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+Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Olivia
+ oder
+ Die unsichtbare Lampe
+
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+ Erzählung
+ von
+
+ Jakob Wassermann
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+Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war
+große Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im
+besten Fluß, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die
+Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Töchterchen des Hauses flüchtig
+gesehen hatte, rühmte dessen besondere Schönheit und Lieblichkeit. Frau
+Khuenbeck lächelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr
+Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, den Hinweis auf die späte Stunde
+ließen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der,
+unschlüssig und wie beschämt, nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen
+sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu
+widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging
+dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der
+zweijährige Ferdinand und die sechsjährige Olivia.
+
+Schon saß Olivia auf dem Schoß des Dienstmädchens, die Augen voll
+Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr
+gekämmt, weiße Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die Beinchen, und so
+trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die
+Gäste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der Überraschung und
+Befriedigung tönte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen
+in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr
+unbegreiflich waren.
+
+Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die
+Gruppe. Er dachte, daß der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten
+werde; da dies aber nicht geschah, rief er plötzlich mit scharfer, ja
+barscher Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm
+wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.«
+
+Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete und trug das Kind schnell hinaus.
+
+Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; sie bewahrte dem, der sie
+gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald
+wußte sie seinen Namen; er hieß Robert Lamm und war damals noch ein
+unbeachteter Beamter im Ministerium.
+
+Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefühl; in Stunden
+kindlicher Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf.
+Er war die Verkörperung einer strengeren Schutzgottheit neben der
+sanften des Vaters.
+
+ * * * * *
+
+Wenn der Professor an seinem Schreibtisch saß, geschah es oft, daß sich
+Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Füßen
+niederließ und in Büchern und in Heften blätterte, die auf dem Boden
+aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er
+die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: »Du bist da, Kind?«
+und lächelte. Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen war, ihn nicht
+zu stören.
+
+Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit
+und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne
+Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so
+nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.
+
+Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im
+Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von
+Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
+verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur
+Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher
+Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der
+Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für
+Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich
+so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte,
+sie zu beruhigen.
+
+Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat
+der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine
+Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und
+schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und
+starb eines plötzlichen Todes.
+
+Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt,
+viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten
+weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch
+verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.
+
+Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte
+ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und
+von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
+von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber
+keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, – so
+lange, bis sie endlich begriff.
+
+ * * * * *
+
+Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt
+verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital
+übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.
+
+Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es
+Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck
+hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands
+Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun
+und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien.
+
+Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn
+zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten
+zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte
+beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer
+Schriftsteller den Ruf einer Autorität.
+
+Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken
+ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich
+eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.
+
+Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose
+und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte
+immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach,
+stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte
+sich an seine Schulter.
+
+Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, wurde er förmlicher. Er hörte
+plötzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er verbeugte sich und
+sagte, wenn sie es ausdrücklich verlange und die gnädige Frau, er
+verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder
+duzen, doch dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie müsse ihn
+dann ebenfalls duzen. »Aber ich habe es ja immer getan!« rief Olivia
+erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der Onkel nicht,« erwiderte er mit
+einer Grimasse, »ich hasse die Onkels.«
+
+So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine
+Förmlichkeit bei, die den Charakter spöttischer Galanterie annahm, als
+ihm manches an Olivias Lebensführung zu mißfallen begann. Sie war so
+eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher versessen, so atemlos tätig, das
+mißfiel ihm; er äußerte sich nicht darüber, er wurde nur immer
+spöttischer und galanter.
+
+Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch saß. Er beugte sich über
+ihre Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte den Kopf, und da ihn
+Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, blätterte, schüttelte
+abermals den Kopf und fragte endlich: »Wie alt bist du denn jetzt?«
+
+»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im
+Lichte der Lampe.
+
+»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« rief der Hofrat aus. Sein
+Gesicht war so traurig, daß Olivia lachen mußte.
+
+»Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt«, mischte sich die Mutter ins
+Gespräch; »Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und
+Klavierspiel und Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.«
+
+So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick für Olivia,
+in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es
+dir nützen, Mädchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote
+Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken?
+
+Wahrscheinlich wußte er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia
+aufwuchs; von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach
+Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mußte sich alles ertrotzen,
+Arbeit und Genuß, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes
+und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolität und der Trägheit.
+Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, so durften sie
+doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen
+Hüter des Herkömmlichen.
+
+Er wußte nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensfülle und
+hoffnungsvolles Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu
+Frau Khuenbeck und war enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins
+Konzert gegangen. »Es ist das zweite in dieser Woche,« sagte Frau
+Khuenbeck; »und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und
+am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich weiß nicht,
+wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.«
+
+»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, und deutete auf einen
+Tennisschläger und ein Paar weiße Schuhe, die auf einem Stuhle lagen.
+
+»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht
+des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht
+Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie
+ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so
+freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«
+
+Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das
+allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich;
+Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen
+zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die
+Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen
+bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein
+unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der
+Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam,
+war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen
+das Gesetz.
+
+Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen
+genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer
+unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das
+Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt
+hatte.
+
+Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den
+beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb
+stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde
+blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie
+hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die
+Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch
+beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt
+als irgendeine zuvor.
+
+Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia
+wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An
+vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen
+er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war
+immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn
+sie ihn einmal des Tages von ferne sah.
+
+Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich
+unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die
+Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von
+da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in
+ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie,
+freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten.
+
+Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie
+besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige
+und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch
+empfänglicher gemacht.
+
+Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf
+und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an
+Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die
+Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was
+im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen
+wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in
+Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen
+Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der
+guten gab.
+
+Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden
+Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die
+Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr
+erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen
+Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper,
+über jedes Ding in ihrer Stube.
+
+ * * * * *
+
+Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim,
+ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen von ernstem Wesen. Mariannes
+Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und
+durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten
+einer der reichsten Männer des Landes.
+
+Olivia kam beinahe täglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum
+geringsten Dienstboten, bewunderten und verwöhnten sie. Wenn der
+Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten über sein
+rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
+mit ihr. Olivia hatte Sympathie für ihn; er schien ein gütiger Vater und
+ein wohlwollender Mensch zu sein.
+
+Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn
+Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu
+einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares
+Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhängnisvoll geworden war. Eduard,
+ohnehin verschlossenen Gemüts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde
+durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an
+der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, daß
+es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierüber war Frau
+von Friesheim sehr unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen
+Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhältnis entstand, legte sie
+ihr nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem gefährlichen Einfluß
+jener Frau zu entziehen.
+
+Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mußte lachen. Auf der anderen
+Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe für sie
+hatte. Marianne nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefaßt;
+Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es
+auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
+sich geltend zu machen, besaß er nicht. Er war im Gegenteil voll
+Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene
+Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Körpers. Wenn
+man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
+verbunden denken.
+
+Während nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender
+Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglück für seine
+Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige
+Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch
+Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah
+er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller
+Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. Er schätzte die Künstler gering; die
+meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia
+solle Marianne dazu bringen, daß sie dem Maler entsage.
+
+Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie sich nicht berechtigt, und als
+seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn
+zu überzeugen, daß man zwei Menschen, die durch Bestimmung
+zusammengeführt worden, nicht voneinander reißen könne, ohne ihren
+Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich in Gründen,
+Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe;
+schließlich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber
+Freude und als vergesse er den ernsthaften Anlaß. Wenn er mit ihr rede,
+bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten,
+dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch dürfe es nicht sein, um
+keinen Preis werde er sich fügen. Olivia schaute ihn an, und als sie
+seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen
+Urteil über ihn ein wenig irre.
+
+Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie
+begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergängen und ermunterte
+Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander
+zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Gröger, Eduards
+Geliebte, und er bat Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. Sie ließ
+sich zu ihr führen, und er merkte ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel.
+Da er sie um Offenheit drängte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr
+unheimlich, sagte sie. »Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich
+machen,« äußerte sie ein anderes Mal zögernd. Eduard war bestürzt und
+kam immer wieder darauf zurück. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie
+hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen
+war, suchte er Olivias Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen und quälte
+Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenkünfte zu
+zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden
+getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards
+Herz sich ihr entschiedener zuwandte.
+
+Nun mußte sie abwehren, und sie tat es begütigend. Es war ihr alles ein
+Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie
+aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. Sie spürte,
+daß sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und daß die andere dabei
+verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie
+suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte
+seinen Rat haben, doch er war zurückhaltend und hörte mit seinem
+reizenden Lächeln zu.
+
+Eines Abends saß sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlägerig,
+Eduard war für ein paar Tage verreist. Sie sprachen über die beiden,
+über die Eltern, über das Leben im Hause; plötzlich sagte Ingbert, der
+Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
+Vergebliches und Künstliches, da er doch genau wisse, daß Marianne ihm
+niemals angehören würde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine
+Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, er beklage sich
+ja nicht, er klage auch nicht an; daß Herr von Friesheim gegen ihn
+eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn
+aufzunehmen; jede äußere Schwierigkeit sei überwindlich. Es liege nicht
+an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit
+steige oder falle sein Stern.
+
+»Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist,« schloß er leise;
+»das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz
+läßt sich verführen, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber
+spricht sie, und man steht sündig da und will doch nicht noch mehr
+sündigen.«
+
+Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an
+Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer
+gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert
+war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen,
+die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne
+preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie
+wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern.
+
+Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete,
+daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und
+Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich
+hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an
+sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia
+gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.
+
+Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde
+mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es
+entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
+Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß
+Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche
+Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen
+und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen
+verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.
+
+Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der
+Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und
+Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in
+jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort
+ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand
+immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden,
+verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz
+nach ihrem Gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren,
+verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem
+Ausflug in die Dolomiten.
+
+An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her
+ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte
+Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen
+Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert;
+ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über
+die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine
+Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit
+Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine
+Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem
+andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche
+reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter
+ausbrachen.
+
+Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
+ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.
+
+Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte,
+schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe
+auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden,
+erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie
+errötete vor Freude.
+
+Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war
+unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch
+jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.
+
+Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier
+saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner
+ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte
+er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie
+zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so
+zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er
+nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie
+kühl.
+
+Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig
+Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische
+Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die
+andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu,
+und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack
+wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr
+die Hand.
+
+Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er
+sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die
+beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den
+Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn
+stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete
+sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach,
+aber er kümmerte sich nicht um sie.
+
+Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen
+gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der
+Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht.
+Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der
+frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter,
+harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende
+den Kopf zurück.
+
+Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den
+Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein
+reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter,
+sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt.
+
+Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die
+gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er
+fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine
+Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut.
+Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum
+Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund
+seiner gestrigen jähen Verstimmung.
+
+Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß
+sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in
+deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des
+Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten
+sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster.
+Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.
+
+Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der
+Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des
+Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die
+Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm
+zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel
+anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch.
+Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung
+verwirken und seinen Namen beflecken.«
+
+Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,«
+begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt
+zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist.
+Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer
+unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein
+Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene
+Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist
+imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben,
+ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht
+vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte
+ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem
+Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen.
+Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil
+sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und
+kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde
+einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den
+Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind,
+er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon
+meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz’ dich wieder an
+seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«
+
+Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal.
+Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich
+einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn
+in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte
+er.
+
+»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.
+
+»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so
+freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott
+soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und
+weil überhaupt alles so famos ist.«
+
+Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.
+
+Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich
+habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich
+ist.«
+
+Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er
+eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem
+Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von
+den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese
+ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des
+Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das
+halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer
+vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße,
+das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch
+unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem
+Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
+oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder
+der Eigennutz, oder der Neid.
+
+Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige
+Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören.
+
+Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch
+Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es
+war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles
+verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
+Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und
+fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders.
+
+An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr
+vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber
+Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine
+Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel
+nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia
+fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu
+verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem
+Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick
+forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich
+zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in
+seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte,
+zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe,
+seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine
+Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm.
+
+Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich
+treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne
+war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren
+ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht
+unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte,
+nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und
+anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein
+Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache
+herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften
+Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter
+darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte,
+was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die
+ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie
+auseinander.
+
+Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
+reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter
+sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr
+geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer
+Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher
+an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte
+die Erinnerung auslöschen mögen.
+
+Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von
+gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht
+zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der
+langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von
+Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus
+unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide
+kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich
+in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und
+übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er
+hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute
+in die Landschaft.
+
+Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte
+die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie
+fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie
+sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier
+darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme
+Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es
+sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer
+Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein
+gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich
+will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd
+hinzu: »Vielleicht brauch’ ich dich.«
+
+Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du – mich?«
+
+»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses
+Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe
+zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit,
+die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich
+kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel
+steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten
+Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das
+begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
+Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht
+geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon
+tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab’ ich mir in den
+Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich
+fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir
+vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb’ wohl, grüß’ mir die
+Mutter.«
+
+Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren
+mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler
+gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr
+plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter
+in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert
+Lamm.
+
+ * * * * *
+
+In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge
+Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner
+Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer
+Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
+was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die
+Erkrankung zur Anzeige gebracht.
+
+Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in
+letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu
+hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der
+Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und
+Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden.
+Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder
+Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete
+die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.
+
+Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung,
+die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort
+befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich
+Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von
+Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung
+machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer
+erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus.
+Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau
+die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine
+Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die
+Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in
+seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September
+wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt.
+
+Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die
+Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens,
+Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der
+Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt,
+und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
+schützen sollte.
+
+Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor
+körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm
+nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten,
+die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war
+ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig
+Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse
+wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er
+mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist
+getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein
+Greis aus.
+
+Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war
+aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu
+beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen,
+wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
+sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in
+die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn
+bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben
+anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der
+ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch
+tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er
+zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
+eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit
+hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet.
+
+Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für
+die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben
+waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die
+Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich
+dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig
+hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen
+Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg
+führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein
+hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen
+durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich
+verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte.
+
+Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die
+Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im
+Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der
+Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag
+hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen
+Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit
+näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich
+alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
+und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann
+zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht
+nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des
+in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann
+zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle
+schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen
+Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und
+feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen
+des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein
+solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das
+Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank
+verdient.
+
+Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte
+auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal
+gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war
+offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige
+Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
+Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte
+wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim.
+Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser
+Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er
+bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an,
+man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder
+beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit,
+dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er
+seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er,
+vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh
+er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch
+jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor
+der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
+treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage
+nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors
+Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche
+Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
+der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus
+wohlerwogenen Gründen zurückweisen.
+
+»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine
+Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die
+Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
+seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.
+
+An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall
+aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor
+die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin
+zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um
+ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und
+vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu
+endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr
+nützen und die Lebenden nur verdrießen würde?
+
+»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit
+funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun,
+wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.«
+
+Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der
+Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts
+anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im
+stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen
+Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn
+würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner
+Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied
+wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den
+Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel
+oder Einwand von oben nicht zu fürchten.
+
+Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder
+gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel
+giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die
+Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen
+aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog
+sich ganz in seine Villa zurück.
+
+Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln
+und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch
+eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume
+enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten
+Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in
+einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener
+Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.
+
+ * * * * *
+
+Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu
+ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf,
+ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie
+sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.
+
+Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es
+von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß
+sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz
+auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie
+wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien
+es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht
+näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine
+Nähe.
+
+Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner
+Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in
+unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem
+Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging
+verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was
+sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie
+zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern.
+
+Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und
+Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin,
+das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf
+das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen
+Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die
+rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines
+Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon
+eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen
+ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia
+noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau
+erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine
+Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das
+Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.
+
+In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken
+hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt.
+Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen
+Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst
+mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie
+waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus
+mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer
+genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
+Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten
+waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine
+Zuversicht nicht heben.
+
+Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann
+auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig,
+Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute
+erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr
+vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum
+zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch
+heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie
+Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt
+zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja,
+hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie
+soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und
+um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte
+langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den
+Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab’ dich ungerecht
+beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun
+ganz kalt und zugeschlossen.
+
+Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin
+abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber.
+Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle
+keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und
+dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte
+sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als
+sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
+blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre
+offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung
+entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln.
+
+Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr
+vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts
+verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und
+besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte
+Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte
+stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm,
+wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm,
+von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage
+später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich
+aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag
+etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging
+zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte
+Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir,
+gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein
+anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über
+ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe
+er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit
+solchen Aufträgen zu verschonen.«
+
+Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr
+er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll’s mit der ganzen
+Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie
+besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist
+alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen,
+werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den
+andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr
+schlechtes Gewissen.«
+
+Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein
+unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er
+riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken
+spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
+seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem
+verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem
+Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes
+Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie
+durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie
+aufgerichtet hatte.
+
+Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht,
+daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß
+zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte
+ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
+ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der
+Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine
+vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich.
+Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst,
+was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über
+diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr
+ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun
+Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich
+verdunkelt.
+
+Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu
+gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld,
+die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um
+Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der
+Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, – zu den
+Menschen, von den Menschen.
+
+Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen
+vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen
+gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit
+ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse
+nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an
+den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?
+
+Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die
+Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die
+Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch
+hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines
+Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen
+Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und
+vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes,
+richtendes Gesicht.
+
+Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr
+Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg,
+der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen
+die Welt zu verlieren.
+
+ * * * * *
+
+Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer
+Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
+Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich
+entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching;
+Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen
+Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur
+Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.
+
+Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden,
+da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm
+und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als
+Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck
+erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle.
+Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar
+Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten
+begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene
+abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
+bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen,
+meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem
+hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
+Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er
+gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes
+Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so
+unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets
+in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und
+ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder
+trocken und hölzern höflich, empfahl.
+
+Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt
+machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber
+zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie
+gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr
+zu enthalten.
+
+Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren
+unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber
+auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen
+natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene
+finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die
+Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte
+fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer
+lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und
+geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können,
+doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in
+die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?
+
+Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen
+sie beschlich.
+
+Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und
+statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte
+beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und
+fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?«
+
+Stumm schaute sie zu Boden.
+
+»Komm morgen,« sagte er befehlend.
+
+Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte
+Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem
+Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg.
+
+ * * * * *
+
+Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener
+Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die
+Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er
+harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.
+
+Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er
+zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der
+junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über
+ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre,
+wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten
+sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung
+als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem
+flüchtigen Genuß zum Opfer falle.
+
+Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag
+gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem
+eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte
+sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein
+passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine
+Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem
+Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten
+sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in
+wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In
+vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause
+ausrichten.
+
+»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst
+kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du’s
+wünschest, richt’ ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und
+träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es
+ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen,
+besser ist’s, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.«
+
+Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie
+seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem
+ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen
+hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen
+abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter
+nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die
+Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab
+es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine
+ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den
+Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer
+verhüllt war.
+
+Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen.
+Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und
+Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht
+zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich
+gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit
+zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in
+bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt;
+die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und
+sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm.
+
+Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich
+bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre
+wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft
+wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften
+lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«
+
+»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht
+wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in
+manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und
+wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein
+ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller
+vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den
+Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul
+zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und
+Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
+Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das
+Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche
+Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein
+Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und
+jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu
+katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine
+Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die
+ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«
+
+Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und
+verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige
+Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut
+der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei
+als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem
+Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem
+Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du
+meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm
+richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, also!«
+– »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er,
+bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild
+unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste,
+ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine
+Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
+Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie
+selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner
+Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines
+Allesiebengradeseinlassens.«
+
+Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich
+reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck
+habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er
+sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den
+Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen.
+Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen,
+wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen,
+daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte
+gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines
+Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der
+klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei
+mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und
+zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit
+alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.
+
+»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah
+wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm.
+»Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht
+heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler.
+Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er
+war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er
+nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium
+wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die
+zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung
+erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die
+Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er
+wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz
+vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von
+den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für
+Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf
+die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als
+er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen.
+Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die
+Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz
+niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an,
+machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir
+bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum
+Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und
+Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden
+ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und
+macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein
+Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und
+Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn’s
+überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur
+Belohnung einen Fußtritt.«
+
+›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll
+war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten,
+Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
+Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich
+einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber
+sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin
+bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und
+spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag.
+
+Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem
+Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich
+auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit
+ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
+nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen.
+
+Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie
+wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken
+der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen
+redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere
+die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral
+gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie
+erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so
+viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht
+wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den
+Tod gejagt habe.
+
+Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der
+wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um
+sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe,
+als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende
+Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften
+Bahn ein Ziel gesetzt.
+
+Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich
+Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun
+und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich
+niedersinken.
+
+ * * * * *
+
+Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam
+er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine
+finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie
+mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen
+Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah,
+erschlaffte jeder Nerv an ihr.
+
+Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners
+war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete
+Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem
+ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines
+wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen
+verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die
+Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners
+Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh.
+Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos
+wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext
+von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte
+still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher.
+Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
+seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas
+schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in
+einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser
+Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.
+
+In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen
+Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er
+dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde
+ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und
+wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie
+erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und
+versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in
+welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei
+ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder
+Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
+dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm.
+Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein
+Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte
+sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert
+in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine
+aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien
+Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
+und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß
+nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«
+
+Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie
+lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort
+mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.
+
+In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein
+Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen
+selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt,
+trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen
+wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen
+Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas
+Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia
+erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das
+Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte
+er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer
+Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam,
+stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares
+Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht!
+hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit
+einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.
+
+Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen
+Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für
+alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner
+Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle
+Bemühungen waren vollkommen vergebens.
+
+Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer
+Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren
+Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht
+beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort
+waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein,
+bevor sie am Tor läutete.
+
+Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war
+in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich
+gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich
+durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter
+brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern,
+sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts
+am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle
+nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu
+bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein
+drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde
+anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange
+strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und
+immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten
+sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der
+drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe
+brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie
+einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und
+die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das
+Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte
+sich.
+
+Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der
+Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie
+wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die
+schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
+weltfern und ohne Freude.
+
+›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne
+Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹
+
+Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In
+zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und
+Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
+vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
+Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien,
+Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen,
+Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller
+Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und
+Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest
+der Natur.
+
+Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und
+suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.
+
+Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ,
+hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen
+Preis dem Rufe folgen und zurückkehren.
+
+Sie kehrte nicht zurück.
+
+ * * * * *
+
+Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen
+Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach
+Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich,
+gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem
+Menschen.
+
+In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe,
+wenn auch ohne Enthusiasmus.
+
+Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer
+Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen
+Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit
+Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß
+ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm
+vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.
+
+Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in
+der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen,
+wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur
+zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.«
+
+Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und
+sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In
+Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht
+ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war,
+bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig,
+Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das
+Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem
+Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme.
+
+Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm,
+wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch
+zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie
+kalt.
+
+Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die
+Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen
+war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt,
+ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien
+gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und
+matt.
+
+Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen
+alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich
+selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen
+sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein
+Sanatorium am Bodensee.
+
+Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war,
+sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle
+ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen
+Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
+November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke
+und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.
+
+Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand
+erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit
+waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen
+pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude
+über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre
+Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.
+
+Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb.
+
+ * * * * *
+
+Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte:
+»Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.«
+
+Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends
+aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war,
+traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß
+dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie
+kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.
+
+In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und
+Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein
+Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im
+Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
+kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde
+bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied
+wurde gesungen.
+
+Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor
+Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war.
+
+Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine
+Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden
+geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen,
+Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer
+selbstischen Pein.
+
+›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die
+Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal
+hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
+von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie
+seine Gewalt.
+
+Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam.
+Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte,
+war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im
+übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl.
+Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann
+sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre
+Einsamkeit zu stören versucht hätte.
+
+Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und
+Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie
+vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein
+Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde.
+
+Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die
+vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr
+verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer
+längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie
+sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu
+fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr
+wirklich so?
+
+Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah
+aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel.
+Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge
+sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm.
+Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in
+die Hand und weinte. Es waren gute Tränen.
+
+Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige
+schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten
+Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den
+Augen, das wie ein Funke herübersprang.
+
+Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den
+Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die
+vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine
+einheitliche Kraft.
+
+In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein;
+sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als
+seufzten die Pflastersteine.
+
+Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen
+Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem
+unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie
+waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die
+Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm
+zum Kerker geworden war.
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie
+ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte,
+konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr
+war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.
+
+So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre
+Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte
+Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo
+zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren
+mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da,
+mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.
+
+Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier?
+Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als
+müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt
+verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
+Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu
+Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«
+
+»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.
+
+Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten
+sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie
+trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die
+Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten
+alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene
+Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen,
+ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!
+
+Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie
+wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern
+an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen
+Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war
+dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie
+von einem Ort der Sünde.
+
+Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du?
+Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie
+wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von
+neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot
+ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht,
+es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur
+eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
+Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was
+sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort
+seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den
+Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie,
+Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.
+
+Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und
+Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.
+
+Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein
+Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen
+unbewohnten Zimmern.
+
+»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf
+Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.
+
+Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile
+gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms
+Villa fahren.
+
+Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob
+der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den
+Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.
+
+ * * * * *
+
+Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des
+jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden,
+schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«
+
+Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der
+schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch
+elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen
+erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah
+und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens,
+in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an
+ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann.
+Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die
+Wucht von Erfrorenem.
+
+Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden
+mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein
+selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?
+
+Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte
+sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte
+haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen
+können.«
+
+»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast
+offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die
+notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?«
+
+Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um
+Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn
+zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein
+Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat
+zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert
+haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus,
+Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so
+doch zum Sterben.«
+
+Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.
+
+»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände
+gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit
+mir und schau’ sie an.«
+
+Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte
+nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht
+geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es
+nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig.
+Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das
+überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben
+an ihre Wichtigkeit haben.«
+
+Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am
+ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,«
+stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte
+sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du
+liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog
+mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte
+finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich
+selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen
+schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief
+suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand
+haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den
+Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In
+leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich,
+öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und
+richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn
+ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte
+sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen
+Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand,
+drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz
+und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei
+allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches,
+daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar
+wurde.
+
+Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter
+Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er
+tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«
+
+Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das
+Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur
+nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand
+läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter,
+noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –«
+
+»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als
+unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir
+die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,«
+warf Olivia ein.
+
+Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
+überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus
+allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«
+
+»Das laß meine Sorge sein.«
+
+»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«
+
+»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch
+andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel
+entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der
+jetzt nicht hilft.«
+
+Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich
+an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach
+einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden.
+Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach
+deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes
+Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung
+mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig
+machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist
+wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
+meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da,
+für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die
+Zeit nicht.«
+
+Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und
+drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug
+hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.
+
+ * * * * *
+
+Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.
+
+Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt
+halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in
+das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen
+Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein
+durfte.
+
+Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken
+sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.
+
+Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die
+Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.
+
+Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen
+ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch
+unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend
+blaue Himmel trat hervor.
+
+In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er
+merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem
+Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen.
+Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er
+legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die
+Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte,
+nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß
+es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die
+Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.
+
+Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine
+Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.
+
+Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das
+Gebirge.
+
+Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich
+abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die
+Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern,
+die im Feuer glühen.
+
+Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die
+Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften
+Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er
+aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes
+Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich
+eine herzlose, fanatische Schadenfreude.
+
+Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der
+Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene
+hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege
+hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte
+der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«
+
+Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt
+kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er
+den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken
+anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es
+ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er
+mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus,
+viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm
+zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen
+Pranken hielt.
+
+Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins
+Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd
+und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin
+zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit
+dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den
+Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die
+Finsternis.
+
+Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren
+und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und
+verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper
+und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach
+der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein
+Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die
+geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er
+wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und
+Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute
+mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten
+etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch
+erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen
+des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der
+Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein
+Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die
+Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr
+ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen.
+Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem
+Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die
+Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen.
+Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen
+vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob
+sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht
+für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die
+Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen.
+Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
+geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er
+des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie
+schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand,
+und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die
+Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.
+
+In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich
+ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie
+lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen,
+den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie
+darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges
+in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein
+wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war
+eine andere, unheilvoll verwandelt.
+
+»Olivia,« murmelte er vor sich hin.
+
+Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin
+und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem
+Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und
+schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er
+herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
+verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf
+einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei
+ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden
+und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich
+packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht
+hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf
+den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
+ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein
+Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken
+war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus
+der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin
+er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von
+Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen
+hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die
+schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser
+fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu
+unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder
+sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
+und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze,
+ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.
+
+Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es
+Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber
+bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen
+mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend
+abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten
+sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den
+ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.
+
+Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm
+gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während
+sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er
+die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam
+unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und
+könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.
+
+Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr
+er in die Stadt.
+
+Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem
+Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen.
+Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte.
+Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den
+Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.
+
+Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war,
+schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter
+Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und
+verlor den Zusammenhang.
+
+Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die
+Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit
+gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag
+eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises
+nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er
+trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets
+aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine
+Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein
+Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend
+gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.
+
+Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des
+Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie.
+Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt,
+ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen
+fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das
+Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden
+war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen,
+sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man
+immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.
+
+Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa
+sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als
+öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein
+Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen
+Ort.
+
+Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit
+Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu,
+der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf
+und ließ den Verdutzten stehen.
+
+In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in
+einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er
+eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten
+ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder
+aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein
+müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen.
+Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das
+Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle
+Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich
+nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand,
+erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten,
+erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die
+Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte
+Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die
+sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten
+Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig
+blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die
+Faust und lächelte düster.
+
+Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während
+seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu
+spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte
+mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er
+in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung
+steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.
+
+Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und
+Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen
+brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt,
+die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben
+stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und
+einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine
+eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein
+Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging,
+stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
+daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend
+aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen
+Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
+warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und
+an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die
+letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der
+Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben;
+er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein
+Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht
+eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit
+dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht
+über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie
+sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer
+Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er
+zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg
+versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach
+eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem
+dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem
+Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die
+Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er
+sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte
+wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher,
+wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug,
+ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa
+anlangte.
+
+Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und
+aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster
+waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es
+war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein
+Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der
+Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm
+entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
+gelehrt hatte!
+
+Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen
+Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die
+Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte
+noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von
+Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
+Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und
+Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des
+Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt,
+die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht
+habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung
+entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten
+für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und
+erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit,
+das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen
+verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen
+seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber
+nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde
+des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß
+Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst
+täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen.
+Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
+Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei
+ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem
+Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er
+hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem
+Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue
+Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei
+Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.
+
+Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.
+
+Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park
+gebaut werden.«
+
+Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was
+dreinzureden, dünkt mich!«
+
+»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.
+
+Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert
+Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt.
+»Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich
+zusammengeschaudert.
+
+Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem
+Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der
+Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb
+beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug
+Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um.
+Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht
+verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war
+schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte
+ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den
+Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen
+Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen
+Schrei.
+
+»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man
+kann nicht mehr leben in dem Haus.«
+
+Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das
+Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt
+trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert
+Lamm erkannte, war Olivia.
+
+Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf
+den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das
+Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine
+Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen.
+Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird
+sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit
+hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.
+
+Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert
+Lamm den Kopf.
+
+Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem
+bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt
+worden war.
+
+ * * * * *
+
+Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es
+herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des
+Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht
+hatte.
+
+In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein
+Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen
+wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit
+ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer
+Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er
+dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren
+Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der
+Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er
+öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds
+Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig
+erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen.
+Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck
+sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold
+zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde
+später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum,
+wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.
+
+Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die
+Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu
+schmettern,« sagte er furchtsam.
+
+Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.
+
+Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es
+weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer
+durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich
+steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu
+begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen
+träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer
+gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen
+Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er
+wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr
+erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
+Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er
+schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen
+sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.
+
+»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst
+dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu
+wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir
+vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in
+einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das
+eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
+verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll.
+Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«
+
+Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie
+ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter
+Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du
+denn eigentlich von mir?«
+
+Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt
+mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.
+
+»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.
+
+»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu
+machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht
+hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr
+über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«
+
+Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es
+umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht
+und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte,
+seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung
+nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.
+
+»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für
+eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und
+dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.«
+
+»Baracken? In meinem Park?«
+
+»Ja, an der Südseite des Hauses.«
+
+Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt
+werden! Hundertjährige Bäume!«
+
+»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer
+Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!«
+
+Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal
+um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus
+unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn
+du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden.
+Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der
+Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor
+Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.«
+
+Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte,
+rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte
+einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick
+in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie
+selbst, und nicht eine Doppelgängerin.
+
+ * * * * *
+
+Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.
+
+Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als
+sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in
+später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der
+Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten.
+
+In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las
+aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich
+düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem
+beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und
+Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden
+Krater eines Vulkans.
+
+Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem
+Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das
+Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und
+wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach
+Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts.
+Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte
+sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm
+endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf
+hinaus.
+
+Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte
+die Lider nicht schließen, die Finsternis brannte ihm förmlich auf der
+Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
+geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der
+Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt
+wie Gift.
+
+Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht
+verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit
+Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war.
+Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des
+Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender
+Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge
+ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit
+rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm
+richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft
+hinein: »Ruhe!«
+
+Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört.
+Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete
+ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen
+bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden
+eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles
+geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine
+Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume
+lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele,
+um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der
+Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher
+warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte,
+auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken
+Menschen!‹
+
+Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch
+er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie
+ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über
+ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
+eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.
+
+Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein
+altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich
+entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine
+Blütezeit vorüber sei.
+
+ * * * * *
+
+Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.
+
+Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche
+Einwilligung zum Bau der Baracken.
+
+Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität
+verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.
+
+Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig.
+Es war für sie ein Fall unter vielen.
+
+Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem
+Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur
+Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und
+nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.
+
+»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia.
+Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige
+Weg, für dich der Irrweg.«
+
+»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir
+entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie
+mir gezeigt hast,« antwortete sie.
+
+»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die
+Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu
+urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«
+
+»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die
+Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«
+
+»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich
+plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt
+empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines
+Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu
+verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er
+die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der
+Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange
+gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind.
+Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen
+und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch
+verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker,
+Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt
+mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon
+verzeihen, Olivia.«
+
+Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten
+Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der
+geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
+nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß
+ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s
+nicht sein.«
+
+»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine
+Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß
+du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht
+ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist,
+indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der
+Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen
+ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht
+hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines
+einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer
+geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder
+er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da
+sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja
+verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von
+Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«
+
+»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen
+strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den
+Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von
+der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die
+ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber
+gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch
+ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum
+also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor
+dem, was nun einmal ist?«
+
+Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er
+warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete
+Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer
+Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und
+trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und
+in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte
+immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem
+zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem
+Geist Rechtfertigungen ab.
+
+Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war,
+als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen
+Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie
+die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge,
+was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter
+einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not
+geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu
+viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den
+Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz
+geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper,
+sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der
+in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die
+Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich
+Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre
+vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die
+Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
+Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein
+Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.
+
+Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin
+auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.
+
+»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil
+er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm
+selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.
+
+»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er
+Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest,
+bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate
+ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines
+Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht,
+was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das
+einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod
+nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!«
+
+»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des
+Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich
+solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der
+Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,«
+antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu.
+»Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede
+Form zerstört!«
+
+»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht
+zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein
+auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte,
+mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere,
+Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«
+
+Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick
+und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide
+Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist
+fürchterlich! Fürchterlich!«
+
+Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.
+
+Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über
+ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet
+soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«
+
+Schnell verließ sie das Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne
+Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien
+gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen
+und keinerlei Auskunft über sich geben.
+
+Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in
+der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß,
+vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn
+und Wangen von Haaren frei waren.
+
+Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das
+war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im
+Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte.
+Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen
+und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde.
+Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.
+
+Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem
+inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz
+bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet,
+und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen
+sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
+fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf
+Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen
+mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer
+Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
+festzuhalten.
+
+Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb
+stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den
+wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In
+jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein
+Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren
+Geheimnisses näher ist als bisher.
+
+Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte,
+die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne
+leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
+wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
+ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie
+tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen
+Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl
+von Gott.
+
+Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.
+
+ * * * * *
+
+Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte
+berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine
+Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler,
+mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen
+Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.
+
+Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
+konnte er beim Gehen besser denken.
+
+Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
+daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der
+neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach,
+die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.
+
+Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis
+drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer
+waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause,
+jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine
+Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung.
+Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!
+
+Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten.
+Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er,
+daß sich niemand um ihn kümmerte.
+
+Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich
+vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es
+stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch
+wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an
+jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl
+gerechtfertigt hätte.
+
+Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren
+hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen
+einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.
+
+Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte
+ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte,
+die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und
+schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.
+
+Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um
+einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und
+Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die
+dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
+sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn
+heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit
+Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er
+ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der
+Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht;
+er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von
+sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen
+getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und
+Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich
+nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.
+
+Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln:
+alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe,
+Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm
+beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn
+lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu
+begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
+Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner
+Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm
+sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der
+Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die
+Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben;
+mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne,
+rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt
+hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am
+günstigsten war.
+
+Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände,
+die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen
+können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte
+ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei
+natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben
+und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte.
+Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in
+vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf
+jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er
+sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er
+wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein
+männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der
+Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte
+ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines
+Lebensgartens gepflanzt hatte.
+
+Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen
+gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum
+Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch,
+weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen
+etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte
+sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören,
+sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein,
+nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden
+müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.
+
+Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in
+einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den
+Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich
+beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn;
+es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem
+körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden
+kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und
+beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die
+Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und
+zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und
+ging zu Frau Khuenbeck.
+
+Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie
+gekümmert, das trug sie ihm nach.
+
+Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia
+geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte,
+erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei
+ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine
+Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich
+bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts
+gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig
+zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt
+wurde.
+
+»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den
+Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein
+Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich
+muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten
+Dingen zu?«
+
+Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt
+es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.
+
+»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck.
+»Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
+darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
+Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie
+genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den
+betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich
+sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«
+
+»Märchen,« warf Robert Lamm hin.
+
+»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein
+Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte
+meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es
+sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung
+geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«
+
+»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine
+sind,« bemerkte Lamm trocken.
+
+Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt
+einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet
+mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie
+warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden,
+frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
+doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut!
+Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind
+eine schreckliche Sünde.«
+
+Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist
+außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut
+und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«
+
+»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom
+Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt
+ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je
+wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«
+
+Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen,
+Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt
+unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben
+nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe
+Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im
+Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste
+Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch,
+das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«
+
+ * * * * *
+
+Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren
+in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit
+außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas
+aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und
+Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten
+Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
+Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des
+Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue
+sich, dies öffentlich verkündigen zu können.
+
+Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus
+irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.
+
+Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten.
+Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«
+
+Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von
+Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die
+Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem
+zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem
+Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte
+einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn
+der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst,
+so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«
+
+Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,«
+antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen
+Mänteln versehen.«
+
+Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor
+Strygowski, wenn ich nicht irre –?«
+
+»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen
+habe –«
+
+Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den
+Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender
+Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem
+Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn
+Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an
+Sie zu richten.«
+
+Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit
+erlaube.
+
+»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur
+heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.
+
+Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten
+Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf.
+Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die
+Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger
+Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
+verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie
+grübelten.
+
+Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben
+Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte,
+nickte sie ihm ohne Lächeln zu.
+
+ * * * * *
+
+Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
+Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen
+Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.
+
+»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne
+Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer
+ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch
+immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit
+ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
+zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«
+
+Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete
+der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer
+Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«
+
+»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie
+beharrlich blieb?«
+
+»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.
+
+»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die
+sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und
+aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu
+versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung.
+Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt,
+muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an
+eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich
+ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«
+
+»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei
+Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr
+Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige
+und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig
+Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue
+Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz,
+der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne
+Grenze ist.«
+
+»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit
+erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und
+umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.
+
+Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir
+haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit
+der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu
+erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie
+unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die
+Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom
+gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur
+Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und
+sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst
+heißt das, nur von sich selbst.«
+
+Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich
+mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es
+nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch
+aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen,
+auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
+oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein
+hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem
+Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt;
+sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein
+Wagnis.«
+
+Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und
+unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor
+einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige
+Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren
+Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne
+einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der
+angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die
+Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen
+riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester
+Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
+wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist
+mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«
+
+»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit
+erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,«
+fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die
+Logik im Stich.«
+
+»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,«
+sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin
+Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache
+wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung
+in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben
+und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich
+schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem
+stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das
+ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die
+gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort,
+einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es
+scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die
+Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären,
+irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im
+stillen nenne ich es die Metempsyche.«
+
+Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr
+Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das
+harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des
+Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die
+von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und
+Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer
+treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte,
+einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
+der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat
+sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«
+
+»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat
+nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so
+etwas nicht zum zweitenmal.«
+
+»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder,
+»ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine
+verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der
+ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
+mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu
+sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu
+Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich
+sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so
+manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst
+Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres
+Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«
+
+Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß
+man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der
+Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und
+zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der
+Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den
+krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen
+Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen
+hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie
+sich dazu?«
+
+»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und
+verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski.
+Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein
+Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so
+zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein
+Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte.
+Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr
+unbeirrbar gerichteter Weg.«
+
+»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf
+fall’ ich Ihnen nicht herein!«
+
+Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich
+habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er
+leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich
+gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert
+habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle,
+nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg führt, den sie geht.«
+
+Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.
+
+»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie
+wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.
+
+»Ich verstehe nicht –«
+
+»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es
+zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime
+Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein
+egoistisches Ziel.«
+
+»Hierauf habe ich keine Antwort.«
+
+»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte
+mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an
+Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann
+sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten
+gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«
+
+»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte
+Strygowski, der blaß geworden war.
+
+»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir
+fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort.
+»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie
+sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein
+Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern
+bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken?
+Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
+leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein,
+auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger
+ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme.
+Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus
+erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann,
+auch wenn sie Olivia heißt?«
+
+»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie
+sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst
+bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor
+der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«
+
+»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist,
+der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie
+dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«
+
+Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche,
+überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte
+dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite
+Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt
+werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie
+dabei sehen.«
+
+»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann
+ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«
+
+»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne
+dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.
+
+In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren,
+ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür
+und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen
+Vorraum und die Treppe hinunter.
+
+Doktor Strygowski folgte ihm.
+
+ * * * * *
+
+Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als
+er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie
+ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper
+schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.
+
+»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,«
+flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie
+geschwollen.
+
+»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm.
+
+Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber
+nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er.
+
+Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube
+zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so
+sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen
+Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große
+Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren
+ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein
+grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte
+man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige
+Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten
+die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie.
+
+Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß
+gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben
+ist eingenickt.«
+
+Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die
+Türe. Es war Olivia.
+
+Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu
+weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas
+Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die
+schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter.
+Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht
+verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den
+Kopf und ging weiter.
+
+Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr
+zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen,
+wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia
+schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft
+an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.
+
+Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte.
+Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze
+Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie
+alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.
+
+Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine
+ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu
+Ende.«
+
+»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige
+Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des
+Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia
+bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu
+lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.
+
+Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren
+Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.
+
+Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der
+Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in
+sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.
+
+Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und
+lauschte dem Herzschlag.
+
+War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im
+Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des
+Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
+Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
+ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie
+wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein
+Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen
+den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden
+und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des
+Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.
+
+Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang
+es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und
+dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt;
+in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte
+sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen:
+Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis
+befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus
+unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er
+riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und
+hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung,
+als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu
+ziehen.
+
+Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des
+Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und
+Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den
+blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der
+deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht
+gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher
+Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.
+
+Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher
+Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in
+der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.
+
+ * * * * *
+
+Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am
+Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede
+Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
+ist Trost?
+
+Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame
+Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie
+zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen
+sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken
+zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes
+Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum
+Tag.
+
+Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden,
+vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte
+oder Geduld einflößte.
+
+Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie
+fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr
+hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter
+Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn
+sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.
+
+Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie
+wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach,
+völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte
+sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war.
+Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern
+leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers,
+erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung,
+die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was
+dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den
+Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der
+von überallher tönenden Klage.
+
+Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte
+Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst
+die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«
+
+»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt
+zurück.
+
+Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den
+Bruder beklagte.
+
+Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den
+Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines
+Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers
+bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe.
+Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder
+Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen
+erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine
+Wüstenei verwandelte.
+
+Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter
+traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia,
+wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die
+dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder
+schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.
+
+»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich
+verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer
+stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute
+gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in
+ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt
+und den Verstand geraubt hatte.
+
+Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war.
+Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe,
+wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die
+Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
+ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und
+Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann
+darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben
+können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den
+Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das
+alles nun vorbei war.
+
+Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr
+gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und
+niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch
+die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging
+das zu?
+
+Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute,
+die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und
+darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl
+gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag,
+erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm
+vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er
+unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines
+bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages
+war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig
+ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre
+Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen,
+sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er
+Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es
+ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern
+begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar
+tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie
+langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß
+sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte.
+Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich
+ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte
+fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor
+sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.«
+
+Woher kam ihm dieser Heroismus?
+
+Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er
+schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
+hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen?
+Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste
+Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der
+Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor
+sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem
+Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«
+Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand
+hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir
+dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand,
+und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es
+den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen
+Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn
+Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier,
+Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem
+Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe,
+was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch
+der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.
+
+Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte.
+Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis
+Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh,
+doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
+und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
+und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden,
+alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen
+gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu
+erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße
+und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
+Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die
+Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon
+nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus
+betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod
+bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im
+Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre
+auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu
+Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten
+sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit
+der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas
+Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam
+immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer
+wieder beschreiben.
+
+Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei
+die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war.
+Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«
+
+In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn
+zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis
+ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es,
+der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich
+gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich
+hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins
+getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß
+sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.
+
+Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes?
+Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden
+lassen?
+
+Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen
+und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander
+zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere
+zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber
+noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der
+unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er
+sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die
+Sprache verloren.
+
+Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die
+Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die
+andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und
+nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den
+Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu
+fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und
+wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre
+Säuglinge verschmachteten.
+
+Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel
+glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater
+mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen,
+Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen,
+die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander
+zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und
+Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn
+die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das
+körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung
+flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für
+den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und
+nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.
+
+Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker
+zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt,
+ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den
+Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in
+den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in
+den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und
+Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute
+und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche
+und Unglückliche.
+
+Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und
+alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst
+auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den
+Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer
+Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder
+Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes
+und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich
+berauschen wollten.
+
+Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer
+Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.
+
+ Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,
+ zu begraben, zu begraben die Soldaten.
+
+ Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,
+ dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.
+
+ Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!
+ die Gemeinen unten, Korporale oben.
+
+ An den Seiten viere, in der Mitten viere,
+ überquer die Herren, Herren Offiziere.
+
+ Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,
+ dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.
+
+ Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,
+ zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.
+
+ Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,
+ morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.
+
+Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen
+Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und
+verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.
+
+Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie
+suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den
+Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des
+Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den
+unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht
+sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen;
+Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles
+Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein
+zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete.
+Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.
+
+Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie
+waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und
+tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und
+verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende
+der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie
+ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen,
+und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.
+
+Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
+warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt
+auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.
+
+Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine
+Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt,
+und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe
+von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und
+tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.
+
+Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob
+sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die
+Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend
+und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
+das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war
+die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und
+hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in
+die Hände.
+
+Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war
+es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen
+Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich
+begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer
+solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und
+sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde
+zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu
+befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still
+gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln
+begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte
+einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah
+es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.
+
+Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten
+einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust
+unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit
+geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib
+sie mir wieder!
+
+In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf
+einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere,
+ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter
+Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der
+jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter
+wieder!
+
+Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich:
+Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!
+
+Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich
+um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und
+bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser
+Land, gib uns unsere Wälder!
+
+Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du
+Mörder, unsre Söhne!
+
+Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr
+Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war
+als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge
+erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
+etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte
+er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und
+schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes
+Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies
+und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne?
+Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?
+
+Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere
+Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!
+
+Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob
+sie im Theater säße.
+
+ * * * * *
+
+Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo
+kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch
+Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?
+
+Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die
+Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter
+Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und
+innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur
+gebunden!
+
+Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und
+beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein
+letztes Asyl.
+
+Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im
+Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause
+vor der versteinerten Mutter.
+
+Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.
+
+»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche
+Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«
+
+Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum
+werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken
+auf ein Bett binden.«
+
+Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich
+nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«
+
+»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du
+glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten
+ihre Toten beklagen zu helfen.«
+
+»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und
+ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das
+schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in
+unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
+kein Ruhm damit zu holen.«
+
+Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich
+dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ,
+beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese
+wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde
+verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr
+lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«
+
+Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,«
+sagte sie.
+
+»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt
+von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von
+mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im
+Wege, auch mir selbst.«
+
+»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war
+plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.
+
+»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«
+
+»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor
+ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.«
+
+»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich,
+vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel.
+Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?«
+brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit
+kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie
+Einsamkeit.«
+
+Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen
+könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich
+seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht
+zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne
+Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes
+Wesen umnachtet und im Krampf.
+
+Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
+Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht
+wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich
+alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das,
+wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.
+
+ * * * * *
+
+Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er
+sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel
+kann ich Absolution erwerben.
+
+Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach
+Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu
+schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren
+Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit
+ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die
+Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler
+und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß
+sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß
+er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und
+Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um
+die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und
+Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern
+und klatschte den falschen Propheten Beifall.
+
+Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im
+Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der
+Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit
+der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit
+dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des
+Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.
+
+Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm
+eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während
+ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer
+Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen
+Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er
+den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung,
+fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte
+sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen
+Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn
+die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast
+schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn
+verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den
+Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der
+Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
+wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie
+verlassen hatte.
+
+Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen
+Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der
+Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser
+Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine
+Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen
+und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die
+Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.
+
+Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!
+
+Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer
+sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm
+jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und
+schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der
+Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein
+Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die
+Türe und Olivia trat herein.
+
+Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.
+
+Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war
+nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer
+empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie
+nicht erwartet.
+
+So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem
+Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch
+einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn
+gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester
+geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht
+gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.
+
+Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der
+erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in
+den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die
+Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in
+geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr
+entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
+nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war
+noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch.
+Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden,
+so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.
+
+›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du
+mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl
+alles, was sie um sich her gebaut hatte.
+
+Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr
+entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der
+Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das
+ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man
+einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein
+hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen
+Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine
+wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig
+Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen
+lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden
+mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
+niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen
+Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und
+die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie
+hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert,
+die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren.
+Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine
+Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.
+
+Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man
+erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf
+zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert:
+»Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«
+
+Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.
+
+Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer
+Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu
+rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach
+einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder
+in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie
+widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch
+außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte
+sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter
+verstanden.
+
+ * * * * *
+
+An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine
+Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war.
+Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und
+hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den
+Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu
+ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner
+erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in
+diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen
+zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.
+
+Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias
+Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.
+
+Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort
+auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte
+verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem
+Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand
+Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze,
+herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges
+Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.
+
+Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie
+ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit
+ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte;
+hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu
+überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
+in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie
+kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit,
+von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in
+eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen
+erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.
+
+Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und
+der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit,
+und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
+wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen,
+einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel
+Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt
+des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit
+Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ
+er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge
+befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen
+Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das
+strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu
+besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.
+
+Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich
+mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem
+bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte
+zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu
+jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der
+Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger
+vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn
+in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief;
+da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie
+als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu
+sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte
+sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus
+und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und
+reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche
+Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer
+verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die
+zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz
+unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele
+unter sich begrub.
+
+Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und
+nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar
+kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als
+habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt
+und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon
+ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs,
+als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten,
+als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch
+Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr
+nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses
+Herz.
+
+Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt;
+hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende
+hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der
+Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben
+gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte
+dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es,
+die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie
+Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen
+einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte
+ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber
+etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die
+ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie
+hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der
+Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem
+Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.
+
+Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann
+kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen
+Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit
+Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man
+sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von
+der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina,
+in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war
+doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung
+öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft
+und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte
+Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen
+Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der
+sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.
+
+Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge
+anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer
+eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens
+gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie,
+worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts
+von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.
+
+Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er
+vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei.
+Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und
+erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte
+sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte,
+von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert
+und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch
+niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
+ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll
+Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er
+achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei
+einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in
+ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr
+Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte;
+sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle
+Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem
+Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut
+sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von
+vielen.
+
+Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr
+entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann
+der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran,
+den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem
+Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette.
+Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund:
+»Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina
+erkrankte.
+
+Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie
+konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte,
+wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf,
+und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die
+sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum
+nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude
+hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich
+seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn
+erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer
+und war totenbleich.
+
+Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft
+durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer
+Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land
+gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst
+in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott,
+bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war
+anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre
+Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte
+den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt.
+Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus;
+war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
+so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.
+
+Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des
+Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das
+Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die
+Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
+hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins.
+Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein
+Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem
+Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.
+
+Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und
+suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach
+sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines
+Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein
+Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den
+Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem
+Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern
+und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind
+zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von
+Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein
+Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob
+beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus
+und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde
+mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat
+alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den
+Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die
+Ahnung der Gefahr.
+
+Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da
+wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der
+Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig:
+»Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief
+Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres
+Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in
+die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend
+verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die
+hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte
+Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein
+neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu
+verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade,
+für die Helligkeit und für die Kraft.
+
+Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen
+Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu
+mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«
+
+Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief,
+dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe.
+Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren.
+Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
+rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine
+Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das
+sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie
+blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert,
+voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun
+zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei
+Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.
+
+Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.
+
+ * * * * *
+
+In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ
+aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia
+war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf
+einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.
+
+Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war
+wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte,
+zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach,
+dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der
+ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.
+
+Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne
+gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung
+menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in
+ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um
+sein Recht zu fordern.
+
+Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben
+hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu
+einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf
+dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen.
+Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir
+war.
+
+Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam
+eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von
+ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es
+ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen
+Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das
+Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es
+auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee
+davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas
+Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche
+Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich
+so gewesen sein?‹ fragte sie sich.
+
+Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt
+haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter;
+unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und
+sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
+fragen.
+
+Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im
+Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier,
+der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde
+kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich,
+ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und
+fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt,
+Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu
+versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«
+
+»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.
+
+»Er liegt in Zawadow bei Strji.«
+
+»Verwundet?«
+
+»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen
+muß.«
+
+Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich
+danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«
+
+Ihr Entschluß war gefaßt.
+
+ * * * * *
+
+Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier.
+»Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei
+mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«
+
+»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.
+
+Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend
+in einem Feldspital.«
+
+Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich
+werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir
+lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise
+einen Schutz.«
+
+Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er
+starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht
+das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.
+
+Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes
+mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in
+seine.
+
+Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu
+spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer
+Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber
+ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes
+Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.«
+
+Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter.
+
+»Es ist möglich gewesen, das genügt mir,« fuhr er fort. »Die
+Verwirklichung wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form
+geschaffen, die für meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
+steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit
+gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht hätt’ ich mich
+sonst vollends zerfleischt. Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten,
+das kann ich; dich für mich behalten darf ich nicht.«
+
+Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.«
+
+Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn.
+»Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese
+Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir,
+– die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im
+November?«
+
+»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich _muß_ es eben
+tun.«
+
+»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem
+Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das
+du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der
+Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch
+bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.«
+
+Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg.
+
+»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann
+Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen
+neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du,
+Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast
+du Georg Ingbert schon begraben.«
+
+»Und doch muß ich zu ihm –«
+
+»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber.
+Zwischen dir und ihm – Gräber; zwischen dir und mir – Gräber. Millionen
+von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.«
+
+»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen
+göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.«
+
+»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die
+wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind,
+ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das
+nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.«
+
+»_Was_ fühlen? _Was_ glauben?« brach Olivia leidenschaftlich aus.
+
+»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
+ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren,
+der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts
+andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott
+pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die
+Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In
+ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren
+Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen
+Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst
+du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«
+
+»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker
+ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«
+
+Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er
+antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen
+herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert,
+wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte.
+Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach
+deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht.
+Ich will’s versuchen.«
+
+»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst
+du?«
+
+»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er
+wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur in Worte fassen, was
+du mir bist.«
+
+»Robert!«
+
+Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft
+und verließ ihn.
+
+ * * * * *
+
+Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein
+einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren
+schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat
+und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele,
+daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles
+sprach von Auferstehung und Erneuerung.
+
+Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging
+sinnend weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte sie sich plötzlich und
+betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der
+Tod entgegen.
+
+Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt,
+fremd wie der Tod.
+
+ * * * * *
+
+Erst am dritten Tage konnten sie reisen.
+
+Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt,
+erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im
+Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine
+teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange
+Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben.
+Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden
+Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte;
+Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die
+Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit
+noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der
+Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und
+besonnenen Kraft regiert.
+
+»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu
+Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der
+da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich
+bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? Wo
+ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist
+mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker?
+Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen,
+die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht
+einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie
+wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht können sie uns nicht
+geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung
+aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und
+Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«
+
+»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag’s nicht, wenn Gedanken
+so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es
+endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als
+reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet
+wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir
+nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst
+gewetzt hast. Schau’ in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
+in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und
+sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag’s ihnen doch,
+daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du
+ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete.
+
+In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa
+fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf
+einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen
+Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war
+Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen
+Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner
+nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
+waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren
+Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des
+Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung
+erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und
+wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets
+erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten
+in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins
+Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden
+Verwaltungsbehörde pflegen sollte.
+
+So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er
+hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein
+Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und
+strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen
+Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den
+Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins
+Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
+Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon
+Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht,
+denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für
+einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an
+die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden
+Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen
+Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende
+Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten
+unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und
+geben Sie neuen Kredit.«
+
+Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt;
+das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die
+Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten
+lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung
+mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen
+den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem
+Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
+dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei,
+wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht
+zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die
+Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner
+sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San
+führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden.
+Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis
+zum nächsten Morgen aus.
+
+Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war
+fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen
+sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster
+draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten
+erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem
+unverständlichen Jargon leise unterhielten.
+
+»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein Schwanken für mich,« sagte Lamm.
+»Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen
+nicht. Ich hab’ dir’s ja auch gelobt.«
+
+»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um
+die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen
+Menschen! Ich kenn’ dich nicht mehr!«
+
+»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich
+spür’s in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten,
+die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die Welt
+braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar.
+Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob
+um Rahel, viel länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen,
+derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab’ nicht begreifen
+wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht
+bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine
+Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond in
+mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab’ eine
+Erscheinung gehabt, weiter nichts.«
+
+»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man
+sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut,
+im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?«
+
+»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann
+heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen
+Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh’ ich wieder am Anfang.«
+
+Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß
+aufgeschlagenen Auges.
+
+ * * * * *
+
+Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren
+gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der
+Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die
+anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht
+gewagt zu entscheiden.
+
+Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel
+komme. Lamm widersprach nicht.
+
+Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia
+auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer
+Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze
+erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
+schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach
+ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte
+einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst
+ruhend gesehen.
+
+Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte,
+waren ihre Augen feucht.
+
+Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die
+Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend
+gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer
+Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt,
+Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb’ wohl, Robert,«
+rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.
+
+»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,«
+sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.
+
+Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer
+wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.
+
+Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er
+vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen
+aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder
+in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte
+ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und
+vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter,
+immer stürmischer wurden.
+
+Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren
+deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende
+nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch
+die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes
+machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er
+stehen und schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ dachte er und zog die
+Stirn in Falten, ›da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in
+ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht
+ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch.
+Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den
+Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am
+Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und
+Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die
+dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es
+wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte
+und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies
+Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt
+es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹
+
+Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach
+einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor
+sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß
+anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt,
+das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den
+Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so
+hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht,
+geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ ich nicht.« Und im
+Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab’
+ich nicht.«
+
+Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das
+Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume
+starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine
+schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches
+Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie
+das Weinen eines kleinen Kindes.
+
+Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und
+ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf
+schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm
+rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber
+niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig
+verlassen, fror und hatte Hunger.
+
+Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch
+einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter.
+Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle
+hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.
+
+Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die
+Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an
+ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer.
+›Ich will es behalten,‹ sagte er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von
+Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den
+Menschen gehe und für sie schaffe.‹
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse
+verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte
+Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen
+Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu
+verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den
+Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft
+konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden
+Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen
+schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte
+den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall
+rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern
+zerrissen.
+
+Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der
+Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein
+freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem
+Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten
+steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager.
+Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem
+Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte
+erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie
+sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert
+zu finden hoffte.
+
+Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein
+jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant
+Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die
+Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es
+schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.
+
+Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
+Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji
+war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden
+wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den
+andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um
+Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
+oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf
+dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen
+von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
+Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie
+beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie
+konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte
+einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war
+von oben bis unten mit Blut bespritzt.
+
+›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh
+sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen
+Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die
+Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet,
+antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
+wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber
+Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia
+und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu
+danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.
+
+Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf,
+als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der
+Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine
+Zigarette an.
+
+Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der
+Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei
+einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte
+sich.
+
+›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum eigentlich? Und warum die
+andern, Unzähligen, warum?‹ Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit
+des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: ›Warum
+nur, warum?‹
+
+Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel
+Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich
+feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft,
+bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur
+Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt
+gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit
+drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von
+einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin
+gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
+und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte
+Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und
+als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus.
+
+Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt
+ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die
+Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer.
+Olivia blieb stehen.
+
+Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren
+grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine
+auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein
+Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug
+keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um
+Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen,
+und man sah an seinem Gang, daß er blind war.
+
+Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern
+entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten
+um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber
+durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
+war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald
+in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner
+Nähe gefeit wären.
+
+Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot,
+und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh,
+winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als
+käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und
+je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
+über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte
+kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr?
+Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein
+rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes
+Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß
+nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei,
+daß er nichts mehr von ihr sah.
+
+Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung
+wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war.
+
+Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht
+und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine
+Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu
+einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
+leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen
+Gebäudes.
+
+Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus,
+kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein
+schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos.
+
+Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen
+und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein
+unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel
+gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen.
+Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der
+Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben,
+zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch;
+die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung,
+verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
+Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne
+darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß.
+
+Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie
+dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige
+Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
+Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall
+zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel
+lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das
+Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und
+zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier
+mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie
+die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in
+einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen.
+In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag
+ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf
+seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
+Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte
+tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen
+waren traurig und voll Angst.
+
+Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie
+polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber
+hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die
+linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an
+und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden
+unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört
+werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das
+dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer
+Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in
+einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige
+Flucht hin.
+
+Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom
+Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in
+die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann
+rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und
+freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen.
+
+Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein.
+Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke,
+deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre
+Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn
+mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß
+entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und
+preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
+Mund.
+
+Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem
+bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel
+eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
+der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf
+hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich
+Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und
+immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte,
+glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den
+er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach
+einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und
+warf sie auf das Bett.
+
+Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das
+Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und
+viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie
+von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
+und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem
+Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und
+brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden,
+als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
+Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die
+Augen geschlossen hatte.
+
+Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht
+erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber
+die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und
+tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein
+Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten.
+Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus
+verwandelter Welt.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen
+& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3,
+September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser
+Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
+S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte.
+S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
+S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
+S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
+S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
+S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
+S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
+S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]
+
+
+
+[Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first
+publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”,
+XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The
+page numbers jump according to the distribution of the story onto the
+three issues of the monthly periodical. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
+p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte.
+p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
+p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
+p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
+p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
+p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
+p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
+p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+***** This file should be named 21860-0.txt or 21860-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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--- /dev/null
+++ b/21860-8.txt
@@ -0,0 +1,4864 @@
+Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Olivia
+ oder
+ Die unsichtbare Lampe
+
+
+ Erzhlung
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+
+Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war
+groe Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im
+besten Flu, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die
+Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Tchterchen des Hauses flchtig
+gesehen hatte, rhmte dessen besondere Schnheit und Lieblichkeit. Frau
+Khuenbeck lchelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr
+Verlangen kund, das Mdchen zu sehen, den Hinweis auf die spte Stunde
+lieen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der,
+unschlssig und wie beschmt, nicht wute, wie er die Bitte aufnehmen
+sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu
+widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging
+dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der
+zweijhrige Ferdinand und die sechsjhrige Olivia.
+
+Schon sa Olivia auf dem Scho des Dienstmdchens, die Augen voll
+Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr
+gekmmt, weie Strmpfe und weie Schuhe kamen an die Beinchen, und so
+trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Rume hinber. Die
+Gste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der berraschung und
+Befriedigung tnte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen
+in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr
+unbegreiflich waren.
+
+Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die
+Gruppe. Er dachte, da der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten
+werde; da dies aber nicht geschah, rief er pltzlich mit scharfer, ja
+barscher Stimme aus: Gndige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm
+wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.
+
+Alle lachten; Frau Khuenbeck errtete und trug das Kind schnell hinaus.
+
+Olivia hatte die Worte gehrt und verstanden; sie bewahrte dem, der sie
+gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald
+wute sie seinen Namen; er hie Robert Lamm und war damals noch ein
+unbeachteter Beamter im Ministerium.
+
+Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefhl; in Stunden
+kindlicher Bedrngnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf.
+Er war die Verkrperung einer strengeren Schutzgottheit neben der
+sanften des Vaters.
+
+ * * * * *
+
+Wenn der Professor an seinem Schreibtisch sa, geschah es oft, da sich
+Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Fen
+niederlie und in Bchern und in Heften bltterte, die auf dem Boden
+aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er
+die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: Du bist da, Kind?
+und lchelte. Olivia war glcklich, da es ihr gelungen war, ihn nicht
+zu stren.
+
+Manchmal machte er kleine Spaziergnge im Park, dann nahm er Olivia mit
+und fhrte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schne
+Kind. Olivia glaubte jedoch immer, da sie nach dem Vater sahen, der so
+nachdenklich und voll Wrde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.
+
+Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Frulein im
+Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von
+Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
+verraten. In der Entrstung darber forderte die Mutter, da sie zur
+Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher
+Leidenschaft, da die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der
+Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals strzen, war fr
+Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich
+so krampfhaft an den Vater, da der erschrockene Mann alle Mhe hatte,
+sie zu beruhigen.
+
+Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat
+der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine
+Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und
+schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und
+starb eines pltzlichen Todes.
+
+Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt,
+viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten
+weinten, Olivia begriff es nicht. Fr sie war der Vater immer noch
+verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.
+
+Tag fr Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte
+ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzhlte von der Mutter und
+von Ferdinand, sprach von ihren Vorstzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
+von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber
+keine Adresse wute, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, -- so
+lange, bis sie endlich begriff.
+
+ * * * * *
+
+Die groen Einnahmen des Professors waren von dem luxurisen Haushalt
+verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital
+brig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.
+
+Bei der Ordnung der Vermgensangelegenheiten und des neuen Lebens war es
+Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck
+hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands
+Erziehung bte er einen entscheidenden Einflu, whrend er Olivias Tun
+und Lassen gleichmtiger zu betrachten schien.
+
+Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn
+zurckgelegt, die selbst von belwollenden seinen Verdiensten
+zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte
+beneidete Auszeichnungen erhalten und geno als juristischer
+Schriftsteller den Ruf einer Autoritt.
+
+Sein Wesen verkndete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken
+ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nmlich
+eine Sache, die er fr gut und gerecht hielt, durchzusetzen.
+
+Von frh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose
+und derbe Persnlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte
+immer ein herzliches Wort fr sie. Whrend er mit der Mutter sprach,
+stand sie in seiner Nhe; lchelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte
+sich an seine Schulter.
+
+Aber als sie zum Frulein heranwuchs, wurde er frmlicher. Er hrte
+pltzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwnde. Er verbeugte sich und
+sagte, wenn sie es ausdrcklich verlange und die gndige Frau, er
+verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder
+duzen, doch drfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie msse ihn
+dann ebenfalls duzen. Aber ich habe es ja immer getan! rief Olivia
+erstaunt. -- Gewi, nur pat mir der Onkel nicht, erwiderte er mit
+einer Grimasse, ich hasse die Onkels.
+
+So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine
+Frmlichkeit bei, die den Charakter spttischer Galanterie annahm, als
+ihm manches an Olivias Lebensfhrung zu mifallen begann. Sie war so
+eifervoll, so lernwtig, so auf Bcher versessen, so atemlos ttig, das
+mifiel ihm; er uerte sich nicht darber, er wurde nur immer
+spttischer und galanter.
+
+Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch sa. Er beugte sich ber
+ihre Schulter, sah noch genauer hin, schttelte den Kopf, und da ihn
+Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, bltterte, schttelte
+abermals den Kopf und fragte endlich: Wie alt bist du denn jetzt?
+
+Siebzehn war ich, antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im
+Lichte der Lampe.
+
+Siebzehn Jahre, und Plato im Original! rief der Hofrat aus. Sein
+Gesicht war so traurig, da Olivia lachen mute.
+
+Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt, mischte sich die Mutter ins
+Gesprch; Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und
+Klavierspiel und Vortrge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.
+
+So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick fr Olivia,
+in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es
+dir ntzen, Mdchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote
+Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken?
+
+Wahrscheinlich wute er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia
+aufwuchs; von ihrem Heihunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach
+Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mute sich alles ertrotzen,
+Arbeit und Genu, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbbeln des Landes
+und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolitt und der Trgheit.
+Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Ma, so durften sie
+doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen
+Hter des Herkmmlichen.
+
+Er wute nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensflle und
+hoffnungsvolles Werden, sondern bergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu
+Frau Khuenbeck und war enttuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins
+Konzert gegangen. Es ist das zweite in dieser Woche, sagte Frau
+Khuenbeck; und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und
+am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich wei nicht,
+wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.
+
+Und das da auch noch, sagte der Hofrat, und deutete auf einen
+Tennisschlger und ein Paar weie Schuhe, die auf einem Stuhle lagen.
+
+Ja, das auch, antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht
+des Hofrats gewahrte, fgte sie rasch hinzu: Aber es ist nicht
+Vergngungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie
+ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so
+freudig, da man es nicht bers Herz bringt, sie zu stren.
+
+Diese Begrndung war fr den Hofrat ein Schall. Olivia war schn; das
+allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren hlich;
+Bcher machten hlich, Wissen machte hlich, sich unter die Menschen
+zu drngen, machte hlich. Auf Sportpltzen die Glieder verrenken, die
+Fe durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen
+bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein
+unerquickliches Schauspiel. Der Schnheit flo alles zu, sie raubte der
+Natur nichts, sie lie sich von ihr beschenken, Schnheit war einsam,
+war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen
+das Gesetz.
+
+Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwrmerei fr einen
+genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer
+unter die Gilde der stadtansssigen Musiker gefahren war und das
+Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen ber ihn erholt
+hatte.
+
+Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den
+beiden, die in eifrigem Gesprch waren. Der Hofrat grte sie und blieb
+stehen; er machte sie mit dem vergtterten Manne bekannt. Sie wurde
+bla, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie
+hatte seine Stimme gehrt, und diese Stimme blieb ihr unvergelich. Die
+Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttuschen, aber auch
+beglcken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerhrt
+als irgendeine zuvor.
+
+Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia
+wute die Mutter zu berreden, da sie dort die Ferien verbrachten. An
+vielen Tagen, in Mondnchten wandelte sie andchtig die Pfade, auf denen
+er gegangen war. Seine persnliche Nhe suchte sie gar nicht; er war
+immer so versponnen, so verwhlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn
+sie ihn einmal des Tages von ferne sah.
+
+Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich
+unbeobachtet; bei einem Strau beugte er sich nieder, um zu riechen. Die
+Zrtlichkeit der Bewegung hatte fr Olivia etwas Auerordentliches. Von
+da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es muten stets Blumen in
+ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie bego sie, pflegte sie,
+freute sich, wenn sie blhten, und trauerte, wenn sie welkten.
+
+Als der Musiker eines frhen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie
+besa, fr Blumen aus und schmckte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige
+und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz fr Menschen noch
+empfnglicher gemacht.
+
+Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenber dem lebendigen Auf
+und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an
+Freunde sich auszuteilen, war Glck. So wurde sie vielfach in die
+Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was
+im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen
+wurde mibraucht, Offenheit verkannt, Gte zurckgestoen, Wahrheit in
+Lge verkehrt. Aber auch dies war fr Olivia ein Stck des groen
+Reichtums, waren angefaulte Frchte von dem Baum, der ein berma der
+guten gab.
+
+Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden
+Morgen ber ihr Erwachen, ber den Himmel, die Luft, das Licht, die
+Zeit, ber alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr
+erwarteten, ber ein Gesprch, das sie gestern gefhrt hatte, einen
+Spaziergang, den sie heute machen wollte, ber ihren eigenen Krper,
+ber jedes Ding in ihrer Stube.
+
+ * * * * *
+
+Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim,
+ein zartes, hochaufgeschossenes Mdchen von ernstem Wesen. Mariannes
+Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und
+durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten
+einer der reichsten Mnner des Landes.
+
+Olivia kam beinahe tglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum
+geringsten Dienstboten, bewunderten und verwhnten sie. Wenn der
+Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten ber sein
+rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
+mit ihr. Olivia hatte Sympathie fr ihn; er schien ein gtiger Vater und
+ein wohlwollender Mensch zu sein.
+
+Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn
+Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu
+einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares
+Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhngnisvoll geworden war. Eduard,
+ohnehin verschlossenen Gemts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde
+durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an
+der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, da
+es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierber war Frau
+von Friesheim sehr unglcklich, und als sie bemerkte, da zwischen
+Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhltnis entstand, legte sie
+ihr nahe, sie mge alles aufbieten, um ihn dem gefhrlichen Einflu
+jener Frau zu entziehen.
+
+Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mute lachen. Auf der anderen
+Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe fr sie
+hatte. Marianne nmlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefat;
+Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es
+auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
+sich geltend zu machen, besa er nicht. Er war im Gegenteil voll
+Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene
+Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Krpers. Wenn
+man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
+verbunden denken.
+
+Whrend nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender
+Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglck fr seine
+Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flchtige
+Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch
+Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah
+er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller
+Mildheit, die Kraft ihres Gefhls. Er schtzte die Knstler gering; die
+meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia
+solle Marianne dazu bringen, da sie dem Maler entsage.
+
+Olivia antwortete ihm, hierzu fhle sie sich nicht berechtigt, und als
+seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn
+zu berzeugen, da man zwei Menschen, die durch Bestimmung
+zusammengefhrt worden, nicht voneinander reien knne, ohne ihren
+Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschpflich in Grnden,
+Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe;
+schlielich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber
+Freude und als vergesse er den ernsthaften Anla. Wenn er mit ihr rede,
+bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten,
+dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch drfe es nicht sein, um
+keinen Preis werde er sich fgen. Olivia schaute ihn an, und als sie
+seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen
+Urteil ber ihn ein wenig irre.
+
+Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie
+begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergngen und ermunterte
+Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander
+zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Grger, Eduards
+Geliebte, und er bat Olivia, sie mge die Frau kennen lernen. Sie lie
+sich zu ihr fhren, und er merkte ihr an, da ihr die Frau nicht gefiel.
+Da er sie um Offenheit drngte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr
+unheimlich, sagte sie. Ich frchte, Anita wird Sie nicht glcklich
+machen, uerte sie ein anderes Mal zgernd. Eduard war bestrzt und
+kam immer wieder darauf zurck. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie
+hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen
+war, suchte er Olivias Nhe; Anita begann ihr zu mitrauen und qulte
+Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenknfte zu
+zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden
+getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards
+Herz sich ihr entschiedener zuwandte.
+
+Nun mute sie abwehren, und sie tat es begtigend. Es war ihr alles ein
+Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie
+aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verllich. Sie sprte,
+da sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und da die andere dabei
+verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie
+suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte
+seinen Rat haben, doch er war zurckhaltend und hrte mit seinem
+reizenden Lcheln zu.
+
+Eines Abends sa sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlgerig,
+Eduard war fr ein paar Tage verreist. Sie sprachen ber die beiden,
+ber die Eltern, ber das Leben im Hause; pltzlich sagte Ingbert, der
+Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
+Vergebliches und Knstliches, da er doch genau wisse, da Marianne ihm
+niemals angehren wrde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine
+Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnten, er beklage sich
+ja nicht, er klage auch nicht an; da Herr von Friesheim gegen ihn
+eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn
+aufzunehmen; jede uere Schwierigkeit sei berwindlich. Es liege nicht
+an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit
+steige oder falle sein Stern.
+
+Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist, schlo er leise;
+das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz
+lt sich verfhren, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber
+spricht sie, und man steht sndig da und will doch nicht noch mehr
+sndigen.
+
+Olivia wute nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an
+Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wre es nicht dunkel im Zimmer
+gewesen, Marianne htte ihre Blsse und Erregung merken mssen. Ingbert
+war auf der Bank geblieben, man hrte ihn eines der alten Lieder singen,
+die er liebte und in entzckender Weise vorzutragen wute. Marianne
+prete Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefhl; sie
+wnschte, Ingbert mge sie holen und mit ihr weit fortwandern.
+
+Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht erffnete, und wartete,
+da sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und
+Olivia zrnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich
+hoffte, verstand sie seine Unschlssigkeit. Er hatte etwas so Gtiges an
+sich, da man billigen mute, was immer er tat, und bald wurde Olivia
+gewahr, da ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.
+
+Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurck und brachte zwei Freunde
+mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es
+entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
+Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anla
+Olivias Nhe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche
+Strmung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen
+und litt still, und Anita Grger war der ruhlose Geist, der bisweilen
+verdsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.
+
+Stiegen auch Schatten empor, fr Olivia war alles noch ein Spiel. In der
+Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und
+Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und bte sich in
+jeder Kraft, die das Lebensgefhl erhhte. Hier eine Getuschte, dort
+ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand
+immer in der Mitte und regierte; sie knpfte Fden und lste Fden,
+verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz
+nach ihrem Gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Ende des Sommers, als die Gste schon abgereist waren,
+verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem
+Ausflug in die Dolomiten.
+
+An einem Augustabend kamen sie mde und staubbedeckt vom Rosengarten her
+ins Karerseehotel, und als sie in die fr Touristen bestimmte
+Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen
+Tisch waren mehr als zwanzig junge Mdchen in Abendkleidern gruppiert;
+ein Herr, der den Frack ausgezogen und die rmel des Frackhemdes ber
+die Ellbogen gestlpt hatte, bereitete in einer mchtigen Schssel eine
+Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefe mit
+Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine
+Arbeit, mischte die Getrnke, rhrte mit dem Lffel, kostete mit einem
+andern Lffel, und immer, wenn ihm eines der Mdchen eine Flasche
+reichte, sagte er etwas, worber alle in frhliches Gelchter
+ausbrachen.
+
+Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
+ihrer Lustigkeit nicht gestrt zu sein.
+
+Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekmmert hatte,
+schaute dann doch hinber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe
+auseinandertrat, weil die Glser zum Einschenken gebracht wurden,
+erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschssel den Hofrat Lamm. Sie
+errtete vor Freude.
+
+Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war
+unverndert. Trotz seiner fnfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch
+jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.
+
+Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier
+saen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner
+ironisch galanten Art, ohne besondere berraschung zu zeigen, als htte
+er sie gestern erst gesehen. Es verdro Olivia, da er nicht kam, um sie
+zu begren; sie rgerte sich ber die jungen Mdchen, die ihn so
+zudringlich umschwrmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er
+nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie
+khl.
+
+Eduard fragte spttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig
+Auskunft, mute aber pltzlich lachen, da sie eine sarkastische
+Bemerkung des Hofrats ber eines der Mdchen aufgefangen hatte. Die
+andern Mdchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Mnner hinzu,
+und die Gesellschaft wurde sehr lrmend. Der Hofrat hatte seinen Frack
+wieder angezogen, und pltzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr
+die Hand.
+
+Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er
+sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drben die
+beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den
+Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn
+stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete
+sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mdchen riefen ihm nach,
+aber er kmmerte sich nicht um sie.
+
+Olivia war bedrckt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen
+gehen, nahm ihren Rucksack und lie sich von der Kellnerin in eine der
+Touristenkammern fhren. Trotz ihrer Mdigkeit schlief sie schlecht.
+Schon um fnf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der
+frhen Sonne umglht, aus dem Wald strmte ein feuchter, kalter,
+harziger Duft. Sie ging ber einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende
+den Kopf zurck.
+
+Da schallte ein Gru an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den
+Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein
+reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Stdter,
+sondern sah ganz urwchsig aus, sehnig, robust, sonnegebrunt.
+
+Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die
+gegen Sden lagen, und erzhlte ihr von den Touren, die er gemacht. Er
+fragte, ob sie gefrhstckt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine
+Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er pltzlich wieder zerstreut.
+Dann beschmte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum
+Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund
+seiner gestrigen jhen Verstimmung.
+
+Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehrt, da
+sie fleiig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in
+deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des
+Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erbrigten
+sich alle Erklrungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster.
+Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.
+
+Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der
+Abgrund steil hinunter. Auf einmal fhlte sich Olivia von den Hnden des
+Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die
+Tiefe gedrngt. Sie schrie erschrocken, ihr bestrztes Gesicht war ihm
+zugewendet; da lie er sie los und lachte grimmig. Es ist nicht viel
+anders, als wenn ich dich da hineinwrfe, sagte er; schlimmer noch.
+Mit solchen Menschen umgehen, das heit, allen Anspruch auf Achtung
+verwirken und seinen Namen beflecken.
+
+Mit entsetzten Augen fragte Olivia. Du httest dich vorsehen sollen,
+begann der Hofrat wieder; eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt
+zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist.
+Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer
+unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjger, ein
+Streber und Schleicher von einem Format, da sogar unsere vielbesungene
+Gemtlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden wei. Dieser Mann ist
+imstande, wenn sich zehn fhige Leute zu einem Posten gemeldet haben,
+ihn mit dem elften zu besetzen, der gnzlich unfhig ist, und nicht
+vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer blo deshalb, weil der elfte
+ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem
+Vergngen an der Unfhigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fhigen.
+Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil
+sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Klger erschpft und
+kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde
+einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den
+Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind,
+er ist schlechthin der Feind; ihn unschdlich zu machen, habe ich schon
+meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz' dich wieder an
+seinen Tisch und tu, als wtest du von nichts.
+
+Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal.
+Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich
+einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn
+in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte
+er.
+
+Warum lachst du? flsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.
+
+Ich lache, weil es so schn ist, antwortete er, weil die Sonne so
+freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott
+soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzglich war, und
+weil berhaupt alles so famos ist.
+
+Pltzlich dnkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.
+
+Sie sagte: Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewut, Robert. Ich
+habe dich fr einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glcklich
+ist.
+
+Abermals lie er sein kurzes, hhnisches Lachen hren. Dann schwieg er
+eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem
+Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glcklich whnte. Von
+den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lhmten und diese
+ihm mitrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des
+Besseren, nirgends Vernunft, blo Vorschrift, blo der Buchstabe, das
+halbe Ungefhr, das veraltete Gutdnken, die sinnlose Herrschaft derer
+vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwrts auf Fallen stoe,
+das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch
+unangreifbare Idole und lgenhafte Grundstze. Wie kein Weg aus diesem
+Pfuhl fhre, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
+oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder
+der Eigennutz, oder der Neid.
+
+Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige
+Schadenfreude, als bereite es ihm Spa, Illusionen zu zerstren.
+
+Und er zerstrte Illusionen, grndlich. Ein eisiger Hauch wehte durch
+Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren bla; es
+war, als htte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles
+verwandelt, als stnde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
+Schreckbild. Sie staunte, sie strubte sich, sie glaubte nicht und
+frchtete doch, zu zweifeln. Alles war pltzlich sonderbar anders.
+
+An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, da etwas mit ihr
+vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber
+Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschlieen und schtzte eine
+Unplichkeit vor. Ingbert fhlte sich in dem teuren und eleganten Hotel
+nicht behaglich, und da die Geschwister zgerten, die Tour ohne Olivia
+fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu
+verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem
+Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie sprte, da er ihren Blick
+forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich
+zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekmmerte Ausdruck in
+seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte,
+zog sie seinen Kopf herab und kte ihn. Er errtete wie ein Knabe,
+seine Verwirrung erfllte sie mit noch grerer Liebe, er drckte seine
+Lippen auf ihre Hand und verlie sie stumm.
+
+Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich
+treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne
+war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren
+ihr verdunkelt und entrckt. Marianne, die ber Ingberts Flucht
+unglcklich war und Plne schmiedete, wie man ihn noch erreichen knnte,
+nahm Olivias verndertes Betragen nicht schwer und war offen und
+anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein
+Verhltnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache
+herbeizufhren, er bat sie schlielich, ihm den Grund ihrer rtselhaften
+Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter
+darauf ein und sagte, da er mit Anita Grger gebrochen habe. Sie wute,
+was nun folgen wrde, sie hatte Angst davor, und mit einer Klte, die
+ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie
+auseinander.
+
+Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
+reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter
+sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr
+geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefhl einer
+Trennung fr immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher
+an sein verstrtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie htte
+die Erinnerung auslschen mgen.
+
+Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von
+gleichgltigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht
+zu berlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der whrend der
+langen Eisenbahnfahrt zuweilen prfend auf ihr ruhte, und als sie von
+Innsbruck ab allein im Coup waren, brach sie selbst das Schweigen aus
+unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide
+kannten und von denen sie annahm, da er sie schtzte. Sie redete sich
+in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und
+bertrieb ihre Vorzge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er
+hrte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute
+in die Landschaft.
+
+Da erschien ihr alles falsch und einfltig, was sie sagte, sie mochte
+die schnen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie
+fhlte mit Betrbnis, da sie all dieses Schne nicht mehr so liebte wie
+sie es bisher geliebt. Es war, als htte Robert Lamm einen Schleier
+darber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme
+Gewaltttigkeit, die er an ihr bte, zu wehren. Desungeachtet zwang es
+sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer
+Rckkehr in die Stadt sehen werde. Sie htte aufgeatmet, wenn er nein
+gesagt oder eine Ausflucht gebraucht htte. Er antwortete: Freilich
+will ich dich sehen. Und als sie schwieg, fgte er dster lchelnd
+hinzu: Vielleicht brauch' ich dich.
+
+Sie war ngstlich verwundert. Brauchen? Du -- mich?
+
+Kommt dir das so unglaublich vor? Er lachte ber ihr hilfloses
+Gesicht. Pltzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe
+zu ihr, ergriff ihre beiden Hnde und sagte mit jener Eindringlichkeit,
+die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: Ich
+kmpfe gegenwrtig einen Kampf, in dem fr mich alles auf dem Spiel
+steht. Ich kmpfe fr die Ehre eines Toten, fr die Rettung seines guten
+Namens, fr sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das
+begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
+Niedertracht, die sich denken lt, nicht verantworten. Das darf nicht
+geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl hnliches schon
+tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab' ich mir in den
+Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich
+fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir
+vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb' wohl, gr' mir die
+Mutter.
+
+Sie stieg aus, aber am liebsten htte sie jetzt mit ihm weiterfahren
+mgen. Schwche kam ber sie, ihr ganzes Denken und Gefhl war dunkler
+gefrbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergngungen, dnkte ihr
+pltzlich falsch und einfltig. Drei Tage spter fuhr sie mit der Mutter
+in die Stadt zurck, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert
+Lamm.
+
+ * * * * *
+
+In Riedach, einem kleinen obersterreichischen Kurort, hatte der junge
+Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner
+Zufriedenheit ausgebt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer
+Huslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
+was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die
+Erkrankung zur Anzeige gebracht.
+
+Es entstand sogleich eine groe Erregung. Einige Brger hatten noch in
+letzter Stunde den Doktor an der Ausfhrung seines Entschlusses zu
+hindern gesucht. Die Sanittskommission selbst, deren Vorsitzender der
+Brgermeister war, hatte geltend gemacht, da die Sommerfrischler und
+Kurgste den Ort verlassen und fr lange Zeit in Verruf bringen wrden.
+Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder
+Warnungen, noch Einschchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete
+die Pflicht hher als die gefhrdeten Interessen der Gemeinde.
+
+Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, da eine Militrabteilung,
+die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort
+befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemchtigte sich
+Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von
+Beschimpfungen ergo sich nun ber den jungen Arzt, und alt und jung
+machte der Erbitterung in den unfltigsten Formen Luft. Die Mnner
+erwiderten seinen Gru nicht; sie spuckten auf der Strae vor ihm aus.
+Der Metzger, der Bcker, der Milchhndler weigerten sich, seiner Frau
+die Lebensmittel zu verkaufen, die sie fr sich, den Mann und das kleine
+Kind brauchte. Tglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die
+Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in
+seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September
+wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekndigt.
+
+Er wandte sich an den Reichsverband der rzte, und dieser rief die
+Behrden um Untersttzung an. Der Appell war nicht vergebens,
+Gemeinderat und Sanittskommission wurden vom Statthalter aufgelst, der
+Brgermeister seines Amtes entsetzt, die Kndigung fr ungltig erklrt,
+und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
+schtzen sollte.
+
+Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor
+krperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm
+nicht zurckgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten,
+die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war
+ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig
+Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse
+wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er
+mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist
+getrbt, seine Gesundheit erschttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein
+Greis aus.
+
+Da seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war
+aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu
+beschlieen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen,
+wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
+sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in
+die Ferne verfolgen wrden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn
+bedeckt, die Besudelung, die Krnkung vergessen? Ein neues Leben
+anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der
+ihn aufrichtete, die Trstungen seines Weibes beugten ihn nur noch
+tiefer, denn er sprte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er
+zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
+eine Gehirnentzndung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit
+hatten ihn der Kummer und der Lebensekel gettet.
+
+Der Reichsverband der rzte stellte nun den Anspruch an den Staat, fr
+die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben
+waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausma, da die
+Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Mnnern, die sich
+dafr eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig
+hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen
+Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg
+fhren konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein
+hielt man fr unabhngig genug, da er es als hoher Staatsbeamter wagen
+durfte, fr den begangenen Frevel eine Shne zu verlangen, die freilich
+versptet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhhte.
+
+Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehrt; die
+Zeitungen hatten alle Berichte unterdrckt, die sonstige Kunde, die im
+Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzhlung der
+Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag
+hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen
+Hflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, da ihm die Angelegenheit
+nher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er lie sich
+alle einschlgigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
+und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zhnen. Dann
+zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht
+nur mit gengenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des
+in Ausbung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann
+zu untersttzen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle
+schuldigen Brger und behrdlichen Organe von Riedach zu einer scharfen
+Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine ffentliche und
+feierliche Erklrung die geschndete Ehre und den verunglimpften Namen
+des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein
+solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, fr das
+Vaterland, fr die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank
+verdient.
+
+Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflchten. Er drngte
+auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, da man den Fall noch einmal
+grndlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war
+offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige
+Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
+Minister; der erklrte sich als mangelhaft unterrichtet, schtzte
+wichtigere Geschfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim.
+Hier tuschte Gleichgltigkeit durch geflligen Eifer; auch mit dieser
+Taktik war der Hofrat vertraut. Er lie den Herren keine Ruhe, er
+bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hrte ihn an,
+man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder
+beteuerte machtlos zu sein. berall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit,
+dieselbe Lauheit. Robert Lamm frchtete, alles zu verderben, wenn er
+seinen Zorn nicht bndigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er,
+vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh
+er, so oft ihm des rgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch
+jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor
+der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
+treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betuben konnte. Zwei Tage
+nach dem Gesprch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors
+Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche
+Entschdigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
+der Familie bewilligt, alle brigen Ansprche msse man aber aus
+wohlerwogenen Grnden zurckweisen.
+
+Die Grnde will ich wissen, knirschte der Hofrat. Er packte seine
+Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die
+Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
+seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.
+
+An Grnden war man nicht arm. Wozu einen verjhrten Streitfall
+aufwrmen, einen glcklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor
+die ffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Brger wegen immerhin
+zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schdigen oder gar um
+ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schn geglttet und
+vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu bses Blut machen? Wozu
+endlich die Komdie einer Ehrenerklrung, die dem Toten nicht mehr
+ntzen und die Lebenden nur verdrieen wrde?
+
+Ein glcklich begrabener Skandal ist euch das! rief Robert Lamm mit
+funkelnden Augen. Schn geglttet und vergessen findet ihr alles? Nun,
+wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.
+
+Er drohte Lrm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der
+Strenfried begann hchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts
+anhaben, zu viele sttzten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im
+stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen
+Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, da man ihn
+wrde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewutsein von seiner
+Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied
+wurde gewhrt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den
+Hof berhrt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel
+oder Einwand von oben nicht zu frchten.
+
+Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder
+gesammelt hatte. Die Zustnde waren also noch viel heilloser, viel
+giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelhmt. Er lie die
+Sache, fr die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen
+aus, wurde scheu und wunderlich. Er verlie seine Stadtwohnung und zog
+sich ganz in seine Villa zurck.
+
+Diese Villa lag am Ende der Sdwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hgeln
+und inmitten eines groen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch
+eine hohe, steinerne Mauer geschtzt war. Die zahlreichen Rume
+enthielten Schtze von Gemlden, Statuen, Bchern, Porzellan und alten
+Mbeln. Der Hofrat lie aber die Zimmer versperrt und nistete sich in
+einer Giebelkammer ein. Die Haushlterin kochte fr ihn, und der Diener
+Gerold, eine Art Faktotum, sorgte fr seine brigen Bedrfnisse.
+
+ * * * * *
+
+Anfangs hatte ihn Olivia beinahe tglich gesehen. Entweder kam er zu
+ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf,
+ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie
+sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.
+
+Von dem, was ihn in dieser Zeit erfllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es
+von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es gengte, da
+sie Robert Lamm anschaute, dann rckte sich alles zurecht. Sie war stolz
+auf ihn, nichtsdestoweniger drckte sein Wesen sie nieder, ohne da sie
+wute, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien
+es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Da sie ihm nicht
+nher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine
+Nhe.
+
+Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner
+Laufbahn ri. Am Tag, bevor er in die Villa bersiedelte, gab er ihr in
+unfreundlichem Ton zu verstehen, da er bis auf weiteres von keinem
+Menschen behelligt werden wolle. Sie lie sich's gesagt sein und ging
+verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hrte sie, was
+sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie
+zurckgestoen hatte, blieb sie ihm fern.
+
+Sie wollte ihr Leben wieder wie frher fhren. Allein die Heiterkeit und
+Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin,
+das se Trumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf
+das, was die Leute zu ihr sagten, und mitraute den Worten. Zu einigen
+Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die
+rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines
+Groindustriellen. Sie war um zehn Jahre lter als Olivia, hatte schon
+eine fnfzehnjhrige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen
+ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl versprte Olivia
+noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau
+erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zgen eine
+Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das
+Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.
+
+In der Trauer hierber nahm sie zu Bchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken
+hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfllt.
+Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen
+Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mute sie sich erst
+mhsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie
+waren pltzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus
+mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer
+genommen; aus berseeischen Hfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
+Enttuschung, Resignation und schchtern glimmende Hoffnung enthalten
+waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine
+Zuversicht nicht heben.
+
+Eines Tages kam Marianne zu ihr, sa eine Weile schweigend da und begann
+auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wute sie wenig,
+Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute
+erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zrnte ihr
+vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, khl und befremdet, zum
+zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch
+heftiger. Seltsam, die Trnen rhrten Olivia nicht, ruhig forschte sie
+Marianne aus und erfuhr, da Ingbert schon seit Wochen in die Stadt
+zurckgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. Ja,
+hast du ihn denn nicht besucht? fragte Olivia mit groen Augen. Wie
+soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen? erwiderte Marianne, und
+um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hnde und sagte
+langsam: Aber was willst du dann? Warum weinst du? Marianne senkte den
+Kopf. Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab' dich ungerecht
+beschuldigt, hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun
+ganz kalt und zugeschlossen.
+
+Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwrterin
+abgewiesen. Es drfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber.
+Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle
+keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, da er ihn besuche, und
+dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte
+sie hin und war froh, zu bemerken, da er an Ingbert Gefallen fand. Als
+sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
+blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick berflammt von Freude; ihre
+offensichtliche Bestrzung ber die Armseligkeit seiner Behausung
+entlockte ihm ein wehmtiges Lcheln.
+
+Sie kam fast tglich. Er besa ein altes Spinett, darauf spielte er ihr
+vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts
+verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und
+besonderer Anschauung der Natur. Er whlte einige Stcke aus und nannte
+Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte
+stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm,
+wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm,
+von dem sie wute, da er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage
+spter teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich
+aber nicht entschlieen knnen, eines der Bilder zu erwerben. Es lag
+etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schpfte Argwohn und ging
+zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. Dein Maler ist ein Narr, sagte
+Robert Lamm; ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir,
+gerade von denen knne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein
+anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich ber
+ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe
+er einem Freund versprochen. Du ttest gut daran, mich knftig mit
+solchen Auftrgen zu verschonen.
+
+Er ging im Zimmer auf und ab. Was soll's? Was soll's berhaupt? fuhr
+er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. Was soll's mit der ganzen
+Kunst? Was frdert sie? Wen frdert sie? Wen trstet sie? Wen macht sie
+besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkr? Es ist
+alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen,
+werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den
+andern, die sich dafr begeistern, dient es als Ausrede fr ihr
+schlechtes Gewissen.
+
+Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein
+unntzes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er
+ri sie fort, er ri sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken
+sprte sie, da sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
+seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem
+verhngnisvollen Einflu zu entziehen. Was an Zrtlichkeit in ihrem
+Gemt war, strmte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes
+Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie
+durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie
+aufgerichtet hatte.
+
+Er durfte sie kssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er verga nicht,
+da er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die blo
+zufllig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blte
+ihrer Schnheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
+ihre khn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nrdliche Blond der
+Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Krpers und seine
+vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergelich.
+Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: Jetzt sehen Sie erst,
+was fr ein Stmper ich bin; doch sie lchelte ihm zu und war froh ber
+diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr
+ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dnkte ihr nun
+Ingbert allein. Und doch war ihr Gefhl verwirrt, tief und schmerzlich
+verdunkelt.
+
+Sie lie sich selbst nicht ruhen, und endlich whnte sie Klarheit zu
+gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld,
+die von Jahr zu Jahr sich gehuft hatte und noch immer, Stunde um
+Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, sa der
+Richter, zu dem mute sie gehen, nur er konnte ihr helfen, -- zu den
+Menschen, von den Menschen.
+
+Menschen! Das war das Rtsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen
+vorher nicht gesprt, sie blo hingenommen und nicht geprft? Mit ihnen
+gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit
+ihnen verbunden hatte, angenehme Lge? Waren alle diese Bndnisse
+nichtig, dies Mit- und Freinandersein, war es wertlos, das Entzcken an
+den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?
+
+Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mitrauen? Was hatte die
+Flgelkraft gelhmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die
+Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch
+hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines
+Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trgen
+Genu verwstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und
+vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstrtes, erbittertes,
+richtendes Gesicht.
+
+Sie mute auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr
+Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich sttzen konnte; einen Weg,
+der in die Sonne zurckfhrte. Sie ertrug es nicht, sich in Ha gegen
+die Welt zu verlieren.
+
+ * * * * *
+
+Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer
+Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
+Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich
+entschlo, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching;
+Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen
+Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur
+Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.
+
+Robert Lamm sa mit Frau Khuenbeck am Tisch und berlas einige Urkunden,
+da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lrm
+und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als
+Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck
+erhob sich, heiter berrascht, Olivia stand lchelnd auf der Schwelle.
+Robert Lamms Miene drckte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar
+Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten
+begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene
+abenteuerliche und ungewhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
+bedrfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Wrze zu verleihen,
+meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem
+hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
+Tnzerinnen durch geistreiche Einflle von sich reden gemacht htten. Er
+gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glnzendes
+Erzhlertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgerumt, so
+unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhllt stets
+in seinen Worten lag, so gewinnend, da alle an seinem Munde hingen und
+ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, pltzlich wieder
+trocken und hlzern hflich, empfahl.
+
+Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkufe in der Stadt
+machen wollte. Sie schlo sich dem Hofrat an, und er schien sich darber
+zu freuen. Seine unerwartete Gesprchigkeit hatte erlsend auf sie
+gewirkt; sie schpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr
+zu enthalten.
+
+Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren
+unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraen ab in die stilleren, aber
+auch dort sprach er nicht. Anfangs dnkte Olivia dies Schweigen
+natrlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, da seine Miene
+finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die
+Verwandlung nicht erklren; sie frchtete, ihn verletzt zu haben, wollte
+fragen, brachte aber kein Wort ber die Lippen. Immer wuchtender, immer
+lhmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und
+geheimnisvoll dadurch. Sie htte sich von ihm verabschieden knnen,
+doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszufhren. Die Richtung, in
+die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?
+
+Sie sprte, wie sie allmhlich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen
+sie beschlich.
+
+Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Grtel, und
+statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte
+beide Hnde auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und
+fragte: Warum kommst du nicht zu mir?
+
+Stumm schaute sie zu Boden.
+
+Komm morgen, sagte er befehlend.
+
+Ein Automobil fuhr die Strae herauf. Er rief den Lenker an, fragte
+Olivia, wohin sie zu fahren wnsche, half ihr in den Wagen, gab dem
+Manne Geld, lpfte den Hut und eilte hinweg.
+
+ * * * * *
+
+Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener
+Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die
+Alleen und ber die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er
+harkte. In seiner Nhe gruben der Grtner und sein Gehilfe die Erde um.
+
+Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er
+zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der
+junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter ber
+ihn gesprochen, und sie seien berein gekommen, da es am besten wre,
+wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker bten
+sich dort gnstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Bettigung
+als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Flei dem
+flchtigen Genu zum Opfer falle.
+
+Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag
+gebracht hatte, war der einer Wohnungsvernderung. Die Wohnung in dem
+eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte
+sie schon vor einigen Wochen gekndigt. Sie hatte aber noch kein
+passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine
+Nhe, aufs Land zu ziehen. Zufllig hatte er davon gehrt, da in einem
+Haus in Ptzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten
+sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in
+wnschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In
+vierzehn Tagen knnten sie bersiedeln, Olivia mge es zu Hause
+ausrichten.
+
+Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir, schlo er, kannst
+kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du's
+wnschest, richt' ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und
+trumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es
+ganz in Blten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu trumen,
+besser ist's, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.
+
+Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie
+seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem
+ungewnschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen
+hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen
+abgeschnitten. Sie unterdrckte ihr Gefhl, um das dumpfere der Mutter
+nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herber kam, merkte die
+Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab
+es schon Blumen die Flle in seinem Garten, und er schickte einmal eine
+ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den
+Balkon schmckte, bis das Drftige und rmlich Frische der Zimmer
+verhllt war.
+
+Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer greren Bestimmung entgegen.
+Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und
+Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht
+zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverstndlich
+gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswrdige Ungebundenheit
+zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plnen, die der Hofrat in
+bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt;
+die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefgtes Unrecht, und
+sie fate einen Groll gegen Robert Lamm.
+
+Hiervon war hufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er uerte sich
+bitter ber die Undankbarkeit der Mutter und spottete ber ihre
+wehleidige Schwche. Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschft
+wnschen sie sich alle, sagte er verchtlich; andere fr sich schuften
+lassen und im brigen lustig sein, frhlich sein, heirassassa.
+
+Htte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht
+wie die Kmmerlinge zu leben, sagte er ein andres Mal; er hat in
+manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und
+wenn er blo die Hlfte zurckgelegt htte, so httet ihr heute ein
+ansehnliches Vermgen. Statt dessen wurde alles fr Kche und Keller
+vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgnger, die sich den
+Bauch msteten und wenn sie den Rcken gedreht hatten, sich das Maul
+zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schntuer und
+Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
+Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das
+Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche
+Lebenshaltung galt fr vornehm, keiner machte es anders, man war ein
+Kavalier, man lie sich nichts abgehen, man berzahlte jeden Genu, und
+jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu
+katzbuckeln wute. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine
+Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die
+ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.
+
+Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmht wissen und
+verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Gte und seine gromtige
+Sinnesart. Das sei eine schlechte Gte, die das eigene Fleisch und Blut
+der Sorge berliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks strker sei
+als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Gromut, die jedem
+Lumpen zu willen sei und die Frchte mhevoller Arbeit einem
+Parasitenhaufen an den Kopf werfe. Du sprichst ja, als httest du
+meinen Vater gehat, kam es emprt von Olivias Mund. Robert Lamm
+richtete sich steif empor. Gehat? Er war mein Freund. -- Nun, also!
+-- Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er,
+bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild
+unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste,
+ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine
+Abnormitt dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
+Ja, ich war sein Freund; ich wei, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie
+selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner
+Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines
+Allesiebengradeseinlassens.
+
+Und er kam auf gewisse Zustnde an der Klinik, die damals schon von sich
+reden gemacht htten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck
+habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er
+sei niemals fhig gewesen, Rnke zu spinnen, aber er habe auch den
+Gedanken nicht ertragen knnen, da andere gegen ihn Rnke spannen.
+Deshalb sei er auch nicht davor zurckgeschreckt, sich zu demtigen,
+wenn es einen Widersacher zu vershnen galt, und oft sei es geschehen,
+da er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Klte
+gegrt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines
+Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der
+klaffende Ri, der Gut von Bse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei
+mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und
+zum Schlu habe man sich freundschaftlich die Hnde geschttelt, womit
+alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.
+
+Am Ende seines Lebens ist er dann mde und traurig geworden und sah
+wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte, sagte Robert Lamm.
+Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht
+heimgekehrt ist, erzhlte er mir die Geschichte eines seiner Schler.
+Der hchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er
+war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er
+nirgends Untersttzung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium
+wurden abschlgig beschieden. In der Verzweiflung darber, da er die
+zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung
+erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die
+Eselei, Banknoten zu flschen. Die Sache kam natrlich ans Licht, er
+wurde zu langjhrigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz
+vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von
+den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehrt; er wute, was fr
+Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf
+die bei uns jeder stt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als
+er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spt gewesen.
+Freilich war er durchaus nicht sicher, da sein Dazwischentreten die
+Katastrophe abgewendet htte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz
+niedergeschlagen, und in seiner mden Art klagte er das Regime an,
+machte das Regime verantwortlich fr alle bel. Nun, dieses Lied war mir
+bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Mrchen, der die Jungfrau zum
+Fra verlangt; allgemeines Heulen und Zhneklappern, Schimpfen und
+Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden
+ausgeliefert. Im Mrchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und
+macht dem Untier den Garaus; ich mcht es nicht erleben, wie so ein
+Schneiderlein bei uns traktiert wrde; die Schikanen und Kniffe und
+Bedenklichkeiten wrden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn's
+berhaupt dazu kme, und statt die Hand der Prinzessin gbe man ihm zur
+Belohnung einen Futritt.
+
+'Die Stimme, die Stimme,' mute Olivia in einem fort denken; qualvoll
+war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten,
+Raunzen, Geifern und Hhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
+Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich
+einer Schraube. Sie htte ihn oft bitten mgen, leise zu sprechen, aber
+sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin
+bei jeder Gelegenheit ihre Verzrtlichung und Verslichung vor und
+spottete ber das Rhrmichnichtan, das in ihrer Miene lag.
+
+Er entri ihr Stck um Stck ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem
+Wort berhrte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich
+auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit
+ihrer Grnde entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
+nie verlegen, vor den Tatsachen mute sie sich beugen.
+
+Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu knnen. Sie
+wies auf die groen Werke hin, die groen Schpfer, die groen Gedanken
+der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen
+redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; ber dem Strich feiere
+die Korruption Orgien, unter dem Strich wrden Schnheit und Moral
+gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten strze. Sie
+erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so
+viele entflammt; er lachte geringschtzig und fragte, ob sie denn nicht
+wisse, da man gerade den mit giftigem Ha verfolgt und frmlich in den
+Tod gejagt habe.
+
+Sie wute nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzhlte, wie der
+wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um
+sich und seine Kunst zu retten, keine andere Mglichkeit gesehen habe,
+als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende
+Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften
+Bahn ein Ziel gesetzt.
+
+Da tnte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich
+Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun
+und verloren; sie schauderte und lie die Schwrze wehrlos um sich
+niedersinken.
+
+ * * * * *
+
+Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam
+er selbst. Er war der Strkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine
+finstere Sphre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie
+mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmchtigen
+Verbitterung. Als sie wahrnahm, da sie nur noch mit seinen Augen sah,
+erschlaffte jeder Nerv an ihr.
+
+Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners
+war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete
+Tnzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem
+ersten Walzer erfate sie ein Grauen vor der Umschlingung eines
+wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen
+verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die
+Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners
+Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh.
+Jeanette, Ninas Tochter, ein Mdchen von sprhendem Temperament, sorglos
+wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext
+von der schnen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lchelte
+still und bat Olivia, sie mge doch wieder zu ihr kommen wie frher.
+Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
+seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas
+schwermtigen Zgen wich, machte sie stutzig und argwhnisch, und in
+einer Sekunde visionren Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser
+Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.
+
+In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage spter einen russischen
+Snger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er
+dann, von Mnnern und Frauen bestrmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde
+ihr Herz im Innersten aufgewhlt. Trunken ging sie nach Hause und
+wnschte nichts anderes, als den Snger noch einmal zu hren. Sie
+erfuhr, da er an einem bestimmten Abend wieder dort sein wrde, und
+versumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in
+welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei
+ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrt; sie zeigte weder
+berraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
+dennoch herrschte eine geheime Verstndigung zwischen ihr und ihm.
+Whrend er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein
+Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzcken der Hrer uerte
+sich in lrmendem Hndeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert
+in die Richtung, wo er stand. Da drngte sich Ingbert durch eine
+aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien
+Anmut der Gebrde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
+und schmeichelnd ber Olivias entblten Unterarm und flsterte, so da
+nur sie es vernehmen konnte: Olivia, Sie sind verliebt.
+
+Ein entsagendes Lcheln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie
+lchelte gleichfalls, matt und schuldbewut. Verliebt, das war kein Wort
+mehr fr sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.
+
+In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein
+Kommen bemerkt zu haben, aber da er da war, schien doch allen
+selbstverstndlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt,
+trotzdem benahm er sich, als wren ihm die Rume und die Menschen
+wohlbekannt. Er war von einer komdiantisch bertriebenen
+Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas
+Geziertes und zugleich Hmisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia
+erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das
+Bengstigende aber war, da ihn seinerseits die andern, in deren Mitte
+er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer
+Hypnotisierten, nherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam,
+stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares
+Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht!
+htte sie rufen mgen. Das Blut pochte wider ihre Schlfenwand, mit
+einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.
+
+Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fhlte sich in den Armen
+Robert Lamms. Sie fhlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und fr
+alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner
+Hand, vor seinem Hauch; sie strubte sich leidenschaftlich, aber alle
+Bemhungen waren vollkommen vergebens.
+
+Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer
+Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saen -- es waren
+Ingbert und ein junges Mdchen --, sie mchten die Mutter nicht
+beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort
+waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zgen die Nachtluft ein,
+bevor sie am Tor lutete.
+
+Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war
+in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich
+gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich
+durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzhlige Lichter
+brannten, nicht nur an den Wnden, in Hunderten von Kandelabern,
+sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts
+am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtflle
+nicht gefat gewesen war, begann sich eine qulende Scham ihrer zu
+bemchtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein
+drittes, zwanzig, dreiig, fnfzig, in regelmigen Pausen. Dies wurde
+anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange
+strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und
+immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten
+sich gegen die Wnde hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der
+drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe
+brannte, stand Olivia allein in einem den Raum. Der Schleier, der sie
+einhllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und
+die kostbaren Gewnder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das
+Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rhrte
+sich.
+
+Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der
+Hofrat war trotz der frhen Stunde schon in den Treibhusern. Sie
+wanderte durch das Haus, durch alle die schnen Rume, betrachtete die
+schnen Gegenstnde. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
+weltfern und ohne Freude.
+
+'Er allein in dem groen Haus,' mute sie denken, 'so nutzlos und ohne
+Freude! Und soviel Ha in der Brust!'
+
+Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blhen. In
+zauberhafter Pracht standen die Rosen; Sulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und
+Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
+vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
+Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien,
+Clematis und Winden drngten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen,
+Portulak und Dahlien. Und die ppigen Hecken, die kleinen Kanle voller
+Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und
+Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest
+der Natur.
+
+Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Kche und
+suchte das Mittel zur Zchtung einer schwarzen Rose.
+
+Whrend Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verlie,
+hatte sie das Gefhl, als riefe sie jemand, aber als drfe sie um keinen
+Preis dem Rufe folgen und zurckkehren.
+
+Sie kehrte nicht zurck.
+
+ * * * * *
+
+Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gesprch, und am gleichen
+Abend reiste sie nach Mnchen. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach
+Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte krglich,
+gnnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem
+Menschen.
+
+In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe,
+wenn auch ohne Enthusiasmus.
+
+Die sprlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer
+Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berhmte Meister, dessen
+Unterricht sie geno, uerte sich ber Olivias Charakter mit
+Bewunderung, ber ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, da
+ihr Entschlu zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm
+vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.
+
+Ein paar Tage spter sagte Olivia zu ihrer Mutter: Eine Frau kann es in
+der Kunst zu nichts Groem bringen. Wir knnen die Welt nicht anschauen,
+wir knnen die Welt nicht fassen. Heute hab' ich meine Tonfigur
+zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.
+
+Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und
+sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In
+Zrich wurde Olivia bettlgerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht
+ergrndet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war,
+bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig,
+Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das
+Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, da sie drohte, sich aus dem
+Fenster zu strzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nhe komme.
+
+Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm,
+wenn man sie anredete; jedes Gesicht qulte sie, bei jedem Gerusch
+zitterte sie, vor Bchern empfand sie Widerwillen, die Natur lie sie
+kalt.
+
+Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die
+Betroffenheit ihrer Schwester, welche Vernderung mit Olivia geschehen
+war. Sie war berschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebt,
+ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien
+gebleicht. Die Augen lagen tief in den Hhlen und blickten fremd und
+matt.
+
+Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen
+alles Zureden taub. Das Beste, was man fr sie tun knne, sei, sie sich
+selbst zu berlassen, erklrte sie. Den Frauen dnkte dies Verlangen
+sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein
+Sanatorium am Bodensee.
+
+Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war,
+sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle
+ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen
+Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
+November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke
+und fhle sie nicht, als sei ihre Seele gelhmt.
+
+Sie war von einer mrderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand
+erfllt. Die einzigen Gefhrten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit
+waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergngen auf den Alpenwiesen
+pflckte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen versprte sie keine Freude
+ber die Blumen. Sie sammelte tglich einen Strau und trug ihn in ihre
+Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.
+
+Ihre Hnde waren jetzt ganz schmal und gelb.
+
+ * * * * *
+
+Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte:
+Es ist Krieg ausgebrochen, ich mu mein Haus schlieen.
+
+Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends
+aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war,
+traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, da
+dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie
+kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.
+
+In allen Bahnhfen drngten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und
+Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, da Olivia kein
+Pltzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im
+Korridor stehen mute. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
+kreischten, Kinder weinten, Mnner suchten ihre Gepckstcke, Hunde
+bellten, unaufhrlich liefen Gerchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied
+wurde gesungen.
+
+Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor
+Ekel bei den fortwhrenden Berhrungen, denen sie ausgesetzt war.
+
+Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine
+Buerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden
+geredet wurde, konnte sie nicht hren, aber wie sie voreinander standen,
+Hand in Hand, Blick in Blick, das rttelte sie auf einmal aus ihrer
+selbstischen Pein.
+
+'Wohin bin ich geraten?' dachte sie schuldbewut; 'wer hat mir die
+Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?' Auf einmal
+hatte der Lrm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
+von dem die Menschen erfat wurden, begriff sie nicht, doch sprte sie
+seine Gewalt.
+
+Niemand holte sie ab. Sie mute lange warten, bis sie einen Wagen bekam.
+Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrcken mute,
+war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrte sie froh, aber im
+brigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl.
+Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann
+sie Sicherheit und fhlte sich minder einsam, als wenn man ihre
+Einsamkeit zu stren versucht htte.
+
+Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und
+Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie
+vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein
+Etwas, von dem Olivia elektrisch berhrt wurde.
+
+Spter kamen noch einige der frheren Freunde und Bekannten, die
+vernommen hatten, da sie wieder zu Hause war und sich von ihr
+verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, da Olivia ihrer
+lngst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgerumt, da sie
+sich ber jeden einzelnen wundern mute. Oft war sie nah daran, zu
+fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr
+wirklich so?
+
+Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah
+aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wre. Er sprach nicht viel.
+Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie mge
+sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm.
+Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens sttzte Olivia den Kopf in
+die Hand und weinte. Es waren gute Trnen.
+
+Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige
+schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mtzen steckten
+Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den
+Augen, das wie ein Funke herbersprang.
+
+Sie ging in die Stadt. Unzhlbare Scharen von Menschen zogen ber den
+Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die
+vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine
+einheitliche Kraft.
+
+In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein;
+sie war in der Luft zu spren, ehe sie verkndet wurde. Es schien, als
+seufzten die Pflastersteine.
+
+Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen
+Glauben an sich. Aber aus dem verbrderten Reich strmten, wie aus einem
+unerschpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie
+waren Stdte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die
+Ferne einander so gefhlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehuse, das ihm
+zum Kerker geworden war.
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie
+ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelst hatte,
+konnte aber, als schme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr
+war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.
+
+So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre
+Shne betuben und machte sich an vielen Orten ntzlich. Sie forderte
+Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo
+zahlreiche Damen beim Labedienst beschftigt waren. In einer Halle waren
+mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da,
+mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbnden.
+
+Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier?
+Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als
+msse es so sein. Von der Welt fiel eine Hlle ab, die ihre Gestalt
+verborgen hatte, und pltzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
+Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu
+Frau von Scheyern und fragte tonlos: Warum liegen denn die Leute hier?
+
+Wir haben zu wenig Platz, war die Antwort.
+
+Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grbelei. Fremde Leute drngten
+sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie
+trat auf die Strae. 'Zu wenig Platz,' grbelte sie und starrte auf die
+Huser, die vielen Fenster, 'wieso denn zu wenig Platz?' Wie konnten
+alle die Mnner und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn fr jene
+Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen,
+ihre Geschfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!
+
+Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie
+wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern
+an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen
+Militrarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war
+dieselbe. Unwillkrlich prete sie die Hnde zusammen, dann floh sie wie
+von einem Ort der Snde.
+
+Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. 'Was tust du?
+Wozu bist du da?' rief sie sich zu. Bestndig zitterten ihre Lippen. Sie
+wute kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie wrde von
+neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot
+ihr beide Hnde dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht,
+es war ihr unangenehm, zu denken, da ihre Person Gegenstand auch nur
+eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
+Mitteilung und Aufklrung, sprudelte sie in raschen Stzen hervor, was
+sie bedrckte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne ttig; dort
+seien die Zustnde bengstigend, sagte er; die Leute lgen in den
+Gngen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. Und Sie,
+Eduard, und Sie? kam es geqult und emprt von Olivias Lippen.
+
+Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und
+Erlebnis lag in seinen Zgen, aber sie gewahrte es nicht.
+
+Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein
+Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen
+unbewohnten Zimmern.
+
+Ich gehe demnchst zur Front, sagte Eduard Friesheim, und sein auf
+Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.
+
+Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedrfnis nach Eile
+gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie lie sich zu Robert Lamms
+Villa fahren.
+
+Gerold, der auf ihr Luten das Tor ffnete, sagte: Ich wei nicht, ob
+der Herr Hofrat empfngt. Olivia schob ihn beiseite, flog durch den
+Flur, ber zwei Treppen hinauf und pochte an der Tr des Giebelzimmers.
+
+ * * * * *
+
+Robert Lamm sa lesend am Fenster. Bei dem strmischen Eintreten des
+jungen Mdchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden,
+schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: Du bist es?
+
+Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der
+schttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch
+elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen
+erschtterte Olivia, ein Schauder berlief sie: der Mann war ihr so nah
+und so fern dadurch, in ihr war pltzlich alles Heiglut des Erlebens,
+in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dnkte, als vergehe sie sich an
+ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann.
+Es war ein Gefhl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die
+Wucht von Erfrorenem.
+
+Eine Gebrde Lamms fragte. Die Gebrde war beredt: die Menschen meiden
+mich, ich habe aufgehrt, etwas von ihnen zu erwarten. Was fr ein
+selbstschtiger Anla fhrt dich her?
+
+Olivia schpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte
+sie: Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagersttte
+haben, kein Dach ber dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen
+knnen.
+
+Ja, ich wei, es ist Krieg, entgegnete Robert Lamm sachlich. Du hast
+offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die
+notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab' ich damit zu schaffen?
+
+Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. Um
+Gottes willen, was redest du, rief sie leise. Die Unglcklichen gehn
+zugrunde, und es sind so viele Huser da mit leeren Stuben! Robert, dein
+Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer knnen zehn Betten sein. Man hat
+zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz fr Menschen, die sich geopfert
+haben. Hier bei dir ist Platz in Hll' und Flle. Gib mir dein Haus,
+Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so
+doch zum Sterben.
+
+Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.
+
+Wie sie still halten, flsterte Olivia und prete die Hnde
+gegeneinander, wie fromm sie daliegen, wie verstmmelte Tiere. Geh mit
+mir und schau' sie an.
+
+Robert Lamm schttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte
+nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: Sie haben sich nicht
+geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlgt es
+nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug brig.
+Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das
+berlass' ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben
+an ihre Wichtigkeit haben.
+
+Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am
+ganzen Leib zu beben. Und wenn du dort lgst, hilflos dort lgst,
+stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rhrte
+sich nicht. Und wenn's dein Bruder wre, irgendein Mensch, den du
+liebst, fuhr sie flehend, beschwrend, auer sich fort. Robert Lamm zog
+mit eigentmlich bsartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte
+finster ber Olivia hinweg. Und wenn ich's selbst wre, Robert, ich
+selbst! brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen
+schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief
+suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand
+haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den
+Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In
+leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, ri das Messer an sich,
+ffnete mit zitternden Fingern die oberen Knpfe ihrer Bluse und
+richtete die Spitze des Stahls gegen die weie Haut ihrer Brust. Wenn
+ich es wre! wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte
+sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblten groen engen
+Zhne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand,
+drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz
+und in der Furcht vor der Enttuschung gleichsam spielend, hatte bei
+allem Unerwarteten und Bengstigenden etwas so Rhrendes, ja Kindliches,
+da in Robert Lamms Zgen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar
+wurde.
+
+Er griff hin, packte sie beim Gelenk und lste das Messer mit sanfter
+Gewalt aus ihrer Hand. Keine dramatischen bungen, mein Kind, sagte er
+tadelnd; ruhig Blut, la uns ruhig verhandeln.
+
+Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das
+Zimmer. Dein Gefhl macht dir Ehre, begann er wieder; ich sehe nur
+nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand
+lt sich gern auf einen Posten drngen, der weder seinem Charakter,
+noch seiner Auffassung der Dinge gem ist --
+
+Die bel, unter denen du am rgsten gelitten, und die du immer als
+unsern Fluch bezeichnet hast, Trgheit und Unverantwortlichkeit, da mir
+die gerade dein Bild verunstalten sollten, knnt' ich nicht ertragen,
+warf Olivia ein.
+
+Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
+berraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kmpfen. Mit dem Haus
+allein ist's nicht getan, sagte er zgernd, wer wird es einrichten?
+
+Das la meine Sorge sein.
+
+Du vergit, da dazu viel Geld gehrt.
+
+Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch
+andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel
+entbehren willst. Am Gelde sollt' es scheitern? Geld beschmutzt den, der
+jetzt nicht hilft.
+
+Robert Lamm lachte; es klang halb berlegen, halb beengt. Er setzte sich
+an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. Nun gut, sagte er nach
+einer Weile, nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden.
+Tue, wozu es dich drngt. Ich werde Auftrag geben, da man dich nach
+deinem Belieben hier schalten lt. Ich werde dir ein ausreichendes
+Konto bei der Bank erffnen. Ich nehme an, da deine praktische Eignung
+mit der Begeisterung gleichen Schritt hlt; da du Leute ausfindig
+machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist
+wohl selbstverstndlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
+meine Person allerdings darfst du nicht weiter zhlen. Ich bin nicht da,
+fr dich nicht, fr keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versum' die
+Zeit nicht.
+
+Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und
+drckte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug
+hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.
+
+ * * * * *
+
+Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.
+
+Jedesmal, wenn er in das Tal kam, lie er den Wagen beim Brandwirt
+halten, und ein Bauernmdchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in
+das Blockhaus. Dieses Mdchen, Romana hie sie, war ihm seit vielen
+Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein
+durfte.
+
+Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trben Gedanken
+sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.
+
+Das Wort tnte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die
+Majestt und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.
+
+Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frhe auf den Hhen
+ringsum und fllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch
+unsichtbaren Sonne zu glnzen, sich zu zerteilen, und der strahlend
+blaue Himmel trat hervor.
+
+In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmig auf die Jagd. Aber er
+merkte, da ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem
+Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schu zu bringen.
+Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bumen; er
+legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, da er die
+Flinte absetzen mute. Das Tier hatte ein Gerusch gehrt und enteilte,
+nicht in groen Stzen, sondern beinahe bedchtig und als wisse es, da
+es nicht mehr bedroht sei. rgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die
+Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.
+
+Sein bedchtiger, federnder Traumgang hatte den Jger an eine
+Menschengestalt gemahnt. Er hatte pltzlich Olivia vor sich gesehen.
+
+Er lie die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen ber das
+Gebirge.
+
+Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wlder, fhlte er sich
+abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die
+Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbndern,
+die im Feuer glhen.
+
+Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die
+Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knpften
+Gesprche mit ihm an und wollten Aufschlu und Trost von ihm haben. Er
+aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestrken, und sein letztes
+Wort war stets: Es ist aus mit uns. Und in seinen Mienen malte sich
+eine herzlose, fanatische Schadenfreude.
+
+Einmal bewies er dem Frster und dem Postmeister mit der Karte in der
+Hand, da es gegen die berzahl der Feinde kein Entrinnen gbe. Jene
+hrten bekmmert zu, und der Frster wagte bescheiden auf die Siege
+hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen htten. Da lachte
+der Hofrat und antwortete: Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.
+
+Er war immer in unruhiger Bewegung. Er lie sich Bcher aus der Stadt
+kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In frheren Tagen hatte er
+den Plan gefat, unweit von der Htte ein ausgemauertes Wasserbecken
+anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu knnen. Jetzt dnkte es
+ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er
+mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus,
+viele Stunden lang. In der Mdigkeit, die ihn dann berfiel, war ihm
+zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen
+Pranken hielt.
+
+Bei Regenwetter sa er im Haus. Oft schickte er Romana mit Auftrgen ins
+Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd
+und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin
+zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stck Holz und zeichnete mit
+dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weie Kalkmauer. Aus den
+Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die
+Finsternis.
+
+Allmhlich bemchtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren
+und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und
+verbarrikadierte die Tre. Im Bett liegend, betastete er seinen Krper
+und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zndete Licht an, griff nach
+der Uhr und zhlte seine Pulsschlge. Kaum konnte er es ertragen, sein
+Herzgerusch zu hren; jeden Augenblick war er darauf gefat, da die
+geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn wrde. Er
+wanderte in den nchsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und
+Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als shen ihn die Leute
+mit argwhnischen Augen an, als htten sie sich besprochen und fhrten
+etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebsch
+erschreckte ihn, der Schrei der Krhen lie ihn erbleichen, das Heulen
+des Windes verursachte ihm die grte Pein. Beim Ausschaufeln der
+Badgrube war ihm eines Morgens pltzlich zumute, als schaufle er ein
+Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gert weg und htete sich, die
+Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dmmerte, wagte er sich nicht mehr
+ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen mssen.
+Jetzt lie er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem
+Alleinsein frchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die
+Umschlge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu ffnen.
+Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was drauen
+vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob
+sie nher gerckt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht
+fr die Menschen, nur fr sich. So unentbehrlich ihm auch die
+Gesellschaft Romanas war, so sehr hate er ihr Reden und ihr Schweigen.
+Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
+geworden, qulte es ihn, da er um ihren Atem wute. Manchmal schlich er
+des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie
+schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand,
+und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so bi er die
+Zhne zusammen und gab sich seiner unergrndlichen Erbitterung hin.
+
+In der Schlferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drngte sich
+ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie
+lag, gefhllos und gemein? Trumte sie von dem blden Bauernburschen,
+den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie
+darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zuflliges
+in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein
+wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war
+eine andere, unheilvoll verwandelt.
+
+Olivia, murmelte er vor sich hin.
+
+Eines spten Abends wurde an die Haustr gepocht. Der Hofrat ging hin
+und ffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewndern und verstrtem
+Gesicht stand drauen. Stammelnd bat er um Einla. Da es strmte und
+schneite, mochte ihn Lamm nicht zurckweisen. Auf die Frage, wo er
+herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
+verworrene Antworten. Romana fhrte ihn auf den Dachboden, wo er auf
+einem Strohsack nchtigen konnte. Als sie zurckkam, sagte sie, es sei
+ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden
+und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; dann sag' ihm, er soll sich
+packen! rief er. Man knne doch keinen Menschen in diese Nacht
+hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zndete die Laterne an, stieg auf
+den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
+ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein
+Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken
+war in diesen Zgen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus
+der Finsternis nach dem Fahnenflchtigen streckten, und von dort, wohin
+er den Rcken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von
+Zorn rttelte er an der Schulter des Schlfers; der lie nur ein Sthnen
+hren und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die
+schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser
+fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu
+unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder
+sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
+und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze,
+ein bergreifen von Bewutsein zu Bewutsein.
+
+Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es
+Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber
+bevor er sich noch fr den Gang gerstet hatte, sah er zwei Gendarmen
+mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend
+abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten
+sich auch hier nach dem Flchtling erkundigen. Der Mann ist droben, den
+ihr sucht, redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.
+
+Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm
+gebot der Magd, da sie den Gendarmen einen Imbi reiche, und whrend
+sie warteten und aen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er
+die Leute ins Tal und war auffallend gesprchig, in einer seltsam
+unterwrfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und
+knne es durch beflissenes Wesen verhindern, da man ihn bezichtigte.
+
+Beim Brandwirt lie er sein Gepck von der Almhtte holen. Am Abend fuhr
+er in die Stadt.
+
+Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem
+Zimmer, endlich entschlo er sich, seinen Diener zu benachrichtigen.
+Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wsche, die er verlangt hatte.
+Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schttelte der Hofrat den
+Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedrfe.
+
+Die Vernderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war,
+schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter
+Flssigkeit, seine Arme zuckten bestndig, beim Reden stotterte er und
+verlor den Zusammenhang.
+
+Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, whlte er die
+Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straen. Er schritt mit
+gesenkten Lidern und sttzte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag
+eine unheimliche Komdie darin, da er auch den Gang eines Greises
+nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er
+trug sich nicht mehr mit jener gewhlten Feinheit, durch welche er stets
+aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung fr kleine
+Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein
+Wahrzeichen seiner Persnlichkeit bildete, war nicht mehr so glnzend
+gebrstet, obwohl er noch immer ein bichen schief auf dem Kopfe sa.
+
+Es kam hufig vor, da er trotz der Verstellung, die er bte, trotz des
+Versteckenspiels, das er trieb, gegrt wurde. Doch dankte er nie.
+Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebrdete sich entzckt,
+ihn zu sehen, und wnschte ihm Glck zu seiner groen Tat. Verdrossen
+fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, da jener das
+Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden
+war. Begeistert rhmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen,
+sowie die auerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, ber die man
+immer neue Wunder zu hren bekomme und von der die ganze Stadt schwrme.
+
+Mrrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa
+sei lngst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als
+ffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er knne kein
+Verdienst beanspruchen, und Lobsprche seien ihm gegenber am falschen
+Ort.
+
+Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit
+Fragen belstigt wurde, flsterte er mit heuchlerischer Bekmmernis zu,
+der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf
+und lie den Verdutzten stehen.
+
+In den Speise- und Kaffeehusern, die er besuchte, setzte er sich in
+einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schtzen, hielt er
+eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lrmten
+ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehssig, wenn sie lachten oder
+aufgeregt kannegieerten. Nach seiner Ansicht htten sie stille sein
+mssen, ganz still, und am Abend htten keine Lichter brennen drfen.
+Hrte er irgendwo Musik, so geriet er auer sich und fand, da man das
+Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrabltter ausgerufen und alle
+Hnde griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rhrte sich
+nicht. Er war berzeugt, da fast alles, was in diesen Blttern stand,
+erlogen war. Die zahllosen Flchtlinge, welche die Stadt fllten,
+erregten seinen rger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die
+Ursache ihrer Gegenwart eine hmische Genugtuung, und er machte boshafte
+Glossen ber das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die
+sich darin verkndete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten
+Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswrdig
+blassen Gesichtern durch die Straen zogen, so ballte er wie im Zorn die
+Faust und lchelte dster.
+
+Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, da whrend
+seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu
+spionieren. Auch war es ihm berall zu teuer und zu laut. Er prfte
+mitrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er
+in einem geringen Gasthof in Whring. Seine wachsende Vereinsamung
+steigerte die hypochondrischen Gefhle; oft lag er tagelang im Bett.
+
+Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und
+Untergang drohte. Es schien, da nur ein dnner Schleier noch zu reien
+brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt,
+die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben
+stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und
+einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam ber Robert Lamm eine
+eigentmliche Schwche, und er sprte seine Verlassenheit wie ein
+Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorberging,
+stockte sein Schritt. Er mute lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
+da hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend
+aller Dinge. Pltzlich erfate ihn die Sehnsucht nach seinen
+Treibhusern; er sprte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
+warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und
+an das Gefhl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die
+letztvergangenen Monate dnkten ihm eine Zeit der Verbannung und der
+Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben;
+er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwhnte sein
+Verlangen, als sei es nur ein Vorwand fr ein anderes, das er sich nicht
+eingestehen mochte. Der alte Selbstha schlug empor und mischte sich mit
+dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht
+ber sie gehabt, soviel Macht, da er sich hatte einbilden drfen, sie
+sei ein von ihm abhngiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer
+Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er
+zur Oper und mute stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg
+versperrte. Eine schne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach
+eine Polin, ein kostbarer Mantel umflo den schlanken Krper, auf dem
+dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm htte die Rose von ihrem
+Haupt reien mgen; es war etwas so Verwegenes und Lsternes um sie; die
+Welt erschien ihm malos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er
+sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblate, erglhte, verblate
+wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher,
+wurde mde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug,
+ging wieder ein Stck, und es war spter Abend, als er vor seiner Villa
+anlangte.
+
+Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und
+aus, ber dem Hauseingang hing ein groes, rotes Kreuz, alle Fenster
+waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschlieen. Es
+war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein
+Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der
+Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm
+entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
+gelehrt hatte!
+
+Am nchsten Tag kehrte er zurck, sprach mit dem Grtner, einem wrdigen
+Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die
+Glashuser, begleitet von dem Alten. Er lie Gerold rufen und merkte
+noch immer nichts von der Verstrung des Mannes. Er wollte nichts von
+Olivia hren, doch der Grtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
+Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und
+Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausrumen des
+Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behrden verhandelt,
+die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschftsleute gefgig gemacht
+habe; wie unermdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung
+entgangen sei, von den Vorrten fr die Kche bis zu den Instrumenten
+fr den Operationssaal. Dann kam die Frau des Grtners hinzu und
+erzhlte gleichfalls; man sah, da das Schauspiel opfervoller Ttigkeit,
+das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen
+verdrngt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstcke fortgekommen
+seien; der Grtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib lie sich aber
+nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebrde
+des Hofrats, wie das Frulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht blo
+Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst
+tten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten rzte bekommen.
+Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
+Damen htten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei
+ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem
+Eifer bestehen. Der Grtner nickte; es sei kaum zu fassen, fgte er
+hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem
+Bahnhof, um die Transporte zu berwachen, bei den mtern, um neue
+Vergnstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Kche, bei
+Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.
+
+Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.
+
+Gerold sagte dumpf: Soviel ich hre, sollen jetzt Baracken im Park
+gebaut werden.
+
+Der Hofrat fuhr jh herum. Baracken im Park? Da hab' ich noch was
+dreinzureden, dnkt mich!
+
+Ich denke auch, murmelte Gerold und prete die Hand um seinen Hals.
+
+Auf einmal ertnte vom Haus herber ein langgezogener Schrei. Robert
+Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt.
+Armer Teufel, sagte die Frau des Grtners. Gerold war sichtlich
+zusammengeschaudert.
+
+Der Schrei wiederholte sich, in einer hheren Tonlage, aus heftigerem
+Schmerz heraus. Lamm verlie die Grtnerstube, sah sich drauen um, der
+Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb
+beseelt, sich dem Bereich der grlichen Stimme zu entziehen, schlug
+Lamm den Weg zum Tor ein. Pltzlich aber blieb er stehen und kehrte um.
+Es zog ihn unwiderstehlich zurck, die Muskeln in seinem Gesicht
+verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war
+schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Fen. Gerold folgte
+ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den
+Raum konnte er nicht blicken, da ein weier Vorhang hinter den groen
+Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem frchterlichen
+Schrei.
+
+Herr Hofrat, flsterte Gerold, man kann's hier nicht aushalten, man
+kann nicht mehr leben in dem Haus.
+
+Die Umrisse einer Gestalt fielen pltzlich auf den hellen Vorhang. Das
+Fenster wurde jh geffnet. Die es ffnete und nun in den Ausschnitt
+trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert
+Lamm erkannte, war Olivia.
+
+Robert Lamm nannte ihren Namen. Er sttzte sich mit bebenden Armen auf
+den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Hnden das
+Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine
+Wrde, die ihn unwillkrlich veranlate, einen Schritt zurckzuweichen.
+Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschtternd. Er wird
+sterben, sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit
+hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.
+
+Als sei er von einer berirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert
+Lamm den Kopf.
+
+Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem
+bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berhrt
+worden war.
+
+ * * * * *
+
+Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bcherreihen an, und es
+herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des
+Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht
+hatte.
+
+In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dnkte ihm, als habe er kein
+Recht, hier zu sein, als msse er sich das Recht erst erkmpfen. Gegen
+wen aber erkmpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wnschte, sich mit
+ihr auseinanderzusetzen, dabei fhlte er, da ihr an einer
+Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, da seine Person und was er
+dachte und der Grund, weshalb er nun pltzlich im Hause war, in ihren
+Augen gar nichts bedeutete. Er drckte auf den elektrischen Knopf der
+Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er
+ffnete die Tre und rief hinaus. Keine Antwort. Er brllte Gerolds
+Namen ber die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig
+erstaunt nach der Ursache des Lrms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen.
+Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Frulein Khuenbeck
+sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold
+zurck und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde
+spter kommen. Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum,
+wenn man dich braucht! keifte Lamm und schlug die Tr hinter sich zu.
+
+Gleich danach pochte es an der Tr, und Gerold schob sich ber die
+Schwelle. Der Herr Stabsarzt lt dringend ersuchen, die Tre nicht zu
+schmettern, sagte er furchtsam.
+
+Lamm blickte finster verwundert empor. Hinaus mit dir! erwiderte er.
+
+Er zog ein Buch aus dem Schrank und bltterte darin. Dann warf er es
+weg. Die Hnde auf dem Rcken, lief er ungestm die Kreuz und Quer
+durchs Zimmer. Ein leises Klopfen berhrte er, und er richtete sich
+steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu
+begegnen, bald aber fate er Mut. Ihr Gesicht hatte einen
+trumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer
+gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen
+Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verndert, ganz und gar; er
+wute auch, da ihre Stimme verndert klingen wrde. Alles an ihr
+erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
+Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehssigen Verneinung; er
+schmte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen
+sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.
+
+Du reibst dich auf, sagte er in bellaunigstem Ton, du bernimmst
+dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu
+wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir
+vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in
+einer solchen Zeit nahe, sich zu betuben und im allgemeinen Elend das
+eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
+verhngnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Krper wten soll.
+Dafr bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.
+
+Olivia, die gegen die Tr gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie
+ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter
+Miene das Gesicht zu. Was weit du von mir? fragte sie. Was weit du
+denn eigentlich von mir?
+
+Ihre Stimme klang wirklich verndert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt
+mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.
+
+Ich wei, was ich sehe, versetzte er kurz.
+
+Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwrfe zu
+machen? fuhr sie fort. So will ich dir sagen, da du dazu kein Recht
+hast und da ich dir das Recht auch nicht einrume. Du bist nicht Herr
+ber mich. Du bist es kaum ber dich. Was willst du?
+
+Sie schaute ihn an, und er fhlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es
+umgab ihn frmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht
+und vor keinem. Er begriff, da sie einen weiten Weg zurckgelegt hatte,
+seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und da sie seine Fhrung
+nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.
+
+Ich habe zu tun, sagte sie, ich komme wieder, sobald ich mich fr
+eine halbe Stunde freimachen kann. Es mssen Baracken gebaut werden, und
+dazu ist deine schriftliche Zustimmung ntig.
+
+Baracken? In meinem Park?
+
+Ja, an der Sdseite des Hauses.
+
+Er brauste auf. Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefllt
+werden! Hundertjhrige Bume!
+
+Allerdings, erwiderte Olivia ruhig. Bume, fgte sie mit einer
+Gebrde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, Bume!
+
+Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal
+um. Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus
+unserer Kche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn
+du dich entschlossen hast. Der Mann ist brigens zum Sufer geworden.
+Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der
+Treppe liegen. Versuch' es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor
+Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.
+
+Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte,
+rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflgeltes Untier. Lamm machte
+einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als msse er noch einen Blick
+in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu knnen, da sie es war, sie
+selbst, und nicht eine Doppelgngerin.
+
+ * * * * *
+
+Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.
+
+Zweifellos hatte sie auer acht gelassen, da es schon zehn Uhr war, als
+sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in
+spter Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschtterndes in der
+Vorstellung, da Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle fr sie spielten.
+
+In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las
+aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unvernderlich
+dster. Bisweilen dnkte ihn, er hre wieder den Schrei, der ihn zu dem
+beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er chzen und
+Sthnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden
+Krater eines Vulkans.
+
+Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wsche aus dem
+Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als frchte er das
+Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geffnet und
+whlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal sphte er hastig nach
+Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts.
+Alles, wovor ihm bangte und was ihm unertrglich zu denken war, hatte
+sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm
+endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf
+hinaus.
+
+Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte
+die Lider nicht schlieen, die Finsternis brannte ihm frmlich auf der
+Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
+geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der
+Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz gestrmt
+wie Gift.
+
+Es wurde ihm bewut, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht
+verkrzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nhe, die mit
+Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemht gewesen war.
+Dazwischen tauchten Gerolds Zge empor wie ein versteinertes Bild des
+Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender
+Blsse, in einem Rahmen von Blut. Er bi die Zhne zusammen, als schlge
+ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit
+rcksichtsloser Lautheit: Schwester Emilie! Schwester Emilie! Lamm
+richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft
+hinein: Ruhe!
+
+Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natrlich nicht gehrt.
+Aber sein Ha saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete
+ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen
+bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: 'Wir sind in deinen Frieden
+eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstrt, wir haben dir alles
+geraubt, was du besessen hast; deine Gemlde sind verschwunden, deine
+Mbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bume
+lassen wir fllen, deine Blumen reien wir aus, und die einzige Seele,
+um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der
+Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher
+warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte,
+auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken
+Menschen!'
+
+Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch
+er erkannte nun und fhlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie
+ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam ber
+ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
+erffnen, zu erklren, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.
+
+Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein
+altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich
+entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte hhnend fest, da seine
+Bltezeit vorber sei.
+
+ * * * * *
+
+Erst um die Dmmerungsstunde kam Olivia herauf.
+
+Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche
+Einwilligung zum Bau der Baracken.
+
+Sie dankte. Sie war mde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervositt
+verriet auch jetzt, da sie sich keine Rast erlauben zu drfen glaubte.
+
+Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzhlte es beilufig.
+Es war fr sie ein Fall unter vielen.
+
+Er nickte. Damit msse er sich abfinden, da der Tod Stammgast in dem
+Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun knne er sich nicht abfinden. Bis zur
+Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, knne er sich nun und
+nimmer entschlieen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.
+
+Es mag der Weg fr hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia.
+Fr die Haltlosen, die Enttuschten, vom Leben Betrogenen der richtige
+Weg, fr dich der Irrweg.
+
+Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir
+entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie
+mir gezeigt hast, antwortete sie.
+
+Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die
+Zeugin von groen Leiden, so bist du doch nicht befhigt, darber zu
+urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.
+
+Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die
+Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.
+
+Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich
+pltzlich vergessen, wogegen sich fnfundzwanzig Jahre lang mein Gemt
+emprt hat, wovon ich beleidigt und gedemtigt worden bin zeit meines
+Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglck, ein Verhngnis, das nicht zu
+verhten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er
+die Shne fr eine unendliche, aufgehufte Schuld. Im Grauen der
+Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, da ihr so lange
+gezndelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind.
+Jetzt ringt ihr die Hnde, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen
+und retten, jetzt, da es zu spt ist. Frher ward ihr taub, habt euch
+verhtschelt und verhrtet, seid Genlinge gewesen, Spieler, Trinker,
+Sportshelden, Bcherwrmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt
+mir so lcherlich vor, so unntz, so aufgeblasen. Du mut schon
+verzeihen, Olivia.
+
+Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten
+Gesichte, die Tage, die Nchte, die Schmerzen, das Ungeheure der
+geschauten Wirklichkeit gaben: Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
+nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, wei
+ich, da das nur deine Worte sind. Dein Gefhl ist es nicht, kann's
+nicht sein.
+
+Ach, bleib' bei mir mit dem Gefhl vom Hals! Was ich fhle, ist meine
+Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, da
+du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht
+ausschpfen kannst. Ich denke, da einer Sintflut nicht abzuhelfen ist,
+indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, da, wo der
+Sturm ganze Wlder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen
+ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, da niemand das Recht
+hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines
+einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer
+geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hnde nicht in Blut, oder
+er entwrdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da
+sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja
+verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von
+Grausamkeit, das mir Mut einflt.
+
+Ich wundre mich, sagte Olivia kopfschttelnd, und ihre blauen Augen
+strahlten im Feuer des Unwillens. Woher nimmst du die Kraft und den
+Entschlu, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spren, von
+der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die
+ganze brige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber
+gesndigt, hast du dir kein Versumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch
+ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum
+also diese Anmaung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor
+dem, was nun einmal ist?
+
+Er schwieg zunchst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er
+warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete
+Gestalt mit den seltsam zurckgebogenen Schultern erfllte ihn mit einer
+Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und
+trommelte an die Scheiben, und whrend er in den winterlichen Garten und
+in die kahlen ste der Bume schaute, sah er immer blo sie, fhlte
+immer nur sie, bewunderte sie, schmhte sie, suchte nach ihr in seinem
+zerwhlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Grnde, qulte seinem
+Geist Rechtfertigungen ab.
+
+Er sprach von dem Unheil, das ber die Menschheit hereingebrochen war,
+als von der groen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen
+Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie
+die Vlker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge,
+was keiner zu tun wnsche. Lngst seufzten die Lnder, die Stdte unter
+einem berflu von Menschen und von Produktion; die Flle sei zur Not
+geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu
+viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den
+Worten zu ihm gekommen, es gbe zu wenig Platz? Nun werde Platz
+geschaffen, darin liege die Fgung, und nicht nur Platz fr den Krper,
+sondern auch fr die Seele, fr den Glauben, Platz fr den Herrgott, der
+in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da drfe man nicht die
+Hnde ringen und sich larmoyanter Wehklage berlassen; da zieme sich
+Ehrfurcht vor dem hheren Walten, denn wer falle, der sei eben der hre
+vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mithren, reif sei fr die
+Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
+Millionen strben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein
+Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.
+
+Olivia schaute ihn an, lchelnd und mit einem erglhten Blick. Ich bin
+auch eine hre, warum willst du mich sondern? sagte sie.
+
+Ja, ich will dich sondern, antwortete er heftig; doch stockte er, weil
+er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm
+selbst noch unbewut in seiner tiefsten Brust verborgen war.
+
+Warum? beharrte sie, und ihr Lcheln wurde so vergeistert, da er
+Furcht vor ihr versprte. Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest,
+bin ich dann nicht ein Werkzeug fr die, die ich rette, wie die Granate
+ein Werkzeug der Vernichtung ist? Knntest du nur einmal die Augen eines
+Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weit nicht,
+was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben fr dich nichts? Das
+einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod
+nach ihm langt --? Du weit nicht, was Leben heit!
+
+Mach ich einen Dichter, einen Trumer, einen, der die Wirklichkeit des
+Seins nie zu beherrschen und nchtern abzuschtzen gelernt hat, mach ich
+solch einen pltzlich zum Steuermann auf einem Schiff, whrend der
+Taifun rast, so tu' ich ungefhr dasselbe, was du mit dir tust,
+antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu.
+Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Ma zerstrt, jede
+Form zerstrt!
+
+Nein, nein, nein! rief sie ihm entgegen. Nicht zerstrt, nicht
+zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein
+auch Zerstrung wre, wer bin ich denn, da ich auf mich achten sollte,
+mich schtzen drfte? Fr wen, wofr mich bewahren? Wo ist das Bessere,
+Grere? La mich sein, wie ich bin, la mich tun, was ich tue!
+
+Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick
+und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, prete beide
+Hnde wider ihre Brust und flsterte, totenbleich: Ach, Robert, es ist
+frchterlich! Frchterlich!
+
+Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.
+
+Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand ber
+ihre Haare und sagte erschrocken: Ich vergesse mich ganz. Es wartet
+soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.
+
+Schnell verlie sie das Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Ungefhr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne
+Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien
+gefunden hatte. Er hatte einen Schu im Rckgrat, konnte nicht sprechen
+und keinerlei Auskunft ber sich geben.
+
+Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in
+der Luft gerichtet. Er hatte ein auerordentlich schnes Gesicht, bla,
+vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, da Kinn
+und Wangen von Haaren frei waren.
+
+Ob er Freund oder Feind war, wute man nicht. Er trug die Nummer 42, das
+war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Vlker an, die im
+Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, da er die Worte fate.
+Man vermutete, er sei auch des Gehrs beraubt und hielt ihm Zeitungen
+und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebrde.
+Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.
+
+Wennschon dies von einer vlligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem
+inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den strksten Glanz
+bewahrt, der sich denken lie. Sie waren ununterbrochen weit geffnet,
+und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen
+sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
+fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf
+rzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung bte. Oft standen
+mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich fr kurze Zeit ihrer
+Beschftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
+festzuhalten.
+
+Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb
+stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den
+wunderbar verlorenen, wunderbar erfllten Blick des fremden Mannes. In
+jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein
+Mensch, der Atem schpft und sich besinnt und der Lsung eines dsteren
+Geheimnisses nher ist als bisher.
+
+Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte,
+die ber dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne
+leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
+wissend-bewutlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
+ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie
+tauchte empor aus der qualmenden Hllenglut und lenkte ihren Blick gen
+Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefhl
+von Gott.
+
+Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.
+
+ * * * * *
+
+Mit dreizehn Schritten durchma Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte
+berechnet, da er zwlftausendfnfhundert Schritte machen mute, um eine
+Strecke von zehn Kilometern zurckzulegen. Er besa einen Schrittzhler,
+mit dessen Hilfe er tglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen
+Tagen waren es zwlf, an manchen fnfzehn Kilometer.
+
+Die Mrsche dnkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
+konnte er beim Gehen besser denken.
+
+Aber die Gedanken fhrten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
+da er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mute. Wenn der
+neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach,
+die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.
+
+Fnf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis
+drei Lektre, blieben immer noch mindestens zwlf Stunden, die leer
+waren, zwlf boshaft schleichende Stunden. Jedes Gerusch im Hause,
+jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flstern oder Murmeln war eine
+Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung.
+Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da drauen, da drunten!
+
+Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu berschreiten.
+Nach Verlauf einer Woche brtete er ber Fluchtplnen. Doch wute er,
+da sich niemand um ihn kmmerte.
+
+Ein sonderbares Vergngen gewhrte es ihm, die Personen an sich
+vorberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Ha bedacht hatte. Es
+stellte sich heraus, da von diesem Ha nicht mehr viel brig war; auch
+wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an
+jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefhl
+gerechtfertigt htte.
+
+Die Ursache war nicht etwa die, da er die Fhigkeit zu hassen verloren
+hatte, sondern da alles, was noch an Ha in ihm war, sich gegen einen
+einzigen Menschen richtete: allein und unvershnlich gegen Olivia.
+
+Sie hatte ihn gezwungen, wider seine berzeugung zu handeln. Sie hatte
+ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte,
+die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und
+schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknpft hatte.
+
+Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um
+einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemts- und
+Sinnenleben war eine vernachlssigte Provinz seines Daseins, und die
+dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
+sie, wo es mglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn
+heran; er wute pltzlich, da er schon das Bild des Kindes Olivia mit
+Lust in sich aufgenommen, und da das Wchter- und Erzieheramt, das er
+ausgebt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der
+Piett und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getuscht;
+er htte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von
+sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen
+getrachtet htte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und
+Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrcken, dienten ihm aber menschlich
+nicht; es verfinsterte ihn und hhlte ihn aus.
+
+Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lcheln:
+alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mhe,
+Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trben Erfahrung; ihm
+beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Fr ihn gemacht, fr ihn
+lebendig, weil er den magischen Schlssel dazu besa, das Wesen zu
+begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
+Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner
+Belehrung zusammengebrochen war -- er nannte es Belehrung, obwohl ihm
+sein Gewissen einen hrteren Ausdruck vorschlug -- als sie sich der
+Geiel seiner Worte und dem lhmenden Einflu seiner Urteile durch die
+Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben;
+mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne,
+rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt
+htte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am
+gnstigsten war.
+
+Ihr Erscheinen ri ihn vllig aus dieser Einbildung. uere Umstnde,
+die strker waren als alles, was er in die Wagschale htte werfen
+knnen, hatten den Sieg ber ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfate
+ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, da bei
+natrlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben
+und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme gefhrt htte.
+Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in
+vielen Jahren hartnckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf
+jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zh und stumm, wie nur er
+sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er
+wute es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein
+mnnlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der
+Zeit und den Unterlassungssnden ihrer Menschen, hatte die Blte
+ausgerissen und verweht, die er im geschtztesten Winkel seines
+Lebensgartens gepflanzt hatte.
+
+Hier war kein Appell mglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen
+gegeben, da jeder Versuch, sie zurckzuhalten, ihn in ihren Augen zum
+Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, da irgendein Mensch,
+weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemhungen
+etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzensklte. Er hatte
+sie eingebt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hren,
+sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein,
+ntzlich zu sein und litt unsglich, und wrde immer rger leiden
+mssen, je hher die Woge des Entsetzens stieg.
+
+Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrtender Teufel bleich und bse in
+einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den
+Gedanken, die ihm sein ohnmchtiger Groll und seine wirklich
+beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn;
+es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem
+krperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden
+kann. Er fhlte sich ausgestoen und gnzlich vergessen, erniedrigt und
+beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die
+Vorstellung, da mglicherweise er es sein mute, der sich zu beugen und
+zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags um die Dmmerungszeit schlich er aus dem Hause und
+ging zu Frau Khuenbeck.
+
+Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie
+gekmmert, das trug sie ihm nach.
+
+Sie machte ihn im stillen auch fr alles verantwortlich, was mit Olivia
+geschehen war, und als er die Rede auf das Mdchen gebracht hatte,
+erklrte sie, da sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei
+ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine
+Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich
+bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts
+gewut, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig
+zugehrt, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt
+wurde.
+
+Haben Sie das vielleicht beobachtet, fuhr Frau Khuenbeck fort, den
+Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewi begeh' ich ein
+Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich
+mu sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten
+Dingen zu?
+
+Lamm schwieg. Es gengte ihm, da die Frau von Olivia sprach. Er hielt
+es fr ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.
+
+Sie assistiert jetzt bei den Operationen, berichtete Frau Khuenbeck.
+Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
+darin erworben, da die rzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
+Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie
+genau die Tiefe des Betubungsschlafes zustande, die fr den
+betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich
+strubt, so braucht sie ihn nur anzurhren, und er fgt sich.
+
+Mrchen, warf Robert Lamm hin.
+
+Ich glaube nicht, da es ein Mrchen ist. Ich glaube, es ist ein
+Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige rzte
+meinen, da sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es
+sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklrung
+geben sollte. Sie konnte aber nichts erklren.
+
+Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine
+sind, bemerkte Lamm trocken.
+
+Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. Ein Soldat sagte von ihr: sie packt
+einen so an, da man vergit, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet
+mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mute ich auf sie
+warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden,
+frisch abgesgten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
+doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut!
+Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefhl, als begehe das Kind
+eine schreckliche Snde.
+
+Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. So ein Bein, wissen Sie, ist
+auerdem verflucht schwer, sagte er mit heiserer Stimme, es mag gut
+und gern seine fnfzehn Kilo wiegen.
+
+Diese Olivia, rief Frau Khuenbeck, die so heikel war, da sie vom
+Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt
+ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je
+wieder ein harmloses Leben fhren, ein Leben mit kleinen Pflichten?
+
+Lamm erhob sich. Wir werden das Problem heute nicht lsen,
+Verehrteste, antwortete er schroff. Unser Verstand ist berhaupt
+unzulnglich gegenber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben
+nennt. Mich drfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe
+Ihnen, mir wird bel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im
+Begriff, mir das Reden abzugewhnen; meine Zunge hat nicht die geringste
+Lust mehr, Gerusche zu artikulieren. Ein berflssiges Stck Fleisch,
+das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.
+
+ * * * * *
+
+Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren
+in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit
+auerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas
+aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und
+Anmaung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lpfte den tadellos gebgelten
+Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
+Bescheidenheit und sagte, er sei entzckt von der Besichtigung des
+Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue
+sich, dies ffentlich verkndigen zu knnen.
+
+Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lchelte aus
+irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.
+
+Doktor Strygowski sagte: Einer unserer fhrenden Journalisten.
+Besichtigt Spitler im Auftrag des Roten Kreuzes.
+
+Lamm nickte. Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von
+Wrttemberg und dem Dieb? fragte er. Der Graf Ulrich hatte die
+Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schlo zu sitzen und mit jedem
+zu sprechen, der vorberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem
+Tor, der hatte drinnen in der Kche einen Fisch gestohlen und er hatte
+einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn
+der Graf zu sich und sagte zu ihm: 'Wenn du wieder Fische stehlen gehst,
+so zieh einen lngeren Mantel an oder nimm einen krzeren Fisch.'
+
+Doktor Strygowski lachte. Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,
+antwortete er. Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen
+Mnteln versehen.
+
+Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. Doktor
+Strygowski, wenn ich nicht irre --?
+
+Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, da ich unterlassen
+habe --
+
+Lamm schttelte ungeduldig den Kopf. Nichts, nichts, unterbrach er den
+Doktor. Dann lie er abermals den Blick mit fast verletzender
+Unbekmmertheit auf dessen Zgen ruhen. Er war gefesselt von dem
+Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: Es wre mir lieb, wenn
+Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen wrden. Ich habe einige Fragen an
+Sie zu richten.
+
+Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit
+erlaube.
+
+Herr Doktor, der Transport, sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur
+heraufkam. Lamm kannte die schne, blasse Frau Senoner. Er grte khl.
+
+Die Sanittsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten
+Mnner, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf.
+Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die
+Verbnde gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-unglubiger
+Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
+verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, ber die sie
+grbelten.
+
+Hinter den letzten Trgern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben
+Mantel gehllt, das Gesicht war entfrbt. Als sie Robert Lamm gewahrte,
+nickte sie ihm ohne Lcheln zu.
+
+ * * * * *
+
+Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
+Er entschuldigte sein sptes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen
+Sessel gegenber seinem Lehnstuhl.
+
+Ich will ber Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen, begann er ohne
+Umschweife. Vielleicht ist Ihnen bekannt, da Olivia whrend ihrer
+ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fhle mich noch
+immer fr das, was sie tut, verantwortlich. Mglich, da es eine Torheit
+ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
+zu dem Beruf, den sie sich hier erwhlt hat?
+
+Ein wenig verwundert ber den Ton eines verhrenden Richters, antwortete
+der junge Arzt nach einigem berlegen: Zu einem Urteil oder einer
+Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewhnliches vollbracht wird.
+
+Hat sie von Anfang an gewut, was ihr beschieden sein wrde, wenn sie
+beharrlich blieb?
+
+Ohne Zweifel, versetzte Doktor Strygowski.
+
+Beachten Sie eines, fuhr Lamm eindringlich fort; viele Menschen, die
+sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und
+aufrichtiger Einschtzung ihrer Fhigkeit. Sie brauchen darum nicht zu
+versagen, oft zeigen sich die hheren Krfte mit der hheren Forderung.
+Aber wo es sich um den bestndigen Anblick von Blut und Wunden handelt,
+mu unbedingt die Phantasie nach und nach erttet werden, sonst ist an
+eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwcht sich
+ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.
+
+Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fllen, nur bei
+Schwester Olivia nicht, versetzte Doktor Strygowski. Ihr Geist und ihr
+Gemt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwrdige
+und das Seltene bei ihr. Nicht blo, da sie sich an das vielfltig
+Entsetzliche nicht gewhnt, nie gewhnen wird, sondern jeder neue
+Eindruck reit ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz,
+der Emprung, dem Mitleid mit einer Intensitt berliefert, die ohne
+Grenze ist.
+
+Also ein Phnomen, ganz einfach ein Phnomen, sagte Lamm mit
+erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurck und
+umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.
+
+Doktor Strygowski fuhr fort: Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir
+haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit
+der Wunden bei jedem, sie wei ob Hoffnung besteht, das Leben zu
+erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung sprt sie
+unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die
+Fieberzustnde sind ihr so vertraut, da alles Fieberwesen, vom
+gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zhneklappern bis zur
+Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung fr sie geworden ist. Und
+sie begngt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst
+heit das, nur von sich selbst.
+
+Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich
+mhsam zu Ruhe. Ich begreife es nicht, stie er hervor, begreife es
+nicht. Ich will gar nicht die Frage errtern, wie sie es physisch
+aushalten soll; aber Tag fr Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen,
+auch hren, das Sthnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
+oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein
+hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem
+Windhauch war sie abhngig, jede bel gelaunte Miene hat sie erschreckt;
+sie an einem Wirtshaus vorberzufhren, wo Betrunkene lrmten, war ein
+Wagnis.
+
+berrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er fr trocken und
+unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. Vor
+einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige
+Verwundete untergebracht sind, erzhlte er mit leiser Stimme; da waren
+Zimmer angefllt mit Mnnern, die aneinander vorbergingen, ohne
+einander zu gewahren, in gleichmigem Marschtempo, mit Blicken der
+angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Mnner saen, die stundenlang die
+Hnde steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehrigen
+riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester
+Olivia hatte eine Gebrde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
+wollte sie sagen: 'O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist
+mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!'
+
+Ja, das kann ich mir gut denken, antwortete Lamm nun wieder mit
+erknstelter Ruhe. Aber erklren Sie mir doch, was in ihr vorgeht,
+fgte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; mich lt da die
+Logik im Stich.
+
+Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,
+sagte Doktor Strygowski sinnend. Ich will nicht von mir reden. Ich bin
+Arzt. Aber auch ein Arzt, fr den der Menschenkrper Studium und Sache
+wird, gert jetzt bisweilen mit der sogenannten gttlichen Weltordnung
+in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben
+und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich
+schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem
+stmpernden Dilettanten, der vor einem Knstler steht. Die leidet! Das
+ist Leiden! Gewi, der Tag fat vieles, man vergit, man flieht, die
+gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort,
+einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es
+scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt ber die
+Alltglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklren,
+irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemchtigt, fr mich im
+stillen nenne ich es die Metempsyche.
+
+Lamm schwieg, kaum da er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr
+Doktor Strygowski fort: Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das
+harmlose Gesprch nicht mehr, das selbstverstndliche Weitergehen des
+Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, da es noch Menschen gibt, die
+von ihren Geschften, ihren Wnschen, ihren persnlichen Vorteilen und
+Enttuschungen reden knnen. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer
+treten, als eines der Mdchen vor dem Spiegel sa und sich frisierte,
+einigermaen umstndlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
+der sie wehmtig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat
+sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.
+
+Nein, ich wute es nicht, murmelte Lamm, ich wute es in der Tat
+nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so
+etwas nicht zum zweitenmal.
+
+Unter unseren freiwilligen Damen, begann Doktor Strygowski wieder,
+ist auch eine vielgerhmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine
+verwhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allren; um sie ist der
+ganze Lgendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
+mit der groen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu
+sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlgt die Augen zu
+Boden, als schme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich
+sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie wei natrlich, wie es um so
+manche dieser Frauen bestellt ist; da sie sich im Pflegedienst
+Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, da sie die Leere ihres
+Gemtes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall eintrgt.
+
+Robert Lamm lachte bitter auf. Sie sind ein grndlicher Herr, das mu
+man gestehen, sagte er. Nun, und das wucherische Treiben der
+Lieferanten, wei sie auch von dem? Und wie verhlt sie sich dazu? Und
+zu der Schwerflligkeit der mter und Behrden, der Schmhsucht der
+Unzufriedenen, den Rnken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den
+krampfhaften Bemhungen der Streber und Ordensjger, dem frhzeitigen
+Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen
+hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesblichen Unrat, wie verhlt sie
+sich dazu?
+
+Ich glaube, das alles legt sie sich frmlich selber zur Last und
+verwandelt es in eine Forderung an sich, erwiderte Doktor Strygowski.
+Er dachte eine Weile nach, bevor er zgernd fortfuhr: Sie mu ein
+Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie mu einmal so
+zu Boden geschlagen worden sein, da es aller Kraft bedurfte, die ein
+Gemt berhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte.
+Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr
+unbeirrbar gerichteter Weg.
+
+Ach was, Flausen! rief Lamm schroff, ja fast wild. Flausen! Darauf
+fall' ich Ihnen nicht herein!
+
+Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. Ich
+habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrngt, Herr Hofrat, sagte er
+leise. Da ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich
+gestehe sogar, da ich noch nie einen Menschen in diesem Ma bewundert
+habe. Meine Bewunderung ist um so grer, als ich mir nicht verhehle,
+nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg fhrt, den sie geht.
+
+Lamm schwieg betroffen. Die beiden Mnner sahen sich an.
+
+Und Sie haben kein -- Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie
+wollen keine Zinsen daraus ziehen? fragte Lamm mit verkniffenem Mund.
+
+Ich verstehe nicht --
+
+Ich meine, ob Sie nicht ein bichen bestochen sind, vielleicht ohne es
+zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime
+Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein
+egoistisches Ziel.
+
+Hierauf habe ich keine Antwort.
+
+Das ist jedenfalls bequem. Lamm erhob sich und begleitete seine Worte
+mit heftigen, abgehackten Gebrden. Ich soll also schlechterdings an
+Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann
+sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten
+gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?
+
+Ihr Ungestm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles, sagte
+Strygowski, der bla geworden war.
+
+Ich beschuldige Sie nicht, ich wei nichts von Ihnen, Sie sind mir
+fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel, fuhr Lamm grollend fort.
+Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber knnen Sie
+sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, da ein
+Wesen wie Olivia sich Tag fr Tag, Stunde fr Stunde unter Mnnern
+bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Mnner zu wirken?
+Meine Frage enthlt keine Frivolitt. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
+leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein,
+auf dem es fr bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger
+ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sttigung, Blut will Wrme.
+Riechen Sie nicht den tckischen Giftstoff, von dem das ganze Haus
+erfllt ist? Glauben Sie, da irgendein Weib sich dem entziehen kann,
+auch wenn sie Olivia heit?
+
+Ich glaube es, erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. Was Sie
+sagen, ist keine Wahrheit fr mich, sondern eine Anklage, die erst
+bewiesen werden mu. Es mte erst bewiesen werden, da die Caritas, vor
+der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.
+
+Ist sie auch! rief Lamm mit Leidenschaft. Ein Unhold und Lgengeist,
+der Frauen- und Mdchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie
+dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoen.
+
+Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche,
+berlegte eine Weile, whrend er die Uhr in der Hand behielt und sagte
+dann: In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite
+Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt
+werden. Unmglich, da Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie
+dabei sehen.
+
+Ich brauche den Augenschein nicht, knurrte Lamm. Alles was ist, kann
+ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.
+
+Diese Paradoxie ist mir bekannt, entgegnete der Arzt; ich kenne
+dieses Leiden. Er blickte traurig zu Boden.
+
+In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintniges Plrren,
+ein singsanghnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tr
+und lauschte. Dann ffnete er die Tre, schritt durch den kleinen
+Vorraum und die Treppe hinunter.
+
+Doktor Strygowski folgte ihm.
+
+ * * * * *
+
+Auf der untersten Treppenstufe sa zusammengekauert ein Mensch. Erst als
+er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie
+ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkrper
+schaukelte. Was treibst du da? herrschte ihn Lamm an.
+
+Herr Hofrat, ich find' im ganzen Haus kein Pltzchen, wo es still ist,
+flsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie
+geschwollen.
+
+Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett, befahl Lamm.
+
+Gerold erhob sich schwerfllig und wankte ber die Stiege. Kann aber
+nicht schlafen, Herr Hofrat, klagte er.
+
+Lamm schttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube
+zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so
+sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, da er mit einer unbehaglichen
+Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das groe
+Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren
+ausgelscht bis auf eines, das neben der Tr brannte und durch ein
+grnes Tuch abgedmpft war. Nur in den zunchst stehenden Betten konnte
+man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige
+Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glnzten
+die Augen hei, und wenn sie den Kopf zurcksinken lieen, chzten sie.
+
+Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: Sie mu
+gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drben
+ist eingenickt.
+
+Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die
+Tre. Es war Olivia.
+
+Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum lieen ihr Gesicht nahezu
+wei erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas
+Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die
+schlummernd auf dem Stuhl sa und berhrte mit der Hand deren Schulter.
+Das Mdchen fuhr erschrocken empor; die Bestrzung in ihrem Gesicht
+verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schttelte den
+Kopf und ging weiter.
+
+Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr
+zu, frmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Suglingen,
+wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rhrend und unheimlich. Olivia
+schien es zu fhlen; sie neigte die Stirn; alles war pltzlich so sanft
+an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.
+
+Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlschen durfte.
+Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze
+Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spre sie
+alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschrften Sinnen.
+
+Als sie in das nchste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine
+ltere Person, aus der Tr. Sie sagte: Mit Nummer 42 geht es jetzt zu
+Ende.
+
+Rufen Sie Doktor Strygowski, antwortete Olivia.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flsternd einige
+Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des
+Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia
+bemerkte ihn im Vorberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu
+lcheln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.
+
+Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren
+Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.
+
+Der Sterbende war in einem Zustand von Auflsung und Entrckung. Der
+Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, da es peinigend war, in
+sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrpp.
+
+Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und
+lauschte dem Herzschlag.
+
+War es nur eine Tuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im
+Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des
+Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
+Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
+ausschlielich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie
+wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein
+Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen
+den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden
+und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des
+Willens und des Bewutseins, der alle in Erstaunen versetzte.
+
+Lamm sphte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang
+es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und
+dringlich glnzenden Auge begegnen mute. Olivia stand hinter dem Arzt;
+in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen strubte
+sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten htte er ihr zugerufen:
+Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrngnis
+befreit htte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus
+unmglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er
+ri seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und
+hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus berlegung,
+als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewhnliche zu
+ziehen.
+
+Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des
+Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und
+Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den
+blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der
+deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lcheln nicht
+gemildert, sondern verstrkt. Sodann erschtterte ein schrecklicher
+Seufzer den Krper, das Auge brach, das Leben war dahin.
+
+Als Robert Lamm den Raum verlie, war ihm wie einem zu schimpflicher
+Strafe Verurteilten zumute; das Lcheln unergrndlicher Verachtung in
+der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.
+
+ * * * * *
+
+Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwr in ihrer Brust. Am
+Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede
+Gedankenfolge schlo mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
+ist Trost?
+
+Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame
+Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie
+zufllig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen
+sich das Unglck sammelte. Man mute die Einbildungskraft in Schranken
+zwngen, um nur die Hnde rhren zu knnen. Es war ein krampfhaftes
+Ansichhalten vom Morgen ber den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum
+Tag.
+
+Und dennoch: immer wieder auf und hinber, hin zu den Wunden,
+vielleicht, da eine Berhrung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte
+oder Geduld einflte.
+
+Sie fhlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie
+fhlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr
+hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehrter
+Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn
+sie sich ganz ausschpfte im Tun, sich ganz und gar verga.
+
+Die Schicksale strzten ber sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie
+wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach,
+vllig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, fate
+sie sich wieder, so wurde es zu grlich, nur zu denken an das, was war.
+Nicht allein von Bildern der Zerstrung war ihr Geist beladen, Bildern
+leckender Flammen, eingescherter Wohnungen, unertrglichen Hungers,
+erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung,
+die keinen Blutstropfen unvergiftet lie, sondern von dem auch, was
+dahinter war an Wut, Ha und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lgen, den
+Beleidigungen der Menschenwrde, von dem Aufgestachelten in allen, der
+von berallher tnenden Klage.
+
+Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mute
+Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: Du darfst
+die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.
+
+Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du? gab Frau Khuenbeck erstaunt
+zurck.
+
+Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den
+Bruder beklagte.
+
+Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den
+Vermiten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines
+Tages mit Olivia darber, wie sie beim Anblick jedes Brieftrgers
+bleich geworden sei, bei jedem Luten der Wohnungsglocke gezittert habe.
+Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Mttern, die in folternder
+Ungewiheit um das Leben ihrer Shne schwebten und an keinem Morgen
+erwachten, ohne auf die Kunde gefat zu sein, die ihr Dasein in eine
+Wstenei verwandelte.
+
+Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter
+traten hervor. Als sie aufhrten, stumm zu sein, wenigstens fr Olivia,
+wlzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die
+dalagen, hatten berdies Worte, unvergeliche Worte, um andre wieder
+schallte tnend ihr Erlebnis, ohne da sie selber Kunde gaben.
+
+Ich will nimmer hinaus, knirschte einer im Fieber und bumte sich
+verzweifelt, tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh' nimmer. Einer
+stie im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute
+gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in
+ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt
+und den Verstand geraubt hatte.
+
+Da war ein Mann, der in seinem brgerlichen Beruf Akrobat gewesen war.
+Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe,
+wie sie sich fremdlndisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die
+Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
+ergtzt. Ein Schrapnellschu hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und
+Kinder waren des Ernhrers beraubt, er lag da, ein Krppel, und sann
+darber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst wrde treiben
+knnen. Er dachte an das bunte Kostm, in dem er aufgetreten war, an den
+Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und da das
+alles nun vorbei war.
+
+Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr
+gewhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und
+niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewhnlichkeit der Zge war durch
+die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Krfte umglht. Wie ging
+das zu?
+
+Sie grbelte unablssig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute,
+die aus einem kleinen Leben zufllig in ein groes gerissen worden und
+darin zerschmettert worden waren, zufllig in diesem Haus ein Asyl
+gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Sdmark, der da lag,
+erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm
+vorgegangen, da er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er
+unbeweglich im nassen Schtzengraben zugebracht, unter den Folgen eines
+bsartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebt. Eines Tages
+war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehrmtes Weib, frhzeitig
+ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Sttze, ihre
+Hoffnung. Sie wute nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen,
+sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er
+rzte und Schwestern gebeten, da man ihr nichts sage. Zuerst ging es
+ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Glsern
+begnstigte die Tuschung. Allmhlich wurde die Frau stutzig. Ein paar
+tastende Gebrden, der tote Ausdruck der Zge erweckten Ahnungen. Sie
+langte pltzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rhrte, stie
+sie einen markerschtternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte.
+Mit schuldbewutem Ton sagte er: Was willst denn, Mutter, ich seh' dich
+ja. Aber es war zu spt, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mute
+fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hrte man ihn immer wieder vor
+sich hinmurmeln: Ich seh' dich ja.
+
+Woher kam ihm dieser Heroismus?
+
+Woher kamen dem einfachen mhrischen Soldaten die Worte, mit denen er
+schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
+hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen mssen?
+Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste
+Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Htte, der
+Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor
+sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmigen Pausen zu dem
+Soldaten tretend. La mich heraus. -- Darf nicht, Herr Oberleutnant.
+Und jener, wie ein verstrter Geist, zur Wand hinber, in die Wand
+hineinredend: Er will mich nicht herauslassen. Dann wieder: Gib mir
+dein Gewehr. -- Darf nicht, Herr Oberleutnant. Der Offizier zur Wand,
+und dort in klagendem Ton: Er gibt mir das Gewehr nicht. So ging es
+den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen
+Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn
+Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier,
+Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem
+Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, da er nicht erhalten habe,
+was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch
+der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.
+
+Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzhlte.
+Man hie ihn blo den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhltnis
+Gehilfe bei einem Zuckerbcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh,
+doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
+und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
+und von oben bis unten schttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden,
+alle Huser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen
+gefeuert worden war, und die Mnner, die man darin fand, sogleich zu
+erschieen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstrae
+und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
+Hauses wurden zwei Schsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die
+Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon
+nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus
+betraten, lagen in der Tenne zwlf Mnner auf den Knien, schon zum Tod
+bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im
+Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwlf Soldaten legten die Gewehre
+auf die zwlf Mnner an, die Salve krachte, die Mnner strzten tot zu
+Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rhrten
+sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit
+der Hand ber die Stirne; sonst nichts. Es mute in der Gebrde etwas
+bermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzhler kam
+immer wieder darauf zurck; es lie ihn nicht los, er mute es immer
+wieder beschreiben.
+
+Olivia sah diese Frauenhand, sah sie ber die Stirne streichen, als sei
+die letzte Hoffnung die, da vielleicht alles nur ein bser Traum war.
+Und warum? fragte es in ihr, warum, o Gott?
+
+In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn
+zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis
+ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, hlicher Kter war es,
+der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich
+gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er mde vor sich
+hin, gleich als sei er dort drauen von einem Strahl hheren Bewutseins
+getroffen worden, der seine Tierseele flchtig erleuchtet hatte, so da
+sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.
+
+Warum diese unermeliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes?
+Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden
+lassen?
+
+Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als msse sie hinstrzen
+und ihr Denken erwrgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander
+zureitend, mit geschwungenem Sbel gegeneinander. Schon will der unsere
+zuhauen, da sieht er, da der Russe keinen Kopf mehr hat, da er aber
+noch immer, den Sbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stt der
+unsere einen Schrei aus, fllt vom Pferd, und auf dem Boden windet er
+sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die
+Sprache verloren.
+
+Sie sah die Flchtlinge, Mnner mit eilig errafften Habseligkeiten, die
+Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Sugling verloren, die
+andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und
+nchtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den
+Viehwagen langer Eisenbahnzge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu
+fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und
+wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre
+Suglinge verschmachteten.
+
+Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrchigen auf einer den Insel
+glichen; sah die Vter, die keine Shne, die Kinder, die keinen Vater
+mehr hatten, die Witwen, die trauernden Brute, die Verlassenen,
+Beraubten, zugrunde Gerichteten berall. Sie sah die Mutigen erlahmen,
+die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhrten, freinander
+zu zittern. Sie sah die tausendfltige Unbill, Zurcksetzung und
+Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn
+die trbe Flut des Niedrigen und Gewhnlichen emporschwoll oder das
+krperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung
+flgellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch fr
+den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbte und
+nur den Strksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.
+
+Olivia sah die Stdte rauchen, die Anwesen geplndert, die cker
+zerstampft, die Wlder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt,
+ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstmmelt in den
+Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in
+den Smpfen und hinuntergestrzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in
+den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Mnner und
+Jnglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mdchen, Reiche und Arme, Gute
+und Schlechte, Verrter und Verratene, Schne und Hliche, Glckliche
+und Unglckliche.
+
+Und sie hrte das Gelute der Glocken und das Prasseln der Brnde und
+alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst
+auszudrcken. Sie hrte, wie sie in den Kirchen beteten und in den
+Stuben weinten. Sie hrte die Worte des Abschieds und die Worte frommer
+Fgsamkeit. Sie hrte den Marschschritt der Armeen, das Schlrfen mder
+Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesnge des Triumphes
+und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich
+berauschen wollten.
+
+Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer
+Nacht beim Granatenfeuer weie Haare bekommen hatte.
+
+ Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,
+ zu begraben, zu begraben die Soldaten.
+
+ Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Lnge,
+ dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.
+
+ Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!
+ die Gemeinen unten, Korporale oben.
+
+ An den Seiten viere, in der Mitten viere,
+ berquer die Herren, Herren Offiziere.
+
+ Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,
+ dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.
+
+ Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,
+ zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.
+
+ Morgen frh vielleicht bin ich auch geschossen,
+ morgen frh, gewi, ist mein Blut geflossen.
+
+Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewhnlichen
+Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstckten und
+verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.
+
+Es wurde ihr alles zur Vision, immer glhender und glhender, und sie
+suchte in der glhenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den
+Urheber, sie suchte den Bsen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des
+Bsen. Sie sagte sich: einer mu sein, der das ungeheure Leid, den
+unermelichen Jammer bewirkt; einer mu da wirken, Gott kann es nicht
+sein, es mu ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen;
+Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wrme, aller Liebe, alles
+Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bsen, und sie suchte ihn.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein
+zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete.
+Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.
+
+Um eine reichgedeckte Tafel saen fnf oder sechs junge Weiber. Sie
+waren in Gesellschaftstoilette, tief entblt, lachten ausgelassen und
+tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und
+verfhrerischen Gebrden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende
+der Tafel sa. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Klo, wie
+ein Stck Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nhe kamen,
+und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.
+
+Ein befrackter Mensch mit langem Knstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
+warf ihm der Gestaltlose ein Goldstck hinber, das er geschickt
+auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.
+
+Mitten auf dem blendendweien Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine
+Leiche. Ihr Krper war ganz und gar mit Frchten und Konfekt bedeckt,
+und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe
+von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und
+tropfte in leisen Schlgen auf den Boden.
+
+Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in bermtigster Laune, da erhob
+sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die
+Betreffende war geradezu ein Wunder an Schnheit, strahlend von Jugend
+und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
+das die schlanke Figur zur hchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war
+die freie Anmut bewuter Kunst, und als sie den Kopf zurckbog und
+hingerissen lchelte, lchelten die andern Frauen mit und klatschten in
+die Hnde.
+
+Whrend der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus berging, war
+es, als ob der tanzende Klo sich dehne und wachse; er bekam einen
+Schdel, aus dem Schdel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich
+begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer
+solchen Lust erfllt, da die Zuschauerinnen pltzlich verstummten und
+sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tnzerin aber wurde
+zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloes zu
+befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldrre Arme, mit denen er sie still
+gewaltttig an sich prete, immer fester, so fest, da sie zu rcheln
+begann, da ihr Gesicht blau wurde, da ihr Leib in der Mitte
+einknickte, und als sie ihm schlielich entseelt in den Armen hing, sah
+es aus, als sei nichts mehr von ihr brig als das Kleid.
+
+Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten
+einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust
+unter Frchten begraben war, den Kopf in die Hhe und sagte mit
+geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib
+sie mir wieder!
+
+In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strmten nun auf
+einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere,
+rmlich gekleidete Frauen, junge Mdchen. Einer von ihnen, ein alter
+Mann mit weiem Bart, drngte sich nach vorn und sagte zu dem Klo, der
+jetzt allmhlich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter
+wieder!
+
+Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie auer sich:
+Gib uns unsere Tchter zurck! Unsere Brute! Unsere Schwestern!
+
+Da aber wurde ein monotones Gemurmel hrbar, die Aufgeregten sahen sich
+um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demtig und
+bekmmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser
+Land, gib uns unsere Wlder!
+
+Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Shne gib uns, du
+Mrder, unsre Shne!
+
+Der Klo wich Schritt fr Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr
+Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hnde und Krper; es war
+als sei er mit Rost berzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Zge
+erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
+etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen beraus langen Armen winkte
+er den Dienern, die brachten nun Scke voll Gold und Edelsteinen und
+schtteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes
+Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies
+und in strengem Ton sagte: Das fr unsere Tchter? Das fr unsere Shne?
+Fr unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?
+
+Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brder! Unsere Shne! Unsere
+Lnder! Du in Ewigkeit Verruchter!
+
+Olivia hatte die Augen offen und sah und hrte alles so wirklich, als ob
+sie im Theater se.
+
+ * * * * *
+
+Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablssig; wo soll ich hin, wo
+kann man noch leben, wo ist es noch mglich, zu lcheln, wo ist noch
+Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?
+
+Sie wnschte, sich verwandeln zu knnen. Als sie von fern durch die
+Glaswand der Treibhuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter
+Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und
+innig, bewutlos hinzudmmern, mit zartesten Fasern an die Natur
+gebunden!
+
+Da man Blume werden knne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und
+beglckende Idee fr sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein
+letztes Asyl.
+
+Sie erhielt die Nachricht, da ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im
+Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Trstung fhig sa sie zu Hause
+vor der versteinerten Mutter.
+
+Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.
+
+Dazu mu man Kinder haben, dazu sie aufziehen, sagte die unglckliche
+Mutter mit Augen ohne Trnen; zwanzig Jahre war er alt.
+
+Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: Um Pfingsten herum
+werd' ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man mte dich mit Stricken
+auf ein Bett binden.
+
+Ein paar Tage spter ging sie gegen Abend in seine Kammer. Schau' dich
+nach der Mutter um, bat sie, ich kann meinen Platz nicht verlassen.
+
+Ja, du bist wichtig, pflichtete er ihr voller Hohn bei, oder du
+glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten
+ihre Toten beklagen zu helfen.
+
+Wozu also taugst du? konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und
+ihr Blick flammte. Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das
+schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in
+unserm Land, da sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
+kein Ruhm damit zu holen.
+
+Er lachte sonderbar. Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, rum' ich
+dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen, entgegnete er und lie,
+beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hngen; nur nicht diese
+wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im berschmerz. Ich werde
+verrckt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr
+lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.
+
+Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. Du bist sehr einsam,
+sagte sie.
+
+Ich will ja deine Mutter besuchen, lenkte er ab, unangenehm berhrt
+von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Khle, aber sie hat nichts von
+mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schlielich allen im
+Wege, auch mir selbst.
+
+Du bist sehr einsam, wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war
+pltzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.
+
+Nun ja, stotterte er, was weiter?
+
+Einsamkeit ist eine Todsnde, Robert. Sie trat einen Schritt nher vor
+ihn hin und sagte: _Deine_ Einsamkeit ist Todsnde.
+
+So nimm sie mir weg, versuchte er dster zu scherzen. Bekehre mich,
+vielleicht gelingt's, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel.
+Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?
+brach er aus und bohrte die Fuste in die Augenhhlen. Auch Blindheit
+kann eine Todsnde sein, murmelte er vllig verstrt, genau so wie
+Einsamkeit.
+
+Da ihm dieses oder ein hnlich geartetes Wort jemals entschlpfen
+knnte, htte er nie fr mglich gehalten. Scham bemchtigte sich
+seiner, und am liebsten htte er sich mit Ngeln das Gesicht
+zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne
+Kraft, ohne Wrde, und fr die Dauer einiger Minuten war sein ganzes
+Wesen umnachtet und im Krampf.
+
+Als die Hnde von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
+Mit welcher Miene, mit welch erschttertem Zgern hatte er nicht
+wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich
+alt, wirklich ohne Wert und Wrde. Denn der Mensch ist doch am Ende das,
+wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.
+
+ * * * * *
+
+Einsamkeit Todsnde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er
+sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel
+kann ich Absolution erwerben.
+
+Es kam eine Wut ber ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach
+Lrm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnffeln, zu
+schren. Er ging in die Kaffeehuser, in die Versammlungen, zu frheren
+Kollegen, sprach Bekannte auf der Strae an und redete so lange mit
+ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick fr die
+Unzufriedenen, die Verschwrer, die heimlichen Brandstifter, die Nrgler
+und Dunkelmnner aller Kategorien. Er wute sie so einzuspinnen, da
+sie getuscht die Maske fallen lieen. Er verstand so zu heucheln, da
+er sich selber widerlich wurde. Seine tckischen Mitleids- und
+Freundschaftsversicherungen wurden mit den Gestndnissen quittiert, um
+die es ihm zu tun war. Er tat jenen schn, deren Bestechlichkeit und
+Verrtertum ffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrgern
+und klatschte den falschen Propheten Beifall.
+
+Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im
+Katzenjammer nach einer Orgie berlieen; mit dem Zynismus, den auch der
+Tartff in der Erwartung der groen Katastrophe an den Tag legte; mit
+der aufgehuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurckgesetzten, mit
+dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natrlichen Freude des
+Menschen an Unheil, Tod und Zerstrung.
+
+Aber sein selbstqulerischer und haerfllter Gang zu den Menschen nahm
+eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, whrend
+ihn die Spieler beschftigten; von Schatten umringt, die in einer
+Schattensprache redeten, sah er ber ihnen, unter ihnen, hinter ihnen
+Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er
+den ewigen Gesang der Wurzel. Er fhlte die Kraft, fhlte die Bewegung,
+fhlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fhlte
+sein Land, er fhlte sein Volk. Wenn er vor den Bckerlden die blassen
+Frauen stehen sah, geduldig wartend, da das Brot ausgeteilt werde, wenn
+die zu Krppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast
+schwrmerischen Augen, an Stcke gefesselt, einherhumpelten, wenn
+verschmte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den
+Elendsquartieren Siegesfeste glubig-still feierten, da wurde ihm der
+Zusammenhang bewut, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
+wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie
+verlassen hatte.
+
+ber den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen
+Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der
+Olivia des Nachts durch die Sle geschritten? Er konnte sich dieser
+Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine
+Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen
+und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, da sie die
+Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlst.
+
+Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!
+
+Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frhlingsluft, in einer
+sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm
+jetzt zumute war, als msse er das Gesicht in Kissen vergraben und
+schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der
+Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein
+Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da ffnete sich die
+Tre und Olivia trat herein.
+
+Er erbebte; es ahnte ihm, da es sich um eine Entscheidung handelte.
+
+Die Bestrzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war
+nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer
+empfunden, aber da er sie nun zur Verantwortung ziehen wrde, hatte sie
+nicht erwartet.
+
+So weit sie auch zurckdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem
+Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch
+einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn
+gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester
+geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht
+gnzlich zu verfallen, war sie ihm schon gnzlich verfallen.
+
+Sie hatte aber nie aufgehrt, ihn Freund zu heien. Ja, es war der
+erfahrene, wohlgesinnte, starke, verlliche Freund gewesen, sogar in
+den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die
+Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in
+geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr
+entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
+nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war
+noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch.
+Und das Wissen um seinen Ha und Abscheu war nur ein Ansporn geworden,
+so zu erglhen, da der Eispanzer um seine Brust schmelzen mute.
+
+'Auch Blindheit kann Todsnde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du
+mit mir bist?' Dieses Wort vernichtete wie ein zndender Blitzstrahl
+alles, was sie um sich her gebaut hatte.
+
+Nur zu deutlich hatte sie die Not gefhlt, in der er es ihr
+entgegenschrie. Also war er berzeugt, da sein Vorwurf und der
+Anspruch, den er erhob, zu Recht bestnden? Da sein Schicksal, er das
+ihre wre? Unbeseelt und miverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man
+einen Boten benutzt oder einen Fhrer, und hatte seine Gaben, sein
+hingestrmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen
+Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine
+wertlose Mnze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig
+Sinn und Phantasie war in ihr, da sie ihn im Dunkeln hatte tappen
+lassen Jahr fr Jahr und er mit getuschtem Herzen zum Verrter werden
+mute an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
+niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen
+Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und
+die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mhevollen Weg. Und sie
+hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten berdauert,
+die in kurzem Glcks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren.
+Getrumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine
+Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.
+
+Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: Man
+erzhlt, da der Hofrat Lamm um Sie wirbt. Sie hatte den Kopf
+zurckgeworfen und mit aufsteigender Blsse in den Wangen erwidert:
+Wenn Robert Lamm mich haben wollte, htte er nicht ntig, zu werben.
+
+Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.
+
+Pltzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer
+Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trbungen abgewartet, um sie zu
+rufen im Angesicht einer blutberstrmten Welt. Geschah es, weil er nach
+einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder
+in der Verzweiflung ber den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie
+widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch
+auer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zrtlichkeit fhlte
+sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter
+verstanden.
+
+ * * * * *
+
+An einem Nachmittag um die Dmmerungsstunde betrat sie das kleine
+Lese- und Sprechzimmer, das fr die Genesenden eingerichtet worden war.
+Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie sa am Tisch und
+hatte den Kopf in die Hand gesttzt. Trotz der Dunkelheit war an den
+Umrissen des schnen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging nher zu
+ihr hin. Was ist mit Ihnen, Nina? fragte sie, und als Nina Senoner
+erschrocken aufblickte, sprte Olivia die unheilbare Verstrung in
+diesem Gemt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen
+zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.
+
+Da machte Nina Senoner eine jhe Bewegung, schlang die Arme um Olivias
+Hften und prete das Gesicht gegen ihre Brust.
+
+Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persnliches Wort
+auf dem Grund persnlichen Gefhls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte
+verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem
+Schicksal auszukmpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand
+Reue. Sie legte die Hnde wie schtzend auf Ninas Haar. Die stolze,
+herbe Frau, die ungeachtet ihrer fnfunddreiig Jahre wie ein junges
+Mdchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhrlich zuckte ihr Krper.
+
+Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu fhren, wo sie
+ungestrt sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit
+ihrem Taschentuch die Trnen auf dem weien Gesicht. Sie fragte, fragte;
+hingebend, ja zrtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu
+berwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
+in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie
+kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit,
+von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Klte hatte sie allmhlich in
+eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen
+erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.
+
+Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und
+der ihr ein vortrefflicher Gefhrte war. Aber sein Los war die Arbeit,
+und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
+wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen,
+einen geruschlosen Haushalt und angenehme Gesprche. Nina hatte viel
+Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Gte und Sorgfalt
+des Mannes war auf das uere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit
+Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und bla aussah, lie
+er die teuersten rzte kommen und wachte darber, da deren Ratschlge
+befolgt wrden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen
+Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergltig betrachtet, und das
+strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glck zu
+besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.
+
+Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner berhaupt merkte, da sich
+mit ihr eine Vernderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem
+bewunderten und beneideten Bild des Glckes passen wollte. Sie gehrte
+zu den Menschen, die selten ber sich und ihren Zustand nachdenken, zu
+jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der
+Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer hufiger
+vor, da ein sehnschtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn
+in Schatten hllten. Sie war gern allein; solche Stunden geno sie tief;
+da verflog das Gefhl der Einsamkeit, und sie wurde frhlich, wie sie
+als junges Mdchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu
+sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfltigkeit zu; man drngte
+sich an sie; man wollte sie haben; man fhlte sich wohl in ihrem Haus
+und in ihrer Nhe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und
+reizte sie Mnner wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche
+Stimmung, ihr sanfter Blick glttete alle Stirnen. Sie war immer
+verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gsten. Die
+zahllosen Ansprche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz
+unmglich. Es war eine Lawine, die selbstttig anschwoll und ihre Seele
+unter sich begrub.
+
+Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur knstlich und
+nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar
+kein Wille mehr, kein Entschlu und keine Freiheit. Es schien ihr, als
+habe man sie planmig und Schritt fr Schritt ihres Eigenlebens beraubt
+und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon
+ausgelscht war. Sie sah sich nur noch als Hlle ihres frheren Ichs,
+als Opfer von toten Dingen, als Erfllerin von zwangvollen Pflichten,
+als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, da sie auch
+Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplndert und ihr
+nichts briggelassen hatten als einen mden Krper und ein freudloses
+Herz.
+
+Ihre Liebenswrdigkeit und Schnheit hatten viele Mnner berckt;
+hochgestellte und geringe, alte und junge, berhmte und unbedeutende
+hatten fr sie geschwrmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der
+Ferne begngt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben
+gesucht; die Bemhungen der meisten hatte sie bersehen, und sie konnte
+dabei einen Hochmut entfalten, der grndlich erkltete; einige gab es,
+die sie eines vertrauten Gesprchs fr wrdig hielt, von denen sie
+Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflte. Doch keinen
+einzigen hatte sie so begnstigt, da er sich in besonderer Weise htte
+ausgezeichnet finden drfen, geschweige denn, da sie sich ihm gegenber
+etwas vergeben htte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zhlte die
+ungetreue Gattin zu den gewhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie
+hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung versprt, und der
+Gedanke, ihren Gatten zu betrgen, auch nur mit einem Blick, mit einem
+Lcheln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.
+
+Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann
+kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen
+Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit
+Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je lnger man
+sich mit ihm beschftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von
+der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina,
+in der Mitte der Dreiig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war
+doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhngigkeit seiner Gesinnung
+ffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu berschreiten sie zaghaft
+und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glcklich, hatte
+Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen
+Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundstze der
+sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.
+
+Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, da ihre Zge
+anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer
+eigentmlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens
+gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wute sie,
+worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts
+von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.
+
+Der Freund vermochte es, ihr dieses Gestndnis zu erpressen. Er
+vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, da es noch nicht zu spt sei.
+Dies aus seinem Mund zu hren und immer wieder zu hren, beglckte und
+erschtterte sie. Sie verlor sich in dunkle Trumereien. Stumm lauschte
+sie den Worten des Mannes, den sie pltzlich mit einer Gewalt liebte,
+von der sie frher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert
+und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so htte sie doch
+niederknien mgen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
+ihre Gebrde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll
+Zrtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drngte nicht; er
+achtete ihr Gefhl, und seine besondere Art von Gte erstaunte sie bei
+einem Mann und machte ihn ihr tglich teurer, whrend der Kampf, der in
+ihr tobte, tglich ungestmer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr
+Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hrte;
+sie wnschte zu sterben und begehrte heier als jemals zu leben; alle
+Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prgte ihrem
+Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mute sie auf der Hut
+sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von
+vielen.
+
+Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mibrauchen, war ihr
+entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und vllig im Bann
+der berlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran,
+den letzten Schritt zu wagen, blo um die Qual zu beenden, blo um dem
+Spender des Gefhls, das sie erfllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette.
+Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund:
+Wir drfen uns nicht mehr sehen. Der Ingenieur reiste ab. Nina
+erkrankte.
+
+Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie
+konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nchte,
+wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf,
+und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die
+sie bestimmte. Es konnte nicht hufig geschehen, aber von einem Mal zum
+nchsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude
+hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwrmerei an ihn denken, sich
+seinen Gang vorstellen, sein Lcheln, seinen Gru, und wenn sie ihn
+erwartete, schritt sie vom frhen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer
+und war totenbleich.
+
+Aber die wenigen Stunden, die sie dann fr einander hatten, wurden oft
+durch das Erscheinen Jeanettes gestrt. Sie trat mit einem Scherz, einer
+Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land
+gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst
+in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mdchenhaftem Spott,
+bevormundete in ihrer gutmtigen und etwas derben Weise die Mutter, war
+anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre
+Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte
+den Verdacht, da sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt.
+Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus;
+war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
+so drohte ihre Rckkehr; sie war immer da, immer zu frchten.
+
+Allmhlich verkrperte sie fr Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des
+Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das
+Antlitz der Tochter, so fhlte sie die unbarmherzige Forderung, die
+Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
+hatten, empfand sie die ganze Nchternheit und Dumpfheit ihres Daseins.
+Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergtterte, war ihr zugleich ein
+Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wchter vor ihrem
+Gefngnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.
+
+Sie geriet in Verwirrung und unsgliche Qual. Sie floh vor Jeanette und
+suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach
+sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines
+Tages sagte die Achtzehnjhrige zu ihrer Mutter: Du bist mir ein
+Rtsel, und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den
+Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem
+Flehenden ihre Hand berlie, horchte sie mit emporgezogenen Schultern
+und abgewandtem Gesicht zur Tr. Er fragte, warum sie so vor dem Kind
+zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebrde als Antwort; wie von
+Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein
+Leben, die Lsung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob
+beschwrend die Hnde. Er wollte sie umarmen, sie stie einen Schrei aus
+und stellte sich schnellatmend mit dem Rcken gegen die Tre. Sie wrde
+mich bis ans Ende der Welt verfolgen, sagte Nina flsternd; sie hat
+alle Macht, und ich habe keine. Dieses wunderliche Wort ergriff den
+Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die
+Ahnung der Gefahr.
+
+Einst standen sie in der Dmmerung nah' beieinander am Fenster, da
+wurden rasche Schritte hrbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der
+Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig:
+Wie kann man sich nur so taktlos benehmen! -- Aber Mutter! rief
+Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres
+Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in
+die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend
+verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die
+hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte
+Zweifeln, verachtete die Dmmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein
+neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu
+verkndigen und fr sich einzustehen, sie erklrte sich fr das Gerade,
+fr die Helligkeit und fr die Kraft.
+
+Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen
+Jeanettes herausfhlte. Und er sagte es Nina. Geh zu ihm oder geh zu
+mir, schlo er; zu einem mut du gehen.
+
+Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief,
+dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, da sie einen andern liebe.
+Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren.
+Zwei Tage und zwei Nchte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
+rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: Ich bin deine
+Frau. Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das
+sie in Ungarn besaen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie
+blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie hufig, sie war verndert,
+voll Zartheit und Rcksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun
+zufriedengestellt. Von dem Geliebten hrte sie erst wieder, als er bei
+Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gru.
+
+Heute hatte sie die Nachricht erhalten, da er gefallen sei.
+
+ * * * * *
+
+In das verstrte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein lie
+aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen muten. Olivia
+war so sehend geworden, so allfhlend, so mitschwingend; sie dachte auf
+einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.
+
+Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war
+wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wute und lebte,
+zum Kampf gegenbertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach,
+dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der
+ewige Hunger der Dmonen schrie nach Stillung.
+
+Eine reuevolle Unruhe erfate sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne
+gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrttung
+menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in
+ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um
+sein Recht zu fordern.
+
+Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied bergeben
+hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drngte sie hin wie zu
+einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, da auf
+dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen.
+Sie las: Zu ffnen von Olivia, wenn sie einmal spren kann, was sie mir
+war.
+
+Zaghaft streifte sie das Band herunter und ffnete die Rolle. Es kam
+eines der Portrts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von
+ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, da es
+ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen
+Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das
+Gesicht war von solcher Schnheit, da Zweifel sie beschlichen, ob es
+auch wirklich ihre Zge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee
+davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas
+Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche
+Bereitschaft, die Olivia fremd berhrte und sie errten lie. 'Soll ich
+so gewesen sein?' fragte sie sich.
+
+Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mute sie auch so gewirkt
+haben. Dann mute das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter;
+unwillkrlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und
+sie ihn fragen knne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
+fragen.
+
+Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurck. Da meldete man ihr, da im
+Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier,
+der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde
+kamen, leidend angestrengte Zge hatte, erhob sich und fragte hflich,
+ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und
+fuhr fort: Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt,
+Ihnen Gre zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu
+versumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.
+
+Wo ist Georg Ingbert? erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.
+
+Er liegt in Zawadow bei Strji.
+
+Verwundet?
+
+Schwer verwundet; so schwer, da man ... da man seinen Tod wnschen
+mu.
+
+Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hrbar: Ich
+danke Ihnen. Sie haben mir einen groen Dienst geleistet.
+
+Ihr Entschlu war gefat.
+
+ * * * * *
+
+Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier.
+Ich mu so schnell wie mglich nach Galizien, Robert, sagte sie; sei
+mir behilflich, da ich morgen die ntigen Papiere erhalte.
+
+Was willst du denn in Galizien tun? fragte er.
+
+Sie antwortete: Ich mu zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend
+in einem Feldspital.
+
+Lamm ging, an ihr vorber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: Ich
+werde die Papiere besorgen. Dann, wieder nach einer Weile: Wre es dir
+lstig, wenn ich dich begleiten wrde? Du brauchst auf dieser Reise
+einen Schutz.
+
+Sie sah ihn gro an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er
+starrte darauf nieder, berwltigt. Olivia, zwischen uns beiden steht
+das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit, murmelte er.
+
+Sie schttelte den Kopf. Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes
+mehr, sagte sie mit schnem Lcheln und legte auch die linke Hand in
+seine.
+
+Unglubig hob er die Augen. Es gibt ein Glck, das wie Angst wirkt. Zu
+spt, Olivia, zu spt, stammelte er. Ich bin ein gar zu irdischer
+Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber
+ich habe nun wenigstens die Genugtuung, da ich nicht an ein trichtes
+Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine hhere Vernunft.
+
+Olivia, sichtlich mde, lehnte den Kopf an seine Schulter.
+
+Es ist mglich gewesen, das gengt mir, fuhr er fort. Die
+Verwirklichung wre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form
+geschaffen, die fr meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
+steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit
+gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht htt' ich mich
+sonst vollends zerfleischt. Jetzt berseh' ich den Weg; dich begleiten,
+das kann ich; dich fr mich behalten darf ich nicht.
+
+Olivia flsterte: Ich bin eine Frau; ich will es sein.
+
+Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hnde und kte sie auf die Stirn.
+Was htte es dann mit Georg Ingbert auf sich? fragte er. Warum diese
+Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir,
+-- die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im
+November?
+
+Das kann ich dir nicht sagen, erwiderte Olivia, ich _mu_ es eben
+tun.
+
+Ich aber kann es dir sagen, versetzte Lamm; du willst dich mit diesem
+Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das
+du auslsen mchtest. Wenn du zu mir gehst, schlgst du das Tor der
+Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, da einer, ob es auch
+blo ein Schatten ist, drauen steht und nach dir ruft.
+
+Olivia erbleichte. Sie schlo die Augen und schwieg.
+
+Wir knnen aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus, begann
+Lamm wieder; wer da baut, mu die Erde hhlen. Grber der Liebe machen
+neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du,
+Olivia, hast tausendfache Liebe in die Grber gesenkt, tausendmal hast
+du Georg Ingbert schon begraben.
+
+Und doch mu ich zu ihm --
+
+Ich glaub' es selbst, antwortete Lamm. Eine Fahrt ber lauter Grber.
+Zwischen dir und ihm -- Grber; zwischen dir und mir -- Grber. Millionen
+von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.
+
+Man mchte auf einen andern Stern fliehen, sagte Olivia. Es mu einen
+gttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.
+
+Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die
+wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind,
+ist nicht zu erforschen. Zu fhlen ist es, glauben mu man; kann man das
+nicht, dann ist es freilich zum Verrcktwerden.
+
+_Was_ fhlen? _Was_ glauben? brach Olivia leidenschaftlich aus.
+
+Die hhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
+ich sag' es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren,
+der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts
+andres brig. Gott will, und wir tun. Gott dngt, und wir wachsen. Gott
+pflgt, und wir werden als Unkraut ausgejtet oder als Samen in die
+Furchen gestreut. Was ist dein Aufbumen, was ist mein Schwatzen? In
+ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren
+Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen
+Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem auer dir. Und hilfst
+du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu frchten.
+
+Und du, Robert? fragte Olivia ernst: Du? Das alles ginge mir strker
+ans Herz, sprchst du zu mir als Handelnder.
+
+Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er
+antwortete: Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen
+herabgedrckten Zustand des Lebens finden mu, wre es wnschenswert,
+wenn jedermann eine Prfung seiner inneren Bestnde vornehmen wollte.
+Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach
+deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, wei ich nicht.
+Ich will's versuchen.
+
+Wirklich? rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. Doch warum zgerst
+du?
+
+Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia. Er
+wandte sich ab und sagte gepret: Knnt' ich nur in Worte fassen, was
+du mir bist.
+
+Robert!
+
+Jh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft
+und verlie ihn.
+
+ * * * * *
+
+Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein
+einer Mainacht, die Luft voll Blumengerche. In den Baracken waren
+schon die Lichter ausgelscht. Vor einem der Treibhuser sa ein Soldat
+und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weie Blten, so viele,
+da sie den Schritt dmpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles
+sprach von Auferstehung und Erneuerung.
+
+Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging
+sinnend weiter. 'Warum hast du das getan?' fragte sie sich pltzlich und
+betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weien Blten grinste ihr der
+Tod entgegen.
+
+Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt,
+fremd wie der Tod.
+
+ * * * * *
+
+Erst am dritten Tage konnten sie reisen.
+
+Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgerumt,
+erzhlte viel und war stets um Olivia bemht. Junge Offiziere saen im
+Wagen, die dem schnen Mdchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine
+teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhfen gab es lange
+Aufenthalte, und berall herrschte ein bengstigendes Treiben.
+Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flchtlinge jeden
+Alters und Standes drngten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte;
+Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszge versperrten die
+Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit
+noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der
+Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und
+besonnenen Kraft regiert.
+
+Und das alles fr eine Einbildung von Feindschaft, sagte Lamm leise zu
+Olivia; wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der
+da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich
+bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat --? Wo
+ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist
+mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Vlker?
+Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen,
+die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht
+einmal trumen knnen, und doch mssen wir ihn fr sie schaffen, sie
+wollen es, sie erzwingen sich's. Die Einsicht knnen sie uns nicht
+geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehren. Zeugung
+aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Zge von Mordlust und
+Grausamkeit und stt die Seele ins Chaos zurck, von wo sie stammt.
+
+La das, antwortete Olivia gepeinigt; ich mag's nicht, wenn Gedanken
+so wahr werden, da sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es
+endlich, da du dich getuscht hast, wenn du mir immer unser Land als
+reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brder gewtet
+wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, da wir
+nicht zuschanden geworden sind vor dir und da du das Henkerbeil umsonst
+gewetzt hast. Schau' in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
+in fast allen ein khles, ttiges Leben, ein werkfreudiges Gefhl, und
+sogar die Widerstrebenden knnen sich nicht entziehen. Sag's ihnen doch,
+da sie deiner nicht so ganz unwrdig waren, Robert; die Shne bist du
+ihnen schuldig. Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errtete.
+
+In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa
+fnfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhtchen auf
+einem mchtigen Schdel und sah einem Negerhuptling in europischen
+Kleidern hnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrten einander. Es war
+Exzellenz Hfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu groen
+Leistungen befhigt, hatte er sich doch wider die Rnke seiner Gegner
+nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
+waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren
+Theoretiker und rmisch angehauchten Frondeur ber Bord des
+Staatsschiffes gesplt. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung
+erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und
+wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets
+erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten
+in den Tumult der Weltbhne gerufen. Er war auf dem Weg ins
+Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden
+Verwaltungsbehrde pflegen sollte.
+
+So erzhlte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er
+hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein
+Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zrtlich und
+strafend: Sie, lieber Hofrat, she ich nicht ungern unter meinen
+Helfern. Es wird keine Leibwache sein, frchten Sie nichts. Mit den
+Prtorianern haben wir aufgerumt. Sie haben sich viel zu frh ins
+Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
+Filzschuhen darf man nicht aus unseren mtern schleichen. Wenn schon
+Skandal, dann mit groem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht,
+denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich fr
+einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, da man den rechten Mann an
+die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden
+Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehngte Verrter. Kommen
+Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende
+Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flgel dehnen. Mit den alten
+unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und
+geben Sie neuen Kredit.
+
+Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt;
+das Anerbieten war zu berraschend, und sein Mitrauen gegen die
+Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten
+lassen. Da er bemerkte, da Olivia begierig zuhrte und Lamms Erwiderung
+mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhltnis zwischen
+den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem
+Punkte recht, auch darin, da Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
+drfe. In die Enge getrieben, erklrte Lamm, da er nicht gewohnt sei,
+wichtige Entschlsse mit solcher Eile zu fassen, auch knne er nicht
+zugeben, da Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die
+Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Hfner
+sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San
+fhren und dem Frulein sicherlich einen Platz im Wagen gewhren wrden.
+Ohnehin mute man in Tarnow bernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis
+zum nchsten Morgen aus.
+
+Er sa mit Olivia in einem trbseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war
+fortgegangen, um die Offiziere aufzuspren, die Olivia mitnehmen
+sollten. Unablssig polterten Fuhrwerke ber das holprige Pflaster
+drauen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten
+erfllte die Nacht. An den Nebentischen saen Juden, die sich in ihrem
+unverstndlichen Jargon leise unterhielten.
+
+Wt' ich dich zu Hause, so gb's kein Schwanken fr mich, sagte Lamm.
+Ich wei, da ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen
+nicht. Ich hab' dir's ja auch gelobt.
+
+Es wr' ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um
+die Fe legte, erwiderte Olivia. Du und Angst, Angst um einen
+Menschen! Ich kenn' dich nicht mehr!
+
+Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dnkt, es ist ein Ende. Ich
+spr's in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten,
+die den Blitz fhlen, bevor er gezndet hat. Hr' doch, wie die Welt
+braust und brllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar.
+Dessen bleib eingedenk, da ich um dich gedient habe, lnger als Jakob
+um Rahel, viel lnger. Nur dacht' ich, ich mte dich unterwerfen,
+derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab' nicht begreifen
+wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht
+blo ber mich, ber uns alle, auch ber die Sieger, und dich fr meine
+Person zu beanspruchen, wre so lcherlich, als wollt' ich den Mond in
+mein Zimmer hngen, da er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab' eine
+Erscheinung gehabt, weiter nichts.
+
+Ach, Robert! seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man
+sie pries. Ahnst du denn nicht, wie jmmerlich alles ist, was man tut,
+im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?
+
+Es liegt nicht an der Qualitt, es liegt im Geiste. Der Geist kann
+heilig werden, trotz Vlkermord und Vlkerwahn. Ich habe an den Heiligen
+Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh' ich wieder am Anfang.
+
+Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres gro
+aufgeschlagenen Auges.
+
+ * * * * *
+
+Exzellenz Hfner kam etwas verlegen zurck. Er habe die beiden Herren
+gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, da sie noch in der
+Nacht fahren mten. Ob man der jungen Dame zumuten drfe, die
+anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht
+gewagt zu entscheiden.
+
+Olivia sagte, sie sei bereit, sie wre froh, wenn sie rasch ans Ziel
+komme. Lamm widersprach nicht.
+
+Sie nahmen hastig einen Imbi auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia
+auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer
+Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze
+erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
+schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach
+ihrer Art, zurckgebogen, die Arme lssig im Fall. Ihr Gesicht hatte
+einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst
+ruhend gesehen.
+
+Er trat zu ihr und kte sie. Olivia lchelte; als sie ihn wieder kte,
+waren ihre Augen feucht.
+
+Er ergriff das Tschchen, und sie verlieen den Raum. Unten wartete die
+Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu fhren. Schweigend
+gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer
+Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt,
+Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; leb' wohl, Robert,
+rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.
+
+Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,
+sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.
+
+Fr Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verlie die zugige Kammer
+wieder, kaum da er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.
+
+Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Huser, an denen er
+vorberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen
+aus. Er schritt an einem Zaun hin und sphte bisweilen in die Ebene oder
+in den Himmel. Die Zaunpfhle neben ihm, in endloser Folge, das brachte
+ein eigentmliches Gefhl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und
+vielleicht war dies die Ursache, da seine Gedanken immer bewegter,
+immer strmischer wurden.
+
+Der Marschschritt einer Kolonne wurde hrbar und kam nher. Es waren
+deutsche Soldaten, eine groe Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende
+nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch
+die Entschlossenheit und der unabnderliche Gleichklang ihres Schrittes
+machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorber waren, blieb er
+stehen und schaute ihnen nach. 'Da gehen sie nun,' dachte er und zog die
+Stirn in Falten, 'da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in
+ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rckkehr. Ob nicht
+ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch.
+Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den
+Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Mller und am
+Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und
+Glcksjgern und Verliebten und Familienvtern und Staatsdienern, die
+dort drauen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es
+wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte
+und Familienvter geben. Was brchten sie vor sich, wenn ihnen dies
+Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt
+es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.'
+
+Er ging ein Stck, in der Richtung gegen die Stadt zurck, und nach
+einer Weile blieb er wieder stehen. Und doch, redete er nun laut vor
+sich hin, doch ist der Mensch etwas Kstliches; man mu ihn blo
+anschauen und begreifen knnen. Viele knnen es nicht. Diese Gestalt,
+das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spren nicht den
+Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gesprt. Ich habe so
+hingelebt, das ist alles; habe mich gergert, habe gezankt, gefeilscht,
+geredet, aber den Menschen gesprt, nein, das hab' ich nicht. Und im
+Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: Nein, das hab'
+ich nicht.
+
+Da kam er an ein Haus, das ohne Tren und ohne Fenster war. Auch das
+Dach war zum Teil weggerissen, so da der Himmel in die den Rume
+starrte. Lamm lie einen Blick zerstreuter Neugier ber die Ruine
+schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jmmerliches
+Wimmern vernahm. Er lauschte und hrte den Laut deutlicher. Es klang wie
+das Weinen eines kleinen Kindes.
+
+Nun trat er in das Haus, zndete seine elektrische Taschenlampe an und
+ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Sugling auf
+schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm
+rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehrige in der Nhe. Aber
+niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Sugling war vllig
+verlassen, fror und hatte Hunger.
+
+Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch
+einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter.
+Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle
+hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.
+
+Er hllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die
+Krperwrme sprte, kam etwas Freudiges ber ihn, und das lebendige, an
+ihn geschmiegte Wesen wurde ihm pltzlich in sonderbarer Weise teuer.
+'Ich will es behalten,' sagte er sich, 'ich will es wie ein Geschenk von
+Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den
+Menschen gehe und fr sie schaffe.'
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag darauf, nach fnfzehnstndiger, durch viele Hindernisse
+verzgerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mute
+Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemhung des einen
+Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu
+verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den
+Tag ber vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft
+konnte der Wagen kaum vorwrts, so schwierig war es, den begegnenden
+Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen
+schleppten sich Verwundete die Straen heran; fern am Horizont umsumte
+den dstern Himmel eine dunkle Glut. berall waren Notbrcken, berall
+rauchten Trmmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Lchern
+zerrissen.
+
+Vllig durchnt war Olivia, als endlich der schttelnde Wagen in der
+Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstrae hielt. Ein
+freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem
+Bauernhaus, in dessen Flur sie ber die Leiber schlafender Soldaten
+steigen mute. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager.
+Von den Bretterwnden troff das Wasser, die Luft war wie in einem
+Keller, Pferde stampften in der Nhe, sie schlo die Augen und dmmerte
+erschpft hin, ohne schlafen zu knnen. Mit dem Morgengrauen erhob sie
+sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert
+zu finden hoffte.
+
+Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein
+jngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, da Leutnant
+Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia fate die
+Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es
+schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.
+
+Zu Hunderten kamen blutende Mnner vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
+Armen der Sanittsleute, oder von Kameraden gefhrt. Der Kampf um Strji
+war mrderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden
+wilder und frischer als fern in der Stadt. Die rzte nahmen einen um den
+andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kmmerten sich weder um
+Schreien und Sthnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
+oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf
+dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen
+von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
+Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie
+bestndig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie
+konnte nichts anrhren. Na, werden Sie uns nur nicht krank, sagte
+einer der Doktoren rgerlich im Vorbergehen. Sein Leinwandkittel war
+von oben bis unten mit Blut bespritzt.
+
+'Du mut zu seinem Grab,' gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh
+sie aus dem Raum, drngte sich durch die Verwundeten und fragte einen
+Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lgen. Der Offizier zog die
+Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefhrdet,
+antwortete er. Sie sagte gepret, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
+wolle. Ich kannte Ingbert, versetzte der Offizier, ein lieber
+Kamerad. Schade um ihn. Dann warf er einen flchtigen Blick auf Olivia
+und erklrte sich bereit, sie zu fhren. Sie war nicht fhig, ihm zu
+danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.
+
+Sie gingen ber einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf,
+als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. Sie schieen, bemerkte der
+Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zndete sich eine
+Zigarette an.
+
+Auf einer Wlbung des Gelndes sah man unzhlige kleine Holzkreuze. Der
+Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei
+einem stehen und sagte: Hier liegt er. Damit grte er und entfernte
+sich.
+
+'Hier liegt er,' dachte Olivia. 'Und warum eigentlich? Und warum die
+andern, Unzhligen, warum?' Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit
+des Freundes, seiner Wrme und schweigsamen Liebe, und dachte: 'Warum
+nur, warum?'
+
+Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel
+Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich
+feurige Geschobahnen, Leuchtkrper schwammen weit drben in der Luft,
+bisweilen ertnte ein Krachen, als wolle der Weltkrper zerreien. Zur
+Rechten wich mannshohes Gestrpp zurck, das eigentmlich erhellt
+gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit
+drben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wgelchen ein, das von
+einem mden, klapperdrren Gaul gezogen und von einer alten Buerin
+gefahren wurde. Fnf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
+und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte
+Buerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und
+als es des Brandes ansichtig wurde, stie es einen gellenden Schrei aus.
+
+Pltzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt
+ebenfalls ein Gebude auf. Man sah nun, da dort ein Dorf lag. Die
+Dcher der brigen Htten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer.
+Olivia blieb stehen.
+
+Mnner und Weiber strzten ins Freie; die vergrmten Gesichter waren
+grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber lste sich eine
+auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein
+Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich ber Vierzig, trug
+keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um
+Stirn und Schlfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen,
+und man sah an seinem Gang, da er blind war.
+
+Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Husern
+entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten
+um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber
+durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
+war so mchtig, da die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald
+in Scharen folgten und sich dicht an ihn drngten, als ob sie in seiner
+Nhe gefeit wren.
+
+Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot,
+und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brllendes Vieh,
+winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als
+kme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und
+je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
+ber die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefhrdeter konnte
+kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr?
+Was galt ihm diese Stunde und die nchste? Obgleich in Olivia ein
+rtselhafter Wunsch war, da er sie sehen mge, ein rtselhaftes
+Bedauern, da er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, da
+nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glcklich zu preisen sei,
+da er nichts mehr von ihr sah.
+
+Sie wanderte den Weg zurck, verirrte sich jedoch. Ihre Erschpfung
+wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, da sie krank war.
+
+Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht
+und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine
+Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu
+einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
+leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines groen
+Gebudes.
+
+Die Beine versagten den Dienst; sie schlpfte in das Schilderhaus,
+kauerte sich nieder und hllte sich fester in den nassen Mantel. Ein
+schlafhnlicher Zustand machte sie bewutlos.
+
+Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Krfte zusammen
+und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheien Augen ein
+unvermuteter Anblick. Fahler Frhsonnenschein war durch die Nebel
+gebrochen und fiel auf unzhlige Beete und Strucher voller Rosen.
+Lauter Rosen, ber die ganze Flche des Parks, in allen Farben der
+Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Grben,
+zertretener Rasen, zersplitterte Bume. Sie trat zum nchsten Strauch;
+die Freude an den Blumen, erst wie eine berwltigende Erinnerung,
+verdrngte jedes andere Gefhl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
+Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne
+darauf zu achten, da sie sich an den Dornen die Hnde blutig ri.
+
+Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie
+dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine gerumige
+Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
+Mensch war zu sehen. Die Tren der Zimmer standen offen, und berall
+zeigten sich die Spuren bswilliger Zerstrung. Die Glser der Spiegel
+lagen in Scherben auf dem Boden, die Mbel waren umgestrzt, das
+Porzellan zerschmettert, die Bcher aus den Regalen geschleudert und
+zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wnde mit Unrat beschmiert. Hier
+mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie
+die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in
+einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen.
+In der Mitte des sonst vllig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag
+ein Greis mit langem, weiem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf
+seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
+Daneben aber sa ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte
+tiefschwarze Haare, die ber die blassen Wangen fielen; seine Augen
+waren traurig und voll Angst.
+
+Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie
+polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber
+hinschwinden fhlte, machte sie eine bittende Gebrde und prete die
+linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an
+und begriff; ihn hatte der Krieg frhzeitig ber menschliches Leiden
+unterrichtet. Auf den Zehen, als knne der tote Mann noch gestrt
+werden, ging er zu einer Tr, die er ffnete und wies auf ein Bett, das
+dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, da es das Schlafgemach einer
+Frau gewesen war; auf den Lehnen der Sthle hingen Frauenkleider, in
+einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige
+Flucht hin.
+
+Olivia schlo die Tr, als sie drinnen war, ri ihre nassen Gewnder vom
+Krper, strzte frmlich in das Bett, whlte die zitternden Glieder in
+die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann
+rang sie seufzend die Hnde, sprte, da ihr die Sinne vergingen, und
+freute sich darauf, nicht mehr denken und frchten zu mssen.
+
+Nach einer Weile klopfte es an der Tr, der Knabe trat lautlos ein.
+Unschlssig stand er zu Fen des Lagers und schaute auf die Kranke,
+deren Wangen sich mit Scharlachrte bedeckten. Er fand sie schn; ihre
+Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn
+mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia ri
+entsetzt die Augen auf. Pltzlich schrie sie: Gebt mir die Rosen! und
+prete die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
+Mund.
+
+Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem
+bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie muten ein Ziel
+eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
+der drauen im Sarg lag; nicht blo die Kultur des Parks lenkte darauf
+hin, sondern auch die zerstrten Gemlde, auf denen fast ausschlielich
+Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und
+immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drckte,
+glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den
+er nur noch nicht verstand. Rasch verlie er das Zimmer, und nach
+einigen Minuten schon kehrte er zurck, beide Hnde voller Rosen, und
+warf sie auf das Bett.
+
+Als er vernahm, da die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewi, das
+Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und
+viertes Mal. Schlielich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, da sie
+von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
+und jenes noch, in dem der Tote lag, erfllte. Danach ging er zu dem
+Toten hinaus, kam wieder zurck, lief zum fnften Male in den Garten und
+brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lchelte zufrieden,
+als er sah, da die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
+Haaren einen rhrenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die
+Augen geschlossen hatte.
+
+Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; whrend sie schlief, wurde ihr Gesicht
+erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber
+die Farbe des Lebens zurck, als ob ein Traum von glcklicher und
+ttiger Zukunft die Seele jh berhrt htte. Dieser Traum erzeugte ein
+Lcheln; das Lcheln schien das Blut, das schon verblate, neu zu rten.
+Verwandlung war in ihr; ber ihr Verheiung eines Geistes aus
+verwandelter Welt.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstverffentlichung erstellt. Diese erschien in Velhagen
+& Klasings Monatshefte, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3,
+September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser
+Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
+gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 002: [Punkt ergnzt] Mhe hatte, sie zu beruhigen.
+S. 003: [Punkt korrigiert] ber ihn erholt hatte, -> hatte.
+S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
+S. 167: mit abgerissenen Gewndern und verstrtem Gesichts -> Gesicht
+S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
+S. 172: die Finsternis brannte ihn frmlich auf der Stirn -> brannte ihm
+S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
+S. 182: die Bestrzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
+S. 182: Er war rhrend und unheimlich. -> Es ]
+
+
+
+[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
+publication of the story, printed in "Velhagen & Klasings Monatshefte",
+XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The
+page numbers jump according to the distribution of the story onto the
+three issues of the monthly periodical. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 002: [added period] Mhe hatte, sie zu beruhigen.
+p. 003: [corrected period] ber ihn erholt hatte, -> hatte.
+p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
+p. 167: mit abgerissenen Gewndern und verstrtem Gesichts -> Gesicht
+p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
+p. 172: die Finsternis brannte ihn frmlich auf der Stirn -> brannte ihm
+p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
+p. 182: die Bestrzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
+p. 182: Er war rhrend und unheimlich. -> Es ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+***** This file should be named 21860-8.txt or 21860-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+electronic works
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+that
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+
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+opportunities to fix the problem.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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Binary files differ
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
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+
+
+
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+<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p>
+
+<h1>Olivia<br />
+<span style="font-size: smaller">oder</span><br />
+Die unsichtbare Lampe</h1>
+
+
+<p class="author">Erz&auml;hlung<br />
+von<br />
+<em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></p>
+
+
+
+<div class="textbody">
+<p class="newsection">Im Hause des Professors Khuenbeck,
+eines angesehenen Wiener Arztes,
+war gro&szlig;e Gesellschaft. Man hatte
+reich getafelt, die Unterhaltung
+war im besten Flu&szlig;, und wie auf viele
+andere Dinge kam die Rede auch auf die
+Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das
+T&ouml;chterchen des Hauses fl&uuml;chtig gesehen
+hatte, r&uuml;hmte dessen besondere Sch&ouml;nheit
+und Lieblichkeit. Frau Khuenbeck l&auml;chelte
+geschmeichelt, einige andere Damen gaben
+ihr Verlangen kund, das M&auml;dchen zu sehen,
+den Hinweis auf die sp&auml;te Stunde lie&szlig;en
+sie nicht gelten, und sie wandten sich an den
+Professor, der, unschl&uuml;ssig und wie besch&auml;mt,
+nicht wu&szlig;te, wie er die Bitte aufnehmen
+sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die
+einer eitlen Regung nicht zu widerstehen
+vermochte, einem der Dienstboten einen
+Wink gegeben und ging dann selbst in das
+Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen,
+der zweij&auml;hrige Ferdinand und die sechsj&auml;hrige
+Olivia.</p>
+
+<p>Schon sa&szlig; Olivia auf dem Scho&szlig; des
+Dienstm&auml;dchens, die Augen voll Schlaf;
+es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan,
+die Haare wurden ihr gek&auml;mmt, wei&szlig;e
+Str&uuml;mpfe und wei&szlig;e Schuhe kamen an die
+Beinchen, und so trug sie die Mutter in die
+strahlend erleuchteten R&auml;ume hin&uuml;ber. Die
+G&auml;ste scharten sich um Mutter und Kind;
+ein Laut der &Uuml;berraschung und Befriedigung
+t&ouml;nte ihnen entgegen. Olivia blickte
+voll Angst und Zagen in die vielen fremden
+Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen
+ihr unbegreiflich waren.</p>
+
+<p>Abseits von allen stand ein junger Mann
+und schaute still auf die Gruppe. Er dachte,
+da&szlig; der Professor dem Schauspiel ein Ende
+bereiten werde; da dies aber nicht geschah,
+rief er pl&ouml;tzlich mit scharfer, ja barscher
+Stimme aus: &raquo;Gn&auml;dige Frau, stecken Sie
+doch den armen Wurm wieder ins Bett;
+den Rummel wird er ohnedies bald genug
+kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Alle lachten; Frau Khuenbeck err&ouml;tete
+und trug das Kind schnell hinaus.</p>
+
+<p>Olivia hatte die Worte geh&ouml;rt und verstanden;
+sie bewahrte dem, der sie gesprochen,
+heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte
+oft im Hause; bald wu&szlig;te sie seinen
+Namen; er hie&szlig; Robert Lamm und war
+damals noch ein unbeachteter Beamter im
+Ministerium.</p>
+
+<p>Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe
+Dankgef&uuml;hl; in Stunden kindlicher
+Bedr&auml;ngnis tauchte ihr sein Bild als das
+eines Helfers auf. Er war die Verk&ouml;rperung
+einer strengeren Schutzgottheit neben der
+sanften des Vaters.</p>
+
+
+<p class="newsection">Wenn der Professor an seinem Schreibtisch
+sa&szlig;, geschah es oft, da&szlig; sich Olivia
+ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den
+Teppich zu seinen F&uuml;&szlig;en niederlie&szlig; und
+in B&uuml;chern und in Heften bl&auml;tterte, die
+auf dem Boden aufgeschichtet lagen. Meist<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>
+bemerkte sie der Professor erst, wenn er die
+Feder weglegte und sich erhob; dann sagte
+er: &raquo;Du bist da, Kind?&laquo; und l&auml;chelte.
+Olivia war gl&uuml;cklich, da&szlig; es ihr gelungen
+war, ihn nicht zu st&ouml;ren.</p>
+
+<p>Manchmal machte er kleine Spazierg&auml;nge
+im Park, dann nahm er Olivia mit
+und f&uuml;hrte sie an der Hand. Verwundert
+betrachteten die Leute das sch&ouml;ne Kind.
+Olivia glaubte jedoch immer, da&szlig; sie nach
+dem Vater sahen, der so nachdenklich und
+voll W&uuml;rde dahinschritt. Sie war stolz
+auf ihn.</p>
+
+<p>Einst hatte Olivia die Mutter belogen.
+Sie war mit dem Fr&auml;ulein im Prater gewesen
+und hatte gesagt, sie sei bei ihrer
+Tante, Frau von Scheyern, gewesen. Ihr
+Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
+verraten. In der Entr&uuml;stung dar&uuml;ber
+forderte die Mutter, da&szlig; sie zur Strafe in
+einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte
+sich aber mit solcher Leidenschaft, da&szlig; die
+Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da
+kam der Professor in die Stube; ihn sehen
+und an seinen Hals st&uuml;rzen, war f&uuml;r Olivia
+eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie
+und klammerte sich so krampfhaft an den
+Vater, da&szlig; der erschrockene Mann alle
+M&uuml;he hatte, sie zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing period">beruhigen.</ins></p>
+
+<p>Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall,
+Olivia war damals elf Jahre alt, trat
+der Professor eine Erholungsreise nach
+Italien an. Olivia empfand seine Abwesenheit
+schmerzlich, und jeden Morgen setzte
+sie sich hin und schrieb ihm einen Brief.
+In Neapel wurde der Professor schwer krank
+und starb eines pl&ouml;tzlichen Todes.</p>
+
+<p>Olivia begriff es nicht. Der Leichnam
+kam, die Beerdigung fand statt, viele Leute
+waren im Haus, die Mutter weinte, der
+Bruder, die Verwandten weinten, Olivia
+begriff es nicht. F&uuml;r sie war der Vater
+immer noch verreist; sie glaubte und begriff
+nicht seinen Tod.</p>
+
+<p>Tag f&uuml;r Tag setzte sie sich hin und schrieb
+ihm einen Brief. Sie teilte ihm die kleinen
+Ereignisse ihres Lebens mit, erz&auml;hlte von
+der Mutter und von Ferdinand, sprach von
+ihren Vors&auml;tzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
+von ihrem Wunsch, etwas zu werden und
+ihm Ehre zu machen. Da sie aber keine
+Adresse wu&szlig;te, sammelte sie alle Briefe in
+einer Mappe, &#8211; so lange, bis sie endlich
+begriff.</p>
+
+
+<p class="newsection">Die gro&szlig;en Einnahmen des Professors
+waren von dem luxuri&ouml;sen Haushalt verschlungen
+worden; nach seinem Tod blieb
+nur ein bescheidenes Kapital &uuml;brig, und
+Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit
+gezwungen.</p>
+
+<p>Bei der Ordnung der Verm&ouml;gensangelegenheiten
+und des neuen Lebens war es
+Robert Lamm, der der Witwe als Freund
+zur Seite stand. Frau Khuenbeck hatte
+einen an Furcht grenzenden Respekt vor
+ihm. Auf Ferdinands Erziehung &uuml;bte er
+einen entscheidenden Einflu&szlig;, w&auml;hrend er
+Olivias Tun und Lassen gleichm&uuml;tiger zu
+betrachten schien.</p>
+
+<p>Robert Lamm hatte in wenigen Jahren
+eine bedeutende Laufbahn zur&uuml;ckgelegt,
+die selbst von &Uuml;belwollenden seinen Verdiensten
+zugerechnet wurde. Er war Hofrat
+am Verwaltungsgerichtshof, hatte beneidete
+Auszeichnungen erhalten und geno&szlig;
+als juristischer Schriftsteller den Ruf
+einer Autorit&auml;t.</p>
+
+<p>Sein Wesen verk&uuml;ndete Mut und Entschlossenheit;
+er war der Schrecken ganzer
+Heere von Beamten, denn ihm war eine
+seltene Kraft eigen, n&auml;mlich eine Sache, die
+er f&uuml;r gut und gerecht hielt, durchzusetzen.</p>
+
+<p>Von fr&uuml;h an atmete Olivia gern die
+Luft um diese ehrliche, furchtlose und derbe
+Pers&ouml;nlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen,
+und er hatte immer ein herzliches
+Wort f&uuml;r sie. W&auml;hrend er mit der Mutter
+sprach, stand sie in seiner N&auml;he; l&auml;chelte
+er ihr zu, so ging sie hin und lehnte sich
+an seine Schulter.</p>
+
+<p>Aber als sie zum Fr&auml;ulein heranwuchs,
+wurde er f&ouml;rmlicher. Er h&ouml;rte pl&ouml;tzlich auf
+sie zu duzen; Olivia erhob Einw&auml;nde. Er
+verbeugte sich und sagte, wenn sie es ausdr&uuml;cklich
+verlange und die gn&auml;dige Frau, er
+verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es
+erlaube, werde er sie wieder duzen, doch
+d&uuml;rfe es keine einseitige Freiheit bleiben,
+sie m&uuml;sse ihn dann ebenfalls duzen. &raquo;Aber
+ich habe es ja immer getan!&laquo; rief Olivia
+erstaunt. &#8211; &raquo;Gewi&szlig;, nur pa&szlig;t mir der
+Onkel nicht,&laquo; erwiderte er mit einer Grimasse,
+&raquo;ich hasse die Onkels.&laquo;</p>
+
+<p>So nannte sie ihn also Robert und Du.
+Gleichwohl behielt er seine F&ouml;rmlichkeit
+bei, die den Charakter sp&ouml;ttischer Galanterie
+annahm, als ihm manches an Olivias
+Lebensf&uuml;hrung zu mi&szlig;fallen begann. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+war so eifervoll, so lernw&uuml;tig, so auf B&uuml;cher
+versessen, so atemlos t&auml;tig, das mi&szlig;fiel ihm;
+er &auml;u&szlig;erte sich nicht dar&uuml;ber, er wurde
+nur immer sp&ouml;ttischer und galanter.</p>
+
+<p>Eines Abends kam er, als Olivia bei
+einem Buch sa&szlig;. Er beugte sich &uuml;ber ihre
+Schulter, sah noch genauer hin, sch&uuml;ttelte
+den Kopf, und da ihn Olivia fragend anschaute,
+nahm er das Buch, bl&auml;tterte, sch&uuml;ttelte
+abermals den Kopf und fragte endlich:
+&raquo;Wie alt bist du denn jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siebzehn war ich,&laquo; antwortete Olivia.
+Ihr Haar leuchtete wie Gold im Lichte der
+Lampe.</p>
+
+<p>&raquo;Siebzehn Jahre, und Plato im Original!&laquo;
+rief der Hofrat aus. Sein Gesicht
+war so traurig, da&szlig; Olivia lachen
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Und womit sie ihren Kopf sonst noch
+plagt&laquo;, mischte sich die Mutter ins Gespr&auml;ch;
+&raquo;Mathematik und Philosophie und Literatur
+und Geschichte und Klavierspiel und
+Vortr&auml;ge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn
+ich zusehe.&laquo;</p>
+
+<p>So oft nun der Hofrat da war, hatte
+er immer denselben Blick f&uuml;r Olivia, in
+dem zugleich Kritik und Bedauern lag.
+Der Blick sagte: was soll es dir n&uuml;tzen,
+M&auml;dchen, Plato im Original zu lesen?
+Wozu schlingst du tote Wissenschaft in dich
+hinein? Was sollen dir die Scharteken?</p>
+
+<p>Wahrscheinlich wu&szlig;te er zu wenig von
+der Jugend, mit der Olivia aufwuchs;
+von ihrem Hei&szlig;hunger nach neuem Stoff
+und neuer Form, nach Gehalt und Entfaltung.
+Dies Geschlecht mu&szlig;te sich alles
+ertrotzen, Arbeit und Genu&szlig;, Urteil und
+Zukunft, wenn es den Erb&uuml;beln des Landes
+und der Rasse nicht erliegen wollte: der
+Frivolit&auml;t und der Tr&auml;gheit. Verloren sie
+in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Ma&szlig;,
+so durften sie doch die Vorsichtigen verachten,
+die bequemen Romantiker, die feigen H&uuml;ter
+des Herk&ouml;mmlichen.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nichts von dieser Jugend, sah
+nicht Lebensf&uuml;lle und hoffnungsvolles
+Werden, sondern &Uuml;bergriff und Eitelkeit.
+Einst kam er zu Frau Khuenbeck und war
+entt&auml;uscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war
+ins Konzert gegangen. &raquo;Es ist das zweite
+in dieser Woche,&laquo; sagte Frau Khuenbeck;
+&raquo;und einmal Theater, und einmal eine
+Bilderausstellung, und am Sonntag auf
+den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten,
+ich wei&szlig; nicht, wo sie die Zeit und die Kraft
+zu allem hernimmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das da auch noch,&laquo; sagte der Hofrat,
+und deutete auf einen Tennisschl&auml;ger und
+ein Paar wei&szlig;e Schuhe, die auf einem
+Stuhle lagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das auch,&laquo; antwortete Frau Khuenbeck.
+Als sie das finstere Gesicht des Hofrats
+gewahrte, f&uuml;gte sie rasch hinzu: &raquo;Aber
+es ist nicht Vergn&uuml;gungssucht, wie Sie vielleicht
+meinen, es ist etwas anderes. Sie
+ist von allem, was sie macht, so voll und
+tut alles, was sie tut, so freudig, da&szlig; man
+es nicht &uuml;bers Herz bringt, sie zu st&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Begr&uuml;ndung war f&uuml;r den Hofrat ein
+Schall. Olivia war sch&ouml;n; das allein gab
+ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen
+waren h&auml;&szlig;lich; B&uuml;cher machten h&auml;&szlig;lich,
+Wissen machte h&auml;&szlig;lich, sich unter die Menschen
+zu dr&auml;ngen, machte h&auml;&szlig;lich. Auf
+Sportpl&auml;tzen die Glieder verrenken, die
+F&uuml;&szlig;e durch plumpes Schuhwerk verunstalten
+und mit groben Stoffen bekleidet
+sich den Unbilden des Wetters aussetzen,
+das nannte er ein unerquickliches Schauspiel.
+Der Sch&ouml;nheit flo&szlig; alles zu, sie
+raubte der Natur nichts, sie lie&szlig; sich von
+ihr beschenken, Sch&ouml;nheit war einsam, war
+sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und
+Olivia verging sich gegen das Gesetz.</p>
+
+<p>Er erkaltete gegen Olivia, und seine
+Besuche wurden immer seltener.</p>
+
+
+<p class="newsection">Um diese Zeit wurde Olivia von einer
+heftigen Schw&auml;rmerei f&uuml;r einen genialen
+Kapellmeister und Komponisten ergriffen,
+der wie ein Feuer unter die Gilde der
+stadtans&auml;ssigen Musiker gefahren war und
+das Publikum erst unterwarf, als es sich
+von seinem Staunen &uuml;ber ihn erholt <ins class="correction" title="Transcriber's note: corrected comma to period">hatte.</ins></p>
+
+<p>Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet,
+und einmal begegnete sie den beiden,
+die in eifrigem Gespr&auml;ch waren. Der Hofrat
+gr&uuml;&szlig;te sie und blieb stehen; er machte
+sie mit dem verg&ouml;tterten Manne bekannt.
+Sie wurde bla&szlig;, stammelte ein paar Worte,
+verstummte und ging dann weiter. Sie
+hatte seine Stimme geh&ouml;rt, und diese
+Stimme blieb ihr unverge&szlig;lich. Die Stimme
+eines Menschen konnte sie beleidigen und
+entt&auml;uschen, aber auch begl&uuml;cken und bezaubern.
+Seine Stimme hatte ihre Seele
+tiefer anger&uuml;hrt als irgendeine zuvor.</p>
+
+<p>Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>
+an einem Gebirgssee. Olivia wu&szlig;te
+die Mutter zu &uuml;berreden, da&szlig; sie dort die
+Ferien verbrachten. An vielen Tagen, in
+Mondn&auml;chten wandelte sie and&auml;chtig die
+Pfade, auf denen er gegangen war. Seine
+pers&ouml;nliche N&auml;he suchte sie gar nicht; er war
+immer so versponnen, so verw&uuml;hlt, so abgewandt;
+sie war zufrieden, wenn sie ihn
+einmal des Tages von ferne sah.</p>
+
+<p>Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen
+Blumenbeeten. Er glaubte sich unbeobachtet;
+bei einem Strau&szlig; beugte er sich
+nieder, um zu riechen. Die Z&auml;rtlichkeit
+der Bewegung hatte f&uuml;r Olivia etwas
+Au&szlig;erordentliches. Von da an schaute sie
+Blumen mit andern Augen an. Es mu&szlig;ten
+stets Blumen in ihrem Zimmer sein, zu
+jeder Zeit des Jahres. Sie bego&szlig; sie,
+pflegte sie, freute sich, wenn sie bl&uuml;hten, und
+trauerte, wenn sie welkten.</p>
+
+<p>Als der Musiker eines fr&uuml;hen Todes
+starb, gab sie alles Geld, das sie besa&szlig;,
+f&uuml;r Blumen aus und schm&uuml;ckte mit ihnen
+sein Grab. Die unschuldige und wunschlose
+Leidenschaft hatte ihr Herz f&uuml;r Menschen
+noch empf&auml;nglicher gemacht.</p>
+
+<p>Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung
+gegen&uuml;ber dem lebendigen Auf
+und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen,
+mit Freunden zu sein, an Freunde
+sich auszuteilen, war Gl&uuml;ck. So wurde
+sie vielfach in die Geschicke der Menschen
+verflochten, vielfach beansprucht. Manches,
+was im Spiel begonnen war, verwandelte
+sich in bitteren Ernst; Vertrauen wurde mi&szlig;braucht,
+Offenheit verkannt, G&uuml;te zur&uuml;ckgesto&szlig;en,
+Wahrheit in L&uuml;ge verkehrt. Aber
+auch dies war f&uuml;r Olivia ein St&uuml;ck des
+gro&szlig;en Reichtums, waren angefaulte
+Fr&uuml;chte von dem Baum, der ein &Uuml;berma&szlig;
+der guten gab.</p>
+
+<p>Wie liebte sie die Welt, das Leben, die
+Stunde! Sie freute sich jeden Morgen
+&uuml;ber ihr Erwachen, &uuml;ber den Himmel, die
+Luft, das Licht, die Zeit, &uuml;ber alles, was
+sie sich vorgesetzt hatte und was andere
+von ihr erwarteten, &uuml;ber ein Gespr&auml;ch,
+das sie gestern gef&uuml;hrt hatte, einen Spaziergang,
+den sie heute machen wollte, &uuml;ber
+ihren eigenen K&ouml;rper, &uuml;ber jedes Ding in
+ihrer Stube.</p>
+
+
+<p class="newsection">Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium
+her, war Marianne von Friesheim,
+ein zartes, hochaufgeschossenes M&auml;dchen
+von ernstem Wesen. Mariannes Vater
+war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef
+und Exzellenz, und durch seine
+Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen
+Magnaten einer der reichsten M&auml;nner
+des Landes.</p>
+
+<p>Olivia kam beinahe t&auml;glich ins Haus,
+und alle, von der Exzellenz bis zum geringsten
+Dienstboten, bewunderten und
+verw&ouml;hnten sie. Wenn der Sektionschef
+ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein
+Leuchten &uuml;ber sein rotes, grobes Gesicht;
+er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
+mit ihr. Olivia hatte Sympathie
+f&uuml;r ihn; er schien ein g&uuml;tiger Vater und
+ein wohlwollender Mensch zu sein.</p>
+
+<p>Frau von Friesheim machte Olivia zur
+Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn Eduard,
+ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten
+eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft,
+deren mittelpunktloses und unberechenbares
+Wesen schon manchem ihrer
+Anbeter verh&auml;ngnisvoll geworden war.
+Eduard, ohnehin verschlossenen Gem&uuml;ts
+und von eigenwilliger Lebenshaltung,
+wurde durch den Umgang mit dieser Frau
+den Seinen vollends entfremdet. Nur an
+der Schwester hing er, und ihr hatte er
+auch vor kurzem mitgeteilt, da&szlig; es sein
+Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten.
+Hier&uuml;ber war Frau von Friesheim sehr
+ungl&uuml;cklich, und als sie bemerkte, da&szlig; zwischen
+Eduard und Olivia ein freundschaftliches
+Verh&auml;ltnis entstand, legte sie ihr
+nahe, sie m&ouml;ge alles aufbieten, um ihn dem
+gef&auml;hrlichen Einflu&szlig; jener Frau zu entziehen.</p>
+
+<p>Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia
+mu&szlig;te lachen. Auf der anderen Seite
+war es der Sektionschef, der ebenfalls eine
+heikle Aufgabe f&uuml;r sie hatte. Marianne
+n&auml;mlich hatte eine Neigung zu einem jungen
+Maler gefa&szlig;t; Georg Ingbert war
+sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln,
+und wie es auch mit seinem Talent
+beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
+sich geltend zu machen, besa&szlig; er
+nicht. Er war im Gegenteil voll Gelassenheit,
+und dieser Gelassenheit war eine bei
+einem Mann seltene Anmut beigegeben,
+Anmut des Geistes, des Herzens und des
+K&ouml;rpers. Wenn man ihn und Marianne
+sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
+verbunden denken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>W&auml;hrend nun Frau von Friesheim die
+Liebe dieser beiden mit auffallender Nachsicht
+betrachtete, erblickte der Sektionschef
+ein Ungl&uuml;ck f&uuml;r seine Tochter darin. Eduards
+Leidenschaft erschien ihm als eine fl&uuml;chtige
+Verirrung, und er meinte, wenn man ihm
+nur Zeit lasse und nicht durch Widerstand
+seinen Trotz errege, werde die Vernunft
+siegen. Marianne sah er tiefer verstrickt;
+er kannte die Treue ihrer Natur und, bei
+aller Mildheit, die Kraft ihres Gef&uuml;hls.
+Er sch&auml;tzte die K&uuml;nstler gering; die meisten
+waren Schmarotzer nach seiner Meinung.
+Und er forderte, Olivia solle Marianne
+dazu bringen, da&szlig; sie dem Maler entsage.</p>
+
+<p>Olivia antwortete ihm, hierzu f&uuml;hle sie
+sich nicht berechtigt, und als seine Versuche
+dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit
+auf, um ihn zu &uuml;berzeugen, da&szlig; man
+zwei Menschen, die durch Bestimmung
+zusammengef&uuml;hrt worden, nicht voneinander
+rei&szlig;en k&ouml;nne, ohne ihren Lebenskern
+zu verwunden. Er bestritt dieses, unersch&ouml;pflich
+in Gr&uuml;nden, Olivia blieb standhaft
+und entwaffnete ihn durch ihre heitere
+Ruhe; schlie&szlig;lich schien es, als bereite ihm
+das Wortgefecht an sich selber Freude und
+als vergesse er den ernsthaften Anla&szlig;.
+Wenn er mit ihr rede, bekannte er einmal,
+komme es ihm allerdings vor, als sei es
+am besten, dem Schicksal seinen Lauf zu
+lassen, und doch d&uuml;rfe es nicht sein, um
+keinen Preis werde er sich f&uuml;gen. Olivia
+schaute ihn an, und als sie seinen finstern
+Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem
+bisherigen Urteil &uuml;ber ihn ein wenig irre.</p>
+
+<p>Sie ging mit der Familie aufs Land,
+auch der Maler kam zu Besuch. Sie begleitete
+Ingbert und Marianne auf ihren
+Spazierg&auml;ngen und ermunterte Eduard,
+mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu
+verschaffen, miteinander zu sprechen. In
+einem benachbarten Ort wohnte Anita
+Gr&ouml;ger, Eduards Geliebte, und er bat
+Olivia, sie m&ouml;ge die Frau kennen lernen.
+Sie lie&szlig; sich zu ihr f&uuml;hren, und er merkte
+ihr an, da&szlig; ihr die Frau nicht gefiel. Da
+er sie um Offenheit dr&auml;ngte, gestand sie es
+zu; die Frau sei ihr unheimlich, sagte sie.
+&raquo;Ich f&uuml;rchte, Anita wird Sie nicht gl&uuml;cklich
+machen,&laquo; &auml;u&szlig;erte sie ein anderes Mal
+z&ouml;gernd. Eduard war best&uuml;rzt und kam
+immer wieder darauf zur&uuml;ck. Sie bereute
+ihre Voreiligkeit, doch sie hatte seinen eigenen
+Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn
+er bei Anita gewesen war, suchte er Olivias
+N&auml;he; Anita begann ihr zu mi&szlig;trauen
+und qu&auml;lte Eduard durch ihre Eifersucht.
+Es gab verschwiegene Zusammenk&uuml;nfte
+zu zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen,
+Briefe wurden getauscht,
+und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt,
+da Eduards Herz sich ihr entschiedener
+zuwandte.</p>
+
+<p>Nun mu&szlig;te sie abwehren, und sie tat es
+beg&uuml;tigend. Es war ihr alles ein Spiel.
+Eduard war ihr im Innersten fremd; seine
+Freundschaft mochte sie aber nicht missen.
+Er war klug, ehrenhaft und verl&auml;&szlig;lich.
+Sie sp&uuml;rte, da&szlig; sie ihm ein Gleichnis gegen
+die andere war, und da&szlig; die andere dabei
+verlor. So stellte sie sich in den Schatten
+und floh, wenn er sie suchte. Ingbert
+merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging.
+Sie wollte seinen Rat haben, doch
+er war zur&uuml;ckhaltend und h&ouml;rte mit seinem
+reizenden L&auml;cheln zu.</p>
+
+<p>Eines Abends sa&szlig; sie mit Ingbert am
+Waldrand; Marianne war bettl&auml;gerig,
+Eduard war f&uuml;r ein paar Tage verreist.
+Sie sprachen &uuml;ber die beiden, &uuml;ber die Eltern,
+&uuml;ber das Leben im Hause; pl&ouml;tzlich
+sagte Ingbert, der Zustand, in dem er sich
+befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
+Vergebliches und K&uuml;nstliches, da er doch
+genau wisse, da&szlig; Marianne ihm niemals
+angeh&ouml;ren w&uuml;rde. Als Olivia widersprechen
+wollte, legte er seine Hand auf
+ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonn&ouml;ten,
+er beklage sich ja nicht, er klage auch
+nicht an; da&szlig; Herr von Friesheim gegen
+ihn eingenommen sei, begreife er, doch
+getraue er sich, den Kampf gegen ihn aufzunehmen;
+jede &auml;u&szlig;ere Schwierigkeit sei
+&uuml;berwindlich. Es liege nicht an dem; es
+liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit
+versprochen, damit steige oder falle sein
+Stern.</p>
+
+<p>&raquo;Fragen Sie nicht, warum es dann so
+weit gekommen ist,&laquo; schlo&szlig; er leise; &raquo;das
+Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht
+einen andern Weg. Das Herz l&auml;&szlig;t sich
+verf&uuml;hren, die innere Stimme schweigt
+lange. Auf einmal aber spricht sie, und
+man steht s&uuml;ndig da und will doch nicht
+noch mehr s&uuml;ndigen.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia wu&szlig;te nichts zu erwidern. Sie
+ging ins Haus, setzte sich an Mariannes<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+Bett und nahm ihre Hand. W&auml;re es nicht
+dunkel im Zimmer gewesen, Marianne
+h&auml;tte ihre Bl&auml;sse und Erregung merken
+m&uuml;ssen. Ingbert war auf der Bank geblieben,
+man h&ouml;rte ihn eines der alten Lieder
+singen, die er liebte und in entz&uuml;ckender
+Weise vorzutragen wu&szlig;te. Marianne
+pre&szlig;te Olivias Finger; Olivia hatte ein
+selig hinziehendes Gef&uuml;hl; sie w&uuml;nschte,
+Ingbert m&ouml;ge sie holen und mit ihr weit
+fortwandern.</p>
+
+<p>Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne
+nicht er&ouml;ffnete, und wartete, da&szlig; sie
+sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah
+aber nicht, und Olivia z&uuml;rnte Ingbert.
+Doch wenn sie Marianne ansah, die
+so kindlich hoffte, verstand sie seine Unschl&uuml;ssigkeit.
+Er hatte etwas so G&uuml;tiges
+an sich, da&szlig; man billigen mu&szlig;te, was immer
+er tat, und bald wurde Olivia gewahr,
+da&szlig; ihre Gedanken an ihn zum
+Verrat an Marianne wurden.</p>
+
+<p>Indessen kehrte Eduard von seiner Reise
+zur&uuml;ck und brachte zwei Freunde mit; auch
+Freundinnen Olivias und Mariannes
+kamen zu Besuch. Es entwickelte sich eine
+lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
+Fahrten und Wanderungen unternommen.
+Eduard suchte bei jedem Anla&szlig; Olivias
+N&auml;he, Ingbert und Olivia trieben wie
+durch eine unwiderstehliche Str&ouml;mung einander
+im verborgenen zu; Marianne begann
+endlich zu ahnen und litt still, und
+Anita Gr&ouml;ger war der ruhlose Geist, der
+bisweilen verd&uuml;sternd durch die herzlich
+bewegte Kleinwelt zog.</p>
+
+<p>Stiegen auch Schatten empor, f&uuml;r Olivia
+war alles noch ein Spiel. In der Luft
+von Leidenschaft und Begehren, Forderung
+und Abwehr, Spannung und Sehnsucht
+atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs
+und &uuml;bte sich in jeder Kraft, die das Lebensgef&uuml;hl
+erh&ouml;hte. Hier eine Get&auml;uschte, dort
+ein Schwankender, hier eine Verblendete,
+dort ein Entflammter, sie stand immer in
+der Mitte und regierte; sie kn&uuml;pfte F&auml;den
+und l&ouml;ste F&auml;den, verpflichtete sich zum
+Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte,
+ganz nach ihrem Gefallen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Gegen Ende des Sommers, als die G&auml;ste
+schon abgereist waren, verabredeten sich die
+Geschwister und Ingbert und Olivia zu
+einem Ausflug in die Dolomiten.</p>
+
+<p>An einem Augustabend kamen sie m&uuml;de
+und staubbedeckt vom Rosengarten her ins
+Karerseehotel, und als sie in die f&uuml;r Touristen
+bestimmte Wirtschaftsstube traten,
+bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um
+einen Tisch waren mehr als zwanzig junge
+M&auml;dchen in Abendkleidern gruppiert; ein
+Herr, der den Frack ausgezogen und die
+&Auml;rmel des Frackhemdes &uuml;ber die Ellbogen
+gest&uuml;lpt hatte, bereitete in einer m&auml;chtigen
+Sch&uuml;ssel eine Bowle. Auf dem Tisch standen
+Champagner- und Weinflaschen, Gef&auml;&szlig;e
+mit Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem
+Ernst verrichtete der Herr seine Arbeit,
+mischte die Getr&auml;nke, r&uuml;hrte mit dem
+L&ouml;ffel, kostete mit einem andern L&ouml;ffel, und
+immer, wenn ihm eines der M&auml;dchen eine
+Flasche reichte, sagte er etwas, wor&uuml;ber
+alle in fr&ouml;hliches Gel&auml;chter ausbrachen.</p>
+
+<p>Sie kamen vom Diner und hatten die
+sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
+ihrer Lustigkeit nicht gest&ouml;rt zu sein.</p>
+
+<p>Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft
+nicht gek&uuml;mmert hatte, schaute dann
+doch hin&uuml;ber, fast ein wenig neidisch, und
+als die Gruppe auseinandertrat, weil die
+Gl&auml;ser zum Einschenken gebracht wurden,
+erkannte sie in dem Mann an der Bowlensch&uuml;ssel
+den Hofrat Lamm. Sie err&ouml;tete
+vor Freude.</p>
+
+<p>Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht
+mehr gesehen, aber er war unver&auml;ndert.
+Trotz seiner f&uuml;nfundvierzig Jahre war
+seine Gestalt noch jugendlich schlank, seine
+Haltung straff und sein Gesicht frisch.</p>
+
+<p>Er warf einen seiner durchdringenden
+Blicke an den Tisch, wo die vier sa&szlig;en, und
+erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte
+sich in seiner ironisch galanten Art, ohne
+besondere &Uuml;berraschung zu zeigen, als h&auml;tte
+er sie gestern erst gesehen. Es verdro&szlig; Olivia,
+da&szlig; er nicht kam, um sie zu begr&uuml;&szlig;en;
+sie &auml;rgerte sich &uuml;ber die jungen M&auml;dchen,
+die ihn so zudringlich umschw&auml;rmten, und
+fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als
+er nach einer Weile das Glas gegen sie
+hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie k&uuml;hl.</p>
+
+<p>Eduard fragte sp&ouml;ttisch, wer der Hahn
+im Korbe sei, sie gab unwillig Auskunft,
+mu&szlig;te aber pl&ouml;tzlich lachen, da sie eine sarkastische
+Bemerkung des Hofrats &uuml;ber eines
+der M&auml;dchen aufgefangen hatte. Die andern
+M&auml;dchen kreischten, jetzt kamen auch
+einige junge M&auml;nner hinzu, und die Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+wurde sehr l&auml;rmend. Der Hofrat
+hatte seinen Frack wieder angezogen, und
+pl&ouml;tzlich schritt er auf Olivia zu und reichte
+ihr die Hand.</p>
+
+<p>Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei
+dem Namen Friesheim zuckte er sichtlich
+zusammen. Er nahm am Tische Platz, und
+obwohl er dr&uuml;ben die beste Laune gezeigt
+hatte, war er seit dem Augenblick, wo er
+sich an den Tisch gesetzt hatte, einsilbig und
+verstimmt. Mit gerunzelter Stirn stellte
+er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder,
+verabschiedete sich steif und ging aus
+dem Zimmer. Die jungen M&auml;dchen riefen
+ihm nach, aber er k&uuml;mmerte sich nicht
+um sie.</p>
+
+<p>Olivia war bedr&uuml;ckt wie schon lange
+nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen gehen,
+nahm ihren Rucksack und lie&szlig; sich von der
+Kellnerin in eine der Touristenkammern
+f&uuml;hren. Trotz ihrer M&uuml;digkeit schlief sie
+schlecht. Schon um f&uuml;nf Uhr stand sie auf
+und ging hinaus. Die Berge waren von
+der fr&uuml;hen Sonne umgl&uuml;ht, aus dem Wald
+str&ouml;mte ein feuchter, kalter, harziger Duft.
+Sie ging &uuml;ber einen Wiesenweg und bog
+wie eine Trinkende den Kopf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Da schallte ein Gru&szlig; an ihr Ohr; sie
+drehte sich um und gewahrte den Hofrat.
+Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut
+stak ein reichbuschiger Gemsbart. Er
+glich nicht einem verkleideten St&auml;dter, sondern
+sah ganz urw&uuml;chsig aus, sehnig, robust,
+sonnegebr&auml;unt.</p>
+
+<p>Er nannte ihr die welsch klingenden Namen
+der Gipfel und Gletscher, die gegen
+S&uuml;den lagen, und erz&auml;hlte ihr von den
+Touren, die er gemacht. Er fragte, ob sie
+gefr&uuml;hst&uuml;ckt habe, und als sie verneinte,
+gab er ihr eine Tafel Schokolade. Zuerst
+angeregt, schien er pl&ouml;tzlich wieder zerstreut.
+Dann besch&auml;mte ihn ein forschender Blick
+Olivias, und er zwang sich zum Reden.
+Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn
+geradezu nach dem Grund seiner gestrigen
+j&auml;hen Verstimmung.</p>
+
+<p>Er bedachte sich kurz und antwortete, er
+habe schon davon geh&ouml;rt, da&szlig; sie flei&szlig;ig
+im Hause Friesheim verkehre; die beiden
+jungen Leute, in deren Begleitung sie sich
+befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter
+des Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn
+dem so sei, fuhr er fort, er&uuml;brigten sich alle
+Erkl&auml;rungen. Seine Stimme war schneidend,
+sein Blick finster. Olivia blieb stehen
+und schaute ihn erstaunt an.</p>
+
+<p>Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich
+hoch; zur Linken fiel der Abgrund steil
+hinunter. Auf einmal f&uuml;hlte sich Olivia
+von den H&auml;nden des Hofrats heftig an den
+Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft
+gegen die Tiefe gedr&auml;ngt. Sie schrie erschrocken,
+ihr best&uuml;rztes Gesicht war ihm
+zugewendet; da lie&szlig; er sie los und lachte
+grimmig. &raquo;Es ist nicht viel anders, als
+wenn ich dich da hineinw&uuml;rfe,&laquo; sagte er;
+&raquo;schlimmer noch. Mit solchen Menschen
+umgehen, das hei&szlig;t, allen Anspruch auf
+Achtung verwirken und seinen Namen beflecken.&laquo;</p>
+
+<p>Mit entsetzten Augen fragte Olivia. &raquo;Du
+h&auml;ttest dich vorsehen sollen,&laquo; begann der
+Hofrat wieder; &raquo;eine Person wie du ist
+verpflichtet, Instinkt zu haben und nicht
+in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten
+ist. Dieser Mann, in dessen Gehege
+du so munter herumspazierst, ist einer
+unserer verderblichsten Praktikenmacher und
+Gelegenheitsj&auml;ger, ein Streber und Schleicher
+von einem Format, da&szlig; sogar unsere
+vielbesungene Gem&uuml;tlichkeit keinen Reim
+mehr auf ihn zu finden wei&szlig;. Dieser Mann
+ist imstande, wenn sich zehn f&auml;hige Leute
+zu einem Posten gemeldet haben, ihn mit
+dem elften zu besetzen, der g&auml;nzlich unf&auml;hig
+ist, und nicht vielleicht aus Unwissenheit,
+nicht immer blo&szlig; deshalb, weil der
+elfte ein Freunderl oder der Freund eines
+Freunderls ist, sondern aus purem Vergn&uuml;gen
+an der Unf&auml;higkeit und aus Bosheit
+und Neid gegen die F&auml;higen. Dieser
+Mann ist einer von denen, die nie einen
+Richter brauchen, weil sie alles Recht so
+lange verschleppen, bis der Kl&auml;ger ersch&ouml;pft
+und kirre gemacht ist; einer von denen, die
+mit der Peitsche auf die Pferde einhauen,
+wenn der Wagen den Berg hinauf soll,
+und insgeheim den Hemmschuh ans Rad
+legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er
+ist mein Feind, er ist schlechthin der Feind;
+ihn unsch&auml;dlich zu machen, habe ich schon
+meine beste Kraft verschwendet. Und nun
+geh hin und setz&#8217; dich wieder an seinen
+Tisch und tu, als w&uuml;&szlig;test du von nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte scharf und kalt gesprochen wie
+ein Sachwalter vor dem Tribunal. Olivia
+zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen
+Augen gleich einem gescholtenen<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+Kind. Der Hofrat nahm einen Stein,
+schleuderte ihn in den Abgrund und lauschte
+bis das Gepolter verklungen war. Dann
+lachte er.</p>
+
+<p>&raquo;Warum lachst du?&laquo; fl&uuml;sterte Olivia,
+ohne den Kopf zu erheben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lache, weil es so sch&ouml;n ist,&laquo; antwortete
+er, &raquo;weil die Sonne so freundlich
+scheint und der Himmel so blau ist. Und
+weil unser Herrgott soviel Geduld hat.
+Und weil die Bowle gestern so vorz&uuml;glich
+war, und weil &uuml;berhaupt alles so famos ist.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich d&uuml;nkte es Olivia, als sei die
+ganze Welt grau geworden.</p>
+
+<p>Sie sagte: &raquo;Ich habe bisher nichts von
+deinem Leben gewu&szlig;t, Robert. Ich habe
+dich f&uuml;r einen Menschen gehalten, der in
+seinem Beruf gl&uuml;cklich ist.&laquo;</p>
+
+<p>Abermals lie&szlig; er sein kurzes, h&ouml;hnisches
+Lachen h&ouml;ren. Dann schwieg er eine Weile,
+und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing
+er an, von seinem Leben zu sprechen, von
+dem Beruf, in dem sie ihn gl&uuml;cklich w&auml;hnte.
+Von den Untergebenen und den Vorgesetzten;
+wie ihn jene l&auml;hmten und diese ihm
+mi&szlig;trauten. Wie nirgends ein Wille galt,
+nirgends Einsicht des Besseren, nirgends
+Vernunft, blo&szlig; Vorschrift, blo&szlig; der Buchstabe,
+das halbe Ungef&auml;hr, das veraltete
+Gutd&uuml;nken, die sinnlose Herrschaft derer
+vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt
+nach vorw&auml;rts auf Fallen sto&szlig;e, das wohlwollende
+Ermessen selbst im engsten Kreis
+behindert sei durch unangreifbare Idole
+und l&uuml;genhafte Grunds&auml;tze. Wie kein Weg
+aus diesem Pfuhl f&uuml;hre, an dem nicht die
+Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
+oder die Pedanterie, oder die Verleumdung,
+oder die Bequemlichkeit, oder der
+Eigennutz, oder der Neid.</p>
+
+<p>Es war Flamme in seinen Worten,
+dabei auch Witz; eine bissige Schadenfreude,
+als bereite es ihm Spa&szlig;, Illusionen
+zu zerst&ouml;ren.</p>
+
+<p>Und er zerst&ouml;rte Illusionen, gr&uuml;ndlich.
+Ein eisiger Hauch wehte durch Olivias
+Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre
+Wangen waren bla&szlig;; es war, als h&auml;tte
+sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge
+in Ekles verwandelt, als st&uuml;nde dort, wo
+eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
+Schreckbild. Sie staunte, sie str&auml;ubte sich,
+sie glaubte nicht und f&uuml;rchtete doch, zu zweifeln.
+Alles war pl&ouml;tzlich sonderbar anders.</p>
+
+<p>An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard
+und Marianne, da&szlig; etwas mit ihr vorgegangen
+war. Sie hatten am selben Tag
+weiter wandern wollen, aber Olivia konnte
+sich nicht zum Aufbruch entschlie&szlig;en und
+sch&uuml;tzte eine Unp&auml;&szlig;lichkeit vor. Ingbert
+f&uuml;hlte sich in dem teuren und eleganten
+Hotel nicht behaglich, und da die Geschwister
+z&ouml;gerten, die Tour ohne Olivia
+fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner
+Wege gehen. Um sich zu verabschieden,
+kam er in Olivias Zimmer und fand sie
+in tiefem Nachdenken. Sie gab ihm die
+Hand, und als sie sp&uuml;rte, da&szlig; er ihren
+Blick forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses
+Einanderbegreifen hatte sich zwischen
+ihnen schon seit langem entfaltet. Der bek&uuml;mmerte
+Ausdruck in seinem klugen,
+ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es
+bedacht hatte, zog sie seinen Kopf herab
+und k&uuml;&szlig;te ihn. Er err&ouml;tete wie ein Knabe,
+seine Verwirrung erf&uuml;llte sie mit noch
+gr&ouml;&szlig;erer Liebe, er dr&uuml;ckte seine Lippen auf
+ihre Hand und verlie&szlig; sie stumm.</p>
+
+<p>Es trieb sie zu Robert hin, und wenn
+sie bei ihm war, erschien sie sich treulos
+gegen Eduard und Marianne. Und wenn
+sie bei Eduard und Marianne war, peinigte
+sie deren argloses Wesen, und die
+beiden Menschen waren ihr verdunkelt und
+entr&uuml;ckt. Marianne, die &uuml;ber Ingberts
+Flucht ungl&uuml;cklich war und Pl&auml;ne schmiedete,
+wie man ihn noch erreichen k&ouml;nnte,
+nahm Olivias ver&auml;ndertes Betragen nicht
+schwer und war offen und anschmiegend
+wie immer; Eduard jedoch deutete alles
+auf sich und sein Verh&auml;ltnis zu Olivia.
+Seine Erregung wuchs, er suchte eine
+Aussprache herbeizuf&uuml;hren, er bat sie
+schlie&szlig;lich, ihm den Grund ihrer r&auml;tselhaften
+Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak;
+sie leugnete. Er ging nicht weiter darauf
+ein und sagte, da&szlig; er mit Anita Gr&ouml;ger
+gebrochen habe. Sie wu&szlig;te, was nun
+folgen w&uuml;rde, sie hatte Angst davor, und
+mit einer K&auml;lte, die ihn bleich machte,
+verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da
+gingen sie auseinander.</p>
+
+<p>Am selben Abend schlug ihr Robert
+Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
+reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg
+zu begleiten, wo ihre Mutter sie erwartete.
+Zu Eduard und Marianne sagte sie, die
+Mutter habe ihr geschrieben und sie gerufen.<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+Sie umarmte Marianne mit dem
+Gef&uuml;hl einer Trennung f&uuml;r immer, Eduard
+schaute sie starr an, und so oft sie nachher
+an sein verst&ouml;rtes Gesicht dachte, wurde
+ihr weh zumute, und sie h&auml;tte die Erinnerung
+ausl&ouml;schen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er
+seinerseits sprach nur von gleichg&uuml;ltigen
+Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber
+dem Groll nicht zu &uuml;berlassen; sie vermied
+es, seinem Blick zu begegnen, der w&auml;hrend
+der langen Eisenbahnfahrt zuweilen pr&uuml;fend
+auf ihr ruhte, und als sie von Innsbruck
+ab allein im Coup&eacute; waren, brach sie
+selbst das Schweigen aus unbestimmter
+Angst. Sie begann von Menschen zu
+sprechen, die sie beide kannten und von
+denen sie annahm, da&szlig; er sie sch&auml;tzte. Sie
+redete sich in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten
+und Handlungen dieser Menschen
+und &uuml;bertrieb ihre Vorz&uuml;ge, als seien sie
+von ihm angegriffen worden. Er h&ouml;rte
+mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal
+ermunternd und schaute in die Landschaft.</p>
+
+<p>Da erschien ihr alles falsch und einf&auml;ltig,
+was sie sagte, sie mochte die sch&ouml;nen
+Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren,
+und sie f&uuml;hlte mit Betr&uuml;bnis, da&szlig; sie
+all dieses Sch&ouml;ne nicht mehr so liebte wie
+sie es bisher geliebt. Es war, als h&auml;tte
+Robert Lamm einen Schleier dar&uuml;ber gezogen,
+und als sei es fruchtlos, sich gegen
+die stumme Gewaltt&auml;tigkeit, die er an ihr
+&uuml;bte, zu wehren. Desungeachtet zwang
+es sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise
+zu fragen, ob sie ihn nach ihrer R&uuml;ckkehr
+in die Stadt sehen werde. Sie h&auml;tte aufgeatmet,
+wenn er nein gesagt oder eine
+Ausflucht gebraucht h&auml;tte. Er antwortete:
+&raquo;Freilich will ich dich sehen.&laquo; Und als sie
+schwieg, f&uuml;gte er d&uuml;ster l&auml;chelnd hinzu:
+&raquo;Vielleicht brauch&#8217; ich dich.&laquo;</p>
+
+<p>Sie war &auml;ngstlich verwundert. &raquo;Brauchen?
+Du &#8211; mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt dir das so unglaublich vor?&laquo;
+Er lachte &uuml;ber ihr hilfloses Gesicht. Pl&ouml;tzlich,
+der Zug fuhr schon in die Halle,
+beugte er sich nahe zu ihr, ergriff ihre
+beiden H&auml;nde und sagte mit jener Eindringlichkeit,
+die sie bei keinem andern
+Menschen als bei ihm wahrgenommen
+hatte: &raquo;Ich k&auml;mpfe gegenw&auml;rtig einen
+Kampf, in dem f&uuml;r mich alles auf dem
+Spiel steht. Ich k&auml;mpfe f&uuml;r die Ehre eines
+Toten, f&uuml;r die Rettung seines guten Namens,
+f&uuml;r sein Weib und seine Kinder.
+Sie wollen ein Verbrechen, das begangen
+worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
+Niedertracht, die sich denken
+l&auml;&szlig;t, nicht verantworten. Das darf nicht
+geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen,
+obwohl &auml;hnliches schon tausendmal
+geschehen ist. Aber bei diesem einen
+Mal hab&#8217; ich mir in den Kopf gesetzt: es
+darf nicht sein. Geschieht es trotzdem,
+dann bin ich fertig mit der Wirtschaft.
+Dann komm zu mir, Olivia, dann haben
+wir vielleicht einiges miteinander zu reden.
+Leb&#8217; wohl, gr&uuml;&szlig;&#8217; mir die Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stieg aus, aber am liebsten h&auml;tte
+sie jetzt mit ihm weiterfahren m&ouml;gen.
+Schw&auml;che kam &uuml;ber sie, ihr ganzes Denken
+und Gef&uuml;hl war dunkler gef&auml;rbt. Alles,
+was sie vorhatte, Arbeiten und Vergn&uuml;gungen,
+d&uuml;nkte ihr pl&ouml;tzlich falsch
+und einf&auml;ltig. Drei Tage sp&auml;ter fuhr sie
+mit der Mutter in die Stadt zur&uuml;ck, und
+einen Tag nach der Ankunft ging sie zu
+Robert Lamm.</p>
+
+
+<p class="newsection">In Riedach, einem kleinen ober&ouml;sterreichischen
+Kurort, hatte der junge Arzt
+Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine
+Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit ausge&uuml;bt.
+Da hatte sich im Sommersbeginn
+in einer H&auml;uslerfamilie ein Typhusfall
+ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
+was seine beschworene Pflicht als
+Gemeindearzt war, er hatte die Erkrankung
+zur Anzeige gebracht.</p>
+
+<p>Es entstand sogleich eine gro&szlig;e Erregung.
+Einige B&uuml;rger hatten noch in
+letzter Stunde den Doktor an der Ausf&uuml;hrung
+seines Entschlusses zu hindern
+gesucht. Die Sanit&auml;tskommission selbst,
+deren Vorsitzender der B&uuml;rgermeister war,
+hatte geltend gemacht, da&szlig; die Sommerfrischler
+und Kurg&auml;ste den Ort verlassen
+und f&uuml;r lange Zeit in Verruf bringen
+w&uuml;rden. Es war umsonst gewesen; weder
+Bitten, noch Versprechungen, weder Warnungen,
+noch Einsch&uuml;chterungen fruchteten,
+Doktor Seelmann achtete die Pflicht h&ouml;her
+als die gef&auml;hrdeten Interessen der Gemeinde.</p>
+
+<p>Die unmittelbare Folge seines Schrittes
+war, da&szlig; eine Milit&auml;rabteilung, die in<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+Riedach hatte einquartiert werden sollen,
+in einen andern Ort befehligt wurde.
+Auch der wenigen Sommerparteien bem&auml;chtigte
+sich Schrecken, und mehrere
+Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut
+von Beschimpfungen ergo&szlig; sich nun &uuml;ber
+den jungen Arzt, und alt und jung machte
+der Erbitterung in den unfl&auml;tigsten Formen
+Luft. Die M&auml;nner erwiderten seinen
+Gru&szlig; nicht; sie spuckten auf der Stra&szlig;e
+vor ihm aus. Der Metzger, der B&auml;cker,
+der Milchh&auml;ndler weigerten sich, seiner
+Frau die Lebensmittel zu verkaufen, die
+sie f&uuml;r sich, den Mann und das kleine
+Kind brauchte. T&auml;glich erhielt er gemeine
+Spott- und Drohbriefe, die Fenster seiner
+Wohnung wurden ihm eingeworfen, man
+ging nicht mehr in seine Sprechstunde,
+enthielt ihm die Bezahlung vor, und im
+September wurde ihm seine Stellung als
+Gemeindearzt gek&uuml;ndigt.</p>
+
+<p>Er wandte sich an den Reichsverband
+der &Auml;rzte, und dieser rief die Beh&ouml;rden
+um Unterst&uuml;tzung an. Der Appell war
+nicht vergebens, Gemeinderat und Sanit&auml;tskommission
+wurden vom Statthalter
+aufgel&ouml;st, der B&uuml;rgermeister seines Amtes
+entsetzt, die K&uuml;ndigung f&uuml;r ung&uuml;ltig erkl&auml;rt,
+und der Bezirkshauptmann schickte
+eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
+sch&uuml;tzen sollte.</p>
+
+<p>Doktor Seelmanns Lage besserte sich
+aber dadurch mit nichten. Vor k&ouml;rperlichem
+Schaden konnte man ihn bewahren,
+die Praxis konnte man ihm nicht zur&uuml;ckgeben;
+die Leute zwingen, ihm die Honorare
+zu entrichten, die sie ihm seit Jahr
+und Tag schuldeten, konnte man nicht.
+Er war ruiniert. In den verflossenen
+Monaten hatte er einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen
+vor Gericht gebracht,
+und jeder dieser Prozesse wurde zu seinen
+Gunsten entschieden. Aber nach jedem
+Prozesse kam er mutloser und hoffnungsloser
+heim. Seine Spannkraft war dahin,
+sein Geist getr&uuml;bt, seine Gesundheit ersch&uuml;ttert,
+mit vierzig Jahren sah er wie
+ein Greis aus.</p>
+
+<p>Da&szlig; seines Bleibens in Riedach nicht
+war, begriff er wohl. Riedach war aber
+seine Heimat; er liebte das Land, er hatte
+sein Dasein hier zu beschlie&szlig;en gedacht.
+Wohin sollte er als mittelloser Landarzt
+ziehen, wohin mit Frau und Kind und
+einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
+sollte er die Verleumder zum Schweigen
+bringen, die ihn sicher bis in die Ferne
+verfolgen w&uuml;rden? Wie die Schmach abwaschen,
+mit der sie ihn bedeckt, die Besudelung,
+die Kr&auml;nkung vergessen? Ein
+neues Leben anzufangen, fehlte ihm das
+Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund,
+der ihn aufrichtete, die Tr&ouml;stungen seines
+Weibes beugten ihn nur noch tiefer, denn
+er sp&uuml;rte ihre eigene Verzweiflung darin.
+So brach er zusammen, wurde krank und
+starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
+eine Gehirnentz&uuml;ndung als Ursache seines
+Todes, aber in Wirklichkeit hatten ihn der
+Kummer und der Lebensekel get&ouml;tet.</p>
+
+<p>Der Reichsverband der &Auml;rzte stellte nun
+den Anspruch an den Staat, f&uuml;r die Hinterbliebenen
+zu sorgen, die der bittersten Not
+preisgegeben waren. Dies wurde bewilligt,
+aber in so kargem Ausma&szlig;, da&szlig;
+die Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah.
+Einer von den M&auml;nnern, die sich daf&uuml;r
+eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer
+Erwartung nicht ruhig hinnehmen wollten,
+bezeichnete den Hofrat Lamm als den
+einzigen, dessen Beistand und Vermittlung
+den halbwegs gescheiterten Plan noch zum
+Erfolg f&uuml;hren konnte. Ihm allein traute
+man die Entschlossenheit zu, ihn allein
+hielt man f&uuml;r unabh&auml;ngig genug, da&szlig; er
+es als hoher Staatsbeamter wagen durfte,
+f&uuml;r den begangenen Frevel eine S&uuml;hne
+zu verlangen, die freilich versp&auml;tet war,
+jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder
+erh&ouml;hte.</p>
+
+<p>Der Hofrat hatte von dem Martyrium
+des Arztes nichts geh&ouml;rt; die Zeitungen
+hatten alle Berichte unterdr&uuml;ckt, die sonstige
+Kunde, die im Dunkel umlief, war
+nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die
+Erz&auml;hlung der Geschehnisse mit unbeweglichem
+Gesicht. Den Abgesandten, die ihm
+Vortrag hielten, begegnete er mit seiner
+unverbindlichen und trockenen H&ouml;flichkeit,
+ohne mit einer Miene zu verraten, da&szlig;
+ihm die Angelegenheit n&auml;her ging als
+irgendein anderer Hader zwischen Parteien.
+Er lie&szlig; sich alle einschl&auml;gigen Akten
+kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
+und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen
+Z&auml;hnen. Dann zauderte
+er nicht mehr, zu handeln. Er forderte
+die Regierung auf, nicht nur mit<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+gen&uuml;genden Geldmitteln die Mutter, die
+Witwe und die Waise des in Aus&uuml;bung
+seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten
+Doktor Seelmann zu unterst&uuml;tzen, des
+gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht
+nur alle schuldigen B&uuml;rger und beh&ouml;rdlichen
+Organe von Riedach zu einer
+scharfen Strafe zu verurteilen; sondern
+auch durch eine &ouml;ffentliche und feierliche
+Erkl&auml;rung die gesch&auml;ndete Ehre und den
+verunglimpften Namen des Toten vor den
+Augen der Welt von allem Makel zu befreien.
+Denn ein solcher Mann sei, genau
+wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, f&uuml;r
+das Vaterland, f&uuml;r die Menschheit gefallen
+und habe sich den gleichen Dank
+verdient.</p>
+
+<p>Diese unumwundene Sprache begegnete
+verlegenen Ausfl&uuml;chten. Er dr&auml;ngte auf
+eindeutigen Bescheid, man antwortete,
+da&szlig; man den Fall noch einmal gr&uuml;ndlich
+untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit
+zu gewinnen, war offenbar; der Hofrat
+kannte die verwickelten Auswege und die
+rostige Maschinerie zu gut, um sich damit
+beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
+Minister; der erkl&auml;rte sich als mangelhaft
+unterrichtet, sch&uuml;tzte wichtigere Gesch&auml;fte
+vor und wies ihn an den Sektionschef
+Friesheim. Hier t&auml;uschte Gleichg&uuml;ltigkeit
+durch gef&auml;lligen Eifer; auch mit dieser
+Taktik war der Hofrat vertraut. Er lie&szlig;
+den Herren keine Ruhe, er bestand auf
+seiner Forderung, er pochte auf das Recht.
+Man h&ouml;rte ihn an, man zuckte die Achseln,
+jeder versicherte seine Willigkeit, jeder beteuerte
+machtlos zu sein. &Uuml;berall dieselbe
+scheinbare Nachgiebigkeit, dieselbe Lauheit.
+Robert Lamm f&uuml;rchtete, alles zu verderben,
+wenn er seinen Zorn nicht b&auml;ndigen konnte.
+In den Salzburger Bergen hatte er, vor
+langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus
+gekauft; dorthin floh er, so oft ihm
+des &Auml;rgers und der Plage zu viel wurde.
+Er tat es auch jetzt und nahm sich vor,
+geduldig zu warten. Aber diesmal graute
+ihm vor der Einsamkeit; er fuhr nach
+Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
+treffen sicher war, wo er sich zerstreuen,
+bet&auml;uben konnte. Zwei Tage nach dem
+Gespr&auml;ch mit Olivia erhielt er in der
+Sache des Doktors Seelmann den schriftlichen
+Bescheid des Ministeriums: die
+sachliche Entsch&auml;digung betreffend, habe
+man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
+der Familie bewilligt, alle &uuml;brigen Anspr&uuml;che
+m&uuml;sse man aber aus wohlerwogenen
+Gr&uuml;nden zur&uuml;ckweisen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Gr&uuml;nde will ich wissen,&laquo; knirschte
+der Hofrat. Er packte seine Koffer und
+reiste. In seiner finstern Ungeduld kam
+ihm die Eisenbahnfahrt wie ein boshaft
+langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
+seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen
+Stellen.</p>
+
+<p>An Gr&uuml;nden war man nicht arm. Wozu
+einen verj&auml;hrten Streitfall aufw&auml;rmen,
+einen gl&uuml;cklich begrabenen Skandal mutwillig
+noch einmal vor die &Ouml;ffentlichkeit
+zerren? Wozu sonst friedliche B&uuml;rger wegen
+immerhin zweifelhafter und schwer
+nachweisbarer Vergehen sch&auml;digen oder
+gar um ihre Existenz bringen? Es ist doch
+nun alles so sch&ouml;n gegl&auml;ttet und vergessen,
+wozu den Brand wieder anblasen, wozu
+b&ouml;ses Blut machen? Wozu endlich die
+Kom&ouml;die einer Ehrenerkl&auml;rung, die dem
+Toten nicht mehr n&uuml;tzen und die Lebenden
+nur verdrie&szlig;en w&uuml;rde?</p>
+
+<p>&raquo;Ein gl&uuml;cklich begrabener Skandal ist
+euch das!&laquo; rief Robert Lamm mit funkelnden
+Augen. &raquo;Sch&ouml;n gegl&auml;ttet und vergessen
+findet ihr alles? Nun, wir werden sehen,
+ob euch nicht angst und bange wird vor
+Gespenstern.&laquo;</p>
+
+<p>Er drohte L&auml;rm zu schlagen. Die Geschichte
+wurde bedenklich; der St&ouml;renfried
+begann h&ouml;chst unbequem zu werden. Man
+konnte ihm nichts anhaben, zu viele st&uuml;tzten
+ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte
+man im stillen, als er in seinem Zorn die
+Saite zu straff spannte und um seinen Abschied
+bat. Es war ein Schreckmittel, er
+glaubte nicht, da&szlig; man ihn w&uuml;rde gehen
+lassen, er hatte ein zu starkes Bewu&szlig;tsein
+von seiner Notwendigkeit und der Wichtigkeit
+seiner Dienste. Allein der Abschied
+wurde gew&auml;hrt. Da er schon vor Jahren
+in einer Angelegenheit, die den Hof ber&uuml;hrt
+hatte, zu scharf ins Zeug gegangen
+war, brauchte man Tadel oder Einwand
+von oben nicht zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Das traf ihn unerwartet. Es dauerte
+Tage, ja Wochen, bis er sich wieder gesammelt
+hatte. Die Zust&auml;nde waren also
+noch viel heilloser, viel giftiger, als er sich
+eingebildet hatte. Er war wie gel&auml;hmt.
+Er lie&szlig; die Sache, f&uuml;r die er sich geopfert,<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+auf sich beruhen. Er wich den Menschen
+aus, wurde scheu und wunderlich. Er verlie&szlig;
+seine Stadtwohnung und zog sich ganz
+in seine Villa zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Diese Villa lag am Ende der S&uuml;dwestvorstadt,
+nahe den bewaldeten H&uuml;geln und
+inmitten eines gro&szlig;en Gartens, der vor
+neugierigen Blicken durch eine hohe, steinerne
+Mauer gesch&uuml;tzt war. Die zahlreichen
+R&auml;ume enthielten Sch&auml;tze von Gem&auml;lden,
+Statuen, B&uuml;chern, Porzellan und alten
+M&ouml;beln. Der Hofrat lie&szlig; aber die Zimmer
+versperrt und nistete sich in einer Giebelkammer
+ein. Die Haush&auml;lterin kochte
+f&uuml;r ihn, und der Diener Gerold, eine Art
+Faktotum, sorgte f&uuml;r seine &uuml;brigen Bed&uuml;rfnisse.</p>
+
+
+<p class="newsection">Anfangs hatte ihn Olivia beinahe t&auml;glich
+gesehen. Entweder kam er zu ihr,
+unterhielt sich eine Weile mit der Mutter
+und forderte Olivia auf, ihn zu begleiten,
+oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete,
+setzte sie sich in eine Ecke, nahm ein Buch
+und las.</p>
+
+<p>Von dem, was ihn in dieser Zeit erf&uuml;llte,
+sprach er nicht. Sie erfuhr es von andern.
+Jeder entstellte es auf seine Weise, aber
+es gen&uuml;gte, da&szlig; sie Robert Lamm anschaute,
+dann r&uuml;ckte sich alles zurecht. Sie
+war stolz auf ihn, nichtsdestoweniger dr&uuml;ckte
+sein Wesen sie nieder, ohne da&szlig; sie wu&szlig;te,
+wie es geschah. Er war vertraulich und
+herzlich, dennoch schien es, als rede er mit
+ihr durch eine Wand hindurch. Da&szlig; sie
+ihm nicht n&auml;her kommen konnte, beunruhigte
+sie und trieb sie immer wieder in seine
+N&auml;he.</p>
+
+<p>Da trat die Katastrophe ein, die ihn
+aus seiner Wirksamkeit, aus seiner Laufbahn
+ri&szlig;. Am Tag, bevor er in die Villa
+&uuml;bersiedelte, gab er ihr in unfreundlichem
+Ton zu verstehen, da&szlig; er bis auf weiteres
+von keinem Menschen behelligt werden
+wolle. Sie lie&szlig; sich&#8217;s gesagt sein und ging
+verletzt und schweigend hinweg. Wieder
+erst von andern h&ouml;rte sie, was sich ereignet
+hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie,
+aber da er sie zur&uuml;ckgesto&szlig;en hatte, blieb
+sie ihm fern.</p>
+
+<p>Sie wollte ihr Leben wieder wie fr&uuml;her
+f&uuml;hren. Allein die Heiterkeit und Sorglosigkeit
+waren verflogen. Es war nicht
+mehr der Leichtsinn darin, das s&uuml;&szlig;e Tr&auml;umen,
+das unbefangene Lachen. Sie lauschte
+aufmerksam auf das, was die Leute zu ihr
+sagten, und mi&szlig;traute den Worten. Zu
+einigen Menschen, die sie lieb gehabt, ging
+sie auch jetzt gerne, aber die rechte Freude
+fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner,
+die Frau eines Gro&szlig;industriellen.
+Sie war um zehn Jahre &auml;lter als Olivia,
+hatte schon eine f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Tochter
+und wurde von allen, die sie kannten, wegen
+ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes
+bewundert. Wohl versp&uuml;rte Olivia noch
+immer den Zauber ihres Wesens, aber das
+ganze Dasein dieser Frau erschien ihr auf
+einmal leer, sie bemerkte in ihren Z&uuml;gen
+eine Melancholie, die ihr vordem nicht
+aufgefallen war, und, was das Schlimmste
+war, das Zusammensein mit ihr langweilte
+sie.</p>
+
+<p>In der Trauer hier&uuml;ber nahm sie zu
+B&uuml;chern ihre Zuflucht; ihre Gedanken hatten
+aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel,
+sie war nicht erf&uuml;llt. Konzerte, Theater,
+Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre
+zahllosen Beziehungen wurden von Tag
+zu Tag lockerer; oft mu&szlig;te sie sich erst m&uuml;hsam
+erinnern, was sie an den oder jenen
+Menschen gefesselt hatte; sie waren pl&ouml;tzlich
+so schmucklos und ohne Anreiz.
+Das Friesheimsche Haus mied sie. Eduard
+hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem
+Lloyddampfer genommen; aus &uuml;berseeischen
+H&auml;fen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
+Entt&auml;uschung, Resignation und sch&uuml;chtern
+glimmende Hoffnung enthalten waren. Sie
+antwortete selten, der Ton, den sie anschlug,
+konnte seine Zuversicht nicht heben.</p>
+
+<p>Eines Tages kam Marianne zu ihr, sa&szlig;
+eine Weile schweigend da und begann auf
+einmal zu weinen. Olivia umarmte sie;
+zu sagen wu&szlig;te sie wenig, Trost hatte sie
+keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne
+schaute erstaunt und unwillig empor.
+So verstellst du dich? z&uuml;rnte ihr vorwurfsvoller
+Blick. Erst als Olivia, k&uuml;hl
+und befremdet, zum zweitenmal fragte,
+erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte
+aber noch heftiger. Seltsam, die Tr&auml;nen
+r&uuml;hrten Olivia nicht, ruhig forschte sie
+Marianne aus und erfuhr, da&szlig; Ingbert
+schon seit Wochen in die Stadt zur&uuml;ckgekehrt
+war und in seinem Atelier fast ohne
+Pflege krank lag. &raquo;Ja, hast du ihn denn
+nicht besucht?&laquo; fragte Olivia mit gro&szlig;en<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+Augen. &raquo;Wie soll ich denn? Wie kann
+ich ihn denn besuchen?&laquo; erwiderte Marianne,
+und um ihren Mund zuckte es
+hilflos. Olivia faltete die H&auml;nde und sagte
+langsam: &raquo;Aber was willst du dann?
+Warum weinst du?&laquo; Marianne senkte den
+Kopf. &raquo;Verzeih, Olivia, ich glaube, ich
+hab&#8217; dich ungerecht beschuldigt,&laquo; hauchte
+sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort
+und war nun ganz kalt und zugeschlossen.</p>
+
+<p>Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von
+einer alten Aufw&auml;rterin abgewiesen. Es
+d&uuml;rfe niemand zu ihm, sagte die Frau,
+er liege im Fieber. Sie fragte, welcher
+Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte,
+er wolle keinen Arzt. Da bat Olivia ihren
+Hausarzt, da&szlig; er ihn besuche, und dieser
+beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren
+Bruder Ferdinand schickte sie hin und war
+froh, zu bemerken, da&szlig; er an Ingbert Gefallen
+fand. Als sie endlich selbst zu ihm
+gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
+blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick
+&uuml;berflammt von Freude; ihre offensichtliche
+Best&uuml;rzung &uuml;ber die Armseligkeit seiner
+Behausung entlockte ihm ein wehm&uuml;tiges
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Sie kam fast t&auml;glich. Er besa&szlig; ein altes
+Spinett, darauf spielte er ihr vor. Sie
+sah seine Bilder und Studien an und fragte,
+ob er nichts verkaufen wolle. Es waren
+Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie
+und besonderer Anschauung der Natur.
+Er w&auml;hlte einige St&uuml;cke aus und nannte
+Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch
+erhob. Er wehrte stolz-ergeben ab.
+Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte,
+ihm, wenn auch wider seinen Willen, zu
+helfen, schrieb sie an Robert Lamm, von
+dem sie wu&szlig;te, da&szlig; er an Bildern Interesse
+hatte. Ein paar Tage sp&auml;ter teilte ihr
+Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen,
+habe sich aber nicht entschlie&szlig;en
+k&ouml;nnen, eines der Bilder zu erwerben. Es
+lag etwas Verschmitztes in seinen Worten,
+Olivia sch&ouml;pfte Argwohn und ging zu Robert
+Lamm, um ihn zu fragen. &raquo;Dein
+Maler ist ein Narr,&laquo; sagte Robert Lamm;
+&raquo;ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er
+antwortete mir, gerade von denen k&ouml;nne
+er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm
+ein anderes, da meinte er, das sei nicht
+fertig, und als wir endlich &uuml;ber ein viertes
+beinahe handelseins geworden waren, behauptete
+er, das habe er einem Freund
+versprochen. Du t&auml;test gut daran, mich k&uuml;nftig
+mit solchen Auftr&auml;gen zu verschonen.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging im Zimmer auf und ab. &raquo;Was
+soll&#8217;s? Was soll&#8217;s &uuml;berhaupt?&laquo; fuhr er
+mit seiner keifend-hellen Stimme fort.
+&raquo;Was soll&#8217;s mit der ganzen Kunst? Was
+f&ouml;rdert sie? Wen f&ouml;rdert sie? Wen tr&ouml;stet
+sie? Wen macht sie besser? Verringert sie
+das Elend, die Niedertracht, die Willk&uuml;r?
+Es ist alles Schwindel und Selbstbetrug.
+Die Leute, die dergleichen schaffen, werfen
+Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden
+Sumpf, und den andern, die sich daf&uuml;r
+begeistern, dient es als Ausrede f&uuml;r
+ihr schlechtes Gewissen.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia widersprach; er beharrte; das
+Hin und Her von Worten war ein unn&uuml;tzes
+Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich
+festsetzen konnte, er ri&szlig; sie fort, er ri&szlig;
+sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit
+Schrecken sp&uuml;rte sie, da&szlig; sie bei jedem
+Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
+seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen
+zielte daraufhin, sich dem verh&auml;ngnisvollen
+Einflu&szlig; zu entziehen. Was an Z&auml;rtlichkeit
+in ihrem Gem&uuml;t war, str&ouml;mte Ingbert
+zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes Vertrauen,
+ein stilles freilich, aber er schien zu
+verstehen; nie durchbrach ein vorwitziges
+Wort von ihm die Schranken, die sie aufgerichtet
+hatte.</p>
+
+<p>Er durfte sie k&uuml;ssen, wenn sie kam und
+wenn sie ging. Er verga&szlig; nicht, da&szlig; er es
+nur durfte. Er behandelte sie wie eine
+Kostbarkeit, die blo&szlig; zuf&auml;llig in seine Verwahrung
+gegeben war. Sie stand jetzt in
+der Bl&uuml;te ihrer Sch&ouml;nheit; alle Menschen
+drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
+ihre k&uuml;hn-aufgereckte Haltung, der edle
+Gang, das n&ouml;rdliche Blond der Haare, die
+perlenhafte Haut, der vollendete Bau des
+K&ouml;rpers und seine vornehme Bewegung,
+das alles im Verein war so selten wie unverge&szlig;lich.
+Ingbert malte sie, wieder und
+wieder. Er sagte: &raquo;Jetzt sehen Sie erst,
+was f&uuml;r ein St&uuml;mper ich bin;&laquo; doch sie
+l&auml;chelte ihm zu und war froh &uuml;ber diese
+Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln.
+So bezaubernd wie ihr ehedem die
+ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd
+d&uuml;nkte ihr nun Ingbert allein. Und doch
+war ihr Gef&uuml;hl verwirrt, tief und schmerzlich
+verdunkelt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Sie lie&szlig; sich selbst nicht ruhen, und endlich
+w&auml;hnte sie Klarheit zu gewinnen. Was
+auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche
+Schuld, die von Jahr zu Jahr sich
+geh&auml;uft hatte und noch immer, Stunde
+um Stunde, wuchs. Und dort, in seiner
+freiwilligen Einsamkeit, sa&szlig; der Richter,
+zu dem mu&szlig;te sie gehen, nur er konnte ihr
+helfen, &#8211; zu den Menschen, von den
+Menschen.</p>
+
+<p>Menschen! Das war das R&auml;tsel, das
+die Qual. Hatte sie denn die Menschen
+vorher nicht gesp&uuml;rt, sie blo&szlig; hingenommen
+und nicht gepr&uuml;ft? Mit ihnen gelebt und
+sie nicht erkannt? War alles nur Spiel
+gewesen, was sie mit ihnen verbunden hatte,
+angenehme L&uuml;ge? Waren alle diese B&uuml;ndnisse
+nichtig, dies Mit- und F&uuml;reinandersein,
+war es wertlos, das Entz&uuml;cken an den
+Dingen verwerflich, die Beschwingung und
+das Streben eitle Gaukelei?</p>
+
+<p>Und was berechtigte sie zu dem nagenden
+Mi&szlig;trauen? Was hatte die Fl&uuml;gelkraft
+gel&auml;hmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen?
+Woher waren die Zweifel gekommen?
+Aus Worten nur. Durften Worte
+solche Macht haben? Doch hinter den
+Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht
+eines Heuchlers, dort das Gesicht eines
+Rechtlosen, hier eins, das vom tr&auml;gen Genu&szlig;
+verw&uuml;stet war, dort eines, das der
+Hunger gezeichnet hatte; und vor allem
+<em class="gesperrt">sein</em> Gesicht, Robert Lamms hartes, verst&ouml;rtes,
+erbittertes, richtendes Gesicht.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te auch zu ihm gehen. Sie wollte
+Frieden haben; sie wollte mehr Beweise
+haben; einen Spruch, auf den sie sich st&uuml;tzen
+konnte; einen Weg, der in die Sonne zur&uuml;ckf&uuml;hrte.
+Sie ertrug es nicht, sich in Ha&szlig;
+gegen die Welt zu verlieren.</p>
+
+
+<p class="newsection">Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat
+wegen einer Vormundschaftsangelegenheit
+zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
+Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere
+Male geschrieben, ehe er sich entschlo&szlig;, zu
+kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag
+im Fasching; Ferdinand und Ingbert hatten
+sich verabredet, zusammen auf einen
+Maskenball zu gehen, auch Olivia war
+von mehreren Bekannten zur Teilnahme
+aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.</p>
+
+<p>Robert Lamm sa&szlig; mit Frau Khuenbeck
+am Tisch und &uuml;berlas einige Urkunden,
+da traten Ingbert und Ferdinand und ein
+Freund des letzteren mit L&auml;rm und Lachen
+ins Zimmer. Der eine war als Vagabund,
+der andere als Indianer, der dritte
+als italienischer Fischer gekleidet. Frau
+Khuenbeck erhob sich, heiter &uuml;berrascht,
+Olivia stand l&auml;chelnd auf der Schwelle.
+Robert Lamms Miene dr&uuml;ckte Wohlgefallen
+aus, und er klatschte sogar Beifall.
+Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit
+den jungen Leuten begann er von Redouten
+zu berichten, bei denen er durch diese
+oder jene abenteuerliche und ungew&ouml;hnliche
+Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
+bed&uuml;rfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen
+W&uuml;rze zu verleihen, meinte
+er, und schilderte ein Fest von ehemals,
+bei welchem hervorragende Personen,
+Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
+T&auml;nzerinnen durch geistreiche Einf&auml;lle von
+sich reden gemacht h&auml;tten. Er gab einige
+Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die
+sein gl&auml;nzendes Erz&auml;hlertalent ins Licht
+setzten, kurz, er war so aufger&auml;umt, so unterhaltend
+und trotz des Zynismus, der
+heimlich oder unverh&uuml;llt stets in seinen
+Worten lag, so gewinnend, da&szlig; alle an
+seinem Munde hingen und ihr Bedauern
+nicht verhehlten, als er abbrach und sich,
+pl&ouml;tzlich wieder trocken und h&ouml;lzern h&ouml;flich,
+empfahl.</p>
+
+<p>Olivia war in Hut und Mantel, weil
+sie einige Eink&auml;ufe in der Stadt machen
+wollte. Sie schlo&szlig; sich dem Hofrat an, und
+er schien sich dar&uuml;ber zu freuen. Seine unerwartete
+Gespr&auml;chigkeit hatte erl&ouml;send auf
+sie gewirkt; sie sch&ouml;pfte Hoffnung, seine
+Gegenwart schien keine Gefahr mehr zu
+enthalten.</p>
+
+<p>Schweigend gingen sie nebeneinander.
+Es war Abend, viele Menschen waren
+unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstra&szlig;en
+ab in die stilleren, aber auch dort
+sprach er nicht. Anfangs d&uuml;nkte Olivia
+dies Schweigen nat&uuml;rlich, doch als sie ihn
+anschaute, bemerkte sie, da&szlig; seine Miene
+finster und feindselig war. Sie erschrak;
+sie konnte sich die Verwandlung nicht erkl&auml;ren;
+sie f&uuml;rchtete, ihn verletzt zu haben,
+wollte fragen, brachte aber kein Wort &uuml;ber
+die Lippen. Immer wuchtender, immer
+l&auml;hmender wurde sein Schweigen, und er
+erschien ihr grausam und geheimnisvoll<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+dadurch. Sie h&auml;tte sich von ihm verabschieden
+k&ouml;nnen, doch sie war nicht imstande,
+den Vorsatz auszuf&uuml;hren. Die Richtung,
+in die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel;
+was zwang sie, ihm zu folgen?</p>
+
+<p>Sie sp&uuml;rte, wie sie allm&auml;hlich bleich
+wurde und ein fremdes Entsetzen sie beschlich.</p>
+
+<p>Auf einmal blieb er stehen. Sie waren
+bereits hinter dem G&uuml;rtel, und statt der
+elektrischen Bogenlampen brannten fahle
+Gaslaternen. Er legte beide H&auml;nde auf
+ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend
+an und fragte: &raquo;Warum kommst
+du nicht zu mir?&laquo;</p>
+
+<p>Stumm schaute sie zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Komm morgen,&laquo; sagte er befehlend.</p>
+
+<p>Ein Automobil fuhr die Stra&szlig;e herauf.
+Er rief den Lenker an, fragte Olivia, wohin
+sie zu fahren w&uuml;nsche, half ihr in den
+Wagen, gab dem Manne Geld, l&uuml;pfte den
+Hut und eilte hinweg.</p>
+
+
+<p class="newsection">Als sie am andern Nachmittag in die
+Villa kam, sagte ihr der Diener Gerold,
+der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam
+schritt sie durch die Alleen und &uuml;ber die
+Wege und gewahrte ihn endlich auf einem
+Beet, wo er harkte. In seiner N&auml;he gruben
+der G&auml;rtner und sein Gehilfe die Erde um.</p>
+
+<p>Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und
+wartete. Nach einer Weile trat er zu ihr. Er
+begann sogleich von Ferdinand zu sprechen
+und sagte, der junge Mensch sei im Begriff,
+zu verludern; er habe mit der Mutter &uuml;ber
+ihn gesprochen, und sie seien &uuml;berein gekommen,
+da&szlig; es am besten w&auml;re, wenn
+man ihn nach Deutschland schickte. Einem
+angehenden Techniker b&ouml;ten sich dort g&uuml;nstigere
+Aussichten und ein reicheres Feld
+der Bet&auml;tigung als hierzulande, wo alle
+Kraft geknickt werde und Talent und Flei&szlig;
+dem fl&uuml;chtigen Genu&szlig; zum Opfer falle.</p>
+
+<p>Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit
+Frau Khuenbeck zum Austrag gebracht
+hatte, war der einer Wohnungsver&auml;nderung.
+Die Wohnung in dem eleganten
+Stadtviertel war zu teuer geworden, und
+Frau Khuenbeck hatte sie schon vor einigen
+Wochen gek&uuml;ndigt. Sie hatte aber noch kein
+passendes Heim gefunden, und da hatte ihr
+Robert Lamm geraten, in seine N&auml;he, aufs
+Land zu ziehen. Zuf&auml;llig hatte er davon
+geh&ouml;rt, da&szlig; in einem Haus in P&ouml;tzleinsdorf
+eine Wohnung von drei Zimmern billig
+zu vermieten sei; er sei heute vormittag dort
+gewesen, und da sich alles in w&uuml;nschenswertem
+Stand gezeigt, habe er die Wohnung
+gleich gemietet. In vierzehn Tagen
+k&ouml;nnten sie &uuml;bersiedeln, Olivia m&ouml;ge es zu
+Hause ausrichten.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast dann nur ein paar Minuten
+Wegs zu mir,&laquo; schlo&szlig; er, &raquo;kannst kommen,
+wann du willst und hier im Garten spazieren
+gehen. Wenn du&#8217;s w&uuml;nschest, richt&#8217;
+ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen
+und tr&auml;umen. Dort, das Rondell zwischen
+den Kastanien; vom Mai an ist es ganz
+in Bl&uuml;ten begraben. Freilich, besser ist es,
+nicht zu tr&auml;umen, besser ist&#8217;s, die Augen
+offen zu halten, damit man nicht betrogen
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia wie die Mutter schieden ungern
+aus der alten Wohnung, in der sie seit dem
+Tod des Professors gelebt. Olivia erschien
+sich zu einem ungew&uuml;nschten Zustand vergewaltigt,
+und als sie das neue Heim bezogen
+hatten, kam sie sich wie eine Verbannte
+vor, von allen Quellen abgeschnitten.
+Sie unterdr&uuml;ckte ihr Gef&uuml;hl, um das dumpfere
+der Mutter nicht aufzuwecken; der Hofrat,
+der zuweilen her&uuml;ber kam, merkte die
+Verstimmung und erging sich in boshaften
+Bemerkungen. Um jene Zeit gab es schon
+Blumen die F&uuml;lle in seinem Garten, und
+er schickte einmal eine ganze Wagenladung
+von Topfpflanzen, mit denen Olivia die
+Fenster und den Balkon schm&uuml;ckte, bis das
+D&uuml;rftige und &auml;rmlich Frische der Zimmer
+verh&uuml;llt war.</p>
+
+<p>Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin,
+einer gr&ouml;&szlig;eren Bestimmung entgegen. Seine
+Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die
+Trennung von Mutter und Schwester fiel
+ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange
+nicht zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr
+immer so selbstverst&auml;ndlich gewesen, jetzt
+fehlten sein Scherz, seine liebensw&uuml;rdige
+Ungebundenheit zu allen Stunden. Frau
+Khuenbeck hatte den Pl&auml;nen, die der Hofrat
+in bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt
+hatte, stets willig beigestimmt; die
+Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr
+zugef&uuml;gtes Unrecht, und sie fa&szlig;te einen Groll
+gegen Robert Lamm.</p>
+
+<p>Hiervon war h&auml;ufig die Rede zwischen
+Lamm und Olivia. Er &auml;u&szlig;erte sich bitter
+&uuml;ber die Undankbarkeit der Mutter und spottete<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+&uuml;ber ihre wehleidige Schw&auml;che. &raquo;Profit
+machen und nichts zusetzen, so ein Gesch&auml;ft
+w&uuml;nschen sie sich alle,&laquo; sagte er ver&auml;chtlich;
+&raquo;andere f&uuml;r sich schuften lassen und im
+&uuml;brigen lustig sein, fr&ouml;hlich sein, heirassassa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte dein Vater zu wirtschaften verstanden,
+dann brauchtet ihr nicht wie die
+K&uuml;mmerlinge zu leben,&laquo; sagte er ein andres
+Mal; &raquo;er hat in manchen Jahren sechzig-,
+siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient,
+und wenn er blo&szlig; die H&auml;lfte zur&uuml;ckgelegt
+h&auml;tte, so h&auml;ttet ihr heute ein ansehnliches
+Verm&ouml;gen. Statt dessen wurde alles f&uuml;r
+K&uuml;che und Keller vergeudet; jeden Tag
+offene Tafel, ein Dutzend Kostg&auml;nger, die
+sich den Bauch m&auml;steten und wenn sie den
+R&uuml;cken gedreht hatten, sich das Maul zerrissen,
+weil sie doch nie genug bekamen;
+Sch&ouml;ntuer und Speichellecker, die sich auf
+Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
+Dienstboten, die wie die Raben stahlen,
+wahrhaftig, es war zu toll! Das Herz blutete
+einem beim Zuschauen. Da war nichts
+zu bessern; solche Lebenshaltung galt f&uuml;r
+vornehm, keiner machte es anders, man
+war ein Kavalier, man lie&szlig; sich nichts abgehen,
+man &uuml;berzahlte jeden Genu&szlig;, und
+jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken,
+wenn er nur eifrig zu katzbuckeln
+wu&szlig;te. Und so stehen wir halt da, wo wir
+stehen, meine Liebe. Nicht nur du und
+deine geehrte Mutter, sondern ringsherum
+die ganze Kompanie, das ganze Land, dicht
+vor dem Bankrott, reif zum Sturz.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia wollte das Andenken des Vaters
+nicht geschm&auml;ht wissen und verteidigte ihn
+mit dem Hinweis auf seine G&uuml;te und seine
+gro&szlig;m&uuml;tige Sinnesart. Das sei eine schlechte
+G&uuml;te, die das eigene Fleisch und Blut der
+Sorge &uuml;berliefere, nur weil die Lockung
+des Augenblicks st&auml;rker sei als die Vernunft,
+war die Antwort; eine schlechte
+Gro&szlig;mut, die jedem Lumpen zu willen
+sei und die Fr&uuml;chte m&uuml;hevoller Arbeit einem
+Parasitenhaufen an den Kopf werfe. &raquo;Du
+sprichst ja, als h&auml;ttest du meinen Vater
+geha&szlig;t,&laquo; kam es emp&ouml;rt von Olivias Mund.
+Robert Lamm richtete sich steif empor.
+&raquo;Geha&szlig;t? Er war mein Freund.&laquo; &#8211; &raquo;Nun,
+also!&laquo; &#8211; &raquo;Was, also? An ihm zuerst habe
+ich unsere Krankheit konstatiert, er, bei seiner
+Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir
+zum Sinnbild unseres Unterganges. Die
+Leistung an sich, auch die trefflichste, ist
+nichts, so wie der allerreinste Charakter
+fast nur als eine Abnormit&auml;t dasteht, wenn
+er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
+Ja, ich war sein Freund; ich wei&szlig;, wie er
+zeitlebens gearbeitet hat, wie selbstlos er
+seinem Beruf hingegeben war. Aber ich
+war ein Feind seiner Weichheit, seiner
+Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums,
+seines Allesiebengradeseinlassens.&laquo;</p>
+
+<p>Und er kam auf gewisse Zust&auml;nde an der
+Klinik, die damals schon von sich reden gemacht
+h&auml;tten und heute zum Skandal gediehen
+seien. Khuenbeck habe dem Unwesen
+nicht zu steuern vermocht und sich seufzend
+ergeben. Er sei niemals f&auml;hig gewesen,
+R&auml;nke zu spinnen, aber er habe auch den
+Gedanken nicht ertragen k&ouml;nnen, da&szlig;
+andere gegen ihn R&auml;nke spannen. Deshalb
+sei er auch nicht davor zur&uuml;ckgeschreckt,
+sich zu dem&uuml;tigen, wenn es einen Widersacher
+zu vers&ouml;hnen galt, und oft sei es geschehen,
+da&szlig; er einem Kollegen, der ihn
+auf der Gasse mit herausfordernder K&auml;lte
+gegr&uuml;&szlig;t, einen Besuch abgestattet habe, um
+sich nach dem Grund seines Gesinnungswechsels
+zu erkundigen. Da wurde dann
+geredet und geredet; der klaffende Ri&szlig;, der
+Gut von B&ouml;se, Reinheit von Gemeinheit
+scheidet, sei mit Floskeln, Schmeicheleien
+und Versicherungen zugestopft worden, und
+zum Schlu&szlig; habe man sich freundschaftlich
+die H&auml;nde gesch&uuml;ttelt, womit alles beim
+alten geblieben sei und die Schlamperei
+Fett angesetzt habe.</p>
+
+<p>&raquo;Am Ende seines Lebens ist er dann
+m&uuml;de und traurig geworden und sah wohl
+ein, was er unschuldig verschuldet hatte,&laquo;
+sagte Robert Lamm. &raquo;Eines Abends, es
+war kurz, ehe er die Reise antrat, von der
+er nicht heimgekehrt ist, erz&auml;hlte er mir
+die Geschichte eines seiner Sch&uuml;ler. Der
+h&ouml;chst begabte junge Mensch hatte den
+Malaria-Bazillus entdeckt; er war bettelarm,
+und da er sich politisch kompromittiert
+hatte, konnte er nirgends Unterst&uuml;tzung finden;
+alle seine Gesuche um ein Stipendium
+wurden abschl&auml;gig beschieden. In der
+Verzweiflung dar&uuml;ber, da&szlig; er die zur Herstellung
+des Serums, also zur Nutzbarmachung
+seiner Entdeckung erforderlichen
+Mittel auf keine Weise aufbringen konnte,
+beging er die Eselei, Banknoten zu f&auml;lschen.
+Die Sache kam nat&uuml;rlich ans Licht, er
+wurde zu langj&auml;hrigem Kerker verurteilt,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+und damit war seine Existenz vernichtet.
+Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen;
+er hatte von den Arbeiten des
+jungen Fachgenossen geh&ouml;rt; er wu&szlig;te, was
+f&uuml;r Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt
+worden waren, Schwierigkeiten, auf
+die bei uns jeder st&ouml;&szlig;t, der etwas will,
+etwas kann und etwas ist. Als er sich entschlossen
+hatte, einzugreifen, war es schon
+zu sp&auml;t gewesen. Freilich war er durchaus
+nicht sicher, da&szlig; sein Dazwischentreten die
+Katastrophe abgewendet h&auml;tte. Zum ersten
+Male sah ich ihn ganz niedergeschlagen,
+und in seiner m&uuml;den Art klagte er das
+Regime an, machte das Regime verantwortlich
+f&uuml;r alle &Uuml;bel. Nun, dieses Lied
+war mir bekannt. Das Regime ist wie der
+Drache im M&auml;rchen, der die Jungfrau zum
+Fra&szlig; verlangt; allgemeines Heulen und
+Z&auml;hneklappern, Schimpfen und Fluchen,
+aber der Drache gibt nicht nach, und die
+Jungfrauen werden ausgeliefert. Im
+M&auml;rchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein
+und macht dem Untier den Garaus;
+ich m&ouml;cht es nicht erleben, wie so ein Schneiderlein
+bei uns traktiert w&uuml;rde; die Schikanen
+und Kniffe und Bedenklichkeiten
+w&uuml;rden ihm seine Heldentat schon verleiden,
+wenn&#8217;s &uuml;berhaupt dazu k&auml;me, und statt die
+Hand der Prinzessin g&auml;be man ihm zur
+Belohnung einen Fu&szlig;tritt.&laquo;</p>
+
+<p>&#8250;Die Stimme, die Stimme,&#8249; mu&szlig;te Olivia
+in einem fort denken; qualvoll war ihr seine
+schrille, keifende Stimme, qualvoll dies
+Schelten, Raunzen, Geifern und H&ouml;hnen.
+Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
+Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich
+ins Innere bohrte gleich einer Schraube.
+Sie h&auml;tte ihn oft bitten m&ouml;gen, leise zu
+sprechen, aber sie wagte es nicht, denn er
+war empfindlich; warf er ihr doch <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ohnhin'">ohnehin</ins>
+bei jeder Gelegenheit ihre Verz&auml;rtlichung
+und Vers&uuml;&szlig;lichung vor und spottete &uuml;ber
+das R&uuml;hrmichnichtan, das in ihrer Miene
+lag.</p>
+
+<p>Er entri&szlig; ihr St&uuml;ck um St&uuml;ck ihres
+inneren Besitzes. Was er mit seinem Wort
+ber&uuml;hrte, wurde entwertet und entheiligt.
+Bisweilen lehnte sie sich auf gegen seine
+Welt- und Menschenverachtung, jedoch die
+Armseligkeit ihrer Gr&uuml;nde entlockte ihm
+nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
+nie verlegen, vor den Tatsachen mu&szlig;te
+sie sich beugen.</p>
+
+<p>Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein,
+ihm etwas werden zu k&ouml;nnen. Sie wies
+auf die gro&szlig;en Werke hin, die gro&szlig;en
+Sch&ouml;pfer, die gro&szlig;en Gedanken der Menschheit.
+Er nannte das ein frommes Geplauder;
+die Menschen redeten nur davon, es
+sei wie bei der Zeitung; &uuml;ber dem Strich
+feiere die Korruption Orgien, unter dem
+Strich w&uuml;rden Sch&ouml;nheit und Moral gepredigt,
+was billig zu haben sei und niemand
+in Unkosten st&uuml;rze. Sie erinnerte ihn
+an seinen Freund, den Musiker, der so viele
+erhoben, so viele entflammt; er lachte geringsch&auml;tzig
+und fragte, ob sie denn nicht
+wisse, da&szlig; man gerade den mit giftigem
+Ha&szlig; verfolgt und f&ouml;rmlich in den Tod gejagt
+habe.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nichts davon; er berichtete
+Einzelheiten, erz&auml;hlte, wie der wunderbare
+Mann gelitten hatte, wie er gegen das
+Ende seines Lebens, um sich und seine Kunst
+zu retten, keine andere M&ouml;glichkeit gesehen
+habe, als aus dem Land zu fliehen und
+wie er sich in Amerika durch aufreibende
+Wanderfahrten die Krankheit zugezogen
+habe, die seiner sternenhaften Bahn ein
+Ziel gesetzt.</p>
+
+<p>Da t&ouml;nte aus der Vergangenheit die
+herrlich-sonore Stimme, nach der sich Olivia
+gesehnt, die Stimme des Aufschwungs,
+Seelenstimme, erstickt nun und verloren;
+sie schauderte und lie&szlig; die Schw&auml;rze wehrlos
+um sich niedersinken.</p>
+
+
+<p class="newsection">Mied sie Robert Lamm, so rief er sie;
+widerstrebte sie dann noch, so kam er selbst.
+Er war der St&auml;rkere; mit eiserner Faust
+zog er sie in seine finstere Sph&auml;re. Er
+zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er
+belud sie mit seiner schmerzlichen, im Grunde
+edlen, aber auch ohnm&auml;chtigen Verbitterung.
+Als sie wahrnahm, da&szlig; sie nur noch
+mit seinen Augen sah, erschlaffte jeder Nerv
+an ihr.</p>
+
+<p>Mit einer letzten Anstrengung suchte sie
+sich zu befreien. Bei Senoners war ein
+Ball, sie wurde eingeladen und ging hin.
+Als ausgezeichnete T&auml;nzerin, die sie war,
+wurde sie lebhaft umworben, aber schon
+bei dem ersten Walzer erfa&szlig;te sie ein Grauen
+vor der Umschlingung eines wildfremden
+Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu
+Grimassen verzerrt, in allen sah sie etwas
+Drohendes, Gemeines und Feiges. Die<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+Lichter taten ihr weh; das Lachen und
+Scherzen, Nina Senoners Herzlichkeit, alle
+Bewegung, Musik und Worte, alles tat
+ihr weh. Jeanette, Ninas Tochter, ein
+M&auml;dchen von spr&uuml;hendem Temperament,
+sorglos wie eine Elfe, folgte Olivia auf
+Schritt und Tritt; sie war wie behext von
+der sch&ouml;nen Freundin ihrer Mutter, und
+Nina, die es merkte, l&auml;chelte still und bat
+Olivia, sie m&ouml;ge doch wieder zu ihr kommen
+wie fr&uuml;her. Jedoch Olivia glaubte
+nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
+seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der
+fast nie aus Ninas schwerm&uuml;tigen Z&uuml;gen
+wich, machte sie stutzig und argw&ouml;hnisch,
+und in einer Sekunde vision&auml;ren Schauens
+war es ihr, als klaffe zwischen dieser Mutter
+und dieser Tochter ein Abgrund, von dem
+beide noch nichts ahnten.</p>
+
+<p>In einem andern Kreis lernte sie wenige
+Tage sp&auml;ter einen russischen S&auml;nger
+kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung
+schenkte; doch als er dann, von M&auml;nnern
+und Frauen best&uuml;rmt, Lieder seiner Heimat
+sang, wurde ihr Herz im Innersten
+aufgew&uuml;hlt. Trunken ging sie nach Hause
+und w&uuml;nschte nichts anderes, als den S&auml;nger
+noch einmal zu h&ouml;ren. Sie erfuhr, da&szlig;
+er an einem bestimmten Abend wieder dort
+sein w&uuml;rde, und vers&auml;umte nicht, sich einzufinden.
+Es war ein gastliches Haus, in
+welchem allerlei freie und halbfreie Menschen
+zwanglos verkehrten. Bei ihrem Eintritt
+wurde sie von Georg Ingbert begr&uuml;&szlig;t;
+sie zeigte weder &Uuml;berraschung, noch Freude.
+Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
+dennoch herrschte eine geheime Verst&auml;ndigung
+zwischen ihr und ihm. W&auml;hrend er
+sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte
+gebannt in sein Gesicht. Er hatte eben ein
+Lied geendet; das Entz&uuml;cken der H&ouml;rer
+&auml;u&szlig;erte sich in l&auml;rmendem H&auml;ndeklatschen,
+Olivia schaute immer noch verzaubert in
+die Richtung, wo er stand. Da dr&auml;ngte sich
+Ingbert durch eine aufgeregte Gruppe; er
+ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit
+einer freien Anmut der Geb&auml;rde strich er
+mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
+und schmeichelnd &uuml;ber Olivias entbl&ouml;&szlig;ten
+Unterarm und fl&uuml;sterte, so da&szlig; nur sie es
+vernehmen konnte: &raquo;Olivia, Sie sind verliebt.&laquo;</p>
+
+<p>Ein entsagendes L&auml;cheln spielte auf seinen
+Lippen. Olivia erschrak. Sie l&auml;chelte
+gleichfalls, matt und schuldbewu&szlig;t. Verliebt,
+das war kein Wort mehr f&uuml;r sie; es
+mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick gewahrte sie Robert
+Lamm. Niemand schien sein Kommen
+bemerkt zu haben, aber da&szlig; er da war,
+schien doch allen selbstverst&auml;ndlich. Er hatte
+zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, trotzdem
+benahm er sich, als w&auml;ren ihm die
+R&auml;ume und die Menschen wohlbekannt.
+Er war von einer kom&ouml;diantisch &uuml;bertriebenen
+Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen
+gegen die Damen lag etwas Geziertes
+und zugleich H&auml;misches, sein Gesicht
+war krebsrot. Olivia erhob sich. Er
+sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen.
+Das Be&auml;ngstigende aber war, da&szlig; ihn seinerseits
+die andern, in deren Mitte er sich
+befand, nicht zu sehen schienen. Langsam,
+in der Haltung einer Hypnotisierten, n&auml;herte
+sie sich ihm. Da wurden die Leute
+aufmerksam, stellten sich um sie herum, beobachteten
+verwundert ihr sonderbares Gehaben
+und richteten scheue Fragen an sie.
+Ja, seht ihr denn nicht! h&auml;tte sie rufen
+m&ouml;gen. Das Blut pochte wider ihre
+Schl&auml;fenwand, mit einem dumpfen Schrei
+brach sie zusammen.</p>
+
+<p>Ingbert fing sie in seinen Armen auf.
+Sie aber f&uuml;hlte sich in den Armen Robert
+Lamms. Sie f&uuml;hlte sich in seinem Besitz,
+unentrinnbar und f&uuml;r alle Zeiten. Ihr
+graute vor seiner Stimme, vor seinem
+Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch;
+sie str&auml;ubte sich leidenschaftlich, aber alle
+Bem&uuml;hungen waren vollkommen vergebens.</p>
+
+<p>Man brachte sie nach Hause. Unterwegs
+wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne
+und bat die Begleiter, die bei ihr im
+Wagen sa&szlig;en &#8211; es waren Ingbert und
+ein junges M&auml;dchen&nbsp;&#8211;, sie m&ouml;chten die
+Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt,
+dankte sie ihnen, und als sie fort
+waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen
+Z&uuml;gen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor
+l&auml;utete.</p>
+
+<p>Sie schlief schwer, und gegen Morgen
+hatte sie folgenden Traum. Sie war in
+einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete
+und festlich gelaunte Menschen sich
+ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten
+sich durch blendenden Schmuck und
+kostbare Kleider aus. Unz&auml;hlige Lichter
+brannten, nicht nur an den W&auml;nden, in<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+Hunderten von Kandelabern, sondern auch
+von der Decke hingen sie herab. Olivia
+selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen
+Schleier, und da sie auf solche Lichtf&uuml;lle
+nicht gefa&szlig;t gewesen war, begann sich eine
+qu&auml;lende Scham ihrer zu bem&auml;chtigen. Auf
+einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites,
+ein drittes, zwanzig, drei&szlig;ig, f&uuml;nfzig, in
+regelm&auml;&szlig;igen Pausen. Dies wurde anfangs
+von keinem beachtet, denn die Helligkeit
+blieb noch lange strahlend; als es
+aber dunkler und immer dunkler wurde,
+weil mehr und immer mehr Lichter verloschen,
+wurden die Menschen still; alle
+bewegten sich gegen die W&auml;nde hin, wie
+wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden
+Finsternis, und als zuletzt nur noch
+eine einzige Lampe brannte, stand Olivia
+allein in einem &ouml;den Raum. Der Schleier,
+der sie einh&uuml;llte, wuchs und dehnte sich wie
+Rauch, machte das Geschmeide und die
+kostbaren Gew&auml;nder unsichtbar, und eine
+gellende Stimme rief in das Schweigen
+hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete,
+niemand r&uuml;hrte sich.</p>
+
+<p>Sie erwachte, kleidete sich an und ging
+in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat
+war trotz der fr&uuml;hen Stunde schon in den
+Treibh&auml;usern. Sie wanderte durch das
+Haus, durch alle die sch&ouml;nen R&auml;ume, betrachtete
+die sch&ouml;nen Gegenst&auml;nde. Sie
+lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
+weltfern und ohne Freude.</p>
+
+<p>&#8250;Er allein in dem gro&szlig;en Haus,&#8249; mu&szlig;te
+sie denken, &#8250;so nutzlos und ohne Freude!
+Und soviel Ha&szlig; in der Brust!&#8249;</p>
+
+<p>Dann ging sie in den Park. Es war
+Sommer, unendliches Bl&uuml;hen. In zauberhafter
+Pracht standen die Rosen; S&auml;ulen-,
+Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen.
+Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
+vorbereitet, es war ein Wuchern
+von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
+Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue
+Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis
+und Winden dr&auml;ngten sich an gelbe von
+Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien.
+Und die &uuml;ppigen Hecken, die kleinen Kan&auml;le
+voller Seerosen, die feierlichen Alleen
+von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen,
+die dunklen Eichen, die gelbgeflammten
+Platanen: es war ein Fest der Natur.</p>
+
+<p>Er aber kauerte im Treibhaus wie ein
+Alchimist in seiner K&uuml;che und suchte das
+Mittel zur Z&uuml;chtung einer schwarzen Rose.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Olivia mit Blicken des Abschieds
+den Garten langsam verlie&szlig;, hatte
+sie das Gef&uuml;hl, als riefe sie jemand, aber
+als d&uuml;rfe sie um keinen Preis dem Rufe
+folgen und zur&uuml;ckkehren.</p>
+
+<p>Sie kehrte nicht zur&uuml;ck.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span></p>
+<p class="newsection">Olivia hatte mit der Mutter ein
+entscheidendes Gespr&auml;ch, und am
+gleichen Abend reiste sie nach
+M&uuml;nchen. Von dort ging sie
+nach Florenz, dann nach Rom, dann nach
+Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte
+k&auml;rglich, g&ouml;nnte sich kaum den Bissen zum
+Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.</p>
+
+<p>In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule
+und arbeitete mit Hingabe, wenn
+auch ohne Enthusiasmus.</p>
+
+<p>Die sp&auml;rlichen Briefe, die sie schrieb,
+erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau
+Khuenbeck reiste nach Paris. Der ber&uuml;hmte
+Meister, dessen Unterricht sie geno&szlig;, &auml;u&szlig;erte
+sich &uuml;ber Olivias Charakter mit Bewunderung,
+&uuml;ber ihr Talent mit Vorbehalt.
+Er glaubte nicht daran, da&szlig; ihr Entschlu&szlig;
+zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien
+ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung
+und des Verzichtes.</p>
+
+<p>Ein paar Tage sp&auml;ter sagte Olivia zu
+ihrer Mutter: &raquo;Eine Frau kann es in der
+Kunst zu nichts Gro&szlig;em bringen. Wir
+k&ouml;nnen die Welt nicht anschauen, wir k&ouml;nnen
+die Welt nicht fassen. Heute hab&#8217; ich
+meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht
+mehr hin.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer.
+Olivia ertrug das Meer nicht, und sie
+reisten in die Schweiz, wo sie Frau von
+Scheyern treffen sollten. In Z&uuml;rich wurde
+Olivia bettl&auml;gerig, doch was ihr fehlte,
+konnte nicht ergr&uuml;ndet werden. Ein Arzt,
+der Frau Khuenbeck empfohlen worden
+war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie
+und machte sich anheischig, Olivia vermittelst
+einer sogenannten Seelenanalyse
+zu heilen. Das Verfahren erregte solchen
+Abscheu in ihr, da&szlig; sie drohte, sich aus dem
+Fenster zu st&uuml;rzen, wenn der Mann noch
+einmal in ihre N&auml;he komme.</p>
+
+<p>Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte
+nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man
+sie anredete; jedes Gesicht qu&auml;lte sie, bei
+jedem Ger&auml;usch zitterte sie, vor B&uuml;chern
+empfand sie Widerwillen, die Natur lie&szlig;
+sie kalt.</p>
+
+<p>Als Frau von Scheyern kam, merkte
+Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit
+ihrer Schwester, welche Ver&auml;nderung
+mit Olivia geschehen war. Sie war &uuml;berschlank,
+ihre Formen hatten die Weichheit
+eingeb&uuml;&szlig;t, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar
+die Farbe ihrer Haare schien gebleicht.
+Die Augen lagen tief in den H&ouml;hlen und
+blickten fremd und matt.</p>
+
+<p>Man wollte sie zur Heimreise bewegen.
+Sie weigerte sich und blieb gegen alles
+Zureden taub. Das Beste, was man f&uuml;r
+sie tun k&ouml;nne, sei, sie sich selbst zu &uuml;berlassen,
+erkl&auml;rte sie. Den Frauen d&uuml;nkte
+dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich
+mit einem Arzt und brachten sie in ein
+Sanatorium am Bodensee.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Nach einigen Wochen schrieb sie der
+Mutter, die nach Hause gereist war, sie
+halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle
+einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun
+ging sie nach Arosa und mietete sich in
+einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz
+ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
+November bis August. Wenn man sie sah,
+hatte man den Eindruck, als denke und
+f&uuml;hle sie nicht, als sei ihre Seele gel&auml;hmt.</p>
+
+<p>Sie war von einer m&ouml;rderischen Verachtung
+gegen sich und ihren Zustand erf&uuml;llt.
+Die einzigen Gef&auml;hrten in ihrer traurigen
+Abgeschiedenheit waren Blumen, die
+sie bei ihren Spazierg&auml;ngen auf den Alpenwiesen
+pfl&uuml;ckte. Doch in ihrem erstorbenen
+Herzen versp&uuml;rte sie keine Freude &uuml;ber die
+Blumen. Sie sammelte t&auml;glich einen Strau&szlig;
+und trug ihn in ihre Stube. Am andern
+Tag war er ein totes Ding.</p>
+
+<p>Ihre H&auml;nde waren jetzt ganz schmal und
+gelb.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eines Morgens trat der Besitzer des
+Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: &raquo;Es
+ist Krieg ausgebrochen, ich mu&szlig; mein Haus
+schlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Sie suchte nach einer andern Unterkunft,
+aber man wollte sie nirgends aufnehmen.
+Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos,
+wie sie war, traf sie Vorbereitungen,
+nach Paris zu fahren. Man bedeutete
+ihr, da&szlig; dies nicht anginge. Da
+bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin
+sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert
+wurde. Sie gehorchte.</p>
+
+<p>In allen Bahnh&ouml;fen dr&auml;ngten sich aufgeregte
+Menschen, und Neugier und Angst
+waren auf allen Gesichtern. Der Zug war
+so voll, da&szlig; Olivia kein Pl&auml;tzchen zum
+Sitzen fand und sechzehn Stunden lang
+gepfercht im Korridor stehen mu&szlig;te. Und
+immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
+kreischten, Kinder weinten, M&auml;nner suchten
+ihre Gep&auml;ckst&uuml;cke, Hunde bellten, unaufh&ouml;rlich
+liefen Ger&uuml;chte von Mund zu Mund,
+das Kaiserlied wurde gesungen.</p>
+
+<p>Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen
+fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei
+den fortw&auml;hrenden Ber&uuml;hrungen, denen sie
+ausgesetzt war.</p>
+
+<p>Als im Morgengrauen der Zug hielt,
+sah sie auf dem Bahnsteig eine B&auml;uerin,
+die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was
+zwischen den beiden geredet wurde, konnte
+sie nicht h&ouml;ren, aber wie sie voreinander
+standen, Hand in Hand, Blick in Blick,
+das r&uuml;ttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen
+Pein.</p>
+
+<p>&#8250;Wohin bin ich geraten?&#8249; dachte sie schuldbewu&szlig;t;
+&#8250;wer hat mir die Menschheit geraubt?
+Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?&#8249;
+Auf einmal hatte der L&auml;rm, der um sie
+herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
+von dem die Menschen erfa&szlig;t
+wurden, begriff sie nicht, doch sp&uuml;rte sie
+seine Gewalt.</p>
+
+<p>Niemand holte sie ab. Sie mu&szlig;te lange
+warten, bis sie einen Wagen bekam. Die
+Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand,
+der einr&uuml;cken mu&szlig;te, war schon
+aus Berlin heimgekehrt. Auch er begr&uuml;&szlig;te
+sie froh, aber im &uuml;brigen wurde nicht viel
+Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr
+wohl. Niemand fragte, niemand bewachte,
+niemand belauerte sie, deshalb gewann sie
+Sicherheit und f&uuml;hlte sich minder einsam,
+als wenn man ihre Einsamkeit zu st&ouml;ren
+versucht h&auml;tte.</p>
+
+<p>Eines Morgens kamen Ferdinand und
+ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst
+von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen.
+Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In
+ihren Augen war neben einer heiteren
+Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia
+elektrisch ber&uuml;hrt wurde.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter kamen noch einige der fr&uuml;heren
+Freunde und Bekannten, die vernommen
+hatten, da&szlig; sie wieder zu Hause war und
+sich von ihr verabschieden wollten. Sie
+schienen vergessen zu haben, da&szlig; Olivia
+ihrer l&auml;ngst vergessen hatte, und waren so
+zutraulich und aufger&auml;umt, da&szlig; sie sich
+&uuml;ber jeden einzelnen wundern mu&szlig;te. Oft
+war sie nah daran, zu fragen: Bist du es
+denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid
+ihr wirklich so?</p>
+
+<p>Am Nachmittag erschien Georg Ingbert.
+Er war Artillerieoffizier und sah aus,
+als ob er mit dem bunten Rock geboren
+w&auml;re. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia
+eine papierne Rolle, die versiegelt war,
+und bat, sie m&ouml;ge sie in Verwahrung
+nehmen. Der Abschied war kurz und fast
+ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit
+des Hindenkens st&uuml;tzte Olivia den Kopf
+in die Hand und weinte. Es waren gute
+Tr&auml;nen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Soldaten zogen singend am Haus vorbei.
+Sie trat ans Fenster, einige schauten
+empor. Die lachenden, jungen Gesichter!
+An den M&uuml;tzen steckten Feldblumen. Auch
+diese fremden Leute hatten das seltsame
+Etwas in den Augen, das wie ein Funke
+her&uuml;bersprang.</p>
+
+<p>Sie ging in die Stadt. Unz&auml;hlbare
+Scharen von Menschen zogen &uuml;ber den
+Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte
+die Massen. Elemente, die vorher
+gegeneinander gewirkt hatten, flossen
+zusammen und bildeten eine einheitliche
+Kraft.</p>
+
+<p>In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft
+vom Kriegsschauplatz ein; sie war
+in der Luft zu sp&uuml;ren, ehe sie verk&uuml;ndet
+wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.</p>
+
+<p>Der Vorrat von Hoffnung war gering
+im Lande; das Land hatte keinen Glauben
+an sich. Aber aus dem verbr&uuml;derten Reich
+str&ouml;mten, wie aus einem unersch&ouml;pflichen
+Sammelbecken, immer neue Fluten von
+Zuversicht. Nie waren St&auml;dte einander
+so nah gewesen, nie hatten Menschen durch
+die Ferne einander so gef&uuml;hlt. Um jeden
+einzelnen barst ein Geh&auml;use, das ihm zum
+Kerker geworden war.</p>
+
+
+<p class="newsection">Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte
+Olivia durch die Stadt. Sie ging
+zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die
+Verbindung gel&ouml;st hatte, konnte aber, als
+sch&auml;me sie sich, nicht sprechen. Alles in
+ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles
+Ringen.</p>
+
+<p>So kam sie auch zu Frau von Scheyern.
+Diese wollte die Sorge um ihre S&ouml;hne
+bet&auml;uben und machte sich an vielen Orten
+n&uuml;tzlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu
+begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof,
+wo zahlreiche Damen beim Labedienst besch&auml;ftigt
+waren. In einer Halle waren
+mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh
+gebettet; sie lagen ganz still da, mit
+traurigen Augen und blutbefleckten Verb&auml;nden.</p>
+
+<p>Olivia blieb stehen und wurde bleich.
+Was war das? Was geschah hier?
+Menschen lagen da in ihrem Blut, und
+andere Menschen gingen vorbei, als m&uuml;sse
+es so sein. Von der Welt fiel eine H&uuml;lle
+ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und
+pl&ouml;tzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
+Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst
+im Auge, wandte sie sich zu Frau von
+Scheyern und fragte tonlos: &raquo;Warum
+liegen denn die Leute hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben zu wenig Platz,&laquo; war die
+Antwort.</p>
+
+<p>Sie kehrte sich hinweg und verfiel in
+Gr&uuml;belei. Fremde Leute dr&auml;ngten sich um
+sie, und Frau von Scheyern entschwand
+ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die
+Stra&szlig;e. &#8250;Zu wenig Platz,&#8249; gr&uuml;belte sie und
+starrte auf die H&auml;user, die vielen Fenster,
+&#8250;wieso denn zu wenig Platz?&#8249; Wie konnten
+alle die M&auml;nner und Frauen in ihren
+Stuben weilen, wenn f&uuml;r jene Blutenden
+zu wenig Platz war? Wie konnten sie
+essen, trinken, schwatzen, ihre Gesch&auml;fte besorgen
+und in der Nacht schlafen? Zu
+wenig Platz!</p>
+
+<p>Sie wurde von einer wachsenden Unruhe
+ergriffen. Am andern Tag ging sie
+wieder auf den Bahnhof, und noch mehr
+Verwundete lagen da. Wie gestern an
+Frau von Scheyern, wandte sie sich mit
+scheuer Frage an einen jungen Milit&auml;rarzt.
+Die Antwort, mit bedauerndem
+Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillk&uuml;rlich
+pre&szlig;te sie die H&auml;nde zusammen,
+dann floh sie wie von einem Ort der
+S&uuml;nde.</p>
+
+<p>Immer entsetzlicher wurde das Bild in
+ihrer Phantasie. &#8250;Was tust du? Wozu bist
+du da?&#8249; rief sie sich zu. Best&auml;ndig zitterten
+ihre Lippen. Sie wu&szlig;te kaum, wie die
+Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie
+w&uuml;rde von neuem krank. Eines Morgens
+begegnete sie Eduard von Friesheim. Er
+bot ihr beide H&auml;nde dar, aber sie beachtete
+seine freudige Erregung nicht, es war ihr
+unangenehm, zu denken, da&szlig; ihre Person
+Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes
+sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
+Mitteilung und Aufkl&auml;rung, sprudelte sie
+in raschen S&auml;tzen hervor, was sie bedr&uuml;ckte.
+Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne
+t&auml;tig; dort seien die Zust&auml;nde be&auml;ngstigend,
+sagte er; die Leute l&auml;gen in den
+G&auml;ngen, haufenweise, und mit den furchtbarsten
+Verletzungen. &raquo;Und Sie, Eduard,
+und Sie?&laquo; kam es gequ&auml;lt und emp&ouml;rt
+von Olivias Lippen.</p>
+
+<p>Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert
+an. Viel Schicksal und Erlebnis lag<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+in seinen Z&uuml;gen, aber sie gewahrte es
+nicht.</p>
+
+<p>Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung
+ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild,
+dann immer wirklicher, greifbarer,
+ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe demn&auml;chst zur Front,&laquo; sagte
+Eduard Friesheim, und sein auf Olivia
+gerichteter Blick verlor alle Freude.</p>
+
+<p>Olivia nickte ohne Anteil; von einem
+gebieterischen Bed&uuml;rfnis nach Eile gepackt,
+rief sie einen Kraftwagen an. Sie lie&szlig;
+sich zu Robert Lamms Villa fahren.</p>
+
+<p>Gerold, der auf ihr L&auml;uten das Tor
+&ouml;ffnete, sagte: &raquo;Ich wei&szlig; nicht, ob der
+Herr Hofrat empf&auml;ngt.&laquo; Olivia schob ihn
+beiseite, flog durch den Flur, &uuml;ber zwei
+Treppen hinauf und pochte an der T&uuml;r
+des Giebelzimmers.</p>
+
+
+<p class="newsection">Robert Lamm sa&szlig; lesend am Fenster.
+Bei dem st&uuml;rmischen Eintreten des jungen
+M&auml;dchens erhob er sich, zuckte zusammen,
+schaute zu Boden, schaute wieder auf
+Olivia und sagte kalt verwundert: &raquo;Du
+bist es?&laquo;</p>
+
+<p>Seine Lippen schienen schmaler geworden,
+die Wangen etwas faltiger, der
+sch&uuml;ttere Schnurrbart war ergraut. Doch
+seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung
+ungebeugt. Der einsame Blick seiner
+Augen ersch&uuml;tterte Olivia, ein Schauder
+&uuml;berlief sie: der Mann war ihr so nah
+und so fern dadurch, in ihr war pl&ouml;tzlich
+alles Hei&szlig;glut des Erlebens, in dieser
+Glut schmolz er dahin, und ihr d&uuml;nkte,
+als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie
+hier stand und er sein Wesen verlor, sie
+ihres gewann. Es war ein Gef&uuml;hl aus
+einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen
+war als die Wucht von Erfrorenem.</p>
+
+<p>Eine Geb&auml;rde Lamms fragte. Die Geb&auml;rde
+war beredt: die Menschen meiden
+mich, ich habe aufgeh&ouml;rt, etwas von ihnen
+zu erwarten. Was f&uuml;r ein selbsts&uuml;chtiger
+Anla&szlig; f&uuml;hrt dich her?</p>
+
+<p>Olivia sch&ouml;pfte Atem. Mit der Stimme
+aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie:
+&raquo;Robert, es liegen Soldaten in ihrem
+Blut, die keine Lagerst&auml;tte haben, kein
+Dach &uuml;ber dem Kopf, keinen Winkel, wo
+sie sich bergen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wei&szlig;, es ist Krieg,&laquo; entgegnete
+Robert Lamm sachlich. &raquo;Du hast offenbar
+Verwundete gesehen. Regt dich das so
+auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen.
+Was hab&#8217; ich damit zu
+schaffen?&laquo;</p>
+
+<p>Olivia trat dicht vor ihn hin und legte
+die Hand auf seinen Arm. &raquo;Um Gottes
+willen, was redest du,&laquo; rief sie leise. &raquo;Die
+Ungl&uuml;cklichen gehn zugrunde, und es sind
+so viele H&auml;user da mit leeren Stuben!
+Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer!
+In jedem Zimmer k&ouml;nnen zehn Betten
+sein. Man hat zu wenig Platz, Robert,
+zu wenig Platz f&uuml;r Menschen, die sich geopfert
+haben. Hier bei dir ist Platz in
+H&uuml;ll&#8217; und F&uuml;lle. Gib mir dein Haus,
+Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz,
+wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias
+flammendes Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sie still halten,&laquo; fl&uuml;sterte Olivia
+und pre&szlig;te die H&auml;nde gegeneinander,
+&raquo;wie fromm sie daliegen, wie verst&uuml;mmelte
+Tiere. Geh mit mir und schau&#8217;
+sie an.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamm sch&uuml;ttelte langsam den
+Kopf, als begriffe er diese Worte nicht.
+Endlich sagte er scharf abweisend: &raquo;Sie
+haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert
+worden. Ad eins. Ad zwei: verschl&auml;gt es
+nichts, wenn das Pack dezimiert wird.
+Es bleiben immer noch genug &uuml;brig.
+Ad drei ist es nicht meines Amtes, den
+Samariter zu spielen. Das &uuml;berlass&#8217; ich
+denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz
+oder den Glauben an ihre Wichtigkeit
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes
+Gesicht. Sie begann am ganzen
+Leib zu beben. &raquo;Und wenn du dort l&auml;gst,
+hilflos dort l&auml;gst,&laquo; stammelte sie; alle
+Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm
+schwieg und r&uuml;hrte sich nicht. &raquo;Und wenn&#8217;s
+dein Bruder w&auml;re, irgendein Mensch, den
+du liebst,&laquo; fuhr sie flehend, beschw&ouml;rend,
+au&szlig;er sich fort. Robert Lamm zog mit
+eigent&uuml;mlich b&ouml;sartiger Bewegung die
+Schultern hoch und starrte finster &uuml;ber
+Olivia hinweg. &raquo;Und wenn ich&#8217;s selbst
+w&auml;re, Robert, ich selbst!&laquo; brach es nun
+wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre
+Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit,
+der wilderregte Blick lief suchend<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+durch den kargen Raum und blieb an
+einer Stelle der Wand haften, wo unter
+einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen
+und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser
+mit kunstvoll eingelegter Klinge.
+In leidenschaftlicher Wallung trat sie an
+die Wand, ri&szlig; das Messer an sich, &ouml;ffnete
+mit zitternden Fingern die oberen Kn&ouml;pfe
+ihrer Bluse und richtete die Spitze des
+Stahls gegen die wei&szlig;e Haut ihrer Brust.
+&raquo;Wenn ich es w&auml;re!&laquo; wiederholte sie, und
+in den Ton der Verzweiflung mischte sich
+ein seltsames Jauchzen. Ihre von den
+Lippen entbl&ouml;&szlig;ten gro&szlig;en engen Z&auml;hne
+leuchteten, als ob sie lache, und das Bild,
+wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend,
+das Messer in der Faust, mitten
+im Schmerz und in der Furcht vor der
+Entt&auml;uschung gleichsam spielend, hatte bei
+allem Unerwarteten und Be&auml;ngstigenden
+etwas so R&uuml;hrendes, ja Kindliches, da&szlig;
+in Robert Lamms Z&uuml;gen eine verwunderte
+Ergriffenheit bemerkbar wurde.</p>
+
+<p>Er griff hin, packte sie beim Gelenk
+und l&ouml;ste das Messer mit sanfter Gewalt
+aus ihrer Hand. &raquo;Keine dramatischen
+&Uuml;bungen, mein Kind,&laquo; sagte er tadelnd;
+&raquo;ruhig Blut, la&szlig; uns ruhig verhandeln.&laquo;</p>
+
+<p>Er warf das Messer auf den Tisch und
+schritt ein paarmal durch das Zimmer.
+&raquo;Dein Gef&uuml;hl macht dir Ehre,&laquo; begann
+er wieder; &raquo;ich sehe nur nicht ein, warum
+mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen
+soll. Niemand l&auml;&szlig;t sich gern auf einen
+Posten dr&auml;ngen, der weder seinem Charakter,
+noch seiner Auffassung der Dinge
+gem&auml;&szlig; ist&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die &Uuml;bel, unter denen du am &auml;rgsten
+gelitten, und die du immer als unsern
+Fluch bezeichnet hast, Tr&auml;gheit und Unverantwortlichkeit,
+da&szlig; mir die gerade dein
+Bild verunstalten sollten, k&ouml;nnt&#8217; ich nicht
+ertragen,&laquo; warf Olivia ein.</p>
+
+<p>Robert Lamm blieb stehen und senkte
+den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
+&uuml;berraschte ihn sichtlich; er schien mit sich
+zu k&auml;mpfen. &raquo;Mit dem Haus allein ist&#8217;s
+nicht getan,&laquo; sagte er z&ouml;gernd, &raquo;wer wird
+es einrichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das la&szlig; meine Sorge sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du vergi&szlig;t, da&szlig; dazu viel Geld geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist reich. Was willst du mit all
+dem Geld machen? Es gibt noch andere,
+die reich sind, wenn du nicht genug hast
+oder nicht soviel entbehren willst. Am
+Gelde sollt&#8217; es scheitern? Geld beschmutzt
+den, der jetzt nicht hilft.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamm lachte; es klang halb
+&uuml;berlegen, halb beengt. Er setzte sich an
+den Tisch und starrte in den Garten hinaus.
+&raquo;Nun gut,&laquo; sagte er nach einer Weile,
+&raquo;nun gut. Ich will nicht deine Verachtung
+auf mich laden. Tue, wozu es dich
+dr&auml;ngt. Ich werde Auftrag geben, da&szlig;
+man dich nach deinem Belieben hier schalten
+l&auml;&szlig;t. Ich werde dir ein ausreichendes
+Konto bei der Bank er&ouml;ffnen. Ich nehme
+an, da&szlig; deine praktische Eignung mit der
+Begeisterung gleichen Schritt h&auml;lt; da&szlig;
+du Leute ausfindig machst und zu Rate
+ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen,
+ist wohl selbstverst&auml;ndlich. Ich kann
+ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
+meine Person allerdings darfst du nicht
+weiter z&auml;hlen. Ich bin nicht da, f&uuml;r dich
+nicht, f&uuml;r keinen. Jetzt geh, du hast ja
+Eile, vers&auml;um&#8217; die Zeit nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia trat an den Tisch, nahm Robert
+Lamms Hand mit ihren beiden und dr&uuml;ckte
+sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute
+er sie an und schlug hierauf den Blick zu
+Boden. Sie ging.</p>
+
+
+<p class="newsection">Am selben Abend reiste Robert Lamm ab.
+Er floh auf seine Alm.</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn er in das Tal kam,
+lie&szlig; er den Wagen beim Brandwirt halten,
+und ein Bauernm&auml;dchen, das dort bedienstet
+war, folgte ihm in das Blockhaus.
+Dieses M&auml;dchen, Romana hie&szlig; sie, war
+ihm seit vielen Jahren treu ergeben und
+freute sich stets, wenn sie droben bei ihm
+sein durfte.</p>
+
+<p>Sie war zur Schweigsamkeit erzogen,
+und da er sie in tr&uuml;ben Gedanken sah,
+fragte er, was ihr sei. Sie antwortete,
+ihr Schatz sei im Krieg.</p>
+
+<p>Das Wort t&ouml;nte fremd in dieser Ferne
+von allem Menschentreiben. Die Majest&auml;t
+und Ruhe der Natur vernichteten seinen
+Sinn.</p>
+
+<p>Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel
+lagen in der Fr&uuml;he auf den H&ouml;hen ringsum
+und f&uuml;llten die Tiefen; alsbald begannen
+sie unter der noch unsichtbaren
+Sonne zu gl&auml;nzen, sich zu zerteilen, und
+der strahlend blaue Himmel trat hervor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>In den ersten Tagen ging Robert Lamm
+regelm&auml;&szlig;ig auf die Jagd. Aber er merkte,
+da&szlig; ihm die rechte Lust und Sammlung
+fehlte. Einmal war er einem Bock auf der
+Spur, und es gelang ihm, das Tier vor
+den Schu&szlig; zu bringen. Kaum hundert
+Schritte von ihm stand es witternd zwischen
+den B&auml;umen; er legte an, doch seltsam,
+das Herz klopfte ihm so heftig, da&szlig; er die
+Flinte absetzen mu&szlig;te. Das Tier hatte ein
+Ger&auml;usch geh&ouml;rt und enteilte, nicht in
+gro&szlig;en S&auml;tzen, sondern beinahe bed&auml;chtig
+und als wisse es, da&szlig; es nicht mehr bedroht
+sei. &Auml;rgerlich feuerte Lamm sein Gewehr
+in die Luft, und da erst sprang es
+voll Schrecken davon.</p>
+
+<p>Sein bed&auml;chtiger, federnder Traumgang
+hatte den J&auml;ger an eine Menschengestalt
+gemahnt. Er hatte pl&ouml;tzlich Olivia vor sich
+gesehen.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; die Flinte zu Hause und unternahm
+weite Wanderungen &uuml;ber das Gebirge.</p>
+
+<p>Wo der Horizont verstellt war durch
+Felsen oder W&auml;lder, f&uuml;hlte er sich abgegrenzt
+und sicher; auf den Gipfeln schien
+es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels,
+und am Rande war ein Flimmern wie von
+Eisenb&auml;ndern, die im Feuer gl&uuml;hen.</p>
+
+<p>Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam,
+griff er nach der Zeitung und las die Berichte.
+Die Bauern, denen er eine vertraute
+Erscheinung war, kn&uuml;pften Gespr&auml;che mit
+ihm an und wollten Aufschlu&szlig; und Trost
+von ihm haben. Er aber gefiel sich darin,
+sie in der Furcht zu best&auml;rken, und sein
+letztes Wort war stets: &raquo;Es ist aus mit
+uns.&laquo; Und in seinen Mienen malte sich
+eine herzlose, fanatische Schadenfreude.</p>
+
+<p>Einmal bewies er dem F&ouml;rster und dem
+Postmeister mit der Karte in der Hand,
+da&szlig; es gegen die &Uuml;berzahl der Feinde kein
+Entrinnen g&auml;be. Jene h&ouml;rten bek&uuml;mmert
+zu, und der F&ouml;rster wagte bescheiden auf
+die Siege hinzudeuten, welche die Truppen
+doch schon errungen h&auml;tten. Da lachte der
+Hofrat und antwortete: &raquo;Im besten Fall
+siegen wir uns zu Tode.&laquo;</p>
+
+<p>Er war immer in unruhiger Bewegung.
+Er lie&szlig; sich B&uuml;cher aus der Stadt kommen,
+hatte aber zum Lesen keine Geduld. In
+fr&uuml;heren Tagen hatte er den Plan gefa&szlig;t,
+unweit von der H&uuml;tte ein ausgemauertes
+Wasserbecken anzulegen, um im Sommer
+baden und schwimmen zu k&ouml;nnen. Jetzt
+d&uuml;nkte es ihn an der Zeit, das Projekt
+zu verwirklichen, und jeden Morgen ging
+er mit der Schaufel zu der bestimmten
+Stelle und grub selbst die Erde aus, viele
+Stunden lang. In der M&uuml;digkeit, die ihn
+dann &uuml;berfiel, war ihm zumute, als erlahmte
+die Wut eines Tieres, das ihn zwischen
+seinen Pranken hielt.</p>
+
+<p>Bei Regenwetter sa&szlig; er im Haus. Oft
+schickte er Romana mit Auftr&auml;gen ins Tal
+und kochte selbst. Oft auch, besonders am
+Abend, kauerte er am Herd und starrte in
+die Flammen. Dann begann er in trotzigem
+Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm
+ein halbverbranntes St&uuml;ck Holz und zeichnete
+mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen
+auf die wei&szlig;e Kalkmauer. Aus den Flammen
+aber erhob sich Olivias Gestalt und
+verlor sich wieder in die Finsternis.</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich bem&auml;chtigte sich seiner eine
+unbestimmte Angst vor Gefahren und vor
+Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug
+in der Nacht und verbarrikadierte die
+T&uuml;re. Im Bett liegend, betastete er seinen
+K&ouml;rper und suchte nach einer Schmerzempfindung.
+Er z&uuml;ndete Licht an, griff
+nach der Uhr und z&auml;hlte seine Pulsschl&auml;ge.
+Kaum konnte er es ertragen, sein Herzger&auml;usch
+zu h&ouml;ren; jeden Augenblick war
+er darauf gefa&szlig;t, da&szlig; die geheimnisvolle
+Maschine im Innern des Leibes stillestehn
+w&uuml;rde. Er wanderte in den n&auml;chsten Ort
+und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel
+in der Apotheke. Es kam ihm vor,
+als s&auml;hen ihn die Leute mit argw&ouml;hnischen
+Augen an, als h&auml;tten sie sich besprochen
+und f&uuml;hrten etwas Verderbliches gegen ihn
+im Schilde. Das Rascheln im Geb&uuml;sch erschreckte
+ihn, der Schrei der Kr&auml;hen lie&szlig;
+ihn erbleichen, das Heulen des Windes
+verursachte ihm die gr&ouml;&szlig;te Pein. Beim
+Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines
+Morgens pl&ouml;tzlich zumute, als schaufle er
+ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das
+Ger&auml;t weg und h&uuml;tete sich, die Arbeit
+wieder aufzunehmen. Sobald es d&auml;mmerte,
+wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana
+hatte bisher jeden dritten Tag die Post
+holen m&uuml;ssen. Jetzt lie&szlig; er sie nur jede
+Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein
+f&uuml;rchtete, und wenn sie mit den Briefen
+kam, besah er nur die Umschl&auml;ge und die
+Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+&ouml;ffnen. Er las auch keine Zeitung mehr;
+er wollte nicht wissen, was drau&szlig;en vorging;
+er wartete auf eine Katastrophe und
+wollte nicht erfahren, ob sie n&auml;her ger&uuml;ckt
+oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte
+er nicht f&uuml;r die Menschen, nur f&uuml;r sich. So
+unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft
+Romanas war, so sehr ha&szlig;te er ihr Reden
+und ihr Schweigen. Wenn alles stille war,
+im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
+geworden, qu&auml;lte es ihn, da&szlig; er um
+ihren Atem wu&szlig;te. Manchmal schlich er
+des Nachts durch die Stube und an den
+Bretterverschlag, hinter dem sie schlief.
+Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug
+er roh an die Wand, und sie blies die Kerze
+aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so bi&szlig;
+er die Z&auml;hne zusammen und gab sich seiner
+unergr&uuml;ndlichen Erbitterung hin.</p>
+
+<p>In der Schl&auml;ferin war die Menschheit;
+nur in ihr noch. Sie dr&auml;ngte sich ihm
+auf, sie war fordernd da. Was wollte sie,
+stumpfen Leibes, wie sie lag, gef&uuml;hllos
+und gemein? Tr&auml;umte sie von dem bl&ouml;den
+Bauernburschen, den sie geliebt hatte
+und der nun in der Schlacht war? Und
+hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert
+Lamm? Aber war nicht etwas Zuf&auml;lliges
+in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt?
+Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig
+glatter die Haut, ein wenig beseelter das
+Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll
+verwandelt.</p>
+
+<p>&raquo;Olivia,&laquo; murmelte er vor sich hin.</p>
+
+<p>Eines sp&auml;ten Abends wurde an die
+Haust&uuml;r gepocht. Der Hofrat ging hin
+und &ouml;ffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen
+Gew&auml;ndern und verst&ouml;rtem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gesichts'">Gesicht</ins>
+stand drau&szlig;en. Stammelnd bat er
+um Einla&szlig;. Da es st&uuml;rmte und schneite,
+mochte ihn Lamm nicht zur&uuml;ckweisen. Auf
+die Frage, wo er herkomme und weshalb
+er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
+verworrene Antworten. Romana f&uuml;hrte
+ihn auf den Dachboden, wo er auf einem
+Strohsack n&auml;chtigen konnte. Als sie zur&uuml;ckkam,
+sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem
+Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben
+worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr
+auf; &raquo;dann sag&#8217; ihm, er soll sich packen!&laquo;
+rief er. Man k&ouml;nne doch keinen Menschen
+in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung.
+Lamm z&uuml;ndete die Laterne an,
+stieg auf den Dachboden, und da er den
+Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
+ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien
+es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein
+Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter
+Schrecken war in diesen Z&uuml;gen.
+Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die
+sich aus der Finsternis nach dem Fahnenfl&uuml;chtigen
+streckten, und von dort, wohin
+er den R&uuml;cken kehrte, griffen sie auch nach
+ihm. In einer Wallung von Zorn r&uuml;ttelte
+er an der Schulter des Schl&auml;fers; der lie&szlig;
+nur ein St&ouml;hnen h&ouml;ren und schlief weiter.
+Und wie hinter dem Bretterverschlag die
+schlafende Romana die Gestalt Olivias
+angenommen hatte, wurde dieser fremde
+Mensch in ihn selbst verwandelt, und es
+war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf
+dieses andern eine Wahnvorstellung war
+oder sein eigenes Wachen. Es war ein
+grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
+und Mensch, von Seele und Seele, ein
+grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein
+&Uuml;bergreifen von Bewu&szlig;tsein zu Bewu&szlig;tsein.</p>
+
+<p>Bis zum Morgengrauen schritt Lamm
+in seiner Stube auf und ab. Sobald es
+Tag war, wollte er hinunter in den Ort,
+um die Anzeige zu machen. Aber bevor
+er sich noch f&uuml;r den Gang ger&uuml;stet hatte,
+sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund
+auf das Haus zukommen. Sie hatten
+die ganze Gegend abgestreift, da der Hund
+im Schnee die Spur verloren hatte und
+wollten sich auch hier nach dem Fl&uuml;chtling
+erkundigen. &raquo;Der Mann ist droben, den
+ihr sucht,&laquo; redete sie der Hofrat an und
+zeigte auf die Stiege zum Dach.</p>
+
+<p>Der junge Knecht wurde verhaftet und
+mit Handfesseln versehen. Lamm gebot
+der Magd, da&szlig; sie den Gendarmen einen
+Imbi&szlig; reiche, und w&auml;hrend sie warteten
+und a&szlig;en, packte er eilig seinen Koffer.
+Dann begleitete er die Leute ins Tal und
+war auffallend gespr&auml;chig, in einer seltsam
+unterw&uuml;rfigen Art, als habe er irgendeine
+Schuld auf sich geladen und k&ouml;nne es
+durch beflissenes Wesen verhindern, da&szlig;
+man ihn bezichtigte.</p>
+
+<p>Beim Brandwirt lie&szlig; er sein Gep&auml;ck
+von der Almh&uuml;tte holen. Am Abend fuhr
+er in die Stadt.</p>
+
+<p>Er mietete sich in einem Hotel ein.
+Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer,
+endlich entschlo&szlig; er sich, seinen Diener<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+zu benachrichtigen. Gerold kam und brachte
+ihm Kleider und W&auml;sche, die er verlangt
+hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben
+solle, sch&uuml;ttelte der Hofrat den Kopf und
+erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er
+seiner bed&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Die Ver&auml;nderung, die mit dem stillen,
+plumpen Menschen vorgegangen war,
+schien er nicht zu bemerken. Die Augen
+Gerolds schwammen in roter Fl&uuml;ssigkeit,
+seine Arme zuckten best&auml;ndig, beim Reden
+stotterte er und verlor den Zusammenhang.</p>
+
+<p>Aber Robert Lamm sah die Leute nicht
+an. Wenn er ausging, w&auml;hlte er die Abendstunden
+und vermied die hellbeleuchteten
+Stra&szlig;en. Er schritt mit gesenkten Lidern
+und st&uuml;tzte sich auf seinen Stock wie ein
+Greis. Es lag eine unheimliche Kom&ouml;die
+darin, da&szlig; er auch den Gang eines Greises
+nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor
+den Menschen alt sein. Er trug sich nicht
+mehr mit jener gew&auml;hlten Feinheit, durch
+welche er stets aufgefallen war, sondern
+sorgte mit listiger Berechnung f&uuml;r kleine
+Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige
+Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen
+seiner Pers&ouml;nlichkeit bildete, war
+nicht mehr so gl&auml;nzend geb&uuml;rstet, obwohl
+er noch immer ein bi&szlig;chen schief auf dem
+Kopfe sa&szlig;.</p>
+
+<p>Es kam h&auml;ufig vor, da&szlig; er trotz der Verstellung,
+die er &uuml;bte, trotz des Versteckenspiels,
+das er trieb, gegr&uuml;&szlig;t wurde. Doch
+dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter
+Bekannter in den Weg, geb&auml;rdete sich entz&uuml;ckt,
+ihn zu sehen, und w&uuml;nschte ihm Gl&uuml;ck
+zu seiner gro&szlig;en Tat. Verdrossen fragend
+schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich,
+da&szlig; jener das Verwundetenspital meinte,
+zu welchem das Landhaus umgewandelt
+worden war. Begeistert r&uuml;hmte er die dortselbst
+getroffenen Einrichtungen, sowie
+die au&szlig;erordentlichen Leistungen Olivia
+Khuenbecks, &uuml;ber die man immer neue
+Wunder zu h&ouml;ren bekomme und von der
+die ganze Stadt schw&auml;rme.</p>
+
+<p>M&uuml;rrisch erwiderte der Hofrat, das gehe
+ihn alles nichts an, die Villa sei l&auml;ngst
+keine Privatanstalt mehr, sondern befinde
+sich als &ouml;ffentliches Kriegslazarett unter
+staatlicher Aufsicht. Er k&ouml;nne kein Verdienst
+beanspruchen, und Lobspr&uuml;che seien
+ihm gegen&uuml;ber am falschen Ort.</p>
+
+<p>Einem ehemaligen Kollegen, von dem
+er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen
+bel&auml;stigt wurde, fl&uuml;sterte er mit heuchlerischer
+Bek&uuml;mmernis zu, der Arzt habe
+ihm das Sprechen verboten; er deutete
+auf seinen Kehlkopf und lie&szlig; den Verdutzten
+stehen.</p>
+
+<p>In den Speise- und Kaffeeh&auml;usern, die
+er besuchte, setzte er sich in einen Winkel;
+um sich vor zudringlichen Blicken zu sch&uuml;tzen,
+hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne
+jedoch zu lesen. Die Menschen l&auml;rmten ihm
+zu viel; seine Miene verzerrte sich geh&auml;ssig,
+wenn sie lachten oder aufgeregt kannegie&szlig;erten.
+Nach seiner Ansicht h&auml;tten sie stille sein
+m&uuml;ssen, ganz still, und am Abend h&auml;tten
+keine Lichter brennen d&uuml;rfen. H&ouml;rte er
+irgendwo Musik, so geriet er au&szlig;er sich
+und fand, da&szlig; man das Schicksal frech
+herausforderte. Wurden Extrabl&auml;tter ausgerufen
+und alle H&auml;nde griffen gierig danach,
+so blieb er teilnahmlos und r&uuml;hrte
+sich nicht. Er war &uuml;berzeugt, da&szlig; fast alles,
+was in diesen Bl&auml;ttern stand, erlogen war.
+Die zahllosen Fl&uuml;chtlinge, welche die Stadt
+f&uuml;llten, erregten seinen &Auml;rger, anderseits bereitete
+ihm der Gedanke an die Ursache ihrer
+Gegenwart eine h&auml;mische Genugtuung,
+und er machte boshafte Glossen &uuml;ber das
+dumme Volk, das die Gefahr nicht zu
+ahnen schien, die sich darin verk&uuml;ndete.
+Begegnete er Gruppen von Soldaten, <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'gegeheilten'">geheilten</ins>
+Verwundeten, die in schmierigen
+Uniformen und mit erbarmensw&uuml;rdig
+blassen Gesichtern durch die Stra&szlig;en zogen,
+so ballte er wie im Zorn die Faust und
+l&auml;chelte d&uuml;ster.</p>
+
+<p>Dreimal wechselte er sein Quartier, weil
+er sich einbildete, da&szlig; w&auml;hrend seiner Abwesenheit
+Leute in seinem Zimmer gewesen
+seien, um zu spionieren. Auch war es ihm
+&uuml;berall zu teuer und zu laut. Er pr&uuml;fte
+mi&szlig;trauisch die Rechnungen und gab keine
+Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem
+geringen Gasthof in W&auml;hring. Seine wachsende
+Vereinsamung steigerte die hypochondrischen
+Gef&uuml;hle; oft lag er tagelang im
+Bett.</p>
+
+<p>Es war zu Beginn des Dezember, als
+von den Grenzen her Vernichtung und
+Untergang drohte. Es schien, da&szlig; nur ein
+d&uuml;nner Schleier noch zu rei&szlig;en brauchte,
+und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich
+in eine Welt, die bis zur Stunde
+noch mit Not und Grauen gespielt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+Alles Leben stockte wie im Zimmer eines
+Sterbenden: die Menschen sahen sich an,
+und einer suchte Hilfe im Auge des
+andern. Da kam &uuml;ber Robert Lamm
+eine eigent&uuml;mliche Schw&auml;che, und er sp&uuml;rte
+seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht.
+Als er einmal an einer Blumenhandlung
+vor&uuml;berging, stockte sein Schritt. Er mu&szlig;te
+lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
+da&szlig; hinter der Glasscheibe Blumen standen,
+jetzt, im Winter und am Abend aller
+Dinge. Pl&ouml;tzlich erfa&szlig;te ihn die Sehnsucht
+nach seinen Treibh&auml;usern; er sp&uuml;rte
+sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
+warmen Geruch der Erde. Er erinnerte
+sich an seine Lieblingspflanzen und an das
+Gef&uuml;hl der Verschwisterung, das er gegen
+sie empfunden hatte. Die letztvergangenen
+Monate d&uuml;nkten ihm eine Zeit der Verbannung
+und der Entbehrung, er begriff seine
+Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er
+wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er
+beargw&ouml;hnte sein Verlangen, als sei es nur
+ein Vorwand f&uuml;r ein anderes, das er sich
+nicht eingestehen mochte. Der alte Selbstha&szlig;
+schlug empor und mischte sich mit dem
+Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst
+teuer gewesen, weil er Macht &uuml;ber sie gehabt,
+soviel Macht, da&szlig; er sich hatte einbilden
+d&uuml;rfen, sie sei ein von ihm abh&auml;ngiges;
+ja von ihm geschaffenes Wesen,
+gleich einer Blume, die er hegte und deren
+Wachstum und Farbe er bestimmte. Da
+kam er zur Oper und mu&szlig;te stehen bleiben,
+da eine Wagenkette den Weg versperrte.
+Eine sch&ouml;ne Frau stieg aus einem Fiaker,
+dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer
+Mantel umflo&szlig; den schlanken K&ouml;rper,
+auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote
+Rose. Lamm h&auml;tte die Rose von ihrem
+Haupt rei&szlig;en m&ouml;gen; es war etwas so
+Verwegenes und L&uuml;sternes um sie; die
+Welt erschien ihm ma&szlig;los entartet, aus
+aller Form und aller Vernunft; er sah ein
+andres Gesicht unter der Rose, es verbla&szlig;te,
+ergl&uuml;hte, verbla&szlig;te wieder; er wollte das
+Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos
+umher, wurde m&uuml;de, raffte sich wieder auf,
+stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder
+ein St&uuml;ck, und es war sp&auml;ter Abend, als
+er vor seiner Villa anlangte.</p>
+
+<p>Kraft- und Krankenwagen standen am
+Gartentor. Soldaten eilten ein und aus,
+&uuml;ber dem Hauseingang hing ein gro&szlig;es,
+rotes Kreuz, alle Fenster waren hell
+beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht
+entschlie&szlig;en. Es war Flucht, als er sich
+zum Gehen wandte. Er verachtete sich,
+war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes
+Haus, ein Ort der Leiden und der
+Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich
+ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer
+Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
+gelehrt hatte!</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag kehrte er zur&uuml;ck, sprach
+mit dem G&auml;rtner, einem w&uuml;rdigen Mann,
+der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit
+ihm lebte. Er ging in die Glash&auml;user,
+begleitet von dem Alten. Er lie&szlig; Gerold
+rufen und merkte noch immer nichts von
+der Verst&ouml;rung des Mannes. Er wollte
+nichts von Olivia h&ouml;ren, doch der G&auml;rtner
+fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
+Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit
+welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie
+alles in Angriff genommen; zuerst das
+Ausr&auml;umen des Hauses, dann die Neueinrichtung;
+wie sie mit den Beh&ouml;rden verhandelt,
+die Handwerker zur Eile getrieben,
+die Gesch&auml;ftsleute gef&uuml;gig gemacht habe; wie
+unerm&uuml;dlich sie am Werk gewesen und wie
+nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von
+den Vorr&auml;ten f&uuml;r die K&uuml;che bis zu den Instrumenten
+f&uuml;r den Operationssaal. Dann
+kam die Frau des G&auml;rtners hinzu und erz&auml;hlte
+gleichfalls; man sah, da&szlig; das Schauspiel
+opfervoller T&auml;tigkeit, das Olivia gegeben,
+alle andern Ereignisse im Sinn
+dieser Menschen verdr&auml;ngt hatte. Der
+Hofrat fragte, wie die Petunienst&ouml;cke fortgekommen
+seien; der G&auml;rtner gab befriedigende
+Auskunft. Sein Weib lie&szlig; sich
+aber nicht zum Schweigen bringen und
+schilderte trotz der abwehrenden Geb&auml;rde
+des Hofrats, wie das Fr&auml;ulein die Pflegerinnen
+aufgenommen, nicht blo&szlig; Berufsschwestern,
+sondern auch vornehme Damen,
+die freiwillig Dienst t&auml;ten, und wie sie
+nicht geruht habe, bis sie die besten &Auml;rzte
+bekommen. Anfangs habe ihr Frau von
+Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
+Damen h&auml;tten sich angeboten, die Arbeit
+mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu
+wenig gewesen, was man getan, niemand
+konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der
+G&auml;rtner nickte; es sei kaum zu fassen, f&uuml;gte
+er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher
+Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, um<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+die Transporte zu &uuml;berwachen, bei den
+&Auml;mtern, um neue Verg&uuml;nstigungen zu erhalten,
+in den Krankenzimmern und in der
+K&uuml;che, bei Tag und bei Nacht, und wann
+sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.</p>
+
+<p>Lamm erhob sich und schritt erregt auf
+und ab.</p>
+
+<p>Gerold sagte dumpf: &raquo;Soviel ich h&ouml;re,
+sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.&laquo;</p>
+
+<p>Der Hofrat fuhr j&auml;h herum. &raquo;Baracken
+im Park? Da hab&#8217; ich noch was dreinzureden,
+d&uuml;nkt mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke auch,&laquo; murmelte Gerold
+und pre&szlig;te die Hand um seinen Hals.</p>
+
+<p>Auf einmal ert&ouml;nte vom Haus her&uuml;ber
+ein langgezogener Schrei. Robert Lamm
+lauschte erschrocken. Die andern schienen
+derlei schon gewohnt. &raquo;Armer Teufel,&laquo;
+sagte die Frau des G&auml;rtners. Gerold war
+sichtlich zusammengeschaudert.</p>
+
+<p>Der Schrei wiederholte sich, in einer
+h&ouml;heren Tonlage, aus heftigerem Schmerz
+heraus. Lamm verlie&szlig; die G&auml;rtnerstube,
+sah sich drau&szlig;en um, der Schrei dauerte
+noch an, setzte ab, begann abermals. Von
+dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der
+gr&auml;&szlig;lichen Stimme zu entziehen, schlug
+Lamm den Weg zum Tor ein. Pl&ouml;tzlich
+aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog
+ihn unwiderstehlich zur&uuml;ck, die Muskeln
+in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd
+und beklommen schritt er zum Haus.
+Es war schon Abend, weicher Schnee
+klatschte unter seinen F&uuml;&szlig;en. Gerold folgte
+ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem
+beleuchteten Fenster; in den Raum konnte
+er nicht blicken, da ein wei&szlig;er Vorhang
+hinter den gro&szlig;en Scheiben hing. Er stand
+da und lauschte zitternd dem f&uuml;rchterlichen
+Schrei.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hofrat,&laquo; fl&uuml;sterte Gerold, &raquo;man
+kann&#8217;s hier nicht aushalten, man kann nicht
+mehr leben in dem Haus.&laquo;</p>
+
+<p>Die Umrisse einer Gestalt fielen pl&ouml;tzlich
+auf den hellen Vorhang. Das Fenster
+wurde j&auml;h ge&ouml;ffnet. Die es &ouml;ffnete und
+nun in den Ausschnitt trat und einen Blick
+in den Abend warf und die beiden sah und
+Robert Lamm erkannte, war Olivia.</p>
+
+<p>Robert Lamm nannte ihren Namen. Er
+st&uuml;tzte sich mit bebenden Armen auf den
+Sims und war ihr so nah wie damals, als
+er ihren H&auml;nden das Jagdmesser entwunden
+hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh
+ihr eine W&uuml;rde, die ihn unwillk&uuml;rlich
+veranla&szlig;te, einen Schritt zur&uuml;ckzuweichen.
+Der Mann im Saale schrie und schrie,
+gellend, markersch&uuml;tternd. &raquo;Er wird sterben,&laquo;
+sagte Olivia, und trotzdem sie in die
+Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie
+ihre Augen glanzlos wurden.</p>
+
+<p>Als sei er von einer &uuml;berirdischen Erscheinung
+geblendet, senkte Robert Lamm
+den Kopf.</p>
+
+<p>Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer
+hinauf, das er ehedem bewohnt
+hatte und das von der Verwandlung des
+Hauses nicht ber&uuml;hrt worden war.</p>
+
+
+<p class="newsection">Da brannte wieder die Lampe, da blickten
+ihn die B&uuml;cherreihen an, und es herrschte
+auch Stille; aber die alte Stille war es
+nicht, die Stille des Gartens und der leeren
+Zimmer, nicht mehr die Stille, die er
+beherrscht hatte.</p>
+
+<p>In dumpfer Trauer schritt er auf und
+ab. Es d&uuml;nkte ihm, als habe er kein Recht,
+hier zu sein, als m&uuml;sse er sich das Recht
+erst erk&auml;mpfen. Gegen wen aber erk&auml;mpfen?
+Offenbar doch gegen Olivia. Er
+w&uuml;nschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen,
+dabei f&uuml;hlte er, da&szlig; ihr an einer Auseinandersetzung
+gar nichts gelegen war, da&szlig;
+seine Person und was er dachte und der
+Grund, weshalb er nun pl&ouml;tzlich im Hause
+war, in ihren Augen gar nichts bedeutete.
+Er dr&uuml;ckte auf den elektrischen Knopf der
+Leitung, die in Gerolds Kammer ein
+Signal gab. Gerold kam nicht. Er &ouml;ffnete
+die T&uuml;re und rief hinaus. Keine
+Antwort. Er br&uuml;llte Gerolds Namen &uuml;ber
+die Treppe hinunter. Eine weibliche
+Stimme fragte unwillig erstaunt nach der
+Ursache des L&auml;rms. Er fuhr fort, nach
+Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold.
+Er wolle sofort das Fr&auml;ulein Khuenbeck
+sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach
+einigen Minuten kehrte Gerold zur&uuml;ck und
+sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine
+Zeit, sie werde sp&auml;ter kommen. &raquo;Bleib in
+deinem Loch, was streunst du im Hause
+herum, wenn man dich braucht!&laquo; keifte
+Lamm und schlug die T&uuml;r hinter sich zu.</p>
+
+<p>Gleich danach pochte es an der T&uuml;r, und
+Gerold schob sich &uuml;ber die Schwelle. &raquo;Der
+Herr Stabsarzt l&auml;&szlig;t dringend ersuchen, die
+T&uuml;re nicht zu schmettern,&laquo; sagte er furchtsam.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>Lamm blickte finster verwundert empor.
+&raquo;Hinaus mit dir!&laquo; erwiderte er.</p>
+
+<p>Er zog ein Buch aus dem Schrank und
+bl&auml;tterte darin. Dann warf er es weg.
+Die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken, lief er
+ungest&uuml;m die Kreuz und Quer durchs
+Zimmer. Ein leises Klopfen &uuml;berh&ouml;rte er,
+und er richtete sich steif auf, als Olivia
+eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge
+zu begegnen, bald aber fa&szlig;te er Mut. Ihr
+Gesicht hatte einen tr&auml;umerisch-verschleierten
+Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu
+einer gewissen Beschwingtheit und einem
+selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben
+aller Bewegungen stand. Sie war ver&auml;ndert,
+ganz und gar; er wu&szlig;te auch, da&szlig;
+ihre Stimme ver&auml;ndert klingen w&uuml;rde.
+Alles an ihr erregte seinen erbitterten
+Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
+Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgeh&auml;ssigen
+Verneinung; er sch&auml;mte sich dessen
+und geriet doch noch mehr in Wut, gegen
+sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas,
+das zwischen ihnen war.</p>
+
+<p>&raquo;Du reibst dich auf,&laquo; sagte er in &uuml;bellaunigstem
+Ton, &raquo;du &uuml;bernimmst dich, du
+richtest dich zugrunde. Man braucht dich
+nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig
+du mit dir umgehst. Es schmeichelt
+dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens
+davon machen, und es liegt in einer
+solchen Zeit nahe, sich zu bet&auml;uben und im
+allgemeinen Elend das eigene zu ersticken.
+Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
+verh&auml;ngnisvoller Leidenschaft wider sich und
+seinen K&ouml;rper w&uuml;ten soll. Daf&uuml;r bist du
+nicht geschaffen, das ist Verblendung.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia, die gegen die T&uuml;r gelauscht
+hatte und sichtlich unruhig war wie ein
+Soldat, der seinen Posten verlassen hat,
+wandte ihm mit befremdeter Miene das
+Gesicht zu. &raquo;Was wei&szlig;t du von mir?&laquo;
+fragte sie. &raquo;Was wei&szlig;t du denn eigentlich
+von mir?&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Stimme klang wirklich ver&auml;ndert,
+tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen
+und entschiedenere Akzente.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, was ich sehe,&laquo; versetzte er
+kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mich deshalb von der Arbeit
+wegrufen lassen, um mir Vorw&uuml;rfe zu
+machen?&laquo; fuhr sie fort. &raquo;So will ich dir
+sagen, da&szlig; du dazu kein Recht hast und
+da&szlig; ich dir das Recht auch nicht einr&auml;ume.
+Du bist nicht Herr &uuml;ber mich. Du bist es
+kaum &uuml;ber dich. Was willst du?&laquo;</p>
+
+<p>Sie schaute ihn an, und er f&uuml;hlte sich
+ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab
+ihn f&ouml;rmlich, und er war klein, wie er nie
+gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er
+begriff, da&szlig; sie einen weiten Weg zur&uuml;ckgelegt
+hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr
+gesprochen, und da&szlig; sie seine F&uuml;hrung nicht
+mehr annahm und nicht mehr brauchte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe zu tun,&laquo; sagte sie, &raquo;ich komme
+wieder, sobald ich mich f&uuml;r eine halbe
+Stunde freimachen kann. Es m&uuml;ssen Baracken
+gebaut werden, und dazu ist deine
+schriftliche Zustimmung n&ouml;tig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Baracken? In meinem Park?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, an der S&uuml;dseite des Hauses.&laquo;</p>
+
+<p>Er brauste auf. &raquo;Ah, freilich; da sollen
+wohl meine Kastanien gef&auml;llt werden!
+Hundertj&auml;hrige B&auml;ume!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiderte Olivia ruhig.
+&raquo;B&auml;ume,&laquo; f&uuml;gte sie mit einer Geb&auml;rde
+trauriger und ungeduldiger Verachtung
+hinzu, &raquo;B&auml;ume!&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte schon die Klinke in der Hand,
+da kehrte sie sich noch einmal um. &raquo;Bleibst
+du hier im Hause, Robert? Du kannst
+bleiben. Du kannst aus unserer K&uuml;che zu
+essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen,
+wenn du dich entschlossen hast.
+Der Mann ist &uuml;brigens zum S&auml;ufer geworden.
+Vor ein paar Tagen fand ihn
+Schwester Nina Senoner betrunken auf
+der Treppe liegen. Versuch&#8217; es, ihn von
+dem Laster abzubringen. Doktor Strygowski
+sagt, er leidet am Blutwahn.&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging. Das Wort Blutwahn, das
+sie so gelassen ausgesprochen hatte, rauschte
+noch durch das Zimmer wie ein befl&uuml;geltes
+Untier. Lamm machte einige Schritte, als
+wolle er ihr folgen, als m&uuml;sse er noch
+einen Blick in ihr Gesicht werfen, nur um
+glauben zu k&ouml;nnen, da&szlig; sie es war, sie selbst,
+und nicht eine Doppelg&auml;ngerin.</p>
+
+
+<p class="newsection">Da sie versprochen hatte, wiederzukommen,
+wartete er auf sie.</p>
+
+<p>Zweifellos hatte sie au&szlig;er acht gelassen,
+da&szlig; es schon zehn Uhr war, als sie sich entfernt
+hatte. Sie konnte doch nicht daran
+denken, ihn in sp&auml;ter Nacht aufzusuchen.
+Es lag etwas Ersch&uuml;tterndes in der Vorstellung,
+da&szlig; Zeit und Zeiteinteilung keine
+Rolle f&uuml;r sie spielten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes
+Buch vor sich, las aber nicht.
+Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet,
+war unver&auml;nderlich d&uuml;ster. Bisweilen d&uuml;nkte
+ihn, er h&ouml;re wieder den Schrei, der ihn
+zu dem beleuchteten Fenster gezogen hatte.
+Bisweilen glaubte er &Auml;chzen und St&ouml;hnen
+deutlich zu vernehmen. Ihm war, als
+lausche er in den brodelnden Krater eines
+Vulkans.</p>
+
+<p>Gerold kam und richtete das Bett,
+den Waschtisch, nahm W&auml;sche aus dem
+Schrank. Lautlos ging er hin und her und
+sah aus, als f&uuml;rchte er das Auge seines
+Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches
+ge&ouml;ffnet und w&uuml;hlte in alten Briefen
+und Papieren. Manchmal sp&auml;hte er hastig
+nach Gerold und erschrak bei dem Anblick
+des krankhaft gelben Gesichts. Alles, wovor
+ihm bangte und was ihm unertr&auml;glich
+zu denken war, hatte sich als Erlebnis in
+diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl
+ihm endlich, das Zimmer zu verlassen. Da
+schlich Gerold mit geducktem Kopf hinaus.</p>
+
+<p>Lange nach Mitternacht legte sich Lamm
+zum Schlafe hin. Aber er konnte die Lider
+nicht schlie&szlig;en, die Finsternis brannte <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ihn'">ihm</ins>
+f&ouml;rmlich auf der Stirn. Er hatte in den
+alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
+geschriebene und gedruckte, waren ihm wie
+Moder. Doch ein Geruch der Vergangenheit
+hatte ihn umfangen und war in sein
+leeres Herz gestr&ouml;mt wie Gift.</p>
+
+<p>Es wurde ihm bewu&szlig;t, wie sehr ihn das
+Schicksal um Liebe und Liebesrecht verk&uuml;rzt
+hatte, und Begebenheiten traten in
+lebendige N&auml;he, die mit Schweigen und
+Vergessenheit zu bedecken er immerfort bem&uuml;ht
+gewesen war. Dazwischen tauchten
+Gerolds Z&uuml;ge empor wie ein versteinertes
+Bild des Grauens, dann gewahrte er Olivias
+Gesicht, in phosphoreszierender Bl&auml;sse,
+in einem Rahmen von Blut. Er bi&szlig; die
+Z&auml;hne zusammen, als schl&uuml;ge ihn eine
+unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief
+jemand mit r&uuml;cksichtsloser Lautheit:
+&raquo;Schwester Emilie! Schwester Emilie!&laquo;
+Lamm richtete sich auf, stemmte die Arme
+hinter sich und schrie in die Luft hinein:
+&raquo;Ruhe!&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme hallte im Raum, unten
+wurde sie nat&uuml;rlich nicht geh&ouml;rt. Aber sein
+Ha&szlig; saugte sich an dem unbekannten Rufer
+fest und begleitete ihn in die Zimmer und
+an die Betten der Soldaten, und aus diesen
+bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: &#8250;Wir
+sind in deinen Frieden eingedrungen, wir
+haben deinen Frieden zerst&ouml;rt, wir haben
+dir alles geraubt, was du besessen hast;
+deine Gem&auml;lde sind verschwunden, deine
+M&ouml;bel, deine Teppiche, deine Tapeten
+haben wir genommen, deine B&auml;ume lassen
+wir f&auml;llen, deine Blumen rei&szlig;en wir aus,
+und die einzige Seele, um die du geworben,
+die du in deine Einsamkeit geschleift hast
+wie der Tiger die Beute in die Wildnis,
+deren du in deinem Innern noch sicher
+warst, als sie sich fern von dir durch die
+verdunkelte Welt schleppte, auch die haben
+wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir
+elenden, kranken Menschen!&#8249;</p>
+
+<p>Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob
+sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte
+nun und f&uuml;hlte, was sie ihm bedeutet
+hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm
+wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme
+kam &uuml;ber ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch,
+ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
+er&ouml;ffnen, zu erkl&auml;ren, von ihr gebilligt und
+begriffen zu sein.</p>
+
+<p>Als er am Morgen einen Blick in den
+Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes,
+fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm
+gespenstergleich entgegen. Er machte eine
+Grimasse und stellte h&ouml;hnend fest, da&szlig;
+seine Bl&uuml;tezeit vor&uuml;ber sei.</p>
+
+
+<p class="newsection">Erst um die D&auml;mmerungsstunde kam
+Olivia herauf.</p>
+
+<p>Ohne noch einmal sich bitten zu lassen,
+gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung
+zum Bau der Baracken.</p>
+
+<p>Sie dankte. Sie war m&uuml;de und setzte
+sich nieder; eine gewisse Nervosit&auml;t verriet
+auch jetzt, da&szlig; sie sich keine Rast erlauben
+zu d&uuml;rfen glaubte.</p>
+
+<p>Der gestern geschrien hatte, war schon
+tot. Sie erz&auml;hlte es beil&auml;ufig. Es war f&uuml;r
+sie ein Fall unter vielen.</p>
+
+<p>Er nickte. Damit m&uuml;sse er sich abfinden,
+da&szlig; der Tod Stammgast in dem Hause
+sei, sagte er; mit ihrem Tun k&ouml;nne er sich
+nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt,
+wie er sie vor sich sehe, k&ouml;nne er sich
+nun und nimmer entschlie&szlig;en, ihr Unternehmen
+zu billigen oder gar zu preisen.</p>
+
+<p>&raquo;Es mag der Weg f&uuml;r hundert andre
+sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. F&uuml;r<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+die Haltlosen, die Entt&auml;uschten, vom Leben
+Betrogenen der richtige Weg, f&uuml;r dich der
+Irrweg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum, Robert? Es ist dein Trotz
+und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen.
+Ich habe Welt und Menschen
+anders gefunden, als du sie mir gezeigt
+hast,&laquo; antwortete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Anders gefunden? Wie denn, wenn
+man fragen darf? Bist du auch die Zeugin
+von gro&szlig;en Leiden, so bist du doch nicht
+bef&auml;higt, dar&uuml;ber zu urteilen, woher sie
+stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen
+liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich
+behaupte nichts. Das tun die Zuschauer,
+Robert, die herzlosen Zuschauer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Mann ist stets Zuschauer, meine
+Liebe, auch wo er handelt. Soll ich pl&ouml;tzlich
+vergessen, wogegen sich f&uuml;nfundzwanzig
+Jahre lang mein Gem&uuml;t emp&ouml;rt hat, wovon
+ich beleidigt und gedem&uuml;tigt worden bin
+zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein
+Ungl&uuml;ck, ein Verh&auml;ngnis, das nicht zu verh&uuml;ten
+gewesen ist wie ein Hagelschlag
+oder eine Seuche, mir ist er die S&uuml;hne f&uuml;r
+eine unendliche, aufgeh&auml;ufte Schuld. Im
+Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts
+mehr davon wissen, da&szlig; ihr so lange gez&uuml;ndelt
+habt, bis die Flammen endlich zum
+Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt
+ihr die H&auml;nde, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt
+ihr helfen und retten, jetzt, da es zu sp&auml;t
+ist. Fr&uuml;her ward ihr taub, habt euch verh&auml;tschelt
+und verh&auml;rtet, seid Gen&uuml;&szlig;linge
+gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden,
+B&uuml;cherw&uuml;rmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger.
+Es kommt mir so l&auml;cherlich vor,
+so unn&uuml;tz, so aufgeblasen. Du mu&szlig;t schon
+verzeihen, Olivia.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia erhob sich und erwiderte mit der
+Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die
+Tage, die N&auml;chte, die Schmerzen, das Ungeheure
+der geschauten Wirklichkeit gaben:
+&raquo;Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
+nicht sagen, du tust mir namenlos leid.
+Und wenn ich dich ansehe, wei&szlig; ich, da&szlig;
+das nur deine Worte sind. Dein Gef&uuml;hl ist
+es nicht, kann&#8217;s nicht sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, bleib&#8217; bei mir mit dem Gef&uuml;hl
+vom Hals! Was ich f&uuml;hle, ist meine Privatsache,
+was ich denke, geht das Allgemeine
+an. Und ich denke, da&szlig; du mit dem
+Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer
+von Blut nicht aussch&ouml;pfen kannst. Ich
+denke, da&szlig; einer Sintflut nicht abzuhelfen
+ist, indem man ein paar Zaunlatten in den
+Boden rammt. Ich denke, da&szlig;, wo der
+Sturm ganze W&auml;lder zerschmettert hat, es
+ein fruchtloses <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra comma 'Unterfangen, ist'">Unterfangen ist</ins>, mit dem
+Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, da&szlig;
+niemand das Recht hat, sich zu verschwenden,
+der, wenn auch nur in der Idee eines
+einzelnen, der Menschheit besser dient, indem
+er sich bewahrt. Wer geboren ist,
+Blumen zu hegen, der tauche seine H&auml;nde
+nicht in Blut, oder er entw&uuml;rdigt die
+Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen,
+da sie doch ohnehin schon
+auf den Hund gekommen ist. Das alles
+klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal
+gibt mir ein Exempel von Grausamkeit,
+das mir Mut einfl&ouml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wundre mich,&laquo; sagte Olivia kopfsch&uuml;ttelnd,
+und ihre blauen Augen strahlten
+im Feuer des Unwillens. &raquo;Woher
+nimmst du die Kraft und den Entschlu&szlig;,
+dich einer Verantwortung zu entziehen, die
+alle sp&uuml;ren, von der alle niedergezwungen
+werden? Bist du der Richter und untersteht
+die ganze &uuml;brige Welt deinem Spruch?
+Hast du nie gefehlt, nie selber ges&uuml;ndigt,
+hast du dir kein Vers&auml;umnis vorzuwerfen,
+bist du nicht auch ein Mensch und stehst
+mit uns allen unter dem gleichen Gesetz?
+Warum also diese Anma&szlig;ung, dieses Feilschen
+und Hadern, diese feige Flucht vor
+dem, was nun einmal ist?&laquo;</p>
+
+<p>Er schwieg zun&auml;chst. Er ging ungeduldig
+auf und ab und pfiff leise. Er warf
+finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke,
+hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam
+zur&uuml;ckgebogenen Schultern erf&uuml;llte ihn mit
+einer Scheu, die er sich nicht eingestehen
+mochte. Er trat ans Fenster und trommelte
+an die Scheiben, und w&auml;hrend er in
+den winterlichen Garten und in die kahlen
+&Auml;ste der B&auml;ume schaute, sah er immer blo&szlig;
+sie, f&uuml;hlte immer nur sie, bewunderte sie,
+schm&auml;hte sie, suchte nach ihr in seinem zerw&uuml;hlten
+Innern, suchte sich in ihr, sammelte
+Gr&uuml;nde, qu&auml;lte seinem Geist Rechtfertigungen
+ab.</p>
+
+<p>Er sprach von dem Unheil, das &uuml;ber
+die Menschheit hereingebrochen war, als
+von der gro&szlig;en Reinigung. Er sprach von
+der geschichtlichen Notwendigkeit und von
+den politischen Verkleidungen, unter denen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>
+sie die V&ouml;lker narre und durch die sie alle
+einzelnen zu vollbringen zwinge, was
+keiner zu tun w&uuml;nsche. L&auml;ngst seufzten die
+L&auml;nder, die St&auml;dte unter einem &Uuml;berflu&szlig;
+von Menschen und von Produktion; die
+F&uuml;lle sei zur Not geworden, es sei wie in
+einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff
+durch zu viele atmende Lungen verbraucht
+worden war. Sei sie nicht selbst mit den
+Worten zu ihm gekommen, es g&auml;be zu
+wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen,
+darin liege die F&uuml;gung, und nicht nur
+Platz f&uuml;r den K&ouml;rper, sondern auch f&uuml;r die
+Seele, f&uuml;r den Glauben, Platz f&uuml;r den
+Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem
+Himmel zu ersticken. Da d&uuml;rfe man nicht
+die H&auml;nde ringen und sich larmoyanter
+Wehklage &uuml;berlassen; da zieme sich Ehrfurcht
+vor dem h&ouml;heren Walten, denn wer
+falle, der sei eben der &Auml;hre vergleichbar,
+die, wie die tausende ihrer Mit&auml;hren, reif
+sei f&uuml;r die Sichel des Schnitters. Jeder
+erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
+Millionen st&uuml;rben, sei es doch nur ein einziger
+Tod, und es sei ein Fehler in der
+Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach
+zu sehen.</p>
+
+<p>Olivia schaute ihn an, l&auml;chelnd und mit
+einem ergl&uuml;hten Blick. &raquo;Ich bin auch eine
+&Auml;hre, warum willst du mich sondern?&laquo;
+sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich will dich sondern,&laquo; antwortete
+er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit
+des Wortes empfand und etwas
+damit verriet, was ihm selbst noch unbewu&szlig;t
+in seiner tiefsten Brust verborgen war.</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; beharrte sie, und ihr L&auml;cheln
+wurde so vergeistert, da&szlig; er Furcht vor ihr
+versp&uuml;rte. &raquo;Wenn du die Dinge in solcher
+Art betrachtest, bin ich dann nicht ein
+Werkzeug f&uuml;r die, die ich rette, wie die
+Granate ein Werkzeug der Vernichtung
+ist? K&ouml;nntest du nur einmal die Augen
+eines Menschen schimmern sehen, dem man
+die Schmerzen lindert! Du wei&szlig;t nicht,
+was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das
+Leben f&uuml;r dich nichts? Das einmalige,
+herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt,
+wenn der Tod nach ihm langt&nbsp;&#8211;? Du
+wei&szlig;t nicht, was Leben hei&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mach ich einen Dichter, einen Tr&auml;umer,
+einen, der die Wirklichkeit des Seins nie
+zu beherrschen und n&uuml;chtern abzusch&auml;tzen
+gelernt hat, mach ich solch einen pl&ouml;tzlich
+zum Steuermann auf einem Schiff, w&auml;hrend
+der Taifun rast, so tu&#8217; ich ungef&auml;hr
+dasselbe, was du mit dir tust,&laquo; antwortete
+Lamm und wandte ihr das in allen
+Muskeln bebende Gesicht zu. &raquo;Wie alles
+in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes
+Ma&szlig; zerst&ouml;rt, jede Form zerst&ouml;rt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nein!&laquo; rief sie ihm entgegen.
+&raquo;Nicht zerst&ouml;rt, nicht zerrissen, nur
+lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses
+Lebendigsein auch Zerst&ouml;rung w&auml;re,
+wer bin ich denn, da&szlig; ich auf mich achten
+sollte, mich sch&uuml;tzen d&uuml;rfte? F&uuml;r wen, wof&uuml;r
+mich bewahren? Wo ist das Bessere,
+Gr&ouml;&szlig;ere? La&szlig; mich sein, wie ich bin, la&szlig;
+mich tun, was ich tue!&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren
+Augen an, dann brach der Blick und
+feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte
+auf ihn zu, pre&szlig;te beide H&auml;nde wider ihre
+Brust und fl&uuml;sterte, totenbleich: &raquo;Ach, Robert,
+es ist f&uuml;rchterlich! F&uuml;rchterlich!&laquo;</p>
+
+<p>Er umfing die Schwankende mit seinen
+Armen und stand regungslos da.</p>
+
+<p>Nach einer Weile machte sie sich sanft
+los, strich mit der Hand &uuml;ber ihre Haare
+und sagte erschrocken: &raquo;Ich vergesse mich
+ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich.
+Gute Nacht, Robert.&laquo;</p>
+
+<p>Schnell verlie&szlig; sie das Zimmer.</p>
+
+
+<p class="newsection">Ungef&auml;hr vor einer Woche war ein Mann
+eingeliefert worden, den man ohne Uniform,
+bis aufs Hemd entkleidet, auf einem
+Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte.
+Er hatte einen Schu&szlig; im R&uuml;ckgrat, konnte
+nicht sprechen und keinerlei Auskunft &uuml;ber
+sich geben.</p>
+
+<p>Still und steif war er dagelegen, die
+Augen immer auf denselben Punkt in der
+Luft gerichtet. Er hatte ein au&szlig;erordentlich
+sch&ouml;nes Gesicht, bla&szlig;, vergeistigt, durchformt;
+ein schwarzer Bart umrahmte es
+derart, da&szlig; Kinn und Wangen von Haaren
+frei waren.</p>
+
+<p>Ob er Freund oder Feind war, wu&szlig;te
+man nicht. Er trug die Nummer 42, das
+war alles. Man redete ihn in allen Sprachen
+aller V&ouml;lker an, die im Krieg standen,
+doch gab er niemals ein Zeichen, da&szlig; er
+die Worte fa&szlig;te. Man vermutete, er sei
+auch des Geh&ouml;rs beraubt und hielt ihm
+Zeitungen und beschriebene Zettel vor; er<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+beachtete nicht einmal die Geb&auml;rde. Ohne
+zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag
+er da.</p>
+
+<p>Wennschon dies von einer v&ouml;lligen Teilnahmlosigkeit,
+ja von einem inneren Starrkrampf
+zeugte, hatten doch seine Augen
+den st&auml;rksten Glanz bewahrt, der sich
+denken lie&szlig;. Sie waren ununterbrochen
+weit ge&ouml;ffnet, und als ob der Bewegungsmuskel
+der Lider nicht mehr arbeitete,
+schlossen sie sich nicht eine Minute lang.
+Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
+fieberisch; es war ein mildes Licht, ein
+seelenhaftes Strahlen, das auf &Auml;rzte und
+Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung
+&uuml;bte. Oft standen mehrere Personen zugleich
+an seinem Lager, die sich f&uuml;r kurze
+Zeit ihrer Besch&auml;ftigung entzogen hatten,
+nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
+festzuhalten.</p>
+
+<p>Und in jeder Nacht kam Olivia an das
+Bett dieses Verwundeten, blieb stehen,
+schaute in das bleiche Gesicht und suchte,
+auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar
+erf&uuml;llten Blick des fremden Mannes.
+In jeder Nacht unterbrach sie ihren
+Rundgang hier und verweilte wie ein
+Mensch, der Atem sch&ouml;pft und sich besinnt
+und der L&ouml;sung eines d&uuml;steren Geheimnisses
+n&auml;her ist als bisher.</p>
+
+<p>Seit dieser Mann im Hause war, seit
+sie diese Augen wahrgenommen hatte, die
+&uuml;ber dem wirren, wilden Geschehen wie
+zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen
+Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
+wissend-bewu&szlig;tlos aus dem
+Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
+ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein
+etwas gelindert; sie tauchte empor
+aus der qualmenden H&ouml;llenglut und lenkte
+ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal
+im Leben mit der Ahnung und
+dem Gef&uuml;hl von Gott.</p>
+
+<p>Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen
+als nach oben.</p>
+
+
+<p class="newsection">Mit dreizehn Schritten durchma&szlig; Robert
+Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet,
+da&szlig; er zw&ouml;lftausendf&uuml;nfhundert
+Schritte machen mu&szlig;te, um eine Strecke
+von zehn Kilometern zur&uuml;ckzulegen. Er
+besa&szlig; einen Schrittz&auml;hler, mit dessen Hilfe
+er t&auml;glich die durchwanderte Bahn bestimmte.
+An manchen Tagen waren es
+zw&ouml;lf, an manchen f&uuml;nfzehn Kilometer.</p>
+
+<p>Die M&auml;rsche d&uuml;nkten ihm notwendig
+zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
+konnte er beim Gehen besser denken.</p>
+
+<p>Aber die Gedanken f&uuml;hrten zu keinem
+Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
+da&szlig; er nach dem dreizehnten Schritt wieder
+umkehren mu&szlig;te. Wenn der neunte, der
+zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung
+versprach, die Wand, die zur
+Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.</p>
+
+<p>F&uuml;nf bis sechs Stunden Schlaf, zwei
+bis drei Marschieren und zwei bis drei
+Lekt&uuml;re, blieben immer noch mindestens
+zw&ouml;lf Stunden, die leer waren, zw&ouml;lf boshaft
+schleichende Stunden. Jedes Ger&auml;usch
+im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen,
+jedes Fl&uuml;stern oder Murmeln war eine
+Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene
+Unterbrechung. Wieviel da lauerte,
+schreckte, drohte, da drau&szlig;en, da
+drunten!</p>
+
+<p>Angst vor Begegnungen hielt ihn davon
+ab, die Schwelle zu &uuml;berschreiten. Nach
+Verlauf einer Woche br&uuml;tete er &uuml;ber Fluchtpl&auml;nen.
+Doch wu&szlig;te er, da&szlig; sich niemand
+um ihn k&uuml;mmerte.</p>
+
+<p>Ein sonderbares Vergn&uuml;gen gew&auml;hrte
+es ihm, die Personen an sich vor&uuml;berziehen
+zu lassen, die er ehedem mit seinem Ha&szlig;
+bedacht hatte. Es stellte sich heraus, da&szlig;
+von diesem Ha&szlig; nicht mehr viel &uuml;brig war;
+auch wenn seine Erinnerung noch so grobe
+Zerrbilder malte, vermochte er an jenen
+Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges
+Gef&uuml;hl gerechtfertigt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Die Ursache war nicht etwa die, da&szlig; er
+die F&auml;higkeit zu hassen verloren hatte, sondern
+da&szlig; alles, was noch an Ha&szlig; in ihm
+war, sich gegen einen einzigen Menschen
+richtete: allein und unvers&ouml;hnlich gegen
+Olivia.</p>
+
+<p>Sie hatte ihn gezwungen, wider seine
+&Uuml;berzeugung zu handeln. Sie hatte ihn
+um die letzte Hoffnung betrogen, die er
+noch gehegt, um die letzte, die geheimste
+Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung
+und schmerzlichen Verlassenheit noch
+an die Zukunft gekn&uuml;pft hatte.</p>
+
+<p>Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand.
+Er war der Mann nicht, um einer
+solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken.<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+Sein Gem&uuml;ts- und Sinnenleben war eine
+vernachl&auml;ssigte Provinz seines Daseins,
+und die dunklen Wege der Seele nur zu
+ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
+sie, wo es m&ouml;glich war. Aber jetzt trat
+das Vergangene so nah an ihn heran; er
+wu&szlig;te pl&ouml;tzlich, da&szlig; er schon das Bild des
+Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen,
+und da&szlig; das W&auml;chter- und Erzieheramt,
+das er ausge&uuml;bt, ihm mehr und anderes
+bedeutet hatte als eine Pflicht der
+Piet&auml;t und der Freundschaft. Auge und
+Empfindung hatten ihn get&auml;uscht; er h&auml;tte
+sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er
+von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert,
+wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet
+h&auml;tte, wonach sein ausgehungertes Herz
+lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken
+und zu unterdr&uuml;cken, dienten ihm aber
+menschlich nicht; es verfinsterte ihn und
+h&ouml;hlte ihn aus.</p>
+
+<p>Die Gestalt Olivias, die Stimme, der
+Schritt, der Blick, das L&auml;cheln: alles das
+war ihm einst wie ein Eigentum gewesen,
+Frucht seiner M&uuml;he, Lohn seiner Entbehrung,
+Ausgleich seiner tr&uuml;ben Erfahrung;
+ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm
+erkannt. F&uuml;r ihn gemacht, f&uuml;r ihn lebendig,
+weil er den magischen Schl&uuml;ssel dazu
+besa&szlig;, das Wesen zu begreifen glaubte.
+Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
+Widerstrebende war noch in der Harmonie
+mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung
+zusammengebrochen war &#8211; er nannte es
+Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen
+einen h&auml;rteren Ausdruck vorschlug &#8211; als sie
+sich der Gei&szlig;el seiner Worte und dem
+l&auml;hmenden Einflu&szlig; seiner Urteile durch
+die Flucht entzogen hatte, war er noch
+weit entfernt, sie verloren zu geben; mit
+fatalistischer Geduld vertraute er auf seine
+Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer
+Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf
+versetzt h&auml;tte und den Zeitpunkt abwarten
+wollte, der zur Erweckung am g&uuml;nstigsten
+war.</p>
+
+<p>Ihr Erscheinen ri&szlig; ihn v&ouml;llig aus dieser
+Einbildung. &Auml;u&szlig;ere Umst&auml;nde, die st&auml;rker
+waren als alles, was er in die Wagschale
+h&auml;tte werfen k&ouml;nnen, hatten den Sieg &uuml;ber
+ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfa&szlig;te
+ihn und erneute sich immer wieder,
+so oft er sich sagte, da&szlig; bei nat&uuml;rlicher
+Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten
+geblieben und die Schwankende,
+Haltlose ihm endlich in die Arme gef&uuml;hrt
+h&auml;tte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz
+bestand in seiner Existenz, in vielen
+Jahren hartn&auml;ckig und trotzig verhehlter
+Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und
+jedes Ziel sonst verzichtet und z&auml;h und
+stumm, wie nur er sein konnte, alles auf
+das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt,
+und er wu&szlig;te es nun. Derselbe Sturm,
+den er geweissagt hatte, seitdem sein m&auml;nnlicher
+Geist und Wille in Konflikt geraten
+war mit den Gebresten der Zeit und den
+Unterlassungss&uuml;nden ihrer Menschen,
+hatte die Bl&uuml;te ausgerissen und verweht,
+die er im gesch&uuml;tztesten Winkel seines
+Lebensgartens gepflanzt hatte.</p>
+
+<p>Hier war kein Appell m&ouml;glich. Sie hatte
+ihm deutlich genug zu verstehen gegeben,
+da&szlig; jeder Versuch, sie zur&uuml;ckzuhalten, ihn
+in ihren Augen zum Verbrecher stempelte.
+Er durfte nicht hoffen, da&szlig; irgendein
+Mensch, weder Mann noch Weib, weder
+Freund noch Feind, in seinen Bem&uuml;hungen
+etwas anderes erblickte als Verschrobenheit
+und Herzensk&auml;lte. Er hatte sie eingeb&uuml;&szlig;t,
+sie war dahin, sie konnte ihn nicht
+mehr sehen und h&ouml;ren, sie hatte sich dem
+blutigen Chaos verdungen und bildete sich
+ein, n&uuml;tzlich zu sein und litt uns&auml;glich,
+und w&uuml;rde immer &auml;rger leiden m&uuml;ssen, je
+h&ouml;her die Woge des Entsetzens stieg.</p>
+
+<p>Es gab Stunden, wo er wie ein rachebr&uuml;tender
+Teufel bleich und b&ouml;se in einem
+Winkel seiner Kammer kauerte und sich
+das Hirn zermarterte mit den Gedanken,
+die ihm sein ohnm&auml;chtiger Groll und seine
+wirklich beispiellose Einsamkeit erregten.
+Es war etwas Troglodytisches um ihn;
+es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten
+Welt; er glich dem k&ouml;rperlosen
+Schatten, der nach einer Seele sucht und
+sie nicht finden kann. Er f&uuml;hlte sich ausgesto&szlig;en
+und g&auml;nzlich vergessen, erniedrigt
+und beraubt; er fror und fieberte, er sann
+auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung,
+da&szlig; m&ouml;glicherweise er es sein mu&szlig;te, der
+sich zu beugen und zu unterwerfen hatte,
+war ihm noch mit keinem Hauch genaht.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eines Nachmittags um die D&auml;mmerungszeit
+schlich er aus dem Hause und
+ging zu Frau Khuenbeck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er
+hatte sich jahrelang nicht um sie gek&uuml;mmert,
+das trug sie ihm nach.</p>
+
+<p>Sie machte ihn im stillen auch f&uuml;r alles
+verantwortlich, was mit Olivia geschehen
+war, und als er die Rede auf das M&auml;dchen
+gebracht hatte, erkl&auml;rte sie, da&szlig; sie ihre
+Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten,
+wenn man sie im Spital besuche.
+Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von
+Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen
+und habe sich bei Olivia erkundigt,
+ob sie etwas erfahren habe. Sie habe
+nichts gewu&szlig;t, habe aber auch keinerlei
+Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugeh&ouml;rt,
+aber in ihrem Blick sei etwas gewesen,
+wobei einem eiskalt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie das vielleicht beobachtet,&laquo;
+fuhr Frau Khuenbeck fort, &raquo;den Blick,
+meine ich, den Blick einer Besessenen?
+Gewi&szlig; begeh&#8217; ich ein Unrecht, wenn ich
+so etwas sage. Die Menschen beten sie
+ja an. Auch ich mu&szlig; sie bewundern, aber
+sie ist mir fremd geworden. Geht das mit
+rechten Dingen zu?&laquo;</p>
+
+<p>Lamm schwieg. Es gen&uuml;gte ihm, da&szlig;
+die Frau von Olivia sprach. Er hielt es
+f&uuml;r ausreichend, sie durch eine ermunternde
+Miene anzuspornen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie assistiert jetzt bei den Operationen,&laquo;
+berichtete Frau Khuenbeck. &raquo;Sie hat das
+Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
+darin erworben, da&szlig; die &Auml;rzte
+ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
+Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar;
+instinktiv bringe sie genau die Tiefe
+des Bet&auml;ubungsschlafes zustande, die f&uuml;r
+den betreffenden Fall erforderlich ist.
+Wenn einer schreit oder sich str&auml;ubt, so
+braucht sie ihn nur anzur&uuml;hren, und er
+f&uuml;gt sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&auml;rchen,&laquo; warf Robert Lamm hin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht, da&szlig; es ein M&auml;rchen ist.
+Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem
+Vater, der hatte auch so eine Zauberhand.
+Einige &Auml;rzte meinen, da&szlig; sie sich auf eine
+besondere Kunst des Dosierens versteht.
+Es sind auch Chirurgen aus der Stadt
+gekommen, denen sie eine Erkl&auml;rung geben
+sollte. Sie konnte aber nichts erkl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Esel vom Fach vermuten immer
+da Wunder, wo ganz und gar keine sind,&laquo;
+bemerkte Lamm trocken.</p>
+
+<p>Frau Khuenbeck zuckte die Achseln.
+&raquo;Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen
+so an, da&szlig; man vergi&szlig;t, was einem bevorsteht.
+Aber was bedeutet mir das? Wie
+ich das zweite- oder drittemal dort war,
+mu&szlig;te ich auf sie warten und ging im
+Flur auf und ab, und da kam sie mit dem
+blutenden, frisch abges&auml;gten Bein eines
+Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
+doch wer kann so ein Bild wieder
+loswerden, wenn er es einmal geschaut!
+Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte
+das Gef&uuml;hl, als begehe das Kind eine
+schreckliche S&uuml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamms Gesicht verzerrte sich.
+&raquo;So ein Bein, wissen Sie, ist au&szlig;erdem
+verflucht schwer,&laquo; sagte er mit heiserer
+Stimme, &raquo;es mag gut und gern seine
+f&uuml;nfzehn Kilo wiegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Olivia,&laquo; rief Frau Khuenbeck,
+&raquo;die so heikel war, da&szlig; sie vom Tisch aufstand
+und nicht weiteressen konnte, wenn
+auf einem Salatblatt ein Wurm kroch!
+Was kann ihr die Welt noch sein, danach?
+Kann sie je wieder ein harmloses
+Leben f&uuml;hren, ein Leben mit kleinen
+Pflichten?&laquo;</p>
+
+<p>Lamm erhob sich. &raquo;Wir werden das
+Problem heute nicht l&ouml;sen, Verehrteste,&laquo;
+antwortete er schroff. &raquo;Unser Verstand ist
+&uuml;berhaupt unzul&auml;nglich gegen&uuml;ber dem
+traurigen Verwesungsvorgang, den man
+Leben nennt. Mich d&uuml;rfen Sie schon gar
+nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen,
+mir wird &uuml;bel, wenn ich ja oder nein
+sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das
+Reden abzugew&ouml;hnen; meine Zunge hat
+nicht die geringste Lust mehr, Ger&auml;usche
+zu artikulieren. Ein &uuml;berfl&uuml;ssiges St&uuml;ck
+Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle
+mich Ihnen.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsection">Als er durch den Korridor seines Hauses
+schritt, traten ihm zwei Herren in den
+Weg. Der eine war Doktor Strygowski,
+der andere, der mit au&szlig;erordentlicher
+Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses,
+etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine
+Miene verriet Unsicherheit und Anma&szlig;ung.
+Er blieb vor dem Hofrat stehen, l&uuml;pfte
+den tadellos geb&uuml;gelten Zylinder, nannte
+seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
+Bescheidenheit und sagte, er sei
+entz&uuml;ckt von der Besichtigung des Hauses,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+das eine Perle unter den Lazaretten der
+Stadt sei, und er freue sich, dies &ouml;ffentlich
+verk&uuml;ndigen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Lamm stand steif wie ein Stock. Der
+andere verbeugte sich, l&auml;chelte aus irgendeinem
+Grunde geschmeichelt und ging.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski sagte: &raquo;Einer unserer
+f&uuml;hrenden Journalisten. Besichtigt Spit&auml;ler
+im Auftrag des Roten Kreuzes.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm nickte. &raquo;Kennen Sie die Geschichte
+vom Grafen Ulrich von W&uuml;rttemberg
+und dem Dieb?&laquo; fragte er. &raquo;Der
+Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den
+ganzen Tag vor seinem Schlo&szlig; zu sitzen
+und mit jedem zu sprechen, der vor&uuml;berging.
+Einmal schlich sich ein Mensch aus
+dem Tor, der hatte drinnen in der K&uuml;che
+einen Fisch gestohlen und er hatte einen
+sehr kurzen Mantel an, unter dem der
+Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf
+zu sich und sagte zu ihm: &#8250;Wenn du wieder
+Fische stehlen gehst, so zieh einen l&auml;ngeren
+Mantel an oder nimm einen k&uuml;rzeren
+Fisch.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Doktor Strygowski lachte. &raquo;Ich glaube,
+der Rat hat gefruchtet,&laquo; antwortete er.
+&raquo;Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend
+langen M&auml;nteln versehen.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm warf einen durchdringenden Blick
+auf den jungen Arzt. &raquo;Doktor Strygowski,
+wenn ich nicht irre&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Strygowski ist mein Name. Ich bitte
+um Verzeihung, da&szlig; ich unterlassen
+habe&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Lamm sch&uuml;ttelte ungeduldig den Kopf.
+&raquo;Nichts, nichts,&laquo; unterbrach er den Doktor.
+Dann lie&szlig; er abermals den Blick mit fast
+verletzender Unbek&uuml;mmertheit auf dessen
+Z&uuml;gen ruhen. Er war gefesselt von dem
+Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und
+sagte: &raquo;Es w&auml;re mir lieb, wenn Sie am
+Abend eine Stunde zu mir kommen w&uuml;rden.
+Ich habe einige Fragen an Sie zu
+richten.&laquo;</p>
+
+<p>Doktor Strygowski erwiderte, er werde
+kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Doktor, der Transport,&laquo; sagte
+Schwester Nina, die vom Eingangsflur
+heraufkam. Lamm kannte die sch&ouml;ne,
+blasse Frau Senoner. Er gr&uuml;&szlig;te k&uuml;hl.</p>
+
+<p>Die Sanit&auml;tsleute kamen mit den Bahren.
+Regungslos lagen die verwundeten
+M&auml;nner, mit eingesunkenem Brustkorb
+und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre
+Gesichter waren von einem verwitterten
+Grau, das Blut war durch die Verb&auml;nde
+gedrungen und klebte auf der Haut. Mit
+dumpf-ungl&auml;ubiger Verwunderung sahen
+sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
+verursachte ihnen eine mit Furcht
+gemischte Spannung, &uuml;ber die sie gr&uuml;belten.</p>
+
+<p>Hinter den letzten Tr&auml;gern ging Olivia.
+Sie war in einen ziemlich groben Mantel
+geh&uuml;llt, das Gesicht war entf&auml;rbt. Als sie
+Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm
+ohne L&auml;cheln zu.</p>
+
+
+<p class="newsection">Es war elf Uhr vorbei, als Doktor
+Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
+Er entschuldigte sein sp&auml;tes Kommen.
+Lamm deutete schweigend auf einen Sessel
+gegen&uuml;ber seinem Lehnstuhl.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will &uuml;ber Olivia Khuenbeck mit
+Ihnen sprechen,&laquo; begann er ohne Umschweife.
+&raquo;Vielleicht ist Ihnen bekannt,
+da&szlig; Olivia w&auml;hrend ihrer ganzen Jugend
+unter meiner Obhut gestanden ist. Ich
+f&uuml;hle mich noch immer f&uuml;r das, was sie
+tut, verantwortlich. M&ouml;glich, da&szlig; es eine
+Torheit ist, aber es ist nun einmal so.
+Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
+zu dem Beruf, den sie sich hier erw&auml;hlt
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>Ein wenig verwundert &uuml;ber den Ton
+eines verh&ouml;renden Richters, antwortete
+der junge Arzt nach einigem &Uuml;berlegen:
+&raquo;Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt
+jede Befugnis, wo etwas so Ungew&ouml;hnliches
+vollbracht wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat sie von Anfang an gewu&szlig;t, was
+ihr beschieden sein w&uuml;rde, wenn sie beharrlich
+blieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne Zweifel,&laquo; versetzte Doktor Strygowski.</p>
+
+<p>&raquo;Beachten Sie eines,&laquo; fuhr Lamm eindringlich
+fort; &raquo;viele Menschen, die sich
+an ein schwieriges Unternehmen wagen,
+ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger
+Einsch&auml;tzung ihrer F&auml;higkeit. Sie brauchen
+darum nicht zu versagen, oft zeigen sich
+die h&ouml;heren Kr&auml;fte mit der h&ouml;heren Forderung.
+Aber wo es sich um den best&auml;ndigen
+Anblick von Blut und Wunden
+handelt, mu&szlig; unbedingt die Phantasie nach
+und nach ert&ouml;tet werden, sonst ist an eine
+fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+Augenschein schw&auml;cht sich ab, die Gewohnheit
+macht die Sinne stumpf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich nicht leugnen, und es
+gilt in allen F&auml;llen, nur bei Schwester
+Olivia nicht,&laquo; versetzte Doktor Strygowski.
+&raquo;Ihr Geist und ihr Gem&uuml;t sind der Abstumpfung
+nicht unterworfen. Das ist das
+Merkw&uuml;rdige und das Seltene bei ihr.
+Nicht blo&szlig;, da&szlig; sie sich an das vielf&auml;ltig
+Entsetzliche nicht gew&ouml;hnt, nie gew&ouml;hnen
+wird, sondern jeder neue Eindruck rei&szlig;t
+ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem
+Grauen, dem Schmerz, der Emp&ouml;rung,
+dem Mitleid mit einer Intensit&auml;t &uuml;berliefert,
+die ohne Grenze ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also ein Ph&auml;nomen, ganz einfach ein
+Ph&auml;nomen,&laquo; sagte Lamm mit erheuchelter
+Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den
+Sessel zur&uuml;ck und umklammerte mit den
+Fingern die Armlehnen fest.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski fuhr fort: &raquo;Sie
+kennt jeden einzelnen Mann, und wir
+haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus.
+Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden
+bei jedem, sie wei&szlig; ob Hoffnung besteht,
+das Leben zu erhalten oder nicht, jede
+Besserung oder Verschlimmerung sp&uuml;rt sie
+unmittelbar und ist sogleich zur Stelle,
+wenn Gefahr droht. Die Fieberzust&auml;nde
+sind ihr so vertraut, da&szlig; alles Fieberwesen,
+vom gelispelten Betteln um Wasser
+bis zur Raserei, vom Z&auml;hneklappern bis
+zur Hochglut zur besonderen Sprache und
+Mitteilung f&uuml;r sie geworden ist. Und sie
+begn&uuml;gt sich nicht, sie will immer noch ein
+Mehr; von sich selbst hei&szlig;t das, nur von
+sich selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm erhob sich, ging auf und ab,
+setzte sich wieder. Er zwang sich m&uuml;hsam
+zu Ruhe. &raquo;Ich begreife es nicht,&laquo; stie&szlig;
+er hervor, &raquo;begreife es nicht. Ich will
+gar nicht die Frage er&ouml;rtern, wie sie es
+physisch aushalten soll; aber Tag f&uuml;r Tag
+das alles sehen! Und nicht nur sehen,
+auch h&ouml;ren, das St&ouml;hnen, Wimmern,
+Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
+oben schaudert mir manchmal die Haut,
+und ich bin doch ein hartgesottener alter
+Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von
+jedem Windhauch war sie abh&auml;ngig, jede
+&uuml;bel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie
+an einem Wirtshaus vor&uuml;berzuf&uuml;hren,
+wo Betrunkene l&auml;rmten, war ein Wagnis.&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;berrascht von der Aufwallung eines
+Mannes, den er f&uuml;r trocken und unempfindlich
+gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski
+den Kopf. &raquo;Vor einigen Tagen
+war ich mit Schwester Olivia in einem
+Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht
+sind,&laquo; erz&auml;hlte er mit leiser
+Stimme; &raquo;da waren Zimmer angef&uuml;llt
+mit M&auml;nnern, die aneinander vor&uuml;bergingen,
+ohne einander zu gewahren, in
+gleichm&auml;&szlig;igem Marschtempo, mit Blicken
+der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo
+M&auml;nner sa&szlig;en, die stundenlang die H&auml;nde
+steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach
+ihren Angeh&ouml;rigen riefen; da war es schwer,
+sich zusammenzunehmen, sehr schwer.
+Schwester Olivia hatte eine Geb&auml;rde, die
+ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
+wollte sie sagen: &#8250;O Gott, was ist mit
+deiner Welt geschehen, was ist mit eurer
+Welt geschehen, ihr Menschen!&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das kann ich mir gut denken,&laquo;
+antwortete Lamm nun wieder mit erk&uuml;nstelter
+Ruhe. &raquo;Aber erkl&auml;ren Sie mir
+doch, was in ihr vorgeht,&laquo; f&uuml;gte er hinzu
+und kniff die Augen sonderbar zusammen;
+&raquo;mich l&auml;&szlig;t da die Logik im Stich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die menschliche Seele ist ein wunderbarer
+Organismus, Herr Hofrat,&laquo; sagte
+Doktor Strygowski sinnend. &raquo;Ich will
+nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber
+auch ein Arzt, f&uuml;r den der Menschenk&ouml;rper
+Studium und Sache wird, ger&auml;t jetzt bisweilen
+mit der sogenannten g&ouml;ttlichen Weltordnung
+in Konflikt. Man fragt sich, was
+das alles soll, das Leben und Sterben und
+die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken
+an mir nagen, und ich schaue Schwester
+Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa
+einem st&uuml;mpernden Dilettanten, der vor
+einem K&uuml;nstler steht. Die leidet! Das ist
+Leiden! Gewi&szlig;, der Tag fa&szlig;t vieles, man
+vergi&szlig;t, man flieht, die gespannte Saite
+lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes
+Wort, einen geistigen Zuspruch,
+aber bei ihr ist auch davon keine Spur.
+Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen
+Schritt &uuml;ber die Allt&auml;glichkeit hinausgelangt,
+ich kann es mir nicht anders erkl&auml;ren,
+irgendein unbekanntes Element hat
+sich ihrer bem&auml;chtigt, f&uuml;r mich im stillen
+nenne ich es die Metempsyche.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm schwieg, kaum da&szlig; er atmete,
+und nach einer kurzen Weile fuhr Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>
+Strygowski fort: &raquo;Sie versteht die Heiterkeit
+nicht mehr, das harmlose Gespr&auml;ch
+nicht mehr, das selbstverst&auml;ndliche Weitergehen
+des Daseins nicht mehr. Sie versteht
+nicht, da&szlig; es noch Menschen gibt, die
+von ihren Gesch&auml;ften, ihren W&uuml;nschen,
+ihren pers&ouml;nlichen Vorteilen und Entt&auml;uschungen
+reden k&ouml;nnen. Ich sah sie einmal
+ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines
+der M&auml;dchen vor dem Spiegel sa&szlig; und sich
+frisierte, einigerma&szlig;en umst&auml;ndlich, wie es
+ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
+der sie wehm&uuml;tig und unwillig staunte,
+war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr
+Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich wu&szlig;te es nicht,&laquo; murmelte
+Lamm, &raquo;ich wu&szlig;te es in der Tat nicht.
+Das unvergleichliche Haar! In Generationen
+schafft die Natur so etwas nicht zum
+zweitenmal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unter unseren freiwilligen Damen,&laquo;
+begann Doktor Strygowski wieder, &raquo;ist
+auch eine vielger&uuml;hmte Schauspielerin,
+Schwester Susanne, eine verw&ouml;hnte Gesellschaftsdame
+mit Prinzessinnen-All&uuml;ren;
+um sie ist der ganze L&uuml;gendunst des
+Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
+mit der gro&szlig;en Geste, mit der sie
+ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen,
+wenn Schwester Olivia mit ihr spricht.
+Sie schl&auml;gt die Augen zu Boden, als sch&auml;me
+sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie
+soll ich sagen, etwas geradezu magisch
+Edles. Sie wei&szlig; nat&uuml;rlich, wie es um so
+manche dieser Frauen bestellt ist; da&szlig; sie
+sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung
+verschaffen wollen, da&szlig; sie die
+Leere ihres Gem&uuml;tes zudecken durch einen
+Eifer, der ihnen Beifall eintr&auml;gt.&laquo;</p>
+
+<p>Robert Lamm lachte bitter auf. &raquo;Sie
+sind ein gr&uuml;ndlicher Herr, das mu&szlig; man
+gestehen,&laquo; sagte er. &raquo;Nun, und das
+wucherische Treiben der Lieferanten, wei&szlig;
+sie auch von dem? Und wie verh&auml;lt sie
+sich dazu? Und zu der Schwerf&auml;lligkeit
+der &Auml;mter und Beh&ouml;rden, der Schm&auml;hsucht
+der Unzufriedenen, den R&auml;nken der Beleidigten,
+den Ausreden der Faulen, den
+krampfhaften Bem&uuml;hungen der Streber
+und Ordensj&auml;ger, dem fr&uuml;hzeitigen Erlahmen
+derer, die in rascher Begeisterung
+Wunder zu tun versprochen hatten, mit
+einem Wort, dem ganzen landes&uuml;blichen
+Unrat, wie verh&auml;lt sie sich dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, das alles legt sie sich f&ouml;rmlich
+selber zur Last und verwandelt es in
+eine Forderung an sich,&laquo; erwiderte Doktor
+Strygowski. Er dachte eine Weile nach,
+bevor er z&ouml;gernd fortfuhr: &raquo;Sie mu&szlig; ein
+Erlebnis von einschneidender Bedeutung
+gehabt haben. Sie mu&szlig; einmal so zu
+Boden geschlagen worden sein, da&szlig; es
+aller Kraft bedurfte, die ein Gem&uuml;t &uuml;berhaupt
+aufbringen kann, damit sie sich
+wieder erheben konnte. Deshalb ihre
+Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb
+ihr unbeirrbar gerichteter Weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, Flausen!&laquo; rief Lamm schroff,
+ja fast wild. &raquo;Flausen! Darauf fall&#8217; ich
+Ihnen nicht herein!&laquo;</p>
+
+<p>Ein rascher Blitz des Unwillens traf
+ihn aus Strygowskis Augen. &raquo;Ich habe
+Ihnen meine Meinung nicht aufgedr&auml;ngt,
+Herr Hofrat,&laquo; sagte er leise. &raquo;Da&szlig; ich
+Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht
+leugnen. Ich gestehe sogar, da&szlig; ich noch
+nie einen Menschen in diesem Ma&szlig; bewundert
+habe. Meine Bewunderung ist
+um so gr&ouml;&szlig;er, als ich mir nicht verhehle,
+nicht verhehlen kann, <em class="gesperrt">wohin</em> der Weg f&uuml;hrt,
+den sie geht.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm schwieg betroffen. Die beiden
+M&auml;nner sahen sich an.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie haben kein &#8211; Kapital in diese
+Bewunderung investiert? Sie wollen keine
+Zinsen daraus ziehen?&laquo; fragte Lamm mit
+verkniffenem Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe nicht&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, ob Sie nicht ein bi&szlig;chen
+bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen?
+Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen,
+ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung
+an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches
+Ziel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hierauf habe ich keine Antwort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist jedenfalls bequem.&laquo; Lamm
+erhob sich und begleitete seine Worte mit
+heftigen, abgehackten Geb&auml;rden. &raquo;Ich soll
+also schlechterdings an Engel glauben, an
+graduierte Engel mit Schnurrbart und
+Brille! Seit wann sind denn die Doktoren
+der Medizin unter die Idealisten und Propheten
+gegangen? Hat euch die blutige
+Zeit betrunken gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Ungest&uuml;m gibt Ihrer Beschuldigung
+noch nichts Plausibles,&laquo; sagte Strygowski,
+der bla&szlig; geworden war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich beschuldige Sie nicht, ich wei&szlig; nichts<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+von Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir
+Ihre Person aus dem Spiel,&laquo; fuhr Lamm
+grollend fort. &raquo;Wenn ich Ihnen zu nahe
+getreten bin, will ich abbitten. Aber k&ouml;nnen
+Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher
+Beobachter vorstellen, da&szlig; ein Wesen wie
+Olivia sich Tag f&uuml;r Tag, Stunde f&uuml;r Stunde
+unter M&auml;nnern bewegt, ohne nur im Geringsten
+als Weib auf diese M&auml;nner zu
+wirken? Meine Frage enth&auml;lt keine Frivolit&auml;t.
+Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
+leben auf einem Planeten, mag er auch
+noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem
+es f&uuml;r bestimmte Daseinsformen bestimmte
+Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist
+Blut. Hunger will S&auml;ttigung, Blut will
+W&auml;rme. Riechen Sie nicht den t&uuml;ckischen
+Giftstoff, von dem das ganze Haus erf&uuml;llt
+ist? Glauben Sie, da&szlig; irgendein Weib sich
+dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia
+hei&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es,&laquo; erwiderte Doktor
+Strygowski entschlossen. &raquo;Was Sie sagen,
+ist keine Wahrheit f&uuml;r mich, sondern eine
+Anklage, die erst bewiesen werden mu&szlig;.
+Es m&uuml;&szlig;te erst bewiesen werden, da&szlig; die
+Caritas, vor der ich meine Knie beuge,
+ein lemurischer Unhold ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist sie auch!&laquo; rief Lamm mit Leidenschaft.
+&raquo;Ein Unhold und L&uuml;gengeist, der
+Frauen- und M&auml;dchenseelen mit falschen
+Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder
+Illusion bar, hinaus ins Leben zu
+sto&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski
+zog die Uhr aus der Tasche, &uuml;berlegte
+eine Weile, w&auml;hrend er die Uhr in
+der Hand behielt und sagte dann: &raquo;In einer
+Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre
+zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur
+durch den Augenschein widerlegt werden.
+Unm&ouml;glich, da&szlig; Sie auf Ihrer Meinung
+beharren, wenn Sie sie dabei sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich brauche den Augenschein nicht,&laquo;
+knurrte Lamm. &raquo;Alles was ist, kann ich
+mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Paradoxie ist mir bekannt,&laquo; entgegnete
+der Arzt; &raquo;ich kenne dieses Leiden.&laquo;
+Er blickte traurig zu Boden.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick vernahmen sie ein
+seltsames, eint&ouml;niges Pl&auml;rren, ein singsang&auml;hnliches
+Heulen wie von einem Hund.
+Der Hofrat ging zur T&uuml;r und lauschte.
+Dann &ouml;ffnete er die T&uuml;re, schritt durch
+den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski folgte ihm.</p>
+
+
+<p class="newsection">Auf der untersten Treppenstufe sa&szlig; zusammengekauert
+ein Mensch. Erst als er
+ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener
+Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut
+vor sich hinheulte und dabei mit dem
+Oberk&ouml;rper schaukelte. &raquo;Was treibst du
+da?&laquo; herrschte ihn Lamm an.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hofrat, ich find&#8217; im ganzen Haus
+kein Pl&auml;tzchen, wo es still ist,&laquo; fl&uuml;sterte der
+Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah
+aus wie geschwollen.</p>
+
+<p>&raquo;Geh auf der Stelle in deine Kammer
+und in dein Bett,&laquo; befahl Lamm.</p>
+
+<p>Gerold erhob sich schwerf&auml;llig und wankte
+&uuml;ber die Stiege. &raquo;Kann aber nicht schlafen,
+Herr Hofrat,&laquo; klagte er.</p>
+
+<p>Lamm sch&uuml;ttelte sich ein wenig. Er machte
+Miene, wieder in seine Stube zu gehen,
+aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so
+forschend, so sonderbar auffordernd auf ihn
+gerichtet, da&szlig; er mit einer unbehaglichen
+Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte
+und hinter dem Arzt in das gro&szlig;e Zimmer
+ging, das vormals seine Bibliothek gewesen
+war. Die Lichter waren ausgel&ouml;scht bis
+auf eines, das neben der T&uuml;r brannte und
+durch ein gr&uuml;nes Tuch abged&auml;mpft war.
+Nur in den zun&auml;chst stehenden Betten
+konnte man die Gesichter sehen. Sie hatten
+einen fahlen Schein. Einige Verwundete
+wachten und hoben von Zeit zu Zeit den
+Kopf; dabei gl&auml;nzten die Augen hei&szlig;, und
+wenn sie den Kopf zur&uuml;cksinken lie&szlig;en,
+&auml;chzten sie.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski zog Lamm in den
+Schatten und raunte ihm zu: &raquo;Sie mu&szlig;
+gleich kommen; hier war sie noch nicht,
+denn die Schwester dort dr&uuml;ben ist eingenickt.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte kaum ausgeredet, da trat im
+Hintergrund eine Gestalt durch die T&uuml;re.
+Es war Olivia.</p>
+
+<p>Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit
+im Raum lie&szlig;en ihr Gesicht nahezu wei&szlig;
+erscheinen. Der Schritt war lautlos und
+verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes.
+Sie ging sogleich zu der jungen Schwester,
+die schlummernd auf dem Stuhl sa&szlig; und
+ber&uuml;hrte mit der Hand deren Schulter.
+Das M&auml;dchen fuhr erschrocken empor; die<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+Best&uuml;rzung in ihrem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gedicht'">Gesicht</ins> verwandelte
+sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia
+sch&uuml;ttelte den Kopf und ging weiter.</p>
+
+<p>Die Blicke derer, die wach waren, hatten
+sie entdeckt; sie flogen ihr zu, f&ouml;rmlich ungeduldig;
+dies hatte etwas wie bei hungrigen
+S&auml;uglingen, wenn die Amme an die
+Wiege tritt. <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Er war'">Es war</ins> r&uuml;hrend und unheimlich.
+Olivia schien es zu f&uuml;hlen; sie neigte
+die Stirn; alles war pl&ouml;tzlich so sanft an
+ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar
+innerlich und beredt.</p>
+
+<p>Sie ging wie mit einer Lampe in der
+Hand, die nicht verl&ouml;schen durfte. Aber
+trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare
+Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit
+zu beanspruchen schien, war es, als sehe
+und sp&uuml;re sie alles, was rund um sie war,
+mit zehnfach gesch&auml;rften Sinnen.</p>
+
+<p>Als sie in das n&auml;chste Zimmer treten
+wollte, kam Schwester Emilie, eine &auml;ltere
+Person, aus der T&uuml;r. Sie sagte: &raquo;Mit
+Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rufen Sie Doktor Strygowski,&laquo; antwortete
+Olivia.</p>
+
+
+<p class="newsection">Vor dem kleinen Raum, in welchem
+Nummer 42 lag, standen fl&uuml;sternd einige
+Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski,
+als er zu dem Bett des Unbekannten
+ging. Robert Lamm hatte sich unter sie
+gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vor&uuml;berschreiten
+und nickte ihm zu wie am
+Abend, ohne zu l&auml;cheln, doch mit
+einem verwunderten Aufschimmern des
+Blicks.</p>
+
+<p>Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen,
+sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in
+Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe,
+die sie trug.</p>
+
+<p>Der Sterbende war in einem Zustand
+von Aufl&ouml;sung und Entr&uuml;ckung. Der
+Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert,
+da&szlig; es peinigend war, in sie zu schauen.
+Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem
+Gestr&uuml;pp.</p>
+
+<p>Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf
+der keuchenden Brust des Mannes und
+lauschte dem Herzschlag.</p>
+
+<p>War es nur eine T&auml;uschung, oder verhielt
+es sich wirklich so: alle im Zimmer
+Anwesenden hatten den Eindruck, als seien
+die Blicke des Unbekannten, die bis zu
+dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
+Gegenstand oder einem Menschen geruht
+hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
+ausschlie&szlig;lich und ohne abzuirren auf ihn,
+und zwar in einer Art, wie wenn er eine
+Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn
+er ihn an ein Versprechen mahnen wollte.
+Der Blick war so dringend, als sei zwischen
+den beiden zu irgendeiner Zeit einmal
+eine Verabredung getroffen worden und
+als sei eben jetzt die Frist verstrichen.
+Es war ein Blick des Willens und des
+Bewu&szlig;tseins, der alle in Erstaunen versetzte.</p>
+
+<p>Lamm sp&auml;hte scheu um sich her; er
+wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es
+ihn stets von neuem in die Richtung, wo
+er dem schauerlich und dringlich gl&auml;nzenden
+Auge begegnen mu&szlig;te. Olivia stand
+hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein
+gedankenvoller Ernst. Auch dagegen str&auml;ubte
+sich Lamm mit stummer Anstrengung; am
+liebsten h&auml;tte er ihr zugerufen: Sprich mit
+mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus
+seiner Bedr&auml;ngnis befreit h&auml;tte, sich abzuwenden
+und wegzugehen, war ihm durchaus
+unm&ouml;glich. In dieser Not griff er zu
+einem sonderbaren Hilfsmittel: er ri&szlig; seine
+Zigarettendose aus der Tasche, entnahm
+ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden
+hin. Es geschah dies weniger aus
+&Uuml;berlegung, als aus Trotz und Trieb, die
+gesteigerte Situation ins Gew&ouml;hnliche zu
+ziehen.</p>
+
+<p>Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger
+Funke aus den Augen des Unbekannten
+blitze; er machte eine schwache Bewegung
+mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun
+die Zigarette zwischen die Lippen. Aber
+um den blutlosen Mund spielte auf einmal
+ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen,
+bittersten Verachtung, durch ein
+mattes L&auml;cheln nicht gemildert, sondern
+verst&auml;rkt. Sodann ersch&uuml;tterte ein schrecklicher
+Seufzer den K&ouml;rper, das Auge brach,
+das Leben war dahin.</p>
+
+<p>Als Robert Lamm den Raum verlie&szlig;,
+war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe
+Verurteilten zumute; das L&auml;cheln unergr&uuml;ndlicher
+Verachtung in der letzten Agonie
+des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal
+auf ihm.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span></p>
+<p class="newsection">Olivia tat das Herz so weh, als sei
+es ein Geschw&uuml;r in ihrer Brust.
+Am Anfang und am Ende jeder
+Handlung stand dieselbe Frage;
+jede Gedankenfolge schlo&szlig; mit einem jammervollen
+Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
+ist Trost?</p>
+
+<p>Die Schauspiele verwirrten sich wie die
+Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der
+Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses
+Haus, in dem sie zuf&auml;llig wirkte, war nur
+eines unter den Tausenden von Becken, in
+denen sich das Ungl&uuml;ck sammelte. Man
+mu&szlig;te die Einbildungskraft in Schranken
+zw&auml;ngen, um nur die H&auml;nde r&uuml;hren zu
+k&ouml;nnen. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten
+vom Morgen &uuml;ber den Tag zum
+Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.</p>
+
+<p>Und dennoch: immer wieder auf und
+hin&uuml;ber, hin zu den Wunden, vielleicht,
+da&szlig; eine Ber&uuml;hrung, ein Wort, ein Blick
+Linderung brachte oder Geduld einfl&ouml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte eine Kraft in sich, deren Wesen
+ihr nicht bekannt war. Sie f&uuml;hlte diese
+Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und
+die Augen an ihr hingen. Diese Augen
+redeten eine Sprache von nie geh&ouml;rter Eindringlichkeit,
+die sie ohne Gewissenspein nur
+hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz aussch&ouml;pfte
+im Tun, sich ganz und gar verga&szlig;.</p>
+
+<p>Die Schicksale st&uuml;rzten &uuml;ber sie, und sie
+wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte
+es sein, in ihren hingegebensten Stunden
+sehnte sie sich danach, v&ouml;llig zermalmt
+zu werden, um jeder Schuld zu entgehen.
+Ruhte sie, fa&szlig;te sie sich wieder, so wurde
+es zu gr&auml;&szlig;lich, nur zu denken an das, was
+war. Nicht allein von Bildern der Zerst&ouml;rung
+war ihr Geist beladen, Bildern
+leckender Flammen, einge&auml;scherter Wohnungen,
+unertr&auml;glichen Hungers, erstickender
+Todesangst, hoffnungslosen Siechtums
+und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen
+unvergiftet lie&szlig;, sondern von dem
+auch, was dahinter war an Wut, Ha&szlig; und
+Bosheit, dem Gewebe kleiner L&uuml;gen, den
+Beleidigungen der Menschenw&uuml;rde, von
+dem Aufgestachelten in allen, der von &uuml;berallher
+t&ouml;nenden Klage.</p>
+
+<p>Damals, als ihre Mutter in der Sorge
+um Ferdinand zu ihr kam, mu&szlig;te Olivia
+in ihren Gedanken den Bruder erst suchen;
+sie sagte: &raquo;Du darfst die Hoffnung nicht
+sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Warum nur ich? Warum nicht
+auch du?&laquo; gab Frau Khuenbeck erstaunt
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Olivia schwieg. Ihr war, als verriete
+sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.</p>
+
+<p>Leo von Scheyern war gefangen, Ernst
+von Scheyern war unter den Vermi&szlig;ten.
+Frau von Scheyern kam nicht mehr ins
+Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia
+dar&uuml;ber, wie sie beim Anblick jedes<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>
+Brieftr&auml;gers bleich geworden sei, bei jedem
+L&auml;uten der Wohnungsglocke gezittert habe.
+Da sah Olivia Tausende und aber Tausende
+von M&uuml;ttern, die in folternder Ungewi&szlig;heit
+um das Leben ihrer S&ouml;hne schwebten
+und an keinem Morgen erwachten, ohne
+auf die Kunde gefa&szlig;t zu sein, die ihr Dasein
+in eine W&uuml;stenei verwandelte.</p>
+
+<p>Im Anfang blieben die Geschehnisse im
+Schatten, und nur die Gesichter traten
+hervor. Als sie aufh&ouml;rten, stumm zu sein,
+wenigstens f&uuml;r Olivia, w&auml;lzte sich von
+allen Seiten das Grauen heran. Viele von
+denen, die dalagen, hatten &uuml;berdies Worte,
+unverge&szlig;liche Worte, um andre wieder
+schallte t&ouml;nend ihr Erlebnis, ohne da&szlig; sie
+selber Kunde gaben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nimmer hinaus,&laquo; knirschte
+einer im Fieber und b&auml;umte sich verzweifelt,
+&raquo;tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh&#8217;
+nimmer.&laquo; Einer stie&szlig; im Schlaf die schrecklichsten
+Angstlaute aus, und einer schaute
+gebannt, mit aufgerissenen Augen in die
+Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge
+wieder und wieder, was ihm das Herz
+zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.</p>
+
+<p>Da war ein Mann, der in seinem b&uuml;rgerlichen
+Beruf Akrobat gewesen war.
+Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe
+bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich
+fremdl&auml;ndisch-imposant nannte, war er
+jahrelang durch die Provinz gezogen und
+hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
+erg&ouml;tzt. Ein Schrapnellschu&szlig; hatte
+ihm beide Beine weggerissen, Frau und
+Kinder waren des Ern&auml;hrers beraubt, er
+lag da, ein Kr&uuml;ppel, und sann dar&uuml;ber nach,
+was er an Stelle seiner verlorenen Kunst
+w&uuml;rde treiben k&ouml;nnen. Er dachte an das
+bunte Kost&uuml;m, in dem er aufgetreten war,
+an den Beifall, den er mit seiner Arbeit
+am hohen Trapez geerntet, und da&szlig; das
+alles nun vorbei war.</p>
+
+<p>Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht.
+Es war ein sehr gew&ouml;hnliches Gesicht
+mit vollen Backen, kleinen dummen Augen
+und niederer, fliehender Stirn. Aber die
+Gew&ouml;hnlichkeit der Z&uuml;ge war durch die
+geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren
+Kr&auml;fte umgl&uuml;ht. Wie ging das zu?</p>
+
+<p>Sie gr&uuml;belte unabl&auml;ssig. Was bedeuteten
+ihr im Grunde all diese Leute, die aus
+einem kleinen Leben zuf&auml;llig in ein gro&szlig;es
+gerissen worden und darin zerschmettert
+worden waren, zuf&auml;llig in diesem Haus
+ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr
+der Bauer aus der S&uuml;dmark, der da lag,
+erblindet? Aber wie er es trug, was er
+daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen,
+da&szlig; er tun konnte, was er getan?
+Viele Wochen hatte er unbeweglich im
+nassen Sch&uuml;tzengraben zugebracht, unter
+den Folgen eines b&ouml;sartigen Rheumatismus
+hatte er das Augenlicht eingeb&uuml;&szlig;t.
+Eines Tages war seine Mutter ins Spital
+gekommen, ein abgeh&auml;rmtes Weib, fr&uuml;hzeitig
+ergraut, in Sorgen gealtert. Er war
+ihr einziger Sohn, ihre St&uuml;tze, ihre Hoffnung.
+Sie wu&szlig;te nichts von der Erblindung,
+und er hatte beschlossen, sie ihr noch
+zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt,
+hatte er &Auml;rzte und Schwestern gebeten,
+da&szlig; man ihr nichts sage. Zuerst
+ging es ganz gut; er nahm sich zusammen,
+die Brille mit farbigen Gl&auml;sern beg&uuml;nstigte
+die T&auml;uschung. Allm&auml;hlich wurde die Frau
+stutzig. Ein paar tastende Geb&auml;rden, der
+tote Ausdruck der Z&uuml;ge erweckten Ahnungen.
+Sie langte pl&ouml;tzlich nach seiner Hand,
+und als er sich nicht r&uuml;hrte, stie&szlig; sie einen
+markersch&uuml;tternden Schrei aus. Der junge
+Mensch erbleichte. Mit schuldbewu&szlig;tem
+Ton sagte er: &raquo;Was willst denn, Mutter,
+ich seh&#8217; dich ja.&laquo; Aber es war zu sp&auml;t, sie
+glaubte ihm nicht mehr. Sie mu&szlig;te fortgebracht
+werden. Von Zeit zu Zeit h&ouml;rte
+man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln:
+&raquo;Ich seh&#8217; dich ja.&laquo;</p>
+
+<p>Woher kam ihm dieser Heroismus?</p>
+
+<p>Woher kamen dem einfachen m&auml;hrischen
+Soldaten die Worte, mit denen er schilderte,
+wie er in Polen einen ganzen Tag
+und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig
+gewordenen Oberleutnant hatte bewachen
+m&uuml;ssen? Es waren die furchtbarsten
+Stunden seines Lebens gewesen
+und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg
+empfangen hatte. Er vor der H&uuml;tte, der
+Offizier in der einzigen Stube drinnen,
+immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend,
+immer auf und ab und in regelm&auml;&szlig;igen
+Pausen zu dem Soldaten tretend.
+&raquo;La&szlig; mich heraus.&laquo; &#8211; &raquo;Darf nicht, Herr
+Oberleutnant.&laquo; Und jener, wie ein verst&ouml;rter
+Geist, zur Wand hin&uuml;ber, in die
+Wand hineinredend: &raquo;Er will mich nicht
+herauslassen.&laquo; Dann wieder: &raquo;Gib mir
+dein Gewehr.&laquo; &#8211; &raquo;Darf nicht, Herr Oberleutnant.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>
+Der Offizier zur Wand, und
+dort in klagendem Ton: &raquo;Er gibt mir das
+Gewehr nicht.&laquo; So ging es den ganzen
+Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten,
+kurzen, hastigen Schritten wanderte er
+ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach
+zehn Minuten und forderte etwas, das
+Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps,
+und wenn es ihm der Soldat verweigerte,
+stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand
+und rapportierte der Wand, da&szlig; er nicht
+erhalten habe, was er begehrt. Es war
+herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen,
+noch der Bericht stockte unter der
+Wirkung des Grauens.</p>
+
+<p>Und der Konditor, der vom Vollzug des
+Standrechts in Serbien erz&auml;hlte. Man
+hie&szlig; ihn blo&szlig; den Konditor, denn er war
+in seinem Zivilverh&auml;ltnis Gehilfe bei einem
+Zuckerb&auml;cker. Er war aufgeschwemmt
+und ziemlich roh, doch wenn er an eine
+gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
+und die ihm nicht aus dem
+Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
+und von oben bis unten sch&uuml;ttelte es ihn.
+Es war Befehl gegeben worden, alle H&auml;user
+zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden
+Truppen gefeuert worden war,
+und die M&auml;nner, die man darin fand, sogleich
+zu erschie&szlig;en. Eines Tages marschierte
+die Abteilung durch eine Dorfstra&szlig;e
+und gelangte unangefochten bis ans
+letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
+Hauses wurden zwei Sch&uuml;sse abgegeben,
+die aber niemand trafen. Die Leute,
+denen das Morden schon zu viel war,
+wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch
+das Kommando wurde erteilt. Als sie nun
+das Haus betraten, lagen in der Tenne zw&ouml;lf
+M&auml;nner auf den Knien, schon zum Tod bereit.
+Ebenso viele Frauen standen bleich,
+hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes
+an der Wand. Zw&ouml;lf Soldaten legten
+die Gewehre auf die zw&ouml;lf M&auml;nner an, die
+Salve krachte, die M&auml;nner st&uuml;rzten tot zu
+Boden. Von den Frauen aber verzog keine
+einzige eine Miene, sie r&uuml;hrten sich nicht,
+mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses
+strich langsam mit der Hand &uuml;ber die Stirne;
+sonst nichts. Es mu&szlig;te in der Geb&auml;rde etwas
+&Uuml;bermenschliches an Qual enthalten gewesen
+sein, denn der Erz&auml;hler kam immer
+wieder darauf zur&uuml;ck; es lie&szlig; ihn nicht los,
+er mu&szlig;te es immer wieder beschreiben.</p>
+
+<p>Olivia sah diese Frauenhand, sah sie
+&uuml;ber die Stirne streichen, als sei die letzte
+Hoffnung die, da&szlig; vielleicht alles nur ein
+b&ouml;ser Traum war. Und &raquo;warum?&laquo; fragte
+es in ihr, &raquo;warum, o Gott?&laquo;</p>
+
+<p>In einem der Zimmer kauerte ein Hund;
+er war nicht vom Bett seines Herrn zu
+vertreiben, dem er in die Schlacht und
+von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager
+gefolgt war. Ein schmutziger, h&auml;&szlig;licher
+K&ouml;ter war es, der aber niemand zur
+Last fiel. So oft sein Herr einen Laut
+von sich gab, blickte er mit sanften Augen
+empor, sonst starrte er m&uuml;de vor sich hin,
+gleich als sei er dort drau&szlig;en von einem
+Strahl h&ouml;heren Bewu&szlig;tseins getroffen
+worden, der seine Tierseele fl&uuml;chtig erleuchtet
+hatte, so da&szlig; sie jetzt in dunkler
+Pein noch danach rang.</p>
+
+<p>Warum diese unerme&szlig;liche Schwermut
+in den Augen des schmutzigen Hundes?
+Was begriff er? Was war ihm seltsam,
+was hatte ihn so still werden lassen?</p>
+
+<p>Ein Bild war da, so oft sie es dachte
+war ihr als m&uuml;sse sie hinst&uuml;rzen und ihr
+Denken erw&uuml;rgen: zwei Offiziere, in der
+Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem
+S&auml;bel gegeneinander. Schon
+will der unsere zuhauen, da sieht er, da&szlig;
+der Russe keinen Kopf mehr hat, da&szlig; er
+aber noch immer, den S&auml;bel hoch im Arm,
+auf seinem Gaul sitzt. Da st&ouml;&szlig;t der unsere
+einen Schrei aus, f&auml;llt vom Pferd, und
+auf dem Boden windet er sich stumm wie
+ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm,
+er hatte die Sprache verloren.</p>
+
+<p>Sie sah die Fl&uuml;chtlinge, M&auml;nner mit
+eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber
+mit ihren Kindern, die eine hatte einen
+S&auml;ugling verloren, die andere brach zusammen,
+und sie waren ohne Speise und
+Trank und n&auml;chtigten auf dem Felde und
+zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in
+den Viehwagen langer Eisenbahnz&uuml;ge eingesperrt,
+wie sie fuhren, immerzu fuhren,
+durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte
+Ruinen gab, und wie sie um Brot
+schrien, und wie ihre Kinder verhungerten,
+ihre S&auml;uglinge verschmachteten.</p>
+
+<p>Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbr&uuml;chigen
+auf einer &ouml;den Insel glichen;
+sah die V&auml;ter, die keine S&ouml;hne, die Kinder,
+die keinen Vater mehr hatten, die Witwen,
+die trauernden Br&auml;ute, die Verlassenen,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>
+Beraubten, zugrunde Gerichteten &uuml;berall.
+Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen
+apathisch werden, und wie die Freunde
+aufh&ouml;rten, f&uuml;reinander zu zittern. Sie
+sah die tausendf&auml;ltige Unbill, Zur&uuml;cksetzung
+und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der
+Idee auch im Edlen erlosch, wenn die tr&uuml;be
+Flut des Niedrigen und Gew&ouml;hnlichen
+emporschwoll oder das k&ouml;rperliche Leiden
+die Kraft der Seele besiegte. Wie die
+Begeisterung fl&uuml;gellahm, die Tapferkeit
+zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch
+f&uuml;r den Leichtherzigsten seinen Reiz, die
+Gefahr ihre Lockung einb&uuml;&szlig;te und nur den
+St&auml;rksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.</p>
+
+<p>Olivia sah die St&auml;dte rauchen, die Anwesen
+gepl&uuml;ndert, die &Auml;cker zerstampft,
+die W&auml;lder geknickt. Sie sah den Tod in
+jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert
+mit Toten. Sie hingen verst&uuml;mmelt
+in den Drahtverhauen und lagen eingebettet
+in Blumen, sie waren versunken in den
+S&uuml;mpfen und hinuntergest&uuml;rzt in Gebirgsschluchten,
+sie schwammen in den Wellen
+des Meeres und fielen aus den Wolken
+herab: M&auml;nner und J&uuml;nglinge, Kinder
+und Greise, Frauen und M&auml;dchen, Reiche
+und Arme, Gute und Schlechte, Verr&auml;ter
+und Verratene, Sch&ouml;ne und H&auml;&szlig;liche,
+Gl&uuml;ckliche und Ungl&uuml;ckliche.</p>
+
+<p>Und sie h&ouml;rte das Gel&auml;ute der Glocken
+und das Prasseln der Br&auml;nde und alle
+Laute, die die menschliche Stimme hat,
+um Schmerz und Todesangst auszudr&uuml;cken.
+Sie h&ouml;rte, wie sie in den Kirchen beteten
+und in den Stuben weinten. Sie h&ouml;rte die
+Worte des Abschieds und die Worte frommer
+F&uuml;gsamkeit. Sie h&ouml;rte den Marschschritt
+der Armeen, das Schl&uuml;rfen m&uuml;der
+Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen,
+die Ges&auml;nge des Triumphes und
+die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen
+oder wenn sie sich berauschen wollten.</p>
+
+<p>Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann
+vorsang, der in einer Nacht
+beim Granatenfeuer wei&szlig;e Haare bekommen
+hatte.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,<br /></span>
+<span class="i0">zu begraben, zu begraben die Soldaten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter L&auml;nge,<br /></span>
+<span class="i0">dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!<br /></span>
+<span class="i0">die Gemeinen unten, Korporale oben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">An den Seiten viere, in der Mitten viere,<br /></span>
+<span class="i0">&uuml;berquer die Herren, Herren Offiziere.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,<br /></span>
+<span class="i0">dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,<br /></span>
+<span class="i0">zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Morgen fr&uuml;h vielleicht bin ich auch geschossen,<br /></span>
+<span class="i0">morgen fr&uuml;h, gewi&szlig;, ist mein Blut geflossen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Diese einfachen Strophen machten auf
+Olivia einen ungew&ouml;hnlichen Eindruck,
+und ihre Gedanken begannen hinter dem
+zerst&uuml;ckten und verworrenen Getriebe nach
+etwas Bestimmtem zu suchen.</p>
+
+<p>Es wurde ihr alles zur Vision, immer
+gl&uuml;hender und gl&uuml;hender, und sie suchte in
+der gl&uuml;henden Wirrnis nach einer Gestalt.
+Sie suchte den Urheber, sie suchte den B&ouml;sen.
+Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen
+des B&ouml;sen. Sie sagte sich: einer mu&szlig; sein,
+der das ungeheure Leid, den unerme&szlig;lichen
+Jammer bewirkt; einer mu&szlig; da
+wirken, Gott kann es nicht sein, es mu&szlig;
+ein Gegner von Gott sein und ein Feind
+seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen,
+alles Blutes, aller W&auml;rme, aller Liebe,
+alles Lebens und Entstehens. Sie nannte
+ihn den B&ouml;sen, und sie suchte ihn.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eines Nachts lag sie angekleidet auf
+dem Sofa in der Kammer, die allein zu
+bewohnen die einzige Bequemlichkeit war,
+welche sie sich verstattete. Es war finster,
+sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in
+die Luft.</p>
+
+<p>Um eine reichgedeckte Tafel sa&szlig;en f&uuml;nf
+oder sechs junge Weiber. Sie waren in
+Gesellschaftstoilette, tief entbl&ouml;&szlig;t, lachten
+ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren
+Scherzen, frivolen Wortspielen und verf&uuml;hrerischen
+Geb&auml;rden wandten sie sich an
+einen, der am oberen Ende der Tafel sa&szlig;.
+Der aber hatte keine Gestalt, er war wie
+ein Klo&szlig;, wie ein St&uuml;ck Lehm. Aber die
+Diener zitterten, wenn sie in seine N&auml;he
+kamen, und die Frauen wurden unter der
+Schminke bleich, wenn er sie anschaute.</p>
+
+<p>Ein befrackter Mensch mit langem
+K&uuml;nstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
+warf ihm der Gestaltlose ein Goldst&uuml;ck
+hin&uuml;ber, das er geschickt auffing, ohne sein
+Spiel zu unterbrechen.</p>
+
+<p>Mitten auf dem blendendwei&szlig;en Tischtuch<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>
+lag, unbemerkt von allen, eine Leiche.
+Ihr K&ouml;rper war ganz und gar mit Fr&uuml;chten
+und Konfekt bedeckt, und aus der Brust
+ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben,
+die Griffe von drei Messern heraus. Durch
+die Fugen des Tisches rann Blut und
+tropfte in leisen Schl&auml;gen auf den Boden.</p>
+
+<p>Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren
+in &uuml;berm&uuml;tigster Laune, da erhob sich der
+Gestaltlose und forderte eine der Frauen
+zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu
+ein Wunder an Sch&ouml;nheit, strahlend
+von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein
+enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
+das die schlanke Figur zur h&ouml;chsten
+Geltung brachte. In ihrem Tanz war die
+freie Anmut bewu&szlig;ter Kunst, und als sie
+den Kopf zur&uuml;ckbog und hingerissen l&auml;chelte,
+l&auml;chelten die andern Frauen mit und
+klatschten in die H&auml;nde.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Klavierspieler in einen
+schnelleren Rhythmus &uuml;berging, war es,
+als ob der tanzende Klo&szlig; sich dehne und
+wachse; er bekam einen Sch&auml;del, aus dem
+Sch&auml;del blickten Augen, und diese Augen
+sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese
+irisierenden Gallertaugen waren von einer
+solchen Lust erf&uuml;llt, da&szlig; die Zuschauerinnen
+pl&ouml;tzlich verstummten und sich ein
+bleierner Druck auf sie legte. Die T&auml;nzerin
+aber wurde zusehends blasser, sie suchte
+sich aus der Umklammerung des Klo&szlig;es zu
+befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeld&uuml;rre
+Arme, mit denen er sie still gewaltt&auml;tig an
+sich pre&szlig;te, immer fester, so fest, da&szlig; sie zu
+r&ouml;cheln begann, da&szlig; ihr Gesicht blau wurde,
+da&szlig; ihr Leib in der Mitte einknickte, und
+als sie ihm schlie&szlig;lich entseelt in den Armen
+hing, sah es aus, als sei nichts mehr von
+ihr &uuml;brig als das Kleid.</p>
+
+<p>Ihre Genossinnen sprangen schreiend
+auf, wollten fliehen, umklammerten einander,
+da richtete der Mensch, der mit
+den drei Messern in die Brust unter Fr&uuml;chten
+begraben war, den Kopf in die H&ouml;he
+und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch
+sein Sprechen doppelt unheimlich wurde:
+Gib sie mir wieder!</p>
+
+<p>In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten
+schien, str&ouml;mten nun auf einmal
+viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter,
+Soldaten, Offiziere, &auml;rmlich gekleidete
+Frauen, junge M&auml;dchen. Einer von ihnen,
+ein alter Mann mit wei&szlig;em Bart, dr&auml;ngte
+sich nach vorn und sagte zu dem Klo&szlig;, der
+jetzt allm&auml;hlich eine menschliche Gestalt
+annahm: Gib mir meine Tochter wieder!</p>
+
+<p>Mehrere, die hinter ihm standen, schrien
+gleichfalls, wie au&szlig;er sich: Gib uns unsere
+T&ouml;chter zur&uuml;ck! Unsere Br&auml;ute! Unsere
+Schwestern!</p>
+
+<p>Da aber wurde ein monotones Gemurmel
+h&ouml;rbar, die Aufgeregten sahen sich um
+und machten scheu einer Gruppe von Bauern
+Platz, die dem&uuml;tig und bek&uuml;mmert aussahen;
+sie beugten sich zur Erde und
+riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere
+W&auml;lder!</p>
+
+<p>Dazwischen gellten die Stimmen von
+Frauen: Unsere S&ouml;hne gib uns, du M&ouml;rder,
+unsre S&ouml;hne!</p>
+
+<p>Der Klo&szlig; wich Schritt f&uuml;r Schritt ins
+Leere, bekam aber immer mehr Gestalt.
+Er war ganz und gar braun, Gesicht, H&auml;nde
+und K&ouml;rper; es war als sei er mit Rost
+&uuml;berzogen oder mit verkrustetem Schlamm.
+Die Z&uuml;ge erweckten nicht die geringste
+Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
+etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit
+seinen &uuml;beraus langen Armen winkte er
+den Dienern, die brachten nun S&auml;cke voll
+Gold und Edelsteinen und sch&uuml;tteten ihren
+Inhalt auf den Boden. Es entstand ein
+beklommenes Schweigen, bis der alte
+Mann vortrat, auf den ausgebreiteten
+Schatz wies und in strengem Ton sagte:
+Das f&uuml;r unsere T&ouml;chter? Das f&uuml;r unsere
+S&ouml;hne? F&uuml;r unser Herzblut das, du in
+Ewigkeit Verruchter?</p>
+
+<p>Und alle Stimmen riefen verzweifelt:
+Unsere Br&uuml;der! Unsere S&ouml;hne! Unsere
+L&auml;nder! Du in Ewigkeit Verruchter!</p>
+
+<p>Olivia hatte die Augen offen und sah
+und h&ouml;rte alles so wirklich, als ob sie im
+Theater s&auml;&szlig;e.</p>
+
+
+<p class="newsection">Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich
+unabl&auml;ssig; wo soll ich hin, wo kann man
+noch leben, wo ist es noch m&ouml;glich, zu
+l&auml;cheln, wo ist noch Freude, wie kann je
+wieder Freude entstehen?</p>
+
+<p>Sie w&uuml;nschte, sich verwandeln zu k&ouml;nnen.
+Als sie von fern durch die Glaswand der
+Treibh&auml;user Blumen sah, erbleichte sie in
+geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben.
+So in der Erde zu wurzeln, tief
+und innig, bewu&szlig;tlos hinzud&auml;mmern, mit
+zartesten Fasern an die Natur gebunden!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>Da&szlig; man Blume werden k&ouml;nne, irgendwie,
+irgendwann, wurde Traum und begl&uuml;ckende
+Idee f&uuml;r sie. Es erschien ihr wie
+ein letzter Preis und ein letztes Asyl.</p>
+
+<p>Sie erhielt die Nachricht, da&szlig; ihr Bruder
+bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen
+war. Stumm und zu keiner Tr&ouml;stung
+f&auml;hig sa&szlig; sie zu Hause vor der versteinerten
+Mutter.</p>
+
+<p>Nach einer Weile kam Robert Lamm
+und setzte sich zu ihnen.</p>
+
+<p>&raquo;Dazu mu&szlig; man Kinder haben, dazu
+sie aufziehen,&laquo; sagte die ungl&uuml;ckliche Mutter
+mit Augen ohne Tr&auml;nen; &raquo;zwanzig Jahre
+war er alt.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu
+Olivia: &raquo;Um Pfingsten herum werd&#8217; ich
+vielleicht allein bei ihr sitzen. Man m&uuml;&szlig;te
+dich mit Stricken auf ein Bett binden.&laquo;</p>
+
+<p>Ein paar Tage sp&auml;ter ging sie gegen
+Abend in seine Kammer. &raquo;Schau&#8217; dich nach
+der Mutter um,&laquo; bat sie, &raquo;ich kann meinen
+Platz nicht verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du bist wichtig,&laquo; pflichtete er ihr
+voller Hohn bei, &raquo;oder du glaubst es wenigstens
+zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den
+Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu also taugst du?&laquo; konnte sie sich
+zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick
+flammte. &raquo;Du warst dir und andern lang
+genug gut gewesen, das schlechte Wetter
+zu machen. Wir haben aber soviel von der
+Sorte in unserm Land, da&szlig; sich die Sonne
+schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
+kein Ruhm damit zu holen.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte sonderbar. &raquo;Wenn du Widerpart
+zu leisten verstehst, r&auml;um&#8217; ich dir die
+Freiheit ein, mich zu beschimpfen,&laquo; entgegnete
+er und lie&szlig;, beinahe wie ein Sklave,
+Arme und Schultern h&auml;ngen; &raquo;nur nicht
+diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses
+Schmachten im &Uuml;berschmerz. Ich werde
+verr&uuml;ckt, wenn ich es ansehe. Zu weich,
+meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure
+Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb
+erstaunt. &raquo;Du bist sehr einsam,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will ja deine Mutter besuchen,&laquo;
+lenkte er ab, unangenehm ber&uuml;hrt von ihrem
+Ton und ihrer betrachtenden K&uuml;hle, &raquo;aber
+sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer
+nur im Wege. Ich bin schlie&szlig;lich allen im
+Wege, auch mir selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist sehr einsam,&laquo; wiederholte Olivia,
+und in ihrem Gesicht war pl&ouml;tzlich ein
+Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern
+machte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja,&laquo; stotterte er, &raquo;was weiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einsamkeit ist eine Tods&uuml;nde, Robert.&laquo;
+Sie trat einen Schritt n&auml;her vor ihn hin
+und sagte: &raquo;<em class="gesperrt">Deine</em> Einsamkeit ist Tods&uuml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nimm sie mir weg,&laquo; versuchte er
+d&uuml;ster zu scherzen. &raquo;Bekehre mich, vielleicht
+gelingt&#8217;s, sonst holt mich eines Tages sicher
+der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran
+du mit mir bist? Sahst du es nicht?&laquo; brach
+er aus und bohrte die F&auml;uste in die Augenh&ouml;hlen.
+&raquo;Auch Blindheit kann eine Tods&uuml;nde
+sein,&laquo; murmelte er v&ouml;llig verst&ouml;rt,
+&raquo;genau so wie Einsamkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; ihm dieses oder ein &auml;hnlich geartetes
+Wort jemals entschl&uuml;pfen k&ouml;nnte,
+h&auml;tte er nie f&uuml;r m&ouml;glich gehalten. Scham
+bem&auml;chtigte sich seiner, und am liebsten
+h&auml;tte er sich mit N&auml;geln das Gesicht zerfleischt.
+Er sah sich alt, verkommen, wertlos,
+ohne Licht, ohne Kraft, ohne W&uuml;rde,
+und f&uuml;r die Dauer einiger Minuten war
+sein ganzes Wesen umnachtet und im
+Krampf.</p>
+
+<p>Als die H&auml;nde von den Augen sanken,
+war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
+Mit welcher Miene, mit welch ersch&uuml;ttertem
+Z&ouml;gern hatte er nicht wahrgenommen,
+darum brach alles zusammen in ihm. Nun
+war er wirklich alt, wirklich ohne Wert
+und W&uuml;rde. Denn der Mensch ist doch am
+Ende das, wozu ihn die formen, denen
+seine Liebe gilt.</p>
+
+
+<p class="newsection">Einsamkeit Tods&uuml;nde? So will ich mich
+mit Menschen umstellen, sagte er sich, das
+steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten
+Lebenswandel kann ich Absolution
+erwerben.</p>
+
+<p>Es kam eine Wut &uuml;ber ihn, sich gemein
+zu machen, ein Verlangen nach L&auml;rm,
+Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu
+horchen, zu schn&uuml;ffeln, zu sch&uuml;ren. Er ging
+in die Kaffeeh&auml;user, in die Versammlungen,
+zu fr&uuml;heren Kollegen, sprach Bekannte auf
+der Stra&szlig;e an und redete so lange mit ihnen,
+bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen
+Geierblick f&uuml;r die Unzufriedenen, die Verschw&ouml;rer,
+die heimlichen Brandstifter, die
+N&ouml;rgler und Dunkelm&auml;nner aller Kategorien.<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>
+Er wu&szlig;te sie so einzuspinnen, da&szlig;
+sie get&auml;uscht die Maske fallen lie&szlig;en. Er
+verstand so zu heucheln, da&szlig; er sich selber
+widerlich wurde. Seine t&uuml;ckischen Mitleids-
+und Freundschaftsversicherungen
+wurden mit den Gest&auml;ndnissen quittiert,
+um die es ihm zu tun war. Er tat jenen
+sch&ouml;n, deren Bestechlichkeit und Verr&auml;tertum
+&ouml;ffentliches Geheimnis war; er schmeichelte
+den Betr&uuml;gern und klatschte den falschen
+Propheten Beifall.</p>
+
+<p>Er rechnete mit der Redseligkeit, der
+sich auch die Schlauesten im Katzenjammer
+nach einer Orgie &uuml;berlie&szlig;en; mit dem Zynismus,
+den auch der Tart&uuml;ff in der Erwartung
+der gro&szlig;en Katastrophe an den
+Tag legte; mit der aufgeh&auml;uften Bitterkeit
+der Erniedrigten und Zur&uuml;ckgesetzten, mit
+dem Druck der Lasten auf allen Schultern,
+mit der nat&uuml;rlichen Freude des Menschen
+an Unheil, Tod und Zerst&ouml;rung.</p>
+
+<p>Aber sein selbstqu&auml;lerischer und ha&szlig;erf&uuml;llter
+Gang zu den Menschen nahm eine
+unerwartete Wendung. Die Gegenspieler
+traten vor ihn hin, w&auml;hrend ihn die Spieler
+besch&auml;ftigten; von Schatten umringt, die
+in einer Schattensprache redeten, sah er
+&uuml;ber ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten.
+Hingekauert an einem morschen
+und entlaubten Baum, vernahm er den
+ewigen Gesang der Wurzel. Er f&uuml;hlte die
+Kraft, f&uuml;hlte die Bewegung, f&uuml;hlte die
+Wehen der Wiedergeburt mitten unter
+Gespenstern; er f&uuml;hlte sein Land, er f&uuml;hlte
+sein Volk. Wenn er vor den B&auml;ckerl&auml;den
+die blassen Frauen stehen sah, geduldig
+wartend, da&szlig; das Brot ausgeteilt werde,
+wenn die zu Kr&uuml;ppel Geschossenen mit unbegreiflich
+strahlenden, fast schw&auml;rmerischen
+Augen, an St&ouml;cke gefesselt, einherhumpelten,
+wenn versch&auml;mte Armut den Geber mied
+und die Verlorenen in den Elendsquartieren
+Siegesfeste gl&auml;ubig-still feierten, da wurde
+ihm der Zusammenhang bewu&szlig;t, da war
+er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
+wie allein er war, sondern auch, wie verlassen
+sie waren, wie er sie verlassen hatte.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Gesichtern, die er schaute, lag
+der Schein einer verborgenen Lichtquelle.
+Kam nicht das Licht von der unsichtbaren
+Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch
+die S&auml;le geschritten? Er konnte sich dieser
+Vorstellung nicht entziehen: in der finster
+gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum
+im Kreis die Seelen, deren Kraft es
+ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten
+auf das Wunder, das darin besteht, da&szlig;
+sie die Lampe sehen werden, denn dann
+sind sie erl&ouml;st.</p>
+
+<p>Traum eines Einsamen, Traum von
+der Lampe und vom Volk!</p>
+
+<p>Eines Abends kam er heim, angegriffen
+von der Fr&uuml;hlingsluft, in einer sonderbaren
+Stimmung zwischen Hinwelken und
+innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute
+war, als m&uuml;sse er das Gesicht in Kissen
+vergraben und schluchzen, und jetzt wieder,
+als stehe er am Anfang der Zeit und an
+der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod
+und Werden kam er und suchte ein Bild
+und einen Begriff von seinem eigenen
+Wesen. Da &ouml;ffnete sich die T&uuml;re und Olivia
+trat herein.</p>
+
+<p>Er erbebte; es ahnte ihm, da&szlig; es sich
+um eine Entscheidung handelte.</p>
+
+<p>Die Best&uuml;rzung, in der Olivia das letztemal
+von Lamm weggegangen, war nachhaltig
+gewesen. Sie hatte eine dunkle
+Schuld gegen ihn immer empfunden, aber
+da&szlig; er sie nun zur Verantwortung ziehen
+w&uuml;rde, hatte sie nicht erwartet.</p>
+
+<p>So weit sie auch zur&uuml;ckdachte, er war die
+herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von
+jener Stunde an, wo sie als Kind durch
+seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung
+enthoben worden war. Sie hatte
+gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das
+Band zwischen ihnen war nur um so fester
+geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen
+hatte, um ihm nicht g&auml;nzlich zu verfallen,
+war sie ihm schon g&auml;nzlich verfallen.</p>
+
+<p>Sie hatte aber nie aufgeh&ouml;rt, ihn Freund
+zu hei&szlig;en. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte,
+starke, verl&auml;&szlig;liche Freund gewesen,
+sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung
+und des Selbstverlustes. Dann, als
+die Verwandlung kam, als sie sein Haus
+von ihm forderte, als er in geheimnisvollem
+Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens
+ihr entrissen wurden bis auf eine
+Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
+nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge
+der andern entdeckte, auch da war noch der
+Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige,
+der Mensch. Und das Wissen um
+seinen Ha&szlig; und Abscheu war nur ein Ansporn
+geworden, so zu ergl&uuml;hen, da&szlig; der
+Eispanzer um seine Brust schmelzen mu&szlig;te.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>&#8250;Auch Blindheit kann Tods&uuml;nde sein,
+siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir
+bist?&#8249; Dieses Wort vernichtete wie ein
+z&uuml;ndender Blitzstrahl alles, was sie um sich
+her gebaut hatte.</p>
+
+<p>Nur zu deutlich hatte sie die Not gef&uuml;hlt,
+in der er es ihr entgegenschrie. Also
+war er &uuml;berzeugt, da&szlig; sein Vorwurf und
+der Anspruch, den er erhob, zu Recht best&uuml;nden?
+Da&szlig; sein Schicksal, er das ihre
+w&auml;re? Unbeseelt und mi&szlig;verstehend hatte
+sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt
+oder einen F&uuml;hrer, und hatte seine
+Gaben, sein hingestr&ouml;mtes Inneres als
+Tribut genommen, doch immer in der fernen
+Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet,
+der Titel Freund nicht eine wertlose
+M&uuml;nze, ein Almosen, das ihr Gewissen
+beruhigen sollte? So wenig Sinn und
+Phantasie war in ihr, da&szlig; sie ihn im Dunkeln
+hatte tappen lassen Jahr f&uuml;r Jahr
+und er mit get&auml;uschtem Herzen zum Verr&auml;ter
+werden mu&szlig;te an sich und an der
+Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
+niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit
+und den hartgeschlossenen Mund, das
+lieblose Urteil und sein entgleistes Leben,
+die Tyrannei und die stumme Bitte, das
+ganze Leiden, den ganzen m&uuml;hevollen Weg.
+Und sie hatte oft an ihn gedacht als an
+einen, der die Truggestalten &uuml;berdauert,
+die in kurzem Gl&uuml;cks- und Sehnsuchtsrausch
+verlockend erschienen waren. Getr&auml;umt
+hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte
+sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein
+Bild verloren.</p>
+
+<p>Einst, auf einem Ball, hatte ein junger
+Mann zu ihr gesagt: &raquo;Man erz&auml;hlt, da&szlig;
+der Hofrat Lamm um Sie wirbt.&laquo; Sie
+hatte den Kopf zur&uuml;ckgeworfen und mit
+aufsteigender Bl&auml;sse in den Wangen erwidert:
+&raquo;Wenn Robert Lamm mich haben
+wollte, h&auml;tte er nicht n&ouml;tig, zu werben.&laquo;</p>
+
+<p>Doch gerade damals war sie in Georg
+Ingbert verliebt gewesen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich war sie ein Weib, sein Weib.
+Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer
+Verstrickungen, ihrer Tr&uuml;bungen abgewartet,
+um sie zu rufen im Angesicht einer
+blut&uuml;berstr&ouml;mten Welt. Geschah es, weil
+er nach einem letzten Halt griff? Geschah
+es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in
+der Verzweiflung &uuml;ber den Niederbruch
+aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte
+nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein
+Weib. Doch au&szlig;er einem schmerzlichen
+Verlangen nach Frieden und Z&auml;rtlichkeit
+f&uuml;hlte sie nichts, was an Liebe erinnerte
+oder was die Menschen darunter verstanden.</p>
+
+
+<p class="newsection">An einem Nachmittag um die D&auml;mmerungsstunde
+betrat sie das kleine Lese- und
+Sprechzimmer, das f&uuml;r die Genesenden eingerichtet
+worden war. Es war niemand
+darin als Schwester Nina Senoner. Sie
+sa&szlig; am Tisch und hatte den Kopf in die
+Hand gest&uuml;tzt. Trotz der Dunkelheit war
+an den Umrissen des sch&ouml;nen Gesichts der
+Kummer erkennbar. Olivia ging n&auml;her zu
+ihr hin. &raquo;Was ist mit Ihnen, Nina?&laquo;
+fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken
+aufblickte, sp&uuml;rte Olivia die unheilbare
+Verst&ouml;rung in diesem Gem&uuml;t. Aber sie
+hatte Furcht, der neuen Forderung nicht
+gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der
+Freundin lag.</p>
+
+<p>Da machte Nina Senoner eine j&auml;he Bewegung,
+schlang die Arme um Olivias
+H&uuml;ften und pre&szlig;te das Gesicht gegen ihre
+Brust.</p>
+
+<p>Olivia hatte lange nicht mit einer Frau
+gesprochen; pers&ouml;nliches Wort auf dem
+Grund pers&ouml;nlichen Gef&uuml;hls zu finden, fiel
+ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu
+nehmen, was der einzelne in seinem Kreis
+mit seinem Schicksal auszuk&auml;mpfen hat;
+nun sah sie die Verarmung darin und empfand
+Reue. Sie legte die H&auml;nde wie
+sch&uuml;tzend auf Ninas Haar. Die stolze,
+herbe Frau, die ungeachtet ihrer f&uuml;nfunddrei&szlig;ig
+Jahre wie ein junges M&auml;dchen
+wirkte, begann zu schluchzen; unaufh&ouml;rlich
+zuckte ihr K&ouml;rper.</p>
+
+<p>Nach einer Weile gelang es Olivia, sie
+in ihr Zimmer zu f&uuml;hren, wo sie ungest&ouml;rt
+sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich;
+sie trocknete mit ihrem Taschentuch die
+Tr&auml;nen auf dem wei&szlig;en Gesicht. Sie
+fragte, fragte; hingebend, ja z&auml;rtlich. Es
+dauerte lange, bis Nina Senoner ihre
+Scheu &uuml;berwand. Nie zuvor hatte jemand
+in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
+in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft
+aufgewachsen, sie kannte nur Menschen
+von Haltung, von nicht zu durchdringender
+Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil.
+Das Element der K&auml;lte hatte sie allm&auml;hlich
+in eine lebende Statue verwandelt;<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>
+alles in ihr war erfroren, was Frauen erst
+zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb
+und Mitteilung.</p>
+
+<p>Mit achtzehn Jahren hatte sie einen
+Mann geheiratet, den sie achtete und der
+ihr ein vortrefflicher Gef&auml;hrte war. Aber
+sein Los war die Arbeit, und je reicher er
+wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
+wurde die Arbeit. In den Ruhepausen
+verlangte er freundliche Mienen,
+einen ger&auml;uschlosen Haushalt und angenehme
+Gespr&auml;che. Nina hatte viel Verkehr,
+dabei lebte sie einsamer als ein Eremit.
+Alle G&uuml;te und Sorgfalt des Mannes
+war auf das &Auml;u&szlig;ere des Daseins gerichtet;
+er umgab sie mit Luxus und mit Menschen,
+und wenn sie Kopfweh hatte und bla&szlig; aussah,
+lie&szlig; er die teuersten &Auml;rzte kommen
+und wachte dar&uuml;ber, da&szlig; deren Ratschl&auml;ge
+befolgt w&uuml;rden. Sie hatten nie Streit miteinander,
+kaum einen Wortwechsel, ihre
+Ehe wurde als musterg&uuml;ltig betrachtet, und
+das strahlende Temperament der aufwachsenden
+Jeanette schien ein Gl&uuml;ck zu besiegeln,
+dem in den Augen der Welt nichts
+zur Vollkommenheit mangelte.</p>
+
+<p>Es vergingen viele Jahre, ehe Nina
+Senoner &uuml;berhaupt merkte, da&szlig; sich mit
+ihr eine Ver&auml;nderung ereignet hatte, die
+durchaus nicht zu diesem bewunderten und
+beneideten Bild des Gl&uuml;ckes passen wollte.
+Sie geh&ouml;rte zu den Menschen, die selten
+&uuml;ber sich und ihren Zustand nachdenken,
+zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher
+Strenge jede Regung der Unzufriedenheit
+in ihrer Brust ersticken. Doch
+kam es immer h&auml;ufiger vor, da&szlig; ein sehns&uuml;chtiger
+Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe
+ihre Stirn in Schatten h&uuml;llten. Sie war
+gern allein; solche Stunden geno&szlig; sie tief;
+da verflog das Gef&uuml;hl der Einsamkeit, und
+sie wurde fr&ouml;hlich, wie sie als junges M&auml;dchen
+gewesen war. Aber man erlaubte ihr
+nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten
+nahmen an Vielf&auml;ltigkeit zu; man
+dr&auml;ngte sich an sie; man wollte sie haben;
+man f&uuml;hlte sich wohl in ihrem Haus und
+in ihrer N&auml;he; trotzdem sie fast immer
+schweigsam war, fesselte und reizte sie
+M&auml;nner wie Frauen; ihr Lachen verbreitete
+eine festliche Stimmung, ihr sanfter
+Blick gl&auml;ttete alle Stirnen. Sie war immer
+verabredet, immer unterwegs, oder zu
+Hause immer unter G&auml;sten. Die zahllosen
+Anspr&uuml;che zu befriedigen, wurde schwer,
+sie zu vermindern ganz unm&ouml;glich. Es
+war eine Lawine, die selbstt&auml;tig anschwoll
+und ihre Seele unter sich begrub.</p>
+
+<p>Da hatte sie eines Tages die Empfindung,
+als werde sie nur k&uuml;nstlich und nach
+dem Belieben aller dieser Menschen bewegt
+und in ihr selbst sei gar kein Wille
+mehr, kein Entschlu&szlig; und keine Freiheit.
+Es schien ihr, als habe man sie planm&auml;&szlig;ig
+und Schritt f&uuml;r Schritt ihres Eigenlebens
+beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden,
+nachdem jeder Funke davon ausgel&ouml;scht
+war. Sie sah sich nur noch als
+H&uuml;lle ihres fr&uuml;heren Ichs, als Opfer von
+toten Dingen, als Erf&uuml;llerin von zwangvollen
+Pflichten, als Beute von fremden
+Menschen. Und das Schreckliche war, da&szlig;
+sie auch Mann und Kind unter diesen
+Fremden erblickte, die sie gepl&uuml;ndert und
+ihr nichts &uuml;briggelassen hatten als einen
+m&uuml;den K&ouml;rper und ein freudloses Herz.</p>
+
+<p>Ihre Liebensw&uuml;rdigkeit und Sch&ouml;nheit
+hatten viele M&auml;nner ber&uuml;ckt; hochgestellte
+und geringe, alte und junge, ber&uuml;hmte und
+unbedeutende hatten f&uuml;r sie geschw&auml;rmt;
+manche hatten sich mit der Verehrung aus
+der Ferne begn&uuml;gt, andere hatten ihr Heil
+in heimlichem oder offenem Werben gesucht;
+die Bem&uuml;hungen der meisten hatte
+sie &uuml;bersehen, und sie konnte dabei einen
+Hochmut entfalten, der gr&uuml;ndlich erk&auml;ltete;
+einige gab es, die sie eines vertrauten Gespr&auml;chs
+f&uuml;r w&uuml;rdig hielt, von denen sie
+Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse
+einfl&ouml;&szlig;te. Doch keinen einzigen hatte
+sie so beg&uuml;nstigt, da&szlig; er sich in besonderer
+Weise h&auml;tte ausgezeichnet finden d&uuml;rfen,
+geschweige denn, da&szlig; sie sich ihm gegen&uuml;ber
+etwas vergeben h&auml;tte. In den Kreisen, in
+denen sie verkehrte, z&auml;hlte die ungetreue
+Gattin zu den gew&ouml;hnlichsten Erscheinungen
+des Lebens; sie hatte gegen solche
+Frauen stets eine heftige Abneigung versp&uuml;rt,
+und der Gedanke, ihren Gatten zu
+betr&uuml;gen, auch nur mit einem Blick, mit
+einem L&auml;cheln nur, war ihr niemals in den
+Sinn gekommen.</p>
+
+<p>Vor zwei Jahren war es gewesen, da
+hatte sie in einem Kurort einen Mann
+kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom
+Leben weit umhergetriebenen Menschen,
+sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten,
+mit Eigenschaften des Charakters,<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>
+die je anziehender wurden, je l&auml;nger man
+sich mit ihm besch&auml;ftigte. Der Eindruck,
+den er auf sie machte, war von der ersten
+Sekunde an entscheidend. Er stand im selben
+Alter wie Nina, in der Mitte der Drei&szlig;ig,
+aber so reif und erfahren er wirkte, es war
+doch etwas Frisches in ihm, und die Unabh&auml;ngigkeit
+seiner Gesinnung &ouml;ffnete Nina
+eine neue Welt, deren Schwelle zu &uuml;berschreiten
+sie zaghaft und verwundert zauderte.
+Er war verheiratet, nicht eben gl&uuml;cklich,
+hatte Kinder, die er liebte, verfocht
+aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft
+und mit Verachtung gegen die feigen
+Grunds&auml;tze der sogenannten Moral das
+Recht der Freiheit der Herzen.</p>
+
+<p>Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel
+schaute, sah sie, da&szlig; ihre Z&uuml;ge anfingen,
+welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren
+einer eigent&uuml;mlichen Abspannung wie
+bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet
+und endlich die Hoffnung aufgegeben
+hat. Jetzt wu&szlig;te sie, worauf sie gewartet
+hatte. Die Jugend war dahin, und sie
+hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte
+nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.</p>
+
+<p>Der Freund vermochte es, ihr dieses Gest&auml;ndnis
+zu erpressen. Er vermochte mehr.
+Er gab ihr den Glauben, da&szlig; es noch
+nicht zu sp&auml;t sei. Dies aus seinem
+Mund zu h&ouml;ren und immer wieder zu
+h&ouml;ren, begl&uuml;ckte und ersch&uuml;tterte sie. Sie
+verlor sich in dunkle Tr&auml;umereien. Stumm
+lauschte sie den Worten des Mannes, den
+sie pl&ouml;tzlich mit einer Gewalt liebte, von
+der sie fr&uuml;her keinen Begriff gehabt und
+in der sie sich verwildert und entwurzelt
+erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so
+h&auml;tte sie doch niederknien m&ouml;gen, um seinen
+Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
+ihre Geb&auml;rde furchtsam und abwehrend, so
+war doch ihr Inneres voll Z&auml;rtlichkeit und
+Sehnsucht. Er verstand sie; er dr&auml;ngte
+nicht; er achtete ihr Gef&uuml;hl, und seine
+besondere Art von G&uuml;te erstaunte sie bei
+einem Mann und machte ihn ihr t&auml;glich
+teurer, w&auml;hrend der Kampf, der in ihr
+tobte, t&auml;glich ungest&uuml;mer wurde. Eine
+stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte
+ihr, wenn sie seine Stimme, seinen
+Namen h&ouml;rte; sie w&uuml;nschte zu sterben und
+begehrte hei&szlig;er als jemals zu leben; alle
+Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische
+Ratlosigkeit pr&auml;gte ihrem Gesicht
+den Ausdruck einer Somnambulen auf,
+dabei mu&szlig;te sie auf der Hut sein und sich
+beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit
+von vielen.</p>
+
+<p>Ihren Gatten zu hintergehen und sein
+Vertrauen zu mi&szlig;brauchen, war ihr entsetzlich
+zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung
+und v&ouml;llig im Bann der &uuml;berlegenen
+Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch
+nahe daran, den letzten Schritt zu wagen,
+blo&szlig; um die Qual zu beenden, blo&szlig; um
+dem Spender des Gef&uuml;hls, das sie erf&uuml;llte,
+dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als
+sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte
+Nina zu ihrem Freund: &raquo;Wir d&uuml;rfen uns
+nicht mehr sehen.&laquo; Der Ingenieur reiste
+ab. Nina erkrankte.</p>
+
+<p>Nachdem man sie in die Stadt geschafft
+hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es
+nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein.
+Es waren N&auml;chte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig
+zu werden. Der Freund folgte ihrem
+Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es
+verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte.
+Es konnte nicht h&auml;ufig geschehen,
+aber von einem Mal zum n&auml;chsten brachte
+sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen
+Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger
+Schw&auml;rmerei an ihn denken, sich seinen
+Gang vorstellen, sein L&auml;cheln, seinen Gru&szlig;,
+und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom
+fr&uuml;hen Morgen an aufgeregt durch die
+Zimmer und war totenbleich.</p>
+
+<p>Aber die wenigen Stunden, die sie dann
+f&uuml;r einander hatten, wurden oft durch das
+Erscheinen Jeanettes gest&ouml;rt. Sie trat mit
+einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie
+damals getan, als sie zur Mutter aufs
+Land gekommen war. Genau wie damals
+schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in
+den Mienen der beiden, bedachte den Mann
+mit m&auml;dchenhaftem Spott, bevormundete
+in ihrer gutm&uuml;tigen und etwas derben
+Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne
+es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen.
+Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von
+Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht,
+da&szlig; sie spioniere. Und doch war sie
+davon weit entfernt. Sie war nur immer
+da; war sie nicht im Zimmer, so war sie
+doch im Haus; war sie nicht im Haus, so
+war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
+so drohte ihre R&uuml;ckkehr; sie war
+immer da, immer zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>Allm&auml;hlich verk&ouml;rperte sie f&uuml;r Nina den
+Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens,
+die Pflicht, die sie dem Gatten
+schuldete. Schaute sie in das Antlitz der
+Tochter, so f&uuml;hlte sie die unbarmherzige
+Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die
+fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
+hatten, empfand sie die ganze N&uuml;chternheit
+und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene
+Kind, das sie liebte, ja verg&ouml;tterte, war
+ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und
+der Furcht; es war der W&auml;chter vor ihrem
+Gef&auml;ngnis, der Anwalt des Vaters, die
+Meinung der Gesellschaft.</p>
+
+<p>Sie geriet in Verwirrung und uns&auml;gliche
+Qual. Sie floh vor Jeanette und
+suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie
+schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken;
+dann wieder war sie verschlossen
+und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnj&auml;hrige
+zu ihrer Mutter: &raquo;Du bist mir ein
+R&auml;tsel,&laquo; und vor ihrem verwundert forschenden
+Auge senkte Nina den Blick. Der
+Freund fand sie ruhelos und launenhaft.
+Wenn sie dem Flehenden ihre Hand &uuml;berlie&szlig;,
+horchte sie mit emporgezogenen Schultern
+und abgewandtem Gesicht zur T&uuml;r.
+Er fragte, warum sie so vor dem Kind
+zittere. Sie hatte nur eine bittende Geb&auml;rde
+als Antwort; wie von Leidenschaft
+gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er
+bot ihr alles, sein Leben, die L&ouml;sung seiner
+Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie
+erhob beschw&ouml;rend die H&auml;nde. Er wollte
+sie umarmen, sie stie&szlig; einen Schrei aus
+und stellte sich schnellatmend mit dem R&uuml;cken
+gegen die T&uuml;re. &raquo;Sie w&uuml;rde mich bis
+ans Ende der Welt verfolgen,&laquo; sagte Nina
+fl&uuml;sternd; &raquo;sie hat alle Macht, und ich habe
+keine.&laquo; Dieses wunderliche Wort ergriff
+den Freund, und zum erstenmal hatte auch
+er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung
+der Gefahr.</p>
+
+<p>Einst standen sie in der D&auml;mmerung
+nah&#8217; beieinander am Fenster, da wurden
+rasche Schritte h&ouml;rbar, und Jeanette trat
+ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und
+lachte. Nina drehte sich um und bemerkte
+unmutig: &raquo;Wie kann man sich nur so taktlos
+benehmen!&laquo; &#8211; &raquo;Aber Mutter!&laquo; rief
+Jeanette, abermals und noch lauter lachend.
+Was konnte der Grund ihres Lachens sein,
+das eigentlich ein wenig albern klang?
+Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der
+Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese
+Jugend verachtete das Halbe und seine
+dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen
+Entscheidungen, verachtete die
+Umwege und das matte Zweifeln, verachtete
+die D&auml;mmerung und das Geheimnis.
+Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie
+hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich
+zu verk&uuml;ndigen und f&uuml;r sich einzustehen,
+sie erkl&auml;rte sich f&uuml;r das Gerade, f&uuml;r die
+Helligkeit und f&uuml;r die Kraft.</p>
+
+<p>Das war es, was er aus dem unschuldig
+und albern klingenden Lachen Jeanettes
+herausf&uuml;hlte. Und er sagte es Nina. &raquo;Geh
+zu ihm oder geh zu mir,&laquo; schlo&szlig; er; &raquo;zu
+einem mu&szlig;t du gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg. Aber am Abend schrieb
+sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann
+ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm,
+da&szlig; sie einen andern liebe. Sein Gesicht
+wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als
+sie anstarren. Zwei Tage und zwei N&auml;chte
+sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
+rief er Nina und fragte, was sie vorhabe.
+Sie sagte: &raquo;Ich bin deine Frau.&laquo; Da fragte
+er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben
+wolle, das sie in Ungarn besa&szlig;en, und sie
+bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb
+dort monatelang. Jeanette besuchte sie
+h&auml;ufig, sie war ver&auml;ndert, voll Zartheit und
+R&uuml;cksicht, als wisse sie um das Geschehene
+und sei nun zufriedengestellt. Von dem
+Geliebten h&ouml;rte sie erst wieder, als er bei
+Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog.
+Er sandte einen letzten Gru&szlig;.</p>
+
+<p>Heute hatte sie die Nachricht erhalten,
+da&szlig; er gefallen sei.</p>
+
+
+<p class="newsection">In das verst&ouml;rte Herz fiel der Strahl
+der Lampe. Ihr Geisterschein lie&szlig; aufschimmern,
+was Ninas wortunkundige
+Lippen verschweigen mu&szlig;ten. Olivia war
+so sehend geworden, so allf&uuml;hlend, so mitschwingend;
+sie dachte auf einmal an ein
+Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein
+einziges Herz.</p>
+
+<p>Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt
+und Gesicht vor ihr auf. Es war wie
+ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem,
+den sie wu&szlig;te und lebte, zum Kampf gegen&uuml;bertrat.
+Leib und Seele standen auf
+widereinander; ach, dieser Verzicht, dies
+dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>
+wurde! Der ewige Hunger der D&auml;monen
+schrie nach Stillung.</p>
+
+<p>Eine reuevolle Unruhe erfa&szlig;te sie. Ingbert
+war der Erwecker ihrer Sinne gewesen,
+und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der
+Zerr&uuml;ttung menschlicher Dinge, aus Ninas
+vernichtetem Schicksal. Der Genius in
+ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre,
+da Lamm gekommen war, um sein Recht
+zu fordern.</p>
+
+<p>Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr
+Ingbert beim Abschied &uuml;bergeben hatte.
+Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es
+dr&auml;ngte sie hin wie zu einem Menschen.
+Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah
+sie, da&szlig; auf dem Bande, an dem das
+Siegel befestigt war, Worte geschrieben
+standen. Sie las: Zu &ouml;ffnen von Olivia,
+wenn sie einmal sp&uuml;ren kann, was sie mir
+war.</p>
+
+<p>Zaghaft streifte sie das Band herunter
+und &ouml;ffnete die Rolle. Es kam eines der
+Portr&auml;ts zum Vorschein, das Ingbert nach
+seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte.
+Bei genauerer Betrachtung erkannte sie,
+da&szlig; es ein ausgearbeitetes Werk war,
+eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen,
+die er damals gemacht, zur Grundlage
+gedient hatten. Das Gesicht war von
+solcher Sch&ouml;nheit, da&szlig; Zweifel sie beschlichen,
+ob es auch wirklich ihre Z&uuml;ge seien
+und nicht eine in dem Maler wurzelnde
+Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit
+in dem Antlitz, etwas Strahlendes
+und Enthusiastisches, und um den Mund
+lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia
+fremd ber&uuml;hrte und sie err&ouml;ten lie&szlig;. &#8250;Soll
+ich so gewesen sein?&#8249; fragte sie sich.</p>
+
+<p>Hatte er sie so gesehen und empfunden,
+dann mu&szlig;te sie auch so gewirkt haben.
+Dann mu&szlig;te das alles auch in ihr sein.
+Ihr Puls schlug matter; unwillk&uuml;rlich
+schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter
+ihr stehe und sie ihn fragen k&ouml;nne. Nichts
+erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
+fragen.</p>
+
+<p>Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zur&uuml;ck.
+Da meldete man ihr, da&szlig; im Sprechzimmer
+ein Offizier auf sie warte. Sie
+ging hinein; der Offizier, der Arm und
+Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar
+vom Felde kamen, leidend angestrengte
+Z&uuml;ge hatte, erhob sich und fragte
+h&ouml;flich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck
+sei. Dann nannte er seinen Namen und
+fuhr fort: &raquo;Ich bin vom Leutnant Georg
+Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Gr&uuml;&szlig;e
+zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen,
+es nicht zu vers&auml;umen. Ich
+entledige mich hiermit meiner Mission.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Georg Ingbert?&laquo; erkundigte
+sich Olivia mit leiser Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Er liegt in Zawadow bei Strji.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verwundet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schwer verwundet; so schwer, da&szlig; man
+... da&szlig; man seinen Tod w&uuml;nschen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen
+sagte sie, kaum h&ouml;rbar: &raquo;Ich danke
+Ihnen. Sie haben mir einen gro&szlig;en Dienst
+geleistet.&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Entschlu&szlig; war gefa&szlig;t.</p>
+
+
+<p class="newsection">Sie stand vor Robert Lamm in derselben
+Haltung wie vor dem Offizier. &raquo;Ich
+mu&szlig; so schnell wie m&ouml;glich nach Galizien,
+Robert,&laquo; sagte sie; &raquo;sei mir behilflich, da&szlig;
+ich morgen die n&ouml;tigen Papiere erhalte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du denn in Galizien tun?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>Sie antwortete: &raquo;Ich mu&szlig; zu Georg
+Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in
+einem Feldspital.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm ging, an ihr vor&uuml;ber, auf und
+ab. Nach einer Weile sagte er: &raquo;Ich werde
+die Papiere besorgen.&laquo; Dann, wieder nach
+einer Weile: &raquo;W&auml;re es dir l&auml;stig, wenn
+ich dich begleiten w&uuml;rde? Du brauchst auf
+dieser Reise einen Schutz.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn gro&szlig; an. Statt etwas zu entgegnen,
+bot sie ihm die Hand. Er starrte
+darauf nieder, &uuml;berw&auml;ltigt. &raquo;Olivia, zwischen
+uns beiden steht das Schicksal in
+seiner ganzen Unerbittlichkeit,&laquo; murmelte er.</p>
+
+<p>Sie sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Zwischen uns
+beiden ist nichts Trennendes mehr,&laquo; sagte
+sie mit sch&ouml;nem L&auml;cheln und legte auch die
+linke Hand in seine.</p>
+
+<p>Ungl&auml;ubig hob er die Augen. Es gibt
+ein Gl&uuml;ck, das wie Angst wirkt. &raquo;Zu sp&auml;t,
+Olivia, zu sp&auml;t,&laquo; stammelte er. &raquo;Ich bin
+ein gar zu irdischer Mensch. Die Sorte
+geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde.
+Aber ich habe nun wenigstens die
+Genugtuung, da&szlig; ich nicht an ein t&ouml;richtes
+Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei
+liegt eine h&ouml;here Vernunft.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia, sichtlich m&uuml;de, lehnte den Kopf
+an seine Schulter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>&raquo;Es ist m&ouml;glich gewesen, das gen&uuml;gt
+mir,&laquo; fuhr er fort. &raquo;Die Verwirklichung
+w&auml;re schon zu viel. Dein Leben hat sich
+eine Form geschaffen, die f&uuml;r meines zu
+weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
+steht nicht in deiner Macht. Wie sollten
+wir zu einer Gemeinsamkeit gelangen? Du
+kommst im rechten Augenblick; vielleicht
+h&auml;tt&#8217; ich mich sonst vollends zerfleischt.
+Jetzt &uuml;berseh&#8217; ich den Weg; dich begleiten,
+das kann ich; dich f&uuml;r mich behalten darf
+ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia fl&uuml;sterte: &raquo;Ich bin eine Frau;
+ich will es sein.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm nahm ihren Kopf zwischen die
+H&auml;nde und k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn. &raquo;Was
+h&auml;tte es dann mit Georg Ingbert auf sich?&laquo;
+fragte er. &raquo;Warum diese Reise? Was
+suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben
+oder sein Tod, dir, &#8211; die durch das
+Sterben der Menschen geht wie durch einen
+Garten im November?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich dir nicht sagen,&laquo; erwiderte
+Olivia, &raquo;ich <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> es eben tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich aber kann es dir sagen,&laquo; versetzte
+Lamm; &raquo;du willst dich mit diesem Schritt
+von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas
+von dir, ein Pfand, das du ausl&ouml;sen m&ouml;chtest.
+Wenn du zu mir gehst, schl&auml;gst du das
+Tor der Vergangenheit hinter dir zu, und du
+willst nicht, da&szlig; einer, ob es auch blo&szlig; ein
+Schatten ist, drau&szlig;en steht und nach dir
+ruft.&laquo;</p>
+
+<p>Olivia erbleichte. Sie schlo&szlig; die Augen
+und schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen aber ohne Vergangenheit
+nicht in die Zukunft hinaus,&laquo; begann Lamm
+wieder; &raquo;wer da baut, mu&szlig; die Erde h&ouml;hlen.
+Gr&auml;ber der Liebe machen neue Liebe
+fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man
+an Liebe ist. Du, Olivia, hast tausendfache
+Liebe in die Gr&auml;ber gesenkt, tausendmal
+hast du Georg Ingbert schon begraben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch mu&szlig; ich zu ihm&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub&#8217; es selbst,&laquo; antwortete Lamm.
+&raquo;Eine Fahrt &uuml;ber lauter Gr&auml;ber. Zwischen
+dir und ihm &#8211; Gr&auml;ber; zwischen dir und
+mir &#8211; Gr&auml;ber. Millionen von Verbluteten
+und Hingeschlachteten zwischen uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man m&ouml;chte auf einen andern Stern
+fliehen,&laquo; sagte Olivia. &raquo;Es mu&szlig; einen
+g&ouml;ttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir
+Narren und Verbrecher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt keinen andern Stern, Olivia,
+aber das Leben ist unendlich. Die wir begraben
+haben, die tragen uns; warum sie
+vernichtet worden sind, ist nicht zu erforschen.
+Zu f&uuml;hlen ist es, glauben mu&szlig; man;
+kann man das nicht, dann ist es freilich
+zum Verr&uuml;cktwerden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">Was</em> f&uuml;hlen? <em class="gesperrt">Was</em> glauben?&laquo; brach
+Olivia leidenschaftlich aus.</p>
+
+<p>&raquo;Die h&ouml;here Ordnung, Olivia. Du
+warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
+ich sag&#8217; es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker
+von achtundvierzig Jahren, der Gewohnheitsleugner,
+der Mann ohne Ideal.
+Gott! Es bleibt nichts andres &uuml;brig. Gott
+will, und wir tun. Gott d&uuml;ngt, und wir
+wachsen. Gott pfl&uuml;gt, und wir werden
+als Unkraut ausgej&auml;tet oder als Samen
+in die Furchen gestreut. Was ist dein
+Aufb&auml;umen, was ist mein Schwatzen?
+In ferner Zukunft verleiht es vielleicht
+einmal einer Kreatur, an deren Existenz
+wir einen sehr entfernten Anteil haben,
+den geheimnisvollen Nerv zu einer Tat.
+Du kannst nicht helfen, keinem au&szlig;er dir.
+Und hilfst du dir, ich meine dem Gott in
+dir, so hast du nichts mehr zu f&uuml;rchten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du, Robert?&laquo; fragte Olivia ernst:
+&raquo;Du? Das alles ginge mir st&auml;rker ans
+Herz, spr&auml;chst du zu mir als Handelnder.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm blickte mit zusammengezogenen
+Brauen starr ins Weite. Er antwortete:
+&raquo;Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal
+in einen herabgedr&uuml;ckten Zustand des
+Lebens finden mu&szlig;, w&auml;re es w&uuml;nschenswert,
+wenn jedermann eine Pr&uuml;fung seiner
+inneren Best&auml;nde vornehmen wollte. Der
+Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter
+wird sich hernach deutlich abscheiden.
+Ob ich dann noch zu brauchen bin, wei&szlig;
+ich nicht. Ich will&#8217;s versuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo; rief Olivia mit aufleuchtenden
+Augen. &raquo;Doch warum z&ouml;gerst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich nicht pfuschen will. Du hast
+mich Geduld gelehrt, Olivia.&laquo; Er wandte
+sich ab und sagte gepre&szlig;t: &raquo;K&ouml;nnt&#8217; ich nur
+in Worte fassen, was du mir bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Robert!&laquo;</p>
+
+<p>J&auml;h fuhr er herum und zog sie in die
+Arme. Sie aber befreite sich sanft und
+verlie&szlig; ihn.</p>
+
+
+<p class="newsection">Um sich zu sammeln, ging sie in den
+Garten. Es war hell, der Mondschein einer<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>
+Mainacht, die Luft voll Blumenger&uuml;che.
+In den Baracken waren schon die Lichter
+ausgel&ouml;scht. Vor einem der Treibh&auml;user
+sa&szlig; ein Soldat und starrte in den Himmel.
+Auf den Wegen lagen wei&szlig;e Bl&uuml;ten, so
+viele, da&szlig; sie den Schritt d&auml;mpften. Alles
+in der Natur atmete Frieden, alles sprach
+von Auferstehung und Erneuerung.</p>
+
+<p>Olivia brach einen Zweig von einem
+Apfelbaum, roch daran und ging sinnend
+weiter. &#8250;Warum hast du das getan?&#8249; fragte
+sie sich pl&ouml;tzlich und betrachtete den Zweig
+mit Abscheu. Aus den wei&szlig;en Bl&uuml;ten
+grinste ihr der Tod entgegen.</p>
+
+<p>Sie erschauderte. Die ganze Welt schien
+ihr wie auf eine Wand gemalt, fremd wie
+der Tod.</p>
+
+
+<p class="newsection">Erst am dritten Tage konnten sie reisen.</p>
+
+<p>Es war eine sonderbare Fahrt. Robert
+Lamm, lebhaft und aufger&auml;umt, erz&auml;hlte
+viel und war stets um Olivia bem&uuml;ht.
+Junge Offiziere sa&szlig;en im Wagen, die dem
+sch&ouml;nen M&auml;dchen in der kleidsamen Schwesterntracht
+eine teilnahmvolle Neugier bezeigten.
+Auf den Bahnh&ouml;fen gab es lange
+Aufenthalte, und &uuml;berall herrschte ein be&auml;ngstigendes
+Treiben. Verwundete Soldaten
+lagerten in malerischen Gruppen;
+Fl&uuml;chtlinge jeden Alters und Standes
+dr&auml;ngten sich um aufgeregt gestikulierende
+Beamte; Munitions-, Proviant-, Spitals-
+und Mannschaftsz&uuml;ge versperrten die Geleise
+oder fuhren vor; der einzelne Mensch
+hatte weder Wichtigkeit noch Stimme,
+alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen
+von der Masse, anscheinend ordnungslos,
+und doch von einer gewaltigen
+und besonnenen Kraft regiert.</p>
+
+<p>&raquo;Und das alles f&uuml;r eine Einbildung von
+Feindschaft,&laquo; sagte Lamm leise zu Olivia;
+&raquo;wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo
+der von dem Slowenen, der da am Pfeiler
+lehnt oder von der eleganten Dame dort,
+die wahrscheinlich bei der Flucht auf einem
+Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat&nbsp;&#8211;?
+Wo ist der Feind? Jeder ist mein Feind,
+jeder andere Mensch, und jeder ist mein
+Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen,
+wogegen rasen die V&ouml;lker? Sie
+wissen es nicht. Es ist aber das Blut,
+der Wille der Generationen, die nach ihnen
+kommen. Diese brauchen einen Weltzustand,
+den wir nicht einmal tr&auml;umen k&ouml;nnen, und
+doch m&uuml;ssen wir ihn f&uuml;r sie schaffen, sie
+wollen es, sie erzwingen sich&#8217;s. Die Einsicht
+k&ouml;nnen sie uns nicht geben, nur das
+Feuer und die Brunst, die zur Zeugung
+geh&ouml;ren. Zeugung aber ist eine Angelegenheit
+des Rausches, sie hat Z&uuml;ge von Mordlust
+und Grausamkeit und st&ouml;&szlig;t die Seele
+ins Chaos zur&uuml;ck, von wo sie stammt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; das,&laquo; antwortete Olivia gepeinigt;
+&raquo;ich mag&#8217;s nicht, wenn Gedanken
+so wahr werden, da&szlig; sie verletzen. Gesteh
+doch lieber, gesteh es endlich, da&szlig; du dich
+get&auml;uscht hast, wenn du mir immer unser
+Land als reif zum Untergange geschildert
+hast. Du hast gegen deine Br&uuml;der gew&uuml;tet
+wie ein Besessener, und gegen dich selber
+auch. Gesteh doch, da&szlig; wir nicht zuschanden
+geworden sind vor dir und da&szlig; du das
+Henkerbeil umsonst gewetzt hast. Schau&#8217; in
+die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
+in fast allen ein k&uuml;hles, t&auml;tiges Leben, ein
+werkfreudiges Gef&uuml;hl, und sogar die
+Widerstrebenden k&ouml;nnen sich nicht entziehen.
+Sag&#8217;s ihnen doch, da&szlig; sie deiner nicht so
+ganz unw&uuml;rdig waren, Robert; die S&uuml;hne
+bist du ihnen schuldig.&laquo; Es klang wie
+Spott eines Cherubs. Lamm err&ouml;tete.</p>
+
+<p>In einer Station nach Krakau stieg ein
+dicker, kleiner Herr von etwa f&uuml;nfzig Jahren
+ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohh&uuml;tchen
+auf einem m&auml;chtigen Sch&auml;del und
+sah einem Negerh&auml;uptling in europ&auml;ischen
+Kleidern &auml;hnlich. Lamm kannte ihn, und
+sie begr&uuml;&szlig;ten einander. Es war Exzellenz
+H&auml;fner, ein ehemaliger Minister. Durch
+seine Gaben zu gro&szlig;en Leistungen bef&auml;higt,
+hatte er sich doch wider die R&auml;nke
+seiner Gegner nicht zu behaupten vermocht.
+In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
+waren die Wogen des Liberalismus hoch
+gegangen und hatten den starren Theoretiker
+und r&ouml;misch angehauchten Frondeur
+&uuml;ber Bord des Staatsschiffes gesp&uuml;lt. Jetzt
+hatte man sich der lenkenden Erfahrung
+erinnert, die er besonders in den schwierigen
+nationalen und wirtschaftlichen Problemen
+der eben befreiten Nordprovinz stets erwiesen,
+und hatte ihn aus dem Dunkel eines
+Pensionisten-Daseins mitten in den Tumult
+der Weltb&uuml;hne gerufen. Er war auf dem
+Weg ins Hauptquartier, wo er Beratungen
+wegen einer neu einzusetzenden Verwaltungsbeh&ouml;rde
+pflegen sollte.</p>
+
+<p>So erz&auml;hlte er Lamm und Olivia, mit<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>
+der er alsbald bekannt wurde. Er hatte
+eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem
+er bissig war wie ein Kettenhund. Die
+Hand auf Lamms Knie legend, sagte er
+z&auml;rtlich und strafend: &raquo;Sie, lieber Hofrat,
+s&auml;he ich nicht ungern unter meinen Helfern.
+Es wird keine Leibwache sein, f&uuml;rchten Sie
+nichts. Mit den Pr&auml;torianern haben wir
+aufger&auml;umt. Sie haben sich viel zu fr&uuml;h
+ins Ausgeding begeben. Aber Sie waren
+unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
+Filzschuhen darf man nicht aus unseren
+&Auml;mtern schleichen. Wenn schon Skandal,
+dann mit gro&szlig;em Orchester. Ich habe bereits
+an Sie gedacht, denn ich bin mit der
+Laterne auf der Menschensuche. Werden
+Sie mich f&uuml;r einen Fanfaron halten, wenn
+ich Ihnen sage, da&szlig; man den rechten Mann
+an die rechte Stelle bringen wird? Das Land
+schwitzt seine ungesunden Stoffe aus; Blut,
+Leichen, Schutt, Moder, aufgeh&auml;ngte Verr&auml;ter.
+Kommen Sie gleich mit mir, wenn
+es irgend angeht; ich habe ausreichende
+Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die
+Fl&uuml;gel dehnen. Mit den alten unbezahlten
+Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen
+Sie sich und geben Sie neuen Kredit.&laquo;</p>
+
+<p>Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete
+zaudernd und unbestimmt; das
+Anerbieten war zu &uuml;berraschend, und sein
+Mi&szlig;trauen gegen die Regierenden war zu
+tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht
+gelten lassen. Da er bemerkte, da&szlig; Olivia
+begierig zuh&ouml;rte und Lamms Erwiderung
+mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte
+er das nahe Verh&auml;ltnis zwischen den beiden
+und wandte sich geschmeidig an sie. Sie
+gab ihm in jedem Punkte recht, auch darin,
+da&szlig; Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
+d&uuml;rfe. In die Enge getrieben, erkl&auml;rte
+Lamm, da&szlig; er nicht gewohnt sei,
+wichtige Entschl&uuml;sse mit solcher Eile zu
+fassen, auch k&ouml;nne er nicht zugeben, da&szlig;
+Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet
+und nahe an die Front allein fortsetze.
+Olivia widersprach dem, und Exzellenz
+H&auml;fner sagte, er treffe in Tarnow zwei
+hohe Offiziere, die im Automobil zum San
+f&uuml;hren und dem Fr&auml;ulein sicherlich einen
+Platz im Wagen gew&auml;hren w&uuml;rden. Ohnehin
+mu&szlig;te man in Tarnow &uuml;bernachten.
+Lamm bat sich Bedenkzeit bis zum n&auml;chsten
+Morgen aus.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; mit Olivia in einem tr&uuml;bseligen
+Gasthauszimmer. Die Exzellenz war fortgegangen,
+um die Offiziere aufzusp&uuml;ren,
+die Olivia mitnehmen sollten. Unabl&auml;ssig
+polterten Fuhrwerke &uuml;ber das holprige
+Pflaster drau&szlig;en, und das Geschrei der
+kutschierenden Bauern und Soldaten erf&uuml;llte
+die Nacht. An den Nebentischen sa&szlig;en
+Juden, die sich in ihrem unverst&auml;ndlichen
+Jargon leise unterhielten.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;&szlig;t&#8217; ich dich zu Hause, so g&auml;b&#8217;s kein
+Schwanken f&uuml;r mich,&laquo; sagte Lamm. &raquo;Ich
+wei&szlig;, da&szlig; ich nicht mehr hinten stehen darf.
+Schon um deinetwillen nicht. Ich hab&#8217; dir&#8217;s
+ja auch gelobt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;r&#8217; ein schlechter Anfang, Robert,
+wenn mir deine Angst Ketten um die F&uuml;&szlig;e
+legte,&laquo; erwiderte Olivia. &raquo;Du und Angst,
+Angst um einen Menschen! Ich kenn&#8217; dich
+nicht mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst von einem Anfang, Olivia;
+mich d&uuml;nkt, es ist ein Ende. Ich sp&uuml;r&#8217;s in
+allen Nerven, und mir ist so unheimlich
+wie manchen Leuten, die den Blitz f&uuml;hlen,
+bevor er gez&uuml;ndet hat. H&ouml;r&#8217; doch, wie die
+Welt braust und br&uuml;llt! Die Menschen
+sind so armselig und so furchtbar. Dessen
+bleib eingedenk, da&szlig; ich um dich gedient
+habe, l&auml;nger als Jakob um Rahel, viel
+l&auml;nger. Nur dacht&#8217; ich, ich m&uuml;&szlig;te dich unterwerfen,
+derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan,
+und ich hab&#8217; nicht begreifen wollen,
+warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist
+die Siegerin, aber nicht blo&szlig; &uuml;ber mich,
+&uuml;ber uns alle, auch &uuml;ber die Sieger, und
+dich f&uuml;r meine Person zu beanspruchen,
+w&auml;re so l&auml;cherlich, als wollt&#8217; ich den Mond
+in mein Zimmer h&auml;ngen, da&szlig; er mir zum
+Schreiben leuchte. Ich hab&#8217; eine Erscheinung
+gehabt, weiter nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Robert!&laquo; seufzte Olivia, die es
+nicht ertragen konnte, wenn man sie pries.
+&raquo;Ahnst du denn nicht, wie j&auml;mmerlich alles
+ist, was man tut, im Vergleich zu dem, was
+ungetan bleibt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt nicht an der Qualit&auml;t, es liegt
+im Geiste. Der Geist kann heilig werden,
+trotz V&ouml;lkermord und V&ouml;lkerwahn. Ich
+habe an den Heiligen Geist glauben gelernt,
+und damit allerdings steh&#8217; ich wieder
+am Anfang.&laquo;</p>
+
+<p>Er verstummte. Olivia sah ihn an und
+hielt ihn im Blick ihres gro&szlig; aufgeschlagenen
+Auges.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span></p>
+<p class="newsection">Exzellenz H&auml;fner kam etwas verlegen
+zur&uuml;ck. Er habe die beiden Herren gefunden,
+berichtete er, aber das Unangenehme sei,
+da&szlig; sie noch in der Nacht fahren m&uuml;&szlig;ten.
+Ob man der jungen Dame zumuten d&uuml;rfe,
+die anstrengende Reise schon in einer
+Stunde fortzusetzen, habe er nicht gewagt
+zu entscheiden.</p>
+
+<p>Olivia sagte, sie sei bereit, sie w&auml;re froh,
+wenn sie rasch ans Ziel komme. Lamm
+widersprach nicht.</p>
+
+<p>Sie nahmen hastig einen Imbi&szlig; auf
+schmutzigen Tellern, dann ging Olivia auf
+ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten.
+Lamm folgte ihr nach einer Weile; als er
+in die elende Kammer trat, die von einer
+einzigen Kerze erhellt wurde, war sie schon
+fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
+schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur
+Seite geneigt, die Schultern, nach ihrer
+Art, zur&uuml;ckgebogen, die Arme l&auml;ssig im
+Fall. Ihr Gesicht hatte einen verlorenen
+Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich
+selbst ruhend gesehen.</p>
+
+<p>Er trat zu ihr und k&uuml;&szlig;te sie. Olivia
+l&auml;chelte; als sie ihn wieder k&uuml;&szlig;te, waren
+ihre Augen feucht.</p>
+
+<p>Er ergriff das T&auml;schchen, und sie verlie&szlig;en
+den Raum. Unten wartete die
+Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins
+zu f&uuml;hren. Schweigend gingen sie
+durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz
+neben einer Scheune stand der Kraftwagen.
+Die Vorstellung war schnell erledigt, Olivia
+stieg ein, der Motor begann zu schnurren;
+&raquo;leb&#8217; wohl, Robert,&laquo; rief Olivia,
+dann winkte sie noch einmal, und der Wagen
+fuhr davon.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie, Freund, wir haben nur
+noch vier Stunden zum Schlafen,&laquo; sagte
+die Exzellenz und schob den Arm in den
+Robert Lamms.</p>
+
+<p>F&uuml;r Robert Lamm gab es aber keinen
+Schlaf. Er verlie&szlig; die zugige Kammer
+wieder, kaum da&szlig; er sie betreten hatte, und
+ging auf die Gasse.</p>
+
+<p>Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins
+Gesicht, die H&auml;user, an denen er vor&uuml;berging,
+waren schwarz, viele sahen wie seit
+langer Zeit verlassen aus. Er schritt an einem
+Zaun hin und sp&auml;hte bisweilen in die
+Ebene oder in den Himmel. Die Zaunpf&auml;hle
+neben ihm, in endloser Folge, das
+brachte ein eigent&uuml;mliches Gef&uuml;hl von
+Rhythmik in seinem Innern hervor, und
+vielleicht war dies die Ursache, da&szlig; seine
+Gedanken immer bewegter, immer st&uuml;rmischer
+wurden.</p>
+
+<p>Der Marschschritt einer Kolonne wurde
+h&ouml;rbar und kam n&auml;her. Es waren deutsche
+Soldaten, eine gro&szlig;e Abteilung; der Zug
+wollte gar kein Ende nehmen. Lamm konnte
+die Gesichter der Leute nicht unterscheiden,
+doch die Entschlossenheit und der unab&auml;nderliche
+Gleichklang ihres Schrittes
+machten einen tiefen Eindruck auf ihn.
+Als sie vor&uuml;ber waren, blieb er stehen und
+schaute ihnen nach. &#8250;Da gehen sie nun,&#8249;
+dachte er und zog die Stirn in Falten, &#8250;da
+gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung
+und in ihrem Schritt, als rechneten sie gar
+nicht mit der R&uuml;ckkehr. Ob nicht ein einziger
+unter ihnen ist, der heimlich rebelliert?
+Vielleicht doch. Aber es kommt nicht darauf
+an. Es kommt auf keinen einzelnen an,
+auf den Willigen nicht und auf den Rebellen
+nicht. Was liegt am M&uuml;ller und am
+Schmied und am Fuhrknecht und am
+Schreiber und an all den Strebern und
+Gl&uuml;cksj&auml;gern und Verliebten und Familienv&auml;tern
+und Staatsdienern, die dort drau&szlig;en
+auf dem Schlachtfeld fallen werden, was
+liegt an ihnen? Es wird immer wieder
+Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber
+und Verliebte und Familienv&auml;ter geben.
+Was br&auml;chten sie vor sich, wenn ihnen
+dies Schicksal erspart bliebe? Es kommt
+auf sie nicht an. Auch auf mich kommt es
+nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.&#8249;</p>
+
+<p>Er ging ein St&uuml;ck, in der Richtung
+gegen die Stadt zur&uuml;ck, und nach einer
+Weile blieb er wieder stehen. &raquo;Und doch,&laquo;
+redete er nun laut vor sich hin, &raquo;doch ist
+der Mensch etwas K&ouml;stliches; man mu&szlig;
+ihn blo&szlig; anschauen und begreifen k&ouml;nnen.
+Viele k&ouml;nnen es nicht. Diese Gestalt, das
+Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die
+meisten sp&uuml;ren nicht den Menschen. Auch
+ich habe den Menschen nicht gesp&uuml;rt. Ich
+habe so hingelebt, das ist alles; habe mich
+ge&auml;rgert, habe gezankt, gefeilscht, geredet,
+aber den Menschen gesp&uuml;rt, nein, das hab&#8217;
+ich nicht.&laquo; Und im Weitergehen wiederholte
+er noch ein paar mal die Worte:
+&raquo;Nein, das hab&#8217; ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Da kam er an ein Haus, das ohne
+T&uuml;ren und ohne Fenster war. Auch das
+Dach war zum Teil weggerissen, so da&szlig;<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span>
+der Himmel in die &ouml;den R&auml;ume starrte.
+Lamm lie&szlig; einen Blick zerstreuter Neugier
+&uuml;ber die Ruine schweifen und wollte seinen
+Weg fortsetzen, als er ein j&auml;mmerliches
+Wimmern vernahm. Er lauschte und h&ouml;rte
+den Laut deutlicher. Es klang wie das
+Weinen eines kleinen Kindes.</p>
+
+<p>Nun trat er in das Haus, z&uuml;ndete seine
+elektrische Taschenlampe an und ging von
+Stube zu Stube. In der letzten Stube
+sah er einen S&auml;ugling auf schmutzigen
+Lumpen liegen, halb nackt und nur noch
+matt schreiend. Lamm rief. Er glaubte
+die Mutter oder sonstige Angeh&ouml;rige in
+der N&auml;he. Aber niemand antwortete;
+niemand war zu sehen. Der S&auml;ugling war
+v&ouml;llig verlassen, fror und hatte Hunger.</p>
+
+<p>Lamm nahm das Kind auf seine Arme
+und trug es hinaus. Er rief noch einmal;
+umsonst. Da trug er das wimmernde
+Kind auf seinen Armen weiter. Sein anfangs
+zaudernder Schritt wurde fest und
+entschlossen, und alle hadernden Gedanken
+in seinem Innern schwiegen still.</p>
+
+<p>Er h&uuml;llte das frierende Kind in seinen
+Mantel, und als er die K&ouml;rperw&auml;rme
+sp&uuml;rte, kam etwas Freudiges &uuml;ber ihn,
+und das lebendige, an ihn geschmiegte
+Wesen wurde ihm pl&ouml;tzlich in sonderbarer
+Weise teuer. &#8250;Ich will es behalten,&#8249; sagte
+er sich, &#8250;ich will es wie ein Geschenk von
+Olivia behalten, und seine Augen sollen
+mir leuchten, wenn ich zu den Menschen
+gehe und f&uuml;r sie schaffe.&#8249;</p>
+
+
+<p class="newsection">Am Nachmittag darauf, nach f&uuml;nfzehnst&uuml;ndiger,
+durch viele Hindernisse verz&ouml;gerter
+Fahrt im Regen kam der Kraftwagen
+nach Drohobycz. Hier mu&szlig;te Olivia
+eine andere Gelegenheit suchen, und der
+Bem&uuml;hung des einen Offiziers gelang es,
+ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen
+zu verschaffen, der nach Zawadow fuhr.
+Hatte sie schon die Nacht und den Tag
+&uuml;ber vom Regen zu leiden gehabt, jetzt
+wurde es schlimmer; oft konnte der Wagen
+kaum vorw&auml;rts, so schwierig war es, den
+begegnenden Fahrzeugen und marschierenden
+Kolonnen auszuweichen. In langen
+Reihen schleppten sich Verwundete die
+Stra&szlig;en heran; fern am Horizont ums&auml;umte
+den d&uuml;stern Himmel eine dunkle
+Glut. &Uuml;berall waren Notbr&uuml;cken, &uuml;berall
+rauchten Tr&uuml;mmer, und der Erdboden
+war von tiefen Spalten und L&ouml;chern zerrissen.</p>
+
+<p>V&ouml;llig durchn&auml;&szlig;t war Olivia, als endlich
+der sch&uuml;ttelnde Wagen in der Nacht
+vor einem halbzerschossenen Haus einer
+Dorfstra&szlig;e hielt. Ein freundlicher Korporal
+besorgte ihr ein Obdach, irgendwo
+in einem Bauernhaus, in dessen Flur sie
+&uuml;ber die Leiber schlafender Soldaten steigen
+mu&szlig;te. Ein Strohsack hinter einem Verschlag
+bildete ihr Lager. Von den Bretterw&auml;nden
+troff das Wasser, die Luft war
+wie in einem Keller, Pferde stampften in
+der N&auml;he, sie schlo&szlig; die Augen und d&auml;mmerte
+ersch&ouml;pft hin, ohne schlafen zu k&ouml;nnen.
+Mit dem Morgengrauen erhob sie sich und
+fragte um den Weg nach dem Feldspital,
+in welchem sie Ingbert zu finden hoffte.</p>
+
+<p>Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit
+hatte, ihr Rede zu stehen. Ein j&uuml;ngerer
+Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen,
+da&szlig; Leutnant Ingbert tot sei. Gestern
+war er begraben worden. Olivia fa&szlig;te
+die Kalkmauer mit den Fingerspitzen der
+einen, dann der andern Hand an. Es schien
+ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.</p>
+
+<p>Zu Hunderten kamen blutende M&auml;nner
+vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
+Armen der Sanit&auml;tsleute, oder von Kameraden
+gef&uuml;hrt. Der Kampf um Strji war
+m&ouml;rderisch. Olivia half verbinden. Hier
+roch das Blut der Wunden wilder und
+frischer als fern in der Stadt. Die &Auml;rzte
+nahmen einen um den andern vor, hatten
+unbewegliche Gesichter, k&uuml;mmerten sich weder
+um Schreien und St&ouml;hnen, noch um
+Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
+oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm
+froh, der zugriff. Auf dergleichen war sie
+nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen
+Reihen von Starrenden und mit dem Tode
+Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
+Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts
+gegessen. Auch fror sie best&auml;ndig. Ein
+junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln,
+sie konnte nichts anr&uuml;hren. &raquo;Na,
+werden Sie uns nur nicht krank,&laquo; sagte
+einer der Doktoren &auml;rgerlich im Vor&uuml;bergehen.
+Sein Leinwandkittel war von oben
+bis unten mit Blut bespritzt.</p>
+
+<p>&#8250;Du mu&szlig;t zu seinem Grab,&#8249; gebot eine
+Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh sie
+aus dem Raum, dr&auml;ngte sich durch die
+Verwundeten und fragte einen Oberleutnant,<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>
+wo die gestern Begrabenen l&auml;gen.
+Der Offizier zog die Stirne kraus; die betreffende
+Stelle sei seit einigen Stunden
+gef&auml;hrdet, antwortete er. Sie sagte gepre&szlig;t,
+wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
+wolle. &raquo;Ich kannte Ingbert,&laquo; versetzte der
+Offizier, &raquo;ein lieber Kamerad. Schade
+um ihn.&laquo; Dann warf er einen fl&uuml;chtigen
+Blick auf Olivia und erkl&auml;rte sich bereit,
+sie zu f&uuml;hren. Sie war nicht f&auml;hig, ihm
+zu danken. Sie hatte keinen Dank mehr
+in sich.</p>
+
+<p>Sie gingen &uuml;ber einen kotigen Feldweg.
+Bisweilen spritzte die Erde auf, als ob in
+ihrem Innern etwas geplatzt sei. &raquo;Sie
+schie&szlig;en,&laquo; bemerkte der Offizier, nach einem
+Wald in der Ferne deutend und z&uuml;ndete
+sich eine Zigarette an.</p>
+
+<p>Auf einer W&ouml;lbung des Gel&auml;ndes sah
+man unz&auml;hlige kleine Holzkreuze. Der
+Offizier schritt eine Weile an der vordersten
+Reihe entlang, blieb bei einem stehen und
+sagte: &raquo;Hier liegt er.&laquo; Damit gr&uuml;&szlig;te er
+und entfernte sich.</p>
+
+<p>&#8250;Hier liegt er,&#8249; dachte Olivia. &#8250;Und warum
+eigentlich? Und warum die andern, Unz&auml;hligen,
+warum?&#8249; Sie erinnerte sich der
+Anmut und Zartheit des Freundes, seiner
+W&auml;rme und schweigsamen Liebe, und
+dachte: &#8250;Warum nur, warum?&#8249;</p>
+
+<p>Sie ging weiter, ohne auf Weg und
+Richtung zu achten. Immer noch fiel
+Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden
+Wolkenhimmel malten sich feurige
+Gescho&szlig;bahnen, Leuchtk&ouml;rper schwammen
+weit dr&uuml;ben in der Luft, bisweilen ert&ouml;nte
+ein Krachen, als wolle der Weltk&ouml;rper
+zerrei&szlig;en. Zur Rechten wich mannshohes
+Gestr&uuml;pp zur&uuml;ck, das eigent&uuml;mlich erhellt
+gewesen war, und nun gewahrte sie ein
+brennendes Dorf in der Ebene, weit dr&uuml;ben,
+und sie wanderte darauf zu. Sie holte
+ein W&auml;gelchen ein, das von einem m&uuml;den,
+klapperd&uuml;rren Gaul gezogen und von einer
+alten B&auml;uerin gefahren wurde. F&uuml;nf oder
+sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
+und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht
+mehr weiter, und die alte B&auml;uerin schimpfte
+bald, bald flehte sie. Eines der Kinder
+erwachte, und als es des Brandes ansichtig
+wurde, stie&szlig; es einen gellenden
+Schrei aus.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich flammte in einer Entfernung
+von kaum zweihundert Schritt ebenfalls
+ein Geb&auml;ude auf. Man sah nun, da&szlig;
+dort ein Dorf lag. Die D&auml;cher der &uuml;brigen
+H&uuml;tten fingen im Zeitraum von wenigen
+Minuten Feuer. Olivia blieb stehen.</p>
+
+<p>M&auml;nner und Weiber st&uuml;rzten ins Freie;
+die vergr&auml;mten Gesichter waren grell vom
+Feuer beschienen. Aus der Menge aber
+l&ouml;ste sich eine auffallende Erscheinung; ein
+einfacher russischer Soldat, jedoch ein Riese
+von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich
+&uuml;ber Vierzig, trug keine Kopfbedeckung,
+und seine schwarzen Haare flatterten struppig
+um Stirn und Schl&auml;fen. Er ging langsam,
+mit wagrecht vorgestreckten Armen,
+und man sah an seinem Gang, da&szlig; er
+blind war.</p>
+
+<p>Doch schwankte er nur wenig; er ging
+dicht an den brennenden H&auml;usern entlang,
+immer mit wagrecht vorgestreckten Armen.
+Die Funken prasselten um seinen Kopf,
+brennende Balken fielen dicht neben ihm
+nieder, aber durch keine Miene verriet er
+Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
+war so m&auml;chtig, da&szlig; die Bauern, ihre Weiber
+und ihre Kinder ihm alsbald in Scharen
+folgten und sich dicht an ihn dr&auml;ngten,
+als ob sie in seiner N&auml;he gefeit w&auml;ren.</p>
+
+<p>Olivia blickte rundum: die nasse Erde
+rot, der sternenlose Himmel rot, und zwischen
+Erde und Himmel tobende Mordmaschinen,
+br&uuml;llendes Vieh, winselnde
+Hunde und verzweifelte Menschen. Es
+wollte ihr scheinen, als k&auml;me der blinde
+Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu
+bringen, und je deutlicher sie sein Gesicht
+sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
+&uuml;ber die unbeschreibliche, fast selige Ruhe
+darin. Gef&auml;hrdeter konnte kein Mensch
+sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete
+ihm die Gefahr? Was galt ihm diese
+Stunde und die n&auml;chste? Obgleich in
+Olivia ein r&auml;tselhafter Wunsch war, da&szlig;
+er sie sehen m&ouml;ge, ein r&auml;tselhaftes Bedauern,
+da&szlig; er sie nicht mehr sehen konnte,
+war es ihr doch klar, da&szlig; nach allem, was
+er von dieser Welt gesehen, er gl&uuml;cklich zu
+preisen sei, da&szlig; er nichts mehr von ihr sah.</p>
+
+<p>Sie wanderte den Weg zur&uuml;ck, verirrte
+sich jedoch. Ihre Ersch&ouml;pfung wuchs, und
+sie konnte nicht mehr daran zweifeln, da&szlig;
+sie krank war.</p>
+
+<p>Patrouillen begegneten ihr und riefen
+ihr etwas zu. Sie verstand nicht und antwortete
+nicht. Auf einem umgehauenen<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>
+Baumstamm rastete sie eine Weile, dann
+schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter.
+Sie kam zu einem offenen Parktor, ging
+hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
+leer war. Durch die Baumwipfel sah sie
+die Umrisse eines gro&szlig;en Geb&auml;udes.</p>
+
+<p>Die Beine versagten den Dienst; sie
+schl&uuml;pfte in das Schilderhaus, kauerte sich
+nieder und h&uuml;llte sich fester in den nassen
+Mantel. Ein schlaf&auml;hnlicher Zustand machte
+sie bewu&szlig;tlos.</p>
+
+<p>Als sie wieder zu sich kam, war es Tag.
+Sie raffte alle Kr&auml;fte zusammen und trat
+ins Freie. Da bot sich ihren fieberhei&szlig;en
+Augen ein unvermuteter Anblick. Fahler
+Fr&uuml;hsonnenschein war durch die Nebel gebrochen
+und fiel auf unz&auml;hlige Beete und
+Str&auml;ucher voller Rosen. Lauter Rosen,
+&uuml;ber die ganze Fl&auml;che des Parks, in allen
+Farben der Gattung, soweit der Blick
+reichte. Dazwischen aufgeworfene Gr&auml;ben,
+zertretener Rasen, zersplitterte B&auml;ume.
+Sie trat zum n&auml;chsten Strauch; die Freude
+an den Blumen, erst wie eine &uuml;berw&auml;ltigende
+Erinnerung, verdr&auml;ngte jedes andere
+Gef&uuml;hl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
+Verlangen. Voller Hast, ja fast
+gierig brach sie einige Rosen ab, ohne darauf
+zu achten, da&szlig; sie sich an den Dornen
+die H&auml;nde blutig ri&szlig;.</p>
+
+<p>Aber da ihr schwindelte und alles um
+sie zu tanzen begann, schritt sie dem Hause
+zu und trat in die Vorhalle. Es war eine
+ger&auml;umige Baulichkeit, einer der vielen
+adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
+Mensch war zu sehen. Die T&uuml;ren der
+Zimmer standen offen, und &uuml;berall zeigten
+sich die Spuren b&ouml;swilliger Zerst&ouml;rung.
+Die Gl&auml;ser der Spiegel lagen in Scherben
+auf dem Boden, die M&ouml;bel waren umgest&uuml;rzt,
+das Porzellan zerschmettert, die B&uuml;cher
+aus den Regalen geschleudert und zerfetzt,
+die Bilder zerschnitten, die W&auml;nde
+mit Unrat beschmiert. Hier mochte sie nicht
+bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend,
+stieg sie die Treppe hinauf. Sie rief, doch
+niemand antwortete. Da, als sie in einen
+Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte
+sie endlich einen Menschen. In der Mitte
+des sonst v&ouml;llig leeren Raumes stand ein
+Sarg, darin lag ein Greis mit langem,
+wei&szlig;em Bart; ein Kruzifix aus Silber
+ruhte auf seiner Brust, und an den vier
+Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
+Daneben aber sa&szlig; ein Knabe von etwa
+vierzehn Jahren; er hatte tiefschwarze
+Haare, die &uuml;ber die blassen Wangen fielen;
+seine Augen waren traurig und voll Angst.</p>
+
+<p>Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er
+erhob sich und redete sie polnisch an. Olivia
+verstand die Sprache nicht; da sie
+sich aber hinschwinden f&uuml;hlte, machte
+sie eine bittende Geb&auml;rde und pre&szlig;te die
+linke Hand gegen ihre Brust, in der der
+Atem flog. Der Knabe sah sie an und begriff;
+ihn hatte der Krieg fr&uuml;hzeitig &uuml;ber
+menschliches Leiden unterrichtet. Auf den
+Zehen, als k&ouml;nne der tote Mann noch gest&ouml;rt
+werden, ging er zu einer T&uuml;r, die er
+&ouml;ffnete und wies auf ein Bett, das dort im
+Zimmer stand. Nicht zu verkennen, da&szlig;
+es das Schlafgemach einer Frau gewesen
+war; auf den Lehnen der St&uuml;hle hingen
+Frauenkleider, in einer Ecke standen Frauenschuhe;
+sonst deutete manches auf eine eilige
+Flucht hin.</p>
+
+<p>Olivia schlo&szlig; die T&uuml;r, als sie drinnen
+war, ri&szlig; ihre nassen Gew&auml;nder vom K&ouml;rper,
+st&uuml;rzte f&ouml;rmlich in das Bett, w&uuml;hlte
+die zitternden Glieder in die Kissen, richtete
+sich noch einmal auf und griff nach
+den Rosen, dann rang sie seufzend die
+H&auml;nde, sp&uuml;rte, da&szlig; ihr die Sinne vergingen,
+und freute sich darauf, nicht mehr
+denken und f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile klopfte es an der T&uuml;r,
+der Knabe trat lautlos ein. Unschl&uuml;ssig
+stand er zu F&uuml;&szlig;en des Lagers und schaute
+auf die Kranke, deren Wangen sich mit
+Scharlachr&ouml;te bedeckten. Er fand sie sch&ouml;n;
+ihre Gegenwart erregte scheue Neugier in
+ihm, ihr Zustand stimmte ihn mitleidig.
+Abermals sagte er etwas in polnischer
+Sprache. Olivia ri&szlig; entsetzt die Augen
+auf. Pl&ouml;tzlich schrie sie: &raquo;Gebt mir die
+Rosen!&laquo; und pre&szlig;te die drei Rosen, die sie
+krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
+Mund.</p>
+
+<p>Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich
+hatten Rosen in seinem bisherigen
+Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie
+mu&szlig;ten ein Ziel eigensinniger Liebhaberei
+gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
+der drau&szlig;en im Sarg lag; nicht blo&szlig; die
+Kultur des Parks lenkte darauf hin, sondern
+auch die zerst&ouml;rten Gem&auml;lde, auf denen
+fast ausschlie&szlig;lich Rosen dargestellt
+waren. Und da Olivia ihren Fieberruf<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>
+wiederholte und immer wieder ekstatisch
+die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht dr&uuml;ckte,
+glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie
+aus irgendeinem Grund, den er nur noch
+nicht verstand. Rasch verlie&szlig; er das Zimmer,
+und nach einigen Minuten schon kehrte
+er zur&uuml;ck, beide H&auml;nde voller Rosen, und
+warf sie auf das Bett.</p>
+
+<p>Als er vernahm, da&szlig; die Fiebernde sich
+beruhigte, war er auch gewi&szlig;, das Rechte
+getroffen zu haben. Er ging noch einmal,
+dann ein drittes und viertes Mal. Schlie&szlig;lich
+hatte er so viele Rosen heraufgebracht,
+da&szlig; sie von der Bettdecke auf den Boden
+fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
+und jenes noch, in dem der Tote lag, erf&uuml;llte.
+Danach ging er zu dem Toten
+hinaus, kam wieder zur&uuml;ck, lief zum
+f&uuml;nften Male in den Garten und brachte
+wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und
+l&auml;chelte zufrieden, als er sah, da&szlig; die unbekannte
+Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
+Haaren einen r&uuml;hrenden Eindruck auf
+ihn machte, nun stille war und die Augen
+geschlossen hatte.</p>
+
+<p>Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; w&auml;hrend
+sie schlief, wurde ihr Gesicht erst bleich
+und immer bleicher; von einem gewissen
+Punkt an kehrte aber die Farbe des Lebens
+zur&uuml;ck, als ob ein Traum von gl&uuml;cklicher
+und t&auml;tiger Zukunft die Seele j&auml;h ber&uuml;hrt
+h&auml;tte. Dieser Traum erzeugte ein L&auml;cheln;
+das L&auml;cheln schien das Blut, das schon
+verbla&szlig;te, neu zu r&ouml;ten. Verwandlung
+war in ihr; &uuml;ber ihr Verhei&szlig;ung eines
+Geistes aus verwandelter Welt.</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstver&ouml;ffentlichung erstellt. Diese erschien in &raquo;Velhagen
+&amp; Klasings Monatshefte&laquo;, XXXI.&nbsp;Jahrgang 1916/1917, Hefte&nbsp;1-3,
+September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_2">S. 002</a>: [Punkt erg&auml;nzt] M&uuml;he hatte, sie zu beruhigen.</li>
+<li><a href="#Page_3">S. 003</a>: [Punkt korrigiert] &uuml;ber ihn erholt hatte, &rarr; hatte.</li>
+<li><a href="#Page_17">S. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit &rarr; ohnehin</li>
+<li><a href="#Page_167">S. 167</a>: mit abgerissenen Gew&auml;ndern und verst&ouml;rtem Gesichts &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_168">S. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten &rarr; geheilten</li>
+<li><a href="#Page_172">S. 172</a>: die Finsternis brannte ihn f&ouml;rmlich auf der Stirn &rarr; brannte ihm</li>
+<li><a href="#Page_173">S. 173</a>: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, &rarr; Unterfangen ist,</li>
+<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: die Best&uuml;rzung in ihrem Gedicht &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: Er war r&uuml;hrend und unheimlich. &rarr; Es</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Notes:</strong> This ebook has been transcribed from the first
+publication of the story, printed in &#8220;Velhagen &amp; Klasings Monatshefte&#8221;,
+XXXI.&nbsp;bound volume 1916/1917, issues&nbsp;1-3, September-November 1916. The page numbers
+jump according to the distribution of the story onto the three issues of the monthly
+periodical. The table below lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_2">p. 002</a>: [added period] M&uuml;he hatte, sie zu beruhigen.</li>
+<li><a href="#Page_3">p. 003</a>: [corrected period] &uuml;ber ihn erholt hatte, &rarr; hatte.</li>
+<li><a href="#Page_17">p. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit &rarr; ohnehin</li>
+<li><a href="#Page_167">p. 167</a>: mit abgerissenen Gew&auml;ndern und verst&ouml;rtem Gesichts &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_168">p. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten &rarr; geheilten</li>
+<li><a href="#Page_172">p. 172</a>: die Finsternis brannte ihn f&ouml;rmlich auf der Stirn &rarr; brannte ihm</li>
+<li><a href="#Page_173">p. 173</a>: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, &rarr; Unterfangen ist,</li>
+<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: die Best&uuml;rzung in ihrem Gedicht &rarr; Gesicht</li>
+<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: Er war r&uuml;hrend und unheimlich. &rarr; Es</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+***** This file should be named 21860-h.htm or 21860-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
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