittelwiese flachen Räumlichkeiten,
+ Siehst du den Phalanx, wohlgemut zu streiten.
+ Die Piken blinken flimmernd in der Luft,
+ Im Sonnenglanz, durch Morgennebelduft.
+ Wie dunkel wogt das mächtige Quadrat!
+ Zu Tausenden glüht's hier auf große Tat.
+ Du kannst daran die Masse Kraft erkennen,
+ Ich trau' ihr zu, der Feinde Kraft zu trennen.
+
+ KAISER:
+ Den schönen Blick hab' ich zum erstenmal.
+ Ein solches Heer gilt für die Doppelzahl.
+
+ OBERGENERAL:
+ Von unsrer Linken hab' ich nichts zu melden,
+ Den starren Fels besetzen wackere Helden,
+ Das Steingeklipp, das jetzt von Waffen blitzt,
+ Den wichtigen Paß der engen Klause schützt.
+ Ich ahne schon, hier scheitern Feindeskräfte
+ Unvorgesehn im blutigen Geschäfte.
+
+ KAISER:
+ Dort ziehn sie her, die falschen Anverwandten,
+ Wie sie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten,
+ Sich immer mehr und wieder mehr erlaubten,
+ Dem Zepter Kraft, dem Thron Verehrung raubten,
+ Dann, unter sich entzweit, das Reich verheerten
+ Und nun gesamt sich gegen mich empörten.
+ Die Menge schwankt im ungewissen Geist,
+ Dann strömt sie nach, wohin der Strom sie reißt.
+
+ OBERGENERAL:
+ Ein treuer Mann, auf Kundschaft ausgeschickt,
+ Kommt eilig felsenab; sei's ihm geglückt!
+
+ ERSTER KUNDSCHAFTER:
+ Glücklich ist sie uns gelungen,
+ Listig, mutig, unsre Kunst,
+ Daß wir hin und her gedrungen;
+ Doch wir bringen wenig Gunst.
+ Viele schwören reine Huldigung
+ Dir, wie manche treue Schar;
+ Doch Untätigkeits-Entschuldigung:
+ Innere Gärung, Volksgefahr.
+
+ KAISER:
+ Sich selbst erhalten bleibt der Selbstsucht Lehre,
+ Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre.
+ Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll,
+ Daß Nachbars Hausbrand euch verzehren soll?
+
+ OBERGENERAL:
+ Der zweite kommt, nur langsam steigt er nieder,
+ Dem müden Manne zittern alle Glieder.
+
+ ZWEITER KUNDSCHAFTER:
+ Erst gewahrten wir vergnüglich
+ Wilden Wesens irren Lauf;
+ Unerwartet, unverzüglich
+ Trat ein neuer Kaiser auf.
+ Und auf vorgeschriebnen Bahnen
+ Zieht die Menge durch die Flur;
+ Den entrollten Lügenfahnen
+ Folgen alle.--Schafsnatur!
+
+ KAISER:
+ Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn:
+ Nun fühl' ich erst, daß ich der Kaiser bin.
+ Nur als Soldat legt' ich den Harnisch an,
+ Zu höherm Zweck ist er nun umgetan.
+ Bei jedem Fest, wenn's noch so glänzend war,
+ Nichts ward vermißt, mir fehlte die Gefahr.
+ Wie ihr auch seid, zum Ringspiel rietet ihr,
+ Mir schlug das Herz, ich atmete Turnier;
+ Und hättet ihr mir nicht vom Kriegen abgeraten,
+ Jetzt glänzt' ich schon in lichten Heldentaten.
+ Selbständig fühlt' ich meine Brust besiegelt,
+ Als ich mich dort im Feuerreich bespiegelt;
+ Das Element drang gräßlich auf mich los,
+ Es war nur Schein, allein der Schein war groß.
+ Von Sieg und Ruhm hab' ich verwirrt geträumt;
+ Ich bringe nach, was frevelhaft versäumt.
+
+ FAUST:
+ Wir treten auf und hoffen, ungescholten;
+ Auch ohne Not hat Vorsicht wohl gegolten.
+ Du weißt, das Bergvolk denkt und simuliert,
+ Ist in Natur- und Felsenschrift studiert.
+ Die Geister, längst dem flachen Land entzogen,
+ Sind mehr als sonst dem Felsgebirg gewogen.
+ Sie wirken still durch labyrinthische Klüfte
+ Im edlen Gas metallisch reicher Düfte;
+ In stetem Sondern, Prüfen und Verbinden
+ Ihr einziger Trieb ist, Neues zu erfinden.
+ Mit leisem Finger geistiger Gewalten
+ Erbauen sie durchsichtige Gestalten;
+ Dann im Kristall und seiner ewigen Schweignis
+ Erblicken sie der Oberwelt Ereignis.
+
+ KAISER:
+ Vernommen hab' ich's, und ich glaube dir;
+ Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier?
+
+ FAUST:
+ Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,
+ Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener.
+ Welch greulich Schicksal droht' ihm ungeheuer!
+ Das Reisig prasselte, schon züngelte das Feuer;
+ Die trocknen Scheite, ringsumher verschränkt,
+ Mit Pech und Schwefelruten untermengt;
+ Nicht Mensch, noch Gott, noch Teufel konnte retten,
+ Die Majestät zersprengte glühende Ketten.
+ Dort war's in Rom. Er bleibt dir hoch verpflichtet,
+ Auf deinen Gang in Sorge stets gerichtet.
+ Von jener Stund' an ganz vergaß er sich,
+ Er fragt den Stern, die Tiefe nur für dich.
+ Er trug uns auf, als eiligstes Geschäfte,
+ Bei dir zu stehn. Groß sind des Berges Kräfte;
+ Da wirkt Natur so übermächtig frei,
+ Der Pfaffen Stumpfsinn schilt es Zauberei.
+
+ KAISER:
+ Am Freudentag, wenn wir die Gäste grüßen,
+ Die heiter kommen, heiter zu genießen,
+ Da freut uns jeder, wie er schiebt und drängt
+ Und, Mann für Mann, der Säle Raum verengt.
+ Doch höchst willkommen muß der Biedre sein,
+ Tritt er als Beistand kräftig zu uns ein
+ Zur Morgenstunde, die bedenklich waltet,
+ Weil über ihr des Schicksals Waage schaltet.
+ Doch lenket hier im hohen Augenblick
+ Die starke Hand vom willigen Schwert zurück,
+ Ehrt den Moment, wo manche Tausend schreiten,
+ Für oder wider mich zu streiten.
+ Selbst ist der Mann! Wer Thron und Kron' begehrt,
+ Persönlich sei er solcher Ehren wert.
+ Sei das Gespenst, das, gegen uns erstanden,
+ Sich Kaiser nennt und Herr von unsern Landen,
+ Des Heeres Herzog, Lehnherr unsrer Großen,
+ Mit eigner Faust ins Totenreich gestoßen!
+
+ FAUST:
+ Wie es auch sei, das Große zu vollenden,
+ Du tust nicht wohl, dein Haupt so zu verpfänden.
+ Ist nicht der Helm mit Kamm und Busch geschmückt?
+ Er schützt das Haupt, das unsern Mut entzückt.
+ Was, ohne Haupt, was förderten die Glieder?
+ Denn schläfert jenes, alle sinken nieder;
+ Wird es verletzt, gleich alle sind verwundet,
+ Erstehen frisch, wenn jenes rasch gesundet.
+ Schnell weiß der Arm sein starkes Recht zu nützen;
+ Er hebt den Schild, den Schädel zu beschützen;
+ Das Schwert gewahret seiner Pflicht sogleich,
+ Lenkt kräftig ab und wiederholt den Streich;
+ Der tüchtige Fuß nimmt teil an ihrem Glück,
+ Setzt dem Erschlagnen frisch sich ins Genick.
+
+ KAISER:
+ Das ist mein Zorn, so möcht' ich ihn behandeln,
+ Das stolze Haupt in Schemeltritt verwandeln!
+
+ HEROLDE:
+ Wenig Ehre, wenig Geltung
+ Haben wir daselbst genossen,
+ Unsrer kräftig edlen Meldung
+ Lachten sie als schaler Possen:
+ "Euer Kaiser ist verschollen,
+ Echo dort im engen Tal;
+ Wenn wir sein gedenken sollen,
+ Märchen sagt:--Es war einmal."
+
+ FAUST:
+ Dem Wunsch gemäß der Besten ist's geschehn,
+ Die fest und treu an deiner Seite stehn.
+ Dort naht der Feind, die Deinen harren brünstig;
+ Befiehl den Angriff, der Moment ist günstig.
+
+ KAISER:
+ Auf das Kommando leist' ich hier Verzicht.
+ In deinen Händen, Fürst, sei deine Pflicht.
+
+ OBERGENERAL:
+ So trete denn der rechte Flügel an!
+ Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen,
+ Soll, eh' sie noch den letzten Schritt getan,
+ Der Jungendkraft geprüfter Treue weichen.
+
+ FAUST:
+ Erlaube denn, daß dieser muntre Held
+ Sich ungesäumt in deine Reihen stellt,
+ Sich deinen Reihen innigst einverleibt
+ Und, so gesellt, sein kräftig Wesen treibt.
+
+ RAUFEBOLD:
+ Wer das Gesicht mir zeigt, der kehrt's nicht ab
+ Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken;
+ Wer mir den Rücken kehrt, gleich liegt ihm schlapp
+ Hals, Kopf und Schopf hinschlotternd graß im Nacken.
+ Und schlagen deine Männer dann
+ Mit Schwert und Kolben, wie ich wüte,
+ So stürzt der Feind, Mann über Mann,
+ Ersäuft im eigenen Geblüte.
+
+ OBERGENERAL:
+ Der Phalanx unsrer Mitte folge sacht,
+ Dem Feind begegn' er, klug mit aller Macht;
+ Ein wenig rechts, dort hat bereits, erbittert,
+ Der Unsern Streitkraft ihren Plan erschüttert.
+
+ FAUST:
+ So folge denn auch dieser deinem Wort!
+ Er ist behend, reißt alles mit sich fort.
+
+ HABEBALD:
+ Dem Heldenmut der Kaiserscharen
+ Soll sich der Durst nach Beute paaren;
+ Und allen sei das Ziel gestellt:
+ Des Gegenkaisers reiches Zelt.
+ Er prahlt nicht lang auf seinem Sitze,
+ Ich ordne mich dem Phalanx an die Spitze.
+
+ EILEBEUTE:
+ Bin ich auch ihm nicht angeweibt,
+ Er mir der liebste Buhle bleibt.
+ Für uns ist solch ein Herbst gereift!
+ Die Frau ist grimmig, wenn sie greift,
+ Ist ohne Schonung, wenn sie raubt;
+ Im Sieg voran! und alles ist erlaubt.
+
+ OBERGENERAL:
+ Auf unsre Linke, wie vorauszusehn,
+ Stürzt ihre Rechte, kräftig. Widerstehn
+ Wird Mann für Mann dem wütenden Beginnen,
+ Den engen Paß des Felswegs zu gewinnen.
+
+ FAUST:
+ So bitte, Herr, auch diesen zu bemerken;
+ Es schadet nichts, wenn Starke sich verstärken.
+
+ HALTEFEST:
+ Dem linken Flügel keine Sorgen!
+ Da, wo ich bin, ist der Besitz geborgen;
+ In ihm bewähret sich der Alte,
+ Kein Strahlblitz spaltet, was ich halte.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nun schauet, wie im Hintergrunde
+ Aus jedem zackigen Felsenschlunde
+ Bewaffnete hervor sich drängen,
+ Die schmalen Pfade zu verengen,
+ Mit Helm und Harnisch, Schwertern, Schilden
+ In unserm Rücken eine Mauer bilden,
+ Den Wink erwartend, zuzuschlagen.
+ Woher das kommt, müßt ihr nicht fragen.
+ Ich habe freilich nicht gesäumt,
+ Die Waffensäle ringsum ausgeräumt;
+ Da standen sie zu Fuß, zu Pferde,
+ Als wären sie noch Herrn der Erde;
+ Sonst waren's Ritter, König, Kaiser,
+ Jetzt sind es nichts als leere Schneckenhäuser;
+ Gar manch Gespenst hat sich darein geputzt,
+ Das Mittelalter lebhaft aufgestutzt.
+ Welch Teufelchen auch drinne steckt,
+ Für diesmal macht es doch Effekt.
+ Hört, wie sie sich voraus erbosen,
+ Blechklappernd aneinander stoßen!
+ Auch flattern Fahnenfetzen bei Standarten,
+ Die frischer Lüftchen ungeduldig harrten.
+ Bedenkt, hier ist ein altes Volk bereit
+ Und mischte gern sich auch zum neuen Streit.
+
+ FAUST:
+ Der Horizont hat sich verdunkelt,
+ Nur hie und da bedeutend funkelt
+ Ein roter ahnungsvoller Schein;
+ Schon blutig blinken die Gewehre;
+ Der Fels, der Wald, die Atmosphäre,
+ Der ganze Himmel mischt sich ein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Die rechte Flanke hält sich kräftig;
+ Doch seh' ich ragend unter diesen
+ Hans Raufbold, den behenden Riesen,
+ Auf seine Weise rasch geschäftig.
+
+ KAISER:
+ Erst sah ich einen Arm erhoben,
+ Jetzt seh' ich schon ein Dutzend toben;
+ Naturgemäß geschieht es nicht.
+
+ FAUST:
+ Vernahmst du nichts von Nebelstreifen,
+ Die auf Siziliens Küsten schweifen?
+ Dort, schwankend klar, im Tageslicht,
+ Erhoben zu den Mittellüften,
+ Gespiegelt in besondern Düften,
+ Erscheint ein seltsames Gesicht:
+ Da schwanken Städte hin und wider,
+ Da steigen Gärten auf und nieder,
+ Wie Bild um Bild den äther bricht.
+
+ KAISER:
+ Doch wie bedenklich! Alle Spitzen
+ Der hohen Speere seh' ich blitzen;
+ Auf unsres Phalanx blanken Lanzen
+ Seh' ich behende Flämmchen tanzen.
+ Das scheint mir gar zu geisterhaft.
+
+ FAUST:
+ Verzeih, o Herr, das sind die Spuren
+ Verschollner geistiger Naturen,
+ Ein Widerschein der Dioskuren,
+ Bei denen alle Schiffer schwuren;
+ Sie sammeln hier die letzte Kraft.
+
+ KAISER:
+ Doch sage: wem sind wir verpflichtet,
+ Daß die Natur, auf uns gerichtet,
+ Das Seltenste zusammenrafft?
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wem als dem Meister, jenem hohen,
+ Der dein Geschick im Busen trägt?
+ Durch deiner Feinde starkes Drohen
+ Ist er im Tiefsten aufgeregt.
+ Sein Dank will dich gerettet sehen,
+ Und sollt' er selbst daran vergehen.
+
+ KAISER:
+ Sie jubelten, mich pomphaft umzuführen;
+ Ich war nun was, das wollt' ich auch probieren
+ Und fand's gelegen, ohne viel zu denken,
+ Dem weißen Barte kühle Luft zu schenken.
+ Dem Klerus hab' ich eine Lust verdorben,
+ Und ihre Gunst mir freilich nicht erworben.
+ Nun sollt' ich, seit so manchen Jahren,
+ Die Wirkung frohen Tuns erfahren?
+
+ FAUST:
+ Freiherzige Wohltat wuchert reich;
+ Laß deinen Blick sich aufwärts wenden!
+ Mich deucht, er will ein Zeichen senden,
+ Gib acht, es deutet sich sogleich.
+
+ KAISER:
+ Ein Adler schwebt im Himmelhohen,
+ Ein Greif ihm nach mit wildem Drohen.
+
+ FAUST:
+ Gib acht: gar günstig scheint es mir.
+ Greif ist ein fabelhaftes Tier;
+ Wie kann es sich so weit vergessen,
+ Mit echtem Adler sich zu messen?
+
+ KAISER:
+ Nunmehr, in weitgedehnten Kreisen,
+ Umziehn sie sich;--in gleichem Nu
+ Sie fahren aufeinander zu,
+ Sich Brust und Hälse zu zerreißen.
+
+ FAUST:
+ Nun merke, wie der leidige Greif,
+ Zerzerrt, zerzaust, nur Schaden findet
+ Und mit gesenktem Löwenschweif,
+ Zum Gipfelwald gestürzt, verschwindet.
+
+ KAISER:
+ Sei's, wie gedeutet, so getan!
+ Ich nehm' es mit Verwundrung an.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Dringend wiederholten Streichen
+ Müssen unsre Feinde weichen,
+ Und mit ungewissem Fechten
+ Drängen sie nach ihrer Rechten
+ Und verwirren so im Streite
+ Ihrer Hauptmacht linke Seite.
+ Unsers Phalanx feste Spitze
+ Zieht sich rechts, und gleich dem Blitze
+ Fährt sie in die schwache Stelle.--
+ Nun, wie sturmerregte Welle
+ Sprühend, wüten gleiche Mächte
+ Wild in doppeltem Gefechte;
+ Herrlichers ist nichts ersonnen,
+ Uns ist diese Schlacht gewonnen!
+
+ KAISER:
+ Schau! Mir scheint es dort bedenklich,
+ Unser Posten steht verfänglich.
+ Keine Steine seh' ich fliegen,
+ Niedre Felsen sind erstiegen,
+ Obre stehen schon verlassen.
+ Jetzt!--Der Feind, zu ganzen Massen
+ Immer näher angedrungen,
+ Hat vielleicht den Paß errungen,
+ Schlußerfolg unheiligen Strebens!
+ Eure Künste sind vergebens.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Da kommen meine beiden Raben,
+ Was mögen die für Botschaft haben?
+ Ich fürchte gar, es geht uns schlecht.
+
+ KAISER:
+ Was sollen diese leidigen Vögel?
+ Sie richten ihre schwarzen Segel
+ Hierher vom heißen Felsgefecht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Setzt euch ganz nah zu meinen Ohren.
+ Wen ihr beschützt, ist nicht verloren,
+ Denn euer Rat ist folgerecht.
+
+ FAUST:
+ Von Tauben hast du ja vernommen,
+ Die aus den fernsten Landen kommen
+ Zu ihres Nestes Brut und Kost.
+ Hier ist's mit wichtigen Unterschieden:
+ Die Taubenpost bedient den Frieden,
+ Der Krieg befiehlt die Rabenpost.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Es meldet sich ein schwer Verhängnis:
+ Seht hin! gewahret die Bedrängnis
+ Um unsrer Helden Felsenrand!
+ Die nächsten Höhen sind erstiegen,
+ Und würden sie den Paß besiegen,
+ Wir hätten einen schweren Stand.
+
+ KAISER:
+ So bin ich endlich doch betrogen!
+ Ihr habt mich in das Netz gezogen;
+ Mir graut, seitdem es mich umstrickt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Nur Mut! Noch ist es nicht mißglückt.
+ Geduld und Pfiff zum letzten Knoten!
+ Gewöhnlich geht's am Ende scharf.
+ Ich habe meine sichern Boten;
+ Befehlt, daß ich befehlen darf!
+
+ OBERGENERAL:
+ Mit diesen hast du dich vereinigt,
+ Mich hat's die ganze Zeit gepeinigt,
+ Das Gaukeln schafft kein festes Glück.
+ Ich weiß nichts an der Schlacht zu wenden;
+ Begannen sie's, sie mögen's enden,
+ Ich gebe meinen Stab zurück.
+
+ KAISER:
+ Behalt ihn bis zu bessern Stunden,
+ Die uns vielleicht das Glück verleiht.
+ Mir schaudert vor dem garstigen Kunden
+ Und seiner Rabentraulichkeit.
+ Den Stab kann ich dir nicht verleihen,
+ Du scheinst mir nicht der rechte Mann;
+ Befiehl und such uns zu befreien!
+ Geschehe, was geschehen kann.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mag ihn der stumpfe Stab beschützen!
+ Uns andern könnt' er wenig nützen,
+ Es war so was vom Kreuz daran.
+
+ FAUST:
+ Was ist zu tun? +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Es ist getan!--
+ Nun, schwarze Vettern, rasch im Dienen,
+ Zum großen Bergsee! grüßt mir die Undinen
+ Und bittet sie um ihrer Fluten Schein.
+ Durch Weiberkünste, schwer zu kennen,
+ Verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen,
+ Und jeder schwört, das sei das Sein.
+
+ FAUST:
+ Den Wasserfräulein müssen unsre Raben
+ Recht aus dem Grund geschmeichelt haben;
+ Dort fängt es schon zu rieseln an.
+ An mancher trocknen, kahlen Felsenstelle
+ Entwickelt sich die volle, rasche Quelle;
+ Um jener Sieg ist es getan.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Das ist ein wunderbarer Gruß,
+ Die kühnsten Klettrer sind konfus.
+
+ FAUST:
+ Schon rauscht ein Bach zu Bächen mächtig nieder,
+ Aus Schluchten kehren sie gedoppelt wieder,
+ Ein Strom nun wirft den Bogenstrahl;
+ Auf einmal legt er sich in flache Felsenbreite
+ Und rauscht und schäumt nach der und jener Seite,
+ Und stufenweise wirft er sich ins Tal.
+ Was hilft ein tapfres, heldenmäßiges Stemmen?
+ Die mächtige Woge strömt, sie wegzuschwemmen.
+ Mir schaudert selbst vor solchem wilden Schwall.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ich sehe nichts von diesen Wasserlügen,
+ Nur Menschenaugen lassen sich betrügen,
+ Und mich ergetzt der wunderliche Fall.
+ Sie stürzen fort zu ganzen Haufen,
+ Die Narren wähnen zu ersaufen,
+ Indem sie frei auf festem Lande schnaufen
+ Und lächerlich mit Schwimmgebärden laufen.
+ Nun ist Verwirrung überall.
+ Ich werd' euch bei dem hohen Meister loben;
+ Wollt ihr euch nun als Meister selbst erproben,
+ So eilet zu der glühnden Schmiede,
+ Wo das Gezwergvolk, nimmer müde,
+ Metall und Stein zu Funken schlägt.
+ Verlangt, weitläufig sie beschwatzend,
+ Ein Feuer, leuchtend, blinkend, platzend,
+ Wie man's im hohen Sinne hegt.
+ Zwar Wetterleuchten in der weiten Ferne,
+ Blickschnelles Fallen allerhöchster Sterne
+ Mag jede Sommernacht geschehn;
+ Doch Wetterleuchten in verworrnen Büschen
+ Und Sterne, die am feuchten Boden zischen,
+ Das hat man nicht so leicht gesehn.
+ So müßt ihr, ohn' euch viel zu quälen,
+ Zuvörderst bitten, dann befehlen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Den Feinden dichte Finsternisse!
+ Und Tritt und Schritt ins Ungewisse!
+ Irrfunkenblick an allen Enden,
+ Ein Leuchten, plötzlich zu verblenden!
+ Das alles wäre wunderschön,
+ Nun aber braucht's noch Schreckgetön.
+
+ FAUST:
+ Die hohlen Waffen aus der Säle Grüften
+ Empfinden sich erstarkt in freien Lüften;
+ Da droben klappert's, rasselt's lange schon,
+ Ein wunderbarer falscher Ton.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ganz recht! Sie sind nicht mehr zu zügeln;
+ Schon schallt's von ritterlichen Prügeln,
+ Wie in der holden alten Zeit.
+ Armschienen wie der Beine Schienen,
+ Als Guelfen und als Ghibellinen,
+ Erneuen rasch den ewigen Streit.
+ Fest, im ererbten Sinne wöhnlich,
+ Erweisen sie sich unversöhnlich;
+ Schon klingt das Tosen weit und breit.
+ Zuletzt, bei allen Teufelsfesten,
+ Wirkt der Parteihaß doch zum besten,
+ Bis in den allerletzten Graus;
+ Schallt wider-widerwärtig panisch,
+ Mitunter grell und scharf satanisch,
+ Erschreckend in das Tal hinaus.
+
+
+
+ Des Gegenkaisers Zelt
+
+ EILEBEUTE:
+ So sind wir doch die ersten hier!
+
+ HABEBALD:
+ Kein Rabe fliegt so schnell als wir.
+
+ EILEBEUTE:
+ O! welch ein Schatz liegt hier zuhauf!
+ Wo fang' ich an? Wo hör' ich auf?
+
+ HABEBALD:
+ Steht doch der ganze Raum so voll!
+ Weiß nicht, wozu ich greifen soll.
+
+ EILEBEUTE:
+ Der Teppich wär' mir eben recht,
+ Mein Lager ist oft gar zu schlecht.
+
+ HABEBALD:
+ Hier hängt von Stahl ein Morgenstern,
+ Dergleichen hätt' ich lange gern.
+
+ EILEBEUTE:
+ Den roten Mantel goldgesäumt,
+ So etwas hatt' ich mir geträumt.
+
+ HABEBALD:
+ Damit ist es gar bald getan,
+ Man schlägt ihn tot und geht voran.
+ Du hast so viel schon aufgepackt
+ Und doch nichts Rechtes eingesackt.
+ Den Plunder laß an seinem Ort,
+ Nehm' eines dieser Kistchen fort!
+ Dies ist des Heers beschiedner Sold,
+ In seinem Bauche lauter Gold.
+
+ EILEBEUTE:
+ Das hat ein mörderisch Gewicht!
+ Ich heb' es nicht, ich trag' es nicht.
+
+ HABEBALD:
+ Geschwinde duck' dich! Mußt dich bücken!
+ Ich hucke dir's auf den starken Rücken.
+
+ EILEBEUTE:
+ O weh! O weh, nun ist's vorbei!
+ Die Last bricht mir das Kreuz entzwei.
+
+ HABEBALD:
+ Da liegt das rote Gold zuhauf--
+ Geschwinde zu und raff es auf!
+
+ EILEBEUTE:
+ Geschwinde nur zum Schoß hinein!
+ Noch immer wird's zur Gnüge sein.
+
+ HABEBALD:
+ Und so genug! und eile doch!
+ O weh, die Schürze hat ein Loch!
+ Wohin du gehst und wo du stehst,
+ Verschwenderisch die Schätze säst.
+
+ TRABANTEN USERS KAISERS:
+ Was schafft ihr hier am heiligen Platz?
+ Was kramt ihr in dem Kaiserschatz?
+
+ HABEBALD:
+ Wir trugen unsre Glieder feil
+ Und holen unser Beuteteil.
+ In Feindeszelten ist's der Brauch,
+ Und wir, Soldaten sind wir auch.
+
+ TRABANTEN:
+ Das passet nicht in unsern Kreis:
+ Zugleich Soldat und Diebsgeschmeiß;
+ Und wer sich unserm Kaiser naht,
+ Der sei ein redlicher Soldat.
+
+ HABEBALD:
+ Die Redlichkeit, die kennt man schon,
+ Sie heißet: Kontribution.
+ Ihr alle seid auf gleichem Fuß:
+ Gib her! das ist der Handwerksgruß.
+ Mach fort und schleppe, was du hast,
+ Hier sind wir nicht willkommner Gast.
+
+ ERSTER TRABANT:
+ Sag, warum gabst du nicht sogleich
+ Dem frechen Kerl einen Backenstreich?
+
+ ZWEITER:
+ Ich weiß nicht, mir verging die Kraft,
+ Sie waren so gespensterhaft.
+
+ DRITTER:
+ Mir ward es vor den Augen schlecht,
+ Da flimmert' es, ich sah nicht recht.
+
+ VIERTER:
+ Wie ich es nicht zu sagen weiß:
+ Es war den ganzen Tag so heiß,
+ So bänglich, so beklommen schwül,
+ Der eine stand, der andre fiel,
+ Man tappte hin und schlug zugleich,
+ Der Gegner fiel vor jedem Streich,
+ Vor Augen schwebt' es wie ein Flor,
+ Dann summt's und saust's und zischt' im Ohr;
+ Das ging so fort, nun sind wir da
+ Und wissen selbst nicht, wie's geschah.
+
+ KAISER:
+ Es sei nun, wie ihm sei! uns ist die Schlacht gewonnen,
+ Des Feinds zerstreute Flucht im flachen Feld zerronnen.
+ Hier steht der leere Thron, verräterischer Schatz,
+ Von Teppichen umhüllt, verengt umher den Platz.
+ Wir, ehrenvoll geschützt von eigenen Trabanten,
+ Erwarten kaiserlich der Völker Abgesandten;
+ Von allen Seiten her kommt frohe Botschaft an:
+ Beruhigt sei das Reich, uns freudig zugetan.
+ Hat sich in unsern Kampf auch Gaukelei geflochten,
+ Am Ende haben wir uns nur allein gefochten.
+ Zufälle kommen ja dem Streitenden zugut:
+ Vom Himmel fällt ein Stein, dem Feinde regnet's Blut,
+ Aus Felsenhöhlen tönt's von mächtigen Wunderklängen,
+ Die unsre Brust erhöhn, des Feindes Brust verengen.
+ Der überwundne fiel, zu stets erneutem Spott,
+ Der Sieger, wie er prangt, preist den gewognen Gott.
+ Und alles stimmt mit ein, er braucht nicht zu befehlen,
+ Herr Gott, dich loben wir! aus Millionen Kehlen.
+ Jedoch zum höchsten Preis wend' ich den frommen Blick,
+ Das selten sonst geschah, zur eignen Brust zurück.
+ Ein junger, muntrer Fürst mag seinen Tag vergeuden,
+ Die Jahre lehren ihn des Augenblicks Bedeuten.
+ Deshalb denn ungesäumt verbind' ich mich sogleich
+ Mit euch vier Würdigen, für Haus und Hof und Reich.
+ Dein war, o Fürst! des Heers geordnet kluge Schichtung,
+ Sodann im Hauptmoment heroisch kühne Richtung;
+ Im Frieden wirke nun, wie es die Zeit begehrt,
+ Erzmarschall nenn' ich dich, verleihe dir das Schwert.
+
+ ERZMARSCHALL:
+ Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beschäftigt,
+ Wenn's an der Grenze dich und deinen Thron bekräftigt,
+ Dann sei es uns vergönnt, bei Festesdrang im Saal
+ Geräumiger Väterburg zu rüsten dir das Mahl.
+ Blank trag' ich's dir dann vor, blank halt' ich dir's zur Seite,
+ Der höchsten Majestät zu ewigem Geleite.
+
+ KAISER:
+ Der sich als tapfrer Mann auch zart gefällig zeigt,
+ Du! sei Erzkämmerer; der Auftrag ist nicht leicht.
+ Du bist der Oberste von allem Hausgesinde,
+ Bei deren innerm Streit ich schlechte Diener finde;
+ Dein Beispiel sei fortan in Ehren aufgestellt,
+ Wie man dem Herrn, dem Hof und allen wohlgefällt.
+
+ ERZKÄMMERER:
+ Des Herren großen Sinn zu fördern, bringt zu Gnaden:
+ Den Besten hülfreich sein, den Schlechten selbst nicht schaden,
+ Dann klar sein ohne List und ruhig ohne Trug!
+ Wenn du mich, Herr, durchschaust, geschieht mir schon genug.
+ Darf sich die Phantasie auf jenes Fest erstrecken?
+ Wenn du zur Tafel gehst, reich' ich das goldne Becken,
+ Die Ringe halt' ich dir, damit zur Wonnezeit
+ Sich deine Hand erfrischt, wie mich dein Blick erfreut.
+
+ KAISER:
+ Zwar fühl' ich mich zu ernst, auf Festlichkeit zu sinnen,
+ Doch sei's! Es fördert auch frohmütiges Beginnen.
+ Dich wähl' ich zum Erztruchseß! Also sei fortan
+ Dir Jagd, Geflügelhof und Vorwerk untertan;
+ Der Lieblingsspeisen Wahl laß mir zu allen Zeiten,
+ Wie sie der Monat bringt, und sorgsam zubereiten.
+
+ ERZTRUCHSESS:
+ Streng Fasten sei für mich die angenehmste Pflicht,
+ Bis, vor dich hingestellt, dich freut ein Wohlgericht.
+ Der Küche Dienerschaft soll sich mit mir vereinigen,
+ Das Ferne beizuziehn, die Jahrszeit zu beschleunigen.
+ Dich reizt nicht Fern und Früh, womit die Tafel prangt,
+ Einfach und kräftig ist's, wornach dein Sinn verlangt.
+
+ KAISER:
+ Weil unausweichlich hier sich's nur von Festen handelt,
+ So sei mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt.
+ Erzschenke, sorge nun, daß unsre Kellerei
+ Aufs reichlichste versorgt mit gutem Weine sei.
+ Du selbst sei mäßig, laß nicht über Heiterkeiten
+ Durch der Gelegenheit Verlocken dich verleiten!
+
+ ERZSCHENK:
+ Mein Fürst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut,
+ Steht, eh' man sich's versieht, zu Männern auferbaut.
+ Auch ich versetze mich zu jenem großen Feste;
+ Ein kaiserlich Büfett schmück' ich aufs allerbeste
+ Mit Prachtgefäßen, gülden, silbern allzumal,
+ Doch wähl' ich dir voraus den lieblichsten Pokal:
+ Ein blank venedisch Glas, worin Behagen lauschet,
+ Des Weins Geschmack sich stärkt und nimmermehr berauschet.
+ Auf solchen Wunderschatz vertraut man oft zu sehr;
+ Doch deine Mäßigkeit, du Höchster, schützt noch mehr.
+
+ KAISER:
+ Was ich euch zugedacht in dieser ernsten Stunde,
+ Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverlässigem Munde.
+ Des Kaisers Wort ist groß und sichert jede Gift,
+ Doch zur Bekräftigung bedarf's der edlen Schrift,
+ Bedarf's der Signatur. Die förmlich zu bereiten,
+ Seh' ich den rechten Mann zu rechter Stunde schreiten.
+
+ KAISER:
+ Wenn ein Gewölbe sich dem Schlußstein anvertraut,
+ Dann ist's mit Sicherheit für ewige Zeit erbaut.
+ Du siehst vier Fürsten da! Wir haben erst erörtert,
+ Was den Bestand zunächst von Haus und Hof befördert.
+ Nun aber, was das Reich in seinem Ganzen hegt,
+ Sei, mit Gewicht und Kraft, der Fünfzahl auferlegt.
+ An Ländern sollen sie vor allen andern glänzen;
+ Deshalb erweitr' ich gleich jetzt des Besitztums Grenzen
+ Vom Erbteil jener, die sich von uns abgewandt.
+ Euch Treuen sprech' ich zu so manches schöne Land,
+ Zugleich das hohe Recht, euch nach Gelegenheiten
+ Durch Anfall, Kauf und Tausch ins Weitre zu verbreiten;
+ Dann sei bestimmt--vergönnt, zu üben ungestört--,
+ Was von Gerechtsamen euch Landesherrn gehört.
+ Als Richter werdet ihr die Endurteile fällen,
+ Berufung gelte nicht von euern höchsten Stellen.
+ Dann Steuer, Zins und Beth', Lehn und Geleit und Zoll,
+ Berg-, Salz- und Münzregal euch angehören soll.
+ Denn meine Dankbarkeit vollgültig zu erproben,
+ Hab ich euch ganz zunächst der Majestät erhoben.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht!
+ Du machst uns stark und fest und stärkest deine Macht.
+
+ KAISER:
+ Euch fünfen will ich noch erhöhtere Würde geben.
+ Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu leben;
+ Doch hoher Ahnen Kette zieht bedächtigen Blick
+ Aus rascher Strebsamkeit ins Drohende zurück.
+ Auch werd' ich seinerzeit mich von den Teuren trennen,
+ Dann sei es eure Pflicht, den Folger zu ernennen.
+ Gekrönt erhebt ihn hoch auf heiligem Altar,
+ Und friedlich ende dann, was jetzt so stürmisch war.
+
+ ERZKANZLER:
+ Mit Stolz in tiefster Brust, mit Demut an Gebärde,
+ Stehn Fürsten dir gebeugt, die ersten auf der Erde.
+ Solang das treue Blut die vollen Adern regt,
+ Sind wir der Körper, den dein Wille leicht bewegt.
+
+ KAISER:
+ Und also sei, zum Schluß, was wir bisher betätigt,
+ Für alle Folgezeit durch Schrift und Zug bestätigt.
+ Zwar habt ihr den Besitz als Herren völlig frei,
+ Mit dem Beding jedoch, daß er unteilbar sei.
+ Und wie ihr auch vermehrt, was ihr von uns empfangen,
+ Es soll's der ältste Sohn in gleichem Maß erlangen.
+
+ ERZKANZLER:
+ Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemut,
+ Zum Glück dem Reich und uns, das wichtigste Statut;
+ Reinschrift und Sieglung soll die Kanzelei beschäftigen,
+ Mit heiliger Signatur wirst du's, der Herr, bekräftigen.
+
+ KAISER:
+ Und so entlass' ich euch, damit den großen Tag
+ Gesammelt jedermann sich überlegen mag.
+
+ DER GEISTLICHE:
+ Der Kanzler ging hinweg, der Bischof ist geblieben,
+ Vom ernsten Warnegeist zu deinem Ohr getrieben!
+ Sein väterliches Herz, von Sorge bangt's um dich.
+
+ KAISER:
+ Was hast du Bängliches zur frohen Stunde? sprich!
+
+ ERZBISCHOF:
+ Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieser Stunde,
+ Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde!
+ Zwar, wie es scheinen will, gesichert auf dem Thron,
+ Doch leider! Gott dem Herrn, dem Vater Papst zum Hohn.
+ Wenn dieser es erfährt, schnell wird er sträflich richten,
+ Mit heiligem Strahl dein Reich, das sündige, zu vernichten.
+ Denn noch vergaß er nicht, wie du, zur höchsten Zeit,
+ An deinem Krönungstag, den Zauberer befreit.
+ Von deinem Diadem, der Christenheit zum Schaden,
+ Traf das verfluchte Haupt der erste Strahl der Gnaden.
+ Doch schlag an deine Brust und gib vom frevlen Glück
+ Ein mäßig Scherflein gleich dem Heiligtum zurück:
+ Den breiten Hügelraum, da, wo dein Zelt gestanden,
+ Wo böse Geister sich zu deinem Schutz verbanden,
+ Dem Lügenfürsten du ein horchsam Ohr geliehn,
+ Den stifte, fromm belehrt, zu heiligem Bemühn;
+ Mit Berg und dichtem Wald, so weit sie sich erstrecken,
+ Mit Höhen, die sich grün zu fetter Weide decken,
+ Fischreichen, klaren Seen, dann Bächlein ohne Zahl,
+ Wie sie sich, eilig schlängelnd, stürzen ab zu Tal;
+ Das breite Tal dann selbst, mit Wiesen, Gauen, Gründen:
+ Die Reue spricht sich aus, und du wirst Gnade finden.
+
+ KAISER:
+ Durch meinen schweren Fehl bin ich so tief erschreckt;
+ Die Grenze sei von dir nach eignem Maß gesteckt.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Erst! der entweihte Raum, wo man sich so versündigt,
+ Sei alsobald zum Dienst des Höchsten angekündigt.
+ Behende steigt im Geist Gemäuer stark empor,
+ Der Morgensonne Blick erleuchtet schon das Chor,
+ Zum Kreuz erweitert sich das wachsende Gebäude,
+ Das Schiff erlängt, erhöht sich zu der Gläubigen Freude;
+ Sie strömen brünstig schon durchs würdige Portal,
+ Der erste Glockenruf erscholl durch Berg und Tal,
+ Von hohen Türmen tönt's, wie sie zum Himmel streben,
+ Der Büßer kommt heran zu neugeschaffnem Leben.
+ Dem hohen Weihetag--er trete bald herein!--
+ Wird deine Gegenwart die höchste Zierde sein.
+
+ KAISER:
+ Mag ein so großes Werk den frommen Sinn verkündigen,
+ Zu preisen Gott den Herrn, so wie mich zu entsündigen.
+ Genug! Ich fühle schon, wie sich mein Sinn erhöht.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Als Kanzler fördr' ich nun Schluß und Formalität.
+
+ KAISER:
+ Ein förmlich Dokument, der Kirche das zu eignen,
+ Du legst es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht,
+ Gesamte Landsgefälle: Zehnten, Zinsen, Beth',
+ Für ewig. Viel bedarf's zu würdiger Unterhaltung,
+ Und schwere Kosten macht die sorgliche Verwaltung.
+ Zum schnellen Aufbau selbst auf solchem wüsten Platz
+ Reichst du uns einiges Gold, aus deinem Beuteschatz.
+ Daneben braucht man auch, ich kann es nicht verschweigen,
+ Entferntes Holz und Kalk und Schiefer und dergleichen.
+ Die Fuhren tut das Volk, vom Predigtstuhl belehrt,
+ Die Kirche segnet den, der ihr zu Diensten fährt.
+
+ KAISER:
+ Die Sünd' ist groß und schwer, womit ich mich beladen;
+ Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten Schaden.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Verzeih, o Herr! Es ward dem sehr verrufnen Mann
+ Des Reiches Strand verliehn; doch diesen trifft der Bann,
+ Verleihst du reuig nicht der hohen Kirchenstelle
+ Auch dort den Zehnten, Zins und Gaben und Gefälle.
+
+ KAISER:
+ Das Land ist noch nicht da, im Meer liegt es breit.
+
+ ERZBISCHOF:
+ Wer 's Recht hat und Geduld, für den kommt auch die Zeit.
+ Für uns mög' Euer Wort in seinen Kräften bleiben!
+
+ KAISER:
+ So könnt' ich wohl zunächst das ganze Reich verschreiben.
+
+
+
+
+ 5. Akt--Offene Gegend
+
+ WANDRER:
+ Ja! sie sind's, die dunkeln Linden,
+ Dort, in ihres Alters Kraft.
+ Und ich soll sie wiederfinden,
+ Nach so langer Wanderschaft!
+ Ist es doch die alte Stelle,
+ Jene Hütte, die mich barg,
+ Als die sturmerregte Welle
+ Mich an jene Dünen warf!
+ Meine Wirte möcht' ich segnen,
+ Hilfsbereit, ein wackres Paar,
+ Das, um heut mir zu begegnen,
+ Alt schon jener Tage war.
+ Ach! das waren fromme Leute!
+ Poch' ich? ruf' ich?--Seid gegrüßt,
+ Wenn gastfreundlich auch noch heute
+ Ihr des Wohltuns Glück genießt!
+
+ BAUCIS:
+ Lieber Kömmling! Leise! Leise!
+ Ruhe! laß den Gatten ruhn!
+ Langer Schlaf verleiht dem Greise
+ Kurzen Wachens rasches Tun.
+
+ WANDRER:
+ Sage, Mutter: bist du's eben,
+ Meinen Dank noch zu empfahn,
+ Was du für des Jünglings Leben
+ Mit dem Gatten einst getan?
+ Bist du Baucis, die geschäftig
+ Halberstorbnen Mund erquickt?
+ Du Philemon, der so kräftig
+ Meinen Schatz der Flut entrückt?
+ Eure Flammen raschen Feuers,
+ Eures Glöckchens Silberlaut,
+ Jenes grausen Abenteuers
+ Lösung war euch anvertraut.
+ Und nun laßt hervor mich treten,
+ Schaun das grenzenlose Meer;
+ Laßt mich knieen, laßt mich beten,
+ Mich bedrängt die Brust so sehr.
+
+ PHILEMON:
+ Eile nur, den Tisch zu decken,
+ Wo's im Gärtchen munter blüht.
+ Laß ihn rennen, ihn erschrecken,
+ Denn er glaubt nicht, was er sieht.
+ Das Euch grimmig mißgehandelt,
+ Wog' auf Woge, schäumend wild,
+ Seht als Garten Ihr behandelt,
+ Seht ein paradiesisch Bild.
+ älter, war ich nicht zuhanden,
+ Hülfreich nicht wie sonst bereit;
+ Und wie meine Kräfte schwanden,
+ War auch schon die Woge weit.
+ Kluger Herren kühne Knechte
+ Gruben Gräben, dämmten ein,
+ Schmälerten des Meeres Rechte,
+ Herrn an seiner Statt zu sein.
+ Schaue grünend Wies' an Wiese,
+ Anger, Garten, Dorf und Wald.--
+ Komm nun aber und genieße,
+ Denn die Sonne scheidet bald.--
+ Dort im Fernsten ziehen Segel,
+ Suchen nächtlich sichern Port.
+ Kennen doch ihr Nest die Vögel;
+ Denn jetzt ist der Hafen dort.
+ So erblickst du in der Weite
+ Erst des Meeres blauen Saum,
+ Rechts und links, in aller Breite,
+ Dichtgedrängt bewohnten Raum.
+
+ BAUCIS:
+ Bleibst du stumm? und keinen Bissen
+ Bringst du zum verlechzten Mund?
+
+ PHILEMON:
+ Möcht' er doch vom Wunder wissen;
+ Sprichst so gerne, tu's ihm kund.
+
+ BAUCIS:
+ Wohl! ein Wunder ist's gewesen!
+ Läßt mich heut noch nicht in Ruh;
+ Denn es ging das ganze Wesen
+ Nicht mit rechten Dingen zu.
+
+ PHILEMON:
+ Kann der Kaiser sich versünd'gen,
+ Der das Ufer ihm verliehn?
+ Tät's ein Herold nicht verkünd'gen
+ Schmetternd im Vorüberziehn?
+ Nicht entfernt von unsern Dünen
+ Ward der erste Fuß gefaßt,
+ Zelte, Hütten!--Doch im Grünen
+ Richtet bald sich ein Palast.
+
+ BAUCIS:
+ Tags umsonst die Knechte lärmten,
+ Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag;
+ Wo die Flämmchen nächtig schwärmten,
+ Stand ein Damm den andern Tag.
+ Menschenopfer mußten bluten,
+ Nachts erscholl des Jammers Qual;
+ Meerab flossen Feuergluten,
+ Morgens war es ein Kanal.
+ Gottlos ist er, ihn gelüstet
+ Unsre Hütte, unser Hain;
+ Wie er sich als Nachbar brüstet,
+ Soll man untertänig sein.
+
+ PHILEMON:
+ Hat er uns doch angeboten
+ Schönes Gut im neuen Land!
+
+ BAUCIS:
+ Traue nicht dem Wasserboden,
+ Halt auf deiner Höhe stand!
+
+ PHILEMON:
+ Laßt uns zur Kapelle treten,
+ Letzten Sonnenblick zu schaun!
+ Laßt uns läuten, knieen, beten
+ Und dem alten Gott vertraun!
+
+
+
+ Palast
+
+ LYNKEUS DER TÜRMER:
+ Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe,
+ Sie ziehen munter hafenein.
+ Ein großer Kahn ist im Begriffe,
+ Auf dem Kanale hier zu sein.
+ Die bunten Wimpel wehen fröhlich,
+ Die starren Masten stehn bereit;
+ In dir preist sich der Bootsmann selig,
+ Dich grüßt das Glück zur höchsten Zeit.
+
+ FAUST:
+ Verdammtes Läuten! Allzuschändlich
+ Verwundet's, wie ein tückischer Schuß;
+ Vor Augen ist mein Reich unendlich,
+ Im Rücken neckt mich der Verdruß,
+ Erinnert mich durch neidische Laute:
+ Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
+ Der Lindenraum, die braune Baute,
+ Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
+ Und wünscht' ich, dort mich zu erholen,
+ Vor fremdem Schatten schaudert mir,
+ Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen;
+ O! wär' ich weit hinweg von hier!
+
+ TÜRMER:
+ Wie segelt froh der bunte Kahn
+ Mit frischem Abendwind heran!
+ Wie türmt sich sein behender Lauf
+ In Kisten, Kasten, Säcken auf!
+
+ CHORUS:
+ Da landen wir,
+ Da sind wir schon.
+ Glückan dem Herren,
+ Dem Patron!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ So haben wir uns wohl erprobt,
+ Vergnügt, wenn der Patron es lobt.
+ Nur mit zwei Schiffen ging es fort,
+ Mit zwanzig sind wir nun im Port.
+ Was große Dinge wir getan,
+ Das sieht man unsrer Ladung an.
+ Das freie Meer befreit den Geist,
+ Wer weiß da, was Besinnen heißt!
+ Da fördert nur ein rascher Griff,
+ Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff,
+ Und ist man erst der Herr zu drei,
+ Dann hakelt man das vierte bei;
+ Da geht es denn dem fünften schlecht,
+ Man hat Gewalt, so hat man Recht.
+ Man fragt ums Was, und nicht ums Wie.
+ Ich müßte keine Schiffahrt kennen:
+ Krieg, Handel und Piraterie,
+ Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.
+
+ DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN:
+ Nicht Dank und Gruß!
+ Nicht Gruß und Dank!
+ Als brächten wir
+ Dem Herrn Gestank.
+ Er macht ein
+ Widerlich Gesicht;
+ Das Königsgut
+ Gefällt ihm nicht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erwartet weiter
+ Keinen Lohn!
+ Nahmt ihr doch
+ Euren Teil davon.
+
+ DIE GESELLEN:
+ Das ist nur für
+ Die Langeweil';
+ Wir alle fordern
+ Gleichen Teil.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Erst ordnet oben
+ Saal an Saal
+ Die Kostbarkeiten
+ Allzumal!
+ Und tritt er zu
+ Der reichen Schau,
+ Berechnet er alles
+ Mehr genau,
+ Er sich gewiß
+ Nicht lumpen läßt
+ Und gibt der Flotte
+ Fest nach Fest.
+ Die bunten Vögel kommen morgen,
+ Für die werd' ich zum besten sorgen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mit ernster Stirn, mit düstrem Blick
+ Vernimmst du dein erhaben Glück.
+ Die hohe Weisheit wird gekrönt,
+ Das Ufer ist dem Meer versöhnt;
+ Vom Ufer nimmt, zu rascher Bahn,
+ Das Meer die Schiffe willig an;
+ So sprich, daß hier, hier vom Palast
+ Dein Arm die ganze Welt umfaßt.
+ Von dieser Stelle ging es aus,
+ Hier stand das erste Bretterhaus;
+ Ein Gräbchen ward hinabgeritzt,
+ Wo jetzt das Ruder emsig spritzt.
+ Dein hoher Sinn, der Deinen Fleiß
+ Erwarb des Meers, der Erde Preis.
+ Von hier aus--+
+
+ FAUST:
+ Das verfluchte Hier!
+ Das eben, leidig lastet's mir.
+ Dir Vielgewandtem muß ich's sagen,
+ Mir gibt's im Herzen Stich um Stich,
+ Mir ist's unmöglich zu ertragen!
+ Und wie ich's sage, schäm' ich mich.
+ Die Alten droben sollten weichen,
+ Die Linden wünscht' ich mir zum Sitz,
+ Die wenig Bäume, nicht mein eigen,
+ Verderben mir den Weltbesitz.
+ Dort wollt' ich, weit umherzuschauen,
+ Von Ast zu Ast Gerüste bauen,
+ Dem Blick eröffnen weite Bahn,
+ Zu sehn, was alles ich getan,
+ Zu überschaun mit einem Blick
+ Des Menschengeistes Meisterstück,
+ Betätigend mit klugem Sinn
+ Der Völker breiten Wohngewinn.
+ So sind am härtsten wir gequält,
+ Im Reichtum fühlend, was uns fehlt.
+ Des Glöckchens Klang, der Linden Duft
+ Umfängt mich wie in Kirch' und Gruft.
+ Des allgewaltigen Willens Kür
+ Bricht sich an diesem Sande hier.
+ Wie schaff' ich mir es vom Gemüte!
+ Das Glöcklein läutet, und ich wüte.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Natürlich! daß ein Hauptverdruß
+ Das Leben dir vergällen muß.
+ Wer leugnet's! Jedem edlen Ohr
+ Kommt das Geklingel widrig vor.
+ Und das verfluchte Bim-Baum-Bimmel,
+ Umnebelnd heitern Abendhimmel,
+ Mischt sich in jegliches Begebnis,
+ Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
+ Als wäre zwischen Bim und Baum
+ Das Leben ein verschollner Traum.
+
+ FAUST:
+ Das Widerstehn, der Eigensinn
+ Verkümmern herrlichsten Gewinn,
+ Daß man, zu tiefer, grimmiger Pein,
+ Ermüden muß, gerecht zu sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was willst du dich denn hier genieren?
+ Mußt du nicht längst kolonisieren?
+
+ FAUST:
+ So geht und schafft sie mir zur Seite!--
+ Das schöne Gütchen kennst du ja,
+ Das ich den Alten ausersah.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man trägt sie fort und setzt sie nieder,
+ Eh' man sich umsieht, stehn sie wieder;
+ Nach überstandener Gewalt
+ Versöhnt ein schöner Aufenthalt.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Kommt, wie der Herr gebieten läßt!
+ Und morgen gibt's ein Flottenfest.
+
+ DIE DREI:
+ Der alte Herr empfing uns schlecht,
+ Ein flottes Fest ist uns zu Recht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Auch hier geschieht, was längst geschah,
+ Denn Naboths Weinberg war schon da. ((regum i,21))
+
+
+
+ Tiefe Nacht
+
+ LYNKEUS DER TÜRMER:
+ Zum Sehen geboren,
+ Zum Schauen bestellt,
+ Dem Turme geschworen,
+ Gefällt mir die Welt.
+ Ich blick' in die Ferne,
+ Ich seh' in der Näh'
+ Den Mond und die Sterne,
+ Den Wald und das Reh.
+ So seh' ich in allen
+ Die ewige Zier,
+ Und wie mir's gefallen,
+ Gefall' ich auch mir.
+ Ihr glücklichen Augen,
+ Was je ihr gesehn,
+ Es sei wie es wolle,
+ Es war doch so schön!
+ Nicht allein mich zu ergetzen,
+ Bin ich hier so hoch gestellt;
+ Welch ein greuliches Entsetzen
+ Droht mir aus der finstern Welt!
+ Funkenblicke seh' ich sprühen
+ Durch der Linden Doppelnacht,
+ Immer stärker wühlt ein Glühen,
+ Von der Zugluft angefacht.
+ Ach! die innre Hütte lodert,
+ Die bemoost und feucht gestanden;
+ Schnelle Hülfe wird gefordert,
+ Keine Rettung ist vorhanden.
+ Ach! die guten alten Leute,
+ Sonst so sorglich um das Feuer,
+ Werden sie dem Qualm zur Beute!
+ Welch ein schrecklich Abenteuer!
+ Flamme flammet, rot in Gluten
+ Steht das schwarze Moosgestelle;
+ Retteten sich nur die Guten
+ Aus der wildentbrannten Hölle!
+ Züngelnd lichte Blitze steigen
+ Zwischen Blättern, zwischen Zweigen;
+ äste dürr, die flackernd brennen,
+ Glühen schnell und stürzen ein.
+ Sollt ihr Augen dies erkennen!
+ Muß ich so weitsichtig sein!
+ Das Kapellchen bricht zusammen
+ Von der äste Sturz und Last.
+ Schlängelnd sind, mit spitzen Flammen,
+ Schon die Gipfel angefaßt.
+ Bis zur Wurzel glühn die hohlen
+ Stämme, purpurrot im Glühn.--
+ Was sich sonst dem Blick empfohlen,
+ Mit Jahrhunderten ist hin.
+
+ FAUST:
+ Von oben welch ein singend Wimmern?
+ Das Wort ist hier, der Ton zu spat.
+ Mein Türmer jammert; mich, im Innern,
+ Verdrießt die ungeduld'ge Tat.
+ Doch sei der Lindenwuchs vernichtet
+ Zu halbverkohlter Stämme Graun,
+ Ein Luginsland ist bald errichtet,
+ Um ins Unendliche zu schaun.
+ Da seh' ich auch die neue Wohnung,
+ Die jenes alte Paar umschließt,
+ Das, im Gefühl großmütiger Schonung,
+ Der späten Tage froh genießt.
+
+ MEPHISTOPHELES UND DIE DREIE:
+ Da kommen wir mit vollem Trab;
+ Verzeiht! es ging nicht gütlich ab.
+ Wir klopften an, wir pochten an,
+ Und immer ward nicht aufgetan;
+ Wir rüttelten, wir pochten fort,
+ Da lag die morsche Türe dort;
+ Wir riefen laut und drohten schwer,
+ Allein wir fanden kein Gehör.
+ Und wie's in solchem Fall geschicht,
+ Sie hörten nicht, sie wollten nicht;
+ Wir aber haben nicht gesäumt,
+ Behende dir sie weggeräumt.
+ Das Paar hat sich nicht viel gequält,
+ Vor Schrecken fielen sie entseelt.
+ Ein Fremder, der sich dort versteckt
+ Und fechten wollte, ward gestreckt.
+ In wilden Kampfes kurzer Zeit
+ Von Kohlen, ringsumher gestreut,
+ Entflammte Stroh. Nun lodert's frei,
+ Als Scheiterhaufen dieser drei.
+
+ FAUST:
+ Ward ihr für meine Worte taub?
+ Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub.
+ Dem unbesonnenen wilden Streich,
+ Ihm fluch' ich; teilt es unter euch!
+
+ CHORUS:
+ Das alte Wort, das Wort erschallt:
+ Gehorche willig der Gewalt!
+ Und bist du kühn und hälst du Stich,
+ So wage Haus und Hof und--dich.
+
+ FAUST:
+ Die Sterne bergen Blick und Schein,
+ Das Feuer sinkt und lodert klein;
+ Ein Schauerwindchen fächelt's an,
+ Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
+ Geboten schnell, zu schnell getan!--
+ Was schwebet schattenhaft heran?
+
+
+
+ Mitternacht
+
+ ERSTE:
+ Ich heiße der Mangel. +
+
+ ZWEITE:
+ Ich heiße die Schuld.
+
+ DRITTE:
+ Ich heiße die Sorge. +
+
+ VIERTE:
+ Ich heiße die Not.
+
+ ZU DREI:
+ Die Tür ist verschlossen, wir können nicht ein;
+ Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.
+
+ MANGEL:
+ Da werd' ich zum Schatten. +
+
+ SCHULD:
+ Da werd' ich zunicht.
+
+ NOT:
+ Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.
+
+ SORGE:
+ Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein.
+ Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.
+
+ MANGEL:
+ Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.
+
+ SCHULD:
+ Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.
+
+ NOT:
+ Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.
+
+ ZU DREI:
+ Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
+ Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
+ Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der------Tod.
+
+ FAUST:
+ Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
+ Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn.
+ Es klang so nach, als hieß' es--Not,
+ Ein düstres Reimwort folgte--Tod.
+ Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.
+ Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
+ Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
+ Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
+ Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
+ Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.
+ Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte,
+ Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
+ Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
+ Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.
+ Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
+ In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
+ Wir kehren froh von junger Flur zurück,
+ Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.
+ Von Aberglauben früh und spat umgarnt:
+ Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt.
+ Und so verschüchtert, stehen wir allein.
+ Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein.
+ Ist jemand hier? +
+
+ SORGE:
+ Die Frage fordert Ja!
+
+ FAUST:
+ Und du, wer bist denn du? +
+
+ SORGE:
+ Bin einmal da.
+
+ FAUST:
+ Entferne dich! +
+
+ SORGE:
+ Ich bin am rechten Ort.
+
+ FAUST:
+ Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.
+
+ SORGE:
+ Würde mich kein Ohr vernehmen,
+ Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
+ In verwandelter Gestalt
+ üb' ich grimmige Gewalt.
+ Auf den Pfaden, auf der Welle,
+ Ewig ängstlicher Geselle,
+ Stets gefunden, nie gesucht,
+ So geschmeichelt wie verflucht.--
+ Hast du die Sorge nie gekannt?
+
+ FAUST:
+ Ich bin nur durch die Welt gerannt;
+ Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
+ Was nicht genügte, ließ ich fahren,
+ Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
+ Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
+ Und abermals gewünscht und so mit Macht
+ Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
+ Nun aber geht es weise, geht bedächtig.
+ Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
+ Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
+ Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
+ Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
+ Er stehe fest und sehe hier sich um;
+ Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
+ Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
+ Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
+ Er wandle so den Erdentag entlang;
+ Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
+ Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
+ Er, unbefriedigt jeden Augenblick!
+
+ SORGE:
+ Wen ich einmal besitze,
+ Dem ist alle Welt nichts nütze;
+ Ewiges Düstre steigt herunter,
+ Sonne geht nicht auf noch unter,
+ Bei vollkommnen äußern Sinnen
+ Wohnen Finsternisse drinnen,
+ Und er weiß von allen Schätzen
+ Sich nicht in Besitz zu setzen.
+ Glück und Unglück wird zur Grille,
+ Er verhungert in der Fülle;
+ Sei es Wonne, sei es Plage,
+ Schieb er's zu dem andern Tage,
+ Ist der Zukunft nur gewärtig,
+ Und so wird er niemals fertig.
+
+ FAUST:
+ Hör auf! so kommst du mir nicht bei!
+ Ich mag nicht solchen Unsinn hören.
+ Fahr hin! die schlechte Litanei,
+ Sie könnte selbst den klügsten Mann betören.
+
+ SORGE:
+ Soll er gehen, soll er kommen?
+ Der Entschluß ist ihm genommen;
+ Auf gebahnten Weges Mitte
+ Wankt er tastend halbe Schritte.
+ Er verliert sich immer tiefer,
+ Siehet alle Dinge schiefer,
+ Sich und andre lästig drückend;
+ Atemholend und erstickend;
+ Nicht erstickt und ohne Leben,
+ Nicht verzweiflend, nicht ergeben.
+ So ein unaufhaltsam Rollen,
+ Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
+ Bald Befreien, bald Erdrücken,
+ Halber Schlaf und schlecht Erquicken
+ Heftet ihn an seine Stelle
+ Und bereitet ihn zur Hölle.
+
+ FAUST:
+ Unselige Gespenster! so behandelt ihr
+ Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;
+ Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr
+ In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.
+ Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,
+ Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen;
+ Doch deine Macht, Sorge, schleichend groß,
+ Ich werde sie nicht anerkennen.
+
+ SORGE:
+ Erfahre sie, wie ich geschwind
+ Mich mit Verwünschung von dir wende!
+ Die Menschen sind im ganzen Leben blind,
+ Nun, Fauste, werde du's am Ende!
+
+ FAUST:
+ Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
+ Allein im Innern leuchtet helles Licht;
+ Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen;
+ Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht.
+ Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!
+ Laßt glücklich schauen, was ich kühn ersann.
+ Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten!
+ Das Abgesteckte muß sogleich geraten.
+ Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß
+ Erfolgt der allerschönste Preis;
+ Daß sich das größte Werk vollende,
+ Genügt ein Geist für tausend Hände.
+
+
+
+ Grosser Vorhof des Palasts
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Herbei, herbei! Herein, herein!
+ Ihr schlotternden Lemuren,
+ Aus Bändern, Sehnen und Gebein
+ Geflickte Halbnaturen.
+
+ LEMUREN:
+ Wir treten dir sogleich zur Hand,
+ Und wie wir halb vernommen,
+ Es gilt wohl gar ein weites Land,
+ Das sollen wir bekommen.
+ Gespitzte Pfähle, die sind da,
+ Die Kette lang zum Messen;
+ Warum an uns den Ruf geschah,
+ Das haben wir vergessen.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier gilt kein künstlerisch Bemühn;
+ Verfahret nur nach eignen Maßen!
+ Der Längste lege längelang sich hin,
+ Ihr andern lüftet ringsumher den Rasen;
+ Wie man's für unsre Väter tat,
+ Vertieft ein längliches Quadrat!
+ Aus dem Palast ins enge Haus,
+ So dumm läuft es am Ende doch hinaus.
+
+ LEMUREN:
+ Wie jung ich war und lebt' und liebt',
+ Mich deucht, das war wohl süße;
+ Wo's fröhlich klang und lustig ging,
+ Da rührten sich meine Füße.
+ Nun hat das tückische Alter mich
+ Mit seiner Krücke getroffen;
+ Ich stolpert' über Grabes Tür,
+ Warum stand sie just offen!
+
+ FAUST:
+ Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
+ Es ist die Menge, die mir frönet,
+ Die Erde mit sich selbst versöhnet,
+ Den Wellen ihre Grenze setzt,
+ Das Meer mit strengem Band umzieht.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Du bist doch nur für uns bemüht
+ Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;
+ Denn du bereitest schon Neptunen,
+ Dem Wasserteufel, großen Schmaus.
+ In jeder Art seid ihr verloren;--
+ Die Elemente sind mit uns verschworen,
+ Und auf Vernichtung läuft's hinaus.
+
+ FAUST:
+ Aufseher! +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Hier! +
+
+ FAUST:
+ Wie es auch möglich sei,
+ Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,
+ Ermuntere durch Genuß und Strenge,
+ Bezahle, locke, presse bei!
+ Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
+ Wie sich verlängt der unternommene Graben.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Man spricht, wie man mir Nachricht gab,
+ Von keinem Graben, doch vom Grab.
+
+ FAUST:
+ Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
+ Verpestet alles schon Errungene;
+ Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
+ Das Letzte wär' das Höchsterrungene.
+ Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
+ Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
+ Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
+ Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
+ Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
+ Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
+ Im Innern hier ein paradiesisch Land,
+ Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
+ Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
+ Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
+ Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
+ Das ist der Weisheit letzter Schluß:
+ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
+ Der täglich sie erobern muß.
+ Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
+ Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
+ Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
+ Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
+ Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
+ Verweile doch, du bist so schön!
+ Es kann die Spur von meinen Erdetagen
+ Nicht in äonen untergehn.--
+ Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
+ Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,
+ So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
+ Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
+ Der Arme wünscht ihn festzuhalten.
+ Der mir so kräftig widerstand,
+ Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
+ Die Uhr steht still--+
+
+ CHOR:
+ Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht.
+ Der Zeiger fällt. +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Er fällt, es ist vollbracht.
+
+ CHOR:
+ Es ist vorbei. +
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Vorbei! ein dummes Wort.
+ Warum vorbei?
+ Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
+ Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!
+ Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
+ "Da ist's vorbei!" Was ist daran zu lesen?
+ Es ist so gut, als wär' es nicht gewesen,
+ Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
+ Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
+
+
+
+ Grablegung
+
+ LEMUR--SOLO:
+ Wer hat das Haus so schlecht gebaut,
+ Mit Schaufeln und mit Spaten?
+
+ LEMUREN--CHOR:
+ Dir, dumpfer Gast im hänfnen Gewand,
+ Ist's viel zu gut geraten.
+
+ LEMUR--SOLO:
+ Wer hat den Saal so schlecht versorgt?
+ Wo blieben Tisch und Stühle?
+
+ LEMUREN--CHOR:
+ Es war auf kurze Zeit geborgt;
+ Der Gläubiger sind so viele.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Der Körper liegt, und will der Geist entfliehn,
+ Ich zeig' ihm rasch den blutgeschriebnen Titel;--
+ Doch leider hat man jetzt so viele Mittel,
+ Dem Teufel Seelen zu entziehn.
+ Auf altem Wege stößt man an,
+ Auf neuem sind wir nicht empfohlen;
+ Sonst hätt' ich es allein getan,
+ Jetzt muß ich Helfershelfer holen.
+ Uns geht's in allen Dingen schlecht!
+ Herkömmliche Gewohnheit, altes Recht,
+ Man kann auf gar nichts mehr vertrauen.
+ Sonst mit dem letzten Atem fuhr sie aus,
+ Ich paßt' ihr auf und, wie die schnellste Maus,
+ Schnapps! hielt ich sie in fest verschloßnen Klauen.
+ Nun zaudert sie und will den düstern Ort,
+ Des schlechten Leichnams ekles Haus nicht lassen;
+ Die Elemente, die sich hassen,
+ Die treiben sie am Ende schmählich fort.
+ Und wenn ich Tag' und Stunden mich zerplage,
+ Wann? wie? und wo? das ist die leidige Frage;
+ Der alte Tod verlor die rasche Kraft,
+ Das Ob? sogar ist lange zweifelhaft;
+ Oft sah ich lüstern auf die starren Glieder--
+ Es war nur Schein, das rührte, das regte sich wieder.
+ Nur frisch heran! verdoppelt euren Schritt,
+ Ihr Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne,
+ Von altem Teufelsschrot und--korne,
+ Bringt ihr zugleich den Höllenrachen mit.
+ Zwar hat die Hölle Rachen viele! viele!
+ Nach Standsgebühr und Würden schlingt sie ein;
+ Doch wird man auch bei diesem letzten Spiele
+ Ins künftige nicht so bedenklich sein.
+ Eckzähne klaffen; dem Gewölb des Schlundes
+ Entquillt der Feuerstrom in Wut,
+ Und in dem Siedequalm des Hintergrundes
+ Seh' ich die Flammenstadt in ewiger Glut.
+ Die rote Brandung schlägt hervor bis an die Zähne,
+ Verdammte, Rettung hoffend, schwimmen an;
+ Doch kolossal zerknirscht sie die Hyäne,
+ Und sie erneuen ängstlich heiße Bahn.
+ In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken,
+ So viel Erschrecklichstes im engsten Raum!
+ Ihr tut sehr wohl, die Sünder zu erschrecken;
+ Sie halten's doch für Lug und Trug und Traum.
+ Nun, wanstige Schuften mit den Feuerbacken!
+ Ihr glüht so recht vom Höllenschwefel feist;
+ Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken!
+ Hier unten lauert, ob's wie Phosphor gleißt:
+ Das ist das Seelchen, Psyche mit den Flügeln,
+ Die rupft ihr aus, so ist's ein garstiger Wurm;
+ Mit meinem Stempel will ich sie besiegeln,
+ Dann fort mit ihr im Feuerwirbelsturm!
+ Paßt auf die niedern Regionen,
+ Ihr Schläuche, das ist eure Pflicht;
+ Ob's ihr beliebte, da zu wohnen,
+ So akkurat weiß man das nicht.
+ Im Nabel ist sie gern zu Haus--
+ Nehmt es in acht, sie wischt euch dort heraus.
+ Ihr Firlefanze, flügelmännische Riesen,
+ Greift in die Luft, versucht euch ohne Rast!
+ Die Arme strack, die Klauen scharf gewiesen,
+ Daß ihr die Flatternde, die Flüchtige faßt.
+ Es ist ihr sicher schlecht im alten Haus,
+ Und das Genie, es will gleich obenaus.
+
+ HIMMLISCHE HEERSCHAR:
+ Folget, Gesandte,
+ Himmelsverwandte,
+ Gemächlichen Flugs:
+ Sündern vergeben,
+ Staub zu beleben;
+ Allen Naturen
+ Freundliche Spuren
+ Wirket im Schweben
+ Des weilenden Zugs!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mißtöne hör' ich, garstiges Geklimper,
+ Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag;
+ Es ist das bübisch-mädchenhafte Gestümper,
+ Wie frömmelnder Geschmack sich's lieben mag.
+ Ihr wißt, wie wir in tiefverruchten Stunden
+ Vernichtung sannen menschlichem Geschlecht;
+ Das Schändlichste, was wir erfunden,
+ Ist ihrer Andacht eben recht.
+ Sie kommen gleisnerisch, die Laffen!
+ So haben sie uns manchen weggeschnappt,
+ Bekriegen uns mit unsern eignen Waffen;
+ Es sind auch Teufel, doch verkappt.
+ Hier zu verlieren, wär' euch ew'ge Schande;
+ Ans Grab heran und haltet fest am Rande!
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Rosen, ihr blendenden,
+ Balsam versendenden!
+ Flatternde, schwebende,
+ Heimlich belebende,
+ Zweigleinbeflügelte,
+ Knospenentsiegelte,
+ Eilet zu blühn.
+ Frühling entsprieße,
+ Purpur und Grün!
+ Tragt Paradiese
+ Dem Ruhenden hin.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Was duckt und zuckt ihr? ist das Höllenbrauch?
+ So haltet stand und laßt sie streuen.
+ An seinen Platz ein jeder Gauch!
+ Sie denken wohl, mit solchen Blümeleien
+ Die heißen Teufel einzuschneien;
+ Das schmilzt und schrumpft vor eurem Hauch.
+ Nun pustet, Püstriche!--Genug, genug!
+ Vor eurem Broden bleicht der ganze Flug.--
+ Nicht so gewaltsam! schließet Maul und Nasen!
+ Fürwahr, ihr habt zu stark geblasen.
+ Daß ihr doch nie die rechten Maße kennt!
+ Das schrumpft nicht nur, es bräunt sich, dorrt, es brennt!
+ Schon schwebt's heran mit giftig klaren Flammen;
+ Stemmt euch dagegen, drängt euch fest zusammen!--
+ Die Kraft erlischt! dahin ist aller Mut!
+ Die Teufel wittern fremde Schmeichelglut.
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Blüten, die seligen,
+ Flammen, die fröhlichen,
+ Liebe verbreiten sie,
+ Wonne bereiten sie,
+ Herz wie es mag.
+ Worte, die wahren,
+ äther im Klaren,
+ Ewigen Scharen
+ überall Tag!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ O Fluch! o Schande solchen Tröpfen!
+ Satane stehen auf den Köpfen,
+ Die Plumpen schlagen Rad auf Rad
+ Und stürzen ärschlings in die Hölle.
+ Gesegn' euch das verdiente heiße Bad!
+ Ich aber bleib' auf meiner Stelle.--
+ Irrlichter, fort! Du, leuchte noch so stark,
+ Du bleibst, gehascht, ein ekler Gallert-Quark.
+ Was flatterst du? Willst du dich packen!--
+ Es klemmt wie Pech und Schwefel mir im Nacken.
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Was euch nicht angehört,
+ Müsset ihr meiden,
+ Was euch das Innre stört,
+ Dürft ihr nicht leiden.
+ Dringt es gewaltig ein,
+ Müssen wir tüchtig sein.
+ Liebe nur Liebende
+ Führet herein!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt,
+ Ein überteuflisch Element!
+ Weit spitziger als Höllenfeuer!--
+ Drum jammert ihr so ungeheuer,
+ Unglückliche Verliebte! die, verschmäht,
+ Verdrehten Halses nach der Liebsten späht.
+ Auch mir! Was zieht den Kopf auf jene Seite?
+ Bin ich mit ihr doch in geschwornem Streite!
+ Der Anblick war mir sonst so feindlich scharf.
+ Hat mich ein Fremdes durch und durch gedrungen?
+ Ich mag sie gerne sehn, die allerliebsten Jungen;
+ Was hält mich ab, daß ich nicht fluchen darf?--
+ Und wenn ich mich betören lasse,
+ Wer heißt denn künftighin der Tor?
+ Die Wetterbuben, die ich hasse,
+ Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor!--
+ Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen:
+ Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?
+ Ihr seid so hübsch, fürwahr ich möcht' euch küssen,
+ Mir ist's, als kämt ihr eben recht.
+ Es ist mir so behaglich, so natürlich,
+ Als hätt' ich euch schon tausendmal gesehn;
+ So heimlich-kätzchenhaft begierlich;
+ Mit jedem Blick aufs neue schöner schön.
+ O nähert euch, o gönnt mir einen Blick!
+
+ ENGEL:
+ Wir kommen schon, warum weichst du zurück?
+ Wir nähern uns, und wenn du kannst, so bleib!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Ihr scheltet uns verdammte Geister
+ Und seid die wahren Hexenmeister;
+ Denn ihr verführet Mann und Weib.--
+ Welch ein verfluchtes Abenteuer!
+ Ist dies das Liebeselement?
+ Der ganze Körper steht in Feuer,
+ Ich fühle kaum, daß es im Nacken brennt.--
+ Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
+ Ein bißchen weltlicher bewegt die holden Glieder;
+ Fürwahr, der Ernst steht euch recht schön;
+ Doch möcht' ich euch nur einmal lächeln sehn!
+ Das wäre mir ein ewiges Entzücken.
+ Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken:
+ Ein kleiner Zug am Mund, so ist's getan.
+ Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
+ Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,
+ So sieh mich doch ein wenig lüstern an!
+ Auch könntet ihr anständig-nackter gehen,
+ Das lange Faltenhemd ist übersittlich--
+ Sie wenden sich--von hinten anzusehen!--
+ Die Racker sind doch gar zu appetitlich!
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Wendet zur Klarheit
+ Euch, liebende Flammen!
+ Die sich verdammen,
+ Heile die Wahrheit;
+ Daß sie vom Bösen
+ Froh sich erlösen,
+ Um in dem Allverein
+ Selig zu sein.
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Wie wird mir!--Hiobsartig, Beul' an Beule
+ Der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut,
+ Und triumphiert zugleich, wenn er sich ganz durchschaut,
+ Wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut;
+ Gerettet sind die edlen Teufelsteile,
+ Der Liebespuk, er wirft sich auf die Haut;
+ Schon ausgebrannt sind die verruchten Flammen,
+ Und wie es sich gehört, fluch' ich euch allzusammen!
+
+ CHOR DER ENGEL:
+ Heilige Gluten!
+ Wen sie umschweben,
+ Fühlt sich im Leben
+ Selig mit Guten.
+ Alle vereinigt
+ Hebt euch und preist!
+ Luft ist gereinigt,
+ Atme der Geist!
+
+ MEPHISTOPHELES:
+ Doch wie?--wo sind sie hingezogen?
+ Unmündiges Volk, du hast mich überrascht,
+ Sind mit der Beute himmelwärts entflogen;
+ Drum haben sie an dieser Gruft genascht!
+ Mir ist ein großer, einziger Schatz entwendet:
+ Die hohe Seele, die sich mir verpfändet,
+ Die haben sie mir pfiffig weggepascht.
+ Bei wem soll ich mich nun beklagen?
+ Wer schafft mir mein erworbenes Recht?
+ Du bist getäuscht in deinen alten Tagen,
+ Du hast's verdient, es geht dir grimmig schlecht.
+ Ich habe schimpflich mißgehandelt,
+ Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan;
+ Gemein Gelüst, absurde Liebschaft wandelt
+ Den ausgepichten Teufel an.
+ Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding
+ Der Klugerfahrne sich beschäftigt,
+ So ist fürwahr die Torheit nicht gering,
+ Die seiner sich am Schluß bemächtigt.
+
+
+
+ Bergschluchten
+
+ CHOR UN ECHO:
+ Waldung, sie schwankt heran,
+ Felsen, sie lasten dran,
+ Wurzeln, sie klammern an,
+ Stamm dicht an Stamm hinan,
+ Woge nach Woge spritzt,
+ Höhle, die tiefste, schützt.
+ Löwen, sie schleichen stumm-+
+ freundlich/ um uns herum,
+ Ehren geweihten Ort,
+ Heiligen Liebeshort.
+
+ PATER ECSTATICUS:
+ Ewiger Wonnebrand,
+ Glühendes Liebeband,
+ Siedender Schmerz der Brust,
+ Schäumende Gotteslust.
+ Pfeile, durchdringet mich,
+ Lanzen, bezwinget mich,
+ Keulen, zerschmettert mich,
+ Blitze, durchwettert mich!
+ Daß ja das Nichtige
+ Alles verflüchtige,
+ Glänze der Dauerstern,
+ Ewiger Liebe Kern.
+
+ PATER PROFUNDUS:
+ Wie Felsenabgrund mir zu Füßen
+ Auf tiefem Abgrund lastend ruht,
+ Wie tausend Bäche strahlend fließen
+ Zum grausen Sturz des Schaums der Flut,
+ Wie strack mit eignem kräftigen Triebe
+ Der Stamm sich in die Lüfte trägt:
+ So ist es die allmächtige Liebe,
+ Die alles bildet, alles hegt.
+ Ist um mich her ein wildes Brausen,
+ Als wogte Wald und Felsengrund,
+ Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,
+ Die Wasserfülle sich zum Schlund,
+ Berufen, gleich das Tal zu wässern;
+ Der Blitz, der flammend niederschlug,
+ Die Atmosphäre zu verbessern,
+ Die Gift und Dunst im Busen trug--
+ Sind Liebesboten, sie verkünden,
+ Was ewig schaffend uns umwallt.
+ Mein Innres mög' es auch entzünden,
+ Wo sich der Geist, verworren, kalt,
+ Verquält in stumpfer Sinne Schranken,
+ Scharfangeschloßnem Kettenschmerz.
+ O Gott! beschwichtige die Gedanken,
+ Erleuchte mein bedürftig Herz!
+
+ PATER SERAPHICUS:
+ Welch ein Morgenwölkchen schwebet
+ Durch der Tannen schwankend Haar!
+ Ahn' ich, was im Innern lebet?
+ Es ist junge Geisterschar.
+
+ CHOR SELIGER KNABEN:
+ Sag uns, Vater, wo wir wallen,
+ Sag uns, Guter, wer wir sind?
+ Glücklich sind wir: allen, allen
+ Ist das Dasein so gelind.
+
+ PATER SERAPHICUS:
+ Knaben! Mitternachts-Geborne,
+ Halb erschlossen Geist und Sinn,
+ Für die Eltern gleich Verlorne,
+ Für die Engel zum Gewinn.
+ Daß ein Liebender zugegen,
+ Fühlt ihr wohl, so naht euch nur;
+ Doch von schroffen Erdewegen,
+ Glückliche! habt ihr keine Spur.
+ Steigt herab in meiner Augen
+ Welt- und erdgemäß Organ,
+ Könnt sie als die euren brauchen,
+ Schaut euch diese Gegend an!
+ Das sind Bäume, das sind Felsen,
+ Wasserstrom, der abestürzt
+ Und mit ungeheurem Wälzen
+ Sich den steilen Weg verkürzt.
+
+ SELIGE KNABEN:
+ Das ist mächtig anzuschauen,
+ Doch zu düster ist der Ort,
+ Schüttelt uns mit Schreck und Grauen.
+ Edler, Guter, laß uns fort!
+
+ PATER SERAPHICUS:
+ Steigt hinan zu höherm Kreise,
+ Wachset immer unvermerkt,
+ Wie, nach ewig reiner Weise,
+ Gottes Gegenwart verstärkt.
+ Denn das ist der Geister Nahrung,
+ Die im freisten äther waltet:
+ Ewigen Liebens Offenbarung,
+ Die zur Seligkeit entfaltet.
+
+ CHOR SELIGER KNABEN:
+ Hände verschlinget
+ Freudig zum Ringverein,
+ Regt euch und singet
+ Heil'ge Gefühle drein!
+ Göttlich belehret,
+ Dürft ihr vertrauen;
+ Den ihr verehret,
+ Werdet ihr schauen.
+
+ ENGEL:
+ Gerettet ist das edle Glied
+ Der Geisterwelt vom Bösen,
+ Wer immer strebend sich bemüht,
+ Den können wir erlösen.
+ Und hat an ihm die Liebe gar
+ Von oben teilgenommen,
+ Begegnet ihm die selige Schar
+ Mit herzlichem Willkommen.
+
+ DIE JÜNGEREN ENGEL:
+ Jene Rosen aus den Händen
+ Liebend-heiliger Büßerinnen
+ Halfen uns den Sieg gewinnen,
+ Uns das hohe Werk vollenden,
+ Diesen Seelenschatz erbeuten.
+ Böse wichen, als wir streuten,
+ Teufel flohen, als wir trafen.
+ Statt gewohnter Höllenstrafen
+ Fühlten Liebesqual die Geister;
+ Selbst der alte Satansmeister
+ War von spitzer Pein durchdrungen.
+ Jauchzet auf! es ist gelungen.
+
+ DIE VOLLENDETEREN ENGEL:
+ Uns bleibt ein Erdenrest
+ Zu tragen peinlich,
+ Und wär' er von Asbest,
+ Er ist nicht reinlich.
+ Wenn starke Geisteskraft
+ Die Elemente
+ An sich herangerafft,
+ Kein Engel trennte
+ Geeinte Zwienatur
+ Der innigen beiden,
+ Die ewige Liebe nur
+ Vermag's zu scheiden.
+
+ DIE JÜNGEREN ENGEL:
+ Nebelnd um Felsenhöh'
+ Spür' ich soeben,
+ Regend sich in der Näh',
+ Ein Geisterleben.
+ Die Wölkchen werden klar,
+ Ich seh' bewegte Schar
+ Seliger Knaben,
+ Los von der Erde Druck,
+ Im Kreis gesellt,
+ Die sich erlaben
+ Am neuen Lenz und Schmuck
+ Der obern Welt.
+ Sei er zum Anbeginn,
+ Steigendem Vollgewinn
+ Diesen gesellt!
+
+ DIE SELIGEN KNABEN:
+ Freudig empfangen wir
+ Diesen im Puppenstand;
+ Also erlangen wir
+ Englisches Unterpfand.
+ Löset die Flocken los,
+ Die ihn umgeben!
+ Schon ist er schön und groß
+ Von heiligem Leben.
+
+ DOCTOR MARIANUS:
+ Hier ist die Aussicht frei,
+ Der Geist erhoben.
+ Dort ziehen Fraun vorbei,
+ Schwebend nach oben.
+ Die Herrliche mitteninn
+ Im Sternenkranze,
+ Die Himmelskönigin,
+ Ich seh's am Glanze.
+ Höchste Herrscherin der Welt!
+ Lasse mich im blauen,
+ Ausgespannten Himmelszelt
+ Dein Geheimnis schauen.
+ Billige, was des Mannes Brust
+ Ernst und zart beweget
+ Und mit heiliger Liebeslust
+ Dir entgegenträget.
+ Unbezwinglich unser Mut,
+ Wenn du hehr gebietest;
+ Plötzlich mildert sich die Glut,
+ Wie du uns befriedest.
+ Jungfrau, rein im schönsten Sinn,
+ Mutter, Ehren würdig,
+ Uns erwählte Königin,
+ Göttern ebenbürtig.
+ Um sie verschlingen
+ Sich leichte Wölkchen,
+ Sind Büßerinnen,
+ Ein zartes Völkchen,
+ Um ihre Kniee
+ Den äther schlürfend,
+ Gnade bedürfend.
+ Dir, der Unberührbaren,
+ Ist es nicht benommen,
+ Daß die leicht Verführbaren
+ Traulich zu dir kommen.
+ In die Schwachheit hingerafft,
+ Sind sie schwer zu retten;
+ Wer zerreißt aus eigner Kraft
+ Der Gelüste Ketten?
+ Wie entgleitet schnell der Fuß
+ Schiefem, glattem Boden?
+ Wen betört nicht Blick und Gruß,
+ Schmeichelhafter Odem?
+
+ CHOR DER BÜSSERINNEN:
+ Du schwebst zu Höhen
+ Der ewigen Reiche,
+ Vernimm das Flehen,
+ Du Ohnegleiche,
+ Du Gnadenreiche!
+
+ MAGNA PECCATRIX:
+ Bei der Liebe, die den Füßen
+ Deines gottverklärten Sohnes
+ Tränen ließ zum Balsam fließen,
+ Trotz des Pharisäerhohnes;
+ Beim Gefäße, das so reichlich
+ Tropfte Wohlgeruch hernieder,
+ Bei den Locken, die so weichlich
+ Trockneten die heil'gen Glieder--
+
+ MULIER SAMARITANA:
+ Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
+ Abram ließ die Herde führen,
+ Bei dem Eimer, der dem Heiland
+ Kühl die Lippe durft' berühren;
+ Bei der reinen, reichen Quelle,
+ Die nun dorther sich ergießet,
+ überflüssig, ewig helle
+ Rings durch alle Welten fließet--
+
+ MARIA AEGYPTIACA:
+ Bei dem hochgeweihten Orte,
+ Wo den Herrn man niederließ,
+ Bei dem Arm, der von der Pforte
+ Warnend mich zurücke stieß;
+ Bei der vierzigjährigen Buße,
+ Der ich treu in Wüsten blieb,
+ Bei dem seligen Scheidegruße,
+ Den im Sand ich niederschrieb--
+
+ ZU DREI:
+ Die du großen Sünderinnen
+ Deine Nähe nicht verweigerst
+ Und ein büßendes Gewinnen
+ In die Ewigkeiten steigerst,
+ Gönn auch dieser guten Seele,
+ Die sich einmal nur vergessen,
+ Die nicht ahnte, daß sie fehlte,
+ Dein Verzeihen angemessen!
+
+ UNA POENITENTIUM, SONST GRETCHEN GENANNT:
+ Neige, neige,
+ Du Ohnegleiche,
+ Du Strahlenreiche,
+ Dein Antlitz gnädig meinem Glück!
+ Der früh Geliebte,
+ Nicht mehr Getrübte,
+ Er kommt zurück.
+
+ SELIGE KNABEN:
+ Er überwächst uns schon
+ An mächtigen Gliedern,
+ Wird treuer Pflege Lohn
+ Reichlich erwidern.
+ Wir wurden früh entfernt
+ Von Lebechören;
+ Doch dieser hat gelernt,
+ Er wird uns lehren.
+
+ DIE EINE BÜSSERIN, SONST GRETCHEN GENANNT:
+ Vom edlen Geisterchor umgeben,
+ Wird sich der Neue kaum gewahr,
+ Er ahnet kaum das frische Leben,
+ So gleicht er schon der heiligen Schar.
+ Sieh, wie er jedem Erdenbande
+ Der alten Hülle sich entrafft
+ Und aus ätherischem Gewande
+ Hervortritt erste Jugendkraft.
+ Vergönne mir, ihn zu belehren,
+ Noch blendet ihn der neue Tag.
+
+ MATER GLORIOSA:
+ Komm! hebe dich zu höhern Sphären!
+ Wenn er dich ahnet, folgt er nach.
+
+ DOCTOR MARIANUS:
+ Blicket auf zum Retterblick,
+ Alle reuig Zarten,
+ Euch zu seligem Geschick
+ Dankend umzuarten.
+ Werde jeder beßre Sinn
+ Dir zum Dienst erbötig;
+ Jungfrau, Mutter, Königin,
+ Göttin, bleibe gnädig!
+
+ CHORUS MYSTICUS:
+ Alles Vergängliche
+ Ist nur ein Gleichnis;
+ Das Unzulängliche,
+ Hier wird's Ereignis;
+ Das Unbeschreibliche,
+ Hier ist's getan;
+ Das Ewig-Weibliche
+ Zieht uns hinan.
+
+
+
+
+
+
+
+
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+++ b/2230-8.zip
Binary files differ
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #2230 (https://www.gutenberg.org/ebooks/2230)
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@@ -0,0 +1,10110 @@
+Project Gutenberg Etext "Faust: Der Tragoedie zweiter Teil", von Goethe
+#8 in our series by Johann Wofgang von Goethe
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.aol.de erreichbar.
+
+This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
+
+This work contains two 7 bit ASCII characters to represent
+certain special German characters. An alternate 8 bit version of
+this text which does use the high order ASCII characters is also
+available in this format.
+
+
+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the copyright laws for your country before posting these files!!
+
+Please take a look at the important information in this header.
+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
+electronic path open for the next readers. Do not remove this.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*These Etexts Prepared By Hundreds of Volunteers and Donations*
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and
+further information is included below. We need your donations.
+
+
+Faust: Der Tragoedie zweiter Teil
+
+by Johann Wolfgang von Goethe
+
+June, 2000 [Etext #2230]
+
+
+Project Gutenberg Etext "Faust: Der Tragoedie zweiter Teil", by Goethe
+*********This file should be named 7fau210.txt or 7fau210.zip*********
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 7fau211.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7fau210a.txt
+
+
+Etext reformatted by Michael Pullen
+globaltraveler5565@yahoo.com
+
+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+
+We are now trying to release all our books one month in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+
+Please note: neither this list nor its contents are final till
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so. To be sure you have an
+up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes
+in the first week of the next month. Since our ftp program has
+a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a
+look at the file size will have to do, but we will try to see a
+new copy has at least one byte more or less.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release thirty-six text
+files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+
+If these reach just 10% of the computerized population, then the
+total should reach over 200 billion Etexts given away this year.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only ~5% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we
+manage to get some real funding; currently our funding is mostly
+from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an
+assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few
+more years, so we are looking for something to replace it, as we
+don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person.
+
+We need your donations more than ever!
+
+
+All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are
+tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie-
+Mellon University).
+
+For these and other matters, please mail to:
+
+Project Gutenberg
+P. O. Box 2782
+Champaign, IL 61825
+
+When all other email fails. . .try our Executive Director:
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org
+if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if
+it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . .
+
+We would prefer to send you this information by email.
+
+******
+
+To access Project Gutenberg etexts, use any Web browser
+to view http://promo.net/pg. This site lists Etexts by
+author and by title, and includes information about how
+to get involved with Project Gutenberg. You could also
+download our past Newsletters, or subscribe here. This
+is one of our major sites, please email hart@pobox.com,
+for a more complete list of our various sites.
+
+To go directly to the etext collections, use FTP or any
+Web browser to visit a Project Gutenberg mirror (mirror
+sites are available on 7 continents; mirrors are listed
+at http://promo.net/pg).
+
+Mac users, do NOT point and click, typing works better.
+
+Example FTP session:
+
+ftp sunsite.unc.edu
+login: anonymous
+password: your@login
+cd pub/docs/books/gutenberg
+cd etext90 through etext99
+dir [to see files]
+get or mget [to get files. . .set bin for zip files]
+GET GUTINDEX.?? [to get a year's listing of books, e.g., GUTINDEX.99]
+GET GUTINDEX.ALL [to get a listing of ALL books]
+
+***
+
+**Information prepared by the Project Gutenberg legal advisor**
+
+(Three Pages)
+
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this etext, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you can distribute copies of this etext if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS ETEXT
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+etext, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this etext by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this etext on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM ETEXTS
+This PROJECT GUTENBERG-tm etext, like most PROJECT GUTENBERG-
+tm etexts, is a "public domain" work distributed by Professor
+Michael S. Hart through the Project Gutenberg Association at
+Carnegie-Mellon University (the "Project"). Among other
+things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this etext
+under the Project's "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+To create these etexts, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's etexts and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other etext medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] the Project (and any other party you may receive this
+etext from as a PROJECT GUTENBERG-tm etext) disclaims all
+liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this etext within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS ETEXT IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE ETEXT OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold the Project, its directors,
+officers, members and agents harmless from all liability, cost
+and expense, including legal fees, that arise directly or
+indirectly from any of the following that you do or cause:
+[1] distribution of this etext, [2] alteration, modification,
+or addition to the etext, or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this etext electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ etext or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this etext in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word pro-
+ cessing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The etext, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The etext may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the etext (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ etext in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the etext refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Project of 20% of the
+ net profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Association/Carnegie-Mellon
+ University" within the 60 days following each
+ date you prepare (or were legally required to prepare)
+ your annual (or equivalent periodic) tax return.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+The Project gratefully accepts contributions in money, time,
+scanning machines, OCR software, public domain etexts, royalty
+free copyright licenses, and every other sort of contribution
+you can think of. Money should be paid to "Project Gutenberg
+Association / Carnegie-Mellon University".
+
+*END*THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.04.29.93*END*
+
+
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+Etext reformatted by Michael Pullen
+globaltraveler5565@yahoo.com
+
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.aol.de erreichbar.
+
+This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
+
+This work contains two 7 bit ASCII characters to represent
+certain special German characters. An alternate 8 bit version of
+this text which does use the high order ASCII characters is also
+available in this format.
+
+
+
+
+
+Faust: Der Tragoedie zweiter Teil
+
+von Johann Wolfgang von Goethe
+
+1. Anmutige Gegend
+2. Hochgewoelbtes enges gotisches Zimmer
+3. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
+4. Hochgebirg
+5. Offene Gegend
+
+
+
+
+1. Akt--Anmutige Gegend
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was ist verwuenscht und stets willkommen?
+Was ist ersehnt und stets verjagt?
+Was immerfort in Schutz genommen?
+Was hart gescholten und verklagt?
+Wen darfst du nicht herbeiberufen?
+Wen hoeret jeder gern genannt?
+Was naht sich deines Thrones Stufen?
+Was hat sich selbst hinweggebannt?
+
+KAISER:
+Fuer diesmal spare deine Worte!
+Hier sind die Raetsel nicht am Orte,
+Das ist die Sache dieser Herrn.--
+Da loese du! das hoert' ich gern.
+Mein alter Narr ging, fuercht' ich, weit ins Weite;
+Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.
+
+GEMURMEL DER MENGE:
+Ein neuer Narr--Zu neuer Pein--
+Wo kommt er her?--Wie kam er ein?--
+Der alte fiel--Der hat vertan--
+Es war ein Fass--Nun ist's ein Span--
+
+KAISER:
+Und also, ihr Getreuen, Lieben,
+Willkommen aus der Naeh' und Ferne!
+Ihr sammelt euch mit guenstigem Sterne,
+Da droben ist uns Glueck und Heil geschrieben.
+Doch sagt, warum in diesen Tagen,
+Wo wir der Sorgen uns entschlagen,
+Schoenbaerte mummenschaenzlich tragen
+Und Heitres nur geniessen wollten,
+Warum wir uns ratschlagend quaelen sollten?
+Doch weil ihr meint, es ging' nicht anders an,
+Geschehen ist's, so sei's getan.
+
+KANZLER:
+Die hoechste Tugend, wie ein Heiligenschein,
+Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein
+Vermag sie gueltig auszuueben:
+Gerechtigkeit!--Was alle Menschen lieben,
+Was alle fordern, wuenschen, schwer entbehren,
+Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewaehren.
+Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
+Dem Herzen Guete, Willigkeit der Hand,
+Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wuetet
+Und uebel sich in uebeln ueberbruetet?
+Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
+Ins weite Reich, ihm scheint's ein schwerer Traum,
+Wo Missgestalt in Missgestalten schaltet,
+Das Ungesetz gesetzlich ueberwaltet
+Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.
+Der raubt sich Herden, der ein Weib,
+Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
+Beruehmt sich dessen manche Jahre
+Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.
+Jetzt draengen Klaeger sich zur Halle,
+Der Richter prunkt auf hohem Pfuehl,
+Indessen wogt in grimmigem Schwalle
+Des Aufruhrs wachsendes Gewuehl.
+Der darf auf Schand' und Frevel pochen,
+Der auf Mitschuldigste sich stuetzt,
+Und: Schuldig! hoerst du ausgesprochen,
+Wo Unschuld nur sich selber schuetzt.
+So will sich alle Welt zerstueckeln,
+Vernichtigen, was sich gebuehrt;
+Wie soll sich da der Sinn entwickeln,
+Der einzig uns zum Rechten fuehrt?
+Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
+Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher,
+Ein Richter, der nicht strafen kann,
+Gesellt sich endlich zum Verbrecher.
+Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
+Zoeg' ich dem Bilde lieber vor.
+Entschluesse sind nicht zu vermeiden;
+Wenn alle schaedigen, alle leiden,
+Geht selbst die Majestaet zu Raub.
+
+HEERMEISTER:
+Wie tobt's in diesen wilden Tagen!
+Ein jeder schlaegt und wird erschlagen,
+Und fuers Kommando bleibt man taub.
+Der Buerger hinter seinen Mauern,
+Der Ritter auf dem Felsennest
+Verschwuren sich, uns auszudauern,
+Und halten ihre Kraefte fest.
+Der Mietsoldat wird ungeduldig,
+Mit Ungestuem verlangt er seinen Lohn,
+Und waeren wir ihm nichts mehr schuldig,
+Er liefe ganz und gar davon.
+Verbiete wer, was alle wollten,
+Der hat ins Wespennest gestoert;
+Das Reich, das sie beschuetzen sollten,
+Es liegt gepluendert und verheert.
+Man laesst ihr Toben wuetend hausen,
+Schon ist die halbe Welt vertan;
+Es sind noch Koenige da draussen,
+Doch keiner denkt, es ging' ihn irgend an.
+
+SCHATZMEISTER:
+Wer wird auf Bundsgenossen pochen!
+Subsidien, die man uns versprochen,
+Wie Roehrenwasser bleiben aus.
+Auch, Herr, in deinen weiten Staaten
+An wen ist der Besitz geraten?
+Wohin man kommt, da haelt ein Neuer Haus,
+Und unabhaengig will er leben,
+Zusehen muss man, wie er's treibt;
+Wir haben so viel Rechte hingegeben,
+Dass uns auf nichts ein Recht mehr uebrigbleibt.
+Auch auf Parteien, wie sie heissen,
+Ist heutzutage kein Verlass;
+Sie moegen schelten oder preisen,
+Gleichgueltig wurden Lieb' und Hass.
+Die Ghibellinen wie die Guelfen
+Verbergen sich, um auszuruhn;
+Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
+Ein jeder hat fuer sich zu tun.
+Die Goldespforten sind verrammelt,
+Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt,
+Und unsre Kassen bleiben leer.
+
+MARSCHALK:
+Welch Unheil muss auch ich erfahren!
+Wir wollen alle Tage sparen
+Und brauchen alle Tage mehr,
+Und taeglich waechst mir neue Pein.
+Den Koechen tut kein Mangel wehe;
+Wildschweine, Hirsche, Hasen, Rehe,
+Welschhuehner, Huehner, Gaens' und Enten,
+Die Deputate, sichre Renten,
+Sie gehen noch so ziemlich ein.
+Jedoch am Ende fehlt's an Wein.
+Wenn sonst im Keller Fass an Fass sich haeufte,
+Der besten Berg' und Jahreslaeufte,
+So schluerft unendliches Gesaeufte
+Der edlen Herrn den letzten Tropfen aus.
+Der Stadtrat muss sein Lager auch verzapfen,
+Man greift zu Humpen, greift zu Napfen,
+Und unterm Tische liegt der Schmaus.
+Nun soll ich zahlen, alle lohnen;
+Der Jude wird mich nicht verschonen,
+Der schafft Antizipationen,
+Die speisen Jahr um Jahr voraus.
+Die Schweine kommen nicht zu Fette,
+Verpfaendet ist der Pfuehl im Bette,
+Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot.
+
+KAISER:
+Sag, weisst du Narr nicht auch noch eine Not?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich? Keineswegs. Den Glanz umher zu schauen,
+Dich und die Deinen!--Mangelte Vertrauen,
+Wo Majestaet unweigerlich gebeut,
+Bereite Macht Feindseliges zerstreut?
+Wo guter Wille, kraeftig durch Verstand,
+Und Taetigkeit, vielfaeltige, zur Hand?
+Was koennte da zum Unheil sich vereinen,
+Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?
+
+GEMURMEL:
+Das ist ein Schalk--Der's wohl versteht--
+Er luegt sich ein--So lang' es geht--
+Ich weiss schon--Was dahinter steckt--
+Und was denn weiter?--Ein Projekt--
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt?
+Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
+Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
+Doch Weisheit weiss das Tiefste herzuschaffen.
+In Bergesadern, Mauergruenden
+Ist Gold gemuenzt und ungemuenzt zu finden,
+Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft:
+Begabten Manns Natur--und Geisteskraft.
+
+KANZLER:
+Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen.
+Deshalb verbrennt man Atheisten,
+Weil solche Reden hoechst gefaehrlich sind.
+Natur ist Suende, Geist ist Teufel,
+Sie hegen zwischen sich den Zweifel,
+Ihr missgestaltet Zwitterkind.
+Uns nicht so!--Kaisers alten Landen
+Sind zwei Geschlechter nur entstanden,
+Sie stuetzen wuerdig seinen Thron:
+Die Heiligen sind es und die Ritter;
+Sie stehen jedem Ungewitter
+Und nehmen Kirch' und Staat zum Lohn.
+Dem Poebelsinn verworrner Geister
+Entwickelt sich ein Widerstand:
+Die Ketzer sind's! die Hexenmeister!
+Und sie verderben Stadt und Land.
+Die willst du nun mit frechen Scherzen
+In diese hohen Kreise schwaerzen;
+Ihr hegt euch an verderbtem Herzen,
+Dem Narren sind sie nah verwandt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!
+Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
+Was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar,
+Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
+Was ihr nicht waegt, hat fuer euch kein Gewicht,
+Was ihr nicht muenzt, das, meint ihr, gelte nicht.
+
+KAISER:
+Dadurch sind unsre Maengel nicht erledigt,
+Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
+Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
+Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr;
+Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer;
+Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
+Das ist die Kunst, wer weiss es anzufangen?
+Bedenkt doch nur: in jenen Schreckenslaeuften,
+Wo Menschenfluten Land und Volk ersaeuften,
+Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
+Sein Liebstes da--und dortwohin versteckte.
+So war's von je in maechtiger Roemer Zeit,
+Und so fortan, bis gestern, ja bis heut.
+Das alles liegt im Boden still begraben,
+Der Boden ist des Kaisers, der soll's haben.
+
+SCHATZMEISTER:
+Fuer einen Narren spricht er gar nicht schlecht,
+Das ist fuerwahr des alten Kaisers Recht.
+
+KANZLER:
+Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen:
+Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.
+
+MARSCHALK:
+Schafft' er uns nur zu Hof willkommne Gaben,
+Ich wollte gern ein bisschen Unrecht haben.
+
+HEERMEISTER:
+Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt;
+Fragt der Soldat doch nicht, woher es kommt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen,
+Hier steht ein Mann! da, fragt den Astrologen!
+In Kreis' um Kreise kennt er Stund' und Haus;
+So sage denn: wie sieht's am Himmel aus?
+
+GEMURMEL:
+Zwei Schelme sind's--Verstehn sich schon--
+Narr und Phantast--So nah dem Thron--
+Ein mattgesungen--Alt Gedicht--
+Der Tor blaest ein--Der Weise spricht--
+
+ASTROLOG:
+Die Sonne selbst, sie ist ein lautres Gold,
+Merkur, der Bote, dient um Gunst und Sold,
+Frau Venus hat's euch allen angetan,
+So frueh als spat blickt sie euch lieblich an;
+Die keusche Luna launet grillenhaft;
+Mars, trifft er nicht, so draeut euch seine Kraft.
+Und Jupiter bleibt doch der schoenste Schein,
+Saturn ist gross, dem Auge fern und klein.
+Ihn als Metall verehren wir nicht sehr,
+An Wert gering, doch im Gewichte schwer.
+Ja! wenn zu Sol sich Luna fein gesellt,
+Zum Silber Gold, dann ist es heitre Welt;
+Das uebrige ist alles zu erlangen:
+Palaeste, Gaerten, bruestlein, rote Wangen,
+Das alles schafft der hochgelahrte Mann,
+Der das vermag, was unser keiner kann.
+
+KAISER:
+Ich hoere doppelt, was er spricht,
+Und dennoch ueberzeugt's mich nicht.
+
+GEMURMEL:
+Was soll uns das?--Gedroschner Spass--
+Kalenderei--Chymisterei--
+Das hoert' ich oft--Und falsch gehofft--
+Und kommt er auch--So ist's ein Gauch--
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da stehen sie umher und staunen,
+Vertrauen nicht dem hohen Fund,
+Der eine faselt von Alraunen,
+Der andre von dem schwarzen Hund.
+Was soll es, dass der eine witzelt,
+Ein andrer Zauberei verklagt,
+Wenn ihm doch auch einmal die Sohle kitzelt,
+Wenn ihm der sichre Schritt versagt.
+Ihr alle fuehlt geheimes Wirken
+Der ewig waltenden Natur,
+Und aus den untersten Bezirken
+Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur.
+Wenn es in allen Gliedern zwackt,
+Wenn es unheimlich wird am Platz,
+Nur gleich entschlossen grabt und hackt,
+Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz!
+
+GEMURMEL:
+Mir liegt's im Fuss wie Bleigewicht--
+Mir krampft's im Arme--Das ist Gicht--
+Mir krabbelt's an der grossen Zeh'--
+Mir tut der ganze Ruecken weh--
+Nach solchen Zeichen waere hier
+Das allerreichste Schatzrevier.
+
+KAISER:
+Nur eilig! du entschluepfst nicht wieder,
+Erprobe deine Luegenschaeume
+Und zeig uns gleich die edlen Raeume.
+Ich lege Schwert und Zepter nieder
+Und will mit eignen hohen Haenden,
+Wenn du nicht luegst, das Werk vollenden,
+Dich, wenn du luegst, zur Hoelle senden!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Den Weg dahin wuesst' allenfalls zu finden--
+Doch kann ich nicht genug verkuenden,
+Was ueberall besitzlos harrend liegt.
+Der Bauer, der die Furche pfluegt,
+Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,
+Salpeter hofft er von der Leimenwand
+Und findet golden-goldne Rolle
+Erschreckt, erfreut in kuemmerlicher Hand.
+Was fuer Gewoelbe sind zu sprengen,
+In welchen Klueften, welchen Gaengen
+Muss sich der Schatzbewusste draengen,
+Zur Nachbarschaft der Unterwelt!
+In weiten, altverwahrten Kellern
+Von goldnen Humpen, Schuesseln, Tellern
+Sieht er sich Reihen aufgestellt;
+Pokale stehen aus Rubinen,
+Und will er deren sich bedienen,
+Daneben liegt uraltes Nass.
+Doch--werdet ihr dem Kundigen glauben--
+Verfault ist laengst das Holz der Dauben,
+Der Weinstein schuf dem Wein ein Fass.
+Essenzen solcher edlen Weine,
+Gold und Juwelen nicht alleine
+Umhuellen sich mit Nacht und Graus.
+Der Weise forscht hier unverdrossen;
+Am Tag erkennen, das sind Possen,
+Im Finstern sind Mysterien zu Haus.
+
+KAISER:
+Die lass' ich dir! Was will das Duestre frommen?
+Hat etwas Wert, es muss zu Tage kommen.
+Wer kennt den Schelm in tiefer Nacht genau?
+Schwarz sind die Kuehe, so die Katzen grau.
+Die Toepfe drunten, voll von Goldgewicht--
+Zieh deinen Pflug und ackre sie ans Licht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,
+Die Bauernarbeit macht dich gross,
+Und eine Herde goldner Kaelber,
+Sie reissen sich vom Boden los.
+Dann ohne Zaudern, mit Entzuecken
+Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmuecken;
+Ein leuchtend Farb--und Glanzgestein erhoeht
+Die Schoenheit wie die Majestaet.
+
+KAISER:
+Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es waehren!
+
+ASTROLOG:
+Herr, maessige solch dringendes Begehren,
+Lass erst vorbei das bunte Freudenspiel;
+Zerstreutes Wesen fuehrt uns nicht zum Ziel.
+Erst muessen wir in Fassung uns versuehnen,
+Das Untre durch das Obere berdienen.
+Wer Gutes will, der sei erst gut;
+Wer Freude will, besaenftige sein Blut;
+Wer Wein verlangt, der keltre reife Trauben;
+Wer Wunder hofft, der staerke seinen Glauben.
+
+KAISER:
+So sei die Zeit in Froehlichkeit vertan!
+Und ganz erwuenscht kommt Aschermittwoch an.
+Indessen feiern wir, auf jeden Fall,
+Nur lustiger das wilde Karneval.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie sich Verdienst und Glueck verketten,
+Das faellt den Toren niemals ein;
+Wenn sie den Stein der Weisen haetten,
+Der Weise mangelte dem Stein.
+
+
+Weitlaeufiger Saal mit Nebengemaechern
+
+HEROLD:
+Denkt nicht, ihr seid in deutschen Grenzen
+Von Teufels-, Narren- und Totentaenzen;
+Ein heitres Fest erwartet euch.
+Der Herr, auf seinen Roemerzuegen,
+Hat, sich zu Nutz, euch zum Vergnuegen,
+Die hohen Alpen ueberstiegen,
+Gewonnen sich ein heitres Reich.
+Der Kaiser, er, an heiligen Sohlen
+Erbat sich erst das Recht zur Macht,
+Und als er ging, die Krone sich zu holen,
+Hat er uns auch die Kappe mitgebracht.
+Nun sind wir alle neugeboren;
+Ein jeder weltgewandte Mann
+Zieht sie behaglich ueber Kopf und Ohren;
+Sie aehnelt ihn verrueckten Toren,
+Er ist darunter weise, wie er kann.
+Ich sehe schon, wie sie sich scharen,
+Sich schwankend sondern, traulich paaren;
+Zudringlich schliesst sich Chor an Chor.
+Herein, hinaus, nur unverdrossen;
+Es bleibt doch endlich nach wie vor
+Mit ihren hunderttausend Possen
+Die Welt ein einzig grosser Tor.
+
+GAeRTNERINNEN:
+Euren Beifall zu gewinnen,
+Schmueckten wir uns diese Nacht,
+Junge Florentinerinnen
+Folgten deutschen Hofes Pracht;
+Tragen wir in braunen Locken
+Mancher heitern Blume Zier;
+Seidenfaeden, Seidenflocken
+Spielen ihre Rolle hier.
+Denn wir halten es verdienstlich,
+Lobenswuerdig ganz und gar,
+Unsere Blumen, glaenzend kuenstlich,
+Bluehen fort das ganze Jahr.
+Allerlei gefaerbten Schnitzeln
+Ward symmetrisch Recht getan;
+Moegt ihr Stueck fuer Stueck bewitzeln,
+Doch das Ganze zieht euch an.
+Niedlich sind wir anzuschauen,
+Gaertnerinnen und galant;
+Denn das Naturell der Frauen
+Ist so nah mit Kunst verwandt.
+
+HEROLD:
+Lasst die reichen Koerbe sehen,
+Die ihr auf den Haeupten traget,
+Die sich bunt am Arme blaehen,
+Jeder waehle, was behaget.
+Eilig, dass in Laub und Gaengen
+Sich ein Garten offenbare!
+Wuerdig sind sie zu umdraengen,
+Kraemerinnen wie die Ware.
+
+GAeRTNERINNEN:
+Feilschet nun am heitern Orte,
+Doch kein Markten finde statt!
+Und mit sinnig kurzem Worte
+Wisse jeder, was er hat.
+
+OLIVENZWEIG MIT FRUCHTEN:
+Keinen Blumenflor beneid' ich,
+Allen Widerstreit vermeid' ich;
+Mir ist's gegen die Natur:
+Bin ich doch das Mark der Lande
+Und, zum sichern Unterpfande,
+Friedenszeichen jeder Flur.
+Heute, hoff' ich, soll mir's gluecken,
+Wuerdig schoenes Haupt zu schmuecken.
+
+AeHRENKRANZ:
+Ceres' Gaben, euch zu putzen,
+Werden hold und lieblich stehn:
+Das Erwuenschteste dem Nutzen
+Sei als eure Zierde schoen.
+
+PHANTASIEKRANZ:
+Bunte Blumen, Malven aehnlich,
+Aus dem Moos ein Wunderflor!
+Der Natur ist's nicht gewoehnlich,
+Doch die Mode bringt's hervor.
+
+PHANTASIESTRAUSS:
+Meinen Namen euch zu sagen,
+Wuerde Theophrast nicht wagen;
+Und doch hoff' ich, wo nicht allen,
+Aber mancher zu gefallen,
+Der ich mich wohl eignen moechte,
+Wenn sie mich ins Haar verfloechte,
+Wenn sie sich entschliessen koennte,
+Mir am Herzen Platz vergoennte.
+
+ROSENKNOSPEN:
+Moegen bunte Phantasieen
+Fuer des Tages Mode bluehen,
+Wunderseltsam sein gestaltet,
+Wie Natur sich nie entfaltet;
+Gruene Stiele, goldne Glocken,
+Blickt hervor aus reichen Locken!--
+Doch wir--halten uns versteckt:
+Gluecklich, wer uns frisch entdeckt.
+Wenn der Sommer sich verkuendet,
+Rosenknospe sich entzuendet,
+Wer mag solches Glueck entbehren?
+Das Versprechen, das Gewaehren,
+Das beherrscht in Florens Reich
+Blick und Sinn und Herz zugleich.
+
+GAeRTNER:
+Blumen sehet ruhig spriessen,
+Reizend euer Haupt umzieren;
+Fruechte wollen nicht verfuehren,
+Kostend mag man sie geniessen.
+Bieten braeunliche Gesichter
+Kirschen, Pfirschen, Koenigspflaumen,
+Kauft! denn gegen Zung' und Gaumen
+Haelt sich Auge schlecht als Richter.
+Kommt, von allerreifsten Fruechten
+Mit Geschmack und Lust zu speisen!
+ueber Rosen laesst sich dichten,
+In die aepfel muss man beissen.
+Sei's erlaubt, uns anzupaaren
+Eurem reichen Jugendflor,
+Und wir putzen reifer Waren
+Fuelle nachbarlich empor.
+Unter lustigen Gewinden,
+In geschmueckter Lauben Bucht,
+Alles ist zugleich zu finden:
+Knospe, Blaetter, Blume, Frucht.
+
+MUTTER:
+Maedchen, als du kamst ans Licht,
+Schmueckt' ich dich im Haeubchen;
+Warst so lieblich von Gesicht
+Und so zart am Leibchen.
+Dachte dich sogleich als Braut,
+Gleich dem Reichsten angetraut,
+Dachte dich als Weibchen.
+Ach! Nun ist schon manches Jahr
+Ungenuetzt verflogen,
+Der Sponsierer bunte Schar
+Schnell vorbeigezogen;
+Tanztest mit dem einen flink,
+Gabst dem andern feinen Wink
+Mit dem Ellenbogen.
+Welches Fest man auch ersann,
+Ward umsonst begangen,
+Pfaenderspiel und dritter Mann
+Wollten nicht verfangen;
+Heute sind die Narren los,
+Liebchen, oeffne deinen Schoss,
+Bleibt wohl einer hangen.
+
+HOLZHAUER:
+Nur Platz! nur Bloesse!
+Wir brauchen Raeume,
+Wir faellen Baeume,
+Die krachen, schlagen;
+Und wenn wir tragen,
+Da gibt es Stoesse.
+Zu unserm Lobe
+Bringt dies ins reine;
+Denn wirkten Grobe
+Nicht auch im Lande,
+Wie kaemen Feine
+Fuer sich zustande,
+So sehr sie witzten?
+Des seid belehret!
+Denn ihr erfroeret,
+Wenn wir nicht schwitzten.
+
+PULCINELLE:
+Ihr seid die Toren,
+Gebueckt geboren.
+Wir sind die Klugen,
+Die nie was trugen;
+Denn unsre Kappen,
+Jacken und Lappen
+Sind leicht zu tragen;
+Und mit Behagen
+Wir immer muessig,
+Pantoffelfuessig,
+Durch Markt und Haufen
+Einherzulaufen,
+Gaffend zu stehen,
+Uns anzukraehen;
+Auf solche Klaenge
+Durch Drang und Menge
+Aalgleich zu schluepfen,
+Gesamt zu huepfen,
+Vereint zu toben.
+Ihr moegt uns loben,
+Ihr moegt uns schelten,
+Wir lassen's gelten.
+
+PARASITEN:
+Ihr wackern Traeger
+Und eure Schwaeger,
+Die Kohlenbrenner,
+Sind unsre Maenner.
+Denn alles Buecken,
+Bejahndes Nicken,
+Gewundne Phrasen,
+Das Doppelblasen,
+Das waermt und kuehlet,
+Wie's einer fuehlet,
+Was koennt' es frommen?
+Es moechte Feuer
+Selbst ungeheuer
+Vom Himmel kommen,
+Gaeb' es nicht Scheite
+Und Kohlentrachten,
+Die Herdesbreite
+Zur Glut entfachten.
+Da braet's und prudelt's,
+Da kocht's und strudelt's.
+Der wahre Schmecker,
+Der Tellerlecker,
+Er riecht den Braten,
+Er ahnet Fische;
+Das regt zu Taten
+An Goenners Tische.
+
+TRUNKNER:
+Sei mir heute nichts zuwider!
+Fuehle mich so frank und frei;
+Frische Lust und heitre Lieder,
+Holt' ich selbst sie doch herbei.
+Und so trink' ich! Trinke, trinke!
+Stosset an, ihr! Tinke, Tinke!
+Du dorthinten, komm heran!
+Stosset an, so ist's getan.
+Schrie mein Weibchen doch entruestet,
+Ruempfte diesem bunten Rock,
+Und, wie sehr ich mich gebruestet,
+Schalt mich einen Maskenstock.
+Doch ich trinke! Trinke, trinke!
+Angeklungen! Tinke, Tinke!
+Maskenstoecke, stosset an!
+Wenn es klingt, so ist's getan.
+Saget nicht, dass ich verirrt bin,
+Bin ich doch, wo mir's behagt.
+Borgt der Wirt nicht, borgt die Wirtin,
+Und am Ende borgt die Magd.
+Immer trink' ich! Trinke, trinke!
+Auf, ihr andern! Tinke, Tinke!
+Jeder jedem! so fortan!
+Duenkt mich's doch, es sei getan.
+Wie und wo ich mich vergnuege,
+Mag es immerhin geschehn;
+Lass mich liegen, wo ich liege,
+Denn ich mag nicht laenger stehn.
+
+CHOR:
+Jeder Bruder trinke, trinke!
+Toastet frisch ein Tinke, Tinke!
+Sitzet fest auf Bank und Span!
+Unterm Tisch dem ist's getan.
+
+SATIRIKER:
+Wisst ihr, was mich Poeten
+Erst recht erfreuen sollte?
+Duerft' ich singen und reden,
+Was niemand hoeren wollte.
+
+AGLAIA:
+Anmut bringen wir ins Leben;
+Leget Anmut in das Geben.
+
+HEGEMONE:
+Leget Anmut ins Empfangen,
+Lieblich ist's, den Wunsch erlangen.
+
+EUPHRASYNE:
+Und in stiller Tage Schranken
+Hoechst anmutig sei das Danken.
+
+ATROPOS:
+Mich, die aelteste, zum Spinnen
+Hat man diesmal eingeladen;
+Viel zu denken, viel zu sinnen
+Gibt's beim zarten Lebensfaden.
+Dass er euch gelenk und weich sei,
+Wusst' ich feinsten Flachs zu sichten;
+Dass er glatt und schlank und gleich sei,
+Wird der kluge Finger schlichten.
+Wolltet ihr bei Lust und Taenzen
+Allzu ueppig euch erweisen,
+Denkt an dieses Fadens Grenzen,
+Huetet euch! Er moechte reissen.
+
+KLOTHO:
+Wisst, in diesen letzten Tagen
+Ward die Schere mir vertraut;
+Denn man war von dem Betragen
+Unsrer Alten nicht erbaut.
+Zerrt unnuetzeste Gespinste
+Lange sie an Licht und Luft,
+Hoffnung herrlichster Gewinste
+Schleppt sie schneidend zu der Gruft.
+Doch auch ich im Jugendwalten
+Irrte mich schon hundertmal;
+Heute mich im Zaum zu halten,
+Schere steckt im Futteral.
+Und so bin ich gern gebunden,
+Blicke freundlich diesem Ort;
+Ihr in diesen freien Stunden
+Schwaermt nur immer fort und fort.
+
+LACHESIS:
+Mir, die ich allein verstaendig,
+Blieb das Ordnen zugeteilt;
+Meine Weife, stets lebendig,
+Hat noch nie sich uebereilt.
+Faeden kommen, Faeden weifen,
+Jeden lenk' ich seine Bahn,
+Keinen lass' ich ueberschweifen,
+Fueg' er sich im Kreis heran.
+Koennt' ich einmal mich vergessen,
+Waer' es um die Welt mir bang;
+Stunden zaehlen, Jahre messen,
+Und der Weber nimmt den Strang.
+
+HEROLD:
+Die jetzo kommen, werdet ihr nicht kennen,
+Waert ihr noch so gelehrt in alten Schriften;
+Sie anzusehn, die so viel uebel stiften,
+Ihr wuerdet sie willkommne Gaeste nennen.
+Die Furien sind es, niemand wird uns glauben,
+Huebsch, wohlgestaltet, freundlich, jung von Jahren;
+Lasst euch mit ihnen ein, ihr sollt erfahren,
+Wie schlangenhaft verletzen solche Tauben.
+Zwar sind sie tueckisch, doch am heutigen Tage,
+Wo jeder Narr sich ruehmet seiner Maengel,
+Auch sie verlangen nicht den Ruhm als Engel,
+Bekennen sich als Stadt- und Landesplage.
+
+ALEKTO:
+Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen,
+Denn wir sind huebsch und jung und Schmeichelkaetzchen;
+Hat einer unter euch ein Liebeschaetzchen,
+Wir werden ihm so lang die Ohren krauen,
+Bis wir ihm sagen duerfen, Aug' in Auge:
+Dass sie zugleich auch dem und jenem winke,
+Im Kopfe dumm, im Ruecken krumm, und hinke
+Und, wenn sie seine Braut ist, gar nichts tauge.
+So wissen wir die Braut auch zu bedraengen:
+Es hat sogar der Freund, vor wenig Wochen,
+Veraechtliches von ihr zu der gesprochen!--
+Versoehnt man sich, so bleibt doch etwas haengen.
+
+MEGAeRA:
+Das ist nur Spass! denn, sind sie erst verbunden,
+Ich nehm' es auf und weiss; in allen Faellen,
+Das schoenste Glueck durch Grille zu vergaellen;
+Der Mensch ist ungleich, ungleich sind die Stunden.
+Und niemand hat Erwuenschtes fest in Armen,
+Der sich nicht nach Erwuenschterem toerig sehnte,
+Vom hoechsten Glueck, woran er sich gewoehnte;
+Die Sonne flieht er, will den Frost erwarmen.
+Mit diesem allen weiss ich zu gebaren
+Und fuehre her Asmodi, den Getreuen,
+Zu rechter Zeit Unseliges auszustreuen,
+Verderbe so das Menschenvolk in Paaren.
+
+TISIPHONE:
+Gift und Dolch statt boeser Zungen
+Misch' ich, schaerf' ich dem Verraeter;
+Liebst du andre, frueher, spaeter
+Hat Verderben dich durchdrungen.
+Muss der Augenblicke Suesstes
+Sich zu Gischt und Galle wandeln!
+Hier kein Markten, hier kein Handeln--
+Wie er es beging', er buesst es.
+Singe keiner vom Vergeben!
+Felsen klag' ich meine Sache,
+Echo! horch! erwidert: Rache!
+Und wer wechselt, soll nicht leben.
+
+HEROLD:
+Belieb' es euch, zur Seite wegzuweichen,
+Denn was jetzt kommt, ist nicht von euresgleichen.
+Ihr seht, wie sich ein Berg herangedraengt,
+Mit bunten Teppichen die Weichen stolz behaengt,
+Ein Haupt mit langen Zaehnen, Schlangenruessel,
+Geheimnisvoll, doch zeig' ich euch den Schluessel.
+Im Nacken sitzt ihm zierlich-zarte Frau,
+Mit feinem Staebchen lenkt sie ihn genau;
+Die andre, droben stehend herrlich-hehr,
+Umgibt ein Glanz, der blendet mich zu sehr.
+Zur Seite gehn gekettet edle Frauen,
+Die eine bang, die andre froh zu schauen;
+Die eine wuenscht, die andre fuehlt sich frei.
+Verkuende jede, wer sie sei.
+
+FURCHT:
+Dunstige Fackeln, Lampen, Lichter
+Daemmern durchs verworrne Fest;
+Zwischen diese Truggesichter
+Bannt mich, ach! die Kette fest.
+Fort, ihr laecherlichen Lacher!
+Euer Grinsen gibt Verdacht;
+Alle meine Widersacher
+Draengen mich in dieser Nacht.
+Hier! ein Freund ist Feind geworden,
+Seine Maske kenn' ich schon;
+Jener wollte mich ermorden,
+Nun entdeckt schleicht er davon.
+Ach wie gern in jeder Richtung
+Floeh' ich zu der Welt hinaus;
+Doch von drueben droht Vernichtung,
+Haelt mich zwischen Dunst und Graus.
+
+HOFFNUNG:
+Seid gegruesst, ihr lieben Schwestern!
+Habt ihr euch schon heut' und gestern
+In Vermummungen gefallen,
+Weiss ich doch gewiss von allen:
+Morgen wollt ihr euch enthuellen.
+Und wenn wir bei Fackelscheine
+Uns nicht sonderlich behagen,
+Werden wir in heitern Tagen
+Ganz nach unserm eignen Willen
+Bald gesellig, bald alleine
+Frei durch schoene Fluren wandeln,
+Nach Belieben ruhn und handeln
+Und in sorgenfreiem Leben
+Nie entbehren, stets erstreben;
+ueberall willkommne Gaeste,
+Treten wir getrost hinein:
+Sicherlich, es muss das Beste
+Irgendwo zu finden sein.
+
+KLUGHEIT:
+Zwei der groessten Menschenfeinde,
+Furcht und Hoffnung, angekettet,
+Halt' ich ab von der Gemeinde;
+Platz gemacht! ihr seid gerettet.
+Den lebendigen Kolossen
+Fuehr' ich, seht ihr, turmbeladen,
+Und er wandelt unverdrossen
+Schritt vor Schritt auf steilen Pfaden.
+Droben aber auf der Zinne
+Jene Goettin, mit behenden
+Breiten Fluegeln, zum Gewinne
+Allerseits sich hinzuwenden.
+Rings umgibt sie Glanz und Glorie,
+Leuchtend fern nach allen Seiten;
+Und sie nennet sich Viktorie,
+Goettin aller Taetigkeiten.
+
+ZOILO-THERSITES:
+Hu! Hu! da komm' ich eben recht,
+Ich schelt' euch allzusammen schlecht!
+Doch was ich mir zum Ziel ersah,
+Ist oben Frau Viktoria.
+Mit ihrem weissen Fluegelpaar
+Sie duenkt sich wohl, sie sei ein Aar,
+Und wo sie sich nur hingewandt,
+Gehoer' ihr alles Volk und Land;
+Doch, wo was Ruehmliches gelingt,
+Es mich sogleich in Harnisch bringt.
+Das Tiefe hoch, das Hohe tief,
+Das Schiefe grad, das Grade schief,
+Das ganz allein macht mich gesund,
+So will ich's auf dem Erdenrund.
+
+HEROLD:
+So treffe dich, du Lumpenhund,
+Des frommen Stabes Meisterstreich!
+Da kruemm und winde dich sogleich!--
+Wie sich die Doppelzwerggestalt
+So schnell zum eklen Klumpen ballt!--
+--Doch Wunder!--Klumpen wird zum Ei,
+Das blaeht sich auf und platzt entzwei.
+Nun faellt ein Zwillingspaar heraus,
+Die Otter und die Fledermaus;
+Die eine fort im Staube kriecht,
+Die andre schwarz zur Decke fliegt.
+Sie eilen draussen zum Verein;
+Da moecht' ich nicht der dritte sein.
+
+GEMURMEL:
+Frisch! dahinten tanzt man schon--
+Nein! Ich wollt', ich waer' davon--
+Fuehlst du, wie uns das umflicht,
+Das gespenstische Gezuecht?--
+Saust es mir doch uebers Haar--
+Ward ich's doch am Fuss gewahr--
+Keiner ist von uns verletzt--
+Alle doch in Furcht gesetzt--
+Ganz verdorben ist der Spass--
+Und die Bestien wollten das.
+
+HEROLD:
+Seit mir sind bei Maskeraden
+Heroldspflichten aufgeladen,
+Wach' ich ernstlich an der Pforte,
+Dass euch hier am lustigen Orte
+Nichts Verderbliches erschleiche,
+Weder wanke, weder weiche.
+Doch ich fuerchte, durch die Fenster
+Ziehen luftige Gespenster,
+Und von Spuk und Zaubereien
+Wuesst' ich euch nicht zu befreien.
+Machte sich der Zwerg verdaechtig,
+Nun! dort hinten stroemt es maechtig.
+Die Bedeutung der Gestalten
+Moecht' ich amtsgemaess entfalten.
+Aber was nicht zu begreifen,
+Wuesst' ich auch nicht zu erklaeren;
+Helfet alle mich belehren!--
+Seht ihr's durch die Menge schweifen?
+Vierbespannt ein praechtiger Wagen
+Wird durch alles durchgetragen;
+Doch er teilet nicht die Menge,
+Nirgend seh' ich ein Gedraenge.
+Farbig glitzert's in der Ferne,
+Irrend leuchten bunte Sterne
+Wie von magischer Laterne,
+Schnaubt heran mit Sturmgewalt.
+Platz gemacht! Mich schaudert's! +
+
+KNABE WAGENLENKER:
+Halt!
+Rosse, hemmet eure Fluegel,
+Fuehlet den gewohnten Zuegel,
+Meistert euch, wie ich euch meistre,
+Rauschet hin, wenn ich begeistre--
+Diese Raeume lasst uns ehren!
+Schaut umher, wie sie sich mehren,
+Die Bewundrer, Kreis um Kreise.
+Herold auf! nach deiner Weise,
+Ehe wir von euch entfliehen,
+Uns zu schildern, uns zu nennen;
+Denn wir sind Allegorien,
+Und so solltest du uns kennen.
+
+HEROLD:
+Wuesste nicht, dich zu benennen;
+Eher koennt' ich dich beschreiben.
+
+KNABE LENKER:
+So probier's! +
+
+HEROLD:
+Man muss gestehn:
+Erstlich bist du jung und schoen.
+Halbwuechsiger Knabe bist du; doch die Frauen,
+Sie moechten dich ganz ausgewachsen schauen.
+Du scheinest mir ein kuenftiger Sponsierer,
+Recht so von Haus aus ein Verfuehrer.
+
+KNABE LENKER:
+Das laesst sich hoeren! fahre fort,
+Erfinde dir des Raetsels heitres Wort.
+
+HEROLD:
+Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken,
+Erheitert von juwelnem Band!
+Und welch ein zierliches Gewand
+Fliesst dir von Schultern zu den Socken,
+Mit Purpursaum und Glitzertand!
+Man koennte dich ein Maedchen schelten;
+Doch wuerdest du, zu Wohl und Weh,
+Auch jetzo schon bei Maedchen gelten,
+Sie lehrten dich das ABC.
+
+KNABE LENKER:
+Und dieser, der als Prachtgebilde
+Hier auf dem Wagenthrone prangt?
+
+HEROLD:
+Er scheint ein Koenig reich und milde,
+Wohl dem, der seine Gunst erlangt!
+Er hat nichts weiter zu erstreben,
+Wo's irgend fehlte, spaeht sein Blick,
+Und seine reine Lust zu geben
+Ist groesser als Besitz und Glueck.
+
+KNABE LENKER:
+Hiebei darfst du nicht stehen bleiben,
+Du musst ihn recht genau beschreiben.
+
+HEROLD:
+Das Wuerdige beschreibt sich nicht.
+Doch das gesunde Mondgesicht,
+Ein voller Mund, erbluehte Wangen,
+Die unterm Schmuck des Turbans prangen;
+Im Faltenkleid ein reich Behagen!
+Was soll ich von dem Anstand sagen?
+Als Herrscher scheint er mir bekannt.
+
+KNABE LENKER:
+Plutus, des Reichtums Gott genannt!
+Derselbe kommt in Prunk daher,
+Der hohe Kaiser wuenscht ihn sehr.
+
+HEROLD:
+Sag von dir selber auch das Was und Wie!
+
+KNABE LENKER:
+Bin die Verschwendung, bin die Poesie;
+Bin der Poet, der sich vollendet,
+Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.
+Auch ich bin unermesslich reich
+Und schaetze mich dem Plutus gleich,
+Beleb' und schmueck' ihm Tanz und Schmaus,
+Das, was ihm fehlt, das teil' ich aus.
+
+HEROLD:
+Das Prahlen steht dir gar zu schoen,
+Doch lass uns deine Kuenste sehn.
+
+KNABE LENKER:
+Hier seht mich nur ein Schnippchen schlagen,
+Schon glaenzt's und glitzert's um den Wagen.
+Da springt eine Perlenschnur hervor!
+Nehmt goldne Spange fuer Hals und Ohr;
+Auch Kamm und Kroenchen ohne Fehl,
+In Ringen koestlichstes Juwel;
+Auch Flaemmchen spend' ich dann und wann,
+Erwartend, wo es zuenden kann.
+
+HEROLD:
+Wie greift und hascht die liebe Menge!
+Fast kommt der Geber ins Gedraenge.
+Kleinode schnippt er wie ein Traum,
+Und alles hascht im weiten Raum.
+Doch da erleb' ich neue Pfiffe:
+Was einer noch so emsig griffe,
+Des hat er wirklich schlechten Lohn,
+Die Gabe flattert ihm davon.
+Es loest sich auf das Perlenband,
+Ihm krabbeln Kaefer in der Hand,
+Er wirft sie weg, der arme Tropf,
+Und sie umsummen ihm den Kopf.
+Die andern statt solider Dinge
+Erhaschen frevle Schmetterlinge.
+Wie doch der Schelm so viel verheisst
+Und nur verleiht, was golden gleisst!
+
+KNABE LENKER:
+Zwar Masken, merk' ich, weisst du zu verkuenden,
+Allein der Schale Wesen zu ergruenden,
+Sind Herolds Hofgeschaefte nicht;
+Das fordert schaerferes Gesicht.
+Doch huet' ich mich vor jeder Fehde;
+An dich, Gebieter, wend' ich Frag' und Rede.
+Hast du mir nicht die Windesbraut
+Des Viergespannes anvertraut?
+Lenk' ich nicht gluecklich, wie du leitest?
+Bin ich nicht da, wohin du deutest?
+Und wusst' ich nicht auf kuehnen Schwingen
+Fuer dich die Palme zu erringen?
+Wie oft ich auch fuer dich gefochten,
+Mir ist es jederzeit geglueckt:
+Wenn Lorbeer deine Stirne schmueckt,
+Hab' ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten?
+
+PLUTUS:
+Wenn's noetig ist, dass ich dir Zeugnis leiste,
+So sag' ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.
+Du handelst stets nach meinem Sinn,
+Bist reicher, als ich selber bin.
+Ich schaetze, deinen Dienst zu lohnen,
+Den gruenen Zweig vor allen meinen Kronen.
+Ein wahres Wort verkuend' ich allen:
+Mein lieber Sohn, an dir hab' ich Gefallen.
+
+KNABE LENKER:
+Die groessten Gaben meiner Hand,
+Seht! hab' ich rings umher gesandt.
+Auf dem und jenem Kopfe glueht
+Ein Flaemmchen, das ich angesprueht;
+Von einem zu dem andern huepft's,
+An diesem haelt sich's, dem entschluepft's,
+Gar selten aber flammt's empor,
+Und leuchtet rasch in kurzem Flor;
+Doch vielen, eh' man's noch erkannt,
+Verlischt es, traurig ausgebrannt.
+
+WEIBERGEKLATSCH:
+Da droben auf dem Viergespann
+Das ist gewiss ein Scharlatan;
+Gekauzt da hintendrauf Hanswurst,
+Doch abgezehrt von Hunger und Durst,
+Wie man ihn niemals noch erblickt;
+Er fuehlt wohl nicht, wenn man ihn zwickt.
+
+DER ABGEMAGERTE:
+Vom Leibe mir, ekles Weibsgeschlecht!
+Ich weiss, dir komm' ich niemals recht.--
+Wie noch die Frau den Herd versah,
+Da hiess ich Avaritia;
+Da stand es gut um unser Haus:
+Nur viel herein und nichts hinaus!
+Ich eiferte fuer Kist' und Schrein;
+Das sollte wohl gar ein Laster sein.
+Doch als in allerneusten Jahren
+Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen,
+Und, wie ein jeder boeser Zahler,
+Weit mehr Begierden hat als Taler,
+Da bleibt dem Manne viel zu dulden,
+Wo er nur hinsieht, da sind Schulden.
+Sie wendet's, kann sie was erspulen,
+An ihren Leib, an ihren Buhlen;
+Auch speist sie besser, trinkt noch mehr
+Mit der Sponsierer leidigem Heer;
+Das steigert mir des Goldes Reiz:
+Bin maennlichen Geschlechts, der Geiz!
+
+HAUPTWEIB:
+Mit Drachen mag der Drache geizen;
+Ist's doch am Ende Lug und Trug!
+Er kommt, die Maenner aufzureizen,
+Sie sind schon unbequem genug.
+
+WEIBER IN MASSE:
+Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe!
+Was will das Marterholz uns draeun?
+Wir sollen seine Fratze scheun!
+Die Drachen sind von Holz und Pappe,
+Frisch an und dringt auf ihn hinein!
+
+HEROLD:
+Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!--
+Doch braucht es meiner Huelfe kaum;
+Seht, wie die grimmen Ungestalten,
+Bewegt im rasch gewonnenen Raum,
+Das Doppel-Fluegelpaar entfalten.
+Entruestet schuetteln sich der Drachen
+Umschuppte, feuerspeiende Rachen;
+Die Menge flieht, rein ist der Platz.
+
+HEROLD:
+Er tritt herab, wie koeniglich!
+Er winkt, die Drachen ruehren sich,
+Die Kiste haben sie vom Wagen
+Mit Gold und Geiz herangetragen,
+Sie steht zu seinen Fuessen da:
+Ein Wunder ist es, wie's geschah.
+
+PLUTUS:
+Nun bist du los der allzulaestigen Schwere,
+Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphaere!
+Hier ist sie nicht! Verworren, scheckig, wild
+Umdraengt uns hier ein fratzenhaft Gebild.
+Nur wo du klar ins holde Klare schaust,
+Dir angehoerst und dir allein vertraust,
+Dorthin, wo Schoenes, Gutes nur gefaellt,
+Zur Einsamkeit!--Da schaffe deine Welt.
+
+KNABE LENKER:
+So acht' ich mich als werten Abgesandten,
+So lieb' ich dich als naechsten Anverwandten.
+Wo du verweilst, ist Fuelle; wo ich bin,
+Fuehlt jeder sich im herrlichsten Gewinn.
+Auch schwankt er oft im widersinnigen Leben:
+Soll er sich dir? soll er sich mir ergeben?
+Die Deinen freilich koennen muessig ruhn,
+Doch wer mir folgt, hat immer was zu tun.
+Nicht insgeheim vollfuehr' ich meine Taten,
+Ich atme nur, und schon bin ich verraten.
+So lebe wohl! Du goennst mir ja mein Glueck;
+Doch lisple leis', und gleich bin ich zurueck.
+
+PLUTUS:
+Nun ist es Zeit, die Schaetze zu entfesseln!
+Die Schloesser treff' ich mit des Herolds Rute.
+Es tut sich auf! schaut her! in ehrnen Kesseln
+Entwickelt sich's und wallt von goldnem Blute,
+Zunaechst der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen;
+Es schwillt und droht, ihn schmelzend zu verschlingen.
+
+WECHSELGESCHREI DER MENGE:
+Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt,
+Die Kiste bis zum Rande fuellt.--
+Gefaesse, goldne, schmelzen sich,
+Gemuenzte Rollen waelzen sich.--
+Dukaten huepfen wie gepraegt,
+O wie mir das den Busen regt--
+Wie schau' ich alle mein Begehr!
+Da kollern sie am Boden her.--
+Man bietet's euch, benutzt's nur gleich
+Und bueckt euch nur und werdet reich.--
+Wir andern, ruestig wie der Blitz,
+Wir nehmen den Koffer in Besitz.
+
+HEROLD:
+Was soll's, ihr Toren? soll mir das?
+Es ist ja nur ein Maskenspass.
+Heut abend wird nicht mehr begehrt;
+Glaubt ihr, man geb' euch Gold und Wert?
+Sind doch fuer euch in diesem Spiel
+Selbst Rechenpfennige zuviel.
+Ihr Taeppischen! ein artiger Schein
+Soll gleich die plumpe Wahrheit sein.
+Was soll euch Wahrheit?--Dumpfen Wahn
+Packt ihr an allen Zipfeln an.--
+Vermummter Plutus, Maskenheld,
+Schlag dieses Volk mir aus dem Feld.
+
+PLUTUS:
+Dein Stab ist wohl dazu bereit,
+Verleih ihn mir auf kurze Zeit.--
+Ich tauch' ihn rasch in Sud und Glut.--
+Nun, Masken, seid auf eurer Hut!
+Wie's blitzt und platzt, in Funken sprueht!
+Der Stab, schon ist er angeglueht.
+Wer sich zu nah herangedraengt,
+Ist unbarmherzig gleich versengt.--
+Jetzt fang' ich meinen Umgang an.
+
+GESCHREI UND GEDRAeNG:
+O weh! Es ist um uns getan.--
+Entfliehe, wer entfliehen kann!--
+Zurueck, zurueck, du Hintermann!--
+Mir sprueht er heiss ins Angesicht.--
+Mich drueckt des gluehenden Stabs Gewicht--
+Verloren sind wir all' und all'.--
+Zurueck, zurueck, du Maskenschwall!
+Zurueck, zurueck, unsinniger Hauf'!--
+O haett' ich Fluegel, floeg' ich auf.--
+
+PLUTUS:
+Schon ist der Kreis zurueckgedraengt,
+Und niemand, glaub' ich, ist versengt.
+Die Menge weicht,
+Sie ist verscheucht.--
+Doch solcher Ordnung Unterpfand
+Zieh' ich ein unsichtbares Band.
+
+HEROLD:
+Du hast ein herrlich Werk vollbracht,
+Wie dank' ich deiner klugen Macht!
+
+PLUTUS:
+Noch braucht es, edler Freund, Geduld:
+Es droht noch mancherlei Tumult.
+
+GEIZ:
+So kann man doch, wenn es beliebt,
+Vergnueglich diesen Kreis beschauen;
+Denn immerfort sind vornenan die Frauen,
+Wo's was zu gaffen, was zu naschen gibt.
+Noch bin ich nicht so voellig eingerostet!
+Ein schoenes Weib ist immer schoen;
+Und heute, weil es mich nichts kostet,
+So wollen wir getrost sponsieren gehn.
+Doch weil am ueberfuellten Orte
+Nicht jedem Ohr vernehmlich alle Worte,
+Versuch' ich klug und hoff', es soll mir gluecken,
+Mich pantomimisch deutlich auszudruecken.
+Hand, Fuss, Gebaerde reicht mir da nicht hin,
+Da muss ich mich um einen Schwank bemuehn.
+Wie feuchten Ton will ich das Gold behandeln,
+Denn dies Metall laesst sich in alles wandeln.
+
+HEROLD:
+Was faengt der an, der magre Tor!
+Hat so ein Hungermann Humor?
+Er knetet alles Gold zu Teig,
+Ihm wird es untern Haenden weich;
+Wie er es drueckt und wie es ballt,
+Bleibt's immer doch nur ungestalt.
+Er wendet sich zu den Weibern dort,
+Sie schreien alle, moechten fort,
+Gebaerden sich gar widerwaertig;
+Der Schalk erweist sich uebelfertig.
+Ich fuerchte, dass er sich ergetzt,
+Wenn er die Sittlichkeit verletzt.
+Dazu darf ich nicht schweigsam bleiben,
+Gib meinen Stab, ihn zu vertreiben.
+
+PLUTUS:
+Er ahnet nicht, was uns von aussen droht;
+Lass ihn die Narrenteidung treiben!
+Ihm wird kein Raum fuer seine Possen bleiben;
+Gesetz ist maechtig, maechtiger ist die Not.
+
+GETUeMMEL UND GESANG:
+Das wilde Heer, es kommt zumal
+Von Bergeshoeh' und Waldestal,
+Unwiderstehlich schreitet's an:
+Sie feiren ihren grossen Pan.
+Sie wissen doch, was keiner weiss,
+Und draengen in den leeren Kreis.
+
+PLUTUS:
+Ich kenn' euch wohl und euren grossen Pan!
+Zusammen habt ihr kuehnen Schritt getan.
+Ich weiss recht gut, was nicht ein jeder weiss,
+Und oeffne schuldig diesen engen Kreis.
+Mag sie ein gut Geschick begleiten!
+Das Wunderlichste kann geschehn;
+Sie wissen nicht, wohin sie schreiten,
+Sie haben sich nicht vorgesehn.
+
+WILDGESANG:
+Geputztes Volk du, Flitterschau!
+Sie kommen roh, sie kommen rauh,
+In hohem Sprung, in raschem Lauf,
+Sie treten derb und tuechtig auf.
+
+FAUNEN:
+Die Faunenschar
+Im lustigen Tanz,
+Den Eichenkranz
+Im krausen Haar,
+Ein feines zugespitztes Ohr
+Dringt an dem Lockenkopf hervor,
+Ein stumpfes Naeschen, ein breit Gesicht,
+Das schadet alles bei Frauen nicht:
+Dem Faun, wenn er die Patsche reicht,
+Versagt die Schoenste den Tanz nicht leicht.
+
+SATYR:
+Der Satyr huepft nun hinterdrein
+Mit Ziegenfuss und duerrem Bein,
+Ihm sollen sie mager und sehnig sein,
+Und gemsenartig auf Bergeshoehn
+Belustigt er sich, umherzusehn.
+In Freiheitsluft erquickt alsdann,
+Verhoehnt er Kind und Weib und Mann,
+Die tief in Tales Dampf und Rauch
+Behaglich meinen, sie lebten auch,
+Da ihm doch rein und ungestoert
+Die Welt dort oben allein gehoert.
+
+GNOMEN:
+Da trippelt ein die kleine Schar,
+Sie haelt nicht gern sich Paar und Paar;
+Im moosigen Kleid mit Laemplein hell
+Bewegt sich's durcheinander schnell,
+Wo jedes fuer sich selber schafft,
+Wie Leucht-Ameisen wimmelhaft;
+Und wuselt emsig hin und her,
+Beschaeftigt in die Kreuz und Quer.
+Den frommen Guetchen nah verwandt,
+Als Felschirurgen wohlbekannt;
+Die hohen Berge schroepfen wir,
+Aus vollen Adern schoepfen wir;
+Metalle stuerzen wir zuhauf,
+Mit Gruss getrost: Glueck auf! Glueck auf!
+Das ist von Grund aus wohlgemeint:
+Wir sind der guten Menschen Freund.
+Doch bringen wir das Gold zu Tag,
+Damit man stehlen und kuppeln mag,
+Nicht Eisen fehle dem stolzen Mann,
+Der allgemeinen Mord ersann.
+Und wer die drei Gebot' veracht't,
+Sich auch nichts aus den andern macht.
+Das alles ist nicht unsre Schuld;
+Drum habt so fort, wie wir, Geduld.
+
+RIESEN:
+Die wilden Maenner sind s' genannt,
+Am Harzgebirge wohlbekannt;
+Natuerlich nackt in aller Kraft,
+Sie kommen saemtlich riesenhaft.
+Den Fichtenstamm in rechter Hand
+Und um den Leib ein wulstig Band,
+Den derbsten Schurz von Zweig und Blatt,
+Leibwacht, wie der Papst nicht hat.
+
+NYMPHEN IM CHOR:
+Auch kommt er an!--
+Das All der Welt
+Wird vorgestellt
+Im grossen Pan.
+Ihr Heitersten, umgebet ihn,
+Im Gaukeltanz umschwebet ihn:
+Denn weil er ernst und gut dabei,
+So will er, dass man froehlich sei.
+Auch unterm blauen Woelbedach
+Verhielt' er sich bestaendig wach;
+Doch rieseln ihm die Baeche zu,
+Und Lueftlein wiegen ihn mild in Ruh.
+Und wenn er zu Mittage schlaeft,
+Sich nicht das Blatt am Zweige regt;
+Gesunder Pflanzen Balsamduft
+Erfuellt die schweigsam stille Luft;
+Die Nymphe darf nicht munter sein,
+Und wo sie stand, da schlaeft sie ein.
+Wenn unerwartet mit Gewalt
+Dann aber seine Stimm' erschallt,
+Wie Blitzes Knattern, Meergebraus,
+Dann niemand weiss, wo ein noch aus,
+Zerstreut sich tapfres Heer im Feld,
+Und im Getuemmel bebt der Held.
+So Ehre dem, dem Ehre gebuehrt,
+Und Heil ihm, der uns hergefuehrt!
+
+DEPUTATION DER GNOMEN:
+Wenn das glaenzend reiche Gute
+Fadenweis durch Kluefte streicht,
+Nur der klugen Wuenschelrute
+Seine Labyrinthe zeigt,
+Woelben wir in dunklen Grueften
+Troglodytisch unser Haus,
+Und an reinen Tageslueften
+Teilst du Schaetze gnaedig aus.
+Nun entdecken wir hieneben
+Eine Quelle wunderbar,
+Die bequem verspricht zu geben,
+Was kaum zu erreichen war.
+Dies vermagst du zu vollenden,
+Nimm es, Herr, in deine Hut:
+Jeder Schatz in deinen Haenden
+Kommt der ganzen Welt zugut.
+
+PLUTUS:
+Wir muessen uns im hohen Sinne fassen
+Und, was geschieht, getrost geschehen lassen,
+Du bist ja sonst des staerksten Mutes voll.
+Nun wird sich gleich ein Greulichstes eraeugnen,
+Hartnaeckig wird es Welt und Nachwelt leugnen:
+Du schreib es treulich in dein Protokoll.
+
+HEROLD:
+Die Zwerge fuehren den grossen Pan
+Zur Feuerquelle sacht heran;
+Sie siedet auf vom tiefsten Schlund,
+Dann sinkt sie wieder hinab zum Grund,
+Und finster steht der offne Mund;
+Wallt wieder auf in Glut und Sud,
+Der grosse Pan steht wohlgemut,
+Freut sich des wundersamen Dings,
+Und Perlenschaum sprueht rechts und links.
+Wie mag er solchem Wesen traun?
+Er bueckt sich tief hineinzuschaun.--
+Nun aber faellt sein Bart hinein!--
+Wer mag das glatte Kinn wohl sein?
+Die Hand verbirgt es unserm Blick.--
+Nun folgt ein grosses Ungeschick:
+Der Bart entflammt und fliegt zurueck,
+Entzuendet Kranz und Haupt und Brust,
+Zu Leiden wandelt sich die Lust.--
+Zu loeschen laeuft die Schar herbei,
+Doch keiner bleibt von Flammen frei,
+Und wie es patscht und wie es schlaegt,
+Wird neues Flammen aufgeregt;
+Verflochten in das Element,
+Ein ganzer Maskenklump verbrennt.
+Was aber, hoer' ich wird uns kund
+Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund!
+O ewig ungluecksel'ge Nacht,
+Was hast du uns fuer Leid gebracht!
+Verkuenden wird der naechste Tag,
+Was niemand willig hoeren mag;
+Doch hoer' ich aller Orten schrein:
+"Der Kaiser leidet solche Pein."
+O waere doch ein andres wahr!
+Der Kaiser brennt und seine Schar.
+Sie sei verflucht, die ihn verfuehrt,
+In harzig Reis sich eingeschnuert,
+Zu toben her mit Bruellgesang
+Zu allerseitigem Untergang.
+O Jugend, Jugend, wirst du nie
+Der Freude reines Mass bezirken?
+O Hoheit, Hoheit, wirst du nie
+Vernuenftig wie allmaechtig wirken?
+Schon geht der Wald in Flammen auf,
+Sie zuengeln leckend spitz hinauf
+Zum holzverschraenkten Deckenband;
+Uns droht ein allgemeiner Brand.
+Des Jammers Mass ist uebervoll,
+Ich weiss nicht, wer uns retten soll.
+Ein Aschenhaufen einer Nacht
+Liegt morgen reiche Kaiserpracht.
+
+PLUTUS:
+Schrecken ist genug verbreitet,
+Hilfe sei nun eingeleitet!--
+Schlage, heil'gen Stabs Gewalt,
+Dass der Boden bebt und schallt!
+Du, geraeumig weite Luft,
+Fuelle dich mit kuehlem Duft!
+Zieht heran, umherzuschweifen,
+Nebelduenste, schwangre Streifen,
+Deckt ein flammendes Gewuehl!
+Rieselt, saeuselt, Woelkchen kraeuselt,
+Schluepfet wallend, leise daempfet,
+Loeschend ueberall bekaempfet,
+Ihr, die lindernden, die feuchten,
+Wandelt in ein Wetterleuchten
+Solcher eitlen Flamme Spiel!--
+Drohen Geister, uns zu schaedigen,
+Soll sich die Magie betaetigen.
+
+
+
+Lustgarten
+
+FAUST:
+Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel?
+
+KAISER:
+Ich wuensche mir dergleichen Scherze viel.--
+Auf einmal sah ich mich in gluehnder Sphaere,
+Es schien mir fast, als ob ich Pluto waere.
+Aus Nacht und Kohlen lag ein Felsengrund,
+Von Flaemmchen gluehend. Dem und jenem Schlund
+Aufwirbelten viel tausend wilde Flammen
+Und flackerten in ein Gewoelb' zusammen.
+Zum hoechsten Dome zuengelt' es empor,
+Der immer ward und immer sich verlor.
+Durch fernen Raum gewundner Feuersaeulen
+Sah ich bewegt der Voelker lange Zeilen,
+Sie draengten sich im weiten Kreis heran
+Und huldigten, wie sie es stets getan.
+Vom meinem Hof erkannt' ich ein und andern,
+Ich schien ein Fuerst von tausend Salamandern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das bist du, Herr! weil jedes Element
+Die Majestaet als unbedingt erkennt.
+Gehorsam Feuer hast du nun erprobt;
+Wirf dich ins Meer, wo es am wildsten tobt,
+Und kaum betrittst du perlenreichen Grund,
+So bildet wallend sich ein herrlich Rund;
+Siehst auf und ab lichtgruene schwanke Wellen,
+Mit Purpursaum, zur schoensten Wohnung schwellen
+Um dich, den Mittelpunkt. Bei jedem Schritt,
+Wohin du gehst, gehn die Palaeste mit.
+Die Waende selbst erfreuen sich des Lebens,
+Pfeilschnellen Wimmlens, Hin- und Widerstrebens.
+Meerwunder draengen sich zum neuen milden Schein,
+Sie schiessen an, und keines darf herein.
+Da spielen farbig goldbeschuppte Drachen,
+Der Haifisch klafft, du lachst ihm in den Rachen.
+Wie sich auch jetzt der Hof um dich entzueckt,
+Hast du doch nie ein solch Gedraeng' erblickt.
+Doch bleibst du nicht vom Lieblichsten geschieden:
+Es nahen sich neugierige Nereiden
+Der praecht'gen Wohnung in der ew'gen Frische,
+Die juengsten scheu und luestern wie die Fische,
+Die spaetern klug. Schon wird es Thetis kund,
+Dem zweiten Peleus reicht sie Hand und Mund.--
+Den Sitz alsdann auf des Olymps Revier...
+
+KAISER:
+Die luft'gen Raeume, die erlass' ich dir:
+Noch frueh genug besteigt man jenen Thron.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und, hoechster Herr! die Erde hast du schon.
+
+KAISER:
+Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht,
+Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht?
+Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden,
+Versichr' ich dich der hoechsten aller Gnaden.
+Sei stets bereit, wenn eure Tageswelt,
+Wie's oft geschieht, mir widerlichst missfaellt.
+
+MARSCHALK:
+Durchlauchtigster, ich dacht' in meinem Leben
+Vom schoensten Glueck Verkuendung nicht zu geben
+Als diese, die mich hoch beglueckt,
+In deiner Gegenwart entzueckt:
+Rechnung fuer Rechnung ist berichtigt,
+Die Wucherklauen sind beschwichtigt,
+Los bin ich solcher Hoellenpein;
+Im Himmel kann's nicht heitrer sein.
+
+HEERMEISTER:
+Abschlaeglich ist der Sold entrichtet,
+Das ganze Heer aufs neu' verpflichtet,
+Der Landsknecht fuehlt sich frisches Blut,
+Und Wirt und Dirnen haben's gut.
+
+KAISER:
+Wie atmet eure Brust erweitert!
+Das faltige Gesicht erheitert!
+Wie eilig tretet ihr heran!
+
+SCHATZMEISTER:
+Befrage diese, die das Werk getan.
+
+FAUST:
+Dem Kanzler ziemt's, die Sache vorzutragen.
+
+KANZLER:
+Beglueckt genug in meinen alten Tagen.--
+So hoert und schaut das schicksalschwere Blatt,
+Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
+"Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:
+Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
+Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
+Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
+Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
+Sogleich gehoben, diene zum Ersatz."
+
+KAISER:
+Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
+Wer faelschte hier des Kaisers Namenszug?
+Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?
+
+SCHATZMEISTER:
+Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
+Erst heute nacht. Du standst als grosser Pan,
+Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
+"Gewaehre dir das hohe Festvergnuegen,
+Des Volkes Heil, mit wenig Federzuegen."
+Du zogst sie rein, dann ward's in dieser Nacht
+Durch Tausendkuenstler schnell vertausendfacht.
+Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
+So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
+Zehn, Dreissig, Funfzig, Hundert sind parat.
+Ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat.
+Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
+Wie alles lebt und lustgeniessend wimmelt!
+Obschon dein Name laengst die Welt beglueckt,
+Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.
+Das Alphabet ist nun erst ueberzaehlig,
+In diesem Zeichen wird nun jeder selig.
+
+KAISER:
+Und meinen Leuten gilt's fuer gutes Gold?
+Dem Heer, dem Hofe gnuegt's zu vollem Sold?
+So sehr mich's wundert, muss ich's gelten lassen.
+
+MARSCHALK:
+Unmoeglich waer's, die Fluechtigen einzufassen;
+Mit Blitzeswink zerstreute sich's im Lauf.
+Die Wechslerbaenke stehen sperrig auf:
+Man honoriert daselbst ein jedes Blatt
+Durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt.
+Nun geht's von da zum Fleischer, Baecker, Schenken;
+Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
+Wenn sich die andre neu in Kleidern blaeht.
+Der Kraemer schneidet aus, der Schneider naeht.
+Bei "Hoch dem Kaiser!" sprudelt's in den Kellern,
+Dort kocht's und braet's und klappert mit den Tellern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer die Terrassen einsam abspaziert,
+Gewahrt die Schoenste, herrlich aufgeziert,
+Ein Aug' verdeckt vom stolzen Pfauenwedel,
+Sie schmunzelt uns und blickt nach solcher Schedel;
+Und hurt'ger als durch Witz und Redekunst
+Vermittelt sich die reichste Liebesgunst.
+Man wird sich nicht mit Boers' und Beutel plagen,
+Ein Blaettchen ist im Busen leicht zu tragen,
+Mit Liebesbrieflein paart's bequem sich hier.
+Der Priester traegt's andaechtig im Brevier,
+Und der Soldat, um rascher sich zu wenden,
+Erleichtert schnell den Guertel seiner Lenden.
+Die Majestaet verzeihe, wenn ins Kleine
+Das hohe Werk ich zu erniedern scheine.
+
+FAUST:
+Das uebermass der Schaetze, das, erstarrt,
+In deinen Landen tief im Boden harrt,
+Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
+Ist solchen Reichtums kuemmerlichste Schranke;
+Die Phantasie, in ihrem hoechsten Flug,
+Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
+Doch fassen Geister, wuerdig, tief zu schauen,
+Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
+Ist so bequem, man weiss doch, was man hat;
+Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
+Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen.
+Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
+Und fehlt es da, so graebt man eine Zeit.
+Pokal und Kette wird verauktioniert,
+Und das Papier, sogleich amortisiert,
+Beschaemt den Zweifler, der uns frech verhoehnt.
+Man will nichts anders, ist daran gewoehnt.
+So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
+An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.
+
+KAISER:
+Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
+Wo moeglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
+Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
+Ihr seid der Schaetze wuerdigste Kustoden.
+Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
+Und wenn man graebt, so sei's auf euer Wort.
+Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
+Erfuellt mit Lust die Wuerden eures Platzes,
+Wo mit der obern sich die Unterwelt,
+In Einigkeit beglueckt, zusammenstellt.
+
+SCHATZMEISTER:
+Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen,
+Ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.
+
+KAISER:
+Beschenk' ich nun bei Hofe Mann fuer Mann,
+Gesteh' er mir, wozu er's brauchen kann.
+
+PAGE:
+Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge.
+
+EIN ANDRER:
+Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett' und Ringe.
+
+KAeMMERER:
+Von nun an trink' ich doppelt bessre Flasche.
+
+EIN ANDRER:
+Die Wuerfel jucken mich schon in der Tasche.
+
+BANNERHERR:
+Mein Schloss und Feld, ich mach' es schuldenfrei.
+
+EIN ANDRER:
+Es ist ein Schatz, den leg' ich Schaetzen bei.
+
+KAISER:
+Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten;
+Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.
+Ich merk' es wohl: bei aller Schaetze Flor,
+Wie ihr gewesen, bleibt ihr nach wie vor.
+
+NARR:
+Ihr spendet Gnaden, goennt auch mir davon!
+
+KAISER:
+Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.
+
+NARR:
+Die Zauberblaetter! ich versteh's nicht recht.
+
+KAISER:
+Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.
+
+NARR:
+Da fallen andere; weiss nicht, was ich tu'.
+
+KAISER:
+Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.
+
+NARR:
+Fuenftausend Kronen waeren mir zu Handen!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?
+
+NARR:
+Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du freust dich so, dass dich's in Schweiss versetzt.
+
+NARR:
+Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du hast dafuer, was Schlund und Bauch begehrt.
+
+NARR:
+Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.
+
+NARR:
+Und Schloss, mit Wald und Jagd und Fischbach? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Traun!
+Ich moechte dich gestrengen Herrn wohl schaun!
+
+NARR:
+Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz!--
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!
+
+
+
+Finstere Galerie
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was ziehst du mich in diese duestern Gaenge?
+Ist nicht da drinnen Lust genug,
+Im dichten, bunten Hofgedraenge
+Gelegenheit zu Spass und Trug?
+
+FAUST:
+Sag mir das nicht, du hast's in alten Tagen
+Laengst an den Sohlen abgetragen;
+Doch jetzt dein Hin- und Widergehn
+Ist nur, um mir nicht Wort zu stehn.
+Ich aber bin gequaelt zu tun:
+Der Marschalk und der Kaemmrer treibt mich nun.
+Der Kaiser will, es muss sogleich geschehn,
+Will Helena und Paris vor sich sehn;
+Das Musterbild der Maenner so der Frauen
+In deutlichen Gestalten will er schauen.
+Geschwind ans Werk! ich darf mein Wort nicht brechen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Unsinnig war's, leichtsinnig zu versprechen.
+
+FAUST:
+Du hast, Geselle, nicht bedacht,
+Wohin uns deine Kuenste fuehren;
+Erst haben wir ihn reich gemacht,
+Nun sollen wir ihn amuesieren.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du waehnst, es fuege sich sogleich;
+Hier stehen wir vor steilern Stufen,
+Greifst in ein fremdestes Bereich,
+Machst frevelhaft am Ende neue Schulden,
+Denkst Helenen so leicht hervorzurufen
+Wie das Papiergespenst der Gulden.--
+Mit Hexen-Fexen, mit Gespenst-Gespinsten,
+Kielkroepfigen Zwergen steh' ich gleich zu Diensten;
+Doch Teufels-Liebchen, wenn auch nicht zu schelten,
+Sie koennen nicht fuer Heroinen gelten.
+
+FAUST:
+Da haben wir den alten Leierton!
+Bei dir geraet man stets ins Ungewisse.
+Der Vater bist du aller Hindernisse,
+Fuer jedes Mittel willst du neuen Lohn.
+Mit wenig Murmeln, weiss ich, ist's getan;
+Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das Heidenvolk geht mich nichts an,
+Es haust in seiner eignen Hoelle;
+Doch gibt's ein Mittel. +
+
+FAUST:
+Sprich, und ohne Saeumnis!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ungern entdeck' ich hoeheres Geheimnis.
+Goettinnen thronen hehr in Einsamkeit,
+Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
+Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
+Die Muetter sind es! +
+
+FAUST:
+Muetter! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Schaudert's dich?
+
+FAUST:
+Die Muetter! Muetter!--'s klingt so wunderlich!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das ist es auch. Goettinnen, ungekannt
+Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
+Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schuerfen;
+Du selbst bist schuld, dass ihrer wir beduerfen.
+
+FAUST:
+Wohin der Weg? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Kein Weg! Ins Unbetretene,
+Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene,
+Nicht zu Erbittende. Bist du bereit?--
+Nicht Schloesser sind, nicht Riegel wegzuschieben,
+Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben.
+Hast du Begriff von oed' und Einsamkeit?
+
+FAUST:
+Du spartest, daecht' ich, solche Sprueche;
+Hier wittert's nach der Hexenkueche,
+Nach einer laengst vergangnen Zeit.
+Musst' ich nicht mit der Welt verkehren?
+Das Leere lernen, Leeres lehren?--
+Sprach ich vernuenftig, wie ich's angeschaut,
+Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;
+Musst' ich sogar vor widerwaertigen Streichen
+Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen
+Und, um nicht ganz versaeumt, allein zu leben,
+Mich doch zuletzt dem Teufel uebergeben.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und haettest du den Ozean durchschwommen,
+Das Grenzenlose dort geschaut,
+So saehst du dort doch Well' auf Welle kommen,
+Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
+Du saehst doch etwas. Saehst wohl in der Gruene
+Gestillter Meere streichende Delphine;
+Saehst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne--
+Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
+Den Schritt nicht hoeren, den du tust,
+Nichts Festes finden, wo du ruhst.
+
+FAUST:
+Du sprichst als erster aller Mystagogen,
+Die treue Neophyten je betrogen;
+Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere,
+Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
+Behandelst mich, dass ich, wie jene Katze,
+Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
+Nur immer zu! wir wollen es ergruenden,
+In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich ruehme dich, eh' du dich von mir trennst,
+Und sehe wohl, dass du den Teufel kennst;
+Hier diesen Schluessel nimm. +
+
+FAUST:
+Das kleine Ding!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erst fass ihn an und schaetz ihn nicht gering.
+
+FAUST:
+Er waechst in meiner Hand! er leuchtet, blitzt!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt?
+Der Schluessel wird die rechte Stelle wittern,
+Folg ihm hinab, er fuehrt dich zu den Muettern.
+
+FAUST:
+Den Muettern! Trifft's mich immer wie ein Schlag!
+Was ist das Wort, das ich nicht hoeren mag?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Bist du beschraenkt, dass neues Wort dich stoert?
+Willst du nur hoeren, was du schon gehoert?
+Dich stoere nichts, wie es auch weiter klinge,
+Schon laengst gewohnt der wunderbarsten Dinge.
+
+FAUST:
+Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil,
+Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil;
+Wie auch die Welt ihm das Gefuehl verteure,
+Ergriffen, fuehlt er tief das Ungeheure.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Versinke denn! Ich koennt' auch sagen: steige!
+'s ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
+In der Gebilde losgebundne Reiche!
+Ergetze dich am laengst nicht mehr Vorhandnen;
+Wie Wolkenzuege schlingt sich das Getreibe,
+Den Schluessel schwinge, halte sie vom Leibe!
+
+FAUST:
+Wohl! fest ihn fassend fuehl' ich neue Staerke,
+Die Brust erweitert, hin zum grossen Werke.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ein gluehnder Dreifuss tut dir endlich kund,
+Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund.
+Bei seinem Schein wirst du die Muetter sehn,
+Die einen sitzen, andre stehn und gehn,
+Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
+Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
+Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
+Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.
+Da fass ein Herz, denn die Gefahr ist gross,
+Und gehe grad' auf jenen Dreifuss los,
+Beruehr ihn mit dem Schluessel! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+So ist's recht!
+Er schliesst sich an, er folgt als treuer Knecht;
+Gelassen steigst du, dich erhebt das Glueck,
+Und eh' sie's merken, bist mit ihm zurueck.
+Und hast du ihn einmal hierher gebracht,
+So rufst du Held und Heldin aus der Nacht,
+Der erste, der sich jener Tat erdreistet;
+Sie ist getan, und du hast es geleistet.
+Dann muss fortan, nach magischem Behandeln,
+Der Weihrauchsnebel sich in Goetter wandeln.
+
+FAUST:
+Und nun was jetzt? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dein Wesen strebe nieder;
+Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wenn ihm der Schluessel nur zum besten frommt!
+Neugierig bin ich, ob er wiederkommt.
+
+
+
+Hell erleuchtete Saele
+
+KAeMMERER:
+Ihr seid uns noch die Geisterszene schuldig;
+Macht Euch daran! der Herr ist ungeduldig.
+
+MARSCHALK:
+Soeben fragt der Gnaedigste darnach;
+Ihr! zaudert nicht der Majestaet zur Schmach.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ist mein Kumpan doch deshalb weggegangen;
+Er weiss schon, wie es anzufangen,
+Und laboriert verschlossen still,
+Muss ganz besonders sich befleissen;
+Denn wer den Schatz, das Schoene, heben will,
+Bedarf der hoechsten Kunst, Magie der Weisen.
+
+MARSCHALK:
+Was ihr fuer Kuenste braucht, ist einerlei:
+Der Kaiser will, dass alles fertig sei.
+
+BLONDINE:
+Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht,
+Jedoch so ist's im leidigen Sommer nicht!
+Da sprossen hundert braeunlich rote Flecken,
+Die zum Verdruss die weisse Haut bedecken.
+Ein Mittel! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Schade! so ein leuchtend Schaetzchen
+Im Mai getupft wie eure Pantherkaetzchen.
+Nehmt Froschlaich, Kroetenzungen, kohobiert,
+Im vollsten Mondlicht sorglich distilliert
+Und, wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen,
+Der Fruehling kommt, die Tupfen sind entwichen.
+
+BRAUNE:
+Die Menge draengt heran, Euch zu umschranzen.
+Ich bitt' um Mittel! Ein erfrorner Fuss
+Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen,
+Selbst ungeschickt beweg' ich mich zum Gruss.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erlaubet einen Tritt von meinem Fuss.
+
+BRAUNE:
+Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mein Fusstritt, Kind! hat Groessres zu bedeuten.
+Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt;
+Fuss heilet Fuss, so ist's mit allen Gliedern.
+Heran! Gebt acht! Ihr sollt es nicht erwidern.
+
+BRAUNE:
+Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt, +
+Wie Pferdehuf.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Heilung nehmt Ihr mit.
+Du kannst nunmehr den Tanz nach Lust verueben,
+Bei Tafel schwelgend fuessle mit dem Lieben.
+
+DAME:
+Lasst mich hindurch! Zu gross sind meine Schmerzen,
+Sie wuehlen siedend mir im tiefsten Herzen;
+Bis gestern sucht' Er Heil in meinen Blicken,
+Er schwatzt mit ihr und wendet mir den Ruecken.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Bedenklich ist es, aber hoere mich.
+An ihn heran musst du dich leise druechen;
+Nimm diese Kohle, streich ihm einen Strich
+Auf aermel, Mantel, Schulter, wie sich's macht;
+Er fuehlt im Herzen holden Reuestich.
+Die Kohle doch musst du sogleich verschlingen,
+Nicht Wein, nicht Wasser an die Lippen bringen;
+Er seufzt vor deiner Tuer noch heute nacht.
+
+DAME:
+Ist doch kein Gift? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Respekt, wo sich's gebuehrt!
+Weit muesstet Ihr nach solcher Kohle laufen;
+Sie kommt von einem Scheiterhaufen,
+Den wir sonst emsiger angeschuert.
+
+PAGE:
+Ich bin verliebt, man haelt mich nicht fuer voll.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich weiss nicht mehr, wohin ich hoeren soll.
+Muesst Euer Glueck nicht auf die Juengste setzen.
+Die Angejahrten wissen Euch zu schaetzen.--
+Schon wieder Neue! Welch ein harter Strauss!
+Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus;
+Der schlechteste Behelf! Die Not ist gross.--
+O Muetter, Muetter! Lasst nur Fausten los!
+Die Lichter brennen truebe schon im Saal,
+Der ganze Hof bewegt sich auf einmal.
+Anstaendig seh' ich sie in Folge ziehn
+Durch lange Gaenge, ferne Galerien.
+Nun! sie versammeln sich im weiten Raum
+Des alten Rittersaals, er fasst sie kaum.
+Auf breite Waende Teppiche spendiert,
+Mit Ruestung Eck' und Nischen ausgeziert.
+Hier braucht es, daecht' ich, keine Zauberworte;
+Die Geister finden sich von selbst zum Orte.
+
+
+
+Rittersaal
+
+HEROLD:
+Mein alt Geschaeft, das Schauspiel anzukuenden,
+Verkuemmert mir der Geister heimlich Walten;
+Vergebens wagt man, aus verstaendigen Gruenden
+Sich zu erklaeren das verworrene Schalten.
+Die Sessel sind, die Stuehle schon zur Hand;
+Den Kaiser setzt man grade vor die Wand;
+Auf den Tapeten mag er da die Schlachten
+Der grossen Zeit bequemlichstens betrachten.
+Hier sitzt nun alles, Herr und Hof im Runde,
+Die Baenke draengen sich im Hintergrunde;
+Auch Liebchen hat, in duestern Geisterstunden,
+Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden.
+Und so, da alle schicklich Platz genommen,
+Sind wir bereit; die Geister moegen kommen!
+
+ASTROLOG:
+Beginne gleich das Drama seinen Lauf,
+Der Herr befiehlt's, ihr Waende tut euch auf!
+Nichts hindert mehr, hier ist Magie zur Hand:
+Die Teppiche schwinden, wie gerollt vom Brand;
+Die Mauer spaltet sich, sie kehrt sich um,
+Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
+Geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen,
+Und ich besteige das Proszenium.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunst,
+Einblaesereien sind des Teufels Redekunst.
+Du kennst den Takt, in dem die Sterne gehn,
+Und wirst mein Fluestern meisterlich verstehn.
+
+ASTROLOG:
+Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau,
+Massiv genug, ein alter Tempelbau.
+Dem Atlas gleich, der einst den Himmel trug,
+Stehn reihenweis der Saeulen hier genug;
+Sie moegen wohl der Felsenlast genuegen,
+Da zweie schon ein gross Gebaeude truegen.
+
+ARCHITEKT:
+Das waer' antik! Ich wuesst' es nicht zu preisen,
+Es sollte plump und ueberlaestig heissen.
+Roh nennt man edel, unbehuelflich gross.
+Schmalpfeiler lieb' ich, strebend, grenzenlos;
+Spitzboegiger Zenit erhebt den Geist;
+Solch ein Gebaeu erbaut uns allermeist.
+
+ASTROLOG:
+Empfangt mit Ehrfurcht sterngegoennte Stunden;
+Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden;
+Dagegen weit heran bewege frei
+Sich herrliche verwegne Phantasei.
+Mit Augen schaut nun, was ihr kuehn begehrt,
+Unmoeglich ist's, drum eben glaubenswert.
+
+ASTROLOG:
+Im Priesterkleid, bekraenzt, ein Wundermann,
+Der nun vollbringt, was er getrost begann.
+Ein Dreifuss steigt mit ihm aus hohler Gruft,
+Schon ahn' ich aus der Schale Weihrauchduft.
+Er ruestet sich, das hohe Werk zu segnen;
+Es kann fortan nur Glueckliches begegnen.
+
+FAUST:
+In eurem Namen, Muetter, die ihr thront
+Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt,
+Und doch gesellig. Euer Haupt umschweben
+Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben.
+Was einmal war, in allem Glanz und Schein,
+Es regt sich dort; denn es will ewig sein.
+Und ihr verteilt es, allgewaltige Maechte,
+Zum Zelt des Tages, zum Gewoelb der Naechte.
+Die einen fasst des Lebens holder Lauf,
+Die andern sucht der kuehne Magier auf;
+In reicher Spende laesst er, voll Vertrauen,
+Was jeder wuenscht, das Wunderwuerdige schauen.
+
+ASTROLOG:
+Der gluehnde Schluessel ruehrt die Schale kaum,
+Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum;
+Er schleicht sich ein, er wogt nach Wolkenart,
+Gedehnt, geballt, verschraenkt, geteilt, gepaart.
+Und nun erkennt ein Geister-Meisterstueck!
+So wie sie wandeln, machen sie Musik.
+Aus luft'gen Toenen quillt ein Weissnichtwie,
+Indem sie ziehn, wird alles Melodie.
+Der Saeulenschaft, auch die Triglyphe klingt,
+Ich glaube gar, der ganze Tempel singt.
+Das Dunstige senkt sich; aus dem leichten Flor
+Ein schoener Juengling tritt im Takt hervor.
+Hier schweigt mein Amt, ich brauch' ihn nicht zu nennen,
+Wer sollte nicht den holden Paris kennen!
+
+DAME:
+O! welch ein Glanz aufbluehender Jugendkraft!
+
+ZWEITE:
+Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!
+
+DRITTE:
+Die fein gezognen, suess geschwollnen Lippen!
+
+VIERTE:
+Du moechtest wohl an solchem Becher nippen?
+
+FUeNFTE:
+Er ist gar huebsch, wenn auch nicht eben fein.
+
+SECHSTE:
+Ein bisschen koennt' er doch gewandter sein.
+
+RITTER:
+Den Schaeferknecht glaub' ich allhier zu spueren,
+Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.
+
+ANDRER:
+Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schoen,
+Doch muessten wir ihn erst im Harnisch sehn!
+
+DAME:
+Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.
+
+ritter
+Auf seinem Schosse waer' Euch wohl bequem?
+
+ANDRE:
+Er lehnt den Arm so zierlich uebers Haupt.
+
+KAeMMERER:
+Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt!
+
+DAME:
+Ihr Herren wisst an allem was zu maekeln.
+
+DERSELBE:
+In Kaisers Gegenwart sich hinzuraekeln!
+
+DAME:
+Er stellt's nur vor! Er glaubt sich ganz allein.
+
+DERSELBE:
+Das Schauspiel selbst, hier sollt' es hoeflich sein.
+
+DAME:
+Sanft hat der Schlaf den Holden uebernommen.
+
+DERSELBE:
+Er schnarcht nun gleich; natuerlich ist's, vollkommen!
+
+JUNGE DAME:
+Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt,
+Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?
+
+AeLTERE:
+Fuerwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemuete,
+Er kommt von ihm! +
+
+AeLTESTE:
+Es ist des Wachstums Bluete,
+Im Juengling als Ambrosia bereitet
+Und atmosphaerisch ringsumher verbreitet.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das waer' sie denn! Vor dieser haett' ich Ruh';
+Huebsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.
+
+ASTROLOG:
+Fuer mich ist diesmal weiter nichts zu tun,
+Als Ehrenmann gesteh', bekenn' ich's nun.
+Die Schoene kommt, und haett' ich Feuerzungen!--
+Von Schoenheit ward von jeher viel gesungen--
+Wem sie erscheint, wird aus sich selbst entrueckt,
+Wem sie gehoerte, ward zu hoch beglueckt.
+
+FAUST:
+Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn
+Der Schoenheit Quelle reichlichstens ergossen?
+Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn.
+Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen!
+Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft?
+Erst wuenschenswert, gegruendet, dauerhaft!
+Verschwinde mir des Lebens Atemkraft,
+Wenn ich mich je von dir zurueckgewoehne!--
+Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzueckte,
+In Zauberspiegelung beglueckte,
+War nur ein Schaumbild solcher Schoene!--
+Du bist's, der ich die Regung aller Kraft,
+Den Inbegriff der Leidenschaft,
+Dir Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn zolle.
+
+MEPHISTOPHELES:
+So fasst Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!
+
+AeLTERE DAME:
+Gross, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.
+
+JUeNGERE:
+Seht nur den Fuss! Wie koennt' er plumper sein!
+
+DIPLOMAT:
+Fuerstinnen hab' ich dieser Art gesehn,
+Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fusse schoen.
+
+HOFMANN:
+Sie naehert sich dem Schlaefer listig mild.
+
+DAME:
+Wie haesslich neben jugendreinem Bild!
+
+POET:
+Von ihrer Schoenheit ist er angestrahlt.
+
+DAME:
+Endymion und Luna! wie gemalt!
+
+DERSELBE:
+Ganz recht! Die Goettin scheint herabzusinken,
+Sie neigt sich ueber, seinen Hauch zu trinken;
+Beneidenswert!--Ein Kuss!--Das Mass ist voll.
+
+DUENNA:
+Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!
+
+FAUST:
+Furchtbare Gunst dem Knaben!--+
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ruhig! still!
+Lass das Gespenst doch machen was es will.
+
+HOFMANN:
+Sie schleicht sich weg, leichtfuessig; er erwacht.
+
+DAME:
+Sie sieht sich um! Das hab' ich wohl gedacht.
+
+HOFMANN:
+Er staunt! Ein Wunder ist's, was ihm geschieht.
+
+DAME:
+Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.
+
+HOFMANN:
+Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.
+
+DAME:
+Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre;
+In solchem Fall sind alle Maenner dumm,
+Er glaubt wohl auch, dass er der erste waere.
+
+RITTER:
+Lasst mir sie gelten! Majestaetisch fein!--
+
+DAME:
+Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein!
+
+PAGE:
+Ich moechte wohl an seiner Stelle sein!
+
+HOFMANN:
+Wer wuerde nicht in solchem Netz gefangen?
+
+DAME:
+Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen,
+Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.
+
+ANDRE:
+Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
+
+RITTER:
+Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste;
+Ich hielte mich an diese schoenen Reste.
+
+GELAHRTER:
+Ich seh' sie deutlich, doch gesteh' ich frei:
+Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei.
+Die Gegenwart verfuehrt ins uebertriebne,
+Ich halte mich vor allem ans Geschriebne.
+Da les' ich denn, sie habe wirklich allen
+Graubaerten Trojas sonderlich gefallen;
+Und wie mich duenkt, vollkommen passt das hier:
+Ich bin nicht jung, und doch gefaellt sie mir.
+
+ASTROLOG:
+Nicht Knabe mehr! Ein kuehner Heldenmann,
+Umfasst er sie, die kaum sich wehren kann.
+Gestaerkten Arms hebt er sie hoch empor,
+Entfuehrt er sie wohl gar? +
+
+FAUST:
+Verwegner Tor!
+Du wagst! Du hoerst nicht! halt! das ist zu viel!
+
+EMPHISTOPHELES:
+Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!
+
+ASTROLOG:
+Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah,
+Nenn' ich das Stueck den Raub der Helena.
+
+FAUST:
+Was Raub! Bin ich fuer nichts an dieser Stelle!
+Ist dieser Schluessel nicht in meiner Hand!
+Er fuehrte mich, durch Graus und Wog' und Welle
+Der Einsamkeiten, her zum festen Strand.
+Hier fass' ich Fuss! Hier sind es Wirklichkeiten,
+Von hier aus darf der Geist mit Geistern streiten,
+Das Doppelreich, das grosse, sich bereiten.
+So fern sie war, wie kann sie naeher sein!
+Ich rette sie, und sie ist doppelt mein.
+Gewagt! Ihr Muetter! Muetter! muesst's gewaehren!
+Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.
+
+ASTROLOG:
+Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt
+Fasst er sie an, schon truebt sich die Gestalt.
+Den Schluessel kehrt er nach dem Juengling zu,
+Beruehrt ihn!--Weh uns, Wehe! Nu! im Nu!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da habt ihr's nun! mit Narren sich beladen,
+Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
+
+
+
+
+2. Akt--Hochgewoelbtes enges gotisches Zimmer
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier lieg, Unseliger! verfuehrt
+Zu schwergeloestem Liebesbande!
+Wen Helena paralysiert,
+Der kommt so leicht nicht zu Verstande.
+Blick' ich hinauf, hierher, hinueber,
+Allunveraendert ist es, unversehrt;
+Die bunten Scheiben sind, so duenkt mich, trueber,
+Die Spinneweben haben sich vermehrt;
+Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier;
+Doch alles ist am Platz geblieben;
+Sogar die Feder liegt noch hier,
+Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben.
+Ja! tiefer in dem Rohre stockt
+Ein Troepflein Blut, wie ich's ihm abgelockt.
+Zu einem solchen einzigen Stueck
+Wuenscht' ich dem groessten Sammler Glueck.
+Auch haengt der alte Pelz am alten Haken,
+Erinnert mich an jene Schnaken,
+Wie ich den Knaben einst belehrt,
+Woran er noch vielleicht als Juengling zehrt.
+Es kommt mir wahrlich das Geluesten,
+Rauchwarme Huelle, dir vereint
+Mich als Dozent noch einmal zu erbruesten,
+Wie man so voellig recht zu haben meint.
+Gelehrte wissen's zu erlangen,
+Dem Teufel ist es laengst vergangen.
+
+CHOR DER INSEKTEN:
+Willkommen! willkommen,
+Du alter Patron!
+Wir schweben und summen
+Und kennen dich schon.
+Nur einzeln im stillen
+Du hast uns gepflanzt;
+Zu Tausenden kommen wir,
+Vater, getanzt.
+Der Schalk in dem Busen
+Verbirgt sich so sehr,
+Vom Pelze die Laeuschen
+Enthuellen sich eh'r.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie ueberraschend mich die junge Schoepfung freut!
+Man saee nur, man erntet mit der Zeit.
+Ich schuettle noch einmal den alten Flaus,
+Noch eines flattert hier und dort hinaus.--
+Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken
+Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken.
+Dort, wo die alten Schachteln stehn,
+Hier im bebraeunten Pergamen,
+In staubigen Scherben alter Toepfe,
+Dem Hohlaug' jener Totenkoepfe.
+In solchem Wust und Moderleben
+Muss es fuer ewig Grillen geben.
+Komm, decke mir die Schultern noch einmal!
+Heut bin ich wieder Prinzipal.
+Doch hilft es nichts, mich so zu nennen;
+Wo sind die Leute, die mich anerkennen?
+
+FAMULUS:
+Welch ein Toenen! welch ein Schauer!
+Treppe schwankt, es bebt die Mauer;
+Durch der Fenster buntes Zittern
+Seh' ich wetterleuchtend Wittern.
+Springt das Estrich, und von oben
+Rieselt Kalk und Schutt verschoben.
+Und die Tuere, fest verriegelt,
+Ist durch Wunderkraft entsiegelt.--
+Dort! Wie fuerchterlich! Ein Riese
+Steht in Faustens altem Vliese!
+Seinen Blicken, seinem Winken
+Moecht' ich in die Kniee sinken.
+Soll ich fliehen? Soll ich stehn?
+Ach, wie wird es mir ergehn!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Heran, mein Freund!--Ihr heisset Nikodemus.
+
+FAMULUS:
+Hochwuerdiger Herr! so ist mein Nam'--Oremus.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das lassen wir! +
+
+FAMULUS:
+Wie froh, dass Ihr mich kennt!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich weiss es wohl, bejahrt und noch Student,
+Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann
+Studiert so fort, weil er nicht anders kann.
+So baut man sich ein maessig Kartenhaus,
+Der groesste Geist baut's doch nicht voellig aus.
+Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner:
+Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner,
+Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt!
+Er ist's allein, der sie zusammenhaelt,
+Der Weisheit taeglicher Vermehrer.
+Allwissbegierige Horcher, Hoerer
+Versammeln sich um ihn zuhauf.
+Er leuchtet einzig vom Katheder;
+Die Schluessel uebt er wie Sankt Peter,
+Das Untre so das Obre schliesst er auf.
+Wie er vor allen glueht und funkelt,
+Kein Ruf, kein Ruhm haelt weiter stand;
+Selbst Faustus' Name wird verdunkelt,
+Er ist es, der allein erfand.
+
+FAMULUS:
+Verzeiht, hochwuerdiger Herr! wenn ich Euch sage,
+Wenn ich zu widersprechen wage:
+Von allem dem ist nicht die Frage;
+Bescheidenheit ist sein beschieden Teil.
+Ins unbegreifliche Verschwinden
+Des hohen Manns weiss er sich nicht zu finden;
+Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil.
+Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus' Tagen,
+Noch unberuehrt seitdem er fern,
+Erwartet seinen alten Herrn.
+Kaum wag' ich's, mich hereinzuwagen.
+Was muss die Sternenstunde sein?--
+Gemaeuer scheint mir zu erbangen;
+Tuerpfosten bebten, Riegel sprangen,
+Sonst kamt Ihr selber nicht herein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wo hat der Mann sich hingetan?
+Fuehrt mich zu ihm, bringt ihn heran!
+
+FAMULUS:
+Ach! sein Verbot ist gar zu scharf,
+Ich weiss nicht, ob ich's wagen darf.
+Monatelang, des grossen Werkes willen,
+Lebt' er im allerstillsten Stillen.
+Der zarteste gelehrter Maenner,
+Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner,
+Geschwaerzt vom Ohre bis zur Nasen,
+Die Augen rot vom Feuerblasen,
+So lechzt er jedem Augenblick;
+Geklirr der Zange gibt Musik.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Sollt' er den Zutritt mir verneinen?
+Ich bin der Mann, das Glueck ihm zu beschleunen.
+Kaum hab' ich Posto hier gefasst,
+Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast.
+Doch diesmal ist er von den Neusten,
+Er wird sich grenzenlos erdreusten.
+
+BACCALAUREUS:
+Tor und Tuere find' ich offen!
+Nun, da laesst sich endlich hoffen,
+Dass nicht, wie bisher, im Moder
+Der Lebendige wie ein Toter
+Sich verkuemmere, sich verderbe
+Und am Leben selber sterbe.
+Diese Mauern, diese Waende
+Neigen, senken sich zum Ende,
+Und wenn wir nicht bald entweichen,
+Wird uns Fall und Sturz erreichen.
+Bin verwegen, wie nicht einer,
+Aber weiter bringt mich keiner.
+Doch was soll ich heut erfahren!
+War's nicht hier, vor so viel Jahren,
+Wo ich, aengstlich und beklommen,
+War als guter Fuchs gekommen?
+Wo ich diesen Baertigen traute,
+Mich an ihrem Schnack erbaute?
+Aus den alten Buecherkrusten
+Logen sie mir, was sie wussten,
+Was sie wussten, selbst nicht glaubten,
+Sich und mir das Leben raubten.
+Wie?--Dort hinten in der Zelle
+Sitzt noch einer dunkel-helle!
+Nahend seh' ich's mit Erstaunen,
+Sitzt er noch im Pelz, dem braunen,
+Wahrlich, wie ich ihn verliess,
+Noch gehuellt im rauhen Vlies!
+Damals schien er zwar gewandt,
+Als ich ihn noch nicht verstand.
+Heute wird es nichts verfangen,
+Frisch an ihn herangegangen!
+Wenn, alter Herr, nicht Lethes truebe Fluten
+Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen,
+Seht anerkennend hier den Schueler kommen,
+Entwachsen akademischen Ruten.
+Ich find' Euch noch, wie ich Euch sah;
+Ein anderer bin ich wieder da.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mich freut, dass ich Euch hergelaeutet.
+Ich schaetzt' Euch damals nicht gering;
+Die Raupe schon, die Chrysalide deutet
+Den kuenftigen bunten Schmetterling.
+Am Lockenkopf und Spitzenkragen
+Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.--
+Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?--
+Heut schau' ich Euch im Schwedenkopf.
+Ganz resolut und wacker seht Ihr aus;
+Kommt nur nicht absolut nach Haus.
+
+BACCALAUREUS:
+Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte;
+Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf
+Und sparet doppelsinnige Worte;
+Wir passen nun ganz anders auf.
+Ihr haenseltet den guten treuen Jungen;
+Das ist Euch ohne Kunst gelungen,
+Was heutzutage niemand wagt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,
+Die gelben Schnaebeln keineswegs behagt,
+Sie aber hinterdrein nach Jahren
+Das alles derb an eigner Haut erfahren,
+Dann duenkeln sie, es kaem' aus eignem Schopf;
+Da heisst es denn: der Meister war ein Tropf.
+
+BACCALAUREUS:
+Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht
+Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?
+Ein jeder weiss zu mehren wie zu mindern,
+Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit;
+Zum Lehren seid Ihr, merk' ich, selbst bereit.
+Seit manchen Monden, einigen Sonnen
+Erfahrungsfuelle habt Ihr wohl gewonnen.
+
+BACCALAUREUS:
+Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
+Und mit dem Geist nicht ebenbuertig.
+Gesteht! was man von je gewusst,
+Es ist durchaus nicht wissenswuerdig.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mich deucht es laengst. Ich war ein Tor,
+Nun komm' ich mir recht schal und albern vor.
+
+BACC:
+Das freut mich sehr! Da hoer' ich doch Verstand;
+Der erste Greis, den ich vernuenftig fand!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
+Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
+
+BACCALAUREUS:
+Gesteht nur, Euer Schaedel, Eure Glatze
+Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du weisst wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
+
+BACCALAUREUS:
+Im Deutschen luegt man, wenn man hoeflich ist.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier oben wird mir Licht und Luft benommen;
+Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?
+
+BACCALAUREUS:
+Anmasslich find' ich, dass zur schlechtsten Frist
+Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist.
+Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
+Bewegt das Blut sich wie im Juengling so?
+Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
+Das neues Leben sich aus Leben schafft.
+Da regt sich alles, da wird was getan,
+Das Schwache faellt, das Tuechtige tritt heran.
+Indessen wir die halbe Welt gewonnen,
+Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen,
+Getraeumt, erwogen, Plan und immer Plan.
+Gewiss! das Alter ist ein kaltes Fieber
+Im Frost von grillenhafter Not.
+Hat einer dreissig Jahr vorueber,
+So ist er schon so gut wie tot.
+Am besten waer's, euch zeitig totzuschlagen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.
+
+BACC:
+Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Teufel stellt dir naechstens doch ein Bein.
+
+BACCALAUREUS:
+Dies ist der Jugend edelster Beruf!
+Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf;
+Die Sonne fuehrt' ich aus dem Meer herauf;
+Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
+Da schmueckte sich der Tag auf meinen Wegen,
+Die Erde gruente, bluehte mir entgegen.
+Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
+Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
+Wer, ausser mir, entband euch aller Schranken
+Philisterhaft einklemmender Gedanken?
+Ich aber frei, wie mir's im Geiste spricht,
+Verfolge froh mein innerliches Licht,
+Und wandle rasch, im eigensten Entzuecken,
+Das Helle vor mir, Finsternis im Ruecken.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Original, fahr hin in deiner Pracht!--
+Wie wuerde dich die Einsicht kraenken:
+Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
+Das nicht die Vorwelt schon gedacht?--
+Doch sind wir auch mit diesem nicht gefaehrdet,
+In wenig Jahren wird es anders sein:
+Wenn sich der Most auch ganz absurd gebaerdet,
+Es gibt zuletzt doch noch e' Wein.
+[Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,
+[Euch guten Kindern lass ich's gehen;
+Bedenkt: der Teufel, der ist alt,
+So werdet alt, ihn zu verstehen!
+
+
+
+Laboratorium
+
+WAGNER:
+Die Glocke toent, die fuerchterliche,
+Durchschauert die berussten Mauern.
+Nicht laenger kann das Ungewisse
+Der ernstesten Erwartung dauern.
+Schon hellen sich die Finsternisse;
+Schon in der innersten Phiole
+Erglueht es wie lebendige Kohle,
+Ja wie der herrlichste Karfunkel,
+Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.
+Ein helles weisses Licht erscheint!
+O dass ich's diesmal nicht verliere!--
+Ach Gott! was rasselt an der Tuere?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Willkommen! es ist gut gemeint.
+
+WAGNER:
+Willkommen zu dem Stern der Stunde!
+Doch haltet Wort und Atem fest im Munde,
+Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was gibt es denn? +
+
+WAGNER:
+Es wird ein Mensch gemacht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar
+Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?
+
+WAGNER:
+Behuete Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,
+Erklaeren wir fuer eitel Possen.
+Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,
+Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
+Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
+Erst Naechstes, dann sich Fremdes anzueignen,
+Die ist von ihrer Wuerde nun entsetzt;
+Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,
+So muss der Mensch mit seinen grossen Gaben
+Doch kuenftig hoehern, hoehern Ursprung haben.
+Es leuchtet! seht!--Nun laesst sich wirklich hoffen,
+Dass, wenn wir aus viel hundert Stoffen
+Durch Mischung--denn auf Mischung kommt es an--
+Den Menschenstoff gemaechlich komponieren,
+In einen Kolben verlutieren
+Und ihn gehoerig kohobieren,
+So ist das Werk im stillen abgetan.
+Es wird! die Masse regt sich klarer!
+Die ueberzeugung wahrer, wahrer:
+Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
+Das wagen wir verstaendig zu probieren,
+Und was sie sonst organisieren liess,
+Das lassen wir kristallisieren.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer lange lebt, hat viel erfahren,
+[Nichts Neues kann fuer ihn auf dieser Welt geschehn.
+Ich habe schon in meinen Wanderjahren
+Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.
+
+WAGNER:
+Es steigt, es blitzt, es haeuft sich an,
+Im Augenblick ist es getan.
+Ein grosser Vorsatz scheint im Anfang toll;
+Doch wollen wir des Zufalls kuenftig lachen,
+Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,
+Wird kuenftig auch ein Denker machen.
+Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,
+Es truebt, es klaert sich; also muss es werden!
+Ich seh' in zierlicher Gestalt
+Ein artig Maennlein sich gebaerden.
+Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?
+Denn das Geheimnis liegt am Tage.
+Gebt diesem Laute nur Gehoer,
+Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.
+
+HOMUNCULUS:
+Nun Vaeterchen! wie steht's? es war kein Scherz.
+Komm, druecke mich recht zaertlich an dein Herz!
+Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
+Das ist die Eigenschaft der Dinge:
+Natuerlichem genuegt das Weltall kaum,
+Was kuenstlich ist, verlangt geschlossnen Raum.
+Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier
+Im rechten Augenblick? ich danke dir.
+Ein gut Geschick fuehrt dich zu uns herein;
+Dieweil ich bin, muss ich auch taetig sein.
+Ich moechte mich sogleich zur Arbeit schuerzen.
+Du bist gewandt, die Wege mir zu kuerzen.
+
+WAGNER:
+Nur noch ein Wort! Bisher musst' ich mich schaemen,
+Denn alt und jung bestuermt mich mit Problemen.
+Zum Beispiel nur: noch niemand konnt' es fassen,
+Wie Seel' und Leib so schoen zusammenpassen,
+So fest sich halten, als um nie zu scheiden,
+Und doch den Tag sich immerfort verleiden.
+Sodann--+
+
+MEPHISTOPHELES:
+Halt ein! ich wollte lieber fragen:
+Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?
+Du kommst, mein Freund, hierueber nie ins reine.
+Hier gibt's zu tun, das eben will der Kleine.
+
+HOMUNCULUS:
+Was gibt's zu tun? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier zeige deine Gabe!
+
+WAGNER:
+Fuerwahr, du bist ein allerliebster Knabe!
+
+HOMUNCULUS:
+Bedeutend!--+
+Schoen umgeben!--Klar Gewaesser
+Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden,
+Die allerliebsten!--Das wird immer besser.
+Doch eine laesst sich glaenzend unterscheiden,
+Aus hoechstem Helden-, wohl aus Goetterstamme.
+Sie setzt den Fuss in das durchsichtige Helle;
+Des edlen Koerpers holde Lebensflamme
+Kuehlt sich im schmiegsamen Kristall der Welle.--
+Doch welch Getoese rasch bewegter Fluegel,
+Welch Sausen, Plaetschern wuehlt im glatten Spiegel?
+Die Maedchen fliehn verschuechtert; doch allein
+Die Koenigin, sie blickt gelassen drein
+Und sieht mit stolzem weiblichem Vergnuegen
+Der Schwaene Fuersten ihrem Knie sich schmiegen,
+Zudringlich-zahm. Er scheint sich zu gewoehnen.--
+Auf einmal aber steigt ein Dunst empor
+Und deckt mit dichtgewebtem Flor
+Die lieblichste von allen Szenen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was du nicht alles zu erzaehlen hast!
+So klein du bist, so gross bist du Phantast.
+Ich sehe nichts--+
+
+HOMUNCULUS:
+Das glaub' ich. Du aus Norden,
+Im Nebelalter jung geworden,
+Im Wust von Rittertum und Pfaefferei,
+Wo waere da dein Auge frei!
+Im Duestern bist du nur zu Hause.
+Verbraeunt Gestein, bemodert, widrig,
+Spitzboegig, schnoerkelhaftest, niedrig!--
+Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,
+Er bleibt gleich auf der Stelle tot.
+Waldquellen, Schwaene, nackte Schoenen,
+Das war sein ahnungsvoller Traum;
+Wie wollt' er sich hierher gewoehnen!
+Ich, der Bequemste, duld' es kaum.
+Nun fort mit ihm! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Ausweg soll mich freuen.
+
+HOMUNCULUS:
+Befiehl den Krieger in die Schlacht,
+Das Maedchen fuehre du zum Reihen,
+So ist gleich alles abgemacht.
+Jetzt eben, wie ich schnell bedacht,
+Ist klassische Walpurgisnacht;
+Das Beste, was begegnen koennte.
+Bringt ihn zu seinem Elemente!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dergleichen hab' ich nie vernommen.
+
+HOMUNCULUS:
+Wie wollt' es auch zu euren Ohren kommen?
+Romantische Gespenster kennt ihr nur allein;
+Ein echt Gespenst, auch klassisch hat's zu sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen?
+Mich widern schon antikische Kollegen.
+
+HOMUNCULUS:
+Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier,
+Suedoestlich diesmal aber segeln wir--
+An grosser Flaeche fliesst Peneios frei,
+Umbuscht, umbaumt, in still--und feuchten Buchten;
+Die Ebne dehnt sich zu der Berge Schluchten,
+Und oben liegt Pharsalus, alt und neu.
+
+MEPHISTOPHELES:
+O weh! hinweg! und lasst mir jene Streite
+Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.
+Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan,
+So fangen sie von vorne wieder an;
+Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt
+Vom Asmodeus, der dahinter steckt.
+Sie streiten sich, so heisst's, um Freiheitsrechte;
+Genau besehn, sind's Knechte gegen Knechte.
+
+HOMUNCULUS:
+Den Menschen lass ihr widerspenstig Wesen,
+Ein jeder muss sich wehren, wie er kann,
+Vom Knaben auf, so wird's zuletzt ein Mann.
+Hier fragt sich's nur, wie dieser kann genesen.
+Hast du ein Mittel, so erprob' es hier,
+Vermagst du's nicht, so ueberlass es mir.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Manch Brockenstueckchen waere durchzuproben,
+Doch Heidenriegel find' ich vorgeschoben.
+Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!
+Doch blendet's euch mit freiem Sinnenspiel,
+Verlockt des Menschen Brust zu heitern Suenden;
+Die unsern wird man immer duester finden.
+Und nun, was soll's? +
+
+HOMUNCULUS:
+Du bist ja sonst nicht bloede;
+Und wenn ich von thessalischen Hexen rede,
+So denk' ich, hab' ich was gesagt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen,
+Nach denen hab' ich lang' gefragt.
+Mit ihnen Nacht fuer Nacht zu wohnen,
+Ich glaube nicht, dass es behagt;
+Doch zum Besuch, Versuch--+
+
+HOMUNCULUS:
+Den Mantel her,
+Und um den Ritter umgeschlagen!
+Der Lappen wird euch, wie bisher,
+Den einen mit dem andern tragen;
+Ich leuchte vor. +
+
+WAGNER:
+Und ich? +
+
+HOMUNCULUS:
+Eh nun,
+Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.
+Entfalte du die alten Pergamente,
+Nach Vorschrift sammle Lebenselemente
+Und fuege sie mit Vorsicht eins ans andre.
+Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.
+Indessen ich ein Stueckchen Welt durchwandre,
+Entdeck' ich wohl das Tuepfchen auf das i.
+Dann ist der grosse Zweck erreicht;
+Solch einen Lohn verdient ein solches Streben:
+Gold, Ehre, Ruhm, gesundes langes Leben,
+Und Wissenschaft und Tugend--auch vielleicht.
+Leb wohl! +
+
+WAGNER:
+Leb wohl! Das drueckt das Herz mir nieder.
+Ich fuerchte schon, ich seh' dich niemals wieder.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nun zum Peneios frisch hinab!
+Herr Vetter ist nicht zu verachten.
+Am Ende haengen wir doch ab
+Von Kreaturen, die wir machten.
+
+
+
+Klassische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder
+
+ERICHTHO:
+Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie oefter schon,
+Tret' ich einher, Erichtho, ich, die duestere;
+Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich
+Im uebermass verlaestern... Endigen sie doch nie
+In Lob und Tadel... ueberbleicht erscheint mir schon
+Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,
+Als Nachgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht.
+Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort
+Ins Ewige wiederholen... Keiner goennt das Reich
+Dem andern; dem goennt's keiner, der's mit Kraft erwarb
+Und kraeftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst
+Nicht zu regieren weiss, regierte gar zu gern
+Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemaess...
+Hier aber ward ein grosses Beispiel durchgekaempft:
+Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,
+Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreisst,
+Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.
+Hier traeumte Magnus frueher Groesse Bluetentag,
+Dem schwanken Zuenglein lauschend wachte Caesar dort!
+Das wird sich messen. Weiss die Welt doch, wem's gelang.
+Wachfeuer gluehen, rote Flammen spendende,
+Der Boden haucht vergossnen Blutes Widerschein,
+Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,
+Versammelt sich hellenischer Sage Legion.
+Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt
+Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild...
+Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,
+Erhebt sich, milden Glanz verbreitend ueberall;
+Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.
+Doch ueber mir! welch unerwartet Meteor?
+Es leuchtet und beleuchtet koerperlichen Ball.
+Ich wittre Leben. Da geziemen will mir's nicht,
+Lebendigem zu nahen, dem ich schaedlich bin;
+Das bringt mir boesen Ruf und frommt mir nicht.
+Schon sinkt es nieder. Weich' ich aus mit Wohlbedacht!
+
+HOMUNCULUS:
+Schwebe noch einmal die Runde
+ueber Flamm- und Schaudergrauen;
+Ist es doch in Tal und Grunde
+Gar gespenstisch anzuschauen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Seh' ich, wie durchs alte Fenster
+In des Nordens Wust und Graus,
+Ganz abscheuliche Gespenster,
+Bin ich hier wie dort zu Haus.
+
+HOMUNCULUS:
+Sieh! da schreitet eine Lange
+Weiten Schrittes vor uns hin.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ist es doch, als waer' ihr bange;
+Sah uns durch die Luefte ziehn.
+
+HOMUNCULUS:
+Lass sie schreiten! setz ihn nieder,
+Deinen Ritter, und sogleich
+Kehret ihm das Leben wieder,
+Denn er sucht's im Fabelreich.
+
+FAUST:
+Wo ist sie?--+
+
+HOMUNCULUS:
+Wuessten's nicht zu sagen,
+Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
+In Eile magst du, eh' es tagt,
+Von Flamm' zu Flamme spuerend gehen:
+Wer zu den Muettern sich gewagt,
+Hat weiter nichts zu ueberstehen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auch ich bin hier an meinem Teil;
+Doch wuesst' ich Besseres nicht zu unserm Heil,
+Als: jeder moege durch die Feuer
+Versuchen sich sein eigen Abenteuer.
+Dann, um uns wieder zu vereinen,
+Lass deine Leuchte, Kleiner, toenend scheinen.
+
+HOMUNCULUS:
+So soll es blitzen, soll es klingen.
+Nun frisch zu neuen Wunderdingen!
+
+FAUST:
+Wo ist sie?--Frage jetzt nicht weiter nach...
+Waer's nicht die Scholle, die sie trug,
+Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,
+So ist's die Luft, die ihre Sprache sprach.
+Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!
+Ich fuehlte gleich den Boden, wo ich stand;
+Wie mich, den Schlaefer, frisch ein Geist durchgluehte,
+So steh' ich, ein Antaeus an Gemuete.
+Und find' ich hier das Seltsamste beisammen,
+Durchforsch' ich ernst dies Labyrinth der Flammen.
+
+
+
+Am oberen Peneios
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,
+So find' ich mich doch ganz und gar entfremdet,
+Fast alles nackt, nur hie und da behemdet:
+Die Sphinxe schamlos, unverschaemt die Greife,
+Und was nicht alles, lockig und befluegelt,
+Von vorn und hinten sich im Auge spiegelt...
+Zwar sind auch wir von Herzen unanstaendig,
+Doch das Antike find' ich zu lebendig;
+Das muesste man mit neustem Sinn bemeistern
+Und mannigfaltig modisch ueberkleistern...
+Ein widrig Volk! Doch darf mich's nicht verdriessen,
+Als neuer Gast anstaendig sie zu gruessen...
+Gluechzu den schoenen Fraun, den klugen Greisen!
+
+GREIF:
+Nicht Greisen! Greifen!--Niemand hoert es gern,
+Dass man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt
+Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:
+Grau, graemlich, griesgram, greulich, Graeber, grimmig,
+Etymologisch gleicherweise stimmig, +
+Verstimmen uns.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und doch, nicht abzuschweifen,
+Gefaeallt das Grei im Ehrentitel Greifen.
+
+GREIF:
+Natuerlich! Die Verwandtschaft ist erprobt,
+Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt;
+Man greife nun nach Maedchen, Kronen, Gold,
+Dem Greifenden ist meist Fortuna hold.
+
+AMEISEN:
+Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt,
+In Fels- und Hoehlen heimlich eingerammelt;
+Das Arimaspen-Volk hat's ausgespuert,
+Sie lachen dort, wie weit sie's weggefuehrt.
+
+GREIFE:
+Wir wollen sie schon zum Gestaendnis bringen.
+
+ARIMASPEN:
+Nur nicht zur freien Jubelnacht.
+Bis morgen ist's alles durchgebracht,
+Es wird uns diesmal wohl gelingen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie leicht und gern ich mich hierher gewoehne,
+Denn ich verstehe Mann fuer Mann.
+
+SPHINX:
+Wir hauchen unsre Geistertoene,
+Und ihr verkoerpert sie alsdann.
+Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen--
+Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
+Schlachtfeldern nachzuspueren, Wasserfaellen,
+Gestuerzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;
+Das waere hier fuer sie ein wuerdig Ziel.
+Sie zeugten auch: Im alten Buehnenspiel
+Sah man mich dort als old Iniquity.
+
+SPINX:
+Wie kam man drauf? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich weiss es selbst nicht wie.
+
+SPINX:
+Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde?
+Was sagst du zu der gegenwaert'gen Stunde?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Stern schiesst nach Stern, beschnittner Mond scheint helle,
+Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle,
+Ich waerme mich an deinem Loewenfelle.
+Hinauf sich zu versteigen, waer' zum Schaden;
+Gib Raetsel auf, gib allenfalls Scharaden.
+
+SPINX:
+Sprich nur dich selbst aus, wird schon Raetsel sein.
+Versuch einmal, dich innigst aufzuloesen:
+"Dem frommen Manne noetig wie dem boesen,
+Dem ein Plastron, aszetisch zu rapieren,
+Kumpan dem andern, Tolles zu vollfuehren,
+Und beides nur, um Zeus zu amuesieren."
+
+ERSTER GREIF:
+Den mag ich nicht! +
+
+ZWEITER GREIF:
+Was will uns der?
+
+BEIDE:
+Der Garstige gehoeret nicht hierher!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du glaubst vielleicht, des Gastes Naegel krauen
+Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen?
+Versuch's einmal! +
+
+SPINX:
+Du magst nur immer bleiben,
+Wird dich's doch selbst aus unsrer Mitte treiben;
+In deinem Lande tust dir was zugute,
+Doch, irr' ich nicht, hier ist dir schlecht zumute.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du bist recht appetitlich oben anzuschauen,
+Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.
+
+SPINX:
+Du Falscher kommst zu deiner bittern Busse,
+Denn unsre Tatzen sind gesund;
+Dir mit verschrumpftem Pferdefusse
+Behagt es nicht in unserem Bund.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer sind die Voegel, in den aesten
+Des Pappelstromes hingewiegt?
+
+SPINX:
+Gewahrt euch nur! Die Allerbesten
+Hat solch ein Singsang schon besiegt.
+
+SIRENEN:
+Ach was wollt ihr euch verwoehnen
+In dem Haesslich-Wunderbaren!
+Horcht, wir kommen hier zu Scharen
+Und in wohlgestimmten Toenen;
+So geziemet es Sirenen.
+
+SPINXE:
+Noetigt sie, herabzusteigen!
+Sie verbergen in den Zweigen
+Ihre garstigen Habichtskrallen,
+Euch verderblich anzufallen,
+Wenn ihr euer Ohr verleiht.
+
+SIRENEN:
+Weg das Hassen! weg das Neiden!
+Sammeln wir die klarsten Freuden,
+Unterm Himmel ausgestreut!
+Auf dem Wasser, auf der Erde
+Sei's die heiterste Gebaerde,
+Die man dem Willkommnen beut.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das sind die saubern Neuigkeiten,
+Wo aus der Kehle, von den Saiten
+Ein Ton sich um den andern flicht.
+Das Trallern ist bei mir verloren:
+Es krabbelt wohl mir um die Ohren,
+Allein zum Herzen dringt es nicht.
+
+SPINXE:
+Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel;
+Ein lederner verschrumpfter Beutel,
+Das passt dir eher zu Gesicht.
+
+FAUST:
+Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnuege,
+Im Widerwaertigen grosse, tuechtige Zuege.
+Ich ahne schon ein guenstiges Geschick;
+Wohin versetzt mich dieser ernste Blick?
+Vor solchen hat einst oedipus gestanden;
+Vor solchen kruemmte sich Ulyss in haenfnen Banden;
+Von solchen ward der hoechste Schatz gespart,
+Von diesen treu und ohne Fehl bewahrt.
+Vom frischen Geiste fuehl' ich mich durchdrungen;
+Gestalten gross, gross die Erinnerungen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Sonst haettest du dergleichen weggeflucht,
+Doch jetzo scheint es dir zu frommen;
+Denn wo man die Geliebte sucht,
+Sind Ungeheuer selbst willkommen.
+
+FAUST:
+Ihr Frauenbilder muesst mir Rede stehn:
+Hat eins der Euren Helena gesehn?
+
+SPHINXE:
+Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen,
+Die letztesten hat Herkules erschlagen.
+Von Chiron koenntest du's erfragen;
+Der sprengt herum in dieser Geisternacht;
+Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht.
+
+SIRENEN:
+Sollte dir's doch auch nicht fehlen!...
+Wie Ulyss bei uns verweilte,
+Schmaehend nicht voruebereilte,
+Wusst' er vieles zu erzaehlen;
+Wuerden alles dir vertrauen,
+Wolltest du zu unsern Gauen
+Dich ans gruene Meer verfuegen.
+
+SPHINX:
+Lass dich, Elder, nicht betruegen.
+Statt dass Ulyss sich binden liess,
+Lass unsern guten Rat dich binden;
+Kannst du den hohen Chiron finden,
+Erfaehrst du, was ich dir verhiess.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was kraechzt vorbei mit Fluegelschlag?
+So schnell, dass man's nicht sehen mag,
+Und immer eins dem andern nach,
+Den Jaeger wuerden sie ermueden.
+
+SPHINX:
+Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar,
+Alcides' Pfeilen kaum erreichbar;
+Es sind die raschen Stymphaliden,
+Und wohlgemeint ihr Kraechzegruss,
+Mit Geierschnabel und Gaensefuss.
+Sie moechten gern in unsern Kreisen
+Als Stammverwandte sich erweisen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Noch andres Zeug zischt zwischen drein.
+
+SPHINX:
+Vor diesen sei Euch ja nicht bange!
+Es sind die Koepfe der lernaeischen Schlange,
+Vom Rumpf getrennt, und glauben was zu sein.
+Doch sagt, was soll nur aus Euch werden?
+Was fuer unruhige Gebaerden?
+Wo wollt Ihr hin? Begebt Euch fort!...
+Ich sehe, jener Chorus dort
+Macht Euch zum Wendehals. Bezwingt Euch nicht,
+Geht hin! begruesst manch reizendes Gesicht!
+Die Lamien sind's, lustfeine Dirnen,
+Mit Laechelmund und frechen Stirnen,
+Wie sie dem Satyrvolk behagen;
+Ein Bocksfuss darf dort alles wagen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ihr bleibt doch hier? dass ich euch wiederfinde.
+
+SPHINXE:
+Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde.
+Wir, von aegypten her, sind laengst gewohnt,
+Dass unsereins in tausend Jahre thront.
+Und respektiert nur unsre Lage,
+So regeln wir die Mond- und Sonnentage.
+Sitzen vor den Pyramiden,
+Zu der Voelker Hochgericht;
+ueberschwemmung, Krieg und Frieden--
+Und verziehen kein Gesicht.
+
+
+
+Am untern Peneios
+
+PENEIOS:
+Rege dich, du Schilfgefluester!
+Hauche leise, Rohregeschwister,
+Saeuselt, leichte Weidenstraeuche,
+Lispelt, Pappelzitterzweige,
+Unterbrochnen Traeumen zu!...
+Weckt mich doch ein grauslich Wittern,
+Heimlich allbewegend Zittern
+Aus dem Wallestrom und Ruh'.
+
+FAUST:
+Hoer' ich recht, so muss ich glauben:
+Hinter den verschraenkten Lauben
+Dieser Zweige, dieser Stauden
+Toent ein menschenaehnlichs Lauten.
+Scheint die Welle doch ein Schwaetzen,
+Lueftein wie--ein Scherzergetzen.
+
+NYMPHEN:
+Am besten geschaeh' dir,
+Du legtest dich nieder,
+Erholtest im Kuehlen
+Ermuedete Glieder,
+Genoessest der immer
+Dich meidenden Ruh;
+Wir saeuseln, wir rieseln,
+Wir fluestern dir zu.
+
+FAUST:
+Ich wache ja! O lasst sie walten,
+Die unvergleichlichen Gestalten,
+Wie sie dorthin mein Auge schickt.
+So wunderbar bin ich durchdrungen!
+Sind'd Traeume? Sind's Erinnerungen?
+Schon einmal warst du so beglueckt.
+Gewaesser schleichen durch die Frische
+Der dichten, sanft bewegten Buesche,
+Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;
+Von allen Seiten hundert Quellen
+Vereinen sich im reinlich hellen,
+Zum Bade flach vertieften Raum.
+Gesunde junge Frauenglieder,
+Vom feuchten Spiegel doppelt wieder
+Ergetztem Auge zugebracht!
+Gesellig dann und froehlich badend,
+Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;
+Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.
+Begnuegen sollt' ich mich an diesen,
+Mein Auge sollte hier geniessen,
+Doch immer weiter strebt mein Sinn.
+Der Blick dringt scharf nach jener Huelle,
+Das reiche Laub der gruenen Fuelle
+Verbirgt die hohe Koenigin.
+Wundersam! auch Schwaene kommen
+Aus den Buchten hergeschwommen,
+Majestaetisch rein bewegt.
+Ruhig schwebend, zart gesellig,
+Aber stolz und selbstgefaellig,
+Wie sich Haupt und Schnabel regt...
+Einer aber scheint vor allen
+Bruestend kuehn sich zu gefallen,
+Segelnd rasch durch alle fort;
+Sein Gefieder blaeht sich schwellend,
+Welle selbst, auf Wogen wellend,
+Dringt er zu dem heiligen Ort....
+Die andern schwimmen hin und wider
+Mit ruhig glaenzendem Gefieder,
+Bald auch in regem praechtigen Streit,
+Die scheuen Maedchen abzulenken,
+Dass sie an ihren Dienst nicht denken,
+Nur an die eigne Sicherheit.
+
+NYMPHEN:
+Leget, Schwestern, euer Ohr
+An des Ufers gruene Stufe;
+Hoer' ich recht, so kommt mir's vor
+Als der Schall von Pferdes Hufe.
+Wuesst' ich nur, wer dieser Nacht
+Schnelle Botschaft zugebracht.
+
+FAUST:
+Ist mir doch, als droehnt' die Erde,
+Schallend unter eiligem Pferde.
+Dorthin mein Blick!
+Ein guenstiges Geschick,
+Soll es mich schon erreichen?
+O Wunder ohnegleichen!
+Ein Reuter kommt herangetrabt,
+Er scheint von Geist und Mut begabt,
+Von blendend-weissem Pferd getragen...
+Ich irre nicht, ich kenn' ihn schon,
+Der Philyra beruehmter Sohn!--
+Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen...
+
+CHIRON:
+Was gibt's? Was ist's? +
+
+FAUST:
+Bezaehme deinen Schritt!
+
+CHIRON:
+Ich raste nicht. +
+
+FAUST:
+So bitte! nimm mich mit!
+
+CHIRON:
+Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:
+Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,
+Ich bin bereit, dich durch den Fluss zu tragen.
+
+FAUST:
+Wohin du willst. Fuer ewig dank' ich's dir...
+Der grosse Mann, der edle Paedagog,
+Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,
+Den schoenen Kreis der edlen Argonauten
+Und alle, die des Dichters Welt erbauten.
+
+CHIRON:
+Das lassen wir an seinem Ort!
+Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;
+Am Ende treiben sie's nach ihrer Weise fort,
+Als wenn sie nicht erzogen waeren.
+
+FAUST:
+Den Arzt, der jede Pflanze nennt,
+Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,
+Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,
+Umarm' ich hier in Geist- und Koerperkraft!
+
+CHIRON:
+Ward neben mir ein Held verletzt,
+Da wusst' ich Huelf' und Rat zu schaffen;
+Doch liess ich meine Kunst zuletzt
+Den Wurzelweibern und den Pfaffen.
+
+FAUST:
+Du bist der wahre grosse Mann,
+Der Lobeswort nicht hoeren kann.
+Er sucht bescheiden auszuweichen
+Und tut, als gaeb' es seinesgleichen.
+
+CHIRON:
+Du scheinest mir geschickt zu heucheln,
+Dem Fuersten wie dem Volk zu schmeicheln.
+
+FAUST:
+So wirst du mir denn doch gestehn:
+Du hast die Groessten deiner Zeit gesehn,
+Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,
+Halbgoettlich ernst die Tage durchgelebt.
+Doch unter den heroischen Gestalten
+Wen hast du fuer den Tuechtigsten gehalten?
+
+CHIRON:
+Im hehren Argonautenkreise
+War jeder brav nach seiner eignen Weise,
+Und nach der Kraft, die ihn beseelte,
+Konnt' er genuegen, wo's den andern fehlte.
+Die Dioskuren haben stets gesiegt,
+Wo Jugendfuell' und Schoenheit ueberwiegt.
+Entschluss und schnelle Tat zu andrer Heil,
+Den Boreaden ward's zum schoensten Teil.
+Nachsinnend, kraeftig, klug, im Rat bequem,
+So herrschte Jason, Frauen angenehm.
+Dann Orpheus: zart und immer still bedaechtig,
+Schlug er die Leier allen uebermaechtig.
+Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und Nacht
+Das heil'ge Schiff durch Klipp' und Strand gebracht...
+Gesellig nur laesst sich Gefahr erproben:
+Wenn einer wirkt, die andern alle loben...
+
+FAUST:
+Von Herkules willst nichts erwaehnen?
+
+CHIRON:
+O weh! errege nicht mein Sehnen...
+Ich hatte Phoebus nie gesehn,
+Noch Ares, Hermes, wie sie heissen;
+Da sah ich mir vor Augen stehn,
+Was alle Menschen goettlich preisen.
+So war er ein geborner Koenig,
+Als Juengling herrlichst anzuschaun;
+Dem aeltern Bruder untertaenig
+Und auch den allerliebsten Fraun.
+Den zweiten zeugt nicht Gaea wieder,
+Nicht fuehrt ihn Hebe himmelein;
+Vergebens muehen sich die Lieder,
+Vergebens quaelen sie den Stein.
+
+FAUST:
+So sehr auch Bildner auf ihn pochen,
+So herrlich kam er nie zur Schau.
+Vom schoensten Mann hast du gesprochen,
+Nun sprich auch von der schoensten Frau!
+
+CHIRON:
+Was!... Frauenschoenheit will nichts heissen,
+Ist gar zu oft ein starres Bild;
+Nur solch ein Wesen kann ich preisen,
+Das froh und lebenslustig quillt.
+Die Schoene bleibt sich selber selig;
+Die Anmut macht unwiderstehlich,
+Wie Helena, da ich sie trug.
+
+FAUST:
+Du trugst sie? +
+
+CHIRON:
+Ja, auf diesem Ruecken.
+
+FAUST:
+Bin ich nicht schon verwirrt genug?
+Und solch ein Sitz muss mich begluecken!
+
+CHIRON:
+Sie fasste so mich in das Haar,
+Wie du es tust. +
+
+FAUST:
+O ganz und gar
+Verlier' ich mich! Erzaehle, wie?
+Sie ist mein einziges Begehren!
+Woher, wohin, ach, trugst du sie?
+
+CHIRON:
+Die Frage laesst sich leicht gewaehren.
+Die Dioskuren hatten jener Zeit
+Das Schwesterchen aus Raeuberfaust befreit.
+Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,
+Ermannten sich urd stuermten hintendrein.
+Da hielten der Geschwister eiligen Lauf
+Die Suempfe bei Eleusis auf;
+Die Brueder wateten, ich patschte, schwamm hinueber;
+Da sprang sie ab und streichelte
+Die feuchte Maehne, schmeichelte
+Und dankte lieblich-klug und selbstbewusst.
+Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!
+
+FAUST:
+Erst zehen Jahr!... +
+
+CHIRON:
+Ich seh', die Philologen,
+Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.
+Ganz eigen ist's mit mythologischer Frau,
+Der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau:
+Nie wird sie muendig, wird nicht alt,
+Stets appetitlicher Gestalt,
+Wird jung entfuehrt, im Alter noch umfreit;
+Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.
+
+FAUST:
+So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!
+Hat doch Achill auf Pherae sie gefunden,
+Selbst ausser aller Zeit. Welch seltnes Glueck:
+Errungen Liebe gegen das Geschick!
+Und sollt' ich nicht, sehnsuechtigster Gewalt,
+Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?
+Das ewige Wesen, Goettern ebenbuertig,
+So gross als zart, so hehr als liebenswuerdig?
+Du sahst sie einst; heut hab' ich sie gesehn,
+So schoen wie reizend, wie ersehnt so schoen.
+Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;
+Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.
+
+CHIRON:
+Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzueckt;
+Doch unter Geistern scheinst du wohl verrueckt.
+Nun trifft sich's hier zu deinem Gluecke;
+Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,
+Pfleg' ich bei Manto vorzutreten,
+Der Tochter aeskulaps; im stillen Beten
+Fleht sie zum Vater, dass, zu seiner Ehre,
+Er endlich doch der aerzte Sinn verklaere
+Und vom verwegnen Totschlag sie bekehre...
+Die liebste mir aus der Sibyllengilde,
+Nicht fratzenhaft bewegt, wohltaetig milde;
+Ihr glueckt es wohl, bei einigem Verweilen,
+Mit Wurzelkraeften dich von Grund zu heilen.
+
+FAUST:
+Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist maechtig;
+Da waer' ich ja wie andre niedertraechtig.
+
+CHIRON:
+Versaeume nicht das Heil der edlen Quelle!
+Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.
+
+FAUST:
+Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,
+Durch Kiesgewaesser mich ans Land gebracht?
+
+CHIRON:
+Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,
+Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,
+Das groesste Reich, das sich im Sand verliert;
+Der Koenig flieht, der Buerger triumphiert.
+Blick auf! hier steht, bedeutend nah,
+Im Mondenschein der ewige Tempel da.
+
+MANTO:
+Von Pferdes Hufe
+Erklingt die heilige Stufe,
+Halbgoetter treten heran.
+
+CHIRON:
+Ganz recht!
+Nur die Augen aufgetan!
+
+MANTO:
+Willkommen! ich seh', du bleibst nicht aus.
+
+CHIRON:
+Steht dir doch auch dein Tempelhaus!
+
+MANTO:
+Streiftst du noch immer unermuedet?
+
+CHIRON:
+Wohnst du doch immer still umfriedet,
+Indes zu kreisen mich erfreut.
+
+MANTO:
+Ich harre, mich umkreist die Zeit.
+Und dieser? +
+
+CHIRON:
+Die verrufene Nacht
+Hat strudelnd ihn hierher gebracht.
+Helenen, mit verrueckten Sinnen,
+Helenen will er sich gewinnen
+Und weiss nicht, wie und wo beginnen;
+Asklepischer Kur vor andern wert.
+
+MANTO:
+Den lieb' ich, der Unmoegliches begehrt.
+
+MANTO:
+Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!
+Der dunkle Gang fuehrt zu Persephoneien.
+In des Olympus hohlem Fuss
+Lauscht sie geheim verbotnem Gruss.
+Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwaerzt;
+Benutz es besser! frisch! beherzt!
+
+
+
+Am obern Peneios
+
+SIRENEN:
+Stuerzt euch in Peneios' Flut!
+Plaetschernd ziemt es da zu schwimmen,
+Lied um Lieder anzustimmen,
+Dem unseligen Volk zugut.
+Ohne Wasser ist kein Heil!
+Fuehren wir mit hellem Heere
+Eilig zum aegaeischen Meere,
+Wuerd' uns jede Lust zuteil.
+
+SIRENEN:
+Schaeumend kehrt die Welle wieder,
+Fliesst nicht mehr im Bett darnieder;
+Grund erbebt, das Wasser staucht,
+Kies und Ufer berstend raucht.
+Fluechten wir! Kommt alle, kommt!
+Niemand, dem das Wunder frommt.
+Fort! ihr edlen frohen Gaeste,
+Zu dem seeisch heitern Feste,
+Blinkend, wo die Zitterwellen,
+Ufernetzend, leise schwellen;
+Da, wo Luna doppelt leuchtet,
+Uns mit heil'gem Tau befeuchtet.
+Dort ein freibewegtes Leben,
+Hier ein aengstlich Erdebeben;
+Eile jeder Kluge fort!
+Schauderhaft ist's um den Ort.
+
+SEISMOS:
+Einmal noch mit Kraft geschoben,
+Mit den Schultern brav gehoben!
+So gelangen wir nach oben,
+Wo uns alles weichen muss.
+
+SPHINXE:
+Welch ein widerwaertig Zittern,
+Haesslich grausenhaftes Wittern!
+Welch ein Schwanken, welches Beben,
+Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
+Welch unleidlicher Verdruss!
+Doch wir aendern nicht die Stelle,
+Braeche los die ganze Hoelle.
+Nun erhebt sich ein Gewoelbe
+Wundersam. Es ist derselbe,
+Jener Alte, laengst Ergraute,
+Der die Insel Delos baute,
+Einer Kreissenden zulieb'
+Aus der Wog' empor sie trieb.
+Er, mit Streben, Draengen, Druecken,
+Arme straff, gekruemmt den Ruecken,
+Wie ein Atlas an Gebaerde,
+Hebt er Boden, Rasen, Erde,
+Kies und Griess und Sand und Letten,
+Unsres Ufers stille Betten.
+So zerreisst er eine Strecke
+Quer des Tales ruhige Decke.
+Angestrengtest, nimmer muede,
+Kolossale Karyatide,
+Traegt ein furchtbar Steingerueste,
+Noch im Boden bis zur Bueste;
+Weiter aber soll's nicht kommen,
+Sphinxe haben Platz genommen.
+
+SEISMOS:
+Das hab' ich ganz allein vermittelt,
+Man wird mir's endlich zugestehn;
+Und haett' ich nicht geschuettelt und geruettelt,
+Wie waere diese Welt so schoen?--
+Wie staenden eure Berge droben
+In praechtig-reinem aetherblau,
+Haett' ich sie nicht hervorgeschoben
+Zu malerisch-entzueckter Schau?
+Als, angesichts der hoechsten Ahnen,
+Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug
+Und, in Gesellschaft von Titanen,
+Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug,
+Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,
+Bis ueberdruessig noch zuletzt
+Wir dem Parnass, als eine Doppelmuetze,
+Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt...
+Apollen haelt ein froh Verweilen
+Dort nun mit seliger Musen Chor.
+Selbst Jupitern und seinen Donnerkeilen
+Hob ich den Sessel hoch empor.
+Jetzt so, mit ungeheurem Streben,
+Drang aus dem Abgrund ich herauf
+Und fordre laut, zu neuem Leben,
+Mir froehliche Bewohner auf.
+
+SPHINXE:
+Uralt, muesste man gestehen,
+Sei das hier Emporgebuergte,
+Haetten wir nicht selbst gesehen,
+Wie sich's aus dem Boden wuergte.
+Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,
+Noch draengt sich Fels auf Fels bewegt heran;
+Ein Sphinx wird sich daran nicht kehren:
+Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stoeren.
+
+GREIFE:
+Gold in Blaettchen, Gold in Flittern
+Durch die Ritzen seh ich zittern.
+Lasst euch solchen Schatz nicht rauben,
+Imsen, auf! es auszuklauben.
+
+CHOR DER AMEISEN:
+Wie ihn die Riesigen
+Emporgehoben,
+Ihr Zappelfuessigen,
+Geschwind nach oben!
+Behendest aus und ein!
+In solchen Ritzen
+Ist jedes Broeselein
+Wert zu besitzen.
+Das Allermindeste
+Muesst ihr entdecken
+Auf das geschwindeste
+In allen Ecken.
+Allemsig muesst ihr sein,
+Ihr Wimmelscharen;
+Nur mit dem Gold herein!
+Den Berg lasst fahren.
+
+GREIFE:
+Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!
+Wir legen unsre Klauen drauf;
+Sind Riegel von der besten Art,
+Der groesste Schatz ist wohlverwahrt.
+
+PYGMAeEN:
+Haben wirklich Platz genommen,
+Wissen nicht, wie es geschah.
+Fraget nicht, woher wir kommen,
+Denn wir sind nun einmal da!
+Zu des Lebens lustigem Sitze
+Eignet sich ein jedes Land;
+Zeigt sich eine Felsenritze,
+Ist auch schon der Zwerg zur Hand.
+Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleisse,
+Musterhaft ein jedes Paar;
+Weiss nicht, ob es gleicher Weise
+Schon im Paradiese war.
+Doch wir finden's hier zum besten,
+Segnen dankbar unsern Stern;
+Denn im Osten wie im Westen
+Zeugt die Mutter Erde gern.
+
+DAKTYLE:
+Hat sie in einer Nacht
+Die Kleinen hervorgebracht,
+Sie wird die Kleinsten erzeugen;
+Finden auch ihresgleichen.
+
+PYGMAeEN-AeLTESTE:
+Eilet, bequemen
+Sitz einzunehmen!
+Eilig zum Werke!
+Schnelle fuer Staerke!
+Noch ist es Friede;
+Baut euch die Schmiede,
+Harnisch und Waffen
+Dem Heer zu schaffen.
+Ihr Imsen alle,
+Ruehrige im Schwalle,
+Schafft uns Metalle!
+Und ihr Daktyle,
+Kleinste, so viele,
+Euch sei befohlen,
+Hoelzer zu holen!
+Schlichtet zusammen
+Heimliche Flammen,
+Schaffet uns Kohlen.
+
+GENERALISSIMUS:
+Mit Pfeil und Bogen
+Frisch ausgezogen!
+An jenem Weiher
+Schiesst mir die Reiher,
+Unzaehlig nistende,
+Hochmuetig bruestende,
+Auf einen Ruck,
+Alle wie einen!
+Dass wir erscheinen
+Mit Helm und Schmuck.
+
+IMSEN UND DAKTYLE:
+Wer wird uns retten!
+Wir schaffen 's Eisen,
+Sie schmieden Ketten.
+Uns loszureissen,
+Ist noch nicht zeitig,
+Drum seid geschmeidig.
+
+DIE KRANICHE DES IBYKUS:
+Mordgeschrei und Sterbeklagen!
+aengstlich Fluegelflatterschlagen!
+Welch ein aechzen, welch Gestoehn
+Dringt herauf zu unsern Hoehn!
+Alle sind sie schon ertoetet,
+See von ihrem Blut geroetet,
+Missgestaltete Begierde
+Raubt des Reihers edle Zierde.
+Weht sie doch schon auf dem Helme
+Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
+Ihr Genossen unsres Heeres,
+Reihenwanderer des Meeres,
+Euch berufen wir zur Rache
+In so nahverwandter Sache.
+Keiner spare Kraft und Blut!
+Ewige Feindschaft dieser Brut!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die nordischen Hexen wusst' ich wohl zu meistern,
+Mir wird's nicht just mit diesen fremden Geistern.
+Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,
+Wo man auch sei, man findet sich zumal.
+Frau Ilse wacht fuer uns auf ihrem Stein,
+Auf seiner Hoeh' wird Heinrich munter sein,
+Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,
+Doch alles ist fuer tausend Jahr getan.
+Wer weiss denn hier nur, wo er geht und steht,
+Ob unter ihm sich nicht der Boden blaeht?...
+Ich wandle lustig durch ein glattes Tal,
+Und hinter mir erhebt sich auf einmal
+Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,
+Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen
+Schon hoch genug--hier zuckt noch manches Feuer
+Das Tal hinab und flammt ums Abenteuer...
+Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,
+Spitzbuebisch gaukelnd, der galante Chor.
+Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,
+Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen.
+
+LAMIEN:
+Geschwind, geschwinder!
+Und immer weiter!
+Dann wieder zaudernd,
+Geschwaetzig plaudernd.
+Es ist so heiter,
+Den alten Suender
+Uns nachzuziehen,
+Zu schwerer Busse.
+Mit starrem Fusse
+Kommt er geholpert,
+Einhergestolpert;
+Er schleppt das Bein,
+Wie wir ihn fliehen,
+Uns hinterdrein!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!
+Von Adam her verfuehrte Hansen!
+Alt wird man wohl, wer aber klug?
+Warst du nicht schon vernarrt genug!
+Man weiss, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,
+Geschnuerten Leibs, geschminkten Angesichts.
+Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,
+Wo man sie anfasst, morsch in allen Gliedern.
+Man weiss, man sieht's, man kann es greifen,
+Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!
+
+LAMIEN:
+Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;
+Entgegnet ihm, dass er euch nicht entgeht!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nur zu! und lass dich ins Gewebe
+Der Zweifelei nicht toerig ein;
+Denn wenn es keine Hexen gaebe,
+Wer Teufel moechte Teufel sein!
+
+LAMIEN:
+Kreisen wir um diesen Helden!
+Liebe wird in seinem Herzen
+Sich gewiss fuer eine melden.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Zwar bei ungewissem Schimmer
+Scheint ihr huebsche Frauenzimmer,
+Und so moecht' ich euch nicht schelten.
+
+EMPUSE:
+Auch nicht mich! als eine solche
+Lasst mich ein in eure Folge.
+
+LAMIEN:
+Die ist in unserm Kreis zuviel,
+Verdirbt doch immer unser Spiel.
+
+EMPUSE:
+Begruesst von Muehmichen Empuse,
+Der Trauten mit dem Eselsfusse!
+Du hast nur einen Pferdefuss,
+Und doch, Herr Vetter, schoensten Gruss!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier dacht' ich lauter Unbekannte
+Und finde leider Nahverwandte;
+Es ist ein altes Buch zu blaettern:
+Vom Harz bis Hellas immer Vettern!
+
+EMPUSE:
+Entschieden weiss ich gleich zu handeln,
+In vieles koennt' ich mich verwandeln;
+Doch Euch zu Ehren hab' ich jetzt
+Das Eselskoepfchen aufgesetzt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich merk', es hat bei diesen Leuten
+Verwandtschaft Grosses zu bedeuten;
+Doch mag sich, was auch will, eraeugnen,
+Den Eselskopf moecht' ich verleugnen.
+
+LAMIEN:
+Dass diese Garstige, sie verscheucht,
+Was irgend schoen und lieblich deucht;
+Was irgend schoen und lieblich waer'--
+Sie kommt heran, es ist nicht mehr!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auch diese Muehmchen zart und schmaechtig,
+Sie sind mir allesamt verdaechtig;
+Und hinter solcher Waenglein Rosen
+Fuercht' ich doch auch Metamorphosen.
+
+LAMIEN:
+Versuch es doch! sind unsrer viele.
+Greif zu! Und hast du Glueck im Spiele,
+Erhasche dir das beste Los.
+Was soll das luesterne Geleier?
+Du bist ein miserabler Freier,
+Stolzierst einher und tust so gross!--
+Nun mischt er sich in unsre Scharen;
+Lasst nach und nach die Masken fahren
+Und gebt ihm euer Wesen bloss.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Schoenste hab' ich mir erlesen...
+O weh mir! welch ein duerrer Besen!
+Und diese?... Schmaehliches Gesicht!
+
+LAMIEN:
+Verdienst du's besser? duenkt es nicht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Kleine moecht' ich mir verpfaenden...
+Lacerte schluepft mir aus den Haenden!
+Und schlangenhaft der glatte Zopf.
+Dagegen fass' ich mir die Lange...
+Da pack' ich eine Thyrsusstange,
+Den Pinienapfel als den Kopf!
+Wo will's hinaus?... Noch eine Dicke,
+An der ich mich vielleicht erquicke;
+Zum letztenmal gewagt! Es sei!
+Recht quammig, quappig, das bezahlen
+Mit hohem Preis Orientalen...
+Doch ach! der Bovist platzt entzwei!
+
+LAMIEN:
+Fahrt auseinander, schwankt und schwebet
+Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet
+Den eingedrungnen Hexensohn!
+Unsichre, schauderhafte Kreise!
+Schweigsamen Fittichs, Fledermaeuse!
+Zu wohlfeil kommt er doch davon.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Viel klueger, scheint es, bin ich nicht geworden;
+Absurd ist's hier, absurd im Norden,
+Gespenster hier wie dort vertrackt,
+Volk und Poeten abgeschmackt.
+Ist eben hier eine Mummenschanz
+Wie ueberall, ein Sinnentanz.
+Ich griff nach holden Maskenzuegen
+Und fasste Wesen, dass mich's schauerte...
+Ich moechte gerne mich betruegen,
+Wenn es nur laenger dauerte.
+Wo bin ich denn? Wo will's hinaus?
+Das war ein Pfad, nun ist's ein Graus.
+Ich kam daher auf glatten Wegen,
+Und jetzt steht mir Geroell entgegen.
+Vergebens klettr' ich auf und nieder,
+Wo find' ich meine Sphinxe wieder?
+So toll haett' ich mir's nicht gedacht,
+Ein solch Gebirge in einer Nacht!
+Das heiss' ich frischen Hexenritt,
+Die bringen ihren Blocksberg mit.
+
+OREAS:
+Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
+Steht in urspruenglicher Gestalt.
+Verehre schroffe Felsensteige,
+Des Pindus letztgedehnte Zweige!
+Schon stand ich unerschuettert so,
+Als ueber mich Pompejus floh.
+Daneben das Gebild des Wahns
+Verschwindet schon beim Kraehn des Hahns.
+Dergleichen Maerchen seh' ich oft entstehn
+Und ploetzlich wieder untergehn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Sei Ehre dir, ehrwuerdiges Haupt,
+Von hoher Eichenkraft umlaubt!
+Der allerklarste Mondenschein
+Dringt nicht zur Finsternis herein.--
+Doch neben am Gebuesche zieht
+Ein Licht, das gar bescheiden glueht.
+Wie sich das alles fuegen muss!
+Fuerwahr, es ist Homunculus!
+Woher des Wegs, du Kleingeselle?
+
+HOMUNCULUS:
+Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
+Und moechte gern im besten Sinn entstehn,
+Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;
+Allein, was ich bisher gesehn,
+Hinein da moecht' ich mich nicht wagen.
+Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
+Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
+Ich horchte zu, es hiess: Natur, Natur!
+Von diesen will ich mich nicht trennen,
+Sie muessen doch das irdische Wesen kennen;
+Und ich erfahre wohl am Ende,
+Wohin ich mich am allerkluegsten wende.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das tu auf deine eigne Hand.
+Denn wo Gespenster Platz genommen,
+Ist auch der Philosoph willkommen.
+Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,
+Erschafft er gleich ein Dutzend neue.
+Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.
+Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!
+
+HOMUNCULUS:
+Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmaehn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+So fahre hin! Wir wollen's weiter sehn.
+
+ANAXAGORAS:
+Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;
+Bedarf es Weitres, dich zu ueberzeugen?
+
+THALES:
+Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
+Doch haelt sie sich vom schroffen Felsen fern.
+
+ANAXAGORAS:
+Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.
+
+THALES:
+Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.
+
+HOMUNCULUS:
+Lasst mich an eurer Seite gehn.
+Mir selbst geluestet's, zu entstehn!
+
+ANAXAGORAS:
+Hast du, o Thales, je in einer Nacht
+Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?
+
+THALES:
+Nie war Natur und ihr lebendiges Fliessen
+Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
+Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
+Und selbst im Grossen ist es nicht Gewalt.
+
+ANAXAGORAS:
+Hier aber war's! Plutonisch grimmig Feuer,
+aeolischer Duenste Knallkraft, ungeheuer,
+Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,
+Dass neu ein Berg sogleich entstehen musste.
+
+THALES:
+Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?
+Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.
+Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
+Und fuehrt doch nur geduldig Volk am Seile.
+
+ANAXAGORAS:
+Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,
+Die Felsenspalten zu bewohnen;
+Pygmaeen, Imsen, Daeumerlinge
+Und andre taetig kleine Dinge.
+Nie hast du Grossem nachgestrebt,
+Einsiedlerisch-beschraenkt gelebt;
+Kannst du zur Herrschaft dich gewoehnen,
+So lass ich dich als Koenig kroenen.
+
+HOMUNCULUS:
+Was sagt mein Thales? +
+
+THALES:
+Will's nicht raten;
+Mit Kleinen tut man kleine Taten,
+Mit Grossen wird der Kleine gross.
+Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!
+Sie droht dem aufgeregten Volke
+Und wuerde so dem Koenig drohn.
+Mit scharfen Schnaebeln, krallen Beinen,
+Sie stechen nieder auf die Kleinen;
+Verhaengnis wetterleuchtet schon.
+Ein Frevel toetete die Reiher,
+Umstellend ruhigen Friedensweiher.
+Doch jener Mordgeschosse Regen
+Schafft grausam-blut'gen Rachesegen,
+Erregt der Nahverwandten Wut
+Nach der Pygmaeen frevlem Blut.
+Was nuetzt nun Schild und Helm und Speer?
+Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?
+Wie sich Daktyl und Imse bergen!
+Schon wankt, es flieht, es stuerzt das Heer.
+
+ANAXAGORAS:
+Konnt' ich bisher die Unterirdischen loben,
+So wend' ich mich in diesem Fall nach oben...
+Du! droben ewig Unveraltete,
+Dreinamig-Dreigestaltete,
+Dich ruf' ich an bei meines Volkes Weh,
+Diana, Luna, Hekate!
+Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,
+Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,
+Eroeffne deiner Schatten grausen Schlund,
+Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
+Bin ich zu schnell erhoert?
+Hat mein Flehn
+Nach jenen Hoehn
+Die Ordnung der Natur gestoert?
+Und groesser, immer groesser nahet schon
+Der Goettin rundumschriebner Thron,
+Dem Auge furchtbar, ungeheuer!
+Ins Duestre roetet sich sein Feuer...
+Nicht naeher, drohend-maechtige Runde!
+Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!
+So waer' es wahr, dass dich thessalische Frauen
+In frevlend magischem Vertrauen
+Von deinem Pfad herabgesungen,
+Verderblichstes dir abgerungen?...
+Das lichte Schild hat sich umdunkelt,
+Auf einmal reisst's und blitzt und funkelt!
+Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!
+Ein Donnern, Windgetuem dazwischen!--
+Demuetig zu des Thrones Stufen!--
+Verzeiht! Ich hab' es hergerufen.
+
+THALES:
+Was dieser Mann nicht alles hoert' und sah!
+Ich weiss nicht recht, wie uns geschah,
+Auch hab' ich's nicht mit ihm empfunden.
+Gestehen wir, es sind verrueckte Stunden,
+Und Luna wiegt sich ganz bequem
+An ihrem Platz, so wie vordem.
+
+HOMUNCULUS:
+Schaut hin nach der Pygmaeen Sitz!
+Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.
+Ich spuert' ein ungeheures Prallen,
+Der Fels war aus dem Mond gefallen;
+Gleich hat er, ohne nachzufragen,
+So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.
+Doch muss ich solche Kuenste loben,
+Die schoepferisch, in einer Nacht,
+Zugleich von unten und von oben,
+Dies Berggebaeu zustand gebracht.
+
+THALES:
+Sei ruhig! Es war nur gedacht.
+Sie fahre hin, die garstige Brut!
+Dass du nicht Koenig warst, ist gut.
+Nun fort zum heitern Meeresfeste,
+Dort hofft und ehrt man Wundergaeste.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da muss ich mich durch steile Felsentreppen,
+Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!
+Auf meinem Harz der harzige Dunst
+Hat was vom Pech, und das hat meine Gunst,
+Zunaechst dem Schwefel... Hier, bei diesen Griechen
+Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;
+Neugierig aber waer' ich, nachzuspueren,
+Womit sie Hoellenqual und--flamme schueren.
+
+DRYAS:
+In deinem Lande sei einheimisch klug,
+Im fremden bist du nicht gewandt genug.
+Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
+Der heiligen Eichen Wuerde hier verehren.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man denkt an das, was man verliess;
+Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.
+Doch sagt: was in der Hoehle dort,
+Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?
+
+DRYAS:
+Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort
+Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune!
+So stolz ich bin, muss ich mir selbst gestehn:
+Dergleichen hab' ich nie gesehn,
+Die sind ja schlimmer als Alraune...
+Wird man die urverworfnen Suenden
+Im mindesten noch haesslich finden,
+Wenn man dies Dreigetuem erblickt?
+Wir litten sie nicht auf den Schwellen
+Der grauenvollsten unsrer Hoellen.
+Hier wurzelt's in der Schoenheit Land,
+Das wird mit Ruhm antik genannt...
+Sie regen sich, sie scheinen mich zu spueren,
+Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampyren.
+
+PHORKYAS:
+Gebt mir das Auge, Schwestern, dass es frage,
+Wer sich so nah an unsre Tempel wage.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen
+Und euren Segen dreifach zu empfahen.
+Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,
+Doch, irr' ich nicht, weitlaeufiger Verwandter.
+Altwuerdige Goetter hab' ich schon erblickt,
+Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebueckt;
+Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,
+Ich sah sie gestern--oder ehegestern;
+Doch euresgleichen hab' ich nie erblickt.
+Ich schweige nun und fuehle mich entzueckt.
+
+PHORKYADEN:
+Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nur wundert's mich, dass euch kein Dichter preist.
+Und sagt: wie kam's, wie konnte das geschehn?
+Im Bilde hab' ich nie euch Wuerdigste gesehn;
+Versuch's der Meissel doch, euch zu erreichen,
+Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.
+
+PHORKYADEN:
+Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,
+Hat unser Drei noch nie daran gedacht!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie sollt' es auch? da ihr, der Welt entrueckt,
+Hier niemand seht und niemand euch erblickt.
+Da muesstet ihr an solchen Orten wohnen,
+Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,
+Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,
+Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.
+Wo-- +
+
+PHORKYADEN:
+Schweige still und gib uns kein Geluesten!
+Was huelf' es uns, und wenn wir's besser wuessten?
+In Nacht geboren, Naechtlichem verwandt,
+Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,
+Man kann sich selbst auch andern uebertragen.
+Euch dreien gnuegt ein Auge, gnuegt ein Zahn;
+Da ging' es wohl auch mythologisch an,
+In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,
+Der Dritten Bildnis mir zu ueberlassen,
+Auf kurze Zeit. +
+
+EINE:
+Wie duenkt's euch? ging' es an?
+
+DIE ANDERN:
+Versuchen wir's!--doch ohne Aug' und Zahn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;
+Wie wuerde da das strengste Bild vollkommen!
+
+EINE:
+Drueck du ein Auge zu, 's ist leicht geschehn,
+Lass alsofort den einen Raffzahn sehn,
+Und im Profil wirst du sogleich erreichen,
+Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Viel Ehr'! Es sei! +
+
+PHORKYADEN:
+Es sei! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da steh' ich schon,
+Des Chaos vielgeliebter Sohn!
+
+PHORKYADEN:
+Des Chaos Toechter sind wir unbestritten.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.
+
+PHORKYADEN:
+Im neuen Drei der Schwestern welche Schoene!
+Wir haben zwei der Augen, zwei der Zaehne.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Vor aller Augen muss ich mich verstecken,
+Im Hoellenpfuhl die Teufel zu erschrecken.
+
+
+
+Felsbuchten des aegaeischen Meers
+
+SIRENEN:
+Haben sonst bei naechtigem Grauen
+Dich thessalische Zauberfrauen
+Frevelhaft herabgezogen,
+Blicke ruhig von dem Bogen
+Deiner Nacht auf Zitterwogen
+Mildeblitzend Glanzgewimmel
+Und erleuchte das Getuemmel,
+Das sich aus den Wogen hebt!
+Dir zu jedem Dienst erboetig,
+Schoene Luna, sei uns gnaedig!
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Toenet laut in schaerfern Toenen,
+Die das breite Meer durchdroehnen,
+Volk der Tiefe ruft fortan!
+Vor des Sturmes grausen Schluenden
+Wichen wir zu stillsten Gruenden,
+Holder Sang zieht uns heran.
+Seht, wie wir im Hochentzuecken
+Uns mit goldenen Ketten schmuecken,
+Auch zu Kron' und Edelsteinen
+Spang- und Guertelschmuck vereinen!
+Alles das ist eure Frucht.
+Schaetze, scheiternd hier verschlungen,
+Habt ihr uns herangesungen,
+Ihr Daemonen unsrer Bucht.
+
+SIRENEN:
+Wissen's wohl, in Meeresfrische
+Glatt behagen sich die Fische,
+Schwanken Lebens ohne Leid;
+Doch, ihr festlich regen Scharen,
+Heute moechten wir erfahren,
+Dass ihr mehr als Fische seid.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Ehe wir hieher gekommen,
+Haben wir's zu Sinn genommen;
+Schwestern, Bur*der, jetzt geschwind!
+Heut bedarf's der kleinsten Reise
+Zum vollgueltigsten Beweise,
+Dass wir mehr als Fische sind.
+
+SIRENEN:
+Fort sind sie im Nu!
+Nach Samothrace grade zu,
+Verschwunden mit guenstigem Wind.
+Was denken sie zu vollfuehren
+Im Reiche der hohen Kabiren?
+Sind Goetter! Wundersam eigen,
+Die sich immerfort selbst erzeugen
+Und niemals wissen, was sie sind.
+Bleibe auf deinen Hoehn,
+Holde Luna, gnaedig stehn,
+Dass es naechtig verbleibe,
+Uns der Tag nicht vertreibe!
+
+THALES:
+Ich fuehrte dich zum alten Nereus gern;
+Zwar sind wir nicht von seiner Hoehle fern,
+Doch hat er einen harten Kopf,
+Der widerwaertige Sauertopf.
+Das ganze menschliche Geschlecht
+Macht's ihm, dem Griesgram, nimmer recht.
+Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,
+Dafuer hat jedermann Respekt
+Und ehret ihn auf seinem Posten;
+Auch hat er manchem wohlgetan.
+
+HOMUNCULUS:
+Probieren wir's und klopfen an!
+Nicht gleich wird's Glas und Flamme kosten.
+
+NEREUS:
+Sind's Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?
+Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!
+Gebilde, strebsam, Goetter zu erreichen,
+Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
+Seit alten Jahren konnt' ich goettlich ruhn,
+Doch trieb mich's an, den Besten wohlzutun;
+Und schaut' ich dann zuletzt vollbrachte Taten,
+So war es ganz, als haett' ich nicht geraten.
+
+THALES:
+Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir;
+Du bist der Weise, treib uns nicht von hier!
+Schau diese Flamme, menschenaehnlich zwar,
+Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.
+
+NEREUS:
+Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?
+Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.
+So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,
+Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.
+Wie hab' ich Paris vaeterlich gewarnt,
+Eh sein Geluest ein fremdes Weib umgarnt.
+Am griechischen Ufer stand er kuehnlich da,
+Ihm kuendet' ich, was ich im Geiste sah:
+Die Luefte qualmend, ueberstroemend Rot,
+Gebaelke gluehend, unten Mord und Tod:
+Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,
+Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.
+Des Alten Wort, dem Frechen schien's ein Spiel,
+Er folgte seiner Lust, und Ilios fiel--
+Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,
+Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.
+Ulyssen auch! sagt' ich ihm nicht voraus
+Der Circe Listen, des Zyklopen Graus?
+Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,
+Und was nicht alles! Bracht' ihm das Gewinn?
+Bis vielgeschaukelt ihn, doch spaet genug,
+Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.
+
+THALES:
+Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;
+Der gute doch versucht es noch einmal.
+Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnuegen,
+Die Zentner Undanks voellig ueberwiegen.
+Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:
+Der Knabe da wuenscht weislich zu entstehn.
+
+NEREUS:
+Verderbt mir nicht den seltensten Humor!
+Ganz andres steht mir heute noch bevor:
+Die Toechter hab' ich alle herbeschieden,
+Die Grazien des Meeres, die Doriden.
+Nicht der Olymp, nicht euer Boden traegt
+Ein schoen Gebild, das sich so zierlich regt.
+Sie werfen sich, anmutigster Gebaerde,
+Vom Wasserdrachen auf Neptunus' Pferde,
+Dem Element aufs zarteste vereint,
+Dass selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.
+Im Farbenspiel von Venus' Muschelwagen
+Kommt Galatee, die Schoenste, nun getragen,
+Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,
+In Paphos wird als Goettin selbst verehrt.
+Und so besitzt die Holde lange schon,
+Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.
+Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde
+Nicht Hass dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.
+Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:
+Wie man entstehn und sich verwandlen kann.
+
+THALES:
+Wir haben nichts durch siesen Schritt gewonnen,
+Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;
+Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,
+Was staunen macht und in Verwirrung setzt.
+Du bist einmal beduerftig solchen Rats,
+Versuchen wir's und wandlen unsres Pfads!
+
+SIRENEN:
+Was sehen wir von weiten
+Das Wellenreich durchgleiten?
+Als wie nach Windes Regel
+Anzoegen weisse Segel,
+So hell sind sie zu schauen,
+Verklaerte Meeresfrauen.
+Lasst uns herunterklimmen,
+Vernehmt ihr doch die Stimmen.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Was wir auf Haenden tragen,
+Soll allen euch behagen.
+Chelonens Riesenschilde
+Entglaenzt ein streng Gebilde:
+Sind Goetter, die wir bringen;
+Muesst hohe Lieder singen.
+
+SIRENEN:
+Klein von Gestalt,
+Gross von Gewalt,
+Der Scheiternden Retter,
+Uralt verehrte Goetter.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Wir bringen die Kabiren,
+Ein friedlich Fest zu fuehren;
+Denn wo sie heilig walten,
+Neptun wird freundlich schalten.
+
+SIRENEN:
+Wir stehen euch nach;
+Wenn ein Schiff zerbrach,
+Unwiderstehbar an Kraft
+Schuetzt ihr die Mannschaft.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Drei haben wir mitgenommen,
+Der vierte wollte nicht kommen;
+Er sagte, er sei der Rechte,
+Der fuer sie alle daechte.
+
+SIRENEN:
+Ein Gott den andern Gott
+Macht wohl zu Spott.
+Ehrt ihr alle Gnaden,
+Fuerchtet jeden Schaden.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Sind eigentlich ihrer sieben.
+
+SIRENEN:
+Wo sind die drei geblieben?
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Wir wuessten's nicht zu sagen,
+Sind im Olymp zu erfragen;
+Dort west auch wohl der achte,
+An den noch niemand dachte!
+In Gnaden uns gewaertig,
+Doch alle noch nicht fertig.
+Diese Unvergleichlichen
+Wollen immer weiter,
+Sehnsuchtsvolle Hungerleider
+Nach dem Unerreichlichen.
+
+SIRENEN:
+Wir sind gewohnt,
+Wo es auch thront,
+In Sonn' und Mond
+Hinzubeten; es lohnt.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Wie unser Ruhm zum hoechsten prangt,
+Dieses Fest anzufuehren!
+
+SIRENEN:
+Die Helden des Altertums
+Ermangeln des Ruhms,
+Wo und wie er auch prangt,
+Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+Ihr die Kabiren.
+Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+Wir die Kabiren. +
+Ihr
+
+HOMUNCULUS:
+Die Ungestalten seh' ich an
+Als irden-schlechte Toepfe,
+Nun stossen sich die Weisen dran
+Und brechen harte Koepfe.
+
+THALES:
+Das ist es ja, was man begehrt:
+Der rost macht erst die Muenze wert.
+
+PROTEUS:
+So etwas freut mich alten Fabler!
+Je wunderlicher, desto respektabler.
+
+THALES:
+Wo bist du, Proteus? +
+
+PROTEUS:
+Hier! und hier!
+
+THALES:
+Den alten Scherz verzeih' ich dir;
+Doch einem Freund nicht eitle Worte!
+Ich weiss, du sprichst vom falschen Orte.
+
+PROTEUS:
+Leb' wohl! +
+
+THALES:
+Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!
+Er ist neugierig wie ein Fisch;
+Und wo er auch gestaltet stockt,
+Durch Flammen wird er hergelockt.
+
+HOMUNCULUS:
+Ergiess'ich gleich des Lichtes Menge,
+Bescheiden doch, dass ich das Glas nicht sprenge.
+
+PROTEUS:
+Was leuchtet so anmutig schoen?
+
+THALES:
+Gut! Wenn du Lust hast, kannst du's naeher sehn.
+Die kleine Muehe lass dich nicht verdriessen
+Und zeige dich auf menschlich beiden Fuessen.
+Mit unsern Gunsten sei's, mit unserm Willen,
+Wer schauen will, was wir verhuellen.
+
+PROTEUS:
+Weltweise Kniffe sind dir noch bewusst.
+
+THALES:
+Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.
+
+PROTEUS:
+Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!
+
+THALES:
+Es fragt um Rat und moechte gern entstehn.
+Er ist, wie ich von ihm vernommen,
+Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
+Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
+Doch gar zu sehr am greiflich Tuechtighaften.
+Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
+Doch waer' er gern zunaechst verkoerperlicht.
+
+PROTEUS:
+Du bist ein wahrer Jungfernsohn,
+Eh' du sein solltest, bist du schon!
+
+THALES:
+Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:
+Er ist, mich duenkt, hermaphroditisch.
+
+PROTEUS:
+Da muss es desto eher gluecken;
+So wie er anlangt, wird sich's schicken.
+Doch gilt es hier nicht viel Besinnen:
+Im weiten Meere musst du anbeginnen!
+Da faengt man erst im kleinen an
+Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
+Man waechst so nach und nach heran
+Und bildet sich zu hoeherem Vollbringen.
+
+HOMUNCULUS:
+Hier weht gar eine weiche Luft,
+Es grunelt so, und mir behagt der Duft!
+
+PROTEUS:
+Das glaub' ich, allerliebster Junge!
+Und weiter hin wird's viel behaeglicher,
+Auf dieser schmalen Strandeszunge
+Der Dunstkreis noch unsaeglicher;
+Da vorne sehen wir den Zug,
+Der eben herschwebt, nah genug.
+Kommt mit dahin! +
+
+THALES:
+Ich gehe mit.
+
+HOMUNCULUS:
+Dreifach merkwuerd'ger Geisterschritt!
+
+CHOR:
+Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet,
+Womit er die regesten Wellen beguetet.
+Entfaltet der Donnrer die Wolken, die vollen,
+Entgegnet Neptunus dem greulichen Rollen;
+Und wie auch von oben es zackig erblitzt,
+Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;
+Und was auch dazwischen in aengsten gerungen,
+Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;
+Weshalb er uns heute den Zepter gereicht--
+Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht.
+
+SIRENEN:
+Euch, dem Helios Geweihten,
+Heitern Tags Gebenedeiten,
+Gruss zur Stunde, die bewegt
+Lunas Hochverehrung regt!
+
+TELCHINEN:
+Allieblichste Goettin am Bogen da droben!
+Du hoerst mit Entzuecken den Bruder beloben.
+Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,
+Dort steigt ihm ein ewiger Paean hervor.
+Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,
+Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.
+Die Berge, die Staedte, die Ufer, die Welle
+Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.
+Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,
+Ein Strahl und ein Lueftchen, die Insel ist rein!
+Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,
+Als Juengling, als Riesen, den grossen, den milden.
+Wir ersten, wir waren's, die Goettergewalt
+Aufstellten in wuerdiger Menschengestalt.
+
+PROTEUS:
+Lass du sie singen, lass sie prahlen!
+Der Sonne heiligen Lebestrahlen
+Sind tote Werke nur ein Spass.
+Das bildet, schmelzend, unverdrossen;
+Und haben sie's in Erz gegossen,
+Dann denken sie, es waere was.
+Was ist's zuletzt mit diesen Stolzen?
+Die Goetterbilder standen gross--
+Zerstoerte sie ein Erdestoss;
+Laengst sind sie wieder eingeschmolzen.
+Das Erdetreiben, wie's auch sei,
+Ist immer doch nur Plackerei;
+Dem Leben frommt die Welle besser;
+Dich traegt ins ewige Gewaesser
+
+PROTEUS-DELPHIN:
+Schon ist's getan!
+Da soll es dir zum schoensten gluecken:
+Ich nehme dich auf meinen Ruecken,
+Vermaehle dich dem Ozean.
+
+THALES:
+Gib nach dem loeblichen Verlangen,
+Von vorn die Schoepfung anzufangen!
+Zu raschem Wirken sei bereit!
+Da regst du dich nach ewigen Normen,
+Durch tausend, abertausend Formen,
+Und bis zum Menschen hast du Zeit.
+
+PROTEUS:
+Komm geistig mit in feuchte Weite,
+Da lebst du gleich in Laeng' und Breite,
+Beliebig regest du dich hier;
+Nur strebe nicht nach hoeheren Orden:
+Denn bist du erst ein Mensch geworden,
+Dann ist es voellig aus mit dir.
+
+THALES:
+Nachdem es kommt; 's ist auch wohl fein,
+Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.
+
+PROTEUS:
+So einer wohl von deinem Schlag!
+Das haelt noch eine Weile nach;
+Denn unter bleichen Geisterscharen
+Seh' ich dich schon seit vielen hundret Jahern.
+
+SIRENEN:
+Welch ein Ring von Woelkchen ruendet
+Um den Mond so reichen Kreis?
+Tauben sind es, liebentzuendet,
+Fittiche, wie Licht so weiss.
+Paphos hat sie hergesendet,
+Ihre bruenstige Vogelschar;
+Unser Fest, es ist vollendet,
+Heitre Wonne voll und klar!
+
+NEREUS:
+Nennte wohl ein naechtiger Wanderer
+Diesen Mondhof Lufterscheinung;
+Doch wir Geister sind ganz anderer
+Und der einzig richtigen Meinung:
+Tauben sind es, die begleiten
+Meiner Tochter Muschelfahrt,
+Wunderflugs besondrer Art,
+Angelernt vor alten Zeiten.
+
+THALES:
+Auch ich halte das fuers Beste,
+Was dem wackern Mann gefaellt,
+Wenn im stillen, warmen Neste
+Sich ein Heiliges lebend haelt.
+
+PSYLLEN UND MARSEN:
+In Cyperns rauhen Hoehlegrueften,
+Vom Meergott nicht verschuettet,
+Vom Seismos nicht zerruettet,
+Umweht von ewigen Lueften,
+Und, wie in den aeltesten Tagen,
+In stillbewusstem Behagen
+Bewahren wir Cypriens Wagen
+Und fuehren, beim Saeuseln der Naechte,
+Durch liebliches Wellengeflechte,
+Unsichtbar dem neuen Geschlechte,
+Die lieblichste Tochter heran.
+Wir leise Geschaeftigen scheuen
+Weder Adler noch gefluegelten Leuen,
+Weder Kreuz noch Mond,
+Wie es oben wohnt und thront,
+Sich wechselnd wegt und regt,
+Sich vertreibt und totschlaegt,
+Saaten und Staedte niederlegt.
+Wir, so fortan,
+Bringen die lieblichste Herrin heran.
+
+SIRENEN:
+Leicht bewegt, in maessiger Eile,
+Um den Wagen, Kreis um Kreis,
+Bald verschlungen Zeil' an Zeile,
+Schlangenartig reihenweis,
+Naht euch, ruestige Nereiden,
+Derbe Fraun, gefaellig wild,
+Bringet, zaertliche Doriden,
+Galateen, der Mutter Bild:
+Ernst, den Goettern gleich zu schauen,
+Wuerdiger Unsterblichkeit,
+Doch wie holde Menschenfrauen
+Lockender Anmutigkeit.
+
+DORIDEN:
+Leih uns, Luna, Licht und Schatten,
+Klarheit diesem Jugendflor!
+Denn wir zeigen liebe Gatten
+Unserm Vater bittend vor.
+Knaben sind's, die wir gerettet
+Aus der Brandung grimmem Zahn,
+Sie, auf Schilf und Moos gebettet,
+Aufgewaermt zum Licht heran,
+Die es nun mit heissen Kuessen
+Treulich uns verdanken muessen;
+Schau die Holden guenstig an!
+
+NEREUS:
+Hoch ist der Doppelgewinn zu schaetzen:
+Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.
+
+DORIDEN:
+Lobst du, Vater, unser Walten,
+Goennst uns wohlerworbene Lust,
+Lass uns fest, unsterblich halten
+Sie an ewiger Jungendbrust.
+
+NEREUS:
+Moegt euch des schoenen Fanges freuen,
+Den Juengling bildet euch als Mann;
+Allein ich koennte nicht verleihen,
+Was Zeus allein gewaehren kann.
+Die Welle, die euch wogt und schaukelt,
+Laesst auch der Liebe nicht Bestand,
+Und hat die Neigung ausgegaukelt,
+So setzt gemaechlich sie ans Land.
+
+DORIDEN:
+Ihr, holde Knaben, seid uns wert,
+Doch muessen wir traurig scheiden;
+Wir haben ewige Treue begehrt,
+Die Goetter wollen's nicht leiden.
+
+DIE JUeNGLINGE:
+Wenn ihr uns nur so ferner labt,
+Uns wackre Schifferknaben;
+Wir haben's nie so gut gehabt
+Und wollen's nicht besser haben.
+
+NEREUS:
+Du bist es, mein Liebchen! +
+
+GALATEE:
+O Vater! das Glueck!
+Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.
+
+NEREUS:
+Vorueber schon, sie ziehen vorueber
+In kreisenden Schwunges Bewegung;
+Was kuemmert sie die innre herzliche Regung!
+Ach, naehmen sie mich mit hinueber!
+Doch ein einziger Blick ergetzt,
+Dass er das ganze Jahr ersetzt,
+
+THALES:
+Heil! Heil! aufs neue!
+Wie ich mich bluehend freue,
+Vom Schoenen, Wahren durchdrungen...
+Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
+Alles wird durch das Wasser erhalten!
+Ozean, goenn uns dein ewiges Walten.
+Wenn du nicht Wolken sendetest,
+Nicht reiche Baeche spendetest,
+Hin und her nicht Fluesse wendetest,
+Die Stroeme nicht vollendetest,
+Was waeren Gebirge, was Ebnen und Welt?
+Du bist's der das frischeste Leben erhaelt.
+
+ECHO:
+Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.
+
+NEREUS:
+Sie kehren schwankend fern zurueck,
+Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
+In gedehnten Kettenkreisen,
+Sich festgemaess zu erweisen,
+Windet sich die unzaehlige Schar.
+Aber Galateas Muschelthron
+Seh' ich schon und aber schon.
+Er glaenzt wie ein stern
+Durch die Menge.
+Geliebtes leuchtet durchs Gedraenge!
+Auch noch so fern
+Schimmert's hell und klar,
+Immer nah und wahr.
+
+HOMUNCULUS:
+In dieser holden Feuchte
+Was ich auch hier beleuchte,
+Ist alles reizend schoen.
+
+PROTEUS:
+In dieser Lebensfeuchte
+Erglaenzt erst deine Leuchte
+Mit herrlichem Getoen.
+
+NEREUS:
+Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
+Will unseren Augen sich offengebaren?
+Was flammt um die Muschel, um Galatees Fuesse?
+Bald lodert es maechtig, bald lieblich, bald suesse,
+Als waer' es von Pulsen der Liebe geruehrt.
+
+THALES:
+Homunculus ist es, von Proteus verfuehrt...
+Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
+Mir ahnet das aechzen beaengsteten Droehnens;
+Er wird sich zerschellen am glaenzenden Thron;
+Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergiesset sich schon.
+
+SIRENEN:
+Welch feuriges Wunder verklaert uns die Wellen,
+Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
+So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
+Die Koerper, sie gluehen auf naechtlicher Bahn,
+Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
+So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
+Heil dem Meere! Heil den Wogen,
+Von dem heilgen Feuer umzogen!
+Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
+Heil dem seltnen Abenteuer!
+
+ALL-ALLE:
+Heil den mildgewogenen Lueften!
+Heil geheimnisreichen Grueften!
+Hochgefeiert seid allhier,
+Element' ihr alle vier!
+
+
+
+
+3. Akt--Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
+
+HELENA:
+Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
+Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind,
+Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
+Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her
+Auf straeubig-hohem Ruecken, durch Poseidons Gunst
+Und Euros' Kraft, in vaterlaendische Buchten trug.
+Dort unten freuet nun der Koenig Menelas
+Der Rueckkehr samt den tapfersten seiner Krieger sich.
+Du aber heisse mich willkommen, hohes Haus,
+Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange sich
+Von Pallas' Huegel wiederkehrend aufgebaut
+Und, als ich hier mit Klytaemnestren schwesterlich,
+Mit Kastor auch und Pollux froehlich spielend wuchs,
+Vor allen Haeusern Spartas herrlich ausgeschmueckt.
+Gegruesset seid mir, der ehrnen Pforte Fluegel ihr!
+Durch euer gastlich ladendes Weit-Eroeffnen einst
+Geschah's, dass mir, erwaehlt aus vielen, Menelas
+In Braeutigamsgestalt entgegenleuchtete.
+Eroeffnet mir sie wieder, dass ich ein Eilgebot
+Des Koenigs treu erfuelle, wie der Gattin ziemt.
+Lasst mich hinein! und alles bleibe hinter mir,
+Was mich umstruermte bis hieher, verhaengnisvoll.
+Denn seit ich diese Schwelle sorgenlos verliess,
+Cytherens Tempel besuchend, heiliger Pflicht gemaess,
+Mich aber dort ein Raeuber griff, der phrygische,
+Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breit
+So gern erzaehlen, aber der nicht gerne hoert,
+Von dem die Sage wachsend sich zum Maerchen spann.
+
+CHOR:
+Verschmaehe nicht, o herrliche Frau,
+Des hoechsten Gutes Ehrenbesitz!
+Denn das groesste Glueck ist dir einzig beschert,
+Der Schoenheit Ruhm, der vor allen sich hebt.
+Dem Helden toent sein Name voran,
+Drum schreitet er stolz;
+Doch beugt sogleich hartnaeckigster Mann
+Vor der allbezwingenden Schoene den Sinn.
+
+HELENA:
+Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft
+Und nun von ihm zu seiner Stadt voraugesandt;
+Doch welchen Sinn er hegen mag, errat' ich nicht.
+Komm' ich als Gattin? komm' ich eine Koenigin?
+Komm' ich ein Opfer fuer des Fuersten bittern Schmerz
+Und fuer der Griechen lang' erduldetes Missgeschick?
+Erobert bin ich; ob gefangen, weiss ich nicht!
+Denn Ruf und Schicksal bestimmten fuewahr die Unsterblichen
+Zweideutig mir, der Schoengestalt bedenkliche
+Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar
+Mit duester drohender Gegenwart zur Seite stehn.
+Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl
+Nur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.
+Als wenn er Unheil saenne, sass er gegen mir.
+Nun aber, als des Eurotas tiefem Buchtgestad
+Hinangefahren der vordern Schiffe Schnaebel kaum
+Das Land begruessten, sprach er, wie vom Gott bewegt:
+"Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus,
+Ich mustere sie, am Strand des Meeres hingereiht;
+Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen
+Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf,
+Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,
+Bis dass zur schoenen Ebene du gelangen magst,
+Wo Lakedaemon, einst ein fruchtbar weites Feld,
+Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.
+Betrete dann das hochgetuermte Fuerstenhaus
+Und mustere mir die Maegde, die ich dort zurueck
+Gelassen, samt der klugen alten Schaffnerin.
+Die zeige dir der Schaetze reiche Sammlung vor,
+Wie sie dein Vater hinterliess und die ich selbst
+In Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehaeuft.
+Du findest alles nach der Ordnung stehen; denn
+Das ist des Fuersten Vorrecht, dass er alles treu
+In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch
+An seinem Platze jedes, wie er's dort verliess.
+Denn nichts zu aendern hat fuer sich der Knecht Gewalt."
+
+CHOR:
+Erquicke nun am herrlichen Schatz,
+Dem stets vermehrten, Augen und Brust!
+Denn der Kette Zier, der Krone Geschmuck,
+Da ruhn sie stolz, und sie duenken sich was;
+Doch tritt nur ein und fordre sie auf,
+Sie ruesten sich schnell.
+Mich freuet, zu sehn Schoenheit in dem Kampf
+Gegen Gold und Perlen und Edelgestein.
+
+HELENA:
+Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:
+"Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,
+Dann nimm so manchen Dreifuss, als du noetig glaubst,
+Und mancherlei Gefaesse, die der Opfer sich
+Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch.
+Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund;
+Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei
+In hohen Kruegen; ferner auch das trockne Holz,
+Der Flammen schnell empfaenglich, halte da bereit;
+Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;
+Doch alles andre geb' ich deiner Sorge hin."
+So sprach er, mich zum Scheiden draengend; aber nichts
+Lebendigen Atems zeichnet mir der Ordnende,
+Das er, die Olympier zu verehren, schlachten will.
+Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,
+Und alles bleibe hohen Goettern heimgestellt,
+Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,
+Es moege gut von Menschen oder moege boes
+Geachtet sein; die Sterblichen, wir ertragen das.
+Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
+Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf
+Und konnt' es nicht vollbringen, denn ihn hinderte
+Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.
+
+CHOR:
+Was geschehen werde, sinnst du nicht aus;
+Koenigin, schreite dahin
+Guten Muts!
+Gutes und Boeses kommt
+Unerwartet dem Menschen;
+Auch verkuendet, glauben wir's nicht.
+Brannte doch Troja, sahen wir doch
+Tod vor Augen, schmaehlichen Tod;
+Und sind wir nicht hier
+Dir gesellt, dienstbar freudig,
+Schauen des Himmels blendende Sonne
+Und das Schoenste der Erde
+Huldvoll, dich, uns Gluecklichen?
+
+HELENA:
+Sei's wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt,
+Hinaufzusteigen ungesaeumt in das Koenigshaus,
+Das, lang' entbehrt und viel ersehnt und fast verscherzt,
+Mir abermals vor Augen steht, ich weiss nicht wie.
+Die Fuesse tragen mich so mutig nicht empor
+Die hohen Stufen, die ich kindisch uebersprang.
+
+CHOR:
+Werfet, o Schwestern, ihr
+Traurig gefangenen,
+Alle Schmerzen ins Weite;
+Teilet der Herrin Glueck,
+Teilet Helenens Glueck,
+Welche zu Vaterhauses Herd,
+Zwar mit spaet zurueckkehrendem,
+Aber mit desto festerem
+Fusse freudig herannaht.
+Preiset die heiligen,
+Gluecklich herstellenden
+Und heimfuehrenden Goetter!
+Schwebt der Entbundene
+Doch wie auf Fittichen
+ueber das Rauhste, wenn umsonst
+Der Gefangene sehnsuchtsvoll
+ueber die Zinne des Kerkers hin
+Armausbreitend sich abhaermt.
+Aber sie ergriff ein Gott,
+Die Entfernte;
+Und aus Ilios' Schutt
+Trug er hierher sie zurueck
+In das alte, das neugeschmueckte
+Vaterhaus,
+Nach unsaeglichen
+Freuden und Qualen,
+Frueher Jugendzeit
+Angefrischt zu gedenken.
+
+PANTHALIS:
+Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad
+Und wendet nach der Tuere Fluegeln euren Blick!
+Was seh' ich, Schwestern? Kehret nicht die Koenigin
+Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?
+Was ist es, grosse Koenigin, was konnte dir
+In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruss,
+Erschuetterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;
+Denn Widerwillen seh' ich an der Stirne dir,
+Ein edles Zuernen, das mit ueberraschung kaempft.
+
+HELENA:
+Der Tochter Zeus' geziemet nicht gemeine Furcht,
+Und fluechtig-leise Schreckenshand beruehrt sie nicht;
+Doch das Entsetzen, das, dem Schoss der alten Nacht
+Von Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch
+Wie gluehende Wolken aus des Berges Feuerschlund
+Herauf sich waelzt, erschuettert auch des Helden Brust.
+So haben heute grauenvoll die Stygischen
+Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, dass ich gern
+Von oft betretner, langersehnter Schwelle mich,
+Entlassnem Gaste gleich, entfernend scheiden mag.
+Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und sollt
+Ihr weiter nicht mich treiben, Maechte, wer ihr seid.
+Auf Weihe will ich sinnen, dann gereinigt mag
+Des Herdes Glut die Frau begruessen wie den Herrn.
+
+CHORFUeHRERIN:
+Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,
+Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist.
+
+HELENA:
+Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,
+Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich
+Zurueckgeschlungen in ihrer Tiefe Wunderschoss.
+Doch dass ihr's wisset, sag' ich's euch mit Worten an:
+Als ich des Koenigshauses ernsten Binnenraum,
+Der naechsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
+Erstaunt' ich ob der oeden Gaenge Schweigsamkeit,
+Nicht Schall der emsig Wandelnden begegnete
+Dem Ohr, nicht raschgeschaeftiges Eiligtun dem Blick,
+Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin,
+Die jeden Fremden freundlich sonst begruessenden.
+Als aber ich dem Schosse des Herdes mich genaht,
+Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,
+Am Boden sitzen welch verhuelltes grosses Weib,
+Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden.
+Mit Herrscherworten ruf' ich sie zur Arbeit auf,
+Die Schaffnerin mir vermutend, die indes vielleicht
+Des Gatten Vorsicht hinterlassend angestellt;
+Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche;
+Nur endlich ruehrt sie auf mein Draeun den rechten Arm,
+Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.
+Ich wende zuernend mich ab von ihr und eile gleich
+Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos
+Geschmueckt sich hebt und nah daran das Schatzgemach;
+Allein das Wunder reisst sich schnell vom Boden auf,
+Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich
+In hagrer Groesse, hohlen, blutig-trueben Blicks,
+Seltsamer Bildung, wie sie Aug' und Geist verwirrt.
+Doch red' ich in die Luefte; denn das Wort bemueht
+Sich nur umsonst, Gestalten schoepferisch aufzubaun.
+Da seht sie selbst! sie wagt sogar sich ans Licht hervor!
+Hier sind wir Meister, bis der Herr und Koenig kommt.
+Die grausen Nachtgeburten draengt der Schoenheitsfreund
+Phoebus hinweg in Hoehlen, oder baendigt sie.
+
+CHOR:
+Vieles erlebt' ich, obgleich die Locke
+Jugendlich wallet mir um die Schlaefe!
+Schreckliches hab' ich vieles gesehen,
+Kriegrischen Jammer, Ilios' Nacht,
+Als es fiel.
+Durch das umwoelkte, staubende Tosen
+Draengender Krieger hoert' ich die Goetter
+Fuerchterlich rufen, hoert' ich der Zwietracht
+Eherne Stimme schallen durchs Feld,
+Mauerwaerts.
+Ach! sie standen noch, Ilios'
+Mauern, aber die Flammenglut
+Zog vom Nachbar zum Nachbar schon,
+Sich verbreitend von hier und dort
+Mit des eignen Sturmes Wehn
+ueber die naechtliche Stadt hin.
+Fluechtend sah ich durch Rauch und Glut
+Und der zuengelnden Flamme Loh'n
+Graesslich zuernender Goetter Nahn,
+Schreitend Wundergestalten
+Riesengross, durch duesteren
+Feuerumleuchteten Qualm hin.
+Sah ich's, oder bildete
+Mir der angstumschlungene Geist
+Solches Verworrene? sagen kann
+Nimmer ich's, doch dass ich dies
+Graessliche hier mit Augen schau',
+Solches gewiss ja weiss ich;
+Koennt' es mit Haenden fassen gar,
+Hielte von dem Gefaehrlichen
+Nicht zuruecke die Furcht mich.
+Welche von Phorkys'
+Toechtern nur bist du?
+Denn ich vergleiche dich
+Diesem Geschlechte.
+Bist du vielleicht der graugebornen,
+Eines Auges und eines Zahns
+Wechselsweis teilhaftigen
+Graien eine gekommen?
+Wagest du Scheusal
+Neben der Schoenheit
+Dich vor dem Kennerblick
+Phoebus' zu zeigen?
+Tritt du dennoch hervor nur immer;
+Denn das Haessliche schaut er nicht,
+Wie sein heilig Auge noch
+Nie erblickte den Schatten.
+Doch uns Sterbliche noetigt, ach,
+Leider trauriges Missgeschick
+Zu dem unsaeglichen Augenschmerz,
+Den das Verwerfliche, Ewig-Unselige
+Schoenheitliebenden rege macht.
+Ja, so hoere denn, wenn du frech
+Uns entgegenest, hoere Fluch,
+Hoere jeglicher Schelte Drohn
+Aus dem verwuenschenden Munde der Gluecklichen,
+Die von Goettern gebildet sind.
+
+PHORKYAS:
+Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn,
+Dass Scham und Schoenheit nie zusammen, Hand in Hand,
+Den Weg verfolgen ueber der Erde gruenen Pfad.
+Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Hass,
+Dass, wo sie immer irgend auch des Weges sich
+Begegnen, jede der Gernerin den Ruecken kehrt.
+Dann eilet jede wieder heftiger, weiter fort,
+Die Scham betruebt, die Schoenheit aber frech gesinnt,
+Bis sie zuletzt des Orkus hohle Nacht umfaengt,
+Wenn nicht das Alter sie vorher gebaendigt hat.
+Euch find' ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her
+Mit uebermut ergossen, gleich der Kraniche
+Laut-heiser klingendem Zug, der ueber unser Haupt,
+In langer Wolke, kraechzend sein Getoen herab
+Schickt, das den stillen Wandrer ueber sich hinauf
+Zu blicken lockt; doch ziehn sie ihren Weg dahin,
+Er geht den seinen; also wird's mit uns geschehn.
+Wer seid denn ihr, dass ihr des Koeniges Hochpalast
+Maenadisch wild, Betrunknen gleich, umtoben duerft?
+Wer seid ihr denn, dass ihr des Hauses Schaffnerin
+Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar?
+Waehnt ihr, verborgen sei mir, welch Geschlecht ihr seid,
+Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut?
+Mannlustige du, so wie verfuehrt verfuehrende,
+Entnervend beide, Kriegers auch und Buergers Kraft!
+Zu Hauf euch sehend, scheint mir ein Zikadenschwarm
+Herabzustuerzen, deckend gruene Feldersaat.
+Verzehrerinnen fremden Fleisses! Naschende
+Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands ihr!
+Erobert', marktverkauft', vertauschte Ware du!
+
+HELENA:
+Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen schilt,
+Der Gebietrin Hausrecht tastet er vermessen an;
+Denn ihr gebuehrt allein, das Lobenswuerdige
+Zu ruehmen, wie zu strafen, was verwerflich ist.
+Auch bin des Dienstes ich wohl zufrieden, den sie mir
+Geleistet, als die hohe Kraft von Ilios
+Umlagert stand und fiel und lag; nicht weniger,
+Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechselnot
+Ertrugen, wo sonst jeder sich der Naechste bleibt.
+Auch hier erwart' ich Gleiches von der muntern Schar;
+Nicht, was der Knecht sei, fragt der Herr, nur, wie er dient.
+Drum schweige du und grinse sie nicht laenger an.
+Hast du das Haus des Koenigs wohl verwahrt bisher
+Anstatt der Hausfrau, solches dient zum Ruhme dir;
+Doch jetzo kommt sie selber, tritt nun du zurueck,
+Damit nicht Strafe werde statt verdienten Lohns.
+
+PHORKYAS:
+Den Hausgenossen drohen bleibt ein grosses Recht,
+Das gottbeglueckten Herrschers hohe Gattin sich
+Durch langer Jahre weise Leitung wohl verdient.
+Da du, nun Anerkannte, neu den alten Platz
+Der Koenigin und Hausfrau wiederum betrittst,
+So fasse laengst erschlaffte Zuegel, herrsche nun,
+Nimm in Besitz den Schatz und saemtlich uns dazu.
+Vor allem aber schuetze mich, die aeltere,
+Vor dieser Schar, die neben deiner Schoenheit Schwan
+Nur schlecht befitticht', schnatterhafte Gaense sind.
+
+CHORFUeHRERIN:
+Wie haesslich neben Schoenheit zeigt sich Haesslichkeit.
+
+PHORKYAS:
+Wie unverstaendig neben Klugheit Unverstand.
+
+CHORETIDE 1:
+Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht.
+
+PHORKYAS:
+So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind.
+
+CHORETIDE 2:
+An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor.
+
+PHORKYAS:
+Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf.
+
+CHORETIDE 3:
+Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung.
+
+PHORKYAS:
+Tiresias, den Alten, gehe buhlend an.
+
+CHORETIDE 4:
+Orions Amme war dir Ur-Urenkelin.
+
+PHORKYAS:
+Harpyen, waehn' ich, fuetterten dich im Unflat auf.
+
+CHORETIDE 5:
+Mit was ernaehrst du so gepflegte Magerkeit?
+
+PHORKYAS:
+Mit Blute nicht, wonach du allzuluestern bist.
+
+CHORETIDE 6:
+Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!
+
+PHORKYAS:
+Vampyren-Zaehne glaenzen dir im frechen Maul.
+
+CHORFUeHRERIN:
+Das deine stopf' ich, wenn ich sage, wer du seist.
+
+PHORKYAS:
+So nenne dich zuerst; das Raetsel hebt sich auf.
+
+HELENA:
+Nicht zuernend, aber traurend schreit' ich zwischen euch,
+Verbietend solchen Wechselstreites Ungestuem!
+Denn Schaedlicheres begegnet nichts dem Herrscherherrn
+Als treuer Diener heimlich unterschworner Zwist.
+Das Echo seiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr
+In schnell vollbrachter Tat wohlstimmig ihm zurueck,
+Nein, eigenwillig brausend tost es um ihn her,
+Den selbstverirrten, ins Vergebne scheltenden.
+Dies nicht allein. Ihr habt in sittelosem Zorn
+Unsel'ger Bilder Schreckgestalten hergebannt,
+Die mich umdraengen, dass ich selbst zum Orkus mich
+Gerissen fuehle, vaterlaend'scher Flur zum Trutz.
+Ist's wohl Gedaechtnis? war es Wahn, der mich ergreift?
+War ich das alles? Bin ich's? Werd' ich's kuenftig sein,
+Das Traum- und Schreckbild jener Staedteverwuestenden?
+Die Maedchen schaudern, aber du, die aelteste,
+Du stehst gelassen; rede mir verstaendig Wort.
+
+PHORKYAS:
+Wer langer Jahre mannigfaltigen Gluecks gedenkt,
+Ihm scheint zuletzt die hoechste Goettergunst ein Traum.
+Du aber, hochbeguenstigt sonder Mass und Ziel,
+In Lebensreihe sahst nur Liebesbruenstige,
+Entzuendet rasch zum kuehnsten Wagstueck jeder Art.
+Schon Theseus haschte frueh dich, gierig aufgeregt,
+Wie Herakles stark, ein herrlich schoen geformter Mann.
+
+HELENA:
+Entfuehrte mich, ein zehenjaehrig schlankes Reh,
+Und mich umschloss Aphidnus' Burg in Attika.
+
+PHORKYAS:
+Durch Kastor und durch Pollux aber bald befreit,
+Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.
+
+HELENA:
+Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh',
+Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.
+
+PHORKYAS:
+Doch Vaterwille traute dich an Menelas,
+Den kuehnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.
+
+HELENA:
+Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm.
+Aus ehlichem Beisein sprosste dann Hermione.
+
+PHORKYAS:
+Doch als er fern sich Kretas Erbe kuehn erstritt,
+Dir Einsamen da erschien ein allzuschoener Gast.
+
+HELENA:
+Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft,
+Und welch Verderben graesslich mir daraus erwuchs?
+
+PHORKYAS:
+Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin
+Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.
+
+HELENA:
+Als Schaffnerin bestellt' er dich sogleich hieher,
+Vertrauend vieles, Burg und kuehn erworbnen Schatz.
+
+PHORKYAS:
+Die du verliessest, Ilios' umtuermter Stadt
+Und unerschoepften Liebesfreuden zugewandt.
+
+HELENA:
+Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leids
+Unendlichkeit ergoss sich ueber Brust und Haupt.
+
+PHORKYAS:
+Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild,
+In Ilios gesehen und in aegypten auch.
+
+HELENA:
+Verwirre wuesten Sinnes Aberwitz nicht gar.
+Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiss es nicht.
+
+PHORKYAS:
+Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf
+Gesellte sich inbruenstig noch Achill zu dir!
+Dich frueher liebend gegen allen Geschicks Beschluss.
+
+HELENA:
+Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich.
+Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst.
+Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.
+
+CHOR:
+Schweige, schweige!
+Missblickende, Missredende du!
+Aus so graesslichen einzahnigen
+Lippen, was enthaucht wohl
+Solchem furchtbaren Greuelschlund!
+Denn der Boesartige, wohltaetig erscheinend,
+Wolfesgrimm unter schafwolligem Vlies,
+Mir ist er weit schrecklicher als des drei-+
+koepfigen/ Hundes Rachen.
+aengstlich lauschend stehn wir da:
+Wann? wie? wo nur bricht's hervor,
+Solcher Tuecke
+Tiefauflauerndes Ungetuem?
+Nun denn, statt freundlich mit Trost reich begabten,
+Letheschenkenden, holdmildesten Worts
+Regest du auf aller Vergangenheit
+Boesestes mehr denn Gutes
+Und verduesterst allzugleich
+Mit dem Glanz der Gegenwart
+Auch der Zukunft
+Mild aufschimmerndes Hoffnungslicht.
+Schweige, schweige!
+Dass der Koenigin Seele,
+Schon zu entfliehen bereit,
+Sich noch halte, festhalte
+Die Gestalt aller Gestalten,
+Welche die Sonne jemals beschien.
+
+PHORKYAS:
+Tritt hervor aus fluechtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags,
+Die verschleiert schon entzueckte, blendend nun im Glanze herrscht.
+Wie die Welt sich dir entfaltet, schaust du selbst mit holdem Blick.
+Schelten sie mich auch fuer haesslich, kenn' ich doch das Schoene wohl.
+
+HELENA:
+Tret' ich schwankend aus der oede, die im Schwindel mich umgab,
+Pflegt' ich gern der Ruhe wieder, denn so mued' ist mein Gebein:
+Doch es ziemet Koeniginnen, allen Menschen ziemt es wohl,
+Sich zu fassen, zu ermannen, was auch drohend ueberrascht.
+
+PHORKYAS:
+Stehst du nun in deiner Grossheit, deiner Schoene vor uns da,
+Sagt dein Blick, dass du befiehlest; was befiehlst du? sprich es aus.
+
+HELENA:
+Eures Haders frech Versaeumnis auszugleichen, seid bereit;
+Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der Koenig mir gebot.
+
+PHORKYAS:
+Alles ist bereit im Hause, Schale, Dreifuss, scharfes Beil,
+Zum Besprengen, zum Beraeuchern; das zu Opfernde zeig' an!
+
+HELENA:
+Nicht bezeichnet' es der Koenig. +
+
+PHORKYAS:
+Sprach's nicht aus? O Jammerwort!
+
+HELENA:
+Welch ein Jammer ueberfaellt dich? +
+
+PHORKYAS:
+Koenigin, du bist gemeint!
+
+HELENA:
+Ich? +
+
+PHORKYAS:
+Und diese. +
+
+CHOR:
+Weh und Jammer! +
+
+PHORKYAS:
+Fallen wirst du durch das Beil.
+
+HELENA:
+Graesslich doch geahnt; ich Arme! +
+
+PHORKYAS:
+Unvermeidlich scheint es mir.
+
+CHOR:
+Ach! Und uns? + was wird begegnen?
+
+PHORKYAS:
+Sie stirbt einen edlen Tod;
+Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel traegt,
+Wie im Vogelfang die Drosseln, zappelt ihr der Reihe nach.
+
+PHORKYAS:
+Gespenster!--Gleich erstarrten Bildern steht ihr da,
+Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehoert.
+Die Menschen, die Gespenster saemtlich gleich wie ihr,
+Entsagen auch nicht willig hehrem Sonnenschein;
+Doch bittet oder rettet niemand sie vom Schluss;
+Sie wissen's alle, wenigen doch gefaellt es nur.
+Genug, ihr seid verloren! Also frisch ans Werk.
+Herbei, du duestres, kugelrundes Ungetuem!
+Waelzt euch hieher, zu schaden gibt es hier nach Lust.
+Dem Tragaltar, dem goldgehoernten, gebet Platz,
+Das Beil, es liege blinkend ueber dem Silberrand,
+Die Wasserkruege fuellet, abzuwaschen gibt's
+Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung.
+Den Teppich breitet koestlich hier am Staube hin,
+Damit das Opfer niederkniee koeniglich
+Und eingewickelt, zwar getrennten Haupts sogleich,
+Anstaendig wuerdig aber doch bestattet sei.
+
+CHORFUeHRERIN:
+Die Koenigin stehet sinnend an der Seite hier,
+Die Maedchen welken gleich gemaehtem Wiesengras;
+Mir aber deucht, der aeltesten, heiliger Pflicht gemaess,
+Mit dir das Wort zu wechseln, Ur-Uraelteste.
+Du bist erfahren, weise, scheinst uns gut gesinnt,
+Obschon verkennend hirnlos diese Schar dich traf.
+Drum sage, was du moeglich noch von Rettung weisst.
+
+PHORKYAS:
+Ist leicht gesagt: von der Koenigin haengt allein es ab,
+Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr.
+Entschlossenheit ist noetig und die behendeste.
+
+CHOR:
+Ehrenwuerdigste der Parzen, weiseste Sibylle du,
+Halte gesperrt die goldene Schere, dann verkuend' uns Tag und Heil;
+Denn wir fuehlen schon im Schweben, Schwanken, Bammeln unergetzlich
+Unsere Gliederchen, die lieber erst im Tanze sich ergetzten,
+Ruhten drauf an Liebchens Brust.
+
+HELENA:
+Lass diese bangen! Schmerz empfind' ich, keine Furcht;
+Doch kennst du Rettung, dankbar sei sie anerkannt.
+Dem Klungen, Weitumsichtigen zeigt fuerwahr sich oft
+Unmoegliches noch als moeglich. Sprich und sag' es an.
+
+CHOR:
+Sprich und sage, sag uns eilig: wie entrinnen wir den grausen,
+Garstigen Schlingen, die bedrohlich, als die schlechtesten Geschmeide,
+Sich um unsre Haelse ziehen? Vorempfinden wir's, die Armen,
+Zum Entatmen, zum Ersticken, wenn du, Rhea, aller Goetter
+Hohe Mutter, dich nicht erbarmst.
+
+PHORKYAS:
+Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug
+Still anzuhoeren? Mancherlei Geschichten sind's.
+
+CHOR:
+Geduld genug! Zuhoerend leben wir indes.
+
+PHORKYAS:
+Dem, der zu Hause verharrend edlen Schatz bewahrt
+Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiss,
+Wie auch das Dach zu sichern vor des Regens Drang,
+Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch;
+Wer aber seiner Schwelle heilige Richte leicht
+Mit fluechtigen Sohlen ueberschreitet freventlich,
+Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz,
+Doch umgeaendert alles, wo nicht gar zerstoert.
+
+HELENA:
+Wozu dergleichen wohlbekannte Sprueche hier?
+Du willst erzaehlen; rege nicht an Verdriessliches.
+
+PHORKYAS:
+Geschichtlich ist es, ist ein Vorwurf keineswegs.
+Raubschiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht,
+Gestad' und Inseln, alles streift' er feindlich an,
+Mit Beute wiederkehrend, wie sie drinnen starrt.
+Vor Ilios verbracht' er langer Jahre zehn;
+Zur Heimfahrt aber weiss ich nicht wie viel es war.
+Allein wie steht es hier am Platz um Tyndareos'
+Erhabnes Haus? wie stehet es mit dem Reich umher?
+
+HELENA:
+Ist dir denn so das Schelten gaenzlich einverleibt,
+Dass ohne Tadeln du keine Lippe regen kannst?
+
+PHORKYAS:
+So viele Jahre stand verlassen das Talgebrig,
+Das hinter Sparta nordwaerts in die Hoehe steigt,
+Taygetos im Ruecken, wo als muntrer Bach
+Herab Eurotas rollt und dann, durch unser Tal
+An Rohren breit hinfliessend, eure sChwaene naehrt.
+Dort hinten still im Gebirgtal hat ein kuehn Geschlecht
+Sich angesiedelt, dringend aus cimmerischer Nacht,
+Und unersteiglich feste Burg sich aufgetuermt,
+Von da sie Land und Leute placken, wie's behagt.
+
+HELENA:
+Das konnten sie vollfuehren? Ganz unmoeglich scheint's.
+
+PHORKYAS:
+Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre sind's.
+
+HELENA:
+Ist einer Herr? sind's Raeuber viel, verbuendete?
+
+PHORKYAS:
+Nicht Raeuber sind es, einer aber ist der Herr.
+Ich schelt' ihn nicht, und wenn er schon mich heimgesucht.
+Wohl konnt' er alles nehmen, doch begnuegt' er sich
+Mit wenigen Freigeschenken, nannt' er's, nicht Tribut.
+
+HELENA:
+Wie sieht er aus? +
+
+PHORKYAS:
+Nicht uebel! mir gefaellt er schon.
+Es ist ein munterer, kecker, wohlgebildeter,
+Wie unter Griechen wenig', ein verstaend'ger Mann.
+Man schilt das Volk Barbaren, doch ich daechte nicht,
+Dass grausam einer waere, wie vor Ilios
+Gar mancher Held sich menschenfresserisch erwies.
+Ich acht' auf seine Grossheit, ihm vertraut' ich mich.
+Und seine Burg! die solltet ihr mit Augen sehn!
+Das ist was anderes gegen plumpes Mauerwerk,
+Das eure Vaeter, mir nichts dir nichts, aufgewaelzt,
+Zyklopisch wie Zyklopen, rohen Stein sogleich
+Auf rohe Steine stuerzend; dort hingegen, dort
+Ist alles senk- und waagerecht und regelhaft.
+Von aussen schaut sie! himmelan sie strebt empor,
+So starr, so wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl.
+Zu klettern hier--ja selbst der Gedanke gleitet ab.
+Und innen grosser Hoefe Raumgelasse, rings
+Mit Baulichkeit umgeben, aller Art und Zweck.
+Da seht ihr Saeulen, Saeulchen, Bogen, Boegelchen,
+Altane, Galerien, zu schauen aus und ein,
+Und Wappen. +
+
+CHOR:
+Was sind Wappen? +
+
+PHORKYAS:
+Ajax fuehrte ja
+Geschlungene Schlang' im Schilde, wie ihr selbst gesehn.
+Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerein
+Ein jeder auf seinem Schilde, reich bedeutungsvoll.
+Da sah man Mond und Stern' am naechtigen Himmelsraum,
+Auch Goettin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch,
+Und was Bedraengliches guten Staedten grimmig droht.
+Ein solch Gebilde fuehrt auch unsre Heldenschar
+Von seinen Ur-Urahnen her in Farbenglanz.
+Da seht ihr Loewen, Adler, Klau' und Schnabel auch,
+Dann Bueffelhoerner, Fluegel, Rosen, Pfauenschweif,
+Auch Streifen, gold und schwarz und silbern, blau und rot.
+Dergleichen haengt in Saelen Reih' an Reihe fort.
+In Saelen, grenzenlosen, wie die Welt so weit;
+Da koennt ihr tanzen! +
+
+CHOR:
+Sage, gibt's auch Taenzer da?
+
+PHORKYAS:
+Die besten! goldgelockte, frische Bubenschar.
+Die duften Jugend! Paris duftete einzig so,
+Als er der Koenigin zu nahe kam. +
+
+HELENA:
+Du faellst
+Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!
+
+PHORKYAS:
+Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja!
+Sogleich umgeb' ich dich mit jener Burg. +
+
+CHOR:
+O sprich
+Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!
+
+HELENA:
+Wie? sollt' ich fuerchten, dass der Koenig Menelas
+So grausam sich verginge, mich zu schaedigen?
+
+PHORKYAS:
+Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,
+Des totgekaempften = paris Bruder, unerhoert
+Verstuemmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt
+Und gluecklich kebste? Nas' und Ohren schnitt er ab
+Und stuemmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun.
+
+HELENA:
+Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.
+
+PHORKYAS:
+Um jenes willen wird er dir das gleiche tun.
+Unteilbar ist die Schoenheit; der sie ganz besass,
+Zerstoert sie lieber, fluchend jedem Teilbesitz.
+Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid'
+Zerreissend anfasst, also krallt sich Eifersucht
+Im Busen fest des Mannes, der das nie vergisst,
+Was einst er besass und nun verlor, nicht mehr besitzt.
+
+CHOR:
+Hoerst du nicht die Hoerner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?
+
+PHORKYAS:
+Sei willkommen, Herr und Koenig, gerne geb' ich Rechenschaft.
+
+CHOR:
+Aber wir? +
+
+PHORKYAS:
+Ihr wisst es deutlich, seht vor Augen ihren Tod,
+Merkt den eurigen da drinne: nein, zu helfen ist euch nicht.
+
+HELENA:
+Ich sann mir aus das Naechste, was ich wagen darf.
+Ein Widerdaemon bist du, das empfind' ich wohl
+Und fuerchte, Gutes wendest du zum Boesen um.
+Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg;
+Das andre weiss ich; was die Koenigin dabei
+Im tiefen Busen geheimnisvoll verbergen mag,
+Sei jedem unzugaenglich. Alte, geh voran!
+
+CHOR:
+O wie gern gehen wir hin,
+Eilenden Fusses;
+Hinter uns Tod,
+Vor uns abermals
+Ragender Feste
+Unzugaengliche Mauer.
+Schuetze sie ebenso gut,
+Eben wie Ilios' Burg,
+Die doch endlich nur
+Niedertraechtiger List erlag.
+Wie? aber wie?
+Schwestern, schaut euch um!
+Was es nicht heiterer Tag?
+Nebel schwanken streifig empor
+Aus Eurotas' heil'ger Flut;
+Schon entschwand das liebliche
+Schilfumkraenzte Gestade dem Blick;
+Auch die frei, zierlich-stolz
+Sanfthingleitenden Schwaene
+In gesell'ger Schwimmlust
+Seh' ich, ach, nicht mehr!
+Doch, aber doch
+Toenen hoer' ich sie,
+Toenen fern heiseren Ton!
+Tod verkuendenden, sagen sie.
+Ach dass uns er nur nicht auch,
+Statt verheissener Rettung Heil,
+Untergang verkuende zuletzt;
+Uns, den Schwangleichen, Lang-+
+Schoen-Weisshalsigen,/ und ach!
+Unsrer Schwanerzeugten.
+Weh uns, weh, weh!
+Alles deckte sich schon
+Rings mit Nebel umher.
+Sehen wir doch einander nicht!
+Was geschieht? gehen wir?
+Schweben wir nur
+Trippelnden Schrittes am Boden hin?
+Siehst du nichts? Schwebt nicht etwa gar
+Hermes voran? Blinkt nicht der goldne Stab
+Heischend, gebietend uns wieder zurueck
+Zu dem unerfreulichen, grautagenden,
+Ungreifbarer Gebilde vollen,
+ueberfuellten, ewig leeren Hades?
+Ja auf einmal wird es duester, ohne Glanz entschwebt der Nebel
+Dunkelgraeulich, mauerbraeunlich. Mauern stellen sich dem Blicke,
+Freiem Blicke starr entgegen. Ist's ein Hof? ist's tiefe Grube?
+Schauerlich in jedem Falle! Schwestern, ach! wir sind gefangen,
+So gefangen wie nur je.
+
+
+
+Innerer Burghof
+
+CHORFUeHRERIN:
+Vorschnell und toericht, echt wahrhaftes Weibsgebild!
+Vom Augenblick abhaengig, Spiel der Witterung,
+Des Gluecks und Ungluecks! Keins von beiden wisst ihr je
+Zu bestehn mit Gleichmut. Eine widerspricht ja stets
+Der andern heftig, ueberquer die andern ihr;
+In Freud' und Schmerz nur heult und lacht ihr gleichen Tons.
+Nun schweigt! und wartet horchend, was die Herrscherin
+Hochsinnig hier beschliessen mag fuer sich und uns.
+
+HELENA:
+Wo bist du, Pythonissa? heisse, wie du magst;
+Aus diesen Gewoelben tritt hervor der duestern Burg.
+Gingst etwa du, dem wunderbaren Heldenherrn
+Mich anzukuendigen, Wohlempfang bereitend mir,
+So habe Dank und fuehre schnell mich ein zu ihm;
+Beschluss der Irrfahrt wuensch' ich. Ruhe wuensch' ich nur.
+
+CHORFUeHRERIN:
+Vergebens blickst du, Koenigin, allseits um dich her;
+Verschwunden ist das leidige Bild, verblieb vielleicht
+Im Nebel dort, aus dessen Busen wir hieher,
+Ich weiss nicht wie, gekommen, schnell und sonder Schritt.
+Vielleicht auch irrt sie zweifelhaft im Labyrinth
+Der wundersam aus vielen einsgewordnen Burg,
+Den Herrn erfragend fuerstlicher Hochbegruessung halb.
+Doch sieh, dort oben regt in Menge sich allbereits,
+In Galerien, am Fenster, in Portalen rasch
+Sich hin und her bewegend, viele Dienerschaft;
+Vornehm-willkommnen Gastempfang verkuendet es.
+
+CHOR:
+Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin,
+Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt
+Jungholdeste Schar anstaendig bewegt
+Den geregelten Zug. Wie! auf wessen Befehl
+Nur erscheinen, gereiht und gebildet so frueh,
+Von Juenglingsknaben das herrliche Volk?
+Was bewundr' ich zumeist? Ist es zierlicher Gang,
+Etwa des Haupts Lockhaar um die blendende Stirn,
+Etwa der Waenglein Paar, wie die Pfirsiche rot
+Und eben auch so weichwollig beflaumt?
+Gern biss' ich hinein, doch ich schaudre davor;
+Denn in aehnlichem Fall, da erfuellte der Mund
+Sich, graesslich zu sagen! mit Asche.
+Aber die schoensten,
+Sie kommen daher;
+Was tragen sie nur?
+Stufen zum Thron,
+Teppich und Sitz,
+Umhang und zelt-+
+Artigen/ Schmuck;
+ueber ueberwallt er,
+Wolkenkraenze bildend,
+Unsrer Koenigin Haupt;
+Denn schon bestieg sie
+Eingeladen herrlichen Pfuehl.
+Tretet heran,
+Stufe fuer Stufe
+Reihet euch ernst.
+Wuerdig, o wuerdig, dreifach wuerdig
+Sei gesegnet ein solcher Empfang!
+
+CHORFUeHRERIN:
+Wenn diesem nicht die Goetter, wie sie oefter tun,
+Fuer wenige Zeit nur wundernswuerdige Gestalt,
+Erhabnen Anstand, liebenswerte Gegenwart
+Voruebergaenglich liehen, wird ihm jedesmal,
+Was er beginnt, gelingen, sei's in Maennerschlacht,
+So auch im kleinen Kriege mit den schoensten Fraun.
+Er ist fuerwahr gar vielen andern vorzuziehn,
+Die ich doch auch als hochgeschaetzt mit Augen sah.
+Mit langsam-ernstem, ehrfurchtsvoll gehaltnem Schritt
+Seh' ich den Fuersten; wende dich, o Koenigin!
+
+FAUST:
+Statt feierlichsten Grusses, wie sich ziemte,
+Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring' ich dir
+In Ketten hart geschlossen solchen Knecht,
+Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand.
+Hier kniee nieder, dieser hoechsten Frau
+Bekenntnis abzulegen deiner Schuld.
+Dies ist, erhabne Herrscherin, der Mann,
+Mit seltnem Augenblitz vom hohen Turm
+Umherzuschaun bestellt, dort Himmelsraum
+Und Erdenbreite scharf zu ueberspaehn,
+Was etwa da und dort sich melden mag,
+Vom Huegelkreis ins Tal zur festen Burg
+Sich regen mag, der Herden Woge sei's,
+Ein Heereszug vielleicht; wir schuetzen jene,
+Begegnen diesem. Heute, welch Versaeumnis!
+Du kommst heran, er meldet's nicht; verfehlt
+Ist ehrenvoller, schuldigster Empfang
+So hohen Gastes. Freventlich verwirkt
+Das Leben hat er, laege schon im Blut
+Verdienten Todes; doch nur du allein
+Bestrafst, begnadigst, wie dir's wohlgefaellt.
+
+HELENA:
+So hohe Wuerde, wie du sie vergoennst,
+Als Richterin, als Herrscherin, und waer's
+Versuchend nur, wie ich vermuten darf--
+So ueb' nun des Richters erste Pflicht,
+Beschuldigte zu hoeren. Rede denn.
+
+TURMWAeRTER LYNKEUS:
+Lass mich knieen, lass mich schauen,
+Lass mich sterben, lass mich leben,
+Denn schon bin ich hingegeben
+Dieser gottgegebnen Frauen.
+Harrend auf des Morgens Wonne,
+oestlich spaehend ihren Lauf,
+Ging auf einmal mir die Sonne
+Wunderbar im Sueden auf.
+Zog den Blick nach jener Seite,
+Statt der Schluchten, statt der Hoehn,
+Statt der Erd- und Himmelsweite
+Sie, die Einzige, zu spaehn.
+Augenstrahl ist mir verliehen
+Wie dem Luchs auf hoechstem Baum;
+Doch nun musst' ich mich bemuehen
+Wie aus tiefem, duesterm Traum.
+Wuesst' ich irgend mich zu finden?
+Zinne? Turm? geschlossnes Tor?
+Nebel schwanken, Nebel schwinden,
+Solche Goettin tritt hervor!
+Aug' und Brust ihr zugewendet,
+Sog ich an den milden Glanz;
+Diese Schoenheit, wie sie blendet,
+Blendete mich Armen ganz.
+Ich vergass des Waechters Pflichten,
+Voellig das beschworne Horn;
+Drohe nur, mich zu vernichten--
+Schoenheit baendigt allen Zorn.
+
+HELENA:
+Das uebel, das ich brachte, darf ich nicht
+Bestrafen. Wehe mir! Welch streng Geschick
+Verfolgt mich, ueberall der Maenner Busen
+So zu betoeren, dass sie weder sich
+Noch sonst ein Wuerdiges verschonten. Raubend jetzt,
+Verfuehrend, fechtend, hin und her entrueckend,
+Halbgoetter, Helden, Goetter, ja Daemonen,
+Sie fuehrten mich im Irren her und hin.
+Einfach die Welt verwirrt' ich, dopplet mehr;
+Nun dreifach, vierfach bring' ich Not auf Not.
+Entferne diesen Guten, lass ihn frei;
+Den Gottbetoerten treffe keine Schmach.
+
+FAUST:
+Erstaunt, o Koenigin, seh' ich zugleich
+Die sicher Treffende, hier den Getroffnen;
+Ich seh' den Bogen, der den Pfeil entsandt,
+Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen,
+Mich treffend. Allwaerts ahn' ich ueberquer
+Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.
+Was bin ich nun? Auf einmal machst du mir
+Rebellisch die Getreusten, meine Mauern
+Unsicher. Also fuercht' ich schon, mein Heer
+Gehorcht der siegend unbesiegten Frau.
+Was bleibt mir uebrig, als mich selbst und alles,
+Im Wahn des Meine, dir anheimzugeben?
+Zu deinen Fuessen lass mich, frei und treu,
+Dich Herrin anerkennen, die sogleich
+Auftretend sich Besitz und Thron erwarb.
+
+LYNKEUS:
+Du siehst mich, Koenigin, zurueck!
+Der Reiche bettelt einen Blick,
+Er sieht dich an und fuehlt sogleich
+Sich bettelarm und fuerstenreich.
+Was war ich erst? was bin ich nun?
+Was ist zu wollen? was zu tun?
+Was hilft der Augen schaerfster Blitz!
+Er prallt zurueck an deinem Sitz.
+Von Osten kamen wir heran,
+Und um den Westen war's getan;
+Ein lang und breites Volksgewicht,
+Der erste wusste vom letzten nicht.
+Der erste fiel, der zweite stand,
+Des dritten Lanze war zur Hand;
+Ein jeder hundertfach gestaerkt,
+Erschlagne Tausend unbemerkt.
+Wir draengten fort, wir stuermten fort,
+Wir waren Herrn von Ort zu Ort;
+Und wo ich herrisch heut befahl,
+Ein andrer morgen raubt' und stahl.
+Wir schauten--elig war die Schau;
+Der griff die allerschoenste Frau,
+Der griff den Stier von festem Tritt,
+Die Pferde mussten alle mit.
+Ich aber liebte, zu erspaehn
+Das Seltenste, was man gesehn;
+Und was ein andrer auch besass,
+Das war fuer mich gedoerrtes Gras.
+Den Schaetzen war ich auf der Spur,
+Den scharfen Blicken folgt' ich nur,
+In alle Taschen blickt' ich ein,
+Durchsichtig war mir jeder Schrein.
+Und Haufen Goldes waren mein,
+Am herrlichsten der Edelstein:
+Nun der Smaragd allein verdient,
+Dass er an deinem Herzen gruent.
+Nun schwanke zwischen Ohr und Mund
+Das Tropfenei aus Meeresgrund;
+Rubinen werden gar verscheucht,
+Das Wangenrot sie niederbleicht.
+Und so den allergroessten Schatz
+Versetz' ich hier auf deinen Platz;
+Zu deinen Fuessen sei gebracht
+Die Ernte mancher blut'gen Schlacht.
+So viele Kisten schlepp' ich her,
+Der Eisenkisten hab' ich mehr;
+Erlaube mich auf deiner Bahn,
+Und Schatzgewoelbe fuell' ich an.
+Denn du bestiegest kaum den Thron,
+So neigen schon, so beugen schon
+Verstand und Reichtum und Gewalt
+Sich vor der einzigen Gestalt.
+Das alles hielt ich fest und mein,
+Nun aber, lose, wird es dein.
+Ich glaubt' es wuerdig, hoch und bar,
+Nun seh' ich, dass es nichtig war.
+Verschwunden ist, was ich besass,
+Ein abgemaehtes, welkes Gras.
+O gib mit einem heitern Blick
+Ihm seinen ganzen Wert zurueck!
+
+FAUST:
+Entferne schnell die kuehn erworbne Last,
+Zwar nicht getadelt, aber unbelohnt.
+Schon ist Ihr alles eigen, was die Burg
+Im Schoss verbirgt; Besondres Ihr zu bieten,
+Ist unnuetz. Geh und haeufe Schatz auf Schatz
+Geordnet an. Der ungesehnen Pracht
+Erhabnes Bild stell' auf! Lass die Gewoelbe
+Wie frische Himmel blinken, Paradiese
+Von lebelosem Leben richte zu.
+Voreilend ihren Tritten lass bebluemt
+An Teppich Teppiche sich waelzen; ihrem Tritt
+Begegne sanfter Boden; ihrem Blick,
+Nur Goettliche nicht blendend, hoechster Glanz.
+
+LYNKEUS:
+Schwach ist, was der Herr befiehlt,
+Tut's der Diener, es ist gespielt:
+Herrscht doch ueber Gut und Blut
+Dieser Schoenheit uebermut.
+Schon das ganze Heer ist zahm,
+Alle Schwerter stumpf und lahm,
+Vor der herrlichen Gestalt
+Selbst die Sonne matt und kalt,
+Vor dem Reichtum des Gesichts
+Alles leer und alles nichts.
+
+HELENA:
+Ich wuensche dich zu sprechen, doch herauf
+An meine Seite komm! Der leere Platz
+Beruft den Herrn und sichert mir den meinen.
+
+FAUST:
+Erst knieend lass die treue Widmung dir
+Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich
+An deine Seite hebt, lass mich sie kuessen.
+Bestaerke mich als Mitregenten deines
+Grenzunbewussten Reichs, gewinne dir
+Verehrer, Diener, Waechter all' in einem!
+
+HELENA:
+Vielfache Wunder seh' ich, hoer' ich an,
+Erstaunen trifft mich, fragen moecht' ich viel.
+Doch wuenscht' ich Unterricht, warum die Rede
+Des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich.
+Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
+Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
+Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.
+
+FAUST:
+Gefaellt dir schon die Sprechart unsrer Voelker,
+O so gewiss entzueckt auch der Gesang,
+Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.
+Doch ist am sichersten, wir ueben's gleich;
+Die Wechselrede lockt es, ruft's hervor.
+
+HELENA:
+So sage denn, wie sprech' ich auch so schoen?
+
+FAUST:
+Das ist gar leicht, es muss von Herzen gehn.
+Und wenn die Brust von Sehnsucht ueberfliesst,
+Man sieht sich um und fragt--+
+
+HELENA:
+Wer mitgeniesst.
+
+FAUST:
+Nun schaut der Geist nicht vorwaerts, nicht zurueck,
+Die Gegenwart allein--+
+
+HELENA:
+ist unser Glueck.
+
+FAUST:
+Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand;
+Bestaetigung, wer gibt sie? +
+
+HELENA:
+Meine Hand.
+
+CHOR:
+Wer verdaecht' es unsrer Fuerstin,
+Goennet sie dem Herrn der Burg
+Freundliches Erzeigen?
+Denn gesteht, saemtliche sind wir
+Ja Gefangene, wie schon oefter
+Seit dem schmaehlichen Untergang
+Ilios' und der aengstlich-+
+labyrinthischen/ Kummerfahrt.
+Fraun, gewoehnt an Maennerliebe,
+Waehlerinnen sind sie nicht,
+Aber Kennerinnen.
+Und wie goldlockigen Hirten
+Vielleicht schwarzborstigen Faunen,
+Wie es bringt die Gelegenheit,
+ueber die schwellenden Glieder
+Vollerteilen sie gleiches Recht.
+Nah und naeher sitzen sie schon
+An einander gelehnet,
+Schulter an Schulter, Knie an Knie,
+Hand in Hand wiegen sie sich
+ueber des Throns
+Aufgepolsterter Herrlichkeit.
+Nicht versagt sich die Majestaet
+Heimlicher Freuden
+Vor den Augen des Volkes
+uebermuetiges Offenbarsein.
+
+HELENA:
+Ich fuehle mich so fern und doch so nah,
+Und sage nur zu gern: Da bin ich! da!
+
+FAUST:
+Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort;
+Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.
+
+HELENA:
+Ich scheine mir verlebt und doch so neu,
+In dich verwebt, dem Unbekannten treu.
+
+FAUST:
+Durchgrueble nicht das einzigste Geschick!
+Dasein ist Pflicht, und waer's ein Augenblick.
+
+PHORKYAS:
+Buchstabiert in Liebesfibeln,
+Taendelnd gruebelt nur am Liebeln,
+Muessig liebelt fort im Gruebeln,
+Doch dazu ist keine Zeit.
+Fuehlt ihr nicht ein dumpfes Wettern?
+Hoert nur die Trompete schmettern,
+Das Verderben ist nicht weit.
+Menelas mit Volkeswogen
+Kommt auf euch herangezogen;
+Ruestet euch zu herbem Streit!
+Von der Siegerschar umwimmelt,
+Wie Deiphobus verstuemmelt,
+Buessest du das Fraungeleit.
+Bammelt erst die leichte Ware,
+Dieser gleich ist am Altare
+Neugeschliffnes Beil bereit.
+
+FAUST:
+Verwegne Stoerung! widerwaertig dringt sie ein;
+Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestuem.
+Den schoensten Boten, Ungluecksbotschaft haesslicht ihn;
+Du Haesslichste gar, nur schlimme Botschaft bringst du gern.
+Doch diesmal soll dir's nicht geraten: leeren Hauchs
+Erschuettere du die Luefte. Hier ist nicht Gefahr,
+Und selbst Gefahr erschiene nur als eitles Draeun.
+
+FAUST:
+Nein, gleich sollst du versammelt schauen
+Der Helden ungetrennten Kreis:
+Nur der verdient die Gunst der Frauen,
+Der kraeftigst sie zu schuetzen weiss.
+Mit angehaltnem stillen Wueten,
+Das euch gewiss den Sieg verschafft,
+Ihr, Nordens jugendliche Blueten,
+Ihr, Ostens blumenreiche Kraft.
+In Stahl gehuellt, vom Strahl umwittert,
+Die Schar, die Reich um Reich zerbrach,
+Sie treten auf, die Erde schuettert,
+Sie schreiten fort, es donnert nach.
+An Pylos traten wir zu Lande,
+Der alte Nestor ist nicht mehr,
+Und alle kleinen Koenigsbande
+Zersprengt das ungebundne Heer.
+Draengt ungesaeumt von diesen Mauern
+Jetzt Menelas dem Meer zurueck;
+Dort irren mag er, rauben, lauern,
+Ihm war es Neigung und Geschick.
+Herzoge soll ich euch begruessen,
+Gebietet Spartas Koenigin;
+Nun legt ihr Berg und Tal zu Fuessen,
+Und euer sei des Reichs Gewinn.
+Germane du! Korinthus' Buchten
+Verteidige mit Wall und Schutz!
+Achaia dann mit hundert Schluchten
+Empfehl' ich, Gote, deinem Trutz.
+Nach Elis ziehn der Franken Heere,
+Messene sei der Sachsen Los,
+Normanne reinige die Meere
+Und Argolis erschaff' er gross.
+Dann wird ein jeder haeuslich wohnen,
+Nach aussen richten Kraft und Blitz;
+Doch Sparta soll euch ueberthronen,
+Der Koenigin verjaehrter Sitz.
+All-einzeln sieht sie euch geniessen
+Des Landes, dem kein Wohl gebricht;
+Ihr sucht getrost zu ihren Fuessen
+Bestaetigung und Recht und Licht.
+
+CHOR:
+Wer die Schoenste fuer sich begehrt,
+Tuechtig vor allen Dingen
+Seh' er nach Waffen weise sich um;
+Schmeichelnd wohl gewann er sich,
+Was auf Erden das Hoechste;
+Aber ruhig besitzt er's nicht:
+Schleicher listig entschmeicheln sie ihm,
+Raeuber kuehnlich entreissen sie ihm;
+Dieses zu hinderen, sei er bedacht.
+Unsern Fuersten lob' ich drum,
+Schaetz' ihn hoeher vor andern,
+Wie er so tapfer klug sich verband,
+Dass die Starken gehorchend stehn,
+Jedes Winkes gewaertig.
+Seinen Befehl vollziehn sie treu,
+Jeder sich selbst zu eignem Nutz
+Wie dem Herrscher zu lohnendem Dank,
+Beiden zu hoechlichem Ruhmesgewinn.
+Denn wer entreisset sie jetzt
+Dem gewalt'gen Besitzer?
+Ihm gehoert sie, ihm sei sie gegoennt,
+Doppelt von uns gegoennt, die er
+Samt ihr zugleich innen mit sicherster Mauer,
+Aussen mit maechtigstem Heer umgab.
+
+FAUST:
+Die Gaben, diesen hier verliehen--
+An jeglichen ein reiches Land--,
+Sind gross und herrlich; lass sie ziehen!
+Wir halten in der Mitte stand.
+Und sie beschuetzen um die Wette,
+Ringsum von Wellen angehuepft,
+Nichtinsel dich, mit leichter Huegelkette
+Europens letztem Bergast angeknuepft.
+Das Land, vor aller Laender Sonnen,
+Sei ewig jedem Stamm beglueckt,
+Nun meiner Koenigin gewonnen,
+Das frueh an ihr hinaufgeblickt,
+Als mit Eurotas' Schilfgefluester
+Sie leuchtend aus der Schale brach,
+Der hohen Mutter, dem Geschwister
+Das Licht der Augen ueberstach.
+Dies Land, allein zu dir gekehret,
+Entbietet seinen hoechsten Flor;
+Dem Erdkreis, der dir angehoeret,
+Dein Vaterland, o zieh es vor!
+Und duldet auch auf seiner Berge Ruecken
+Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,
+Laesst nun der Fels sich angegruent erblicken,
+Die Ziege nimmt genaeschig kargen Teil.
+Die Quelle springt, vereinigt stuerzen Baeche,
+Und schon sind Schluchten, Haenge, Matten gruen.
+Auf hundert Huegeln unterbrochner Flaeche
+Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.
+Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
+Gehoerntes Rind hinan zum jaehen Rand;
+Doch Obdach ist den saemtlichen bereitet,
+Zu hundert Hoehlen woelbt sich Felsenwand.
+Pan schuetzt sie dort, und Lebensnymphen wohnen
+In buschiger Kluefte feucht erfrischtem Raum,
+Und sehnsuchtsvoll nach hoehern Regionen
+Erhebt sich zweighaft Baum gedraengt an Baum.
+Alt-Waelder sind's! Die Eiche starret maechtig,
+Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
+Der Ahorn mild, von suessem Safte traechtig,
+Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.
+Und muetterlich im stillen Schattenkreise
+Quillt laue Milch bereit fuer Kind und Lamm;
+Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
+Und Honig trieft vom ausgehoehlten Stamm.
+Hier ist das Wohlbehagen erblich,
+Die Wange heitert wie der Mund,
+Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
+Sie sind zufrieden und gesund.
+Und so entwickelt sich am reinen Tage
+Zu Vaterkraft das holde Kind.
+Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage:
+Ob's Goetter, ob es Menschen sind?
+So war Apoll den Hirten zugestaltet,
+Dass ihm der schoensten einer glich;
+Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,
+Ergreifen alle Welten sich.
+So ist es mir, so ist es dir gelungen;
+Vergangeheit sei hinter uns getan!
+O fuehle dich vom hoechsten Gott entsprungen,
+Der ersten Welt gehoerst du einzig an.
+Nicht feste Burg soll dich umschreiben!
+Noch zirkt in ewiger Jugendkraft
+Fuer uns, zu wonnevollem Bleiben,
+Arkadien in Spartas Nachbarschaft.
+Gelockt, auf sel'gem Grund zu wohnen,
+Du fluechtetest ins heiterste Geschick!
+Zur Laube wandeln sich die Thronen,
+Arkadisch frei sei unser Glueck!
+
+
+
+Szene 42
+
+PHORKYAS:
+Wie lange Zeit die Maedchen schlafen, weiss ich nicht;
+Ob sie sich traeumen liessen, was ich hell und klar
+Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt.
+Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk;
+Ihr Baertigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt,
+Glaubhafter Wunder Loesung endlich anzuschaun.
+Hervor! hervor! Und schuettelt eure Locken rasch!
+Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hoert mich an!
+
+CHOR:
+Rede nur, erzaehl', erzaehle, was sich Wunderlichs begeben!
+Hoeren moechten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben koennen;
+Denn wir haben Langeweile, diese Felsen anzusehn.
+
+PHORKYAS:
+Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon?
+So vernehmt: in diesen Hoehlen, diesen Grotten, diesen Lauben
+Schutz und Schirmung war verliehen, wie idyllischem Liebespaare,
+Unserm Herrn und unsrer Frauen. +
+
+CHOR:
+Wie, da drinnen? +
+
+PHORKYAS:
+Abgesondert
+Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste.
+Hochgeehrt stand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet,
+Schaut' ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier- und dorthin,
+Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirksamkeiten,
+Und so blieben sie allein.
+
+CHOR:
+Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenraeume waeren,
+Wald und Wiese, Baeche, Seen; welche Maerchen spinnst du ab!
+
+PHORKYAS:
+Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen:
+Saal an Saelen, Hof an Hoefen, diese spuert' ich sinnend aus.
+Doch auf einmal ein Gelaechter echot in den Hoehlenraeumen;
+Schau' ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen Schoss zum Manne,
+Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getaendel,
+Toeriger Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze
+Wechselnd uebertaeuben mich.
+Nackt, ein Genius ohne Fluegel, faunenartig ohne Tierheit,
+Springt er auf den festen Boden; doch der Boden gegenwirkend
+Schnellt ihn zu der luft'gen Hoehe, und im zweiten, dritten Sprunge
+Ruehrt er an das Hochgewoelb.
+aengstlich ruft die Mutter: Springe wiederholt und nach Belieben,
+Aber huete dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.
+Und so mahnt der treue Vater: In der Erde liegt die Schnellkraft,
+Die dich aufwaerts treibt; beruehre mit der Zehe nur den Boden,
+Wie der Erdensohn Antaeus bist du alsobald gestaerkt.
+Und so huepft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante
+Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt.
+Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden,
+Und nun scheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater troestet,
+Achselzuckend steh' ich aengstlich. Doch nun wieder welch Erscheinen!
+Liegen Schaetze dort verborgen? Blumenstreifige Gewande
+Hat er wuerdig angetan.
+Quasten schwanken von den Armen, Binden flattern um den Busen,
+In der Hand die goldne Leier, voellig wie ein kleiner Phoebus,
+Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem ueberhang; wir staunen.
+Und die Eltern vor Entzuecken werfen wechselnd sich ans Herz.
+Denn wie leuchtet's ihm zu Haupten? Was erglaenzt, ist schwer zu sagen,
+Ist es Goldschmuck, ist es Flamme uebermaechtiger Geisteskraft?
+Und so regt er sich gebaerdend, sich als Knabe schon verkuendend
+Kuenftigen Meister alles Schoenen, dem die ewigen Melodien
+Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hoeren,
+Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung.
+
+CHOR:
+Nennst du ein Wunder dies,
+Kretas Erzeugte?
+Dichtend belehrendem Wort
+Hast du gelauscht wohl nimmer?
+Niemals noch gehoert Ioniens,
+Nie vernommen auch Hellas'
+Urvaeterlicher Sagen
+Goettlich-heldenhaften Reichtum?
+Alles, was je geschieht
+Heutigen Tages,
+Trauriger Nachklang ist's
+Herrlicher Ahnherrntage;
+Nicht vergleicht sich dein Erzaehlen
+Dem, was liebliche Luege,
+Glaubhaftiger als Wahrheit,
+Von dem Sohne sang der Maja.
+Diesen zierlich und kraeftig doch
+Kaum geborenen Saeugling
+Faltet in reinster Windeln Flaum,
+Strenget in koestlicher Wickeln Schmuck
+Klatschender Waerterinnen Schar
+Unvernuenftigen Waehnens.
+Kraeftig und zierlich aber zieht
+Schon der Schalk die geschmeidigen
+Doch elastischen Glieder
+Listig heraus, die purpurne,
+aengstlich drueckende Schale
+Lassend ruhig an seiner Statt;
+Gleich dem fertigen Schmetterling,
+Der aus starrem Puppenzwang
+Fluegel entfaltend behendig schluepft,
+Sonnedurchstrahlten aether kuehn
+Und mutwillig durchflatternd.
+So auch er, der Behendeste,
+Dass er Dieben und Schaelken,
+Vorteilsuchenden allen auch
+Ewig guenstiger Daemon sei,
+Dies betaetigt er alsobald
+Durch gewandteste Kuenste.
+Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt
+Er den Trident, ja dem Ares selbst
+Schlau das Schwert aus der Scheide;
+Bogen und Pfeil dem Phoebus auch,
+Wie dem Hephaestos die Zange;
+Selber Zeus', des Vaters, Blitz
+Naehm' er, schreckt' ihn das Feuer nicht;
+Doch dem Eros siegt er ob
+In beinstellendem Ringerspiel;
+Raubt auch Cyprien, wie sie ihm kost,
+Noch vom Busen den Guertel.
+
+PHORKYAS:
+Hoeret allerliebste Klaenge,
+Macht euch schnell von Fabeln frei!
+Eurer Goetter alt Gemenge,
+Lasst es hin, es ist vorbei.
+Niemand will euch mehr verstehen,
+Fordern wir doch hoehern Zoll:
+Denn es muss von Herzen gehen,
+Was auf Herzen wirken soll.
+
+CHOR:
+Bist du, fuerchterliches Wesen,
+Diesem Schmeichelton geneigt,
+Fuehlen wir, als frisch genesen,
+Uns zur Traenenlust erweicht.
+Lass der Sonne Glanz verschwinden,
+Wenn es in der Seele tagt,
+Wir im eignen Herzen finden,
+Was die ganze Welt versagt.
+
+EUPHORION:
+Hoert ihr Kindeslieder singen,
+Gleich ist's euer eigner Scherz;
+Seht ihr mich im Takte springen,
+Huepft euch elterlich das Herz.
+
+HELENA:
+Liebe, menschlich zu begluecken,
+Naehert sie ein edles Zwei,
+Doch zu goettlichem Entzuecken
+Bildet sie ein koestlich Drei.
+
+FAUST:
+Alles ist sodann gefunden:
+Ich bin dein, und du bist mein;
+Und so stehen wir verbunden,
+Duerft' es doch nicht anders sein!
+
+CHOR:
+Wohlgefallen vieler Jahre
+In des Knaben mildem Schein
+Sammelt sich auf diesem Paare.
+O, wie ruehrt mich der Verein!
+
+EUPHORION:
+Nun lasst mich huepfen,
+Nun lasst mich springen!
+Zu allen Lueften
+Hinaufzudringen,
+Ist mir Begierde,
+Sie fasst mich schon.
+
+FAUST:
+Nur maessig! maessig!
+Nicht ins Verwegne,
+Dass Sturz und Unfall
+Dir nicht begegne,
+Zugrund uns richte
+Der teure Sohn!
+
+EUPHORION:
+Ich will nicht laenger
+Am Boden stocken;
+Lasst meine Haende,
+Lasst meine Locken,
+Lasst meine Kleider!
+Sie sind ja mein.
+
+HELENA:
+O denk! o denke,
+Wem du gehoerest!
+Wie es uns kraenke,
+Wie du zerstoerest
+Das schoen errungene
+Mein, Dein und Sein.
+
+CHOR:
+Bald loest, ich fuerchte,
+Sich der Verein!
+
+HELENA UND FAUST:
+Baendige! baendige
+Eltern zuliebe
+ueberlebendige,
+Heftige Triebe!
+Laendlich im stillen
+Ziere den Plan.
+
+EUPHORION:
+Nur euch zu Willen
+Halt' ich mich an.
+Leichter umschweb' ich hie
+Muntres Geschlecht.
+Ist nun die Melodie,
+Ist die Bewegung recht?
+
+HELENA:
+Ja, das ist wohlgetan;
+Fuehre die Schoenen an
+Kuenstlichem Reihn.
+
+FAUST:
+Waere das doch vorbei!
+Mich kann die Gaukelei
+Gar nicht erfreun.
+
+CHOR:
+Wenn du der Arme Paar
+Lieblich bewegest,
+Im Glanz dein lockig Haar
+Schuettelnd erregest,
+Wenn dir der Fuss so leicht
+ueber die Erde schleicht,
+Dort und da wieder hin
+Glieder um Glied sich ziehn,
+Hast du dein Ziel erreicht,
+Liebliches Kind;
+All' unsre Herzen sind
+All' dir geneigt.
+
+EUPHORION:
+Ihr seid so viele
+Leichtfuessige Rehe;
+Zu neuem Spiele
+Frisch aus der Naehe!
+Ich bin der Jaeger,
+ihr seid das Wild.
+
+CHOR:
+Willst du uns fangen,
+Sei nicht behende,
+Denn wir verlangen
+Doch nur am Ende,
+Dich zu umarmen,
+Du schoenes Bild!
+
+EUPHORION:
+Nur durch die Haine!
+Zu Stock und Steine!
+Das leicht Errungene,
+Das widert mir,
+Nur das Erzwungene
+Ergetzt mich schier.
+
+HELENA UND FAUST:
+Welch ein Mutwill'! welch ein Rasen!
+Keine Maessigung ist zu hoffen.
+Klingt es doch wie Hoernerblasen
+ueber Tal und Waelder droehnend;
+Welch ein Unfug! welch Geschrei!
+
+CHOR:
+Uns ist er vorbeigelaufen;
+Mit Verachtung uns verhoehnend,
+schleppt er von dem ganzen Haufen
+Nun die Wildeste herbei.
+
+EUPHORION:
+Schlepp' ich her die derbe Kleine
+Zu erzwungenem Genusse;
+Mir zur Wonne, mir zur Lust
+Drueck' ich widerspenstige Brust,
+Kuess' ich widerwaertigen Mund,
+Tue Kraft und Willen kund.
+
+MAeDCHEN:
+Lass mich los! In dieser Huelle
+Ist auch Geistes Mut und Kraft;
+Deinem gleich ist unser Wille
+Nicht so leicht hinweggerafft.
+Glaubst du wohl mich im Gedraenge?
+Deinem Arm vertraust du viel!
+Halte fest, und ich versenge
+Dich, den Toren, mir zum Spiel.
+Folge mir in leichte Luefte,
+Folge mir in starre Gruefte,
+Hasche das verschwundne Ziel!
+
+EUPHORION:
+Felsengedraenge hier
+Zwischen dem Waldgebuesch,
+Was soll die Enge mir,
+Bin ich doch jung und frisch.
+Winde, sie sausen ja,
+Wellen, sie brausen da;
+Hoer' ich doch beides fern,
+Nah waer' ich gern.
+
+HELENA, FAUST UND CHOR:
+Wolltest du den Gemsen gleichen?
+Vor dem Falle muss uns graun.
+
+EUPHORION:
+Immer hoeher muss ich steigen,
+Immer weiter muss ich schaun.
+Weiss ich nun, wo ich bin!
+Mitten der Insel drin,
+Mitten in Pelops' Land,
+Erde--wie seeverwandt.
+
+CHOR:
+Magst nicht in Berg und Wald
+Friedlich verweilen?
+Suchen wir alsobald
+Reben in Zeilen,
+Reben am Huegelrand,
+Feigen und Apfelgold.
+Ach in dem holden Land
+Bleibe du hold!
+
+EUPHORION:
+Traeumt ihr den Friedenstag?
+Traeume, wer traeumen mag.
+Krieg! ist das Losungswort.
+Sieg! und so klingt es fort.
+
+CHOR:
+Wer im Frieden
+Wuenschet sich Krieg zurueck,
+Der ist geschieden
+Vom Hoffnungsglueck.
+
+EUPHORION:
+Welche dies Land gebar
+Aus Gefahr in Gefahr,
+Frei, unbegrenzten Muts,
+Verschwendrisch eignen Bluts,
+Den nicht zu daempfenden
+Heiligen Sinn--
+Alle den Kaempfenden
+Bring' es Gewinn!
+
+CHOR:
+Seht hinauf, wie hoch gestiegen!
+Und er scheint uns doch nicht klein:
+Wie im Harnisch, wie zum Siegen,
+Wie von Erz und Stahl der Schein.
+
+EUPHORION:
+Keine Waelle, keine Mauern,
+Jeder nur sich selbst bewusst;
+Feste Burg, um auszudauern,
+Ist des Mannes ehrne Brust.
+Wollt ihr unerobert wohnen,
+Leicht bewaffnet rasch ins Feld;
+Frauen werden Amazonen
+Und ein jedes Kind ein Held.
+
+CHOR:
+Heilige Poesie,
+Himmelan steige sie!
+Glaenze, der schoenste Stern,
+Fern und so weiter fern!
+Und sie erreicht uns doch
+Immer, man hoert sie noch,
+Vernimmt sie gern.
+
+EUPHORION:
+Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,
+In Waffen kommt der Juengling an;
+Gesellt zu Starken, Freien, Kuehnen,
+Hat er im Geiste schon getan.
+Nun fort!
+Nun dort
+Eroeffnet sich zum Ruhm die Bahn.
+
+HELENA UND FAUST:
+Kaum ins Leben eingerufen,
+Heitrem Tag gegeben kaum,
+Sehnest du von Schwindelstufen
+Dich zu schmerzenvollem Raum.
+Sind denn wir
+Gar nichts dir?
+Ist der holde Bund ein Traum?
+
+EUPHORION:
+Und hoert ihr donnern auf dem Meere?
+Dort widerdonnern Tal um Tal,
+In Staub und Wellen, Heer dem Heere,
+In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
+Und der Tod
+Ist Gebot,
+Das versteht sich nun einmal.
+
+HELENA, FAUST UND CHOR:
+Welch Entsetzen! welches Grauen!
+Ist der Tod denn dir Gebot?
+
+EUPHORION:
+Sollt' ich aus der Ferne schauen?
+Nein! ich teile Sorg' und Not.
+
+DIE VORIGEN:
+Uebermut und Gefahr,
+Toedliches Los!
+
+EUPHORION:
+Doch!--und ein Fluegelpaar
+Faltet sich los!
+Dorthin! Ich muss! ich muss!
+Goennt mir den Flug!
+
+CHOR:
+Ikarus! Ikarus!
+Jammer genug.
+
+HELENA UND FAUST:
+Der Freude folgt sogleich
+Grimmige Pein.
+
+EUPHORIONS STIMME:
+Lass mich im duestern Reich,
+Mutter, mich nicht allein!
+
+CHOR:
+Nicht allein!--wo du auch weilest,
+Denn wir glauben dich zu kennen;
+Ach! wenn du dem Tag enteilest,
+Wird kein Herz von dir sich trennen.
+Wuessten wir doch kaum zu klagen,
+Neidend singen wir dein Los:
+Dir in klar- und trueben Tagen
+Lied und Mut war schoen und gross.
+Ach! zum Erdenglueck geboren,
+Hoher Ahnen, grosser Kraft,
+Leider frueh dir selbst verloren,
+Jugendbluete weggerafft!
+Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
+Mitsinn jedem Herzensdrang,
+Liebesglut der besten Frauen
+Und ein eigenster Gesang.
+Doch du ranntest unaufhaltsam
+Frei ins willenlose Netz,
+So entzweitest du gewaltsam
+dich mit Sitte, mit Gesetz;
+Doch zuletzt das hoechste Sinnen
+Gab dem reinen Mut Gewicht,
+Wolltest Herrliches gewinnen,
+Aber es gelang dir nicht.
+Wem gelingt es?--Truebe Frage,
+Der das Schicksal sich vermummt,
+Wenn am unglueckseligsten Tage
+Blutend alles Volk verstummt.
+Doch erfrischet neue Lieder,
+Steht nicht laenger tief gebeugt:
+Denn der Boden zeugt sie wieder,
+Wie von je er sie gezeugt.
+
+HELENA:
+Ein altes Wort bewaehrt sich leider auch an mir:
+Dass Glueck und Schoenheit dauerhaft sich nicht vereint.
+Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;
+Bejammernd beide, sag' ich schmerzlich Lebewohl
+Und werfe mich noch einmal in die Arme dir.
+Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!
+
+PHORKYAS:
+Halte fest, was dir von allem uebrigblieb.
+Das Kleid, lass es nicht los. Da zupfen schon
+Daemonen an den Zipfeln, moechten gern
+Zur Unterwelt es reissen. Halte fest!
+Die Goettin ist's nicht mehr, die du verlorst,
+Doch goettlich ist's. Bediene dich der hohen,
+Unschaetzbaren Gunst und hebe dich empor:
+Es traegt dich ueber alles Gemeine rasch
+Am aether hin, so lange du dauern kannst.
+Wir sehn uns wieder, weit, gar weit von hier.
+
+PHORKYAS:
+Noch immer gluecklich aufgefunden!
+Die Flamme freilich ist verschwunden,
+Doch ist mir um die Welt nicht leid.
+Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,
+Zu stiften Gild- und Handwerksneid;
+Und kann ich die Talente nicht verleihen,
+Verborg' ich wenigstens das Kleid.
+
+PANTHALIS:
+Nun eilig, Maedchen! Sind wir doch den Zauber los,
+Der alt-thessalischen Vettel wuesten Geisteszwang,
+So des Geklimpers vielverworrner Toene Rausch,
+Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.
+Hinab zum Hades! Eilte doch die Koenigin
+Mit ernstem Gang hinunter. Ihrer Sohle sei
+Unmittelbar getreuer Maegde Schritt gefuegt.
+Wir finden sie am Throne der Unerforschlichen.
+
+CHOR:
+Koeniginnen freilich, ueberall sind sie gern;
+Auch im Hades stehen sie obenan,
+Stolz zu ihresgleichen gesellt,
+Mit Persephonen innigst vertraut;
+Aber wir im Hintergrunde
+Tiefer Asphodelos-Wiesen,
+Langgestreckten Pappeln,
+Unfruchtbaren Weiden zugesellt,
+Welchen Zeitvertreib haben wir?
+Fledermausgleich zu piepsen,
+Gefluester, unerfreulich, gespenstig.
+
+PANTHALIS:
+Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
+Gehoert den Elementen an; so fahret hin!
+Mit meiner Koenigin zu sein, verlangt mich heiss;
+Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person.
+
+ALLE:
+Zurueckgegeben sind wir dem Tageslicht,
+Zwar Personen nicht mehr,
+Das fuehlen, das wissen wir,
+Aber zum Hades kehren wir nimmer.
+Ewig lebendige Natur
+Macht auf uns Geister,
+Wir auf sie vollgueltigen Anspruch.
+
+EIN TEIL DES CHORES:
+Wir in dieser tausend aeste Fluesterzittern, Saeuselschweben
+Reizen taendelnd, locken leise wurzelauf des Lebens Quellen
+Nach den Zweigen; bald mit Blaettern, bald mit Blueten ueberschwenglich
+Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn.
+Faellt die Frucht, sogleich versammeln lebenslustig Volk und Herden
+Sich zum Greifen, sich zum Naschen, eilig kommend, emsig draengend;
+Und wie vor den ersten Goettern bueckt sich alles um uns her.
+
+EIN ANDRER TEIL:
+Wir, an dieser Felsenwaende weithinleuchtend glatten Spiegel
+Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd an;
+Horchen, lauschen jedem Laute, Vogelsaengen, Roehrigfloeten,
+Sei es Pans furchtbarer Stimme, Antwort ist sogleich bereit;
+Saeuselt's, saeuseln wir erwidernd, donnert's, rollen unsre Donner
+In erschuetterndem Verdoppeln, dreifach, zehnfach hintennach.
+
+EIN DRITTER TEIL:
+Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Baechen weiter;
+Denn es reizen jener Ferne reichgeschmueckte Huegelzuege.
+Immer abwaerts, immer tiefer waessern wir, maeandrisch wallend,
+Jetzt die Wiese, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus.
+Dort bezeichnen's der Zypressen schlanke Wipfel, ueber Landschaft,
+Uferzug und Wellenspiegel nach dem aether steigende.
+
+EIN VIERTER TEIL:
+Wallt ihr andern, wo's beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen
+Den durchaus bepflanzten Huegel, wo am Stab die Rebe gruent;
+Dort zu aller Tage Stunden laesst die Leidenschaft des Winzers
+Uns des liebevollsten Fleisses zweifelhaft Gelingen sehn.
+Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Haeufeln, Schneiden, Binden
+Betet er zu allen Goettern, foerdersamst zum Sonnengott.
+Bacchus kuemmert sich, der Weichling, wenig um den treuen Diener,
+Ruht in Lauben, lehnt in Hoehlen, faselnd mit dem juengsten Faun.
+Was zu seiner Traeumereien halbem Rausch er je bedurfte,
+Immer bleibt es ihm in Schlaeuchen, ihm in Kruegen und Gefaessen,
+Rechts und links der kuehlen Gruefte, ewige Zeiten aufbewahrt.
+Haben aber alle Goetter, hat nun Helios vor allen,
+Lueftend, feuchtend, waermend, glutend, Beeren-Fuellhorn aufgehaeuft,
+Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebendig,
+Und es rauscht in jedem Laube, raschelt um von Stock zu Stock.
+Koerbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten aechzen hin,
+Alles nach der grossen Kufe zu der Keltrer kraeft'gem Tanz;
+Und so wird die heilige Fuelle reingeborner saftiger Beeren
+Frech zertreten, schaeumend, spruehend mischt sich's, widerlich zerquetscht.
+Und nun gellt ins Ohr der Zimbeln mit der Becken Erzgetoene,
+Denn es hat sich Dionysos aus Mysterien enthuellt;
+Kommt hervor mit Ziegenfuesslern, schwenkend Ziegenfuesslerinnen,
+Und dazwischen schreit unbaendig grell Silenus' oehrig Tier.
+Nichts geschont! Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder,
+Alle Sinne wirbeln taumlich, graesslich uebertaeubt das Ohr.
+Nach der Schale tappen Trunkne, ueberfuellt sind Kopf und Waenste,
+Sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die Tumulte,
+Denn um neuen Most zu bergen, leert man rasch den alten Schlauch!
+
+
+
+
+
+4. Akt--Hochgebirg
+
+FAUST:
+Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuss,
+Betret' ich wohlbedaechtig dieser Gipfel Saum,
+Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
+An klaren Tagen ueber Land und Meer gefuehrt.
+Sie loest sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
+Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
+Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
+Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veraenderlich.
+Doch will sich's modeln.--Ja! das Auge truegt mich nicht!--
+Auf sonnbeglaenzten Pfuehlen herrlich hingestreckt,
+Zwar riesenhaft, ein goettergleiches Fraungebild,
+Ich seh's! Junonen aehnlich, Leda'n, Helenen,
+Wie majestaetisch lieblich mir's im Auge schwankt.
+Ach! schon verrueckt sich's! Formlos breit und aufgetuermt
+Ruht es in Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
+Und spiegelt blendend fluecht'ger Tage grossen Sinn.
+Doch mir umschwebt ein zarter lichter Nebelstreif
+Noch Brust und Stirn, erheiternd, kuehl und schmeichelhaft.
+Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und hoeher auf,
+Fuegt sich zusammen.--Taeuscht mich ein entzueckend Bild,
+Als jugenderstes, laengstentbehrtes hoechstes Gut?
+Des tiefsten Herzens fruehste Schaetze quellen auf:
+Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet's mir,
+Den schnellempfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
+Der, festgehalten, ueberglaenzte jeden Schatz.
+Wie Seelenschoenheit steigert sich die holde Form,
+Loest sich nicht auf, erhebt sich in den aether hin
+Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das heiss' ich endlich vorgeschritten!
+Nun aber sag, was faellt dir ein?
+Steigst ab in solcher Greuel Mitten,
+Im graesslich gaehnenden Gestein?
+Ich kenn' es wohl, doch nicht an dieser Stelle,
+Denn eigentlich war das der Grund der Hoelle.
+
+FAUST:
+Es fehlt dir nie an naerrischen Legenden;
+Faengst wieder an, dergleichen auszuspenden.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Als Gott der Herr--ich weiss auch wohl, warum--
+Uns aus der Luft in tiefste Tiefen bannte,
+Da, wo zentralisch gluehend, um und um,
+Ein ewig Feuer flammend sich durchbrannte,
+Wir fanden uns bei allzugrosser Hellung
+In sehr gedraengter, unbequemer Stellung.
+Die Teufel fingen saemtlich an zu husten,
+Von oben und von unten auszupusten;
+Die Hoelle schwoll von Schwefelstank und--saeure,
+Das gab ein Gas! Das ging ins Ungeheure,
+So dass gar bald der Laender flache Kruste,
+So dick sie war, zerkrachend bersten musste.
+Nun haben wir's an einem andern Zipfel,
+Was ehmals Grund war, ist nun Gipfel.
+Sie gruenden auch hierauf die rechten Lehren,
+Das Unterste ins Oberste zu kehren.
+Denn wir entrannen knechtisch-heisser Gruft
+Ins uebermass der Herrschaft freier Luft.
+Ein offenbar Geheimnis, wohl verwahrt,
+Und wird nur spaet den Voelkern offenbart.((ephes. 6,12))
+
+FAUST:
+Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm,
+Ich frage nicht woher und nicht warum.
+Als die Natur sich in sich selbst gegruendet,
+Da hat sie rein den Erdball abgeruendet,
+Der Gipfel sich, der Schluchten sich erfreut
+Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht,
+Die Huegel dann bequem hinabgebildet,
+Mit sanftem Zug sie in das Tal gemildet.
+Da gruent's und waechst's, und um sich zu erfreuen,
+Bedarf sie nicht der tollen Strudeleien.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar;
+Doch weiss es anders, der zugegen war.
+Ich war dabei, als noch da drunten siedend
+Der Abgrund schwoll und stroemend Flammen trug;
+Als Molochs Hammer, Fels an Felsen schmiedend,
+Gebirgestruemmer in die Ferne schlug.
+Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen;
+Wer gibt Erklaerung solcher Schleudermacht?
+Der Philosoph, er weiss es nicht zu fassen,
+Da liegt der Fels, man muss ihn liegen lassen,
+Zuschanden haben wir uns schon gedacht.--
+Das treu-gemeine Volk allein begreift
+Und laesst sich im Begriff nicht stoeren;
+Ihm ist die Weisheit laengst gereift:
+Ein Wunder ist's, der Satan kommt zu Ehren.
+Mein Wandrer hinkt an seiner Glaubenskruecke
+Zum Teufelsstein, zur Teufelsbruecke.
+
+FAUST:
+Es ist doch auch bemerkenswert zu achten,
+Zu sehn, wie Teufel die Natur betrachten.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was geht mich's an! Natur sei, wie sie sei!
+'s ist Ehrenpunkt: der Teufel war dabei!
+Wir sind die Leute, Grosses zu erreichen;
+Tumult, Gewalt und Unsinn! sieh das Zeichen!--
+Doch, dass ich endlich ganz verstaendlich spreche,
+Gefiel dir nichts an unsrer Oberflaeche?
+Du uebersahst, in ungemessnen Weiten,
+Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten. ((matth. 4))
+Doch, ungenuegsam, wie du bist,
+Empfandest du wohl kein Geluest?
+
+FAUST:
+Und doch! ein Grosses zog mich an.
+Errate! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das ist bald getan.
+Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus,
+Im Kerne Buerger-Nahrungs-Graus,
+Krummenge Gaesschen, spitze Giebeln,
+Beschraenkten Markt, Kohl, Rueben, Zwiebeln;
+Fleischbaenke, wo die Schmeissen hausen,
+Die fetten Braten anzuschmausen;
+Da findest du zu jeder Zeit
+Gewiss Gestank und Taetigkeit.
+Dann weite Plaetze, breite Strassen,
+Vornehmen Schein sich anzumassen;
+Und endlich, wo kein Tor beschraenkt,
+Vorstaedte grenzenlos verlaengt.
+Da freut' ich mich an Rollekutschen,
+Am laermigen Hin- und Widerrutschen,
+Am ewigen Hin- und Widerlaufen
+Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen.
+Und wenn ich fuehre, wenn ich ritte,
+Erschien' ich immer ihre Mitte,
+Von Hunderttausenden verehrt.
+
+FAUST:
+Das kann mich nicht zufriedenstellen.
+Man freut sich, dass das Volk sich mehrt,
+Nach seiner Art behaglich naehrt,
+Sogar sich bildet, sich belehrt--
+Und man erzieht sich nur Rebellen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dann baut' ich, grandios, mir selbst bewusst,
+Am lustigen Ort ein Schloss zur Lust.
+Wald, Huegel, Flaechen, Wiesen, Feld
+Zum Garten praechtig umbestellt.
+Vor gruenen Waenden Sammetmatten,
+Schnurwege, kunstgerechte Schatten,
+Kaskadensturz, durch Fels zu Fels gepaart,
+Und Wasserstrahlen aller Art;
+Ehrwuerdig steigt es dort, doch an den Seiten
+Da zischt's und pisst's in tausend Kleinigkeiten.
+Dann aber liess ich allerschoensten Frauen
+Vertraut-bequeme Haeuslein bauen;
+Verbraechte da grenzenlose Zeit
+In allerliebst-geselliger Einsamkeit.
+Ich sage Fraun; denn ein fuer allemal
+Denk' ich die Schoenen im Plural.
+
+FAUST:
+Schlecht und modern! Sardanapal!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erraet man wohl, wornach du strebtest?
+Es war gewiss erhaben kuehn.
+Der du dem Mond um so viel naeher schwebtest,
+Dich zog wohl deine Sucht dahin?
+
+FAUST:
+Mit nichten! dieser Erdenkreis
+Gewaehrt noch Raum zu grossen Taten.
+Erstaunenswuerdiges soll geraten,
+Ich fuehle Kraft zu kuehnem Fleiss.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und also willst du Ruhm verdienen?
+Man merkt's, du kommst von Heroinen.
+
+FAUST:
+Herrschaft gewinn' ich, Eigentum!
+Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Doch werden sich Poeten finden,
+Der Nachwelt deinen Glanz zu kuenden,
+Durch Torheit Torheit zu entzuenden.
+
+FAUST:
+Von allem ist dir nichts gewaehrt.
+Was weisst du, was der Mensch begehrt?
+Dein widrig Wesen, bitter, scharf,
+Was weiss es, was der Mensch bedarf?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Geschehe denn nach deinem Willen!
+Vertraue mir den Umfang deiner Grillen.
+
+FAUST:
+Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen;
+Es schwoll empor, sich in sich selbst zu tuermen,
+Dann liess es nach und schuettete die Wogen,
+Des flachen Ufers Breite zu bestuermen.
+Und das verdross mich; wie der uebermut
+Den freien Geist, der alle Rechte schaetzt,
+Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut
+Ins Missbehagen des Gefuehls versetzt.
+Ich hielt's fuer Zufall, schaerfte meinen Blick:
+Die Woge stand und rollte dann zurueck,
+Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel;
+Die Stunde kommt, sie wiederholt das Spiel.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da ist fuer mich nichts Neues zu erfahren,
+Das kenn' ich schon seit hunderttausend Jahren.
+
+FAUST:
+Sie schleicht heran, an abertausend Enden,
+Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden;
+Nun schwillt's und waechst und rollt und ueberzieht
+Der wuesten Strecke widerlich Gebiet.
+Da herrschet Well' auf Welle kraftbegeistet,
+Zieht sich zurueck, und es ist nichts geleistet,
+Was zur Verzweiflung mich beaengstigen koennte!
+Zwecklose Kraft unbaendiger Elemente!
+Da wagt mein Geist, sich selbst zu ueberfliegen;
+Hier moecht' ich kaempfen, dies moecht' ich besiegen.
+Und es ist moeglich!--Flutend wie sie sei,
+An jedem Huegel schmiegt sie sich vorbei;
+Sie mag sich noch so uebermuetig regen,
+Geringe Hoehe ragt ihr stolz entgegen,
+Geringe Tiefe zieht sie maechtig an.
+Da fasst' ich schnell im Geiste Plan auf Plan:
+Erlange dir das koestliche Geniessen,
+Das herrische Meer vom Ufer auszuschliessen,
+Der feuchten Breite Grenzen zu verengen
+Und, weit hinein, sie in sich selbst zu draengen.
+Von Schritt zu Schritt wusst' ich mir's zu eroertern;
+Das ist mein Wunsch, den wage zu befoerdern!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie leicht ist das! Hoerst du die Trommeln fern?
+
+FAUST:
+Schon wieder Krieg! der Kluge hoert's nicht gern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Krieg oder Frieden. Klug ist das Bemuehen,
+Zu seinem Vorteil etwas auszuziehen.
+Man passt, man merkt auf jedes guenstige Nu.
+Gelegenheit ist da, nun, Fauste, greife zu!
+
+FAUST:
+Mit solchem Raetselkram verschone mich!
+Und kurz und gut, was soll's? Erklaere dich.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen:
+Der gute Kaiser schwebt in grossen Sorgen.
+Du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten,
+Ihm falschen Reichtum in die Haende spielten,
+Da war die ganze Welt ihm feil.
+Denn jung ward ihm der Thron zuteil,
+Und ihm beliebt' es, falsch zu schliessen,
+Es koenne wohl zusammengehn
+Und sei recht wuenschenswert und schoen:
+Regieren und zugleich geniessen.
+
+FAUST:
+Ein grosser Irrtum. Wer befehlen soll,
+Muss im Befehlen Seligkeit empfinden.
+Ihm ist die Brust von hohem Willen voll,
+Doch was er will, es darf's kein Mensch ergruenden.
+Was er den Treusten in das Ohr geraunt,
+Es ist getan, und alle Welt erstaunt.
+So wird er stets der Allerhoechste sein,
+Der Wuerdigste--; Geniessen macht gemein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+So ist er nicht. Er selbst genoss, und wie!
+Indes zerfiel das Reich in Anarchie,
+Wo gross und klein sich kreuz und quer befehdeten
+Und Brueder sich vertrieben, toeteten,
+Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,
+Zunft gegen Adel Fehde hat,
+Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;
+Was sich nur ansah, waren Feinde.
+In Kirchen Mord und Totschlag, vor den Toren
+Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren.
+Und allen wuchs die Kuehnheit nicht gering;
+Denn leben hiess sich wehren.--Nun, das ging.
+
+FAUST:
+Es ging--es hinkte, fiel, stand wieder auf,
+Dann ueberschlug sich's, rollte plump zuhauf.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und solchen Zustand durfte niemand schelten,
+Ein jeder konnte, jeder wollte gelten.
+Der Kleinste selbst, er galt fuer voll.
+Doch war's zuletzt den Besten allzutoll.
+Die Tuechtigen, sie standen auf mit Kraft
+Und sagten: Herr ist, der uns Ruhe schafft.
+Der Kaiser kann's nicht, will's nicht--lasst uns waehlen,
+Den neuen Kaiser neu das Reich beseelen,
+Indem er jeden sicher stellt,
+In einer frisch geschaffnen Welt
+Fried' und Gerechtigkeit vermaehlen.
+
+FAUST:
+Das klingt sehr pfaeffisch. +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Pfaffen waren's auch,
+Sie sicherten den wohlgenaehrten Bauch.
+Sie waren mehr als andere beteiligt.
+Der Aufruhr schwoll, der Aufruhr ward geheiligt;
+Und unser Kaiser, den wir froh gemacht,
+Zieht sich hieher, vielleicht zur letzten Schlacht.
+
+FAUST:
+Er jammert mich; er war so gut und offen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen.
+Befrein wir ihn aus diesem engen Tale!
+Einmal gerettet, ist's fuer tausend Male.
+Wer weiss, wie noch die Wuerfel fallen?
+Und hat er Glueck, so hat er auch Vasallen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Stellung, seh' ich, gut ist sie genommen;
+Wir treten zu, dann ist der Sieg vollkommen.
+
+FAUST:
+Was kann da zu erwarten sein?
+Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Kriegslist, um Schlachten zu gewinnen!
+Befestige dich bei grossen Sinnen,
+Indem du deinen Zweck bedenkst.
+Erhalten wir dem Kaiser Thron und Lande,
+So kniest du nieder und empfaengst
+Die Lehn von grenzenlosem Strande.
+
+FAUST:
+Schon manches hast du durchgemacht,
+Nun, so gewinn auch eine Schlacht!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nein, du gewinnst sie! Diesesmal
+Bist du der Obergeneral.
+
+FAUST:
+Das waere mir die rechte Hoehe,
+Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Lass du den Generalstab sorgen,
+Und der Feldmarschall ist geborgen.
+Kriegsunrat hab' ich laengst verspuert,
+Den Kriegsrat gleich voraus formiert
+Aus Urgebirgs Urmenschenkraft;
+Wohl dem, der sie zusammenrafft.
+
+FAUST:
+Was seh' ich dort, was Waffen traegt?
+Hast du das Bergvolk aufgeregt?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nein! aber, gleich Herrn Peter Squenz,
+Vom ganzen Prass die Quintessenz.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da kommen meine Bursche ja!
+Du siehst, von sehr verschiednen Jahren,
+Verschiednem Kleid und Ruestung sind sie da;
+Du wirst nicht schlecht mit ihnen fahren.
+Es liebt sich jetzt ein jedes Kind
+Den Harnisch und den Ritterkragen;
+Und, allegorisch wie die Lumpe sind,
+Sie werden nur um desto mehr behagen.
+
+RAUFEBOLD:
+Wenn einer mir ins Auge sieht,
+Werd' ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren,
+Und eine Memme, wenn sie flieht,
+Fass' ich bei ihren letzten Haaren.
+
+HABEBALD:
+So leere Haendel, das sind Possen,
+Damit verdirbt man seinen Tag;
+Im Nehmen sei nur unverdrossen,
+Nach allem andern frag' hernach.
+
+HALTEFEST:
+Damit ist auch nicht viel gewonnen!
+Bald ist ein grosses Gut zerronnen,
+Es rauscht im Lebensstrom hinab.
+Zwar nehmen ist recht gut, doch besser ist's, behalten;
+Lass du den grauen Kerl nur walten,
+Und niemand nimmt dir etwas ab.
+
+
+
+Auf dem Vorgebirg
+
+obergeneral
+Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen,
+Dass wir in dies gelegene Tal
+Das ganze Heer gedraengt zurueckgezogen;
+Ich hoffe fest, uns glueckt die Wahl.
+
+KAISER:
+Wie es nun geht, es muss sich zeigen;
+Doch mich verdriesst die halbe Flucht, das Weichen.
+
+OBERGENERAL:
+Schau hier, mein Fuerst, auf unsre rechte Flanke!
+Solch ein Terrain wuenscht sich der Kriegsgedanke:
+Nicht steil die Huegel, doch nicht allzu gaenglich,
+Den Unsern vorteilhaft, dem Feind verfaenglich;
+Wir, halb versteckt, auf wellenfoermigem Plan;
+Die Reiterei, sie wagt sich nicht heran.
+
+KAISER:
+Mir bleibt nichts uebrig, als zu loben;
+Hier kann sich Arm und Brust erproben.
+
+OBERGENERAL:
+Hier, auf der Mittelwiese flachen Raeumlichkeiten,
+Siehst du den Phalanx, wohlgemut zu streiten.
+Die Piken blinken flimmernd in der Luft,
+Im Sonnenglanz, durch Morgennebelduft.
+Wie dunkel wogt das maechtige Quadrat!
+Zu Tausenden glueht's hier auf grosse Tat.
+Du kannst daran die Masse Kraft erkennen,
+Ich trau' ihr zu, der Feinde Kraft zu trennen.
+
+KAISER:
+Den schoenen Blick hab' ich zum erstenmal.
+Ein solches Heer gilt fuer die Doppelzahl.
+
+OBERGENERAL:
+Von unsrer Linken hab' ich nichts zu melden,
+Den starren Fels besetzen wackere Helden,
+Das Steingeklipp, das jetzt von Waffen blitzt,
+Den wichtigen Pass der engen Klause schuetzt.
+Ich ahne schon, hier scheitern Feindeskraefte
+Unvorgesehn im blutigen Geschaefte.
+
+KAISER:
+Dort ziehn sie her, die falschen Anverwandten,
+Wie sie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten,
+Sich immer mehr und wieder mehr erlaubten,
+Dem Zepter Kraft, dem Thron Verehrung raubten,
+Dann, unter sich entzweit, das Reich verheerten
+Und nun gesamt sich gegen mich empoerten.
+Die Menge schwankt im ungewissen Geist,
+Dann stroemt sie nach, wohin der Strom sie reisst.
+
+OBERGENERAL:
+Ein treuer Mann, auf Kundschaft ausgeschickt,
+Kommt eilig felsenab; sei's ihm geglueckt!
+
+ERSTER KUNDSCHAFTER:
+Gluecklich ist sie uns gelungen,
+Listig, mutig, unsre Kunst,
+Dass wir hin und her gedrungen;
+Doch wir bringen wenig Gunst.
+Viele schwoeren reine Huldigung
+Dir, wie manche treue Schar;
+Doch Untaetigkeits-Entschuldigung:
+Innere Gaerung, Volksgefahr.
+
+KAISER:
+Sich selbst erhalten bleibt der Selbstsucht Lehre,
+Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre.
+Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll,
+Dass Nachbars Hausbrand euch verzehren soll?
+
+OBERGENERAL:
+Der zweite kommt, nur langsam steigt er nieder,
+Dem mueden Manne zittern alle Glieder.
+
+ZWEITER KUNDSCHAFTER:
+Erst gewahrten wir vergnueglich
+Wilden Wesens irren Lauf;
+Unerwartet, unverzueglich
+Trat ein neuer Kaiser auf.
+Und auf vorgeschriebnen Bahnen
+Zieht die Menge durch die Flur;
+Den entrollten Luegenfahnen
+Folgen alle.--Schafsnatur!
+
+KAISER:
+Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn:
+Nun fuehl' ich erst, dass ich der Kaiser bin.
+Nur als Soldat legt' ich den Harnisch an,
+Zu hoeherm Zweck ist er nun umgetan.
+Bei jedem Fest, wenn's noch so glaenzend war,
+Nichts ward vermisst, mir fehlte die Gefahr.
+Wie ihr auch seid, zum Ringspiel rietet ihr,
+Mir schlug das Herz, ich atmete Turnier;
+Und haettet ihr mir nicht vom Kriegen abgeraten,
+Jetzt glaenzt' ich schon in lichten Heldentaten.
+Selbstaendig fuehlt' ich meine Brust besiegelt,
+Als ich mich dort im Feuerreich bespiegelt;
+Das Element drang graesslich auf mich los,
+Es war nur Schein, allein der Schein war gross.
+Von Sieg und Ruhm hab' ich verwirrt getraeumt;
+Ich bringe nach, was frevelhaft versaeumt.
+
+FAUST:
+Wir treten auf und hoffen, ungescholten;
+Auch ohne Not hat Vorsicht wohl gegolten.
+Du weisst, das Bergvolk denkt und simuliert,
+Ist in Natur- und Felsenschrift studiert.
+Die Geister, laengst dem flachen Land entzogen,
+Sind mehr als sonst dem Felsgebirg gewogen.
+Sie wirken still durch labyrinthische Kluefte
+Im edlen Gas metallisch reicher Duefte;
+In stetem Sondern, Pruefen und Verbinden
+Ihr einziger Trieb ist, Neues zu erfinden.
+Mit leisem Finger geistiger Gewalten
+Erbauen sie durchsichtige Gestalten;
+Dann im Kristall und seiner ewigen Schweignis
+Erblicken sie der Oberwelt Ereignis.
+
+KAISER:
+Vernommen hab' ich's, und ich glaube dir;
+Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier?
+
+FAUST:
+Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,
+Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener.
+Welch greulich Schicksal droht' ihm ungeheuer!
+Das Reisig prasselte, schon zuengelte das Feuer;
+Die trocknen Scheite, ringsumher verschraenkt,
+Mit Pech und Schwefelruten untermengt;
+Nicht Mensch, noch Gott, noch Teufel konnte retten,
+Die Majestaet zersprengte gluehende Ketten.
+Dort war's in Rom. Er bleibt dir hoch verpflichtet,
+Auf deinen Gang in Sorge stets gerichtet.
+Von jener Stund' an ganz vergass er sich,
+Er fragt den Stern, die Tiefe nur fuer dich.
+Er trug uns auf, als eiligstes Geschaefte,
+Bei dir zu stehn. Gross sind des Berges Kraefte;
+Da wirkt Natur so uebermaechtig frei,
+Der Pfaffen Stumpfsinn schilt es Zauberei.
+
+KAISER:
+Am Freudentag, wenn wir die Gaeste gruessen,
+Die heiter kommen, heiter zu geniessen,
+Da freut uns jeder, wie er schiebt und draengt
+Und, Mann fuer Mann, der Saele Raum verengt.
+Doch hoechst willkommen muss der Biedre sein,
+Tritt er als Beistand kraeftig zu uns ein
+Zur Morgenstunde, die bedenklich waltet,
+Weil ueber ihr des Schicksals Waage schaltet.
+Doch lenket hier im hohen Augenblick
+Die starke Hand vom willigen Schwert zurueck,
+Ehrt den Moment, wo manche Tausend schreiten,
+Fuer oder wider mich zu streiten.
+Selbst ist der Mann! Wer Thron und Kron' begehrt,
+Persoenlich sei er solcher Ehren wert.
+Sei das Gespenst, das, gegen uns erstanden,
+Sich Kaiser nennt und Herr von unsern Landen,
+Des Heeres Herzog, Lehnherr unsrer Grossen,
+Mit eigner Faust ins Totenreich gestossen!
+
+FAUST:
+Wie es auch sei, das Grosse zu vollenden,
+Du tust nicht wohl, dein Haupt so zu verpfaenden.
+Ist nicht der Helm mit Kamm und Busch geschmueckt?
+Er schuetzt das Haupt, das unsern Mut entzueckt.
+Was, ohne Haupt, was foerderten die Glieder?
+Denn schlaefert jenes, alle sinken nieder;
+Wird es verletzt, gleich alle sind verwundet,
+Erstehen frisch, wenn jenes rasch gesundet.
+Schnell weiss der Arm sein starkes Recht zu nuetzen;
+Er hebt den Schild, den Schaedel zu beschuetzen;
+Das Schwert gewahret seiner Pflicht sogleich,
+Lenkt kraeftig ab und wiederholt den Streich;
+Der tuechtige Fuss nimmt teil an ihrem Glueck,
+Setzt dem Erschlagnen frisch sich ins Genick.
+
+KAISER:
+Das ist mein Zorn, so moecht' ich ihn behandeln,
+Das stolze Haupt in Schemeltritt verwandeln!
+
+HEROLDE:
+Wenig Ehre, wenig Geltung
+Haben wir daselbst genossen,
+Unsrer kraeftig edlen Meldung
+Lachten sie als schaler Possen:
+"Euer Kaiser ist verschollen,
+Echo dort im engen Tal;
+Wenn wir sein gedenken sollen,
+Maerchen sagt:--Es war einmal."
+
+FAUST:
+Dem Wunsch gemaess der Besten ist's geschehn,
+Die fest und treu an deiner Seite stehn.
+Dort naht der Feind, die Deinen harren bruenstig;
+Befiehl den Angriff, der Moment ist guenstig.
+
+KAISER:
+Auf das Kommando leist' ich hier Verzicht.
+In deinen Haenden, Fuerst, sei deine Pflicht.
+
+OBERGENERAL:
+So trete denn der rechte Fluegel an!
+Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen,
+Soll, eh' sie noch den letzten Schritt getan,
+Der Jungendkraft gepruefter Treue weichen.
+
+FAUST:
+Erlaube denn, dass dieser muntre Held
+Sich ungesaeumt in deine Reihen stellt,
+Sich deinen Reihen innigst einverleibt
+Und, so gesellt, sein kraeftig Wesen treibt.
+
+RAUFEBOLD:
+Wer das Gesicht mir zeigt, der kehrt's nicht ab
+Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken;
+Wer mir den Ruecken kehrt, gleich liegt ihm schlapp
+Hals, Kopf und Schopf hinschlotternd grass im Nacken.
+Und schlagen deine Maenner dann
+Mit Schwert und Kolben, wie ich wuete,
+So stuerzt der Feind, Mann ueber Mann,
+Ersaeuft im eigenen Gebluete.
+
+OBERGENERAL:
+Der Phalanx unsrer Mitte folge sacht,
+Dem Feind begegn' er, klug mit aller Macht;
+Ein wenig rechts, dort hat bereits, erbittert,
+Der Unsern Streitkraft ihren Plan erschuettert.
+
+FAUST:
+So folge denn auch dieser deinem Wort!
+Er ist behend, reisst alles mit sich fort.
+
+HABEBALD:
+Dem Heldenmut der Kaiserscharen
+Soll sich der Durst nach Beute paaren;
+Und allen sei das Ziel gestellt:
+Des GegenKAISER:s reiches Zelt.
+Er prahlt nicht lang auf seinem Sitze,
+Ich ordne mich dem Phalanx an die Spitze.
+
+EILEBEUTE:
+Bin ich auch ihm nicht angeweibt,
+Er mir der liebste Buhle bleibt.
+Fuer uns ist solch ein Herbst gereift!
+Die Frau ist grimmig, wenn sie greift,
+Ist ohne Schonung, wenn sie raubt;
+Im Sieg voran! und alles ist erlaubt.
+
+OBERGENERAL:
+Auf unsre Linke, wie vorauszusehn,
+Stuerzt ihre Rechte, kraeftig. Widerstehn
+Wird Mann fuer Mann dem wuetenden Beginnen,
+Den engen Pass des Felswegs zu gewinnen.
+
+FAUST:
+So bitte, Herr, auch diesen zu bemerken;
+Es schadet nichts, wenn Starke sich verstaerken.
+
+HALTEFEST:
+Dem linken Fluegel keine Sorgen!
+Da, wo ich bin, ist der Besitz geborgen;
+In ihm bewaehret sich der Alte,
+Kein Strahlblitz spaltet, was ich halte.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nun schauet, wie im Hintergrunde
+Aus jedem zackigen Felsenschlunde
+Bewaffnete hervor sich draengen,
+Die schmalen Pfade zu verengen,
+Mit Helm und Harnisch, Schwertern, Schilden
+In unserm Ruecken eine Mauer bilden,
+Den Wink erwartend, zuzuschlagen.
+Woher das kommt, muesst ihr nicht fragen.
+Ich habe freilich nicht gesaeumt,
+Die Waffensaele ringsum ausgeraeumt;
+Da standen sie zu Fuss, zu Pferde,
+Als waeren sie noch Herrn der Erde;
+Sonst waren's Ritter, Koenig, Kaiser,
+Jetzt sind es nichts als leere Schneckenhaeuser;
+Gar manch Gespenst hat sich darein geputzt,
+Das Mittelalter lebhaft aufgestutzt.
+Welch Teufelchen auch drinne steckt,
+Fuer diesmal macht es doch Effekt.
+Hoert, wie sie sich voraus erbosen,
+Blechklappernd aneinander stossen!
+Auch flattern Fahnenfetzen bei Standarten,
+Die frischer Lueftchen ungeduldig harrten.
+Bedenkt, hier ist ein altes Volk bereit
+Und mischte gern sich auch zum neuen Streit.
+
+FAUST:
+Der Horizont hat sich verdunkelt,
+Nur hie und da bedeutend funkelt
+Ein roter ahnungsvoller Schein;
+Schon blutig blinken die Gewehre;
+Der Fels, der Wald, die Atmosphaere,
+Der ganze Himmel mischt sich ein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die rechte Flanke haelt sich kraeftig;
+Doch seh' ich ragend unter diesen
+Hans Raufbold, den behenden Riesen,
+Auf seine Weise rasch geschaeftig.
+
+KAISER:
+Erst sah ich einen Arm erhoben,
+Jetzt seh' ich schon ein Dutzend toben;
+Naturgemaess geschieht es nicht.
+
+FAUST:
+Vernahmst du nichts von Nebelstreifen,
+Die auf Siziliens Kuesten schweifen?
+Dort, schwankend klar, im Tageslicht,
+Erhoben zu den Mittellueften,
+Gespiegelt in besondern Dueften,
+Erscheint ein seltsames Gesicht:
+Da schwanken Staedte hin und wider,
+Da steigen Gaerten auf und nieder,
+Wie Bild um Bild den aether bricht.
+
+KAISER:
+Doch wie bedenklich! Alle Spitzen
+Der hohen Speere seh' ich blitzen;
+Auf unsres Phalanx blanken Lanzen
+Seh' ich behende Flaemmchen tanzen.
+Das scheint mir gar zu geisterhaft.
+
+FAUST:
+Verzeih, o Herr, das sind die Spuren
+Verschollner geistiger Naturen,
+Ein Widerschein der Dioskuren,
+Bei denen alle Schiffer schwuren;
+Sie sammeln hier die letzte Kraft.
+
+KAISER:
+Doch sage: wem sind wir verpflichtet,
+Dass die Natur, auf uns gerichtet,
+Das Seltenste zusammenrafft?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wem als dem Meister, jenem hohen,
+Der dein Geschick im Busen traegt?
+Durch deiner Feinde starkes Drohen
+Ist er im Tiefsten aufgeregt.
+Sein Dank will dich gerettet sehen,
+Und sollt' er selbst daran vergehen.
+
+KAISER:
+Sie jubelten, mich pomphaft umzufuehren;
+Ich war nun was, das wollt' ich auch probieren
+Und fand's gelegen, ohne viel zu denken,
+Dem weissen Barte kuehle Luft zu schenken.
+Dem Klerus hab' ich eine Lust verdorben,
+Und ihre Gunst mir freilich nicht erworben.
+Nun sollt' ich, seit so manchen Jahren,
+Die Wirkung frohen Tuns erfahren?
+
+FAUST:
+Freiherzige Wohltat wuchert reich;
+Lass deinen Blick sich aufwaerts wenden!
+Mich deucht, er will ein Zeichen senden,
+Gib acht, es deutet sich sogleich.
+
+KAISER:
+Ein Adler schwebt im Himmelhohen,
+Ein Greif ihm nach mit wildem Drohen.
+
+FAUST:
+Gib acht: gar guenstig scheint es mir.
+Greif ist ein fabelhaftes Tier;
+Wie kann es sich so weit vergessen,
+Mit echtem Adler sich zu messen?
+
+KAISER:
+Nunmehr, in weitgedehnten Kreisen,
+Umziehn sie sich;--in gleichem Nu
+Sie fahren aufeinander zu,
+Sich Brust und Haelse zu zerreissen.
+
+FAUST:
+Nun merke, wie der leidige Greif,
+Zerzerrt, zerzaust, nur Schaden findet
+Und mit gesenktem Loewenschweif,
+Zum Gipfelwald gestuerzt, verschwindet.
+
+KAISER:
+Sei's, wie gedeutet, so getan!
+Ich nehm' es mit Verwundrung an.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dringend wiederholten Streichen
+Muessen unsre Feinde weichen,
+Und mit ungewissem Fechten
+Draengen sie nach ihrer Rechten
+Und verwirren so im Streite
+Ihrer Hauptmacht linke Seite.
+Unsers Phalanx feste Spitze
+Zieht sich rechts, und gleich dem Blitze
+Faehrt sie in die schwache Stelle.--
+Nun, wie sturmerregte Welle
+Spruehend, wueten gleiche Maechte
+Wild in doppeltem Gefechte;
+Herrlichers ist nichts ersonnen,
+Uns ist diese Schlacht gewonnen!
+
+KAISER:
+Schau! Mir scheint es dort bedenklich,
+Unser Posten steht verfaenglich.
+Keine Steine seh' ich fliegen,
+Niedre Felsen sind erstiegen,
+Obre stehen schon verlassen.
+Jetzt!--Der Feind, zu ganzen Massen
+Immer naeher angedrungen,
+Hat vielleicht den Pass errungen,
+Schlusserfolg unheiligen Strebens!
+Eure Kuenste sind vergebens.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da kommen meine beiden Raben,
+Was moegen die fuer Botschaft haben?
+Ich fuerchte gar, es geht uns schlecht.
+
+KAISER:
+Was sollen diese leidigen Voegel?
+Sie richten ihre schwarzen Segel
+Hierher vom heissen Felsgefecht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Setzt euch ganz nah zu meinen Ohren.
+Wen ihr beschuetzt, ist nicht verloren,
+Denn euer Rat ist folgerecht.
+
+FAUST:
+Von Tauben hast du ja vernommen,
+Die aus den fernsten Landen kommen
+Zu ihres Nestes Brut und Kost.
+Hier ist's mit wichtigen Unterschieden:
+Die Taubenpost bedient den Frieden,
+Der Krieg befiehlt die Rabenpost.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Es meldet sich ein schwer Verhaengnis:
+Seht hin! gewahret die Bedraengnis
+Um unsrer Helden Felsenrand!
+Die naechsten Hoehen sind erstiegen,
+Und wuerden sie den Pass besiegen,
+Wir haetten einen schweren Stand.
+
+KAISER:
+So bin ich endlich doch betrogen!
+Ihr habt mich in das Netz gezogen;
+Mir graut, seitdem es mich umstrickt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nur Mut! Noch ist es nicht missglueckt.
+Geduld und Pfiff zum letzten Knoten!
+Gewoehnlich geht's am Ende scharf.
+Ich habe meine sichern Boten;
+Befehlt, dass ich befehlen darf!
+
+OBERGENERAL:
+Mit diesen hast du dich vereinigt,
+Mich hat's die ganze Zeit gepeinigt,
+Das Gaukeln schafft kein festes Glueck.
+Ich weiss nichts an der Schlacht zu wenden;
+Begannen sie's, sie moegen's enden,
+Ich gebe meinen Stab zurueck.
+
+KAISER:
+Behalt ihn bis zu bessern Stunden,
+Die uns vielleicht das Glueck verleiht.
+Mir schaudert vor dem garstigen Kunden
+Und seiner Rabentraulichkeit.
+Den Stab kann ich dir nicht verleihen,
+Du scheinst mir nicht der rechte Mann;
+Befiehl und such uns zu befreien!
+Geschehe, was geschehen kann.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mag ihn der stumpfe Stab beschuetzen!
+Uns andern koennt' er wenig nuetzen,
+Es war so was vom Kreuz daran.
+
+FAUST:
+Was ist zu tun? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Es ist getan!--
+Nun, schwarze Vettern, rasch im Dienen,
+Zum grossen Bergsee! gruesst mir die Undinen
+Und bittet sie um ihrer Fluten Schein.
+Durch Weiberkuenste, schwer zu kennen,
+Verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen,
+Und jeder schwoert, das sei das Sein.
+
+FAUST:
+Den Wasserfraeulein muessen unsre Raben
+Recht aus dem Grund geschmeichelt haben;
+Dort faengt es schon zu rieseln an.
+An mancher trocknen, kahlen Felsenstelle
+Entwickelt sich die volle, rasche Quelle;
+Um jener Sieg ist es getan.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das ist ein wunderbarer Gruss,
+Die kuehnsten Klettrer sind konfus.
+
+FAUST:
+Schon rauscht ein Bach zu Baechen maechtig nieder,
+Aus Schluchten kehren sie gedoppelt wieder,
+Ein Strom nun wirft den Bogenstrahl;
+Auf einmal legt er sich in flache Felsenbreite
+Und rauscht und schaeumt nach der und jener Seite,
+Und stufenweise wirft er sich ins Tal.
+Was hilft ein tapfres, heldenmaessiges Stemmen?
+Die maechtige Woge stroemt, sie wegzuschwemmen.
+Mir schaudert selbst vor solchem wilden Schwall.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich sehe nichts von diesen Wasserluegen,
+Nur Menschenaugen lassen sich betruegen,
+Und mich ergetzt der wunderliche Fall.
+Sie stuerzen fort zu ganzen Haufen,
+Die Narren waehnen zu ersaufen,
+Indem sie frei auf festem Lande schnaufen
+Und laecherlich mit Schwimmgebaerden laufen.
+Nun ist Verwirrung ueberall.
+Ich werd' euch bei dem hohen Meister loben;
+Wollt ihr euch nun als Meister selbst erproben,
+So eilet zu der gluehnden Schmiede,
+Wo das Gezwergvolk, nimmer muede,
+Metall und Stein zu Funken schlaegt.
+Verlangt, weitlaeufig sie beschwatzend,
+Ein Feuer, leuchtend, blinkend, platzend,
+Wie man's im hohen Sinne hegt.
+Zwar Wetterleuchten in der weiten Ferne,
+Blickschnelles Fallen allerhoechster Sterne
+Mag jede Sommernacht geschehn;
+Doch Wetterleuchten in verworrnen Bueschen
+Und Sterne, die am feuchten Boden zischen,
+Das hat man nicht so leicht gesehn.
+So muesst ihr, ohn' euch viel zu quaelen,
+Zuvoerderst bitten, dann befehlen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Den Feinden dichte Finsternisse!
+Und Tritt und Schritt ins Ungewisse!
+Irrfunkenblick an allen Enden,
+Ein Leuchten, ploetzlich zu verblenden!
+Das alles waere wunderschoen,
+Nun aber braucht's noch Schreckgetoen.
+
+FAUST:
+Die hohlen Waffen aus der Saele Grueften
+Empfinden sich erstarkt in freien Lueften;
+Da droben klappert's, rasselt's lange schon,
+Ein wunderbarer falscher Ton.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ganz recht! Sie sind nicht mehr zu zuegeln;
+Schon schallt's von ritterlichen Pruegeln,
+Wie in der holden alten Zeit.
+Armschienen wie der Beine Schienen,
+Als Guelfen und als Ghibellinen,
+Erneuen rasch den ewigen Streit.
+Fest, im ererbten Sinne woehnlich,
+Erweisen sie sich unversoehnlich;
+Schon klingt das Tosen weit und breit.
+Zuletzt, bei allen Teufelsfesten,
+Wirkt der Parteihass doch zum besten,
+Bis in den allerletzten Graus;
+Schallt wider-widerwaertig panisch,
+Mitunter grell und scharf satanisch,
+Erschreckend in das Tal hinaus.
+
+
+
+Des Gegenkaisers Zelt
+
+EILEBEUTE:
+So sind wir doch die ersten hier!
+
+HABEBALD:
+Kein Rabe fliegt so schnell als wir.
+
+EILEBEUTE:
+O! welch ein Schatz liegt hier zuhauf!
+Wo fang' ich an? Wo hoer' ich auf?
+
+HABEBALD:
+Steht doch der ganze Raum so voll!
+Weiss nicht, wozu ich greifen soll.
+
+EILEBEUTE:
+Der Teppich waer' mir eben recht,
+Mein Lager ist oft gar zu schlecht.
+
+HABEBALD:
+Hier haengt von Stahl ein Morgenstern,
+Dergleichen haett' ich lange gern.
+
+EILEBEUTE:
+Den roten Mantel goldgesaeumt,
+So etwas hatt' ich mir getraeumt.
+
+HABEBALD:
+Damit ist es gar bald getan,
+Man schlaegt ihn tot und geht voran.
+Du hast so viel schon aufgepackt
+Und doch nichts Rechtes eingesackt.
+Den Plunder lass an seinem Ort,
+Nehm' eines dieser Kistchen fort!
+Dies ist des Heers beschiedner Sold,
+In seinem Bauche lauter Gold.
+
+EILEBEUTE:
+Das hat ein moerderisch Gewicht!
+Ich heb' es nicht, ich trag' es nicht.
+
+HABEBALD:
+Geschwinde duck' dich! Musst dich buecken!
+Ich hucke dir's auf den starken Ruecken.
+
+EILEBEUTE:
+O weh! O weh, nun ist's vorbei!
+Die Last bricht mir das Kreuz entzwei.
+
+HABEBALD:
+Da liegt das rote Gold zuhauf--
+Geschwinde zu und raff es auf!
+
+EILEBEUTE:
+Geschwinde nur zum Schoss hinein!
+Noch immer wird's zur Gnuege sein.
+
+HABEBALD:
+Und so genug! und eile doch!
+O weh, die Schuerze hat ein Loch!
+Wohin du gehst und wo du stehst,
+Verschwenderisch die Schaetze saest.
+
+TRABANTEN USERS KAISERS:
+Was schafft ihr hier am heiligen Platz?
+Was kramt ihr in dem Kaiserschatz?
+
+HABEBALD:
+Wir trugen unsre Glieder feil
+Und holen unser Beuteteil.
+In Feindeszelten ist's der Brauch,
+Und wir, Soldaten sind wir auch.
+
+TRABANTEN:
+Das passet nicht in unsern Kreis:
+Zugleich Soldat und Diebsgeschmeiss;
+Und wer sich unserm Kaiser naht,
+Der sei ein redlicher Soldat.
+
+HABEBALD:
+Die Redlichkeit, die kennt man schon,
+Sie heisset: Kontribution.
+Ihr alle seid auf gleichem Fuss:
+Gib her! das ist der Handwerksgruss.
+Mach fort und schleppe, was du hast,
+Hier sind wir nicht willkommner Gast.
+
+ERSTER TRABANT:
+Sag, warum gabst du nicht sogleich
+Dem frechen Kerl einen Backenstreich?
+
+ZWEITER:
+Ich weiss nicht, mir verging die Kraft,
+Sie waren so gespensterhaft.
+
+DRITTER:
+Mir ward es vor den Augen schlecht,
+Da flimmert' es, ich sah nicht recht.
+
+VIERTER:
+Wie ich es nicht zu sagen weiss:
+Es war den ganzen Tag so heiss,
+So baenglich, so beklommen schwuel,
+Der eine stand, der andre fiel,
+Man tappte hin und schlug zugleich,
+Der Gegner fiel vor jedem Streich,
+Vor Augen schwebt' es wie ein Flor,
+Dann summt's und saust's und zischt' im Ohr;
+Das ging so fort, nun sind wir da
+Und wissen selbst nicht, wie's geschah.
+
+KAISER:
+Es sei nun, wie ihm sei! uns ist die Schlacht gewonnen,
+Des Feinds zerstreute Flucht im flachen Feld zerronnen.
+Hier steht der leere Thron, verraeterischer Schatz,
+Von Teppichen umhuellt, verengt umher den Platz.
+Wir, ehrenvoll geschuetzt von eigenen Trabanten,
+Erwarten KAISER:lich der Voelker Abgesandten;
+Von allen Seiten her kommt frohe Botschaft an:
+Beruhigt sei das Reich, uns freudig zugetan.
+Hat sich in unsern Kampf auch Gaukelei geflochten,
+Am Ende haben wir uns nur allein gefochten.
+Zufaelle kommen ja dem Streitenden zugut:
+Vom Himmel faellt ein Stein, dem Feinde regnet's Blut,
+Aus Felsenhoehlen toent's von maechtigen Wunderklaengen,
+Die unsre Brust erhoehn, des Feindes Brust verengen.
+Der ueberwundne fiel, zu stets erneutem Spott,
+Der Sieger, wie er prangt, preist den gewognen Gott.
+Und alles stimmt mit ein, er braucht nicht zu befehlen,
+Herr Gott, dich loben wir! aus Millionen Kehlen.
+Jedoch zum hoechsten Preis wend' ich den frommen Blick,
+Das selten sonst geschah, zur eignen Brust zurueck.
+Ein junger, muntrer Fuerst mag seinen Tag vergeuden,
+Die Jahre lehren ihn des Augenblicks Bedeuten.
+Deshalb denn ungesaeumt verbind' ich mich sogleich
+Mit euch vier Wuerdigen, fuer Haus und Hof und Reich.
+Dein war, o Fuerst! des Heers geordnet kluge Schichtung,
+Sodann im Hauptmoment heroisch kuehne Richtung;
+Im Frieden wirke nun, wie es die Zeit begehrt,
+Erzmarschall nenn' ich dich, verleihe dir das Schwert.
+
+ERZMARSCHALL:
+Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beschaeftigt,
+Wenn's an der Grenze dich und deinen Thron bekraeftigt,
+Dann sei es uns vergoennt, bei Festesdrang im Saal
+Geraeumiger Vaeterburg zu ruesten dir das Mahl.
+Blank trag' ich's dir dann vor, blank halt' ich dir's zur Seite,
+Der hoechsten Majestaet zu ewigem Geleite.
+
+KAISER:
+Der sich als tapfrer Mann auch zart gefaellig zeigt,
+Du! sei Erzkaemmerer; der Auftrag ist nicht leicht.
+Du bist der Oberste von allem Hausgesinde,
+Bei deren innerm Streit ich schlechte Diener finde;
+Dein Beispiel sei fortan in Ehren aufgestellt,
+Wie man dem Herrn, dem Hof und allen wohlgefaellt.
+
+ERZKAeMMERER:
+Des Herren grossen Sinn zu foerdern, bringt zu Gnaden:
+Den Besten huelfreich sein, den Schlechten selbst nicht schaden,
+Dann klar sein ohne List und ruhig ohne Trug!
+Wenn du mich, Herr, durchschaust, geschieht mir schon genug.
+Darf sich die Phantasie auf jenes Fest erstrecken?
+Wenn du zur Tafel gehst, reich' ich das goldne Becken,
+Die Ringe halt' ich dir, damit zur Wonnezeit
+Sich deine Hand erfrischt, wie mich dein Blick erfreut.
+
+KAISER:
+Zwar fuehl' ich mich zu ernst, auf Festlichkeit zu sinnen,
+Doch sei's! Es foerdert auch frohmuetiges Beginnen.
+Dich waehl' ich zum Erztruchsess! Also sei fortan
+Dir Jagd, Gefluegelhof und Vorwerk untertan;
+Der Lieblingsspeisen Wahl lass mir zu allen Zeiten,
+Wie sie der Monat bringt, und sorgsam zubereiten.
+
+ERZTRUCHSESS:
+Streng Fasten sei fuer mich die angenehmste Pflicht,
+Bis, vor dich hingestellt, dich freut ein Wohlgericht.
+Der Kueche Dienerschaft soll sich mit mir vereinigen,
+Das Ferne beizuziehn, die Jahrszeit zu beschleunigen.
+Dich reizt nicht Fern und Frueh, womit die Tafel prangt,
+Einfach und kraeftig ist's, wornach dein Sinn verlangt.
+
+KAISER:
+Weil unausweichlich hier sich's nur von Festen handelt,
+So sei mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt.
+Erzschenke, sorge nun, dass unsre Kellerei
+Aufs reichlichste versorgt mit gutem Weine sei.
+Du selbst sei maessig, lass nicht ueber Heiterkeiten
+Durch der Gelegenheit Verlocken dich verleiten!
+
+ERZSCHENK:
+Mein Fuerst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut,
+Steht, eh' man sich's versieht, zu Maennern auferbaut.
+Auch ich versetze mich zu jenem grossen Feste;
+Ein KAISER:lich Buefett schmueck' ich aufs allerbeste
+Mit Prachtgefaessen, guelden, silbern allzumal,
+Doch waehl' ich dir voraus den lieblichsten Pokal:
+Ein blank venedisch Glas, worin Behagen lauschet,
+Des Weins Geschmack sich staerkt und nimmermehr berauschet.
+Auf solchen Wunderschatz vertraut man oft zu sehr;
+Doch deine Maessigkeit, du Hoechster, schuetzt noch mehr.
+
+KAISER:
+Was ich euch zugedacht in dieser ernsten Stunde,
+Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverlaessigem Munde.
+Des Kaisers Wort ist gross und sichert jede Gift,
+Doch zur Bekraeftigung bedarf's der edlen Schrift,
+Bedarf's der Signatur. Die foermlich zu bereiten,
+Seh' ich den rechten Mann zu rechter Stunde schreiten.
+
+KAISER:
+Wenn ein Gewoelbe sich dem Schlussstein anvertraut,
+Dann ist's mit Sicherheit fuer ewige Zeit erbaut.
+Du siehst vier Fuersten da! Wir haben erst eroertert,
+Was den Bestand zunaechst von Haus und Hof befoerdert.
+Nun aber, was das Reich in seinem Ganzen hegt,
+Sei, mit Gewicht und Kraft, der Fuenfzahl auferlegt.
+An Laendern sollen sie vor allen andern glaenzen;
+Deshalb erweitr' ich gleich jetzt des Besitztums Grenzen
+Vom Erbteil jener, die sich von uns abgewandt.
+Euch Treuen sprech' ich zu so manches schoene Land,
+Zugleich das hohe Recht, euch nach Gelegenheiten
+Durch Anfall, Kauf und Tausch ins Weitre zu verbreiten;
+Dann sei bestimmt--vergoennt, zu ueben ungestoert--,
+Was von Gerechtsamen euch Landesherrn gehoert.
+Als Richter werdet ihr die Endurteile faellen,
+Berufung gelte nicht von euern hoechsten Stellen.
+Dann Steuer, Zins und Beth', Lehn und Geleit und Zoll,
+Berg-, Salz- und Muenzregal euch angehoeren soll.
+Denn meine Dankbarkeit vollgueltig zu erproben,
+Hab ich euch ganz zunaechst der Majestaet erhoben.
+
+ERZBISCHOF:
+Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht!
+Du machst uns stark und fest und staerkest deine Macht.
+
+KAISER:
+Euch fuenfen will ich noch erhoehtere Wuerde geben.
+Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu leben;
+Doch hoher Ahnen Kette zieht bedaechtigen Blick
+Aus rascher Strebsamkeit ins Drohende zurueck.
+Auch werd' ich seinerzeit mich von den Teuren trennen,
+Dann sei es eure Pflicht, den Folger zu ernennen.
+Gekroent erhebt ihn hoch auf heiligem Altar,
+Und friedlich ende dann, was jetzt so stuermisch war.
+
+ERZKANZLER:
+Mit Stolz in tiefster Brust, mit Demut an Gebaerde,
+Stehn Fuersten dir gebeugt, die ersten auf der Erde.
+Solang das treue Blut die vollen Adern regt,
+Sind wir der Koerper, den dein Wille leicht bewegt.
+
+KAISER:
+Und also sei, zum Schluss, was wir bisher betaetigt,
+Fuer alle Folgezeit durch Schrift und Zug bestaetigt.
+Zwar habt ihr den Besitz als Herren voellig frei,
+Mit dem Beding jedoch, dass er unteilbar sei.
+Und wie ihr auch vermehrt, was ihr von uns empfangen,
+Es soll's der aeltste Sohn in gleichem Mass erlangen.
+
+ERZKANZLER:
+Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemut,
+Zum Glueck dem Reich und uns, das wichtigste Statut;
+Reinschrift und Sieglung soll die Kanzelei beschaeftigen,
+Mit heiliger Signatur wirst du's, der Herr, bekraeftigen.
+
+KAISER:
+Und so entlass' ich euch, damit den grossen Tag
+Gesammelt jedermann sich ueberlegen mag.
+
+DER GEISTLICHE:
+Der Kanzler ging hinweg, der Bischof ist geblieben,
+Vom ernsten Warnegeist zu deinem Ohr getrieben!
+Sein vaeterliches Herz, von Sorge bangt's um dich.
+
+KAISER:
+Was hast du Baengliches zur frohen Stunde? sprich!
+
+ERZBISCHOF:
+Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieser Stunde,
+Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde!
+Zwar, wie es scheinen will, gesichert auf dem Thron,
+Doch leider! Gott dem Herrn, dem Vater Papst zum Hohn.
+Wenn dieser es erfaehrt, schnell wird er straeflich richten,
+Mit heiligem Strahl dein Reich, das suendige, zu vernichten.
+Denn noch vergass er nicht, wie du, zur hoechsten Zeit,
+An deinem Kroenungstag, den Zauberer befreit.
+Von deinem Diadem, der Christenheit zum Schaden,
+Traf das verfluchte Haupt der erste Strahl der Gnaden.
+Doch schlag an deine Brust und gib vom frevlen Glueck
+Ein maessig Scherflein gleich dem Heiligtum zurueck:
+Den breiten Huegelraum, da, wo dein Zelt gestanden,
+Wo boese Geister sich zu deinem Schutz verbanden,
+Dem Luegenfuersten du ein horchsam Ohr geliehn,
+Den stifte, fromm belehrt, zu heiligem Bemuehn;
+Mit Berg und dichtem Wald, so weit sie sich erstrecken,
+Mit Hoehen, die sich gruen zu fetter Weide decken,
+Fischreichen, klaren Seen, dann Baechlein ohne Zahl,
+Wie sie sich, eilig schlaengelnd, stuerzen ab zu Tal;
+Das breite Tal dann selbst, mit Wiesen, Gauen, Gruenden:
+Die Reue spricht sich aus, und du wirst Gnade finden.
+
+KAISER:
+Durch meinen schweren Fehl bin ich so tief erschreckt;
+Die Grenze sei von dir nach eignem Mass gesteckt.
+
+ERZBISCHOF:
+Erst! der entweihte Raum, wo man sich so versuendigt,
+Sei alsobald zum Dienst des Hoechsten angekuendigt.
+Behende steigt im Geist Gemaeuer stark empor,
+Der Morgensonne Blick erleuchtet schon das Chor,
+Zum Kreuz erweitert sich das wachsende Gebaeude,
+Das Schiff erlaengt, erhoeht sich zu der Glaeubigen Freude;
+Sie stroemen bruenstig schon durchs wuerdige Portal,
+Der erste Glockenruf erscholl durch Berg und Tal,
+Von hohen Tuermen toent's, wie sie zum Himmel streben,
+Der Buesser kommt heran zu neugeschaffnem Leben.
+Dem hohen Weihetag--er trete bald herein!--
+Wird deine Gegenwart die hoechste Zierde sein.
+
+KAISER:
+Mag ein so grosses Werk den frommen Sinn verkuendigen,
+Zu preisen Gott den Herrn, so wie mich zu entsuendigen.
+Genug! Ich fuehle schon, wie sich mein Sinn erhoeht.
+
+ERZBISCHOF:
+Als Kanzler foerdr' ich nun Schluss und Formalitaet.
+
+KAISER:
+Ein foermlich Dokument, der Kirche das zu eignen,
+Du legst es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen.
+
+ERZBISCHOF:
+Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht,
+Gesamte Landsgefaelle: Zehnten, Zinsen, Beth',
+Fuer ewig. Viel bedarf's zu wuerdiger Unterhaltung,
+Und schwere Kosten macht die sorgliche Verwaltung.
+Zum schnellen Aufbau selbst auf solchem wuesten Platz
+Reichst du uns einiges Gold, aus deinem Beuteschatz.
+Daneben braucht man auch, ich kann es nicht verschweigen,
+Entferntes Holz und Kalk und Schiefer und dergleichen.
+Die Fuhren tut das Volk, vom Predigtstuhl belehrt,
+Die Kirche segnet den, der ihr zu Diensten faehrt.
+
+KAISER:
+Die Suend' ist gross und schwer, womit ich mich beladen;
+Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten Schaden.
+
+ERZBISCHOF:
+Verzeih, o Herr! Es ward dem sehr verrufnen Mann
+Des Reiches Strand verliehn; doch diesen trifft der Bann,
+Verleihst du reuig nicht der hohen Kirchenstelle
+Auch dort den Zehnten, Zins und Gaben und Gefaelle.
+
+KAISER:
+Das Land ist noch nicht da, im Meer liegt es breit.
+
+ERZBISCHOF:
+Wer 's Recht hat und Geduld, fuer den kommt auch die Zeit.
+Fuer uns moeg' Euer Wort in seinen Kraeften bleiben!
+
+KAISER:
+So koennt' ich wohl zunaechst das ganze Reich verschreiben.
+
+
+
+
+5. Akt--Offene Gegend
+
+WANDRER:
+Ja! sie sind's, die dunkeln Linden,
+Dort, in ihres Alters Kraft.
+Und ich soll sie wiederfinden,
+Nach so langer Wanderschaft!
+Ist es doch die alte Stelle,
+Jene Huette, die mich barg,
+Als die sturmerregte Welle
+Mich an jene Duenen warf!
+Meine Wirte moecht' ich segnen,
+Hilfsbereit, ein wackres Paar,
+Das, um heut mir zu begegnen,
+Alt schon jener Tage war.
+Ach! das waren fromme Leute!
+Poch' ich? ruf' ich?--Seid gegruesst,
+Wenn gastfreundlich auch noch heute
+Ihr des Wohltuns Glueck geniesst!
+
+BAUCIS:
+Lieber Koemmling! Leise! Leise!
+Ruhe! lass den Gatten ruhn!
+Langer Schlaf verleiht dem Greise
+Kurzen Wachens rasches Tun.
+
+WANDRER:
+Sage, Mutter: bist du's eben,
+Meinen Dank noch zu empfahn,
+Was du fuer des Juenglings Leben
+Mit dem Gatten einst getan?
+Bist du Baucis, die geschaeftig
+Halberstorbnen Mund erquickt?
+Du Philemon, der so kraeftig
+Meinen Schatz der Flut entrueckt?
+Eure Flammen raschen Feuers,
+Eures Gloeckchens Silberlaut,
+Jenes grausen Abenteuers
+Loesung war euch anvertraut.
+Und nun lasst hervor mich treten,
+Schaun das grenzenlose Meer;
+Lasst mich knieen, lasst mich beten,
+Mich bedraengt die Brust so sehr.
+
+PHILEMON:
+Eile nur, den Tisch zu decken,
+Wo's im Gaertchen munter blueht.
+Lass ihn rennen, ihn erschrecken,
+Denn er glaubt nicht, was er sieht.
+Das Euch grimmig missgehandelt,
+Wog' auf Woge, schaeumend wild,
+Seht als Garten Ihr behandelt,
+Seht ein paradiesisch Bild.
+aelter, war ich nicht zuhanden,
+Huelfreich nicht wie sonst bereit;
+Und wie meine Kraefte schwanden,
+War auch schon die Woge weit.
+Kluger Herren kuehne Knechte
+Gruben Graeben, daemmten ein,
+Schmaelerten des Meeres Rechte,
+Herrn an seiner Statt zu sein.
+Schaue gruenend Wies' an Wiese,
+Anger, Garten, Dorf und Wald.--
+Komm nun aber und geniesse,
+Denn die Sonne scheidet bald.--
+Dort im Fernsten ziehen Segel,
+Suchen naechtlich sichern Port.
+Kennen doch ihr Nest die Voegel;
+Denn jetzt ist der Hafen dort.
+So erblickst du in der Weite
+Erst des Meeres blauen Saum,
+Rechts und links, in aller Breite,
+Dichtgedraengt bewohnten Raum.
+
+BAUCIS:
+Bleibst du stumm? und keinen Bissen
+Bringst du zum verlechzten Mund?
+
+PHILEMON:
+Moecht' er doch vom Wunder wissen;
+Sprichst so gerne, tu's ihm kund.
+
+BAUCIS:
+Wohl! ein Wunder ist's gewesen!
+Laesst mich heut noch nicht in Ruh;
+Denn es ging das ganze Wesen
+Nicht mit rechten Dingen zu.
+
+PHILEMON:
+Kann der Kaiser sich versuend'gen,
+Der das Ufer ihm verliehn?
+Taet's ein Herold nicht verkuend'gen
+Schmetternd im Vorueberziehn?
+Nicht entfernt von unsern Duenen
+Ward der erste Fuss gefasst,
+Zelte, Huetten!--Doch im Gruenen
+Richtet bald sich ein Palast.
+
+BAUCIS:
+Tags umsonst die Knechte laermten,
+Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag;
+Wo die Flaemmchen naechtig schwaermten,
+Stand ein Damm den andern Tag.
+Menschenopfer mussten bluten,
+Nachts erscholl des Jammers Qual;
+Meerab flossen Feuergluten,
+Morgens war es ein Kanal.
+Gottlos ist er, ihn geluestet
+Unsre Huette, unser Hain;
+Wie er sich als Nachbar bruestet,
+Soll man untertaenig sein.
+
+PHILEMON:
+Hat er uns doch angeboten
+Schoenes Gut im neuen Land!
+
+BAUCIS:
+Traue nicht dem Wasserboden,
+Halt auf deiner Hoehe stand!
+
+PHILEMON:
+Lasst uns zur Kapelle treten,
+Letzten Sonnenblick zu schaun!
+Lasst uns laeuten, knieen, beten
+Und dem alten Gott vertraun!
+
+
+
+Palast
+
+LYNKEUS DER TUeRMER:
+Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe,
+Sie ziehen munter hafenein.
+Ein grosser Kahn ist im Begriffe,
+Auf dem Kanale hier zu sein.
+Die bunten Wimpel wehen froehlich,
+Die starren Masten stehn bereit;
+In dir preist sich der Bootsmann selig,
+Dich gruesst das Glueck zur hoechsten Zeit.
+
+FAUST:
+Verdammtes Laeuten! Allzuschaendlich
+Verwundet's, wie ein tueckischer Schuss;
+Vor Augen ist mein Reich unendlich,
+Im Ruecken neckt mich der Verdruss,
+Erinnert mich durch neidische Laute:
+Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
+Der Lindenraum, die braune Baute,
+Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
+Und wuenscht' ich, dort mich zu erholen,
+Vor fremdem Schatten schaudert mir,
+Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen;
+O! waer' ich weit hinweg von hier!
+
+TUeRMER:
+Wie segelt froh der bunte Kahn
+Mit frischem Abendwind heran!
+Wie tuermt sich sein behender Lauf
+In Kisten, Kasten, Saecken auf!
+
+CHORUS:
+Da landen wir,
+Da sind wir schon.
+Glueckan dem Herren,
+Dem Patron!
+
+MEPHISTOPHELES:
+So haben wir uns wohl erprobt,
+Vergnuegt, wenn der Patron es lobt.
+Nur mit zwei Schiffen ging es fort,
+Mit zwanzig sind wir nun im Port.
+Was grosse Dinge wir getan,
+Das sieht man unsrer Ladung an.
+Das freie Meer befreit den Geist,
+Wer weiss da, was Besinnen heisst!
+Da foerdert nur ein rascher Griff,
+Man faengt den Fisch, man faengt ein Schiff,
+Und ist man erst der Herr zu drei,
+Dann hakelt man das vierte bei;
+Da geht es denn dem fuenften schlecht,
+Man hat Gewalt, so hat man Recht.
+Man fragt ums Was, und nicht ums Wie.
+Ich muesste keine Schiffahrt kennen:
+Krieg, Handel und Piraterie,
+Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.
+
+DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN:
+Nicht Dank und Gruss!
+Nicht Gruss und Dank!
+Als braechten wir
+Dem Herrn Gestank.
+Er macht ein
+Widerlich Gesicht;
+Das Koenigsgut
+Gefaellt ihm nicht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erwartet weiter
+Keinen Lohn!
+Nahmt ihr doch
+Euren Teil davon.
+
+DIE GESELLEN:
+Das ist nur fuer
+Die Langeweil';
+Wir alle fordern
+Gleichen Teil.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erst ordnet oben
+Saal an Saal
+Die Kostbarkeiten
+Allzumal!
+Und tritt er zu
+Der reichen Schau,
+Berechnet er alles
+Mehr genau,
+Er sich gewiss
+Nicht lumpen laesst
+Und gibt der Flotte
+Fest nach Fest.
+Die bunten Voegel kommen morgen,
+Fuer die werd' ich zum besten sorgen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mit ernster Stirn, mit duestrem Blick
+Vernimmst du dein erhaben Glueck.
+Die hohe Weisheit wird gekroent,
+Das Ufer ist dem Meer versoehnt;
+Vom Ufer nimmt, zu rascher Bahn,
+Das Meer die Schiffe willig an;
+So sprich, dass hier, hier vom Palast
+Dein Arm die ganze Welt umfasst.
+Von dieser Stelle ging es aus,
+Hier stand das erste Bretterhaus;
+Ein Graebchen ward hinabgeritzt,
+Wo jetzt das Ruder emsig spritzt.
+Dein hoher Sinn, der Deinen Fleiss
+Erwarb des Meers, der Erde Preis.
+Von hier aus--+
+
+FAUST:
+Das verfluchte Hier!
+Das eben, leidig lastet's mir.
+Dir Vielgewandtem muss ich's sagen,
+Mir gibt's im Herzen Stich um Stich,
+Mir ist's unmoeglich zu ertragen!
+Und wie ich's sage, schaem' ich mich.
+Die Alten droben sollten weichen,
+Die Linden wuenscht' ich mir zum Sitz,
+Die wenig Baeume, nicht mein eigen,
+Verderben mir den Weltbesitz.
+Dort wollt' ich, weit umherzuschauen,
+Von Ast zu Ast Gerueste bauen,
+Dem Blick eroeffnen weite Bahn,
+Zu sehn, was alles ich getan,
+Zu ueberschaun mit einem Blick
+Des Menschengeistes Meisterstueck,
+Betaetigend mit klugem Sinn
+Der Voelker breiten Wohngewinn.
+So sind am haertsten wir gequaelt,
+Im Reichtum fuehlend, was uns fehlt.
+Des Gloeckchens Klang, der Linden Duft
+Umfaengt mich wie in Kirch' und Gruft.
+Des allgewaltigen Willens Kuer
+Bricht sich an diesem Sande hier.
+Wie schaff' ich mir es vom Gemuete!
+Das Gloecklein laeutet, und ich wuete.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Natuerlich! dass ein Hauptverdruss
+Das Leben dir vergaellen muss.
+Wer leugnet's! Jedem edlen Ohr
+Kommt das Geklingel widrig vor.
+Und das verfluchte Bim-Baum-Bimmel,
+Umnebelnd heitern Abendhimmel,
+Mischt sich in jegliches Begebnis,
+Vom ersten Bad bis zum Begraebnis,
+Als waere zwischen Bim und Baum
+Das Leben ein verschollner Traum.
+
+FAUST:
+Das Widerstehn, der Eigensinn
+Verkuemmern herrlichsten Gewinn,
+Dass man, zu tiefer, grimmiger Pein,
+Ermueden muss, gerecht zu sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was willst du dich denn hier genieren?
+Musst du nicht laengst kolonisieren?
+
+FAUST:
+So geht und schafft sie mir zur Seite!--
+Das schoene Guetchen kennst du ja,
+Das ich den Alten ausersah.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man traegt sie fort und setzt sie nieder,
+Eh' man sich umsieht, stehn sie wieder;
+Nach ueberstandener Gewalt
+Versoehnt ein schoener Aufenthalt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Kommt, wie der Herr gebieten laesst!
+Und morgen gibt's ein Flottenfest.
+
+DIE DREI:
+Der alte Herr empfing uns schlecht,
+Ein flottes Fest ist uns zu Recht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auch hier geschieht, was laengst geschah,
+Denn Naboths Weinberg war schon da. ((regum i,21))
+
+
+
+Tiefe Nacht
+
+LYNKEUS DER TUeRMER:
+Zum Sehen geboren,
+Zum Schauen bestellt,
+Dem Turme geschworen,
+Gefaellt mir die Welt.
+Ich blick' in die Ferne,
+Ich seh' in der Naeh'
+Den Mond und die Sterne,
+Den Wald und das Reh.
+So seh' ich in allen
+Die ewige Zier,
+Und wie mir's gefallen,
+Gefall' ich auch mir.
+Ihr gluecklichen Augen,
+Was je ihr gesehn,
+Es sei wie es wolle,
+Es war doch so schoen!
+Nicht allein mich zu ergetzen,
+Bin ich hier so hoch gestellt;
+Welch ein greuliches Entsetzen
+Droht mir aus der finstern Welt!
+Funkenblicke seh' ich spruehen
+Durch der Linden Doppelnacht,
+Immer staerker wuehlt ein Gluehen,
+Von der Zugluft angefacht.
+Ach! die innre Huette lodert,
+Die bemoost und feucht gestanden;
+Schnelle Huelfe wird gefordert,
+Keine Rettung ist vorhanden.
+Ach! die guten alten Leute,
+Sonst so sorglich um das Feuer,
+Werden sie dem Qualm zur Beute!
+Welch ein schrecklich Abenteuer!
+Flamme flammet, rot in Gluten
+Steht das schwarze Moosgestelle;
+Retteten sich nur die Guten
+Aus der wildentbrannten Hoelle!
+Zuengelnd lichte Blitze steigen
+Zwischen Blaettern, zwischen Zweigen;
+aeste duerr, die flackernd brennen,
+Gluehen schnell und stuerzen ein.
+Sollt ihr Augen dies erkennen!
+Muss ich so weitsichtig sein!
+Das Kapellchen bricht zusammen
+Von der aeste Sturz und Last.
+Schlaengelnd sind, mit spitzen Flammen,
+Schon die Gipfel angefasst.
+Bis zur Wurzel gluehn die hohlen
+Staemme, purpurrot im Gluehn.--
+Was sich sonst dem Blick empfohlen,
+Mit Jahrhunderten ist hin.
+
+FAUST:
+Von oben welch ein singend Wimmern?
+Das Wort ist hier, der Ton zu spat.
+Mein Tuermer jammert; mich, im Innern,
+Verdriesst die ungeduld'ge Tat.
+Doch sei der Lindenwuchs vernichtet
+Zu halbverkohlter Staemme Graun,
+Ein Luginsland ist bald errichtet,
+Um ins Unendliche zu schaun.
+Da seh' ich auch die neue Wohnung,
+Die jenes alte Paar umschliesst,
+Das, im Gefuehl grossmuetiger Schonung,
+Der spaeten Tage froh geniesst.
+
+MEPHISTOPHELES UND DIE DREIE:
+Da kommen wir mit vollem Trab;
+Verzeiht! es ging nicht guetlich ab.
+Wir klopften an, wir pochten an,
+Und immer ward nicht aufgetan;
+Wir ruettelten, wir pochten fort,
+Da lag die morsche Tuere dort;
+Wir riefen laut und drohten schwer,
+Allein wir fanden kein Gehoer.
+Und wie's in solchem Fall geschicht,
+Sie hoerten nicht, sie wollten nicht;
+Wir aber haben nicht gesaeumt,
+Behende dir sie weggeraeumt.
+Das Paar hat sich nicht viel gequaelt,
+Vor Schrecken fielen sie entseelt.
+Ein Fremder, der sich dort versteckt
+Und fechten wollte, ward gestreckt.
+In wilden Kampfes kurzer Zeit
+Von Kohlen, ringsumher gestreut,
+Entflammte Stroh. Nun lodert's frei,
+Als Scheiterhaufen dieser drei.
+
+FAUST:
+Ward ihr fuer meine Worte taub?
+Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub.
+Dem unbesonnenen wilden Streich,
+Ihm fluch' ich; teilt es unter euch!
+
+CHORUS:
+Das alte Wort, das Wort erschallt:
+Gehorche willig der Gewalt!
+Und bist du kuehn und haelst du Stich,
+So wage Haus und Hof und--dich.
+
+FAUST:
+Die Sterne bergen Blick und Schein,
+Das Feuer sinkt und lodert klein;
+Ein Schauerwindchen faechelt's an,
+Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
+Geboten schnell, zu schnell getan!--
+Was schwebet schattenhaft heran?
+
+
+
+Mitternacht
+
+ERSTE:
+Ich heisse der Mangel. +
+
+ZWEITE:
+Ich heisse die Schuld.
+
+DRITTE:
+Ich heisse die Sorge. +
+
+VIERTE:
+Ich heisse die Not.
+
+ZU DREI:
+Die Tuer ist verschlossen, wir koennen nicht ein;
+Drin wohnet ein Reicher, wir moegen nicht 'nein.
+
+MANGEL:
+Da werd' ich zum Schatten. +
+
+SHULD:
+Da werd' ich zunicht.
+
+NOT:
+Man wendet von mir das verwoehnte Gesicht.
+
+SORGE:
+Ihr Schwestern, ihr koennt nicht und duerft nicht hinein.
+Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schluesselloch ein.
+
+MANGEL:
+Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.
+
+SHULD:
+Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.
+
+NOT:
+Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.
+
+ZU DREI:
+Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
+Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
+Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der------Tod.
+
+FAUST:
+Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
+Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn.
+Es klang so nach, als hiess' es--Not,
+Ein duestres Reimwort folgte--Tod.
+Es toente hohl, gespensterhaft gedaempft.
+Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekaempft.
+Koennt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
+Die Zaubersprueche ganz und gar verlernen,
+Stuend' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
+Da waer's der Muehe wert, ein Mensch zu sein.
+Das war ich sonst, eh' ich's im Duestern suchte,
+Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
+Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
+Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll.
+Wenn auch ein Tag uns klar vernuenftig lacht,
+In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
+Wir kehren froh von junger Flur zurueck,
+Ein Vogel kraechzt; was kraechzt er? Missgeschick.
+Von Aberglauben frueh und spat umgarnt:
+Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt.
+Und so verschuechtert, stehen wir allein.
+Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein.
+Ist jemand hier? +
+
+SORGE:
+Die Frage fordert Ja!
+
+FAUST:
+Und du, wer bist denn du? +
+
+SORGE:
+Bin einmal da.
+
+FAUST:
+Entferne dich! +
+
+SORGE:
+Ich bin am rechten Ort.
+
+FAUST:
+Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.
+
+SORGE:
+Wuerde mich kein Ohr vernehmen,
+Muesst' es doch im Herzen droehnen;
+In verwandelter Gestalt
+ueb' ich grimmige Gewalt.
+Auf den Pfaden, auf der Welle,
+Ewig aengstlicher Geselle,
+Stets gefunden, nie gesucht,
+So geschmeichelt wie verflucht.--
+Hast du die Sorge nie gekannt?
+
+FAUST:
+Ich bin nur durch die Welt gerannt;
+Ein jed' Geluest ergriff ich bei den Haaren,
+Was nicht genuegte, liess ich fahren,
+Was mir entwischte, liess ich ziehn.
+Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
+Und abermals gewuenscht und so mit Macht
+Mein Leben durchgestuermt; erst gross und maechtig,
+Nun aber geht es weise, geht bedaechtig.
+Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
+Nach drueben ist die Aussicht uns verrannt;
+Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
+Sich ueber Wolken seinesgleichen dichtet!
+Er stehe fest und sehe hier sich um;
+Dem Tuechtigen ist diese Welt nicht stumm.
+Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
+Was er erkennt, laesst sich ergreifen.
+Er wandle so den Erdentag entlang;
+Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
+Im Weiterschreiten find' er Qual und Glueck,
+Er, unbefriedigt jeden Augenblick!
+
+SORGE:
+Wen ich einmal besitze,
+Dem ist alle Welt nichts nuetze;
+Ewiges Duestre steigt herunter,
+Sonne geht nicht auf noch unter,
+Bei vollkommnen aeussern Sinnen
+Wohnen Finsternisse drinnen,
+Und er weiss von allen Schaetzen
+Sich nicht in Besitz zu setzen.
+Glueck und Unglueck wird zur Grille,
+Er verhungert in der Fuelle;
+Sei es Wonne, sei es Plage,
+Schieb er's zu dem andern Tage,
+Ist der Zukunft nur gewaertig,
+Und so wird er niemals fertig.
+
+FAUST:
+Hoer auf! so kommst du mir nicht bei!
+Ich mag nicht solchen Unsinn hoeren.
+Fahr hin! die schlechte Litanei,
+Sie koennte selbst den kluegsten Mann betoeren.
+
+SORGE:
+Soll er gehen, soll er kommen?
+Der Entschluss ist ihm genommen;
+Auf gebahnten Weges Mitte
+Wankt er tastend halbe Schritte.
+Er verliert sich immer tiefer,
+Siehet alle Dinge schiefer,
+Sich und andre laestig drueckend;
+Atemholend und erstickend;
+Nicht erstickt und ohne Leben,
+Nicht verzweiflend, nicht ergeben.
+So ein unaufhaltsam Rollen,
+Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
+Bald Befreien, bald Erdruecken,
+Halber Schlaf und schlecht Erquicken
+Heftet ihn an seine Stelle
+Und bereitet ihn zur Hoelle.
+
+FAUST:
+Unselige Gespenster! so behandelt ihr
+Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;
+Gleichgueltige Tage selbst verwandelt ihr
+In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.
+Daemonen, weiss ich, wird man schwerlich los,
+Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen;
+Doch deine Macht, Sorge, schleichend gross,
+Ich werde sie nicht anerkennen.
+
+SORGE:
+Erfahre sie, wie ich geschwind
+Mich mit Verwuenschung von dir wende!
+Die Menschen sind im ganzen Leben blind,
+Nun, Fauste, werde du's am Ende!
+
+FAUST:
+Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
+Allein im Innern leuchtet helles Licht;
+Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen;
+Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht.
+Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann fuer Mann!
+Lasst gluecklich schauen, was ich kuehn ersann.
+Ergreift das Werkzeug, Schaufel ruehrt und Spaten!
+Das Abgesteckte muss sogleich geraten.
+Auf strenges Ordnen, raschen Fleiss
+Erfolgt der allerschoenste Preis;
+Dass sich das groesste Werk vollende,
+Genuegt ein Geist fuer tausend Haende.
+
+
+
+Grosser Vorhof des Palasts
+
+MEPHISTOPHELES:
+Herbei, herbei! Herein, herein!
+Ihr schlotternden Lemuren,
+Aus Baendern, Sehnen und Gebein
+Geflickte Halbnaturen.
+
+LEMUREN:
+Wir treten dir sogleich zur Hand,
+Und wie wir halb vernommen,
+Es gilt wohl gar ein weites Land,
+Das sollen wir bekommen.
+Gespitzte Pfaehle, die sind da,
+Die Kette lang zum Messen;
+Warum an uns den Ruf geschah,
+Das haben wir vergessen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier gilt kein kuenstlerisch Bemuehn;
+Verfahret nur nach eignen Massen!
+Der Laengste lege laengelang sich hin,
+Ihr andern lueftet ringsumher den Rasen;
+Wie man's fuer unsre Vaeter tat,
+Vertieft ein laengliches Quadrat!
+Aus dem Palast ins enge Haus,
+So dumm laeuft es am Ende doch hinaus.
+
+LEMUREN:
+Wie jung ich war und lebt' und liebt',
+Mich deucht, das war wohl suesse;
+Wo's froehlich klang und lustig ging,
+Da ruehrten sich meine Fuesse.
+Nun hat das tueckische Alter mich
+Mit seiner Kruecke getroffen;
+Ich stolpert' ueber Grabes Tuer,
+Warum stand sie just offen!
+
+FAUST:
+Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
+Es ist die Menge, die mir froenet,
+Die Erde mit sich selbst versoehnet,
+Den Wellen ihre Grenze setzt,
+Das Meer mit strengem Band umzieht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du bist doch nur fuer uns bemueht
+Mit deinen Daemmen, deinen Buhnen;
+Denn du bereitest schon Neptunen,
+Dem Wasserteufel, grossen Schmaus.
+In jeder Art seid ihr verloren;--
+Die Elemente sind mit uns verschworen,
+Und auf Vernichtung laeuft's hinaus.
+
+FAUST:
+Aufseher! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier! +
+
+FAUST:
+Wie es auch moeglich sei,
+Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,
+Ermuntere durch Genuss und Strenge,
+Bezahle, locke, presse bei!
+Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
+Wie sich verlaengt der unternommene Graben.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man spricht, wie man mir Nachricht gab,
+Von keinem Graben, doch vom Grab.
+
+FAUST:
+Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
+Verpestet alles schon Errungene;
+Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
+Das Letzte waer' das Hoechsterrungene.
+Eroeffn' ich Raeume vielen Millionen,
+Nicht sicher zwar, doch taetig-frei zu wohnen.
+Gruen das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
+Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
+Gleich angesiedelt an des Huegels Kraft,
+Den aufgewaelzt kuehn-emsige Voelkerschaft.
+Im Innern hier ein paradiesisch Land,
+Da rase draussen Flut bis auf zum Rand,
+Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschiessen,
+Gemeindrang eilt, die Luecke zu verschliessen.
+Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
+Das ist der Weisheit letzter Schluss:
+Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
+Der taeglich sie erobern muss.
+Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
+Hier Kindheit, Mann und Greis sein tuechtig Jahr.
+Solch ein Gewimmel moecht' ich sehn,
+Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
+Zum Augenblicke duerft' ich sagen:
+Verweile doch, du bist so schoen!
+Es kann die Spur von meinen Erdetagen
+Nicht in aeonen untergehn.--
+Im Vorgefuehl von solchem hohen Glueck
+Geniess' ich jetzt den hoechsten Augenblick.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ihn saettigt keine Lust, ihm gnuegt kein Glueck,
+So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
+Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
+Der Arme wuenscht ihn festzuhalten.
+Der mir so kraeftig widerstand,
+Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
+Die Uhr steht still--+
+
+CHOR:
+Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht.
+Der Zeiger faellt. +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Er faellt, es ist vollbracht.
+
+CHOR:
+Es ist vorbei. +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Vorbei! ein dummes Wort.
+Warum vorbei?
+Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
+Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!
+Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
+"Da ist's vorbei!" Was ist daran zu lesen?
+Es ist so gut, als waer' es nicht gewesen,
+Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es waere.
+Ich liebte mir dafuer das Ewig-Leere.
+
+
+
+Grablegung
+
+LEMUR--SOLO:
+Wer hat das Haus so schlecht gebaut,
+Mit Schaufeln und mit Spaten?
+
+LEMUREN--CHOR:
+Dir, dumpfer Gast im haenfnen Gewand,
+Ist's viel zu gut geraten.
+
+LEMUR--SOLO:
+Wer hat den Saal so schlecht versorgt?
+Wo blieben Tisch und Stuehle?
+
+LEMUREN--CHOR:
+Es war auf kurze Zeit geborgt;
+Der Glaeubiger sind so viele.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Koerper liegt, und will der Geist entfliehn,
+Ich zeig' ihm rasch den blutgeschriebnen Titel;--
+Doch leider hat man jetzt so viele Mittel,
+Dem Teufel Seelen zu entziehn.
+Auf altem Wege stoesst man an,
+Auf neuem sind wir nicht empfohlen;
+Sonst haett' ich es allein getan,
+Jetzt muss ich Helfershelfer holen.
+Uns geht's in allen Dingen schlecht!
+Herkoemmliche Gewohnheit, altes Recht,
+Man kann auf gar nichts mehr vertrauen.
+Sonst mit dem letzten Atem fuhr sie aus,
+Ich passt' ihr auf und, wie die schnellste Maus,
+Schnapps! hielt ich sie in fest verschlossnen Klauen.
+Nun zaudert sie und will den duestern Ort,
+Des schlechten Leichnams ekles Haus nicht lassen;
+Die Elemente, die sich hassen,
+Die treiben sie am Ende schmaehlich fort.
+Und wenn ich Tag' und Stunden mich zerplage,
+Wann? wie? und wo? das ist die leidige Frage;
+Der alte Tod verlor die rasche Kraft,
+Das Ob? sogar ist lange zweifelhaft;
+Oft sah ich luestern auf die starren Glieder--
+Es war nur Schein, das ruehrte, das regte sich wieder.
+Nur frisch heran! verdoppelt euren Schritt,
+Ihr Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne,
+Von altem Teufelsschrot und--korne,
+Bringt ihr zugleich den Hoellenrachen mit.
+Zwar hat die Hoelle Rachen viele! viele!
+Nach Standsgebuehr und Wuerden schlingt sie ein;
+Doch wird man auch bei diesem letzten Spiele
+Ins kuenftige nicht so bedenklich sein.
+Eckzaehne klaffen; dem Gewoelb des Schlundes
+Entquillt der Feuerstrom in Wut,
+Und in dem Siedequalm des Hintergrundes
+Seh' ich die Flammenstadt in ewiger Glut.
+Die rote Brandung schlaegt hervor bis an die Zaehne,
+Verdammte, Rettung hoffend, schwimmen an;
+Doch kolossal zerknirscht sie die Hyaene,
+Und sie erneuen aengstlich heisse Bahn.
+In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken,
+So viel Erschrecklichstes im engsten Raum!
+Ihr tut sehr wohl, die Suender zu erschrecken;
+Sie halten's doch fuer Lug und Trug und Traum.
+Nun, wanstige Schuften mit den Feuerbacken!
+Ihr glueht so recht vom Hoellenschwefel feist;
+Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken!
+Hier unten lauert, ob's wie Phosphor gleisst:
+Das ist das Seelchen, Psyche mit den Fluegeln,
+Die rupft ihr aus, so ist's ein garstiger Wurm;
+Mit meinem Stempel will ich sie besiegeln,
+Dann fort mit ihr im Feuerwirbelsturm!
+Passt auf die niedern Regionen,
+Ihr Schlaeuche, das ist eure Pflicht;
+Ob's ihr beliebte, da zu wohnen,
+So akkurat weiss man das nicht.
+Im Nabel ist sie gern zu Haus--
+Nehmt es in acht, sie wischt euch dort heraus.
+Ihr Firlefanze, fluegelmaennische Riesen,
+Greift in die Luft, versucht euch ohne Rast!
+Die Arme strack, die Klauen scharf gewiesen,
+Dass ihr die Flatternde, die Fluechtige fasst.
+Es ist ihr sicher schlecht im alten Haus,
+Und das Genie, es will gleich obenaus.
+
+HIMMLISCHE HEERSCHAR:
+Folget, Gesandte,
+Himmelsverwandte,
+Gemaechlichen Flugs:
+Suendern vergeben,
+Staub zu beleben;
+Allen Naturen
+Freundliche Spuren
+Wirket im Schweben
+Des weilenden Zugs!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Misstoene hoer' ich, garstiges Geklimper,
+Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag;
+Es ist das buebisch-maedchenhafte Gestuemper,
+Wie froemmelnder Geschmack sich's lieben mag.
+Ihr wisst, wie wir in tiefverruchten Stunden
+Vernichtung sannen menschlichem Geschlecht;
+Das Schaendlichste, was wir erfunden,
+Ist ihrer Andacht eben recht.
+Sie kommen gleisnerisch, die Laffen!
+So haben sie uns manchen weggeschnappt,
+Bekriegen uns mit unsern eignen Waffen;
+Es sind auch Teufel, doch verkappt.
+Hier zu verlieren, waer' euch ew'ge Schande;
+Ans Grab heran und haltet fest am Rande!
+
+CHOR DER ENGEL:
+Rosen, ihr blendenden,
+Balsam versendenden!
+Flatternde, schwebende,
+Heimlich belebende,
+Zweigleinbefluegelte,
+Knospenentsiegelte,
+Eilet zu bluehn.
+Fruehling entspriesse,
+Purpur und Gruen!
+Tragt Paradiese
+Dem Ruhenden hin.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was duckt und zuckt ihr? ist das Hoellenbrauch?
+So haltet stand und lasst sie streuen.
+An seinen Platz ein jeder Gauch!
+Sie denken wohl, mit solchen Bluemeleien
+Die heissen Teufel einzuschneien;
+Das schmilzt und schrumpft vor eurem Hauch.
+Nun pustet, Puestriche!--Genug, genug!
+Vor eurem Broden bleicht der ganze Flug.--
+Nicht so gewaltsam! schliesset Maul und Nasen!
+Fuerwahr, ihr habt zu stark geblasen.
+Dass ihr doch nie die rechten Masse kennt!
+Das schrumpft nicht nur, es braeunt sich, dorrt, es brennt!
+Schon schwebt's heran mit giftig klaren Flammen;
+Stemmt euch dagegen, draengt euch fest zusammen!--
+Die Kraft erlischt! dahin ist aller Mut!
+Die Teufel wittern fremde Schmeichelglut.
+
+CHOR DER ENGEL:
+Blueten, die seligen,
+Flammen, die froehlichen,
+Liebe verbreiten sie,
+Wonne bereiten sie,
+Herz wie es mag.
+Worte, die wahren,
+aether im Klaren,
+Ewigen Scharen
+ueberall Tag!
+
+MEPHISTOPHELES:
+O Fluch! o Schande solchen Troepfen!
+Satane stehen auf den Koepfen,
+Die Plumpen schlagen Rad auf Rad
+Und stuerzen aerschlings in die Hoelle.
+Gesegn' euch das verdiente heisse Bad!
+Ich aber bleib' auf meiner Stelle.--
+Irrlichter, fort! Du, leuchte noch so stark,
+Du bleibst, gehascht, ein ekler Gallert-Quark.
+Was flatterst du? Willst du dich packen!--
+Es klemmt wie Pech und Schwefel mir im Nacken.
+
+CHOR DER ENGEL:
+Was euch nicht angehoert,
+Muesset ihr meiden,
+Was euch das Innre stoert,
+Duerft ihr nicht leiden.
+Dringt es gewaltig ein,
+Muessen wir tuechtig sein.
+Liebe nur Liebende
+Fuehret herein!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt,
+Ein ueberteuflisch Element!
+Weit spitziger als Hoellenfeuer!--
+Drum jammert ihr so ungeheuer,
+Unglueckliche Verliebte! die, verschmaeht,
+Verdrehten Halses nach der Liebsten spaeht.
+Auch mir! Was zieht den Kopf auf jene Seite?
+Bin ich mit ihr doch in geschwornem Streite!
+Der Anblick war mir sonst so feindlich scharf.
+Hat mich ein Fremdes durch und durch gedrungen?
+Ich mag sie gerne sehn, die allerliebsten Jungen;
+Was haelt mich ab, dass ich nicht fluchen darf?--
+Und wenn ich mich betoeren lasse,
+Wer heisst denn kuenftighin der Tor?
+Die Wetterbuben, die ich hasse,
+Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor!--
+Ihr schoenen Kinder, lasst mich wissen:
+Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?
+Ihr seid so huebsch, fuerwahr ich moecht' euch kuessen,
+Mir ist's, als kaemt ihr eben recht.
+Es ist mir so behaglich, so natuerlich,
+Als haett' ich euch schon tausendmal gesehn;
+So heimlich-kaetzchenhaft begierlich;
+Mit jedem Blick aufs neue schoener schoen.
+O naehert euch, o goennt mir einen Blick!
+
+ENGEL:
+Wir kommen schon, warum weichst du zurueck?
+Wir naehern uns, und wenn du kannst, so bleib!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ihr scheltet uns verdammte Geister
+Und seid die wahren Hexenmeister;
+Denn ihr verfuehret Mann und Weib.--
+Welch ein verfluchtes Abenteuer!
+Ist dies das Liebeselement?
+Der ganze Koerper steht in Feuer,
+Ich fuehle kaum, dass es im Nacken brennt.--
+Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
+Ein bisschen weltlicher bewegt die holden Glieder;
+Fuerwahr, der Ernst steht euch recht schoen;
+Doch moecht' ich euch nur einmal laecheln sehn!
+Das waere mir ein ewiges Entzuecken.
+Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken:
+Ein kleiner Zug am Mund, so ist's getan.
+Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
+Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,
+So sieh mich doch ein wenig luestern an!
+Auch koenntet ihr anstaendig-nackter gehen,
+Das lange Faltenhemd ist uebersittlich--
+Sie wenden sich--von hinten anzusehen!--
+Die Racker sind doch gar zu appetitlich!
+
+CHOR DER ENGEL:
+Wendet zur Klarheit
+Euch, liebende Flammen!
+Die sich verdammen,
+Heile die Wahrheit;
+Dass sie vom Boesen
+Froh sich erloesen,
+Um in dem Allverein
+Selig zu sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie wird mir!--Hiobsartig, Beul' an Beule
+Der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut,
+Und triumphiert zugleich, wenn er sich ganz durchschaut,
+Wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut;
+Gerettet sind die edlen Teufelsteile,
+Der Liebespuk, er wirft sich auf die Haut;
+Schon ausgebrannt sind die verruchten Flammen,
+Und wie es sich gehoert, fluch' ich euch allzusammen!
+
+CHOR DER ENGEL:
+Heilige Gluten!
+Wen sie umschweben,
+Fuehlt sich im Leben
+Selig mit Guten.
+Alle vereinigt
+Hebt euch und preist!
+Luft ist gereinigt,
+Atme der Geist!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Doch wie?--wo sind sie hingezogen?
+Unmuendiges Volk, du hast mich ueberrascht,
+Sind mit der Beute himmelwaerts entflogen;
+Drum haben sie an dieser Gruft genascht!
+Mir ist ein grosser, einziger Schatz entwendet:
+Die hohe Seele, die sich mir verpfaendet,
+Die haben sie mir pfiffig weggepascht.
+Bei wem soll ich mich nun beklagen?
+Wer schafft mir mein erworbenes Recht?
+Du bist getaeuscht in deinen alten Tagen,
+Du hast's verdient, es geht dir grimmig schlecht.
+Ich habe schimpflich missgehandelt,
+Ein grosser Aufwand, schmaehlich! ist vertan;
+Gemein Geluest, absurde Liebschaft wandelt
+Den ausgepichten Teufel an.
+Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding
+Der Klugerfahrne sich beschaeftigt,
+So ist fuerwahr die Torheit nicht gering,
+Die seiner sich am Schluss bemaechtigt.
+
+
+
+Bergschluchten
+
+CHOR UN ECHO:
+Waldung, sie schwankt heran,
+Felsen, sie lasten dran,
+Wurzeln, sie klammern an,
+Stamm dicht an Stamm hinan,
+Woge nach Woge spritzt,
+Hoehle, die tiefste, schuetzt.
+Loewen, sie schleichen stumm-+
+freundlich/ um uns herum,
+Ehren geweihten Ort,
+Heiligen Liebeshort.
+
+PATER ECSTATICUS:
+Ewiger Wonnebrand,
+Gluehendes Liebeband,
+Siedender Schmerz der Brust,
+Schaeumende Gotteslust.
+Pfeile, durchdringet mich,
+Lanzen, bezwinget mich,
+Keulen, zerschmettert mich,
+Blitze, durchwettert mich!
+Dass ja das Nichtige
+Alles verfluechtige,
+Glaenze der Dauerstern,
+Ewiger Liebe Kern.
+
+PATER PROFUNDUS:
+Wie Felsenabgrund mir zu Fuessen
+Auf tiefem Abgrund lastend ruht,
+Wie tausend Baeche strahlend fliessen
+Zum grausen Sturz des Schaums der Flut,
+Wie strack mit eignem kraeftigen Triebe
+Der Stamm sich in die Luefte traegt:
+So ist es die allmaechtige Liebe,
+Die alles bildet, alles hegt.
+Ist um mich her ein wildes Brausen,
+Als wogte Wald und Felsengrund,
+Und doch stuerzt, liebevoll im Sausen,
+Die Wasserfuelle sich zum Schlund,
+Berufen, gleich das Tal zu waessern;
+Der Blitz, der flammend niederschlug,
+Die Atmosphaere zu verbessern,
+Die Gift und Dunst im Busen trug--
+Sind Liebesboten, sie verkuenden,
+Was ewig schaffend uns umwallt.
+Mein Innres moeg' es auch entzuenden,
+Wo sich der Geist, verworren, kalt,
+Verquaelt in stumpfer Sinne Schranken,
+Scharfangeschlossnem Kettenschmerz.
+O Gott! beschwichtige die Gedanken,
+Erleuchte mein beduerftig Herz!
+
+PATER SERAPHICUS:
+Welch ein Morgenwoelkchen schwebet
+Durch der Tannen schwankend Haar!
+Ahn' ich, was im Innern lebet?
+Es ist junge Geisterschar.
+
+CHOR SELIGER KNABEN:
+Sag uns, Vater, wo wir wallen,
+Sag uns, Guter, wer wir sind?
+Gluecklich sind wir: allen, allen
+Ist das Dasein so gelind.
+
+PATER SERAPHICUS:
+Knaben! Mitternachts-Geborne,
+Halb erschlossen Geist und Sinn,
+Fuer die Eltern gleich Verlorne,
+Fuer die Engel zum Gewinn.
+Dass ein Liebender zugegen,
+Fuehlt ihr wohl, so naht euch nur;
+Doch von schroffen Erdewegen,
+Glueckliche! habt ihr keine Spur.
+Steigt herab in meiner Augen
+Welt- und erdgemaess Organ,
+Koennt sie als die euren brauchen,
+Schaut euch diese Gegend an!
+Das sind Baeume, das sind Felsen,
+Wasserstrom, der abestuerzt
+Und mit ungeheurem Waelzen
+Sich den steilen Weg verkuerzt.
+
+SELIGE KNABEN:
+Das ist maechtig anzuschauen,
+Doch zu duester ist der Ort,
+Schuettelt uns mit Schreck und Grauen.
+Edler, Guter, lass uns fort!
+
+PATER SERAPHICUS:
+Steigt hinan zu hoeherm Kreise,
+Wachset immer unvermerkt,
+Wie, nach ewig reiner Weise,
+Gottes Gegenwart verstaerkt.
+Denn das ist der Geister Nahrung,
+Die im freisten aether waltet:
+Ewigen Liebens Offenbarung,
+Die zur Seligkeit entfaltet.
+
+CHOR SELIGER KNABEN:
+Haende verschlinget
+Freudig zum Ringverein,
+Regt euch und singet
+Heil'ge Gefuehle drein!
+Goettlich belehret,
+Duerft ihr vertrauen;
+Den ihr verehret,
+Werdet ihr schauen.
+
+ENGEL:
+Gerettet ist das edle Glied
+Der Geisterwelt vom Boesen,
+Wer immer strebend sich bemueht,
+Den koennen wir erloesen.
+Und hat an ihm die Liebe gar
+Von oben teilgenommen,
+Begegnet ihm die selige Schar
+Mit herzlichem Willkommen.
+
+DIE JUeNGEREN ENGEL:
+Jene Rosen aus den Haenden
+Liebend-heiliger Buesserinnen
+Halfen uns den Sieg gewinnen,
+Uns das hohe Werk vollenden,
+Diesen Seelenschatz erbeuten.
+Boese wichen, als wir streuten,
+Teufel flohen, als wir trafen.
+Statt gewohnter Hoellenstrafen
+Fuehlten Liebesqual die Geister;
+Selbst der alte Satansmeister
+War von spitzer Pein durchdrungen.
+Jauchzet auf! es ist gelungen.
+
+DIE VOLLENDETEREN ENGEL:
+Uns bleibt ein Erdenrest
+Zu tragen peinlich,
+Und waer' er von Asbest,
+Er ist nicht reinlich.
+Wenn starke Geisteskraft
+Die Elemente
+An sich herangerafft,
+Kein Engel trennte
+Geeinte Zwienatur
+Der innigen beiden,
+Die ewige Liebe nur
+Vermag's zu scheiden.
+
+DIE JUeNGEREN ENGEL:
+Nebelnd um Felsenhoeh'
+Spuer' ich soeben,
+Regend sich in der Naeh',
+Ein Geisterleben.
+Die Woelkchen werden klar,
+Ich seh' bewegte Schar
+Seliger Knaben,
+Los von der Erde Druck,
+Im Kreis gesellt,
+Die sich erlaben
+Am neuen Lenz und Schmuck
+Der obern Welt.
+Sei er zum Anbeginn,
+Steigendem Vollgewinn
+Diesen gesellt!
+
+DIE SELIGEN KNABEN:
+Freudig empfangen wir
+Diesen im Puppenstand;
+Also erlangen wir
+Englisches Unterpfand.
+Loeset die Flocken los,
+Die ihn umgeben!
+Schon ist er schoen und gross
+Von heiligem Leben.
+
+DOCTOR MARIANUS:
+Hier ist die Aussicht frei,
+Der Geist erhoben.
+Dort ziehen Fraun vorbei,
+Schwebend nach oben.
+Die Herrliche mitteninn
+Im Sternenkranze,
+Die Himmelskoenigin,
+Ich seh's am Glanze.
+Hoechste Herrscherin der Welt!
+Lasse mich im blauen,
+Ausgespannten Himmelszelt
+Dein Geheimnis schauen.
+Billige, was des Mannes Brust
+Ernst und zart beweget
+Und mit heiliger Liebeslust
+Dir entgegentraeget.
+Unbezwinglich unser Mut,
+Wenn du hehr gebietest;
+Ploetzlich mildert sich die Glut,
+Wie du uns befriedest.
+Jungfrau, rein im schoensten Sinn,
+Mutter, Ehren wuerdig,
+Uns erwaehlte Koenigin,
+Goettern ebenbuertig.
+Um sie verschlingen
+Sich leichte Woelkchen,
+Sind Buesserinnen,
+Ein zartes Voelkchen,
+Um ihre Kniee
+Den aether schluerfend,
+Gnade beduerfend.
+Dir, der Unberuehrbaren,
+Ist es nicht benommen,
+Dass die leicht Verfuehrbaren
+Traulich zu dir kommen.
+In die Schwachheit hingerafft,
+Sind sie schwer zu retten;
+Wer zerreisst aus eigner Kraft
+Der Gelueste Ketten?
+Wie entgleitet schnell der Fuss
+Schiefem, glattem Boden?
+Wen betoert nicht Blick und Gruss,
+Schmeichelhafter Odem?
+
+CHOR DER BUeSSERINNEN:
+Du schwebst zu Hoehen
+Der ewigen Reiche,
+Vernimm das Flehen,
+Du Ohnegleiche,
+Du Gnadenreiche!
+
+MAGNA PECCATRIX:
+Bei der Liebe, die den Fuessen
+Deines gottverklaerten Sohnes
+Traenen liess zum Balsam fliessen,
+Trotz des Pharisaeerhohnes;
+Beim Gefaesse, das so reichlich
+Tropfte Wohlgeruch hernieder,
+Bei den Locken, die so weichlich
+Trockneten die heil'gen Glieder--
+
+MULIER SAMARITANA:
+Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
+Abram liess die Herde fuehren,
+Bei dem Eimer, der dem Heiland
+Kuehl die Lippe durft' beruehren;
+Bei der reinen, reichen Quelle,
+Die nun dorther sich ergiesset,
+ueberfluessig, ewig helle
+Rings durch alle Welten fliesset--
+
+MARIA AEGYPTIACA:
+Bei dem hochgeweihten Orte,
+Wo den Herrn man niederliess,
+Bei dem Arm, der von der Pforte
+Warnend mich zuruecke stiess;
+Bei der vierzigjaehrigen Busse,
+Der ich treu in Wuesten blieb,
+Bei dem seligen Scheidegrusse,
+Den im Sand ich niederschrieb--
+
+ZU DREI:
+Die du grossen Suenderinnen
+Deine Naehe nicht verweigerst
+Und ein buessendes Gewinnen
+In die Ewigkeiten steigerst,
+Goenn auch dieser guten Seele,
+Die sich einmal nur vergessen,
+Die nicht ahnte, dass sie fehlte,
+Dein Verzeihen angemessen!
+
+UNA POENITENTIUM, SONST GRETCHEN GENANNT:
+Neige, neige,
+Du Ohnegleiche,
+Du Strahlenreiche,
+Dein Antlitz gnaedig meinem Glueck!
+Der frueh Geliebte,
+Nicht mehr Getruebte,
+Er kommt zurueck.
+
+SELIGE KNABEN:
+Er ueberwaechst uns schon
+An maechtigen Gliedern,
+Wird treuer Pflege Lohn
+Reichlich erwidern.
+Wir wurden frueh entfernt
+Von Lebechoeren;
+Doch dieser hat gelernt,
+Er wird uns lehren.
+
+DIE EINE BUeSSERIN, SONST GRETCHEN GENANNT:
+Vom edlen Geisterchor umgeben,
+Wird sich der Neue kaum gewahr,
+Er ahnet kaum das frische Leben,
+So gleicht er schon der heiligen Schar.
+Sieh, wie er jedem Erdenbande
+Der alten Huelle sich entrafft
+Und aus aetherischem Gewande
+Hervortritt erste Jugendkraft.
+Vergoenne mir, ihn zu belehren,
+Noch blendet ihn der neue Tag.
+
+MATER GLORIOSA:
+Komm! hebe dich zu hoehern Sphaeren!
+Wenn er dich ahnet, folgt er nach.
+
+DOCTOR MARIANUS:
+Blicket auf zum Retterblick,
+Alle reuig Zarten,
+Euch zu seligem Geschick
+Dankend umzuarten.
+Werde jeder bessre Sinn
+Dir zum Dienst erboetig;
+Jungfrau, Mutter, Koenigin,
+Goettin, bleibe gnaedig!
+
+CHORUS MYSTICUS:
+Alles Vergaengliche
+Ist nur ein Gleichnis;
+Das Unzulaengliche,
+Hier wird's Ereignis;
+Das Unbeschreibliche,
+Hier ist's getan;
+Das Ewig-Weibliche
+Zieht uns hinan.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg Etext "Faust: Der Tragoedie zweiter Teil", von Goethe
+
diff --git a/old/7fau210.zip b/old/7fau210.zip
new file mode 100644
index 0000000..6b5c755
--- /dev/null
+++ b/old/7fau210.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8fau210.txt b/old/8fau210.txt
new file mode 100644
index 0000000..3efadc6
--- /dev/null
+++ b/old/8fau210.txt
@@ -0,0 +1,10112 @@
+Project Gutenberg Etext "Faust: Der Tragödie zweiter Teil", von Goethe
+#8 in our series by Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.aol.de erreichbar.
+
+This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
+
+This work contains two 7 bit ASCII characters to represent
+certain special German characters. An alternate 8 bit version of
+this text which does use the high order ASCII characters is also
+available in this format.
+
+
+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the copyright laws for your country before posting these files!!
+
+Please take a look at the important information in this header.
+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
+electronic path open for the next readers. Do not remove this.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*These Etexts Prepared By Hundreds of Volunteers and Donations*
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and
+further information is included below. We need your donations.
+
+
+Faust: Der Tragödie zweiter Teil
+
+by Johann Wolfgang von Goethe
+
+June, 2000 [Etext #2230]
+
+
+Project Gutenberg Etext "Faust: Der Tragödie zweiter Teil", by Goethe
+**********This file should be named 8fau210.txt or 8fau210.zip**********
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 8fau211.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8fau210a.txt
+
+
+Etext reformatted by Michael Pullen
+globaltraveler5565@yahoo.com
+
+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+
+We are now trying to release all our books one month in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+
+Please note: neither this list nor its contents are final till
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so. To be sure you have an
+up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes
+in the first week of the next month. Since our ftp program has
+a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a
+look at the file size will have to do, but we will try to see a
+new copy has at least one byte more or less.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release thirty-six text
+files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+
+If these reach just 10% of the computerized population, then the
+total should reach over 200 billion Etexts given away this year.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only ~5% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we
+manage to get some real funding; currently our funding is mostly
+from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an
+assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few
+more years, so we are looking for something to replace it, as we
+don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person.
+
+We need your donations more than ever!
+
+
+All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are
+tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie-
+Mellon University).
+
+For these and other matters, please mail to:
+
+Project Gutenberg
+P. O. Box 2782
+Champaign, IL 61825
+
+When all other email fails. . .try our Executive Director:
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org
+if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if
+it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . .
+
+We would prefer to send you this information by email.
+
+******
+
+To access Project Gutenberg etexts, use any Web browser
+to view http://promo.net/pg. This site lists Etexts by
+author and by title, and includes information about how
+to get involved with Project Gutenberg. You could also
+download our past Newsletters, or subscribe here. This
+is one of our major sites, please email hart@pobox.com,
+for a more complete list of our various sites.
+
+To go directly to the etext collections, use FTP or any
+Web browser to visit a Project Gutenberg mirror (mirror
+sites are available on 7 continents; mirrors are listed
+at http://promo.net/pg).
+
+Mac users, do NOT point and click, typing works better.
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+cd pub/docs/books/gutenberg
+cd etext90 through etext99
+dir [to see files]
+get or mget [to get files. . .set bin for zip files]
+GET GUTINDEX.?? [to get a year's listing of books, e.g., GUTINDEX.99]
+GET GUTINDEX.ALL [to get a listing of ALL books]
+
+***
+
+**Information prepared by the Project Gutenberg legal advisor**
+
+(Three Pages)
+
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this etext, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you can distribute copies of this etext if you want to.
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+etext, you indicate that you understand, agree to and accept
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+tm etexts, is a "public domain" work distributed by Professor
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+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
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+or addition to the etext, or [3] any Defect.
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+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this etext electronically, or by
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+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word pro-
+ cessing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
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+ [*] The etext, when displayed, is clearly readable, and
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+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
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+ form by the program that displays the etext (as is
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+ or other equivalent proprietary form).
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+[2] Honor the etext refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
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+[3] Pay a trademark license fee to the Project of 20% of the
+ net profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Association/Carnegie-Mellon
+ University" within the 60 days following each
+ date you prepare (or were legally required to prepare)
+ your annual (or equivalent periodic) tax return.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+The Project gratefully accepts contributions in money, time,
+scanning machines, OCR software, public domain etexts, royalty
+free copyright licenses, and every other sort of contribution
+you can think of. Money should be paid to "Project Gutenberg
+Association / Carnegie-Mellon University".
+
+*END*THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.04.29.93*END*
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+Etext reformatted by Michael Pullen
+globaltraveler5565@yahoo.com
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.aol.de erreichbar.
+
+This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
+
+This work contains two 7 bit ASCII characters to represent
+certain special German characters. An alternate 8 bit version of
+this text which does use the high order ASCII characters is also
+available in this format.
+
+
+
+
+
+Faust: Der Tragödie zweiter Teil
+
+von Johann Wolfgang von Goethe
+
+1. Anmutige Gegend
+2. Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
+3. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
+4. Hochgebirg
+5. Offene Gegend
+
+
+
+
+1. Akt--Anmutige Gegend
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was ist verwünscht und stets willkommen?
+Was ist ersehnt und stets verjagt?
+Was immerfort in Schutz genommen?
+Was hart gescholten und verklagt?
+Wen darfst du nicht herbeiberufen?
+Wen höret jeder gern genannt?
+Was naht sich deines Thrones Stufen?
+Was hat sich selbst hinweggebannt?
+
+KAISER:
+Für diesmal spare deine Worte!
+Hier sind die Rätsel nicht am Orte,
+Das ist die Sache dieser Herrn.--
+Da löse du! das hört' ich gern.
+Mein alter Narr ging, fürcht' ich, weit ins Weite;
+Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.
+
+GEMURMEL DER MENGE:
+Ein neuer Narr--Zu neuer Pein--
+Wo kommt er her?--Wie kam er ein?--
+Der alte fiel--Der hat vertan--
+Es war ein Faß--Nun ist's ein Span--
+
+KAISER:
+Und also, ihr Getreuen, Lieben,
+Willkommen aus der Näh' und Ferne!
+Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne,
+Da droben ist uns Glück und Heil geschrieben.
+Doch sagt, warum in diesen Tagen,
+Wo wir der Sorgen uns entschlagen,
+Schönbärte mummenschänzlich tragen
+Und Heitres nur genießen wollten,
+Warum wir uns ratschlagend quälen sollten?
+Doch weil ihr meint, es ging' nicht anders an,
+Geschehen ist's, so sei's getan.
+
+KANZLER:
+Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein,
+Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein
+Vermag sie gültig auszuüben:
+Gerechtigkeit!--Was alle Menschen lieben,
+Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren,
+Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewähren.
+Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
+Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,
+Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wütet
+Und übel sich in übeln überbrütet?
+Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
+Ins weite Reich, ihm scheint's ein schwerer Traum,
+Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
+Das Ungesetz gesetzlich überwaltet
+Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.
+Der raubt sich Herden, der ein Weib,
+Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
+Berühmt sich dessen manche Jahre
+Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.
+Jetzt drängen Kläger sich zur Halle,
+Der Richter prunkt auf hohem Pfühl,
+Indessen wogt in grimmigem Schwalle
+Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.
+Der darf auf Schand' und Frevel pochen,
+Der auf Mitschuldigste sich stützt,
+Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen,
+Wo Unschuld nur sich selber schützt.
+So will sich alle Welt zerstückeln,
+Vernichtigen, was sich gebührt;
+Wie soll sich da der Sinn entwickeln,
+Der einzig uns zum Rechten führt?
+Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
+Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher,
+Ein Richter, der nicht strafen kann,
+Gesellt sich endlich zum Verbrecher.
+Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
+Zög' ich dem Bilde lieber vor.
+Entschlüsse sind nicht zu vermeiden;
+Wenn alle schädigen, alle leiden,
+Geht selbst die Majestät zu Raub.
+
+HEERMEISTER:
+Wie tobt's in diesen wilden Tagen!
+Ein jeder schlägt und wird erschlagen,
+Und fürs Kommando bleibt man taub.
+Der Bürger hinter seinen Mauern,
+Der Ritter auf dem Felsennest
+Verschwuren sich, uns auszudauern,
+Und halten ihre Kräfte fest.
+Der Mietsoldat wird ungeduldig,
+Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn,
+Und wären wir ihm nichts mehr schuldig,
+Er liefe ganz und gar davon.
+Verbiete wer, was alle wollten,
+Der hat ins Wespennest gestört;
+Das Reich, das sie beschützen sollten,
+Es liegt geplündert und verheert.
+Man läßt ihr Toben wütend hausen,
+Schon ist die halbe Welt vertan;
+Es sind noch Könige da draußen,
+Doch keiner denkt, es ging' ihn irgend an.
+
+SCHATZMEISTER:
+Wer wird auf Bundsgenossen pochen!
+Subsidien, die man uns versprochen,
+Wie Röhrenwasser bleiben aus.
+Auch, Herr, in deinen weiten Staaten
+An wen ist der Besitz geraten?
+Wohin man kommt, da hält ein Neuer Haus,
+Und unabhängig will er leben,
+Zusehen muß man, wie er's treibt;
+Wir haben so viel Rechte hingegeben,
+Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrigbleibt.
+Auch auf Parteien, wie sie heißen,
+Ist heutzutage kein Verlaß;
+Sie mögen schelten oder preisen,
+Gleichgültig wurden Lieb' und Haß.
+Die Ghibellinen wie die Guelfen
+Verbergen sich, um auszuruhn;
+Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
+Ein jeder hat für sich zu tun.
+Die Goldespforten sind verrammelt,
+Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt,
+Und unsre Kassen bleiben leer.
+
+MARSCHALK:
+Welch Unheil muß auch ich erfahren!
+Wir wollen alle Tage sparen
+Und brauchen alle Tage mehr,
+Und täglich wächst mir neue Pein.
+Den Köchen tut kein Mangel wehe;
+Wildschweine, Hirsche, Hasen, Rehe,
+Welschhühner, Hühner, Gäns' und Enten,
+Die Deputate, sichre Renten,
+Sie gehen noch so ziemlich ein.
+Jedoch am Ende fehlt's an Wein.
+Wenn sonst im Keller Faß an Faß sich häufte,
+Der besten Berg' und Jahresläufte,
+So schlürft unendliches Gesäufte
+Der edlen Herrn den letzten Tropfen aus.
+Der Stadtrat muß sein Lager auch verzapfen,
+Man greift zu Humpen, greift zu Napfen,
+Und unterm Tische liegt der Schmaus.
+Nun soll ich zahlen, alle lohnen;
+Der Jude wird mich nicht verschonen,
+Der schafft Antizipationen,
+Die speisen Jahr um Jahr voraus.
+Die Schweine kommen nicht zu Fette,
+Verpfändet ist der Pfühl im Bette,
+Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot.
+
+KAISER:
+Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Not?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich? Keineswegs. Den Glanz umher zu schauen,
+Dich und die Deinen!--Mangelte Vertrauen,
+Wo Majestät unweigerlich gebeut,
+Bereite Macht Feindseliges zerstreut?
+Wo guter Wille, kräftig durch Verstand,
+Und Tätigkeit, vielfältige, zur Hand?
+Was könnte da zum Unheil sich vereinen,
+Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?
+
+GEMURMEL:
+Das ist ein Schalk--Der's wohl versteht--
+Er lügt sich ein--So lang' es geht--
+Ich weiß schon--Was dahinter steckt--
+Und was denn weiter?--Ein Projekt--
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt?
+Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
+Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
+Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
+In Bergesadern, Mauergründen
+Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,
+Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft:
+Begabten Manns Natur--und Geisteskraft.
+
+KANZLER:
+Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen.
+Deshalb verbrennt man Atheisten,
+Weil solche Reden höchst gefährlich sind.
+Natur ist Sünde, Geist ist Teufel,
+Sie hegen zwischen sich den Zweifel,
+Ihr mißgestaltet Zwitterkind.
+Uns nicht so!--Kaisers alten Landen
+Sind zwei Geschlechter nur entstanden,
+Sie stützen würdig seinen Thron:
+Die Heiligen sind es und die Ritter;
+Sie stehen jedem Ungewitter
+Und nehmen Kirch' und Staat zum Lohn.
+Dem Pöbelsinn verworrner Geister
+Entwickelt sich ein Widerstand:
+Die Ketzer sind's! die Hexenmeister!
+Und sie verderben Stadt und Land.
+Die willst du nun mit frechen Scherzen
+In diese hohen Kreise schwärzen;
+Ihr hegt euch an verderbtem Herzen,
+Dem Narren sind sie nah verwandt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!
+Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
+Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar,
+Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
+Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,
+Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.
+
+KAISER:
+Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt,
+Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
+Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
+Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr;
+Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer;
+Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
+Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?
+Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,
+Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,
+Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
+Sein Liebstes da--und dortwohin versteckte.
+So war's von je in mächtiger Römer Zeit,
+Und so fortan, bis gestern, ja bis heut.
+Das alles liegt im Boden still begraben,
+Der Boden ist des Kaisers, der soll's haben.
+
+SCHATZMEISTER:
+Für einen Narren spricht er gar nicht schlecht,
+Das ist fürwahr des alten Kaisers Recht.
+
+KANZLER:
+Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen:
+Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.
+
+MARSCHALK:
+Schafft' er uns nur zu Hof willkommne Gaben,
+Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben.
+
+HEERMEISTER:
+Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt;
+Fragt der Soldat doch nicht, woher es kommt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen,
+Hier steht ein Mann! da, fragt den Astrologen!
+In Kreis' um Kreise kennt er Stund' und Haus;
+So sage denn: wie sieht's am Himmel aus?
+
+GEMURMEL:
+Zwei Schelme sind's--Verstehn sich schon--
+Narr und Phantast--So nah dem Thron--
+Ein mattgesungen--Alt Gedicht--
+Der Tor bläst ein--Der Weise spricht--
+
+ASTROLOG:
+Die Sonne selbst, sie ist ein lautres Gold,
+Merkur, der Bote, dient um Gunst und Sold,
+Frau Venus hat's euch allen angetan,
+So früh als spat blickt sie euch lieblich an;
+Die keusche Luna launet grillenhaft;
+Mars, trifft er nicht, so dräut euch seine Kraft.
+Und Jupiter bleibt doch der schönste Schein,
+Saturn ist groß, dem Auge fern und klein.
+Ihn als Metall verehren wir nicht sehr,
+An Wert gering, doch im Gewichte schwer.
+Ja! wenn zu Sol sich Luna fein gesellt,
+Zum Silber Gold, dann ist es heitre Welt;
+Das übrige ist alles zu erlangen:
+Paläste, Gärten, brüstlein, rote Wangen,
+Das alles schafft der hochgelahrte Mann,
+Der das vermag, was unser keiner kann.
+
+KAISER:
+Ich höre doppelt, was er spricht,
+Und dennoch überzeugt's mich nicht.
+
+GEMURMEL:
+Was soll uns das?--Gedroschner Spaß--
+Kalenderei--Chymisterei--
+Das hört' ich oft--Und falsch gehofft--
+Und kommt er auch--So ist's ein Gauch--
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da stehen sie umher und staunen,
+Vertrauen nicht dem hohen Fund,
+Der eine faselt von Alraunen,
+Der andre von dem schwarzen Hund.
+Was soll es, daß der eine witzelt,
+Ein andrer Zauberei verklagt,
+Wenn ihm doch auch einmal die Sohle kitzelt,
+Wenn ihm der sichre Schritt versagt.
+Ihr alle fühlt geheimes Wirken
+Der ewig waltenden Natur,
+Und aus den untersten Bezirken
+Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur.
+Wenn es in allen Gliedern zwackt,
+Wenn es unheimlich wird am Platz,
+Nur gleich entschlossen grabt und hackt,
+Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz!
+
+GEMURMEL:
+Mir liegt's im Fuß wie Bleigewicht--
+Mir krampft's im Arme--Das ist Gicht--
+Mir krabbelt's an der großen Zeh'--
+Mir tut der ganze Rücken weh--
+Nach solchen Zeichen wäre hier
+Das allerreichste Schatzrevier.
+
+KAISER:
+Nur eilig! du entschlüpfst nicht wieder,
+Erprobe deine Lügenschäume
+Und zeig uns gleich die edlen Räume.
+Ich lege Schwert und Zepter nieder
+Und will mit eignen hohen Händen,
+Wenn du nicht lügst, das Werk vollenden,
+Dich, wenn du lügst, zur Hölle senden!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Den Weg dahin wüßt' allenfalls zu finden--
+Doch kann ich nicht genug verkünden,
+Was überall besitzlos harrend liegt.
+Der Bauer, der die Furche pflügt,
+Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,
+Salpeter hofft er von der Leimenwand
+Und findet golden-goldne Rolle
+Erschreckt, erfreut in kümmerlicher Hand.
+Was für Gewölbe sind zu sprengen,
+In welchen Klüften, welchen Gängen
+Muß sich der Schatzbewußte drängen,
+Zur Nachbarschaft der Unterwelt!
+In weiten, altverwahrten Kellern
+Von goldnen Humpen, Schüsseln, Tellern
+Sieht er sich Reihen aufgestellt;
+Pokale stehen aus Rubinen,
+Und will er deren sich bedienen,
+Daneben liegt uraltes Naß.
+Doch--werdet ihr dem Kundigen glauben--
+Verfault ist längst das Holz der Dauben,
+Der Weinstein schuf dem Wein ein Faß.
+Essenzen solcher edlen Weine,
+Gold und Juwelen nicht alleine
+Umhüllen sich mit Nacht und Graus.
+Der Weise forscht hier unverdrossen;
+Am Tag erkennen, das sind Possen,
+Im Finstern sind Mysterien zu Haus.
+
+KAISER:
+Die lass' ich dir! Was will das Düstre frommen?
+Hat etwas Wert, es muß zu Tage kommen.
+Wer kennt den Schelm in tiefer Nacht genau?
+Schwarz sind die Kühe, so die Katzen grau.
+Die Töpfe drunten, voll von Goldgewicht--
+Zieh deinen Pflug und ackre sie ans Licht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,
+Die Bauernarbeit macht dich groß,
+Und eine Herde goldner Kälber,
+Sie reißen sich vom Boden los.
+Dann ohne Zaudern, mit Entzücken
+Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmücken;
+Ein leuchtend Farb--und Glanzgestein erhöht
+Die Schönheit wie die Majestät.
+
+KAISER:
+Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es währen!
+
+ASTROLOG:
+Herr, mäßige solch dringendes Begehren,
+Laß erst vorbei das bunte Freudenspiel;
+Zerstreutes Wesen führt uns nicht zum Ziel.
+Erst müssen wir in Fassung uns versühnen,
+Das Untre durch das Obere berdienen.
+Wer Gutes will, der sei erst gut;
+Wer Freude will, besänftige sein Blut;
+Wer Wein verlangt, der keltre reife Trauben;
+Wer Wunder hofft, der stärke seinen Glauben.
+
+KAISER:
+So sei die Zeit in Fröhlichkeit vertan!
+Und ganz erwünscht kommt Aschermittwoch an.
+Indessen feiern wir, auf jeden Fall,
+Nur lustiger das wilde Karneval.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie sich Verdienst und Glück verketten,
+Das fällt den Toren niemals ein;
+Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
+Der Weise mangelte dem Stein.
+
+
+Weitläufiger Saal mit Nebengemächern
+
+HEROLD:
+Denkt nicht, ihr seid in deutschen Grenzen
+Von Teufels-, Narren- und Totentänzen;
+Ein heitres Fest erwartet euch.
+Der Herr, auf seinen Römerzügen,
+Hat, sich zu Nutz, euch zum Vergnügen,
+Die hohen Alpen überstiegen,
+Gewonnen sich ein heitres Reich.
+Der Kaiser, er, an heiligen Sohlen
+Erbat sich erst das Recht zur Macht,
+Und als er ging, die Krone sich zu holen,
+Hat er uns auch die Kappe mitgebracht.
+Nun sind wir alle neugeboren;
+Ein jeder weltgewandte Mann
+Zieht sie behaglich über Kopf und Ohren;
+Sie ähnelt ihn verrückten Toren,
+Er ist darunter weise, wie er kann.
+Ich sehe schon, wie sie sich scharen,
+Sich schwankend sondern, traulich paaren;
+Zudringlich schließt sich Chor an Chor.
+Herein, hinaus, nur unverdrossen;
+Es bleibt doch endlich nach wie vor
+Mit ihren hunderttausend Possen
+Die Welt ein einzig großer Tor.
+
+GÄRTNERINNEN:
+Euren Beifall zu gewinnen,
+Schmückten wir uns diese Nacht,
+Junge Florentinerinnen
+Folgten deutschen Hofes Pracht;
+Tragen wir in braunen Locken
+Mancher heitern Blume Zier;
+Seidenfäden, Seidenflocken
+Spielen ihre Rolle hier.
+Denn wir halten es verdienstlich,
+Lobenswürdig ganz und gar,
+Unsere Blumen, glänzend künstlich,
+Blühen fort das ganze Jahr.
+Allerlei gefärbten Schnitzeln
+Ward symmetrisch Recht getan;
+Mögt ihr Stück für Stück bewitzeln,
+Doch das Ganze zieht euch an.
+Niedlich sind wir anzuschauen,
+Gärtnerinnen und galant;
+Denn das Naturell der Frauen
+Ist so nah mit Kunst verwandt.
+
+HEROLD:
+Laßt die reichen Körbe sehen,
+Die ihr auf den Häupten traget,
+Die sich bunt am Arme blähen,
+Jeder wähle, was behaget.
+Eilig, daß in Laub und Gängen
+Sich ein Garten offenbare!
+Würdig sind sie zu umdrängen,
+Krämerinnen wie die Ware.
+
+GÄRTNERINNEN:
+Feilschet nun am heitern Orte,
+Doch kein Markten finde statt!
+Und mit sinnig kurzem Worte
+Wisse jeder, was er hat.
+
+OLIVENZWEIG MIT FRUCHTEN:
+Keinen Blumenflor beneid' ich,
+Allen Widerstreit vermeid' ich;
+Mir ist's gegen die Natur:
+Bin ich doch das Mark der Lande
+Und, zum sichern Unterpfande,
+Friedenszeichen jeder Flur.
+Heute, hoff' ich, soll mir's glücken,
+Würdig schönes Haupt zu schmücken.
+
+ÄHRENKRANZ:
+Ceres' Gaben, euch zu putzen,
+Werden hold und lieblich stehn:
+Das Erwünschteste dem Nutzen
+Sei als eure Zierde schön.
+
+PHANTASIEKRANZ:
+Bunte Blumen, Malven ähnlich,
+Aus dem Moos ein Wunderflor!
+Der Natur ist's nicht gewöhnlich,
+Doch die Mode bringt's hervor.
+
+PHANTASIESTRAUSS:
+Meinen Namen euch zu sagen,
+Würde Theophrast nicht wagen;
+Und doch hoff' ich, wo nicht allen,
+Aber mancher zu gefallen,
+Der ich mich wohl eignen möchte,
+Wenn sie mich ins Haar verflöchte,
+Wenn sie sich entschließen könnte,
+Mir am Herzen Platz vergönnte.
+
+ROSENKNOSPEN:
+Mögen bunte Phantasieen
+Für des Tages Mode blühen,
+Wunderseltsam sein gestaltet,
+Wie Natur sich nie entfaltet;
+Grüne Stiele, goldne Glocken,
+Blickt hervor aus reichen Locken!--
+Doch wir--halten uns versteckt:
+Glücklich, wer uns frisch entdeckt.
+Wenn der Sommer sich verkündet,
+Rosenknospe sich entzündet,
+Wer mag solches Glück entbehren?
+Das Versprechen, das Gewähren,
+Das beherrscht in Florens Reich
+Blick und Sinn und Herz zugleich.
+
+GÄRTNER:
+Blumen sehet ruhig sprießen,
+Reizend euer Haupt umzieren;
+Früchte wollen nicht verführen,
+Kostend mag man sie genießen.
+Bieten bräunliche Gesichter
+Kirschen, Pfirschen, Königspflaumen,
+Kauft! denn gegen Zung' und Gaumen
+Hält sich Auge schlecht als Richter.
+Kommt, von allerreifsten Früchten
+Mit Geschmack und Lust zu speisen!
+über Rosen läßt sich dichten,
+In die äpfel muß man beißen.
+Sei's erlaubt, uns anzupaaren
+Eurem reichen Jugendflor,
+Und wir putzen reifer Waren
+Fülle nachbarlich empor.
+Unter lustigen Gewinden,
+In geschmückter Lauben Bucht,
+Alles ist zugleich zu finden:
+Knospe, Blätter, Blume, Frucht.
+
+MUTTER:
+Mädchen, als du kamst ans Licht,
+Schmückt' ich dich im Häubchen;
+Warst so lieblich von Gesicht
+Und so zart am Leibchen.
+Dachte dich sogleich als Braut,
+Gleich dem Reichsten angetraut,
+Dachte dich als Weibchen.
+Ach! Nun ist schon manches Jahr
+Ungenützt verflogen,
+Der Sponsierer bunte Schar
+Schnell vorbeigezogen;
+Tanztest mit dem einen flink,
+Gabst dem andern feinen Wink
+Mit dem Ellenbogen.
+Welches Fest man auch ersann,
+Ward umsonst begangen,
+Pfänderspiel und dritter Mann
+Wollten nicht verfangen;
+Heute sind die Narren los,
+Liebchen, öffne deinen Schoß,
+Bleibt wohl einer hangen.
+
+HOLZHAUER:
+Nur Platz! nur Blöße!
+Wir brauchen Räume,
+Wir fällen Bäume,
+Die krachen, schlagen;
+Und wenn wir tragen,
+Da gibt es Stöße.
+Zu unserm Lobe
+Bringt dies ins reine;
+Denn wirkten Grobe
+Nicht auch im Lande,
+Wie kämen Feine
+Für sich zustande,
+So sehr sie witzten?
+Des seid belehret!
+Denn ihr erfröret,
+Wenn wir nicht schwitzten.
+
+PULCINELLE:
+Ihr seid die Toren,
+Gebückt geboren.
+Wir sind die Klugen,
+Die nie was trugen;
+Denn unsre Kappen,
+Jacken und Lappen
+Sind leicht zu tragen;
+Und mit Behagen
+Wir immer müßig,
+Pantoffelfüßig,
+Durch Markt und Haufen
+Einherzulaufen,
+Gaffend zu stehen,
+Uns anzukrähen;
+Auf solche Klänge
+Durch Drang und Menge
+Aalgleich zu schlüpfen,
+Gesamt zu hüpfen,
+Vereint zu toben.
+Ihr mögt uns loben,
+Ihr mögt uns schelten,
+Wir lassen's gelten.
+
+PARASITEN:
+Ihr wackern Träger
+Und eure Schwäger,
+Die Kohlenbrenner,
+Sind unsre Männer.
+Denn alles Bücken,
+Bejahndes Nicken,
+Gewundne Phrasen,
+Das Doppelblasen,
+Das wärmt und kühlet,
+Wie's einer fühlet,
+Was könnt' es frommen?
+Es möchte Feuer
+Selbst ungeheuer
+Vom Himmel kommen,
+Gäb' es nicht Scheite
+Und Kohlentrachten,
+Die Herdesbreite
+Zur Glut entfachten.
+Da brät's und prudelt's,
+Da kocht's und strudelt's.
+Der wahre Schmecker,
+Der Tellerlecker,
+Er riecht den Braten,
+Er ahnet Fische;
+Das regt zu Taten
+An Gönners Tische.
+
+TRUNKNER:
+Sei mir heute nichts zuwider!
+Fühle mich so frank und frei;
+Frische Lust und heitre Lieder,
+Holt' ich selbst sie doch herbei.
+Und so trink' ich! Trinke, trinke!
+Stoßet an, ihr! Tinke, Tinke!
+Du dorthinten, komm heran!
+Stoßet an, so ist's getan.
+Schrie mein Weibchen doch entrüstet,
+Rümpfte diesem bunten Rock,
+Und, wie sehr ich mich gebrüstet,
+Schalt mich einen Maskenstock.
+Doch ich trinke! Trinke, trinke!
+Angeklungen! Tinke, Tinke!
+Maskenstöcke, stoßet an!
+Wenn es klingt, so ist's getan.
+Saget nicht, daß ich verirrt bin,
+Bin ich doch, wo mir's behagt.
+Borgt der Wirt nicht, borgt die Wirtin,
+Und am Ende borgt die Magd.
+Immer trink' ich! Trinke, trinke!
+Auf, ihr andern! Tinke, Tinke!
+Jeder jedem! so fortan!
+Dünkt mich's doch, es sei getan.
+Wie und wo ich mich vergnüge,
+Mag es immerhin geschehn;
+Laß mich liegen, wo ich liege,
+Denn ich mag nicht länger stehn.
+
+CHOR:
+Jeder Bruder trinke, trinke!
+Toastet frisch ein Tinke, Tinke!
+Sitzet fest auf Bank und Span!
+Unterm Tisch dem ist's getan.
+
+SATIRIKER:
+Wißt ihr, was mich Poeten
+Erst recht erfreuen sollte?
+Dürft' ich singen und reden,
+Was niemand hören wollte.
+
+AGLAIA:
+Anmut bringen wir ins Leben;
+Leget Anmut in das Geben.
+
+HEGEMONE:
+Leget Anmut ins Empfangen,
+Lieblich ist's, den Wunsch erlangen.
+
+EUPHRASYNE:
+Und in stiller Tage Schranken
+Höchst anmutig sei das Danken.
+
+ATROPOS:
+Mich, die älteste, zum Spinnen
+Hat man diesmal eingeladen;
+Viel zu denken, viel zu sinnen
+Gibt's beim zarten Lebensfaden.
+Daß er euch gelenk und weich sei,
+Wußt' ich feinsten Flachs zu sichten;
+Daß er glatt und schlank und gleich sei,
+Wird der kluge Finger schlichten.
+Wolltet ihr bei Lust und Tänzen
+Allzu üppig euch erweisen,
+Denkt an dieses Fadens Grenzen,
+Hütet euch! Er möchte reißen.
+
+KLOTHO:
+Wißt, in diesen letzten Tagen
+Ward die Schere mir vertraut;
+Denn man war von dem Betragen
+Unsrer Alten nicht erbaut.
+Zerrt unnützeste Gespinste
+Lange sie an Licht und Luft,
+Hoffnung herrlichster Gewinste
+Schleppt sie schneidend zu der Gruft.
+Doch auch ich im Jugendwalten
+Irrte mich schon hundertmal;
+Heute mich im Zaum zu halten,
+Schere steckt im Futteral.
+Und so bin ich gern gebunden,
+Blicke freundlich diesem Ort;
+Ihr in diesen freien Stunden
+Schwärmt nur immer fort und fort.
+
+LACHESIS:
+Mir, die ich allein verständig,
+Blieb das Ordnen zugeteilt;
+Meine Weife, stets lebendig,
+Hat noch nie sich übereilt.
+Fäden kommen, Fäden weifen,
+Jeden lenk' ich seine Bahn,
+Keinen lass' ich überschweifen,
+Füg' er sich im Kreis heran.
+Könnt' ich einmal mich vergessen,
+Wär' es um die Welt mir bang;
+Stunden zählen, Jahre messen,
+Und der Weber nimmt den Strang.
+
+HEROLD:
+Die jetzo kommen, werdet ihr nicht kennen,
+Wärt ihr noch so gelehrt in alten Schriften;
+Sie anzusehn, die so viel übel stiften,
+Ihr würdet sie willkommne Gäste nennen.
+Die Furien sind es, niemand wird uns glauben,
+Hübsch, wohlgestaltet, freundlich, jung von Jahren;
+Laßt euch mit ihnen ein, ihr sollt erfahren,
+Wie schlangenhaft verletzen solche Tauben.
+Zwar sind sie tückisch, doch am heutigen Tage,
+Wo jeder Narr sich rühmet seiner Mängel,
+Auch sie verlangen nicht den Ruhm als Engel,
+Bekennen sich als Stadt- und Landesplage.
+
+ALEKTO:
+Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen,
+Denn wir sind hübsch und jung und Schmeichelkätzchen;
+Hat einer unter euch ein Liebeschätzchen,
+Wir werden ihm so lang die Ohren krauen,
+Bis wir ihm sagen dürfen, Aug' in Auge:
+Daß sie zugleich auch dem und jenem winke,
+Im Kopfe dumm, im Rücken krumm, und hinke
+Und, wenn sie seine Braut ist, gar nichts tauge.
+So wissen wir die Braut auch zu bedrängen:
+Es hat sogar der Freund, vor wenig Wochen,
+Verächtliches von ihr zu der gesprochen!--
+Versöhnt man sich, so bleibt doch etwas hängen.
+
+MEGÄRA:
+Das ist nur Spaß! denn, sind sie erst verbunden,
+Ich nehm' es auf und weiß; in allen Fällen,
+Das schönste Glück durch Grille zu vergällen;
+Der Mensch ist ungleich, ungleich sind die Stunden.
+Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,
+Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte,
+Vom höchsten Glück, woran er sich gewöhnte;
+Die Sonne flieht er, will den Frost erwarmen.
+Mit diesem allen weiß ich zu gebaren
+Und führe her Asmodi, den Getreuen,
+Zu rechter Zeit Unseliges auszustreuen,
+Verderbe so das Menschenvolk in Paaren.
+
+TISIPHONE:
+Gift und Dolch statt böser Zungen
+Misch' ich, schärf' ich dem Verräter;
+Liebst du andre, früher, später
+Hat Verderben dich durchdrungen.
+Muß der Augenblicke Süßtes
+Sich zu Gischt und Galle wandeln!
+Hier kein Markten, hier kein Handeln--
+Wie er es beging', er büßt es.
+Singe keiner vom Vergeben!
+Felsen klag' ich meine Sache,
+Echo! horch! erwidert: Rache!
+Und wer wechselt, soll nicht leben.
+
+HEROLD:
+Belieb' es euch, zur Seite wegzuweichen,
+Denn was jetzt kommt, ist nicht von euresgleichen.
+Ihr seht, wie sich ein Berg herangedrängt,
+Mit bunten Teppichen die Weichen stolz behängt,
+Ein Haupt mit langen Zähnen, Schlangenrüssel,
+Geheimnisvoll, doch zeig' ich euch den Schlüssel.
+Im Nacken sitzt ihm zierlich-zarte Frau,
+Mit feinem Stäbchen lenkt sie ihn genau;
+Die andre, droben stehend herrlich-hehr,
+Umgibt ein Glanz, der blendet mich zu sehr.
+Zur Seite gehn gekettet edle Frauen,
+Die eine bang, die andre froh zu schauen;
+Die eine wünscht, die andre fühlt sich frei.
+Verkünde jede, wer sie sei.
+
+FURCHT:
+Dunstige Fackeln, Lampen, Lichter
+Dämmern durchs verworrne Fest;
+Zwischen diese Truggesichter
+Bannt mich, ach! die Kette fest.
+Fort, ihr lächerlichen Lacher!
+Euer Grinsen gibt Verdacht;
+Alle meine Widersacher
+Drängen mich in dieser Nacht.
+Hier! ein Freund ist Feind geworden,
+Seine Maske kenn' ich schon;
+Jener wollte mich ermorden,
+Nun entdeckt schleicht er davon.
+Ach wie gern in jeder Richtung
+Flöh' ich zu der Welt hinaus;
+Doch von drüben droht Vernichtung,
+Hält mich zwischen Dunst und Graus.
+
+HOFFNUNG:
+Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern!
+Habt ihr euch schon heut' und gestern
+In Vermummungen gefallen,
+Weiß ich doch gewiß von allen:
+Morgen wollt ihr euch enthüllen.
+Und wenn wir bei Fackelscheine
+Uns nicht sonderlich behagen,
+Werden wir in heitern Tagen
+Ganz nach unserm eignen Willen
+Bald gesellig, bald alleine
+Frei durch schöne Fluren wandeln,
+Nach Belieben ruhn und handeln
+Und in sorgenfreiem Leben
+Nie entbehren, stets erstreben;
+überall willkommne Gäste,
+Treten wir getrost hinein:
+Sicherlich, es muß das Beste
+Irgendwo zu finden sein.
+
+KLUGHEIT:
+Zwei der größten Menschenfeinde,
+Furcht und Hoffnung, angekettet,
+Halt' ich ab von der Gemeinde;
+Platz gemacht! ihr seid gerettet.
+Den lebendigen Kolossen
+Führ' ich, seht ihr, turmbeladen,
+Und er wandelt unverdrossen
+Schritt vor Schritt auf steilen Pfaden.
+Droben aber auf der Zinne
+Jene Göttin, mit behenden
+Breiten Flügeln, zum Gewinne
+Allerseits sich hinzuwenden.
+Rings umgibt sie Glanz und Glorie,
+Leuchtend fern nach allen Seiten;
+Und sie nennet sich Viktorie,
+Göttin aller Tätigkeiten.
+
+ZOILO-THERSITES:
+Hu! Hu! da komm' ich eben recht,
+Ich schelt' euch allzusammen schlecht!
+Doch was ich mir zum Ziel ersah,
+Ist oben Frau Viktoria.
+Mit ihrem weißen Flügelpaar
+Sie dünkt sich wohl, sie sei ein Aar,
+Und wo sie sich nur hingewandt,
+Gehör' ihr alles Volk und Land;
+Doch, wo was Rühmliches gelingt,
+Es mich sogleich in Harnisch bringt.
+Das Tiefe hoch, das Hohe tief,
+Das Schiefe grad, das Grade schief,
+Das ganz allein macht mich gesund,
+So will ich's auf dem Erdenrund.
+
+HEROLD:
+So treffe dich, du Lumpenhund,
+Des frommen Stabes Meisterstreich!
+Da krümm und winde dich sogleich!--
+Wie sich die Doppelzwerggestalt
+So schnell zum eklen Klumpen ballt!--
+--Doch Wunder!--Klumpen wird zum Ei,
+Das bläht sich auf und platzt entzwei.
+Nun fällt ein Zwillingspaar heraus,
+Die Otter und die Fledermaus;
+Die eine fort im Staube kriecht,
+Die andre schwarz zur Decke fliegt.
+Sie eilen draußen zum Verein;
+Da möcht' ich nicht der dritte sein.
+
+GEMURMEL:
+Frisch! dahinten tanzt man schon--
+Nein! Ich wollt', ich wär' davon--
+Fühlst du, wie uns das umflicht,
+Das gespenstische Gezücht?--
+Saust es mir doch übers Haar--
+Ward ich's doch am Fuß gewahr--
+Keiner ist von uns verletzt--
+Alle doch in Furcht gesetzt--
+Ganz verdorben ist der Spaß--
+Und die Bestien wollten das.
+
+HEROLD:
+Seit mir sind bei Maskeraden
+Heroldspflichten aufgeladen,
+Wach' ich ernstlich an der Pforte,
+Daß euch hier am lustigen Orte
+Nichts Verderbliches erschleiche,
+Weder wanke, weder weiche.
+Doch ich fürchte, durch die Fenster
+Ziehen luftige Gespenster,
+Und von Spuk und Zaubereien
+Wüßt' ich euch nicht zu befreien.
+Machte sich der Zwerg verdächtig,
+Nun! dort hinten strömt es mächtig.
+Die Bedeutung der Gestalten
+Möcht' ich amtsgemäß entfalten.
+Aber was nicht zu begreifen,
+Wüßt' ich auch nicht zu erklären;
+Helfet alle mich belehren!--
+Seht ihr's durch die Menge schweifen?
+Vierbespannt ein prächtiger Wagen
+Wird durch alles durchgetragen;
+Doch er teilet nicht die Menge,
+Nirgend seh' ich ein Gedränge.
+Farbig glitzert's in der Ferne,
+Irrend leuchten bunte Sterne
+Wie von magischer Laterne,
+Schnaubt heran mit Sturmgewalt.
+Platz gemacht! Mich schaudert's! +
+
+KNABE WAGENLENKER:
+Halt!
+Rosse, hemmet eure Flügel,
+Fühlet den gewohnten Zügel,
+Meistert euch, wie ich euch meistre,
+Rauschet hin, wenn ich begeistre--
+Diese Räume laßt uns ehren!
+Schaut umher, wie sie sich mehren,
+Die Bewundrer, Kreis um Kreise.
+Herold auf! nach deiner Weise,
+Ehe wir von euch entfliehen,
+Uns zu schildern, uns zu nennen;
+Denn wir sind Allegorien,
+Und so solltest du uns kennen.
+
+HEROLD:
+Wüßte nicht, dich zu benennen;
+Eher könnt' ich dich beschreiben.
+
+KNABE LENKER:
+So probier's! +
+
+HEROLD:
+Man muß gestehn:
+Erstlich bist du jung und schön.
+Halbwüchsiger Knabe bist du; doch die Frauen,
+Sie möchten dich ganz ausgewachsen schauen.
+Du scheinest mir ein künftiger Sponsierer,
+Recht so von Haus aus ein Verführer.
+
+KNABE LENKER:
+Das läßt sich hören! fahre fort,
+Erfinde dir des Rätsels heitres Wort.
+
+HEROLD:
+Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken,
+Erheitert von juwelnem Band!
+Und welch ein zierliches Gewand
+Fließt dir von Schultern zu den Socken,
+Mit Purpursaum und Glitzertand!
+Man könnte dich ein Mädchen schelten;
+Doch würdest du, zu Wohl und Weh,
+Auch jetzo schon bei Mädchen gelten,
+Sie lehrten dich das ABC.
+
+KNABE LENKER:
+Und dieser, der als Prachtgebilde
+Hier auf dem Wagenthrone prangt?
+
+HEROLD:
+Er scheint ein König reich und milde,
+Wohl dem, der seine Gunst erlangt!
+Er hat nichts weiter zu erstreben,
+Wo's irgend fehlte, späht sein Blick,
+Und seine reine Lust zu geben
+Ist größer als Besitz und Glück.
+
+KNABE LENKER:
+Hiebei darfst du nicht stehen bleiben,
+Du mußt ihn recht genau beschreiben.
+
+HEROLD:
+Das Würdige beschreibt sich nicht.
+Doch das gesunde Mondgesicht,
+Ein voller Mund, erblühte Wangen,
+Die unterm Schmuck des Turbans prangen;
+Im Faltenkleid ein reich Behagen!
+Was soll ich von dem Anstand sagen?
+Als Herrscher scheint er mir bekannt.
+
+KNABE LENKER:
+Plutus, des Reichtums Gott genannt!
+Derselbe kommt in Prunk daher,
+Der hohe Kaiser wünscht ihn sehr.
+
+HEROLD:
+Sag von dir selber auch das Was und Wie!
+
+KNABE LENKER:
+Bin die Verschwendung, bin die Poesie;
+Bin der Poet, der sich vollendet,
+Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.
+Auch ich bin unermeßlich reich
+Und schätze mich dem Plutus gleich,
+Beleb' und schmück' ihm Tanz und Schmaus,
+Das, was ihm fehlt, das teil' ich aus.
+
+HEROLD:
+Das Prahlen steht dir gar zu schön,
+Doch laß uns deine Künste sehn.
+
+KNABE LENKER:
+Hier seht mich nur ein Schnippchen schlagen,
+Schon glänzt's und glitzert's um den Wagen.
+Da springt eine Perlenschnur hervor!
+Nehmt goldne Spange für Hals und Ohr;
+Auch Kamm und Krönchen ohne Fehl,
+In Ringen köstlichstes Juwel;
+Auch Flämmchen spend' ich dann und wann,
+Erwartend, wo es zünden kann.
+
+HEROLD:
+Wie greift und hascht die liebe Menge!
+Fast kommt der Geber ins Gedränge.
+Kleinode schnippt er wie ein Traum,
+Und alles hascht im weiten Raum.
+Doch da erleb' ich neue Pfiffe:
+Was einer noch so emsig griffe,
+Des hat er wirklich schlechten Lohn,
+Die Gabe flattert ihm davon.
+Es löst sich auf das Perlenband,
+Ihm krabbeln Käfer in der Hand,
+Er wirft sie weg, der arme Tropf,
+Und sie umsummen ihm den Kopf.
+Die andern statt solider Dinge
+Erhaschen frevle Schmetterlinge.
+Wie doch der Schelm so viel verheißt
+Und nur verleiht, was golden gleißt!
+
+KNABE LENKER:
+Zwar Masken, merk' ich, weißt du zu verkünden,
+Allein der Schale Wesen zu ergründen,
+Sind Herolds Hofgeschäfte nicht;
+Das fordert schärferes Gesicht.
+Doch hüt' ich mich vor jeder Fehde;
+An dich, Gebieter, wend' ich Frag' und Rede.
+Hast du mir nicht die Windesbraut
+Des Viergespannes anvertraut?
+Lenk' ich nicht glücklich, wie du leitest?
+Bin ich nicht da, wohin du deutest?
+Und wußt' ich nicht auf kühnen Schwingen
+Für dich die Palme zu erringen?
+Wie oft ich auch für dich gefochten,
+Mir ist es jederzeit geglückt:
+Wenn Lorbeer deine Stirne schmückt,
+Hab' ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten?
+
+PLUTUS:
+Wenn's nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste,
+So sag' ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.
+Du handelst stets nach meinem Sinn,
+Bist reicher, als ich selber bin.
+Ich schätze, deinen Dienst zu lohnen,
+Den grünen Zweig vor allen meinen Kronen.
+Ein wahres Wort verkünd' ich allen:
+Mein lieber Sohn, an dir hab' ich Gefallen.
+
+KNABE LENKER:
+Die größten Gaben meiner Hand,
+Seht! hab' ich rings umher gesandt.
+Auf dem und jenem Kopfe glüht
+Ein Flämmchen, das ich angesprüht;
+Von einem zu dem andern hüpft's,
+An diesem hält sich's, dem entschlüpft's,
+Gar selten aber flammt's empor,
+Und leuchtet rasch in kurzem Flor;
+Doch vielen, eh' man's noch erkannt,
+Verlischt es, traurig ausgebrannt.
+
+WEIBERGEKLATSCH:
+Da droben auf dem Viergespann
+Das ist gewiß ein Scharlatan;
+Gekauzt da hintendrauf Hanswurst,
+Doch abgezehrt von Hunger und Durst,
+Wie man ihn niemals noch erblickt;
+Er fühlt wohl nicht, wenn man ihn zwickt.
+
+DER ABGEMAGERTE:
+Vom Leibe mir, ekles Weibsgeschlecht!
+Ich weiß, dir komm' ich niemals recht.--
+Wie noch die Frau den Herd versah,
+Da hieß ich Avaritia;
+Da stand es gut um unser Haus:
+Nur viel herein und nichts hinaus!
+Ich eiferte für Kist' und Schrein;
+Das sollte wohl gar ein Laster sein.
+Doch als in allerneusten Jahren
+Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen,
+Und, wie ein jeder böser Zahler,
+Weit mehr Begierden hat als Taler,
+Da bleibt dem Manne viel zu dulden,
+Wo er nur hinsieht, da sind Schulden.
+Sie wendet's, kann sie was erspulen,
+An ihren Leib, an ihren Buhlen;
+Auch speist sie besser, trinkt noch mehr
+Mit der Sponsierer leidigem Heer;
+Das steigert mir des Goldes Reiz:
+Bin männlichen Geschlechts, der Geiz!
+
+HAUPTWEIB:
+Mit Drachen mag der Drache geizen;
+Ist's doch am Ende Lug und Trug!
+Er kommt, die Männer aufzureizen,
+Sie sind schon unbequem genug.
+
+WEIBER IN MASSE:
+Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe!
+Was will das Marterholz uns dräun?
+Wir sollen seine Fratze scheun!
+Die Drachen sind von Holz und Pappe,
+Frisch an und dringt auf ihn hinein!
+
+HEROLD:
+Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!--
+Doch braucht es meiner Hülfe kaum;
+Seht, wie die grimmen Ungestalten,
+Bewegt im rasch gewonnenen Raum,
+Das Doppel-Flügelpaar entfalten.
+Entrüstet schütteln sich der Drachen
+Umschuppte, feuerspeiende Rachen;
+Die Menge flieht, rein ist der Platz.
+
+HEROLD:
+Er tritt herab, wie königlich!
+Er winkt, die Drachen rühren sich,
+Die Kiste haben sie vom Wagen
+Mit Gold und Geiz herangetragen,
+Sie steht zu seinen Füßen da:
+Ein Wunder ist es, wie's geschah.
+
+PLUTUS:
+Nun bist du los der allzulästigen Schwere,
+Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphäre!
+Hier ist sie nicht! Verworren, scheckig, wild
+Umdrängt uns hier ein fratzenhaft Gebild.
+Nur wo du klar ins holde Klare schaust,
+Dir angehörst und dir allein vertraust,
+Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,
+Zur Einsamkeit!--Da schaffe deine Welt.
+
+KNABE LENKER:
+So acht' ich mich als werten Abgesandten,
+So lieb' ich dich als nächsten Anverwandten.
+Wo du verweilst, ist Fülle; wo ich bin,
+Fühlt jeder sich im herrlichsten Gewinn.
+Auch schwankt er oft im widersinnigen Leben:
+Soll er sich dir? soll er sich mir ergeben?
+Die Deinen freilich können müßig ruhn,
+Doch wer mir folgt, hat immer was zu tun.
+Nicht insgeheim vollführ' ich meine Taten,
+Ich atme nur, und schon bin ich verraten.
+So lebe wohl! Du gönnst mir ja mein Glück;
+Doch lisple leis', und gleich bin ich zurück.
+
+PLUTUS:
+Nun ist es Zeit, die Schätze zu entfesseln!
+Die Schlösser treff' ich mit des Herolds Rute.
+Es tut sich auf! schaut her! in ehrnen Kesseln
+Entwickelt sich's und wallt von goldnem Blute,
+Zunächst der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen;
+Es schwillt und droht, ihn schmelzend zu verschlingen.
+
+WECHSELGESCHREI DER MENGE:
+Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt,
+Die Kiste bis zum Rande füllt.--
+Gefäße, goldne, schmelzen sich,
+Gemünzte Rollen wälzen sich.--
+Dukaten hüpfen wie geprägt,
+O wie mir das den Busen regt--
+Wie schau' ich alle mein Begehr!
+Da kollern sie am Boden her.--
+Man bietet's euch, benutzt's nur gleich
+Und bückt euch nur und werdet reich.--
+Wir andern, rüstig wie der Blitz,
+Wir nehmen den Koffer in Besitz.
+
+HEROLD:
+Was soll's, ihr Toren? soll mir das?
+Es ist ja nur ein Maskenspaß.
+Heut abend wird nicht mehr begehrt;
+Glaubt ihr, man geb' euch Gold und Wert?
+Sind doch für euch in diesem Spiel
+Selbst Rechenpfennige zuviel.
+Ihr Täppischen! ein artiger Schein
+Soll gleich die plumpe Wahrheit sein.
+Was soll euch Wahrheit?--Dumpfen Wahn
+Packt ihr an allen Zipfeln an.--
+Vermummter Plutus, Maskenheld,
+Schlag dieses Volk mir aus dem Feld.
+
+PLUTUS:
+Dein Stab ist wohl dazu bereit,
+Verleih ihn mir auf kurze Zeit.--
+Ich tauch' ihn rasch in Sud und Glut.--
+Nun, Masken, seid auf eurer Hut!
+Wie's blitzt und platzt, in Funken sprüht!
+Der Stab, schon ist er angeglüht.
+Wer sich zu nah herangedrängt,
+Ist unbarmherzig gleich versengt.--
+Jetzt fang' ich meinen Umgang an.
+
+GESCHREI UND GEDRÄNG:
+O weh! Es ist um uns getan.--
+Entfliehe, wer entfliehen kann!--
+Zurück, zurück, du Hintermann!--
+Mir sprüht er heiß ins Angesicht.--
+Mich drückt des glühenden Stabs Gewicht--
+Verloren sind wir all' und all'.--
+Zurück, zurück, du Maskenschwall!
+Zurück, zurück, unsinniger Hauf'!--
+O hätt' ich Flügel, flög' ich auf.--
+
+PLUTUS:
+Schon ist der Kreis zurückgedrängt,
+Und niemand, glaub' ich, ist versengt.
+Die Menge weicht,
+Sie ist verscheucht.--
+Doch solcher Ordnung Unterpfand
+Zieh' ich ein unsichtbares Band.
+
+HEROLD:
+Du hast ein herrlich Werk vollbracht,
+Wie dank' ich deiner klugen Macht!
+
+PLUTUS:
+Noch braucht es, edler Freund, Geduld:
+Es droht noch mancherlei Tumult.
+
+GEIZ:
+So kann man doch, wenn es beliebt,
+Vergnüglich diesen Kreis beschauen;
+Denn immerfort sind vornenan die Frauen,
+Wo's was zu gaffen, was zu naschen gibt.
+Noch bin ich nicht so völlig eingerostet!
+Ein schönes Weib ist immer schön;
+Und heute, weil es mich nichts kostet,
+So wollen wir getrost sponsieren gehn.
+Doch weil am überfüllten Orte
+Nicht jedem Ohr vernehmlich alle Worte,
+Versuch' ich klug und hoff', es soll mir glücken,
+Mich pantomimisch deutlich auszudrücken.
+Hand, Fuß, Gebärde reicht mir da nicht hin,
+Da muß ich mich um einen Schwank bemühn.
+Wie feuchten Ton will ich das Gold behandeln,
+Denn dies Metall läßt sich in alles wandeln.
+
+HEROLD:
+Was fängt der an, der magre Tor!
+Hat so ein Hungermann Humor?
+Er knetet alles Gold zu Teig,
+Ihm wird es untern Händen weich;
+Wie er es drückt und wie es ballt,
+Bleibt's immer doch nur ungestalt.
+Er wendet sich zu den Weibern dort,
+Sie schreien alle, möchten fort,
+Gebärden sich gar widerwärtig;
+Der Schalk erweist sich übelfertig.
+Ich fürchte, daß er sich ergetzt,
+Wenn er die Sittlichkeit verletzt.
+Dazu darf ich nicht schweigsam bleiben,
+Gib meinen Stab, ihn zu vertreiben.
+
+PLUTUS:
+Er ahnet nicht, was uns von außen droht;
+Laß ihn die Narrenteidung treiben!
+Ihm wird kein Raum für seine Possen bleiben;
+Gesetz ist mächtig, mächtiger ist die Not.
+
+GETÜMMEL UND GESANG:
+Das wilde Heer, es kommt zumal
+Von Bergeshöh' und Waldestal,
+Unwiderstehlich schreitet's an:
+Sie feiren ihren großen Pan.
+Sie wissen doch, was keiner weiß,
+Und drängen in den leeren Kreis.
+
+PLUTUS:
+Ich kenn' euch wohl und euren großen Pan!
+Zusammen habt ihr kühnen Schritt getan.
+Ich weiß recht gut, was nicht ein jeder weiß,
+Und öffne schuldig diesen engen Kreis.
+Mag sie ein gut Geschick begleiten!
+Das Wunderlichste kann geschehn;
+Sie wissen nicht, wohin sie schreiten,
+Sie haben sich nicht vorgesehn.
+
+WILDGESANG:
+Geputztes Volk du, Flitterschau!
+Sie kommen roh, sie kommen rauh,
+In hohem Sprung, in raschem Lauf,
+Sie treten derb und tüchtig auf.
+
+FAUNEN:
+Die Faunenschar
+Im lustigen Tanz,
+Den Eichenkranz
+Im krausen Haar,
+Ein feines zugespitztes Ohr
+Dringt an dem Lockenkopf hervor,
+Ein stumpfes Näschen, ein breit Gesicht,
+Das schadet alles bei Frauen nicht:
+Dem Faun, wenn er die Patsche reicht,
+Versagt die Schönste den Tanz nicht leicht.
+
+SATYR:
+Der Satyr hüpft nun hinterdrein
+Mit Ziegenfuß und dürrem Bein,
+Ihm sollen sie mager und sehnig sein,
+Und gemsenartig auf Bergeshöhn
+Belustigt er sich, umherzusehn.
+In Freiheitsluft erquickt alsdann,
+Verhöhnt er Kind und Weib und Mann,
+Die tief in Tales Dampf und Rauch
+Behaglich meinen, sie lebten auch,
+Da ihm doch rein und ungestört
+Die Welt dort oben allein gehört.
+
+GNOMEN:
+Da trippelt ein die kleine Schar,
+Sie hält nicht gern sich Paar und Paar;
+Im moosigen Kleid mit Lämplein hell
+Bewegt sich's durcheinander schnell,
+Wo jedes für sich selber schafft,
+Wie Leucht-Ameisen wimmelhaft;
+Und wuselt emsig hin und her,
+Beschäftigt in die Kreuz und Quer.
+Den frommen Gütchen nah verwandt,
+Als Felschirurgen wohlbekannt;
+Die hohen Berge schröpfen wir,
+Aus vollen Adern schöpfen wir;
+Metalle stürzen wir zuhauf,
+Mit Gruß getrost: Glück auf! Glück auf!
+Das ist von Grund aus wohlgemeint:
+Wir sind der guten Menschen Freund.
+Doch bringen wir das Gold zu Tag,
+Damit man stehlen und kuppeln mag,
+Nicht Eisen fehle dem stolzen Mann,
+Der allgemeinen Mord ersann.
+Und wer die drei Gebot' veracht't,
+Sich auch nichts aus den andern macht.
+Das alles ist nicht unsre Schuld;
+Drum habt so fort, wie wir, Geduld.
+
+RIESEN:
+Die wilden Männer sind s' genannt,
+Am Harzgebirge wohlbekannt;
+Natürlich nackt in aller Kraft,
+Sie kommen sämtlich riesenhaft.
+Den Fichtenstamm in rechter Hand
+Und um den Leib ein wulstig Band,
+Den derbsten Schurz von Zweig und Blatt,
+Leibwacht, wie der Papst nicht hat.
+
+NYMPHEN IM CHOR:
+Auch kommt er an!--
+Das All der Welt
+Wird vorgestellt
+Im großen Pan.
+Ihr Heitersten, umgebet ihn,
+Im Gaukeltanz umschwebet ihn:
+Denn weil er ernst und gut dabei,
+So will er, daß man fröhlich sei.
+Auch unterm blauen Wölbedach
+Verhielt' er sich beständig wach;
+Doch rieseln ihm die Bäche zu,
+Und Lüftlein wiegen ihn mild in Ruh.
+Und wenn er zu Mittage schläft,
+Sich nicht das Blatt am Zweige regt;
+Gesunder Pflanzen Balsamduft
+Erfüllt die schweigsam stille Luft;
+Die Nymphe darf nicht munter sein,
+Und wo sie stand, da schläft sie ein.
+Wenn unerwartet mit Gewalt
+Dann aber seine Stimm' erschallt,
+Wie Blitzes Knattern, Meergebraus,
+Dann niemand weiß, wo ein noch aus,
+Zerstreut sich tapfres Heer im Feld,
+Und im Getümmel bebt der Held.
+So Ehre dem, dem Ehre gebührt,
+Und Heil ihm, der uns hergeführt!
+
+DEPUTATION DER GNOMEN:
+Wenn das glänzend reiche Gute
+Fadenweis durch Klüfte streicht,
+Nur der klugen Wünschelrute
+Seine Labyrinthe zeigt,
+Wölben wir in dunklen Grüften
+Troglodytisch unser Haus,
+Und an reinen Tageslüften
+Teilst du Schätze gnädig aus.
+Nun entdecken wir hieneben
+Eine Quelle wunderbar,
+Die bequem verspricht zu geben,
+Was kaum zu erreichen war.
+Dies vermagst du zu vollenden,
+Nimm es, Herr, in deine Hut:
+Jeder Schatz in deinen Händen
+Kommt der ganzen Welt zugut.
+
+PLUTUS:
+Wir müssen uns im hohen Sinne fassen
+Und, was geschieht, getrost geschehen lassen,
+Du bist ja sonst des stärksten Mutes voll.
+Nun wird sich gleich ein Greulichstes eräugnen,
+Hartnäckig wird es Welt und Nachwelt leugnen:
+Du schreib es treulich in dein Protokoll.
+
+HEROLD:
+Die Zwerge führen den großen Pan
+Zur Feuerquelle sacht heran;
+Sie siedet auf vom tiefsten Schlund,
+Dann sinkt sie wieder hinab zum Grund,
+Und finster steht der offne Mund;
+Wallt wieder auf in Glut und Sud,
+Der große Pan steht wohlgemut,
+Freut sich des wundersamen Dings,
+Und Perlenschaum sprüht rechts und links.
+Wie mag er solchem Wesen traun?
+Er bückt sich tief hineinzuschaun.--
+Nun aber fällt sein Bart hinein!--
+Wer mag das glatte Kinn wohl sein?
+Die Hand verbirgt es unserm Blick.--
+Nun folgt ein großes Ungeschick:
+Der Bart entflammt und fliegt zurück,
+Entzündet Kranz und Haupt und Brust,
+Zu Leiden wandelt sich die Lust.--
+Zu löschen läuft die Schar herbei,
+Doch keiner bleibt von Flammen frei,
+Und wie es patscht und wie es schlägt,
+Wird neues Flammen aufgeregt;
+Verflochten in das Element,
+Ein ganzer Maskenklump verbrennt.
+Was aber, hör' ich wird uns kund
+Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund!
+O ewig unglücksel'ge Nacht,
+Was hast du uns für Leid gebracht!
+Verkünden wird der nächste Tag,
+Was niemand willig hören mag;
+Doch hör' ich aller Orten schrein:
+"Der Kaiser leidet solche Pein."
+O wäre doch ein andres wahr!
+Der Kaiser brennt und seine Schar.
+Sie sei verflucht, die ihn verführt,
+In harzig Reis sich eingeschnürt,
+Zu toben her mit Brüllgesang
+Zu allerseitigem Untergang.
+O Jugend, Jugend, wirst du nie
+Der Freude reines Maß bezirken?
+O Hoheit, Hoheit, wirst du nie
+Vernünftig wie allmächtig wirken?
+Schon geht der Wald in Flammen auf,
+Sie züngeln leckend spitz hinauf
+Zum holzverschränkten Deckenband;
+Uns droht ein allgemeiner Brand.
+Des Jammers Maß ist übervoll,
+Ich weiß nicht, wer uns retten soll.
+Ein Aschenhaufen einer Nacht
+Liegt morgen reiche Kaiserpracht.
+
+PLUTUS:
+Schrecken ist genug verbreitet,
+Hilfe sei nun eingeleitet!--
+Schlage, heil'gen Stabs Gewalt,
+Daß der Boden bebt und schallt!
+Du, geräumig weite Luft,
+Fülle dich mit kühlem Duft!
+Zieht heran, umherzuschweifen,
+Nebeldünste, schwangre Streifen,
+Deckt ein flammendes Gewühl!
+Rieselt, säuselt, Wölkchen kräuselt,
+Schlüpfet wallend, leise dämpfet,
+Löschend überall bekämpfet,
+Ihr, die lindernden, die feuchten,
+Wandelt in ein Wetterleuchten
+Solcher eitlen Flamme Spiel!--
+Drohen Geister, uns zu schädigen,
+Soll sich die Magie betätigen.
+
+
+
+Lustgarten
+
+FAUST:
+Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel?
+
+KAISER:
+Ich wünsche mir dergleichen Scherze viel.--
+Auf einmal sah ich mich in glühnder Sphäre,
+Es schien mir fast, als ob ich Pluto wäre.
+Aus Nacht und Kohlen lag ein Felsengrund,
+Von Flämmchen glühend. Dem und jenem Schlund
+Aufwirbelten viel tausend wilde Flammen
+Und flackerten in ein Gewölb' zusammen.
+Zum höchsten Dome züngelt' es empor,
+Der immer ward und immer sich verlor.
+Durch fernen Raum gewundner Feuersäulen
+Sah ich bewegt der Völker lange Zeilen,
+Sie drängten sich im weiten Kreis heran
+Und huldigten, wie sie es stets getan.
+Vom meinem Hof erkannt' ich ein und andern,
+Ich schien ein Fürst von tausend Salamandern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das bist du, Herr! weil jedes Element
+Die Majestät als unbedingt erkennt.
+Gehorsam Feuer hast du nun erprobt;
+Wirf dich ins Meer, wo es am wildsten tobt,
+Und kaum betrittst du perlenreichen Grund,
+So bildet wallend sich ein herrlich Rund;
+Siehst auf und ab lichtgrüne schwanke Wellen,
+Mit Purpursaum, zur schönsten Wohnung schwellen
+Um dich, den Mittelpunkt. Bei jedem Schritt,
+Wohin du gehst, gehn die Paläste mit.
+Die Wände selbst erfreuen sich des Lebens,
+Pfeilschnellen Wimmlens, Hin- und Widerstrebens.
+Meerwunder drängen sich zum neuen milden Schein,
+Sie schießen an, und keines darf herein.
+Da spielen farbig goldbeschuppte Drachen,
+Der Haifisch klafft, du lachst ihm in den Rachen.
+Wie sich auch jetzt der Hof um dich entzückt,
+Hast du doch nie ein solch Gedräng' erblickt.
+Doch bleibst du nicht vom Lieblichsten geschieden:
+Es nahen sich neugierige Nereiden
+Der prächt'gen Wohnung in der ew'gen Frische,
+Die jüngsten scheu und lüstern wie die Fische,
+Die spätern klug. Schon wird es Thetis kund,
+Dem zweiten Peleus reicht sie Hand und Mund.--
+Den Sitz alsdann auf des Olymps Revier...
+
+KAISER:
+Die luft'gen Räume, die erlass' ich dir:
+Noch früh genug besteigt man jenen Thron.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und, höchster Herr! die Erde hast du schon.
+
+KAISER:
+Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht,
+Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht?
+Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden,
+Versichr' ich dich der höchsten aller Gnaden.
+Sei stets bereit, wenn eure Tageswelt,
+Wie's oft geschieht, mir widerlichst mißfällt.
+
+MARSCHALK:
+Durchlauchtigster, ich dacht' in meinem Leben
+Vom schönsten Glück Verkündung nicht zu geben
+Als diese, die mich hoch beglückt,
+In deiner Gegenwart entzückt:
+Rechnung für Rechnung ist berichtigt,
+Die Wucherklauen sind beschwichtigt,
+Los bin ich solcher Höllenpein;
+Im Himmel kann's nicht heitrer sein.
+
+HEERMEISTER:
+Abschläglich ist der Sold entrichtet,
+Das ganze Heer aufs neu' verpflichtet,
+Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,
+Und Wirt und Dirnen haben's gut.
+
+KAISER:
+Wie atmet eure Brust erweitert!
+Das faltige Gesicht erheitert!
+Wie eilig tretet ihr heran!
+
+SCHATZMEISTER:
+Befrage diese, die das Werk getan.
+
+FAUST:
+Dem Kanzler ziemt's, die Sache vorzutragen.
+
+KANZLER:
+Beglückt genug in meinen alten Tagen.--
+So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,
+Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
+"Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:
+Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
+Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
+Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
+Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
+Sogleich gehoben, diene zum Ersatz."
+
+KAISER:
+Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
+Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?
+Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?
+
+SCHATZMEISTER:
+Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
+Erst heute nacht. Du standst als großer Pan,
+Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
+"Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
+Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen."
+Du zogst sie rein, dann ward's in dieser Nacht
+Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
+Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
+So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
+Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.
+Ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat.
+Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
+Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!
+Obschon dein Name längst die Welt beglückt,
+Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.
+Das Alphabet ist nun erst überzählig,
+In diesem Zeichen wird nun jeder selig.
+
+KAISER:
+Und meinen Leuten gilt's für gutes Gold?
+Dem Heer, dem Hofe gnügt's zu vollem Sold?
+So sehr mich's wundert, muß ich's gelten lassen.
+
+MARSCHALK:
+Unmöglich wär's, die Flüchtigen einzufassen;
+Mit Blitzeswink zerstreute sich's im Lauf.
+Die Wechslerbänke stehen sperrig auf:
+Man honoriert daselbst ein jedes Blatt
+Durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt.
+Nun geht's von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;
+Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
+Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.
+Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.
+Bei "Hoch dem Kaiser!" sprudelt's in den Kellern,
+Dort kocht's und brät's und klappert mit den Tellern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer die Terrassen einsam abspaziert,
+Gewahrt die Schönste, herrlich aufgeziert,
+Ein Aug' verdeckt vom stolzen Pfauenwedel,
+Sie schmunzelt uns und blickt nach solcher Schedel;
+Und hurt'ger als durch Witz und Redekunst
+Vermittelt sich die reichste Liebesgunst.
+Man wird sich nicht mit Börs' und Beutel plagen,
+Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen,
+Mit Liebesbrieflein paart's bequem sich hier.
+Der Priester trägt's andächtig im Brevier,
+Und der Soldat, um rascher sich zu wenden,
+Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden.
+Die Majestät verzeihe, wenn ins Kleine
+Das hohe Werk ich zu erniedern scheine.
+
+FAUST:
+Das übermaß der Schätze, das, erstarrt,
+In deinen Landen tief im Boden harrt,
+Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
+Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
+Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
+Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
+Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
+Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
+Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
+Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
+Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen.
+Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
+Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
+Pokal und Kette wird verauktioniert,
+Und das Papier, sogleich amortisiert,
+Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
+Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
+So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
+An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.
+
+KAISER:
+Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
+Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
+Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
+Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.
+Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
+Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.
+Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
+Erfüllt mit Lust die Würden eures Platzes,
+Wo mit der obern sich die Unterwelt,
+In Einigkeit beglückt, zusammenstellt.
+
+SCHATZMEISTER:
+Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen,
+Ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.
+
+KAISER:
+Beschenk' ich nun bei Hofe Mann für Mann,
+Gesteh' er mir, wozu er's brauchen kann.
+
+PAGE:
+Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge.
+
+EIN ANDRER:
+Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett' und Ringe.
+
+KÄMMERER:
+Von nun an trink' ich doppelt beßre Flasche.
+
+EIN ANDRER:
+Die Würfel jucken mich schon in der Tasche.
+
+BANNERHERR:
+Mein Schloß und Feld, ich mach' es schuldenfrei.
+
+EIN ANDRER:
+Es ist ein Schatz, den leg' ich Schätzen bei.
+
+KAISER:
+Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten;
+Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.
+Ich merk' es wohl: bei aller Schätze Flor,
+Wie ihr gewesen, bleibt ihr nach wie vor.
+
+NARR:
+Ihr spendet Gnaden, gönnt auch mir davon!
+
+KAISER:
+Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.
+
+NARR:
+Die Zauberblätter! ich versteh's nicht recht.
+
+KAISER:
+Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.
+
+NARR:
+Da fallen andere; weiß nicht, was ich tu'.
+
+KAISER:
+Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.
+
+NARR:
+Fünftausend Kronen wären mir zu Handen!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?
+
+NARR:
+Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du freust dich so, daß dich's in Schweiß versetzt.
+
+NARR:
+Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.
+
+NARR:
+Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.
+
+NARR:
+Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Traun!
+Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!
+
+NARR:
+Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz!--
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!
+
+
+
+Finstere Galerie
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was ziehst du mich in diese düstern Gänge?
+Ist nicht da drinnen Lust genug,
+Im dichten, bunten Hofgedränge
+Gelegenheit zu Spaß und Trug?
+
+FAUST:
+Sag mir das nicht, du hast's in alten Tagen
+Längst an den Sohlen abgetragen;
+Doch jetzt dein Hin- und Widergehn
+Ist nur, um mir nicht Wort zu stehn.
+Ich aber bin gequält zu tun:
+Der Marschalk und der Kämmrer treibt mich nun.
+Der Kaiser will, es muß sogleich geschehn,
+Will Helena und Paris vor sich sehn;
+Das Musterbild der Männer so der Frauen
+In deutlichen Gestalten will er schauen.
+Geschwind ans Werk! ich darf mein Wort nicht brechen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Unsinnig war's, leichtsinnig zu versprechen.
+
+FAUST:
+Du hast, Geselle, nicht bedacht,
+Wohin uns deine Künste führen;
+Erst haben wir ihn reich gemacht,
+Nun sollen wir ihn amüsieren.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du wähnst, es füge sich sogleich;
+Hier stehen wir vor steilern Stufen,
+Greifst in ein fremdestes Bereich,
+Machst frevelhaft am Ende neue Schulden,
+Denkst Helenen so leicht hervorzurufen
+Wie das Papiergespenst der Gulden.--
+Mit Hexen-Fexen, mit Gespenst-Gespinsten,
+Kielkröpfigen Zwergen steh' ich gleich zu Diensten;
+Doch Teufels-Liebchen, wenn auch nicht zu schelten,
+Sie können nicht für Heroinen gelten.
+
+FAUST:
+Da haben wir den alten Leierton!
+Bei dir gerät man stets ins Ungewisse.
+Der Vater bist du aller Hindernisse,
+Für jedes Mittel willst du neuen Lohn.
+Mit wenig Murmeln, weiß ich, ist's getan;
+Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das Heidenvolk geht mich nichts an,
+Es haust in seiner eignen Hölle;
+Doch gibt's ein Mittel. +
+
+FAUST:
+Sprich, und ohne Säumnis!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis.
+Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
+Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
+Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
+Die Mütter sind es! +
+
+FAUST:
+Mütter! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Schaudert's dich?
+
+FAUST:
+Die Mütter! Mütter!--'s klingt so wunderlich!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
+Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
+Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
+Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.
+
+FAUST:
+Wohin der Weg? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Kein Weg! Ins Unbetretene,
+Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene,
+Nicht zu Erbittende. Bist du bereit?--
+Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben,
+Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben.
+Hast du Begriff von öd' und Einsamkeit?
+
+FAUST:
+Du spartest, dächt' ich, solche Sprüche;
+Hier wittert's nach der Hexenküche,
+Nach einer längst vergangnen Zeit.
+Mußt' ich nicht mit der Welt verkehren?
+Das Leere lernen, Leeres lehren?--
+Sprach ich vernünftig, wie ich's angeschaut,
+Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;
+Mußt' ich sogar vor widerwärtigen Streichen
+Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen
+Und, um nicht ganz versäumt, allein zu leben,
+Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und hättest du den Ozean durchschwommen,
+Das Grenzenlose dort geschaut,
+So sähst du dort doch Well' auf Welle kommen,
+Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
+Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
+Gestillter Meere streichende Delphine;
+Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne--
+Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
+Den Schritt nicht hören, den du tust,
+Nichts Festes finden, wo du ruhst.
+
+FAUST:
+Du sprichst als erster aller Mystagogen,
+Die treue Neophyten je betrogen;
+Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere,
+Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
+Behandelst mich, daß ich, wie jene Katze,
+Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
+Nur immer zu! wir wollen es ergründen,
+In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich rühme dich, eh' du dich von mir trennst,
+Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst;
+Hier diesen Schlüssel nimm. +
+
+FAUST:
+Das kleine Ding!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering.
+
+FAUST:
+Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, blitzt!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt?
+Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern,
+Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.
+
+FAUST:
+Den Müttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag!
+Was ist das Wort, das ich nicht hören mag?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Bist du beschränkt, daß neues Wort dich stört?
+Willst du nur hören, was du schon gehört?
+Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge,
+Schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge.
+
+FAUST:
+Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil,
+Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil;
+Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure,
+Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
+'s ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
+In der Gebilde losgebundne Reiche!
+Ergetze dich am längst nicht mehr Vorhandnen;
+Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe,
+Den Schlüssel schwinge, halte sie vom Leibe!
+
+FAUST:
+Wohl! fest ihn fassend fühl' ich neue Stärke,
+Die Brust erweitert, hin zum großen Werke.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ein glühnder Dreifuß tut dir endlich kund,
+Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund.
+Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn,
+Die einen sitzen, andre stehn und gehn,
+Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
+Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
+Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
+Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.
+Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß,
+Und gehe grad' auf jenen Dreifuß los,
+Berühr ihn mit dem Schlüssel! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+So ist's recht!
+Er schließt sich an, er folgt als treuer Knecht;
+Gelassen steigst du, dich erhebt das Glück,
+Und eh' sie's merken, bist mit ihm zurück.
+Und hast du ihn einmal hierher gebracht,
+So rufst du Held und Heldin aus der Nacht,
+Der erste, der sich jener Tat erdreistet;
+Sie ist getan, und du hast es geleistet.
+Dann muß fortan, nach magischem Behandeln,
+Der Weihrauchsnebel sich in Götter wandeln.
+
+FAUST:
+Und nun was jetzt? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dein Wesen strebe nieder;
+Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wenn ihm der Schlüssel nur zum besten frommt!
+Neugierig bin ich, ob er wiederkommt.
+
+
+
+Hell erleuchtete Säle
+
+KÄMMERER:
+Ihr seid uns noch die Geisterszene schuldig;
+Macht Euch daran! der Herr ist ungeduldig.
+
+MARSCHALK:
+Soeben fragt der Gnädigste darnach;
+Ihr! zaudert nicht der Majestät zur Schmach.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ist mein Kumpan doch deshalb weggegangen;
+Er weiß schon, wie es anzufangen,
+Und laboriert verschlossen still,
+Muß ganz besonders sich befleißen;
+Denn wer den Schatz, das Schöne, heben will,
+Bedarf der höchsten Kunst, Magie der Weisen.
+
+MARSCHALK:
+Was ihr für Künste braucht, ist einerlei:
+Der Kaiser will, daß alles fertig sei.
+
+BLONDINE:
+Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht,
+Jedoch so ist's im leidigen Sommer nicht!
+Da sprossen hundert bräunlich rote Flecken,
+Die zum Verdruß die weiße Haut bedecken.
+Ein Mittel! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Schade! so ein leuchtend Schätzchen
+Im Mai getupft wie eure Pantherkätzchen.
+Nehmt Froschlaich, Krötenzungen, kohobiert,
+Im vollsten Mondlicht sorglich distilliert
+Und, wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen,
+Der Frühling kommt, die Tupfen sind entwichen.
+
+BRAUNE:
+Die Menge drängt heran, Euch zu umschranzen.
+Ich bitt' um Mittel! Ein erfrorner Fuß
+Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen,
+Selbst ungeschickt beweg' ich mich zum Gruß.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß.
+
+BRAUNE:
+Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mein Fußtritt, Kind! hat Größres zu bedeuten.
+Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt;
+Fuß heilet Fuß, so ist's mit allen Gliedern.
+Heran! Gebt acht! Ihr sollt es nicht erwidern.
+
+BRAUNE:
+Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt, +
+Wie Pferdehuf.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Heilung nehmt Ihr mit.
+Du kannst nunmehr den Tanz nach Lust verüben,
+Bei Tafel schwelgend füßle mit dem Lieben.
+
+DAME:
+Laßt mich hindurch! Zu groß sind meine Schmerzen,
+Sie wühlen siedend mir im tiefsten Herzen;
+Bis gestern sucht' Er Heil in meinen Blicken,
+Er schwatzt mit ihr und wendet mir den Rücken.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Bedenklich ist es, aber höre mich.
+An ihn heran mußt du dich leise drüchen;
+Nimm diese Kohle, streich ihm einen Strich
+Auf ärmel, Mantel, Schulter, wie sich's macht;
+Er fühlt im Herzen holden Reuestich.
+Die Kohle doch mußt du sogleich verschlingen,
+Nicht Wein, nicht Wasser an die Lippen bringen;
+Er seufzt vor deiner Tür noch heute nacht.
+
+DAME:
+Ist doch kein Gift? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Respekt, wo sich's gebührt!
+Weit müßtet Ihr nach solcher Kohle laufen;
+Sie kommt von einem Scheiterhaufen,
+Den wir sonst emsiger angeschürt.
+
+PAGE:
+Ich bin verliebt, man hält mich nicht für voll.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich weiß nicht mehr, wohin ich hören soll.
+Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen.
+Die Angejahrten wissen Euch zu schätzen.--
+Schon wieder Neue! Welch ein harter Strauß!
+Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus;
+Der schlechteste Behelf! Die Not ist groß.--
+O Mütter, Mütter! Laßt nur Fausten los!
+Die Lichter brennen trübe schon im Saal,
+Der ganze Hof bewegt sich auf einmal.
+Anständig seh' ich sie in Folge ziehn
+Durch lange Gänge, ferne Galerien.
+Nun! sie versammeln sich im weiten Raum
+Des alten Rittersaals, er faßt sie kaum.
+Auf breite Wände Teppiche spendiert,
+Mit Rüstung Eck' und Nischen ausgeziert.
+Hier braucht es, dächt' ich, keine Zauberworte;
+Die Geister finden sich von selbst zum Orte.
+
+
+
+Rittersaal
+
+HEROLD:
+Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden,
+Verkümmert mir der Geister heimlich Walten;
+Vergebens wagt man, aus verständigen Gründen
+Sich zu erklären das verworrene Schalten.
+Die Sessel sind, die Stühle schon zur Hand;
+Den Kaiser setzt man grade vor die Wand;
+Auf den Tapeten mag er da die Schlachten
+Der großen Zeit bequemlichstens betrachten.
+Hier sitzt nun alles, Herr und Hof im Runde,
+Die Bänke drängen sich im Hintergrunde;
+Auch Liebchen hat, in düstern Geisterstunden,
+Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden.
+Und so, da alle schicklich Platz genommen,
+Sind wir bereit; die Geister mögen kommen!
+
+ASTROLOG:
+Beginne gleich das Drama seinen Lauf,
+Der Herr befiehlt's, ihr Wände tut euch auf!
+Nichts hindert mehr, hier ist Magie zur Hand:
+Die Teppiche schwinden, wie gerollt vom Brand;
+Die Mauer spaltet sich, sie kehrt sich um,
+Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
+Geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen,
+Und ich besteige das Proszenium.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunst,
+Einbläsereien sind des Teufels Redekunst.
+Du kennst den Takt, in dem die Sterne gehn,
+Und wirst mein Flüstern meisterlich verstehn.
+
+ASTROLOG:
+Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau,
+Massiv genug, ein alter Tempelbau.
+Dem Atlas gleich, der einst den Himmel trug,
+Stehn reihenweis der Säulen hier genug;
+Sie mögen wohl der Felsenlast genügen,
+Da zweie schon ein groß Gebäude trügen.
+
+ARCHITEKT:
+Das wär' antik! Ich wüßt' es nicht zu preisen,
+Es sollte plump und überlästig heißen.
+Roh nennt man edel, unbehülflich groß.
+Schmalpfeiler lieb' ich, strebend, grenzenlos;
+Spitzbögiger Zenit erhebt den Geist;
+Solch ein Gebäu erbaut uns allermeist.
+
+ASTROLOG:
+Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden;
+Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden;
+Dagegen weit heran bewege frei
+Sich herrliche verwegne Phantasei.
+Mit Augen schaut nun, was ihr kühn begehrt,
+Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.
+
+ASTROLOG:
+Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann,
+Der nun vollbringt, was er getrost begann.
+Ein Dreifuß steigt mit ihm aus hohler Gruft,
+Schon ahn' ich aus der Schale Weihrauchduft.
+Er rüstet sich, das hohe Werk zu segnen;
+Es kann fortan nur Glückliches begegnen.
+
+FAUST:
+In eurem Namen, Mütter, die ihr thront
+Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt,
+Und doch gesellig. Euer Haupt umschweben
+Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben.
+Was einmal war, in allem Glanz und Schein,
+Es regt sich dort; denn es will ewig sein.
+Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte,
+Zum Zelt des Tages, zum Gewölb der Nächte.
+Die einen faßt des Lebens holder Lauf,
+Die andern sucht der kühne Magier auf;
+In reicher Spende läßt er, voll Vertrauen,
+Was jeder wünscht, das Wunderwürdige schauen.
+
+ASTROLOG:
+Der glühnde Schlüssel rührt die Schale kaum,
+Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum;
+Er schleicht sich ein, er wogt nach Wolkenart,
+Gedehnt, geballt, verschränkt, geteilt, gepaart.
+Und nun erkennt ein Geister-Meisterstück!
+So wie sie wandeln, machen sie Musik.
+Aus luft'gen Tönen quillt ein Weißnichtwie,
+Indem sie ziehn, wird alles Melodie.
+Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt,
+Ich glaube gar, der ganze Tempel singt.
+Das Dunstige senkt sich; aus dem leichten Flor
+Ein schöner Jüngling tritt im Takt hervor.
+Hier schweigt mein Amt, ich brauch' ihn nicht zu nennen,
+Wer sollte nicht den holden Paris kennen!
+
+DAME:
+O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!
+
+ZWEITE:
+Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!
+
+DRITTE:
+Die fein gezognen, süß geschwollnen Lippen!
+
+VIERTE:
+Du möchtest wohl an solchem Becher nippen?
+
+FÜNFTE:
+Er ist gar hübsch, wenn auch nicht eben fein.
+
+SECHSTE:
+Ein bißchen könnt' er doch gewandter sein.
+
+RITTER:
+Den Schäferknecht glaub' ich allhier zu spüren,
+Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.
+
+ANDRER:
+Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön,
+Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn!
+
+DAME:
+Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.
+
+ritter
+Auf seinem Schoße wär' Euch wohl bequem?
+
+ANDRE:
+Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt.
+
+KÄMMERER:
+Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt!
+
+DAME:
+Ihr Herren wißt an allem was zu mäkeln.
+
+DERSELBE:
+In Kaisers Gegenwart sich hinzuräkeln!
+
+DAME:
+Er stellt's nur vor! Er glaubt sich ganz allein.
+
+DERSELBE:
+Das Schauspiel selbst, hier sollt' es höflich sein.
+
+DAME:
+Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen.
+
+DERSELBE:
+Er schnarcht nun gleich; natürlich ist's, vollkommen!
+
+JUNGE DAME:
+Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt,
+Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?
+
+ÄLTERE:
+Fürwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemüte,
+Er kommt von ihm! +
+
+ÄLTESTE:
+Es ist des Wachstums Blüte,
+Im Jüngling als Ambrosia bereitet
+Und atmosphärisch ringsumher verbreitet.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das wär' sie denn! Vor dieser hätt' ich Ruh';
+Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.
+
+ASTROLOG:
+Für mich ist diesmal weiter nichts zu tun,
+Als Ehrenmann gesteh', bekenn' ich's nun.
+Die Schöne kommt, und hätt' ich Feuerzungen!--
+Von Schönheit ward von jeher viel gesungen--
+Wem sie erscheint, wird aus sich selbst entrückt,
+Wem sie gehörte, ward zu hoch beglückt.
+
+FAUST:
+Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn
+Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen?
+Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn.
+Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen!
+Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft?
+Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft!
+Verschwinde mir des Lebens Atemkraft,
+Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!--
+Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,
+In Zauberspiegelung beglückte,
+War nur ein Schaumbild solcher Schöne!--
+Du bist's, der ich die Regung aller Kraft,
+Den Inbegriff der Leidenschaft,
+Dir Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn zolle.
+
+MEPHISTOPHELES:
+So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!
+
+ÄLTERE DAME:
+Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.
+
+JÜNGERE:
+Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein!
+
+DIPLOMAT:
+Fürstinnen hab' ich dieser Art gesehn,
+Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön.
+
+HOFMANN:
+Sie nähert sich dem Schläfer listig mild.
+
+DAME:
+Wie häßlich neben jugendreinem Bild!
+
+POET:
+Von ihrer Schönheit ist er angestrahlt.
+
+DAME:
+Endymion und Luna! wie gemalt!
+
+DERSELBE:
+Ganz recht! Die Göttin scheint herabzusinken,
+Sie neigt sich über, seinen Hauch zu trinken;
+Beneidenswert!--Ein Kuß!--Das Maß ist voll.
+
+DUENNA:
+Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!
+
+FAUST:
+Furchtbare Gunst dem Knaben!--+
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ruhig! still!
+Laß das Gespenst doch machen was es will.
+
+HOFMANN:
+Sie schleicht sich weg, leichtfüßig; er erwacht.
+
+DAME:
+Sie sieht sich um! Das hab' ich wohl gedacht.
+
+HOFMANN:
+Er staunt! Ein Wunder ist's, was ihm geschieht.
+
+DAME:
+Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.
+
+HOFMANN:
+Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.
+
+DAME:
+Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre;
+In solchem Fall sind alle Männer dumm,
+Er glaubt wohl auch, daß er der erste wäre.
+
+RITTER:
+Laßt mir sie gelten! Majestätisch fein!--
+
+DAME:
+Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein!
+
+PAGE:
+Ich möchte wohl an seiner Stelle sein!
+
+HOFMANN:
+Wer würde nicht in solchem Netz gefangen?
+
+DAME:
+Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen,
+Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.
+
+ANDRE:
+Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
+
+RITTER:
+Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste;
+Ich hielte mich an diese schönen Reste.
+
+GELAHRTER:
+Ich seh' sie deutlich, doch gesteh' ich frei:
+Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei.
+Die Gegenwart verführt ins übertriebne,
+Ich halte mich vor allem ans Geschriebne.
+Da les' ich denn, sie habe wirklich allen
+Graubärten Trojas sonderlich gefallen;
+Und wie mich dünkt, vollkommen paßt das hier:
+Ich bin nicht jung, und doch gefällt sie mir.
+
+ASTROLOG:
+Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann,
+Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann.
+Gestärkten Arms hebt er sie hoch empor,
+Entführt er sie wohl gar? +
+
+FAUST:
+Verwegner Tor!
+Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel!
+
+EMPHISTOPHELES:
+Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!
+
+ASTROLOG:
+Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah,
+Nenn' ich das Stück den Raub der Helena.
+
+FAUST:
+Was Raub! Bin ich für nichts an dieser Stelle!
+Ist dieser Schlüssel nicht in meiner Hand!
+Er führte mich, durch Graus und Wog' und Welle
+Der Einsamkeiten, her zum festen Strand.
+Hier fass' ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten,
+Von hier aus darf der Geist mit Geistern streiten,
+Das Doppelreich, das große, sich bereiten.
+So fern sie war, wie kann sie näher sein!
+Ich rette sie, und sie ist doppelt mein.
+Gewagt! Ihr Mütter! Mütter! müßt's gewähren!
+Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.
+
+ASTROLOG:
+Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt
+Faßt er sie an, schon trübt sich die Gestalt.
+Den Schlüssel kehrt er nach dem Jüngling zu,
+Berührt ihn!--Weh uns, Wehe! Nu! im Nu!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da habt ihr's nun! mit Narren sich beladen,
+Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
+
+
+
+
+2. Akt--Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier lieg, Unseliger! verführt
+Zu schwergelöstem Liebesbande!
+Wen Helena paralysiert,
+Der kommt so leicht nicht zu Verstande.
+Blick' ich hinauf, hierher, hinüber,
+Allunverändert ist es, unversehrt;
+Die bunten Scheiben sind, so dünkt mich, trüber,
+Die Spinneweben haben sich vermehrt;
+Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier;
+Doch alles ist am Platz geblieben;
+Sogar die Feder liegt noch hier,
+Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben.
+Ja! tiefer in dem Rohre stockt
+Ein Tröpflein Blut, wie ich's ihm abgelockt.
+Zu einem solchen einzigen Stück
+Wünscht' ich dem größten Sammler Glück.
+Auch hängt der alte Pelz am alten Haken,
+Erinnert mich an jene Schnaken,
+Wie ich den Knaben einst belehrt,
+Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt.
+Es kommt mir wahrlich das Gelüsten,
+Rauchwarme Hülle, dir vereint
+Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten,
+Wie man so völlig recht zu haben meint.
+Gelehrte wissen's zu erlangen,
+Dem Teufel ist es längst vergangen.
+
+CHOR DER INSEKTEN:
+Willkommen! willkommen,
+Du alter Patron!
+Wir schweben und summen
+Und kennen dich schon.
+Nur einzeln im stillen
+Du hast uns gepflanzt;
+Zu Tausenden kommen wir,
+Vater, getanzt.
+Der Schalk in dem Busen
+Verbirgt sich so sehr,
+Vom Pelze die Läuschen
+Enthüllen sich eh'r.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut!
+Man säe nur, man erntet mit der Zeit.
+Ich schüttle noch einmal den alten Flaus,
+Noch eines flattert hier und dort hinaus.--
+Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken
+Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken.
+Dort, wo die alten Schachteln stehn,
+Hier im bebräunten Pergamen,
+In staubigen Scherben alter Töpfe,
+Dem Hohlaug' jener Totenköpfe.
+In solchem Wust und Moderleben
+Muß es für ewig Grillen geben.
+Komm, decke mir die Schultern noch einmal!
+Heut bin ich wieder Prinzipal.
+Doch hilft es nichts, mich so zu nennen;
+Wo sind die Leute, die mich anerkennen?
+
+FAMULUS:
+Welch ein Tönen! welch ein Schauer!
+Treppe schwankt, es bebt die Mauer;
+Durch der Fenster buntes Zittern
+Seh' ich wetterleuchtend Wittern.
+Springt das Estrich, und von oben
+Rieselt Kalk und Schutt verschoben.
+Und die Türe, fest verriegelt,
+Ist durch Wunderkraft entsiegelt.--
+Dort! Wie fürchterlich! Ein Riese
+Steht in Faustens altem Vliese!
+Seinen Blicken, seinem Winken
+Möcht' ich in die Kniee sinken.
+Soll ich fliehen? Soll ich stehn?
+Ach, wie wird es mir ergehn!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Heran, mein Freund!--Ihr heißet Nikodemus.
+
+FAMULUS:
+Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam'--Oremus.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das lassen wir! +
+
+FAMULUS:
+Wie froh, daß Ihr mich kennt!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student,
+Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann
+Studiert so fort, weil er nicht anders kann.
+So baut man sich ein mäßig Kartenhaus,
+Der größte Geist baut's doch nicht völlig aus.
+Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner:
+Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner,
+Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt!
+Er ist's allein, der sie zusammenhält,
+Der Weisheit täglicher Vermehrer.
+Allwißbegierige Horcher, Hörer
+Versammeln sich um ihn zuhauf.
+Er leuchtet einzig vom Katheder;
+Die Schlüssel übt er wie Sankt Peter,
+Das Untre so das Obre schließt er auf.
+Wie er vor allen glüht und funkelt,
+Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter stand;
+Selbst Faustus' Name wird verdunkelt,
+Er ist es, der allein erfand.
+
+FAMULUS:
+Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage,
+Wenn ich zu widersprechen wage:
+Von allem dem ist nicht die Frage;
+Bescheidenheit ist sein beschieden Teil.
+Ins unbegreifliche Verschwinden
+Des hohen Manns weiß er sich nicht zu finden;
+Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil.
+Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus' Tagen,
+Noch unberührt seitdem er fern,
+Erwartet seinen alten Herrn.
+Kaum wag' ich's, mich hereinzuwagen.
+Was muß die Sternenstunde sein?--
+Gemäuer scheint mir zu erbangen;
+Türpfosten bebten, Riegel sprangen,
+Sonst kamt Ihr selber nicht herein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wo hat der Mann sich hingetan?
+Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!
+
+FAMULUS:
+Ach! sein Verbot ist gar zu scharf,
+Ich weiß nicht, ob ich's wagen darf.
+Monatelang, des großen Werkes willen,
+Lebt' er im allerstillsten Stillen.
+Der zarteste gelehrter Männer,
+Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner,
+Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen,
+Die Augen rot vom Feuerblasen,
+So lechzt er jedem Augenblick;
+Geklirr der Zange gibt Musik.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Sollt' er den Zutritt mir verneinen?
+Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen.
+Kaum hab' ich Posto hier gefaßt,
+Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast.
+Doch diesmal ist er von den Neusten,
+Er wird sich grenzenlos erdreusten.
+
+BACCALAUREUS:
+Tor und Türe find' ich offen!
+Nun, da läßt sich endlich hoffen,
+Daß nicht, wie bisher, im Moder
+Der Lebendige wie ein Toter
+Sich verkümmere, sich verderbe
+Und am Leben selber sterbe.
+Diese Mauern, diese Wände
+Neigen, senken sich zum Ende,
+Und wenn wir nicht bald entweichen,
+Wird uns Fall und Sturz erreichen.
+Bin verwegen, wie nicht einer,
+Aber weiter bringt mich keiner.
+Doch was soll ich heut erfahren!
+War's nicht hier, vor so viel Jahren,
+Wo ich, ängstlich und beklommen,
+War als guter Fuchs gekommen?
+Wo ich diesen Bärtigen traute,
+Mich an ihrem Schnack erbaute?
+Aus den alten Bücherkrusten
+Logen sie mir, was sie wußten,
+Was sie wußten, selbst nicht glaubten,
+Sich und mir das Leben raubten.
+Wie?--Dort hinten in der Zelle
+Sitzt noch einer dunkel-helle!
+Nahend seh' ich's mit Erstaunen,
+Sitzt er noch im Pelz, dem braunen,
+Wahrlich, wie ich ihn verließ,
+Noch gehüllt im rauhen Vlies!
+Damals schien er zwar gewandt,
+Als ich ihn noch nicht verstand.
+Heute wird es nichts verfangen,
+Frisch an ihn herangegangen!
+Wenn, alter Herr, nicht Lethes trübe Fluten
+Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen,
+Seht anerkennend hier den Schüler kommen,
+Entwachsen akademischen Ruten.
+Ich find' Euch noch, wie ich Euch sah;
+Ein anderer bin ich wieder da.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mich freut, daß ich Euch hergeläutet.
+Ich schätzt' Euch damals nicht gering;
+Die Raupe schon, die Chrysalide deutet
+Den künftigen bunten Schmetterling.
+Am Lockenkopf und Spitzenkragen
+Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.--
+Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?--
+Heut schau' ich Euch im Schwedenkopf.
+Ganz resolut und wacker seht Ihr aus;
+Kommt nur nicht absolut nach Haus.
+
+BACCALAUREUS:
+Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte;
+Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf
+Und sparet doppelsinnige Worte;
+Wir passen nun ganz anders auf.
+Ihr hänseltet den guten treuen Jungen;
+Das ist Euch ohne Kunst gelungen,
+Was heutzutage niemand wagt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,
+Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt,
+Sie aber hinterdrein nach Jahren
+Das alles derb an eigner Haut erfahren,
+Dann dünkeln sie, es käm' aus eignem Schopf;
+Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf.
+
+BACCALAUREUS:
+Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht
+Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?
+Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern,
+Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit;
+Zum Lehren seid Ihr, merk' ich, selbst bereit.
+Seit manchen Monden, einigen Sonnen
+Erfahrungsfülle habt Ihr wohl gewonnen.
+
+BACCALAUREUS:
+Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
+Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
+Gesteht! was man von je gewußt,
+Es ist durchaus nicht wissenswürdig.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mich deucht es längst. Ich war ein Tor,
+Nun komm' ich mir recht schal und albern vor.
+
+BACC:
+Das freut mich sehr! Da hör' ich doch Verstand;
+Der erste Greis, den ich vernünftig fand!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
+Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
+
+BACCALAUREUS:
+Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze
+Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
+
+BACCALAUREUS:
+Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier oben wird mir Licht und Luft benommen;
+Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?
+
+BACCALAUREUS:
+Anmaßlich find' ich, daß zur schlechtsten Frist
+Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist.
+Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
+Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
+Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
+Das neues Leben sich aus Leben schafft.
+Da regt sich alles, da wird was getan,
+Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
+Indessen wir die halbe Welt gewonnen,
+Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen,
+Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
+Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
+Im Frost von grillenhafter Not.
+Hat einer dreißig Jahr vorüber,
+So ist er schon so gut wie tot.
+Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.
+
+BACC:
+Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.
+
+BACCALAUREUS:
+Dies ist der Jugend edelster Beruf!
+Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf;
+Die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf;
+Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
+Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
+Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
+Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
+Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
+Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
+Philisterhaft einklemmender Gedanken?
+Ich aber frei, wie mir's im Geiste spricht,
+Verfolge froh mein innerliches Licht,
+Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
+Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Original, fahr hin in deiner Pracht!--
+Wie würde dich die Einsicht kränken:
+Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
+Das nicht die Vorwelt schon gedacht?--
+Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,
+In wenig Jahren wird es anders sein:
+Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
+Es gibt zuletzt doch noch e' Wein.
+[Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,
+[Euch guten Kindern laß ich's gehen;
+Bedenkt: der Teufel, der ist alt,
+So werdet alt, ihn zu verstehen!
+
+
+
+Laboratorium
+
+WAGNER:
+Die Glocke tönt, die fürchterliche,
+Durchschauert die berußten Mauern.
+Nicht länger kann das Ungewisse
+Der ernstesten Erwartung dauern.
+Schon hellen sich die Finsternisse;
+Schon in der innersten Phiole
+Erglüht es wie lebendige Kohle,
+Ja wie der herrlichste Karfunkel,
+Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.
+Ein helles weißes Licht erscheint!
+O daß ich's diesmal nicht verliere!--
+Ach Gott! was rasselt an der Türe?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Willkommen! es ist gut gemeint.
+
+WAGNER:
+Willkommen zu dem Stern der Stunde!
+Doch haltet Wort und Atem fest im Munde,
+Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was gibt es denn? +
+
+WAGNER:
+Es wird ein Mensch gemacht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar
+Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?
+
+WAGNER:
+Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,
+Erklären wir für eitel Possen.
+Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,
+Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
+Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
+Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,
+Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;
+Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,
+So muß der Mensch mit seinen großen Gaben
+Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben.
+Es leuchtet! seht!--Nun läßt sich wirklich hoffen,
+Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
+Durch Mischung--denn auf Mischung kommt es an--
+Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
+In einen Kolben verlutieren
+Und ihn gehörig kohobieren,
+So ist das Werk im stillen abgetan.
+Es wird! die Masse regt sich klarer!
+Die überzeugung wahrer, wahrer:
+Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
+Das wagen wir verständig zu probieren,
+Und was sie sonst organisieren ließ,
+Das lassen wir kristallisieren.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer lange lebt, hat viel erfahren,
+[Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.
+Ich habe schon in meinen Wanderjahren
+Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.
+
+WAGNER:
+Es steigt, es blitzt, es häuft sich an,
+Im Augenblick ist es getan.
+Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;
+Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,
+Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,
+Wird künftig auch ein Denker machen.
+Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,
+Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!
+Ich seh' in zierlicher Gestalt
+Ein artig Männlein sich gebärden.
+Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?
+Denn das Geheimnis liegt am Tage.
+Gebt diesem Laute nur Gehör,
+Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.
+
+HOMUNCULUS:
+Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz.
+Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!
+Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
+Das ist die Eigenschaft der Dinge:
+Natürlichem genügt das Weltall kaum,
+Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.
+Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier
+Im rechten Augenblick? ich danke dir.
+Ein gut Geschick führt dich zu uns herein;
+Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.
+Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen.
+Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.
+
+WAGNER:
+Nur noch ein Wort! Bisher mußt' ich mich schämen,
+Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen.
+Zum Beispiel nur: noch niemand konnt' es fassen,
+Wie Seel' und Leib so schön zusammenpassen,
+So fest sich halten, als um nie zu scheiden,
+Und doch den Tag sich immerfort verleiden.
+Sodann--+
+
+MEPHISTOPHELES:
+Halt ein! ich wollte lieber fragen:
+Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?
+Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins reine.
+Hier gibt's zu tun, das eben will der Kleine.
+
+HOMUNCULUS:
+Was gibt's zu tun? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier zeige deine Gabe!
+
+WAGNER:
+Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!
+
+HOMUNCULUS:
+Bedeutend!--+
+Schön umgeben!--Klar Gewässer
+Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden,
+Die allerliebsten!--Das wird immer besser.
+Doch eine läßt sich glänzend unterscheiden,
+Aus höchstem Helden-, wohl aus Götterstamme.
+Sie setzt den Fuß in das durchsichtige Helle;
+Des edlen Körpers holde Lebensflamme
+Kühlt sich im schmiegsamen Kristall der Welle.--
+Doch welch Getöse rasch bewegter Flügel,
+Welch Sausen, Plätschern wühlt im glatten Spiegel?
+Die Mädchen fliehn verschüchtert; doch allein
+Die Königin, sie blickt gelassen drein
+Und sieht mit stolzem weiblichem Vergnügen
+Der Schwäne Fürsten ihrem Knie sich schmiegen,
+Zudringlich-zahm. Er scheint sich zu gewöhnen.--
+Auf einmal aber steigt ein Dunst empor
+Und deckt mit dichtgewebtem Flor
+Die lieblichste von allen Szenen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was du nicht alles zu erzählen hast!
+So klein du bist, so groß bist du Phantast.
+Ich sehe nichts--+
+
+HOMUNCULUS:
+Das glaub' ich. Du aus Norden,
+Im Nebelalter jung geworden,
+Im Wust von Rittertum und Pfäfferei,
+Wo wäre da dein Auge frei!
+Im Düstern bist du nur zu Hause.
+Verbräunt Gestein, bemodert, widrig,
+Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig!--
+Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,
+Er bleibt gleich auf der Stelle tot.
+Waldquellen, Schwäne, nackte Schönen,
+Das war sein ahnungsvoller Traum;
+Wie wollt' er sich hierher gewöhnen!
+Ich, der Bequemste, duld' es kaum.
+Nun fort mit ihm! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Ausweg soll mich freuen.
+
+HOMUNCULUS:
+Befiehl den Krieger in die Schlacht,
+Das Mädchen führe du zum Reihen,
+So ist gleich alles abgemacht.
+Jetzt eben, wie ich schnell bedacht,
+Ist klassische Walpurgisnacht;
+Das Beste, was begegnen könnte.
+Bringt ihn zu seinem Elemente!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dergleichen hab' ich nie vernommen.
+
+HOMUNCULUS:
+Wie wollt' es auch zu euren Ohren kommen?
+Romantische Gespenster kennt ihr nur allein;
+Ein echt Gespenst, auch klassisch hat's zu sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen?
+Mich widern schon antikische Kollegen.
+
+HOMUNCULUS:
+Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier,
+Südöstlich diesmal aber segeln wir--
+An großer Fläche fließt Peneios frei,
+Umbuscht, umbaumt, in still--und feuchten Buchten;
+Die Ebne dehnt sich zu der Berge Schluchten,
+Und oben liegt Pharsalus, alt und neu.
+
+MEPHISTOPHELES:
+O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite
+Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.
+Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan,
+So fangen sie von vorne wieder an;
+Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt
+Vom Asmodeus, der dahinter steckt.
+Sie streiten sich, so heißt's, um Freiheitsrechte;
+Genau besehn, sind's Knechte gegen Knechte.
+
+HOMUNCULUS:
+Den Menschen laß ihr widerspenstig Wesen,
+Ein jeder muß sich wehren, wie er kann,
+Vom Knaben auf, so wird's zuletzt ein Mann.
+Hier fragt sich's nur, wie dieser kann genesen.
+Hast du ein Mittel, so erprob' es hier,
+Vermagst du's nicht, so überlaß es mir.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben,
+Doch Heidenriegel find' ich vorgeschoben.
+Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!
+Doch blendet's euch mit freiem Sinnenspiel,
+Verlockt des Menschen Brust zu heitern Sünden;
+Die unsern wird man immer düster finden.
+Und nun, was soll's? +
+
+HOMUNCULUS:
+Du bist ja sonst nicht blöde;
+Und wenn ich von thessalischen Hexen rede,
+So denk' ich, hab' ich was gesagt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen,
+Nach denen hab' ich lang' gefragt.
+Mit ihnen Nacht für Nacht zu wohnen,
+Ich glaube nicht, daß es behagt;
+Doch zum Besuch, Versuch--+
+
+HOMUNCULUS:
+Den Mantel her,
+Und um den Ritter umgeschlagen!
+Der Lappen wird euch, wie bisher,
+Den einen mit dem andern tragen;
+Ich leuchte vor. +
+
+WAGNER:
+Und ich? +
+
+HOMUNCULUS:
+Eh nun,
+Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.
+Entfalte du die alten Pergamente,
+Nach Vorschrift sammle Lebenselemente
+Und füge sie mit Vorsicht eins ans andre.
+Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.
+Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre,
+Entdeck' ich wohl das Tüpfchen auf das i.
+Dann ist der große Zweck erreicht;
+Solch einen Lohn verdient ein solches Streben:
+Gold, Ehre, Ruhm, gesundes langes Leben,
+Und Wissenschaft und Tugend--auch vielleicht.
+Leb wohl! +
+
+WAGNER:
+Leb wohl! Das drückt das Herz mir nieder.
+Ich fürchte schon, ich seh' dich niemals wieder.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nun zum Peneios frisch hinab!
+Herr Vetter ist nicht zu verachten.
+Am Ende hängen wir doch ab
+Von Kreaturen, die wir machten.
+
+
+
+Klassische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder
+
+ERICHTHO:
+Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon,
+Tret' ich einher, Erichtho, ich, die düstere;
+Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich
+Im übermaß verlästern... Endigen sie doch nie
+In Lob und Tadel... überbleicht erscheint mir schon
+Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,
+Als Nachgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht.
+Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort
+Ins Ewige wiederholen... Keiner gönnt das Reich
+Dem andern; dem gönnt's keiner, der's mit Kraft erwarb
+Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst
+Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern
+Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemäß...
+Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft:
+Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,
+Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreißt,
+Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.
+Hier träumte Magnus früher Größe Blütentag,
+Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort!
+Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem's gelang.
+Wachfeuer glühen, rote Flammen spendende,
+Der Boden haucht vergoßnen Blutes Widerschein,
+Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,
+Versammelt sich hellenischer Sage Legion.
+Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt
+Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild...
+Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,
+Erhebt sich, milden Glanz verbreitend überall;
+Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.
+Doch über mir! welch unerwartet Meteor?
+Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball.
+Ich wittre Leben. Da geziemen will mir's nicht,
+Lebendigem zu nahen, dem ich schädlich bin;
+Das bringt mir bösen Ruf und frommt mir nicht.
+Schon sinkt es nieder. Weich' ich aus mit Wohlbedacht!
+
+HOMUNCULUS:
+Schwebe noch einmal die Runde
+über Flamm- und Schaudergrauen;
+Ist es doch in Tal und Grunde
+Gar gespenstisch anzuschauen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Seh' ich, wie durchs alte Fenster
+In des Nordens Wust und Graus,
+Ganz abscheuliche Gespenster,
+Bin ich hier wie dort zu Haus.
+
+HOMUNCULUS:
+Sieh! da schreitet eine Lange
+Weiten Schrittes vor uns hin.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ist es doch, als wär' ihr bange;
+Sah uns durch die Lüfte ziehn.
+
+HOMUNCULUS:
+Laß sie schreiten! setz ihn nieder,
+Deinen Ritter, und sogleich
+Kehret ihm das Leben wieder,
+Denn er sucht's im Fabelreich.
+
+FAUST:
+Wo ist sie?--+
+
+HOMUNCULUS:
+Wüßten's nicht zu sagen,
+Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
+In Eile magst du, eh' es tagt,
+Von Flamm' zu Flamme spürend gehen:
+Wer zu den Müttern sich gewagt,
+Hat weiter nichts zu überstehen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auch ich bin hier an meinem Teil;
+Doch wüßt' ich Besseres nicht zu unserm Heil,
+Als: jeder möge durch die Feuer
+Versuchen sich sein eigen Abenteuer.
+Dann, um uns wieder zu vereinen,
+Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend scheinen.
+
+HOMUNCULUS:
+So soll es blitzen, soll es klingen.
+Nun frisch zu neuen Wunderdingen!
+
+FAUST:
+Wo ist sie?--Frage jetzt nicht weiter nach...
+Wär's nicht die Scholle, die sie trug,
+Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,
+So ist's die Luft, die ihre Sprache sprach.
+Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!
+Ich fühlte gleich den Boden, wo ich stand;
+Wie mich, den Schläfer, frisch ein Geist durchglühte,
+So steh' ich, ein Antäus an Gemüte.
+Und find' ich hier das Seltsamste beisammen,
+Durchforsch' ich ernst dies Labyrinth der Flammen.
+
+
+
+Am oberen Peneios
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,
+So find' ich mich doch ganz und gar entfremdet,
+Fast alles nackt, nur hie und da behemdet:
+Die Sphinxe schamlos, unverschämt die Greife,
+Und was nicht alles, lockig und beflügelt,
+Von vorn und hinten sich im Auge spiegelt...
+Zwar sind auch wir von Herzen unanständig,
+Doch das Antike find' ich zu lebendig;
+Das müßte man mit neustem Sinn bemeistern
+Und mannigfaltig modisch überkleistern...
+Ein widrig Volk! Doch darf mich's nicht verdrießen,
+Als neuer Gast anständig sie zu grüßen...
+Glüchzu den schönen Fraun, den klugen Greisen!
+
+GREIF:
+Nicht Greisen! Greifen!--Niemand hört es gern,
+Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt
+Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:
+Grau, grämlich, griesgram, greulich, Gräber, grimmig,
+Etymologisch gleicherweise stimmig, +
+Verstimmen uns.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und doch, nicht abzuschweifen,
+Gefäallt das Grei im Ehrentitel Greifen.
+
+GREIF:
+Natürlich! Die Verwandtschaft ist erprobt,
+Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt;
+Man greife nun nach Mädchen, Kronen, Gold,
+Dem Greifenden ist meist Fortuna hold.
+
+AMEISEN:
+Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt,
+In Fels- und Höhlen heimlich eingerammelt;
+Das Arimaspen-Volk hat's ausgespürt,
+Sie lachen dort, wie weit sie's weggeführt.
+
+GREIFE:
+Wir wollen sie schon zum Geständnis bringen.
+
+ARIMASPEN:
+Nur nicht zur freien Jubelnacht.
+Bis morgen ist's alles durchgebracht,
+Es wird uns diesmal wohl gelingen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie leicht und gern ich mich hierher gewöhne,
+Denn ich verstehe Mann für Mann.
+
+SPHINX:
+Wir hauchen unsre Geistertöne,
+Und ihr verkörpert sie alsdann.
+Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen--
+Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
+Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
+Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;
+Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.
+Sie zeugten auch: Im alten Bühnenspiel
+Sah man mich dort als old Iniquity.
+
+SPINX:
+Wie kam man drauf? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich weiß es selbst nicht wie.
+
+SPINX:
+Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde?
+Was sagst du zu der gegenwärt'gen Stunde?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Stern schießt nach Stern, beschnittner Mond scheint helle,
+Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle,
+Ich wärme mich an deinem Löwenfelle.
+Hinauf sich zu versteigen, wär' zum Schaden;
+Gib Rätsel auf, gib allenfalls Scharaden.
+
+SPINX:
+Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein.
+Versuch einmal, dich innigst aufzulösen:
+"Dem frommen Manne nötig wie dem bösen,
+Dem ein Plastron, aszetisch zu rapieren,
+Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen,
+Und beides nur, um Zeus zu amüsieren."
+
+ERSTER GREIF:
+Den mag ich nicht! +
+
+ZWEITER GREIF:
+Was will uns der?
+
+BEIDE:
+Der Garstige gehöret nicht hierher!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du glaubst vielleicht, des Gastes Nägel krauen
+Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen?
+Versuch's einmal! +
+
+SPINX:
+Du magst nur immer bleiben,
+Wird dich's doch selbst aus unsrer Mitte treiben;
+In deinem Lande tust dir was zugute,
+Doch, irr' ich nicht, hier ist dir schlecht zumute.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du bist recht appetitlich oben anzuschauen,
+Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.
+
+SPINX:
+Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße,
+Denn unsre Tatzen sind gesund;
+Dir mit verschrumpftem Pferdefuße
+Behagt es nicht in unserem Bund.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wer sind die Vögel, in den ästen
+Des Pappelstromes hingewiegt?
+
+SPINX:
+Gewahrt euch nur! Die Allerbesten
+Hat solch ein Singsang schon besiegt.
+
+SIRENEN:
+Ach was wollt ihr euch verwöhnen
+In dem Häßlich-Wunderbaren!
+Horcht, wir kommen hier zu Scharen
+Und in wohlgestimmten Tönen;
+So geziemet es Sirenen.
+
+SPINXE:
+Nötigt sie, herabzusteigen!
+Sie verbergen in den Zweigen
+Ihre garstigen Habichtskrallen,
+Euch verderblich anzufallen,
+Wenn ihr euer Ohr verleiht.
+
+SIRENEN:
+Weg das Hassen! weg das Neiden!
+Sammeln wir die klarsten Freuden,
+Unterm Himmel ausgestreut!
+Auf dem Wasser, auf der Erde
+Sei's die heiterste Gebärde,
+Die man dem Willkommnen beut.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das sind die saubern Neuigkeiten,
+Wo aus der Kehle, von den Saiten
+Ein Ton sich um den andern flicht.
+Das Trallern ist bei mir verloren:
+Es krabbelt wohl mir um die Ohren,
+Allein zum Herzen dringt es nicht.
+
+SPINXE:
+Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel;
+Ein lederner verschrumpfter Beutel,
+Das paßt dir eher zu Gesicht.
+
+FAUST:
+Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnüge,
+Im Widerwärtigen große, tüchtige Züge.
+Ich ahne schon ein günstiges Geschick;
+Wohin versetzt mich dieser ernste Blick?
+Vor solchen hat einst ödipus gestanden;
+Vor solchen krümmte sich Ulyß in hänfnen Banden;
+Von solchen ward der höchste Schatz gespart,
+Von diesen treu und ohne Fehl bewahrt.
+Vom frischen Geiste fühl' ich mich durchdrungen;
+Gestalten groß, groß die Erinnerungen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Sonst hättest du dergleichen weggeflucht,
+Doch jetzo scheint es dir zu frommen;
+Denn wo man die Geliebte sucht,
+Sind Ungeheuer selbst willkommen.
+
+FAUST:
+Ihr Frauenbilder müßt mir Rede stehn:
+Hat eins der Euren Helena gesehn?
+
+SPHINXE:
+Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen,
+Die letztesten hat Herkules erschlagen.
+Von Chiron könntest du's erfragen;
+Der sprengt herum in dieser Geisternacht;
+Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht.
+
+SIRENEN:
+Sollte dir's doch auch nicht fehlen!...
+Wie Ulyß bei uns verweilte,
+Schmähend nicht vorübereilte,
+Wußt' er vieles zu erzählen;
+Würden alles dir vertrauen,
+Wolltest du zu unsern Gauen
+Dich ans grüne Meer verfügen.
+
+SPHINX:
+Laß dich, Elder, nicht betrügen.
+Statt daß Ulyß sich binden ließ,
+Laß unsern guten Rat dich binden;
+Kannst du den hohen Chiron finden,
+Erfährst du, was ich dir verhieß.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was krächzt vorbei mit Flügelschlag?
+So schnell, daß man's nicht sehen mag,
+Und immer eins dem andern nach,
+Den Jäger würden sie ermüden.
+
+SPHINX:
+Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar,
+Alcides' Pfeilen kaum erreichbar;
+Es sind die raschen Stymphaliden,
+Und wohlgemeint ihr Krächzegruß,
+Mit Geierschnabel und Gänsefuß.
+Sie möchten gern in unsern Kreisen
+Als Stammverwandte sich erweisen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Noch andres Zeug zischt zwischen drein.
+
+SPHINX:
+Vor diesen sei Euch ja nicht bange!
+Es sind die Köpfe der lernäischen Schlange,
+Vom Rumpf getrennt, und glauben was zu sein.
+Doch sagt, was soll nur aus Euch werden?
+Was für unruhige Gebärden?
+Wo wollt Ihr hin? Begebt Euch fort!...
+Ich sehe, jener Chorus dort
+Macht Euch zum Wendehals. Bezwingt Euch nicht,
+Geht hin! begrüßt manch reizendes Gesicht!
+Die Lamien sind's, lustfeine Dirnen,
+Mit Lächelmund und frechen Stirnen,
+Wie sie dem Satyrvolk behagen;
+Ein Bocksfuß darf dort alles wagen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ihr bleibt doch hier? daß ich euch wiederfinde.
+
+SPHINXE:
+Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde.
+Wir, von ägypten her, sind längst gewohnt,
+Daß unsereins in tausend Jahre thront.
+Und respektiert nur unsre Lage,
+So regeln wir die Mond- und Sonnentage.
+Sitzen vor den Pyramiden,
+Zu der Völker Hochgericht;
+überschwemmung, Krieg und Frieden--
+Und verziehen kein Gesicht.
+
+
+
+Am untern Peneios
+
+PENEIOS:
+Rege dich, du Schilfgeflüster!
+Hauche leise, Rohregeschwister,
+Säuselt, leichte Weidensträuche,
+Lispelt, Pappelzitterzweige,
+Unterbrochnen Träumen zu!...
+Weckt mich doch ein grauslich Wittern,
+Heimlich allbewegend Zittern
+Aus dem Wallestrom und Ruh'.
+
+FAUST:
+Hör' ich recht, so muß ich glauben:
+Hinter den verschränkten Lauben
+Dieser Zweige, dieser Stauden
+Tönt ein menschenähnlichs Lauten.
+Scheint die Welle doch ein Schwätzen,
+Lüftein wie--ein Scherzergetzen.
+
+NYMPHEN:
+Am besten geschäh' dir,
+Du legtest dich nieder,
+Erholtest im Kühlen
+Ermüdete Glieder,
+Genössest der immer
+Dich meidenden Ruh;
+Wir säuseln, wir rieseln,
+Wir flüstern dir zu.
+
+FAUST:
+Ich wache ja! O laßt sie walten,
+Die unvergleichlichen Gestalten,
+Wie sie dorthin mein Auge schickt.
+So wunderbar bin ich durchdrungen!
+Sind'd Träume? Sind's Erinnerungen?
+Schon einmal warst du so beglückt.
+Gewässer schleichen durch die Frische
+Der dichten, sanft bewegten Büsche,
+Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;
+Von allen Seiten hundert Quellen
+Vereinen sich im reinlich hellen,
+Zum Bade flach vertieften Raum.
+Gesunde junge Frauenglieder,
+Vom feuchten Spiegel doppelt wieder
+Ergetztem Auge zugebracht!
+Gesellig dann und fröhlich badend,
+Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;
+Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.
+Begnügen sollt' ich mich an diesen,
+Mein Auge sollte hier genießen,
+Doch immer weiter strebt mein Sinn.
+Der Blick dringt scharf nach jener Hülle,
+Das reiche Laub der grünen Fülle
+Verbirgt die hohe Königin.
+Wundersam! auch Schwäne kommen
+Aus den Buchten hergeschwommen,
+Majestätisch rein bewegt.
+Ruhig schwebend, zart gesellig,
+Aber stolz und selbstgefällig,
+Wie sich Haupt und Schnabel regt...
+Einer aber scheint vor allen
+Brüstend kühn sich zu gefallen,
+Segelnd rasch durch alle fort;
+Sein Gefieder bläht sich schwellend,
+Welle selbst, auf Wogen wellend,
+Dringt er zu dem heiligen Ort....
+Die andern schwimmen hin und wider
+Mit ruhig glänzendem Gefieder,
+Bald auch in regem prächtigen Streit,
+Die scheuen Mädchen abzulenken,
+Daß sie an ihren Dienst nicht denken,
+Nur an die eigne Sicherheit.
+
+NYMPHEN:
+Leget, Schwestern, euer Ohr
+An des Ufers grüne Stufe;
+Hör' ich recht, so kommt mir's vor
+Als der Schall von Pferdes Hufe.
+Wüßt' ich nur, wer dieser Nacht
+Schnelle Botschaft zugebracht.
+
+FAUST:
+Ist mir doch, als dröhnt' die Erde,
+Schallend unter eiligem Pferde.
+Dorthin mein Blick!
+Ein günstiges Geschick,
+Soll es mich schon erreichen?
+O Wunder ohnegleichen!
+Ein Reuter kommt herangetrabt,
+Er scheint von Geist und Mut begabt,
+Von blendend-weißem Pferd getragen...
+Ich irre nicht, ich kenn' ihn schon,
+Der Philyra berühmter Sohn!--
+Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen...
+
+CHIRON:
+Was gibt's? Was ist's? +
+
+FAUST:
+Bezähme deinen Schritt!
+
+CHIRON:
+Ich raste nicht. +
+
+FAUST:
+So bitte! nimm mich mit!
+
+CHIRON:
+Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:
+Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,
+Ich bin bereit, dich durch den Fluß zu tragen.
+
+FAUST:
+Wohin du willst. Für ewig dank' ich's dir...
+Der große Mann, der edle Pädagog,
+Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,
+Den schönen Kreis der edlen Argonauten
+Und alle, die des Dichters Welt erbauten.
+
+CHIRON:
+Das lassen wir an seinem Ort!
+Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;
+Am Ende treiben sie's nach ihrer Weise fort,
+Als wenn sie nicht erzogen wären.
+
+FAUST:
+Den Arzt, der jede Pflanze nennt,
+Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,
+Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,
+Umarm' ich hier in Geist- und Körperkraft!
+
+CHIRON:
+Ward neben mir ein Held verletzt,
+Da wußt' ich Hülf' und Rat zu schaffen;
+Doch ließ ich meine Kunst zuletzt
+Den Wurzelweibern und den Pfaffen.
+
+FAUST:
+Du bist der wahre große Mann,
+Der Lobeswort nicht hören kann.
+Er sucht bescheiden auszuweichen
+Und tut, als gäb' es seinesgleichen.
+
+CHIRON:
+Du scheinest mir geschickt zu heucheln,
+Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.
+
+FAUST:
+So wirst du mir denn doch gestehn:
+Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,
+Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,
+Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt.
+Doch unter den heroischen Gestalten
+Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten?
+
+CHIRON:
+Im hehren Argonautenkreise
+War jeder brav nach seiner eignen Weise,
+Und nach der Kraft, die ihn beseelte,
+Konnt' er genügen, wo's den andern fehlte.
+Die Dioskuren haben stets gesiegt,
+Wo Jugendfüll' und Schönheit überwiegt.
+Entschluß und schnelle Tat zu andrer Heil,
+Den Boreaden ward's zum schönsten Teil.
+Nachsinnend, kräftig, klug, im Rat bequem,
+So herrschte Jason, Frauen angenehm.
+Dann Orpheus: zart und immer still bedächtig,
+Schlug er die Leier allen übermächtig.
+Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und Nacht
+Das heil'ge Schiff durch Klipp' und Strand gebracht...
+Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:
+Wenn einer wirkt, die andern alle loben...
+
+FAUST:
+Von Herkules willst nichts erwähnen?
+
+CHIRON:
+O weh! errege nicht mein Sehnen...
+Ich hatte Phöbus nie gesehn,
+Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;
+Da sah ich mir vor Augen stehn,
+Was alle Menschen göttlich preisen.
+So war er ein geborner König,
+Als Jüngling herrlichst anzuschaun;
+Dem ältern Bruder untertänig
+Und auch den allerliebsten Fraun.
+Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,
+Nicht führt ihn Hebe himmelein;
+Vergebens mühen sich die Lieder,
+Vergebens quälen sie den Stein.
+
+FAUST:
+So sehr auch Bildner auf ihn pochen,
+So herrlich kam er nie zur Schau.
+Vom schönsten Mann hast du gesprochen,
+Nun sprich auch von der schönsten Frau!
+
+CHIRON:
+Was!... Frauenschönheit will nichts heißen,
+Ist gar zu oft ein starres Bild;
+Nur solch ein Wesen kann ich preisen,
+Das froh und lebenslustig quillt.
+Die Schöne bleibt sich selber selig;
+Die Anmut macht unwiderstehlich,
+Wie Helena, da ich sie trug.
+
+FAUST:
+Du trugst sie? +
+
+CHIRON:
+Ja, auf diesem Rücken.
+
+FAUST:
+Bin ich nicht schon verwirrt genug?
+Und solch ein Sitz muß mich beglücken!
+
+CHIRON:
+Sie faßte so mich in das Haar,
+Wie du es tust. +
+
+FAUST:
+O ganz und gar
+Verlier' ich mich! Erzähle, wie?
+Sie ist mein einziges Begehren!
+Woher, wohin, ach, trugst du sie?
+
+CHIRON:
+Die Frage läßt sich leicht gewähren.
+Die Dioskuren hatten jener Zeit
+Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.
+Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,
+Ermannten sich urd stürmten hintendrein.
+Da hielten der Geschwister eiligen Lauf
+Die Sümpfe bei Eleusis auf;
+Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber;
+Da sprang sie ab und streichelte
+Die feuchte Mähne, schmeichelte
+Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt.
+Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!
+
+FAUST:
+Erst zehen Jahr!... +
+
+CHIRON:
+Ich seh', die Philologen,
+Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.
+Ganz eigen ist's mit mythologischer Frau,
+Der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau:
+Nie wird sie mündig, wird nicht alt,
+Stets appetitlicher Gestalt,
+Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;
+Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.
+
+FAUST:
+So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!
+Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,
+Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:
+Errungen Liebe gegen das Geschick!
+Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
+Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?
+Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,
+So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?
+Du sahst sie einst; heut hab' ich sie gesehn,
+So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.
+Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;
+Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.
+
+CHIRON:
+Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;
+Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.
+Nun trifft sich's hier zu deinem Glücke;
+Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,
+Pfleg' ich bei Manto vorzutreten,
+Der Tochter äskulaps; im stillen Beten
+Fleht sie zum Vater, daß, zu seiner Ehre,
+Er endlich doch der ärzte Sinn verkläre
+Und vom verwegnen Totschlag sie bekehre...
+Die liebste mir aus der Sibyllengilde,
+Nicht fratzenhaft bewegt, wohltätig milde;
+Ihr glückt es wohl, bei einigem Verweilen,
+Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen.
+
+FAUST:
+Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig;
+Da wär' ich ja wie andre niederträchtig.
+
+CHIRON:
+Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!
+Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.
+
+FAUST:
+Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,
+Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?
+
+CHIRON:
+Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,
+Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,
+Das größte Reich, das sich im Sand verliert;
+Der König flieht, der Bürger triumphiert.
+Blick auf! hier steht, bedeutend nah,
+Im Mondenschein der ewige Tempel da.
+
+MANTO:
+Von Pferdes Hufe
+Erklingt die heilige Stufe,
+Halbgötter treten heran.
+
+CHIRON:
+Ganz recht!
+Nur die Augen aufgetan!
+
+MANTO:
+Willkommen! ich seh', du bleibst nicht aus.
+
+CHIRON:
+Steht dir doch auch dein Tempelhaus!
+
+MANTO:
+Streiftst du noch immer unermüdet?
+
+CHIRON:
+Wohnst du doch immer still umfriedet,
+Indes zu kreisen mich erfreut.
+
+MANTO:
+Ich harre, mich umkreist die Zeit.
+Und dieser? +
+
+CHIRON:
+Die verrufene Nacht
+Hat strudelnd ihn hierher gebracht.
+Helenen, mit verrückten Sinnen,
+Helenen will er sich gewinnen
+Und weiß nicht, wie und wo beginnen;
+Asklepischer Kur vor andern wert.
+
+MANTO:
+Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.
+
+MANTO:
+Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!
+Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.
+In des Olympus hohlem Fuß
+Lauscht sie geheim verbotnem Gruß.
+Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;
+Benutz es besser! frisch! beherzt!
+
+
+
+Am obern Peneios
+
+SIRENEN:
+Stürzt euch in Peneios' Flut!
+Plätschernd ziemt es da zu schwimmen,
+Lied um Lieder anzustimmen,
+Dem unseligen Volk zugut.
+Ohne Wasser ist kein Heil!
+Führen wir mit hellem Heere
+Eilig zum ägäischen Meere,
+Würd' uns jede Lust zuteil.
+
+SIRENEN:
+Schäumend kehrt die Welle wieder,
+Fließt nicht mehr im Bett darnieder;
+Grund erbebt, das Wasser staucht,
+Kies und Ufer berstend raucht.
+Flüchten wir! Kommt alle, kommt!
+Niemand, dem das Wunder frommt.
+Fort! ihr edlen frohen Gäste,
+Zu dem seeisch heitern Feste,
+Blinkend, wo die Zitterwellen,
+Ufernetzend, leise schwellen;
+Da, wo Luna doppelt leuchtet,
+Uns mit heil'gem Tau befeuchtet.
+Dort ein freibewegtes Leben,
+Hier ein ängstlich Erdebeben;
+Eile jeder Kluge fort!
+Schauderhaft ist's um den Ort.
+
+SEISMOS:
+Einmal noch mit Kraft geschoben,
+Mit den Schultern brav gehoben!
+So gelangen wir nach oben,
+Wo uns alles weichen muß.
+
+SPHINXE:
+Welch ein widerwärtig Zittern,
+Häßlich grausenhaftes Wittern!
+Welch ein Schwanken, welches Beben,
+Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
+Welch unleidlicher Verdruß!
+Doch wir ändern nicht die Stelle,
+Bräche los die ganze Hölle.
+Nun erhebt sich ein Gewölbe
+Wundersam. Es ist derselbe,
+Jener Alte, längst Ergraute,
+Der die Insel Delos baute,
+Einer Kreißenden zulieb'
+Aus der Wog' empor sie trieb.
+Er, mit Streben, Drängen, Drücken,
+Arme straff, gekrümmt den Rücken,
+Wie ein Atlas an Gebärde,
+Hebt er Boden, Rasen, Erde,
+Kies und Grieß und Sand und Letten,
+Unsres Ufers stille Betten.
+So zerreißt er eine Strecke
+Quer des Tales ruhige Decke.
+Angestrengtest, nimmer müde,
+Kolossale Karyatide,
+Trägt ein furchtbar Steingerüste,
+Noch im Boden bis zur Büste;
+Weiter aber soll's nicht kommen,
+Sphinxe haben Platz genommen.
+
+SEISMOS:
+Das hab' ich ganz allein vermittelt,
+Man wird mir's endlich zugestehn;
+Und hätt' ich nicht geschüttelt und gerüttelt,
+Wie wäre diese Welt so schön?--
+Wie ständen eure Berge droben
+In prächtig-reinem ätherblau,
+Hätt' ich sie nicht hervorgeschoben
+Zu malerisch-entzückter Schau?
+Als, angesichts der höchsten Ahnen,
+Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug
+Und, in Gesellschaft von Titanen,
+Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug,
+Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,
+Bis überdrüssig noch zuletzt
+Wir dem Parnaß, als eine Doppelmütze,
+Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt...
+Apollen hält ein froh Verweilen
+Dort nun mit seliger Musen Chor.
+Selbst Jupitern und seinen Donnerkeilen
+Hob ich den Sessel hoch empor.
+Jetzt so, mit ungeheurem Streben,
+Drang aus dem Abgrund ich herauf
+Und fordre laut, zu neuem Leben,
+Mir fröhliche Bewohner auf.
+
+SPHINXE:
+Uralt, müßte man gestehen,
+Sei das hier Emporgebürgte,
+Hätten wir nicht selbst gesehen,
+Wie sich's aus dem Boden würgte.
+Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,
+Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran;
+Ein Sphinx wird sich daran nicht kehren:
+Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören.
+
+GREIFE:
+Gold in Blättchen, Gold in Flittern
+Durch die Ritzen seh ich zittern.
+Laßt euch solchen Schatz nicht rauben,
+Imsen, auf! es auszuklauben.
+
+CHOR DER AMEISEN:
+Wie ihn die Riesigen
+Emporgehoben,
+Ihr Zappelfüßigen,
+Geschwind nach oben!
+Behendest aus und ein!
+In solchen Ritzen
+Ist jedes Bröselein
+Wert zu besitzen.
+Das Allermindeste
+Müßt ihr entdecken
+Auf das geschwindeste
+In allen Ecken.
+Allemsig müßt ihr sein,
+Ihr Wimmelscharen;
+Nur mit dem Gold herein!
+Den Berg laßt fahren.
+
+GREIFE:
+Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!
+Wir legen unsre Klauen drauf;
+Sind Riegel von der besten Art,
+Der größte Schatz ist wohlverwahrt.
+
+PYGMÄEN:
+Haben wirklich Platz genommen,
+Wissen nicht, wie es geschah.
+Fraget nicht, woher wir kommen,
+Denn wir sind nun einmal da!
+Zu des Lebens lustigem Sitze
+Eignet sich ein jedes Land;
+Zeigt sich eine Felsenritze,
+Ist auch schon der Zwerg zur Hand.
+Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße,
+Musterhaft ein jedes Paar;
+Weiß nicht, ob es gleicher Weise
+Schon im Paradiese war.
+Doch wir finden's hier zum besten,
+Segnen dankbar unsern Stern;
+Denn im Osten wie im Westen
+Zeugt die Mutter Erde gern.
+
+DAKTYLE:
+Hat sie in einer Nacht
+Die Kleinen hervorgebracht,
+Sie wird die Kleinsten erzeugen;
+Finden auch ihresgleichen.
+
+PYGMÄEN-ÄLTESTE:
+Eilet, bequemen
+Sitz einzunehmen!
+Eilig zum Werke!
+Schnelle für Stärke!
+Noch ist es Friede;
+Baut euch die Schmiede,
+Harnisch und Waffen
+Dem Heer zu schaffen.
+Ihr Imsen alle,
+Rührige im Schwalle,
+Schafft uns Metalle!
+Und ihr Daktyle,
+Kleinste, so viele,
+Euch sei befohlen,
+Hölzer zu holen!
+Schlichtet zusammen
+Heimliche Flammen,
+Schaffet uns Kohlen.
+
+GENERALISSIMUS:
+Mit Pfeil und Bogen
+Frisch ausgezogen!
+An jenem Weiher
+Schießt mir die Reiher,
+Unzählig nistende,
+Hochmütig brüstende,
+Auf einen Ruck,
+Alle wie einen!
+Daß wir erscheinen
+Mit Helm und Schmuck.
+
+IMSEN UND DAKTYLE:
+Wer wird uns retten!
+Wir schaffen 's Eisen,
+Sie schmieden Ketten.
+Uns loszureißen,
+Ist noch nicht zeitig,
+Drum seid geschmeidig.
+
+DIE KRANICHE DES IBYKUS:
+Mordgeschrei und Sterbeklagen!
+ängstlich Flügelflatterschlagen!
+Welch ein ächzen, welch Gestöhn
+Dringt herauf zu unsern Höhn!
+Alle sind sie schon ertötet,
+See von ihrem Blut gerötet,
+Mißgestaltete Begierde
+Raubt des Reihers edle Zierde.
+Weht sie doch schon auf dem Helme
+Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
+Ihr Genossen unsres Heeres,
+Reihenwanderer des Meeres,
+Euch berufen wir zur Rache
+In so nahverwandter Sache.
+Keiner spare Kraft und Blut!
+Ewige Feindschaft dieser Brut!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die nordischen Hexen wußt' ich wohl zu meistern,
+Mir wird's nicht just mit diesen fremden Geistern.
+Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,
+Wo man auch sei, man findet sich zumal.
+Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein,
+Auf seiner Höh' wird Heinrich munter sein,
+Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,
+Doch alles ist für tausend Jahr getan.
+Wer weiß denn hier nur, wo er geht und steht,
+Ob unter ihm sich nicht der Boden bläht?...
+Ich wandle lustig durch ein glattes Tal,
+Und hinter mir erhebt sich auf einmal
+Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,
+Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen
+Schon hoch genug--hier zuckt noch manches Feuer
+Das Tal hinab und flammt ums Abenteuer...
+Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,
+Spitzbübisch gaukelnd, der galante Chor.
+Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,
+Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen.
+
+LAMIEN:
+Geschwind, geschwinder!
+Und immer weiter!
+Dann wieder zaudernd,
+Geschwätzig plaudernd.
+Es ist so heiter,
+Den alten Sünder
+Uns nachzuziehen,
+Zu schwerer Buße.
+Mit starrem Fuße
+Kommt er geholpert,
+Einhergestolpert;
+Er schleppt das Bein,
+Wie wir ihn fliehen,
+Uns hinterdrein!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!
+Von Adam her verführte Hansen!
+Alt wird man wohl, wer aber klug?
+Warst du nicht schon vernarrt genug!
+Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,
+Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts.
+Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,
+Wo man sie anfaßt, morsch in allen Gliedern.
+Man weiß, man sieht's, man kann es greifen,
+Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!
+
+LAMIEN:
+Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;
+Entgegnet ihm, daß er euch nicht entgeht!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nur zu! und laß dich ins Gewebe
+Der Zweifelei nicht törig ein;
+Denn wenn es keine Hexen gäbe,
+Wer Teufel möchte Teufel sein!
+
+LAMIEN:
+Kreisen wir um diesen Helden!
+Liebe wird in seinem Herzen
+Sich gewiß für eine melden.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Zwar bei ungewissem Schimmer
+Scheint ihr hübsche Frauenzimmer,
+Und so möcht' ich euch nicht schelten.
+
+EMPUSE:
+Auch nicht mich! als eine solche
+Laßt mich ein in eure Folge.
+
+LAMIEN:
+Die ist in unserm Kreis zuviel,
+Verdirbt doch immer unser Spiel.
+
+EMPUSE:
+Begrüßt von Mühmichen Empuse,
+Der Trauten mit dem Eselsfuße!
+Du hast nur einen Pferdefuß,
+Und doch, Herr Vetter, schönsten Gruß!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier dacht' ich lauter Unbekannte
+Und finde leider Nahverwandte;
+Es ist ein altes Buch zu blättern:
+Vom Harz bis Hellas immer Vettern!
+
+EMPUSE:
+Entschieden weiß ich gleich zu handeln,
+In vieles könnt' ich mich verwandeln;
+Doch Euch zu Ehren hab' ich jetzt
+Das Eselsköpfchen aufgesetzt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich merk', es hat bei diesen Leuten
+Verwandtschaft Großes zu bedeuten;
+Doch mag sich, was auch will, eräugnen,
+Den Eselskopf möcht' ich verleugnen.
+
+LAMIEN:
+Daß diese Garstige, sie verscheucht,
+Was irgend schön und lieblich deucht;
+Was irgend schön und lieblich wär'--
+Sie kommt heran, es ist nicht mehr!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auch diese Mühmchen zart und schmächtig,
+Sie sind mir allesamt verdächtig;
+Und hinter solcher Wänglein Rosen
+Fürcht' ich doch auch Metamorphosen.
+
+LAMIEN:
+Versuch es doch! sind unsrer viele.
+Greif zu! Und hast du Glück im Spiele,
+Erhasche dir das beste Los.
+Was soll das lüsterne Geleier?
+Du bist ein miserabler Freier,
+Stolzierst einher und tust so groß!--
+Nun mischt er sich in unsre Scharen;
+Laßt nach und nach die Masken fahren
+Und gebt ihm euer Wesen bloß.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Schönste hab' ich mir erlesen...
+O weh mir! welch ein dürrer Besen!
+Und diese?... Schmähliches Gesicht!
+
+LAMIEN:
+Verdienst du's besser? dünkt es nicht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Kleine möcht' ich mir verpfänden...
+Lacerte schlüpft mir aus den Händen!
+Und schlangenhaft der glatte Zopf.
+Dagegen fass' ich mir die Lange...
+Da pack' ich eine Thyrsusstange,
+Den Pinienapfel als den Kopf!
+Wo will's hinaus?... Noch eine Dicke,
+An der ich mich vielleicht erquicke;
+Zum letztenmal gewagt! Es sei!
+Recht quammig, quappig, das bezahlen
+Mit hohem Preis Orientalen...
+Doch ach! der Bovist platzt entzwei!
+
+LAMIEN:
+Fahrt auseinander, schwankt und schwebet
+Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet
+Den eingedrungnen Hexensohn!
+Unsichre, schauderhafte Kreise!
+Schweigsamen Fittichs, Fledermäuse!
+Zu wohlfeil kommt er doch davon.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;
+Absurd ist's hier, absurd im Norden,
+Gespenster hier wie dort vertrackt,
+Volk und Poeten abgeschmackt.
+Ist eben hier eine Mummenschanz
+Wie überall, ein Sinnentanz.
+Ich griff nach holden Maskenzügen
+Und faßte Wesen, daß mich's schauerte...
+Ich möchte gerne mich betrügen,
+Wenn es nur länger dauerte.
+Wo bin ich denn? Wo will's hinaus?
+Das war ein Pfad, nun ist's ein Graus.
+Ich kam daher auf glatten Wegen,
+Und jetzt steht mir Geröll entgegen.
+Vergebens klettr' ich auf und nieder,
+Wo find' ich meine Sphinxe wieder?
+So toll hätt' ich mir's nicht gedacht,
+Ein solch Gebirge in einer Nacht!
+Das heiß' ich frischen Hexenritt,
+Die bringen ihren Blocksberg mit.
+
+OREAS:
+Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
+Steht in ursprünglicher Gestalt.
+Verehre schroffe Felsensteige,
+Des Pindus letztgedehnte Zweige!
+Schon stand ich unerschüttert so,
+Als über mich Pompejus floh.
+Daneben das Gebild des Wahns
+Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.
+Dergleichen Märchen seh' ich oft entstehn
+Und plötzlich wieder untergehn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt,
+Von hoher Eichenkraft umlaubt!
+Der allerklarste Mondenschein
+Dringt nicht zur Finsternis herein.--
+Doch neben am Gebüsche zieht
+Ein Licht, das gar bescheiden glüht.
+Wie sich das alles fügen muß!
+Fürwahr, es ist Homunculus!
+Woher des Wegs, du Kleingeselle?
+
+HOMUNCULUS:
+Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
+Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
+Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;
+Allein, was ich bisher gesehn,
+Hinein da möcht' ich mich nicht wagen.
+Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
+Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
+Ich horchte zu, es hieß: Natur, Natur!
+Von diesen will ich mich nicht trennen,
+Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;
+Und ich erfahre wohl am Ende,
+Wohin ich mich am allerklügsten wende.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das tu auf deine eigne Hand.
+Denn wo Gespenster Platz genommen,
+Ist auch der Philosoph willkommen.
+Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,
+Erschafft er gleich ein Dutzend neue.
+Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.
+Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!
+
+HOMUNCULUS:
+Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+So fahre hin! Wir wollen's weiter sehn.
+
+ANAXAGORAS:
+Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;
+Bedarf es Weitres, dich zu überzeugen?
+
+THALES:
+Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
+Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.
+
+ANAXAGORAS:
+Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.
+
+THALES:
+Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.
+
+HOMUNCULUS:
+Laßt mich an eurer Seite gehn.
+Mir selbst gelüstet's, zu entstehn!
+
+ANAXAGORAS:
+Hast du, o Thales, je in einer Nacht
+Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?
+
+THALES:
+Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
+Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
+Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
+Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.
+
+ANAXAGORAS:
+Hier aber war's! Plutonisch grimmig Feuer,
+äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,
+Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,
+Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.
+
+THALES:
+Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?
+Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.
+Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
+Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.
+
+ANAXAGORAS:
+Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,
+Die Felsenspalten zu bewohnen;
+Pygmäen, Imsen, Däumerlinge
+Und andre tätig kleine Dinge.
+Nie hast du Großem nachgestrebt,
+Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;
+Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,
+So laß ich dich als König krönen.
+
+HOMUNCULUS:
+Was sagt mein Thales? +
+
+THALES:
+Will's nicht raten;
+Mit Kleinen tut man kleine Taten,
+Mit Großen wird der Kleine groß.
+Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!
+Sie droht dem aufgeregten Volke
+Und würde so dem König drohn.
+Mit scharfen Schnäbeln, krallen Beinen,
+Sie stechen nieder auf die Kleinen;
+Verhängnis wetterleuchtet schon.
+Ein Frevel tötete die Reiher,
+Umstellend ruhigen Friedensweiher.
+Doch jener Mordgeschosse Regen
+Schafft grausam-blut'gen Rachesegen,
+Erregt der Nahverwandten Wut
+Nach der Pygmäen frevlem Blut.
+Was nützt nun Schild und Helm und Speer?
+Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?
+Wie sich Daktyl und Imse bergen!
+Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer.
+
+ANAXAGORAS:
+Konnt' ich bisher die Unterirdischen loben,
+So wend' ich mich in diesem Fall nach oben...
+Du! droben ewig Unveraltete,
+Dreinamig-Dreigestaltete,
+Dich ruf' ich an bei meines Volkes Weh,
+Diana, Luna, Hekate!
+Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,
+Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,
+Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
+Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
+Bin ich zu schnell erhört?
+Hat mein Flehn
+Nach jenen Höhn
+Die Ordnung der Natur gestört?
+Und größer, immer größer nahet schon
+Der Göttin rundumschriebner Thron,
+Dem Auge furchtbar, ungeheuer!
+Ins Düstre rötet sich sein Feuer...
+Nicht näher, drohend-mächtige Runde!
+Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!
+So wär' es wahr, daß dich thessalische Frauen
+In frevlend magischem Vertrauen
+Von deinem Pfad herabgesungen,
+Verderblichstes dir abgerungen?...
+Das lichte Schild hat sich umdunkelt,
+Auf einmal reißt's und blitzt und funkelt!
+Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!
+Ein Donnern, Windgetüm dazwischen!--
+Demütig zu des Thrones Stufen!--
+Verzeiht! Ich hab' es hergerufen.
+
+THALES:
+Was dieser Mann nicht alles hört' und sah!
+Ich weiß nicht recht, wie uns geschah,
+Auch hab' ich's nicht mit ihm empfunden.
+Gestehen wir, es sind verrückte Stunden,
+Und Luna wiegt sich ganz bequem
+An ihrem Platz, so wie vordem.
+
+HOMUNCULUS:
+Schaut hin nach der Pygmäen Sitz!
+Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.
+Ich spürt' ein ungeheures Prallen,
+Der Fels war aus dem Mond gefallen;
+Gleich hat er, ohne nachzufragen,
+So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.
+Doch muß ich solche Künste loben,
+Die schöpferisch, in einer Nacht,
+Zugleich von unten und von oben,
+Dies Berggebäu zustand gebracht.
+
+THALES:
+Sei ruhig! Es war nur gedacht.
+Sie fahre hin, die garstige Brut!
+Daß du nicht König warst, ist gut.
+Nun fort zum heitern Meeresfeste,
+Dort hofft und ehrt man Wundergäste.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da muß ich mich durch steile Felsentreppen,
+Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!
+Auf meinem Harz der harzige Dunst
+Hat was vom Pech, und das hat meine Gunst,
+Zunächst dem Schwefel... Hier, bei diesen Griechen
+Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;
+Neugierig aber wär' ich, nachzuspüren,
+Womit sie Höllenqual und--flamme schüren.
+
+DRYAS:
+In deinem Lande sei einheimisch klug,
+Im fremden bist du nicht gewandt genug.
+Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
+Der heiligen Eichen Würde hier verehren.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man denkt an das, was man verließ;
+Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.
+Doch sagt: was in der Höhle dort,
+Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?
+
+DRYAS:
+Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort
+Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune!
+So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn:
+Dergleichen hab' ich nie gesehn,
+Die sind ja schlimmer als Alraune...
+Wird man die urverworfnen Sünden
+Im mindesten noch häßlich finden,
+Wenn man dies Dreigetüm erblickt?
+Wir litten sie nicht auf den Schwellen
+Der grauenvollsten unsrer Höllen.
+Hier wurzelt's in der Schönheit Land,
+Das wird mit Ruhm antik genannt...
+Sie regen sich, sie scheinen mich zu spüren,
+Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampyren.
+
+PHORKYAS:
+Gebt mir das Auge, Schwestern, daß es frage,
+Wer sich so nah an unsre Tempel wage.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen
+Und euren Segen dreifach zu empfahen.
+Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,
+Doch, irr' ich nicht, weitläufiger Verwandter.
+Altwürdige Götter hab' ich schon erblickt,
+Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebückt;
+Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,
+Ich sah sie gestern--oder ehegestern;
+Doch euresgleichen hab' ich nie erblickt.
+Ich schweige nun und fühle mich entzückt.
+
+PHORKYADEN:
+Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nur wundert's mich, daß euch kein Dichter preist.
+Und sagt: wie kam's, wie konnte das geschehn?
+Im Bilde hab' ich nie euch Würdigste gesehn;
+Versuch's der Meißel doch, euch zu erreichen,
+Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.
+
+PHORKYADEN:
+Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,
+Hat unser Drei noch nie daran gedacht!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie sollt' es auch? da ihr, der Welt entrückt,
+Hier niemand seht und niemand euch erblickt.
+Da müßtet ihr an solchen Orten wohnen,
+Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,
+Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,
+Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.
+Wo-- +
+
+PHORKYADEN:
+Schweige still und gib uns kein Gelüsten!
+Was hülf' es uns, und wenn wir's besser wüßten?
+In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,
+Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,
+Man kann sich selbst auch andern übertragen.
+Euch dreien gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn;
+Da ging' es wohl auch mythologisch an,
+In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,
+Der Dritten Bildnis mir zu überlassen,
+Auf kurze Zeit. +
+
+EINE:
+Wie dünkt's euch? ging' es an?
+
+DIE ANDERN:
+Versuchen wir's!--doch ohne Aug' und Zahn.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;
+Wie würde da das strengste Bild vollkommen!
+
+EINE:
+Drück du ein Auge zu, 's ist leicht geschehn,
+Laß alsofort den einen Raffzahn sehn,
+Und im Profil wirst du sogleich erreichen,
+Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Viel Ehr'! Es sei! +
+
+PHORKYADEN:
+Es sei! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da steh' ich schon,
+Des Chaos vielgeliebter Sohn!
+
+PHORKYADEN:
+Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.
+
+PHORKYADEN:
+Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!
+Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Vor aller Augen muß ich mich verstecken,
+Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken.
+
+
+
+Felsbuchten des ägäischen Meers
+
+SIRENEN:
+Haben sonst bei nächtigem Grauen
+Dich thessalische Zauberfrauen
+Frevelhaft herabgezogen,
+Blicke ruhig von dem Bogen
+Deiner Nacht auf Zitterwogen
+Mildeblitzend Glanzgewimmel
+Und erleuchte das Getümmel,
+Das sich aus den Wogen hebt!
+Dir zu jedem Dienst erbötig,
+Schöne Luna, sei uns gnädig!
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Tönet laut in schärfern Tönen,
+Die das breite Meer durchdröhnen,
+Volk der Tiefe ruft fortan!
+Vor des Sturmes grausen Schlünden
+Wichen wir zu stillsten Gründen,
+Holder Sang zieht uns heran.
+Seht, wie wir im Hochentzücken
+Uns mit goldenen Ketten schmücken,
+Auch zu Kron' und Edelsteinen
+Spang- und Gürtelschmuck vereinen!
+Alles das ist eure Frucht.
+Schätze, scheiternd hier verschlungen,
+Habt ihr uns herangesungen,
+Ihr Dämonen unsrer Bucht.
+
+SIRENEN:
+Wissen's wohl, in Meeresfrische
+Glatt behagen sich die Fische,
+Schwanken Lebens ohne Leid;
+Doch, ihr festlich regen Scharen,
+Heute möchten wir erfahren,
+Daß ihr mehr als Fische seid.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Ehe wir hieher gekommen,
+Haben wir's zu Sinn genommen;
+Schwestern, Bur*der, jetzt geschwind!
+Heut bedarf's der kleinsten Reise
+Zum vollgültigsten Beweise,
+Daß wir mehr als Fische sind.
+
+SIRENEN:
+Fort sind sie im Nu!
+Nach Samothrace grade zu,
+Verschwunden mit günstigem Wind.
+Was denken sie zu vollführen
+Im Reiche der hohen Kabiren?
+Sind Götter! Wundersam eigen,
+Die sich immerfort selbst erzeugen
+Und niemals wissen, was sie sind.
+Bleibe auf deinen Höhn,
+Holde Luna, gnädig stehn,
+Daß es nächtig verbleibe,
+Uns der Tag nicht vertreibe!
+
+THALES:
+Ich führte dich zum alten Nereus gern;
+Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,
+Doch hat er einen harten Kopf,
+Der widerwärtige Sauertopf.
+Das ganze menschliche Geschlecht
+Macht's ihm, dem Griesgram, nimmer recht.
+Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,
+Dafür hat jedermann Respekt
+Und ehret ihn auf seinem Posten;
+Auch hat er manchem wohlgetan.
+
+HOMUNCULUS:
+Probieren wir's und klopfen an!
+Nicht gleich wird's Glas und Flamme kosten.
+
+NEREUS:
+Sind's Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?
+Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!
+Gebilde, strebsam, Götter zu erreichen,
+Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
+Seit alten Jahren konnt' ich göttlich ruhn,
+Doch trieb mich's an, den Besten wohlzutun;
+Und schaut' ich dann zuletzt vollbrachte Taten,
+So war es ganz, als hätt' ich nicht geraten.
+
+THALES:
+Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir;
+Du bist der Weise, treib uns nicht von hier!
+Schau diese Flamme, menschenähnlich zwar,
+Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.
+
+NEREUS:
+Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?
+Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.
+So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,
+Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.
+Wie hab' ich Paris väterlich gewarnt,
+Eh sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt.
+Am griechischen Ufer stand er kühnlich da,
+Ihm kündet' ich, was ich im Geiste sah:
+Die Lüfte qualmend, überströmend Rot,
+Gebälke glühend, unten Mord und Tod:
+Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,
+Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.
+Des Alten Wort, dem Frechen schien's ein Spiel,
+Er folgte seiner Lust, und Ilios fiel--
+Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,
+Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.
+Ulyssen auch! sagt' ich ihm nicht voraus
+Der Circe Listen, des Zyklopen Graus?
+Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,
+Und was nicht alles! Bracht' ihm das Gewinn?
+Bis vielgeschaukelt ihn, doch spät genug,
+Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.
+
+THALES:
+Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;
+Der gute doch versucht es noch einmal.
+Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,
+Die Zentner Undanks völlig überwiegen.
+Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:
+Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn.
+
+NEREUS:
+Verderbt mir nicht den seltensten Humor!
+Ganz andres steht mir heute noch bevor:
+Die Töchter hab' ich alle herbeschieden,
+Die Grazien des Meeres, die Doriden.
+Nicht der Olymp, nicht euer Boden trägt
+Ein schön Gebild, das sich so zierlich regt.
+Sie werfen sich, anmutigster Gebärde,
+Vom Wasserdrachen auf Neptunus' Pferde,
+Dem Element aufs zarteste vereint,
+Daß selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.
+Im Farbenspiel von Venus' Muschelwagen
+Kommt Galatee, die Schönste, nun getragen,
+Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,
+In Paphos wird als Göttin selbst verehrt.
+Und so besitzt die Holde lange schon,
+Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.
+Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde
+Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.
+Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:
+Wie man entstehn und sich verwandlen kann.
+
+THALES:
+Wir haben nichts durch siesen Schritt gewonnen,
+Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;
+Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,
+Was staunen macht und in Verwirrung setzt.
+Du bist einmal bedürftig solchen Rats,
+Versuchen wir's und wandlen unsres Pfads!
+
+SIRENEN:
+Was sehen wir von weiten
+Das Wellenreich durchgleiten?
+Als wie nach Windes Regel
+Anzögen weiße Segel,
+So hell sind sie zu schauen,
+Verklärte Meeresfrauen.
+Laßt uns herunterklimmen,
+Vernehmt ihr doch die Stimmen.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Was wir auf Händen tragen,
+Soll allen euch behagen.
+Chelonens Riesenschilde
+Entglänzt ein streng Gebilde:
+Sind Götter, die wir bringen;
+Müßt hohe Lieder singen.
+
+SIRENEN:
+Klein von Gestalt,
+Groß von Gewalt,
+Der Scheiternden Retter,
+Uralt verehrte Götter.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Wir bringen die Kabiren,
+Ein friedlich Fest zu führen;
+Denn wo sie heilig walten,
+Neptun wird freundlich schalten.
+
+SIRENEN:
+Wir stehen euch nach;
+Wenn ein Schiff zerbrach,
+Unwiderstehbar an Kraft
+Schützt ihr die Mannschaft.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Drei haben wir mitgenommen,
+Der vierte wollte nicht kommen;
+Er sagte, er sei der Rechte,
+Der für sie alle dächte.
+
+SIRENEN:
+Ein Gott den andern Gott
+Macht wohl zu Spott.
+Ehrt ihr alle Gnaden,
+Fürchtet jeden Schaden.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Sind eigentlich ihrer sieben.
+
+SIRENEN:
+Wo sind die drei geblieben?
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Wir wüßten's nicht zu sagen,
+Sind im Olymp zu erfragen;
+Dort west auch wohl der achte,
+An den noch niemand dachte!
+In Gnaden uns gewärtig,
+Doch alle noch nicht fertig.
+Diese Unvergleichlichen
+Wollen immer weiter,
+Sehnsuchtsvolle Hungerleider
+Nach dem Unerreichlichen.
+
+SIRENEN:
+Wir sind gewohnt,
+Wo es auch thront,
+In Sonn' und Mond
+Hinzubeten; es lohnt.
+
+NEREIDEN UND TRITONEN:
+Wie unser Ruhm zum höchsten prangt,
+Dieses Fest anzuführen!
+
+SIRENEN:
+Die Helden des Altertums
+Ermangeln des Ruhms,
+Wo und wie er auch prangt,
+Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+Ihr die Kabiren.
+Wenn sie das goldne Vlies erlangt,
+Wir die Kabiren. +
+Ihr
+
+HOMUNCULUS:
+Die Ungestalten seh' ich an
+Als irden-schlechte Töpfe,
+Nun stoßen sich die Weisen dran
+Und brechen harte Köpfe.
+
+THALES:
+Das ist es ja, was man begehrt:
+Der rost macht erst die Münze wert.
+
+PROTEUS:
+So etwas freut mich alten Fabler!
+Je wunderlicher, desto respektabler.
+
+THALES:
+Wo bist du, Proteus? +
+
+PROTEUS:
+Hier! und hier!
+
+THALES:
+Den alten Scherz verzeih' ich dir;
+Doch einem Freund nicht eitle Worte!
+Ich weiß, du sprichst vom falschen Orte.
+
+PROTEUS:
+Leb' wohl! +
+
+THALES:
+Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!
+Er ist neugierig wie ein Fisch;
+Und wo er auch gestaltet stockt,
+Durch Flammen wird er hergelockt.
+
+HOMUNCULUS:
+Ergieß'ich gleich des Lichtes Menge,
+Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.
+
+PROTEUS:
+Was leuchtet so anmutig schön?
+
+THALES:
+Gut! Wenn du Lust hast, kannst du's näher sehn.
+Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen
+Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen.
+Mit unsern Gunsten sei's, mit unserm Willen,
+Wer schauen will, was wir verhüllen.
+
+PROTEUS:
+Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.
+
+THALES:
+Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.
+
+PROTEUS:
+Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!
+
+THALES:
+Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
+Er ist, wie ich von ihm vernommen,
+Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
+Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
+Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
+Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
+Doch wär' er gern zunächst verkörperlicht.
+
+PROTEUS:
+Du bist ein wahrer Jungfernsohn,
+Eh' du sein solltest, bist du schon!
+
+THALES:
+Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:
+Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.
+
+PROTEUS:
+Da muß es desto eher glücken;
+So wie er anlangt, wird sich's schicken.
+Doch gilt es hier nicht viel Besinnen:
+Im weiten Meere mußt du anbeginnen!
+Da fängt man erst im kleinen an
+Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
+Man wächst so nach und nach heran
+Und bildet sich zu höherem Vollbringen.
+
+HOMUNCULUS:
+Hier weht gar eine weiche Luft,
+Es grunelt so, und mir behagt der Duft!
+
+PROTEUS:
+Das glaub' ich, allerliebster Junge!
+Und weiter hin wird's viel behäglicher,
+Auf dieser schmalen Strandeszunge
+Der Dunstkreis noch unsäglicher;
+Da vorne sehen wir den Zug,
+Der eben herschwebt, nah genug.
+Kommt mit dahin! +
+
+THALES:
+Ich gehe mit.
+
+HOMUNCULUS:
+Dreifach merkwürd'ger Geisterschritt!
+
+CHOR:
+Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet,
+Womit er die regesten Wellen begütet.
+Entfaltet der Donnrer die Wolken, die vollen,
+Entgegnet Neptunus dem greulichen Rollen;
+Und wie auch von oben es zackig erblitzt,
+Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;
+Und was auch dazwischen in ängsten gerungen,
+Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;
+Weshalb er uns heute den Zepter gereicht--
+Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht.
+
+SIRENEN:
+Euch, dem Helios Geweihten,
+Heitern Tags Gebenedeiten,
+Gruß zur Stunde, die bewegt
+Lunas Hochverehrung regt!
+
+TELCHINEN:
+Allieblichste Göttin am Bogen da droben!
+Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben.
+Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,
+Dort steigt ihm ein ewiger Päan hervor.
+Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,
+Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.
+Die Berge, die Städte, die Ufer, die Welle
+Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.
+Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,
+Ein Strahl und ein Lüftchen, die Insel ist rein!
+Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,
+Als Jüngling, als Riesen, den großen, den milden.
+Wir ersten, wir waren's, die Göttergewalt
+Aufstellten in würdiger Menschengestalt.
+
+PROTEUS:
+Laß du sie singen, laß sie prahlen!
+Der Sonne heiligen Lebestrahlen
+Sind tote Werke nur ein Spaß.
+Das bildet, schmelzend, unverdrossen;
+Und haben sie's in Erz gegossen,
+Dann denken sie, es wäre was.
+Was ist's zuletzt mit diesen Stolzen?
+Die Götterbilder standen groß--
+Zerstörte sie ein Erdestoß;
+Längst sind sie wieder eingeschmolzen.
+Das Erdetreiben, wie's auch sei,
+Ist immer doch nur Plackerei;
+Dem Leben frommt die Welle besser;
+Dich trägt ins ewige Gewässer
+
+PROTEUS-DELPHIN:
+Schon ist's getan!
+Da soll es dir zum schönsten glücken:
+Ich nehme dich auf meinen Rücken,
+Vermähle dich dem Ozean.
+
+THALES:
+Gib nach dem löblichen Verlangen,
+Von vorn die Schöpfung anzufangen!
+Zu raschem Wirken sei bereit!
+Da regst du dich nach ewigen Normen,
+Durch tausend, abertausend Formen,
+Und bis zum Menschen hast du Zeit.
+
+PROTEUS:
+Komm geistig mit in feuchte Weite,
+Da lebst du gleich in Läng' und Breite,
+Beliebig regest du dich hier;
+Nur strebe nicht nach höheren Orden:
+Denn bist du erst ein Mensch geworden,
+Dann ist es völlig aus mit dir.
+
+THALES:
+Nachdem es kommt; 's ist auch wohl fein,
+Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.
+
+PROTEUS:
+So einer wohl von deinem Schlag!
+Das hält noch eine Weile nach;
+Denn unter bleichen Geisterscharen
+Seh' ich dich schon seit vielen hundret Jahern.
+
+SIRENEN:
+Welch ein Ring von Wölkchen ründet
+Um den Mond so reichen Kreis?
+Tauben sind es, liebentzündet,
+Fittiche, wie Licht so weiß.
+Paphos hat sie hergesendet,
+Ihre brünstige Vogelschar;
+Unser Fest, es ist vollendet,
+Heitre Wonne voll und klar!
+
+NEREUS:
+Nennte wohl ein nächtiger Wanderer
+Diesen Mondhof Lufterscheinung;
+Doch wir Geister sind ganz anderer
+Und der einzig richtigen Meinung:
+Tauben sind es, die begleiten
+Meiner Tochter Muschelfahrt,
+Wunderflugs besondrer Art,
+Angelernt vor alten Zeiten.
+
+THALES:
+Auch ich halte das fürs Beste,
+Was dem wackern Mann gefällt,
+Wenn im stillen, warmen Neste
+Sich ein Heiliges lebend hält.
+
+PSYLLEN UND MARSEN:
+In Cyperns rauhen Höhlegrüften,
+Vom Meergott nicht verschüttet,
+Vom Seismos nicht zerrüttet,
+Umweht von ewigen Lüften,
+Und, wie in den ältesten Tagen,
+In stillbewußtem Behagen
+Bewahren wir Cypriens Wagen
+Und führen, beim Säuseln der Nächte,
+Durch liebliches Wellengeflechte,
+Unsichtbar dem neuen Geschlechte,
+Die lieblichste Tochter heran.
+Wir leise Geschäftigen scheuen
+Weder Adler noch geflügelten Leuen,
+Weder Kreuz noch Mond,
+Wie es oben wohnt und thront,
+Sich wechselnd wegt und regt,
+Sich vertreibt und totschlägt,
+Saaten und Städte niederlegt.
+Wir, so fortan,
+Bringen die lieblichste Herrin heran.
+
+SIRENEN:
+Leicht bewegt, in mäßiger Eile,
+Um den Wagen, Kreis um Kreis,
+Bald verschlungen Zeil' an Zeile,
+Schlangenartig reihenweis,
+Naht euch, rüstige Nereiden,
+Derbe Fraun, gefällig wild,
+Bringet, zärtliche Doriden,
+Galateen, der Mutter Bild:
+Ernst, den Göttern gleich zu schauen,
+Würdiger Unsterblichkeit,
+Doch wie holde Menschenfrauen
+Lockender Anmutigkeit.
+
+DORIDEN:
+Leih uns, Luna, Licht und Schatten,
+Klarheit diesem Jugendflor!
+Denn wir zeigen liebe Gatten
+Unserm Vater bittend vor.
+Knaben sind's, die wir gerettet
+Aus der Brandung grimmem Zahn,
+Sie, auf Schilf und Moos gebettet,
+Aufgewärmt zum Licht heran,
+Die es nun mit heißen Küssen
+Treulich uns verdanken müssen;
+Schau die Holden günstig an!
+
+NEREUS:
+Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen:
+Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.
+
+DORIDEN:
+Lobst du, Vater, unser Walten,
+Gönnst uns wohlerworbene Lust,
+Laß uns fest, unsterblich halten
+Sie an ewiger Jungendbrust.
+
+NEREUS:
+Mögt euch des schönen Fanges freuen,
+Den Jüngling bildet euch als Mann;
+Allein ich könnte nicht verleihen,
+Was Zeus allein gewähren kann.
+Die Welle, die euch wogt und schaukelt,
+Läßt auch der Liebe nicht Bestand,
+Und hat die Neigung ausgegaukelt,
+So setzt gemächlich sie ans Land.
+
+DORIDEN:
+Ihr, holde Knaben, seid uns wert,
+Doch müssen wir traurig scheiden;
+Wir haben ewige Treue begehrt,
+Die Götter wollen's nicht leiden.
+
+DIE JÜNGLINGE:
+Wenn ihr uns nur so ferner labt,
+Uns wackre Schifferknaben;
+Wir haben's nie so gut gehabt
+Und wollen's nicht besser haben.
+
+NEREUS:
+Du bist es, mein Liebchen! +
+
+GALATEE:
+O Vater! das Glück!
+Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.
+
+NEREUS:
+Vorüber schon, sie ziehen vorüber
+In kreisenden Schwunges Bewegung;
+Was kümmert sie die innre herzliche Regung!
+Ach, nähmen sie mich mit hinüber!
+Doch ein einziger Blick ergetzt,
+Daß er das ganze Jahr ersetzt,
+
+THALES:
+Heil! Heil! aufs neue!
+Wie ich mich blühend freue,
+Vom Schönen, Wahren durchdrungen...
+Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
+Alles wird durch das Wasser erhalten!
+Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.
+Wenn du nicht Wolken sendetest,
+Nicht reiche Bäche spendetest,
+Hin und her nicht Flüsse wendetest,
+Die Ströme nicht vollendetest,
+Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
+Du bist's der das frischeste Leben erhält.
+
+ECHO:
+Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.
+
+NEREUS:
+Sie kehren schwankend fern zurück,
+Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
+In gedehnten Kettenkreisen,
+Sich festgemäß zu erweisen,
+Windet sich die unzählige Schar.
+Aber Galateas Muschelthron
+Seh' ich schon und aber schon.
+Er glänzt wie ein stern
+Durch die Menge.
+Geliebtes leuchtet durchs Gedränge!
+Auch noch so fern
+Schimmert's hell und klar,
+Immer nah und wahr.
+
+HOMUNCULUS:
+In dieser holden Feuchte
+Was ich auch hier beleuchte,
+Ist alles reizend schön.
+
+PROTEUS:
+In dieser Lebensfeuchte
+Erglänzt erst deine Leuchte
+Mit herrlichem Getön.
+
+NEREUS:
+Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
+Will unseren Augen sich offengebaren?
+Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
+Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
+Als wär' es von Pulsen der Liebe gerührt.
+
+THALES:
+Homunculus ist es, von Proteus verführt...
+Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
+Mir ahnet das ächzen beängsteten Dröhnens;
+Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
+Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.
+
+SIRENEN:
+Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
+Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
+So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
+Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
+Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
+So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
+Heil dem Meere! Heil den Wogen,
+Von dem heilgen Feuer umzogen!
+Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
+Heil dem seltnen Abenteuer!
+
+ALL-ALLE:
+Heil den mildgewogenen Lüften!
+Heil geheimnisreichen Grüften!
+Hochgefeiert seid allhier,
+Element' ihr alle vier!
+
+
+
+
+3. Akt--Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
+
+HELENA:
+Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
+Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind,
+Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
+Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her
+Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst
+Und Euros' Kraft, in vaterländische Buchten trug.
+Dort unten freuet nun der König Menelas
+Der Rückkehr samt den tapfersten seiner Krieger sich.
+Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
+Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange sich
+Von Pallas' Hügel wiederkehrend aufgebaut
+Und, als ich hier mit Klytämnestren schwesterlich,
+Mit Kastor auch und Pollux fröhlich spielend wuchs,
+Vor allen Häusern Spartas herrlich ausgeschmückt.
+Gegrüßet seid mir, der ehrnen Pforte Flügel ihr!
+Durch euer gastlich ladendes Weit-Eröffnen einst
+Geschah's, daß mir, erwählt aus vielen, Menelas
+In Bräutigamsgestalt entgegenleuchtete.
+Eröffnet mir sie wieder, daß ich ein Eilgebot
+Des Königs treu erfülle, wie der Gattin ziemt.
+Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir,
+Was mich umstrürmte bis hieher, verhängnisvoll.
+Denn seit ich diese Schwelle sorgenlos verließ,
+Cytherens Tempel besuchend, heiliger Pflicht gemäß,
+Mich aber dort ein Räuber griff, der phrygische,
+Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breit
+So gern erzählen, aber der nicht gerne hört,
+Von dem die Sage wachsend sich zum Märchen spann.
+
+CHOR:
+Verschmähe nicht, o herrliche Frau,
+Des höchsten Gutes Ehrenbesitz!
+Denn das größte Glück ist dir einzig beschert,
+Der Schönheit Ruhm, der vor allen sich hebt.
+Dem Helden tönt sein Name voran,
+Drum schreitet er stolz;
+Doch beugt sogleich hartnäckigster Mann
+Vor der allbezwingenden Schöne den Sinn.
+
+HELENA:
+Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft
+Und nun von ihm zu seiner Stadt voraugesandt;
+Doch welchen Sinn er hegen mag, errat' ich nicht.
+Komm' ich als Gattin? komm' ich eine Königin?
+Komm' ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz
+Und für der Griechen lang' erduldetes Mißgeschick?
+Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht!
+Denn Ruf und Schicksal bestimmten füwahr die Unsterblichen
+Zweideutig mir, der Schöngestalt bedenkliche
+Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar
+Mit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn.
+Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl
+Nur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.
+Als wenn er Unheil sänne, saß er gegen mir.
+Nun aber, als des Eurotas tiefem Buchtgestad
+Hinangefahren der vordern Schiffe Schnäbel kaum
+Das Land begrüßten, sprach er, wie vom Gott bewegt:
+"Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus,
+Ich mustere sie, am Strand des Meeres hingereiht;
+Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen
+Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf,
+Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,
+Bis daß zur schönen Ebene du gelangen magst,
+Wo Lakedämon, einst ein fruchtbar weites Feld,
+Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.
+Betrete dann das hochgetürmte Fürstenhaus
+Und mustere mir die Mägde, die ich dort zurück
+Gelassen, samt der klugen alten Schaffnerin.
+Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,
+Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbst
+In Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehäuft.
+Du findest alles nach der Ordnung stehen; denn
+Das ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treu
+In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch
+An seinem Platze jedes, wie er's dort verließ.
+Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt."
+
+CHOR:
+Erquicke nun am herrlichen Schatz,
+Dem stets vermehrten, Augen und Brust!
+Denn der Kette Zier, der Krone Geschmuck,
+Da ruhn sie stolz, und sie dünken sich was;
+Doch tritt nur ein und fordre sie auf,
+Sie rüsten sich schnell.
+Mich freuet, zu sehn Schönheit in dem Kampf
+Gegen Gold und Perlen und Edelgestein.
+
+HELENA:
+Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:
+"Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,
+Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst,
+Und mancherlei Gefäße, die der Opfer sich
+Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch.
+Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund;
+Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei
+In hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz,
+Der Flammen schnell empfänglich, halte da bereit;
+Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;
+Doch alles andre geb' ich deiner Sorge hin."
+So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts
+Lebendigen Atems zeichnet mir der Ordnende,
+Das er, die Olympier zu verehren, schlachten will.
+Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,
+Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,
+Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,
+Es möge gut von Menschen oder möge bös
+Geachtet sein; die Sterblichen, wir ertragen das.
+Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
+Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf
+Und konnt' es nicht vollbringen, denn ihn hinderte
+Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.
+
+CHOR:
+Was geschehen werde, sinnst du nicht aus;
+Königin, schreite dahin
+Guten Muts!
+Gutes und Böses kommt
+Unerwartet dem Menschen;
+Auch verkündet, glauben wir's nicht.
+Brannte doch Troja, sahen wir doch
+Tod vor Augen, schmählichen Tod;
+Und sind wir nicht hier
+Dir gesellt, dienstbar freudig,
+Schauen des Himmels blendende Sonne
+Und das Schönste der Erde
+Huldvoll, dich, uns Glücklichen?
+
+HELENA:
+Sei's wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt,
+Hinaufzusteigen ungesäumt in das Königshaus,
+Das, lang' entbehrt und viel ersehnt und fast verscherzt,
+Mir abermals vor Augen steht, ich weiß nicht wie.
+Die Füße tragen mich so mutig nicht empor
+Die hohen Stufen, die ich kindisch übersprang.
+
+CHOR:
+Werfet, o Schwestern, ihr
+Traurig gefangenen,
+Alle Schmerzen ins Weite;
+Teilet der Herrin Glück,
+Teilet Helenens Glück,
+Welche zu Vaterhauses Herd,
+Zwar mit spät zurückkehrendem,
+Aber mit desto festerem
+Fuße freudig herannaht.
+Preiset die heiligen,
+Glücklich herstellenden
+Und heimführenden Götter!
+Schwebt der Entbundene
+Doch wie auf Fittichen
+über das Rauhste, wenn umsonst
+Der Gefangene sehnsuchtsvoll
+über die Zinne des Kerkers hin
+Armausbreitend sich abhärmt.
+Aber sie ergriff ein Gott,
+Die Entfernte;
+Und aus Ilios' Schutt
+Trug er hierher sie zurück
+In das alte, das neugeschmückte
+Vaterhaus,
+Nach unsäglichen
+Freuden und Qualen,
+Früher Jugendzeit
+Angefrischt zu gedenken.
+
+PANTHALIS:
+Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad
+Und wendet nach der Türe Flügeln euren Blick!
+Was seh' ich, Schwestern? Kehret nicht die Königin
+Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?
+Was ist es, große Königin, was konnte dir
+In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruß,
+Erschütterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;
+Denn Widerwillen seh' ich an der Stirne dir,
+Ein edles Zürnen, das mit überraschung kämpft.
+
+HELENA:
+Der Tochter Zeus' geziemet nicht gemeine Furcht,
+Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht;
+Doch das Entsetzen, das, dem Schoß der alten Nacht
+Von Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch
+Wie glühende Wolken aus des Berges Feuerschlund
+Herauf sich wälzt, erschüttert auch des Helden Brust.
+So haben heute grauenvoll die Stygischen
+Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, daß ich gern
+Von oft betretner, langersehnter Schwelle mich,
+Entlaßnem Gaste gleich, entfernend scheiden mag.
+Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und sollt
+Ihr weiter nicht mich treiben, Mächte, wer ihr seid.
+Auf Weihe will ich sinnen, dann gereinigt mag
+Des Herdes Glut die Frau begrüßen wie den Herrn.
+
+CHORFÜHRERIN:
+Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,
+Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist.
+
+HELENA:
+Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,
+Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich
+Zurückgeschlungen in ihrer Tiefe Wunderschoß.
+Doch daß ihr's wisset, sag' ich's euch mit Worten an:
+Als ich des Königshauses ernsten Binnenraum,
+Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
+Erstaunt' ich ob der öden Gänge Schweigsamkeit,
+Nicht Schall der emsig Wandelnden begegnete
+Dem Ohr, nicht raschgeschäftiges Eiligtun dem Blick,
+Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin,
+Die jeden Fremden freundlich sonst begrüßenden.
+Als aber ich dem Schoße des Herdes mich genaht,
+Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,
+Am Boden sitzen welch verhülltes großes Weib,
+Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden.
+Mit Herrscherworten ruf' ich sie zur Arbeit auf,
+Die Schaffnerin mir vermutend, die indes vielleicht
+Des Gatten Vorsicht hinterlassend angestellt;
+Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche;
+Nur endlich rührt sie auf mein Dräun den rechten Arm,
+Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.
+Ich wende zürnend mich ab von ihr und eile gleich
+Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos
+Geschmückt sich hebt und nah daran das Schatzgemach;
+Allein das Wunder reißt sich schnell vom Boden auf,
+Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich
+In hagrer Größe, hohlen, blutig-trüben Blicks,
+Seltsamer Bildung, wie sie Aug' und Geist verwirrt.
+Doch red' ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht
+Sich nur umsonst, Gestalten schöpferisch aufzubaun.
+Da seht sie selbst! sie wagt sogar sich ans Licht hervor!
+Hier sind wir Meister, bis der Herr und König kommt.
+Die grausen Nachtgeburten drängt der Schönheitsfreund
+Phöbus hinweg in Höhlen, oder bändigt sie.
+
+CHOR:
+Vieles erlebt' ich, obgleich die Locke
+Jugendlich wallet mir um die Schläfe!
+Schreckliches hab' ich vieles gesehen,
+Kriegrischen Jammer, Ilios' Nacht,
+Als es fiel.
+Durch das umwölkte, staubende Tosen
+Drängender Krieger hört' ich die Götter
+Fürchterlich rufen, hört' ich der Zwietracht
+Eherne Stimme schallen durchs Feld,
+Mauerwärts.
+Ach! sie standen noch, Ilios'
+Mauern, aber die Flammenglut
+Zog vom Nachbar zum Nachbar schon,
+Sich verbreitend von hier und dort
+Mit des eignen Sturmes Wehn
+über die nächtliche Stadt hin.
+Flüchtend sah ich durch Rauch und Glut
+Und der züngelnden Flamme Loh'n
+Gräßlich zürnender Götter Nahn,
+Schreitend Wundergestalten
+Riesengroß, durch düsteren
+Feuerumleuchteten Qualm hin.
+Sah ich's, oder bildete
+Mir der angstumschlungene Geist
+Solches Verworrene? sagen kann
+Nimmer ich's, doch daß ich dies
+Gräßliche hier mit Augen schau',
+Solches gewiß ja weiß ich;
+Könnt' es mit Händen fassen gar,
+Hielte von dem Gefährlichen
+Nicht zurücke die Furcht mich.
+Welche von Phorkys'
+Töchtern nur bist du?
+Denn ich vergleiche dich
+Diesem Geschlechte.
+Bist du vielleicht der graugebornen,
+Eines Auges und eines Zahns
+Wechselsweis teilhaftigen
+Graien eine gekommen?
+Wagest du Scheusal
+Neben der Schönheit
+Dich vor dem Kennerblick
+Phöbus' zu zeigen?
+Tritt du dennoch hervor nur immer;
+Denn das Häßliche schaut er nicht,
+Wie sein heilig Auge noch
+Nie erblickte den Schatten.
+Doch uns Sterbliche nötigt, ach,
+Leider trauriges Mißgeschick
+Zu dem unsäglichen Augenschmerz,
+Den das Verwerfliche, Ewig-Unselige
+Schönheitliebenden rege macht.
+Ja, so höre denn, wenn du frech
+Uns entgegenest, höre Fluch,
+Höre jeglicher Schelte Drohn
+Aus dem verwünschenden Munde der Glücklichen,
+Die von Göttern gebildet sind.
+
+PHORKYAS:
+Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn,
+Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand,
+Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad.
+Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß,
+Daß, wo sie immer irgend auch des Weges sich
+Begegnen, jede der Gernerin den Rücken kehrt.
+Dann eilet jede wieder heftiger, weiter fort,
+Die Scham betrübt, die Schönheit aber frech gesinnt,
+Bis sie zuletzt des Orkus hohle Nacht umfängt,
+Wenn nicht das Alter sie vorher gebändigt hat.
+Euch find' ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her
+Mit übermut ergossen, gleich der Kraniche
+Laut-heiser klingendem Zug, der über unser Haupt,
+In langer Wolke, krächzend sein Getön herab
+Schickt, das den stillen Wandrer über sich hinauf
+Zu blicken lockt; doch ziehn sie ihren Weg dahin,
+Er geht den seinen; also wird's mit uns geschehn.
+Wer seid denn ihr, daß ihr des Königes Hochpalast
+Mänadisch wild, Betrunknen gleich, umtoben dürft?
+Wer seid ihr denn, daß ihr des Hauses Schaffnerin
+Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar?
+Wähnt ihr, verborgen sei mir, welch Geschlecht ihr seid,
+Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut?
+Mannlustige du, so wie verführt verführende,
+Entnervend beide, Kriegers auch und Bürgers Kraft!
+Zu Hauf euch sehend, scheint mir ein Zikadenschwarm
+Herabzustürzen, deckend grüne Feldersaat.
+Verzehrerinnen fremden Fleißes! Naschende
+Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands ihr!
+Erobert', marktverkauft', vertauschte Ware du!
+
+HELENA:
+Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen schilt,
+Der Gebietrin Hausrecht tastet er vermessen an;
+Denn ihr gebührt allein, das Lobenswürdige
+Zu rühmen, wie zu strafen, was verwerflich ist.
+Auch bin des Dienstes ich wohl zufrieden, den sie mir
+Geleistet, als die hohe Kraft von Ilios
+Umlagert stand und fiel und lag; nicht weniger,
+Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechselnot
+Ertrugen, wo sonst jeder sich der Nächste bleibt.
+Auch hier erwart' ich Gleiches von der muntern Schar;
+Nicht, was der Knecht sei, fragt der Herr, nur, wie er dient.
+Drum schweige du und grinse sie nicht länger an.
+Hast du das Haus des Königs wohl verwahrt bisher
+Anstatt der Hausfrau, solches dient zum Ruhme dir;
+Doch jetzo kommt sie selber, tritt nun du zurück,
+Damit nicht Strafe werde statt verdienten Lohns.
+
+PHORKYAS:
+Den Hausgenossen drohen bleibt ein großes Recht,
+Das gottbeglückten Herrschers hohe Gattin sich
+Durch langer Jahre weise Leitung wohl verdient.
+Da du, nun Anerkannte, neu den alten Platz
+Der Königin und Hausfrau wiederum betrittst,
+So fasse längst erschlaffte Zügel, herrsche nun,
+Nimm in Besitz den Schatz und sämtlich uns dazu.
+Vor allem aber schütze mich, die ältere,
+Vor dieser Schar, die neben deiner Schönheit Schwan
+Nur schlecht befitticht', schnatterhafte Gänse sind.
+
+CHORFÜHRERIN:
+Wie häßlich neben Schönheit zeigt sich Häßlichkeit.
+
+PHORKYAS:
+Wie unverständig neben Klugheit Unverstand.
+
+CHORETIDE 1:
+Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht.
+
+PHORKYAS:
+So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind.
+
+CHORETIDE 2:
+An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor.
+
+PHORKYAS:
+Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf.
+
+CHORETIDE 3:
+Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung.
+
+PHORKYAS:
+Tiresias, den Alten, gehe buhlend an.
+
+CHORETIDE 4:
+Orions Amme war dir Ur-Urenkelin.
+
+PHORKYAS:
+Harpyen, wähn' ich, fütterten dich im Unflat auf.
+
+CHORETIDE 5:
+Mit was ernährst du so gepflegte Magerkeit?
+
+PHORKYAS:
+Mit Blute nicht, wonach du allzulüstern bist.
+
+CHORETIDE 6:
+Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!
+
+PHORKYAS:
+Vampyren-Zähne glänzen dir im frechen Maul.
+
+CHORFÜHRERIN:
+Das deine stopf' ich, wenn ich sage, wer du seist.
+
+PHORKYAS:
+So nenne dich zuerst; das Rätsel hebt sich auf.
+
+HELENA:
+Nicht zürnend, aber traurend schreit' ich zwischen euch,
+Verbietend solchen Wechselstreites Ungestüm!
+Denn Schädlicheres begegnet nichts dem Herrscherherrn
+Als treuer Diener heimlich unterschworner Zwist.
+Das Echo seiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr
+In schnell vollbrachter Tat wohlstimmig ihm zurück,
+Nein, eigenwillig brausend tost es um ihn her,
+Den selbstverirrten, ins Vergebne scheltenden.
+Dies nicht allein. Ihr habt in sittelosem Zorn
+Unsel'ger Bilder Schreckgestalten hergebannt,
+Die mich umdrängen, daß ich selbst zum Orkus mich
+Gerissen fühle, vaterländ'scher Flur zum Trutz.
+Ist's wohl Gedächtnis? war es Wahn, der mich ergreift?
+War ich das alles? Bin ich's? Werd' ich's künftig sein,
+Das Traum- und Schreckbild jener Städteverwüstenden?
+Die Mädchen schaudern, aber du, die älteste,
+Du stehst gelassen; rede mir verständig Wort.
+
+PHORKYAS:
+Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt,
+Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst ein Traum.
+Du aber, hochbegünstigt sonder Maß und Ziel,
+In Lebensreihe sahst nur Liebesbrünstige,
+Entzündet rasch zum kühnsten Wagstück jeder Art.
+Schon Theseus haschte früh dich, gierig aufgeregt,
+Wie Herakles stark, ein herrlich schön geformter Mann.
+
+HELENA:
+Entführte mich, ein zehenjährig schlankes Reh,
+Und mich umschloß Aphidnus' Burg in Attika.
+
+PHORKYAS:
+Durch Kastor und durch Pollux aber bald befreit,
+Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.
+
+HELENA:
+Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh',
+Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.
+
+PHORKYAS:
+Doch Vaterwille traute dich an Menelas,
+Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.
+
+HELENA:
+Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm.
+Aus ehlichem Beisein sproßte dann Hermione.
+
+PHORKYAS:
+Doch als er fern sich Kretas Erbe kühn erstritt,
+Dir Einsamen da erschien ein allzuschöner Gast.
+
+HELENA:
+Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft,
+Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs?
+
+PHORKYAS:
+Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin
+Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.
+
+HELENA:
+Als Schaffnerin bestellt' er dich sogleich hieher,
+Vertrauend vieles, Burg und kühn erworbnen Schatz.
+
+PHORKYAS:
+Die du verließest, Ilios' umtürmter Stadt
+Und unerschöpften Liebesfreuden zugewandt.
+
+HELENA:
+Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leids
+Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.
+
+PHORKYAS:
+Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild,
+In Ilios gesehen und in ägypten auch.
+
+HELENA:
+Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar.
+Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht.
+
+PHORKYAS:
+Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf
+Gesellte sich inbrünstig noch Achill zu dir!
+Dich früher liebend gegen allen Geschicks Beschluß.
+
+HELENA:
+Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich.
+Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst.
+Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.
+
+CHOR:
+Schweige, schweige!
+Mißblickende, Mißredende du!
+Aus so gräßlichen einzahnigen
+Lippen, was enthaucht wohl
+Solchem furchtbaren Greuelschlund!
+Denn der Bösartige, wohltätig erscheinend,
+Wolfesgrimm unter schafwolligem Vlies,
+Mir ist er weit schrecklicher als des drei-+
+köpfigen/ Hundes Rachen.
+ängstlich lauschend stehn wir da:
+Wann? wie? wo nur bricht's hervor,
+Solcher Tücke
+Tiefauflauerndes Ungetüm?
+Nun denn, statt freundlich mit Trost reich begabten,
+Letheschenkenden, holdmildesten Worts
+Regest du auf aller Vergangenheit
+Bösestes mehr denn Gutes
+Und verdüsterst allzugleich
+Mit dem Glanz der Gegenwart
+Auch der Zukunft
+Mild aufschimmerndes Hoffnungslicht.
+Schweige, schweige!
+Daß der Königin Seele,
+Schon zu entfliehen bereit,
+Sich noch halte, festhalte
+Die Gestalt aller Gestalten,
+Welche die Sonne jemals beschien.
+
+PHORKYAS:
+Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags,
+Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze herrscht.
+Wie die Welt sich dir entfaltet, schaust du selbst mit holdem Blick.
+Schelten sie mich auch für häßlich, kenn' ich doch das Schöne wohl.
+
+HELENA:
+Tret' ich schwankend aus der öde, die im Schwindel mich umgab,
+Pflegt' ich gern der Ruhe wieder, denn so müd' ist mein Gebein:
+Doch es ziemet Königinnen, allen Menschen ziemt es wohl,
+Sich zu fassen, zu ermannen, was auch drohend überrascht.
+
+PHORKYAS:
+Stehst du nun in deiner Großheit, deiner Schöne vor uns da,
+Sagt dein Blick, daß du befiehlest; was befiehlst du? sprich es aus.
+
+HELENA:
+Eures Haders frech Versäumnis auszugleichen, seid bereit;
+Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der König mir gebot.
+
+PHORKYAS:
+Alles ist bereit im Hause, Schale, Dreifuß, scharfes Beil,
+Zum Besprengen, zum Beräuchern; das zu Opfernde zeig' an!
+
+HELENA:
+Nicht bezeichnet' es der König. +
+
+PHORKYAS:
+Sprach's nicht aus? O Jammerwort!
+
+HELENA:
+Welch ein Jammer überfällt dich? +
+
+PHORKYAS:
+Königin, du bist gemeint!
+
+HELENA:
+Ich? +
+
+PHORKYAS:
+Und diese. +
+
+CHOR:
+Weh und Jammer! +
+
+PHORKYAS:
+Fallen wirst du durch das Beil.
+
+HELENA:
+Gräßlich doch geahnt; ich Arme! +
+
+PHORKYAS:
+Unvermeidlich scheint es mir.
+
+CHOR:
+Ach! Und uns? + was wird begegnen?
+
+PHORKYAS:
+Sie stirbt einen edlen Tod;
+Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel trägt,
+Wie im Vogelfang die Drosseln, zappelt ihr der Reihe nach.
+
+PHORKYAS:
+Gespenster!--Gleich erstarrten Bildern steht ihr da,
+Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehört.
+Die Menschen, die Gespenster sämtlich gleich wie ihr,
+Entsagen auch nicht willig hehrem Sonnenschein;
+Doch bittet oder rettet niemand sie vom Schluß;
+Sie wissen's alle, wenigen doch gefällt es nur.
+Genug, ihr seid verloren! Also frisch ans Werk.
+Herbei, du düstres, kugelrundes Ungetüm!
+Wälzt euch hieher, zu schaden gibt es hier nach Lust.
+Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz,
+Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand,
+Die Wasserkrüge füllet, abzuwaschen gibt's
+Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung.
+Den Teppich breitet köstlich hier am Staube hin,
+Damit das Opfer niederkniee königlich
+Und eingewickelt, zwar getrennten Haupts sogleich,
+Anständig würdig aber doch bestattet sei.
+
+CHORFÜHRERIN:
+Die Königin stehet sinnend an der Seite hier,
+Die Mädchen welken gleich gemähtem Wiesengras;
+Mir aber deucht, der ältesten, heiliger Pflicht gemäß,
+Mit dir das Wort zu wechseln, Ur-Urälteste.
+Du bist erfahren, weise, scheinst uns gut gesinnt,
+Obschon verkennend hirnlos diese Schar dich traf.
+Drum sage, was du möglich noch von Rettung weißt.
+
+PHORKYAS:
+Ist leicht gesagt: von der Königin hängt allein es ab,
+Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr.
+Entschlossenheit ist nötig und die behendeste.
+
+CHOR:
+Ehrenwürdigste der Parzen, weiseste Sibylle du,
+Halte gesperrt die goldene Schere, dann verkünd' uns Tag und Heil;
+Denn wir fühlen schon im Schweben, Schwanken, Bammeln unergetzlich
+Unsere Gliederchen, die lieber erst im Tanze sich ergetzten,
+Ruhten drauf an Liebchens Brust.
+
+HELENA:
+Laß diese bangen! Schmerz empfind' ich, keine Furcht;
+Doch kennst du Rettung, dankbar sei sie anerkannt.
+Dem Klungen, Weitumsichtigen zeigt fürwahr sich oft
+Unmögliches noch als möglich. Sprich und sag' es an.
+
+CHOR:
+Sprich und sage, sag uns eilig: wie entrinnen wir den grausen,
+Garstigen Schlingen, die bedrohlich, als die schlechtesten Geschmeide,
+Sich um unsre Hälse ziehen? Vorempfinden wir's, die Armen,
+Zum Entatmen, zum Ersticken, wenn du, Rhea, aller Götter
+Hohe Mutter, dich nicht erbarmst.
+
+PHORKYAS:
+Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug
+Still anzuhören? Mancherlei Geschichten sind's.
+
+CHOR:
+Geduld genug! Zuhörend leben wir indes.
+
+PHORKYAS:
+Dem, der zu Hause verharrend edlen Schatz bewahrt
+Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiß,
+Wie auch das Dach zu sichern vor des Regens Drang,
+Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch;
+Wer aber seiner Schwelle heilige Richte leicht
+Mit flüchtigen Sohlen überschreitet freventlich,
+Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz,
+Doch umgeändert alles, wo nicht gar zerstört.
+
+HELENA:
+Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier?
+Du willst erzählen; rege nicht an Verdrießliches.
+
+PHORKYAS:
+Geschichtlich ist es, ist ein Vorwurf keineswegs.
+Raubschiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht,
+Gestad' und Inseln, alles streift' er feindlich an,
+Mit Beute wiederkehrend, wie sie drinnen starrt.
+Vor Ilios verbracht' er langer Jahre zehn;
+Zur Heimfahrt aber weiß ich nicht wie viel es war.
+Allein wie steht es hier am Platz um Tyndareos'
+Erhabnes Haus? wie stehet es mit dem Reich umher?
+
+HELENA:
+Ist dir denn so das Schelten gänzlich einverleibt,
+Daß ohne Tadeln du keine Lippe regen kannst?
+
+PHORKYAS:
+So viele Jahre stand verlassen das Talgebrig,
+Das hinter Sparta nordwärts in die Höhe steigt,
+Taygetos im Rücken, wo als muntrer Bach
+Herab Eurotas rollt und dann, durch unser Tal
+An Rohren breit hinfließend, eure sChwäne nährt.
+Dort hinten still im Gebirgtal hat ein kühn Geschlecht
+Sich angesiedelt, dringend aus cimmerischer Nacht,
+Und unersteiglich feste Burg sich aufgetürmt,
+Von da sie Land und Leute placken, wie's behagt.
+
+HELENA:
+Das konnten sie vollführen? Ganz unmöglich scheint's.
+
+PHORKYAS:
+Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre sind's.
+
+HELENA:
+Ist einer Herr? sind's Räuber viel, verbündete?
+
+PHORKYAS:
+Nicht Räuber sind es, einer aber ist der Herr.
+Ich schelt' ihn nicht, und wenn er schon mich heimgesucht.
+Wohl konnt' er alles nehmen, doch begnügt' er sich
+Mit wenigen Freigeschenken, nannt' er's, nicht Tribut.
+
+HELENA:
+Wie sieht er aus? +
+
+PHORKYAS:
+Nicht übel! mir gefällt er schon.
+Es ist ein munterer, kecker, wohlgebildeter,
+Wie unter Griechen wenig', ein verständ'ger Mann.
+Man schilt das Volk Barbaren, doch ich dächte nicht,
+Daß grausam einer wäre, wie vor Ilios
+Gar mancher Held sich menschenfresserisch erwies.
+Ich acht' auf seine Großheit, ihm vertraut' ich mich.
+Und seine Burg! die solltet ihr mit Augen sehn!
+Das ist was anderes gegen plumpes Mauerwerk,
+Das eure Väter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt,
+Zyklopisch wie Zyklopen, rohen Stein sogleich
+Auf rohe Steine stürzend; dort hingegen, dort
+Ist alles senk- und waagerecht und regelhaft.
+Von außen schaut sie! himmelan sie strebt empor,
+So starr, so wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl.
+Zu klettern hier--ja selbst der Gedanke gleitet ab.
+Und innen großer Höfe Raumgelasse, rings
+Mit Baulichkeit umgeben, aller Art und Zweck.
+Da seht ihr Säulen, Säulchen, Bogen, Bögelchen,
+Altane, Galerien, zu schauen aus und ein,
+Und Wappen. +
+
+CHOR:
+Was sind Wappen? +
+
+PHORKYAS:
+Ajax führte ja
+Geschlungene Schlang' im Schilde, wie ihr selbst gesehn.
+Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerein
+Ein jeder auf seinem Schilde, reich bedeutungsvoll.
+Da sah man Mond und Stern' am nächtigen Himmelsraum,
+Auch Göttin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch,
+Und was Bedrängliches guten Städten grimmig droht.
+Ein solch Gebilde führt auch unsre Heldenschar
+Von seinen Ur-Urahnen her in Farbenglanz.
+Da seht ihr Löwen, Adler, Klau' und Schnabel auch,
+Dann Büffelhörner, Flügel, Rosen, Pfauenschweif,
+Auch Streifen, gold und schwarz und silbern, blau und rot.
+Dergleichen hängt in Sälen Reih' an Reihe fort.
+In Sälen, grenzenlosen, wie die Welt so weit;
+Da könnt ihr tanzen! +
+
+CHOR:
+Sage, gibt's auch Tänzer da?
+
+PHORKYAS:
+Die besten! goldgelockte, frische Bubenschar.
+Die duften Jugend! Paris duftete einzig so,
+Als er der Königin zu nahe kam. +
+
+HELENA:
+Du fällst
+Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!
+
+PHORKYAS:
+Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja!
+Sogleich umgeb' ich dich mit jener Burg. +
+
+CHOR:
+O sprich
+Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!
+
+HELENA:
+Wie? sollt' ich fürchten, daß der König Menelas
+So grausam sich verginge, mich zu schädigen?
+
+PHORKYAS:
+Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,
+Des totgekämpften = paris Bruder, unerhört
+Verstümmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt
+Und glücklich kebste? Nas' und Ohren schnitt er ab
+Und stümmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun.
+
+HELENA:
+Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.
+
+PHORKYAS:
+Um jenes willen wird er dir das gleiche tun.
+Unteilbar ist die Schönheit; der sie ganz besaß,
+Zerstört sie lieber, fluchend jedem Teilbesitz.
+Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid'
+Zerreißend anfaßt, also krallt sich Eifersucht
+Im Busen fest des Mannes, der das nie vergißt,
+Was einst er besaß und nun verlor, nicht mehr besitzt.
+
+CHOR:
+Hörst du nicht die Hörner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?
+
+PHORKYAS:
+Sei willkommen, Herr und König, gerne geb' ich Rechenschaft.
+
+CHOR:
+Aber wir? +
+
+PHORKYAS:
+Ihr wißt es deutlich, seht vor Augen ihren Tod,
+Merkt den eurigen da drinne: nein, zu helfen ist euch nicht.
+
+HELENA:
+Ich sann mir aus das Nächste, was ich wagen darf.
+Ein Widerdämon bist du, das empfind' ich wohl
+Und fürchte, Gutes wendest du zum Bösen um.
+Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg;
+Das andre weiß ich; was die Königin dabei
+Im tiefen Busen geheimnisvoll verbergen mag,
+Sei jedem unzugänglich. Alte, geh voran!
+
+CHOR:
+O wie gern gehen wir hin,
+Eilenden Fußes;
+Hinter uns Tod,
+Vor uns abermals
+Ragender Feste
+Unzugängliche Mauer.
+Schütze sie ebenso gut,
+Eben wie Ilios' Burg,
+Die doch endlich nur
+Niederträchtiger List erlag.
+Wie? aber wie?
+Schwestern, schaut euch um!
+Was es nicht heiterer Tag?
+Nebel schwanken streifig empor
+Aus Eurotas' heil'ger Flut;
+Schon entschwand das liebliche
+Schilfumkränzte Gestade dem Blick;
+Auch die frei, zierlich-stolz
+Sanfthingleitenden Schwäne
+In gesell'ger Schwimmlust
+Seh' ich, ach, nicht mehr!
+Doch, aber doch
+Tönen hör' ich sie,
+Tönen fern heiseren Ton!
+Tod verkündenden, sagen sie.
+Ach daß uns er nur nicht auch,
+Statt verheißener Rettung Heil,
+Untergang verkünde zuletzt;
+Uns, den Schwangleichen, Lang-+
+Schön-Weißhalsigen,/ und ach!
+Unsrer Schwanerzeugten.
+Weh uns, weh, weh!
+Alles deckte sich schon
+Rings mit Nebel umher.
+Sehen wir doch einander nicht!
+Was geschieht? gehen wir?
+Schweben wir nur
+Trippelnden Schrittes am Boden hin?
+Siehst du nichts? Schwebt nicht etwa gar
+Hermes voran? Blinkt nicht der goldne Stab
+Heischend, gebietend uns wieder zurück
+Zu dem unerfreulichen, grautagenden,
+Ungreifbarer Gebilde vollen,
+überfüllten, ewig leeren Hades?
+Ja auf einmal wird es düster, ohne Glanz entschwebt der Nebel
+Dunkelgräulich, mauerbräunlich. Mauern stellen sich dem Blicke,
+Freiem Blicke starr entgegen. Ist's ein Hof? ist's tiefe Grube?
+Schauerlich in jedem Falle! Schwestern, ach! wir sind gefangen,
+So gefangen wie nur je.
+
+
+
+Innerer Burghof
+
+CHORFÜHRERIN:
+Vorschnell und töricht, echt wahrhaftes Weibsgebild!
+Vom Augenblick abhängig, Spiel der Witterung,
+Des Glücks und Unglücks! Keins von beiden wißt ihr je
+Zu bestehn mit Gleichmut. Eine widerspricht ja stets
+Der andern heftig, überquer die andern ihr;
+In Freud' und Schmerz nur heult und lacht ihr gleichen Tons.
+Nun schweigt! und wartet horchend, was die Herrscherin
+Hochsinnig hier beschließen mag für sich und uns.
+
+HELENA:
+Wo bist du, Pythonissa? heiße, wie du magst;
+Aus diesen Gewölben tritt hervor der düstern Burg.
+Gingst etwa du, dem wunderbaren Heldenherrn
+Mich anzukündigen, Wohlempfang bereitend mir,
+So habe Dank und führe schnell mich ein zu ihm;
+Beschluß der Irrfahrt wünsch' ich. Ruhe wünsch' ich nur.
+
+CHORFÜHRERIN:
+Vergebens blickst du, Königin, allseits um dich her;
+Verschwunden ist das leidige Bild, verblieb vielleicht
+Im Nebel dort, aus dessen Busen wir hieher,
+Ich weiß nicht wie, gekommen, schnell und sonder Schritt.
+Vielleicht auch irrt sie zweifelhaft im Labyrinth
+Der wundersam aus vielen einsgewordnen Burg,
+Den Herrn erfragend fürstlicher Hochbegrüßung halb.
+Doch sieh, dort oben regt in Menge sich allbereits,
+In Galerien, am Fenster, in Portalen rasch
+Sich hin und her bewegend, viele Dienerschaft;
+Vornehm-willkommnen Gastempfang verkündet es.
+
+CHOR:
+Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin,
+Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt
+Jungholdeste Schar anständig bewegt
+Den geregelten Zug. Wie! auf wessen Befehl
+Nur erscheinen, gereiht und gebildet so früh,
+Von Jünglingsknaben das herrliche Volk?
+Was bewundr' ich zumeist? Ist es zierlicher Gang,
+Etwa des Haupts Lockhaar um die blendende Stirn,
+Etwa der Wänglein Paar, wie die Pfirsiche rot
+Und eben auch so weichwollig beflaumt?
+Gern biss' ich hinein, doch ich schaudre davor;
+Denn in ähnlichem Fall, da erfüllte der Mund
+Sich, gräßlich zu sagen! mit Asche.
+Aber die schönsten,
+Sie kommen daher;
+Was tragen sie nur?
+Stufen zum Thron,
+Teppich und Sitz,
+Umhang und zelt-+
+Artigen/ Schmuck;
+über überwallt er,
+Wolkenkränze bildend,
+Unsrer Königin Haupt;
+Denn schon bestieg sie
+Eingeladen herrlichen Pfühl.
+Tretet heran,
+Stufe für Stufe
+Reihet euch ernst.
+Würdig, o würdig, dreifach würdig
+Sei gesegnet ein solcher Empfang!
+
+CHORFÜHRERIN:
+Wenn diesem nicht die Götter, wie sie öfter tun,
+Für wenige Zeit nur wundernswürdige Gestalt,
+Erhabnen Anstand, liebenswerte Gegenwart
+Vorübergänglich liehen, wird ihm jedesmal,
+Was er beginnt, gelingen, sei's in Männerschlacht,
+So auch im kleinen Kriege mit den schönsten Fraun.
+Er ist fürwahr gar vielen andern vorzuziehn,
+Die ich doch auch als hochgeschätzt mit Augen sah.
+Mit langsam-ernstem, ehrfurchtsvoll gehaltnem Schritt
+Seh' ich den Fürsten; wende dich, o Königin!
+
+FAUST:
+Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte,
+Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring' ich dir
+In Ketten hart geschlossen solchen Knecht,
+Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand.
+Hier kniee nieder, dieser höchsten Frau
+Bekenntnis abzulegen deiner Schuld.
+Dies ist, erhabne Herrscherin, der Mann,
+Mit seltnem Augenblitz vom hohen Turm
+Umherzuschaun bestellt, dort Himmelsraum
+Und Erdenbreite scharf zu überspähn,
+Was etwa da und dort sich melden mag,
+Vom Hügelkreis ins Tal zur festen Burg
+Sich regen mag, der Herden Woge sei's,
+Ein Heereszug vielleicht; wir schützen jene,
+Begegnen diesem. Heute, welch Versäumnis!
+Du kommst heran, er meldet's nicht; verfehlt
+Ist ehrenvoller, schuldigster Empfang
+So hohen Gastes. Freventlich verwirkt
+Das Leben hat er, läge schon im Blut
+Verdienten Todes; doch nur du allein
+Bestrafst, begnadigst, wie dir's wohlgefällt.
+
+HELENA:
+So hohe Würde, wie du sie vergönnst,
+Als Richterin, als Herrscherin, und wär's
+Versuchend nur, wie ich vermuten darf--
+So üb' nun des Richters erste Pflicht,
+Beschuldigte zu hören. Rede denn.
+
+TURMWÄRTER LYNKEUS:
+Laß mich knieen, laß mich schauen,
+Laß mich sterben, laß mich leben,
+Denn schon bin ich hingegeben
+Dieser gottgegebnen Frauen.
+Harrend auf des Morgens Wonne,
+östlich spähend ihren Lauf,
+Ging auf einmal mir die Sonne
+Wunderbar im Süden auf.
+Zog den Blick nach jener Seite,
+Statt der Schluchten, statt der Höhn,
+Statt der Erd- und Himmelsweite
+Sie, die Einzige, zu spähn.
+Augenstrahl ist mir verliehen
+Wie dem Luchs auf höchstem Baum;
+Doch nun mußt' ich mich bemühen
+Wie aus tiefem, düsterm Traum.
+Wüßt' ich irgend mich zu finden?
+Zinne? Turm? geschloßnes Tor?
+Nebel schwanken, Nebel schwinden,
+Solche Göttin tritt hervor!
+Aug' und Brust ihr zugewendet,
+Sog ich an den milden Glanz;
+Diese Schönheit, wie sie blendet,
+Blendete mich Armen ganz.
+Ich vergaß des Wächters Pflichten,
+Völlig das beschworne Horn;
+Drohe nur, mich zu vernichten--
+Schönheit bändigt allen Zorn.
+
+HELENA:
+Das übel, das ich brachte, darf ich nicht
+Bestrafen. Wehe mir! Welch streng Geschick
+Verfolgt mich, überall der Männer Busen
+So zu betören, daß sie weder sich
+Noch sonst ein Würdiges verschonten. Raubend jetzt,
+Verführend, fechtend, hin und her entrückend,
+Halbgötter, Helden, Götter, ja Dämonen,
+Sie führten mich im Irren her und hin.
+Einfach die Welt verwirrt' ich, dopplet mehr;
+Nun dreifach, vierfach bring' ich Not auf Not.
+Entferne diesen Guten, laß ihn frei;
+Den Gottbetörten treffe keine Schmach.
+
+FAUST:
+Erstaunt, o Königin, seh' ich zugleich
+Die sicher Treffende, hier den Getroffnen;
+Ich seh' den Bogen, der den Pfeil entsandt,
+Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen,
+Mich treffend. Allwärts ahn' ich überquer
+Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.
+Was bin ich nun? Auf einmal machst du mir
+Rebellisch die Getreusten, meine Mauern
+Unsicher. Also fürcht' ich schon, mein Heer
+Gehorcht der siegend unbesiegten Frau.
+Was bleibt mir übrig, als mich selbst und alles,
+Im Wahn des Meine, dir anheimzugeben?
+Zu deinen Füßen laß mich, frei und treu,
+Dich Herrin anerkennen, die sogleich
+Auftretend sich Besitz und Thron erwarb.
+
+LYNKEUS:
+Du siehst mich, Königin, zurück!
+Der Reiche bettelt einen Blick,
+Er sieht dich an und fühlt sogleich
+Sich bettelarm und fürstenreich.
+Was war ich erst? was bin ich nun?
+Was ist zu wollen? was zu tun?
+Was hilft der Augen schärfster Blitz!
+Er prallt zurück an deinem Sitz.
+Von Osten kamen wir heran,
+Und um den Westen war's getan;
+Ein lang und breites Volksgewicht,
+Der erste wußte vom letzten nicht.
+Der erste fiel, der zweite stand,
+Des dritten Lanze war zur Hand;
+Ein jeder hundertfach gestärkt,
+Erschlagne Tausend unbemerkt.
+Wir drängten fort, wir stürmten fort,
+Wir waren Herrn von Ort zu Ort;
+Und wo ich herrisch heut befahl,
+Ein andrer morgen raubt' und stahl.
+Wir schauten--elig war die Schau;
+Der griff die allerschönste Frau,
+Der griff den Stier von festem Tritt,
+Die Pferde mußten alle mit.
+Ich aber liebte, zu erspähn
+Das Seltenste, was man gesehn;
+Und was ein andrer auch besaß,
+Das war für mich gedörrtes Gras.
+Den Schätzen war ich auf der Spur,
+Den scharfen Blicken folgt' ich nur,
+In alle Taschen blickt' ich ein,
+Durchsichtig war mir jeder Schrein.
+Und Haufen Goldes waren mein,
+Am herrlichsten der Edelstein:
+Nun der Smaragd allein verdient,
+Daß er an deinem Herzen grünt.
+Nun schwanke zwischen Ohr und Mund
+Das Tropfenei aus Meeresgrund;
+Rubinen werden gar verscheucht,
+Das Wangenrot sie niederbleicht.
+Und so den allergrößten Schatz
+Versetz' ich hier auf deinen Platz;
+Zu deinen Füßen sei gebracht
+Die Ernte mancher blut'gen Schlacht.
+So viele Kisten schlepp' ich her,
+Der Eisenkisten hab' ich mehr;
+Erlaube mich auf deiner Bahn,
+Und Schatzgewölbe füll' ich an.
+Denn du bestiegest kaum den Thron,
+So neigen schon, so beugen schon
+Verstand und Reichtum und Gewalt
+Sich vor der einzigen Gestalt.
+Das alles hielt ich fest und mein,
+Nun aber, lose, wird es dein.
+Ich glaubt' es würdig, hoch und bar,
+Nun seh' ich, daß es nichtig war.
+Verschwunden ist, was ich besaß,
+Ein abgemähtes, welkes Gras.
+O gib mit einem heitern Blick
+Ihm seinen ganzen Wert zurück!
+
+FAUST:
+Entferne schnell die kühn erworbne Last,
+Zwar nicht getadelt, aber unbelohnt.
+Schon ist Ihr alles eigen, was die Burg
+Im Schoß verbirgt; Besondres Ihr zu bieten,
+Ist unnütz. Geh und häufe Schatz auf Schatz
+Geordnet an. Der ungesehnen Pracht
+Erhabnes Bild stell' auf! Laß die Gewölbe
+Wie frische Himmel blinken, Paradiese
+Von lebelosem Leben richte zu.
+Voreilend ihren Tritten laß beblümt
+An Teppich Teppiche sich wälzen; ihrem Tritt
+Begegne sanfter Boden; ihrem Blick,
+Nur Göttliche nicht blendend, höchster Glanz.
+
+LYNKEUS:
+Schwach ist, was der Herr befiehlt,
+Tut's der Diener, es ist gespielt:
+Herrscht doch über Gut und Blut
+Dieser Schönheit übermut.
+Schon das ganze Heer ist zahm,
+Alle Schwerter stumpf und lahm,
+Vor der herrlichen Gestalt
+Selbst die Sonne matt und kalt,
+Vor dem Reichtum des Gesichts
+Alles leer und alles nichts.
+
+HELENA:
+Ich wünsche dich zu sprechen, doch herauf
+An meine Seite komm! Der leere Platz
+Beruft den Herrn und sichert mir den meinen.
+
+FAUST:
+Erst knieend laß die treue Widmung dir
+Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich
+An deine Seite hebt, laß mich sie küssen.
+Bestärke mich als Mitregenten deines
+Grenzunbewußten Reichs, gewinne dir
+Verehrer, Diener, Wächter all' in einem!
+
+HELENA:
+Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an,
+Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel.
+Doch wünscht' ich Unterricht, warum die Rede
+Des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich.
+Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
+Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
+Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.
+
+FAUST:
+Gefällt dir schon die Sprechart unsrer Völker,
+O so gewiß entzückt auch der Gesang,
+Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.
+Doch ist am sichersten, wir üben's gleich;
+Die Wechselrede lockt es, ruft's hervor.
+
+HELENA:
+So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
+
+FAUST:
+Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
+Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
+Man sieht sich um und fragt--+
+
+HELENA:
+Wer mitgenießt.
+
+FAUST:
+Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück,
+Die Gegenwart allein--+
+
+HELENA:
+ist unser Glück.
+
+FAUST:
+Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand;
+Bestätigung, wer gibt sie? +
+
+HELENA:
+Meine Hand.
+
+CHOR:
+Wer verdächt' es unsrer Fürstin,
+Gönnet sie dem Herrn der Burg
+Freundliches Erzeigen?
+Denn gesteht, sämtliche sind wir
+Ja Gefangene, wie schon öfter
+Seit dem schmählichen Untergang
+Ilios' und der ängstlich-+
+labyrinthischen/ Kummerfahrt.
+Fraun, gewöhnt an Männerliebe,
+Wählerinnen sind sie nicht,
+Aber Kennerinnen.
+Und wie goldlockigen Hirten
+Vielleicht schwarzborstigen Faunen,
+Wie es bringt die Gelegenheit,
+über die schwellenden Glieder
+Vollerteilen sie gleiches Recht.
+Nah und näher sitzen sie schon
+An einander gelehnet,
+Schulter an Schulter, Knie an Knie,
+Hand in Hand wiegen sie sich
+über des Throns
+Aufgepolsterter Herrlichkeit.
+Nicht versagt sich die Majestät
+Heimlicher Freuden
+Vor den Augen des Volkes
+übermütiges Offenbarsein.
+
+HELENA:
+Ich fühle mich so fern und doch so nah,
+Und sage nur zu gern: Da bin ich! da!
+
+FAUST:
+Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort;
+Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.
+
+HELENA:
+Ich scheine mir verlebt und doch so neu,
+In dich verwebt, dem Unbekannten treu.
+
+FAUST:
+Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!
+Dasein ist Pflicht, und wär's ein Augenblick.
+
+PHORKYAS:
+Buchstabiert in Liebesfibeln,
+Tändelnd grübelt nur am Liebeln,
+Müßig liebelt fort im Grübeln,
+Doch dazu ist keine Zeit.
+Fühlt ihr nicht ein dumpfes Wettern?
+Hört nur die Trompete schmettern,
+Das Verderben ist nicht weit.
+Menelas mit Volkeswogen
+Kommt auf euch herangezogen;
+Rüstet euch zu herbem Streit!
+Von der Siegerschar umwimmelt,
+Wie Deiphobus verstümmelt,
+Büßest du das Fraungeleit.
+Bammelt erst die leichte Ware,
+Dieser gleich ist am Altare
+Neugeschliffnes Beil bereit.
+
+FAUST:
+Verwegne Störung! widerwärtig dringt sie ein;
+Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestüm.
+Den schönsten Boten, Unglücksbotschaft häßlicht ihn;
+Du Häßlichste gar, nur schlimme Botschaft bringst du gern.
+Doch diesmal soll dir's nicht geraten: leeren Hauchs
+Erschüttere du die Lüfte. Hier ist nicht Gefahr,
+Und selbst Gefahr erschiene nur als eitles Dräun.
+
+FAUST:
+Nein, gleich sollst du versammelt schauen
+Der Helden ungetrennten Kreis:
+Nur der verdient die Gunst der Frauen,
+Der kräftigst sie zu schützen weiß.
+Mit angehaltnem stillen Wüten,
+Das euch gewiß den Sieg verschafft,
+Ihr, Nordens jugendliche Blüten,
+Ihr, Ostens blumenreiche Kraft.
+In Stahl gehüllt, vom Strahl umwittert,
+Die Schar, die Reich um Reich zerbrach,
+Sie treten auf, die Erde schüttert,
+Sie schreiten fort, es donnert nach.
+An Pylos traten wir zu Lande,
+Der alte Nestor ist nicht mehr,
+Und alle kleinen Königsbande
+Zersprengt das ungebundne Heer.
+Drängt ungesäumt von diesen Mauern
+Jetzt Menelas dem Meer zurück;
+Dort irren mag er, rauben, lauern,
+Ihm war es Neigung und Geschick.
+Herzoge soll ich euch begrüßen,
+Gebietet Spartas Königin;
+Nun legt ihr Berg und Tal zu Füßen,
+Und euer sei des Reichs Gewinn.
+Germane du! Korinthus' Buchten
+Verteidige mit Wall und Schutz!
+Achaia dann mit hundert Schluchten
+Empfehl' ich, Gote, deinem Trutz.
+Nach Elis ziehn der Franken Heere,
+Messene sei der Sachsen Los,
+Normanne reinige die Meere
+Und Argolis erschaff' er groß.
+Dann wird ein jeder häuslich wohnen,
+Nach außen richten Kraft und Blitz;
+Doch Sparta soll euch überthronen,
+Der Königin verjährter Sitz.
+All-einzeln sieht sie euch genießen
+Des Landes, dem kein Wohl gebricht;
+Ihr sucht getrost zu ihren Füßen
+Bestätigung und Recht und Licht.
+
+CHOR:
+Wer die Schönste für sich begehrt,
+Tüchtig vor allen Dingen
+Seh' er nach Waffen weise sich um;
+Schmeichelnd wohl gewann er sich,
+Was auf Erden das Höchste;
+Aber ruhig besitzt er's nicht:
+Schleicher listig entschmeicheln sie ihm,
+Räuber kühnlich entreißen sie ihm;
+Dieses zu hinderen, sei er bedacht.
+Unsern Fürsten lob' ich drum,
+Schätz' ihn höher vor andern,
+Wie er so tapfer klug sich verband,
+Daß die Starken gehorchend stehn,
+Jedes Winkes gewärtig.
+Seinen Befehl vollziehn sie treu,
+Jeder sich selbst zu eignem Nutz
+Wie dem Herrscher zu lohnendem Dank,
+Beiden zu höchlichem Ruhmesgewinn.
+Denn wer entreißet sie jetzt
+Dem gewalt'gen Besitzer?
+Ihm gehört sie, ihm sei sie gegönnt,
+Doppelt von uns gegönnt, die er
+Samt ihr zugleich innen mit sicherster Mauer,
+Außen mit mächtigstem Heer umgab.
+
+FAUST:
+Die Gaben, diesen hier verliehen--
+An jeglichen ein reiches Land--,
+Sind groß und herrlich; laß sie ziehen!
+Wir halten in der Mitte stand.
+Und sie beschützen um die Wette,
+Ringsum von Wellen angehüpft,
+Nichtinsel dich, mit leichter Hügelkette
+Europens letztem Bergast angeknüpft.
+Das Land, vor aller Länder Sonnen,
+Sei ewig jedem Stamm beglückt,
+Nun meiner Königin gewonnen,
+Das früh an ihr hinaufgeblickt,
+Als mit Eurotas' Schilfgeflüster
+Sie leuchtend aus der Schale brach,
+Der hohen Mutter, dem Geschwister
+Das Licht der Augen überstach.
+Dies Land, allein zu dir gekehret,
+Entbietet seinen höchsten Flor;
+Dem Erdkreis, der dir angehöret,
+Dein Vaterland, o zieh es vor!
+Und duldet auch auf seiner Berge Rücken
+Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,
+Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken,
+Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil.
+Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,
+Und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.
+Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche
+Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.
+Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
+Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;
+Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,
+Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.
+Pan schützt sie dort, und Lebensnymphen wohnen
+In buschiger Klüfte feucht erfrischtem Raum,
+Und sehnsuchtsvoll nach höhern Regionen
+Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.
+Alt-Wälder sind's! Die Eiche starret mächtig,
+Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
+Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,
+Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.
+Und mütterlich im stillen Schattenkreise
+Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
+Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
+Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.
+Hier ist das Wohlbehagen erblich,
+Die Wange heitert wie der Mund,
+Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
+Sie sind zufrieden und gesund.
+Und so entwickelt sich am reinen Tage
+Zu Vaterkraft das holde Kind.
+Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage:
+Ob's Götter, ob es Menschen sind?
+So war Apoll den Hirten zugestaltet,
+Daß ihm der schönsten einer glich;
+Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,
+Ergreifen alle Welten sich.
+So ist es mir, so ist es dir gelungen;
+Vergangeheit sei hinter uns getan!
+O fühle dich vom höchsten Gott entsprungen,
+Der ersten Welt gehörst du einzig an.
+Nicht feste Burg soll dich umschreiben!
+Noch zirkt in ewiger Jugendkraft
+Für uns, zu wonnevollem Bleiben,
+Arkadien in Spartas Nachbarschaft.
+Gelockt, auf sel'gem Grund zu wohnen,
+Du flüchtetest ins heiterste Geschick!
+Zur Laube wandeln sich die Thronen,
+Arkadisch frei sei unser Glück!
+
+
+
+Szene 42
+
+PHORKYAS:
+Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht;
+Ob sie sich träumen ließen, was ich hell und klar
+Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt.
+Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk;
+Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt,
+Glaubhafter Wunder Lösung endlich anzuschaun.
+Hervor! hervor! Und schüttelt eure Locken rasch!
+Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hört mich an!
+
+CHOR:
+Rede nur, erzähl', erzähle, was sich Wunderlichs begeben!
+Hören möchten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben können;
+Denn wir haben Langeweile, diese Felsen anzusehn.
+
+PHORKYAS:
+Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon?
+So vernehmt: in diesen Höhlen, diesen Grotten, diesen Lauben
+Schutz und Schirmung war verliehen, wie idyllischem Liebespaare,
+Unserm Herrn und unsrer Frauen. +
+
+CHOR:
+Wie, da drinnen? +
+
+PHORKYAS:
+Abgesondert
+Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste.
+Hochgeehrt stand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet,
+Schaut' ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier- und dorthin,
+Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirksamkeiten,
+Und so blieben sie allein.
+
+CHOR:
+Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären,
+Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst du ab!
+
+PHORKYAS:
+Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen:
+Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend aus.
+Doch auf einmal ein Gelächter echot in den Höhlenräumen;
+Schau' ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen Schoß zum Manne,
+Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getändel,
+Töriger Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze
+Wechselnd übertäuben mich.
+Nackt, ein Genius ohne Flügel, faunenartig ohne Tierheit,
+Springt er auf den festen Boden; doch der Boden gegenwirkend
+Schnellt ihn zu der luft'gen Höhe, und im zweiten, dritten Sprunge
+Rührt er an das Hochgewölb.
+ängstlich ruft die Mutter: Springe wiederholt und nach Belieben,
+Aber hüte dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.
+Und so mahnt der treue Vater: In der Erde liegt die Schnellkraft,
+Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden,
+Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt.
+Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante
+Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt.
+Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden,
+Und nun scheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater tröstet,
+Achselzuckend steh' ich ängstlich. Doch nun wieder welch Erscheinen!
+Liegen Schätze dort verborgen? Blumenstreifige Gewande
+Hat er würdig angetan.
+Quasten schwanken von den Armen, Binden flattern um den Busen,
+In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus,
+Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem überhang; wir staunen.
+Und die Eltern vor Entzücken werfen wechselnd sich ans Herz.
+Denn wie leuchtet's ihm zu Haupten? Was erglänzt, ist schwer zu sagen,
+Ist es Goldschmuck, ist es Flamme übermächtiger Geisteskraft?
+Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe schon verkündend
+Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen Melodien
+Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hören,
+Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung.
+
+CHOR:
+Nennst du ein Wunder dies,
+Kretas Erzeugte?
+Dichtend belehrendem Wort
+Hast du gelauscht wohl nimmer?
+Niemals noch gehört Ioniens,
+Nie vernommen auch Hellas'
+Urväterlicher Sagen
+Göttlich-heldenhaften Reichtum?
+Alles, was je geschieht
+Heutigen Tages,
+Trauriger Nachklang ist's
+Herrlicher Ahnherrntage;
+Nicht vergleicht sich dein Erzählen
+Dem, was liebliche Lüge,
+Glaubhaftiger als Wahrheit,
+Von dem Sohne sang der Maja.
+Diesen zierlich und kräftig doch
+Kaum geborenen Säugling
+Faltet in reinster Windeln Flaum,
+Strenget in köstlicher Wickeln Schmuck
+Klatschender Wärterinnen Schar
+Unvernünftigen Wähnens.
+Kräftig und zierlich aber zieht
+Schon der Schalk die geschmeidigen
+Doch elastischen Glieder
+Listig heraus, die purpurne,
+ängstlich drückende Schale
+Lassend ruhig an seiner Statt;
+Gleich dem fertigen Schmetterling,
+Der aus starrem Puppenzwang
+Flügel entfaltend behendig schlüpft,
+Sonnedurchstrahlten äther kühn
+Und mutwillig durchflatternd.
+So auch er, der Behendeste,
+Daß er Dieben und Schälken,
+Vorteilsuchenden allen auch
+Ewig günstiger Dämon sei,
+Dies betätigt er alsobald
+Durch gewandteste Künste.
+Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt
+Er den Trident, ja dem Ares selbst
+Schlau das Schwert aus der Scheide;
+Bogen und Pfeil dem Phöbus auch,
+Wie dem Hephästos die Zange;
+Selber Zeus', des Vaters, Blitz
+Nähm' er, schreckt' ihn das Feuer nicht;
+Doch dem Eros siegt er ob
+In beinstellendem Ringerspiel;
+Raubt auch Cyprien, wie sie ihm kost,
+Noch vom Busen den Gürtel.
+
+PHORKYAS:
+Höret allerliebste Klänge,
+Macht euch schnell von Fabeln frei!
+Eurer Götter alt Gemenge,
+Laßt es hin, es ist vorbei.
+Niemand will euch mehr verstehen,
+Fordern wir doch höhern Zoll:
+Denn es muß von Herzen gehen,
+Was auf Herzen wirken soll.
+
+CHOR:
+Bist du, fürchterliches Wesen,
+Diesem Schmeichelton geneigt,
+Fühlen wir, als frisch genesen,
+Uns zur Tränenlust erweicht.
+Laß der Sonne Glanz verschwinden,
+Wenn es in der Seele tagt,
+Wir im eignen Herzen finden,
+Was die ganze Welt versagt.
+
+EUPHORION:
+Hört ihr Kindeslieder singen,
+Gleich ist's euer eigner Scherz;
+Seht ihr mich im Takte springen,
+Hüpft euch elterlich das Herz.
+
+HELENA:
+Liebe, menschlich zu beglücken,
+Nähert sie ein edles Zwei,
+Doch zu göttlichem Entzücken
+Bildet sie ein köstlich Drei.
+
+FAUST:
+Alles ist sodann gefunden:
+Ich bin dein, und du bist mein;
+Und so stehen wir verbunden,
+Dürft' es doch nicht anders sein!
+
+CHOR:
+Wohlgefallen vieler Jahre
+In des Knaben mildem Schein
+Sammelt sich auf diesem Paare.
+O, wie rührt mich der Verein!
+
+EUPHORION:
+Nun laßt mich hüpfen,
+Nun laßt mich springen!
+Zu allen Lüften
+Hinaufzudringen,
+Ist mir Begierde,
+Sie faßt mich schon.
+
+FAUST:
+Nur mäßig! mäßig!
+Nicht ins Verwegne,
+Daß Sturz und Unfall
+Dir nicht begegne,
+Zugrund uns richte
+Der teure Sohn!
+
+EUPHORION:
+Ich will nicht länger
+Am Boden stocken;
+Laßt meine Hände,
+Laßt meine Locken,
+Laßt meine Kleider!
+Sie sind ja mein.
+
+HELENA:
+O denk! o denke,
+Wem du gehörest!
+Wie es uns kränke,
+Wie du zerstörest
+Das schön errungene
+Mein, Dein und Sein.
+
+CHOR:
+Bald löst, ich fürchte,
+Sich der Verein!
+
+HELENA UND FAUST:
+Bändige! bändige
+Eltern zuliebe
+überlebendige,
+Heftige Triebe!
+Ländlich im stillen
+Ziere den Plan.
+
+EUPHORION:
+Nur euch zu Willen
+Halt' ich mich an.
+Leichter umschweb' ich hie
+Muntres Geschlecht.
+Ist nun die Melodie,
+Ist die Bewegung recht?
+
+HELENA:
+Ja, das ist wohlgetan;
+Führe die Schönen an
+Künstlichem Reihn.
+
+FAUST:
+Wäre das doch vorbei!
+Mich kann die Gaukelei
+Gar nicht erfreun.
+
+CHOR:
+Wenn du der Arme Paar
+Lieblich bewegest,
+Im Glanz dein lockig Haar
+Schüttelnd erregest,
+Wenn dir der Fuß so leicht
+über die Erde schleicht,
+Dort und da wieder hin
+Glieder um Glied sich ziehn,
+Hast du dein Ziel erreicht,
+Liebliches Kind;
+All' unsre Herzen sind
+All' dir geneigt.
+
+EUPHORION:
+Ihr seid so viele
+Leichtfüßige Rehe;
+Zu neuem Spiele
+Frisch aus der Nähe!
+Ich bin der Jäger,
+ihr seid das Wild.
+
+CHOR:
+Willst du uns fangen,
+Sei nicht behende,
+Denn wir verlangen
+Doch nur am Ende,
+Dich zu umarmen,
+Du schönes Bild!
+
+EUPHORION:
+Nur durch die Haine!
+Zu Stock und Steine!
+Das leicht Errungene,
+Das widert mir,
+Nur das Erzwungene
+Ergetzt mich schier.
+
+HELENA UND FAUST:
+Welch ein Mutwill'! welch ein Rasen!
+Keine Mäßigung ist zu hoffen.
+Klingt es doch wie Hörnerblasen
+über Tal und Wälder dröhnend;
+Welch ein Unfug! welch Geschrei!
+
+CHOR:
+Uns ist er vorbeigelaufen;
+Mit Verachtung uns verhöhnend,
+schleppt er von dem ganzen Haufen
+Nun die Wildeste herbei.
+
+EUPHORION:
+Schlepp' ich her die derbe Kleine
+Zu erzwungenem Genusse;
+Mir zur Wonne, mir zur Lust
+Drück' ich widerspenstige Brust,
+Küss' ich widerwärtigen Mund,
+Tue Kraft und Willen kund.
+
+MÄDCHEN:
+Laß mich los! In dieser Hülle
+Ist auch Geistes Mut und Kraft;
+Deinem gleich ist unser Wille
+Nicht so leicht hinweggerafft.
+Glaubst du wohl mich im Gedränge?
+Deinem Arm vertraust du viel!
+Halte fest, und ich versenge
+Dich, den Toren, mir zum Spiel.
+Folge mir in leichte Lüfte,
+Folge mir in starre Grüfte,
+Hasche das verschwundne Ziel!
+
+EUPHORION:
+Felsengedränge hier
+Zwischen dem Waldgebüsch,
+Was soll die Enge mir,
+Bin ich doch jung und frisch.
+Winde, sie sausen ja,
+Wellen, sie brausen da;
+Hör' ich doch beides fern,
+Nah wär' ich gern.
+
+HELENA, FAUST UND CHOR:
+Wolltest du den Gemsen gleichen?
+Vor dem Falle muß uns graun.
+
+EUPHORION:
+Immer höher muß ich steigen,
+Immer weiter muß ich schaun.
+Weiß ich nun, wo ich bin!
+Mitten der Insel drin,
+Mitten in Pelops' Land,
+Erde--wie seeverwandt.
+
+CHOR:
+Magst nicht in Berg und Wald
+Friedlich verweilen?
+Suchen wir alsobald
+Reben in Zeilen,
+Reben am Hügelrand,
+Feigen und Apfelgold.
+Ach in dem holden Land
+Bleibe du hold!
+
+EUPHORION:
+Träumt ihr den Friedenstag?
+Träume, wer träumen mag.
+Krieg! ist das Losungswort.
+Sieg! und so klingt es fort.
+
+CHOR:
+Wer im Frieden
+Wünschet sich Krieg zurück,
+Der ist geschieden
+Vom Hoffnungsglück.
+
+EUPHORION:
+Welche dies Land gebar
+Aus Gefahr in Gefahr,
+Frei, unbegrenzten Muts,
+Verschwendrisch eignen Bluts,
+Den nicht zu dämpfenden
+Heiligen Sinn--
+Alle den Kämpfenden
+Bring' es Gewinn!
+
+CHOR:
+Seht hinauf, wie hoch gestiegen!
+Und er scheint uns doch nicht klein:
+Wie im Harnisch, wie zum Siegen,
+Wie von Erz und Stahl der Schein.
+
+EUPHORION:
+Keine Wälle, keine Mauern,
+Jeder nur sich selbst bewußt;
+Feste Burg, um auszudauern,
+Ist des Mannes ehrne Brust.
+Wollt ihr unerobert wohnen,
+Leicht bewaffnet rasch ins Feld;
+Frauen werden Amazonen
+Und ein jedes Kind ein Held.
+
+CHOR:
+Heilige Poesie,
+Himmelan steige sie!
+Glänze, der schönste Stern,
+Fern und so weiter fern!
+Und sie erreicht uns doch
+Immer, man hört sie noch,
+Vernimmt sie gern.
+
+EUPHORION:
+Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,
+In Waffen kommt der Jüngling an;
+Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
+Hat er im Geiste schon getan.
+Nun fort!
+Nun dort
+Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.
+
+HELENA UND FAUST:
+Kaum ins Leben eingerufen,
+Heitrem Tag gegeben kaum,
+Sehnest du von Schwindelstufen
+Dich zu schmerzenvollem Raum.
+Sind denn wir
+Gar nichts dir?
+Ist der holde Bund ein Traum?
+
+EUPHORION:
+Und hört ihr donnern auf dem Meere?
+Dort widerdonnern Tal um Tal,
+In Staub und Wellen, Heer dem Heere,
+In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
+Und der Tod
+Ist Gebot,
+Das versteht sich nun einmal.
+
+HELENA, FAUST UND CHOR:
+Welch Entsetzen! welches Grauen!
+Ist der Tod denn dir Gebot?
+
+EUPHORION:
+Sollt' ich aus der Ferne schauen?
+Nein! ich teile Sorg' und Not.
+
+DIE VORIGEN:
+Übermut und Gefahr,
+Tödliches Los!
+
+EUPHORION:
+Doch!--und ein Flügelpaar
+Faltet sich los!
+Dorthin! Ich muß! ich muß!
+Gönnt mir den Flug!
+
+CHOR:
+Ikarus! Ikarus!
+Jammer genug.
+
+HELENA UND FAUST:
+Der Freude folgt sogleich
+Grimmige Pein.
+
+EUPHORIONS STIMME:
+Laß mich im düstern Reich,
+Mutter, mich nicht allein!
+
+CHOR:
+Nicht allein!--wo du auch weilest,
+Denn wir glauben dich zu kennen;
+Ach! wenn du dem Tag enteilest,
+Wird kein Herz von dir sich trennen.
+Wüßten wir doch kaum zu klagen,
+Neidend singen wir dein Los:
+Dir in klar- und trüben Tagen
+Lied und Mut war schön und groß.
+Ach! zum Erdenglück geboren,
+Hoher Ahnen, großer Kraft,
+Leider früh dir selbst verloren,
+Jugendblüte weggerafft!
+Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
+Mitsinn jedem Herzensdrang,
+Liebesglut der besten Frauen
+Und ein eigenster Gesang.
+Doch du ranntest unaufhaltsam
+Frei ins willenlose Netz,
+So entzweitest du gewaltsam
+dich mit Sitte, mit Gesetz;
+Doch zuletzt das höchste Sinnen
+Gab dem reinen Mut Gewicht,
+Wolltest Herrliches gewinnen,
+Aber es gelang dir nicht.
+Wem gelingt es?--Trübe Frage,
+Der das Schicksal sich vermummt,
+Wenn am unglückseligsten Tage
+Blutend alles Volk verstummt.
+Doch erfrischet neue Lieder,
+Steht nicht länger tief gebeugt:
+Denn der Boden zeugt sie wieder,
+Wie von je er sie gezeugt.
+
+HELENA:
+Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:
+Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.
+Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;
+Bejammernd beide, sag' ich schmerzlich Lebewohl
+Und werfe mich noch einmal in die Arme dir.
+Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!
+
+PHORKYAS:
+Halte fest, was dir von allem übrigblieb.
+Das Kleid, laß es nicht los. Da zupfen schon
+Dämonen an den Zipfeln, möchten gern
+Zur Unterwelt es reißen. Halte fest!
+Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,
+Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,
+Unschätzbaren Gunst und hebe dich empor:
+Es trägt dich über alles Gemeine rasch
+Am äther hin, so lange du dauern kannst.
+Wir sehn uns wieder, weit, gar weit von hier.
+
+PHORKYAS:
+Noch immer glücklich aufgefunden!
+Die Flamme freilich ist verschwunden,
+Doch ist mir um die Welt nicht leid.
+Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,
+Zu stiften Gild- und Handwerksneid;
+Und kann ich die Talente nicht verleihen,
+Verborg' ich wenigstens das Kleid.
+
+PANTHALIS:
+Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los,
+Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang,
+So des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch,
+Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.
+Hinab zum Hades! Eilte doch die Königin
+Mit ernstem Gang hinunter. Ihrer Sohle sei
+Unmittelbar getreuer Mägde Schritt gefügt.
+Wir finden sie am Throne der Unerforschlichen.
+
+CHOR:
+Königinnen freilich, überall sind sie gern;
+Auch im Hades stehen sie obenan,
+Stolz zu ihresgleichen gesellt,
+Mit Persephonen innigst vertraut;
+Aber wir im Hintergrunde
+Tiefer Asphodelos-Wiesen,
+Langgestreckten Pappeln,
+Unfruchtbaren Weiden zugesellt,
+Welchen Zeitvertreib haben wir?
+Fledermausgleich zu piepsen,
+Geflüster, unerfreulich, gespenstig.
+
+PANTHALIS:
+Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
+Gehört den Elementen an; so fahret hin!
+Mit meiner Königin zu sein, verlangt mich heiß;
+Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person.
+
+ALLE:
+Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht,
+Zwar Personen nicht mehr,
+Das fühlen, das wissen wir,
+Aber zum Hades kehren wir nimmer.
+Ewig lebendige Natur
+Macht auf uns Geister,
+Wir auf sie vollgültigen Anspruch.
+
+EIN TEIL DES CHORES:
+Wir in dieser tausend äste Flüsterzittern, Säuselschweben
+Reizen tändelnd, locken leise wurzelauf des Lebens Quellen
+Nach den Zweigen; bald mit Blättern, bald mit Blüten überschwenglich
+Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn.
+Fällt die Frucht, sogleich versammeln lebenslustig Volk und Herden
+Sich zum Greifen, sich zum Naschen, eilig kommend, emsig drängend;
+Und wie vor den ersten Göttern bückt sich alles um uns her.
+
+EIN ANDRER TEIL:
+Wir, an dieser Felsenwände weithinleuchtend glatten Spiegel
+Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd an;
+Horchen, lauschen jedem Laute, Vogelsängen, Röhrigflöten,
+Sei es Pans furchtbarer Stimme, Antwort ist sogleich bereit;
+Säuselt's, säuseln wir erwidernd, donnert's, rollen unsre Donner
+In erschütterndem Verdoppeln, dreifach, zehnfach hintennach.
+
+EIN DRITTER TEIL:
+Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter;
+Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte Hügelzüge.
+Immer abwärts, immer tiefer wässern wir, mäandrisch wallend,
+Jetzt die Wiese, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus.
+Dort bezeichnen's der Zypressen schlanke Wipfel, über Landschaft,
+Uferzug und Wellenspiegel nach dem äther steigende.
+
+EIN VIERTER TEIL:
+Wallt ihr andern, wo's beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen
+Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am Stab die Rebe grünt;
+Dort zu aller Tage Stunden läßt die Leidenschaft des Winzers
+Uns des liebevollsten Fleißes zweifelhaft Gelingen sehn.
+Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Häufeln, Schneiden, Binden
+Betet er zu allen Göttern, fördersamst zum Sonnengott.
+Bacchus kümmert sich, der Weichling, wenig um den treuen Diener,
+Ruht in Lauben, lehnt in Höhlen, faselnd mit dem jüngsten Faun.
+Was zu seiner Träumereien halbem Rausch er je bedurfte,
+Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Krügen und Gefäßen,
+Rechts und links der kühlen Grüfte, ewige Zeiten aufbewahrt.
+Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen,
+Lüftend, feuchtend, wärmend, glutend, Beeren-Füllhorn aufgehäuft,
+Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebendig,
+Und es rauscht in jedem Laube, raschelt um von Stock zu Stock.
+Körbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten ächzen hin,
+Alles nach der großen Kufe zu der Keltrer kräft'gem Tanz;
+Und so wird die heilige Fülle reingeborner saftiger Beeren
+Frech zertreten, schäumend, sprühend mischt sich's, widerlich zerquetscht.
+Und nun gellt ins Ohr der Zimbeln mit der Becken Erzgetöne,
+Denn es hat sich Dionysos aus Mysterien enthüllt;
+Kommt hervor mit Ziegenfüßlern, schwenkend Ziegenfüßlerinnen,
+Und dazwischen schreit unbändig grell Silenus' öhrig Tier.
+Nichts geschont! Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder,
+Alle Sinne wirbeln taumlich, gräßlich übertäubt das Ohr.
+Nach der Schale tappen Trunkne, überfüllt sind Kopf und Wänste,
+Sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die Tumulte,
+Denn um neuen Most zu bergen, leert man rasch den alten Schlauch!
+
+
+
+
+
+4. Akt--Hochgebirg
+
+FAUST:
+Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,
+Betret' ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,
+Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
+An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
+Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
+Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
+Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
+Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.
+Doch will sich's modeln.--Ja! das Auge trügt mich nicht!--
+Auf sonnbeglänzten Pfühlen herrlich hingestreckt,
+Zwar riesenhaft, ein göttergleiches Fraungebild,
+Ich seh's! Junonen ähnlich, Leda'n, Helenen,
+Wie majestätisch lieblich mir's im Auge schwankt.
+Ach! schon verrückt sich's! Formlos breit und aufgetürmt
+Ruht es in Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
+Und spiegelt blendend flücht'ger Tage großen Sinn.
+Doch mir umschwebt ein zarter lichter Nebelstreif
+Noch Brust und Stirn, erheiternd, kühl und schmeichelhaft.
+Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und höher auf,
+Fügt sich zusammen.--Täuscht mich ein entzückend Bild,
+Als jugenderstes, längstentbehrtes höchstes Gut?
+Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf:
+Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet's mir,
+Den schnellempfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
+Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.
+Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,
+Löst sich nicht auf, erhebt sich in den äther hin
+Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das heiß' ich endlich vorgeschritten!
+Nun aber sag, was fällt dir ein?
+Steigst ab in solcher Greuel Mitten,
+Im gräßlich gähnenden Gestein?
+Ich kenn' es wohl, doch nicht an dieser Stelle,
+Denn eigentlich war das der Grund der Hölle.
+
+FAUST:
+Es fehlt dir nie an närrischen Legenden;
+Fängst wieder an, dergleichen auszuspenden.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Als Gott der Herr--ich weiß auch wohl, warum--
+Uns aus der Luft in tiefste Tiefen bannte,
+Da, wo zentralisch glühend, um und um,
+Ein ewig Feuer flammend sich durchbrannte,
+Wir fanden uns bei allzugroßer Hellung
+In sehr gedrängter, unbequemer Stellung.
+Die Teufel fingen sämtlich an zu husten,
+Von oben und von unten auszupusten;
+Die Hölle schwoll von Schwefelstank und--säure,
+Das gab ein Gas! Das ging ins Ungeheure,
+So daß gar bald der Länder flache Kruste,
+So dick sie war, zerkrachend bersten mußte.
+Nun haben wir's an einem andern Zipfel,
+Was ehmals Grund war, ist nun Gipfel.
+Sie gründen auch hierauf die rechten Lehren,
+Das Unterste ins Oberste zu kehren.
+Denn wir entrannen knechtisch-heißer Gruft
+Ins übermaß der Herrschaft freier Luft.
+Ein offenbar Geheimnis, wohl verwahrt,
+Und wird nur spät den Völkern offenbart.((ephes. 6,12))
+
+FAUST:
+Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm,
+Ich frage nicht woher und nicht warum.
+Als die Natur sich in sich selbst gegründet,
+Da hat sie rein den Erdball abgeründet,
+Der Gipfel sich, der Schluchten sich erfreut
+Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht,
+Die Hügel dann bequem hinabgebildet,
+Mit sanftem Zug sie in das Tal gemildet.
+Da grünt's und wächst's, und um sich zu erfreuen,
+Bedarf sie nicht der tollen Strudeleien.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar;
+Doch weiß es anders, der zugegen war.
+Ich war dabei, als noch da drunten siedend
+Der Abgrund schwoll und strömend Flammen trug;
+Als Molochs Hammer, Fels an Felsen schmiedend,
+Gebirgestrümmer in die Ferne schlug.
+Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen;
+Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht?
+Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen,
+Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen,
+Zuschanden haben wir uns schon gedacht.--
+Das treu-gemeine Volk allein begreift
+Und läßt sich im Begriff nicht stören;
+Ihm ist die Weisheit längst gereift:
+Ein Wunder ist's, der Satan kommt zu Ehren.
+Mein Wandrer hinkt an seiner Glaubenskrücke
+Zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.
+
+FAUST:
+Es ist doch auch bemerkenswert zu achten,
+Zu sehn, wie Teufel die Natur betrachten.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was geht mich's an! Natur sei, wie sie sei!
+'s ist Ehrenpunkt: der Teufel war dabei!
+Wir sind die Leute, Großes zu erreichen;
+Tumult, Gewalt und Unsinn! sieh das Zeichen!--
+Doch, daß ich endlich ganz verständlich spreche,
+Gefiel dir nichts an unsrer Oberfläche?
+Du übersahst, in ungemeßnen Weiten,
+Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten. ((matth. 4))
+Doch, ungenügsam, wie du bist,
+Empfandest du wohl kein Gelüst?
+
+FAUST:
+Und doch! ein Großes zog mich an.
+Errate! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das ist bald getan.
+Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus,
+Im Kerne Bürger-Nahrungs-Graus,
+Krummenge Gäßchen, spitze Giebeln,
+Beschränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln;
+Fleischbänke, wo die Schmeißen hausen,
+Die fetten Braten anzuschmausen;
+Da findest du zu jeder Zeit
+Gewiß Gestank und Tätigkeit.
+Dann weite Plätze, breite Straßen,
+Vornehmen Schein sich anzumaßen;
+Und endlich, wo kein Tor beschränkt,
+Vorstädte grenzenlos verlängt.
+Da freut' ich mich an Rollekutschen,
+Am lärmigen Hin- und Widerrutschen,
+Am ewigen Hin- und Widerlaufen
+Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen.
+Und wenn ich führe, wenn ich ritte,
+Erschien' ich immer ihre Mitte,
+Von Hunderttausenden verehrt.
+
+FAUST:
+Das kann mich nicht zufriedenstellen.
+Man freut sich, daß das Volk sich mehrt,
+Nach seiner Art behaglich nährt,
+Sogar sich bildet, sich belehrt--
+Und man erzieht sich nur Rebellen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dann baut' ich, grandios, mir selbst bewußt,
+Am lustigen Ort ein Schloß zur Lust.
+Wald, Hügel, Flächen, Wiesen, Feld
+Zum Garten prächtig umbestellt.
+Vor grünen Wänden Sammetmatten,
+Schnurwege, kunstgerechte Schatten,
+Kaskadensturz, durch Fels zu Fels gepaart,
+Und Wasserstrahlen aller Art;
+Ehrwürdig steigt es dort, doch an den Seiten
+Da zischt's und pißt's in tausend Kleinigkeiten.
+Dann aber ließ ich allerschönsten Frauen
+Vertraut-bequeme Häuslein bauen;
+Verbrächte da grenzenlose Zeit
+In allerliebst-geselliger Einsamkeit.
+Ich sage Fraun; denn ein für allemal
+Denk' ich die Schönen im Plural.
+
+FAUST:
+Schlecht und modern! Sardanapal!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Errät man wohl, wornach du strebtest?
+Es war gewiß erhaben kühn.
+Der du dem Mond um so viel näher schwebtest,
+Dich zog wohl deine Sucht dahin?
+
+FAUST:
+Mit nichten! dieser Erdenkreis
+Gewährt noch Raum zu großen Taten.
+Erstaunenswürdiges soll geraten,
+Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und also willst du Ruhm verdienen?
+Man merkt's, du kommst von Heroinen.
+
+FAUST:
+Herrschaft gewinn' ich, Eigentum!
+Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Doch werden sich Poeten finden,
+Der Nachwelt deinen Glanz zu künden,
+Durch Torheit Torheit zu entzünden.
+
+FAUST:
+Von allem ist dir nichts gewährt.
+Was weißt du, was der Mensch begehrt?
+Dein widrig Wesen, bitter, scharf,
+Was weiß es, was der Mensch bedarf?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Geschehe denn nach deinem Willen!
+Vertraue mir den Umfang deiner Grillen.
+
+FAUST:
+Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen;
+Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen,
+Dann ließ es nach und schüttete die Wogen,
+Des flachen Ufers Breite zu bestürmen.
+Und das verdroß mich; wie der übermut
+Den freien Geist, der alle Rechte schätzt,
+Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut
+Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt.
+Ich hielt's für Zufall, schärfte meinen Blick:
+Die Woge stand und rollte dann zurück,
+Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel;
+Die Stunde kommt, sie wiederholt das Spiel.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da ist für mich nichts Neues zu erfahren,
+Das kenn' ich schon seit hunderttausend Jahren.
+
+FAUST:
+Sie schleicht heran, an abertausend Enden,
+Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden;
+Nun schwillt's und wächst und rollt und überzieht
+Der wüsten Strecke widerlich Gebiet.
+Da herrschet Well' auf Welle kraftbegeistet,
+Zieht sich zurück, und es ist nichts geleistet,
+Was zur Verzweiflung mich beängstigen könnte!
+Zwecklose Kraft unbändiger Elemente!
+Da wagt mein Geist, sich selbst zu überfliegen;
+Hier möcht' ich kämpfen, dies möcht' ich besiegen.
+Und es ist möglich!--Flutend wie sie sei,
+An jedem Hügel schmiegt sie sich vorbei;
+Sie mag sich noch so übermütig regen,
+Geringe Höhe ragt ihr stolz entgegen,
+Geringe Tiefe zieht sie mächtig an.
+Da faßt' ich schnell im Geiste Plan auf Plan:
+Erlange dir das köstliche Genießen,
+Das herrische Meer vom Ufer auszuschließen,
+Der feuchten Breite Grenzen zu verengen
+Und, weit hinein, sie in sich selbst zu drängen.
+Von Schritt zu Schritt wußt' ich mir's zu erörtern;
+Das ist mein Wunsch, den wage zu befördern!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie leicht ist das! Hörst du die Trommeln fern?
+
+FAUST:
+Schon wieder Krieg! der Kluge hört's nicht gern.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Krieg oder Frieden. Klug ist das Bemühen,
+Zu seinem Vorteil etwas auszuziehen.
+Man paßt, man merkt auf jedes günstige Nu.
+Gelegenheit ist da, nun, Fauste, greife zu!
+
+FAUST:
+Mit solchem Rätselkram verschone mich!
+Und kurz und gut, was soll's? Erkläre dich.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen:
+Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen.
+Du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten,
+Ihm falschen Reichtum in die Hände spielten,
+Da war die ganze Welt ihm feil.
+Denn jung ward ihm der Thron zuteil,
+Und ihm beliebt' es, falsch zu schließen,
+Es könne wohl zusammengehn
+Und sei recht wünschenswert und schön:
+Regieren und zugleich genießen.
+
+FAUST:
+Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll,
+Muß im Befehlen Seligkeit empfinden.
+Ihm ist die Brust von hohem Willen voll,
+Doch was er will, es darf's kein Mensch ergründen.
+Was er den Treusten in das Ohr geraunt,
+Es ist getan, und alle Welt erstaunt.
+So wird er stets der Allerhöchste sein,
+Der Würdigste--; Genießen macht gemein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+So ist er nicht. Er selbst genoß, und wie!
+Indes zerfiel das Reich in Anarchie,
+Wo groß und klein sich kreuz und quer befehdeten
+Und Brüder sich vertrieben, töteten,
+Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,
+Zunft gegen Adel Fehde hat,
+Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;
+Was sich nur ansah, waren Feinde.
+In Kirchen Mord und Totschlag, vor den Toren
+Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren.
+Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering;
+Denn leben hieß sich wehren.--Nun, das ging.
+
+FAUST:
+Es ging--es hinkte, fiel, stand wieder auf,
+Dann überschlug sich's, rollte plump zuhauf.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Und solchen Zustand durfte niemand schelten,
+Ein jeder konnte, jeder wollte gelten.
+Der Kleinste selbst, er galt für voll.
+Doch war's zuletzt den Besten allzutoll.
+Die Tüchtigen, sie standen auf mit Kraft
+Und sagten: Herr ist, der uns Ruhe schafft.
+Der Kaiser kann's nicht, will's nicht--laßt uns wählen,
+Den neuen Kaiser neu das Reich beseelen,
+Indem er jeden sicher stellt,
+In einer frisch geschaffnen Welt
+Fried' und Gerechtigkeit vermählen.
+
+FAUST:
+Das klingt sehr pfäffisch. +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Pfaffen waren's auch,
+Sie sicherten den wohlgenährten Bauch.
+Sie waren mehr als andere beteiligt.
+Der Aufruhr schwoll, der Aufruhr ward geheiligt;
+Und unser Kaiser, den wir froh gemacht,
+Zieht sich hieher, vielleicht zur letzten Schlacht.
+
+FAUST:
+Er jammert mich; er war so gut und offen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen.
+Befrein wir ihn aus diesem engen Tale!
+Einmal gerettet, ist's für tausend Male.
+Wer weiß, wie noch die Würfel fallen?
+Und hat er Glück, so hat er auch Vasallen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die Stellung, seh' ich, gut ist sie genommen;
+Wir treten zu, dann ist der Sieg vollkommen.
+
+FAUST:
+Was kann da zu erwarten sein?
+Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Kriegslist, um Schlachten zu gewinnen!
+Befestige dich bei großen Sinnen,
+Indem du deinen Zweck bedenkst.
+Erhalten wir dem Kaiser Thron und Lande,
+So kniest du nieder und empfängst
+Die Lehn von grenzenlosem Strande.
+
+FAUST:
+Schon manches hast du durchgemacht,
+Nun, so gewinn auch eine Schlacht!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nein, du gewinnst sie! Diesesmal
+Bist du der Obergeneral.
+
+FAUST:
+Das wäre mir die rechte Höhe,
+Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Laß du den Generalstab sorgen,
+Und der Feldmarschall ist geborgen.
+Kriegsunrat hab' ich längst verspürt,
+Den Kriegsrat gleich voraus formiert
+Aus Urgebirgs Urmenschenkraft;
+Wohl dem, der sie zusammenrafft.
+
+FAUST:
+Was seh' ich dort, was Waffen trägt?
+Hast du das Bergvolk aufgeregt?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nein! aber, gleich Herrn Peter Squenz,
+Vom ganzen Praß die Quintessenz.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da kommen meine Bursche ja!
+Du siehst, von sehr verschiednen Jahren,
+Verschiednem Kleid und Rüstung sind sie da;
+Du wirst nicht schlecht mit ihnen fahren.
+Es liebt sich jetzt ein jedes Kind
+Den Harnisch und den Ritterkragen;
+Und, allegorisch wie die Lumpe sind,
+Sie werden nur um desto mehr behagen.
+
+RAUFEBOLD:
+Wenn einer mir ins Auge sieht,
+Werd' ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren,
+Und eine Memme, wenn sie flieht,
+Fass' ich bei ihren letzten Haaren.
+
+HABEBALD:
+So leere Händel, das sind Possen,
+Damit verdirbt man seinen Tag;
+Im Nehmen sei nur unverdrossen,
+Nach allem andern frag' hernach.
+
+HALTEFEST:
+Damit ist auch nicht viel gewonnen!
+Bald ist ein großes Gut zerronnen,
+Es rauscht im Lebensstrom hinab.
+Zwar nehmen ist recht gut, doch besser ist's, behalten;
+Laß du den grauen Kerl nur walten,
+Und niemand nimmt dir etwas ab.
+
+
+
+Auf dem Vorgebirg
+
+obergeneral
+Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen,
+Daß wir in dies gelegene Tal
+Das ganze Heer gedrängt zurückgezogen;
+Ich hoffe fest, uns glückt die Wahl.
+
+KAISER:
+Wie es nun geht, es muß sich zeigen;
+Doch mich verdrießt die halbe Flucht, das Weichen.
+
+OBERGENERAL:
+Schau hier, mein Fürst, auf unsre rechte Flanke!
+Solch ein Terrain wünscht sich der Kriegsgedanke:
+Nicht steil die Hügel, doch nicht allzu gänglich,
+Den Unsern vorteilhaft, dem Feind verfänglich;
+Wir, halb versteckt, auf wellenförmigem Plan;
+Die Reiterei, sie wagt sich nicht heran.
+
+KAISER:
+Mir bleibt nichts übrig, als zu loben;
+Hier kann sich Arm und Brust erproben.
+
+OBERGENERAL:
+Hier, auf der Mittelwiese flachen Räumlichkeiten,
+Siehst du den Phalanx, wohlgemut zu streiten.
+Die Piken blinken flimmernd in der Luft,
+Im Sonnenglanz, durch Morgennebelduft.
+Wie dunkel wogt das mächtige Quadrat!
+Zu Tausenden glüht's hier auf große Tat.
+Du kannst daran die Masse Kraft erkennen,
+Ich trau' ihr zu, der Feinde Kraft zu trennen.
+
+KAISER:
+Den schönen Blick hab' ich zum erstenmal.
+Ein solches Heer gilt für die Doppelzahl.
+
+OBERGENERAL:
+Von unsrer Linken hab' ich nichts zu melden,
+Den starren Fels besetzen wackere Helden,
+Das Steingeklipp, das jetzt von Waffen blitzt,
+Den wichtigen Paß der engen Klause schützt.
+Ich ahne schon, hier scheitern Feindeskräfte
+Unvorgesehn im blutigen Geschäfte.
+
+KAISER:
+Dort ziehn sie her, die falschen Anverwandten,
+Wie sie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten,
+Sich immer mehr und wieder mehr erlaubten,
+Dem Zepter Kraft, dem Thron Verehrung raubten,
+Dann, unter sich entzweit, das Reich verheerten
+Und nun gesamt sich gegen mich empörten.
+Die Menge schwankt im ungewissen Geist,
+Dann strömt sie nach, wohin der Strom sie reißt.
+
+OBERGENERAL:
+Ein treuer Mann, auf Kundschaft ausgeschickt,
+Kommt eilig felsenab; sei's ihm geglückt!
+
+ERSTER KUNDSCHAFTER:
+Glücklich ist sie uns gelungen,
+Listig, mutig, unsre Kunst,
+Daß wir hin und her gedrungen;
+Doch wir bringen wenig Gunst.
+Viele schwören reine Huldigung
+Dir, wie manche treue Schar;
+Doch Untätigkeits-Entschuldigung:
+Innere Gärung, Volksgefahr.
+
+KAISER:
+Sich selbst erhalten bleibt der Selbstsucht Lehre,
+Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre.
+Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll,
+Daß Nachbars Hausbrand euch verzehren soll?
+
+OBERGENERAL:
+Der zweite kommt, nur langsam steigt er nieder,
+Dem müden Manne zittern alle Glieder.
+
+ZWEITER KUNDSCHAFTER:
+Erst gewahrten wir vergnüglich
+Wilden Wesens irren Lauf;
+Unerwartet, unverzüglich
+Trat ein neuer Kaiser auf.
+Und auf vorgeschriebnen Bahnen
+Zieht die Menge durch die Flur;
+Den entrollten Lügenfahnen
+Folgen alle.--Schafsnatur!
+
+KAISER:
+Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn:
+Nun fühl' ich erst, daß ich der Kaiser bin.
+Nur als Soldat legt' ich den Harnisch an,
+Zu höherm Zweck ist er nun umgetan.
+Bei jedem Fest, wenn's noch so glänzend war,
+Nichts ward vermißt, mir fehlte die Gefahr.
+Wie ihr auch seid, zum Ringspiel rietet ihr,
+Mir schlug das Herz, ich atmete Turnier;
+Und hättet ihr mir nicht vom Kriegen abgeraten,
+Jetzt glänzt' ich schon in lichten Heldentaten.
+Selbständig fühlt' ich meine Brust besiegelt,
+Als ich mich dort im Feuerreich bespiegelt;
+Das Element drang gräßlich auf mich los,
+Es war nur Schein, allein der Schein war groß.
+Von Sieg und Ruhm hab' ich verwirrt geträumt;
+Ich bringe nach, was frevelhaft versäumt.
+
+FAUST:
+Wir treten auf und hoffen, ungescholten;
+Auch ohne Not hat Vorsicht wohl gegolten.
+Du weißt, das Bergvolk denkt und simuliert,
+Ist in Natur- und Felsenschrift studiert.
+Die Geister, längst dem flachen Land entzogen,
+Sind mehr als sonst dem Felsgebirg gewogen.
+Sie wirken still durch labyrinthische Klüfte
+Im edlen Gas metallisch reicher Düfte;
+In stetem Sondern, Prüfen und Verbinden
+Ihr einziger Trieb ist, Neues zu erfinden.
+Mit leisem Finger geistiger Gewalten
+Erbauen sie durchsichtige Gestalten;
+Dann im Kristall und seiner ewigen Schweignis
+Erblicken sie der Oberwelt Ereignis.
+
+KAISER:
+Vernommen hab' ich's, und ich glaube dir;
+Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier?
+
+FAUST:
+Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,
+Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener.
+Welch greulich Schicksal droht' ihm ungeheuer!
+Das Reisig prasselte, schon züngelte das Feuer;
+Die trocknen Scheite, ringsumher verschränkt,
+Mit Pech und Schwefelruten untermengt;
+Nicht Mensch, noch Gott, noch Teufel konnte retten,
+Die Majestät zersprengte glühende Ketten.
+Dort war's in Rom. Er bleibt dir hoch verpflichtet,
+Auf deinen Gang in Sorge stets gerichtet.
+Von jener Stund' an ganz vergaß er sich,
+Er fragt den Stern, die Tiefe nur für dich.
+Er trug uns auf, als eiligstes Geschäfte,
+Bei dir zu stehn. Groß sind des Berges Kräfte;
+Da wirkt Natur so übermächtig frei,
+Der Pfaffen Stumpfsinn schilt es Zauberei.
+
+KAISER:
+Am Freudentag, wenn wir die Gäste grüßen,
+Die heiter kommen, heiter zu genießen,
+Da freut uns jeder, wie er schiebt und drängt
+Und, Mann für Mann, der Säle Raum verengt.
+Doch höchst willkommen muß der Biedre sein,
+Tritt er als Beistand kräftig zu uns ein
+Zur Morgenstunde, die bedenklich waltet,
+Weil über ihr des Schicksals Waage schaltet.
+Doch lenket hier im hohen Augenblick
+Die starke Hand vom willigen Schwert zurück,
+Ehrt den Moment, wo manche Tausend schreiten,
+Für oder wider mich zu streiten.
+Selbst ist der Mann! Wer Thron und Kron' begehrt,
+Persönlich sei er solcher Ehren wert.
+Sei das Gespenst, das, gegen uns erstanden,
+Sich Kaiser nennt und Herr von unsern Landen,
+Des Heeres Herzog, Lehnherr unsrer Großen,
+Mit eigner Faust ins Totenreich gestoßen!
+
+FAUST:
+Wie es auch sei, das Große zu vollenden,
+Du tust nicht wohl, dein Haupt so zu verpfänden.
+Ist nicht der Helm mit Kamm und Busch geschmückt?
+Er schützt das Haupt, das unsern Mut entzückt.
+Was, ohne Haupt, was förderten die Glieder?
+Denn schläfert jenes, alle sinken nieder;
+Wird es verletzt, gleich alle sind verwundet,
+Erstehen frisch, wenn jenes rasch gesundet.
+Schnell weiß der Arm sein starkes Recht zu nützen;
+Er hebt den Schild, den Schädel zu beschützen;
+Das Schwert gewahret seiner Pflicht sogleich,
+Lenkt kräftig ab und wiederholt den Streich;
+Der tüchtige Fuß nimmt teil an ihrem Glück,
+Setzt dem Erschlagnen frisch sich ins Genick.
+
+KAISER:
+Das ist mein Zorn, so möcht' ich ihn behandeln,
+Das stolze Haupt in Schemeltritt verwandeln!
+
+HEROLDE:
+Wenig Ehre, wenig Geltung
+Haben wir daselbst genossen,
+Unsrer kräftig edlen Meldung
+Lachten sie als schaler Possen:
+"Euer Kaiser ist verschollen,
+Echo dort im engen Tal;
+Wenn wir sein gedenken sollen,
+Märchen sagt:--Es war einmal."
+
+FAUST:
+Dem Wunsch gemäß der Besten ist's geschehn,
+Die fest und treu an deiner Seite stehn.
+Dort naht der Feind, die Deinen harren brünstig;
+Befiehl den Angriff, der Moment ist günstig.
+
+KAISER:
+Auf das Kommando leist' ich hier Verzicht.
+In deinen Händen, Fürst, sei deine Pflicht.
+
+OBERGENERAL:
+So trete denn der rechte Flügel an!
+Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen,
+Soll, eh' sie noch den letzten Schritt getan,
+Der Jungendkraft geprüfter Treue weichen.
+
+FAUST:
+Erlaube denn, daß dieser muntre Held
+Sich ungesäumt in deine Reihen stellt,
+Sich deinen Reihen innigst einverleibt
+Und, so gesellt, sein kräftig Wesen treibt.
+
+RAUFEBOLD:
+Wer das Gesicht mir zeigt, der kehrt's nicht ab
+Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken;
+Wer mir den Rücken kehrt, gleich liegt ihm schlapp
+Hals, Kopf und Schopf hinschlotternd graß im Nacken.
+Und schlagen deine Männer dann
+Mit Schwert und Kolben, wie ich wüte,
+So stürzt der Feind, Mann über Mann,
+Ersäuft im eigenen Geblüte.
+
+OBERGENERAL:
+Der Phalanx unsrer Mitte folge sacht,
+Dem Feind begegn' er, klug mit aller Macht;
+Ein wenig rechts, dort hat bereits, erbittert,
+Der Unsern Streitkraft ihren Plan erschüttert.
+
+FAUST:
+So folge denn auch dieser deinem Wort!
+Er ist behend, reißt alles mit sich fort.
+
+HABEBALD:
+Dem Heldenmut der Kaiserscharen
+Soll sich der Durst nach Beute paaren;
+Und allen sei das Ziel gestellt:
+Des GegenKAISER:s reiches Zelt.
+Er prahlt nicht lang auf seinem Sitze,
+Ich ordne mich dem Phalanx an die Spitze.
+
+EILEBEUTE:
+Bin ich auch ihm nicht angeweibt,
+Er mir der liebste Buhle bleibt.
+Für uns ist solch ein Herbst gereift!
+Die Frau ist grimmig, wenn sie greift,
+Ist ohne Schonung, wenn sie raubt;
+Im Sieg voran! und alles ist erlaubt.
+
+OBERGENERAL:
+Auf unsre Linke, wie vorauszusehn,
+Stürzt ihre Rechte, kräftig. Widerstehn
+Wird Mann für Mann dem wütenden Beginnen,
+Den engen Paß des Felswegs zu gewinnen.
+
+FAUST:
+So bitte, Herr, auch diesen zu bemerken;
+Es schadet nichts, wenn Starke sich verstärken.
+
+HALTEFEST:
+Dem linken Flügel keine Sorgen!
+Da, wo ich bin, ist der Besitz geborgen;
+In ihm bewähret sich der Alte,
+Kein Strahlblitz spaltet, was ich halte.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nun schauet, wie im Hintergrunde
+Aus jedem zackigen Felsenschlunde
+Bewaffnete hervor sich drängen,
+Die schmalen Pfade zu verengen,
+Mit Helm und Harnisch, Schwertern, Schilden
+In unserm Rücken eine Mauer bilden,
+Den Wink erwartend, zuzuschlagen.
+Woher das kommt, müßt ihr nicht fragen.
+Ich habe freilich nicht gesäumt,
+Die Waffensäle ringsum ausgeräumt;
+Da standen sie zu Fuß, zu Pferde,
+Als wären sie noch Herrn der Erde;
+Sonst waren's Ritter, König, Kaiser,
+Jetzt sind es nichts als leere Schneckenhäuser;
+Gar manch Gespenst hat sich darein geputzt,
+Das Mittelalter lebhaft aufgestutzt.
+Welch Teufelchen auch drinne steckt,
+Für diesmal macht es doch Effekt.
+Hört, wie sie sich voraus erbosen,
+Blechklappernd aneinander stoßen!
+Auch flattern Fahnenfetzen bei Standarten,
+Die frischer Lüftchen ungeduldig harrten.
+Bedenkt, hier ist ein altes Volk bereit
+Und mischte gern sich auch zum neuen Streit.
+
+FAUST:
+Der Horizont hat sich verdunkelt,
+Nur hie und da bedeutend funkelt
+Ein roter ahnungsvoller Schein;
+Schon blutig blinken die Gewehre;
+Der Fels, der Wald, die Atmosphäre,
+Der ganze Himmel mischt sich ein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Die rechte Flanke hält sich kräftig;
+Doch seh' ich ragend unter diesen
+Hans Raufbold, den behenden Riesen,
+Auf seine Weise rasch geschäftig.
+
+KAISER:
+Erst sah ich einen Arm erhoben,
+Jetzt seh' ich schon ein Dutzend toben;
+Naturgemäß geschieht es nicht.
+
+FAUST:
+Vernahmst du nichts von Nebelstreifen,
+Die auf Siziliens Küsten schweifen?
+Dort, schwankend klar, im Tageslicht,
+Erhoben zu den Mittellüften,
+Gespiegelt in besondern Düften,
+Erscheint ein seltsames Gesicht:
+Da schwanken Städte hin und wider,
+Da steigen Gärten auf und nieder,
+Wie Bild um Bild den äther bricht.
+
+KAISER:
+Doch wie bedenklich! Alle Spitzen
+Der hohen Speere seh' ich blitzen;
+Auf unsres Phalanx blanken Lanzen
+Seh' ich behende Flämmchen tanzen.
+Das scheint mir gar zu geisterhaft.
+
+FAUST:
+Verzeih, o Herr, das sind die Spuren
+Verschollner geistiger Naturen,
+Ein Widerschein der Dioskuren,
+Bei denen alle Schiffer schwuren;
+Sie sammeln hier die letzte Kraft.
+
+KAISER:
+Doch sage: wem sind wir verpflichtet,
+Daß die Natur, auf uns gerichtet,
+Das Seltenste zusammenrafft?
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wem als dem Meister, jenem hohen,
+Der dein Geschick im Busen trägt?
+Durch deiner Feinde starkes Drohen
+Ist er im Tiefsten aufgeregt.
+Sein Dank will dich gerettet sehen,
+Und sollt' er selbst daran vergehen.
+
+KAISER:
+Sie jubelten, mich pomphaft umzuführen;
+Ich war nun was, das wollt' ich auch probieren
+Und fand's gelegen, ohne viel zu denken,
+Dem weißen Barte kühle Luft zu schenken.
+Dem Klerus hab' ich eine Lust verdorben,
+Und ihre Gunst mir freilich nicht erworben.
+Nun sollt' ich, seit so manchen Jahren,
+Die Wirkung frohen Tuns erfahren?
+
+FAUST:
+Freiherzige Wohltat wuchert reich;
+Laß deinen Blick sich aufwärts wenden!
+Mich deucht, er will ein Zeichen senden,
+Gib acht, es deutet sich sogleich.
+
+KAISER:
+Ein Adler schwebt im Himmelhohen,
+Ein Greif ihm nach mit wildem Drohen.
+
+FAUST:
+Gib acht: gar günstig scheint es mir.
+Greif ist ein fabelhaftes Tier;
+Wie kann es sich so weit vergessen,
+Mit echtem Adler sich zu messen?
+
+KAISER:
+Nunmehr, in weitgedehnten Kreisen,
+Umziehn sie sich;--in gleichem Nu
+Sie fahren aufeinander zu,
+Sich Brust und Hälse zu zerreißen.
+
+FAUST:
+Nun merke, wie der leidige Greif,
+Zerzerrt, zerzaust, nur Schaden findet
+Und mit gesenktem Löwenschweif,
+Zum Gipfelwald gestürzt, verschwindet.
+
+KAISER:
+Sei's, wie gedeutet, so getan!
+Ich nehm' es mit Verwundrung an.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Dringend wiederholten Streichen
+Müssen unsre Feinde weichen,
+Und mit ungewissem Fechten
+Drängen sie nach ihrer Rechten
+Und verwirren so im Streite
+Ihrer Hauptmacht linke Seite.
+Unsers Phalanx feste Spitze
+Zieht sich rechts, und gleich dem Blitze
+Fährt sie in die schwache Stelle.--
+Nun, wie sturmerregte Welle
+Sprühend, wüten gleiche Mächte
+Wild in doppeltem Gefechte;
+Herrlichers ist nichts ersonnen,
+Uns ist diese Schlacht gewonnen!
+
+KAISER:
+Schau! Mir scheint es dort bedenklich,
+Unser Posten steht verfänglich.
+Keine Steine seh' ich fliegen,
+Niedre Felsen sind erstiegen,
+Obre stehen schon verlassen.
+Jetzt!--Der Feind, zu ganzen Massen
+Immer näher angedrungen,
+Hat vielleicht den Paß errungen,
+Schlußerfolg unheiligen Strebens!
+Eure Künste sind vergebens.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Da kommen meine beiden Raben,
+Was mögen die für Botschaft haben?
+Ich fürchte gar, es geht uns schlecht.
+
+KAISER:
+Was sollen diese leidigen Vögel?
+Sie richten ihre schwarzen Segel
+Hierher vom heißen Felsgefecht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Setzt euch ganz nah zu meinen Ohren.
+Wen ihr beschützt, ist nicht verloren,
+Denn euer Rat ist folgerecht.
+
+FAUST:
+Von Tauben hast du ja vernommen,
+Die aus den fernsten Landen kommen
+Zu ihres Nestes Brut und Kost.
+Hier ist's mit wichtigen Unterschieden:
+Die Taubenpost bedient den Frieden,
+Der Krieg befiehlt die Rabenpost.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Es meldet sich ein schwer Verhängnis:
+Seht hin! gewahret die Bedrängnis
+Um unsrer Helden Felsenrand!
+Die nächsten Höhen sind erstiegen,
+Und würden sie den Paß besiegen,
+Wir hätten einen schweren Stand.
+
+KAISER:
+So bin ich endlich doch betrogen!
+Ihr habt mich in das Netz gezogen;
+Mir graut, seitdem es mich umstrickt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Nur Mut! Noch ist es nicht mißglückt.
+Geduld und Pfiff zum letzten Knoten!
+Gewöhnlich geht's am Ende scharf.
+Ich habe meine sichern Boten;
+Befehlt, daß ich befehlen darf!
+
+OBERGENERAL:
+Mit diesen hast du dich vereinigt,
+Mich hat's die ganze Zeit gepeinigt,
+Das Gaukeln schafft kein festes Glück.
+Ich weiß nichts an der Schlacht zu wenden;
+Begannen sie's, sie mögen's enden,
+Ich gebe meinen Stab zurück.
+
+KAISER:
+Behalt ihn bis zu bessern Stunden,
+Die uns vielleicht das Glück verleiht.
+Mir schaudert vor dem garstigen Kunden
+Und seiner Rabentraulichkeit.
+Den Stab kann ich dir nicht verleihen,
+Du scheinst mir nicht der rechte Mann;
+Befiehl und such uns zu befreien!
+Geschehe, was geschehen kann.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mag ihn der stumpfe Stab beschützen!
+Uns andern könnt' er wenig nützen,
+Es war so was vom Kreuz daran.
+
+FAUST:
+Was ist zu tun? +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Es ist getan!--
+Nun, schwarze Vettern, rasch im Dienen,
+Zum großen Bergsee! grüßt mir die Undinen
+Und bittet sie um ihrer Fluten Schein.
+Durch Weiberkünste, schwer zu kennen,
+Verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen,
+Und jeder schwört, das sei das Sein.
+
+FAUST:
+Den Wasserfräulein müssen unsre Raben
+Recht aus dem Grund geschmeichelt haben;
+Dort fängt es schon zu rieseln an.
+An mancher trocknen, kahlen Felsenstelle
+Entwickelt sich die volle, rasche Quelle;
+Um jener Sieg ist es getan.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Das ist ein wunderbarer Gruß,
+Die kühnsten Klettrer sind konfus.
+
+FAUST:
+Schon rauscht ein Bach zu Bächen mächtig nieder,
+Aus Schluchten kehren sie gedoppelt wieder,
+Ein Strom nun wirft den Bogenstrahl;
+Auf einmal legt er sich in flache Felsenbreite
+Und rauscht und schäumt nach der und jener Seite,
+Und stufenweise wirft er sich ins Tal.
+Was hilft ein tapfres, heldenmäßiges Stemmen?
+Die mächtige Woge strömt, sie wegzuschwemmen.
+Mir schaudert selbst vor solchem wilden Schwall.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ich sehe nichts von diesen Wasserlügen,
+Nur Menschenaugen lassen sich betrügen,
+Und mich ergetzt der wunderliche Fall.
+Sie stürzen fort zu ganzen Haufen,
+Die Narren wähnen zu ersaufen,
+Indem sie frei auf festem Lande schnaufen
+Und lächerlich mit Schwimmgebärden laufen.
+Nun ist Verwirrung überall.
+Ich werd' euch bei dem hohen Meister loben;
+Wollt ihr euch nun als Meister selbst erproben,
+So eilet zu der glühnden Schmiede,
+Wo das Gezwergvolk, nimmer müde,
+Metall und Stein zu Funken schlägt.
+Verlangt, weitläufig sie beschwatzend,
+Ein Feuer, leuchtend, blinkend, platzend,
+Wie man's im hohen Sinne hegt.
+Zwar Wetterleuchten in der weiten Ferne,
+Blickschnelles Fallen allerhöchster Sterne
+Mag jede Sommernacht geschehn;
+Doch Wetterleuchten in verworrnen Büschen
+Und Sterne, die am feuchten Boden zischen,
+Das hat man nicht so leicht gesehn.
+So müßt ihr, ohn' euch viel zu quälen,
+Zuvörderst bitten, dann befehlen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Den Feinden dichte Finsternisse!
+Und Tritt und Schritt ins Ungewisse!
+Irrfunkenblick an allen Enden,
+Ein Leuchten, plötzlich zu verblenden!
+Das alles wäre wunderschön,
+Nun aber braucht's noch Schreckgetön.
+
+FAUST:
+Die hohlen Waffen aus der Säle Grüften
+Empfinden sich erstarkt in freien Lüften;
+Da droben klappert's, rasselt's lange schon,
+Ein wunderbarer falscher Ton.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ganz recht! Sie sind nicht mehr zu zügeln;
+Schon schallt's von ritterlichen Prügeln,
+Wie in der holden alten Zeit.
+Armschienen wie der Beine Schienen,
+Als Guelfen und als Ghibellinen,
+Erneuen rasch den ewigen Streit.
+Fest, im ererbten Sinne wöhnlich,
+Erweisen sie sich unversöhnlich;
+Schon klingt das Tosen weit und breit.
+Zuletzt, bei allen Teufelsfesten,
+Wirkt der Parteihaß doch zum besten,
+Bis in den allerletzten Graus;
+Schallt wider-widerwärtig panisch,
+Mitunter grell und scharf satanisch,
+Erschreckend in das Tal hinaus.
+
+
+
+Des Gegenkaisers Zelt
+
+EILEBEUTE:
+So sind wir doch die ersten hier!
+
+HABEBALD:
+Kein Rabe fliegt so schnell als wir.
+
+EILEBEUTE:
+O! welch ein Schatz liegt hier zuhauf!
+Wo fang' ich an? Wo hör' ich auf?
+
+HABEBALD:
+Steht doch der ganze Raum so voll!
+Weiß nicht, wozu ich greifen soll.
+
+EILEBEUTE:
+Der Teppich wär' mir eben recht,
+Mein Lager ist oft gar zu schlecht.
+
+HABEBALD:
+Hier hängt von Stahl ein Morgenstern,
+Dergleichen hätt' ich lange gern.
+
+EILEBEUTE:
+Den roten Mantel goldgesäumt,
+So etwas hatt' ich mir geträumt.
+
+HABEBALD:
+Damit ist es gar bald getan,
+Man schlägt ihn tot und geht voran.
+Du hast so viel schon aufgepackt
+Und doch nichts Rechtes eingesackt.
+Den Plunder laß an seinem Ort,
+Nehm' eines dieser Kistchen fort!
+Dies ist des Heers beschiedner Sold,
+In seinem Bauche lauter Gold.
+
+EILEBEUTE:
+Das hat ein mörderisch Gewicht!
+Ich heb' es nicht, ich trag' es nicht.
+
+HABEBALD:
+Geschwinde duck' dich! Mußt dich bücken!
+Ich hucke dir's auf den starken Rücken.
+
+EILEBEUTE:
+O weh! O weh, nun ist's vorbei!
+Die Last bricht mir das Kreuz entzwei.
+
+HABEBALD:
+Da liegt das rote Gold zuhauf--
+Geschwinde zu und raff es auf!
+
+EILEBEUTE:
+Geschwinde nur zum Schoß hinein!
+Noch immer wird's zur Gnüge sein.
+
+HABEBALD:
+Und so genug! und eile doch!
+O weh, die Schürze hat ein Loch!
+Wohin du gehst und wo du stehst,
+Verschwenderisch die Schätze säst.
+
+TRABANTEN USERS KAISERS:
+Was schafft ihr hier am heiligen Platz?
+Was kramt ihr in dem Kaiserschatz?
+
+HABEBALD:
+Wir trugen unsre Glieder feil
+Und holen unser Beuteteil.
+In Feindeszelten ist's der Brauch,
+Und wir, Soldaten sind wir auch.
+
+TRABANTEN:
+Das passet nicht in unsern Kreis:
+Zugleich Soldat und Diebsgeschmeiß;
+Und wer sich unserm Kaiser naht,
+Der sei ein redlicher Soldat.
+
+HABEBALD:
+Die Redlichkeit, die kennt man schon,
+Sie heißet: Kontribution.
+Ihr alle seid auf gleichem Fuß:
+Gib her! das ist der Handwerksgruß.
+Mach fort und schleppe, was du hast,
+Hier sind wir nicht willkommner Gast.
+
+ERSTER TRABANT:
+Sag, warum gabst du nicht sogleich
+Dem frechen Kerl einen Backenstreich?
+
+ZWEITER:
+Ich weiß nicht, mir verging die Kraft,
+Sie waren so gespensterhaft.
+
+DRITTER:
+Mir ward es vor den Augen schlecht,
+Da flimmert' es, ich sah nicht recht.
+
+VIERTER:
+Wie ich es nicht zu sagen weiß:
+Es war den ganzen Tag so heiß,
+So bänglich, so beklommen schwül,
+Der eine stand, der andre fiel,
+Man tappte hin und schlug zugleich,
+Der Gegner fiel vor jedem Streich,
+Vor Augen schwebt' es wie ein Flor,
+Dann summt's und saust's und zischt' im Ohr;
+Das ging so fort, nun sind wir da
+Und wissen selbst nicht, wie's geschah.
+
+KAISER:
+Es sei nun, wie ihm sei! uns ist die Schlacht gewonnen,
+Des Feinds zerstreute Flucht im flachen Feld zerronnen.
+Hier steht der leere Thron, verräterischer Schatz,
+Von Teppichen umhüllt, verengt umher den Platz.
+Wir, ehrenvoll geschützt von eigenen Trabanten,
+Erwarten KAISER:lich der Völker Abgesandten;
+Von allen Seiten her kommt frohe Botschaft an:
+Beruhigt sei das Reich, uns freudig zugetan.
+Hat sich in unsern Kampf auch Gaukelei geflochten,
+Am Ende haben wir uns nur allein gefochten.
+Zufälle kommen ja dem Streitenden zugut:
+Vom Himmel fällt ein Stein, dem Feinde regnet's Blut,
+Aus Felsenhöhlen tönt's von mächtigen Wunderklängen,
+Die unsre Brust erhöhn, des Feindes Brust verengen.
+Der überwundne fiel, zu stets erneutem Spott,
+Der Sieger, wie er prangt, preist den gewognen Gott.
+Und alles stimmt mit ein, er braucht nicht zu befehlen,
+Herr Gott, dich loben wir! aus Millionen Kehlen.
+Jedoch zum höchsten Preis wend' ich den frommen Blick,
+Das selten sonst geschah, zur eignen Brust zurück.
+Ein junger, muntrer Fürst mag seinen Tag vergeuden,
+Die Jahre lehren ihn des Augenblicks Bedeuten.
+Deshalb denn ungesäumt verbind' ich mich sogleich
+Mit euch vier Würdigen, für Haus und Hof und Reich.
+Dein war, o Fürst! des Heers geordnet kluge Schichtung,
+Sodann im Hauptmoment heroisch kühne Richtung;
+Im Frieden wirke nun, wie es die Zeit begehrt,
+Erzmarschall nenn' ich dich, verleihe dir das Schwert.
+
+ERZMARSCHALL:
+Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beschäftigt,
+Wenn's an der Grenze dich und deinen Thron bekräftigt,
+Dann sei es uns vergönnt, bei Festesdrang im Saal
+Geräumiger Väterburg zu rüsten dir das Mahl.
+Blank trag' ich's dir dann vor, blank halt' ich dir's zur Seite,
+Der höchsten Majestät zu ewigem Geleite.
+
+KAISER:
+Der sich als tapfrer Mann auch zart gefällig zeigt,
+Du! sei Erzkämmerer; der Auftrag ist nicht leicht.
+Du bist der Oberste von allem Hausgesinde,
+Bei deren innerm Streit ich schlechte Diener finde;
+Dein Beispiel sei fortan in Ehren aufgestellt,
+Wie man dem Herrn, dem Hof und allen wohlgefällt.
+
+ERZKÄMMERER:
+Des Herren großen Sinn zu fördern, bringt zu Gnaden:
+Den Besten hülfreich sein, den Schlechten selbst nicht schaden,
+Dann klar sein ohne List und ruhig ohne Trug!
+Wenn du mich, Herr, durchschaust, geschieht mir schon genug.
+Darf sich die Phantasie auf jenes Fest erstrecken?
+Wenn du zur Tafel gehst, reich' ich das goldne Becken,
+Die Ringe halt' ich dir, damit zur Wonnezeit
+Sich deine Hand erfrischt, wie mich dein Blick erfreut.
+
+KAISER:
+Zwar fühl' ich mich zu ernst, auf Festlichkeit zu sinnen,
+Doch sei's! Es fördert auch frohmütiges Beginnen.
+Dich wähl' ich zum Erztruchseß! Also sei fortan
+Dir Jagd, Geflügelhof und Vorwerk untertan;
+Der Lieblingsspeisen Wahl laß mir zu allen Zeiten,
+Wie sie der Monat bringt, und sorgsam zubereiten.
+
+ERZTRUCHSESS:
+Streng Fasten sei für mich die angenehmste Pflicht,
+Bis, vor dich hingestellt, dich freut ein Wohlgericht.
+Der Küche Dienerschaft soll sich mit mir vereinigen,
+Das Ferne beizuziehn, die Jahrszeit zu beschleunigen.
+Dich reizt nicht Fern und Früh, womit die Tafel prangt,
+Einfach und kräftig ist's, wornach dein Sinn verlangt.
+
+KAISER:
+Weil unausweichlich hier sich's nur von Festen handelt,
+So sei mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt.
+Erzschenke, sorge nun, daß unsre Kellerei
+Aufs reichlichste versorgt mit gutem Weine sei.
+Du selbst sei mäßig, laß nicht über Heiterkeiten
+Durch der Gelegenheit Verlocken dich verleiten!
+
+ERZSCHENK:
+Mein Fürst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut,
+Steht, eh' man sich's versieht, zu Männern auferbaut.
+Auch ich versetze mich zu jenem großen Feste;
+Ein KAISER:lich Büfett schmück' ich aufs allerbeste
+Mit Prachtgefäßen, gülden, silbern allzumal,
+Doch wähl' ich dir voraus den lieblichsten Pokal:
+Ein blank venedisch Glas, worin Behagen lauschet,
+Des Weins Geschmack sich stärkt und nimmermehr berauschet.
+Auf solchen Wunderschatz vertraut man oft zu sehr;
+Doch deine Mäßigkeit, du Höchster, schützt noch mehr.
+
+KAISER:
+Was ich euch zugedacht in dieser ernsten Stunde,
+Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverlässigem Munde.
+Des Kaisers Wort ist groß und sichert jede Gift,
+Doch zur Bekräftigung bedarf's der edlen Schrift,
+Bedarf's der Signatur. Die förmlich zu bereiten,
+Seh' ich den rechten Mann zu rechter Stunde schreiten.
+
+KAISER:
+Wenn ein Gewölbe sich dem Schlußstein anvertraut,
+Dann ist's mit Sicherheit für ewige Zeit erbaut.
+Du siehst vier Fürsten da! Wir haben erst erörtert,
+Was den Bestand zunächst von Haus und Hof befördert.
+Nun aber, was das Reich in seinem Ganzen hegt,
+Sei, mit Gewicht und Kraft, der Fünfzahl auferlegt.
+An Ländern sollen sie vor allen andern glänzen;
+Deshalb erweitr' ich gleich jetzt des Besitztums Grenzen
+Vom Erbteil jener, die sich von uns abgewandt.
+Euch Treuen sprech' ich zu so manches schöne Land,
+Zugleich das hohe Recht, euch nach Gelegenheiten
+Durch Anfall, Kauf und Tausch ins Weitre zu verbreiten;
+Dann sei bestimmt--vergönnt, zu üben ungestört--,
+Was von Gerechtsamen euch Landesherrn gehört.
+Als Richter werdet ihr die Endurteile fällen,
+Berufung gelte nicht von euern höchsten Stellen.
+Dann Steuer, Zins und Beth', Lehn und Geleit und Zoll,
+Berg-, Salz- und Münzregal euch angehören soll.
+Denn meine Dankbarkeit vollgültig zu erproben,
+Hab ich euch ganz zunächst der Majestät erhoben.
+
+ERZBISCHOF:
+Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht!
+Du machst uns stark und fest und stärkest deine Macht.
+
+KAISER:
+Euch fünfen will ich noch erhöhtere Würde geben.
+Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu leben;
+Doch hoher Ahnen Kette zieht bedächtigen Blick
+Aus rascher Strebsamkeit ins Drohende zurück.
+Auch werd' ich seinerzeit mich von den Teuren trennen,
+Dann sei es eure Pflicht, den Folger zu ernennen.
+Gekrönt erhebt ihn hoch auf heiligem Altar,
+Und friedlich ende dann, was jetzt so stürmisch war.
+
+ERZKANZLER:
+Mit Stolz in tiefster Brust, mit Demut an Gebärde,
+Stehn Fürsten dir gebeugt, die ersten auf der Erde.
+Solang das treue Blut die vollen Adern regt,
+Sind wir der Körper, den dein Wille leicht bewegt.
+
+KAISER:
+Und also sei, zum Schluß, was wir bisher betätigt,
+Für alle Folgezeit durch Schrift und Zug bestätigt.
+Zwar habt ihr den Besitz als Herren völlig frei,
+Mit dem Beding jedoch, daß er unteilbar sei.
+Und wie ihr auch vermehrt, was ihr von uns empfangen,
+Es soll's der ältste Sohn in gleichem Maß erlangen.
+
+ERZKANZLER:
+Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemut,
+Zum Glück dem Reich und uns, das wichtigste Statut;
+Reinschrift und Sieglung soll die Kanzelei beschäftigen,
+Mit heiliger Signatur wirst du's, der Herr, bekräftigen.
+
+KAISER:
+Und so entlass' ich euch, damit den großen Tag
+Gesammelt jedermann sich überlegen mag.
+
+DER GEISTLICHE:
+Der Kanzler ging hinweg, der Bischof ist geblieben,
+Vom ernsten Warnegeist zu deinem Ohr getrieben!
+Sein väterliches Herz, von Sorge bangt's um dich.
+
+KAISER:
+Was hast du Bängliches zur frohen Stunde? sprich!
+
+ERZBISCHOF:
+Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieser Stunde,
+Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde!
+Zwar, wie es scheinen will, gesichert auf dem Thron,
+Doch leider! Gott dem Herrn, dem Vater Papst zum Hohn.
+Wenn dieser es erfährt, schnell wird er sträflich richten,
+Mit heiligem Strahl dein Reich, das sündige, zu vernichten.
+Denn noch vergaß er nicht, wie du, zur höchsten Zeit,
+An deinem Krönungstag, den Zauberer befreit.
+Von deinem Diadem, der Christenheit zum Schaden,
+Traf das verfluchte Haupt der erste Strahl der Gnaden.
+Doch schlag an deine Brust und gib vom frevlen Glück
+Ein mäßig Scherflein gleich dem Heiligtum zurück:
+Den breiten Hügelraum, da, wo dein Zelt gestanden,
+Wo böse Geister sich zu deinem Schutz verbanden,
+Dem Lügenfürsten du ein horchsam Ohr geliehn,
+Den stifte, fromm belehrt, zu heiligem Bemühn;
+Mit Berg und dichtem Wald, so weit sie sich erstrecken,
+Mit Höhen, die sich grün zu fetter Weide decken,
+Fischreichen, klaren Seen, dann Bächlein ohne Zahl,
+Wie sie sich, eilig schlängelnd, stürzen ab zu Tal;
+Das breite Tal dann selbst, mit Wiesen, Gauen, Gründen:
+Die Reue spricht sich aus, und du wirst Gnade finden.
+
+KAISER:
+Durch meinen schweren Fehl bin ich so tief erschreckt;
+Die Grenze sei von dir nach eignem Maß gesteckt.
+
+ERZBISCHOF:
+Erst! der entweihte Raum, wo man sich so versündigt,
+Sei alsobald zum Dienst des Höchsten angekündigt.
+Behende steigt im Geist Gemäuer stark empor,
+Der Morgensonne Blick erleuchtet schon das Chor,
+Zum Kreuz erweitert sich das wachsende Gebäude,
+Das Schiff erlängt, erhöht sich zu der Gläubigen Freude;
+Sie strömen brünstig schon durchs würdige Portal,
+Der erste Glockenruf erscholl durch Berg und Tal,
+Von hohen Türmen tönt's, wie sie zum Himmel streben,
+Der Büßer kommt heran zu neugeschaffnem Leben.
+Dem hohen Weihetag--er trete bald herein!--
+Wird deine Gegenwart die höchste Zierde sein.
+
+KAISER:
+Mag ein so großes Werk den frommen Sinn verkündigen,
+Zu preisen Gott den Herrn, so wie mich zu entsündigen.
+Genug! Ich fühle schon, wie sich mein Sinn erhöht.
+
+ERZBISCHOF:
+Als Kanzler fördr' ich nun Schluß und Formalität.
+
+KAISER:
+Ein förmlich Dokument, der Kirche das zu eignen,
+Du legst es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen.
+
+ERZBISCHOF:
+Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht,
+Gesamte Landsgefälle: Zehnten, Zinsen, Beth',
+Für ewig. Viel bedarf's zu würdiger Unterhaltung,
+Und schwere Kosten macht die sorgliche Verwaltung.
+Zum schnellen Aufbau selbst auf solchem wüsten Platz
+Reichst du uns einiges Gold, aus deinem Beuteschatz.
+Daneben braucht man auch, ich kann es nicht verschweigen,
+Entferntes Holz und Kalk und Schiefer und dergleichen.
+Die Fuhren tut das Volk, vom Predigtstuhl belehrt,
+Die Kirche segnet den, der ihr zu Diensten fährt.
+
+KAISER:
+Die Sünd' ist groß und schwer, womit ich mich beladen;
+Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten Schaden.
+
+ERZBISCHOF:
+Verzeih, o Herr! Es ward dem sehr verrufnen Mann
+Des Reiches Strand verliehn; doch diesen trifft der Bann,
+Verleihst du reuig nicht der hohen Kirchenstelle
+Auch dort den Zehnten, Zins und Gaben und Gefälle.
+
+KAISER:
+Das Land ist noch nicht da, im Meer liegt es breit.
+
+ERZBISCHOF:
+Wer 's Recht hat und Geduld, für den kommt auch die Zeit.
+Für uns mög' Euer Wort in seinen Kräften bleiben!
+
+KAISER:
+So könnt' ich wohl zunächst das ganze Reich verschreiben.
+
+
+
+
+5. Akt--Offene Gegend
+
+WANDRER:
+Ja! sie sind's, die dunkeln Linden,
+Dort, in ihres Alters Kraft.
+Und ich soll sie wiederfinden,
+Nach so langer Wanderschaft!
+Ist es doch die alte Stelle,
+Jene Hütte, die mich barg,
+Als die sturmerregte Welle
+Mich an jene Dünen warf!
+Meine Wirte möcht' ich segnen,
+Hilfsbereit, ein wackres Paar,
+Das, um heut mir zu begegnen,
+Alt schon jener Tage war.
+Ach! das waren fromme Leute!
+Poch' ich? ruf' ich?--Seid gegrüßt,
+Wenn gastfreundlich auch noch heute
+Ihr des Wohltuns Glück genießt!
+
+BAUCIS:
+Lieber Kömmling! Leise! Leise!
+Ruhe! laß den Gatten ruhn!
+Langer Schlaf verleiht dem Greise
+Kurzen Wachens rasches Tun.
+
+WANDRER:
+Sage, Mutter: bist du's eben,
+Meinen Dank noch zu empfahn,
+Was du für des Jünglings Leben
+Mit dem Gatten einst getan?
+Bist du Baucis, die geschäftig
+Halberstorbnen Mund erquickt?
+Du Philemon, der so kräftig
+Meinen Schatz der Flut entrückt?
+Eure Flammen raschen Feuers,
+Eures Glöckchens Silberlaut,
+Jenes grausen Abenteuers
+Lösung war euch anvertraut.
+Und nun laßt hervor mich treten,
+Schaun das grenzenlose Meer;
+Laßt mich knieen, laßt mich beten,
+Mich bedrängt die Brust so sehr.
+
+PHILEMON:
+Eile nur, den Tisch zu decken,
+Wo's im Gärtchen munter blüht.
+Laß ihn rennen, ihn erschrecken,
+Denn er glaubt nicht, was er sieht.
+Das Euch grimmig mißgehandelt,
+Wog' auf Woge, schäumend wild,
+Seht als Garten Ihr behandelt,
+Seht ein paradiesisch Bild.
+älter, war ich nicht zuhanden,
+Hülfreich nicht wie sonst bereit;
+Und wie meine Kräfte schwanden,
+War auch schon die Woge weit.
+Kluger Herren kühne Knechte
+Gruben Gräben, dämmten ein,
+Schmälerten des Meeres Rechte,
+Herrn an seiner Statt zu sein.
+Schaue grünend Wies' an Wiese,
+Anger, Garten, Dorf und Wald.--
+Komm nun aber und genieße,
+Denn die Sonne scheidet bald.--
+Dort im Fernsten ziehen Segel,
+Suchen nächtlich sichern Port.
+Kennen doch ihr Nest die Vögel;
+Denn jetzt ist der Hafen dort.
+So erblickst du in der Weite
+Erst des Meeres blauen Saum,
+Rechts und links, in aller Breite,
+Dichtgedrängt bewohnten Raum.
+
+BAUCIS:
+Bleibst du stumm? und keinen Bissen
+Bringst du zum verlechzten Mund?
+
+PHILEMON:
+Möcht' er doch vom Wunder wissen;
+Sprichst so gerne, tu's ihm kund.
+
+BAUCIS:
+Wohl! ein Wunder ist's gewesen!
+Läßt mich heut noch nicht in Ruh;
+Denn es ging das ganze Wesen
+Nicht mit rechten Dingen zu.
+
+PHILEMON:
+Kann der Kaiser sich versünd'gen,
+Der das Ufer ihm verliehn?
+Tät's ein Herold nicht verkünd'gen
+Schmetternd im Vorüberziehn?
+Nicht entfernt von unsern Dünen
+Ward der erste Fuß gefaßt,
+Zelte, Hütten!--Doch im Grünen
+Richtet bald sich ein Palast.
+
+BAUCIS:
+Tags umsonst die Knechte lärmten,
+Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag;
+Wo die Flämmchen nächtig schwärmten,
+Stand ein Damm den andern Tag.
+Menschenopfer mußten bluten,
+Nachts erscholl des Jammers Qual;
+Meerab flossen Feuergluten,
+Morgens war es ein Kanal.
+Gottlos ist er, ihn gelüstet
+Unsre Hütte, unser Hain;
+Wie er sich als Nachbar brüstet,
+Soll man untertänig sein.
+
+PHILEMON:
+Hat er uns doch angeboten
+Schönes Gut im neuen Land!
+
+BAUCIS:
+Traue nicht dem Wasserboden,
+Halt auf deiner Höhe stand!
+
+PHILEMON:
+Laßt uns zur Kapelle treten,
+Letzten Sonnenblick zu schaun!
+Laßt uns läuten, knieen, beten
+Und dem alten Gott vertraun!
+
+
+
+Palast
+
+LYNKEUS DER TÜRMER:
+Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe,
+Sie ziehen munter hafenein.
+Ein großer Kahn ist im Begriffe,
+Auf dem Kanale hier zu sein.
+Die bunten Wimpel wehen fröhlich,
+Die starren Masten stehn bereit;
+In dir preist sich der Bootsmann selig,
+Dich grüßt das Glück zur höchsten Zeit.
+
+FAUST:
+Verdammtes Läuten! Allzuschändlich
+Verwundet's, wie ein tückischer Schuß;
+Vor Augen ist mein Reich unendlich,
+Im Rücken neckt mich der Verdruß,
+Erinnert mich durch neidische Laute:
+Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
+Der Lindenraum, die braune Baute,
+Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
+Und wünscht' ich, dort mich zu erholen,
+Vor fremdem Schatten schaudert mir,
+Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen;
+O! wär' ich weit hinweg von hier!
+
+TÜRMER:
+Wie segelt froh der bunte Kahn
+Mit frischem Abendwind heran!
+Wie türmt sich sein behender Lauf
+In Kisten, Kasten, Säcken auf!
+
+CHORUS:
+Da landen wir,
+Da sind wir schon.
+Glückan dem Herren,
+Dem Patron!
+
+MEPHISTOPHELES:
+So haben wir uns wohl erprobt,
+Vergnügt, wenn der Patron es lobt.
+Nur mit zwei Schiffen ging es fort,
+Mit zwanzig sind wir nun im Port.
+Was große Dinge wir getan,
+Das sieht man unsrer Ladung an.
+Das freie Meer befreit den Geist,
+Wer weiß da, was Besinnen heißt!
+Da fördert nur ein rascher Griff,
+Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff,
+Und ist man erst der Herr zu drei,
+Dann hakelt man das vierte bei;
+Da geht es denn dem fünften schlecht,
+Man hat Gewalt, so hat man Recht.
+Man fragt ums Was, und nicht ums Wie.
+Ich müßte keine Schiffahrt kennen:
+Krieg, Handel und Piraterie,
+Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.
+
+DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN:
+Nicht Dank und Gruß!
+Nicht Gruß und Dank!
+Als brächten wir
+Dem Herrn Gestank.
+Er macht ein
+Widerlich Gesicht;
+Das Königsgut
+Gefällt ihm nicht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erwartet weiter
+Keinen Lohn!
+Nahmt ihr doch
+Euren Teil davon.
+
+DIE GESELLEN:
+Das ist nur für
+Die Langeweil';
+Wir alle fordern
+Gleichen Teil.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Erst ordnet oben
+Saal an Saal
+Die Kostbarkeiten
+Allzumal!
+Und tritt er zu
+Der reichen Schau,
+Berechnet er alles
+Mehr genau,
+Er sich gewiß
+Nicht lumpen läßt
+Und gibt der Flotte
+Fest nach Fest.
+Die bunten Vögel kommen morgen,
+Für die werd' ich zum besten sorgen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mit ernster Stirn, mit düstrem Blick
+Vernimmst du dein erhaben Glück.
+Die hohe Weisheit wird gekrönt,
+Das Ufer ist dem Meer versöhnt;
+Vom Ufer nimmt, zu rascher Bahn,
+Das Meer die Schiffe willig an;
+So sprich, daß hier, hier vom Palast
+Dein Arm die ganze Welt umfaßt.
+Von dieser Stelle ging es aus,
+Hier stand das erste Bretterhaus;
+Ein Gräbchen ward hinabgeritzt,
+Wo jetzt das Ruder emsig spritzt.
+Dein hoher Sinn, der Deinen Fleiß
+Erwarb des Meers, der Erde Preis.
+Von hier aus--+
+
+FAUST:
+Das verfluchte Hier!
+Das eben, leidig lastet's mir.
+Dir Vielgewandtem muß ich's sagen,
+Mir gibt's im Herzen Stich um Stich,
+Mir ist's unmöglich zu ertragen!
+Und wie ich's sage, schäm' ich mich.
+Die Alten droben sollten weichen,
+Die Linden wünscht' ich mir zum Sitz,
+Die wenig Bäume, nicht mein eigen,
+Verderben mir den Weltbesitz.
+Dort wollt' ich, weit umherzuschauen,
+Von Ast zu Ast Gerüste bauen,
+Dem Blick eröffnen weite Bahn,
+Zu sehn, was alles ich getan,
+Zu überschaun mit einem Blick
+Des Menschengeistes Meisterstück,
+Betätigend mit klugem Sinn
+Der Völker breiten Wohngewinn.
+So sind am härtsten wir gequält,
+Im Reichtum fühlend, was uns fehlt.
+Des Glöckchens Klang, der Linden Duft
+Umfängt mich wie in Kirch' und Gruft.
+Des allgewaltigen Willens Kür
+Bricht sich an diesem Sande hier.
+Wie schaff' ich mir es vom Gemüte!
+Das Glöcklein läutet, und ich wüte.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Natürlich! daß ein Hauptverdruß
+Das Leben dir vergällen muß.
+Wer leugnet's! Jedem edlen Ohr
+Kommt das Geklingel widrig vor.
+Und das verfluchte Bim-Baum-Bimmel,
+Umnebelnd heitern Abendhimmel,
+Mischt sich in jegliches Begebnis,
+Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
+Als wäre zwischen Bim und Baum
+Das Leben ein verschollner Traum.
+
+FAUST:
+Das Widerstehn, der Eigensinn
+Verkümmern herrlichsten Gewinn,
+Daß man, zu tiefer, grimmiger Pein,
+Ermüden muß, gerecht zu sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was willst du dich denn hier genieren?
+Mußt du nicht längst kolonisieren?
+
+FAUST:
+So geht und schafft sie mir zur Seite!--
+Das schöne Gütchen kennst du ja,
+Das ich den Alten ausersah.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man trägt sie fort und setzt sie nieder,
+Eh' man sich umsieht, stehn sie wieder;
+Nach überstandener Gewalt
+Versöhnt ein schöner Aufenthalt.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Kommt, wie der Herr gebieten läßt!
+Und morgen gibt's ein Flottenfest.
+
+DIE DREI:
+Der alte Herr empfing uns schlecht,
+Ein flottes Fest ist uns zu Recht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Auch hier geschieht, was längst geschah,
+Denn Naboths Weinberg war schon da. ((regum i,21))
+
+
+
+Tiefe Nacht
+
+LYNKEUS DER TÜRMER:
+Zum Sehen geboren,
+Zum Schauen bestellt,
+Dem Turme geschworen,
+Gefällt mir die Welt.
+Ich blick' in die Ferne,
+Ich seh' in der Näh'
+Den Mond und die Sterne,
+Den Wald und das Reh.
+So seh' ich in allen
+Die ewige Zier,
+Und wie mir's gefallen,
+Gefall' ich auch mir.
+Ihr glücklichen Augen,
+Was je ihr gesehn,
+Es sei wie es wolle,
+Es war doch so schön!
+Nicht allein mich zu ergetzen,
+Bin ich hier so hoch gestellt;
+Welch ein greuliches Entsetzen
+Droht mir aus der finstern Welt!
+Funkenblicke seh' ich sprühen
+Durch der Linden Doppelnacht,
+Immer stärker wühlt ein Glühen,
+Von der Zugluft angefacht.
+Ach! die innre Hütte lodert,
+Die bemoost und feucht gestanden;
+Schnelle Hülfe wird gefordert,
+Keine Rettung ist vorhanden.
+Ach! die guten alten Leute,
+Sonst so sorglich um das Feuer,
+Werden sie dem Qualm zur Beute!
+Welch ein schrecklich Abenteuer!
+Flamme flammet, rot in Gluten
+Steht das schwarze Moosgestelle;
+Retteten sich nur die Guten
+Aus der wildentbrannten Hölle!
+Züngelnd lichte Blitze steigen
+Zwischen Blättern, zwischen Zweigen;
+äste dürr, die flackernd brennen,
+Glühen schnell und stürzen ein.
+Sollt ihr Augen dies erkennen!
+Muß ich so weitsichtig sein!
+Das Kapellchen bricht zusammen
+Von der äste Sturz und Last.
+Schlängelnd sind, mit spitzen Flammen,
+Schon die Gipfel angefaßt.
+Bis zur Wurzel glühn die hohlen
+Stämme, purpurrot im Glühn.--
+Was sich sonst dem Blick empfohlen,
+Mit Jahrhunderten ist hin.
+
+FAUST:
+Von oben welch ein singend Wimmern?
+Das Wort ist hier, der Ton zu spat.
+Mein Türmer jammert; mich, im Innern,
+Verdrießt die ungeduld'ge Tat.
+Doch sei der Lindenwuchs vernichtet
+Zu halbverkohlter Stämme Graun,
+Ein Luginsland ist bald errichtet,
+Um ins Unendliche zu schaun.
+Da seh' ich auch die neue Wohnung,
+Die jenes alte Paar umschließt,
+Das, im Gefühl großmütiger Schonung,
+Der späten Tage froh genießt.
+
+MEPHISTOPHELES UND DIE DREIE:
+Da kommen wir mit vollem Trab;
+Verzeiht! es ging nicht gütlich ab.
+Wir klopften an, wir pochten an,
+Und immer ward nicht aufgetan;
+Wir rüttelten, wir pochten fort,
+Da lag die morsche Türe dort;
+Wir riefen laut und drohten schwer,
+Allein wir fanden kein Gehör.
+Und wie's in solchem Fall geschicht,
+Sie hörten nicht, sie wollten nicht;
+Wir aber haben nicht gesäumt,
+Behende dir sie weggeräumt.
+Das Paar hat sich nicht viel gequält,
+Vor Schrecken fielen sie entseelt.
+Ein Fremder, der sich dort versteckt
+Und fechten wollte, ward gestreckt.
+In wilden Kampfes kurzer Zeit
+Von Kohlen, ringsumher gestreut,
+Entflammte Stroh. Nun lodert's frei,
+Als Scheiterhaufen dieser drei.
+
+FAUST:
+Ward ihr für meine Worte taub?
+Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub.
+Dem unbesonnenen wilden Streich,
+Ihm fluch' ich; teilt es unter euch!
+
+CHORUS:
+Das alte Wort, das Wort erschallt:
+Gehorche willig der Gewalt!
+Und bist du kühn und hälst du Stich,
+So wage Haus und Hof und--dich.
+
+FAUST:
+Die Sterne bergen Blick und Schein,
+Das Feuer sinkt und lodert klein;
+Ein Schauerwindchen fächelt's an,
+Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
+Geboten schnell, zu schnell getan!--
+Was schwebet schattenhaft heran?
+
+
+
+Mitternacht
+
+ERSTE:
+Ich heiße der Mangel. +
+
+ZWEITE:
+Ich heiße die Schuld.
+
+DRITTE:
+Ich heiße die Sorge. +
+
+VIERTE:
+Ich heiße die Not.
+
+ZU DREI:
+Die Tür ist verschlossen, wir können nicht ein;
+Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.
+
+MANGEL:
+Da werd' ich zum Schatten. +
+
+SHULD:
+Da werd' ich zunicht.
+
+NOT:
+Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.
+
+SORGE:
+Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein.
+Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.
+
+MANGEL:
+Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.
+
+SHULD:
+Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.
+
+NOT:
+Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.
+
+ZU DREI:
+Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
+Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
+Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der------Tod.
+
+FAUST:
+Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
+Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn.
+Es klang so nach, als hieß' es--Not,
+Ein düstres Reimwort folgte--Tod.
+Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.
+Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
+Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
+Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
+Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
+Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.
+Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte,
+Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
+Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
+Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.
+Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
+In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
+Wir kehren froh von junger Flur zurück,
+Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.
+Von Aberglauben früh und spat umgarnt:
+Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt.
+Und so verschüchtert, stehen wir allein.
+Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein.
+Ist jemand hier? +
+
+SORGE:
+Die Frage fordert Ja!
+
+FAUST:
+Und du, wer bist denn du? +
+
+SORGE:
+Bin einmal da.
+
+FAUST:
+Entferne dich! +
+
+SORGE:
+Ich bin am rechten Ort.
+
+FAUST:
+Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.
+
+SORGE:
+Würde mich kein Ohr vernehmen,
+Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
+In verwandelter Gestalt
+üb' ich grimmige Gewalt.
+Auf den Pfaden, auf der Welle,
+Ewig ängstlicher Geselle,
+Stets gefunden, nie gesucht,
+So geschmeichelt wie verflucht.--
+Hast du die Sorge nie gekannt?
+
+FAUST:
+Ich bin nur durch die Welt gerannt;
+Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
+Was nicht genügte, ließ ich fahren,
+Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
+Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
+Und abermals gewünscht und so mit Macht
+Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
+Nun aber geht es weise, geht bedächtig.
+Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
+Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
+Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
+Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
+Er stehe fest und sehe hier sich um;
+Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
+Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
+Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
+Er wandle so den Erdentag entlang;
+Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
+Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
+Er, unbefriedigt jeden Augenblick!
+
+SORGE:
+Wen ich einmal besitze,
+Dem ist alle Welt nichts nütze;
+Ewiges Düstre steigt herunter,
+Sonne geht nicht auf noch unter,
+Bei vollkommnen äußern Sinnen
+Wohnen Finsternisse drinnen,
+Und er weiß von allen Schätzen
+Sich nicht in Besitz zu setzen.
+Glück und Unglück wird zur Grille,
+Er verhungert in der Fülle;
+Sei es Wonne, sei es Plage,
+Schieb er's zu dem andern Tage,
+Ist der Zukunft nur gewärtig,
+Und so wird er niemals fertig.
+
+FAUST:
+Hör auf! so kommst du mir nicht bei!
+Ich mag nicht solchen Unsinn hören.
+Fahr hin! die schlechte Litanei,
+Sie könnte selbst den klügsten Mann betören.
+
+SORGE:
+Soll er gehen, soll er kommen?
+Der Entschluß ist ihm genommen;
+Auf gebahnten Weges Mitte
+Wankt er tastend halbe Schritte.
+Er verliert sich immer tiefer,
+Siehet alle Dinge schiefer,
+Sich und andre lästig drückend;
+Atemholend und erstickend;
+Nicht erstickt und ohne Leben,
+Nicht verzweiflend, nicht ergeben.
+So ein unaufhaltsam Rollen,
+Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
+Bald Befreien, bald Erdrücken,
+Halber Schlaf und schlecht Erquicken
+Heftet ihn an seine Stelle
+Und bereitet ihn zur Hölle.
+
+FAUST:
+Unselige Gespenster! so behandelt ihr
+Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;
+Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr
+In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.
+Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,
+Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen;
+Doch deine Macht, Sorge, schleichend groß,
+Ich werde sie nicht anerkennen.
+
+SORGE:
+Erfahre sie, wie ich geschwind
+Mich mit Verwünschung von dir wende!
+Die Menschen sind im ganzen Leben blind,
+Nun, Fauste, werde du's am Ende!
+
+FAUST:
+Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
+Allein im Innern leuchtet helles Licht;
+Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen;
+Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht.
+Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!
+Laßt glücklich schauen, was ich kühn ersann.
+Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten!
+Das Abgesteckte muß sogleich geraten.
+Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß
+Erfolgt der allerschönste Preis;
+Daß sich das größte Werk vollende,
+Genügt ein Geist für tausend Hände.
+
+
+
+Grosser Vorhof des Palasts
+
+MEPHISTOPHELES:
+Herbei, herbei! Herein, herein!
+Ihr schlotternden Lemuren,
+Aus Bändern, Sehnen und Gebein
+Geflickte Halbnaturen.
+
+LEMUREN:
+Wir treten dir sogleich zur Hand,
+Und wie wir halb vernommen,
+Es gilt wohl gar ein weites Land,
+Das sollen wir bekommen.
+Gespitzte Pfähle, die sind da,
+Die Kette lang zum Messen;
+Warum an uns den Ruf geschah,
+Das haben wir vergessen.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier gilt kein künstlerisch Bemühn;
+Verfahret nur nach eignen Maßen!
+Der Längste lege längelang sich hin,
+Ihr andern lüftet ringsumher den Rasen;
+Wie man's für unsre Väter tat,
+Vertieft ein längliches Quadrat!
+Aus dem Palast ins enge Haus,
+So dumm läuft es am Ende doch hinaus.
+
+LEMUREN:
+Wie jung ich war und lebt' und liebt',
+Mich deucht, das war wohl süße;
+Wo's fröhlich klang und lustig ging,
+Da rührten sich meine Füße.
+Nun hat das tückische Alter mich
+Mit seiner Krücke getroffen;
+Ich stolpert' über Grabes Tür,
+Warum stand sie just offen!
+
+FAUST:
+Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
+Es ist die Menge, die mir frönet,
+Die Erde mit sich selbst versöhnet,
+Den Wellen ihre Grenze setzt,
+Das Meer mit strengem Band umzieht.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Du bist doch nur für uns bemüht
+Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;
+Denn du bereitest schon Neptunen,
+Dem Wasserteufel, großen Schmaus.
+In jeder Art seid ihr verloren;--
+Die Elemente sind mit uns verschworen,
+Und auf Vernichtung läuft's hinaus.
+
+FAUST:
+Aufseher! +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Hier! +
+
+FAUST:
+Wie es auch möglich sei,
+Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,
+Ermuntere durch Genuß und Strenge,
+Bezahle, locke, presse bei!
+Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
+Wie sich verlängt der unternommene Graben.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Man spricht, wie man mir Nachricht gab,
+Von keinem Graben, doch vom Grab.
+
+FAUST:
+Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
+Verpestet alles schon Errungene;
+Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
+Das Letzte wär' das Höchsterrungene.
+Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
+Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
+Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
+Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
+Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
+Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
+Im Innern hier ein paradiesisch Land,
+Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
+Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
+Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
+Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
+Das ist der Weisheit letzter Schluß:
+Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
+Der täglich sie erobern muß.
+Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
+Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
+Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
+Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
+Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
+Verweile doch, du bist so schön!
+Es kann die Spur von meinen Erdetagen
+Nicht in äonen untergehn.--
+Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
+Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,
+So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
+Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
+Der Arme wünscht ihn festzuhalten.
+Der mir so kräftig widerstand,
+Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
+Die Uhr steht still--+
+
+CHOR:
+Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht.
+Der Zeiger fällt. +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Er fällt, es ist vollbracht.
+
+CHOR:
+Es ist vorbei. +
+
+MEPHISTOPHELES:
+Vorbei! ein dummes Wort.
+Warum vorbei?
+Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
+Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!
+Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
+"Da ist's vorbei!" Was ist daran zu lesen?
+Es ist so gut, als wär' es nicht gewesen,
+Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
+Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
+
+
+
+Grablegung
+
+LEMUR--SOLO:
+Wer hat das Haus so schlecht gebaut,
+Mit Schaufeln und mit Spaten?
+
+LEMUREN--CHOR:
+Dir, dumpfer Gast im hänfnen Gewand,
+Ist's viel zu gut geraten.
+
+LEMUR--SOLO:
+Wer hat den Saal so schlecht versorgt?
+Wo blieben Tisch und Stühle?
+
+LEMUREN--CHOR:
+Es war auf kurze Zeit geborgt;
+Der Gläubiger sind so viele.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Der Körper liegt, und will der Geist entfliehn,
+Ich zeig' ihm rasch den blutgeschriebnen Titel;--
+Doch leider hat man jetzt so viele Mittel,
+Dem Teufel Seelen zu entziehn.
+Auf altem Wege stößt man an,
+Auf neuem sind wir nicht empfohlen;
+Sonst hätt' ich es allein getan,
+Jetzt muß ich Helfershelfer holen.
+Uns geht's in allen Dingen schlecht!
+Herkömmliche Gewohnheit, altes Recht,
+Man kann auf gar nichts mehr vertrauen.
+Sonst mit dem letzten Atem fuhr sie aus,
+Ich paßt' ihr auf und, wie die schnellste Maus,
+Schnapps! hielt ich sie in fest verschloßnen Klauen.
+Nun zaudert sie und will den düstern Ort,
+Des schlechten Leichnams ekles Haus nicht lassen;
+Die Elemente, die sich hassen,
+Die treiben sie am Ende schmählich fort.
+Und wenn ich Tag' und Stunden mich zerplage,
+Wann? wie? und wo? das ist die leidige Frage;
+Der alte Tod verlor die rasche Kraft,
+Das Ob? sogar ist lange zweifelhaft;
+Oft sah ich lüstern auf die starren Glieder--
+Es war nur Schein, das rührte, das regte sich wieder.
+Nur frisch heran! verdoppelt euren Schritt,
+Ihr Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne,
+Von altem Teufelsschrot und--korne,
+Bringt ihr zugleich den Höllenrachen mit.
+Zwar hat die Hölle Rachen viele! viele!
+Nach Standsgebühr und Würden schlingt sie ein;
+Doch wird man auch bei diesem letzten Spiele
+Ins künftige nicht so bedenklich sein.
+Eckzähne klaffen; dem Gewölb des Schlundes
+Entquillt der Feuerstrom in Wut,
+Und in dem Siedequalm des Hintergrundes
+Seh' ich die Flammenstadt in ewiger Glut.
+Die rote Brandung schlägt hervor bis an die Zähne,
+Verdammte, Rettung hoffend, schwimmen an;
+Doch kolossal zerknirscht sie die Hyäne,
+Und sie erneuen ängstlich heiße Bahn.
+In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken,
+So viel Erschrecklichstes im engsten Raum!
+Ihr tut sehr wohl, die Sünder zu erschrecken;
+Sie halten's doch für Lug und Trug und Traum.
+Nun, wanstige Schuften mit den Feuerbacken!
+Ihr glüht so recht vom Höllenschwefel feist;
+Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken!
+Hier unten lauert, ob's wie Phosphor gleißt:
+Das ist das Seelchen, Psyche mit den Flügeln,
+Die rupft ihr aus, so ist's ein garstiger Wurm;
+Mit meinem Stempel will ich sie besiegeln,
+Dann fort mit ihr im Feuerwirbelsturm!
+Paßt auf die niedern Regionen,
+Ihr Schläuche, das ist eure Pflicht;
+Ob's ihr beliebte, da zu wohnen,
+So akkurat weiß man das nicht.
+Im Nabel ist sie gern zu Haus--
+Nehmt es in acht, sie wischt euch dort heraus.
+Ihr Firlefanze, flügelmännische Riesen,
+Greift in die Luft, versucht euch ohne Rast!
+Die Arme strack, die Klauen scharf gewiesen,
+Daß ihr die Flatternde, die Flüchtige faßt.
+Es ist ihr sicher schlecht im alten Haus,
+Und das Genie, es will gleich obenaus.
+
+HIMMLISCHE HEERSCHAR:
+Folget, Gesandte,
+Himmelsverwandte,
+Gemächlichen Flugs:
+Sündern vergeben,
+Staub zu beleben;
+Allen Naturen
+Freundliche Spuren
+Wirket im Schweben
+Des weilenden Zugs!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mißtöne hör' ich, garstiges Geklimper,
+Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag;
+Es ist das bübisch-mädchenhafte Gestümper,
+Wie frömmelnder Geschmack sich's lieben mag.
+Ihr wißt, wie wir in tiefverruchten Stunden
+Vernichtung sannen menschlichem Geschlecht;
+Das Schändlichste, was wir erfunden,
+Ist ihrer Andacht eben recht.
+Sie kommen gleisnerisch, die Laffen!
+So haben sie uns manchen weggeschnappt,
+Bekriegen uns mit unsern eignen Waffen;
+Es sind auch Teufel, doch verkappt.
+Hier zu verlieren, wär' euch ew'ge Schande;
+Ans Grab heran und haltet fest am Rande!
+
+CHOR DER ENGEL:
+Rosen, ihr blendenden,
+Balsam versendenden!
+Flatternde, schwebende,
+Heimlich belebende,
+Zweigleinbeflügelte,
+Knospenentsiegelte,
+Eilet zu blühn.
+Frühling entsprieße,
+Purpur und Grün!
+Tragt Paradiese
+Dem Ruhenden hin.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Was duckt und zuckt ihr? ist das Höllenbrauch?
+So haltet stand und laßt sie streuen.
+An seinen Platz ein jeder Gauch!
+Sie denken wohl, mit solchen Blümeleien
+Die heißen Teufel einzuschneien;
+Das schmilzt und schrumpft vor eurem Hauch.
+Nun pustet, Püstriche!--Genug, genug!
+Vor eurem Broden bleicht der ganze Flug.--
+Nicht so gewaltsam! schließet Maul und Nasen!
+Fürwahr, ihr habt zu stark geblasen.
+Daß ihr doch nie die rechten Maße kennt!
+Das schrumpft nicht nur, es bräunt sich, dorrt, es brennt!
+Schon schwebt's heran mit giftig klaren Flammen;
+Stemmt euch dagegen, drängt euch fest zusammen!--
+Die Kraft erlischt! dahin ist aller Mut!
+Die Teufel wittern fremde Schmeichelglut.
+
+CHOR DER ENGEL:
+Blüten, die seligen,
+Flammen, die fröhlichen,
+Liebe verbreiten sie,
+Wonne bereiten sie,
+Herz wie es mag.
+Worte, die wahren,
+äther im Klaren,
+Ewigen Scharen
+überall Tag!
+
+MEPHISTOPHELES:
+O Fluch! o Schande solchen Tröpfen!
+Satane stehen auf den Köpfen,
+Die Plumpen schlagen Rad auf Rad
+Und stürzen ärschlings in die Hölle.
+Gesegn' euch das verdiente heiße Bad!
+Ich aber bleib' auf meiner Stelle.--
+Irrlichter, fort! Du, leuchte noch so stark,
+Du bleibst, gehascht, ein ekler Gallert-Quark.
+Was flatterst du? Willst du dich packen!--
+Es klemmt wie Pech und Schwefel mir im Nacken.
+
+CHOR DER ENGEL:
+Was euch nicht angehört,
+Müsset ihr meiden,
+Was euch das Innre stört,
+Dürft ihr nicht leiden.
+Dringt es gewaltig ein,
+Müssen wir tüchtig sein.
+Liebe nur Liebende
+Führet herein!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt,
+Ein überteuflisch Element!
+Weit spitziger als Höllenfeuer!--
+Drum jammert ihr so ungeheuer,
+Unglückliche Verliebte! die, verschmäht,
+Verdrehten Halses nach der Liebsten späht.
+Auch mir! Was zieht den Kopf auf jene Seite?
+Bin ich mit ihr doch in geschwornem Streite!
+Der Anblick war mir sonst so feindlich scharf.
+Hat mich ein Fremdes durch und durch gedrungen?
+Ich mag sie gerne sehn, die allerliebsten Jungen;
+Was hält mich ab, daß ich nicht fluchen darf?--
+Und wenn ich mich betören lasse,
+Wer heißt denn künftighin der Tor?
+Die Wetterbuben, die ich hasse,
+Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor!--
+Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen:
+Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?
+Ihr seid so hübsch, fürwahr ich möcht' euch küssen,
+Mir ist's, als kämt ihr eben recht.
+Es ist mir so behaglich, so natürlich,
+Als hätt' ich euch schon tausendmal gesehn;
+So heimlich-kätzchenhaft begierlich;
+Mit jedem Blick aufs neue schöner schön.
+O nähert euch, o gönnt mir einen Blick!
+
+ENGEL:
+Wir kommen schon, warum weichst du zurück?
+Wir nähern uns, und wenn du kannst, so bleib!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Ihr scheltet uns verdammte Geister
+Und seid die wahren Hexenmeister;
+Denn ihr verführet Mann und Weib.--
+Welch ein verfluchtes Abenteuer!
+Ist dies das Liebeselement?
+Der ganze Körper steht in Feuer,
+Ich fühle kaum, daß es im Nacken brennt.--
+Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
+Ein bißchen weltlicher bewegt die holden Glieder;
+Fürwahr, der Ernst steht euch recht schön;
+Doch möcht' ich euch nur einmal lächeln sehn!
+Das wäre mir ein ewiges Entzücken.
+Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken:
+Ein kleiner Zug am Mund, so ist's getan.
+Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
+Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,
+So sieh mich doch ein wenig lüstern an!
+Auch könntet ihr anständig-nackter gehen,
+Das lange Faltenhemd ist übersittlich--
+Sie wenden sich--von hinten anzusehen!--
+Die Racker sind doch gar zu appetitlich!
+
+CHOR DER ENGEL:
+Wendet zur Klarheit
+Euch, liebende Flammen!
+Die sich verdammen,
+Heile die Wahrheit;
+Daß sie vom Bösen
+Froh sich erlösen,
+Um in dem Allverein
+Selig zu sein.
+
+MEPHISTOPHELES:
+Wie wird mir!--Hiobsartig, Beul' an Beule
+Der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut,
+Und triumphiert zugleich, wenn er sich ganz durchschaut,
+Wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut;
+Gerettet sind die edlen Teufelsteile,
+Der Liebespuk, er wirft sich auf die Haut;
+Schon ausgebrannt sind die verruchten Flammen,
+Und wie es sich gehört, fluch' ich euch allzusammen!
+
+CHOR DER ENGEL:
+Heilige Gluten!
+Wen sie umschweben,
+Fühlt sich im Leben
+Selig mit Guten.
+Alle vereinigt
+Hebt euch und preist!
+Luft ist gereinigt,
+Atme der Geist!
+
+MEPHISTOPHELES:
+Doch wie?--wo sind sie hingezogen?
+Unmündiges Volk, du hast mich überrascht,
+Sind mit der Beute himmelwärts entflogen;
+Drum haben sie an dieser Gruft genascht!
+Mir ist ein großer, einziger Schatz entwendet:
+Die hohe Seele, die sich mir verpfändet,
+Die haben sie mir pfiffig weggepascht.
+Bei wem soll ich mich nun beklagen?
+Wer schafft mir mein erworbenes Recht?
+Du bist getäuscht in deinen alten Tagen,
+Du hast's verdient, es geht dir grimmig schlecht.
+Ich habe schimpflich mißgehandelt,
+Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan;
+Gemein Gelüst, absurde Liebschaft wandelt
+Den ausgepichten Teufel an.
+Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding
+Der Klugerfahrne sich beschäftigt,
+So ist fürwahr die Torheit nicht gering,
+Die seiner sich am Schluß bemächtigt.
+
+
+
+Bergschluchten
+
+CHOR UN ECHO:
+Waldung, sie schwankt heran,
+Felsen, sie lasten dran,
+Wurzeln, sie klammern an,
+Stamm dicht an Stamm hinan,
+Woge nach Woge spritzt,
+Höhle, die tiefste, schützt.
+Löwen, sie schleichen stumm-+
+freundlich/ um uns herum,
+Ehren geweihten Ort,
+Heiligen Liebeshort.
+
+PATER ECSTATICUS:
+Ewiger Wonnebrand,
+Glühendes Liebeband,
+Siedender Schmerz der Brust,
+Schäumende Gotteslust.
+Pfeile, durchdringet mich,
+Lanzen, bezwinget mich,
+Keulen, zerschmettert mich,
+Blitze, durchwettert mich!
+Daß ja das Nichtige
+Alles verflüchtige,
+Glänze der Dauerstern,
+Ewiger Liebe Kern.
+
+PATER PROFUNDUS:
+Wie Felsenabgrund mir zu Füßen
+Auf tiefem Abgrund lastend ruht,
+Wie tausend Bäche strahlend fließen
+Zum grausen Sturz des Schaums der Flut,
+Wie strack mit eignem kräftigen Triebe
+Der Stamm sich in die Lüfte trägt:
+So ist es die allmächtige Liebe,
+Die alles bildet, alles hegt.
+Ist um mich her ein wildes Brausen,
+Als wogte Wald und Felsengrund,
+Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,
+Die Wasserfülle sich zum Schlund,
+Berufen, gleich das Tal zu wässern;
+Der Blitz, der flammend niederschlug,
+Die Atmosphäre zu verbessern,
+Die Gift und Dunst im Busen trug--
+Sind Liebesboten, sie verkünden,
+Was ewig schaffend uns umwallt.
+Mein Innres mög' es auch entzünden,
+Wo sich der Geist, verworren, kalt,
+Verquält in stumpfer Sinne Schranken,
+Scharfangeschloßnem Kettenschmerz.
+O Gott! beschwichtige die Gedanken,
+Erleuchte mein bedürftig Herz!
+
+PATER SERAPHICUS:
+Welch ein Morgenwölkchen schwebet
+Durch der Tannen schwankend Haar!
+Ahn' ich, was im Innern lebet?
+Es ist junge Geisterschar.
+
+CHOR SELIGER KNABEN:
+Sag uns, Vater, wo wir wallen,
+Sag uns, Guter, wer wir sind?
+Glücklich sind wir: allen, allen
+Ist das Dasein so gelind.
+
+PATER SERAPHICUS:
+Knaben! Mitternachts-Geborne,
+Halb erschlossen Geist und Sinn,
+Für die Eltern gleich Verlorne,
+Für die Engel zum Gewinn.
+Daß ein Liebender zugegen,
+Fühlt ihr wohl, so naht euch nur;
+Doch von schroffen Erdewegen,
+Glückliche! habt ihr keine Spur.
+Steigt herab in meiner Augen
+Welt- und erdgemäß Organ,
+Könnt sie als die euren brauchen,
+Schaut euch diese Gegend an!
+Das sind Bäume, das sind Felsen,
+Wasserstrom, der abestürzt
+Und mit ungeheurem Wälzen
+Sich den steilen Weg verkürzt.
+
+SELIGE KNABEN:
+Das ist mächtig anzuschauen,
+Doch zu düster ist der Ort,
+Schüttelt uns mit Schreck und Grauen.
+Edler, Guter, laß uns fort!
+
+PATER SERAPHICUS:
+Steigt hinan zu höherm Kreise,
+Wachset immer unvermerkt,
+Wie, nach ewig reiner Weise,
+Gottes Gegenwart verstärkt.
+Denn das ist der Geister Nahrung,
+Die im freisten äther waltet:
+Ewigen Liebens Offenbarung,
+Die zur Seligkeit entfaltet.
+
+CHOR SELIGER KNABEN:
+Hände verschlinget
+Freudig zum Ringverein,
+Regt euch und singet
+Heil'ge Gefühle drein!
+Göttlich belehret,
+Dürft ihr vertrauen;
+Den ihr verehret,
+Werdet ihr schauen.
+
+ENGEL:
+Gerettet ist das edle Glied
+Der Geisterwelt vom Bösen,
+Wer immer strebend sich bemüht,
+Den können wir erlösen.
+Und hat an ihm die Liebe gar
+Von oben teilgenommen,
+Begegnet ihm die selige Schar
+Mit herzlichem Willkommen.
+
+DIE JÜNGEREN ENGEL:
+Jene Rosen aus den Händen
+Liebend-heiliger Büßerinnen
+Halfen uns den Sieg gewinnen,
+Uns das hohe Werk vollenden,
+Diesen Seelenschatz erbeuten.
+Böse wichen, als wir streuten,
+Teufel flohen, als wir trafen.
+Statt gewohnter Höllenstrafen
+Fühlten Liebesqual die Geister;
+Selbst der alte Satansmeister
+War von spitzer Pein durchdrungen.
+Jauchzet auf! es ist gelungen.
+
+DIE VOLLENDETEREN ENGEL:
+Uns bleibt ein Erdenrest
+Zu tragen peinlich,
+Und wär' er von Asbest,
+Er ist nicht reinlich.
+Wenn starke Geisteskraft
+Die Elemente
+An sich herangerafft,
+Kein Engel trennte
+Geeinte Zwienatur
+Der innigen beiden,
+Die ewige Liebe nur
+Vermag's zu scheiden.
+
+DIE JÜNGEREN ENGEL:
+Nebelnd um Felsenhöh'
+Spür' ich soeben,
+Regend sich in der Näh',
+Ein Geisterleben.
+Die Wölkchen werden klar,
+Ich seh' bewegte Schar
+Seliger Knaben,
+Los von der Erde Druck,
+Im Kreis gesellt,
+Die sich erlaben
+Am neuen Lenz und Schmuck
+Der obern Welt.
+Sei er zum Anbeginn,
+Steigendem Vollgewinn
+Diesen gesellt!
+
+DIE SELIGEN KNABEN:
+Freudig empfangen wir
+Diesen im Puppenstand;
+Also erlangen wir
+Englisches Unterpfand.
+Löset die Flocken los,
+Die ihn umgeben!
+Schon ist er schön und groß
+Von heiligem Leben.
+
+DOCTOR MARIANUS:
+Hier ist die Aussicht frei,
+Der Geist erhoben.
+Dort ziehen Fraun vorbei,
+Schwebend nach oben.
+Die Herrliche mitteninn
+Im Sternenkranze,
+Die Himmelskönigin,
+Ich seh's am Glanze.
+Höchste Herrscherin der Welt!
+Lasse mich im blauen,
+Ausgespannten Himmelszelt
+Dein Geheimnis schauen.
+Billige, was des Mannes Brust
+Ernst und zart beweget
+Und mit heiliger Liebeslust
+Dir entgegenträget.
+Unbezwinglich unser Mut,
+Wenn du hehr gebietest;
+Plötzlich mildert sich die Glut,
+Wie du uns befriedest.
+Jungfrau, rein im schönsten Sinn,
+Mutter, Ehren würdig,
+Uns erwählte Königin,
+Göttern ebenbürtig.
+Um sie verschlingen
+Sich leichte Wölkchen,
+Sind Büßerinnen,
+Ein zartes Völkchen,
+Um ihre Kniee
+Den äther schlürfend,
+Gnade bedürfend.
+Dir, der Unberührbaren,
+Ist es nicht benommen,
+Daß die leicht Verführbaren
+Traulich zu dir kommen.
+In die Schwachheit hingerafft,
+Sind sie schwer zu retten;
+Wer zerreißt aus eigner Kraft
+Der Gelüste Ketten?
+Wie entgleitet schnell der Fuß
+Schiefem, glattem Boden?
+Wen betört nicht Blick und Gruß,
+Schmeichelhafter Odem?
+
+CHOR DER BÜSSERINNEN:
+Du schwebst zu Höhen
+Der ewigen Reiche,
+Vernimm das Flehen,
+Du Ohnegleiche,
+Du Gnadenreiche!
+
+MAGNA PECCATRIX:
+Bei der Liebe, die den Füßen
+Deines gottverklärten Sohnes
+Tränen ließ zum Balsam fließen,
+Trotz des Pharisäerhohnes;
+Beim Gefäße, das so reichlich
+Tropfte Wohlgeruch hernieder,
+Bei den Locken, die so weichlich
+Trockneten die heil'gen Glieder--
+
+MULIER SAMARITANA:
+Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
+Abram ließ die Herde führen,
+Bei dem Eimer, der dem Heiland
+Kühl die Lippe durft' berühren;
+Bei der reinen, reichen Quelle,
+Die nun dorther sich ergießet,
+überflüssig, ewig helle
+Rings durch alle Welten fließet--
+
+MARIA AEGYPTIACA:
+Bei dem hochgeweihten Orte,
+Wo den Herrn man niederließ,
+Bei dem Arm, der von der Pforte
+Warnend mich zurücke stieß;
+Bei der vierzigjährigen Buße,
+Der ich treu in Wüsten blieb,
+Bei dem seligen Scheidegruße,
+Den im Sand ich niederschrieb--
+
+ZU DREI:
+Die du großen Sünderinnen
+Deine Nähe nicht verweigerst
+Und ein büßendes Gewinnen
+In die Ewigkeiten steigerst,
+Gönn auch dieser guten Seele,
+Die sich einmal nur vergessen,
+Die nicht ahnte, daß sie fehlte,
+Dein Verzeihen angemessen!
+
+UNA POENITENTIUM, SONST GRETCHEN GENANNT:
+Neige, neige,
+Du Ohnegleiche,
+Du Strahlenreiche,
+Dein Antlitz gnädig meinem Glück!
+Der früh Geliebte,
+Nicht mehr Getrübte,
+Er kommt zurück.
+
+SELIGE KNABEN:
+Er überwächst uns schon
+An mächtigen Gliedern,
+Wird treuer Pflege Lohn
+Reichlich erwidern.
+Wir wurden früh entfernt
+Von Lebechören;
+Doch dieser hat gelernt,
+Er wird uns lehren.
+
+DIE EINE BÜSSERIN, SONST GRETCHEN GENANNT:
+Vom edlen Geisterchor umgeben,
+Wird sich der Neue kaum gewahr,
+Er ahnet kaum das frische Leben,
+So gleicht er schon der heiligen Schar.
+Sieh, wie er jedem Erdenbande
+Der alten Hülle sich entrafft
+Und aus ätherischem Gewande
+Hervortritt erste Jugendkraft.
+Vergönne mir, ihn zu belehren,
+Noch blendet ihn der neue Tag.
+
+MATER GLORIOSA:
+Komm! hebe dich zu höhern Sphären!
+Wenn er dich ahnet, folgt er nach.
+
+DOCTOR MARIANUS:
+Blicket auf zum Retterblick,
+Alle reuig Zarten,
+Euch zu seligem Geschick
+Dankend umzuarten.
+Werde jeder beßre Sinn
+Dir zum Dienst erbötig;
+Jungfrau, Mutter, Königin,
+Göttin, bleibe gnädig!
+
+CHORUS MYSTICUS:
+Alles Vergängliche
+Ist nur ein Gleichnis;
+Das Unzulängliche,
+Hier wird's Ereignis;
+Das Unbeschreibliche,
+Hier ist's getan;
+Das Ewig-Weibliche
+Zieht uns hinan.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg Etext "Faust: Der Tragödie zweiter Teil", von Goethe
+
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