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+Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Olivia
+ oder
+ Die unsichtbare Lampe
+
+
+ Erzählung
+ von
+
+ Jakob Wassermann
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+Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war
+große Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im
+besten Fluß, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die
+Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Töchterchen des Hauses flüchtig
+gesehen hatte, rühmte dessen besondere Schönheit und Lieblichkeit. Frau
+Khuenbeck lächelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr
+Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, den Hinweis auf die späte Stunde
+ließen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der,
+unschlüssig und wie beschämt, nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen
+sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu
+widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging
+dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der
+zweijährige Ferdinand und die sechsjährige Olivia.
+
+Schon saß Olivia auf dem Schoß des Dienstmädchens, die Augen voll
+Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr
+gekämmt, weiße Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die Beinchen, und so
+trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die
+Gäste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der Überraschung und
+Befriedigung tönte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen
+in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr
+unbegreiflich waren.
+
+Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die
+Gruppe. Er dachte, daß der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten
+werde; da dies aber nicht geschah, rief er plötzlich mit scharfer, ja
+barscher Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm
+wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.«
+
+Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete und trug das Kind schnell hinaus.
+
+Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; sie bewahrte dem, der sie
+gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald
+wußte sie seinen Namen; er hieß Robert Lamm und war damals noch ein
+unbeachteter Beamter im Ministerium.
+
+Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefühl; in Stunden
+kindlicher Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf.
+Er war die Verkörperung einer strengeren Schutzgottheit neben der
+sanften des Vaters.
+
+ * * * * *
+
+Wenn der Professor an seinem Schreibtisch saß, geschah es oft, daß sich
+Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Füßen
+niederließ und in Büchern und in Heften blätterte, die auf dem Boden
+aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er
+die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: »Du bist da, Kind?«
+und lächelte. Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen war, ihn nicht
+zu stören.
+
+Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit
+und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne
+Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so
+nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.
+
+Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im
+Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von
+Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
+verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur
+Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher
+Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der
+Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für
+Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich
+so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte,
+sie zu beruhigen.
+
+Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat
+der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine
+Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und
+schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und
+starb eines plötzlichen Todes.
+
+Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt,
+viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten
+weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch
+verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.
+
+Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte
+ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und
+von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
+von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber
+keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, – so
+lange, bis sie endlich begriff.
+
+ * * * * *
+
+Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt
+verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital
+übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.
+
+Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es
+Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck
+hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands
+Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun
+und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien.
+
+Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn
+zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten
+zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte
+beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer
+Schriftsteller den Ruf einer Autorität.
+
+Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken
+ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich
+eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.
+
+Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose
+und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte
+immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach,
+stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte
+sich an seine Schulter.
+
+Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, wurde er förmlicher. Er hörte
+plötzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er verbeugte sich und
+sagte, wenn sie es ausdrücklich verlange und die gnädige Frau, er
+verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder
+duzen, doch dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie müsse ihn
+dann ebenfalls duzen. »Aber ich habe es ja immer getan!« rief Olivia
+erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der Onkel nicht,« erwiderte er mit
+einer Grimasse, »ich hasse die Onkels.«
+
+So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine
+Förmlichkeit bei, die den Charakter spöttischer Galanterie annahm, als
+ihm manches an Olivias Lebensführung zu mißfallen begann. Sie war so
+eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher versessen, so atemlos tätig, das
+mißfiel ihm; er äußerte sich nicht darüber, er wurde nur immer
+spöttischer und galanter.
+
+Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch saß. Er beugte sich über
+ihre Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte den Kopf, und da ihn
+Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, blätterte, schüttelte
+abermals den Kopf und fragte endlich: »Wie alt bist du denn jetzt?«
+
+»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im
+Lichte der Lampe.
+
+»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« rief der Hofrat aus. Sein
+Gesicht war so traurig, daß Olivia lachen mußte.
+
+»Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt«, mischte sich die Mutter ins
+Gespräch; »Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und
+Klavierspiel und Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.«
+
+So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick für Olivia,
+in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es
+dir nützen, Mädchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote
+Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken?
+
+Wahrscheinlich wußte er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia
+aufwuchs; von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach
+Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mußte sich alles ertrotzen,
+Arbeit und Genuß, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes
+und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolität und der Trägheit.
+Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, so durften sie
+doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen
+Hüter des Herkömmlichen.
+
+Er wußte nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensfülle und
+hoffnungsvolles Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu
+Frau Khuenbeck und war enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins
+Konzert gegangen. »Es ist das zweite in dieser Woche,« sagte Frau
+Khuenbeck; »und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und
+am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich weiß nicht,
+wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.«
+
+»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, und deutete auf einen
+Tennisschläger und ein Paar weiße Schuhe, die auf einem Stuhle lagen.
+
+»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht
+des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht
+Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie
+ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so
+freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«
+
+Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das
+allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich;
+Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen
+zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die
+Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen
+bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein
+unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der
+Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam,
+war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen
+das Gesetz.
+
+Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen
+genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer
+unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das
+Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt
+hatte.
+
+Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den
+beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb
+stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde
+blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie
+hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die
+Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch
+beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt
+als irgendeine zuvor.
+
+Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia
+wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An
+vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen
+er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war
+immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn
+sie ihn einmal des Tages von ferne sah.
+
+Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich
+unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die
+Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von
+da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in
+ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie,
+freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten.
+
+Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie
+besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige
+und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch
+empfänglicher gemacht.
+
+Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf
+und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an
+Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die
+Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was
+im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen
+wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in
+Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen
+Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der
+guten gab.
+
+Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden
+Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die
+Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr
+erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen
+Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper,
+über jedes Ding in ihrer Stube.
+
+ * * * * *
+
+Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim,
+ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen von ernstem Wesen. Mariannes
+Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und
+durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten
+einer der reichsten Männer des Landes.
+
+Olivia kam beinahe täglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum
+geringsten Dienstboten, bewunderten und verwöhnten sie. Wenn der
+Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten über sein
+rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
+mit ihr. Olivia hatte Sympathie für ihn; er schien ein gütiger Vater und
+ein wohlwollender Mensch zu sein.
+
+Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn
+Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu
+einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares
+Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhängnisvoll geworden war. Eduard,
+ohnehin verschlossenen Gemüts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde
+durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an
+der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, daß
+es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierüber war Frau
+von Friesheim sehr unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen
+Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhältnis entstand, legte sie
+ihr nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem gefährlichen Einfluß
+jener Frau zu entziehen.
+
+Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mußte lachen. Auf der anderen
+Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe für sie
+hatte. Marianne nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefaßt;
+Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es
+auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
+sich geltend zu machen, besaß er nicht. Er war im Gegenteil voll
+Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene
+Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Körpers. Wenn
+man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
+verbunden denken.
+
+Während nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender
+Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglück für seine
+Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige
+Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch
+Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah
+er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller
+Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. Er schätzte die Künstler gering; die
+meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia
+solle Marianne dazu bringen, daß sie dem Maler entsage.
+
+Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie sich nicht berechtigt, und als
+seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn
+zu überzeugen, daß man zwei Menschen, die durch Bestimmung
+zusammengeführt worden, nicht voneinander reißen könne, ohne ihren
+Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich in Gründen,
+Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe;
+schließlich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber
+Freude und als vergesse er den ernsthaften Anlaß. Wenn er mit ihr rede,
+bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten,
+dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch dürfe es nicht sein, um
+keinen Preis werde er sich fügen. Olivia schaute ihn an, und als sie
+seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen
+Urteil über ihn ein wenig irre.
+
+Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie
+begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergängen und ermunterte
+Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander
+zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Gröger, Eduards
+Geliebte, und er bat Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. Sie ließ
+sich zu ihr führen, und er merkte ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel.
+Da er sie um Offenheit drängte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr
+unheimlich, sagte sie. »Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich
+machen,« äußerte sie ein anderes Mal zögernd. Eduard war bestürzt und
+kam immer wieder darauf zurück. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie
+hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen
+war, suchte er Olivias Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen und quälte
+Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenkünfte zu
+zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden
+getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards
+Herz sich ihr entschiedener zuwandte.
+
+Nun mußte sie abwehren, und sie tat es begütigend. Es war ihr alles ein
+Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie
+aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. Sie spürte,
+daß sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und daß die andere dabei
+verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie
+suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte
+seinen Rat haben, doch er war zurückhaltend und hörte mit seinem
+reizenden Lächeln zu.
+
+Eines Abends saß sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlägerig,
+Eduard war für ein paar Tage verreist. Sie sprachen über die beiden,
+über die Eltern, über das Leben im Hause; plötzlich sagte Ingbert, der
+Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
+Vergebliches und Künstliches, da er doch genau wisse, daß Marianne ihm
+niemals angehören würde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine
+Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, er beklage sich
+ja nicht, er klage auch nicht an; daß Herr von Friesheim gegen ihn
+eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn
+aufzunehmen; jede äußere Schwierigkeit sei überwindlich. Es liege nicht
+an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit
+steige oder falle sein Stern.
+
+»Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist,« schloß er leise;
+»das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz
+läßt sich verführen, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber
+spricht sie, und man steht sündig da und will doch nicht noch mehr
+sündigen.«
+
+Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an
+Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer
+gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert
+war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen,
+die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne
+preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie
+wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern.
+
+Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete,
+daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und
+Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich
+hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an
+sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia
+gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.
+
+Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde
+mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es
+entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
+Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß
+Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche
+Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen
+und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen
+verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.
+
+Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der
+Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und
+Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in
+jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort
+ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand
+immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden,
+verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz
+nach ihrem Gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren,
+verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem
+Ausflug in die Dolomiten.
+
+An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her
+ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte
+Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen
+Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert;
+ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über
+die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine
+Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit
+Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine
+Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem
+andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche
+reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter
+ausbrachen.
+
+Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
+ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.
+
+Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte,
+schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe
+auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden,
+erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie
+errötete vor Freude.
+
+Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war
+unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch
+jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.
+
+Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier
+saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner
+ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte
+er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie
+zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so
+zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er
+nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie
+kühl.
+
+Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig
+Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische
+Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die
+andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu,
+und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack
+wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr
+die Hand.
+
+Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er
+sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die
+beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den
+Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn
+stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete
+sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach,
+aber er kümmerte sich nicht um sie.
+
+Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen
+gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der
+Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht.
+Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der
+frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter,
+harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende
+den Kopf zurück.
+
+Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den
+Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein
+reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter,
+sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt.
+
+Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die
+gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er
+fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine
+Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut.
+Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum
+Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund
+seiner gestrigen jähen Verstimmung.
+
+Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß
+sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in
+deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des
+Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten
+sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster.
+Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.
+
+Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der
+Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des
+Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die
+Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm
+zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel
+anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch.
+Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung
+verwirken und seinen Namen beflecken.«
+
+Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,«
+begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt
+zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist.
+Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer
+unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein
+Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene
+Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist
+imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben,
+ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht
+vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte
+ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem
+Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen.
+Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil
+sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und
+kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde
+einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den
+Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind,
+er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon
+meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz’ dich wieder an
+seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«
+
+Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal.
+Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich
+einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn
+in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte
+er.
+
+»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.
+
+»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so
+freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott
+soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und
+weil überhaupt alles so famos ist.«
+
+Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.
+
+Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich
+habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich
+ist.«
+
+Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er
+eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem
+Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von
+den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese
+ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des
+Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das
+halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer
+vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße,
+das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch
+unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem
+Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
+oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder
+der Eigennutz, oder der Neid.
+
+Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige
+Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören.
+
+Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch
+Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es
+war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles
+verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
+Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und
+fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders.
+
+An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr
+vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber
+Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine
+Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel
+nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia
+fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu
+verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem
+Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick
+forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich
+zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in
+seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte,
+zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe,
+seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine
+Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm.
+
+Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich
+treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne
+war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren
+ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht
+unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte,
+nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und
+anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein
+Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache
+herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften
+Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter
+darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte,
+was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die
+ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie
+auseinander.
+
+Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
+reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter
+sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr
+geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer
+Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher
+an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte
+die Erinnerung auslöschen mögen.
+
+Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von
+gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht
+zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der
+langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von
+Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus
+unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide
+kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich
+in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und
+übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er
+hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute
+in die Landschaft.
+
+Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte
+die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie
+fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie
+sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier
+darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme
+Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es
+sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer
+Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein
+gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich
+will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd
+hinzu: »Vielleicht brauch’ ich dich.«
+
+Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du – mich?«
+
+»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses
+Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe
+zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit,
+die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich
+kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel
+steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten
+Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das
+begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
+Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht
+geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon
+tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab’ ich mir in den
+Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich
+fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir
+vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb’ wohl, grüß’ mir die
+Mutter.«
+
+Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren
+mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler
+gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr
+plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter
+in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert
+Lamm.
+
+ * * * * *
+
+In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge
+Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner
+Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer
+Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
+was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die
+Erkrankung zur Anzeige gebracht.
+
+Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in
+letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu
+hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der
+Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und
+Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden.
+Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder
+Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete
+die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.
+
+Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung,
+die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort
+befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich
+Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von
+Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung
+machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer
+erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus.
+Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau
+die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine
+Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die
+Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in
+seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September
+wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt.
+
+Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die
+Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens,
+Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der
+Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt,
+und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
+schützen sollte.
+
+Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor
+körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm
+nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten,
+die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war
+ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig
+Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse
+wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er
+mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist
+getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein
+Greis aus.
+
+Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war
+aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu
+beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen,
+wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
+sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in
+die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn
+bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben
+anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der
+ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch
+tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er
+zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
+eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit
+hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet.
+
+Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für
+die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben
+waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die
+Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich
+dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig
+hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen
+Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg
+führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein
+hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen
+durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich
+verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte.
+
+Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die
+Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im
+Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der
+Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag
+hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen
+Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit
+näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich
+alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
+und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann
+zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht
+nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des
+in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann
+zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle
+schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen
+Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und
+feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen
+des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein
+solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das
+Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank
+verdient.
+
+Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte
+auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal
+gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war
+offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige
+Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
+Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte
+wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim.
+Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser
+Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er
+bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an,
+man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder
+beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit,
+dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er
+seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er,
+vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh
+er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch
+jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor
+der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
+treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage
+nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors
+Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche
+Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
+der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus
+wohlerwogenen Gründen zurückweisen.
+
+»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine
+Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die
+Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
+seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.
+
+An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall
+aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor
+die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin
+zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um
+ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und
+vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu
+endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr
+nützen und die Lebenden nur verdrießen würde?
+
+»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit
+funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun,
+wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.«
+
+Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der
+Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts
+anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im
+stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen
+Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn
+würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner
+Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied
+wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den
+Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel
+oder Einwand von oben nicht zu fürchten.
+
+Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder
+gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel
+giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die
+Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen
+aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog
+sich ganz in seine Villa zurück.
+
+Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln
+und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch
+eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume
+enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten
+Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in
+einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener
+Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.
+
+ * * * * *
+
+Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu
+ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf,
+ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie
+sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.
+
+Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es
+von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß
+sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz
+auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie
+wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien
+es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht
+näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine
+Nähe.
+
+Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner
+Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in
+unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem
+Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging
+verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was
+sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie
+zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern.
+
+Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und
+Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin,
+das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf
+das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen
+Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die
+rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines
+Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon
+eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen
+ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia
+noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau
+erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine
+Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das
+Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.
+
+In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken
+hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt.
+Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen
+Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst
+mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie
+waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus
+mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer
+genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
+Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten
+waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine
+Zuversicht nicht heben.
+
+Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann
+auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig,
+Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute
+erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr
+vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum
+zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch
+heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie
+Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt
+zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja,
+hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie
+soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und
+um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte
+langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den
+Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab’ dich ungerecht
+beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun
+ganz kalt und zugeschlossen.
+
+Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin
+abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber.
+Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle
+keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und
+dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte
+sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als
+sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
+blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre
+offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung
+entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln.
+
+Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr
+vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts
+verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und
+besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte
+Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte
+stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm,
+wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm,
+von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage
+später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich
+aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag
+etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging
+zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte
+Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir,
+gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein
+anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über
+ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe
+er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit
+solchen Aufträgen zu verschonen.«
+
+Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr
+er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll’s mit der ganzen
+Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie
+besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist
+alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen,
+werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den
+andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr
+schlechtes Gewissen.«
+
+Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein
+unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er
+riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken
+spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
+seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem
+verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem
+Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes
+Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie
+durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie
+aufgerichtet hatte.
+
+Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht,
+daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß
+zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte
+ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
+ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der
+Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine
+vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich.
+Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst,
+was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über
+diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr
+ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun
+Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich
+verdunkelt.
+
+Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu
+gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld,
+die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um
+Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der
+Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, – zu den
+Menschen, von den Menschen.
+
+Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen
+vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen
+gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit
+ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse
+nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an
+den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?
+
+Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die
+Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die
+Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch
+hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines
+Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen
+Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und
+vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes,
+richtendes Gesicht.
+
+Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr
+Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg,
+der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen
+die Welt zu verlieren.
+
+ * * * * *
+
+Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer
+Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
+Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich
+entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching;
+Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen
+Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur
+Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.
+
+Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden,
+da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm
+und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als
+Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck
+erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle.
+Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar
+Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten
+begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene
+abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
+bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen,
+meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem
+hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
+Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er
+gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes
+Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so
+unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets
+in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und
+ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder
+trocken und hölzern höflich, empfahl.
+
+Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt
+machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber
+zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie
+gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr
+zu enthalten.
+
+Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren
+unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber
+auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen
+natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene
+finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die
+Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte
+fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer
+lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und
+geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können,
+doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in
+die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?
+
+Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen
+sie beschlich.
+
+Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und
+statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte
+beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und
+fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?«
+
+Stumm schaute sie zu Boden.
+
+»Komm morgen,« sagte er befehlend.
+
+Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte
+Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem
+Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg.
+
+ * * * * *
+
+Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener
+Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die
+Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er
+harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.
+
+Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er
+zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der
+junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über
+ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre,
+wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten
+sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung
+als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem
+flüchtigen Genuß zum Opfer falle.
+
+Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag
+gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem
+eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte
+sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein
+passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine
+Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem
+Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten
+sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in
+wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In
+vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause
+ausrichten.
+
+»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst
+kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du’s
+wünschest, richt’ ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und
+träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es
+ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen,
+besser ist’s, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.«
+
+Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie
+seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem
+ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen
+hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen
+abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter
+nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die
+Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab
+es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine
+ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den
+Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer
+verhüllt war.
+
+Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen.
+Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und
+Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht
+zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich
+gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit
+zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in
+bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt;
+die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und
+sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm.
+
+Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich
+bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre
+wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft
+wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften
+lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«
+
+»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht
+wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in
+manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und
+wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein
+ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller
+vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den
+Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul
+zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und
+Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
+Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das
+Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche
+Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein
+Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und
+jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu
+katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine
+Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die
+ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«
+
+Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und
+verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige
+Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut
+der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei
+als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem
+Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem
+Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du
+meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm
+richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, also!«
+– »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er,
+bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild
+unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste,
+ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine
+Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
+Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie
+selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner
+Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines
+Allesiebengradeseinlassens.«
+
+Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich
+reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck
+habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er
+sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den
+Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen.
+Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen,
+wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen,
+daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte
+gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines
+Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der
+klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei
+mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und
+zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit
+alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.
+
+»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah
+wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm.
+»Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht
+heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler.
+Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er
+war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er
+nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium
+wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die
+zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung
+erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die
+Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er
+wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz
+vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von
+den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für
+Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf
+die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als
+er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen.
+Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die
+Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz
+niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an,
+machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir
+bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum
+Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und
+Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden
+ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und
+macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein
+Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und
+Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn’s
+überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur
+Belohnung einen Fußtritt.«
+
+›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll
+war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten,
+Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
+Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich
+einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber
+sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin
+bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und
+spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag.
+
+Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem
+Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich
+auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit
+ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
+nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen.
+
+Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie
+wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken
+der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen
+redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere
+die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral
+gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie
+erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so
+viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht
+wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den
+Tod gejagt habe.
+
+Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der
+wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um
+sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe,
+als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende
+Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften
+Bahn ein Ziel gesetzt.
+
+Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich
+Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun
+und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich
+niedersinken.
+
+ * * * * *
+
+Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam
+er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine
+finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie
+mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen
+Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah,
+erschlaffte jeder Nerv an ihr.
+
+Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners
+war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete
+Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem
+ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines
+wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen
+verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die
+Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners
+Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh.
+Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos
+wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext
+von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte
+still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher.
+Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
+seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas
+schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in
+einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser
+Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.
+
+In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen
+Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er
+dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde
+ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und
+wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie
+erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und
+versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in
+welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei
+ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder
+Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
+dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm.
+Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein
+Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte
+sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert
+in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine
+aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien
+Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
+und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß
+nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«
+
+Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie
+lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort
+mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.
+
+In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein
+Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen
+selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt,
+trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen
+wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen
+Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas
+Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia
+erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das
+Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte
+er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer
+Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam,
+stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares
+Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht!
+hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit
+einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.
+
+Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen
+Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für
+alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner
+Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle
+Bemühungen waren vollkommen vergebens.
+
+Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer
+Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren
+Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht
+beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort
+waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein,
+bevor sie am Tor läutete.
+
+Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war
+in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich
+gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich
+durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter
+brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern,
+sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts
+am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle
+nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu
+bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein
+drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde
+anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange
+strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und
+immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten
+sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der
+drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe
+brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie
+einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und
+die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das
+Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte
+sich.
+
+Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der
+Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie
+wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die
+schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
+weltfern und ohne Freude.
+
+›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne
+Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹
+
+Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In
+zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und
+Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
+vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
+Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien,
+Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen,
+Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller
+Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und
+Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest
+der Natur.
+
+Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und
+suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.
+
+Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ,
+hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen
+Preis dem Rufe folgen und zurückkehren.
+
+Sie kehrte nicht zurück.
+
+ * * * * *
+
+Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen
+Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach
+Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich,
+gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem
+Menschen.
+
+In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe,
+wenn auch ohne Enthusiasmus.
+
+Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer
+Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen
+Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit
+Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß
+ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm
+vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.
+
+Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in
+der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen,
+wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur
+zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.«
+
+Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und
+sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In
+Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht
+ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war,
+bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig,
+Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das
+Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem
+Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme.
+
+Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm,
+wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch
+zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie
+kalt.
+
+Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die
+Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen
+war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt,
+ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien
+gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und
+matt.
+
+Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen
+alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich
+selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen
+sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein
+Sanatorium am Bodensee.
+
+Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war,
+sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle
+ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen
+Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
+November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke
+und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.
+
+Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand
+erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit
+waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen
+pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude
+über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre
+Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.
+
+Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb.
+
+ * * * * *
+
+Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte:
+»Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.«
+
+Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends
+aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war,
+traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß
+dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie
+kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.
+
+In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und
+Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein
+Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im
+Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
+kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde
+bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied
+wurde gesungen.
+
+Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor
+Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war.
+
+Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine
+Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden
+geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen,
+Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer
+selbstischen Pein.
+
+›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die
+Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal
+hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
+von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie
+seine Gewalt.
+
+Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam.
+Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte,
+war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im
+übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl.
+Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann
+sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre
+Einsamkeit zu stören versucht hätte.
+
+Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und
+Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie
+vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein
+Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde.
+
+Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die
+vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr
+verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer
+längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie
+sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu
+fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr
+wirklich so?
+
+Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah
+aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel.
+Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge
+sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm.
+Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in
+die Hand und weinte. Es waren gute Tränen.
+
+Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige
+schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten
+Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den
+Augen, das wie ein Funke herübersprang.
+
+Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den
+Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die
+vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine
+einheitliche Kraft.
+
+In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein;
+sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als
+seufzten die Pflastersteine.
+
+Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen
+Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem
+unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie
+waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die
+Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm
+zum Kerker geworden war.
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie
+ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte,
+konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr
+war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.
+
+So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre
+Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte
+Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo
+zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren
+mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da,
+mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.
+
+Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier?
+Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als
+müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt
+verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
+Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu
+Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«
+
+»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.
+
+Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten
+sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie
+trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die
+Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten
+alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene
+Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen,
+ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!
+
+Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie
+wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern
+an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen
+Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war
+dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie
+von einem Ort der Sünde.
+
+Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du?
+Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie
+wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von
+neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot
+ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht,
+es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur
+eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
+Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was
+sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort
+seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den
+Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie,
+Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.
+
+Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und
+Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.
+
+Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein
+Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen
+unbewohnten Zimmern.
+
+»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf
+Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.
+
+Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile
+gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms
+Villa fahren.
+
+Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob
+der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den
+Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.
+
+ * * * * *
+
+Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des
+jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden,
+schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«
+
+Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der
+schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch
+elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen
+erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah
+und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens,
+in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an
+ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann.
+Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die
+Wucht von Erfrorenem.
+
+Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden
+mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein
+selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?
+
+Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte
+sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte
+haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen
+können.«
+
+»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast
+offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die
+notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?«
+
+Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um
+Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn
+zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein
+Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat
+zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert
+haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus,
+Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so
+doch zum Sterben.«
+
+Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.
+
+»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände
+gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit
+mir und schau’ sie an.«
+
+Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte
+nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht
+geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es
+nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig.
+Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das
+überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben
+an ihre Wichtigkeit haben.«
+
+Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am
+ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,«
+stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte
+sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du
+liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog
+mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte
+finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich
+selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen
+schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief
+suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand
+haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den
+Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In
+leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich,
+öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und
+richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn
+ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte
+sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen
+Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand,
+drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz
+und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei
+allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches,
+daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar
+wurde.
+
+Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter
+Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er
+tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«
+
+Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das
+Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur
+nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand
+läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter,
+noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –«
+
+»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als
+unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir
+die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,«
+warf Olivia ein.
+
+Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
+überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus
+allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«
+
+»Das laß meine Sorge sein.«
+
+»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«
+
+»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch
+andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel
+entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der
+jetzt nicht hilft.«
+
+Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich
+an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach
+einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden.
+Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach
+deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes
+Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung
+mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig
+machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist
+wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
+meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da,
+für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die
+Zeit nicht.«
+
+Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und
+drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug
+hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.
+
+ * * * * *
+
+Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.
+
+Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt
+halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in
+das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen
+Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein
+durfte.
+
+Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken
+sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.
+
+Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die
+Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.
+
+Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen
+ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch
+unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend
+blaue Himmel trat hervor.
+
+In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er
+merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem
+Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen.
+Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er
+legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die
+Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte,
+nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß
+es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die
+Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.
+
+Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine
+Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.
+
+Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das
+Gebirge.
+
+Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich
+abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die
+Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern,
+die im Feuer glühen.
+
+Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die
+Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften
+Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er
+aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes
+Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich
+eine herzlose, fanatische Schadenfreude.
+
+Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der
+Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene
+hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege
+hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte
+der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«
+
+Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt
+kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er
+den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken
+anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es
+ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er
+mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus,
+viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm
+zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen
+Pranken hielt.
+
+Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins
+Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd
+und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin
+zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit
+dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den
+Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die
+Finsternis.
+
+Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren
+und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und
+verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper
+und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach
+der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein
+Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die
+geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er
+wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und
+Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute
+mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten
+etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch
+erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen
+des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der
+Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein
+Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die
+Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr
+ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen.
+Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem
+Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die
+Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen.
+Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen
+vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob
+sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht
+für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die
+Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen.
+Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
+geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er
+des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie
+schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand,
+und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die
+Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.
+
+In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich
+ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie
+lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen,
+den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie
+darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges
+in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein
+wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war
+eine andere, unheilvoll verwandelt.
+
+»Olivia,« murmelte er vor sich hin.
+
+Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin
+und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem
+Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und
+schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er
+herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
+verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf
+einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei
+ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden
+und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich
+packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht
+hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf
+den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
+ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein
+Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken
+war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus
+der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin
+er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von
+Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen
+hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die
+schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser
+fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu
+unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder
+sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
+und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze,
+ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.
+
+Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es
+Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber
+bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen
+mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend
+abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten
+sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den
+ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.
+
+Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm
+gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während
+sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er
+die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam
+unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und
+könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.
+
+Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr
+er in die Stadt.
+
+Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem
+Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen.
+Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte.
+Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den
+Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.
+
+Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war,
+schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter
+Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und
+verlor den Zusammenhang.
+
+Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die
+Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit
+gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag
+eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises
+nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er
+trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets
+aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine
+Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein
+Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend
+gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.
+
+Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des
+Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie.
+Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt,
+ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen
+fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das
+Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden
+war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen,
+sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man
+immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.
+
+Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa
+sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als
+öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein
+Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen
+Ort.
+
+Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit
+Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu,
+der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf
+und ließ den Verdutzten stehen.
+
+In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in
+einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er
+eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten
+ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder
+aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein
+müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen.
+Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das
+Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle
+Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich
+nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand,
+erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten,
+erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die
+Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte
+Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die
+sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten
+Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig
+blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die
+Faust und lächelte düster.
+
+Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während
+seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu
+spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte
+mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er
+in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung
+steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.
+
+Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und
+Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen
+brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt,
+die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben
+stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und
+einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine
+eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein
+Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging,
+stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
+daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend
+aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen
+Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
+warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und
+an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die
+letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der
+Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben;
+er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein
+Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht
+eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit
+dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht
+über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie
+sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer
+Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er
+zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg
+versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach
+eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem
+dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem
+Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die
+Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er
+sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte
+wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher,
+wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug,
+ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa
+anlangte.
+
+Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und
+aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster
+waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es
+war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein
+Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der
+Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm
+entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
+gelehrt hatte!
+
+Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen
+Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die
+Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte
+noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von
+Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
+Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und
+Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des
+Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt,
+die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht
+habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung
+entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten
+für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und
+erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit,
+das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen
+verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen
+seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber
+nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde
+des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß
+Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst
+täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen.
+Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
+Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei
+ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem
+Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er
+hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem
+Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue
+Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei
+Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.
+
+Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.
+
+Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park
+gebaut werden.«
+
+Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was
+dreinzureden, dünkt mich!«
+
+»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.
+
+Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert
+Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt.
+»Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich
+zusammengeschaudert.
+
+Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem
+Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der
+Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb
+beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug
+Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um.
+Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht
+verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war
+schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte
+ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den
+Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen
+Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen
+Schrei.
+
+»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man
+kann nicht mehr leben in dem Haus.«
+
+Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das
+Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt
+trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert
+Lamm erkannte, war Olivia.
+
+Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf
+den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das
+Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine
+Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen.
+Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird
+sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit
+hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.
+
+Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert
+Lamm den Kopf.
+
+Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem
+bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt
+worden war.
+
+ * * * * *
+
+Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es
+herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des
+Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht
+hatte.
+
+In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein
+Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen
+wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit
+ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer
+Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er
+dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren
+Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der
+Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er
+öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds
+Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig
+erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen.
+Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck
+sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold
+zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde
+später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum,
+wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.
+
+Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die
+Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu
+schmettern,« sagte er furchtsam.
+
+Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.
+
+Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es
+weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer
+durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich
+steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu
+begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen
+träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer
+gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen
+Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er
+wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr
+erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
+Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er
+schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen
+sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.
+
+»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst
+dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu
+wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir
+vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in
+einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das
+eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
+verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll.
+Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«
+
+Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie
+ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter
+Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du
+denn eigentlich von mir?«
+
+Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt
+mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.
+
+»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.
+
+»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu
+machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht
+hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr
+über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«
+
+Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es
+umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht
+und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte,
+seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung
+nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.
+
+»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für
+eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und
+dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.«
+
+»Baracken? In meinem Park?«
+
+»Ja, an der Südseite des Hauses.«
+
+Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt
+werden! Hundertjährige Bäume!«
+
+»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer
+Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!«
+
+Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal
+um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus
+unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn
+du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden.
+Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der
+Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor
+Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.«
+
+Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte,
+rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte
+einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick
+in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie
+selbst, und nicht eine Doppelgängerin.
+
+ * * * * *
+
+Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.
+
+Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als
+sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in
+später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der
+Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten.
+
+In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las
+aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich
+düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem
+beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und
+Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden
+Krater eines Vulkans.
+
+Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem
+Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das
+Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und
+wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach
+Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts.
+Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte
+sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm
+endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf
+hinaus.
+
+Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte
+die Lider nicht schließen, die Finsternis brannte ihm förmlich auf der
+Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
+geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der
+Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt
+wie Gift.
+
+Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht
+verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit
+Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war.
+Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des
+Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender
+Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge
+ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit
+rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm
+richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft
+hinein: »Ruhe!«
+
+Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört.
+Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete
+ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen
+bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden
+eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles
+geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine
+Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume
+lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele,
+um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der
+Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher
+warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte,
+auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken
+Menschen!‹
+
+Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch
+er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie
+ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über
+ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
+eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.
+
+Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein
+altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich
+entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine
+Blütezeit vorüber sei.
+
+ * * * * *
+
+Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.
+
+Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche
+Einwilligung zum Bau der Baracken.
+
+Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität
+verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.
+
+Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig.
+Es war für sie ein Fall unter vielen.
+
+Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem
+Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur
+Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und
+nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.
+
+»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia.
+Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige
+Weg, für dich der Irrweg.«
+
+»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir
+entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie
+mir gezeigt hast,« antwortete sie.
+
+»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die
+Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu
+urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«
+
+»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die
+Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«
+
+»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich
+plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt
+empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines
+Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu
+verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er
+die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der
+Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange
+gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind.
+Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen
+und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch
+verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker,
+Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt
+mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon
+verzeihen, Olivia.«
+
+Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten
+Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der
+geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
+nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß
+ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s
+nicht sein.«
+
+»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine
+Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß
+du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht
+ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist,
+indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der
+Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen
+ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht
+hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines
+einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer
+geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder
+er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da
+sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja
+verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von
+Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«
+
+»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen
+strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den
+Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von
+der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die
+ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber
+gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch
+ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum
+also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor
+dem, was nun einmal ist?«
+
+Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er
+warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete
+Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer
+Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und
+trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und
+in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte
+immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem
+zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem
+Geist Rechtfertigungen ab.
+
+Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war,
+als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen
+Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie
+die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge,
+was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter
+einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not
+geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu
+viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den
+Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz
+geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper,
+sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der
+in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die
+Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich
+Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre
+vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die
+Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
+Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein
+Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.
+
+Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin
+auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.
+
+»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil
+er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm
+selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.
+
+»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er
+Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest,
+bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate
+ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines
+Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht,
+was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das
+einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod
+nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!«
+
+»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des
+Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich
+solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der
+Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,«
+antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu.
+»Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede
+Form zerstört!«
+
+»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht
+zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein
+auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte,
+mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere,
+Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«
+
+Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick
+und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide
+Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist
+fürchterlich! Fürchterlich!«
+
+Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.
+
+Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über
+ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet
+soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«
+
+Schnell verließ sie das Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne
+Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien
+gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen
+und keinerlei Auskunft über sich geben.
+
+Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in
+der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß,
+vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn
+und Wangen von Haaren frei waren.
+
+Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das
+war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im
+Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte.
+Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen
+und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde.
+Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.
+
+Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem
+inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz
+bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet,
+und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen
+sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
+fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf
+Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen
+mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer
+Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
+festzuhalten.
+
+Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb
+stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den
+wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In
+jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein
+Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren
+Geheimnisses näher ist als bisher.
+
+Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte,
+die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne
+leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
+wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
+ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie
+tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen
+Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl
+von Gott.
+
+Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.
+
+ * * * * *
+
+Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte
+berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine
+Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler,
+mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen
+Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.
+
+Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
+konnte er beim Gehen besser denken.
+
+Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
+daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der
+neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach,
+die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.
+
+Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis
+drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer
+waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause,
+jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine
+Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung.
+Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!
+
+Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten.
+Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er,
+daß sich niemand um ihn kümmerte.
+
+Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich
+vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es
+stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch
+wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an
+jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl
+gerechtfertigt hätte.
+
+Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren
+hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen
+einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.
+
+Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte
+ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte,
+die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und
+schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.
+
+Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um
+einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und
+Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die
+dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
+sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn
+heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit
+Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er
+ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der
+Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht;
+er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von
+sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen
+getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und
+Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich
+nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.
+
+Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln:
+alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe,
+Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm
+beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn
+lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu
+begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
+Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner
+Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm
+sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der
+Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die
+Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben;
+mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne,
+rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt
+hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am
+günstigsten war.
+
+Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände,
+die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen
+können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte
+ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei
+natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben
+und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte.
+Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in
+vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf
+jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er
+sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er
+wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein
+männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der
+Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte
+ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines
+Lebensgartens gepflanzt hatte.
+
+Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen
+gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum
+Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch,
+weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen
+etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte
+sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören,
+sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein,
+nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden
+müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.
+
+Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in
+einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den
+Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich
+beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn;
+es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem
+körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden
+kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und
+beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die
+Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und
+zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und
+ging zu Frau Khuenbeck.
+
+Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie
+gekümmert, das trug sie ihm nach.
+
+Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia
+geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte,
+erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei
+ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine
+Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich
+bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts
+gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig
+zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt
+wurde.
+
+»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den
+Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein
+Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich
+muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten
+Dingen zu?«
+
+Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt
+es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.
+
+»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck.
+»Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
+darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
+Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie
+genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den
+betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich
+sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«
+
+»Märchen,« warf Robert Lamm hin.
+
+»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein
+Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte
+meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es
+sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung
+geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«
+
+»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine
+sind,« bemerkte Lamm trocken.
+
+Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt
+einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet
+mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie
+warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden,
+frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
+doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut!
+Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind
+eine schreckliche Sünde.«
+
+Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist
+außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut
+und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«
+
+»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom
+Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt
+ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je
+wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«
+
+Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen,
+Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt
+unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben
+nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe
+Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im
+Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste
+Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch,
+das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«
+
+ * * * * *
+
+Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren
+in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit
+außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas
+aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und
+Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten
+Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
+Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des
+Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue
+sich, dies öffentlich verkündigen zu können.
+
+Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus
+irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.
+
+Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten.
+Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«
+
+Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von
+Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die
+Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem
+zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem
+Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte
+einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn
+der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst,
+so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«
+
+Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,«
+antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen
+Mänteln versehen.«
+
+Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor
+Strygowski, wenn ich nicht irre –?«
+
+»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen
+habe –«
+
+Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den
+Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender
+Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem
+Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn
+Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an
+Sie zu richten.«
+
+Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit
+erlaube.
+
+»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur
+heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.
+
+Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten
+Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf.
+Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die
+Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger
+Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
+verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie
+grübelten.
+
+Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben
+Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte,
+nickte sie ihm ohne Lächeln zu.
+
+ * * * * *
+
+Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
+Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen
+Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.
+
+»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne
+Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer
+ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch
+immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit
+ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
+zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«
+
+Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete
+der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer
+Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«
+
+»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie
+beharrlich blieb?«
+
+»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.
+
+»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die
+sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und
+aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu
+versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung.
+Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt,
+muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an
+eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich
+ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«
+
+»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei
+Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr
+Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige
+und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig
+Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue
+Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz,
+der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne
+Grenze ist.«
+
+»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit
+erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und
+umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.
+
+Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir
+haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit
+der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu
+erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie
+unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die
+Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom
+gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur
+Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und
+sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst
+heißt das, nur von sich selbst.«
+
+Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich
+mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es
+nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch
+aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen,
+auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
+oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein
+hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem
+Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt;
+sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein
+Wagnis.«
+
+Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und
+unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor
+einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige
+Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren
+Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne
+einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der
+angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die
+Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen
+riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester
+Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
+wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist
+mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«
+
+»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit
+erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,«
+fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die
+Logik im Stich.«
+
+»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,«
+sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin
+Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache
+wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung
+in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben
+und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich
+schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem
+stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das
+ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die
+gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort,
+einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es
+scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die
+Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären,
+irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im
+stillen nenne ich es die Metempsyche.«
+
+Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr
+Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das
+harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des
+Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die
+von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und
+Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer
+treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte,
+einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
+der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat
+sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«
+
+»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat
+nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so
+etwas nicht zum zweitenmal.«
+
+»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder,
+»ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine
+verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der
+ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
+mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu
+sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu
+Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich
+sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so
+manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst
+Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres
+Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«
+
+Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß
+man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der
+Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und
+zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der
+Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den
+krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen
+Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen
+hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie
+sich dazu?«
+
+»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und
+verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski.
+Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein
+Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so
+zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein
+Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte.
+Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr
+unbeirrbar gerichteter Weg.«
+
+»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf
+fall’ ich Ihnen nicht herein!«
+
+Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich
+habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er
+leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich
+gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert
+habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle,
+nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg führt, den sie geht.«
+
+Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.
+
+»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie
+wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.
+
+»Ich verstehe nicht –«
+
+»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es
+zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime
+Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein
+egoistisches Ziel.«
+
+»Hierauf habe ich keine Antwort.«
+
+»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte
+mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an
+Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann
+sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten
+gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«
+
+»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte
+Strygowski, der blaß geworden war.
+
+»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir
+fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort.
+»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie
+sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein
+Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern
+bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken?
+Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
+leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein,
+auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger
+ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme.
+Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus
+erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann,
+auch wenn sie Olivia heißt?«
+
+»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie
+sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst
+bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor
+der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«
+
+»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist,
+der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie
+dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«
+
+Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche,
+überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte
+dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite
+Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt
+werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie
+dabei sehen.«
+
+»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann
+ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«
+
+»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne
+dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.
+
+In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren,
+ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür
+und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen
+Vorraum und die Treppe hinunter.
+
+Doktor Strygowski folgte ihm.
+
+ * * * * *
+
+Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als
+er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie
+ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper
+schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.
+
+»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,«
+flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie
+geschwollen.
+
+»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm.
+
+Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber
+nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er.
+
+Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube
+zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so
+sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen
+Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große
+Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren
+ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein
+grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte
+man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige
+Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten
+die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie.
+
+Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß
+gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben
+ist eingenickt.«
+
+Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die
+Türe. Es war Olivia.
+
+Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu
+weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas
+Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die
+schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter.
+Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht
+verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den
+Kopf und ging weiter.
+
+Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr
+zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen,
+wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia
+schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft
+an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.
+
+Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte.
+Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze
+Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie
+alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.
+
+Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine
+ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu
+Ende.«
+
+»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige
+Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des
+Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia
+bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu
+lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.
+
+Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren
+Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.
+
+Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der
+Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in
+sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.
+
+Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und
+lauschte dem Herzschlag.
+
+War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im
+Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des
+Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
+Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
+ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie
+wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein
+Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen
+den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden
+und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des
+Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.
+
+Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang
+es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und
+dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt;
+in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte
+sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen:
+Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis
+befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus
+unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er
+riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und
+hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung,
+als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu
+ziehen.
+
+Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des
+Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und
+Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den
+blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der
+deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht
+gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher
+Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.
+
+Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher
+Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in
+der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.
+
+ * * * * *
+
+Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am
+Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede
+Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
+ist Trost?
+
+Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame
+Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie
+zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen
+sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken
+zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes
+Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum
+Tag.
+
+Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden,
+vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte
+oder Geduld einflößte.
+
+Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie
+fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr
+hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter
+Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn
+sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.
+
+Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie
+wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach,
+völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte
+sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war.
+Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern
+leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers,
+erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung,
+die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was
+dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den
+Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der
+von überallher tönenden Klage.
+
+Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte
+Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst
+die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«
+
+»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt
+zurück.
+
+Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den
+Bruder beklagte.
+
+Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den
+Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines
+Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers
+bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe.
+Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder
+Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen
+erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine
+Wüstenei verwandelte.
+
+Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter
+traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia,
+wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die
+dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder
+schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.
+
+»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich
+verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer
+stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute
+gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in
+ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt
+und den Verstand geraubt hatte.
+
+Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war.
+Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe,
+wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die
+Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
+ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und
+Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann
+darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben
+können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den
+Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das
+alles nun vorbei war.
+
+Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr
+gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und
+niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch
+die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging
+das zu?
+
+Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute,
+die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und
+darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl
+gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag,
+erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm
+vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er
+unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines
+bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages
+war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig
+ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre
+Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen,
+sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er
+Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es
+ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern
+begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar
+tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie
+langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß
+sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte.
+Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich
+ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte
+fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor
+sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.«
+
+Woher kam ihm dieser Heroismus?
+
+Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er
+schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
+hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen?
+Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste
+Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der
+Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor
+sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem
+Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«
+Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand
+hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir
+dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand,
+und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es
+den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen
+Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn
+Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier,
+Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem
+Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe,
+was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch
+der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.
+
+Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte.
+Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis
+Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh,
+doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
+und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
+und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden,
+alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen
+gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu
+erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße
+und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
+Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die
+Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon
+nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus
+betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod
+bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im
+Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre
+auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu
+Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten
+sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit
+der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas
+Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam
+immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer
+wieder beschreiben.
+
+Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei
+die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war.
+Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«
+
+In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn
+zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis
+ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es,
+der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich
+gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich
+hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins
+getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß
+sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.
+
+Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes?
+Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden
+lassen?
+
+Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen
+und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander
+zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere
+zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber
+noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der
+unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er
+sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die
+Sprache verloren.
+
+Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die
+Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die
+andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und
+nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den
+Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu
+fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und
+wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre
+Säuglinge verschmachteten.
+
+Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel
+glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater
+mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen,
+Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen,
+die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander
+zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und
+Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn
+die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das
+körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung
+flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für
+den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und
+nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.
+
+Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker
+zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt,
+ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den
+Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in
+den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in
+den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und
+Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute
+und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche
+und Unglückliche.
+
+Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und
+alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst
+auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den
+Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer
+Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder
+Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes
+und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich
+berauschen wollten.
+
+Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer
+Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.
+
+ Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,
+ zu begraben, zu begraben die Soldaten.
+
+ Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,
+ dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.
+
+ Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!
+ die Gemeinen unten, Korporale oben.
+
+ An den Seiten viere, in der Mitten viere,
+ überquer die Herren, Herren Offiziere.
+
+ Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,
+ dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.
+
+ Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,
+ zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.
+
+ Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,
+ morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.
+
+Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen
+Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und
+verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.
+
+Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie
+suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den
+Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des
+Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den
+unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht
+sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen;
+Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles
+Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein
+zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete.
+Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.
+
+Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie
+waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und
+tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und
+verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende
+der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie
+ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen,
+und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.
+
+Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
+warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt
+auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.
+
+Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine
+Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt,
+und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe
+von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und
+tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.
+
+Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob
+sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die
+Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend
+und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
+das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war
+die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und
+hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in
+die Hände.
+
+Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war
+es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen
+Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich
+begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer
+solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und
+sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde
+zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu
+befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still
+gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln
+begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte
+einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah
+es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.
+
+Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten
+einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust
+unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit
+geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib
+sie mir wieder!
+
+In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf
+einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere,
+ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter
+Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der
+jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter
+wieder!
+
+Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich:
+Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!
+
+Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich
+um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und
+bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser
+Land, gib uns unsere Wälder!
+
+Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du
+Mörder, unsre Söhne!
+
+Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr
+Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war
+als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge
+erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
+etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte
+er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und
+schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes
+Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies
+und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne?
+Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?
+
+Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere
+Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!
+
+Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob
+sie im Theater säße.
+
+ * * * * *
+
+Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo
+kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch
+Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?
+
+Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die
+Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter
+Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und
+innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur
+gebunden!
+
+Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und
+beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein
+letztes Asyl.
+
+Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im
+Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause
+vor der versteinerten Mutter.
+
+Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.
+
+»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche
+Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«
+
+Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum
+werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken
+auf ein Bett binden.«
+
+Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich
+nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«
+
+»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du
+glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten
+ihre Toten beklagen zu helfen.«
+
+»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und
+ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das
+schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in
+unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
+kein Ruhm damit zu holen.«
+
+Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich
+dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ,
+beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese
+wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde
+verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr
+lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«
+
+Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,«
+sagte sie.
+
+»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt
+von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von
+mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im
+Wege, auch mir selbst.«
+
+»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war
+plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.
+
+»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«
+
+»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor
+ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.«
+
+»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich,
+vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel.
+Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?«
+brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit
+kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie
+Einsamkeit.«
+
+Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen
+könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich
+seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht
+zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne
+Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes
+Wesen umnachtet und im Krampf.
+
+Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
+Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht
+wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich
+alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das,
+wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.
+
+ * * * * *
+
+Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er
+sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel
+kann ich Absolution erwerben.
+
+Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach
+Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu
+schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren
+Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit
+ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die
+Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler
+und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß
+sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß
+er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und
+Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um
+die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und
+Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern
+und klatschte den falschen Propheten Beifall.
+
+Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im
+Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der
+Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit
+der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit
+dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des
+Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.
+
+Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm
+eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während
+ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer
+Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen
+Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er
+den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung,
+fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte
+sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen
+Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn
+die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast
+schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn
+verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den
+Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der
+Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
+wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie
+verlassen hatte.
+
+Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen
+Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der
+Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser
+Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine
+Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen
+und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die
+Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.
+
+Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!
+
+Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer
+sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm
+jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und
+schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der
+Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein
+Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die
+Türe und Olivia trat herein.
+
+Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.
+
+Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war
+nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer
+empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie
+nicht erwartet.
+
+So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem
+Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch
+einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn
+gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester
+geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht
+gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.
+
+Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der
+erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in
+den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die
+Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in
+geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr
+entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
+nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war
+noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch.
+Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden,
+so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.
+
+›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du
+mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl
+alles, was sie um sich her gebaut hatte.
+
+Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr
+entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der
+Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das
+ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man
+einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein
+hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen
+Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine
+wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig
+Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen
+lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden
+mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
+niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen
+Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und
+die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie
+hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert,
+die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren.
+Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine
+Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.
+
+Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man
+erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf
+zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert:
+»Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«
+
+Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.
+
+Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer
+Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu
+rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach
+einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder
+in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie
+widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch
+außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte
+sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter
+verstanden.
+
+ * * * * *
+
+An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine
+Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war.
+Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und
+hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den
+Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu
+ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner
+erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in
+diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen
+zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.
+
+Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias
+Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.
+
+Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort
+auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte
+verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem
+Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand
+Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze,
+herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges
+Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.
+
+Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie
+ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit
+ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte;
+hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu
+überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
+in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie
+kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit,
+von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in
+eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen
+erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.
+
+Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und
+der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit,
+und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
+wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen,
+einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel
+Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt
+des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit
+Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ
+er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge
+befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen
+Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das
+strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu
+besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.
+
+Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich
+mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem
+bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte
+zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu
+jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der
+Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger
+vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn
+in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief;
+da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie
+als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu
+sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte
+sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus
+und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und
+reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche
+Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer
+verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die
+zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz
+unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele
+unter sich begrub.
+
+Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und
+nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar
+kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als
+habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt
+und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon
+ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs,
+als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten,
+als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch
+Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr
+nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses
+Herz.
+
+Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt;
+hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende
+hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der
+Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben
+gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte
+dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es,
+die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie
+Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen
+einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte
+ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber
+etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die
+ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie
+hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der
+Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem
+Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.
+
+Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann
+kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen
+Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit
+Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man
+sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von
+der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina,
+in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war
+doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung
+öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft
+und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte
+Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen
+Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der
+sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.
+
+Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge
+anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer
+eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens
+gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie,
+worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts
+von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.
+
+Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er
+vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei.
+Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und
+erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte
+sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte,
+von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert
+und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch
+niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
+ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll
+Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er
+achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei
+einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in
+ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr
+Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte;
+sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle
+Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem
+Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut
+sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von
+vielen.
+
+Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr
+entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann
+der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran,
+den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem
+Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette.
+Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund:
+»Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina
+erkrankte.
+
+Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie
+konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte,
+wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf,
+und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die
+sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum
+nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude
+hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich
+seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn
+erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer
+und war totenbleich.
+
+Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft
+durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer
+Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land
+gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst
+in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott,
+bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war
+anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre
+Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte
+den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt.
+Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus;
+war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
+so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.
+
+Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des
+Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das
+Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die
+Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
+hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins.
+Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein
+Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem
+Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.
+
+Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und
+suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach
+sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines
+Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein
+Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den
+Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem
+Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern
+und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind
+zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von
+Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein
+Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob
+beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus
+und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde
+mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat
+alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den
+Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die
+Ahnung der Gefahr.
+
+Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da
+wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der
+Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig:
+»Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief
+Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres
+Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in
+die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend
+verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die
+hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte
+Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein
+neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu
+verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade,
+für die Helligkeit und für die Kraft.
+
+Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen
+Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu
+mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«
+
+Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief,
+dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe.
+Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren.
+Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
+rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine
+Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das
+sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie
+blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert,
+voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun
+zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei
+Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.
+
+Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.
+
+ * * * * *
+
+In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ
+aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia
+war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf
+einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.
+
+Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war
+wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte,
+zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach,
+dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der
+ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.
+
+Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne
+gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung
+menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in
+ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um
+sein Recht zu fordern.
+
+Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben
+hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu
+einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf
+dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen.
+Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir
+war.
+
+Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam
+eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von
+ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es
+ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen
+Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das
+Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es
+auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee
+davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas
+Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche
+Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich
+so gewesen sein?‹ fragte sie sich.
+
+Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt
+haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter;
+unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und
+sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
+fragen.
+
+Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im
+Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier,
+der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde
+kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich,
+ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und
+fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt,
+Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu
+versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«
+
+»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.
+
+»Er liegt in Zawadow bei Strji.«
+
+»Verwundet?«
+
+»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen
+muß.«
+
+Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich
+danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«
+
+Ihr Entschluß war gefaßt.
+
+ * * * * *
+
+Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier.
+»Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei
+mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«
+
+»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.
+
+Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend
+in einem Feldspital.«
+
+Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich
+werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir
+lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise
+einen Schutz.«
+
+Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er
+starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht
+das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.
+
+Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes
+mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in
+seine.
+
+Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu
+spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer
+Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber
+ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes
+Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.«
+
+Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter.
+
+»Es ist möglich gewesen, das genügt mir,« fuhr er fort. »Die
+Verwirklichung wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form
+geschaffen, die für meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
+steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit
+gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht hätt’ ich mich
+sonst vollends zerfleischt. Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten,
+das kann ich; dich für mich behalten darf ich nicht.«
+
+Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.«
+
+Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn.
+»Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese
+Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir,
+– die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im
+November?«
+
+»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich _muß_ es eben
+tun.«
+
+»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem
+Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das
+du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der
+Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch
+bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.«
+
+Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg.
+
+»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann
+Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen
+neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du,
+Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast
+du Georg Ingbert schon begraben.«
+
+»Und doch muß ich zu ihm –«
+
+»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber.
+Zwischen dir und ihm – Gräber; zwischen dir und mir – Gräber. Millionen
+von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.«
+
+»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen
+göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.«
+
+»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die
+wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind,
+ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das
+nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.«
+
+»_Was_ fühlen? _Was_ glauben?« brach Olivia leidenschaftlich aus.
+
+»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
+ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren,
+der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts
+andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott
+pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die
+Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In
+ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren
+Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen
+Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst
+du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«
+
+»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker
+ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«
+
+Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er
+antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen
+herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert,
+wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte.
+Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach
+deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht.
+Ich will’s versuchen.«
+
+»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst
+du?«
+
+»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er
+wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur in Worte fassen, was
+du mir bist.«
+
+»Robert!«
+
+Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft
+und verließ ihn.
+
+ * * * * *
+
+Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein
+einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren
+schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat
+und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele,
+daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles
+sprach von Auferstehung und Erneuerung.
+
+Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging
+sinnend weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte sie sich plötzlich und
+betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der
+Tod entgegen.
+
+Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt,
+fremd wie der Tod.
+
+ * * * * *
+
+Erst am dritten Tage konnten sie reisen.
+
+Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt,
+erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im
+Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine
+teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange
+Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben.
+Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden
+Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte;
+Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die
+Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit
+noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der
+Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und
+besonnenen Kraft regiert.
+
+»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu
+Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der
+da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich
+bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? Wo
+ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist
+mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker?
+Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen,
+die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht
+einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie
+wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht können sie uns nicht
+geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung
+aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und
+Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«
+
+»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag’s nicht, wenn Gedanken
+so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es
+endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als
+reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet
+wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir
+nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst
+gewetzt hast. Schau’ in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
+in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und
+sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag’s ihnen doch,
+daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du
+ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete.
+
+In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa
+fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf
+einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen
+Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war
+Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen
+Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner
+nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
+waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren
+Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des
+Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung
+erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und
+wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets
+erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten
+in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins
+Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden
+Verwaltungsbehörde pflegen sollte.
+
+So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er
+hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein
+Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und
+strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen
+Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den
+Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins
+Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
+Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon
+Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht,
+denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für
+einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an
+die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden
+Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen
+Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende
+Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten
+unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und
+geben Sie neuen Kredit.«
+
+Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt;
+das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die
+Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten
+lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung
+mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen
+den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem
+Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
+dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei,
+wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht
+zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die
+Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner
+sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San
+führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden.
+Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis
+zum nächsten Morgen aus.
+
+Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war
+fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen
+sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster
+draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten
+erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem
+unverständlichen Jargon leise unterhielten.
+
+»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein Schwanken für mich,« sagte Lamm.
+»Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen
+nicht. Ich hab’ dir’s ja auch gelobt.«
+
+»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um
+die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen
+Menschen! Ich kenn’ dich nicht mehr!«
+
+»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich
+spür’s in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten,
+die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die Welt
+braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar.
+Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob
+um Rahel, viel länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen,
+derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab’ nicht begreifen
+wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht
+bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine
+Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond in
+mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab’ eine
+Erscheinung gehabt, weiter nichts.«
+
+»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man
+sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut,
+im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?«
+
+»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann
+heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen
+Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh’ ich wieder am Anfang.«
+
+Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß
+aufgeschlagenen Auges.
+
+ * * * * *
+
+Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren
+gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der
+Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die
+anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht
+gewagt zu entscheiden.
+
+Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel
+komme. Lamm widersprach nicht.
+
+Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia
+auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer
+Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze
+erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
+schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach
+ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte
+einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst
+ruhend gesehen.
+
+Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte,
+waren ihre Augen feucht.
+
+Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die
+Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend
+gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer
+Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt,
+Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb’ wohl, Robert,«
+rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.
+
+»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,«
+sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.
+
+Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer
+wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.
+
+Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er
+vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen
+aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder
+in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte
+ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und
+vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter,
+immer stürmischer wurden.
+
+Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren
+deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende
+nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch
+die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes
+machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er
+stehen und schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ dachte er und zog die
+Stirn in Falten, ›da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in
+ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht
+ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch.
+Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den
+Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am
+Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und
+Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die
+dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es
+wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte
+und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies
+Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt
+es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹
+
+Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach
+einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor
+sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß
+anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt,
+das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den
+Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so
+hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht,
+geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ ich nicht.« Und im
+Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab’
+ich nicht.«
+
+Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das
+Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume
+starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine
+schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches
+Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie
+das Weinen eines kleinen Kindes.
+
+Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und
+ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf
+schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm
+rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber
+niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig
+verlassen, fror und hatte Hunger.
+
+Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch
+einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter.
+Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle
+hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.
+
+Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die
+Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an
+ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer.
+›Ich will es behalten,‹ sagte er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von
+Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den
+Menschen gehe und für sie schaffe.‹
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse
+verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte
+Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen
+Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu
+verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den
+Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft
+konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden
+Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen
+schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte
+den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall
+rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern
+zerrissen.
+
+Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der
+Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein
+freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem
+Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten
+steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager.
+Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem
+Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte
+erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie
+sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert
+zu finden hoffte.
+
+Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein
+jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant
+Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die
+Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es
+schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.
+
+Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
+Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji
+war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden
+wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den
+andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um
+Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
+oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf
+dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen
+von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
+Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie
+beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie
+konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte
+einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war
+von oben bis unten mit Blut bespritzt.
+
+›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh
+sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen
+Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die
+Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet,
+antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
+wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber
+Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia
+und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu
+danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.
+
+Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf,
+als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der
+Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine
+Zigarette an.
+
+Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der
+Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei
+einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte
+sich.
+
+›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum eigentlich? Und warum die
+andern, Unzähligen, warum?‹ Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit
+des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: ›Warum
+nur, warum?‹
+
+Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel
+Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich
+feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft,
+bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur
+Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt
+gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit
+drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von
+einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin
+gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
+und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte
+Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und
+als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus.
+
+Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt
+ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die
+Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer.
+Olivia blieb stehen.
+
+Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren
+grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine
+auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein
+Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug
+keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um
+Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen,
+und man sah an seinem Gang, daß er blind war.
+
+Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern
+entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten
+um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber
+durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
+war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald
+in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner
+Nähe gefeit wären.
+
+Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot,
+und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh,
+winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als
+käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und
+je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
+über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte
+kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr?
+Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein
+rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes
+Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß
+nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei,
+daß er nichts mehr von ihr sah.
+
+Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung
+wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war.
+
+Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht
+und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine
+Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu
+einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
+leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen
+Gebäudes.
+
+Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus,
+kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein
+schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos.
+
+Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen
+und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein
+unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel
+gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen.
+Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der
+Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben,
+zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch;
+die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung,
+verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
+Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne
+darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß.
+
+Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie
+dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige
+Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
+Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall
+zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel
+lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das
+Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und
+zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier
+mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie
+die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in
+einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen.
+In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag
+ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf
+seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
+Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte
+tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen
+waren traurig und voll Angst.
+
+Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie
+polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber
+hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die
+linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an
+und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden
+unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört
+werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das
+dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer
+Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in
+einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige
+Flucht hin.
+
+Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom
+Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in
+die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann
+rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und
+freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen.
+
+Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein.
+Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke,
+deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre
+Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn
+mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß
+entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und
+preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
+Mund.
+
+Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem
+bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel
+eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
+der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf
+hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich
+Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und
+immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte,
+glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den
+er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach
+einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und
+warf sie auf das Bett.
+
+Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das
+Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und
+viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie
+von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
+und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem
+Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und
+brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden,
+als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
+Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die
+Augen geschlossen hatte.
+
+Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht
+erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber
+die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und
+tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein
+Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten.
+Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus
+verwandelter Welt.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen
+& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3,
+September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser
+Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
+S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte.
+S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
+S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
+S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
+S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
+S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
+S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
+S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]
+
+
+
+[Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first
+publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”,
+XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The
+page numbers jump according to the distribution of the story onto the
+three issues of the monthly periodical. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
+p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte.
+p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
+p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
+p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
+p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
+p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
+p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
+p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***
+
+***** This file should be named 21860-0.txt or 21860-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.