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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 01:46:17 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 01:46:17 -0700
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+ The Project Gutenberg eBook of Olivia, by Jakob Wassermann
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe
+
+Author: Jakob Wassermann
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+Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p>
+
+<h1>Olivia<br />
+<span style="font-size: smaller">oder</span><br />
+Die unsichtbare Lampe</h1>
+
+
+<p class="author">Erz&auml;hlung<br />
+von<br />
+<em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></p>
+
+
+
+<div class="textbody">
+<p class="newsection">Im Hause des Professors Khuenbeck,
+eines angesehenen Wiener Arztes,
+war gro&szlig;e Gesellschaft. Man hatte
+reich getafelt, die Unterhaltung
+war im besten Flu&szlig;, und wie auf viele
+andere Dinge kam die Rede auch auf die
+Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das
+T&ouml;chterchen des Hauses fl&uuml;chtig gesehen
+hatte, r&uuml;hmte dessen besondere Sch&ouml;nheit
+und Lieblichkeit. Frau Khuenbeck l&auml;chelte
+geschmeichelt, einige andere Damen gaben
+ihr Verlangen kund, das M&auml;dchen zu sehen,
+den Hinweis auf die sp&auml;te Stunde lie&szlig;en
+sie nicht gelten, und sie wandten sich an den
+Professor, der, unschl&uuml;ssig und wie besch&auml;mt,
+nicht wu&szlig;te, wie er die Bitte aufnehmen
+sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die
+einer eitlen Regung nicht zu widerstehen
+vermochte, einem der Dienstboten einen
+Wink gegeben und ging dann selbst in das
+Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen,
+der zweij&auml;hrige Ferdinand und die sechsj&auml;hrige
+Olivia.</p>
+
+<p>Schon sa&szlig; Olivia auf dem Scho&szlig; des
+Dienstm&auml;dchens, die Augen voll Schlaf;
+es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan,
+die Haare wurden ihr gek&auml;mmt, wei&szlig;e
+Str&uuml;mpfe und wei&szlig;e Schuhe kamen an die
+Beinchen, und so trug sie die Mutter in die
+strahlend erleuchteten R&auml;ume hin&uuml;ber. Die
+G&auml;ste scharten sich um Mutter und Kind;
+ein Laut der &Uuml;berraschung und Befriedigung
+t&ouml;nte ihnen entgegen. Olivia blickte
+voll Angst und Zagen in die vielen fremden
+Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen
+ihr unbegreiflich waren.</p>
+
+<p>Abseits von allen stand ein junger Mann
+und schaute still auf die Gruppe. Er dachte,
+da&szlig; der Professor dem Schauspiel ein Ende
+bereiten werde; da dies aber nicht geschah,
+rief er pl&ouml;tzlich mit scharfer, ja barscher
+Stimme aus: &raquo;Gn&auml;dige Frau, stecken Sie
+doch den armen Wurm wieder ins Bett;
+den Rummel wird er ohnedies bald genug
+kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Alle lachten; Frau Khuenbeck err&ouml;tete
+und trug das Kind schnell hinaus.</p>
+
+<p>Olivia hatte die Worte geh&ouml;rt und verstanden;
+sie bewahrte dem, der sie gesprochen,
+heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte
+oft im Hause; bald wu&szlig;te sie seinen
+Namen; er hie&szlig; Robert Lamm und war
+damals noch ein unbeachteter Beamter im
+Ministerium.</p>
+
+<p>Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe
+Dankgef&uuml;hl; in Stunden kindlicher
+Bedr&auml;ngnis tauchte ihr sein Bild als das
+eines Helfers auf. Er war die Verk&ouml;rperung
+einer strengeren Schutzgottheit neben der
+sanften des Vaters.</p>
+
+
+<p class="newsection">Wenn der Professor an seinem Schreibtisch
+sa&szlig;, geschah es oft, da&szlig; sich Olivia
+ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den
+Teppich zu seinen F&uuml;&szlig;en niederlie&szlig; und
+in B&uuml;chern und in Heften bl&auml;tterte, die
+auf dem Boden aufgeschichtet lagen. Meist<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>
+bemerkte sie der Professor erst, wenn er die
+Feder weglegte und sich erhob; dann sagte
+er: &raquo;Du bist da, Kind?&laquo; und l&auml;chelte.
+Olivia war gl&uuml;cklich, da&szlig; es ihr gelungen
+war, ihn nicht zu st&ouml;ren.</p>
+
+<p>Manchmal machte er kleine Spazierg&auml;nge
+im Park, dann nahm er Olivia mit
+und f&uuml;hrte sie an der Hand. Verwundert
+betrachteten die Leute das sch&ouml;ne Kind.
+Olivia glaubte jedoch immer, da&szlig; sie nach
+dem Vater sahen, der so nachdenklich und
+voll W&uuml;rde dahinschritt. Sie war stolz
+auf ihn.</p>
+
+<p>Einst hatte Olivia die Mutter belogen.
+Sie war mit dem Fr&auml;ulein im Prater gewesen
+und hatte gesagt, sie sei bei ihrer
+Tante, Frau von Scheyern, gewesen. Ihr
+Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
+verraten. In der Entr&uuml;stung dar&uuml;ber
+forderte die Mutter, da&szlig; sie zur Strafe in
+einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte
+sich aber mit solcher Leidenschaft, da&szlig; die
+Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da
+kam der Professor in die Stube; ihn sehen
+und an seinen Hals st&uuml;rzen, war f&uuml;r Olivia
+eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie
+und klammerte sich so krampfhaft an den
+Vater, da&szlig; der erschrockene Mann alle
+M&uuml;he hatte, sie zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing period">beruhigen.</ins></p>
+
+<p>Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall,
+Olivia war damals elf Jahre alt, trat
+der Professor eine Erholungsreise nach
+Italien an. Olivia empfand seine Abwesenheit
+schmerzlich, und jeden Morgen setzte
+sie sich hin und schrieb ihm einen Brief.
+In Neapel wurde der Professor schwer krank
+und starb eines pl&ouml;tzlichen Todes.</p>
+
+<p>Olivia begriff es nicht. Der Leichnam
+kam, die Beerdigung fand statt, viele Leute
+waren im Haus, die Mutter weinte, der
+Bruder, die Verwandten weinten, Olivia
+begriff es nicht. F&uuml;r sie war der Vater
+immer noch verreist; sie glaubte und begriff
+nicht seinen Tod.</p>
+
+<p>Tag f&uuml;r Tag setzte sie sich hin und schrieb
+ihm einen Brief. Sie teilte ihm die kleinen
+Ereignisse ihres Lebens mit, erz&auml;hlte von
+der Mutter und von Ferdinand, sprach von
+ihren Vors&auml;tzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
+von ihrem Wunsch, etwas zu werden und
+ihm Ehre zu machen. Da sie aber keine
+Adresse wu&szlig;te, sammelte sie alle Briefe in
+einer Mappe, &#8211; so lange, bis sie endlich
+begriff.</p>
+
+
+<p class="newsection">Die gro&szlig;en Einnahmen des Professors
+waren von dem luxuri&ouml;sen Haushalt verschlungen
+worden; nach seinem Tod blieb
+nur ein bescheidenes Kapital &uuml;brig, und
+Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit
+gezwungen.</p>
+
+<p>Bei der Ordnung der Verm&ouml;gensangelegenheiten
+und des neuen Lebens war es
+Robert Lamm, der der Witwe als Freund
+zur Seite stand. Frau Khuenbeck hatte
+einen an Furcht grenzenden Respekt vor
+ihm. Auf Ferdinands Erziehung &uuml;bte er
+einen entscheidenden Einflu&szlig;, w&auml;hrend er
+Olivias Tun und Lassen gleichm&uuml;tiger zu
+betrachten schien.</p>
+
+<p>Robert Lamm hatte in wenigen Jahren
+eine bedeutende Laufbahn zur&uuml;ckgelegt,
+die selbst von &Uuml;belwollenden seinen Verdiensten
+zugerechnet wurde. Er war Hofrat
+am Verwaltungsgerichtshof, hatte beneidete
+Auszeichnungen erhalten und geno&szlig;
+als juristischer Schriftsteller den Ruf
+einer Autorit&auml;t.</p>
+
+<p>Sein Wesen verk&uuml;ndete Mut und Entschlossenheit;
+er war der Schrecken ganzer
+Heere von Beamten, denn ihm war eine
+seltene Kraft eigen, n&auml;mlich eine Sache, die
+er f&uuml;r gut und gerecht hielt, durchzusetzen.</p>
+
+<p>Von fr&uuml;h an atmete Olivia gern die
+Luft um diese ehrliche, furchtlose und derbe
+Pers&ouml;nlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen,
+und er hatte immer ein herzliches
+Wort f&uuml;r sie. W&auml;hrend er mit der Mutter
+sprach, stand sie in seiner N&auml;he; l&auml;chelte
+er ihr zu, so ging sie hin und lehnte sich
+an seine Schulter.</p>
+
+<p>Aber als sie zum Fr&auml;ulein heranwuchs,
+wurde er f&ouml;rmlicher. Er h&ouml;rte pl&ouml;tzlich auf
+sie zu duzen; Olivia erhob Einw&auml;nde. Er
+verbeugte sich und sagte, wenn sie es ausdr&uuml;cklich
+verlange und die gn&auml;dige Frau, er
+verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es
+erlaube, werde er sie wieder duzen, doch
+d&uuml;rfe es keine einseitige Freiheit bleiben,
+sie m&uuml;sse ihn dann ebenfalls duzen. &raquo;Aber
+ich habe es ja immer getan!&laquo; rief Olivia
+erstaunt. &#8211; &raquo;Gewi&szlig;, nur pa&szlig;t mir der
+Onkel nicht,&laquo; erwiderte er mit einer Grimasse,
+&raquo;ich hasse die Onkels.&laquo;</p>
+
+<p>So nannte sie ihn also Robert und Du.
+Gleichwohl behielt er seine F&ouml;rmlichkeit
+bei, die den Charakter sp&ouml;ttischer Galanterie
+annahm, als ihm manches an Olivias
+Lebensf&uuml;hrung zu mi&szlig;fallen begann. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+war so eifervoll, so lernw&uuml;tig, so auf B&uuml;cher
+versessen, so atemlos t&auml;tig, das mi&szlig;fiel ihm;
+er &auml;u&szlig;erte sich nicht dar&uuml;ber, er wurde
+nur immer sp&ouml;ttischer und galanter.</p>
+
+<p>Eines Abends kam er, als Olivia bei
+einem Buch sa&szlig;. Er beugte sich &uuml;ber ihre
+Schulter, sah noch genauer hin, sch&uuml;ttelte
+den Kopf, und da ihn Olivia fragend anschaute,
+nahm er das Buch, bl&auml;tterte, sch&uuml;ttelte
+abermals den Kopf und fragte endlich:
+&raquo;Wie alt bist du denn jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siebzehn war ich,&laquo; antwortete Olivia.
+Ihr Haar leuchtete wie Gold im Lichte der
+Lampe.</p>
+
+<p>&raquo;Siebzehn Jahre, und Plato im Original!&laquo;
+rief der Hofrat aus. Sein Gesicht
+war so traurig, da&szlig; Olivia lachen
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Und womit sie ihren Kopf sonst noch
+plagt&laquo;, mischte sich die Mutter ins Gespr&auml;ch;
+&raquo;Mathematik und Philosophie und Literatur
+und Geschichte und Klavierspiel und
+Vortr&auml;ge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn
+ich zusehe.&laquo;</p>
+
+<p>So oft nun der Hofrat da war, hatte
+er immer denselben Blick f&uuml;r Olivia, in
+dem zugleich Kritik und Bedauern lag.
+Der Blick sagte: was soll es dir n&uuml;tzen,
+M&auml;dchen, Plato im Original zu lesen?
+Wozu schlingst du tote Wissenschaft in dich
+hinein? Was sollen dir die Scharteken?</p>
+
+<p>Wahrscheinlich wu&szlig;te er zu wenig von
+der Jugend, mit der Olivia aufwuchs;
+von ihrem Hei&szlig;hunger nach neuem Stoff
+und neuer Form, nach Gehalt und Entfaltung.
+Dies Geschlecht mu&szlig;te sich alles
+ertrotzen, Arbeit und Genu&szlig;, Urteil und
+Zukunft, wenn es den Erb&uuml;beln des Landes
+und der Rasse nicht erliegen wollte: der
+Frivolit&auml;t und der Tr&auml;gheit. Verloren sie
+in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Ma&szlig;,
+so durften sie doch die Vorsichtigen verachten,
+die bequemen Romantiker, die feigen H&uuml;ter
+des Herk&ouml;mmlichen.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nichts von dieser Jugend, sah
+nicht Lebensf&uuml;lle und hoffnungsvolles
+Werden, sondern &Uuml;bergriff und Eitelkeit.
+Einst kam er zu Frau Khuenbeck und war
+entt&auml;uscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war
+ins Konzert gegangen. &raquo;Es ist das zweite
+in dieser Woche,&laquo; sagte Frau Khuenbeck;
+&raquo;und einmal Theater, und einmal eine
+Bilderausstellung, und am Sonntag auf
+den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten,
+ich wei&szlig; nicht, wo sie die Zeit und die Kraft
+zu allem hernimmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das da auch noch,&laquo; sagte der Hofrat,
+und deutete auf einen Tennisschl&auml;ger und
+ein Paar wei&szlig;e Schuhe, die auf einem
+Stuhle lagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das auch,&laquo; antwortete Frau Khuenbeck.
+Als sie das finstere Gesicht des Hofrats
+gewahrte, f&uuml;gte sie rasch hinzu: &raquo;Aber
+es ist nicht Vergn&uuml;gungssucht, wie Sie vielleicht
+meinen, es ist etwas anderes. Sie
+ist von allem, was sie macht, so voll und
+tut alles, was sie tut, so freudig, da&szlig; man
+es nicht &uuml;bers Herz bringt, sie zu st&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Begr&uuml;ndung war f&uuml;r den Hofrat ein
+Schall. Olivia war sch&ouml;n; das allein gab
+ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen
+waren h&auml;&szlig;lich; B&uuml;cher machten h&auml;&szlig;lich,
+Wissen machte h&auml;&szlig;lich, sich unter die Menschen
+zu dr&auml;ngen, machte h&auml;&szlig;lich. Auf
+Sportpl&auml;tzen die Glieder verrenken, die
+F&uuml;&szlig;e durch plumpes Schuhwerk verunstalten
+und mit groben Stoffen bekleidet
+sich den Unbilden des Wetters aussetzen,
+das nannte er ein unerquickliches Schauspiel.
+Der Sch&ouml;nheit flo&szlig; alles zu, sie
+raubte der Natur nichts, sie lie&szlig; sich von
+ihr beschenken, Sch&ouml;nheit war einsam, war
+sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und
+Olivia verging sich gegen das Gesetz.</p>
+
+<p>Er erkaltete gegen Olivia, und seine
+Besuche wurden immer seltener.</p>
+
+
+<p class="newsection">Um diese Zeit wurde Olivia von einer
+heftigen Schw&auml;rmerei f&uuml;r einen genialen
+Kapellmeister und Komponisten ergriffen,
+der wie ein Feuer unter die Gilde der
+stadtans&auml;ssigen Musiker gefahren war und
+das Publikum erst unterwarf, als es sich
+von seinem Staunen &uuml;ber ihn erholt <ins class="correction" title="Transcriber's note: corrected comma to period">hatte.</ins></p>
+
+<p>Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet,
+und einmal begegnete sie den beiden,
+die in eifrigem Gespr&auml;ch waren. Der Hofrat
+gr&uuml;&szlig;te sie und blieb stehen; er machte
+sie mit dem verg&ouml;tterten Manne bekannt.
+Sie wurde bla&szlig;, stammelte ein paar Worte,
+verstummte und ging dann weiter. Sie
+hatte seine Stimme geh&ouml;rt, und diese
+Stimme blieb ihr unverge&szlig;lich. Die Stimme
+eines Menschen konnte sie beleidigen und
+entt&auml;uschen, aber auch begl&uuml;cken und bezaubern.
+Seine Stimme hatte ihre Seele
+tiefer anger&uuml;hrt als irgendeine zuvor.</p>
+
+<p>Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>
+an einem Gebirgssee. Olivia wu&szlig;te
+die Mutter zu &uuml;berreden, da&szlig; sie dort die
+Ferien verbrachten. An vielen Tagen, in
+Mondn&auml;chten wandelte sie and&auml;chtig die
+Pfade, auf denen er gegangen war. Seine
+pers&ouml;nliche N&auml;he suchte sie gar nicht; er war
+immer so versponnen, so verw&uuml;hlt, so abgewandt;
+sie war zufrieden, wenn sie ihn
+einmal des Tages von ferne sah.</p>
+
+<p>Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen
+Blumenbeeten. Er glaubte sich unbeobachtet;
+bei einem Strau&szlig; beugte er sich
+nieder, um zu riechen. Die Z&auml;rtlichkeit
+der Bewegung hatte f&uuml;r Olivia etwas
+Au&szlig;erordentliches. Von da an schaute sie
+Blumen mit andern Augen an. Es mu&szlig;ten
+stets Blumen in ihrem Zimmer sein, zu
+jeder Zeit des Jahres. Sie bego&szlig; sie,
+pflegte sie, freute sich, wenn sie bl&uuml;hten, und
+trauerte, wenn sie welkten.</p>
+
+<p>Als der Musiker eines fr&uuml;hen Todes
+starb, gab sie alles Geld, das sie besa&szlig;,
+f&uuml;r Blumen aus und schm&uuml;ckte mit ihnen
+sein Grab. Die unschuldige und wunschlose
+Leidenschaft hatte ihr Herz f&uuml;r Menschen
+noch empf&auml;nglicher gemacht.</p>
+
+<p>Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung
+gegen&uuml;ber dem lebendigen Auf
+und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen,
+mit Freunden zu sein, an Freunde
+sich auszuteilen, war Gl&uuml;ck. So wurde
+sie vielfach in die Geschicke der Menschen
+verflochten, vielfach beansprucht. Manches,
+was im Spiel begonnen war, verwandelte
+sich in bitteren Ernst; Vertrauen wurde mi&szlig;braucht,
+Offenheit verkannt, G&uuml;te zur&uuml;ckgesto&szlig;en,
+Wahrheit in L&uuml;ge verkehrt. Aber
+auch dies war f&uuml;r Olivia ein St&uuml;ck des
+gro&szlig;en Reichtums, waren angefaulte
+Fr&uuml;chte von dem Baum, der ein &Uuml;berma&szlig;
+der guten gab.</p>
+
+<p>Wie liebte sie die Welt, das Leben, die
+Stunde! Sie freute sich jeden Morgen
+&uuml;ber ihr Erwachen, &uuml;ber den Himmel, die
+Luft, das Licht, die Zeit, &uuml;ber alles, was
+sie sich vorgesetzt hatte und was andere
+von ihr erwarteten, &uuml;ber ein Gespr&auml;ch,
+das sie gestern gef&uuml;hrt hatte, einen Spaziergang,
+den sie heute machen wollte, &uuml;ber
+ihren eigenen K&ouml;rper, &uuml;ber jedes Ding in
+ihrer Stube.</p>
+
+
+<p class="newsection">Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium
+her, war Marianne von Friesheim,
+ein zartes, hochaufgeschossenes M&auml;dchen
+von ernstem Wesen. Mariannes Vater
+war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef
+und Exzellenz, und durch seine
+Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen
+Magnaten einer der reichsten M&auml;nner
+des Landes.</p>
+
+<p>Olivia kam beinahe t&auml;glich ins Haus,
+und alle, von der Exzellenz bis zum geringsten
+Dienstboten, bewunderten und
+verw&ouml;hnten sie. Wenn der Sektionschef
+ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein
+Leuchten &uuml;ber sein rotes, grobes Gesicht;
+er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
+mit ihr. Olivia hatte Sympathie
+f&uuml;r ihn; er schien ein g&uuml;tiger Vater und
+ein wohlwollender Mensch zu sein.</p>
+
+<p>Frau von Friesheim machte Olivia zur
+Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn Eduard,
+ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten
+eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft,
+deren mittelpunktloses und unberechenbares
+Wesen schon manchem ihrer
+Anbeter verh&auml;ngnisvoll geworden war.
+Eduard, ohnehin verschlossenen Gem&uuml;ts
+und von eigenwilliger Lebenshaltung,
+wurde durch den Umgang mit dieser Frau
+den Seinen vollends entfremdet. Nur an
+der Schwester hing er, und ihr hatte er
+auch vor kurzem mitgeteilt, da&szlig; es sein
+Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten.
+Hier&uuml;ber war Frau von Friesheim sehr
+ungl&uuml;cklich, und als sie bemerkte, da&szlig; zwischen
+Eduard und Olivia ein freundschaftliches
+Verh&auml;ltnis entstand, legte sie ihr
+nahe, sie m&ouml;ge alles aufbieten, um ihn dem
+gef&auml;hrlichen Einflu&szlig; jener Frau zu entziehen.</p>
+
+<p>Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia
+mu&szlig;te lachen. Auf der anderen Seite
+war es der Sektionschef, der ebenfalls eine
+heikle Aufgabe f&uuml;r sie hatte. Marianne
+n&auml;mlich hatte eine Neigung zu einem jungen
+Maler gefa&szlig;t; Georg Ingbert war
+sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln,
+und wie es auch mit seinem Talent
+beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
+sich geltend zu machen, besa&szlig; er
+nicht. Er war im Gegenteil voll Gelassenheit,
+und dieser Gelassenheit war eine bei
+einem Mann seltene Anmut beigegeben,
+Anmut des Geistes, des Herzens und des
+K&ouml;rpers. Wenn man ihn und Marianne
+sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
+verbunden denken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>W&auml;hrend nun Frau von Friesheim die
+Liebe dieser beiden mit auffallender Nachsicht
+betrachtete, erblickte der Sektionschef
+ein Ungl&uuml;ck f&uuml;r seine Tochter darin. Eduards
+Leidenschaft erschien ihm als eine fl&uuml;chtige
+Verirrung, und er meinte, wenn man ihm
+nur Zeit lasse und nicht durch Widerstand
+seinen Trotz errege, werde die Vernunft
+siegen. Marianne sah er tiefer verstrickt;
+er kannte die Treue ihrer Natur und, bei
+aller Mildheit, die Kraft ihres Gef&uuml;hls.
+Er sch&auml;tzte die K&uuml;nstler gering; die meisten
+waren Schmarotzer nach seiner Meinung.
+Und er forderte, Olivia solle Marianne
+dazu bringen, da&szlig; sie dem Maler entsage.</p>
+
+<p>Olivia antwortete ihm, hierzu f&uuml;hle sie
+sich nicht berechtigt, und als seine Versuche
+dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit
+auf, um ihn zu &uuml;berzeugen, da&szlig; man
+zwei Menschen, die durch Bestimmung
+zusammengef&uuml;hrt worden, nicht voneinander
+rei&szlig;en k&ouml;nne, ohne ihren Lebenskern
+zu verwunden. Er bestritt dieses, unersch&ouml;pflich
+in Gr&uuml;nden, Olivia blieb standhaft
+und entwaffnete ihn durch ihre heitere
+Ruhe; schlie&szlig;lich schien es, als bereite ihm
+das Wortgefecht an sich selber Freude und
+als vergesse er den ernsthaften Anla&szlig;.
+Wenn er mit ihr rede, bekannte er einmal,
+komme es ihm allerdings vor, als sei es
+am besten, dem Schicksal seinen Lauf zu
+lassen, und doch d&uuml;rfe es nicht sein, um
+keinen Preis werde er sich f&uuml;gen. Olivia
+schaute ihn an, und als sie seinen finstern
+Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem
+bisherigen Urteil &uuml;ber ihn ein wenig irre.</p>
+
+<p>Sie ging mit der Familie aufs Land,
+auch der Maler kam zu Besuch. Sie begleitete
+Ingbert und Marianne auf ihren
+Spazierg&auml;ngen und ermunterte Eduard,
+mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu
+verschaffen, miteinander zu sprechen. In
+einem benachbarten Ort wohnte Anita
+Gr&ouml;ger, Eduards Geliebte, und er bat
+Olivia, sie m&ouml;ge die Frau kennen lernen.
+Sie lie&szlig; sich zu ihr f&uuml;hren, und er merkte
+ihr an, da&szlig; ihr die Frau nicht gefiel. Da
+er sie um Offenheit dr&auml;ngte, gestand sie es
+zu; die Frau sei ihr unheimlich, sagte sie.
+&raquo;Ich f&uuml;rchte, Anita wird Sie nicht gl&uuml;cklich
+machen,&laquo; &auml;u&szlig;erte sie ein anderes Mal
+z&ouml;gernd. Eduard war best&uuml;rzt und kam
+immer wieder darauf zur&uuml;ck. Sie bereute
+ihre Voreiligkeit, doch sie hatte seinen eigenen
+Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn
+er bei Anita gewesen war, suchte er Olivias
+N&auml;he; Anita begann ihr zu mi&szlig;trauen
+und qu&auml;lte Eduard durch ihre Eifersucht.
+Es gab verschwiegene Zusammenk&uuml;nfte
+zu zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen,
+Briefe wurden getauscht,
+und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt,
+da Eduards Herz sich ihr entschiedener
+zuwandte.</p>
+
+<p>Nun mu&szlig;te sie abwehren, und sie tat es
+beg&uuml;tigend. Es war ihr alles ein Spiel.
+Eduard war ihr im Innersten fremd; seine
+Freundschaft mochte sie aber nicht missen.
+Er war klug, ehrenhaft und verl&auml;&szlig;lich.
+Sie sp&uuml;rte, da&szlig; sie ihm ein Gleichnis gegen
+die andere war, und da&szlig; die andere dabei
+verlor. So stellte sie sich in den Schatten
+und floh, wenn er sie suchte. Ingbert
+merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging.
+Sie wollte seinen Rat haben, doch
+er war zur&uuml;ckhaltend und h&ouml;rte mit seinem
+reizenden L&auml;cheln zu.</p>
+
+<p>Eines Abends sa&szlig; sie mit Ingbert am
+Waldrand; Marianne war bettl&auml;gerig,
+Eduard war f&uuml;r ein paar Tage verreist.
+Sie sprachen &uuml;ber die beiden, &uuml;ber die Eltern,
+&uuml;ber das Leben im Hause; pl&ouml;tzlich
+sagte Ingbert, der Zustand, in dem er sich
+befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
+Vergebliches und K&uuml;nstliches, da er doch
+genau wisse, da&szlig; Marianne ihm niemals
+angeh&ouml;ren w&uuml;rde. Als Olivia widersprechen
+wollte, legte er seine Hand auf
+ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonn&ouml;ten,
+er beklage sich ja nicht, er klage auch
+nicht an; da&szlig; Herr von Friesheim gegen
+ihn eingenommen sei, begreife er, doch
+getraue er sich, den Kampf gegen ihn aufzunehmen;
+jede &auml;u&szlig;ere Schwierigkeit sei
+&uuml;berwindlich. Es liege nicht an dem; es
+liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit
+versprochen, damit steige oder falle sein
+Stern.</p>
+
+<p>&raquo;Fragen Sie nicht, warum es dann so
+weit gekommen ist,&laquo; schlo&szlig; er leise; &raquo;das
+Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht
+einen andern Weg. Das Herz l&auml;&szlig;t sich
+verf&uuml;hren, die innere Stimme schweigt
+lange. Auf einmal aber spricht sie, und
+man steht s&uuml;ndig da und will doch nicht
+noch mehr s&uuml;ndigen.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia wu&szlig;te nichts zu erwidern. Sie
+ging ins Haus, setzte sich an Mariannes<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+Bett und nahm ihre Hand. W&auml;re es nicht
+dunkel im Zimmer gewesen, Marianne
+h&auml;tte ihre Bl&auml;sse und Erregung merken
+m&uuml;ssen. Ingbert war auf der Bank geblieben,
+man h&ouml;rte ihn eines der alten Lieder
+singen, die er liebte und in entz&uuml;ckender
+Weise vorzutragen wu&szlig;te. Marianne
+pre&szlig;te Olivias Finger; Olivia hatte ein
+selig hinziehendes Gef&uuml;hl; sie w&uuml;nschte,
+Ingbert m&ouml;ge sie holen und mit ihr weit
+fortwandern.</p>
+
+<p>Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne
+nicht er&ouml;ffnete, und wartete, da&szlig; sie
+sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah
+aber nicht, und Olivia z&uuml;rnte Ingbert.
+Doch wenn sie Marianne ansah, die
+so kindlich hoffte, verstand sie seine Unschl&uuml;ssigkeit.
+Er hatte etwas so G&uuml;tiges
+an sich, da&szlig; man billigen mu&szlig;te, was immer
+er tat, und bald wurde Olivia gewahr,
+da&szlig; ihre Gedanken an ihn zum
+Verrat an Marianne wurden.</p>
+
+<p>Indessen kehrte Eduard von seiner Reise
+zur&uuml;ck und brachte zwei Freunde mit; auch
+Freundinnen Olivias und Mariannes
+kamen zu Besuch. Es entwickelte sich eine
+lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
+Fahrten und Wanderungen unternommen.
+Eduard suchte bei jedem Anla&szlig; Olivias
+N&auml;he, Ingbert und Olivia trieben wie
+durch eine unwiderstehliche Str&ouml;mung einander
+im verborgenen zu; Marianne begann
+endlich zu ahnen und litt still, und
+Anita Gr&ouml;ger war der ruhlose Geist, der
+bisweilen verd&uuml;sternd durch die herzlich
+bewegte Kleinwelt zog.</p>
+
+<p>Stiegen auch Schatten empor, f&uuml;r Olivia
+war alles noch ein Spiel. In der Luft
+von Leidenschaft und Begehren, Forderung
+und Abwehr, Spannung und Sehnsucht
+atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs
+und &uuml;bte sich in jeder Kraft, die das Lebensgef&uuml;hl
+erh&ouml;hte. Hier eine Get&auml;uschte, dort
+ein Schwankender, hier eine Verblendete,
+dort ein Entflammter, sie stand immer in
+der Mitte und regierte; sie kn&uuml;pfte F&auml;den
+und l&ouml;ste F&auml;den, verpflichtete sich zum
+Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte,
+ganz nach ihrem Gefallen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Gegen Ende des Sommers, als die G&auml;ste
+schon abgereist waren, verabredeten sich die
+Geschwister und Ingbert und Olivia zu
+einem Ausflug in die Dolomiten.</p>
+
+<p>An einem Augustabend kamen sie m&uuml;de
+und staubbedeckt vom Rosengarten her ins
+Karerseehotel, und als sie in die f&uuml;r Touristen
+bestimmte Wirtschaftsstube traten,
+bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um
+einen Tisch waren mehr als zwanzig junge
+M&auml;dchen in Abendkleidern gruppiert; ein
+Herr, der den Frack ausgezogen und die
+&Auml;rmel des Frackhemdes &uuml;ber die Ellbogen
+gest&uuml;lpt hatte, bereitete in einer m&auml;chtigen
+Sch&uuml;ssel eine Bowle. Auf dem Tisch standen
+Champagner- und Weinflaschen, Gef&auml;&szlig;e
+mit Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem
+Ernst verrichtete der Herr seine Arbeit,
+mischte die Getr&auml;nke, r&uuml;hrte mit dem
+L&ouml;ffel, kostete mit einem andern L&ouml;ffel, und
+immer, wenn ihm eines der M&auml;dchen eine
+Flasche reichte, sagte er etwas, wor&uuml;ber
+alle in fr&ouml;hliches Gel&auml;chter ausbrachen.</p>
+
+<p>Sie kamen vom Diner und hatten die
+sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
+ihrer Lustigkeit nicht gest&ouml;rt zu sein.</p>
+
+<p>Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft
+nicht gek&uuml;mmert hatte, schaute dann
+doch hin&uuml;ber, fast ein wenig neidisch, und
+als die Gruppe auseinandertrat, weil die
+Gl&auml;ser zum Einschenken gebracht wurden,
+erkannte sie in dem Mann an der Bowlensch&uuml;ssel
+den Hofrat Lamm. Sie err&ouml;tete
+vor Freude.</p>
+
+<p>Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht
+mehr gesehen, aber er war unver&auml;ndert.
+Trotz seiner f&uuml;nfundvierzig Jahre war
+seine Gestalt noch jugendlich schlank, seine
+Haltung straff und sein Gesicht frisch.</p>
+
+<p>Er warf einen seiner durchdringenden
+Blicke an den Tisch, wo die vier sa&szlig;en, und
+erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte
+sich in seiner ironisch galanten Art, ohne
+besondere &Uuml;berraschung zu zeigen, als h&auml;tte
+er sie gestern erst gesehen. Es verdro&szlig; Olivia,
+da&szlig; er nicht kam, um sie zu begr&uuml;&szlig;en;
+sie &auml;rgerte sich &uuml;ber die jungen M&auml;dchen,
+die ihn so zudringlich umschw&auml;rmten, und
+fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als
+er nach einer Weile das Glas gegen sie
+hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie k&uuml;hl.</p>
+
+<p>Eduard fragte sp&ouml;ttisch, wer der Hahn
+im Korbe sei, sie gab unwillig Auskunft,
+mu&szlig;te aber pl&ouml;tzlich lachen, da sie eine sarkastische
+Bemerkung des Hofrats &uuml;ber eines
+der M&auml;dchen aufgefangen hatte. Die andern
+M&auml;dchen kreischten, jetzt kamen auch
+einige junge M&auml;nner hinzu, und die Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+wurde sehr l&auml;rmend. Der Hofrat
+hatte seinen Frack wieder angezogen, und
+pl&ouml;tzlich schritt er auf Olivia zu und reichte
+ihr die Hand.</p>
+
+<p>Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei
+dem Namen Friesheim zuckte er sichtlich
+zusammen. Er nahm am Tische Platz, und
+obwohl er dr&uuml;ben die beste Laune gezeigt
+hatte, war er seit dem Augenblick, wo er
+sich an den Tisch gesetzt hatte, einsilbig und
+verstimmt. Mit gerunzelter Stirn stellte
+er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder,
+verabschiedete sich steif und ging aus
+dem Zimmer. Die jungen M&auml;dchen riefen
+ihm nach, aber er k&uuml;mmerte sich nicht
+um sie.</p>
+
+<p>Olivia war bedr&uuml;ckt wie schon lange
+nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen gehen,
+nahm ihren Rucksack und lie&szlig; sich von der
+Kellnerin in eine der Touristenkammern
+f&uuml;hren. Trotz ihrer M&uuml;digkeit schlief sie
+schlecht. Schon um f&uuml;nf Uhr stand sie auf
+und ging hinaus. Die Berge waren von
+der fr&uuml;hen Sonne umgl&uuml;ht, aus dem Wald
+str&ouml;mte ein feuchter, kalter, harziger Duft.
+Sie ging &uuml;ber einen Wiesenweg und bog
+wie eine Trinkende den Kopf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Da schallte ein Gru&szlig; an ihr Ohr; sie
+drehte sich um und gewahrte den Hofrat.
+Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut
+stak ein reichbuschiger Gemsbart. Er
+glich nicht einem verkleideten St&auml;dter, sondern
+sah ganz urw&uuml;chsig aus, sehnig, robust,
+sonnegebr&auml;unt.</p>
+
+<p>Er nannte ihr die welsch klingenden Namen
+der Gipfel und Gletscher, die gegen
+S&uuml;den lagen, und erz&auml;hlte ihr von den
+Touren, die er gemacht. Er fragte, ob sie
+gefr&uuml;hst&uuml;ckt habe, und als sie verneinte,
+gab er ihr eine Tafel Schokolade. Zuerst
+angeregt, schien er pl&ouml;tzlich wieder zerstreut.
+Dann besch&auml;mte ihn ein forschender Blick
+Olivias, und er zwang sich zum Reden.
+Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn
+geradezu nach dem Grund seiner gestrigen
+j&auml;hen Verstimmung.</p>
+
+<p>Er bedachte sich kurz und antwortete, er
+habe schon davon geh&ouml;rt, da&szlig; sie flei&szlig;ig
+im Hause Friesheim verkehre; die beiden
+jungen Leute, in deren Begleitung sie sich
+befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter
+des Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn
+dem so sei, fuhr er fort, er&uuml;brigten sich alle
+Erkl&auml;rungen. Seine Stimme war schneidend,
+sein Blick finster. Olivia blieb stehen
+und schaute ihn erstaunt an.</p>
+
+<p>Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich
+hoch; zur Linken fiel der Abgrund steil
+hinunter. Auf einmal f&uuml;hlte sich Olivia
+von den H&auml;nden des Hofrats heftig an den
+Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft
+gegen die Tiefe gedr&auml;ngt. Sie schrie erschrocken,
+ihr best&uuml;rztes Gesicht war ihm
+zugewendet; da lie&szlig; er sie los und lachte
+grimmig. &raquo;Es ist nicht viel anders, als
+wenn ich dich da hineinw&uuml;rfe,&laquo; sagte er;
+&raquo;schlimmer noch. Mit solchen Menschen
+umgehen, das hei&szlig;t, allen Anspruch auf
+Achtung verwirken und seinen Namen beflecken.&laquo;</p>
+
+<p>Mit entsetzten Augen fragte Olivia. &raquo;Du
+h&auml;ttest dich vorsehen sollen,&laquo; begann der
+Hofrat wieder; &raquo;eine Person wie du ist
+verpflichtet, Instinkt zu haben und nicht
+in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten
+ist. Dieser Mann, in dessen Gehege
+du so munter herumspazierst, ist einer
+unserer verderblichsten Praktikenmacher und
+Gelegenheitsj&auml;ger, ein Streber und Schleicher
+von einem Format, da&szlig; sogar unsere
+vielbesungene Gem&uuml;tlichkeit keinen Reim
+mehr auf ihn zu finden wei&szlig;. Dieser Mann
+ist imstande, wenn sich zehn f&auml;hige Leute
+zu einem Posten gemeldet haben, ihn mit
+dem elften zu besetzen, der g&auml;nzlich unf&auml;hig
+ist, und nicht vielleicht aus Unwissenheit,
+nicht immer blo&szlig; deshalb, weil der
+elfte ein Freunderl oder der Freund eines
+Freunderls ist, sondern aus purem Vergn&uuml;gen
+an der Unf&auml;higkeit und aus Bosheit
+und Neid gegen die F&auml;higen. Dieser
+Mann ist einer von denen, die nie einen
+Richter brauchen, weil sie alles Recht so
+lange verschleppen, bis der Kl&auml;ger ersch&ouml;pft
+und kirre gemacht ist; einer von denen, die
+mit der Peitsche auf die Pferde einhauen,
+wenn der Wagen den Berg hinauf soll,
+und insgeheim den Hemmschuh ans Rad
+legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er
+ist mein Feind, er ist schlechthin der Feind;
+ihn unsch&auml;dlich zu machen, habe ich schon
+meine beste Kraft verschwendet. Und nun
+geh hin und setz&#8217; dich wieder an seinen
+Tisch und tu, als w&uuml;&szlig;test du von nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte scharf und kalt gesprochen wie
+ein Sachwalter vor dem Tribunal. Olivia
+zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen
+Augen gleich einem gescholtenen<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+Kind. Der Hofrat nahm einen Stein,
+schleuderte ihn in den Abgrund und lauschte
+bis das Gepolter verklungen war. Dann
+lachte er.</p>
+
+<p>&raquo;Warum lachst du?&laquo; fl&uuml;sterte Olivia,
+ohne den Kopf zu erheben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lache, weil es so sch&ouml;n ist,&laquo; antwortete
+er, &raquo;weil die Sonne so freundlich
+scheint und der Himmel so blau ist. Und
+weil unser Herrgott soviel Geduld hat.
+Und weil die Bowle gestern so vorz&uuml;glich
+war, und weil &uuml;berhaupt alles so famos ist.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich d&uuml;nkte es Olivia, als sei die
+ganze Welt grau geworden.</p>
+
+<p>Sie sagte: &raquo;Ich habe bisher nichts von
+deinem Leben gewu&szlig;t, Robert. Ich habe
+dich f&uuml;r einen Menschen gehalten, der in
+seinem Beruf gl&uuml;cklich ist.&laquo;</p>
+
+<p>Abermals lie&szlig; er sein kurzes, h&ouml;hnisches
+Lachen h&ouml;ren. Dann schwieg er eine Weile,
+und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing
+er an, von seinem Leben zu sprechen, von
+dem Beruf, in dem sie ihn gl&uuml;cklich w&auml;hnte.
+Von den Untergebenen und den Vorgesetzten;
+wie ihn jene l&auml;hmten und diese ihm
+mi&szlig;trauten. Wie nirgends ein Wille galt,
+nirgends Einsicht des Besseren, nirgends
+Vernunft, blo&szlig; Vorschrift, blo&szlig; der Buchstabe,
+das halbe Ungef&auml;hr, das veraltete
+Gutd&uuml;nken, die sinnlose Herrschaft derer
+vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt
+nach vorw&auml;rts auf Fallen sto&szlig;e, das wohlwollende
+Ermessen selbst im engsten Kreis
+behindert sei durch unangreifbare Idole
+und l&uuml;genhafte Grunds&auml;tze. Wie kein Weg
+aus diesem Pfuhl f&uuml;hre, an dem nicht die
+Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
+oder die Pedanterie, oder die Verleumdung,
+oder die Bequemlichkeit, oder der
+Eigennutz, oder der Neid.</p>
+
+<p>Es war Flamme in seinen Worten,
+dabei auch Witz; eine bissige Schadenfreude,
+als bereite es ihm Spa&szlig;, Illusionen
+zu zerst&ouml;ren.</p>
+
+<p>Und er zerst&ouml;rte Illusionen, gr&uuml;ndlich.
+Ein eisiger Hauch wehte durch Olivias
+Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre
+Wangen waren bla&szlig;; es war, als h&auml;tte
+sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge
+in Ekles verwandelt, als st&uuml;nde dort, wo
+eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
+Schreckbild. Sie staunte, sie str&auml;ubte sich,
+sie glaubte nicht und f&uuml;rchtete doch, zu zweifeln.
+Alles war pl&ouml;tzlich sonderbar anders.</p>
+
+<p>An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard
+und Marianne, da&szlig; etwas mit ihr vorgegangen
+war. Sie hatten am selben Tag
+weiter wandern wollen, aber Olivia konnte
+sich nicht zum Aufbruch entschlie&szlig;en und
+sch&uuml;tzte eine Unp&auml;&szlig;lichkeit vor. Ingbert
+f&uuml;hlte sich in dem teuren und eleganten
+Hotel nicht behaglich, und da die Geschwister
+z&ouml;gerten, die Tour ohne Olivia
+fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner
+Wege gehen. Um sich zu verabschieden,
+kam er in Olivias Zimmer und fand sie
+in tiefem Nachdenken. Sie gab ihm die
+Hand, und als sie sp&uuml;rte, da&szlig; er ihren
+Blick forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses
+Einanderbegreifen hatte sich zwischen
+ihnen schon seit langem entfaltet. Der bek&uuml;mmerte
+Ausdruck in seinem klugen,
+ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es
+bedacht hatte, zog sie seinen Kopf herab
+und k&uuml;&szlig;te ihn. Er err&ouml;tete wie ein Knabe,
+seine Verwirrung erf&uuml;llte sie mit noch
+gr&ouml;&szlig;erer Liebe, er dr&uuml;ckte seine Lippen auf
+ihre Hand und verlie&szlig; sie stumm.</p>
+
+<p>Es trieb sie zu Robert hin, und wenn
+sie bei ihm war, erschien sie sich treulos
+gegen Eduard und Marianne. Und wenn
+sie bei Eduard und Marianne war, peinigte
+sie deren argloses Wesen, und die
+beiden Menschen waren ihr verdunkelt und
+entr&uuml;ckt. Marianne, die &uuml;ber Ingberts
+Flucht ungl&uuml;cklich war und Pl&auml;ne schmiedete,
+wie man ihn noch erreichen k&ouml;nnte,
+nahm Olivias ver&auml;ndertes Betragen nicht
+schwer und war offen und anschmiegend
+wie immer; Eduard jedoch deutete alles
+auf sich und sein Verh&auml;ltnis zu Olivia.
+Seine Erregung wuchs, er suchte eine
+Aussprache herbeizuf&uuml;hren, er bat sie
+schlie&szlig;lich, ihm den Grund ihrer r&auml;tselhaften
+Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak;
+sie leugnete. Er ging nicht weiter darauf
+ein und sagte, da&szlig; er mit Anita Gr&ouml;ger
+gebrochen habe. Sie wu&szlig;te, was nun
+folgen w&uuml;rde, sie hatte Angst davor, und
+mit einer K&auml;lte, die ihn bleich machte,
+verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da
+gingen sie auseinander.</p>
+
+<p>Am selben Abend schlug ihr Robert
+Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
+reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg
+zu begleiten, wo ihre Mutter sie erwartete.
+Zu Eduard und Marianne sagte sie, die
+Mutter habe ihr geschrieben und sie gerufen.<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+Sie umarmte Marianne mit dem
+Gef&uuml;hl einer Trennung f&uuml;r immer, Eduard
+schaute sie starr an, und so oft sie nachher
+an sein verst&ouml;rtes Gesicht dachte, wurde
+ihr weh zumute, und sie h&auml;tte die Erinnerung
+ausl&ouml;schen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er
+seinerseits sprach nur von gleichg&uuml;ltigen
+Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber
+dem Groll nicht zu &uuml;berlassen; sie vermied
+es, seinem Blick zu begegnen, der w&auml;hrend
+der langen Eisenbahnfahrt zuweilen pr&uuml;fend
+auf ihr ruhte, und als sie von Innsbruck
+ab allein im Coup&eacute; waren, brach sie
+selbst das Schweigen aus unbestimmter
+Angst. Sie begann von Menschen zu
+sprechen, die sie beide kannten und von
+denen sie annahm, da&szlig; er sie sch&auml;tzte. Sie
+redete sich in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten
+und Handlungen dieser Menschen
+und &uuml;bertrieb ihre Vorz&uuml;ge, als seien sie
+von ihm angegriffen worden. Er h&ouml;rte
+mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal
+ermunternd und schaute in die Landschaft.</p>
+
+<p>Da erschien ihr alles falsch und einf&auml;ltig,
+was sie sagte, sie mochte die sch&ouml;nen
+Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren,
+und sie f&uuml;hlte mit Betr&uuml;bnis, da&szlig; sie
+all dieses Sch&ouml;ne nicht mehr so liebte wie
+sie es bisher geliebt. Es war, als h&auml;tte
+Robert Lamm einen Schleier dar&uuml;ber gezogen,
+und als sei es fruchtlos, sich gegen
+die stumme Gewaltt&auml;tigkeit, die er an ihr
+&uuml;bte, zu wehren. Desungeachtet zwang
+es sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise
+zu fragen, ob sie ihn nach ihrer R&uuml;ckkehr
+in die Stadt sehen werde. Sie h&auml;tte aufgeatmet,
+wenn er nein gesagt oder eine
+Ausflucht gebraucht h&auml;tte. Er antwortete:
+&raquo;Freilich will ich dich sehen.&laquo; Und als sie
+schwieg, f&uuml;gte er d&uuml;ster l&auml;chelnd hinzu:
+&raquo;Vielleicht brauch&#8217; ich dich.&laquo;</p>
+
+<p>Sie war &auml;ngstlich verwundert. &raquo;Brauchen?
+Du &#8211; mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt dir das so unglaublich vor?&laquo;
+Er lachte &uuml;ber ihr hilfloses Gesicht. Pl&ouml;tzlich,
+der Zug fuhr schon in die Halle,
+beugte er sich nahe zu ihr, ergriff ihre
+beiden H&auml;nde und sagte mit jener Eindringlichkeit,
+die sie bei keinem andern
+Menschen als bei ihm wahrgenommen
+hatte: &raquo;Ich k&auml;mpfe gegenw&auml;rtig einen
+Kampf, in dem f&uuml;r mich alles auf dem
+Spiel steht. Ich k&auml;mpfe f&uuml;r die Ehre eines
+Toten, f&uuml;r die Rettung seines guten Namens,
+f&uuml;r sein Weib und seine Kinder.
+Sie wollen ein Verbrechen, das begangen
+worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
+Niedertracht, die sich denken
+l&auml;&szlig;t, nicht verantworten. Das darf nicht
+geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen,
+obwohl &auml;hnliches schon tausendmal
+geschehen ist. Aber bei diesem einen
+Mal hab&#8217; ich mir in den Kopf gesetzt: es
+darf nicht sein. Geschieht es trotzdem,
+dann bin ich fertig mit der Wirtschaft.
+Dann komm zu mir, Olivia, dann haben
+wir vielleicht einiges miteinander zu reden.
+Leb&#8217; wohl, gr&uuml;&szlig;&#8217; mir die Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stieg aus, aber am liebsten h&auml;tte
+sie jetzt mit ihm weiterfahren m&ouml;gen.
+Schw&auml;che kam &uuml;ber sie, ihr ganzes Denken
+und Gef&uuml;hl war dunkler gef&auml;rbt. Alles,
+was sie vorhatte, Arbeiten und Vergn&uuml;gungen,
+d&uuml;nkte ihr pl&ouml;tzlich falsch
+und einf&auml;ltig. Drei Tage sp&auml;ter fuhr sie
+mit der Mutter in die Stadt zur&uuml;ck, und
+einen Tag nach der Ankunft ging sie zu
+Robert Lamm.</p>
+
+
+<p class="newsection">In Riedach, einem kleinen ober&ouml;sterreichischen
+Kurort, hatte der junge Arzt
+Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine
+Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit ausge&uuml;bt.
+Da hatte sich im Sommersbeginn
+in einer H&auml;uslerfamilie ein Typhusfall
+ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
+was seine beschworene Pflicht als
+Gemeindearzt war, er hatte die Erkrankung
+zur Anzeige gebracht.</p>
+
+<p>Es entstand sogleich eine gro&szlig;e Erregung.
+Einige B&uuml;rger hatten noch in
+letzter Stunde den Doktor an der Ausf&uuml;hrung
+seines Entschlusses zu hindern
+gesucht. Die Sanit&auml;tskommission selbst,
+deren Vorsitzender der B&uuml;rgermeister war,
+hatte geltend gemacht, da&szlig; die Sommerfrischler
+und Kurg&auml;ste den Ort verlassen
+und f&uuml;r lange Zeit in Verruf bringen
+w&uuml;rden. Es war umsonst gewesen; weder
+Bitten, noch Versprechungen, weder Warnungen,
+noch Einsch&uuml;chterungen fruchteten,
+Doktor Seelmann achtete die Pflicht h&ouml;her
+als die gef&auml;hrdeten Interessen der Gemeinde.</p>
+
+<p>Die unmittelbare Folge seines Schrittes
+war, da&szlig; eine Milit&auml;rabteilung, die in<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+Riedach hatte einquartiert werden sollen,
+in einen andern Ort befehligt wurde.
+Auch der wenigen Sommerparteien bem&auml;chtigte
+sich Schrecken, und mehrere
+Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut
+von Beschimpfungen ergo&szlig; sich nun &uuml;ber
+den jungen Arzt, und alt und jung machte
+der Erbitterung in den unfl&auml;tigsten Formen
+Luft. Die M&auml;nner erwiderten seinen
+Gru&szlig; nicht; sie spuckten auf der Stra&szlig;e
+vor ihm aus. Der Metzger, der B&auml;cker,
+der Milchh&auml;ndler weigerten sich, seiner
+Frau die Lebensmittel zu verkaufen, die
+sie f&uuml;r sich, den Mann und das kleine
+Kind brauchte. T&auml;glich erhielt er gemeine
+Spott- und Drohbriefe, die Fenster seiner
+Wohnung wurden ihm eingeworfen, man
+ging nicht mehr in seine Sprechstunde,
+enthielt ihm die Bezahlung vor, und im
+September wurde ihm seine Stellung als
+Gemeindearzt gek&uuml;ndigt.</p>
+
+<p>Er wandte sich an den Reichsverband
+der &Auml;rzte, und dieser rief die Beh&ouml;rden
+um Unterst&uuml;tzung an. Der Appell war
+nicht vergebens, Gemeinderat und Sanit&auml;tskommission
+wurden vom Statthalter
+aufgel&ouml;st, der B&uuml;rgermeister seines Amtes
+entsetzt, die K&uuml;ndigung f&uuml;r ung&uuml;ltig erkl&auml;rt,
+und der Bezirkshauptmann schickte
+eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
+sch&uuml;tzen sollte.</p>
+
+<p>Doktor Seelmanns Lage besserte sich
+aber dadurch mit nichten. Vor k&ouml;rperlichem
+Schaden konnte man ihn bewahren,
+die Praxis konnte man ihm nicht zur&uuml;ckgeben;
+die Leute zwingen, ihm die Honorare
+zu entrichten, die sie ihm seit Jahr
+und Tag schuldeten, konnte man nicht.
+Er war ruiniert. In den verflossenen
+Monaten hatte er einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen
+vor Gericht gebracht,
+und jeder dieser Prozesse wurde zu seinen
+Gunsten entschieden. Aber nach jedem
+Prozesse kam er mutloser und hoffnungsloser
+heim. Seine Spannkraft war dahin,
+sein Geist getr&uuml;bt, seine Gesundheit ersch&uuml;ttert,
+mit vierzig Jahren sah er wie
+ein Greis aus.</p>
+
+<p>Da&szlig; seines Bleibens in Riedach nicht
+war, begriff er wohl. Riedach war aber
+seine Heimat; er liebte das Land, er hatte
+sein Dasein hier zu beschlie&szlig;en gedacht.
+Wohin sollte er als mittelloser Landarzt
+ziehen, wohin mit Frau und Kind und
+einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
+sollte er die Verleumder zum Schweigen
+bringen, die ihn sicher bis in die Ferne
+verfolgen w&uuml;rden? Wie die Schmach abwaschen,
+mit der sie ihn bedeckt, die Besudelung,
+die Kr&auml;nkung vergessen? Ein
+neues Leben anzufangen, fehlte ihm das
+Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund,
+der ihn aufrichtete, die Tr&ouml;stungen seines
+Weibes beugten ihn nur noch tiefer, denn
+er sp&uuml;rte ihre eigene Verzweiflung darin.
+So brach er zusammen, wurde krank und
+starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
+eine Gehirnentz&uuml;ndung als Ursache seines
+Todes, aber in Wirklichkeit hatten ihn der
+Kummer und der Lebensekel get&ouml;tet.</p>
+
+<p>Der Reichsverband der &Auml;rzte stellte nun
+den Anspruch an den Staat, f&uuml;r die Hinterbliebenen
+zu sorgen, die der bittersten Not
+preisgegeben waren. Dies wurde bewilligt,
+aber in so kargem Ausma&szlig;, da&szlig;
+die Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah.
+Einer von den M&auml;nnern, die sich daf&uuml;r
+eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer
+Erwartung nicht ruhig hinnehmen wollten,
+bezeichnete den Hofrat Lamm als den
+einzigen, dessen Beistand und Vermittlung
+den halbwegs gescheiterten Plan noch zum
+Erfolg f&uuml;hren konnte. Ihm allein traute
+man die Entschlossenheit zu, ihn allein
+hielt man f&uuml;r unabh&auml;ngig genug, da&szlig; er
+es als hoher Staatsbeamter wagen durfte,
+f&uuml;r den begangenen Frevel eine S&uuml;hne
+zu verlangen, die freilich versp&auml;tet war,
+jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder
+erh&ouml;hte.</p>
+
+<p>Der Hofrat hatte von dem Martyrium
+des Arztes nichts geh&ouml;rt; die Zeitungen
+hatten alle Berichte unterdr&uuml;ckt, die sonstige
+Kunde, die im Dunkel umlief, war
+nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die
+Erz&auml;hlung der Geschehnisse mit unbeweglichem
+Gesicht. Den Abgesandten, die ihm
+Vortrag hielten, begegnete er mit seiner
+unverbindlichen und trockenen H&ouml;flichkeit,
+ohne mit einer Miene zu verraten, da&szlig;
+ihm die Angelegenheit n&auml;her ging als
+irgendein anderer Hader zwischen Parteien.
+Er lie&szlig; sich alle einschl&auml;gigen Akten
+kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
+und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen
+Z&auml;hnen. Dann zauderte
+er nicht mehr, zu handeln. Er forderte
+die Regierung auf, nicht nur mit<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+gen&uuml;genden Geldmitteln die Mutter, die
+Witwe und die Waise des in Aus&uuml;bung
+seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten
+Doktor Seelmann zu unterst&uuml;tzen, des
+gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht
+nur alle schuldigen B&uuml;rger und beh&ouml;rdlichen
+Organe von Riedach zu einer
+scharfen Strafe zu verurteilen; sondern
+auch durch eine &ouml;ffentliche und feierliche
+Erkl&auml;rung die gesch&auml;ndete Ehre und den
+verunglimpften Namen des Toten vor den
+Augen der Welt von allem Makel zu befreien.
+Denn ein solcher Mann sei, genau
+wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, f&uuml;r
+das Vaterland, f&uuml;r die Menschheit gefallen
+und habe sich den gleichen Dank
+verdient.</p>
+
+<p>Diese unumwundene Sprache begegnete
+verlegenen Ausfl&uuml;chten. Er dr&auml;ngte auf
+eindeutigen Bescheid, man antwortete,
+da&szlig; man den Fall noch einmal gr&uuml;ndlich
+untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit
+zu gewinnen, war offenbar; der Hofrat
+kannte die verwickelten Auswege und die
+rostige Maschinerie zu gut, um sich damit
+beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
+Minister; der erkl&auml;rte sich als mangelhaft
+unterrichtet, sch&uuml;tzte wichtigere Gesch&auml;fte
+vor und wies ihn an den Sektionschef
+Friesheim. Hier t&auml;uschte Gleichg&uuml;ltigkeit
+durch gef&auml;lligen Eifer; auch mit dieser
+Taktik war der Hofrat vertraut. Er lie&szlig;
+den Herren keine Ruhe, er bestand auf
+seiner Forderung, er pochte auf das Recht.
+Man h&ouml;rte ihn an, man zuckte die Achseln,
+jeder versicherte seine Willigkeit, jeder beteuerte
+machtlos zu sein. &Uuml;berall dieselbe
+scheinbare Nachgiebigkeit, dieselbe Lauheit.
+Robert Lamm f&uuml;rchtete, alles zu verderben,
+wenn er seinen Zorn nicht b&auml;ndigen konnte.
+In den Salzburger Bergen hatte er, vor
+langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus
+gekauft; dorthin floh er, so oft ihm
+des &Auml;rgers und der Plage zu viel wurde.
+Er tat es auch jetzt und nahm sich vor,
+geduldig zu warten. Aber diesmal graute
+ihm vor der Einsamkeit; er fuhr nach
+Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
+treffen sicher war, wo er sich zerstreuen,
+bet&auml;uben konnte. Zwei Tage nach dem
+Gespr&auml;ch mit Olivia erhielt er in der
+Sache des Doktors Seelmann den schriftlichen
+Bescheid des Ministeriums: die
+sachliche Entsch&auml;digung betreffend, habe
+man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
+der Familie bewilligt, alle &uuml;brigen Anspr&uuml;che
+m&uuml;sse man aber aus wohlerwogenen
+Gr&uuml;nden zur&uuml;ckweisen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Gr&uuml;nde will ich wissen,&laquo; knirschte
+der Hofrat. Er packte seine Koffer und
+reiste. In seiner finstern Ungeduld kam
+ihm die Eisenbahnfahrt wie ein boshaft
+langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
+seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen
+Stellen.</p>
+
+<p>An Gr&uuml;nden war man nicht arm. Wozu
+einen verj&auml;hrten Streitfall aufw&auml;rmen,
+einen gl&uuml;cklich begrabenen Skandal mutwillig
+noch einmal vor die &Ouml;ffentlichkeit
+zerren? Wozu sonst friedliche B&uuml;rger wegen
+immerhin zweifelhafter und schwer
+nachweisbarer Vergehen sch&auml;digen oder
+gar um ihre Existenz bringen? Es ist doch
+nun alles so sch&ouml;n gegl&auml;ttet und vergessen,
+wozu den Brand wieder anblasen, wozu
+b&ouml;ses Blut machen? Wozu endlich die
+Kom&ouml;die einer Ehrenerkl&auml;rung, die dem
+Toten nicht mehr n&uuml;tzen und die Lebenden
+nur verdrie&szlig;en w&uuml;rde?</p>
+
+<p>&raquo;Ein gl&uuml;cklich begrabener Skandal ist
+euch das!&laquo; rief Robert Lamm mit funkelnden
+Augen. &raquo;Sch&ouml;n gegl&auml;ttet und vergessen
+findet ihr alles? Nun, wir werden sehen,
+ob euch nicht angst und bange wird vor
+Gespenstern.&laquo;</p>
+
+<p>Er drohte L&auml;rm zu schlagen. Die Geschichte
+wurde bedenklich; der St&ouml;renfried
+begann h&ouml;chst unbequem zu werden. Man
+konnte ihm nichts anhaben, zu viele st&uuml;tzten
+ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte
+man im stillen, als er in seinem Zorn die
+Saite zu straff spannte und um seinen Abschied
+bat. Es war ein Schreckmittel, er
+glaubte nicht, da&szlig; man ihn w&uuml;rde gehen
+lassen, er hatte ein zu starkes Bewu&szlig;tsein
+von seiner Notwendigkeit und der Wichtigkeit
+seiner Dienste. Allein der Abschied
+wurde gew&auml;hrt. Da er schon vor Jahren
+in einer Angelegenheit, die den Hof ber&uuml;hrt
+hatte, zu scharf ins Zeug gegangen
+war, brauchte man Tadel oder Einwand
+von oben nicht zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Das traf ihn unerwartet. Es dauerte
+Tage, ja Wochen, bis er sich wieder gesammelt
+hatte. Die Zust&auml;nde waren also
+noch viel heilloser, viel giftiger, als er sich
+eingebildet hatte. Er war wie gel&auml;hmt.
+Er lie&szlig; die Sache, f&uuml;r die er sich geopfert,<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+auf sich beruhen. Er wich den Menschen
+aus, wurde scheu und wunderlich. Er verlie&szlig;
+seine Stadtwohnung und zog sich ganz
+in seine Villa zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Diese Villa lag am Ende der S&uuml;dwestvorstadt,
+nahe den bewaldeten H&uuml;geln und
+inmitten eines gro&szlig;en Gartens, der vor
+neugierigen Blicken durch eine hohe, steinerne
+Mauer gesch&uuml;tzt war. Die zahlreichen
+R&auml;ume enthielten Sch&auml;tze von Gem&auml;lden,
+Statuen, B&uuml;chern, Porzellan und alten
+M&ouml;beln. Der Hofrat lie&szlig; aber die Zimmer
+versperrt und nistete sich in einer Giebelkammer
+ein. Die Haush&auml;lterin kochte
+f&uuml;r ihn, und der Diener Gerold, eine Art
+Faktotum, sorgte f&uuml;r seine &uuml;brigen Bed&uuml;rfnisse.</p>
+
+
+<p class="newsection">Anfangs hatte ihn Olivia beinahe t&auml;glich
+gesehen. Entweder kam er zu ihr,
+unterhielt sich eine Weile mit der Mutter
+und forderte Olivia auf, ihn zu begleiten,
+oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete,
+setzte sie sich in eine Ecke, nahm ein Buch
+und las.</p>
+
+<p>Von dem, was ihn in dieser Zeit erf&uuml;llte,
+sprach er nicht. Sie erfuhr es von andern.
+Jeder entstellte es auf seine Weise, aber
+es gen&uuml;gte, da&szlig; sie Robert Lamm anschaute,
+dann r&uuml;ckte sich alles zurecht. Sie
+war stolz auf ihn, nichtsdestoweniger dr&uuml;ckte
+sein Wesen sie nieder, ohne da&szlig; sie wu&szlig;te,
+wie es geschah. Er war vertraulich und
+herzlich, dennoch schien es, als rede er mit
+ihr durch eine Wand hindurch. Da&szlig; sie
+ihm nicht n&auml;her kommen konnte, beunruhigte
+sie und trieb sie immer wieder in seine
+N&auml;he.</p>
+
+<p>Da trat die Katastrophe ein, die ihn
+aus seiner Wirksamkeit, aus seiner Laufbahn
+ri&szlig;. Am Tag, bevor er in die Villa
+&uuml;bersiedelte, gab er ihr in unfreundlichem
+Ton zu verstehen, da&szlig; er bis auf weiteres
+von keinem Menschen behelligt werden
+wolle. Sie lie&szlig; sich&#8217;s gesagt sein und ging
+verletzt und schweigend hinweg. Wieder
+erst von andern h&ouml;rte sie, was sich ereignet
+hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie,
+aber da er sie zur&uuml;ckgesto&szlig;en hatte, blieb
+sie ihm fern.</p>
+
+<p>Sie wollte ihr Leben wieder wie fr&uuml;her
+f&uuml;hren. Allein die Heiterkeit und Sorglosigkeit
+waren verflogen. Es war nicht
+mehr der Leichtsinn darin, das s&uuml;&szlig;e Tr&auml;umen,
+das unbefangene Lachen. Sie lauschte
+aufmerksam auf das, was die Leute zu ihr
+sagten, und mi&szlig;traute den Worten. Zu
+einigen Menschen, die sie lieb gehabt, ging
+sie auch jetzt gerne, aber die rechte Freude
+fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner,
+die Frau eines Gro&szlig;industriellen.
+Sie war um zehn Jahre &auml;lter als Olivia,
+hatte schon eine f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Tochter
+und wurde von allen, die sie kannten, wegen
+ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes
+bewundert. Wohl versp&uuml;rte Olivia noch
+immer den Zauber ihres Wesens, aber das
+ganze Dasein dieser Frau erschien ihr auf
+einmal leer, sie bemerkte in ihren Z&uuml;gen
+eine Melancholie, die ihr vordem nicht
+aufgefallen war, und, was das Schlimmste
+war, das Zusammensein mit ihr langweilte
+sie.</p>
+
+<p>In der Trauer hier&uuml;ber nahm sie zu
+B&uuml;chern ihre Zuflucht; ihre Gedanken hatten
+aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel,
+sie war nicht erf&uuml;llt. Konzerte, Theater,
+Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre
+zahllosen Beziehungen wurden von Tag
+zu Tag lockerer; oft mu&szlig;te sie sich erst m&uuml;hsam
+erinnern, was sie an den oder jenen
+Menschen gefesselt hatte; sie waren pl&ouml;tzlich
+so schmucklos und ohne Anreiz.
+Das Friesheimsche Haus mied sie. Eduard
+hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem
+Lloyddampfer genommen; aus &uuml;berseeischen
+H&auml;fen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
+Entt&auml;uschung, Resignation und sch&uuml;chtern
+glimmende Hoffnung enthalten waren. Sie
+antwortete selten, der Ton, den sie anschlug,
+konnte seine Zuversicht nicht heben.</p>
+
+<p>Eines Tages kam Marianne zu ihr, sa&szlig;
+eine Weile schweigend da und begann auf
+einmal zu weinen. Olivia umarmte sie;
+zu sagen wu&szlig;te sie wenig, Trost hatte sie
+keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne
+schaute erstaunt und unwillig empor.
+So verstellst du dich? z&uuml;rnte ihr vorwurfsvoller
+Blick. Erst als Olivia, k&uuml;hl
+und befremdet, zum zweitenmal fragte,
+erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte
+aber noch heftiger. Seltsam, die Tr&auml;nen
+r&uuml;hrten Olivia nicht, ruhig forschte sie
+Marianne aus und erfuhr, da&szlig; Ingbert
+schon seit Wochen in die Stadt zur&uuml;ckgekehrt
+war und in seinem Atelier fast ohne
+Pflege krank lag. &raquo;Ja, hast du ihn denn
+nicht besucht?&laquo; fragte Olivia mit gro&szlig;en<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+Augen. &raquo;Wie soll ich denn? Wie kann
+ich ihn denn besuchen?&laquo; erwiderte Marianne,
+und um ihren Mund zuckte es
+hilflos. Olivia faltete die H&auml;nde und sagte
+langsam: &raquo;Aber was willst du dann?
+Warum weinst du?&laquo; Marianne senkte den
+Kopf. &raquo;Verzeih, Olivia, ich glaube, ich
+hab&#8217; dich ungerecht beschuldigt,&laquo; hauchte
+sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort
+und war nun ganz kalt und zugeschlossen.</p>
+
+<p>Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von
+einer alten Aufw&auml;rterin abgewiesen. Es
+d&uuml;rfe niemand zu ihm, sagte die Frau,
+er liege im Fieber. Sie fragte, welcher
+Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte,
+er wolle keinen Arzt. Da bat Olivia ihren
+Hausarzt, da&szlig; er ihn besuche, und dieser
+beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren
+Bruder Ferdinand schickte sie hin und war
+froh, zu bemerken, da&szlig; er an Ingbert Gefallen
+fand. Als sie endlich selbst zu ihm
+gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
+blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick
+&uuml;berflammt von Freude; ihre offensichtliche
+Best&uuml;rzung &uuml;ber die Armseligkeit seiner
+Behausung entlockte ihm ein wehm&uuml;tiges
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Sie kam fast t&auml;glich. Er besa&szlig; ein altes
+Spinett, darauf spielte er ihr vor. Sie
+sah seine Bilder und Studien an und fragte,
+ob er nichts verkaufen wolle. Es waren
+Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie
+und besonderer Anschauung der Natur.
+Er w&auml;hlte einige St&uuml;cke aus und nannte
+Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch
+erhob. Er wehrte stolz-ergeben ab.
+Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte,
+ihm, wenn auch wider seinen Willen, zu
+helfen, schrieb sie an Robert Lamm, von
+dem sie wu&szlig;te, da&szlig; er an Bildern Interesse
+hatte. Ein paar Tage sp&auml;ter teilte ihr
+Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen,
+habe sich aber nicht entschlie&szlig;en
+k&ouml;nnen, eines der Bilder zu erwerben. Es
+lag etwas Verschmitztes in seinen Worten,
+Olivia sch&ouml;pfte Argwohn und ging zu Robert
+Lamm, um ihn zu fragen. &raquo;Dein
+Maler ist ein Narr,&laquo; sagte Robert Lamm;
+&raquo;ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er
+antwortete mir, gerade von denen k&ouml;nne
+er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm
+ein anderes, da meinte er, das sei nicht
+fertig, und als wir endlich &uuml;ber ein viertes
+beinahe handelseins geworden waren, behauptete
+er, das habe er einem Freund
+versprochen. Du t&auml;test gut daran, mich k&uuml;nftig
+mit solchen Auftr&auml;gen zu verschonen.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging im Zimmer auf und ab. &raquo;Was
+soll&#8217;s? Was soll&#8217;s &uuml;berhaupt?&laquo; fuhr er
+mit seiner keifend-hellen Stimme fort.
+&raquo;Was soll&#8217;s mit der ganzen Kunst? Was
+f&ouml;rdert sie? Wen f&ouml;rdert sie? Wen tr&ouml;stet
+sie? Wen macht sie besser? Verringert sie
+das Elend, die Niedertracht, die Willk&uuml;r?
+Es ist alles Schwindel und Selbstbetrug.
+Die Leute, die dergleichen schaffen, werfen
+Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden
+Sumpf, und den andern, die sich daf&uuml;r
+begeistern, dient es als Ausrede f&uuml;r
+ihr schlechtes Gewissen.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia widersprach; er beharrte; das
+Hin und Her von Worten war ein unn&uuml;tzes
+Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich
+festsetzen konnte, er ri&szlig; sie fort, er ri&szlig;
+sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit
+Schrecken sp&uuml;rte sie, da&szlig; sie bei jedem
+Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
+seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen
+zielte daraufhin, sich dem verh&auml;ngnisvollen
+Einflu&szlig; zu entziehen. Was an Z&auml;rtlichkeit
+in ihrem Gem&uuml;t war, str&ouml;mte Ingbert
+zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes Vertrauen,
+ein stilles freilich, aber er schien zu
+verstehen; nie durchbrach ein vorwitziges
+Wort von ihm die Schranken, die sie aufgerichtet
+hatte.</p>
+
+<p>Er durfte sie k&uuml;ssen, wenn sie kam und
+wenn sie ging. Er verga&szlig; nicht, da&szlig; er es
+nur durfte. Er behandelte sie wie eine
+Kostbarkeit, die blo&szlig; zuf&auml;llig in seine Verwahrung
+gegeben war. Sie stand jetzt in
+der Bl&uuml;te ihrer Sch&ouml;nheit; alle Menschen
+drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
+ihre k&uuml;hn-aufgereckte Haltung, der edle
+Gang, das n&ouml;rdliche Blond der Haare, die
+perlenhafte Haut, der vollendete Bau des
+K&ouml;rpers und seine vornehme Bewegung,
+das alles im Verein war so selten wie unverge&szlig;lich.
+Ingbert malte sie, wieder und
+wieder. Er sagte: &raquo;Jetzt sehen Sie erst,
+was f&uuml;r ein St&uuml;mper ich bin;&laquo; doch sie
+l&auml;chelte ihm zu und war froh &uuml;ber diese
+Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln.
+So bezaubernd wie ihr ehedem die
+ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd
+d&uuml;nkte ihr nun Ingbert allein. Und doch
+war ihr Gef&uuml;hl verwirrt, tief und schmerzlich
+verdunkelt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Sie lie&szlig; sich selbst nicht ruhen, und endlich
+w&auml;hnte sie Klarheit zu gewinnen. Was
+auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche
+Schuld, die von Jahr zu Jahr sich
+geh&auml;uft hatte und noch immer, Stunde
+um Stunde, wuchs. Und dort, in seiner
+freiwilligen Einsamkeit, sa&szlig; der Richter,
+zu dem mu&szlig;te sie gehen, nur er konnte ihr
+helfen, &#8211; zu den Menschen, von den
+Menschen.</p>
+
+<p>Menschen! Das war das R&auml;tsel, das
+die Qual. Hatte sie denn die Menschen
+vorher nicht gesp&uuml;rt, sie blo&szlig; hingenommen
+und nicht gepr&uuml;ft? Mit ihnen gelebt und
+sie nicht erkannt? War alles nur Spiel
+gewesen, was sie mit ihnen verbunden hatte,
+angenehme L&uuml;ge? Waren alle diese B&uuml;ndnisse
+nichtig, dies Mit- und F&uuml;reinandersein,
+war es wertlos, das Entz&uuml;cken an den
+Dingen verwerflich, die Beschwingung und
+das Streben eitle Gaukelei?</p>
+
+<p>Und was berechtigte sie zu dem nagenden
+Mi&szlig;trauen? Was hatte die Fl&uuml;gelkraft
+gel&auml;hmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen?
+Woher waren die Zweifel gekommen?
+Aus Worten nur. Durften Worte
+solche Macht haben? Doch hinter den
+Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht
+eines Heuchlers, dort das Gesicht eines
+Rechtlosen, hier eins, das vom tr&auml;gen Genu&szlig;
+verw&uuml;stet war, dort eines, das der
+Hunger gezeichnet hatte; und vor allem
+<em class="gesperrt">sein</em> Gesicht, Robert Lamms hartes, verst&ouml;rtes,
+erbittertes, richtendes Gesicht.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te auch zu ihm gehen. Sie wollte
+Frieden haben; sie wollte mehr Beweise
+haben; einen Spruch, auf den sie sich st&uuml;tzen
+konnte; einen Weg, der in die Sonne zur&uuml;ckf&uuml;hrte.
+Sie ertrug es nicht, sich in Ha&szlig;
+gegen die Welt zu verlieren.</p>
+
+
+<p class="newsection">Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat
+wegen einer Vormundschaftsangelegenheit
+zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
+Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere
+Male geschrieben, ehe er sich entschlo&szlig;, zu
+kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag
+im Fasching; Ferdinand und Ingbert hatten
+sich verabredet, zusammen auf einen
+Maskenball zu gehen, auch Olivia war
+von mehreren Bekannten zur Teilnahme
+aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.</p>
+
+<p>Robert Lamm sa&szlig; mit Frau Khuenbeck
+am Tisch und &uuml;berlas einige Urkunden,
+da traten Ingbert und Ferdinand und ein
+Freund des letzteren mit L&auml;rm und Lachen
+ins Zimmer. Der eine war als Vagabund,
+der andere als Indianer, der dritte
+als italienischer Fischer gekleidet. Frau
+Khuenbeck erhob sich, heiter &uuml;berrascht,
+Olivia stand l&auml;chelnd auf der Schwelle.
+Robert Lamms Miene dr&uuml;ckte Wohlgefallen
+aus, und er klatschte sogar Beifall.
+Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit
+den jungen Leuten begann er von Redouten
+zu berichten, bei denen er durch diese
+oder jene abenteuerliche und ungew&ouml;hnliche
+Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
+bed&uuml;rfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen
+W&uuml;rze zu verleihen, meinte
+er, und schilderte ein Fest von ehemals,
+bei welchem hervorragende Personen,
+Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
+T&auml;nzerinnen durch geistreiche Einf&auml;lle von
+sich reden gemacht h&auml;tten. Er gab einige
+Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die
+sein gl&auml;nzendes Erz&auml;hlertalent ins Licht
+setzten, kurz, er war so aufger&auml;umt, so unterhaltend
+und trotz des Zynismus, der
+heimlich oder unverh&uuml;llt stets in seinen
+Worten lag, so gewinnend, da&szlig; alle an
+seinem Munde hingen und ihr Bedauern
+nicht verhehlten, als er abbrach und sich,
+pl&ouml;tzlich wieder trocken und h&ouml;lzern h&ouml;flich,
+empfahl.</p>
+
+<p>Olivia war in Hut und Mantel, weil
+sie einige Eink&auml;ufe in der Stadt machen
+wollte. Sie schlo&szlig; sich dem Hofrat an, und
+er schien sich dar&uuml;ber zu freuen. Seine unerwartete
+Gespr&auml;chigkeit hatte erl&ouml;send auf
+sie gewirkt; sie sch&ouml;pfte Hoffnung, seine
+Gegenwart schien keine Gefahr mehr zu
+enthalten.</p>
+
+<p>Schweigend gingen sie nebeneinander.
+Es war Abend, viele Menschen waren
+unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstra&szlig;en
+ab in die stilleren, aber auch dort
+sprach er nicht. Anfangs d&uuml;nkte Olivia
+dies Schweigen nat&uuml;rlich, doch als sie ihn
+anschaute, bemerkte sie, da&szlig; seine Miene
+finster und feindselig war. Sie erschrak;
+sie konnte sich die Verwandlung nicht erkl&auml;ren;
+sie f&uuml;rchtete, ihn verletzt zu haben,
+wollte fragen, brachte aber kein Wort &uuml;ber
+die Lippen. Immer wuchtender, immer
+l&auml;hmender wurde sein Schweigen, und er
+erschien ihr grausam und geheimnisvoll<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+dadurch. Sie h&auml;tte sich von ihm verabschieden
+k&ouml;nnen, doch sie war nicht imstande,
+den Vorsatz auszuf&uuml;hren. Die Richtung,
+in die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel;
+was zwang sie, ihm zu folgen?</p>
+
+<p>Sie sp&uuml;rte, wie sie allm&auml;hlich bleich
+wurde und ein fremdes Entsetzen sie beschlich.</p>
+
+<p>Auf einmal blieb er stehen. Sie waren
+bereits hinter dem G&uuml;rtel, und statt der
+elektrischen Bogenlampen brannten fahle
+Gaslaternen. Er legte beide H&auml;nde auf
+ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend
+an und fragte: &raquo;Warum kommst
+du nicht zu mir?&laquo;</p>
+
+<p>Stumm schaute sie zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Komm morgen,&laquo; sagte er befehlend.</p>
+
+<p>Ein Automobil fuhr die Stra&szlig;e herauf.
+Er rief den Lenker an, fragte Olivia, wohin
+sie zu fahren w&uuml;nsche, half ihr in den
+Wagen, gab dem Manne Geld, l&uuml;pfte den
+Hut und eilte hinweg.</p>
+
+
+<p class="newsection">Als sie am andern Nachmittag in die
+Villa kam, sagte ihr der Diener Gerold,
+der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam
+schritt sie durch die Alleen und &uuml;ber die
+Wege und gewahrte ihn endlich auf einem
+Beet, wo er harkte. In seiner N&auml;he gruben
+der G&auml;rtner und sein Gehilfe die Erde um.</p>
+
+<p>Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und
+wartete. Nach einer Weile trat er zu ihr. Er
+begann sogleich von Ferdinand zu sprechen
+und sagte, der junge Mensch sei im Begriff,
+zu verludern; er habe mit der Mutter &uuml;ber
+ihn gesprochen, und sie seien &uuml;berein gekommen,
+da&szlig; es am besten w&auml;re, wenn
+man ihn nach Deutschland schickte. Einem
+angehenden Techniker b&ouml;ten sich dort g&uuml;nstigere
+Aussichten und ein reicheres Feld
+der Bet&auml;tigung als hierzulande, wo alle
+Kraft geknickt werde und Talent und Flei&szlig;
+dem fl&uuml;chtigen Genu&szlig; zum Opfer falle.</p>
+
+<p>Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit
+Frau Khuenbeck zum Austrag gebracht
+hatte, war der einer Wohnungsver&auml;nderung.
+Die Wohnung in dem eleganten
+Stadtviertel war zu teuer geworden, und
+Frau Khuenbeck hatte sie schon vor einigen
+Wochen gek&uuml;ndigt. Sie hatte aber noch kein
+passendes Heim gefunden, und da hatte ihr
+Robert Lamm geraten, in seine N&auml;he, aufs
+Land zu ziehen. Zuf&auml;llig hatte er davon
+geh&ouml;rt, da&szlig; in einem Haus in P&ouml;tzleinsdorf
+eine Wohnung von drei Zimmern billig
+zu vermieten sei; er sei heute vormittag dort
+gewesen, und da sich alles in w&uuml;nschenswertem
+Stand gezeigt, habe er die Wohnung
+gleich gemietet. In vierzehn Tagen
+k&ouml;nnten sie &uuml;bersiedeln, Olivia m&ouml;ge es zu
+Hause ausrichten.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast dann nur ein paar Minuten
+Wegs zu mir,&laquo; schlo&szlig; er, &raquo;kannst kommen,
+wann du willst und hier im Garten spazieren
+gehen. Wenn du&#8217;s w&uuml;nschest, richt&#8217;
+ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen
+und tr&auml;umen. Dort, das Rondell zwischen
+den Kastanien; vom Mai an ist es ganz
+in Bl&uuml;ten begraben. Freilich, besser ist es,
+nicht zu tr&auml;umen, besser ist&#8217;s, die Augen
+offen zu halten, damit man nicht betrogen
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia wie die Mutter schieden ungern
+aus der alten Wohnung, in der sie seit dem
+Tod des Professors gelebt. Olivia erschien
+sich zu einem ungew&uuml;nschten Zustand vergewaltigt,
+und als sie das neue Heim bezogen
+hatten, kam sie sich wie eine Verbannte
+vor, von allen Quellen abgeschnitten.
+Sie unterdr&uuml;ckte ihr Gef&uuml;hl, um das dumpfere
+der Mutter nicht aufzuwecken; der Hofrat,
+der zuweilen her&uuml;ber kam, merkte die
+Verstimmung und erging sich in boshaften
+Bemerkungen. Um jene Zeit gab es schon
+Blumen die F&uuml;lle in seinem Garten, und
+er schickte einmal eine ganze Wagenladung
+von Topfpflanzen, mit denen Olivia die
+Fenster und den Balkon schm&uuml;ckte, bis das
+D&uuml;rftige und &auml;rmlich Frische der Zimmer
+verh&uuml;llt war.</p>
+
+<p>Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin,
+einer gr&ouml;&szlig;eren Bestimmung entgegen. Seine
+Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die
+Trennung von Mutter und Schwester fiel
+ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange
+nicht zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr
+immer so selbstverst&auml;ndlich gewesen, jetzt
+fehlten sein Scherz, seine liebensw&uuml;rdige
+Ungebundenheit zu allen Stunden. Frau
+Khuenbeck hatte den Pl&auml;nen, die der Hofrat
+in bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt
+hatte, stets willig beigestimmt; die
+Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr
+zugef&uuml;gtes Unrecht, und sie fa&szlig;te einen Groll
+gegen Robert Lamm.</p>
+
+<p>Hiervon war h&auml;ufig die Rede zwischen
+Lamm und Olivia. Er &auml;u&szlig;erte sich bitter
+&uuml;ber die Undankbarkeit der Mutter und spottete<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+&uuml;ber ihre wehleidige Schw&auml;che. &raquo;Profit
+machen und nichts zusetzen, so ein Gesch&auml;ft
+w&uuml;nschen sie sich alle,&laquo; sagte er ver&auml;chtlich;
+&raquo;andere f&uuml;r sich schuften lassen und im
+&uuml;brigen lustig sein, fr&ouml;hlich sein, heirassassa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte dein Vater zu wirtschaften verstanden,
+dann brauchtet ihr nicht wie die
+K&uuml;mmerlinge zu leben,&laquo; sagte er ein andres
+Mal; &raquo;er hat in manchen Jahren sechzig-,
+siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient,
+und wenn er blo&szlig; die H&auml;lfte zur&uuml;ckgelegt
+h&auml;tte, so h&auml;ttet ihr heute ein ansehnliches
+Verm&ouml;gen. Statt dessen wurde alles f&uuml;r
+K&uuml;che und Keller vergeudet; jeden Tag
+offene Tafel, ein Dutzend Kostg&auml;nger, die
+sich den Bauch m&auml;steten und wenn sie den
+R&uuml;cken gedreht hatten, sich das Maul zerrissen,
+weil sie doch nie genug bekamen;
+Sch&ouml;ntuer und Speichellecker, die sich auf
+Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
+Dienstboten, die wie die Raben stahlen,
+wahrhaftig, es war zu toll! Das Herz blutete
+einem beim Zuschauen. Da war nichts
+zu bessern; solche Lebenshaltung galt f&uuml;r
+vornehm, keiner machte es anders, man
+war ein Kavalier, man lie&szlig; sich nichts abgehen,
+man &uuml;berzahlte jeden Genu&szlig;, und
+jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken,
+wenn er nur eifrig zu katzbuckeln
+wu&szlig;te. Und so stehen wir halt da, wo wir
+stehen, meine Liebe. Nicht nur du und
+deine geehrte Mutter, sondern ringsherum
+die ganze Kompanie, das ganze Land, dicht
+vor dem Bankrott, reif zum Sturz.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia wollte das Andenken des Vaters
+nicht geschm&auml;ht wissen und verteidigte ihn
+mit dem Hinweis auf seine G&uuml;te und seine
+gro&szlig;m&uuml;tige Sinnesart. Das sei eine schlechte
+G&uuml;te, die das eigene Fleisch und Blut der
+Sorge &uuml;berliefere, nur weil die Lockung
+des Augenblicks st&auml;rker sei als die Vernunft,
+war die Antwort; eine schlechte
+Gro&szlig;mut, die jedem Lumpen zu willen
+sei und die Fr&uuml;chte m&uuml;hevoller Arbeit einem
+Parasitenhaufen an den Kopf werfe. &raquo;Du
+sprichst ja, als h&auml;ttest du meinen Vater
+geha&szlig;t,&laquo; kam es emp&ouml;rt von Olivias Mund.
+Robert Lamm richtete sich steif empor.
+&raquo;Geha&szlig;t? Er war mein Freund.&laquo; &#8211; &raquo;Nun,
+also!&laquo; &#8211; &raquo;Was, also? An ihm zuerst habe
+ich unsere Krankheit konstatiert, er, bei seiner
+Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir
+zum Sinnbild unseres Unterganges. Die
+Leistung an sich, auch die trefflichste, ist
+nichts, so wie der allerreinste Charakter
+fast nur als eine Abnormit&auml;t dasteht, wenn
+er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
+Ja, ich war sein Freund; ich wei&szlig;, wie er
+zeitlebens gearbeitet hat, wie selbstlos er
+seinem Beruf hingegeben war. Aber ich
+war ein Feind seiner Weichheit, seiner
+Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums,
+seines Allesiebengradeseinlassens.&laquo;</p>
+
+<p>Und er kam auf gewisse Zust&auml;nde an der
+Klinik, die damals schon von sich reden gemacht
+h&auml;tten und heute zum Skandal gediehen
+seien. Khuenbeck habe dem Unwesen
+nicht zu steuern vermocht und sich seufzend
+ergeben. Er sei niemals f&auml;hig gewesen,
+R&auml;nke zu spinnen, aber er habe auch den
+Gedanken nicht ertragen k&ouml;nnen, da&szlig;
+andere gegen ihn R&auml;nke spannen. Deshalb
+sei er auch nicht davor zur&uuml;ckgeschreckt,
+sich zu dem&uuml;tigen, wenn es einen Widersacher
+zu vers&ouml;hnen galt, und oft sei es geschehen,
+da&szlig; er einem Kollegen, der ihn
+auf der Gasse mit herausfordernder K&auml;lte
+gegr&uuml;&szlig;t, einen Besuch abgestattet habe, um
+sich nach dem Grund seines Gesinnungswechsels
+zu erkundigen. Da wurde dann
+geredet und geredet; der klaffende Ri&szlig;, der
+Gut von B&ouml;se, Reinheit von Gemeinheit
+scheidet, sei mit Floskeln, Schmeicheleien
+und Versicherungen zugestopft worden, und
+zum Schlu&szlig; habe man sich freundschaftlich
+die H&auml;nde gesch&uuml;ttelt, womit alles beim
+alten geblieben sei und die Schlamperei
+Fett angesetzt habe.</p>
+
+<p>&raquo;Am Ende seines Lebens ist er dann
+m&uuml;de und traurig geworden und sah wohl
+ein, was er unschuldig verschuldet hatte,&laquo;
+sagte Robert Lamm. &raquo;Eines Abends, es
+war kurz, ehe er die Reise antrat, von der
+er nicht heimgekehrt ist, erz&auml;hlte er mir
+die Geschichte eines seiner Sch&uuml;ler. Der
+h&ouml;chst begabte junge Mensch hatte den
+Malaria-Bazillus entdeckt; er war bettelarm,
+und da er sich politisch kompromittiert
+hatte, konnte er nirgends Unterst&uuml;tzung finden;
+alle seine Gesuche um ein Stipendium
+wurden abschl&auml;gig beschieden. In der
+Verzweiflung dar&uuml;ber, da&szlig; er die zur Herstellung
+des Serums, also zur Nutzbarmachung
+seiner Entdeckung erforderlichen
+Mittel auf keine Weise aufbringen konnte,
+beging er die Eselei, Banknoten zu f&auml;lschen.
+Die Sache kam nat&uuml;rlich ans Licht, er
+wurde zu langj&auml;hrigem Kerker verurteilt,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+und damit war seine Existenz vernichtet.
+Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen;
+er hatte von den Arbeiten des
+jungen Fachgenossen geh&ouml;rt; er wu&szlig;te, was
+f&uuml;r Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt
+worden waren, Schwierigkeiten, auf
+die bei uns jeder st&ouml;&szlig;t, der etwas will,
+etwas kann und etwas ist. Als er sich entschlossen
+hatte, einzugreifen, war es schon
+zu sp&auml;t gewesen. Freilich war er durchaus
+nicht sicher, da&szlig; sein Dazwischentreten die
+Katastrophe abgewendet h&auml;tte. Zum ersten
+Male sah ich ihn ganz niedergeschlagen,
+und in seiner m&uuml;den Art klagte er das
+Regime an, machte das Regime verantwortlich
+f&uuml;r alle &Uuml;bel. Nun, dieses Lied
+war mir bekannt. Das Regime ist wie der
+Drache im M&auml;rchen, der die Jungfrau zum
+Fra&szlig; verlangt; allgemeines Heulen und
+Z&auml;hneklappern, Schimpfen und Fluchen,
+aber der Drache gibt nicht nach, und die
+Jungfrauen werden ausgeliefert. Im
+M&auml;rchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein
+und macht dem Untier den Garaus;
+ich m&ouml;cht es nicht erleben, wie so ein Schneiderlein
+bei uns traktiert w&uuml;rde; die Schikanen
+und Kniffe und Bedenklichkeiten
+w&uuml;rden ihm seine Heldentat schon verleiden,
+wenn&#8217;s &uuml;berhaupt dazu k&auml;me, und statt die
+Hand der Prinzessin g&auml;be man ihm zur
+Belohnung einen Fu&szlig;tritt.&laquo;</p>
+
+<p>&#8250;Die Stimme, die Stimme,&#8249; mu&szlig;te Olivia
+in einem fort denken; qualvoll war ihr seine
+schrille, keifende Stimme, qualvoll dies
+Schelten, Raunzen, Geifern und H&ouml;hnen.
+Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
+Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich
+ins Innere bohrte gleich einer Schraube.
+Sie h&auml;tte ihn oft bitten m&ouml;gen, leise zu
+sprechen, aber sie wagte es nicht, denn er
+war empfindlich; warf er ihr doch <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ohnhin'">ohnehin</ins>
+bei jeder Gelegenheit ihre Verz&auml;rtlichung
+und Vers&uuml;&szlig;lichung vor und spottete &uuml;ber
+das R&uuml;hrmichnichtan, das in ihrer Miene
+lag.</p>
+
+<p>Er entri&szlig; ihr St&uuml;ck um St&uuml;ck ihres
+inneren Besitzes. Was er mit seinem Wort
+ber&uuml;hrte, wurde entwertet und entheiligt.
+Bisweilen lehnte sie sich auf gegen seine
+Welt- und Menschenverachtung, jedoch die
+Armseligkeit ihrer Gr&uuml;nde entlockte ihm
+nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
+nie verlegen, vor den Tatsachen mu&szlig;te
+sie sich beugen.</p>
+
+<p>Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein,
+ihm etwas werden zu k&ouml;nnen. Sie wies
+auf die gro&szlig;en Werke hin, die gro&szlig;en
+Sch&ouml;pfer, die gro&szlig;en Gedanken der Menschheit.
+Er nannte das ein frommes Geplauder;
+die Menschen redeten nur davon, es
+sei wie bei der Zeitung; &uuml;ber dem Strich
+feiere die Korruption Orgien, unter dem
+Strich w&uuml;rden Sch&ouml;nheit und Moral gepredigt,
+was billig zu haben sei und niemand
+in Unkosten st&uuml;rze. Sie erinnerte ihn
+an seinen Freund, den Musiker, der so viele
+erhoben, so viele entflammt; er lachte geringsch&auml;tzig
+und fragte, ob sie denn nicht
+wisse, da&szlig; man gerade den mit giftigem
+Ha&szlig; verfolgt und f&ouml;rmlich in den Tod gejagt
+habe.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nichts davon; er berichtete
+Einzelheiten, erz&auml;hlte, wie der wunderbare
+Mann gelitten hatte, wie er gegen das
+Ende seines Lebens, um sich und seine Kunst
+zu retten, keine andere M&ouml;glichkeit gesehen
+habe, als aus dem Land zu fliehen und
+wie er sich in Amerika durch aufreibende
+Wanderfahrten die Krankheit zugezogen
+habe, die seiner sternenhaften Bahn ein
+Ziel gesetzt.</p>
+
+<p>Da t&ouml;nte aus der Vergangenheit die
+herrlich-sonore Stimme, nach der sich Olivia
+gesehnt, die Stimme des Aufschwungs,
+Seelenstimme, erstickt nun und verloren;
+sie schauderte und lie&szlig; die Schw&auml;rze wehrlos
+um sich niedersinken.</p>
+
+
+<p class="newsection">Mied sie Robert Lamm, so rief er sie;
+widerstrebte sie dann noch, so kam er selbst.
+Er war der St&auml;rkere; mit eiserner Faust
+zog er sie in seine finstere Sph&auml;re. Er
+zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er
+belud sie mit seiner schmerzlichen, im Grunde
+edlen, aber auch ohnm&auml;chtigen Verbitterung.
+Als sie wahrnahm, da&szlig; sie nur noch
+mit seinen Augen sah, erschlaffte jeder Nerv
+an ihr.</p>
+
+<p>Mit einer letzten Anstrengung suchte sie
+sich zu befreien. Bei Senoners war ein
+Ball, sie wurde eingeladen und ging hin.
+Als ausgezeichnete T&auml;nzerin, die sie war,
+wurde sie lebhaft umworben, aber schon
+bei dem ersten Walzer erfa&szlig;te sie ein Grauen
+vor der Umschlingung eines wildfremden
+Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu
+Grimassen verzerrt, in allen sah sie etwas
+Drohendes, Gemeines und Feiges. Die<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+Lichter taten ihr weh; das Lachen und
+Scherzen, Nina Senoners Herzlichkeit, alle
+Bewegung, Musik und Worte, alles tat
+ihr weh. Jeanette, Ninas Tochter, ein
+M&auml;dchen von spr&uuml;hendem Temperament,
+sorglos wie eine Elfe, folgte Olivia auf
+Schritt und Tritt; sie war wie behext von
+der sch&ouml;nen Freundin ihrer Mutter, und
+Nina, die es merkte, l&auml;chelte still und bat
+Olivia, sie m&ouml;ge doch wieder zu ihr kommen
+wie fr&uuml;her. Jedoch Olivia glaubte
+nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
+seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der
+fast nie aus Ninas schwerm&uuml;tigen Z&uuml;gen
+wich, machte sie stutzig und argw&ouml;hnisch,
+und in einer Sekunde vision&auml;ren Schauens
+war es ihr, als klaffe zwischen dieser Mutter
+und dieser Tochter ein Abgrund, von dem
+beide noch nichts ahnten.</p>
+
+<p>In einem andern Kreis lernte sie wenige
+Tage sp&auml;ter einen russischen S&auml;nger
+kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung
+schenkte; doch als er dann, von M&auml;nnern
+und Frauen best&uuml;rmt, Lieder seiner Heimat
+sang, wurde ihr Herz im Innersten
+aufgew&uuml;hlt. Trunken ging sie nach Hause
+und w&uuml;nschte nichts anderes, als den S&auml;nger
+noch einmal zu h&ouml;ren. Sie erfuhr, da&szlig;
+er an einem bestimmten Abend wieder dort
+sein w&uuml;rde, und vers&auml;umte nicht, sich einzufinden.
+Es war ein gastliches Haus, in
+welchem allerlei freie und halbfreie Menschen
+zwanglos verkehrten. Bei ihrem Eintritt
+wurde sie von Georg Ingbert begr&uuml;&szlig;t;
+sie zeigte weder &Uuml;berraschung, noch Freude.
+Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
+dennoch herrschte eine geheime Verst&auml;ndigung
+zwischen ihr und ihm. W&auml;hrend er
+sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte
+gebannt in sein Gesicht. Er hatte eben ein
+Lied geendet; das Entz&uuml;cken der H&ouml;rer
+&auml;u&szlig;erte sich in l&auml;rmendem H&auml;ndeklatschen,
+Olivia schaute immer noch verzaubert in
+die Richtung, wo er stand. Da dr&auml;ngte sich
+Ingbert durch eine aufgeregte Gruppe; er
+ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit
+einer freien Anmut der Geb&auml;rde strich er
+mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
+und schmeichelnd &uuml;ber Olivias entbl&ouml;&szlig;ten
+Unterarm und fl&uuml;sterte, so da&szlig; nur sie es
+vernehmen konnte: &raquo;Olivia, Sie sind verliebt.&laquo;</p>
+
+<p>Ein entsagendes L&auml;cheln spielte auf seinen
+Lippen. Olivia erschrak. Sie l&auml;chelte
+gleichfalls, matt und schuldbewu&szlig;t. Verliebt,
+das war kein Wort mehr f&uuml;r sie; es
+mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick gewahrte sie Robert
+Lamm. Niemand schien sein Kommen
+bemerkt zu haben, aber da&szlig; er da war,
+schien doch allen selbstverst&auml;ndlich. Er hatte
+zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, trotzdem
+benahm er sich, als w&auml;ren ihm die
+R&auml;ume und die Menschen wohlbekannt.
+Er war von einer kom&ouml;diantisch &uuml;bertriebenen
+Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen
+gegen die Damen lag etwas Geziertes
+und zugleich H&auml;misches, sein Gesicht
+war krebsrot. Olivia erhob sich. Er
+sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen.
+Das Be&auml;ngstigende aber war, da&szlig; ihn seinerseits
+die andern, in deren Mitte er sich
+befand, nicht zu sehen schienen. Langsam,
+in der Haltung einer Hypnotisierten, n&auml;herte
+sie sich ihm. Da wurden die Leute
+aufmerksam, stellten sich um sie herum, beobachteten
+verwundert ihr sonderbares Gehaben
+und richteten scheue Fragen an sie.
+Ja, seht ihr denn nicht! h&auml;tte sie rufen
+m&ouml;gen. Das Blut pochte wider ihre
+Schl&auml;fenwand, mit einem dumpfen Schrei
+brach sie zusammen.</p>
+
+<p>Ingbert fing sie in seinen Armen auf.
+Sie aber f&uuml;hlte sich in den Armen Robert
+Lamms. Sie f&uuml;hlte sich in seinem Besitz,
+unentrinnbar und f&uuml;r alle Zeiten. Ihr
+graute vor seiner Stimme, vor seinem
+Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch;
+sie str&auml;ubte sich leidenschaftlich, aber alle
+Bem&uuml;hungen waren vollkommen vergebens.</p>
+
+<p>Man brachte sie nach Hause. Unterwegs
+wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne
+und bat die Begleiter, die bei ihr im
+Wagen sa&szlig;en &#8211; es waren Ingbert und
+ein junges M&auml;dchen&nbsp;&#8211;, sie m&ouml;chten die
+Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt,
+dankte sie ihnen, und als sie fort
+waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen
+Z&uuml;gen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor
+l&auml;utete.</p>
+
+<p>Sie schlief schwer, und gegen Morgen
+hatte sie folgenden Traum. Sie war in
+einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete
+und festlich gelaunte Menschen sich
+ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten
+sich durch blendenden Schmuck und
+kostbare Kleider aus. Unz&auml;hlige Lichter
+brannten, nicht nur an den W&auml;nden, in<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+Hunderten von Kandelabern, sondern auch
+von der Decke hingen sie herab. Olivia
+selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen
+Schleier, und da sie auf solche Lichtf&uuml;lle
+nicht gefa&szlig;t gewesen war, begann sich eine
+qu&auml;lende Scham ihrer zu bem&auml;chtigen. Auf
+einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites,
+ein drittes, zwanzig, drei&szlig;ig, f&uuml;nfzig, in
+regelm&auml;&szlig;igen Pausen. Dies wurde anfangs
+von keinem beachtet, denn die Helligkeit
+blieb noch lange strahlend; als es
+aber dunkler und immer dunkler wurde,
+weil mehr und immer mehr Lichter verloschen,
+wurden die Menschen still; alle
+bewegten sich gegen die W&auml;nde hin, wie
+wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden
+Finsternis, und als zuletzt nur noch
+eine einzige Lampe brannte, stand Olivia
+allein in einem &ouml;den Raum. Der Schleier,
+der sie einh&uuml;llte, wuchs und dehnte sich wie
+Rauch, machte das Geschmeide und die
+kostbaren Gew&auml;nder unsichtbar, und eine
+gellende Stimme rief in das Schweigen
+hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete,
+niemand r&uuml;hrte sich.</p>
+
+<p>Sie erwachte, kleidete sich an und ging
+in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat
+war trotz der fr&uuml;hen Stunde schon in den
+Treibh&auml;usern. Sie wanderte durch das
+Haus, durch alle die sch&ouml;nen R&auml;ume, betrachtete
+die sch&ouml;nen Gegenst&auml;nde. Sie
+lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
+weltfern und ohne Freude.</p>
+
+<p>&#8250;Er allein in dem gro&szlig;en Haus,&#8249; mu&szlig;te
+sie denken, &#8250;so nutzlos und ohne Freude!
+Und soviel Ha&szlig; in der Brust!&#8249;</p>
+
+<p>Dann ging sie in den Park. Es war
+Sommer, unendliches Bl&uuml;hen. In zauberhafter
+Pracht standen die Rosen; S&auml;ulen-,
+Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen.
+Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
+vorbereitet, es war ein Wuchern
+von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
+Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue
+Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis
+und Winden dr&auml;ngten sich an gelbe von
+Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien.
+Und die &uuml;ppigen Hecken, die kleinen Kan&auml;le
+voller Seerosen, die feierlichen Alleen
+von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen,
+die dunklen Eichen, die gelbgeflammten
+Platanen: es war ein Fest der Natur.</p>
+
+<p>Er aber kauerte im Treibhaus wie ein
+Alchimist in seiner K&uuml;che und suchte das
+Mittel zur Z&uuml;chtung einer schwarzen Rose.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Olivia mit Blicken des Abschieds
+den Garten langsam verlie&szlig;, hatte
+sie das Gef&uuml;hl, als riefe sie jemand, aber
+als d&uuml;rfe sie um keinen Preis dem Rufe
+folgen und zur&uuml;ckkehren.</p>
+
+<p>Sie kehrte nicht zur&uuml;ck.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span></p>
+<p class="newsection">Olivia hatte mit der Mutter ein
+entscheidendes Gespr&auml;ch, und am
+gleichen Abend reiste sie nach
+M&uuml;nchen. Von dort ging sie
+nach Florenz, dann nach Rom, dann nach
+Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte
+k&auml;rglich, g&ouml;nnte sich kaum den Bissen zum
+Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.</p>
+
+<p>In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule
+und arbeitete mit Hingabe, wenn
+auch ohne Enthusiasmus.</p>
+
+<p>Die sp&auml;rlichen Briefe, die sie schrieb,
+erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau
+Khuenbeck reiste nach Paris. Der ber&uuml;hmte
+Meister, dessen Unterricht sie geno&szlig;, &auml;u&szlig;erte
+sich &uuml;ber Olivias Charakter mit Bewunderung,
+&uuml;ber ihr Talent mit Vorbehalt.
+Er glaubte nicht daran, da&szlig; ihr Entschlu&szlig;
+zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien
+ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung
+und des Verzichtes.</p>
+
+<p>Ein paar Tage sp&auml;ter sagte Olivia zu
+ihrer Mutter: &raquo;Eine Frau kann es in der
+Kunst zu nichts Gro&szlig;em bringen. Wir
+k&ouml;nnen die Welt nicht anschauen, wir k&ouml;nnen
+die Welt nicht fassen. Heute hab&#8217; ich
+meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht
+mehr hin.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer.
+Olivia ertrug das Meer nicht, und sie
+reisten in die Schweiz, wo sie Frau von
+Scheyern treffen sollten. In Z&uuml;rich wurde
+Olivia bettl&auml;gerig, doch was ihr fehlte,
+konnte nicht ergr&uuml;ndet werden. Ein Arzt,
+der Frau Khuenbeck empfohlen worden
+war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie
+und machte sich anheischig, Olivia vermittelst
+einer sogenannten Seelenanalyse
+zu heilen. Das Verfahren erregte solchen
+Abscheu in ihr, da&szlig; sie drohte, sich aus dem
+Fenster zu st&uuml;rzen, wenn der Mann noch
+einmal in ihre N&auml;he komme.</p>
+
+<p>Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte
+nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man
+sie anredete; jedes Gesicht qu&auml;lte sie, bei
+jedem Ger&auml;usch zitterte sie, vor B&uuml;chern
+empfand sie Widerwillen, die Natur lie&szlig;
+sie kalt.</p>
+
+<p>Als Frau von Scheyern kam, merkte
+Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit
+ihrer Schwester, welche Ver&auml;nderung
+mit Olivia geschehen war. Sie war &uuml;berschlank,
+ihre Formen hatten die Weichheit
+eingeb&uuml;&szlig;t, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar
+die Farbe ihrer Haare schien gebleicht.
+Die Augen lagen tief in den H&ouml;hlen und
+blickten fremd und matt.</p>
+
+<p>Man wollte sie zur Heimreise bewegen.
+Sie weigerte sich und blieb gegen alles
+Zureden taub. Das Beste, was man f&uuml;r
+sie tun k&ouml;nne, sei, sie sich selbst zu &uuml;berlassen,
+erkl&auml;rte sie. Den Frauen d&uuml;nkte
+dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich
+mit einem Arzt und brachten sie in ein
+Sanatorium am Bodensee.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Nach einigen Wochen schrieb sie der
+Mutter, die nach Hause gereist war, sie
+halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle
+einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun
+ging sie nach Arosa und mietete sich in
+einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz
+ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
+November bis August. Wenn man sie sah,
+hatte man den Eindruck, als denke und
+f&uuml;hle sie nicht, als sei ihre Seele gel&auml;hmt.</p>
+
+<p>Sie war von einer m&ouml;rderischen Verachtung
+gegen sich und ihren Zustand erf&uuml;llt.
+Die einzigen Gef&auml;hrten in ihrer traurigen
+Abgeschiedenheit waren Blumen, die
+sie bei ihren Spazierg&auml;ngen auf den Alpenwiesen
+pfl&uuml;ckte. Doch in ihrem erstorbenen
+Herzen versp&uuml;rte sie keine Freude &uuml;ber die
+Blumen. Sie sammelte t&auml;glich einen Strau&szlig;
+und trug ihn in ihre Stube. Am andern
+Tag war er ein totes Ding.</p>
+
+<p>Ihre H&auml;nde waren jetzt ganz schmal und
+gelb.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eines Morgens trat der Besitzer des
+Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: &raquo;Es
+ist Krieg ausgebrochen, ich mu&szlig; mein Haus
+schlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Sie suchte nach einer andern Unterkunft,
+aber man wollte sie nirgends aufnehmen.
+Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos,
+wie sie war, traf sie Vorbereitungen,
+nach Paris zu fahren. Man bedeutete
+ihr, da&szlig; dies nicht anginge. Da
+bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin
+sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert
+wurde. Sie gehorchte.</p>
+
+<p>In allen Bahnh&ouml;fen dr&auml;ngten sich aufgeregte
+Menschen, und Neugier und Angst
+waren auf allen Gesichtern. Der Zug war
+so voll, da&szlig; Olivia kein Pl&auml;tzchen zum
+Sitzen fand und sechzehn Stunden lang
+gepfercht im Korridor stehen mu&szlig;te. Und
+immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
+kreischten, Kinder weinten, M&auml;nner suchten
+ihre Gep&auml;ckst&uuml;cke, Hunde bellten, unaufh&ouml;rlich
+liefen Ger&uuml;chte von Mund zu Mund,
+das Kaiserlied wurde gesungen.</p>
+
+<p>Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen
+fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei
+den fortw&auml;hrenden Ber&uuml;hrungen, denen sie
+ausgesetzt war.</p>
+
+<p>Als im Morgengrauen der Zug hielt,
+sah sie auf dem Bahnsteig eine B&auml;uerin,
+die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was
+zwischen den beiden geredet wurde, konnte
+sie nicht h&ouml;ren, aber wie sie voreinander
+standen, Hand in Hand, Blick in Blick,
+das r&uuml;ttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen
+Pein.</p>
+
+<p>&#8250;Wohin bin ich geraten?&#8249; dachte sie schuldbewu&szlig;t;
+&#8250;wer hat mir die Menschheit geraubt?
+Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?&#8249;
+Auf einmal hatte der L&auml;rm, der um sie
+herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
+von dem die Menschen erfa&szlig;t
+wurden, begriff sie nicht, doch sp&uuml;rte sie
+seine Gewalt.</p>
+
+<p>Niemand holte sie ab. Sie mu&szlig;te lange
+warten, bis sie einen Wagen bekam. Die
+Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand,
+der einr&uuml;cken mu&szlig;te, war schon
+aus Berlin heimgekehrt. Auch er begr&uuml;&szlig;te
+sie froh, aber im &uuml;brigen wurde nicht viel
+Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr
+wohl. Niemand fragte, niemand bewachte,
+niemand belauerte sie, deshalb gewann sie
+Sicherheit und f&uuml;hlte sich minder einsam,
+als wenn man ihre Einsamkeit zu st&ouml;ren
+versucht h&auml;tte.</p>
+
+<p>Eines Morgens kamen Ferdinand und
+ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst
+von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen.
+Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In
+ihren Augen war neben einer heiteren
+Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia
+elektrisch ber&uuml;hrt wurde.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter kamen noch einige der fr&uuml;heren
+Freunde und Bekannten, die vernommen
+hatten, da&szlig; sie wieder zu Hause war und
+sich von ihr verabschieden wollten. Sie
+schienen vergessen zu haben, da&szlig; Olivia
+ihrer l&auml;ngst vergessen hatte, und waren so
+zutraulich und aufger&auml;umt, da&szlig; sie sich
+&uuml;ber jeden einzelnen wundern mu&szlig;te. Oft
+war sie nah daran, zu fragen: Bist du es
+denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid
+ihr wirklich so?</p>
+
+<p>Am Nachmittag erschien Georg Ingbert.
+Er war Artillerieoffizier und sah aus,
+als ob er mit dem bunten Rock geboren
+w&auml;re. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia
+eine papierne Rolle, die versiegelt war,
+und bat, sie m&ouml;ge sie in Verwahrung
+nehmen. Der Abschied war kurz und fast
+ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit
+des Hindenkens st&uuml;tzte Olivia den Kopf
+in die Hand und weinte. Es waren gute
+Tr&auml;nen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Soldaten zogen singend am Haus vorbei.
+Sie trat ans Fenster, einige schauten
+empor. Die lachenden, jungen Gesichter!
+An den M&uuml;tzen steckten Feldblumen. Auch
+diese fremden Leute hatten das seltsame
+Etwas in den Augen, das wie ein Funke
+her&uuml;bersprang.</p>
+
+<p>Sie ging in die Stadt. Unz&auml;hlbare
+Scharen von Menschen zogen &uuml;ber den
+Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte
+die Massen. Elemente, die vorher
+gegeneinander gewirkt hatten, flossen
+zusammen und bildeten eine einheitliche
+Kraft.</p>
+
+<p>In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft
+vom Kriegsschauplatz ein; sie war
+in der Luft zu sp&uuml;ren, ehe sie verk&uuml;ndet
+wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.</p>
+
+<p>Der Vorrat von Hoffnung war gering
+im Lande; das Land hatte keinen Glauben
+an sich. Aber aus dem verbr&uuml;derten Reich
+str&ouml;mten, wie aus einem unersch&ouml;pflichen
+Sammelbecken, immer neue Fluten von
+Zuversicht. Nie waren St&auml;dte einander
+so nah gewesen, nie hatten Menschen durch
+die Ferne einander so gef&uuml;hlt. Um jeden
+einzelnen barst ein Geh&auml;use, das ihm zum
+Kerker geworden war.</p>
+
+
+<p class="newsection">Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte
+Olivia durch die Stadt. Sie ging
+zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die
+Verbindung gel&ouml;st hatte, konnte aber, als
+sch&auml;me sie sich, nicht sprechen. Alles in
+ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles
+Ringen.</p>
+
+<p>So kam sie auch zu Frau von Scheyern.
+Diese wollte die Sorge um ihre S&ouml;hne
+bet&auml;uben und machte sich an vielen Orten
+n&uuml;tzlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu
+begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof,
+wo zahlreiche Damen beim Labedienst besch&auml;ftigt
+waren. In einer Halle waren
+mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh
+gebettet; sie lagen ganz still da, mit
+traurigen Augen und blutbefleckten Verb&auml;nden.</p>
+
+<p>Olivia blieb stehen und wurde bleich.
+Was war das? Was geschah hier?
+Menschen lagen da in ihrem Blut, und
+andere Menschen gingen vorbei, als m&uuml;sse
+es so sein. Von der Welt fiel eine H&uuml;lle
+ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und
+pl&ouml;tzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
+Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst
+im Auge, wandte sie sich zu Frau von
+Scheyern und fragte tonlos: &raquo;Warum
+liegen denn die Leute hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben zu wenig Platz,&laquo; war die
+Antwort.</p>
+
+<p>Sie kehrte sich hinweg und verfiel in
+Gr&uuml;belei. Fremde Leute dr&auml;ngten sich um
+sie, und Frau von Scheyern entschwand
+ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die
+Stra&szlig;e. &#8250;Zu wenig Platz,&#8249; gr&uuml;belte sie und
+starrte auf die H&auml;user, die vielen Fenster,
+&#8250;wieso denn zu wenig Platz?&#8249; Wie konnten
+alle die M&auml;nner und Frauen in ihren
+Stuben weilen, wenn f&uuml;r jene Blutenden
+zu wenig Platz war? Wie konnten sie
+essen, trinken, schwatzen, ihre Gesch&auml;fte besorgen
+und in der Nacht schlafen? Zu
+wenig Platz!</p>
+
+<p>Sie wurde von einer wachsenden Unruhe
+ergriffen. Am andern Tag ging sie
+wieder auf den Bahnhof, und noch mehr
+Verwundete lagen da. Wie gestern an
+Frau von Scheyern, wandte sie sich mit
+scheuer Frage an einen jungen Milit&auml;rarzt.
+Die Antwort, mit bedauerndem
+Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillk&uuml;rlich
+pre&szlig;te sie die H&auml;nde zusammen,
+dann floh sie wie von einem Ort der
+S&uuml;nde.</p>
+
+<p>Immer entsetzlicher wurde das Bild in
+ihrer Phantasie. &#8250;Was tust du? Wozu bist
+du da?&#8249; rief sie sich zu. Best&auml;ndig zitterten
+ihre Lippen. Sie wu&szlig;te kaum, wie die
+Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie
+w&uuml;rde von neuem krank. Eines Morgens
+begegnete sie Eduard von Friesheim. Er
+bot ihr beide H&auml;nde dar, aber sie beachtete
+seine freudige Erregung nicht, es war ihr
+unangenehm, zu denken, da&szlig; ihre Person
+Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes
+sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
+Mitteilung und Aufkl&auml;rung, sprudelte sie
+in raschen S&auml;tzen hervor, was sie bedr&uuml;ckte.
+Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne
+t&auml;tig; dort seien die Zust&auml;nde be&auml;ngstigend,
+sagte er; die Leute l&auml;gen in den
+G&auml;ngen, haufenweise, und mit den furchtbarsten
+Verletzungen. &raquo;Und Sie, Eduard,
+und Sie?&laquo; kam es gequ&auml;lt und emp&ouml;rt
+von Olivias Lippen.</p>
+
+<p>Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert
+an. Viel Schicksal und Erlebnis lag<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+in seinen Z&uuml;gen, aber sie gewahrte es
+nicht.</p>
+
+<p>Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung
+ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild,
+dann immer wirklicher, greifbarer,
+ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe demn&auml;chst zur Front,&laquo; sagte
+Eduard Friesheim, und sein auf Olivia
+gerichteter Blick verlor alle Freude.</p>
+
+<p>Olivia nickte ohne Anteil; von einem
+gebieterischen Bed&uuml;rfnis nach Eile gepackt,
+rief sie einen Kraftwagen an. Sie lie&szlig;
+sich zu Robert Lamms Villa fahren.</p>
+
+<p>Gerold, der auf ihr L&auml;uten das Tor
+&ouml;ffnete, sagte: &raquo;Ich wei&szlig; nicht, ob der
+Herr Hofrat empf&auml;ngt.&laquo; Olivia schob ihn
+beiseite, flog durch den Flur, &uuml;ber zwei
+Treppen hinauf und pochte an der T&uuml;r
+des Giebelzimmers.</p>
+
+
+<p class="newsection">Robert Lamm sa&szlig; lesend am Fenster.
+Bei dem st&uuml;rmischen Eintreten des jungen
+M&auml;dchens erhob er sich, zuckte zusammen,
+schaute zu Boden, schaute wieder auf
+Olivia und sagte kalt verwundert: &raquo;Du
+bist es?&laquo;</p>
+
+<p>Seine Lippen schienen schmaler geworden,
+die Wangen etwas faltiger, der
+sch&uuml;ttere Schnurrbart war ergraut. Doch
+seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung
+ungebeugt. Der einsame Blick seiner
+Augen ersch&uuml;tterte Olivia, ein Schauder
+&uuml;berlief sie: der Mann war ihr so nah
+und so fern dadurch, in ihr war pl&ouml;tzlich
+alles Hei&szlig;glut des Erlebens, in dieser
+Glut schmolz er dahin, und ihr d&uuml;nkte,
+als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie
+hier stand und er sein Wesen verlor, sie
+ihres gewann. Es war ein Gef&uuml;hl aus
+einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen
+war als die Wucht von Erfrorenem.</p>
+
+<p>Eine Geb&auml;rde Lamms fragte. Die Geb&auml;rde
+war beredt: die Menschen meiden
+mich, ich habe aufgeh&ouml;rt, etwas von ihnen
+zu erwarten. Was f&uuml;r ein selbsts&uuml;chtiger
+Anla&szlig; f&uuml;hrt dich her?</p>
+
+<p>Olivia sch&ouml;pfte Atem. Mit der Stimme
+aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie:
+&raquo;Robert, es liegen Soldaten in ihrem
+Blut, die keine Lagerst&auml;tte haben, kein
+Dach &uuml;ber dem Kopf, keinen Winkel, wo
+sie sich bergen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wei&szlig;, es ist Krieg,&laquo; entgegnete
+Robert Lamm sachlich. &raquo;Du hast offenbar
+Verwundete gesehen. Regt dich das so
+auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen.
+Was hab&#8217; ich damit zu
+schaffen?&laquo;</p>
+
+<p>Olivia trat dicht vor ihn hin und legte
+die Hand auf seinen Arm. &raquo;Um Gottes
+willen, was redest du,&laquo; rief sie leise. &raquo;Die
+Ungl&uuml;cklichen gehn zugrunde, und es sind
+so viele H&auml;user da mit leeren Stuben!
+Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer!
+In jedem Zimmer k&ouml;nnen zehn Betten
+sein. Man hat zu wenig Platz, Robert,
+zu wenig Platz f&uuml;r Menschen, die sich geopfert
+haben. Hier bei dir ist Platz in
+H&uuml;ll&#8217; und F&uuml;lle. Gib mir dein Haus,
+Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz,
+wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias
+flammendes Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sie still halten,&laquo; fl&uuml;sterte Olivia
+und pre&szlig;te die H&auml;nde gegeneinander,
+&raquo;wie fromm sie daliegen, wie verst&uuml;mmelte
+Tiere. Geh mit mir und schau&#8217;
+sie an.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamm sch&uuml;ttelte langsam den
+Kopf, als begriffe er diese Worte nicht.
+Endlich sagte er scharf abweisend: &raquo;Sie
+haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert
+worden. Ad eins. Ad zwei: verschl&auml;gt es
+nichts, wenn das Pack dezimiert wird.
+Es bleiben immer noch genug &uuml;brig.
+Ad drei ist es nicht meines Amtes, den
+Samariter zu spielen. Das &uuml;berlass&#8217; ich
+denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz
+oder den Glauben an ihre Wichtigkeit
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes
+Gesicht. Sie begann am ganzen
+Leib zu beben. &raquo;Und wenn du dort l&auml;gst,
+hilflos dort l&auml;gst,&laquo; stammelte sie; alle
+Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm
+schwieg und r&uuml;hrte sich nicht. &raquo;Und wenn&#8217;s
+dein Bruder w&auml;re, irgendein Mensch, den
+du liebst,&laquo; fuhr sie flehend, beschw&ouml;rend,
+au&szlig;er sich fort. Robert Lamm zog mit
+eigent&uuml;mlich b&ouml;sartiger Bewegung die
+Schultern hoch und starrte finster &uuml;ber
+Olivia hinweg. &raquo;Und wenn ich&#8217;s selbst
+w&auml;re, Robert, ich selbst!&laquo; brach es nun
+wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre
+Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit,
+der wilderregte Blick lief suchend<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+durch den kargen Raum und blieb an
+einer Stelle der Wand haften, wo unter
+einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen
+und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser
+mit kunstvoll eingelegter Klinge.
+In leidenschaftlicher Wallung trat sie an
+die Wand, ri&szlig; das Messer an sich, &ouml;ffnete
+mit zitternden Fingern die oberen Kn&ouml;pfe
+ihrer Bluse und richtete die Spitze des
+Stahls gegen die wei&szlig;e Haut ihrer Brust.
+&raquo;Wenn ich es w&auml;re!&laquo; wiederholte sie, und
+in den Ton der Verzweiflung mischte sich
+ein seltsames Jauchzen. Ihre von den
+Lippen entbl&ouml;&szlig;ten gro&szlig;en engen Z&auml;hne
+leuchteten, als ob sie lache, und das Bild,
+wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend,
+das Messer in der Faust, mitten
+im Schmerz und in der Furcht vor der
+Entt&auml;uschung gleichsam spielend, hatte bei
+allem Unerwarteten und Be&auml;ngstigenden
+etwas so R&uuml;hrendes, ja Kindliches, da&szlig;
+in Robert Lamms Z&uuml;gen eine verwunderte
+Ergriffenheit bemerkbar wurde.</p>
+
+<p>Er griff hin, packte sie beim Gelenk
+und l&ouml;ste das Messer mit sanfter Gewalt
+aus ihrer Hand. &raquo;Keine dramatischen
+&Uuml;bungen, mein Kind,&laquo; sagte er tadelnd;
+&raquo;ruhig Blut, la&szlig; uns ruhig verhandeln.&laquo;</p>
+
+<p>Er warf das Messer auf den Tisch und
+schritt ein paarmal durch das Zimmer.
+&raquo;Dein Gef&uuml;hl macht dir Ehre,&laquo; begann
+er wieder; &raquo;ich sehe nur nicht ein, warum
+mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen
+soll. Niemand l&auml;&szlig;t sich gern auf einen
+Posten dr&auml;ngen, der weder seinem Charakter,
+noch seiner Auffassung der Dinge
+gem&auml;&szlig; ist&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die &Uuml;bel, unter denen du am &auml;rgsten
+gelitten, und die du immer als unsern
+Fluch bezeichnet hast, Tr&auml;gheit und Unverantwortlichkeit,
+da&szlig; mir die gerade dein
+Bild verunstalten sollten, k&ouml;nnt&#8217; ich nicht
+ertragen,&laquo; warf Olivia ein.</p>
+
+<p>Robert Lamm blieb stehen und senkte
+den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
+&uuml;berraschte ihn sichtlich; er schien mit sich
+zu k&auml;mpfen. &raquo;Mit dem Haus allein ist&#8217;s
+nicht getan,&laquo; sagte er z&ouml;gernd, &raquo;wer wird
+es einrichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das la&szlig; meine Sorge sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du vergi&szlig;t, da&szlig; dazu viel Geld geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist reich. Was willst du mit all
+dem Geld machen? Es gibt noch andere,
+die reich sind, wenn du nicht genug hast
+oder nicht soviel entbehren willst. Am
+Gelde sollt&#8217; es scheitern? Geld beschmutzt
+den, der jetzt nicht hilft.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamm lachte; es klang halb
+&uuml;berlegen, halb beengt. Er setzte sich an
+den Tisch und starrte in den Garten hinaus.
+&raquo;Nun gut,&laquo; sagte er nach einer Weile,
+&raquo;nun gut. Ich will nicht deine Verachtung
+auf mich laden. Tue, wozu es dich
+dr&auml;ngt. Ich werde Auftrag geben, da&szlig;
+man dich nach deinem Belieben hier schalten
+l&auml;&szlig;t. Ich werde dir ein ausreichendes
+Konto bei der Bank er&ouml;ffnen. Ich nehme
+an, da&szlig; deine praktische Eignung mit der
+Begeisterung gleichen Schritt h&auml;lt; da&szlig;
+du Leute ausfindig machst und zu Rate
+ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen,
+ist wohl selbstverst&auml;ndlich. Ich kann
+ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
+meine Person allerdings darfst du nicht
+weiter z&auml;hlen. Ich bin nicht da, f&uuml;r dich
+nicht, f&uuml;r keinen. Jetzt geh, du hast ja
+Eile, vers&auml;um&#8217; die Zeit nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia trat an den Tisch, nahm Robert
+Lamms Hand mit ihren beiden und dr&uuml;ckte
+sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute
+er sie an und schlug hierauf den Blick zu
+Boden. Sie ging.</p>
+
+
+<p class="newsection">Am selben Abend reiste Robert Lamm ab.
+Er floh auf seine Alm.</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn er in das Tal kam,
+lie&szlig; er den Wagen beim Brandwirt halten,
+und ein Bauernm&auml;dchen, das dort bedienstet
+war, folgte ihm in das Blockhaus.
+Dieses M&auml;dchen, Romana hie&szlig; sie, war
+ihm seit vielen Jahren treu ergeben und
+freute sich stets, wenn sie droben bei ihm
+sein durfte.</p>
+
+<p>Sie war zur Schweigsamkeit erzogen,
+und da er sie in tr&uuml;ben Gedanken sah,
+fragte er, was ihr sei. Sie antwortete,
+ihr Schatz sei im Krieg.</p>
+
+<p>Das Wort t&ouml;nte fremd in dieser Ferne
+von allem Menschentreiben. Die Majest&auml;t
+und Ruhe der Natur vernichteten seinen
+Sinn.</p>
+
+<p>Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel
+lagen in der Fr&uuml;he auf den H&ouml;hen ringsum
+und f&uuml;llten die Tiefen; alsbald begannen
+sie unter der noch unsichtbaren
+Sonne zu gl&auml;nzen, sich zu zerteilen, und
+der strahlend blaue Himmel trat hervor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>In den ersten Tagen ging Robert Lamm
+regelm&auml;&szlig;ig auf die Jagd. Aber er merkte,
+da&szlig; ihm die rechte Lust und Sammlung
+fehlte. Einmal war er einem Bock auf der
+Spur, und es gelang ihm, das Tier vor
+den Schu&szlig; zu bringen. Kaum hundert
+Schritte von ihm stand es witternd zwischen
+den B&auml;umen; er legte an, doch seltsam,
+das Herz klopfte ihm so heftig, da&szlig; er die
+Flinte absetzen mu&szlig;te. Das Tier hatte ein
+Ger&auml;usch geh&ouml;rt und enteilte, nicht in
+gro&szlig;en S&auml;tzen, sondern beinahe bed&auml;chtig
+und als wisse es, da&szlig; es nicht mehr bedroht
+sei. &Auml;rgerlich feuerte Lamm sein Gewehr
+in die Luft, und da erst sprang es
+voll Schrecken davon.</p>
+
+<p>Sein bed&auml;chtiger, federnder Traumgang
+hatte den J&auml;ger an eine Menschengestalt
+gemahnt. Er hatte pl&ouml;tzlich Olivia vor sich
+gesehen.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; die Flinte zu Hause und unternahm
+weite Wanderungen &uuml;ber das Gebirge.</p>
+
+<p>Wo der Horizont verstellt war durch
+Felsen oder W&auml;lder, f&uuml;hlte er sich abgegrenzt
+und sicher; auf den Gipfeln schien
+es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels,
+und am Rande war ein Flimmern wie von
+Eisenb&auml;ndern, die im Feuer gl&uuml;hen.</p>
+
+<p>Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam,
+griff er nach der Zeitung und las die Berichte.
+Die Bauern, denen er eine vertraute
+Erscheinung war, kn&uuml;pften Gespr&auml;che mit
+ihm an und wollten Aufschlu&szlig; und Trost
+von ihm haben. Er aber gefiel sich darin,
+sie in der Furcht zu best&auml;rken, und sein
+letztes Wort war stets: &raquo;Es ist aus mit
+uns.&laquo; Und in seinen Mienen malte sich
+eine herzlose, fanatische Schadenfreude.</p>
+
+<p>Einmal bewies er dem F&ouml;rster und dem
+Postmeister mit der Karte in der Hand,
+da&szlig; es gegen die &Uuml;berzahl der Feinde kein
+Entrinnen g&auml;be. Jene h&ouml;rten bek&uuml;mmert
+zu, und der F&ouml;rster wagte bescheiden auf
+die Siege hinzudeuten, welche die Truppen
+doch schon errungen h&auml;tten. Da lachte der
+Hofrat und antwortete: &raquo;Im besten Fall
+siegen wir uns zu Tode.&laquo;</p>
+
+<p>Er war immer in unruhiger Bewegung.
+Er lie&szlig; sich B&uuml;cher aus der Stadt kommen,
+hatte aber zum Lesen keine Geduld. In
+fr&uuml;heren Tagen hatte er den Plan gefa&szlig;t,
+unweit von der H&uuml;tte ein ausgemauertes
+Wasserbecken anzulegen, um im Sommer
+baden und schwimmen zu k&ouml;nnen. Jetzt
+d&uuml;nkte es ihn an der Zeit, das Projekt
+zu verwirklichen, und jeden Morgen ging
+er mit der Schaufel zu der bestimmten
+Stelle und grub selbst die Erde aus, viele
+Stunden lang. In der M&uuml;digkeit, die ihn
+dann &uuml;berfiel, war ihm zumute, als erlahmte
+die Wut eines Tieres, das ihn zwischen
+seinen Pranken hielt.</p>
+
+<p>Bei Regenwetter sa&szlig; er im Haus. Oft
+schickte er Romana mit Auftr&auml;gen ins Tal
+und kochte selbst. Oft auch, besonders am
+Abend, kauerte er am Herd und starrte in
+die Flammen. Dann begann er in trotzigem
+Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm
+ein halbverbranntes St&uuml;ck Holz und zeichnete
+mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen
+auf die wei&szlig;e Kalkmauer. Aus den Flammen
+aber erhob sich Olivias Gestalt und
+verlor sich wieder in die Finsternis.</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich bem&auml;chtigte sich seiner eine
+unbestimmte Angst vor Gefahren und vor
+Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug
+in der Nacht und verbarrikadierte die
+T&uuml;re. Im Bett liegend, betastete er seinen
+K&ouml;rper und suchte nach einer Schmerzempfindung.
+Er z&uuml;ndete Licht an, griff
+nach der Uhr und z&auml;hlte seine Pulsschl&auml;ge.
+Kaum konnte er es ertragen, sein Herzger&auml;usch
+zu h&ouml;ren; jeden Augenblick war
+er darauf gefa&szlig;t, da&szlig; die geheimnisvolle
+Maschine im Innern des Leibes stillestehn
+w&uuml;rde. Er wanderte in den n&auml;chsten Ort
+und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel
+in der Apotheke. Es kam ihm vor,
+als s&auml;hen ihn die Leute mit argw&ouml;hnischen
+Augen an, als h&auml;tten sie sich besprochen
+und f&uuml;hrten etwas Verderbliches gegen ihn
+im Schilde. Das Rascheln im Geb&uuml;sch erschreckte
+ihn, der Schrei der Kr&auml;hen lie&szlig;
+ihn erbleichen, das Heulen des Windes
+verursachte ihm die gr&ouml;&szlig;te Pein. Beim
+Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines
+Morgens pl&ouml;tzlich zumute, als schaufle er
+ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das
+Ger&auml;t weg und h&uuml;tete sich, die Arbeit
+wieder aufzunehmen. Sobald es d&auml;mmerte,
+wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana
+hatte bisher jeden dritten Tag die Post
+holen m&uuml;ssen. Jetzt lie&szlig; er sie nur jede
+Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein
+f&uuml;rchtete, und wenn sie mit den Briefen
+kam, besah er nur die Umschl&auml;ge und die
+Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+&ouml;ffnen. Er las auch keine Zeitung mehr;
+er wollte nicht wissen, was drau&szlig;en vorging;
+er wartete auf eine Katastrophe und
+wollte nicht erfahren, ob sie n&auml;her ger&uuml;ckt
+oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte
+er nicht f&uuml;r die Menschen, nur f&uuml;r sich. So
+unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft
+Romanas war, so sehr ha&szlig;te er ihr Reden
+und ihr Schweigen. Wenn alles stille war,
+im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
+geworden, qu&auml;lte es ihn, da&szlig; er um
+ihren Atem wu&szlig;te. Manchmal schlich er
+des Nachts durch die Stube und an den
+Bretterverschlag, hinter dem sie schlief.
+Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug
+er roh an die Wand, und sie blies die Kerze
+aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so bi&szlig;
+er die Z&auml;hne zusammen und gab sich seiner
+unergr&uuml;ndlichen Erbitterung hin.</p>
+
+<p>In der Schl&auml;ferin war die Menschheit;
+nur in ihr noch. Sie dr&auml;ngte sich ihm
+auf, sie war fordernd da. Was wollte sie,
+stumpfen Leibes, wie sie lag, gef&uuml;hllos
+und gemein? Tr&auml;umte sie von dem bl&ouml;den
+Bauernburschen, den sie geliebt hatte
+und der nun in der Schlacht war? Und
+hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert
+Lamm? Aber war nicht etwas Zuf&auml;lliges
+in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt?
+Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig
+glatter die Haut, ein wenig beseelter das
+Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll
+verwandelt.</p>
+
+<p>&raquo;Olivia,&laquo; murmelte er vor sich hin.</p>
+
+<p>Eines sp&auml;ten Abends wurde an die
+Haust&uuml;r gepocht. Der Hofrat ging hin
+und &ouml;ffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen
+Gew&auml;ndern und verst&ouml;rtem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gesichts'">Gesicht</ins>
+stand drau&szlig;en. Stammelnd bat er
+um Einla&szlig;. Da es st&uuml;rmte und schneite,
+mochte ihn Lamm nicht zur&uuml;ckweisen. Auf
+die Frage, wo er herkomme und weshalb
+er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
+verworrene Antworten. Romana f&uuml;hrte
+ihn auf den Dachboden, wo er auf einem
+Strohsack n&auml;chtigen konnte. Als sie zur&uuml;ckkam,
+sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem
+Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben
+worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr
+auf; &raquo;dann sag&#8217; ihm, er soll sich packen!&laquo;
+rief er. Man k&ouml;nne doch keinen Menschen
+in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung.
+Lamm z&uuml;ndete die Laterne an,
+stieg auf den Dachboden, und da er den
+Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
+ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien
+es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein
+Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter
+Schrecken war in diesen Z&uuml;gen.
+Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die
+sich aus der Finsternis nach dem Fahnenfl&uuml;chtigen
+streckten, und von dort, wohin
+er den R&uuml;cken kehrte, griffen sie auch nach
+ihm. In einer Wallung von Zorn r&uuml;ttelte
+er an der Schulter des Schl&auml;fers; der lie&szlig;
+nur ein St&ouml;hnen h&ouml;ren und schlief weiter.
+Und wie hinter dem Bretterverschlag die
+schlafende Romana die Gestalt Olivias
+angenommen hatte, wurde dieser fremde
+Mensch in ihn selbst verwandelt, und es
+war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf
+dieses andern eine Wahnvorstellung war
+oder sein eigenes Wachen. Es war ein
+grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
+und Mensch, von Seele und Seele, ein
+grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein
+&Uuml;bergreifen von Bewu&szlig;tsein zu Bewu&szlig;tsein.</p>
+
+<p>Bis zum Morgengrauen schritt Lamm
+in seiner Stube auf und ab. Sobald es
+Tag war, wollte er hinunter in den Ort,
+um die Anzeige zu machen. Aber bevor
+er sich noch f&uuml;r den Gang ger&uuml;stet hatte,
+sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund
+auf das Haus zukommen. Sie hatten
+die ganze Gegend abgestreift, da der Hund
+im Schnee die Spur verloren hatte und
+wollten sich auch hier nach dem Fl&uuml;chtling
+erkundigen. &raquo;Der Mann ist droben, den
+ihr sucht,&laquo; redete sie der Hofrat an und
+zeigte auf die Stiege zum Dach.</p>
+
+<p>Der junge Knecht wurde verhaftet und
+mit Handfesseln versehen. Lamm gebot
+der Magd, da&szlig; sie den Gendarmen einen
+Imbi&szlig; reiche, und w&auml;hrend sie warteten
+und a&szlig;en, packte er eilig seinen Koffer.
+Dann begleitete er die Leute ins Tal und
+war auffallend gespr&auml;chig, in einer seltsam
+unterw&uuml;rfigen Art, als habe er irgendeine
+Schuld auf sich geladen und k&ouml;nne es
+durch beflissenes Wesen verhindern, da&szlig;
+man ihn bezichtigte.</p>
+
+<p>Beim Brandwirt lie&szlig; er sein Gep&auml;ck
+von der Almh&uuml;tte holen. Am Abend fuhr
+er in die Stadt.</p>
+
+<p>Er mietete sich in einem Hotel ein.
+Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer,
+endlich entschlo&szlig; er sich, seinen Diener<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+zu benachrichtigen. Gerold kam und brachte
+ihm Kleider und W&auml;sche, die er verlangt
+hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben
+solle, sch&uuml;ttelte der Hofrat den Kopf und
+erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er
+seiner bed&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Die Ver&auml;nderung, die mit dem stillen,
+plumpen Menschen vorgegangen war,
+schien er nicht zu bemerken. Die Augen
+Gerolds schwammen in roter Fl&uuml;ssigkeit,
+seine Arme zuckten best&auml;ndig, beim Reden
+stotterte er und verlor den Zusammenhang.</p>
+
+<p>Aber Robert Lamm sah die Leute nicht
+an. Wenn er ausging, w&auml;hlte er die Abendstunden
+und vermied die hellbeleuchteten
+Stra&szlig;en. Er schritt mit gesenkten Lidern
+und st&uuml;tzte sich auf seinen Stock wie ein
+Greis. Es lag eine unheimliche Kom&ouml;die
+darin, da&szlig; er auch den Gang eines Greises
+nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor
+den Menschen alt sein. Er trug sich nicht
+mehr mit jener gew&auml;hlten Feinheit, durch
+welche er stets aufgefallen war, sondern
+sorgte mit listiger Berechnung f&uuml;r kleine
+Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige
+Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen
+seiner Pers&ouml;nlichkeit bildete, war
+nicht mehr so gl&auml;nzend geb&uuml;rstet, obwohl
+er noch immer ein bi&szlig;chen schief auf dem
+Kopfe sa&szlig;.</p>
+
+<p>Es kam h&auml;ufig vor, da&szlig; er trotz der Verstellung,
+die er &uuml;bte, trotz des Versteckenspiels,
+das er trieb, gegr&uuml;&szlig;t wurde. Doch
+dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter
+Bekannter in den Weg, geb&auml;rdete sich entz&uuml;ckt,
+ihn zu sehen, und w&uuml;nschte ihm Gl&uuml;ck
+zu seiner gro&szlig;en Tat. Verdrossen fragend
+schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich,
+da&szlig; jener das Verwundetenspital meinte,
+zu welchem das Landhaus umgewandelt
+worden war. Begeistert r&uuml;hmte er die dortselbst
+getroffenen Einrichtungen, sowie
+die au&szlig;erordentlichen Leistungen Olivia
+Khuenbecks, &uuml;ber die man immer neue
+Wunder zu h&ouml;ren bekomme und von der
+die ganze Stadt schw&auml;rme.</p>
+
+<p>M&uuml;rrisch erwiderte der Hofrat, das gehe
+ihn alles nichts an, die Villa sei l&auml;ngst
+keine Privatanstalt mehr, sondern befinde
+sich als &ouml;ffentliches Kriegslazarett unter
+staatlicher Aufsicht. Er k&ouml;nne kein Verdienst
+beanspruchen, und Lobspr&uuml;che seien
+ihm gegen&uuml;ber am falschen Ort.</p>
+
+<p>Einem ehemaligen Kollegen, von dem
+er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen
+bel&auml;stigt wurde, fl&uuml;sterte er mit heuchlerischer
+Bek&uuml;mmernis zu, der Arzt habe
+ihm das Sprechen verboten; er deutete
+auf seinen Kehlkopf und lie&szlig; den Verdutzten
+stehen.</p>
+
+<p>In den Speise- und Kaffeeh&auml;usern, die
+er besuchte, setzte er sich in einen Winkel;
+um sich vor zudringlichen Blicken zu sch&uuml;tzen,
+hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne
+jedoch zu lesen. Die Menschen l&auml;rmten ihm
+zu viel; seine Miene verzerrte sich geh&auml;ssig,
+wenn sie lachten oder aufgeregt kannegie&szlig;erten.
+Nach seiner Ansicht h&auml;tten sie stille sein
+m&uuml;ssen, ganz still, und am Abend h&auml;tten
+keine Lichter brennen d&uuml;rfen. H&ouml;rte er
+irgendwo Musik, so geriet er au&szlig;er sich
+und fand, da&szlig; man das Schicksal frech
+herausforderte. Wurden Extrabl&auml;tter ausgerufen
+und alle H&auml;nde griffen gierig danach,
+so blieb er teilnahmlos und r&uuml;hrte
+sich nicht. Er war &uuml;berzeugt, da&szlig; fast alles,
+was in diesen Bl&auml;ttern stand, erlogen war.
+Die zahllosen Fl&uuml;chtlinge, welche die Stadt
+f&uuml;llten, erregten seinen &Auml;rger, anderseits bereitete
+ihm der Gedanke an die Ursache ihrer
+Gegenwart eine h&auml;mische Genugtuung,
+und er machte boshafte Glossen &uuml;ber das
+dumme Volk, das die Gefahr nicht zu
+ahnen schien, die sich darin verk&uuml;ndete.
+Begegnete er Gruppen von Soldaten, <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'gegeheilten'">geheilten</ins>
+Verwundeten, die in schmierigen
+Uniformen und mit erbarmensw&uuml;rdig
+blassen Gesichtern durch die Stra&szlig;en zogen,
+so ballte er wie im Zorn die Faust und
+l&auml;chelte d&uuml;ster.</p>
+
+<p>Dreimal wechselte er sein Quartier, weil
+er sich einbildete, da&szlig; w&auml;hrend seiner Abwesenheit
+Leute in seinem Zimmer gewesen
+seien, um zu spionieren. Auch war es ihm
+&uuml;berall zu teuer und zu laut. Er pr&uuml;fte
+mi&szlig;trauisch die Rechnungen und gab keine
+Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem
+geringen Gasthof in W&auml;hring. Seine wachsende
+Vereinsamung steigerte die hypochondrischen
+Gef&uuml;hle; oft lag er tagelang im
+Bett.</p>
+
+<p>Es war zu Beginn des Dezember, als
+von den Grenzen her Vernichtung und
+Untergang drohte. Es schien, da&szlig; nur ein
+d&uuml;nner Schleier noch zu rei&szlig;en brauchte,
+und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich
+in eine Welt, die bis zur Stunde
+noch mit Not und Grauen gespielt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+Alles Leben stockte wie im Zimmer eines
+Sterbenden: die Menschen sahen sich an,
+und einer suchte Hilfe im Auge des
+andern. Da kam &uuml;ber Robert Lamm
+eine eigent&uuml;mliche Schw&auml;che, und er sp&uuml;rte
+seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht.
+Als er einmal an einer Blumenhandlung
+vor&uuml;berging, stockte sein Schritt. Er mu&szlig;te
+lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
+da&szlig; hinter der Glasscheibe Blumen standen,
+jetzt, im Winter und am Abend aller
+Dinge. Pl&ouml;tzlich erfa&szlig;te ihn die Sehnsucht
+nach seinen Treibh&auml;usern; er sp&uuml;rte
+sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
+warmen Geruch der Erde. Er erinnerte
+sich an seine Lieblingspflanzen und an das
+Gef&uuml;hl der Verschwisterung, das er gegen
+sie empfunden hatte. Die letztvergangenen
+Monate d&uuml;nkten ihm eine Zeit der Verbannung
+und der Entbehrung, er begriff seine
+Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er
+wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er
+beargw&ouml;hnte sein Verlangen, als sei es nur
+ein Vorwand f&uuml;r ein anderes, das er sich
+nicht eingestehen mochte. Der alte Selbstha&szlig;
+schlug empor und mischte sich mit dem
+Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst
+teuer gewesen, weil er Macht &uuml;ber sie gehabt,
+soviel Macht, da&szlig; er sich hatte einbilden
+d&uuml;rfen, sie sei ein von ihm abh&auml;ngiges;
+ja von ihm geschaffenes Wesen,
+gleich einer Blume, die er hegte und deren
+Wachstum und Farbe er bestimmte. Da
+kam er zur Oper und mu&szlig;te stehen bleiben,
+da eine Wagenkette den Weg versperrte.
+Eine sch&ouml;ne Frau stieg aus einem Fiaker,
+dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer
+Mantel umflo&szlig; den schlanken K&ouml;rper,
+auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote
+Rose. Lamm h&auml;tte die Rose von ihrem
+Haupt rei&szlig;en m&ouml;gen; es war etwas so
+Verwegenes und L&uuml;sternes um sie; die
+Welt erschien ihm ma&szlig;los entartet, aus
+aller Form und aller Vernunft; er sah ein
+andres Gesicht unter der Rose, es verbla&szlig;te,
+ergl&uuml;hte, verbla&szlig;te wieder; er wollte das
+Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos
+umher, wurde m&uuml;de, raffte sich wieder auf,
+stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder
+ein St&uuml;ck, und es war sp&auml;ter Abend, als
+er vor seiner Villa anlangte.</p>
+
+<p>Kraft- und Krankenwagen standen am
+Gartentor. Soldaten eilten ein und aus,
+&uuml;ber dem Hauseingang hing ein gro&szlig;es,
+rotes Kreuz, alle Fenster waren hell
+beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht
+entschlie&szlig;en. Es war Flucht, als er sich
+zum Gehen wandte. Er verachtete sich,
+war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes
+Haus, ein Ort der Leiden und der
+Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich
+ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer
+Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
+gelehrt hatte!</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag kehrte er zur&uuml;ck, sprach
+mit dem G&auml;rtner, einem w&uuml;rdigen Mann,
+der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit
+ihm lebte. Er ging in die Glash&auml;user,
+begleitet von dem Alten. Er lie&szlig; Gerold
+rufen und merkte noch immer nichts von
+der Verst&ouml;rung des Mannes. Er wollte
+nichts von Olivia h&ouml;ren, doch der G&auml;rtner
+fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
+Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit
+welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie
+alles in Angriff genommen; zuerst das
+Ausr&auml;umen des Hauses, dann die Neueinrichtung;
+wie sie mit den Beh&ouml;rden verhandelt,
+die Handwerker zur Eile getrieben,
+die Gesch&auml;ftsleute gef&uuml;gig gemacht habe; wie
+unerm&uuml;dlich sie am Werk gewesen und wie
+nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von
+den Vorr&auml;ten f&uuml;r die K&uuml;che bis zu den Instrumenten
+f&uuml;r den Operationssaal. Dann
+kam die Frau des G&auml;rtners hinzu und erz&auml;hlte
+gleichfalls; man sah, da&szlig; das Schauspiel
+opfervoller T&auml;tigkeit, das Olivia gegeben,
+alle andern Ereignisse im Sinn
+dieser Menschen verdr&auml;ngt hatte. Der
+Hofrat fragte, wie die Petunienst&ouml;cke fortgekommen
+seien; der G&auml;rtner gab befriedigende
+Auskunft. Sein Weib lie&szlig; sich
+aber nicht zum Schweigen bringen und
+schilderte trotz der abwehrenden Geb&auml;rde
+des Hofrats, wie das Fr&auml;ulein die Pflegerinnen
+aufgenommen, nicht blo&szlig; Berufsschwestern,
+sondern auch vornehme Damen,
+die freiwillig Dienst t&auml;ten, und wie sie
+nicht geruht habe, bis sie die besten &Auml;rzte
+bekommen. Anfangs habe ihr Frau von
+Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
+Damen h&auml;tten sich angeboten, die Arbeit
+mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu
+wenig gewesen, was man getan, niemand
+konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der
+G&auml;rtner nickte; es sei kaum zu fassen, f&uuml;gte
+er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher
+Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, um<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+die Transporte zu &uuml;berwachen, bei den
+&Auml;mtern, um neue Verg&uuml;nstigungen zu erhalten,
+in den Krankenzimmern und in der
+K&uuml;che, bei Tag und bei Nacht, und wann
+sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.</p>
+
+<p>Lamm erhob sich und schritt erregt auf
+und ab.</p>
+
+<p>Gerold sagte dumpf: &raquo;Soviel ich h&ouml;re,
+sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.&laquo;</p>
+
+<p>Der Hofrat fuhr j&auml;h herum. &raquo;Baracken
+im Park? Da hab&#8217; ich noch was dreinzureden,
+d&uuml;nkt mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke auch,&laquo; murmelte Gerold
+und pre&szlig;te die Hand um seinen Hals.</p>
+
+<p>Auf einmal ert&ouml;nte vom Haus her&uuml;ber
+ein langgezogener Schrei. Robert Lamm
+lauschte erschrocken. Die andern schienen
+derlei schon gewohnt. &raquo;Armer Teufel,&laquo;
+sagte die Frau des G&auml;rtners. Gerold war
+sichtlich zusammengeschaudert.</p>
+
+<p>Der Schrei wiederholte sich, in einer
+h&ouml;heren Tonlage, aus heftigerem Schmerz
+heraus. Lamm verlie&szlig; die G&auml;rtnerstube,
+sah sich drau&szlig;en um, der Schrei dauerte
+noch an, setzte ab, begann abermals. Von
+dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der
+gr&auml;&szlig;lichen Stimme zu entziehen, schlug
+Lamm den Weg zum Tor ein. Pl&ouml;tzlich
+aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog
+ihn unwiderstehlich zur&uuml;ck, die Muskeln
+in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd
+und beklommen schritt er zum Haus.
+Es war schon Abend, weicher Schnee
+klatschte unter seinen F&uuml;&szlig;en. Gerold folgte
+ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem
+beleuchteten Fenster; in den Raum konnte
+er nicht blicken, da ein wei&szlig;er Vorhang
+hinter den gro&szlig;en Scheiben hing. Er stand
+da und lauschte zitternd dem f&uuml;rchterlichen
+Schrei.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hofrat,&laquo; fl&uuml;sterte Gerold, &raquo;man
+kann&#8217;s hier nicht aushalten, man kann nicht
+mehr leben in dem Haus.&laquo;</p>
+
+<p>Die Umrisse einer Gestalt fielen pl&ouml;tzlich
+auf den hellen Vorhang. Das Fenster
+wurde j&auml;h ge&ouml;ffnet. Die es &ouml;ffnete und
+nun in den Ausschnitt trat und einen Blick
+in den Abend warf und die beiden sah und
+Robert Lamm erkannte, war Olivia.</p>
+
+<p>Robert Lamm nannte ihren Namen. Er
+st&uuml;tzte sich mit bebenden Armen auf den
+Sims und war ihr so nah wie damals, als
+er ihren H&auml;nden das Jagdmesser entwunden
+hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh
+ihr eine W&uuml;rde, die ihn unwillk&uuml;rlich
+veranla&szlig;te, einen Schritt zur&uuml;ckzuweichen.
+Der Mann im Saale schrie und schrie,
+gellend, markersch&uuml;tternd. &raquo;Er wird sterben,&laquo;
+sagte Olivia, und trotzdem sie in die
+Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie
+ihre Augen glanzlos wurden.</p>
+
+<p>Als sei er von einer &uuml;berirdischen Erscheinung
+geblendet, senkte Robert Lamm
+den Kopf.</p>
+
+<p>Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer
+hinauf, das er ehedem bewohnt
+hatte und das von der Verwandlung des
+Hauses nicht ber&uuml;hrt worden war.</p>
+
+
+<p class="newsection">Da brannte wieder die Lampe, da blickten
+ihn die B&uuml;cherreihen an, und es herrschte
+auch Stille; aber die alte Stille war es
+nicht, die Stille des Gartens und der leeren
+Zimmer, nicht mehr die Stille, die er
+beherrscht hatte.</p>
+
+<p>In dumpfer Trauer schritt er auf und
+ab. Es d&uuml;nkte ihm, als habe er kein Recht,
+hier zu sein, als m&uuml;sse er sich das Recht
+erst erk&auml;mpfen. Gegen wen aber erk&auml;mpfen?
+Offenbar doch gegen Olivia. Er
+w&uuml;nschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen,
+dabei f&uuml;hlte er, da&szlig; ihr an einer Auseinandersetzung
+gar nichts gelegen war, da&szlig;
+seine Person und was er dachte und der
+Grund, weshalb er nun pl&ouml;tzlich im Hause
+war, in ihren Augen gar nichts bedeutete.
+Er dr&uuml;ckte auf den elektrischen Knopf der
+Leitung, die in Gerolds Kammer ein
+Signal gab. Gerold kam nicht. Er &ouml;ffnete
+die T&uuml;re und rief hinaus. Keine
+Antwort. Er br&uuml;llte Gerolds Namen &uuml;ber
+die Treppe hinunter. Eine weibliche
+Stimme fragte unwillig erstaunt nach der
+Ursache des L&auml;rms. Er fuhr fort, nach
+Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold.
+Er wolle sofort das Fr&auml;ulein Khuenbeck
+sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach
+einigen Minuten kehrte Gerold zur&uuml;ck und
+sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine
+Zeit, sie werde sp&auml;ter kommen. &raquo;Bleib in
+deinem Loch, was streunst du im Hause
+herum, wenn man dich braucht!&laquo; keifte
+Lamm und schlug die T&uuml;r hinter sich zu.</p>
+
+<p>Gleich danach pochte es an der T&uuml;r, und
+Gerold schob sich &uuml;ber die Schwelle. &raquo;Der
+Herr Stabsarzt l&auml;&szlig;t dringend ersuchen, die
+T&uuml;re nicht zu schmettern,&laquo; sagte er furchtsam.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>Lamm blickte finster verwundert empor.
+&raquo;Hinaus mit dir!&laquo; erwiderte er.</p>
+
+<p>Er zog ein Buch aus dem Schrank und
+bl&auml;tterte darin. Dann warf er es weg.
+Die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken, lief er
+ungest&uuml;m die Kreuz und Quer durchs
+Zimmer. Ein leises Klopfen &uuml;berh&ouml;rte er,
+und er richtete sich steif auf, als Olivia
+eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge
+zu begegnen, bald aber fa&szlig;te er Mut. Ihr
+Gesicht hatte einen tr&auml;umerisch-verschleierten
+Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu
+einer gewissen Beschwingtheit und einem
+selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben
+aller Bewegungen stand. Sie war ver&auml;ndert,
+ganz und gar; er wu&szlig;te auch, da&szlig;
+ihre Stimme ver&auml;ndert klingen w&uuml;rde.
+Alles an ihr erregte seinen erbitterten
+Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
+Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgeh&auml;ssigen
+Verneinung; er sch&auml;mte sich dessen
+und geriet doch noch mehr in Wut, gegen
+sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas,
+das zwischen ihnen war.</p>
+
+<p>&raquo;Du reibst dich auf,&laquo; sagte er in &uuml;bellaunigstem
+Ton, &raquo;du &uuml;bernimmst dich, du
+richtest dich zugrunde. Man braucht dich
+nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig
+du mit dir umgehst. Es schmeichelt
+dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens
+davon machen, und es liegt in einer
+solchen Zeit nahe, sich zu bet&auml;uben und im
+allgemeinen Elend das eigene zu ersticken.
+Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
+verh&auml;ngnisvoller Leidenschaft wider sich und
+seinen K&ouml;rper w&uuml;ten soll. Daf&uuml;r bist du
+nicht geschaffen, das ist Verblendung.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia, die gegen die T&uuml;r gelauscht
+hatte und sichtlich unruhig war wie ein
+Soldat, der seinen Posten verlassen hat,
+wandte ihm mit befremdeter Miene das
+Gesicht zu. &raquo;Was wei&szlig;t du von mir?&laquo;
+fragte sie. &raquo;Was wei&szlig;t du denn eigentlich
+von mir?&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Stimme klang wirklich ver&auml;ndert,
+tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen
+und entschiedenere Akzente.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, was ich sehe,&laquo; versetzte er
+kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mich deshalb von der Arbeit
+wegrufen lassen, um mir Vorw&uuml;rfe zu
+machen?&laquo; fuhr sie fort. &raquo;So will ich dir
+sagen, da&szlig; du dazu kein Recht hast und
+da&szlig; ich dir das Recht auch nicht einr&auml;ume.
+Du bist nicht Herr &uuml;ber mich. Du bist es
+kaum &uuml;ber dich. Was willst du?&laquo;</p>
+
+<p>Sie schaute ihn an, und er f&uuml;hlte sich
+ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab
+ihn f&ouml;rmlich, und er war klein, wie er nie
+gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er
+begriff, da&szlig; sie einen weiten Weg zur&uuml;ckgelegt
+hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr
+gesprochen, und da&szlig; sie seine F&uuml;hrung nicht
+mehr annahm und nicht mehr brauchte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe zu tun,&laquo; sagte sie, &raquo;ich komme
+wieder, sobald ich mich f&uuml;r eine halbe
+Stunde freimachen kann. Es m&uuml;ssen Baracken
+gebaut werden, und dazu ist deine
+schriftliche Zustimmung n&ouml;tig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Baracken? In meinem Park?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, an der S&uuml;dseite des Hauses.&laquo;</p>
+
+<p>Er brauste auf. &raquo;Ah, freilich; da sollen
+wohl meine Kastanien gef&auml;llt werden!
+Hundertj&auml;hrige B&auml;ume!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiderte Olivia ruhig.
+&raquo;B&auml;ume,&laquo; f&uuml;gte sie mit einer Geb&auml;rde
+trauriger und ungeduldiger Verachtung
+hinzu, &raquo;B&auml;ume!&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte schon die Klinke in der Hand,
+da kehrte sie sich noch einmal um. &raquo;Bleibst
+du hier im Hause, Robert? Du kannst
+bleiben. Du kannst aus unserer K&uuml;che zu
+essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen,
+wenn du dich entschlossen hast.
+Der Mann ist &uuml;brigens zum S&auml;ufer geworden.
+Vor ein paar Tagen fand ihn
+Schwester Nina Senoner betrunken auf
+der Treppe liegen. Versuch&#8217; es, ihn von
+dem Laster abzubringen. Doktor Strygowski
+sagt, er leidet am Blutwahn.&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging. Das Wort Blutwahn, das
+sie so gelassen ausgesprochen hatte, rauschte
+noch durch das Zimmer wie ein befl&uuml;geltes
+Untier. Lamm machte einige Schritte, als
+wolle er ihr folgen, als m&uuml;sse er noch
+einen Blick in ihr Gesicht werfen, nur um
+glauben zu k&ouml;nnen, da&szlig; sie es war, sie selbst,
+und nicht eine Doppelg&auml;ngerin.</p>
+
+
+<p class="newsection">Da sie versprochen hatte, wiederzukommen,
+wartete er auf sie.</p>
+
+<p>Zweifellos hatte sie au&szlig;er acht gelassen,
+da&szlig; es schon zehn Uhr war, als sie sich entfernt
+hatte. Sie konnte doch nicht daran
+denken, ihn in sp&auml;ter Nacht aufzusuchen.
+Es lag etwas Ersch&uuml;tterndes in der Vorstellung,
+da&szlig; Zeit und Zeiteinteilung keine
+Rolle f&uuml;r sie spielten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes
+Buch vor sich, las aber nicht.
+Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet,
+war unver&auml;nderlich d&uuml;ster. Bisweilen d&uuml;nkte
+ihn, er h&ouml;re wieder den Schrei, der ihn
+zu dem beleuchteten Fenster gezogen hatte.
+Bisweilen glaubte er &Auml;chzen und St&ouml;hnen
+deutlich zu vernehmen. Ihm war, als
+lausche er in den brodelnden Krater eines
+Vulkans.</p>
+
+<p>Gerold kam und richtete das Bett,
+den Waschtisch, nahm W&auml;sche aus dem
+Schrank. Lautlos ging er hin und her und
+sah aus, als f&uuml;rchte er das Auge seines
+Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches
+ge&ouml;ffnet und w&uuml;hlte in alten Briefen
+und Papieren. Manchmal sp&auml;hte er hastig
+nach Gerold und erschrak bei dem Anblick
+des krankhaft gelben Gesichts. Alles, wovor
+ihm bangte und was ihm unertr&auml;glich
+zu denken war, hatte sich als Erlebnis in
+diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl
+ihm endlich, das Zimmer zu verlassen. Da
+schlich Gerold mit geducktem Kopf hinaus.</p>
+
+<p>Lange nach Mitternacht legte sich Lamm
+zum Schlafe hin. Aber er konnte die Lider
+nicht schlie&szlig;en, die Finsternis brannte <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ihn'">ihm</ins>
+f&ouml;rmlich auf der Stirn. Er hatte in den
+alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
+geschriebene und gedruckte, waren ihm wie
+Moder. Doch ein Geruch der Vergangenheit
+hatte ihn umfangen und war in sein
+leeres Herz gestr&ouml;mt wie Gift.</p>
+
+<p>Es wurde ihm bewu&szlig;t, wie sehr ihn das
+Schicksal um Liebe und Liebesrecht verk&uuml;rzt
+hatte, und Begebenheiten traten in
+lebendige N&auml;he, die mit Schweigen und
+Vergessenheit zu bedecken er immerfort bem&uuml;ht
+gewesen war. Dazwischen tauchten
+Gerolds Z&uuml;ge empor wie ein versteinertes
+Bild des Grauens, dann gewahrte er Olivias
+Gesicht, in phosphoreszierender Bl&auml;sse,
+in einem Rahmen von Blut. Er bi&szlig; die
+Z&auml;hne zusammen, als schl&uuml;ge ihn eine
+unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief
+jemand mit r&uuml;cksichtsloser Lautheit:
+&raquo;Schwester Emilie! Schwester Emilie!&laquo;
+Lamm richtete sich auf, stemmte die Arme
+hinter sich und schrie in die Luft hinein:
+&raquo;Ruhe!&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme hallte im Raum, unten
+wurde sie nat&uuml;rlich nicht geh&ouml;rt. Aber sein
+Ha&szlig; saugte sich an dem unbekannten Rufer
+fest und begleitete ihn in die Zimmer und
+an die Betten der Soldaten, und aus diesen
+bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: &#8250;Wir
+sind in deinen Frieden eingedrungen, wir
+haben deinen Frieden zerst&ouml;rt, wir haben
+dir alles geraubt, was du besessen hast;
+deine Gem&auml;lde sind verschwunden, deine
+M&ouml;bel, deine Teppiche, deine Tapeten
+haben wir genommen, deine B&auml;ume lassen
+wir f&auml;llen, deine Blumen rei&szlig;en wir aus,
+und die einzige Seele, um die du geworben,
+die du in deine Einsamkeit geschleift hast
+wie der Tiger die Beute in die Wildnis,
+deren du in deinem Innern noch sicher
+warst, als sie sich fern von dir durch die
+verdunkelte Welt schleppte, auch die haben
+wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir
+elenden, kranken Menschen!&#8249;</p>
+
+<p>Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob
+sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte
+nun und f&uuml;hlte, was sie ihm bedeutet
+hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm
+wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme
+kam &uuml;ber ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch,
+ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
+er&ouml;ffnen, zu erkl&auml;ren, von ihr gebilligt und
+begriffen zu sein.</p>
+
+<p>Als er am Morgen einen Blick in den
+Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes,
+fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm
+gespenstergleich entgegen. Er machte eine
+Grimasse und stellte h&ouml;hnend fest, da&szlig;
+seine Bl&uuml;tezeit vor&uuml;ber sei.</p>
+
+
+<p class="newsection">Erst um die D&auml;mmerungsstunde kam
+Olivia herauf.</p>
+
+<p>Ohne noch einmal sich bitten zu lassen,
+gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung
+zum Bau der Baracken.</p>
+
+<p>Sie dankte. Sie war m&uuml;de und setzte
+sich nieder; eine gewisse Nervosit&auml;t verriet
+auch jetzt, da&szlig; sie sich keine Rast erlauben
+zu d&uuml;rfen glaubte.</p>
+
+<p>Der gestern geschrien hatte, war schon
+tot. Sie erz&auml;hlte es beil&auml;ufig. Es war f&uuml;r
+sie ein Fall unter vielen.</p>
+
+<p>Er nickte. Damit m&uuml;sse er sich abfinden,
+da&szlig; der Tod Stammgast in dem Hause
+sei, sagte er; mit ihrem Tun k&ouml;nne er sich
+nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt,
+wie er sie vor sich sehe, k&ouml;nne er sich
+nun und nimmer entschlie&szlig;en, ihr Unternehmen
+zu billigen oder gar zu preisen.</p>
+
+<p>&raquo;Es mag der Weg f&uuml;r hundert andre
+sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. F&uuml;r<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+die Haltlosen, die Entt&auml;uschten, vom Leben
+Betrogenen der richtige Weg, f&uuml;r dich der
+Irrweg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum, Robert? Es ist dein Trotz
+und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen.
+Ich habe Welt und Menschen
+anders gefunden, als du sie mir gezeigt
+hast,&laquo; antwortete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Anders gefunden? Wie denn, wenn
+man fragen darf? Bist du auch die Zeugin
+von gro&szlig;en Leiden, so bist du doch nicht
+bef&auml;higt, dar&uuml;ber zu urteilen, woher sie
+stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen
+liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich
+behaupte nichts. Das tun die Zuschauer,
+Robert, die herzlosen Zuschauer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Mann ist stets Zuschauer, meine
+Liebe, auch wo er handelt. Soll ich pl&ouml;tzlich
+vergessen, wogegen sich f&uuml;nfundzwanzig
+Jahre lang mein Gem&uuml;t emp&ouml;rt hat, wovon
+ich beleidigt und gedem&uuml;tigt worden bin
+zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein
+Ungl&uuml;ck, ein Verh&auml;ngnis, das nicht zu verh&uuml;ten
+gewesen ist wie ein Hagelschlag
+oder eine Seuche, mir ist er die S&uuml;hne f&uuml;r
+eine unendliche, aufgeh&auml;ufte Schuld. Im
+Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts
+mehr davon wissen, da&szlig; ihr so lange gez&uuml;ndelt
+habt, bis die Flammen endlich zum
+Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt
+ihr die H&auml;nde, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt
+ihr helfen und retten, jetzt, da es zu sp&auml;t
+ist. Fr&uuml;her ward ihr taub, habt euch verh&auml;tschelt
+und verh&auml;rtet, seid Gen&uuml;&szlig;linge
+gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden,
+B&uuml;cherw&uuml;rmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger.
+Es kommt mir so l&auml;cherlich vor,
+so unn&uuml;tz, so aufgeblasen. Du mu&szlig;t schon
+verzeihen, Olivia.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia erhob sich und erwiderte mit der
+Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die
+Tage, die N&auml;chte, die Schmerzen, das Ungeheure
+der geschauten Wirklichkeit gaben:
+&raquo;Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
+nicht sagen, du tust mir namenlos leid.
+Und wenn ich dich ansehe, wei&szlig; ich, da&szlig;
+das nur deine Worte sind. Dein Gef&uuml;hl ist
+es nicht, kann&#8217;s nicht sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, bleib&#8217; bei mir mit dem Gef&uuml;hl
+vom Hals! Was ich f&uuml;hle, ist meine Privatsache,
+was ich denke, geht das Allgemeine
+an. Und ich denke, da&szlig; du mit dem
+Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer
+von Blut nicht aussch&ouml;pfen kannst. Ich
+denke, da&szlig; einer Sintflut nicht abzuhelfen
+ist, indem man ein paar Zaunlatten in den
+Boden rammt. Ich denke, da&szlig;, wo der
+Sturm ganze W&auml;lder zerschmettert hat, es
+ein fruchtloses <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra comma 'Unterfangen, ist'">Unterfangen ist</ins>, mit dem
+Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, da&szlig;
+niemand das Recht hat, sich zu verschwenden,
+der, wenn auch nur in der Idee eines
+einzelnen, der Menschheit besser dient, indem
+er sich bewahrt. Wer geboren ist,
+Blumen zu hegen, der tauche seine H&auml;nde
+nicht in Blut, oder er entw&uuml;rdigt die
+Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen,
+da sie doch ohnehin schon
+auf den Hund gekommen ist. Das alles
+klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal
+gibt mir ein Exempel von Grausamkeit,
+das mir Mut einfl&ouml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wundre mich,&laquo; sagte Olivia kopfsch&uuml;ttelnd,
+und ihre blauen Augen strahlten
+im Feuer des Unwillens. &raquo;Woher
+nimmst du die Kraft und den Entschlu&szlig;,
+dich einer Verantwortung zu entziehen, die
+alle sp&uuml;ren, von der alle niedergezwungen
+werden? Bist du der Richter und untersteht
+die ganze &uuml;brige Welt deinem Spruch?
+Hast du nie gefehlt, nie selber ges&uuml;ndigt,
+hast du dir kein Vers&auml;umnis vorzuwerfen,
+bist du nicht auch ein Mensch und stehst
+mit uns allen unter dem gleichen Gesetz?
+Warum also diese Anma&szlig;ung, dieses Feilschen
+und Hadern, diese feige Flucht vor
+dem, was nun einmal ist?&laquo;</p>
+
+<p>Er schwieg zun&auml;chst. Er ging ungeduldig
+auf und ab und pfiff leise. Er warf
+finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke,
+hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam
+zur&uuml;ckgebogenen Schultern erf&uuml;llte ihn mit
+einer Scheu, die er sich nicht eingestehen
+mochte. Er trat ans Fenster und trommelte
+an die Scheiben, und w&auml;hrend er in
+den winterlichen Garten und in die kahlen
+&Auml;ste der B&auml;ume schaute, sah er immer blo&szlig;
+sie, f&uuml;hlte immer nur sie, bewunderte sie,
+schm&auml;hte sie, suchte nach ihr in seinem zerw&uuml;hlten
+Innern, suchte sich in ihr, sammelte
+Gr&uuml;nde, qu&auml;lte seinem Geist Rechtfertigungen
+ab.</p>
+
+<p>Er sprach von dem Unheil, das &uuml;ber
+die Menschheit hereingebrochen war, als
+von der gro&szlig;en Reinigung. Er sprach von
+der geschichtlichen Notwendigkeit und von
+den politischen Verkleidungen, unter denen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>
+sie die V&ouml;lker narre und durch die sie alle
+einzelnen zu vollbringen zwinge, was
+keiner zu tun w&uuml;nsche. L&auml;ngst seufzten die
+L&auml;nder, die St&auml;dte unter einem &Uuml;berflu&szlig;
+von Menschen und von Produktion; die
+F&uuml;lle sei zur Not geworden, es sei wie in
+einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff
+durch zu viele atmende Lungen verbraucht
+worden war. Sei sie nicht selbst mit den
+Worten zu ihm gekommen, es g&auml;be zu
+wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen,
+darin liege die F&uuml;gung, und nicht nur
+Platz f&uuml;r den K&ouml;rper, sondern auch f&uuml;r die
+Seele, f&uuml;r den Glauben, Platz f&uuml;r den
+Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem
+Himmel zu ersticken. Da d&uuml;rfe man nicht
+die H&auml;nde ringen und sich larmoyanter
+Wehklage &uuml;berlassen; da zieme sich Ehrfurcht
+vor dem h&ouml;heren Walten, denn wer
+falle, der sei eben der &Auml;hre vergleichbar,
+die, wie die tausende ihrer Mit&auml;hren, reif
+sei f&uuml;r die Sichel des Schnitters. Jeder
+erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
+Millionen st&uuml;rben, sei es doch nur ein einziger
+Tod, und es sei ein Fehler in der
+Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach
+zu sehen.</p>
+
+<p>Olivia schaute ihn an, l&auml;chelnd und mit
+einem ergl&uuml;hten Blick. &raquo;Ich bin auch eine
+&Auml;hre, warum willst du mich sondern?&laquo;
+sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich will dich sondern,&laquo; antwortete
+er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit
+des Wortes empfand und etwas
+damit verriet, was ihm selbst noch unbewu&szlig;t
+in seiner tiefsten Brust verborgen war.</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; beharrte sie, und ihr L&auml;cheln
+wurde so vergeistert, da&szlig; er Furcht vor ihr
+versp&uuml;rte. &raquo;Wenn du die Dinge in solcher
+Art betrachtest, bin ich dann nicht ein
+Werkzeug f&uuml;r die, die ich rette, wie die
+Granate ein Werkzeug der Vernichtung
+ist? K&ouml;nntest du nur einmal die Augen
+eines Menschen schimmern sehen, dem man
+die Schmerzen lindert! Du wei&szlig;t nicht,
+was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das
+Leben f&uuml;r dich nichts? Das einmalige,
+herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt,
+wenn der Tod nach ihm langt&nbsp;&#8211;? Du
+wei&szlig;t nicht, was Leben hei&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mach ich einen Dichter, einen Tr&auml;umer,
+einen, der die Wirklichkeit des Seins nie
+zu beherrschen und n&uuml;chtern abzusch&auml;tzen
+gelernt hat, mach ich solch einen pl&ouml;tzlich
+zum Steuermann auf einem Schiff, w&auml;hrend
+der Taifun rast, so tu&#8217; ich ungef&auml;hr
+dasselbe, was du mit dir tust,&laquo; antwortete
+Lamm und wandte ihr das in allen
+Muskeln bebende Gesicht zu. &raquo;Wie alles
+in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes
+Ma&szlig; zerst&ouml;rt, jede Form zerst&ouml;rt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nein!&laquo; rief sie ihm entgegen.
+&raquo;Nicht zerst&ouml;rt, nicht zerrissen, nur
+lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses
+Lebendigsein auch Zerst&ouml;rung w&auml;re,
+wer bin ich denn, da&szlig; ich auf mich achten
+sollte, mich sch&uuml;tzen d&uuml;rfte? F&uuml;r wen, wof&uuml;r
+mich bewahren? Wo ist das Bessere,
+Gr&ouml;&szlig;ere? La&szlig; mich sein, wie ich bin, la&szlig;
+mich tun, was ich tue!&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren
+Augen an, dann brach der Blick und
+feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte
+auf ihn zu, pre&szlig;te beide H&auml;nde wider ihre
+Brust und fl&uuml;sterte, totenbleich: &raquo;Ach, Robert,
+es ist f&uuml;rchterlich! F&uuml;rchterlich!&laquo;</p>
+
+<p>Er umfing die Schwankende mit seinen
+Armen und stand regungslos da.</p>
+
+<p>Nach einer Weile machte sie sich sanft
+los, strich mit der Hand &uuml;ber ihre Haare
+und sagte erschrocken: &raquo;Ich vergesse mich
+ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich.
+Gute Nacht, Robert.&laquo;</p>
+
+<p>Schnell verlie&szlig; sie das Zimmer.</p>
+
+
+<p class="newsection">Ungef&auml;hr vor einer Woche war ein Mann
+eingeliefert worden, den man ohne Uniform,
+bis aufs Hemd entkleidet, auf einem
+Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte.
+Er hatte einen Schu&szlig; im R&uuml;ckgrat, konnte
+nicht sprechen und keinerlei Auskunft &uuml;ber
+sich geben.</p>
+
+<p>Still und steif war er dagelegen, die
+Augen immer auf denselben Punkt in der
+Luft gerichtet. Er hatte ein au&szlig;erordentlich
+sch&ouml;nes Gesicht, bla&szlig;, vergeistigt, durchformt;
+ein schwarzer Bart umrahmte es
+derart, da&szlig; Kinn und Wangen von Haaren
+frei waren.</p>
+
+<p>Ob er Freund oder Feind war, wu&szlig;te
+man nicht. Er trug die Nummer 42, das
+war alles. Man redete ihn in allen Sprachen
+aller V&ouml;lker an, die im Krieg standen,
+doch gab er niemals ein Zeichen, da&szlig; er
+die Worte fa&szlig;te. Man vermutete, er sei
+auch des Geh&ouml;rs beraubt und hielt ihm
+Zeitungen und beschriebene Zettel vor; er<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+beachtete nicht einmal die Geb&auml;rde. Ohne
+zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag
+er da.</p>
+
+<p>Wennschon dies von einer v&ouml;lligen Teilnahmlosigkeit,
+ja von einem inneren Starrkrampf
+zeugte, hatten doch seine Augen
+den st&auml;rksten Glanz bewahrt, der sich
+denken lie&szlig;. Sie waren ununterbrochen
+weit ge&ouml;ffnet, und als ob der Bewegungsmuskel
+der Lider nicht mehr arbeitete,
+schlossen sie sich nicht eine Minute lang.
+Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
+fieberisch; es war ein mildes Licht, ein
+seelenhaftes Strahlen, das auf &Auml;rzte und
+Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung
+&uuml;bte. Oft standen mehrere Personen zugleich
+an seinem Lager, die sich f&uuml;r kurze
+Zeit ihrer Besch&auml;ftigung entzogen hatten,
+nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
+festzuhalten.</p>
+
+<p>Und in jeder Nacht kam Olivia an das
+Bett dieses Verwundeten, blieb stehen,
+schaute in das bleiche Gesicht und suchte,
+auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar
+erf&uuml;llten Blick des fremden Mannes.
+In jeder Nacht unterbrach sie ihren
+Rundgang hier und verweilte wie ein
+Mensch, der Atem sch&ouml;pft und sich besinnt
+und der L&ouml;sung eines d&uuml;steren Geheimnisses
+n&auml;her ist als bisher.</p>
+
+<p>Seit dieser Mann im Hause war, seit
+sie diese Augen wahrgenommen hatte, die
+&uuml;ber dem wirren, wilden Geschehen wie
+zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen
+Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
+wissend-bewu&szlig;tlos aus dem
+Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
+ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein
+etwas gelindert; sie tauchte empor
+aus der qualmenden H&ouml;llenglut und lenkte
+ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal
+im Leben mit der Ahnung und
+dem Gef&uuml;hl von Gott.</p>
+
+<p>Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen
+als nach oben.</p>
+
+
+<p class="newsection">Mit dreizehn Schritten durchma&szlig; Robert
+Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet,
+da&szlig; er zw&ouml;lftausendf&uuml;nfhundert
+Schritte machen mu&szlig;te, um eine Strecke
+von zehn Kilometern zur&uuml;ckzulegen. Er
+besa&szlig; einen Schrittz&auml;hler, mit dessen Hilfe
+er t&auml;glich die durchwanderte Bahn bestimmte.
+An manchen Tagen waren es
+zw&ouml;lf, an manchen f&uuml;nfzehn Kilometer.</p>
+
+<p>Die M&auml;rsche d&uuml;nkten ihm notwendig
+zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
+konnte er beim Gehen besser denken.</p>
+
+<p>Aber die Gedanken f&uuml;hrten zu keinem
+Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
+da&szlig; er nach dem dreizehnten Schritt wieder
+umkehren mu&szlig;te. Wenn der neunte, der
+zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung
+versprach, die Wand, die zur
+Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.</p>
+
+<p>F&uuml;nf bis sechs Stunden Schlaf, zwei
+bis drei Marschieren und zwei bis drei
+Lekt&uuml;re, blieben immer noch mindestens
+zw&ouml;lf Stunden, die leer waren, zw&ouml;lf boshaft
+schleichende Stunden. Jedes Ger&auml;usch
+im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen,
+jedes Fl&uuml;stern oder Murmeln war eine
+Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene
+Unterbrechung. Wieviel da lauerte,
+schreckte, drohte, da drau&szlig;en, da
+drunten!</p>
+
+<p>Angst vor Begegnungen hielt ihn davon
+ab, die Schwelle zu &uuml;berschreiten. Nach
+Verlauf einer Woche br&uuml;tete er &uuml;ber Fluchtpl&auml;nen.
+Doch wu&szlig;te er, da&szlig; sich niemand
+um ihn k&uuml;mmerte.</p>
+
+<p>Ein sonderbares Vergn&uuml;gen gew&auml;hrte
+es ihm, die Personen an sich vor&uuml;berziehen
+zu lassen, die er ehedem mit seinem Ha&szlig;
+bedacht hatte. Es stellte sich heraus, da&szlig;
+von diesem Ha&szlig; nicht mehr viel &uuml;brig war;
+auch wenn seine Erinnerung noch so grobe
+Zerrbilder malte, vermochte er an jenen
+Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges
+Gef&uuml;hl gerechtfertigt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Die Ursache war nicht etwa die, da&szlig; er
+die F&auml;higkeit zu hassen verloren hatte, sondern
+da&szlig; alles, was noch an Ha&szlig; in ihm
+war, sich gegen einen einzigen Menschen
+richtete: allein und unvers&ouml;hnlich gegen
+Olivia.</p>
+
+<p>Sie hatte ihn gezwungen, wider seine
+&Uuml;berzeugung zu handeln. Sie hatte ihn
+um die letzte Hoffnung betrogen, die er
+noch gehegt, um die letzte, die geheimste
+Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung
+und schmerzlichen Verlassenheit noch
+an die Zukunft gekn&uuml;pft hatte.</p>
+
+<p>Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand.
+Er war der Mann nicht, um einer
+solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken.<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+Sein Gem&uuml;ts- und Sinnenleben war eine
+vernachl&auml;ssigte Provinz seines Daseins,
+und die dunklen Wege der Seele nur zu
+ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
+sie, wo es m&ouml;glich war. Aber jetzt trat
+das Vergangene so nah an ihn heran; er
+wu&szlig;te pl&ouml;tzlich, da&szlig; er schon das Bild des
+Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen,
+und da&szlig; das W&auml;chter- und Erzieheramt,
+das er ausge&uuml;bt, ihm mehr und anderes
+bedeutet hatte als eine Pflicht der
+Piet&auml;t und der Freundschaft. Auge und
+Empfindung hatten ihn get&auml;uscht; er h&auml;tte
+sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er
+von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert,
+wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet
+h&auml;tte, wonach sein ausgehungertes Herz
+lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken
+und zu unterdr&uuml;cken, dienten ihm aber
+menschlich nicht; es verfinsterte ihn und
+h&ouml;hlte ihn aus.</p>
+
+<p>Die Gestalt Olivias, die Stimme, der
+Schritt, der Blick, das L&auml;cheln: alles das
+war ihm einst wie ein Eigentum gewesen,
+Frucht seiner M&uuml;he, Lohn seiner Entbehrung,
+Ausgleich seiner tr&uuml;ben Erfahrung;
+ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm
+erkannt. F&uuml;r ihn gemacht, f&uuml;r ihn lebendig,
+weil er den magischen Schl&uuml;ssel dazu
+besa&szlig;, das Wesen zu begreifen glaubte.
+Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
+Widerstrebende war noch in der Harmonie
+mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung
+zusammengebrochen war &#8211; er nannte es
+Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen
+einen h&auml;rteren Ausdruck vorschlug &#8211; als sie
+sich der Gei&szlig;el seiner Worte und dem
+l&auml;hmenden Einflu&szlig; seiner Urteile durch
+die Flucht entzogen hatte, war er noch
+weit entfernt, sie verloren zu geben; mit
+fatalistischer Geduld vertraute er auf seine
+Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer
+Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf
+versetzt h&auml;tte und den Zeitpunkt abwarten
+wollte, der zur Erweckung am g&uuml;nstigsten
+war.</p>
+
+<p>Ihr Erscheinen ri&szlig; ihn v&ouml;llig aus dieser
+Einbildung. &Auml;u&szlig;ere Umst&auml;nde, die st&auml;rker
+waren als alles, was er in die Wagschale
+h&auml;tte werfen k&ouml;nnen, hatten den Sieg &uuml;ber
+ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfa&szlig;te
+ihn und erneute sich immer wieder,
+so oft er sich sagte, da&szlig; bei nat&uuml;rlicher
+Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten
+geblieben und die Schwankende,
+Haltlose ihm endlich in die Arme gef&uuml;hrt
+h&auml;tte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz
+bestand in seiner Existenz, in vielen
+Jahren hartn&auml;ckig und trotzig verhehlter
+Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und
+jedes Ziel sonst verzichtet und z&auml;h und
+stumm, wie nur er sein konnte, alles auf
+das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt,
+und er wu&szlig;te es nun. Derselbe Sturm,
+den er geweissagt hatte, seitdem sein m&auml;nnlicher
+Geist und Wille in Konflikt geraten
+war mit den Gebresten der Zeit und den
+Unterlassungss&uuml;nden ihrer Menschen,
+hatte die Bl&uuml;te ausgerissen und verweht,
+die er im gesch&uuml;tztesten Winkel seines
+Lebensgartens gepflanzt hatte.</p>
+
+<p>Hier war kein Appell m&ouml;glich. Sie hatte
+ihm deutlich genug zu verstehen gegeben,
+da&szlig; jeder Versuch, sie zur&uuml;ckzuhalten, ihn
+in ihren Augen zum Verbrecher stempelte.
+Er durfte nicht hoffen, da&szlig; irgendein
+Mensch, weder Mann noch Weib, weder
+Freund noch Feind, in seinen Bem&uuml;hungen
+etwas anderes erblickte als Verschrobenheit
+und Herzensk&auml;lte. Er hatte sie eingeb&uuml;&szlig;t,
+sie war dahin, sie konnte ihn nicht
+mehr sehen und h&ouml;ren, sie hatte sich dem
+blutigen Chaos verdungen und bildete sich
+ein, n&uuml;tzlich zu sein und litt uns&auml;glich,
+und w&uuml;rde immer &auml;rger leiden m&uuml;ssen, je
+h&ouml;her die Woge des Entsetzens stieg.</p>
+
+<p>Es gab Stunden, wo er wie ein rachebr&uuml;tender
+Teufel bleich und b&ouml;se in einem
+Winkel seiner Kammer kauerte und sich
+das Hirn zermarterte mit den Gedanken,
+die ihm sein ohnm&auml;chtiger Groll und seine
+wirklich beispiellose Einsamkeit erregten.
+Es war etwas Troglodytisches um ihn;
+es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten
+Welt; er glich dem k&ouml;rperlosen
+Schatten, der nach einer Seele sucht und
+sie nicht finden kann. Er f&uuml;hlte sich ausgesto&szlig;en
+und g&auml;nzlich vergessen, erniedrigt
+und beraubt; er fror und fieberte, er sann
+auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung,
+da&szlig; m&ouml;glicherweise er es sein mu&szlig;te, der
+sich zu beugen und zu unterwerfen hatte,
+war ihm noch mit keinem Hauch genaht.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eines Nachmittags um die D&auml;mmerungszeit
+schlich er aus dem Hause und
+ging zu Frau Khuenbeck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er
+hatte sich jahrelang nicht um sie gek&uuml;mmert,
+das trug sie ihm nach.</p>
+
+<p>Sie machte ihn im stillen auch f&uuml;r alles
+verantwortlich, was mit Olivia geschehen
+war, und als er die Rede auf das M&auml;dchen
+gebracht hatte, erkl&auml;rte sie, da&szlig; sie ihre
+Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten,
+wenn man sie im Spital besuche.
+Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von
+Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen
+und habe sich bei Olivia erkundigt,
+ob sie etwas erfahren habe. Sie habe
+nichts gewu&szlig;t, habe aber auch keinerlei
+Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugeh&ouml;rt,
+aber in ihrem Blick sei etwas gewesen,
+wobei einem eiskalt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie das vielleicht beobachtet,&laquo;
+fuhr Frau Khuenbeck fort, &raquo;den Blick,
+meine ich, den Blick einer Besessenen?
+Gewi&szlig; begeh&#8217; ich ein Unrecht, wenn ich
+so etwas sage. Die Menschen beten sie
+ja an. Auch ich mu&szlig; sie bewundern, aber
+sie ist mir fremd geworden. Geht das mit
+rechten Dingen zu?&laquo;</p>
+
+<p>Lamm schwieg. Es gen&uuml;gte ihm, da&szlig;
+die Frau von Olivia sprach. Er hielt es
+f&uuml;r ausreichend, sie durch eine ermunternde
+Miene anzuspornen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie assistiert jetzt bei den Operationen,&laquo;
+berichtete Frau Khuenbeck. &raquo;Sie hat das
+Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
+darin erworben, da&szlig; die &Auml;rzte
+ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
+Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar;
+instinktiv bringe sie genau die Tiefe
+des Bet&auml;ubungsschlafes zustande, die f&uuml;r
+den betreffenden Fall erforderlich ist.
+Wenn einer schreit oder sich str&auml;ubt, so
+braucht sie ihn nur anzur&uuml;hren, und er
+f&uuml;gt sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&auml;rchen,&laquo; warf Robert Lamm hin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht, da&szlig; es ein M&auml;rchen ist.
+Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem
+Vater, der hatte auch so eine Zauberhand.
+Einige &Auml;rzte meinen, da&szlig; sie sich auf eine
+besondere Kunst des Dosierens versteht.
+Es sind auch Chirurgen aus der Stadt
+gekommen, denen sie eine Erkl&auml;rung geben
+sollte. Sie konnte aber nichts erkl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Esel vom Fach vermuten immer
+da Wunder, wo ganz und gar keine sind,&laquo;
+bemerkte Lamm trocken.</p>
+
+<p>Frau Khuenbeck zuckte die Achseln.
+&raquo;Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen
+so an, da&szlig; man vergi&szlig;t, was einem bevorsteht.
+Aber was bedeutet mir das? Wie
+ich das zweite- oder drittemal dort war,
+mu&szlig;te ich auf sie warten und ging im
+Flur auf und ab, und da kam sie mit dem
+blutenden, frisch abges&auml;gten Bein eines
+Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
+doch wer kann so ein Bild wieder
+loswerden, wenn er es einmal geschaut!
+Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte
+das Gef&uuml;hl, als begehe das Kind eine
+schreckliche S&uuml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamms Gesicht verzerrte sich.
+&raquo;So ein Bein, wissen Sie, ist au&szlig;erdem
+verflucht schwer,&laquo; sagte er mit heiserer
+Stimme, &raquo;es mag gut und gern seine
+f&uuml;nfzehn Kilo wiegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Olivia,&laquo; rief Frau Khuenbeck,
+&raquo;die so heikel war, da&szlig; sie vom Tisch aufstand
+und nicht weiteressen konnte, wenn
+auf einem Salatblatt ein Wurm kroch!
+Was kann ihr die Welt noch sein, danach?
+Kann sie je wieder ein harmloses
+Leben f&uuml;hren, ein Leben mit kleinen
+Pflichten?&laquo;</p>
+
+<p>Lamm erhob sich. &raquo;Wir werden das
+Problem heute nicht l&ouml;sen, Verehrteste,&laquo;
+antwortete er schroff. &raquo;Unser Verstand ist
+&uuml;berhaupt unzul&auml;nglich gegen&uuml;ber dem
+traurigen Verwesungsvorgang, den man
+Leben nennt. Mich d&uuml;rfen Sie schon gar
+nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen,
+mir wird &uuml;bel, wenn ich ja oder nein
+sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das
+Reden abzugew&ouml;hnen; meine Zunge hat
+nicht die geringste Lust mehr, Ger&auml;usche
+zu artikulieren. Ein &uuml;berfl&uuml;ssiges St&uuml;ck
+Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle
+mich Ihnen.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsection">Als er durch den Korridor seines Hauses
+schritt, traten ihm zwei Herren in den
+Weg. Der eine war Doktor Strygowski,
+der andere, der mit au&szlig;erordentlicher
+Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses,
+etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine
+Miene verriet Unsicherheit und Anma&szlig;ung.
+Er blieb vor dem Hofrat stehen, l&uuml;pfte
+den tadellos geb&uuml;gelten Zylinder, nannte
+seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
+Bescheidenheit und sagte, er sei
+entz&uuml;ckt von der Besichtigung des Hauses,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+das eine Perle unter den Lazaretten der
+Stadt sei, und er freue sich, dies &ouml;ffentlich
+verk&uuml;ndigen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Lamm stand steif wie ein Stock. Der
+andere verbeugte sich, l&auml;chelte aus irgendeinem
+Grunde geschmeichelt und ging.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski sagte: &raquo;Einer unserer
+f&uuml;hrenden Journalisten. Besichtigt Spit&auml;ler
+im Auftrag des Roten Kreuzes.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm nickte. &raquo;Kennen Sie die Geschichte
+vom Grafen Ulrich von W&uuml;rttemberg
+und dem Dieb?&laquo; fragte er. &raquo;Der
+Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den
+ganzen Tag vor seinem Schlo&szlig; zu sitzen
+und mit jedem zu sprechen, der vor&uuml;berging.
+Einmal schlich sich ein Mensch aus
+dem Tor, der hatte drinnen in der K&uuml;che
+einen Fisch gestohlen und er hatte einen
+sehr kurzen Mantel an, unter dem der
+Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf
+zu sich und sagte zu ihm: &#8250;Wenn du wieder
+Fische stehlen gehst, so zieh einen l&auml;ngeren
+Mantel an oder nimm einen k&uuml;rzeren
+Fisch.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Doktor Strygowski lachte. &raquo;Ich glaube,
+der Rat hat gefruchtet,&laquo; antwortete er.
+&raquo;Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend
+langen M&auml;nteln versehen.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm warf einen durchdringenden Blick
+auf den jungen Arzt. &raquo;Doktor Strygowski,
+wenn ich nicht irre&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Strygowski ist mein Name. Ich bitte
+um Verzeihung, da&szlig; ich unterlassen
+habe&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Lamm sch&uuml;ttelte ungeduldig den Kopf.
+&raquo;Nichts, nichts,&laquo; unterbrach er den Doktor.
+Dann lie&szlig; er abermals den Blick mit fast
+verletzender Unbek&uuml;mmertheit auf dessen
+Z&uuml;gen ruhen. Er war gefesselt von dem
+Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und
+sagte: &raquo;Es w&auml;re mir lieb, wenn Sie am
+Abend eine Stunde zu mir kommen w&uuml;rden.
+Ich habe einige Fragen an Sie zu
+richten.&laquo;</p>
+
+<p>Doktor Strygowski erwiderte, er werde
+kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Doktor, der Transport,&laquo; sagte
+Schwester Nina, die vom Eingangsflur
+heraufkam. Lamm kannte die sch&ouml;ne,
+blasse Frau Senoner. Er gr&uuml;&szlig;te k&uuml;hl.</p>
+
+<p>Die Sanit&auml;tsleute kamen mit den Bahren.
+Regungslos lagen die verwundeten
+M&auml;nner, mit eingesunkenem Brustkorb
+und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre
+Gesichter waren von einem verwitterten
+Grau, das Blut war durch die Verb&auml;nde
+gedrungen und klebte auf der Haut. Mit
+dumpf-ungl&auml;ubiger Verwunderung sahen
+sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
+verursachte ihnen eine mit Furcht
+gemischte Spannung, &uuml;ber die sie gr&uuml;belten.</p>
+
+<p>Hinter den letzten Tr&auml;gern ging Olivia.
+Sie war in einen ziemlich groben Mantel
+geh&uuml;llt, das Gesicht war entf&auml;rbt. Als sie
+Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm
+ohne L&auml;cheln zu.</p>
+
+
+<p class="newsection">Es war elf Uhr vorbei, als Doktor
+Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
+Er entschuldigte sein sp&auml;tes Kommen.
+Lamm deutete schweigend auf einen Sessel
+gegen&uuml;ber seinem Lehnstuhl.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will &uuml;ber Olivia Khuenbeck mit
+Ihnen sprechen,&laquo; begann er ohne Umschweife.
+&raquo;Vielleicht ist Ihnen bekannt,
+da&szlig; Olivia w&auml;hrend ihrer ganzen Jugend
+unter meiner Obhut gestanden ist. Ich
+f&uuml;hle mich noch immer f&uuml;r das, was sie
+tut, verantwortlich. M&ouml;glich, da&szlig; es eine
+Torheit ist, aber es ist nun einmal so.
+Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
+zu dem Beruf, den sie sich hier erw&auml;hlt
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>Ein wenig verwundert &uuml;ber den Ton
+eines verh&ouml;renden Richters, antwortete
+der junge Arzt nach einigem &Uuml;berlegen:
+&raquo;Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt
+jede Befugnis, wo etwas so Ungew&ouml;hnliches
+vollbracht wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat sie von Anfang an gewu&szlig;t, was
+ihr beschieden sein w&uuml;rde, wenn sie beharrlich
+blieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne Zweifel,&laquo; versetzte Doktor Strygowski.</p>
+
+<p>&raquo;Beachten Sie eines,&laquo; fuhr Lamm eindringlich
+fort; &raquo;viele Menschen, die sich
+an ein schwieriges Unternehmen wagen,
+ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger
+Einsch&auml;tzung ihrer F&auml;higkeit. Sie brauchen
+darum nicht zu versagen, oft zeigen sich
+die h&ouml;heren Kr&auml;fte mit der h&ouml;heren Forderung.
+Aber wo es sich um den best&auml;ndigen
+Anblick von Blut und Wunden
+handelt, mu&szlig; unbedingt die Phantasie nach
+und nach ert&ouml;tet werden, sonst ist an eine
+fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+Augenschein schw&auml;cht sich ab, die Gewohnheit
+macht die Sinne stumpf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich nicht leugnen, und es
+gilt in allen F&auml;llen, nur bei Schwester
+Olivia nicht,&laquo; versetzte Doktor Strygowski.
+&raquo;Ihr Geist und ihr Gem&uuml;t sind der Abstumpfung
+nicht unterworfen. Das ist das
+Merkw&uuml;rdige und das Seltene bei ihr.
+Nicht blo&szlig;, da&szlig; sie sich an das vielf&auml;ltig
+Entsetzliche nicht gew&ouml;hnt, nie gew&ouml;hnen
+wird, sondern jeder neue Eindruck rei&szlig;t
+ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem
+Grauen, dem Schmerz, der Emp&ouml;rung,
+dem Mitleid mit einer Intensit&auml;t &uuml;berliefert,
+die ohne Grenze ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also ein Ph&auml;nomen, ganz einfach ein
+Ph&auml;nomen,&laquo; sagte Lamm mit erheuchelter
+Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den
+Sessel zur&uuml;ck und umklammerte mit den
+Fingern die Armlehnen fest.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski fuhr fort: &raquo;Sie
+kennt jeden einzelnen Mann, und wir
+haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus.
+Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden
+bei jedem, sie wei&szlig; ob Hoffnung besteht,
+das Leben zu erhalten oder nicht, jede
+Besserung oder Verschlimmerung sp&uuml;rt sie
+unmittelbar und ist sogleich zur Stelle,
+wenn Gefahr droht. Die Fieberzust&auml;nde
+sind ihr so vertraut, da&szlig; alles Fieberwesen,
+vom gelispelten Betteln um Wasser
+bis zur Raserei, vom Z&auml;hneklappern bis
+zur Hochglut zur besonderen Sprache und
+Mitteilung f&uuml;r sie geworden ist. Und sie
+begn&uuml;gt sich nicht, sie will immer noch ein
+Mehr; von sich selbst hei&szlig;t das, nur von
+sich selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm erhob sich, ging auf und ab,
+setzte sich wieder. Er zwang sich m&uuml;hsam
+zu Ruhe. &raquo;Ich begreife es nicht,&laquo; stie&szlig;
+er hervor, &raquo;begreife es nicht. Ich will
+gar nicht die Frage er&ouml;rtern, wie sie es
+physisch aushalten soll; aber Tag f&uuml;r Tag
+das alles sehen! Und nicht nur sehen,
+auch h&ouml;ren, das St&ouml;hnen, Wimmern,
+Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
+oben schaudert mir manchmal die Haut,
+und ich bin doch ein hartgesottener alter
+Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von
+jedem Windhauch war sie abh&auml;ngig, jede
+&uuml;bel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie
+an einem Wirtshaus vor&uuml;berzuf&uuml;hren,
+wo Betrunkene l&auml;rmten, war ein Wagnis.&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;berrascht von der Aufwallung eines
+Mannes, den er f&uuml;r trocken und unempfindlich
+gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski
+den Kopf. &raquo;Vor einigen Tagen
+war ich mit Schwester Olivia in einem
+Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht
+sind,&laquo; erz&auml;hlte er mit leiser
+Stimme; &raquo;da waren Zimmer angef&uuml;llt
+mit M&auml;nnern, die aneinander vor&uuml;bergingen,
+ohne einander zu gewahren, in
+gleichm&auml;&szlig;igem Marschtempo, mit Blicken
+der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo
+M&auml;nner sa&szlig;en, die stundenlang die H&auml;nde
+steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach
+ihren Angeh&ouml;rigen riefen; da war es schwer,
+sich zusammenzunehmen, sehr schwer.
+Schwester Olivia hatte eine Geb&auml;rde, die
+ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
+wollte sie sagen: &#8250;O Gott, was ist mit
+deiner Welt geschehen, was ist mit eurer
+Welt geschehen, ihr Menschen!&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das kann ich mir gut denken,&laquo;
+antwortete Lamm nun wieder mit erk&uuml;nstelter
+Ruhe. &raquo;Aber erkl&auml;ren Sie mir
+doch, was in ihr vorgeht,&laquo; f&uuml;gte er hinzu
+und kniff die Augen sonderbar zusammen;
+&raquo;mich l&auml;&szlig;t da die Logik im Stich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die menschliche Seele ist ein wunderbarer
+Organismus, Herr Hofrat,&laquo; sagte
+Doktor Strygowski sinnend. &raquo;Ich will
+nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber
+auch ein Arzt, f&uuml;r den der Menschenk&ouml;rper
+Studium und Sache wird, ger&auml;t jetzt bisweilen
+mit der sogenannten g&ouml;ttlichen Weltordnung
+in Konflikt. Man fragt sich, was
+das alles soll, das Leben und Sterben und
+die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken
+an mir nagen, und ich schaue Schwester
+Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa
+einem st&uuml;mpernden Dilettanten, der vor
+einem K&uuml;nstler steht. Die leidet! Das ist
+Leiden! Gewi&szlig;, der Tag fa&szlig;t vieles, man
+vergi&szlig;t, man flieht, die gespannte Saite
+lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes
+Wort, einen geistigen Zuspruch,
+aber bei ihr ist auch davon keine Spur.
+Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen
+Schritt &uuml;ber die Allt&auml;glichkeit hinausgelangt,
+ich kann es mir nicht anders erkl&auml;ren,
+irgendein unbekanntes Element hat
+sich ihrer bem&auml;chtigt, f&uuml;r mich im stillen
+nenne ich es die Metempsyche.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm schwieg, kaum da&szlig; er atmete,
+und nach einer kurzen Weile fuhr Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>
+Strygowski fort: &raquo;Sie versteht die Heiterkeit
+nicht mehr, das harmlose Gespr&auml;ch
+nicht mehr, das selbstverst&auml;ndliche Weitergehen
+des Daseins nicht mehr. Sie versteht
+nicht, da&szlig; es noch Menschen gibt, die
+von ihren Gesch&auml;ften, ihren W&uuml;nschen,
+ihren pers&ouml;nlichen Vorteilen und Entt&auml;uschungen
+reden k&ouml;nnen. Ich sah sie einmal
+ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines
+der M&auml;dchen vor dem Spiegel sa&szlig; und sich
+frisierte, einigerma&szlig;en umst&auml;ndlich, wie es
+ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
+der sie wehm&uuml;tig und unwillig staunte,
+war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr
+Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich wu&szlig;te es nicht,&laquo; murmelte
+Lamm, &raquo;ich wu&szlig;te es in der Tat nicht.
+Das unvergleichliche Haar! In Generationen
+schafft die Natur so etwas nicht zum
+zweitenmal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unter unseren freiwilligen Damen,&laquo;
+begann Doktor Strygowski wieder, &raquo;ist
+auch eine vielger&uuml;hmte Schauspielerin,
+Schwester Susanne, eine verw&ouml;hnte Gesellschaftsdame
+mit Prinzessinnen-All&uuml;ren;
+um sie ist der ganze L&uuml;gendunst des
+Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
+mit der gro&szlig;en Geste, mit der sie
+ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen,
+wenn Schwester Olivia mit ihr spricht.
+Sie schl&auml;gt die Augen zu Boden, als sch&auml;me
+sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie
+soll ich sagen, etwas geradezu magisch
+Edles. Sie wei&szlig; nat&uuml;rlich, wie es um so
+manche dieser Frauen bestellt ist; da&szlig; sie
+sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung
+verschaffen wollen, da&szlig; sie die
+Leere ihres Gem&uuml;tes zudecken durch einen
+Eifer, der ihnen Beifall eintr&auml;gt.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamm lachte bitter auf. &raquo;Sie
+sind ein gr&uuml;ndlicher Herr, das mu&szlig; man
+gestehen,&laquo; sagte er. &raquo;Nun, und das
+wucherische Treiben der Lieferanten, wei&szlig;
+sie auch von dem? Und wie verh&auml;lt sie
+sich dazu? Und zu der Schwerf&auml;lligkeit
+der &Auml;mter und Beh&ouml;rden, der Schm&auml;hsucht
+der Unzufriedenen, den R&auml;nken der Beleidigten,
+den Ausreden der Faulen, den
+krampfhaften Bem&uuml;hungen der Streber
+und Ordensj&auml;ger, dem fr&uuml;hzeitigen Erlahmen
+derer, die in rascher Begeisterung
+Wunder zu tun versprochen hatten, mit
+einem Wort, dem ganzen landes&uuml;blichen
+Unrat, wie verh&auml;lt sie sich dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, das alles legt sie sich f&ouml;rmlich
+selber zur Last und verwandelt es in
+eine Forderung an sich,&laquo; erwiderte Doktor
+Strygowski. Er dachte eine Weile nach,
+bevor er z&ouml;gernd fortfuhr: &raquo;Sie mu&szlig; ein
+Erlebnis von einschneidender Bedeutung
+gehabt haben. Sie mu&szlig; einmal so zu
+Boden geschlagen worden sein, da&szlig; es
+aller Kraft bedurfte, die ein Gem&uuml;t &uuml;berhaupt
+aufbringen kann, damit sie sich
+wieder erheben konnte. Deshalb ihre
+Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb
+ihr unbeirrbar gerichteter Weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, Flausen!&laquo; rief Lamm schroff,
+ja fast wild. &raquo;Flausen! Darauf fall&#8217; ich
+Ihnen nicht herein!&laquo;</p>
+
+<p>Ein rascher Blitz des Unwillens traf
+ihn aus Strygowskis Augen. &raquo;Ich habe
+Ihnen meine Meinung nicht aufgedr&auml;ngt,
+Herr Hofrat,&laquo; sagte er leise. &raquo;Da&szlig; ich
+Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht
+leugnen. Ich gestehe sogar, da&szlig; ich noch
+nie einen Menschen in diesem Ma&szlig; bewundert
+habe. Meine Bewunderung ist
+um so gr&ouml;&szlig;er, als ich mir nicht verhehle,
+nicht verhehlen kann, <em class="gesperrt">wohin</em> der Weg f&uuml;hrt,
+den sie geht.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm schwieg betroffen. Die beiden
+M&auml;nner sahen sich an.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie haben kein &#8211; Kapital in diese
+Bewunderung investiert? Sie wollen keine
+Zinsen daraus ziehen?&laquo; fragte Lamm mit
+verkniffenem Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe nicht&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, ob Sie nicht ein bi&szlig;chen
+bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen?
+Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen,
+ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung
+an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches
+Ziel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hierauf habe ich keine Antwort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist jedenfalls bequem.&laquo; Lamm
+erhob sich und begleitete seine Worte mit
+heftigen, abgehackten Geb&auml;rden. &raquo;Ich soll
+also schlechterdings an Engel glauben, an
+graduierte Engel mit Schnurrbart und
+Brille! Seit wann sind denn die Doktoren
+der Medizin unter die Idealisten und Propheten
+gegangen? Hat euch die blutige
+Zeit betrunken gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Ungest&uuml;m gibt Ihrer Beschuldigung
+noch nichts Plausibles,&laquo; sagte Strygowski,
+der bla&szlig; geworden war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich beschuldige Sie nicht, ich wei&szlig; nichts<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+von Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir
+Ihre Person aus dem Spiel,&laquo; fuhr Lamm
+grollend fort. &raquo;Wenn ich Ihnen zu nahe
+getreten bin, will ich abbitten. Aber k&ouml;nnen
+Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher
+Beobachter vorstellen, da&szlig; ein Wesen wie
+Olivia sich Tag f&uuml;r Tag, Stunde f&uuml;r Stunde
+unter M&auml;nnern bewegt, ohne nur im Geringsten
+als Weib auf diese M&auml;nner zu
+wirken? Meine Frage enth&auml;lt keine Frivolit&auml;t.
+Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
+leben auf einem Planeten, mag er auch
+noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem
+es f&uuml;r bestimmte Daseinsformen bestimmte
+Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist
+Blut. Hunger will S&auml;ttigung, Blut will
+W&auml;rme. Riechen Sie nicht den t&uuml;ckischen
+Giftstoff, von dem das ganze Haus erf&uuml;llt
+ist? Glauben Sie, da&szlig; irgendein Weib sich
+dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia
+hei&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es,&laquo; erwiderte Doktor
+Strygowski entschlossen. &raquo;Was Sie sagen,
+ist keine Wahrheit f&uuml;r mich, sondern eine
+Anklage, die erst bewiesen werden mu&szlig;.
+Es m&uuml;&szlig;te erst bewiesen werden, da&szlig; die
+Caritas, vor der ich meine Knie beuge,
+ein lemurischer Unhold ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist sie auch!&laquo; rief Lamm mit Leidenschaft.
+&raquo;Ein Unhold und L&uuml;gengeist, der
+Frauen- und M&auml;dchenseelen mit falschen
+Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder
+Illusion bar, hinaus ins Leben zu
+sto&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski
+zog die Uhr aus der Tasche, &uuml;berlegte
+eine Weile, w&auml;hrend er die Uhr in
+der Hand behielt und sagte dann: &raquo;In einer
+Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre
+zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur
+durch den Augenschein widerlegt werden.
+Unm&ouml;glich, da&szlig; Sie auf Ihrer Meinung
+beharren, wenn Sie sie dabei sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich brauche den Augenschein nicht,&laquo;
+knurrte Lamm. &raquo;Alles was ist, kann ich
+mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Paradoxie ist mir bekannt,&laquo; entgegnete
+der Arzt; &raquo;ich kenne dieses Leiden.&laquo;
+Er blickte traurig zu Boden.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick vernahmen sie ein
+seltsames, eint&ouml;niges Pl&auml;rren, ein singsang&auml;hnliches
+Heulen wie von einem Hund.
+Der Hofrat ging zur T&uuml;r und lauschte.
+Dann &ouml;ffnete er die T&uuml;re, schritt durch
+den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski folgte ihm.</p>
+
+
+<p class="newsection">Auf der untersten Treppenstufe sa&szlig; zusammengekauert
+ein Mensch. Erst als er
+ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener
+Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut
+vor sich hinheulte und dabei mit dem
+Oberk&ouml;rper schaukelte. &raquo;Was treibst du
+da?&laquo; herrschte ihn Lamm an.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hofrat, ich find&#8217; im ganzen Haus
+kein Pl&auml;tzchen, wo es still ist,&laquo; fl&uuml;sterte der
+Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah
+aus wie geschwollen.</p>
+
+<p>&raquo;Geh auf der Stelle in deine Kammer
+und in dein Bett,&laquo; befahl Lamm.</p>
+
+<p>Gerold erhob sich schwerf&auml;llig und wankte
+&uuml;ber die Stiege. &raquo;Kann aber nicht schlafen,
+Herr Hofrat,&laquo; klagte er.</p>
+
+<p>Lamm sch&uuml;ttelte sich ein wenig. Er machte
+Miene, wieder in seine Stube zu gehen,
+aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so
+forschend, so sonderbar auffordernd auf ihn
+gerichtet, da&szlig; er mit einer unbehaglichen
+Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte
+und hinter dem Arzt in das gro&szlig;e Zimmer
+ging, das vormals seine Bibliothek gewesen
+war. Die Lichter waren ausgel&ouml;scht bis
+auf eines, das neben der T&uuml;r brannte und
+durch ein gr&uuml;nes Tuch abged&auml;mpft war.
+Nur in den zun&auml;chst stehenden Betten
+konnte man die Gesichter sehen. Sie hatten
+einen fahlen Schein. Einige Verwundete
+wachten und hoben von Zeit zu Zeit den
+Kopf; dabei gl&auml;nzten die Augen hei&szlig;, und
+wenn sie den Kopf zur&uuml;cksinken lie&szlig;en,
+&auml;chzten sie.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski zog Lamm in den
+Schatten und raunte ihm zu: &raquo;Sie mu&szlig;
+gleich kommen; hier war sie noch nicht,
+denn die Schwester dort dr&uuml;ben ist eingenickt.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte kaum ausgeredet, da trat im
+Hintergrund eine Gestalt durch die T&uuml;re.
+Es war Olivia.</p>
+
+<p>Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit
+im Raum lie&szlig;en ihr Gesicht nahezu wei&szlig;
+erscheinen. Der Schritt war lautlos und
+verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes.
+Sie ging sogleich zu der jungen Schwester,
+die schlummernd auf dem Stuhl sa&szlig; und
+ber&uuml;hrte mit der Hand deren Schulter.
+Das M&auml;dchen fuhr erschrocken empor; die<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+Best&uuml;rzung in ihrem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gedicht'">Gesicht</ins> verwandelte
+sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia
+sch&uuml;ttelte den Kopf und ging weiter.</p>
+
+<p>Die Blicke derer, die wach waren, hatten
+sie entdeckt; sie flogen ihr zu, f&ouml;rmlich ungeduldig;
+dies hatte etwas wie bei hungrigen
+S&auml;uglingen, wenn die Amme an die
+Wiege tritt. <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Er war'">Es war</ins> r&uuml;hrend und unheimlich.
+Olivia schien es zu f&uuml;hlen; sie neigte
+die Stirn; alles war pl&ouml;tzlich so sanft an
+ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar
+innerlich und beredt.</p>
+
+<p>Sie ging wie mit einer Lampe in der
+Hand, die nicht verl&ouml;schen durfte. Aber
+trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare
+Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit
+zu beanspruchen schien, war es, als sehe
+und sp&uuml;re sie alles, was rund um sie war,
+mit zehnfach gesch&auml;rften Sinnen.</p>
+
+<p>Als sie in das n&auml;chste Zimmer treten
+wollte, kam Schwester Emilie, eine &auml;ltere
+Person, aus der T&uuml;r. Sie sagte: &raquo;Mit
+Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rufen Sie Doktor Strygowski,&laquo; antwortete
+Olivia.</p>
+
+
+<p class="newsection">Vor dem kleinen Raum, in welchem
+Nummer 42 lag, standen fl&uuml;sternd einige
+Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski,
+als er zu dem Bett des Unbekannten
+ging. Robert Lamm hatte sich unter sie
+gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vor&uuml;berschreiten
+und nickte ihm zu wie am
+Abend, ohne zu l&auml;cheln, doch mit
+einem verwunderten Aufschimmern des
+Blicks.</p>
+
+<p>Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen,
+sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in
+Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe,
+die sie trug.</p>
+
+<p>Der Sterbende war in einem Zustand
+von Aufl&ouml;sung und Entr&uuml;ckung. Der
+Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert,
+da&szlig; es peinigend war, in sie zu schauen.
+Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem
+Gestr&uuml;pp.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf
+der keuchenden Brust des Mannes und
+lauschte dem Herzschlag.</p>
+
+<p>War es nur eine T&auml;uschung, oder verhielt
+es sich wirklich so: alle im Zimmer
+Anwesenden hatten den Eindruck, als seien
+die Blicke des Unbekannten, die bis zu
+dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
+Gegenstand oder einem Menschen geruht
+hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
+ausschlie&szlig;lich und ohne abzuirren auf ihn,
+und zwar in einer Art, wie wenn er eine
+Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn
+er ihn an ein Versprechen mahnen wollte.
+Der Blick war so dringend, als sei zwischen
+den beiden zu irgendeiner Zeit einmal
+eine Verabredung getroffen worden und
+als sei eben jetzt die Frist verstrichen.
+Es war ein Blick des Willens und des
+Bewu&szlig;tseins, der alle in Erstaunen versetzte.</p>
+
+<p>Lamm sp&auml;hte scheu um sich her; er
+wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es
+ihn stets von neuem in die Richtung, wo
+er dem schauerlich und dringlich gl&auml;nzenden
+Auge begegnen mu&szlig;te. Olivia stand
+hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein
+gedankenvoller Ernst. Auch dagegen str&auml;ubte
+sich Lamm mit stummer Anstrengung; am
+liebsten h&auml;tte er ihr zugerufen: Sprich mit
+mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus
+seiner Bedr&auml;ngnis befreit h&auml;tte, sich abzuwenden
+und wegzugehen, war ihm durchaus
+unm&ouml;glich. In dieser Not griff er zu
+einem sonderbaren Hilfsmittel: er ri&szlig; seine
+Zigarettendose aus der Tasche, entnahm
+ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden
+hin. Es geschah dies weniger aus
+&Uuml;berlegung, als aus Trotz und Trieb, die
+gesteigerte Situation ins Gew&ouml;hnliche zu
+ziehen.</p>
+
+<p>Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger
+Funke aus den Augen des Unbekannten
+blitze; er machte eine schwache Bewegung
+mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun
+die Zigarette zwischen die Lippen. Aber
+um den blutlosen Mund spielte auf einmal
+ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen,
+bittersten Verachtung, durch ein
+mattes L&auml;cheln nicht gemildert, sondern
+verst&auml;rkt. Sodann ersch&uuml;tterte ein schrecklicher
+Seufzer den K&ouml;rper, das Auge brach,
+das Leben war dahin.</p>
+
+<p>Als Robert Lamm den Raum verlie&szlig;,
+war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe
+Verurteilten zumute; das L&auml;cheln unergr&uuml;ndlicher
+Verachtung in der letzten Agonie
+des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal
+auf ihm.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span></p>
+<p class="newsection">Olivia tat das Herz so weh, als sei
+es ein Geschw&uuml;r in ihrer Brust.
+Am Anfang und am Ende jeder
+Handlung stand dieselbe Frage;
+jede Gedankenfolge schlo&szlig; mit einem jammervollen
+Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
+ist Trost?</p>
+
+<p>Die Schauspiele verwirrten sich wie die
+Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der
+Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses
+Haus, in dem sie zuf&auml;llig wirkte, war nur
+eines unter den Tausenden von Becken, in
+denen sich das Ungl&uuml;ck sammelte. Man
+mu&szlig;te die Einbildungskraft in Schranken
+zw&auml;ngen, um nur die H&auml;nde r&uuml;hren zu
+k&ouml;nnen. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten
+vom Morgen &uuml;ber den Tag zum
+Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.</p>
+
+<p>Und dennoch: immer wieder auf und
+hin&uuml;ber, hin zu den Wunden, vielleicht,
+da&szlig; eine Ber&uuml;hrung, ein Wort, ein Blick
+Linderung brachte oder Geduld einfl&ouml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte eine Kraft in sich, deren Wesen
+ihr nicht bekannt war. Sie f&uuml;hlte diese
+Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und
+die Augen an ihr hingen. Diese Augen
+redeten eine Sprache von nie geh&ouml;rter Eindringlichkeit,
+die sie ohne Gewissenspein nur
+hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz aussch&ouml;pfte
+im Tun, sich ganz und gar verga&szlig;.</p>
+
+<p>Die Schicksale st&uuml;rzten &uuml;ber sie, und sie
+wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte
+es sein, in ihren hingegebensten Stunden
+sehnte sie sich danach, v&ouml;llig zermalmt
+zu werden, um jeder Schuld zu entgehen.
+Ruhte sie, fa&szlig;te sie sich wieder, so wurde
+es zu gr&auml;&szlig;lich, nur zu denken an das, was
+war. Nicht allein von Bildern der Zerst&ouml;rung
+war ihr Geist beladen, Bildern
+leckender Flammen, einge&auml;scherter Wohnungen,
+unertr&auml;glichen Hungers, erstickender
+Todesangst, hoffnungslosen Siechtums
+und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen
+unvergiftet lie&szlig;, sondern von dem
+auch, was dahinter war an Wut, Ha&szlig; und
+Bosheit, dem Gewebe kleiner L&uuml;gen, den
+Beleidigungen der Menschenw&uuml;rde, von
+dem Aufgestachelten in allen, der von &uuml;berallher
+t&ouml;nenden Klage.</p>
+
+<p>Damals, als ihre Mutter in der Sorge
+um Ferdinand zu ihr kam, mu&szlig;te Olivia
+in ihren Gedanken den Bruder erst suchen;
+sie sagte: &raquo;Du darfst die Hoffnung nicht
+sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Warum nur ich? Warum nicht
+auch du?&laquo; gab Frau Khuenbeck erstaunt
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Olivia schwieg. Ihr war, als verriete
+sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.</p>
+
+<p>Leo von Scheyern war gefangen, Ernst
+von Scheyern war unter den Vermi&szlig;ten.
+Frau von Scheyern kam nicht mehr ins
+Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia
+dar&uuml;ber, wie sie beim Anblick jedes<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>
+Brieftr&auml;gers bleich geworden sei, bei jedem
+L&auml;uten der Wohnungsglocke gezittert habe.
+Da sah Olivia Tausende und aber Tausende
+von M&uuml;ttern, die in folternder Ungewi&szlig;heit
+um das Leben ihrer S&ouml;hne schwebten
+und an keinem Morgen erwachten, ohne
+auf die Kunde gefa&szlig;t zu sein, die ihr Dasein
+in eine W&uuml;stenei verwandelte.</p>
+
+<p>Im Anfang blieben die Geschehnisse im
+Schatten, und nur die Gesichter traten
+hervor. Als sie aufh&ouml;rten, stumm zu sein,
+wenigstens f&uuml;r Olivia, w&auml;lzte sich von
+allen Seiten das Grauen heran. Viele von
+denen, die dalagen, hatten &uuml;berdies Worte,
+unverge&szlig;liche Worte, um andre wieder
+schallte t&ouml;nend ihr Erlebnis, ohne da&szlig; sie
+selber Kunde gaben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nimmer hinaus,&laquo; knirschte
+einer im Fieber und b&auml;umte sich verzweifelt,
+&raquo;tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh&#8217;
+nimmer.&laquo; Einer stie&szlig; im Schlaf die schrecklichsten
+Angstlaute aus, und einer schaute
+gebannt, mit aufgerissenen Augen in die
+Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge
+wieder und wieder, was ihm das Herz
+zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.</p>
+
+<p>Da war ein Mann, der in seinem b&uuml;rgerlichen
+Beruf Akrobat gewesen war.
+Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe
+bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich
+fremdl&auml;ndisch-imposant nannte, war er
+jahrelang durch die Provinz gezogen und
+hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
+erg&ouml;tzt. Ein Schrapnellschu&szlig; hatte
+ihm beide Beine weggerissen, Frau und
+Kinder waren des Ern&auml;hrers beraubt, er
+lag da, ein Kr&uuml;ppel, und sann dar&uuml;ber nach,
+was er an Stelle seiner verlorenen Kunst
+w&uuml;rde treiben k&ouml;nnen. Er dachte an das
+bunte Kost&uuml;m, in dem er aufgetreten war,
+an den Beifall, den er mit seiner Arbeit
+am hohen Trapez geerntet, und da&szlig; das
+alles nun vorbei war.</p>
+
+<p>Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht.
+Es war ein sehr gew&ouml;hnliches Gesicht
+mit vollen Backen, kleinen dummen Augen
+und niederer, fliehender Stirn. Aber die
+Gew&ouml;hnlichkeit der Z&uuml;ge war durch die
+geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren
+Kr&auml;fte umgl&uuml;ht. Wie ging das zu?</p>
+
+<p>Sie gr&uuml;belte unabl&auml;ssig. Was bedeuteten
+ihr im Grunde all diese Leute, die aus
+einem kleinen Leben zuf&auml;llig in ein gro&szlig;es
+gerissen worden und darin zerschmettert
+worden waren, zuf&auml;llig in diesem Haus
+ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr
+der Bauer aus der S&uuml;dmark, der da lag,
+erblindet? Aber wie er es trug, was er
+daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen,
+da&szlig; er tun konnte, was er getan?
+Viele Wochen hatte er unbeweglich im
+nassen Sch&uuml;tzengraben zugebracht, unter
+den Folgen eines b&ouml;sartigen Rheumatismus
+hatte er das Augenlicht eingeb&uuml;&szlig;t.
+Eines Tages war seine Mutter ins Spital
+gekommen, ein abgeh&auml;rmtes Weib, fr&uuml;hzeitig
+ergraut, in Sorgen gealtert. Er war
+ihr einziger Sohn, ihre St&uuml;tze, ihre Hoffnung.
+Sie wu&szlig;te nichts von der Erblindung,
+und er hatte beschlossen, sie ihr noch
+zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt,
+hatte er &Auml;rzte und Schwestern gebeten,
+da&szlig; man ihr nichts sage. Zuerst
+ging es ganz gut; er nahm sich zusammen,
+die Brille mit farbigen Gl&auml;sern beg&uuml;nstigte
+die T&auml;uschung. Allm&auml;hlich wurde die Frau
+stutzig. Ein paar tastende Geb&auml;rden, der
+tote Ausdruck der Z&uuml;ge erweckten Ahnungen.
+Sie langte pl&ouml;tzlich nach seiner Hand,
+und als er sich nicht r&uuml;hrte, stie&szlig; sie einen
+markersch&uuml;tternden Schrei aus. Der junge
+Mensch erbleichte. Mit schuldbewu&szlig;tem
+Ton sagte er: &raquo;Was willst denn, Mutter,
+ich seh&#8217; dich ja.&laquo; Aber es war zu sp&auml;t, sie
+glaubte ihm nicht mehr. Sie mu&szlig;te fortgebracht
+werden. Von Zeit zu Zeit h&ouml;rte
+man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln:
+&raquo;Ich seh&#8217; dich ja.&laquo;</p>
+
+<p>Woher kam ihm dieser Heroismus?</p>
+
+<p>Woher kamen dem einfachen m&auml;hrischen
+Soldaten die Worte, mit denen er schilderte,
+wie er in Polen einen ganzen Tag
+und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig
+gewordenen Oberleutnant hatte bewachen
+m&uuml;ssen? Es waren die furchtbarsten
+Stunden seines Lebens gewesen
+und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg
+empfangen hatte. Er vor der H&uuml;tte, der
+Offizier in der einzigen Stube drinnen,
+immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend,
+immer auf und ab und in regelm&auml;&szlig;igen
+Pausen zu dem Soldaten tretend.
+&raquo;La&szlig; mich heraus.&laquo; &#8211; &raquo;Darf nicht, Herr
+Oberleutnant.&laquo; Und jener, wie ein verst&ouml;rter
+Geist, zur Wand hin&uuml;ber, in die
+Wand hineinredend: &raquo;Er will mich nicht
+herauslassen.&laquo; Dann wieder: &raquo;Gib mir
+dein Gewehr.&laquo; &#8211; &raquo;Darf nicht, Herr Oberleutnant.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>
+Der Offizier zur Wand, und
+dort in klagendem Ton: &raquo;Er gibt mir das
+Gewehr nicht.&laquo; So ging es den ganzen
+Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten,
+kurzen, hastigen Schritten wanderte er
+ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach
+zehn Minuten und forderte etwas, das
+Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps,
+und wenn es ihm der Soldat verweigerte,
+stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand
+und rapportierte der Wand, da&szlig; er nicht
+erhalten habe, was er begehrt. Es war
+herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen,
+noch der Bericht stockte unter der
+Wirkung des Grauens.</p>
+
+<p>Und der Konditor, der vom Vollzug des
+Standrechts in Serbien erz&auml;hlte. Man
+hie&szlig; ihn blo&szlig; den Konditor, denn er war
+in seinem Zivilverh&auml;ltnis Gehilfe bei einem
+Zuckerb&auml;cker. Er war aufgeschwemmt
+und ziemlich roh, doch wenn er an eine
+gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
+und die ihm nicht aus dem
+Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
+und von oben bis unten sch&uuml;ttelte es ihn.
+Es war Befehl gegeben worden, alle H&auml;user
+zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden
+Truppen gefeuert worden war,
+und die M&auml;nner, die man darin fand, sogleich
+zu erschie&szlig;en. Eines Tages marschierte
+die Abteilung durch eine Dorfstra&szlig;e
+und gelangte unangefochten bis ans
+letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
+Hauses wurden zwei Sch&uuml;sse abgegeben,
+die aber niemand trafen. Die Leute,
+denen das Morden schon zu viel war,
+wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch
+das Kommando wurde erteilt. Als sie nun
+das Haus betraten, lagen in der Tenne zw&ouml;lf
+M&auml;nner auf den Knien, schon zum Tod bereit.
+Ebenso viele Frauen standen bleich,
+hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes
+an der Wand. Zw&ouml;lf Soldaten legten
+die Gewehre auf die zw&ouml;lf M&auml;nner an, die
+Salve krachte, die M&auml;nner st&uuml;rzten tot zu
+Boden. Von den Frauen aber verzog keine
+einzige eine Miene, sie r&uuml;hrten sich nicht,
+mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses
+strich langsam mit der Hand &uuml;ber die Stirne;
+sonst nichts. Es mu&szlig;te in der Geb&auml;rde etwas
+&Uuml;bermenschliches an Qual enthalten gewesen
+sein, denn der Erz&auml;hler kam immer
+wieder darauf zur&uuml;ck; es lie&szlig; ihn nicht los,
+er mu&szlig;te es immer wieder beschreiben.</p>
+
+<p>Olivia sah diese Frauenhand, sah sie
+&uuml;ber die Stirne streichen, als sei die letzte
+Hoffnung die, da&szlig; vielleicht alles nur ein
+b&ouml;ser Traum war. Und &raquo;warum?&laquo; fragte
+es in ihr, &raquo;warum, o Gott?&laquo;</p>
+
+<p>In einem der Zimmer kauerte ein Hund;
+er war nicht vom Bett seines Herrn zu
+vertreiben, dem er in die Schlacht und
+von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager
+gefolgt war. Ein schmutziger, h&auml;&szlig;licher
+K&ouml;ter war es, der aber niemand zur
+Last fiel. So oft sein Herr einen Laut
+von sich gab, blickte er mit sanften Augen
+empor, sonst starrte er m&uuml;de vor sich hin,
+gleich als sei er dort drau&szlig;en von einem
+Strahl h&ouml;heren Bewu&szlig;tseins getroffen
+worden, der seine Tierseele fl&uuml;chtig erleuchtet
+hatte, so da&szlig; sie jetzt in dunkler
+Pein noch danach rang.</p>
+
+<p>Warum diese unerme&szlig;liche Schwermut
+in den Augen des schmutzigen Hundes?
+Was begriff er? Was war ihm seltsam,
+was hatte ihn so still werden lassen?</p>
+
+<p>Ein Bild war da, so oft sie es dachte
+war ihr als m&uuml;sse sie hinst&uuml;rzen und ihr
+Denken erw&uuml;rgen: zwei Offiziere, in der
+Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem
+S&auml;bel gegeneinander. Schon
+will der unsere zuhauen, da sieht er, da&szlig;
+der Russe keinen Kopf mehr hat, da&szlig; er
+aber noch immer, den S&auml;bel hoch im Arm,
+auf seinem Gaul sitzt. Da st&ouml;&szlig;t der unsere
+einen Schrei aus, f&auml;llt vom Pferd, und
+auf dem Boden windet er sich stumm wie
+ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm,
+er hatte die Sprache verloren.</p>
+
+<p>Sie sah die Fl&uuml;chtlinge, M&auml;nner mit
+eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber
+mit ihren Kindern, die eine hatte einen
+S&auml;ugling verloren, die andere brach zusammen,
+und sie waren ohne Speise und
+Trank und n&auml;chtigten auf dem Felde und
+zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in
+den Viehwagen langer Eisenbahnz&uuml;ge eingesperrt,
+wie sie fuhren, immerzu fuhren,
+durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte
+Ruinen gab, und wie sie um Brot
+schrien, und wie ihre Kinder verhungerten,
+ihre S&auml;uglinge verschmachteten.</p>
+
+<p>Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbr&uuml;chigen
+auf einer &ouml;den Insel glichen;
+sah die V&auml;ter, die keine S&ouml;hne, die Kinder,
+die keinen Vater mehr hatten, die Witwen,
+die trauernden Br&auml;ute, die Verlassenen,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>
+Beraubten, zugrunde Gerichteten &uuml;berall.
+Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen
+apathisch werden, und wie die Freunde
+aufh&ouml;rten, f&uuml;reinander zu zittern. Sie
+sah die tausendf&auml;ltige Unbill, Zur&uuml;cksetzung
+und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der
+Idee auch im Edlen erlosch, wenn die tr&uuml;be
+Flut des Niedrigen und Gew&ouml;hnlichen
+emporschwoll oder das k&ouml;rperliche Leiden
+die Kraft der Seele besiegte. Wie die
+Begeisterung fl&uuml;gellahm, die Tapferkeit
+zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch
+f&uuml;r den Leichtherzigsten seinen Reiz, die
+Gefahr ihre Lockung einb&uuml;&szlig;te und nur den
+St&auml;rksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.</p>
+
+<p>Olivia sah die St&auml;dte rauchen, die Anwesen
+gepl&uuml;ndert, die &Auml;cker zerstampft,
+die W&auml;lder geknickt. Sie sah den Tod in
+jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert
+mit Toten. Sie hingen verst&uuml;mmelt
+in den Drahtverhauen und lagen eingebettet
+in Blumen, sie waren versunken in den
+S&uuml;mpfen und hinuntergest&uuml;rzt in Gebirgsschluchten,
+sie schwammen in den Wellen
+des Meeres und fielen aus den Wolken
+herab: M&auml;nner und J&uuml;nglinge, Kinder
+und Greise, Frauen und M&auml;dchen, Reiche
+und Arme, Gute und Schlechte, Verr&auml;ter
+und Verratene, Sch&ouml;ne und H&auml;&szlig;liche,
+Gl&uuml;ckliche und Ungl&uuml;ckliche.</p>
+
+<p>Und sie h&ouml;rte das Gel&auml;ute der Glocken
+und das Prasseln der Br&auml;nde und alle
+Laute, die die menschliche Stimme hat,
+um Schmerz und Todesangst auszudr&uuml;cken.
+Sie h&ouml;rte, wie sie in den Kirchen beteten
+und in den Stuben weinten. Sie h&ouml;rte die
+Worte des Abschieds und die Worte frommer
+F&uuml;gsamkeit. Sie h&ouml;rte den Marschschritt
+der Armeen, das Schl&uuml;rfen m&uuml;der
+Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen,
+die Ges&auml;nge des Triumphes und
+die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen
+oder wenn sie sich berauschen wollten.</p>
+
+<p>Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann
+vorsang, der in einer Nacht
+beim Granatenfeuer wei&szlig;e Haare bekommen
+hatte.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,<br /></span>
+<span class="i0">zu begraben, zu begraben die Soldaten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter L&auml;nge,<br /></span>
+<span class="i0">dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!<br /></span>
+<span class="i0">die Gemeinen unten, Korporale oben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">An den Seiten viere, in der Mitten viere,<br /></span>
+<span class="i0">&uuml;berquer die Herren, Herren Offiziere.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,<br /></span>
+<span class="i0">dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,<br /></span>
+<span class="i0">zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Morgen fr&uuml;h vielleicht bin ich auch geschossen,<br /></span>
+<span class="i0">morgen fr&uuml;h, gewi&szlig;, ist mein Blut geflossen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Diese einfachen Strophen machten auf
+Olivia einen ungew&ouml;hnlichen Eindruck,
+und ihre Gedanken begannen hinter dem
+zerst&uuml;ckten und verworrenen Getriebe nach
+etwas Bestimmtem zu suchen.</p>
+
+<p>Es wurde ihr alles zur Vision, immer
+gl&uuml;hender und gl&uuml;hender, und sie suchte in
+der gl&uuml;henden Wirrnis nach einer Gestalt.
+Sie suchte den Urheber, sie suchte den B&ouml;sen.
+Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen
+des B&ouml;sen. Sie sagte sich: einer mu&szlig; sein,
+der das ungeheure Leid, den unerme&szlig;lichen
+Jammer bewirkt; einer mu&szlig; da
+wirken, Gott kann es nicht sein, es mu&szlig;
+ein Gegner von Gott sein und ein Feind
+seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen,
+alles Blutes, aller W&auml;rme, aller Liebe,
+alles Lebens und Entstehens. Sie nannte
+ihn den B&ouml;sen, und sie suchte ihn.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eines Nachts lag sie angekleidet auf
+dem Sofa in der Kammer, die allein zu
+bewohnen die einzige Bequemlichkeit war,
+welche sie sich verstattete. Es war finster,
+sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in
+die Luft.</p>
+
+<p>Um eine reichgedeckte Tafel sa&szlig;en f&uuml;nf
+oder sechs junge Weiber. Sie waren in
+Gesellschaftstoilette, tief entbl&ouml;&szlig;t, lachten
+ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren
+Scherzen, frivolen Wortspielen und verf&uuml;hrerischen
+Geb&auml;rden wandten sie sich an
+einen, der am oberen Ende der Tafel sa&szlig;.
+Der aber hatte keine Gestalt, er war wie
+ein Klo&szlig;, wie ein St&uuml;ck Lehm. Aber die
+Diener zitterten, wenn sie in seine N&auml;he
+kamen, und die Frauen wurden unter der
+Schminke bleich, wenn er sie anschaute.</p>
+
+<p>Ein befrackter Mensch mit langem
+K&uuml;nstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
+warf ihm der Gestaltlose ein Goldst&uuml;ck
+hin&uuml;ber, das er geschickt auffing, ohne sein
+Spiel zu unterbrechen.</p>
+
+<p>Mitten auf dem blendendwei&szlig;en Tischtuch<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>
+lag, unbemerkt von allen, eine Leiche.
+Ihr K&ouml;rper war ganz und gar mit Fr&uuml;chten
+und Konfekt bedeckt, und aus der Brust
+ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben,
+die Griffe von drei Messern heraus. Durch
+die Fugen des Tisches rann Blut und
+tropfte in leisen Schl&auml;gen auf den Boden.</p>
+
+<p>Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren
+in &uuml;berm&uuml;tigster Laune, da erhob sich der
+Gestaltlose und forderte eine der Frauen
+zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu
+ein Wunder an Sch&ouml;nheit, strahlend
+von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein
+enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
+das die schlanke Figur zur h&ouml;chsten
+Geltung brachte. In ihrem Tanz war die
+freie Anmut bewu&szlig;ter Kunst, und als sie
+den Kopf zur&uuml;ckbog und hingerissen l&auml;chelte,
+l&auml;chelten die andern Frauen mit und
+klatschten in die H&auml;nde.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Klavierspieler in einen
+schnelleren Rhythmus &uuml;berging, war es,
+als ob der tanzende Klo&szlig; sich dehne und
+wachse; er bekam einen Sch&auml;del, aus dem
+Sch&auml;del blickten Augen, und diese Augen
+sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese
+irisierenden Gallertaugen waren von einer
+solchen Lust erf&uuml;llt, da&szlig; die Zuschauerinnen
+pl&ouml;tzlich verstummten und sich ein
+bleierner Druck auf sie legte. Die T&auml;nzerin
+aber wurde zusehends blasser, sie suchte
+sich aus der Umklammerung des Klo&szlig;es zu
+befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeld&uuml;rre
+Arme, mit denen er sie still gewaltt&auml;tig an
+sich pre&szlig;te, immer fester, so fest, da&szlig; sie zu
+r&ouml;cheln begann, da&szlig; ihr Gesicht blau wurde,
+da&szlig; ihr Leib in der Mitte einknickte, und
+als sie ihm schlie&szlig;lich entseelt in den Armen
+hing, sah es aus, als sei nichts mehr von
+ihr &uuml;brig als das Kleid.</p>
+
+<p>Ihre Genossinnen sprangen schreiend
+auf, wollten fliehen, umklammerten einander,
+da richtete der Mensch, der mit
+den drei Messern in die Brust unter Fr&uuml;chten
+begraben war, den Kopf in die H&ouml;he
+und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch
+sein Sprechen doppelt unheimlich wurde:
+Gib sie mir wieder!</p>
+
+<p>In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten
+schien, str&ouml;mten nun auf einmal
+viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter,
+Soldaten, Offiziere, &auml;rmlich gekleidete
+Frauen, junge M&auml;dchen. Einer von ihnen,
+ein alter Mann mit wei&szlig;em Bart, dr&auml;ngte
+sich nach vorn und sagte zu dem Klo&szlig;, der
+jetzt allm&auml;hlich eine menschliche Gestalt
+annahm: Gib mir meine Tochter wieder!</p>
+
+<p>Mehrere, die hinter ihm standen, schrien
+gleichfalls, wie au&szlig;er sich: Gib uns unsere
+T&ouml;chter zur&uuml;ck! Unsere Br&auml;ute! Unsere
+Schwestern!</p>
+
+<p>Da aber wurde ein monotones Gemurmel
+h&ouml;rbar, die Aufgeregten sahen sich um
+und machten scheu einer Gruppe von Bauern
+Platz, die dem&uuml;tig und bek&uuml;mmert aussahen;
+sie beugten sich zur Erde und
+riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere
+W&auml;lder!</p>
+
+<p>Dazwischen gellten die Stimmen von
+Frauen: Unsere S&ouml;hne gib uns, du M&ouml;rder,
+unsre S&ouml;hne!</p>
+
+<p>Der Klo&szlig; wich Schritt f&uuml;r Schritt ins
+Leere, bekam aber immer mehr Gestalt.
+Er war ganz und gar braun, Gesicht, H&auml;nde
+und K&ouml;rper; es war als sei er mit Rost
+&uuml;berzogen oder mit verkrustetem Schlamm.
+Die Z&uuml;ge erweckten nicht die geringste
+Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
+etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit
+seinen &uuml;beraus langen Armen winkte er
+den Dienern, die brachten nun S&auml;cke voll
+Gold und Edelsteinen und sch&uuml;tteten ihren
+Inhalt auf den Boden. Es entstand ein
+beklommenes Schweigen, bis der alte
+Mann vortrat, auf den ausgebreiteten
+Schatz wies und in strengem Ton sagte:
+Das f&uuml;r unsere T&ouml;chter? Das f&uuml;r unsere
+S&ouml;hne? F&uuml;r unser Herzblut das, du in
+Ewigkeit Verruchter?</p>
+
+<p>Und alle Stimmen riefen verzweifelt:
+Unsere Br&uuml;der! Unsere S&ouml;hne! Unsere
+L&auml;nder! Du in Ewigkeit Verruchter!</p>
+
+<p>Olivia hatte die Augen offen und sah
+und h&ouml;rte alles so wirklich, als ob sie im
+Theater s&auml;&szlig;e.</p>
+
+
+<p class="newsection">Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich
+unabl&auml;ssig; wo soll ich hin, wo kann man
+noch leben, wo ist es noch m&ouml;glich, zu
+l&auml;cheln, wo ist noch Freude, wie kann je
+wieder Freude entstehen?</p>
+
+<p>Sie w&uuml;nschte, sich verwandeln zu k&ouml;nnen.
+Als sie von fern durch die Glaswand der
+Treibh&auml;user Blumen sah, erbleichte sie in
+geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben.
+So in der Erde zu wurzeln, tief
+und innig, bewu&szlig;tlos hinzud&auml;mmern, mit
+zartesten Fasern an die Natur gebunden!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>Da&szlig; man Blume werden k&ouml;nne, irgendwie,
+irgendwann, wurde Traum und begl&uuml;ckende
+Idee f&uuml;r sie. Es erschien ihr wie
+ein letzter Preis und ein letztes Asyl.</p>
+
+<p>Sie erhielt die Nachricht, da&szlig; ihr Bruder
+bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen
+war. Stumm und zu keiner Tr&ouml;stung
+f&auml;hig sa&szlig; sie zu Hause vor der versteinerten
+Mutter.</p>
+
+<p>Nach einer Weile kam Robert Lamm
+und setzte sich zu ihnen.</p>
+
+<p>&raquo;Dazu mu&szlig; man Kinder haben, dazu
+sie aufziehen,&laquo; sagte die ungl&uuml;ckliche Mutter
+mit Augen ohne Tr&auml;nen; &raquo;zwanzig Jahre
+war er alt.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu
+Olivia: &raquo;Um Pfingsten herum werd&#8217; ich
+vielleicht allein bei ihr sitzen. Man m&uuml;&szlig;te
+dich mit Stricken auf ein Bett binden.&laquo;</p>
+
+<p>Ein paar Tage sp&auml;ter ging sie gegen
+Abend in seine Kammer. &raquo;Schau&#8217; dich nach
+der Mutter um,&laquo; bat sie, &raquo;ich kann meinen
+Platz nicht verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du bist wichtig,&laquo; pflichtete er ihr
+voller Hohn bei, &raquo;oder du glaubst es wenigstens
+zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den
+Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu also taugst du?&laquo; konnte sie sich
+zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick
+flammte. &raquo;Du warst dir und andern lang
+genug gut gewesen, das schlechte Wetter
+zu machen. Wir haben aber soviel von der
+Sorte in unserm Land, da&szlig; sich die Sonne
+schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
+kein Ruhm damit zu holen.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte sonderbar. &raquo;Wenn du Widerpart
+zu leisten verstehst, r&auml;um&#8217; ich dir die
+Freiheit ein, mich zu beschimpfen,&laquo; entgegnete
+er und lie&szlig;, beinahe wie ein Sklave,
+Arme und Schultern h&auml;ngen; &raquo;nur nicht
+diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses
+Schmachten im &Uuml;berschmerz. Ich werde
+verr&uuml;ckt, wenn ich es ansehe. Zu weich,
+meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure
+Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb
+erstaunt. &raquo;Du bist sehr einsam,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will ja deine Mutter besuchen,&laquo;
+lenkte er ab, unangenehm ber&uuml;hrt von ihrem
+Ton und ihrer betrachtenden K&uuml;hle, &raquo;aber
+sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer
+nur im Wege. Ich bin schlie&szlig;lich allen im
+Wege, auch mir selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist sehr einsam,&laquo; wiederholte Olivia,
+und in ihrem Gesicht war pl&ouml;tzlich ein
+Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern
+machte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja,&laquo; stotterte er, &raquo;was weiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einsamkeit ist eine Tods&uuml;nde, Robert.&laquo;
+Sie trat einen Schritt n&auml;her vor ihn hin
+und sagte: &raquo;<em class="gesperrt">Deine</em> Einsamkeit ist Tods&uuml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nimm sie mir weg,&laquo; versuchte er
+d&uuml;ster zu scherzen. &raquo;Bekehre mich, vielleicht
+gelingt&#8217;s, sonst holt mich eines Tages sicher
+der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran
+du mit mir bist? Sahst du es nicht?&laquo; brach
+er aus und bohrte die F&auml;uste in die Augenh&ouml;hlen.
+&raquo;Auch Blindheit kann eine Tods&uuml;nde
+sein,&laquo; murmelte er v&ouml;llig verst&ouml;rt,
+&raquo;genau so wie Einsamkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; ihm dieses oder ein &auml;hnlich geartetes
+Wort jemals entschl&uuml;pfen k&ouml;nnte,
+h&auml;tte er nie f&uuml;r m&ouml;glich gehalten. Scham
+bem&auml;chtigte sich seiner, und am liebsten
+h&auml;tte er sich mit N&auml;geln das Gesicht zerfleischt.
+Er sah sich alt, verkommen, wertlos,
+ohne Licht, ohne Kraft, ohne W&uuml;rde,
+und f&uuml;r die Dauer einiger Minuten war
+sein ganzes Wesen umnachtet und im
+Krampf.</p>
+
+<p>Als die H&auml;nde von den Augen sanken,
+war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
+Mit welcher Miene, mit welch ersch&uuml;ttertem
+Z&ouml;gern hatte er nicht wahrgenommen,
+darum brach alles zusammen in ihm. Nun
+war er wirklich alt, wirklich ohne Wert
+und W&uuml;rde. Denn der Mensch ist doch am
+Ende das, wozu ihn die formen, denen
+seine Liebe gilt.</p>
+
+
+<p class="newsection">Einsamkeit Tods&uuml;nde? So will ich mich
+mit Menschen umstellen, sagte er sich, das
+steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten
+Lebenswandel kann ich Absolution
+erwerben.</p>
+
+<p>Es kam eine Wut &uuml;ber ihn, sich gemein
+zu machen, ein Verlangen nach L&auml;rm,
+Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu
+horchen, zu schn&uuml;ffeln, zu sch&uuml;ren. Er ging
+in die Kaffeeh&auml;user, in die Versammlungen,
+zu fr&uuml;heren Kollegen, sprach Bekannte auf
+der Stra&szlig;e an und redete so lange mit ihnen,
+bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen
+Geierblick f&uuml;r die Unzufriedenen, die Verschw&ouml;rer,
+die heimlichen Brandstifter, die
+N&ouml;rgler und Dunkelm&auml;nner aller Kategorien.<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>
+Er wu&szlig;te sie so einzuspinnen, da&szlig;
+sie get&auml;uscht die Maske fallen lie&szlig;en. Er
+verstand so zu heucheln, da&szlig; er sich selber
+widerlich wurde. Seine t&uuml;ckischen Mitleids-
+und Freundschaftsversicherungen
+wurden mit den Gest&auml;ndnissen quittiert,
+um die es ihm zu tun war. Er tat jenen
+sch&ouml;n, deren Bestechlichkeit und Verr&auml;tertum
+&ouml;ffentliches Geheimnis war; er schmeichelte
+den Betr&uuml;gern und klatschte den falschen
+Propheten Beifall.</p>
+
+<p>Er rechnete mit der Redseligkeit, der
+sich auch die Schlauesten im Katzenjammer
+nach einer Orgie &uuml;berlie&szlig;en; mit dem Zynismus,
+den auch der Tart&uuml;ff in der Erwartung
+der gro&szlig;en Katastrophe an den
+Tag legte; mit der aufgeh&auml;uften Bitterkeit
+der Erniedrigten und Zur&uuml;ckgesetzten, mit
+dem Druck der Lasten auf allen Schultern,
+mit der nat&uuml;rlichen Freude des Menschen
+an Unheil, Tod und Zerst&ouml;rung.</p>
+
+<p>Aber sein selbstqu&auml;lerischer und ha&szlig;erf&uuml;llter
+Gang zu den Menschen nahm eine
+unerwartete Wendung. Die Gegenspieler
+traten vor ihn hin, w&auml;hrend ihn die Spieler
+besch&auml;ftigten; von Schatten umringt, die
+in einer Schattensprache redeten, sah er
+&uuml;ber ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten.
+Hingekauert an einem morschen
+und entlaubten Baum, vernahm er den
+ewigen Gesang der Wurzel. Er f&uuml;hlte die
+Kraft, f&uuml;hlte die Bewegung, f&uuml;hlte die
+Wehen der Wiedergeburt mitten unter
+Gespenstern; er f&uuml;hlte sein Land, er f&uuml;hlte
+sein Volk. Wenn er vor den B&auml;ckerl&auml;den
+die blassen Frauen stehen sah, geduldig
+wartend, da&szlig; das Brot ausgeteilt werde,
+wenn die zu Kr&uuml;ppel Geschossenen mit unbegreiflich
+strahlenden, fast schw&auml;rmerischen
+Augen, an St&ouml;cke gefesselt, einherhumpelten,
+wenn versch&auml;mte Armut den Geber mied
+und die Verlorenen in den Elendsquartieren
+Siegesfeste gl&auml;ubig-still feierten, da wurde
+ihm der Zusammenhang bewu&szlig;t, da war
+er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
+wie allein er war, sondern auch, wie verlassen
+sie waren, wie er sie verlassen hatte.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Gesichtern, die er schaute, lag
+der Schein einer verborgenen Lichtquelle.
+Kam nicht das Licht von der unsichtbaren
+Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch
+die S&auml;le geschritten? Er konnte sich dieser
+Vorstellung nicht entziehen: in der finster
+gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum
+im Kreis die Seelen, deren Kraft es
+ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten
+auf das Wunder, das darin besteht, da&szlig;
+sie die Lampe sehen werden, denn dann
+sind sie erl&ouml;st.</p>
+
+<p>Traum eines Einsamen, Traum von
+der Lampe und vom Volk!</p>
+
+<p>Eines Abends kam er heim, angegriffen
+von der Fr&uuml;hlingsluft, in einer sonderbaren
+Stimmung zwischen Hinwelken und
+innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute
+war, als m&uuml;sse er das Gesicht in Kissen
+vergraben und schluchzen, und jetzt wieder,
+als stehe er am Anfang der Zeit und an
+der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod
+und Werden kam er und suchte ein Bild
+und einen Begriff von seinem eigenen
+Wesen. Da &ouml;ffnete sich die T&uuml;re und Olivia
+trat herein.</p>
+
+<p>Er erbebte; es ahnte ihm, da&szlig; es sich
+um eine Entscheidung handelte.</p>
+
+<p>Die Best&uuml;rzung, in der Olivia das letztemal
+von Lamm weggegangen, war nachhaltig
+gewesen. Sie hatte eine dunkle
+Schuld gegen ihn immer empfunden, aber
+da&szlig; er sie nun zur Verantwortung ziehen
+w&uuml;rde, hatte sie nicht erwartet.</p>
+
+<p>So weit sie auch zur&uuml;ckdachte, er war die
+herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von
+jener Stunde an, wo sie als Kind durch
+seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung
+enthoben worden war. Sie hatte
+gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das
+Band zwischen ihnen war nur um so fester
+geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen
+hatte, um ihm nicht g&auml;nzlich zu verfallen,
+war sie ihm schon g&auml;nzlich verfallen.</p>
+
+<p>Sie hatte aber nie aufgeh&ouml;rt, ihn Freund
+zu hei&szlig;en. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte,
+starke, verl&auml;&szlig;liche Freund gewesen,
+sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung
+und des Selbstverlustes. Dann, als
+die Verwandlung kam, als sie sein Haus
+von ihm forderte, als er in geheimnisvollem
+Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens
+ihr entrissen wurden bis auf eine
+Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
+nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge
+der andern entdeckte, auch da war noch der
+Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige,
+der Mensch. Und das Wissen um
+seinen Ha&szlig; und Abscheu war nur ein Ansporn
+geworden, so zu ergl&uuml;hen, da&szlig; der
+Eispanzer um seine Brust schmelzen mu&szlig;te.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>&#8250;Auch Blindheit kann Tods&uuml;nde sein,
+siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir
+bist?&#8249; Dieses Wort vernichtete wie ein
+z&uuml;ndender Blitzstrahl alles, was sie um sich
+her gebaut hatte.</p>
+
+<p>Nur zu deutlich hatte sie die Not gef&uuml;hlt,
+in der er es ihr entgegenschrie. Also
+war er &uuml;berzeugt, da&szlig; sein Vorwurf und
+der Anspruch, den er erhob, zu Recht best&uuml;nden?
+Da&szlig; sein Schicksal, er das ihre
+w&auml;re? Unbeseelt und mi&szlig;verstehend hatte
+sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt
+oder einen F&uuml;hrer, und hatte seine
+Gaben, sein hingestr&ouml;mtes Inneres als
+Tribut genommen, doch immer in der fernen
+Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet,
+der Titel Freund nicht eine wertlose
+M&uuml;nze, ein Almosen, das ihr Gewissen
+beruhigen sollte? So wenig Sinn und
+Phantasie war in ihr, da&szlig; sie ihn im Dunkeln
+hatte tappen lassen Jahr f&uuml;r Jahr
+und er mit get&auml;uschtem Herzen zum Verr&auml;ter
+werden mu&szlig;te an sich und an der
+Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
+niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit
+und den hartgeschlossenen Mund, das
+lieblose Urteil und sein entgleistes Leben,
+die Tyrannei und die stumme Bitte, das
+ganze Leiden, den ganzen m&uuml;hevollen Weg.
+Und sie hatte oft an ihn gedacht als an
+einen, der die Truggestalten &uuml;berdauert,
+die in kurzem Gl&uuml;cks- und Sehnsuchtsrausch
+verlockend erschienen waren. Getr&auml;umt
+hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte
+sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein
+Bild verloren.</p>
+
+<p>Einst, auf einem Ball, hatte ein junger
+Mann zu ihr gesagt: &raquo;Man erz&auml;hlt, da&szlig;
+der Hofrat Lamm um Sie wirbt.&laquo; Sie
+hatte den Kopf zur&uuml;ckgeworfen und mit
+aufsteigender Bl&auml;sse in den Wangen erwidert:
+&raquo;Wenn Robert Lamm mich haben
+wollte, h&auml;tte er nicht n&ouml;tig, zu werben.&laquo;</p>
+
+<p>Doch gerade damals war sie in Georg
+Ingbert verliebt gewesen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich war sie ein Weib, sein Weib.
+Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer
+Verstrickungen, ihrer Tr&uuml;bungen abgewartet,
+um sie zu rufen im Angesicht einer
+blut&uuml;berstr&ouml;mten Welt. Geschah es, weil
+er nach einem letzten Halt griff? Geschah
+es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in
+der Verzweiflung &uuml;ber den Niederbruch
+aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte
+nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein
+Weib. Doch au&szlig;er einem schmerzlichen
+Verlangen nach Frieden und Z&auml;rtlichkeit
+f&uuml;hlte sie nichts, was an Liebe erinnerte
+oder was die Menschen darunter verstanden.</p>
+
+
+<p class="newsection">An einem Nachmittag um die D&auml;mmerungsstunde
+betrat sie das kleine Lese- und
+Sprechzimmer, das f&uuml;r die Genesenden eingerichtet
+worden war. Es war niemand
+darin als Schwester Nina Senoner. Sie
+sa&szlig; am Tisch und hatte den Kopf in die
+Hand gest&uuml;tzt. Trotz der Dunkelheit war
+an den Umrissen des sch&ouml;nen Gesichts der
+Kummer erkennbar. Olivia ging n&auml;her zu
+ihr hin. &raquo;Was ist mit Ihnen, Nina?&laquo;
+fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken
+aufblickte, sp&uuml;rte Olivia die unheilbare
+Verst&ouml;rung in diesem Gem&uuml;t. Aber sie
+hatte Furcht, der neuen Forderung nicht
+gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der
+Freundin lag.</p>
+
+<p>Da machte Nina Senoner eine j&auml;he Bewegung,
+schlang die Arme um Olivias
+H&uuml;ften und pre&szlig;te das Gesicht gegen ihre
+Brust.</p>
+
+<p>Olivia hatte lange nicht mit einer Frau
+gesprochen; pers&ouml;nliches Wort auf dem
+Grund pers&ouml;nlichen Gef&uuml;hls zu finden, fiel
+ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu
+nehmen, was der einzelne in seinem Kreis
+mit seinem Schicksal auszuk&auml;mpfen hat;
+nun sah sie die Verarmung darin und empfand
+Reue. Sie legte die H&auml;nde wie
+sch&uuml;tzend auf Ninas Haar. Die stolze,
+herbe Frau, die ungeachtet ihrer f&uuml;nfunddrei&szlig;ig
+Jahre wie ein junges M&auml;dchen
+wirkte, begann zu schluchzen; unaufh&ouml;rlich
+zuckte ihr K&ouml;rper.</p>
+
+<p>Nach einer Weile gelang es Olivia, sie
+in ihr Zimmer zu f&uuml;hren, wo sie ungest&ouml;rt
+sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich;
+sie trocknete mit ihrem Taschentuch die
+Tr&auml;nen auf dem wei&szlig;en Gesicht. Sie
+fragte, fragte; hingebend, ja z&auml;rtlich. Es
+dauerte lange, bis Nina Senoner ihre
+Scheu &uuml;berwand. Nie zuvor hatte jemand
+in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
+in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft
+aufgewachsen, sie kannte nur Menschen
+von Haltung, von nicht zu durchdringender
+Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil.
+Das Element der K&auml;lte hatte sie allm&auml;hlich
+in eine lebende Statue verwandelt;<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>
+alles in ihr war erfroren, was Frauen erst
+zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb
+und Mitteilung.</p>
+
+<p>Mit achtzehn Jahren hatte sie einen
+Mann geheiratet, den sie achtete und der
+ihr ein vortrefflicher Gef&auml;hrte war. Aber
+sein Los war die Arbeit, und je reicher er
+wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
+wurde die Arbeit. In den Ruhepausen
+verlangte er freundliche Mienen,
+einen ger&auml;uschlosen Haushalt und angenehme
+Gespr&auml;che. Nina hatte viel Verkehr,
+dabei lebte sie einsamer als ein Eremit.
+Alle G&uuml;te und Sorgfalt des Mannes
+war auf das &Auml;u&szlig;ere des Daseins gerichtet;
+er umgab sie mit Luxus und mit Menschen,
+und wenn sie Kopfweh hatte und bla&szlig; aussah,
+lie&szlig; er die teuersten &Auml;rzte kommen
+und wachte dar&uuml;ber, da&szlig; deren Ratschl&auml;ge
+befolgt w&uuml;rden. Sie hatten nie Streit miteinander,
+kaum einen Wortwechsel, ihre
+Ehe wurde als musterg&uuml;ltig betrachtet, und
+das strahlende Temperament der aufwachsenden
+Jeanette schien ein Gl&uuml;ck zu besiegeln,
+dem in den Augen der Welt nichts
+zur Vollkommenheit mangelte.</p>
+
+<p>Es vergingen viele Jahre, ehe Nina
+Senoner &uuml;berhaupt merkte, da&szlig; sich mit
+ihr eine Ver&auml;nderung ereignet hatte, die
+durchaus nicht zu diesem bewunderten und
+beneideten Bild des Gl&uuml;ckes passen wollte.
+Sie geh&ouml;rte zu den Menschen, die selten
+&uuml;ber sich und ihren Zustand nachdenken,
+zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher
+Strenge jede Regung der Unzufriedenheit
+in ihrer Brust ersticken. Doch
+kam es immer h&auml;ufiger vor, da&szlig; ein sehns&uuml;chtiger
+Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe
+ihre Stirn in Schatten h&uuml;llten. Sie war
+gern allein; solche Stunden geno&szlig; sie tief;
+da verflog das Gef&uuml;hl der Einsamkeit, und
+sie wurde fr&ouml;hlich, wie sie als junges M&auml;dchen
+gewesen war. Aber man erlaubte ihr
+nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten
+nahmen an Vielf&auml;ltigkeit zu; man
+dr&auml;ngte sich an sie; man wollte sie haben;
+man f&uuml;hlte sich wohl in ihrem Haus und
+in ihrer N&auml;he; trotzdem sie fast immer
+schweigsam war, fesselte und reizte sie
+M&auml;nner wie Frauen; ihr Lachen verbreitete
+eine festliche Stimmung, ihr sanfter
+Blick gl&auml;ttete alle Stirnen. Sie war immer
+verabredet, immer unterwegs, oder zu
+Hause immer unter G&auml;sten. Die zahllosen
+Anspr&uuml;che zu befriedigen, wurde schwer,
+sie zu vermindern ganz unm&ouml;glich. Es
+war eine Lawine, die selbstt&auml;tig anschwoll
+und ihre Seele unter sich begrub.</p>
+
+<p>Da hatte sie eines Tages die Empfindung,
+als werde sie nur k&uuml;nstlich und nach
+dem Belieben aller dieser Menschen bewegt
+und in ihr selbst sei gar kein Wille
+mehr, kein Entschlu&szlig; und keine Freiheit.
+Es schien ihr, als habe man sie planm&auml;&szlig;ig
+und Schritt f&uuml;r Schritt ihres Eigenlebens
+beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden,
+nachdem jeder Funke davon ausgel&ouml;scht
+war. Sie sah sich nur noch als
+H&uuml;lle ihres fr&uuml;heren Ichs, als Opfer von
+toten Dingen, als Erf&uuml;llerin von zwangvollen
+Pflichten, als Beute von fremden
+Menschen. Und das Schreckliche war, da&szlig;
+sie auch Mann und Kind unter diesen
+Fremden erblickte, die sie gepl&uuml;ndert und
+ihr nichts &uuml;briggelassen hatten als einen
+m&uuml;den K&ouml;rper und ein freudloses Herz.</p>
+
+<p>Ihre Liebensw&uuml;rdigkeit und Sch&ouml;nheit
+hatten viele M&auml;nner ber&uuml;ckt; hochgestellte
+und geringe, alte und junge, ber&uuml;hmte und
+unbedeutende hatten f&uuml;r sie geschw&auml;rmt;
+manche hatten sich mit der Verehrung aus
+der Ferne begn&uuml;gt, andere hatten ihr Heil
+in heimlichem oder offenem Werben gesucht;
+die Bem&uuml;hungen der meisten hatte
+sie &uuml;bersehen, und sie konnte dabei einen
+Hochmut entfalten, der gr&uuml;ndlich erk&auml;ltete;
+einige gab es, die sie eines vertrauten Gespr&auml;chs
+f&uuml;r w&uuml;rdig hielt, von denen sie
+Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse
+einfl&ouml;&szlig;te. Doch keinen einzigen hatte
+sie so beg&uuml;nstigt, da&szlig; er sich in besonderer
+Weise h&auml;tte ausgezeichnet finden d&uuml;rfen,
+geschweige denn, da&szlig; sie sich ihm gegen&uuml;ber
+etwas vergeben h&auml;tte. In den Kreisen, in
+denen sie verkehrte, z&auml;hlte die ungetreue
+Gattin zu den gew&ouml;hnlichsten Erscheinungen
+des Lebens; sie hatte gegen solche
+Frauen stets eine heftige Abneigung versp&uuml;rt,
+und der Gedanke, ihren Gatten zu
+betr&uuml;gen, auch nur mit einem Blick, mit
+einem L&auml;cheln nur, war ihr niemals in den
+Sinn gekommen.</p>
+
+<p>Vor zwei Jahren war es gewesen, da
+hatte sie in einem Kurort einen Mann
+kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom
+Leben weit umhergetriebenen Menschen,
+sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten,
+mit Eigenschaften des Charakters,<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>
+die je anziehender wurden, je l&auml;nger man
+sich mit ihm besch&auml;ftigte. Der Eindruck,
+den er auf sie machte, war von der ersten
+Sekunde an entscheidend. Er stand im selben
+Alter wie Nina, in der Mitte der Drei&szlig;ig,
+aber so reif und erfahren er wirkte, es war
+doch etwas Frisches in ihm, und die Unabh&auml;ngigkeit
+seiner Gesinnung &ouml;ffnete Nina
+eine neue Welt, deren Schwelle zu &uuml;berschreiten
+sie zaghaft und verwundert zauderte.
+Er war verheiratet, nicht eben gl&uuml;cklich,
+hatte Kinder, die er liebte, verfocht
+aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft
+und mit Verachtung gegen die feigen
+Grunds&auml;tze der sogenannten Moral das
+Recht der Freiheit der Herzen.</p>
+
+<p>Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel
+schaute, sah sie, da&szlig; ihre Z&uuml;ge anfingen,
+welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren
+einer eigent&uuml;mlichen Abspannung wie
+bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet
+und endlich die Hoffnung aufgegeben
+hat. Jetzt wu&szlig;te sie, worauf sie gewartet
+hatte. Die Jugend war dahin, und sie
+hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte
+nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.</p>
+
+<p>Der Freund vermochte es, ihr dieses Gest&auml;ndnis
+zu erpressen. Er vermochte mehr.
+Er gab ihr den Glauben, da&szlig; es noch
+nicht zu sp&auml;t sei. Dies aus seinem
+Mund zu h&ouml;ren und immer wieder zu
+h&ouml;ren, begl&uuml;ckte und ersch&uuml;tterte sie. Sie
+verlor sich in dunkle Tr&auml;umereien. Stumm
+lauschte sie den Worten des Mannes, den
+sie pl&ouml;tzlich mit einer Gewalt liebte, von
+der sie fr&uuml;her keinen Begriff gehabt und
+in der sie sich verwildert und entwurzelt
+erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so
+h&auml;tte sie doch niederknien m&ouml;gen, um seinen
+Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
+ihre Geb&auml;rde furchtsam und abwehrend, so
+war doch ihr Inneres voll Z&auml;rtlichkeit und
+Sehnsucht. Er verstand sie; er dr&auml;ngte
+nicht; er achtete ihr Gef&uuml;hl, und seine
+besondere Art von G&uuml;te erstaunte sie bei
+einem Mann und machte ihn ihr t&auml;glich
+teurer, w&auml;hrend der Kampf, der in ihr
+tobte, t&auml;glich ungest&uuml;mer wurde. Eine
+stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte
+ihr, wenn sie seine Stimme, seinen
+Namen h&ouml;rte; sie w&uuml;nschte zu sterben und
+begehrte hei&szlig;er als jemals zu leben; alle
+Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische
+Ratlosigkeit pr&auml;gte ihrem Gesicht
+den Ausdruck einer Somnambulen auf,
+dabei mu&szlig;te sie auf der Hut sein und sich
+beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit
+von vielen.</p>
+
+<p>Ihren Gatten zu hintergehen und sein
+Vertrauen zu mi&szlig;brauchen, war ihr entsetzlich
+zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung
+und v&ouml;llig im Bann der &uuml;berlegenen
+Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch
+nahe daran, den letzten Schritt zu wagen,
+blo&szlig; um die Qual zu beenden, blo&szlig; um
+dem Spender des Gef&uuml;hls, das sie erf&uuml;llte,
+dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als
+sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte
+Nina zu ihrem Freund: &raquo;Wir d&uuml;rfen uns
+nicht mehr sehen.&laquo; Der Ingenieur reiste
+ab. Nina erkrankte.</p>
+
+<p>Nachdem man sie in die Stadt geschafft
+hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es
+nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein.
+Es waren N&auml;chte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig
+zu werden. Der Freund folgte ihrem
+Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es
+verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte.
+Es konnte nicht h&auml;ufig geschehen,
+aber von einem Mal zum n&auml;chsten brachte
+sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen
+Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger
+Schw&auml;rmerei an ihn denken, sich seinen
+Gang vorstellen, sein L&auml;cheln, seinen Gru&szlig;,
+und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom
+fr&uuml;hen Morgen an aufgeregt durch die
+Zimmer und war totenbleich.</p>
+
+<p>Aber die wenigen Stunden, die sie dann
+f&uuml;r einander hatten, wurden oft durch das
+Erscheinen Jeanettes gest&ouml;rt. Sie trat mit
+einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie
+damals getan, als sie zur Mutter aufs
+Land gekommen war. Genau wie damals
+schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in
+den Mienen der beiden, bedachte den Mann
+mit m&auml;dchenhaftem Spott, bevormundete
+in ihrer gutm&uuml;tigen und etwas derben
+Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne
+es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen.
+Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von
+Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht,
+da&szlig; sie spioniere. Und doch war sie
+davon weit entfernt. Sie war nur immer
+da; war sie nicht im Zimmer, so war sie
+doch im Haus; war sie nicht im Haus, so
+war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
+so drohte ihre R&uuml;ckkehr; sie war
+immer da, immer zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>Allm&auml;hlich verk&ouml;rperte sie f&uuml;r Nina den
+Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens,
+die Pflicht, die sie dem Gatten
+schuldete. Schaute sie in das Antlitz der
+Tochter, so f&uuml;hlte sie die unbarmherzige
+Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die
+fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
+hatten, empfand sie die ganze N&uuml;chternheit
+und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene
+Kind, das sie liebte, ja verg&ouml;tterte, war
+ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und
+der Furcht; es war der W&auml;chter vor ihrem
+Gef&auml;ngnis, der Anwalt des Vaters, die
+Meinung der Gesellschaft.</p>
+
+<p>Sie geriet in Verwirrung und uns&auml;gliche
+Qual. Sie floh vor Jeanette und
+suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie
+schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken;
+dann wieder war sie verschlossen
+und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnj&auml;hrige
+zu ihrer Mutter: &raquo;Du bist mir ein
+R&auml;tsel,&laquo; und vor ihrem verwundert forschenden
+Auge senkte Nina den Blick. Der
+Freund fand sie ruhelos und launenhaft.
+Wenn sie dem Flehenden ihre Hand &uuml;berlie&szlig;,
+horchte sie mit emporgezogenen Schultern
+und abgewandtem Gesicht zur T&uuml;r.
+Er fragte, warum sie so vor dem Kind
+zittere. Sie hatte nur eine bittende Geb&auml;rde
+als Antwort; wie von Leidenschaft
+gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er
+bot ihr alles, sein Leben, die L&ouml;sung seiner
+Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie
+erhob beschw&ouml;rend die H&auml;nde. Er wollte
+sie umarmen, sie stie&szlig; einen Schrei aus
+und stellte sich schnellatmend mit dem R&uuml;cken
+gegen die T&uuml;re. &raquo;Sie w&uuml;rde mich bis
+ans Ende der Welt verfolgen,&laquo; sagte Nina
+fl&uuml;sternd; &raquo;sie hat alle Macht, und ich habe
+keine.&laquo; Dieses wunderliche Wort ergriff
+den Freund, und zum erstenmal hatte auch
+er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung
+der Gefahr.</p>
+
+<p>Einst standen sie in der D&auml;mmerung
+nah&#8217; beieinander am Fenster, da wurden
+rasche Schritte h&ouml;rbar, und Jeanette trat
+ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und
+lachte. Nina drehte sich um und bemerkte
+unmutig: &raquo;Wie kann man sich nur so taktlos
+benehmen!&laquo; &#8211; &raquo;Aber Mutter!&laquo; rief
+Jeanette, abermals und noch lauter lachend.
+Was konnte der Grund ihres Lachens sein,
+das eigentlich ein wenig albern klang?
+Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der
+Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese
+Jugend verachtete das Halbe und seine
+dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen
+Entscheidungen, verachtete die
+Umwege und das matte Zweifeln, verachtete
+die D&auml;mmerung und das Geheimnis.
+Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie
+hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich
+zu verk&uuml;ndigen und f&uuml;r sich einzustehen,
+sie erkl&auml;rte sich f&uuml;r das Gerade, f&uuml;r die
+Helligkeit und f&uuml;r die Kraft.</p>
+
+<p>Das war es, was er aus dem unschuldig
+und albern klingenden Lachen Jeanettes
+herausf&uuml;hlte. Und er sagte es Nina. &raquo;Geh
+zu ihm oder geh zu mir,&laquo; schlo&szlig; er; &raquo;zu
+einem mu&szlig;t du gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg. Aber am Abend schrieb
+sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann
+ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm,
+da&szlig; sie einen andern liebe. Sein Gesicht
+wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als
+sie anstarren. Zwei Tage und zwei N&auml;chte
+sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
+rief er Nina und fragte, was sie vorhabe.
+Sie sagte: &raquo;Ich bin deine Frau.&laquo; Da fragte
+er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben
+wolle, das sie in Ungarn besa&szlig;en, und sie
+bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb
+dort monatelang. Jeanette besuchte sie
+h&auml;ufig, sie war ver&auml;ndert, voll Zartheit und
+R&uuml;cksicht, als wisse sie um das Geschehene
+und sei nun zufriedengestellt. Von dem
+Geliebten h&ouml;rte sie erst wieder, als er bei
+Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog.
+Er sandte einen letzten Gru&szlig;.</p>
+
+<p>Heute hatte sie die Nachricht erhalten,
+da&szlig; er gefallen sei.</p>
+
+
+<p class="newsection">In das verst&ouml;rte Herz fiel der Strahl
+der Lampe. Ihr Geisterschein lie&szlig; aufschimmern,
+was Ninas wortunkundige
+Lippen verschweigen mu&szlig;ten. Olivia war
+so sehend geworden, so allf&uuml;hlend, so mitschwingend;
+sie dachte auf einmal an ein
+Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein
+einziges Herz.</p>
+
+<p>Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt
+und Gesicht vor ihr auf. Es war wie
+ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem,
+den sie wu&szlig;te und lebte, zum Kampf gegen&uuml;bertrat.
+Leib und Seele standen auf
+widereinander; ach, dieser Verzicht, dies
+dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>
+wurde! Der ewige Hunger der D&auml;monen
+schrie nach Stillung.</p>
+
+<p>Eine reuevolle Unruhe erfa&szlig;te sie. Ingbert
+war der Erwecker ihrer Sinne gewesen,
+und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der
+Zerr&uuml;ttung menschlicher Dinge, aus Ninas
+vernichtetem Schicksal. Der Genius in
+ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre,
+da Lamm gekommen war, um sein Recht
+zu fordern.</p>
+
+<p>Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr
+Ingbert beim Abschied &uuml;bergeben hatte.
+Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es
+dr&auml;ngte sie hin wie zu einem Menschen.
+Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah
+sie, da&szlig; auf dem Bande, an dem das
+Siegel befestigt war, Worte geschrieben
+standen. Sie las: Zu &ouml;ffnen von Olivia,
+wenn sie einmal sp&uuml;ren kann, was sie mir
+war.</p>
+
+<p>Zaghaft streifte sie das Band herunter
+und &ouml;ffnete die Rolle. Es kam eines der
+Portr&auml;ts zum Vorschein, das Ingbert nach
+seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte.
+Bei genauerer Betrachtung erkannte sie,
+da&szlig; es ein ausgearbeitetes Werk war,
+eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen,
+die er damals gemacht, zur Grundlage
+gedient hatten. Das Gesicht war von
+solcher Sch&ouml;nheit, da&szlig; Zweifel sie beschlichen,
+ob es auch wirklich ihre Z&uuml;ge seien
+und nicht eine in dem Maler wurzelnde
+Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit
+in dem Antlitz, etwas Strahlendes
+und Enthusiastisches, und um den Mund
+lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia
+fremd ber&uuml;hrte und sie err&ouml;ten lie&szlig;. &#8250;Soll
+ich so gewesen sein?&#8249; fragte sie sich.</p>
+
+<p>Hatte er sie so gesehen und empfunden,
+dann mu&szlig;te sie auch so gewirkt haben.
+Dann mu&szlig;te das alles auch in ihr sein.
+Ihr Puls schlug matter; unwillk&uuml;rlich
+schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter
+ihr stehe und sie ihn fragen k&ouml;nne. Nichts
+erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
+fragen.</p>
+
+<p>Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zur&uuml;ck.
+Da meldete man ihr, da&szlig; im Sprechzimmer
+ein Offizier auf sie warte. Sie
+ging hinein; der Offizier, der Arm und
+Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar
+vom Felde kamen, leidend angestrengte
+Z&uuml;ge hatte, erhob sich und fragte
+h&ouml;flich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck
+sei. Dann nannte er seinen Namen und
+fuhr fort: &raquo;Ich bin vom Leutnant Georg
+Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Gr&uuml;&szlig;e
+zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen,
+es nicht zu vers&auml;umen. Ich
+entledige mich hiermit meiner Mission.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Georg Ingbert?&laquo; erkundigte
+sich Olivia mit leiser Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Er liegt in Zawadow bei Strji.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verwundet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schwer verwundet; so schwer, da&szlig; man
+... da&szlig; man seinen Tod w&uuml;nschen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen
+sagte sie, kaum h&ouml;rbar: &raquo;Ich danke
+Ihnen. Sie haben mir einen gro&szlig;en Dienst
+geleistet.&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Entschlu&szlig; war gefa&szlig;t.</p>
+
+
+<p class="newsection">Sie stand vor Robert Lamm in derselben
+Haltung wie vor dem Offizier. &raquo;Ich
+mu&szlig; so schnell wie m&ouml;glich nach Galizien,
+Robert,&laquo; sagte sie; &raquo;sei mir behilflich, da&szlig;
+ich morgen die n&ouml;tigen Papiere erhalte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du denn in Galizien tun?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>Sie antwortete: &raquo;Ich mu&szlig; zu Georg
+Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in
+einem Feldspital.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm ging, an ihr vor&uuml;ber, auf und
+ab. Nach einer Weile sagte er: &raquo;Ich werde
+die Papiere besorgen.&laquo; Dann, wieder nach
+einer Weile: &raquo;W&auml;re es dir l&auml;stig, wenn
+ich dich begleiten w&uuml;rde? Du brauchst auf
+dieser Reise einen Schutz.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn gro&szlig; an. Statt etwas zu entgegnen,
+bot sie ihm die Hand. Er starrte
+darauf nieder, &uuml;berw&auml;ltigt. &raquo;Olivia, zwischen
+uns beiden steht das Schicksal in
+seiner ganzen Unerbittlichkeit,&laquo; murmelte er.</p>
+
+<p>Sie sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Zwischen uns
+beiden ist nichts Trennendes mehr,&laquo; sagte
+sie mit sch&ouml;nem L&auml;cheln und legte auch die
+linke Hand in seine.</p>
+
+<p>Ungl&auml;ubig hob er die Augen. Es gibt
+ein Gl&uuml;ck, das wie Angst wirkt. &raquo;Zu sp&auml;t,
+Olivia, zu sp&auml;t,&laquo; stammelte er. &raquo;Ich bin
+ein gar zu irdischer Mensch. Die Sorte
+geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde.
+Aber ich habe nun wenigstens die
+Genugtuung, da&szlig; ich nicht an ein t&ouml;richtes
+Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei
+liegt eine h&ouml;here Vernunft.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia, sichtlich m&uuml;de, lehnte den Kopf
+an seine Schulter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>&raquo;Es ist m&ouml;glich gewesen, das gen&uuml;gt
+mir,&laquo; fuhr er fort. &raquo;Die Verwirklichung
+w&auml;re schon zu viel. Dein Leben hat sich
+eine Form geschaffen, die f&uuml;r meines zu
+weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
+steht nicht in deiner Macht. Wie sollten
+wir zu einer Gemeinsamkeit gelangen? Du
+kommst im rechten Augenblick; vielleicht
+h&auml;tt&#8217; ich mich sonst vollends zerfleischt.
+Jetzt &uuml;berseh&#8217; ich den Weg; dich begleiten,
+das kann ich; dich f&uuml;r mich behalten darf
+ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia fl&uuml;sterte: &raquo;Ich bin eine Frau;
+ich will es sein.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm nahm ihren Kopf zwischen die
+H&auml;nde und k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn. &raquo;Was
+h&auml;tte es dann mit Georg Ingbert auf sich?&laquo;
+fragte er. &raquo;Warum diese Reise? Was
+suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben
+oder sein Tod, dir, &#8211; die durch das
+Sterben der Menschen geht wie durch einen
+Garten im November?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich dir nicht sagen,&laquo; erwiderte
+Olivia, &raquo;ich <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> es eben tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich aber kann es dir sagen,&laquo; versetzte
+Lamm; &raquo;du willst dich mit diesem Schritt
+von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas
+von dir, ein Pfand, das du ausl&ouml;sen m&ouml;chtest.
+Wenn du zu mir gehst, schl&auml;gst du das
+Tor der Vergangenheit hinter dir zu, und du
+willst nicht, da&szlig; einer, ob es auch blo&szlig; ein
+Schatten ist, drau&szlig;en steht und nach dir
+ruft.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia erbleichte. Sie schlo&szlig; die Augen
+und schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen aber ohne Vergangenheit
+nicht in die Zukunft hinaus,&laquo; begann Lamm
+wieder; &raquo;wer da baut, mu&szlig; die Erde h&ouml;hlen.
+Gr&auml;ber der Liebe machen neue Liebe
+fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man
+an Liebe ist. Du, Olivia, hast tausendfache
+Liebe in die Gr&auml;ber gesenkt, tausendmal
+hast du Georg Ingbert schon begraben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch mu&szlig; ich zu ihm&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub&#8217; es selbst,&laquo; antwortete Lamm.
+&raquo;Eine Fahrt &uuml;ber lauter Gr&auml;ber. Zwischen
+dir und ihm &#8211; Gr&auml;ber; zwischen dir und
+mir &#8211; Gr&auml;ber. Millionen von Verbluteten
+und Hingeschlachteten zwischen uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man m&ouml;chte auf einen andern Stern
+fliehen,&laquo; sagte Olivia. &raquo;Es mu&szlig; einen
+g&ouml;ttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir
+Narren und Verbrecher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt keinen andern Stern, Olivia,
+aber das Leben ist unendlich. Die wir begraben
+haben, die tragen uns; warum sie
+vernichtet worden sind, ist nicht zu erforschen.
+Zu f&uuml;hlen ist es, glauben mu&szlig; man;
+kann man das nicht, dann ist es freilich
+zum Verr&uuml;cktwerden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">Was</em> f&uuml;hlen? <em class="gesperrt">Was</em> glauben?&laquo; brach
+Olivia leidenschaftlich aus.</p>
+
+<p>&raquo;Die h&ouml;here Ordnung, Olivia. Du
+warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
+ich sag&#8217; es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker
+von achtundvierzig Jahren, der Gewohnheitsleugner,
+der Mann ohne Ideal.
+Gott! Es bleibt nichts andres &uuml;brig. Gott
+will, und wir tun. Gott d&uuml;ngt, und wir
+wachsen. Gott pfl&uuml;gt, und wir werden
+als Unkraut ausgej&auml;tet oder als Samen
+in die Furchen gestreut. Was ist dein
+Aufb&auml;umen, was ist mein Schwatzen?
+In ferner Zukunft verleiht es vielleicht
+einmal einer Kreatur, an deren Existenz
+wir einen sehr entfernten Anteil haben,
+den geheimnisvollen Nerv zu einer Tat.
+Du kannst nicht helfen, keinem au&szlig;er dir.
+Und hilfst du dir, ich meine dem Gott in
+dir, so hast du nichts mehr zu f&uuml;rchten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du, Robert?&laquo; fragte Olivia ernst:
+&raquo;Du? Das alles ginge mir st&auml;rker ans
+Herz, spr&auml;chst du zu mir als Handelnder.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm blickte mit zusammengezogenen
+Brauen starr ins Weite. Er antwortete:
+&raquo;Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal
+in einen herabgedr&uuml;ckten Zustand des
+Lebens finden mu&szlig;, w&auml;re es w&uuml;nschenswert,
+wenn jedermann eine Pr&uuml;fung seiner
+inneren Best&auml;nde vornehmen wollte. Der
+Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter
+wird sich hernach deutlich abscheiden.
+Ob ich dann noch zu brauchen bin, wei&szlig;
+ich nicht. Ich will&#8217;s versuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo; rief Olivia mit aufleuchtenden
+Augen. &raquo;Doch warum z&ouml;gerst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich nicht pfuschen will. Du hast
+mich Geduld gelehrt, Olivia.&laquo; Er wandte
+sich ab und sagte gepre&szlig;t: &raquo;K&ouml;nnt&#8217; ich nur
+in Worte fassen, was du mir bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Robert!&laquo;</p>
+
+<p>J&auml;h fuhr er herum und zog sie in die
+Arme. Sie aber befreite sich sanft und
+verlie&szlig; ihn.</p>
+
+
+<p class="newsection">Um sich zu sammeln, ging sie in den
+Garten. Es war hell, der Mondschein einer<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>
+Mainacht, die Luft voll Blumenger&uuml;che.
+In den Baracken waren schon die Lichter
+ausgel&ouml;scht. Vor einem der Treibh&auml;user
+sa&szlig; ein Soldat und starrte in den Himmel.
+Auf den Wegen lagen wei&szlig;e Bl&uuml;ten, so
+viele, da&szlig; sie den Schritt d&auml;mpften. Alles
+in der Natur atmete Frieden, alles sprach
+von Auferstehung und Erneuerung.</p>
+
+<p>Olivia brach einen Zweig von einem
+Apfelbaum, roch daran und ging sinnend
+weiter. &#8250;Warum hast du das getan?&#8249; fragte
+sie sich pl&ouml;tzlich und betrachtete den Zweig
+mit Abscheu. Aus den wei&szlig;en Bl&uuml;ten
+grinste ihr der Tod entgegen.</p>
+
+<p>Sie erschauderte. Die ganze Welt schien
+ihr wie auf eine Wand gemalt, fremd wie
+der Tod.</p>
+
+
+<p class="newsection">Erst am dritten Tage konnten sie reisen.</p>
+
+<p>Es war eine sonderbare Fahrt. Robert
+Lamm, lebhaft und aufger&auml;umt, erz&auml;hlte
+viel und war stets um Olivia bem&uuml;ht.
+Junge Offiziere sa&szlig;en im Wagen, die dem
+sch&ouml;nen M&auml;dchen in der kleidsamen Schwesterntracht
+eine teilnahmvolle Neugier bezeigten.
+Auf den Bahnh&ouml;fen gab es lange
+Aufenthalte, und &uuml;berall herrschte ein be&auml;ngstigendes
+Treiben. Verwundete Soldaten
+lagerten in malerischen Gruppen;
+Fl&uuml;chtlinge jeden Alters und Standes
+dr&auml;ngten sich um aufgeregt gestikulierende
+Beamte; Munitions-, Proviant-, Spitals-
+und Mannschaftsz&uuml;ge versperrten die Geleise
+oder fuhren vor; der einzelne Mensch
+hatte weder Wichtigkeit noch Stimme,
+alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen
+von der Masse, anscheinend ordnungslos,
+und doch von einer gewaltigen
+und besonnenen Kraft regiert.</p>
+
+<p>&raquo;Und das alles f&uuml;r eine Einbildung von
+Feindschaft,&laquo; sagte Lamm leise zu Olivia;
+&raquo;wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo
+der von dem Slowenen, der da am Pfeiler
+lehnt oder von der eleganten Dame dort,
+die wahrscheinlich bei der Flucht auf einem
+Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat&nbsp;&#8211;?
+Wo ist der Feind? Jeder ist mein Feind,
+jeder andere Mensch, und jeder ist mein
+Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen,
+wogegen rasen die V&ouml;lker? Sie
+wissen es nicht. Es ist aber das Blut,
+der Wille der Generationen, die nach ihnen
+kommen. Diese brauchen einen Weltzustand,
+den wir nicht einmal tr&auml;umen k&ouml;nnen, und
+doch m&uuml;ssen wir ihn f&uuml;r sie schaffen, sie
+wollen es, sie erzwingen sich&#8217;s. Die Einsicht
+k&ouml;nnen sie uns nicht geben, nur das
+Feuer und die Brunst, die zur Zeugung
+geh&ouml;ren. Zeugung aber ist eine Angelegenheit
+des Rausches, sie hat Z&uuml;ge von Mordlust
+und Grausamkeit und st&ouml;&szlig;t die Seele
+ins Chaos zur&uuml;ck, von wo sie stammt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; das,&laquo; antwortete Olivia gepeinigt;
+&raquo;ich mag&#8217;s nicht, wenn Gedanken
+so wahr werden, da&szlig; sie verletzen. Gesteh
+doch lieber, gesteh es endlich, da&szlig; du dich
+get&auml;uscht hast, wenn du mir immer unser
+Land als reif zum Untergange geschildert
+hast. Du hast gegen deine Br&uuml;der gew&uuml;tet
+wie ein Besessener, und gegen dich selber
+auch. Gesteh doch, da&szlig; wir nicht zuschanden
+geworden sind vor dir und da&szlig; du das
+Henkerbeil umsonst gewetzt hast. Schau&#8217; in
+die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
+in fast allen ein k&uuml;hles, t&auml;tiges Leben, ein
+werkfreudiges Gef&uuml;hl, und sogar die
+Widerstrebenden k&ouml;nnen sich nicht entziehen.
+Sag&#8217;s ihnen doch, da&szlig; sie deiner nicht so
+ganz unw&uuml;rdig waren, Robert; die S&uuml;hne
+bist du ihnen schuldig.&laquo; Es klang wie
+Spott eines Cherubs. Lamm err&ouml;tete.</p>
+
+<p>In einer Station nach Krakau stieg ein
+dicker, kleiner Herr von etwa f&uuml;nfzig Jahren
+ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohh&uuml;tchen
+auf einem m&auml;chtigen Sch&auml;del und
+sah einem Negerh&auml;uptling in europ&auml;ischen
+Kleidern &auml;hnlich. Lamm kannte ihn, und
+sie begr&uuml;&szlig;ten einander. Es war Exzellenz
+H&auml;fner, ein ehemaliger Minister. Durch
+seine Gaben zu gro&szlig;en Leistungen bef&auml;higt,
+hatte er sich doch wider die R&auml;nke
+seiner Gegner nicht zu behaupten vermocht.
+In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
+waren die Wogen des Liberalismus hoch
+gegangen und hatten den starren Theoretiker
+und r&ouml;misch angehauchten Frondeur
+&uuml;ber Bord des Staatsschiffes gesp&uuml;lt. Jetzt
+hatte man sich der lenkenden Erfahrung
+erinnert, die er besonders in den schwierigen
+nationalen und wirtschaftlichen Problemen
+der eben befreiten Nordprovinz stets erwiesen,
+und hatte ihn aus dem Dunkel eines
+Pensionisten-Daseins mitten in den Tumult
+der Weltb&uuml;hne gerufen. Er war auf dem
+Weg ins Hauptquartier, wo er Beratungen
+wegen einer neu einzusetzenden Verwaltungsbeh&ouml;rde
+pflegen sollte.</p>
+
+<p>So erz&auml;hlte er Lamm und Olivia, mit<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>
+der er alsbald bekannt wurde. Er hatte
+eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem
+er bissig war wie ein Kettenhund. Die
+Hand auf Lamms Knie legend, sagte er
+z&auml;rtlich und strafend: &raquo;Sie, lieber Hofrat,
+s&auml;he ich nicht ungern unter meinen Helfern.
+Es wird keine Leibwache sein, f&uuml;rchten Sie
+nichts. Mit den Pr&auml;torianern haben wir
+aufger&auml;umt. Sie haben sich viel zu fr&uuml;h
+ins Ausgeding begeben. Aber Sie waren
+unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
+Filzschuhen darf man nicht aus unseren
+&Auml;mtern schleichen. Wenn schon Skandal,
+dann mit gro&szlig;em Orchester. Ich habe bereits
+an Sie gedacht, denn ich bin mit der
+Laterne auf der Menschensuche. Werden
+Sie mich f&uuml;r einen Fanfaron halten, wenn
+ich Ihnen sage, da&szlig; man den rechten Mann
+an die rechte Stelle bringen wird? Das Land
+schwitzt seine ungesunden Stoffe aus; Blut,
+Leichen, Schutt, Moder, aufgeh&auml;ngte Verr&auml;ter.
+Kommen Sie gleich mit mir, wenn
+es irgend angeht; ich habe ausreichende
+Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die
+Fl&uuml;gel dehnen. Mit den alten unbezahlten
+Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen
+Sie sich und geben Sie neuen Kredit.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete
+zaudernd und unbestimmt; das
+Anerbieten war zu &uuml;berraschend, und sein
+Mi&szlig;trauen gegen die Regierenden war zu
+tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht
+gelten lassen. Da er bemerkte, da&szlig; Olivia
+begierig zuh&ouml;rte und Lamms Erwiderung
+mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte
+er das nahe Verh&auml;ltnis zwischen den beiden
+und wandte sich geschmeidig an sie. Sie
+gab ihm in jedem Punkte recht, auch darin,
+da&szlig; Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
+d&uuml;rfe. In die Enge getrieben, erkl&auml;rte
+Lamm, da&szlig; er nicht gewohnt sei,
+wichtige Entschl&uuml;sse mit solcher Eile zu
+fassen, auch k&ouml;nne er nicht zugeben, da&szlig;
+Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet
+und nahe an die Front allein fortsetze.
+Olivia widersprach dem, und Exzellenz
+H&auml;fner sagte, er treffe in Tarnow zwei
+hohe Offiziere, die im Automobil zum San
+f&uuml;hren und dem Fr&auml;ulein sicherlich einen
+Platz im Wagen gew&auml;hren w&uuml;rden. Ohnehin
+mu&szlig;te man in Tarnow &uuml;bernachten.
+Lamm bat sich Bedenkzeit bis zum n&auml;chsten
+Morgen aus.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; mit Olivia in einem tr&uuml;bseligen
+Gasthauszimmer. Die Exzellenz war fortgegangen,
+um die Offiziere aufzusp&uuml;ren,
+die Olivia mitnehmen sollten. Unabl&auml;ssig
+polterten Fuhrwerke &uuml;ber das holprige
+Pflaster drau&szlig;en, und das Geschrei der
+kutschierenden Bauern und Soldaten erf&uuml;llte
+die Nacht. An den Nebentischen sa&szlig;en
+Juden, die sich in ihrem unverst&auml;ndlichen
+Jargon leise unterhielten.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;&szlig;t&#8217; ich dich zu Hause, so g&auml;b&#8217;s kein
+Schwanken f&uuml;r mich,&laquo; sagte Lamm. &raquo;Ich
+wei&szlig;, da&szlig; ich nicht mehr hinten stehen darf.
+Schon um deinetwillen nicht. Ich hab&#8217; dir&#8217;s
+ja auch gelobt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;r&#8217; ein schlechter Anfang, Robert,
+wenn mir deine Angst Ketten um die F&uuml;&szlig;e
+legte,&laquo; erwiderte Olivia. &raquo;Du und Angst,
+Angst um einen Menschen! Ich kenn&#8217; dich
+nicht mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst von einem Anfang, Olivia;
+mich d&uuml;nkt, es ist ein Ende. Ich sp&uuml;r&#8217;s in
+allen Nerven, und mir ist so unheimlich
+wie manchen Leuten, die den Blitz f&uuml;hlen,
+bevor er gez&uuml;ndet hat. H&ouml;r&#8217; doch, wie die
+Welt braust und br&uuml;llt! Die Menschen
+sind so armselig und so furchtbar. Dessen
+bleib eingedenk, da&szlig; ich um dich gedient
+habe, l&auml;nger als Jakob um Rahel, viel
+l&auml;nger. Nur dacht&#8217; ich, ich m&uuml;&szlig;te dich unterwerfen,
+derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan,
+und ich hab&#8217; nicht begreifen wollen,
+warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist
+die Siegerin, aber nicht blo&szlig; &uuml;ber mich,
+&uuml;ber uns alle, auch &uuml;ber die Sieger, und
+dich f&uuml;r meine Person zu beanspruchen,
+w&auml;re so l&auml;cherlich, als wollt&#8217; ich den Mond
+in mein Zimmer h&auml;ngen, da&szlig; er mir zum
+Schreiben leuchte. Ich hab&#8217; eine Erscheinung
+gehabt, weiter nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Robert!&laquo; seufzte Olivia, die es
+nicht ertragen konnte, wenn man sie pries.
+&raquo;Ahnst du denn nicht, wie j&auml;mmerlich alles
+ist, was man tut, im Vergleich zu dem, was
+ungetan bleibt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt nicht an der Qualit&auml;t, es liegt
+im Geiste. Der Geist kann heilig werden,
+trotz V&ouml;lkermord und V&ouml;lkerwahn. Ich
+habe an den Heiligen Geist glauben gelernt,
+und damit allerdings steh&#8217; ich wieder
+am Anfang.&laquo;</p>
+
+<p>Er verstummte. Olivia sah ihn an und
+hielt ihn im Blick ihres gro&szlig; aufgeschlagenen
+Auges.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span></p>
+<p class="newsection">Exzellenz H&auml;fner kam etwas verlegen
+zur&uuml;ck. Er habe die beiden Herren gefunden,
+berichtete er, aber das Unangenehme sei,
+da&szlig; sie noch in der Nacht fahren m&uuml;&szlig;ten.
+Ob man der jungen Dame zumuten d&uuml;rfe,
+die anstrengende Reise schon in einer
+Stunde fortzusetzen, habe er nicht gewagt
+zu entscheiden.</p>
+
+<p>Olivia sagte, sie sei bereit, sie w&auml;re froh,
+wenn sie rasch ans Ziel komme. Lamm
+widersprach nicht.</p>
+
+<p>Sie nahmen hastig einen Imbi&szlig; auf
+schmutzigen Tellern, dann ging Olivia auf
+ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten.
+Lamm folgte ihr nach einer Weile; als er
+in die elende Kammer trat, die von einer
+einzigen Kerze erhellt wurde, war sie schon
+fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
+schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur
+Seite geneigt, die Schultern, nach ihrer
+Art, zur&uuml;ckgebogen, die Arme l&auml;ssig im
+Fall. Ihr Gesicht hatte einen verlorenen
+Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich
+selbst ruhend gesehen.</p>
+
+<p>Er trat zu ihr und k&uuml;&szlig;te sie. Olivia
+l&auml;chelte; als sie ihn wieder k&uuml;&szlig;te, waren
+ihre Augen feucht.</p>
+
+<p>Er ergriff das T&auml;schchen, und sie verlie&szlig;en
+den Raum. Unten wartete die
+Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins
+zu f&uuml;hren. Schweigend gingen sie
+durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz
+neben einer Scheune stand der Kraftwagen.
+Die Vorstellung war schnell erledigt, Olivia
+stieg ein, der Motor begann zu schnurren;
+&raquo;leb&#8217; wohl, Robert,&laquo; rief Olivia,
+dann winkte sie noch einmal, und der Wagen
+fuhr davon.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie, Freund, wir haben nur
+noch vier Stunden zum Schlafen,&laquo; sagte
+die Exzellenz und schob den Arm in den
+Robert Lamms.</p>
+
+<p>F&uuml;r Robert Lamm gab es aber keinen
+Schlaf. Er verlie&szlig; die zugige Kammer
+wieder, kaum da&szlig; er sie betreten hatte, und
+ging auf die Gasse.</p>
+
+<p>Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins
+Gesicht, die H&auml;user, an denen er vor&uuml;berging,
+waren schwarz, viele sahen wie seit
+langer Zeit verlassen aus. Er schritt an einem
+Zaun hin und sp&auml;hte bisweilen in die
+Ebene oder in den Himmel. Die Zaunpf&auml;hle
+neben ihm, in endloser Folge, das
+brachte ein eigent&uuml;mliches Gef&uuml;hl von
+Rhythmik in seinem Innern hervor, und
+vielleicht war dies die Ursache, da&szlig; seine
+Gedanken immer bewegter, immer st&uuml;rmischer
+wurden.</p>
+
+<p>Der Marschschritt einer Kolonne wurde
+h&ouml;rbar und kam n&auml;her. Es waren deutsche
+Soldaten, eine gro&szlig;e Abteilung; der Zug
+wollte gar kein Ende nehmen. Lamm konnte
+die Gesichter der Leute nicht unterscheiden,
+doch die Entschlossenheit und der unab&auml;nderliche
+Gleichklang ihres Schrittes
+machten einen tiefen Eindruck auf ihn.
+Als sie vor&uuml;ber waren, blieb er stehen und
+schaute ihnen nach. &#8250;Da gehen sie nun,&#8249;
+dachte er und zog die Stirn in Falten, &#8250;da
+gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung
+und in ihrem Schritt, als rechneten sie gar
+nicht mit der R&uuml;ckkehr. Ob nicht ein einziger
+unter ihnen ist, der heimlich rebelliert?
+Vielleicht doch. Aber es kommt nicht darauf
+an. Es kommt auf keinen einzelnen an,
+auf den Willigen nicht und auf den Rebellen
+nicht. Was liegt am M&uuml;ller und am
+Schmied und am Fuhrknecht und am
+Schreiber und an all den Strebern und
+Gl&uuml;cksj&auml;gern und Verliebten und Familienv&auml;tern
+und Staatsdienern, die dort drau&szlig;en
+auf dem Schlachtfeld fallen werden, was
+liegt an ihnen? Es wird immer wieder
+Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber
+und Verliebte und Familienv&auml;ter geben.
+Was br&auml;chten sie vor sich, wenn ihnen
+dies Schicksal erspart bliebe? Es kommt
+auf sie nicht an. Auch auf mich kommt es
+nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.&#8249;</p>
+
+<p>Er ging ein St&uuml;ck, in der Richtung
+gegen die Stadt zur&uuml;ck, und nach einer
+Weile blieb er wieder stehen. &raquo;Und doch,&laquo;
+redete er nun laut vor sich hin, &raquo;doch ist
+der Mensch etwas K&ouml;stliches; man mu&szlig;
+ihn blo&szlig; anschauen und begreifen k&ouml;nnen.
+Viele k&ouml;nnen es nicht. Diese Gestalt, das
+Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die
+meisten sp&uuml;ren nicht den Menschen. Auch
+ich habe den Menschen nicht gesp&uuml;rt. Ich
+habe so hingelebt, das ist alles; habe mich
+ge&auml;rgert, habe gezankt, gefeilscht, geredet,
+aber den Menschen gesp&uuml;rt, nein, das hab&#8217;
+ich nicht.&laquo; Und im Weitergehen wiederholte
+er noch ein paar mal die Worte:
+&raquo;Nein, das hab&#8217; ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Da kam er an ein Haus, das ohne
+T&uuml;ren und ohne Fenster war. Auch das
+Dach war zum Teil weggerissen, so da&szlig;<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span>
+der Himmel in die &ouml;den R&auml;ume starrte.
+Lamm lie&szlig; einen Blick zerstreuter Neugier
+&uuml;ber die Ruine schweifen und wollte seinen
+Weg fortsetzen, als er ein j&auml;mmerliches
+Wimmern vernahm. Er lauschte und h&ouml;rte
+den Laut deutlicher. Es klang wie das
+Weinen eines kleinen Kindes.</p>
+
+<p>Nun trat er in das Haus, z&uuml;ndete seine
+elektrische Taschenlampe an und ging von
+Stube zu Stube. In der letzten Stube
+sah er einen S&auml;ugling auf schmutzigen
+Lumpen liegen, halb nackt und nur noch
+matt schreiend. Lamm rief. Er glaubte
+die Mutter oder sonstige Angeh&ouml;rige in
+der N&auml;he. Aber niemand antwortete;
+niemand war zu sehen. Der S&auml;ugling war
+v&ouml;llig verlassen, fror und hatte Hunger.</p>
+
+<p>Lamm nahm das Kind auf seine Arme
+und trug es hinaus. Er rief noch einmal;
+umsonst. Da trug er das wimmernde
+Kind auf seinen Armen weiter. Sein anfangs
+zaudernder Schritt wurde fest und
+entschlossen, und alle hadernden Gedanken
+in seinem Innern schwiegen still.</p>
+
+<p>Er h&uuml;llte das frierende Kind in seinen
+Mantel, und als er die K&ouml;rperw&auml;rme
+sp&uuml;rte, kam etwas Freudiges &uuml;ber ihn,
+und das lebendige, an ihn geschmiegte
+Wesen wurde ihm pl&ouml;tzlich in sonderbarer
+Weise teuer. &#8250;Ich will es behalten,&#8249; sagte
+er sich, &#8250;ich will es wie ein Geschenk von
+Olivia behalten, und seine Augen sollen
+mir leuchten, wenn ich zu den Menschen
+gehe und f&uuml;r sie schaffe.&#8249;</p>
+
+
+<p class="newsection">Am Nachmittag darauf, nach f&uuml;nfzehnst&uuml;ndiger,
+durch viele Hindernisse verz&ouml;gerter
+Fahrt im Regen kam der Kraftwagen
+nach Drohobycz. Hier mu&szlig;te Olivia
+eine andere Gelegenheit suchen, und der
+Bem&uuml;hung des einen Offiziers gelang es,
+ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen
+zu verschaffen, der nach Zawadow fuhr.
+Hatte sie schon die Nacht und den Tag
+&uuml;ber vom Regen zu leiden gehabt, jetzt
+wurde es schlimmer; oft konnte der Wagen
+kaum vorw&auml;rts, so schwierig war es, den
+begegnenden Fahrzeugen und marschierenden
+Kolonnen auszuweichen. In langen
+Reihen schleppten sich Verwundete die
+Stra&szlig;en heran; fern am Horizont ums&auml;umte
+den d&uuml;stern Himmel eine dunkle
+Glut. &Uuml;berall waren Notbr&uuml;cken, &uuml;berall
+rauchten Tr&uuml;mmer, und der Erdboden
+war von tiefen Spalten und L&ouml;chern zerrissen.</p>
+
+<p>V&ouml;llig durchn&auml;&szlig;t war Olivia, als endlich
+der sch&uuml;ttelnde Wagen in der Nacht
+vor einem halbzerschossenen Haus einer
+Dorfstra&szlig;e hielt. Ein freundlicher Korporal
+besorgte ihr ein Obdach, irgendwo
+in einem Bauernhaus, in dessen Flur sie
+&uuml;ber die Leiber schlafender Soldaten steigen
+mu&szlig;te. Ein Strohsack hinter einem Verschlag
+bildete ihr Lager. Von den Bretterw&auml;nden
+troff das Wasser, die Luft war
+wie in einem Keller, Pferde stampften in
+der N&auml;he, sie schlo&szlig; die Augen und d&auml;mmerte
+ersch&ouml;pft hin, ohne schlafen zu k&ouml;nnen.
+Mit dem Morgengrauen erhob sie sich und
+fragte um den Weg nach dem Feldspital,
+in welchem sie Ingbert zu finden hoffte.</p>
+
+<p>Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit
+hatte, ihr Rede zu stehen. Ein j&uuml;ngerer
+Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen,
+da&szlig; Leutnant Ingbert tot sei. Gestern
+war er begraben worden. Olivia fa&szlig;te
+die Kalkmauer mit den Fingerspitzen der
+einen, dann der andern Hand an. Es schien
+ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.</p>
+
+<p>Zu Hunderten kamen blutende M&auml;nner
+vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
+Armen der Sanit&auml;tsleute, oder von Kameraden
+gef&uuml;hrt. Der Kampf um Strji war
+m&ouml;rderisch. Olivia half verbinden. Hier
+roch das Blut der Wunden wilder und
+frischer als fern in der Stadt. Die &Auml;rzte
+nahmen einen um den andern vor, hatten
+unbewegliche Gesichter, k&uuml;mmerten sich weder
+um Schreien und St&ouml;hnen, noch um
+Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
+oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm
+froh, der zugriff. Auf dergleichen war sie
+nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen
+Reihen von Starrenden und mit dem Tode
+Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
+Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts
+gegessen. Auch fror sie best&auml;ndig. Ein
+junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln,
+sie konnte nichts anr&uuml;hren. &raquo;Na,
+werden Sie uns nur nicht krank,&laquo; sagte
+einer der Doktoren &auml;rgerlich im Vor&uuml;bergehen.
+Sein Leinwandkittel war von oben
+bis unten mit Blut bespritzt.</p>
+
+<p>&#8250;Du mu&szlig;t zu seinem Grab,&#8249; gebot eine
+Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh sie
+aus dem Raum, dr&auml;ngte sich durch die
+Verwundeten und fragte einen Oberleutnant,<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>
+wo die gestern Begrabenen l&auml;gen.
+Der Offizier zog die Stirne kraus; die betreffende
+Stelle sei seit einigen Stunden
+gef&auml;hrdet, antwortete er. Sie sagte gepre&szlig;t,
+wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
+wolle. &raquo;Ich kannte Ingbert,&laquo; versetzte der
+Offizier, &raquo;ein lieber Kamerad. Schade
+um ihn.&laquo; Dann warf er einen fl&uuml;chtigen
+Blick auf Olivia und erkl&auml;rte sich bereit,
+sie zu f&uuml;hren. Sie war nicht f&auml;hig, ihm
+zu danken. Sie hatte keinen Dank mehr
+in sich.</p>
+
+<p>Sie gingen &uuml;ber einen kotigen Feldweg.
+Bisweilen spritzte die Erde auf, als ob in
+ihrem Innern etwas geplatzt sei. &raquo;Sie
+schie&szlig;en,&laquo; bemerkte der Offizier, nach einem
+Wald in der Ferne deutend und z&uuml;ndete
+sich eine Zigarette an.</p>
+
+<p>Auf einer W&ouml;lbung des Gel&auml;ndes sah
+man unz&auml;hlige kleine Holzkreuze. Der
+Offizier schritt eine Weile an der vordersten
+Reihe entlang, blieb bei einem stehen und
+sagte: &raquo;Hier liegt er.&laquo; Damit gr&uuml;&szlig;te er
+und entfernte sich.</p>
+
+<p>&#8250;Hier liegt er,&#8249; dachte Olivia. &#8250;Und warum
+eigentlich? Und warum die andern, Unz&auml;hligen,
+warum?&#8249; Sie erinnerte sich der
+Anmut und Zartheit des Freundes, seiner
+W&auml;rme und schweigsamen Liebe, und
+dachte: &#8250;Warum nur, warum?&#8249;</p>
+
+<p>Sie ging weiter, ohne auf Weg und
+Richtung zu achten. Immer noch fiel
+Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden
+Wolkenhimmel malten sich feurige
+Gescho&szlig;bahnen, Leuchtk&ouml;rper schwammen
+weit dr&uuml;ben in der Luft, bisweilen ert&ouml;nte
+ein Krachen, als wolle der Weltk&ouml;rper
+zerrei&szlig;en. Zur Rechten wich mannshohes
+Gestr&uuml;pp zur&uuml;ck, das eigent&uuml;mlich erhellt
+gewesen war, und nun gewahrte sie ein
+brennendes Dorf in der Ebene, weit dr&uuml;ben,
+und sie wanderte darauf zu. Sie holte
+ein W&auml;gelchen ein, das von einem m&uuml;den,
+klapperd&uuml;rren Gaul gezogen und von einer
+alten B&auml;uerin gefahren wurde. F&uuml;nf oder
+sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
+und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht
+mehr weiter, und die alte B&auml;uerin schimpfte
+bald, bald flehte sie. Eines der Kinder
+erwachte, und als es des Brandes ansichtig
+wurde, stie&szlig; es einen gellenden
+Schrei aus.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich flammte in einer Entfernung
+von kaum zweihundert Schritt ebenfalls
+ein Geb&auml;ude auf. Man sah nun, da&szlig;
+dort ein Dorf lag. Die D&auml;cher der &uuml;brigen
+H&uuml;tten fingen im Zeitraum von wenigen
+Minuten Feuer. Olivia blieb stehen.</p>
+
+<p>M&auml;nner und Weiber st&uuml;rzten ins Freie;
+die vergr&auml;mten Gesichter waren grell vom
+Feuer beschienen. Aus der Menge aber
+l&ouml;ste sich eine auffallende Erscheinung; ein
+einfacher russischer Soldat, jedoch ein Riese
+von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich
+&uuml;ber Vierzig, trug keine Kopfbedeckung,
+und seine schwarzen Haare flatterten struppig
+um Stirn und Schl&auml;fen. Er ging langsam,
+mit wagrecht vorgestreckten Armen,
+und man sah an seinem Gang, da&szlig; er
+blind war.</p>
+
+<p>Doch schwankte er nur wenig; er ging
+dicht an den brennenden H&auml;usern entlang,
+immer mit wagrecht vorgestreckten Armen.
+Die Funken prasselten um seinen Kopf,
+brennende Balken fielen dicht neben ihm
+nieder, aber durch keine Miene verriet er
+Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
+war so m&auml;chtig, da&szlig; die Bauern, ihre Weiber
+und ihre Kinder ihm alsbald in Scharen
+folgten und sich dicht an ihn dr&auml;ngten,
+als ob sie in seiner N&auml;he gefeit w&auml;ren.</p>
+
+<p>Olivia blickte rundum: die nasse Erde
+rot, der sternenlose Himmel rot, und zwischen
+Erde und Himmel tobende Mordmaschinen,
+br&uuml;llendes Vieh, winselnde
+Hunde und verzweifelte Menschen. Es
+wollte ihr scheinen, als k&auml;me der blinde
+Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu
+bringen, und je deutlicher sie sein Gesicht
+sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
+&uuml;ber die unbeschreibliche, fast selige Ruhe
+darin. Gef&auml;hrdeter konnte kein Mensch
+sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete
+ihm die Gefahr? Was galt ihm diese
+Stunde und die n&auml;chste? Obgleich in
+Olivia ein r&auml;tselhafter Wunsch war, da&szlig;
+er sie sehen m&ouml;ge, ein r&auml;tselhaftes Bedauern,
+da&szlig; er sie nicht mehr sehen konnte,
+war es ihr doch klar, da&szlig; nach allem, was
+er von dieser Welt gesehen, er gl&uuml;cklich zu
+preisen sei, da&szlig; er nichts mehr von ihr sah.</p>
+
+<p>Sie wanderte den Weg zur&uuml;ck, verirrte
+sich jedoch. Ihre Ersch&ouml;pfung wuchs, und
+sie konnte nicht mehr daran zweifeln, da&szlig;
+sie krank war.</p>
+
+<p>Patrouillen begegneten ihr und riefen
+ihr etwas zu. Sie verstand nicht und antwortete
+nicht. Auf einem umgehauenen<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>
+Baumstamm rastete sie eine Weile, dann
+schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter.
+Sie kam zu einem offenen Parktor, ging
+hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
+leer war. Durch die Baumwipfel sah sie
+die Umrisse eines gro&szlig;en Geb&auml;udes.</p>
+
+<p>Die Beine versagten den Dienst; sie
+schl&uuml;pfte in das Schilderhaus, kauerte sich
+nieder und h&uuml;llte sich fester in den nassen
+Mantel. Ein schlaf&auml;hnlicher Zustand machte
+sie bewu&szlig;tlos.</p>
+
+<p>Als sie wieder zu sich kam, war es Tag.
+Sie raffte alle Kr&auml;fte zusammen und trat
+ins Freie. Da bot sich ihren fieberhei&szlig;en
+Augen ein unvermuteter Anblick. Fahler
+Fr&uuml;hsonnenschein war durch die Nebel gebrochen
+und fiel auf unz&auml;hlige Beete und
+Str&auml;ucher voller Rosen. Lauter Rosen,
+&uuml;ber die ganze Fl&auml;che des Parks, in allen
+Farben der Gattung, soweit der Blick
+reichte. Dazwischen aufgeworfene Gr&auml;ben,
+zertretener Rasen, zersplitterte B&auml;ume.
+Sie trat zum n&auml;chsten Strauch; die Freude
+an den Blumen, erst wie eine &uuml;berw&auml;ltigende
+Erinnerung, verdr&auml;ngte jedes andere
+Gef&uuml;hl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
+Verlangen. Voller Hast, ja fast
+gierig brach sie einige Rosen ab, ohne darauf
+zu achten, da&szlig; sie sich an den Dornen
+die H&auml;nde blutig ri&szlig;.</p>
+
+<p>Aber da ihr schwindelte und alles um
+sie zu tanzen begann, schritt sie dem Hause
+zu und trat in die Vorhalle. Es war eine
+ger&auml;umige Baulichkeit, einer der vielen
+adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
+Mensch war zu sehen. Die T&uuml;ren der
+Zimmer standen offen, und &uuml;berall zeigten
+sich die Spuren b&ouml;swilliger Zerst&ouml;rung.
+Die Gl&auml;ser der Spiegel lagen in Scherben
+auf dem Boden, die M&ouml;bel waren umgest&uuml;rzt,
+das Porzellan zerschmettert, die B&uuml;cher
+aus den Regalen geschleudert und zerfetzt,
+die Bilder zerschnitten, die W&auml;nde
+mit Unrat beschmiert. Hier mochte sie nicht
+bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend,
+stieg sie die Treppe hinauf. Sie rief, doch
+niemand antwortete. Da, als sie in einen
+Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte
+sie endlich einen Menschen. In der Mitte
+des sonst v&ouml;llig leeren Raumes stand ein
+Sarg, darin lag ein Greis mit langem,
+wei&szlig;em Bart; ein Kruzifix aus Silber
+ruhte auf seiner Brust, und an den vier
+Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
+Daneben aber sa&szlig; ein Knabe von etwa
+vierzehn Jahren; er hatte tiefschwarze
+Haare, die &uuml;ber die blassen Wangen fielen;
+seine Augen waren traurig und voll Angst.</p>
+
+<p>Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er
+erhob sich und redete sie polnisch an. Olivia
+verstand die Sprache nicht; da sie
+sich aber hinschwinden f&uuml;hlte, machte
+sie eine bittende Geb&auml;rde und pre&szlig;te die
+linke Hand gegen ihre Brust, in der der
+Atem flog. Der Knabe sah sie an und begriff;
+ihn hatte der Krieg fr&uuml;hzeitig &uuml;ber
+menschliches Leiden unterrichtet. Auf den
+Zehen, als k&ouml;nne der tote Mann noch gest&ouml;rt
+werden, ging er zu einer T&uuml;r, die er
+&ouml;ffnete und wies auf ein Bett, das dort im
+Zimmer stand. Nicht zu verkennen, da&szlig;
+es das Schlafgemach einer Frau gewesen
+war; auf den Lehnen der St&uuml;hle hingen
+Frauenkleider, in einer Ecke standen Frauenschuhe;
+sonst deutete manches auf eine eilige
+Flucht hin.</p>
+
+<p>Olivia schlo&szlig; die T&uuml;r, als sie drinnen
+war, ri&szlig; ihre nassen Gew&auml;nder vom K&ouml;rper,
+st&uuml;rzte f&ouml;rmlich in das Bett, w&uuml;hlte
+die zitternden Glieder in die Kissen, richtete
+sich noch einmal auf und griff nach
+den Rosen, dann rang sie seufzend die
+H&auml;nde, sp&uuml;rte, da&szlig; ihr die Sinne vergingen,
+und freute sich darauf, nicht mehr
+denken und f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile klopfte es an der T&uuml;r,
+der Knabe trat lautlos ein. Unschl&uuml;ssig
+stand er zu F&uuml;&szlig;en des Lagers und schaute
+auf die Kranke, deren Wangen sich mit
+Scharlachr&ouml;te bedeckten. Er fand sie sch&ouml;n;
+ihre Gegenwart erregte scheue Neugier in
+ihm, ihr Zustand stimmte ihn mitleidig.
+Abermals sagte er etwas in polnischer
+Sprache. Olivia ri&szlig; entsetzt die Augen
+auf. Pl&ouml;tzlich schrie sie: &raquo;Gebt mir die
+Rosen!&laquo; und pre&szlig;te die drei Rosen, die sie
+krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
+Mund.</p>
+
+<p>Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich
+hatten Rosen in seinem bisherigen
+Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie
+mu&szlig;ten ein Ziel eigensinniger Liebhaberei
+gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
+der drau&szlig;en im Sarg lag; nicht blo&szlig; die
+Kultur des Parks lenkte darauf hin, sondern
+auch die zerst&ouml;rten Gem&auml;lde, auf denen
+fast ausschlie&szlig;lich Rosen dargestellt
+waren. Und da Olivia ihren Fieberruf<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>
+wiederholte und immer wieder ekstatisch
+die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht dr&uuml;ckte,
+glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie
+aus irgendeinem Grund, den er nur noch
+nicht verstand. Rasch verlie&szlig; er das Zimmer,
+und nach einigen Minuten schon kehrte
+er zur&uuml;ck, beide H&auml;nde voller Rosen, und
+warf sie auf das Bett.</p>
+
+<p>Als er vernahm, da&szlig; die Fiebernde sich
+beruhigte, war er auch gewi&szlig;, das Rechte
+getroffen zu haben. Er ging noch einmal,
+dann ein drittes und viertes Mal. Schlie&szlig;lich
+hatte er so viele Rosen heraufgebracht,
+da&szlig; sie von der Bettdecke auf den Boden
+fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
+und jenes noch, in dem der Tote lag, erf&uuml;llte.
+Danach ging er zu dem Toten
+hinaus, kam wieder zur&uuml;ck, lief zum
+f&uuml;nften Male in den Garten und brachte
+wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und
+l&auml;chelte zufrieden, als er sah, da&szlig; die unbekannte
+Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
+Haaren einen r&uuml;hrenden Eindruck auf
+ihn machte, nun stille war und die Augen
+geschlossen hatte.</p>
+
+<p>Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; w&auml;hrend
+sie schlief, wurde ihr Gesicht erst bleich
+und immer bleicher; von einem gewissen
+Punkt an kehrte aber die Farbe des Lebens
+zur&uuml;ck, als ob ein Traum von gl&uuml;cklicher
+und t&auml;tiger Zukunft die Seele j&auml;h ber&uuml;hrt
+h&auml;tte. Dieser Traum erzeugte ein L&auml;cheln;
+das L&auml;cheln schien das Blut, das schon
+verbla&szlig;te, neu zu r&ouml;ten. Verwandlung
+war in ihr; &uuml;ber ihr Verhei&szlig;ung eines
+Geistes aus verwandelter Welt.</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstver&ouml;ffentlichung erstellt. Diese erschien in &raquo;Velhagen
+&amp; Klasings Monatshefte&laquo;, XXXI.&nbsp;Jahrgang 1916/1917, Hefte&nbsp;1-3,
+September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_2">S. 002</a>: [Punkt erg&auml;nzt] M&uuml;he hatte, sie zu beruhigen.</li>
+<li><a href="#Page_3">S. 003</a>: [Punkt korrigiert] &uuml;ber ihn erholt hatte, &rarr; hatte.</li>
+<li><a href="#Page_17">S. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit &rarr; ohnehin</li>
+<li><a href="#Page_167">S. 167</a>: mit abgerissenen Gew&auml;ndern und verst&ouml;rtem Gesichts &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_168">S. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten &rarr; geheilten</li>
+<li><a href="#Page_172">S. 172</a>: die Finsternis brannte ihn f&ouml;rmlich auf der Stirn &rarr; brannte ihm</li>
+<li><a href="#Page_173">S. 173</a>: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, &rarr; Unterfangen ist,</li>
+<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: die Best&uuml;rzung in ihrem Gedicht &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: Er war r&uuml;hrend und unheimlich. &rarr; Es</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Notes:</strong> This ebook has been transcribed from the first
+publication of the story, printed in &#8220;Velhagen &amp; Klasings Monatshefte&#8221;,
+XXXI.&nbsp;bound volume 1916/1917, issues&nbsp;1-3, September-November 1916. The page numbers
+jump according to the distribution of the story onto the three issues of the monthly
+periodical. The table below lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_2">p. 002</a>: [added period] M&uuml;he hatte, sie zu beruhigen.</li>
+<li><a href="#Page_3">p. 003</a>: [corrected period] &uuml;ber ihn erholt hatte, &rarr; hatte.</li>
+<li><a href="#Page_17">p. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit &rarr; ohnehin</li>
+<li><a href="#Page_167">p. 167</a>: mit abgerissenen Gew&auml;ndern und verst&ouml;rtem Gesichts &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_168">p. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten &rarr; geheilten</li>
+<li><a href="#Page_172">p. 172</a>: die Finsternis brannte ihn f&ouml;rmlich auf der Stirn &rarr; brannte ihm</li>
+<li><a href="#Page_173">p. 173</a>: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, &rarr; Unterfangen ist,</li>
+<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: die Best&uuml;rzung in ihrem Gedicht &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: Er war r&uuml;hrend und unheimlich. &rarr; Es</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+***** This file should be named 21860-h.htm or 21860-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+collection are in the public domain in the United States. If an
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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