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+The Project Gutenberg EBook of Ein Landarzt, by Franz Kafka
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ein Landarzt
+ Kleine Erzählungen
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: July 3, 2007 [EBook #21989]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN LANDARZT ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+FRANZ KAFKA
+
+
+EIN LANDARZT
+
+KLEINE ERZÄHLUNGEN
+
+
+
+
+KURT WOLFF VERLAG
+
+
+
+Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag - München und Leipzig
+
+
+
+INHALT
+
+Der neue Advokat 1
+
+Ein Landarzt 6
+
+Auf der Galerie 34
+
+Ein altes Blatt 39
+
+Vor dem Gesetz 49
+
+Schakale und Araber 57
+
+Ein Besuch im Bergwerk 75
+
+Das nächste Dorf 88
+
+Eine kaiserliche Botschaft 90
+
+Die Sorge des Hausvaters 95
+
+Elf Söhne 102
+
+Ein Brudermord 125
+
+Ein Traum 135
+
+Ein Bericht für eine Akademie 145
+
+
+
+
+Meinem Vater
+
+
+
+
+Der neue Advokat.
+
+
+Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußern
+erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von
+Macedonien war. Wer allerdings mit den Umständen vertraut ist, bemerkt
+einiges. Doch sah ich letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz
+einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der
+Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel
+hebend, mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt von Stufe zu Stufe
+stieg.
+
+Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus. Mit
+erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalus bei der heutigen
+Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb,
+sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls
+Entgegenkommen verdient. Heute – das kann niemand leugnen – gibt es
+keinen großen Alexander. Zu morden verstehen zwar manche; auch an der
+Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund
+zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Macedonien zu eng, so daß sie
+Philipp, den Vater, verfluchen – aber niemand, niemand kann nach
+Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre
+Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute sind die Tore
+ganz anderswohin und weiter und höher vertragen; niemand zeigt die
+Richtung; viele halten Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln;
+und der Blick, der ihnen folgen will, verwirrt sich.
+
+Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es Bucephalus
+getan hat, in die Gesetzbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die
+Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern dem Getöse
+der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten
+Bücher.
+
+
+
+
+Ein Landarzt.
+
+
+Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor;
+ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten
+Dorfe; starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und
+ihm; einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere
+Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der
+Hand, stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte,
+das Pferd. Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der
+Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet; mein Dienstmädchen
+lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen; aber es war
+aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer
+unbeweglicher werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das
+Mädchen, allein, schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein
+Pferd her zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand
+keine Möglichkeit; zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die
+brüchige Tür des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles. Sie
+öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch wie
+von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an einem
+Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag, zeigte sein
+offenes blauäugiges Gesicht. »Soll ich anspannen?« fragte er, auf allen
+Vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte mich nur,
+um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen stand
+neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig
+hat,« sagte es, und wir beide lachten. »Hollah, Bruder, hollah,
+Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige
+flankenstarke Tiere schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib,
+die wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der
+Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten.
+Aber gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem
+Körper. »Hilf ihm,« sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht
+das Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es
+der Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und
+flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des
+Mädchens Wange. »Du Vieh,« schreie ich wütend, »willst du die
+Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist; daß ich
+nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle
+andern versagen. Als wisse er von meinen Gedanken, nimmt er meine
+Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur einmal, immer mit den
+Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein,« sagt er dann, und
+tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich,
+bin ich noch nie gefahren und ich steige fröhlich ein. »Kutschieren
+werde aber ich, du kennst nicht den Weg,« sage ich. »Gewiß,« sagt er,
+»ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.« »Nein,« schreit Rosa und
+läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins
+Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das
+Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend
+durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen.
+»Du fährst mit,« sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte auf die
+Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die
+Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht
+in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung;
+noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechtes
+birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen
+Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen
+Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof
+meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der
+Schneefall hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken
+eilen aus dem Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus
+dem Wagen; den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer
+ist die Luft kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich
+werde das Fenster aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen.
+Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd
+hebt sich der Junge unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals,
+flüstert mir ins Ohr: »Doktor, laß mich sterben.« Ich sehe mich um;
+niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten
+mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche
+gebracht. Ich öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der
+Junge tastet immerfort aus dem Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte
+zu erinnern; ich fasse eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege
+sie wieder hin. »Ja,« denke ich lästernd, »in solchen Fällen helfen die
+Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein
+zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht –« Jetzt erst
+fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe ich
+sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt,
+unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die
+Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von
+außen aufstoßen; jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt
+durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre
+gleich wieder zurück,« denke ich, als forderten mich die Pferde zur
+Reise auf, aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die
+Hitze betäubt glaubt, den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir
+bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die Schulter, die Hingabe seines
+Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in
+dem engen Denkkreis des Alten würde mir übel; nur aus diesem Grunde
+lehne ich es ab zu trinken. Die Mutter steht am Bett und lockt mich hin;
+ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den
+Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert.
+Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig
+schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt,
+aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich
+bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk
+angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast
+zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und hilfsbereit
+gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag der Junge
+recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem
+endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf,
+der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen;
+wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es.
+Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es
+wüßten, würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber
+im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre
+also mein Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht,
+daran bin ich gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der
+ganze Bezirk, aber daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses
+schöne Mädchen, das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause
+lebte – dieses Opfer ist zu groß, und ich muß es mir mit
+Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie zurechtlegen,
+um nicht auf diese Familie loszufahren, die mir ja beim besten Willen
+Rosa nicht zurückgeben kann. Als ich aber meine Handtasche schließe und
+nach meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater
+schnuppernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir
+wahrscheinlich enttäuscht – ja, was erwartet denn das Volk? –
+tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein schwer blutiges
+Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter Umständen
+zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich gehe zu ihm, er
+lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die allerstärkste Suppe
+– ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll wohl, höhern Orts
+angeordnet, die Untersuchung erleichtern – und nun finde ich: ja, der
+Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich
+eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen,
+dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit
+ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags.
+So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung.
+Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge
+meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem
+blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen
+Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu
+helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in
+deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist glücklich, sie sieht
+mich in Tätigkeit; die Schwester sagt’s der Mutter, die Mutter dem
+Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den Fußspitzen, mit
+ausgestreckten Armen balancierend, durch den Mondschein der offenen Tür
+hereinkommen. »Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge,
+ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in
+meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten
+Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die
+Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten
+mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich
+nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch
+das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines
+Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die
+Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der
+Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf
+den Text:
+
+ »Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
+ Und heilt er nicht, so tötet ihn!
+ ’Sist nur ein Arzt, ’sist nur ein Arzt.«
+
+Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem
+Kopf die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und
+bleibe es auch, trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich
+beim Kopf und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die
+Seite der Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür
+wird zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm
+liegt das Bettzeug um mich; schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in
+den Fensterlöchern. »Weißt du,« höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein
+Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo
+abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du
+mir mein Sterbebett ein. Am liebsten kratzte ich dir die Augen aus.«
+»Richtig,« sage ich, »es ist eine Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was
+soll ich tun? Glaube mir, es wird auch mir nicht leicht.« »Mit dieser
+Entschuldigung soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl. Immer muß ich
+mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war
+meine ganze Ausstattung.« »Junger Freund,« sage ich, »dein Fehler ist:
+du hast keinen Überblick. Ich, der ich schon in allen Krankenstuben,
+weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im
+spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre
+Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn, daß sie
+ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder täuschest du mich im
+Fieber?« »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort eines Amtsarztes mit
+hinüber.« Und er nahm’s und wurde still. Aber jetzt war es Zeit, an
+meine Rettung zu denken. Noch standen treu die Pferde an ihren Plätzen.
+Kleider, Pelz und Tasche waren schnell zusammengerafft; mit dem
+Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie
+auf der Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen aus diesem Bett in meines.
+Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster zurück; ich warf den Ballen in
+den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit einem Ärmel hielt er sich an
+einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang mich aufs Pferd. Die Riemen
+lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem andern verbunden, der Wagen
+irrend hinterher, der Pelz als letzter im Schnee. »Munter!« sagte ich,
+aber munter ging’s nicht; langsam wie alte Männer zogen wir durch die
+Schneewüste; lange klang hinter uns der neue, aber irrtümliche Gesang
+der Kinder:
+
+ »Freuet Euch, Ihr Patienten,
+ Der Arzt ist Euch ins Bett gelegt!«
+
+Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein
+Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht
+ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein
+Opfer; ich will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses
+unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen
+Pferden, treibe ich mich alter Mann umher. Mein Pelz hängt hinten am
+Wagen, ich kann ihn aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen
+Gesindel der Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem
+Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.
+
+
+
+
+Auf der Galerie.
+
+
+Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege
+auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom
+peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne
+Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde
+schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses
+Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der
+Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich
+fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden
+Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind –
+vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch
+alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das: Halt! durch die
+Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
+
+Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt,
+zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen;
+der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr
+entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie
+seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt
+begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben;
+schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit
+offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes
+verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen
+Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu
+peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Saltomortale das
+Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen;
+schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen
+küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während
+sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht,
+mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem
+ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher
+das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren
+Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.
+
+
+
+
+Ein altes Blatt.
+
+
+Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres
+Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer
+Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber
+Sorgen.
+
+Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen
+Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich
+schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten
+besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden
+aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die
+Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist.
+Jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß jeden Morgen mehr werden.
+
+Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser
+verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter,
+dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen,
+immer ängstlich rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall
+gemacht. Wir versuchen zwar manchmal aus unseren Geschäften
+hervorzulaufen und wenigstens den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es
+geschieht immer seltener, denn die Anstrengung ist nutzlos und bringt
+uns überdies in die Gefahr, unter die wilden Pferde zu kommen oder von
+den Peitschen verletzt zu werden.
+
+Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie
+nicht, ja sie haben kaum eine eigene. Unter einander verständigen sie
+sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen.
+Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso
+unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch gegen
+jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die
+Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und
+werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das
+Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie
+damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so
+ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß
+sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt
+ihnen alles.
+
+Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann
+aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem
+Fleischer gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon
+alles entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde
+fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide
+nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der
+Fleischhauer ist ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen
+aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und
+unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen
+zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst
+wenn sie täglich Fleisch bekommen.
+
+Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des
+Schlachtens sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das
+darf er nicht mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in
+meiner Werkstatt platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und
+Polster hatte ich über mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen
+nicht zu hören, den von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den
+Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es
+still, ehe ich mich auszugehen getraute; wie Trinker um ein Weinfaß
+lagen sie müde um die Reste des Ochsen.
+
+Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des
+Palastes gesehen zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren
+Gemächer, immer nur lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand
+er, so schien es mir wenigstens, an einem der Fenster und blickte mit
+gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloß.
+
+»Wie wird es werden?« fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese
+Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden
+angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor
+bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein- und
+ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern
+und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind
+aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie
+gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es, und wir gehen
+daran zugrunde.«
+
+
+
+
+Vor dem Gesetz.
+
+
+Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom
+Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß
+er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und
+fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich,«
+sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht
+wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch
+das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und
+sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes
+hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste
+Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der
+andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr
+ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet;
+das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als
+er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große
+Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt
+er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt
+bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von
+der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele
+Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine
+Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn
+über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose
+Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer
+wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für
+seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es
+noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles
+an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas
+versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den
+Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser
+erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz.
+Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren
+rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor
+sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des
+Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er
+auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich
+wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich
+dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er
+jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des
+Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln
+sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage,
+die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu,
+da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der
+Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied
+hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn
+jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle
+streben doch nach dem Gesetz,« sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in
+den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter
+erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes
+Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst
+Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe
+jetzt und schließe ihn.«
+
+
+
+
+Schakale und Araber.
+
+
+Wir lagerten in der Oase. Die Gefährten schliefen. Ein Araber, hoch und
+weiß, kam an mir vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum
+Schlafplatz.
+
+Ich warf mich rücklings ins Gras; ich wollte schlafen; ich konnte
+nicht; das Klagegeheul eines Schakals in der Ferne; ich saß wieder
+aufrecht. Und was so weit gewesen war, war plötzlich nah. Ein Gewimmel
+von Schakalen um mich her; in mattem Gold erglänzende, verlöschende
+Augen; schlanke Leiber, wie unter einer Peitsche gesetzmäßig und flink
+bewegt.
+
+Einer kam von rückwärts, drängte sich, unter meinem Arm durch, eng an
+mich, als brauche er meine Wärme, trat dann vor mich und sprach, fast
+Aug in Aug mit mir:
+
+»Ich bin der älteste Schakal, weit und breit. Ich bin glücklich, dich
+noch hier begrüßen zu können. Ich hatte schon die Hoffnung fast
+aufgegeben, denn wir warten unendlich lange auf dich; meine Mutter hat
+gewartet und ihre Mutter und weiter alle ihre Mütter bis hinauf zur
+Mutter aller Schakale. Glaube es!«
+
+»Das wundert mich,« sagte ich und vergaß, den Holzstoß anzuzünden, der
+bereit lag, um mit seinem Rauch die Schakale abzuhalten, »das wundert
+mich sehr zu hören. Nur zufällig komme ich aus dem hohen Norden und bin
+auf einer kurzen Reise begriffen. Was wollt Ihr denn, Schakale?«
+
+Und wie ermutigt durch diesen vielleicht allzu freundlichen Zuspruch
+zogen sie ihren Kreis enger um mich; alle atmeten kurz und fauchend.
+
+»Wir wissen,« begann der Älteste, »daß du vom Norden kommst, darauf eben
+baut sich unsere Hoffnung. Dort ist der Verstand, der hier unter den
+Arabern nicht zu finden ist. Aus diesem kalten Hochmut, weißt du, ist
+kein Funken Verstand zu schlagen. Sie töten Tiere, um sie zu fressen,
+und Aas mißachten sie.«
+
+»Rede nicht so laut,« sagte ich, »es schlafen Araber in der Nähe.«
+
+»Du bist wirklich ein Fremder,« sagte der Schakal, »sonst wüßtest du,
+daß noch niemals in der Weltgeschichte ein Schakal einen Araber
+gefürchtet hat. Fürchten sollten wir sie? Ist es nicht Unglück genug,
+daß wir unter solches Volk verstoßen sind?«
+
+»Mag sein, mag sein,« sagte ich, »ich maße mir kein Urteil an in Dingen,
+die mir so fern liegen; es scheint ein sehr alter Streit; liegt also
+wohl im Blut; wird also vielleicht erst mit dem Blute enden.«
+
+»Du bist sehr klug,« sagte der alte Schakal; und alle atmeten noch
+schneller; mit gehetzten Lungen, trotzdem sie doch stillestanden; ein
+bitterer, zeitweilig nur mit zusammengeklemmten Zähnen erträglicher
+Geruch entströmte den offenen Mäulern, »du bist sehr klug; das, was du
+sagst, entspricht unserer alten Lehre. Wir nehmen ihnen also ihr Blut
+und der Streit ist zu Ende.«
+
+»Oh!« sagte ich wilder, als ich wollte, »sie werden sich wehren; sie
+werden mit ihren Flinten euch rudelweise niederschießen.«
+
+»Du mißverstehst uns,« sagte er, »nach Menschenart, die sich also auch
+im hohen Norden nicht verliert. Wir werden sie doch nicht töten. Soviel
+Wasser hätte der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch
+schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft,
+in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist.«
+
+Und alle Schakale ringsum, zu denen inzwischen noch viele von fernher
+gekommen waren, senkten die Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten
+sie mit den Pfoten; es war, als wollten sie einen Widerwillen verbergen,
+der so schrecklich war, daß ich am liebsten mit einem hohen Sprung aus
+ihrem Kreis entflohen wäre.
+
+»Was beabsichtigt Ihr also zu tun,« fragte ich und wollte aufstehn;
+aber ich konnte nicht; zwei junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock
+und Hemd festgebissen; ich mußte sitzen bleiben. »Sie halten deine
+Schleppe,« sagte der alte Schakal erklärend und ernsthaft, »eine
+Ehrbezeugung.« »Sie sollen mich loslassen!« rief ich, bald zum Alten,
+bald zu den Jungen gewendet. »Sie werden es natürlich,« sagte der Alte,
+»wenn du es verlangst. Es dauert aber ein Weilchen, denn sie haben nach
+der Sitte tief sich eingebissen und müssen erst langsam die Gebisse
+voneinander lösen. Inzwischen höre unsere Bitte.« »Euer Verhalten hat
+mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht,« sagte ich. »Laß uns unser
+Ungeschick nicht entgelten,« sagte er und nahm jetzt zum erstenmal den
+Klageton seiner natürlichen Stimme zu Hilfe, »wir sind arme Tiere, wir
+haben nur das Gebiß; für alles, was wir tun wollen, das Gute und das
+Schlechte, bleibt uns einzig das Gebiß.« »Was willst du also?« fragte
+ich, nur wenig besänftigt.
+
+»Herr,« rief er, und alle Schakale heulten auf; in fernster Ferne schien
+es mir eine Melodie zu sein. »Herr, du sollst den Streit beenden, der
+die Welt entzweit. So wie du bist, haben unsere Alten den beschrieben,
+der es tun wird. Frieden müssen wir haben von den Arabern; atembare
+Luft; gereinigt von ihnen den Ausblick rund am Horizont; kein
+Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber absticht; ruhig soll alles
+Getier krepieren; ungestört soll es von uns leergetrunken und bis auf
+die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als Reinheit wollen wir,«
+– und nun weinten, schluchzten alle – »wie erträgst nur du es in
+dieser Welt, du edles Herz und süßes Eingeweide? Schmutz ist ihr Weiß;
+Schmutz ist ihr Schwarz; ein Grauen ist ihr Bart; speien muß man beim
+Anblick ihrer Augenwinkel; und heben sie den Arm, tut sich in der
+Achselhöhle die Hölle auf. Darum, o Herr, darum o teuerer Herr, mit
+Hilfe deiner alles vermögenden Hände, mit Hilfe deiner alles
+vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Schere die Hälse durch!« Und
+einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein Schakal herbei, der an einem
+Eckzahn eine kleine, mit altem Rost bedeckte Nähschere trug.
+
+»Also endlich die Schere und damit Schluß!« rief der Araberführer
+unserer Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte
+und nun seine riesige Peitsche schwang.
+
+Alles verlief sich eiligst, aber in einiger Entfernung blieben sie
+doch, eng zusammengekauert, die vielen Tiere so eng und starr, daß es
+aussah wie eine schmale Hürde, von Irrlichtern umflogen.
+
+»So hast du, Herr, auch dieses Schauspiel gesehen und gehört,« sagte der
+Araber und lachte so fröhlich, als es die Zurückhaltung seines Stammes
+erlaubte. »Du weißt also, was die Tiere wollen?« fragte ich. »Natürlich,
+Herr,« sagte er, »das ist doch allbekannt; solange es Araber gibt,
+wandert diese Schere durch die Wüste und wird mit uns wandern bis ans
+Ende der Tage. Jedem Europäer wird sie angeboten zu dem großen Werk;
+jeder Europäer ist gerade derjenige, welcher ihnen berufen scheint. Eine
+unsinnige Hoffnung haben diese Tiere; Narren, wahre Narren sind sie. Wir
+lieben sie deshalb; es sind unsere Hunde; schöner als die Eurigen. Sieh
+nur, ein Kamel ist in der Nacht verendet, ich habe es herschaffen
+lassen.«
+
+Vier Träger kamen und warfen den schweren Kadaver vor uns hin. Kaum lag
+er da, erhoben die Schakale ihre Stimmen. Wie von Stricken
+unwiderstehlich jeder einzelne gezogen, kamen sie, stockend, mit dem
+Leib den Boden streifend, heran. Sie hatten die Araber vergessen, den
+Haß vergessen, die alles auslöschende Gegenwart des stark ausdunstenden
+Leichnams bezauberte sie. Schon hing einer am Hals und fand mit dem
+ersten Biß die Schlagader. Wie eine kleine rasende Pumpe, die ebenso
+unbedingt wie aussichtslos einen übermächtigen Brand löschen will,
+zerrte und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz. Und schon
+lagen in gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg.
+
+Da strich der Führer kräftig mit der scharfen Peitsche kreuz und quer
+über sie. Sie hoben die Köpfe; halb in Rausch und Ohnmacht; sahen die
+Araber vor sich stehen; bekamen jetzt die Peitsche mit den Schnauzen zu
+fühlen; zogen sich im Sprung zurück und liefen eine Strecke rückwärts.
+Aber das Blut des Kamels lag schon in Lachen da, rauchte empor, der
+Körper war an mehreren Stellen weit aufgerissen. Sie konnten nicht
+widerstehen; wieder waren sie da; wieder hob der Führer die Peitsche;
+ich faßte seinen Arm.
+
+»Du hast Recht, Herr,« sagte er, »wir lassen sie bei ihrem Beruf; auch
+ist es Zeit aufzubrechen. Gesehen hast du sie. Wunderbare Tiere, nicht
+wahr? Und wie sie uns hassen!«
+
+
+
+
+Ein Besuch im Bergwerk.
+
+
+Heute waren die obersten Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein
+Auftrag der Direktion ergangen, neue Stollen zu legen, und da kamen die
+Ingenieure, um die allerersten Ausmessungen vorzunehmen. Wie jung diese
+Leute sind und dabei schon so verschiedenartig! Sie haben sich alle frei
+entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar bestimmtes Wesen schon in
+jungen Jahren.
+
+Einer, schwarzhaarig, lebhaft, läßt seine Augen überallhin laufen.
+
+Ein Zweiter mit einem Notizblock, macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht
+umher, vergleicht, notiert.
+
+Ein Dritter, die Hände in den Rocktaschen, so daß sich alles an ihm
+spannt, geht aufrecht; wahrt die Würde; nur im fortwährenden Beißen
+seiner Lippen zeigt sich die ungeduldige, nicht zu unterdrückende
+Jugend.
+
+Ein Vierter gibt dem Dritten Erklärungen, die dieser nicht verlangt;
+kleiner als er, wie ein Versucher neben ihm herlaufend, scheint er, den
+Zeigefinger immer in der Luft, eine Litanei über alles, was hier zu
+sehen ist, ihm vorzutragen.
+
+Ein Fünfter, vielleicht der oberste im Rang, duldet keine Begleitung;
+ist bald vorn, bald hinten; die Gesellschaft richtet ihren Schritt nach
+ihm; er ist bleich und schwach; die Verantwortung hat seine Augen
+ausgehöhlt; oft drückt er im Nachdenken die Hand an die Stirn.
+
+Der Sechste und Siebente gehen ein wenig gebückt, Kopf nah an Kopf, Arm
+in Arm, in vertrautem Gespräch; wäre hier nicht offenbar unser
+Kohlenbergwerk und unser Arbeitsplatz im tiefsten Stollen, könnte man
+glauben, diese knochigen, bartlosen, knollennasigen Herren seien junge
+Geistliche. Der eine lacht meistens mit katzenartigem Schnurren in sich
+hinein; der andere, gleichfalls lächelnd, führt das Wort und gibt mit
+der freien Hand irgendeinen Takt dazu. Wie sicher müssen diese zwei
+Herren ihrer Stellung sein, ja welche Verdienste müssen sie sich trotz
+ihrer Jugend um unser Bergwerk schon erworben haben, daß sie hier, bei
+einer so wichtigen Begehung, unter den Augen ihres Chefs, nur mit
+eigenen oder wenigstens mit solchen Angelegenheiten, die nicht mit der
+augenblicklichen Aufgabe zusammenhängen, so unbeirrbar sich beschäftigen
+dürfen. Oder sollte es möglich sein, daß sie, trotz alles Lachens und
+aller Unaufmerksamkeit, das, was nötig ist, sehr wohl bemerken? Man wagt
+über solche Herren kaum ein bestimmtes Urteil abzugeben.
+
+Andererseits ist es aber doch wieder zweifellos, daß zum Beispiel der
+Achte unvergleichlich mehr als diese, ja mehr als alle anderen Herren
+bei der Sache ist. Er muß alles anfassen und mit einem kleinen Hammer,
+den er immer wieder aus der Tasche zieht und immer wieder dort verwahrt,
+beklopfen. Manchmal kniet er trotz seiner eleganten Kleidung in den
+Schmutz nieder und beklopft den Boden, dann wieder nur im Gehen die
+Wände oder die Decke über seinem Kopf. Einmal hat er sich lang hingelegt
+und lag dort still; wir dachten schon, es sei ein Unglück geschehen;
+aber dann sprang er mit einem kleinen Zusammenzucken seines schlanken
+Körpers auf. Er hatte also wieder nur eine Untersuchung gemacht. Wir
+glauben unser Bergwerk und seine Steine zu kennen, aber was dieser
+Ingenieur auf diese Weise hier immerfort untersucht, ist uns
+unverständlich.
+
+Ein Neunter schiebt vor sich eine Art Kinderwagen, in welchem die
+Meßapparate liegen. Äußerst kostbare Apparate, tief in zarteste Watte
+eingelegt. Diesen Wagen sollte ja eigentlich der Diener schieben, aber
+es wird ihm nicht anvertraut; ein Ingenieur mußte heran und er tut es
+gern, wie man sieht. Er ist wohl der Jüngste, vielleicht versteht er
+noch gar nicht alle Apparate, aber sein Blick ruht immerfort auf ihnen,
+fast kommt er dadurch manchmal in Gefahr, mit dem Wagen an eine Wand zu
+stoßen.
+
+Aber da ist ein anderer Ingenieur, der neben dem Wagen hergeht und es
+verhindert. Dieser versteht offenbar die Apparate von Grund aus und
+scheint ihr eigentlicher Verwahrer zu sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er,
+ohne den Wagen anzuhalten, einen Bestandteil der Apparate heraus, blickt
+hindurch, schraubt auf oder zu, schüttelt und beklopft, hält ans Ohr und
+horcht; und legt schließlich, während der Wagenführer meist stillsteht,
+das kleine, von der Ferne kaum sichtbare Ding mit aller Vorsicht wieder
+in den Wagen. Ein wenig herrschsüchtig ist dieser Ingenieur, aber doch
+nur im Namen der Apparate. Zehn Schritte vor dem Wagen sollen wir
+schon, auf ein wortloses Fingerzeichen hin, zur Seite weichen, selbst
+dort, wo kein Platz zum Ausweichen ist.
+
+Hinter diesen zwei Herren geht der unbeschäftigte Diener. Die Herren
+haben, wie es bei ihrem großen Wissen selbstverständlich ist, längst
+jeden Hochmut abgelegt, der Diener dagegen scheint ihn in sich
+aufgesammelt zu haben. Die eine Hand im Rücken, mit der anderen vorn
+über seine vergoldeten Knöpfe oder das feine Tuch seines Livreerockes
+streichend, nickt er öfters nach rechts und links, so als ob wir gegrüßt
+hätten und er antwortete, oder so, als nehme er an, daß wir gegrüßt
+hätten, könne es aber von seiner Höhe aus nicht nachprüfen. Natürlich
+grüßen wir ihn nicht, aber doch möchte man bei seinem Anblick fast
+glauben, es sei etwas Ungeheures, Kanzleidiener der Bergdirektion zu
+sein. Hinter ihm lachen wir allerdings, aber da auch ein Donnerschlag
+ihn nicht veranlassen könnte, sich umzudrehen, bleibt er doch als etwas
+Unverständliches in unserer Achtung.
+
+Heute wird wenig mehr gearbeitet; die Unterbrechung war zu ausgiebig;
+ein solcher Besuch nimmt alle Gedanken an Arbeit mit sich fort. Allzu
+verlockend ist es, den Herren in das Dunkel des Probestollens
+nachzublicken, in dem sie alle verschwunden sind. Auch geht unsere
+Arbeitsschicht bald zu Ende; wir werden die Rückkehr der Herren nicht
+mehr mit ansehen.
+
+
+
+
+Das nächste Dorf.
+
+
+Mein Großvater pflegte zu sagen: »Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt
+in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel
+kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste
+Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß – von unglücklichen Zufällen ganz
+abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden
+Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.«
+
+
+
+
+Eine kaiserliche Botschaft.
+
+
+Der Kaiser – so heißt es – hat Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen
+Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne
+geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett
+aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknieen
+lassen und ihm die Botschaft ins Ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an
+ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch
+Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der
+ganzen Zuschauerschaft seines Todes – alle hindernden Wände werden
+niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen
+stehen im Ring die Großen des Reichs – vor allen diesen hat er den
+Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein
+kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm
+vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand,
+zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch
+leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre
+Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er
+fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste
+an Deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer
+noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals
+wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die
+Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre
+gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite
+umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein
+Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus
+dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen – liegt
+erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll
+ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft
+eines Toten. – Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir,
+wenn der Abend kommt.
+
+
+
+
+Die Sorge des Hausvaters.
+
+
+Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie
+suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere
+wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur
+beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht
+darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von
+ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.
+
+Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es
+nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus
+wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch
+mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte,
+aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von
+verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule,
+sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor
+und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit
+Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der
+Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf
+zwei Beinen aufrecht stehen.
+
+Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine
+zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint
+aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen
+dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas
+Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in
+seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber
+sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.
+
+Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den
+Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist
+er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich
+wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er
+lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen.
+Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt
+ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. »Wie heißt
+du denn?« fragt man ihn. »Odradek,« sagt er. »Und wo wohnst du?«
+»Unbestimmter Wohnsitz,« sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen,
+wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das
+Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu
+Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft
+ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.
+
+Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn
+sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit
+gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu.
+Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und
+Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe
+hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung,
+daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.
+
+
+
+
+Elf Söhne.
+
+
+Ich habe elf Söhne.
+
+Der Erste ist äußerlich sehr unansehnlich, aber ernsthaft und klug;
+trotzdem schätze ich ihn, wiewohl ich ihn als Kind wie alle andern
+liebe, nicht sehr hoch ein. Sein Denken scheint mir zu einfach. Er
+sieht nicht rechts noch links und nicht in die Weite; in seinem kleinen
+Gedankenkreis läuft er immerfort rundum oder dreht sich vielmehr.
+
+Der Zweite ist schön, schlank, wohlgebaut; es entzückt, ihn in
+Fechterstellung zu sehen. Auch er ist klug, aber überdies welterfahren;
+er hat viel gesehen, und deshalb scheint selbst die heimische Natur
+vertrauter mit ihm zu sprechen, als mit den Daheimgebliebenen. Doch ist
+gewiß dieser Vorzug nicht nur und nicht einmal wesentlich dem Reisen zu
+verdanken, er gehört vielmehr zu dem Unnachahmlichen dieses Kindes, das
+zum Beispiel von jedem anerkannt wird, der etwa seinen vielfach sich
+überschlagenden und doch geradezu wild beherrschten Kunstsprung ins
+Wasser ihm nachmachen will. Bis zum Ende des Sprungbrettes reicht der
+Mut und die Lust, dort aber statt zu springen, setzt sich plötzlich der
+Nachahmer und hebt entschuldigend die Arme. – Und trotz dem allen (ich
+sollte doch eigentlich glückselig sein über ein solches Kind) ist mein
+Verhältnis zu ihm nicht ungetrübt. Sein linkes Auge ist ein wenig
+kleiner als das rechte und zwinkert viel; ein kleiner Fehler nur, gewiß,
+der sein Gesicht sogar noch verwegener macht als es sonst gewesen wäre,
+und niemand wird gegenüber der unnahbaren Abgeschlossenheit seines
+Wesens dieses kleinere zwinkernde Auge tadelnd bemerken. Ich, der Vater,
+tue es. Es ist natürlich nicht dieser körperliche Fehler, der mir weh
+tut, sondern eine ihm irgendwie entsprechende kleine Unregelmäßigkeit
+seines Geistes, irgendein in seinem Blut irrendes Gift, irgendeine
+Unfähigkeit, die mir allein sichtbare Anlage seines Lebens rund zu
+vollenden. Gerade dies macht ihn allerdings andererseits wieder zu
+meinem wahren Sohn, denn dieser sein Fehler ist gleichzeitig der Fehler
+unserer ganzen Familie und an diesem Sohn nur überdeutlich.
+
+Der dritte Sohn ist gleichfalls schön, aber es ist nicht die Schönheit,
+die mir gefällt. Es ist die Schönheit des Sängers: der geschwungene
+Mund; das träumerische Auge; der Kopf, der eine Draperie hinter sich
+benötigt, um zu wirken; die unmäßig sich wölbende Brust; die leicht
+auffahrenden und viel zu leicht sinkenden Hände; die Beine, die sich
+zieren, weil sie nicht tragen können. Und überdies: der Ton seiner
+Stimme ist nicht voll; trügt einen Augenblick; läßt den Kenner
+aufhorchen; veratmet aber kurz darauf. – Trotzdem im allgemeinen alles
+verlockt, diesen Sohn zur Schau zu stellen, halte ich ihn doch am
+liebsten im Verborgenen; er selbst drängt sich nicht auf, aber nicht
+etwa deshalb, weil er seine Mängel kennt, sondern aus Unschuld. Auch
+fühlt er sich fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner
+Familie, aber überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen,
+ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern.
+
+Mein vierter Sohn ist vielleicht der umgänglichste von allen. Ein wahres
+Kind seiner Zeit, ist er jedermann verständlich, er steht auf dem allen
+gemeinsamen Boden und jeder ist versucht, ihm zuzunicken. Vielleicht
+durch diese allgemeine Anerkennung gewinnt sein Wesen etwas Leichtes,
+seine Bewegungen etwas Freies, seine Urteile etwas Unbekümmertes. Manche
+seiner Aussprüche möchte man oft wiederholen, allerdings nur manche,
+denn in seiner Gesamtheit krankt er doch wieder an allzu großer
+Leichtigkeit. Er ist wie einer, der bewundernswert abspringt,
+schwalbengleich die Luft teilt, dann aber doch trostlos im öden Staube
+endet, ein Nichts. Solche Gedanken vergällen mir den Anblick dieses
+Kindes.
+
+Der fünfte Sohn ist lieb und gut; versprach viel weniger als er hielt;
+war so unbedeutend, daß man sich förmlich in seiner Gegenwart allein
+fühlte; hat es aber doch zu einigem Ansehen gebracht. Fragte man mich,
+wie das geschehen ist, so könnte ich kaum antworten. Unschuld dringt
+vielleicht doch noch am leichtesten durch das Toben der Elemente in
+dieser Welt, und unschuldig ist er. Vielleicht allzu unschuldig.
+Freundlich zu jedermann. Vielleicht allzu freundlich. Ich gestehe: mir
+wird nicht wohl, wenn man ihn mir gegenüber lobt. Es heißt doch, sich
+das Loben etwas zu leicht zu machen, wenn man einen so offensichtlich
+Lobenswürdigen lobt, wie es mein Sohn ist.
+
+Mein sechster Sohn scheint, wenigstens auf den ersten Blick, der
+tiefsinnigste von allen. Ein Kopfhänger und doch ein Schwätzer. Deshalb
+kommt man ihm nicht leicht bei. Ist er am Unterliegen, so verfällt er in
+unbesiegbare Traurigkeit; erlangt er das Übergewicht, so wahrt er es
+durch Schwätzen. Doch spreche ich ihm eine gewisse selbstvergessene
+Leidenschaft nicht ab; bei hellem Tag kämpft er sich oft durch das
+Denken wie im Traum. Ohne krank zu sein – vielmehr hat er eine sehr
+gute Gesundheit – taumelt er manchmal, besonders in der Dämmerung,
+braucht aber keine Hilfe, fällt nicht. Vielleicht hat an dieser
+Erscheinung seine körperliche Entwicklung schuld, er ist viel zu groß
+für sein Alter. Das macht ihn unschön im Ganzen, trotz auffallend
+schöner Einzelheiten, zum Beispiel der Hände und Füße. Unschön ist
+übrigens auch seine Stirn; sowohl in der Haut, als in der Knochenbildung
+irgendwie verschrumpft.
+
+Der siebente Sohn gehört mir vielleicht mehr als alle andern. Die Welt
+versteht ihn nicht zu würdigen; seine besondere Art von Witz versteht
+sie nicht. Ich überschätze ihn nicht; ich weiß, er ist geringfügig
+genug; hätte die Welt keinen andern Fehler als den, daß sie ihn nicht zu
+würdigen weiß, sie wäre noch immer makellos. Aber innerhalb der Familie
+wollte ich diesen Sohn nicht missen. Sowohl Unruhe bringt er, als auch
+Ehrfurcht vor der Überlieferung, und beides fügt er, wenigstens für mein
+Gefühl, zu einem unanfechtbaren Ganzen. Mit diesem Ganzen weiß er
+allerdings selbst am wenigsten etwas anzufangen; das Rad der Zukunft
+wird er nicht ins Rollen bringen; aber diese seine Anlage ist so
+aufmunternd, so hoffnungsreich; ich wollte, er hätte Kinder und diese
+wieder Kinder. Leider scheint sich dieser Wunsch nicht erfüllen zu
+wollen. In einer mir zwar begreiflichen, aber ebenso unerwünschten
+Selbstzufriedenheit, die allerdings in großartigem Gegensatz zum Urteil
+seiner Umgebung steht, treibt er sich allein umher, kümmert sich nicht
+um Mädchen und wird trotzdem niemals seine gute Laune verlieren.
+
+Mein achter Sohn ist mein Schmerzenskind, und ich weiß eigentlich keinen
+Grund dafür. Er sieht mich fremd an, und ich fühle mich doch väterlich
+eng mit ihm verbunden. Die Zeit hat vieles gut gemacht; früher aber
+befiel mich manchmal ein Zittern, wenn ich nur an ihn dachte. Er geht
+seinen eigenen Weg; hat alle Verbindungen mit mir abgebrochen; und wird
+gewiß mit seinem harten Schädel, seinem kleinen athletischen Körper –
+nur die Beine hatte er als Junge recht schwach, aber das mag sich
+inzwischen schon ausgeglichen haben – überall durchkommen, wo es ihm
+beliebt. Öfters hatte ich Lust, ihn zurückzurufen, ihn zu fragen, wie es
+eigentlich um ihn steht, warum er sich vom Vater so abschließt und was
+er im Grunde beabsichtigt, aber nun ist er so weit und so viel Zeit ist
+schon vergangen, nun mag es so bleiben wie es ist. Ich höre, daß er als
+der einzige meiner Söhne einen Vollbart trägt; schön ist das bei einem
+so kleinen Mann natürlich nicht.
+
+Mein neunter Sohn ist sehr elegant und hat den für Frauen bestimmten
+süßen Blick. So süß, daß er bei Gelegenheit sogar mich verführen kann,
+der ich doch weiß, daß förmlich ein nasser Schwamm genügt, um allen
+diesen überirdischen Glanz wegzuwischen. Das Besondere an diesem Jungen
+aber ist, daß er gar nicht auf Verführung ausgeht; ihm würde es genügen,
+sein Leben lang auf dem Kanapee zu liegen und seinen Blick an die
+Zimmerdecke zu verschwenden oder noch viel lieber ihn unter den
+Augenlidern ruhen zu lassen. Ist er in dieser von ihm bevorzugten Lage,
+dann spricht er gern und nicht übel; gedrängt und anschaulich; aber doch
+nur in engen Grenzen; geht er über sie hinaus, was sich bei ihrer Enge
+nicht vermeiden läßt, wird sein Reden ganz leer. Man würde ihm abwinken,
+wenn man Hoffnung hätte, daß dieser mit Schlaf gefüllte Blick es
+bemerken könnte.
+
+Mein zehnter Sohn gilt als unaufrichtiger Charakter. Ich will diesen
+Fehler nicht ganz in Abrede stellen, nicht ganz bestätigen. Sicher ist,
+daß, wer ihn in der weit über sein Alter hinausgehenden Feierlichkeit
+herankommen sieht, im immer festgeschlossenen Gehrock, im alten, aber
+übersorgfältig geputzten schwarzen Hut, mit dem unbewegten Gesicht, dem
+etwas vorragenden Kinn, den schwer über die Augen sich wölbenden Lidern,
+den manchmal an den Mund geführten zwei Fingern – wer ihn so sieht,
+denkt: das ist ein grenzenloser Heuchler. Aber, nun höre man ihn reden!
+Verständig; mit Bedacht; kurz angebunden; mit boshafter Lebendigkeit
+Fragen durchkreuzend; in erstaunlicher, selbstverständlicher und froher
+Übereinstimmung mit dem Weltganzen; eine Übereinstimmung, die
+notwendigerweise den Hals strafft und den Kopf erheben läßt. Viele, die
+sich sehr klug dünken und die sich, aus diesem Grunde wie sie meinten,
+von seinem Äußern abgestoßen fühlten, hat er durch sein Wort stark
+angezogen. Nun gibt es aber wieder Leute, die sein Äußeres gleichgültig
+läßt, denen aber sein Wort heuchlerisch erscheint. Ich, als Vater, will
+hier nicht entscheiden, doch muß ich eingestehen, daß die letzteren
+Beurteiler jedenfalls beachtenswerter sind als die ersteren.
+
+Mein elfter Sohn ist zart, wohl der schwächste unter meinen Söhnen; aber
+täuschend in seiner Schwäche; er kann nämlich zu Zeiten kräftig und
+bestimmt sein, doch ist allerdings selbst dann die Schwäche irgendwie
+grundlegend. Es ist aber keine beschämende Schwäche, sondern etwas, das
+nur auf diesem unsern Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum
+Beispiel auch Flugbereitschaft Schwäche, da sie doch Schwanken und
+Unbestimmtheit und Flattern ist? Etwas Derartiges zeigt mein Sohn. Den
+Vater freuen natürlich solche Eigenschaften nicht; sie gehen ja offenbar
+auf Zerstörung der Familie aus. Manchmal blickt er mich an, als wollte
+er mir sagen: »Ich werde dich mitnehmen, Vater.« Dann denke ich: »Du
+wärst der Letzte, dem ich mich vertraue.« Und sein Blick scheint wieder
+zu sagen: »Mag ich also wenigstens der Letzte sein.«
+
+Das sind die elf Söhne.
+
+
+
+
+Ein Brudermord.
+
+
+Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:
+
+Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren
+Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in
+welcher sein Bureau lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er
+wohnte.
+
+Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes
+blaues Kleid angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte
+keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb
+Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im
+Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte
+auf; nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des
+Pflasters, daß es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden
+gut zu machen, strich er mit ihr violinbogenartig über seine
+Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt,
+gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in
+die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.
+
+Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem
+Fenster im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergründe die
+Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten
+Leib gegürtet, kopfschüttelnd, blickte er hinab.
+
+Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den
+Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute
+ungewöhnlich lange zögerte.
+
+Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Bureau, zu laut für eine
+Türglocke, über die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige
+Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch
+das Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster
+seine ruhigen Schritte.
+
+Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts versäumen. Frau Wese
+schließt, beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber
+kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er
+nur Gesicht und Hände gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar.
+
+Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen,
+nur mit dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse. Eine Laune.
+Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene.
+Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem
+gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zusammen, um ihm die allernächste
+Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen
+Platz. An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er
+geht ins Messer des Schmar.
+
+»Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt,
+das Messer scharf gesenkt, »Wese! Vergebens wartet Julia!« Und rechts in
+den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht
+Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich
+wie Wese.
+
+»Getan«, sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen
+Ballast, gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes!
+Erleichterung, Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese,
+alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen
+Straßengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase,
+daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest ganz und gar. Nicht
+alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein schwerer Rest
+liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage,
+die du damit stellst?«
+
+Pallas, alles Gift durcheinander würgend in seinem Leib, steht in
+seiner zweiflügelig aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles
+bemerkt, nichts übersehen.« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas
+befriedigt’s, Schmar kommt zu keinem Ende.
+
+Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor
+Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie
+stürzt über Wese, der nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über
+dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der
+Menge.
+
+Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die
+Schulter des Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.
+
+
+
+
+Ein Traum.
+
+
+Josef K. träumte:
+
+Es war ein schöner Tag und K. wollte spazieren gehen. Kaum aber hatte er
+zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. Es waren dort sehr
+künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen
+solchen Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich
+schwebender Haltung. Schon von der Ferne faßte er einen frisch
+aufgeworfenen Grabhügel ins Auge, bei dem er Halt machen wollte. Dieser
+Grabhügel übte fast eine Verlockung auf ihn aus und er glaubte, gar
+nicht eilig genug hinkommen zu können. Manchmal aber sah er den
+Grabhügel kaum, er wurde ihm verdeckt durch Fahnen, deren Tücher sich
+wanden und mit großer Kraft aneinanderschlugen; man sah die
+Fahnenträger nicht, aber es war, als herrsche dort viel Jubel.
+
+Während er den Blick noch in die Ferne gerichtet hatte, sah er plötzlich
+den gleichen Grabhügel neben sich am Weg, ja fast schon hinter sich. Er
+sprang eilig ins Gras. Da der Weg unter seinem abspringenden Fuß weiter
+raste, schwankte er und fiel gerade vor dem Grabhügel ins Knie. Zwei
+Männer standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen
+Grabstein in der Luft; kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in
+die Erde und er stand wie festgemauert. Sofort trat aus einem Gebüsch
+ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. Er
+war nur mit Hosen und einem schlecht zugeknöpften Hemd bekleidet; auf
+dem Kopf hatte er eine Samtkappe; in der Hand hielt er einen
+gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen Figuren in der
+Luft beschrieb.
+
+Mit diesem Bleistift setzte er nun oben auf dem Stein an; der Stein war
+sehr hoch, er mußte sich gar nicht bücken, wohl aber mußte er sich
+vorbeugen, denn der Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte
+ihn von dem Stein. Er stand also auf den Fußspitzen und stützte sich mit
+der linken Hand auf die Fläche des Steines. Durch eine besonders
+geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift
+Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: »Hier ruht –« Jeder Buchstabe
+erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold. Als er
+die zwei Worte geschrieben hatte, sah er nach K. zurück; K., der sehr
+begierig auf das Fortschreiten der Inschrift war, kümmerte sich kaum um
+den Mann, sondern blickte nur auf den Stein. Tatsächlich setzte der Mann
+wieder zum Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand
+irgendein Hindernis, er ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder
+nach K. um. Nun sah auch K. den Künstler an und merkte, daß dieser in
+großer Verlegenheit war, aber die Ursache dessen nicht sagen konnte.
+Alle seine frühere Lebhaftigkeit war verschwunden. Auch K. geriet
+dadurch in Verlegenheit; sie wechselten hilflose Blicke; es lag ein
+häßliches Mißverständnis vor, das keiner auflösen konnte. Zur Unzeit
+begann nun auch eine kleine Glocke von der Grabkapelle zu läuten, aber
+der Künstler fuchtelte mit der erhobenen Hand und sie hörte auf. Nach
+einem Weilchen begann sie wieder; diesmal ganz leise und, ohne besondere
+Aufforderung, gleich abbrechend; es war, als wolle sie nur ihren Klang
+prüfen. K. war untröstlich über die Lage des Künstlers, er begann zu
+weinen und schluchzte lange in die vorgehaltenen Hände. Der Künstler
+wartete, bis K. sich beruhigt hatte, und entschloß sich dann, da er
+keinen andern Ausweg fand, dennoch zum Weiterschreiben. Der erste kleine
+Strich, den er machte, war für K. eine Erlösung, der Künstler brachte
+ihn aber offenbar nur mit dem äußersten Widerstreben zustande; die
+Schrift war auch nicht mehr so schön, vor allem schien es an Gold zu
+fehlen, blaß und unsicher zog sich der Strich hin, nur sehr groß wurde
+der Buchstabe. Es war ein J, fast war es schon beendet, da stampfte der
+Künstler wütend mit einem Fuß in den Grabhügel hinein, daß die Erde
+ringsum in die Höhe flog. Endlich verstand ihn K.; ihn abzubitten war
+keine Zeit mehr; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen
+Widerstand leistete; alles schien vorbereitet; nur zum Schein war eine
+dünne Erdkruste aufgerichtet; gleich hinter ihr öffnete sich mit
+abschüssigen Wänden ein großes Loch, in das K., von einer sanften
+Strömung auf den Rücken gedreht, versank. Während er aber unten, den
+Kopf im Genick noch aufgerichtet, schon von der undurchdringlichen Tiefe
+aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den
+Stein.
+
+Entzückt von diesem Anblick erwachte er.
+
+
+
+
+Ein Bericht für eine Akademie.
+
+
+Hohe Herren von der Akademie!
+
+Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht
+über mein äffisches Vorleben einzureichen.
+
+In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen.
+Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht
+am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich
+es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen,
+Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn
+alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der
+Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig
+hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten
+wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das
+ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch.
+Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer
+mehr. War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten,
+freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet,
+wurde es gleichzeitig mit meiner vorwärts gepeitschten Entwicklung
+immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener fühlte ich mich
+in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit
+nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die
+Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch
+das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt
+die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin
+zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen.
+Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge, offen
+gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges
+hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An
+der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen
+Schimpansen wie den großen Achilles.
+
+In eingeschränktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage
+beantworten und ich tue es sogar mit großer Freude. Das erste, was ich
+lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeugt Offenheit; mag nun
+heute, wo ich auf dem Höhepunkte meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten
+Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird für die Akademie
+nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben,
+was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen
+kann – immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein
+gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort
+festgesetzt hat. Doch dürfte ich selbst das Geringfügige, was folgt,
+gewiß nicht sagen, wenn ich meiner nicht völlig sicher wäre und meine
+Stellung auf allen großen Varietébühnen der zivilisierten Welt sich
+nicht bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt hätte:
+
+Ich stamme von der Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin
+ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma
+Hagenbeck – mit dem Führer habe ich übrigens seither schon manche gute
+Flasche Rotwein geleert – lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich
+am Abend inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß; ich war der
+einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Schüsse.
+
+Einen in die Wange; der war leicht; hinterließ aber eine große
+ausrasierte rote Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar
+unzutreffenden, förmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter
+eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unlängst
+krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur durch
+den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei.
+
+Der zweite Schuß traf mich unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat es
+verschuldet, daß ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in
+einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde, die sich in den
+Zeitungen über mich auslassen: meine Affennatur sei noch nicht ganz
+unterdrückt; Beweis dessen sei, daß ich, wenn Besucher kommen, mit
+Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu
+zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand
+einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem
+es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen wohlgepflegten
+Pelz und die Narbe nach einem – wählen wir hier zu einem bestimmten
+Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden wolle –
+die Narbe nach einem frevelhaften Schuß. Alles liegt offen zutage;
+nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder
+Großgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. Würde dagegen jener
+Schreiber die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so hätte dies
+allerdings ein anderes Ansehen und ich will es als Zeichen der Vernunft
+gelten lassen, daß er es nicht tut. Aber dann mag er mir auch mit seinem
+Zartsinn vom Halse bleiben!
+
+Nach jenen Schüssen erwachte ich – und hier beginnt allmählich meine
+eigene Erinnerung – in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen
+Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei
+Wände an einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte
+Wand. Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum
+Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden
+Knien, und zwar, da ich zunächst wahrscheinlich niemanden sehen und
+immer nur im Dunkel sein wollte, zur Kiste gewendet, während sich mir
+hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten. Man hält eine solche
+Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft, und ich
+kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, daß dies im menschlichen
+Sinn tatsächlich der Fall ist.
+
+Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem
+Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir
+war die Kiste, Brett fest an Brett gefügt. Zwar war zwischen den
+Brettern eine durchlaufende Lücke, die ich, als ich sie zuerst
+entdeckte, mit dem glückseligen Heulen des Unverstandes begrüßte, aber
+diese Lücke reichte bei weitem nicht einmal zum Durchstecken des
+Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern.
+
+Ich soll, wie man mir später sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht
+haben, woraus man schloß, daß ich entweder bald eingehen müsse oder daß
+ich, falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu überleben, sehr
+dressurfähig sein werde. Ich überlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen,
+schmerzhaftes Flöhesuchen, müdes Lecken einer Kokosnuß, Beklopfen der
+Kistenwand mit dem Schädel, Zungen-Blecken, wenn mir jemand nahekam, –
+das waren die ersten Beschäftigungen in dem neuen Leben. In alledem aber
+doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg. Ich kann natürlich das damals
+affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und
+verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch die alte Affenwahrheit
+nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung meiner Schilderung
+liegt sie, daran ist kein Zweifel.
+
+Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich
+war festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine Freizügigkeit wäre
+dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch
+zwischen den Fußzehen auf, du wirst den Grund nicht finden. Drück dich
+hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast zweiteilt, du wirst
+den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber
+verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser
+Kistenwand – ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören bei
+Hagenbeck an die Kistenwand – nun, so hörte ich auf, Affe zu sein. Ein
+klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt
+haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.
+
+Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg
+verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten
+Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große
+Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht
+und ich habe Menschen kennen gelernt, die sich danach sehnen. Was mich
+aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei:
+mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die
+Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende
+Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietés vor meinem
+Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren
+sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten
+einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem
+Gebiß. »Auch das ist Menschenfreiheit«, dachte ich, »selbstherrliche
+Bewegung«. Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde
+standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick.
+
+Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin
+immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur
+eine Täuschung sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht
+größer sein. Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen
+Armen stillestehn, angedrückt an eine Kistenwand.
+
+Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen
+können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden
+bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff überkam.
+Die Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff.
+
+Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne erinnere ich mich noch heute
+an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf
+widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit, alles äußerst langsam in
+Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die
+Hand wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr
+Lachen war immer mit einem gefährlich klingenden aber nichts bedeutenden
+Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin
+sie ausspieen war ihnen gleichgültig. Immer klagten sie, daß meine Flöhe
+auf sie überspringen; aber doch waren sie mir deshalb niemals ernstlich
+böse; sie wußten eben, daß in meinem Fell Flöhe gedeihen und daß Flöhe
+Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn sie dienstfrei waren,
+setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum,
+sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt, die
+Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung
+machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort,
+wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt
+auf diesem Schiffe mitzumachen, ich würde die Einladung gewiß ablehnen,
+aber ebenso gewiß ist, daß es nicht nur häßliche Erinnerungen sind,
+denen ich dort im Zwischendeck nachhängen könnte.
+
+Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor
+allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir,
+als hätte ich zumindest geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse, wenn
+ich leben wolle, daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen
+sei. Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich war, aber ich glaube es;
+einem Affen sollte Flucht immer möglich sein. Mit meinen heutigen Zähnen
+muß ich schon beim gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig sein, damals
+aber hätte es mir wohl im Lauf der Zeit gelingen müssen, das Türschloß
+durchzubeißen. Ich tat es nicht. Was wäre damit auch gewonnen gewesen?
+Man hätte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und
+in einen noch schlimmeren Käfig gesperrt; oder ich hätte mich unbemerkt
+zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir gegenüber flüchten
+können und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder es wäre mir gar
+gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und über Bord zu springen, dann
+hätte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und wäre ersoffen.
+Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem
+Einfluß meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet
+hätte.
+
+Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah
+diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die
+gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als wäre es nur einer. Dieser
+Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel
+dämmerte mir auf. Niemand versprach mir, daß, wenn ich so wie sie werden
+würde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen für scheinbar
+unmögliche Erfüllungen werden nicht gegeben. Löst man aber die
+Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch die Versprechungen genau
+dort, wo man sie früher vergeblich gesucht hat. Nun war an diesen
+Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte. Wäre ich ein Anhänger
+jener erwähnten Freiheit, ich hätte gewiß das Weltmeer dem Ausweg
+vorgezogen, der sich mir im trüben Blick dieser Menschen zeigte.
+Jedenfalls aber beobachtete ich sie schon lange vorher, ehe ich an
+solche Dinge dachte, ja die angehäuften Beobachtungen drängten mich erst
+in die bestimmte Richtung.
+
+Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den
+ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der
+Unterschied war nur, daß ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres
+nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; drückte ich dann auch
+noch den Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur
+den Unterschied zwischen der leeren und der gestopften Pfeife verstand
+ich lange nicht.
+
+Die meiste Mühe machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich;
+ich zwang mich mit allen Kräften; aber es vergingen Wochen, ehe ich mich
+überwand. Diese inneren Kämpfe nahmen die Leute merkwürdigerweise
+ernster als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide die Leute auch
+in meiner Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder,
+allein oder mit Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten
+Stunden; stellte sich mit der Flasche vor mich hin und gab mir
+Unterricht. Er begriff mich nicht, er wollte das Rätsel meines Seins
+lösen. Er entkorkte langsam die Flasche und blickte mich dann an, um zu
+prüfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe, ich sah ihm immer mit
+wilder, mit überstürzter Aufmerksamkeit zu; einen solchen
+Menschenschüler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen Erdenrund;
+nachdem die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit meinen
+Blicken ihm nach bis in die Gurgel; er nickt, zufrieden mit mir, und
+setzt die Flasche an die Lippen; ich, entzückt von allmählicher
+Erkenntnis, kratze mich quietschend der Länge und Breite nach, wo es
+sich trifft; er freut sich, setzt die Flasche an und macht einen
+Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige
+mich in meinem Käfig, was wieder ihm große Genugtuung macht; und nun
+weit die Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder
+hinaufführend, trinkt er sie, übertrieben lehrhaft zurückgebeugt, mit
+einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzugroßem Verlangen, kann nicht
+mehr folgen und hänge schwach am Gitter, während er den theoretischen
+Unterricht damit beendet, daß er sich den Bauch streicht und grinst.
+
+Nun erst beginnt die praktische Übung. Bin ich nicht schon allzu
+erschöpft durch das Theoretische? Wohl, allzu erschöpft. Das gehört zu
+meinem Schicksal. Trotzdem greife ich, so gut ich kann, nach der
+hingereichten Flasche; entkorke sie zitternd; mit dem Gelingen stellen
+sich allmählich neue Kräfte ein; ich hebe die Flasche, vom Original
+schon kaum zu unterscheiden; setze sie an und – und werfe sie mit
+Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur noch der Geruch sie
+füllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers,
+zur größeren Trauer meiner selbst; weder ihn, noch mich versöhne ich
+dadurch, daß ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche nicht vergesse,
+ausgezeichnet meinen Bauch zu streichen und dabei zu grinsen.
+
+Allzuoft nur verlief so der Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er
+war mir nicht böse; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans
+Fell, bis es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing,
+aber dann löschte er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er
+war mir nicht böse, er sah ein, daß wir auf der gleichen Seite gegen die
+Affennatur kämpften und daß ich den schwereren Teil hatte.
+
+Was für ein Sieg dann allerdings für ihn wie für mich, als ich eines
+Abends vor großem Zuschauerkreis – vielleicht war ein Fest, ein
+Grammophon spielte, ein Offizier erging sich zwischen den Leuten – als
+ich an diesem Abend, gerade unbeachtet, eine vor meinem Käfig
+versehentlich stehen gelassene Schnapsflasche ergriff, unter steigender
+Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie schulgerecht entkorkte, an den Mund
+setzte und ohne Zögern, ohne Mundverziehen, als Trinker von Fach, mit
+rund gewälzten Augen, schwappender Kehle, wirklich und wahrhaftig leer
+trank; nicht mehr als Verzweifelter, sondern als Künstler die Flasche
+hinwarf; zwar vergaß den Bauch zu streichen; dafür aber, weil ich nicht
+anders konnte, weil es mich drängte, weil mir die Sinne rauschten, kurz
+und gut »Hallo!« ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in
+die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo: »Hört nur, er spricht!«
+wie einen Kuß auf meinem ganzen schweißtriefenden Körper fühlte.
+
+Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich
+ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. Auch
+war mit jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme versagte mir sofort
+wieder; stellte sich erst nach Monaten ein; der Widerwille gegen die
+Schnapsflasche kam sogar noch verstärkter. Aber meine Richtung
+allerdings war mir ein für allemal gegeben.
+
+Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich
+bald die zwei Möglichkeiten, die mir offen standen: Zoologischer Garten
+oder Varieté. Ich zögerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um
+ins Varieté zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur
+ein neuer Gitterkäfig; kommst du in ihn, bist du verloren.
+
+Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt,
+wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt
+sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten
+Widerstand. Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und
+weg, so daß mein erster Lehrer selbst davon fast äffisch wurde, bald den
+Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mußte.
+Glücklicherweise kam er wieder bald hervor.
+
+Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig.
+Als ich meiner Fähigkeiten schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit
+meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich
+selbst Lehrer auf, ließ sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern
+niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus
+einem Zimmer ins andere sprang.
+
+Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen
+Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich. Ich
+gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht,
+wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der
+Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines
+Europäers erreicht. Das wäre an sich vielleicht gar nichts, ist aber
+insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen
+besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine
+ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe
+ich getan, ich habe mich in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen
+anderen Weg, immer vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war.
+
+Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich
+weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die
+Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im
+Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich
+ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; läute ich,
+kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer
+Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme
+ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften,
+aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine
+halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr
+wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn
+des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich und ich
+kann es nicht ertragen.
+
+Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man
+sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im übrigen will ich
+keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte
+nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.
+
+
+
+
+GEDRUCKT BEI
+POESCHEL & TREPTE
+IN LEIPZIG
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ein Landarzt, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN LANDARZT ***
+
+***** This file should be named 21989-0.txt or 21989-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/1/9/8/21989/
+
+Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+electronic works
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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