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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:46:17 -0700 |
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diff --git a/21860-0.txt b/21860-0.txt new file mode 100644 index 0000000..50cdc13 --- /dev/null +++ b/21860-0.txt @@ -0,0 +1,4864 @@ +Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Olivia + oder + Die unsichtbare Lampe + + + Erzählung + von + + Jakob Wassermann + + + + +Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war +große Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im +besten Fluß, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die +Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Töchterchen des Hauses flüchtig +gesehen hatte, rühmte dessen besondere Schönheit und Lieblichkeit. Frau +Khuenbeck lächelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr +Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, den Hinweis auf die späte Stunde +ließen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der, +unschlüssig und wie beschämt, nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen +sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu +widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging +dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der +zweijährige Ferdinand und die sechsjährige Olivia. + +Schon saß Olivia auf dem Schoß des Dienstmädchens, die Augen voll +Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr +gekämmt, weiße Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die Beinchen, und so +trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die +Gäste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der Überraschung und +Befriedigung tönte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen +in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr +unbegreiflich waren. + +Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die +Gruppe. Er dachte, daß der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten +werde; da dies aber nicht geschah, rief er plötzlich mit scharfer, ja +barscher Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm +wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.« + +Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete und trug das Kind schnell hinaus. + +Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; sie bewahrte dem, der sie +gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald +wußte sie seinen Namen; er hieß Robert Lamm und war damals noch ein +unbeachteter Beamter im Ministerium. + +Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefühl; in Stunden +kindlicher Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf. +Er war die Verkörperung einer strengeren Schutzgottheit neben der +sanften des Vaters. + + * * * * * + +Wenn der Professor an seinem Schreibtisch saß, geschah es oft, daß sich +Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Füßen +niederließ und in Büchern und in Heften blätterte, die auf dem Boden +aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er +die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: »Du bist da, Kind?« +und lächelte. Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen war, ihn nicht +zu stören. + +Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit +und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne +Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so +nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn. + +Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im +Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von +Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld +verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur +Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher +Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der +Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für +Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich +so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte, +sie zu beruhigen. + +Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat +der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine +Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und +schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und +starb eines plötzlichen Todes. + +Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt, +viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten +weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch +verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod. + +Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte +ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und +von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen, +von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber +keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, – so +lange, bis sie endlich begriff. + + * * * * * + +Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt +verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital +übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen. + +Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es +Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck +hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands +Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun +und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien. + +Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn +zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten +zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte +beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer +Schriftsteller den Ruf einer Autorität. + +Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken +ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich +eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen. + +Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose +und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte +immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach, +stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte +sich an seine Schulter. + +Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, wurde er förmlicher. Er hörte +plötzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er verbeugte sich und +sagte, wenn sie es ausdrücklich verlange und die gnädige Frau, er +verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder +duzen, doch dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie müsse ihn +dann ebenfalls duzen. »Aber ich habe es ja immer getan!« rief Olivia +erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der Onkel nicht,« erwiderte er mit +einer Grimasse, »ich hasse die Onkels.« + +So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine +Förmlichkeit bei, die den Charakter spöttischer Galanterie annahm, als +ihm manches an Olivias Lebensführung zu mißfallen begann. Sie war so +eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher versessen, so atemlos tätig, das +mißfiel ihm; er äußerte sich nicht darüber, er wurde nur immer +spöttischer und galanter. + +Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch saß. Er beugte sich über +ihre Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte den Kopf, und da ihn +Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, blätterte, schüttelte +abermals den Kopf und fragte endlich: »Wie alt bist du denn jetzt?« + +»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im +Lichte der Lampe. + +»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« rief der Hofrat aus. Sein +Gesicht war so traurig, daß Olivia lachen mußte. + +»Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt«, mischte sich die Mutter ins +Gespräch; »Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und +Klavierspiel und Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.« + +So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick für Olivia, +in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es +dir nützen, Mädchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote +Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken? + +Wahrscheinlich wußte er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia +aufwuchs; von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach +Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mußte sich alles ertrotzen, +Arbeit und Genuß, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes +und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolität und der Trägheit. +Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, so durften sie +doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen +Hüter des Herkömmlichen. + +Er wußte nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensfülle und +hoffnungsvolles Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu +Frau Khuenbeck und war enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins +Konzert gegangen. »Es ist das zweite in dieser Woche,« sagte Frau +Khuenbeck; »und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und +am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich weiß nicht, +wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.« + +»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, und deutete auf einen +Tennisschläger und ein Paar weiße Schuhe, die auf einem Stuhle lagen. + +»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht +des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht +Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie +ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so +freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.« + +Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das +allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich; +Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen +zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die +Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen +bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein +unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der +Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam, +war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen +das Gesetz. + +Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener. + + * * * * * + +Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen +genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer +unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das +Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt +hatte. + +Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den +beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb +stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde +blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie +hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die +Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch +beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt +als irgendeine zuvor. + +Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia +wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An +vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen +er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war +immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn +sie ihn einmal des Tages von ferne sah. + +Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich +unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die +Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von +da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in +ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie, +freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten. + +Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie +besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige +und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch +empfänglicher gemacht. + +Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf +und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an +Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die +Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was +im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen +wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in +Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen +Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der +guten gab. + +Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden +Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die +Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr +erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen +Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper, +über jedes Ding in ihrer Stube. + + * * * * * + +Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim, +ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen von ernstem Wesen. Mariannes +Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und +durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten +einer der reichsten Männer des Landes. + +Olivia kam beinahe täglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum +geringsten Dienstboten, bewunderten und verwöhnten sie. Wenn der +Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten über sein +rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte +mit ihr. Olivia hatte Sympathie für ihn; er schien ein gütiger Vater und +ein wohlwollender Mensch zu sein. + +Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn +Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu +einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares +Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhängnisvoll geworden war. Eduard, +ohnehin verschlossenen Gemüts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde +durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an +der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, daß +es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierüber war Frau +von Friesheim sehr unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen +Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhältnis entstand, legte sie +ihr nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem gefährlichen Einfluß +jener Frau zu entziehen. + +Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mußte lachen. Auf der anderen +Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe für sie +hatte. Marianne nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefaßt; +Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es +auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld, +sich geltend zu machen, besaß er nicht. Er war im Gegenteil voll +Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene +Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Körpers. Wenn +man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander +verbunden denken. + +Während nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender +Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglück für seine +Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige +Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch +Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah +er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller +Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. Er schätzte die Künstler gering; die +meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia +solle Marianne dazu bringen, daß sie dem Maler entsage. + +Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie sich nicht berechtigt, und als +seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn +zu überzeugen, daß man zwei Menschen, die durch Bestimmung +zusammengeführt worden, nicht voneinander reißen könne, ohne ihren +Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich in Gründen, +Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe; +schließlich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber +Freude und als vergesse er den ernsthaften Anlaß. Wenn er mit ihr rede, +bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten, +dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch dürfe es nicht sein, um +keinen Preis werde er sich fügen. Olivia schaute ihn an, und als sie +seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen +Urteil über ihn ein wenig irre. + +Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie +begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergängen und ermunterte +Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander +zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Gröger, Eduards +Geliebte, und er bat Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. Sie ließ +sich zu ihr führen, und er merkte ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel. +Da er sie um Offenheit drängte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr +unheimlich, sagte sie. »Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich +machen,« äußerte sie ein anderes Mal zögernd. Eduard war bestürzt und +kam immer wieder darauf zurück. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie +hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen +war, suchte er Olivias Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen und quälte +Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenkünfte zu +zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden +getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards +Herz sich ihr entschiedener zuwandte. + +Nun mußte sie abwehren, und sie tat es begütigend. Es war ihr alles ein +Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie +aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. Sie spürte, +daß sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und daß die andere dabei +verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie +suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte +seinen Rat haben, doch er war zurückhaltend und hörte mit seinem +reizenden Lächeln zu. + +Eines Abends saß sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlägerig, +Eduard war für ein paar Tage verreist. Sie sprachen über die beiden, +über die Eltern, über das Leben im Hause; plötzlich sagte Ingbert, der +Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas +Vergebliches und Künstliches, da er doch genau wisse, daß Marianne ihm +niemals angehören würde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine +Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, er beklage sich +ja nicht, er klage auch nicht an; daß Herr von Friesheim gegen ihn +eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn +aufzunehmen; jede äußere Schwierigkeit sei überwindlich. Es liege nicht +an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit +steige oder falle sein Stern. + +»Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist,« schloß er leise; +»das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz +läßt sich verführen, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber +spricht sie, und man steht sündig da und will doch nicht noch mehr +sündigen.« + +Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an +Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer +gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert +war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen, +die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne +preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie +wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern. + +Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete, +daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und +Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich +hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an +sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia +gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden. + +Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde +mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es +entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert, +Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß +Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche +Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen +und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen +verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog. + +Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der +Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und +Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in +jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort +ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand +immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden, +verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz +nach ihrem Gefallen. + + * * * * * + +Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren, +verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem +Ausflug in die Dolomiten. + +An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her +ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte +Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen +Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert; +ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über +die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine +Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit +Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine +Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem +andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche +reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter +ausbrachen. + +Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in +ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein. + +Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte, +schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe +auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden, +erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie +errötete vor Freude. + +Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war +unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch +jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch. + +Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier +saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner +ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte +er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie +zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so +zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er +nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie +kühl. + +Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig +Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische +Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die +andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu, +und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack +wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr +die Hand. + +Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er +sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die +beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den +Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn +stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete +sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach, +aber er kümmerte sich nicht um sie. + +Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen +gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der +Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht. +Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der +frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter, +harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende +den Kopf zurück. + +Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den +Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein +reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter, +sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt. + +Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die +gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er +fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine +Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut. +Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum +Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund +seiner gestrigen jähen Verstimmung. + +Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß +sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in +deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des +Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten +sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster. +Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an. + +Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der +Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des +Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die +Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm +zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel +anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch. +Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung +verwirken und seinen Namen beflecken.« + +Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,« +begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt +zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist. +Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer +unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein +Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene +Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist +imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben, +ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht +vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte +ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem +Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen. +Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil +sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und +kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde +einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den +Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind, +er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon +meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz’ dich wieder an +seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.« + +Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal. +Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich +einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn +in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte +er. + +»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben. + +»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so +freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott +soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und +weil überhaupt alles so famos ist.« + +Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden. + +Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich +habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich +ist.« + +Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er +eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem +Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von +den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese +ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des +Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das +halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer +vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße, +das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch +unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem +Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase, +oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder +der Eigennutz, oder der Neid. + +Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige +Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören. + +Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch +Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es +war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles +verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein +Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und +fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders. + +An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr +vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber +Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine +Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel +nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia +fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu +verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem +Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick +forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich +zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in +seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte, +zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe, +seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine +Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm. + +Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich +treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne +war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren +ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht +unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte, +nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und +anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein +Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache +herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften +Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter +darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte, +was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die +ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie +auseinander. + +Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause +reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter +sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr +geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer +Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher +an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte +die Erinnerung auslöschen mögen. + +Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von +gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht +zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der +langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von +Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus +unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide +kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich +in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und +übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er +hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute +in die Landschaft. + +Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte +die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie +fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie +sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier +darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme +Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es +sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer +Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein +gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich +will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd +hinzu: »Vielleicht brauch’ ich dich.« + +Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du – mich?« + +»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses +Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe +zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit, +die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich +kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel +steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten +Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das +begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste +Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht +geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon +tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab’ ich mir in den +Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich +fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir +vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb’ wohl, grüß’ mir die +Mutter.« + +Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren +mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler +gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr +plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter +in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert +Lamm. + + * * * * * + +In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge +Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner +Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer +Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, +was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die +Erkrankung zur Anzeige gebracht. + +Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in +letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu +hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der +Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und +Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden. +Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder +Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete +die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde. + +Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung, +die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort +befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich +Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von +Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung +machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer +erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus. +Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau +die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine +Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die +Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in +seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September +wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt. + +Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die +Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens, +Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der +Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, +und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt +schützen sollte. + +Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor +körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm +nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten, +die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war +ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig +Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse +wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er +mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist +getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein +Greis aus. + +Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war +aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu +beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen, +wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie +sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in +die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn +bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben +anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der +ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch +tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er +zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte +eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit +hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet. + +Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für +die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben +waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die +Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich +dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig +hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen +Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg +führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein +hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen +durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich +verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte. + +Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die +Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im +Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der +Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag +hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen +Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit +näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich +alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, +und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann +zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht +nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des +in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann +zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle +schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen +Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und +feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen +des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein +solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das +Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank +verdient. + +Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte +auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal +gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war +offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige +Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum +Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte +wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim. +Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser +Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er +bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an, +man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder +beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit, +dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er +seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er, +vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh +er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch +jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor +der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu +treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage +nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors +Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche +Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt +der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus +wohlerwogenen Gründen zurückweisen. + +»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine +Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die +Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach +seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen. + +An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall +aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor +die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin +zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um +ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und +vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu +endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr +nützen und die Lebenden nur verdrießen würde? + +»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit +funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun, +wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.« + +Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der +Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts +anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im +stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen +Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn +würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner +Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied +wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den +Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel +oder Einwand von oben nicht zu fürchten. + +Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder +gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel +giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die +Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen +aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog +sich ganz in seine Villa zurück. + +Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln +und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch +eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume +enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten +Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in +einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener +Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse. + + * * * * * + +Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu +ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf, +ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie +sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las. + +Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es +von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß +sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz +auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie +wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien +es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht +näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine +Nähe. + +Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner +Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in +unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem +Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging +verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was +sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie +zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern. + +Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und +Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin, +das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf +das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen +Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die +rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines +Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon +eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen +ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia +noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau +erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine +Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das +Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie. + +In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken +hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt. +Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen +Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst +mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie +waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus +mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer +genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen +Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten +waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine +Zuversicht nicht heben. + +Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann +auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig, +Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute +erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr +vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum +zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch +heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie +Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt +zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja, +hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie +soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und +um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte +langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den +Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab’ dich ungerecht +beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun +ganz kalt und zugeschlossen. + +Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin +abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber. +Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle +keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und +dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte +sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als +sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein +blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre +offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung +entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln. + +Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr +vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts +verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und +besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte +Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte +stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm, +wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm, +von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage +später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich +aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag +etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging +zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte +Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir, +gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein +anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über +ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe +er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit +solchen Aufträgen zu verschonen.« + +Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr +er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll’s mit der ganzen +Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie +besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist +alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen, +werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den +andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr +schlechtes Gewissen.« + +Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein +unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er +riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken +spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor +seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem +verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem +Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes +Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie +durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie +aufgerichtet hatte. + +Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht, +daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß +zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte +ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um; +ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der +Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine +vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich. +Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst, +was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über +diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr +ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun +Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich +verdunkelt. + +Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu +gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld, +die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um +Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der +Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, – zu den +Menschen, von den Menschen. + +Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen +vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen +gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit +ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse +nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an +den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei? + +Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die +Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die +Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch +hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines +Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen +Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und +vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes, +richtendes Gesicht. + +Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr +Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg, +der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen +die Welt zu verlieren. + + * * * * * + +Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer +Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft +Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich +entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching; +Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen +Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur +Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert. + +Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden, +da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm +und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als +Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck +erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle. +Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar +Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten +begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene +abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es +bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen, +meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem +hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten, +Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er +gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes +Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so +unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets +in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und +ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder +trocken und hölzern höflich, empfahl. + +Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt +machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber +zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie +gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr +zu enthalten. + +Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren +unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber +auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen +natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene +finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die +Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte +fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer +lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und +geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können, +doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in +die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen? + +Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen +sie beschlich. + +Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und +statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte +beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und +fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?« + +Stumm schaute sie zu Boden. + +»Komm morgen,« sagte er befehlend. + +Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte +Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem +Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg. + + * * * * * + +Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener +Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die +Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er +harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um. + +Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er +zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der +junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über +ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre, +wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten +sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung +als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem +flüchtigen Genuß zum Opfer falle. + +Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag +gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem +eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte +sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein +passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine +Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem +Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten +sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in +wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In +vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause +ausrichten. + +»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst +kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du’s +wünschest, richt’ ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und +träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es +ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen, +besser ist’s, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.« + +Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie +seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem +ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen +hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen +abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter +nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die +Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab +es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine +ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den +Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer +verhüllt war. + +Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen. +Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und +Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht +zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich +gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit +zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in +bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt; +die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und +sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm. + +Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich +bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre +wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft +wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften +lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.« + +»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht +wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in +manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und +wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein +ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller +vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den +Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul +zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und +Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten, +Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das +Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche +Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein +Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und +jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu +katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine +Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die +ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.« + +Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und +verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige +Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut +der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei +als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem +Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem +Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du +meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm +richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, also!« +– »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er, +bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild +unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste, +ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine +Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken. +Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie +selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner +Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines +Allesiebengradeseinlassens.« + +Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich +reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck +habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er +sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den +Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen. +Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen, +wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen, +daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte +gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines +Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der +klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei +mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und +zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit +alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe. + +»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah +wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm. +»Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht +heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler. +Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er +war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er +nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium +wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die +zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung +erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die +Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er +wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz +vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von +den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für +Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf +die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als +er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen. +Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die +Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz +niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an, +machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir +bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum +Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und +Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden +ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und +macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein +Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und +Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn’s +überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur +Belohnung einen Fußtritt.« + +›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll +war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten, +Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die +Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich +einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber +sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin +bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und +spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag. + +Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem +Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich +auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit +ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele +nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen. + +Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie +wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken +der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen +redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere +die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral +gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie +erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so +viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht +wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den +Tod gejagt habe. + +Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der +wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um +sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe, +als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende +Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften +Bahn ein Ziel gesetzt. + +Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich +Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun +und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich +niedersinken. + + * * * * * + +Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam +er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine +finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie +mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen +Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah, +erschlaffte jeder Nerv an ihr. + +Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners +war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete +Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem +ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines +wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen +verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die +Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners +Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh. +Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos +wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext +von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte +still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher. +Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein +seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas +schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in +einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser +Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten. + +In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen +Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er +dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde +ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und +wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie +erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und +versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in +welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei +ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder +Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, +dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm. +Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein +Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte +sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert +in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine +aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien +Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht +und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß +nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.« + +Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie +lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort +mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes. + +In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein +Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen +selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, +trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen +wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen +Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas +Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia +erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das +Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte +er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer +Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam, +stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares +Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht! +hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit +einem dumpfen Schrei brach sie zusammen. + +Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen +Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für +alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner +Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle +Bemühungen waren vollkommen vergebens. + +Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer +Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren +Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht +beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort +waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein, +bevor sie am Tor läutete. + +Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war +in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich +gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich +durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter +brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern, +sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts +am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle +nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu +bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein +drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde +anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange +strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und +immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten +sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der +drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe +brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie +einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und +die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das +Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte +sich. + +Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der +Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie +wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die +schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so +weltfern und ohne Freude. + +›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne +Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹ + +Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In +zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und +Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien +vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, +Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, +Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, +Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller +Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und +Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest +der Natur. + +Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und +suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose. + +Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ, +hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen +Preis dem Rufe folgen und zurückkehren. + +Sie kehrte nicht zurück. + + * * * * * + +Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen +Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach +Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich, +gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem +Menschen. + +In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe, +wenn auch ohne Enthusiasmus. + +Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer +Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen +Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit +Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß +ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm +vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes. + +Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in +der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen, +wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur +zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.« + +Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und +sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In +Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht +ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war, +bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig, +Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das +Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem +Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme. + +Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm, +wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch +zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie +kalt. + +Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die +Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen +war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt, +ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien +gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und +matt. + +Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen +alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich +selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen +sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein +Sanatorium am Bodensee. + +Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war, +sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle +ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen +Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom +November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke +und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt. + +Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand +erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit +waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen +pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude +über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre +Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding. + +Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb. + + * * * * * + +Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: +»Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.« + +Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends +aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war, +traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß +dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie +kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte. + +In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und +Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein +Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im +Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen +kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde +bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied +wurde gesungen. + +Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor +Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war. + +Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine +Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden +geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen, +Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer +selbstischen Pein. + +›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die +Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal +hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, +von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie +seine Gewalt. + +Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam. +Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte, +war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im +übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl. +Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann +sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre +Einsamkeit zu stören versucht hätte. + +Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und +Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie +vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein +Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde. + +Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die +vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr +verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer +längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie +sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu +fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr +wirklich so? + +Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah +aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel. +Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge +sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm. +Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in +die Hand und weinte. Es waren gute Tränen. + +Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige +schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten +Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den +Augen, das wie ein Funke herübersprang. + +Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den +Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die +vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine +einheitliche Kraft. + +In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein; +sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als +seufzten die Pflastersteine. + +Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen +Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem +unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie +waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die +Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm +zum Kerker geworden war. + + * * * * * + +Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie +ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte, +konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr +war Frage, Zweifel, dunkles Ringen. + +So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre +Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte +Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo +zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren +mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, +mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden. + +Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? +Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als +müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt +verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher +Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu +Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?« + +»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort. + +Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten +sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie +trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die +Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten +alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene +Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, +ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz! + +Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie +wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern +an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen +Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war +dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie +von einem Ort der Sünde. + +Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du? +Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie +wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von +neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot +ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, +es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur +eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach +Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was +sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort +seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den +Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie, +Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen. + +Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und +Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht. + +Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein +Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen +unbewohnten Zimmern. + +»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf +Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude. + +Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile +gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms +Villa fahren. + +Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob +der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den +Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers. + + * * * * * + +Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des +jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, +schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?« + +Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der +schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch +elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen +erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah +und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens, +in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an +ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. +Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die +Wucht von Erfrorenem. + +Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden +mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein +selbstsüchtiger Anlaß führt dich her? + +Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte +sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte +haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen +können.« + +»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast +offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die +notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?« + +Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um +Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn +zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein +Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat +zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert +haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, +Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so +doch zum Sterben.« + +Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht. + +»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände +gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit +mir und schau’ sie an.« + +Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte +nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht +geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es +nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig. +Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das +überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben +an ihre Wichtigkeit haben.« + +Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am +ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,« +stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte +sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du +liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog +mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte +finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich +selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen +schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief +suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand +haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den +Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In +leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich, +öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und +richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn +ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte +sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen +Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, +drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz +und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei +allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches, +daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar +wurde. + +Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter +Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er +tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.« + +Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das +Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur +nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand +läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter, +noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –« + +»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als +unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir +die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,« +warf Olivia ein. + +Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten +überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus +allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?« + +»Das laß meine Sorge sein.« + +»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.« + +»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch +andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel +entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der +jetzt nicht hilft.« + +Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich +an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach +einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. +Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach +deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes +Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung +mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig +machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist +wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf +meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da, +für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die +Zeit nicht.« + +Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und +drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug +hierauf den Blick zu Boden. Sie ging. + + * * * * * + +Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm. + +Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt +halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in +das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen +Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein +durfte. + +Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken +sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg. + +Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die +Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn. + +Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen +ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch +unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend +blaue Himmel trat hervor. + +In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er +merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem +Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen. +Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er +legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die +Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte, +nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß +es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die +Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon. + +Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine +Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen. + +Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das +Gebirge. + +Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich +abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die +Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern, +die im Feuer glühen. + +Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die +Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften +Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er +aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes +Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich +eine herzlose, fanatische Schadenfreude. + +Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der +Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene +hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege +hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte +der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.« + +Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt +kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er +den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken +anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es +ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er +mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, +viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm +zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen +Pranken hielt. + +Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins +Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd +und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin +zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit +dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den +Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die +Finsternis. + +Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren +und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und +verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper +und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach +der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein +Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die +geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er +wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und +Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute +mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten +etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch +erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen +des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der +Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein +Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die +Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr +ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen. +Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem +Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die +Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen. +Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen +vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob +sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht +für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die +Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen. +Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter +geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er +des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie +schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, +und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die +Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin. + +In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich +ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie +lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen, +den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie +darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges +in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein +wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war +eine andere, unheilvoll verwandelt. + +»Olivia,« murmelte er vor sich hin. + +Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin +und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem +Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und +schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er +herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur +verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf +einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei +ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden +und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich +packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht +hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf +den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er +ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein +Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken +war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus +der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin +er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von +Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen +hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die +schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser +fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu +unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder +sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch +und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, +ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein. + +Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es +Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber +bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen +mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend +abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten +sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den +ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach. + +Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm +gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während +sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er +die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam +unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und +könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte. + +Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr +er in die Stadt. + +Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem +Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen. +Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte. +Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den +Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe. + +Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, +schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter +Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und +verlor den Zusammenhang. + +Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die +Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit +gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag +eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises +nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er +trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets +aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine +Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein +Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend +gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß. + +Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des +Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie. +Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, +ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen +fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das +Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden +war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, +sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man +immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme. + +Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa +sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als +öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein +Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen +Ort. + +Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit +Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu, +der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf +und ließ den Verdutzten stehen. + +In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in +einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er +eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten +ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder +aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein +müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen. +Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das +Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle +Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich +nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand, +erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten, +erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die +Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte +Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die +sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten +Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig +blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die +Faust und lächelte düster. + +Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während +seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu +spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte +mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er +in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung +steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett. + +Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und +Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen +brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, +die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben +stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und +einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine +eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein +Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging, +stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, +daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend +aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen +Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den +warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und +an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die +letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der +Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; +er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein +Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht +eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit +dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht +über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie +sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer +Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er +zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg +versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach +eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem +dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem +Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die +Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er +sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte +wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, +wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, +ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa +anlangte. + +Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und +aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster +waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es +war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein +Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der +Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm +entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden +gelehrt hatte! + +Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen +Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die +Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte +noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von +Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war +Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und +Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des +Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt, +die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht +habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung +entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten +für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und +erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit, +das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen +verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen +seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber +nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde +des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß +Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst +täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen. +Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere +Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei +ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem +Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er +hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem +Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue +Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei +Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch. + +Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab. + +Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park +gebaut werden.« + +Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was +dreinzureden, dünkt mich!« + +»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals. + +Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert +Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. +»Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich +zusammengeschaudert. + +Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem +Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der +Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb +beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug +Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um. +Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht +verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war +schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte +ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den +Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen +Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen +Schrei. + +»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man +kann nicht mehr leben in dem Haus.« + +Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das +Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt +trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert +Lamm erkannte, war Olivia. + +Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf +den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das +Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine +Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. +Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird +sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit +hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden. + +Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert +Lamm den Kopf. + +Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem +bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt +worden war. + + * * * * * + +Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es +herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des +Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht +hatte. + +In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein +Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen +wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit +ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer +Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er +dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren +Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der +Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er +öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds +Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig +erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. +Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck +sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold +zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde +später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, +wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu. + +Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die +Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu +schmettern,« sagte er furchtsam. + +Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er. + +Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es +weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer +durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich +steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu +begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen +träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer +gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen +Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er +wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr +erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr +Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er +schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen +sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war. + +»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst +dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu +wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir +vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in +einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das +eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so +verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll. +Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.« + +Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie +ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter +Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du +denn eigentlich von mir?« + +Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt +mehr Brechungen und entschiedenere Akzente. + +»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz. + +»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu +machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht +hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr +über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?« + +Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es +umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht +und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte, +seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung +nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte. + +»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für +eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und +dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.« + +»Baracken? In meinem Park?« + +»Ja, an der Südseite des Hauses.« + +Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt +werden! Hundertjährige Bäume!« + +»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer +Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!« + +Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal +um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus +unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn +du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden. +Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der +Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor +Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.« + +Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte, +rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte +einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick +in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie +selbst, und nicht eine Doppelgängerin. + + * * * * * + +Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie. + +Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als +sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in +später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der +Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten. + +In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las +aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich +düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem +beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und +Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden +Krater eines Vulkans. + +Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem +Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das +Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und +wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach +Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts. +Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte +sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm +endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf +hinaus. + +Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte +die Lider nicht schließen, die Finsternis brannte ihm förmlich auf der +Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, +geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der +Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt +wie Gift. + +Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht +verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit +Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war. +Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des +Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender +Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge +ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit +rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm +richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft +hinein: »Ruhe!« + +Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört. +Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete +ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen +bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden +eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles +geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine +Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume +lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele, +um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der +Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher +warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte, +auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken +Menschen!‹ + +Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch +er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie +ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über +ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu +eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein. + +Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein +altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich +entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine +Blütezeit vorüber sei. + + * * * * * + +Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf. + +Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche +Einwilligung zum Bau der Baracken. + +Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität +verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte. + +Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig. +Es war für sie ein Fall unter vielen. + +Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem +Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur +Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und +nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen. + +»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. +Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige +Weg, für dich der Irrweg.« + +»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir +entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie +mir gezeigt hast,« antwortete sie. + +»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die +Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu +urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.« + +»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die +Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.« + +»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich +plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt +empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines +Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu +verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er +die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der +Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange +gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. +Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen +und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch +verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker, +Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt +mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon +verzeihen, Olivia.« + +Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten +Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der +geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich +nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß +ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s +nicht sein.« + +»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine +Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß +du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht +ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist, +indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der +Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen +ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht +hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines +einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer +geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder +er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da +sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja +verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von +Grausamkeit, das mir Mut einflößt.« + +»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen +strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den +Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von +der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die +ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber +gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch +ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum +also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor +dem, was nun einmal ist?« + +Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er +warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete +Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer +Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und +trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und +in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte +immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem +zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem +Geist Rechtfertigungen ab. + +Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war, +als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen +Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie +die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge, +was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter +einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not +geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu +viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den +Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz +geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper, +sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der +in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die +Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich +Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre +vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die +Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn +Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein +Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen. + +Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin +auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie. + +»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil +er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm +selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war. + +»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er +Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest, +bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate +ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines +Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, +was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das +einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod +nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!« + +»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des +Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich +solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der +Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,« +antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu. +»Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede +Form zerstört!« + +»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht +zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein +auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte, +mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere, +Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!« + +Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick +und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide +Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist +fürchterlich! Fürchterlich!« + +Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da. + +Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über +ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet +soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.« + +Schnell verließ sie das Zimmer. + + * * * * * + +Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne +Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien +gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen +und keinerlei Auskunft über sich geben. + +Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in +der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß, +vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn +und Wangen von Haaren frei waren. + +Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das +war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im +Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte. +Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen +und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde. +Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da. + +Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem +inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz +bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet, +und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen +sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs +fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf +Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen +mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer +Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn +festzuhalten. + +Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb +stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den +wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In +jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein +Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren +Geheimnisses näher ist als bisher. + +Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte, +die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne +leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, +wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich +ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie +tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen +Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl +von Gott. + +Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben. + + * * * * * + +Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte +berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine +Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler, +mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen +Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer. + +Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch +konnte er beim Gehen besser denken. + +Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, +daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der +neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach, +die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte. + +Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis +drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer +waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause, +jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine +Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung. +Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten! + +Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten. +Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er, +daß sich niemand um ihn kümmerte. + +Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich +vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es +stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch +wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an +jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl +gerechtfertigt hätte. + +Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren +hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen +einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia. + +Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte +ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte, +die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und +schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte. + +Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um +einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und +Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die +dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete +sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn +heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit +Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er +ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der +Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht; +er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von +sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen +getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und +Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich +nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus. + +Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln: +alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe, +Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm +beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn +lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu +begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend +Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner +Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm +sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der +Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die +Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben; +mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne, +rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt +hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am +günstigsten war. + +Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände, +die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen +können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte +ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei +natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben +und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte. +Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in +vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf +jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er +sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er +wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein +männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der +Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte +ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines +Lebensgartens gepflanzt hatte. + +Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen +gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum +Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch, +weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen +etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte +sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören, +sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, +nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden +müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg. + +Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in +einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den +Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich +beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; +es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem +körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden +kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und +beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die +Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und +zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht. + + * * * * * + +Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und +ging zu Frau Khuenbeck. + +Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie +gekümmert, das trug sie ihm nach. + +Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia +geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte, +erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei +ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine +Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich +bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts +gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig +zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt +wurde. + +»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den +Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein +Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich +muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten +Dingen zu?« + +Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt +es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen. + +»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck. +»Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit +darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. +Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie +genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den +betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich +sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.« + +»Märchen,« warf Robert Lamm hin. + +»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein +Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte +meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es +sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung +geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.« + +»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine +sind,« bemerkte Lamm trocken. + +Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt +einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet +mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie +warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, +frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, +doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! +Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind +eine schreckliche Sünde.« + +Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist +außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut +und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.« + +»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom +Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt +ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je +wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?« + +Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen, +Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt +unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben +nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe +Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im +Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste +Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch, +das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.« + + * * * * * + +Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren +in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit +außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas +aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und +Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten +Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher +Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des +Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue +sich, dies öffentlich verkündigen zu können. + +Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus +irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging. + +Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten. +Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.« + +Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von +Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die +Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem +zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem +Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte +einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn +der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst, +so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹« + +Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,« +antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen +Mänteln versehen.« + +Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor +Strygowski, wenn ich nicht irre –?« + +»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen +habe –« + +Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den +Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender +Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem +Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn +Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an +Sie zu richten.« + +Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit +erlaube. + +»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur +heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl. + +Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten +Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf. +Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die +Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger +Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, +verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie +grübelten. + +Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben +Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte, +nickte sie ihm ohne Lächeln zu. + + * * * * * + +Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat. +Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen +Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl. + +»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne +Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer +ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch +immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit +ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias +zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?« + +Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete +der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer +Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.« + +»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie +beharrlich blieb?« + +»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski. + +»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die +sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und +aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu +versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. +Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt, +muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an +eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich +ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.« + +»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei +Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr +Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige +und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig +Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue +Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, +der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne +Grenze ist.« + +»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit +erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und +umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest. + +Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir +haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit +der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu +erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie +unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die +Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom +gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur +Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und +sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst +heißt das, nur von sich selbst.« + +Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich +mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es +nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch +aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, +auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier +oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein +hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem +Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; +sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein +Wagnis.« + +Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und +unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor +einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige +Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren +Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne +einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der +angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die +Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen +riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester +Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als +wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist +mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹« + +»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit +erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,« +fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die +Logik im Stich.« + +»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,« +sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin +Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache +wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung +in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben +und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich +schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem +stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das +ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die +gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, +einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es +scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die +Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären, +irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im +stillen nenne ich es die Metempsyche.« + +Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr +Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das +harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des +Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die +von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und +Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer +treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte, +einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit +der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat +sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.« + +»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat +nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so +etwas nicht zum zweitenmal.« + +»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder, +»ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine +verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der +ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten +mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu +sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu +Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich +sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so +manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst +Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres +Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.« + +Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß +man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der +Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und +zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der +Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den +krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen +Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen +hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie +sich dazu?« + +»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und +verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski. +Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein +Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so +zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein +Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. +Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr +unbeirrbar gerichteter Weg.« + +»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf +fall’ ich Ihnen nicht herein!« + +Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich +habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er +leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich +gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert +habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle, +nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg führt, den sie geht.« + +Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an. + +»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie +wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund. + +»Ich verstehe nicht –« + +»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es +zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime +Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein +egoistisches Ziel.« + +»Hierauf habe ich keine Antwort.« + +»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte +mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an +Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann +sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten +gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?« + +»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte +Strygowski, der blaß geworden war. + +»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir +fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort. +»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie +sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein +Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern +bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken? +Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir +leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein, +auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger +ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme. +Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus +erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann, +auch wenn sie Olivia heißt?« + +»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie +sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst +bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor +der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.« + +»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist, +der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie +dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.« + +Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche, +überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte +dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite +Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt +werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie +dabei sehen.« + +»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann +ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.« + +»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne +dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden. + +In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren, +ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür +und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen +Vorraum und die Treppe hinunter. + +Doktor Strygowski folgte ihm. + + * * * * * + +Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als +er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie +ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper +schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an. + +»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,« +flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie +geschwollen. + +»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm. + +Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber +nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er. + +Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube +zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so +sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen +Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große +Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren +ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein +grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte +man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige +Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten +die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie. + +Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß +gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben +ist eingenickt.« + +Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die +Türe. Es war Olivia. + +Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu +weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas +Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die +schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter. +Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht +verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den +Kopf und ging weiter. + +Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr +zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen, +wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia +schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft +an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt. + +Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte. +Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze +Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie +alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen. + +Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine +ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu +Ende.« + +»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia. + + * * * * * + +Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige +Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des +Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia +bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu +lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks. + +Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren +Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug. + +Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der +Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in +sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp. + +Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und +lauschte dem Herzschlag. + +War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im +Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des +Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten +Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet, +ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie +wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein +Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen +den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden +und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des +Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte. + +Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang +es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und +dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt; +in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte +sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen: +Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis +befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus +unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er +riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und +hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung, +als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu +ziehen. + +Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des +Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und +Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den +blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der +deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht +gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher +Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin. + +Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher +Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in +der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm. + + * * * * * + +Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am +Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede +Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo +ist Trost? + +Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame +Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie +zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen +sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken +zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes +Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum +Tag. + +Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden, +vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte +oder Geduld einflößte. + +Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie +fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr +hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter +Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn +sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß. + +Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie +wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, +völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte +sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war. +Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern +leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers, +erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, +die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was +dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den +Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der +von überallher tönenden Klage. + +Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte +Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst +die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.« + +»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt +zurück. + +Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den +Bruder beklagte. + +Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den +Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines +Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers +bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. +Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder +Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen +erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine +Wüstenei verwandelte. + +Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter +traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia, +wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die +dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder +schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben. + +»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich +verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer +stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute +gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in +ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt +und den Verstand geraubt hatte. + +Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. +Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, +wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die +Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit +ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und +Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann +darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben +können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den +Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das +alles nun vorbei war. + +Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr +gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und +niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch +die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging +das zu? + +Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, +die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und +darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl +gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag, +erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm +vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er +unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines +bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages +war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig +ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre +Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, +sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er +Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es +ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern +begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar +tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie +langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß +sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. +Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich +ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte +fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor +sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.« + +Woher kam ihm dieser Heroismus? + +Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er +schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht +hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen? +Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste +Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der +Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor +sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem +Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« +Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand +hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir +dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand, +und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es +den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen +Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn +Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, +Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem +Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe, +was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch +der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens. + +Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte. +Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis +Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh, +doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen +und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, +und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden, +alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen +gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu +erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße +und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses +Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die +Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon +nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus +betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod +bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im +Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre +auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu +Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten +sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit +der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas +Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam +immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer +wieder beschreiben. + +Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei +die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war. +Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?« + +In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn +zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis +ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es, +der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich +gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich +hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins +getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß +sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang. + +Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes? +Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden +lassen? + +Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen +und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander +zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere +zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber +noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der +unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er +sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die +Sprache verloren. + +Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die +Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die +andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und +nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den +Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu +fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und +wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre +Säuglinge verschmachteten. + +Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel +glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater +mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen, +Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen, +die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander +zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und +Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn +die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das +körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung +flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für +den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und +nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt. + +Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker +zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt, +ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den +Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in +den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in +den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und +Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute +und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche +und Unglückliche. + +Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und +alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst +auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den +Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer +Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder +Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes +und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich +berauschen wollten. + +Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer +Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte. + + Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten, + zu begraben, zu begraben die Soldaten. + + Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge, + dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge. + + Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben! + die Gemeinen unten, Korporale oben. + + An den Seiten viere, in der Mitten viere, + überquer die Herren, Herren Offiziere. + + Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe, + dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe. + + Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden, + zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten. + + Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen, + morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen. + +Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen +Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und +verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen. + +Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie +suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den +Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des +Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den +unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht +sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen; +Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles +Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn. + + * * * * * + +Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein +zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete. +Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft. + +Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie +waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und +tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und +verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende +der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie +ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen, +und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute. + +Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen +warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt +auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen. + +Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine +Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt, +und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe +von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und +tropfte in leisen Schlägen auf den Boden. + +Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob +sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die +Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend +und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, +das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war +die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und +hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in +die Hände. + +Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war +es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen +Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich +begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer +solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und +sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde +zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu +befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still +gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln +begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte +einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah +es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid. + +Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten +einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust +unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit +geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib +sie mir wieder! + +In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf +einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere, +ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter +Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der +jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter +wieder! + +Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich: +Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern! + +Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich +um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und +bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser +Land, gib uns unsere Wälder! + +Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du +Mörder, unsre Söhne! + +Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr +Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war +als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge +erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten +etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte +er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und +schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes +Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies +und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne? +Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter? + +Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere +Länder! Du in Ewigkeit Verruchter! + +Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob +sie im Theater säße. + + * * * * * + +Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo +kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch +Freude, wie kann je wieder Freude entstehen? + +Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die +Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter +Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und +innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur +gebunden! + +Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und +beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein +letztes Asyl. + +Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im +Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause +vor der versteinerten Mutter. + +Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen. + +»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche +Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.« + +Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum +werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken +auf ein Bett binden.« + +Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich +nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.« + +»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du +glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten +ihre Toten beklagen zu helfen.« + +»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und +ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das +schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in +unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist +kein Ruhm damit zu holen.« + +Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich +dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ, +beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese +wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde +verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr +lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.« + +Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,« +sagte sie. + +»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt +von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von +mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im +Wege, auch mir selbst.« + +»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war +plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte. + +»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?« + +»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor +ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.« + +»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich, +vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. +Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?« +brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit +kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie +Einsamkeit.« + +Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen +könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich +seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht +zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne +Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes +Wesen umnachtet und im Krampf. + +Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen. +Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht +wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich +alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das, +wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt. + + * * * * * + +Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er +sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel +kann ich Absolution erwerben. + +Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach +Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu +schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren +Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit +ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die +Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler +und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß +sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß +er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und +Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um +die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und +Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern +und klatschte den falschen Propheten Beifall. + +Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im +Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der +Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit +der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit +dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des +Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung. + +Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm +eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während +ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer +Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen +Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er +den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung, +fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte +sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen +Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn +die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast +schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn +verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den +Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der +Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, +wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie +verlassen hatte. + +Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen +Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der +Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser +Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine +Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen +und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die +Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst. + +Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk! + +Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer +sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm +jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und +schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der +Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein +Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die +Türe und Olivia trat herein. + +Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte. + +Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war +nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer +empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie +nicht erwartet. + +So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem +Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch +einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn +gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester +geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht +gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen. + +Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der +erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in +den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die +Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in +geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr +entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, +nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war +noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. +Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, +so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte. + +›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du +mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl +alles, was sie um sich her gebaut hatte. + +Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr +entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der +Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das +ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man +einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein +hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen +Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine +wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig +Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen +lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden +mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den +niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen +Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und +die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie +hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert, +die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. +Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine +Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren. + +Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man +erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf +zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: +»Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.« + +Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen. + +Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer +Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu +rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach +einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder +in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie +widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch +außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte +sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter +verstanden. + + * * * * * + +An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine +Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war. +Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und +hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den +Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu +ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner +erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in +diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen +zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag. + +Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias +Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust. + +Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort +auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte +verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem +Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand +Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze, +herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges +Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper. + +Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie +ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit +ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte; +hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu +überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war +in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie +kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, +von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in +eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen +erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung. + +Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und +der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit, +und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender +wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, +einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel +Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt +des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit +Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ +er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge +befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen +Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das +strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu +besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte. + +Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich +mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem +bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte +zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu +jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der +Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger +vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn +in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief; +da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie +als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu +sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte +sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus +und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und +reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche +Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer +verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die +zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz +unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele +unter sich begrub. + +Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und +nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar +kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als +habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt +und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon +ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs, +als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten, +als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch +Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr +nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses +Herz. + +Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt; +hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende +hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der +Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben +gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte +dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es, +die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie +Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen +einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte +ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber +etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die +ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie +hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der +Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem +Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen. + +Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann +kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen +Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit +Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man +sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von +der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, +in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war +doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung +öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft +und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte +Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen +Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der +sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen. + +Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge +anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer +eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens +gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie, +worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts +von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt. + +Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er +vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei. +Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und +erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte +sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, +von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert +und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch +niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, +ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll +Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er +achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei +einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in +ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr +Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte; +sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle +Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem +Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut +sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von +vielen. + +Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr +entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann +der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, +den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem +Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. +Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: +»Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina +erkrankte. + +Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie +konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte, +wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, +und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die +sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum +nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude +hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich +seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn +erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer +und war totenbleich. + +Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft +durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer +Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land +gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst +in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott, +bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war +anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre +Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte +den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. +Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; +war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, +so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten. + +Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des +Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das +Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die +Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet +hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. +Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein +Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem +Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft. + +Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und +suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach +sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines +Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein +Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den +Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem +Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern +und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind +zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von +Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein +Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob +beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus +und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde +mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat +alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den +Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die +Ahnung der Gefahr. + +Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da +wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der +Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: +»Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief +Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres +Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in +die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend +verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die +hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte +Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein +neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu +verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade, +für die Helligkeit und für die Kraft. + +Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen +Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu +mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.« + +Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, +dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe. +Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. +Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann +rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine +Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das +sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie +blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert, +voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun +zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei +Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß. + +Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei. + + * * * * * + +In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ +aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia +war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf +einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz. + +Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war +wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte, +zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, +dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der +ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung. + +Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne +gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung +menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in +ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um +sein Recht zu fordern. + +Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben +hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu +einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf +dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. +Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir +war. + +Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam +eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von +ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es +ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen +Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das +Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es +auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee +davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas +Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche +Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich +so gewesen sein?‹ fragte sie sich. + +Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt +haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; +unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und +sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu +fragen. + +Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im +Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, +der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde +kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich, +ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und +fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, +Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu +versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.« + +»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme. + +»Er liegt in Zawadow bei Strji.« + +»Verwundet?« + +»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen +muß.« + +Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich +danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.« + +Ihr Entschluß war gefaßt. + + * * * * * + +Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier. +»Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei +mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.« + +»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er. + +Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend +in einem Feldspital.« + +Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich +werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir +lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise +einen Schutz.« + +Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er +starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht +das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er. + +Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes +mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in +seine. + +Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu +spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer +Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber +ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes +Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.« + +Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter. + +»Es ist möglich gewesen, das genügt mir,« fuhr er fort. »Die +Verwirklichung wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form +geschaffen, die für meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen, +steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit +gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht hätt’ ich mich +sonst vollends zerfleischt. Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten, +das kann ich; dich für mich behalten darf ich nicht.« + +Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.« + +Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn. +»Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese +Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir, +– die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im +November?« + +»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich _muß_ es eben +tun.« + +»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem +Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das +du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der +Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch +bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.« + +Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg. + +»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann +Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen +neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du, +Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast +du Georg Ingbert schon begraben.« + +»Und doch muß ich zu ihm –« + +»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber. +Zwischen dir und ihm – Gräber; zwischen dir und mir – Gräber. Millionen +von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.« + +»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen +göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.« + +»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die +wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind, +ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das +nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.« + +»_Was_ fühlen? _Was_ glauben?« brach Olivia leidenschaftlich aus. + +»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja, +ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren, +der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts +andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott +pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die +Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In +ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren +Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen +Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst +du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.« + +»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker +ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.« + +Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er +antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen +herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert, +wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte. +Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach +deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht. +Ich will’s versuchen.« + +»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst +du?« + +»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er +wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur in Worte fassen, was +du mir bist.« + +»Robert!« + +Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft +und verließ ihn. + + * * * * * + +Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein +einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren +schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat +und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele, +daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles +sprach von Auferstehung und Erneuerung. + +Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging +sinnend weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte sie sich plötzlich und +betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der +Tod entgegen. + +Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt, +fremd wie der Tod. + + * * * * * + +Erst am dritten Tage konnten sie reisen. + +Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt, +erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im +Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine +teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange +Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben. +Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden +Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte; +Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die +Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit +noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der +Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und +besonnenen Kraft regiert. + +»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu +Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der +da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich +bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? Wo +ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist +mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker? +Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen, +die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht +einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie +wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht können sie uns nicht +geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung +aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und +Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.« + +»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag’s nicht, wenn Gedanken +so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es +endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als +reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet +wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir +nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst +gewetzt hast. Schau’ in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht +in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und +sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag’s ihnen doch, +daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du +ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete. + +In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa +fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf +einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen +Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war +Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen +Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner +nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen, +waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren +Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des +Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung +erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und +wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets +erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten +in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins +Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden +Verwaltungsbehörde pflegen sollte. + +So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er +hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein +Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und +strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen +Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den +Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins +Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf +Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon +Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht, +denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für +einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an +die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden +Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen +Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende +Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten +unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und +geben Sie neuen Kredit.« + +Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt; +das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die +Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten +lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung +mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen +den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem +Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben +dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei, +wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht +zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die +Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner +sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San +führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden. +Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis +zum nächsten Morgen aus. + +Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war +fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen +sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster +draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten +erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem +unverständlichen Jargon leise unterhielten. + +»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein Schwanken für mich,« sagte Lamm. +»Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen +nicht. Ich hab’ dir’s ja auch gelobt.« + +»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um +die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen +Menschen! Ich kenn’ dich nicht mehr!« + +»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich +spür’s in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten, +die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die Welt +braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar. +Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob +um Rahel, viel länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen, +derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab’ nicht begreifen +wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht +bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine +Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond in +mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab’ eine +Erscheinung gehabt, weiter nichts.« + +»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man +sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut, +im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?« + +»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann +heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen +Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh’ ich wieder am Anfang.« + +Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß +aufgeschlagenen Auges. + + * * * * * + +Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren +gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der +Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die +anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht +gewagt zu entscheiden. + +Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel +komme. Lamm widersprach nicht. + +Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia +auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer +Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze +erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am +schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach +ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte +einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst +ruhend gesehen. + +Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte, +waren ihre Augen feucht. + +Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die +Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend +gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer +Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt, +Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb’ wohl, Robert,« +rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon. + +»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,« +sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms. + +Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer +wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse. + +Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er +vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen +aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder +in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte +ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und +vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter, +immer stürmischer wurden. + +Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren +deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende +nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch +die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes +machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er +stehen und schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ dachte er und zog die +Stirn in Falten, ›da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in +ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht +ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch. +Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den +Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am +Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und +Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die +dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es +wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte +und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies +Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt +es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹ + +Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach +einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor +sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß +anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt, +das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den +Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so +hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht, +geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ ich nicht.« Und im +Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab’ +ich nicht.« + +Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das +Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume +starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine +schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches +Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie +das Weinen eines kleinen Kindes. + +Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und +ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf +schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm +rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber +niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig +verlassen, fror und hatte Hunger. + +Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch +einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter. +Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle +hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still. + +Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die +Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an +ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer. +›Ich will es behalten,‹ sagte er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von +Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den +Menschen gehe und für sie schaffe.‹ + + * * * * * + +Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse +verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte +Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen +Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu +verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den +Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft +konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden +Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen +schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte +den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall +rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern +zerrissen. + +Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der +Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein +freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem +Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten +steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager. +Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem +Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte +erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie +sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert +zu finden hoffte. + +Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein +jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant +Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die +Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es +schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer. + +Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den +Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji +war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden +wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den +andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um +Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam +oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf +dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen +von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine +Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie +beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie +konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte +einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war +von oben bis unten mit Blut bespritzt. + +›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh +sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen +Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die +Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet, +antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen +wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber +Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia +und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu +danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich. + +Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf, +als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der +Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine +Zigarette an. + +Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der +Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei +einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte +sich. + +›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum eigentlich? Und warum die +andern, Unzähligen, warum?‹ Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit +des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: ›Warum +nur, warum?‹ + +Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel +Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich +feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft, +bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur +Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt +gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit +drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von +einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin +gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben +und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte +Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und +als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus. + +Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt +ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die +Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer. +Olivia blieb stehen. + +Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren +grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine +auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein +Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug +keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um +Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen, +und man sah an seinem Gang, daß er blind war. + +Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern +entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten +um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber +durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck +war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald +in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner +Nähe gefeit wären. + +Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot, +und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh, +winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als +käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und +je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich +über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte +kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr? +Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein +rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes +Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß +nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei, +daß er nichts mehr von ihr sah. + +Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung +wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war. + +Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht +und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine +Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu +einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das +leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen +Gebäudes. + +Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus, +kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein +schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos. + +Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen +und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein +unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel +gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen. +Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der +Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben, +zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch; +die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung, +verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem +Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne +darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß. + +Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie +dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige +Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein +Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall +zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel +lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das +Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und +zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier +mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie +die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in +einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen. +In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag +ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf +seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. +Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte +tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen +waren traurig und voll Angst. + +Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie +polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber +hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die +linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an +und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden +unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört +werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das +dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer +Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in +einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige +Flucht hin. + +Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom +Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in +die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann +rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und +freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen. + +Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein. +Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke, +deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre +Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn +mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß +entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und +preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren +Mund. + +Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem +bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel +eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises, +der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf +hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich +Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und +immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte, +glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den +er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach +einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und +warf sie auf das Bett. + +Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das +Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und +viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie +von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer +und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem +Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und +brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden, +als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen +Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die +Augen geschlossen hatte. + +Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht +erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber +die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und +tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein +Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten. +Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus +verwandelter Welt. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen +& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, +September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser +Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen. +S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte. +S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin +S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht +S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten +S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm +S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, +S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht +S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ] + + + +[Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first +publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”, +XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The +page numbers jump according to the distribution of the story onto the +three issues of the monthly periodical. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen. +p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte. +p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin +p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht +p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten +p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm +p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, +p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht +p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE *** + +***** This file should be named 21860-0.txt or 21860-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/8/6/21860/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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