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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/21860-0.txt b/21860-0.txt new file mode 100644 index 0000000..50cdc13 --- /dev/null +++ b/21860-0.txt @@ -0,0 +1,4864 @@ +Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Olivia + oder + Die unsichtbare Lampe + + + Erzählung + von + + Jakob Wassermann + + + + +Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war +große Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im +besten Fluß, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die +Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Töchterchen des Hauses flüchtig +gesehen hatte, rühmte dessen besondere Schönheit und Lieblichkeit. Frau +Khuenbeck lächelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr +Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, den Hinweis auf die späte Stunde +ließen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der, +unschlüssig und wie beschämt, nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen +sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu +widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging +dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der +zweijährige Ferdinand und die sechsjährige Olivia. + +Schon saß Olivia auf dem Schoß des Dienstmädchens, die Augen voll +Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr +gekämmt, weiße Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die Beinchen, und so +trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die +Gäste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der Überraschung und +Befriedigung tönte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen +in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr +unbegreiflich waren. + +Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die +Gruppe. Er dachte, daß der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten +werde; da dies aber nicht geschah, rief er plötzlich mit scharfer, ja +barscher Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm +wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.« + +Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete und trug das Kind schnell hinaus. + +Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; sie bewahrte dem, der sie +gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald +wußte sie seinen Namen; er hieß Robert Lamm und war damals noch ein +unbeachteter Beamter im Ministerium. + +Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefühl; in Stunden +kindlicher Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf. +Er war die Verkörperung einer strengeren Schutzgottheit neben der +sanften des Vaters. + + * * * * * + +Wenn der Professor an seinem Schreibtisch saß, geschah es oft, daß sich +Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Füßen +niederließ und in Büchern und in Heften blätterte, die auf dem Boden +aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er +die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: »Du bist da, Kind?« +und lächelte. Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen war, ihn nicht +zu stören. + +Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit +und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne +Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so +nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn. + +Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im +Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von +Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld +verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur +Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher +Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der +Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für +Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich +so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte, +sie zu beruhigen. + +Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat +der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine +Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und +schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und +starb eines plötzlichen Todes. + +Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt, +viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten +weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch +verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod. + +Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte +ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und +von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen, +von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber +keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, – so +lange, bis sie endlich begriff. + + * * * * * + +Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt +verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital +übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen. + +Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es +Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck +hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands +Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun +und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien. + +Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn +zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten +zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte +beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer +Schriftsteller den Ruf einer Autorität. + +Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken +ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich +eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen. + +Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose +und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte +immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach, +stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte +sich an seine Schulter. + +Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, wurde er förmlicher. Er hörte +plötzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er verbeugte sich und +sagte, wenn sie es ausdrücklich verlange und die gnädige Frau, er +verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder +duzen, doch dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie müsse ihn +dann ebenfalls duzen. »Aber ich habe es ja immer getan!« rief Olivia +erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der Onkel nicht,« erwiderte er mit +einer Grimasse, »ich hasse die Onkels.« + +So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine +Förmlichkeit bei, die den Charakter spöttischer Galanterie annahm, als +ihm manches an Olivias Lebensführung zu mißfallen begann. Sie war so +eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher versessen, so atemlos tätig, das +mißfiel ihm; er äußerte sich nicht darüber, er wurde nur immer +spöttischer und galanter. + +Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch saß. Er beugte sich über +ihre Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte den Kopf, und da ihn +Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, blätterte, schüttelte +abermals den Kopf und fragte endlich: »Wie alt bist du denn jetzt?« + +»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im +Lichte der Lampe. + +»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« rief der Hofrat aus. Sein +Gesicht war so traurig, daß Olivia lachen mußte. + +»Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt«, mischte sich die Mutter ins +Gespräch; »Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und +Klavierspiel und Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.« + +So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick für Olivia, +in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es +dir nützen, Mädchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote +Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken? + +Wahrscheinlich wußte er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia +aufwuchs; von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach +Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mußte sich alles ertrotzen, +Arbeit und Genuß, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes +und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolität und der Trägheit. +Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, so durften sie +doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen +Hüter des Herkömmlichen. + +Er wußte nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensfülle und +hoffnungsvolles Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu +Frau Khuenbeck und war enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins +Konzert gegangen. »Es ist das zweite in dieser Woche,« sagte Frau +Khuenbeck; »und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und +am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich weiß nicht, +wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.« + +»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, und deutete auf einen +Tennisschläger und ein Paar weiße Schuhe, die auf einem Stuhle lagen. + +»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht +des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht +Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie +ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so +freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.« + +Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das +allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich; +Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen +zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die +Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen +bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein +unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der +Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam, +war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen +das Gesetz. + +Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener. + + * * * * * + +Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen +genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer +unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das +Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt +hatte. + +Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den +beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb +stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde +blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie +hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die +Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch +beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt +als irgendeine zuvor. + +Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia +wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An +vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen +er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war +immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn +sie ihn einmal des Tages von ferne sah. + +Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich +unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die +Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von +da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in +ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie, +freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten. + +Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie +besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige +und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch +empfänglicher gemacht. + +Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf +und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an +Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die +Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was +im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen +wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in +Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen +Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der +guten gab. + +Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden +Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die +Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr +erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen +Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper, +über jedes Ding in ihrer Stube. + + * * * * * + +Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim, +ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen von ernstem Wesen. Mariannes +Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und +durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten +einer der reichsten Männer des Landes. + +Olivia kam beinahe täglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum +geringsten Dienstboten, bewunderten und verwöhnten sie. Wenn der +Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten über sein +rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte +mit ihr. Olivia hatte Sympathie für ihn; er schien ein gütiger Vater und +ein wohlwollender Mensch zu sein. + +Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn +Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu +einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares +Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhängnisvoll geworden war. Eduard, +ohnehin verschlossenen Gemüts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde +durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an +der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, daß +es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierüber war Frau +von Friesheim sehr unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen +Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhältnis entstand, legte sie +ihr nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem gefährlichen Einfluß +jener Frau zu entziehen. + +Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mußte lachen. Auf der anderen +Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe für sie +hatte. Marianne nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefaßt; +Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es +auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld, +sich geltend zu machen, besaß er nicht. Er war im Gegenteil voll +Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene +Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Körpers. Wenn +man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander +verbunden denken. + +Während nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender +Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglück für seine +Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige +Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch +Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah +er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller +Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. Er schätzte die Künstler gering; die +meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia +solle Marianne dazu bringen, daß sie dem Maler entsage. + +Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie sich nicht berechtigt, und als +seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn +zu überzeugen, daß man zwei Menschen, die durch Bestimmung +zusammengeführt worden, nicht voneinander reißen könne, ohne ihren +Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich in Gründen, +Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe; +schließlich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber +Freude und als vergesse er den ernsthaften Anlaß. Wenn er mit ihr rede, +bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten, +dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch dürfe es nicht sein, um +keinen Preis werde er sich fügen. Olivia schaute ihn an, und als sie +seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen +Urteil über ihn ein wenig irre. + +Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie +begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergängen und ermunterte +Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander +zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Gröger, Eduards +Geliebte, und er bat Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. Sie ließ +sich zu ihr führen, und er merkte ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel. +Da er sie um Offenheit drängte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr +unheimlich, sagte sie. »Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich +machen,« äußerte sie ein anderes Mal zögernd. Eduard war bestürzt und +kam immer wieder darauf zurück. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie +hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen +war, suchte er Olivias Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen und quälte +Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenkünfte zu +zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden +getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards +Herz sich ihr entschiedener zuwandte. + +Nun mußte sie abwehren, und sie tat es begütigend. Es war ihr alles ein +Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie +aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. Sie spürte, +daß sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und daß die andere dabei +verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie +suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte +seinen Rat haben, doch er war zurückhaltend und hörte mit seinem +reizenden Lächeln zu. + +Eines Abends saß sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlägerig, +Eduard war für ein paar Tage verreist. Sie sprachen über die beiden, +über die Eltern, über das Leben im Hause; plötzlich sagte Ingbert, der +Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas +Vergebliches und Künstliches, da er doch genau wisse, daß Marianne ihm +niemals angehören würde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine +Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, er beklage sich +ja nicht, er klage auch nicht an; daß Herr von Friesheim gegen ihn +eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn +aufzunehmen; jede äußere Schwierigkeit sei überwindlich. Es liege nicht +an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit +steige oder falle sein Stern. + +»Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist,« schloß er leise; +»das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz +läßt sich verführen, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber +spricht sie, und man steht sündig da und will doch nicht noch mehr +sündigen.« + +Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an +Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer +gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert +war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen, +die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne +preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie +wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern. + +Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete, +daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und +Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich +hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an +sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia +gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden. + +Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde +mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es +entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert, +Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß +Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche +Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen +und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen +verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog. + +Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der +Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und +Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in +jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort +ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand +immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden, +verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz +nach ihrem Gefallen. + + * * * * * + +Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren, +verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem +Ausflug in die Dolomiten. + +An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her +ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte +Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen +Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert; +ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über +die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine +Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit +Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine +Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem +andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche +reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter +ausbrachen. + +Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in +ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein. + +Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte, +schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe +auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden, +erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie +errötete vor Freude. + +Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war +unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch +jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch. + +Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier +saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner +ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte +er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie +zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so +zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er +nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie +kühl. + +Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig +Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische +Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die +andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu, +und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack +wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr +die Hand. + +Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er +sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die +beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den +Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn +stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete +sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach, +aber er kümmerte sich nicht um sie. + +Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen +gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der +Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht. +Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der +frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter, +harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende +den Kopf zurück. + +Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den +Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein +reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter, +sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt. + +Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die +gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er +fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine +Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut. +Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum +Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund +seiner gestrigen jähen Verstimmung. + +Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß +sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in +deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des +Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten +sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster. +Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an. + +Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der +Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des +Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die +Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm +zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel +anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch. +Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung +verwirken und seinen Namen beflecken.« + +Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,« +begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt +zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist. +Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer +unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein +Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene +Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist +imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben, +ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht +vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte +ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem +Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen. +Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil +sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und +kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde +einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den +Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind, +er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon +meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz’ dich wieder an +seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.« + +Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal. +Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich +einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn +in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte +er. + +»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben. + +»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so +freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott +soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und +weil überhaupt alles so famos ist.« + +Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden. + +Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich +habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich +ist.« + +Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er +eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem +Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von +den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese +ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des +Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das +halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer +vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße, +das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch +unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem +Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase, +oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder +der Eigennutz, oder der Neid. + +Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige +Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören. + +Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch +Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es +war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles +verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein +Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und +fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders. + +An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr +vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber +Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine +Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel +nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia +fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu +verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem +Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick +forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich +zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in +seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte, +zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe, +seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine +Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm. + +Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich +treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne +war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren +ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht +unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte, +nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und +anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein +Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache +herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften +Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter +darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte, +was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die +ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie +auseinander. + +Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause +reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter +sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr +geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer +Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher +an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte +die Erinnerung auslöschen mögen. + +Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von +gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht +zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der +langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von +Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus +unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide +kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich +in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und +übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er +hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute +in die Landschaft. + +Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte +die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie +fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie +sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier +darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme +Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es +sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer +Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein +gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich +will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd +hinzu: »Vielleicht brauch’ ich dich.« + +Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du – mich?« + +»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses +Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe +zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit, +die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich +kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel +steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten +Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das +begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste +Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht +geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon +tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab’ ich mir in den +Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich +fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir +vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb’ wohl, grüß’ mir die +Mutter.« + +Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren +mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler +gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr +plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter +in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert +Lamm. + + * * * * * + +In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge +Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner +Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer +Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, +was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die +Erkrankung zur Anzeige gebracht. + +Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in +letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu +hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der +Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und +Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden. +Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder +Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete +die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde. + +Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung, +die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort +befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich +Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von +Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung +machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer +erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus. +Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau +die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine +Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die +Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in +seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September +wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt. + +Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die +Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens, +Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der +Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, +und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt +schützen sollte. + +Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor +körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm +nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten, +die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war +ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig +Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse +wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er +mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist +getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein +Greis aus. + +Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war +aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu +beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen, +wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie +sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in +die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn +bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben +anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der +ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch +tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er +zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte +eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit +hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet. + +Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für +die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben +waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die +Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich +dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig +hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen +Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg +führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein +hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen +durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich +verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte. + +Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die +Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im +Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der +Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag +hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen +Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit +näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich +alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, +und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann +zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht +nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des +in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann +zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle +schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen +Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und +feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen +des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein +solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das +Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank +verdient. + +Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte +auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal +gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war +offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige +Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum +Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte +wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim. +Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser +Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er +bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an, +man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder +beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit, +dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er +seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er, +vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh +er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch +jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor +der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu +treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage +nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors +Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche +Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt +der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus +wohlerwogenen Gründen zurückweisen. + +»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine +Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die +Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach +seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen. + +An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall +aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor +die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin +zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um +ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und +vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu +endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr +nützen und die Lebenden nur verdrießen würde? + +»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit +funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun, +wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.« + +Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der +Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts +anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im +stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen +Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn +würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner +Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied +wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den +Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel +oder Einwand von oben nicht zu fürchten. + +Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder +gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel +giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die +Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen +aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog +sich ganz in seine Villa zurück. + +Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln +und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch +eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume +enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten +Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in +einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener +Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse. + + * * * * * + +Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu +ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf, +ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie +sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las. + +Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es +von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß +sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz +auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie +wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien +es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht +näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine +Nähe. + +Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner +Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in +unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem +Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging +verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was +sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie +zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern. + +Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und +Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin, +das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf +das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen +Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die +rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines +Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon +eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen +ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia +noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau +erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine +Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das +Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie. + +In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken +hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt. +Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen +Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst +mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie +waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus +mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer +genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen +Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten +waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine +Zuversicht nicht heben. + +Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann +auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig, +Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute +erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr +vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum +zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch +heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie +Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt +zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja, +hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie +soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und +um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte +langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den +Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab’ dich ungerecht +beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun +ganz kalt und zugeschlossen. + +Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin +abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber. +Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle +keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und +dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte +sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als +sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein +blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre +offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung +entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln. + +Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr +vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts +verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und +besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte +Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte +stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm, +wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm, +von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage +später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich +aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag +etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging +zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte +Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir, +gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein +anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über +ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe +er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit +solchen Aufträgen zu verschonen.« + +Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr +er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll’s mit der ganzen +Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie +besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist +alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen, +werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den +andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr +schlechtes Gewissen.« + +Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein +unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er +riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken +spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor +seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem +verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem +Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes +Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie +durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie +aufgerichtet hatte. + +Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht, +daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß +zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte +ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um; +ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der +Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine +vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich. +Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst, +was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über +diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr +ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun +Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich +verdunkelt. + +Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu +gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld, +die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um +Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der +Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, – zu den +Menschen, von den Menschen. + +Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen +vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen +gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit +ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse +nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an +den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei? + +Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die +Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die +Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch +hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines +Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen +Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und +vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes, +richtendes Gesicht. + +Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr +Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg, +der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen +die Welt zu verlieren. + + * * * * * + +Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer +Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft +Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich +entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching; +Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen +Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur +Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert. + +Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden, +da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm +und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als +Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck +erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle. +Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar +Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten +begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene +abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es +bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen, +meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem +hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten, +Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er +gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes +Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so +unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets +in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und +ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder +trocken und hölzern höflich, empfahl. + +Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt +machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber +zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie +gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr +zu enthalten. + +Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren +unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber +auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen +natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene +finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die +Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte +fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer +lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und +geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können, +doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in +die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen? + +Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen +sie beschlich. + +Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und +statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte +beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und +fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?« + +Stumm schaute sie zu Boden. + +»Komm morgen,« sagte er befehlend. + +Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte +Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem +Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg. + + * * * * * + +Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener +Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die +Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er +harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um. + +Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er +zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der +junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über +ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre, +wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten +sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung +als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem +flüchtigen Genuß zum Opfer falle. + +Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag +gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem +eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte +sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein +passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine +Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem +Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten +sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in +wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In +vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause +ausrichten. + +»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst +kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du’s +wünschest, richt’ ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und +träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es +ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen, +besser ist’s, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.« + +Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie +seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem +ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen +hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen +abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter +nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die +Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab +es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine +ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den +Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer +verhüllt war. + +Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen. +Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und +Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht +zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich +gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit +zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in +bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt; +die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und +sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm. + +Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich +bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre +wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft +wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften +lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.« + +»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht +wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in +manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und +wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein +ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller +vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den +Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul +zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und +Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten, +Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das +Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche +Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein +Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und +jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu +katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine +Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die +ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.« + +Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und +verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige +Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut +der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei +als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem +Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem +Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du +meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm +richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, also!« +– »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er, +bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild +unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste, +ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine +Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken. +Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie +selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner +Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines +Allesiebengradeseinlassens.« + +Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich +reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck +habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er +sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den +Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen. +Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen, +wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen, +daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte +gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines +Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der +klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei +mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und +zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit +alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe. + +»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah +wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm. +»Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht +heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler. +Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er +war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er +nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium +wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die +zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung +erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die +Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er +wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz +vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von +den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für +Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf +die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als +er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen. +Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die +Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz +niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an, +machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir +bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum +Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und +Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden +ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und +macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein +Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und +Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn’s +überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur +Belohnung einen Fußtritt.« + +›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll +war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten, +Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die +Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich +einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber +sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin +bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und +spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag. + +Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem +Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich +auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit +ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele +nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen. + +Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie +wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken +der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen +redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere +die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral +gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie +erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so +viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht +wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den +Tod gejagt habe. + +Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der +wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um +sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe, +als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende +Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften +Bahn ein Ziel gesetzt. + +Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich +Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun +und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich +niedersinken. + + * * * * * + +Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam +er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine +finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie +mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen +Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah, +erschlaffte jeder Nerv an ihr. + +Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners +war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete +Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem +ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines +wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen +verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die +Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners +Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh. +Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos +wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext +von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte +still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher. +Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein +seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas +schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in +einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser +Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten. + +In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen +Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er +dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde +ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und +wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie +erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und +versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in +welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei +ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder +Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, +dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm. +Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein +Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte +sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert +in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine +aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien +Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht +und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß +nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.« + +Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie +lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort +mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes. + +In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein +Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen +selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, +trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen +wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen +Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas +Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia +erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das +Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte +er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer +Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam, +stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares +Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht! +hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit +einem dumpfen Schrei brach sie zusammen. + +Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen +Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für +alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner +Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle +Bemühungen waren vollkommen vergebens. + +Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer +Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren +Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht +beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort +waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein, +bevor sie am Tor läutete. + +Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war +in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich +gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich +durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter +brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern, +sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts +am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle +nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu +bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein +drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde +anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange +strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und +immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten +sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der +drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe +brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie +einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und +die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das +Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte +sich. + +Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der +Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie +wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die +schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so +weltfern und ohne Freude. + +›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne +Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹ + +Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In +zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und +Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien +vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, +Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, +Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, +Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller +Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und +Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest +der Natur. + +Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und +suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose. + +Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ, +hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen +Preis dem Rufe folgen und zurückkehren. + +Sie kehrte nicht zurück. + + * * * * * + +Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen +Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach +Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich, +gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem +Menschen. + +In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe, +wenn auch ohne Enthusiasmus. + +Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer +Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen +Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit +Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß +ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm +vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes. + +Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in +der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen, +wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur +zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.« + +Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und +sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In +Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht +ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war, +bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig, +Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das +Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem +Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme. + +Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm, +wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch +zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie +kalt. + +Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die +Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen +war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt, +ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien +gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und +matt. + +Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen +alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich +selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen +sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein +Sanatorium am Bodensee. + +Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war, +sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle +ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen +Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom +November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke +und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt. + +Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand +erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit +waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen +pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude +über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre +Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding. + +Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb. + + * * * * * + +Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: +»Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.« + +Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends +aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war, +traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß +dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie +kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte. + +In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und +Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein +Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im +Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen +kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde +bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied +wurde gesungen. + +Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor +Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war. + +Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine +Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden +geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen, +Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer +selbstischen Pein. + +›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die +Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal +hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, +von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie +seine Gewalt. + +Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam. +Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte, +war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im +übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl. +Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann +sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre +Einsamkeit zu stören versucht hätte. + +Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und +Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie +vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein +Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde. + +Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die +vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr +verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer +längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie +sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu +fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr +wirklich so? + +Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah +aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel. +Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge +sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm. +Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in +die Hand und weinte. Es waren gute Tränen. + +Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige +schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten +Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den +Augen, das wie ein Funke herübersprang. + +Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den +Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die +vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine +einheitliche Kraft. + +In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein; +sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als +seufzten die Pflastersteine. + +Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen +Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem +unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie +waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die +Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm +zum Kerker geworden war. + + * * * * * + +Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie +ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte, +konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr +war Frage, Zweifel, dunkles Ringen. + +So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre +Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte +Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo +zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren +mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, +mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden. + +Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? +Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als +müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt +verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher +Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu +Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?« + +»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort. + +Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten +sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie +trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die +Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten +alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene +Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, +ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz! + +Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie +wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern +an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen +Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war +dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie +von einem Ort der Sünde. + +Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du? +Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie +wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von +neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot +ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, +es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur +eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach +Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was +sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort +seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den +Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie, +Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen. + +Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und +Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht. + +Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein +Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen +unbewohnten Zimmern. + +»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf +Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude. + +Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile +gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms +Villa fahren. + +Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob +der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den +Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers. + + * * * * * + +Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des +jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, +schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?« + +Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der +schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch +elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen +erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah +und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens, +in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an +ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. +Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die +Wucht von Erfrorenem. + +Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden +mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein +selbstsüchtiger Anlaß führt dich her? + +Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte +sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte +haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen +können.« + +»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast +offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die +notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?« + +Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um +Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn +zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein +Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat +zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert +haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, +Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so +doch zum Sterben.« + +Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht. + +»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände +gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit +mir und schau’ sie an.« + +Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte +nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht +geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es +nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig. +Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das +überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben +an ihre Wichtigkeit haben.« + +Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am +ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,« +stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte +sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du +liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog +mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte +finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich +selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen +schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief +suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand +haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den +Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In +leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich, +öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und +richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn +ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte +sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen +Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, +drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz +und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei +allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches, +daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar +wurde. + +Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter +Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er +tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.« + +Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das +Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur +nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand +läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter, +noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –« + +»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als +unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir +die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,« +warf Olivia ein. + +Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten +überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus +allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?« + +»Das laß meine Sorge sein.« + +»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.« + +»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch +andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel +entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der +jetzt nicht hilft.« + +Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich +an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach +einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. +Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach +deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes +Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung +mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig +machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist +wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf +meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da, +für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die +Zeit nicht.« + +Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und +drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug +hierauf den Blick zu Boden. Sie ging. + + * * * * * + +Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm. + +Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt +halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in +das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen +Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein +durfte. + +Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken +sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg. + +Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die +Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn. + +Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen +ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch +unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend +blaue Himmel trat hervor. + +In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er +merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem +Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen. +Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er +legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die +Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte, +nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß +es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die +Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon. + +Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine +Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen. + +Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das +Gebirge. + +Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich +abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die +Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern, +die im Feuer glühen. + +Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die +Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften +Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er +aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes +Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich +eine herzlose, fanatische Schadenfreude. + +Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der +Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene +hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege +hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte +der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.« + +Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt +kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er +den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken +anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es +ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er +mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, +viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm +zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen +Pranken hielt. + +Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins +Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd +und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin +zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit +dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den +Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die +Finsternis. + +Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren +und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und +verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper +und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach +der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein +Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die +geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er +wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und +Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute +mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten +etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch +erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen +des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der +Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein +Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die +Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr +ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen. +Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem +Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die +Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen. +Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen +vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob +sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht +für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die +Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen. +Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter +geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er +des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie +schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, +und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die +Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin. + +In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich +ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie +lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen, +den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie +darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges +in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein +wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war +eine andere, unheilvoll verwandelt. + +»Olivia,« murmelte er vor sich hin. + +Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin +und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem +Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und +schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er +herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur +verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf +einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei +ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden +und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich +packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht +hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf +den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er +ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein +Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken +war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus +der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin +er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von +Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen +hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die +schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser +fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu +unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder +sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch +und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, +ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein. + +Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es +Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber +bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen +mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend +abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten +sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den +ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach. + +Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm +gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während +sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er +die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam +unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und +könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte. + +Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr +er in die Stadt. + +Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem +Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen. +Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte. +Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den +Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe. + +Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, +schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter +Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und +verlor den Zusammenhang. + +Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die +Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit +gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag +eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises +nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er +trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets +aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine +Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein +Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend +gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß. + +Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des +Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie. +Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, +ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen +fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das +Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden +war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, +sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man +immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme. + +Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa +sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als +öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein +Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen +Ort. + +Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit +Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu, +der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf +und ließ den Verdutzten stehen. + +In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in +einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er +eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten +ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder +aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein +müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen. +Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das +Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle +Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich +nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand, +erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten, +erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die +Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte +Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die +sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten +Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig +blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die +Faust und lächelte düster. + +Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während +seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu +spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte +mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er +in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung +steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett. + +Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und +Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen +brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, +die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben +stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und +einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine +eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein +Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging, +stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, +daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend +aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen +Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den +warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und +an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die +letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der +Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; +er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein +Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht +eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit +dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht +über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie +sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer +Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er +zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg +versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach +eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem +dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem +Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die +Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er +sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte +wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, +wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, +ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa +anlangte. + +Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und +aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster +waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es +war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein +Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der +Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm +entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden +gelehrt hatte! + +Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen +Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die +Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte +noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von +Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war +Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und +Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des +Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt, +die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht +habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung +entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten +für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und +erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit, +das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen +verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen +seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber +nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde +des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß +Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst +täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen. +Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere +Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei +ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem +Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er +hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem +Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue +Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei +Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch. + +Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab. + +Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park +gebaut werden.« + +Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was +dreinzureden, dünkt mich!« + +»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals. + +Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert +Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. +»Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich +zusammengeschaudert. + +Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem +Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der +Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb +beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug +Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um. +Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht +verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war +schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte +ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den +Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen +Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen +Schrei. + +»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man +kann nicht mehr leben in dem Haus.« + +Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das +Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt +trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert +Lamm erkannte, war Olivia. + +Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf +den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das +Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine +Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. +Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird +sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit +hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden. + +Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert +Lamm den Kopf. + +Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem +bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt +worden war. + + * * * * * + +Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es +herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des +Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht +hatte. + +In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein +Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen +wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit +ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer +Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er +dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren +Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der +Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er +öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds +Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig +erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. +Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck +sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold +zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde +später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, +wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu. + +Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die +Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu +schmettern,« sagte er furchtsam. + +Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er. + +Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es +weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer +durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich +steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu +begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen +träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer +gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen +Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er +wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr +erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr +Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er +schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen +sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war. + +»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst +dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu +wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir +vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in +einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das +eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so +verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll. +Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.« + +Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie +ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter +Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du +denn eigentlich von mir?« + +Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt +mehr Brechungen und entschiedenere Akzente. + +»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz. + +»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu +machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht +hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr +über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?« + +Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es +umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht +und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte, +seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung +nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte. + +»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für +eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und +dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.« + +»Baracken? In meinem Park?« + +»Ja, an der Südseite des Hauses.« + +Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt +werden! Hundertjährige Bäume!« + +»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer +Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!« + +Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal +um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus +unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn +du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden. +Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der +Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor +Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.« + +Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte, +rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte +einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick +in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie +selbst, und nicht eine Doppelgängerin. + + * * * * * + +Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie. + +Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als +sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in +später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der +Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten. + +In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las +aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich +düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem +beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und +Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden +Krater eines Vulkans. + +Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem +Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das +Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und +wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach +Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts. +Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte +sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm +endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf +hinaus. + +Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte +die Lider nicht schließen, die Finsternis brannte ihm förmlich auf der +Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, +geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der +Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt +wie Gift. + +Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht +verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit +Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war. +Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des +Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender +Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge +ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit +rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm +richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft +hinein: »Ruhe!« + +Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört. +Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete +ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen +bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden +eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles +geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine +Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume +lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele, +um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der +Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher +warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte, +auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken +Menschen!‹ + +Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch +er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie +ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über +ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu +eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein. + +Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein +altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich +entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine +Blütezeit vorüber sei. + + * * * * * + +Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf. + +Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche +Einwilligung zum Bau der Baracken. + +Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität +verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte. + +Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig. +Es war für sie ein Fall unter vielen. + +Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem +Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur +Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und +nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen. + +»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. +Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige +Weg, für dich der Irrweg.« + +»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir +entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie +mir gezeigt hast,« antwortete sie. + +»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die +Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu +urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.« + +»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die +Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.« + +»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich +plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt +empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines +Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu +verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er +die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der +Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange +gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. +Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen +und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch +verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker, +Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt +mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon +verzeihen, Olivia.« + +Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten +Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der +geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich +nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß +ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s +nicht sein.« + +»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine +Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß +du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht +ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist, +indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der +Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen +ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht +hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines +einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer +geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder +er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da +sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja +verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von +Grausamkeit, das mir Mut einflößt.« + +»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen +strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den +Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von +der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die +ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber +gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch +ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum +also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor +dem, was nun einmal ist?« + +Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er +warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete +Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer +Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und +trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und +in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte +immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem +zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem +Geist Rechtfertigungen ab. + +Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war, +als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen +Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie +die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge, +was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter +einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not +geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu +viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den +Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz +geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper, +sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der +in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die +Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich +Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre +vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die +Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn +Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein +Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen. + +Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin +auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie. + +»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil +er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm +selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war. + +»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er +Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest, +bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate +ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines +Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, +was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das +einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod +nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!« + +»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des +Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich +solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der +Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,« +antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu. +»Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede +Form zerstört!« + +»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht +zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein +auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte, +mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere, +Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!« + +Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick +und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide +Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist +fürchterlich! Fürchterlich!« + +Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da. + +Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über +ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet +soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.« + +Schnell verließ sie das Zimmer. + + * * * * * + +Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne +Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien +gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen +und keinerlei Auskunft über sich geben. + +Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in +der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß, +vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn +und Wangen von Haaren frei waren. + +Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das +war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im +Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte. +Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen +und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde. +Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da. + +Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem +inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz +bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet, +und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen +sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs +fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf +Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen +mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer +Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn +festzuhalten. + +Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb +stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den +wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In +jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein +Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren +Geheimnisses näher ist als bisher. + +Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte, +die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne +leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, +wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich +ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie +tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen +Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl +von Gott. + +Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben. + + * * * * * + +Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte +berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine +Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler, +mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen +Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer. + +Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch +konnte er beim Gehen besser denken. + +Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, +daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der +neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach, +die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte. + +Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis +drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer +waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause, +jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine +Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung. +Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten! + +Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten. +Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er, +daß sich niemand um ihn kümmerte. + +Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich +vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es +stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch +wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an +jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl +gerechtfertigt hätte. + +Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren +hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen +einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia. + +Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte +ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte, +die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und +schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte. + +Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um +einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und +Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die +dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete +sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn +heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit +Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er +ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der +Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht; +er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von +sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen +getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und +Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich +nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus. + +Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln: +alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe, +Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm +beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn +lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu +begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend +Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner +Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm +sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der +Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die +Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben; +mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne, +rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt +hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am +günstigsten war. + +Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände, +die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen +können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte +ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei +natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben +und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte. +Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in +vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf +jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er +sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er +wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein +männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der +Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte +ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines +Lebensgartens gepflanzt hatte. + +Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen +gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum +Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch, +weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen +etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte +sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören, +sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, +nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden +müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg. + +Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in +einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den +Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich +beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; +es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem +körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden +kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und +beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die +Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und +zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht. + + * * * * * + +Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und +ging zu Frau Khuenbeck. + +Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie +gekümmert, das trug sie ihm nach. + +Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia +geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte, +erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei +ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine +Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich +bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts +gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig +zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt +wurde. + +»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den +Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein +Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich +muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten +Dingen zu?« + +Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt +es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen. + +»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck. +»Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit +darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. +Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie +genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den +betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich +sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.« + +»Märchen,« warf Robert Lamm hin. + +»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein +Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte +meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es +sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung +geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.« + +»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine +sind,« bemerkte Lamm trocken. + +Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt +einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet +mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie +warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, +frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, +doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! +Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind +eine schreckliche Sünde.« + +Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist +außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut +und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.« + +»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom +Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt +ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je +wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?« + +Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen, +Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt +unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben +nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe +Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im +Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste +Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch, +das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.« + + * * * * * + +Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren +in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit +außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas +aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und +Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten +Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher +Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des +Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue +sich, dies öffentlich verkündigen zu können. + +Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus +irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging. + +Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten. +Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.« + +Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von +Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die +Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem +zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem +Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte +einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn +der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst, +so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹« + +Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,« +antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen +Mänteln versehen.« + +Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor +Strygowski, wenn ich nicht irre –?« + +»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen +habe –« + +Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den +Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender +Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem +Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn +Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an +Sie zu richten.« + +Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit +erlaube. + +»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur +heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl. + +Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten +Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf. +Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die +Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger +Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, +verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie +grübelten. + +Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben +Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte, +nickte sie ihm ohne Lächeln zu. + + * * * * * + +Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat. +Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen +Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl. + +»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne +Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer +ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch +immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit +ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias +zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?« + +Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete +der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer +Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.« + +»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie +beharrlich blieb?« + +»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski. + +»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die +sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und +aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu +versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. +Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt, +muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an +eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich +ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.« + +»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei +Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr +Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige +und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig +Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue +Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, +der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne +Grenze ist.« + +»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit +erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und +umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest. + +Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir +haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit +der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu +erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie +unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die +Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom +gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur +Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und +sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst +heißt das, nur von sich selbst.« + +Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich +mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es +nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch +aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, +auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier +oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein +hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem +Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; +sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein +Wagnis.« + +Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und +unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor +einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige +Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren +Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne +einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der +angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die +Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen +riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester +Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als +wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist +mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹« + +»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit +erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,« +fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die +Logik im Stich.« + +»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,« +sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin +Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache +wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung +in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben +und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich +schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem +stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das +ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die +gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, +einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es +scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die +Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären, +irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im +stillen nenne ich es die Metempsyche.« + +Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr +Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das +harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des +Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die +von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und +Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer +treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte, +einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit +der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat +sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.« + +»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat +nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so +etwas nicht zum zweitenmal.« + +»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder, +»ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine +verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der +ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten +mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu +sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu +Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich +sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so +manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst +Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres +Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.« + +Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß +man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der +Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und +zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der +Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den +krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen +Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen +hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie +sich dazu?« + +»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und +verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski. +Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein +Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so +zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein +Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. +Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr +unbeirrbar gerichteter Weg.« + +»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf +fall’ ich Ihnen nicht herein!« + +Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich +habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er +leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich +gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert +habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle, +nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg führt, den sie geht.« + +Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an. + +»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie +wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund. + +»Ich verstehe nicht –« + +»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es +zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime +Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein +egoistisches Ziel.« + +»Hierauf habe ich keine Antwort.« + +»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte +mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an +Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann +sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten +gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?« + +»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte +Strygowski, der blaß geworden war. + +»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir +fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort. +»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie +sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein +Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern +bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken? +Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir +leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein, +auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger +ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme. +Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus +erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann, +auch wenn sie Olivia heißt?« + +»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie +sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst +bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor +der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.« + +»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist, +der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie +dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.« + +Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche, +überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte +dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite +Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt +werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie +dabei sehen.« + +»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann +ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.« + +»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne +dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden. + +In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren, +ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür +und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen +Vorraum und die Treppe hinunter. + +Doktor Strygowski folgte ihm. + + * * * * * + +Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als +er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie +ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper +schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an. + +»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,« +flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie +geschwollen. + +»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm. + +Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber +nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er. + +Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube +zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so +sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen +Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große +Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren +ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein +grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte +man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige +Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten +die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie. + +Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß +gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben +ist eingenickt.« + +Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die +Türe. Es war Olivia. + +Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu +weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas +Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die +schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter. +Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht +verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den +Kopf und ging weiter. + +Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr +zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen, +wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia +schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft +an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt. + +Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte. +Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze +Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie +alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen. + +Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine +ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu +Ende.« + +»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia. + + * * * * * + +Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige +Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des +Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia +bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu +lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks. + +Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren +Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug. + +Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der +Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in +sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp. + +Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und +lauschte dem Herzschlag. + +War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im +Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des +Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten +Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet, +ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie +wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein +Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen +den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden +und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des +Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte. + +Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang +es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und +dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt; +in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte +sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen: +Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis +befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus +unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er +riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und +hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung, +als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu +ziehen. + +Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des +Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und +Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den +blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der +deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht +gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher +Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin. + +Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher +Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in +der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm. + + * * * * * + +Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am +Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede +Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo +ist Trost? + +Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame +Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie +zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen +sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken +zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes +Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum +Tag. + +Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden, +vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte +oder Geduld einflößte. + +Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie +fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr +hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter +Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn +sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß. + +Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie +wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, +völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte +sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war. +Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern +leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers, +erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, +die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was +dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den +Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der +von überallher tönenden Klage. + +Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte +Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst +die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.« + +»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt +zurück. + +Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den +Bruder beklagte. + +Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den +Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines +Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers +bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. +Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder +Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen +erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine +Wüstenei verwandelte. + +Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter +traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia, +wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die +dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder +schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben. + +»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich +verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer +stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute +gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in +ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt +und den Verstand geraubt hatte. + +Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. +Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, +wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die +Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit +ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und +Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann +darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben +können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den +Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das +alles nun vorbei war. + +Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr +gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und +niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch +die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging +das zu? + +Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, +die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und +darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl +gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag, +erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm +vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er +unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines +bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages +war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig +ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre +Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, +sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er +Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es +ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern +begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar +tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie +langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß +sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. +Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich +ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte +fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor +sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.« + +Woher kam ihm dieser Heroismus? + +Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er +schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht +hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen? +Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste +Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der +Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor +sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem +Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« +Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand +hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir +dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand, +und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es +den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen +Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn +Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, +Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem +Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe, +was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch +der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens. + +Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte. +Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis +Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh, +doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen +und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, +und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden, +alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen +gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu +erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße +und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses +Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die +Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon +nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus +betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod +bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im +Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre +auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu +Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten +sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit +der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas +Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam +immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer +wieder beschreiben. + +Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei +die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war. +Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?« + +In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn +zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis +ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es, +der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich +gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich +hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins +getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß +sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang. + +Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes? +Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden +lassen? + +Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen +und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander +zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere +zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber +noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der +unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er +sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die +Sprache verloren. + +Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die +Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die +andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und +nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den +Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu +fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und +wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre +Säuglinge verschmachteten. + +Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel +glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater +mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen, +Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen, +die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander +zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und +Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn +die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das +körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung +flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für +den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und +nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt. + +Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker +zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt, +ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den +Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in +den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in +den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und +Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute +und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche +und Unglückliche. + +Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und +alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst +auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den +Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer +Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder +Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes +und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich +berauschen wollten. + +Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer +Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte. + + Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten, + zu begraben, zu begraben die Soldaten. + + Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge, + dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge. + + Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben! + die Gemeinen unten, Korporale oben. + + An den Seiten viere, in der Mitten viere, + überquer die Herren, Herren Offiziere. + + Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe, + dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe. + + Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden, + zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten. + + Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen, + morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen. + +Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen +Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und +verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen. + +Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie +suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den +Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des +Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den +unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht +sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen; +Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles +Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn. + + * * * * * + +Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein +zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete. +Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft. + +Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie +waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und +tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und +verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende +der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie +ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen, +und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute. + +Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen +warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt +auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen. + +Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine +Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt, +und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe +von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und +tropfte in leisen Schlägen auf den Boden. + +Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob +sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die +Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend +und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, +das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war +die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und +hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in +die Hände. + +Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war +es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen +Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich +begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer +solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und +sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde +zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu +befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still +gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln +begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte +einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah +es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid. + +Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten +einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust +unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit +geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib +sie mir wieder! + +In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf +einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere, +ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter +Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der +jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter +wieder! + +Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich: +Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern! + +Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich +um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und +bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser +Land, gib uns unsere Wälder! + +Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du +Mörder, unsre Söhne! + +Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr +Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war +als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge +erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten +etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte +er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und +schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes +Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies +und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne? +Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter? + +Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere +Länder! Du in Ewigkeit Verruchter! + +Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob +sie im Theater säße. + + * * * * * + +Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo +kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch +Freude, wie kann je wieder Freude entstehen? + +Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die +Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter +Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und +innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur +gebunden! + +Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und +beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein +letztes Asyl. + +Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im +Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause +vor der versteinerten Mutter. + +Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen. + +»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche +Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.« + +Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum +werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken +auf ein Bett binden.« + +Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich +nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.« + +»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du +glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten +ihre Toten beklagen zu helfen.« + +»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und +ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das +schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in +unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist +kein Ruhm damit zu holen.« + +Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich +dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ, +beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese +wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde +verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr +lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.« + +Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,« +sagte sie. + +»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt +von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von +mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im +Wege, auch mir selbst.« + +»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war +plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte. + +»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?« + +»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor +ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.« + +»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich, +vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. +Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?« +brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit +kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie +Einsamkeit.« + +Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen +könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich +seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht +zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne +Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes +Wesen umnachtet und im Krampf. + +Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen. +Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht +wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich +alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das, +wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt. + + * * * * * + +Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er +sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel +kann ich Absolution erwerben. + +Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach +Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu +schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren +Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit +ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die +Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler +und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß +sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß +er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und +Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um +die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und +Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern +und klatschte den falschen Propheten Beifall. + +Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im +Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der +Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit +der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit +dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des +Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung. + +Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm +eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während +ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer +Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen +Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er +den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung, +fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte +sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen +Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn +die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast +schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn +verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den +Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der +Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, +wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie +verlassen hatte. + +Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen +Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der +Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser +Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine +Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen +und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die +Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst. + +Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk! + +Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer +sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm +jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und +schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der +Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein +Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die +Türe und Olivia trat herein. + +Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte. + +Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war +nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer +empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie +nicht erwartet. + +So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem +Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch +einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn +gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester +geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht +gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen. + +Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der +erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in +den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die +Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in +geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr +entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, +nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war +noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. +Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, +so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte. + +›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du +mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl +alles, was sie um sich her gebaut hatte. + +Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr +entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der +Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das +ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man +einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein +hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen +Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine +wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig +Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen +lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden +mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den +niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen +Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und +die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie +hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert, +die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. +Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine +Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren. + +Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man +erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf +zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: +»Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.« + +Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen. + +Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer +Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu +rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach +einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder +in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie +widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch +außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte +sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter +verstanden. + + * * * * * + +An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine +Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war. +Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und +hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den +Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu +ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner +erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in +diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen +zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag. + +Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias +Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust. + +Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort +auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte +verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem +Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand +Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze, +herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges +Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper. + +Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie +ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit +ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte; +hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu +überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war +in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie +kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, +von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in +eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen +erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung. + +Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und +der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit, +und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender +wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, +einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel +Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt +des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit +Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ +er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge +befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen +Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das +strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu +besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte. + +Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich +mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem +bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte +zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu +jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der +Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger +vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn +in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief; +da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie +als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu +sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte +sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus +und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und +reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche +Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer +verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die +zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz +unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele +unter sich begrub. + +Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und +nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar +kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als +habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt +und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon +ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs, +als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten, +als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch +Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr +nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses +Herz. + +Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt; +hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende +hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der +Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben +gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte +dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es, +die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie +Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen +einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte +ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber +etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die +ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie +hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der +Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem +Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen. + +Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann +kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen +Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit +Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man +sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von +der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, +in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war +doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung +öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft +und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte +Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen +Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der +sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen. + +Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge +anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer +eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens +gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie, +worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts +von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt. + +Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er +vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei. +Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und +erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte +sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, +von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert +und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch +niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, +ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll +Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er +achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei +einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in +ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr +Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte; +sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle +Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem +Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut +sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von +vielen. + +Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr +entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann +der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, +den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem +Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. +Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: +»Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina +erkrankte. + +Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie +konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte, +wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, +und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die +sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum +nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude +hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich +seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn +erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer +und war totenbleich. + +Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft +durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer +Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land +gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst +in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott, +bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war +anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre +Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte +den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. +Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; +war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, +so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten. + +Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des +Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das +Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die +Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet +hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. +Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein +Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem +Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft. + +Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und +suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach +sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines +Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein +Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den +Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem +Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern +und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind +zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von +Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein +Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob +beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus +und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde +mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat +alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den +Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die +Ahnung der Gefahr. + +Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da +wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der +Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: +»Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief +Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres +Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in +die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend +verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die +hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte +Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein +neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu +verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade, +für die Helligkeit und für die Kraft. + +Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen +Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu +mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.« + +Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, +dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe. +Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. +Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann +rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine +Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das +sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie +blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert, +voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun +zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei +Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß. + +Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei. + + * * * * * + +In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ +aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia +war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf +einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz. + +Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war +wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte, +zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, +dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der +ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung. + +Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne +gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung +menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in +ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um +sein Recht zu fordern. + +Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben +hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu +einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf +dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. +Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir +war. + +Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam +eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von +ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es +ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen +Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das +Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es +auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee +davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas +Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche +Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich +so gewesen sein?‹ fragte sie sich. + +Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt +haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; +unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und +sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu +fragen. + +Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im +Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, +der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde +kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich, +ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und +fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, +Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu +versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.« + +»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme. + +»Er liegt in Zawadow bei Strji.« + +»Verwundet?« + +»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen +muß.« + +Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich +danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.« + +Ihr Entschluß war gefaßt. + + * * * * * + +Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier. +»Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei +mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.« + +»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er. + +Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend +in einem Feldspital.« + +Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich +werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir +lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise +einen Schutz.« + +Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er +starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht +das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er. + +Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes +mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in +seine. + +Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu +spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer +Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber +ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes +Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.« + +Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter. + +»Es ist möglich gewesen, das genügt mir,« fuhr er fort. »Die +Verwirklichung wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form +geschaffen, die für meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen, +steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit +gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht hätt’ ich mich +sonst vollends zerfleischt. Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten, +das kann ich; dich für mich behalten darf ich nicht.« + +Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.« + +Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn. +»Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese +Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir, +– die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im +November?« + +»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich _muß_ es eben +tun.« + +»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem +Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das +du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der +Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch +bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.« + +Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg. + +»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann +Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen +neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du, +Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast +du Georg Ingbert schon begraben.« + +»Und doch muß ich zu ihm –« + +»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber. +Zwischen dir und ihm – Gräber; zwischen dir und mir – Gräber. Millionen +von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.« + +»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen +göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.« + +»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die +wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind, +ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das +nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.« + +»_Was_ fühlen? _Was_ glauben?« brach Olivia leidenschaftlich aus. + +»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja, +ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren, +der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts +andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott +pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die +Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In +ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren +Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen +Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst +du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.« + +»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker +ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.« + +Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er +antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen +herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert, +wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte. +Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach +deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht. +Ich will’s versuchen.« + +»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst +du?« + +»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er +wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur in Worte fassen, was +du mir bist.« + +»Robert!« + +Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft +und verließ ihn. + + * * * * * + +Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein +einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren +schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat +und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele, +daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles +sprach von Auferstehung und Erneuerung. + +Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging +sinnend weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte sie sich plötzlich und +betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der +Tod entgegen. + +Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt, +fremd wie der Tod. + + * * * * * + +Erst am dritten Tage konnten sie reisen. + +Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt, +erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im +Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine +teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange +Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben. +Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden +Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte; +Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die +Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit +noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der +Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und +besonnenen Kraft regiert. + +»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu +Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der +da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich +bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? Wo +ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist +mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker? +Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen, +die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht +einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie +wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht können sie uns nicht +geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung +aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und +Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.« + +»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag’s nicht, wenn Gedanken +so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es +endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als +reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet +wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir +nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst +gewetzt hast. Schau’ in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht +in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und +sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag’s ihnen doch, +daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du +ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete. + +In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa +fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf +einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen +Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war +Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen +Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner +nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen, +waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren +Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des +Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung +erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und +wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets +erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten +in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins +Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden +Verwaltungsbehörde pflegen sollte. + +So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er +hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein +Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und +strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen +Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den +Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins +Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf +Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon +Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht, +denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für +einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an +die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden +Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen +Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende +Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten +unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und +geben Sie neuen Kredit.« + +Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt; +das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die +Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten +lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung +mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen +den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem +Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben +dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei, +wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht +zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die +Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner +sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San +führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden. +Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis +zum nächsten Morgen aus. + +Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war +fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen +sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster +draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten +erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem +unverständlichen Jargon leise unterhielten. + +»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein Schwanken für mich,« sagte Lamm. +»Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen +nicht. Ich hab’ dir’s ja auch gelobt.« + +»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um +die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen +Menschen! Ich kenn’ dich nicht mehr!« + +»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich +spür’s in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten, +die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die Welt +braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar. +Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob +um Rahel, viel länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen, +derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab’ nicht begreifen +wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht +bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine +Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond in +mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab’ eine +Erscheinung gehabt, weiter nichts.« + +»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man +sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut, +im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?« + +»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann +heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen +Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh’ ich wieder am Anfang.« + +Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß +aufgeschlagenen Auges. + + * * * * * + +Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren +gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der +Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die +anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht +gewagt zu entscheiden. + +Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel +komme. Lamm widersprach nicht. + +Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia +auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer +Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze +erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am +schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach +ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte +einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst +ruhend gesehen. + +Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte, +waren ihre Augen feucht. + +Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die +Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend +gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer +Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt, +Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb’ wohl, Robert,« +rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon. + +»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,« +sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms. + +Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer +wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse. + +Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er +vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen +aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder +in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte +ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und +vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter, +immer stürmischer wurden. + +Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren +deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende +nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch +die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes +machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er +stehen und schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ dachte er und zog die +Stirn in Falten, ›da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in +ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht +ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch. +Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den +Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am +Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und +Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die +dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es +wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte +und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies +Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt +es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹ + +Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach +einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor +sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß +anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt, +das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den +Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so +hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht, +geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ ich nicht.« Und im +Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab’ +ich nicht.« + +Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das +Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume +starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine +schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches +Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie +das Weinen eines kleinen Kindes. + +Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und +ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf +schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm +rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber +niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig +verlassen, fror und hatte Hunger. + +Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch +einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter. +Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle +hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still. + +Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die +Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an +ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer. +›Ich will es behalten,‹ sagte er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von +Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den +Menschen gehe und für sie schaffe.‹ + + * * * * * + +Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse +verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte +Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen +Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu +verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den +Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft +konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden +Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen +schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte +den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall +rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern +zerrissen. + +Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der +Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein +freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem +Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten +steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager. +Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem +Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte +erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie +sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert +zu finden hoffte. + +Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein +jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant +Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die +Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es +schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer. + +Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den +Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji +war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden +wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den +andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um +Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam +oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf +dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen +von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine +Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie +beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie +konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte +einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war +von oben bis unten mit Blut bespritzt. + +›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh +sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen +Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die +Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet, +antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen +wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber +Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia +und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu +danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich. + +Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf, +als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der +Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine +Zigarette an. + +Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der +Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei +einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte +sich. + +›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum eigentlich? Und warum die +andern, Unzähligen, warum?‹ Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit +des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: ›Warum +nur, warum?‹ + +Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel +Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich +feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft, +bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur +Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt +gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit +drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von +einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin +gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben +und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte +Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und +als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus. + +Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt +ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die +Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer. +Olivia blieb stehen. + +Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren +grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine +auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein +Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug +keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um +Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen, +und man sah an seinem Gang, daß er blind war. + +Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern +entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten +um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber +durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck +war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald +in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner +Nähe gefeit wären. + +Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot, +und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh, +winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als +käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und +je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich +über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte +kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr? +Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein +rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes +Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß +nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei, +daß er nichts mehr von ihr sah. + +Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung +wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war. + +Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht +und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine +Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu +einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das +leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen +Gebäudes. + +Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus, +kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein +schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos. + +Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen +und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein +unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel +gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen. +Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der +Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben, +zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch; +die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung, +verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem +Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne +darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß. + +Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie +dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige +Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein +Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall +zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel +lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das +Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und +zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier +mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie +die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in +einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen. +In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag +ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf +seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. +Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte +tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen +waren traurig und voll Angst. + +Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie +polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber +hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die +linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an +und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden +unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört +werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das +dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer +Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in +einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige +Flucht hin. + +Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom +Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in +die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann +rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und +freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen. + +Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein. +Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke, +deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre +Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn +mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß +entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und +preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren +Mund. + +Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem +bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel +eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises, +der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf +hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich +Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und +immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte, +glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den +er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach +einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und +warf sie auf das Bett. + +Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das +Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und +viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie +von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer +und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem +Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und +brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden, +als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen +Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die +Augen geschlossen hatte. + +Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht +erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber +die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und +tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein +Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten. +Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus +verwandelter Welt. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen +& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, +September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser +Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen. +S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte. +S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin +S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht +S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten +S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm +S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, +S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht +S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ] + + + +[Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first +publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”, +XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The +page numbers jump according to the distribution of the story onto the +three issues of the monthly periodical. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen. +p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte. +p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin +p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht +p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten +p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm +p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, +p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht +p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + +***** This file should be named 21860-0.txt or 21860-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Olivia + oder + Die unsichtbare Lampe + + + Erzhlung + von + + Jakob Wassermann + + + + +Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war +groe Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im +besten Flu, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die +Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Tchterchen des Hauses flchtig +gesehen hatte, rhmte dessen besondere Schnheit und Lieblichkeit. Frau +Khuenbeck lchelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr +Verlangen kund, das Mdchen zu sehen, den Hinweis auf die spte Stunde +lieen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der, +unschlssig und wie beschmt, nicht wute, wie er die Bitte aufnehmen +sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu +widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging +dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der +zweijhrige Ferdinand und die sechsjhrige Olivia. + +Schon sa Olivia auf dem Scho des Dienstmdchens, die Augen voll +Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr +gekmmt, weie Strmpfe und weie Schuhe kamen an die Beinchen, und so +trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Rume hinber. Die +Gste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der berraschung und +Befriedigung tnte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen +in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr +unbegreiflich waren. + +Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die +Gruppe. Er dachte, da der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten +werde; da dies aber nicht geschah, rief er pltzlich mit scharfer, ja +barscher Stimme aus: Gndige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm +wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen. + +Alle lachten; Frau Khuenbeck errtete und trug das Kind schnell hinaus. + +Olivia hatte die Worte gehrt und verstanden; sie bewahrte dem, der sie +gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald +wute sie seinen Namen; er hie Robert Lamm und war damals noch ein +unbeachteter Beamter im Ministerium. + +Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefhl; in Stunden +kindlicher Bedrngnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf. +Er war die Verkrperung einer strengeren Schutzgottheit neben der +sanften des Vaters. + + * * * * * + +Wenn der Professor an seinem Schreibtisch sa, geschah es oft, da sich +Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Fen +niederlie und in Bchern und in Heften bltterte, die auf dem Boden +aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er +die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: Du bist da, Kind? +und lchelte. Olivia war glcklich, da es ihr gelungen war, ihn nicht +zu stren. + +Manchmal machte er kleine Spaziergnge im Park, dann nahm er Olivia mit +und fhrte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schne +Kind. Olivia glaubte jedoch immer, da sie nach dem Vater sahen, der so +nachdenklich und voll Wrde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn. + +Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Frulein im +Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von +Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld +verraten. In der Entrstung darber forderte die Mutter, da sie zur +Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher +Leidenschaft, da die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der +Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals strzen, war fr +Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich +so krampfhaft an den Vater, da der erschrockene Mann alle Mhe hatte, +sie zu beruhigen. + +Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat +der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine +Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und +schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und +starb eines pltzlichen Todes. + +Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt, +viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten +weinten, Olivia begriff es nicht. Fr sie war der Vater immer noch +verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod. + +Tag fr Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte +ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzhlte von der Mutter und +von Ferdinand, sprach von ihren Vorstzen, von ihrem Eifer, zu lernen, +von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber +keine Adresse wute, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, -- so +lange, bis sie endlich begriff. + + * * * * * + +Die groen Einnahmen des Professors waren von dem luxurisen Haushalt +verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital +brig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen. + +Bei der Ordnung der Vermgensangelegenheiten und des neuen Lebens war es +Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck +hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands +Erziehung bte er einen entscheidenden Einflu, whrend er Olivias Tun +und Lassen gleichmtiger zu betrachten schien. + +Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn +zurckgelegt, die selbst von belwollenden seinen Verdiensten +zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte +beneidete Auszeichnungen erhalten und geno als juristischer +Schriftsteller den Ruf einer Autoritt. + +Sein Wesen verkndete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken +ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nmlich +eine Sache, die er fr gut und gerecht hielt, durchzusetzen. + +Von frh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose +und derbe Persnlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte +immer ein herzliches Wort fr sie. Whrend er mit der Mutter sprach, +stand sie in seiner Nhe; lchelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte +sich an seine Schulter. + +Aber als sie zum Frulein heranwuchs, wurde er frmlicher. Er hrte +pltzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwnde. Er verbeugte sich und +sagte, wenn sie es ausdrcklich verlange und die gndige Frau, er +verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder +duzen, doch drfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie msse ihn +dann ebenfalls duzen. Aber ich habe es ja immer getan! rief Olivia +erstaunt. -- Gewi, nur pat mir der Onkel nicht, erwiderte er mit +einer Grimasse, ich hasse die Onkels. + +So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine +Frmlichkeit bei, die den Charakter spttischer Galanterie annahm, als +ihm manches an Olivias Lebensfhrung zu mifallen begann. Sie war so +eifervoll, so lernwtig, so auf Bcher versessen, so atemlos ttig, das +mifiel ihm; er uerte sich nicht darber, er wurde nur immer +spttischer und galanter. + +Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch sa. Er beugte sich ber +ihre Schulter, sah noch genauer hin, schttelte den Kopf, und da ihn +Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, bltterte, schttelte +abermals den Kopf und fragte endlich: Wie alt bist du denn jetzt? + +Siebzehn war ich, antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im +Lichte der Lampe. + +Siebzehn Jahre, und Plato im Original! rief der Hofrat aus. Sein +Gesicht war so traurig, da Olivia lachen mute. + +Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt, mischte sich die Mutter ins +Gesprch; Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und +Klavierspiel und Vortrge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe. + +So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick fr Olivia, +in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es +dir ntzen, Mdchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote +Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken? + +Wahrscheinlich wute er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia +aufwuchs; von ihrem Heihunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach +Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mute sich alles ertrotzen, +Arbeit und Genu, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbbeln des Landes +und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolitt und der Trgheit. +Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Ma, so durften sie +doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen +Hter des Herkmmlichen. + +Er wute nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensflle und +hoffnungsvolles Werden, sondern bergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu +Frau Khuenbeck und war enttuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins +Konzert gegangen. Es ist das zweite in dieser Woche, sagte Frau +Khuenbeck; und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und +am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich wei nicht, +wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt. + +Und das da auch noch, sagte der Hofrat, und deutete auf einen +Tennisschlger und ein Paar weie Schuhe, die auf einem Stuhle lagen. + +Ja, das auch, antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht +des Hofrats gewahrte, fgte sie rasch hinzu: Aber es ist nicht +Vergngungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie +ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so +freudig, da man es nicht bers Herz bringt, sie zu stren. + +Diese Begrndung war fr den Hofrat ein Schall. Olivia war schn; das +allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren hlich; +Bcher machten hlich, Wissen machte hlich, sich unter die Menschen +zu drngen, machte hlich. Auf Sportpltzen die Glieder verrenken, die +Fe durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen +bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein +unerquickliches Schauspiel. Der Schnheit flo alles zu, sie raubte der +Natur nichts, sie lie sich von ihr beschenken, Schnheit war einsam, +war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen +das Gesetz. + +Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener. + + * * * * * + +Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwrmerei fr einen +genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer +unter die Gilde der stadtansssigen Musiker gefahren war und das +Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen ber ihn erholt +hatte. + +Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den +beiden, die in eifrigem Gesprch waren. Der Hofrat grte sie und blieb +stehen; er machte sie mit dem vergtterten Manne bekannt. Sie wurde +bla, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie +hatte seine Stimme gehrt, und diese Stimme blieb ihr unvergelich. Die +Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttuschen, aber auch +beglcken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerhrt +als irgendeine zuvor. + +Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia +wute die Mutter zu berreden, da sie dort die Ferien verbrachten. An +vielen Tagen, in Mondnchten wandelte sie andchtig die Pfade, auf denen +er gegangen war. Seine persnliche Nhe suchte sie gar nicht; er war +immer so versponnen, so verwhlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn +sie ihn einmal des Tages von ferne sah. + +Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich +unbeobachtet; bei einem Strau beugte er sich nieder, um zu riechen. Die +Zrtlichkeit der Bewegung hatte fr Olivia etwas Auerordentliches. Von +da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es muten stets Blumen in +ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie bego sie, pflegte sie, +freute sich, wenn sie blhten, und trauerte, wenn sie welkten. + +Als der Musiker eines frhen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie +besa, fr Blumen aus und schmckte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige +und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz fr Menschen noch +empfnglicher gemacht. + +Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenber dem lebendigen Auf +und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an +Freunde sich auszuteilen, war Glck. So wurde sie vielfach in die +Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was +im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen +wurde mibraucht, Offenheit verkannt, Gte zurckgestoen, Wahrheit in +Lge verkehrt. Aber auch dies war fr Olivia ein Stck des groen +Reichtums, waren angefaulte Frchte von dem Baum, der ein berma der +guten gab. + +Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden +Morgen ber ihr Erwachen, ber den Himmel, die Luft, das Licht, die +Zeit, ber alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr +erwarteten, ber ein Gesprch, das sie gestern gefhrt hatte, einen +Spaziergang, den sie heute machen wollte, ber ihren eigenen Krper, +ber jedes Ding in ihrer Stube. + + * * * * * + +Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim, +ein zartes, hochaufgeschossenes Mdchen von ernstem Wesen. Mariannes +Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und +durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten +einer der reichsten Mnner des Landes. + +Olivia kam beinahe tglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum +geringsten Dienstboten, bewunderten und verwhnten sie. Wenn der +Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten ber sein +rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte +mit ihr. Olivia hatte Sympathie fr ihn; er schien ein gtiger Vater und +ein wohlwollender Mensch zu sein. + +Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn +Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu +einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares +Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhngnisvoll geworden war. Eduard, +ohnehin verschlossenen Gemts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde +durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an +der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, da +es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierber war Frau +von Friesheim sehr unglcklich, und als sie bemerkte, da zwischen +Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhltnis entstand, legte sie +ihr nahe, sie mge alles aufbieten, um ihn dem gefhrlichen Einflu +jener Frau zu entziehen. + +Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mute lachen. Auf der anderen +Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe fr sie +hatte. Marianne nmlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefat; +Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es +auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld, +sich geltend zu machen, besa er nicht. Er war im Gegenteil voll +Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene +Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Krpers. Wenn +man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander +verbunden denken. + +Whrend nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender +Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglck fr seine +Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flchtige +Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch +Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah +er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller +Mildheit, die Kraft ihres Gefhls. Er schtzte die Knstler gering; die +meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia +solle Marianne dazu bringen, da sie dem Maler entsage. + +Olivia antwortete ihm, hierzu fhle sie sich nicht berechtigt, und als +seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn +zu berzeugen, da man zwei Menschen, die durch Bestimmung +zusammengefhrt worden, nicht voneinander reien knne, ohne ihren +Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschpflich in Grnden, +Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe; +schlielich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber +Freude und als vergesse er den ernsthaften Anla. Wenn er mit ihr rede, +bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten, +dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch drfe es nicht sein, um +keinen Preis werde er sich fgen. Olivia schaute ihn an, und als sie +seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen +Urteil ber ihn ein wenig irre. + +Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie +begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergngen und ermunterte +Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander +zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Grger, Eduards +Geliebte, und er bat Olivia, sie mge die Frau kennen lernen. Sie lie +sich zu ihr fhren, und er merkte ihr an, da ihr die Frau nicht gefiel. +Da er sie um Offenheit drngte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr +unheimlich, sagte sie. Ich frchte, Anita wird Sie nicht glcklich +machen, uerte sie ein anderes Mal zgernd. Eduard war bestrzt und +kam immer wieder darauf zurck. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie +hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen +war, suchte er Olivias Nhe; Anita begann ihr zu mitrauen und qulte +Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenknfte zu +zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden +getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards +Herz sich ihr entschiedener zuwandte. + +Nun mute sie abwehren, und sie tat es begtigend. Es war ihr alles ein +Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie +aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verllich. Sie sprte, +da sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und da die andere dabei +verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie +suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte +seinen Rat haben, doch er war zurckhaltend und hrte mit seinem +reizenden Lcheln zu. + +Eines Abends sa sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlgerig, +Eduard war fr ein paar Tage verreist. Sie sprachen ber die beiden, +ber die Eltern, ber das Leben im Hause; pltzlich sagte Ingbert, der +Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas +Vergebliches und Knstliches, da er doch genau wisse, da Marianne ihm +niemals angehren wrde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine +Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnten, er beklage sich +ja nicht, er klage auch nicht an; da Herr von Friesheim gegen ihn +eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn +aufzunehmen; jede uere Schwierigkeit sei berwindlich. Es liege nicht +an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit +steige oder falle sein Stern. + +Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist, schlo er leise; +das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz +lt sich verfhren, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber +spricht sie, und man steht sndig da und will doch nicht noch mehr +sndigen. + +Olivia wute nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an +Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wre es nicht dunkel im Zimmer +gewesen, Marianne htte ihre Blsse und Erregung merken mssen. Ingbert +war auf der Bank geblieben, man hrte ihn eines der alten Lieder singen, +die er liebte und in entzckender Weise vorzutragen wute. Marianne +prete Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefhl; sie +wnschte, Ingbert mge sie holen und mit ihr weit fortwandern. + +Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht erffnete, und wartete, +da sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und +Olivia zrnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich +hoffte, verstand sie seine Unschlssigkeit. Er hatte etwas so Gtiges an +sich, da man billigen mute, was immer er tat, und bald wurde Olivia +gewahr, da ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden. + +Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurck und brachte zwei Freunde +mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es +entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert, +Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anla +Olivias Nhe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche +Strmung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen +und litt still, und Anita Grger war der ruhlose Geist, der bisweilen +verdsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog. + +Stiegen auch Schatten empor, fr Olivia war alles noch ein Spiel. In der +Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und +Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und bte sich in +jeder Kraft, die das Lebensgefhl erhhte. Hier eine Getuschte, dort +ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand +immer in der Mitte und regierte; sie knpfte Fden und lste Fden, +verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz +nach ihrem Gefallen. + + * * * * * + +Gegen Ende des Sommers, als die Gste schon abgereist waren, +verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem +Ausflug in die Dolomiten. + +An einem Augustabend kamen sie mde und staubbedeckt vom Rosengarten her +ins Karerseehotel, und als sie in die fr Touristen bestimmte +Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen +Tisch waren mehr als zwanzig junge Mdchen in Abendkleidern gruppiert; +ein Herr, der den Frack ausgezogen und die rmel des Frackhemdes ber +die Ellbogen gestlpt hatte, bereitete in einer mchtigen Schssel eine +Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefe mit +Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine +Arbeit, mischte die Getrnke, rhrte mit dem Lffel, kostete mit einem +andern Lffel, und immer, wenn ihm eines der Mdchen eine Flasche +reichte, sagte er etwas, worber alle in frhliches Gelchter +ausbrachen. + +Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in +ihrer Lustigkeit nicht gestrt zu sein. + +Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekmmert hatte, +schaute dann doch hinber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe +auseinandertrat, weil die Glser zum Einschenken gebracht wurden, +erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschssel den Hofrat Lamm. Sie +errtete vor Freude. + +Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war +unverndert. Trotz seiner fnfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch +jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch. + +Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier +saen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner +ironisch galanten Art, ohne besondere berraschung zu zeigen, als htte +er sie gestern erst gesehen. Es verdro Olivia, da er nicht kam, um sie +zu begren; sie rgerte sich ber die jungen Mdchen, die ihn so +zudringlich umschwrmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er +nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie +khl. + +Eduard fragte spttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig +Auskunft, mute aber pltzlich lachen, da sie eine sarkastische +Bemerkung des Hofrats ber eines der Mdchen aufgefangen hatte. Die +andern Mdchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Mnner hinzu, +und die Gesellschaft wurde sehr lrmend. Der Hofrat hatte seinen Frack +wieder angezogen, und pltzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr +die Hand. + +Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er +sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drben die +beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den +Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn +stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete +sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mdchen riefen ihm nach, +aber er kmmerte sich nicht um sie. + +Olivia war bedrckt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen +gehen, nahm ihren Rucksack und lie sich von der Kellnerin in eine der +Touristenkammern fhren. Trotz ihrer Mdigkeit schlief sie schlecht. +Schon um fnf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der +frhen Sonne umglht, aus dem Wald strmte ein feuchter, kalter, +harziger Duft. Sie ging ber einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende +den Kopf zurck. + +Da schallte ein Gru an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den +Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein +reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Stdter, +sondern sah ganz urwchsig aus, sehnig, robust, sonnegebrunt. + +Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die +gegen Sden lagen, und erzhlte ihr von den Touren, die er gemacht. Er +fragte, ob sie gefrhstckt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine +Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er pltzlich wieder zerstreut. +Dann beschmte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum +Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund +seiner gestrigen jhen Verstimmung. + +Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehrt, da +sie fleiig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in +deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des +Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erbrigten +sich alle Erklrungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster. +Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an. + +Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der +Abgrund steil hinunter. Auf einmal fhlte sich Olivia von den Hnden des +Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die +Tiefe gedrngt. Sie schrie erschrocken, ihr bestrztes Gesicht war ihm +zugewendet; da lie er sie los und lachte grimmig. Es ist nicht viel +anders, als wenn ich dich da hineinwrfe, sagte er; schlimmer noch. +Mit solchen Menschen umgehen, das heit, allen Anspruch auf Achtung +verwirken und seinen Namen beflecken. + +Mit entsetzten Augen fragte Olivia. Du httest dich vorsehen sollen, +begann der Hofrat wieder; eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt +zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist. +Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer +unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjger, ein +Streber und Schleicher von einem Format, da sogar unsere vielbesungene +Gemtlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden wei. Dieser Mann ist +imstande, wenn sich zehn fhige Leute zu einem Posten gemeldet haben, +ihn mit dem elften zu besetzen, der gnzlich unfhig ist, und nicht +vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer blo deshalb, weil der elfte +ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem +Vergngen an der Unfhigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fhigen. +Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil +sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Klger erschpft und +kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde +einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den +Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind, +er ist schlechthin der Feind; ihn unschdlich zu machen, habe ich schon +meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz' dich wieder an +seinen Tisch und tu, als wtest du von nichts. + +Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal. +Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich +einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn +in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte +er. + +Warum lachst du? flsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben. + +Ich lache, weil es so schn ist, antwortete er, weil die Sonne so +freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott +soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzglich war, und +weil berhaupt alles so famos ist. + +Pltzlich dnkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden. + +Sie sagte: Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewut, Robert. Ich +habe dich fr einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glcklich +ist. + +Abermals lie er sein kurzes, hhnisches Lachen hren. Dann schwieg er +eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem +Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glcklich whnte. Von +den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lhmten und diese +ihm mitrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des +Besseren, nirgends Vernunft, blo Vorschrift, blo der Buchstabe, das +halbe Ungefhr, das veraltete Gutdnken, die sinnlose Herrschaft derer +vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwrts auf Fallen stoe, +das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch +unangreifbare Idole und lgenhafte Grundstze. Wie kein Weg aus diesem +Pfuhl fhre, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase, +oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder +der Eigennutz, oder der Neid. + +Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige +Schadenfreude, als bereite es ihm Spa, Illusionen zu zerstren. + +Und er zerstrte Illusionen, grndlich. Ein eisiger Hauch wehte durch +Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren bla; es +war, als htte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles +verwandelt, als stnde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein +Schreckbild. Sie staunte, sie strubte sich, sie glaubte nicht und +frchtete doch, zu zweifeln. Alles war pltzlich sonderbar anders. + +An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, da etwas mit ihr +vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber +Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschlieen und schtzte eine +Unplichkeit vor. Ingbert fhlte sich in dem teuren und eleganten Hotel +nicht behaglich, und da die Geschwister zgerten, die Tour ohne Olivia +fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu +verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem +Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie sprte, da er ihren Blick +forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich +zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekmmerte Ausdruck in +seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte, +zog sie seinen Kopf herab und kte ihn. Er errtete wie ein Knabe, +seine Verwirrung erfllte sie mit noch grerer Liebe, er drckte seine +Lippen auf ihre Hand und verlie sie stumm. + +Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich +treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne +war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren +ihr verdunkelt und entrckt. Marianne, die ber Ingberts Flucht +unglcklich war und Plne schmiedete, wie man ihn noch erreichen knnte, +nahm Olivias verndertes Betragen nicht schwer und war offen und +anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein +Verhltnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache +herbeizufhren, er bat sie schlielich, ihm den Grund ihrer rtselhaften +Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter +darauf ein und sagte, da er mit Anita Grger gebrochen habe. Sie wute, +was nun folgen wrde, sie hatte Angst davor, und mit einer Klte, die +ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie +auseinander. + +Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause +reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter +sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr +geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefhl einer +Trennung fr immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher +an sein verstrtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie htte +die Erinnerung auslschen mgen. + +Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von +gleichgltigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht +zu berlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der whrend der +langen Eisenbahnfahrt zuweilen prfend auf ihr ruhte, und als sie von +Innsbruck ab allein im Coup waren, brach sie selbst das Schweigen aus +unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide +kannten und von denen sie annahm, da er sie schtzte. Sie redete sich +in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und +bertrieb ihre Vorzge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er +hrte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute +in die Landschaft. + +Da erschien ihr alles falsch und einfltig, was sie sagte, sie mochte +die schnen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie +fhlte mit Betrbnis, da sie all dieses Schne nicht mehr so liebte wie +sie es bisher geliebt. Es war, als htte Robert Lamm einen Schleier +darber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme +Gewaltttigkeit, die er an ihr bte, zu wehren. Desungeachtet zwang es +sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer +Rckkehr in die Stadt sehen werde. Sie htte aufgeatmet, wenn er nein +gesagt oder eine Ausflucht gebraucht htte. Er antwortete: Freilich +will ich dich sehen. Und als sie schwieg, fgte er dster lchelnd +hinzu: Vielleicht brauch' ich dich. + +Sie war ngstlich verwundert. Brauchen? Du -- mich? + +Kommt dir das so unglaublich vor? Er lachte ber ihr hilfloses +Gesicht. Pltzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe +zu ihr, ergriff ihre beiden Hnde und sagte mit jener Eindringlichkeit, +die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: Ich +kmpfe gegenwrtig einen Kampf, in dem fr mich alles auf dem Spiel +steht. Ich kmpfe fr die Ehre eines Toten, fr die Rettung seines guten +Namens, fr sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das +begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste +Niedertracht, die sich denken lt, nicht verantworten. Das darf nicht +geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl hnliches schon +tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab' ich mir in den +Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich +fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir +vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb' wohl, gr' mir die +Mutter. + +Sie stieg aus, aber am liebsten htte sie jetzt mit ihm weiterfahren +mgen. Schwche kam ber sie, ihr ganzes Denken und Gefhl war dunkler +gefrbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergngungen, dnkte ihr +pltzlich falsch und einfltig. Drei Tage spter fuhr sie mit der Mutter +in die Stadt zurck, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert +Lamm. + + * * * * * + +In Riedach, einem kleinen obersterreichischen Kurort, hatte der junge +Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner +Zufriedenheit ausgebt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer +Huslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, +was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die +Erkrankung zur Anzeige gebracht. + +Es entstand sogleich eine groe Erregung. Einige Brger hatten noch in +letzter Stunde den Doktor an der Ausfhrung seines Entschlusses zu +hindern gesucht. Die Sanittskommission selbst, deren Vorsitzender der +Brgermeister war, hatte geltend gemacht, da die Sommerfrischler und +Kurgste den Ort verlassen und fr lange Zeit in Verruf bringen wrden. +Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder +Warnungen, noch Einschchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete +die Pflicht hher als die gefhrdeten Interessen der Gemeinde. + +Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, da eine Militrabteilung, +die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort +befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemchtigte sich +Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von +Beschimpfungen ergo sich nun ber den jungen Arzt, und alt und jung +machte der Erbitterung in den unfltigsten Formen Luft. Die Mnner +erwiderten seinen Gru nicht; sie spuckten auf der Strae vor ihm aus. +Der Metzger, der Bcker, der Milchhndler weigerten sich, seiner Frau +die Lebensmittel zu verkaufen, die sie fr sich, den Mann und das kleine +Kind brauchte. Tglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die +Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in +seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September +wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekndigt. + +Er wandte sich an den Reichsverband der rzte, und dieser rief die +Behrden um Untersttzung an. Der Appell war nicht vergebens, +Gemeinderat und Sanittskommission wurden vom Statthalter aufgelst, der +Brgermeister seines Amtes entsetzt, die Kndigung fr ungltig erklrt, +und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt +schtzen sollte. + +Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor +krperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm +nicht zurckgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten, +die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war +ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig +Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse +wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er +mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist +getrbt, seine Gesundheit erschttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein +Greis aus. + +Da seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war +aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu +beschlieen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen, +wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie +sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in +die Ferne verfolgen wrden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn +bedeckt, die Besudelung, die Krnkung vergessen? Ein neues Leben +anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der +ihn aufrichtete, die Trstungen seines Weibes beugten ihn nur noch +tiefer, denn er sprte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er +zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte +eine Gehirnentzndung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit +hatten ihn der Kummer und der Lebensekel gettet. + +Der Reichsverband der rzte stellte nun den Anspruch an den Staat, fr +die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben +waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausma, da die +Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Mnnern, die sich +dafr eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig +hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen +Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg +fhren konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein +hielt man fr unabhngig genug, da er es als hoher Staatsbeamter wagen +durfte, fr den begangenen Frevel eine Shne zu verlangen, die freilich +versptet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhhte. + +Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehrt; die +Zeitungen hatten alle Berichte unterdrckt, die sonstige Kunde, die im +Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzhlung der +Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag +hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen +Hflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, da ihm die Angelegenheit +nher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er lie sich +alle einschlgigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, +und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zhnen. Dann +zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht +nur mit gengenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des +in Ausbung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann +zu untersttzen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle +schuldigen Brger und behrdlichen Organe von Riedach zu einer scharfen +Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine ffentliche und +feierliche Erklrung die geschndete Ehre und den verunglimpften Namen +des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein +solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, fr das +Vaterland, fr die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank +verdient. + +Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflchten. Er drngte +auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, da man den Fall noch einmal +grndlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war +offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige +Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum +Minister; der erklrte sich als mangelhaft unterrichtet, schtzte +wichtigere Geschfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim. +Hier tuschte Gleichgltigkeit durch geflligen Eifer; auch mit dieser +Taktik war der Hofrat vertraut. Er lie den Herren keine Ruhe, er +bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hrte ihn an, +man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder +beteuerte machtlos zu sein. berall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit, +dieselbe Lauheit. Robert Lamm frchtete, alles zu verderben, wenn er +seinen Zorn nicht bndigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er, +vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh +er, so oft ihm des rgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch +jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor +der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu +treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betuben konnte. Zwei Tage +nach dem Gesprch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors +Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche +Entschdigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt +der Familie bewilligt, alle brigen Ansprche msse man aber aus +wohlerwogenen Grnden zurckweisen. + +Die Grnde will ich wissen, knirschte der Hofrat. Er packte seine +Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die +Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach +seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen. + +An Grnden war man nicht arm. Wozu einen verjhrten Streitfall +aufwrmen, einen glcklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor +die ffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Brger wegen immerhin +zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schdigen oder gar um +ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schn geglttet und +vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu bses Blut machen? Wozu +endlich die Komdie einer Ehrenerklrung, die dem Toten nicht mehr +ntzen und die Lebenden nur verdrieen wrde? + +Ein glcklich begrabener Skandal ist euch das! rief Robert Lamm mit +funkelnden Augen. Schn geglttet und vergessen findet ihr alles? Nun, +wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern. + +Er drohte Lrm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der +Strenfried begann hchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts +anhaben, zu viele sttzten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im +stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen +Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, da man ihn +wrde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewutsein von seiner +Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied +wurde gewhrt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den +Hof berhrt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel +oder Einwand von oben nicht zu frchten. + +Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder +gesammelt hatte. Die Zustnde waren also noch viel heilloser, viel +giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelhmt. Er lie die +Sache, fr die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen +aus, wurde scheu und wunderlich. Er verlie seine Stadtwohnung und zog +sich ganz in seine Villa zurck. + +Diese Villa lag am Ende der Sdwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hgeln +und inmitten eines groen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch +eine hohe, steinerne Mauer geschtzt war. Die zahlreichen Rume +enthielten Schtze von Gemlden, Statuen, Bchern, Porzellan und alten +Mbeln. Der Hofrat lie aber die Zimmer versperrt und nistete sich in +einer Giebelkammer ein. Die Haushlterin kochte fr ihn, und der Diener +Gerold, eine Art Faktotum, sorgte fr seine brigen Bedrfnisse. + + * * * * * + +Anfangs hatte ihn Olivia beinahe tglich gesehen. Entweder kam er zu +ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf, +ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie +sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las. + +Von dem, was ihn in dieser Zeit erfllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es +von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es gengte, da +sie Robert Lamm anschaute, dann rckte sich alles zurecht. Sie war stolz +auf ihn, nichtsdestoweniger drckte sein Wesen sie nieder, ohne da sie +wute, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien +es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Da sie ihm nicht +nher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine +Nhe. + +Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner +Laufbahn ri. Am Tag, bevor er in die Villa bersiedelte, gab er ihr in +unfreundlichem Ton zu verstehen, da er bis auf weiteres von keinem +Menschen behelligt werden wolle. Sie lie sich's gesagt sein und ging +verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hrte sie, was +sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie +zurckgestoen hatte, blieb sie ihm fern. + +Sie wollte ihr Leben wieder wie frher fhren. Allein die Heiterkeit und +Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin, +das se Trumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf +das, was die Leute zu ihr sagten, und mitraute den Worten. Zu einigen +Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die +rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines +Groindustriellen. Sie war um zehn Jahre lter als Olivia, hatte schon +eine fnfzehnjhrige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen +ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl versprte Olivia +noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau +erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zgen eine +Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das +Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie. + +In der Trauer hierber nahm sie zu Bchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken +hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfllt. +Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen +Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mute sie sich erst +mhsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie +waren pltzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus +mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer +genommen; aus berseeischen Hfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen +Enttuschung, Resignation und schchtern glimmende Hoffnung enthalten +waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine +Zuversicht nicht heben. + +Eines Tages kam Marianne zu ihr, sa eine Weile schweigend da und begann +auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wute sie wenig, +Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute +erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zrnte ihr +vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, khl und befremdet, zum +zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch +heftiger. Seltsam, die Trnen rhrten Olivia nicht, ruhig forschte sie +Marianne aus und erfuhr, da Ingbert schon seit Wochen in die Stadt +zurckgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. Ja, +hast du ihn denn nicht besucht? fragte Olivia mit groen Augen. Wie +soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen? erwiderte Marianne, und +um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hnde und sagte +langsam: Aber was willst du dann? Warum weinst du? Marianne senkte den +Kopf. Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab' dich ungerecht +beschuldigt, hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun +ganz kalt und zugeschlossen. + +Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwrterin +abgewiesen. Es drfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber. +Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle +keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, da er ihn besuche, und +dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte +sie hin und war froh, zu bemerken, da er an Ingbert Gefallen fand. Als +sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein +blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick berflammt von Freude; ihre +offensichtliche Bestrzung ber die Armseligkeit seiner Behausung +entlockte ihm ein wehmtiges Lcheln. + +Sie kam fast tglich. Er besa ein altes Spinett, darauf spielte er ihr +vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts +verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und +besonderer Anschauung der Natur. Er whlte einige Stcke aus und nannte +Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte +stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm, +wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm, +von dem sie wute, da er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage +spter teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich +aber nicht entschlieen knnen, eines der Bilder zu erwerben. Es lag +etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schpfte Argwohn und ging +zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. Dein Maler ist ein Narr, sagte +Robert Lamm; ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir, +gerade von denen knne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein +anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich ber +ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe +er einem Freund versprochen. Du ttest gut daran, mich knftig mit +solchen Auftrgen zu verschonen. + +Er ging im Zimmer auf und ab. Was soll's? Was soll's berhaupt? fuhr +er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. Was soll's mit der ganzen +Kunst? Was frdert sie? Wen frdert sie? Wen trstet sie? Wen macht sie +besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkr? Es ist +alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen, +werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den +andern, die sich dafr begeistern, dient es als Ausrede fr ihr +schlechtes Gewissen. + +Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein +unntzes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er +ri sie fort, er ri sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken +sprte sie, da sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor +seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem +verhngnisvollen Einflu zu entziehen. Was an Zrtlichkeit in ihrem +Gemt war, strmte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes +Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie +durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie +aufgerichtet hatte. + +Er durfte sie kssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er verga nicht, +da er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die blo +zufllig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blte +ihrer Schnheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um; +ihre khn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nrdliche Blond der +Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Krpers und seine +vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergelich. +Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: Jetzt sehen Sie erst, +was fr ein Stmper ich bin; doch sie lchelte ihm zu und war froh ber +diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr +ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dnkte ihr nun +Ingbert allein. Und doch war ihr Gefhl verwirrt, tief und schmerzlich +verdunkelt. + +Sie lie sich selbst nicht ruhen, und endlich whnte sie Klarheit zu +gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld, +die von Jahr zu Jahr sich gehuft hatte und noch immer, Stunde um +Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, sa der +Richter, zu dem mute sie gehen, nur er konnte ihr helfen, -- zu den +Menschen, von den Menschen. + +Menschen! Das war das Rtsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen +vorher nicht gesprt, sie blo hingenommen und nicht geprft? Mit ihnen +gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit +ihnen verbunden hatte, angenehme Lge? Waren alle diese Bndnisse +nichtig, dies Mit- und Freinandersein, war es wertlos, das Entzcken an +den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei? + +Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mitrauen? Was hatte die +Flgelkraft gelhmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die +Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch +hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines +Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trgen +Genu verwstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und +vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstrtes, erbittertes, +richtendes Gesicht. + +Sie mute auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr +Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich sttzen konnte; einen Weg, +der in die Sonne zurckfhrte. Sie ertrug es nicht, sich in Ha gegen +die Welt zu verlieren. + + * * * * * + +Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer +Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft +Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich +entschlo, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching; +Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen +Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur +Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert. + +Robert Lamm sa mit Frau Khuenbeck am Tisch und berlas einige Urkunden, +da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lrm +und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als +Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck +erhob sich, heiter berrascht, Olivia stand lchelnd auf der Schwelle. +Robert Lamms Miene drckte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar +Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten +begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene +abenteuerliche und ungewhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es +bedrfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Wrze zu verleihen, +meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem +hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten, +Tnzerinnen durch geistreiche Einflle von sich reden gemacht htten. Er +gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glnzendes +Erzhlertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgerumt, so +unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhllt stets +in seinen Worten lag, so gewinnend, da alle an seinem Munde hingen und +ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, pltzlich wieder +trocken und hlzern hflich, empfahl. + +Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkufe in der Stadt +machen wollte. Sie schlo sich dem Hofrat an, und er schien sich darber +zu freuen. Seine unerwartete Gesprchigkeit hatte erlsend auf sie +gewirkt; sie schpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr +zu enthalten. + +Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren +unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraen ab in die stilleren, aber +auch dort sprach er nicht. Anfangs dnkte Olivia dies Schweigen +natrlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, da seine Miene +finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die +Verwandlung nicht erklren; sie frchtete, ihn verletzt zu haben, wollte +fragen, brachte aber kein Wort ber die Lippen. Immer wuchtender, immer +lhmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und +geheimnisvoll dadurch. Sie htte sich von ihm verabschieden knnen, +doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszufhren. Die Richtung, in +die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen? + +Sie sprte, wie sie allmhlich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen +sie beschlich. + +Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Grtel, und +statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte +beide Hnde auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und +fragte: Warum kommst du nicht zu mir? + +Stumm schaute sie zu Boden. + +Komm morgen, sagte er befehlend. + +Ein Automobil fuhr die Strae herauf. Er rief den Lenker an, fragte +Olivia, wohin sie zu fahren wnsche, half ihr in den Wagen, gab dem +Manne Geld, lpfte den Hut und eilte hinweg. + + * * * * * + +Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener +Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die +Alleen und ber die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er +harkte. In seiner Nhe gruben der Grtner und sein Gehilfe die Erde um. + +Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er +zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der +junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter ber +ihn gesprochen, und sie seien berein gekommen, da es am besten wre, +wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker bten +sich dort gnstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Bettigung +als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Flei dem +flchtigen Genu zum Opfer falle. + +Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag +gebracht hatte, war der einer Wohnungsvernderung. Die Wohnung in dem +eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte +sie schon vor einigen Wochen gekndigt. Sie hatte aber noch kein +passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine +Nhe, aufs Land zu ziehen. Zufllig hatte er davon gehrt, da in einem +Haus in Ptzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten +sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in +wnschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In +vierzehn Tagen knnten sie bersiedeln, Olivia mge es zu Hause +ausrichten. + +Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir, schlo er, kannst +kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du's +wnschest, richt' ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und +trumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es +ganz in Blten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu trumen, +besser ist's, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird. + +Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie +seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem +ungewnschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen +hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen +abgeschnitten. Sie unterdrckte ihr Gefhl, um das dumpfere der Mutter +nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herber kam, merkte die +Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab +es schon Blumen die Flle in seinem Garten, und er schickte einmal eine +ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den +Balkon schmckte, bis das Drftige und rmlich Frische der Zimmer +verhllt war. + +Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer greren Bestimmung entgegen. +Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und +Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht +zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverstndlich +gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswrdige Ungebundenheit +zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plnen, die der Hofrat in +bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt; +die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefgtes Unrecht, und +sie fate einen Groll gegen Robert Lamm. + +Hiervon war hufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er uerte sich +bitter ber die Undankbarkeit der Mutter und spottete ber ihre +wehleidige Schwche. Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschft +wnschen sie sich alle, sagte er verchtlich; andere fr sich schuften +lassen und im brigen lustig sein, frhlich sein, heirassassa. + +Htte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht +wie die Kmmerlinge zu leben, sagte er ein andres Mal; er hat in +manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und +wenn er blo die Hlfte zurckgelegt htte, so httet ihr heute ein +ansehnliches Vermgen. Statt dessen wurde alles fr Kche und Keller +vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgnger, die sich den +Bauch msteten und wenn sie den Rcken gedreht hatten, sich das Maul +zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schntuer und +Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten, +Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das +Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche +Lebenshaltung galt fr vornehm, keiner machte es anders, man war ein +Kavalier, man lie sich nichts abgehen, man berzahlte jeden Genu, und +jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu +katzbuckeln wute. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine +Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die +ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz. + +Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmht wissen und +verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Gte und seine gromtige +Sinnesart. Das sei eine schlechte Gte, die das eigene Fleisch und Blut +der Sorge berliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks strker sei +als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Gromut, die jedem +Lumpen zu willen sei und die Frchte mhevoller Arbeit einem +Parasitenhaufen an den Kopf werfe. Du sprichst ja, als httest du +meinen Vater gehat, kam es emprt von Olivias Mund. Robert Lamm +richtete sich steif empor. Gehat? Er war mein Freund. -- Nun, also! +-- Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er, +bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild +unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste, +ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine +Abnormitt dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken. +Ja, ich war sein Freund; ich wei, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie +selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner +Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines +Allesiebengradeseinlassens. + +Und er kam auf gewisse Zustnde an der Klinik, die damals schon von sich +reden gemacht htten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck +habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er +sei niemals fhig gewesen, Rnke zu spinnen, aber er habe auch den +Gedanken nicht ertragen knnen, da andere gegen ihn Rnke spannen. +Deshalb sei er auch nicht davor zurckgeschreckt, sich zu demtigen, +wenn es einen Widersacher zu vershnen galt, und oft sei es geschehen, +da er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Klte +gegrt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines +Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der +klaffende Ri, der Gut von Bse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei +mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und +zum Schlu habe man sich freundschaftlich die Hnde geschttelt, womit +alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe. + +Am Ende seines Lebens ist er dann mde und traurig geworden und sah +wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte, sagte Robert Lamm. +Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht +heimgekehrt ist, erzhlte er mir die Geschichte eines seiner Schler. +Der hchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er +war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er +nirgends Untersttzung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium +wurden abschlgig beschieden. In der Verzweiflung darber, da er die +zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung +erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die +Eselei, Banknoten zu flschen. Die Sache kam natrlich ans Licht, er +wurde zu langjhrigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz +vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von +den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehrt; er wute, was fr +Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf +die bei uns jeder stt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als +er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spt gewesen. +Freilich war er durchaus nicht sicher, da sein Dazwischentreten die +Katastrophe abgewendet htte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz +niedergeschlagen, und in seiner mden Art klagte er das Regime an, +machte das Regime verantwortlich fr alle bel. Nun, dieses Lied war mir +bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Mrchen, der die Jungfrau zum +Fra verlangt; allgemeines Heulen und Zhneklappern, Schimpfen und +Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden +ausgeliefert. Im Mrchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und +macht dem Untier den Garaus; ich mcht es nicht erleben, wie so ein +Schneiderlein bei uns traktiert wrde; die Schikanen und Kniffe und +Bedenklichkeiten wrden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn's +berhaupt dazu kme, und statt die Hand der Prinzessin gbe man ihm zur +Belohnung einen Futritt. + +'Die Stimme, die Stimme,' mute Olivia in einem fort denken; qualvoll +war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten, +Raunzen, Geifern und Hhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die +Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich +einer Schraube. Sie htte ihn oft bitten mgen, leise zu sprechen, aber +sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin +bei jeder Gelegenheit ihre Verzrtlichung und Verslichung vor und +spottete ber das Rhrmichnichtan, das in ihrer Miene lag. + +Er entri ihr Stck um Stck ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem +Wort berhrte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich +auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit +ihrer Grnde entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele +nie verlegen, vor den Tatsachen mute sie sich beugen. + +Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu knnen. Sie +wies auf die groen Werke hin, die groen Schpfer, die groen Gedanken +der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen +redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; ber dem Strich feiere +die Korruption Orgien, unter dem Strich wrden Schnheit und Moral +gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten strze. Sie +erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so +viele entflammt; er lachte geringschtzig und fragte, ob sie denn nicht +wisse, da man gerade den mit giftigem Ha verfolgt und frmlich in den +Tod gejagt habe. + +Sie wute nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzhlte, wie der +wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um +sich und seine Kunst zu retten, keine andere Mglichkeit gesehen habe, +als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende +Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften +Bahn ein Ziel gesetzt. + +Da tnte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich +Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun +und verloren; sie schauderte und lie die Schwrze wehrlos um sich +niedersinken. + + * * * * * + +Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam +er selbst. Er war der Strkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine +finstere Sphre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie +mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmchtigen +Verbitterung. Als sie wahrnahm, da sie nur noch mit seinen Augen sah, +erschlaffte jeder Nerv an ihr. + +Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners +war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete +Tnzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem +ersten Walzer erfate sie ein Grauen vor der Umschlingung eines +wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen +verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die +Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners +Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh. +Jeanette, Ninas Tochter, ein Mdchen von sprhendem Temperament, sorglos +wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext +von der schnen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lchelte +still und bat Olivia, sie mge doch wieder zu ihr kommen wie frher. +Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein +seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas +schwermtigen Zgen wich, machte sie stutzig und argwhnisch, und in +einer Sekunde visionren Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser +Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten. + +In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage spter einen russischen +Snger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er +dann, von Mnnern und Frauen bestrmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde +ihr Herz im Innersten aufgewhlt. Trunken ging sie nach Hause und +wnschte nichts anderes, als den Snger noch einmal zu hren. Sie +erfuhr, da er an einem bestimmten Abend wieder dort sein wrde, und +versumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in +welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei +ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrt; sie zeigte weder +berraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, +dennoch herrschte eine geheime Verstndigung zwischen ihr und ihm. +Whrend er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein +Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzcken der Hrer uerte +sich in lrmendem Hndeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert +in die Richtung, wo er stand. Da drngte sich Ingbert durch eine +aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien +Anmut der Gebrde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht +und schmeichelnd ber Olivias entblten Unterarm und flsterte, so da +nur sie es vernehmen konnte: Olivia, Sie sind verliebt. + +Ein entsagendes Lcheln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie +lchelte gleichfalls, matt und schuldbewut. Verliebt, das war kein Wort +mehr fr sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes. + +In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein +Kommen bemerkt zu haben, aber da er da war, schien doch allen +selbstverstndlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, +trotzdem benahm er sich, als wren ihm die Rume und die Menschen +wohlbekannt. Er war von einer komdiantisch bertriebenen +Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas +Geziertes und zugleich Hmisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia +erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das +Bengstigende aber war, da ihn seinerseits die andern, in deren Mitte +er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer +Hypnotisierten, nherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam, +stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares +Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht! +htte sie rufen mgen. Das Blut pochte wider ihre Schlfenwand, mit +einem dumpfen Schrei brach sie zusammen. + +Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fhlte sich in den Armen +Robert Lamms. Sie fhlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und fr +alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner +Hand, vor seinem Hauch; sie strubte sich leidenschaftlich, aber alle +Bemhungen waren vollkommen vergebens. + +Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer +Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saen -- es waren +Ingbert und ein junges Mdchen --, sie mchten die Mutter nicht +beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort +waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zgen die Nachtluft ein, +bevor sie am Tor lutete. + +Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war +in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich +gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich +durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzhlige Lichter +brannten, nicht nur an den Wnden, in Hunderten von Kandelabern, +sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts +am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtflle +nicht gefat gewesen war, begann sich eine qulende Scham ihrer zu +bemchtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein +drittes, zwanzig, dreiig, fnfzig, in regelmigen Pausen. Dies wurde +anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange +strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und +immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten +sich gegen die Wnde hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der +drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe +brannte, stand Olivia allein in einem den Raum. Der Schleier, der sie +einhllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und +die kostbaren Gewnder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das +Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rhrte +sich. + +Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der +Hofrat war trotz der frhen Stunde schon in den Treibhusern. Sie +wanderte durch das Haus, durch alle die schnen Rume, betrachtete die +schnen Gegenstnde. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so +weltfern und ohne Freude. + +'Er allein in dem groen Haus,' mute sie denken, 'so nutzlos und ohne +Freude! Und soviel Ha in der Brust!' + +Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blhen. In +zauberhafter Pracht standen die Rosen; Sulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und +Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien +vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, +Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, +Clematis und Winden drngten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, +Portulak und Dahlien. Und die ppigen Hecken, die kleinen Kanle voller +Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und +Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest +der Natur. + +Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Kche und +suchte das Mittel zur Zchtung einer schwarzen Rose. + +Whrend Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verlie, +hatte sie das Gefhl, als riefe sie jemand, aber als drfe sie um keinen +Preis dem Rufe folgen und zurckkehren. + +Sie kehrte nicht zurck. + + * * * * * + +Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gesprch, und am gleichen +Abend reiste sie nach Mnchen. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach +Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte krglich, +gnnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem +Menschen. + +In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe, +wenn auch ohne Enthusiasmus. + +Die sprlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer +Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berhmte Meister, dessen +Unterricht sie geno, uerte sich ber Olivias Charakter mit +Bewunderung, ber ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, da +ihr Entschlu zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm +vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes. + +Ein paar Tage spter sagte Olivia zu ihrer Mutter: Eine Frau kann es in +der Kunst zu nichts Groem bringen. Wir knnen die Welt nicht anschauen, +wir knnen die Welt nicht fassen. Heute hab' ich meine Tonfigur +zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin. + +Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und +sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In +Zrich wurde Olivia bettlgerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht +ergrndet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war, +bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig, +Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das +Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, da sie drohte, sich aus dem +Fenster zu strzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nhe komme. + +Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm, +wenn man sie anredete; jedes Gesicht qulte sie, bei jedem Gerusch +zitterte sie, vor Bchern empfand sie Widerwillen, die Natur lie sie +kalt. + +Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die +Betroffenheit ihrer Schwester, welche Vernderung mit Olivia geschehen +war. Sie war berschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebt, +ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien +gebleicht. Die Augen lagen tief in den Hhlen und blickten fremd und +matt. + +Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen +alles Zureden taub. Das Beste, was man fr sie tun knne, sei, sie sich +selbst zu berlassen, erklrte sie. Den Frauen dnkte dies Verlangen +sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein +Sanatorium am Bodensee. + +Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war, +sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle +ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen +Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom +November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke +und fhle sie nicht, als sei ihre Seele gelhmt. + +Sie war von einer mrderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand +erfllt. Die einzigen Gefhrten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit +waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergngen auf den Alpenwiesen +pflckte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen versprte sie keine Freude +ber die Blumen. Sie sammelte tglich einen Strau und trug ihn in ihre +Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding. + +Ihre Hnde waren jetzt ganz schmal und gelb. + + * * * * * + +Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: +Es ist Krieg ausgebrochen, ich mu mein Haus schlieen. + +Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends +aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war, +traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, da +dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie +kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte. + +In allen Bahnhfen drngten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und +Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, da Olivia kein +Pltzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im +Korridor stehen mute. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen +kreischten, Kinder weinten, Mnner suchten ihre Gepckstcke, Hunde +bellten, unaufhrlich liefen Gerchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied +wurde gesungen. + +Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor +Ekel bei den fortwhrenden Berhrungen, denen sie ausgesetzt war. + +Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine +Buerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden +geredet wurde, konnte sie nicht hren, aber wie sie voreinander standen, +Hand in Hand, Blick in Blick, das rttelte sie auf einmal aus ihrer +selbstischen Pein. + +'Wohin bin ich geraten?' dachte sie schuldbewut; 'wer hat mir die +Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?' Auf einmal +hatte der Lrm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, +von dem die Menschen erfat wurden, begriff sie nicht, doch sprte sie +seine Gewalt. + +Niemand holte sie ab. Sie mute lange warten, bis sie einen Wagen bekam. +Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrcken mute, +war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrte sie froh, aber im +brigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl. +Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann +sie Sicherheit und fhlte sich minder einsam, als wenn man ihre +Einsamkeit zu stren versucht htte. + +Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und +Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie +vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein +Etwas, von dem Olivia elektrisch berhrt wurde. + +Spter kamen noch einige der frheren Freunde und Bekannten, die +vernommen hatten, da sie wieder zu Hause war und sich von ihr +verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, da Olivia ihrer +lngst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgerumt, da sie +sich ber jeden einzelnen wundern mute. Oft war sie nah daran, zu +fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr +wirklich so? + +Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah +aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wre. Er sprach nicht viel. +Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie mge +sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm. +Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens sttzte Olivia den Kopf in +die Hand und weinte. Es waren gute Trnen. + +Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige +schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mtzen steckten +Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den +Augen, das wie ein Funke herbersprang. + +Sie ging in die Stadt. Unzhlbare Scharen von Menschen zogen ber den +Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die +vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine +einheitliche Kraft. + +In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein; +sie war in der Luft zu spren, ehe sie verkndet wurde. Es schien, als +seufzten die Pflastersteine. + +Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen +Glauben an sich. Aber aus dem verbrderten Reich strmten, wie aus einem +unerschpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie +waren Stdte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die +Ferne einander so gefhlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehuse, das ihm +zum Kerker geworden war. + + * * * * * + +Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie +ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelst hatte, +konnte aber, als schme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr +war Frage, Zweifel, dunkles Ringen. + +So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre +Shne betuben und machte sich an vielen Orten ntzlich. Sie forderte +Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo +zahlreiche Damen beim Labedienst beschftigt waren. In einer Halle waren +mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, +mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbnden. + +Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? +Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als +msse es so sein. Von der Welt fiel eine Hlle ab, die ihre Gestalt +verborgen hatte, und pltzlich trat diese Gestalt in schrecklicher +Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu +Frau von Scheyern und fragte tonlos: Warum liegen denn die Leute hier? + +Wir haben zu wenig Platz, war die Antwort. + +Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grbelei. Fremde Leute drngten +sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie +trat auf die Strae. 'Zu wenig Platz,' grbelte sie und starrte auf die +Huser, die vielen Fenster, 'wieso denn zu wenig Platz?' Wie konnten +alle die Mnner und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn fr jene +Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, +ihre Geschfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz! + +Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie +wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern +an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen +Militrarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war +dieselbe. Unwillkrlich prete sie die Hnde zusammen, dann floh sie wie +von einem Ort der Snde. + +Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. 'Was tust du? +Wozu bist du da?' rief sie sich zu. Bestndig zitterten ihre Lippen. Sie +wute kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie wrde von +neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot +ihr beide Hnde dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, +es war ihr unangenehm, zu denken, da ihre Person Gegenstand auch nur +eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach +Mitteilung und Aufklrung, sprudelte sie in raschen Stzen hervor, was +sie bedrckte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne ttig; dort +seien die Zustnde bengstigend, sagte er; die Leute lgen in den +Gngen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. Und Sie, +Eduard, und Sie? kam es geqult und emprt von Olivias Lippen. + +Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und +Erlebnis lag in seinen Zgen, aber sie gewahrte es nicht. + +Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein +Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen +unbewohnten Zimmern. + +Ich gehe demnchst zur Front, sagte Eduard Friesheim, und sein auf +Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude. + +Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedrfnis nach Eile +gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie lie sich zu Robert Lamms +Villa fahren. + +Gerold, der auf ihr Luten das Tor ffnete, sagte: Ich wei nicht, ob +der Herr Hofrat empfngt. Olivia schob ihn beiseite, flog durch den +Flur, ber zwei Treppen hinauf und pochte an der Tr des Giebelzimmers. + + * * * * * + +Robert Lamm sa lesend am Fenster. Bei dem strmischen Eintreten des +jungen Mdchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, +schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: Du bist es? + +Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der +schttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch +elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen +erschtterte Olivia, ein Schauder berlief sie: der Mann war ihr so nah +und so fern dadurch, in ihr war pltzlich alles Heiglut des Erlebens, +in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dnkte, als vergehe sie sich an +ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. +Es war ein Gefhl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die +Wucht von Erfrorenem. + +Eine Gebrde Lamms fragte. Die Gebrde war beredt: die Menschen meiden +mich, ich habe aufgehrt, etwas von ihnen zu erwarten. Was fr ein +selbstschtiger Anla fhrt dich her? + +Olivia schpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte +sie: Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagersttte +haben, kein Dach ber dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen +knnen. + +Ja, ich wei, es ist Krieg, entgegnete Robert Lamm sachlich. Du hast +offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die +notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab' ich damit zu schaffen? + +Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. Um +Gottes willen, was redest du, rief sie leise. Die Unglcklichen gehn +zugrunde, und es sind so viele Huser da mit leeren Stuben! Robert, dein +Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer knnen zehn Betten sein. Man hat +zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz fr Menschen, die sich geopfert +haben. Hier bei dir ist Platz in Hll' und Flle. Gib mir dein Haus, +Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so +doch zum Sterben. + +Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht. + +Wie sie still halten, flsterte Olivia und prete die Hnde +gegeneinander, wie fromm sie daliegen, wie verstmmelte Tiere. Geh mit +mir und schau' sie an. + +Robert Lamm schttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte +nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: Sie haben sich nicht +geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlgt es +nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug brig. +Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das +berlass' ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben +an ihre Wichtigkeit haben. + +Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am +ganzen Leib zu beben. Und wenn du dort lgst, hilflos dort lgst, +stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rhrte +sich nicht. Und wenn's dein Bruder wre, irgendein Mensch, den du +liebst, fuhr sie flehend, beschwrend, auer sich fort. Robert Lamm zog +mit eigentmlich bsartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte +finster ber Olivia hinweg. Und wenn ich's selbst wre, Robert, ich +selbst! brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen +schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief +suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand +haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den +Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In +leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, ri das Messer an sich, +ffnete mit zitternden Fingern die oberen Knpfe ihrer Bluse und +richtete die Spitze des Stahls gegen die weie Haut ihrer Brust. Wenn +ich es wre! wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte +sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblten groen engen +Zhne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, +drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz +und in der Furcht vor der Enttuschung gleichsam spielend, hatte bei +allem Unerwarteten und Bengstigenden etwas so Rhrendes, ja Kindliches, +da in Robert Lamms Zgen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar +wurde. + +Er griff hin, packte sie beim Gelenk und lste das Messer mit sanfter +Gewalt aus ihrer Hand. Keine dramatischen bungen, mein Kind, sagte er +tadelnd; ruhig Blut, la uns ruhig verhandeln. + +Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das +Zimmer. Dein Gefhl macht dir Ehre, begann er wieder; ich sehe nur +nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand +lt sich gern auf einen Posten drngen, der weder seinem Charakter, +noch seiner Auffassung der Dinge gem ist -- + +Die bel, unter denen du am rgsten gelitten, und die du immer als +unsern Fluch bezeichnet hast, Trgheit und Unverantwortlichkeit, da mir +die gerade dein Bild verunstalten sollten, knnt' ich nicht ertragen, +warf Olivia ein. + +Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten +berraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kmpfen. Mit dem Haus +allein ist's nicht getan, sagte er zgernd, wer wird es einrichten? + +Das la meine Sorge sein. + +Du vergit, da dazu viel Geld gehrt. + +Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch +andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel +entbehren willst. Am Gelde sollt' es scheitern? Geld beschmutzt den, der +jetzt nicht hilft. + +Robert Lamm lachte; es klang halb berlegen, halb beengt. Er setzte sich +an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. Nun gut, sagte er nach +einer Weile, nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. +Tue, wozu es dich drngt. Ich werde Auftrag geben, da man dich nach +deinem Belieben hier schalten lt. Ich werde dir ein ausreichendes +Konto bei der Bank erffnen. Ich nehme an, da deine praktische Eignung +mit der Begeisterung gleichen Schritt hlt; da du Leute ausfindig +machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist +wohl selbstverstndlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf +meine Person allerdings darfst du nicht weiter zhlen. Ich bin nicht da, +fr dich nicht, fr keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versum' die +Zeit nicht. + +Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und +drckte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug +hierauf den Blick zu Boden. Sie ging. + + * * * * * + +Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm. + +Jedesmal, wenn er in das Tal kam, lie er den Wagen beim Brandwirt +halten, und ein Bauernmdchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in +das Blockhaus. Dieses Mdchen, Romana hie sie, war ihm seit vielen +Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein +durfte. + +Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trben Gedanken +sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg. + +Das Wort tnte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die +Majestt und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn. + +Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frhe auf den Hhen +ringsum und fllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch +unsichtbaren Sonne zu glnzen, sich zu zerteilen, und der strahlend +blaue Himmel trat hervor. + +In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmig auf die Jagd. Aber er +merkte, da ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem +Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schu zu bringen. +Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bumen; er +legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, da er die +Flinte absetzen mute. Das Tier hatte ein Gerusch gehrt und enteilte, +nicht in groen Stzen, sondern beinahe bedchtig und als wisse es, da +es nicht mehr bedroht sei. rgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die +Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon. + +Sein bedchtiger, federnder Traumgang hatte den Jger an eine +Menschengestalt gemahnt. Er hatte pltzlich Olivia vor sich gesehen. + +Er lie die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen ber das +Gebirge. + +Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wlder, fhlte er sich +abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die +Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbndern, +die im Feuer glhen. + +Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die +Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knpften +Gesprche mit ihm an und wollten Aufschlu und Trost von ihm haben. Er +aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestrken, und sein letztes +Wort war stets: Es ist aus mit uns. Und in seinen Mienen malte sich +eine herzlose, fanatische Schadenfreude. + +Einmal bewies er dem Frster und dem Postmeister mit der Karte in der +Hand, da es gegen die berzahl der Feinde kein Entrinnen gbe. Jene +hrten bekmmert zu, und der Frster wagte bescheiden auf die Siege +hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen htten. Da lachte +der Hofrat und antwortete: Im besten Fall siegen wir uns zu Tode. + +Er war immer in unruhiger Bewegung. Er lie sich Bcher aus der Stadt +kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In frheren Tagen hatte er +den Plan gefat, unweit von der Htte ein ausgemauertes Wasserbecken +anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu knnen. Jetzt dnkte es +ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er +mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, +viele Stunden lang. In der Mdigkeit, die ihn dann berfiel, war ihm +zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen +Pranken hielt. + +Bei Regenwetter sa er im Haus. Oft schickte er Romana mit Auftrgen ins +Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd +und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin +zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stck Holz und zeichnete mit +dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weie Kalkmauer. Aus den +Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die +Finsternis. + +Allmhlich bemchtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren +und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und +verbarrikadierte die Tre. Im Bett liegend, betastete er seinen Krper +und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zndete Licht an, griff nach +der Uhr und zhlte seine Pulsschlge. Kaum konnte er es ertragen, sein +Herzgerusch zu hren; jeden Augenblick war er darauf gefat, da die +geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn wrde. Er +wanderte in den nchsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und +Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als shen ihn die Leute +mit argwhnischen Augen an, als htten sie sich besprochen und fhrten +etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebsch +erschreckte ihn, der Schrei der Krhen lie ihn erbleichen, das Heulen +des Windes verursachte ihm die grte Pein. Beim Ausschaufeln der +Badgrube war ihm eines Morgens pltzlich zumute, als schaufle er ein +Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gert weg und htete sich, die +Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dmmerte, wagte er sich nicht mehr +ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen mssen. +Jetzt lie er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem +Alleinsein frchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die +Umschlge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu ffnen. +Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was drauen +vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob +sie nher gerckt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht +fr die Menschen, nur fr sich. So unentbehrlich ihm auch die +Gesellschaft Romanas war, so sehr hate er ihr Reden und ihr Schweigen. +Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter +geworden, qulte es ihn, da er um ihren Atem wute. Manchmal schlich er +des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie +schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, +und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so bi er die +Zhne zusammen und gab sich seiner unergrndlichen Erbitterung hin. + +In der Schlferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drngte sich +ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie +lag, gefhllos und gemein? Trumte sie von dem blden Bauernburschen, +den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie +darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zuflliges +in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein +wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war +eine andere, unheilvoll verwandelt. + +Olivia, murmelte er vor sich hin. + +Eines spten Abends wurde an die Haustr gepocht. Der Hofrat ging hin +und ffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewndern und verstrtem +Gesicht stand drauen. Stammelnd bat er um Einla. Da es strmte und +schneite, mochte ihn Lamm nicht zurckweisen. Auf die Frage, wo er +herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur +verworrene Antworten. Romana fhrte ihn auf den Dachboden, wo er auf +einem Strohsack nchtigen konnte. Als sie zurckkam, sagte sie, es sei +ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden +und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; dann sag' ihm, er soll sich +packen! rief er. Man knne doch keinen Menschen in diese Nacht +hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zndete die Laterne an, stieg auf +den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er +ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein +Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken +war in diesen Zgen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus +der Finsternis nach dem Fahnenflchtigen streckten, und von dort, wohin +er den Rcken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von +Zorn rttelte er an der Schulter des Schlfers; der lie nur ein Sthnen +hren und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die +schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser +fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu +unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder +sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch +und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, +ein bergreifen von Bewutsein zu Bewutsein. + +Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es +Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber +bevor er sich noch fr den Gang gerstet hatte, sah er zwei Gendarmen +mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend +abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten +sich auch hier nach dem Flchtling erkundigen. Der Mann ist droben, den +ihr sucht, redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach. + +Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm +gebot der Magd, da sie den Gendarmen einen Imbi reiche, und whrend +sie warteten und aen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er +die Leute ins Tal und war auffallend gesprchig, in einer seltsam +unterwrfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und +knne es durch beflissenes Wesen verhindern, da man ihn bezichtigte. + +Beim Brandwirt lie er sein Gepck von der Almhtte holen. Am Abend fuhr +er in die Stadt. + +Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem +Zimmer, endlich entschlo er sich, seinen Diener zu benachrichtigen. +Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wsche, die er verlangt hatte. +Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schttelte der Hofrat den +Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedrfe. + +Die Vernderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, +schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter +Flssigkeit, seine Arme zuckten bestndig, beim Reden stotterte er und +verlor den Zusammenhang. + +Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, whlte er die +Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straen. Er schritt mit +gesenkten Lidern und sttzte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag +eine unheimliche Komdie darin, da er auch den Gang eines Greises +nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er +trug sich nicht mehr mit jener gewhlten Feinheit, durch welche er stets +aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung fr kleine +Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein +Wahrzeichen seiner Persnlichkeit bildete, war nicht mehr so glnzend +gebrstet, obwohl er noch immer ein bichen schief auf dem Kopfe sa. + +Es kam hufig vor, da er trotz der Verstellung, die er bte, trotz des +Versteckenspiels, das er trieb, gegrt wurde. Doch dankte er nie. +Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebrdete sich entzckt, +ihn zu sehen, und wnschte ihm Glck zu seiner groen Tat. Verdrossen +fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, da jener das +Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden +war. Begeistert rhmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, +sowie die auerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, ber die man +immer neue Wunder zu hren bekomme und von der die ganze Stadt schwrme. + +Mrrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa +sei lngst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als +ffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er knne kein +Verdienst beanspruchen, und Lobsprche seien ihm gegenber am falschen +Ort. + +Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit +Fragen belstigt wurde, flsterte er mit heuchlerischer Bekmmernis zu, +der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf +und lie den Verdutzten stehen. + +In den Speise- und Kaffeehusern, die er besuchte, setzte er sich in +einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schtzen, hielt er +eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lrmten +ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehssig, wenn sie lachten oder +aufgeregt kannegieerten. Nach seiner Ansicht htten sie stille sein +mssen, ganz still, und am Abend htten keine Lichter brennen drfen. +Hrte er irgendwo Musik, so geriet er auer sich und fand, da man das +Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrabltter ausgerufen und alle +Hnde griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rhrte sich +nicht. Er war berzeugt, da fast alles, was in diesen Blttern stand, +erlogen war. Die zahllosen Flchtlinge, welche die Stadt fllten, +erregten seinen rger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die +Ursache ihrer Gegenwart eine hmische Genugtuung, und er machte boshafte +Glossen ber das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die +sich darin verkndete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten +Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswrdig +blassen Gesichtern durch die Straen zogen, so ballte er wie im Zorn die +Faust und lchelte dster. + +Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, da whrend +seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu +spionieren. Auch war es ihm berall zu teuer und zu laut. Er prfte +mitrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er +in einem geringen Gasthof in Whring. Seine wachsende Vereinsamung +steigerte die hypochondrischen Gefhle; oft lag er tagelang im Bett. + +Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und +Untergang drohte. Es schien, da nur ein dnner Schleier noch zu reien +brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, +die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben +stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und +einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam ber Robert Lamm eine +eigentmliche Schwche, und er sprte seine Verlassenheit wie ein +Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorberging, +stockte sein Schritt. Er mute lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, +da hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend +aller Dinge. Pltzlich erfate ihn die Sehnsucht nach seinen +Treibhusern; er sprte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den +warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und +an das Gefhl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die +letztvergangenen Monate dnkten ihm eine Zeit der Verbannung und der +Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; +er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwhnte sein +Verlangen, als sei es nur ein Vorwand fr ein anderes, das er sich nicht +eingestehen mochte. Der alte Selbstha schlug empor und mischte sich mit +dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht +ber sie gehabt, soviel Macht, da er sich hatte einbilden drfen, sie +sei ein von ihm abhngiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer +Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er +zur Oper und mute stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg +versperrte. Eine schne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach +eine Polin, ein kostbarer Mantel umflo den schlanken Krper, auf dem +dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm htte die Rose von ihrem +Haupt reien mgen; es war etwas so Verwegenes und Lsternes um sie; die +Welt erschien ihm malos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er +sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblate, erglhte, verblate +wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, +wurde mde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, +ging wieder ein Stck, und es war spter Abend, als er vor seiner Villa +anlangte. + +Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und +aus, ber dem Hauseingang hing ein groes, rotes Kreuz, alle Fenster +waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschlieen. Es +war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein +Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der +Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm +entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden +gelehrt hatte! + +Am nchsten Tag kehrte er zurck, sprach mit dem Grtner, einem wrdigen +Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die +Glashuser, begleitet von dem Alten. Er lie Gerold rufen und merkte +noch immer nichts von der Verstrung des Mannes. Er wollte nichts von +Olivia hren, doch der Grtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war +Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und +Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausrumen des +Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behrden verhandelt, +die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschftsleute gefgig gemacht +habe; wie unermdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung +entgangen sei, von den Vorrten fr die Kche bis zu den Instrumenten +fr den Operationssaal. Dann kam die Frau des Grtners hinzu und +erzhlte gleichfalls; man sah, da das Schauspiel opfervoller Ttigkeit, +das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen +verdrngt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstcke fortgekommen +seien; der Grtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib lie sich aber +nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebrde +des Hofrats, wie das Frulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht blo +Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst +tten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten rzte bekommen. +Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere +Damen htten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei +ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem +Eifer bestehen. Der Grtner nickte; es sei kaum zu fassen, fgte er +hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem +Bahnhof, um die Transporte zu berwachen, bei den mtern, um neue +Vergnstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Kche, bei +Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch. + +Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab. + +Gerold sagte dumpf: Soviel ich hre, sollen jetzt Baracken im Park +gebaut werden. + +Der Hofrat fuhr jh herum. Baracken im Park? Da hab' ich noch was +dreinzureden, dnkt mich! + +Ich denke auch, murmelte Gerold und prete die Hand um seinen Hals. + +Auf einmal ertnte vom Haus herber ein langgezogener Schrei. Robert +Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. +Armer Teufel, sagte die Frau des Grtners. Gerold war sichtlich +zusammengeschaudert. + +Der Schrei wiederholte sich, in einer hheren Tonlage, aus heftigerem +Schmerz heraus. Lamm verlie die Grtnerstube, sah sich drauen um, der +Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb +beseelt, sich dem Bereich der grlichen Stimme zu entziehen, schlug +Lamm den Weg zum Tor ein. Pltzlich aber blieb er stehen und kehrte um. +Es zog ihn unwiderstehlich zurck, die Muskeln in seinem Gesicht +verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war +schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Fen. Gerold folgte +ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den +Raum konnte er nicht blicken, da ein weier Vorhang hinter den groen +Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem frchterlichen +Schrei. + +Herr Hofrat, flsterte Gerold, man kann's hier nicht aushalten, man +kann nicht mehr leben in dem Haus. + +Die Umrisse einer Gestalt fielen pltzlich auf den hellen Vorhang. Das +Fenster wurde jh geffnet. Die es ffnete und nun in den Ausschnitt +trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert +Lamm erkannte, war Olivia. + +Robert Lamm nannte ihren Namen. Er sttzte sich mit bebenden Armen auf +den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Hnden das +Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine +Wrde, die ihn unwillkrlich veranlate, einen Schritt zurckzuweichen. +Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschtternd. Er wird +sterben, sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit +hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden. + +Als sei er von einer berirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert +Lamm den Kopf. + +Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem +bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berhrt +worden war. + + * * * * * + +Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bcherreihen an, und es +herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des +Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht +hatte. + +In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dnkte ihm, als habe er kein +Recht, hier zu sein, als msse er sich das Recht erst erkmpfen. Gegen +wen aber erkmpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wnschte, sich mit +ihr auseinanderzusetzen, dabei fhlte er, da ihr an einer +Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, da seine Person und was er +dachte und der Grund, weshalb er nun pltzlich im Hause war, in ihren +Augen gar nichts bedeutete. Er drckte auf den elektrischen Knopf der +Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er +ffnete die Tre und rief hinaus. Keine Antwort. Er brllte Gerolds +Namen ber die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig +erstaunt nach der Ursache des Lrms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. +Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Frulein Khuenbeck +sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold +zurck und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde +spter kommen. Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, +wenn man dich braucht! keifte Lamm und schlug die Tr hinter sich zu. + +Gleich danach pochte es an der Tr, und Gerold schob sich ber die +Schwelle. Der Herr Stabsarzt lt dringend ersuchen, die Tre nicht zu +schmettern, sagte er furchtsam. + +Lamm blickte finster verwundert empor. Hinaus mit dir! erwiderte er. + +Er zog ein Buch aus dem Schrank und bltterte darin. Dann warf er es +weg. Die Hnde auf dem Rcken, lief er ungestm die Kreuz und Quer +durchs Zimmer. Ein leises Klopfen berhrte er, und er richtete sich +steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu +begegnen, bald aber fate er Mut. Ihr Gesicht hatte einen +trumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer +gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen +Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verndert, ganz und gar; er +wute auch, da ihre Stimme verndert klingen wrde. Alles an ihr +erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr +Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehssigen Verneinung; er +schmte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen +sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war. + +Du reibst dich auf, sagte er in bellaunigstem Ton, du bernimmst +dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu +wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir +vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in +einer solchen Zeit nahe, sich zu betuben und im allgemeinen Elend das +eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so +verhngnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Krper wten soll. +Dafr bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung. + +Olivia, die gegen die Tr gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie +ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter +Miene das Gesicht zu. Was weit du von mir? fragte sie. Was weit du +denn eigentlich von mir? + +Ihre Stimme klang wirklich verndert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt +mehr Brechungen und entschiedenere Akzente. + +Ich wei, was ich sehe, versetzte er kurz. + +Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwrfe zu +machen? fuhr sie fort. So will ich dir sagen, da du dazu kein Recht +hast und da ich dir das Recht auch nicht einrume. Du bist nicht Herr +ber mich. Du bist es kaum ber dich. Was willst du? + +Sie schaute ihn an, und er fhlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es +umgab ihn frmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht +und vor keinem. Er begriff, da sie einen weiten Weg zurckgelegt hatte, +seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und da sie seine Fhrung +nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte. + +Ich habe zu tun, sagte sie, ich komme wieder, sobald ich mich fr +eine halbe Stunde freimachen kann. Es mssen Baracken gebaut werden, und +dazu ist deine schriftliche Zustimmung ntig. + +Baracken? In meinem Park? + +Ja, an der Sdseite des Hauses. + +Er brauste auf. Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefllt +werden! Hundertjhrige Bume! + +Allerdings, erwiderte Olivia ruhig. Bume, fgte sie mit einer +Gebrde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, Bume! + +Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal +um. Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus +unserer Kche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn +du dich entschlossen hast. Der Mann ist brigens zum Sufer geworden. +Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der +Treppe liegen. Versuch' es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor +Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn. + +Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte, +rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflgeltes Untier. Lamm machte +einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als msse er noch einen Blick +in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu knnen, da sie es war, sie +selbst, und nicht eine Doppelgngerin. + + * * * * * + +Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie. + +Zweifellos hatte sie auer acht gelassen, da es schon zehn Uhr war, als +sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in +spter Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschtterndes in der +Vorstellung, da Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle fr sie spielten. + +In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las +aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unvernderlich +dster. Bisweilen dnkte ihn, er hre wieder den Schrei, der ihn zu dem +beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er chzen und +Sthnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden +Krater eines Vulkans. + +Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wsche aus dem +Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als frchte er das +Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geffnet und +whlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal sphte er hastig nach +Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts. +Alles, wovor ihm bangte und was ihm unertrglich zu denken war, hatte +sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm +endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf +hinaus. + +Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte +die Lider nicht schlieen, die Finsternis brannte ihm frmlich auf der +Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, +geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der +Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz gestrmt +wie Gift. + +Es wurde ihm bewut, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht +verkrzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nhe, die mit +Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemht gewesen war. +Dazwischen tauchten Gerolds Zge empor wie ein versteinertes Bild des +Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender +Blsse, in einem Rahmen von Blut. Er bi die Zhne zusammen, als schlge +ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit +rcksichtsloser Lautheit: Schwester Emilie! Schwester Emilie! Lamm +richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft +hinein: Ruhe! + +Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natrlich nicht gehrt. +Aber sein Ha saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete +ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen +bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: 'Wir sind in deinen Frieden +eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstrt, wir haben dir alles +geraubt, was du besessen hast; deine Gemlde sind verschwunden, deine +Mbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bume +lassen wir fllen, deine Blumen reien wir aus, und die einzige Seele, +um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der +Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher +warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte, +auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken +Menschen!' + +Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch +er erkannte nun und fhlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie +ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam ber +ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu +erffnen, zu erklren, von ihr gebilligt und begriffen zu sein. + +Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein +altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich +entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte hhnend fest, da seine +Bltezeit vorber sei. + + * * * * * + +Erst um die Dmmerungsstunde kam Olivia herauf. + +Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche +Einwilligung zum Bau der Baracken. + +Sie dankte. Sie war mde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervositt +verriet auch jetzt, da sie sich keine Rast erlauben zu drfen glaubte. + +Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzhlte es beilufig. +Es war fr sie ein Fall unter vielen. + +Er nickte. Damit msse er sich abfinden, da der Tod Stammgast in dem +Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun knne er sich nicht abfinden. Bis zur +Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, knne er sich nun und +nimmer entschlieen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen. + +Es mag der Weg fr hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. +Fr die Haltlosen, die Enttuschten, vom Leben Betrogenen der richtige +Weg, fr dich der Irrweg. + +Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir +entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie +mir gezeigt hast, antwortete sie. + +Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die +Zeugin von groen Leiden, so bist du doch nicht befhigt, darber zu +urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt. + +Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die +Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer. + +Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich +pltzlich vergessen, wogegen sich fnfundzwanzig Jahre lang mein Gemt +emprt hat, wovon ich beleidigt und gedemtigt worden bin zeit meines +Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglck, ein Verhngnis, das nicht zu +verhten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er +die Shne fr eine unendliche, aufgehufte Schuld. Im Grauen der +Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, da ihr so lange +gezndelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. +Jetzt ringt ihr die Hnde, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen +und retten, jetzt, da es zu spt ist. Frher ward ihr taub, habt euch +verhtschelt und verhrtet, seid Genlinge gewesen, Spieler, Trinker, +Sportshelden, Bcherwrmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt +mir so lcherlich vor, so unntz, so aufgeblasen. Du mut schon +verzeihen, Olivia. + +Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten +Gesichte, die Tage, die Nchte, die Schmerzen, das Ungeheure der +geschauten Wirklichkeit gaben: Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich +nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, wei +ich, da das nur deine Worte sind. Dein Gefhl ist es nicht, kann's +nicht sein. + +Ach, bleib' bei mir mit dem Gefhl vom Hals! Was ich fhle, ist meine +Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, da +du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht +ausschpfen kannst. Ich denke, da einer Sintflut nicht abzuhelfen ist, +indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, da, wo der +Sturm ganze Wlder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen +ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, da niemand das Recht +hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines +einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer +geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hnde nicht in Blut, oder +er entwrdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da +sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja +verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von +Grausamkeit, das mir Mut einflt. + +Ich wundre mich, sagte Olivia kopfschttelnd, und ihre blauen Augen +strahlten im Feuer des Unwillens. Woher nimmst du die Kraft und den +Entschlu, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spren, von +der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die +ganze brige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber +gesndigt, hast du dir kein Versumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch +ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum +also diese Anmaung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor +dem, was nun einmal ist? + +Er schwieg zunchst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er +warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete +Gestalt mit den seltsam zurckgebogenen Schultern erfllte ihn mit einer +Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und +trommelte an die Scheiben, und whrend er in den winterlichen Garten und +in die kahlen ste der Bume schaute, sah er immer blo sie, fhlte +immer nur sie, bewunderte sie, schmhte sie, suchte nach ihr in seinem +zerwhlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Grnde, qulte seinem +Geist Rechtfertigungen ab. + +Er sprach von dem Unheil, das ber die Menschheit hereingebrochen war, +als von der groen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen +Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie +die Vlker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge, +was keiner zu tun wnsche. Lngst seufzten die Lnder, die Stdte unter +einem berflu von Menschen und von Produktion; die Flle sei zur Not +geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu +viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den +Worten zu ihm gekommen, es gbe zu wenig Platz? Nun werde Platz +geschaffen, darin liege die Fgung, und nicht nur Platz fr den Krper, +sondern auch fr die Seele, fr den Glauben, Platz fr den Herrgott, der +in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da drfe man nicht die +Hnde ringen und sich larmoyanter Wehklage berlassen; da zieme sich +Ehrfurcht vor dem hheren Walten, denn wer falle, der sei eben der hre +vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mithren, reif sei fr die +Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn +Millionen strben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein +Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen. + +Olivia schaute ihn an, lchelnd und mit einem erglhten Blick. Ich bin +auch eine hre, warum willst du mich sondern? sagte sie. + +Ja, ich will dich sondern, antwortete er heftig; doch stockte er, weil +er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm +selbst noch unbewut in seiner tiefsten Brust verborgen war. + +Warum? beharrte sie, und ihr Lcheln wurde so vergeistert, da er +Furcht vor ihr versprte. Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest, +bin ich dann nicht ein Werkzeug fr die, die ich rette, wie die Granate +ein Werkzeug der Vernichtung ist? Knntest du nur einmal die Augen eines +Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weit nicht, +was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben fr dich nichts? Das +einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod +nach ihm langt --? Du weit nicht, was Leben heit! + +Mach ich einen Dichter, einen Trumer, einen, der die Wirklichkeit des +Seins nie zu beherrschen und nchtern abzuschtzen gelernt hat, mach ich +solch einen pltzlich zum Steuermann auf einem Schiff, whrend der +Taifun rast, so tu' ich ungefhr dasselbe, was du mit dir tust, +antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu. +Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Ma zerstrt, jede +Form zerstrt! + +Nein, nein, nein! rief sie ihm entgegen. Nicht zerstrt, nicht +zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein +auch Zerstrung wre, wer bin ich denn, da ich auf mich achten sollte, +mich schtzen drfte? Fr wen, wofr mich bewahren? Wo ist das Bessere, +Grere? La mich sein, wie ich bin, la mich tun, was ich tue! + +Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick +und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, prete beide +Hnde wider ihre Brust und flsterte, totenbleich: Ach, Robert, es ist +frchterlich! Frchterlich! + +Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da. + +Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand ber +ihre Haare und sagte erschrocken: Ich vergesse mich ganz. Es wartet +soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert. + +Schnell verlie sie das Zimmer. + + * * * * * + +Ungefhr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne +Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien +gefunden hatte. Er hatte einen Schu im Rckgrat, konnte nicht sprechen +und keinerlei Auskunft ber sich geben. + +Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in +der Luft gerichtet. Er hatte ein auerordentlich schnes Gesicht, bla, +vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, da Kinn +und Wangen von Haaren frei waren. + +Ob er Freund oder Feind war, wute man nicht. Er trug die Nummer 42, das +war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Vlker an, die im +Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, da er die Worte fate. +Man vermutete, er sei auch des Gehrs beraubt und hielt ihm Zeitungen +und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebrde. +Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da. + +Wennschon dies von einer vlligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem +inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den strksten Glanz +bewahrt, der sich denken lie. Sie waren ununterbrochen weit geffnet, +und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen +sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs +fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf +rzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung bte. Oft standen +mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich fr kurze Zeit ihrer +Beschftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn +festzuhalten. + +Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb +stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den +wunderbar verlorenen, wunderbar erfllten Blick des fremden Mannes. In +jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein +Mensch, der Atem schpft und sich besinnt und der Lsung eines dsteren +Geheimnisses nher ist als bisher. + +Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte, +die ber dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne +leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, +wissend-bewutlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich +ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie +tauchte empor aus der qualmenden Hllenglut und lenkte ihren Blick gen +Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefhl +von Gott. + +Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben. + + * * * * * + +Mit dreizehn Schritten durchma Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte +berechnet, da er zwlftausendfnfhundert Schritte machen mute, um eine +Strecke von zehn Kilometern zurckzulegen. Er besa einen Schrittzhler, +mit dessen Hilfe er tglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen +Tagen waren es zwlf, an manchen fnfzehn Kilometer. + +Die Mrsche dnkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch +konnte er beim Gehen besser denken. + +Aber die Gedanken fhrten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, +da er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mute. Wenn der +neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach, +die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte. + +Fnf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis +drei Lektre, blieben immer noch mindestens zwlf Stunden, die leer +waren, zwlf boshaft schleichende Stunden. Jedes Gerusch im Hause, +jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flstern oder Murmeln war eine +Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung. +Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da drauen, da drunten! + +Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu berschreiten. +Nach Verlauf einer Woche brtete er ber Fluchtplnen. Doch wute er, +da sich niemand um ihn kmmerte. + +Ein sonderbares Vergngen gewhrte es ihm, die Personen an sich +vorberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Ha bedacht hatte. Es +stellte sich heraus, da von diesem Ha nicht mehr viel brig war; auch +wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an +jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefhl +gerechtfertigt htte. + +Die Ursache war nicht etwa die, da er die Fhigkeit zu hassen verloren +hatte, sondern da alles, was noch an Ha in ihm war, sich gegen einen +einzigen Menschen richtete: allein und unvershnlich gegen Olivia. + +Sie hatte ihn gezwungen, wider seine berzeugung zu handeln. Sie hatte +ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte, +die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und +schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknpft hatte. + +Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um +einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemts- und +Sinnenleben war eine vernachlssigte Provinz seines Daseins, und die +dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete +sie, wo es mglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn +heran; er wute pltzlich, da er schon das Bild des Kindes Olivia mit +Lust in sich aufgenommen, und da das Wchter- und Erzieheramt, das er +ausgebt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der +Piett und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getuscht; +er htte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von +sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen +getrachtet htte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und +Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrcken, dienten ihm aber menschlich +nicht; es verfinsterte ihn und hhlte ihn aus. + +Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lcheln: +alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mhe, +Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trben Erfahrung; ihm +beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Fr ihn gemacht, fr ihn +lebendig, weil er den magischen Schlssel dazu besa, das Wesen zu +begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend +Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner +Belehrung zusammengebrochen war -- er nannte es Belehrung, obwohl ihm +sein Gewissen einen hrteren Ausdruck vorschlug -- als sie sich der +Geiel seiner Worte und dem lhmenden Einflu seiner Urteile durch die +Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben; +mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne, +rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt +htte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am +gnstigsten war. + +Ihr Erscheinen ri ihn vllig aus dieser Einbildung. uere Umstnde, +die strker waren als alles, was er in die Wagschale htte werfen +knnen, hatten den Sieg ber ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfate +ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, da bei +natrlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben +und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme gefhrt htte. +Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in +vielen Jahren hartnckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf +jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zh und stumm, wie nur er +sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er +wute es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein +mnnlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der +Zeit und den Unterlassungssnden ihrer Menschen, hatte die Blte +ausgerissen und verweht, die er im geschtztesten Winkel seines +Lebensgartens gepflanzt hatte. + +Hier war kein Appell mglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen +gegeben, da jeder Versuch, sie zurckzuhalten, ihn in ihren Augen zum +Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, da irgendein Mensch, +weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemhungen +etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzensklte. Er hatte +sie eingebt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hren, +sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, +ntzlich zu sein und litt unsglich, und wrde immer rger leiden +mssen, je hher die Woge des Entsetzens stieg. + +Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrtender Teufel bleich und bse in +einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den +Gedanken, die ihm sein ohnmchtiger Groll und seine wirklich +beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; +es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem +krperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden +kann. Er fhlte sich ausgestoen und gnzlich vergessen, erniedrigt und +beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die +Vorstellung, da mglicherweise er es sein mute, der sich zu beugen und +zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht. + + * * * * * + +Eines Nachmittags um die Dmmerungszeit schlich er aus dem Hause und +ging zu Frau Khuenbeck. + +Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie +gekmmert, das trug sie ihm nach. + +Sie machte ihn im stillen auch fr alles verantwortlich, was mit Olivia +geschehen war, und als er die Rede auf das Mdchen gebracht hatte, +erklrte sie, da sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei +ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine +Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich +bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts +gewut, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig +zugehrt, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt +wurde. + +Haben Sie das vielleicht beobachtet, fuhr Frau Khuenbeck fort, den +Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewi begeh' ich ein +Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich +mu sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten +Dingen zu? + +Lamm schwieg. Es gengte ihm, da die Frau von Olivia sprach. Er hielt +es fr ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen. + +Sie assistiert jetzt bei den Operationen, berichtete Frau Khuenbeck. +Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit +darin erworben, da die rzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. +Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie +genau die Tiefe des Betubungsschlafes zustande, die fr den +betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich +strubt, so braucht sie ihn nur anzurhren, und er fgt sich. + +Mrchen, warf Robert Lamm hin. + +Ich glaube nicht, da es ein Mrchen ist. Ich glaube, es ist ein +Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige rzte +meinen, da sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es +sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklrung +geben sollte. Sie konnte aber nichts erklren. + +Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine +sind, bemerkte Lamm trocken. + +Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. Ein Soldat sagte von ihr: sie packt +einen so an, da man vergit, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet +mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mute ich auf sie +warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, +frisch abgesgten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, +doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! +Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefhl, als begehe das Kind +eine schreckliche Snde. + +Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. So ein Bein, wissen Sie, ist +auerdem verflucht schwer, sagte er mit heiserer Stimme, es mag gut +und gern seine fnfzehn Kilo wiegen. + +Diese Olivia, rief Frau Khuenbeck, die so heikel war, da sie vom +Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt +ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je +wieder ein harmloses Leben fhren, ein Leben mit kleinen Pflichten? + +Lamm erhob sich. Wir werden das Problem heute nicht lsen, +Verehrteste, antwortete er schroff. Unser Verstand ist berhaupt +unzulnglich gegenber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben +nennt. Mich drfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe +Ihnen, mir wird bel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im +Begriff, mir das Reden abzugewhnen; meine Zunge hat nicht die geringste +Lust mehr, Gerusche zu artikulieren. Ein berflssiges Stck Fleisch, +das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen. + + * * * * * + +Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren +in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit +auerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas +aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und +Anmaung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lpfte den tadellos gebgelten +Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher +Bescheidenheit und sagte, er sei entzckt von der Besichtigung des +Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue +sich, dies ffentlich verkndigen zu knnen. + +Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lchelte aus +irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging. + +Doktor Strygowski sagte: Einer unserer fhrenden Journalisten. +Besichtigt Spitler im Auftrag des Roten Kreuzes. + +Lamm nickte. Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von +Wrttemberg und dem Dieb? fragte er. Der Graf Ulrich hatte die +Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schlo zu sitzen und mit jedem +zu sprechen, der vorberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem +Tor, der hatte drinnen in der Kche einen Fisch gestohlen und er hatte +einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn +der Graf zu sich und sagte zu ihm: 'Wenn du wieder Fische stehlen gehst, +so zieh einen lngeren Mantel an oder nimm einen krzeren Fisch.' + +Doktor Strygowski lachte. Ich glaube, der Rat hat gefruchtet, +antwortete er. Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen +Mnteln versehen. + +Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. Doktor +Strygowski, wenn ich nicht irre --? + +Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, da ich unterlassen +habe -- + +Lamm schttelte ungeduldig den Kopf. Nichts, nichts, unterbrach er den +Doktor. Dann lie er abermals den Blick mit fast verletzender +Unbekmmertheit auf dessen Zgen ruhen. Er war gefesselt von dem +Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: Es wre mir lieb, wenn +Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen wrden. Ich habe einige Fragen an +Sie zu richten. + +Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit +erlaube. + +Herr Doktor, der Transport, sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur +heraufkam. Lamm kannte die schne, blasse Frau Senoner. Er grte khl. + +Die Sanittsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten +Mnner, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf. +Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die +Verbnde gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-unglubiger +Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, +verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, ber die sie +grbelten. + +Hinter den letzten Trgern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben +Mantel gehllt, das Gesicht war entfrbt. Als sie Robert Lamm gewahrte, +nickte sie ihm ohne Lcheln zu. + + * * * * * + +Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat. +Er entschuldigte sein sptes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen +Sessel gegenber seinem Lehnstuhl. + +Ich will ber Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen, begann er ohne +Umschweife. Vielleicht ist Ihnen bekannt, da Olivia whrend ihrer +ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fhle mich noch +immer fr das, was sie tut, verantwortlich. Mglich, da es eine Torheit +ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias +zu dem Beruf, den sie sich hier erwhlt hat? + +Ein wenig verwundert ber den Ton eines verhrenden Richters, antwortete +der junge Arzt nach einigem berlegen: Zu einem Urteil oder einer +Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewhnliches vollbracht wird. + +Hat sie von Anfang an gewut, was ihr beschieden sein wrde, wenn sie +beharrlich blieb? + +Ohne Zweifel, versetzte Doktor Strygowski. + +Beachten Sie eines, fuhr Lamm eindringlich fort; viele Menschen, die +sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und +aufrichtiger Einschtzung ihrer Fhigkeit. Sie brauchen darum nicht zu +versagen, oft zeigen sich die hheren Krfte mit der hheren Forderung. +Aber wo es sich um den bestndigen Anblick von Blut und Wunden handelt, +mu unbedingt die Phantasie nach und nach erttet werden, sonst ist an +eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwcht sich +ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf. + +Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fllen, nur bei +Schwester Olivia nicht, versetzte Doktor Strygowski. Ihr Geist und ihr +Gemt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwrdige +und das Seltene bei ihr. Nicht blo, da sie sich an das vielfltig +Entsetzliche nicht gewhnt, nie gewhnen wird, sondern jeder neue +Eindruck reit ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, +der Emprung, dem Mitleid mit einer Intensitt berliefert, die ohne +Grenze ist. + +Also ein Phnomen, ganz einfach ein Phnomen, sagte Lamm mit +erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurck und +umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest. + +Doktor Strygowski fuhr fort: Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir +haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit +der Wunden bei jedem, sie wei ob Hoffnung besteht, das Leben zu +erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung sprt sie +unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die +Fieberzustnde sind ihr so vertraut, da alles Fieberwesen, vom +gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zhneklappern bis zur +Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung fr sie geworden ist. Und +sie begngt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst +heit das, nur von sich selbst. + +Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich +mhsam zu Ruhe. Ich begreife es nicht, stie er hervor, begreife es +nicht. Ich will gar nicht die Frage errtern, wie sie es physisch +aushalten soll; aber Tag fr Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, +auch hren, das Sthnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier +oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein +hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem +Windhauch war sie abhngig, jede bel gelaunte Miene hat sie erschreckt; +sie an einem Wirtshaus vorberzufhren, wo Betrunkene lrmten, war ein +Wagnis. + +berrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er fr trocken und +unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. Vor +einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige +Verwundete untergebracht sind, erzhlte er mit leiser Stimme; da waren +Zimmer angefllt mit Mnnern, die aneinander vorbergingen, ohne +einander zu gewahren, in gleichmigem Marschtempo, mit Blicken der +angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Mnner saen, die stundenlang die +Hnde steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehrigen +riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester +Olivia hatte eine Gebrde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als +wollte sie sagen: 'O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist +mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!' + +Ja, das kann ich mir gut denken, antwortete Lamm nun wieder mit +erknstelter Ruhe. Aber erklren Sie mir doch, was in ihr vorgeht, +fgte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; mich lt da die +Logik im Stich. + +Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat, +sagte Doktor Strygowski sinnend. Ich will nicht von mir reden. Ich bin +Arzt. Aber auch ein Arzt, fr den der Menschenkrper Studium und Sache +wird, gert jetzt bisweilen mit der sogenannten gttlichen Weltordnung +in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben +und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich +schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem +stmpernden Dilettanten, der vor einem Knstler steht. Die leidet! Das +ist Leiden! Gewi, der Tag fat vieles, man vergit, man flieht, die +gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, +einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es +scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt ber die +Alltglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklren, +irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemchtigt, fr mich im +stillen nenne ich es die Metempsyche. + +Lamm schwieg, kaum da er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr +Doktor Strygowski fort: Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das +harmlose Gesprch nicht mehr, das selbstverstndliche Weitergehen des +Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, da es noch Menschen gibt, die +von ihren Geschften, ihren Wnschen, ihren persnlichen Vorteilen und +Enttuschungen reden knnen. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer +treten, als eines der Mdchen vor dem Spiegel sa und sich frisierte, +einigermaen umstndlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit +der sie wehmtig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat +sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen. + +Nein, ich wute es nicht, murmelte Lamm, ich wute es in der Tat +nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so +etwas nicht zum zweitenmal. + +Unter unseren freiwilligen Damen, begann Doktor Strygowski wieder, +ist auch eine vielgerhmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine +verwhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allren; um sie ist der +ganze Lgendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten +mit der groen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu +sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlgt die Augen zu +Boden, als schme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich +sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie wei natrlich, wie es um so +manche dieser Frauen bestellt ist; da sie sich im Pflegedienst +Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, da sie die Leere ihres +Gemtes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall eintrgt. + +Robert Lamm lachte bitter auf. Sie sind ein grndlicher Herr, das mu +man gestehen, sagte er. Nun, und das wucherische Treiben der +Lieferanten, wei sie auch von dem? Und wie verhlt sie sich dazu? Und +zu der Schwerflligkeit der mter und Behrden, der Schmhsucht der +Unzufriedenen, den Rnken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den +krampfhaften Bemhungen der Streber und Ordensjger, dem frhzeitigen +Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen +hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesblichen Unrat, wie verhlt sie +sich dazu? + +Ich glaube, das alles legt sie sich frmlich selber zur Last und +verwandelt es in eine Forderung an sich, erwiderte Doktor Strygowski. +Er dachte eine Weile nach, bevor er zgernd fortfuhr: Sie mu ein +Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie mu einmal so +zu Boden geschlagen worden sein, da es aller Kraft bedurfte, die ein +Gemt berhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. +Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr +unbeirrbar gerichteter Weg. + +Ach was, Flausen! rief Lamm schroff, ja fast wild. Flausen! Darauf +fall' ich Ihnen nicht herein! + +Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. Ich +habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrngt, Herr Hofrat, sagte er +leise. Da ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich +gestehe sogar, da ich noch nie einen Menschen in diesem Ma bewundert +habe. Meine Bewunderung ist um so grer, als ich mir nicht verhehle, +nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg fhrt, den sie geht. + +Lamm schwieg betroffen. Die beiden Mnner sahen sich an. + +Und Sie haben kein -- Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie +wollen keine Zinsen daraus ziehen? fragte Lamm mit verkniffenem Mund. + +Ich verstehe nicht -- + +Ich meine, ob Sie nicht ein bichen bestochen sind, vielleicht ohne es +zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime +Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein +egoistisches Ziel. + +Hierauf habe ich keine Antwort. + +Das ist jedenfalls bequem. Lamm erhob sich und begleitete seine Worte +mit heftigen, abgehackten Gebrden. Ich soll also schlechterdings an +Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann +sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten +gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht? + +Ihr Ungestm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles, sagte +Strygowski, der bla geworden war. + +Ich beschuldige Sie nicht, ich wei nichts von Ihnen, Sie sind mir +fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel, fuhr Lamm grollend fort. +Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber knnen Sie +sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, da ein +Wesen wie Olivia sich Tag fr Tag, Stunde fr Stunde unter Mnnern +bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Mnner zu wirken? +Meine Frage enthlt keine Frivolitt. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir +leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein, +auf dem es fr bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger +ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sttigung, Blut will Wrme. +Riechen Sie nicht den tckischen Giftstoff, von dem das ganze Haus +erfllt ist? Glauben Sie, da irgendein Weib sich dem entziehen kann, +auch wenn sie Olivia heit? + +Ich glaube es, erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. Was Sie +sagen, ist keine Wahrheit fr mich, sondern eine Anklage, die erst +bewiesen werden mu. Es mte erst bewiesen werden, da die Caritas, vor +der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist. + +Ist sie auch! rief Lamm mit Leidenschaft. Ein Unhold und Lgengeist, +der Frauen- und Mdchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie +dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoen. + +Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche, +berlegte eine Weile, whrend er die Uhr in der Hand behielt und sagte +dann: In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite +Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt +werden. Unmglich, da Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie +dabei sehen. + +Ich brauche den Augenschein nicht, knurrte Lamm. Alles was ist, kann +ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug. + +Diese Paradoxie ist mir bekannt, entgegnete der Arzt; ich kenne +dieses Leiden. Er blickte traurig zu Boden. + +In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintniges Plrren, +ein singsanghnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tr +und lauschte. Dann ffnete er die Tre, schritt durch den kleinen +Vorraum und die Treppe hinunter. + +Doktor Strygowski folgte ihm. + + * * * * * + +Auf der untersten Treppenstufe sa zusammengekauert ein Mensch. Erst als +er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie +ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkrper +schaukelte. Was treibst du da? herrschte ihn Lamm an. + +Herr Hofrat, ich find' im ganzen Haus kein Pltzchen, wo es still ist, +flsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie +geschwollen. + +Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett, befahl Lamm. + +Gerold erhob sich schwerfllig und wankte ber die Stiege. Kann aber +nicht schlafen, Herr Hofrat, klagte er. + +Lamm schttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube +zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so +sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, da er mit einer unbehaglichen +Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das groe +Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren +ausgelscht bis auf eines, das neben der Tr brannte und durch ein +grnes Tuch abgedmpft war. Nur in den zunchst stehenden Betten konnte +man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige +Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glnzten +die Augen hei, und wenn sie den Kopf zurcksinken lieen, chzten sie. + +Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: Sie mu +gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drben +ist eingenickt. + +Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die +Tre. Es war Olivia. + +Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum lieen ihr Gesicht nahezu +wei erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas +Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die +schlummernd auf dem Stuhl sa und berhrte mit der Hand deren Schulter. +Das Mdchen fuhr erschrocken empor; die Bestrzung in ihrem Gesicht +verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schttelte den +Kopf und ging weiter. + +Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr +zu, frmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Suglingen, +wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rhrend und unheimlich. Olivia +schien es zu fhlen; sie neigte die Stirn; alles war pltzlich so sanft +an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt. + +Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlschen durfte. +Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze +Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spre sie +alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschrften Sinnen. + +Als sie in das nchste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine +ltere Person, aus der Tr. Sie sagte: Mit Nummer 42 geht es jetzt zu +Ende. + +Rufen Sie Doktor Strygowski, antwortete Olivia. + + * * * * * + +Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flsternd einige +Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des +Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia +bemerkte ihn im Vorberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu +lcheln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks. + +Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren +Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug. + +Der Sterbende war in einem Zustand von Auflsung und Entrckung. Der +Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, da es peinigend war, in +sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrpp. + +Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und +lauschte dem Herzschlag. + +War es nur eine Tuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im +Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des +Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten +Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet, +ausschlielich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie +wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein +Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen +den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden +und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des +Willens und des Bewutseins, der alle in Erstaunen versetzte. + +Lamm sphte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang +es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und +dringlich glnzenden Auge begegnen mute. Olivia stand hinter dem Arzt; +in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen strubte +sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten htte er ihr zugerufen: +Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrngnis +befreit htte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus +unmglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er +ri seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und +hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus berlegung, +als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewhnliche zu +ziehen. + +Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des +Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und +Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den +blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der +deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lcheln nicht +gemildert, sondern verstrkt. Sodann erschtterte ein schrecklicher +Seufzer den Krper, das Auge brach, das Leben war dahin. + +Als Robert Lamm den Raum verlie, war ihm wie einem zu schimpflicher +Strafe Verurteilten zumute; das Lcheln unergrndlicher Verachtung in +der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm. + + * * * * * + +Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwr in ihrer Brust. Am +Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede +Gedankenfolge schlo mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo +ist Trost? + +Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame +Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie +zufllig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen +sich das Unglck sammelte. Man mute die Einbildungskraft in Schranken +zwngen, um nur die Hnde rhren zu knnen. Es war ein krampfhaftes +Ansichhalten vom Morgen ber den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum +Tag. + +Und dennoch: immer wieder auf und hinber, hin zu den Wunden, +vielleicht, da eine Berhrung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte +oder Geduld einflte. + +Sie fhlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie +fhlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr +hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehrter +Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn +sie sich ganz ausschpfte im Tun, sich ganz und gar verga. + +Die Schicksale strzten ber sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie +wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, +vllig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, fate +sie sich wieder, so wurde es zu grlich, nur zu denken an das, was war. +Nicht allein von Bildern der Zerstrung war ihr Geist beladen, Bildern +leckender Flammen, eingescherter Wohnungen, unertrglichen Hungers, +erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, +die keinen Blutstropfen unvergiftet lie, sondern von dem auch, was +dahinter war an Wut, Ha und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lgen, den +Beleidigungen der Menschenwrde, von dem Aufgestachelten in allen, der +von berallher tnenden Klage. + +Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mute +Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: Du darfst +die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig. + +Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du? gab Frau Khuenbeck erstaunt +zurck. + +Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den +Bruder beklagte. + +Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den +Vermiten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines +Tages mit Olivia darber, wie sie beim Anblick jedes Brieftrgers +bleich geworden sei, bei jedem Luten der Wohnungsglocke gezittert habe. +Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Mttern, die in folternder +Ungewiheit um das Leben ihrer Shne schwebten und an keinem Morgen +erwachten, ohne auf die Kunde gefat zu sein, die ihr Dasein in eine +Wstenei verwandelte. + +Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter +traten hervor. Als sie aufhrten, stumm zu sein, wenigstens fr Olivia, +wlzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die +dalagen, hatten berdies Worte, unvergeliche Worte, um andre wieder +schallte tnend ihr Erlebnis, ohne da sie selber Kunde gaben. + +Ich will nimmer hinaus, knirschte einer im Fieber und bumte sich +verzweifelt, tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh' nimmer. Einer +stie im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute +gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in +ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt +und den Verstand geraubt hatte. + +Da war ein Mann, der in seinem brgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. +Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, +wie sie sich fremdlndisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die +Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit +ergtzt. Ein Schrapnellschu hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und +Kinder waren des Ernhrers beraubt, er lag da, ein Krppel, und sann +darber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst wrde treiben +knnen. Er dachte an das bunte Kostm, in dem er aufgetreten war, an den +Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und da das +alles nun vorbei war. + +Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr +gewhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und +niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewhnlichkeit der Zge war durch +die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Krfte umglht. Wie ging +das zu? + +Sie grbelte unablssig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, +die aus einem kleinen Leben zufllig in ein groes gerissen worden und +darin zerschmettert worden waren, zufllig in diesem Haus ein Asyl +gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Sdmark, der da lag, +erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm +vorgegangen, da er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er +unbeweglich im nassen Schtzengraben zugebracht, unter den Folgen eines +bsartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebt. Eines Tages +war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehrmtes Weib, frhzeitig +ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Sttze, ihre +Hoffnung. Sie wute nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, +sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er +rzte und Schwestern gebeten, da man ihr nichts sage. Zuerst ging es +ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Glsern +begnstigte die Tuschung. Allmhlich wurde die Frau stutzig. Ein paar +tastende Gebrden, der tote Ausdruck der Zge erweckten Ahnungen. Sie +langte pltzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rhrte, stie +sie einen markerschtternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. +Mit schuldbewutem Ton sagte er: Was willst denn, Mutter, ich seh' dich +ja. Aber es war zu spt, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mute +fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hrte man ihn immer wieder vor +sich hinmurmeln: Ich seh' dich ja. + +Woher kam ihm dieser Heroismus? + +Woher kamen dem einfachen mhrischen Soldaten die Worte, mit denen er +schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht +hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen mssen? +Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste +Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Htte, der +Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor +sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmigen Pausen zu dem +Soldaten tretend. La mich heraus. -- Darf nicht, Herr Oberleutnant. +Und jener, wie ein verstrter Geist, zur Wand hinber, in die Wand +hineinredend: Er will mich nicht herauslassen. Dann wieder: Gib mir +dein Gewehr. -- Darf nicht, Herr Oberleutnant. Der Offizier zur Wand, +und dort in klagendem Ton: Er gibt mir das Gewehr nicht. So ging es +den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen +Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn +Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, +Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem +Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, da er nicht erhalten habe, +was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch +der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens. + +Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzhlte. +Man hie ihn blo den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhltnis +Gehilfe bei einem Zuckerbcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh, +doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen +und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, +und von oben bis unten schttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden, +alle Huser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen +gefeuert worden war, und die Mnner, die man darin fand, sogleich zu +erschieen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstrae +und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses +Hauses wurden zwei Schsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die +Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon +nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus +betraten, lagen in der Tenne zwlf Mnner auf den Knien, schon zum Tod +bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im +Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwlf Soldaten legten die Gewehre +auf die zwlf Mnner an, die Salve krachte, die Mnner strzten tot zu +Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rhrten +sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit +der Hand ber die Stirne; sonst nichts. Es mute in der Gebrde etwas +bermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzhler kam +immer wieder darauf zurck; es lie ihn nicht los, er mute es immer +wieder beschreiben. + +Olivia sah diese Frauenhand, sah sie ber die Stirne streichen, als sei +die letzte Hoffnung die, da vielleicht alles nur ein bser Traum war. +Und warum? fragte es in ihr, warum, o Gott? + +In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn +zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis +ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, hlicher Kter war es, +der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich +gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er mde vor sich +hin, gleich als sei er dort drauen von einem Strahl hheren Bewutseins +getroffen worden, der seine Tierseele flchtig erleuchtet hatte, so da +sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang. + +Warum diese unermeliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes? +Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden +lassen? + +Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als msse sie hinstrzen +und ihr Denken erwrgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander +zureitend, mit geschwungenem Sbel gegeneinander. Schon will der unsere +zuhauen, da sieht er, da der Russe keinen Kopf mehr hat, da er aber +noch immer, den Sbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stt der +unsere einen Schrei aus, fllt vom Pferd, und auf dem Boden windet er +sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die +Sprache verloren. + +Sie sah die Flchtlinge, Mnner mit eilig errafften Habseligkeiten, die +Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Sugling verloren, die +andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und +nchtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den +Viehwagen langer Eisenbahnzge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu +fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und +wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre +Suglinge verschmachteten. + +Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrchigen auf einer den Insel +glichen; sah die Vter, die keine Shne, die Kinder, die keinen Vater +mehr hatten, die Witwen, die trauernden Brute, die Verlassenen, +Beraubten, zugrunde Gerichteten berall. Sie sah die Mutigen erlahmen, +die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhrten, freinander +zu zittern. Sie sah die tausendfltige Unbill, Zurcksetzung und +Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn +die trbe Flut des Niedrigen und Gewhnlichen emporschwoll oder das +krperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung +flgellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch fr +den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbte und +nur den Strksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt. + +Olivia sah die Stdte rauchen, die Anwesen geplndert, die cker +zerstampft, die Wlder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt, +ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstmmelt in den +Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in +den Smpfen und hinuntergestrzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in +den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Mnner und +Jnglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mdchen, Reiche und Arme, Gute +und Schlechte, Verrter und Verratene, Schne und Hliche, Glckliche +und Unglckliche. + +Und sie hrte das Gelute der Glocken und das Prasseln der Brnde und +alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst +auszudrcken. Sie hrte, wie sie in den Kirchen beteten und in den +Stuben weinten. Sie hrte die Worte des Abschieds und die Worte frommer +Fgsamkeit. Sie hrte den Marschschritt der Armeen, das Schlrfen mder +Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesnge des Triumphes +und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich +berauschen wollten. + +Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer +Nacht beim Granatenfeuer weie Haare bekommen hatte. + + Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten, + zu begraben, zu begraben die Soldaten. + + Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Lnge, + dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge. + + Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben! + die Gemeinen unten, Korporale oben. + + An den Seiten viere, in der Mitten viere, + berquer die Herren, Herren Offiziere. + + Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe, + dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe. + + Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden, + zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten. + + Morgen frh vielleicht bin ich auch geschossen, + morgen frh, gewi, ist mein Blut geflossen. + +Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewhnlichen +Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstckten und +verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen. + +Es wurde ihr alles zur Vision, immer glhender und glhender, und sie +suchte in der glhenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den +Urheber, sie suchte den Bsen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des +Bsen. Sie sagte sich: einer mu sein, der das ungeheure Leid, den +unermelichen Jammer bewirkt; einer mu da wirken, Gott kann es nicht +sein, es mu ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen; +Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wrme, aller Liebe, alles +Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bsen, und sie suchte ihn. + + * * * * * + +Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein +zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete. +Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft. + +Um eine reichgedeckte Tafel saen fnf oder sechs junge Weiber. Sie +waren in Gesellschaftstoilette, tief entblt, lachten ausgelassen und +tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und +verfhrerischen Gebrden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende +der Tafel sa. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Klo, wie +ein Stck Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nhe kamen, +und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute. + +Ein befrackter Mensch mit langem Knstlerhaar spielte Klavier; bisweilen +warf ihm der Gestaltlose ein Goldstck hinber, das er geschickt +auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen. + +Mitten auf dem blendendweien Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine +Leiche. Ihr Krper war ganz und gar mit Frchten und Konfekt bedeckt, +und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe +von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und +tropfte in leisen Schlgen auf den Boden. + +Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in bermtigster Laune, da erhob +sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die +Betreffende war geradezu ein Wunder an Schnheit, strahlend von Jugend +und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, +das die schlanke Figur zur hchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war +die freie Anmut bewuter Kunst, und als sie den Kopf zurckbog und +hingerissen lchelte, lchelten die andern Frauen mit und klatschten in +die Hnde. + +Whrend der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus berging, war +es, als ob der tanzende Klo sich dehne und wachse; er bekam einen +Schdel, aus dem Schdel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich +begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer +solchen Lust erfllt, da die Zuschauerinnen pltzlich verstummten und +sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tnzerin aber wurde +zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloes zu +befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldrre Arme, mit denen er sie still +gewaltttig an sich prete, immer fester, so fest, da sie zu rcheln +begann, da ihr Gesicht blau wurde, da ihr Leib in der Mitte +einknickte, und als sie ihm schlielich entseelt in den Armen hing, sah +es aus, als sei nichts mehr von ihr brig als das Kleid. + +Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten +einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust +unter Frchten begraben war, den Kopf in die Hhe und sagte mit +geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib +sie mir wieder! + +In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strmten nun auf +einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere, +rmlich gekleidete Frauen, junge Mdchen. Einer von ihnen, ein alter +Mann mit weiem Bart, drngte sich nach vorn und sagte zu dem Klo, der +jetzt allmhlich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter +wieder! + +Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie auer sich: +Gib uns unsere Tchter zurck! Unsere Brute! Unsere Schwestern! + +Da aber wurde ein monotones Gemurmel hrbar, die Aufgeregten sahen sich +um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demtig und +bekmmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser +Land, gib uns unsere Wlder! + +Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Shne gib uns, du +Mrder, unsre Shne! + +Der Klo wich Schritt fr Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr +Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hnde und Krper; es war +als sei er mit Rost berzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Zge +erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten +etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen beraus langen Armen winkte +er den Dienern, die brachten nun Scke voll Gold und Edelsteinen und +schtteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes +Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies +und in strengem Ton sagte: Das fr unsere Tchter? Das fr unsere Shne? +Fr unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter? + +Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brder! Unsere Shne! Unsere +Lnder! Du in Ewigkeit Verruchter! + +Olivia hatte die Augen offen und sah und hrte alles so wirklich, als ob +sie im Theater se. + + * * * * * + +Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablssig; wo soll ich hin, wo +kann man noch leben, wo ist es noch mglich, zu lcheln, wo ist noch +Freude, wie kann je wieder Freude entstehen? + +Sie wnschte, sich verwandeln zu knnen. Als sie von fern durch die +Glaswand der Treibhuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter +Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und +innig, bewutlos hinzudmmern, mit zartesten Fasern an die Natur +gebunden! + +Da man Blume werden knne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und +beglckende Idee fr sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein +letztes Asyl. + +Sie erhielt die Nachricht, da ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im +Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Trstung fhig sa sie zu Hause +vor der versteinerten Mutter. + +Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen. + +Dazu mu man Kinder haben, dazu sie aufziehen, sagte die unglckliche +Mutter mit Augen ohne Trnen; zwanzig Jahre war er alt. + +Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: Um Pfingsten herum +werd' ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man mte dich mit Stricken +auf ein Bett binden. + +Ein paar Tage spter ging sie gegen Abend in seine Kammer. Schau' dich +nach der Mutter um, bat sie, ich kann meinen Platz nicht verlassen. + +Ja, du bist wichtig, pflichtete er ihr voller Hohn bei, oder du +glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten +ihre Toten beklagen zu helfen. + +Wozu also taugst du? konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und +ihr Blick flammte. Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das +schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in +unserm Land, da sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist +kein Ruhm damit zu holen. + +Er lachte sonderbar. Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, rum' ich +dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen, entgegnete er und lie, +beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hngen; nur nicht diese +wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im berschmerz. Ich werde +verrckt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr +lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung. + +Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. Du bist sehr einsam, +sagte sie. + +Ich will ja deine Mutter besuchen, lenkte er ab, unangenehm berhrt +von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Khle, aber sie hat nichts von +mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schlielich allen im +Wege, auch mir selbst. + +Du bist sehr einsam, wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war +pltzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte. + +Nun ja, stotterte er, was weiter? + +Einsamkeit ist eine Todsnde, Robert. Sie trat einen Schritt nher vor +ihn hin und sagte: _Deine_ Einsamkeit ist Todsnde. + +So nimm sie mir weg, versuchte er dster zu scherzen. Bekehre mich, +vielleicht gelingt's, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. +Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht? +brach er aus und bohrte die Fuste in die Augenhhlen. Auch Blindheit +kann eine Todsnde sein, murmelte er vllig verstrt, genau so wie +Einsamkeit. + +Da ihm dieses oder ein hnlich geartetes Wort jemals entschlpfen +knnte, htte er nie fr mglich gehalten. Scham bemchtigte sich +seiner, und am liebsten htte er sich mit Ngeln das Gesicht +zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne +Kraft, ohne Wrde, und fr die Dauer einiger Minuten war sein ganzes +Wesen umnachtet und im Krampf. + +Als die Hnde von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen. +Mit welcher Miene, mit welch erschttertem Zgern hatte er nicht +wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich +alt, wirklich ohne Wert und Wrde. Denn der Mensch ist doch am Ende das, +wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt. + + * * * * * + +Einsamkeit Todsnde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er +sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel +kann ich Absolution erwerben. + +Es kam eine Wut ber ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach +Lrm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnffeln, zu +schren. Er ging in die Kaffeehuser, in die Versammlungen, zu frheren +Kollegen, sprach Bekannte auf der Strae an und redete so lange mit +ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick fr die +Unzufriedenen, die Verschwrer, die heimlichen Brandstifter, die Nrgler +und Dunkelmnner aller Kategorien. Er wute sie so einzuspinnen, da +sie getuscht die Maske fallen lieen. Er verstand so zu heucheln, da +er sich selber widerlich wurde. Seine tckischen Mitleids- und +Freundschaftsversicherungen wurden mit den Gestndnissen quittiert, um +die es ihm zu tun war. Er tat jenen schn, deren Bestechlichkeit und +Verrtertum ffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrgern +und klatschte den falschen Propheten Beifall. + +Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im +Katzenjammer nach einer Orgie berlieen; mit dem Zynismus, den auch der +Tartff in der Erwartung der groen Katastrophe an den Tag legte; mit +der aufgehuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurckgesetzten, mit +dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natrlichen Freude des +Menschen an Unheil, Tod und Zerstrung. + +Aber sein selbstqulerischer und haerfllter Gang zu den Menschen nahm +eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, whrend +ihn die Spieler beschftigten; von Schatten umringt, die in einer +Schattensprache redeten, sah er ber ihnen, unter ihnen, hinter ihnen +Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er +den ewigen Gesang der Wurzel. Er fhlte die Kraft, fhlte die Bewegung, +fhlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fhlte +sein Land, er fhlte sein Volk. Wenn er vor den Bckerlden die blassen +Frauen stehen sah, geduldig wartend, da das Brot ausgeteilt werde, wenn +die zu Krppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast +schwrmerischen Augen, an Stcke gefesselt, einherhumpelten, wenn +verschmte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den +Elendsquartieren Siegesfeste glubig-still feierten, da wurde ihm der +Zusammenhang bewut, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, +wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie +verlassen hatte. + +ber den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen +Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der +Olivia des Nachts durch die Sle geschritten? Er konnte sich dieser +Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine +Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen +und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, da sie die +Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlst. + +Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk! + +Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frhlingsluft, in einer +sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm +jetzt zumute war, als msse er das Gesicht in Kissen vergraben und +schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der +Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein +Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da ffnete sich die +Tre und Olivia trat herein. + +Er erbebte; es ahnte ihm, da es sich um eine Entscheidung handelte. + +Die Bestrzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war +nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer +empfunden, aber da er sie nun zur Verantwortung ziehen wrde, hatte sie +nicht erwartet. + +So weit sie auch zurckdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem +Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch +einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn +gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester +geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht +gnzlich zu verfallen, war sie ihm schon gnzlich verfallen. + +Sie hatte aber nie aufgehrt, ihn Freund zu heien. Ja, es war der +erfahrene, wohlgesinnte, starke, verlliche Freund gewesen, sogar in +den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die +Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in +geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr +entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, +nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war +noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. +Und das Wissen um seinen Ha und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, +so zu erglhen, da der Eispanzer um seine Brust schmelzen mute. + +'Auch Blindheit kann Todsnde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du +mit mir bist?' Dieses Wort vernichtete wie ein zndender Blitzstrahl +alles, was sie um sich her gebaut hatte. + +Nur zu deutlich hatte sie die Not gefhlt, in der er es ihr +entgegenschrie. Also war er berzeugt, da sein Vorwurf und der +Anspruch, den er erhob, zu Recht bestnden? Da sein Schicksal, er das +ihre wre? Unbeseelt und miverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man +einen Boten benutzt oder einen Fhrer, und hatte seine Gaben, sein +hingestrmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen +Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine +wertlose Mnze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig +Sinn und Phantasie war in ihr, da sie ihn im Dunkeln hatte tappen +lassen Jahr fr Jahr und er mit getuschtem Herzen zum Verrter werden +mute an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den +niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen +Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und +die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mhevollen Weg. Und sie +hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten berdauert, +die in kurzem Glcks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. +Getrumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine +Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren. + +Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: Man +erzhlt, da der Hofrat Lamm um Sie wirbt. Sie hatte den Kopf +zurckgeworfen und mit aufsteigender Blsse in den Wangen erwidert: +Wenn Robert Lamm mich haben wollte, htte er nicht ntig, zu werben. + +Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen. + +Pltzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer +Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trbungen abgewartet, um sie zu +rufen im Angesicht einer blutberstrmten Welt. Geschah es, weil er nach +einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder +in der Verzweiflung ber den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie +widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch +auer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zrtlichkeit fhlte +sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter +verstanden. + + * * * * * + +An einem Nachmittag um die Dmmerungsstunde betrat sie das kleine +Lese- und Sprechzimmer, das fr die Genesenden eingerichtet worden war. +Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie sa am Tisch und +hatte den Kopf in die Hand gesttzt. Trotz der Dunkelheit war an den +Umrissen des schnen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging nher zu +ihr hin. Was ist mit Ihnen, Nina? fragte sie, und als Nina Senoner +erschrocken aufblickte, sprte Olivia die unheilbare Verstrung in +diesem Gemt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen +zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag. + +Da machte Nina Senoner eine jhe Bewegung, schlang die Arme um Olivias +Hften und prete das Gesicht gegen ihre Brust. + +Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persnliches Wort +auf dem Grund persnlichen Gefhls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte +verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem +Schicksal auszukmpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand +Reue. Sie legte die Hnde wie schtzend auf Ninas Haar. Die stolze, +herbe Frau, die ungeachtet ihrer fnfunddreiig Jahre wie ein junges +Mdchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhrlich zuckte ihr Krper. + +Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu fhren, wo sie +ungestrt sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit +ihrem Taschentuch die Trnen auf dem weien Gesicht. Sie fragte, fragte; +hingebend, ja zrtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu +berwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war +in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie +kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, +von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Klte hatte sie allmhlich in +eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen +erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung. + +Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und +der ihr ein vortrefflicher Gefhrte war. Aber sein Los war die Arbeit, +und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender +wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, +einen geruschlosen Haushalt und angenehme Gesprche. Nina hatte viel +Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Gte und Sorgfalt +des Mannes war auf das uere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit +Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und bla aussah, lie +er die teuersten rzte kommen und wachte darber, da deren Ratschlge +befolgt wrden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen +Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergltig betrachtet, und das +strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glck zu +besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte. + +Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner berhaupt merkte, da sich +mit ihr eine Vernderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem +bewunderten und beneideten Bild des Glckes passen wollte. Sie gehrte +zu den Menschen, die selten ber sich und ihren Zustand nachdenken, zu +jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der +Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer hufiger +vor, da ein sehnschtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn +in Schatten hllten. Sie war gern allein; solche Stunden geno sie tief; +da verflog das Gefhl der Einsamkeit, und sie wurde frhlich, wie sie +als junges Mdchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu +sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfltigkeit zu; man drngte +sich an sie; man wollte sie haben; man fhlte sich wohl in ihrem Haus +und in ihrer Nhe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und +reizte sie Mnner wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche +Stimmung, ihr sanfter Blick glttete alle Stirnen. Sie war immer +verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gsten. Die +zahllosen Ansprche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz +unmglich. Es war eine Lawine, die selbstttig anschwoll und ihre Seele +unter sich begrub. + +Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur knstlich und +nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar +kein Wille mehr, kein Entschlu und keine Freiheit. Es schien ihr, als +habe man sie planmig und Schritt fr Schritt ihres Eigenlebens beraubt +und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon +ausgelscht war. Sie sah sich nur noch als Hlle ihres frheren Ichs, +als Opfer von toten Dingen, als Erfllerin von zwangvollen Pflichten, +als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, da sie auch +Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplndert und ihr +nichts briggelassen hatten als einen mden Krper und ein freudloses +Herz. + +Ihre Liebenswrdigkeit und Schnheit hatten viele Mnner berckt; +hochgestellte und geringe, alte und junge, berhmte und unbedeutende +hatten fr sie geschwrmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der +Ferne begngt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben +gesucht; die Bemhungen der meisten hatte sie bersehen, und sie konnte +dabei einen Hochmut entfalten, der grndlich erkltete; einige gab es, +die sie eines vertrauten Gesprchs fr wrdig hielt, von denen sie +Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflte. Doch keinen +einzigen hatte sie so begnstigt, da er sich in besonderer Weise htte +ausgezeichnet finden drfen, geschweige denn, da sie sich ihm gegenber +etwas vergeben htte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zhlte die +ungetreue Gattin zu den gewhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie +hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung versprt, und der +Gedanke, ihren Gatten zu betrgen, auch nur mit einem Blick, mit einem +Lcheln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen. + +Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann +kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen +Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit +Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je lnger man +sich mit ihm beschftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von +der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, +in der Mitte der Dreiig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war +doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhngigkeit seiner Gesinnung +ffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu berschreiten sie zaghaft +und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glcklich, hatte +Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen +Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundstze der +sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen. + +Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, da ihre Zge +anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer +eigentmlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens +gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wute sie, +worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts +von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt. + +Der Freund vermochte es, ihr dieses Gestndnis zu erpressen. Er +vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, da es noch nicht zu spt sei. +Dies aus seinem Mund zu hren und immer wieder zu hren, beglckte und +erschtterte sie. Sie verlor sich in dunkle Trumereien. Stumm lauschte +sie den Worten des Mannes, den sie pltzlich mit einer Gewalt liebte, +von der sie frher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert +und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so htte sie doch +niederknien mgen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, +ihre Gebrde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll +Zrtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drngte nicht; er +achtete ihr Gefhl, und seine besondere Art von Gte erstaunte sie bei +einem Mann und machte ihn ihr tglich teurer, whrend der Kampf, der in +ihr tobte, tglich ungestmer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr +Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hrte; +sie wnschte zu sterben und begehrte heier als jemals zu leben; alle +Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prgte ihrem +Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mute sie auf der Hut +sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von +vielen. + +Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mibrauchen, war ihr +entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und vllig im Bann +der berlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, +den letzten Schritt zu wagen, blo um die Qual zu beenden, blo um dem +Spender des Gefhls, das sie erfllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. +Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: +Wir drfen uns nicht mehr sehen. Der Ingenieur reiste ab. Nina +erkrankte. + +Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie +konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nchte, +wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, +und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die +sie bestimmte. Es konnte nicht hufig geschehen, aber von einem Mal zum +nchsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude +hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwrmerei an ihn denken, sich +seinen Gang vorstellen, sein Lcheln, seinen Gru, und wenn sie ihn +erwartete, schritt sie vom frhen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer +und war totenbleich. + +Aber die wenigen Stunden, die sie dann fr einander hatten, wurden oft +durch das Erscheinen Jeanettes gestrt. Sie trat mit einem Scherz, einer +Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land +gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst +in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mdchenhaftem Spott, +bevormundete in ihrer gutmtigen und etwas derben Weise die Mutter, war +anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre +Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte +den Verdacht, da sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. +Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; +war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, +so drohte ihre Rckkehr; sie war immer da, immer zu frchten. + +Allmhlich verkrperte sie fr Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des +Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das +Antlitz der Tochter, so fhlte sie die unbarmherzige Forderung, die +Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet +hatten, empfand sie die ganze Nchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. +Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergtterte, war ihr zugleich ein +Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wchter vor ihrem +Gefngnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft. + +Sie geriet in Verwirrung und unsgliche Qual. Sie floh vor Jeanette und +suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach +sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines +Tages sagte die Achtzehnjhrige zu ihrer Mutter: Du bist mir ein +Rtsel, und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den +Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem +Flehenden ihre Hand berlie, horchte sie mit emporgezogenen Schultern +und abgewandtem Gesicht zur Tr. Er fragte, warum sie so vor dem Kind +zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebrde als Antwort; wie von +Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein +Leben, die Lsung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob +beschwrend die Hnde. Er wollte sie umarmen, sie stie einen Schrei aus +und stellte sich schnellatmend mit dem Rcken gegen die Tre. Sie wrde +mich bis ans Ende der Welt verfolgen, sagte Nina flsternd; sie hat +alle Macht, und ich habe keine. Dieses wunderliche Wort ergriff den +Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die +Ahnung der Gefahr. + +Einst standen sie in der Dmmerung nah' beieinander am Fenster, da +wurden rasche Schritte hrbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der +Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: +Wie kann man sich nur so taktlos benehmen! -- Aber Mutter! rief +Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres +Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in +die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend +verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die +hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte +Zweifeln, verachtete die Dmmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein +neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu +verkndigen und fr sich einzustehen, sie erklrte sich fr das Gerade, +fr die Helligkeit und fr die Kraft. + +Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen +Jeanettes herausfhlte. Und er sagte es Nina. Geh zu ihm oder geh zu +mir, schlo er; zu einem mut du gehen. + +Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, +dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, da sie einen andern liebe. +Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. +Zwei Tage und zwei Nchte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann +rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: Ich bin deine +Frau. Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das +sie in Ungarn besaen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie +blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie hufig, sie war verndert, +voll Zartheit und Rcksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun +zufriedengestellt. Von dem Geliebten hrte sie erst wieder, als er bei +Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gru. + +Heute hatte sie die Nachricht erhalten, da er gefallen sei. + + * * * * * + +In das verstrte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein lie +aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen muten. Olivia +war so sehend geworden, so allfhlend, so mitschwingend; sie dachte auf +einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz. + +Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war +wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wute und lebte, +zum Kampf gegenbertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, +dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der +ewige Hunger der Dmonen schrie nach Stillung. + +Eine reuevolle Unruhe erfate sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne +gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrttung +menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in +ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um +sein Recht zu fordern. + +Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied bergeben +hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drngte sie hin wie zu +einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, da auf +dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. +Sie las: Zu ffnen von Olivia, wenn sie einmal spren kann, was sie mir +war. + +Zaghaft streifte sie das Band herunter und ffnete die Rolle. Es kam +eines der Portrts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von +ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, da es +ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen +Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das +Gesicht war von solcher Schnheit, da Zweifel sie beschlichen, ob es +auch wirklich ihre Zge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee +davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas +Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche +Bereitschaft, die Olivia fremd berhrte und sie errten lie. 'Soll ich +so gewesen sein?' fragte sie sich. + +Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mute sie auch so gewirkt +haben. Dann mute das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; +unwillkrlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und +sie ihn fragen knne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu +fragen. + +Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurck. Da meldete man ihr, da im +Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, +der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde +kamen, leidend angestrengte Zge hatte, erhob sich und fragte hflich, +ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und +fuhr fort: Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, +Ihnen Gre zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu +versumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission. + +Wo ist Georg Ingbert? erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme. + +Er liegt in Zawadow bei Strji. + +Verwundet? + +Schwer verwundet; so schwer, da man ... da man seinen Tod wnschen +mu. + +Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hrbar: Ich +danke Ihnen. Sie haben mir einen groen Dienst geleistet. + +Ihr Entschlu war gefat. + + * * * * * + +Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier. +Ich mu so schnell wie mglich nach Galizien, Robert, sagte sie; sei +mir behilflich, da ich morgen die ntigen Papiere erhalte. + +Was willst du denn in Galizien tun? fragte er. + +Sie antwortete: Ich mu zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend +in einem Feldspital. + +Lamm ging, an ihr vorber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: Ich +werde die Papiere besorgen. Dann, wieder nach einer Weile: Wre es dir +lstig, wenn ich dich begleiten wrde? Du brauchst auf dieser Reise +einen Schutz. + +Sie sah ihn gro an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er +starrte darauf nieder, berwltigt. Olivia, zwischen uns beiden steht +das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit, murmelte er. + +Sie schttelte den Kopf. Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes +mehr, sagte sie mit schnem Lcheln und legte auch die linke Hand in +seine. + +Unglubig hob er die Augen. Es gibt ein Glck, das wie Angst wirkt. Zu +spt, Olivia, zu spt, stammelte er. Ich bin ein gar zu irdischer +Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber +ich habe nun wenigstens die Genugtuung, da ich nicht an ein trichtes +Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine hhere Vernunft. + +Olivia, sichtlich mde, lehnte den Kopf an seine Schulter. + +Es ist mglich gewesen, das gengt mir, fuhr er fort. Die +Verwirklichung wre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form +geschaffen, die fr meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen, +steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit +gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht htt' ich mich +sonst vollends zerfleischt. Jetzt berseh' ich den Weg; dich begleiten, +das kann ich; dich fr mich behalten darf ich nicht. + +Olivia flsterte: Ich bin eine Frau; ich will es sein. + +Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hnde und kte sie auf die Stirn. +Was htte es dann mit Georg Ingbert auf sich? fragte er. Warum diese +Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir, +-- die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im +November? + +Das kann ich dir nicht sagen, erwiderte Olivia, ich _mu_ es eben +tun. + +Ich aber kann es dir sagen, versetzte Lamm; du willst dich mit diesem +Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das +du auslsen mchtest. Wenn du zu mir gehst, schlgst du das Tor der +Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, da einer, ob es auch +blo ein Schatten ist, drauen steht und nach dir ruft. + +Olivia erbleichte. Sie schlo die Augen und schwieg. + +Wir knnen aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus, begann +Lamm wieder; wer da baut, mu die Erde hhlen. Grber der Liebe machen +neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du, +Olivia, hast tausendfache Liebe in die Grber gesenkt, tausendmal hast +du Georg Ingbert schon begraben. + +Und doch mu ich zu ihm -- + +Ich glaub' es selbst, antwortete Lamm. Eine Fahrt ber lauter Grber. +Zwischen dir und ihm -- Grber; zwischen dir und mir -- Grber. Millionen +von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns. + +Man mchte auf einen andern Stern fliehen, sagte Olivia. Es mu einen +gttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher. + +Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die +wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind, +ist nicht zu erforschen. Zu fhlen ist es, glauben mu man; kann man das +nicht, dann ist es freilich zum Verrcktwerden. + +_Was_ fhlen? _Was_ glauben? brach Olivia leidenschaftlich aus. + +Die hhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja, +ich sag' es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren, +der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts +andres brig. Gott will, und wir tun. Gott dngt, und wir wachsen. Gott +pflgt, und wir werden als Unkraut ausgejtet oder als Samen in die +Furchen gestreut. Was ist dein Aufbumen, was ist mein Schwatzen? In +ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren +Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen +Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem auer dir. Und hilfst +du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu frchten. + +Und du, Robert? fragte Olivia ernst: Du? Das alles ginge mir strker +ans Herz, sprchst du zu mir als Handelnder. + +Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er +antwortete: Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen +herabgedrckten Zustand des Lebens finden mu, wre es wnschenswert, +wenn jedermann eine Prfung seiner inneren Bestnde vornehmen wollte. +Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach +deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, wei ich nicht. +Ich will's versuchen. + +Wirklich? rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. Doch warum zgerst +du? + +Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia. Er +wandte sich ab und sagte gepret: Knnt' ich nur in Worte fassen, was +du mir bist. + +Robert! + +Jh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft +und verlie ihn. + + * * * * * + +Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein +einer Mainacht, die Luft voll Blumengerche. In den Baracken waren +schon die Lichter ausgelscht. Vor einem der Treibhuser sa ein Soldat +und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weie Blten, so viele, +da sie den Schritt dmpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles +sprach von Auferstehung und Erneuerung. + +Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging +sinnend weiter. 'Warum hast du das getan?' fragte sie sich pltzlich und +betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weien Blten grinste ihr der +Tod entgegen. + +Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt, +fremd wie der Tod. + + * * * * * + +Erst am dritten Tage konnten sie reisen. + +Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgerumt, +erzhlte viel und war stets um Olivia bemht. Junge Offiziere saen im +Wagen, die dem schnen Mdchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine +teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhfen gab es lange +Aufenthalte, und berall herrschte ein bengstigendes Treiben. +Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flchtlinge jeden +Alters und Standes drngten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte; +Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszge versperrten die +Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit +noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der +Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und +besonnenen Kraft regiert. + +Und das alles fr eine Einbildung von Feindschaft, sagte Lamm leise zu +Olivia; wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der +da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich +bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat --? Wo +ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist +mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Vlker? +Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen, +die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht +einmal trumen knnen, und doch mssen wir ihn fr sie schaffen, sie +wollen es, sie erzwingen sich's. Die Einsicht knnen sie uns nicht +geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehren. Zeugung +aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Zge von Mordlust und +Grausamkeit und stt die Seele ins Chaos zurck, von wo sie stammt. + +La das, antwortete Olivia gepeinigt; ich mag's nicht, wenn Gedanken +so wahr werden, da sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es +endlich, da du dich getuscht hast, wenn du mir immer unser Land als +reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brder gewtet +wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, da wir +nicht zuschanden geworden sind vor dir und da du das Henkerbeil umsonst +gewetzt hast. Schau' in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht +in fast allen ein khles, ttiges Leben, ein werkfreudiges Gefhl, und +sogar die Widerstrebenden knnen sich nicht entziehen. Sag's ihnen doch, +da sie deiner nicht so ganz unwrdig waren, Robert; die Shne bist du +ihnen schuldig. Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errtete. + +In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa +fnfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhtchen auf +einem mchtigen Schdel und sah einem Negerhuptling in europischen +Kleidern hnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrten einander. Es war +Exzellenz Hfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu groen +Leistungen befhigt, hatte er sich doch wider die Rnke seiner Gegner +nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen, +waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren +Theoretiker und rmisch angehauchten Frondeur ber Bord des +Staatsschiffes gesplt. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung +erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und +wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets +erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten +in den Tumult der Weltbhne gerufen. Er war auf dem Weg ins +Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden +Verwaltungsbehrde pflegen sollte. + +So erzhlte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er +hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein +Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zrtlich und +strafend: Sie, lieber Hofrat, she ich nicht ungern unter meinen +Helfern. Es wird keine Leibwache sein, frchten Sie nichts. Mit den +Prtorianern haben wir aufgerumt. Sie haben sich viel zu frh ins +Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf +Filzschuhen darf man nicht aus unseren mtern schleichen. Wenn schon +Skandal, dann mit groem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht, +denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich fr +einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, da man den rechten Mann an +die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden +Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehngte Verrter. Kommen +Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende +Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flgel dehnen. Mit den alten +unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und +geben Sie neuen Kredit. + +Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt; +das Anerbieten war zu berraschend, und sein Mitrauen gegen die +Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten +lassen. Da er bemerkte, da Olivia begierig zuhrte und Lamms Erwiderung +mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhltnis zwischen +den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem +Punkte recht, auch darin, da Lamm die Entscheidung nicht aufschieben +drfe. In die Enge getrieben, erklrte Lamm, da er nicht gewohnt sei, +wichtige Entschlsse mit solcher Eile zu fassen, auch knne er nicht +zugeben, da Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die +Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Hfner +sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San +fhren und dem Frulein sicherlich einen Platz im Wagen gewhren wrden. +Ohnehin mute man in Tarnow bernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis +zum nchsten Morgen aus. + +Er sa mit Olivia in einem trbseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war +fortgegangen, um die Offiziere aufzuspren, die Olivia mitnehmen +sollten. Unablssig polterten Fuhrwerke ber das holprige Pflaster +drauen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten +erfllte die Nacht. An den Nebentischen saen Juden, die sich in ihrem +unverstndlichen Jargon leise unterhielten. + +Wt' ich dich zu Hause, so gb's kein Schwanken fr mich, sagte Lamm. +Ich wei, da ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen +nicht. Ich hab' dir's ja auch gelobt. + +Es wr' ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um +die Fe legte, erwiderte Olivia. Du und Angst, Angst um einen +Menschen! Ich kenn' dich nicht mehr! + +Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dnkt, es ist ein Ende. Ich +spr's in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten, +die den Blitz fhlen, bevor er gezndet hat. Hr' doch, wie die Welt +braust und brllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar. +Dessen bleib eingedenk, da ich um dich gedient habe, lnger als Jakob +um Rahel, viel lnger. Nur dacht' ich, ich mte dich unterwerfen, +derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab' nicht begreifen +wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht +blo ber mich, ber uns alle, auch ber die Sieger, und dich fr meine +Person zu beanspruchen, wre so lcherlich, als wollt' ich den Mond in +mein Zimmer hngen, da er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab' eine +Erscheinung gehabt, weiter nichts. + +Ach, Robert! seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man +sie pries. Ahnst du denn nicht, wie jmmerlich alles ist, was man tut, +im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt? + +Es liegt nicht an der Qualitt, es liegt im Geiste. Der Geist kann +heilig werden, trotz Vlkermord und Vlkerwahn. Ich habe an den Heiligen +Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh' ich wieder am Anfang. + +Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres gro +aufgeschlagenen Auges. + + * * * * * + +Exzellenz Hfner kam etwas verlegen zurck. Er habe die beiden Herren +gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, da sie noch in der +Nacht fahren mten. Ob man der jungen Dame zumuten drfe, die +anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht +gewagt zu entscheiden. + +Olivia sagte, sie sei bereit, sie wre froh, wenn sie rasch ans Ziel +komme. Lamm widersprach nicht. + +Sie nahmen hastig einen Imbi auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia +auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer +Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze +erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am +schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach +ihrer Art, zurckgebogen, die Arme lssig im Fall. Ihr Gesicht hatte +einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst +ruhend gesehen. + +Er trat zu ihr und kte sie. Olivia lchelte; als sie ihn wieder kte, +waren ihre Augen feucht. + +Er ergriff das Tschchen, und sie verlieen den Raum. Unten wartete die +Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu fhren. Schweigend +gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer +Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt, +Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; leb' wohl, Robert, +rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon. + +Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen, +sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms. + +Fr Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verlie die zugige Kammer +wieder, kaum da er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse. + +Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Huser, an denen er +vorberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen +aus. Er schritt an einem Zaun hin und sphte bisweilen in die Ebene oder +in den Himmel. Die Zaunpfhle neben ihm, in endloser Folge, das brachte +ein eigentmliches Gefhl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und +vielleicht war dies die Ursache, da seine Gedanken immer bewegter, +immer strmischer wurden. + +Der Marschschritt einer Kolonne wurde hrbar und kam nher. Es waren +deutsche Soldaten, eine groe Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende +nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch +die Entschlossenheit und der unabnderliche Gleichklang ihres Schrittes +machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorber waren, blieb er +stehen und schaute ihnen nach. 'Da gehen sie nun,' dachte er und zog die +Stirn in Falten, 'da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in +ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rckkehr. Ob nicht +ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch. +Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den +Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Mller und am +Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und +Glcksjgern und Verliebten und Familienvtern und Staatsdienern, die +dort drauen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es +wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte +und Familienvter geben. Was brchten sie vor sich, wenn ihnen dies +Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt +es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.' + +Er ging ein Stck, in der Richtung gegen die Stadt zurck, und nach +einer Weile blieb er wieder stehen. Und doch, redete er nun laut vor +sich hin, doch ist der Mensch etwas Kstliches; man mu ihn blo +anschauen und begreifen knnen. Viele knnen es nicht. Diese Gestalt, +das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spren nicht den +Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gesprt. Ich habe so +hingelebt, das ist alles; habe mich gergert, habe gezankt, gefeilscht, +geredet, aber den Menschen gesprt, nein, das hab' ich nicht. Und im +Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: Nein, das hab' +ich nicht. + +Da kam er an ein Haus, das ohne Tren und ohne Fenster war. Auch das +Dach war zum Teil weggerissen, so da der Himmel in die den Rume +starrte. Lamm lie einen Blick zerstreuter Neugier ber die Ruine +schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jmmerliches +Wimmern vernahm. Er lauschte und hrte den Laut deutlicher. Es klang wie +das Weinen eines kleinen Kindes. + +Nun trat er in das Haus, zndete seine elektrische Taschenlampe an und +ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Sugling auf +schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm +rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehrige in der Nhe. Aber +niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Sugling war vllig +verlassen, fror und hatte Hunger. + +Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch +einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter. +Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle +hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still. + +Er hllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die +Krperwrme sprte, kam etwas Freudiges ber ihn, und das lebendige, an +ihn geschmiegte Wesen wurde ihm pltzlich in sonderbarer Weise teuer. +'Ich will es behalten,' sagte er sich, 'ich will es wie ein Geschenk von +Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den +Menschen gehe und fr sie schaffe.' + + * * * * * + +Am Nachmittag darauf, nach fnfzehnstndiger, durch viele Hindernisse +verzgerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mute +Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemhung des einen +Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu +verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den +Tag ber vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft +konnte der Wagen kaum vorwrts, so schwierig war es, den begegnenden +Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen +schleppten sich Verwundete die Straen heran; fern am Horizont umsumte +den dstern Himmel eine dunkle Glut. berall waren Notbrcken, berall +rauchten Trmmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Lchern +zerrissen. + +Vllig durchnt war Olivia, als endlich der schttelnde Wagen in der +Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstrae hielt. Ein +freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem +Bauernhaus, in dessen Flur sie ber die Leiber schlafender Soldaten +steigen mute. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager. +Von den Bretterwnden troff das Wasser, die Luft war wie in einem +Keller, Pferde stampften in der Nhe, sie schlo die Augen und dmmerte +erschpft hin, ohne schlafen zu knnen. Mit dem Morgengrauen erhob sie +sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert +zu finden hoffte. + +Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein +jngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, da Leutnant +Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia fate die +Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es +schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer. + +Zu Hunderten kamen blutende Mnner vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den +Armen der Sanittsleute, oder von Kameraden gefhrt. Der Kampf um Strji +war mrderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden +wilder und frischer als fern in der Stadt. Die rzte nahmen einen um den +andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kmmerten sich weder um +Schreien und Sthnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam +oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf +dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen +von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine +Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie +bestndig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie +konnte nichts anrhren. Na, werden Sie uns nur nicht krank, sagte +einer der Doktoren rgerlich im Vorbergehen. Sein Leinwandkittel war +von oben bis unten mit Blut bespritzt. + +'Du mut zu seinem Grab,' gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh +sie aus dem Raum, drngte sich durch die Verwundeten und fragte einen +Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lgen. Der Offizier zog die +Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefhrdet, +antwortete er. Sie sagte gepret, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen +wolle. Ich kannte Ingbert, versetzte der Offizier, ein lieber +Kamerad. Schade um ihn. Dann warf er einen flchtigen Blick auf Olivia +und erklrte sich bereit, sie zu fhren. Sie war nicht fhig, ihm zu +danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich. + +Sie gingen ber einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf, +als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. Sie schieen, bemerkte der +Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zndete sich eine +Zigarette an. + +Auf einer Wlbung des Gelndes sah man unzhlige kleine Holzkreuze. Der +Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei +einem stehen und sagte: Hier liegt er. Damit grte er und entfernte +sich. + +'Hier liegt er,' dachte Olivia. 'Und warum eigentlich? Und warum die +andern, Unzhligen, warum?' Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit +des Freundes, seiner Wrme und schweigsamen Liebe, und dachte: 'Warum +nur, warum?' + +Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel +Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich +feurige Geschobahnen, Leuchtkrper schwammen weit drben in der Luft, +bisweilen ertnte ein Krachen, als wolle der Weltkrper zerreien. Zur +Rechten wich mannshohes Gestrpp zurck, das eigentmlich erhellt +gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit +drben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wgelchen ein, das von +einem mden, klapperdrren Gaul gezogen und von einer alten Buerin +gefahren wurde. Fnf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben +und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte +Buerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und +als es des Brandes ansichtig wurde, stie es einen gellenden Schrei aus. + +Pltzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt +ebenfalls ein Gebude auf. Man sah nun, da dort ein Dorf lag. Die +Dcher der brigen Htten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer. +Olivia blieb stehen. + +Mnner und Weiber strzten ins Freie; die vergrmten Gesichter waren +grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber lste sich eine +auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein +Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich ber Vierzig, trug +keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um +Stirn und Schlfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen, +und man sah an seinem Gang, da er blind war. + +Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Husern +entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten +um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber +durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck +war so mchtig, da die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald +in Scharen folgten und sich dicht an ihn drngten, als ob sie in seiner +Nhe gefeit wren. + +Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot, +und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brllendes Vieh, +winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als +kme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und +je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich +ber die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefhrdeter konnte +kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr? +Was galt ihm diese Stunde und die nchste? Obgleich in Olivia ein +rtselhafter Wunsch war, da er sie sehen mge, ein rtselhaftes +Bedauern, da er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, da +nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glcklich zu preisen sei, +da er nichts mehr von ihr sah. + +Sie wanderte den Weg zurck, verirrte sich jedoch. Ihre Erschpfung +wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, da sie krank war. + +Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht +und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine +Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu +einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das +leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines groen +Gebudes. + +Die Beine versagten den Dienst; sie schlpfte in das Schilderhaus, +kauerte sich nieder und hllte sich fester in den nassen Mantel. Ein +schlafhnlicher Zustand machte sie bewutlos. + +Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Krfte zusammen +und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheien Augen ein +unvermuteter Anblick. Fahler Frhsonnenschein war durch die Nebel +gebrochen und fiel auf unzhlige Beete und Strucher voller Rosen. +Lauter Rosen, ber die ganze Flche des Parks, in allen Farben der +Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Grben, +zertretener Rasen, zersplitterte Bume. Sie trat zum nchsten Strauch; +die Freude an den Blumen, erst wie eine berwltigende Erinnerung, +verdrngte jedes andere Gefhl und steigerte sich zu leidenschaftlichem +Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne +darauf zu achten, da sie sich an den Dornen die Hnde blutig ri. + +Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie +dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine gerumige +Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein +Mensch war zu sehen. Die Tren der Zimmer standen offen, und berall +zeigten sich die Spuren bswilliger Zerstrung. Die Glser der Spiegel +lagen in Scherben auf dem Boden, die Mbel waren umgestrzt, das +Porzellan zerschmettert, die Bcher aus den Regalen geschleudert und +zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wnde mit Unrat beschmiert. Hier +mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie +die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in +einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen. +In der Mitte des sonst vllig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag +ein Greis mit langem, weiem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf +seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. +Daneben aber sa ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte +tiefschwarze Haare, die ber die blassen Wangen fielen; seine Augen +waren traurig und voll Angst. + +Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie +polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber +hinschwinden fhlte, machte sie eine bittende Gebrde und prete die +linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an +und begriff; ihn hatte der Krieg frhzeitig ber menschliches Leiden +unterrichtet. Auf den Zehen, als knne der tote Mann noch gestrt +werden, ging er zu einer Tr, die er ffnete und wies auf ein Bett, das +dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, da es das Schlafgemach einer +Frau gewesen war; auf den Lehnen der Sthle hingen Frauenkleider, in +einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige +Flucht hin. + +Olivia schlo die Tr, als sie drinnen war, ri ihre nassen Gewnder vom +Krper, strzte frmlich in das Bett, whlte die zitternden Glieder in +die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann +rang sie seufzend die Hnde, sprte, da ihr die Sinne vergingen, und +freute sich darauf, nicht mehr denken und frchten zu mssen. + +Nach einer Weile klopfte es an der Tr, der Knabe trat lautlos ein. +Unschlssig stand er zu Fen des Lagers und schaute auf die Kranke, +deren Wangen sich mit Scharlachrte bedeckten. Er fand sie schn; ihre +Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn +mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia ri +entsetzt die Augen auf. Pltzlich schrie sie: Gebt mir die Rosen! und +prete die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren +Mund. + +Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem +bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie muten ein Ziel +eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises, +der drauen im Sarg lag; nicht blo die Kultur des Parks lenkte darauf +hin, sondern auch die zerstrten Gemlde, auf denen fast ausschlielich +Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und +immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drckte, +glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den +er nur noch nicht verstand. Rasch verlie er das Zimmer, und nach +einigen Minuten schon kehrte er zurck, beide Hnde voller Rosen, und +warf sie auf das Bett. + +Als er vernahm, da die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewi, das +Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und +viertes Mal. Schlielich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, da sie +von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer +und jenes noch, in dem der Tote lag, erfllte. Danach ging er zu dem +Toten hinaus, kam wieder zurck, lief zum fnften Male in den Garten und +brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lchelte zufrieden, +als er sah, da die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen +Haaren einen rhrenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die +Augen geschlossen hatte. + +Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; whrend sie schlief, wurde ihr Gesicht +erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber +die Farbe des Lebens zurck, als ob ein Traum von glcklicher und +ttiger Zukunft die Seele jh berhrt htte. Dieser Traum erzeugte ein +Lcheln; das Lcheln schien das Blut, das schon verblate, neu zu rten. +Verwandlung war in ihr; ber ihr Verheiung eines Geistes aus +verwandelter Welt. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstverffentlichung erstellt. Diese erschien in Velhagen +& Klasings Monatshefte, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, +September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser +Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller +gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 002: [Punkt ergnzt] Mhe hatte, sie zu beruhigen. +S. 003: [Punkt korrigiert] ber ihn erholt hatte, -> hatte. +S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin +S. 167: mit abgerissenen Gewndern und verstrtem Gesichts -> Gesicht +S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten +S. 172: die Finsternis brannte ihn frmlich auf der Stirn -> brannte ihm +S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, +S. 182: die Bestrzung in ihrem Gedicht -> Gesicht +S. 182: Er war rhrend und unheimlich. -> Es ] + + + +[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first +publication of the story, printed in "Velhagen & Klasings Monatshefte", +XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The +page numbers jump according to the distribution of the story onto the +three issues of the monthly periodical. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 002: [added period] Mhe hatte, sie zu beruhigen. +p. 003: [corrected period] ber ihn erholt hatte, -> hatte. +p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin +p. 167: mit abgerissenen Gewndern und verstrtem Gesichts -> Gesicht +p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten +p. 172: die Finsternis brannte ihn frmlich auf der Stirn -> brannte ihm +p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, +p. 182: die Bestrzung in ihrem Gedicht -> Gesicht +p. 182: Er war rhrend und unheimlich. -> Es ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + +***** This file should be named 21860-8.txt or 21860-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/21860-8.zip b/21860-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bd8146a --- /dev/null +++ b/21860-8.zip diff --git a/21860-h.zip b/21860-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..66b9157 --- /dev/null +++ b/21860-h.zip diff --git a/21860-h/21860-h.htm b/21860-h/21860-h.htm new file mode 100644 index 0000000..3e125a3 --- /dev/null +++ b/21860-h/21860-h.htm @@ -0,0 +1,7512 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Olivia, by Jakob Wassermann + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + color: black; + font-size: smaller; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + h1 { + font-size: xx-large; + letter-spacing: 0.1ex; + padding-left: 0.1ex; + line-height: 120%; + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 0em; + } + p.author { + font-size: large; + text-align: center; + line-height: 125%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 4em; + } + + div.textbody p { + text-indent: 1.5em; + } + div.textbody p.newsection { + text-indent: 0em; + margin-top: 3em; + } + div.textbody p.newsection:first-letter { + float: left; + padding-top: 4px; + padding-left: 0px; + padding-right: 2px; + font-size: 280%; + line-height: 75%; + overflow: visible; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + ins.correction { + text-decoration:none; /* replace default underline.. */ + border-bottom: thin dotted red; /* ..with delicate red line */ + } + + ul {list-style: none; + padding-left: 0em; + } + + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: gray; + background-color: inherit; + } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p> + +<h1>Olivia<br /> +<span style="font-size: smaller">oder</span><br /> +Die unsichtbare Lampe</h1> + + +<p class="author">Erzählung<br /> +von<br /> +<em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></p> + + + +<div class="textbody"> +<p class="newsection">Im Hause des Professors Khuenbeck, +eines angesehenen Wiener Arztes, +war große Gesellschaft. Man hatte +reich getafelt, die Unterhaltung +war im besten Fluß, und wie auf viele +andere Dinge kam die Rede auch auf die +Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das +Töchterchen des Hauses flüchtig gesehen +hatte, rühmte dessen besondere Schönheit +und Lieblichkeit. Frau Khuenbeck lächelte +geschmeichelt, einige andere Damen gaben +ihr Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, +den Hinweis auf die späte Stunde ließen +sie nicht gelten, und sie wandten sich an den +Professor, der, unschlüssig und wie beschämt, +nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen +sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die +einer eitlen Regung nicht zu widerstehen +vermochte, einem der Dienstboten einen +Wink gegeben und ging dann selbst in das +Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, +der zweijährige Ferdinand und die sechsjährige +Olivia.</p> + +<p>Schon saß Olivia auf dem Schoß des +Dienstmädchens, die Augen voll Schlaf; +es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, +die Haare wurden ihr gekämmt, weiße +Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die +Beinchen, und so trug sie die Mutter in die +strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die +Gäste scharten sich um Mutter und Kind; +ein Laut der Überraschung und Befriedigung +tönte ihnen entgegen. Olivia blickte +voll Angst und Zagen in die vielen fremden +Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen +ihr unbegreiflich waren.</p> + +<p>Abseits von allen stand ein junger Mann +und schaute still auf die Gruppe. Er dachte, +daß der Professor dem Schauspiel ein Ende +bereiten werde; da dies aber nicht geschah, +rief er plötzlich mit scharfer, ja barscher +Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie +doch den armen Wurm wieder ins Bett; +den Rummel wird er ohnedies bald genug +kennen lernen.«</p> + +<p>Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete +und trug das Kind schnell hinaus.</p> + +<p>Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; +sie bewahrte dem, der sie gesprochen, +heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte +oft im Hause; bald wußte sie seinen +Namen; er hieß Robert Lamm und war +damals noch ein unbeachteter Beamter im +Ministerium.</p> + +<p>Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe +Dankgefühl; in Stunden kindlicher +Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das +eines Helfers auf. Er war die Verkörperung +einer strengeren Schutzgottheit neben der +sanften des Vaters.</p> + + +<p class="newsection">Wenn der Professor an seinem Schreibtisch +saß, geschah es oft, daß sich Olivia +ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den +Teppich zu seinen Füßen niederließ und +in Büchern und in Heften blätterte, die +auf dem Boden aufgeschichtet lagen. Meist<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span> +bemerkte sie der Professor erst, wenn er die +Feder weglegte und sich erhob; dann sagte +er: »Du bist da, Kind?« und lächelte. +Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen +war, ihn nicht zu stören.</p> + +<p>Manchmal machte er kleine Spaziergänge +im Park, dann nahm er Olivia mit +und führte sie an der Hand. Verwundert +betrachteten die Leute das schöne Kind. +Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach +dem Vater sahen, der so nachdenklich und +voll Würde dahinschritt. Sie war stolz +auf ihn.</p> + +<p>Einst hatte Olivia die Mutter belogen. +Sie war mit dem Fräulein im Prater gewesen +und hatte gesagt, sie sei bei ihrer +Tante, Frau von Scheyern, gewesen. Ihr +Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld +verraten. In der Entrüstung darüber +forderte die Mutter, daß sie zur Strafe in +einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte +sich aber mit solcher Leidenschaft, daß die +Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da +kam der Professor in die Stube; ihn sehen +und an seinen Hals stürzen, war für Olivia +eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie +und klammerte sich so krampfhaft an den +Vater, daß der erschrockene Mann alle +Mühe hatte, sie zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing period">beruhigen.</ins></p> + +<p>Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, +Olivia war damals elf Jahre alt, trat +der Professor eine Erholungsreise nach +Italien an. Olivia empfand seine Abwesenheit +schmerzlich, und jeden Morgen setzte +sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. +In Neapel wurde der Professor schwer krank +und starb eines plötzlichen Todes.</p> + +<p>Olivia begriff es nicht. Der Leichnam +kam, die Beerdigung fand statt, viele Leute +waren im Haus, die Mutter weinte, der +Bruder, die Verwandten weinten, Olivia +begriff es nicht. Für sie war der Vater +immer noch verreist; sie glaubte und begriff +nicht seinen Tod.</p> + +<p>Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb +ihm einen Brief. Sie teilte ihm die kleinen +Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von +der Mutter und von Ferdinand, sprach von +ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen, +von ihrem Wunsch, etwas zu werden und +ihm Ehre zu machen. Da sie aber keine +Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in +einer Mappe, – so lange, bis sie endlich +begriff.</p> + + +<p class="newsection">Die großen Einnahmen des Professors +waren von dem luxuriösen Haushalt verschlungen +worden; nach seinem Tod blieb +nur ein bescheidenes Kapital übrig, und +Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit +gezwungen.</p> + +<p>Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten +und des neuen Lebens war es +Robert Lamm, der der Witwe als Freund +zur Seite stand. Frau Khuenbeck hatte +einen an Furcht grenzenden Respekt vor +ihm. Auf Ferdinands Erziehung übte er +einen entscheidenden Einfluß, während er +Olivias Tun und Lassen gleichmütiger zu +betrachten schien.</p> + +<p>Robert Lamm hatte in wenigen Jahren +eine bedeutende Laufbahn zurückgelegt, +die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten +zugerechnet wurde. Er war Hofrat +am Verwaltungsgerichtshof, hatte beneidete +Auszeichnungen erhalten und genoß +als juristischer Schriftsteller den Ruf +einer Autorität.</p> + +<p>Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; +er war der Schrecken ganzer +Heere von Beamten, denn ihm war eine +seltene Kraft eigen, nämlich eine Sache, die +er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.</p> + +<p>Von früh an atmete Olivia gern die +Luft um diese ehrliche, furchtlose und derbe +Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, +und er hatte immer ein herzliches +Wort für sie. Während er mit der Mutter +sprach, stand sie in seiner Nähe; lächelte +er ihr zu, so ging sie hin und lehnte sich +an seine Schulter.</p> + +<p>Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, +wurde er förmlicher. Er hörte plötzlich auf +sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er +verbeugte sich und sagte, wenn sie es ausdrücklich +verlange und die gnädige Frau, er +verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es +erlaube, werde er sie wieder duzen, doch +dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, +sie müsse ihn dann ebenfalls duzen. »Aber +ich habe es ja immer getan!« rief Olivia +erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der +Onkel nicht,« erwiderte er mit einer Grimasse, +»ich hasse die Onkels.«</p> + +<p>So nannte sie ihn also Robert und Du. +Gleichwohl behielt er seine Förmlichkeit +bei, die den Charakter spöttischer Galanterie +annahm, als ihm manches an Olivias +Lebensführung zu mißfallen begann. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> +war so eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher +versessen, so atemlos tätig, das mißfiel ihm; +er äußerte sich nicht darüber, er wurde +nur immer spöttischer und galanter.</p> + +<p>Eines Abends kam er, als Olivia bei +einem Buch saß. Er beugte sich über ihre +Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte +den Kopf, und da ihn Olivia fragend anschaute, +nahm er das Buch, blätterte, schüttelte +abermals den Kopf und fragte endlich: +»Wie alt bist du denn jetzt?«</p> + +<p>»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. +Ihr Haar leuchtete wie Gold im Lichte der +Lampe.</p> + +<p>»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« +rief der Hofrat aus. Sein Gesicht +war so traurig, daß Olivia lachen +mußte.</p> + +<p>»Und womit sie ihren Kopf sonst noch +plagt«, mischte sich die Mutter ins Gespräch; +»Mathematik und Philosophie und Literatur +und Geschichte und Klavierspiel und +Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn +ich zusehe.«</p> + +<p>So oft nun der Hofrat da war, hatte +er immer denselben Blick für Olivia, in +dem zugleich Kritik und Bedauern lag. +Der Blick sagte: was soll es dir nützen, +Mädchen, Plato im Original zu lesen? +Wozu schlingst du tote Wissenschaft in dich +hinein? Was sollen dir die Scharteken?</p> + +<p>Wahrscheinlich wußte er zu wenig von +der Jugend, mit der Olivia aufwuchs; +von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff +und neuer Form, nach Gehalt und Entfaltung. +Dies Geschlecht mußte sich alles +ertrotzen, Arbeit und Genuß, Urteil und +Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes +und der Rasse nicht erliegen wollte: der +Frivolität und der Trägheit. Verloren sie +in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, +so durften sie doch die Vorsichtigen verachten, +die bequemen Romantiker, die feigen Hüter +des Herkömmlichen.</p> + +<p>Er wußte nichts von dieser Jugend, sah +nicht Lebensfülle und hoffnungsvolles +Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. +Einst kam er zu Frau Khuenbeck und war +enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war +ins Konzert gegangen. »Es ist das zweite +in dieser Woche,« sagte Frau Khuenbeck; +»und einmal Theater, und einmal eine +Bilderausstellung, und am Sonntag auf +den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, +ich weiß nicht, wo sie die Zeit und die Kraft +zu allem hernimmt.«</p> + +<p>»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, +und deutete auf einen Tennisschläger und +ein Paar weiße Schuhe, die auf einem +Stuhle lagen.</p> + +<p>»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. +Als sie das finstere Gesicht des Hofrats +gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber +es ist nicht Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht +meinen, es ist etwas anderes. Sie +ist von allem, was sie macht, so voll und +tut alles, was sie tut, so freudig, daß man +es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«</p> + +<p>Diese Begründung war für den Hofrat ein +Schall. Olivia war schön; das allein gab +ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen +waren häßlich; Bücher machten häßlich, +Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen +zu drängen, machte häßlich. Auf +Sportplätzen die Glieder verrenken, die +Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten +und mit groben Stoffen bekleidet +sich den Unbilden des Wetters aussetzen, +das nannte er ein unerquickliches Schauspiel. +Der Schönheit floß alles zu, sie +raubte der Natur nichts, sie ließ sich von +ihr beschenken, Schönheit war einsam, war +sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und +Olivia verging sich gegen das Gesetz.</p> + +<p>Er erkaltete gegen Olivia, und seine +Besuche wurden immer seltener.</p> + + +<p class="newsection">Um diese Zeit wurde Olivia von einer +heftigen Schwärmerei für einen genialen +Kapellmeister und Komponisten ergriffen, +der wie ein Feuer unter die Gilde der +stadtansässigen Musiker gefahren war und +das Publikum erst unterwarf, als es sich +von seinem Staunen über ihn erholt <ins class="correction" title="Transcriber's note: corrected comma to period">hatte.</ins></p> + +<p>Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, +und einmal begegnete sie den beiden, +die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat +grüßte sie und blieb stehen; er machte +sie mit dem vergötterten Manne bekannt. +Sie wurde blaß, stammelte ein paar Worte, +verstummte und ging dann weiter. Sie +hatte seine Stimme gehört, und diese +Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die Stimme +eines Menschen konnte sie beleidigen und +enttäuschen, aber auch beglücken und bezaubern. +Seine Stimme hatte ihre Seele +tiefer angerührt als irgendeine zuvor.</p> + +<p>Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> +an einem Gebirgssee. Olivia wußte +die Mutter zu überreden, daß sie dort die +Ferien verbrachten. An vielen Tagen, in +Mondnächten wandelte sie andächtig die +Pfade, auf denen er gegangen war. Seine +persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war +immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; +sie war zufrieden, wenn sie ihn +einmal des Tages von ferne sah.</p> + +<p>Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen +Blumenbeeten. Er glaubte sich unbeobachtet; +bei einem Strauß beugte er sich +nieder, um zu riechen. Die Zärtlichkeit +der Bewegung hatte für Olivia etwas +Außerordentliches. Von da an schaute sie +Blumen mit andern Augen an. Es mußten +stets Blumen in ihrem Zimmer sein, zu +jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, +pflegte sie, freute sich, wenn sie blühten, und +trauerte, wenn sie welkten.</p> + +<p>Als der Musiker eines frühen Todes +starb, gab sie alles Geld, das sie besaß, +für Blumen aus und schmückte mit ihnen +sein Grab. Die unschuldige und wunschlose +Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen +noch empfänglicher gemacht.</p> + +<p>Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung +gegenüber dem lebendigen Auf +und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, +mit Freunden zu sein, an Freunde +sich auszuteilen, war Glück. So wurde +sie vielfach in die Geschicke der Menschen +verflochten, vielfach beansprucht. Manches, +was im Spiel begonnen war, verwandelte +sich in bitteren Ernst; Vertrauen wurde mißbraucht, +Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, +Wahrheit in Lüge verkehrt. Aber +auch dies war für Olivia ein Stück des +großen Reichtums, waren angefaulte +Früchte von dem Baum, der ein Übermaß +der guten gab.</p> + +<p>Wie liebte sie die Welt, das Leben, die +Stunde! Sie freute sich jeden Morgen +über ihr Erwachen, über den Himmel, die +Luft, das Licht, die Zeit, über alles, was +sie sich vorgesetzt hatte und was andere +von ihr erwarteten, über ein Gespräch, +das sie gestern geführt hatte, einen Spaziergang, +den sie heute machen wollte, über +ihren eigenen Körper, über jedes Ding in +ihrer Stube.</p> + + +<p class="newsection">Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium +her, war Marianne von Friesheim, +ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen +von ernstem Wesen. Mariannes Vater +war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef +und Exzellenz, und durch seine +Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen +Magnaten einer der reichsten Männer +des Landes.</p> + +<p>Olivia kam beinahe täglich ins Haus, +und alle, von der Exzellenz bis zum geringsten +Dienstboten, bewunderten und +verwöhnten sie. Wenn der Sektionschef +ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein +Leuchten über sein rotes, grobes Gesicht; +er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte +mit ihr. Olivia hatte Sympathie +für ihn; er schien ein gütiger Vater und +ein wohlwollender Mensch zu sein.</p> + +<p>Frau von Friesheim machte Olivia zur +Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn Eduard, +ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten +eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft, +deren mittelpunktloses und unberechenbares +Wesen schon manchem ihrer +Anbeter verhängnisvoll geworden war. +Eduard, ohnehin verschlossenen Gemüts +und von eigenwilliger Lebenshaltung, +wurde durch den Umgang mit dieser Frau +den Seinen vollends entfremdet. Nur an +der Schwester hing er, und ihr hatte er +auch vor kurzem mitgeteilt, daß es sein +Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. +Hierüber war Frau von Friesheim sehr +unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen +Eduard und Olivia ein freundschaftliches +Verhältnis entstand, legte sie ihr +nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem +gefährlichen Einfluß jener Frau zu entziehen.</p> + +<p>Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia +mußte lachen. Auf der anderen Seite +war es der Sektionschef, der ebenfalls eine +heikle Aufgabe für sie hatte. Marianne +nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen +Maler gefaßt; Georg Ingbert war +sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, +und wie es auch mit seinem Talent +beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld, +sich geltend zu machen, besaß er +nicht. Er war im Gegenteil voll Gelassenheit, +und dieser Gelassenheit war eine bei +einem Mann seltene Anmut beigegeben, +Anmut des Geistes, des Herzens und des +Körpers. Wenn man ihn und Marianne +sah, konnte man sie nicht anders als miteinander +verbunden denken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>Während nun Frau von Friesheim die +Liebe dieser beiden mit auffallender Nachsicht +betrachtete, erblickte der Sektionschef +ein Unglück für seine Tochter darin. Eduards +Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige +Verirrung, und er meinte, wenn man ihm +nur Zeit lasse und nicht durch Widerstand +seinen Trotz errege, werde die Vernunft +siegen. Marianne sah er tiefer verstrickt; +er kannte die Treue ihrer Natur und, bei +aller Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. +Er schätzte die Künstler gering; die meisten +waren Schmarotzer nach seiner Meinung. +Und er forderte, Olivia solle Marianne +dazu bringen, daß sie dem Maler entsage.</p> + +<p>Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie +sich nicht berechtigt, und als seine Versuche +dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit +auf, um ihn zu überzeugen, daß man +zwei Menschen, die durch Bestimmung +zusammengeführt worden, nicht voneinander +reißen könne, ohne ihren Lebenskern +zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich +in Gründen, Olivia blieb standhaft +und entwaffnete ihn durch ihre heitere +Ruhe; schließlich schien es, als bereite ihm +das Wortgefecht an sich selber Freude und +als vergesse er den ernsthaften Anlaß. +Wenn er mit ihr rede, bekannte er einmal, +komme es ihm allerdings vor, als sei es +am besten, dem Schicksal seinen Lauf zu +lassen, und doch dürfe es nicht sein, um +keinen Preis werde er sich fügen. Olivia +schaute ihn an, und als sie seinen finstern +Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem +bisherigen Urteil über ihn ein wenig irre.</p> + +<p>Sie ging mit der Familie aufs Land, +auch der Maler kam zu Besuch. Sie begleitete +Ingbert und Marianne auf ihren +Spaziergängen und ermunterte Eduard, +mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu +verschaffen, miteinander zu sprechen. In +einem benachbarten Ort wohnte Anita +Gröger, Eduards Geliebte, und er bat +Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. +Sie ließ sich zu ihr führen, und er merkte +ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel. Da +er sie um Offenheit drängte, gestand sie es +zu; die Frau sei ihr unheimlich, sagte sie. +»Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich +machen,« äußerte sie ein anderes Mal +zögernd. Eduard war bestürzt und kam +immer wieder darauf zurück. Sie bereute +ihre Voreiligkeit, doch sie hatte seinen eigenen +Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn +er bei Anita gewesen war, suchte er Olivias +Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen +und quälte Eduard durch ihre Eifersucht. +Es gab verschwiegene Zusammenkünfte +zu zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, +Briefe wurden getauscht, +und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, +da Eduards Herz sich ihr entschiedener +zuwandte.</p> + +<p>Nun mußte sie abwehren, und sie tat es +begütigend. Es war ihr alles ein Spiel. +Eduard war ihr im Innersten fremd; seine +Freundschaft mochte sie aber nicht missen. +Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. +Sie spürte, daß sie ihm ein Gleichnis gegen +die andere war, und daß die andere dabei +verlor. So stellte sie sich in den Schatten +und floh, wenn er sie suchte. Ingbert +merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. +Sie wollte seinen Rat haben, doch +er war zurückhaltend und hörte mit seinem +reizenden Lächeln zu.</p> + +<p>Eines Abends saß sie mit Ingbert am +Waldrand; Marianne war bettlägerig, +Eduard war für ein paar Tage verreist. +Sie sprachen über die beiden, über die Eltern, +über das Leben im Hause; plötzlich +sagte Ingbert, der Zustand, in dem er sich +befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas +Vergebliches und Künstliches, da er doch +genau wisse, daß Marianne ihm niemals +angehören würde. Als Olivia widersprechen +wollte, legte er seine Hand auf +ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, +er beklage sich ja nicht, er klage auch +nicht an; daß Herr von Friesheim gegen +ihn eingenommen sei, begreife er, doch +getraue er sich, den Kampf gegen ihn aufzunehmen; +jede äußere Schwierigkeit sei +überwindlich. Es liege nicht an dem; es +liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit +versprochen, damit steige oder falle sein +Stern.</p> + +<p>»Fragen Sie nicht, warum es dann so +weit gekommen ist,« schloß er leise; »das +Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht +einen andern Weg. Das Herz läßt sich +verführen, die innere Stimme schweigt +lange. Auf einmal aber spricht sie, und +man steht sündig da und will doch nicht +noch mehr sündigen.«</p> + +<p>Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie +ging ins Haus, setzte sich an Mariannes<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht +dunkel im Zimmer gewesen, Marianne +hätte ihre Blässe und Erregung merken +müssen. Ingbert war auf der Bank geblieben, +man hörte ihn eines der alten Lieder +singen, die er liebte und in entzückender +Weise vorzutragen wußte. Marianne +preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein +selig hinziehendes Gefühl; sie wünschte, +Ingbert möge sie holen und mit ihr weit +fortwandern.</p> + +<p>Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne +nicht eröffnete, und wartete, daß sie +sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah +aber nicht, und Olivia zürnte Ingbert. +Doch wenn sie Marianne ansah, die +so kindlich hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. +Er hatte etwas so Gütiges +an sich, daß man billigen mußte, was immer +er tat, und bald wurde Olivia gewahr, +daß ihre Gedanken an ihn zum +Verrat an Marianne wurden.</p> + +<p>Indessen kehrte Eduard von seiner Reise +zurück und brachte zwei Freunde mit; auch +Freundinnen Olivias und Mariannes +kamen zu Besuch. Es entwickelte sich eine +lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert, +Fahrten und Wanderungen unternommen. +Eduard suchte bei jedem Anlaß Olivias +Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie +durch eine unwiderstehliche Strömung einander +im verborgenen zu; Marianne begann +endlich zu ahnen und litt still, und +Anita Gröger war der ruhlose Geist, der +bisweilen verdüsternd durch die herzlich +bewegte Kleinwelt zog.</p> + +<p>Stiegen auch Schatten empor, für Olivia +war alles noch ein Spiel. In der Luft +von Leidenschaft und Begehren, Forderung +und Abwehr, Spannung und Sehnsucht +atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs +und übte sich in jeder Kraft, die das Lebensgefühl +erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort +ein Schwankender, hier eine Verblendete, +dort ein Entflammter, sie stand immer in +der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden +und löste Fäden, verpflichtete sich zum +Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, +ganz nach ihrem Gefallen.</p> + + +<p class="newsection">Gegen Ende des Sommers, als die Gäste +schon abgereist waren, verabredeten sich die +Geschwister und Ingbert und Olivia zu +einem Ausflug in die Dolomiten.</p> + +<p>An einem Augustabend kamen sie müde +und staubbedeckt vom Rosengarten her ins +Karerseehotel, und als sie in die für Touristen +bestimmte Wirtschaftsstube traten, +bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um +einen Tisch waren mehr als zwanzig junge +Mädchen in Abendkleidern gruppiert; ein +Herr, der den Frack ausgezogen und die +Ärmel des Frackhemdes über die Ellbogen +gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen +Schüssel eine Bowle. Auf dem Tisch standen +Champagner- und Weinflaschen, Gefäße +mit Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem +Ernst verrichtete der Herr seine Arbeit, +mischte die Getränke, rührte mit dem +Löffel, kostete mit einem andern Löffel, und +immer, wenn ihm eines der Mädchen eine +Flasche reichte, sagte er etwas, worüber +alle in fröhliches Gelächter ausbrachen.</p> + +<p>Sie kamen vom Diner und hatten die +sogenannte Schwemme aufgesucht, um in +ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.</p> + +<p>Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft +nicht gekümmert hatte, schaute dann +doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und +als die Gruppe auseinandertrat, weil die +Gläser zum Einschenken gebracht wurden, +erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel +den Hofrat Lamm. Sie errötete +vor Freude.</p> + +<p>Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht +mehr gesehen, aber er war unverändert. +Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war +seine Gestalt noch jugendlich schlank, seine +Haltung straff und sein Gesicht frisch.</p> + +<p>Er warf einen seiner durchdringenden +Blicke an den Tisch, wo die vier saßen, und +erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte +sich in seiner ironisch galanten Art, ohne +besondere Überraschung zu zeigen, als hätte +er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, +daß er nicht kam, um sie zu begrüßen; +sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, +die ihn so zudringlich umschwärmten, und +fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als +er nach einer Weile das Glas gegen sie +hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie kühl.</p> + +<p>Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn +im Korbe sei, sie gab unwillig Auskunft, +mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische +Bemerkung des Hofrats über eines +der Mädchen aufgefangen hatte. Die andern +Mädchen kreischten, jetzt kamen auch +einige junge Männer hinzu, und die Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +wurde sehr lärmend. Der Hofrat +hatte seinen Frack wieder angezogen, und +plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte +ihr die Hand.</p> + +<p>Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei +dem Namen Friesheim zuckte er sichtlich +zusammen. Er nahm am Tische Platz, und +obwohl er drüben die beste Laune gezeigt +hatte, war er seit dem Augenblick, wo er +sich an den Tisch gesetzt hatte, einsilbig und +verstimmt. Mit gerunzelter Stirn stellte +er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, +verabschiedete sich steif und ging aus +dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen +ihm nach, aber er kümmerte sich nicht +um sie.</p> + +<p>Olivia war bedrückt wie schon lange +nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen gehen, +nahm ihren Rucksack und ließ sich von der +Kellnerin in eine der Touristenkammern +führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie +schlecht. Schon um fünf Uhr stand sie auf +und ging hinaus. Die Berge waren von +der frühen Sonne umglüht, aus dem Wald +strömte ein feuchter, kalter, harziger Duft. +Sie ging über einen Wiesenweg und bog +wie eine Trinkende den Kopf zurück.</p> + +<p>Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie +drehte sich um und gewahrte den Hofrat. +Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut +stak ein reichbuschiger Gemsbart. Er +glich nicht einem verkleideten Städter, sondern +sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, +sonnegebräunt.</p> + +<p>Er nannte ihr die welsch klingenden Namen +der Gipfel und Gletscher, die gegen +Süden lagen, und erzählte ihr von den +Touren, die er gemacht. Er fragte, ob sie +gefrühstückt habe, und als sie verneinte, +gab er ihr eine Tafel Schokolade. Zuerst +angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut. +Dann beschämte ihn ein forschender Blick +Olivias, und er zwang sich zum Reden. +Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn +geradezu nach dem Grund seiner gestrigen +jähen Verstimmung.</p> + +<p>Er bedachte sich kurz und antwortete, er +habe schon davon gehört, daß sie fleißig +im Hause Friesheim verkehre; die beiden +jungen Leute, in deren Begleitung sie sich +befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter +des Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn +dem so sei, fuhr er fort, erübrigten sich alle +Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, +sein Blick finster. Olivia blieb stehen +und schaute ihn erstaunt an.</p> + +<p>Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich +hoch; zur Linken fiel der Abgrund steil +hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia +von den Händen des Hofrats heftig an den +Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft +gegen die Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, +ihr bestürztes Gesicht war ihm +zugewendet; da ließ er sie los und lachte +grimmig. »Es ist nicht viel anders, als +wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; +»schlimmer noch. Mit solchen Menschen +umgehen, das heißt, allen Anspruch auf +Achtung verwirken und seinen Namen beflecken.«</p> + +<p>Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du +hättest dich vorsehen sollen,« begann der +Hofrat wieder; »eine Person wie du ist +verpflichtet, Instinkt zu haben und nicht +in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten +ist. Dieser Mann, in dessen Gehege +du so munter herumspazierst, ist einer +unserer verderblichsten Praktikenmacher und +Gelegenheitsjäger, ein Streber und Schleicher +von einem Format, daß sogar unsere +vielbesungene Gemütlichkeit keinen Reim +mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann +ist imstande, wenn sich zehn fähige Leute +zu einem Posten gemeldet haben, ihn mit +dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig +ist, und nicht vielleicht aus Unwissenheit, +nicht immer bloß deshalb, weil der +elfte ein Freunderl oder der Freund eines +Freunderls ist, sondern aus purem Vergnügen +an der Unfähigkeit und aus Bosheit +und Neid gegen die Fähigen. Dieser +Mann ist einer von denen, die nie einen +Richter brauchen, weil sie alles Recht so +lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft +und kirre gemacht ist; einer von denen, die +mit der Peitsche auf die Pferde einhauen, +wenn der Wagen den Berg hinauf soll, +und insgeheim den Hemmschuh ans Rad +legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er +ist mein Feind, er ist schlechthin der Feind; +ihn unschädlich zu machen, habe ich schon +meine beste Kraft verschwendet. Und nun +geh hin und setz’ dich wieder an seinen +Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«</p> + +<p>Er hatte scharf und kalt gesprochen wie +ein Sachwalter vor dem Tribunal. Olivia +zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen +Augen gleich einem gescholtenen<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, +schleuderte ihn in den Abgrund und lauschte +bis das Gepolter verklungen war. Dann +lachte er.</p> + +<p>»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, +ohne den Kopf zu erheben.</p> + +<p>»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete +er, »weil die Sonne so freundlich +scheint und der Himmel so blau ist. Und +weil unser Herrgott soviel Geduld hat. +Und weil die Bowle gestern so vorzüglich +war, und weil überhaupt alles so famos ist.«</p> + +<p>Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die +ganze Welt grau geworden.</p> + +<p>Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von +deinem Leben gewußt, Robert. Ich habe +dich für einen Menschen gehalten, der in +seinem Beruf glücklich ist.«</p> + +<p>Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches +Lachen hören. Dann schwieg er eine Weile, +und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing +er an, von seinem Leben zu sprechen, von +dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. +Von den Untergebenen und den Vorgesetzten; +wie ihn jene lähmten und diese ihm +mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, +nirgends Einsicht des Besseren, nirgends +Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, +das halbe Ungefähr, das veraltete +Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer +vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt +nach vorwärts auf Fallen stoße, das wohlwollende +Ermessen selbst im engsten Kreis +behindert sei durch unangreifbare Idole +und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg +aus diesem Pfuhl führe, an dem nicht die +Dummheit Wache hielt, oder die Phrase, +oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, +oder die Bequemlichkeit, oder der +Eigennutz, oder der Neid.</p> + +<p>Es war Flamme in seinen Worten, +dabei auch Witz; eine bissige Schadenfreude, +als bereite es ihm Spaß, Illusionen +zu zerstören.</p> + +<p>Und er zerstörte Illusionen, gründlich. +Ein eisiger Hauch wehte durch Olivias +Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre +Wangen waren blaß; es war, als hätte +sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge +in Ekles verwandelt, als stünde dort, wo +eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein +Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, +sie glaubte nicht und fürchtete doch, zu zweifeln. +Alles war plötzlich sonderbar anders.</p> + +<p>An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard +und Marianne, daß etwas mit ihr vorgegangen +war. Sie hatten am selben Tag +weiter wandern wollen, aber Olivia konnte +sich nicht zum Aufbruch entschließen und +schützte eine Unpäßlichkeit vor. Ingbert +fühlte sich in dem teuren und eleganten +Hotel nicht behaglich, und da die Geschwister +zögerten, die Tour ohne Olivia +fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner +Wege gehen. Um sich zu verabschieden, +kam er in Olivias Zimmer und fand sie +in tiefem Nachdenken. Sie gab ihm die +Hand, und als sie spürte, daß er ihren +Blick forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses +Einanderbegreifen hatte sich zwischen +ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte +Ausdruck in seinem klugen, +ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es +bedacht hatte, zog sie seinen Kopf herab +und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe, +seine Verwirrung erfüllte sie mit noch +größerer Liebe, er drückte seine Lippen auf +ihre Hand und verließ sie stumm.</p> + +<p>Es trieb sie zu Robert hin, und wenn +sie bei ihm war, erschien sie sich treulos +gegen Eduard und Marianne. Und wenn +sie bei Eduard und Marianne war, peinigte +sie deren argloses Wesen, und die +beiden Menschen waren ihr verdunkelt und +entrückt. Marianne, die über Ingberts +Flucht unglücklich war und Pläne schmiedete, +wie man ihn noch erreichen könnte, +nahm Olivias verändertes Betragen nicht +schwer und war offen und anschmiegend +wie immer; Eduard jedoch deutete alles +auf sich und sein Verhältnis zu Olivia. +Seine Erregung wuchs, er suchte eine +Aussprache herbeizuführen, er bat sie +schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften +Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; +sie leugnete. Er ging nicht weiter darauf +ein und sagte, daß er mit Anita Gröger +gebrochen habe. Sie wußte, was nun +folgen würde, sie hatte Angst davor, und +mit einer Kälte, die ihn bleich machte, +verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da +gingen sie auseinander.</p> + +<p>Am selben Abend schlug ihr Robert +Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause +reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg +zu begleiten, wo ihre Mutter sie erwartete. +Zu Eduard und Marianne sagte sie, die +Mutter habe ihr geschrieben und sie gerufen.<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +Sie umarmte Marianne mit dem +Gefühl einer Trennung für immer, Eduard +schaute sie starr an, und so oft sie nachher +an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde +ihr weh zumute, und sie hätte die Erinnerung +auslöschen mögen.</p> + +<p>Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er +seinerseits sprach nur von gleichgültigen +Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber +dem Groll nicht zu überlassen; sie vermied +es, seinem Blick zu begegnen, der während +der langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend +auf ihr ruhte, und als sie von Innsbruck +ab allein im Coupé waren, brach sie +selbst das Schweigen aus unbestimmter +Angst. Sie begann von Menschen zu +sprechen, die sie beide kannten und von +denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie +redete sich in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten +und Handlungen dieser Menschen +und übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie +von ihm angegriffen worden. Er hörte +mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal +ermunternd und schaute in die Landschaft.</p> + +<p>Da erschien ihr alles falsch und einfältig, +was sie sagte, sie mochte die schönen +Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, +und sie fühlte mit Betrübnis, daß sie +all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie +sie es bisher geliebt. Es war, als hätte +Robert Lamm einen Schleier darüber gezogen, +und als sei es fruchtlos, sich gegen +die stumme Gewalttätigkeit, die er an ihr +übte, zu wehren. Desungeachtet zwang +es sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise +zu fragen, ob sie ihn nach ihrer Rückkehr +in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, +wenn er nein gesagt oder eine +Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: +»Freilich will ich dich sehen.« Und als sie +schwieg, fügte er düster lächelnd hinzu: +»Vielleicht brauch’ ich dich.«</p> + +<p>Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? +Du – mich?«</p> + +<p>»Kommt dir das so unglaublich vor?« +Er lachte über ihr hilfloses Gesicht. Plötzlich, +der Zug fuhr schon in die Halle, +beugte er sich nahe zu ihr, ergriff ihre +beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit, +die sie bei keinem andern +Menschen als bei ihm wahrgenommen +hatte: »Ich kämpfe gegenwärtig einen +Kampf, in dem für mich alles auf dem +Spiel steht. Ich kämpfe für die Ehre eines +Toten, für die Rettung seines guten Namens, +für sein Weib und seine Kinder. +Sie wollen ein Verbrechen, das begangen +worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste +Niedertracht, die sich denken +läßt, nicht verantworten. Das darf nicht +geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, +obwohl ähnliches schon tausendmal +geschehen ist. Aber bei diesem einen +Mal hab’ ich mir in den Kopf gesetzt: es +darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, +dann bin ich fertig mit der Wirtschaft. +Dann komm zu mir, Olivia, dann haben +wir vielleicht einiges miteinander zu reden. +Leb’ wohl, grüß’ mir die Mutter.«</p> + +<p>Sie stieg aus, aber am liebsten hätte +sie jetzt mit ihm weiterfahren mögen. +Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken +und Gefühl war dunkler gefärbt. Alles, +was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, +dünkte ihr plötzlich falsch +und einfältig. Drei Tage später fuhr sie +mit der Mutter in die Stadt zurück, und +einen Tag nach der Ankunft ging sie zu +Robert Lamm.</p> + + +<p class="newsection">In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen +Kurort, hatte der junge Arzt +Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine +Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeübt. +Da hatte sich im Sommersbeginn +in einer Häuslerfamilie ein Typhusfall +ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, +was seine beschworene Pflicht als +Gemeindearzt war, er hatte die Erkrankung +zur Anzeige gebracht.</p> + +<p>Es entstand sogleich eine große Erregung. +Einige Bürger hatten noch in +letzter Stunde den Doktor an der Ausführung +seines Entschlusses zu hindern +gesucht. Die Sanitätskommission selbst, +deren Vorsitzender der Bürgermeister war, +hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler +und Kurgäste den Ort verlassen +und für lange Zeit in Verruf bringen +würden. Es war umsonst gewesen; weder +Bitten, noch Versprechungen, weder Warnungen, +noch Einschüchterungen fruchteten, +Doktor Seelmann achtete die Pflicht höher +als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.</p> + +<p>Die unmittelbare Folge seines Schrittes +war, daß eine Militärabteilung, die in<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +Riedach hatte einquartiert werden sollen, +in einen andern Ort befehligt wurde. +Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte +sich Schrecken, und mehrere +Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut +von Beschimpfungen ergoß sich nun über +den jungen Arzt, und alt und jung machte +der Erbitterung in den unflätigsten Formen +Luft. Die Männer erwiderten seinen +Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße +vor ihm aus. Der Metzger, der Bäcker, +der Milchhändler weigerten sich, seiner +Frau die Lebensmittel zu verkaufen, die +sie für sich, den Mann und das kleine +Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine +Spott- und Drohbriefe, die Fenster seiner +Wohnung wurden ihm eingeworfen, man +ging nicht mehr in seine Sprechstunde, +enthielt ihm die Bezahlung vor, und im +September wurde ihm seine Stellung als +Gemeindearzt gekündigt.</p> + +<p>Er wandte sich an den Reichsverband +der Ärzte, und dieser rief die Behörden +um Unterstützung an. Der Appell war +nicht vergebens, Gemeinderat und Sanitätskommission +wurden vom Statthalter +aufgelöst, der Bürgermeister seines Amtes +entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, +und der Bezirkshauptmann schickte +eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt +schützen sollte.</p> + +<p>Doktor Seelmanns Lage besserte sich +aber dadurch mit nichten. Vor körperlichem +Schaden konnte man ihn bewahren, +die Praxis konnte man ihm nicht zurückgeben; +die Leute zwingen, ihm die Honorare +zu entrichten, die sie ihm seit Jahr +und Tag schuldeten, konnte man nicht. +Er war ruiniert. In den verflossenen +Monaten hatte er einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen +vor Gericht gebracht, +und jeder dieser Prozesse wurde zu seinen +Gunsten entschieden. Aber nach jedem +Prozesse kam er mutloser und hoffnungsloser +heim. Seine Spannkraft war dahin, +sein Geist getrübt, seine Gesundheit erschüttert, +mit vierzig Jahren sah er wie +ein Greis aus.</p> + +<p>Daß seines Bleibens in Riedach nicht +war, begriff er wohl. Riedach war aber +seine Heimat; er liebte das Land, er hatte +sein Dasein hier zu beschließen gedacht. +Wohin sollte er als mittelloser Landarzt +ziehen, wohin mit Frau und Kind und +einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie +sollte er die Verleumder zum Schweigen +bringen, die ihn sicher bis in die Ferne +verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, +mit der sie ihn bedeckt, die Besudelung, +die Kränkung vergessen? Ein +neues Leben anzufangen, fehlte ihm das +Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, +der ihn aufrichtete, die Tröstungen seines +Weibes beugten ihn nur noch tiefer, denn +er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. +So brach er zusammen, wurde krank und +starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte +eine Gehirnentzündung als Ursache seines +Todes, aber in Wirklichkeit hatten ihn der +Kummer und der Lebensekel getötet.</p> + +<p>Der Reichsverband der Ärzte stellte nun +den Anspruch an den Staat, für die Hinterbliebenen +zu sorgen, die der bittersten Not +preisgegeben waren. Dies wurde bewilligt, +aber in so kargem Ausmaß, daß +die Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. +Einer von den Männern, die sich dafür +eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer +Erwartung nicht ruhig hinnehmen wollten, +bezeichnete den Hofrat Lamm als den +einzigen, dessen Beistand und Vermittlung +den halbwegs gescheiterten Plan noch zum +Erfolg führen konnte. Ihm allein traute +man die Entschlossenheit zu, ihn allein +hielt man für unabhängig genug, daß er +es als hoher Staatsbeamter wagen durfte, +für den begangenen Frevel eine Sühne +zu verlangen, die freilich verspätet war, +jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder +erhöhte.</p> + +<p>Der Hofrat hatte von dem Martyrium +des Arztes nichts gehört; die Zeitungen +hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige +Kunde, die im Dunkel umlief, war +nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die +Erzählung der Geschehnisse mit unbeweglichem +Gesicht. Den Abgesandten, die ihm +Vortrag hielten, begegnete er mit seiner +unverbindlichen und trockenen Höflichkeit, +ohne mit einer Miene zu verraten, daß +ihm die Angelegenheit näher ging als +irgendein anderer Hader zwischen Parteien. +Er ließ sich alle einschlägigen Akten +kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, +und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen +Zähnen. Dann zauderte +er nicht mehr, zu handeln. Er forderte +die Regierung auf, nicht nur mit<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +genügenden Geldmitteln die Mutter, die +Witwe und die Waise des in Ausübung +seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten +Doktor Seelmann zu unterstützen, des +gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht +nur alle schuldigen Bürger und behördlichen +Organe von Riedach zu einer +scharfen Strafe zu verurteilen; sondern +auch durch eine öffentliche und feierliche +Erklärung die geschändete Ehre und den +verunglimpften Namen des Toten vor den +Augen der Welt von allem Makel zu befreien. +Denn ein solcher Mann sei, genau +wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für +das Vaterland, für die Menschheit gefallen +und habe sich den gleichen Dank +verdient.</p> + +<p>Diese unumwundene Sprache begegnete +verlegenen Ausflüchten. Er drängte auf +eindeutigen Bescheid, man antwortete, +daß man den Fall noch einmal gründlich +untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit +zu gewinnen, war offenbar; der Hofrat +kannte die verwickelten Auswege und die +rostige Maschinerie zu gut, um sich damit +beschwichtigen zu lassen. Er ging zum +Minister; der erklärte sich als mangelhaft +unterrichtet, schützte wichtigere Geschäfte +vor und wies ihn an den Sektionschef +Friesheim. Hier täuschte Gleichgültigkeit +durch gefälligen Eifer; auch mit dieser +Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ +den Herren keine Ruhe, er bestand auf +seiner Forderung, er pochte auf das Recht. +Man hörte ihn an, man zuckte die Achseln, +jeder versicherte seine Willigkeit, jeder beteuerte +machtlos zu sein. Überall dieselbe +scheinbare Nachgiebigkeit, dieselbe Lauheit. +Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, +wenn er seinen Zorn nicht bändigen konnte. +In den Salzburger Bergen hatte er, vor +langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus +gekauft; dorthin floh er, so oft ihm +des Ärgers und der Plage zu viel wurde. +Er tat es auch jetzt und nahm sich vor, +geduldig zu warten. Aber diesmal graute +ihm vor der Einsamkeit; er fuhr nach +Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu +treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, +betäuben konnte. Zwei Tage nach dem +Gespräch mit Olivia erhielt er in der +Sache des Doktors Seelmann den schriftlichen +Bescheid des Ministeriums: die +sachliche Entschädigung betreffend, habe +man die Gelder zum reichlichen Unterhalt +der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche +müsse man aber aus wohlerwogenen +Gründen zurückweisen.</p> + +<p>»Die Gründe will ich wissen,« knirschte +der Hofrat. Er packte seine Koffer und +reiste. In seiner finstern Ungeduld kam +ihm die Eisenbahnfahrt wie ein boshaft +langsamer Schneckengang vor. Gleich nach +seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen +Stellen.</p> + +<p>An Gründen war man nicht arm. Wozu +einen verjährten Streitfall aufwärmen, +einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig +noch einmal vor die Öffentlichkeit +zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen +immerhin zweifelhafter und schwer +nachweisbarer Vergehen schädigen oder +gar um ihre Existenz bringen? Es ist doch +nun alles so schön geglättet und vergessen, +wozu den Brand wieder anblasen, wozu +böses Blut machen? Wozu endlich die +Komödie einer Ehrenerklärung, die dem +Toten nicht mehr nützen und die Lebenden +nur verdrießen würde?</p> + +<p>»Ein glücklich begrabener Skandal ist +euch das!« rief Robert Lamm mit funkelnden +Augen. »Schön geglättet und vergessen +findet ihr alles? Nun, wir werden sehen, +ob euch nicht angst und bange wird vor +Gespenstern.«</p> + +<p>Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte +wurde bedenklich; der Störenfried +begann höchst unbequem zu werden. Man +konnte ihm nichts anhaben, zu viele stützten +ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte +man im stillen, als er in seinem Zorn die +Saite zu straff spannte und um seinen Abschied +bat. Es war ein Schreckmittel, er +glaubte nicht, daß man ihn würde gehen +lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein +von seiner Notwendigkeit und der Wichtigkeit +seiner Dienste. Allein der Abschied +wurde gewährt. Da er schon vor Jahren +in einer Angelegenheit, die den Hof berührt +hatte, zu scharf ins Zeug gegangen +war, brauchte man Tadel oder Einwand +von oben nicht zu fürchten.</p> + +<p>Das traf ihn unerwartet. Es dauerte +Tage, ja Wochen, bis er sich wieder gesammelt +hatte. Die Zustände waren also +noch viel heilloser, viel giftiger, als er sich +eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. +Er ließ die Sache, für die er sich geopfert,<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +auf sich beruhen. Er wich den Menschen +aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ +seine Stadtwohnung und zog sich ganz +in seine Villa zurück.</p> + +<p>Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, +nahe den bewaldeten Hügeln und +inmitten eines großen Gartens, der vor +neugierigen Blicken durch eine hohe, steinerne +Mauer geschützt war. Die zahlreichen +Räume enthielten Schätze von Gemälden, +Statuen, Büchern, Porzellan und alten +Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer +versperrt und nistete sich in einer Giebelkammer +ein. Die Haushälterin kochte +für ihn, und der Diener Gerold, eine Art +Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.</p> + + +<p class="newsection">Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich +gesehen. Entweder kam er zu ihr, +unterhielt sich eine Weile mit der Mutter +und forderte Olivia auf, ihn zu begleiten, +oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, +setzte sie sich in eine Ecke, nahm ein Buch +und las.</p> + +<p>Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, +sprach er nicht. Sie erfuhr es von andern. +Jeder entstellte es auf seine Weise, aber +es genügte, daß sie Robert Lamm anschaute, +dann rückte sich alles zurecht. Sie +war stolz auf ihn, nichtsdestoweniger drückte +sein Wesen sie nieder, ohne daß sie wußte, +wie es geschah. Er war vertraulich und +herzlich, dennoch schien es, als rede er mit +ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie +ihm nicht näher kommen konnte, beunruhigte +sie und trieb sie immer wieder in seine +Nähe.</p> + +<p>Da trat die Katastrophe ein, die ihn +aus seiner Wirksamkeit, aus seiner Laufbahn +riß. Am Tag, bevor er in die Villa +übersiedelte, gab er ihr in unfreundlichem +Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres +von keinem Menschen behelligt werden +wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging +verletzt und schweigend hinweg. Wieder +erst von andern hörte sie, was sich ereignet +hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, +aber da er sie zurückgestoßen hatte, blieb +sie ihm fern.</p> + +<p>Sie wollte ihr Leben wieder wie früher +führen. Allein die Heiterkeit und Sorglosigkeit +waren verflogen. Es war nicht +mehr der Leichtsinn darin, das süße Träumen, +das unbefangene Lachen. Sie lauschte +aufmerksam auf das, was die Leute zu ihr +sagten, und mißtraute den Worten. Zu +einigen Menschen, die sie lieb gehabt, ging +sie auch jetzt gerne, aber die rechte Freude +fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, +die Frau eines Großindustriellen. +Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, +hatte schon eine fünfzehnjährige Tochter +und wurde von allen, die sie kannten, wegen +ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes +bewundert. Wohl verspürte Olivia noch +immer den Zauber ihres Wesens, aber das +ganze Dasein dieser Frau erschien ihr auf +einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen +eine Melancholie, die ihr vordem nicht +aufgefallen war, und, was das Schlimmste +war, das Zusammensein mit ihr langweilte +sie.</p> + +<p>In der Trauer hierüber nahm sie zu +Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken hatten +aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, +sie war nicht erfüllt. Konzerte, Theater, +Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre +zahllosen Beziehungen wurden von Tag +zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst mühsam +erinnern, was sie an den oder jenen +Menschen gefesselt hatte; sie waren plötzlich +so schmucklos und ohne Anreiz. +Das Friesheimsche Haus mied sie. Eduard +hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem +Lloyddampfer genommen; aus überseeischen +Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen +Enttäuschung, Resignation und schüchtern +glimmende Hoffnung enthalten waren. Sie +antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, +konnte seine Zuversicht nicht heben.</p> + +<p>Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß +eine Weile schweigend da und begann auf +einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; +zu sagen wußte sie wenig, Trost hatte sie +keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne +schaute erstaunt und unwillig empor. +So verstellst du dich? zürnte ihr vorwurfsvoller +Blick. Erst als Olivia, kühl +und befremdet, zum zweitenmal fragte, +erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte +aber noch heftiger. Seltsam, die Tränen +rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie +Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert +schon seit Wochen in die Stadt zurückgekehrt +war und in seinem Atelier fast ohne +Pflege krank lag. »Ja, hast du ihn denn +nicht besucht?« fragte Olivia mit großen<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +Augen. »Wie soll ich denn? Wie kann +ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, +und um ihren Mund zuckte es +hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte +langsam: »Aber was willst du dann? +Warum weinst du?« Marianne senkte den +Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich +hab’ dich ungerecht beschuldigt,« hauchte +sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort +und war nun ganz kalt und zugeschlossen.</p> + +<p>Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von +einer alten Aufwärterin abgewiesen. Es +dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, +er liege im Fieber. Sie fragte, welcher +Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, +er wolle keinen Arzt. Da bat Olivia ihren +Hausarzt, daß er ihn besuche, und dieser +beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren +Bruder Ferdinand schickte sie hin und war +froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen +fand. Als sie endlich selbst zu ihm +gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein +blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick +überflammt von Freude; ihre offensichtliche +Bestürzung über die Armseligkeit seiner +Behausung entlockte ihm ein wehmütiges +Lächeln.</p> + +<p>Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes +Spinett, darauf spielte er ihr vor. Sie +sah seine Bilder und Studien an und fragte, +ob er nichts verkaufen wolle. Es waren +Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie +und besonderer Anschauung der Natur. +Er wählte einige Stücke aus und nannte +Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch +erhob. Er wehrte stolz-ergeben ab. +Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, +ihm, wenn auch wider seinen Willen, zu +helfen, schrieb sie an Robert Lamm, von +dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse +hatte. Ein paar Tage später teilte ihr +Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, +habe sich aber nicht entschließen +können, eines der Bilder zu erwerben. Es +lag etwas Verschmitztes in seinen Worten, +Olivia schöpfte Argwohn und ging zu Robert +Lamm, um ihn zu fragen. »Dein +Maler ist ein Narr,« sagte Robert Lamm; +»ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er +antwortete mir, gerade von denen könne +er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm +ein anderes, da meinte er, das sei nicht +fertig, und als wir endlich über ein viertes +beinahe handelseins geworden waren, behauptete +er, das habe er einem Freund +versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig +mit solchen Aufträgen zu verschonen.«</p> + +<p>Er ging im Zimmer auf und ab. »Was +soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr er +mit seiner keifend-hellen Stimme fort. +»Was soll’s mit der ganzen Kunst? Was +fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet +sie? Wen macht sie besser? Verringert sie +das Elend, die Niedertracht, die Willkür? +Es ist alles Schwindel und Selbstbetrug. +Die Leute, die dergleichen schaffen, werfen +Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden +Sumpf, und den andern, die sich dafür +begeistern, dient es als Ausrede für +ihr schlechtes Gewissen.«</p> + +<p>Olivia widersprach; er beharrte; das +Hin und Her von Worten war ein unnützes +Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich +festsetzen konnte, er riß sie fort, er riß +sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit +Schrecken spürte sie, daß sie bei jedem +Schritt, den sie unternahm, innerlich vor +seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen +zielte daraufhin, sich dem verhängnisvollen +Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit +in ihrem Gemüt war, strömte Ingbert +zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes Vertrauen, +ein stilles freilich, aber er schien zu +verstehen; nie durchbrach ein vorwitziges +Wort von ihm die Schranken, die sie aufgerichtet +hatte.</p> + +<p>Er durfte sie küssen, wenn sie kam und +wenn sie ging. Er vergaß nicht, daß er es +nur durfte. Er behandelte sie wie eine +Kostbarkeit, die bloß zufällig in seine Verwahrung +gegeben war. Sie stand jetzt in +der Blüte ihrer Schönheit; alle Menschen +drehten sich auf der Gasse nach ihr um; +ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle +Gang, das nördliche Blond der Haare, die +perlenhafte Haut, der vollendete Bau des +Körpers und seine vornehme Bewegung, +das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich. +Ingbert malte sie, wieder und +wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst, +was für ein Stümper ich bin;« doch sie +lächelte ihm zu und war froh über diese +Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. +So bezaubernd wie ihr ehedem die +ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd +dünkte ihr nun Ingbert allein. Und doch +war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich +verdunkelt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich +wähnte sie Klarheit zu gewinnen. Was +auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche +Schuld, die von Jahr zu Jahr sich +gehäuft hatte und noch immer, Stunde +um Stunde, wuchs. Und dort, in seiner +freiwilligen Einsamkeit, saß der Richter, +zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr +helfen, – zu den Menschen, von den +Menschen.</p> + +<p>Menschen! Das war das Rätsel, das +die Qual. Hatte sie denn die Menschen +vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen +und nicht geprüft? Mit ihnen gelebt und +sie nicht erkannt? War alles nur Spiel +gewesen, was sie mit ihnen verbunden hatte, +angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse +nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, +war es wertlos, das Entzücken an den +Dingen verwerflich, die Beschwingung und +das Streben eitle Gaukelei?</p> + +<p>Und was berechtigte sie zu dem nagenden +Mißtrauen? Was hatte die Flügelkraft +gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? +Woher waren die Zweifel gekommen? +Aus Worten nur. Durften Worte +solche Macht haben? Doch hinter den +Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht +eines Heuchlers, dort das Gesicht eines +Rechtlosen, hier eins, das vom trägen Genuß +verwüstet war, dort eines, das der +Hunger gezeichnet hatte; und vor allem +<em class="gesperrt">sein</em> Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, +erbittertes, richtendes Gesicht.</p> + +<p>Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte +Frieden haben; sie wollte mehr Beweise +haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen +konnte; einen Weg, der in die Sonne zurückführte. +Sie ertrug es nicht, sich in Haß +gegen die Welt zu verlieren.</p> + + +<p class="newsection">Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat +wegen einer Vormundschaftsangelegenheit +zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft +Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere +Male geschrieben, ehe er sich entschloß, zu +kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag +im Fasching; Ferdinand und Ingbert hatten +sich verabredet, zusammen auf einen +Maskenball zu gehen, auch Olivia war +von mehreren Bekannten zur Teilnahme +aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.</p> + +<p>Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck +am Tisch und überlas einige Urkunden, +da traten Ingbert und Ferdinand und ein +Freund des letzteren mit Lärm und Lachen +ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, +der andere als Indianer, der dritte +als italienischer Fischer gekleidet. Frau +Khuenbeck erhob sich, heiter überrascht, +Olivia stand lächelnd auf der Schwelle. +Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen +aus, und er klatschte sogar Beifall. +Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit +den jungen Leuten begann er von Redouten +zu berichten, bei denen er durch diese +oder jene abenteuerliche und ungewöhnliche +Tracht Aufsehen erregt hatte. Es +bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen +Würze zu verleihen, meinte +er, und schilderte ein Fest von ehemals, +bei welchem hervorragende Personen, +Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten, +Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von +sich reden gemacht hätten. Er gab einige +Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die +sein glänzendes Erzählertalent ins Licht +setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so unterhaltend +und trotz des Zynismus, der +heimlich oder unverhüllt stets in seinen +Worten lag, so gewinnend, daß alle an +seinem Munde hingen und ihr Bedauern +nicht verhehlten, als er abbrach und sich, +plötzlich wieder trocken und hölzern höflich, +empfahl.</p> + +<p>Olivia war in Hut und Mantel, weil +sie einige Einkäufe in der Stadt machen +wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und +er schien sich darüber zu freuen. Seine unerwartete +Gesprächigkeit hatte erlösend auf +sie gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine +Gegenwart schien keine Gefahr mehr zu +enthalten.</p> + +<p>Schweigend gingen sie nebeneinander. +Es war Abend, viele Menschen waren +unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen +ab in die stilleren, aber auch dort +sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia +dies Schweigen natürlich, doch als sie ihn +anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene +finster und feindselig war. Sie erschrak; +sie konnte sich die Verwandlung nicht erklären; +sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, +wollte fragen, brachte aber kein Wort über +die Lippen. Immer wuchtender, immer +lähmender wurde sein Schweigen, und er +erschien ihr grausam und geheimnisvoll<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden +können, doch sie war nicht imstande, +den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, +in die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; +was zwang sie, ihm zu folgen?</p> + +<p>Sie spürte, wie sie allmählich bleich +wurde und ein fremdes Entsetzen sie beschlich.</p> + +<p>Auf einmal blieb er stehen. Sie waren +bereits hinter dem Gürtel, und statt der +elektrischen Bogenlampen brannten fahle +Gaslaternen. Er legte beide Hände auf +ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend +an und fragte: »Warum kommst +du nicht zu mir?«</p> + +<p>Stumm schaute sie zu Boden.</p> + +<p>»Komm morgen,« sagte er befehlend.</p> + +<p>Ein Automobil fuhr die Straße herauf. +Er rief den Lenker an, fragte Olivia, wohin +sie zu fahren wünsche, half ihr in den +Wagen, gab dem Manne Geld, lüpfte den +Hut und eilte hinweg.</p> + + +<p class="newsection">Als sie am andern Nachmittag in die +Villa kam, sagte ihr der Diener Gerold, +der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam +schritt sie durch die Alleen und über die +Wege und gewahrte ihn endlich auf einem +Beet, wo er harkte. In seiner Nähe gruben +der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.</p> + +<p>Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und +wartete. Nach einer Weile trat er zu ihr. Er +begann sogleich von Ferdinand zu sprechen +und sagte, der junge Mensch sei im Begriff, +zu verludern; er habe mit der Mutter über +ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, +daß es am besten wäre, wenn +man ihn nach Deutschland schickte. Einem +angehenden Techniker böten sich dort günstigere +Aussichten und ein reicheres Feld +der Betätigung als hierzulande, wo alle +Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß +dem flüchtigen Genuß zum Opfer falle.</p> + +<p>Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit +Frau Khuenbeck zum Austrag gebracht +hatte, war der einer Wohnungsveränderung. +Die Wohnung in dem eleganten +Stadtviertel war zu teuer geworden, und +Frau Khuenbeck hatte sie schon vor einigen +Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein +passendes Heim gefunden, und da hatte ihr +Robert Lamm geraten, in seine Nähe, aufs +Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon +gehört, daß in einem Haus in Pötzleinsdorf +eine Wohnung von drei Zimmern billig +zu vermieten sei; er sei heute vormittag dort +gewesen, und da sich alles in wünschenswertem +Stand gezeigt, habe er die Wohnung +gleich gemietet. In vierzehn Tagen +könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu +Hause ausrichten.</p> + +<p>»Du hast dann nur ein paar Minuten +Wegs zu mir,« schloß er, »kannst kommen, +wann du willst und hier im Garten spazieren +gehen. Wenn du’s wünschest, richt’ +ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen +und träumen. Dort, das Rondell zwischen +den Kastanien; vom Mai an ist es ganz +in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, +nicht zu träumen, besser ist’s, die Augen +offen zu halten, damit man nicht betrogen +wird.«</p> + +<p>Olivia wie die Mutter schieden ungern +aus der alten Wohnung, in der sie seit dem +Tod des Professors gelebt. Olivia erschien +sich zu einem ungewünschten Zustand vergewaltigt, +und als sie das neue Heim bezogen +hatten, kam sie sich wie eine Verbannte +vor, von allen Quellen abgeschnitten. +Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere +der Mutter nicht aufzuwecken; der Hofrat, +der zuweilen herüber kam, merkte die +Verstimmung und erging sich in boshaften +Bemerkungen. Um jene Zeit gab es schon +Blumen die Fülle in seinem Garten, und +er schickte einmal eine ganze Wagenladung +von Topfpflanzen, mit denen Olivia die +Fenster und den Balkon schmückte, bis das +Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer +verhüllt war.</p> + +<p>Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, +einer größeren Bestimmung entgegen. Seine +Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die +Trennung von Mutter und Schwester fiel +ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange +nicht zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr +immer so selbstverständlich gewesen, jetzt +fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige +Ungebundenheit zu allen Stunden. Frau +Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat +in bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt +hatte, stets willig beigestimmt; die +Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr +zugefügtes Unrecht, und sie faßte einen Groll +gegen Robert Lamm.</p> + +<p>Hiervon war häufig die Rede zwischen +Lamm und Olivia. Er äußerte sich bitter +über die Undankbarkeit der Mutter und spottete<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +über ihre wehleidige Schwäche. »Profit +machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft +wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; +»andere für sich schuften lassen und im +übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«</p> + +<p>»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, +dann brauchtet ihr nicht wie die +Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres +Mal; »er hat in manchen Jahren sechzig-, +siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, +und wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt +hätte, so hättet ihr heute ein ansehnliches +Vermögen. Statt dessen wurde alles für +Küche und Keller vergeudet; jeden Tag +offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die +sich den Bauch mästeten und wenn sie den +Rücken gedreht hatten, sich das Maul zerrissen, +weil sie doch nie genug bekamen; +Schöntuer und Speichellecker, die sich auf +Nimmerwiedersehen Geld ausborgten, +Dienstboten, die wie die Raben stahlen, +wahrhaftig, es war zu toll! Das Herz blutete +einem beim Zuschauen. Da war nichts +zu bessern; solche Lebenshaltung galt für +vornehm, keiner machte es anders, man +war ein Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, +man überzahlte jeden Genuß, und +jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, +wenn er nur eifrig zu katzbuckeln +wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir +stehen, meine Liebe. Nicht nur du und +deine geehrte Mutter, sondern ringsherum +die ganze Kompanie, das ganze Land, dicht +vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«</p> + +<p>Olivia wollte das Andenken des Vaters +nicht geschmäht wissen und verteidigte ihn +mit dem Hinweis auf seine Güte und seine +großmütige Sinnesart. Das sei eine schlechte +Güte, die das eigene Fleisch und Blut der +Sorge überliefere, nur weil die Lockung +des Augenblicks stärker sei als die Vernunft, +war die Antwort; eine schlechte +Großmut, die jedem Lumpen zu willen +sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem +Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du +sprichst ja, als hättest du meinen Vater +gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. +Robert Lamm richtete sich steif empor. +»Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, +also!« – »Was, also? An ihm zuerst habe +ich unsere Krankheit konstatiert, er, bei seiner +Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir +zum Sinnbild unseres Unterganges. Die +Leistung an sich, auch die trefflichste, ist +nichts, so wie der allerreinste Charakter +fast nur als eine Abnormität dasteht, wenn +er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken. +Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er +zeitlebens gearbeitet hat, wie selbstlos er +seinem Beruf hingegeben war. Aber ich +war ein Feind seiner Weichheit, seiner +Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, +seines Allesiebengradeseinlassens.«</p> + +<p>Und er kam auf gewisse Zustände an der +Klinik, die damals schon von sich reden gemacht +hätten und heute zum Skandal gediehen +seien. Khuenbeck habe dem Unwesen +nicht zu steuern vermocht und sich seufzend +ergeben. Er sei niemals fähig gewesen, +Ränke zu spinnen, aber er habe auch den +Gedanken nicht ertragen können, daß +andere gegen ihn Ränke spannen. Deshalb +sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, +sich zu demütigen, wenn es einen Widersacher +zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen, +daß er einem Kollegen, der ihn +auf der Gasse mit herausfordernder Kälte +gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um +sich nach dem Grund seines Gesinnungswechsels +zu erkundigen. Da wurde dann +geredet und geredet; der klaffende Riß, der +Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit +scheidet, sei mit Floskeln, Schmeicheleien +und Versicherungen zugestopft worden, und +zum Schluß habe man sich freundschaftlich +die Hände geschüttelt, womit alles beim +alten geblieben sei und die Schlamperei +Fett angesetzt habe.</p> + +<p>»Am Ende seines Lebens ist er dann +müde und traurig geworden und sah wohl +ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« +sagte Robert Lamm. »Eines Abends, es +war kurz, ehe er die Reise antrat, von der +er nicht heimgekehrt ist, erzählte er mir +die Geschichte eines seiner Schüler. Der +höchst begabte junge Mensch hatte den +Malaria-Bazillus entdeckt; er war bettelarm, +und da er sich politisch kompromittiert +hatte, konnte er nirgends Unterstützung finden; +alle seine Gesuche um ein Stipendium +wurden abschlägig beschieden. In der +Verzweiflung darüber, daß er die zur Herstellung +des Serums, also zur Nutzbarmachung +seiner Entdeckung erforderlichen +Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, +beging er die Eselei, Banknoten zu fälschen. +Die Sache kam natürlich ans Licht, er +wurde zu langjährigem Kerker verurteilt,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +und damit war seine Existenz vernichtet. +Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; +er hatte von den Arbeiten des +jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was +für Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt +worden waren, Schwierigkeiten, auf +die bei uns jeder stößt, der etwas will, +etwas kann und etwas ist. Als er sich entschlossen +hatte, einzugreifen, war es schon +zu spät gewesen. Freilich war er durchaus +nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die +Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten +Male sah ich ihn ganz niedergeschlagen, +und in seiner müden Art klagte er das +Regime an, machte das Regime verantwortlich +für alle Übel. Nun, dieses Lied +war mir bekannt. Das Regime ist wie der +Drache im Märchen, der die Jungfrau zum +Fraß verlangt; allgemeines Heulen und +Zähneklappern, Schimpfen und Fluchen, +aber der Drache gibt nicht nach, und die +Jungfrauen werden ausgeliefert. Im +Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein +und macht dem Untier den Garaus; +ich möcht es nicht erleben, wie so ein Schneiderlein +bei uns traktiert würde; die Schikanen +und Kniffe und Bedenklichkeiten +würden ihm seine Heldentat schon verleiden, +wenn’s überhaupt dazu käme, und statt die +Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur +Belohnung einen Fußtritt.«</p> + +<p>›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia +in einem fort denken; qualvoll war ihr seine +schrille, keifende Stimme, qualvoll dies +Schelten, Raunzen, Geifern und Höhnen. +Sie sehnte sich nach einer Stimme, die +Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich +ins Innere bohrte gleich einer Schraube. +Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu +sprechen, aber sie wagte es nicht, denn er +war empfindlich; warf er ihr doch <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ohnhin'">ohnehin</ins> +bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung +und Versüßlichung vor und spottete über +das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene +lag.</p> + +<p>Er entriß ihr Stück um Stück ihres +inneren Besitzes. Was er mit seinem Wort +berührte, wurde entwertet und entheiligt. +Bisweilen lehnte sie sich auf gegen seine +Welt- und Menschenverachtung, jedoch die +Armseligkeit ihrer Gründe entlockte ihm +nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele +nie verlegen, vor den Tatsachen mußte +sie sich beugen.</p> + +<p>Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, +ihm etwas werden zu können. Sie wies +auf die großen Werke hin, die großen +Schöpfer, die großen Gedanken der Menschheit. +Er nannte das ein frommes Geplauder; +die Menschen redeten nur davon, es +sei wie bei der Zeitung; über dem Strich +feiere die Korruption Orgien, unter dem +Strich würden Schönheit und Moral gepredigt, +was billig zu haben sei und niemand +in Unkosten stürze. Sie erinnerte ihn +an seinen Freund, den Musiker, der so viele +erhoben, so viele entflammt; er lachte geringschätzig +und fragte, ob sie denn nicht +wisse, daß man gerade den mit giftigem +Haß verfolgt und förmlich in den Tod gejagt +habe.</p> + +<p>Sie wußte nichts davon; er berichtete +Einzelheiten, erzählte, wie der wunderbare +Mann gelitten hatte, wie er gegen das +Ende seines Lebens, um sich und seine Kunst +zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen +habe, als aus dem Land zu fliehen und +wie er sich in Amerika durch aufreibende +Wanderfahrten die Krankheit zugezogen +habe, die seiner sternenhaften Bahn ein +Ziel gesetzt.</p> + +<p>Da tönte aus der Vergangenheit die +herrlich-sonore Stimme, nach der sich Olivia +gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, +Seelenstimme, erstickt nun und verloren; +sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos +um sich niedersinken.</p> + + +<p class="newsection">Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; +widerstrebte sie dann noch, so kam er selbst. +Er war der Stärkere; mit eiserner Faust +zog er sie in seine finstere Sphäre. Er +zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er +belud sie mit seiner schmerzlichen, im Grunde +edlen, aber auch ohnmächtigen Verbitterung. +Als sie wahrnahm, daß sie nur noch +mit seinen Augen sah, erschlaffte jeder Nerv +an ihr.</p> + +<p>Mit einer letzten Anstrengung suchte sie +sich zu befreien. Bei Senoners war ein +Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. +Als ausgezeichnete Tänzerin, die sie war, +wurde sie lebhaft umworben, aber schon +bei dem ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen +vor der Umschlingung eines wildfremden +Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu +Grimassen verzerrt, in allen sah sie etwas +Drohendes, Gemeines und Feiges. Die<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +Lichter taten ihr weh; das Lachen und +Scherzen, Nina Senoners Herzlichkeit, alle +Bewegung, Musik und Worte, alles tat +ihr weh. Jeanette, Ninas Tochter, ein +Mädchen von sprühendem Temperament, +sorglos wie eine Elfe, folgte Olivia auf +Schritt und Tritt; sie war wie behext von +der schönen Freundin ihrer Mutter, und +Nina, die es merkte, lächelte still und bat +Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen +wie früher. Jedoch Olivia glaubte +nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein +seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der +fast nie aus Ninas schwermütigen Zügen +wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, +und in einer Sekunde visionären Schauens +war es ihr, als klaffe zwischen dieser Mutter +und dieser Tochter ein Abgrund, von dem +beide noch nichts ahnten.</p> + +<p>In einem andern Kreis lernte sie wenige +Tage später einen russischen Sänger +kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung +schenkte; doch als er dann, von Männern +und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat +sang, wurde ihr Herz im Innersten +aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause +und wünschte nichts anderes, als den Sänger +noch einmal zu hören. Sie erfuhr, daß +er an einem bestimmten Abend wieder dort +sein würde, und versäumte nicht, sich einzufinden. +Es war ein gastliches Haus, in +welchem allerlei freie und halbfreie Menschen +zwanglos verkehrten. Bei ihrem Eintritt +wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; +sie zeigte weder Überraschung, noch Freude. +Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, +dennoch herrschte eine geheime Verständigung +zwischen ihr und ihm. Während er +sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte +gebannt in sein Gesicht. Er hatte eben ein +Lied geendet; das Entzücken der Hörer +äußerte sich in lärmendem Händeklatschen, +Olivia schaute immer noch verzaubert in +die Richtung, wo er stand. Da drängte sich +Ingbert durch eine aufgeregte Gruppe; er +ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit +einer freien Anmut der Gebärde strich er +mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht +und schmeichelnd über Olivias entblößten +Unterarm und flüsterte, so daß nur sie es +vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«</p> + +<p>Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen +Lippen. Olivia erschrak. Sie lächelte +gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, +das war kein Wort mehr für sie; es +mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.</p> + +<p>In diesem Augenblick gewahrte sie Robert +Lamm. Niemand schien sein Kommen +bemerkt zu haben, aber daß er da war, +schien doch allen selbstverständlich. Er hatte +zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, trotzdem +benahm er sich, als wären ihm die +Räume und die Menschen wohlbekannt. +Er war von einer komödiantisch übertriebenen +Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen +gegen die Damen lag etwas Geziertes +und zugleich Hämisches, sein Gesicht +war krebsrot. Olivia erhob sich. Er +sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. +Das Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits +die andern, in deren Mitte er sich +befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, +in der Haltung einer Hypnotisierten, näherte +sie sich ihm. Da wurden die Leute +aufmerksam, stellten sich um sie herum, beobachteten +verwundert ihr sonderbares Gehaben +und richteten scheue Fragen an sie. +Ja, seht ihr denn nicht! hätte sie rufen +mögen. Das Blut pochte wider ihre +Schläfenwand, mit einem dumpfen Schrei +brach sie zusammen.</p> + +<p>Ingbert fing sie in seinen Armen auf. +Sie aber fühlte sich in den Armen Robert +Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, +unentrinnbar und für alle Zeiten. Ihr +graute vor seiner Stimme, vor seinem +Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch; +sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle +Bemühungen waren vollkommen vergebens.</p> + +<p>Man brachte sie nach Hause. Unterwegs +wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne +und bat die Begleiter, die bei ihr im +Wagen saßen – es waren Ingbert und +ein junges Mädchen –, sie möchten die +Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt, +dankte sie ihnen, und als sie fort +waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen +Zügen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor +läutete.</p> + +<p>Sie schlief schwer, und gegen Morgen +hatte sie folgenden Traum. Sie war in +einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete +und festlich gelaunte Menschen sich +ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten +sich durch blendenden Schmuck und +kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter +brannten, nicht nur an den Wänden, in<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +Hunderten von Kandelabern, sondern auch +von der Decke hingen sie herab. Olivia +selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen +Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle +nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine +quälende Scham ihrer zu bemächtigen. Auf +einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, +ein drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in +regelmäßigen Pausen. Dies wurde anfangs +von keinem beachtet, denn die Helligkeit +blieb noch lange strahlend; als es +aber dunkler und immer dunkler wurde, +weil mehr und immer mehr Lichter verloschen, +wurden die Menschen still; alle +bewegten sich gegen die Wände hin, wie +wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden +Finsternis, und als zuletzt nur noch +eine einzige Lampe brannte, stand Olivia +allein in einem öden Raum. Der Schleier, +der sie einhüllte, wuchs und dehnte sich wie +Rauch, machte das Geschmeide und die +kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine +gellende Stimme rief in das Schweigen +hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, +niemand rührte sich.</p> + +<p>Sie erwachte, kleidete sich an und ging +in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat +war trotz der frühen Stunde schon in den +Treibhäusern. Sie wanderte durch das +Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete +die schönen Gegenstände. Sie +lagen, hingen und standen so nutzlos da, so +weltfern und ohne Freude.</p> + +<p>›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte +sie denken, ›so nutzlos und ohne Freude! +Und soviel Haß in der Brust!‹</p> + +<p>Dann ging sie in den Park. Es war +Sommer, unendliches Blühen. In zauberhafter +Pracht standen die Rosen; Säulen-, +Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen. +Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien +vorbereitet, es war ein Wuchern +von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, +Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue +Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis +und Winden drängten sich an gelbe von +Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien. +Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle +voller Seerosen, die feierlichen Alleen +von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen, +die dunklen Eichen, die gelbgeflammten +Platanen: es war ein Fest der Natur.</p> + +<p>Er aber kauerte im Treibhaus wie ein +Alchimist in seiner Küche und suchte das +Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.</p> + +<p>Während Olivia mit Blicken des Abschieds +den Garten langsam verließ, hatte +sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber +als dürfe sie um keinen Preis dem Rufe +folgen und zurückkehren.</p> + +<p>Sie kehrte nicht zurück.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span></p> +<p class="newsection">Olivia hatte mit der Mutter ein +entscheidendes Gespräch, und am +gleichen Abend reiste sie nach +München. Von dort ging sie +nach Florenz, dann nach Rom, dann nach +Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte +kärglich, gönnte sich kaum den Bissen zum +Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.</p> + +<p>In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule +und arbeitete mit Hingabe, wenn +auch ohne Enthusiasmus.</p> + +<p>Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, +erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau +Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte +Meister, dessen Unterricht sie genoß, äußerte +sich über Olivias Charakter mit Bewunderung, +über ihr Talent mit Vorbehalt. +Er glaubte nicht daran, daß ihr Entschluß +zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien +ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung +und des Verzichtes.</p> + +<p>Ein paar Tage später sagte Olivia zu +ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in der +Kunst zu nichts Großem bringen. Wir +können die Welt nicht anschauen, wir können +die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich +meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht +mehr hin.«</p> + +<p>Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. +Olivia ertrug das Meer nicht, und sie +reisten in die Schweiz, wo sie Frau von +Scheyern treffen sollten. In Zürich wurde +Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, +konnte nicht ergründet werden. Ein Arzt, +der Frau Khuenbeck empfohlen worden +war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie +und machte sich anheischig, Olivia vermittelst +einer sogenannten Seelenanalyse +zu heilen. Das Verfahren erregte solchen +Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem +Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch +einmal in ihre Nähe komme.</p> + +<p>Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte +nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man +sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei +jedem Geräusch zitterte sie, vor Büchern +empfand sie Widerwillen, die Natur ließ +sie kalt.</p> + +<p>Als Frau von Scheyern kam, merkte +Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit +ihrer Schwester, welche Veränderung +mit Olivia geschehen war. Sie war überschlank, +ihre Formen hatten die Weichheit +eingebüßt, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar +die Farbe ihrer Haare schien gebleicht. +Die Augen lagen tief in den Höhlen und +blickten fremd und matt.</p> + +<p>Man wollte sie zur Heimreise bewegen. +Sie weigerte sich und blieb gegen alles +Zureden taub. Das Beste, was man für +sie tun könne, sei, sie sich selbst zu überlassen, +erklärte sie. Den Frauen dünkte +dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich +mit einem Arzt und brachten sie in ein +Sanatorium am Bodensee.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Nach einigen Wochen schrieb sie der +Mutter, die nach Hause gereist war, sie +halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle +einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun +ging sie nach Arosa und mietete sich in +einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz +ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom +November bis August. Wenn man sie sah, +hatte man den Eindruck, als denke und +fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.</p> + +<p>Sie war von einer mörderischen Verachtung +gegen sich und ihren Zustand erfüllt. +Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen +Abgeschiedenheit waren Blumen, die +sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen +pflückte. Doch in ihrem erstorbenen +Herzen verspürte sie keine Freude über die +Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß +und trug ihn in ihre Stube. Am andern +Tag war er ein totes Ding.</p> + +<p>Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und +gelb.</p> + + +<p class="newsection">Eines Morgens trat der Besitzer des +Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: »Es +ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus +schließen.«</p> + +<p>Sie suchte nach einer andern Unterkunft, +aber man wollte sie nirgends aufnehmen. +Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, +wie sie war, traf sie Vorbereitungen, +nach Paris zu fahren. Man bedeutete +ihr, daß dies nicht anginge. Da +bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin +sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert +wurde. Sie gehorchte.</p> + +<p>In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte +Menschen, und Neugier und Angst +waren auf allen Gesichtern. Der Zug war +so voll, daß Olivia kein Plätzchen zum +Sitzen fand und sechzehn Stunden lang +gepfercht im Korridor stehen mußte. Und +immer mehr Leute stiegen ein; Frauen +kreischten, Kinder weinten, Männer suchten +ihre Gepäckstücke, Hunde bellten, unaufhörlich +liefen Gerüchte von Mund zu Mund, +das Kaiserlied wurde gesungen.</p> + +<p>Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen +fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei +den fortwährenden Berührungen, denen sie +ausgesetzt war.</p> + +<p>Als im Morgengrauen der Zug hielt, +sah sie auf dem Bahnsteig eine Bäuerin, +die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was +zwischen den beiden geredet wurde, konnte +sie nicht hören, aber wie sie voreinander +standen, Hand in Hand, Blick in Blick, +das rüttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen +Pein.</p> + +<p>›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; +›wer hat mir die Menschheit geraubt? +Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ +Auf einmal hatte der Lärm, der um sie +herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, +von dem die Menschen erfaßt +wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie +seine Gewalt.</p> + +<p>Niemand holte sie ab. Sie mußte lange +warten, bis sie einen Wagen bekam. Die +Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, +der einrücken mußte, war schon +aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte +sie froh, aber im übrigen wurde nicht viel +Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr +wohl. Niemand fragte, niemand bewachte, +niemand belauerte sie, deshalb gewann sie +Sicherheit und fühlte sich minder einsam, +als wenn man ihre Einsamkeit zu stören +versucht hätte.</p> + +<p>Eines Morgens kamen Ferdinand und +ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst +von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. +Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In +ihren Augen war neben einer heiteren +Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia +elektrisch berührt wurde.</p> + +<p>Später kamen noch einige der früheren +Freunde und Bekannten, die vernommen +hatten, daß sie wieder zu Hause war und +sich von ihr verabschieden wollten. Sie +schienen vergessen zu haben, daß Olivia +ihrer längst vergessen hatte, und waren so +zutraulich und aufgeräumt, daß sie sich +über jeden einzelnen wundern mußte. Oft +war sie nah daran, zu fragen: Bist du es +denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid +ihr wirklich so?</p> + +<p>Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. +Er war Artillerieoffizier und sah aus, +als ob er mit dem bunten Rock geboren +wäre. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia +eine papierne Rolle, die versiegelt war, +und bat, sie möge sie in Verwahrung +nehmen. Der Abschied war kurz und fast +ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit +des Hindenkens stützte Olivia den Kopf +in die Hand und weinte. Es waren gute +Tränen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Soldaten zogen singend am Haus vorbei. +Sie trat ans Fenster, einige schauten +empor. Die lachenden, jungen Gesichter! +An den Mützen steckten Feldblumen. Auch +diese fremden Leute hatten das seltsame +Etwas in den Augen, das wie ein Funke +herübersprang.</p> + +<p>Sie ging in die Stadt. Unzählbare +Scharen von Menschen zogen über den +Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte +die Massen. Elemente, die vorher +gegeneinander gewirkt hatten, flossen +zusammen und bildeten eine einheitliche +Kraft.</p> + +<p>In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft +vom Kriegsschauplatz ein; sie war +in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet +wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.</p> + +<p>Der Vorrat von Hoffnung war gering +im Lande; das Land hatte keinen Glauben +an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich +strömten, wie aus einem unerschöpflichen +Sammelbecken, immer neue Fluten von +Zuversicht. Nie waren Städte einander +so nah gewesen, nie hatten Menschen durch +die Ferne einander so gefühlt. Um jeden +einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm zum +Kerker geworden war.</p> + + +<p class="newsection">Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte +Olivia durch die Stadt. Sie ging +zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die +Verbindung gelöst hatte, konnte aber, als +schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in +ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles +Ringen.</p> + +<p>So kam sie auch zu Frau von Scheyern. +Diese wollte die Sorge um ihre Söhne +betäuben und machte sich an vielen Orten +nützlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu +begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, +wo zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt +waren. In einer Halle waren +mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh +gebettet; sie lagen ganz still da, mit +traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.</p> + +<p>Olivia blieb stehen und wurde bleich. +Was war das? Was geschah hier? +Menschen lagen da in ihrem Blut, und +andere Menschen gingen vorbei, als müsse +es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle +ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und +plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher +Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst +im Auge, wandte sie sich zu Frau von +Scheyern und fragte tonlos: »Warum +liegen denn die Leute hier?«</p> + +<p>»Wir haben zu wenig Platz,« war die +Antwort.</p> + +<p>Sie kehrte sich hinweg und verfiel in +Grübelei. Fremde Leute drängten sich um +sie, und Frau von Scheyern entschwand +ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die +Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und +starrte auf die Häuser, die vielen Fenster, +›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten +alle die Männer und Frauen in ihren +Stuben weilen, wenn für jene Blutenden +zu wenig Platz war? Wie konnten sie +essen, trinken, schwatzen, ihre Geschäfte besorgen +und in der Nacht schlafen? Zu +wenig Platz!</p> + +<p>Sie wurde von einer wachsenden Unruhe +ergriffen. Am andern Tag ging sie +wieder auf den Bahnhof, und noch mehr +Verwundete lagen da. Wie gestern an +Frau von Scheyern, wandte sie sich mit +scheuer Frage an einen jungen Militärarzt. +Die Antwort, mit bedauerndem +Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillkürlich +preßte sie die Hände zusammen, +dann floh sie wie von einem Ort der +Sünde.</p> + +<p>Immer entsetzlicher wurde das Bild in +ihrer Phantasie. ›Was tust du? Wozu bist +du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten +ihre Lippen. Sie wußte kaum, wie die +Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie +würde von neuem krank. Eines Morgens +begegnete sie Eduard von Friesheim. Er +bot ihr beide Hände dar, aber sie beachtete +seine freudige Erregung nicht, es war ihr +unangenehm, zu denken, daß ihre Person +Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes +sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach +Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie +in raschen Sätzen hervor, was sie bedrückte. +Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne +tätig; dort seien die Zustände beängstigend, +sagte er; die Leute lägen in den +Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten +Verletzungen. »Und Sie, Eduard, +und Sie?« kam es gequält und empört +von Olivias Lippen.</p> + +<p>Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert +an. Viel Schicksal und Erlebnis lag<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +in seinen Zügen, aber sie gewahrte es +nicht.</p> + +<p>Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung +ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild, +dann immer wirklicher, greifbarer, +ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.</p> + +<p>»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte +Eduard Friesheim, und sein auf Olivia +gerichteter Blick verlor alle Freude.</p> + +<p>Olivia nickte ohne Anteil; von einem +gebieterischen Bedürfnis nach Eile gepackt, +rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ +sich zu Robert Lamms Villa fahren.</p> + +<p>Gerold, der auf ihr Läuten das Tor +öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob der +Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn +beiseite, flog durch den Flur, über zwei +Treppen hinauf und pochte an der Tür +des Giebelzimmers.</p> + + +<p class="newsection">Robert Lamm saß lesend am Fenster. +Bei dem stürmischen Eintreten des jungen +Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, +schaute zu Boden, schaute wieder auf +Olivia und sagte kalt verwundert: »Du +bist es?«</p> + +<p>Seine Lippen schienen schmaler geworden, +die Wangen etwas faltiger, der +schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch +seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung +ungebeugt. Der einsame Blick seiner +Augen erschütterte Olivia, ein Schauder +überlief sie: der Mann war ihr so nah +und so fern dadurch, in ihr war plötzlich +alles Heißglut des Erlebens, in dieser +Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, +als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie +hier stand und er sein Wesen verlor, sie +ihres gewann. Es war ein Gefühl aus +einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen +war als die Wucht von Erfrorenem.</p> + +<p>Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde +war beredt: die Menschen meiden +mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen +zu erwarten. Was für ein selbstsüchtiger +Anlaß führt dich her?</p> + +<p>Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme +aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie: +»Robert, es liegen Soldaten in ihrem +Blut, die keine Lagerstätte haben, kein +Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo +sie sich bergen können.«</p> + +<p>»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete +Robert Lamm sachlich. »Du hast offenbar +Verwundete gesehen. Regt dich das so +auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen. +Was hab’ ich damit zu +schaffen?«</p> + +<p>Olivia trat dicht vor ihn hin und legte +die Hand auf seinen Arm. »Um Gottes +willen, was redest du,« rief sie leise. »Die +Unglücklichen gehn zugrunde, und es sind +so viele Häuser da mit leeren Stuben! +Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer! +In jedem Zimmer können zehn Betten +sein. Man hat zu wenig Platz, Robert, +zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert +haben. Hier bei dir ist Platz in +Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, +Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, +wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.«</p> + +<p>Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias +flammendes Gesicht.</p> + +<p>»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia +und preßte die Hände gegeneinander, +»wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte +Tiere. Geh mit mir und schau’ +sie an.«</p> + +<p>Robert Lamm schüttelte langsam den +Kopf, als begriffe er diese Worte nicht. +Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie +haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert +worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es +nichts, wenn das Pack dezimiert wird. +Es bleiben immer noch genug übrig. +Ad drei ist es nicht meines Amtes, den +Samariter zu spielen. Das überlass’ ich +denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz +oder den Glauben an ihre Wichtigkeit +haben.«</p> + +<p>Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes +Gesicht. Sie begann am ganzen +Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, +hilflos dort lägst,« stammelte sie; alle +Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm +schwieg und rührte sich nicht. »Und wenn’s +dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den +du liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, +außer sich fort. Robert Lamm zog mit +eigentümlich bösartiger Bewegung die +Schultern hoch und starrte finster über +Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst +wäre, Robert, ich selbst!« brach es nun +wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre +Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, +der wilderregte Blick lief suchend<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> +durch den kargen Raum und blieb an +einer Stelle der Wand haften, wo unter +einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen +und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser +mit kunstvoll eingelegter Klinge. +In leidenschaftlicher Wallung trat sie an +die Wand, riß das Messer an sich, öffnete +mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe +ihrer Bluse und richtete die Spitze des +Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. +»Wenn ich es wäre!« wiederholte sie, und +in den Ton der Verzweiflung mischte sich +ein seltsames Jauchzen. Ihre von den +Lippen entblößten großen engen Zähne +leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, +wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend, +das Messer in der Faust, mitten +im Schmerz und in der Furcht vor der +Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei +allem Unerwarteten und Beängstigenden +etwas so Rührendes, ja Kindliches, daß +in Robert Lamms Zügen eine verwunderte +Ergriffenheit bemerkbar wurde.</p> + +<p>Er griff hin, packte sie beim Gelenk +und löste das Messer mit sanfter Gewalt +aus ihrer Hand. »Keine dramatischen +Übungen, mein Kind,« sagte er tadelnd; +»ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«</p> + +<p>Er warf das Messer auf den Tisch und +schritt ein paarmal durch das Zimmer. +»Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann +er wieder; »ich sehe nur nicht ein, warum +mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen +soll. Niemand läßt sich gern auf einen +Posten drängen, der weder seinem Charakter, +noch seiner Auffassung der Dinge +gemäß ist –«</p> + +<p>»Die Übel, unter denen du am ärgsten +gelitten, und die du immer als unsern +Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, +daß mir die gerade dein +Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht +ertragen,« warf Olivia ein.</p> + +<p>Robert Lamm blieb stehen und senkte +den Kopf. Die Glut in Olivias Worten +überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich +zu kämpfen. »Mit dem Haus allein ist’s +nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird +es einrichten?«</p> + +<p>»Das laß meine Sorge sein.«</p> + +<p>»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«</p> + +<p>»Du bist reich. Was willst du mit all +dem Geld machen? Es gibt noch andere, +die reich sind, wenn du nicht genug hast +oder nicht soviel entbehren willst. Am +Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt +den, der jetzt nicht hilft.«</p> + +<p>Robert Lamm lachte; es klang halb +überlegen, halb beengt. Er setzte sich an +den Tisch und starrte in den Garten hinaus. +»Nun gut,« sagte er nach einer Weile, +»nun gut. Ich will nicht deine Verachtung +auf mich laden. Tue, wozu es dich +drängt. Ich werde Auftrag geben, daß +man dich nach deinem Belieben hier schalten +läßt. Ich werde dir ein ausreichendes +Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme +an, daß deine praktische Eignung mit der +Begeisterung gleichen Schritt hält; daß +du Leute ausfindig machst und zu Rate +ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, +ist wohl selbstverständlich. Ich kann +ja zusehen, was daraus entsteht. Auf +meine Person allerdings darfst du nicht +weiter zählen. Ich bin nicht da, für dich +nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja +Eile, versäum’ die Zeit nicht.«</p> + +<p>Olivia trat an den Tisch, nahm Robert +Lamms Hand mit ihren beiden und drückte +sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute +er sie an und schlug hierauf den Blick zu +Boden. Sie ging.</p> + + +<p class="newsection">Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. +Er floh auf seine Alm.</p> + +<p>Jedesmal, wenn er in das Tal kam, +ließ er den Wagen beim Brandwirt halten, +und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet +war, folgte ihm in das Blockhaus. +Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war +ihm seit vielen Jahren treu ergeben und +freute sich stets, wenn sie droben bei ihm +sein durfte.</p> + +<p>Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, +und da er sie in trüben Gedanken sah, +fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, +ihr Schatz sei im Krieg.</p> + +<p>Das Wort tönte fremd in dieser Ferne +von allem Menschentreiben. Die Majestät +und Ruhe der Natur vernichteten seinen +Sinn.</p> + +<p>Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel +lagen in der Frühe auf den Höhen ringsum +und füllten die Tiefen; alsbald begannen +sie unter der noch unsichtbaren +Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und +der strahlend blaue Himmel trat hervor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>In den ersten Tagen ging Robert Lamm +regelmäßig auf die Jagd. Aber er merkte, +daß ihm die rechte Lust und Sammlung +fehlte. Einmal war er einem Bock auf der +Spur, und es gelang ihm, das Tier vor +den Schuß zu bringen. Kaum hundert +Schritte von ihm stand es witternd zwischen +den Bäumen; er legte an, doch seltsam, +das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die +Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein +Geräusch gehört und enteilte, nicht in +großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig +und als wisse es, daß es nicht mehr bedroht +sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr +in die Luft, und da erst sprang es +voll Schrecken davon.</p> + +<p>Sein bedächtiger, federnder Traumgang +hatte den Jäger an eine Menschengestalt +gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich +gesehen.</p> + +<p>Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm +weite Wanderungen über das Gebirge.</p> + +<p>Wo der Horizont verstellt war durch +Felsen oder Wälder, fühlte er sich abgegrenzt +und sicher; auf den Gipfeln schien +es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels, +und am Rande war ein Flimmern wie von +Eisenbändern, die im Feuer glühen.</p> + +<p>Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, +griff er nach der Zeitung und las die Berichte. +Die Bauern, denen er eine vertraute +Erscheinung war, knüpften Gespräche mit +ihm an und wollten Aufschluß und Trost +von ihm haben. Er aber gefiel sich darin, +sie in der Furcht zu bestärken, und sein +letztes Wort war stets: »Es ist aus mit +uns.« Und in seinen Mienen malte sich +eine herzlose, fanatische Schadenfreude.</p> + +<p>Einmal bewies er dem Förster und dem +Postmeister mit der Karte in der Hand, +daß es gegen die Überzahl der Feinde kein +Entrinnen gäbe. Jene hörten bekümmert +zu, und der Förster wagte bescheiden auf +die Siege hinzudeuten, welche die Truppen +doch schon errungen hätten. Da lachte der +Hofrat und antwortete: »Im besten Fall +siegen wir uns zu Tode.«</p> + +<p>Er war immer in unruhiger Bewegung. +Er ließ sich Bücher aus der Stadt kommen, +hatte aber zum Lesen keine Geduld. In +früheren Tagen hatte er den Plan gefaßt, +unweit von der Hütte ein ausgemauertes +Wasserbecken anzulegen, um im Sommer +baden und schwimmen zu können. Jetzt +dünkte es ihn an der Zeit, das Projekt +zu verwirklichen, und jeden Morgen ging +er mit der Schaufel zu der bestimmten +Stelle und grub selbst die Erde aus, viele +Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn +dann überfiel, war ihm zumute, als erlahmte +die Wut eines Tieres, das ihn zwischen +seinen Pranken hielt.</p> + +<p>Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft +schickte er Romana mit Aufträgen ins Tal +und kochte selbst. Oft auch, besonders am +Abend, kauerte er am Herd und starrte in +die Flammen. Dann begann er in trotzigem +Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm +ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete +mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen +auf die weiße Kalkmauer. Aus den Flammen +aber erhob sich Olivias Gestalt und +verlor sich wieder in die Finsternis.</p> + +<p>Allmählich bemächtigte sich seiner eine +unbestimmte Angst vor Gefahren und vor +Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug +in der Nacht und verbarrikadierte die +Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen +Körper und suchte nach einer Schmerzempfindung. +Er zündete Licht an, griff +nach der Uhr und zählte seine Pulsschläge. +Kaum konnte er es ertragen, sein Herzgeräusch +zu hören; jeden Augenblick war +er darauf gefaßt, daß die geheimnisvolle +Maschine im Innern des Leibes stillestehn +würde. Er wanderte in den nächsten Ort +und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel +in der Apotheke. Es kam ihm vor, +als sähen ihn die Leute mit argwöhnischen +Augen an, als hätten sie sich besprochen +und führten etwas Verderbliches gegen ihn +im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch erschreckte +ihn, der Schrei der Krähen ließ +ihn erbleichen, das Heulen des Windes +verursachte ihm die größte Pein. Beim +Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines +Morgens plötzlich zumute, als schaufle er +ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das +Gerät weg und hütete sich, die Arbeit +wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, +wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana +hatte bisher jeden dritten Tag die Post +holen müssen. Jetzt ließ er sie nur jede +Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein +fürchtete, und wenn sie mit den Briefen +kam, besah er nur die Umschläge und die +Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +öffnen. Er las auch keine Zeitung mehr; +er wollte nicht wissen, was draußen vorging; +er wartete auf eine Katastrophe und +wollte nicht erfahren, ob sie näher gerückt +oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte +er nicht für die Menschen, nur für sich. So +unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft +Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden +und ihr Schweigen. Wenn alles stille war, +im Schnee, denn es war mittlerweile Winter +geworden, quälte es ihn, daß er um +ihren Atem wußte. Manchmal schlich er +des Nachts durch die Stube und an den +Bretterverschlag, hinter dem sie schlief. +Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug +er roh an die Wand, und sie blies die Kerze +aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß +er die Zähne zusammen und gab sich seiner +unergründlichen Erbitterung hin.</p> + +<p>In der Schläferin war die Menschheit; +nur in ihr noch. Sie drängte sich ihm +auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, +stumpfen Leibes, wie sie lag, gefühllos +und gemein? Träumte sie von dem blöden +Bauernburschen, den sie geliebt hatte +und der nun in der Schlacht war? Und +hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert +Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges +in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? +Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig +glatter die Haut, ein wenig beseelter das +Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll +verwandelt.</p> + +<p>»Olivia,« murmelte er vor sich hin.</p> + +<p>Eines späten Abends wurde an die +Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin +und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen +Gewändern und verstörtem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gesichts'">Gesicht</ins> +stand draußen. Stammelnd bat er +um Einlaß. Da es stürmte und schneite, +mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf +die Frage, wo er herkomme und weshalb +er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur +verworrene Antworten. Romana führte +ihn auf den Dachboden, wo er auf einem +Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, +sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem +Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben +worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr +auf; »dann sag’ ihm, er soll sich packen!« +rief er. Man könne doch keinen Menschen +in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung. +Lamm zündete die Laterne an, +stieg auf den Dachboden, und da er den +Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er +ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien +es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein +Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter +Schrecken war in diesen Zügen. +Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die +sich aus der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen +streckten, und von dort, wohin +er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach +ihm. In einer Wallung von Zorn rüttelte +er an der Schulter des Schläfers; der ließ +nur ein Stöhnen hören und schlief weiter. +Und wie hinter dem Bretterverschlag die +schlafende Romana die Gestalt Olivias +angenommen hatte, wurde dieser fremde +Mensch in ihn selbst verwandelt, und es +war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf +dieses andern eine Wahnvorstellung war +oder sein eigenes Wachen. Es war ein +grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch +und Mensch, von Seele und Seele, ein +grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein +Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.</p> + +<p>Bis zum Morgengrauen schritt Lamm +in seiner Stube auf und ab. Sobald es +Tag war, wollte er hinunter in den Ort, +um die Anzeige zu machen. Aber bevor +er sich noch für den Gang gerüstet hatte, +sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund +auf das Haus zukommen. Sie hatten +die ganze Gegend abgestreift, da der Hund +im Schnee die Spur verloren hatte und +wollten sich auch hier nach dem Flüchtling +erkundigen. »Der Mann ist droben, den +ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und +zeigte auf die Stiege zum Dach.</p> + +<p>Der junge Knecht wurde verhaftet und +mit Handfesseln versehen. Lamm gebot +der Magd, daß sie den Gendarmen einen +Imbiß reiche, und während sie warteten +und aßen, packte er eilig seinen Koffer. +Dann begleitete er die Leute ins Tal und +war auffallend gesprächig, in einer seltsam +unterwürfigen Art, als habe er irgendeine +Schuld auf sich geladen und könne es +durch beflissenes Wesen verhindern, daß +man ihn bezichtigte.</p> + +<p>Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck +von der Almhütte holen. Am Abend fuhr +er in die Stadt.</p> + +<p>Er mietete sich in einem Hotel ein. +Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer, +endlich entschloß er sich, seinen Diener<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +zu benachrichtigen. Gerold kam und brachte +ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt +hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben +solle, schüttelte der Hofrat den Kopf und +erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er +seiner bedürfe.</p> + +<p>Die Veränderung, die mit dem stillen, +plumpen Menschen vorgegangen war, +schien er nicht zu bemerken. Die Augen +Gerolds schwammen in roter Flüssigkeit, +seine Arme zuckten beständig, beim Reden +stotterte er und verlor den Zusammenhang.</p> + +<p>Aber Robert Lamm sah die Leute nicht +an. Wenn er ausging, wählte er die Abendstunden +und vermied die hellbeleuchteten +Straßen. Er schritt mit gesenkten Lidern +und stützte sich auf seinen Stock wie ein +Greis. Es lag eine unheimliche Komödie +darin, daß er auch den Gang eines Greises +nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor +den Menschen alt sein. Er trug sich nicht +mehr mit jener gewählten Feinheit, durch +welche er stets aufgefallen war, sondern +sorgte mit listiger Berechnung für kleine +Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige +Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen +seiner Persönlichkeit bildete, war +nicht mehr so glänzend gebürstet, obwohl +er noch immer ein bißchen schief auf dem +Kopfe saß.</p> + +<p>Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, +die er übte, trotz des Versteckenspiels, +das er trieb, gegrüßt wurde. Doch +dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter +Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, +ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück +zu seiner großen Tat. Verdrossen fragend +schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, +daß jener das Verwundetenspital meinte, +zu welchem das Landhaus umgewandelt +worden war. Begeistert rühmte er die dortselbst +getroffenen Einrichtungen, sowie +die außerordentlichen Leistungen Olivia +Khuenbecks, über die man immer neue +Wunder zu hören bekomme und von der +die ganze Stadt schwärme.</p> + +<p>Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe +ihn alles nichts an, die Villa sei längst +keine Privatanstalt mehr, sondern befinde +sich als öffentliches Kriegslazarett unter +staatlicher Aufsicht. Er könne kein Verdienst +beanspruchen, und Lobsprüche seien +ihm gegenüber am falschen Ort.</p> + +<p>Einem ehemaligen Kollegen, von dem +er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen +belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer +Bekümmernis zu, der Arzt habe +ihm das Sprechen verboten; er deutete +auf seinen Kehlkopf und ließ den Verdutzten +stehen.</p> + +<p>In den Speise- und Kaffeehäusern, die +er besuchte, setzte er sich in einen Winkel; +um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, +hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne +jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten ihm +zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, +wenn sie lachten oder aufgeregt kannegießerten. +Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein +müssen, ganz still, und am Abend hätten +keine Lichter brennen dürfen. Hörte er +irgendwo Musik, so geriet er außer sich +und fand, daß man das Schicksal frech +herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen +und alle Hände griffen gierig danach, +so blieb er teilnahmlos und rührte +sich nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, +was in diesen Blättern stand, erlogen war. +Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt +füllten, erregten seinen Ärger, anderseits bereitete +ihm der Gedanke an die Ursache ihrer +Gegenwart eine hämische Genugtuung, +und er machte boshafte Glossen über das +dumme Volk, das die Gefahr nicht zu +ahnen schien, die sich darin verkündete. +Begegnete er Gruppen von Soldaten, <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'gegeheilten'">geheilten</ins> +Verwundeten, die in schmierigen +Uniformen und mit erbarmenswürdig +blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, +so ballte er wie im Zorn die Faust und +lächelte düster.</p> + +<p>Dreimal wechselte er sein Quartier, weil +er sich einbildete, daß während seiner Abwesenheit +Leute in seinem Zimmer gewesen +seien, um zu spionieren. Auch war es ihm +überall zu teuer und zu laut. Er prüfte +mißtrauisch die Rechnungen und gab keine +Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem +geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende +Vereinsamung steigerte die hypochondrischen +Gefühle; oft lag er tagelang im +Bett.</p> + +<p>Es war zu Beginn des Dezember, als +von den Grenzen her Vernichtung und +Untergang drohte. Es schien, daß nur ein +dünner Schleier noch zu reißen brauchte, +und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich +in eine Welt, die bis zur Stunde +noch mit Not und Grauen gespielt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +Alles Leben stockte wie im Zimmer eines +Sterbenden: die Menschen sahen sich an, +und einer suchte Hilfe im Auge des +andern. Da kam über Robert Lamm +eine eigentümliche Schwäche, und er spürte +seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht. +Als er einmal an einer Blumenhandlung +vorüberging, stockte sein Schritt. Er mußte +lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, +daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, +jetzt, im Winter und am Abend aller +Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht +nach seinen Treibhäusern; er spürte +sogleich die feuchtschwirrende Luft und den +warmen Geruch der Erde. Er erinnerte +sich an seine Lieblingspflanzen und an das +Gefühl der Verschwisterung, das er gegen +sie empfunden hatte. Die letztvergangenen +Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung +und der Entbehrung, er begriff seine +Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er +wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er +beargwöhnte sein Verlangen, als sei es nur +ein Vorwand für ein anderes, das er sich +nicht eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß +schlug empor und mischte sich mit dem +Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst +teuer gewesen, weil er Macht über sie gehabt, +soviel Macht, daß er sich hatte einbilden +dürfen, sie sei ein von ihm abhängiges; +ja von ihm geschaffenes Wesen, +gleich einer Blume, die er hegte und deren +Wachstum und Farbe er bestimmte. Da +kam er zur Oper und mußte stehen bleiben, +da eine Wagenkette den Weg versperrte. +Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, +dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer +Mantel umfloß den schlanken Körper, +auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote +Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem +Haupt reißen mögen; es war etwas so +Verwegenes und Lüsternes um sie; die +Welt erschien ihm maßlos entartet, aus +aller Form und aller Vernunft; er sah ein +andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, +erglühte, verblaßte wieder; er wollte das +Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos +umher, wurde müde, raffte sich wieder auf, +stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder +ein Stück, und es war später Abend, als +er vor seiner Villa anlangte.</p> + +<p>Kraft- und Krankenwagen standen am +Gartentor. Soldaten eilten ein und aus, +über dem Hauseingang hing ein großes, +rotes Kreuz, alle Fenster waren hell +beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht +entschließen. Es war Flucht, als er sich +zum Gehen wandte. Er verachtete sich, +war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes +Haus, ein Ort der Leiden und der +Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich +ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer +Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden +gelehrt hatte!</p> + +<p>Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach +mit dem Gärtner, einem würdigen Mann, +der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit +ihm lebte. Er ging in die Glashäuser, +begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold +rufen und merkte noch immer nichts von +der Verstörung des Mannes. Er wollte +nichts von Olivia hören, doch der Gärtner +fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war +Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit +welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie +alles in Angriff genommen; zuerst das +Ausräumen des Hauses, dann die Neueinrichtung; +wie sie mit den Behörden verhandelt, +die Handwerker zur Eile getrieben, +die Geschäftsleute gefügig gemacht habe; wie +unermüdlich sie am Werk gewesen und wie +nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von +den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten +für den Operationssaal. Dann +kam die Frau des Gärtners hinzu und erzählte +gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel +opfervoller Tätigkeit, das Olivia gegeben, +alle andern Ereignisse im Sinn +dieser Menschen verdrängt hatte. Der +Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen +seien; der Gärtner gab befriedigende +Auskunft. Sein Weib ließ sich +aber nicht zum Schweigen bringen und +schilderte trotz der abwehrenden Gebärde +des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen +aufgenommen, nicht bloß Berufsschwestern, +sondern auch vornehme Damen, +die freiwillig Dienst täten, und wie sie +nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte +bekommen. Anfangs habe ihr Frau von +Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere +Damen hätten sich angeboten, die Arbeit +mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu +wenig gewesen, was man getan, niemand +konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der +Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte +er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher +Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, um<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> +die Transporte zu überwachen, bei den +Ämtern, um neue Vergünstigungen zu erhalten, +in den Krankenzimmern und in der +Küche, bei Tag und bei Nacht, und wann +sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.</p> + +<p>Lamm erhob sich und schritt erregt auf +und ab.</p> + +<p>Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, +sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.«</p> + +<p>Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken +im Park? Da hab’ ich noch was dreinzureden, +dünkt mich!«</p> + +<p>»Ich denke auch,« murmelte Gerold +und preßte die Hand um seinen Hals.</p> + +<p>Auf einmal ertönte vom Haus herüber +ein langgezogener Schrei. Robert Lamm +lauschte erschrocken. Die andern schienen +derlei schon gewohnt. »Armer Teufel,« +sagte die Frau des Gärtners. Gerold war +sichtlich zusammengeschaudert.</p> + +<p>Der Schrei wiederholte sich, in einer +höheren Tonlage, aus heftigerem Schmerz +heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, +sah sich draußen um, der Schrei dauerte +noch an, setzte ab, begann abermals. Von +dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der +gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug +Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich +aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog +ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln +in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd +und beklommen schritt er zum Haus. +Es war schon Abend, weicher Schnee +klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte +ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem +beleuchteten Fenster; in den Raum konnte +er nicht blicken, da ein weißer Vorhang +hinter den großen Scheiben hing. Er stand +da und lauschte zitternd dem fürchterlichen +Schrei.</p> + +<p>»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man +kann’s hier nicht aushalten, man kann nicht +mehr leben in dem Haus.«</p> + +<p>Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich +auf den hellen Vorhang. Das Fenster +wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und +nun in den Ausschnitt trat und einen Blick +in den Abend warf und die beiden sah und +Robert Lamm erkannte, war Olivia.</p> + +<p>Robert Lamm nannte ihren Namen. Er +stützte sich mit bebenden Armen auf den +Sims und war ihr so nah wie damals, als +er ihren Händen das Jagdmesser entwunden +hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh +ihr eine Würde, die ihn unwillkürlich +veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. +Der Mann im Saale schrie und schrie, +gellend, markerschütternd. »Er wird sterben,« +sagte Olivia, und trotzdem sie in die +Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie +ihre Augen glanzlos wurden.</p> + +<p>Als sei er von einer überirdischen Erscheinung +geblendet, senkte Robert Lamm +den Kopf.</p> + +<p>Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer +hinauf, das er ehedem bewohnt +hatte und das von der Verwandlung des +Hauses nicht berührt worden war.</p> + + +<p class="newsection">Da brannte wieder die Lampe, da blickten +ihn die Bücherreihen an, und es herrschte +auch Stille; aber die alte Stille war es +nicht, die Stille des Gartens und der leeren +Zimmer, nicht mehr die Stille, die er +beherrscht hatte.</p> + +<p>In dumpfer Trauer schritt er auf und +ab. Es dünkte ihm, als habe er kein Recht, +hier zu sein, als müsse er sich das Recht +erst erkämpfen. Gegen wen aber erkämpfen? +Offenbar doch gegen Olivia. Er +wünschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen, +dabei fühlte er, daß ihr an einer Auseinandersetzung +gar nichts gelegen war, daß +seine Person und was er dachte und der +Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause +war, in ihren Augen gar nichts bedeutete. +Er drückte auf den elektrischen Knopf der +Leitung, die in Gerolds Kammer ein +Signal gab. Gerold kam nicht. Er öffnete +die Türe und rief hinaus. Keine +Antwort. Er brüllte Gerolds Namen über +die Treppe hinunter. Eine weibliche +Stimme fragte unwillig erstaunt nach der +Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach +Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold. +Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck +sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach +einigen Minuten kehrte Gerold zurück und +sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine +Zeit, sie werde später kommen. »Bleib in +deinem Loch, was streunst du im Hause +herum, wenn man dich braucht!« keifte +Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.</p> + +<p>Gleich danach pochte es an der Tür, und +Gerold schob sich über die Schwelle. »Der +Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die +Türe nicht zu schmettern,« sagte er furchtsam.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>Lamm blickte finster verwundert empor. +»Hinaus mit dir!« erwiderte er.</p> + +<p>Er zog ein Buch aus dem Schrank und +blätterte darin. Dann warf er es weg. +Die Hände auf dem Rücken, lief er +ungestüm die Kreuz und Quer durchs +Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, +und er richtete sich steif auf, als Olivia +eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge +zu begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr +Gesicht hatte einen träumerisch-verschleierten +Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu +einer gewissen Beschwingtheit und einem +selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben +aller Bewegungen stand. Sie war verändert, +ganz und gar; er wußte auch, daß +ihre Stimme verändert klingen würde. +Alles an ihr erregte seinen erbitterten +Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr +Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen +Verneinung; er schämte sich dessen +und geriet doch noch mehr in Wut, gegen +sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas, +das zwischen ihnen war.</p> + +<p>»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem +Ton, »du übernimmst dich, du +richtest dich zugrunde. Man braucht dich +nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig +du mit dir umgehst. Es schmeichelt +dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens +davon machen, und es liegt in einer +solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im +allgemeinen Elend das eigene zu ersticken. +Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so +verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und +seinen Körper wüten soll. Dafür bist du +nicht geschaffen, das ist Verblendung.«</p> + +<p>Olivia, die gegen die Tür gelauscht +hatte und sichtlich unruhig war wie ein +Soldat, der seinen Posten verlassen hat, +wandte ihm mit befremdeter Miene das +Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« +fragte sie. »Was weißt du denn eigentlich +von mir?«</p> + +<p>Ihre Stimme klang wirklich verändert, +tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen +und entschiedenere Akzente.</p> + +<p>»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er +kurz.</p> + +<p>»Hast du mich deshalb von der Arbeit +wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu +machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir +sagen, daß du dazu kein Recht hast und +daß ich dir das Recht auch nicht einräume. +Du bist nicht Herr über mich. Du bist es +kaum über dich. Was willst du?«</p> + +<p>Sie schaute ihn an, und er fühlte sich +ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab +ihn förmlich, und er war klein, wie er nie +gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er +begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt +hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr +gesprochen, und daß sie seine Führung nicht +mehr annahm und nicht mehr brauchte.</p> + +<p>»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme +wieder, sobald ich mich für eine halbe +Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken +gebaut werden, und dazu ist deine +schriftliche Zustimmung nötig.«</p> + +<p>»Baracken? In meinem Park?«</p> + +<p>»Ja, an der Südseite des Hauses.«</p> + +<p>Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen +wohl meine Kastanien gefällt werden! +Hundertjährige Bäume!«</p> + +<p>»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. +»Bäume,« fügte sie mit einer Gebärde +trauriger und ungeduldiger Verachtung +hinzu, »Bäume!«</p> + +<p>Sie hatte schon die Klinke in der Hand, +da kehrte sie sich noch einmal um. »Bleibst +du hier im Hause, Robert? Du kannst +bleiben. Du kannst aus unserer Küche zu +essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, +wenn du dich entschlossen hast. +Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden. +Vor ein paar Tagen fand ihn +Schwester Nina Senoner betrunken auf +der Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von +dem Laster abzubringen. Doktor Strygowski +sagt, er leidet am Blutwahn.«</p> + +<p>Sie ging. Das Wort Blutwahn, das +sie so gelassen ausgesprochen hatte, rauschte +noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes +Untier. Lamm machte einige Schritte, als +wolle er ihr folgen, als müsse er noch +einen Blick in ihr Gesicht werfen, nur um +glauben zu können, daß sie es war, sie selbst, +und nicht eine Doppelgängerin.</p> + + +<p class="newsection">Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, +wartete er auf sie.</p> + +<p>Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, +daß es schon zehn Uhr war, als sie sich entfernt +hatte. Sie konnte doch nicht daran +denken, ihn in später Nacht aufzusuchen. +Es lag etwas Erschütterndes in der Vorstellung, +daß Zeit und Zeiteinteilung keine +Rolle für sie spielten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes +Buch vor sich, las aber nicht. +Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, +war unveränderlich düster. Bisweilen dünkte +ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn +zu dem beleuchteten Fenster gezogen hatte. +Bisweilen glaubte er Ächzen und Stöhnen +deutlich zu vernehmen. Ihm war, als +lausche er in den brodelnden Krater eines +Vulkans.</p> + +<p>Gerold kam und richtete das Bett, +den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem +Schrank. Lautlos ging er hin und her und +sah aus, als fürchte er das Auge seines +Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches +geöffnet und wühlte in alten Briefen +und Papieren. Manchmal spähte er hastig +nach Gerold und erschrak bei dem Anblick +des krankhaft gelben Gesichts. Alles, wovor +ihm bangte und was ihm unerträglich +zu denken war, hatte sich als Erlebnis in +diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl +ihm endlich, das Zimmer zu verlassen. Da +schlich Gerold mit geducktem Kopf hinaus.</p> + +<p>Lange nach Mitternacht legte sich Lamm +zum Schlafe hin. Aber er konnte die Lider +nicht schließen, die Finsternis brannte <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ihn'">ihm</ins> +förmlich auf der Stirn. Er hatte in den +alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, +geschriebene und gedruckte, waren ihm wie +Moder. Doch ein Geruch der Vergangenheit +hatte ihn umfangen und war in sein +leeres Herz geströmt wie Gift.</p> + +<p>Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das +Schicksal um Liebe und Liebesrecht verkürzt +hatte, und Begebenheiten traten in +lebendige Nähe, die mit Schweigen und +Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht +gewesen war. Dazwischen tauchten +Gerolds Züge empor wie ein versteinertes +Bild des Grauens, dann gewahrte er Olivias +Gesicht, in phosphoreszierender Blässe, +in einem Rahmen von Blut. Er biß die +Zähne zusammen, als schlüge ihn eine +unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief +jemand mit rücksichtsloser Lautheit: +»Schwester Emilie! Schwester Emilie!« +Lamm richtete sich auf, stemmte die Arme +hinter sich und schrie in die Luft hinein: +»Ruhe!«</p> + +<p>Seine Stimme hallte im Raum, unten +wurde sie natürlich nicht gehört. Aber sein +Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer +fest und begleitete ihn in die Zimmer und +an die Betten der Soldaten, und aus diesen +bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir +sind in deinen Frieden eingedrungen, wir +haben deinen Frieden zerstört, wir haben +dir alles geraubt, was du besessen hast; +deine Gemälde sind verschwunden, deine +Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten +haben wir genommen, deine Bäume lassen +wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, +und die einzige Seele, um die du geworben, +die du in deine Einsamkeit geschleift hast +wie der Tiger die Beute in die Wildnis, +deren du in deinem Innern noch sicher +warst, als sie sich fern von dir durch die +verdunkelte Welt schleppte, auch die haben +wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir +elenden, kranken Menschen!‹</p> + +<p>Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob +sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte +nun und fühlte, was sie ihm bedeutet +hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm +wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme +kam über ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, +ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu +eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und +begriffen zu sein.</p> + +<p>Als er am Morgen einen Blick in den +Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes, +fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm +gespenstergleich entgegen. Er machte eine +Grimasse und stellte höhnend fest, daß +seine Blütezeit vorüber sei.</p> + + +<p class="newsection">Erst um die Dämmerungsstunde kam +Olivia herauf.</p> + +<p>Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, +gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung +zum Bau der Baracken.</p> + +<p>Sie dankte. Sie war müde und setzte +sich nieder; eine gewisse Nervosität verriet +auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben +zu dürfen glaubte.</p> + +<p>Der gestern geschrien hatte, war schon +tot. Sie erzählte es beiläufig. Es war für +sie ein Fall unter vielen.</p> + +<p>Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, +daß der Tod Stammgast in dem Hause +sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich +nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt, +wie er sie vor sich sehe, könne er sich +nun und nimmer entschließen, ihr Unternehmen +zu billigen oder gar zu preisen.</p> + +<p>»Es mag der Weg für hundert andre +sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. Für<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben +Betrogenen der richtige Weg, für dich der +Irrweg.«</p> + +<p>»Warum, Robert? Es ist dein Trotz +und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen. +Ich habe Welt und Menschen +anders gefunden, als du sie mir gezeigt +hast,« antwortete sie.</p> + +<p>»Anders gefunden? Wie denn, wenn +man fragen darf? Bist du auch die Zeugin +von großen Leiden, so bist du doch nicht +befähigt, darüber zu urteilen, woher sie +stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen +liegt.«</p> + +<p>»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich +behaupte nichts. Das tun die Zuschauer, +Robert, die herzlosen Zuschauer.«</p> + +<p>»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine +Liebe, auch wo er handelt. Soll ich plötzlich +vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig +Jahre lang mein Gemüt empört hat, wovon +ich beleidigt und gedemütigt worden bin +zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein +Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu verhüten +gewesen ist wie ein Hagelschlag +oder eine Seuche, mir ist er die Sühne für +eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im +Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts +mehr davon wissen, daß ihr so lange gezündelt +habt, bis die Flammen endlich zum +Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt +ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt +ihr helfen und retten, jetzt, da es zu spät +ist. Früher ward ihr taub, habt euch verhätschelt +und verhärtet, seid Genüßlinge +gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden, +Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. +Es kommt mir so lächerlich vor, +so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon +verzeihen, Olivia.«</p> + +<p>Olivia erhob sich und erwiderte mit der +Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die +Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure +der geschauten Wirklichkeit gaben: +»Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich +nicht sagen, du tust mir namenlos leid. +Und wenn ich dich ansehe, weiß ich, daß +das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist +es nicht, kann’s nicht sein.«</p> + +<p>»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl +vom Hals! Was ich fühle, ist meine Privatsache, +was ich denke, geht das Allgemeine +an. Und ich denke, daß du mit dem +Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer +von Blut nicht ausschöpfen kannst. Ich +denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen +ist, indem man ein paar Zaunlatten in den +Boden rammt. Ich denke, daß, wo der +Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es +ein fruchtloses <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra comma 'Unterfangen, ist'">Unterfangen ist</ins>, mit dem +Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß +niemand das Recht hat, sich zu verschwenden, +der, wenn auch nur in der Idee eines +einzelnen, der Menschheit besser dient, indem +er sich bewahrt. Wer geboren ist, +Blumen zu hegen, der tauche seine Hände +nicht in Blut, oder er entwürdigt die +Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, +da sie doch ohnehin schon +auf den Hund gekommen ist. Das alles +klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal +gibt mir ein Exempel von Grausamkeit, +das mir Mut einflößt.«</p> + +<p>»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, +und ihre blauen Augen strahlten +im Feuer des Unwillens. »Woher +nimmst du die Kraft und den Entschluß, +dich einer Verantwortung zu entziehen, die +alle spüren, von der alle niedergezwungen +werden? Bist du der Richter und untersteht +die ganze übrige Welt deinem Spruch? +Hast du nie gefehlt, nie selber gesündigt, +hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, +bist du nicht auch ein Mensch und stehst +mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? +Warum also diese Anmaßung, dieses Feilschen +und Hadern, diese feige Flucht vor +dem, was nun einmal ist?«</p> + +<p>Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig +auf und ab und pfiff leise. Er warf +finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, +hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam +zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit +einer Scheu, die er sich nicht eingestehen +mochte. Er trat ans Fenster und trommelte +an die Scheiben, und während er in +den winterlichen Garten und in die kahlen +Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß +sie, fühlte immer nur sie, bewunderte sie, +schmähte sie, suchte nach ihr in seinem zerwühlten +Innern, suchte sich in ihr, sammelte +Gründe, quälte seinem Geist Rechtfertigungen +ab.</p> + +<p>Er sprach von dem Unheil, das über +die Menschheit hereingebrochen war, als +von der großen Reinigung. Er sprach von +der geschichtlichen Notwendigkeit und von +den politischen Verkleidungen, unter denen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> +sie die Völker narre und durch die sie alle +einzelnen zu vollbringen zwinge, was +keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die +Länder, die Städte unter einem Überfluß +von Menschen und von Produktion; die +Fülle sei zur Not geworden, es sei wie in +einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff +durch zu viele atmende Lungen verbraucht +worden war. Sei sie nicht selbst mit den +Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu +wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen, +darin liege die Fügung, und nicht nur +Platz für den Körper, sondern auch für die +Seele, für den Glauben, Platz für den +Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem +Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht +die Hände ringen und sich larmoyanter +Wehklage überlassen; da zieme sich Ehrfurcht +vor dem höheren Walten, denn wer +falle, der sei eben der Ähre vergleichbar, +die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif +sei für die Sichel des Schnitters. Jeder +erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn +Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger +Tod, und es sei ein Fehler in der +Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach +zu sehen.</p> + +<p>Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit +einem erglühten Blick. »Ich bin auch eine +Ähre, warum willst du mich sondern?« +sagte sie.</p> + +<p>»Ja, ich will dich sondern,« antwortete +er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit +des Wortes empfand und etwas +damit verriet, was ihm selbst noch unbewußt +in seiner tiefsten Brust verborgen war.</p> + +<p>»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln +wurde so vergeistert, daß er Furcht vor ihr +verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher +Art betrachtest, bin ich dann nicht ein +Werkzeug für die, die ich rette, wie die +Granate ein Werkzeug der Vernichtung +ist? Könntest du nur einmal die Augen +eines Menschen schimmern sehen, dem man +die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, +was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das +Leben für dich nichts? Das einmalige, +herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, +wenn der Tod nach ihm langt –? Du +weißt nicht, was Leben heißt!«</p> + +<p>»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, +einen, der die Wirklichkeit des Seins nie +zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen +gelernt hat, mach ich solch einen plötzlich +zum Steuermann auf einem Schiff, während +der Taifun rast, so tu’ ich ungefähr +dasselbe, was du mit dir tust,« antwortete +Lamm und wandte ihr das in allen +Muskeln bebende Gesicht zu. »Wie alles +in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes +Maß zerstört, jede Form zerstört!«</p> + +<p>»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. +»Nicht zerstört, nicht zerrissen, nur +lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses +Lebendigsein auch Zerstörung wäre, +wer bin ich denn, daß ich auf mich achten +sollte, mich schützen dürfte? Für wen, wofür +mich bewahren? Wo ist das Bessere, +Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß +mich tun, was ich tue!«</p> + +<p>Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren +Augen an, dann brach der Blick und +feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte +auf ihn zu, preßte beide Hände wider ihre +Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, +es ist fürchterlich! Fürchterlich!«</p> + +<p>Er umfing die Schwankende mit seinen +Armen und stand regungslos da.</p> + +<p>Nach einer Weile machte sie sich sanft +los, strich mit der Hand über ihre Haare +und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich +ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich. +Gute Nacht, Robert.«</p> + +<p>Schnell verließ sie das Zimmer.</p> + + +<p class="newsection">Ungefähr vor einer Woche war ein Mann +eingeliefert worden, den man ohne Uniform, +bis aufs Hemd entkleidet, auf einem +Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte. +Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte +nicht sprechen und keinerlei Auskunft über +sich geben.</p> + +<p>Still und steif war er dagelegen, die +Augen immer auf denselben Punkt in der +Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich +schönes Gesicht, blaß, vergeistigt, durchformt; +ein schwarzer Bart umrahmte es +derart, daß Kinn und Wangen von Haaren +frei waren.</p> + +<p>Ob er Freund oder Feind war, wußte +man nicht. Er trug die Nummer 42, das +war alles. Man redete ihn in allen Sprachen +aller Völker an, die im Krieg standen, +doch gab er niemals ein Zeichen, daß er +die Worte faßte. Man vermutete, er sei +auch des Gehörs beraubt und hielt ihm +Zeitungen und beschriebene Zettel vor; er<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +beachtete nicht einmal die Gebärde. Ohne +zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag +er da.</p> + +<p>Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, +ja von einem inneren Starrkrampf +zeugte, hatten doch seine Augen +den stärksten Glanz bewahrt, der sich +denken ließ. Sie waren ununterbrochen +weit geöffnet, und als ob der Bewegungsmuskel +der Lider nicht mehr arbeitete, +schlossen sie sich nicht eine Minute lang. +Der Ausdruck in ihnen war keineswegs +fieberisch; es war ein mildes Licht, ein +seelenhaftes Strahlen, das auf Ärzte und +Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung +übte. Oft standen mehrere Personen zugleich +an seinem Lager, die sich für kurze +Zeit ihrer Beschäftigung entzogen hatten, +nur um diesem Blick zu begegnen und ihn +festzuhalten.</p> + +<p>Und in jeder Nacht kam Olivia an das +Bett dieses Verwundeten, blieb stehen, +schaute in das bleiche Gesicht und suchte, +auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar +erfüllten Blick des fremden Mannes. +In jeder Nacht unterbrach sie ihren +Rundgang hier und verweilte wie ein +Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt +und der Lösung eines düsteren Geheimnisses +näher ist als bisher.</p> + +<p>Seit dieser Mann im Hause war, seit +sie diese Augen wahrgenommen hatte, die +über dem wirren, wilden Geschehen wie +zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen +Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, +wissend-bewußtlos aus dem +Geisterreich zu dringen schien, hatten sich +ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein +etwas gelindert; sie tauchte empor +aus der qualmenden Höllenglut und lenkte +ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal +im Leben mit der Ahnung und +dem Gefühl von Gott.</p> + +<p>Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen +als nach oben.</p> + + +<p class="newsection">Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert +Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet, +daß er zwölftausendfünfhundert +Schritte machen mußte, um eine Strecke +von zehn Kilometern zurückzulegen. Er +besaß einen Schrittzähler, mit dessen Hilfe +er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. +An manchen Tagen waren es +zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.</p> + +<p>Die Märsche dünkten ihm notwendig +zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch +konnte er beim Gehen besser denken.</p> + +<p>Aber die Gedanken führten zu keinem +Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, +daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder +umkehren mußte. Wenn der neunte, der +zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung +versprach, die Wand, die zur +Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.</p> + +<p>Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei +bis drei Marschieren und zwei bis drei +Lektüre, blieben immer noch mindestens +zwölf Stunden, die leer waren, zwölf boshaft +schleichende Stunden. Jedes Geräusch +im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, +jedes Flüstern oder Murmeln war eine +Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene +Unterbrechung. Wieviel da lauerte, +schreckte, drohte, da draußen, da +drunten!</p> + +<p>Angst vor Begegnungen hielt ihn davon +ab, die Schwelle zu überschreiten. Nach +Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. +Doch wußte er, daß sich niemand +um ihn kümmerte.</p> + +<p>Ein sonderbares Vergnügen gewährte +es ihm, die Personen an sich vorüberziehen +zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß +bedacht hatte. Es stellte sich heraus, daß +von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; +auch wenn seine Erinnerung noch so grobe +Zerrbilder malte, vermochte er an jenen +Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges +Gefühl gerechtfertigt hätte.</p> + +<p>Die Ursache war nicht etwa die, daß er +die Fähigkeit zu hassen verloren hatte, sondern +daß alles, was noch an Haß in ihm +war, sich gegen einen einzigen Menschen +richtete: allein und unversöhnlich gegen +Olivia.</p> + +<p>Sie hatte ihn gezwungen, wider seine +Überzeugung zu handeln. Sie hatte ihn +um die letzte Hoffnung betrogen, die er +noch gehegt, um die letzte, die geheimste +Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung +und schmerzlichen Verlassenheit noch +an die Zukunft geknüpft hatte.</p> + +<p>Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. +Er war der Mann nicht, um einer +solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken.<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span> +Sein Gemüts- und Sinnenleben war eine +vernachlässigte Provinz seines Daseins, +und die dunklen Wege der Seele nur zu +ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete +sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat +das Vergangene so nah an ihn heran; er +wußte plötzlich, daß er schon das Bild des +Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen, +und daß das Wächter- und Erzieheramt, +das er ausgeübt, ihm mehr und anderes +bedeutet hatte als eine Pflicht der +Pietät und der Freundschaft. Auge und +Empfindung hatten ihn getäuscht; er hätte +sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er +von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert, +wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet +hätte, wonach sein ausgehungertes Herz +lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken +und zu unterdrücken, dienten ihm aber +menschlich nicht; es verfinsterte ihn und +höhlte ihn aus.</p> + +<p>Die Gestalt Olivias, die Stimme, der +Schritt, der Blick, das Lächeln: alles das +war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, +Frucht seiner Mühe, Lohn seiner Entbehrung, +Ausgleich seiner trüben Erfahrung; +ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm +erkannt. Für ihn gemacht, für ihn lebendig, +weil er den magischen Schlüssel dazu +besaß, das Wesen zu begreifen glaubte. +Ihr Tun war seines, auch das anscheinend +Widerstrebende war noch in der Harmonie +mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung +zusammengebrochen war – er nannte es +Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen +einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie +sich der Geißel seiner Worte und dem +lähmenden Einfluß seiner Urteile durch +die Flucht entzogen hatte, war er noch +weit entfernt, sie verloren zu geben; mit +fatalistischer Geduld vertraute er auf seine +Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer +Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf +versetzt hätte und den Zeitpunkt abwarten +wollte, der zur Erweckung am günstigsten +war.</p> + +<p>Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser +Einbildung. Äußere Umstände, die stärker +waren als alles, was er in die Wagschale +hätte werfen können, hatten den Sieg über +ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte +ihn und erneute sich immer wieder, +so oft er sich sagte, daß bei natürlicher +Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten +geblieben und die Schwankende, +Haltlose ihm endlich in die Arme geführt +hätte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz +bestand in seiner Existenz, in vielen +Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter +Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und +jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und +stumm, wie nur er sein konnte, alles auf +das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, +und er wußte es nun. Derselbe Sturm, +den er geweissagt hatte, seitdem sein männlicher +Geist und Wille in Konflikt geraten +war mit den Gebresten der Zeit und den +Unterlassungssünden ihrer Menschen, +hatte die Blüte ausgerissen und verweht, +die er im geschütztesten Winkel seines +Lebensgartens gepflanzt hatte.</p> + +<p>Hier war kein Appell möglich. Sie hatte +ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, +daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn +in ihren Augen zum Verbrecher stempelte. +Er durfte nicht hoffen, daß irgendein +Mensch, weder Mann noch Weib, weder +Freund noch Feind, in seinen Bemühungen +etwas anderes erblickte als Verschrobenheit +und Herzenskälte. Er hatte sie eingebüßt, +sie war dahin, sie konnte ihn nicht +mehr sehen und hören, sie hatte sich dem +blutigen Chaos verdungen und bildete sich +ein, nützlich zu sein und litt unsäglich, +und würde immer ärger leiden müssen, je +höher die Woge des Entsetzens stieg.</p> + +<p>Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender +Teufel bleich und böse in einem +Winkel seiner Kammer kauerte und sich +das Hirn zermarterte mit den Gedanken, +die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine +wirklich beispiellose Einsamkeit erregten. +Es war etwas Troglodytisches um ihn; +es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten +Welt; er glich dem körperlosen +Schatten, der nach einer Seele sucht und +sie nicht finden kann. Er fühlte sich ausgestoßen +und gänzlich vergessen, erniedrigt +und beraubt; er fror und fieberte, er sann +auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung, +daß möglicherweise er es sein mußte, der +sich zu beugen und zu unterwerfen hatte, +war ihm noch mit keinem Hauch genaht.</p> + + +<p class="newsection">Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit +schlich er aus dem Hause und +ging zu Frau Khuenbeck.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er +hatte sich jahrelang nicht um sie gekümmert, +das trug sie ihm nach.</p> + +<p>Sie machte ihn im stillen auch für alles +verantwortlich, was mit Olivia geschehen +war, und als er die Rede auf das Mädchen +gebracht hatte, erklärte sie, daß sie ihre +Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten, +wenn man sie im Spital besuche. +Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von +Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen +und habe sich bei Olivia erkundigt, +ob sie etwas erfahren habe. Sie habe +nichts gewußt, habe aber auch keinerlei +Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugehört, +aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, +wobei einem eiskalt wurde.</p> + +<p>»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« +fuhr Frau Khuenbeck fort, »den Blick, +meine ich, den Blick einer Besessenen? +Gewiß begeh’ ich ein Unrecht, wenn ich +so etwas sage. Die Menschen beten sie +ja an. Auch ich muß sie bewundern, aber +sie ist mir fremd geworden. Geht das mit +rechten Dingen zu?«</p> + +<p>Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß +die Frau von Olivia sprach. Er hielt es +für ausreichend, sie durch eine ermunternde +Miene anzuspornen.</p> + +<p>»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« +berichtete Frau Khuenbeck. »Sie hat das +Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit +darin erworben, daß die Ärzte +ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. +Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; +instinktiv bringe sie genau die Tiefe +des Betäubungsschlafes zustande, die für +den betreffenden Fall erforderlich ist. +Wenn einer schreit oder sich sträubt, so +braucht sie ihn nur anzurühren, und er +fügt sich.«</p> + +<p>»Märchen,« warf Robert Lamm hin.</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. +Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem +Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. +Einige Ärzte meinen, daß sie sich auf eine +besondere Kunst des Dosierens versteht. +Es sind auch Chirurgen aus der Stadt +gekommen, denen sie eine Erklärung geben +sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«</p> + +<p>»Die Esel vom Fach vermuten immer +da Wunder, wo ganz und gar keine sind,« +bemerkte Lamm trocken.</p> + +<p>Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. +»Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen +so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. +Aber was bedeutet mir das? Wie +ich das zweite- oder drittemal dort war, +mußte ich auf sie warten und ging im +Flur auf und ab, und da kam sie mit dem +blutenden, frisch abgesägten Bein eines +Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, +doch wer kann so ein Bild wieder +loswerden, wenn er es einmal geschaut! +Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte +das Gefühl, als begehe das Kind eine +schreckliche Sünde.«</p> + +<p>Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. +»So ein Bein, wissen Sie, ist außerdem +verflucht schwer,« sagte er mit heiserer +Stimme, »es mag gut und gern seine +fünfzehn Kilo wiegen.«</p> + +<p>»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, +»die so heikel war, daß sie vom Tisch aufstand +und nicht weiteressen konnte, wenn +auf einem Salatblatt ein Wurm kroch! +Was kann ihr die Welt noch sein, danach? +Kann sie je wieder ein harmloses +Leben führen, ein Leben mit kleinen +Pflichten?«</p> + +<p>Lamm erhob sich. »Wir werden das +Problem heute nicht lösen, Verehrteste,« +antwortete er schroff. »Unser Verstand ist +überhaupt unzulänglich gegenüber dem +traurigen Verwesungsvorgang, den man +Leben nennt. Mich dürfen Sie schon gar +nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen, +mir wird übel, wenn ich ja oder nein +sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das +Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat +nicht die geringste Lust mehr, Geräusche +zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück +Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle +mich Ihnen.«</p> + + +<p class="newsection">Als er durch den Korridor seines Hauses +schritt, traten ihm zwei Herren in den +Weg. Der eine war Doktor Strygowski, +der andere, der mit außerordentlicher +Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, +etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine +Miene verriet Unsicherheit und Anmaßung. +Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte +den tadellos gebügelten Zylinder, nannte +seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher +Bescheidenheit und sagte, er sei +entzückt von der Besichtigung des Hauses,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> +das eine Perle unter den Lazaretten der +Stadt sei, und er freue sich, dies öffentlich +verkündigen zu können.</p> + +<p>Lamm stand steif wie ein Stock. Der +andere verbeugte sich, lächelte aus irgendeinem +Grunde geschmeichelt und ging.</p> + +<p>Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer +führenden Journalisten. Besichtigt Spitäler +im Auftrag des Roten Kreuzes.«</p> + +<p>Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte +vom Grafen Ulrich von Württemberg +und dem Dieb?« fragte er. »Der +Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den +ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen +und mit jedem zu sprechen, der vorüberging. +Einmal schlich sich ein Mensch aus +dem Tor, der hatte drinnen in der Küche +einen Fisch gestohlen und er hatte einen +sehr kurzen Mantel an, unter dem der +Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf +zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder +Fische stehlen gehst, so zieh einen längeren +Mantel an oder nimm einen kürzeren +Fisch.‹«</p> + +<p>Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, +der Rat hat gefruchtet,« antwortete er. +»Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend +langen Mänteln versehen.«</p> + +<p>Lamm warf einen durchdringenden Blick +auf den jungen Arzt. »Doktor Strygowski, +wenn ich nicht irre –?«</p> + +<p>»Strygowski ist mein Name. Ich bitte +um Verzeihung, daß ich unterlassen +habe –«</p> + +<p>Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. +»Nichts, nichts,« unterbrach er den Doktor. +Dann ließ er abermals den Blick mit fast +verletzender Unbekümmertheit auf dessen +Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem +Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und +sagte: »Es wäre mir lieb, wenn Sie am +Abend eine Stunde zu mir kommen würden. +Ich habe einige Fragen an Sie zu +richten.«</p> + +<p>Doktor Strygowski erwiderte, er werde +kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.</p> + +<p>»Herr Doktor, der Transport,« sagte +Schwester Nina, die vom Eingangsflur +heraufkam. Lamm kannte die schöne, +blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.</p> + +<p>Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. +Regungslos lagen die verwundeten +Männer, mit eingesunkenem Brustkorb +und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre +Gesichter waren von einem verwitterten +Grau, das Blut war durch die Verbände +gedrungen und klebte auf der Haut. Mit +dumpf-ungläubiger Verwunderung sahen +sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, +verursachte ihnen eine mit Furcht +gemischte Spannung, über die sie grübelten.</p> + +<p>Hinter den letzten Trägern ging Olivia. +Sie war in einen ziemlich groben Mantel +gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie +Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm +ohne Lächeln zu.</p> + + +<p class="newsection">Es war elf Uhr vorbei, als Doktor +Strygowski in Robert Lamms Stube trat. +Er entschuldigte sein spätes Kommen. +Lamm deutete schweigend auf einen Sessel +gegenüber seinem Lehnstuhl.</p> + +<p>»Ich will über Olivia Khuenbeck mit +Ihnen sprechen,« begann er ohne Umschweife. +»Vielleicht ist Ihnen bekannt, +daß Olivia während ihrer ganzen Jugend +unter meiner Obhut gestanden ist. Ich +fühle mich noch immer für das, was sie +tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine +Torheit ist, aber es ist nun einmal so. +Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias +zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt +hat?«</p> + +<p>Ein wenig verwundert über den Ton +eines verhörenden Richters, antwortete +der junge Arzt nach einigem Überlegen: +»Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt +jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches +vollbracht wird.«</p> + +<p>»Hat sie von Anfang an gewußt, was +ihr beschieden sein würde, wenn sie beharrlich +blieb?«</p> + +<p>»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.</p> + +<p>»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich +fort; »viele Menschen, die sich +an ein schwieriges Unternehmen wagen, +ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger +Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen +darum nicht zu versagen, oft zeigen sich +die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. +Aber wo es sich um den beständigen +Anblick von Blut und Wunden +handelt, muß unbedingt die Phantasie nach +und nach ertötet werden, sonst ist an eine +fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +Augenschein schwächt sich ab, die Gewohnheit +macht die Sinne stumpf.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht leugnen, und es +gilt in allen Fällen, nur bei Schwester +Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. +»Ihr Geist und ihr Gemüt sind der Abstumpfung +nicht unterworfen. Das ist das +Merkwürdige und das Seltene bei ihr. +Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig +Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen +wird, sondern jeder neue Eindruck reißt +ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem +Grauen, dem Schmerz, der Empörung, +dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, +die ohne Grenze ist.«</p> + +<p>»Also ein Phänomen, ganz einfach ein +Phänomen,« sagte Lamm mit erheuchelter +Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den +Sessel zurück und umklammerte mit den +Fingern die Armlehnen fest.</p> + +<p>Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie +kennt jeden einzelnen Mann, und wir +haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. +Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden +bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, +das Leben zu erhalten oder nicht, jede +Besserung oder Verschlimmerung spürt sie +unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, +wenn Gefahr droht. Die Fieberzustände +sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, +vom gelispelten Betteln um Wasser +bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis +zur Hochglut zur besonderen Sprache und +Mitteilung für sie geworden ist. Und sie +begnügt sich nicht, sie will immer noch ein +Mehr; von sich selbst heißt das, nur von +sich selbst.«</p> + +<p>Lamm erhob sich, ging auf und ab, +setzte sich wieder. Er zwang sich mühsam +zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß +er hervor, »begreife es nicht. Ich will +gar nicht die Frage erörtern, wie sie es +physisch aushalten soll; aber Tag für Tag +das alles sehen! Und nicht nur sehen, +auch hören, das Stöhnen, Wimmern, +Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier +oben schaudert mir manchmal die Haut, +und ich bin doch ein hartgesottener alter +Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von +jedem Windhauch war sie abhängig, jede +übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie +an einem Wirtshaus vorüberzuführen, +wo Betrunkene lärmten, war ein Wagnis.«</p> + +<p>Überrascht von der Aufwallung eines +Mannes, den er für trocken und unempfindlich +gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski +den Kopf. »Vor einigen Tagen +war ich mit Schwester Olivia in einem +Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht +sind,« erzählte er mit leiser +Stimme; »da waren Zimmer angefüllt +mit Männern, die aneinander vorübergingen, +ohne einander zu gewahren, in +gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken +der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo +Männer saßen, die stundenlang die Hände +steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach +ihren Angehörigen riefen; da war es schwer, +sich zusammenzunehmen, sehr schwer. +Schwester Olivia hatte eine Gebärde, die +ich nicht vergessen kann seitdem; so, als +wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit +deiner Welt geschehen, was ist mit eurer +Welt geschehen, ihr Menschen!‹«</p> + +<p>»Ja, das kann ich mir gut denken,« +antwortete Lamm nun wieder mit erkünstelter +Ruhe. »Aber erklären Sie mir +doch, was in ihr vorgeht,« fügte er hinzu +und kniff die Augen sonderbar zusammen; +»mich läßt da die Logik im Stich.«</p> + +<p>»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer +Organismus, Herr Hofrat,« sagte +Doktor Strygowski sinnend. »Ich will +nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber +auch ein Arzt, für den der Menschenkörper +Studium und Sache wird, gerät jetzt bisweilen +mit der sogenannten göttlichen Weltordnung +in Konflikt. Man fragt sich, was +das alles soll, das Leben und Sterben und +die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken +an mir nagen, und ich schaue Schwester +Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa +einem stümpernden Dilettanten, der vor +einem Künstler steht. Die leidet! Das ist +Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man +vergißt, man flieht, die gespannte Saite +lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes +Wort, einen geistigen Zuspruch, +aber bei ihr ist auch davon keine Spur. +Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen +Schritt über die Alltäglichkeit hinausgelangt, +ich kann es mir nicht anders erklären, +irgendein unbekanntes Element hat +sich ihrer bemächtigt, für mich im stillen +nenne ich es die Metempsyche.«</p> + +<p>Lamm schwieg, kaum daß er atmete, +und nach einer kurzen Weile fuhr Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> +Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit +nicht mehr, das harmlose Gespräch +nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen +des Daseins nicht mehr. Sie versteht +nicht, daß es noch Menschen gibt, die +von ihren Geschäften, ihren Wünschen, +ihren persönlichen Vorteilen und Enttäuschungen +reden können. Ich sah sie einmal +ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines +der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich +frisierte, einigermaßen umständlich, wie es +ja manche Frauen tun. Die Miene, mit +der sie wehmütig und unwillig staunte, +war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr +Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«</p> + +<p>»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte +Lamm, »ich wußte es in der Tat nicht. +Das unvergleichliche Haar! In Generationen +schafft die Natur so etwas nicht zum +zweitenmal.«</p> + +<p>»Unter unseren freiwilligen Damen,« +begann Doktor Strygowski wieder, »ist +auch eine vielgerühmte Schauspielerin, +Schwester Susanne, eine verwöhnte Gesellschaftsdame +mit Prinzessinnen-Allüren; +um sie ist der ganze Lügendunst des +Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten +mit der großen Geste, mit der sie +ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen, +wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. +Sie schlägt die Augen zu Boden, als schäme +sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie +soll ich sagen, etwas geradezu magisch +Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so +manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie +sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung +verschaffen wollen, daß sie die +Leere ihres Gemütes zudecken durch einen +Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«</p> + +<p>Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie +sind ein gründlicher Herr, das muß man +gestehen,« sagte er. »Nun, und das +wucherische Treiben der Lieferanten, weiß +sie auch von dem? Und wie verhält sie +sich dazu? Und zu der Schwerfälligkeit +der Ämter und Behörden, der Schmähsucht +der Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, +den Ausreden der Faulen, den +krampfhaften Bemühungen der Streber +und Ordensjäger, dem frühzeitigen Erlahmen +derer, die in rascher Begeisterung +Wunder zu tun versprochen hatten, mit +einem Wort, dem ganzen landesüblichen +Unrat, wie verhält sie sich dazu?«</p> + +<p>»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich +selber zur Last und verwandelt es in +eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor +Strygowski. Er dachte eine Weile nach, +bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein +Erlebnis von einschneidender Bedeutung +gehabt haben. Sie muß einmal so zu +Boden geschlagen worden sein, daß es +aller Kraft bedurfte, die ein Gemüt überhaupt +aufbringen kann, damit sie sich +wieder erheben konnte. Deshalb ihre +Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb +ihr unbeirrbar gerichteter Weg.«</p> + +<p>»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, +ja fast wild. »Flausen! Darauf fall’ ich +Ihnen nicht herein!«</p> + +<p>Ein rascher Blitz des Unwillens traf +ihn aus Strygowskis Augen. »Ich habe +Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, +Herr Hofrat,« sagte er leise. »Daß ich +Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht +leugnen. Ich gestehe sogar, daß ich noch +nie einen Menschen in diesem Maß bewundert +habe. Meine Bewunderung ist +um so größer, als ich mir nicht verhehle, +nicht verhehlen kann, <em class="gesperrt">wohin</em> der Weg führt, +den sie geht.«</p> + +<p>Lamm schwieg betroffen. Die beiden +Männer sahen sich an.</p> + +<p>»Und Sie haben kein – Kapital in diese +Bewunderung investiert? Sie wollen keine +Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit +verkniffenem Mund.</p> + +<p>»Ich verstehe nicht –«</p> + +<p>»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen +bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen? +Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, +ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung +an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches +Ziel.«</p> + +<p>»Hierauf habe ich keine Antwort.«</p> + +<p>»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm +erhob sich und begleitete seine Worte mit +heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll +also schlechterdings an Engel glauben, an +graduierte Engel mit Schnurrbart und +Brille! Seit wann sind denn die Doktoren +der Medizin unter die Idealisten und Propheten +gegangen? Hat euch die blutige +Zeit betrunken gemacht?«</p> + +<p>»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung +noch nichts Plausibles,« sagte Strygowski, +der blaß geworden war.</p> + +<p>»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span> +von Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir +Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm +grollend fort. »Wenn ich Ihnen zu nahe +getreten bin, will ich abbitten. Aber können +Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher +Beobachter vorstellen, daß ein Wesen wie +Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde +unter Männern bewegt, ohne nur im Geringsten +als Weib auf diese Männer zu +wirken? Meine Frage enthält keine Frivolität. +Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir +leben auf einem Planeten, mag er auch +noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem +es für bestimmte Daseinsformen bestimmte +Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist +Blut. Hunger will Sättigung, Blut will +Wärme. Riechen Sie nicht den tückischen +Giftstoff, von dem das ganze Haus erfüllt +ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich +dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia +heißt?«</p> + +<p>»Ich glaube es,« erwiderte Doktor +Strygowski entschlossen. »Was Sie sagen, +ist keine Wahrheit für mich, sondern eine +Anklage, die erst bewiesen werden muß. +Es müßte erst bewiesen werden, daß die +Caritas, vor der ich meine Knie beuge, +ein lemurischer Unhold ist.«</p> + +<p>»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. +»Ein Unhold und Lügengeist, der +Frauen- und Mädchenseelen mit falschen +Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder +Illusion bar, hinaus ins Leben zu +stoßen.«</p> + +<p>Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski +zog die Uhr aus der Tasche, überlegte +eine Weile, während er die Uhr in +der Hand behielt und sagte dann: »In einer +Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre +zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur +durch den Augenschein widerlegt werden. +Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung +beharren, wenn Sie sie dabei sehen.«</p> + +<p>»Ich brauche den Augenschein nicht,« +knurrte Lamm. »Alles was ist, kann ich +mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«</p> + +<p>»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete +der Arzt; »ich kenne dieses Leiden.« +Er blickte traurig zu Boden.</p> + +<p>In diesem Augenblick vernahmen sie ein +seltsames, eintöniges Plärren, ein singsangähnliches +Heulen wie von einem Hund. +Der Hofrat ging zur Tür und lauschte. +Dann öffnete er die Türe, schritt durch +den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.</p> + +<p>Doktor Strygowski folgte ihm.</p> + + +<p class="newsection">Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert +ein Mensch. Erst als er +ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener +Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut +vor sich hinheulte und dabei mit dem +Oberkörper schaukelte. »Was treibst du +da?« herrschte ihn Lamm an.</p> + +<p>»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus +kein Plätzchen, wo es still ist,« flüsterte der +Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah +aus wie geschwollen.</p> + +<p>»Geh auf der Stelle in deine Kammer +und in dein Bett,« befahl Lamm.</p> + +<p>Gerold erhob sich schwerfällig und wankte +über die Stiege. »Kann aber nicht schlafen, +Herr Hofrat,« klagte er.</p> + +<p>Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte +Miene, wieder in seine Stube zu gehen, +aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so +forschend, so sonderbar auffordernd auf ihn +gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen +Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte +und hinter dem Arzt in das große Zimmer +ging, das vormals seine Bibliothek gewesen +war. Die Lichter waren ausgelöscht bis +auf eines, das neben der Tür brannte und +durch ein grünes Tuch abgedämpft war. +Nur in den zunächst stehenden Betten +konnte man die Gesichter sehen. Sie hatten +einen fahlen Schein. Einige Verwundete +wachten und hoben von Zeit zu Zeit den +Kopf; dabei glänzten die Augen heiß, und +wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, +ächzten sie.</p> + +<p>Doktor Strygowski zog Lamm in den +Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß +gleich kommen; hier war sie noch nicht, +denn die Schwester dort drüben ist eingenickt.«</p> + +<p>Er hatte kaum ausgeredet, da trat im +Hintergrund eine Gestalt durch die Türe. +Es war Olivia.</p> + +<p>Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit +im Raum ließen ihr Gesicht nahezu weiß +erscheinen. Der Schritt war lautlos und +verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes. +Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, +die schlummernd auf dem Stuhl saß und +berührte mit der Hand deren Schulter. +Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> +Bestürzung in ihrem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gedicht'">Gesicht</ins> verwandelte +sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia +schüttelte den Kopf und ging weiter.</p> + +<p>Die Blicke derer, die wach waren, hatten +sie entdeckt; sie flogen ihr zu, förmlich ungeduldig; +dies hatte etwas wie bei hungrigen +Säuglingen, wenn die Amme an die +Wiege tritt. <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Er war'">Es war</ins> rührend und unheimlich. +Olivia schien es zu fühlen; sie neigte +die Stirn; alles war plötzlich so sanft an +ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar +innerlich und beredt.</p> + +<p>Sie ging wie mit einer Lampe in der +Hand, die nicht verlöschen durfte. Aber +trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare +Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit +zu beanspruchen schien, war es, als sehe +und spüre sie alles, was rund um sie war, +mit zehnfach geschärften Sinnen.</p> + +<p>Als sie in das nächste Zimmer treten +wollte, kam Schwester Emilie, eine ältere +Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit +Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.«</p> + +<p>»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete +Olivia.</p> + + +<p class="newsection">Vor dem kleinen Raum, in welchem +Nummer 42 lag, standen flüsternd einige +Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, +als er zu dem Bett des Unbekannten +ging. Robert Lamm hatte sich unter sie +gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vorüberschreiten +und nickte ihm zu wie am +Abend, ohne zu lächeln, doch mit +einem verwunderten Aufschimmern des +Blicks.</p> + +<p>Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, +sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in +Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, +die sie trug.</p> + +<p>Der Sterbende war in einem Zustand +von Auflösung und Entrückung. Der +Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, +daß es peinigend war, in sie zu schauen. +Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem +Gestrüpp.</p> + +<p>Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf +der keuchenden Brust des Mannes und +lauschte dem Herzschlag.</p> + +<p>War es nur eine Täuschung, oder verhielt +es sich wirklich so: alle im Zimmer +Anwesenden hatten den Eindruck, als seien +die Blicke des Unbekannten, die bis zu +dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten +Gegenstand oder einem Menschen geruht +hatten, auf Robert Lamm gerichtet, +ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, +und zwar in einer Art, wie wenn er eine +Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn +er ihn an ein Versprechen mahnen wollte. +Der Blick war so dringend, als sei zwischen +den beiden zu irgendeiner Zeit einmal +eine Verabredung getroffen worden und +als sei eben jetzt die Frist verstrichen. +Es war ein Blick des Willens und des +Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.</p> + +<p>Lamm spähte scheu um sich her; er +wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es +ihn stets von neuem in die Richtung, wo +er dem schauerlich und dringlich glänzenden +Auge begegnen mußte. Olivia stand +hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein +gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte +sich Lamm mit stummer Anstrengung; am +liebsten hätte er ihr zugerufen: Sprich mit +mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus +seiner Bedrängnis befreit hätte, sich abzuwenden +und wegzugehen, war ihm durchaus +unmöglich. In dieser Not griff er zu +einem sonderbaren Hilfsmittel: er riß seine +Zigarettendose aus der Tasche, entnahm +ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden +hin. Es geschah dies weniger aus +Überlegung, als aus Trotz und Trieb, die +gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu +ziehen.</p> + +<p>Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger +Funke aus den Augen des Unbekannten +blitze; er machte eine schwache Bewegung +mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun +die Zigarette zwischen die Lippen. Aber +um den blutlosen Mund spielte auf einmal +ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen, +bittersten Verachtung, durch ein +mattes Lächeln nicht gemildert, sondern +verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher +Seufzer den Körper, das Auge brach, +das Leben war dahin.</p> + +<p>Als Robert Lamm den Raum verließ, +war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe +Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher +Verachtung in der letzten Agonie +des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal +auf ihm.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span></p> +<p class="newsection">Olivia tat das Herz so weh, als sei +es ein Geschwür in ihrer Brust. +Am Anfang und am Ende jeder +Handlung stand dieselbe Frage; +jede Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen +Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo +ist Trost?</p> + +<p>Die Schauspiele verwirrten sich wie die +Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der +Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses +Haus, in dem sie zufällig wirkte, war nur +eines unter den Tausenden von Becken, in +denen sich das Unglück sammelte. Man +mußte die Einbildungskraft in Schranken +zwängen, um nur die Hände rühren zu +können. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten +vom Morgen über den Tag zum +Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.</p> + +<p>Und dennoch: immer wieder auf und +hinüber, hin zu den Wunden, vielleicht, +daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick +Linderung brachte oder Geduld einflößte.</p> + +<p>Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen +ihr nicht bekannt war. Sie fühlte diese +Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und +die Augen an ihr hingen. Diese Augen +redeten eine Sprache von nie gehörter Eindringlichkeit, +die sie ohne Gewissenspein nur +hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz ausschöpfte +im Tun, sich ganz und gar vergaß.</p> + +<p>Die Schicksale stürzten über sie, und sie +wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte +es sein, in ihren hingegebensten Stunden +sehnte sie sich danach, völlig zermalmt +zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. +Ruhte sie, faßte sie sich wieder, so wurde +es zu gräßlich, nur zu denken an das, was +war. Nicht allein von Bildern der Zerstörung +war ihr Geist beladen, Bildern +leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, +unerträglichen Hungers, erstickender +Todesangst, hoffnungslosen Siechtums +und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen +unvergiftet ließ, sondern von dem +auch, was dahinter war an Wut, Haß und +Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den +Beleidigungen der Menschenwürde, von +dem Aufgestachelten in allen, der von überallher +tönenden Klage.</p> + +<p>Damals, als ihre Mutter in der Sorge +um Ferdinand zu ihr kam, mußte Olivia +in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; +sie sagte: »Du darfst die Hoffnung nicht +sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«</p> + +<p>»Ich? Warum nur ich? Warum nicht +auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt +zurück.</p> + +<p>Olivia schwieg. Ihr war, als verriete +sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.</p> + +<p>Leo von Scheyern war gefangen, Ernst +von Scheyern war unter den Vermißten. +Frau von Scheyern kam nicht mehr ins +Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia +darüber, wie sie beim Anblick jedes<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span> +Briefträgers bleich geworden sei, bei jedem +Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. +Da sah Olivia Tausende und aber Tausende +von Müttern, die in folternder Ungewißheit +um das Leben ihrer Söhne schwebten +und an keinem Morgen erwachten, ohne +auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein +in eine Wüstenei verwandelte.</p> + +<p>Im Anfang blieben die Geschehnisse im +Schatten, und nur die Gesichter traten +hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, +wenigstens für Olivia, wälzte sich von +allen Seiten das Grauen heran. Viele von +denen, die dalagen, hatten überdies Worte, +unvergeßliche Worte, um andre wieder +schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie +selber Kunde gaben.</p> + +<p>»Ich will nimmer hinaus,« knirschte +einer im Fieber und bäumte sich verzweifelt, +»tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ +nimmer.« Einer stieß im Schlaf die schrecklichsten +Angstlaute aus, und einer schaute +gebannt, mit aufgerissenen Augen in die +Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge +wieder und wieder, was ihm das Herz +zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.</p> + +<p>Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen +Beruf Akrobat gewesen war. +Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe +bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich +fremdländisch-imposant nannte, war er +jahrelang durch die Provinz gezogen und +hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit +ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte +ihm beide Beine weggerissen, Frau und +Kinder waren des Ernährers beraubt, er +lag da, ein Krüppel, und sann darüber nach, +was er an Stelle seiner verlorenen Kunst +würde treiben können. Er dachte an das +bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, +an den Beifall, den er mit seiner Arbeit +am hohen Trapez geerntet, und daß das +alles nun vorbei war.</p> + +<p>Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. +Es war ein sehr gewöhnliches Gesicht +mit vollen Backen, kleinen dummen Augen +und niederer, fliehender Stirn. Aber die +Gewöhnlichkeit der Züge war durch die +geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren +Kräfte umglüht. Wie ging das zu?</p> + +<p>Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten +ihr im Grunde all diese Leute, die aus +einem kleinen Leben zufällig in ein großes +gerissen worden und darin zerschmettert +worden waren, zufällig in diesem Haus +ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr +der Bauer aus der Südmark, der da lag, +erblindet? Aber wie er es trug, was er +daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen, +daß er tun konnte, was er getan? +Viele Wochen hatte er unbeweglich im +nassen Schützengraben zugebracht, unter +den Folgen eines bösartigen Rheumatismus +hatte er das Augenlicht eingebüßt. +Eines Tages war seine Mutter ins Spital +gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig +ergraut, in Sorgen gealtert. Er war +ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre Hoffnung. +Sie wußte nichts von der Erblindung, +und er hatte beschlossen, sie ihr noch +zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, +hatte er Ärzte und Schwestern gebeten, +daß man ihr nichts sage. Zuerst +ging es ganz gut; er nahm sich zusammen, +die Brille mit farbigen Gläsern begünstigte +die Täuschung. Allmählich wurde die Frau +stutzig. Ein paar tastende Gebärden, der +tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. +Sie langte plötzlich nach seiner Hand, +und als er sich nicht rührte, stieß sie einen +markerschütternden Schrei aus. Der junge +Mensch erbleichte. Mit schuldbewußtem +Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, +ich seh’ dich ja.« Aber es war zu spät, sie +glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte fortgebracht +werden. Von Zeit zu Zeit hörte +man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln: +»Ich seh’ dich ja.«</p> + +<p>Woher kam ihm dieser Heroismus?</p> + +<p>Woher kamen dem einfachen mährischen +Soldaten die Worte, mit denen er schilderte, +wie er in Polen einen ganzen Tag +und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig +gewordenen Oberleutnant hatte bewachen +müssen? Es waren die furchtbarsten +Stunden seines Lebens gewesen +und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg +empfangen hatte. Er vor der Hütte, der +Offizier in der einzigen Stube drinnen, +immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend, +immer auf und ab und in regelmäßigen +Pausen zu dem Soldaten tretend. +»Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr +Oberleutnant.« Und jener, wie ein verstörter +Geist, zur Wand hinüber, in die +Wand hineinredend: »Er will mich nicht +herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir +dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span> +Der Offizier zur Wand, und +dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das +Gewehr nicht.« So ging es den ganzen +Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, +kurzen, hastigen Schritten wanderte er +ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach +zehn Minuten und forderte etwas, das +Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps, +und wenn es ihm der Soldat verweigerte, +stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand +und rapportierte der Wand, daß er nicht +erhalten habe, was er begehrt. Es war +herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, +noch der Bericht stockte unter der +Wirkung des Grauens.</p> + +<p>Und der Konditor, der vom Vollzug des +Standrechts in Serbien erzählte. Man +hieß ihn bloß den Konditor, denn er war +in seinem Zivilverhältnis Gehilfe bei einem +Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt +und ziemlich roh, doch wenn er an eine +gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen +und die ihm nicht aus dem +Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, +und von oben bis unten schüttelte es ihn. +Es war Befehl gegeben worden, alle Häuser +zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden +Truppen gefeuert worden war, +und die Männer, die man darin fand, sogleich +zu erschießen. Eines Tages marschierte +die Abteilung durch eine Dorfstraße +und gelangte unangefochten bis ans +letzte Haus. Aus einem Fenster dieses +Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, +die aber niemand trafen. Die Leute, +denen das Morden schon zu viel war, +wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch +das Kommando wurde erteilt. Als sie nun +das Haus betraten, lagen in der Tenne zwölf +Männer auf den Knien, schon zum Tod bereit. +Ebenso viele Frauen standen bleich, +hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes +an der Wand. Zwölf Soldaten legten +die Gewehre auf die zwölf Männer an, die +Salve krachte, die Männer stürzten tot zu +Boden. Von den Frauen aber verzog keine +einzige eine Miene, sie rührten sich nicht, +mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses +strich langsam mit der Hand über die Stirne; +sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas +Übermenschliches an Qual enthalten gewesen +sein, denn der Erzähler kam immer +wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, +er mußte es immer wieder beschreiben.</p> + +<p>Olivia sah diese Frauenhand, sah sie +über die Stirne streichen, als sei die letzte +Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein +böser Traum war. Und »warum?« fragte +es in ihr, »warum, o Gott?«</p> + +<p>In einem der Zimmer kauerte ein Hund; +er war nicht vom Bett seines Herrn zu +vertreiben, dem er in die Schlacht und +von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager +gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher +Köter war es, der aber niemand zur +Last fiel. So oft sein Herr einen Laut +von sich gab, blickte er mit sanften Augen +empor, sonst starrte er müde vor sich hin, +gleich als sei er dort draußen von einem +Strahl höheren Bewußtseins getroffen +worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet +hatte, so daß sie jetzt in dunkler +Pein noch danach rang.</p> + +<p>Warum diese unermeßliche Schwermut +in den Augen des schmutzigen Hundes? +Was begriff er? Was war ihm seltsam, +was hatte ihn so still werden lassen?</p> + +<p>Ein Bild war da, so oft sie es dachte +war ihr als müsse sie hinstürzen und ihr +Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der +Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem +Säbel gegeneinander. Schon +will der unsere zuhauen, da sieht er, daß +der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er +aber noch immer, den Säbel hoch im Arm, +auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der unsere +einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und +auf dem Boden windet er sich stumm wie +ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, +er hatte die Sprache verloren.</p> + +<p>Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit +eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber +mit ihren Kindern, die eine hatte einen +Säugling verloren, die andere brach zusammen, +und sie waren ohne Speise und +Trank und nächtigten auf dem Felde und +zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in +den Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, +wie sie fuhren, immerzu fuhren, +durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte +Ruinen gab, und wie sie um Brot +schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, +ihre Säuglinge verschmachteten.</p> + +<p>Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen +auf einer öden Insel glichen; +sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, +die keinen Vater mehr hatten, die Witwen, +die trauernden Bräute, die Verlassenen,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span> +Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. +Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen +apathisch werden, und wie die Freunde +aufhörten, füreinander zu zittern. Sie +sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung +und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der +Idee auch im Edlen erlosch, wenn die trübe +Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen +emporschwoll oder das körperliche Leiden +die Kraft der Seele besiegte. Wie die +Begeisterung flügellahm, die Tapferkeit +zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch +für den Leichtherzigsten seinen Reiz, die +Gefahr ihre Lockung einbüßte und nur den +Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.</p> + +<p>Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen +geplündert, die Äcker zerstampft, +die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in +jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert +mit Toten. Sie hingen verstümmelt +in den Drahtverhauen und lagen eingebettet +in Blumen, sie waren versunken in den +Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, +sie schwammen in den Wellen +des Meeres und fielen aus den Wolken +herab: Männer und Jünglinge, Kinder +und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche +und Arme, Gute und Schlechte, Verräter +und Verratene, Schöne und Häßliche, +Glückliche und Unglückliche.</p> + +<p>Und sie hörte das Geläute der Glocken +und das Prasseln der Brände und alle +Laute, die die menschliche Stimme hat, +um Schmerz und Todesangst auszudrücken. +Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten +und in den Stuben weinten. Sie hörte die +Worte des Abschieds und die Worte frommer +Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt +der Armeen, das Schlürfen müder +Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, +die Gesänge des Triumphes und +die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen +oder wenn sie sich berauschen wollten.</p> + +<p>Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann +vorsang, der in einer Nacht +beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen +hatte.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,<br /></span> +<span class="i0">zu begraben, zu begraben die Soldaten.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,<br /></span> +<span class="i0">dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!<br /></span> +<span class="i0">die Gemeinen unten, Korporale oben.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">An den Seiten viere, in der Mitten viere,<br /></span> +<span class="i0">überquer die Herren, Herren Offiziere.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,<br /></span> +<span class="i0">dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,<br /></span> +<span class="i0">zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,<br /></span> +<span class="i0">morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.<br /></span> +</div></div> + +<p>Diese einfachen Strophen machten auf +Olivia einen ungewöhnlichen Eindruck, +und ihre Gedanken begannen hinter dem +zerstückten und verworrenen Getriebe nach +etwas Bestimmtem zu suchen.</p> + +<p>Es wurde ihr alles zur Vision, immer +glühender und glühender, und sie suchte in +der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. +Sie suchte den Urheber, sie suchte den Bösen. +Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen +des Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, +der das ungeheure Leid, den unermeßlichen +Jammer bewirkt; einer muß da +wirken, Gott kann es nicht sein, es muß +ein Gegner von Gott sein und ein Feind +seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen, +alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, +alles Lebens und Entstehens. Sie nannte +ihn den Bösen, und sie suchte ihn.</p> + + +<p class="newsection">Eines Nachts lag sie angekleidet auf +dem Sofa in der Kammer, die allein zu +bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, +welche sie sich verstattete. Es war finster, +sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in +die Luft.</p> + +<p>Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf +oder sechs junge Weiber. Sie waren in +Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten +ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren +Scherzen, frivolen Wortspielen und verführerischen +Gebärden wandten sie sich an +einen, der am oberen Ende der Tafel saß. +Der aber hatte keine Gestalt, er war wie +ein Kloß, wie ein Stück Lehm. Aber die +Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe +kamen, und die Frauen wurden unter der +Schminke bleich, wenn er sie anschaute.</p> + +<p>Ein befrackter Mensch mit langem +Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen +warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück +hinüber, das er geschickt auffing, ohne sein +Spiel zu unterbrechen.</p> + +<p>Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span> +lag, unbemerkt von allen, eine Leiche. +Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten +und Konfekt bedeckt, und aus der Brust +ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, +die Griffe von drei Messern heraus. Durch +die Fugen des Tisches rann Blut und +tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.</p> + +<p>Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren +in übermütigster Laune, da erhob sich der +Gestaltlose und forderte eine der Frauen +zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu +ein Wunder an Schönheit, strahlend +von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein +enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, +das die schlanke Figur zur höchsten +Geltung brachte. In ihrem Tanz war die +freie Anmut bewußter Kunst, und als sie +den Kopf zurückbog und hingerissen lächelte, +lächelten die andern Frauen mit und +klatschten in die Hände.</p> + +<p>Während der Klavierspieler in einen +schnelleren Rhythmus überging, war es, +als ob der tanzende Kloß sich dehne und +wachse; er bekam einen Schädel, aus dem +Schädel blickten Augen, und diese Augen +sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese +irisierenden Gallertaugen waren von einer +solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen +plötzlich verstummten und sich ein +bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin +aber wurde zusehends blasser, sie suchte +sich aus der Umklammerung des Kloßes zu +befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre +Arme, mit denen er sie still gewalttätig an +sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu +röcheln begann, daß ihr Gesicht blau wurde, +daß ihr Leib in der Mitte einknickte, und +als sie ihm schließlich entseelt in den Armen +hing, sah es aus, als sei nichts mehr von +ihr übrig als das Kleid.</p> + +<p>Ihre Genossinnen sprangen schreiend +auf, wollten fliehen, umklammerten einander, +da richtete der Mensch, der mit +den drei Messern in die Brust unter Früchten +begraben war, den Kopf in die Höhe +und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch +sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: +Gib sie mir wieder!</p> + +<p>In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten +schien, strömten nun auf einmal +viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, +Soldaten, Offiziere, ärmlich gekleidete +Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, +ein alter Mann mit weißem Bart, drängte +sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der +jetzt allmählich eine menschliche Gestalt +annahm: Gib mir meine Tochter wieder!</p> + +<p>Mehrere, die hinter ihm standen, schrien +gleichfalls, wie außer sich: Gib uns unsere +Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere +Schwestern!</p> + +<p>Da aber wurde ein monotones Gemurmel +hörbar, die Aufgeregten sahen sich um +und machten scheu einer Gruppe von Bauern +Platz, die demütig und bekümmert aussahen; +sie beugten sich zur Erde und +riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere +Wälder!</p> + +<p>Dazwischen gellten die Stimmen von +Frauen: Unsere Söhne gib uns, du Mörder, +unsre Söhne!</p> + +<p>Der Kloß wich Schritt für Schritt ins +Leere, bekam aber immer mehr Gestalt. +Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände +und Körper; es war als sei er mit Rost +überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. +Die Züge erweckten nicht die geringste +Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten +etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit +seinen überaus langen Armen winkte er +den Dienern, die brachten nun Säcke voll +Gold und Edelsteinen und schütteten ihren +Inhalt auf den Boden. Es entstand ein +beklommenes Schweigen, bis der alte +Mann vortrat, auf den ausgebreiteten +Schatz wies und in strengem Ton sagte: +Das für unsere Töchter? Das für unsere +Söhne? Für unser Herzblut das, du in +Ewigkeit Verruchter?</p> + +<p>Und alle Stimmen riefen verzweifelt: +Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere +Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!</p> + +<p>Olivia hatte die Augen offen und sah +und hörte alles so wirklich, als ob sie im +Theater säße.</p> + + +<p class="newsection">Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich +unablässig; wo soll ich hin, wo kann man +noch leben, wo ist es noch möglich, zu +lächeln, wo ist noch Freude, wie kann je +wieder Freude entstehen?</p> + +<p>Sie wünschte, sich verwandeln zu können. +Als sie von fern durch die Glaswand der +Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in +geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben. +So in der Erde zu wurzeln, tief +und innig, bewußtlos hinzudämmern, mit +zartesten Fasern an die Natur gebunden!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>Daß man Blume werden könne, irgendwie, +irgendwann, wurde Traum und beglückende +Idee für sie. Es erschien ihr wie +ein letzter Preis und ein letztes Asyl.</p> + +<p>Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder +bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen +war. Stumm und zu keiner Tröstung +fähig saß sie zu Hause vor der versteinerten +Mutter.</p> + +<p>Nach einer Weile kam Robert Lamm +und setzte sich zu ihnen.</p> + +<p>»Dazu muß man Kinder haben, dazu +sie aufziehen,« sagte die unglückliche Mutter +mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre +war er alt.«</p> + +<p>Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu +Olivia: »Um Pfingsten herum werd’ ich +vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte +dich mit Stricken auf ein Bett binden.«</p> + +<p>Ein paar Tage später ging sie gegen +Abend in seine Kammer. »Schau’ dich nach +der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen +Platz nicht verlassen.«</p> + +<p>»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr +voller Hohn bei, »oder du glaubst es wenigstens +zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den +Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.«</p> + +<p>»Wozu also taugst du?« konnte sie sich +zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick +flammte. »Du warst dir und andern lang +genug gut gewesen, das schlechte Wetter +zu machen. Wir haben aber soviel von der +Sorte in unserm Land, daß sich die Sonne +schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist +kein Ruhm damit zu holen.«</p> + +<p>Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart +zu leisten verstehst, räum’ ich dir die +Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete +er und ließ, beinahe wie ein Sklave, +Arme und Schultern hängen; »nur nicht +diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses +Schmachten im Überschmerz. Ich werde +verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, +meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure +Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«</p> + +<p>Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb +erstaunt. »Du bist sehr einsam,« sagte sie.</p> + +<p>»Ich will ja deine Mutter besuchen,« +lenkte er ab, unangenehm berührt von ihrem +Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber +sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer +nur im Wege. Ich bin schließlich allen im +Wege, auch mir selbst.«</p> + +<p>»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, +und in ihrem Gesicht war plötzlich ein +Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern +machte.</p> + +<p>»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«</p> + +<p>»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« +Sie trat einen Schritt näher vor ihn hin +und sagte: »<em class="gesperrt">Deine</em> Einsamkeit ist Todsünde.«</p> + +<p>»So nimm sie mir weg,« versuchte er +düster zu scherzen. »Bekehre mich, vielleicht +gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher +der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran +du mit mir bist? Sahst du es nicht?« brach +er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. +»Auch Blindheit kann eine Todsünde +sein,« murmelte er völlig verstört, +»genau so wie Einsamkeit.«</p> + +<p>Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes +Wort jemals entschlüpfen könnte, +hätte er nie für möglich gehalten. Scham +bemächtigte sich seiner, und am liebsten +hätte er sich mit Nägeln das Gesicht zerfleischt. +Er sah sich alt, verkommen, wertlos, +ohne Licht, ohne Kraft, ohne Würde, +und für die Dauer einiger Minuten war +sein ganzes Wesen umnachtet und im +Krampf.</p> + +<p>Als die Hände von den Augen sanken, +war Olivia aus dem Zimmer gegangen. +Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem +Zögern hatte er nicht wahrgenommen, +darum brach alles zusammen in ihm. Nun +war er wirklich alt, wirklich ohne Wert +und Würde. Denn der Mensch ist doch am +Ende das, wozu ihn die formen, denen +seine Liebe gilt.</p> + + +<p class="newsection">Einsamkeit Todsünde? So will ich mich +mit Menschen umstellen, sagte er sich, das +steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten +Lebenswandel kann ich Absolution +erwerben.</p> + +<p>Es kam eine Wut über ihn, sich gemein +zu machen, ein Verlangen nach Lärm, +Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu +horchen, zu schnüffeln, zu schüren. Er ging +in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, +zu früheren Kollegen, sprach Bekannte auf +der Straße an und redete so lange mit ihnen, +bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen +Geierblick für die Unzufriedenen, die Verschwörer, +die heimlichen Brandstifter, die +Nörgler und Dunkelmänner aller Kategorien.<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span> +Er wußte sie so einzuspinnen, daß +sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er +verstand so zu heucheln, daß er sich selber +widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- +und Freundschaftsversicherungen +wurden mit den Geständnissen quittiert, +um die es ihm zu tun war. Er tat jenen +schön, deren Bestechlichkeit und Verrätertum +öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte +den Betrügern und klatschte den falschen +Propheten Beifall.</p> + +<p>Er rechnete mit der Redseligkeit, der +sich auch die Schlauesten im Katzenjammer +nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, +den auch der Tartüff in der Erwartung +der großen Katastrophe an den +Tag legte; mit der aufgehäuften Bitterkeit +der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit +dem Druck der Lasten auf allen Schultern, +mit der natürlichen Freude des Menschen +an Unheil, Tod und Zerstörung.</p> + +<p>Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter +Gang zu den Menschen nahm eine +unerwartete Wendung. Die Gegenspieler +traten vor ihn hin, während ihn die Spieler +beschäftigten; von Schatten umringt, die +in einer Schattensprache redeten, sah er +über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten. +Hingekauert an einem morschen +und entlaubten Baum, vernahm er den +ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die +Kraft, fühlte die Bewegung, fühlte die +Wehen der Wiedergeburt mitten unter +Gespenstern; er fühlte sein Land, er fühlte +sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden +die blassen Frauen stehen sah, geduldig +wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, +wenn die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich +strahlenden, fast schwärmerischen +Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, +wenn verschämte Armut den Geber mied +und die Verlorenen in den Elendsquartieren +Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde +ihm der Zusammenhang bewußt, da war +er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, +wie allein er war, sondern auch, wie verlassen +sie waren, wie er sie verlassen hatte.</p> + +<p>Über den Gesichtern, die er schaute, lag +der Schein einer verborgenen Lichtquelle. +Kam nicht das Licht von der unsichtbaren +Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch +die Säle geschritten? Er konnte sich dieser +Vorstellung nicht entziehen: in der finster +gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum +im Kreis die Seelen, deren Kraft es +ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten +auf das Wunder, das darin besteht, daß +sie die Lampe sehen werden, denn dann +sind sie erlöst.</p> + +<p>Traum eines Einsamen, Traum von +der Lampe und vom Volk!</p> + +<p>Eines Abends kam er heim, angegriffen +von der Frühlingsluft, in einer sonderbaren +Stimmung zwischen Hinwelken und +innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute +war, als müsse er das Gesicht in Kissen +vergraben und schluchzen, und jetzt wieder, +als stehe er am Anfang der Zeit und an +der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod +und Werden kam er und suchte ein Bild +und einen Begriff von seinem eigenen +Wesen. Da öffnete sich die Türe und Olivia +trat herein.</p> + +<p>Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich +um eine Entscheidung handelte.</p> + +<p>Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal +von Lamm weggegangen, war nachhaltig +gewesen. Sie hatte eine dunkle +Schuld gegen ihn immer empfunden, aber +daß er sie nun zur Verantwortung ziehen +würde, hatte sie nicht erwartet.</p> + +<p>So weit sie auch zurückdachte, er war die +herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von +jener Stunde an, wo sie als Kind durch +seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung +enthoben worden war. Sie hatte +gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das +Band zwischen ihnen war nur um so fester +geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen +hatte, um ihm nicht gänzlich zu verfallen, +war sie ihm schon gänzlich verfallen.</p> + +<p>Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund +zu heißen. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte, +starke, verläßliche Freund gewesen, +sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung +und des Selbstverlustes. Dann, als +die Verwandlung kam, als sie sein Haus +von ihm forderte, als er in geheimnisvollem +Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens +ihr entrissen wurden bis auf eine +Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, +nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge +der andern entdeckte, auch da war noch der +Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, +der Mensch. Und das Wissen um +seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn +geworden, so zu erglühen, daß der +Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>›Auch Blindheit kann Todsünde sein, +siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir +bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein +zündender Blitzstrahl alles, was sie um sich +her gebaut hatte.</p> + +<p>Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, +in der er es ihr entgegenschrie. Also +war er überzeugt, daß sein Vorwurf und +der Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? +Daß sein Schicksal, er das ihre +wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte +sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt +oder einen Führer, und hatte seine +Gaben, sein hingeströmtes Inneres als +Tribut genommen, doch immer in der fernen +Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, +der Titel Freund nicht eine wertlose +Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen +beruhigen sollte? So wenig Sinn und +Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln +hatte tappen lassen Jahr für Jahr +und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter +werden mußte an sich und an der +Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den +niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit +und den hartgeschlossenen Mund, das +lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, +die Tyrannei und die stumme Bitte, das +ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. +Und sie hatte oft an ihn gedacht als an +einen, der die Truggestalten überdauert, +die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch +verlockend erschienen waren. Geträumt +hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte +sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein +Bild verloren.</p> + +<p>Einst, auf einem Ball, hatte ein junger +Mann zu ihr gesagt: »Man erzählt, daß +der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie +hatte den Kopf zurückgeworfen und mit +aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: +»Wenn Robert Lamm mich haben +wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«</p> + +<p>Doch gerade damals war sie in Georg +Ingbert verliebt gewesen.</p> + +<p>Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. +Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer +Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, +um sie zu rufen im Angesicht einer +blutüberströmten Welt. Geschah es, weil +er nach einem letzten Halt griff? Geschah +es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in +der Verzweiflung über den Niederbruch +aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte +nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein +Weib. Doch außer einem schmerzlichen +Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit +fühlte sie nichts, was an Liebe erinnerte +oder was die Menschen darunter verstanden.</p> + + +<p class="newsection">An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde +betrat sie das kleine Lese- und +Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet +worden war. Es war niemand +darin als Schwester Nina Senoner. Sie +saß am Tisch und hatte den Kopf in die +Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war +an den Umrissen des schönen Gesichts der +Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu +ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« +fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken +aufblickte, spürte Olivia die unheilbare +Verstörung in diesem Gemüt. Aber sie +hatte Furcht, der neuen Forderung nicht +gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der +Freundin lag.</p> + +<p>Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, +schlang die Arme um Olivias +Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre +Brust.</p> + +<p>Olivia hatte lange nicht mit einer Frau +gesprochen; persönliches Wort auf dem +Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel +ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu +nehmen, was der einzelne in seinem Kreis +mit seinem Schicksal auszukämpfen hat; +nun sah sie die Verarmung darin und empfand +Reue. Sie legte die Hände wie +schützend auf Ninas Haar. Die stolze, +herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig +Jahre wie ein junges Mädchen +wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich +zuckte ihr Körper.</p> + +<p>Nach einer Weile gelang es Olivia, sie +in ihr Zimmer zu führen, wo sie ungestört +sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; +sie trocknete mit ihrem Taschentuch die +Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie +fragte, fragte; hingebend, ja zärtlich. Es +dauerte lange, bis Nina Senoner ihre +Scheu überwand. Nie zuvor hatte jemand +in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war +in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft +aufgewachsen, sie kannte nur Menschen +von Haltung, von nicht zu durchdringender +Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil. +Das Element der Kälte hatte sie allmählich +in eine lebende Statue verwandelt;<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span> +alles in ihr war erfroren, was Frauen erst +zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb +und Mitteilung.</p> + +<p>Mit achtzehn Jahren hatte sie einen +Mann geheiratet, den sie achtete und der +ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber +sein Los war die Arbeit, und je reicher er +wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender +wurde die Arbeit. In den Ruhepausen +verlangte er freundliche Mienen, +einen geräuschlosen Haushalt und angenehme +Gespräche. Nina hatte viel Verkehr, +dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. +Alle Güte und Sorgfalt des Mannes +war auf das Äußere des Daseins gerichtet; +er umgab sie mit Luxus und mit Menschen, +und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, +ließ er die teuersten Ärzte kommen +und wachte darüber, daß deren Ratschläge +befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, +kaum einen Wortwechsel, ihre +Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und +das strahlende Temperament der aufwachsenden +Jeanette schien ein Glück zu besiegeln, +dem in den Augen der Welt nichts +zur Vollkommenheit mangelte.</p> + +<p>Es vergingen viele Jahre, ehe Nina +Senoner überhaupt merkte, daß sich mit +ihr eine Veränderung ereignet hatte, die +durchaus nicht zu diesem bewunderten und +beneideten Bild des Glückes passen wollte. +Sie gehörte zu den Menschen, die selten +über sich und ihren Zustand nachdenken, +zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher +Strenge jede Regung der Unzufriedenheit +in ihrer Brust ersticken. Doch +kam es immer häufiger vor, daß ein sehnsüchtiger +Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe +ihre Stirn in Schatten hüllten. Sie war +gern allein; solche Stunden genoß sie tief; +da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und +sie wurde fröhlich, wie sie als junges Mädchen +gewesen war. Aber man erlaubte ihr +nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten +nahmen an Vielfältigkeit zu; man +drängte sich an sie; man wollte sie haben; +man fühlte sich wohl in ihrem Haus und +in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer +schweigsam war, fesselte und reizte sie +Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete +eine festliche Stimmung, ihr sanfter +Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer +verabredet, immer unterwegs, oder zu +Hause immer unter Gästen. Die zahllosen +Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, +sie zu vermindern ganz unmöglich. Es +war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll +und ihre Seele unter sich begrub.</p> + +<p>Da hatte sie eines Tages die Empfindung, +als werde sie nur künstlich und nach +dem Belieben aller dieser Menschen bewegt +und in ihr selbst sei gar kein Wille +mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. +Es schien ihr, als habe man sie planmäßig +und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens +beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden, +nachdem jeder Funke davon ausgelöscht +war. Sie sah sich nur noch als +Hülle ihres früheren Ichs, als Opfer von +toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen +Pflichten, als Beute von fremden +Menschen. Und das Schreckliche war, daß +sie auch Mann und Kind unter diesen +Fremden erblickte, die sie geplündert und +ihr nichts übriggelassen hatten als einen +müden Körper und ein freudloses Herz.</p> + +<p>Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit +hatten viele Männer berückt; hochgestellte +und geringe, alte und junge, berühmte und +unbedeutende hatten für sie geschwärmt; +manche hatten sich mit der Verehrung aus +der Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil +in heimlichem oder offenem Werben gesucht; +die Bemühungen der meisten hatte +sie übersehen, und sie konnte dabei einen +Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; +einige gab es, die sie eines vertrauten Gesprächs +für würdig hielt, von denen sie +Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse +einflößte. Doch keinen einzigen hatte +sie so begünstigt, daß er sich in besonderer +Weise hätte ausgezeichnet finden dürfen, +geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber +etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in +denen sie verkehrte, zählte die ungetreue +Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen +des Lebens; sie hatte gegen solche +Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, +und der Gedanke, ihren Gatten zu +betrügen, auch nur mit einem Blick, mit +einem Lächeln nur, war ihr niemals in den +Sinn gekommen.</p> + +<p>Vor zwei Jahren war es gewesen, da +hatte sie in einem Kurort einen Mann +kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom +Leben weit umhergetriebenen Menschen, +sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, +mit Eigenschaften des Charakters,<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span> +die je anziehender wurden, je länger man +sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, +den er auf sie machte, war von der ersten +Sekunde an entscheidend. Er stand im selben +Alter wie Nina, in der Mitte der Dreißig, +aber so reif und erfahren er wirkte, es war +doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit +seiner Gesinnung öffnete Nina +eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten +sie zaghaft und verwundert zauderte. +Er war verheiratet, nicht eben glücklich, +hatte Kinder, die er liebte, verfocht +aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft +und mit Verachtung gegen die feigen +Grundsätze der sogenannten Moral das +Recht der Freiheit der Herzen.</p> + +<p>Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel +schaute, sah sie, daß ihre Züge anfingen, +welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren +einer eigentümlichen Abspannung wie +bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet +und endlich die Hoffnung aufgegeben +hat. Jetzt wußte sie, worauf sie gewartet +hatte. Die Jugend war dahin, und sie +hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte +nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.</p> + +<p>Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis +zu erpressen. Er vermochte mehr. +Er gab ihr den Glauben, daß es noch +nicht zu spät sei. Dies aus seinem +Mund zu hören und immer wieder zu +hören, beglückte und erschütterte sie. Sie +verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm +lauschte sie den Worten des Mannes, den +sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, von +der sie früher keinen Begriff gehabt und +in der sie sich verwildert und entwurzelt +erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so +hätte sie doch niederknien mögen, um seinen +Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, +ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so +war doch ihr Inneres voll Zärtlichkeit und +Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte +nicht; er achtete ihr Gefühl, und seine +besondere Art von Güte erstaunte sie bei +einem Mann und machte ihn ihr täglich +teurer, während der Kampf, der in ihr +tobte, täglich ungestümer wurde. Eine +stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte +ihr, wenn sie seine Stimme, seinen +Namen hörte; sie wünschte zu sterben und +begehrte heißer als jemals zu leben; alle +Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische +Ratlosigkeit prägte ihrem Gesicht +den Ausdruck einer Somnambulen auf, +dabei mußte sie auf der Hut sein und sich +beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit +von vielen.</p> + +<p>Ihren Gatten zu hintergehen und sein +Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr entsetzlich +zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung +und völlig im Bann der überlegenen +Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch +nahe daran, den letzten Schritt zu wagen, +bloß um die Qual zu beenden, bloß um +dem Spender des Gefühls, das sie erfüllte, +dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als +sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte +Nina zu ihrem Freund: »Wir dürfen uns +nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste +ab. Nina erkrankte.</p> + +<p>Nachdem man sie in die Stadt geschafft +hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es +nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. +Es waren Nächte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig +zu werden. Der Freund folgte ihrem +Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es +verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte. +Es konnte nicht häufig geschehen, +aber von einem Mal zum nächsten brachte +sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen +Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger +Schwärmerei an ihn denken, sich seinen +Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, +und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom +frühen Morgen an aufgeregt durch die +Zimmer und war totenbleich.</p> + +<p>Aber die wenigen Stunden, die sie dann +für einander hatten, wurden oft durch das +Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit +einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie +damals getan, als sie zur Mutter aufs +Land gekommen war. Genau wie damals +schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in +den Mienen der beiden, bedachte den Mann +mit mädchenhaftem Spott, bevormundete +in ihrer gutmütigen und etwas derben +Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne +es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. +Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von +Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht, +daß sie spioniere. Und doch war sie +davon weit entfernt. Sie war nur immer +da; war sie nicht im Zimmer, so war sie +doch im Haus; war sie nicht im Haus, so +war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, +so drohte ihre Rückkehr; sie war +immer da, immer zu fürchten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>Allmählich verkörperte sie für Nina den +Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens, +die Pflicht, die sie dem Gatten +schuldete. Schaute sie in das Antlitz der +Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige +Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die +fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet +hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit +und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene +Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war +ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und +der Furcht; es war der Wächter vor ihrem +Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die +Meinung der Gesellschaft.</p> + +<p>Sie geriet in Verwirrung und unsägliche +Qual. Sie floh vor Jeanette und +suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie +schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken; +dann wieder war sie verschlossen +und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnjährige +zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein +Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden +Auge senkte Nina den Blick. Der +Freund fand sie ruhelos und launenhaft. +Wenn sie dem Flehenden ihre Hand überließ, +horchte sie mit emporgezogenen Schultern +und abgewandtem Gesicht zur Tür. +Er fragte, warum sie so vor dem Kind +zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde +als Antwort; wie von Leidenschaft +gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er +bot ihr alles, sein Leben, die Lösung seiner +Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie +erhob beschwörend die Hände. Er wollte +sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus +und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken +gegen die Türe. »Sie würde mich bis +ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina +flüsternd; »sie hat alle Macht, und ich habe +keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff +den Freund, und zum erstenmal hatte auch +er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung +der Gefahr.</p> + +<p>Einst standen sie in der Dämmerung +nah’ beieinander am Fenster, da wurden +rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat +ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und +lachte. Nina drehte sich um und bemerkte +unmutig: »Wie kann man sich nur so taktlos +benehmen!« – »Aber Mutter!« rief +Jeanette, abermals und noch lauter lachend. +Was konnte der Grund ihres Lachens sein, +das eigentlich ein wenig albern klang? +Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der +Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese +Jugend verachtete das Halbe und seine +dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen +Entscheidungen, verachtete die +Umwege und das matte Zweifeln, verachtete +die Dämmerung und das Geheimnis. +Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie +hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich +zu verkündigen und für sich einzustehen, +sie erklärte sich für das Gerade, für die +Helligkeit und für die Kraft.</p> + +<p>Das war es, was er aus dem unschuldig +und albern klingenden Lachen Jeanettes +herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh +zu ihm oder geh zu mir,« schloß er; »zu +einem mußt du gehen.«</p> + +<p>Sie schwieg. Aber am Abend schrieb +sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann +ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, +daß sie einen andern liebe. Sein Gesicht +wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als +sie anstarren. Zwei Tage und zwei Nächte +sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann +rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. +Sie sagte: »Ich bin deine Frau.« Da fragte +er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben +wolle, das sie in Ungarn besaßen, und sie +bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb +dort monatelang. Jeanette besuchte sie +häufig, sie war verändert, voll Zartheit und +Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene +und sei nun zufriedengestellt. Von dem +Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei +Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. +Er sandte einen letzten Gruß.</p> + +<p>Heute hatte sie die Nachricht erhalten, +daß er gefallen sei.</p> + + +<p class="newsection">In das verstörte Herz fiel der Strahl +der Lampe. Ihr Geisterschein ließ aufschimmern, +was Ninas wortunkundige +Lippen verschweigen mußten. Olivia war +so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; +sie dachte auf einmal an ein +Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein +einziges Herz.</p> + +<p>Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt +und Gesicht vor ihr auf. Es war wie +ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, +den sie wußte und lebte, zum Kampf gegenübertrat. +Leib und Seele standen auf +widereinander; ach, dieser Verzicht, dies +dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span> +wurde! Der ewige Hunger der Dämonen +schrie nach Stillung.</p> + +<p>Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert +war der Erwecker ihrer Sinne gewesen, +und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der +Zerrüttung menschlicher Dinge, aus Ninas +vernichtetem Schicksal. Der Genius in +ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, +da Lamm gekommen war, um sein Recht +zu fordern.</p> + +<p>Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr +Ingbert beim Abschied übergeben hatte. +Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es +drängte sie hin wie zu einem Menschen. +Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah +sie, daß auf dem Bande, an dem das +Siegel befestigt war, Worte geschrieben +standen. Sie las: Zu öffnen von Olivia, +wenn sie einmal spüren kann, was sie mir +war.</p> + +<p>Zaghaft streifte sie das Band herunter +und öffnete die Rolle. Es kam eines der +Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach +seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte. +Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, +daß es ein ausgearbeitetes Werk war, +eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen, +die er damals gemacht, zur Grundlage +gedient hatten. Das Gesicht war von +solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, +ob es auch wirklich ihre Züge seien +und nicht eine in dem Maler wurzelnde +Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit +in dem Antlitz, etwas Strahlendes +und Enthusiastisches, und um den Mund +lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia +fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll +ich so gewesen sein?‹ fragte sie sich.</p> + +<p>Hatte er sie so gesehen und empfunden, +dann mußte sie auch so gewirkt haben. +Dann mußte das alles auch in ihr sein. +Ihr Puls schlug matter; unwillkürlich +schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter +ihr stehe und sie ihn fragen könne. Nichts +erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu +fragen.</p> + +<p>Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. +Da meldete man ihr, daß im Sprechzimmer +ein Offizier auf sie warte. Sie +ging hinein; der Offizier, der Arm und +Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar +vom Felde kamen, leidend angestrengte +Züge hatte, erhob sich und fragte +höflich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck +sei. Dann nannte er seinen Namen und +fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg +Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Grüße +zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, +es nicht zu versäumen. Ich +entledige mich hiermit meiner Mission.«</p> + +<p>»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte +sich Olivia mit leiser Stimme.</p> + +<p>»Er liegt in Zawadow bei Strji.«</p> + +<p>»Verwundet?«</p> + +<p>»Schwer verwundet; so schwer, daß man +... daß man seinen Tod wünschen muß.«</p> + +<p>Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen +sagte sie, kaum hörbar: »Ich danke +Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst +geleistet.«</p> + +<p>Ihr Entschluß war gefaßt.</p> + + +<p class="newsection">Sie stand vor Robert Lamm in derselben +Haltung wie vor dem Offizier. »Ich +muß so schnell wie möglich nach Galizien, +Robert,« sagte sie; »sei mir behilflich, daß +ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«</p> + +<p>»Was willst du denn in Galizien tun?« +fragte er.</p> + +<p>Sie antwortete: »Ich muß zu Georg +Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in +einem Feldspital.«</p> + +<p>Lamm ging, an ihr vorüber, auf und +ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich werde +die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach +einer Weile: »Wäre es dir lästig, wenn +ich dich begleiten würde? Du brauchst auf +dieser Reise einen Schutz.«</p> + +<p>Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, +bot sie ihm die Hand. Er starrte +darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen +uns beiden steht das Schicksal in +seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns +beiden ist nichts Trennendes mehr,« sagte +sie mit schönem Lächeln und legte auch die +linke Hand in seine.</p> + +<p>Ungläubig hob er die Augen. Es gibt +ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu spät, +Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin +ein gar zu irdischer Mensch. Die Sorte +geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. +Aber ich habe nun wenigstens die +Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes +Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei +liegt eine höhere Vernunft.«</p> + +<p>Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf +an seine Schulter.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>»Es ist möglich gewesen, das genügt +mir,« fuhr er fort. »Die Verwirklichung +wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich +eine Form geschaffen, die für meines zu +weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen, +steht nicht in deiner Macht. Wie sollten +wir zu einer Gemeinsamkeit gelangen? Du +kommst im rechten Augenblick; vielleicht +hätt’ ich mich sonst vollends zerfleischt. +Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten, +das kann ich; dich für mich behalten darf +ich nicht.«</p> + +<p>Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; +ich will es sein.«</p> + +<p>Lamm nahm ihren Kopf zwischen die +Hände und küßte sie auf die Stirn. »Was +hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« +fragte er. »Warum diese Reise? Was +suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben +oder sein Tod, dir, – die durch das +Sterben der Menschen geht wie durch einen +Garten im November?«</p> + +<p>»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte +Olivia, »ich <em class="gesperrt">muß</em> es eben tun.«</p> + +<p>»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte +Lamm; »du willst dich mit diesem Schritt +von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas +von dir, ein Pfand, das du auslösen möchtest. +Wenn du zu mir gehst, schlägst du das +Tor der Vergangenheit hinter dir zu, und du +willst nicht, daß einer, ob es auch bloß ein +Schatten ist, draußen steht und nach dir +ruft.«</p> + +<p>Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen +und schwieg.</p> + +<p>»Wir können aber ohne Vergangenheit +nicht in die Zukunft hinaus,« begann Lamm +wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. +Gräber der Liebe machen neue Liebe +fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man +an Liebe ist. Du, Olivia, hast tausendfache +Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal +hast du Georg Ingbert schon begraben.«</p> + +<p>»Und doch muß ich zu ihm –«</p> + +<p>»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. +»Eine Fahrt über lauter Gräber. Zwischen +dir und ihm – Gräber; zwischen dir und +mir – Gräber. Millionen von Verbluteten +und Hingeschlachteten zwischen uns.«</p> + +<p>»Man möchte auf einen andern Stern +fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen +göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir +Narren und Verbrecher.«</p> + +<p>»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, +aber das Leben ist unendlich. Die wir begraben +haben, die tragen uns; warum sie +vernichtet worden sind, ist nicht zu erforschen. +Zu fühlen ist es, glauben muß man; +kann man das nicht, dann ist es freilich +zum Verrücktwerden.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Was</em> fühlen? <em class="gesperrt">Was</em> glauben?« brach +Olivia leidenschaftlich aus.</p> + +<p>»Die höhere Ordnung, Olivia. Du +warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja, +ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker +von achtundvierzig Jahren, der Gewohnheitsleugner, +der Mann ohne Ideal. +Gott! Es bleibt nichts andres übrig. Gott +will, und wir tun. Gott düngt, und wir +wachsen. Gott pflügt, und wir werden +als Unkraut ausgejätet oder als Samen +in die Furchen gestreut. Was ist dein +Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? +In ferner Zukunft verleiht es vielleicht +einmal einer Kreatur, an deren Existenz +wir einen sehr entfernten Anteil haben, +den geheimnisvollen Nerv zu einer Tat. +Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. +Und hilfst du dir, ich meine dem Gott in +dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«</p> + +<p>»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: +»Du? Das alles ginge mir stärker ans +Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«</p> + +<p>Lamm blickte mit zusammengezogenen +Brauen starr ins Weite. Er antwortete: +»Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal +in einen herabgedrückten Zustand des +Lebens finden muß, wäre es wünschenswert, +wenn jedermann eine Prüfung seiner +inneren Bestände vornehmen wollte. Der +Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter +wird sich hernach deutlich abscheiden. +Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß +ich nicht. Ich will’s versuchen.«</p> + +<p>»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden +Augen. »Doch warum zögerst du?«</p> + +<p>»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast +mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er wandte +sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur +in Worte fassen, was du mir bist.«</p> + +<p>»Robert!«</p> + +<p>Jäh fuhr er herum und zog sie in die +Arme. Sie aber befreite sich sanft und +verließ ihn.</p> + + +<p class="newsection">Um sich zu sammeln, ging sie in den +Garten. Es war hell, der Mondschein einer<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span> +Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. +In den Baracken waren schon die Lichter +ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser +saß ein Soldat und starrte in den Himmel. +Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so +viele, daß sie den Schritt dämpften. Alles +in der Natur atmete Frieden, alles sprach +von Auferstehung und Erneuerung.</p> + +<p>Olivia brach einen Zweig von einem +Apfelbaum, roch daran und ging sinnend +weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte +sie sich plötzlich und betrachtete den Zweig +mit Abscheu. Aus den weißen Blüten +grinste ihr der Tod entgegen.</p> + +<p>Sie erschauderte. Die ganze Welt schien +ihr wie auf eine Wand gemalt, fremd wie +der Tod.</p> + + +<p class="newsection">Erst am dritten Tage konnten sie reisen.</p> + +<p>Es war eine sonderbare Fahrt. Robert +Lamm, lebhaft und aufgeräumt, erzählte +viel und war stets um Olivia bemüht. +Junge Offiziere saßen im Wagen, die dem +schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht +eine teilnahmvolle Neugier bezeigten. +Auf den Bahnhöfen gab es lange +Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes +Treiben. Verwundete Soldaten +lagerten in malerischen Gruppen; +Flüchtlinge jeden Alters und Standes +drängten sich um aufgeregt gestikulierende +Beamte; Munitions-, Proviant-, Spitals- +und Mannschaftszüge versperrten die Geleise +oder fuhren vor; der einzelne Mensch +hatte weder Wichtigkeit noch Stimme, +alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen +von der Masse, anscheinend ordnungslos, +und doch von einer gewaltigen +und besonnenen Kraft regiert.</p> + +<p>»Und das alles für eine Einbildung von +Feindschaft,« sagte Lamm leise zu Olivia; +»wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo +der von dem Slowenen, der da am Pfeiler +lehnt oder von der eleganten Dame dort, +die wahrscheinlich bei der Flucht auf einem +Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? +Wo ist der Feind? Jeder ist mein Feind, +jeder andere Mensch, und jeder ist mein +Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, +wogegen rasen die Völker? Sie +wissen es nicht. Es ist aber das Blut, +der Wille der Generationen, die nach ihnen +kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, +den wir nicht einmal träumen können, und +doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie +wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht +können sie uns nicht geben, nur das +Feuer und die Brunst, die zur Zeugung +gehören. Zeugung aber ist eine Angelegenheit +des Rausches, sie hat Züge von Mordlust +und Grausamkeit und stößt die Seele +ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«</p> + +<p>»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; +»ich mag’s nicht, wenn Gedanken +so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh +doch lieber, gesteh es endlich, daß du dich +getäuscht hast, wenn du mir immer unser +Land als reif zum Untergange geschildert +hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet +wie ein Besessener, und gegen dich selber +auch. Gesteh doch, daß wir nicht zuschanden +geworden sind vor dir und daß du das +Henkerbeil umsonst gewetzt hast. Schau’ in +die Gesichter, in welches du willst; ist nicht +in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein +werkfreudiges Gefühl, und sogar die +Widerstrebenden können sich nicht entziehen. +Sag’s ihnen doch, daß sie deiner nicht so +ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne +bist du ihnen schuldig.« Es klang wie +Spott eines Cherubs. Lamm errötete.</p> + +<p>In einer Station nach Krakau stieg ein +dicker, kleiner Herr von etwa fünfzig Jahren +ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen +auf einem mächtigen Schädel und +sah einem Negerhäuptling in europäischen +Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und +sie begrüßten einander. Es war Exzellenz +Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch +seine Gaben zu großen Leistungen befähigt, +hatte er sich doch wider die Ränke +seiner Gegner nicht zu behaupten vermocht. +In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen, +waren die Wogen des Liberalismus hoch +gegangen und hatten den starren Theoretiker +und römisch angehauchten Frondeur +über Bord des Staatsschiffes gespült. Jetzt +hatte man sich der lenkenden Erfahrung +erinnert, die er besonders in den schwierigen +nationalen und wirtschaftlichen Problemen +der eben befreiten Nordprovinz stets erwiesen, +und hatte ihn aus dem Dunkel eines +Pensionisten-Daseins mitten in den Tumult +der Weltbühne gerufen. Er war auf dem +Weg ins Hauptquartier, wo er Beratungen +wegen einer neu einzusetzenden Verwaltungsbehörde +pflegen sollte.</p> + +<p>So erzählte er Lamm und Olivia, mit<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span> +der er alsbald bekannt wurde. Er hatte +eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem +er bissig war wie ein Kettenhund. Die +Hand auf Lamms Knie legend, sagte er +zärtlich und strafend: »Sie, lieber Hofrat, +sähe ich nicht ungern unter meinen Helfern. +Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie +nichts. Mit den Prätorianern haben wir +aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh +ins Ausgeding begeben. Aber Sie waren +unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf +Filzschuhen darf man nicht aus unseren +Ämtern schleichen. Wenn schon Skandal, +dann mit großem Orchester. Ich habe bereits +an Sie gedacht, denn ich bin mit der +Laterne auf der Menschensuche. Werden +Sie mich für einen Fanfaron halten, wenn +ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann +an die rechte Stelle bringen wird? Das Land +schwitzt seine ungesunden Stoffe aus; Blut, +Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. +Kommen Sie gleich mit mir, wenn +es irgend angeht; ich habe ausreichende +Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die +Flügel dehnen. Mit den alten unbezahlten +Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen +Sie sich und geben Sie neuen Kredit.«</p> + +<p>Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete +zaudernd und unbestimmt; das +Anerbieten war zu überraschend, und sein +Mißtrauen gegen die Regierenden war zu +tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht +gelten lassen. Da er bemerkte, daß Olivia +begierig zuhörte und Lamms Erwiderung +mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte +er das nahe Verhältnis zwischen den beiden +und wandte sich geschmeidig an sie. Sie +gab ihm in jedem Punkte recht, auch darin, +daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben +dürfe. In die Enge getrieben, erklärte +Lamm, daß er nicht gewohnt sei, +wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu +fassen, auch könne er nicht zugeben, daß +Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet +und nahe an die Front allein fortsetze. +Olivia widersprach dem, und Exzellenz +Häfner sagte, er treffe in Tarnow zwei +hohe Offiziere, die im Automobil zum San +führen und dem Fräulein sicherlich einen +Platz im Wagen gewähren würden. Ohnehin +mußte man in Tarnow übernachten. +Lamm bat sich Bedenkzeit bis zum nächsten +Morgen aus.</p> + +<p>Er saß mit Olivia in einem trübseligen +Gasthauszimmer. Die Exzellenz war fortgegangen, +um die Offiziere aufzuspüren, +die Olivia mitnehmen sollten. Unablässig +polterten Fuhrwerke über das holprige +Pflaster draußen, und das Geschrei der +kutschierenden Bauern und Soldaten erfüllte +die Nacht. An den Nebentischen saßen +Juden, die sich in ihrem unverständlichen +Jargon leise unterhielten.</p> + +<p>»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein +Schwanken für mich,« sagte Lamm. »Ich +weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. +Schon um deinetwillen nicht. Ich hab’ dir’s +ja auch gelobt.«</p> + +<p>»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, +wenn mir deine Angst Ketten um die Füße +legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, +Angst um einen Menschen! Ich kenn’ dich +nicht mehr!«</p> + +<p>»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; +mich dünkt, es ist ein Ende. Ich spür’s in +allen Nerven, und mir ist so unheimlich +wie manchen Leuten, die den Blitz fühlen, +bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die +Welt braust und brüllt! Die Menschen +sind so armselig und so furchtbar. Dessen +bleib eingedenk, daß ich um dich gedient +habe, länger als Jakob um Rahel, viel +länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen, +derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, +und ich hab’ nicht begreifen wollen, +warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist +die Siegerin, aber nicht bloß über mich, +über uns alle, auch über die Sieger, und +dich für meine Person zu beanspruchen, +wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond +in mein Zimmer hängen, daß er mir zum +Schreiben leuchte. Ich hab’ eine Erscheinung +gehabt, weiter nichts.«</p> + +<p>»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es +nicht ertragen konnte, wenn man sie pries. +»Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles +ist, was man tut, im Vergleich zu dem, was +ungetan bleibt?«</p> + +<p>»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt +im Geiste. Der Geist kann heilig werden, +trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich +habe an den Heiligen Geist glauben gelernt, +und damit allerdings steh’ ich wieder +am Anfang.«</p> + +<p>Er verstummte. Olivia sah ihn an und +hielt ihn im Blick ihres groß aufgeschlagenen +Auges.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span></p> +<p class="newsection">Exzellenz Häfner kam etwas verlegen +zurück. Er habe die beiden Herren gefunden, +berichtete er, aber das Unangenehme sei, +daß sie noch in der Nacht fahren müßten. +Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, +die anstrengende Reise schon in einer +Stunde fortzusetzen, habe er nicht gewagt +zu entscheiden.</p> + +<p>Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, +wenn sie rasch ans Ziel komme. Lamm +widersprach nicht.</p> + +<p>Sie nahmen hastig einen Imbiß auf +schmutzigen Tellern, dann ging Olivia auf +ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. +Lamm folgte ihr nach einer Weile; als er +in die elende Kammer trat, die von einer +einzigen Kerze erhellt wurde, war sie schon +fertig. Sie stand hochaufgerichtet am +schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur +Seite geneigt, die Schultern, nach ihrer +Art, zurückgebogen, die Arme lässig im +Fall. Ihr Gesicht hatte einen verlorenen +Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich +selbst ruhend gesehen.</p> + +<p>Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia +lächelte; als sie ihn wieder küßte, waren +ihre Augen feucht.</p> + +<p>Er ergriff das Täschchen, und sie verließen +den Raum. Unten wartete die +Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins +zu führen. Schweigend gingen sie +durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz +neben einer Scheune stand der Kraftwagen. +Die Vorstellung war schnell erledigt, Olivia +stieg ein, der Motor begann zu schnurren; +»leb’ wohl, Robert,« rief Olivia, +dann winkte sie noch einmal, und der Wagen +fuhr davon.</p> + +<p>»Kommen Sie, Freund, wir haben nur +noch vier Stunden zum Schlafen,« sagte +die Exzellenz und schob den Arm in den +Robert Lamms.</p> + +<p>Für Robert Lamm gab es aber keinen +Schlaf. Er verließ die zugige Kammer +wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und +ging auf die Gasse.</p> + +<p>Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins +Gesicht, die Häuser, an denen er vorüberging, +waren schwarz, viele sahen wie seit +langer Zeit verlassen aus. Er schritt an einem +Zaun hin und spähte bisweilen in die +Ebene oder in den Himmel. Die Zaunpfähle +neben ihm, in endloser Folge, das +brachte ein eigentümliches Gefühl von +Rhythmik in seinem Innern hervor, und +vielleicht war dies die Ursache, daß seine +Gedanken immer bewegter, immer stürmischer +wurden.</p> + +<p>Der Marschschritt einer Kolonne wurde +hörbar und kam näher. Es waren deutsche +Soldaten, eine große Abteilung; der Zug +wollte gar kein Ende nehmen. Lamm konnte +die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, +doch die Entschlossenheit und der unabänderliche +Gleichklang ihres Schrittes +machten einen tiefen Eindruck auf ihn. +Als sie vorüber waren, blieb er stehen und +schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ +dachte er und zog die Stirn in Falten, ›da +gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung +und in ihrem Schritt, als rechneten sie gar +nicht mit der Rückkehr. Ob nicht ein einziger +unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? +Vielleicht doch. Aber es kommt nicht darauf +an. Es kommt auf keinen einzelnen an, +auf den Willigen nicht und auf den Rebellen +nicht. Was liegt am Müller und am +Schmied und am Fuhrknecht und am +Schreiber und an all den Strebern und +Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern +und Staatsdienern, die dort draußen +auf dem Schlachtfeld fallen werden, was +liegt an ihnen? Es wird immer wieder +Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber +und Verliebte und Familienväter geben. +Was brächten sie vor sich, wenn ihnen +dies Schicksal erspart bliebe? Es kommt +auf sie nicht an. Auch auf mich kommt es +nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹</p> + +<p>Er ging ein Stück, in der Richtung +gegen die Stadt zurück, und nach einer +Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« +redete er nun laut vor sich hin, »doch ist +der Mensch etwas Köstliches; man muß +ihn bloß anschauen und begreifen können. +Viele können es nicht. Diese Gestalt, das +Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die +meisten spüren nicht den Menschen. Auch +ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich +habe so hingelebt, das ist alles; habe mich +geärgert, habe gezankt, gefeilscht, geredet, +aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ +ich nicht.« Und im Weitergehen wiederholte +er noch ein paar mal die Worte: +»Nein, das hab’ ich nicht.«</p> + +<p>Da kam er an ein Haus, das ohne +Türen und ohne Fenster war. Auch das +Dach war zum Teil weggerissen, so daß<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span> +der Himmel in die öden Räume starrte. +Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier +über die Ruine schweifen und wollte seinen +Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches +Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte +den Laut deutlicher. Es klang wie das +Weinen eines kleinen Kindes.</p> + +<p>Nun trat er in das Haus, zündete seine +elektrische Taschenlampe an und ging von +Stube zu Stube. In der letzten Stube +sah er einen Säugling auf schmutzigen +Lumpen liegen, halb nackt und nur noch +matt schreiend. Lamm rief. Er glaubte +die Mutter oder sonstige Angehörige in +der Nähe. Aber niemand antwortete; +niemand war zu sehen. Der Säugling war +völlig verlassen, fror und hatte Hunger.</p> + +<p>Lamm nahm das Kind auf seine Arme +und trug es hinaus. Er rief noch einmal; +umsonst. Da trug er das wimmernde +Kind auf seinen Armen weiter. Sein anfangs +zaudernder Schritt wurde fest und +entschlossen, und alle hadernden Gedanken +in seinem Innern schwiegen still.</p> + +<p>Er hüllte das frierende Kind in seinen +Mantel, und als er die Körperwärme +spürte, kam etwas Freudiges über ihn, +und das lebendige, an ihn geschmiegte +Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer +Weise teuer. ›Ich will es behalten,‹ sagte +er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von +Olivia behalten, und seine Augen sollen +mir leuchten, wenn ich zu den Menschen +gehe und für sie schaffe.‹</p> + + +<p class="newsection">Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, +durch viele Hindernisse verzögerter +Fahrt im Regen kam der Kraftwagen +nach Drohobycz. Hier mußte Olivia +eine andere Gelegenheit suchen, und der +Bemühung des einen Offiziers gelang es, +ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen +zu verschaffen, der nach Zawadow fuhr. +Hatte sie schon die Nacht und den Tag +über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt +wurde es schlimmer; oft konnte der Wagen +kaum vorwärts, so schwierig war es, den +begegnenden Fahrzeugen und marschierenden +Kolonnen auszuweichen. In langen +Reihen schleppten sich Verwundete die +Straßen heran; fern am Horizont umsäumte +den düstern Himmel eine dunkle +Glut. Überall waren Notbrücken, überall +rauchten Trümmer, und der Erdboden +war von tiefen Spalten und Löchern zerrissen.</p> + +<p>Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich +der schüttelnde Wagen in der Nacht +vor einem halbzerschossenen Haus einer +Dorfstraße hielt. Ein freundlicher Korporal +besorgte ihr ein Obdach, irgendwo +in einem Bauernhaus, in dessen Flur sie +über die Leiber schlafender Soldaten steigen +mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag +bildete ihr Lager. Von den Bretterwänden +troff das Wasser, die Luft war +wie in einem Keller, Pferde stampften in +der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte +erschöpft hin, ohne schlafen zu können. +Mit dem Morgengrauen erhob sie sich und +fragte um den Weg nach dem Feldspital, +in welchem sie Ingbert zu finden hoffte.</p> + +<p>Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit +hatte, ihr Rede zu stehen. Ein jüngerer +Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, +daß Leutnant Ingbert tot sei. Gestern +war er begraben worden. Olivia faßte +die Kalkmauer mit den Fingerspitzen der +einen, dann der andern Hand an. Es schien +ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.</p> + +<p>Zu Hunderten kamen blutende Männer +vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den +Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden +geführt. Der Kampf um Strji war +mörderisch. Olivia half verbinden. Hier +roch das Blut der Wunden wilder und +frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte +nahmen einen um den andern vor, hatten +unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder +um Schreien und Stöhnen, noch um +Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam +oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm +froh, der zugriff. Auf dergleichen war sie +nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen +Reihen von Starrenden und mit dem Tode +Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine +Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts +gegessen. Auch fror sie beständig. Ein +junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, +sie konnte nichts anrühren. »Na, +werden Sie uns nur nicht krank,« sagte +einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. +Sein Leinwandkittel war von oben +bis unten mit Blut bespritzt.</p> + +<p>›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine +Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh sie +aus dem Raum, drängte sich durch die +Verwundeten und fragte einen Oberleutnant,<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span> +wo die gestern Begrabenen lägen. +Der Offizier zog die Stirne kraus; die betreffende +Stelle sei seit einigen Stunden +gefährdet, antwortete er. Sie sagte gepreßt, +wessen Grab es sei, das sie aufsuchen +wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der +Offizier, »ein lieber Kamerad. Schade +um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen +Blick auf Olivia und erklärte sich bereit, +sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm +zu danken. Sie hatte keinen Dank mehr +in sich.</p> + +<p>Sie gingen über einen kotigen Feldweg. +Bisweilen spritzte die Erde auf, als ob in +ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie +schießen,« bemerkte der Offizier, nach einem +Wald in der Ferne deutend und zündete +sich eine Zigarette an.</p> + +<p>Auf einer Wölbung des Geländes sah +man unzählige kleine Holzkreuze. Der +Offizier schritt eine Weile an der vordersten +Reihe entlang, blieb bei einem stehen und +sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er +und entfernte sich.</p> + +<p>›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum +eigentlich? Und warum die andern, Unzähligen, +warum?‹ Sie erinnerte sich der +Anmut und Zartheit des Freundes, seiner +Wärme und schweigsamen Liebe, und +dachte: ›Warum nur, warum?‹</p> + +<p>Sie ging weiter, ohne auf Weg und +Richtung zu achten. Immer noch fiel +Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden +Wolkenhimmel malten sich feurige +Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen +weit drüben in der Luft, bisweilen ertönte +ein Krachen, als wolle der Weltkörper +zerreißen. Zur Rechten wich mannshohes +Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt +gewesen war, und nun gewahrte sie ein +brennendes Dorf in der Ebene, weit drüben, +und sie wanderte darauf zu. Sie holte +ein Wägelchen ein, das von einem müden, +klapperdürren Gaul gezogen und von einer +alten Bäuerin gefahren wurde. Fünf oder +sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben +und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht +mehr weiter, und die alte Bäuerin schimpfte +bald, bald flehte sie. Eines der Kinder +erwachte, und als es des Brandes ansichtig +wurde, stieß es einen gellenden +Schrei aus.</p> + +<p>Plötzlich flammte in einer Entfernung +von kaum zweihundert Schritt ebenfalls +ein Gebäude auf. Man sah nun, daß +dort ein Dorf lag. Die Dächer der übrigen +Hütten fingen im Zeitraum von wenigen +Minuten Feuer. Olivia blieb stehen.</p> + +<p>Männer und Weiber stürzten ins Freie; +die vergrämten Gesichter waren grell vom +Feuer beschienen. Aus der Menge aber +löste sich eine auffallende Erscheinung; ein +einfacher russischer Soldat, jedoch ein Riese +von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich +über Vierzig, trug keine Kopfbedeckung, +und seine schwarzen Haare flatterten struppig +um Stirn und Schläfen. Er ging langsam, +mit wagrecht vorgestreckten Armen, +und man sah an seinem Gang, daß er +blind war.</p> + +<p>Doch schwankte er nur wenig; er ging +dicht an den brennenden Häusern entlang, +immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. +Die Funken prasselten um seinen Kopf, +brennende Balken fielen dicht neben ihm +nieder, aber durch keine Miene verriet er +Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck +war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber +und ihre Kinder ihm alsbald in Scharen +folgten und sich dicht an ihn drängten, +als ob sie in seiner Nähe gefeit wären.</p> + +<p>Olivia blickte rundum: die nasse Erde +rot, der sternenlose Himmel rot, und zwischen +Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, +brüllendes Vieh, winselnde +Hunde und verzweifelte Menschen. Es +wollte ihr scheinen, als käme der blinde +Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu +bringen, und je deutlicher sie sein Gesicht +sehen konnte, je mehr wunderte sie sich +über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe +darin. Gefährdeter konnte kein Mensch +sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete +ihm die Gefahr? Was galt ihm diese +Stunde und die nächste? Obgleich in +Olivia ein rätselhafter Wunsch war, daß +er sie sehen möge, ein rätselhaftes Bedauern, +daß er sie nicht mehr sehen konnte, +war es ihr doch klar, daß nach allem, was +er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu +preisen sei, daß er nichts mehr von ihr sah.</p> + +<p>Sie wanderte den Weg zurück, verirrte +sich jedoch. Ihre Erschöpfung wuchs, und +sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß +sie krank war.</p> + +<p>Patrouillen begegneten ihr und riefen +ihr etwas zu. Sie verstand nicht und antwortete +nicht. Auf einem umgehauenen<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span> +Baumstamm rastete sie eine Weile, dann +schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. +Sie kam zu einem offenen Parktor, ging +hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das +leer war. Durch die Baumwipfel sah sie +die Umrisse eines großen Gebäudes.</p> + +<p>Die Beine versagten den Dienst; sie +schlüpfte in das Schilderhaus, kauerte sich +nieder und hüllte sich fester in den nassen +Mantel. Ein schlafähnlicher Zustand machte +sie bewußtlos.</p> + +<p>Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. +Sie raffte alle Kräfte zusammen und trat +ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen +Augen ein unvermuteter Anblick. Fahler +Frühsonnenschein war durch die Nebel gebrochen +und fiel auf unzählige Beete und +Sträucher voller Rosen. Lauter Rosen, +über die ganze Fläche des Parks, in allen +Farben der Gattung, soweit der Blick +reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben, +zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. +Sie trat zum nächsten Strauch; die Freude +an den Blumen, erst wie eine überwältigende +Erinnerung, verdrängte jedes andere +Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem +Verlangen. Voller Hast, ja fast +gierig brach sie einige Rosen ab, ohne darauf +zu achten, daß sie sich an den Dornen +die Hände blutig riß.</p> + +<p>Aber da ihr schwindelte und alles um +sie zu tanzen begann, schritt sie dem Hause +zu und trat in die Vorhalle. Es war eine +geräumige Baulichkeit, einer der vielen +adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein +Mensch war zu sehen. Die Türen der +Zimmer standen offen, und überall zeigten +sich die Spuren böswilliger Zerstörung. +Die Gläser der Spiegel lagen in Scherben +auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, +das Porzellan zerschmettert, die Bücher +aus den Regalen geschleudert und zerfetzt, +die Bilder zerschnitten, die Wände +mit Unrat beschmiert. Hier mochte sie nicht +bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, +stieg sie die Treppe hinauf. Sie rief, doch +niemand antwortete. Da, als sie in einen +Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte +sie endlich einen Menschen. In der Mitte +des sonst völlig leeren Raumes stand ein +Sarg, darin lag ein Greis mit langem, +weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber +ruhte auf seiner Brust, und an den vier +Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. +Daneben aber saß ein Knabe von etwa +vierzehn Jahren; er hatte tiefschwarze +Haare, die über die blassen Wangen fielen; +seine Augen waren traurig und voll Angst.</p> + +<p>Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er +erhob sich und redete sie polnisch an. Olivia +verstand die Sprache nicht; da sie +sich aber hinschwinden fühlte, machte +sie eine bittende Gebärde und preßte die +linke Hand gegen ihre Brust, in der der +Atem flog. Der Knabe sah sie an und begriff; +ihn hatte der Krieg frühzeitig über +menschliches Leiden unterrichtet. Auf den +Zehen, als könne der tote Mann noch gestört +werden, ging er zu einer Tür, die er +öffnete und wies auf ein Bett, das dort im +Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß +es das Schlafgemach einer Frau gewesen +war; auf den Lehnen der Stühle hingen +Frauenkleider, in einer Ecke standen Frauenschuhe; +sonst deutete manches auf eine eilige +Flucht hin.</p> + +<p>Olivia schloß die Tür, als sie drinnen +war, riß ihre nassen Gewänder vom Körper, +stürzte förmlich in das Bett, wühlte +die zitternden Glieder in die Kissen, richtete +sich noch einmal auf und griff nach +den Rosen, dann rang sie seufzend die +Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, +und freute sich darauf, nicht mehr +denken und fürchten zu müssen.</p> + +<p>Nach einer Weile klopfte es an der Tür, +der Knabe trat lautlos ein. Unschlüssig +stand er zu Füßen des Lagers und schaute +auf die Kranke, deren Wangen sich mit +Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; +ihre Gegenwart erregte scheue Neugier in +ihm, ihr Zustand stimmte ihn mitleidig. +Abermals sagte er etwas in polnischer +Sprache. Olivia riß entsetzt die Augen +auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die +Rosen!« und preßte die drei Rosen, die sie +krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren +Mund.</p> + +<p>Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich +hatten Rosen in seinem bisherigen +Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie +mußten ein Ziel eigensinniger Liebhaberei +gewesen sein, vielleicht des toten Greises, +der draußen im Sarg lag; nicht bloß die +Kultur des Parks lenkte darauf hin, sondern +auch die zerstörten Gemälde, auf denen +fast ausschließlich Rosen dargestellt +waren. Und da Olivia ihren Fieberruf<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span> +wiederholte und immer wieder ekstatisch +die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte, +glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie +aus irgendeinem Grund, den er nur noch +nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, +und nach einigen Minuten schon kehrte +er zurück, beide Hände voller Rosen, und +warf sie auf das Bett.</p> + +<p>Als er vernahm, daß die Fiebernde sich +beruhigte, war er auch gewiß, das Rechte +getroffen zu haben. Er ging noch einmal, +dann ein drittes und viertes Mal. Schließlich +hatte er so viele Rosen heraufgebracht, +daß sie von der Bettdecke auf den Boden +fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer +und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. +Danach ging er zu dem Toten +hinaus, kam wieder zurück, lief zum +fünften Male in den Garten und brachte +wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und +lächelte zufrieden, als er sah, daß die unbekannte +Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen +Haaren einen rührenden Eindruck auf +ihn machte, nun stille war und die Augen +geschlossen hatte.</p> + +<p>Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während +sie schlief, wurde ihr Gesicht erst bleich +und immer bleicher; von einem gewissen +Punkt an kehrte aber die Farbe des Lebens +zurück, als ob ein Traum von glücklicher +und tätiger Zukunft die Seele jäh berührt +hätte. Dieser Traum erzeugte ein Lächeln; +das Lächeln schien das Blut, das schon +verblaßte, neu zu röten. Verwandlung +war in ihr; über ihr Verheißung eines +Geistes aus verwandelter Welt.</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen +& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, +September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_2">S. 002</a>: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen.</li> +<li><a href="#Page_3">S. 003</a>: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, → hatte.</li> +<li><a href="#Page_17">S. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit → ohnehin</li> +<li><a href="#Page_167">S. 167</a>: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_168">S. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten → geheilten</li> +<li><a href="#Page_172">S. 172</a>: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn → brannte ihm</li> +<li><a href="#Page_173">S. 173</a>: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, → Unterfangen ist,</li> +<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: die Bestürzung in ihrem Gedicht → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_182">S. 182</a>: Er war rührend und unheimlich. → Es</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been transcribed from the first +publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”, +XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The page numbers +jump according to the distribution of the story onto the three issues of the monthly +periodical. The table below lists all corrections applied to the original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_2">p. 002</a>: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen.</li> +<li><a href="#Page_3">p. 003</a>: [corrected period] über ihn erholt hatte, → hatte.</li> +<li><a href="#Page_17">p. 017</a>: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit → ohnehin</li> +<li><a href="#Page_167">p. 167</a>: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_168">p. 168</a>: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten → geheilten</li> +<li><a href="#Page_172">p. 172</a>: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn → brannte ihm</li> +<li><a href="#Page_173">p. 173</a>: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, → Unterfangen ist,</li> +<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: die Bestürzung in ihrem Gedicht → Gesicht</li> +<li><a href="#Page_182">p. 182</a>: Er war rührend und unheimlich. → Es</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + +***** This file should be named 21860-h.htm or 21860-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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