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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:46:38 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Ein Landarzt + Kleine Erzählungen + +Author: Franz Kafka + +Release Date: July 3, 2007 [EBook #21989] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN LANDARZT *** + + + + +Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +FRANZ KAFKA + + +EIN LANDARZT + +KLEINE ERZÄHLUNGEN + + + + +KURT WOLFF VERLAG + + + +Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag - München und Leipzig + + + +INHALT + +Der neue Advokat 1 + +Ein Landarzt 6 + +Auf der Galerie 34 + +Ein altes Blatt 39 + +Vor dem Gesetz 49 + +Schakale und Araber 57 + +Ein Besuch im Bergwerk 75 + +Das nächste Dorf 88 + +Eine kaiserliche Botschaft 90 + +Die Sorge des Hausvaters 95 + +Elf Söhne 102 + +Ein Brudermord 125 + +Ein Traum 135 + +Ein Bericht für eine Akademie 145 + + + + +Meinem Vater + + + + +Der neue Advokat. + + +Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußern +erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von +Macedonien war. Wer allerdings mit den Umständen vertraut ist, bemerkt +einiges. Doch sah ich letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz +einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der +Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel +hebend, mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt von Stufe zu Stufe +stieg. + +Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus. Mit +erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalus bei der heutigen +Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb, +sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls +Entgegenkommen verdient. Heute – das kann niemand leugnen – gibt es +keinen großen Alexander. Zu morden verstehen zwar manche; auch an der +Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund +zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Macedonien zu eng, so daß sie +Philipp, den Vater, verfluchen – aber niemand, niemand kann nach +Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre +Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute sind die Tore +ganz anderswohin und weiter und höher vertragen; niemand zeigt die +Richtung; viele halten Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; +und der Blick, der ihnen folgen will, verwirrt sich. + +Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es Bucephalus +getan hat, in die Gesetzbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die +Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern dem Getöse +der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten +Bücher. + + + + +Ein Landarzt. + + +Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; +ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten +Dorfe; starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und +ihm; einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere +Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der +Hand, stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, +das Pferd. Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der +Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet; mein Dienstmädchen +lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen; aber es war +aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer +unbeweglicher werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das +Mädchen, allein, schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein +Pferd her zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand +keine Möglichkeit; zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die +brüchige Tür des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles. Sie +öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch wie +von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an einem +Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag, zeigte sein +offenes blauäugiges Gesicht. »Soll ich anspannen?« fragte er, auf allen +Vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte mich nur, +um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen stand +neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig +hat,« sagte es, und wir beide lachten. »Hollah, Bruder, hollah, +Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige +flankenstarke Tiere schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib, +die wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der +Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten. +Aber gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem +Körper. »Hilf ihm,« sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht +das Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es +der Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und +flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des +Mädchens Wange. »Du Vieh,« schreie ich wütend, »willst du die +Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist; daß ich +nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle +andern versagen. Als wisse er von meinen Gedanken, nimmt er meine +Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur einmal, immer mit den +Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein,« sagt er dann, und +tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich, +bin ich noch nie gefahren und ich steige fröhlich ein. »Kutschieren +werde aber ich, du kennst nicht den Weg,« sage ich. »Gewiß,« sagt er, +»ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.« »Nein,« schreit Rosa und +läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins +Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das +Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend +durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen. +»Du fährst mit,« sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte auf die +Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die +Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht +in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung; +noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechtes +birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen +Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen +Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof +meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der +Schneefall hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken +eilen aus dem Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus +dem Wagen; den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer +ist die Luft kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich +werde das Fenster aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen. +Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd +hebt sich der Junge unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals, +flüstert mir ins Ohr: »Doktor, laß mich sterben.« Ich sehe mich um; +niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten +mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche +gebracht. Ich öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der +Junge tastet immerfort aus dem Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte +zu erinnern; ich fasse eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege +sie wieder hin. »Ja,« denke ich lästernd, »in solchen Fällen helfen die +Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein +zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht –« Jetzt erst +fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe ich +sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt, +unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die +Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von +außen aufstoßen; jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt +durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre +gleich wieder zurück,« denke ich, als forderten mich die Pferde zur +Reise auf, aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die +Hitze betäubt glaubt, den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir +bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die Schulter, die Hingabe seines +Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in +dem engen Denkkreis des Alten würde mir übel; nur aus diesem Grunde +lehne ich es ab zu trinken. Die Mutter steht am Bett und lockt mich hin; +ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den +Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert. +Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig +schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt, +aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich +bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk +angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast +zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und hilfsbereit +gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag der Junge +recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem +endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf, +der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen; +wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es. +Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es +wüßten, würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber +im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre +also mein Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht, +daran bin ich gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der +ganze Bezirk, aber daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses +schöne Mädchen, das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause +lebte – dieses Opfer ist zu groß, und ich muß es mir mit +Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie zurechtlegen, +um nicht auf diese Familie loszufahren, die mir ja beim besten Willen +Rosa nicht zurückgeben kann. Als ich aber meine Handtasche schließe und +nach meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater +schnuppernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir +wahrscheinlich enttäuscht – ja, was erwartet denn das Volk? – +tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein schwer blutiges +Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter Umständen +zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich gehe zu ihm, er +lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die allerstärkste Suppe +– ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll wohl, höhern Orts +angeordnet, die Untersuchung erleichtern – und nun finde ich: ja, der +Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich +eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, +dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit +ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. +So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. +Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge +meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem +blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen +Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu +helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in +deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist glücklich, sie sieht +mich in Tätigkeit; die Schwester sagt’s der Mutter, die Mutter dem +Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den Fußspitzen, mit +ausgestreckten Armen balancierend, durch den Mondschein der offenen Tür +hereinkommen. »Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, +ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in +meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten +Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die +Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten +mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich +nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch +das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines +Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die +Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der +Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf +den Text: + + »Entkleidet ihn, dann wird er heilen, + Und heilt er nicht, so tötet ihn! + ’Sist nur ein Arzt, ’sist nur ein Arzt.« + +Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem +Kopf die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und +bleibe es auch, trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich +beim Kopf und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die +Seite der Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür +wird zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm +liegt das Bettzeug um mich; schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in +den Fensterlöchern. »Weißt du,« höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein +Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo +abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du +mir mein Sterbebett ein. Am liebsten kratzte ich dir die Augen aus.« +»Richtig,« sage ich, »es ist eine Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was +soll ich tun? Glaube mir, es wird auch mir nicht leicht.« »Mit dieser +Entschuldigung soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl. Immer muß ich +mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war +meine ganze Ausstattung.« »Junger Freund,« sage ich, »dein Fehler ist: +du hast keinen Überblick. Ich, der ich schon in allen Krankenstuben, +weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im +spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre +Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn, daß sie +ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder täuschest du mich im +Fieber?« »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort eines Amtsarztes mit +hinüber.« Und er nahm’s und wurde still. Aber jetzt war es Zeit, an +meine Rettung zu denken. Noch standen treu die Pferde an ihren Plätzen. +Kleider, Pelz und Tasche waren schnell zusammengerafft; mit dem +Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie +auf der Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen aus diesem Bett in meines. +Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster zurück; ich warf den Ballen in +den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit einem Ärmel hielt er sich an +einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang mich aufs Pferd. Die Riemen +lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem andern verbunden, der Wagen +irrend hinterher, der Pelz als letzter im Schnee. »Munter!« sagte ich, +aber munter ging’s nicht; langsam wie alte Männer zogen wir durch die +Schneewüste; lange klang hinter uns der neue, aber irrtümliche Gesang +der Kinder: + + »Freuet Euch, Ihr Patienten, + Der Arzt ist Euch ins Bett gelegt!« + +Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein +Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht +ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein +Opfer; ich will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses +unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen +Pferden, treibe ich mich alter Mann umher. Mein Pelz hängt hinten am +Wagen, ich kann ihn aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen +Gesindel der Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem +Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen. + + + + +Auf der Galerie. + + +Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege +auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom +peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne +Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde +schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses +Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der +Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich +fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden +Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – +vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch +alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das: Halt! durch die +Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters. + +Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, +zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; +der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr +entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie +seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt +begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; +schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit +offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes +verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen +Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu +peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Saltomortale das +Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; +schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen +küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während +sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, +mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem +ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher +das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren +Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen. + + + + +Ein altes Blatt. + + +Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres +Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer +Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber +Sorgen. + +Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen +Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich +schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten +besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden +aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die +Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist. +Jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß jeden Morgen mehr werden. + +Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser +verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, +dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen, +immer ängstlich rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall +gemacht. Wir versuchen zwar manchmal aus unseren Geschäften +hervorzulaufen und wenigstens den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es +geschieht immer seltener, denn die Anstrengung ist nutzlos und bringt +uns überdies in die Gefahr, unter die wilden Pferde zu kommen oder von +den Peitschen verletzt zu werden. + +Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie +nicht, ja sie haben kaum eine eigene. Unter einander verständigen sie +sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen. +Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso +unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch gegen +jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die +Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und +werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das +Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie +damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so +ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß +sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt +ihnen alles. + +Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann +aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem +Fleischer gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon +alles entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde +fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide +nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der +Fleischhauer ist ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen +aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und +unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen +zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst +wenn sie täglich Fleisch bekommen. + +Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des +Schlachtens sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das +darf er nicht mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in +meiner Werkstatt platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und +Polster hatte ich über mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen +nicht zu hören, den von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den +Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es +still, ehe ich mich auszugehen getraute; wie Trinker um ein Weinfaß +lagen sie müde um die Reste des Ochsen. + +Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des +Palastes gesehen zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren +Gemächer, immer nur lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand +er, so schien es mir wenigstens, an einem der Fenster und blickte mit +gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloß. + +»Wie wird es werden?« fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese +Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden +angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor +bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein- und +ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern +und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind +aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie +gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es, und wir gehen +daran zugrunde.« + + + + +Vor dem Gesetz. + + +Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom +Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß +er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und +fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich,« +sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht +wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch +das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und +sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes +hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste +Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der +andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr +ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; +das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als +er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große +Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt +er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt +bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von +der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele +Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine +Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn +über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose +Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer +wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für +seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es +noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles +an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas +versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den +Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser +erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. +Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren +rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor +sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des +Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er +auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich +wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich +dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er +jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des +Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln +sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, +die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, +da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der +Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied +hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn +jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle +streben doch nach dem Gesetz,« sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in +den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter +erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes +Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst +Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe +jetzt und schließe ihn.« + + + + +Schakale und Araber. + + +Wir lagerten in der Oase. Die Gefährten schliefen. Ein Araber, hoch und +weiß, kam an mir vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum +Schlafplatz. + +Ich warf mich rücklings ins Gras; ich wollte schlafen; ich konnte +nicht; das Klagegeheul eines Schakals in der Ferne; ich saß wieder +aufrecht. Und was so weit gewesen war, war plötzlich nah. Ein Gewimmel +von Schakalen um mich her; in mattem Gold erglänzende, verlöschende +Augen; schlanke Leiber, wie unter einer Peitsche gesetzmäßig und flink +bewegt. + +Einer kam von rückwärts, drängte sich, unter meinem Arm durch, eng an +mich, als brauche er meine Wärme, trat dann vor mich und sprach, fast +Aug in Aug mit mir: + +»Ich bin der älteste Schakal, weit und breit. Ich bin glücklich, dich +noch hier begrüßen zu können. Ich hatte schon die Hoffnung fast +aufgegeben, denn wir warten unendlich lange auf dich; meine Mutter hat +gewartet und ihre Mutter und weiter alle ihre Mütter bis hinauf zur +Mutter aller Schakale. Glaube es!« + +»Das wundert mich,« sagte ich und vergaß, den Holzstoß anzuzünden, der +bereit lag, um mit seinem Rauch die Schakale abzuhalten, »das wundert +mich sehr zu hören. Nur zufällig komme ich aus dem hohen Norden und bin +auf einer kurzen Reise begriffen. Was wollt Ihr denn, Schakale?« + +Und wie ermutigt durch diesen vielleicht allzu freundlichen Zuspruch +zogen sie ihren Kreis enger um mich; alle atmeten kurz und fauchend. + +»Wir wissen,« begann der Älteste, »daß du vom Norden kommst, darauf eben +baut sich unsere Hoffnung. Dort ist der Verstand, der hier unter den +Arabern nicht zu finden ist. Aus diesem kalten Hochmut, weißt du, ist +kein Funken Verstand zu schlagen. Sie töten Tiere, um sie zu fressen, +und Aas mißachten sie.« + +»Rede nicht so laut,« sagte ich, »es schlafen Araber in der Nähe.« + +»Du bist wirklich ein Fremder,« sagte der Schakal, »sonst wüßtest du, +daß noch niemals in der Weltgeschichte ein Schakal einen Araber +gefürchtet hat. Fürchten sollten wir sie? Ist es nicht Unglück genug, +daß wir unter solches Volk verstoßen sind?« + +»Mag sein, mag sein,« sagte ich, »ich maße mir kein Urteil an in Dingen, +die mir so fern liegen; es scheint ein sehr alter Streit; liegt also +wohl im Blut; wird also vielleicht erst mit dem Blute enden.« + +»Du bist sehr klug,« sagte der alte Schakal; und alle atmeten noch +schneller; mit gehetzten Lungen, trotzdem sie doch stillestanden; ein +bitterer, zeitweilig nur mit zusammengeklemmten Zähnen erträglicher +Geruch entströmte den offenen Mäulern, »du bist sehr klug; das, was du +sagst, entspricht unserer alten Lehre. Wir nehmen ihnen also ihr Blut +und der Streit ist zu Ende.« + +»Oh!« sagte ich wilder, als ich wollte, »sie werden sich wehren; sie +werden mit ihren Flinten euch rudelweise niederschießen.« + +»Du mißverstehst uns,« sagte er, »nach Menschenart, die sich also auch +im hohen Norden nicht verliert. Wir werden sie doch nicht töten. Soviel +Wasser hätte der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch +schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft, +in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist.« + +Und alle Schakale ringsum, zu denen inzwischen noch viele von fernher +gekommen waren, senkten die Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten +sie mit den Pfoten; es war, als wollten sie einen Widerwillen verbergen, +der so schrecklich war, daß ich am liebsten mit einem hohen Sprung aus +ihrem Kreis entflohen wäre. + +»Was beabsichtigt Ihr also zu tun,« fragte ich und wollte aufstehn; +aber ich konnte nicht; zwei junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock +und Hemd festgebissen; ich mußte sitzen bleiben. »Sie halten deine +Schleppe,« sagte der alte Schakal erklärend und ernsthaft, »eine +Ehrbezeugung.« »Sie sollen mich loslassen!« rief ich, bald zum Alten, +bald zu den Jungen gewendet. »Sie werden es natürlich,« sagte der Alte, +»wenn du es verlangst. Es dauert aber ein Weilchen, denn sie haben nach +der Sitte tief sich eingebissen und müssen erst langsam die Gebisse +voneinander lösen. Inzwischen höre unsere Bitte.« »Euer Verhalten hat +mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht,« sagte ich. »Laß uns unser +Ungeschick nicht entgelten,« sagte er und nahm jetzt zum erstenmal den +Klageton seiner natürlichen Stimme zu Hilfe, »wir sind arme Tiere, wir +haben nur das Gebiß; für alles, was wir tun wollen, das Gute und das +Schlechte, bleibt uns einzig das Gebiß.« »Was willst du also?« fragte +ich, nur wenig besänftigt. + +»Herr,« rief er, und alle Schakale heulten auf; in fernster Ferne schien +es mir eine Melodie zu sein. »Herr, du sollst den Streit beenden, der +die Welt entzweit. So wie du bist, haben unsere Alten den beschrieben, +der es tun wird. Frieden müssen wir haben von den Arabern; atembare +Luft; gereinigt von ihnen den Ausblick rund am Horizont; kein +Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber absticht; ruhig soll alles +Getier krepieren; ungestört soll es von uns leergetrunken und bis auf +die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als Reinheit wollen wir,« +– und nun weinten, schluchzten alle – »wie erträgst nur du es in +dieser Welt, du edles Herz und süßes Eingeweide? Schmutz ist ihr Weiß; +Schmutz ist ihr Schwarz; ein Grauen ist ihr Bart; speien muß man beim +Anblick ihrer Augenwinkel; und heben sie den Arm, tut sich in der +Achselhöhle die Hölle auf. Darum, o Herr, darum o teuerer Herr, mit +Hilfe deiner alles vermögenden Hände, mit Hilfe deiner alles +vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Schere die Hälse durch!« Und +einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein Schakal herbei, der an einem +Eckzahn eine kleine, mit altem Rost bedeckte Nähschere trug. + +»Also endlich die Schere und damit Schluß!« rief der Araberführer +unserer Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte +und nun seine riesige Peitsche schwang. + +Alles verlief sich eiligst, aber in einiger Entfernung blieben sie +doch, eng zusammengekauert, die vielen Tiere so eng und starr, daß es +aussah wie eine schmale Hürde, von Irrlichtern umflogen. + +»So hast du, Herr, auch dieses Schauspiel gesehen und gehört,« sagte der +Araber und lachte so fröhlich, als es die Zurückhaltung seines Stammes +erlaubte. »Du weißt also, was die Tiere wollen?« fragte ich. »Natürlich, +Herr,« sagte er, »das ist doch allbekannt; solange es Araber gibt, +wandert diese Schere durch die Wüste und wird mit uns wandern bis ans +Ende der Tage. Jedem Europäer wird sie angeboten zu dem großen Werk; +jeder Europäer ist gerade derjenige, welcher ihnen berufen scheint. Eine +unsinnige Hoffnung haben diese Tiere; Narren, wahre Narren sind sie. Wir +lieben sie deshalb; es sind unsere Hunde; schöner als die Eurigen. Sieh +nur, ein Kamel ist in der Nacht verendet, ich habe es herschaffen +lassen.« + +Vier Träger kamen und warfen den schweren Kadaver vor uns hin. Kaum lag +er da, erhoben die Schakale ihre Stimmen. Wie von Stricken +unwiderstehlich jeder einzelne gezogen, kamen sie, stockend, mit dem +Leib den Boden streifend, heran. Sie hatten die Araber vergessen, den +Haß vergessen, die alles auslöschende Gegenwart des stark ausdunstenden +Leichnams bezauberte sie. Schon hing einer am Hals und fand mit dem +ersten Biß die Schlagader. Wie eine kleine rasende Pumpe, die ebenso +unbedingt wie aussichtslos einen übermächtigen Brand löschen will, +zerrte und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz. Und schon +lagen in gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg. + +Da strich der Führer kräftig mit der scharfen Peitsche kreuz und quer +über sie. Sie hoben die Köpfe; halb in Rausch und Ohnmacht; sahen die +Araber vor sich stehen; bekamen jetzt die Peitsche mit den Schnauzen zu +fühlen; zogen sich im Sprung zurück und liefen eine Strecke rückwärts. +Aber das Blut des Kamels lag schon in Lachen da, rauchte empor, der +Körper war an mehreren Stellen weit aufgerissen. Sie konnten nicht +widerstehen; wieder waren sie da; wieder hob der Führer die Peitsche; +ich faßte seinen Arm. + +»Du hast Recht, Herr,« sagte er, »wir lassen sie bei ihrem Beruf; auch +ist es Zeit aufzubrechen. Gesehen hast du sie. Wunderbare Tiere, nicht +wahr? Und wie sie uns hassen!« + + + + +Ein Besuch im Bergwerk. + + +Heute waren die obersten Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein +Auftrag der Direktion ergangen, neue Stollen zu legen, und da kamen die +Ingenieure, um die allerersten Ausmessungen vorzunehmen. Wie jung diese +Leute sind und dabei schon so verschiedenartig! Sie haben sich alle frei +entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar bestimmtes Wesen schon in +jungen Jahren. + +Einer, schwarzhaarig, lebhaft, läßt seine Augen überallhin laufen. + +Ein Zweiter mit einem Notizblock, macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht +umher, vergleicht, notiert. + +Ein Dritter, die Hände in den Rocktaschen, so daß sich alles an ihm +spannt, geht aufrecht; wahrt die Würde; nur im fortwährenden Beißen +seiner Lippen zeigt sich die ungeduldige, nicht zu unterdrückende +Jugend. + +Ein Vierter gibt dem Dritten Erklärungen, die dieser nicht verlangt; +kleiner als er, wie ein Versucher neben ihm herlaufend, scheint er, den +Zeigefinger immer in der Luft, eine Litanei über alles, was hier zu +sehen ist, ihm vorzutragen. + +Ein Fünfter, vielleicht der oberste im Rang, duldet keine Begleitung; +ist bald vorn, bald hinten; die Gesellschaft richtet ihren Schritt nach +ihm; er ist bleich und schwach; die Verantwortung hat seine Augen +ausgehöhlt; oft drückt er im Nachdenken die Hand an die Stirn. + +Der Sechste und Siebente gehen ein wenig gebückt, Kopf nah an Kopf, Arm +in Arm, in vertrautem Gespräch; wäre hier nicht offenbar unser +Kohlenbergwerk und unser Arbeitsplatz im tiefsten Stollen, könnte man +glauben, diese knochigen, bartlosen, knollennasigen Herren seien junge +Geistliche. Der eine lacht meistens mit katzenartigem Schnurren in sich +hinein; der andere, gleichfalls lächelnd, führt das Wort und gibt mit +der freien Hand irgendeinen Takt dazu. Wie sicher müssen diese zwei +Herren ihrer Stellung sein, ja welche Verdienste müssen sie sich trotz +ihrer Jugend um unser Bergwerk schon erworben haben, daß sie hier, bei +einer so wichtigen Begehung, unter den Augen ihres Chefs, nur mit +eigenen oder wenigstens mit solchen Angelegenheiten, die nicht mit der +augenblicklichen Aufgabe zusammenhängen, so unbeirrbar sich beschäftigen +dürfen. Oder sollte es möglich sein, daß sie, trotz alles Lachens und +aller Unaufmerksamkeit, das, was nötig ist, sehr wohl bemerken? Man wagt +über solche Herren kaum ein bestimmtes Urteil abzugeben. + +Andererseits ist es aber doch wieder zweifellos, daß zum Beispiel der +Achte unvergleichlich mehr als diese, ja mehr als alle anderen Herren +bei der Sache ist. Er muß alles anfassen und mit einem kleinen Hammer, +den er immer wieder aus der Tasche zieht und immer wieder dort verwahrt, +beklopfen. Manchmal kniet er trotz seiner eleganten Kleidung in den +Schmutz nieder und beklopft den Boden, dann wieder nur im Gehen die +Wände oder die Decke über seinem Kopf. Einmal hat er sich lang hingelegt +und lag dort still; wir dachten schon, es sei ein Unglück geschehen; +aber dann sprang er mit einem kleinen Zusammenzucken seines schlanken +Körpers auf. Er hatte also wieder nur eine Untersuchung gemacht. Wir +glauben unser Bergwerk und seine Steine zu kennen, aber was dieser +Ingenieur auf diese Weise hier immerfort untersucht, ist uns +unverständlich. + +Ein Neunter schiebt vor sich eine Art Kinderwagen, in welchem die +Meßapparate liegen. Äußerst kostbare Apparate, tief in zarteste Watte +eingelegt. Diesen Wagen sollte ja eigentlich der Diener schieben, aber +es wird ihm nicht anvertraut; ein Ingenieur mußte heran und er tut es +gern, wie man sieht. Er ist wohl der Jüngste, vielleicht versteht er +noch gar nicht alle Apparate, aber sein Blick ruht immerfort auf ihnen, +fast kommt er dadurch manchmal in Gefahr, mit dem Wagen an eine Wand zu +stoßen. + +Aber da ist ein anderer Ingenieur, der neben dem Wagen hergeht und es +verhindert. Dieser versteht offenbar die Apparate von Grund aus und +scheint ihr eigentlicher Verwahrer zu sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er, +ohne den Wagen anzuhalten, einen Bestandteil der Apparate heraus, blickt +hindurch, schraubt auf oder zu, schüttelt und beklopft, hält ans Ohr und +horcht; und legt schließlich, während der Wagenführer meist stillsteht, +das kleine, von der Ferne kaum sichtbare Ding mit aller Vorsicht wieder +in den Wagen. Ein wenig herrschsüchtig ist dieser Ingenieur, aber doch +nur im Namen der Apparate. Zehn Schritte vor dem Wagen sollen wir +schon, auf ein wortloses Fingerzeichen hin, zur Seite weichen, selbst +dort, wo kein Platz zum Ausweichen ist. + +Hinter diesen zwei Herren geht der unbeschäftigte Diener. Die Herren +haben, wie es bei ihrem großen Wissen selbstverständlich ist, längst +jeden Hochmut abgelegt, der Diener dagegen scheint ihn in sich +aufgesammelt zu haben. Die eine Hand im Rücken, mit der anderen vorn +über seine vergoldeten Knöpfe oder das feine Tuch seines Livreerockes +streichend, nickt er öfters nach rechts und links, so als ob wir gegrüßt +hätten und er antwortete, oder so, als nehme er an, daß wir gegrüßt +hätten, könne es aber von seiner Höhe aus nicht nachprüfen. Natürlich +grüßen wir ihn nicht, aber doch möchte man bei seinem Anblick fast +glauben, es sei etwas Ungeheures, Kanzleidiener der Bergdirektion zu +sein. Hinter ihm lachen wir allerdings, aber da auch ein Donnerschlag +ihn nicht veranlassen könnte, sich umzudrehen, bleibt er doch als etwas +Unverständliches in unserer Achtung. + +Heute wird wenig mehr gearbeitet; die Unterbrechung war zu ausgiebig; +ein solcher Besuch nimmt alle Gedanken an Arbeit mit sich fort. Allzu +verlockend ist es, den Herren in das Dunkel des Probestollens +nachzublicken, in dem sie alle verschwunden sind. Auch geht unsere +Arbeitsschicht bald zu Ende; wir werden die Rückkehr der Herren nicht +mehr mit ansehen. + + + + +Das nächste Dorf. + + +Mein Großvater pflegte zu sagen: »Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt +in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel +kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste +Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß – von unglücklichen Zufällen ganz +abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden +Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.« + + + + +Eine kaiserliche Botschaft. + + +Der Kaiser – so heißt es – hat Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen +Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne +geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett +aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknieen +lassen und ihm die Botschaft ins Ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an +ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch +Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der +ganzen Zuschauerschaft seines Todes – alle hindernden Wände werden +niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen +stehen im Ring die Großen des Reichs – vor allen diesen hat er den +Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein +kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm +vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, +zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch +leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre +Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er +fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste +an Deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer +noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals +wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die +Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre +gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite +umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein +Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus +dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen – liegt +erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll +ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft +eines Toten. – Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, +wenn der Abend kommt. + + + + +Die Sorge des Hausvaters. + + +Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie +suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere +wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur +beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht +darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von +ihnen einen Sinn des Wortes finden kann. + +Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es +nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus +wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch +mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, +aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von +verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, +sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor +und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit +Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der +Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf +zwei Beinen aufrecht stehen. + +Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine +zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint +aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen +dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas +Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in +seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber +sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist. + +Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den +Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist +er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich +wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er +lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. +Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt +ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. »Wie heißt +du denn?« fragt man ihn. »Odradek,« sagt er. »Und wo wohnst du?« +»Unbestimmter Wohnsitz,« sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, +wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das +Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu +Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft +ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint. + +Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn +sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit +gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. +Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und +Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe +hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, +daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche. + + + + +Elf Söhne. + + +Ich habe elf Söhne. + +Der Erste ist äußerlich sehr unansehnlich, aber ernsthaft und klug; +trotzdem schätze ich ihn, wiewohl ich ihn als Kind wie alle andern +liebe, nicht sehr hoch ein. Sein Denken scheint mir zu einfach. Er +sieht nicht rechts noch links und nicht in die Weite; in seinem kleinen +Gedankenkreis läuft er immerfort rundum oder dreht sich vielmehr. + +Der Zweite ist schön, schlank, wohlgebaut; es entzückt, ihn in +Fechterstellung zu sehen. Auch er ist klug, aber überdies welterfahren; +er hat viel gesehen, und deshalb scheint selbst die heimische Natur +vertrauter mit ihm zu sprechen, als mit den Daheimgebliebenen. Doch ist +gewiß dieser Vorzug nicht nur und nicht einmal wesentlich dem Reisen zu +verdanken, er gehört vielmehr zu dem Unnachahmlichen dieses Kindes, das +zum Beispiel von jedem anerkannt wird, der etwa seinen vielfach sich +überschlagenden und doch geradezu wild beherrschten Kunstsprung ins +Wasser ihm nachmachen will. Bis zum Ende des Sprungbrettes reicht der +Mut und die Lust, dort aber statt zu springen, setzt sich plötzlich der +Nachahmer und hebt entschuldigend die Arme. – Und trotz dem allen (ich +sollte doch eigentlich glückselig sein über ein solches Kind) ist mein +Verhältnis zu ihm nicht ungetrübt. Sein linkes Auge ist ein wenig +kleiner als das rechte und zwinkert viel; ein kleiner Fehler nur, gewiß, +der sein Gesicht sogar noch verwegener macht als es sonst gewesen wäre, +und niemand wird gegenüber der unnahbaren Abgeschlossenheit seines +Wesens dieses kleinere zwinkernde Auge tadelnd bemerken. Ich, der Vater, +tue es. Es ist natürlich nicht dieser körperliche Fehler, der mir weh +tut, sondern eine ihm irgendwie entsprechende kleine Unregelmäßigkeit +seines Geistes, irgendein in seinem Blut irrendes Gift, irgendeine +Unfähigkeit, die mir allein sichtbare Anlage seines Lebens rund zu +vollenden. Gerade dies macht ihn allerdings andererseits wieder zu +meinem wahren Sohn, denn dieser sein Fehler ist gleichzeitig der Fehler +unserer ganzen Familie und an diesem Sohn nur überdeutlich. + +Der dritte Sohn ist gleichfalls schön, aber es ist nicht die Schönheit, +die mir gefällt. Es ist die Schönheit des Sängers: der geschwungene +Mund; das träumerische Auge; der Kopf, der eine Draperie hinter sich +benötigt, um zu wirken; die unmäßig sich wölbende Brust; die leicht +auffahrenden und viel zu leicht sinkenden Hände; die Beine, die sich +zieren, weil sie nicht tragen können. Und überdies: der Ton seiner +Stimme ist nicht voll; trügt einen Augenblick; läßt den Kenner +aufhorchen; veratmet aber kurz darauf. – Trotzdem im allgemeinen alles +verlockt, diesen Sohn zur Schau zu stellen, halte ich ihn doch am +liebsten im Verborgenen; er selbst drängt sich nicht auf, aber nicht +etwa deshalb, weil er seine Mängel kennt, sondern aus Unschuld. Auch +fühlt er sich fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner +Familie, aber überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen, +ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern. + +Mein vierter Sohn ist vielleicht der umgänglichste von allen. Ein wahres +Kind seiner Zeit, ist er jedermann verständlich, er steht auf dem allen +gemeinsamen Boden und jeder ist versucht, ihm zuzunicken. Vielleicht +durch diese allgemeine Anerkennung gewinnt sein Wesen etwas Leichtes, +seine Bewegungen etwas Freies, seine Urteile etwas Unbekümmertes. Manche +seiner Aussprüche möchte man oft wiederholen, allerdings nur manche, +denn in seiner Gesamtheit krankt er doch wieder an allzu großer +Leichtigkeit. Er ist wie einer, der bewundernswert abspringt, +schwalbengleich die Luft teilt, dann aber doch trostlos im öden Staube +endet, ein Nichts. Solche Gedanken vergällen mir den Anblick dieses +Kindes. + +Der fünfte Sohn ist lieb und gut; versprach viel weniger als er hielt; +war so unbedeutend, daß man sich förmlich in seiner Gegenwart allein +fühlte; hat es aber doch zu einigem Ansehen gebracht. Fragte man mich, +wie das geschehen ist, so könnte ich kaum antworten. Unschuld dringt +vielleicht doch noch am leichtesten durch das Toben der Elemente in +dieser Welt, und unschuldig ist er. Vielleicht allzu unschuldig. +Freundlich zu jedermann. Vielleicht allzu freundlich. Ich gestehe: mir +wird nicht wohl, wenn man ihn mir gegenüber lobt. Es heißt doch, sich +das Loben etwas zu leicht zu machen, wenn man einen so offensichtlich +Lobenswürdigen lobt, wie es mein Sohn ist. + +Mein sechster Sohn scheint, wenigstens auf den ersten Blick, der +tiefsinnigste von allen. Ein Kopfhänger und doch ein Schwätzer. Deshalb +kommt man ihm nicht leicht bei. Ist er am Unterliegen, so verfällt er in +unbesiegbare Traurigkeit; erlangt er das Übergewicht, so wahrt er es +durch Schwätzen. Doch spreche ich ihm eine gewisse selbstvergessene +Leidenschaft nicht ab; bei hellem Tag kämpft er sich oft durch das +Denken wie im Traum. Ohne krank zu sein – vielmehr hat er eine sehr +gute Gesundheit – taumelt er manchmal, besonders in der Dämmerung, +braucht aber keine Hilfe, fällt nicht. Vielleicht hat an dieser +Erscheinung seine körperliche Entwicklung schuld, er ist viel zu groß +für sein Alter. Das macht ihn unschön im Ganzen, trotz auffallend +schöner Einzelheiten, zum Beispiel der Hände und Füße. Unschön ist +übrigens auch seine Stirn; sowohl in der Haut, als in der Knochenbildung +irgendwie verschrumpft. + +Der siebente Sohn gehört mir vielleicht mehr als alle andern. Die Welt +versteht ihn nicht zu würdigen; seine besondere Art von Witz versteht +sie nicht. Ich überschätze ihn nicht; ich weiß, er ist geringfügig +genug; hätte die Welt keinen andern Fehler als den, daß sie ihn nicht zu +würdigen weiß, sie wäre noch immer makellos. Aber innerhalb der Familie +wollte ich diesen Sohn nicht missen. Sowohl Unruhe bringt er, als auch +Ehrfurcht vor der Überlieferung, und beides fügt er, wenigstens für mein +Gefühl, zu einem unanfechtbaren Ganzen. Mit diesem Ganzen weiß er +allerdings selbst am wenigsten etwas anzufangen; das Rad der Zukunft +wird er nicht ins Rollen bringen; aber diese seine Anlage ist so +aufmunternd, so hoffnungsreich; ich wollte, er hätte Kinder und diese +wieder Kinder. Leider scheint sich dieser Wunsch nicht erfüllen zu +wollen. In einer mir zwar begreiflichen, aber ebenso unerwünschten +Selbstzufriedenheit, die allerdings in großartigem Gegensatz zum Urteil +seiner Umgebung steht, treibt er sich allein umher, kümmert sich nicht +um Mädchen und wird trotzdem niemals seine gute Laune verlieren. + +Mein achter Sohn ist mein Schmerzenskind, und ich weiß eigentlich keinen +Grund dafür. Er sieht mich fremd an, und ich fühle mich doch väterlich +eng mit ihm verbunden. Die Zeit hat vieles gut gemacht; früher aber +befiel mich manchmal ein Zittern, wenn ich nur an ihn dachte. Er geht +seinen eigenen Weg; hat alle Verbindungen mit mir abgebrochen; und wird +gewiß mit seinem harten Schädel, seinem kleinen athletischen Körper – +nur die Beine hatte er als Junge recht schwach, aber das mag sich +inzwischen schon ausgeglichen haben – überall durchkommen, wo es ihm +beliebt. Öfters hatte ich Lust, ihn zurückzurufen, ihn zu fragen, wie es +eigentlich um ihn steht, warum er sich vom Vater so abschließt und was +er im Grunde beabsichtigt, aber nun ist er so weit und so viel Zeit ist +schon vergangen, nun mag es so bleiben wie es ist. Ich höre, daß er als +der einzige meiner Söhne einen Vollbart trägt; schön ist das bei einem +so kleinen Mann natürlich nicht. + +Mein neunter Sohn ist sehr elegant und hat den für Frauen bestimmten +süßen Blick. So süß, daß er bei Gelegenheit sogar mich verführen kann, +der ich doch weiß, daß förmlich ein nasser Schwamm genügt, um allen +diesen überirdischen Glanz wegzuwischen. Das Besondere an diesem Jungen +aber ist, daß er gar nicht auf Verführung ausgeht; ihm würde es genügen, +sein Leben lang auf dem Kanapee zu liegen und seinen Blick an die +Zimmerdecke zu verschwenden oder noch viel lieber ihn unter den +Augenlidern ruhen zu lassen. Ist er in dieser von ihm bevorzugten Lage, +dann spricht er gern und nicht übel; gedrängt und anschaulich; aber doch +nur in engen Grenzen; geht er über sie hinaus, was sich bei ihrer Enge +nicht vermeiden läßt, wird sein Reden ganz leer. Man würde ihm abwinken, +wenn man Hoffnung hätte, daß dieser mit Schlaf gefüllte Blick es +bemerken könnte. + +Mein zehnter Sohn gilt als unaufrichtiger Charakter. Ich will diesen +Fehler nicht ganz in Abrede stellen, nicht ganz bestätigen. Sicher ist, +daß, wer ihn in der weit über sein Alter hinausgehenden Feierlichkeit +herankommen sieht, im immer festgeschlossenen Gehrock, im alten, aber +übersorgfältig geputzten schwarzen Hut, mit dem unbewegten Gesicht, dem +etwas vorragenden Kinn, den schwer über die Augen sich wölbenden Lidern, +den manchmal an den Mund geführten zwei Fingern – wer ihn so sieht, +denkt: das ist ein grenzenloser Heuchler. Aber, nun höre man ihn reden! +Verständig; mit Bedacht; kurz angebunden; mit boshafter Lebendigkeit +Fragen durchkreuzend; in erstaunlicher, selbstverständlicher und froher +Übereinstimmung mit dem Weltganzen; eine Übereinstimmung, die +notwendigerweise den Hals strafft und den Kopf erheben läßt. Viele, die +sich sehr klug dünken und die sich, aus diesem Grunde wie sie meinten, +von seinem Äußern abgestoßen fühlten, hat er durch sein Wort stark +angezogen. Nun gibt es aber wieder Leute, die sein Äußeres gleichgültig +läßt, denen aber sein Wort heuchlerisch erscheint. Ich, als Vater, will +hier nicht entscheiden, doch muß ich eingestehen, daß die letzteren +Beurteiler jedenfalls beachtenswerter sind als die ersteren. + +Mein elfter Sohn ist zart, wohl der schwächste unter meinen Söhnen; aber +täuschend in seiner Schwäche; er kann nämlich zu Zeiten kräftig und +bestimmt sein, doch ist allerdings selbst dann die Schwäche irgendwie +grundlegend. Es ist aber keine beschämende Schwäche, sondern etwas, das +nur auf diesem unsern Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum +Beispiel auch Flugbereitschaft Schwäche, da sie doch Schwanken und +Unbestimmtheit und Flattern ist? Etwas Derartiges zeigt mein Sohn. Den +Vater freuen natürlich solche Eigenschaften nicht; sie gehen ja offenbar +auf Zerstörung der Familie aus. Manchmal blickt er mich an, als wollte +er mir sagen: »Ich werde dich mitnehmen, Vater.« Dann denke ich: »Du +wärst der Letzte, dem ich mich vertraue.« Und sein Blick scheint wieder +zu sagen: »Mag ich also wenigstens der Letzte sein.« + +Das sind die elf Söhne. + + + + +Ein Brudermord. + + +Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte: + +Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren +Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in +welcher sein Bureau lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er +wohnte. + +Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes +blaues Kleid angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte +keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb +Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im +Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte +auf; nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des +Pflasters, daß es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden +gut zu machen, strich er mit ihr violinbogenartig über seine +Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt, +gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in +die schicksalsvolle Seitengasse lauschte. + +Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem +Fenster im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergründe die +Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten +Leib gegürtet, kopfschüttelnd, blickte er hinab. + +Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den +Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute +ungewöhnlich lange zögerte. + +Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Bureau, zu laut für eine +Türglocke, über die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige +Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch +das Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster +seine ruhigen Schritte. + +Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts versäumen. Frau Wese +schließt, beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber +kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er +nur Gesicht und Hände gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar. + +Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen, +nur mit dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse. Eine Laune. +Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene. +Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem +gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zusammen, um ihm die allernächste +Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen +Platz. An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er +geht ins Messer des Schmar. + +»Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt, +das Messer scharf gesenkt, »Wese! Vergebens wartet Julia!« Und rechts in +den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht +Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich +wie Wese. + +»Getan«, sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen +Ballast, gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes! +Erleichterung, Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese, +alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen +Straßengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase, +daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest ganz und gar. Nicht +alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein schwerer Rest +liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage, +die du damit stellst?« + +Pallas, alles Gift durcheinander würgend in seinem Leib, steht in +seiner zweiflügelig aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles +bemerkt, nichts übersehen.« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas +befriedigt’s, Schmar kommt zu keinem Ende. + +Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor +Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie +stürzt über Wese, der nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über +dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der +Menge. + +Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die +Schulter des Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt. + + + + +Ein Traum. + + +Josef K. träumte: + +Es war ein schöner Tag und K. wollte spazieren gehen. Kaum aber hatte er +zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. Es waren dort sehr +künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen +solchen Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich +schwebender Haltung. Schon von der Ferne faßte er einen frisch +aufgeworfenen Grabhügel ins Auge, bei dem er Halt machen wollte. Dieser +Grabhügel übte fast eine Verlockung auf ihn aus und er glaubte, gar +nicht eilig genug hinkommen zu können. Manchmal aber sah er den +Grabhügel kaum, er wurde ihm verdeckt durch Fahnen, deren Tücher sich +wanden und mit großer Kraft aneinanderschlugen; man sah die +Fahnenträger nicht, aber es war, als herrsche dort viel Jubel. + +Während er den Blick noch in die Ferne gerichtet hatte, sah er plötzlich +den gleichen Grabhügel neben sich am Weg, ja fast schon hinter sich. Er +sprang eilig ins Gras. Da der Weg unter seinem abspringenden Fuß weiter +raste, schwankte er und fiel gerade vor dem Grabhügel ins Knie. Zwei +Männer standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen +Grabstein in der Luft; kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in +die Erde und er stand wie festgemauert. Sofort trat aus einem Gebüsch +ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. Er +war nur mit Hosen und einem schlecht zugeknöpften Hemd bekleidet; auf +dem Kopf hatte er eine Samtkappe; in der Hand hielt er einen +gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen Figuren in der +Luft beschrieb. + +Mit diesem Bleistift setzte er nun oben auf dem Stein an; der Stein war +sehr hoch, er mußte sich gar nicht bücken, wohl aber mußte er sich +vorbeugen, denn der Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte +ihn von dem Stein. Er stand also auf den Fußspitzen und stützte sich mit +der linken Hand auf die Fläche des Steines. Durch eine besonders +geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift +Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: »Hier ruht –« Jeder Buchstabe +erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold. Als er +die zwei Worte geschrieben hatte, sah er nach K. zurück; K., der sehr +begierig auf das Fortschreiten der Inschrift war, kümmerte sich kaum um +den Mann, sondern blickte nur auf den Stein. Tatsächlich setzte der Mann +wieder zum Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand +irgendein Hindernis, er ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder +nach K. um. Nun sah auch K. den Künstler an und merkte, daß dieser in +großer Verlegenheit war, aber die Ursache dessen nicht sagen konnte. +Alle seine frühere Lebhaftigkeit war verschwunden. Auch K. geriet +dadurch in Verlegenheit; sie wechselten hilflose Blicke; es lag ein +häßliches Mißverständnis vor, das keiner auflösen konnte. Zur Unzeit +begann nun auch eine kleine Glocke von der Grabkapelle zu läuten, aber +der Künstler fuchtelte mit der erhobenen Hand und sie hörte auf. Nach +einem Weilchen begann sie wieder; diesmal ganz leise und, ohne besondere +Aufforderung, gleich abbrechend; es war, als wolle sie nur ihren Klang +prüfen. K. war untröstlich über die Lage des Künstlers, er begann zu +weinen und schluchzte lange in die vorgehaltenen Hände. Der Künstler +wartete, bis K. sich beruhigt hatte, und entschloß sich dann, da er +keinen andern Ausweg fand, dennoch zum Weiterschreiben. Der erste kleine +Strich, den er machte, war für K. eine Erlösung, der Künstler brachte +ihn aber offenbar nur mit dem äußersten Widerstreben zustande; die +Schrift war auch nicht mehr so schön, vor allem schien es an Gold zu +fehlen, blaß und unsicher zog sich der Strich hin, nur sehr groß wurde +der Buchstabe. Es war ein J, fast war es schon beendet, da stampfte der +Künstler wütend mit einem Fuß in den Grabhügel hinein, daß die Erde +ringsum in die Höhe flog. Endlich verstand ihn K.; ihn abzubitten war +keine Zeit mehr; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen +Widerstand leistete; alles schien vorbereitet; nur zum Schein war eine +dünne Erdkruste aufgerichtet; gleich hinter ihr öffnete sich mit +abschüssigen Wänden ein großes Loch, in das K., von einer sanften +Strömung auf den Rücken gedreht, versank. Während er aber unten, den +Kopf im Genick noch aufgerichtet, schon von der undurchdringlichen Tiefe +aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den +Stein. + +Entzückt von diesem Anblick erwachte er. + + + + +Ein Bericht für eine Akademie. + + +Hohe Herren von der Akademie! + +Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht +über mein äffisches Vorleben einzureichen. + +In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. +Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht +am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich +es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, +Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn +alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der +Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig +hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten +wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das +ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch. +Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer +mehr. War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten, +freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet, +wurde es gleichzeitig mit meiner vorwärts gepeitschten Entwicklung +immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener fühlte ich mich +in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit +nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die +Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch +das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt +die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin +zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen. +Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge, offen +gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges +hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An +der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen +Schimpansen wie den großen Achilles. + +In eingeschränktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage +beantworten und ich tue es sogar mit großer Freude. Das erste, was ich +lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeugt Offenheit; mag nun +heute, wo ich auf dem Höhepunkte meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten +Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird für die Akademie +nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben, +was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen +kann – immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein +gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort +festgesetzt hat. Doch dürfte ich selbst das Geringfügige, was folgt, +gewiß nicht sagen, wenn ich meiner nicht völlig sicher wäre und meine +Stellung auf allen großen Varietébühnen der zivilisierten Welt sich +nicht bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt hätte: + +Ich stamme von der Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin +ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma +Hagenbeck – mit dem Führer habe ich übrigens seither schon manche gute +Flasche Rotwein geleert – lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich +am Abend inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß; ich war der +einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Schüsse. + +Einen in die Wange; der war leicht; hinterließ aber eine große +ausrasierte rote Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar +unzutreffenden, förmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter +eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unlängst +krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur durch +den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei. + +Der zweite Schuß traf mich unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat es +verschuldet, daß ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in +einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde, die sich in den +Zeitungen über mich auslassen: meine Affennatur sei noch nicht ganz +unterdrückt; Beweis dessen sei, daß ich, wenn Besucher kommen, mit +Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu +zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand +einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem +es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen wohlgepflegten +Pelz und die Narbe nach einem – wählen wir hier zu einem bestimmten +Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden wolle – +die Narbe nach einem frevelhaften Schuß. Alles liegt offen zutage; +nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder +Großgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. Würde dagegen jener +Schreiber die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so hätte dies +allerdings ein anderes Ansehen und ich will es als Zeichen der Vernunft +gelten lassen, daß er es nicht tut. Aber dann mag er mir auch mit seinem +Zartsinn vom Halse bleiben! + +Nach jenen Schüssen erwachte ich – und hier beginnt allmählich meine +eigene Erinnerung – in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen +Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei +Wände an einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte +Wand. Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum +Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden +Knien, und zwar, da ich zunächst wahrscheinlich niemanden sehen und +immer nur im Dunkel sein wollte, zur Kiste gewendet, während sich mir +hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten. Man hält eine solche +Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft, und ich +kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, daß dies im menschlichen +Sinn tatsächlich der Fall ist. + +Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem +Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir +war die Kiste, Brett fest an Brett gefügt. Zwar war zwischen den +Brettern eine durchlaufende Lücke, die ich, als ich sie zuerst +entdeckte, mit dem glückseligen Heulen des Unverstandes begrüßte, aber +diese Lücke reichte bei weitem nicht einmal zum Durchstecken des +Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern. + +Ich soll, wie man mir später sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht +haben, woraus man schloß, daß ich entweder bald eingehen müsse oder daß +ich, falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu überleben, sehr +dressurfähig sein werde. Ich überlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen, +schmerzhaftes Flöhesuchen, müdes Lecken einer Kokosnuß, Beklopfen der +Kistenwand mit dem Schädel, Zungen-Blecken, wenn mir jemand nahekam, – +das waren die ersten Beschäftigungen in dem neuen Leben. In alledem aber +doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg. Ich kann natürlich das damals +affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und +verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch die alte Affenwahrheit +nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung meiner Schilderung +liegt sie, daran ist kein Zweifel. + +Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich +war festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine Freizügigkeit wäre +dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch +zwischen den Fußzehen auf, du wirst den Grund nicht finden. Drück dich +hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast zweiteilt, du wirst +den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber +verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser +Kistenwand – ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören bei +Hagenbeck an die Kistenwand – nun, so hörte ich auf, Affe zu sein. Ein +klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt +haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch. + +Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg +verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten +Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große +Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht +und ich habe Menschen kennen gelernt, die sich danach sehnen. Was mich +aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei: +mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die +Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende +Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietés vor meinem +Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren +sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten +einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem +Gebiß. »Auch das ist Menschenfreiheit«, dachte ich, »selbstherrliche +Bewegung«. Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde +standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick. + +Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin +immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur +eine Täuschung sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht +größer sein. Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen +Armen stillestehn, angedrückt an eine Kistenwand. + +Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen +können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden +bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff überkam. +Die Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff. + +Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne erinnere ich mich noch heute +an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf +widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit, alles äußerst langsam in +Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die +Hand wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr +Lachen war immer mit einem gefährlich klingenden aber nichts bedeutenden +Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin +sie ausspieen war ihnen gleichgültig. Immer klagten sie, daß meine Flöhe +auf sie überspringen; aber doch waren sie mir deshalb niemals ernstlich +böse; sie wußten eben, daß in meinem Fell Flöhe gedeihen und daß Flöhe +Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn sie dienstfrei waren, +setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum, +sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt, die +Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung +machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort, +wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt +auf diesem Schiffe mitzumachen, ich würde die Einladung gewiß ablehnen, +aber ebenso gewiß ist, daß es nicht nur häßliche Erinnerungen sind, +denen ich dort im Zwischendeck nachhängen könnte. + +Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor +allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir, +als hätte ich zumindest geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse, wenn +ich leben wolle, daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen +sei. Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich war, aber ich glaube es; +einem Affen sollte Flucht immer möglich sein. Mit meinen heutigen Zähnen +muß ich schon beim gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig sein, damals +aber hätte es mir wohl im Lauf der Zeit gelingen müssen, das Türschloß +durchzubeißen. Ich tat es nicht. Was wäre damit auch gewonnen gewesen? +Man hätte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und +in einen noch schlimmeren Käfig gesperrt; oder ich hätte mich unbemerkt +zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir gegenüber flüchten +können und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder es wäre mir gar +gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und über Bord zu springen, dann +hätte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und wäre ersoffen. +Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem +Einfluß meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet +hätte. + +Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah +diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die +gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als wäre es nur einer. Dieser +Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel +dämmerte mir auf. Niemand versprach mir, daß, wenn ich so wie sie werden +würde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen für scheinbar +unmögliche Erfüllungen werden nicht gegeben. Löst man aber die +Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch die Versprechungen genau +dort, wo man sie früher vergeblich gesucht hat. Nun war an diesen +Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte. Wäre ich ein Anhänger +jener erwähnten Freiheit, ich hätte gewiß das Weltmeer dem Ausweg +vorgezogen, der sich mir im trüben Blick dieser Menschen zeigte. +Jedenfalls aber beobachtete ich sie schon lange vorher, ehe ich an +solche Dinge dachte, ja die angehäuften Beobachtungen drängten mich erst +in die bestimmte Richtung. + +Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den +ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der +Unterschied war nur, daß ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres +nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; drückte ich dann auch +noch den Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur +den Unterschied zwischen der leeren und der gestopften Pfeife verstand +ich lange nicht. + +Die meiste Mühe machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich; +ich zwang mich mit allen Kräften; aber es vergingen Wochen, ehe ich mich +überwand. Diese inneren Kämpfe nahmen die Leute merkwürdigerweise +ernster als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide die Leute auch +in meiner Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder, +allein oder mit Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten +Stunden; stellte sich mit der Flasche vor mich hin und gab mir +Unterricht. Er begriff mich nicht, er wollte das Rätsel meines Seins +lösen. Er entkorkte langsam die Flasche und blickte mich dann an, um zu +prüfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe, ich sah ihm immer mit +wilder, mit überstürzter Aufmerksamkeit zu; einen solchen +Menschenschüler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen Erdenrund; +nachdem die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit meinen +Blicken ihm nach bis in die Gurgel; er nickt, zufrieden mit mir, und +setzt die Flasche an die Lippen; ich, entzückt von allmählicher +Erkenntnis, kratze mich quietschend der Länge und Breite nach, wo es +sich trifft; er freut sich, setzt die Flasche an und macht einen +Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige +mich in meinem Käfig, was wieder ihm große Genugtuung macht; und nun +weit die Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder +hinaufführend, trinkt er sie, übertrieben lehrhaft zurückgebeugt, mit +einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzugroßem Verlangen, kann nicht +mehr folgen und hänge schwach am Gitter, während er den theoretischen +Unterricht damit beendet, daß er sich den Bauch streicht und grinst. + +Nun erst beginnt die praktische Übung. Bin ich nicht schon allzu +erschöpft durch das Theoretische? Wohl, allzu erschöpft. Das gehört zu +meinem Schicksal. Trotzdem greife ich, so gut ich kann, nach der +hingereichten Flasche; entkorke sie zitternd; mit dem Gelingen stellen +sich allmählich neue Kräfte ein; ich hebe die Flasche, vom Original +schon kaum zu unterscheiden; setze sie an und – und werfe sie mit +Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur noch der Geruch sie +füllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers, +zur größeren Trauer meiner selbst; weder ihn, noch mich versöhne ich +dadurch, daß ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche nicht vergesse, +ausgezeichnet meinen Bauch zu streichen und dabei zu grinsen. + +Allzuoft nur verlief so der Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er +war mir nicht böse; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans +Fell, bis es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing, +aber dann löschte er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er +war mir nicht böse, er sah ein, daß wir auf der gleichen Seite gegen die +Affennatur kämpften und daß ich den schwereren Teil hatte. + +Was für ein Sieg dann allerdings für ihn wie für mich, als ich eines +Abends vor großem Zuschauerkreis – vielleicht war ein Fest, ein +Grammophon spielte, ein Offizier erging sich zwischen den Leuten – als +ich an diesem Abend, gerade unbeachtet, eine vor meinem Käfig +versehentlich stehen gelassene Schnapsflasche ergriff, unter steigender +Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie schulgerecht entkorkte, an den Mund +setzte und ohne Zögern, ohne Mundverziehen, als Trinker von Fach, mit +rund gewälzten Augen, schwappender Kehle, wirklich und wahrhaftig leer +trank; nicht mehr als Verzweifelter, sondern als Künstler die Flasche +hinwarf; zwar vergaß den Bauch zu streichen; dafür aber, weil ich nicht +anders konnte, weil es mich drängte, weil mir die Sinne rauschten, kurz +und gut »Hallo!« ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in +die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo: »Hört nur, er spricht!« +wie einen Kuß auf meinem ganzen schweißtriefenden Körper fühlte. + +Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich +ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. Auch +war mit jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme versagte mir sofort +wieder; stellte sich erst nach Monaten ein; der Widerwille gegen die +Schnapsflasche kam sogar noch verstärkter. Aber meine Richtung +allerdings war mir ein für allemal gegeben. + +Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich +bald die zwei Möglichkeiten, die mir offen standen: Zoologischer Garten +oder Varieté. Ich zögerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um +ins Varieté zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur +ein neuer Gitterkäfig; kommst du in ihn, bist du verloren. + +Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, +wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt +sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten +Widerstand. Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und +weg, so daß mein erster Lehrer selbst davon fast äffisch wurde, bald den +Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mußte. +Glücklicherweise kam er wieder bald hervor. + +Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. +Als ich meiner Fähigkeiten schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit +meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich +selbst Lehrer auf, ließ sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern +niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus +einem Zimmer ins andere sprang. + +Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen +Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich. Ich +gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht, +wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der +Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines +Europäers erreicht. Das wäre an sich vielleicht gar nichts, ist aber +insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen +besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine +ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe +ich getan, ich habe mich in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen +anderen Weg, immer vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war. + +Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich +weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die +Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im +Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich +ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; läute ich, +kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer +Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme +ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, +aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine +halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr +wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn +des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich und ich +kann es nicht ertragen. + +Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man +sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im übrigen will ich +keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte +nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet. + + + + +GEDRUCKT BEI +POESCHEL & TREPTE +IN LEIPZIG + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ein Landarzt, by Franz Kafka + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN LANDARZT *** + +***** This file should be named 21989-0.txt or 21989-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/9/8/21989/ + +Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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