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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:46:17 -0700 |
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diff --git a/21860-h/21860-h.htm b/21860-h/21860-h.htm new file mode 100644 index 0000000..3e125a3 --- /dev/null +++ b/21860-h/21860-h.htm @@ -0,0 +1,7512 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Olivia, by Jakob Wassermann + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + color: black; + font-size: smaller; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + h1 { + font-size: xx-large; + letter-spacing: 0.1ex; + padding-left: 0.1ex; + line-height: 120%; + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 0em; + } + p.author { + font-size: large; + text-align: center; + line-height: 125%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 4em; + } + + div.textbody p { + text-indent: 1.5em; + } + div.textbody p.newsection { + text-indent: 0em; + margin-top: 3em; + } + div.textbody p.newsection:first-letter { + float: left; + padding-top: 4px; + padding-left: 0px; + padding-right: 2px; + font-size: 280%; + line-height: 75%; + overflow: visible; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + ins.correction { + text-decoration:none; /* replace default underline.. */ + border-bottom: thin dotted red; /* ..with delicate red line */ + } + + ul {list-style: none; + padding-left: 0em; + } + + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: gray; + background-color: inherit; + } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p> + +<h1>Olivia<br /> +<span style="font-size: smaller">oder</span><br /> +Die unsichtbare Lampe</h1> + + +<p class="author">Erzählung<br /> +von<br /> +<em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></p> + + + +<div class="textbody"> +<p class="newsection">Im Hause des Professors Khuenbeck, +eines angesehenen Wiener Arztes, +war große Gesellschaft. Man hatte +reich getafelt, die Unterhaltung +war im besten Fluß, und wie auf viele +andere Dinge kam die Rede auch auf die +Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das +Töchterchen des Hauses flüchtig gesehen +hatte, rühmte dessen besondere Schönheit +und Lieblichkeit. Frau Khuenbeck lächelte +geschmeichelt, einige andere Damen gaben +ihr Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, +den Hinweis auf die späte Stunde ließen +sie nicht gelten, und sie wandten sich an den +Professor, der, unschlüssig und wie beschämt, +nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen +sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die +einer eitlen Regung nicht zu widerstehen +vermochte, einem der Dienstboten einen +Wink gegeben und ging dann selbst in das +Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, +der zweijährige Ferdinand und die sechsjährige +Olivia.</p> + +<p>Schon saß Olivia auf dem Schoß des +Dienstmädchens, die Augen voll Schlaf; +es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, +die Haare wurden ihr gekämmt, weiße +Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die +Beinchen, und so trug sie die Mutter in die +strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die +Gäste scharten sich um Mutter und Kind; +ein Laut der Überraschung und Befriedigung +tönte ihnen entgegen. Olivia blickte +voll Angst und Zagen in die vielen fremden +Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen +ihr unbegreiflich waren.</p> + +<p>Abseits von allen stand ein junger Mann +und schaute still auf die Gruppe. Er dachte, +daß der Professor dem Schauspiel ein Ende +bereiten werde; da dies aber nicht geschah, +rief er plötzlich mit scharfer, ja barscher +Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie +doch den armen Wurm wieder ins Bett; +den Rummel wird er ohnedies bald genug +kennen lernen.«</p> + +<p>Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete +und trug das Kind schnell hinaus.</p> + +<p>Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; +sie bewahrte dem, der sie gesprochen, +heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte +oft im Hause; bald wußte sie seinen +Namen; er hieß Robert Lamm und war +damals noch ein unbeachteter Beamter im +Ministerium.</p> + +<p>Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe +Dankgefühl; in Stunden kindlicher +Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das +eines Helfers auf. Er war die Verkörperung +einer strengeren Schutzgottheit neben der +sanften des Vaters.</p> + + +<p class="newsection">Wenn der Professor an seinem Schreibtisch +saß, geschah es oft, daß sich Olivia +ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den +Teppich zu seinen Füßen niederließ und +in Büchern und in Heften blätterte, die +auf dem Boden aufgeschichtet lagen. Meist<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span> +bemerkte sie der Professor erst, wenn er die +Feder weglegte und sich erhob; dann sagte +er: »Du bist da, Kind?« und lächelte. +Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen +war, ihn nicht zu stören.</p> + +<p>Manchmal machte er kleine Spaziergänge +im Park, dann nahm er Olivia mit +und führte sie an der Hand. Verwundert +betrachteten die Leute das schöne Kind. +Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach +dem Vater sahen, der so nachdenklich und +voll Würde dahinschritt. Sie war stolz +auf ihn.</p> + +<p>Einst hatte Olivia die Mutter belogen. +Sie war mit dem Fräulein im Prater gewesen +und hatte gesagt, sie sei bei ihrer +Tante, Frau von Scheyern, gewesen. Ihr +Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld +verraten. In der Entrüstung darüber +forderte die Mutter, daß sie zur Strafe in +einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte +sich aber mit solcher Leidenschaft, daß die +Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da +kam der Professor in die Stube; ihn sehen +und an seinen Hals stürzen, war für Olivia +eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie +und klammerte sich so krampfhaft an den +Vater, daß der erschrockene Mann alle +Mühe hatte, sie zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing period">beruhigen.</ins></p> + +<p>Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, +Olivia war damals elf Jahre alt, trat +der Professor eine Erholungsreise nach +Italien an. Olivia empfand seine Abwesenheit +schmerzlich, und jeden Morgen setzte +sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. +In Neapel wurde der Professor schwer krank +und starb eines plötzlichen Todes.</p> + +<p>Olivia begriff es nicht. Der Leichnam +kam, die Beerdigung fand statt, viele Leute +waren im Haus, die Mutter weinte, der +Bruder, die Verwandten weinten, Olivia +begriff es nicht. Für sie war der Vater +immer noch verreist; sie glaubte und begriff +nicht seinen Tod.</p> + +<p>Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb +ihm einen Brief. Sie teilte ihm die kleinen +Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von +der Mutter und von Ferdinand, sprach von +ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen, +von ihrem Wunsch, etwas zu werden und +ihm Ehre zu machen. Da sie aber keine +Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in +einer Mappe, – so lange, bis sie endlich +begriff.</p> + + +<p class="newsection">Die großen Einnahmen des Professors +waren von dem luxuriösen Haushalt verschlungen +worden; nach seinem Tod blieb +nur ein bescheidenes Kapital übrig, und +Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit +gezwungen.</p> + +<p>Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten +und des neuen Lebens war es +Robert Lamm, der der Witwe als Freund +zur Seite stand. Frau Khuenbeck hatte +einen an Furcht grenzenden Respekt vor +ihm. Auf Ferdinands Erziehung übte er +einen entscheidenden Einfluß, während er +Olivias Tun und Lassen gleichmütiger zu +betrachten schien.</p> + +<p>Robert Lamm hatte in wenigen Jahren +eine bedeutende Laufbahn zurückgelegt, +die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten +zugerechnet wurde. Er war Hofrat +am Verwaltungsgerichtshof, hatte beneidete +Auszeichnungen erhalten und genoß +als juristischer Schriftsteller den Ruf +einer Autorität.</p> + +<p>Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; +er war der Schrecken ganzer +Heere von Beamten, denn ihm war eine +seltene Kraft eigen, nämlich eine Sache, die +er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.</p> + +<p>Von früh an atmete Olivia gern die +Luft um diese ehrliche, furchtlose und derbe +Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, +und er hatte immer ein herzliches +Wort für sie. Während er mit der Mutter +sprach, stand sie in seiner Nähe; lächelte +er ihr zu, so ging sie hin und lehnte sich +an seine Schulter.</p> + +<p>Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, +wurde er förmlicher. Er hörte plötzlich auf +sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er +verbeugte sich und sagte, wenn sie es ausdrücklich +verlange und die gnädige Frau, er +verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es +erlaube, werde er sie wieder duzen, doch +dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, +sie müsse ihn dann ebenfalls duzen. »Aber +ich habe es ja immer getan!« rief Olivia +erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der +Onkel nicht,« erwiderte er mit einer Grimasse, +»ich hasse die Onkels.«</p> + +<p>So nannte sie ihn also Robert und Du. +Gleichwohl behielt er seine Förmlichkeit +bei, die den Charakter spöttischer Galanterie +annahm, als ihm manches an Olivias +Lebensführung zu mißfallen begann. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> +war so eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher +versessen, so atemlos tätig, das mißfiel ihm; +er äußerte sich nicht darüber, er wurde +nur immer spöttischer und galanter.</p> + +<p>Eines Abends kam er, als Olivia bei +einem Buch saß. Er beugte sich über ihre +Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte +den Kopf, und da ihn Olivia fragend anschaute, +nahm er das Buch, blätterte, schüttelte +abermals den Kopf und fragte endlich: +»Wie alt bist du denn jetzt?«</p> + +<p>»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. +Ihr Haar leuchtete wie Gold im Lichte der +Lampe.</p> + +<p>»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« +rief der Hofrat aus. Sein Gesicht +war so traurig, daß Olivia lachen +mußte.</p> + +<p>»Und womit sie ihren Kopf sonst noch +plagt«, mischte sich die Mutter ins Gespräch; +»Mathematik und Philosophie und Literatur +und Geschichte und Klavierspiel und +Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn +ich zusehe.«</p> + +<p>So oft nun der Hofrat da war, hatte +er immer denselben Blick für Olivia, in +dem zugleich Kritik und Bedauern lag. +Der Blick sagte: was soll es dir nützen, +Mädchen, Plato im Original zu lesen? +Wozu schlingst du tote Wissenschaft in dich +hinein? Was sollen dir die Scharteken?</p> + +<p>Wahrscheinlich wußte er zu wenig von +der Jugend, mit der Olivia aufwuchs; +von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff +und neuer Form, nach Gehalt und Entfaltung. +Dies Geschlecht mußte sich alles +ertrotzen, Arbeit und Genuß, Urteil und +Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes +und der Rasse nicht erliegen wollte: der +Frivolität und der Trägheit. Verloren sie +in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, +so durften sie doch die Vorsichtigen verachten, +die bequemen Romantiker, die feigen Hüter +des Herkömmlichen.</p> + +<p>Er wußte nichts von dieser Jugend, sah +nicht Lebensfülle und hoffnungsvolles +Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. +Einst kam er zu Frau Khuenbeck und war +enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war +ins Konzert gegangen. »Es ist das zweite +in dieser Woche,« sagte Frau Khuenbeck; +»und einmal Theater, und einmal eine +Bilderausstellung, und am Sonntag auf +den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, +ich weiß nicht, wo sie die Zeit und die Kraft +zu allem hernimmt.«</p> + +<p>»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, +und deutete auf einen Tennisschläger und +ein Paar weiße Schuhe, die auf einem +Stuhle lagen.</p> + +<p>»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. +Als sie das finstere Gesicht des Hofrats +gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber +es ist nicht Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht +meinen, es ist etwas anderes. Sie +ist von allem, was sie macht, so voll und +tut alles, was sie tut, so freudig, daß man +es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«</p> + +<p>Diese Begründung war für den Hofrat ein +Schall. Olivia war schön; das allein gab +ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen +waren häßlich; Bücher machten häßlich, +Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen +zu drängen, machte häßlich. Auf +Sportplätzen die Glieder verrenken, die +Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten +und mit groben Stoffen bekleidet +sich den Unbilden des Wetters aussetzen, +das nannte er ein unerquickliches Schauspiel. +Der Schönheit floß alles zu, sie +raubte der Natur nichts, sie ließ sich von +ihr beschenken, Schönheit war einsam, war +sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und +Olivia verging sich gegen das Gesetz.</p> + +<p>Er erkaltete gegen Olivia, und seine +Besuche wurden immer seltener.</p> + + +<p class="newsection">Um diese Zeit wurde Olivia von einer +heftigen Schwärmerei für einen genialen +Kapellmeister und Komponisten ergriffen, +der wie ein Feuer unter die Gilde der +stadtansässigen Musiker gefahren war und +das Publikum erst unterwarf, als es sich +von seinem Staunen über ihn erholt <ins class="correction" title="Transcriber's note: corrected comma to period">hatte.</ins></p> + +<p>Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, +und einmal begegnete sie den beiden, +die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat +grüßte sie und blieb stehen; er machte +sie mit dem vergötterten Manne bekannt. +Sie wurde blaß, stammelte ein paar Worte, +verstummte und ging dann weiter. Sie +hatte seine Stimme gehört, und diese +Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die Stimme +eines Menschen konnte sie beleidigen und +enttäuschen, aber auch beglücken und bezaubern. +Seine Stimme hatte ihre Seele +tiefer angerührt als irgendeine zuvor.</p> + +<p>Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> +an einem Gebirgssee. Olivia wußte +die Mutter zu überreden, daß sie dort die +Ferien verbrachten. An vielen Tagen, in +Mondnächten wandelte sie andächtig die +Pfade, auf denen er gegangen war. Seine +persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war +immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; +sie war zufrieden, wenn sie ihn +einmal des Tages von ferne sah.</p> + +<p>Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen +Blumenbeeten. Er glaubte sich unbeobachtet; +bei einem Strauß beugte er sich +nieder, um zu riechen. Die Zärtlichkeit +der Bewegung hatte für Olivia etwas +Außerordentliches. Von da an schaute sie +Blumen mit andern Augen an. Es mußten +stets Blumen in ihrem Zimmer sein, zu +jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, +pflegte sie, freute sich, wenn sie blühten, und +trauerte, wenn sie welkten.</p> + +<p>Als der Musiker eines frühen Todes +starb, gab sie alles Geld, das sie besaß, +für Blumen aus und schmückte mit ihnen +sein Grab. Die unschuldige und wunschlose +Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen +noch empfänglicher gemacht.</p> + +<p>Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung +gegenüber dem lebendigen Auf +und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, +mit Freunden zu sein, an Freunde +sich auszuteilen, war Glück. So wurde +sie vielfach in die Geschicke der Menschen +verflochten, vielfach beansprucht. Manches, +was im Spiel begonnen war, verwandelte +sich in bitteren Ernst; Vertrauen wurde mißbraucht, +Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, +Wahrheit in Lüge verkehrt. Aber +auch dies war für Olivia ein Stück des +großen Reichtums, waren angefaulte +Früchte von dem Baum, der ein Übermaß +der guten gab.</p> + +<p>Wie liebte sie die Welt, das Leben, die +Stunde! Sie freute sich jeden Morgen +über ihr Erwachen, über den Himmel, die +Luft, das Licht, die Zeit, über alles, was +sie sich vorgesetzt hatte und was andere +von ihr erwarteten, über ein Gespräch, +das sie gestern geführt hatte, einen Spaziergang, +den sie heute machen wollte, über +ihren eigenen Körper, über jedes Ding in +ihrer Stube.</p> + + +<p class="newsection">Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium +her, war Marianne von Friesheim, +ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen +von ernstem Wesen. Mariannes Vater +war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef +und Exzellenz, und durch seine +Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen +Magnaten einer der reichsten Männer +des Landes.</p> + +<p>Olivia kam beinahe täglich ins Haus, +und alle, von der Exzellenz bis zum geringsten +Dienstboten, bewunderten und +verwöhnten sie. Wenn der Sektionschef +ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein +Leuchten über sein rotes, grobes Gesicht; +er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte +mit ihr. Olivia hatte Sympathie +für ihn; er schien ein gütiger Vater und +ein wohlwollender Mensch zu sein.</p> + +<p>Frau von Friesheim machte Olivia zur +Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn Eduard, +ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten +eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft, +deren mittelpunktloses und unberechenbares +Wesen schon manchem ihrer +Anbeter verhängnisvoll geworden war. +Eduard, ohnehin verschlossenen Gemüts +und von eigenwilliger Lebenshaltung, +wurde durch den Umgang mit dieser Frau +den Seinen vollends entfremdet. Nur an +der Schwester hing er, und ihr hatte er +auch vor kurzem mitgeteilt, daß es sein +Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. +Hierüber war Frau von Friesheim sehr +unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen +Eduard und Olivia ein freundschaftliches +Verhältnis entstand, legte sie ihr +nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem +gefährlichen Einfluß jener Frau zu entziehen.</p> + +<p>Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia +mußte lachen. Auf der anderen Seite +war es der Sektionschef, der ebenfalls eine +heikle Aufgabe für sie hatte. Marianne +nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen +Maler gefaßt; Georg Ingbert war +sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, +und wie es auch mit seinem Talent +beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld, +sich geltend zu machen, besaß er +nicht. Er war im Gegenteil voll Gelassenheit, +und dieser Gelassenheit war eine bei +einem Mann seltene Anmut beigegeben, +Anmut des Geistes, des Herzens und des +Körpers. Wenn man ihn und Marianne +sah, konnte man sie nicht anders als miteinander +verbunden denken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>Während nun Frau von Friesheim die +Liebe dieser beiden mit auffallender Nachsicht +betrachtete, erblickte der Sektionschef +ein Unglück für seine Tochter darin. Eduards +Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige +Verirrung, und er meinte, wenn man ihm +nur Zeit lasse und nicht durch Widerstand +seinen Trotz errege, werde die Vernunft +siegen. Marianne sah er tiefer verstrickt; +er kannte die Treue ihrer Natur und, bei +aller Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. +Er schätzte die Künstler gering; die meisten +waren Schmarotzer nach seiner Meinung. +Und er forderte, Olivia solle Marianne +dazu bringen, daß sie dem Maler entsage.</p> + +<p>Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie +sich nicht berechtigt, und als seine Versuche +dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit +auf, um ihn zu überzeugen, daß man +zwei Menschen, die durch Bestimmung +zusammengeführt worden, nicht voneinander +reißen könne, ohne ihren Lebenskern +zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich +in Gründen, Olivia blieb standhaft +und entwaffnete ihn durch ihre heitere +Ruhe; schließlich schien es, als bereite ihm +das Wortgefecht an sich selber Freude und +als vergesse er den ernsthaften Anlaß. +Wenn er mit ihr rede, bekannte er einmal, +komme es ihm allerdings vor, als sei es +am besten, dem Schicksal seinen Lauf zu +lassen, und doch dürfe es nicht sein, um +keinen Preis werde er sich fügen. Olivia +schaute ihn an, und als sie seinen finstern +Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem +bisherigen Urteil über ihn ein wenig irre.</p> + +<p>Sie ging mit der Familie aufs Land, +auch der Maler kam zu Besuch. Sie begleitete +Ingbert und Marianne auf ihren +Spaziergängen und ermunterte Eduard, +mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu +verschaffen, miteinander zu sprechen. In +einem benachbarten Ort wohnte Anita +Gröger, Eduards Geliebte, und er bat +Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. +Sie ließ sich zu ihr führen, und er merkte +ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel. Da +er sie um Offenheit drängte, gestand sie es +zu; die Frau sei ihr unheimlich, sagte sie. +»Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich +machen,« äußerte sie ein anderes Mal +zögernd. Eduard war bestürzt und kam +immer wieder darauf zurück. Sie bereute +ihre Voreiligkeit, doch sie hatte seinen eigenen +Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn +er bei Anita gewesen war, suchte er Olivias +Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen +und quälte Eduard durch ihre Eifersucht. +Es gab verschwiegene Zusammenkünfte +zu zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, +Briefe wurden getauscht, +und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, +da Eduards Herz sich ihr entschiedener +zuwandte.</p> + +<p>Nun mußte sie abwehren, und sie tat es +begütigend. Es war ihr alles ein Spiel. +Eduard war ihr im Innersten fremd; seine +Freundschaft mochte sie aber nicht missen. +Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. +Sie spürte, daß sie ihm ein Gleichnis gegen +die andere war, und daß die andere dabei +verlor. So stellte sie sich in den Schatten +und floh, wenn er sie suchte. Ingbert +merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. +Sie wollte seinen Rat haben, doch +er war zurückhaltend und hörte mit seinem +reizenden Lächeln zu.</p> + +<p>Eines Abends saß sie mit Ingbert am +Waldrand; Marianne war bettlägerig, +Eduard war für ein paar Tage verreist. +Sie sprachen über die beiden, über die Eltern, +über das Leben im Hause; plötzlich +sagte Ingbert, der Zustand, in dem er sich +befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas +Vergebliches und Künstliches, da er doch +genau wisse, daß Marianne ihm niemals +angehören würde. Als Olivia widersprechen +wollte, legte er seine Hand auf +ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, +er beklage sich ja nicht, er klage auch +nicht an; daß Herr von Friesheim gegen +ihn eingenommen sei, begreife er, doch +getraue er sich, den Kampf gegen ihn aufzunehmen; +jede äußere Schwierigkeit sei +überwindlich. Es liege nicht an dem; es +liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit +versprochen, damit steige oder falle sein +Stern.</p> + +<p>»Fragen Sie nicht, warum es dann so +weit gekommen ist,« schloß er leise; »das +Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht +einen andern Weg. Das Herz läßt sich +verführen, die innere Stimme schweigt +lange. Auf einmal aber spricht sie, und +man steht sündig da und will doch nicht +noch mehr sündigen.«</p> + +<p>Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie +ging ins Haus, setzte sich an Mariannes<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht +dunkel im Zimmer gewesen, Marianne +hätte ihre Blässe und Erregung merken +müssen. Ingbert war auf der Bank geblieben, +man hörte ihn eines der alten Lieder +singen, die er liebte und in entzückender +Weise vorzutragen wußte. Marianne +preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein +selig hinziehendes Gefühl; sie wünschte, +Ingbert möge sie holen und mit ihr weit +fortwandern.</p> + +<p>Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne +nicht eröffnete, und wartete, daß sie +sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah +aber nicht, und Olivia zürnte Ingbert. +Doch wenn sie Marianne ansah, die +so kindlich hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. +Er hatte etwas so Gütiges +an sich, daß man billigen mußte, was immer +er tat, und bald wurde Olivia gewahr, +daß ihre Gedanken an ihn zum +Verrat an Marianne wurden.</p> + +<p>Indessen kehrte Eduard von seiner Reise +zurück und brachte zwei Freunde mit; auch +Freundinnen Olivias und Mariannes +kamen zu Besuch. Es entwickelte sich eine +lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert, +Fahrten und Wanderungen unternommen. +Eduard suchte bei jedem Anlaß Olivias +Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie +durch eine unwiderstehliche Strömung einander +im verborgenen zu; Marianne begann +endlich zu ahnen und litt still, und +Anita Gröger war der ruhlose Geist, der +bisweilen verdüsternd durch die herzlich +bewegte Kleinwelt zog.</p> + +<p>Stiegen auch Schatten empor, für Olivia +war alles noch ein Spiel. In der Luft +von Leidenschaft und Begehren, Forderung +und Abwehr, Spannung und Sehnsucht +atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs +und übte sich in jeder Kraft, die das Lebensgefühl +erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort +ein Schwankender, hier eine Verblendete, +dort ein Entflammter, sie stand immer in +der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden +und löste Fäden, verpflichtete sich zum +Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, +ganz nach ihrem Gefallen.</p> + + +<p class="newsection">Gegen Ende des Sommers, als die Gäste +schon abgereist waren, verabredeten sich die +Geschwister und Ingbert und Olivia zu +einem Ausflug in die Dolomiten.</p> + +<p>An einem Augustabend kamen sie müde +und staubbedeckt vom Rosengarten her ins +Karerseehotel, und als sie in die für Touristen +bestimmte Wirtschaftsstube traten, +bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um +einen Tisch waren mehr als zwanzig junge +Mädchen in Abendkleidern gruppiert; ein +Herr, der den Frack ausgezogen und die +Ärmel des Frackhemdes über die Ellbogen +gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen +Schüssel eine Bowle. Auf dem Tisch standen +Champagner- und Weinflaschen, Gefäße +mit Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem +Ernst verrichtete der Herr seine Arbeit, +mischte die Getränke, rührte mit dem +Löffel, kostete mit einem andern Löffel, und +immer, wenn ihm eines der Mädchen eine +Flasche reichte, sagte er etwas, worüber +alle in fröhliches Gelächter ausbrachen.</p> + +<p>Sie kamen vom Diner und hatten die +sogenannte Schwemme aufgesucht, um in +ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.</p> + +<p>Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft +nicht gekümmert hatte, schaute dann +doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und +als die Gruppe auseinandertrat, weil die +Gläser zum Einschenken gebracht wurden, +erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel +den Hofrat Lamm. Sie errötete +vor Freude.</p> + +<p>Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht +mehr gesehen, aber er war unverändert. +Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war +seine Gestalt noch jugendlich schlank, seine +Haltung straff und sein Gesicht frisch.</p> + +<p>Er warf einen seiner durchdringenden +Blicke an den Tisch, wo die vier saßen, und +erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte +sich in seiner ironisch galanten Art, ohne +besondere Überraschung zu zeigen, als hätte +er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, +daß er nicht kam, um sie zu begrüßen; +sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, +die ihn so zudringlich umschwärmten, und +fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als +er nach einer Weile das Glas gegen sie +hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie kühl.</p> + +<p>Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn +im Korbe sei, sie gab unwillig Auskunft, +mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische +Bemerkung des Hofrats über eines +der Mädchen aufgefangen hatte. Die andern +Mädchen kreischten, jetzt kamen auch +einige junge Männer hinzu, und die Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +wurde sehr lärmend. Der Hofrat +hatte seinen Frack wieder angezogen, und +plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte +ihr die Hand.</p> + +<p>Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei +dem Namen Friesheim zuckte er sichtlich +zusammen. Er nahm am Tische Platz, und +obwohl er drüben die beste Laune gezeigt +hatte, war er seit dem Augenblick, wo er +sich an den Tisch gesetzt hatte, einsilbig und +verstimmt. Mit gerunzelter Stirn stellte +er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, +verabschiedete sich steif und ging aus +dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen +ihm nach, aber er kümmerte sich nicht +um sie.</p> + +<p>Olivia war bedrückt wie schon lange +nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen gehen, +nahm ihren Rucksack und ließ sich von der +Kellnerin in eine der Touristenkammern +führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie +schlecht. Schon um fünf Uhr stand sie auf +und ging hinaus. Die Berge waren von +der frühen Sonne umglüht, aus dem Wald +strömte ein feuchter, kalter, harziger Duft. +Sie ging über einen Wiesenweg und bog +wie eine Trinkende den Kopf zurück.</p> + +<p>Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie +drehte sich um und gewahrte den Hofrat. +Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut +stak ein reichbuschiger Gemsbart. Er +glich nicht einem verkleideten Städter, sondern +sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, +sonnegebräunt.</p> + +<p>Er nannte ihr die welsch klingenden Namen +der Gipfel und Gletscher, die gegen +Süden lagen, und erzählte ihr von den +Touren, die er gemacht. Er fragte, ob sie +gefrühstückt habe, und als sie verneinte, +gab er ihr eine Tafel Schokolade. Zuerst +angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut. +Dann beschämte ihn ein forschender Blick +Olivias, und er zwang sich zum Reden. +Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn +geradezu nach dem Grund seiner gestrigen +jähen Verstimmung.</p> + +<p>Er bedachte sich kurz und antwortete, er +habe schon davon gehört, daß sie fleißig +im Hause Friesheim verkehre; die beiden +jungen Leute, in deren Begleitung sie sich +befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter +des Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn +dem so sei, fuhr er fort, erübrigten sich alle +Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, +sein Blick finster. Olivia blieb stehen +und schaute ihn erstaunt an.</p> + +<p>Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich +hoch; zur Linken fiel der Abgrund steil +hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia +von den Händen des Hofrats heftig an den +Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft +gegen die Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, +ihr bestürztes Gesicht war ihm +zugewendet; da ließ er sie los und lachte +grimmig. »Es ist nicht viel anders, als +wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; +»schlimmer noch. Mit solchen Menschen +umgehen, das heißt, allen Anspruch auf +Achtung verwirken und seinen Namen beflecken.«</p> + +<p>Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du +hättest dich vorsehen sollen,« begann der +Hofrat wieder; »eine Person wie du ist +verpflichtet, Instinkt zu haben und nicht +in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten +ist. Dieser Mann, in dessen Gehege +du so munter herumspazierst, ist einer +unserer verderblichsten Praktikenmacher und +Gelegenheitsjäger, ein Streber und Schleicher +von einem Format, daß sogar unsere +vielbesungene Gemütlichkeit keinen Reim +mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann +ist imstande, wenn sich zehn fähige Leute +zu einem Posten gemeldet haben, ihn mit +dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig +ist, und nicht vielleicht aus Unwissenheit, +nicht immer bloß deshalb, weil der +elfte ein Freunderl oder der Freund eines +Freunderls ist, sondern aus purem Vergnügen +an der Unfähigkeit und aus Bosheit +und Neid gegen die Fähigen. Dieser +Mann ist einer von denen, die nie einen +Richter brauchen, weil sie alles Recht so +lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft +und kirre gemacht ist; einer von denen, die +mit der Peitsche auf die Pferde einhauen, +wenn der Wagen den Berg hinauf soll, +und insgeheim den Hemmschuh ans Rad +legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er +ist mein Feind, er ist schlechthin der Feind; +ihn unschädlich zu machen, habe ich schon +meine beste Kraft verschwendet. Und nun +geh hin und setz’ dich wieder an seinen +Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«</p> + +<p>Er hatte scharf und kalt gesprochen wie +ein Sachwalter vor dem Tribunal. Olivia +zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen +Augen gleich einem gescholtenen<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, +schleuderte ihn in den Abgrund und lauschte +bis das Gepolter verklungen war. Dann +lachte er.</p> + +<p>»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, +ohne den Kopf zu erheben.</p> + +<p>»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete +er, »weil die Sonne so freundlich +scheint und der Himmel so blau ist. Und +weil unser Herrgott soviel Geduld hat. +Und weil die Bowle gestern so vorzüglich +war, und weil überhaupt alles so famos ist.«</p> + +<p>Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die +ganze Welt grau geworden.</p> + +<p>Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von +deinem Leben gewußt, Robert. Ich habe +dich für einen Menschen gehalten, der in +seinem Beruf glücklich ist.«</p> + +<p>Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches +Lachen hören. Dann schwieg er eine Weile, +und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing +er an, von seinem Leben zu sprechen, von +dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. +Von den Untergebenen und den Vorgesetzten; +wie ihn jene lähmten und diese ihm +mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, +nirgends Einsicht des Besseren, nirgends +Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, +das halbe Ungefähr, das veraltete +Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer +vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt +nach vorwärts auf Fallen stoße, das wohlwollende +Ermessen selbst im engsten Kreis +behindert sei durch unangreifbare Idole +und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg +aus diesem Pfuhl führe, an dem nicht die +Dummheit Wache hielt, oder die Phrase, +oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, +oder die Bequemlichkeit, oder der +Eigennutz, oder der Neid.</p> + +<p>Es war Flamme in seinen Worten, +dabei auch Witz; eine bissige Schadenfreude, +als bereite es ihm Spaß, Illusionen +zu zerstören.</p> + +<p>Und er zerstörte Illusionen, gründlich. +Ein eisiger Hauch wehte durch Olivias +Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre +Wangen waren blaß; es war, als hätte +sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge +in Ekles verwandelt, als stünde dort, wo +eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein +Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, +sie glaubte nicht und fürchtete doch, zu zweifeln. +Alles war plötzlich sonderbar anders.</p> + +<p>An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard +und Marianne, daß etwas mit ihr vorgegangen +war. Sie hatten am selben Tag +weiter wandern wollen, aber Olivia konnte +sich nicht zum Aufbruch entschließen und +schützte eine Unpäßlichkeit vor. Ingbert +fühlte sich in dem teuren und eleganten +Hotel nicht behaglich, und da die Geschwister +zögerten, die Tour ohne Olivia +fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner +Wege gehen. Um sich zu verabschieden, +kam er in Olivias Zimmer und fand sie +in tiefem Nachdenken. Sie gab ihm die +Hand, und als sie spürte, daß er ihren +Blick forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses +Einanderbegreifen hatte sich zwischen +ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte +Ausdruck in seinem klugen, +ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es +bedacht hatte, zog sie seinen Kopf herab +und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe, +seine Verwirrung erfüllte sie mit noch +größerer Liebe, er drückte seine Lippen auf +ihre Hand und verließ sie stumm.</p> + +<p>Es trieb sie zu Robert hin, und wenn +sie bei ihm war, erschien sie sich treulos +gegen Eduard und Marianne. Und wenn +sie bei Eduard und Marianne war, peinigte +sie deren argloses Wesen, und die +beiden Menschen waren ihr verdunkelt und +entrückt. Marianne, die über Ingberts +Flucht unglücklich war und Pläne schmiedete, +wie man ihn noch erreichen könnte, +nahm Olivias verändertes Betragen nicht +schwer und war offen und anschmiegend +wie immer; Eduard jedoch deutete alles +auf sich und sein Verhältnis zu Olivia. +Seine Erregung wuchs, er suchte eine +Aussprache herbeizuführen, er bat sie +schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften +Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; +sie leugnete. Er ging nicht weiter darauf +ein und sagte, daß er mit Anita Gröger +gebrochen habe. Sie wußte, was nun +folgen würde, sie hatte Angst davor, und +mit einer Kälte, die ihn bleich machte, +verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da +gingen sie auseinander.</p> + +<p>Am selben Abend schlug ihr Robert +Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause +reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg +zu begleiten, wo ihre Mutter sie erwartete. +Zu Eduard und Marianne sagte sie, die +Mutter habe ihr geschrieben und sie gerufen.<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +Sie umarmte Marianne mit dem +Gefühl einer Trennung für immer, Eduard +schaute sie starr an, und so oft sie nachher +an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde +ihr weh zumute, und sie hätte die Erinnerung +auslöschen mögen.</p> + +<p>Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er +seinerseits sprach nur von gleichgültigen +Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber +dem Groll nicht zu überlassen; sie vermied +es, seinem Blick zu begegnen, der während +der langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend +auf ihr ruhte, und als sie von Innsbruck +ab allein im Coupé waren, brach sie +selbst das Schweigen aus unbestimmter +Angst. Sie begann von Menschen zu +sprechen, die sie beide kannten und von +denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie +redete sich in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten +und Handlungen dieser Menschen +und übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie +von ihm angegriffen worden. Er hörte +mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal +ermunternd und schaute in die Landschaft.</p> + +<p>Da erschien ihr alles falsch und einfältig, +was sie sagte, sie mochte die schönen +Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, +und sie fühlte mit Betrübnis, daß sie +all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie +sie es bisher geliebt. Es war, als hätte +Robert Lamm einen Schleier darüber gezogen, +und als sei es fruchtlos, sich gegen +die stumme Gewalttätigkeit, die er an ihr +übte, zu wehren. Desungeachtet zwang +es sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise +zu fragen, ob sie ihn nach ihrer Rückkehr +in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, +wenn er nein gesagt oder eine +Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: +»Freilich will ich dich sehen.« Und als sie +schwieg, fügte er düster lächelnd hinzu: +»Vielleicht brauch’ ich dich.«</p> + +<p>Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? +Du – mich?«</p> + +<p>»Kommt dir das so unglaublich vor?« +Er lachte über ihr hilfloses Gesicht. Plötzlich, +der Zug fuhr schon in die Halle, +beugte er sich nahe zu ihr, ergriff ihre +beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit, +die sie bei keinem andern +Menschen als bei ihm wahrgenommen +hatte: »Ich kämpfe gegenwärtig einen +Kampf, in dem für mich alles auf dem +Spiel steht. Ich kämpfe für die Ehre eines +Toten, für die Rettung seines guten Namens, +für sein Weib und seine Kinder. +Sie wollen ein Verbrechen, das begangen +worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste +Niedertracht, die sich denken +läßt, nicht verantworten. Das darf nicht +geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, +obwohl ähnliches schon tausendmal +geschehen ist. Aber bei diesem einen +Mal hab’ ich mir in den Kopf gesetzt: es +darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, +dann bin ich fertig mit der Wirtschaft. +Dann komm zu mir, Olivia, dann haben +wir vielleicht einiges miteinander zu reden. +Leb’ wohl, grüß’ mir die Mutter.«</p> + +<p>Sie stieg aus, aber am liebsten hätte +sie jetzt mit ihm weiterfahren mögen. +Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken +und Gefühl war dunkler gefärbt. Alles, +was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, +dünkte ihr plötzlich falsch +und einfältig. Drei Tage später fuhr sie +mit der Mutter in die Stadt zurück, und +einen Tag nach der Ankunft ging sie zu +Robert Lamm.</p> + + +<p class="newsection">In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen +Kurort, hatte der junge Arzt +Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine +Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeübt. +Da hatte sich im Sommersbeginn +in einer Häuslerfamilie ein Typhusfall +ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, +was seine beschworene Pflicht als +Gemeindearzt war, er hatte die Erkrankung +zur Anzeige gebracht.</p> + +<p>Es entstand sogleich eine große Erregung. +Einige Bürger hatten noch in +letzter Stunde den Doktor an der Ausführung +seines Entschlusses zu hindern +gesucht. Die Sanitätskommission selbst, +deren Vorsitzender der Bürgermeister war, +hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler +und Kurgäste den Ort verlassen +und für lange Zeit in Verruf bringen +würden. Es war umsonst gewesen; weder +Bitten, noch Versprechungen, weder Warnungen, +noch Einschüchterungen fruchteten, +Doktor Seelmann achtete die Pflicht höher +als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.</p> + +<p>Die unmittelbare Folge seines Schrittes +war, daß eine Militärabteilung, die in<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +Riedach hatte einquartiert werden sollen, +in einen andern Ort befehligt wurde. +Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte +sich Schrecken, und mehrere +Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut +von Beschimpfungen ergoß sich nun über +den jungen Arzt, und alt und jung machte +der Erbitterung in den unflätigsten Formen +Luft. Die Männer erwiderten seinen +Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße +vor ihm aus. Der Metzger, der Bäcker, +der Milchhändler weigerten sich, seiner +Frau die Lebensmittel zu verkaufen, die +sie für sich, den Mann und das kleine +Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine +Spott- und Drohbriefe, die Fenster seiner +Wohnung wurden ihm eingeworfen, man +ging nicht mehr in seine Sprechstunde, +enthielt ihm die Bezahlung vor, und im +September wurde ihm seine Stellung als +Gemeindearzt gekündigt.</p> + +<p>Er wandte sich an den Reichsverband +der Ärzte, und dieser rief die Behörden +um Unterstützung an. Der Appell war +nicht vergebens, Gemeinderat und Sanitätskommission +wurden vom Statthalter +aufgelöst, der Bürgermeister seines Amtes +entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, +und der Bezirkshauptmann schickte +eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt +schützen sollte.</p> + +<p>Doktor Seelmanns Lage besserte sich +aber dadurch mit nichten. Vor körperlichem +Schaden konnte man ihn bewahren, +die Praxis konnte man ihm nicht zurückgeben; +die Leute zwingen, ihm die Honorare +zu entrichten, die sie ihm seit Jahr +und Tag schuldeten, konnte man nicht. +Er war ruiniert. In den verflossenen +Monaten hatte er einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen +vor Gericht gebracht, +und jeder dieser Prozesse wurde zu seinen +Gunsten entschieden. Aber nach jedem +Prozesse kam er mutloser und hoffnungsloser +heim. Seine Spannkraft war dahin, +sein Geist getrübt, seine Gesundheit erschüttert, +mit vierzig Jahren sah er wie +ein Greis aus.</p> + +<p>Daß seines Bleibens in Riedach nicht +war, begriff er wohl. Riedach war aber +seine Heimat; er liebte das Land, er hatte +sein Dasein hier zu beschließen gedacht. +Wohin sollte er als mittelloser Landarzt +ziehen, wohin mit Frau und Kind und +einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie +sollte er die Verleumder zum Schweigen +bringen, die ihn sicher bis in die Ferne +verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, +mit der sie ihn bedeckt, die Besudelung, +die Kränkung vergessen? Ein +neues Leben anzufangen, fehlte ihm das +Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, +der ihn aufrichtete, die Tröstungen seines +Weibes beugten ihn nur noch tiefer, denn +er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. +So brach er zusammen, wurde krank und +starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte +eine Gehirnentzündung als Ursache seines +Todes, aber in Wirklichkeit hatten ihn der +Kummer und der Lebensekel getötet.</p> + +<p>Der Reichsverband der Ärzte stellte nun +den Anspruch an den Staat, für die Hinterbliebenen +zu sorgen, die der bittersten Not +preisgegeben waren. Dies wurde bewilligt, +aber in so kargem Ausmaß, daß +die Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. +Einer von den Männern, die sich dafür +eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer +Erwartung nicht ruhig hinnehmen wollten, +bezeichnete den Hofrat Lamm als den +einzigen, dessen Beistand und Vermittlung +den halbwegs gescheiterten Plan noch zum +Erfolg führen konnte. Ihm allein traute +man die Entschlossenheit zu, ihn allein +hielt man für unabhängig genug, daß er +es als hoher Staatsbeamter wagen durfte, +für den begangenen Frevel eine Sühne +zu verlangen, die freilich verspätet war, +jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder +erhöhte.</p> + +<p>Der Hofrat hatte von dem Martyrium +des Arztes nichts gehört; die Zeitungen +hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige +Kunde, die im Dunkel umlief, war +nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die +Erzählung der Geschehnisse mit unbeweglichem +Gesicht. Den Abgesandten, die ihm +Vortrag hielten, begegnete er mit seiner +unverbindlichen und trockenen Höflichkeit, +ohne mit einer Miene zu verraten, daß +ihm die Angelegenheit näher ging als +irgendein anderer Hader zwischen Parteien. +Er ließ sich alle einschlägigen Akten +kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, +und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen +Zähnen. Dann zauderte +er nicht mehr, zu handeln. Er forderte +die Regierung auf, nicht nur mit<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +genügenden Geldmitteln die Mutter, die +Witwe und die Waise des in Ausübung +seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten +Doktor Seelmann zu unterstützen, des +gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht +nur alle schuldigen Bürger und behördlichen +Organe von Riedach zu einer +scharfen Strafe zu verurteilen; sondern +auch durch eine öffentliche und feierliche +Erklärung die geschändete Ehre und den +verunglimpften Namen des Toten vor den +Augen der Welt von allem Makel zu befreien. +Denn ein solcher Mann sei, genau +wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für +das Vaterland, für die Menschheit gefallen +und habe sich den gleichen Dank +verdient.</p> + +<p>Diese unumwundene Sprache begegnete +verlegenen Ausflüchten. Er drängte auf +eindeutigen Bescheid, man antwortete, +daß man den Fall noch einmal gründlich +untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit +zu gewinnen, war offenbar; der Hofrat +kannte die verwickelten Auswege und die +rostige Maschinerie zu gut, um sich damit +beschwichtigen zu lassen. Er ging zum +Minister; der erklärte sich als mangelhaft +unterrichtet, schützte wichtigere Geschäfte +vor und wies ihn an den Sektionschef +Friesheim. Hier täuschte Gleichgültigkeit +durch gefälligen Eifer; auch mit dieser +Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ +den Herren keine Ruhe, er bestand auf +seiner Forderung, er pochte auf das Recht. +Man hörte ihn an, man zuckte die Achseln, +jeder versicherte seine Willigkeit, jeder beteuerte +machtlos zu sein. Überall dieselbe +scheinbare Nachgiebigkeit, dieselbe Lauheit. +Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, +wenn er seinen Zorn nicht bändigen konnte. +In den Salzburger Bergen hatte er, vor +langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus +gekauft; dorthin floh er, so oft ihm +des Ärgers und der Plage zu viel wurde. +Er tat es auch jetzt und nahm sich vor, +geduldig zu warten. Aber diesmal graute +ihm vor der Einsamkeit; er fuhr nach +Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu +treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, +betäuben konnte. Zwei Tage nach dem +Gespräch mit Olivia erhielt er in der +Sache des Doktors Seelmann den schriftlichen +Bescheid des Ministeriums: die +sachliche Entschädigung betreffend, habe +man die Gelder zum reichlichen Unterhalt +der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche +müsse man aber aus wohlerwogenen +Gründen zurückweisen.</p> + +<p>»Die Gründe will ich wissen,« knirschte +der Hofrat. Er packte seine Koffer und +reiste. In seiner finstern Ungeduld kam +ihm die Eisenbahnfahrt wie ein boshaft +langsamer Schneckengang vor. Gleich nach +seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen +Stellen.</p> + +<p>An Gründen war man nicht arm. Wozu +einen verjährten Streitfall aufwärmen, +einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig +noch einmal vor die Öffentlichkeit +zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen +immerhin zweifelhafter und schwer +nachweisbarer Vergehen schädigen oder +gar um ihre Existenz bringen? Es ist doch +nun alles so schön geglättet und vergessen, +wozu den Brand wieder anblasen, wozu +böses Blut machen? Wozu endlich die +Komödie einer Ehrenerklärung, die dem +Toten nicht mehr nützen und die Lebenden +nur verdrießen würde?</p> + +<p>»Ein glücklich begrabener Skandal ist +euch das!« rief Robert Lamm mit funkelnden +Augen. »Schön geglättet und vergessen +findet ihr alles? Nun, wir werden sehen, +ob euch nicht angst und bange wird vor +Gespenstern.«</p> + +<p>Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte +wurde bedenklich; der Störenfried +begann höchst unbequem zu werden. Man +konnte ihm nichts anhaben, zu viele stützten +ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte +man im stillen, als er in seinem Zorn die +Saite zu straff spannte und um seinen Abschied +bat. Es war ein Schreckmittel, er +glaubte nicht, daß man ihn würde gehen +lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein +von seiner Notwendigkeit und der Wichtigkeit +seiner Dienste. Allein der Abschied +wurde gewährt. Da er schon vor Jahren +in einer Angelegenheit, die den Hof berührt +hatte, zu scharf ins Zeug gegangen +war, brauchte man Tadel oder Einwand +von oben nicht zu fürchten.</p> + +<p>Das traf ihn unerwartet. Es dauerte +Tage, ja Wochen, bis er sich wieder gesammelt +hatte. Die Zustände waren also +noch viel heilloser, viel giftiger, als er sich +eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. +Er ließ die Sache, für die er sich geopfert,<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +auf sich beruhen. Er wich den Menschen +aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ +seine Stadtwohnung und zog sich ganz +in seine Villa zurück.</p> + +<p>Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, +nahe den bewaldeten Hügeln und +inmitten eines großen Gartens, der vor +neugierigen Blicken durch eine hohe, steinerne +Mauer geschützt war. Die zahlreichen +Räume enthielten Schätze von Gemälden, +Statuen, Büchern, Porzellan und alten +Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer +versperrt und nistete sich in einer Giebelkammer +ein. Die Haushälterin kochte +für ihn, und der Diener Gerold, eine Art +Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.</p> + + +<p class="newsection">Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich +gesehen. Entweder kam er zu ihr, +unterhielt sich eine Weile mit der Mutter +und forderte Olivia auf, ihn zu begleiten, +oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, +setzte sie sich in eine Ecke, nahm ein Buch +und las.</p> + +<p>Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, +sprach er nicht. Sie erfuhr es von andern. +Jeder entstellte es auf seine Weise, aber +es genügte, daß sie Robert Lamm anschaute, +dann rückte sich alles zurecht. Sie +war stolz auf ihn, nichtsdestoweniger drückte +sein Wesen sie nieder, ohne daß sie wußte, +wie es geschah. Er war vertraulich und +herzlich, dennoch schien es, als rede er mit +ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie +ihm nicht näher kommen konnte, beunruhigte +sie und trieb sie immer wieder in seine +Nähe.</p> + +<p>Da trat die Katastrophe ein, die ihn +aus seiner Wirksamkeit, aus seiner Laufbahn +riß. Am Tag, bevor er in die Villa +übersiedelte, gab er ihr in unfreundlichem +Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres +von keinem Menschen behelligt werden +wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging +verletzt und schweigend hinweg. Wieder +erst von andern hörte sie, was sich ereignet +hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, +aber da er sie zurückgestoßen hatte, blieb +sie ihm fern.</p> + +<p>Sie wollte ihr Leben wieder wie früher +führen. Allein die Heiterkeit und Sorglosigkeit +waren verflogen. Es war nicht +mehr der Leichtsinn darin, das süße Träumen, +das unbefangene Lachen. Sie lauschte +aufmerksam auf das, was die Leute zu ihr +sagten, und mißtraute den Worten. Zu +einigen Menschen, die sie lieb gehabt, ging +sie auch jetzt gerne, aber die rechte Freude +fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, +die Frau eines Großindustriellen. +Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, +hatte schon eine fünfzehnjährige Tochter +und wurde von allen, die sie kannten, wegen +ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes +bewundert. Wohl verspürte Olivia noch +immer den Zauber ihres Wesens, aber das +ganze Dasein dieser Frau erschien ihr auf +einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen +eine Melancholie, die ihr vordem nicht +aufgefallen war, und, was das Schlimmste +war, das Zusammensein mit ihr langweilte +sie.</p> + +<p>In der Trauer hierüber nahm sie zu +Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken hatten +aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, +sie war nicht erfüllt. Konzerte, Theater, +Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre +zahllosen Beziehungen wurden von Tag +zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst mühsam +erinnern, was sie an den oder jenen +Menschen gefesselt hatte; sie waren plötzlich +so schmucklos und ohne Anreiz. +Das Friesheimsche Haus mied sie. Eduard +hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem +Lloyddampfer genommen; aus überseeischen +Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen +Enttäuschung, Resignation und schüchtern +glimmende Hoffnung enthalten waren. Sie +antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, +konnte seine Zuversicht nicht heben.</p> + +<p>Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß +eine Weile schweigend da und begann auf +einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; +zu sagen wußte sie wenig, Trost hatte sie +keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne +schaute erstaunt und unwillig empor. +So verstellst du dich? zürnte ihr vorwurfsvoller +Blick. Erst als Olivia, kühl +und befremdet, zum zweitenmal fragte, +erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte +aber noch heftiger. Seltsam, die Tränen +rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie +Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert +schon seit Wochen in die Stadt zurückgekehrt +war und in seinem Atelier fast ohne +Pflege krank lag. »Ja, hast du ihn denn +nicht besucht?« fragte Olivia mit großen<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +Augen. »Wie soll ich denn? Wie kann +ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, +und um ihren Mund zuckte es +hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte +langsam: »Aber was willst du dann? +Warum weinst du?« Marianne senkte den +Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich +hab’ dich ungerecht beschuldigt,« hauchte +sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort +und war nun ganz kalt und zugeschlossen.</p> + +<p>Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von +einer alten Aufwärterin abgewiesen. Es +dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, +er liege im Fieber. Sie fragte, welcher +Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, +er wolle keinen Arzt. Da bat Olivia ihren +Hausarzt, daß er ihn besuche, und dieser +beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren +Bruder Ferdinand schickte sie hin und war +froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen +fand. Als sie endlich selbst zu ihm +gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein +blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick +überflammt von Freude; ihre offensichtliche +Bestürzung über die Armseligkeit seiner +Behausung entlockte ihm ein wehmütiges +Lächeln.</p> + +<p>Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes +Spinett, darauf spielte er ihr vor. Sie +sah seine Bilder und Studien an und fragte, +ob er nichts verkaufen wolle. Es waren +Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie +und besonderer Anschauung der Natur. +Er wählte einige Stücke aus und nannte +Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch +erhob. Er wehrte stolz-ergeben ab. +Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, +ihm, wenn auch wider seinen Willen, zu +helfen, schrieb sie an Robert Lamm, von +dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse +hatte. Ein paar Tage später teilte ihr +Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, +habe sich aber nicht entschließen +können, eines der Bilder zu erwerben. Es +lag etwas Verschmitztes in seinen Worten, +Olivia schöpfte Argwohn und ging zu Robert +Lamm, um ihn zu fragen. »Dein +Maler ist ein Narr,« sagte Robert Lamm; +»ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er +antwortete mir, gerade von denen könne +er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm +ein anderes, da meinte er, das sei nicht +fertig, und als wir endlich über ein viertes +beinahe handelseins geworden waren, behauptete +er, das habe er einem Freund +versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig +mit solchen Aufträgen zu verschonen.«</p> + +<p>Er ging im Zimmer auf und ab. »Was +soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr er +mit seiner keifend-hellen Stimme fort. +»Was soll’s mit der ganzen Kunst? Was +fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet +sie? Wen macht sie besser? Verringert sie +das Elend, die Niedertracht, die Willkür? +Es ist alles Schwindel und Selbstbetrug. +Die Leute, die dergleichen schaffen, werfen +Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden +Sumpf, und den andern, die sich dafür +begeistern, dient es als Ausrede für +ihr schlechtes Gewissen.«</p> + +<p>Olivia widersprach; er beharrte; das +Hin und Her von Worten war ein unnützes +Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich +festsetzen konnte, er riß sie fort, er riß +sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit +Schrecken spürte sie, daß sie bei jedem +Schritt, den sie unternahm, innerlich vor +seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen +zielte daraufhin, sich dem verhängnisvollen +Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit +in ihrem Gemüt war, strömte Ingbert +zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes Vertrauen, +ein stilles freilich, aber er schien zu +verstehen; nie durchbrach ein vorwitziges +Wort von ihm die Schranken, die sie aufgerichtet +hatte.</p> + +<p>Er durfte sie küssen, wenn sie kam und +wenn sie ging. Er vergaß nicht, daß er es +nur durfte. Er behandelte sie wie eine +Kostbarkeit, die bloß zufällig in seine Verwahrung +gegeben war. Sie stand jetzt in +der Blüte ihrer Schönheit; alle Menschen +drehten sich auf der Gasse nach ihr um; +ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle +Gang, das nördliche Blond der Haare, die +perlenhafte Haut, der vollendete Bau des +Körpers und seine vornehme Bewegung, +das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich. +Ingbert malte sie, wieder und +wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst, +was für ein Stümper ich bin;« doch sie +lächelte ihm zu und war froh über diese +Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. +So bezaubernd wie ihr ehedem die +ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd +dünkte ihr nun Ingbert allein. Und doch +war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich +verdunkelt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich +wähnte sie Klarheit zu gewinnen. Was +auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche +Schuld, die von Jahr zu Jahr sich +gehäuft hatte und noch immer, Stunde +um Stunde, wuchs. Und dort, in seiner +freiwilligen Einsamkeit, saß der Richter, +zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr +helfen, – zu den Menschen, von den +Menschen.</p> + +<p>Menschen! Das war das Rätsel, das +die Qual. Hatte sie denn die Menschen +vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen +und nicht geprüft? Mit ihnen gelebt und +sie nicht erkannt? War alles nur Spiel +gewesen, was sie mit ihnen verbunden hatte, +angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse +nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, +war es wertlos, das Entzücken an den +Dingen verwerflich, die Beschwingung und +das Streben eitle Gaukelei?</p> + +<p>Und was berechtigte sie zu dem nagenden +Mißtrauen? Was hatte die Flügelkraft +gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? +Woher waren die Zweifel gekommen? +Aus Worten nur. Durften Worte +solche Macht haben? Doch hinter den +Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht +eines Heuchlers, dort das Gesicht eines +Rechtlosen, hier eins, das vom trägen Genuß +verwüstet war, dort eines, das der +Hunger gezeichnet hatte; und vor allem +<em class="gesperrt">sein</em> Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, +erbittertes, richtendes Gesicht.</p> + +<p>Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte +Frieden haben; sie wollte mehr Beweise +haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen +konnte; einen Weg, der in die Sonne zurückführte. +Sie ertrug es nicht, sich in Haß +gegen die Welt zu verlieren.</p> + + +<p class="newsection">Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat +wegen einer Vormundschaftsangelegenheit +zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft +Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere +Male geschrieben, ehe er sich entschloß, zu +kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag +im Fasching; Ferdinand und Ingbert hatten +sich verabredet, zusammen auf einen +Maskenball zu gehen, auch Olivia war +von mehreren Bekannten zur Teilnahme +aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.</p> + +<p>Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck +am Tisch und überlas einige Urkunden, +da traten Ingbert und Ferdinand und ein +Freund des letzteren mit Lärm und Lachen +ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, +der andere als Indianer, der dritte +als italienischer Fischer gekleidet. Frau +Khuenbeck erhob sich, heiter überrascht, +Olivia stand lächelnd auf der Schwelle. +Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen +aus, und er klatschte sogar Beifall. +Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit +den jungen Leuten begann er von Redouten +zu berichten, bei denen er durch diese +oder jene abenteuerliche und ungewöhnliche +Tracht Aufsehen erregt hatte. Es +bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen +Würze zu verleihen, meinte +er, und schilderte ein Fest von ehemals, +bei welchem hervorragende Personen, +Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten, +Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von +sich reden gemacht hätten. Er gab einige +Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die +sein glänzendes Erzählertalent ins Licht +setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so unterhaltend +und trotz des Zynismus, der +heimlich oder unverhüllt stets in seinen +Worten lag, so gewinnend, daß alle an +seinem Munde hingen und ihr Bedauern +nicht verhehlten, als er abbrach und sich, +plötzlich wieder trocken und hölzern höflich, +empfahl.</p> + +<p>Olivia war in Hut und Mantel, weil +sie einige Einkäufe in der Stadt machen +wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und +er schien sich darüber zu freuen. Seine unerwartete +Gesprächigkeit hatte erlösend auf +sie gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine +Gegenwart schien keine Gefahr mehr zu +enthalten.</p> + +<p>Schweigend gingen sie nebeneinander. +Es war Abend, viele Menschen waren +unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen +ab in die stilleren, aber auch dort +sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia +dies Schweigen natürlich, doch als sie ihn +anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene +finster und feindselig war. Sie erschrak; +sie konnte sich die Verwandlung nicht erklären; +sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, +wollte fragen, brachte aber kein Wort über +die Lippen. Immer wuchtender, immer +lähmender wurde sein Schweigen, und er +erschien ihr grausam und geheimnisvoll<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden +können, doch sie war nicht imstande, +den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, +in die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; +was zwang sie, ihm zu folgen?</p> + +<p>Sie spürte, wie sie allmählich bleich +wurde und ein fremdes Entsetzen sie beschlich.</p> + +<p>Auf einmal blieb er stehen. Sie waren +bereits hinter dem Gürtel, und statt der +elektrischen Bogenlampen brannten fahle +Gaslaternen. Er legte beide Hände auf +ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend +an und fragte: »Warum kommst +du nicht zu mir?«</p> + +<p>Stumm schaute sie zu Boden.</p> + +<p>»Komm morgen,« sagte er befehlend.</p> + +<p>Ein Automobil fuhr die Straße herauf. +Er rief den Lenker an, fragte Olivia, wohin +sie zu fahren wünsche, half ihr in den +Wagen, gab dem Manne Geld, lüpfte den +Hut und eilte hinweg.</p> + + +<p class="newsection">Als sie am andern Nachmittag in die +Villa kam, sagte ihr der Diener Gerold, +der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam +schritt sie durch die Alleen und über die +Wege und gewahrte ihn endlich auf einem +Beet, wo er harkte. In seiner Nähe gruben +der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.</p> + +<p>Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und +wartete. Nach einer Weile trat er zu ihr. Er +begann sogleich von Ferdinand zu sprechen +und sagte, der junge Mensch sei im Begriff, +zu verludern; er habe mit der Mutter über +ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, +daß es am besten wäre, wenn +man ihn nach Deutschland schickte. Einem +angehenden Techniker böten sich dort günstigere +Aussichten und ein reicheres Feld +der Betätigung als hierzulande, wo alle +Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß +dem flüchtigen Genuß zum Opfer falle.</p> + +<p>Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit +Frau Khuenbeck zum Austrag gebracht +hatte, war der einer Wohnungsveränderung. +Die Wohnung in dem eleganten +Stadtviertel war zu teuer geworden, und +Frau Khuenbeck hatte sie schon vor einigen +Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein +passendes Heim gefunden, und da hatte ihr +Robert Lamm geraten, in seine Nähe, aufs +Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon +gehört, daß in einem Haus in Pötzleinsdorf +eine Wohnung von drei Zimmern billig +zu vermieten sei; er sei heute vormittag dort +gewesen, und da sich alles in wünschenswertem +Stand gezeigt, habe er die Wohnung +gleich gemietet. In vierzehn Tagen +könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu +Hause ausrichten.</p> + +<p>»Du hast dann nur ein paar Minuten +Wegs zu mir,« schloß er, »kannst kommen, +wann du willst und hier im Garten spazieren +gehen. Wenn du’s wünschest, richt’ +ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen +und träumen. Dort, das Rondell zwischen +den Kastanien; vom Mai an ist es ganz +in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, +nicht zu träumen, besser ist’s, die Augen +offen zu halten, damit man nicht betrogen +wird.«</p> + +<p>Olivia wie die Mutter schieden ungern +aus der alten Wohnung, in der sie seit dem +Tod des Professors gelebt. Olivia erschien +sich zu einem ungewünschten Zustand vergewaltigt, +und als sie das neue Heim bezogen +hatten, kam sie sich wie eine Verbannte +vor, von allen Quellen abgeschnitten. +Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere +der Mutter nicht aufzuwecken; der Hofrat, +der zuweilen herüber kam, merkte die +Verstimmung und erging sich in boshaften +Bemerkungen. Um jene Zeit gab es schon +Blumen die Fülle in seinem Garten, und +er schickte einmal eine ganze Wagenladung +von Topfpflanzen, mit denen Olivia die +Fenster und den Balkon schmückte, bis das +Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer +verhüllt war.</p> + +<p>Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, +einer größeren Bestimmung entgegen. Seine +Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die +Trennung von Mutter und Schwester fiel +ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange +nicht zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr +immer so selbstverständlich gewesen, jetzt +fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige +Ungebundenheit zu allen Stunden. Frau +Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat +in bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt +hatte, stets willig beigestimmt; die +Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr +zugefügtes Unrecht, und sie faßte einen Groll +gegen Robert Lamm.</p> + +<p>Hiervon war häufig die Rede zwischen +Lamm und Olivia. Er äußerte sich bitter +über die Undankbarkeit der Mutter und spottete<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +über ihre wehleidige Schwäche. »Profit +machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft +wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; +»andere für sich schuften lassen und im +übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«</p> + +<p>»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, +dann brauchtet ihr nicht wie die +Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres +Mal; »er hat in manchen Jahren sechzig-, +siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, +und wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt +hätte, so hättet ihr heute ein ansehnliches +Vermögen. Statt dessen wurde alles für +Küche und Keller vergeudet; jeden Tag +offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die +sich den Bauch mästeten und wenn sie den +Rücken gedreht hatten, sich das Maul zerrissen, +weil sie doch nie genug bekamen; +Schöntuer und Speichellecker, die sich auf +Nimmerwiedersehen Geld ausborgten, +Dienstboten, die wie die Raben stahlen, +wahrhaftig, es war zu toll! Das Herz blutete +einem beim Zuschauen. Da war nichts +zu bessern; solche Lebenshaltung galt für +vornehm, keiner machte es anders, man +war ein Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, +man überzahlte jeden Genuß, und +jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, +wenn er nur eifrig zu katzbuckeln +wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir +stehen, meine Liebe. Nicht nur du und +deine geehrte Mutter, sondern ringsherum +die ganze Kompanie, das ganze Land, dicht +vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«</p> + +<p>Olivia wollte das Andenken des Vaters +nicht geschmäht wissen und verteidigte ihn +mit dem Hinweis auf seine Güte und seine +großmütige Sinnesart. Das sei eine schlechte +Güte, die das eigene Fleisch und Blut der +Sorge überliefere, nur weil die Lockung +des Augenblicks stärker sei als die Vernunft, +war die Antwort; eine schlechte +Großmut, die jedem Lumpen zu willen +sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem +Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du +sprichst ja, als hättest du meinen Vater +gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. +Robert Lamm richtete sich steif empor. +»Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, +also!« – »Was, also? An ihm zuerst habe +ich unsere Krankheit konstatiert, er, bei seiner +Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir +zum Sinnbild unseres Unterganges. Die +Leistung an sich, auch die trefflichste, ist +nichts, so wie der allerreinste Charakter +fast nur als eine Abnormität dasteht, wenn +er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken. +Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er +zeitlebens gearbeitet hat, wie selbstlos er +seinem Beruf hingegeben war. Aber ich +war ein Feind seiner Weichheit, seiner +Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, +seines Allesiebengradeseinlassens.«</p> + +<p>Und er kam auf gewisse Zustände an der +Klinik, die damals schon von sich reden gemacht +hätten und heute zum Skandal gediehen +seien. Khuenbeck habe dem Unwesen +nicht zu steuern vermocht und sich seufzend +ergeben. Er sei niemals fähig gewesen, +Ränke zu spinnen, aber er habe auch den +Gedanken nicht ertragen können, daß +andere gegen ihn Ränke spannen. Deshalb +sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, +sich zu demütigen, wenn es einen Widersacher +zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen, +daß er einem Kollegen, der ihn +auf der Gasse mit herausfordernder Kälte +gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um +sich nach dem Grund seines Gesinnungswechsels +zu erkundigen. Da wurde dann +geredet und geredet; der klaffende Riß, der +Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit +scheidet, sei mit Floskeln, Schmeicheleien +und Versicherungen zugestopft worden, und +zum Schluß habe man sich freundschaftlich +die Hände geschüttelt, womit alles beim +alten geblieben sei und die Schlamperei +Fett angesetzt habe.</p> + +<p>»Am Ende seines Lebens ist er dann +müde und traurig geworden und sah wohl +ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« +sagte Robert Lamm. »Eines Abends, es +war kurz, ehe er die Reise antrat, von der +er nicht heimgekehrt ist, erzählte er mir +die Geschichte eines seiner Schüler. Der +höchst begabte junge Mensch hatte den +Malaria-Bazillus entdeckt; er war bettelarm, +und da er sich politisch kompromittiert +hatte, konnte er nirgends Unterstützung finden; +alle seine Gesuche um ein Stipendium +wurden abschlägig beschieden. In der +Verzweiflung darüber, daß er die zur Herstellung +des Serums, also zur Nutzbarmachung +seiner Entdeckung erforderlichen +Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, +beging er die Eselei, Banknoten zu fälschen. +Die Sache kam natürlich ans Licht, er +wurde zu langjährigem Kerker verurteilt,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +und damit war seine Existenz vernichtet. +Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; +er hatte von den Arbeiten des +jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was +für Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt +worden waren, Schwierigkeiten, auf +die bei uns jeder stößt, der etwas will, +etwas kann und etwas ist. Als er sich entschlossen +hatte, einzugreifen, war es schon +zu spät gewesen. Freilich war er durchaus +nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die +Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten +Male sah ich ihn ganz niedergeschlagen, +und in seiner müden Art klagte er das +Regime an, machte das Regime verantwortlich +für alle Übel. Nun, dieses Lied +war mir bekannt. Das Regime ist wie der +Drache im Märchen, der die Jungfrau zum +Fraß verlangt; allgemeines Heulen und +Zähneklappern, Schimpfen und Fluchen, +aber der Drache gibt nicht nach, und die +Jungfrauen werden ausgeliefert. Im +Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein +und macht dem Untier den Garaus; +ich möcht es nicht erleben, wie so ein Schneiderlein +bei uns traktiert würde; die Schikanen +und Kniffe und Bedenklichkeiten +würden ihm seine Heldentat schon verleiden, +wenn’s überhaupt dazu käme, und statt die +Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur +Belohnung einen Fußtritt.«</p> + +<p>›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia +in einem fort denken; qualvoll war ihr seine +schrille, keifende Stimme, qualvoll dies +Schelten, Raunzen, Geifern und Höhnen. +Sie sehnte sich nach einer Stimme, die +Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich +ins Innere bohrte gleich einer Schraube. +Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu +sprechen, aber sie wagte es nicht, denn er +war empfindlich; warf er ihr doch <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ohnhin'">ohnehin</ins> +bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung +und Versüßlichung vor und spottete über +das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene +lag.</p> + +<p>Er entriß ihr Stück um Stück ihres +inneren Besitzes. Was er mit seinem Wort +berührte, wurde entwertet und entheiligt. +Bisweilen lehnte sie sich auf gegen seine +Welt- und Menschenverachtung, jedoch die +Armseligkeit ihrer Gründe entlockte ihm +nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele +nie verlegen, vor den Tatsachen mußte +sie sich beugen.</p> + +<p>Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, +ihm etwas werden zu können. Sie wies +auf die großen Werke hin, die großen +Schöpfer, die großen Gedanken der Menschheit. +Er nannte das ein frommes Geplauder; +die Menschen redeten nur davon, es +sei wie bei der Zeitung; über dem Strich +feiere die Korruption Orgien, unter dem +Strich würden Schönheit und Moral gepredigt, +was billig zu haben sei und niemand +in Unkosten stürze. Sie erinnerte ihn +an seinen Freund, den Musiker, der so viele +erhoben, so viele entflammt; er lachte geringschätzig +und fragte, ob sie denn nicht +wisse, daß man gerade den mit giftigem +Haß verfolgt und förmlich in den Tod gejagt +habe.</p> + +<p>Sie wußte nichts davon; er berichtete +Einzelheiten, erzählte, wie der wunderbare +Mann gelitten hatte, wie er gegen das +Ende seines Lebens, um sich und seine Kunst +zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen +habe, als aus dem Land zu fliehen und +wie er sich in Amerika durch aufreibende +Wanderfahrten die Krankheit zugezogen +habe, die seiner sternenhaften Bahn ein +Ziel gesetzt.</p> + +<p>Da tönte aus der Vergangenheit die +herrlich-sonore Stimme, nach der sich Olivia +gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, +Seelenstimme, erstickt nun und verloren; +sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos +um sich niedersinken.</p> + + +<p class="newsection">Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; +widerstrebte sie dann noch, so kam er selbst. +Er war der Stärkere; mit eiserner Faust +zog er sie in seine finstere Sphäre. Er +zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er +belud sie mit seiner schmerzlichen, im Grunde +edlen, aber auch ohnmächtigen Verbitterung. +Als sie wahrnahm, daß sie nur noch +mit seinen Augen sah, erschlaffte jeder Nerv +an ihr.</p> + +<p>Mit einer letzten Anstrengung suchte sie +sich zu befreien. Bei Senoners war ein +Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. +Als ausgezeichnete Tänzerin, die sie war, +wurde sie lebhaft umworben, aber schon +bei dem ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen +vor der Umschlingung eines wildfremden +Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu +Grimassen verzerrt, in allen sah sie etwas +Drohendes, Gemeines und Feiges. Die<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +Lichter taten ihr weh; das Lachen und +Scherzen, Nina Senoners Herzlichkeit, alle +Bewegung, Musik und Worte, alles tat +ihr weh. Jeanette, Ninas Tochter, ein +Mädchen von sprühendem Temperament, +sorglos wie eine Elfe, folgte Olivia auf +Schritt und Tritt; sie war wie behext von +der schönen Freundin ihrer Mutter, und +Nina, die es merkte, lächelte still und bat +Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen +wie früher. Jedoch Olivia glaubte +nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein +seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der +fast nie aus Ninas schwermütigen Zügen +wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, +und in einer Sekunde visionären Schauens +war es ihr, als klaffe zwischen dieser Mutter +und dieser Tochter ein Abgrund, von dem +beide noch nichts ahnten.</p> + +<p>In einem andern Kreis lernte sie wenige +Tage später einen russischen Sänger +kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung +schenkte; doch als er dann, von Männern +und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat +sang, wurde ihr Herz im Innersten +aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause +und wünschte nichts anderes, als den Sänger +noch einmal zu hören. Sie erfuhr, daß +er an einem bestimmten Abend wieder dort +sein würde, und versäumte nicht, sich einzufinden. +Es war ein gastliches Haus, in +welchem allerlei freie und halbfreie Menschen +zwanglos verkehrten. Bei ihrem Eintritt +wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; +sie zeigte weder Überraschung, noch Freude. +Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, +dennoch herrschte eine geheime Verständigung +zwischen ihr und ihm. Während er +sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte +gebannt in sein Gesicht. Er hatte eben ein +Lied geendet; das Entzücken der Hörer +äußerte sich in lärmendem Händeklatschen, +Olivia schaute immer noch verzaubert in +die Richtung, wo er stand. Da drängte sich +Ingbert durch eine aufgeregte Gruppe; er +ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit +einer freien Anmut der Gebärde strich er +mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht +und schmeichelnd über Olivias entblößten +Unterarm und flüsterte, so daß nur sie es +vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«</p> + +<p>Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen +Lippen. Olivia erschrak. Sie lächelte +gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, +das war kein Wort mehr für sie; es +mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.</p> + +<p>In diesem Augenblick gewahrte sie Robert +Lamm. Niemand schien sein Kommen +bemerkt zu haben, aber daß er da war, +schien doch allen selbstverständlich. Er hatte +zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, trotzdem +benahm er sich, als wären ihm die +Räume und die Menschen wohlbekannt. +Er war von einer komödiantisch übertriebenen +Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen +gegen die Damen lag etwas Geziertes +und zugleich Hämisches, sein Gesicht +war krebsrot. Olivia erhob sich. Er +sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. +Das Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits +die andern, in deren Mitte er sich +befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, +in der Haltung einer Hypnotisierten, näherte +sie sich ihm. Da wurden die Leute +aufmerksam, stellten sich um sie herum, beobachteten +verwundert ihr sonderbares Gehaben +und richteten scheue Fragen an sie. +Ja, seht ihr denn nicht! hätte sie rufen +mögen. Das Blut pochte wider ihre +Schläfenwand, mit einem dumpfen Schrei +brach sie zusammen.</p> + +<p>Ingbert fing sie in seinen Armen auf. +Sie aber fühlte sich in den Armen Robert +Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, +unentrinnbar und für alle Zeiten. Ihr +graute vor seiner Stimme, vor seinem +Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch; +sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle +Bemühungen waren vollkommen vergebens.</p> + +<p>Man brachte sie nach Hause. Unterwegs +wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne +und bat die Begleiter, die bei ihr im +Wagen saßen – es waren Ingbert und +ein junges Mädchen –, sie möchten die +Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt, +dankte sie ihnen, und als sie fort +waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen +Zügen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor +läutete.</p> + +<p>Sie schlief schwer, und gegen Morgen +hatte sie folgenden Traum. Sie war in +einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete +und festlich gelaunte Menschen sich +ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten +sich durch blendenden Schmuck und +kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter +brannten, nicht nur an den Wänden, in<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +Hunderten von Kandelabern, sondern auch +von der Decke hingen sie herab. Olivia +selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen +Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle +nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine +quälende Scham ihrer zu bemächtigen. Auf +einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, +ein drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in +regelmäßigen Pausen. Dies wurde anfangs +von keinem beachtet, denn die Helligkeit +blieb noch lange strahlend; als es +aber dunkler und immer dunkler wurde, +weil mehr und immer mehr Lichter verloschen, +wurden die Menschen still; alle +bewegten sich gegen die Wände hin, wie +wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden +Finsternis, und als zuletzt nur noch +eine einzige Lampe brannte, stand Olivia +allein in einem öden Raum. Der Schleier, +der sie einhüllte, wuchs und dehnte sich wie +Rauch, machte das Geschmeide und die +kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine +gellende Stimme rief in das Schweigen +hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, +niemand rührte sich.</p> + +<p>Sie erwachte, kleidete sich an und ging +in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat +war trotz der frühen Stunde schon in den +Treibhäusern. Sie wanderte durch das +Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete +die schönen Gegenstände. Sie +lagen, hingen und standen so nutzlos da, so +weltfern und ohne Freude.</p> + +<p>›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte +sie denken, ›so nutzlos und ohne Freude! +Und soviel Haß in der Brust!‹</p> + +<p>Dann ging sie in den Park. Es war +Sommer, unendliches Blühen. In zauberhafter +Pracht standen die Rosen; Säulen-, +Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen. +Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien +vorbereitet, es war ein Wuchern +von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, +Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue +Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis +und Winden drängten sich an gelbe von +Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien. +Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle +voller Seerosen, die feierlichen Alleen +von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen, +die dunklen Eichen, die gelbgeflammten +Platanen: es war ein Fest der Natur.</p> + +<p>Er aber kauerte im Treibhaus wie ein +Alchimist in seiner Küche und suchte das +Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.</p> + +<p>Während Olivia mit Blicken des Abschieds +den Garten langsam verließ, hatte +sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber +als dürfe sie um keinen Preis dem Rufe +folgen und zurückkehren.</p> + +<p>Sie kehrte nicht zurück.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span></p> +<p class="newsection">Olivia hatte mit der Mutter ein +entscheidendes Gespräch, und am +gleichen Abend reiste sie nach +München. Von dort ging sie +nach Florenz, dann nach Rom, dann nach +Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte +kärglich, gönnte sich kaum den Bissen zum +Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.</p> + +<p>In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule +und arbeitete mit Hingabe, wenn +auch ohne Enthusiasmus.</p> + +<p>Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, +erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau +Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte +Meister, dessen Unterricht sie genoß, äußerte +sich über Olivias Charakter mit Bewunderung, +über ihr Talent mit Vorbehalt. +Er glaubte nicht daran, daß ihr Entschluß +zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien +ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung +und des Verzichtes.</p> + +<p>Ein paar Tage später sagte Olivia zu +ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in der +Kunst zu nichts Großem bringen. Wir +können die Welt nicht anschauen, wir können +die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich +meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht +mehr hin.«</p> + +<p>Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. +Olivia ertrug das Meer nicht, und sie +reisten in die Schweiz, wo sie Frau von +Scheyern treffen sollten. In Zürich wurde +Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, +konnte nicht ergründet werden. Ein Arzt, +der Frau Khuenbeck empfohlen worden +war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie +und machte sich anheischig, Olivia vermittelst +einer sogenannten Seelenanalyse +zu heilen. Das Verfahren erregte solchen +Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem +Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch +einmal in ihre Nähe komme.</p> + +<p>Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte +nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man +sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei +jedem Geräusch zitterte sie, vor Büchern +empfand sie Widerwillen, die Natur ließ +sie kalt.</p> + +<p>Als Frau von Scheyern kam, merkte +Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit +ihrer Schwester, welche Veränderung +mit Olivia geschehen war. Sie war überschlank, +ihre Formen hatten die Weichheit +eingebüßt, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar +die Farbe ihrer Haare schien gebleicht. +Die Augen lagen tief in den Höhlen und +blickten fremd und matt.</p> + +<p>Man wollte sie zur Heimreise bewegen. +Sie weigerte sich und blieb gegen alles +Zureden taub. Das Beste, was man für +sie tun könne, sei, sie sich selbst zu überlassen, +erklärte sie. Den Frauen dünkte +dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich +mit einem Arzt und brachten sie in ein +Sanatorium am Bodensee.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Nach einigen Wochen schrieb sie der +Mutter, die nach Hause gereist war, sie +halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle +einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun +ging sie nach Arosa und mietete sich in +einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz +ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom +November bis August. Wenn man sie sah, +hatte man den Eindruck, als denke und +fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.</p> + +<p>Sie war von einer mörderischen Verachtung +gegen sich und ihren Zustand erfüllt. +Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen +Abgeschiedenheit waren Blumen, die +sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen +pflückte. Doch in ihrem erstorbenen +Herzen verspürte sie keine Freude über die +Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß +und trug ihn in ihre Stube. Am andern +Tag war er ein totes Ding.</p> + +<p>Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und +gelb.</p> + + +<p class="newsection">Eines Morgens trat der Besitzer des +Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: »Es +ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus +schließen.«</p> + +<p>Sie suchte nach einer andern Unterkunft, +aber man wollte sie nirgends aufnehmen. +Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, +wie sie war, traf sie Vorbereitungen, +nach Paris zu fahren. Man bedeutete +ihr, daß dies nicht anginge. Da +bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin +sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert +wurde. Sie gehorchte.</p> + +<p>In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte +Menschen, und Neugier und Angst +waren auf allen Gesichtern. Der Zug war +so voll, daß Olivia kein Plätzchen zum +Sitzen fand und sechzehn Stunden lang +gepfercht im Korridor stehen mußte. Und +immer mehr Leute stiegen ein; Frauen +kreischten, Kinder weinten, Männer suchten +ihre Gepäckstücke, Hunde bellten, unaufhörlich +liefen Gerüchte von Mund zu Mund, +das Kaiserlied wurde gesungen.</p> + +<p>Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen +fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei +den fortwährenden Berührungen, denen sie +ausgesetzt war.</p> + +<p>Als im Morgengrauen der Zug hielt, +sah sie auf dem Bahnsteig eine Bäuerin, +die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was +zwischen den beiden geredet wurde, konnte +sie nicht hören, aber wie sie voreinander +standen, Hand in Hand, Blick in Blick, +das rüttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen +Pein.</p> + +<p>›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; +›wer hat mir die Menschheit geraubt? +Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ +Auf einmal hatte der Lärm, der um sie +herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, +von dem die Menschen erfaßt +wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie +seine Gewalt.</p> + +<p>Niemand holte sie ab. Sie mußte lange +warten, bis sie einen Wagen bekam. Die +Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, +der einrücken mußte, war schon +aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte +sie froh, aber im übrigen wurde nicht viel +Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr +wohl. Niemand fragte, niemand bewachte, +niemand belauerte sie, deshalb gewann sie +Sicherheit und fühlte sich minder einsam, +als wenn man ihre Einsamkeit zu stören +versucht hätte.</p> + +<p>Eines Morgens kamen Ferdinand und +ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst +von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. +Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In +ihren Augen war neben einer heiteren +Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia +elektrisch berührt wurde.</p> + +<p>Später kamen noch einige der früheren +Freunde und Bekannten, die vernommen +hatten, daß sie wieder zu Hause war und +sich von ihr verabschieden wollten. Sie +schienen vergessen zu haben, daß Olivia +ihrer längst vergessen hatte, und waren so +zutraulich und aufgeräumt, daß sie sich +über jeden einzelnen wundern mußte. Oft +war sie nah daran, zu fragen: Bist du es +denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid +ihr wirklich so?</p> + +<p>Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. +Er war Artillerieoffizier und sah aus, +als ob er mit dem bunten Rock geboren +wäre. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia +eine papierne Rolle, die versiegelt war, +und bat, sie möge sie in Verwahrung +nehmen. Der Abschied war kurz und fast +ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit +des Hindenkens stützte Olivia den Kopf +in die Hand und weinte. Es waren gute +Tränen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Soldaten zogen singend am Haus vorbei. +Sie trat ans Fenster, einige schauten +empor. Die lachenden, jungen Gesichter! +An den Mützen steckten Feldblumen. Auch +diese fremden Leute hatten das seltsame +Etwas in den Augen, das wie ein Funke +herübersprang.</p> + +<p>Sie ging in die Stadt. Unzählbare +Scharen von Menschen zogen über den +Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte +die Massen. Elemente, die vorher +gegeneinander gewirkt hatten, flossen +zusammen und bildeten eine einheitliche +Kraft.</p> + +<p>In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft +vom Kriegsschauplatz ein; sie war +in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet +wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.</p> + +<p>Der Vorrat von Hoffnung war gering +im Lande; das Land hatte keinen Glauben +an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich +strömten, wie aus einem unerschöpflichen +Sammelbecken, immer neue Fluten von +Zuversicht. Nie waren Städte einander +so nah gewesen, nie hatten Menschen durch +die Ferne einander so gefühlt. Um jeden +einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm zum +Kerker geworden war.</p> + + +<p class="newsection">Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte +Olivia durch die Stadt. Sie ging +zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die +Verbindung gelöst hatte, konnte aber, als +schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in +ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles +Ringen.</p> + +<p>So kam sie auch zu Frau von Scheyern. +Diese wollte die Sorge um ihre Söhne +betäuben und machte sich an vielen Orten +nützlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu +begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, +wo zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt +waren. In einer Halle waren +mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh +gebettet; sie lagen ganz still da, mit +traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.</p> + +<p>Olivia blieb stehen und wurde bleich. +Was war das? Was geschah hier? +Menschen lagen da in ihrem Blut, und +andere Menschen gingen vorbei, als müsse +es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle +ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und +plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher +Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst +im Auge, wandte sie sich zu Frau von +Scheyern und fragte tonlos: »Warum +liegen denn die Leute hier?«</p> + +<p>»Wir haben zu wenig Platz,« war die +Antwort.</p> + +<p>Sie kehrte sich hinweg und verfiel in +Grübelei. Fremde Leute drängten sich um +sie, und Frau von Scheyern entschwand +ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die +Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und +starrte auf die Häuser, die vielen Fenster, +›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten +alle die Männer und Frauen in ihren +Stuben weilen, wenn für jene Blutenden +zu wenig Platz war? Wie konnten sie +essen, trinken, schwatzen, ihre Geschäfte besorgen +und in der Nacht schlafen? Zu +wenig Platz!</p> + +<p>Sie wurde von einer wachsenden Unruhe +ergriffen. Am andern Tag ging sie +wieder auf den Bahnhof, und noch mehr +Verwundete lagen da. Wie gestern an +Frau von Scheyern, wandte sie sich mit +scheuer Frage an einen jungen Militärarzt. +Die Antwort, mit bedauerndem +Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillkürlich +preßte sie die Hände zusammen, +dann floh sie wie von einem Ort der +Sünde.</p> + +<p>Immer entsetzlicher wurde das Bild in +ihrer Phantasie. ›Was tust du? Wozu bist +du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten +ihre Lippen. Sie wußte kaum, wie die +Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie +würde von neuem krank. Eines Morgens +begegnete sie Eduard von Friesheim. Er +bot ihr beide Hände dar, aber sie beachtete +seine freudige Erregung nicht, es war ihr +unangenehm, zu denken, daß ihre Person +Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes +sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach +Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie +in raschen Sätzen hervor, was sie bedrückte. +Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne +tätig; dort seien die Zustände beängstigend, +sagte er; die Leute lägen in den +Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten +Verletzungen. »Und Sie, Eduard, +und Sie?« kam es gequält und empört +von Olivias Lippen.</p> + +<p>Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert +an. Viel Schicksal und Erlebnis lag<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +in seinen Zügen, aber sie gewahrte es +nicht.</p> + +<p>Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung +ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild, +dann immer wirklicher, greifbarer, +ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.</p> + +<p>»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte +Eduard Friesheim, und sein auf Olivia +gerichteter Blick verlor alle Freude.</p> + +<p>Olivia nickte ohne Anteil; von einem +gebieterischen Bedürfnis nach Eile gepackt, +rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ +sich zu Robert Lamms Villa fahren.</p> + +<p>Gerold, der auf ihr Läuten das Tor +öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob der +Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn +beiseite, flog durch den Flur, über zwei +Treppen hinauf und pochte an der Tür +des Giebelzimmers.</p> + + +<p class="newsection">Robert Lamm saß lesend am Fenster. +Bei dem stürmischen Eintreten des jungen +Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, +schaute zu Boden, schaute wieder auf +Olivia und sagte kalt verwundert: »Du +bist es?«</p> + +<p>Seine Lippen schienen schmaler geworden, +die Wangen etwas faltiger, der +schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch +seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung +ungebeugt. Der einsame Blick seiner +Augen erschütterte Olivia, ein Schauder +überlief sie: der Mann war ihr so nah +und so fern dadurch, in ihr war plötzlich +alles Heißglut des Erlebens, in dieser +Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, +als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie +hier stand und er sein Wesen verlor, sie +ihres gewann. Es war ein Gefühl aus +einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen +war als die Wucht von Erfrorenem.</p> + +<p>Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde +war beredt: die Menschen meiden +mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen +zu erwarten. Was für ein selbstsüchtiger +Anlaß führt dich her?</p> + +<p>Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme +aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie: +»Robert, es liegen Soldaten in ihrem +Blut, die keine Lagerstätte haben, kein +Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo +sie sich bergen können.«</p> + +<p>»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete +Robert Lamm sachlich. »Du hast offenbar +Verwundete gesehen. Regt dich das so +auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen. +Was hab’ ich damit zu +schaffen?«</p> + +<p>Olivia trat dicht vor ihn hin und legte +die Hand auf seinen Arm. »Um Gottes +willen, was redest du,« rief sie leise. »Die +Unglücklichen gehn zugrunde, und es sind +so viele Häuser da mit leeren Stuben! +Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer! +In jedem Zimmer können zehn Betten +sein. Man hat zu wenig Platz, Robert, +zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert +haben. Hier bei dir ist Platz in +Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, +Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, +wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.«</p> + +<p>Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias +flammendes Gesicht.</p> + +<p>»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia +und preßte die Hände gegeneinander, +»wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte +Tiere. Geh mit mir und schau’ +sie an.«</p> + +<p>Robert Lamm schüttelte langsam den +Kopf, als begriffe er diese Worte nicht. +Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie +haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert +worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es +nichts, wenn das Pack dezimiert wird. +Es bleiben immer noch genug übrig. +Ad drei ist es nicht meines Amtes, den +Samariter zu spielen. Das überlass’ ich +denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz +oder den Glauben an ihre Wichtigkeit +haben.«</p> + +<p>Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes +Gesicht. Sie begann am ganzen +Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, +hilflos dort lägst,« stammelte sie; alle +Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm +schwieg und rührte sich nicht. »Und wenn’s +dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den +du liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, +außer sich fort. Robert Lamm zog mit +eigentümlich bösartiger Bewegung die +Schultern hoch und starrte finster über +Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst +wäre, Robert, ich selbst!« brach es nun +wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre +Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, +der wilderregte Blick lief suchend<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> +durch den kargen Raum und blieb an +einer Stelle der Wand haften, wo unter +einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen +und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser +mit kunstvoll eingelegter Klinge. +In leidenschaftlicher Wallung trat sie an +die Wand, riß das Messer an sich, öffnete +mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe +ihrer Bluse und richtete die Spitze des +Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. +»Wenn ich es wäre!« wiederholte sie, und +in den Ton der Verzweiflung mischte sich +ein seltsames Jauchzen. Ihre von den +Lippen entblößten großen engen Zähne +leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, +wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend, +das Messer in der Faust, mitten +im Schmerz und in der Furcht vor der +Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei +allem Unerwarteten und Beängstigenden +etwas so Rührendes, ja Kindliches, daß +in Robert Lamms Zügen eine verwunderte +Ergriffenheit bemerkbar wurde.</p> + +<p>Er griff hin, packte sie beim Gelenk +und löste das Messer mit sanfter Gewalt +aus ihrer Hand. »Keine dramatischen +Übungen, mein Kind,« sagte er tadelnd; +»ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«</p> + +<p>Er warf das Messer auf den Tisch und +schritt ein paarmal durch das Zimmer. +»Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann +er wieder; »ich sehe nur nicht ein, warum +mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen +soll. Niemand läßt sich gern auf einen +Posten drängen, der weder seinem Charakter, +noch seiner Auffassung der Dinge +gemäß ist –«</p> + +<p>»Die Übel, unter denen du am ärgsten +gelitten, und die du immer als unsern +Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, +daß mir die gerade dein +Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht +ertragen,« warf Olivia ein.</p> + +<p>Robert Lamm blieb stehen und senkte +den Kopf. Die Glut in Olivias Worten +überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich +zu kämpfen. »Mit dem Haus allein ist’s +nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird +es einrichten?«</p> + +<p>»Das laß meine Sorge sein.«</p> + +<p>»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«</p> + +<p>»Du bist reich. Was willst du mit all +dem Geld machen? Es gibt noch andere, +die reich sind, wenn du nicht genug hast +oder nicht soviel entbehren willst. Am +Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt +den, der jetzt nicht hilft.«</p> + +<p>Robert Lamm lachte; es klang halb +überlegen, halb beengt. Er setzte sich an +den Tisch und starrte in den Garten hinaus. +»Nun gut,« sagte er nach einer Weile, +»nun gut. Ich will nicht deine Verachtung +auf mich laden. Tue, wozu es dich +drängt. Ich werde Auftrag geben, daß +man dich nach deinem Belieben hier schalten +läßt. Ich werde dir ein ausreichendes +Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme +an, daß deine praktische Eignung mit der +Begeisterung gleichen Schritt hält; daß +du Leute ausfindig machst und zu Rate +ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, +ist wohl selbstverständlich. Ich kann +ja zusehen, was daraus entsteht. Auf +meine Person allerdings darfst du nicht +weiter zählen. Ich bin nicht da, für dich +nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja +Eile, versäum’ die Zeit nicht.«</p> + +<p>Olivia trat an den Tisch, nahm Robert +Lamms Hand mit ihren beiden und drückte +sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute +er sie an und schlug hierauf den Blick zu +Boden. Sie ging.</p> + + +<p class="newsection">Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. +Er floh auf seine Alm.</p> + +<p>Jedesmal, wenn er in das Tal kam, +ließ er den Wagen beim Brandwirt halten, +und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet +war, folgte ihm in das Blockhaus. +Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war +ihm seit vielen Jahren treu ergeben und +freute sich stets, wenn sie droben bei ihm +sein durfte.</p> + +<p>Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, +und da er sie in trüben Gedanken sah, +fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, +ihr Schatz sei im Krieg.</p> + +<p>Das Wort tönte fremd in dieser Ferne +von allem Menschentreiben. Die Majestät +und Ruhe der Natur vernichteten seinen +Sinn.</p> + +<p>Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel +lagen in der Frühe auf den Höhen ringsum +und füllten die Tiefen; alsbald begannen +sie unter der noch unsichtbaren +Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und +der strahlend blaue Himmel trat hervor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>In den ersten Tagen ging Robert Lamm +regelmäßig auf die Jagd. Aber er merkte, +daß ihm die rechte Lust und Sammlung +fehlte. Einmal war er einem Bock auf der +Spur, und es gelang ihm, das Tier vor +den Schuß zu bringen. Kaum hundert +Schritte von ihm stand es witternd zwischen +den Bäumen; er legte an, doch seltsam, +das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die +Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein +Geräusch gehört und enteilte, nicht in +großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig +und als wisse es, daß es nicht mehr bedroht +sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr +in die Luft, und da erst sprang es +voll Schrecken davon.</p> + +<p>Sein bedächtiger, federnder Traumgang +hatte den Jäger an eine Menschengestalt +gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich +gesehen.</p> + +<p>Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm +weite Wanderungen über das Gebirge.</p> + +<p>Wo der Horizont verstellt war durch +Felsen oder Wälder, fühlte er sich abgegrenzt +und sicher; auf den Gipfeln schien +es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels, +und am Rande war ein Flimmern wie von +Eisenbändern, die im Feuer glühen.</p> + +<p>Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, +griff er nach der Zeitung und las die Berichte. +Die Bauern, denen er eine vertraute +Erscheinung war, knüpften Gespräche mit +ihm an und wollten Aufschluß und Trost +von ihm haben. Er aber gefiel sich darin, +sie in der Furcht zu bestärken, und sein +letztes Wort war stets: »Es ist aus mit +uns.« Und in seinen Mienen malte sich +eine herzlose, fanatische Schadenfreude.</p> + +<p>Einmal bewies er dem Förster und dem +Postmeister mit der Karte in der Hand, +daß es gegen die Überzahl der Feinde kein +Entrinnen gäbe. Jene hörten bekümmert +zu, und der Förster wagte bescheiden auf +die Siege hinzudeuten, welche die Truppen +doch schon errungen hätten. Da lachte der +Hofrat und antwortete: »Im besten Fall +siegen wir uns zu Tode.«</p> + +<p>Er war immer in unruhiger Bewegung. +Er ließ sich Bücher aus der Stadt kommen, +hatte aber zum Lesen keine Geduld. In +früheren Tagen hatte er den Plan gefaßt, +unweit von der Hütte ein ausgemauertes +Wasserbecken anzulegen, um im Sommer +baden und schwimmen zu können. Jetzt +dünkte es ihn an der Zeit, das Projekt +zu verwirklichen, und jeden Morgen ging +er mit der Schaufel zu der bestimmten +Stelle und grub selbst die Erde aus, viele +Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn +dann überfiel, war ihm zumute, als erlahmte +die Wut eines Tieres, das ihn zwischen +seinen Pranken hielt.</p> + +<p>Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft +schickte er Romana mit Aufträgen ins Tal +und kochte selbst. Oft auch, besonders am +Abend, kauerte er am Herd und starrte in +die Flammen. Dann begann er in trotzigem +Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm +ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete +mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen +auf die weiße Kalkmauer. Aus den Flammen +aber erhob sich Olivias Gestalt und +verlor sich wieder in die Finsternis.</p> + +<p>Allmählich bemächtigte sich seiner eine +unbestimmte Angst vor Gefahren und vor +Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug +in der Nacht und verbarrikadierte die +Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen +Körper und suchte nach einer Schmerzempfindung. +Er zündete Licht an, griff +nach der Uhr und zählte seine Pulsschläge. +Kaum konnte er es ertragen, sein Herzgeräusch +zu hören; jeden Augenblick war +er darauf gefaßt, daß die geheimnisvolle +Maschine im Innern des Leibes stillestehn +würde. Er wanderte in den nächsten Ort +und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel +in der Apotheke. Es kam ihm vor, +als sähen ihn die Leute mit argwöhnischen +Augen an, als hätten sie sich besprochen +und führten etwas Verderbliches gegen ihn +im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch erschreckte +ihn, der Schrei der Krähen ließ +ihn erbleichen, das Heulen des Windes +verursachte ihm die größte Pein. Beim +Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines +Morgens plötzlich zumute, als schaufle er +ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das +Gerät weg und hütete sich, die Arbeit +wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, +wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana +hatte bisher jeden dritten Tag die Post +holen müssen. Jetzt ließ er sie nur jede +Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein +fürchtete, und wenn sie mit den Briefen +kam, besah er nur die Umschläge und die +Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +öffnen. Er las auch keine Zeitung mehr; +er wollte nicht wissen, was draußen vorging; +er wartete auf eine Katastrophe und +wollte nicht erfahren, ob sie näher gerückt +oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte +er nicht für die Menschen, nur für sich. So +unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft +Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden +und ihr Schweigen. Wenn alles stille war, +im Schnee, denn es war mittlerweile Winter +geworden, quälte es ihn, daß er um +ihren Atem wußte. Manchmal schlich er +des Nachts durch die Stube und an den +Bretterverschlag, hinter dem sie schlief. +Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug +er roh an die Wand, und sie blies die Kerze +aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß +er die Zähne zusammen und gab sich seiner +unergründlichen Erbitterung hin.</p> + +<p>In der Schläferin war die Menschheit; +nur in ihr noch. Sie drängte sich ihm +auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, +stumpfen Leibes, wie sie lag, gefühllos +und gemein? Träumte sie von dem blöden +Bauernburschen, den sie geliebt hatte +und der nun in der Schlacht war? Und +hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert +Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges +in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? +Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig +glatter die Haut, ein wenig beseelter das +Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll +verwandelt.</p> + +<p>»Olivia,« murmelte er vor sich hin.</p> + +<p>Eines späten Abends wurde an die +Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin +und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen +Gewändern und verstörtem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gesichts'">Gesicht</ins> +stand draußen. Stammelnd bat er +um Einlaß. Da es stürmte und schneite, +mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf +die Frage, wo er herkomme und weshalb +er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur +verworrene Antworten. Romana führte +ihn auf den Dachboden, wo er auf einem +Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, +sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem +Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben +worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr +auf; »dann sag’ ihm, er soll sich packen!« +rief er. Man könne doch keinen Menschen +in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung. +Lamm zündete die Laterne an, +stieg auf den Dachboden, und da er den +Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er +ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien +es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein +Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter +Schrecken war in diesen Zügen. +Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die +sich aus der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen +streckten, und von dort, wohin +er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach +ihm. In einer Wallung von Zorn rüttelte +er an der Schulter des Schläfers; der ließ +nur ein Stöhnen hören und schlief weiter. +Und wie hinter dem Bretterverschlag die +schlafende Romana die Gestalt Olivias +angenommen hatte, wurde dieser fremde +Mensch in ihn selbst verwandelt, und es +war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf +dieses andern eine Wahnvorstellung war +oder sein eigenes Wachen. Es war ein +grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch +und Mensch, von Seele und Seele, ein +grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein +Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.</p> + +<p>Bis zum Morgengrauen schritt Lamm +in seiner Stube auf und ab. Sobald es +Tag war, wollte er hinunter in den Ort, +um die Anzeige zu machen. Aber bevor +er sich noch für den Gang gerüstet hatte, +sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund +auf das Haus zukommen. Sie hatten +die ganze Gegend abgestreift, da der Hund +im Schnee die Spur verloren hatte und +wollten sich auch hier nach dem Flüchtling +erkundigen. »Der Mann ist droben, den +ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und +zeigte auf die Stiege zum Dach.</p> + +<p>Der junge Knecht wurde verhaftet und +mit Handfesseln versehen. Lamm gebot +der Magd, daß sie den Gendarmen einen +Imbiß reiche, und während sie warteten +und aßen, packte er eilig seinen Koffer. +Dann begleitete er die Leute ins Tal und +war auffallend gesprächig, in einer seltsam +unterwürfigen Art, als habe er irgendeine +Schuld auf sich geladen und könne es +durch beflissenes Wesen verhindern, daß +man ihn bezichtigte.</p> + +<p>Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck +von der Almhütte holen. Am Abend fuhr +er in die Stadt.</p> + +<p>Er mietete sich in einem Hotel ein. +Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer, +endlich entschloß er sich, seinen Diener<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +zu benachrichtigen. Gerold kam und brachte +ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt +hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben +solle, schüttelte der Hofrat den Kopf und +erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er +seiner bedürfe.</p> + +<p>Die Veränderung, die mit dem stillen, +plumpen Menschen vorgegangen war, +schien er nicht zu bemerken. Die Augen +Gerolds schwammen in roter Flüssigkeit, +seine Arme zuckten beständig, beim Reden +stotterte er und verlor den Zusammenhang.</p> + +<p>Aber Robert Lamm sah die Leute nicht +an. Wenn er ausging, wählte er die Abendstunden +und vermied die hellbeleuchteten +Straßen. Er schritt mit gesenkten Lidern +und stützte sich auf seinen Stock wie ein +Greis. Es lag eine unheimliche Komödie +darin, daß er auch den Gang eines Greises +nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor +den Menschen alt sein. Er trug sich nicht +mehr mit jener gewählten Feinheit, durch +welche er stets aufgefallen war, sondern +sorgte mit listiger Berechnung für kleine +Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige +Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen +seiner Persönlichkeit bildete, war +nicht mehr so glänzend gebürstet, obwohl +er noch immer ein bißchen schief auf dem +Kopfe saß.</p> + +<p>Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, +die er übte, trotz des Versteckenspiels, +das er trieb, gegrüßt wurde. Doch +dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter +Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, +ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück +zu seiner großen Tat. Verdrossen fragend +schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, +daß jener das Verwundetenspital meinte, +zu welchem das Landhaus umgewandelt +worden war. Begeistert rühmte er die dortselbst +getroffenen Einrichtungen, sowie +die außerordentlichen Leistungen Olivia +Khuenbecks, über die man immer neue +Wunder zu hören bekomme und von der +die ganze Stadt schwärme.</p> + +<p>Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe +ihn alles nichts an, die Villa sei längst +keine Privatanstalt mehr, sondern befinde +sich als öffentliches Kriegslazarett unter +staatlicher Aufsicht. Er könne kein Verdienst +beanspruchen, und Lobsprüche seien +ihm gegenüber am falschen Ort.</p> + +<p>Einem ehemaligen Kollegen, von dem +er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen +belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer +Bekümmernis zu, der Arzt habe +ihm das Sprechen verboten; er deutete +auf seinen Kehlkopf und ließ den Verdutzten +stehen.</p> + +<p>In den Speise- und Kaffeehäusern, die +er besuchte, setzte er sich in einen Winkel; +um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, +hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne +jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten ihm +zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, +wenn sie lachten oder aufgeregt kannegießerten. +Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein +müssen, ganz still, und am Abend hätten +keine Lichter brennen dürfen. Hörte er +irgendwo Musik, so geriet er außer sich +und fand, daß man das Schicksal frech +herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen +und alle Hände griffen gierig danach, +so blieb er teilnahmlos und rührte +sich nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, +was in diesen Blättern stand, erlogen war. +Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt +füllten, erregten seinen Ärger, anderseits bereitete +ihm der Gedanke an die Ursache ihrer +Gegenwart eine hämische Genugtuung, +und er machte boshafte Glossen über das +dumme Volk, das die Gefahr nicht zu +ahnen schien, die sich darin verkündete. +Begegnete er Gruppen von Soldaten, <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'gegeheilten'">geheilten</ins> +Verwundeten, die in schmierigen +Uniformen und mit erbarmenswürdig +blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, +so ballte er wie im Zorn die Faust und +lächelte düster.</p> + +<p>Dreimal wechselte er sein Quartier, weil +er sich einbildete, daß während seiner Abwesenheit +Leute in seinem Zimmer gewesen +seien, um zu spionieren. Auch war es ihm +überall zu teuer und zu laut. Er prüfte +mißtrauisch die Rechnungen und gab keine +Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem +geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende +Vereinsamung steigerte die hypochondrischen +Gefühle; oft lag er tagelang im +Bett.</p> + +<p>Es war zu Beginn des Dezember, als +von den Grenzen her Vernichtung und +Untergang drohte. Es schien, daß nur ein +dünner Schleier noch zu reißen brauchte, +und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich +in eine Welt, die bis zur Stunde +noch mit Not und Grauen gespielt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +Alles Leben stockte wie im Zimmer eines +Sterbenden: die Menschen sahen sich an, +und einer suchte Hilfe im Auge des +andern. Da kam über Robert Lamm +eine eigentümliche Schwäche, und er spürte +seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht. +Als er einmal an einer Blumenhandlung +vorüberging, stockte sein Schritt. Er mußte +lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, +daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, +jetzt, im Winter und am Abend aller +Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht +nach seinen Treibhäusern; er spürte +sogleich die feuchtschwirrende Luft und den +warmen Geruch der Erde. Er erinnerte +sich an seine Lieblingspflanzen und an das +Gefühl der Verschwisterung, das er gegen +sie empfunden hatte. Die letztvergangenen +Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung +und der Entbehrung, er begriff seine +Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er +wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er +beargwöhnte sein Verlangen, als sei es nur +ein Vorwand für ein anderes, das er sich +nicht eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß +schlug empor und mischte sich mit dem +Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst +teuer gewesen, weil er Macht über sie gehabt, +soviel Macht, daß er sich hatte einbilden +dürfen, sie sei ein von ihm abhängiges; +ja von ihm geschaffenes Wesen, +gleich einer Blume, die er hegte und deren +Wachstum und Farbe er bestimmte. Da +kam er zur Oper und mußte stehen bleiben, +da eine Wagenkette den Weg versperrte. +Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, +dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer +Mantel umfloß den schlanken Körper, +auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote +Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem +Haupt reißen mögen; es war etwas so +Verwegenes und Lüsternes um sie; die +Welt erschien ihm maßlos entartet, aus +aller Form und aller Vernunft; er sah ein +andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, +erglühte, verblaßte wieder; er wollte das +Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos +umher, wurde müde, raffte sich wieder auf, +stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder +ein Stück, und es war später Abend, als +er vor seiner Villa anlangte.</p> + +<p>Kraft- und Krankenwagen standen am +Gartentor. Soldaten eilten ein und aus, +über dem Hauseingang hing ein großes, +rotes Kreuz, alle Fenster waren hell +beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht +entschließen. Es war Flucht, als er sich +zum Gehen wandte. Er verachtete sich, +war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes +Haus, ein Ort der Leiden und der +Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich +ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer +Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden +gelehrt hatte!</p> + +<p>Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach +mit dem Gärtner, einem würdigen Mann, +der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit +ihm lebte. Er ging in die Glashäuser, +begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold +rufen und merkte noch immer nichts von +der Verstörung des Mannes. Er wollte +nichts von Olivia hören, doch der Gärtner +fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war +Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit +welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie +alles in Angriff genommen; zuerst das +Ausräumen des Hauses, dann die Neueinrichtung; +wie sie mit den Behörden verhandelt, +die Handwerker zur Eile getrieben, +die Geschäftsleute gefügig gemacht habe; wie +unermüdlich sie am Werk gewesen und wie +nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von +den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten +für den Operationssaal. Dann +kam die Frau des Gärtners hinzu und erzählte +gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel +opfervoller Tätigkeit, das Olivia gegeben, +alle andern Ereignisse im Sinn +dieser Menschen verdrängt hatte. Der +Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen +seien; der Gärtner gab befriedigende +Auskunft. Sein Weib ließ sich +aber nicht zum Schweigen bringen und +schilderte trotz der abwehrenden Gebärde +des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen +aufgenommen, nicht bloß Berufsschwestern, +sondern auch vornehme Damen, +die freiwillig Dienst täten, und wie sie +nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte +bekommen. Anfangs habe ihr Frau von +Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere +Damen hätten sich angeboten, die Arbeit +mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu +wenig gewesen, was man getan, niemand +konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der +Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte +er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher +Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, um<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> +die Transporte zu überwachen, bei den +Ämtern, um neue Vergünstigungen zu erhalten, +in den Krankenzimmern und in der +Küche, bei Tag und bei Nacht, und wann +sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.</p> + +<p>Lamm erhob sich und schritt erregt auf +und ab.</p> + +<p>Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, +sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.«</p> + +<p>Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken +im Park? Da hab’ ich noch was dreinzureden, +dünkt mich!«</p> + +<p>»Ich denke auch,« murmelte Gerold +und preßte die Hand um seinen Hals.</p> + +<p>Auf einmal ertönte vom Haus herüber +ein langgezogener Schrei. Robert Lamm +lauschte erschrocken. Die andern schienen +derlei schon gewohnt. »Armer Teufel,« +sagte die Frau des Gärtners. Gerold war +sichtlich zusammengeschaudert.</p> + +<p>Der Schrei wiederholte sich, in einer +höheren Tonlage, aus heftigerem Schmerz +heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, +sah sich draußen um, der Schrei dauerte +noch an, setzte ab, begann abermals. Von +dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der +gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug +Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich +aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog +ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln +in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd +und beklommen schritt er zum Haus. +Es war schon Abend, weicher Schnee +klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte +ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem +beleuchteten Fenster; in den Raum konnte +er nicht blicken, da ein weißer Vorhang +hinter den großen Scheiben hing. Er stand +da und lauschte zitternd dem fürchterlichen +Schrei.</p> + +<p>»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man +kann’s hier nicht aushalten, man kann nicht +mehr leben in dem Haus.«</p> + +<p>Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich +auf den hellen Vorhang. Das Fenster +wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und +nun in den Ausschnitt trat und einen Blick +in den Abend warf und die beiden sah und +Robert Lamm erkannte, war Olivia.</p> + +<p>Robert Lamm nannte ihren Namen. Er +stützte sich mit bebenden Armen auf den +Sims und war ihr so nah wie damals, als +er ihren Händen das Jagdmesser entwunden +hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh +ihr eine Würde, die ihn unwillkürlich +veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. +Der Mann im Saale schrie und schrie, +gellend, markerschütternd. »Er wird sterben,« +sagte Olivia, und trotzdem sie in die +Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie +ihre Augen glanzlos wurden.</p> + +<p>Als sei er von einer überirdischen Erscheinung +geblendet, senkte Robert Lamm +den Kopf.</p> + +<p>Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer +hinauf, das er ehedem bewohnt +hatte und das von der Verwandlung des +Hauses nicht berührt worden war.</p> + + +<p class="newsection">Da brannte wieder die Lampe, da blickten +ihn die Bücherreihen an, und es herrschte +auch Stille; aber die alte Stille war es +nicht, die Stille des Gartens und der leeren +Zimmer, nicht mehr die Stille, die er +beherrscht hatte.</p> + +<p>In dumpfer Trauer schritt er auf und +ab. Es dünkte ihm, als habe er kein Recht, +hier zu sein, als müsse er sich das Recht +erst erkämpfen. Gegen wen aber erkämpfen? +Offenbar doch gegen Olivia. Er +wünschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen, +dabei fühlte er, daß ihr an einer Auseinandersetzung +gar nichts gelegen war, daß +seine Person und was er dachte und der +Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause +war, in ihren Augen gar nichts bedeutete. +Er drückte auf den elektrischen Knopf der +Leitung, die in Gerolds Kammer ein +Signal gab. Gerold kam nicht. Er öffnete +die Türe und rief hinaus. Keine +Antwort. Er brüllte Gerolds Namen über +die Treppe hinunter. Eine weibliche +Stimme fragte unwillig erstaunt nach der +Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach +Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold. +Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck +sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach +einigen Minuten kehrte Gerold zurück und +sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine +Zeit, sie werde später kommen. »Bleib in +deinem Loch, was streunst du im Hause +herum, wenn man dich braucht!« keifte +Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.</p> + +<p>Gleich danach pochte es an der Tür, und +Gerold schob sich über die Schwelle. »Der +Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die +Türe nicht zu schmettern,« sagte er furchtsam.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>Lamm blickte finster verwundert empor. +»Hinaus mit dir!« erwiderte er.</p> + +<p>Er zog ein Buch aus dem Schrank und +blätterte darin. Dann warf er es weg. +Die Hände auf dem Rücken, lief er +ungestüm die Kreuz und Quer durchs +Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, +und er richtete sich steif auf, als Olivia +eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge +zu begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr +Gesicht hatte einen träumerisch-verschleierten +Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu +einer gewissen Beschwingtheit und einem +selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben +aller Bewegungen stand. Sie war verändert, +ganz und gar; er wußte auch, daß +ihre Stimme verändert klingen würde. +Alles an ihr erregte seinen erbitterten +Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr +Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen +Verneinung; er schämte sich dessen +und geriet doch noch mehr in Wut, gegen +sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas, +das zwischen ihnen war.</p> + +<p>»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem +Ton, »du übernimmst dich, du +richtest dich zugrunde. Man braucht dich +nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig +du mit dir umgehst. Es schmeichelt +dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens +davon machen, und es liegt in einer +solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im +allgemeinen Elend das eigene zu ersticken. +Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so +verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und +seinen Körper wüten soll. Dafür bist du +nicht geschaffen, das ist Verblendung.«</p> + +<p>Olivia, die gegen die Tür gelauscht +hatte und sichtlich unruhig war wie ein +Soldat, der seinen Posten verlassen hat, +wandte ihm mit befremdeter Miene das +Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« +fragte sie. »Was weißt du denn eigentlich +von mir?«</p> + +<p>Ihre Stimme klang wirklich verändert, +tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen +und entschiedenere Akzente.</p> + +<p>»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er +kurz.</p> + +<p>»Hast du mich deshalb von der Arbeit +wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu +machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir +sagen, daß du dazu kein Recht hast und +daß ich dir das Recht auch nicht einräume. +Du bist nicht Herr über mich. Du bist es +kaum über dich. Was willst du?«</p> + +<p>Sie schaute ihn an, und er fühlte sich +ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab +ihn förmlich, und er war klein, wie er nie +gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er +begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt +hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr +gesprochen, und daß sie seine Führung nicht +mehr annahm und nicht mehr brauchte.</p> + +<p>»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme +wieder, sobald ich mich für eine halbe +Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken +gebaut werden, und dazu ist deine +schriftliche Zustimmung nötig.«</p> + +<p>»Baracken? In meinem Park?«</p> + +<p>»Ja, an der Südseite des Hauses.«</p> + +<p>Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen +wohl meine Kastanien gefällt werden! +Hundertjährige Bäume!«</p> + +<p>»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. +»Bäume,« fügte sie mit einer Gebärde +trauriger und ungeduldiger Verachtung +hinzu, »Bäume!«</p> + +<p>Sie hatte schon die Klinke in der Hand, +da kehrte sie sich noch einmal um. »Bleibst +du hier im Hause, Robert? Du kannst +bleiben. Du kannst aus unserer Küche zu +essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, +wenn du dich entschlossen hast. +Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden. +Vor ein paar Tagen fand ihn +Schwester Nina Senoner betrunken auf +der Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von +dem Laster abzubringen. Doktor Strygowski +sagt, er leidet am Blutwahn.«</p> + +<p>Sie ging. Das Wort Blutwahn, das +sie so gelassen ausgesprochen hatte, rauschte +noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes +Untier. Lamm machte einige Schritte, als +wolle er ihr folgen, als müsse er noch +einen Blick in ihr Gesicht werfen, nur um +glauben zu können, daß sie es war, sie selbst, +und nicht eine Doppelgängerin.</p> + + +<p class="newsection">Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, +wartete er auf sie.</p> + +<p>Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, +daß es schon zehn Uhr war, als sie sich entfernt +hatte. Sie konnte doch nicht daran +denken, ihn in später Nacht aufzusuchen. +Es lag etwas Erschütterndes in der Vorstellung, +daß Zeit und Zeiteinteilung keine +Rolle für sie spielten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes +Buch vor sich, las aber nicht. +Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, +war unveränderlich düster. Bisweilen dünkte +ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn +zu dem beleuchteten Fenster gezogen hatte. +Bisweilen glaubte er Ächzen und Stöhnen +deutlich zu vernehmen. Ihm war, als +lausche er in den brodelnden Krater eines +Vulkans.</p> + +<p>Gerold kam und richtete das Bett, +den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem +Schrank. Lautlos ging er hin und her und +sah aus, als fürchte er das Auge seines +Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches +geöffnet und wühlte in alten Briefen +und Papieren. Manchmal spähte er hastig +nach Gerold und erschrak bei dem Anblick +des krankhaft gelben Gesichts. Alles, wovor +ihm bangte und was ihm unerträglich +zu denken war, hatte sich als Erlebnis in +diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl +ihm endlich, das Zimmer zu verlassen. Da +schlich Gerold mit geducktem Kopf hinaus.</p> + +<p>Lange nach Mitternacht legte sich Lamm +zum Schlafe hin. Aber er konnte die Lider +nicht schließen, die Finsternis brannte <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ihn'">ihm</ins> +förmlich auf der Stirn. Er hatte in den +alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, +geschriebene und gedruckte, waren ihm wie +Moder. Doch ein Geruch der Vergangenheit +hatte ihn umfangen und war in sein +leeres Herz geströmt wie Gift.</p> + +<p>Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das +Schicksal um Liebe und Liebesrecht verkürzt +hatte, und Begebenheiten traten in +lebendige Nähe, die mit Schweigen und +Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht +gewesen war. Dazwischen tauchten +Gerolds Züge empor wie ein versteinertes +Bild des Grauens, dann gewahrte er Olivias +Gesicht, in phosphoreszierender Blässe, +in einem Rahmen von Blut. Er biß die +Zähne zusammen, als schlüge ihn eine +unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief +jemand mit rücksichtsloser Lautheit: +»Schwester Emilie! Schwester Emilie!« +Lamm richtete sich auf, stemmte die Arme +hinter sich und schrie in die Luft hinein: +»Ruhe!«</p> + +<p>Seine Stimme hallte im Raum, unten +wurde sie natürlich nicht gehört. Aber sein +Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer +fest und begleitete ihn in die Zimmer und +an die Betten der Soldaten, und aus diesen +bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir +sind in deinen Frieden eingedrungen, wir +haben deinen Frieden zerstört, wir haben +dir alles geraubt, was du besessen hast; +deine Gemälde sind verschwunden, deine +Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten +haben wir genommen, deine Bäume lassen +wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, +und die einzige Seele, um die du geworben, +die du in deine Einsamkeit geschleift hast +wie der Tiger die Beute in die Wildnis, +deren du in deinem Innern noch sicher +warst, als sie sich fern von dir durch die +verdunkelte Welt schleppte, auch die haben +wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir +elenden, kranken Menschen!‹</p> + +<p>Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob +sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte +nun und fühlte, was sie ihm bedeutet +hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm +wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme +kam über ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, +ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu +eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und +begriffen zu sein.</p> + +<p>Als er am Morgen einen Blick in den +Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes, +fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm +gespenstergleich entgegen. Er machte eine +Grimasse und stellte höhnend fest, daß +seine Blütezeit vorüber sei.</p> + + +<p class="newsection">Erst um die Dämmerungsstunde kam +Olivia herauf.</p> + +<p>Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, +gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung +zum Bau der Baracken.</p> + +<p>Sie dankte. Sie war müde und setzte +sich nieder; eine gewisse Nervosität verriet +auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben +zu dürfen glaubte.</p> + +<p>Der gestern geschrien hatte, war schon +tot. Sie erzählte es beiläufig. Es war für +sie ein Fall unter vielen.</p> + +<p>Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, +daß der Tod Stammgast in dem Hause +sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich +nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt, +wie er sie vor sich sehe, könne er sich +nun und nimmer entschließen, ihr Unternehmen +zu billigen oder gar zu preisen.</p> + +<p>»Es mag der Weg für hundert andre +sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. Für<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben +Betrogenen der richtige Weg, für dich der +Irrweg.«</p> + +<p>»Warum, Robert? Es ist dein Trotz +und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen. +Ich habe Welt und Menschen +anders gefunden, als du sie mir gezeigt +hast,« antwortete sie.</p> + +<p>»Anders gefunden? Wie denn, wenn +man fragen darf? Bist du auch die Zeugin +von großen Leiden, so bist du doch nicht +befähigt, darüber zu urteilen, woher sie +stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen +liegt.«</p> + +<p>»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich +behaupte nichts. Das tun die Zuschauer, +Robert, die herzlosen Zuschauer.«</p> + +<p>»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine +Liebe, auch wo er handelt. Soll ich plötzlich +vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig +Jahre lang mein Gemüt empört hat, wovon +ich beleidigt und gedemütigt worden bin +zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein +Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu verhüten +gewesen ist wie ein Hagelschlag +oder eine Seuche, mir ist er die Sühne für +eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im +Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts +mehr davon wissen, daß ihr so lange gezündelt +habt, bis die Flammen endlich zum +Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt +ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt +ihr helfen und retten, jetzt, da es zu spät +ist. Früher ward ihr taub, habt euch verhätschelt +und verhärtet, seid Genüßlinge +gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden, +Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. +Es kommt mir so lächerlich vor, +so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon +verzeihen, Olivia.«</p> + +<p>Olivia erhob sich und erwiderte mit der +Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die +Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure +der geschauten Wirklichkeit gaben: +»Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich +nicht sagen, du tust mir namenlos leid. +Und wenn ich dich ansehe, weiß ich, daß +das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist +es nicht, kann’s nicht sein.«</p> + +<p>»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl +vom Hals! Was ich fühle, ist meine Privatsache, +was ich denke, geht das Allgemeine +an. Und ich denke, daß du mit dem +Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer +von Blut nicht ausschöpfen kannst. Ich +denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen +ist, indem man ein paar Zaunlatten in den +Boden rammt. Ich denke, daß, wo der +Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es +ein fruchtloses <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra comma 'Unterfangen, ist'">Unterfangen ist</ins>, mit dem +Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß +niemand das Recht hat, sich zu verschwenden, +der, wenn auch nur in der Idee eines +einzelnen, der Menschheit besser dient, indem +er sich bewahrt. Wer geboren ist, +Blumen zu hegen, der tauche seine Hände +nicht in Blut, oder er entwürdigt die +Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, +da sie doch ohnehin schon +auf den Hund gekommen ist. Das alles +klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal +gibt mir ein Exempel von Grausamkeit, +das mir Mut einflößt.«</p> + +<p>»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, +und ihre blauen Augen strahlten +im Feuer des Unwillens. »Woher +nimmst du die Kraft und den Entschluß, +dich einer Verantwortung zu entziehen, die +alle spüren, von der alle niedergezwungen +werden? Bist du der Richter und untersteht +die ganze übrige Welt deinem Spruch? +Hast du nie gefehlt, nie selber gesündigt, +hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, +bist du nicht auch ein Mensch und stehst +mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? +Warum also diese Anmaßung, dieses Feilschen +und Hadern, diese feige Flucht vor +dem, was nun einmal ist?«</p> + +<p>Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig +auf und ab und pfiff leise. Er warf +finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, +hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam +zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit +einer Scheu, die er sich nicht eingestehen +mochte. Er trat ans Fenster und trommelte +an die Scheiben, und während er in +den winterlichen Garten und in die kahlen +Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß +sie, fühlte immer nur sie, bewunderte sie, +schmähte sie, suchte nach ihr in seinem zerwühlten +Innern, suchte sich in ihr, sammelte +Gründe, quälte seinem Geist Rechtfertigungen +ab.</p> + +<p>Er sprach von dem Unheil, das über +die Menschheit hereingebrochen war, als +von der großen Reinigung. Er sprach von +der geschichtlichen Notwendigkeit und von +den politischen Verkleidungen, unter denen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> +sie die Völker narre und durch die sie alle +einzelnen zu vollbringen zwinge, was +keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die +Länder, die Städte unter einem Überfluß +von Menschen und von Produktion; die +Fülle sei zur Not geworden, es sei wie in +einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff +durch zu viele atmende Lungen verbraucht +worden war. Sei sie nicht selbst mit den +Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu +wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen, +darin liege die Fügung, und nicht nur +Platz für den Körper, sondern auch für die +Seele, für den Glauben, Platz für den +Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem +Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht +die Hände ringen und sich larmoyanter +Wehklage überlassen; da zieme sich Ehrfurcht +vor dem höheren Walten, denn wer +falle, der sei eben der Ähre vergleichbar, +die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif +sei für die Sichel des Schnitters. Jeder +erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn +Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger +Tod, und es sei ein Fehler in der +Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach +zu sehen.</p> + +<p>Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit +einem erglühten Blick. »Ich bin auch eine +Ähre, warum willst du mich sondern?« +sagte sie.</p> + +<p>»Ja, ich will dich sondern,« antwortete +er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit +des Wortes empfand und etwas +damit verriet, was ihm selbst noch unbewußt +in seiner tiefsten Brust verborgen war.</p> + +<p>»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln +wurde so vergeistert, daß er Furcht vor ihr +verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher +Art betrachtest, bin ich dann nicht ein +Werkzeug für die, die ich rette, wie die +Granate ein Werkzeug der Vernichtung +ist? Könntest du nur einmal die Augen +eines Menschen schimmern sehen, dem man +die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, +was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das +Leben für dich nichts? Das einmalige, +herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, +wenn der Tod nach ihm langt –? Du +weißt nicht, was Leben heißt!«</p> + +<p>»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, +einen, der die Wirklichkeit des Seins nie +zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen +gelernt hat, mach ich solch einen plötzlich +zum Steuermann auf einem Schiff, während +der Taifun rast, so tu’ ich ungefähr +dasselbe, was du mit dir tust,« antwortete +Lamm und wandte ihr das in allen +Muskeln bebende Gesicht zu. »Wie alles +in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes +Maß zerstört, jede Form zerstört!«</p> + +<p>»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. +»Nicht zerstört, nicht zerrissen, nur +lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses +Lebendigsein auch Zerstörung wäre, +wer bin ich denn, daß ich auf mich achten +sollte, mich schützen dürfte? Für wen, wofür +mich bewahren? Wo ist das Bessere, +Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß +mich tun, was ich tue!«</p> + +<p>Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren +Augen an, dann brach der Blick und +feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte +auf ihn zu, preßte beide Hände wider ihre +Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, +es ist fürchterlich! Fürchterlich!«</p> + +<p>Er umfing die Schwankende mit seinen +Armen und stand regungslos da.</p> + +<p>Nach einer Weile machte sie sich sanft +los, strich mit der Hand über ihre Haare +und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich +ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich. +Gute Nacht, Robert.«</p> + +<p>Schnell verließ sie das Zimmer.</p> + + +<p class="newsection">Ungefähr vor einer Woche war ein Mann +eingeliefert worden, den man ohne Uniform, +bis aufs Hemd entkleidet, auf einem +Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte. +Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte +nicht sprechen und keinerlei Auskunft über +sich geben.</p> + +<p>Still und steif war er dagelegen, die +Augen immer auf denselben Punkt in der +Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich +schönes Gesicht, blaß, vergeistigt, durchformt; +ein schwarzer Bart umrahmte es +derart, daß Kinn und Wangen von Haaren +frei waren.</p> + +<p>Ob er Freund oder Feind war, wußte +man nicht. Er trug die Nummer 42, das +war alles. Man redete ihn in allen Sprachen +aller Völker an, die im Krieg standen, +doch gab er niemals ein Zeichen, daß er +die Worte faßte. Man vermutete, er sei +auch des Gehörs beraubt und hielt ihm +Zeitungen und beschriebene Zettel vor; er<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +beachtete nicht einmal die Gebärde. Ohne +zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag +er da.</p> + +<p>Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, +ja von einem inneren Starrkrampf +zeugte, hatten doch seine Augen +den stärksten Glanz bewahrt, der sich +denken ließ. Sie waren ununterbrochen +weit geöffnet, und als ob der Bewegungsmuskel +der Lider nicht mehr arbeitete, +schlossen sie sich nicht eine Minute lang. +Der Ausdruck in ihnen war keineswegs +fieberisch; es war ein mildes Licht, ein +seelenhaftes Strahlen, das auf Ärzte und +Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung +übte. Oft standen mehrere Personen zugleich +an seinem Lager, die sich für kurze +Zeit ihrer Beschäftigung entzogen hatten, +nur um diesem Blick zu begegnen und ihn +festzuhalten.</p> + +<p>Und in jeder Nacht kam Olivia an das +Bett dieses Verwundeten, blieb stehen, +schaute in das bleiche Gesicht und suchte, +auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar +erfüllten Blick des fremden Mannes. +In jeder Nacht unterbrach sie ihren +Rundgang hier und verweilte wie ein +Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt +und der Lösung eines düsteren Geheimnisses +näher ist als bisher.</p> + +<p>Seit dieser Mann im Hause war, seit +sie diese Augen wahrgenommen hatte, die +über dem wirren, wilden Geschehen wie +zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen +Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, +wissend-bewußtlos aus dem +Geisterreich zu dringen schien, hatten sich +ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein +etwas gelindert; sie tauchte empor +aus der qualmenden Höllenglut und lenkte +ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal +im Leben mit der Ahnung und +dem Gefühl von Gott.</p> + +<p>Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen +als nach oben.</p> + + +<p class="newsection">Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert +Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet, +daß er zwölftausendfünfhundert +Schritte machen mußte, um eine Strecke +von zehn Kilometern zurückzulegen. Er +besaß einen Schrittzähler, mit dessen Hilfe +er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. +An manchen Tagen waren es +zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.</p> + +<p>Die Märsche dünkten ihm notwendig +zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch +konnte er beim Gehen besser denken.</p> + +<p>Aber die Gedanken führten zu keinem +Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, +daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder +umkehren mußte. Wenn der neunte, der +zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung +versprach, die Wand, die zur +Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.</p> + +<p>Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei +bis drei Marschieren und zwei bis drei +Lektüre, blieben immer noch mindestens +zwölf Stunden, die leer waren, zwölf boshaft +schleichende Stunden. Jedes Geräusch +im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, +jedes Flüstern oder Murmeln war eine +Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene +Unterbrechung. Wieviel da lauerte, +schreckte, drohte, da draußen, da +drunten!</p> + +<p>Angst vor Begegnungen hielt ihn davon +ab, die Schwelle zu überschreiten. Nach +Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. +Doch wußte er, daß sich niemand +um ihn kümmerte.</p> + +<p>Ein sonderbares Vergnügen gewährte +es ihm, die Personen an sich vorüberziehen +zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß +bedacht hatte. Es stellte sich heraus, daß +von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; +auch wenn seine Erinnerung noch so grobe +Zerrbilder malte, vermochte er an jenen +Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges +Gefühl gerechtfertigt hätte.</p> + +<p>Die Ursache war nicht etwa die, daß er +die Fähigkeit zu hassen verloren hatte, sondern +daß alles, was noch an Haß in ihm +war, sich gegen einen einzigen Menschen +richtete: allein und unversöhnlich gegen +Olivia.</p> + +<p>Sie hatte ihn gezwungen, wider seine +Überzeugung zu handeln. Sie hatte ihn +um die letzte Hoffnung betrogen, die er +noch gehegt, um die letzte, die geheimste +Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung +und schmerzlichen Verlassenheit noch +an die Zukunft geknüpft hatte.</p> + +<p>Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. +Er war der Mann nicht, um einer +solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken.<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span> +Sein Gemüts- und Sinnenleben war eine +vernachlässigte Provinz seines Daseins, +und die dunklen Wege der Seele nur zu +ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete +sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat +das Vergangene so nah an ihn heran; er +wußte plötzlich, daß er schon das Bild des +Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen, +und daß das Wächter- und Erzieheramt, +das er ausgeübt, ihm mehr und anderes +bedeutet hatte als eine Pflicht der +Pietät und der Freundschaft. Auge und +Empfindung hatten ihn getäuscht; er hätte +sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er +von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert, +wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet +hätte, wonach sein ausgehungertes Herz +lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken +und zu unterdrücken, dienten ihm aber +menschlich nicht; es verfinsterte ihn und +höhlte ihn aus.</p> + +<p>Die Gestalt Olivias, die Stimme, der +Schritt, der Blick, das Lächeln: alles das +war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, +Frucht seiner Mühe, Lohn seiner Entbehrung, +Ausgleich seiner trüben Erfahrung; +ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm +erkannt. Für ihn gemacht, für ihn lebendig, +weil er den magischen Schlüssel dazu +besaß, das Wesen zu begreifen glaubte. +Ihr Tun war seines, auch das anscheinend +Widerstrebende war noch in der Harmonie +mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung +zusammengebrochen war – er nannte es +Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen +einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie +sich der Geißel seiner Worte und dem +lähmenden Einfluß seiner Urteile durch +die Flucht entzogen hatte, war er noch +weit entfernt, sie verloren zu geben; mit +fatalistischer Geduld vertraute er auf seine +Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer +Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf +versetzt hätte und den Zeitpunkt abwarten +wollte, der zur Erweckung am günstigsten +war.</p> + +<p>Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser +Einbildung. Äußere Umstände, die stärker +waren als alles, was er in die Wagschale +hätte werfen können, hatten den Sieg über +ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte +ihn und erneute sich immer wieder, +so oft er sich sagte, daß bei natürlicher +Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten +geblieben und die Schwankende, +Haltlose ihm endlich in die Arme geführt +hätte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz +bestand in seiner Existenz, in vielen +Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter +Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und +jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und +stumm, wie nur er sein konnte, alles auf +das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, +und er wußte es nun. Derselbe Sturm, +den er geweissagt hatte, seitdem sein männlicher +Geist und Wille in Konflikt geraten +war mit den Gebresten der Zeit und den +Unterlassungssünden ihrer Menschen, +hatte die Blüte ausgerissen und verweht, +die er im geschütztesten Winkel seines +Lebensgartens gepflanzt hatte.</p> + +<p>Hier war kein Appell möglich. Sie hatte +ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, +daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn +in ihren Augen zum Verbrecher stempelte. +Er durfte nicht hoffen, daß irgendein +Mensch, weder Mann noch Weib, weder +Freund noch Feind, in seinen Bemühungen +etwas anderes erblickte als Verschrobenheit +und Herzenskälte. Er hatte sie eingebüßt, +sie war dahin, sie konnte ihn nicht +mehr sehen und hören, sie hatte sich dem +blutigen Chaos verdungen und bildete sich +ein, nützlich zu sein und litt unsäglich, +und würde immer ärger leiden müssen, je +höher die Woge des Entsetzens stieg.</p> + +<p>Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender +Teufel bleich und böse in einem +Winkel seiner Kammer kauerte und sich +das Hirn zermarterte mit den Gedanken, +die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine +wirklich beispiellose Einsamkeit erregten. +Es war etwas Troglodytisches um ihn; +es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten +Welt; er glich dem körperlosen +Schatten, der nach einer Seele sucht und +sie nicht finden kann. Er fühlte sich ausgestoßen +und gänzlich vergessen, erniedrigt +und beraubt; er fror und fieberte, er sann +auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung, +daß möglicherweise er es sein mußte, der +sich zu beugen und zu unterwerfen hatte, +war ihm noch mit keinem Hauch genaht.</p> + + +<p class="newsection">Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit +schlich er aus dem Hause und +ging zu Frau Khuenbeck.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er +hatte sich jahrelang nicht um sie gekümmert, +das trug sie ihm nach.</p> + +<p>Sie machte ihn im stillen auch für alles +verantwortlich, was mit Olivia geschehen +war, und als er die Rede auf das Mädchen +gebracht hatte, erklärte sie, daß sie ihre +Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten, +wenn man sie im Spital besuche. +Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von +Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen +und habe sich bei Olivia erkundigt, +ob sie etwas erfahren habe. Sie habe +nichts gewußt, habe aber auch keinerlei +Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugehört, +aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, +wobei einem eiskalt wurde.</p> + +<p>»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« +fuhr Frau Khuenbeck fort, »den Blick, +meine ich, den Blick einer Besessenen? +Gewiß begeh’ ich ein Unrecht, wenn ich +so etwas sage. Die Menschen beten sie +ja an. Auch ich muß sie bewundern, aber +sie ist mir fremd geworden. Geht das mit +rechten Dingen zu?«</p> + +<p>Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß +die Frau von Olivia sprach. Er hielt es +für ausreichend, sie durch eine ermunternde +Miene anzuspornen.</p> + +<p>»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« +berichtete Frau Khuenbeck. »Sie hat das +Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit +darin erworben, daß die Ärzte +ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. +Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; +instinktiv bringe sie genau die Tiefe +des Betäubungsschlafes zustande, die für +den betreffenden Fall erforderlich ist. +Wenn einer schreit oder sich sträubt, so +braucht sie ihn nur anzurühren, und er +fügt sich.«</p> + +<p>»Märchen,« warf Robert Lamm hin.</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. +Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem +Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. +Einige Ärzte meinen, daß sie sich auf eine +besondere Kunst des Dosierens versteht. +Es sind auch Chirurgen aus der Stadt +gekommen, denen sie eine Erklärung geben +sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«</p> + +<p>»Die Esel vom Fach vermuten immer +da Wunder, wo ganz und gar keine sind,« +bemerkte Lamm trocken.</p> + +<p>Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. +»Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen +so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. +Aber was bedeutet mir das? Wie +ich das zweite- oder drittemal dort war, +mußte ich auf sie warten und ging im +Flur auf und ab, und da kam sie mit dem +blutenden, frisch abgesägten Bein eines +Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, +doch wer kann so ein Bild wieder +loswerden, wenn er es einmal geschaut! +Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte +das Gefühl, als begehe das Kind eine +schreckliche Sünde.«</p> + +<p>Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. +»So ein Bein, wissen Sie, ist außerdem +verflucht schwer,« sagte er mit heiserer +Stimme, »es mag gut und gern seine +fünfzehn Kilo wiegen.«</p> + +<p>»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, +»die so heikel war, daß sie vom Tisch aufstand +und nicht weiteressen konnte, wenn +auf einem Salatblatt ein Wurm kroch! +Was kann ihr die Welt noch sein, danach? +Kann sie je wieder ein harmloses +Leben führen, ein Leben mit kleinen +Pflichten?«</p> + +<p>Lamm erhob sich. »Wir werden das +Problem heute nicht lösen, Verehrteste,« +antwortete er schroff. »Unser Verstand ist +überhaupt unzulänglich gegenüber dem +traurigen Verwesungsvorgang, den man +Leben nennt. Mich dürfen Sie schon gar +nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen, +mir wird übel, wenn ich ja oder nein +sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das +Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat +nicht die geringste Lust mehr, Geräusche +zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück +Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle +mich Ihnen.«</p> + + +<p class="newsection">Als er durch den Korridor seines Hauses +schritt, traten ihm zwei Herren in den +Weg. Der eine war Doktor Strygowski, +der andere, der mit außerordentlicher +Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, +etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine +Miene verriet Unsicherheit und Anmaßung. +Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte +den tadellos gebügelten Zylinder, nannte +seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher +Bescheidenheit und sagte, er sei +entzückt von der Besichtigung des Hauses,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> +das eine Perle unter den Lazaretten der +Stadt sei, und er freue sich, dies öffentlich +verkündigen zu können.</p> + +<p>Lamm stand steif wie ein Stock. Der +andere verbeugte sich, lächelte aus irgendeinem +Grunde geschmeichelt und ging.</p> + +<p>Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer +führenden Journalisten. Besichtigt Spitäler +im Auftrag des Roten Kreuzes.«</p> + +<p>Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte +vom Grafen Ulrich von Württemberg +und dem Dieb?« fragte er. »Der +Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den +ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen +und mit jedem zu sprechen, der vorüberging. +Einmal schlich sich ein Mensch aus +dem Tor, der hatte drinnen in der Küche +einen Fisch gestohlen und er hatte einen +sehr kurzen Mantel an, unter dem der +Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf +zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder +Fische stehlen gehst, so zieh einen längeren +Mantel an oder nimm einen kürzeren +Fisch.‹«</p> + +<p>Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, +der Rat hat gefruchtet,« antwortete er. +»Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend +langen Mänteln versehen.«</p> + +<p>Lamm warf einen durchdringenden Blick +auf den jungen Arzt. »Doktor Strygowski, +wenn ich nicht irre –?«</p> + +<p>»Strygowski ist mein Name. Ich bitte +um Verzeihung, daß ich unterlassen +habe –«</p> + +<p>Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. +»Nichts, nichts,« unterbrach er den Doktor. +Dann ließ er abermals den Blick mit fast +verletzender Unbekümmertheit auf dessen +Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem +Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und +sagte: »Es wäre mir lieb, wenn Sie am +Abend eine Stunde zu mir kommen würden. +Ich habe einige Fragen an Sie zu +richten.«</p> + +<p>Doktor Strygowski erwiderte, er werde +kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.</p> + +<p>»Herr Doktor, der Transport,« sagte +Schwester Nina, die vom Eingangsflur +heraufkam. Lamm kannte die schöne, +blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.</p> + +<p>Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. +Regungslos lagen die verwundeten +Männer, mit eingesunkenem Brustkorb +und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre +Gesichter waren von einem verwitterten +Grau, das Blut war durch die Verbände +gedrungen und klebte auf der Haut. Mit +dumpf-ungläubiger Verwunderung sahen +sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, +verursachte ihnen eine mit Furcht +gemischte Spannung, über die sie grübelten.</p> + +<p>Hinter den letzten Trägern ging Olivia. +Sie war in einen ziemlich groben Mantel +gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie +Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm +ohne Lächeln zu.</p> + + +<p class="newsection">Es war elf Uhr vorbei, als Doktor +Strygowski in Robert Lamms Stube trat. +Er entschuldigte sein spätes Kommen. +Lamm deutete schweigend auf einen Sessel +gegenüber seinem Lehnstuhl.</p> + +<p>»Ich will über Olivia Khuenbeck mit +Ihnen sprechen,« begann er ohne Umschweife. +»Vielleicht ist Ihnen bekannt, +daß Olivia während ihrer ganzen Jugend +unter meiner Obhut gestanden ist. Ich +fühle mich noch immer für das, was sie +tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine +Torheit ist, aber es ist nun einmal so. +Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias +zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt +hat?«</p> + +<p>Ein wenig verwundert über den Ton +eines verhörenden Richters, antwortete +der junge Arzt nach einigem Überlegen: +»Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt +jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches +vollbracht wird.«</p> + +<p>»Hat sie von Anfang an gewußt, was +ihr beschieden sein würde, wenn sie beharrlich +blieb?«</p> + +<p>»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.</p> + +<p>»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich +fort; »viele Menschen, die sich +an ein schwieriges Unternehmen wagen, +ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger +Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen +darum nicht zu versagen, oft zeigen sich +die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. +Aber wo es sich um den beständigen +Anblick von Blut und Wunden +handelt, muß unbedingt die Phantasie nach +und nach ertötet werden, sonst ist an eine +fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +Augenschein schwächt sich ab, die Gewohnheit +macht die Sinne stumpf.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht leugnen, und es +gilt in allen Fällen, nur bei Schwester +Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. +»Ihr Geist und ihr Gemüt sind der Abstumpfung +nicht unterworfen. Das ist das +Merkwürdige und das Seltene bei ihr. +Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig +Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen +wird, sondern jeder neue Eindruck reißt +ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem +Grauen, dem Schmerz, der Empörung, +dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, +die ohne Grenze ist.«</p> + +<p>»Also ein Phänomen, ganz einfach ein +Phänomen,« sagte Lamm mit erheuchelter +Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den +Sessel zurück und umklammerte mit den +Fingern die Armlehnen fest.</p> + +<p>Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie +kennt jeden einzelnen Mann, und wir +haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. +Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden +bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, +das Leben zu erhalten oder nicht, jede +Besserung oder Verschlimmerung spürt sie +unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, +wenn Gefahr droht. Die Fieberzustände +sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, +vom gelispelten Betteln um Wasser +bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis +zur Hochglut zur besonderen Sprache und +Mitteilung für sie geworden ist. Und sie +begnügt sich nicht, sie will immer noch ein +Mehr; von sich selbst heißt das, nur von +sich selbst.«</p> + +<p>Lamm erhob sich, ging auf und ab, +setzte sich wieder. Er zwang sich mühsam +zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß +er hervor, »begreife es nicht. Ich will +gar nicht die Frage erörtern, wie sie es +physisch aushalten soll; aber Tag für Tag +das alles sehen! Und nicht nur sehen, +auch hören, das Stöhnen, Wimmern, +Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier +oben schaudert mir manchmal die Haut, +und ich bin doch ein hartgesottener alter +Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von +jedem Windhauch war sie abhängig, jede +übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie +an einem Wirtshaus vorüberzuführen, +wo Betrunkene lärmten, war ein Wagnis.«</p> + +<p>Überrascht von der Aufwallung eines +Mannes, den er für trocken und unempfindlich +gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski +den Kopf. »Vor einigen Tagen +war ich mit Schwester Olivia in einem +Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht +sind,« erzählte er mit leiser +Stimme; »da waren Zimmer angefüllt +mit Männern, die aneinander vorübergingen, +ohne einander zu gewahren, in +gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken +der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo +Männer saßen, die stundenlang die Hände +steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach +ihren Angehörigen riefen; da war es schwer, +sich zusammenzunehmen, sehr schwer. +Schwester Olivia hatte eine Gebärde, die +ich nicht vergessen kann seitdem; so, als +wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit +deiner Welt geschehen, was ist mit eurer +Welt geschehen, ihr Menschen!‹«</p> + +<p>»Ja, das kann ich mir gut denken,« +antwortete Lamm nun wieder mit erkünstelter +Ruhe. »Aber erklären Sie mir +doch, was in ihr vorgeht,« fügte er hinzu +und kniff die Augen sonderbar zusammen; +»mich läßt da die Logik im Stich.«</p> + +<p>»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer +Organismus, Herr Hofrat,« sagte +Doktor Strygowski sinnend. »Ich will +nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber +auch ein Arzt, für den der Menschenkörper +Studium und Sache wird, gerät jetzt bisweilen +mit der sogenannten göttlichen Weltordnung +in Konflikt. Man fragt sich, was +das alles soll, das Leben und Sterben und +die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken +an mir nagen, und ich schaue Schwester +Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa +einem stümpernden Dilettanten, der vor +einem Künstler steht. Die leidet! Das ist +Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man +vergißt, man flieht, die gespannte Saite +lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes +Wort, einen geistigen Zuspruch, +aber bei ihr ist auch davon keine Spur. +Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen +Schritt über die Alltäglichkeit hinausgelangt, +ich kann es mir nicht anders erklären, +irgendein unbekanntes Element hat +sich ihrer bemächtigt, für mich im stillen +nenne ich es die Metempsyche.«</p> + +<p>Lamm schwieg, kaum daß er atmete, +und nach einer kurzen Weile fuhr Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> +Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit +nicht mehr, das harmlose Gespräch +nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen +des Daseins nicht mehr. Sie versteht +nicht, daß es noch Menschen gibt, die +von ihren Geschäften, ihren Wünschen, +ihren persönlichen Vorteilen und Enttäuschungen +reden können. Ich sah sie einmal +ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines +der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich +frisierte, einigermaßen umständlich, wie es +ja manche Frauen tun. Die Miene, mit +der sie wehmütig und unwillig staunte, +war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr +Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«</p> + +<p>»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte +Lamm, »ich wußte es in der Tat nicht. +Das unvergleichliche Haar! In Generationen +schafft die Natur so etwas nicht zum +zweitenmal.«</p> + +<p>»Unter unseren freiwilligen Damen,« +begann Doktor Strygowski wieder, »ist +auch eine vielgerühmte Schauspielerin, +Schwester Susanne, eine verwöhnte Gesellschaftsdame +mit Prinzessinnen-Allüren; +um sie ist der ganze Lügendunst des +Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten +mit der großen Geste, mit der sie +ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen, +wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. +Sie schlägt die Augen zu Boden, als schäme +sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie +soll ich sagen, etwas geradezu magisch +Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so +manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie +sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung +verschaffen wollen, daß sie die +Leere ihres Gemütes zudecken durch einen +Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«</p> + +<p>Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie +sind ein gründlicher Herr, das muß man +gestehen,« sagte er. »Nun, und das +wucherische Treiben der Lieferanten, weiß +sie auch von dem? Und wie verhält sie +sich dazu? Und zu der Schwerfälligkeit +der Ämter und Behörden, der Schmähsucht +der Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, +den Ausreden der Faulen, den +krampfhaften Bemühungen der Streber +und Ordensjäger, dem frühzeitigen Erlahmen +derer, die in rascher Begeisterung +Wunder zu tun versprochen hatten, mit +einem Wort, dem ganzen landesüblichen +Unrat, wie verhält sie sich dazu?«</p> + +<p>»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich +selber zur Last und verwandelt es in +eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor +Strygowski. Er dachte eine Weile nach, +bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein +Erlebnis von einschneidender Bedeutung +gehabt haben. Sie muß einmal so zu +Boden geschlagen worden sein, daß es +aller Kraft bedurfte, die ein Gemüt überhaupt +aufbringen kann, damit sie sich +wieder erheben konnte. Deshalb ihre +Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb +ihr unbeirrbar gerichteter Weg.«</p> + +<p>»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, +ja fast wild. »Flausen! Darauf fall’ ich +Ihnen nicht herein!«</p> + +<p>Ein rascher Blitz des Unwillens traf +ihn aus Strygowskis Augen. »Ich habe +Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, +Herr Hofrat,« sagte er leise. »Daß ich +Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht +leugnen. Ich gestehe sogar, daß ich noch +nie einen Menschen in diesem Maß bewundert +habe. Meine Bewunderung ist +um so größer, als ich mir nicht verhehle, +nicht verhehlen kann, <em class="gesperrt">wohin</em> der Weg führt, +den sie geht.«</p> + +<p>Lamm schwieg betroffen. Die beiden +Männer sahen sich an.</p> + +<p>»Und Sie haben kein – Kapital in diese +Bewunderung investiert? Sie wollen keine +Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit +verkniffenem Mund.</p> + +<p>»Ich verstehe nicht –«</p> + +<p>»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen +bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen? +Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, +ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung +an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches +Ziel.«</p> + +<p>»Hierauf habe ich keine Antwort.«</p> + +<p>»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm +erhob sich und begleitete seine Worte mit +heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll +also schlechterdings an Engel glauben, an +graduierte Engel mit Schnurrbart und +Brille! Seit wann sind denn die Doktoren +der Medizin unter die Idealisten und Propheten +gegangen? Hat euch die blutige +Zeit betrunken gemacht?«</p> + +<p>»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung +noch nichts Plausibles,« sagte Strygowski, +der blaß geworden war.</p> + +<p>»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span> +von Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir +Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm +grollend fort. »Wenn ich Ihnen zu nahe +getreten bin, will ich abbitten. Aber können +Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher +Beobachter vorstellen, daß ein Wesen wie +Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde +unter Männern bewegt, ohne nur im Geringsten +als Weib auf diese Männer zu +wirken? Meine Frage enthält keine Frivolität. +Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir +leben auf einem Planeten, mag er auch +noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem +es für bestimmte Daseinsformen bestimmte +Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist +Blut. Hunger will Sättigung, Blut will +Wärme. Riechen Sie nicht den tückischen +Giftstoff, von dem das ganze Haus erfüllt +ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich +dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia +heißt?«</p> + +<p>»Ich glaube es,« erwiderte Doktor +Strygowski entschlossen. »Was Sie sagen, +ist keine Wahrheit für mich, sondern eine +Anklage, die erst bewiesen werden muß. +Es müßte erst bewiesen werden, daß die +Caritas, vor der ich meine Knie beuge, +ein lemurischer Unhold ist.«</p> + +<p>»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. +»Ein Unhold und Lügengeist, der +Frauen- und Mädchenseelen mit falschen +Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder +Illusion bar, hinaus ins Leben zu +stoßen.«</p> + +<p>Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski +zog die Uhr aus der Tasche, überlegte +eine Weile, während er die Uhr in +der Hand behielt und sagte dann: »In einer +Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre +zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur +durch den Augenschein widerlegt werden. +Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung +beharren, wenn Sie sie dabei sehen.«</p> + +<p>»Ich brauche den Augenschein nicht,« +knurrte Lamm. »Alles was ist, kann ich +mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«</p> + +<p>»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete +der Arzt; »ich kenne dieses Leiden.« +Er blickte traurig zu Boden.</p> + +<p>In diesem Augenblick vernahmen sie ein +seltsames, eintöniges Plärren, ein singsangähnliches +Heulen wie von einem Hund. +Der Hofrat ging zur Tür und lauschte. +Dann öffnete er die Türe, schritt durch +den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.</p> + +<p>Doktor Strygowski folgte ihm.</p> + + +<p class="newsection">Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert +ein Mensch. Erst als er +ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener +Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut +vor sich hinheulte und dabei mit dem +Oberkörper schaukelte. »Was treibst du +da?« herrschte ihn Lamm an.</p> + +<p>»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus +kein Plätzchen, wo es still ist,« flüsterte der +Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah +aus wie geschwollen.</p> + +<p>»Geh auf der Stelle in deine Kammer +und in dein Bett,« befahl Lamm.</p> + +<p>Gerold erhob sich schwerfällig und wankte +über die Stiege. »Kann aber nicht schlafen, +Herr Hofrat,« klagte er.</p> + +<p>Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte +Miene, wieder in seine Stube zu gehen, +aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so +forschend, so sonderbar auffordernd auf ihn +gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen +Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte +und hinter dem Arzt in das große Zimmer +ging, das vormals seine Bibliothek gewesen +war. Die Lichter waren ausgelöscht bis +auf eines, das neben der Tür brannte und +durch ein grünes Tuch abgedämpft war. +Nur in den zunächst stehenden Betten +konnte man die Gesichter sehen. Sie hatten +einen fahlen Schein. Einige Verwundete +wachten und hoben von Zeit zu Zeit den +Kopf; dabei glänzten die Augen heiß, und +wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, +ächzten sie.</p> + +<p>Doktor Strygowski zog Lamm in den +Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß +gleich kommen; hier war sie noch nicht, +denn die Schwester dort drüben ist eingenickt.«</p> + +<p>Er hatte kaum ausgeredet, da trat im +Hintergrund eine Gestalt durch die Türe. +Es war Olivia.</p> + +<p>Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit +im Raum ließen ihr Gesicht nahezu weiß +erscheinen. Der Schritt war lautlos und +verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes. +Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, +die schlummernd auf dem Stuhl saß und +berührte mit der Hand deren Schulter. +Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> +Bestürzung in ihrem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gedicht'">Gesicht</ins> verwandelte +sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia +schüttelte den Kopf und ging weiter.</p> + +<p>Die Blicke derer, die wach waren, hatten +sie entdeckt; sie flogen ihr zu, förmlich ungeduldig; +dies hatte etwas wie bei hungrigen +Säuglingen, wenn die Amme an die +Wiege tritt. <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Er war'">Es war</ins> rührend und unheimlich. +Olivia schien es zu fühlen; sie neigte +die Stirn; alles war plötzlich so sanft an +ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar +innerlich und beredt.</p> + +<p>Sie ging wie mit einer Lampe in der +Hand, die nicht verlöschen durfte. Aber +trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare +Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit +zu beanspruchen schien, war es, als sehe +und spüre sie alles, was rund um sie war, +mit zehnfach geschärften Sinnen.</p> + +<p>Als sie in das nächste Zimmer treten +wollte, kam Schwester Emilie, eine ältere +Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit +Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.«</p> + +<p>»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete +Olivia.</p> + + +<p class="newsection">Vor dem kleinen Raum, in welchem +Nummer 42 lag, standen flüsternd einige +Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, +als er zu dem Bett des Unbekannten +ging. Robert Lamm hatte sich unter sie +gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vorüberschreiten +und nickte ihm zu wie am +Abend, ohne zu lächeln, doch mit +einem verwunderten Aufschimmern des +Blicks.</p> + +<p>Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, +sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in +Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, +die sie trug.</p> + +<p>Der Sterbende war in einem Zustand +von Auflösung und Entrückung. Der +Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, +daß es peinigend war, in sie zu schauen. +Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem +Gestrüpp.</p> + +<p>Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf +der keuchenden Brust des Mannes und +lauschte dem Herzschlag.</p> + +<p>War es nur eine Täuschung, oder verhielt +es sich wirklich so: alle im Zimmer +Anwesenden hatten den Eindruck, als seien +die Blicke des Unbekannten, die bis zu +dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten +Gegenstand oder einem Menschen geruht +hatten, auf Robert Lamm gerichtet, +ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, +und zwar in einer Art, wie wenn er eine +Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn +er ihn an ein Versprechen mahnen wollte. +Der Blick war so dringend, als sei zwischen +den beiden zu irgendeiner Zeit einmal +eine Verabredung getroffen worden und +als sei eben jetzt die Frist verstrichen. +Es war ein Blick des Willens und des +Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.</p> + +<p>Lamm spähte scheu um sich her; er +wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es +ihn stets von neuem in die Richtung, wo +er dem schauerlich und dringlich glänzenden +Auge begegnen mußte. Olivia stand +hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein +gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte +sich Lamm mit stummer Anstrengung; am +liebsten hätte er ihr zugerufen: Sprich mit +mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus +seiner Bedrängnis befreit hätte, sich abzuwenden +und wegzugehen, war ihm durchaus +unmöglich. In dieser Not griff er zu +einem sonderbaren Hilfsmittel: er riß seine +Zigarettendose aus der Tasche, entnahm +ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden +hin. Es geschah dies weniger aus +Überlegung, als aus Trotz und Trieb, die +gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu +ziehen.</p> + +<p>Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger +Funke aus den Augen des Unbekannten +blitze; er machte eine schwache Bewegung +mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun +die Zigarette zwischen die Lippen. Aber +um den blutlosen Mund spielte auf einmal +ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen, +bittersten Verachtung, durch ein +mattes Lächeln nicht gemildert, sondern +verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher +Seufzer den Körper, das Auge brach, +das Leben war dahin.</p> + +<p>Als Robert Lamm den Raum verließ, +war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe +Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher +Verachtung in der letzten Agonie +des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal +auf ihm.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span></p> +<p class="newsection">Olivia tat das Herz so weh, als sei +es ein Geschwür in ihrer Brust. +Am Anfang und am Ende jeder +Handlung stand dieselbe Frage; +jede Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen +Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo +ist Trost?</p> + +<p>Die Schauspiele verwirrten sich wie die +Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der +Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses +Haus, in dem sie zufällig wirkte, war nur +eines unter den Tausenden von Becken, in +denen sich das Unglück sammelte. Man +mußte die Einbildungskraft in Schranken +zwängen, um nur die Hände rühren zu +können. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten +vom Morgen über den Tag zum +Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.</p> + +<p>Und dennoch: immer wieder auf und +hinüber, hin zu den Wunden, vielleicht, +daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick +Linderung brachte oder Geduld einflößte.</p> + +<p>Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen +ihr nicht bekannt war. Sie fühlte diese +Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und +die Augen an ihr hingen. Diese Augen +redeten eine Sprache von nie gehörter Eindringlichkeit, +die sie ohne Gewissenspein nur +hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz ausschöpfte +im Tun, sich ganz und gar vergaß.</p> + +<p>Die Schicksale stürzten über sie, und sie +wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte +es sein, in ihren hingegebensten Stunden +sehnte sie sich danach, völlig zermalmt +zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. +Ruhte sie, faßte sie sich wieder, so wurde +es zu gräßlich, nur zu denken an das, was +war. Nicht allein von Bildern der Zerstörung +war ihr Geist beladen, Bildern +leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, +unerträglichen Hungers, erstickender +Todesangst, hoffnungslosen Siechtums +und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen +unvergiftet ließ, sondern von dem +auch, was dahinter war an Wut, Haß und +Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den +Beleidigungen der Menschenwürde, von +dem Aufgestachelten in allen, der von überallher +tönenden Klage.</p> + +<p>Damals, als ihre Mutter in der Sorge +um Ferdinand zu ihr kam, mußte Olivia +in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; +sie sagte: »Du darfst die Hoffnung nicht +sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«</p> + +<p>»Ich? Warum nur ich? Warum nicht +auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt +zurück.</p> + +<p>Olivia schwieg. Ihr war, als verriete +sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.</p> + +<p>Leo von Scheyern war gefangen, Ernst +von Scheyern war unter den Vermißten. +Frau von Scheyern kam nicht mehr ins +Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia +darüber, wie sie beim Anblick jedes<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span> +Briefträgers bleich geworden sei, bei jedem +Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. +Da sah Olivia Tausende und aber Tausende +von Müttern, die in folternder Ungewißheit +um das Leben ihrer Söhne schwebten +und an keinem Morgen erwachten, ohne +auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein +in eine Wüstenei verwandelte.</p> + +<p>Im Anfang blieben die Geschehnisse im +Schatten, und nur die Gesichter traten +hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, +wenigstens für Olivia, wälzte sich von +allen Seiten das Grauen heran. Viele von +denen, die dalagen, hatten überdies Worte, +unvergeßliche Worte, um andre wieder +schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie +selber Kunde gaben.</p> + +<p>»Ich will nimmer hinaus,« knirschte +einer im Fieber und bäumte sich verzweifelt, +»tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ +nimmer.« Einer stieß im Schlaf die schrecklichsten +Angstlaute aus, und einer schaute +gebannt, mit aufgerissenen Augen in die +Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge +wieder und wieder, was ihm das Herz +zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.</p> + +<p>Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen +Beruf Akrobat gewesen war. +Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe +bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich +fremdländisch-imposant nannte, war er +jahrelang durch die Provinz gezogen und +hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit +ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte +ihm beide Beine weggerissen, Frau und +Kinder waren des Ernährers beraubt, er +lag da, ein Krüppel, und sann darüber nach, +was er an Stelle seiner verlorenen Kunst +würde treiben können. Er dachte an das +bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, +an den Beifall, den er mit seiner Arbeit +am hohen Trapez geerntet, und daß das +alles nun vorbei war.</p> + +<p>Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. +Es war ein sehr gewöhnliches Gesicht +mit vollen Backen, kleinen dummen Augen +und niederer, fliehender Stirn. Aber die +Gewöhnlichkeit der Züge war durch die +geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren +Kräfte umglüht. Wie ging das zu?</p> + +<p>Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten +ihr im Grunde all diese Leute, die aus +einem kleinen Leben zufällig in ein großes +gerissen worden und darin zerschmettert +worden waren, zufällig in diesem Haus +ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr +der Bauer aus der Südmark, der da lag, +erblindet? Aber wie er es trug, was er +daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen, +daß er tun konnte, was er getan? +Viele Wochen hatte er unbeweglich im +nassen Schützengraben zugebracht, unter +den Folgen eines bösartigen Rheumatismus +hatte er das Augenlicht eingebüßt. +Eines Tages war seine Mutter ins Spital +gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig +ergraut, in Sorgen gealtert. Er war +ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre Hoffnung. +Sie wußte nichts von der Erblindung, +und er hatte beschlossen, sie ihr noch +zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, +hatte er Ärzte und Schwestern gebeten, +daß man ihr nichts sage. Zuerst +ging es ganz gut; er nahm sich zusammen, +die Brille mit farbigen Gläsern begünstigte +die Täuschung. Allmählich wurde die Frau +stutzig. Ein paar tastende Gebärden, der +tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. +Sie langte plötzlich nach seiner Hand, +und als er sich nicht rührte, stieß sie einen +markerschütternden Schrei aus. Der junge +Mensch erbleichte. Mit schuldbewußtem +Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, +ich seh’ dich ja.« Aber es war zu spät, sie +glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte fortgebracht +werden. Von Zeit zu Zeit hörte +man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln: +»Ich seh’ dich ja.«</p> + +<p>Woher kam ihm dieser Heroismus?</p> + +<p>Woher kamen dem einfachen mährischen +Soldaten die Worte, mit denen er schilderte, +wie er in Polen einen ganzen Tag +und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig +gewordenen Oberleutnant hatte bewachen +müssen? Es waren die furchtbarsten +Stunden seines Lebens gewesen +und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg +empfangen hatte. Er vor der Hütte, der +Offizier in der einzigen Stube drinnen, +immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend, +immer auf und ab und in regelmäßigen +Pausen zu dem Soldaten tretend. +»Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr +Oberleutnant.« Und jener, wie ein verstörter +Geist, zur Wand hinüber, in die +Wand hineinredend: »Er will mich nicht +herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir +dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span> +Der Offizier zur Wand, und +dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das +Gewehr nicht.« So ging es den ganzen +Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, +kurzen, hastigen Schritten wanderte er +ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach +zehn Minuten und forderte etwas, das +Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps, +und wenn es ihm der Soldat verweigerte, +stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand +und rapportierte der Wand, daß er nicht +erhalten habe, was er begehrt. Es war +herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, +noch der Bericht stockte unter der +Wirkung des Grauens.</p> + +<p>Und der Konditor, der vom Vollzug des +Standrechts in Serbien erzählte. Man +hieß ihn bloß den Konditor, denn er war +in seinem Zivilverhältnis Gehilfe bei einem +Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt +und ziemlich roh, doch wenn er an eine +gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen +und die ihm nicht aus dem +Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, +und von oben bis unten schüttelte es ihn. +Es war Befehl gegeben worden, alle Häuser +zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden +Truppen gefeuert worden war, +und die Männer, die man darin fand, sogleich +zu erschießen. Eines Tages marschierte +die Abteilung durch eine Dorfstraße +und gelangte unangefochten bis ans +letzte Haus. Aus einem Fenster dieses +Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, +die aber niemand trafen. Die Leute, +denen das Morden schon zu viel war, +wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch +das Kommando wurde erteilt. Als sie nun +das Haus betraten, lagen in der Tenne zwölf +Männer auf den Knien, schon zum Tod bereit. +Ebenso viele Frauen standen bleich, +hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes +an der Wand. Zwölf Soldaten legten +die Gewehre auf die zwölf Männer an, die +Salve krachte, die Männer stürzten tot zu +Boden. Von den Frauen aber verzog keine +einzige eine Miene, sie rührten sich nicht, +mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses +strich langsam mit der Hand über die Stirne; +sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas +Übermenschliches an Qual enthalten gewesen +sein, denn der Erzähler kam immer +wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, +er mußte es immer wieder beschreiben.</p> + +<p>Olivia sah diese Frauenhand, sah sie +über die Stirne streichen, als sei die letzte +Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein +böser Traum war. Und »warum?« fragte +es in ihr, »warum, o Gott?«</p> + +<p>In einem der Zimmer kauerte ein Hund; +er war nicht vom Bett seines Herrn zu +vertreiben, dem er in die Schlacht und +von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager +gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher +Köter war es, der aber niemand zur +Last fiel. So oft sein Herr einen Laut +von sich gab, blickte er mit sanften Augen +empor, sonst starrte er müde vor sich hin, +gleich als sei er dort draußen von einem +Strahl höheren Bewußtseins getroffen +worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet +hatte, so daß sie jetzt in dunkler +Pein noch danach rang.</p> + +<p>Warum diese unermeßliche Schwermut +in den Augen des schmutzigen Hundes? +Was begriff er? Was war ihm seltsam, +was hatte ihn so still werden lassen?</p> + +<p>Ein Bild war da, so oft sie es dachte +war ihr als müsse sie hinstürzen und ihr +Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der +Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem +Säbel gegeneinander. Schon +will der unsere zuhauen, da sieht er, daß +der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er +aber noch immer, den Säbel hoch im Arm, +auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der unsere +einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und +auf dem Boden windet er sich stumm wie +ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, +er hatte die Sprache verloren.</p> + +<p>Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit +eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber +mit ihren Kindern, die eine hatte einen +Säugling verloren, die andere brach zusammen, +und sie waren ohne Speise und +Trank und nächtigten auf dem Felde und +zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in +den Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, +wie sie fuhren, immerzu fuhren, +durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte +Ruinen gab, und wie sie um Brot +schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, +ihre Säuglinge verschmachteten.</p> + +<p>Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen +auf einer öden Insel glichen; +sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, +die keinen Vater mehr hatten, die Witwen, +die trauernden Bräute, die Verlassenen,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span> +Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. +Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen +apathisch werden, und wie die Freunde +aufhörten, füreinander zu zittern. Sie +sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung +und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der +Idee auch im Edlen erlosch, wenn die trübe +Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen +emporschwoll oder das körperliche Leiden +die Kraft der Seele besiegte. Wie die +Begeisterung flügellahm, die Tapferkeit +zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch +für den Leichtherzigsten seinen Reiz, die +Gefahr ihre Lockung einbüßte und nur den +Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.</p> + +<p>Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen +geplündert, die Äcker zerstampft, +die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in +jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert +mit Toten. Sie hingen verstümmelt +in den Drahtverhauen und lagen eingebettet +in Blumen, sie waren versunken in den +Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, +sie schwammen in den Wellen +des Meeres und fielen aus den Wolken +herab: Männer und Jünglinge, Kinder +und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche +und Arme, Gute und Schlechte, Verräter +und Verratene, Schöne und Häßliche, +Glückliche und Unglückliche.</p> + +<p>Und sie hörte das Geläute der Glocken +und das Prasseln der Brände und alle +Laute, die die menschliche Stimme hat, +um Schmerz und Todesangst auszudrücken. +Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten +und in den Stuben weinten. Sie hörte die +Worte des Abschieds und die Worte frommer +Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt +der Armeen, das Schlürfen müder +Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, +die Gesänge des Triumphes und +die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen +oder wenn sie sich berauschen wollten.</p> + +<p>Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann +vorsang, der in einer Nacht +beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen +hatte.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,<br /></span> +<span class="i0">zu begraben, zu begraben die Soldaten.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,<br /></span> +<span class="i0">dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!<br /></span> +<span class="i0">die Gemeinen unten, Korporale oben.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">An den Seiten viere, in der Mitten viere,<br /></span> +<span class="i0">überquer die Herren, Herren Offiziere.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,<br /></span> +<span class="i0">dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,<br /></span> +<span class="i0">zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,<br /></span> +<span class="i0">morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.<br /></span> +</div></div> + +<p>Diese einfachen Strophen machten auf +Olivia einen ungewöhnlichen Eindruck, +und ihre Gedanken begannen hinter dem +zerstückten und verworrenen Getriebe nach +etwas Bestimmtem zu suchen.</p> + +<p>Es wurde ihr alles zur Vision, immer +glühender und glühender, und sie suchte in +der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. +Sie suchte den Urheber, sie suchte den Bösen. +Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen +des Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, +der das ungeheure Leid, den unermeßlichen +Jammer bewirkt; einer muß da +wirken, Gott kann es nicht sein, es muß +ein Gegner von Gott sein und ein Feind +seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen, +alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, +alles Lebens und Entstehens. Sie nannte +ihn den Bösen, und sie suchte ihn.</p> + + +<p class="newsection">Eines Nachts lag sie angekleidet auf +dem Sofa in der Kammer, die allein zu +bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, +welche sie sich verstattete. Es war finster, +sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in +die Luft.</p> + +<p>Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf +oder sechs junge Weiber. Sie waren in +Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten +ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren +Scherzen, frivolen Wortspielen und verführerischen +Gebärden wandten sie sich an +einen, der am oberen Ende der Tafel saß. +Der aber hatte keine Gestalt, er war wie +ein Kloß, wie ein Stück Lehm. Aber die +Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe +kamen, und die Frauen wurden unter der +Schminke bleich, wenn er sie anschaute.</p> + +<p>Ein befrackter Mensch mit langem +Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen +warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück +hinüber, das er geschickt auffing, ohne sein +Spiel zu unterbrechen.</p> + +<p>Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span> +lag, unbemerkt von allen, eine Leiche. +Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten +und Konfekt bedeckt, und aus der Brust +ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, +die Griffe von drei Messern heraus. Durch +die Fugen des Tisches rann Blut und +tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.</p> + +<p>Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren +in übermütigster Laune, da erhob sich der +Gestaltlose und forderte eine der Frauen +zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu +ein Wunder an Schönheit, strahlend +von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein +enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, +das die schlanke Figur zur höchsten +Geltung brachte. In ihrem Tanz war die +freie Anmut bewußter Kunst, und als sie +den Kopf zurückbog und hingerissen lächelte, +lächelten die andern Frauen mit und +klatschten in die Hände.</p> + +<p>Während der Klavierspieler in einen +schnelleren Rhythmus überging, war es, +als ob der tanzende Kloß sich dehne und +wachse; er bekam einen Schädel, aus dem +Schädel blickten Augen, und diese Augen +sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese +irisierenden Gallertaugen waren von einer +solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen +plötzlich verstummten und sich ein +bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin +aber wurde zusehends blasser, sie suchte +sich aus der Umklammerung des Kloßes zu +befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre +Arme, mit denen er sie still gewalttätig an +sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu +röcheln begann, daß ihr Gesicht blau wurde, +daß ihr Leib in der Mitte einknickte, und +als sie ihm schließlich entseelt in den Armen +hing, sah es aus, als sei nichts mehr von +ihr übrig als das Kleid.</p> + +<p>Ihre Genossinnen sprangen schreiend +auf, wollten fliehen, umklammerten einander, +da richtete der Mensch, der mit +den drei Messern in die Brust unter Früchten +begraben war, den Kopf in die Höhe +und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch +sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: +Gib sie mir wieder!</p> + +<p>In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten +schien, strömten nun auf einmal +viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, +Soldaten, Offiziere, ärmlich gekleidete +Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, +ein alter Mann mit weißem Bart, drängte +sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der +jetzt allmählich eine menschliche Gestalt +annahm: Gib mir meine Tochter wieder!</p> + +<p>Mehrere, die hinter ihm standen, schrien +gleichfalls, wie außer sich: Gib uns unsere +Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere +Schwestern!</p> + +<p>Da aber wurde ein monotones Gemurmel +hörbar, die Aufgeregten sahen sich um +und machten scheu einer Gruppe von Bauern +Platz, die demütig und bekümmert aussahen; +sie beugten sich zur Erde und +riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere +Wälder!</p> + +<p>Dazwischen gellten die Stimmen von +Frauen: Unsere Söhne gib uns, du Mörder, +unsre Söhne!</p> + +<p>Der Kloß wich Schritt für Schritt ins +Leere, bekam aber immer mehr Gestalt. +Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände +und Körper; es war als sei er mit Rost +überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. +Die Züge erweckten nicht die geringste +Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten +etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit +seinen überaus langen Armen winkte er +den Dienern, die brachten nun Säcke voll +Gold und Edelsteinen und schütteten ihren +Inhalt auf den Boden. Es entstand ein +beklommenes Schweigen, bis der alte +Mann vortrat, auf den ausgebreiteten +Schatz wies und in strengem Ton sagte: +Das für unsere Töchter? Das für unsere +Söhne? Für unser Herzblut das, du in +Ewigkeit Verruchter?</p> + +<p>Und alle Stimmen riefen verzweifelt: +Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere +Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!</p> + +<p>Olivia hatte die Augen offen und sah +und hörte alles so wirklich, als ob sie im +Theater säße.</p> + + +<p class="newsection">Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich +unablässig; wo soll ich hin, wo kann man +noch leben, wo ist es noch möglich, zu +lächeln, wo ist noch Freude, wie kann je +wieder Freude entstehen?</p> + +<p>Sie wünschte, sich verwandeln zu können. +Als sie von fern durch die Glaswand der +Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in +geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben. +So in der Erde zu wurzeln, tief +und innig, bewußtlos hinzudämmern, mit +zartesten Fasern an die Natur gebunden!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>Daß man Blume werden könne, irgendwie, +irgendwann, wurde Traum und beglückende +Idee für sie. Es erschien ihr wie +ein letzter Preis und ein letztes Asyl.</p> + +<p>Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder +bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen +war. Stumm und zu keiner Tröstung +fähig saß sie zu Hause vor der versteinerten +Mutter.</p> + +<p>Nach einer Weile kam Robert Lamm +und setzte sich zu ihnen.</p> + +<p>»Dazu muß man Kinder haben, dazu +sie aufziehen,« sagte die unglückliche Mutter +mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre +war er alt.«</p> + +<p>Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu +Olivia: »Um Pfingsten herum werd’ ich +vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte +dich mit Stricken auf ein Bett binden.«</p> + +<p>Ein paar Tage später ging sie gegen +Abend in seine Kammer. »Schau’ dich nach +der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen +Platz nicht verlassen.«</p> + +<p>»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr +voller Hohn bei, »oder du glaubst es wenigstens +zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den +Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.«</p> + +<p>»Wozu also taugst du?« konnte sie sich +zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick +flammte. »Du warst dir und andern lang +genug gut gewesen, das schlechte Wetter +zu machen. Wir haben aber soviel von der +Sorte in unserm Land, daß sich die Sonne +schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist +kein Ruhm damit zu holen.«</p> + +<p>Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart +zu leisten verstehst, räum’ ich dir die +Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete +er und ließ, beinahe wie ein Sklave, +Arme und Schultern hängen; »nur nicht +diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses +Schmachten im Überschmerz. Ich werde +verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, +meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure +Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«</p> + +<p>Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb +erstaunt. »Du bist sehr einsam,« sagte sie.</p> + +<p>»Ich will ja deine Mutter besuchen,« +lenkte er ab, unangenehm berührt von ihrem +Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber +sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer +nur im Wege. Ich bin schließlich allen im +Wege, auch mir selbst.«</p> + +<p>»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, +und in ihrem Gesicht war plötzlich ein +Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern +machte.</p> + +<p>»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«</p> + +<p>»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« +Sie trat einen Schritt näher vor ihn hin +und sagte: »<em class="gesperrt">Deine</em> Einsamkeit ist Todsünde.«</p> + +<p>»So nimm sie mir weg,« versuchte er +düster zu scherzen. »Bekehre mich, vielleicht +gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher +der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran +du mit mir bist? Sahst du es nicht?« brach +er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. +»Auch Blindheit kann eine Todsünde +sein,« murmelte er völlig verstört, +»genau so wie Einsamkeit.«</p> + +<p>Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes +Wort jemals entschlüpfen könnte, +hätte er nie für möglich gehalten. Scham +bemächtigte sich seiner, und am liebsten +hätte er sich mit Nägeln das Gesicht zerfleischt. +Er sah sich alt, verkommen, wertlos, +ohne Licht, ohne Kraft, ohne Würde, +und für die Dauer einiger Minuten war +sein ganzes Wesen umnachtet und im +Krampf.</p> + +<p>Als die Hände von den Augen sanken, +war Olivia aus dem Zimmer gegangen. +Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem +Zögern hatte er nicht wahrgenommen, +darum brach alles zusammen in ihm. Nun +war er wirklich alt, wirklich ohne Wert +und Würde. Denn der Mensch ist doch am +Ende das, wozu ihn die formen, denen +seine Liebe gilt.</p> + + +<p class="newsection">Einsamkeit Todsünde? So will ich mich +mit Menschen umstellen, sagte er sich, das +steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten +Lebenswandel kann ich Absolution +erwerben.</p> + +<p>Es kam eine Wut über ihn, sich gemein +zu machen, ein Verlangen nach Lärm, +Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu +horchen, zu schnüffeln, zu schüren. Er ging +in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, +zu früheren Kollegen, sprach Bekannte auf +der Straße an und redete so lange mit ihnen, +bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen +Geierblick für die Unzufriedenen, die Verschwörer, +die heimlichen Brandstifter, die +Nörgler und Dunkelmänner aller Kategorien.<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span> +Er wußte sie so einzuspinnen, daß +sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er +verstand so zu heucheln, daß er sich selber +widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- +und Freundschaftsversicherungen +wurden mit den Geständnissen quittiert, +um die es ihm zu tun war. Er tat jenen +schön, deren Bestechlichkeit und Verrätertum +öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte +den Betrügern und klatschte den falschen +Propheten Beifall.</p> + +<p>Er rechnete mit der Redseligkeit, der +sich auch die Schlauesten im Katzenjammer +nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, +den auch der Tartüff in der Erwartung +der großen Katastrophe an den +Tag legte; mit der aufgehäuften Bitterkeit +der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit +dem Druck der Lasten auf allen Schultern, +mit der natürlichen Freude des Menschen +an Unheil, Tod und Zerstörung.</p> + +<p>Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter +Gang zu den Menschen nahm eine +unerwartete Wendung. Die Gegenspieler +traten vor ihn hin, während ihn die Spieler +beschäftigten; von Schatten umringt, die +in einer Schattensprache redeten, sah er +über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten. +Hingekauert an einem morschen +und entlaubten Baum, vernahm er den +ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die +Kraft, fühlte die Bewegung, fühlte die +Wehen der Wiedergeburt mitten unter +Gespenstern; er fühlte sein Land, er fühlte +sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden +die blassen Frauen stehen sah, geduldig +wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, +wenn die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich +strahlenden, fast schwärmerischen +Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, +wenn verschämte Armut den Geber mied +und die Verlorenen in den Elendsquartieren +Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde +ihm der Zusammenhang bewußt, da war +er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, +wie allein er war, sondern auch, wie verlassen +sie waren, wie er sie verlassen hatte.</p> + +<p>Über den Gesichtern, die er schaute, lag +der Schein einer verborgenen Lichtquelle. +Kam nicht das Licht von der unsichtbaren +Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch +die Säle geschritten? Er konnte sich dieser +Vorstellung nicht entziehen: in der finster +gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum +im Kreis die Seelen, deren Kraft es +ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten +auf das Wunder, das darin besteht, daß +sie die Lampe sehen werden, denn dann +sind sie erlöst.</p> + +<p>Traum eines Einsamen, Traum von +der Lampe und vom Volk!</p> + +<p>Eines Abends kam er heim, angegriffen +von der Frühlingsluft, in einer sonderbaren +Stimmung zwischen Hinwelken und +innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute +war, als müsse er das Gesicht in Kissen +vergraben und schluchzen, und jetzt wieder, +als stehe er am Anfang der Zeit und an +der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod +und Werden kam er und suchte ein Bild +und einen Begriff von seinem eigenen +Wesen. Da öffnete sich die Türe und Olivia +trat herein.</p> + +<p>Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich +um eine Entscheidung handelte.</p> + +<p>Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal +von Lamm weggegangen, war nachhaltig +gewesen. Sie hatte eine dunkle +Schuld gegen ihn immer empfunden, aber +daß er sie nun zur Verantwortung ziehen +würde, hatte sie nicht erwartet.</p> + +<p>So weit sie auch zurückdachte, er war die +herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von +jener Stunde an, wo sie als Kind durch +seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung +enthoben worden war. Sie hatte +gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das +Band zwischen ihnen war nur um so fester +geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen +hatte, um ihm nicht gänzlich zu verfallen, +war sie ihm schon gänzlich verfallen.</p> + +<p>Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund +zu heißen. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte, +starke, verläßliche Freund gewesen, +sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung +und des Selbstverlustes. Dann, als +die Verwandlung kam, als sie sein Haus +von ihm forderte, als er in geheimnisvollem +Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens +ihr entrissen wurden bis auf eine +Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, +nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge +der andern entdeckte, auch da war noch der +Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, +der Mensch. Und das Wissen um +seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn +geworden, so zu erglühen, daß der +Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>›Auch Blindheit kann Todsünde sein, +siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir +bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein +zündender Blitzstrahl alles, was sie um sich +her gebaut hatte.</p> + +<p>Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, +in der er es ihr entgegenschrie. Also +war er überzeugt, daß sein Vorwurf und +der Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? +Daß sein Schicksal, er das ihre +wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte +sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt +oder einen Führer, und hatte seine +Gaben, sein hingeströmtes Inneres als +Tribut genommen, doch immer in der fernen +Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, +der Titel Freund nicht eine wertlose +Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen +beruhigen sollte? So wenig Sinn und +Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln +hatte tappen lassen Jahr für Jahr +und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter +werden mußte an sich und an der +Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den +niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit +und den hartgeschlossenen Mund, das +lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, +die Tyrannei und die stumme Bitte, das +ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. +Und sie hatte oft an ihn gedacht als an +einen, der die Truggestalten überdauert, +die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch +verlockend erschienen waren. Geträumt +hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte +sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein +Bild verloren.</p> + +<p>Einst, auf einem Ball, hatte ein junger +Mann zu ihr gesagt: »Man erzählt, daß +der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie +hatte den Kopf zurückgeworfen und mit +aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: +»Wenn Robert Lamm mich haben +wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«</p> + +<p>Doch gerade damals war sie in Georg +Ingbert verliebt gewesen.</p> + +<p>Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. +Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer +Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, +um sie zu rufen im Angesicht einer +blutüberströmten Welt. Geschah es, weil +er nach einem letzten Halt griff? Geschah +es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in +der Verzweiflung über den Niederbruch +aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte +nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein +Weib. Doch außer einem schmerzlichen +Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit +fühlte sie nichts, was an Liebe erinnerte +oder was die Menschen darunter verstanden.</p> + + +<p class="newsection">An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde +betrat sie das kleine Lese- und +Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet +worden war. Es war niemand +darin als Schwester Nina Senoner. Sie +saß am Tisch und hatte den Kopf in die +Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war +an den Umrissen des schönen Gesichts der +Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu +ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« +fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken +aufblickte, spürte Olivia die unheilbare +Verstörung in diesem Gemüt. Aber sie +hatte Furcht, der neuen Forderung nicht +gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der +Freundin lag.</p> + +<p>Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, +schlang die Arme um Olivias +Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre +Brust.</p> + +<p>Olivia hatte lange nicht mit einer Frau +gesprochen; persönliches Wort auf dem +Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel +ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu +nehmen, was der einzelne in seinem Kreis +mit seinem Schicksal auszukämpfen hat; +nun sah sie die Verarmung darin und empfand +Reue. Sie legte die Hände wie +schützend auf Ninas Haar. Die stolze, +herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig +Jahre wie ein junges Mädchen +wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich +zuckte ihr Körper.</p> + +<p>Nach einer Weile gelang es Olivia, sie +in ihr Zimmer zu führen, wo sie ungestört +sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; +sie trocknete mit ihrem Taschentuch die +Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie +fragte, fragte; hingebend, ja zärtlich. Es +dauerte lange, bis Nina Senoner ihre +Scheu überwand. Nie zuvor hatte jemand +in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war +in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft +aufgewachsen, sie kannte nur Menschen +von Haltung, von nicht zu durchdringender +Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil. +Das Element der Kälte hatte sie allmählich +in eine lebende Statue verwandelt;<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span> +alles in ihr war erfroren, was Frauen erst +zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb +und Mitteilung.</p> + +<p>Mit achtzehn Jahren hatte sie einen +Mann geheiratet, den sie achtete und der +ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber +sein Los war die Arbeit, und je reicher er +wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender +wurde die Arbeit. In den Ruhepausen +verlangte er freundliche Mienen, +einen geräuschlosen Haushalt und angenehme +Gespräche. Nina hatte viel Verkehr, +dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. +Alle Güte und Sorgfalt des Mannes +war auf das Äußere des Daseins gerichtet; +er umgab sie mit Luxus und mit Menschen, +und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, +ließ er die teuersten Ärzte kommen +und wachte darüber, daß deren Ratschläge +befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, +kaum einen Wortwechsel, ihre +Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und +das strahlende Temperament der aufwachsenden +Jeanette schien ein Glück zu besiegeln, +dem in den Augen der Welt nichts +zur Vollkommenheit mangelte.</p> + +<p>Es vergingen viele Jahre, ehe Nina +Senoner überhaupt merkte, daß sich mit +ihr eine Veränderung ereignet hatte, die +durchaus nicht zu diesem bewunderten und +beneideten Bild des Glückes passen wollte. +Sie gehörte zu den Menschen, die selten +über sich und ihren Zustand nachdenken, +zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher +Strenge jede Regung der Unzufriedenheit +in ihrer Brust ersticken. Doch +kam es immer häufiger vor, daß ein sehnsüchtiger +Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe +ihre Stirn in Schatten hüllten. Sie war +gern allein; solche Stunden genoß sie tief; +da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und +sie wurde fröhlich, wie sie als junges Mädchen +gewesen war. Aber man erlaubte ihr +nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten +nahmen an Vielfältigkeit zu; man +drängte sich an sie; man wollte sie haben; +man fühlte sich wohl in ihrem Haus und +in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer +schweigsam war, fesselte und reizte sie +Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete +eine festliche Stimmung, ihr sanfter +Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer +verabredet, immer unterwegs, oder zu +Hause immer unter Gästen. Die zahllosen +Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, +sie zu vermindern ganz unmöglich. Es +war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll +und ihre Seele unter sich begrub.</p> + +<p>Da hatte sie eines Tages die Empfindung, +als werde sie nur künstlich und nach +dem Belieben aller dieser Menschen bewegt +und in ihr selbst sei gar kein Wille +mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. +Es schien ihr, als habe man sie planmäßig +und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens +beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden, +nachdem jeder Funke davon ausgelöscht +war. Sie sah sich nur noch als +Hülle ihres früheren Ichs, als Opfer von +toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen +Pflichten, als Beute von fremden +Menschen. Und das Schreckliche war, daß +sie auch Mann und Kind unter diesen +Fremden erblickte, die sie geplündert und +ihr nichts übriggelassen hatten als einen +müden Körper und ein freudloses Herz.</p> + +<p>Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit +hatten viele Männer berückt; hochgestellte +und geringe, alte und junge, berühmte und +unbedeutende hatten für sie geschwärmt; +manche hatten sich mit der Verehrung aus +der Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil +in heimlichem oder offenem Werben gesucht; +die Bemühungen der meisten hatte +sie übersehen, und sie konnte dabei einen +Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; +einige gab es, die sie eines vertrauten Gesprächs +für würdig hielt, von denen sie +Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse +einflößte. Doch keinen einzigen hatte +sie so begünstigt, daß er sich in besonderer +Weise hätte ausgezeichnet finden dürfen, +geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber +etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in +denen sie verkehrte, zählte die ungetreue +Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen +des Lebens; sie hatte gegen solche +Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, +und der Gedanke, ihren Gatten zu +betrügen, auch nur mit einem Blick, mit +einem Lächeln nur, war ihr niemals in den +Sinn gekommen.</p> + +<p>Vor zwei Jahren war es gewesen, da +hatte sie in einem Kurort einen Mann +kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom +Leben weit umhergetriebenen Menschen, +sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, +mit Eigenschaften des Charakters,<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span> +die je anziehender wurden, je länger man +sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, +den er auf sie machte, war von der ersten +Sekunde an entscheidend. Er stand im selben +Alter wie Nina, in der Mitte der Dreißig, +aber so reif und erfahren er wirkte, es war +doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit +seiner Gesinnung öffnete Nina +eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten +sie zaghaft und verwundert zauderte. +Er war verheiratet, nicht eben glücklich, +hatte Kinder, die er liebte, verfocht +aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft +und mit Verachtung gegen die feigen +Grundsätze der sogenannten Moral das +Recht der Freiheit der Herzen.</p> + +<p>Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel +schaute, sah sie, daß ihre Züge anfingen, +welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren +einer eigentümlichen Abspannung wie +bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet +und endlich die Hoffnung aufgegeben +hat. Jetzt wußte sie, worauf sie gewartet +hatte. Die Jugend war dahin, und sie +hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte +nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.</p> + +<p>Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis +zu erpressen. Er vermochte mehr. +Er gab ihr den Glauben, daß es noch +nicht zu spät sei. Dies aus seinem +Mund zu hören und immer wieder zu +hören, beglückte und erschütterte sie. Sie +verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm +lauschte sie den Worten des Mannes, den +sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, von +der sie früher keinen Begriff gehabt und +in der sie sich verwildert und entwurzelt +erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so +hätte sie doch niederknien mögen, um seinen +Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, +ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so +war doch ihr Inneres voll Zärtlichkeit und +Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte +nicht; er achtete ihr Gefühl, und seine +besondere Art von Güte erstaunte sie bei +einem Mann und machte ihn ihr täglich +teurer, während der Kampf, der in ihr +tobte, täglich ungestümer wurde. Eine +stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte +ihr, wenn sie seine Stimme, seinen +Namen hörte; sie wünschte zu sterben und +begehrte heißer als jemals zu leben; alle +Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische +Ratlosigkeit prägte ihrem Gesicht +den Ausdruck einer Somnambulen auf, +dabei mußte sie auf der Hut sein und sich +beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit +von vielen.</p> + +<p>Ihren Gatten zu hintergehen und sein +Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr entsetzlich +zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung +und völlig im Bann der überlegenen +Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch +nahe daran, den letzten Schritt zu wagen, +bloß um die Qual zu beenden, bloß um +dem Spender des Gefühls, das sie erfüllte, +dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als +sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte +Nina zu ihrem Freund: »Wir dürfen uns +nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste +ab. Nina erkrankte.</p> + +<p>Nachdem man sie in die Stadt geschafft +hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es +nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. +Es waren Nächte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig +zu werden. Der Freund folgte ihrem +Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es +verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte. +Es konnte nicht häufig geschehen, +aber von einem Mal zum nächsten brachte +sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen +Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger +Schwärmerei an ihn denken, sich seinen +Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, +und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom +frühen Morgen an aufgeregt durch die +Zimmer und war totenbleich.</p> + +<p>Aber die wenigen Stunden, die sie dann +für einander hatten, wurden oft durch das +Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit +einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie +damals getan, als sie zur Mutter aufs +Land gekommen war. Genau wie damals +schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in +den Mienen der beiden, bedachte den Mann +mit mädchenhaftem Spott, bevormundete +in ihrer gutmütigen und etwas derben +Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne +es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. +Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von +Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht, +daß sie spioniere. Und doch war sie +davon weit entfernt. Sie war nur immer +da; war sie nicht im Zimmer, so war sie +doch im Haus; war sie nicht im Haus, so +war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, +so drohte ihre Rückkehr; sie war +immer da, immer zu fürchten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>Allmählich verkörperte sie für Nina den +Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens, +die Pflicht, die sie dem Gatten +schuldete. Schaute sie in das Antlitz der +Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige +Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die +fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet +hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit +und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene +Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war +ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und +der Furcht; es war der Wächter vor ihrem +Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die +Meinung der Gesellschaft.</p> + +<p>Sie geriet in Verwirrung und unsägliche +Qual. Sie floh vor Jeanette und +suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie +schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken; +dann wieder war sie verschlossen +und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnjährige +zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein +Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden +Auge senkte Nina den Blick. Der +Freund fand sie ruhelos und launenhaft. +Wenn sie dem Flehenden ihre Hand überließ, +horchte sie mit emporgezogenen Schultern +und abgewandtem Gesicht zur Tür. +Er fragte, warum sie so vor dem Kind +zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde +als Antwort; wie von Leidenschaft +gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er +bot ihr alles, sein Leben, die Lösung seiner +Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie +erhob beschwörend die Hände. Er wollte +sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus +und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken +gegen die Türe. »Sie würde mich bis +ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina +flüsternd; »sie hat alle Macht, und ich habe +keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff +den Freund, und zum erstenmal hatte auch +er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung +der Gefahr.</p> + +<p>Einst standen sie in der Dämmerung +nah’ beieinander am Fenster, da wurden +rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat +ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und +lachte. Nina drehte sich um und bemerkte +unmutig: »Wie kann man sich nur so taktlos +benehmen!« – »Aber Mutter!« rief +Jeanette, abermals und noch lauter lachend. +Was konnte der Grund ihres Lachens sein, +das eigentlich ein wenig albern klang? +Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der +Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese +Jugend verachtete das Halbe und seine +dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen +Entscheidungen, verachtete die +Umwege und das matte Zweifeln, verachtete +die Dämmerung und das Geheimnis. +Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie +hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich +zu verkündigen und für sich einzustehen, +sie erklärte sich für das Gerade, für die +Helligkeit und für die Kraft.</p> + +<p>Das war es, was er aus dem unschuldig +und albern klingenden Lachen Jeanettes +herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh +zu ihm oder geh zu mir,« schloß er; »zu +einem mußt du gehen.«</p> + +<p>Sie schwieg. Aber am Abend schrieb +sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann +ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, +daß sie einen andern liebe. Sein Gesicht +wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als +sie anstarren. Zwei Tage und zwei Nächte +sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann +rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. +Sie sagte: »Ich bin deine Frau.« Da fragte +er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben +wolle, das sie in Ungarn besaßen, und sie +bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb +dort monatelang. Jeanette besuchte sie +häufig, sie war verändert, voll Zartheit und +Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene +und sei nun zufriedengestellt. Von dem +Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei +Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. +Er sandte einen letzten Gruß.</p> + +<p>Heute hatte sie die Nachricht erhalten, +daß er gefallen sei.</p> + + +<p class="newsection">In das verstörte Herz fiel der Strahl +der Lampe. Ihr Geisterschein ließ aufschimmern, +was Ninas wortunkundige +Lippen verschweigen mußten. Olivia war +so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; +sie dachte auf einmal an ein +Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein +einziges Herz.</p> + +<p>Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt +und Gesicht vor ihr auf. Es war wie +ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, +den sie wußte und lebte, zum Kampf gegenübertrat. +Leib und Seele standen auf +widereinander; ach, dieser Verzicht, dies +dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span> +wurde! Der ewige Hunger der Dämonen +schrie nach Stillung.</p> + +<p>Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert +war der Erwecker ihrer Sinne gewesen, +und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der +Zerrüttung menschlicher Dinge, aus Ninas +vernichtetem Schicksal. Der Genius in +ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, +da Lamm gekommen war, um sein Recht +zu fordern.</p> + +<p>Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr +Ingbert beim Abschied übergeben hatte. +Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es +drängte sie hin wie zu einem Menschen. +Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah +sie, daß auf dem Bande, an dem das +Siegel befestigt war, Worte geschrieben +standen. Sie las: Zu öffnen von Olivia, +wenn sie einmal spüren kann, was sie mir +war.</p> + +<p>Zaghaft streifte sie das Band herunter +und öffnete die Rolle. Es kam eines der +Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach +seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte. +Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, +daß es ein ausgearbeitetes Werk war, +eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen, +die er damals gemacht, zur Grundlage +gedient hatten. Das Gesicht war von +solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, +ob es auch wirklich ihre Züge seien +und nicht eine in dem Maler wurzelnde +Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit +in dem Antlitz, etwas Strahlendes +und Enthusiastisches, und um den Mund +lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia +fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll +ich so gewesen sein?‹ fragte sie sich.</p> + +<p>Hatte er sie so gesehen und empfunden, +dann mußte sie auch so gewirkt haben. +Dann mußte das alles auch in ihr sein. +Ihr Puls schlug matter; unwillkürlich +schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter +ihr stehe und sie ihn fragen könne. Nichts +erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu +fragen.</p> + +<p>Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. +Da meldete man ihr, daß im Sprechzimmer +ein Offizier auf sie warte. Sie +ging hinein; der Offizier, der Arm und +Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar +vom Felde kamen, leidend angestrengte +Züge hatte, erhob sich und fragte +höflich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck +sei. Dann nannte er seinen Namen und +fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg +Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Grüße +zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, +es nicht zu versäumen. Ich +entledige mich hiermit meiner Mission.«</p> + +<p>»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte +sich Olivia mit leiser Stimme.</p> + +<p>»Er liegt in Zawadow bei Strji.«</p> + +<p>»Verwundet?«</p> + +<p>»Schwer verwundet; so schwer, daß man +... daß man seinen Tod wünschen muß.«</p> + +<p>Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen +sagte sie, kaum hörbar: »Ich danke +Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst +geleistet.«</p> + +<p>Ihr Entschluß war gefaßt.</p> + + +<p class="newsection">Sie stand vor Robert Lamm in derselben +Haltung wie vor dem Offizier. »Ich +muß so schnell wie möglich nach Galizien, +Robert,« sagte sie; »sei mir behilflich, daß +ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«</p> + +<p>»Was willst du denn in Galizien tun?« +fragte er.</p> + +<p>Sie antwortete: »Ich muß zu Georg +Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in +einem Feldspital.«</p> + +<p>Lamm ging, an ihr vorüber, auf und +ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich werde +die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach +einer Weile: »Wäre es dir lästig, wenn +ich dich begleiten würde? Du brauchst auf +dieser Reise einen Schutz.«</p> + +<p>Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, +bot sie ihm die Hand. Er starrte +darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen +uns beiden steht das Schicksal in +seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns +beiden ist nichts Trennendes mehr,« sagte +sie mit schönem Lächeln und legte auch die +linke Hand in seine.</p> + +<p>Ungläubig hob er die Augen. Es gibt +ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu spät, +Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin +ein gar zu irdischer Mensch. Die Sorte +geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. +Aber ich habe nun wenigstens die +Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes +Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei +liegt eine höhere Vernunft.«</p> + +<p>Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf +an seine Schulter.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>»Es ist möglich gewesen, das genügt +mir,« fuhr er fort. »Die Verwirklichung +wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich +eine Form geschaffen, die für meines zu +weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen, +steht nicht in deiner Macht. Wie sollten +wir zu einer Gemeinsamkeit gelangen? Du +kommst im rechten Augenblick; vielleicht +hätt’ ich mich sonst vollends zerfleischt. +Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten, +das kann ich; dich für mich behalten darf +ich nicht.«</p> + +<p>Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; +ich will es sein.«</p> + +<p>Lamm nahm ihren Kopf zwischen die +Hände und küßte sie auf die Stirn. »Was +hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« +fragte er. »Warum diese Reise? Was +suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben +oder sein Tod, dir, – die durch das +Sterben der Menschen geht wie durch einen +Garten im November?«</p> + +<p>»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte +Olivia, »ich <em class="gesperrt">muß</em> es eben tun.«</p> + +<p>»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte +Lamm; »du willst dich mit diesem Schritt +von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas +von dir, ein Pfand, das du auslösen möchtest. +Wenn du zu mir gehst, schlägst du das +Tor der Vergangenheit hinter dir zu, und du +willst nicht, daß einer, ob es auch bloß ein +Schatten ist, draußen steht und nach dir +ruft.«</p> + +<p>Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen +und schwieg.</p> + +<p>»Wir können aber ohne Vergangenheit +nicht in die Zukunft hinaus,« begann Lamm +wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. +Gräber der Liebe machen neue Liebe +fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man +an Liebe ist. Du, Olivia, hast tausendfache +Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal +hast du Georg Ingbert schon begraben.«</p> + +<p>»Und doch muß ich zu ihm –«</p> + +<p>»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. +»Eine Fahrt über lauter Gräber. Zwischen +dir und ihm – Gräber; zwischen dir und +mir – Gräber. Millionen von Verbluteten +und Hingeschlachteten zwischen uns.«</p> + +<p>»Man möchte auf einen andern Stern +fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen +göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir +Narren und Verbrecher.«</p> + +<p>»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, +aber das Leben ist unendlich. Die wir begraben +haben, die tragen uns; warum sie +vernichtet worden sind, ist nicht zu erforschen. +Zu fühlen ist es, glauben muß man; +kann man das nicht, dann ist es freilich +zum Verrücktwerden.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Was</em> fühlen? <em class="gesperrt">Was</em> glauben?« brach +Olivia leidenschaftlich aus.</p> + +<p>»Die höhere Ordnung, Olivia. Du +warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja, +ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker +von achtundvierzig Jahren, der Gewohnheitsleugner, +der Mann ohne Ideal. +Gott! Es bleibt nichts andres übrig. Gott +will, und wir tun. Gott düngt, und wir +wachsen. Gott pflügt, und wir werden +als Unkraut ausgejätet oder als Samen +in die Furchen gestreut. Was ist dein +Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? +In ferner Zukunft verleiht es vielleicht +einmal einer Kreatur, an deren Existenz +wir einen sehr entfernten Anteil haben, +den geheimnisvollen Nerv zu einer Tat. +Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. +Und hilfst du dir, ich meine dem Gott in +dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«</p> + +<p>»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: +»Du? Das alles ginge mir stärker ans +Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«</p> + +<p>Lamm blickte mit zusammengezogenen +Brauen starr ins Weite. Er antwortete: +»Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal +in einen herabgedrückten Zustand des +Lebens finden muß, wäre es wünschenswert, +wenn jedermann eine Prüfung seiner +inneren Bestände vornehmen wollte. Der +Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter +wird sich hernach deutlich abscheiden. +Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß +ich nicht. Ich will’s versuchen.«</p> + +<p>»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden +Augen. »Doch warum zögerst du?«</p> + +<p>»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast +mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er wandte +sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur +in Worte fassen, was du mir bist.«</p> + +<p>»Robert!«</p> + +<p>Jäh fuhr er herum und zog sie in die +Arme. Sie aber befreite sich sanft und +verließ ihn.</p> + + +<p class="newsection">Um sich zu sammeln, ging sie in den +Garten. Es war hell, der Mondschein einer<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span> +Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. +In den Baracken waren schon die Lichter +ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser +saß ein Soldat und starrte in den Himmel. +Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so +viele, daß sie den Schritt dämpften. Alles +in der Natur atmete Frieden, alles sprach +von Auferstehung und Erneuerung.</p> + +<p>Olivia brach einen Zweig von einem +Apfelbaum, roch daran und ging sinnend +weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte +sie sich plötzlich und betrachtete den Zweig +mit Abscheu. Aus den weißen Blüten +grinste ihr der Tod entgegen.</p> + +<p>Sie erschauderte. Die ganze Welt schien +ihr wie auf eine Wand gemalt, fremd wie +der Tod.</p> + + +<p class="newsection">Erst am dritten Tage konnten sie reisen.</p> + +<p>Es war eine sonderbare Fahrt. Robert +Lamm, lebhaft und aufgeräumt, erzählte +viel und war stets um Olivia bemüht. +Junge Offiziere saßen im Wagen, die dem +schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht +eine teilnahmvolle Neugier bezeigten. +Auf den Bahnhöfen gab es lange +Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes +Treiben. Verwundete Soldaten +lagerten in malerischen Gruppen; +Flüchtlinge jeden Alters und Standes +drängten sich um aufgeregt gestikulierende +Beamte; Munitions-, Proviant-, Spitals- +und Mannschaftszüge versperrten die Geleise +oder fuhren vor; der einzelne Mensch +hatte weder Wichtigkeit noch Stimme, +alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen +von der Masse, anscheinend ordnungslos, +und doch von einer gewaltigen +und besonnenen Kraft regiert.</p> + +<p>»Und das alles für eine Einbildung von +Feindschaft,« sagte Lamm leise zu Olivia; +»wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo +der von dem Slowenen, der da am Pfeiler +lehnt oder von der eleganten Dame dort, +die wahrscheinlich bei der Flucht auf einem +Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? +Wo ist der Feind? Jeder ist mein Feind, +jeder andere Mensch, und jeder ist mein +Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, +wogegen rasen die Völker? Sie +wissen es nicht. Es ist aber das Blut, +der Wille der Generationen, die nach ihnen +kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, +den wir nicht einmal träumen können, und +doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie +wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht +können sie uns nicht geben, nur das +Feuer und die Brunst, die zur Zeugung +gehören. Zeugung aber ist eine Angelegenheit +des Rausches, sie hat Züge von Mordlust +und Grausamkeit und stößt die Seele +ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«</p> + +<p>»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; +»ich mag’s nicht, wenn Gedanken +so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh +doch lieber, gesteh es endlich, daß du dich +getäuscht hast, wenn du mir immer unser +Land als reif zum Untergange geschildert +hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet +wie ein Besessener, und gegen dich selber +auch. Gesteh doch, daß wir nicht zuschanden +geworden sind vor dir und daß du das +Henkerbeil umsonst gewetzt hast. Schau’ in +die Gesichter, in welches du willst; ist nicht +in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein +werkfreudiges Gefühl, und sogar die +Widerstrebenden können sich nicht entziehen. +Sag’s ihnen doch, daß sie deiner nicht so +ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne +bist du ihnen schuldig.« Es klang wie +Spott eines Cherubs. Lamm errötete.</p> + +<p>In einer Station nach Krakau stieg ein +dicker, kleiner Herr von etwa fünfzig Jahren +ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen +auf einem mächtigen Schädel und +sah einem Negerhäuptling in europäischen +Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und +sie begrüßten einander. Es war Exzellenz +Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch +seine Gaben zu großen Leistungen befähigt, +hatte er sich doch wider die Ränke +seiner Gegner nicht zu behaupten vermocht. +In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen, +waren die Wogen des Liberalismus hoch +gegangen und hatten den starren Theoretiker +und römisch angehauchten Frondeur +über Bord des Staatsschiffes gespült. Jetzt +hatte man sich der lenkenden Erfahrung +erinnert, die er besonders in den schwierigen +nationalen und wirtschaftlichen Problemen +der eben befreiten Nordprovinz stets erwiesen, +und hatte ihn aus dem Dunkel eines +Pensionisten-Daseins mitten in den Tumult +der Weltbühne gerufen. Er war auf dem +Weg ins Hauptquartier, wo er Beratungen +wegen einer neu einzusetzenden Verwaltungsbehörde +pflegen sollte.</p> + +<p>So erzählte er Lamm und Olivia, mit<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span> +der er alsbald bekannt wurde. Er hatte +eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem +er bissig war wie ein Kettenhund. Die +Hand auf Lamms Knie legend, sagte er +zärtlich und strafend: »Sie, lieber Hofrat, +sähe ich nicht ungern unter meinen Helfern. +Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie +nichts. Mit den Prätorianern haben wir +aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh +ins Ausgeding begeben. Aber Sie waren +unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf +Filzschuhen darf man nicht aus unseren +Ämtern schleichen. Wenn schon Skandal, +dann mit großem Orchester. Ich habe bereits +an Sie gedacht, denn ich bin mit der +Laterne auf der Menschensuche. Werden +Sie mich für einen Fanfaron halten, wenn +ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann +an die rechte Stelle bringen wird? Das Land +schwitzt seine ungesunden Stoffe aus; Blut, +Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. +Kommen Sie gleich mit mir, wenn +es irgend angeht; ich habe ausreichende +Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die +Flügel dehnen. Mit den alten unbezahlten +Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen +Sie sich und geben Sie neuen Kredit.«</p> + +<p>Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete +zaudernd und unbestimmt; das +Anerbieten war zu überraschend, und sein +Mißtrauen gegen die Regierenden war zu +tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht +gelten lassen. Da er bemerkte, daß Olivia +begierig zuhörte und Lamms Erwiderung +mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte +er das nahe Verhältnis zwischen den beiden +und wandte sich geschmeidig an sie. Sie +gab ihm in jedem Punkte recht, auch darin, +daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben +dürfe. In die Enge getrieben, erklärte +Lamm, daß er nicht gewohnt sei, +wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu +fassen, auch könne er nicht zugeben, daß +Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet +und nahe an die Front allein fortsetze. +Olivia widersprach dem, und Exzellenz +Häfner sagte, er treffe in Tarnow zwei +hohe Offiziere, die im Automobil zum San +führen und dem Fräulein sicherlich einen +Platz im Wagen gewähren würden. Ohnehin +mußte man in Tarnow übernachten. +Lamm bat sich Bedenkzeit bis zum nächsten +Morgen aus.</p> + +<p>Er saß mit Olivia in einem trübseligen +Gasthauszimmer. Die Exzellenz war fortgegangen, +um die Offiziere aufzuspüren, +die Olivia mitnehmen sollten. Unablässig +polterten Fuhrwerke über das holprige +Pflaster draußen, und das Geschrei der +kutschierenden Bauern und Soldaten erfüllte +die Nacht. An den Nebentischen saßen +Juden, die sich in ihrem unverständlichen +Jargon leise unterhielten.</p> + +<p>»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein +Schwanken für mich,« sagte Lamm. »Ich +weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. +Schon um deinetwillen nicht. Ich hab’ dir’s +ja auch gelobt.«</p> + +<p>»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, +wenn mir deine Angst Ketten um die Füße +legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, +Angst um einen Menschen! Ich kenn’ dich +nicht mehr!«</p> + +<p>»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; +mich dünkt, es ist ein Ende. Ich spür’s in +allen Nerven, und mir ist so unheimlich +wie manchen Leuten, die den Blitz fühlen, +bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die +Welt braust und brüllt! Die Menschen +sind so armselig und so furchtbar. Dessen +bleib eingedenk, daß ich um dich gedient +habe, länger als Jakob um Rahel, viel +länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen, +derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, +und ich hab’ nicht begreifen wollen, +warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist +die Siegerin, aber nicht bloß über mich, +über uns alle, auch über die Sieger, und +dich für meine Person zu beanspruchen, +wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond +in mein Zimmer hängen, daß er mir zum +Schreiben leuchte. Ich hab’ eine Erscheinung +gehabt, weiter nichts.«</p> + +<p>»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es +nicht ertragen konnte, wenn man sie pries. +»Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles +ist, was man tut, im Vergleich zu dem, was +ungetan bleibt?«</p> + +<p>»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt +im Geiste. Der Geist kann heilig werden, +trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich +habe an den Heiligen Geist glauben gelernt, +und damit allerdings steh’ ich wieder +am Anfang.«</p> + +<p>Er verstummte. Olivia sah ihn an und +hielt ihn im Blick ihres groß aufgeschlagenen +Auges.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span></p> +<p class="newsection">Exzellenz Häfner kam etwas verlegen +zurück. Er habe die beiden Herren gefunden, +berichtete er, aber das Unangenehme sei, +daß sie noch in der Nacht fahren müßten. +Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, +die anstrengende Reise schon in einer +Stunde fortzusetzen, habe er nicht gewagt +zu entscheiden.</p> + +<p>Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, +wenn sie rasch ans Ziel komme. Lamm +widersprach nicht.</p> + +<p>Sie nahmen hastig einen Imbiß auf +schmutzigen Tellern, dann ging Olivia auf +ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. +Lamm folgte ihr nach einer Weile; als er +in die elende Kammer trat, die von einer +einzigen Kerze erhellt wurde, war sie schon +fertig. Sie stand hochaufgerichtet am +schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur +Seite geneigt, die Schultern, nach ihrer +Art, zurückgebogen, die Arme lässig im +Fall. Ihr Gesicht hatte einen verlorenen +Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich +selbst ruhend gesehen.</p> + +<p>Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia +lächelte; als sie ihn wieder küßte, waren +ihre Augen feucht.</p> + +<p>Er ergriff das Täschchen, und sie verließen +den Raum. Unten wartete die +Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins +zu führen. Schweigend gingen sie +durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz +neben einer Scheune stand der Kraftwagen. +Die Vorstellung war schnell erledigt, Olivia +stieg ein, der Motor begann zu schnurren; +»leb’ wohl, Robert,« rief Olivia, +dann winkte sie noch einmal, und der Wagen +fuhr davon.</p> + +<p>»Kommen Sie, Freund, wir haben nur +noch vier Stunden zum Schlafen,« sagte +die Exzellenz und schob den Arm in den +Robert Lamms.</p> + +<p>Für Robert Lamm gab es aber keinen +Schlaf. Er verließ die zugige Kammer +wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und +ging auf die Gasse.</p> + +<p>Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins +Gesicht, die Häuser, an denen er vorüberging, +waren schwarz, viele sahen wie seit +langer Zeit verlassen aus. Er schritt an einem +Zaun hin und spähte bisweilen in die +Ebene oder in den Himmel. Die Zaunpfähle +neben ihm, in endloser Folge, das +brachte ein eigentümliches Gefühl von +Rhythmik in seinem Innern hervor, und +vielleicht war dies die Ursache, daß seine +Gedanken immer bewegter, immer stürmischer +wurden.</p> + +<p>Der Marschschritt einer Kolonne wurde +hörbar und kam näher. Es waren deutsche +Soldaten, eine große Abteilung; der Zug +wollte gar kein Ende nehmen. Lamm konnte +die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, +doch die Entschlossenheit und der unabänderliche +Gleichklang ihres Schrittes +machten einen tiefen Eindruck auf ihn. +Als sie vorüber waren, blieb er stehen und +schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ +dachte er und zog die Stirn in Falten, ›da +gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung +und in ihrem Schritt, als rechneten sie gar +nicht mit der Rückkehr. Ob nicht ein einziger +unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? +Vielleicht doch. Aber es kommt nicht darauf +an. Es kommt auf keinen einzelnen an, +auf den Willigen nicht und auf den Rebellen +nicht. Was liegt am Müller und am +Schmied und am Fuhrknecht und am +Schreiber und an all den Strebern und +Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern +und Staatsdienern, die dort draußen +auf dem Schlachtfeld fallen werden, was +liegt an ihnen? Es wird immer wieder +Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber +und Verliebte und Familienväter geben. +Was brächten sie vor sich, wenn ihnen +dies Schicksal erspart bliebe? Es kommt +auf sie nicht an. Auch auf mich kommt es +nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹</p> + +<p>Er ging ein Stück, in der Richtung +gegen die Stadt zurück, und nach einer +Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« +redete er nun laut vor sich hin, »doch ist +der Mensch etwas Köstliches; man muß +ihn bloß anschauen und begreifen können. +Viele können es nicht. Diese Gestalt, das +Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die +meisten spüren nicht den Menschen. Auch +ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich +habe so hingelebt, das ist alles; habe mich +geärgert, habe gezankt, gefeilscht, geredet, +aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ +ich nicht.« Und im Weitergehen wiederholte +er noch ein paar mal die Worte: +»Nein, das hab’ ich nicht.«</p> + +<p>Da kam er an ein Haus, das ohne +Türen und ohne Fenster war. Auch das +Dach war zum Teil weggerissen, so daß<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span> +der Himmel in die öden Räume starrte. +Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier +über die Ruine schweifen und wollte seinen +Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches +Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte +den Laut deutlicher. Es klang wie das +Weinen eines kleinen Kindes.</p> + +<p>Nun trat er in das Haus, zündete seine +elektrische Taschenlampe an und ging von +Stube zu Stube. In der letzten Stube +sah er einen Säugling auf schmutzigen +Lumpen liegen, halb nackt und nur noch +matt schreiend. Lamm rief. Er glaubte +die Mutter oder sonstige Angehörige in +der Nähe. Aber niemand antwortete; +niemand war zu sehen. Der Säugling war +völlig verlassen, fror und hatte Hunger.</p> + +<p>Lamm nahm das Kind auf seine Arme +und trug es hinaus. Er rief noch einmal; +umsonst. Da trug er das wimmernde +Kind auf seinen Armen weiter. Sein anfangs +zaudernder Schritt wurde fest und +entschlossen, und alle hadernden Gedanken +in seinem Innern schwiegen still.</p> + +<p>Er hüllte das frierende Kind in seinen +Mantel, und als er die Körperwärme +spürte, kam etwas Freudiges über ihn, +und das lebendige, an ihn geschmiegte +Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer +Weise teuer. ›Ich will es behalten,‹ sagte +er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von +Olivia behalten, und seine Augen sollen +mir leuchten, wenn ich zu den Menschen +gehe und für sie schaffe.‹</p> + + +<p class="newsection">Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, +durch viele Hindernisse verzögerter +Fahrt im Regen kam der Kraftwagen +nach Drohobycz. Hier mußte Olivia +eine andere Gelegenheit suchen, und der +Bemühung des einen Offiziers gelang es, +ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen +zu verschaffen, der nach Zawadow fuhr. +Hatte sie schon die Nacht und den Tag +über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt +wurde es schlimmer; oft konnte der Wagen +kaum vorwärts, so schwierig war es, den +begegnenden Fahrzeugen und marschierenden +Kolonnen auszuweichen. In langen +Reihen schleppten sich Verwundete die +Straßen heran; fern am Horizont umsäumte +den düstern Himmel eine dunkle +Glut. Überall waren Notbrücken, überall +rauchten Trümmer, und der Erdboden +war von tiefen Spalten und Löchern zerrissen.</p> + +<p>Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich +der schüttelnde Wagen in der Nacht +vor einem halbzerschossenen Haus einer +Dorfstraße hielt. Ein freundlicher Korporal +besorgte ihr ein Obdach, irgendwo +in einem Bauernhaus, in dessen Flur sie +über die Leiber schlafender Soldaten steigen +mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag +bildete ihr Lager. Von den Bretterwänden +troff das Wasser, die Luft war +wie in einem Keller, Pferde stampften in +der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte +erschöpft hin, ohne schlafen zu können. +Mit dem Morgengrauen erhob sie sich und +fragte um den Weg nach dem Feldspital, +in welchem sie Ingbert zu finden hoffte.</p> + +<p>Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit +hatte, ihr Rede zu stehen. Ein jüngerer +Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, +daß Leutnant Ingbert tot sei. Gestern +war er begraben worden. Olivia faßte +die Kalkmauer mit den Fingerspitzen der +einen, dann der andern Hand an. Es schien +ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.</p> + +<p>Zu Hunderten kamen blutende Männer +vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den +Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden +geführt. Der Kampf um Strji war +mörderisch. Olivia half verbinden. Hier +roch das Blut der Wunden wilder und +frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte +nahmen einen um den andern vor, hatten +unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder +um Schreien und Stöhnen, noch um +Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam +oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm +froh, der zugriff. Auf dergleichen war sie +nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen +Reihen von Starrenden und mit dem Tode +Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine +Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts +gegessen. Auch fror sie beständig. Ein +junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, +sie konnte nichts anrühren. »Na, +werden Sie uns nur nicht krank,« sagte +einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. +Sein Leinwandkittel war von oben +bis unten mit Blut bespritzt.</p> + +<p>›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine +Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh sie +aus dem Raum, drängte sich durch die +Verwundeten und fragte einen Oberleutnant,<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span> +wo die gestern Begrabenen lägen. +Der Offizier zog die Stirne kraus; die betreffende +Stelle sei seit einigen Stunden +gefährdet, antwortete er. Sie sagte gepreßt, +wessen Grab es sei, das sie aufsuchen +wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der +Offizier, »ein lieber Kamerad. Schade +um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen +Blick auf Olivia und erklärte sich bereit, +sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm +zu danken. Sie hatte keinen Dank mehr +in sich.</p> + +<p>Sie gingen über einen kotigen Feldweg. +Bisweilen spritzte die Erde auf, als ob in +ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie +schießen,« bemerkte der Offizier, nach einem +Wald in der Ferne deutend und zündete +sich eine Zigarette an.</p> + +<p>Auf einer Wölbung des Geländes sah +man unzählige kleine Holzkreuze. Der +Offizier schritt eine Weile an der vordersten +Reihe entlang, blieb bei einem stehen und +sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er +und entfernte sich.</p> + +<p>›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum +eigentlich? Und warum die andern, Unzähligen, +warum?‹ Sie erinnerte sich der +Anmut und Zartheit des Freundes, seiner +Wärme und schweigsamen Liebe, und +dachte: ›Warum nur, warum?‹</p> + +<p>Sie ging weiter, ohne auf Weg und +Richtung zu achten. Immer noch fiel +Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden +Wolkenhimmel malten sich feurige +Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen +weit drüben in der Luft, bisweilen ertönte +ein Krachen, als wolle der Weltkörper +zerreißen. Zur Rechten wich mannshohes +Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt +gewesen war, und nun gewahrte sie ein +brennendes Dorf in der Ebene, weit drüben, +und sie wanderte darauf zu. Sie holte +ein Wägelchen ein, das von einem müden, +klapperdürren Gaul gezogen und von einer +alten Bäuerin gefahren wurde. Fünf oder +sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben +und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht +mehr weiter, und die alte Bäuerin schimpfte +bald, bald flehte sie. Eines der Kinder +erwachte, und als es des Brandes ansichtig +wurde, stieß es einen gellenden +Schrei aus.</p> + +<p>Plötzlich flammte in einer Entfernung +von kaum zweihundert Schritt ebenfalls +ein Gebäude auf. Man sah nun, daß +dort ein Dorf lag. Die Dächer der übrigen +Hütten fingen im Zeitraum von wenigen +Minuten Feuer. Olivia blieb stehen.</p> + +<p>Männer und Weiber stürzten ins Freie; +die vergrämten Gesichter waren grell vom +Feuer beschienen. Aus der Menge aber +löste sich eine auffallende Erscheinung; ein +einfacher russischer Soldat, jedoch ein Riese +von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich +über Vierzig, trug keine Kopfbedeckung, +und seine schwarzen Haare flatterten struppig +um Stirn und Schläfen. Er ging langsam, +mit wagrecht vorgestreckten Armen, +und man sah an seinem Gang, daß er +blind war.</p> + +<p>Doch schwankte er nur wenig; er ging +dicht an den brennenden Häusern entlang, +immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. +Die Funken prasselten um seinen Kopf, +brennende Balken fielen dicht neben ihm +nieder, aber durch keine Miene verriet er +Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck +war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber +und ihre Kinder ihm alsbald in Scharen +folgten und sich dicht an ihn drängten, +als ob sie in seiner Nähe gefeit wären.</p> + +<p>Olivia blickte rundum: die nasse Erde +rot, der sternenlose Himmel rot, und zwischen +Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, +brüllendes Vieh, winselnde +Hunde und verzweifelte Menschen. Es +wollte ihr scheinen, als käme der blinde +Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu +bringen, und je deutlicher sie sein Gesicht +sehen konnte, je mehr wunderte sie sich +über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe +darin. Gefährdeter konnte kein Mensch +sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete +ihm die Gefahr? Was galt ihm diese +Stunde und die nächste? Obgleich in +Olivia ein rätselhafter Wunsch war, daß +er sie sehen möge, ein rätselhaftes Bedauern, +daß er sie nicht mehr sehen konnte, +war es ihr doch klar, daß nach allem, was +er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu +preisen sei, daß er nichts mehr von ihr sah.</p> + +<p>Sie wanderte den Weg zurück, verirrte +sich jedoch. Ihre Erschöpfung wuchs, und +sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß +sie krank war.</p> + +<p>Patrouillen begegneten ihr und riefen +ihr etwas zu. Sie verstand nicht und antwortete +nicht. Auf einem umgehauenen<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span> +Baumstamm rastete sie eine Weile, dann +schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. +Sie kam zu einem offenen Parktor, ging +hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das +leer war. Durch die Baumwipfel sah sie +die Umrisse eines großen Gebäudes.</p> + +<p>Die Beine versagten den Dienst; sie +schlüpfte in das Schilderhaus, kauerte sich +nieder und hüllte sich fester in den nassen +Mantel. Ein schlafähnlicher Zustand machte +sie bewußtlos.</p> + +<p>Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. +Sie raffte alle Kräfte zusammen und trat +ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen +Augen ein unvermuteter Anblick. Fahler +Frühsonnenschein war durch die Nebel gebrochen +und fiel auf unzählige Beete und +Sträucher voller Rosen. Lauter Rosen, +über die ganze Fläche des Parks, in allen +Farben der Gattung, soweit der Blick +reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben, +zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. +Sie trat zum nächsten Strauch; die Freude +an den Blumen, erst wie eine überwältigende +Erinnerung, verdrängte jedes andere +Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem +Verlangen. Voller Hast, ja fast +gierig brach sie einige Rosen ab, ohne darauf +zu achten, daß sie sich an den Dornen +die Hände blutig riß.</p> + +<p>Aber da ihr schwindelte und alles um +sie zu tanzen begann, schritt sie dem Hause +zu und trat in die Vorhalle. Es war eine +geräumige Baulichkeit, einer der vielen +adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein +Mensch war zu sehen. Die Türen der +Zimmer standen offen, und überall zeigten +sich die Spuren böswilliger Zerstörung. +Die Gläser der Spiegel lagen in Scherben +auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, +das Porzellan zerschmettert, die Bücher +aus den Regalen geschleudert und zerfetzt, +die Bilder zerschnitten, die Wände +mit Unrat beschmiert. Hier mochte sie nicht +bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, +stieg sie die Treppe hinauf. Sie rief, doch +niemand antwortete. Da, als sie in einen +Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte +sie endlich einen Menschen. In der Mitte +des sonst völlig leeren Raumes stand ein +Sarg, darin lag ein Greis mit langem, +weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber +ruhte auf seiner Brust, und an den vier +Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. +Daneben aber saß ein Knabe von etwa +vierzehn Jahren; er hatte tiefschwarze +Haare, die über die blassen Wangen fielen; +seine Augen waren traurig und voll Angst.</p> + +<p>Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er +erhob sich und redete sie polnisch an. Olivia +verstand die Sprache nicht; da sie +sich aber hinschwinden fühlte, machte +sie eine bittende Gebärde und preßte die +linke Hand gegen ihre Brust, in der der +Atem flog. Der Knabe sah sie an und begriff; +ihn hatte der Krieg frühzeitig über +menschliches Leiden unterrichtet. Auf den +Zehen, als könne der tote Mann noch gestört +werden, ging er zu einer Tür, die er +öffnete und wies auf ein Bett, das dort im +Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß +es das Schlafgemach einer Frau gewesen +war; auf den Lehnen der Stühle hingen +Frauenkleider, in einer Ecke standen Frauenschuhe; +sonst deutete manches auf eine eilige +Flucht hin.</p> + +<p>Olivia schloß die Tür, als sie drinnen +war, riß ihre nassen Gewänder vom Körper, +stürzte förmlich in das Bett, wühlte +die zitternden Glieder in die Kissen, richtete +sich noch einmal auf und griff nach +den Rosen, dann rang sie seufzend die +Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, +und freute sich darauf, nicht mehr +denken und fürchten zu müssen.</p> + +<p>Nach einer Weile klopfte es an der Tür, +der Knabe trat lautlos ein. Unschlüssig +stand er zu Füßen des Lagers und schaute +auf die Kranke, deren Wangen sich mit +Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; +ihre Gegenwart erregte scheue Neugier in +ihm, ihr Zustand stimmte ihn mitleidig. +Abermals sagte er etwas in polnischer +Sprache. Olivia riß entsetzt die Augen +auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die +Rosen!« und preßte die drei Rosen, die sie +krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren +Mund.</p> + +<p>Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich +hatten Rosen in seinem bisherigen +Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie +mußten ein Ziel eigensinniger Liebhaberei +gewesen sein, vielleicht des toten Greises, +der draußen im Sarg lag; nicht bloß die +Kultur des Parks lenkte darauf hin, sondern +auch die zerstörten Gemälde, auf denen +fast ausschließlich Rosen dargestellt +waren. Und da Olivia ihren Fieberruf<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span> +wiederholte und immer wieder ekstatisch +die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte, +glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie +aus irgendeinem Grund, den er nur noch +nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, +und nach einigen Minuten schon kehrte +er zurück, beide Hände voller Rosen, und +warf sie auf das Bett.</p> + +<p>Als er vernahm, daß die Fiebernde sich +beruhigte, war er auch gewiß, das Rechte +getroffen zu haben. Er ging noch einmal, +dann ein drittes und viertes Mal. Schließlich +hatte er so viele Rosen heraufgebracht, +daß sie von der Bettdecke auf den Boden +fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer +und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. +Danach ging er zu dem Toten +hinaus, kam wieder zurück, lief zum +fünften Male in den Garten und brachte +wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und +lächelte zufrieden, als er sah, daß die unbekannte +Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen +Haaren einen rührenden Eindruck auf +ihn machte, nun stille war und die Augen +geschlossen hatte.</p> + +<p>Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während +sie schlief, wurde ihr Gesicht erst bleich +und immer bleicher; von einem gewissen +Punkt an kehrte aber die Farbe des Lebens +zurück, als ob ein Traum von glücklicher +und tätiger Zukunft die Seele jäh berührt +hätte. Dieser Traum erzeugte ein Lächeln; +das Lächeln schien das Blut, das schon +verblaßte, neu zu röten. Verwandlung +war in ihr; über ihr Verheißung eines +Geistes aus verwandelter Welt.</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen +& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, +September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_2">S. 002</a>: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen.</li> +<li><a href="#Page_3">S. 003</a>: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, → hatte.</li> +<li><a href="#Page_17">S. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit → ohnehin</li> +<li><a href="#Page_167">S. 167</a>: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_168">S. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten → geheilten</li> +<li><a href="#Page_172">S. 172</a>: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn → brannte ihm</li> +<li><a href="#Page_173">S. 173</a>: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, → Unterfangen ist,</li> +<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: die Bestürzung in ihrem Gedicht → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: Er war rührend und unheimlich. → Es</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been transcribed from the first +publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”, +XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The page numbers +jump according to the distribution of the story onto the three issues of the monthly +periodical. The table below lists all corrections applied to the original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_2">p. 002</a>: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen.</li> +<li><a href="#Page_3">p. 003</a>: [corrected period] über ihn erholt hatte, → hatte.</li> +<li><a href="#Page_17">p. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit → ohnehin</li> +<li><a href="#Page_167">p. 167</a>: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_168">p. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten → geheilten</li> +<li><a href="#Page_172">p. 172</a>: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn → brannte ihm</li> +<li><a href="#Page_173">p. 173</a>: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, → Unterfangen ist,</li> +<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: die Bestürzung in ihrem Gedicht → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: Er war rührend und unheimlich. → Es</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + +***** This file should be named 21860-h.htm or 21860-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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