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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:29:07 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: An heiligen Wassern + Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge + + +Author: Jakob Christoph Heer + + + +Release Date: March 8, 2007 [eBook #20786] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN*** + + +E-text prepared by Markus Brenner, gvb, and the Project Gutenberg Online +Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + Die Originalausgabe enthält einige Druckfehler und + Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung. Korrekturen + sind im Text durch geschweifte Klammern gekennzeichnet, + wie zum Beispiel {1}. Einzelheiten zu den Korrekturen + sowie weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des + Textes. + + _ umschließt im Original gesperrt gesetzten Text. + % umschließt im Original in Antiquaschrift gesetzten Text. + [vz] steht für den Buchstaben "kleines z mit Hatschek". + + + + + +AN HEILIGEN WASSERN + +Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge + +von + +J. C. Heer + + + + + + + +[Illustration: An heiligen Wassern] + + + +51.-54. Auflage + + +[Illustration] + + +Stuttgart und Berlin 1910 +J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + +Alle Rechte vorbehalten + + + + +I. + + +Dörfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren Wahrzeichen zwei +altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen sind, erheben sich mit südlichen +Silhouetten am Strom, der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge wälzt. + +Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der Silberweiden und die +Blätter der Pappeln, welche die Wasser säumen, über die Hütten neigen +sich der Kastanien- und der Feigenbaum, die Rebe klettert über das +Gestein, das Land ist licht und üppig, als wär's der Traum eines +italienischen Malers. + +Von Stelle zu Stelle aber schaut durch grüne Waldeinschnitte ein fernes, +in sonniger Schönheit aufleuchtendes Schneehaupt in die Stromlandschaft +und erinnert den Wanderer, daß er just da im Hochgebirge geht, wo es +seine Zinken und Zacken am höchsten erhebt. + +Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen, reden von +stillen Seitenthälern, die hinter träumenden Lärchenwäldern versteckt +bis an die ewigen Gletscher reichen. + +Fast unvermittelt berühren sich in dieser Gegend Nord und Süd. + +Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schloß niederschaut, führt +eine schmale, doch fahrbare Straße in eines dieser Seitenthäler, in das +vier Stunden lange Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines +der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht ihrer Firnen bis +zum Strome herniedergrüßt. + +Ein heißer, brümelnder Junimittag. Auf dem Glotterweg, der sich zuerst +in manchen Kehren durch die Weinbergterrassen von Hospel windet, fährt +ein leichter Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben ihm geht, +ein halb sonntäglich gekleideter Vierziger, der für einen Gebirgsbauern +zu vornehm aussieht, trägt im glattrasierten Gesicht, das ein dunkler +Filz überschattet, und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der +Gebirgsbewohner dieser Gegend: hünenhafte Kraft, Ruhe und eine gewisse +Verschlagenheit. + +»Guten Tag, Presi,« rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen roten +Tüchern im Sonnenbrand der Reben stehen. »Wohl, wohl, das langt wieder +eine Weile!« Und sie deuten lachend auf das Fäßchen, das auf einer +Strohunterlage im Wägelchen liegt. + +»Ja, es thut's!« erwiderte er den Gruß kurz, doch mit freundlichem Wort. +Er bläst die Rauchwolken einer Zigarre in die Luft und tätschelt den +Hals des Tieres: »Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk +wartet die Galta auf dich, wehre dich.« + +Als habe das struppige zähe Pferd Verständnis für seine Zurede, reißt es +mit jeder Liebkosung stärker an den Strängen, aber von Zeit zu Zeit +nötigt es der steile ausgewaschene Weg, mit dem Wägelchen stille zu +stehen und Atem zu schöpfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld über das +Gesicht des Mannes, doch er faßt sich, legt einen Stein unter das Rad +und wartet ruhig, bis das Tier von selber den mühsamen Zug wieder +aufnimmt. + +Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal fuhrwerkt, ist sich +dessen gewöhnt. + +»Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich,« wiederholt der Führer. Aber +von Hospel bis zum Schmelzwerk sind es drei Stunden zu Fuß, mit dem +Fuhrwerk noch mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe St. +Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der Krone liegt. + +Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von Hospel verlassen hat, in +eine Felsenschlucht, über der alte Föhren ihre blaugrünen Schirme +halten, dann berührt er in dem sich weitenden Thal die Dörfer Fegunden +und Tremis, die mit sonngedunkelten Holzhäusern auf grüner Wiesenhalde +liegen, und wird eben. + +Tief unter ihm gischtet der Fluß in der Felsenschlucht, die altersgrauen +Lärchen neigen sich darüber und schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen +über die Ränder und verzieren den Abgrund mit blühendem Rot. + +Nur das Rauschen der Glotter und das gleichförmige Ticktack der +Merkhämmer einer großen Wasserleitung, die in entlegener Höhe +dahinführt, unterbrechen die Stille des Thales. + +Die Leitung heißt das »helige Wasser«[1] und befruchtet die +sonnenglühenden Weingärten, die Aecker und Wiesen Hospels und der fünf +Dörfer, die um den Flecken liegen. + + [1] _helig_ ist die ältere Sprachform für »heilig«. + +Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin über schmale Mattenstreifen +gegangen ist, kommt man zu der alten verwitterten Kapelle der Lieben +Frau, wo der Weg auf einem vielhundertjährigen vermoosten Brückenbogen +über die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hinüberspringt. + +Um die halb zerfallenen Gebäude des ehemaligen Bergwerkes dehnt sich des +Teufels Garten. + +Auf Hügeln alter verglaster Schlacken blüht der rote Mohn, die +Königskerze reckt ihre goldigen Blütenschäfte, das Singrün spinnt seine +blauen Blumenketten um die Scherben, allerlei blühender Wust und viele +Brennesseln wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und +Schmetterlinge gaukeln über die wilde Pracht. + +An einem verkrüppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage, wo Peter +Waldisch, der Präsident von St. Peter, durchs Thal fuhr, eine Mauleselin +angebunden. Sie schüttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfuß +und erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete, von Zeit zu +Zeit ein klägliches Geschrei. Dann tauchte aus der wilden Ueppigkeit der +bunt bekränzte Schwarzkopf eines Mädchens auf, das auf den bloßen +braunen Armen ein übermächtiges Bündel von Blumen trug. »Ich komme, +Galta, ich komme,« rief sie dem Tier begütigend zu, dann verschwand die +ganze Gestalt wieder in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel +Blumen an die Brust drückte, als ihr Arm fassen konnte. Da watete sie +endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes Röckchen schützte sie nur bis wenig +unter die Kniee, aber gewandt wie ein Wiesel wich sie den vielen +Brennesselbüschen aus, die ihre nackten Füße und Waden bedrohten. Eine +lebendig gewordene Bronzefigur, Gesicht, Arme, Füße sonnengebräunt, war +sie fast so wild wie die Wildnis, die sie durchschritt, im Kopf standen +ein paar feurige Augen, wie die einer Zigeunerin; doch sah man dem +Mädchen gleich an, daß es kein Bauernkind war, dafür war alles an ihr zu +zart und zu fein. + +Sie eilte mit leichten Füßen über die Brücke zu der alten Kapelle, +kniete nieder und steckte ihre Blumen in das hölzerne Vorgitter des +kleinen Gotteshauses, so daß es bekränzt war wie für ein Fest. + +»Das wird die Mutter Gottes freuen!« sagte sie, ihr Werk betrachtend. + +Plötzlich horchte sie neugierig und verwundert in die blaue warme Luft. +Ein Rollen wie von fernem Gewitter ging durch die Stille des +Nachmittags. Es war Lawinendonner, den die Luft von den Bergen +herniedertrug. Am schmalen Himmelsband über dem Thal waren weiße +Föhnstriche hingeweht, die Schläge der Frühsommerlawinen und kleinen +Gletscherbrüche lebhafter denn sonst. + +Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und legte die Hand zum +Schutz gegen die brennende Sonne über die dunklen Augen. + +Der Vater kam noch nicht, dafür zwei Kinder mit Tragkraxen, beide mit +Bergstöcken in der Hand. + +»Vroni! Josi!« Mit lebhaftem Ausbruch der Freude sprang sie ihnen +entgegen. + +»Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? Hättet ihr die Last meinem Vater +auf das Wägelchen gegeben, er ist heute nach Hospel gefahren, ich +erwarte ihn hier mit Vorspann.« + +Josi schüttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister stellten ihre +Kraxen auf die hölzerne Bank vor der Kapelle, wischten sich den Schweiß +aus der Stirn und setzten sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin, +betrachtete die beiden wohlgefällig. Vroni, unter deren niedrigem altem +Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in glänzenden Fäden um die +geröteten Wangen flog, war nur ein Jahr, Josi, der kräftige Bursch, der +einen ähnlichen Hut trug, zwei Jahre älter als sie. Und sie war zwölf. + +»Sechzig Pfund hab' ich,« sagte Josi, die Beine schlenkernd, an denen +die schwergenagelten Holzschuhe klapperten, »die Vroni hat vierzig, ob +so viel Mehl wohl reicht bis zur Ernte?« + +»Es wird schon langen müssen, aber dann wird's gut, das Aeckerchen trägt +dieses Jahr viel Korn,« erwiderte Vroni hausmütterlich froh. + +Da ging wieder ein langhallender Donner durch die Ruhe des Thales. Josi +sprang auf: »Ja, es ist doch wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los! +Sieben Jahr ist der Gletscher zurückgegangen und sieben Jahr gewachsen, +das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und jetzt ist ein guter -- da +bricht der Eissturz los!« + +Binia ließ die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte ab: »Sage nichts +Sündiges, schau' doch in die Kapelle, wie viel Marterkreuze von denen an +den Wänden stehen, die in die Felsen haben steigen müssen, wenn das +helige Wasser von der Wildleutlawine zerstört worden ist.« + +Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die Dämmerung der Kapelle. +Ihre Wände waren mit hölzernen und eisernen Täfelchen ganz bedeckt, auf +denen die Namen von Verunglückten und fromme Sprüche standen. + +»O, wie traurig,« sagte Vroni, »da ist es kein Wunder, wenn die Leute +bei uns nicht so laut singen und lachen mögen, wie draußen im großen +Thal und alle so still und ernst sind.« + +Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen zu folgen. + +»Du, Vroni, erzähl' uns doch wieder einmal die Geschichte von den +heligen Wassern, du erzählst sie so schön,« schmeichelte Binia, indem +sie sich flink zwischen die Geschwister drängte und an die Freundin +schmiegte. + +»Das ist eine lange Geschichte,« warf Vroni ein, es war aber, als gehe +von den dunklen Augen Binias ein Zwang auf sie, sie lächelte und +streckte die rote Schürze zurecht: »Ja, nun so, wir kommen schon noch +heim.« + +Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten Erzählerin +überkommen. Ihre blauen Augen gingen träumerisch ins Weite, sie +überlegte, faltete die Hände über dem Knie und begann: »Also, das ist so +lange her, daß es nirgends in den Büchern aufgeschrieben steht. Da gab +es neben uns rechten Leuten im Glotterthal noch Wildmännlein und +Wildweiblein, die in den Wäldern wohnten. Es geschah nun, daß einer von +den rechten Hirten ein Wildmädchen Namens Gabrisa, das mächtig schön +war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar reichte bis auf den Boden, ihr +Gesicht war weiß und ihre Stimme tönte wie Glockenspiel. Allein ihrem +Geliebten mißfiel es, daß sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu den +Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte er nun am Tag vor dem +Vollmond Wein von Hospel herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das +güldenes Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. Und er +antwortete: 'Ja, das ist güldenes Wasser.' Da trank Gabrisa und der Wein +schmeckte ihr gut. Als sie in den Wald eilen wollte, trugen sie die Füße +nicht, sie schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte, +sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach dem Geliebten um +und sang ihm mit ihrer schönen Stimme zu: + + 'Güldenes Wasser, das macht mir Pyn, + Ich darf nit mehr dine Liebste syn!' + +Das Mädchen war verschwunden. Aus Zorn über den Schimpf, der Gabrisa und +damit sie alle getroffen, bannten die Wildleute die Wolken, daß sie ihr +Naß nicht mehr über Hospel und die fünf Dörfer ausleeren konnten, wo der +Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. Die Rebberge verdorrten, +Aecker und Wiesen standen ab, es trat eine große Hungersnot und ein +großes Sterben ein, das nicht mehr aufhören wollte.« + +Die Erzählerin ruhte einen Augenblick, als ob sie sich sammeln wollte, +sie war so mit sich selbst beschäftigt, daß sie nicht sah, wie Josi, ihr +Bruder, die Augen unverwandt auf das blumenbekränzte Haupt Binias +geheftet hielt, auch diese selbst spürte es nicht, denn sie hatte ihre +Lebhaftigkeit gebändigt und hing mit ihren Blicken an Vroni. + +Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen konnte, schrie +Galta, das arme Vieh, das die Kinder ganz vergessen hatten, so stark, +daß die pflichtvergessene Binia aufsprang und über die Brücke zu ihr +hinübereilte. + +Da sagte Josi unvermittelt, als hätte er von der Geschichte seiner +Schwester gar nichts gehört: »Bini ist aber ein schönes Mädchen!« + +Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer Weile antwortete sie: +»Siehst du das erst jetzt, das habe ich schon lange gewußt.« + +Ihre Gedanken blieben bei der Erzählung haften, die Hände im Schoß, +spann sie die Geschichte weiter und merkte nicht einmal, wie nun auch +Josi sich leise von ihr weg über die Brücke zu Binia hinüberschlich. + +»Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, daß sie den Bann lösen. +Sie antworteten: 'Das können wir nicht mehr, denn was geschehen, ist +geschehen und der Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen Dörfer' sollt ihr +bekannt sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen in den Wald. + +Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal, gründeten das +Schmelzwerk und gruben Blei- und Silbererz, das sie verschmolzen, bis +das pure Metall in die Kannen rieselte. + +Für ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie gewaltig viel Holz. Als +sie aber den Arvenwald zwischen der Brücke und dem Dorf zu schlagen +anfingen, gerieten die Wildleute in große Angst, es würde die Zeit +kommen, wo sie nicht mehr genug süße Zirbelnüsse, ihren liebsten +Leckerbissen, fänden. Sie berieten lange hin und her, wie sie die Leute +von St. Peter bewegen könnten, ihnen ein großes Stück Wald zu schenken. +Eines Nachts erschien Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten, +lächelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter reich machen +mit güldenem Wasser, das ihr gerne trinket, so ihr uns Wildleuten den +Wald an der Thalhalde zwischen dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die +Zirbeln wachsen. Saget denen zu Hospel, daß wir Wasser auf ihre +verdorrten Reben, Felder und Wiesen führen wollen, wenn sie euch +gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben. + + 'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn, + Das söll treulich und ewig gehalten syn!' + +Gabrisa verschwand. Schon lange hätten die von St. Peter gern Weinberge +gehabt, aber die Reben wachsen nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging +ihnen, was Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern und +den fünf Dörfern; mürbe von der langen Not, traten diese dem Handel bei, +denn ihre Reben waren wertlos geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der +Vertrag zu stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den Abgesandten +der Wildleute und der Dörfer beschworen. + +Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das Wasser in die hohen +Weinberge tragen oder führen werden, doch wußte man, daß sie in vielen +Künsten erfahren waren.« + +Erst jetzt merkte Vroni, daß sie auch vom Bruder im Stiche gelassen +worden war. Was verschlug's? Er hatte ja die Geschichte schon oft von +der Mutter gehört, die sie so schön wie niemand anders zu erzählen +verstand. Als sie nun die treulosen Zuhörer suchen ging, bot sich ihr +ein überraschender Anblick. + +Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta stand, lag Binia auf dem +Haufen Grünfutter, den sie oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das +wilde Kind lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weißen Zähnen +den Burschen an und er hielt vor ihr stehend einen Strohhalm voll roter +glänzender Erdbeeren, die ersten des Jahres. + +»Mund auf und Augen zu!« sagte er zu der Daliegenden, die lustig zu ihm +emporschielte. + +»Aber nichts Wüstes hineinthun!« bat sie. + +»Was denkst auch, Bineli,« lachte Josi. + +Da schloß Binia die Augen zu, öffnete den Mund und Josi zog die roten +Erdbeeren lächelnd vom Halm und steckte dem Kinde eine um die andere +zwischen die roten Lippen. Plötzlich aber besann er sich anders, statt +einer Beere drückte er ihr einen Kuß auf den frischen Mund. + +Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei das Spiel zu weit +getrieben, aber beide lähmte die Ueberraschung. + +%»Deus benedicat vos!«% klang tief und feierlich eine Männerstimme aus +dem Innern der Ruine, ein schwarzbärtiges hageres Gesicht schaute durch +ein kleines Gitterfenster der Mauer auf die Kinder. + +»Der letzköpfige Pfaff!« schrieen sie wie aus einem Munde, ein großer +Schrecken war ihnen in die Glieder gefahren. Binia schirrte das Maultier +los, Josi und Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stülpten +die an einem Baum hängenden Hüte auf den Kopf und alle drei wollten +ihrer Wege gehen. + +Als sie sich aber auf der Brücke eben wieder begegneten und hastig +aneinander vorübereilen wollten, trat der Mann von vorhin schlarpend aus +der Ruine und mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Füßen trug er +Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich ein weißer Strick, +von dem ein Rosenkranz niederhing. Ganz verwildert sah der bärtige +Einsiedler aus, in dessen bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten. + +%»Pax vobiscum!«% grüßte er sie. »Du bist Binia, die Tochter des Presi! +Du bist Josua, der Sohn des Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!« + +Er machte dazu mit seinen mageren Händen eine so feierliche Bewegung, +daß die bekränzte Binia unwillkürlich gehorchte und auf die Brücke +niederkniete. + +Verwirrt folgte der Bursche. + +Da legte er ihnen die Hände auf die glühenden Häupter und sagte tief und +getragen: »So wahr ich Kaplan Johannes heiße, liebet euch untereinander, +Josi und Binia.« + +Er murmelte über ihnen einen langen lateinischen Spruch wie ein Gebet. + +Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, was Kaplan Johannes +that, unheimlich und schrecklich vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend +thalauf, thalab, doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafür kam +ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte sie gepreßt: »Wir +müssen ja gehen!« + +»So geht!« grollte die Baßstimme des Kaplans, er schleuderte Vroni einen +zornigen Blick zu, machte das Zeichen des Segens über den zweien und +lief über die Brücke. Bald bimmelte das Glöckchen der Kapelle Vesper +durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klängen nicht, wie sie's +gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu grüßen, liefen sie hastig und mit +roten Köpfen auseinander, Binia mit dem Tier über die Brücke thalaus, +Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die Kraxe auf dem +Rücken, den Stutz empor, der mit seinem Zickzack gleich hinter dem +Schmelzwerk beginnt und nach St. Peter führt. + +Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, trichterartige Schlucht +der Glotter getrennt, die Weißen Bretter, drei senkrechte und glatte +Felswände, die aus der Tiefe der Schlucht wie weiße unbeschriebene +Tafeln bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates ansteigen. +Zwischen den drei Wänden ziehen sich zwei tiefe wilde Graben, in denen +sich ausgewitterte Felsen, Klippen und Türme erheben, ebenfalls bis in +die Höhe ewigen Winters, sie heißen die Wildleutfurren. In halber Höhe +aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen Wasser quer über +die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, sagt den Leuten im Thal, daß die +Wasser ruhig die furchtbare Strecke fließen. + +Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, da lehnte Josi die +Kraxe an die Halde, die den Weg säumt, und schaute gespannt zu der +Leitung empor. + +Nein, höher noch hinauf, zu dem blauschillernden Gletscher, der mit +einer Last reinen weißen Firnenschnees über die Wände hinausragte. An +seinem Rand stoben immer kleine weiße Rauchwolken auf, ein Rieseln und +Schäumen, wie das von Wasserfällen ging durch die Wildleutfurren +abwärts, verlor sich in ihren Klüften und knatternder Widerhall der +kleinen Lawinen füllte das Thal. + +»Hast du das auch schon gesehen?« fragte Josi. + +»Nein,« antwortete Vroni kurz und beklommen. + +»Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den letzten Wintern ist mehr +Schnee auf den Gletscher gefallen, als die Sommer haben zu schmelzen +vermögen; der Gletscher ist gewachsen, er tritt über die Felsen hinaus, +man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat sehen können. Jetzt, wo es +heiß wird, schmilzt der Schnee, das Wasser fließt in das hervorstehende +Eis; die Last wird zu groß, der Gletscherbruch kommt, die Wildleutlaue!« + +»Ums Himmels willen, Josi, laß uns gehen!« + +»O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft beim Sturz nicht so sausen +würde, so könnten wir da ruhig zusehen, Eis und Schnee stürzen in die +Schlucht, die ist ja groß. Aber es ist wegen der heligen Wasser!« + +Vroni war unbekümmert um den Bruder, der ihr alles mit großen Worten +vortrug, aufgestanden, er folgte, in einer halben Stunde hatten sie den +Stutz, die Schlucht und die Weißen Bretter hinter sich, vor ihnen lag +auf dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr Heimatdorf, St. +Peter, das rings von hohen Bergen umsäumt ist. + +Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das letzte Wegstück +schweigend zurückgelegt hatten, über die weißen Windungen des Sträßchens +am Stutz hinab und nach dem Teufelsgarten zurück. »Lug' dort, Bini!« +rief Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das Maultier +geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar, wie ein +fliegender Schatten über die schmalen Matten des Thales gegen Tremis +hinab. Vroni sah es wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis +verklärte, als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte. + +Ueber ihr frohmütiges Antlitz flog ein Schatten. + +»Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat, das ist schrecklich. Er +hat dir und Binia den bösen Segen gegeben. Jetzt, wenn ihr auch +wolltet, könnten du und Binia nie ein Paar werden.« + +Josi lachte trocken. + +»Er ist kein Gottesmann,« fuhr Vroni fort, »er ist ein Teufelsmann. Die +Mutter sagt's. Er ist nur ein davongelaufener Klosterschüler, er darf +niemand die Beichte abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil +früher, zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine Kaplanei +gewesen ist.« + +Josi hatte das Bedürfnis zu widersprechen. + +»Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tränken und Sprüchen nicht schon +manchmal krankes Vieh gesund gemacht? Denk' nur an die zwölf Stücke des +Bäliälplers. Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon töten, +da segnete sie Johannes und sie wurden in drei Tagen gesund.« + +»Ja -- und dafür starben dem Bäliälpler drei Wochen nachher die beiden +schönen Kinder, die bis dahin kerngesund gewesen waren; er und seine +Frau, die früher glücklich zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank +und Streit, er ist wild über sie, weil sie den letzköpfigen Pfaffen ohne +sein Wissen in den Stall geführt hat, und immer sitzt er zornig und +traurig im Wirtshaus.« + +»Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,« versetzte Josi kühl. +»Wir lassen den Kaplan nie in unseren Stall, haben wir deswegen weniger +Unglück mit dem Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben wir +am meisten. Drei Jahre hintereinander haben wir Jungvieh aufgezogen, es +wuchs und gedieh auf das schönste, aber jedesmal, wenn's bald hätte +verkauft werden können, ist's umgestanden. Die Loba, die der Vater am +Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren das erste Stück, das geraten +ist.« + +»Die Loba!« -- Vroni bückte sich tiefer unter ihrer Last; die Thränen, +die sie vergossen hatte, als der Händler das schöne liebe Rind +davongeführt hatte, drohten wieder zu kommen. Sie wurde traurig und +still. + +»Du erzählst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, gelt, Vroni,« +versetzte Josi schmeichelnd, als sie durch die mit großen +Pflastersteinen besetzte Straße von St. Peter schritten. »Nein, gelt, du +sagst nichts!« + +»Ei, wie Josi betteln kann.« Das Gesicht Vronis hatte sich gehellt. +»Wenn du dich nie mehr mit dem Kaplan einlässest, will ich still sein.« + +Sie schritten durch die lose Reihe gebräunter Holzhäuser, Ställe und +Städel[2], die das Dorf bilden. Als sie am Gasthaus zum Bären +vorbeikamen, einem alten, massiven Steinbau gegenüber der Kirche, die +sich auf einem Felsenhügelchen erhebt, öffnete sich ein Fenster und eine +Männerstimme rief: »Vroni! -- Josi!« + + [2] _Stadel_, schweizerdeutscher Ausdruck für Heuschuppen. + +»Der Vater!« + +Freundlich reichte ihnen der bärtige Wildheuer ein Glas voll Wein: »Ihr +werdet wohl Durst haben!« + +Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen Schluck. + +»Sagt der Mutter, es könne, bis ich heimkomme, etwas später werden, als +ich gemeint habe, der Presi ist nach Hospel gegangen und ich muß ihn +erwarten.« + +So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich, schlugen einen Seitenweg +ein, der durch Kartoffel- und Roggenäckerchen an den sonnigen Hang +hinüberführt, wo die Maiensässen[3] und Alpweiden der Leute von St. +Peter liegen. + + [3] _Maiensässen_ sind Berghäuser zwischen den Dörfern und den + Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des + Viehs auf die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gewöhnlich im + Mai mehrere Wochen geruht wird. + +Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus, auf dessen +steinbeschwerten Schindeln eine große Steinbrech blühte, jene Blume, von +der die Sage der Aelpler behauptet, daß sie nur auf den Dächern wachse, +unter denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen Fenster, +vor denen Stöcke roter Geranien prangten, gegen das Dorf. + +»Ja, die Wildheuerfränzi versteht sich auf Blumen.« So sprach man im +Dorf. »Blumen und Geschichten sind ihr Sonnenschein.« + +Erschöpft ließ Vroni die Kraxe auf die Bank vor dem Felsblock sinken, +auch Josi stellte die seine mit einem Ausruf der Erleichterung ab. + +Unter der Thüre erschien die Mutter, die Wildheuerfränzi, selbst in +ihren abgetragenen Kleidern eine hübsche Frau, von kräftigem Wuchs, +vollem, üppigem dunklem Haar, offenen Zügen und jenen großen, blauen, +vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte. + +»Da seid ihr ja,« sagte sie erfreut, Josi aber rief: »Mutter, eine +Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!« + +Eine geraume Weile später sah man den Presi mit seinem Fuhrwerk gegen +das Dorf fahren. + + + + +II. + + +Der Gasthof zum Bären war ein Altertum des Dorfes St. Peter. Die +Ueberlieferung berichtete, das aristokratische Haus sei, als noch ein +Saumweg über die damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland +geführt habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen, wo die Maultiere +gewechselt wurden. Man erzählte sich, die Knappen des Bergwerkes hätten, +wenn sie ihr Silber und Blei über die Berge nach Welschland führten oder +von dort mit dem Erlös zurückkamen, im Bären hart gezecht, aus silbernen +Bechern getrunken, mit silbernen Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang +fröhliche Italienerinnen als Spielgefährtinnen in dem Haus einquartiert. + +Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese üppigen Zeiten in St. +Peter fort, das Leben ging jetzt in Haus und Dorf den gemessenen stillen +Gang der einsamen Alpendörfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren stand +das Bergwerk still; so glänzend, wie es die Sage schilderte, mochte das +Knappenleben nie gewesen sein. Das Schmelzhaus war eine Ruine und der +alte Paßweg nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen, an den +Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die schönen Drusen und +Gesteinsblüten, die man da und dort als Schmuck hinter den Fenstern der +Wohnungen sah. + +Für den vielhundertjährigen Bestand des Bären aber sprachen seine +massive Bauart und die Jagdtrophäen, die am Dachgebälk befestigt waren: +gebleichte Steinbock- und Wolfsschädel, besonders ein eingetrocknetes +mumienhaftes Bärenhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer Kette +gegen die Thüre und die Freitreppe hinunterhing, die mit schönem +eisernem Geländer zum Eingang emporführte. Die weißgrauen Zähne des +Hauptes waren vermorscht und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl +bis in die Zeit der Venediger zurück, denn so lange schon gab es im +Glotterthal weder Bär noch Wolf, und seit dem Anfang dieses Jahrhunderts +sind auf den Felsen und Firnfeldern der Krone die Steinböcke +ausgestorben. + +Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als eine neuere Zuthat am +alten Bau die Inschrift »Postbureau St. Peter« und der eidgenössische +Postschild. + +Die stattlichen Wirtschaftsräume des Bären befanden sich im ersten +Stock; helles Arvengetäfel, aus dem die dunkeln Astringe wie Augen +schauten, und alte geschnitzte Wappenzier an den Decken fesselten den +Eintretenden. Der Hauptschmuck der großen Stube war ein alter Leuchter, +der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih +auslief. + +Am Eichentisch unter dem Leuchter saßen der Bärenwirt Peter Waldisch und +Hans Zuensteinen, der Garde[4]. + + [4] _Garde_ (französisch %garde%, Hüter) nennt man in den Thälern, wo + »Wässerwasserfuhren« bestehen, dasjenige Gemeinderatsmitglied, das + die Aufsicht über die Wasserleitung hat. + +Sie prüften das Fäßchen Eigengewächs, das jener gestern in Hospel +draußen geholt hatte. + +»Wie Feuer, meiner Treu!« sagte der rauhbärtige Garde, das eine Auge +zukneifend und durch das erhobene Glas blinzelnd, in dem der Weißwein +sonngolden erglänzte -- »aber, aber, Presi,« seine Stimme wurde +plötzlich sehr ernst, »die Abmachung mit Seppi Blatter ist nichts. Wenn +der ganze übrige Gemeinderat dafür ist, so bin ich dagegen. Man dürfte +ja Fränzi, Vroni und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal +ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler die Hand +geführt?« + +Der Presi und Bärenwirt, der den rauhen untersetzten Garden um +Kopfeslänge überragte und neben ihm wie ein rechter Bauernaristokrat +erschien, lächelte verlegen und rückte auf dem Stuhl. + +»Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen?« fragte er lauernd. + +Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte er aufs neue: »War +Seppi nüchtern?« + +»Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein zur Ermutigung dabei. Ich +war grad in guter Laune, ich ließ ein paar Flaschen Hospeler fließen, +Seppi aber war ziemlich nüchtern.« + +Der Garde schüttelte bedächtig den Kopf, in den starken Furchen seines +breiten Gesichtes spiegelte sich Mißbilligung und Sorge, erst nach einer +Weile sagte er: »Das Ding ist nichts.« + +Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gespräch eine andere Wendung zu +geben, lachend rief er: »Zum Wohl, Garde!« Und als nun die Gläser +zusammenklingelten, fuhr er fort: »Warum ich gestern so hellauf war, +Seppi Blatter, Bälzi und dem Bäliälpler ein Glas vom guten Hospeler +schenkte, will ich Euch verraten. Es ist eine Ueberraschung --. Ich +führe wieder eine Wirtin in den Bären.« + +Da sprang der schwerfällige Garde auf: »Was Ihr meldet, Presi! Wer +ists?« Die ehrliche Neugier stand ihm im Gesicht. + +»Unter vier Augen und nur zu Euch -- Frau Cresenz, die Schwester des +Kreuzwirtes in Hospel. Wir haben die Angelegenheit gestern ins reine +gebracht.« + +»Ich wünsche Euch Glück,« sprach der Garde feierlich und schüttelte dem +Wirt kräftig die Hand. Dann setzte er sich und knurrte in einem Ton vor +sich hin, der nicht entscheiden ließ, ob darin eine Zustimmung oder +Mißbilligung liege. + +»Was sagt Ihr dazu?« fragte der Presi. + +»Cresenz wird dem Bären schon wohl anstehen, sie hat sich als Witwe gut +erhalten, ist mit ihren fünfunddreißig Jahren eine hübsche Frau, sauber +und flink, sie versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie +keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine, Ihr führt eine +geschickte Frau ins Haus. Aber --« + +Der Garde stockte. + +»Aber?« -- wiederholte der Presi. + +»Cresenz ist aus einem so großen Gasthof und an das Fremdenleben so +gewöhnt, daß es ihr hier bei uns hinten, wo doch nur Bauern und Alpleute +sind, langweilig wird.« + +Der Bärenwirt lachte: »Falsch, Garde, falsch! -- Dafür ist gesorgt. Ein +schönes Stück wird schon sein, Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert; +denkt nur, gestern kam sie mir barfuß bis nach Tremis entgegen, es hat +mich geschämt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit, mich mit ihr +abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib, wird nicht Herr über sie, +fahre ich aber einmal mit einem Donnerwetter dazwischen, so schilt sie +mich frank einen Rabenvater.« + +Die beiden Männer lachten herzlich -- es schien, der Streit von vorhin +sei in lauter Freundschaft aufgelöst. + +Da räusperte sich der Garde: »Haltet, wenn Ihr jetzt eine frische, +hübsche Frau bekommt, nur die Beth selig in Ehren und gutem Andenken.« + +Das Gesicht des Bärenwirts verfinsterte sich. + +»Aber das gebt Ihr doch zu,« sagte er mürrisch, »Frau Cresenz wird eine +bessere Wirtin als die arme selige Beth.« + +»Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt, nur Ihr nicht. Sie +war eine Frau wie ein Engel, sie hat nur das Unglück gehabt, da sie +Euern hochfahrenden Plänen nicht hat folgen können und nicht hat wollen. +Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und fromm, stets auf +den Frieden im Leben und die Seligkeit im Himmel bedacht, Ihr aber +gleicht von jeher mehr den Leuten draußen in der Welt, hastig und +unruhig seid Ihr immer voll Pläne, habt Ihr immer eine ganze Menge Dinge +umzutreiben. Da wird Euch allerdings Cresenz besser verstehen als Beth!« + +Der Presi lächelte überlegen: »Handel und Wandel, mein' ich, giebt dem +Leben das Salz und« -- er klopfte dabei auf den Tisch -- »mit Frau +Cresenz wage ich es. Der Bären soll ein Fremdengasthof werden, ich +nehm's mit dem Pfarrer und euch allen auf.« + +»Presi!« Das Blut war dem Garden in den Kopf geschossen. »Presi, das +thut Ihr nicht!« + +»Ihr werdet's schon erleben.« Die Augen des Bärenwirtes blitzten +übermütig und unternehmungslustig. + +»Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen und alle werden mit ihm +gegen Euch sein!« + +»Der hochwürdige Herr soll das Geistliche besorgen, das Weltliche +besorgen wir schon.« Der Presi lachte und fuhr dann fort: »Ich will Euch +verraten, warum er keine Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, daß +er nach St. Peter gekommen ist. Da stieg über die Schneelücke herunter +der erste Fremde, ein berühmter Naturforscher, der mit seinen Führern +die Krone erklettert hatte. Die Leute von St. Peter erstaunten darüber +so sehr, daß sie den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!' +sagte er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen entgegenziehe. +Als der Bergsteiger, seine Führer und Träger kamen, spritzte er ihnen +Weihwasser entgegen und schrie: %'Apage, apage, Satanas!'% Auf dieses +Zeichen trieben die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum und +jagten sie den Stutz abwärts. Glaubt, Garde, wegen der Schande von +damals will der Pfarrer nichts von Fremden wissen, er fürchtet, die +Geschichte, wegen der wir von St. Peter in den Büchern als ein rauhes +und dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!« + +Der Garde hatte sich beruhigt: »Der Pfarrer ist gegen den +Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben des Dorfes fürchtet. Er +hat recht. In Grenseln, wo jetzt auch zwei Gasthöfe sind, hat erst +diesen Frühling ein Mädchen, das im einen diente, ein Uneheliches +bekommen. Denkt die Schande!« + +»Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der Glotter und den +Hospeler aus meinen Bergen würde ich gern etwas besser verkaufen, als es +bis jetzt geschehen ist.« + +»Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi, dafür hat Euch wahrlich +die Gemeinde Euer Amt nicht gegeben. -- Ich muß jetzt von etwas +sprechen, wovon man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist +es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen? Nie! Und doch +wohnen wir unter den Firnfeldern der Krone und sie hätten freien Weg.« + +»Ich weiß schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht abergläubisch; die +armen Seelen kommen in die Hölle, nicht auf die Gletscher. Das sagt ja +der Pfarrer selbst,« höhnte der Wirt, »der wird's wissen!« + +In diesem Augenblick schaute ein etwa fünfzehnjähriger Junge blöd durch +die halbgeöffnete Thüre. + +»Nur hinein, Eusebi!« Lustig schob Binia den ungelenken schwächlichen +Burschen mit beiden Händen vom Flur in die Stube. + +»Was willst, Eusebi?« fragte der Garde freundlich. + +»S--s--sollst h--h--heim--k--k--ommen, V--v--vater. Ei-- ein R--rind ist +k--k--kr--rank auf d--d--er Alp.« + +Der Stotterer schämte sich seines Uebels, er wußte nicht wohin blicken. + +»Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme!« Der Garde stand auf und der Presi +gab ihm bis auf die Freitreppe das Geleit. + +Dort säumten die Männer noch einen Augenblick. + +»Also wir müssen auf alles gefaßt sein, die Wildleutlaue kann jede +Stunde gehen,« sagte der Presi ernst.{1} + +»Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit Seppi Blatter ist +nichts,« erwiderte der Garde. »Im übrigen hoffe ich, daß ich bei der +Wassertröstung[5] das Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte +satt.« + + [5] _Wassertröstungen_ nennt man die Gemeindeversammlungen, in denen + Beschlüsse über die Wasserleitungen gefaßt werden. + +»Das nicht, das nicht; über Seppi Blatter aber reden wir im +Gemeinderat.« + +Die Männer schüttelten sich die Hände. + +»Nichts für ungut!« sagte der Garde, »ich rede frei von der Leber, +anders hab' ich's nicht gelernt.« + +Binia aber rief: »Nicht wahr, Eusebi darf noch bei mir bleiben.« + +»Gewiß,« lächelte der Garde wohlgefällig, »ich habe nichts lieber, als +wenn er bei anderer Jugend ist.« Da riß die wilde Binia den scheuen +Jungen mit sich. + +Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt schien, ging langsamen +Schrittes durch die kleinen Aecker zur Hütte des Wildheuers Seppi +Blatter. Er hatte schwer zu denken und wiegte den mächtigen Kopf: Was +für ein merkwürdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter ist zu klein für +seine rastlose Betriebsamkeit. In allem hat er die Hand. Er hat seine +Schuldscheine auf Aeckerchen und Alpen, er beherrscht als Vermittler +zwischen den Sennen und den fremden Händlern den Käse- und Viehhandel, +er ist Posthalter und hat damit den Einblick in allen Verkehr und nun +will er noch Fremdenwirt werden. + +Dazu die schlechte voreilige Anbändelei mit Seppi Blatter! -- Was hat er +für einen Zweck dabei? Keinen! Eine Laune ist's, ein Stück sträflichen +Uebermutes. + +Da war er bei der Hütte angekommen. + +»He, fleißige Vroni, wo ist der Vater?« + +Vroni saß auf dem moosüberwachsenen Block, der das Häuschen schirmte, +sie flocht mit flinken Fingern an einem jener Strohbänder, woraus die +Glotterthalerinnen die zierlichen Hüte machen, die sie tragen. Nebenbei +überwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen klingelnd, +zwischen hohen roten Enzianen und blauem Eisenhut sich ihr Futter +naschten. + +»Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken; kann ich dem +Vater etwas ausrichten, Pate?« + +»Er soll unter Licht[6] bei mir vorbeikommen. Guten Abend, artiges +Kind --« + + [6] _unter Licht_, schweizerdeutsch, »in der Dämmerung«. + +Damit stoffelte[7] er den Berg hinan. Vroni hatte aber von ihm einen +Blick aufgefangen, der ihr zu denken gab. In seiner Freundlichkeit war +ein sorglicher Ton gewesen, der ihr in den Ohren nachklang. + + [7] _stoffeln_, schwerfällig gehen. + +Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner in stärkeren +und schwächeren Schlägen vom Gebirg, und plötzlich fiel ihr der Vater +ein. Sie wußte nicht warum. Doch! Er war am Morgen so blaß gewesen, er +hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen wegen des +Donners. + +Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, daß eine behende Gestalt wie +ein Wiesel über die Felsen hinaufgeklettert kam, sie erschrak +ordentlich, als Binia ihren Arm um sie schlang. Und dann sah sie den +scheuen Eusebi unten stehen. + +»Komm, Sebi, komm!« Er kletterte, setzte sich zutraulich zu den zwei +Mädchen, seine Augen glänzten in stiller Freude. »Vroni und Bini wissen, +daß ich nicht so einfältig bin, wie die Leute meinen,« dachte er. + +»Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen Wassern weiter, mir hat +die ganze Nacht von der Wildfrau Gabrisa geträumt, sie war aber nicht +schwarz, sondern blond wie du!« scherzte Binia. + +Vroni lachte, dann mahnte sie: »Du, von Josi darfst du keinen Kuß mehr +bekommen!« + +Eusebi riß die Augen auf: »K--k--kuß,« stammelte er verwundert. + +»So!« Lustig stellte Binia die weißen Zähne. »Erzähle jetzt nur, Vroni. +Josis Kuß war ja nur Spiel.« + +Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die Hände über das Knie und sah +in die Weite: »Ich fange jetzt gleich an, wo ich gestern zu überdenken +aufgehört habe, ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.« + +»O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur erzählst,« versicherte +Binia. + +Da begann Vroni: + +»Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser in die Weinberge +hinaufführen oder tragen werden und viele Leute gingen nach Hospel +hinaus, um es selber zu sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter +zu arbeiten an, sie hieben Bäume um und höhlten die dicken Stämme fast +ganz aus, so daß breite und tiefe Kännel entstanden. Den ersten legten +sie an das Gletscherthor, aus dem die Glotter ins Thal läuft, und dann +viele Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des anderen, +immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prüften sie, ob das Wasser +hindurchfließe, und wenn es lief, so tanzten sie vor Freude und +klatschten in die Hände. 'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie +sich zu, und da ihnen der Boden des Thales zu rasch abwärts ging, zogen +sie die Kännel den Berg entlang, so daß sie viel höher als der Thalboden +zu liegen kamen und sich hoch am Berg dahinwanden. Die Thalleute +wunderten sich, daß sich die Wildleute so viel Mühe gaben, sie wußten +nicht, was werden solle. Die Wildleute aber riefen: + + 'Sunneschyn, ja Sunneschyn + Macht die ruchen[8] Wasser fyn!' + + [8] _ruch_, rauh. + +»Wo ein Baum stand, der die Kännel beschattet hätte, fällten sie ihn. So +zogen sie die Leitung der Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch +ihren eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk, wo jetzt die +Weißen Bretter sind: + + 'Durefüehren, durefüehren, + Zirble[9] aber nit anrüehren!' + + [9] _Zirble_, Zirbelbaum, Arve. + +»So riefen sie sich ängstlich zu. Den Leuten kam es seltsam vor, daß die +Wasserleitung im Wildmannliwald am Schatten gehen sollte, sie aber +sagten: + + 'E Wurzen[10] git dem Berg den Halt + Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!' + + [10] _E Wurzen git_, eine Wurzel giebt. + +»So bauten sie die Kännel, viele Kirchtürme hoch über Hospel kam das +Wasser in die Weinberge, und vom langen Lauf an der Sonne war es ganz +warm. + +»'Aber es ist ja trüb, was sollen wir mit trübem Wasser anfangen?' +murrten die Weinbergleute. Die Wildleute jedoch tanzten wie närrisch um +die fertige Leitung und mahnten: + + 'Trüebe Wasser, güldige Wyn! + Grabend Gräben, lassend's yn!' + +»Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu den verdorrten +Weinstöcken und siehe, die Reben grünten und trieben Schosse, wo ein +Tröpflein hinkam, sproßte das Gras, die Bäume schlugen aus. Das ganze +Land um Hospel wurde schön wie ein Garten und prangte in Fruchtbarkeit. + +»Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder den abgemagerten +Kindern, die Greise weinten vor Freude und streckten die Hände ins +Wasser, daß sie merken, wie es riesele. + +»Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle antworteten: 'Ja, +heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither hat man die Leitung nie anders +genannt. + +»Die Dörfer des Thales, St. Peter, Tremis und Fegunden, und alle jene, +die von dem Ueberfluß der Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer +Landsgemeinde zusammen. Sie beschworen, daß niemand das helige Wasser +letzen oder damit Vergeudung treiben dürfe, sie setzten Verbannung oder +Tod darauf, sie legten das Landbuch an, in dem jedes Grundstück +aufgezeichnet und ihm das Maß des Wassers bestimmt ist, das ihm zur +Tages- oder Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte +Wächter, die nachsahen, daß keiner zu viel und keiner zu wenig vom Segen +erhielt. Und alle drei Jahre legten die Leute den Finger auf das +Landbuch, daß sie ewig halten, was darin stehe. Von da an hatten die +von St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder tief in den +Wald zurück.« + +Während Vroni so sprach, schien es, als bewegten sich den steilen +Alpenweg hinab drei Bündel. Zuerst waren sie nur wie dunkle Punkte +gewesen, aber jetzt wurden sie größer und größer. Ihre Träger sah man +nicht, aber die Erzählerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch: +»Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist das erste des +Jahres.« + +»Bis sie da sind, erzähle noch ein wenig, Vroni, es ist alles schön, was +du sagst,« schmeichelte Binia. Selbst der blöde Sebi nickte. + +Vroni, das sah man ihren glänzenden Augen an, war im Zug: + +»Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen kamen auf die Welt und +starben, niemand wußte mehr etwas anderes, als daß die heligen Wasser +Jahr um Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen betrieben +die Venediger den Bergbau, sie lebten üppig und in Freuden, das +fröhliche Leben ging im Bären nie aus. Die von St. Peter wurden durch +den Wein, den sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen +verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die Bergleute alles +Holz, das an den Thalseiten wuchs, für ihre Feuer abgeschlagen hatten, +und wegen der Lawinen und Steinschläge wuchs das neue nur langsam nach. +Der Holzmangel war groß. Der Wald der Wildleute aber, der so nahe am +Schmelzwerk lag, stand in Schönheit und Pracht. Da boten die Venediger +denen von St. Peter so viel lötiges Silber, als sie in sieben Wochen +gewannen, wenn sie diesen Wald schlagen dürfen. Da man schon lange +keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute glaubten, die Wildleute +seien gestorben oder fortgewandert, so verkauften sie den Forst, der +nicht ihnen gehörte, und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn die +Bergknappen die Axt in einen der Bäume hackten, erscholl aber aus dem +Wald ein Klagen, wie wenn Kinder weinen würden, und aus den Gebüschen +hörte man das Geräusch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die Axt +an die älteste Arve legten, überpurzelte der mächtige Baum, es klirrte, +wie wenn im Boden eine Kette reißen würde, und ein Wildmannli, das +erschreckt forteilte, rief: + + 'Untrü, Untrü, du machst großes Weh, + Jetzt hebt[11] der Wald am Berg nit meh!' + + [11] _hebt_ = hält. + +»Das war der letzte Wildmann.« + +Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die Mutter und Josi, mit ihren +Lasten waren herangekommen. Sie warfen ihre Bündel ab, streiften die +weißleinenen Kapuzen zurück, die ihre Köpfe vor dem Heustaub schützten, +und wuschen sich am Brunnen, der neben der Hütte summt, die erhitzten +Gesichter und die Hände. + +Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen war, begrüßte die +Ankömmlinge mit lebhafter Freude, aber sie dauerte nur einen Augenblick. +Warum zog sich die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias +ansichtig wurde, was war das für ein fremder, schmerzlicher Zug, der +über das braune Gesicht bis in den blonden Bart hineinzuckte? + +Plötzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia an: »Fort mit dir, +du Schlechthundekind!« + +Die Erschrockene und Verwirrte, die das böse Wort wie ein Blitz aus +heiterem Himmel traf, stand einen Augenblick fassungslos, dann flüchtete +sie so schnell wie eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit +zurückblieb. + +Fränzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt, vorwurfsvoll sagte +die Frau: »Seppi, Seppi! bist du letzköpfig geworden? Die Binia hat dir +ja nichts gethan!« + +Der verstörte Mann gab keine Antwort, er setzte sich auf den +Dengelstein, mit verbissener Wut begann er die Sicheln zu rüsten, als ob +sie in Stücke gehen müssen. + +Fränzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die hellen Thränen der +Kränkung in den Augen, Josi machte sich mit dem Heu zu schaffen, damit +seine tiefe Verlegenheit nicht zu auffällig sei. + +»Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend noch zu ihm kommen!« +wagte Vroni schüchtern zu melden. + +Da schnob Seppi Blatter: »Hole der, welcher hinkt, den Garden mit dem +Presi!« + +Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder verstanden den Vater nicht +mehr. Den ganzen Tag war er einsilbig gewesen und hatte gebrütet. Und +jetzt war er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von stiller +Gemütsheiterkeit war und gern einen Scherz machte, wenn ihn die Sorgen +nicht zu stark drückten. + +Etwas mußte gestern abend im Bären vorgefallen sein. + +Aber was? -- Wenn er es nicht freiwillig sagte, erfuhren es Mutter und +Kinder nicht. Das wußten sie schon. + +Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim Abendbrot, bei +Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot und Käse, um den Tisch saß, +wollte Josi das Gespräch auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte +ihn der Vater mit einem »Halt 's Maul!« an. + +Und als Fränzi sanft mahnte, er möchte doch zum Garden gehen, sagte er +ganz traurig: »Ich bin todmüde -- gute Nacht, alle zusammen.« + +Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die harte Tagesarbeit brachte +Josi wenigstens bald den Schlaf. + +Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im Traum, als rüttelte der +Wind am Haus, als knackte das Schindeldach -- er wurde munter -- das +Getöse dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall begannen +zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und von weit her hörte er das Vieh +plärren. Er schlich sich erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach +ins Freie ging. Der Himmel über den Bergen war sternklar, aber vom Stutz +herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und die Luft wogte. Feiner +Schneestaub begann zu rieseln, die Gegend verfinsterte sich. + +Da wußte er es: Die Wildleutlaue an den Weißen Brettern ist gegangen. + +Jetzt fingen die Glocken zu läuten an, wie es Brauch ist in St. Peter, +wenn eine Lawine, ein Gewitter oder ein Brand im Thale wütet. »Betet, +betet!« läuteten sie. + +Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter. + +Welch ein Anblick! Die Mutter saß totenblaß auf einem Stuhl, vor ihr auf +dem Boden kniete, barfuß und nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in +ihren Schoß geneigt, seine sehnigen Hände um die ihrigen geschlungen. + +Der gewaltige Mann stöhnte, schluchzte und rang nach Worten, daß es +einen Stein hätte erbarmen müssen. + +Vroni saß am Tisch vorgelehnt, durch die Hände, mit denen sie das +Gesicht bedeckt hielt, drangen die Thränen, ihre junge Brust bebte vor +Leid. + +»Was giebt's?« fragte Josi; als er aber von keiner Seite Antwort +erhielt, fingen vor Angst auch ihm die Glieder an zu zittern, die Zähne +zu klappern. + +Da kam's aus der Brust des Vaters, als würde ihm das Herz abgedreht und +sich im Leib auch eine Lawine lösen: + +»O Fränzi -- liebe Fränzi -- ich habe es versprochen -- ich muß an die +Weißen Bretter steigen.« + +Ein Schrei drang aus der Hütte in die Nacht, er kam von Vroni. Die +Mutter saß entgeistert, sie hatte willenlos ihre Hände aus denen des +Vaters gelöst und strich ihm über den Scheitel. Sie flüsterte immer nur: +»Mein armer Seppi -- mein armer Seppi! Das also ist's, warum du nicht +hast reden können. Gott! Gott!« + +Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden, so daß er, wenn +auch nur stoßweise, sprechen konnte. + +»Ich habe dem Presi die drei Zinslein für das Aeckerchen bringen wollen. +Der Bäliälpler mit der krummen Nase hockte da -- der Wildheuer Bälzi mit +den wässerigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. -- Wir haben um eine +Maß[12] gehäkelt[13]. -- Ich habe beide über den Tisch gezogen. -- Da +fingen sie an zu necken und zu hänseln. -- Ich sei wohl stark, aber doch +ein Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken. Ich +höre eine Weile zu und sage nichts. Da kommt endlich der Presi und redet +von der Wildleutlaue. Er lacht, er spricht so drum her, es könnte einer +ein schönes Stück Geld verdienen, wenn er die Gemeinde nicht zum Los +kommen lasse. Ich meine, es geht auf Bälzi. 'Hast ja acht Kinder, laß +dich auf den Handel nicht ein!' sage ich. + + [12] Die _Maß_ ist das ehemalige schweizerische Einheitsmaß für + Flüssigkeiten. Sie faßt anderthalb Liter. + + [13] _Häkeln_, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel der + Aelpler. + +»'He, es wird einer an die Bretter steigen müssen,' machte der Presi +unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort +giebt das andere. Plötzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei +Zinslein schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen, +wie du, Seppi; gescheiter wär's, du stiegst an die Weißen Bretter.' + +»Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das Geld aus dem Sack auf +den Tisch, da höhnt er: 'Eben, eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's +schon nicht hätte erfahren sollen, so weiß ich's. Hättest mir wohl +vorher einen Deut thun können.' Ich darauf: 'Es darf doch noch einer +sein Rind verkaufen, ohne daß so und so viel Franken in den Fingern des +Presi bleiben.' + +»Da schlägt er auf den Tisch, brüllt, es sei traurig, wenn einer an der +Zahlung von vierhundert Franken sechs Jahre herumzerre. Und er kündigt +mir den Brief auf Martini. + +»Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu mir, er ist sonst nicht +ungrad und wir sind alte Schul- und Militärkameraden, drum bin ich in +der Stube sitzen geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man +redet, man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich, Seppi, +steige an die Weißen Bretter. Auf deinem Aeckerchen, das für vierhundert +Franken verschrieben ist, steht noch eine Schuld von hundertachtzig +Franken. Ich will nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den +Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst; sage ja, +und ich übernehm's auf meine Verantwortung, ich gebe dir gleich den +Vertrag. Die Genehmigung durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll ich +schreiben?' + +»'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden, 'kennst du das +Vaterunser: Und führe mich nicht in Versuchung!' + +»'Ho,' meint er, 'es ist ein schöner Verdienst, du kannst an einem Tag +nicht mehr gewinnen. Du verdienst nicht so viel in einem Jahr. Und wenn +ich das Briefchen kündige, kommst du auch in Verlegenheit.' + +»'Ein dummer Teufel bist,' sagte Bälzi. + +»Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter hast, aber keinen Mut!' +Da habe ich den Wein im Kopf gespürt, ich habe auf einmal den Acker +deutlich vor mir gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. -- Hin +und her hat es mich gezerrt, daß mir ganz taumelig geworden ist. -- Der +Presi schreibt, die anderen zwei schwatzen auf mich ein, ich sehe +nichts, ich höre nichts. -- Da liegen die Scheine vor mir, der Presi +sagt: 'Du mußt unterschreiben, -- entweder den Empfang der Kündigung +oder den Vertrag, daß du an die Bretter gehst.' + +»Ich nehme die Kündigung, da schreit Bälzi: 'Du Großhans, wo willst du +zu Martini hundertachtzig Franken hernehmen? Da hast den anderen +Schein!' + +»Mir ist schwarz worden vor den Augen -- ich habe nicht mehr gesehen, +was ich unterschrieb -- als der Presi den einen Vertrag eingesteckt +hat, habe ich es gewußt, was ich gethan. + +»Da ist die Sünde!« Der bleiche Mann zog aus der offenen Weste ein +zerknittertes Papier hervor und warf es auf den Tisch. Dann neigte er +sein Haupt in den Schoß seines Weibes. + +Lautes Weinen erfüllte die Hütte; mit dem rauschenden Kienspanlicht, das +seinen flackernden Schein über die Gruppe des Elends warf, kämpfte das +Morgenrot. + + + + +III. + + +Die Wildleutlaue ist gegangen! + +In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen vor den Häusern des +Bergdorfes, redeten miteinander, und als der Morgen kam, dachte niemand +ans Tagewerk. + +Im Bären saßen schon Gäste. Ihre Zahl wuchs, als die, welche an den +Stutz hinausgegangen waren, um die Größe der Verwüstung zu sehen, +zurückkehrten. Sie brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine +hatte die Leitung der heligen Wasser von den Weißen Brettern +hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter mit Eis und Schnee gefüllt. + +Also ist heute Wassertröstung! Die Bauern erzählten sich die Schrecken +der Nacht: Die Scheiben klirrten, die Luft sprengte die Thüren auf, die +Betten wackelten, die Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den +Heiligen. + +Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten freien Lauf. Binia, die +der Lärm aus dem Bett geschreckt hatte, und wie ein aufgescheuchter +Vogel verwirrt und übernächtig von einem Gemach des Hauses zum anderen +flatterte und überall fortgeschickt wurde, hätte in der großen +Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um den Rest der Geschichte zu +vernehmen, den ihr Vroni schuldig geblieben war. + +Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen hatten, kam an der +Stelle, wo die große Arve gestürzt war, ein weißer Fleck, der Felsen, +zum Vorschein und glänzte, als ob dort ein Stück Schnee nicht +weggegangen wäre. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze wurde der +unheimliche Fleck größer, die Weißen Bretter wuchsen gespenstisch aus +dem dunklen Erdreich, die Wasser wühlten die Furren[14], schlechte Jahre +machten die Gletscher groß und eines Tages wischte ein Gletscherbruch +die Kännel der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger +wurde, in die Glotter hinab. + + [14] _Furre_ = Furche, Runse, Steilschlucht. + +Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte den Eisbruch -- die +Wildleutlawine! + +Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel und in den Dörfern +wieder Dürre und Mangel ein. Der Zorn der Bewohner des großen Thales +wandte sich gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da sie +schuld an dem Unglück seien. Die Dörfer forderten sie durch Boten auf, +daß sie die Leitung wieder herstellen, doch wagte es niemand, an die +senkrechten Weißen Bretter hinaufzusteigen, Kännel darüber hinzuführen +und sie zu befestigen. Da stellten die Hospeler und die Dörfer im Thal +bei Tremis Wachen auf, sie ließen niemand weder nach St. Peter hinein, +noch von dort nach Hospel hinaus. »Unglück über uns!« klagten die von +St. Peter, aus Mangel zogen die Venediger über die Schneelücke ab, das +Bergwerk zerfiel und die Füchse wohnten in den Stollen. Die Not wurde +immer größer, denn die kleinen Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf +hin anlegten, gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele +Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der Seuche, die im Dorfe +herrschte, niemand verkündete mehr das Wort Gottes. Da sagten die von +St. Peter. »Ehe wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere +Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die Söhne und Töchter heiraten ohne +Trauung, die Greise sterben ohne Beichte und Sakrament, wollen wir uns +mit Gewalt den Thalweg erzwingen.« Mit Sensen und Gabeln fielen die +Männer und Frauen von St. Peter über die Wachen bei Tremis und töteten +sie, aber in der zweiten größeren Schlacht, die beim Bildhaus an der +Gemeindegrenze von St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie. +Die Krieger aus dem großen Thal drangen bis ins Dorf vor, raubten und +plünderten und die Bewohner mußten sich ihnen auf Gnade und Ungnade +ergeben. + +Da kam ein großes Versprechen zu stande, das für ewige Zeiten ins +Landrecht aufgenommen wurde. Die von St. Peter sollen die heligen Wasser +an den Weißen Brettern vorüberführen und sie vom Gletscher an bis zum +Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame Wohl forderte, +dafür sollen sie ungehindert aus dem Thale verkehren können und ihre +Weinberge zurückerhalten, die vorderen Dörfer aber sollen die Leitung +von der Brücke an besorgen und Friede immerdar währen. + +Jetzt wußten die von St. Peter, daß ihnen nichts anderes übrig blieb, +als die heligen Wasser, sollte es auch alle Bürger kosten, an den Weißen +Brettern vorüberzuleiten. Sie bestimmten, daß das Los unter ihnen +entscheide, wer von ihnen die großen Eisenringe, in die man die Kännel +hängen wollte, hoch an den gräßlichen Felsen befestigen müsse. Des +Losens war kein Ende, einer nach dem andern stieg hinauf, schon waren +sieben gefallen, das Wehklagen des Dorfes füllte das Thal, und viele, +die das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit ihren +Haushaltungen über die Schneeberge aus. Da war ein Ehrloser, Matthys Jul +mit Namen, der zu Hospel an einer Kette im Gefängnis lag, weil er einen +andern Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die Leitung +herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und Ehre wiedererlange. Man +führte ihn an die Weißen Bretter und siehe da -- ihm gelang es, die +Reifen festzumachen und die Kännel zu legen. Die Merkhämmer klopften, +das Wasser floß nach langem Unterbruch wieder fröhlich durchs Thal; da +wurde beschworen, daß jede Blutschuld gesühnt sei, wenn der Thäter die +heligen Wasser an den Weißen Brettern aus dem Verderben rette. + +Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer früher, bald ein paar +Sommer später, saust die Wildleutlaue über die Weißen Bretter herunter +und zerstört die Wasserfuhre, immer muß dann ein Mann auf Leben und +Sterben an die Felsen emporsteigen, daß er die Kännel wieder füge, und +geheimnisvoll waltet, wenn sich kein Freiwilliger meldet, darüber das +Los. + +Als vielhundertjährige, durch Brauch und Sitte, ja sogar durch die +kirchlichen Anschauungen geweihte unablösbare Fron liegt die +Instandhaltung der heligen Wasser auf dem Dorf, der milde Segenspender +von Hospel ist der Drache von St. Peter, der die blühende Mannschaft des +Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem Opfer, das +unfreiwillig an die Weißen Bretter emporgezwungen worden ist; mit den +Ueberlieferungen, die von den Unglücksfällen berichteten, welche an den +schrecklichen Wänden geschehen sind, könnte man ein Buch füllen. + +Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein an der Brücke, das +einst den fröhlichen Bergknappen als Gotteshaus diente, sagt eine +Inschrift, die auch schon halb verblaßt ist, kurz und schwer: »Welche +Trauer! Der Totfäll' ist kein End'!« + +Sollen die Opfer überhaupt nie enden? -- Die Sage tröstete, einst würde +ein Liebespaar St. Peter von der Blutfron an den heligen Wassern +erlösen, aber eine Jungfrau müsse darüber sterben. Wann? -- Ja, wohl +erst, wenn sich die andere Sage erfüllte, daß auf den Bergen, auf denen +jetzt die großen Gletscher liegen, Rosengärten blühen, der kreisende +Adler sich des fallenden Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt. + +Heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde. Nur scheu und verstohlen wagt +sich die Frage, die auf allen Herzen brennt, hervor: Wer wird an die +Weißen Bretter steigen müssen? -- Das Los -- das blinde Los, wen +trifft's? -- Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gemütern, denn keiner +weiß, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne des Dorfes, die +noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert, sich die Verdammnis ziehen +wird, als Bürger von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu wagen. +Er -- oder wenn nicht er, sein Vater, sein Sohn oder sein Bruder. Auf +jedem Herzen liegt die Furcht und gräßliche Spannung. Da ist kein +Unterschied zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig +Jahren und im Besitze der bürgerlichen Ehren steht, der muß dem Rufe +folgen, wenn er aus der Losurne an ihn ergeht. + +Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen Wasser gebrochen +waren, sollten die Bürger zur Losgemeinde einberufen werden. So +forderten es die alten Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl +standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht auf die +heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe, Hochzeit und Begräbnis +still. Beim Ehrenverlust durfte niemand das Thal verlassen, alle hatten +dem Klang der Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang zur +Wassertröstung läuteten. Die Satzungen drängten auf rasches Handeln, und +das war gewiß besser als die lange Ungewißheit; um so furchtbarer aber +lasteten die kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war die +Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter nur wenigen bekannt, und +die schwiegen. + +Die einen, die im Bären saßen, stierten trübsinnig in das Glas und der +Wein mundete ihnen nicht, die anderen tranken und johlten dazu. + +St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum zu lachen und zu reden +wagten, war heute laut und lebendig, der Hälfte der Bewohner hatte die +Furcht und Spannung die Zunge gelöst. + +»Hört! -- hört!« Alle drängten sich um den Tisch, wo der bocksbärtige +Bälzi beim Schnaps hockte und prahlerisch wiederholte: »Ich weiß, was +ich weiß -- es kommt nicht zum Losen. Es meldet sich einer.« Allein er +blieb bei dunklen Andeutungen -- enttäuscht wandten sich die anderen von +ihm ab: »Er ist ein unzuverlässiger Lump. Gebt nichts auf den!« + +Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, daß sich unverhofft und in +den bittersten Nöten ein Freiwilliger für die gefahrvolle Arbeit +meldete. Im Anfang des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der +umsonst beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten hatte. +Er legte die Kännel, und die Gemeinde trat für ihn als Freiwerber ein. +Im Jahre 1819 fiel ein Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten +Vater, der wandeln mußte, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem zweimal +das Los gewählt, hatte sich vor vierzehn Jahren Hans Zuensteinen +freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang war die Lösung eines Gelübdes, +das er für die glückliche Errettung seines Weibes aus dreitägigen Nöten +bei der Geburt Eusebis gethan hatte. + +Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden verliehen, das er +musterhaft verwaltete. + +Wunderbar wäre also nicht, wenn auch jetzt wieder einer, von den +geheimen Mächten des Lebens getrieben, aufstehen und den Bann von der +Gemeinde nehmen würde. + +Susi, die alte Trottel von Haushälterin, und Mägde aus dem Dorf +besorgten die Wirtschaft, der Presi ließ sich seit einer halben Stunde +nicht blicken, aber wenn die Gäste gehorcht hätten, so hätten sie seine +schweren Schritte durch die Decke über sich gehört. + +»Gott's Maria und Sankt Peter -- Räusche haben wir alle gehabt.« -- +Jetzt stand er im Selbstgespräch still und stützte sich auf den Tisch. +»Ich muß hinter sich machen.« Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er +that, als wolle er es zerreißen. Er legte es aber wieder hin. »Was +angefangen ist, muß man vollenden.« Er lief und wiederholte: »Dumm« -- +»dumm« -- »dumm.« + +Der Mann kämpfte gegen sich selbst, daß ihm die hellen Schweißtropfen +auf der Stirne standen. Er hatte nichts Großes gegen Seppi Blatter; der +war ein geplagter Mann, der mit seinem Fleiß ein besseres Fortkommen +verdient hätte, und der Verkauf des Rindes war nicht von Wichtigkeit. +Man durfte als Presi nicht kleinlich sein. Der ganze Handel war ein +Streich des Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt +von Seppis Widerstand, prüfen wollen, ob er ihn nicht doch herumbringe. +Ja, wenn die Sache zwischen ihm und Seppi geblieben wäre, dann hätte er +schon rückwärts krebsen können, aber der Bäliälpler wußte davon, Bälzi +-- und der Garde. Ohne den offenen oder heimlichen Spott dieser +herauszufordern, ging's nicht ab. Nun -- und ob! Wieder griff er nach +dem Papier. + +Da klopfte es. Der krummmäulige, bogennasige Bäliälpler, der vorher ein +rechter Mann gewesen war, aber seit dem Tod seiner zwei schönen Kinder +den Halt verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: »Presi, mich drückt's +-- in die Geschichte will ich nicht gesponnen sein. Ich habe nichts +gesehen und nichts gehört. Ich habe einen Rausch gehabt.« + +»Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz!« erwiderte der Presi +heiter; »natürlich kann Seppi nicht behaftet werden, wir müssen halt +losen!« + +Er hatte sich im Augenblick entschieden, der Bäliälpler schien ihm wie +ein Helfer der Vernunft und er begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur +Thüre. Da hörte er Binias glockenhelle Stimme: + +»Nein, nein, alte Susi, zu Fränzi lasse ich mich nicht schicken, Seppi +Blatter ist ein wüster Mann, der hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen +und mich fortgejagt.« + +Der Presi traute seinen Sinnen nicht -- horchte -- schnob: »Binia, +daher!« und zog das Kind, das, nichts Gutes ahnend, flüchten wollte, in +sein Zimmer. + +»Wie hat dich Seppi Blatter genannt?« -- Die Kleine schwieg. Da rüttelte +er sie zornrot und wiederholte keuchend die Frage. + +»Schlechthundekind,« weinte die Kleine leis. + +»Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind! Seppi, du mußt +ans Brett!« + +Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her, er stampfte, daß man es +in der Stube unten hörte. Binia erspähte die Gelegenheit, um aus dem +Zimmer zu wischen, wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei, +kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel, der auf +den Estrich führte, wohl weil er durch Gerümpel verstellt war, dem Druck +ihrer kleinen Hände nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf +den Specksteinofen. + +Da pochte es. + +»Herein! -- Ihr, Fränzi Blatter? Was wollt Ihr?« + +Der wilde Mann meisterte seinen Zorn -- er schob ihr einen Stuhl hin. + +Fränzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern, die ihresgleichen +nicht aus dem Wege gingen, wurden kleinmütig vor ihr. Schon ihre +Erzählkunst, die sie an langen Winterabenden im Kreise der Dörfer übte, +gaben ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine, die mehr +erlebt hat, mehr weiß, mehr denkt, mehr fühlt als die andern. Ob sie +gleich die Spuren schwerer Arbeit an sich trug, so war sie doch ein +Weib, dem der Wiederschein dessen, was sie reich in der Seele lebte, in +Augen und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh. Und vor +allem war sie eine rechtschaffene Frau. + +Der Presi und sie maßen sich einen Augenblick, sie den Gegner in +Bescheidenheit und tiefer Trauer. + +»Gebt mir das gemeine Papier zurück, Presi!« sagte sie, indem sie ihn +mit ihren großen blauen Augen ruhig, fast freundlich anblickte. + +»Geschrieben ist geschrieben, Fränzi!« In barschem und bedauerndem Ton +sprach es der Presi. + +»Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift -- -- du bestehst +darauf, Peter!« + +Der Presi zuckte zusammen und krümmte sich, als sie ihn duzte, sein +Gesicht wurde fahl. Eine Welt voll schöner und peinigender Erinnerungen +stand in ihm auf. + +»Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der Nacht an mein +Fensterchen gepocht. Du hast in meinem Kämmerchen geweint und auf den +Knieen gefleht: 'Fränzi, erhöre mich, ich bin verloren, wenn du mich +nicht rettest, ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen +guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich und sechs Wochen +warst du mir gut. Dann söhntest du dich mit dem Vater aus und nahmst auf +sein Drängen Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie, +denn du hast sie nicht geliebt.« + +»Wozu das, Fränzi?« sagte der Presi dumpf und hilflos vor der Würde des +Weibes, das vor ihm saß. + +»Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen Leid, das du mir damals +zufügtest, das Recht erworben, daß du meinen Mann und mein Haus in +Ehren haltest und ihnen unnötig nichts Leides anthuest.« + +Der Presi schluckte: »Ihr Frauen versteht nichts von dem -- und Fränzi +-- ich muß mein Geld und die Gemeinde einen Mann haben. Keiner ist wie +Seppi für das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!« + +»Ich will dir sagen, warum Seppi gehen muß. Du hast es ihm nie +verziehen, daß er mein Mann geworden ist. Du wolltest mich, das arme +Mädchen, nicht mehr für dich, aber du gönntest mich auch keinem anderen. +Wie David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du Seppi an die +Weißen Bretter -- nicht daß du mich, das schon fast alte Weib, mehr +möchtest, aber du hassest ihn!« + +So sprach Fränzi mit ihrer tiefen und schönen Stimme. + +Der Presi zitterte und mußte sich halten. Zog ihm Fränzi Schleier von +den Augen? -- Ja! Vorgestern, wie er als Frischverlobter von Hospel +gegangen war, da war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm +vorübergezogen. Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war er auch +nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine tüchtige Wirtin war, +die sechs heimlichen Wochen mit Fränzi waren sein einziges sonniges, +großes Liebesglück gewesen. Er, Tölpel, hatte das jahrzehntelange Glück, +das vor ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp, was er +selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gefühl war er Seppi aufsässig +gewesen. -- Seit Fränzi gesprochen, wußte er es. + +»Gieb mir den Vertrag, Peter!« sagte Fränzi gütig. + +Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: »Ich lasse mein Kind von +euch nicht Schlechthundekind nennen!« + +Fränzi fuhr zusammen: »Peter, vergieb Seppi, er hat in seiner Qual nicht +gewußt, was er sagte!« + +Sie war aufgestanden, sie hatte seine Hände ergriffen, sie sank vor ihm +in die Kniee, umklammerte seine Fäuste: »Peter, Peter, sei barmherzig!« + +Seltsam! -- In ihrer wilden Erschütterung gefiel ihm Fränzi wieder -- er +mißtraute aber der Empfindung -- er fürchtete eine Uebereilung -- darum +war er hart gegen sie. Er schleuderte sie röchelnd von sich: »Das +Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden. -- -- Und das +'Schlechthundekind' muß gestraft sein!« + +Als er sie von sich stieß, löste sich Fränzis prächtiges dunkles Haar, +mit fliegender Brust stand sie einige Schritte entfernt vor ihm; die +Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre verjüngt, aber ihre Stimme +zitterte. + +»Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen, so sei's um deinet- und +Binias willen -- sei barmherzig gegen dich selbst -- und gegen dein +Kind!« + +Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch an, wüste Züge +entstellten sein Gesicht und gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die +Augen traten hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er: +»Fränzi -- ich will alles wieder gut machen, Fränzi -- -- aber gieb mir +einen Kuß -- wie einst!« + +Sie starrte ihn verständnislos an; dann fragte sie allen Ernstes: »Bist +du wahnsinnig geworden, Peter, -- ich habe ja einen Mann und Kinder!« + +»Dann geh'!« knirschte er. + +»Ich gehe, aber noch einmal: mache das Böse gut -- sonst -- Peter -- bei +der seligen Beth -- die vom Himmel auf dich sieht -- bei den armen +Seelen, die im Eise stehen -- es kommt ein Schaden über dein Kind -- und +Beth -- das weißt du -- hat auf dem Totbett gesagt, ich möchte dich +mahnen, wenn Unglück für Binia im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich +nicht selbst!« + +»Seit wann bist du unter die Bußpfaffen gegangen, Fränzi?« Und mit +steigender, kreischender Stimme schrie er: »Jetzt mache, daß du +fortkommst, sonst --« + +Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Fränzi. + +Da wich sie der Gewalt des Wütenden. + +In der Aufregung des Gesprächs hatten die beiden nicht bemerkt, wie zwei +dunkle, glühende Kinderaugen, wie ein blasses, schmerzentstelltes +Kindergesicht in fiebernder Spannung zwischen den Vorhängen des Ofens +hervor jedem ihrer Worte gefolgt waren. + +Als Fränzi gegangen war, sank der Presi auf einen Stuhl, hielt den Kopf +mit der Hand und stöhnte: »Daß ich nie gelernt habe, rückwärts zu +krebsen -- daß ich diesen harten Kopf nicht brechen kann. Fränzi, du +hast mehr als recht, -- mit sehenden Augen renne ich ins Unglück.« -- +Seine Lippen zuckten im Selbstgespräch. + +Da kam Susi: »Presi, die Gemeinderäte sind da -- es ist alles für die +Sitzung bereit.« + +Er warf einen Blick ins Freie. + +Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen auf ihren Maultieren, sie +trugen das sonntägliche Gewand, viele waren von ihren Angehörigen +begleitet, die ebenfalls ritten, so daß jede Familie eine schöne Gruppe +bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die Farbenpracht der +Trachten, die an weltlich festlichen Tagen dem Glotterthaler Völklein +eigen ist. Man sah nur das schlichte Kirchenkleid, die Männer trugen +die dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien, den schwarzen +Filz ohne Blumen, die Frauen hatten über die Büste dunkle Brusttücher +gekreuzt und an den Hüten flatterten die Bänder in gedämpften Farben. +Manche drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei tönte durch die +Berge; von weitem sah man, daß die Leute nicht lachen mochten und das +Wort im Herzen verschlossen. Wozu reden? Jeder und jede wußte, was die +Gedanken des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte, er +würde den Gang an die Weißen Bretter wagen, trug heute ein doppelt +bekümmertes Sündergesicht zur Schau. In feierlicher Ruhe strömte das +Volk von allen Seiten ins Dorf und an den Häusern standen einzelne +Maultiere angebunden, besonders viele an der langen Stange vor dem +Bären. + +Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit Seppi Blatter kommen, +beide waren sehr ernst und feierlich. Der Garde schien größer als sonst, +er trug seine Amtstracht, einen Hut mit wallenden blauschillernden +Hahnenfedern, das Schwert am Gurt, die Binde am Arm. + +Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit, wie er das Zünglein +der Wage schwenken wolle, aus seiner Stube in die schwere Sitzung. + +Früh am Morgen war der Garde in die Wohnung Seppi Blatters gekommen und +hatte ihn in all seinem Kleinmut gefunden. »Begleitet mich zur Schau, +wie die Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbrüche zu fürchten +sind,« redete er ihm zu. Seppi that es wohl, daß sich in dieser Stunde +jemand um ihn kümmerte. Der Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer, +daß er erzähle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen sei. +Als er den Verlauf gehört hatte, zog er ein paar Banknoten aus der +Brieftasche: »Da, Seppi, noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und +tilgst den Brief. Ich werde dir kein harter Gläubiger sein. Wenn er +Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist nichts!« + +Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt sei ihm mehr gut, +glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit, die er zu Hause am Leib +gespürt, war in Lebenslust verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte +ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn fröhlich. »Darf ich es auch +annehmen?« fragte er glückselig, dann jubelte es in ihm: »Frei -- frei!« +Seine Zunge war gelöst, der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so +heraus: »O, Garde, glaubt nicht, daß es mir an Mut fehlt, an die Weißen +Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer häufig genug am Seil +gehangen und weiß wohl, daß mein Leben Tag um Tag an einem Faden hängt, +aber ich habe es nicht verwinden können, daß ich auf eine so mißliche +Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die Maus in die Falle -- und +ich habe es der Fränzi nicht sagen dürfen -- gekrümmt und geklemmt hat +es mich -- sie ist ein so himmelgutes Weib.« + +Die Männer waren auf die Unglücksstelle gekommen, mit dem Fernrohr +musterte der Garde die Zerstörungen an der Leitung, die Abbruchstelle +des Gletschers, und wohl eine Stunde lang tauschten die beiden ihre +Beobachtungen. »Es ist wie vor vierzehn Jahren, die Kännel sind alle +weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu fürchten.« Der Garde begann +behaglich aus seinen großen Erinnerungen zu erzählen, was jede Stelle +an den Weißen Brettern und in den Wildleutfurren für besondere +Schwierigkeiten habe und mit welchen Vorteilen man sie am besten +überwinde. Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und +röter. »Garde!« schrie er plötzlich, als sprengte es ihm die Brust, »ich +steige an die Weißen Bretter. Freiwillig gehe ich.« + +Der Garde maß ihn lange mit durchdringendem Blick; dann sagte er langsam +und tief: »Gut, so geht! Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's +Euch ernst.« + +»Weiß Gott!« bestätigte Seppi. Der Garde reichte ihm die Hand: »Fränzis +und Eurer Kinder wegen sollte ich Euch zurückhalten, aber die Fron liegt +einmal auf der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner, der +das Werk eher zu stande brächte als Ihr; Gott, der es Euch eingegeben +hat, hinaufzusteigen, wird Euch schützen. Es liegt ein Segen auf der +freiwilligen That -- ich habe es erfahren.« + +Stumm gingen die Männer ins Dorf zurück, der Garde sagte: »Jetzt laßt +mich mit der Fränzi sprechen, wartet.« + +Sie war eben vom Presi zurückgekehrt, schweigend und mit gefalteten +Händen hörte sie die Rede des Garden. + +In herzzerbrechendem Ton sagte sie: »Wohl, wenn ihn Gott berufen hat, so +darf ich ihm nicht in den Arm fallen. Es wird schon ein Glück darauf +sein!« + +Der Garde erwiderte bewegt: »Ich danke Euch, Fränzi, -- ich bin amtsmüde +-- ich lege heute die Stelle im Gemeinderat nieder, -- Seppi Blatter mag +der neue Garde werden.« + +»O, Garde!« + +Aber Hans Zuensteinen war schon gegangen. -- -- + +Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf dem Kirchhof, der im +Nelkenschmuck rot erglüht war. + +Die Männer hatten die Hüte gezogen und standen in Gruppen, einzelne auch +mit Weib und Kind an den Gräbern Eigener, über welchen die Blumen +wogten. Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten. Aber auch in +ihr Leben hatte die Wildleutlawine die bangen Tage gebracht. War eine +Familie im Dorf, die in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der +heligen Wasser zu beweinen gehabt? -- Kaum eine! + +Endlich verstummten die Glocken, die Männer nahmen Abschied von den +Ihrigen -- Seppi, der soeben gekommen war, sprach mit Fränzi und den +Kindern -- und wären die anderen nicht ganz im eigenen Kummer gefangen +gewesen, so hätte ihnen die fahle, schmerzzerrissene Gruppe schon die +Lösung eines Geheimnisses gebracht. + +So blieben die Dörfler alle in dunkler Furcht und gräßlicher Spannung. +Nur Bälzi, der wein- und schnapsselig unter seinen bleichen Würmern +stand, hatte das Bild gesehen und lachte blöd. + +Vom Bären herüber bewegte sich der Zug des Gemeinderates, vor ihm her +trug der Weibel, der angedöselt war, so daß der Zweispitz auf seinem +Kopfe schwankte, die silberne Losurne. + +Hinter dem kleinen Zug schloß sich die Kirchenthüre. + +Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee, ins blühende Gras; +das Gesicht gegen die Kirche gewendet, sandten sie die +leidenschaftlichen Fürbitten für die Ihrigen zum Himmel, ihr heißes +Murmeln schwoll wie Windesrauschen an und ab. Manche weinten, dicht an +die Mütter drängten sich die Kinder, die noch kaum wußten, was ihre +lallenden Gebete sollten. + +Fränzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den anderen auf den Knieen und +ihre Thränen strömten reichlich. Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das +flammende Beten der drei bewegte ihn so, daß er seine Stotterzunge +vergaß und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den Himmel +hinaufschickte. + +Am weißen Kirchturme, der eine etwas plumpe Nachahmung eines +italienischen Campanile war, schlich der Uhrzeiger mit tödlicher +Langsamkeit, so langsam, daß einmal eine Stimme schrie: »Die Uhr geht +nicht!« -- Aber sie ging. »Erst eine halbe Stunde tagen sie!« jammerten +die Weiber. + +Plötzlich schrie die Frau des Fenkenälplers auf: »Ich halt's nicht mehr +aus,« sie sprang an die Kirchenthüre, sie rüttelte am Schloß, sie schlug +wie besessen die Fäuste auf die Füllung der Thüre. Umsonst, die Männer +hatten sich eingesperrt. + +Noch eine halbe Stunde! -- Drei Weiber zugleich poltern an die Thür des +Gotteshauses, ein anderes liegt ohnmächtig in den Nelken, die Gebete +rauschen nicht mehr, sie rasen zum Himmel. + +Da knarrt das Schloß -- der Weibel tritt hervor. -- Tödliche Stille -- +»Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt!« -- Lautes Weinen bildet +die Auslösung der Spannung. + +Aus der Kirche ergießt sich die dunkle Schar der Männer. Die Weiber +stürzen schreiend auf sie zu und umhalsen sie: »Jetzt wollen wir wieder +friedlich zusammen leben und arbeiten! -- nie wollen wir zanken!« Und +der Bäliälpler und sein Weib, die einander nicht mehr leiden mochten, +versöhnen sich. + +Bälzi schreit: »Es lebe Seppi Blatter, der neue Garde!« und schwenkt den +Hut. + +Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenblaß, doch hoch aufgerichtet. + +»Vater!« -- ruft Josi und hält ihn umschlungen, »ein Held will ich sein +wie du -- ich gehe mit dir.« + +»Du bleibst bei der Mutter!« sagt Seppi bewegt. Fränzi ist an seine +Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe sich ihr das Herz in der Brust. + +»Du himmelgutes Weib!« Er küßt ihr dunkles schwellendes Haar. »Kommt -- +kommt!« + +Dicht aneinandergedrängt bewegt sich das Vierblatt von Eltern und +Kindern am Bären vorbei. + +Die Leute ziehen vor ihm ehrfürchtig die Hüte. Auf der Freitreppe steht +der Presi. Wie er Seppi Blatter sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist +nicht gut. Die Ueberraschung, daß das Aeckerchen bezahlt worden ist und +Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat ihm einen großen +Stoß gegeben. + +Jetzt wallt das Volk in den Bären. Dem Schrecken darf ein Trunk im +stillen folgen. Laut sein ist nicht schicklich, aber in gedämpftem +Gespräch stoßen die Dörfler mit den Gläsern an: + +»Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, mögen ihm Gott und die Heiligen +fröhliche Wiederkehr schenken!« + + + + +IV. + + +Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die Wohnung Seppi +Blatters. In stummer Fassung saß die Haushaltung da, Frau Fränzi wie ein +Marterbild, Vroni mit den Thränen kämpfend, Josi voll Neugier und +freudiger Zuversicht. + +»Seppi Blatter,« sagte der Garde, »es ist alles geordnet, die bestellte +Mannschaft mit den Reifen und den Känneln nach dem Glottergrat +unterwegs. Sie übernachten in der oberen Balm[15], die Führung der +Posten übernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und was von +uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, wird treulich und +gewissenhaft besorgt. Und so Gott und die Heiligen wollen, Seppi +Blatter, daß Ihr gesund zurückkommt, so gehen also der Gardenhut, +Schwert und Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht +jedem abtreten würde. Euch aber schon und gern. Vierzehn Jahre war ich +auf dem Posten, fast zu lange, und ich habe Arbeit genug auf Acker und +Maiensäße und im Weinberg.« + + [15] _Balm_ bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs überhängt. + +Seppi Blatter errötete. Als Garde war er und sein Haushalt jeder Not +überhoben, aber bescheiden sagte er: »Ich werde das Amt wohl nicht +versehen können, ich habe schon die Hände, aber nicht den Kopf dafür.« + +»Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid -- im übrigen ist's +im Gemeinderat gut gegangen. Es wäre ungeschickt gewesen, wenn der +Vertrag der Losgemeinde hätte vorgelegt werden müssen. So sieht es +besser aus, auch für Euch, noch mehr für den Presi und dient dem +allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit Euch einfach verrannt, aber, +wie er ist, wenn die vorderen Räder des Wagens in den Kot gefahren sind, +so hat er die Gnade nicht, 'Hüst' zu rufen. Nein, wenn die heilige +Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem Wagen säße, die Hinterräder +müssen auch hinein. Aber gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die +Deichsel gestanden ist und kehrt gemacht hat.« + +»Ihr, Garde!« + +»Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. Nur eins. Ueber +diese Vertragsgeschichte muß Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn +sie bekannt würde, so wäre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr werdet, +wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren habt, sehen, daß er gar +nicht so ungrad, nicht so hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von +Zeit zu Zeit der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.« + +Der Garde stand auf: »Also um ein Uhr.« + +Als Seppi und Fränzi Blatter ihm das Geleit unter die Hausthüre gaben, +blies der Senn auf der Fenkenalp durch seinen Milchtrichter den +Heligen-Wasser-Segen: + + »Die heligen Wasser behüte uns, Gott, + Behütet sie, ihr lieben Heiligen! + Sankt Peter nimm den Schlüssel zur Hand, + Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand, + Führ' den Seppi auf dem bösen Weg, + Schließ' seinen Fuß fest an den Steg, + Du hast den Schlüssel und Gottes Gewalt, + Sorg', daß der Seppi Blatter nit fallt! + Die heligen Wasser behüte uns Gott, + Und ihr liebe Heilige alle!« + +Das klang und wogte durch die geröteten Berge, die den Wiederhall +zurückwarfen, als sängen Himmel und Erde. Und Fränzi umarmte ihren Mann. + +Rückblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte gegangen: »Wenn +Ihr ein paar Stunden schlafen könnt, Blatter, so thut es!« + +Und als er den anderen aus Hörweite gegangen war, knurrte er: »Das +Wetter ist entsetzlich schön, kein Wölkchen am Himmel.« -- -- + +Mitternacht! Das Glöckchen von St. Peter läutet. Jetzt wissen die +Bewohner, die vom Schrecken des Tages ausruhen, daß der Pfarrer und der +Mesner mit den Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts drängt die +Gefahr, die an den Weißen Brettern lauert, so brennend vor die Augen, +wie die Thatsache, daß selbst die allbarmherzige hoffnungsreiche Kirche +den halb verloren giebt, der an die Felsen steigt. + +Sie reicht ihm ihre Tröstungen. + +Der Priester spricht zu Seppi Blatter: »Du hast gebeichtet und den Leib +des Herrn gegessen. Du gehörst nicht mehr dieser Welt, lege ab die +irdischen Gedanken und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in +seiner grenzenlosen Güte der Erde zurück, so dank' es ihm ewiglich.« + +Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt, sieht drei große gelbe +Augen, die gegen das Haus leuchten, die Windlichter für den Marsch durch +den dunklen Wald. Er sieht ein Trüppchen Männer. + +»Vater, ich will mit dir gehen!« fleht er. + +»Bist ein thörichter Bub[16].« Rauh sagt es Seppi Blatter. Josi weiß, es +ist nicht böse gemeint, aber die Thränen treten ihm in die Augen. + + [16] _Bube_, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die + Nebenbedeutung des Verächtlichen, die das Wort im + Schriftdeutschen angenommen hat. + +Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als fehle denen draußen der +Mut, stark zu klopfen. + +Lautes Weinen erhebt sich in der Stube -- unter der Thür erscheint der +Garde, er zieht das dicke Nürnberger-Ei aus der Tasche. »Im Augenblick +ist es eins!« + +Garde und Pfarrer ziehen sich zurück, die Haushaltung Blatter ist +allein. Geduldig warten die Männer, da kommt vom Kirchturme herüber der +schwere scharfe Einsschlag. + +Seppi Blatter tritt unter die Hausthüre: »Ich bin bereit!« Fest und +mannhaft soll es klingen, aber es rasselt, daß es den Männern schier die +Brust zerreißt. Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln, +schauernden Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe Punkte. + +Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: »Vater, behüt' dich Gott, +Vater!« -- Und hoch aus dem Wald kommt noch einmal seine Stimme zurück. + +»Er jauchzt, er hat Mut!« versetzt Josi mitten in Thränen. + +»Fränzi! hat er geschrieen -- der Mutter hat er gerufen!« Vroni will's +sagen, aber sie kann nicht sprechen vor Weh. + +Fränzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube, gelähmt und stumm -- +sie weinen nicht mehr -- sie starren vor sich hin. + +Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den Mesner hat er +fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet die Strähnen weißen +Haares und die hundert feinen Fältchen seines bäuerlich ehrwürdigen +Gesichts. Er kann Fränzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt. Wozu +reden? + +Mit gesenkten Lidern, die mageren Hände ineinander gekrampft, sinnt er. +Indem er die Menge schwerer Gänge überdenkt, die ihm die Pflicht in +vierzig Jahren überbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften +Bildern an ihm vorbei. Er hat gekämpft und gelitten. Als er im +Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden Naturforscher für einen +Abgesandten des Teufels genommen hatte, da regnete es Hohn auf ihn und +bitter erkannte er, daß man, um als Pfarrer durchzukommen, von der Welt +ebenso viel wissen muß, wie vom Himmel und der Hölle. Aus der Stadt, wo +der Gelehrte hauste, der ihn mit einer übertriebenen Schilderung der +Ankunft in St. Peter der Lächerlichkeit preisgab, ließ er Bücher kommen. +Er las sie und wurde irre am Glauben. In der Verzweiflung verbrannte er +die Schriften, bei dem alten Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe, +kehrte in den Glauben zurück und seit dreißig Jahren war er von inneren +Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm von oben geboten war, +nur mit einem Zusatz: dem Teufel- und Dämonenglauben, der ihn so +genarrt, war er abhold, ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr +als im Glotterthal? Er kränkte sich, daß seine Herde fast stärker als an +die Heilswahrheiten der christlichen Religion an Vorstellungen +festhielt, die heidnischen Ursprungs waren, so an der hartnäckigen +Einbildung, daß die Abgestorbenen zur Sündenreinigung nicht ins +Fegefeuer, sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er ärgerte sich +am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit blühte, und an +Johannes, dem falschen Kaplan, der, indem er sich an die Weiber hielt, +das Dorf in einen immer tieferen Aberglauben stieß. + +Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er doch gelernt hatte, +Leute und Leben zu nehmen, wie sie sind, und, wenn ihm etwas über die +Leber kroch, sich zu seinem Bienenstand zurückzuziehen. + +Vroni war mit einer Thräne an der Wimper eingeschlafen, die Schrecken +der gestrigen und heutigen Nacht forderten Auslösung. + +Josi weckte den Pfarrer aus seinem Brüten: »Es tagt, jetzt sind sie +schon über dem Wald.« + +Der Pfarrer erwiderte: »Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession, wenn +es euch recht ist, so gehe ich jetzt heim.« + +Da hob Fränzi das schmerzlich verträumte Haupt: »O geht nur. Ich will +wachen, ihr aber, Kinder, müßt noch etwas ruhen!« Sie brachte die in +einen bleiernen Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe. + +Sie aber wachte. + +Der Morgen war empfindlich kühl, der Himmel rein, die Felsen der Krone +standen wie die Mauern eines Münsters, ihre Firnen funkelten wie +frischgegossenes Silber, im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. Ueber +den Stutz herauf erklang das Glöcklein der Lieben Frau an der Brücke. + +Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die Wallfahrt. Die alte +Kirchenfahne, auf der St. Peter mit dem Schlüssel etwas ungeschickt +hingemalt ist, knistert leise. Der Mesner führt sie. Die weißen kurzen +Ueberhemden der paar Kreuzträger schimmern. Unter einem vom Alter +gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit dem stahlblauen Firmament +nicht messen kann, und beim Zug über den Stutz hinunter manchmal +bedenklich schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trägt das +Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den Rosenkranz und betet der +Gemeinde mit lauter Stimme vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden +vom Presi und drei Gemeinderäten gehalten, denn wenn jener schon ein +verdächtiger Sohn der Kirche ist, erfüllt er aus Klugheit alles +treulich, was sie nach Sitte und Brauch von ihm fordert. Hinter dem +Thronhimmel trippelt die Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi, +Vroni, Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen Augen +verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und Männer. + +So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an die Weißen Bretter steigen +muß. + +Wie die Teilnehmer die Felsen sehen können, spähen alle einen Augenblick +dort hinauf, aber an den hellschimmernden Wänden ist noch nichts weiter +zu entdecken, als daß die Kännel fehlen. Das Wasser der Glotter hat sich +durch die schauerlichen Eistrümmer gefressen, die in der Schlucht +liegen, und einzelne der niedergefegten Kännel ragen aus ihnen hervor. + +Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei über die Brücke zur Kapelle +und kniet vor ihr nieder, aber die Gebete rauschen nicht so heiß wie +gestern um die Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen +Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewiß ist die Fürbitte für ihn +heilige Pflicht, aber bis sein Werk gethan ist, bis das Glöcklein +aufhört zu bimmeln und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug +anrufen. + +Die Männer gehen oder schleichen sich hinweg und zurück gegen den Stutz, +die Knaben folgen dem Beispiel, nach einiger Zeit besteht die Gruppe der +Betenden vor der Kapelle nur noch aus einem Häufchen Weiber, die um +Fränzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich im Teufelsgarten, oder +etwas höher am Schmelzberg, und starren an die Weißen Bretter hinauf. + +Der Presi trägt eine rote Fahne, seitwärts von den Weißen Brettern +schimmert auch eine solche, eine dritte vermag man auf der mittleren +Spitze der Felsen zu erkennen. + +»Der Garde hält sie!« Josi, der, die Hände in den Hosensäcken geballt, +unter den Männern steht, hat Zutrauen zu ihm. + +Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste Fahne. Es schwebt +etwas von oben die gräßlichen Felswände hinab, das wie ein Strohhalm +aussieht, der an Bindfäden hängt. »Sie sind am Werk!« Strohhalm um +Strohhalm senkt sich aus der Höhe, manchmal bleibt einer zu hoch, +manchmal kommt einer zu tief. Der Presi schwingt je nachdem die Fahne, +bald stark abwärts, bald fest aufwärts, und wenn sich die Halme +verschoben haben, so schwenkt er die Fahne seitwärts. Oft entsteht +Unordnung in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen wieder +aufwärts und kommen hübsch hinunter. Auf dem ersten Strohhalm bewegt +sich ein kleines drolliges Wesen. + +»Das ist der Vater!« denkt Josi und freut sich, daß er solch einen Vater +hat. Die Augen des Knaben sind flehentlich auf den Glottermüller, der +das Gemeindefernrohr in den Händen hält, gerichtet. + +»Darfst einmal durchgucken!« quiekt der kahlköpfige Müller, der eine +Stimme wie ein Weib hat, »schau nur, wenn ihr das Mehl schon lieber in +Hospel holt als bei mir.« + +Jetzt hält es Josi! Durch das Glas scheinen die Bindfaden Seile, die +Strohhalme Kännel, auf einem davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht +nicht erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch das Rohr +scheint alles nah und man erkennt erst recht, was für fürchterliche +Felsen die Weißen Bretter sind. Bis in alle Höhen keine Planke, nirgends +eine Rinne, wo ein Büschel Gras hervorwachsen könnte. Senkrecht sind +sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur in den +Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie von Geistern gesetzt +die Klippen und Türme des harten Felsens, während der weichere Stein im +Laufe der Jahrhunderte abgewittert ist. + +Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun strecken sich die Hände +anderer nach dem Glas. Er reicht es weiter. Das Bild seines Vaters hat +er fest gefaßt, seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie +der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den schwankenden Känneln +steht und sich von einem zum anderen schwingt. Immer deutlicher wird +übrigens auch ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem +Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand geworfen hat, in +die Sonne, die auf die Weißen Bretter zu leuchten beginnt. Der Vater +prüft die gewaltigen eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die +Felsen vermörtelt, verkeilt und verankert hat, daß sie jetzt noch +Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele der leichten +eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten Enden der Kloben gehen, +sind von der Gewalt der Lawine zerrissen und müssen ersetzt werden, +manche haben nicht gelitten, sondern die Kännel sind einfach aus ihnen +herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der ein eiserner Haken +ist, holt Seppi die neuen Schlaufen ein, die an einem Seil an der Wand +herniederhangen. Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die +Nietenköpfe des einen Endes passen in die Löcher des anderen Endes, mit +einem einzigen Griffe schließen sich die Reife. Im Lauf der Zeiten hat +man manche Vorteile gelernt, die Bearbeitung des Eisens und die +Handgriffe beim Legen der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der +Leute von St. Peter, ein Stück bäuerlicher Ingenieurkunst. Und dafür, +daß immer ein genügender Vorrat von Seilen, Känneln und Schlaufen da +ist, sorgt der Garde; in Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es +keine Knauserei und keinen Widerspruch. + +Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer ermattet. Seppi +Blatter arbeitet sicher. Von Zeit zu Zeit erneuert das Glöcklein der +Kapelle sein Bimmeln, es mahnt. »Betet, betet für den Mann, der einsam +an den Felsen schwebt!« Bis am Abend darf die gemeinsame Fürbitte nicht +aufhören. Die Frauen, die auch heraufgeschlichen sind, um an die Weißen +Bretter zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne Männer folgen: »Man +darf nicht nachlässig sein in einer so ernsten Angelegenheit, wegen +Seppi Blatter nicht und wegen seiner selbst nicht; man könnte einen +Schaden auflesen, wenn man nicht aus vollem Herzen für ihn fleht.« + +Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit dem Glottermüller +übergeben hat, hält scharfe Ordnung; er jagt die müßigen Weiber zur +Kapelle hinunter: »Plärrt doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten!« Den +Männern, die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er zu: +»Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang einer da oben hängt!« und +Bälzi, der das Rauchen doch nicht läßt, schlägt er die Pfeife aus dem +Mund. + +Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie ist nicht so behend +wie sonst und ihr Gesichtchen blaß. Die dunklen Augen schauen auf den +Teufelsgarten. Das ist nicht mehr der wilde unberührte Blumenjubel der +letzten Tage. Die Männer haben ihn mit ihren schweren Schuhen +niedergetreten, die Mädchen haben ihn abgerauft, die Buben haben den +Königskerzen die Köpfe abgeschlagen und wälzen sich jetzt scherzend auf +der verdorbenen Pracht. + +Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder, die sich so +gut waren, wissen nichts mehr miteinander anzufangen -- es ist etwas +zwischen ihnen, das vorgestern noch nicht war. + +»Bini, was machst auch für ein barmherziges Gesicht?« Sie schrickt +zusammen. Der Vater! Freundlich sagt er: »Du wirst gar verbrannt in der +glühenden Sonne, geh ein bißchen an den Schatten!« + +Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur Ruine hinüber. Dort +stehen und sitzen Männer, der Kaplan Johannes, Bälzi, der Gemeindeweibel +und andere. Die Schnapsflasche geht in der Runde, die Männer essen einen +Imbiß von der Hand, sie plaudern und lassen sich's wohl sein und sehen +die Augen Binias nicht. + +»Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi schafft gut,« sagt +der Weibel, der einen großen schönen Bart, aber einen schielenden Blick +hat. + +»Macht nichts -- ich bin nicht gern der Unglücksrabe,« antwortete der +Kaplan mit seiner hohlen Stimme. + +»Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter fällt -- die elende Hitze -- und +erst dort oben -- man wird da unten dumm, dort oben aber wird einer +verrückt -- die Männer, die stürzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich +wahnsinnig geworden sind.« Bälzi nahm einen Schluck. + +»St. Jörg und einundzwanzig, das wär' ein Unglück -- die Frau und die +zwei Kinder!« So der Weibel. + +Bälzi darauf: »Der Presi bekäme auch einen Schuh voll!« + +»Wieso?« fragt Peter Thugi, der ein rechter Mann und der Aelteste einer +weitverzweigten Familie ist. + +Bälzi erwidert: »Das glauben doch nur Kinder, daß Seppi Blatter +freiwillig an die Bretter gegangen ist. Man hat der Gemeinde Sand in die +Augen gestreut. Ist's nicht wahr, Weibel?« + +Dieser zwinkert zustimmend mit den Augen, aber er schweigt. + +Bälzi, dessen Blick vom Schnaps etwas verglast ist, lacht. »Der Presi +hat mir die Pfeife zerschlagen, auf die Garibaldi gemalt ist. Sie war +noch vom Vater selig. Aber jetzt schone ich ihn auch nicht mehr.« + +Er erzählt den Lauschenden das Gespräch im Bären: »Und ich will ein +brennender Mann werden, wenn's nicht wahr ist, er hat dem schlafenden +Seppi Blatter die Feder in die Hand gesteckt und sie ihm geführt.« + +Die Umstehenden fahren zurück. »Kaplan, was sagt Ihr dazu?« + +Der Schwarze antwortet, da -- ein gellender Schrei. + +»Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind!« So rufen sich die Männer in +peinlicher Ueberraschung zu. Das Mädchen, das hinter einem abgestürzten +Mauerteil gekauert ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater +vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf zurück. + +Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia fragt, da sagt man ihm: +»Sie ist heim zu Susi!« Da schüttelt er das Haupt und seufzt: »Sie ist +dieser Tage so seltsam.« + +Damit, was Bälzi über die Hitze sagte, hatte er recht. + +Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert, von den Weißen Brettern +herunter kommt ein so heißer Strom, daß ihn selbst die erfrischenden +Schwäle, die aus der Schlucht aufsteigen, nicht zu kühlen vermögen. Wie +Blei fließt er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich um die +ermattenden Sinne. + +Der Mann, der über dem versammelten Dorf zwischen Himmel und Erde +schwebt, steht im wachsenden Brand des Juninachmittags. Die +Sonnenstrahlen liegen so auf den Weißen Brettern, daß die Augen +schmerzen, wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe man, wie +Licht und Hitze aus den Felsen strömen. + +Ja, bei bedecktem Himmel könnte Seppi Blatter sein Werk wohl vollenden, +aber in dieser mörderischen Glut, die Augen und Gehirn sengt. Der +Sonnenstich! + +Man sieht, daß er leidet. Seit einiger Zeit hat er die Kapuze seines +Hirtenhemdes zum Schutze vor der Sonne um den Kopf gezogen. Die +Aufregung wächst, die Frauen vor der Kapelle beten lauter. »Er kann's +nicht vollenden,« hört man. »O, Seppi ist zäh,« antworten andere. + +Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, daß Seppi mit dem Einlegen der +Kännel beginnen kann. Immer noch schweben sie, einer um den anderen, +viele Kirchtürme hoch, herab, und einen um den anderen stößt Seppi +Blatter, auf ihm stehend, in die Reifen, löst die Seile der +eingehängten, schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen zeichnet +die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie. Oft aber verzögert sich +das Werk. Die sinkenden Kännel verfangen sich in den Seilen der +nächsten, dann löst sie auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der +Höhe aus, und wenn sich ein Kännel befreit, schwankt das ganze Werk, als +müsse es den Mann dort oben herunterschütteln wie einen Apfel vom +sturmgerüttelten Baum. Oder Seppi Blatter löst die Kännel, die sich +verfangen haben und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann +fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und wieder schief +zurück, daß er sich blitzschnell ducken muß, damit sie ihn nicht durch +einen Schlag an den Kopf von seinem schmalen Stande werfen. + +Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele wagen die Zuschauer, +die doch des Schreckens gewöhnte Bergleute sind, nicht zu atmen, die +meisten Frauen, die das Schwanken des Gerüstes sehen, fliehen entsetzt +zu der Kapelle zurück. + +Selbst die harten Männer erliegen der furchtbaren Spannung. »Presi, gebt +doch das Zeichen zum Abbruch. Morgen ist wieder ein Tag!« + +Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn Seppi Blatter nicht +selber den Abbruch wünsche, in Gottes Namen mit dem Werk fortfahren, es +sei auch mißlich, die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien +übernachten zu lassen. + +Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile und stärkt sich an Speise +und Trank. Besonders lang um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die +Führung der Leitung durch die größere Wildleutfurre in Angriff nimmt. + +Josi, der vom frühen Morgen nicht von seiner Stelle gewichen ist, ist +ins Gras gesunken und verbirgt sein Gesicht darin. Das starre +Hinaufsehen, die Hitze, das Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner +bemächtigt, ihm ist, glühendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos wälzte er +sich. + +Fränzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor dem Muttergottesbild +gekniet sind, sehen das Leiden des Knaben und erbarmen sich seiner, +obgleich das ihre nicht kleiner ist. + +Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der Nähe und schaut mitleidig auf +ihn. + +Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur Kapelle nehmen: »Man +würde meinen, du gehörtest auch der Wildheuerin Fränzi!« Der blöde +Knabe sagt: »L--l--os[17], M--m--mutter, ich w--w--will da--da +bl--bleiben!«{2} + + [17] »_Los_!« -- schweizerdeutsch, »Höre!« + +Sie läßt ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein, obschon es sie gerade +heute ärgert, daß sie so ein häßliches Kind hat und die anderen so +blühende Jugend. Eben Fränzi. + +Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der großen Wildleutfurre! An +einem Seil schwingt er sich mit mächtigem Satz in das Innere der +schrecklichen Kluft und hängt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! -- +Mehrere Kännel senken sich in die Schlucht und schweben frei. Und mit +mächtigem Schwunge holt er jeden einzelnen ein. Er verschwindet damit im +Innern der Kluft, wo man seine Thätigkeit nicht sehen kann. Kännel um +Kännel zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand der +Schlucht wieder sichtbar, das Fürchterlichste ist gethan. Aber je +länger, je unsicherer werden Seppis Schwünge, zwei-, dreimal sieht man +ihn ansetzen, bis er das Ziel erreicht. + +Sechs Uhr! Erfrischende Kühle strömt durchs Thal, lebhafte Bewegung ist +unter dem Volk. + +Seppi Blatter hat über die ganzen Weißen Bretter hin die Kännel gelegt, +der Rest, der ihm zu thun bleibt, ist leicht. + +Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: »Sch--sch--schau! +f--f--fer--fertig!« + +Josi schnellt auf, lächelt verträumt, sucht mit seinen rotgeschwollenen +Augen die Höhe und sieht, wie der Vater eben das zierliche Wasserrad +einsetzt, das den Merkhammer hebt und auf ein Brett fallen läßt, so daß +sein Schlag das ganze Thal durchtönt. + +Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, Männer, die am Eingang der +Leitung stehen, öffnen die heligen Wasser. In wenigen Augenblicken +werden sie durch die neuen Kännel fließen. Bald wird der Merkhammer das +erste Zeichen geben. + +Eine ungeheure Spannung hat sich des Völkleins bemächtigt, vor der +Kapelle kniet niemand mehr als die Wildheuerin Fränzi und Vroni. + +»Wollt Ihr's nicht hören?« fragt eine Nachbarin, aber so lange Seppi an +den Weißen Brettern ist, darf man in der Fürbitte nicht müde werden. Und +Fränzi und Vroni beten. + +Da horch: »Tick tack, tick tack.« Mit wachsender Schnelligkeit kommt's +aus der Höhe, der Merkhammer schlägt, andere Hämmer, die weiterhin in +die Leitung einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht, +das Thal hat seine Musik wieder, eine einförmige Musik, die doch wie ein +Psalm in die Ohren klingt. Sie bedeutet Erlösung aus dem Schrecken, +Segen und Fruchtbarkeit. + +Wie der Müller berauscht vor Freude aufhorcht, wenn nach langer +Trockenheit sein Rad wieder klappert, so lauschen die Leute von St. +Peter dem Hackbrettspiel der heligen Wasser und drücken sich vor Freude +die Hände. + +»Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! -- Es lebe der neue Garde!« + +Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die wiederhergestellte +Leitung empor, das Glöcklein, das einen Augenblick zu bimmeln aufgehört +hat, setzt wieder ein, es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge +leuchten, vom Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht. + +Am schönsten leuchtet Josis Gesicht! + +Hoch an den Weißen Brettern sind nur noch zwei oder drei Stricke zu +lösen und die Arbeit, die gefahrvolle, ist glücklich gethan. Bald wird +man auf den Felsentafeln nur noch die Linie der Kännel sehen. + +Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner Schrei: +»Seppi!« + +Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich -- ein dunkler Körper fällt +und wird größer im Fallen, er gleitet wie ein Schatten die Weißen +Bretter hinab. + +Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgestürzt. Der Gottesdienst +schweigt. + +Josi ist brüllend wie ein Stier aufgesprungen und will sich in die +Glotter stürzen, in der sein Vater vor seinem Blick verschwunden ist. Da +halten ihn im letzten Augenblick starke Arme zurück. »Gottloser Bub!« Er +beißt, er kratzt, er schlägt um sich, aber die junge Kraft erlahmt, +röchelnd liegt der Knabe im Gras. + +Was war die Ursache des Sturzes? -- Hunderte haben hinaufgeblickt, aber +wenige wissen etwas Sicheres zu sagen. Der Glottermüller, der wieder das +Fernrohr geführt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick +frei stehend gearbeitet, da schwankte er, faßte das Seil, das ihn in die +Höhe ziehen sollte, es senkte sich ein wenig, er ließ es los, im +gleichen Augenblicke aber wurde es von der Mannschaft, die den Ruck +Seppis für ein Zeichen genommen, in die Höhe gezogen, die Schleife am +Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das er in die Luft gestellt +hatte, die Arme des müden Mannes suchten den oberen Teil des Strickes +zu spät, da schleuderte ihn das steigende Seil, das ihn am Fuß gepackt +hatte, in die Tiefe. + +Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren, war keiner so blaß wie +der Presi. + +Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch die letzten Streifen +der Abendröte beleuchteten die traurige Heimkehr der Leute von St. +Peter. Sie führten eine an Gott und Menschen irre Familie in ihrer +Mitte, und im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter dunkler +Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer, das auf einer Pfanne +brannte, den Weg erleuchtete. + +Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des Helden der heligen +Wasser. + + + + +V. + + +Die Wasser rauschten und die Merkhämmer schlugen. + +Mit herzlicher Teilnahme wurde Seppi Blatter bestattet. Vom Morgen an +stand der Sarg neben der Thüre des Häuschens, wo der Verunglückte mit +den Seinen friedlich gewohnt hatte. Auf dem Totenbaum lag der Federhut, +das Schwert und die Binde des Garden. Ein silberner Becher stand auf dem +Sarg. Als die Leidtragenden kamen, hob ihn jeder, trank einen kräftigen +Schluck und sprach: »Lebe wohl, Seppi Blatter, möge es dir wohl thun in +der Ewigkeit!« Und wenn zwei oder drei aus dem Becher getrunken hatten, +so füllte ihn der Weibel wieder mit goldenem Hospeler nach. + +O, man durfte sich den Hospeler schon mit andächtigen Sinnen zu Gemüte +führen. Die Begierde nach eigenem Wein hatte St. Peter in die Fron der +heligen Wasser gebracht. Im Feuer des Trunkes kreiste das Blut der +Gestürzten. + +Als der Presi erschien und zum Becher griff, schielten alle mit +verhaltener Neugier nach ihm. Sie meinten, es müßte sich etwas +Besonderes begeben. Aber der stolze, kraftvolle Mann hob den Becher mit +Würde und fester Hand und trat mit ruhiger Gelassenheit in ihren Kreis. + +Der Garde war viel bewegter; die nervige eiserne Hand bebte, als er +Seppi Blatter Lebewohl sagte. Ihm war, er müsse sich die grauen Haare +zerraufen, weil er ihn nicht von seinem plötzlichen Entschluß +zurückgehalten hatte. + +Man brachte die Gedenktafel, die Kaplan Johannes im Auftrag der Gemeinde +gemalt hatte, und legte sie auch auf den Totenbaum. In frischen Farben +leuchtete die Inschrift: + +»An den heligen Wassern ist bei Reparatur erfahlen und wohl versehen mit +den hl. Sakramenten gleich tot gewesen der ehrsame Seppi Blatter von St. +Peter. Gewählt worden zum Garden. Hat aber nicht angetretten. Sein +Lebenslauf ist 40 Jahr und 7 Tag. %R. I. P.% + + Mein lieber Freund, ich bitte dich, + Geh nicht vorbei und bett' für mich.« + +Jetzt trug man Seppi Blatter zu Grabe. Als sich die Gemeinde vom +Kirchhof verlief, gingen nur wenige, die an der Beerdigung teilgenommen +hatten, in den Bären. Dem Presi war's recht. Er wollte noch nach Hospel +hinausreiten und sattelte eben das Maultier. Er hatte plötzlich das +Bedürfnis, Frau Cresenz recht bald als Hausfrau in den Bären zu führen. +Mit der alten Susi war's nicht mehr gethan, ihr Kropf wurde ihr je +länger je hinderlicher bei der Arbeit, sie pfiff daraus wie eine +ungeschmierte Säge und ob sie fast nicht zu Atem kam, keifte sie +gleichwohl an einem Stück. + +Er wollte mit Cresenz über den Hochzeitstag reden. + +»Susi, wo steckt denn Bini wieder?« rief der Presi. + +»Sie hat sich wieder irgendwo versteckt. Verhext ist das Kind -- +verhext!« jammerte Susi, »und sie war sonst ein so liebes, artiges +Vögelchen, das den ganzen Tag gehüpft ist. Wer hat es ihm nur angethan?« + +»Ihr seid ein Kalb; Susi, bringt mir Binia nicht mit dem Hexenzeug ins +Geschwätz, sonst seid Ihr den letzten Tag im Haus!« + +Damit ritt der Presi davon, Susi heulte: »Nichts mehr sagen darf man, +nichts! Wie ein Schuhlumpen ist man geachtet. Gewiß bleib' ich nur wegen +des Kindes.« + +Schon ein paar Tage aber versteht sie Binia nicht mehr. Seit der +Wassertröstung sitzt das Mädchen irgendwo in einem Winkel des Hauses, +immer da, wo man sie nicht sucht, zerrt mit den Fingern der einen Hand +an den Fingern der anderen, beißt in die Fingerspitzen und starrt mit +den großen dunklen Augen ins Leere, wie wenn sie etwas sehen würde, was +nicht ist, etwas Grauenhaftes, Entsetzliches! Susi hatte sie mit der +Wallfahrt zur Lieben Frau an der Brücke geschickt, aber am Mittag kam +das Kind in der warmen Sonne schlotternd zurückgelaufen, nicht in die +Stube, nein, es rannte die Treppen hinauf bis unter das Dach. Als Susi +es suchen ging, da saß es mitten unter altem Gerümpel des Estrichs, +einen zerlumpten Rock seiner Mutter selig um das eigene Kleid gelegt. Es +wimmerte leise, leise. Nur etwas verstand Susi, was das Kind immer +wieder vor sich her stammelte: + +»Die Hand wird ihm aus dem Grab wachsen!« + +»Sage, Vögelchen, du unglückliches, wem wird die Hand aus dem Grab +wachsen. Wer sagt es?« + +Da warf die Kleine das Köpfchen mit dem ganzen Jähzorn zurück, den sie +vom Presi geerbt hat: »Susi, das ist schlecht von dir, daß du horchst, +was ich rede.« Sie fürchtete sich vor dem Kind; es war, als wolle es +wie ein wildes Tier aufspringen und sie zerreißen. + +Binia, die nicht schlief, hörte am Abend spät noch auf dem Flur von dem +schrecklichen Ausgang des Tages reden. Im Hemd kam sie in die Küche +gelaufen, klammerte sich an Susi und schrie: »{3}Verzeih mir, Susi, -- +bleibe bei mir -- ich fürchte mich -- ich fürchte mich gräßlich.« + +Da wachte die Magd am Bett der Kleinen. Als Binia die Augen schon einige +Zeit geschlossen hatte, schlug sie sie wieder auf und flüsterte: »Wenn +mich der Seppi Blatter schon 'Schlechthundekind' gerufen hat, so muß +ich, wenn ich groß bin, Josi Blatter doch heiraten.« + +Die entsetzte Susi schmeichelte: »Schlafe, schlafe, Schäfchen; wenn du +groß und ein schönes Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen +fragen.« + +Drauf Binia: »Ich liebe aber nur Josi. Weil der Vater Fränzi nicht +genommen hat, muß ich halt den Josi nehmen.« + +Seither war Susi überzeugt, das Kind sei besprochen und verhext. + +Dem wollte sie schon auf den Grund kommen. Als der Presi fortgeritten +und die letzten Gäste gegangen waren, suchte sie das Kind. In seinem +Kämmerchen kniete es am Bett. + +Sie war wohlwollend zu ihm. Es aber stellte sehr sonderbare Fragen: »Du, +Susi, hat mein Vater meine Mutter stark lieb gehabt?« -- Wie kam es auf +diese Frage? Seit drei Jahren war die selige Beth tot. Als das Kind in +sie drang, antwortete Susi: »Natürlich, du Närrchen, hat der Vater die +Mutter lieb gehabt.« + +Das Kind fuhr mit dem Köpfchen aus dem Kissen, richtete mit +unaussprechlicher Verachtung die Augen auf sie: »Du lügst, Susi, er hat +sie gar nicht geliebt. Ich frage dich nichts mehr!« + +Susi ging im Bewußtsein, daß sie gelogen habe, schamrot aus dem +Kämmerlein. + +Aber die Neugier trieb sie zu Binia zurück. Sie fuhr das Kind barsch an: +»Binia, wer hat dich besprochen -- du bist besessen.« + +»Laß mich,« schreit Binia, »ich bin krank -- geh!« + +Susi läßt sich nicht abweisen: »Der Kaplan Johannes schlarpt eben mit +dem Bettelsack durchs Dorf, der soll dich heilen. Ich rufe ihn!« + +»Nein, -- nein« -- kreischt die Kleine und zittert am ganzen Leib, und +wie Susi eine Bewegung gegen die Thüre macht, fällt sie ihr um die +Kniee. + +»Ums Himmels willen rufe den Kaplan nicht.« + +Susi drauf: »Gelt, der ist's, der dich besprochen hat! Jetzt haben wir's +schon -- dich und Josi. Ist Josi bei dir gewesen?« + +»Ja, wir sind auf der Brücke gekniet -- das war aber nur Scherz. -- -- +Nein, dir, erzähl' ich's nicht, du lügst und bist so dumm.« + +Und das Kind hat wieder den Trotzkopf aufgesetzt. + +Da bekreuzt sich die abergläubische Magd und geht: »Aber dem Presi darf +man nichts sagen -- nichts!« + +Wie sie fort ist, schluchzt und röchelt Binia. Niemand hat ihr etwas zu +leide gethan, sie hat nur gehört, was Fränzi und der Vater geredet, sie +hat nur gehört, was Kaplan Johannes zu den anderen Männern sagte: »Die +Hand wird ihm aus dem Grabe wachsen.« + +Alles das ist aber so schrecklich für ihr kleines, feuriges Herz. Sie +hat gemeint, einen so trefflichen Mann wie ihren Vater gebe es nicht +mehr. Ob er sie schon manchmal anschnauzte, war sie stolz gewesen auf +ihn, sie hatte ihn so unendlich lieb und wenn er nur einmal ein wenig +freundlich mit ihr redete, -- o, dann hätte sie am liebsten die kleinen +Arme um seinen Hals geschlungen und ihn vor Freude und Seligkeit in die +Wange gebissen. Und jetzt weiß sie so Entsetzliches von ihm. Er hat die +tote Mutter nicht geliebt, er hat Fränzi einen Kuß geben wollen, der +Schämdichnicht. + +Dann das Gräßliche, wie die Unterschrift Seppi Blatters entstanden ist, +die Unterschrift, wegen der dem Vater die Hand aus dem Grab wachsen +soll! + +Das ist zu viel für ihr Köpfchen, es hämmert darin, als sollte es +zerspringen. Ja, ja, die Fränzi hat recht, es ist ein Unsegen auf sie +gekommen. Darüber möchte sie mit jemand reden, aber nicht mit Susi, die +lügt, weil sie ihr alles ausreden will. An eine liebe Brust möchte sie +sich lehnen und weinen. Sie denkt an Fränzi, die mit ihrer Mutter gut +befreundet gewesen ist, Fränzi hat auch sie lieb, Fränzi lügt nicht. Ja, +mit Fränzi will sie reden. + +Aber sie darf nicht zu Fränzi gehen! Warum nicht? Sie weiß es im +Wirrwarr ihrer Gedanken nicht, es ist ihr aber, wie wenn Blut und Feuer +zwischen ihr und Fränzi, zwischen ihr, Vroni und Josi lägen. + +Und aus dem Gefühl tiefer Hilflosigkeit schreit sie: »Mutter -- Mutter +-- liebe tote Mutter!« -- -- + +Mit einigem Herzklopfen ritt der Presi auf seinem Wege nach Hospel über +die Unglücksstätte, sein kluger Verstand sagte ihm wohl, die +Kaufbriefgeschichte sei damit, daß an den Weißen Brettern der Hammer +wieder töne, noch nicht erledigt. War er mit Blindheit geschlagen +gewesen, daß er die tolle Angelegenheit nicht sofort am anderen Morgen +geordnet hatte? + +Nun zuckte und wühlte sie im Dorf, er hatte es aus den verlegenen Mienen +der Männer gelesen, die an der Beerdigung Seppi Blatters teilnahmen. + +Er schwitzte -- er sehnte sich nach Hospel, die Welt schien ihm dort +freier -- hier legte sich etwas wie Zentnerlast auf die Brust -- es war +zum Ersticken. Gut, daß er jetzt die Weißen Bretter, den Teufelsgarten +mit den zertretenen Blumen, das Schmelzwerk und die Kapelle hinter sich +hatte. + +Der hundertstimmige Schrei beim Sturz Seppi Blatters gellte ihm noch in +den Ohren. + +»Ta-ta-ta. Ich bin der Presi!« denkt er. + +Er kommt in das Kreuz nach Hospel, aber Frau Cresenz zeigt sich gar +nicht und der stolze Kreuzwirt, der behäbigste Gastwirt am Weg von der +Stadt bis zum Hochpaß, sein zukünftiger Schwager, empfängt ihn frostig. + +»Was hast, Kreuzwirt, warum magst mir nicht recht die Ehre geben?« + +»Von dir läuft ja die Schande auf allen Straßen. Und Seppi Blatter ist +so ein braver Mann gewesen. Ist's wahr, daß du ihm, wie er betrunken +gewesen ist und geschlafen hat, die Feder geführt hast?« + +Da schlägt der Presi die Faust auf den Tisch, springt auf: »Vor Gericht +müssen mir die räudigen Hunde -- Wer hat's gesagt?« + +»Von rechtschaffenen Leuten ist's hier im Kreuz verhandelt worden, +aber, daß ich dir die Namen nenne, giebt's nicht.« + +»Es ist eine elende Verleumdung. Horch, Joch, wie's zugegangen ist. Man +hat einen Mann haben müssen, mit dem Losen ist's gar eine mißliche +Sache.« Der Presi erzählte und schloß mit der Frage: »Was sprichst +jetzt?« + +»Ich sage, daß die Geschichte nicht sauber ist! Geplagt hast du Seppi, +das giebst ja selber zu. Wo hast du dir das Herz hergenommen, ihn grad +an dem Tag, wo du dich mit der Cresenz verlobt hast, mit dem Kaufbrief +zu kreuzigen? Das gefällt uns nicht. Wenn du Seppi Blatter die +hundertachtzig Franken aus Anlaß deiner Verlobung geschenkt hättest, so +hätte es mich und die Cresenz gefreut. Man hätte dann aus dir etwas +Glück gespürt. Jetzt aber kränkt sich Cresenz.« + +Der Presi wurde ganz klein -- das traf. Er wußte wohl, daß er sonst der +Gescheitere war als der vornehme hohle Kreuzwirt. Aber jetzt hatte der +recht! Und er murrte verlegen und stoßweise. + +Der Kreuzwirt fuhr fort: »Warum fragst du nicht, wo sie bleibt? Weil du +dich schämst, weil du weißt: es ist ein Schandfleck auf deiner Ehre!« + +»Ein Schandfleck auf meiner Ehre!« wiederholte der Presi. Sein Gesicht +war blutleer und seine Hand langte mechanisch nach dem +Zündhölzchenstein. + +»Laß den Stein liegen,« sagte der Kreuzwirt ruhig, »es ist jetzt genug +an Gewaltthätigkeit. Cresenz aber will sich besinnen, ob sie Bärenwirtin +von St. Peter werden will. Sie schreibt dir darüber in den nächsten +Tagen.« + +Als der Presi heimritt, kam er sich vor wie ein vom Hagelwetter +erschlagener Baum. Die Wut über die Verleumdung tötete ihn fast. »Die +schlechten Hunde -- die elenden Tröpfe -- -- Ist die Wahrheit nicht +genug?« stammelte er vor sich hin. + +Er sah die blauen, großen, vorwurfsvollen Augen Fränzis, die schönen und +guten Augen. O, wie er sie jetzt haßte! + +Schweißgebadet ritt er durch die Dämmerung. Jetzt sah er Seppi Blatter, +aber nicht den geringen Wildheuer, der gequält am Wirtstisch saß. Nein, +den Wasserstreiter, der freiwillig an die Bretter gestiegen war. Der +schaute ihn herausfordernd an, immer als hätte er die Frage auf den +Lippen: »Presi, wollen wir zusammen einen Hosenlupf[18] machen?« + + [18] _Hosenlupf_, ein beliebter Ringkampf der Aelpler. + +»Ich hab's nicht durchgezwungen -- das weißt -- bist ja selber +gegangen,« schnauzte der Presi. + +Und als ob er mit einem anderen im Zwiegespräch wäre, sagte er nach +einer Weile: »Ja, das gebe ich zu -- ich habe dich geplagt -- es ist +dumm gegangen an jenem Abend.« + +Bei der Kapelle stieg er nicht ab, um ein Gebet zu verrichten, wie es +die fromme Sitte heischt; er sah die frische Tafel Seppis, die während +seines Aufenthaltes zu Hospel in das kleine Gotteshaus gestellt worden +war, ihre Goldfarbe glänzte frisch -- frech, dachte der Presi und im +Vorbeireiten rief er: »Daß du mich nicht gar zu stark klemmst, Seppi +Blatter, sonst --! Weißt, ein wenig leid' ich's schon, hab's auch +verdient -- aber wenn du mich zu stark schuhriegelst -- du weißt, +Fränzi, Vroni und Josi sind noch nicht in der Ewigkeit.« + +»Halt 's Maul, räudiger Pfaff!« schrie er, als er am Schmelzwerk +vorüberjagte und den Kaplan Johannes singen hörte. Unaufhaltsam +vorwärts, den Stutz hinauf drängte er das arme Tier mit seinen Flüchen +und kam früher, als ihn jemand erwartet hatte, nach Haus. + +Im Bären saß tiefbekümmert der Garde. Er wartete nicht lang mit seinem +Bericht. Das Amt war auf ihn zurückgefallen -- für einstweilen, hatte +man im Gemeinderat gesagt -- das bedeutete aber in St. Peter für +Lebzeiten. + +»Presi, ich hab's zum Guten leiten wollen, aber die Sache steht bös. Die +Geschichte der Unterschrift Seppis geht vertrüdelt und verdreht durchs +Dorf. Es sind darum auch keine Leute im Bären.« + +»Die Gemeinde wird nicht die ganze Zeit saufen müssen, ich verlange es +gar nicht,« höhnte der Presi, »wenn sie wildeln und wüst thun wollen +über mich, so ist es mir schon lieber, sie erledigen es draußen, als mir +unter der Nase. Das könnte unlustig werden.« + +»Möchtet Ihr in diesen Tagen nicht einmal die Fränzi aufsuchen und mit +ihr im guten reden?« + +»Damit die Leute mit den Fingern auf mich weisen und sagen: 'Den hat das +Gewissen gedrückt!'« + +»Wir haben jetzt gewiß allen Anlaß, gegen den Haushalt rücksichtsvoll zu +sein.« + +»Aber ich nicht -- ich nicht! Lieber werde ich ein brünniger Mann[19].« +Der Presi wischte sich den Schweiß, der immer noch auf seiner Stirn +perlte, er war so müde wie lange nicht mehr. »Ueber diese Geschichte +wird schon Gras wachsen!« + + [19] _Brünniger Mann_, in der Volksvorstellung ein Mann, der nach + seinem Tod des Nachts brennend umherwandelt. + +»Lange keines,« knurrte der Garde, stand auf und ging. -- + +»Endlich Ruhe.« -- Auf der Straße verlor sich der schwere Schritt des +Garden und der Presi stützte den Kopf in beide Hände und ließ +nachdenklich die Lider auf die Augen fallen. + +Aber er brachte das Bild nicht weg. »O, es ist entsetzlich, einen Mann +einen ganzen Tag kämpfen zu sehen -- das geht nicht fort. -- Du bist ein +schlechter Hund, Seppi Blatter, daß du mir das angethan hast und, wie du +schon fertig warst, noch herunterflogst.« + +Der Presi ging in seine Kammer. -- -- + +Ueber den Unglücksfall an den heligen Wassern und die ihn begleitenden +Umstände wuchs lange kein Gras. Durch alle Gespräche zitterte der +Nachhall, weniger die Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier, +wie er veranlaßt worden sei, an die Weißen Bretter zu steigen. Allein +nachdem es einige Wochen bös über den Presi gegangen war, so daß er es +für gut fand, mit den Leuten so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er +es verstand, schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht doch +nicht so schlimm. Bälzi habe sie im Anfang nur aus Wut so ehrenrührig +für den Presi erzählt, und er sei ja ein ganz unzuverlässiger Mensch, +der Presi aber sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe +schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu retten wußte, +aus der Klemme geholfen. »Und,« gaben die Leute zu, »er ist halt doch +der Gescheiteste unter uns allen.« + +Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter in der Sommerarbeit, +die sie schwer ins Joch schlug und sie auf Aecker, Alpen und in die +Weinberge zerstreute. + +Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel. Von Frau Cresenz +kam eines Tages ein Briefchen und am folgenden Tag ritt sie, vom +Kreuzwirt begleitet, den Silberschild der Hospelertracht vor der Brust, +das kokette Filzhütchen auf dem Haupt, vor den Bären. + +Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester nicht zu freundlich, +denn die Beleidigung vom letzten Besuch saß ihm noch wie ein Dorn im +Fleisch, aber mit einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus, +und gegen liebenswürdige Frauen war der sonst unbeugsame Mann +nachgiebig. + +Und Frau Cresenz war hübsch. Aus ihrem vom Ritt leichtgeröteten Gesicht +schauten muntere graue Augen, sie hatte kluge und angenehme Züge, eine +kühle Sprechweise und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr Körper fast +zu stattlich war, von unleugbarer Anmut. + +»Die steht dem Bären wohl an,« schmunzelte der Presi in sich hinein und +zeigte den beiden das Haus. + +»Ja, da muß vieles anders und ordentlicher werden, da gehört wirklich +wieder eine Hausmutter hin.« Und die hübsche Frau Cresenz lächelt dem +Presi gutmütig verständnisvoll zu. + +Etwas beschämt sagt er: »Wir haben bis jetzt halt nur ein +Bauernwirtshaus geführt. Das muß natürlich für die Fremden alles anders +eingerichtet sein!« + +Als die drei die Treppe aufwärts in den zweiten Stock stiegen, trat die +alte Susi, die Röstpfanne, aus der der Kaffeeduft aufstieg, in den +runzeligen Händen, neugierig unter die Küchenthüre und sah ihnen nach. +Da machte Frau Cresenz am Geländer der Treppe einen Fingerstrich und +zeigte den Staub hinter dem Rücken des Presi dem Kreuzwirt. + +Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter der kleinen +Gesellschaft her: »Nein, bei der bleibe ich nicht.« + +Der Presi hatte mit seinen Gästen den Estrich erreicht. Plötzlich +ertönte schallendes Gelächter der Frau Cresenz. Aus einem von allerlei +Gerümpel gebildeten Winkel starren sie zwei große Kinderaugen an, ein +ängstliches Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch, das +malerisch über den Kopf geworfen ist. + +»Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen. -- Komm, du +artiger Fratz.« -- Die Kleine sieht die Augen des Vaters aufmunternd auf +sich gerichtet und kriecht hervor. Da reißt ihr Frau Cresenz lachend das +Tuch ab: »So, jetzt siehst du menschenähnlich aus, nun gieb mir die +Hand.« + +Sie sagt es mit kühler Freundlichkeit, aber der erschrockene scheue +Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt die Treppe hinunter. Die alte +Susi ruft ihr zu: »Hast die neue Mutter gesehen, die hochmütige?« + +»Die neue Mutter!« Nun muß sie auch darüber denken. Und das kleine +Köpfchen brennt doch schon von allem anderen, worüber ihm niemand +Auskunft giebt. Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie hat +er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch nicht mit ihr. Doch, +aber es ist schon so lange her. Sie schleicht sich auf den Zehenspitzen +in ihr Kämmerchen empor. Denken -- denken will sie. + +Gegen Abend hört sie die Fremden fortreiten, das fröhliche Lebewohl, das +der Vater Frau Cresenz zugerufen hat, tönt ihr in die Ohren. Ihr aber +thut der Kopf so weh, ihre Zähne klappern, sie kriecht ins Bett. + +Da hört sie die Tritte des Vaters. Gewiß kommt er sie zu züchtigen. + +Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den Zorn mengte sich die +Vatersorge. Binia war zwar immer ein eigenartiges Kind gewesen, oft +nachdenklich, oft ausgelassen lustig, aber seit einiger Zeit war sie so +blaß und scheu und allen ein Rätsel. + +Wäre er abergläubisch gewesen, er hätte geglaubt, die Drohung der Fränzi +sei schon in Erfüllung gegangen, Unsegen sei auf dem Kinde. + +Wie er sie nun am hellen Tag mit gläsernen Augen im Bette liegen sah, +entwaffnete die Sorge den letzten Zorn. + +Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand der Kleinen ganz +vorsichtig in seine Pratze und als sie, sich von ihm abwendend, leis +wimmerte, legte er ihr die andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar. +Das Kind zuckte zusammen. + +»Was machst du für Streiche, liebe Maus? Du hast eine heiße Stirn, bist +ja ganz krank. -- Binia -- Gemslein -- liebes Gemslein, schau mich +einmal an.« + +Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton. + +Als das Kind die sanften und lieben Worte des rauhen Vaters hörte, die +es wie ein Klang aus fernem schönem Traum umwarben, überließ es ihm das +heiße Händchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb freudig, +halb ängstlich blinzelte es mit den großen Augen nach ihm. + +»Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?« + +»O doch -- doch -- Vater,« klang das feine Stimmchen, »aber -- --« Sie +schauerte. + +»Rede nur, Maus!« + +»Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir nichts, wenn ich etwas +frage?« Der zarte Körper zitterte. + +»Nein, frage nur -- bist ja meine Maus!« + +»Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater?« Das tönte so fein und +scheu und ein bleiches Lächeln flog über die Lippen des Kindes. + +»Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein. Weißt nicht mehr, wie ich +dich auf dem Arm getragen habe? Und weißt noch, wie ich dir manchen Kram +von Hospel mitgebracht habe?« + +An diesen Gedanken spann das Kind weiter. + +»Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich gewartet, bis du am +Abend heimkamst. Und dann hast du mich noch ein wenig auf die Kniee +genommen und ich habe darauf reiten dürfen. Die Mutter hat mich dann zu +Bett gebracht und hat meine Hand genommen wie du jetzt und wir haben +gebetet: 'Lieber Gott, lieber Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben +Vater gesund.' Und dann hat sie die Kissen an mein Köpfchen gedrückt: +'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist eine Thräne auf +meine Wange gefallen, aber am Morgen, wenn ich sie gesucht habe, war sie +fort.« + +Rührend, als ob das fiebernde Kind gegen das Weinen kämpfte, klang das +Stimmchen, der Presi hatte den Kopf gesenkt, und als er nichts +antwortete, fuhr das Kind fort: + +»Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht. O, sie ist so +schön, sie ist ganz weiß und hat Flügel an den Schultern. Und wenn sie +sieht, daß ich ihr altes Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so +lächelt sie wunderschön. Nur das Tuch muß ich haben, dann kommt sie. -- +Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel geweint, als sie lebte?« + +Der Presi war unruhig geworden, die Zärtlichkeit des Fiebergeplauders +regte ihn auf. + +Das Mündchen aber lief und lief: »Wie ist es schön gewesen, als ich noch +klein war. Josi und Vroni sind immer gekommen, er hat mich dann auf dem +Rücken getragen, und dafür hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.« + +»Was hast vorhin fragen wollen, Bini?« unterbrach der Vater barsch das +plaudernde Kind. + +»Thust du mir nichts?« + +»Dumme Maus, du!« Sein Ton war wieder freundlich. + +Die Augen des Kindes öffneten sich -- es richtete sich im Bettchen halb +auf und zitternd, traumhaft kam's: + +»Du, Vater, wenn ich groß bin, darf ich dann die Frau Josi Blatters +werden?« + +Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. -- Der Zug hoffnungsvollen +Zutrauens auf dem fiebergeröteten Kindergesicht erlosch, es stopfte den +Mund mit dem gekrümmten Finger, die Augen wurden schreckhaft groß, und +seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker -- es schlang das +Aermchen um den Vater, es schrie: + +»Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater -- nein -- ich habe fragen +wollen: Ist es wahr, daß dir die Hand aus dem Grab wachsen wird?« + +Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er ächzt -- und ächzt. +Plötzlich brüllt er: »Wer sagt das? -- Sagt es Fränzi?« + +Vor Furcht weiß das Kind nicht mehr, was es sprechen soll, was es +spricht. + +»Fränzi -- Vroni -- nein -- Josi -- oder nein --« Es will weiter reden. + +Aber der Presi schlägt ein so schauerliches Lachen an, wie wenn etwas in +ihm risse. Das Kind schweigt. + +»Und den willst du heiraten! -- Da also packst du mich, toter Seppi +Blatter. Deinem Buben will ich's eintränken.« + +Er faustet sinnlos gegen die Wände: »Jetzt wollen wir sehen, ob ein +lebendiger Presi nicht über einen toten Wildheuer Meister wird.« Er will +sein krankes Kind schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke +verkrochen und hält sie mit krampfhaften Händen fest. + +Unter der Thür steht Susi, die irgend etwas berichten will; und schlägt +die Hände über dem Kopf zusammen. + +Der Presi schwankt aus der Kammer. + +Ein Riß war von dieser Stunde zwischen Vater und Kind. Binia lag einige +Tage krank, der Presi kümmerte sich nicht um sie; als sie mit blassen +Wänglein wieder in der Stube erschien, übersah er sie und vermied lange +Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da war es nur in +Gegenwart Dritter und seine Worte beschränkten sich auf kurze Befehle +und gleichgültige Dinge. + +Daran änderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz, die im Herbst +stattfand, wenig. + + + + +VI. + + +St. Peter ruht mit seinen Holzhäusern halb versunken im Schnee, wie die +Federkissen eines Brautfuders liegt er auf den Dächern, die Glotter +gurgelt unter dem Eis. Am Mittag stechende Sonne, blauer Himmel, ein +Licht von den Bergen, daß man die Hand über die Augen decken muß, +triefende Dächer und sonnenwarme Luft, des Nachts bittere Kälte, so daß +der Schnee im Flimmern der Sterne wie Millionen erbarmungslose +Glassplitterchen funkelt. + +Die Lichter leuchten freundlich aus den kleinen Fenstern ebenhin in den +Schnee. Von Haus zu Haus huscht es und eilt es. Bursche und Mädchen, +jung und alt sitzen um die Lewatöllampe zusammen, die Frauen spinnen den +Flachs, die Mädchen flechten mit raschen Fingern Strohbänder und nähen +Hüte, die Männer schnitzen an Holzschuhböden herum und nebeln mit den +Pfeifen. + +Man redet nicht viel, die von St. Peter sitzen gern still und feierlich +im Kreis. Am häufigsten noch hört man das Weib des Fenkenälplers, das +von Zeit zu Zeit von ihrem Mann einen Zug aus der Tabakspfeife bettelt. + +»Fenkenälpler, kauft der Vre doch ein artiges Klöbchen,« lacht der +krummmäulige Bäliälpler. »Wenn die Weiber rauchen, so schadet's dem +Hausfrieden nichts -- das meine raucht jetzt auch schon ins siebente +Jahr.« + +»Es ist halt doch nicht schön,« meinte die fröhliche Bertha Thugi, eine +Neunzehnjährige, die neben ihrem jüngeren Bruder Peter, dem Enkel des +alten Peter Thugi, sitzt, »daß bei uns so viele Weiber rauchen wie +Kamine. Mir gefallen Fränzi und die Gardin -- sie rauchen nicht.« + +»Jetzt will die das Rauchen der Weiber abschaffen, wie die neue +Bärenwirtin den Schnaps.« + +Die fromme, geizige Glottermüllerin, die den Mühlknecht hungern läßt, +mault: »Recht ist's. Zuerst haben die Männer gar nicht gewußt, wie die +neue Frau Presi genug rühmen. Schön und leutselig sei sie. Jetzt hat +man's. Nicht einmal ein Gläschen Gebranntes mag sie ums gute Geld den +Leuten gönnen. Sie meint wohl, in St. Peter seien alle vergüldet wie der +Presi.« + +Der Bäliälpler mit der Bogennase und dem krummen Maul aber brummt: »Was +mir gar nicht gefällt, sind die Handwerksleute von Hospel, die jetzt die +ganze Zeit im Bären lärmen. Er war doch von jeher ein schönes Haus. Aber +wißt ihr? Fremde Weltleute, Deutschländer, Franzosen, Englische und +Hispaniolen, wie's seit ein paar Jahren zu Grenseln, Serbig und im +Oberland sommers über hat, sollen mit ihren Weibern, Hunden und Katzen +in den Bären kommen und darein sitzen. Was meint ihr? Wozu ist an der +Straße eine Thür ausgebrochen worden und wird eine Stube gemacht? In +diese Truhe können die von St. Peter hocken und oben, wo wir bis jetzt +gesessen sind, in der schönen großen Stube, rutschen die fremden +Maulaffen herum, die den Unterschied zwischen einem Gemsbock und einem +Kalb nicht kennen.« + +»Protestieren soll man! -- Aber die Gemeinderäte, der Garde ausgenommen, +haben's wie unsere Maultiere, sie machen so.« Der glatzköpfige +Glottermüller, der eine Stimme hat wie ein Weib, aber selbst schon lange +gern Gemeinderat geworden wäre, nickt mit dem Kopf, bis alles lacht. Und +plötzlich ruft er, daß alle aufblicken: + +»Die Gemeinde soll man anfragen, ob wir Fremde in St. Peter dulden +wollen oder nicht. Das behaupte ich.« Wichtig blickt er um sich. + +»Der Pfarrer ist dagegen. Eine Todsünde sei's, Fremde nach St. Peter zu +rufen. Anstecken mit großen Fehlern und Sünden würden sie uns und +Schaden bringen an der heiligen Religion.« + +So der Bockjeälpler, der zwischen dem Reden immer schnalzt. + +»Hört! -- hört!« + +»Es ist nicht bloß deswegen!« meint der alte großbärtige Peter Thugi, +der bisher fleißig an seinen Löffeln und Kellen herumgeschnitzt, den +Abend noch kein Wörtchen gesagt hat und mit seiner tiefen Stimme sehr +langsam spricht, »es ist wegen der Dinge, von denen man nicht unnötig +reden soll -- wegen der armen Seelen!« + +Das Wort bringt eine merkwürdige Bewegung hervor. + +Alle Arbeit ruht, schweigend und feierlich schaut man nach dem alten +Manne und wer raucht, legt die Pfeife weg. + +»Wenn nur Fränzi da wäre,« fährt er fort, »sie könnte es besser erzählen +als ich, wie an den Firnen der Krone tausendmal tausend abgeschiedene +Seelen im Eise stehen und sehnsüchtig auf ihre Erlösung warten. Um ihre +Gebete zu verrichten, brauchen sie Frieden und Ruhe. Vom Thal herauf +mögen sie nichts hören als das heilige Glockengeläute. Lachen, +leichtfertiges Reden und großer Lärm thut ihnen weh. Namentlich +beleidigt es sie, wenn die Leute neugierig auf die Gletscher und Firnen +steigen. 'So weit die Welt grün ist, ist Lebendigenland, wo sie weiß +ist, ist Totenland.' Das haben sie schon manchem Gemsjäger gesagt, der +sein Tier ins weiße Revier verfolgte. Wenn nun aber die Fremden, die +nichts von den armen Seelen wissen, alle Tag tanzen und Sonntag machen? +Ich will's euch sagen: Es kommt ein mächtiges Unglück über St. Peter.« + +Der Erzähler schweigt; alle erwarten, daß er wieder beginne -- niemand +redet, der Bäliälpler nur mahnt: »Erzählt, Peter Thugi!« + +Da fährt Peter Thugi geheimnisvoll fort: + +»Es hat eine Zeit gegeben, wo es in St. Peter so weltlich zuging, wie es +wieder geschehen wird, wenn die Leute aus den Weltländern kommen. Alle +Tage waren Lustbarkeiten, sündiges Reden und Wollust. Das war, als noch +die Knappen im Schmelzwerk saßen. Da hat im Bären jeden Abend eine Musik +aufgespielt und immer war mit lustigen Weibsbildern Juhe und Juheien. +Als nun die von St. Peter, die solche Weltlichkeit duldeten, zu +Pfingsten in die Kirche kamen, saßen in den vordersten Bänken auf der +Weiberseite zwölf weiße Vorstehbräute[20], die niemand erkannte. Wie der +Gottesdienst vorüber war, schritten sie hinauf durch die Alpen zu den +Firnen der Krone. Vor einer Hütte, die jetzt schon lang nicht mehr +steht, begegneten sie dem frommen Sennen Sämi, der nicht mehr gehen +konnte und auf der Bank bei der Thüre saß. Da fragten sie ihn ängstlich, +ob wohl die Leute von St. Peter aus ihren betrübten und traurigen +Gesichtern gemerkt haben, warum sie zur Kirche gekommen seien. Der alte +Sämi spürte aus ihrem Ton, daß es etwas sehr Ernstes sei und meinte, ihm +können sie es schon verraten. Sie seien arme Seelen von der Krone, +antworteten sie, und haben die von St. Peter warnen wollen, daß sie das +tolle Leben im Dorf nicht länger dulden. Wenn sie es aber weiter litten, +so würde St. Peter von Lawinen verschüttet, denn die vielen tausend +armen Seelen, die jetzt mit ihren Leibern dem Firn Halt geben, würden +auswandern und dann stürze der Schnee der Krone aufs Dorf. Sie hätten +auf ihre Bitten die Erlaubnis bekommen, daß sie die von St. Peter warnen +dürfen, er möge es ihnen sagen, wenn es die Leute sonst nicht gemerkt +haben. Sie dürfen doch nie mehr kommen und die Mahnung gelte für ewig. +Erleichtert gingen die armen Seelen ihres Weges und sangen vor Freude, +daß sie die Botschaft einem so braven Manne wie Sämi hatten ausrichten +können. Sämi aber schickte Bericht ins Dorf über das merkwürdige +Erlebnis, und siehe da -- alle die in der Kirche gewesen, erkannten die +Vorstehbräute. Es waren gestorbene Mädchen von St. Peter. Die Leute +trieben die Musikanten und die leichten Weibsbilder fort, und seither +weiß man in unserem Dorf, was geschieht, wenn Wohlleben und Ueppigkeit +wieder kommen.« + + [20] _Vorstehbräute_, Kommunikantinnen. + +Der Kreis der andächtigen Zuhörer und Zuhörerinnen schauderte. + +»Der Presi bringt noch über uns alle gleiches Unglück wie über Seppi +Blatter!« unterbrach die böse Zunge des Glottermüllers das Schweigen. + +»Pst!« klang eine Weiberstimme aus dem Hintergrund durch den blauen +Tabaksnebel, »Bälzi weiß, wie der Presi den Leuten ein Schloß an den +Mund legt, die etwas wider ihn sagen.« + +Die Gesellschaft hätte lieber noch mehr Geschichten von den Toten gehört +und neigte nicht mehr zum Schwatzen. + +Bertha Thugi, die von der Erzählung ihres Großvaters bewegt war, meinte: +»Laßt uns doch die Wildheuerfränzi holen, sie weiß alle Geschichten des +Gebirges, die von den Lebendigen sowohl wie die von den Toten, sie weiß +die Ueberlieferungen und Sagen, sie hat manchmal bis um die Mitternacht +erzählt, so daß alle zitterten und man fast nicht mehr heimgehen +durfte.« + +»Fränzi ist aber nie ungebeten erschienen, sie hat aus ihrem Erzählen +immer eine Kunst gemacht, die geehrt sein wollte. Und jetzt lehnt sie +alles Erzählen ab. Sie habe keine Lust mehr zum Reden. Ich verstehe es +nach dem großen Unglück wohl.« + +So der alte Peter Thugi, und schweigend lichtet sich allmählich der +Kreis, die Totensagen summen in den Köpfen, die Sagen Fränzis. + +Würdig erträgt sie den Tod ihres Mannes. Als er stürzte, hatte sich ihr +wohl ein Schrei entrungen, ein entsetzlicher Schrei, als müßten auch ihr +Leib und Seele auseinanderbrechen. Und in den ersten Tagen lebte sie in +dumpfem Brüten dahin. Dann aber erhob sie sich plötzlich und ging an +ihre Arbeit wie sonst. Niemand hat sie je weinen gesehen, niemand je +klagen gehört. Nur die Strähnen gebleichten Haares in der dunklen Fülle +verrieten, daß sie gelitten hatte. Den Schmerz hatte sie in den +unergründlichen Tiefen des Glaubens begraben. + +»Vroni und Josi, tragt niemand etwas nach, es hat im Leiden und Sterben +eures Vaters eine höhere Hand gewaltet, und grübeln ist sündhaft.« So +mahnte sie, wenn die Kinder vor Beelendung über den Tod des Vaters fast +zerflossen. + +Ihrem kleinen Haushalt ging es seit dem schrecklichen Ende Seppi +Blatters nicht schlechter als zu seinen Lebzeiten. Es war, als hätte das +Unglück des Vaters Josi, den vierzehnjährigen, mit einem Schlage um +viele Jahre gereift. Das freundliche Knabengesicht mit den klugen +dunklen Augen war ernst und trotzig geworden, um ein Lächeln gab der +früher gesprächige Bursche nicht viel, menschenscheu vermied er das +Dorf. Ohne daß ihm jemand die Notwendigkeit klar gemacht hätte, +schleppte er im Lauf des Sommers genug Wildheu von den Planken, um die +paar Ziegen durch den Winter zu bringen, so daß die Mutter manchmal +mahnte: »Ueberthu dich nicht, du zäher Bub.« + +Der Acker hatte reichlich Frucht getragen. Als man Anfang Winter das +Korn im großen Backofen des Garden gleich fürs ganze Jahr verbuk, da +ergab es so viel große Laibe, daß die Kinder bis zur nächsten Ernte +nicht nach Hospel hinauszuwandern brauchten, um Mehl zu holen. + +Das war gut, woher das Geld nehmen? + +Es waren drollige Mahlzeiten, die Mutter und Kinder hielten. Josi, der +die Stelle des Hausvaters übernommen hatte, zertrümmerte mit Hammer und +Hackmesser das vom langen Liegen steinharte Brot. Die dunklen Splitter +stoben nur so davon, und ebenso stoben sie vom Käse, den noch der Vater +bereitet hatte. Vroni fing die Brocken auf, indem sie die offenen Arme +ausbreitete, und lachend knusperten die Kinder an den braunen Stücken, +die dem Gestein des Gebirges zum Verwechseln glichen. + +»Beiße dir keinen Zahn aus, Vroni!« scherzte Josi. Dann wies sie ihm +ihre Perlenreihe zwischen kirschroten Lippen, er zeigte als Antwort sein +blitzblankes Gebiß und zum Schluß der Mahlzeit nahm er die Tessel, einen +Holzstab, der auf dem Tisch lag, und schnitzte einen Kerb hinein, bald +auf Vronis, bald auf seiner, bald auf der Mutter Seite, damit man wisse, +wer das Tischgebet verrichtet hatte. + +Ein kleines, inniges Glück, dem die Trauer, die es durchbebte, Bestand +verbürgte. So hätte man den Haushalt Fränzis nennen mögen. Die +Geschichten, die sie nicht mehr in die Kreise der Burschen und Mädchen +tragen mochte, erzählte sie Josi und Vroni. Dann geschah es wohl, daß +Josi müde vom Tag einschlief, während Vroni gespannten Ohres lauschte. + +Oft sangen die drei das einzige Lied, zu dem sie eine Melodie wußten, +den einzigen weltlichen Gesang, den es im Glotterthal gab. Fränzi hatte +ihn zur Zeit, als sie mit Seppi selig verlobt war, auf dem Markt zu +Hospel von einem fahrenden Spielmann gehört und gekauft. Sie nannte ihn +»das Kirchhoflied«. Der Sang lautete: + + »Es liegt das Dorf im Abendstrahle, + Die Berge glühen Dom an Dom, + Im Frieden steh'n des Kirchhofs Male, + In wilden Wellen rauscht der Strom + An ihm dahin zur weiten See, + Wie klingt die Flut vor Wanderweh! + + Das Steingenelk, die Königskerzen + Erblüh'n voll Pracht im heiligen Rund, + Sie steigen aus gebroch'nen Herzen + Und jede Blume ist ein Mund. + O, wie das weint, o, wie das lacht, + Dem Flüstern horcht die Sommernacht! + + Des Dorfes Abgeschied'ne reden, + Es reden toter Bursch und Braut, + Man kennt und nennt im Ringe jeden -- + Da klagt ein Knöspchen frischbetaut: + 'Wir sind im Thal -- nur einer fehlt, + O, wie sich der in Heimweh quält.' + + Gebräunter Bursch ist fortgezogen, + Den Mund so rot, den Blick so hell, + Dahin mit Wellen und mit Wogen + Gewandert ist der Frohgesell, + Doch, als er stand an blauer See, + Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee. + + Du armer Knabe! Schlaf am Meere! + Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn, + Sieh, Gottes sind die Sternenheere, + Er schickt den Tropfen, der die Stirn + Mit frischem Gletschergruß umspült, + Der dir das heiße Heimweh kühlt!« + +Hatte Vroni ihr Kämmerlein aufgesucht, so hörte sie die Mutter noch eine +Weile in der Stube hantieren. Das letzte war immer, daß Fränzi die Thüre +oder ein Fensterchen öffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch +stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die Fenster +verschlossen, der Bissen verschwunden. + +»Wozu das, Mutter?« fragte Vroni ahnungsvoll. + +»Für die armen Seelen, für den Vater, wenn er unter ihnen ist.« + +»Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in den Tod gegangen.« + +»Wer ist sicher, daß er an den heligen Wassern nicht doch noch etwas +gedacht oder gethan hat, was er büßen muß. Ein Tag hat tausendmal +tausend Augenblicke und in jedem können wir zur armen Seele werden. Gäbe +es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren sind, +daß man nicht über das Eis gehen kann, ohne daß man ihnen auf die +Häupter tritt? Die Krone ist voll Wehklagen der Frierenden, in den +Gletscherspalten hört man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den +Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh, sie verlieren das +Lachen und die roten Wangen. Ihr habt Abrahämi nicht mehr gekannt. Er +war ein Gemsjäger. Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine Gemse +lauerte, sah er plötzlich zwei arme Seelen. Die eine kämmte ihr welliges +Haar, die andere sang, denn beide waren bald erlöst und freuten sich der +warmen Sonne. Es waren vornehme Mailänderinnen, die in ihrem Leben vor +vieler Weltfreude vergessen hatten, Armen Gutes zu thun. Sie erzählten +Abrahämi ihr verfehltes Leben so beweglich und ihre Schönheit war so +groß, daß er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie baten ihn, er möge +im Thale nicht erzählen, daß sie so schwer büßen, denn es könnte sonst +die Nachricht davon bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und +das wäre ihnen nicht lieb. Als aber Abrahämi, der Gemsjäger, ins Thal +kam, konnte er es nicht verschweigen, was für schöne Frauen er auf dem +Gletscher gesehen habe. Da wurden seine Füße und seine Zunge lahm und +viele Jahre saß er so auf dem Dengelstein vor seinem Hause und schaute +in Sehnsucht nach den Firnen der Krone, ob er die schönen Frauen nicht +erspähen möchte. Eines Tages flogen zwei schneeweiße Tauben über das +Thal. Das waren die erlösten Seelen. Abrahämi mochte wieder aufstehen +und reden, doch lachen hat er nie mehr mögen, sondern immer gesagt: +'Kränkt keine arme Seele.'« + +So erzählte Fränzi und in Vroni erklangen die Glocken des Glaubens, daß +ihr ganzes Wesen erfüllt würde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi +trotzig und finster, so blühte in ihrem frischen, von blondem Haar +umspielten Gesicht stillinniges Leben auf. + +Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen weinte, die weißen Nebel am +mondbeschienenen Berghang schwebten, dann glaubte auch sie die Züge +jener Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen und es +durchwandeln. + +»Mutter, aber haben sie schon am Brot oder an der Milch gerührt?« + +»Nein, Vroni, die armen Seelen essen nicht und trinken nicht; wenn sie +nur den guten Willen sehen, so sind sie schon satt und freuen sich, daß +sie nicht vergessen sind, denn nichts auf der Welt thut ihnen so weh, +wie wenn niemand ihrer gedenkt.« + +Einmal, als Vroni schon schlief, kam über den hohen flimmernden Schnee +wahrhaftig eine arme Seele durch die Nacht geschwebt und gewandelt, eine +leichte, schlanke Kindergestalt, doch stieg sie nicht den Alpweg herab, +sondern huschte herüber von der schlafenden Kirche, die ihren Turm +gespenstisch in die nächtliche Winterlandschaft reckte. + +Fränzi erschrak. Wenn man eine arme Seele sieht, soll man nicht +neugierig sein, es kann sie kränken. Sie zog sich vor der Wandelnden +tief in ihr Stübchen zurück und betete den Segen. + +Da horch! Vor dem Fensterspalt bittet und bettelt ein süßes, feines +Stimmchen: »Fränzi, liebe Fränzi. Darf ich zu Euch hereinkommen?« + +Einen Augenblick staunt Fränzi, dann sagt sie überrascht: »Weiß Gott, +das ist Binia!« Sie öffnet die Thüre und zieht das schlotternde Kind, +das zum Schutz vor der grimmigen Kälte den Kirchenmantel der seligen +Beth um die Glieder geschlagen hat, in das Stübchen. + +»Ums Himmels willen, Bini, was willst du bei dem harten Frost und bald +um Mitternacht. Hat es im Bären ein Unglück gegeben?« + +Da lächelt Binia leise und schalkhaft, setzt sich dicht zu Fränzi auf +die Bank, nimmt mit einer scheuen Liebkosung ihre Hand, schlägt den +Blick nieder und sagt: »Nein, im Bären schläft alles, nur ich habe noch +gewacht und an mein seliges Mütterchen gedacht. Wie ich den Schlaf nicht +habe finden können, bin ich still aufgestanden, die Treppe +hinuntergetappt, durch das Fenster des Untergadens[21] hinausgeklettert +und bin zu Euch gekommen.« + + [21] _Untergaden_, schweizerdeutsch, Vorratskammer im Erdgeschoß. + +»O Gott und alle Heiligen! Nicht einmal recht angezogen bist du, +könntest dir ja den Tod holen in dieser Nacht. Warum kommst auch nicht +am schönen Tag?« + +Da verzieht sich das Gesichtchen des Kindes schmerzlich, zögernd sagt +es: »Ich meine, der Vater hätte es nicht gern, wenn er's wüßte. Und ich +weiß nicht, habt Ihr's gern, wenn ich zu Euch komme und Vroni und Josi? +Ich habe Euch vieles zu fragen, Fränzi.« + +»Närrchen, du liebes, warum sollten wir uns nicht freuen, wenn du +kommst?« Fränzi fuhr dem schüchternen Kinde liebkosend durchs dunkle +fliegende Seidenhaar. »Aber wenn's dein Vater nicht gern hat, so ist's +doch gescheiter, du gehst gleich wieder heim.« + +Da glitt das Kind hinab von seinem Sitz zu den Füßen Fränzis, umschlang +ihre Kniee und flehte weinerlich: »Nein, Fränzi, nein, sterben müßt' ich +und den Kopf würde es mir zersprengen, wenn ich jetzt nicht mit Euch +reden könnte.« + +»Nun, so laß es heraus, was so in dem armen Köpfchen brennt, daß es gar +nicht mehr schlafen kann,« sagte Fränzi mild und zog Binia zu sich +empor. + +Es war aber, als blieben die Worte der Kleinen im Halse stecken. + +»Ist's denn etwas so Schreckliches, Bini?« + +»O Fränzi, wie Ihr an der Wassertröstung so ernst mit meinem Vater auf +seiner Stube geredet habt, da saß ich auf dem Ofen, ich habe alles +gesehen und gehört.« + +Wunderfein erbebte das Stimmchen. + +Nun war's an Fränzi, zu erbleichen. Sie sah das Kind nicht mehr, sie sah +nur das furchtbare Erlebnis jener Stunde -- entgeistert blickte sie vor +sich hin. Sie bat: »Kind, armes Unglücksvögelchen, rede, -- rede! Gott +und die Heiligen mögen mir helfen, daß ich dir recht Antwort stehe. +Vielleicht ist's gut, daß du gekommen bist.« + +Da rann das Geständnis des gepreßten und geklemmten Kinderherzens, erst +scheu und zögernd, gleichsam nur in Tropfen hervor, strömte dann heiß +und leidenschaftlich und unter vielen Thränen. Nur von Josi sagte Binia +nichts, sonst alles. + +»Du süßer, lieber Vogel, so böse Dinge klopfen in deinem Herzchen.« + +Fränzi hatte genug zu thun, um ein klein wenig Ordnung in die verwirrte +Kinderseele zu bringen. Sie löste Binia alle Fragen auf, nur eine konnte +sie ihr nicht lösen: Wie es möglich ist, daß ein Kind Vater und Mutter +gleich heiß liebt, daß der Vater die Mutter aber nicht gut leiden mag. + +»Ihr seid sicher, daß dem Vater die Hand nicht aus dem Grabe wachsen +wird, wie der wüste Kaplan gesagt hat?« + +Feierlich nahm Fränzi die Hand des Kindes und ihre Augen begegneten dem +dunklen Sternenpaar Binias: »Ja. Nicht die böse Unterschrift hat meinen +seligen Seppi an die Weißen Bretter geführt, als ein Freiwilliger ist er +gegangen. Es hat sich alles gewandt und dein Vater ist unschuldig an +seinem Tod.« + +Binia dankte mit einem innigen Aufleuchten des Blicks: »Es ist kein +Unsegen auf mir?« + +»Deine selige Mutter wacht vom Himmel über dir und jede Nacht bin auch +ich in Gedanken bei dir.« + +Da küßte Binia die arbeitsharten Hände der mütterlichen Trösterin mit +brennendem Mund. + +Noch hatte das neugierige Kind viele Fragen, die Antwort forderten. + +»Ihr denkt, der Vater habe mich doch lieb? -- O, Fränzi, wenn Ihr +wüßtet, wie ich ihn liebe.« + +»Natürlich, du kleine Ungläubige -- jeder Vater hat in seinem Herzen ein +Plätzchen für sein Kind, und wenn es zu tiefinnerst versteckt wäre! Sei +liebevoll und demütig gegen den Vater; auf Kindern, die gegen ihre +Eltern ehrfürchtig sind, steht die Verheißung, daß es ihnen wohl +ergehe.« + +»Ich demütig -- das ist schwer. -- Wohl, wohl, ich will demütig sein!« +flüsterte Binia mit feinem Stimmchen und gesenkten Lidern, »aber --« + +»Was für Rätsel hast du denn noch, du grüblerisches Kind?« + +»Ich habe jetzt zwei Mütter, eine tote, die mir lieb über alles ist -- +und eine lebendige. Wie soll ich's da halten? Kränke ich die tote nicht, +wenn ich gut zu der lebendigen bin?« + +»Richte in deinem Herzen einen Altar auf für die tote, schmücke ihn mit +Blumen der Liebe; der lebendigen aber diene als gutes Kind, denn, Binia +-- Frau Cresenz ist eine wackere Frau.« + +Binia schwieg mit gesenktem Kopf. + +Da drang von der Kirche herüber der Einuhrschlag, er mahnte Fränzi an +die schwere Stunde, wo Seppi für immer Abschied genommen hatte. + +»Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas bitten, Vögelchen. In +grenzenlosem Leid hat dich der selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm, +Binia!« + +Statt jeder Antwort preßte das Kind das Köpfchen an die Brust der Frau, +nicht anders, als wäre sie die Mutter. + +»O, Fränzi, ich höre Euer Herz -- das ist so ein liebes, warmes Herz.« + +»Ja, aber jetzt geh' -- jetzt geh', du Nachtwandlerin, ich kann dein +Bleiben nicht mehr verantworten.« Als Fränzi schon die Thüre +aufschließen wollte, bettelte Binia: »Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie +schläft -- o, wie manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am ganzen +Leib zu ihr gezogen.« + +Fränzi lächelte, sie führte die Bettlerin zu Vronis Lager, und Binia +preßte einen Kuß auf die roten Wangen der Freundin, die tief atmend auf +den gelösten Strähnen ihres Goldhaares ruhte. + +Die Schlafende regte sich, leise traten die beiden nächtlichen +Besucherinnen aus dem Kämmerchen zurück. + +»Willst Josi auch noch sehen?« + +»Ja, gern,« hauchte Binia und eine Blutwelle ergoß sich über ihr feines +Gesichtchen. Sie stiegen die schmale Treppe empor. Im Licht, das Fränzi +durch die Finger auf den Schläfer fallen ließ, sah Binia die Furche der +Willenskraft, die sich von der Stirne zur Nase Josis zog und das junge +Gesicht schon halb männlich erscheinen ließ. »Aber schön,« dachte Binia +bei sich selber, »ist Josi doch, so schlank, so braun.« + +Da fiel ihr plötzlich schwer aufs Gewissen, wie sie den arglosen +Schläfer wider ihren Willen, doch ohne die Fähigkeit, den Widerruf +vorzubringen, bei ihrem Vater verleumdet hatte; sie zitterte und sagte +kleinlaut: »Fränzi, ich muß gehen! Ich dank' Euch tausendmal, liebe +Fränzi.« + +Und über den mondbeschienenen Schnee lief Binia flink wie eine Gemse dem +unter schweren Winterlasten seufzenden Dorfe zu. + +»Ob ich's wohl noch erleben und sehen werde, wohin dich dein Weg führt, +du Kind mit den vielfragenden Augen und dem Rätselherzchen?« Mit diesem +Gedanken sah Fränzi der schlanken Gestalt nach, die in den schweren +nächtlichen Schlagschatten der Häuser verschwand. + +Als Vroni am nächsten Morgen sich zu Tische setzte, erzählte sie mit +strahlendem Gesicht, sie habe so lebhaft von Binia geträumt, wie wenn +sie selber bei ihr am Bett gestanden hätte. Mutter Fränzi lächelte, sie +weihte die Kinder so stark in das Geheimnis des nächtlichen Besuches +ein, als sie für gut fand. Josi aber sagte: »Das ist mir alles +gleichgültig, wenn mir die Giftkröte nur nie mehr über den Weg läuft.« + +Vroni lachte und drohte mit dem Finger: »Josi, Josi, ich erzähle es der +Mutter, was draußen im Teufelsgarten geschehen ist.« + +Mit zornrotem Gesicht stand er auf: »Ich will nichts mehr wissen vom +Kind eines schlechten Hundes, dem Vater selig bin ich's schuldig.« Er +schlug die Thüre ins Schloß und ging die Ziegen füttern. Fränzi war +neugierig, was draußen im Teufelsgarten geschehen sei, als ihr aber +Vroni gebeichtet hatte, sagte sie kein Wort. + +Die Geschichte machte ihr einige Tage schwer. + +Für Vroni blieb der unerwartete nächtliche Besuch Binias das große +freudige Ereignis des Winters, sie hoffte, die Freundin würde wieder +kommen, und erwartete sie mit wachenden Augen Abend für Abend. + +Binia kam aber nie wieder, Vroni und die Mutter bemerkten es jedoch +wohl, wie sie manchmal aus der Ferne sehnsüchtig nach ihnen und ihrem +Häuschen blickte, wie sie dann aber die Angst, sie würde vom Vater +bemerkt, fortjagte. + +Um Josi stand's nicht gut. + +Wenn er Holz im Walde sammelte, so setzte er sich oft auf die fertige +Bürde, stützte den Kopf in die beiden Hände und im winterlichen Walde, +der unter der Schneelast knackte, zogen mit furchtbarer Lebendigkeit die +Bilder noch einmal vorüber, wie sein Vater an den Weißen Brettern +gelitten hatte und gestorben war. Der Gram um den Vater machte ihn je +länger je mehr zu einem düsteren Groller. Der verbissene Arbeiter war +zuweilen hart und grob gegen Vroni, finster gegen die Mutter, und das +kleine, innige Glück des Haushaltes erhielt durch ihn manchen Stoß. + +»Sie sind alle, alle schuld, die von St. Peter, am meisten der Presi,« +grollte er. + +Eines Tages ging er doch durchs Dorf und stand plötzlich vor dem +verhaßten Mann. Da schrie der Presi ihn an. »Wie darfst du dich noch +unter rechten Leuten zeigen, du Lausbub, du!« Jetzt war Josi im Innern +mit dem Presi und mit denen von St. Peter fertig. + +»Besser ungerecht leiden als ungerecht thun,« erwiderte Fränzi mit einem +tiefen Seufzer, als der Bursche sein Erlebnis unter Thränen des Zorns +berichtete. + +Allein er gab sich damit nicht zufrieden, er hatte einen furchtbaren Haß +gegen den Presi gefaßt. + +»Anzünden! den Bären anzünden,« brüllte es in der Brust des +Schwerbeleidigten, der Gedanke setzte sich darin fest, daß, wie gräßlich +es sei, der Bären eines Tages verbrennen müsse. + +Aber Binia! -- Bah, Binia! -- Warum sollte er den Bären nicht anzünden? + +Oft warf er die Zündhölzchen, die er mitgenommen hatte, um im Wald ein +Feuer anzumachen, mit zitternden Fingern von sich. Aber die Furcht, daß +er eines Tages das Entsetzliche doch thun würde, quälte ihn. + +Hätte Josi mit kühlem Blut geurteilt, so würde er sich gestanden haben, +daß die Leute von St. Peter den Groll nicht verdienten, den er auf sie +warf. Sie erwiesen der verwaisten Familie jene Achtung und jenes stille +Wohlwollen, das würdig ertragenes Unglück überall findet, sie vergaßen +es nicht, daß Seppi Blatter im Gemeindedienst gefallen war, und hätte es +dessen bedurft, so würde Fränzi immer die Hilfe gefunden haben, die +notwendig gewesen wäre, den kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten. + +Zuweilen streckte der Garde das hünenhafte Haupt mit einem freundlichen +Gruß in die Thüre. Er war seit dem Tode Seppi Blatters Vormund der +Kinder, redete aber Fränzi nichts in die täglichen Hantierungen, sondern +ging mit zufriedenem Knurren, einem besonderen Gruß an sein Patenkind +Vroni und mit dem Bewußtsein davon, daß da Vogtmühen[22] überflüssig +seien. + + [22] _Vogt_, schweizerdeutsch, Vormund. Vögtling, Mündel. + +Ein fast täglicher Gast im Haus Fränzis war der stille, blöde Eusebi, +der die Gewohnheit hatte, sich auf einen Schemel zu setzen, nichts zu +sagen, mit ein paar Hölzern zu spielen und zu hören, was geplaudert +wurde. Da saß der fünfzehnjährige Schwachkopf unbeweglich, aber bei +jedem freundlichen Wort ging ein Aufleuchten über sein Gesicht. Vroni +und Josi mochten ihn wohl leiden, ja jene liebte ihn schwesterlich. + +Eines Tages zog sie ihre alte Schulschiefertafel heraus und malte mit +ihm Buchstaben. Und siehe da, die kleine freundliche Schulmeisterin +brachte den armen Jungen, der wegen Blödsinn die Schule nicht hatte +besuchen können, zum Schreiben. + +»Eusebi, komm nur fleißig zu uns, dann lehre ich dich alles, was ich +selber kann, wir lautieren und stellen Redeübungen an, bis du nicht mehr +stotterst.« + +»Bist ein liebes V--vroneli,« stackelte er. + +Einmal, als Josi den beiden lange zugesehen und zugehört hatte, sagte +er: »Mutter, die Vroni bringt den Eusebi zuwege. Ganze Sätze redet er +mit ihr und stößt nirgends mehr an.« + +»Geb's Gott!« antwortete Fränzi. + +Auch Binia erhielt einen Spielgefährten ins Haus. + +Thöni Grieg war der achtzehnjährige Neffe der Frau Cresenz und des +Kreuzwirts in Hospel. Er hatte bis dahin das Kollegium in der Stadt +besucht, und wäre es nach der Ansicht seiner nächsten Verwandten +gegangen, so hätte er Jurist werden müssen. Er hatte aber das Pech, daß +er wegen loser Streiche von der Schule gewiesen wurde. Da beschloß man +im Familienrat, ihn Frau Cresenz und dem Schwager Präsidenten zur +weiteren Erziehung und Ausbildung zu übergeben. Der Aufenthalt im +abgelegenen St. Peter sollte eine empfindliche Strafe für ihn sein, die +Hand des Presi war hart genug, den Jungen im Zaum zu halten, und dabei +hatte er im Bären doch Gelegenheit, den Hotel-, den Fremden- und +Postdienst kennen zu lernen. + +Der Presi machte zuerst ein schiefes Gesicht zu dem Erzieheramt, das ihm +seine neue Verwandtschaft zudachte, aber um Frau Cresenz willen biß er +in den sauern Apfel. + +Und siehe da, als Thöni kam, erwiesen sich alle Befürchtungen und jedes +Mißtrauen als ungerechtfertigt. + +Der »schöne Thöni«, der »lustige Thöni«. Bald klangen die Worte durchs +Dorf. Er war ein schlank gewachsener, sauberer, anstelliger Bursche, der +immer gut gekleidet ging, städtische Manieren zur Schau trug und lebhaft +und drollig zu plaudern wußte. + +»Was hast du denn gemacht, Thöni, daß sie dich aus dem Kollegium gejagt +haben?« + +»Gewiß nicht viel, Herr Präsident. Heimlich Bier getrunken, wenn ich +Durst hatte, mit ein paar anderen dem Zeichenlehrer eine Katzenmusik +gebracht und am gleichen Abend vor der Wohnung des Professors des +Französischen, der ein schönes Töchterlein hat, ein bißchen gesungen.« + +Mit der offenherzigsten Miene der Welt machte Thöni sein Bekenntnis. + +»Donnerwetter, erst achtzehnjährig und schon die Mädchen ansingen! Wohl, +wohl, du kannst es mit der Zeit auf einen grünen Zweig bringen.« + +Der Presi lachte laut, doch wohlwollend, denn er war selbst ein feuriger +Bursche gewesen. + +Als großer achtzehnjähriger Herr übersah Thöni zuerst die +dreizehnjährige Binia halb, dann entdeckte er, daß sie ein allerliebstes +Gesichtchen habe, er spürte ihr rasches, heißblütiges Naturell heraus, +und wenn ihn niemand beobachtete, reizte er das Kind zu seiner +Unterhaltung auf das heftigste. + +»Du Wildkatze, weise mir deine blanken Zähne!« Binia wehrte sich tapfer. +»O, die sind viel zu gut, als daß ich sie einem fortgejagten Kollegianer +zeigen würde.« + +»Du giftige Katze!« Und der Bursche langte mit der Hand aus, als ob er +dem Mädchen eine Ohrfeige versetzen wollte, aber das ließ er klugerweise +bleiben. + +Ueber ihrem Zank stieg von Hospel herauf der Frühling ins Thal, die +Lawinen krachten und gingen durch die gewohnten Runsen. Das Spiel der +Klappern an den heligen Wassern, das winters über geruht hatte, erwachte +nach einem Frühlingsgang des Garden wieder und in St. Peter stritten die +Leute immer noch und heftiger, ob man die Fremden ins Thal kommen lassen +wolle oder nicht. + +Der Pfarrer predigte dagegen, der Garde sprach dem Presi ins Gewissen, +unbeirrt ging er seinen Weg; während man stritt, kam der Sommer, und es +erschienen, vom Kreuzwirt in Hospel dahin gewiesen, die ersten Fremden +im Bären von St. Peter. + +Die armen Seelen gaben kein Zeichen und die der Krone stürzten nicht +aufs Dorf. + + + + +VII. + + +»Das Dörfchen unter dem Donner der Lawinen.« -- »Das unberührte Idyll, +aus dem noch keine Kellnerserviette die Poesie gestäubt hat.« -- »Das +Thal des altertümlichen Volkslebens und der originellen Sitten.« + +Die Schlagwörter flogen nur so. Wie aus einem Taubenschlag flatterten +aus dem Bären mit jedem Morgen Gäste und Gästinnen durch das Dorf auf +die Maiensässen und die Alpweiden und mit Blumen beladen am Abend +zurück. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus vor, jede wie eine +Columbussin, die Glücklichen vergaßen ganz, daß sie der Kreuzwirt von +Hospel nach St. Peter gewiesen hatte, und genossen unbeeinträchtigte +Entdeckerfreuden. Wie hatte man die Krone, diesen kühnen und gewaltigen +Hochbau des Gebirges, so lang übersehen können? Und die schlanke, +zierliche Nadel des Bockje, auf dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen +schien, nach der Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem +Jäger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter konnte, +versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter mit den geheimnisvollen +alten Zeichen und Runen an den Holzhäusern, mit den Scheunen und +Städeln, die auf gemauerten Steinsäulen ruhten, so daß es beinahe wie +ein aus alter Zeit übriggebliebener Pfahlbau aussah. + +Nicht zuletzt liebten die Gäste den Bären, das Urbild eines alten +schönen Bergwirtshauses, befreundeten sie sich mit der immer +liebenswürdigen Bärenwirtin, bewunderten sie den Bärenwirt, die +hünenhafte Prachterscheinung eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie +eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedrückender Gewalt des +Wesens war. Wer eines Führers bedurfte, nahm den lustigen Thöni mit, +der, gefällig und kurzweilig, sich an das Wesen eines jeden anschmiegte +und als ein fröhlicher Junge von einer gewissen Bildung auch das +Wohlwollen der Frauen genoß. + +»Hier ist es schön, entzückend schön,« schwärmten die Sommerfrischler +und flüsterten sich zu: »Nur nicht ausbringen, was für ein Dorado wir +gefunden haben, kennt erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im +Bären die Forellen kosten.« + +Weniger zufrieden waren die Dörfler. + +Zuerst staunte man billig über die Weltleute, dann sagte man: »Wozu die +Fremden? Zwar sind die Firnen und Gletscher der Krone noch nicht +gefallen. Aber was noch kommen wird, weiß man nicht. Und man hat, seit +die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene Gäste.« + +Ueberall streckten die Sommerfrischler die Köpfe durch Fenster und +Thüren, sie erkundigten sich nach Dingen, die niemand etwas angingen als +die von St. Peter selbst. Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den +Frauen des Dorfes gute Ratschläge über Wohnungslüftung und Kinderpflege +geben zu sollen, sie zuckten zu manchen Dingen, die sie sahen, die +Schultern und liefen durch die Aecker und Maiensässen, als ob das Land +im Glotterthal herrenlos wäre. + +Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie ein Bajazz bei den +Buden, die man an den Märkten zu Hospel sieht, stellte sich mit seinem +Eisbeil vor ein paar Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte: +»Na, sagen's 'mal, wo sind denn die schönen Sennen und Sennerinnen, die +vom Morgen bis zum Abend auf den Bergen stehen, die Hüte schwenken, +jauchzen und jodeln, und ihre Schweizerlieder singen?« + +»Meint Ihr, wir seien solche Narren!« antworteten die Weiber, »werken +müssen wir, daß die Rippen auseinanderbrechen möchten. Aber hudlig[23] +sind wir nicht.« + + [23] _hudlig_, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich + geringwertig, bettelhaft. + +»Ja, die Fremden sind ein verrücktes Volk,« meinte der Fenkenälpler, die +dicke Bäliälplerin aber jammerte und zürnte: »Was mir geschehen ist! +Kommt, wie ich an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine +Nichtsnutzin auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen bösen +Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft -- legt doch lieber die Pfeife +weg -- es schickt sich an uns Frauen ja gar nicht, daß wir Pfeifen +rauchen.' Da habe ich aber -- reine Alpenluft hin und reine Alpenluft +her -- ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen[24] würden.« + + [24] »_Die Hasen backen_«, sagt das Volk, wenn nach langem starkem + Regen die Nebel aus den Wäldern steigen. + +»Tausendmal recht habt Ihr gehabt,« erwiderte der Fenkenälpler. »In St. +Peter sind wir noch Meister -- und wir lassen die Fremden ja im Frieden +herumkalbern!« + +Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten nicht mehr in den +Leinenhosen, die sie sonst sommers über zur Arbeit trugen, durchs Dorf +auf Alpe und Feld gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und +lachen über das Kleid, klagten sie. + +»Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er Ohrfeigen,« quiekte der +Glottermüller. + +Der Presi aber rieb sich im Herbst die Hände: »Ta-ta-ta, das +Fremdenwesen geht gut. -- Schwager Kreuzwirt, ich danke Euch.« + +Die Dörfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie seit Jahren nicht +mehr; er schlang den Arm um die Hüfte der stattlichen Frau Cresenz: »Gut +ging's!« Sie streifte seinen Arm ab und lachte: »Ihr seid doch kein +Jüngling mehr, Präsident.« + +Das Ehepaar redete sich mit »Ihr« an, die Frau nannte ihren Eheherrn +auch nie »Presi«, sondern »Präsident« und die Gäste waren noch +höflicher. Sie riefen ihn »Herr Präsident«. Das klang ihm freilich +schöner in die Ohren als das dörfliche »Presi«. + +Manchmal ärgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute so kühl war, +manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht. + +»Etwas Klügeres als Euch zu heiraten, hätte ich nicht thun können. Ihr +seid die Wirtin, wie sie im Buche steht, Ihr seid freundlich mit allen +Gästen, doch mit keinem zu viel, Ihr führt ein gutes Hausregiment. Aber +wißt, ein bißchen zärtlicher hätte ich Euch schon gern. Habt Ihr denn +gar nichts vom Thöni, hinter dem muß man ja immer mit dem Donnerwetter +her sein, daß er nicht beständig an den Schürzen der Mägde hängt.« + +»Nein, ich mag das Scharwenzeln und Thörichtthun nicht leiden. Das habe +ich schon meinem seligen Ersten immer gesagt.« + +»Mir aber geht's merkwürdig!« erwiderte der Presi fast ernst. »Die Beth +selig hat mich manchmal mit ihren braunen Augen so barmherzig angeschaut +und still gebettelt, ich möchte ihr etwas Liebes sagen oder mit der Hand +übers Haar fahren, oder sie nur ein bißchen schlimm ansehen. Ich aber +habe es nicht übers Herz gebracht. Doch jetzt möchte ich gern -- und +jetzt wollt Ihr nicht.« + +Frau Cresenz, der kühlen Frau, wurde es bei solchen Gesprächen +unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie: »Ich schaue doch immer zum +Frieden.« + +»Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Präsidentin. Wenn ich nur +denke, wie Ihr Bini gezogen habt, den verlotterten Wildfang.« + +»Sagt, Präsident, das bleibt aber eine sonderbare Geschichte, wie das +Kind sich plötzlich bekehrt hat. Wißt Ihr noch, es war in der Nacht kurz +vor Neujahr, als ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus. +Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will Euch jetzt Mutter +nennen und ganz artig sein.' Und sie schmeichelte um mich wie ein +Kätzchen. 'Hast dein Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot +und sagt: 'Ja -- die selige Mutter hat halt mit mir geredet und +gewünscht, daß ich Euch folge.'« + +»Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken giebt, so laßt sie nur +durchs Haus wandeln,« lachte der Presi. + +»Ich glaube selber, Bini sei enthext.« + +Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: »Präsidentin, redet nicht so +dumm.« + +»He,« sagte Frau Cresenz verlegen, »die alte Susi lag mir, ehe sie zu +ihren Verwandten nach Tremis zog, immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan +Johannes besprochen -- ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern +lassen. Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit gar so +bösartig gewesen ist.« + +Der gute Humor des Presi war verdorben. + +»Aber Ihr mögt ihr ja selber nicht recht ein gutes Wort gönnen,« warf +Frau Cresenz beklommen ein. + +»Das ist etwas anderes,« schnauzte der Presi, »aber ich leide es nicht, +daß man Bini zu einem Hexlein stempelt.« Er stand auf und machte einen +Gang durchs Haus von zu unterst bis zu oberst. + +Seine Gedanken waren beim letzköpfigen Pfaffen, der Binia besprochen +haben sollte. Er mochte den Halbnarren trotz dem thörichten Gerede nicht +übel leiden. + +Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen war, wie in einem +Hause sich etwa ein herrenloser Hund oder eine Katze einnistet, war +schlauer als die Dörfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden +veränderten Verhältnisse rasch zu nutze gemacht. Er lief etwas weniger +den Bauern- und Alpweibern nach, er tauschte für seinen Kräuterthee, der +gegen das Doggeli[25] schützen, Kreuzschmerzen vertreiben und das +Lungenfieber heben solle, etwas seltener Brot, Käse und Speck ein, dafür +begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen Mineralienhandel und +verkaufte den Gästen die glitzernden Siebensachen von Krystallen und +Erzen, die man im Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen. + + [25] _Doggeli_, schweizerdeutsch, Alpdrücken. + +»Woher er sie nur hat?« fragte sich der Presi. Und dann sagte er sich: +»Gelegentlich muß man ihn doch fortschaffen. Am Abend gröhlt und plärrt +der Narr im Schmelzwerk, daß nach Einbruch der Nacht kein Mensch mehr +den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch laufen von ihm immer +erfundene oder wahre Geschichten, daß er an die Weiber ungebührliche +Zumutungen stelle. Ein widriger, unheimlicher{4} Geselle ist er schon, +und die häufigen Anfälle von Fallsucht, die er hat, machen ihn nicht +angenehmer. Es ist übrigens, als könne er sie selbst künstlich +hervorrufen, sie pflegen ihn zu überfallen, wenn ihm jemand eine Gabe +verweigert, und bloß um das schreckliche Bild nicht in der Stube zu +haben, schenken ihm manche Leute, was er begehrt. Der Bäliälpler hat +freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzköpfigen +Pfaffen, als er schäumte und zappelte, mit kaltem Wasser überschüttet. +Da war der Narr heulend davongelaufen und nie wieder gekommen. + +»Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben. Die Gemeinde hängt +daran, daß jemand bei der Lieben Frau an der Brücke die üblichen +Glockenzeichen giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer, der +gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, muß auch seinen Pfahl im +Fleische haben, das ist lustig!« + +So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den Estrich gelangt war, kam +ihm Binia nachgelaufen: »Vater, der Garde ist da.« Nun ging ein Zug der +Ueberraschung und ehrlicher Freude über seine eherne Stirne und um +seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange heimlich gekränkt, +daß der Garde, seit Sommerfrischler kamen, den Bären mied. Ohne den +Garden aber, den einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund +achtete, konnte er fast nicht leben. + +Nun grüßte er ihn in der großen Stube rasch und herzlich. + +»Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die Fremden setzen,« knurrte +der breite, schwerfällige Freund, »und in das neumodische geringe +Stübchen ebener Erde müßtet Ihr mich schon erst später einmal tot +hineintragen, lebendig gehe ich nicht über seine Schwelle.« + +»Wir wollen wieder einmal anstoßen wie früher, nehmt die Welt, wie sie +ist,« lachte der Presi. »Zum Wohl, Garde!« + +»Presi,« und der Garde blinzelte belustigt, »Ihr versteht es, gutes +Wetter zu machen.« + +Nun waren die beiden Männer im Zug. Als das Gespräch eine Weile +gegangen, murrte der Garde: + +»Ich geb's ja gern zu, daß unter den Fremden viele ehrbare und +rechtschaffene Leute sind, es wäre traurig, wenn's anders wäre, aber es +bleibt halt dabei, die Fremden verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit +sie kommen, ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand weiß, wo hinaus +es will.« + +»Ta-ta-ta. Wo hinaus?« eiferte der Bärenwirt. »Daß sich die Leute an sie +gewöhnen -- in Grenseln und Serbig haben sie auch zuerst die Hände +hinter den Gästen geballt, jetzt aber stehen sie an allen Straßen, +verkaufen ihnen Edelweiß, tuten auf dem Alphorn und juheien sie an.« + +»Eben, eben,« zürnte der Garde, »sie sind hudlig geworden. Presi -- ich +habe ruhiges Blut, aber das erste Mädchen in St. Peter, das sich an den +Weg stellt und die Fremden ansingt, nehme ich bei den Zöpfen, führe es +zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So lang ich lebe, darf +unsere Gemeinde nicht hudlig werden.« + +Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch. + +»Aber, Garde, ich will ja das auch nicht,« besänftigte der Bärenwirt. + +»Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht -- aber das glaube +ich auch,« der alte eiserne Sprecher lachte grimmig, »ehe das Dorf +hudlig wird« -- eine Flamme schoß aus seinen Augen -- »ehe das Dorf +hudlig wird, geschehen böse Dinge -- giebt es Aufruhr und Unglück.« + +»Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja mit der Zeit durch die +Fremden einen schönen Verdienst.« + +Der Garde schüttelte den Kopf, langsam und feierlich sagte er: »Ihr +kennt unser Völklein. Das paktiert nicht, das schweigt, das seufzt und +schimpft im stillen, das ballt die Fäuste im Sack, das besinnt sich +siebenmalsiebenmal, das betet, duldet und trägt, -- aber wenn's ihm +zuletzt aus der Seele in die Knochen fährt, -- dann würde ich mich +lieber vor hundert wütende Bullen stellen als vor die Gemeinde.« + +Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der Garde aber fuhr in seiner +feierlichen Art fort: + +»Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren, bestochen durchs +Geld, mit einem Fremden auf die Krone. Was geschieht? In einer Nacht +brennt ihm die Hütte nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der +Brandstifter ist, dann trägt die Gemeinde die Schande. Oder er kommt aus +und die Landjäger holen ihn. Dann, Presi, würde ich um den Bären Sorge +tragen.« + +»Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich ertrage es nicht.« Der +Presi war hastig geworden und verwarf aufstehend die Arme. »Keiner würde +dem Bären etwas zu leide thun -- keiner -- als etwa der Lausbub der +Fränzi.« + +»Die gottlose Rede nehmt zurück. -- Josi ist ja so ein ehrbarer Bursche. +Das habe ich aber schon lange gemerkt, daß Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt +frage ich als Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?« + +Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch diesem leuchtete es bös +auf im Gesicht: »Der? -- Wißt Ihr, was der über mich gesagt hat? -- Die +Hand müsse mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute von Amt +und Ehre.« + +»Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?« + +»Zu Binia hat er's gesagt.« + +Der Garde wiegte den schweren Kopf. »Bini lügt nicht. Ich will dem +Donnerhagel das Hirn säubern.« + +Mit zündelrotem Kopf lief er davon. Binia, die durchs Haus strich, hatte +auf das laute Wesen der Männer in der Küche das Schiebefenster gegen die +Stube geöffnet, um neugierig zu hören, was denn los sei. + +Jetzt war sie unglücklich, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel: +»Mutter -- Mutter -- selige Mutter.« + +Ihre Hände verkrampften sich ineinander, ihre Augen wurden groß. + +Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung Josi Schreckliches +angethan! + +Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen Lichtfülle seiner Blicke +ansah, dann peitschte sie der Gedanke, sie müsse vor ihm niedersinken +und sprechen: »Vater, sei doch nicht so thöricht, daß du einem Kind, +was es im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, gräßlich gelogen, in +seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein, der Kaplan Johannes hat das +Entsetzliche gesagt! Und ich glaube es nicht -- gewiß Gott, glaube ich +es nicht.« + +O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren großen Schmerzen +ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die Erinnerung daran brannte sie wie +höllisches Feuer, aber jedesmal war der Entschluß zum Bekenntnis erst im +Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig und vernichtend wie +sonst geworden war. + +Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie. + +Hätte sie die Erinnerung an das, was sie über Josi gesagt hatte, nicht +immer gebrannt, so wäre sie beinahe ein glückliches Persönchen gewesen. + +Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung durch die +Mitternacht und den hohen Schnee zu Fränzi gejagt hatte. Sie hatte das +trotzige Köpfchen gebändigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes +Blut mit ihr durch, erlag sie noch den Anfällen schmerzlichen Grübelns. +Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Fränzi ihr geraten, einen Altar im +Herzen errichtet, der neuen gehorchte sie, ohne tiefgründige Liebe zwar, +aber doch in herzlicher Achtung. + +Oft hatte sie das Heimweh nach Fränzi, ihr feuriges Herz glühte in +ehrfürchtiger Liebe für sie. Die hätte sie gern zur Mutter gehabt. Aber +wegen des Vaters wagte sie nie mehr einen Besuch bei ihr. + +Klagen wollte sie nicht. + +Die immer gemütliche kühle Frau Cresenz, der Lächeln und Lachen +Lebensberuf war, die kaum mehr wußte, daß sie lächelte und lachte, war +freundlich gegen sie. Sie sorgte namentlich, daß sie in Gebärde und +Bewegung, in Redensart und Kleid so vor die Gäste trat, wie es sich nach +ihrer Meinung für das Bärentöchterlein von St. Peter schickte. + +Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau Cresenz die Kraft +versagte. Wenn Binia ihr dunkles Augenpaar groß und fragend in die Welt +stellte, schalt sie: »Kind, schau doch anders, es wird einem angst und +bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die sind dazu +angethan, einmal das Mannsvolk verrückt zu machen.« + +Binia war es manchmal, als möge die Stiefmutter sie wegen ihrer Augen +nicht leiden, aber noch unartiger war Frau Cresenz, wenn sie über kleine +Herzensangelegenheiten mit ihr reden wollte. + +»Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll -- es ist gar nicht nötig, +daß man alles in der Welt erkernt und ergrübelt, es ist sogar ungesund +-- recht thun, freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's +einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.« + +Wenn die neue Mutter so redete, schnürte es Binia die Brust zusammen. +»Freundlich sein, wenn's einem nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.« +Traurig schüttelte sie das Köpfchen. Diese Kunst besaß aber die +Stiefmutter, gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen lieben. +Sie spürte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes in dieser glatten, +liebenswürdigen Frau. + +Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit doch viel mehr. In ihm +lag, das spürte auch sie, eine übermächtige, ungezügelte, wahre Kraft. +Er schleuderte die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand +im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht schon tödlich verletzt +hatte, aber ein voller freundlicher Blick aus seinen dunklen Augen, ein +gutes Wort -- und alle, die ihn haßten, waren entwaffnet. + +Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hörte immer noch den ernsten +alten Doktor, der so eifrig mit seinem Nachbar plauderte, daß er nicht +merkte, wie sie mit einem Gericht herzutrat: + +»Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Präsident, glaube ich, ist fast +eine Ueberlast für ein Dorf wie St. Peter. Den hätte die Geschichte +brauchen können, um einen großen Bauernführer aus ihm zu schnitzen.« + +Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nämlich wenn der Vater mit +den fremden Frauen und Kindern redete. Wie klang das lieb und gütig, wie +war er aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen an +ihm und einmal hörte sie eine fremde schöne Tochter sagen: »Mama, der +Herr Präsident ist doch der herrlichste Mann, den wir auf unseren Reisen +kennen gelernt haben.« + +Da entglitt ihr der Früchteteller, mit dem sie zudienend um die Tafel +schritt. + +Sie sah, wie der Vater höhnisch die Schulter zuckte. -- Am Abend betete +sie: »O Mutter -- Mutter -- sage ihm doch einmal im Traum, wie heiß ihn +mein Herzchen liebt.« + +Es lag Segen auf ihrem glühenden Wunsch. Nicht von heute auf morgen, +aber von Sommer zu Sommer. + +Binia wuchs und blühte auf, die Fremden hatten die helle Freude an der +feinen klugen Vierzehn-, dann Fünfzehnjährigen. + +Wie schön war das Leben! Sie hörte es gerne, wenn die Gäste über +allerlei plauderten und urteilten. Wie weit und groß mußte die Welt über +Hospel hinaus sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen +und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders junge Mädchen, die nach St. +Peter kamen und ihr so lieb wurden, daß ihr das Wasser in die Augen +schoß, wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was aber +schwatzten die klugen Männer Thörichtes zusammen. »Sie alpige Rose[26], +Sie sonderbares Herzensmädchen mit dem leichten, schwebenden Gang, haben +Sie eigentlich Ihre Augen grad in der Hölle und Ihr Lächeln im Himmel +geholt?« + + [26] _Alpige Rose_, eine Art Heckenrose, die in den Bergthälern + wächst. + +Binia fühlte es aber wohl: Wie die Gäste so freundlich zu ihr wurden, +wandte sich ihr auch die Liebe des Vaters in neuer Wärme zu und er wurde +heimlich stolz auf sie. + +Er kniff sie manchmal in die Wange: »Bini, fröhlicher Vogel, hast du +mich lieb?« + +»O Vater!« -- Stirn und Wangen glühten wie Pfirsiche, ein heiliger +Strahl des Glücks kam aus ihren dunklen Sternen und ihre schlanken Arme +umklammerten ihn, bis er mit herzgewinnendem Lächeln und glänzenden +Augen sagte: »Geh, thue deine Arbeit! Bist ein Mädchen wie von den +Tauben zusammengetragen.« + +Jetzt hätte sie es ihm schon verraten können, daß er über Josi ganz +falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt hielt sie indessen zurück, die +Furcht, daß sie, sobald sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die +Liebe des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig. Und mit +angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der Verstimmung war zu +schmerzlich gewesen. + +Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten in der Fremdenzeit in +den Bären gestoffelt kam, ernst und zornig, wie ihr schien. + +Eine Weile saß er mit dem Vater zusammen, sie hörte aber nur die Worte: +»Wenn Euch das Gewissen schlägt, so macht den bösen Schimpf rasch gut -- +ich glaube -- ich glaube -- die Fränzi lebt nicht mehr lang.« + +Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete in den folgenden +Tagen den Vater. Er war still und trübselig, und am anderen kam sie +gerade dazu, wie die Mutter zu ihm sagte: »Ihr hättet die arme Frau wohl +ruhig ihres Weges gehen lassen können, die ganze Gemeinde ist wild über +Euch. Wozu ihr wüste Namen nachrufen?« Worauf der Vater nur dumpf +erwiderte: »Sie hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.« + +Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh, sie weinte im stillen, +sie wußte, daß der Vater nur so böse gegen Fränzi war, weil er sich vor +ihr schämte. + +Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen Erbarmen mit +Fränzi, der lieben guten, unter den Selbstvorwürfen wegen Josi, sondern +auch aus Aerger über Thöni, der mit allen Mägden anbändelte und Späße +trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Zänkereien erwiderte. + +Er bekam als Fremdenführer bald einen Mitbewerber. Bälzi, der Wildheuer +mit dem Ziegenbart, der zuerst am meisten über die Fremden geschimpft +hatte, fand, daß das Spazieren mit den Sommergästen eine weniger +anstrengende und gefährliche Arbeit sei als das Mähen des herrenlosen +Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie häufig ereignete es sich, daß +ein spielendes Windchen das kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke +aufhob und auf Nimmerwiedersehen über alle Berge trug. Er kaufte sich +ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel. Damit stolzierte er +vor dem Bären auf und ab, bot sich den Fremden als Führer an, und wenn +ihn einer fragte, ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden +habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: »Aber Herr, die kenne ich +ja so gut wie die Westentasche, in der ich die Zündhölzchen trage.« + +Es war aber ein ausdrücklicher Befehl des Presi, daß man die Fremden +abhalte, auf die Krone zu steigen. Er war fast unnötig. Die Gäste sahen +es dem Salonbergführer Thöni und dem schlotterigen Bälzi wohl an, daß +man sich ihnen nicht für so gefahrvolle Bergbesteigungen anvertrauen +durfte. + +Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde mit dem vermessenen +Wunsche auf, die Krone zu erklettern. + +Thöni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner nicht zufrieden, aber +schon im zweiten und namentlich im dritten Sommer zeigte es sich, daß +beide Beschäftigung genug fanden, besonders da Thöni auch sonst, das +eine Mal durch die Post, die während des Sommers einen lebhaften Verkehr +und jetzt einen Telegraphen besaß, das andere Mal durch die +Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr von Hospel nach St. Peter +in Anspruch genommen war. + +Der Presi billigte die neue Beschäftigung Bälzis stillschweigend, er +sagte den anderen: »Seht ihr's, man braucht nur zuzugreifen wie der +Kaplan Johannes und Bälzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr +seinen angenehmen Verdienst.« + +Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber nicht zu überreden, nur +murrend, schwer und langsam gewöhnten sie sich daran, solange die +Sommergäste da waren, die Amtsgeschäfte, den Vieh- und Käsehandel mit +dem Presi im unteren Stübchen zu besorgen. + +Bälzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, daß er sich in den Dienst der +Fremden gestellt, bereiteten ihm die schwärmenden Nachtburschen ein +kaltes Bad in der Glotter. + +Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler verschwanden im +Laufe der drei Jahre, die sie nun schon ins Thal kamen. + +Einzelnen Dörflern begann der Zustand zu behagen, es war im Bergthal +entschieden kurzweiliger geworden, und unter den Gästen, die erschienen, +gab es Leute, die sich ehrlich bemühten, sich mit ihnen auf einen +freundlichen Fuß zu setzen und die eigenartigen Verhältnisse des Thales +zu begreifen. Für solche Gäste hatten, soweit sie ihr Mißtrauen gegen +die Fremden ablegen konnten, auch manche von St. Peter einiges +Verständnis. Sogar der Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, daß +es unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der Zeidlerei im +Hochthal eine warme Wißbegier entgegen brachten, und die Damen bei ihm +die Leinensäcklein voll weißen Alpenhonigs, die unter den Fenstern des +Pfarrhauses hingen, kauften und mit großem Ruhm über seine Güte +wiederkamen. + +Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gäste. + +In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der nicht nur für die +Felsendome und Firnen der Krone, sondern auch für das Volksleben ein +offenes Auge und Herz besaß. Da lebte ein Völkchen, das zwar nicht die +Hirtenunschuld zeigte, die manche Schwärmer in den abgelegenen +Alpenthälern suchen, ein Völklein, bei dem es so stark menschelte wie +überall in der Welt, das aber doch einige besondere Eigenschaften hatte. +Diese Bauern und Aelpler behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter +ihnen gab es keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler und +Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich selbst. Den Lein und +die Wolle, in die man sich kleidete, zog, bleichte, spann und wob man +selbst; das Brot schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in +zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen +Roggenähren kaum recht aus dem Boden reckten, sie gaben ein +schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein Schluck Hospeler darauf war +Gottes Wohlthat. Brot und Wein schmeckten auch den Fremden. + +Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. Bevor aber die Fremden +zum viertenmal kamen, verbreitete sich im Dorfe die Nachricht, daß +Fränzi todkrank sei. + +Noch einmal sah Binia die mütterliche Freundin, aber sie lag schon mit +spindeldürren Händen zu Bett und war blaß wie der Tod. Lieb und gut +freilich war sie zu ihr wie immer: »Binia, liebes Kind, ich sterbe mit +dem heißen Wunsch, daß du glücklich werdest.« + +Wie entsetzlich wütete aber der Vater, als er vernahm, daß Frau Cresenz, +die immer eine gewisse Teilnahme für die Witwe des zu Tode gestürzten +Wildheuers bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten +Weines zu Fränzi geschickt hatte: »Gottes Donnerwetter! Daß sie mit dem +Lotterbuben wieder anbändeln kann!« + +Mißtrauisch beobachtete er sie. + +Als Fränzi bald darauf starb, verschwamm vor den Augen Binias die Welt, +sie dachte: »Jetzt nehmen die Engel Gottes die Notenblätter zur Hand und +singen zu ihrer Ankunft im Himmel.« + +Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in gärende Aufregung. Man +spürte es: Entsetzlich neu standen die Dinge, die sich vor vier Jahren +zugetragen, vor ihm -- der Abend mit Seppi Blatter -- die Unterredung +mit Fränzi -- Seppis Sturz an den Weißen Brettern -- das kranke Kind mit +seinen tollen Worten. + +Und in der Nacht nach Fränzis Tod hatte der Presi einen furchtbaren +Traum. + +Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen Josi Blatter und Binia +hoch an den Weißen Brettern. Er fragte seine Tochter: »Wie kommst auch +du da hinauf?« Da stand plötzlich ein Dritter vor ihm und hob das +Grabscheit Seppi Blatters über den beiden zu wuchtigem Schlag. Statt der +richtigen Inschrift aber lautete der Spruch auf dem Täfelchen des +Scheites: »Was für die heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den +heligen Wassern gesühnt.« Und unter dem Schlag des Scheites blutete +Binia. + +Das war der Traum! Er wollte rufen: »Thut Binia nichts! Ich habe Seppi +Blatter nicht hinaufgeschickt.« Da erwachte er schweißtriefend in dem +Augenblick, als der Postbote, der alle Woche dreimal in der Morgenfrühe +mit den Postsachen nach Hospel ritt und sie am Abend von dort +zurückbrachte, an die noch geschlossene Hausthür pochte. + +Nur ein einfältiges, widerwärtiges Träumlein! Der Presi war nicht +abergläubisch, als nun aber Binia in der zwingenden Anmut ihrer sechzehn +Jahre, frisch, mit leuchtenden Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen +warmen »Guten Tag, Vater!« auf den Lippen, in die Stube schwebte, da riß +er sie stürmisch in seine Arme, und als er unter der knospenden +Mädchenfülle das rasche Pochen ihres heißen Herzens fühlte, +durchrieselte ihn die Angst. + +»Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, daß du nie, nie mit Josi +Blatter zusammenhältst, in deinem ganzen Leben nie!« + +Sie brach an seiner Brust in Thränen aus: »O Vater, ich hab' es dir +schon lange bekennen wollen, Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat +das, was Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewiß Gott im Himmel nicht!« + +Er stutzte -- er starrte sie an -- er riß sie mit der ganzen Gewalt +seines Armes von seiner Brust hinweg, daß die leichte Gestalt an die +Wand taumelte. + +Und entsetzt kreischte er: »Schon so weit bist du, Seppi Blatter, daß +mein Kind für deinen Buben lügt?!« + + + + +VIII. + + +Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des Dorfes, etwas abseits vom +Thalweg, gegen den Glottergrat hinausschaut, ist nächst dem Bären das +stattlichste von St. Peter. Außer einer Grundmauer aber, auf der die +unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein Stein an dem Bau. +Ein ländliches, sonnenverbranntes Holzhaus, auf einem Brett über den +Fenstern ein halb Dutzend goldener Immenstöcke, dann wieder Fenster im +braunen, von der Sonne zerrissenen Gebälk und gleich darüber das +steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren fest aufs Gebälk geklammerte +Schindeldach. So steht es da. Das glühende Rot der Nelkenbüsche wächst +aus Töpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblaßte Malereien +schmücken seine Holzfelder, zwei gekreuzte Schwerter, das Hauszeichen +der Zuensteinen, Winkel, Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den +Aelplern in einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an Weide +und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene Dreiecke, Schlüssel +und Feuerschlangen, die der Bauherr vor hundert Jahren mit schlichter +Kunst hingemalt hat, damit keine bösen Geister den Eintritt in die +Heimstätte finden. + +Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist aber unvermutet ins +Haus getreten. Vor ein paar Wochen hat bei Ausbesserungsarbeiten an den +heligen Wassern ein fallendes faules Holzstück den Garden am Kopf leicht +verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, die schon geheilt +schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit einem unförmlich verschwollenen +Kopf, ein Tuch um die Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen, +wälzt sich der arme Mann und stöhnt: »Grad jetzt bei der vielen Arbeit +-- und grad jetzt, wo Fränzi gestorben ist! Wohl, wohl, die werden im +Gemeinderat schön mit den Kindern wirtschaften. Nicht einmal die letzte +Ehre habe ich ihr geben können.« + +»Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,« jammert die Gardin, +die hochgewachsene Frau mit dem verschwiegenen herben Gesicht, und +frischt das Tuch mit Wasser an. »Es sind ja noch vier Gemeinderäte. Die +können die Geschäfte auch einmal besorgen.« + +»Das macht alles der Presi -- und der hat immer einen Zahn auf Fränzi +und ihre Haushaltung gehabt.« -- -- Einen Augenblick schlummert der +Garde, dann fängt er wieder an: »Du, Frau, wie ist Fränzi eigentlich +gestorben?« + +»Wie Vroni erzählt hat, die fast nicht hat reden können vor Schluchzen, +leicht und schön.« + +»Die Frau -- sie war ja erst ein bißchen über vierzig -- ist leicht +gestorben, sagst du -- leicht von ihren Kindern weg?« stöhnt der Garde +verwundert. + +»Ich meine, wie einmal das Schlimmste überwunden gewesen ist. Am Morgen, +bevor sie gestorben ist, hat sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der +Vater beim Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, daß ich +sterben muß.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, da steht ihr die +Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie nimmt die Sakramente, sie +schaut ruhig vor sich hin und ist wie ein Licht erlöscht.« + +Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlägt die Uhr im Arvengehäuse mit +langsamen hellen Tönen Fünf. + +»Schlafe jetzt, Alter,« mahnt die Gardin, »denke, wie's Fränzi gegangen +ist, sie hat sich im vorigen Winter bei der Armseelenwacht erkältet, hat +nicht dazu gesehen, da ist der große Husten gekommen, der sie gelegt +hat.« + +Der Garde aber ächzt und stöhnt lauter. »Eben jetzt beginnt im Bären die +Gemeinderatssitzung, die über das Los Josis und Vronis entscheidet. Du, +Frau, Vroni wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. -- +Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. Und sie ist mein +Patenkind.« + +Die Gardin, die stolze Frau kämpft innerlich, sie will nicht Ja sagen, +aber den schwerkranken Mann noch weniger mit einem Nein aufregen. + +Zum Glück schlummert er, während er auf Antwort wartet, ein. -- -- + +Nachdem Fränzi gestorben war, schickte der Presi den Schreiber als +Stellvertreter des erkrankten Garden in die Wohnung der Waisen. Dieser +verrichtete bei der toten Fränzi, die in den abgemagerten Händen einen +Blumenstrauß hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar kühle Trostworte +und sagte ihnen, sie möchten am Tag nach dem Leichenbegängnis abends +fünf Uhr im oberen Bärenstübchen erscheinen, damit der Gemeinderat mit +ihnen über ihre Zukunft rede. Dann verständigte der Presi die +Gemeinderäte, daß sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen. Es kam +aber, wie er ausgerechnet hatte. Die Gardin schickte Bericht, ihr Mann +liege tief im Bett, man dürfe mit ihm kaum von der Angelegenheit +sprechen. Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland +hinübergegangen und kam erst in vier oder fünf Tagen zurück. Der +Gutsverwalter, der eben das Wasser in seinen Weinbergen zu Hospel +besorgte, erklärte sich im vornherein mit den Beschlüssen, die gefaßt +würden, einverstanden, und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei für +ihn so ungeschickt, daß er vielleicht erst etwas später kommen könne. +Die anderen sollen nur anfangen mit den Bauern zu verhandeln, die Lust +hätten, Josi und Vroni in ihren Dienst zu nehmen. + +Im Stübchen saßen um fünf Uhr abends nur der Presi und der Schreiber, +ein kleiner, alter, kahlköpfiger Mann mit großer Hornbrille, +ausgemergeltem knochigem Gesicht und spindeldürren langen Fingern. + +»He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein Gemeinderat ist da!« + +»Fränzi hätte aber auch nicht zu einer ungeschickteren Zeit sterben +können,« erwiderte der Schreiber pfiffig, »jetzt, wo niemand weiß, wie +der Arbeit wehren.« + +»Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen, so grad, wo die ersten +Gäste eintreffen!« + +»Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!« + +Der Geschmeichelte murrte: »Ja, und des Teufels Dank habe ich auch. Ich +mach's, und wenn die Sache gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz +Sankt Peter brüllt, ich sei ein gewaltthätiger und eigenmächtiger +Sarras.« + +Beide lachten, dann fragte der Schreiber: »Hätte man über die Kinder +nicht eine Steigerung abhalten sollen?« + +»So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer nur Gelegenheiten, daß +im Bären fleißig getrunken werde. Ich weiß schon, was man über mich +redet. Und dann? Wer käme zu dieser strengen Werkzeit an eine Gant? Die +Kinder Fränzis sind, denk' ich, auch nicht so begehrt. Im übrigen, +Schreiber, könnt Ihr wieder gehen, ins Protokoll setzt einfach, ich +hätte Vroni aus Liebe und Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und +Josi habe der Gemeinderat als Knecht zu dem früheren Wildheuer und +jetzigen Bergführer Bälzi gegeben.« + +»Zu Bälzi!« Dem Schreiber fiel die Hornbrille von der Nase. + +Der Presi lächelte überlegen. + +»Ihr könnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu setzen, Bälzi sei der +einzige, der sich um Josi beworben habe, und da er in der letzten Zeit +ein ordentlicher Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid +für seine große Familie ein mildes Werk gethan und ihm den Buben auf +Zusehen hin, wenigstens aber über den Sommer, als Knecht zum Wildheuen +gegeben. So, jetzt könnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders +zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!« + +Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln packte der Schreiber seine +Sachen zusammen. + +Draußen im Flur saßen die Geschwister in ihren abgestorbenen +Sonntagsgewändchen. Vor ihnen stand Bälzi und redete, die Hände lebhaft +verwerfend, auf Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen verächtlich +von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni hatte verweinte +Augen. + +Jetzt stand Josi vor dem Presi, der überrascht war, was für eine +finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnjährigen lag. Neugierig glitt +sein prüfender Blick über den Burschen und dann ließ er ihn, ohne ihn +anzureden, noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster blickte. + +»Der Bursche,« dachte er, »ist in seiner Schlankheit und Kraft, mit dem +braunen, gescheiten Gesicht, mit den Blitzaugen verdammt hübsch. Es +giebt kein wirksameres Mittel, die Gedanken Binias, ohne daß sie eine +Ahnung hat, von ihm abzubringen, als daß sie ihn recht niedrig und in +schlechter Gesellschaft sieht -- grad mit Bälzi. So viel guten Sinn hat +das Kind.« + +»Herr Presi,« unterbrach Josi, der wie auf feurigen Kohlen stand, die +Ueberlegungen des Bärenwirtes, »Vroni und ich haben gemeint, wenn wir +nur in dem Häuschen bleiben könnten, wir wollten schon --« + +»Thorheiten,« schnitt ihm der Presi das Wort ab und maß ihn mit dem +Ausdruck des höchsten Unwillens, »warte, bis ich dich etwas frage, und +ein Bursch wie du, Josi, der über mich und andre die größten +Gemeinheiten sagt, muß einen Meister haben.« + +Mit glühendem Haß betrachtete er den sauberen Jungen. + +Josi standen die Flammen der Entrüstung im Gesicht: »Herr Presi, ich +weiß schon, was Ihr meint, die Mutter selig und der Garde haben mich +darüber zur Rede gestellt, aber es ist, weiß Gott, nicht wahr! Ich habe +es nicht gesagt.« + +»Soll ich dir jemand gegenüberstellen, der's gehört hat?« erwiderte der +Presi mit kalter Verachtung. -- »Binia hat's gehört, wie du es im +Schmelzwerk draußen gesagt hast,« fügte er nach einem Augenblick der +Ueberlegung bei. + +»Bini. -- Bini! -- -- Laßt Bini auf die Stube kommen!« Josi zitterte vor +Zorn am ganzen Leib. + +»Es nützt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat schon entschieden, daß du +zu Bälzi gehst.« + +Der Presi rief im gleichen Augenblick Bälzi in die Stube und hielt nun +beiden eine donnernde Rede, wie sie sich als Herr und Knecht miteinander +zu vertragen haben. Mit einer Handbewegung entließ er sie. Vroni kam an +die Reihe und freundlich gewährte der Presi dem verschüchterten Kind die +Bitte, daß sie erst dem Garden Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in +den Bären trete. »Ich lasse ihm gute Besserung wünschen und werde ihn in +den nächsten Tagen besuchen.« + +Josi, der starke Josi, hatte, als er mit Bälzi die Treppe hinunterging, +vor Zorn und Schrecken die Thränen in den Augen, ihm war, als habe man +ihm mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Bälzi aber sagte gutmütig: +»Greine doch nicht, wir wollen lieber einen Schoppen zusammen trinken +und auf gute Freundschaft anstoßen, ich will dir gewiß kein strenger +Meister sein.« Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand +Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter der Thüre, fast +als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah vor eigenem Leid ihre tiefe +Bewegung nicht. Dumpf und mit erstickter Stimme rief er: »Du Giftkröte, +wie hast du so über mich lügen können!« + +»Josi!« Mit einem Schrei des Entsetzens rannte Binia davon. + +Vor der Thüre nahmen die Geschwister herzbeklemmenden Abschied +voneinander. »Rede mit dem Garden!« mahnte und tröstete Vroni, »er meint +es gewiß gut mit dir.« Josi schüttelte aber traurig den Kopf; seit ihn +der Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren, hatte er +auch zu ihm das Zutrauen verloren. Geheimnisvoll sagte er: »Sieh, Vroni, +ich weiß schon, was ich thun werde.« + +Bälzi drängte. Stolz wie ein Hahn führte er seinen Knecht, den ersten, +den er hatte, durch das Dorf, Josi aber ließ den Kopf hängen, er schämte +sich seines Meisters. + +Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden. + +»Kind, du gehst nicht als Küchenhelferin in den Bären,« keuchte er, +»tritt in die andere Stube, ich halt's nicht mehr aus im Bett.« + +Sie hörte, wie er in einer Wut aus den Federn sprang. + +Einige Augenblicke später stand er zum Ausgehen gerüstet vor ihr. Aber +wie? Durch schmale Spalte nur schauten seine rotunterlaufenen Augen, das +hochgeschwollene Gesicht glänzte, aus den Blasen auf den Wangen floß das +Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen. + +»Garde,« sagte Vroni bestürzt, »wollt Ihr nicht warten, bis die Gardin +kommt?« + +Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne und mahnte, er wütete +aber immer zu: »So geht's nicht in St. Peter, das leide ich nicht, bei +meiner Seligkeit leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die +Tatze muß dir aus dem Grab wachsen. -- Du bleibst bei uns, Vroni, du +gehst nicht in den Bären!« Liebkosend fuhr er ihr durchs blonde Haar. + +»O Pate,« lächelte das Kind aus allem Elend und die blauen Träumeraugen +ruhten voll innigen Vertrauens auf dem entstellten Gesicht, dann wandte +sie sich fragend an die Gardin. + +Allein die hatte für nichts Gedanken, als ihren Mann zurück ins Bett zu +bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr +erschrocken zurück. »Teufel, so sehe ich aus -- da kann ich allerdings +nicht ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon bei Bälzi +aushalten.« + +Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte sich, er +kommandierte im Bett unaufhörlich wie am Glottergrat, als Seppi Blatter +an den Weißen Brettern stand: »Drei Fuß nachgeben!« -- »Links anhalten!« +-- »Zu viel!« -- »Etwas rechts!« -- »So ist's recht!« -- Zwischenhinein +schimpfte er auf den Presi, dann fragte er wieder: »Ist Vroni wirklich +da -- bringe sie doch herein, wenn sie da ist.« Mit Seufzen schickte +sich die Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr. + +Als am anderen Tag der Presi durch Thöni eine Nachfrage wegen Vroni +schickte, erwiderte der Garde: »Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn +holen, bevor Vroni in seine Küche kommt.« + +Thöni machte ein langes Gesicht und der Presi fügte sich. + +In seiner schweren und langwierigen Krankheit ließ sich der Garde die +nötigen Dienste am willigsten von Vroni gefallen, die ihn mit ihrer +sonnigen Heiterkeit am meisten beruhigte. + +Sie hatte ihr schönes Heim. + +Ein Zug der Bedächtigkeit ging durch alles, was im Haus des Garden +gesprochen und gethan wurde; es war, als sei auch in der Woche ein +Abglanz vom Sonntag darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien, +sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war es Vroni +feierlich zu Mut. Die Bäuerin, der Großknecht Meinrad, der Viehbub Bonzi +und die Magd Resi, alle arbeiteten fleißig, doch ohne Hast; während der +Garde krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt, wie wenn er +mithelfend hätte beim Werk sein können. + +Eusebi hatte zum Verdruß seiner Mutter eine stille närrische Freude, daß +nun Vroni im Hause weilte, er ging dem Mädchen auf Schritt und Tritt +nach, sah ihm bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei. + +Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien Augenblicke, die jetzt +glücklicherweise wieder kamen, zu seiner Frau, die noch nicht recht +wußte, wie sich zu dem hereingeschneiten Gast stellen? + +»Ich finde, daß Vroni dem Haus wohl ansteht, es ist immer, als scheine +die Sonne darein, wenn doch nur ihr helles Haar glänzt.« + +An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um Josi. Sie wußte, was es +hieß, bei Bälzi Knecht zu sein. Harte Arbeit an den Flühen, Aufbruch im +Morgengrauen, Heimkehr in der Abenddämmerung und -- was schlimmer war -- +wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines schlechten Haushaltes, +in dem häufig gestritten wurde. Denn einen wetterwendischeren Menschen +als Bälzi gab es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit +selbst sein, im nächsten aber ein Teufel an Bosheit. Dann flogen nicht +nur die Worte, sondern was ihm in die Hände geriet. Und Josi, der +starke, trotzige, ließ sich gewiß keine Prügel gefallen. Entweder gab's +Händel, oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit Bälzi. + +Ungefähr wie Vroni dachte Binia. + +Der wilde, schmerzvolle Zuruf des unglücklichen Burschen hatte sie +geschüttelt und gerüttelt. + +Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: »Mutter -- Mutter -- ich bin schuld, +daß es Josi so schlecht geht -- Mutter, sage mir, wie kann ich das große +Unrecht wieder gut machen? -- Mutter, muß ich dem Vater folgen und gar +nicht mehr mit Josi reden?« + +Wie sie aber auch das brennende Köpfchen quälte, kam doch kein kluger +Gedanke darein. + +Sie wußte nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr hatte, stand er ihrem +Herzen noch näher. Sie meinte immer, sie sollte ihm Fränzi ersetzen, und +sie war voll Liebe und Barmherzigkeit für ihn. + +Sie klammerte sich an den alten Glauben, daß es Kindern, deren Vater an +den heligen Wassern gefallen ist, besonders gut gehe, und ließ ihre +Augen leuchten: »Er wird schon einmal sehen, daß ich keine Giftkröte +bin!« + + + + +IX. + + +»So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr für die Hinterlassenen +derer einstehen, die im Gemeindewerk gefallen sind. Wie wohl wäre es +einem wohlhabenden Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen +hätte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn, wie der Garde Vroni als +Tochter. Lest in den alten Protokollen, wie man für die Kinder derer, +die an den heligen Wassern gestürzt sind, stets besonders gut gesorgt +hat. Und sie wurden Leute, daß es eine Freude war. Jetzt aber kommt ein +neuer Brauch. Auf einen bösen Handel legt man einen bösen Handel, man +giebt den Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird Josi bei +Bälzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde davon? Die Schande!« + +»Ich hätte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter ist immer arbeitsam +gewesen.« + +»Einen Gotteslohn hätte man dabei verdient. Wahrhaftig, man schämt sich, +wenn man denkt, daß der selige Seppi und die selige Fränzi vom Himmel +herunter auf die von St. Peter schauen.« + +So schwirrte das Gespräch. + +Die Gemeinderäte, die ihre Pflicht versäumt hatten, ließen die Köpfe +hängen und kratzten sich hinter den Ohren, der Presi aber hielt sich an +das Haus voll Fremder und vermied den Verkehr mit den Dörflern. + +Er hatte auch seinen Verdruß. + +Bälzi, sein Schützling, war mit dem Bergführerberuf auf eine wenig +ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein Gast vermißte sein Taschenmesser, +er sah es einige Tage später im Besitze Bälzis, der ihn auf einer +kleinen Gletscherwanderung begleitet hatte; der Gast behauptete, sich +deutlich zu erinnern, daß er es bei einem Imbiß am Rand des Eises habe +liegen lassen. Bälzi hätte es ihm einfach zurückgeben können, aber er +wurde frech und verlangte einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der +Presi hatte die Vorwürfe seiner Gäste, die nichts mehr von Bälzi wissen +wollten. + +Bald aber war es am Presi, zu lachen. + +Bälzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter sei aus dem Dienst +gelaufen, sie hätten zusammen ein Unwort gehabt. + +»Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm einen neuen Dienst suchen +müssen.« + +Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund noch den Behörden. +Niemand wußte, wo er war, niemand wurde aus ihm klug. + +Das Gerücht verbreitete sich, er treibe sich auf den Alpen umher. Aber +wovon lebte er? Die Leute sagten: »Er zieht den Kühen und Ziegen +heimlich die Milch aus dem Euter.« + +Der Presi höhnte: »Da seht Ihr den Tagedieb, von dem Ihr mit so viel +Erbarmen geredet habt. Ich habe den gekannt.« + +Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen. + +Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi nicht günstig. Manchmal +schien es wohl, man würde sich an die Fremden gewöhnen, aber die Gäste, +die wieder ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches, was +denen von St. Peter bis auf die Knochen ging. + +Da war ein dicker Gast, der wie ein Fäßchen daherkugelte und stets mit +den Leuten reden wollte, den sie aber in seiner fremden Mundart nur das +dritte Wort verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die Histen, +die Holzgerüste sah, an denen die Bauern im Herbst ihren Roggen zum +Ausreifen aufzuhängen pflegen, fragte er spöttisch: »Hat man denn in St. +Peter so viel Diebe, Schelme und Mörder, daß man alle die Galgen +braucht?« + +Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wußten die Dörfler nicht viel, +ihr Leben war Arbeit und Andacht. »Wir einen Galgen? -- Mörder? -- Seit +Matthys Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen getötet. Und +Diebe? -- Wer schließt des Nachts die Thüre? Kein{5} Haus als der Bären +hat ein Schloß mit Schlüssel. Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl +vorgekommen; die Briefe, die Päcklein und Wertsachen, die es zu besorgen +giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand schon daran gerührt als +der Postbote, der sie aufnimmt und nach Hospel trägt? Aber die Fremden +wollen uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was für ein neues Leben +anfängt? Bälzi hat ein Messer gestohlen, und Josi Blatter ist Aufrührer +geworden, es kann schon so kommen, daß wir einen Galgen brauchen.« + +»O, der Fremde hat gewiß nur gescherzt.« + +»Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf über die Histen, die +es reifen, spaßen?« + +Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser. + +»Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf weht. Das tattert die +ganze Nacht. Geben Sie doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu +fressen, daß das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig schättert,« +sagte ein anderer. + +Die heligen Wasser, an denen so viele wackere Männer zu Tod gefallen +sind, die einen Flecken und fünf Dörfer erhalten und ernähren, eine +hungerleidige Schlange! + +Die von St. Peter bekreuzten sich. »Sünde über Sünde.« + +»Und die heilige Religion beleidigen sie!« + +Denn durch die Mägde war es bekannt geworden, daß manche Gäste im Bären +auch am Freitag Fleisch essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es +also zu. + +»Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so kommt Gottes Züchtigung +über uns. Unsere Buben können nicht mehr recht thun -- seht Josi +Blatter! Und er hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig müssen +wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.« + +Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann, der Josi Blatter antreffe, +möge ihn auffordern, daß er sich der Behörde stelle. + +»Josi Blatter, der Rebell,« dann kurzweg »der Rebell«. So sprach man in +St. Peter. Sein Umhertreiben erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es +nicht gewöhnt, daß die jungen Leute sich dem Gehorsam der Behörden, der +Kirche und der Dorfschaft entzogen. Dazu gesellte sich die Furcht vor +Diebstahl. Aber weder die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die +Dörfler wußten die Spur einer Entwendung zu melden. Es konnte den +Rebellen auch niemand auffordern, zurückzukehren, denn man sah ihn immer +nur von ferne, meist an den hohen Felsen über den Alpen, ja viele +glaubten, es sei überhaupt ein müßiges Gerede, daß er sich noch in der +Gegend aufhalte. Aber heute war es ein Dörfler, morgen einer der +kühneren Fremden, die hoch an den Flühen, wo Grünland und Weißland sich +scheiden, einen verdächtigen Jungen gesehen haben wollten. + +»Wir gehen nicht aus, man weiß nicht, was einem der geheimnisvolle +Vagant anthäte!« meinten die Furchtsameren, und unter den ängstlichen +Gästen kam St. Peter zum großen Aerger des Presi in den Ruf der +Unsicherheit. + +Ein Diebstahl -- eine Verurteilung -- dann wäre Josi Blatter für sein +Lebtag im Thal gerichtet und alles zu Ende. Gefängnis nahmen die zu St. +Peter furchtbar ernst, es genügten die roten Epauletten eines +Landjägers, der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die +Bewohnerschaft in Aufregung zu versetzen. + +Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi den Rebellen des Diebstahls +überführen zu können. Die Sonne schien noch warm, die Glotter aber, +deren Wasser stark zurückgegangen war, floß klarer als sonst. Nun +glaubte er Anzeichen dafür zu haben, daß aus seiner Fischenz +nächtlicherweile Forellen gestohlen würden. Thöni und ein paar Mann +legten sich in den Hinterhalt. Um Mitternacht watschelte es in dem +Glotterbach, eine Gestalt bückte sich und langte mit den Händen in die +Forellenverstecke, man faßte den Dieb -- Bälzi! + +Ganz St. Peter lachte, daß der Presi seinen ehemaligen Schützling +gefangen hatte, sogar mehr, als wenn der Rebell verhaftet worden wäre, +denn die Mißgunst gegen den Presi war größer als der Aerger über den +unbotmäßigen Jungen. + +Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, daß Josi wieder auf gute +Wege komme, war wie Aprilschnee geschmolzen, der Garde wollte nichts +mehr von ihm hören, er war wütend auf sein Mündel. Nicht, weil Josi +seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverständlich, aber +weil er sich seinem Vormund nicht gestellt hatte. Von Zeit zu Zeit +fragte er Vroni im Ton des Verhörs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen +seiner Anwesenheit gegeben. + +Das war's ja eben, was sie am tiefsten kränkte -- er hatte sie +vergessen. + +Sie horchte fleißig in die Nacht, ob sie ihn nicht ums Haus streichen +höre, aber was sie erlauschte, war immer nur das Klagen des Windes in +den Felsen. + +Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne Abschied über Hospel +hinaus in die weite Welt gegangen, wie jener Bursche im Kirchhoflied? +Hinweg vom Grab des Vaters und der Mutter. + + »Gebräunter Bursch ist fortgezogen, + Den Mund so frisch, den Blick so hell + Dahin mit Wellen und mit Wogen + Gewandert ist der Frohgesell.« + +Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verunglückt? -- Sie hoffte es +fast, denn ein toter Bruder wäre ihr lieber gewesen als einer, der in +Unehren lebt. O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer +Abgeschiedenheit von Josi denken. + +Oft fielen die Thränen um ihn auf das Armseelenmahl, das sie für die +Toten rüstete. Und doch ging es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar +von oben herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht sah, wie +eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit. + +»Ich bin ja gewiß bescheiden,« dachte sie dann, »wenn ich nur im Haus +bleiben darf.« + +Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete, wenn sie die +Jauchetanse an den Rücken hängte oder den Mist der Schweine aus dem +Stall zog, dann knurrte der breite Garde: »Du darfst das nicht thun, +Vroni; laß das den anderen!« + +Eusebi freute sich darüber unbändig und begann den Vater nachzuahmen, +indem er sie von den rauhesten Arbeiten zurückhielt, die Gardin aber +schmollte: »Herrgott, ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes +Gesichtchen hat, denn eine Prinzeß?« + +»Die ist mehr als eine Prinzeß, Gardin; merkst du nicht, daß uns Gott +das Mädchen eigens zum Trost ins Haus geschickt hat? Sieh dein +Schmerzenskind, den Eusebi, an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war +und wie er jetzt ist. Stottert er noch? Läßt er die Glieder noch so +elend hängen? -- Nein, es ist eine Freude, wie der Bursche alles +nachholt, was er in sechzehn Jahren versäumt hat.« So mahnte der Garde +voll Vaterglück. + +»Meinst du, es freue mich nicht auch?« fragte seine Frau, »meinst du, es +freue das Mutterherz nicht am meisten -- warum bin ich denn so viel +gewallfahrtet für Eusebi!« + +»Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber haben nichts als +Geschwister gefehlt; doch hätten ihn sechs Brüder und sechs Schwestern +nicht so geweckt wie die einzige stille Vroni.« + +»Nun -- nun -- ich lasse ja sie gelten, wenn sie nur nicht einen so +geringen Bruder hätte.« + +»Daran ist der Presi schuld!« + +So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen. + +Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern erst gegen den +Herbst hin kam der Presi zu dem langsam genesenden Freunde auf Besuch. +Binia begleitete ihn. Aber zwischen den beiden Männern war nichts als +Streit und Zank. + +»Wenn der Bursche hinter die genagelte Thür in der Stadt kommt, wenn St. +Peter diese Schande hat oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert +an den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen, Presi. Ich hätte +mit dem Peitschenstiel auf Euch losgehen mögen, als Ihr den Waisenbuben +zu Bälzi gabt.« + +Da fuhr der Presi auf: »Gott's Donnerhagel! So ist mir noch niemand +gekommen! Garde -- Garde! -- Wißt Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt +hat?« + +»Ihr seid der Presi, seid doch erhaben über ödes Geschwätz. Und nun +wollen wir Binia fragen, ob er' s wirklich gesagt hat!« + +Binia, die sich in der Küche bei Vroni leise nach dem verschwundenen +Josi erkundigte, kam auf den Ruf des Presi hochrot vor die entzweiten +Männer, und auf ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren +Sammetaugen, ihre Nasenflügel und Lippen bebten. + +»Vater! -- Vater! -- er hat's nicht gesagt -- ich schwör's Euch noch +einmal wie am Tag nach Fränzis Tod -- er hat's nicht gesagt -- sondern +der Kaplan Johannes.« + +Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Glöckchen, sie stand da wie eine +kleine Märtyrerin. + +»Wie am Tag nach Fränzis Tod,« wiederholte der Garde und sah den Presi +mit zusammengezogenen Brauen scharf an. + +Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn. »Hast du auch nicht +gesagt, du wolltest Josi heiraten?« Er stammelte es mehr, als daß er es +sprach. + +»Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt, was ich nicht +hätte sagen sollen.« Angstvoll und entschlossen zugleich sprach Binia, +der Presi aber warf ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden +schmettern. + +»Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine Augen!« + +»Was für einen Mut hat das Kind,« knurrte der Garde beruhigend, als sich +Binia geflüchtet hatte, »Presi, tragt dem Mädchen Sorge.« + +»Dem Kaplan will ich zünden!« schnob der Presi. + +Das kurze Gespräch hatte dem Garden ein Licht aufgesteckt. Darum also +haßte der Presi Josi so grimmig, weil Binia ein Auge auf den hübschen +Burschen geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war, den +Kopf. + +»Kinder -- Kinder! -- Aber sie wachsen wie die Tannen und die Tannen +sprengen mit den Wurzeln den Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe, +es muß nur eine echte sein!« Zwischen Binia und Josi lag allerdings +nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi wurde der Garde nicht +klug. War der Bursche wirklich so empfindlich, daß er wegen eines +unverdienten Donnerwetters seinen Vormund verleugnete? + +Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das sanfte Kind beichtete +aus freien Stücken, doch als ob sie sich für ihren Bruder tief in die +Erde schämen müsse: »Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem +Bettelsack am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und sagte, Josi +lasse mich grüßen. Es gehe ihm wie einem Herrn.« + +Der Garde wußte jetzt, woher Kaplan Johannes die Mineralien für seinen +Sommerhandel bezog. + +Der Herbst kam, die Fremden reisten von St. Peter{6} fort, mit +klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen, voran die mit Enzianen +geschmückte Meisterkuh. Jetzt mußte sich Josi, wenn er noch lebte, +zeigen. Dem Winter, dem furchtbaren Höhenwinter würde er nicht trotzen, +der würde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verließen ja selbst die +armen Seelen die Höhen, über die der Wind hinpfiff, und schlichen sich +nachts in die Häuser, und die ausgehungerten Gemstiere kamen zu den +Städeln und schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu. + +In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab Josi bestimmte Kunde +seiner Anwesenheit. Auf den Gräbern seiner Eltern lagen am Morgen +Bergastern und standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan. + +Sie entzündete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen. + +Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging und stand, flüsterten die +Leute: »Die Schwester des Rebellen!« und jetzt fragten sie: »Woher hat +er das Geld gehabt für die Kerzen?« Andere trösteten wohl: »Man +sieht's, daß er nicht verstockt ist, die Geschichte seines Vaters hat +ihm nur den Kopf zerrüttet und der Presi hat ihn mit seiner Schärfe ganz +um den Verstand gebracht.« Doch das war ein schlechter Trost. + +Der erste Schnee fiel, grimmige Kälte trat ein, Josi erschien nicht als +reumütiger Sünder im Dorf. Da waren die Leute überzeugt, daß er nun doch +verhungert sei, und erwarteten, daß man im Frühling sein Gerippe in +irgend einer Alphütte finden werde. + +Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede stellte, gab zu, daß Josi +eine Weile für ihn Krystalle gesucht habe, aber jetzt sei er, so +versicherte er, ohne Ziel in die Welt gewandert. + +Das war nicht glaubwürdig, wer in St. Peter geboren ist, geht nicht von +St. Peter fort, eher war Josi aus Mangel gestorben. + +»Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verführt!« seufzte Vroni. + +Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber verdarb als sich +ergab, kam ihm unheimlich vor. »Der ist noch zehnmal stärker als sein +Vater,« dachte er mit nagendem Verdruß. + +Und in den Abendgesellschaften der Dörfler lief dem toten Josi zu Ehren +wieder die alte Kaufbriefgeschichte mit allerlei Verzierungen. + +Josi aber lebte -- elender freilich als ein Tier -- er lebte hart am +Weg, auf dem die von St. Peter gingen. + +Das war sein und des letzköpfigen Pfaffen Geheimnis. + +Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten Fremden gekommen +waren, hatte ihm Kaplan Johannes aufgelauert und ihn jammernd gebeten, +ihm Krystalle und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver +verstampft, in seine Arzneien mischen könne. »Ja, freilich,« lachte +Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien, die man im Dorfe +nicht mehr als Spielzeug schätzte, an den Flühen des Bockje und der +Krone kannte. Und er brachte dem Kaplan hübsche Stücke, auf denen +Tautropfen saßen, die klar wie Thränen sind, blühendes Gestein, wie er +es grad beim Wildheuen erreichen konnte. %»Gracia et benedictio tibi«%, +sprach der Einsiedler mit seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen +funkelnden Franken. Seither blühte in tiefer Heimlichkeit vor der Mutter +und Vroni ein kleiner Handel zwischen den beiden. Nicht, daß der Kaplan +nun Josi für jeden quellklaren Quarz, für jeden braungoldenen Diamanten +der Zinkblende, für jeden Brocken, auf dem die grauglänzenden zierlichen +Blätter des Wasserbleis saßen, ein Geldstück gegeben hätte, meist +bezahlte er, wenn er die Stücke mit gierigem Blick in den Sack gesteckt +hatte, mit Segenswünschen und geheimnisvollen Andeutungen, er würde ihn +einmal zu großem Glück führen. Darüber lachte der trockene Bursche, und +als er sah, daß ihn der Kaplan betrog und die Drusen verkaufte, stellte +er die Lieferungen ein. + +Allein der Laurer ließ ihn nicht mehr los. Als Josi den ganzen Groll und +Grimm gegen den Presi und das Dorf im Herzen, von Bälzi, der ihn nach +hartem Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte ihn der +Kaplan, der in der Dämmerung mit dem Bettelsack von den Alpen kam, am +Fuß einer graubärtigen Wetterlärche überrascht. + +Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme vorspiegelte, +entlockte der tobenden Brust des Flüchtlings eine Beichte, die nicht +vollständiger hätte sein können. Alles Elend, aller Haß einer von einem +schweren Unglück zerschmetterten und mißhandelten Seele lag frei vor dem +Schwarzen. + +»Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden nicht, suche mir +lieber Krystalle, ich will für deinen Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir +verabreden, treffe ich dich jeden Tag,« überredete der Kaplan den +verirrten Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art Herzensbund +zwischen ihnen. + +Furcht und Trotz halfen den Ratschlägen des Kaplans, am folgenden Tag +wurde Josi Strahler. Von den Felsen der Krone, wo sich sonst niemand +hinwagt, brachte er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die +klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen Strahlen des +Grauspießglanzes und die zierlichen Eisenrosen, die im Stahlschimmer +leuchten. Immer trug er die Leiter bei sich, die ihm früher zum +Wildheuen gedient, unermüdlich kletterte er zu den Rissen, Höhlen und +Kammern der Felswände empor. Es gab aber Tage, oft mehrere +hintereinander, an denen sich Krystalle und Erze wie durch einen Zauber +vor ihm versteckten, an denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren +Händen zu Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gütig, prophezeite ihm +in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am nächsten Tage, schüttelte +alles, was der Bettelsack Eßbares enthielt, vor dem Heißhunger des +Burschen aus, streichelte ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er +ihn für die große Einsamkeit, in der er lebte, entschädigen, und +manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn leidenschaftlich +lieb. + +Aber das Heimweh kam. »Vroni! -- Vroni!« brüllte es in der Brust Josis, +und wenn er tief unter sich einen Menschen über die grüne Alpe gehen +sah, so hätte er hinabeilen und ihn umarmen mögen -- o, alle von St. +Peter, nur den Presi nicht. + +Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentümliches Lächeln ging über +sein finsteres Gesicht: »Josi, es ist ein Landjäger im Dorf, der es vor +dir bewachen muß; denke dir, Bälzis Weib hat vor dem Garden beschworen, +daß du im Schlaf gesagt hast, du zündest den Bären und St. Peter an. +Wegen Ungehorsam gegen die Behörden und Drohung auf Brandstiftung will +man dich verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Häscher um das Haus +des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, du kommest am ehesten dorthin, +weil du Vroni sehen möchtest. Also hüte dich! Und noch eins! Rühre +keinen Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd auf dich und +die höchsten Felsen retten dich nicht; sei vorsichtig, Josi. Ich füttere +dich ja, Rabe, selbst wenn ich für mich keinen Bissen habe.« + +Josi erblaßte -- zitterte -- also so weit war er: die Landjäger suchten +ihn. + +In seinem Schuldbewußtsein durchschaute er die Lüge des Kaplans vom Weib +Bälzis, das ihn verraten haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur +halb, daß er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlärche etwas +vom Bärenanzünden gesagt hatte. Aber nur in der gräßlichsten Erregung. + +Nein! -- nein! -- Mochte ihn der Presi hängen lassen, eine +Brandstiftung that er dem Andenken seiner Eltern nicht zu leid. + +Bald erhielt er die Bestätigung dessen, was der Kaplan gesagt hatte, aus +unverdächtiger Quelle. Er traf unvermutet und so, daß er nicht mehr +ausweichen konnte, auf den Viehknecht des Bockjeälplers: »Fort, Rebell,« +lachte der gutmütig rohe Mensch rauh und laut, »fünfzig Franken erhält, +wer dich lebend oder tot ins Dorf bringt,« doch so, als ob er selber die +fünfzig Franken nicht verdienen wollte. + +Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar und lebte in den +höchsten Flühen. + +Was er litt! -- Die Nächte, die entsetzlichen Nächte, während deren er +irgendwo auf einer Planke lag, mit ihrem ehernen Schweigen und ihrer +Einsamkeit! Tief unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein +Häuflein Sterne und riefen: »Komm, komm!« Und jeder leise Glockenklang, +den die Luft zu ihm emportrug, schmeichelte: »Komm, komm!« Vroni nie +sehen -- nie auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben sind +-- nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stück Vieh, das er sah, entlockte +ihm fast Thränen, vorsichtig lief er hinzu, streichelte es, küßte es und +redete lieb mit ihm. »Gelt, wenn du ins Thal kommst, grüßest du mir +Vroni!« + +Im gräßlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. Er liebte seine +Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen Blumen des Gesteins: »Warum +müßt ihr so schön aus der Erde wachsen, du wie ein Röschen, du wie eine +Thräne, die ein Engel vom Himmel hat fallen lassen, und du wie ein +Haufen Spieße für den Ameisenkrieg. Wer hat dich gemessen und +gezirkelt, du kantiger Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefüllt und +die Haarsträhnen durch dich gezogen, du schöner Topas, und dich öden +weißen Stein mit Granatkörnern bestreut wie die Mutter selig am +Dreikönigstage die Brotmänner mit Wachholderbeeren?« + +O Wunder! Selbst die Krystalle drängen sich wie Bruder und Schwester +zusammen, sie suchen ihre Gespielen und auf manchem Stein stehen so +viele, groß und klein, wie wenn sich am Sonntag die Dörfler auf dem +Kirchhof zum stillen Plaudern sammeln. + +Nur er war einsam. + +Mitten in seinem Elend ahnte er aber, daß alles in der Welt zum Schönen +drängt, daß auch der Mensch leiden und sich öffnen muß, wie der harte +Fels, der Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er wieder +einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen wäre, Krystalle guter +Thaten zeugen, alles Rechte würde er thun, was Brauch und Sitte, was die +Vorgesetzten forderten, selbst Dienste bei Bälzi. + +Doch jetzt nicht ins Gefängnis, lieber sterben! + +Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und er keine Mineralien mehr +verkaufen kann, ist der Kaplan mürrisch gegen ihn, er bringt ihm das +Essen unregelmäßig und oft zu wenig. Da weiß es Josi plötzlich: Er ist +der Gefangene dieses halbverrückten und schlechten Mannes, Johannes hat +ihn dort unter der Wetterlärche verführt, daß es keine Rettung mehr +giebt. Und ein grimmiger Haß gegen den Kaplan zuckt auf in seiner Brust. + +Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten vor Kälte. Ein Ausweg! +Fort von St. Peter, fort, wie der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben +macht nichts, nur nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden +Frühe des Tages Allerheiligen läuft er, am Schmelzwerk vorbei, wo Kaplan +Johannes haust, das Thal hinaus. »Lebe wohl, seliger Vater, -- lebe +wohl, selige Mutter, -- und du, liebe Vroni, mit den schönen blauen +Augen.« + +Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon Kinder auf der Straße, sie +springen vor ihm schreiend davon: »Ein wilder Mann -- ein wilder Mann!« +Da fällt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles Haar hängt +ihm in Strähnen über die Wangen, seine Kleider sind Fetzen, die Schuhe +zerlöchert, als ein Landstreicher würde er aufgegriffen. Auf das +Geschrei der Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem +Fenster, Susi aus dem Bären. Sie erkennt ihn und nun regt sich doch in +ihr das Mitleid und die Neugier. Sie ruft ihn herein. + +Sie hat schon von seinem Rebellentum gehört; indem sie ihm den Kaffee +einschenkt, den er gierig trinkt, fragt sie ihn hundert Dinge. + +»Ist es wahr, daß du mit Bini verhext und besprochen bist?« + +Das behagliche Stübchen und der warme Trunk im Leib stimmen Josi ganz +weich: »O, Susi, ich habe gewiß andere Sorgen -- ich möchte wieder ein +rechter Mensch werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so arm, +daß ich für meinen seligen Vater und die selige Mutter nicht einmal zwei +Kerzchen kaufen kann.« + +Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein elendes Aussehen und +seine Verwilderung weckten das Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei +Wachskerzen und redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme mütterlich zu, +daß er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewiß nicht so böse. + +»Ich will's thun, Susi.« Aber wie er über die verlassenen Alpen des +Schmelzberges, auf denen die letzten Sonnenlichter des Jahres spielen, +die letzten Blumen blühen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, kämpft +er wieder. + +Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er kniet zwischen den +Kreuzen an den Gräbern der Eltern nieder, er steckt die Kerzen und +Astern auf die Hügel. Da kommt der Nachtwächter singend vom Oberdorf. Es +ist der breite Brummbaß des Fenkenälplers, der in der Kehrfolge der +Bürger den Dienst hat. Er möhnt: + + »Es ist nicht unsere Gerechtigkeit, + Daß Gott uns so viel Gut's erzeigt, + Es ist seine Gnade und Güte, + Ihr lieben Heiligen schützt uns vor Gefahr, + Vor Brand und Laue besonderbar, + Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch, + Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!« + +Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des Sängers. Josi aber +schreit: »Hörst du' s, Vater -- hörst du's, Mutter, so geht es mir! -- +Ich lasse mich aber nicht einsperren!« + +In wildem Weh brüllt er es und rauft das Kirchhofgras, als wolle er +hinabflüchten zu den Toten. + +»Das alles haben der Presi und Binia über mich gebracht.« + +Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das Dorf führt, auf der +Freitreppe steht der Bärenwirt mit einem Hohnlächeln. + +Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger gepeitscht, in die Falle +kriecht, von der er weiß, daß sie ihn verderben wird -- er flieht vom +Dorf zu Kaplan Johannes, den er doch haßt wie den Tod. + +Mit einem höllischen Lächeln gewährte der Letzköpfige dem Ausreißer +Schutz und Obdach in der Ruine. Den einzigen noch überdachten Raum +bewohnte der Einsiedler selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster +das Licht herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden +zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll jener langen +Flechten, die wie riesige graue Bärte von den Aesten der alten +Lärchenbäume fluten, gegenüber der Thüre ein dreiteiliger Altar, den ein +Totenschädel schmückte, davor ein Betschemel. Und von der Decke hing +eine Ampel, in der ein Lichtfunke brannte. + +Sonst war das Gemach leer. + +Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewölbe, in das man nur +halbgebückt kriechen konnte, wohl, wie die rotgebrannten Steine vermuten +ließen, ein großer alter Ofenraum. + +In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da war Josi vor jeder +Entdeckung sicher. Niemand wagte sich in die Zelle des unheimlichen +Kaplans; wenn je nach Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um +ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es draußen schüchtern an, +dann trat der Einsiedler heraus, gab ihr mit seiner Grabesstimme den +Segen und ging mit ihr. + +Er war gewiß ein unheimlicher Kauz, der Kaplan Johannes mit dem fahlen +Gesicht und den lodernden Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder, +die stark weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken, +Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen Modulationen in einen frommen +Gesang über, wie man ihn am Altar der Dorfkirche hörte. + +Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes oft laut mit sich +selbst, schnitt Grimassen, verwarf die Arme, geriet in einen Taumel und +vergaß, daß Josi da war. + +»Die Mauer war hoch,« erzählte er klagend, »aber der Kastanienbaum war +höher. Johannes saß darunter und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal +aber im Herbst erzitterte der Kastanienbaum über seinem Haupt. Was +zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder und stieg auf den Baum. +Ein Ast ragte weit über die Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast +schwankte. Johannes schaute über die Mauer. Da sah er Graziella, die +Kastanien schüttelte. Sie hatte braune Arme und braune Augen und lachte +über den Klosterschüler. Eines Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb +hast, Johannes, steige nur vom Baum.' An der Mauer küßten sie sich. +Mehrmals. Als das Laub fiel, rüttelte Graziella wieder am Ast und lockte +-- die Falsche. Der Schüler kletterte am Kastanienbaum über die Mauer, +sie gab ihm einen Kuß, und dann warfen die Klosterbrüder ihn nieder -- +und dann« -- seine Stimme hob sich zu einem klagenden, wiehernden Geheul +-- »sie haben mich im Gefängnis mit kaltem Wasser begossen -- sie haben +sich vergriffen an mir, daß ich nicht mehr Johannes bin.« + +Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und hielt den Leib, als ob +er Schmerzen hätte. + +Josi graute es bei diesen Selbstgesprächen des Kaplans, schrecklicher +war es ihm aber, wenn Johannes ihn zu peinigen begann. + +Immer wieder kam er auf jenen Kuß zu sprechen, den er im Teufelsgarten +Binia gegeben. + +Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu küssen? Ob er sie +einmal nackend sehen wolle? Er könne ihm mit einem Alräunchen dazu +helfen. Er wisse, wo ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und +schneide, daß daraus ein kleines wunderthätiges Männchen werde. + +Schamlos redete der Kaplan. + +Josi schoß dann das Blut in die Wangen und er preßte die Fäuste an die +Ohren -- o, es war schön gewesen hoch oben in der Einsamkeit des +Gebirges, das Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie. + +»Wann zündest du den Bären an? -- Du mußt es thun, solange keine Gäste +da sind, die Sünde wäre sonst zu groß. Heute ist eine so finstere Nacht, +willst du denen in St. Peter nicht etwas hell machen?« + +»Ihr seid ein Teufel, Johannes!« Da lachte der Kaplan widerwärtig: »Ich +glaube manchmal selbst, daß ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb, +bleicher Knabe. Komm an mein Herz, Söhnchen!« + +Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn, sondern als hange er mit +der ganzen Seele an Josi, denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war, +nötigte er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger. + +»Im Sommer aber mußt du mir wieder Krystalle suchen, du mußt mein treuer +Sohn sein, du gehörst jetzt zu mir, nicht zu denen von St. Peter -- aber +-- aber -- Knabe, wenn du mich verraten würdest, ich tötete dich.« + +Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und murmelte mit seiner +hohlen Stimme lateinische Verwünschungen. + +»Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden Goldhaar sehen, +nur noch einmal sie mit ihrer Glockenstimme reden hören.« Müde und +traurig war Josi und ihn ekelte vor dem Kaplan. + +Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen. + +Oft froren er und Johannes in der schlechtgeschützten Ruine. Der Wind, +der durch die Mauern blies, verjagte die Wärme des offenen Feuers, und +wahrscheinlich wäre Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben +kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, hätte er nicht auf den +Rat des Kaplans, der darin Schätze vermutete, das alte Bergwerk zu +durchforschen angefangen. + +Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Trübsinn eine Ableitung und die +Tiefen des Bergwerks schützten besser vor der Kälte als jedes Herdfeuer. + +Josi lächelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans, daß er Silbererz +finden werde, ungläubig, aber er wühlte sich mit großem Eifer durch das +Gewirre von Gängen, Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine mühsame +Arbeit! Viele Gänge waren eingestürzt, in anderen tropfte das Wasser und +bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf und feucht. Oft löschte ein +Tropfen seine Kerze aus, dann hatte er Arbeit genug, sich in Stunden +beklemmender Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu tappen. +Wenn er wenigstens Erz gefunden hätte! Aber die Stollen waren wüst und +leer. Nein, endlich entdeckte er einen Schacht mit zuckerkörnigem +Bleiglanz, der nach den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten +Silber enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel und +sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das Erz los und hatte +reiche Ernte. Er häufte den Reichtum für Kaplan Johannes, der wie er +selbst den Silbergehalt des Erzes weit überschätzte, und über dem +Tagewerk im Dunkel des Berges verfloß die Zeit. + +Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Frühling an den sonnigen +Berglehnen die ersten Blüten hervorlockte, war Josi so elend zu Mut, daß +der Gedanke, eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor. +Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen. Er war wund am +Herzen und an den Füßen. + +Oft saß er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor denen, die des Weges +gingen, ließ die Sonne auf den Rücken scheinen und horchte auf das +einförmige Klappern an den Weißen Brettern. + +Er dachte an seinen Vater, an das große Unglück, aber er hatte gegen +niemand einen Groll mehr, kaum gegen den Presi, ihm war alles +gleichgültig. + +Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter springen lassen? + +Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da war ihm, er rieche +Veilchen, nein, eine Mücke krieche ihm durch den Flaum der Oberlippe, er +wollte die Hand erheben, aber sie sank ihm bleiern zurück. + +Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst dem Vater +entgegengeritten war, den Schläfer. Zuerst mit mächtigem Erschrecken. +Auch sie hatte geglaubt, Josi sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch +bleich wie ein Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm war er +in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der bloße Körper schimmerte. +Zwischen dem Filz der langen Haare floß das wässerige Blut offener +Wunden und die Frostbeulen an den bloßen Füßen schwärten. Sie schluchzte +vor Mitleid. Aber die Freude, daß sie den toten Josi lebendig fand, war +stärker als die Trauer über sein Elend. Als sie ein paar Läuse lustig +durch sein Haar spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem +tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm mit dem +Veilchensträußchen, das sie sich gesucht hatte, leicht unter der Nase +hin und lächelte, als seine Hand sich regte, aber wieder sank. + +Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da schoß er taumelnd auf. Er that +einen Schrei: »Binia!« Dann aber maß er sie mit einem finsteren, +verächtlichen Blick und wollte gehen. + +»Schau mich doch nicht so böse an, Josi,« bettelte sie mit feinem, +sanftem Stimmchen, indem sie bis in die dunklen Haare errötete und den +Blick wie eine Schuldige senkte. + +»Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun,« erwiderte er mit +dunklem Groll. + +»O, ich freue mich, daß du noch am Leben bist, Josi, gewiß freue ich +mich.« + +Das tönte so lieb, so hingebend, daß er nun doch aufhorchte. Er erhob +sich und setzte sich in einiger Entfernung von Binia auf einen Stein. + +Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie schön geworden in den +paar Monaten, da er sie nicht gesehen! Wie ein Engel, dachte er. Die +Röte der Hagrose prangte duftig auf ihren Wangen, die großen, dunklen +Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie früher, und doch war noch +etwas hinzugekommen, was früher nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas +unsäglich Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein letzter +Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und alles, was Kaplan Johannes +Häßliches gesagt hatte, war vor ihrer Reinheit und Schönheit aus seinem +Gedächtnis entschwunden. Aber er schämte sich wegen seines Aussehens, er +war ganz scheu. + +Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals nicht wieder. »Wie groß ist +Josi geworden,« dachte Binia, »er ist ja beinahe ein junger Mann,« und +beide sahen sich verlegen an. + +»Wie geht es Vroni?« stotterte Josi. + +»Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag hier vorbeireiten sehen?« +fragte Binia. »Der Garde, die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer +Taufe nach Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das Hütchen mit den +langen Seidenbändern und ein buntes, seidenes Brusttuch, dazu Geschmeide +wie eine Bauerntochter. Wie unsäglich glücklich wird sie sein, wenn sie +hört, daß du lebst!« + +»Wie eine Bauerntochter,« dachte Josi. Er aber war arm wie jener +Lazarus, von dem einmal der Pfarrer gesprochen hatte. + +»Was sprechen die Leute von mir. -- Sagen sie, ich sei ein Halunke?« Er +lächelte bitter. + +Binia schwieg purpurrot. + +»O, sage es nur, ich weiß es schon -- aber weißt, wer mich dazu gemacht +hat?« + +Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen Pause hauchte sie +kaum hörbar und in zitternder Scham: »Mein Vater.« + +»Ja, dein Vater!« bestätigte Josi vorwurfsvoll. + +Ihr stürzten die Thränen aus den Augen, mit einer raschen Wendung kniete +sie vor ihm. + +»O Josi! -- Josi! -- Ich weiß, daß ich an allem schuld bin. Aber -- o +Josi -- wenn du keinen Fetzen auf dem Leib hättest und noch zehnmal mehr +Läuse auf dem Kopf, ich liebte dich doch!« + +Ihre molligen kleinen Hände umspannten seine ausgemergelten Finger, sie +sah ihn so rührend demütig an und ihre Stimme bebte wie ein Glöckchen: +»Ich habe ohne Absicht über dich gelogen -- ich war so krank -- aber ich +will gewiß alles an dir gut machen, Josi!« + +Ihre Lippen berührten seine Hände, ihre Thränen liefen durch seine +Finger, er wollte reden, aber er schluchzte nur: »Bini -- Bini, wie lieb +bist du mit mir.« Der wunderbare erste Gruß aus einer Welt, die er +verloren hatte, ging über seine Kräfte. + +Da verzerrte sich Binias Gesicht: »Va --« + +Ein Peitschenhieb sauste durch die Luft -- das Blut strömte über die +Wangen Josis. + +Vor den beiden stand furchtbar der Presi. Sie hatten das Kommen seines +Wagens überhört, er hatte das Vorspanntier ohne Hüterin getroffen und +Binia gesucht. + +Einen Augenblick waltete die Ruhe grenzenloser Ueberraschung. + +Binia starrte entgeistert auf das blutüberströmte Haupt Josis. Da riß +sie der Presi hinweg. + + + + +X. + + +Was man in St. Peter erlebte! + +Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der Pfarrer, der zwischen Tag +und Nacht von Hospel kam, im Teufelsgarten ein unheimliches Stöhnen +gehört. Er war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht zu fürchten +hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter, den Rebellen, gefunden, den +man verhungert und erfroren glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem +Vormund des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken, +blutrünstigen Jungen, der vor Entkräftung nicht mehr gehen konnte, mit +einem Wägelchen in seine Wohnung geholt. + +Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der Presi hatte, ohne daß +er vorher mit einem Menschen davon gesprochen hätte, fast heimlich und +über Nacht Binia aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? -- Die Bärenwirtin +erzählte den Dörflern, die es hören wollten, sie sei in eine +Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden Sprachen lerne, die man +im Verkehr mit den Sommerfrischlern brauche. + +»Es ist aber doch seltsam,« sagten die Leute, und sie ergingen sich in +allerlei Mutmaßungen, doch ohne die Ursache der plötzlichen Reise zu +ergründen. + +Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen, daß Kaplan +Johannes den Gemeindebann verlassen müsse, da er einem minderjährigen +jungen Menschen Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen die +Behörden unterstützt habe. + +Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte in alle Häuser, wo er +auf Gehör rechnen konnte. »O, der meineidige Rebell. Wem als mir hat es +St. Peter zu danken, daß das Dorf noch steht. Ich schwöre es, er hat es +an allen vier Ecken anzünden wollen, nur mit den höchsten Formeln habe +ich ihm die Hände binden können. Aber wißt, wißt: Durch den Rebellen +Josi Blatter wird früher oder später ein Unglück, wie noch keines erlebt +worden ist, über das Glotterthal kommen. Ein Alraun hat es mir im +Spiegel gezeigt: Die Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und +die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'Laßt uns den Uebelthäter +erschlagen!' Und der Bären lag in Schutt und Asche.« + +Die Zähne der Weiber klapperten, doch die gruseligen Erzählungen +retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren Bürger drangen darauf, +daß er jetzt mit fester Hand aus dem Thal vertrieben würde: »Er macht +das Dorf verrückt,« sagten sie, »denn die Weiber glauben ihm.« Der +Presi, der sich selber zürnte, daß er Johannes zu lange hatte gewähren +lassen, schickte kurzerhand ein paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das +Gerümpel des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen, daß +sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnstätte eignete. + +Dafür war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar -- jetzt, in alten +Tagen, konnte er ungestört das Wort Gottes säen, der böse Feind, der +immer das Unkraut des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war +vertrieben. Zum Dank dafür richtete der alte Priester, der es sonst für +klüger hielt, sich nicht unmittelbar in die Angelegenheit der Bauern zu +mischen, am Sonntag ein kräftiges Wort an seine Herde und bat darin, daß +man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller Verirrung +nichts Böses gethan, in Liebe erbarme. + +Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die anderen am Pfarrer. + +Inzwischen genas Josi. + +Eines Tages spürte er das Gesicht Vronis über sich und er hatte einen +wunderschönen Traum: Er, Vroni, die Mutter und Binia saßen auf dem +Felsen über dem Haus, sie sangen: »Du armer Knabe, schlaf am Meere,« und +die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein leises Echo von den +Bergen zurück. Plötzlich aber fing es an zu regnen, die heiße Erde +kühlte sich, die Blumen erhoben die Häupter, die ganze Welt trank das +köstliche Naß. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren Thränen +Vronis! + +Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah Vroni, lächelte, dann +fielen ihm die Augen müde wieder zu und er träumte weiter. + +Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des verlorenen Sohnes +erbarmt, der wiedergefunden war. Er schlachtete zwar kein Kalb zu seinen +Ehren, aber er beruhigte die Gardin, die über den unerwarteten +Familienzuwachs ungehalten war. + +»Hätte Fränzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du würdest mir alle zehn +an den Tisch bringen -- sind wir eigentlich das Waisenhaus von St. +Peter?« + +Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten für andere +geneigtes Weib, das keinen Vorwurf der Härte auf sich kommen ließ, aber +Josi litt sie nicht wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar +geschnitten hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem blutroten +vernarbenden Riß über die Wange, der hübschere Bursche als Eusebi. Und +doch hätte sie auf der Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen +schönen Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben und +Mädchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen, die hübsche Kinder +besaßen, sondern auch der Anblick fremder schöner Jugend bereitete ihr +Herzeleid. + +»Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi wächst und erwacht? Nimm den +Segen nicht mit unchristlicher Rede von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die +ist so groß, daß ich sie nicht verraten darf,« mahnte der Garde. + +»Thun wir nicht genug an Vroni?« fragte die Frau. + +»Was genug ist, weiß der Herrgott -- ich meine, bis er wieder ganz +gesund ist, bleibt der arme Bursche da.« + +Murrend fügte sich die stolze Garden. + +Vor dem Haus saß Josi auf dem Dengelstein, er sonnte die sich +kräftigenden Glieder und ein unsägliches Glück summte in seinem Kopf. +Der Garde hatte sehr ernst und väterlich mit ihm geredet. Alles hatte er +ihm bekennen müssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte. Dann +hatte er ihm in die Hand versprochen, daß er sein Leben lang nie mehr +mit Kaplan Johannes verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle. + +»Nein -- nein,« versicherte Josi, er war ja überglücklich, daß er durch +den Streich des Presi wieder unter die rechten Menschen gekommen war. + +So viel war der grausame Hieb schon wert. + +Da schlarpte der letzköpfige Pfaffe heran und redete dem Burschen, der +in einem hübschen Kleid aus einem alten Sonntagsgewand des Garden +steckte, schmeichelnd zu: »Du liebes Söhnchen, komme mit mir -- bei +Fegunden baue ich eine Einsiedelei -- du bist es mir für den Winter +schuldig, daß du mir sommersüber Krystalle suchst. Im Herbst will ich +dich loslassen.« + +»Gebt Euch keine Mühe, Johannes, mit Euch bin ich fertig,« erwiderte +Josi, den Blick verachtungsvoll von seinem Peiniger wendend. + +Da wütete der Schwarze gräßlich: »O du räudiges Schaf -- du Lügner -- du +teuflischer Judas. -- Deinetwegen werde ich aus St. Peter vertrieben -- +Du Satansaas! -- du vom Teufel Gezeichneter -- du ekliger Dämon! -- ich +weiß es, du liebst den Balg des Presi noch, aber auf des Teufels +Großmutter reite ich, wenn ihr die Hände nacheinander streckt, zwischen +euch; meine weiße Seele werfe ich dafür hin, daß ihr nie zusammenkommt.« + +Josi lächelte über die Ohnmacht des Tobenden: »Thut, so wüst Ihr wollt, +ich glaube nicht an Eure schwarze Kunst.« + +Mit entsetzlichen Flüchen ging der Kaplan. Josi lächelte immer noch +verträumt in sich hinein. In die Schläfrigkeit der Genesung gaukelten +die lieblichsten Bilder: Binia und Vroni! -- Vroni und Binia! Es war +ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten allen seinen +Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein Wesen mit Licht übergossen. + +Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines Elends getreten, er +schämte sich, daß er sie so viele Jahre in seinem Herzen nie anders als +die »Giftkröte« genannt hatte. Er sann allerlei schöne Namen aus für +sie. Glich sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen +nennt? + +»Tautröpfchen, Tautröpfchen, du liebes, wo bist du jetzt?« + +In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die seinetwegen aus dem +Thale hatte gehen müssen. + +Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt, daß er sich jeden +Gedanken an Binia aus dem Kopf schlage, das sei überspanntes Zeug, aber +ihm klang es immer in den Ohren: »Wenn du keinen Fetzen auf dem Leib +hättest und noch zehnmal mehr Läuse auf dem Kopf -- o Josi -- ich liebte +dich doch.« Das rauschte wie Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch +der Garde nicht ausdrücklich gewünscht hätte, so hätte er es schon um +Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der häßliche rote Strich +auf seiner Wange kam. + +Dafür mußte er es freilich dulden, daß ihn jeder, der des Weges ging, +mit neugieriger Scheu betrachtete und die Leute von St. Peter es +einander zuraunten: »Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der +Teufel hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn er ihn +holen kann.« + +Die Geschichte machte dem Garden schwerer{7} als Josi selbst. Mit +gelassener Ruhe suchte er für den Burschen bei rechtschaffenen Leuten +einen neuen Dienst, erhielt aber überall ausweichenden Bescheid: »Ja, +als er zu Bälzi kam, hätten wir ihn auch genommen, aber jetzt --man weiß +nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und einem ins Haus bringen +würde. Und hat er nicht St. Peter anzünden wollen?« + +Doch forderte wenigstens niemand mehr, daß man ihn ins Gefängnis werfe. +Den breiten, schwerfälligen Garden aber hielt das Dorf für einen +gutmütigen Narren. + +Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst aus der Gemeinde, als +man ihn bei knappstem Futter einige Tage eingesperrt hatte. Sein +Abschied waren gräßliche Flüche auf den Presi: »Holt der Satan nicht +ihn,« schwor er mit rollenden Augen, »so holt er sein Kind.« + +Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden, die wieder nach St. +Peter kamen und mit fröhlichem Lachen durch das Bergthal schweiften -- +Schweizer, Deutsche, Franzosen und -- der erste Engländer. Auf diesen +war er besonders stolz, erst die Engländer gaben seiner Meinung nach +einer Sommerfrische die Vornehmheit, die man sich wünschte. + +Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht, aber -- was fast +ebensoviel bedeutete -- ein Ingenieur der britischen Regierung in +Indien. + +Er war bergsteigermäßig gekleidet, trug Nagelschuhe, grünwollene +Strümpfe mit gewürfeltem Muster, graue Kniehosen, graue Jacke und grünen +Filz. Er war ein Dreißiger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem +Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen Zähnen, ein Mann +von beinahe schwächlichem Körperbau, aber von überraschender Energie des +grauen Auges und der Haltung. Er wußte immer genau, was er wollte, und +setzte es mit einer gewissen Schärfe durch. Und als der Presi die +wissenschaftlichen Apparate sah, die sich George{8} Lemmy nachführen +ließ, galt es ihm für ausgemacht, daß er ein Besonderer sei. + +»Nun, Herr Bärenwirt, hätte ich gern einen vertrauenswürdigen Mann oder +Burschen, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, als Träger und +Begleiter.« Der Engländer sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit stark +englischer Betonung. + +Der Presi stellte ihm den lustigen Thöni Grieg zur Verfügung. George +Lemmy pfiff eine Melodie vor sich her und maß den Burschen mit einem +scharfen Blick: »Well, ich will ihn prüfen!« Aber am dritten Tag kam er +wieder: »Ich mag Thöni nicht, er schwatzt mir zu viel, er ist +eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, daß die ganze Geographie dieser +Gegend ins Wanken kommt.« + +Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand der frisch +angekommene Engländer von der Gegend? Er wagte einige Einwendungen, man +sei mit Thöni bis jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber +schlug seine Karten auf und erklärte dem Presi die Aufschneidereien +Thönis mit Heftigkeit. + +Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas von den Karten +verstände, und seufzte verlegen. + +»Ich will mir selbst einen Mann suchen.« Damit klappte der Ingenieur die +Karten zusammen. Er hatte sich beim Presi in einen großen Respekt +gesetzt, Thöni aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum +wie ein gezüchtigter Hund. Er wußte es schon, wie oft er die Fremden mit +den tollsten Angaben beschwindelt hatte. Jetzt war er an den Unrechten +geraten. Und der Presi sah's kommen: Sein erster Engländer fand in St. +Peter keinen, der mit ihm ging -- er reiste wieder ab. + +Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zurück, pfiff vor sich her +und lachte befriedigt: »Ich habe ihn schon -- habe ihn schon« -- und +rief Josi Blatter, der etwas zögerte, vor dem Presi zu erscheinen, +lustig zu: »Komm, zeige dich, Boy!« + +»Teufel auch,« knirschte der Bärenwirt leis, und als er die rote Narbe +auf der Wange des Burschen sah, ging ihm doch ein Stich durch die Brust. + +»Josi, ist der Garde auch einverstanden, daß Ihr Bergführer werdet?« + +Josi war über zweierlei verwundert, über den freundlichen Ton, den der +Presi anschlug, und darüber, daß er ihn mit »Ihr« anredete. Er stotterte +es beinahe: »Ja, ich finde halt sonst nichts zu thun.« + +So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde, als die Augen des Jungen +hoffnungsvoll aufflammten, eingewilligt, daß er mit dem Fremden gehe. +Nur aus bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen +annehmen wollte, weil die Gardin stets über den ungebetenen Kostgänger +murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene überall tüchtig zugriff, wo er +etwas zu thun sah. + +»Was denkt das Dorf? -- Wohl, er, er, der Garde, helfe mit am +Hudligwerden!« + +Als der Presi den Bescheid des Garden hörte, lächelte er sonderbar +befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte sich, er erriet, was sein +Gegner dachte, und der Engländer mit den stechend klugen Augen merkte, +daß die beiden übers Kreuz standen. Lustig sagte er: »Bitte, besorgen +Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis jetzt gewohnt hat, nicht +bleiben. Haben Sie im Bären einen Schlupf für ihn?« + +Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu den armen Leuten, die in +Josis Vaterhaus wohnten, und mietete dort für den Burschen das +Dachkämmerchen, in dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte. +Ein saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden, der das +Häuschen und den Acker verwaltete, nicht ganz verderben und der grollte +ihm wegen Josi schwer. + +Als er zurückkam, meinte Thöni eifersüchtig: »Ihr werdet es doch nicht +zugeben, daß der Rebell Führer wird!« + +Da schnauzte ihn der Presi an: »Ich glaube, daß der eher auf einen +grünen Zweig kommt als du.« + +Thöni hatte seine Schwächen. Das wußten nicht nur der Bärenwirt und +seine Frau, sondern bald auch die Gäste. Die Damen, die in der +Sommerfrische waren, trieben häufig ihren heimlichen Ulk mit dem +fröhlichen Jungen, indem sie seine kleinstädtische Galanterie +herausforderten und dann mit ihrem Spott über ihn fielen. + +Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger und oft donnerte der +Presi: »Herrgott, Thöni, so ziehe doch einmal die Bubenschuhe aus. Du +bist ja der Narr aller.« + +Dann stellte sich der schöne Thöni einige Tage beinahe hochmütig gegen +die Fremden, aber er erlag ihren Schelmereien immer wieder. + +Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi über seinen Mißerfolg bei dem +Engländer war, und nachdem er zuerst mit dem größten Hohn auf Josi +Blatter gesehen, haßte er ihn. Eines nur ließ ihn den Engländer leicht +verschmerzen, die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen aufbürdete! + +Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und schleppte ihm die +Instrumente, insbesondere den photographischen Apparat, nach. George +Lemmy photographierte, indem er dazu fortwährend pfiff, Berge, Häuser, +Bäume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber sprach er ein +überflüssiges oder gar ein freundliches Wort zu seinem Gehilfen, doch +gab es in seinem Verkehr so viel Neues zu sehen, daß Josi das Leben +überaus kurzweilig erschien. Er lernte die Instrumente handhaben und die +Furcht, sein Herr würde ihn eines Tages entlassen, verschwand vor dem +beglückenden Gefühl, daß er ihm nützlich sei. + +Freilich, hart genug ließ es ihm der Ingenieur werden, doch just, wenn +er mit den letzten Kräften noch aushielt, indem er an die guten Vorsätze +dachte, die er in der Einsamkeit seines Rebellentums gefaßt hatte, +lächelte sein Herr: »Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.« + +George Lemmy war einer von denen, die mit sich selbst und anderen erst +zufrieden sind, wenn sie von der Mühe des Tages am Abend +zusammenbrechen. + +Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie würden ihm die +Bildermaschine zusammenschlagen, wenn er sie und ihre Häuser damit nicht +unbehelligt ließe; nun war er wütend über die »Pfahlbauern«, wie er sie +nannte, und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der »Oberpfahlbauer«, +erklärte, er könne ihn nicht schützen, man müsse die von St. Peter +nehmen, wie sie seien. + +Abreisen! -- Allein George Lemmy war verliebt in das Glotterthal und +wandte nun seine Aufmerksamkeit den heligen Wassern zu. Ihretwegen war +er ja eigentlich ins Thal gewandert. + +Er war von Bräggen im Oberland nach Hospel gekommen und hatte dort +zufällig ein überraschendes Volksbild erlebt. Ein Ausrufer gab unter +Trommelschlag den Leuten, die aus der Kirche strömten, bekannt, daß die +Versteigerung eines »Baches« stattfinde. Neugierig schaute er zu, wie +sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen und roten Westen sammelten, +wie die Frauen, Mädchen und Buben sich in ihren malerischen Trachten an +die blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Straße der +Präsident, der Garde und der Schreiber von Hospel Stellung nahmen und +einen von den hundert Fäden, in die sich die heligen Wasser beim Flecken +teilen, für den Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem +Meistbietenden zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche um +Woche während drei Tagen zu benutzen. Jedes Angebot malte der Schreiber +mit großen Zahlen an ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild +vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer, mit dem die Bauern +boten, spürte der Ingenieur, wie wichtig ihnen der Besitz des Wassers +sei. Bei der Gasttafel sprach er mit dem Kreuzwirt darüber: »Warum +versteigert man das Wasser nur für die ersten Tage der Woche?« -- »Nach +einem alten Gesetz gehört es Donnerstag, Freitag und Samstag jedermann, +also den Armen.« Und sie redeten von den heligen Wassern so lange, bis +den Ingenieur eine große Neugierde dafür gefaßt hatte. + +Jetzt studierte er sie. Er maß und photographierte ihren Einlaß am +Gletscher, folgte den Känneln, bestimmte an vielen Stellen zwischen St. +Peter und Hospel die Wärme des Wassers, merkte sich die Gefälle, die +Wassermengen, die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben und +zeichnete draußen in den Reben von Hospel die geeichten eisernen +Schaufeln und Scheiben, mit denen die Winzer die Verteilung des Wassers +besorgen. + +Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht für alles ein, was der +Ingenieur that, aber er spitzte die Ohren und hörte es gerne, wenn +George Lemmy über die heligen Wasser sprach. + +Der Engländer forschte nach hundert kleinen Dingen, und wenn ihn die +anderen Gäste foppend fragten, ob er denn nicht mehr von der großen +Klapperschlange loskomme, antwortete er lachend: »Lassen Sie mich. Sie +ist ein merkwürdiges Stück Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium der +Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung führt in ihren +Wassern jede Woche hundert Zentner Schlamm, darunter zehn Pfund reine +Phosphorsäure, sieben Pfund Kali und hundertfünfzehn Pfund Bittererde. +Stattliche Düngerfabrik, was? Und der analytischen Wertung entspricht +die praktische Erfahrung. Drüben am Hochpaß haben Sie die +Wässerwasserfuhre der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie auf +weite Strecken zerstörte, konnte, wie amtlich belegt ist, die +Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch fünfzig Stück Vieh erhalten, +während vorher zweihundert reichliche Weide auf ihrem Gebiet gefunden. +So giebt es genug Nachweise, daß die sonnenwarmen Gletscherwasser den +Ertrag des Bodens verdrei- und verfünffachen. Lassen Sie also die +Heligen ruhig klappern -- ich erwäge sogar ernsthaft, ob ich der +britischen Regierung nicht vorschlagen will, daß sie vom Himalaja +herunter in benachbarte Distrikte Indiens ähnliche Leitungen baue.« + +Wörter, die Josi nie zuvor gehört, schwirrten ihm im Verkehr mit dem +Ingenieur um den Kopf und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich +George Lemmy damit beschäftigte, selber viel wunderbarer als je zuvor. + +Eines Tages schritt er mit George Lemmy den schwindligen Weg über die +Kännel an den Weißen Brettern, und mit Staunen sahen Einheimische und +Fremde die beiden Akrobaten an den schimmernden Wänden. + +Josi war es ein unvergeßlicher Tag. Als er an der Stelle stand, wo sein +Vater gestürzt war, pochte sein Herz in der Brust, und als sie in der +Mitte des schrecklichen Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal +tief unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der Mund über +und er erzählte dem Ingenieur das Leiden und Sterben des Vaters. + +George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war und blieb der trockene +Engländer. Aber Josi fühlte doch seinen Blick der Teilnahme. Erst als +sie aufstanden, meinte Lemmy fast scherzhaft: »Josi, neunzehnjähriger +Boy, werde Ingenieur und führe die Leitung sicher durch die Felsen. Es +giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug, daß man auch diese +Schlange zähmt. Nicht wahr, das wäre ein Streich für die Pfahlbauer von +St. Peter, wenn es keine Wasserfron mehr gäbe.« + +Ein jähes Feuer flammte aus den Augen Josis. + +Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der zweiten Hälfte des +schmalen Weges fast nicht gehen. + +Als sie am Abend ins Dorf zurückkamen, schlang Vroni die Arme um den +Bruder: »O, was die Leute sagen! Weil du unnötig über die Kännel an den +Weißen Brettern gegangen bist, so habest du für die nächste +Wassertröstung das Los auf dich gezogen.« + +Da lächelte Josi kühl geheimnisvoll: »Die Leute sagen, wenn der Tag lang +ist, viele Thorheiten -- aber ich glaube selbst, daß ich einmal wie +unser Vater selig an die Weißen Bretter steigen muß.« + +Vroni sah ihn erbebend an: »Josi, du bist früher ein so artiger lieber +Bub gewesen, und jetzt bist du ein so Besonderer worden, so ein +Geheimnisvoller, daß es mir bald wie den anderen Leuten geht, daß ich +dich zu scheuen und zu fürchten anfange.« + +»Sei nicht so närrisch, Vroneli,« schmeichelte Josi und blickte zufällig +nach den Firnen der Krone. + +»Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die armen Seelen hausen! Josi! +Versprich es mir, daß du es nicht thust. Denke an den seligen Vater, +denke an die selige Mutter!« + +Je inniger das Mädchen flehte, um so finsterer zog der Bruder das +Gesicht: »Alle Tage denke ich an sie, aber wenn George Lemmy es wünscht, +so gehe ich mit ihm auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.« + +»Dann stürzest du dich ins Unglück,« jammerte das Mädchen. Josi aber +schritt mit einem nachdenklichen Lächeln in sein Nachtquartier. + +»Was man doch um einen so lieben Bruder für Kummer hat!« Vronis schöne +blaue Augen wurden trüb. Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs +auch stark für die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser gingen, und +ihn Josi, der im Erzählen nicht besonders gewandt war, zu ihr führte, +da hatte sie ihre helle Freude an dem aufmerksamen Zuhörer. + +Bei Vroni saß der Fremde an der vollen Quelle. Dem Bruder zuliebe +besiegte sie die Scheu vor ihm, und dem Ingenieur gefiel das blonde +schöne Mädchen, das seine Geschichten in der vollklingenden alten +Sprache des Thales erzählte, ausnehmend gut. + +Er behandelte es mit Auszeichnung. »Ein Brigante wie du bist, hat so ein +Edelweiß zur Schwester!« scherzte er zu Josi. + +»Und also fügt es Brauch und Gesetz,« erzählte sie mit errötenden +Wangen, die Hände über das Knie geschlagen, »wenn ein Jungknabe ein +Mädchen lieb hat und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er +sich beim Garden melden, daß er ihm einen Sommer lang in der Bestellung +der heligen Wasser zudiene und in der Wasserpflicht erfahren in den +Stand des Hausvaters trete. + +»Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst geringen Standes ist, ein +Mädchen liebt und es vom Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem +Garden darlegen und glaubhaft darthun, daß die Jungfrau einer Seele mit +ihm sei, und legt er vor dem Garden und der Gemeinde das Gelübde ab, daß +er beim nächsten Leitungsbruch an die Weißen Bretter steige, so soll der +Gemeinderat Freiwerber für ihn werden. Will aber der Vater des Mädchens +nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben und wer will unstrafbar den +Lauf haben, ihn und sein Haus zu verhöhnen und dem Werber zu helfen, bis +der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.« + +Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung hörte er zu, +obgleich er die Satzungen schon kannte. + +Vroni sah es wohl. »Wegen Binia,« dachte sie. + +Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er befreundete sich auch mit +dem Garden. + +Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gespräch der beiden, wer +George Lemmy eigentlich sei. Er habe zuerst, erzählte er, an einer +Hochschule in England, dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert +und auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen. Später sei +er nach Indien gegangen, wo schon sein Vater Kolonialbeamter gewesen, +und dort baue er im Auftrag der Regierung Straßen und Eisenbahnen. Das +Klima sei aber unzuträglich, und nachdem er fünf Jahre in dem heißen +Land gearbeitet habe, sei er genötigt gewesen, längeren Urlaub zu +nehmen. Den Sommer verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht bloß, um +die Schönheiten des Landes zu genießen, sondern auch um einen oder zwei +tüchtige Bergführer anzuwerben. Er brauche die Leute als Pioniere beim +Bau von Straßen, die man bedürfe, um die kleinen wilden Gebirgsvölker, +welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bekämpfen zu +können. Ein Führer, den er von früher her kenne, sei schon geworben, +Felix Indergand zu Bräggen, und im Herbst wollen sie gemeinsam nach +Indien reisen. + +»Felix Indergand kenne ich von manchem Markt, das ist ein +rechtschaffener und einsichtiger Mann,« sagte der Garde. »Da habt Ihr +einen Tüchtigen geworben.« + +»Und wenn ich nun auch den zweiten hätte,« antwortete Lemmy. + +Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte er nichts anderes, als ob +wohl George Lemmy nicht ihn einladen würde, mit ihm nach Indien zu +gehen. Was würde er dann thun? Ein freudiges »Ja!« würde er ihm +zujubeln. St. Peter war für ihn doch kein Boden mehr und kein Glück. Was +sollte er im Dorf beginnen, wenn der Ingenieur wieder abgereist war? + +Vroni ahnte die Pläne des Bruders. Als Josi eines Tages freudvoll zu ihr +gestürmt kam, fragte sie erschreckt: »Hat dich Lemmy nach Indien +angeworben, daß du so rote Wangen hast?« + +»Nein,« erzählte er hastig, »aber weißt du, wo Binia ist, ich weiß es! +Der Knecht des Fenkenälplers war mit einer Viehherde im Welschland. Da +hat er sie gesehen, wie sie mitten unter Klosterschülerinnen ging. Das +Kloster heißt Santa Maria del Lago und liegt an einem schönen See. +Denke, er hat mit ihr geredet, aber es war eine Nonne dabei -- Bini läßt +dich und mich grüßen!« + +Josis Augen strahlten, der Gruß war für ihn eine Welt voll Sonne. + +Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde Josi in St. Peter +zurückhalten, aber -- blieb er, so stieg er wohl bei der nächsten besten +Gelegenheit für Binia an die Weißen Bretter und fiel wie der Vater zu +Tode. + +Die Kunde, daß Binia im Kloster Santa Maria del Lago jenseits des +Hochpasses sei, erregte im Dorf große Verwunderung, namentlich als man +von Hospel aus erfuhr, die besondere Thätigkeit der Nonnen der frommen +Anstalt sei die Besserung solcher Mädchen aus wohlhabenden Familien, die +sich irgend einen leichtsinnigen Streich hatten zu schulden kommen +lassen oder auf deren Lebenswandel ein Makel lag. Fast mit Schaudern +sprach man von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen +anwenden, um ihre wilden Zöglinge zu zähmen, die Dunkelzelle, das +genagelte Scheit, auf das die Sünderinnen so und so viel Stunden knieen +müßten, den Hunger, das Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem +Wasser. + +Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an diesem Ort Aufsehen in St. +Peter. »Was hat sie verbrochen?« -- Darüber grübelte man, und dann löste +die alte Susi in Tremis den erstaunten Dörflern den Knoten: »Binia und +Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes den bösen Segen empfangen, daß +sie nicht voneinander lassen können. Jetzt wird sie im Kloster enthext.« + +Da man nichts Besseres wußte, so glaubte man der Erzählung der Alten. Um +so mehr, als der Kaplan, der von seinem Fuchsbau an der Berghalde von +Fegunden aus immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache nicht +in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll lächelte und die lodernden +Augen vielsagend spielen ließ. + +Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange das Zeichen des Teufels +trug, erst recht mit scheelen Blicken an. + +Dem Presi lag es schief, daß der Aufenthalt Binias bekannt geworden war, +ein Schatten fiel damit auf die Hausehre, obgleich es um das Kloster +nicht so schlimm stand, wie die Dörfler erzählten. Wäre er nur den +Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang Sommer bis jetzt +war in quälender Gleichförmigkeit die Frage: »Wo ist denn Ihre alpige +Rose, Ihr Herzensmädchen?« Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt. +Dazu Ausdrücke des Bedauerns, die man nur mit Lügen beantworten konnte. +Und ihm selbst fehlte sie, die zärtliche Maus, das Vögelchen mit den +dunklen Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte. Die +Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago über Binia lauteten auch +nicht sonderlich. Sie bete alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester +für ihre Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange, so weit es +ohne Strafe durchschlüpfen könne, sei es immer bereit, sich über die +Nonnen lustig zu machen. Und im Hintergrund der Briefe versteckt sah der +Presi einen frommen Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel +auf eine Seele. + +Nein -- nein, siebenmal nein! Keine Braut des Himmels wollte er, nein, +er selber wollte sich freuen an seinem lieben Vogel, an dem zärtlichen +Kind. + +Eher als den Nonnen gäbe er sie Josi Blatter, dem Rebellen. + +Aus Empörung über die sonderbare Liebeserklärung, deren Zeuge er im +Teufelsgarten gewesen war, hatte er Binia in der Meinung fortgeschafft, +daß sie das siebzehnjährige Köpfchen schon breche, wenn sie den +furchtbaren Ernst seines Willens sehe. Das war wohl nötig, denn Binia +und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo der Ernst des Lebens +beginnt. + +Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot gesagt hatte, lebte so +gesund. Jeder andere wäre in dem furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu +Grunde gegangen, aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so +tröstlich mit seinem Engländer, als hätte er nie etwas anderes gethan. +Und merkwürdig, dachte der Presi, von dem Peitschenhieb, den er auf +seine Wange geführt, weiß im Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche +schwieg auf alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und +ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten, der Hinkende habe +einen Hufstreich in sein Gesicht geführt. + +Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war manchmal, er müsse Händel +mit dem Burschen anfangen, der schlank und gerade wie ein Bolz +heranwuchs, das Nächstliegende mit klugem Auge erfaßte, seine +Tagesarbeit mit zäher Ausdauer that und sich sonst nicht um die Welt +scherte. Den könnte man, dachte er, töten und begraben, am Morgen aber +stände er wieder da in blühender Lebendigkeit und schaute, wenig redend, +doch alles überlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich. + +Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz. »Merkt Ihr nicht, +Präsident, daß das einer ist, der einmal euch allen in St. Peter über +den Kopf wächst? Ich würde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen +lassen und zöge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter als Führer +ein, wir machen Staat mit ihm.« + +»So, Präsidentin!« donnerte darauf der Bärenwirt, »dürfen mir die Gäste +nicht mehr selber sagen, was sie für thörichte Wünsche aushecken -- müßt +Ihr ihnen als Fürsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu dürr. +Wo habt Ihr den Verstand?« + +Eines Tages aber entstand in St. Peter ein großer Auflauf von +Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze der Krone sah man zwei +schwarze Punkte -- zwei Bergsteiger! »Der Engländer und der Rebell,« +rieten die Leute gleich, »es sind gewiß keine anderen.« Was im Thal an +Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf den in erhabener +Einsamkeit schwebenden Gipfel des reinen Firns. Seit vor fünfunddreißig +Jahren jener Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone über die +Schneelücke nach St. Peter niedergestiegen war, hatte niemand mehr die +wunderbare Spitze betreten. Von den Schleiern der Armenseelensage +geheiligt schien sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein +göttlicher Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend ihre +Fackeln anzündeten, die Sterne in bleicher Mitternacht ruhten und arme +Seelen sich büßend auf die Freuden des Paradieses vorbereiteten. + +Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten, sie schwangen den +Kühnen zum Gruß mächtige Tücher und sahen durch die Ferngläser, wie die +zwei Männchen auf der Spitze die Grüße erwiderten. »Ein patenter +Bursche, dieser Boy des Ingenieurs!« widerhallte es im Bären. + +Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die Männer tobten: »Jetzt +ziehen die armen Seelen aus, das Dorf muß untergehen, wäre doch der +Rebell im letzten Winter erfroren, der bringt Unglück über das ganze +Thal.« + +Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten, die Strafe des +Himmels breche sofort herein, rüsteten ihre Siebensachen zum Auszug, +andere stürmten zur Kirche: »Läutet die heiligen Glocken, damit die +armen Seelen bleiben.« + +Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im Eise glaubte, erhob +Einsprache -- umsonst -- die Glockenklänge rauschten durchs Thal und +vermehrten die Verwirrung. + +»Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen zu verehren, den +niemand kennt als sie?« + +So fragten die Fremden verwundert, der Presi und Frau Cresenz aber gaben +ausweichenden Bescheid. + +Vroni weinte herzlich: »Nun ist er doch gegangen!« + +Als die beiden Bergsteiger in der Abenddämmerung todmüde, aber mit +erhobenen Häuptern in das Dorf schritten, da ballten sich die Fäuste und +die Zurufe der erzürnten Dörfler schwirrten an Josis Ohr: »Du +Teufelshund -- wärst du doch im letzten Winter beim Kaplan verreckt!« + +Und hinter den Häuserecken hervor flogen die Steine um die Köpfe der +beiden. + +Der Presi und der Garde gingen ihnen entgegen, beruhigten die +schimpfenden Aelpler und Bauern, und ihrem Ansehen gelang es, die +Tollkühnen, ohne daß sich die von St. Peter an ihnen vergriffen, in den +Bären zu führen. + +Da bereiteten die Gäste, die eben an der Tafel saßen, den Bergsteigern +einen begeisterten Empfang -- besonders Josi. + +George Lemmy nahm den Vorfall von der fröhlichsten Seite, mit dem Humor +seiner Rase fand er, es sei merk- und denkwürdig, ein solches Abenteuer +erlebt zu haben. + +»Bub! -- Unglücksbub! -- was hast du angestellt? -- du bist ja deines +Lebens nicht mehr sicher im Dorf, komm morgen zu mir, wir wollen +beraten, was zu thun ist,« knurrte der Garde und ging, nachdem er noch +mit dem Presi abgeredet hatte, daß Josi zur größeren Sicherheit im Bären +schlafe, mit tiefbekümmertem Gesicht. + +Seine Worte klangen Josi, obgleich ihn die Kletterei fast zu Tode +erschöpft, die ganze Nacht in den Ohren wie die Posaunen des Gerichts. + +»Vater -- Mutter,« jammerte er in sich hinein, »was habe ich thun +können, als mit meinem Herrn gehen.« Mit zerschlagenen Gliedern und +matten Sinnen erschien er am Morgen vor dem Ingenieur. + +»Ich komme mit dir zum Garden!« lachte der gutgelaunt. + +Der Presi sah, auf der Freitreppe stehend, den beiden nach. Er wollte +sich wegen der kühnen Bergbesteigung in einen großen Zorn auf Josi +Blatter hineinreden, aber es gelang ihm nicht, der Mut des Burschen +zwang ihn zu heimlicher Hochachtung vor ihm und er dachte an das Wort +der Frau Cresenz: »Das ist einer, der euch allen in St. Peter über den +Kopf wächst,« er dachte an Binia -- und seufzte. + +Am Nachmittag kam der Garde in den Bären und saß mit dem Presi lange im +oberen Stübchen. + +»Ich habe mit dem Pfarrer geredet,« berichtete der Garde, »er will die +Leute, indem er von Haus zu Haus geht, zur Ruhe mahnen und am Sonntag +einen Spruch, daß der Glaube an die armen Seelen im Eis eine wahrer +Frömmigkeit widersprechende Thorheit sei, in die Predigt flechten. Ich +aber mache mir eine Todsünde daraus, daß ich Josi mit dem Ingenieur habe +gehen lassen.« + +»Er ist ein Satan, der Rebell,« lachte der Presi, »ich fürchte, er ist +bald nicht mehr zu bändigen -- das kommt, weil Ihr ihn immer beschützt.« + +»O, ich habe ihm heute vor dem Ingenieur das Kapitel verlesen wie noch +nie, aber nicht mit gutem Gewissen, Ihr und ich, wir sind verantwortlich +für ihn und sein Thun. -- Ihr von lange her -- ich, seit ich ihm +gestattet habe, daß er mit George Lemmy gehe. -- Im übrigen giebt es +eine Aenderung im Leben Josi Blatters -- ladet auf den nächsten +passenden Tag den Gemeinderat ein. -- George Lemmy, der Ingenieur, will +ihn mit nach Indien nehmen. Wie ich den Burschen so recht in die Zange +gefaßt habe, hat mich der Engländer lachend unterbrochen: 'Unnötige +Mühe!' eine Lobrede auf Josi gehalten und bestimmt erklärt: 'Ich nehme +ihn mit mir!'« + +»Nach Indien!« Der Presi schoß auf. Hundert Gedanken kreuzten sich in +seinem Kopf, am vernehmlichsten der: »Endlich von einem Alpdruck +erlöst!« + +Er beruhigte sich aber und sagte: »Das will doch erwogen sein!« + +»Lemmy hat mir versprochen, daß er einen rechtschaffenen Mann aus ihm +mache -- einen Ingenieur, so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt +-- und, ich weiß nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen zu dem +Manne. Ich reise übrigens morgen eigens nach Bräggen, um mit Felix +Indergand zu reden, der auch mit Lemmy über das große Wasser geht. +Schlaflos legt mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist, +kann Josi nicht in St. Peter bleiben.« + +»Das stimmt, das stimmt!« erwiderte der Presi kühl, »es ist ein +verdammter Streich, den uns die beiden gespielt haben. Im übrigen, wie +sind die Bedingungen? Muß die Gemeinde etwas für ihn zahlen?« + +»Nichts! Es ist freie Hin- und Rückfahrt verabredet, Josi muß wenigstens +drei Jahre bleiben und wird von Lemmy gehalten wie jeder andere, der +unter seiner Führung steht.« -- + +»So -- sonst hätte ich vielleicht einen Beitrag dran gethan!« -- + +Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungefähr sagte: »So steht es +also um dein Gewissen, Presi!« + +Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf und ab: »Heimkommen, +Binia! -- Die Luft ist rein. -- Seppi Blatter, wir wollen dafür sorgen, +daß dein Spiel verloren ist!« -- Dann stutzte er: »Dieser Josi Blatter +-- der stirbt in Indien nicht. -- Der kommt eines Tages wieder heim -- +und dann ist die Not um Binia größer als jetzt. -- Das Kind muß jung +heiraten.« + +Nicht lange, und die Nachricht, daß Josi mit seinem Engländer in ein +fernes Land gehe, flog durchs Dorf. Man kränkte sich sonst in St. Peter, +wenn, was bei Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger Bürger in die Fremde +zog. Nach der Meinung der Dörfler war es doch nirgends auf der Welt so +schön, lebte es sich so gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden +als einen Verlorenen, der sich außer Landes begab. Josi Blatter, den +Rebellen, aber ließ man gern ziehen. Die Kunde von seiner bevorstehenden +Abreise beruhigte die Leute, und die Gäste des Bären, die genußfreudige, +vom schlichten frommen Sinn der Dörfler durch eine Welt anderer +Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten wie sonst +durch Dorf und Feld, auf dem bereits die Herbstblumen zu blühen +begannen. + +Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der Krone das eingeborene +St. Peter bewegt hatte, hatten sie kaum Kenntnis erlangt. + +Aus dem großen Thal kamen ein paar junge Bergsteiger, die von der +überraschenden Besteigung der Krone gehört hatten, und wollten sie mit +Josi Blatter wiederholen. Er aber wies sie ab. + +Thöni indessen, der an dem Tag, wo die beiden den Gipfel der Krone +erstiegen hatten, in Hospel gewesen war und nach seiner Rückkehr mehr +vom Ruhm der Gäste als von der drohenden Haltung der Bauern reden gehört +hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark. + +Er ließ sich heimlich von den jungen Steigern als Führer mieten. Als ob +er mit den Ehrgeizigen nur einen größeren Spaziergang auf den Gletscher, +aus dem die Glotter fließt, unternehmen wollte, ging er mit ihnen in der +Morgenfrühe weg. Erst am Nachmittag sah man erstaunt eine kleine Kolonne +auf dem unteren Firn der Krone. »Die Wahnsinnigen gehen auf einem +überhängenden Schneeflügel!« riefen plötzlich Stimmen, und man hatte es +kaum bemerkt, so brachen die fünf durch die Wächte. Zum Glück kollerten +sie nicht sehr tief einer Wand entlang, aber nun saßen sie auf einer +Felsenplanke, von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten Tücher, +daß man sie holen möge. + +Und sicher war eins: Mußte das arme Fünfblatt dort über Nacht bleiben, +so erfror es. + +Der Presi wütete über Thöni, er sammelte dann eine Hilfskarawane, und +die von St. Peter ließen sich, obgleich sie sich über den neuen Frevel +wie über den ersten empörten und ihre Schadenfreude nicht verbargen, +sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen. Denn wo +Menschenleben in Gefahr schwebten, waren sie, wie alle Leute der Berge +sind: sie kannten nur die Pflicht der Hilfe. + +Josi war in fiebernder Erregung: »Darf ich sie holen? Sie erfrieren, bis +die Mannschaft oben ist,« fragte er den Ingenieur. + +»Well, hole die Unglückseligen, Boy.« Und George Lemmy war, indem er die +Hände in die Hosentaschen steckte und ein Liedchen pfiff, selber +neugierig, wie der Bursche nun vorgehen würde. + +Eine -- zwei -- drei Stunden! -- Man sieht ihn! Wo scheinbar nur glatte +Wände sind, klettert der ehemalige Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch +Felsenrisse, eilt über schmale Kanten, ist wieder in einem Riß und +klettert aufwärts! + +Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. -- Noch eine Stunde -- die +Hilfskarawane ist erst auf den oberen Alpen -- da schwingt sich Josi auf +das Band, wo die fünf armen Knaben sitzen. + +Er hört die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er weiß nur, daß er eilen +muß, die Leute zu bergen, denn St. Peter liegt schon im tiefen blauen +Schatten, nur noch an den Spitzen glänzt die Sonne. + +»Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen,« empfängt ihn Thöni. + +»Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid über Nacht da oben +hocken,« erwidert Josi. + +Die von Thöni Schlechtgeführten danken ihm überschwenglich, einer weint +vor Freude. Josi mahnt: »Nur Mut! -- gangbarer Fels und Schutt ist nicht +weit, aber ein Umweg ist nötig.« + +Er kennt die Gegend genau, er hat über der Planke manchen Tautropfen +gebrochen, er löst auch jetzt einen, den sein geübter Blick in einer +kleinen Höhle entdeckt hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die +Westentasche. + +»Aufpassen!« ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht im Bogen und +Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren Vorsprüngen entlang. Er würde +den halsbrecherischen Weg in einer Viertelstunde machen, aber er muß den +Ermüdeten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen die Füße einstellen, +die Handgriffe zeigen, die mutlos werdenden Zurückgebliebenen nachholen, +einen um den anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter +Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel -- die Nacht ist +gesunken -- aber jetzt! -- endlich! -- endlich hat die Gesellschaft ein +sanftes Geröllfeld erreicht -- Josi will jauchzen, er kann es nicht vor +Erschöpfung. Heiser nur sagt er: »Ihr seid auch da, Grieg!« + +Thöni spürt aber kaum den sicheren Boden, so fährt er Josi an: »Du +hättest uns nicht zu holen brauchen, du Laushund, ich wäre schon +losgekommen. Den Schimpf machen wir einmal handgreiflich aus!« + +»Gut, Ihr könnt Euch nur melden!« + +Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten und die Hilfskolonne +im Dorfe an. Einheimische und Fremde wachten. Unter der Thüre des Bären, +wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher Achtung +entgegentrat und beide Hände reichte, brach er, den Jubel der +Glückwünschenden in den Ohren, zusammen. + +Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der Presi in jene Stube +rufen ließ, wo sie sich nach dem Tod der Mutter gegenüber gestanden +hatten. Als der mißtrauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn +der Bärenwirt fast feierlich. Er stand auf, stützte die Linke auf das +Pult und reichte ihm die Rechte: »Setzen wir uns! Ich bekenne, daß ich +Euch eine Weile unterschätzt habe, Blatter, sonst hätte ich Euch nicht +zu Bälzi gethan. Zunächst danke ich Euch, daß Ihr die fünf geholt habt. +Die Rettung ist ein Ehrenblatt für Euch.« + +Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem Lob des Presi wie auf +Nadeln. Der Mann, der so mit Wärme und Achtung zu ihm sprach, war der, +der ihm die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch Binias +Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander und verwirrten ihn. + +»Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien. Das ist ein +abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat hat indes einstimmig beschlossen, +daß man Euch kein Hindernis in den Weg legen will. Im Frühling werdet +Ihr ja volljährig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft +entlassen.« + +Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach: »Wenn man ins Leben +geht, dann ist es von besonderer Wichtigkeit, daß man die Freiheit, sich +zu wenden und zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich möchte +Euch einen Reisepfennig mitgeben. -- Ihr seht, wenn ich gebe, bin ich +nicht klein!« + +Er reichte Josi etliche Blätter Banknoten. Der junge Mann fuhr auf, er +wollte reden, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Nur ein +seltsames »Herr Presi!« würgte er hervor. + +So viel Geld hatte er natürlich noch nie beisammen gesehen, dachte der +Presi, mißverstand seine Bewegung und hielt sie für Gier. + +»Ich will keinen Dank, die Blätter sind für das Herunterholen der +Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung -- nehmt sie herzhaft.« + +Eine verwirrende Liebenswürdigkeit lag in seinem Ton. + +»Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter. Gebt mir nur das +Versprechen in die Hand -- daß Ihr -- wenn Ihr je aus Indien zurückkehrt +-- mit Binia nichts zu schaffen haben wollt. -- -- Es kann nicht sein -- +es darf nicht sein. -- Ich sage es Euch in heiligem Ernst: Ich leide es +nicht -- ich leide es nicht.« + +Düster und trotzig waren seine letzten Worte. + +Nun aber brach Josi los: »Herr Presi, glaubt Ihr, daß ich meinen Vater +schände? Um wie viel weniger Geld habt Ihr ihn in jener Nacht +gekreuzigt, daß er an die Weißen Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je +einen Rappen[27] an aus Eurer Hand?« + + [27] _Rappen_, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime. + +Etwas Ergreifendes, Rührendes lag im Zorn des Burschen, eine durch +Bescheidenheit gezügelte heiße Entrüstung. + +Seppi Blatter und Fränzi in einem, ein verdammt schöner Bursche, dachte +der Presi. + +»Und Binia?« fragte er mit einem leisen Seufzer, schon halb verstimmt. + +In den Augen Josis loderte es, er keuchte: »Herr Presi, ich bin kein +Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte mir das Recht, das Mädchen um +seine Hand zu fragen, das mir am besten gefällt. Und im Glotterthal +ist's ja noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer Bursch darf +um ihre Hand anhalten.« + +Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: »Gewiß darf er darum +anhalten -- es kommt aber nicht aufs Fragen, sondern auf den Bescheid +an, den er erhält. -- -- Wollt Ihr das Geld, Blatter?« + +Das letzte sprach er mit hartem, höhnischem Klang. + +»Nein, Herr Presi!« + +Das tönte nicht herausfordernd, aber als wären die Worte von Granit. + +»Du Steckgrind -- ein Rebell bist und bleibst du!« -- Der Presi schrie +es. -- »Mit dir habe ich es gut gemeint. Ich habe wollen Frieden +zwischen mir und dir machen -- du bist aber ein Thor -- ein +wahnsinniger, verstockter Thor -- -- he, du und Binia? -- Wo nimmt auch +so ein Fötzel das Recht her, an so etwas zu denken?« + +»Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen reden, helf' mir +der Himmel, daß Ihr mich dann nicht mehr so verachten könnt.« + +Josi sagte es bescheiden -- doch das Wort war Oel ins Feuer. + +»Gottes Heilige hören es -- die Tatze soll mir eher aus dem Grabe +wachsen, eher soll ein Traum, den ich einmal gehabt habe, in Erfüllung +gehen und Binia von einem Gespenst erschlagen werden -- als daß ihr zwei +zusammenkommt.« + +»Ihr redet entsetzlich!« Helle Thränen liefen Josi über die braunen +Wangen. »Lebt wohl, Herr Presi!« + +»Dich mögen in Indien die Königstiger fressen!« + +Er donnerte es dem Forttaumelnden nach -- -- + +»Ihr redet entsetzlich!« Dem Presi klang der Ausruf Josis im Ohre fort, +es lag darin etwas so Wundes, wie wenn ein Tier aus tiefsten Nöten +schreit. Aus sich selber wiederholte er: »Ich redete entsetzlich!« Ihm +war, er müsse Josi zurückrufen, er müsse ihm noch etwas sagen. Ein +seltsamer Einfall kam ihm. Er wollte zu George Lemmy sprechen: »Laßt +mir Josi Blatter da -- er paßt mir als Bergführer.« Eine sonderbare +Empfindung durchrieselte ihn. Er könnte, war ihm, den schönen, +gescheiten, rechtschaffenen, heimlich stolzen Burschen unendlich lieb +haben -- lieb wie einen Sohn, -- er staunte, wie ihm der Gedanke +angeflogen kam -- er sperrte sich wütend dagegen -- er zitterte -- er +schwitzte und schnaufte. + +»Ich muß noch einmal mit ihm reden! -- Seppi Blatter -- Fränzi. -- Habt +ihr Gewalt über mein Herz?« + +Nach drei Tagen aber sammelte sich in der Morgenfrühe ein Häuflein +Dörfler vor dem Bären, um Josi Blatter, den Abenteurer, abreisen zu +sehen. Der Bärenwirt stand auf der Freitreppe und winkte, wie ein Wirt +winkt, wenn ein so angesehener Gast wie George Lemmy geht. -- + +»Jetzt habe ich doch nicht mit ihm geredet.« Seit einer Weile saß der +Presi, den Kopf stützend, am Tisch. Und wütender über sich selbst als +über Josi, murmelte er: + +»Binia erschlagen -- nein -- nein -- das ist Wahnsinn.« + +Bei sich selbst war er überzeugt, daß Josi Blatter in drei Jahren als +Freier vor ihm stünde. + +»Nun wohl -- dann Gewalt gegen Gewalt.« + +Da kam Thöni: »Ich führe das Gepäck des Engländers nach Hospel!« + +»Gut -- doch noch etwas! Der Schwager Kreuzwirt fährt Ende dieser Woche +oder Anfang der nächsten über den Hochpaß. Ich lasse ihn um den großen +Gefallen ersuchen, daß er Binia aus dem Kloster heimbringt.« + +Als Thöni gegangen war, lächelte der Presi glücklich: »Binia -- wenn du +schon an dem Burschen hängst und thöricht bist wie alle Weiber -- mein +lieber Herzensvogel bist du doch!« + + + + +XI. + + +»Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller Kerl bis ans +Ende,« sagten die zu St. Peter, als sie sahen, daß er mit seinem +Engländer das Glotterthal nicht auf dem Weg über Tremis, Fegunden und +Hospel verließ, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern sich +mit ihm vom Haus des Garden über die unwegsame Schneelücke wandte. + +An der Grenze zwischen Weltland und Weißland erhebt sich ein altes +verwittertes Holzkreuz, bei dem die Hirten sommers über ihren +Sonntagsdienst halten. Bis dorthin, wo man eben noch die Kirche in der +tiefen Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem Kreuz +knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum Abschied eine +gemeinsame Andacht. + +Mit Thränen in den Augen blickte Vroni Josi nach. Als sie aber immer +noch ihr Tüchlein schwenkte, da stapfte er schon unentwegt mit seinem +Herrn in die große wilde Gebirgseinsamkeit hinein. + +Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt. Sie aber war +vor Schmerzen vergangen: den Vater, die Mutter hatte sie schon verloren +-- und nun verlor sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, daß er +je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und in ihrem Herzen summte +das Kirchhoflied: + + »Und als er stand an blauer See, + Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.« + +Sterben wird er vor Heimweh! + +Während seine sanfte Schwester mit den großen Blauaugen in Thränen +träumte, was doch so ein lieber Bruder für ein böser Mensch sei, schritt +Josi tapfer in die Zukunft und mit seinem Herrn quer über Gletscher und +Hochgebirge. Drüben in einer kleinen Stadt wollten sie Felix Indergand, +der in einigen Tagen nachzukommen versprochen hatte, erwarten und dann +von Genua aus die große Reise nach Indien antreten. + +Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und herbstlich still. Aus der +Höhe ertönte der Ruf der Zugvögel. Die vom Sommer ausgelaugten und +ausgewitterten Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr +wäre, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich bei ihrer +Säumerei über die Schneelücke in Stürmen und Wettern Ladungen Silbers +verloren hatten, so würde man sie jetzt wohl finden können. + +Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er nach Indien gehen, ohne zu +Binia, die er für ewig verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben? + +Unter einem überhängenden Felsen, bei den Resten alter Jägerfeuer +übernachteten sie. »Brigante, solche Nächte unter freiem Himmel wird es +auch bei unserer Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so +still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und brüllen ringsum!« + +Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon. + +Am Morgen standen sie auf einem mächtigen Firngrat, einem +wunderherrlichen silbernen Wall, wo der Himmel so nahe schien, als +könnte man den dunkelblauen Teppich mit der Hand streicheln. »Boy, wo +ist jetzt das Glotterthal?« + +Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte, war ein kleiner +dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar. Da konnte es Josi kaum +fassen, daß er sein ganzes bisheriges Leben in der schwarzen Spalte +zugebracht habe. + +Dort saß Vroni. + +Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im Süden unter ihnen, wo +die Berge ausgingen, geheimnisvolle Bläue. Ist das wohl das Meer? dachte +Josi. Da wies ihn George Lemmy auf weiße Flecken, die in der Bläue +schwammen, und sagte: »Das sind die italienischen Städte.« + +Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen klaren Wasser entlang +durch eine grüne Berglandschaft und kamen auf die schöne Straße, die vom +Hochpaß herniederführt. + +George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch den Wald über eine +Wurzel gestrauchelt und hatte den Fuß leicht verstaucht. + +Im ersten Dorf nahmen sie ein Wägelchen und fuhren durch den goldenen +Abend. + +Kirchen, Klöster und Schlösser hoben ihre Türme aus Kastanienhainen und +in der Ferne schimmerte eine Stadt. Fröhliches Volk in bunten Trachten +kam ihnen entgegen, Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den +Gruß in einer fremden Sprache zu. + +Der Kutscher, der wohl an Fremde gewöhnt war, wies mit der Peitsche +nach allen Sehenswürdigkeiten und erklärte den beiden in mangelhaftem +Deutsch ihre Namen und Bedeutung. + +Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen. + +Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster aus mächtigen +Bäumen, unter denen ein Zickzackweg zu dem großen alten Bau +hinaufführte. An weißen Kapellen vorbei, die den Weg schmückten, sah man +das von Epheu umrankte Thor und durch die Bäume, die reichlich Frucht +trugen, blitzte neben dem Kloster der See. + +»Das sehr berühmte Kloster Santa Maria del Lago mit den +dreihundertjährigen Pinien,« erklärte der Fuhrmann. + +Da überzwirbelte dem starken Josi das Herz. + +Gleich hinter dem Hügel, auf dem das Kloster steht, lag die Stadt, und +vor einem kleinen netten Gasthof hielt nach der Weisung George Lemmys +das Fuhrwerk an. Da übernachteten sie. + +Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte dieser: »Josi, +Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert, der Fuß ist elend +geschwollen. Ich fürchte aber, daß du ein schlechter Krankenwärter bist, +darum bleibe mir ein gutes Stück, mehr als dieses Zimmer lang ist, vom +Leib. Die Wirtin wird dich unten füttern, doch strecke alle Tage den +Kopf einmal herein. Da hast du etwas Klingendes in die leere Weste und +hörst du: Wein, Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den +Worten: %Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!% + +Und nun versuche einmal, wie sich' s auf eigenen Füßen geht.« + +Josi war glücklich. Einige Tage frei. Und er war jetzt so nah bei +Binia! Aber die Welt war ihm so fremd, daß er kaum wagte, sich zu +rühren. Durfte er zu dem Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein, +nein! Der Knecht hatte es schon thun dürfen, denn er war ein alter +stoppelbärtiger Mann ohne alles Verdächtige. Ihm aber würde alle Welt es +ansehen, daß ihn die Liebe zu Binia hingetrieben. + +Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den Bögen der Häuser das +Kupfer schmiedeten, das Leder klopften und das Holz bearbeiteten. Ein +Schneider, der die Brille tief auf die Nase gerückt hatte, sang beim +Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein, das er mit der +Mutter, mit Vroni und Binia gesungen, aber freilich, wenn er an den +Presi dachte, war ihm nicht ums Singen. + +Eine Weile später strich er doch um das Klostergut und sang: + + »Das Steingenelk, die Königskerzen + Erblühn voll Pracht im heil'gen Rund, + Sie steigen aus gebrochnen Herzen + Und jede Blume ist ein Mund!« + +Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet jenseits der +epheuumsponnenen Klostermauer eine silberne Stimme mit der gleichen +Melodie. + + »O wie das weint, o wie das lacht, + Dem Flüstern horcht die Sommernacht!« + +Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. -- Er hört eine keifende +Frauenstimme, dann helles Lachen von jungen Mädchen. + +Er rennt davon. + +Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte und Melodie kennen? +In der fremden Welt hat er ihre Stimme gehört. Es wird ihm feierlich zu +Mut. Gewiß wird er sie auch sehen. + +Aber, wie er so überlegte, wurde er ganz traurig. Was nützte es, sie zu +sehen? Er wußte ja jetzt bestimmt und fest, daß sie nie zusammenkommen +würden. Ihm war, der gräßliche Wunsch im Mund des Presi, Binia möge eher +durch eine fremde Hand fallen, als daß sie mit ihm durchs Leben gehe, +habe allen Segen, der auf seiner Liebe zu Binia ruhen könnte, +hinweggenommen! + +Und doch war, seit er ihre Stimme gehört, sein ganzes Wesen in einem +Aufruhr der Hoffnung. -- Binia sehen! sie sehen! + +Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen großen weißen Schurz über +seine leutselige Seele und seinen dicken Bauch gespannt hatte und vom +Viehhändlerverkehr her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob die +Klosterschülerinnen in die Stadt zur Kirche kämen. + +Nein, antwortete der Gastwirt, sie hätten eine eigene Kirche, die +Klosterfrauen kämen nur an hohen Festen in die Stadt, aber sie besuchen +mit den naschhaften Mädchen oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja, +da kämen sie wahrscheinlich. Er möge um acht Uhr dort sein, wenn er die +Verwandte sehen wolle, aber ansprechen dürfe er sie nicht, dazu müsse er +sich schon im Kloster selbst anmelden. + +»Die Verwandte!« Josi lächelte ein wenig über die Vorstellung des +Wirtes. + +Am Morgen war er früh auf dem Markt. Als es acht Uhr schlug, entdeckte +er die kleine Klosterschule, einige Nonnen führten die Schar Mädchen, +die mit braunen und blonden Zöpfen einherwandelten und ihre Blicke +neugierig über die Menge der auf dem Markt gehäuften Früchte warfen. + +Binia war die Zierlichste und Schönste unter ihnen -- so schön, daß er +sie kaum ansehen durfte. Sie errötete, sie fuhr ein wenig zusammen, als +sie ihn bemerkte, dann schaute sie auf die andere Seite und hielt sich +dicht an die Schar der übrigen. Sie sandte keinen Blick zurück. + +»Jetzt sieht sie mich nicht einmal an,« dachte Josi, und schämte sich, +daß er sich so fest eingebildet hatte, Binia liebe ihn sterblich. + +Er war enttäuscht, er wagte es nicht, der dutzendköpfigen Gesellschaft, +die sich in eine Gasse verlor, zu folgen. Unruhig und verlegen schaute +er in das bunte fremde Gewühl der Käufer und Verkäufer. Sollte er +bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da drückte ihm ein blasser +Junge, der einen Bündel Schuhe über die Schultern gehängt hatte, einen +Papierstreifen in die Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging +erbost über Josi, der vor lauter Neugier das Geben vergaß, mit einem +%»Brutto Tedesc«% davon. + +»Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia.« Josi hatte genug +Arbeit, die paar Worte zu entziffern, das Blatt zitterte in seinen +Händen. »Wohl, wohl sie liebt mich,« jauchzte es in ihm. + +Wie lange es nicht elf Uhr wurde! + +Pochenden Herzens stand er vor dem Pförtchen unter einem Kastanienbaum, +der seine Aeste in die Flut senkte. Da bimmelte das Glöcklein im +Kloster; während es noch tönte, ging die kleine Thür in der Epheumauer +auf. + +Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade so leicht und flüchtig +wie einst, huschte Binia hervor, eine Gärtnerin hob warnend den Finger +auf und rief ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schloß sich das +Pförtchen wieder. + +Man sah, wie Binia das Herzchen flog. »Josi, wie kommst du auch da her?« +rief sie. + +Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm glüht der Kopf, er weiß nichts zu +sagen. + +Binia ist so schön, daß er es kaum wagt, ihr die Hand zu geben, und wie +er die weichen Finger in den seinen hält, da ist ihm, er halte einen +jungen Vogel, dessen Brust er schlagen fühlt. + +Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem sie hastig erzählt, sie +sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin bemerkte, unter dem Vorwand, sie +bedürfe neuer Schuhe, in eine Werkstätte geschlüpft, habe dort die Zeile +geschrieben und nach der Heimkehr die Gärtnerin bestochen. + +Nun lachte sie schelmisch auf, faßte Josi bei der Hand und zog den +Willenlosen von der Klostermauer hinweg unter den Bäumen hindurch, bis +sie an eine kleine stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief. +Dort stand sie mit ihm still. + +»Gelt, das ist schön hier, Josi,« sagte sie, »der See und die weißen +Segel und der Duft um die Berge, aber im Kloster ist's häßlich!« + +Traurig erwiderte Josi: »O Binia, ich gehe jetzt in die weite Welt -- +ich gehe nach Indien. Noch einmal aber habe ich dich sehen wollen. -- +Grad wie ein Engel bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und +weißt nicht, wie du mir dort in meiner unsäglichen Schmach wohlgethan +hast! -- Also lebe wohl, Bineli -- ich wünsche dir tausendmal Glück und +alles Gute!« + +Er streckte ihr die Hand entgegen. + +Binia machte ein sehr betrübtes und rührendes Schmollmündchen, das +bebte, als wollte es weinen: + +»Aber Josi.« + +Da hörten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Plötzlich blitzte es in +ihren Augen auf, sie hob sich auf die Zehenspitzen, sie legte die +Handmuschel an den Mund, als wollte sie laut Antwort geben, sie lächelte +aber nur: »Ich komme nicht!« + +Josi war ganz verwundert: »Binia!« + +»O, Euphemia, die alte Gärtnerin, wird sich schon herauslügen, daß ihr +nichts geschieht. Du glaubst gar nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern +alle gut lügen können. Ich allein kann's nicht -- ich bin zu ungeschickt +dazu.« + +Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes Gesicht, hielt den +Fingerknöchel an die weißen Zähne und schaute den Burschen mit ihren +dunklen Lichtern ganz komisch an. -- »Josi,« schmeichelte sie, »weil du +da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die Füße, heute wollen +wir zusammen durch Luft und Sonne laufen, bis das Abendrot scheint. Ich +dürste nach ein bißchen Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater +bekommen, daß mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und ich +wieder nach St. Peter zurückkehren kann. Da können mir, wenn ich ihnen +auswische, die heiligen Frauen nicht mehr viel thun. O glaube mir, Josi, +das sind furchtbar grausame Weiber!« + +Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt. + +»Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewiß nicht grad wieder ins +Kloster hinein!« + +Sie zog ihn mit. -- Die Liebe zu Binia und der Trotz gegen den Presi +besiegten seine Vorsätze. Still wie Flüchtlinge gingen sie eine Weile +durch Bäume und Gesträuch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf. +Sie entdeckten bald, daß man sie nicht verfolge, auf der Höhe stieß +Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich. + +»Josi, es ist so schön von dir, daß du gekommen bist. Niemand stört uns +in dieser fremden, sonnigen Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine +Narbe immer noch!« + +Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia darüber hin, er sah das Licht +rosig durch ihr kleines Ohr schimmern, die Spitzen ihres dunklen +Seidenhaares berührten sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange +streifte ihn. + +Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden Stimmen des Glückes +vermochten die Sorge nicht ganz zu übertönen. »Du, Binia,« hob er etwas +beklommen wieder an, »es ist mir gar nicht recht.« -- + +»Was bist du für ein schöner Bursch geworden, Josi,« unterbrach sie ihn, +»berichte mir von daheim -- ich bin so neugierig.« + +Während er erzählte, gingen die feinsten Spiele über ihr Gesicht, es +wurde fröhlicher und fröhlicher -- als er ihr schilderte, wie er Thöni +von der Planke geholt hatte, klatschte sie in die Hände: »Josi, das ist +herrlich -- ich möchte dir gern etwas Liebes anthun, aber ich weiß nicht +was!« Und mit demütiger Stimme: »Ich weiß nicht, warum ich dich so lieb +habe, Josi.« + +»Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!« + +»Das ist merkwürdig,« erwiderte sie träumerisch und ihre Stimme wurde +wieder hoch und fein. »Am Wassertröstungsmorgen, als ich sah, wie deine +Mutter wegen meines Vaters litt, da war's, als stände plötzlich in +meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!' Und als der +Vater mißverstand, was ich im Fieber redete, als er dich haßte, da wurde +die Liebe nur größer; als er dich zu Bälzi als Knecht gab, da wuchs sie, +als du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein Vater +schlug, da wußte ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut Josis um mich, jetzt +kann ich ihn nicht mehr lassen, selbst um meine Seligkeit nicht! Und so +ist's mit mir: Würdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so würde +ich steigen, bis ich vor Müdigkeit umsänke, und würdest du befehlen: +'Schwimme über diesen See', so würde ich mit meinen Armen rudern, bis -- +du ziehst so ein finsteres Gesicht, Josi -- ich bin ganz unglücklich -- +du denkst gewiß, es sei schlecht von mir, daß ich mit dir gehe, obgleich +es mein Vater nicht gern hat -- aber ich habe dich halt so lieb!« + +Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und schämig. + +»O Binia,« antwortete er, »du hast recht -- ich will mich mit dir an dem +schönen Tag freuen -- es ist vielleicht der einzige, den wir erleben.« + +Sie gingen weithin über die sonnigen Hügel mit den prangenden +Herbstfarben, aber eine leise jugendliche Scheu schritt noch zwischen +ihnen, die manches, was sie sagen wollten, zurückhielt. Um so mehr +redeten ihre Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen +das andere. + +Vor sich an einer Höhe sahen sie in die welkenden Bäume hineingespannt +die Netze eines Vogelstellers. Neugierig wie Kinder liefen sie hinzu und +beschauten die malerisch hängenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln hing +mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen Vogel um den anderen +vorsichtig heraus, betrachtete lächelnd jedes Tierchen, preßte ihm einen +Kuß auf den Schnabel und gab ihm die Freiheit. Die Vögel flatterten erst +ängstlich, spürten dann die Befreiung, flogen in die Höhe und freudiges +Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die Erde zurück. + +Josi staunte Binia nur an: »Du herrliches Kind! Wenn aber der Mann käme, +dem diese Vögel gehören!« + +»O, ich habe den Nonnen manchmal den Spaß verdorben, und sie haben die +Thäterin nie erwischt. Ich hätte mich auch für ein glückliches +Vogelherzchen die ganze Woche einsperren lassen. -- -- Josi« -- ihre +Finger berührten seine Hand -- »vielleicht bin ich auch einmal so ein +armes Schelmchen -- und dann kommt jemand Barmherziger und löst mich.« + +Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund aber lächelte +herzgewinnend. + +»Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen, wie wir trotz dem +großen Zorn deines Vaters zusammenkommen könnten,« stammelte Josi. »Und +ich weiß es -- es bleibt mir nichts anders übrig, als daß ich für unsere +Liebe an die Weißen Bretter steige.« + +Da lehnte sie ihr Köpfchen schluchzend an seine Brust: »Das willst du +für mich thun, Josi! Nein -- nein. -- Das darfst du nicht. -- Du würdest +fallen, wie dein Vater gefallen ist. -- Und denke an meinen Vater -- ich +habe ihn, wenn er auch manchmal wüst und böse ist, doch so stark lieb; +ich möchte nicht, daß die Nachtbuben kämen, um dem Gemeinderat im Werben +zu helfen, und die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen: +'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da würde er auch erst recht +wild über dich.« + +Sie sah ihn hilflos an. + +»Binia, so thöricht bin ich nicht. Ich plane es anders! Kein Mensch weiß +es, was ich thun will, dir aber, liebes Bineli, will ich es verraten. -- +In drei Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter aus der +Blutfron an den Weißen Brettern befreien. Um zu lernen, wie ich's +angreifen muß, gehe ich mit George Lemmy nach Indien.« + +»Josi! -- Du willst St. Peter aus der Blutfron befreien.« -- Ein +überirdischer Glanz lag in ihren Augen und das Wort tönte wie ein +Schrei. Sie schaute ihn staunend an, sie preßte seine Hände. »Josi, +kannst du das? -- Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben. -- Ich +halte dich nicht zurück -- nein, lieber Josi, thu's -- thu's! -- Meine +Gedanken sind mit dir, wenn du an den Brettern schaffen wirst.« + +Weiter, weiter führte sie die Sonne unter Kastanienbäumen dahin, die +ihre stachlichten Früchte auf den Boden fallen ließen. Tief unter ihnen +gegen den See hin jauchzten die Winzer in den Reben. + +Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie hatten zu viel von +Brust zu Brust zu tauschen. + +Binia glühte für Josis Plan. + +»Josi, jetzt weiß ich, warum ich dich so lieb habe. Du hast halt ein +großes, mutiges Herz -- und als ich es noch nicht wußte, habe ich es +doch schon geahnt, denn es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir, +ein Thor habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe hinaus in +den Frühling wandern kann. Es kommt alles, alles gut! Sieh, nur ein +festes Vertrauen braucht es, dann werden zuletzt alle Träume und Wunder +wahr -- auch das unserer Liebe und unseres Glücks. Gewiß ist mein Vater +der erste, der dich mit Freuden empfängt, wenn du die Blutfron von St. +Peter nimmst. Er hat Sinn für alles Große.« + +»Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder zu glauben und zu +hoffen an -- du liebes, liebes Kind.« Er schlang den Arm um ihre Hüfte +und so wanderten sie in heiligem Glück. + +»Das ist ein herrlicher Tag,« jubelte Binia. + +Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke an den Fluch des +Presi verschwand vor der blühenden Wirklichkeit. So schön hatte er sich +das Leben nie gedacht. Wie das nur kam, daß er so allein mit Binia durch +die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte er es nur verdient? Rein +wie der milde blaue Herbsthimmel erschien ihm sein Leben, es war ihm, +als müßte es nun immer so bleiben und als stände nun die Zeit über ihm +und Binia stille. + +Wie lange ist so ein glücklicher Tag! + +Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abwärts, und mit freundlichem Zuruf +grüßte Binia das bunte Völklein der Winzer, dieses reichte ihnen dafür +Trauben und Pfirsiche über Mauern und Häge und lachte dem wandernden +Pärchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der Erntenden waren, schob +eines dem anderen scherzend die Beeren in den Mund. + +»Ich habe gar nicht gemeint, Josi, daß du so lieb und artig sein +könntest,« lachte Binia. + +Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo man die Aussicht auf +den Spiegel des Sees frei genießt, setzten sie sich auf eine Bank im +Garten. Die Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas zu +essen und zu trinken wünschen. + +Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand, da nippten sie nur an +den Gläsern. Die Wirtin schaute ihnen etwas betrübt zu und versicherte +sie, daß die Speisen gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein +paar Schnitten des rötlichen Fleisches in den Teller Josis. Sie selber +möge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin. + +Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah, wie Binia plötzlich +erglühte. + +Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia, warum sie so rot geworden +sei. + +Sie senkte, aufs neue errötend, das Köpfchen, schlug die Augen auf und +lächelte kaum merkbar: »Wenn ich's nur sagen dürfte -- sie -- hat +gefragt -- ob wir Brautleute seien.« + +Da übergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem Rot und seine Narbe +trat deutlich hervor. Zögernd fragte er: »Was hast du ihr geantwortet?« + +»Es hat mich halt so schön angemutet, da habe ich 'Ja' gesagt.« Sie +flüsterte es mit feiner Stimme, sie lehnte sich zurück, daß er sie nicht +sehen konnte, sie schmiegte sich so an ihn, daß ihr weiches Haar, das +sich um die Schläfen wand, sein Ohr berührte und umschlang mit ihrem Arm +seinen Arm. + +»Hätte ich es nicht thun sollen, Josi?« + +Da suchten sich ihre Hände, und als sie sich gefunden hatten, flüsterte +sie: »Jetzt sind wir aber auch wirklich Brautleute.« + +Josis Augen strahlten. + +Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem noch blühenden Stock +schnitt sie die Rosen und gab sie Binia mit einem Glückwunsch. Binia +steckte die Knospen an die Brust und nun drängte sie zum Fortgehen. Sie +wollte mit Josi allein sein. + +Das erste Stück Weges gingen sie schweigend. Da sagte Binia wie im +Traum: »Ringe haben wir noch nicht!« + +»Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli -- einen Tautropfen von der +Krone. 'Tautropfen' habe ich dich immer genannt, wenn ich an dich +dachte, Bineli.« + +»Das ist lieb,« sagte sie leuchtenden Blicks. »Ich möchte gern ein +Tautropfen sein, so rein, so frisch, so sonnenvoll, damit ich dir immer +gefalle, Josi. Ich habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner +Mutter selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er gewiß an einer +treuen Brust. -- Ich gebe dir diesen Mädchenreif -- er ist zu klein für +deinen Finger. -- Aber trag ihn auf dir. -- Küsse ihn jede Nacht und +denke an mich.« + +Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, er küßte sie auf die Schläfe. + +Da küßte sie ihn auf den Mund -- er sie wieder. + +Auf dem See lag ein weicher Abend und hüllte die Welt in Licht und +goldigen Duft. Binia sah in süßer Träumerei vor sich hin. »In drei +Jahren kommst du wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann +alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen kommst.« + +In der Dämmerung erreichten sie die Nähe der Stadt wieder. Binia war +still. Die lange Wanderung hatte sie müde gemacht und ihre tolle +Entweichung aus dem Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken. + +»Was wird man dir anthun, arme Bini?« + +Sie zwang sich zu einem Lächeln: »Auf einem kantigen Scheit werde ich +neben der Nonne knieen müssen, welche die Nachtwache hat, und beten.« + +»O, du armes Kind,« erwiderte Josi voll tiefen Mitleides. + +»Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich und an den langen +schönen Tag.« + +Wie mild und innig das von ihren Lippen floß. Josi wußte nicht, sollte +er jauchzen vor Glück oder weinen, daß sie seinetwegen in so grausame +Strafe kam. + +Am mondbeglänzten See betrachteten sie die kleinen Heiligtümer noch +einmal. + +»Jetzt sind wir verlobt,« hauchte Binia, »jetzt bin ich deine Braut.« + +Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit, aber sie waren nun in +die Nähe des Klosteraufganges gekommen und plötzlich drückte sie Josi +heftig die Hand und küßte ihn leidenschaftlich: »Lebewohl, lieber, +lieber Josi, wir sehen uns gewiß wieder und es kommt alles gut.« + +Dann riß sie sich los, kam nach ein paar Schritten noch einmal zurück: +»Josi!« Ein schmerzlicher Schrei aus blassem Gesicht, und dann +verschwand die flüchtige Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und +starrte in die Dunkelheit, dann hörte er den schrillen Anschlag der +Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam, da riß auch +er sich von der Stelle los. + +Wachte er oder träumte er? Er küßte das Ringlein Binias, er dachte so +innig, so heiß an sie, die jetzt um ihn litt. Aber auch der Fluch des +Presi peinigte ihn wieder. + +Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer George Lemmys steckte, rief +dieser lustig: »Boy, der Fuß ist schon fast besser -- Felix Indergand +ist da -- morgen reisen wir!« + +Da trat Indergand, der starke, kräftige Mann mit dem offenen Gesicht, +unter die Thüre: »Blatter, eben ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner +Nichte aus der Stadt gefahren.« + +Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und faltete die Hände: »An +die Weißen Bretter für Binia!« dachte er. »Was man im Namen der heligen +Wasser thut, das muß unabwendbar geschehen. Ich will's glauben wie die +zu St. Peter und dem Himmel mit einer That für den schönen Tag danken.« + + + + +XII. + + +Im Bären ist es, seit die Fremden fort sind, sonntäglich still. Der +Presi sitzt in der großen Stube am Tisch unter dem Meerweibchen, raucht +seine Zigarre und erwartet den Garden. + +Draußen im Flur hört er Binias Stimme. »Wie sie schön singt!« + +Der Presi hat eine aufrichtige Freude über die Wiederkehr Binias. Nicht +bloß weil damit ein böser, übereilter Streich gut gemacht ist, sondern +weil der Anblick des Mädchens sein Herz erquickt. Seine Augen bleiben, +so oft er es sieht, an dem Kinde hängen. Sie ist zwischen Siebzehn und +Achtzehn und der Aufenthalt auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im +geringsten geschadet. Sie ist frisch und schön, sie ist größer geworden, +die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfmädchen, dafür sind ihre +Glieder zu zart. An der ganzen lieben Gestalt sieht man eigentlich +nichts als die Augen, die unter den langen Wimpern so groß und dunkel +sind, die so lebendig leuchten, daß einem darüber ganz warm ums Herz +wird. + +Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von ihm, vom Presi, sie +sei überhaupt sein Ebenbild, aber nur so, wie ein feines junges +Tännchen einer Wettertanne gleiche. + +Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich lächelt er jetzt. Binia singt. + +»Wenn sie nur nicht immer dieses häßliche Kirchhoflied singen würde,« +denkt er. »Aber es ist das einzige Lied, das sie kennt. Und das beste, +sie singt. Sie hat es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr +Gesang beweist, daß ihr die Abreise Josi Blatters gleichgültig ist. Ja, +das Kind wird schon noch vernünftig, die Luft ist jetzt rein. Es ist +gut, daß ich mit dem Burschen nicht mehr geredet habe.« + +Das Lied Binias bricht ab. Sie hat draußen ein kleines Wortgefecht mit +Thöni. Sie zanken sich wie ehedem. + +Da kommt der Bursche in die Stube: »Es ist da ein Brief für Euch, +Präsident!« Und geht. + +Der Presi liest, über sein vergnügtes Gesicht fliegen die Schatten +tiefer und tiefer, vom Vergnügen sieht man keine Spur mehr -- nur +zuckende Wetter. + +»Gott's Donnerhagel, daß ich es an dem Tage nicht merkte, wo sie über +die Schneelücke gingen. -- Ein Telegramm -- sie hätte im Kloster bleiben +müssen. Ah -- ah -- eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was bin +ich für ein Kalb!« So führt er mit rotem Kopf das Selbstgespräch und +knirscht vor Wut. + +In dem Augenblick, wo der Presi so ächzt, tritt der Garde mit schwerem +Tritt in die Stube und sieht die Verwüstung in seinem Gesicht. + +»Was giebt's, Presi?« Da reichte ihm dieser nur den Brief der Priorin +von Santa Maria del Lago. Draußen hatte Binia ihren Gesang wieder +aufgenommen. + +Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig auf den Tisch legte, +stöhnte der Presi: »He, das ist eine schöne Geschichte -- wenn man da +nicht verrückt wird. -- Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort, +daß sie einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut, und +biete den beiden die Gelegenheit, daß sie einen ganzen Tag ungestört +miteinander herumludern können. Das wird schön zu- und hergegangen sein +-- der lausige Blatter -- und mein Kind!« + +Er preßte die Pratze an die Stirne. + +»Schämt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind -- ich kenne Josi. Da ist gewiß +weniger geschehen, als wenn die Bursche und Mädchen in Hospel draußen +auf dem Tanzplatz sind. Rechte Liebe ist ehrfürchtig, eines für das +andere.« + +»Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag halt den +Wildheuerbuben nicht leiden.« + +Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines Freundes und Gegners. + +»Hört, Presi! Im Frühjahr vor einem Jahr, damals, als Fränzi starb, habe +ich mehr aus Zorn über Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir +genommen. Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein geworden, +daß wir nicht mehr leben könnten ohne sie!« + +»Ja, das weiß das ganze Dorf, daß Ihr als alter Knabe verliebt seid in +das Jüngferchen. Sie ist auch ein artiges Kind. Ihr hättet es mir wohl +in den Bären geben können.« + +Mit einem höhnischen Lächeln sagt es der Presi. Der Garde aber fuhr in +ehrlicher Entrüstung los: »Verliebt. -- Presi, schaut, wie viel graue +Haare ich habe im Bart. Wißt Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen +von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt hat es sich, daß der +Bube, für den sie so viel gelitten hat und für den ich an die Weißen +Bretter gestiegen bin, als ein Blödling aufgewachsen ist. Wir haben +keine wahre Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen und +die Gardin hat sich halb zu Tode gekränkt, daß ihr just so einer als +einziger beschieden war. Als er fünfzehn gewesen ist, hat er immer noch +nur blöde zugeschaut, wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den +Steinchen gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin ins Herz +geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag gar nicht zusammen reden +mögen. Jetzt aber, seit Vroni da ist, ist er wie ausgewechselt. Fröhlich +sichelt er neben ihr oder hält mit den Knechten die Mahd, die schwachen +Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und hat Freude am Reden. +Das Herz geht mir auf, wenn ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie +wenn ein Wunder des Glückes über den Burschen gegangen wäre.« + +Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend die Hand hin: +»Ich verstehe Euch schon, ich wünsche Euch Glück zur Schwiegertochter. +Ich hätte einen anderen Geschmack gehabt, Garde.« + +Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi den Garden, dann +erwiderte er ruhig: »Ich wollte gern, das Mädchen, das artige, gute, +nähme Eusebi, ich darf es ihm nicht zumuten -- nein -- nein -- ich +dränge sie nicht zusammen. Die zwei müssen sich von selber finden.« + +Als er den Hohn sah, der über das sauber rasierte Gesicht des Presi +spielte, versetzte er barsch: »Ich gebe Vroni, auch wenn sie Eusebi +nicht nimmt, eine Aussteuer, wie sie in St. Peter keine Bauerntochter +bekommt, ich wünsche nur, daß sie noch ein paar Jährchen bei uns +bleibt.« + +»Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben müssen, Ihr erzieht ja das +Kind, als wär's vom Herrenhaus zu Hospel. Ist's denn richtig, daß sie +eine eigene Mauleselin besitzt?« + +»Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie schön sie auf der +Blanka zur Weinlese reitet!« + +»Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden, so kann's in St. Peter +gut kommen!« + +»Presi, seid doch still! -- Eure Fremden verderben das Thal, da wäre +viel zu reden. Jetzt hat der Glottermüller auch eine Wirtschaft +aufgethan. Das böse Beispiel.« + +»Ja, was ist denn an Vroni Besonderes,« lenkte der Presi ab, »daß Ihr +dem Kinde ein Maultier geschenkt habt.« + +»Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten dürfen, Presi. +Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich mit Eusebi an die +Militäreinschreibung zu Hospel geritten. Fast gezittert habe ich vor dem +Tag und gefürchtet, Eusebi werde vor Scham, daß man ihn nicht zum +Militär nehme, wieder ein Blöder. Ich sitze während der Prüfung der +Rekruten im Kreuz und mache mir trübe Gedanken. Da kommt Eusebi früher +als ich ihn erwartet geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich +angenommen.' Er zittert vor Seligkeit, daß er das Glas nicht halten +kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum Wohlsein, Soldat!' +sagen, so hat mich die Freude, die ich nicht habe zeigen wollen, +gedrückt und gewürgt. 'Weißt, Vater,' erzählt er, 'wie mich so einer +mit Augengläsern angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe +hinter mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich aber denke +jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist kein Blöder mehr!' Ihr +hättet mir das schönste Heimwesen im Glotterthal schenken können, so +gefreut hätte es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht ein +Krämlein bringen?' -- 'Allerwegen,' antworte ich, 'deine Schulmeisterin +muß einen Kram haben,' ich gehe zum Maultierhändler Imahorn in Hospel +und von vierzehn Stuten kaufe ich die schönste, und wie wir heimkommen, +sage ich: 'Die ist für dich, Vroni, weil Eusebi zum Militär angenommen +worden ist!' Einem anderen, Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe +zweihundert Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin noch +heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren Herrgott vernarrt.« + +Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden spöttisch das Haupt, +aber seine Stimmung war eine bessere geworden. Auf den Brief der Priorin +deutend, murrte er: »Und nun meint Ihr -- das ist doch Eurer Rede +Sinn --, daß ich Josi auch auf einen Esel setzen soll? Die zwei +achtbarsten Männer von St. Peter die Schwiegerväter der Wildheuerkinder +und so eine Art Gegenschwäher!« + +Mit lachendem Hohn stieß er sein Glas an das des Garden. »Sagt ehrlich, +wenn es Eusebi so tagt im oberen Stübchen, was wär's mit ihm und Binia? +Der Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien wäre doch eine andere Freude +als nur eine Verwandtschaft durch die Wildheuerkinder.« + +Man wußte nicht recht, war es Scherz oder Ernst, so eigentümlich sprach +er es, der Garde aber schüttelte den mächtigen Kopf: »Etwas langsam ist +halt Eusebi immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches, +heftiges Blut. Das paßt wohl nicht zusammen.« + +»Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt, paßt die +Rebellin, die aus dem Kloster läuft -- -- nicht wahr, Garde,« sagte der +Presi halb höhnisch, halb lustig. + +»Ho!« erwiderte sein Gastfreund, »ich meine, Josi Blatter wäre mir an +Eurer Statt so lieb wie Thöni Grieg.« + +»Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Thöni Grieg! Er und Binia verkehren ja wie +Hund und Katze. Jetzt will ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini +-- Bini!« -- Er stand auf und rief es durch die Thüre. + +Das Mädchen, das mit seinem Gesang aufgehört hatte, als die beiden +Männer laut geworden waren, erschien, nichts ahnend, mit +freudestrahlendem Gesicht. + +»Da lies diesen Brief,« sagte der Presi streng. Ein Blick Binias in das +Schreiben, sie wurde dunkelrot und zitterte. + +»Was habt ihr an dem Tag gethan? -- rede nur, der Garde darf es auch +hören.« Es klang nicht eben bös, wie es der Presi sagte. + +Binia stutzte einen Augenblick, ihre Röte ging in Totenblässe über. Sie +warf sich vor ihm auf die Kniee, umschlang die seinen und hauchte leise, +doch fein und klar: »Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam +wir gewesen sind. -- Josi und ich haben uns -- verlobt.« + +Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf es neben die Knieende auf +den Boden, daß es in hundert Stücke zersplitterte. + +»Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel!« keucht er heiser, taumelt +und will mit den Fäusten auf sie los, aber der Garde hält ihn: »Laßt sie +ausreden!« und wie der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit +seinen eisernen Armen und drückt ihn auf den Stuhl. »Hockt ab, Presi, +und hört. Dann sprecht!« + +Binia wollte sich flüchten. »Bleibe, Kind!« knurrte sie der Garde an. + +Der Presi schnaubte und zischte: »Der Hund! der Hund! Wie wagt er sich +an dich? He, schöne Augen hast du ihm gemacht, du!« + +Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem Rücken an der Wand, an die sie +hingetaumelt war, nur die wogende Brust und die bebenden Nasenflügel +verrieten das pulsierende Leben. + +»Vater -- tötet mich -- aber ich sage es! -- Ihr seid mit Fränzi verlobt +gewesen, Ihr habt sie ohne Grund verlassen; ich aber muß an Josi gut +machen, was Ihr an ihr bös gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter +eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber ich lasse ihn +nicht, ich habe alles gehört, was Ihr am Wassertröstungstag mit der +Fränzi geredet habt. Da ist mir die Liebe gekommen.« + +Wie merkwürdig die feine verhaltene Stimme klang, ein Singen war es, +mehr als ein Reden, ein sonderbares Singen, wie wenn der Wind durch die +Waldwipfel streift, ein Ton, als flüstere er aus schweigender Höhe. + +Die Stimme brach, die Unglückliche schwankte und tappte der Wand entlang +gegen die Thüre. + +»Du --« + +Von schaumbedeckten Lippen zischte das gräßliche Wort, das Wort, das ein +reines Mädchen tötet. + +»Presi! Ihr habt Euch vergangen!« stößt der Garde mit einem Blick +hervor, als wolle er sich auf ihn stürzen. + +Der Presi röchelte. Plötzlich schoß er auf und faustete. Dann sank er +entkräftet auf einen Stuhl -- ächzte -- und nach einer Weile stöhnte er +wirr: »Jetzt ist es klar. -- Fränzi -- das hat mich immer gewundert, +wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner Stube verschwunden ist. -- -- +Bini -- Bini. -- -- Seppi Blatter -- Fränzi -- ihr seid grausam gegen +mich!« + +Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst als seine Wut in eine +weinerliche Wehmut überging, die dem gewaltigen Mann fast komisch stand, +sagte der Garde feierlich: »Ich will Euch eine Geschichte erzählen, ich +habe sie von Fränzi.« + +Der Presi krümmte sich unter dem Namen. + +»Hört, Presi! Auf der Burg zu Hospel saß ein Ritter. Seine Tochter +liebte einen Knappen. Zornig darüber ließ der Vater den Jüngling über +den Felsen, auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber stürzte +sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf machte der Ritter eine +Bußfahrt nach Rom. Als er über den Gletscher kam, da standen im Eis weit +voneinander die armen Seelen der Liebenden. Sein Töchterlein lächelte. +Da fragte der Ritter: 'Warum lächelst du, Kind, während du doch so +frierst?' Sie antwortete: 'O Vater, siehst du nicht, daß ich und mein +Liebster bald beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite +harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zurückkehrte, da waren die armen +Seelen einander so nahe gekommen, daß sie sich mit den Händen +erreichten. Bestürzt darüber, daß das Eis barmherziger war als er und +nachgab, bereute er seine Härte bitterlich. Da hörte er eines Tages eine +Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!' Da wußte er, daß die große +Liebe das Eis ganz überwunden hatte und die armen Seelen dicht beisammen +standen.« + +»Wozu das?« fragte der Presi dumpf. »An die armen Seelen glaube ich +nicht!« + +»So -- meinetwegen -- aber glaubt Ihr, Ihr seid stärker als der Ritter +von Hospel? -- Ihr seid stärker als der Gletscher?« + +Der Presi stöhnte. + +»Josi und Binia,« fuhr der Garde mit getragener Stimme fort, »es giebt +kein schöneres Paar im Glotterthale, aber auch nicht zwei so wilde +Herzen wie sie.« + +»Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel,« stöhnte der Presi in wehem +Zorn, -- »ich will nicht, daß mein Kind nur so über mich +hinwegschreitet. -- Das verzeihe ich Bini nie!« + +»O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen. Ich an Eurer Stelle +würde auf ein schönes Alter denken. Wenn Ihr aber den Kopf zu stark +setzt, so seht zu! Dann kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben +Frau an der Brücke rutschen würdet, wenn Ihr Bini nur Josi geben könntet +und sie friedlich wüßtet. Gönnt ihnen beizeiten ein grünes Plätzchen zum +Glück, sonst steigen auch sie auf die Berge und halten dort oben wie der +Knappe und das Fräulein Hochzeit als schuldige Seelen.« + +»Ihr meint an den Weißen Brettern!« + +Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte und sein Gesicht +hatte sich verzerrt. + +»Was sagt Ihr?« fragte der Garde überrascht. + +»O Garde -- es ist nur ein schrecklicher Traum, aber er ängstigt mich. +Ich habe Binia mit blutendem Haupt neben dem jungen Blatter an den +Weißen Brettern gesehen.« + +»Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das herrliche Kind, wie nicht +alle hundert Jahre eins im Berglande wächst, stand blutend an den Weißen +Brettern?« + +»Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich liebe und die mich so +elend macht.« + +Und die Wehmut überwog den Zorn. + +»Presi! Träume sind Schäume, sagt man, der Traum aber kommt aus dem +Gewissen -- es steht böse darin -- macht Ordnung -- an Seppi Blatter, an +Fränzi habt Ihr es verbrochen -- macht es am Sohn gut -- spürt Ihr +nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um Zug über Euch ist. -- +Merkt Ihr es nicht, Presi? -- Macht Ordnung!« + +Wie Hammerschläge fallen die Worte des Garden auf die Brust des Presi. +Er bebt, er schwitzt. + +»Wohl, ich merk' es -- ich merk' es, Garde, sonst hätte mir das meine +Binia nicht angethan -- ich hätte den Josi Blatter nicht nach Indien +gehen lassen sollen. -- O Garde! -- Mir ist, ich könnte ihn lieb haben.« + +Wie aus gebrochenem Leib stöhnte es der Presi. + +Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da trat Frau Cresenz in +die Stube und wischte die Scherben des zerschmetterten Glases zusammen. +Ohne daß sie recht wußte, was vorgefallen war, jammerte sie: »Das Kind +ist halt ganz der Vater, das kann man nicht ändern, das sind zwei harte +Köpfe.« Und dann wandte sie sich an den Presi und tröstete ihn mit +fraulicher Milde, aber mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht +tief gingen. + +Der Garde hätte viel darum gegeben, die Frau wäre nicht gekommen oder +wenigstens rasch wieder gegangen, als sie aber blieb, da wurde er über +die Störung wild und ging selbst. + +»Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau, aber das Weib, die +Mutter von unergründlich tiefem Herzen, das an diesen Posten gehört, ist +sie nicht.« + +So knurrte er, als er über die steinerne Treppe hinunterschritt. + +Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte, war dieser hart wie +Glas, die beiden gewaltigen Männer, die sich sonst so gut verstanden +hatten, überwarfen sich und der Verkehr von Haus zu Haus hörte auf. Nur +Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen. + +»Bini ist eine Spinnerin geworden!« + +So sagten die Leute von St. Peter und streckten dabei den Zeigefinger +gegen die Stirn. Man munkelte, sie sei im Kloster Madonna del Lago +mißhandelt worden. Um den bösen Segen, den sie und Josi von Kaplan +Johannes empfangen haben, zu vertreiben, hätten ihr die Nonnen jede +Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen um Tropfen, auf das Haupt +gespritzt, daß mit dem bösen Segen auch ein Stück guter Seele von ihr +gewichen sei. Und das suche und suche sie in Gedanken. + +Die thörichten Leute! Binia war allerdings, nachdem sie aus dem Kloster +gekommen, eine Weile blaß und wankte wie ein Schatten einher, aber nicht +die Nonnen hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der +Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt nichts als die +großen dunklen Augen wies. + +Ein einziges, gräßliches Wort des Vaters! + +Und jetzt warb er nicht um sie wie einst -- er setzte sich nicht an ihr +Bett, er flüsterte nicht: »Meine Maus -- mein Gemslein.« Er sagte nicht: +»Du lieber, lieber Vogel.« Jetzt war auch keine Fränzi mehr da, die ihr +zu mitternächtiger Stunde das wirre Köpfchen zurechtsetzte. + +Droben in ihrem Kämmerlein schluchzte sie: »Mutter -- liebe tote Mutter: +Es ist schrecklich -- wie mich der Vater verachtet. -- Und er ist doch +so ein herrlicher Mann. -- Und Josi muß ich halt lieben.« + +Manchmal wußte sie nicht, war es die Empörung gegen den Vater, war es +die Liebe zu ihm, die stärker in ihr wüteten. Ein Blick -- ein +herzliches Wort -- sie wäre jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton +blieb kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge wurde, +sobald er sie erblickte, lauernd und mißgünstig. Und das entsetzliche +Wort, das er ihr entgegengeschleudert -- das saß! + +Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen Herzen kann die Hoffnung +nie sterben. Dazu muß der Mensch alt sein -- alt -- alt! Mißhandelt ein +junges Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und lächelnd liest es seine +Scherben auf, streicht mit zitternder Hand darüber, und es ist fast das +feurige Herz von zuvor. + +Wie ein Tännling ist die Jugend. Ein Stein saust aus der Höhe und +schlägt ihm die Kerze ab, die er so lustig in das Spiel der Winde erhob. +Was thut der arme Tännling? -- Er richtet ein Zweiglein gerade auf, das +wächst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und kaum der Forstmann +erkennt noch, daß der Tanne einmal die Krone abgeschlagen war. Aber eine +junge, kerngesunde Tanne muß es sein, sonst bringt sie das Wunder nicht +zu stande. + +Binia war eine junge, kerngesunde Tanne. + +Sie wurde die stille Wohlthäterin des Dorfes und übte ihren Herzensberuf +mit der Frische und Wärme der Jugend. Sie guckte mit einem guten Lächeln +in die Hütten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte Liebes +mit ihnen. Sie gewann die Herzen und versöhnte. Wenn sie fort war, lag +eine Blume auf dem Bett oder es klang ein Wort nach, das Glück +verbreitete -- und ihre größte Kunst -- sie wußte jedem das, was er +bedurfte, so zu geben, daß es kein Almosen war. + +»Redet einmal mit Binia, die weiß schon Rat,« sprach man im Dorf, »sie +hat noch das bessere Herz als die selige Beth.« + +Und seltsam! Der Presi ließ sie gewähren. Wie der Name Josi Blatter, so +schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte aus den Gesprächen der +Leute von St. Peter, sie sagten nur: + +»Wie ein Engel geht sie durchs Thal.« + +Unter den Gästen war niemand, der sie nicht liebte. Manche junge +vornehme Töchter stellten sich wie Schwestern zu ihr: »Binia, Sie liebes +gescheites Bergkind, wenn wir Sie nur mit in die Stadt nehmen könnten, +man bekommt ja ein heißes Heimweh nach Ihnen.« + +Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein junger Herr der alpigen +Rose ein Röslein schenkte. + +Thöni Grieg! + +Die schmähliche Versteigung an der Krone, die ihn dem Gelächter des +Dorfes preisgegeben hatte, war der Anlaß, daß er nacheinander die +Bubenschuhe, zuerst den einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und +nach dem großen Donnerwetter von damals stellte sich der Presi besser +als je zu ihm. + +Thöni besorgt die Post, die im Sommer wichtig genug war, gewissenhaft, +ebenso die Zufuhr der Lebensmittel von Hospel und war den Fremden im +Haus durch sein fröhliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter. + +Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie! + +»Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze mit den +Teufelsaugen!« + +»Thöni, schäme dich doch, dich hat man ja von den Kronenplanken holen +müssen.« + +»Ich würde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen in Santa Maria del +Lago versorgt gewesen wäre.« + +Wütend lief Binia davon. Sie wußte wohl, daß ihr der Vater mit Santa +Maria del Lago einen Schimpf angethan hatte -- einen Schimpf, den sie +erst verdient hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt +hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag glänzte wie ein Stern in +ihren Gedanken, sie lächelte jedesmal verträumt, wenn sie seiner +gedachte. + +Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr Thöni wie ein wildes +Tier dazwischen. + +»Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen. Ich töte ihn, +wenn er je wieder nach St. Peter kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal +ein gutes Wort -- oder -- oder --« + +Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wußte sie es: Hinter seinen +Beleidigungen stand die wütende Eifersucht. + +Sie fürchtete Thöni und er merkte es. + +»O, ich thue dir nichts,« sagte er vorwurfsvoll, »aber wenn du nicht +anders zu mir wirst, so stelle ich an mir selbst ein Unglück an.« + +»Thöni,« erwiderte sie kühl, »wenn du das nur über die Lippen bringst, +so ist es kein Schade für dich. Du machst ja jetzt Bälzis Kind den Hof.« + +»O, nur aus Verzweiflung, daß du, statt mit mir lieb zu sein, mich +kratzen möchtest.« + +»Dann wollt' ich aber sie nicht sein!« spottete Binia. + +Sie gab ihm kein gutes Wort. + +Zwischen Thöni und Bälzis Aeltester, die im Bären Magd geworden war, kam +es so weit, daß Frau Cresenz, um den Unwillen der Gäste gegen die +Liebeleien zu beschwichtigen, das sonst anstellige Mädchen mitten im +Sommer entlassen mußte. Jeden Abend, oft noch sehr spät, lief er aus dem +Haus, man munkelte, zu ihr. + +Es geschah aber heimlich und hinter dem Rücken des Presi, und Frau +Cresenz schwieg, sie fürchtete die Händel. + +So ging der Sommer. + +Da machte Binia in den letzten Tagen zufällig eine merkwürdige +Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann, der ihr sehr streng +geschienen hatte, den sie aber doch liebte, sagte Abschied nehmend zum +Vater: »Schön ist's im Glotterthal -- und ein Meitli[28] habt Ihr +schon, Herr Präsident, daß man noch einmal jung werden möchte!« + + [28] _Meitli_, schweizerdeutsch, so viel wie Mädchen, Tochter. + +Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort des Vaters. + +»Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb? -- Für wen rackere +ich mich denn? Ich hätte den Mut für das Vielerlei des Geschäftes nicht +ohne das sonnige Kind!« + +Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort, einen vollen +rückhaltslosen Blick gab. + +Sie mußte an sich halten, daß sie nicht laut aufjauchzte, sie rannte und +sprang wie ein Reh und die Gäste fragten: »Haben Sie denn Sonntag in den +Augen, Binia?« + +»Ja freilich, das Leben ist halt schön!« lachte sie und fort war das +Reh. + +»Ist das eine liebe Hexe -- eine herzbezwingende Gestalt,« redeten die +Gäste hinter ihr. + +Es war im Herbst, der Vater zählte mehrere Rollen Silber und Gold -- er +schmunzelte, er lachte, er trank Hospeler dazu. Dann redete er irgend +etwas mit Frau Cresenz, die ihn bald wieder verließ, und plötzlich sah +Binia, wie er vor sich hin faustete: »Sie ist ein Affe -- sie ist ein +verdammter Affe. -- Die selige Beth hat doch nicht immer Ja gesagt,« +hörte sie ihn murmeln. + +Binia kannte den Vater genau. Er konnte den Widerspruch nicht leiden, +aber wenn ihm von Zeit zu Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es +ihm auch nicht wohl. Und daß er der toten Mutter ehrenvoll gedachte, +freute sie tausendmal. + +Heute war der Vater entschieden verstimmt über Frau Cresenz. »Der Affe! +Niemand hat man, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann, als +Thöni.« + +»Als Thöni!« Binia glühten die Wangen vor Eifersucht, sie hob sich auf +die Zehenspitzen und von rückwärts, so daß der Vater sie nicht sehen +konnte, lief sie auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und +drückte ihren frischen roten Mund mit süßem Kuß auf seinen Mund. »Kind! +-- Binia! -- Was willst?« -- Der Presi war ganz erschrocken. + +Sie lächelte ihn an, fröhlich und schmerzlich zugleich, flehentlich und +hoffnungsvoll. + +»Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen -- ich ertrage es nicht.« +Der Presi sagte es unsicher. + +»Wohl, wohl, umkehren möcht' ich's dir, Vater, ich möchte die Liebe +darin sehen! Vater -- ich halte es auch nicht mehr aus, ohne daß du ein +bißchen lieb mit mir bist.« + +Da war der harte Presi überwunden, es ging ein glückliches Lächeln über +sein eben noch finsteres Gesicht. Und er nahm ihre beiden Hände: »Ja, +Vogel, ich muß mit dir reden. -- Du bist ja jetzt in einem Alter, wo man +keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den fröhlichen Finken +einfangen will. -- Kind, ich habe nur dich und wünsche, daß du glücklich +werdest. Ich gebe dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du +heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.« + +Mit rotem Köpfchen saß Binia da -- sie schluckte, als wollte sie etwas +sagen. + +Ein mißtrauischer Blick des Vaters, dann sagte er streng: »Es giebt +einen Namen, der in unserem Haus nicht mehr ausgesprochen wird. +Verstehst du! -- Im übrigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.« +-- -- + +Binia steht sinnend in ihrer Kammer. + +Zwei Jahre noch -- dann kommt Josi -- er kommt wie ein Held -- er tritt +mit einer That vor das Volk, so gewaltig, wie noch keine im Bergland +geschehen ist -- er erlöst St. Peter von der Blutfron an den Weißen +Brettern und alle jubeln: »Josi Blatter ist größer als Matthys Jul.« + +Und er besiegt den Vater. + +So lang will sie tapfer kämpfen, den Vater nicht reizen, aber Josi treu +sein im Herzen. + +Und unter Thränen lächelnd küßte sie den Tautropfen, den er ihr gegeben +hat. + + + + +XIII. + + +»Pate! -- Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es geht ihm gut.« Mit +strahlendem Gesicht jubelt es die sonst zur Stille geneigte Vroni und +hält den in großen ungefügen Buchstaben gemalten Brief in zitternden +Händen. »Hört, wie er lautet: + +»Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder einmal berichten, wie's +mir geht. Es geht mir gut und George Lemmy ist recht mit mir, aber +scharf und vom Schaffen klöpft[29] mir schier der Rücken. Das ist +gesund. Wir sind jetzt an einem Berg, der heißt Himalaja. Die Stadt +heißt Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir machen eine Straße. +Liebes Vroneli, Du wirst denken, ich schreibe nicht schön. Das kommt vom +Felsensprengen und Du mußt nicht lachen. Thue Dich gar nicht kümmern +wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. -- Und an den Vater selig, +was ich auch thue. Es ist dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat +es Dir gewiß schon erzählt. Und wenn ich in der Nacht zwei Sternlein +beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli -- du liebes Vroneli'. +Ich muß manchmal in den Hemdärmel beißen, sonst würde ich brüllen[30]. +Der Indergand vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. Ich +lasse das Bineli tausendmal grüßen, Dich auch, den Eusebi und alle. Und +ich komme dann schon wieder heim. Schreibe mir recht bald. Dein treuer +Bruder Josi. Die Adresse steht auf dem Umschlag.« + + [29] _klöpft_, schweizerdeutsch, so viel wie »bricht«. + + [30] _brüllen_, schweizerdeutsch, »heftig weinen«. + +Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel größeren Brief, als sie +empfangen, an Josi. Wie in ihrer Hand die Feder gut lief! + +Aber über eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, auf diese fielen +ein paar Tropfen, die den schönen Brief fast verdarben. + +Die unglückselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem Bruder nichts +Betrübliches schreiben, aber sie wußte schon, daß aus dieser Liebe +nichts Gutes entstehen konnte. Binia war fast noch die Schlimmere als +Josi. Auch jetzt kam sie gelaufen und bat und bettelte, daß sie den +Brief lesen dürfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz +überstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief Vronis schrieb +sie: + +»Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an die zuckenden Vögel von +Santa Maria del Lago und lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben +schon den Tod gesehen, und nun fliegen sie doch über Land und Meer. In +herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.« + +Vroni sah den Gruß mit Schmerzen, der trotzige Mut Binias, die doch mehr +einer wehrlosen Blume als einer Kämpferin glich, kam ihr wie eine +Vermessenheit vor. + +Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut. + +Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, der Gardin und Eusebi im +Glotterhütchen, unter dem die zwei blonden Zöpfe niederhingen, mit +blauen lachenden Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch über die +junge Fülle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und den +Rosmarinstrauß in den Händen, sittig die Kirchentreppe zum Kirchhof +hinaufschritt, so flüsterten die Leute: »Wenn nichts Ungeschicktes +dazwischen kommt, so giebt die keine Wildheuerin.« + +Am hübschesten aber war die Zwanzigjährige wohl, wenn sie mit Rechen und +Gabel frisch und gesund im Morgentau über die Wiesen schritt. Etwas vom +stillen Wesen der Gardenfamilie war auf sie übergegangen, ein rasches +Vorwärts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, aber was sie in Ruhe +that, ging ihr mühelos und anmutig von der Hand. Und wo sie in stillem +Frohsinn mitwerkte, lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten +es. + +Und sie selber wünschte sich nichts Schöneres, als das wandernde +Sommerleben der Bauernleute von St. Peter. Für ein paar Tage ritt man, +das Notwendigste zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, wo +jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besaß, dann hielt man sich +einige Tage auf der Maiensässe auf, um dort das Vieh grasen zu lassen +oder zu heuen, wieder etwas später arbeitete man auf dem Acker beim Dorf +und am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch. + +Da saß der ganze Haushalt mit den Knechten vor der Hütte, die Glocken +des Viehes klangen friedlich in die tiefe Stille und die Enzianen +standen wie im Gebet. + +»Vroni, erzähle eine Geschichte,« sagte das eine Mal der Garde, das +andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, der Viehknecht, war ein dankbarer +Zuhörer, und mancher, der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis +Glockenspiel hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge hübsche +Burschen, die sich nicht bloß wegen der Geschichten in den Kreis +drängten. + +»Sie ist halt grad wie die Fränzi selig, darum hält sie der Garde so in +Ehren.« + +So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni gram, die Burschen aber +waren ihr gut. + +»Frau,« sagte der Garde, »wir müssen uns entscheiden. Es geht um das +Mädchen wie um frisches Brot. Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenälpler +gefragt, ob sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen dürfe. Er +würde Vroni gern einen Antrag machen. Heute ist der alte Peter Thugi +gekommen und hat so eindringlich gebeten, wir möchten sie dem jungen +Peter geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe aber beiden +abgewinkt.« + +»Hättest du doch lieber zugesagt,« schmollte die Gardin, »Vroni setzt +sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme Eusebi.« + +»Geschehe nichts Schlimmeres!« erwiderte der Garde. + +»Und ich meine, es wäre jetzt, wo Eusebi im Militärdienst ist, gerade +die rechte Gelegenheit, daß wir Vroni aus dem Haus bringen, natürlich in +allen Ehren. Ich habe nichts gegen sie -- es geht mir nur so stark gegen +das Herz, daß unser einziger ein Wildheuermädchen nehmen soll. Hätte ich +drei Buben, so könnte einer schon Vroni nehmen -- aber der einzige. Wir +sollten doch auch auf eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so +zuweg, daß er überall anfragen darf.« + +»Das thätest du deinem Buben zuleide, daß du Vroni in seiner Abwesenheit +gehen ließest. -- Nein, Gardin, Vroni bleibt da!« + +Mit Festigkeit erklärte es der Garde. + +Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurück. »Vater, ich habe +mich furchtbar zusammennehmen müssen, daß ich immer nachgekommen bin, +aber es ist gut gegangen.« Das spürte man Eusebi an. Er erzählte seine +Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen. + +»Ja, aber Eusebi,« lachte der Garde, »bei uns giebt's auch Neuigkeiten. +Vroni bleibt wohl nicht mehr lang da, die Burschen im Dorf gucken sich +fast die Augen aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will, +haben sich schon als Freier gemeldet.« + +Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, glühte wie eine Rose +auf: »Ich will aber keinen, ich bleibe bei euch, Garde. Und wer wollte +sich auch im Ernst um mich kümmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich +ledig bleibe.« + +Schön war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, das Haupt gesenkt, +mit zitternden Fingern an den Haften ihres Mieders nestelte. + +Eusebi aber riß an seinem Schnurrbärtchen, daß es ihm in den zuckenden +Fingern geblieben wäre, wär's nicht so fest angewachsen gewesen. Wie +unvorsichtig war es, denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht +beinahe hübsch! + +Am Abend überraschte die Gardin ihren Sohn, wie er bei Vroni am +Herdfeuer in der Küche stand und das Blondhaar des abwehrenden Mädchens +zu streicheln versuchte und immer wiederholte: »Gelt, liebe Vroni, es +ist dir doch nicht ernst, daß du ledig bleiben willst?« + +Halb freute, halb ärgerte sich die Gardin. Nein, das war nicht mehr der +scheue, blöde Eusebi. Mit einem Scheit jagte sie ihn aus der Küche und +Vroni hielt sie eine Predigt. + +Der erwachende Eusebi warb aber so freimütig um Vroni, daß ihre Stellung +zwischen Sohn und Mutter immer schwieriger wurde und sie Mühe hatte, +sich in den Augen der Gardin untadelig zu benehmen. + +Bald aber überschattete ein trauriges Ereignis das im Hause aufblühende +sanfte Liebesspiel. + +Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren Brief mit dem Zusatz von +Binia an Josi geschickt hatte, mitten im tiefen Winter, kam das +Schreiben, mit vielen Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas +durchschnitten, an sie zurück und auf der Rückseite stand: %»Addressee +died in the cholera-hospital at Srinigar.«% Diensteifrig hatte Thöni +schon die Uebersetzung auf den Umschlag gefügt: »Der Adressat ist im +Cholerahospital zu Srinigar gestorben.« Darunter stand irgend ein +Stempel. + +Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Händen, da kam schon +Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; »Vroni, liebe Vroni, gelt, das +ist nicht wahr, er lebt!« + +Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mächtig, auf einen Schemel gesunken +war, rief immer nur, daß sich die Wände hätten erbarmen mögen: »Es ist +halt nach dem Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot +-- o, als er ging, habe ich es gewußt, daß er sterben würde!« + +Die großen dunklen Augen Binias erweiterten sich schreckhaft. + +Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft und der Zusammenbruch +Vronis erschütterten sie mehr als die erste Nachricht, um ihren Mund +zuckte das Weinen, sie wankte hinaus in die Winterdämmerung. »Es ist +nicht wahr! -- Diejenigen, die gelobt haben, für die heligen Wasser an +die Weißen Bretter zu steigen, können ja nicht krank werden und nicht +sterben, bis ihr Gelübde erfüllt ist.« + +Im Volksglauben suchte sie Trost. + +Zuerst mißtraute auch der Garde und das ganze Dorf der Todesbotschaft. +Hatte man Josi Blatter nicht schon einmal für tot gehalten und dann war +er doch wieder lebendig zum Vorschein gekommen! + +»Hat er sich gemeldet?« fragte man Vroni. »Nein, das nicht -- ich habe +nichts gesehen und nichts gehört.« + +»Dann lebt er, dem nächsten Verwandten muß sich ein Sterbender melden, +und ginge sein Weg über das weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in +Tremis einer, der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.« + +Allein die Tröstungen des Volksglaubens hielten nicht stand vor der +herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den Brief bei der ersten Gelegenheit +mit in die Stadt und legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die +Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil es auf der +Rückkehr aus dem Choleragebiet geräuchert worden sei, und die Cholera +sei eine Krankheit, die den gesundesten Mann in einer Stunde wegblase. + +Der Garde erbat sich aus Bräggen die Adresse Indergands; als sie +anlangte, schrieb er an den Kameraden Josis, Vroni sandte noch einmal +einen Brief an Josis eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja +nicht einmal mehr die Briefe zurück, auch das große amtliche Schreiben +nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter an den schweizerischen +Konsul in Kalkutta wandte, und unter Angabe der näheren Umstände um +einen Totenschein für Blatter ersuchte. + +Unterdessen war man schon wieder in den Sommer gekommen, und Vroni sagte +die Totengebete für den Bruder her, und das Schönste deuchte sie immer +das Kirchhoflied: + + »Du armer Knabe! Schlaf am Meere! + Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn, + Sieh, Gottes sind die Sternenheere, + Er schickt ein Tröpfchen, das die Stirn + Mit frischem Gletschergruß umspült + Und dir das heiße Heimweh kühlt!« + +Die tiefe Trauer des Mädchens hielt auch im Dorf das Andenken an Josi +Blatter noch eine Weile rege. + +In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den Dörflern das kurze +Leben Josis. Sein Vater war zu Tode gestürzt, durch die Schuld des Presi +war der Bursche auf einen bösen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen +Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich nie gewesen, +großmütig hatte er sogar sich selbst für die fünf Verstiegenen in die +Schanze geschlagen. + +»Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu Grunde gerichtet hat, +wird es kommen!« + +Das flüsterte stetig durchs Dorf. + +Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie Eusebi, und die Gardin +wurde darüber eifersüchtig auf sie. Als eines Tages, just wie der Garde +und Eusebi auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis blauen +Augen das tiefe Gemüt entdeckt hatte, das Mädchen als Begleiterin +anstellen wollte, riet die Gardin Vroni dringend zu: »Du bekommst es +gewiß besser als bei uns -- du wirst vielleicht in ein paar Jahren +schon eine reiche Erbin!« + +Da stürzten Vroni die Thränen hervor. Das war ein Blitz aus heiterem +Himmel. Vor ihrem Bett im Kämmerlein kniete sie und schluchzte +herzzerbrechend und stundenlang. + +Sie merkte es nicht, wie die Männer heimkamen, wie Eusebi, er, der +Langsame, die Treppe heraufstürmte, wie er etwas schüchtern die Thür +öffnete und in das Kämmerchen trat, sie spürte es erst, als er immer +noch etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: »Vroni, +weine nicht.« + +»O Eusebi, ich soll fort -- und ich kann nicht. Es ist mir ja nirgends +wohl als bei euch!« + +»Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,« tröstete er herzlich. + +Da blickte sie mitten aus den Thränen einen Augenblick sonnig und +gläubig auf, aber nur einen Augenblick: + +»Eusebi, rede nicht so -- du weißt, ich bin ein armes Mädchen, obwohl +ihr mich wie eine Tochter gehalten habt. Es ist besser, ich gehe.« + +Da rannte Eusebi aus der Kammer: »Mutter, wenn Vroni fortgeht, so gehe +ich auch.« + +»Sei kein Narr, Eusebi,« sagte diese überlegen und kühl, »hat je ein +Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?« + +Eusebi tobte und stürmte in die Stube: »Hast du's gehört, Vater -- Vroni +geht fort.« + +Der Garde saß breit am Tisch und stützte den Kopf in beide Fäuste: +»Thorheiten -- Thorheiten,« murmelte er vor sich hin. + +Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder fort, hinauf in sein +eigenes Kämmerlein, kam aber bald zurück und die Bäuerin schlug die +Hände zusammen. + +»Seit wann trägt man das Sonntagsgewand zum Werktagsfeierabend?« +spottete sie. + +»Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter -- mit Vroni zusammen +suche ich einen Dienst.« + +Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, seine Augen blitzten +nur so. Da nahm sie ein Scheit, drohte dem schnurrbärtigen Sohn und rief +zornig: »Auf der Stelle legst du das Sonntaggewändchen ab, du, -- du --« + +Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, ergriffen, mit einem +Ruck warf er es weit weg: »Mutter, so geht es nicht mehr!« + +Da schrie die Gardin in die Stube: »Alter, hörst du nichts. Eusebi will +mir nicht mehr folgen. O, der Lümmel -- der Lümmel!« + +»Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,« trotzte Eusebi, »ich gehe +jetzt mit Vroni.« + +»Das ist der Segen und der Sonnenschein, von dem der Alte immer geredet +hat. -- Einen ungeratenen Buben habe ich jetzt durch sie -- Garde -- +Garde -- bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?« Und sie riß +ihm die eine Armstütze vom dicken grauen Haupt hinweg. + +Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, daß er es nicht mehr +verhalten mochte, vor sich hin lachte. + +»Was ist auch das, du lachst!« Sie war verwirrt und wütend. + +»Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. Ich kann dir nicht +sagen, wie gut er mir jetzt gefällt.« + +Die großgewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernüchtert grollte sie: »O, +ihr wüsten Männer!« + +In dem Augenblick kam Vroni sonntäglich gerüstet und schluchzte: »Nur +danken möcht' ich euch für alles Liebe und Gute, aber Streit soll es +meinet -- --« Ihre Stimme erstickte. + +»So lebe wohl, liebes Vroneli,« sagte der Garde, nicht traurig, sondern +gemütlich, »Eusebi wird schon recht zu dir schauen.« + +Die Gardin war starr. + +Und Eusebi sagte tief bewegt: »Also lebet wohl, ich habe halt Vroni zu +lieb, ich gehe jetzt mit ihr -- behüte dich Gott, Vater -- behüte dich +Gott, Mutter!« + +Als er nun aber Vroni, die, gerüttelt von Leid, die Stube schon +verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin ihrem Manne zu: »Du +Rabenvater, deinen Einzigen lässest du nur so in die Fremde gehen -- +wenn er jetzt ein armes Knechtlein wird -- der Sohn des Garden von St. +Peter.« + +Sie weinte aus heißem mütterlichem Herzen und der Garde knurrte: »Man +muß ihm halt dann und wann einen Napoleon[31] schicken.« + + [31] _Napoleon_, ein Zwanzigfrankenstück. + +Da eilte die Gardin unter die Hausthüre und schrie aus Leibeskräften: +»Eusebi -- lieber Eusebi -- komm zurück.« + +Die beiden Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, denn Vroni suchte +Eusebi durchaus zu bereden, daß er zu den Eltern zurückkehre, sie wolle +kein Glück auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni aber hörte +Eusebi die Mutter nicht rufen. + +Nun schritt das junge Paar vorwärts. + +Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: »Vroni! -- liebes Vroneli -- +kehr um!« und wirr durcheinander: »Vroni -- Eusebi -- Vroneli -- Eusebi, +ums Himmels willen -- kommt doch wieder!« + +Da stutzten die Flüchtlinge, und jetzt ertönte hinter der Mutter der +fröhliche Ruf des Vaters: »Kommt jetzt nur wieder!« + +Eusebi zog sein Mädchen mit einem Juchschrei zurück; halb noch ergrimmt, +halb gerührt wischte die Gardin die Thränen ab und grollte dem Garden: +»Ich habe nicht gemeint, daß du ernster Mann in deinen alten Tagen noch +so ein Erzschalk sein könntest, aber drei sind stärker als eines, ich +merke es und will mit euch in Liebe auskommen. Gieb sie nur zusammen.« + +Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte sich auf sie und küßte +sie. »Du warst immer mein Kind, jetzt bist du's erst recht, du sanfte, +stille Wunderthäterin, die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem +ganzen Manne gemacht hat.« + +Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und schluchzte: + +»In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das ist so herb, aber +jetzt, Vroni, bist du drinnen -- nenne mich Mutter und eine gute Mutter +will ich dir sein!« + +In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. Feierlich bewegt stand +der Alte, den funkelnden Zinnteller in der Hand. Er brach einen Bissen +Käse wie ein Felsklötzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein +einziges Glas. + +»Nehmet, esset und trinket!« Er reichte die Hälfte des Bissens, der ein +einziges Stück gewesen war, Eusebi, die andere Hälfte Vroni und bot +ihnen das Glas. + +»Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich verlobe euch nach dem +alten Brauch des Thales. Ihr kennt den nicht, der den Käse bereitet, und +den nicht, der den Wein gekeltert hat. Väter haben es vor mehr als +hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewußt, für wen. Also sollt +auch ihr thun, damit kein Geschlecht ohne den Segen der vorangegangenen +sei. Die Ahnen segnen euch und wünschen euch Glück. Eusebi, Hochzeiter! +-- Vroni, -- Braut!« + +»Amen!« sprach die Gardin, die mit gefalteten Händen hinter den +Liebenden stand. + + + + +XIV. + + +%»Died in the cholera-hospital at Srinigar!«% Thöni jubelte das Wort wie +Siegesbotschaft durch das Haus. Der Presi sah vergnügt in das Spiel der +Schneeflocken, die dicht und schwer herniederwirbelten. + +Da zog es doch plötzlich wie ein Seufzer durch seine Brust: »Ich hätte +Josi Blatter in St. Peter zurückhalten sollen!« + +Wie er es wider Willen dachte, schritt vor dem Fenster Kaplan Johannes +durch das Schneegestöber und wies ihm eine drohende Grimasse. + +Die plötzliche Erscheinung des Halbverrückten, der seit seiner +Vertreibung einen dämonischen Haß auf ihn und Binia warf, peinigte den +Presi, ohne daß er wußte warum, wie Schicksalsdrohung. Es giebt aber +einen Helfer in der Freude und einen Sorgenbrecher im Leid. + +Die trostlose Binia überraschte den Vater und Thöni, die zusammen vom +besten Hospeler zechten. Da stieß der schon lallende Vater sein Glas ins +Leere: »Zum Wohl, Seppi Blatter -- hörst du, dein Bub' ist gestorben. +-- Was willst du jetzt noch?« Er lachte hellauf. + +Thöni, der nüchterner war, folgte dem Beispiel: »Josi Blatter, du +Laushund. -- Ja so, da ist Binia. -- Komm, trinke auch eins auf deinen +toten Schatz!« + +»Schändet die Toten nicht.« Mit dem gellenden Ruf sprang sie zu den +beiden Männern und wischte die vor ihnen stehenden Flaschen und Gläser +mit leichtem Arm vom Tisch. + +»Josi lebt -- er lebt!« bebte ihre Stimme. »Ihr könntet ihm sonst nicht +zum Wohlsein trinken. Der Blitz vom Himmel würde in den Bären fahren!« + +»Binia, wenn du so wild bist, bist du teufelsschön,« lallte Thöni. + +Der Vater wollte über ihre Keckheit wüten, aber es ging nicht mehr wohl +an. Am anderen und in den folgenden Tagen sagte er kein Wort, er war +stillverdrießlich, und das war ein Zeichen, daß er sich selbst grollte. + +Seit Binias empörtem Ruf: »Er lebt!« glaubte auch er nicht mehr, daß +Josi Blatter tot sei. Nein, der stand ja immer wieder auf, wenn er schon +begraben war. Um so stärker jedoch bekräftigte der Presi die +Todesnachricht, wenn andere Leute darein Zweifel setzten: »Ta-ta-ta!« +sagte er, »es giebt auf der Welt nichts Zuverlässigeres als die +englische Post!« + +Unterdessen begann eine seltsame Zeit für Binia. Sie mußte an ein Wort +der alten thörichten Susi denken: »Schlafe, schlafe, Schäfchen, wenn du +groß und ein schönes Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen +fragen.« + +Darauf hatte sie erwidert: »Ich liebe aber nur Josi.« + +Nun war beides in Erfüllung gegangen: viele Freier kamen, und sie liebte +nur Josi. + +Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie fühlte sich ihm heiß +verpflichtet, daß er sie nicht zwingen wollte, irgend einem jungen +Manne, der ihm gerade gefiel, die Hand zu reichen. Das war ein großes +Zugeständnis. Für Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier +ausschlagen, darüber würde er kommen. Die Todesnachricht auf dem Brief +war gewiß ein Irrtum. + +Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzhändler aus dem Oberland. +Als er sich mit ein paar Schoppen Hospeler Mut getrunken hatte, stieß er +sie mit dem Ellenbogen in die Seite: »He, Kind, luge einmal meine +Geldkatze an -- was meinst -- wollen wir einander heiraten? -- Ich bin +halt keiner von denen, die lange 'ich bitte und ich bete' stammeln und +Küsse betteln -- dummes Zeug -- gerade recht geheiratet muß sein.« + +»Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben,« lachte Binia. + +Der Presi war es zufrieden, daß sie den ersten, die nach ihrer Hand +trachteten, Körbe gab, denn es schien ihm nicht vornehm, daß ein Mädchen +gleich auf einen, der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und +er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke, sich einmal +von Binia trennen zu müssen, fiel ihm schwer. + +Doch in St. Peter hätte kein junger Mann so recht den Mut gehabt, der +Schwiegersohn des gefürchteten Presi zu werden. Binia allein hielt den +alten freundschaftlichen Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie +war mehr die Freundin der Armen und Gedrückten, als der wohlhabenden +Haushaltungen mit heiratsfähigen Söhnen. + +»Vater, gebt mir noch zwanzig Franken -- ich habe keinen Rappen mehr.« +Sie wußte so drollig zu betteln. + +»Ich spare -- und du verschwendest -- will wieder einer eine Geiß +kaufen?« + +»Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht --« + +Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr den Betrag. Was +verschlug es? Es ging ja auch viel Geld ein. Und es mußte ein leidliches +Verhältnis mit dem Dorf unterhalten sein. + +Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu, wie die Touristen mit +ihren Bergstöcken durch die Gegend klapperten. Besteigungen der Krone +fanden jetzt jeden Sommer mehreremal, ja häufig statt und der Bären war +ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden. + +Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht hatte, herrschte ein +dumpfer Groll. Die Dörfler fühlten sich in St. Peter wie nicht mehr zu +Hause, und wenn die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu +erhöhten Preisen in den Bären verkaufen konnten, so sprachen sie doch am +liebsten von der alten Zeit, wo der Sommer in ruhigen Prächten durch das +Thal gegangen war. + +Thöni diente nicht mehr als Bergführer, er war in allen Dingen die +rechte Hand des Presi. An seiner Stelle geleiteten jetzt Führer von +Serbig und Grenseln, Leute, die gemerkt hatten, daß auch in St. Peter +ein schönes Stück Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge. + +Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft zwischen dem Vater +und Thöni. + +Thöni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein recht gemeiner +Kerl. Wenn er einen freien Augenblick hatte, stand er unten vor dem Haus +bei den Führern und unter vielem Lachen redeten sie miteinander wüste +Dinge. + +Dann fuhr der Vater wohl mit einem »Gott's Sterndonnerwetter, Thöni!« +dazwischen. -- Wenn er ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel +verlesen hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er hatte +seine Freude an dem jungen Mann, der sich gewählt wie ein Fremder +kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart kühn in die Welt stellte und +seine vielen Geschäfte mit spielender Leichtigkeit erledigte. + +Und wie wußte Thöni dem Vater zu Willen zu sein und sich seinen Launen +anzupassen! Darin war er unübertrefflich. + +Wie eine Hornisse aber schoß er durch das Haus, wenn er in irgend einem +Gast einen Freier für Binia witterte. Und sie kamen immer zahlreicher, +die Freier; aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen Händler, die +jungen Hotelbesitzer, und unter den Gästen waren nicht wenige, die für +Binia schwärmten. + +Der Vogel aber entschlüpfte. In Binias ganzem Wesen lag wie in ihrem +schlanken Leib die Kraft stählerner Geschmeidigkeit und stählernen +Widerstandes. Wo sie ein echtes Gefühl spürte, da lohnte sie es wohl mit +einem Blick, daß der Freier meinte, er habe in seinem Leben noch nichts +Süßeres gesehen, aber durch alles, was sie that und ließ, klang es bald +schelmisch, bald traurig: »Seht ihr nicht, daß ich frei sein will? -- +Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen?« Wer ihr mit zudringlichen +Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie mit einem Blick oder einem +Wort nieder, daß er sich schämte und zahm wurde wie ein kleines +Maultier. + +Jetzt lächelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie einen Freier +zurückwies. Mißtrauisch und grimmig loderte es aus seinen Augen. »Kind,« +stieß er hervor, »wenn du meinst, du könnest mich narren!« Und der Zorn +zuckte um seine Brauen. + +Frau Cresenz tröstete dann auf ihre Art. + +»Was sich zankt, das liebt sich,« meinte sie mit kühlem Lächeln. »Ihr +werdet sehen, das Blatt zwischen Thöni und Binia wendet sich. Nur sich +nicht einmischen und nicht drängen.« + +Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Thöni und Binia selber nicht mehr +so unsinnig vor wie damals, als er den Garden wegen des sonderbaren +Gedankens ausgelacht hatte. + +Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu zwingen hatte er aber das +Herz nicht. Sie war ja noch so jung. + +Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und Vroni, das glückliche Paar, +Hochzeit hielten. + +So ein schönes Fest hatte man in St. Peter noch kaum erlebt. Ein junger +Verwandter der Gardenfamilie und Binia führten das Brautpaar, und wie +lieblich war Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden +Haupt, wie hübsch der einst so häßliche Eusebi, wie sah man es ihm an, +daß das Glück den Menschen verschönt. + +Ans Glück dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit, da donnerte sie der +Vater an: »He, das Wildheuerkind ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue +ich jetzt nicht mehr zu. -- Meinst du, du dürfest um den toten Rebellen +noch ein paar Jahre greinen. -- Nichts da! Wenn du jetzt deinem Vater +nach vielem Leid eine Freude bereiten willst, so zankst du dich mit +Thöni nicht mehr, sondern überlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden +seine Frau werden könntest. Ich habe einen schönen Plan und daran hänge +ich. Der Bären ist für unsere Gäste zu klein geworden, ich baue drüben +gegen die Maiensässen hin ein Chalet im Berneroberländerstil, daß es +mit seinen Balkonen ganz St. Peter überscheint. Und nun meine ich, wenn +Thöni Direktor und du Frau Direktor des Hotels zur 'Krone' würdest, so +wäre für dich gesorgt und ich könnte mein Haupt ruhig niederlegen. +Thöni,« fuhr er fort, »ist aus guter Familie, er versteht das Geschäft +und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem Jahr lieb +gewonnen -- er ist lenksam und hört auf mich.« + +Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck. + +Binia sah den Vater nur noch durch Thränen. + +»O, Vater,« stöhnte sie, »mir thun Kopf und Herz weh. -- -- Baue doch +lieber nicht. -- Denke an die Leute von St. Peter, die uns jetzt schon +wegen der Fremden im Bären grollen.« + +»Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf,« erwiderte er hart und es +blitzte so bös aus seinen Augen, daß sie verstummte. + +Thöni zankte, wütete, schmeichelte, er weinte vor ihr. »O Bini -- Bini,« +suchte er sie zu überreden, »wir hätten's so schön zusammen!« + +»Thöni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht einen, der schon mit +so vielen Mädchen gelaufen ist.« + +Sie sagte es ernst und bekümmert -- sie hatte eine geheime Furcht vor +ihm. + +Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen hätte zurückkehren +müssen. Sie war in fieberischer Erregung, sie stand stundenlang am +Fenster und schaute auf die Straße in den Herbstsonnenschein, später +schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreikönigstag sah +sie, wie die Kinder ihre Häspel mit den drei papiernen Sternen drehten +und hörte ihren Ruf: + + »Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern, + Sie kommen von fern und suchen den Herrn!« + +So hatte sie als kleines Mädchen neben Josi den Windhaspel getragen und +sich innig gefreut, wenn die drei Rosen, die gewöhnlich nicht spielen +wollten, liefen. + +Kein Brief kam an Vroni -- kein Lebenszeichen von Josi -- er kam nicht +und kam nicht. Und zum Neubau fällte man das Holz. + +Ja, wenn ihr dummes Köpfchen nur einsehen wollte, daß Josi gestorben +ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich: Sie sah sein liebes, offenes +Gesicht nicht mehr so klar wie einst. Ihr war, leise und langsam senke +sich ein feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche in die +Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: »Josi, zeige mir deine +schwieligen Hände -- ich kann sie mir nicht mehr so recht vorstellen. -- +Josi, lache mit deinem trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es +klingt mir nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! -- Mutter! -- Hilf mir, +daß ich nicht wanke!« + +Und ein Wunder geschah! Für viele Wochen gab Thöni Grieg manchmal sein +wildes, eifersüchtiges Drängen auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag +etwas Unerklärliches, etwas wie Haß und Drohung. + +Er war nicht mehr der schöne Thöni, der lustige Thöni, er war ein +reizbarer, übellauniger Herr mit einem aufgedunsenen rötlichen Gesicht. +Sobald der Vater aus dem Haus gegangen war, wurde er nachlässig und +grob, er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und schenkte sich +Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz oder Binia auch in der Ablage +geleerte Flaschen. Und auf ihre Vorhalte grollte er: »Was hat das +Weibervolk im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?« + +Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren, so viel als +möglich besorgte sie mit flinken Fingern die Depeschen selbst. + +»Das ist langweilig,« sagte sie vorwurfsvoll, »daß du immer die +Schlüssel ziehst. Früher wußte ich alles, was auf der Post ging -- hast +du so eine Lumpenordnung, daß man nicht mehr hineinsehen darf?« + +»Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze,« höhnte er. + +»Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch liegen!« + +»Ich gehe jetzt Revolverschießen,« trotzte er + +»Wozu brauchst du einen Revolver?« + +»Er ist für solche, die nach St. Peter kommen, aber nicht hergehören,« +lachte er seltsam. + +Binia kam ein fürchterlicher Verdacht, aber sie wagte ihn kaum zu +denken. »Nein, so bodenlos schlecht ist Thöni doch nicht,« beruhigte sie +sich selbst. + +Im übrigen schoß er, wenn er ausging, nicht immer mit dem Revolver, +sondern saß ebenso häufig im Wirtschäftchen des Glottermüllers oder bei +irgend einem hübschen Mädchen. + +Frau Cresenz und Binia, Gäste und Dorf sahen es, der schöne Thöni, der +lustige Thöni, hatte einen Wurm, die einen sagten im Kopf, die anderen +im Leib. + +Zuletzt sah es auch der Presi: »Thöni, du gefällst mir nicht mehr -- +weiß der Kuckuck, was du hast und was mit dir ist.« + +»Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das Holz liegt schon lange +genug,« gab Thöni mürrisch zurück. + +»Natürlich wir bauen jetzt,« antwortete der Presi fest. + +Als man den ersten Spatenstich führte, rief er Binia auf seine Stube. Er +streifte sie mit forschendem, sorgenvollem Blick; dann hob er an: +»Binia, du verlobst dich jetzt mit Thöni, spätestens im Frühjahr +heiratet ihr. Ich habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu +treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!« + +Binia stand totenblaß; mutlos und verschüchtert wagte sie keinen +Widerspruch. + +Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die Werkleute brachten die +»Krone« nicht vorwärts. Als hätte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete +und wetterte es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und der Presi +eilte in hundert Nöten zwischen dem Bären und der Baustelle hin und her. +Zum erstenmal, seit Fremde nach St. Peter kamen, füllte sich der Bären +nicht. Und er wünschte das Trüpplein von Sommerfrischlern, das da war, +wieder nach Hospel zurück und weiter. »Herr Präsident,« fragten sie Tag +um Tag und jede Stunde, »glauben Sie, wir bekommen bald schönes Wetter?« +-- »Ich weiß es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer ja auch im +Glotterthal einmal herzlich schlecht sein.« Mit verhaltener Wut sagte er +es. Die Maulaffen! Wer litt mehr unter dem schlechten Wetter als er. + +Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem Bären nicht zufrieden. »Der +Herr Präsident ist mürrisch,« klagten sie, »Herr Grieg, der früher so +jovial war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz lächelt so seelenlos wie +ein Automat. Und Binia, die alpige Rose, hat alle Schelmerei verloren +oder dann zuckt sie so heftig und seltsam heraus, daß es wie ein Lachen +im Fieber ist.« + +Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch an sie, ein junger +stiller Gelehrter. + +Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz dem schlechten Wetter +an den Bergen gewachsen waren, aber sonst eine große Zurückhaltung gegen +sie beobachtet. Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand: +»Fräulein Waldisch -- Binia,« sagte er tief bewegt, »diese Hand ist zu +klein und zu mollig für Ihr rauhes Bergthal. -- Kommen Sie mit mir in +die Stadt -- ich liebe Sie -- werden Sie meine Braut -- meine herzliebe +Frau.« -- -- + +Es war so ein gediegener Mann und redete so warm. + +Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: »Herr Doktor!« Sie senkte +das Köpfchen. »Ich passe nicht in die Stadt, ich kann ja kaum recht +lesen und schreiben und bin ein schlichtes Bergkind.« + +Da drang er heiß in sie: »O Binia! für mich ist das genug -- ich bin +selbst ein einfacher Mann. Was Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen +Sie mir hundertmal mit Ihrer sonnigen Natürlichkeit, mit Ihrem klugen +Auge, mit der Wärme Ihres Gemütes. Ich habe eine liebe alte Mutter +daheim -- sie ist auch schlicht und kann keine überbildete Tochter +brauchen.« + +Bei dem Wort »Mutter« begann Binia zu schluchzen. Eine Mutter! In ihrem +Leben noch einmal eine Mutter. Das war ein stürmischer Angriff. + +»Die oberflächlichen Leute meinen,« fuhr der junge Mann fort, »Sie seien +nur ein überaus gescheites, allerliebstes Naturkind, aber ich will es +Ihnen sagen: Sie sind ein großes, liebeheischendes, heißes Herz -- und +wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia, so gehen Sie um +Ihres eigenen Glücks willen nicht kalt an mir vorbei. Darf ich mit dem +Herrn Präsidenten reden?« + +Wie die Männerstimme zitterte! + +»Nein -- nein -- Herr Doktor, nein,« erwiderte sie angstvoll, »ich ehre +Sie -- ich will Ihnen ein Geheimnis verraten -- ich bin verlobt.« -- -- + +Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er schrieb ihr aber später: +»Ich weiß, was ich verloren habe, Sie einzige -- tausend-, tausendmal +Glück!« + +Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wußte es, sie hätte froh +werden können mit dem Manne. Und, seine Hand wäre Rettung vor Thöni +Grieg gewesen. + +Wozu diese wahnsinnige Treue für Josi? Das fünfte Jahr erfüllte sich +jetzt bald, daß er fortgegangen war. + +Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte Sommerwetter +entstandene Stimmung im Dorf. + +Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen dürfte, aber er ist wie ein +Pulverfaß. Man darf nicht an ihm rühren. Alles muß sich vor ihm drücken. +Thöni -- Frau Cresenz -- am meisten sie selbst: »Bini,« donnert er sie +an, »Gott's Hagel -- ich mache das Wetter nicht, lasse mich mit den +Kälbern im Dorf in Ruh'.« + +»Binia,« sagten die von St. Peter, »Ihr seid ja lieb und gut, aber wir +wollen nichts aus dem Bären, es klebt Unglück daran,« und einige Weiber +erklärten es frei heraus: »Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn Ihr schon +so lieb lächeln und reden könnt, mit Euren dunklen Augen seid Ihr doch +eine Hexe und der Bären ist das Unglück von St. Peter.« + +Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen Nebel an den Bergen; wenn +die Sonne am Morgen auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag +doch wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig lichteten, +sah man neue Runsen an den Bergen. Die oberen Alpen wurden spät +schneefrei, ehe das Gras gewachsen war, deckte sie schon wieder Schnee, +ein früher Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat rückte der +Gletscher vor. Die Wildleutlaue rüstete sich! + +Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgefühl legte sich über das +Dorf, als dürfe es nie mehr auf bessere Zeiten hoffen, und der gräßliche +Kaplan Johannes, der wieder von Fegunden heraufgekommen war, verließ St. +Peter nicht mehr. + +Binia wußte es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur von dem Haß gegen den +Vater, der ihn vor Jahren hatte aus der Gemeinde treiben lassen. Er +wühlte und hetzte im Dorf mit den dunkelsten Künsten des Aberglaubens. +Entsetzlicher noch! Der böse Narr hatte seine Begierde auf sie geworfen. +Sie fürchtete ihn wie die Taube den Habicht; seit er ihr letzthin +zugerufen: »Jungfer, merkt Ihr, wie mein Korn reif wird?« zitterte sie +vor ihm und ahnte schwere Ereignisse. + +Gewiß trieb der dämonische Kaplan die von St. Peter zu einer thörichten +That, um in einer Stunde der Verwirrung seine düstere Seele an den +Bildern erfüllter Rache zu ergötzen. + +Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Glück der Vater selbst +nichts erfuhr, trat dazu. + +Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund hergekommen war, +verlangte, daß man das Tier wie einen Gast bediene. Thöni, der Thor, +der sich in das Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur in +einem besonderen Zimmer. Die Mägde hatten zu dem Hund »Guten Tag, Herr +Walo!« zu sagen, wenn er auf den Stuhl sprang, ihm ein weißes Tuch +vorzubinden und dann je auf besonderem Teller fünf Gerichte vorzulegen, +zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: »Wünschen wohl gespeist zu haben, +Herr Walo!« und die Dame überwachte die Bedienung ihres Viehes. + +Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung, aber die Mägde +schwatzten, und nun lief die Geschichte im Dorf. + +»Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden,« staunten die Leute +entsetzt. + +Kaplan Johannes trug die Erzählung von Haus zu Haus: »Merkt ihr,« fragte +er, »aus dem Wetter nichts? Geht nach Hospel, dort sind sie froh über +den Regen, der dann und wann fällt. Merkt ihr nichts?« + +»Wohl, wohl!« erwiderten die Dörfler, »die armen Seelen wollen die +todsündige Völlerei im Bären nicht, sie wollen den Neubau nicht, die +Zwingburg, die uns hudlig machen soll. In den fürchterlichen Wettern +geben sie uns ihre Zeichen.« + +»Wir sind ja schon hudlig,« antworteten andere ingrimmig: »die drei +Kleinsten Bälzis stehen am Weg und strecken den Fremden die Hände um +Almosen hin. Die Haushaltung hat nichts zu beißen und zu brechen. Und +noch viele müssen vor Elend auch zu betteln anfangen. Das ist das Werk +des Presi.« + +Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte gegen den Aberglauben +und wies seiner Herde in Chroniken nach, daß es auch früher schon so +schlimme Jahre gegeben habe. + +Die Dörfler aber schrieen ihm zu: »Pfarrer, Ihr hütet die heilige +Religion nicht. Wißt ihr es nicht? Der Presi will in dem Neubau heimlich +eine Kapelle für die Ungläubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht, +und wenn Ihr nicht helft, müssen wir selbst Ordnung schaffen. Wir sind +nicht gewaltthätig und den Fremden wollen wir nichts thun, aber +wenigstens den Neubau dulden wir nicht.« + +»Man muß mit dem Presi in Güte reden!« meinten einige Ruhige, wie der +Fenken- und der Bockjeälpler. + +»Wenn wir das thun,« erwiderten aber die anderen, »sind wir verloren. -- +Er ist ein alter Fuchs, er weiß schon, wie er zu sprechen hat, daß +keiner von uns mehr etwas sagen kann.« + +Der Glottermüller hatte mit seinem Wirtschäftchen gute Zeiten, aber auch +in den eigenen Stuben sammelten sich da und dort die Dörfler. + +»Wir müssen es hinter den Garden stecken,« meinten sie, »er kommt dem +Presi am ehesten bei. Der Glottermüller muß mit ihm gehen. Der Kaplan +Johannes auch.« + +Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine Wohnung kam und ihm +zuredete, daß er Vermittler zwischen der Gemeinde und dem Presi werde. +»Ich bin nicht mehr sein Freund!« erklärte er. -- »Aber Ihr seid der +Garde!« drangen sie in ihn. -- »Dann gehe ich allein,« sagte er. -- +»Nein, wenigstens einer muß mit,« erwiderten sie, »damit der Presi +spürt, daß es Ernst gilt.« + +Nach gewaltigem Sträuben fügte sich der Garde in den sauren Gang und +darein, daß der Glottermüller ihn begleite. + +Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verdüsterung stand der +Himmel in reinem Blau, nur hingen an der Krone so drohende Wächten, wie +man sie niemals zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund zu Mund: +»Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der Himmel uns wieder +wohlgesinnt.« + +Würdig empfing der Presi die beiden Abgesandten von St. Peter, würdevoll +wie ein König antwortete er ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult +stützend: »Ihr Männer von St. Peter. Meint ihr, daß ich die Gemeinde +weniger lieb habe als ihr? -- Aber in einer thörichten Sache lasse ich +mich nicht von euch zwingen. Wir sind alle freie Männer. Wir beugen uns +vor nichts als vor den Ueberlieferungen unserer Väter und den Gesetzen +des Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, daß jeder bei uns frei +bauen darf, wie er will. Ich habe kein minderes Recht als ihr, der Bären +und die Krone stehen unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum +heiligt. Wer daran rührt, ist dem Gericht verfallen. Nicht anders ist es +mit den Fremden, die ins Thal kommen. Sie sind nicht, wie ihr meint, +vogelfrei, sie stehen unter dem Schirm mächtiger Verträge. Wehe dem, der +die verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn ich ein neues +Haus aufschließe und Gäste darein führe, und ich will es euch beweisen, +daß ich euerm ungerechten Verlangen nicht nachkomme. Thöni -- Binia!« + +»Presi, seid barmherzig,« bat der Garde, »sonst gerät die Gemeinde ins +Unglück. Was Ihr sagt, ist wohl wahr -- aber es ist nicht gut -- es ist +nicht gut.« + +Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden fast nicht ansehen, +Thöni aber erschien wie ein großer Herr. + +»Thöni Grieg und Binia Waldisch,« wandte sich der Presi stolz und +feierlich an die beiden, »vor der Gemeinde St. Peter verlobe ich euch, +auf daß ihr in Frieden und Glück das neuerbaute Haus zur Krone führt. +Binia, hole mir Bissen und Wein, daß ich sie euch reiche.« + +Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: »Nein -- ich kann nicht, +Vater.« + +Da wurde er kreideweiß: »Du Elende!« knirschte er mit einem +entsetzlichen Blick der Wut, »vor der Gemeinde machst du mich zu +Schanden -- möge Gott dich dafür schlagen!« + +Der Glottermüller verlor seine Haltung und quiekte mit seiner hohen +Weiberstimme: »Das ist ja abscheulich! Ich gehe, lebt wohl!« + +»Ja,« bebte die Stimme des Presi, »sagt es dem Dorfe nur, was für eine +Ungeratene ich zum Kinde habe.« + +Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit Thränen in den Augen sprach +er: »Gewaltthat auf Gewaltthat! -- Sünde auf Sünde -- Presi! alter +Freund -- muß ich es wirklich erleben, daß Ihr Euch selbst, Euer Kind, +Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!« + +»Was, alter Freund?« erwiderte der Bärenwirt kalt und hohnvoll, »einer, +der es mit den Kälbern hält, -- ein Tropf seid Ihr, Garde!« + +»Alte Männer schlagen sich nicht. -- Ihr schlagt Euch selbst.« + +Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke lag Binia, das Häuflein +Unglück. + +Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund zu Mund: »Nun hat sich Binia +doch mit Thöni Grieg verlobt.« Schreckliche Gerüchte waren im Umlauf. +Drei Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe mit Armen und +Beinen ausgeschlagen. »Ich kann nicht mehr leben. Mein Kind hat mich vor +der Gemeinde zu Schanden gemacht.« Da habe sich Binia auf ihn geworfen +und verzweifelt gerufen: »Vater -- lebe! -- ich will Thöni nehmen!« + +Der Presi hatte den Sieg über sein Kind und die Abgeordneten +davongetragen, aber der Bären lag in Acht und Bann, furchtbare Erregung +und Empörung gegen ihn herrschte im Dorf. + +So kommt der Winter, ein verkehrter Winter! Es fällt viel Schnee, aber +er hält nicht. Die Lawinen donnern Tag um Tag und ihre Luftstöße +erschüttern die Hütten. Jetzt tritt endlich bittere Kälte ein. Da +geschieht ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut fährt über die +Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken auf, die Wolken +verfinstern das Thal, sie sausen herab, sie drehen sich und prasseln +aufs Dorf. -- Die Glocken läuten. + +»Wohl denen, die tot sind,« schreien die Leute. »St. Peter geht unter -- +die armen Seelen ziehen aus -- für die Zeit, die uns bleibt, haben wir +noch genug zu essen, und daß unser armes Vieh an Seuchen stirbt, kann +nichts mehr schaden.« + +Da schleicht ein Wort heimlich durch das geängstigte St. Peter, das Wort +»Ahorn!« Wo sich zweie treffen, redet der eine geheimnisvoll von hundert +Dingen, bis er unauffällig das Wort »Ahorn« ins Gespräch mengen kann. +»Ahorn!« erwidert der Angeredete feierlich. Außer dem Garden, den man +immer noch einer alten Freundschaft für den Presi verdächtig hält, dem +Pfarrer und einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter +in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im Wort »Ahorn« erkennen. +Wer die Losung spricht, weiß es: Im Namen der armen Seelen muß der +Bären, das Sündenhaus, fallen und der Neubau zerstört werden. Es giebt +sonst keine Rettung für das Dorf. Wen das schreckliche Los trifft, der +muß den Bären und die Krone anzünden. Sonst ihm selbst »Ahorn«. Es giebt +keinen Verräter im Bergland. Sonst auch ihm »Ahorn«. Wer es aber thut, +der soll, auch wenn er dem Gericht in die Hände fällt, in der Gemeinde +nicht ehrlos sein, sondern alle anderen sollen für seinen Haushalt +einstehen. + +Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so fürchterlich, daß sie +selber davor zurückbeben. Sie losen noch nicht, erst zu äußerst soll es +geschehen -- gerade ehe die Fremden wieder erscheinen. + +»Ahorn« und Wildleutlaue! So kommt der Frühling. + +Der Presi und Thöni sind nach Hospel geritten. Am offenen Fenster steht +im Abendsonnenschein Binia und träumt. Ihre Wänglein sind bleich, die +Augen noch dunkler und größer als früher. Auf dem Kirchhof sprießt das +erste flaumige Grün und auf dem Kirschbaum, der sich bräutlich schmückt, +flötet eine Amsel. + +Eine Amsel. -- Sie denkt an Santa Maria del Lago. -- Jetzt ist sie +selbst der gefangene Vogel, aber keine barmherzige Hand kommt und +schneidet sie aus dem Netz. + +Josi, dessen Bild ihr so gräßlich entschwebt ist, steht wieder in +Klarheit vor ihr. + +Die Reue wütet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen Wallung des +kindlichen Gefühls hat sie dem Vater das Opfer gebracht, daß sie sich +mit Thöni verlobte. Ist der Vater des Opfers wert? -- Nein, wie könnte +er sonst die Freundschaft mit Thöni halten, dem Schuft. + +Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Thönis wehrte sie ab, da kam er +gerade, allerdings nicht ganz nüchtern, dazu. Thöni ließ sie los, da +lachte der Vater glückselig. »Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht +ihr nicht so scheu zu thun.« Und Thöni überredet den Vater, heimlich sei +sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber hat es noch nie dazu gebracht, Thöni +nur den kleinen Finger zu strecken oder sich eine Berührung von ihm +gefallen zu lassen. Allein an den mißverstandenen Augenblick, an Thönis +Vorspiegelungen klammert sich der Vater und betäubt sein schlechtes +Gewissen. + +Ob er nun glücklich ist? -- Nein, er ist ein armer, armer Mann! Er fällt +aus den Kleidern, er beginnt zu ergrauen, er lächelt wohl darüber, daß +kein Mensch den Bären betritt, aber der Haß des Dorfes peinigt ihn, die +Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, tötet ihn fast. + +Er könnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf würde an ihm hangen, aber +die Welt mag sterben, er setzt seinen eigenen Willen durch. + +Und sie -- und sie -- dieses viel zu starken Vaters Kind -- sie ist +schwach geworden -- nach unsäglicher Treue doch treulos. + +Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war, beißt sie in die Finger +und schaut mit großen traurigen Augen in die sonnige Frühlingswelt. + +Da rennen Leute die Straße daher und kreischen: »Es ist ein Toter +auferstanden -- Josi Blatter, der Rebell!« + +Sie schreit auf -- sie fällt in die Kniee, sie flüstert: »Er lebt!« und +vor ihr versinkt die Welt. + + + + +XV. + + +Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi Blatter! + +Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden Föhnsturm des Märzen +schritt er am Spätnachmittag von der Schneelücke herunter. + +Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im Dorf den einsamen +Wanderer bemerkt. »Ein Mann, ein Tier oder ein Gespenst!« rieten die +Leute und waren eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas +Natürliches zu glauben. Was für ein Christ konnte um diese Zeit der +höchsten Gefahr über die Schneelücke steigen, an der selbst im +Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. Der Wanderer aber schritt +unentwegt näher und sprach zu den verwundert Spähenden und Harrenden: +»Grüß euch Gott,« gerade wie es die zu St. Peter sprechen. + +»Alle Heiligen. -- Das ist Josi Blatter -- das ist der Rebell!« Die +Frauen und Kinder bekreuzten sich, man hörte ängstliche Stimmen: »Ist er +lebendig oder tot?« und die abergläubisch Erschrockenen fuhren zurück. + +Er mußte wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, den Rucksack über +die Schultern gehängt, den eisenbeschlagenen Bergstock in starker Hand, +so fest und gelassen kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof +gehen, und in scheuer Entfernung folgten ihm die Dörfler: »Der ist jetzt +ein schöner Mann geworden!« meinten einige. Er aber wandte sich um. +»Bäliälplerin, wißt Ihr, welche Nummer das Grabscheit meiner seligen +Schwester Vroni hat? Ich möchte für sie beten.« + +Alle, die es hörten, schrieen auf und wichen zurück. Der junge Peter +Thugi nur grüßte ihn herzlich: »Josi, was denkst du? Deine Schwester +Vroni ist nicht gestorben, sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des +Garden.« + +Josi wankten die Kniee; als ob er stürzen wolle, pflanzte er sich an den +Bergstock. Er konnte nicht reden. + +Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. »Lebe wohl, Josi!« sagt Peter +Thugi. Der murmelt aber nur finster: »Warum hat mir der Garde das +gethan?« + +»Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!« tönt es wie Feuerruf durch +das Dorf, halb St. Peter sammelt sich vor der Wohnung des Garden. + +Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. Da sieht er den Auflauf. +Im gleichen Augenblick pocht es an der Thüre und Vroni öffnet. + +»Josi! -- Alle Heiligen -- Josi!« Mit blutleeren Wangen weicht sie +zurück -- dann stürzt sie wieder vorwärts und umhalst ihn jubelnd und +weinend. »Du lebst, Josi, -- du lebst!« Allein der Ankömmling bleibt an +der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die Wand, legt den +Rucksack nicht ab, und als der Garde ihm entgegengeht und sagt: »Komm +doch herein, Josi,« da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thüre. +»Ja, darf ich?« fragt er gedrückt. »Lange eng machen will ich euch +nicht. Ich weiß jetzt, daß ich überzählig bin.« + +Finster und wankend steht er an der Thüre: »Ehe ich eintrete,« preßt er +hervor, »muß ich doch fragen, wie Ihr mir habt so einen Brief schreiben +können, Garde. Vroni lebt und ist nicht tot! -- O Vroneli, du lebst -- +du lebst!« Er will sie umarmen, aber sie tritt zurück und schlägt die +Hände über dem Kopf zusammen. + +»Mutter Gottes, was Josi redet,« jammert sie. »Ich gestorben und der +Vater einen Brief? -- Josi, hat dir die fremde Welt das Hirn verrückt?« +Ihre Augen nehmen einen schreckhaften Ausdruck an. + +Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung faßt, ist der Garde: +»So komm doch herein, Josi,« redet er ihm freundlich zu, »wir wollen +über alles im Frieden reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken, +mit dem Wiederfortgehen drängt es gewiß nicht, Josi.« + +Der sitzt nun am Tisch und schluchzt in die Hände: »Vroni lebt!« + +Der Garde ist tief erschüttert. »Ein Brief -- ein Brief! sagst du, +Josi.« Er langt in ein Schubfach des Buffert. »Da ist auch ein Brief, +aus dem wir nicht klug geworden sind.« Josi schaut auf -- er dreht und +dreht den Brief in zitternden Händen. »Vor vier Jahren! Da war ich +allerdings in der Gegend von Srinigar! Vor zweien noch. Auch die Cholera +war dort. Ein paar hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist +abscheulich drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die Post +nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege auf dem Karren. Solche +Dinge sind in der großen Verwirrung vorgekommen, viele Angestellte der +Post sind gestorben, es hat neue gegeben, und die waren nicht immer +zuverlässig. So ist ein Irrtum denkbar.« Er wirft einen Blick in den +Brief: »Und Binia hat das Wort von den Vögeln geschrieben: 'Laß die +Hoffnung nicht fahren.'« Er erbebt. + +Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch zurück, sie deckt +den Tisch mit weißem Linnen und der Garde sagt, indem er dem jungen +Manne noch einmal die Hand schüttelt: »Josi, gottwillkommen, ich merke +schon, es ist viel aufzuklären.« + +Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere sei tot, umarmen +sich wieder und wieder: »Josi, du lebst« -- »Du lebst auch, Vroni!« + +Plötzlich sagt Josi: »Aber wie so lange kein Brief gekommen ist, hab' +ich doch wieder einen gesandt. Darauf ist Euer Brief, Garde, gekommen, +und ich habe Euch noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten. +Ich verstehe die Welt nicht mehr.« Er langt in die Brusttasche. »Da ist +Euer Brief, Garde!« + +Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder bleich: »Nicht selig +werden will ich, wenn ich das geschrieben habe, so gotteslästerliche +Dinge -- schau! -- schau! -- Vroni!« + +Und sie liest: + +»Lieber Vögtling Josi! In gar großer Betrübnis melden wir Dir, daß das +gute, liebe Vroneli nach langem Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im +Winter sehr unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu unserem +großen Leidwesen legen müssen und nimmer mögen genesen. Aber Deinen +Brief hat es noch mit mageren Händchen gehalten und sich noch auf dem +Todbett daran gefreut. Es ist so traurig, daß ich nicht alles schreiben +mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in St. Peter. Du hast damit, daß +Du auf die Krone gingest, ein großes Unglück angestellt. Kein Frieden, +keine Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, daß Du fort bist! Die +Bini hält in vierzehn Tagen Hochzeit mit Thöni Grieg. Wer hätte gedacht, +daß sie den Fötzel nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das +Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt, es sei ihm recht, +daß es die Hochzeit nicht mehr erlebe, es hätte keine Freude daran wegen +Dir. Es hat Dich noch tausendmal grüßen lassen. Du sollst für die Selige +beten. Lebe wohl, Josi, und tröste Dich! Auf Wiedersehen kann ich nicht +sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie mehr nach St. Peter kommen. Hans +Zuensteinen, Garde.« + +Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde läuft wütend hin und her: +»Merkst du nicht, wer den Brief geschrieben hat, Vroni?« Er nimmt ihn +wieder. »Gerade meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind es +andere.« Er wühlt mit zitternden Händen im Buffert. »Da ist noch etwas +Geschriebenes von Thöni Grieg. -- Da schau, schau! -- Da am Ende hat es +von seinen Buchstaben -- du unseliger Hund! -- Thöni, du unseliger Hund. +-- Und du nennst dich nur Fötzel -- und bist so ein Schuft!« + +Josi schluchzt: »Ich habe nicht auf die Buchstaben gesehen, mich hat der +Brief halt gerade so angetönt, als ob er von Euch wäre -- ich habe so +viele Thränen darauf vergossen. Thöni -- das hast du mir gethan! -- Und +Bini ist gewiß auch nicht sein Weib.« + +Da öffnet sich die Thüre ein wenig, man hört draußen Eusebis gedämpfte +Stimme. »Schau nur schnell, Bini -- er ist wirklich und wahrhaftig da -- +aber zittere nicht so!« + +Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und springt: »Josi!« +Binia fällt an der Schwelle nieder, sie stößt gegen die Thüre und diese +öffnet sich breit. + +Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia. »Bineli!« schreit er in +seliger Freude, aber er fährt zurück, tonlos stammelt er: »Sie trägt +doch einen Ring!« Er ruft: »Geh fort, Bini, geh fort -- ich halte es +nicht aus -- ich kann dich nicht ansehen -- -- fort, fort -- Frau Thöni +Grieg!« + +Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen Worten. Vroni müht sich +um die Gestürzte und begleitet sie aus dem Haus. + +Der Garde nimmt Eusebi beim Rockärmel: »Wie hast du auch Bini +hereinbringen können,« knurrt er wild. + +»Wir haben Sägeträmmel in der Glotter geflößt, da kommt ein Bub Bälzis +gesprungen: 'Josi Blatter ist wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie +ich vor das Haus komme, stehen die Leute da -- mitten unter ihnen wie +eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine Hände. 'Ich komme +gerade von daheim, ist es wahr, ist Josi da?' Ein Stein hätte sich ihrer +erbarmen müssen. Und gebettelt hat sie: 'Laß mich nur durch die +Thürspalte lugen wie er jetzt ist.' Ihr hättet auch nicht widerstehen +können, Vater!« + +Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi hört es nicht mehr. Er hat sich zu +Josi gewandt: »Josi -- Schwager -- lieber Schwager.« + +»Ja so -- du bist es, Eusebi!« stammelt Josi. »Dich habe ich nicht +gleich wieder erkannt. Was bist auch für ein Mann geworden -- und ich +habe dich immer noch im Gedächtnis gehabt, wie du so ein blöder Bub +gewesen bist!« + +»Schwager!« wiederholt Eusebi. + +»Wie rufst du mir! -- 'Schwager?' -- das ist eine spaßige Welt.« + +»Du weißt noch nicht, daß Vroneli meine Frau ist -- meine liebe, herzige +Frau.« + +»Eusebi, was sagst -- Vroni, deine Frau!« Josi stürzt von einer +Ueberraschung in die andere. + +»Und du weißt noch nicht,« sagt Eusebi, »daß wir ein so liebes, herziges +Kind haben, komm und beschau's!« + +Der Glückliche zieht den von allem Neuen auf den Kopf geschlagenen Josi +in die Nebenstube: »Siehst, da liegt es und schläft und weiß nicht, daß +du gekommen bist. Es ist jährig, und weil es gesund ist, so schläft es +bei allem Lärm.« + +»Wie heißt es?« fragt Josi. + +»Joseli heißt es wie du und dir zu Ehren.« + +»Joseli heißt es und mir zu Ehren,« wiederholt er wie in tiefem Traum. + +Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht; wie er den Vater sieht, +streckt er lachend die Aermchen, und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend +auf den Arm: »Joseli!« + +»Schwager!« sagt er, »wie mich das freut -- wie mich das freut, daß du +wiedergekommen bist. Vroni hat so viel getrauert um dich, jetzt mein' +ich, ist sie dann erst recht glücklich mit mir, weißt, das ist eine +Frau, wie die Fränzi selig, wie deine Mutter -- o so himmelgut.« + +Wie die beiden Männer wieder in die Wohnstube treten, ist Vroni, die +junge Frau, eben von der Begleitung Binias zurückgekehrt und auf einen +Stuhl gesunken. Mit gefalteten Händen spricht sie: »Bini ist +heimgegangen -- aber was jetzt geschieht, weiß Gott!« + +Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni ist glücklich, wie die +Mutter Josi herzlich begegnet: »Tausend, was für ein schöner Mann Ihr +seid! Einen so braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark. +Und die häßliche Narbe sieht man nicht mehr.« Sie schüttete einen ganzen +Korb voll neugieriger Fragen vor ihm aus. + +Der Garde sagt aber ernst: »Ich gehe noch ins Dorf, es muß in der ersten +Frühe ein zuverlässiger Bote nach Hospel auf die Post! Schweigt zunächst +über die Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen +Thönis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr gegen den Bären.« Er +geht und die unaufschiebbaren Abendarbeiten, welche Eusebi und die +Gardin in Anspruch nehmen, fügen es, daß die Geschwister allein sind. + +Leise sänftigen sich die Wogen des überraschenden Wiedersehens. + +Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der Sturm hat ihn +überwältigt. + +Da streichelt ihn Vroni und fragt: »Wie hast auch den Heimweg wieder +gefunden, Josi, nach mehr als fünf Jahren?« + +Mit geröteten Augen schaut er auf: »Ich will es dir nur bekennen,« +erzählt er, »ich wäre nicht wieder gekommen, hätte mich Felix Indergand +nicht mit Gewalt zurückgeschleppt. Wie zwei Brüder haben wir zusammen +gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh, daß du gestorben seiest, +und Binia an mir so schlecht gewesen ist, so hat er manchmal meine Hand +genommen und so warm geredet, daß ich ganz tröstlich geworden bin. 'Was +willst im fremden Land freudlos leben?' sagte der gute Felix, 'kreuzige +dich nicht so stark, Untreu' ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich +von dir, Vroni, erzählt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate, mein +liebes Schwesterkind zu Bräggen.' Und er meint, ich soll sie um ihre +Hand fragen. Er drängte mich. Und nun, Vroni, gab ich ihm ein +Versprechen, das mich reut, aber wenn man keinen lieben Menschen auf +dieser Welt mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde viel zu +Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag fährt das Mädchen von Bräggen in +die Stadt zu seinem alten Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um +ihm als Patenkind Glück zu wünschen. Also auch morgen. Und ich muß +ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen, ob mein Geldlein richtig auf +die Bank angewiesen worden ist. Da kann ich sie sehen, ohne daß sie vom +Plan weiß. Sie muß in Hospel übernachten. Doch ist mir so sonderbar! Ich +hätte schon vor drei Tagen in St. Peter sein können, aber ich meinte: +'Nur geschwind beten auf den Gräbern und durch das Dorf laufen.' -- Und, +Vroni, um die Beate kümmere ich mich nicht -- ich kann nicht -- sieh, +wer von Bini ein Reiflein hat, der hat keine andere mehr lieb! Immerhin +will ich dem Freund das Versprechen halten.« + +So berichtete Josi. + +»Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder? Sei nicht so +bitter, glaube mir, Binia hat gräßlich um dich gelitten. Sie ist zu der +Verlobung mit Grieg gezwungen worden.« Und in fliegenden Zügen schildert +ihm Vroni die Ereignisse der Zeit. + +»Sie hat gräßlich gelitten um mich.« Tonlos sagt es Josi und weint. + +»Daß ich auch so flennen muß,« stammelt er, »es ist ja eine Schande, +wenn ein Mann greint, aber ich kann mich nicht wehren -- ich flenne vor +Freude, weil es dir so gut gegangen ist, Vroni, -- wer hätte gedacht, +daß Eusebi so ein Mann, wer hätte gedacht, daß wir die nächsten +Verwandten des Garden würden -- ich flenne, weil dein Kind Joseli heißt +-- weil ich wieder in St. Peter bin, wo Vater und Mutter begraben sind. +Ich weine aus Wut über Thöni Grieg, erschlagen könnte ich ihn vor Grimm +-- ich weine, weil es mir das Herz vertrüdelt und bricht, daß ich Bini +wiedergesehen habe. -- Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst +du, schmerzenreich und ist jetzt doch Thönis Braut!« + +Josi hat alle Fassung verloren. + +Da kommt der Garde zurück. Wie er hört, daß Josi schon am Morgen in die +Stadt gehen will und von dem Versprechen erfährt, das er Indergand +gegeben, seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegenüber und +nimmt seine Hand. »Ich meine,« sagt er herzlich, »ich sei auch dein +Vater, Josi, und will offen mit dir reden. Wie du zu Bini standest, weiß +ich und der Herrgott, der ins Herz sieht, weiß ebenso gut, wie schwer es +mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Daß du aber morgen die Beate Indergand +sehen willst, das ist des Himmels Wink. Kämpfe, kämpfe, Josi, gegen dein +Herz! Es wird jetzt schon eine Aenderung im Bären geben, Thöni Grieg +kann nicht in St. Peter bleiben, ich könnte mich nicht zähmen, wenn ich +ihn träfe, den unseligen Hund. Was da aber komme, Josi, hüte dich vor +Binia! Der Bären wankt. Zu maßlos hat der Presi gewütet. Ein +Volksgericht bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben hat -- +und, lieber Josi, ich möchte dich, wenn der Bären gestürzt ist, nicht +unter den blutenden Opfern finden. Darum, um Gottes willen, Hand weg von +Binia. So wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi -- mein Haus soll +rein bleiben von Schuld -- und wenn dir die Beate ein wenig gefällt, so +sei freundlich zu ihr. Es ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.« + +»O, wäre Bini nur nicht verlobt,« stöhnt Josi, »ich holte sie jauchzend +mitten aus der Wut derer von St. Peter, aber ich kann nicht der +Nachgänger Thöni Griegs sein -- nein, beim Himmel nicht -- und nicht mit +einem Stecklein könnte ich sie mehr anlangen.« + +»Josi, geh' zur Ruhe,« mahnt Vroni, »du bebst ja am ganzen Leib -- du +bist krank.« + +Josi steht auf. + +»Noch eins, Josi,« sagt der Garde, »so schwer es dir und mir fallen mag +-- gegen das Dorf wollen wir über Thönis That schweigen und wenigstens +jetzt auch noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat sich +gerüstet und das ist immer eine schwere Zeit -- ein Wort von uns, und +sie kann den Bären mit den heligen Wassern zusammenschlagen. Gieb mir +die Hand darauf, Josi, daß du ruhig bist.« + +Stumm reichen sich die Männer die Hände, zuletzt sagt der Garde: »Mit +dem Presi will ich aber morgen doch reden -- nicht seinetwegen -- aber +wegen des armen Dorfes.« + +Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, doch wirre Träume +quälten ihn, am meisten der, Binia schwebe in irgend einer großen +Gefahr und rufe mit ihrem Vogelstimmchen: »Josi -- Josi -- ich bitte +dich -- hilf mir.« Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um ihn und +einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die Kammerscheiben +geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit bleiernen Gliedern blieb er +liegen. Im ersten Grauen des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weißes +vor seinem Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein Faden +gezogen war, hing am Fensterhaken. + +»Bini!« schrie er. + +Sie schrieb: »Ich muß mich vor Dir rechtfertigen, sonst sterbe ich. Bei +dem schönen, unvergeßlichen Tag von Santa Maria del Lago, sei heute um +Mitternacht im Teufelsgarten. Dein unglücklicher Vogel Binia.« + +Josi biß sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte sich. +»Thorheiten, Bini,« flüsterte er, und beim frühen Morgenessen sagte er +zu Vroni: »Schwesterlein, ich habe es mir überlegt. Ich muß wieder in +die Fremde. Je bälder je besser. Am Sonntag noch wollen wir miteinander +zur Kirche gehen, dann reise ich wieder ab.« + +Und seltsam! Vroni war über seine Rede wohl traurig, das Wasser trat ihr +in die Augen, aber sie widersprach ihm nicht. + +Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele witterte Gefahr für +Josi. + +Er zögerte und zögerte fortzugehen, er scherzte noch mit Joseli, der +erwacht war, und dann war es immer, als wolle er noch etwas sagen oder +fragen. + +»Du kommst gewiß zu spät,« mahnte Vroni. + +Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs- und schmerzenreichen +Weg über den Stutz hinunter, am Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei. + +Als er zu den Weißen Brettern aufschaute, erschrak er. Es rieselte weiß +in den Wildleutfurren und knatterte in einem fort. »Gerade wie damals,« +dachte er, »als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so früh im Jahre!« + +Er dachte an den Vater -- er dachte an seinen eigenen großen Plan, als +ein zweiter und stärkerer Matthys Jul und für Binia die heligen Wasser +den sicheren Weg durch die Felsen zu führen und St. Peter aus der +Blutfron zu lösen. + +In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein wunderbarer Anreiz lag in +dem Gedanken. + +Bah -- Bini ist für ihn verloren -- er will wieder fort, die in St. +Peter mögen selber sehen, wie sie mit den heligen Wassern fertig werden. + +Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine wunderliche Stunde +kam ihm ins Gedächtnis. + +»O Binia! -- Binia!« seufzte er. + +Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu schicken und ihr sagen +zu lassen, sie möchte von dem Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch +nur zu Vroni, wäre ihm doch wie ein schnöder Verrat am geliebten Bild +erschienen. + +»Glaube mir, sie hat gräßlich um dich gelitten -- sie ist zur Verlobung +mit Thöni gezwungen worden.« Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren. +Und Binia ist in Gefahr. + +»Ich kann sie aber doch nicht treffen -- sie ist die Braut Thöni +Griegs,« murmelte er, und der Gedanke an Binia und an die Warnung des +Garden quälte ihn so, daß er im reinen Frühlingstag vor Weh fast starb. +Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze mit dem Bettelsack +stutzte einen Augenblick -- dann schlug er ein höllisches widriges +Lachen an. »Guten Tag, Söhnchen! -- Bist du wieder da, du undankbares +Aas!« + +»Schweige, Pfaff!« Und Josi machte eine drohende Bewegung mit seinem +Stock. + +Ein entsetzlicher Haß loderte aus den Augen des Verrückten, Josi aber +hatte eine sonderbare Empfindung: »Wie wenn mir einer Gift angeworfen +hätte.« + +In Tremis streckte die alte verkrümmte Susi ihren Kopf aus dem Fenster. +»Je, je,« lachte sie verwundert, »der zweimal verloren gegangene Rebell! +-- Jetzt seht Ihr aber schön aus. Bini muß jetzt wohl den Thöni fahren +lassen. Hä-hä hä!« + +»Haltet Euer altes Maul!« rief er ihr verdrossen zu, er eilte vorwärts +und kam in Hospel eben recht auf die Post. + +Der Wagen rollte das große Thal entlang. Ein betagtes Ehepaar und ein +junges Mädchen teilten sich mit Josi in den Raum des offenen Gefährtes. +Das Mädchen glich Vroni und war blond wie sie. Er hörte bald, daß sie +erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie übernachtet habe. Die drei +sprachen dann aber wieder von gleichgültigen Dingen, namentlich vom +Segen der heligen Wasser zu Hospel und den fünf Dörfern, wo ihr erster +lauer Strom die Aprikosen- und Pfirsichblüten geöffnet hatte. + +»Ihr seid von Bräggen,« wandte sich Josi höflich an das Mädchen, »sagt, +ist Felix Indergand gut heimgekommen von seiner weiten Reise?« + +»Vorgestern,« antwortete sie frisch, »kennt Ihr ihn?« + +»Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien zusammen, wir +haben uns erst vor wenigen Tagen getrennt.« + +»Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im Glotterthal?« + +Zwei hübsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches Lächeln +umspielte die Lippen des Mädchens. + +»Felix,« fuhr sie fort, »hat uns viel von Euch erzählt, er sagte, ohne +Euch hätte er es niemals ausgehalten in dem fremden Land, aber wenn er +fast vergangen sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so lieb +angesehen mit Euren braunen Augen.« + +Sie lächelte wieder und betrachtete Josi, der unter ihren Blicken +unruhig wurde. + +Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes Mädchen. + +Bei einem der nächsten Dörfer stiegen die alten Leute aus -- die Jugend +fuhr bis in die Nähe der Stadt allein durch den Frühling und plauderte. + +Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen lastete auf +ihr und ihrer Mutter, und wenn Josi nicht zu viel in ihre Worte legte, +so dachte sie ernstlich, sich männliche Hilfe zu suchen. + +»Ja, in Bräggen,« scherzte er, »giebt es gewiß Bursche genug, die gern +zu Euch in den Dienst treten, zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.« + +»Seid doch still,« antwortete sie, »die Bursche bei uns lungern lieber +vor den Gasthöfen herum.« + +Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust hätte, bei ihr als Knecht +einzutreten. + +»Ach, geht,« sagte sie errötend, »so ein gescheiter, schöner Mann wie +Ihr, der in Indien Aufseher gewesen ist, wird doch nicht Knecht, das +könnte ich gar nicht leiden.« + +Und sie sah ihn so sonderbar fröhlich und gütig, mit so viel Achtung an, +daß er ganz verwirrt wurde. + +»Kommt aber,« sprach sie, »nur sonst bald einmal nach Bräggen, Felix +wird eine große Freude haben und Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann +selbstverständlich ein paar Tage nicht los.« + +Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie: »Ja, etwas muß ich Euch +noch erzählen. Wie ich gestern mit der Post im Kreuz zu Hospel +angekommen bin, saßen zwei Männer von St. Peter da, der Präsident und +ein jüngerer Herr, Thöni haben sie ihn genannt. Ich frage sie, ob Ihr +schon daheim seid. Da sagt der Präsident: 'Der ist ja gestorben!' der +jüngere aber wird grün und gelb wie eine Leiche und wiederholt auf +spaßige Art: 'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und +habe erzählt, was ich von Felix über Euch wußte: wie Ihr, obgleich noch +so jung, geachtet und angesehen und Aufseher über mehr als hundert +Arbeiter gewesen seid und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, daß +man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird, wenn Ihr Euch wieder +meldet. Die haben Mund und Augen aufgesperrt, der Präsident hat vor +Schlucken nichts sagen können als: 'So -- so -- -- Josi Blatter -- so -- +so!' Der jüngere aber hat die Gläser nur so gestürzt. Es war ganz +sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt auf einmal gesagt: 'Die Maultiere +sind bereit -- reitet heim, ihr habt ja eine große Neuigkeit zu +bringen.'« + +»So lieb habt Ihr von mir geredet,« dankte Josi, seine Wangen glühten, +er versprach den Besuch zu Bräggen und nahm ihre Hand. »Ihr seid so ein +artiges Mädchen!« + +»Ihr gefallt mir auch gut -- ich bin sonst nicht von der Art, daß einer +nur meine Hand nehmen darf, sondern recht wählerisch,« lächelte sie. + +Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann stieg ein, und weil +Josi und Beate nichts Gleichgültiges sprechen wollten, so wurden beide +still. + +Es wäre gewiß ein schöner Traum: Ein freundliches Gut im grünen +Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das Lachen eines so jungen sonnigen +Weibes wie Beate, am Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der +in schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt hat, und dazu +den Frieden der Heimat. + +Josi weiß es. Aber er ist kaum allein, so bereut er das Versprechen, +nach Bräggen zu kommen, bitterlich. Es wäre ein Unrecht an der sonnigen, +arglosen Beate, wenn er ihr Liebe heuchelte, während er doch ein anderes +Bild im Herzen trägt: Binia, das feurige Herz, die mutvolle Seele. Da +giebt es keine Rettung. + +Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer Binia, ihr +glänzendes Augenpaar, die frischen Lippen, das rosige Ohr und er geht +mit ihr am Gestade von Santa Maria del Lago. + +Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute Wort, das er Beate +gegeben hat. + +»Felix, ich kann dir nicht helfen!« sagt er für sich, und dann: »Bini! +-- Bini! -- Ich komme, wenn es das Leben kostete, in den Teufelsgarten +-- ich muß deine dunklen Augen sehen -- deinen Ruf 'Josi' hören. -- +Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien -- morgen schon fort +-- trotz Garde, Vroni und Joseli -- fort -- fort! ein einsamer +heimatloser Mann. + +»Wie gern wäre ich für dich an die Weißen Bretter gestiegen, aber -- o +Bineli -- weil du mit Grieg gegangen bist, habe ich den Mut nicht +mehr.« + + + + +XVI. + + +Einen Tag zurück. + +Binia ist vom Haus des Garden wieder daheim. Mit verkrampften Händen +sitzt sie am Rand des Bettes. Die dunkle Flut ihrer Haare ist ihr zu +beiden Seiten niedergeglitten, zwei brennende Augen schauen zwischen den +Strähnen hervor. Das Gesicht ist starr und blaß wie ein Steinbildnis, +aber im Blick funkelt das Leben, strömt die Leidenschaft. Sie stößt +einen Ton hervor, wie ein kleines Kind, das seufzt. Es beben die Lippen: +»Er ist gekommen wie ein Held -- er ist schön wie ein Held!« + +Dann wimmert sie und beißt sich die Fingerknöchel wund. »Wie hat er mich +genannt? -- Frau Thöni Grieg!« Das Wort brennt sie wie eine Hölle im +Herzen! »Es ist nicht wahr. Nein. In Ewigkeit nein. -- Ich werde es +nicht.« + +Sie schleudert den Reifen weit von sich. + +Sie wankt zum Schrank, sie nimmt aus einer kleinen bemalten Truhe ein +goldenes Kettchen, sie öffnet die Kapsel die daran hängt, und ein +Tautropfen glänzt. Sie küßt ihn mit glühenden Lippen und sagt: »Wie ein +Tautropfen so frisch, so rein, so sonnenvoll habe ich wollen sein, damit +ich dir immer gefalle, Josi.« + +Die Stimme erbebt zart und fein. Da merkt sie erst, daß ihr die Haare +niedergefallen sind. Sie tritt vor den Spiegel und ordnet sie. Und nun +lächelt sie doch. Sie ist wohl blaß und ihre Wänglein sind schmal, aber +ihre gewölbte Stirn ist rein -- und die Lippen sind rein. + +Und sie stammelt: »Das Herz ist rein! -- Und er liebt mich noch -- ich +habe es ihm angesehen -- ich will demütig sein gegen ihn -- o, so +demütig -- und wenn er mich nicht mehr will --« + +Ein Schrei! + +Und nun staunt sie wieder: »Wenn der Vater nicht will, wenn Thöni nicht +will. Sie wollen nicht!« + +Kämpfen, kämpfen will sie jetzt um Josi bis ans Ende -- gegen Thöni -- +gegen den Vater -- gegen die ganze Welt. Nein, um das einzige große +Glück ihrer Liebe darf sie sich nicht betrügen lassen. + +Und wenn sie Josi fortjagt, so will sie zu ihm hinkriechen und betteln: +»Dulde mich bei dir!« + +Sie sinnt und nach einer Weile tönt wieder ihr kleiner Schrei. + +In den fliegenden Gedanken hat sie etwas Sonderbares gehört und gesehen; +die Leute haben gesagt, Josi habe geglaubt, Vroni sei tot. Und auf dem +Tisch des Garden lagen zwei Briefe. -- Ein alter Verdacht zuckt auf: +»Warum hat Thöni die Postschlüssel immer abgezogen?« Ist sie +hellseherisch geworden aus langer, unbegreiflicher Blindheit? + +»In verbrecherischer Weise hat sich Thöni zwischen mich und Josi +gestellt.« + +Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung gewonnen. + +»Ja, jetzt Kampf!« Ihre Augen flammen auf, alles an ihr lebt und bebt. +»Du wirst sehen, Vater, du armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor, +wie ich Thöni liebe.« + +Mit fieberglühendem Köpfchen schwankt sie hinab in die Postablage. Sie +hat die Hand am Telegraphenapparat: »Postdirektion. In St. Peter ist ein +Postverbrechen geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch.« Da +läßt sie die Hand sinken -- der Schrecken lähmt sie. Der Vater ist der +Posthalter, nicht Thöni. Hat je ein Kind seinen Vater den Gerichten +ausgeliefert? + +Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie weiß ja nicht einmal, +ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt ist. Und nun noch ein +furchtbarer Gedanke: »Wenn der Vater in seinem wilden Haß auf Josi der +Anstifter der Briefunterschlagungen wäre?« + +»Schäme dich, Binia,« flüstert sie, »so ist er nicht. -- Unerhörte +Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt, aber du mußt ihm nur in die +Augen sehen, in die lieben und schönen Augen, dann siehst du einen +gewaltigen Mann, der sich eher würde zerbrechen lassen, als daß er mit +Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit mithülfe. -- Er ist das +Opfer -- armer, armer Vater!« + +Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen Thönis sein. + +Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mißtrauisch folgen -- sie +geht in ihre Kammer -- -- sie liest den Ring Thönis knirschend auf -- +aber sie bringt ihn nicht mehr an den Finger -- sie läßt ihn in die +Tasche gleiten. + +»Mutter,« flüstert sie, »jetzt sollte dein armes Kind klug sein wie eine +Schlange.« + +Sie steigt in die große Wohnstube hinab -- sie näht -- aber die Nadeln +brechen und der Faden reißt. Und dennoch denkt sie: »Wie ich heucheln +gelernt habe! Nähen -- und das Herz zerspringt.« + +Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam erlebt hat. Sie sieht die +Bilder, als schaue sie in einen Guckkasten: den kleinen Buben, der das +wilde Kind herumträgt -- den Kuß im Teufelsgarten -- den schlafenden +Josi, den sie mit Fränzi beschaut -- Josi, das Knechtlein, das +zerschmettert mit Bälzi geht -- Josi, der unter dem Peitschenhieb des +Vaters blutet -- Josi, der zu Madonna del Lago erwartungsvoll vor der +Gartenpforte steht. + +Wie hat sie auch nur einen Augenblick vor dem Zorn des Vaters schwanken, +einen Augenblick glauben können, Josi sei tot. + +Da kommen die Männer heim. + +»Hole mir Wein, Bini, ich habe noch einen verdammten Durst,« johlt +Thöni, -- »schau mich nicht so verächtlich an, Bini, und so seltsam. So, +schwillt dir der Kamm wieder, weil der Rebell und Halunke da ist. Es +nützt dir nichts. -- Am Sonntag muß der Pfarrer unsere Ehe verkündigen!« + +»Ins Bett mit dir, Thöni,« keucht und donnert der Presi, der müde und +elend auf einen Stuhl gesunken ist. + +»Von Euch laß ich mich nicht mehr so anfahren, Presi,« mault Thöni unter +der Thür zurück, »wenn ich im Kot bin, so seid Ihr auch drin.« + +»Geh jetzt,« sagt der Presi matt, »schlafe den Rausch aus. Gelt, Bini, +du machst keine Thorheiten wegen des Rebellen!« Thöni schwankt ohne +»Gute Nacht« fort. + +Sie antwortet dem Vater nicht. Das Linnen, an dem sie arbeitet, ist ihr +vom Schoß geglitten. Sie hat das letzte Wort Thönis anders gefaßt als +der Vater -- für sie ist es ein Schuldbekenntnis, daß an Josi ein +Verbrechen geschehen sei. + +»Ich gehe jetzt auch zu Bett, es ist mir nicht recht wohl. Gute Nacht, +Binia.« Der Vater sagt es so gütig, wie er seit langem nicht mehr +geredet hat, aber tiefbekümmert, als hätte er etwas Schweres erlebt. + +Binia schläft nicht. + +Mitten in der Nacht wandelt sie barfuß und gespensterhaft durch das +Haus. Leicht gekleidet schleicht sie von ihrer Kammer durch den Gang zu +Thönis Zimmer. Sie lauscht eine Weile an der Thüre. Der drinnen +schnarcht laut. Sie öffnet die Kammer, läuft auf den bloßen Zehen zu +Thönis Kleidern und zieht daraus den Schlüsselbund, er klirrt leise, der +Schläfer wendet sich auf die Seite, sie huscht in den Mondschatten, aber +einen Augenblick später schnarcht er weiter, sie huscht zurück durch +Gang und Treppen abwärts bis zur Postablage. + +Sie entzündet Licht, schließt Pult und Truhen auf und findet, was sie +sucht, in einer kleinen Schublade -- Briefe -- die Notschreie Josis um +sein totes Schwesterlein und um sie. + +Sie küßt sie -- ihre Augen blitzen -- ein bleiches Lächeln geht über ihr +Gesicht. »Darum hast du so viel trinken müssen, Thöni, du Schuft! Aber +ein Narr bist du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst hättest du die +Briefe vernichtet.« Aus der Ferne hört sie den gleichförmigen Gesang des +Wächters, der mit seinem Spieß taktmäßig auf das Straßenpflaster +schlägt. Sie löscht das Licht aus, bis er vorübergegangen ist. + +Dann entzündet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgefühl steigt in ihr +auf -- sie will am Morgen die Briefe dem Vater vorlegen -- Thöni ist +geschlagen, das Feld für Josi frei. -- Und vor Josi will sie sich +rechtfertigen -- so bald als möglich. + +Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die ihn in den +Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden ins Freie und hängt +den Brief mit Hilfe einer Stange, einer Nadel und eines Fadens an die +Haken des Fensters, hinter dem Josi schlafen muß, und kehrt leis zurück. + +Alles was sie thut, thut sie wie im Traum -- sie ist ihrer Sinne nicht +mächtig, so hämmert die Brust -- sie taumelt durchs Haus, sie tritt +wieder in Thönis Zimmer, sie steckt den Schlüssel in seine Kleider, sie +betrachtet einen Augenblick den Schläfer, sie hebt die geballte Faust: +»Josi hast du gemartert und schläfst so gut.« + +In ihren Augen funkelt der Haß, sie flüstert: »Weiß Gott, ich könnte +Judith sein.« + +Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie höre etwas. -- Das Entsetzen +rüttelt sie -- sie hat den Vater seufzen gehört -- aber sie hat nicht +gewagt, sich umzusehen. War es nur Einbildung der gespannten Sinne, daß +er unter der Thür seiner Kammer stand? + +Wie eine Bildsäule lehnt sie noch im Morgenrot mit gefalteten Händen an +ihrem Bett, blaß und aufgeregt, aber in furchtbarer Entschlossenheit. + +Sie muß mit dem Vater reden -- rasch -- rasch. + +Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater sei krank, und wie Binia +doch zu ihm heraufsteigen will, da fleht jene, daß sie ihm Ruhe gönne. + +Daran hätte sich Binia nicht gekehrt, es handelte sich jetzt gewiß um +mehr als Ruhe, aber -- ihr selber liegen die Erregungen der Nacht wie +Blei in den Gliedern -- sie hätte die Kraft nicht, mit dem Vater zu +reden, wie sie müßte -- sie könnte nur weinen. + +»Wohl, wohl,« meint Frau Cresenz, »das wird eine heitere Wirtschaft auf +den Sommer, der Präsident ächzt, du bist so zitterig wie Espenlaub und +von Thöni mag ich schon gar nicht reden -- der war heute früh wie eine +Leiche -- die Post hat er nicht besorgt -- er hockt schon wieder beim +Glottermüller und säuft. -- Und ich überlege, ob ich nicht fortlaufen +will.« -- -- + +Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und stöhnt: »So viel Elend! +-- Die Dörfler drohen mit Aufruhr -- der Garde ist wild über mich -- die +Wildleutlaue steht in Sicht -- und nun ist auch der Rebell wieder da -- +der unheimliche Rebell, von dem man nicht weiß, woher er in allen Dingen +seine Stärke hat.« + +Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen, daß der zurück +ist. Die Bräggerin plauderte so harmlos, als ob sie nichts merke. Thöni +aber stürzte Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem +Heimritt immer nur, er werde den Rebellen töten. + +Er hat sich an der letzköpfigen Aufregung Thönis geärgert -- er konnte +nicht schlafen vor Verdruß. -- Da -- da -- hört er eine Thür gehen -- er +streckt den Kopf aus dem Schlafgemach -- -- Binia schleicht +leichtgekleidet und barfuß aus Thönis Kammer und huscht hinüber, wo sie +und die Mägde schlafen -- Bini -- seine Bini. -- Ist's möglich -- sie in +der Nacht bei Thöni -- sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und +gesperrt hat -- sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil +geworden. + +Er ächzt -- er stöhnt. -- Es ist unfaßbar, daß Binia zu Thöni gegangen +sei, aber was das Auge sieht, glaubt das Herz. Er hat gestern abend +einen Groll gegen ihn gefaßt -- und die Wahrheit -- er hat schon lange +etwas gegen ihn. Wie, wenn Thöni doch nicht der rechte Schwiegersohn +wäre? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit der Verlobung das Dorf +schlagen wollen, nun ist ihm, er habe sich selber und Binia geschlagen. +Das arme Kind -- der liebe, lose Vogel -- ob ihm nun die Wiederkehr Josi +Blatters nicht das Herz bricht. Und in heißen Stößen spürt der Presi, +wie er Binia liebt, die arme Maus, die sich mit Thöni vergessen hat. -- +Er möchte sie schlagen vor Wut, er möchte vor ihr niederknieen: »Bini, +meine einzige, sage es deinem alten Vater, was er gesehen hat, sei nicht +wahr.« Aber er kann das Kind nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz +klagt ihn schreiend an: »Ich habe sie mißhandelt. Und der Mensch ist wie +ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es genug Schläge bekommen hat, +störrisch und stürzt sich in den Abgrund.« + +So ist Binia gestürzt, sein herrliches Kind -- sein ist die Schuld -- er +darf ihr nicht mehr in die Augen sehen. + +»Möge dich Gott schlagen,« hat er einmal gesagt -- und Gott hat sie +geschlagen. + +Es ist schrecklich. -- Eine Umkehr giebt es nicht mehr, nur Eile vor dem +Rebellen. Am Sonntag muß der Pfarrer die Ehe Thönis und Binias +verkündigen. Ein Glück ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia weiß +jetzt, daß das Spiel mit Josi Blatter aus ist -- das ist vorbei! + +Es ist ein furchtbar bleiches Lächeln der Genugthuung, das um die Lippen +des Presi spielt. + +Josi Blatter bringt er nicht aus dem Kopf. Er ist in Ehren und mit guten +Zeugnissen aus der weiten Welt zurückgekehrt. -- -- Ja, er ist halt +Fränzis Sohn, das ist seine geheimnisvolle Kraft. + +Der Presi keucht und schwitzt. Da pocht es, Frau Cresenz bringt ihm +einen Brief, den der Viehhüter Bonzi abgegeben hat. Er trägt die +knorrige Schrift des Garden. + +Der Presi ahnt nichts Gutes, erst als Frau Cresenz gegangen ist, öffnet +er das Schreiben. + +»Presi!« schreibt der Garde, »ich laufe Euch nicht nach, aber wenn Ihr +zu mir kommen wolltet, so hätte ich Ernstes mit Euch zu reden. Ich habe +die Beweise in den Händen, daß Thöni Grieg an Josi Blatter einen +gottlosen Brief geschrieben, die Schrift gefälscht und das Schreiben mit +meinem Namen mißbräuchlich unterzeichnet hat. Ferner besitze ich von der +Post in Hospel die Bescheinigung, daß zwei eingeschriebene Briefe, +darunter der des Gemeinderates an den Konsul in Kalkutta, im Postbuch +nicht vermerkt und also nicht durch Hospel gegangen sind. Thöni Grieg +hat also diese und andere unterschlagen. Ich hoffe, daß Ihr nicht +Mitwisser des Verbrechens seid.« + +Der Presi liest den Brief nicht zu Ende -- er neigt das blasse Haupt auf +die Seite -- seine Hände zucken -- er will aufstehen -- es geht nicht +-- mit vorgelegten Armen läßt er den Kopf fallen. -- Aus der Brust des +Gerichteten stöhnt es, wie wenn eine gewaltige Eiche sich zum Falle +rüstet. + +Der Sturz einer Eiche. Wer das Bild einmal gesehen hat, vergißt es nie! +Es seufzen tief unter der Erde die Wurzelgrüfte, es bebt die Krone, die +Vögel flattern schreiend heraus, die Käfer kriechen aus der Rinde und +rennen davon, quiekend würgt es in den Stammfasern, als ob sich +Jahrhunderte trennen, es ist ein Knistern und Brechen, ein +geheimnisvolles Raunen von Abschiedsstimmen -- das Fallen einer Eiche +ist eine ganze Schlacht. + +Eine würgende, ächzende Schlacht ist in dieser Stunde das Leben des +Presi. + +Er zweifelt nicht. Er wütet nicht, aber sein leises Zittern ist +schrecklicher als ein lauter Ausbruch der Wut. + +Wenn die Eiche vor dem Falle erbebt, so sagen die Holzleute: »Der Baum +redet!« + +Der Presi redet. + +Mit zuckenden Lippen murmelt er: »Nein, Garde. -- Gott weiß es -- ich +bin unschuldig -- Bini -- Vogel -- meine Ehre und deine Ehre durch einen +Schuft dahin.« + +Sein Wort klingt wie eine sanfte, feierliche Knabenstimme. Die dünnen +spärlichen Thränen des Alters rinnen über seine Wangen. Er merkt es +erst, wie sie auf seine Hände fallen. Die Thränen beelenden ihn noch +mehr. Sechsundzwanzig Jahre hat er nicht geweint. Er hat es beim Tode +der Beth nicht gethan, sondern das letzte Mal, als er Fränzi um ihre +Hand bat. + +»Fränzi. -- Seppi Blatter,« stöhnt er, »erbarmet euch meiner -- ich gebe +nach!« + +»Ich gebe nach -- ich will hinter sich machen -- zuerst mit Bini. -- -- +Ja, wenn es ginge! Aber sie ist aus Thönis Kammer gekommen!« + +Und das Wort Thönis: »Wenn ich im Kot bin, seid Ihr auch drin,« tönt in +seinem Ohr wie die Posaune des Gerichts. + +Da murmelt er in seinen wilden Schmerzen: »Für den Rebellen thut sie es +schon noch,« doch er hat es kaum gesagt, so rauft er sich das Haar: +»Nein -- nein -- das gilt nicht -- das habe ich nicht gedacht.« Er zuckt +in der gräßlichen Furcht, daß dieser eine schlechte Gedanke schon wieder +ein neues Verhängnis zeitige, und die Stunde ist da, von der der Garde +gesprochen hat. »Auf den Knieen würdet Ihr zur Lieben Frau an der Brücke +rutschen, wenn Ihr Bini nur dem Josi geben könntet und Ihr sie friedlich +wüßtet.« + +Die Stunde ist da -- sie ist gekommen wie ein Dieb über Nacht. + +O, wie der wilde Presi zahm ist und betet. + +Ein schönes Alter. -- Nein, kein schönes Alter. -- Binias Augen reden: +Vater, warum hast du mich in die Hand eines Schuftes gezwungen und ich +hätte glücklich sein können mit Josi Blatter, der ehrenvoll aus der +Fremde heimgekommen ist. + +»Frieden. -- Frieden! --« + +Wieder sinkt sein Kopf. Er sieht es nicht, wie Frau Cresenz angstvoll +kommt und geht. Er weiß nicht, wie viele Stunden er in brütender +Vernichtung sitzt, er hört es nicht, wie der wachsende Föhnsturm pfeift +und an den Fenstern rüttelt. + +Sein Leib ist lahm, seine Glieder sind gebrochen, endlich aber steht er +schwankend auf, er nimmt Rock und Hut und steigt die Treppe hinab. »Wo +ist Bini?« fragt er Frau Cresenz. Er leidet furchtbare Angst um das Kind +-- es ist ihm, es schwebe in drohender Lebensgefahr -- und doch, nein, +er möchte sie nicht sehen -- er schämt sich vor Binia und für sie. + +»Sie hat so stark den Föhn im Kopf -- sie hat nicht mehr stehen können +-- sie ist in ihre Kammer gegangen,« jammert Frau Cresenz. »Um tausend +Gotteswillen redet jetzt nicht mit ihr.« + +»Föhn im Kopf,« grollt der Presi dumpf -- »ich gehe jetzt zum Garden -- +und ich hoffe, daß mir Thöni nicht begegnet -- sonst muß er sterben.« + +Das letzte sagt der Presi so fest, wie es ein Richter sagen würde. + +Frau Cresenz schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: »Was giebt es +auch, Präsident, was giebt es?« + +Da schleudert er ihr den Brief des Garden vor die Füße und geht. + +Allein in der Dämmerung geht er nicht gleich zum Garden, er schwankt, +ohne zu wissen, was er thut, hinüber zum Neubau, steht eine Weile davor, +schüttelt den Kopf und wendet sich wieder zum Gehen. + +Da hört er plötzlich ein gräßliches Lachen. Kaplan Johannes mit dem +Bettelsack steht neben ihm. »Herr Presi, merkt Ihr es nicht, es kommt +ein Wetter. Geht doch lieber zum Glottermüller, dort zahlt einer Wein, +so viel man will, und erzählt den Leuten lustige und traurige +Geschichten aus dem Bären von St. Peter.« + +»Du räudiger Pfaff!« schreit der Presi, er stürzt sich auf den Kaplan +und mißhandelt ihn. Unter heulenden Flüchen flüchtet der Letzköpfige, +er droht: »Ich will doch einmal mit Eurer Tochter tanzen!« + +Das andere versteht der Presi nicht. + +»Zu allem Elend den Hohn. Aber warum sollte man mich nicht auslachen, +mich, den alten Thor, der sein Kind in die Arme eines Verbrechers +gezwungen hat. Und der Schuft hockt noch in St. Peter? Eine Axt will ich +nehmen und ihn erschlagen.« + +Er schwankt nun aber doch zum Garden, zu dem schwer beleidigten +ehemaligen Freund. Bitter wie noch kein Gang in seinem Leben wird ihm +der Besuch. »Garde,« keucht er, »verzeiht mir, und Josi Blatter lasse +ich danken, daß er nicht klagt.« + +Mehr würgt er nicht hervor, der Garde will ihm die Beweise vorlegen, +aber ein Blick, und der Presi nimmt plötzlich den Hut und stürmt fort. + +Beim Garden hat er das Glück gesehen, das innige Familienglück um Vroni, +in seinem Haus aber wütet das Unglück. + +Er stürmt durch die Nacht. Wer nicht ein Dörfler ist, fände jetzt den +Weg nicht. Der Föhnsturm singt an den Felsen ringsum, er stöhnt, er +jauchzt und die Wolken hangen so tief ins Thal, daß sie das Dorf fast +erdrücken. Ferne Lawinen donnern, es regnet in starken einzelnen +Tropfen. Jeder Regentropfen thut dem Presi im brennenden Gesichte wohl. + +Zuletzt kommt er doch wieder heim; der wirre Mann ächzt: »Präsidentin, +ich muß zu Bett -- ich glaube, es ist meine letzte Nacht -- ich habe +mein Herz gewendet -- aber ich weiß schon -- es kommt noch mehr -- es +kommt noch mehr.« Gräßliche Furcht rüttelt ihn. + +Früh schon ist der Bären dunkel. Einige Stunden später steht im +Wettersturm ein Mann vor dem unglücklichen Haus, und wie es elf Uhr +schlägt, öffnet er die Thüre. + +»Bist du es, Thöni?« kreischt Frau Cresenz, die ihn trotz dem Sturme +gehört hat, angstvoll. Keine Antwort. Da rennt sie halb angekleidet die +Treppe hinunter, Thöni kommt aber schon wieder aus der Postablage und +eilt ins Freie. + +»Thöni, was thust du?« schreit sie angstvoll. + +»Lebt wohl, Tante, Frau Präsident,« ruft er. »Nach der Postkasse fragt +nicht -- ich gehe nach Amerika -- und der Revolver ist für Verfolger +geladen.« + +»Er geht den rechten Weg,« knirscht der machtlose Presi, der sich ans +Fenster geschleppt hat. + +Eine Nacht ist eingefallen, wie man sie im Bergland selten erlebt. + +Der Föhn fährt in Stößen von den Gipfeln, heiß im einen Augenblick, im +nächsten bis ins Mark erkältend. Die Wolken jagen sich, stieben schwarz +und schwer über die Hausdächer dahin, die Blitze erleuchten das Thal +taghell, die schäumenden Wasser der Glotter erglänzen. Dann ist wieder +pechschwarze Nacht. Jetzt spielen die Feuerflammen um die Krone, der +Firn funkelt und leuchtet. Unaufhörlich knattert der Schnee- und +Eisbruch im Gebirg, an den Bergwänden verfängt sich der schmetternde +Donner, rollt und grollt, das Krachen der frischen Schläge wird +verstärkt durch den Wiederhall der vorangehenden und rings im Gebirg +sind die Runsen los. Die Berge wanken, es ist, als ob, was tausend Jahre +fest und starr gewesen ist, plötzlich lebendig würde und wandern müsse. +Es ist ein Bild wie Weltuntergang! + +Die Wetterglocken von St. Peter wimmern durch den Aufruhr der Elemente. + +In allen Häusern brennt Licht, um den Tisch sammeln sich bleiche +Gesichter, in den Händen der Beter beben die Kruzifixe, und selbst die +Gottlosen falten die Hände und seufzen: »Herr! -- Herr!« -- + +»Es ist eine Totennacht,« flüstern die Aelpler. In dieser Nacht steht +nach uralter Sage ein geheimnisvolles, im Bergland begrabenes Kriegsvolk +auf und zieht zur Heimat. Da darf niemand ins Freie blicken, denn wer +die Reiter sieht, wird vor Schrecken siech: + + Es donnern die reitenden Boten: + »Gebt Raum für das irrende Heer, + Es fahren, die Goten, die toten, + Vom Bergland ans heilige Meer.« + + Frau Hulder auf leuchtendem Schimmel + Sprengt jauchzend den Reitern voran, + Sie ziehn auf der Erde, am Himmel; + Sie kämpfen und brechen sich Bahn. + + Von reisigen Vätern und Söhnen, + Wallt klirrend der Heerzug durchs Thal, -- + Die Trommeln, die Hörner erdröhnen -- + Sie reiten in brennender Qual. + + Schaut -- allen die fahren und fliegen, + Strömt aus den Wunden das Blut, + Die weinenden Mütter, sie wiegen + Im Arm die erschlagene Brut. + + So reiten und ziehen die Goten, + Der schallende Hornruf ergellt: + »Hu-hoi, hu-hoi! Wir Toten + Sind Herren der lachenden Welt.« + +In dieser Nacht schwitzt der Presi Blut: »Es kommt noch mehr -- es kommt +noch mehr!« + +Ja, Herr Presi, es kommt noch mehr. + +In dieser Nacht stehen im Teufelsgarten eng aneinander geschmiegt zwei +Liebende. Und zärtlich spricht der junge Mann: »Bini, weil ich dich rein +erfinde wie einen Tautropfen, will ich das große Gelübde meiner Jugend +halten.« + +»Josi« -- es tönt wie ein kleiner Schrei, »Josi, mein Held!« Sie umarmen +sich, sie küssen sich, sie flüstern es einander selig zu, daß es kein +Leben mehr giebt als eines im anderen. + +In dieser Nacht flieht ein Mann, den das schlechte Gewissen jagt, +thalaus. + +Wie er am Teufelsgarten vorbeirennen will, zuckt eine Blitzschlange +durch die Glotterschlucht und erleuchtet sie taghell. Er sieht das +engverschlungene Paar. Aus dem Revolver blitzen die Schüsse, die Kugeln +zischen. Die Schlucht wird dunkel, am Glottergrat kracht es und ein +gewaltiger Donner erstickt die Stimmen eines Kampfes, der im +Teufelsgarten wütet, und übertönt den Sturz eines Mannes, der in der +Glotterschlucht versinkt. + +Im ersten Morgengrauen geht das Liebespaar blaß und eng aneinander +geschmiegt den Stutz empor und der Mann flüstert dem bebenden Mädchen +zu: »Arme Bini -- das habe ich nicht gewollt -- so elend müssen wir sein +-- nun mag uns Gott helfen.« + +Wie er es sagt, schießt johlend Kaplan Johannes am Wegrand auf. + +»Hoho! -- Rebell und Hexe,« lacht er drohend, »ich komme auch an eure +Hochzeit.« + +Und während des Männerkampfes im Teufelsgarten ist die Wildleutlawine +gegangen. + + + + +XVII. + + +Die Wildleutlawine ist gegangen! -- Man hat es in dem Aufruhr der +Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, aber der Morgen bringt die +erschreckende Kunde. -- Und heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde! Ein +Mann muß auf Leben und Sterben an die Weißen Bretter steigen und +geheimnisvoll waltet das Los. + +Der Sturm der Nacht hat sich gesänftigt, der Himmel hat sich gereinigt, +mit unschuldigem Kinderlächeln schaut er auf die Welt, und der Föhn, der +gewaltige Geselle, schmeichelt um die ergrünenden Berghalden wie ein +verliebter Bursch, der von seinem Mädchen Blumen bettelt. + +Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, die Enzianen öffnen +die blauen Augen. + +Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hält ihre Augen. Der Tag +entwickelt die alten Bilder! Aus der Runde reiten die Bauern auf ihren +Maultieren zur Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und +Töchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche Ruhe waltet, +tiefer als je an einer Wassertröstung. Da und dort grollt es flüsternd: +»Schon nach elf Jahren. Merkt Ihr es!« Und die dumpfe Antwort lautet: +»Ahorn!« Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: »In zwölf Wochen +spätestens sollen Bären und Krone brennen.« + +Wie einsam steht der Bären, das schöne alte Wirtshaus! An die Stangen +vor ihm bindet kein Bauer sein Maultier an. Frau Cresenz tritt ein +paarmal angstvoll unter die Thüre, aber die Ziehenden reiten grußlos +vorbei und stellen die Tiere vor die Häuser der Verwandten oder vor die +Glottermühle. + +Verfemt ist der Bären! Nein! Wie die Glocken zu läuten anheben, +schreitet wie ehemals der Gemeinderat in würdigem Zug die Freitreppe +hernieder, voran der Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi +und der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die Binde trägt. + +Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der +kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen, +die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der +Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, schaut abgezehrt aus, und +die paar mächtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch länger, noch +tiefer geschnitten. Man würde glauben, er wäre von den beiden der +ältere, wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der ihn sieht, +denken: »Er ist halt doch der Presi!« + +Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet +haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Dörfler, +die nach ihm sehen, ist ihm zuwider. + +Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder. + +Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt, blaß, müde und stumm ist +er im Lauf des Vormittags heimgekommen. + +»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weißen Bretter,« +denkt Vroni. »Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder +seine Qual um ihn.« + +Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, die betend und jammernd +im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia. + +Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen Hand stützt sie +sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen. + +-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist +nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht +lächelnd der gräßliche Kaplan? + +In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertümlichen Altar +gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den +geschnitzten Stühlen harren hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz +vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie aus Erz +gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Männer. Durch +die gelben, roten, blauen und grünen Scherben, welche die +Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen +Bündel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen +ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grünes Mal auf das Kleid, +und von draußen rauschen die brünstigen Gebete der Frauen. + +Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, so warm und +eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: »Es ist ein +Elend, daß man diesem Manne ein Leid anthun muß. Wie spricht er +furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn +nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so frei steht er da. Und +doch weiß er es, er hat gewiß eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben +kann er nicht. Darum muß man den Bären verderben.« + +Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand +freiwillig meldet. + +»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein +Mädchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an +die Weißen Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm +Freiwerber sein!« + +Schweigen. + +»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die +heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weißen +Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen +sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar +nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales +darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.« + +Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der +Erinnerung aller. Hätten die Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi +Blatter geblickt, so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß +von der Stirne strich. + +»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. »Nach alter Sitte ist 77 +die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?« + +Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen +des Vaterunsers füllt den Raum. + +Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darüber, verschließt +ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt ihn und wendet ihn dreimal +feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des +Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf +den Altar. + +Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In Gottes, in Jesu Christi, +in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so +wollen wir losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab. + +Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten +sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften +bleiben zurück. Am Altar thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die +Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück in die +Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und öffnet sein Los. Den +letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los +nimmt der Presi selbst. + +Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut +verrät sich die grenzenlose Spannung, die über der Gemeinde liegt, denn +es gilt als ein Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu +zeigen, oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich +vorbeigegangen ist. + +Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger. + +»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St. +Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag +stehen bleiben.« + +Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus +ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. + +»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi feierlich. + +»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge +Frau ist ihm kürzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten +Großvater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und +nicht mittellos. + +In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen der Männer aus. + +Ein feierlicher Augenblick. + +Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi und Gemeinderat, darf +ich reden?« fragt er bewegt. + +»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig, +doch mit warmer Achtung mißt. + +Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert +und mißtrauisch auf ihn gerichtet sind. + +Will er an die Stelle Peter Thugis treten? + +Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er: + +»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von St. Peter! Obwohl ich nur +ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde +zurückgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat +es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen Brettern gefallen +ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es +zugebt und mir die nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis +zum Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch die +Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel überflüssig sind, und +die Blutfron von St. Peter lösen. Es ist die Erfüllung eines Gelübdes +für ein großes Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.« + +Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: »Was er sagt, kann niemand +thun!« und halblaute Rufe: »Prahler! -- Großhans! -- Gotteslästerer!« +Der Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das +Wort.« + +»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, »das ist wohl +hundertmal stärker an Gewalt als das schwarze und heißt Dynamit. Man +sprengt damit die Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr +euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, daß +damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weißen +Bretter nur ein Spiel ist.« + +Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.« +Andere Stimmen sagen: »Hört -- vielleicht hat der Plan doch Hände und +Füße,« wieder andere grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am +Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte mahnen drohend: +»Nein, abhocken, Rebell.« + +So schwirren die Rufe. + +Da mahnt der Garde: »Er hat das Wort vom Presi!« + +Der Bockjeälpler ruft: »Aber er kommt nicht durch die Wildleutfurren!« + +Josi Blatter fährt fort: »Durch die Wildleutfurren baue ich eine Mauer, +setze den Kanal darauf, darüber ein stark steiles Dach aus den dicksten +Balken, darüber ein zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit +Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das Dach dicht an die +Felsen der Furren, die ich ein gutes Stück empor so verbauen will, daß +die Lawine keinen Angriff findet, wenn sie kommt, und daß sie machtlos +über die Steinplatten niederpoltern muß. Trägt man zu dem Werk ein wenig +Sorge, so hält es tausend Jahre.« + +»Hm -- es scheint, er versteht etwas!« -- »Laßt euch nicht ein, das ist +Aufruhr und Todsünde.« -- »Er ist noch der alte Rebell,« verwirren sich +die Stimmen. + +Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, das Klopfen der +geängstigten Frauen, das durch die schwere Thüre dringt, vermehrt sie. + +Josi kann vor dem Lärm um ihn nicht weiter reden, fast hoffnungslos +sitzt er ab. + +Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden Augen und mit +glührotem Kopf vor der Gemeinde auf. »Ihr Männer von St. Peter,« spricht +er mit zwingendem Klang der Stimme, »wir wollen das Angebot Josi +Blatters nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren der englischen +Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, er war der Kopf einer +Abteilung von über hundert Mann. Und die Engländer sind ein tüchtiges +Volk. Prüft also das großherzige Anerbieten, es handelt sich, wenn das +Werk gerät, um eine wunderbare Wohlthat für uns, unsere Kinder und +Kindeskinder. Weil aber die Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich, +die Gemeinde sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim +Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu halten sei. Ohne ihn +können wir nicht vorwärts gehen, er müßte auch zwischen uns und den +äußeren Gemeinden vermitteln, daß die heligen Wasser einen Sommer lang +stillstehen dürfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit wir in acht +Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden können, ob wir das Werk +annehmen oder nicht. Ich weiß, daß ihr mir alle grollt, aber Gott im +Himmel weiß es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten teile, +habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. Ich will das Amt, das +ich zwanzig Jahr bekleide, vor euerm Groll in der Maigemeinde +niederlegen. -- Folgt nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das +Angebot Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.« + +Mit hinreißender Wärme, mit strahlendem Auge, zuletzt mit einer +Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, hat der Presi geredet und alle +verwirrt. Ist das der hochmütige Mann, der dem Dorf den harten +höhnischen Bescheid gegeben hat? + +Sein Auge sucht Josi Blatter -- ein kleines, unendlich schönes Lächeln +geht um seinen Mund -- ein Lächeln, bei dem Josi ist, es schmelze der +Haß aller Jahre hinweg. + +Er ist wonnig bestürzt über den Blick. + +Nun aber hält der Glottermüller mit seiner hohen Weiberstimme auch eine +Rede: »Nur nichts Neues. Die Wasserfron ist St. Peter von Gott +auferlegt, daß wir nicht übermütig werden in Bosheit. Josi Blatter ist +ein Aufrührer und bleibt ein Aufrührer, und wie früher gegen das Dorf, +wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. Ich sage: Nichts +Neues! -- Keine Abordnung!« + +»Nichts Neues! -- Keine Abordnung!« fielen einige ein, andere riefen: +»Fort mit der Blutfron!« + +Peter Thugi saß da wie ein Gerichteter, dem man das Leben zu schenken im +Begriffe steht. + +Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft beschloß die Gemeinde, die +Abordnung an den Regierungsrat zu schicken, und bestellte sie aus dem +Glottermüller, zwei weiteren Anhängern des Alten, dem Garden und dem +Bockjeälpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den Presi aber überging +die Gemeinde in der Wahl. + +Bis die Abordnung über die Antwort der Regierung Bericht erstatte, solle +Peter Thugi bei seinem Los behaftet sein. + +Ein Krieg hätte das Dorf nicht mehr aufregen können als der erstaunliche +Ausgang der Losgemeinde. + +»Der Presi,« höhnten einige grimmig, »hat uns mit seiner +schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. Hütet euch.« + +»Daß Josi Blatter mit seinem Gelübde gerade auf die Zeit zurückgekehrt +ist, wo die Wildleutlawine gegangen ist, bedeutet etwas -- ein großes +Glück oder ein noch größeres Unglück,« meinten andere. + +Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang zu machen. Vroni wandelt +mit Josi durch das ergrünende Feld und schaut den schweigsamen Bruder +mit ihren blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung +an. + +»Josi,« sagt sie, »du bist also der Mann, der uns geweissagt ist in den +alten Heligen-Wasser-Sagen, die da melden: Es wird einer kommen, der +stärker ist als Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron an den +Weißen Brettern erlösen. Du bist also der Mann, Josi!« + +»Ich hoffe es!« erwidert er mit einem bleichen Lächeln. + +»O Josi,« versetzt sie, »es ist schwer, dieses Mannes Schwester zu sein +-- -- und in den alten Sagen steht auch, es müsse eine Jungfrau über dem +Werke sterben.« + +Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um die Hüfte Vronis. »Ich +weiß nur, daß ich mein Gelübde erfüllen muß,« sagt er ernst, »es ist für +Binia, dafür, daß sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein muß, +sterben wir beide für das Werk, aber gewiß nicht eines allein.« + +Da sieht Vroni das grüne Feld nicht mehr, durch das Peter Thugi, der vom +Los Getroffene, mit seinen Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: »Seht, +das ist der Mann, der euren Vater retten wird;« er wendet sich zu den +Geschwistern: »O Josi -- könnte ich es dir einmal danken, was du an +diesen Kleinen thun willst.« + +»Siehst du, Vroni,« sagt Josi bewegt, »und ich kann nicht glauben, daß +ein Segen zuletzt in einem Unglück endet. -- Wenn es aber wäre -- so +thue ich doch, was ich muß.« + + + + +XVIII. + + +Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi, +der das Zünglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit +hinreißendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann. +»Seppi Blatter -- Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit mir zufrieden? +-- Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet -- ich habe für +euern Josi geredet -- ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem +Werk helfen -- ich will Frieden -- Frieden -- mit euch und eurem Sohne +Josi -- den ich geschlagen habe -- den ich achte und liebe.« + +Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit +erhob, wie er mutig und mutiger redete, faßt er es nicht mehr, wie er +Josi Blatter jemals hat gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist +noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein könnte +-- aber -- -- er brütet wieder. + +Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und auf den schmalen Wänglein +doch einen Schimmer des Glücks. + +O, sie ist rührend schön, die blasse Binia. + +Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen: »Vater, ich danke dir, +daß du für Josi eingestanden bist.« Ein schmerzliches Lächeln geht über +ihr bleiches Antlitz. + +»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel -- gelt, ich kann für dich -- +und für Josi Blatter viel thun.« Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm +nieder -- er streichelt ihren Scheitel: »Kind -- ich möchte Frieden +machen. -- Bini -- ich möchte noch einmal glücklich sein -- und wenn es +nur ein Jährchen wäre. -- Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch. +Beth, mein guter Engel. -- Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und +das Hintersichkrebsen wäre nicht so schwer. -- Josi Blatter ist ein Mann +wie ein Held -- ich will für ihn kämpfen. Wenn mich die von St. Peter +schon nicht in die Abordnung gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in +die Stadt, und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung noch +der Presi von St. Peter. -- Soll ich gehen, Kind?« + +»Ja, Vater, ja.« + +Herzzerbrechend weint die knieende Binia. + +»Bini -- Gemslein,« hebt der Presi wieder an, »ich kann deine blassen +Wangen nicht mehr sehen -- sie töten mich -- Bini, bekomme rote Wänglein +-- laß die Geschichte von Thöni nur erst still werden -- dann nimm in +Gottes Namen Josi -- ich habe ihn lieb -- und lache wieder einmal mit +deinem glücklichen Kinderlachen.« + +Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks -- und des Elends. +Wahnsinnig küßt sie die Hände des Vaters und dann schaut sie ihn an so +rührend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, es +ist zum Kinderlachen zu spät!« + +Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der alte, böse Presi. Er +zischt sie an: »Zu spät -- Bini, du hast wohl können so eine Komödie +machen, bis du dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit +ihm gekommen.« + +»Nein --. Vater -- nein!« Es tönt wie ein zersprungenes Glöcklein. + +»Warum bist du denn so blaß -- so hinfällig? -- Ich habe es ja selber +gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.« + +Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. -- Sie schwankt +empor, sie tappt davon wie eine Trunkene. + +Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter -- Mutter -- +es ist entsetzlich -- das glaubt der Vater -- ich hätte mich mit Thöni +vergangen! -- Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein +Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.« + +Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß. + +»Mutter -- Mutter -- wie sind wir unglücklich. -- Aber gelt, Mutter, +liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen -- er, der so viele erlöst, +kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. -- Und den gräßlichen +Vorwurf des Vaters muß ich tragen -- Mutter -- um des Vaters selber +willen -- hilf mir schweigen.« + +Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet. + +Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare +Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau +Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte +von den Briefen -- was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini? +-- Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins +Haus gebracht. -- He, Frau Cresenz -- gestupst und getrieben habt Ihr +Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe -- und er hat mich +getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.« + +Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht +aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie +entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni, +den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an +dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll +getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl, +Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht +geahnt, daß es ein Unglück giebt?« + +»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand +mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er +würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen. + +»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder +schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint, +es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten +Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch +geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm +und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.« + +Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis. + +Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mächtigen Karst, rennt +damit in der beginnenden Dämmerung durch das Dorf, und erschrocken +sehen es die von St. Peter. + +»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit seiner Hacke?« + +Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit +wuchtigem Arm schlägt er die Zinken in Mauer und Balken, er reißt vom +Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel +ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu +vernichten, was ihn an den unseligen Thöni mahnt. Aus scheuer Entfernung +sehen ihm die maßlos erstaunten Dörfler zu. »Er ist letzköpfig +geworden!« meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch ein +Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt er, dann ruft er den +Nähertretenden zu: »Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt, +verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. Bringt +eure Aexte und Kärste, helft mir!« + +Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: »Presi, etwas +Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!« + +»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die Dörfler staunen. + +»Der Presi hat sich gewendet.« -- Wenige lächeln, es ist kein Spott oder +Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den +Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht +heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die unter den Thüren stehen, +achtungsvoll die Hüte vor ihrem Presi. + +»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschütteln,« flüstern +sie einander zu, »und für St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.« + +Und die Frühlingssterne, die zu schimmern beginnen, sehen den +zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist. + +Seltsam! -- Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch +des Friedens -- er wütet nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia +schleicht noch durch sein Herz. + +»Wie -- wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß er sie trotz allem, +was vorgefallen ist, doch zu Ehren annähme!« -- Um Binias willen muß er +Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch +zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines Jünglings von der +Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant. + +Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste gethan. + +Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich ist, daß der Neubau des +Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere möglich, daß Josi +Blatters Plan gut ist.« + +Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem +geängstigten Dorf. + +Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, daß man sich aus dem +Verschwinden Thöni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er +schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller +mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr +auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein. + +Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle +Teilnahme so gefangen, daß die von St. Peter vor Spannung nicht mehr +arbeiten mögen. + +Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters eingenommen, der +ihn selbst den Herren dargelegt hat. + +Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter +gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither +hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das +Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungräte auf einmal +kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden +als der glatzhäuptige Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe. + +»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, »soll sein Gelübde +lösen, die Leitung nach den neuen technischen Grundsätzen bauen und +treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die +Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken +verpflichten, die nötig sind.« + +»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen die von St. Peter, »so +ist der Plan gewiß gut,« und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke. + +Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe -- wehe -- wehe!« durchs +Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: »Ab mit der Blutfron -- ab -- ab! +-- es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns, +unsere Kinder und Kindeskinder.« + +Eine gute That! -- Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die +Unglückstafeln an den Weißen Brettern werden verrosten, die Losgemeinde +wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in +der Enkel Hand. + +Und der »Ahornbund« liegt am Boden. + +Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären begleiten müssen, aber +jetzt sind sie fort. + +Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die +Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen! + +Aber nun steht Binia doch so selig, so demütig in Josis Arm -- und er +küßt ihren Scheitel: »Bineli -- mein Bineli.« Und »Josi« antwortet sie. + +Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende Wunde -- sie sind am +Ziel. Ihre stille Verlobung von Santa Maria del Lago gilt wieder und er +geht jetzt an das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heißen +Segenswünsche ruhen. + +Aber dann freilich ist noch eine That nötig, die fast schwerer als die +Befreiung St. Peters von der Blutfron ist, die Selbsterlösung aus einem +Schein der Schuld, den ein übermächtiges Verhängnis auf sie geladen hat. + +Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits der großen Dinge +vor ihnen das Glück. + +Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen und ihre Augen glänzen +ineinander. + +Da kommt der Presi, sieht es -- sieht es -- er lächelt ihnen glücklich +und mit seinem herzinnigsten Lachen zu, er meint ein Wunder zu erleben +-- er schwankt, ob er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen +Augen gesehen hat, daß Binia aus der Kammer Thönis trat. + +Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wärme, voll Treue, voll +Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das Mädchen findet, das sich in +seiner Liebe treu, rein und unschuldig weiß. + +Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz. + +Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis zur Vollendung mehr +gehört als der Welt. + +Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: »Bini -- Vogel -- Gemslein,« +dringt er in sie, »jetzt darfst du's deinem Vater schon sagen: Hast du +Thöni wirklich nie gern gehabt?« + +»Du thust mir furchtbar weh, Vater!« antwortet sie schamvoll, »glaubst +du, ich dürfte einem so herrlichen Mann wie meinem Josi in die Augen +sehen, wenn ich mich nicht treu wüßte, meinem Josi, der nur aus +Dankbarkeit gegen den Himmel an die Weißen Bretter geht, weil er mich +trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.« Und im Sturm der Wallung +kann sie nicht mehr schweigen. »Als du mich aus Thönis Kammer kommen +sahst, habe ich nur die Schlüssel geholt, um mich der Briefe zu +bemächtigen, die er unterschlagen hat, -- da sind sie.« + +Sie reißt die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt sie vor den Vater +und will sich flüchten. Er aber zieht sie an seine Brust: »Vogel -- +Herzensvogel -- und das hast du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast +mich in der verzehrenden Angst gelassen -- du Grausame. -- Aber jetzt +rote Wänglein, Kind!« + +Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie müsse dem Vater mehr und alles +verraten, sie müsse ihm jetzt auch sagen: »Vater, uns ist ein Unglück +geschehen, hilf uns in entsetzlicher Not,« aber das unendliche Glück, +das in seinen Augen strahlt, schließt ihr den Mund. + +»O Bini -- Bini,« lacht und jubelt der Presi. »Aus Beelendung über dich +bin ich so rückwärts gekrebst -- gezittert und gebetet habe ich, daß +Josi sich doch deiner erbarmen möge. -- Und nun ist das Wunder +geschehen, daß das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt will +ich auf ein schönes, ruhiges Alter mit dir und Josi denken. -- Ich mag +die Unruhe nicht mehr -- ich gebe das Fremdenwesen auf!« + +Der Presi spricht es in einem Taumel des Glücks. Aber Binia weint +bitterlich -- sie schluchzt vor Leid: »O Vater, sobald Josi sein Werk +vollendet hat, so wollen wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes +Land ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hüten und pflegen.« + +Leidenschaftlich stößt sie es hervor. + +»Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi eingegeben?« fragt er +ernst und erstaunt. + +»Nein, Vater, ich mir selbst!« bebt ihr Mund. + +»Was denkst du,« spricht er nach einigem Besinnen, »ich kann nicht fort +von St. Peter. Wer so lange in St. Peter gelebt hat wie ich, muß in St. +Peter sterben.« -- + +Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an und geht. + +»Sie ist ein merkwürdiges Kind, jetzt wie früher,« denkt der Presi, aber +er ist selig über das Bekenntnis, das sie ihm abgelegt hat. Er baut +Pläne des Glücks für Binia, für Josi, für sich. Er ist beinahe wieder +der alte Feuerkopf. + +Und er schüttelt den Kopf: »Wie ich so lange habe ein Narr sein und Josi +widerstehen können!« + +»Präsident,« meint Frau Cresenz, »wir sollten doch langsam auf unsere +Vorbereitungen für den Sommer denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben +habt, so werden wir um so mehr zum Bären sehen müssen.« + +Er lacht sie nur seltsam an und sagt: »Ja, Präsidentin, ich gehe morgen +nach Hospel hinaus zu Malermeister Serbiger. Er muß mir eine große Tafel +malen, auf der steht: 'Pension und Hotel zum Bären in St. Peter sind +geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe Pfähle am Eingang +des Glotterwegs aufstellen. Auch schicke ich einen gedruckten Brief an +alle früheren Gäste, daß ich das Fremdenwesen aus Altersrücksichten +aufgegeben habe.« + +Sprachlos schlägt Frau Cresenz die Hände über dem Kopf zusammen, dann +aber jammert sie: »Wenn Ihr das thut, so gehe ich aus dem Haus -- ich +bin es nicht anders gewöhnt, als daß ich im Sommer eine Pension leite -- +und bedenkt doch, Präsident, wie man Euch, wenn Ihr jetzt dem Dorf so +stark nachgebt, auslachen wird.« + +»Gott's Donner, Präsidentin,« zürnt er, »ob ein paar Kälber lachen oder +nicht, darauf kommt es mir nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thöni, hat +mir das Sommerleben verleidet -- ich will jetzt ein wenig glücklich +sein.« -- -- + +Frau Cresenz aber ist unglücklich -- eines Tages erscheint der Kreuzwirt +von Hospel im Bären, die Männer rechnen im Frieden die Reingewinne aus +den Büchern des Gasthofes während der zehn letzten Jahre aus, ein +Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in Banknoten vor und legt +aus eigenen Stücken noch tausend Franken darauf: »Da, Präsidentin, ist +Euer Anteil.« + +Die Großmut in Dingen des Geldes gefällt dem Kreuzwirt. »Schwager,« sagt +er, »es thut mir leid, daß es so ungeschickt hat gehen müssen. Wäre ich +bei den Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thöni hoch auf +der Post über den Paß haben fahren sehen, hätte ich ihn heruntergelangt +und ihm eine Tracht Ohrfeigen mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben, +der seinen nächsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl und 'Es ist mir +leid' gesagt hat.« + +Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung bringt, muß sich an +der Stuhllehne des Vaters halten. + +»Thöni über den Paß gefahren!« staunt sie. Ja, ist denn das schreckliche +Erlebnis im Teufelsgarten, das ihr Tag und Nacht mit fürchterlicher +Deutlichkeit vor den Sinnen steht, nur ein böser Traum? + +Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart gegen sie gewesen ist, +und der Kreuzwirt und Frau Cresenz reiten gerade so vom Bären, wie sie +vor elf Jahren zugeritten sind. + +Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames blühendes Geschäft +aufgebaut worden ist, hat ein friedliches Ende gefunden. + +Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor elf Jahren stand, der +Bären ist wieder ein Dorfwirtshaus -- mit Binia und einer Magd haust er +allein. + +Aber er ist es zufrieden, er spürt nichts von Heimweh nach dem lebhaften +Treiben der früheren Sommer, nach dem kühlen Lächeln der Frau Cresenz, +er lebt ganz in Binia, dem wiedergefundenen Kinde. + +Und der Bären ist nicht öde. Aus der weiten Umgegend kommen Leute, die +von dem Wunderwerk gehört haben, das an den Weißen Brettern im +Glotterthal ausgeführt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges und +Thörichtes darüber. Thun sie das letztere, dann zuckt es um die Brauen +des Presi: »Ta-ta-ta, wenn jemand von einer Sache nichts versteht, so +soll er nicht darüber sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der +Regierung dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.« + +Auch die Dörfler kommen wieder in den Bären, wie eine ferne drückende +Sage liegt der »Ahorn« hinter ihnen; sie begegnen dem Presi mit jener +Hochachtung, die das beschämte Unrecht für den Gegner hat, der edel +nachgiebt, sie freuen sich über den Sommer, der wie einst in friedlichen +Prächten ins Thal zieht. + +Der Garde und der Presi, die wieder versöhnten Freunde, sprechen mit +wahrer Erhebung von Josis Werk. + +In der größeren Wildleutfurre ist die Mauer schon erstellt, die Leitung +darauf gelegt, das Schutzdach aus Holz und Stein gebaut, die Furre +selbst hochhin ausgeebnet und in der kleineren Wildleutfurre geht die +Arbeit auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg bis in +die entlegene Höhe der heligen Wasser reicht, steigen Hilfsarbeiter, +schweben die Hölzer, die Deckplatten, die Zementsäcke zu Josi, dem +Befreier, empor. + +Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi baut jetzt den Wasserweg +durch die Weißen Bretter selbst. Er ist von der Sonne braun gesengt, er +ist abgezehrt von der Arbeit, aber er liebt die Mühe und die große +beständige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. Wer um +Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, hört sein Hämmern in der +fernen Höhe, wer gegen Sonnenuntergang von dort zurückkehrt, hört es +noch. Wenn das Ave-Maria-Glöcklein von St. Peter verklungen ist, wenn +das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, dann hallen seine +Sprengschüsse durch das Thal. Im Wiederhall ertönen die Bergwände; +heraus, herein durch das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon +lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend in einem fernen +Schlund des Gebirges. + +»Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!« lacht der Bärenwirt. + +»Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bösen Träume mehr haben,« erwidert +der Garde froh. + +»Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal über ein dummes +Träumchen habe ängstigen können,« sagt der Presi, um den eine ganz neue +Welt gesponnen ist. »Ich zähle im Kalender die Tage bis zu +Allerheiligen, bis im Bären Hochzeitsleben jauchzt.« + +Ein hoffnungsvolles Lächeln geht über das Gesicht des Presi. Wie der +Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt er und ist nachdenklich. Auch er +zählt die Tage bis Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund. + +Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewütet in Gewaltsamkeit und +Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. Eines Tages nun fällt ihm ein, +glücklich zu sein. Aber steht die Vergangenheit nicht drohend hinter +diesem Glück? Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch etwas +so Uebermenschliches, um diese rührende Hingabe, um diese hohe Treue von +langen Jahren her. Kommen wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie +noch keines im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine Heldin +der Treue, zum Ziel? + +So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem Dorffrieden nicht. + +Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig für das kleine St. Peter. Wohl hat +es, als die Regierung seinen Plan gutgeheißen hat, Josi zugejauchzt, und +wenn einzelne Gegner wie der Glottermüller übrig blieben, so schwiegen +sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte Dynamitfuhre +kam, regte sich im Volk wieder abergläubische Furcht. Alle, selbst die +Frauen, eilten damals hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen zu +sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, das eine schwarze Fahne +mit der Aufschrift »Dynamit« trug, erschreckte sie aber. Es sei ein +mächtiger Sarg gewesen, jammerten sie, umsonst erklärten die +militärpflichtigen Männer, es sei ein Militärcaisson, die Vorstellung +des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet Unglück. + +Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, daß die Männer, Brüder und Söhne +die zugesagten Arbeiten leisten, einzelne Bürger zahlen die +versprochenen Tagewerke in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe, +die Josi braucht, fehlt. + +Er stand mit seinem so glücklich begonnenen Werk allein und in der +großen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat Ersatz von der Regierung. +Unter der Führung eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter +ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, aber die +Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider trug und in der es +verwegene, rohe Gesichter genug gab, gefiel denen von St. Peter nicht. + +Das Wort »Zuchthaussträflinge« flog durch das Dorf, es erzeugte einen +Sturm der Furcht und Erbitterung, denn Sitte war es bis jetzt gewesen, +daß an den heligen Wassern nur rühren durfte, wer in bürgerlichen +Rechten und Ehren stand, und selbst der bedächtige und nüchterne Garde +wurde zornig über den Schimpf, den die Regierung den heligen Wassern +durch die Entsendung der Sträflingskolonne angethan. Der Gemeinderat +ersuchte die Herren um die Zurückziehung der Mannschaft. Die Sträflinge +verließen das Glotterthal, dafür berichtete die Regierung zurück, die +von St. Peter mögen nun selber zuschauen, wie sie mit dem Werk an den +Weißen Brettern fertig würden. + +Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man gewaltig empört: »Das +sind die Herren, die so schön haben reden können -- jetzt wollen sie +nichts mehr wissen von dem Verbrechen, das an den Weißen Brettern +begangen wird.« + +Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen brauchte, kamen immer +entsetzlichere Gerüchte in Umlauf. + +Eine Spur »Teufelssalz«, so groß wie eine Prise, sei so stark, daß man +damit einen ganzen Berg in den Himmel sprengen könne, die Königs- und +Fürstenmörder brauchen es, aber bevor es einer anwenden könne, müsse er +schon einen Menschen umgebracht haben, sonst würde ihm das Salz die +Hände durchfressen. Josi Blatter jedoch -- das haben einige zuverlässige +Männer gesehen -- ist so gefeit, daß er die Patronen in den Säcken und +Taschen seines Kleides herumträgt, ohne daß ihm das mindeste geschieht. + +Also muß auch er jemand getötet haben. + +Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Dörfler, steigt er am Sonntag +von den heligen Wassern hernieder nach St. Peter -- und bis auf wenige +haben sie alle ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie nicht +kümmert. + +Sein erstes ist ein »guter Tag« in dem Bären, dann geht er, den +Bräuchen des Thales treu, zur Kirche, nach dem Gottesdienst zum Garden +und Vroni und bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine +Hoffnung Vronis geht nicht in Erfüllung. Sie hat gemeint, er würde ihr +nun viele merkwürdige Dinge aus dem Wunderland Indien erzählen, aber es +ist, als wäre das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang +arbeitet, auf ihn übergegangen, nur sein Blick ist warm, sein trockenes +Lächeln herzinnig wie immer, und gegenüber allen Sorgen des Garden um +das Werk bewahrt er eine stille, freudige Zuversicht. »Auch ohne +Hilfsarbeiter,« versichert er, »werde ich es auf Allerheiligen +vollenden.« Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, man sieht es, +das Büblein ist ihm lieb, und wenn Vroni den beiden zuschaut, dann +erkennt sie in Josi, dem unheimlich starken Mann, den tröstlichen Knaben +wieder, mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt +haben. + +Am Nachmittag geht Josi in den Bären zu Binia. + +Bebendes Glück! -- Ohne diese Stunden müßte Binia sterben wie ein Vogel +ohne Sonne und Luft. O, wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen +sich die beiden Männer gut, der alte Feuerkopf und der junge ruhige +Mann. + +Der Presi ist noch viel stärker für Josi als je für Thöni unglückseligen +Angedenkens eingenommen. Die beste Flasche aus dem Keller und der beste +Bissen aus der Küche des Bären wandern mit Bonzi, dem Viehhüter, der +Vronis ländliches Essen auf die Arbeitsstätte Josis schafft, zu den +heligen Wassern empor. Und bei jeder Sendung des Vaters liegt ein Wort +von Binia! + +»Herzlieber Josi! -- Es hat manchmal Zeiten gegeben, wo ich mir den Kopf +zerbrach, wozu denn die ungestüme, thörichte Bini auf der Welt sei? -- +Jetzt aber weiß ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland ein wenig +glücklich zu machen. Wenn es kein Mensch weiß, so zerspringt mein Herz +doch schier vor Stolz, daß du wegen der tollen, unnützen Bini die +Blutfron von St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so denk' +ich es doch noch: Josi hat es für mich gethan. Und ich weiß es, du bist +stark, so stark, daß du auch uns erlösest. Lieber Josi, du thust nichts, +wobei nicht mein Herz und meine Seele wären!« + +Von ihm kam zwar kein Brief zurück, aber wenn es dunkel geworden war, +sah man in einem der Felsenfenster, die Josi von seinem Tunnel her gegen +das Thal geöffnet hatte, ein Licht. + +Das bedeutet: »Gute Nacht, liebe Bini!« Und wenn das Licht schon lang +verschwunden ist, so steht sie noch am Fenster, staunt in die Stille und +denkt mit gefalteten Händen an Josi. + +Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht mehr so gräßlich +vor, daß sie deswegen nicht ein wenig lächeln dürfte, wenn sie an Josi +denkt. Es ist kein Verbrechen, es ist nicht einmal eine That des Zorns, +es ist nur ein Unglück geschehen. Welche Mäßigung hat Josi in dem +entsetzlichen Kampf bewiesen, wie übermenschlich ruhig ist er darin +geblieben. Sie hat sich vor ihm gerechtfertigt, sie steht selig in +seinem Arm. Da zuckt ein langer Blitz auf und ab, in überirdischem Licht +erglänzen die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht Thöni. Die +Kugeln seines Revolvers zischen um ihre Köpfe. Sie schreit. Im gleichen +Augenblick aber hat Josi auch schon die Waffe aus Thönis Hand auf den +Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. Wie aber wieder +eine Blitzrute durch das Thal fährt, ist Thöni in der Macht Josis, der +ihm die Arme eisern umklammert hält. »Grieg,« ruft er, »sei vernünftig +und laß uns in Ruhe, du weißt, daß ich ältere Rechte auf Binia habe als +du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen dich, aber gieb Frieden.« Und +sie kniet vor dem gefesselten Burschen, sie fleht: »Thöni, um Gottes +willen, mache dich und uns nicht unglücklich!« Er faucht eine Weile +unter Josis überlegener Kraft, dann stöhnt er: »Laßt los, laßt los, +Blatter, -- ich gebe nach!« Da giebt ihn Josi frei, der Unglückliche +rafft im Fliehen seinen Revolver auf, er eilt über die Brücke, aber wie +sie noch stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zurück und +schießt wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz -- Dunkelheit. Josi eilt +auf Thöni los, der will fliehen, wieder ein Blitz, da rennt der +Flüchtling quer über die Straße und der Irrende versinkt vor ihren Augen +in die Glotterschlucht. Aus unglücklichem Herzen schreit Josi: »Grieg, +kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?« Keine Antwort -- die Wildleutlaue +geht -- sie erleben einen langen, langen Augenblick, wo sie meinen, das +Weltende sei da. Und wie sie ihrer Sinne wieder mächtig sind, suchen sie +voll Verzweiflung Thöni -- können aber keine Spur mehr von ihm +entdecken. Ein Unglück ist geschehen, aber kein Verbrechen! -- Es ist an +Josi nichts Ungerechtes -- es war nur so gräßlich zu sehen, wie Thöni +versank. + +Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untröstlich. Er wollte den Fall +anzeigen, dann besann er sich wieder. »Zuerst kommt das Gelübde -- dann +das Recht der Menschen.« + +So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch noch glücklich werden +können -- ihre Gewissen sind rein. Aber fort -- fort von St. Peter. Hier +kommen sie vor dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In der +Fremde aber ist es schon möglich, daß sie ihr Kinderlachen wiederfindet. + +Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am Vater, daß er den Bären +verkaufe, daß er mit ihr und Josi in die Ferne ziehe: »Alles hier mahnt +mich an Thöni,« redet sie ihm mit flehenden Augen zu, »aber ich +verspreche es dir, Vater, draußen will ich wieder lachen wie ein Kind +und glücklich -- o so glücklich sein!« + +Und seltsam! -- Die Furcht vor Thöni wirkt ansteckend auf den Presi, ihm +ist, er müsse dem Geflohenen noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den +Verkauf des Bären zu überlegen, und während der Bann der schrecklichen +Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich langsam, aber mit +aller Macht ins Bewußtsein des Presi, daß er mit Thöni noch nicht fertig +ist. + +Manchmal ist es Binia, sie müsse den Vater über das schreckliche +Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen ziehen, aber dann hat sie wieder +das sonderbare Gefühl, sie würde ihm die letzte Ruhe rauben, er weiß es +ja nicht, daß sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen +Liebe, die selbst die Toten nicht fürchtet, draußen im Teufelsgarten +gewesen ist. + +Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die überraschende Kunde mit, daß +sein Werk zu mehr als zwei Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der +näheren Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch die +Felsen der ersten zwei Bretter und über die Wildleutfurren wandeln +könne. + +Da gab ihm Bini einen glühenden Kuß: und ihr kleiner Schrei: »Josi, mein +Held!« verriet ihre Freude über die Meldung. + +Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen Tag an den Weißen +Brettern einen Besuch zu machen. + +Da klangen die Kirchenglocken. + +Als sie aber mit gesenktem Köpfchen, das Betbuch, das weiße Tüchlein und +den Rosmarinzweig in den Händen, sittsam die Kirchhoftreppe +emporschritt, wichen links und rechts die Frauen zurück: »Das +Teufelsmädchen -- das dem Rebellen den Daumen hält!« + +Der überraschten Binia entglitt das Betbuch und es fiel zu Boden. + +»Seht ihr es, daß sie eine Teufelin ist, sie kann das Betbuch nicht mehr +halten,« riefen die Weiber. + +Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene Büchlein auf: »Binia, +ich bleibe bei dir!« + +Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen Hauptes, mit +glühenden Wangen, blitzenden Augen. »Vroni,« sagte sie, »gehe von mir, +es könnte auch dir schaden.« + +Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine Bank setzen, wo das +Wappen der seligen Mutter, ein Steinbock, gemalt ist. Da tritt die +Glottermüllerin, das häßliche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit +zahnlosem Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den nassen +Fleck am Boden und sagt: »Das bannt -- darüber hinaus kommst du nicht, +Hexe!« + +Und richtig, Binia weicht zurück. + +»He, seht,« schreit die Glottermüllerin, »sie ist eine Teufelin -- ja, +sie hält dem Rebellen an den Weißen Brettern wirklich und wahrhaftig den +Hexendaumen.« + +Da ist Josi plötzlich an Binias Seite. Ihm ist es nicht besser ergangen. +Die Männer haben die Fäuste gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der +ganzen Gemeinde die Hand: »Komm, Binia, wir gehen wieder,« und den Kopf +zurückwerfend, sagt er: »Schämt euch, ihr Unvernünftigen von St. Peter!« + +Damit wendet sich das Paar. + +Am Altar steht aber schon, das weiße Heilandskreuz auf der dunklen +Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt das kleine Handkruzifix, tritt +schwankend vor und spricht mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und +dem wackelnden Kopfe des hohen Alters: + +»Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes und aller Heiligen, +bleibet! Ich schütze euch mit dem heiligen Kreuz. Ihr aber von St. +Peter, hütet euch. In euern Hütten und Häusern geht ein alter +heidnischer Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine +unchristliche räudige Rotte geworden und gehorcht dem Baalspfaffen +Johannes mehr als der heiligen Kirche. Ich, euer rechtmäßiger Pfarrer, +sage euch: Wenn ihr, ihr Tollen von St. Peter, nicht aufhört mit eurer +Bosheit, so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus, an eure +Glocken, ich verweigere euch die Sakramente und ein christliches Grab, +leben und sterben sollt ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am +Aberglauben hängen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.« + +In seinen Stuhl zurückgesunken erwartete der alte Priester, seine +Gebete murmelnd, die Wirkung seiner Worte, doch auf der Seite der Männer +sah er nichts als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte +das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann er, noch zitternd +vor Erregung, den Gottesdienst. + +Als der Presi hörte, was für einen Schimpf man seinen Kindern zugefügt +hatte, wütete und tobte er gegen das Dorf wie in alter Zeit: »Keiner +außer dem Garden bekommt im Bären mehr einen Trunk, von heute an ist er +kein Wirtshaus mehr!« Dem Pfarrer aber, seinem ehemaligen Feind, ging er +mannlich danken. + +Am anderen Tag stieg er, den grünen Asersack[32] an der knorrigen Hand, +mit Binia hinauf durch die Alpen, wo das Vieh zum Abzug rüstete. Es war +ein sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote Wänglein, ihr +glückliches Kinderlachen erwachte für einen Augenblick wieder und +läutete über die Enzianen dahin und im Arm trug sie die Bergastern, um +das Werk Josis zu schmücken. + + [32] _Asersack_, schweizerdeutsch, Sack für den Mundvorrat. + +Der Presi baute Luftschlösser. Ja, den Bären will er verkaufen auf die +Zeit, wo Josi sein Gelübde gelöst hat, seine Kapitalien flüssig machen +und dann dem Zug des Glückes und der Liebe folgen. »Josi,« sagt er zu +Binia, »wird in der weiten Welt schon ein schönes Plätzchen für uns +wissen. Unter dem thörichten Volk von St. Peter ist es mir verleidet.« + +Sie erreichten die Höhe der heligen Wasser, sie standen am Eingang der +Weißen Bretter, wo die trübe Flut, die aus dem Hintergrund des Thales +kam, durch einen Kännel abgelenkt in eine Runse floß und in lustigen +Bächlein in die blauen Tiefen des Glotterthals niederschäumte. + +Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang Josis, der sich +mannshoch wölbte, und der Presi betrachtete das Werk in Bewunderung. +Anderthalb Fuß breit und einen Fuß tief zog sich am Grund des Stollens +der neue Wässerwassergraben dahin, neben ihm ein genügend breiter +erhöhter Felsenweg für den Garden, die Wände waren mit Hammer und Meißel +ausgeglichen und die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und +dort fiel durch ein Felsenfenster ein Bündel Tageslicht in das stille, +halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter dem Balkendach der +Wildleutfurre, weiter durch das mittlere Weiße Brett, wieder über die +Wildleutfurre -- da sieh -- da horch -- im Dunkel vor ihnen glüht ein +roter Lichtfunke und tönt Hammerschlag. An das Gestein hingeknäuelt +arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe. + +Ein kleiner Ruf Binias -- er läßt das Werkzeug fallen: »Bini -- meine +Bini -- Vater gottwillkommen!« + +Die schöne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes Kleid angezogen, sie +steht, in den Händen den Strohhut, um den sie zum Schutz ein weißes +Tüchlein geschlagen hat, demütig erglühend vor dem bestaubten +Felsensprenger, der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist. + +»Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt für die Ewigkeit, +Josi,« grüßt der Presi im Vaterstolz. + +Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in der sonnigen Höhe. Am +Eingang des Felsenkanals sitzen die Liebenden mit dem Presi, der sein +Reisesäcklein auspackt, und die Gläser der dreie klingen auf glückliche +Vollendung des Werkes zusammen. + +Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des Nachmittags +hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen steht weit im Kreise still +und feierlich in Verklärung da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am +erhabensten die Krone. + +»Josi,« flüstert Binia und ihr weiches dunkles Haar streift ihn, »heute +ist es schön wie zu Santa Maria del Lago -- es ist so schön, daß man vor +Glück sterben könnte.« + +Da rollt es von der Krone dumpf -- ein seltsames Zeichen im Herbst, wo +sonst die Gletscher friedlich sind. Aber man lebt eben in einem Jahr, wo +die Natur ausgleicht, was der vorausgegangene schlechte Sommer zu viel +an Schnee auf das Gebirge gehäuft hat. Darum schaffen und donnern die +Gletscher bis spät ins Jahr hinein. + +Glückselig steigen Vater und Tochter von der Leitung, von dem Werk, wie +es sonst keines im Berglande giebt, durch den Abendnebelflor des +Herbstes zu Thal und hören noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den +anderen Tag ist der Presi draußen in Hospel und unterhandelt mit dem +Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit Frau Cresenz ein gieriges Auge +auf den Bären geworfen hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im +Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in die Stadt und +tritt mit starken Einschlägen alle Kapitalbriefe gegen Bargeld an die +Bank ab. + +Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen beinahe die letzte +Hoffnung raubt. + +Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das Kreuz vor ihr und sagt: +»Ihr seid eine Hexe und haltet es mit dem Teufel -- ich gehe jetzt +gleich aus dem Haus.« + +»Aber Cleophi, seid nicht närrisch!« Und Binia lächelt ihr gütig zu. + +»Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin -- der Kaplan und selbst die alte +Susi in Tremis sagten es und Kinder haben ja im Teufelsgarten den Ring +Eures ehemaligen Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in der +Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes geht mit ihm durchs +Dorf, alles weiß es: Es scheint nur, daß Euer Liebster das Werk an den +Weißen Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur so am +Tag, und in der Nacht baut es der Teufel. Dafür müßt Ihr mit dem Satan +siebenmal um das Bockje reiten.« + +»Geht, Cleophi, geht -- da ist Euer Lohn.« + +Totenblaß steht Binia. Sie hat bei dem Kampf im Teufelsgarten Thöni den +Ring vor die Füße geworfen. Jetzt ist er in den Händen des gräßlichen +Kaplans, und nun ist er ein neues Mittel für den Verrückten, gegen sie +zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den Ring gefunden hat, Thöni +finden? + +Sie beißt hilflos in die Fingerknöchel: »Warum hat uns denn der Himmel +vor den Kugeln Thönis bewahrt, wenn Josi und ich an einem Schein von +Schuld und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?« + +Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad, das in die Leitung +eingeschaltet werden soll, auf den Berg schaffte, hat Josi das +Versprechen abgenommen, daß er die paar Wochen, die noch zur Vollendung +nötig sind, an den Weißen Brettern bleibe. Er kommt nicht mehr zu Thal. +Auch der Garde ist im tiefsten Herzen überzeugt, daß Josis Werk gut ist, +aber er kennt die furchtbare Empörung im Dorf. Wo er zum Guten redet, +begegnet er höhnischem, kaltem Lächeln und drohendem Schweigen, die +Gemeinde horcht nur noch auf den bösen verrückten Kaplan Johannes. + +Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte Warnung und Drohung des +Pfarrers Zügel angelegt, aber jetzt knurren die Dörfler: »Der Alte wagt +es nicht, uns die Kirche zu verschließen, wir wollen ihn schon +meistern,« und die Weiber hangen an Kaplan Johannes. »Er hat ein +besseres Herz für uns als der Pfarrer, der nichts von unseren alten +heiligen Sagen wissen will.« Und wenn ein Halbvernünftiger noch den +Einwurf erhebt, man wolle doch nicht so stark zu einem Verrückten +halten, sonst komme man gewiß an ein böses Ziel, antworten die anderen: +»Kaplan Johannes ist schon närrisch, aber gerade denen, die Gott etwas +geschlagen hat, giebt er dafür besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes +sieht und weiß mehr als sieben Pfarrer.« + +Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll, wo er geht, rufen +die Weiber: »Kommt doch ein wenig zu uns herein, Johannes!« Klagt ein +Bauer: »Meine Kühe fressen nicht mehr und geben keine Milch,« so +antwortet Johannes: »Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das kommt vom +Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach Schwefel.« Nun spüren auch die +Dörfler den Geruch. In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. »Seht +Ihr,« flüstern es die Frauen einander zu, »die Kinder können nicht mehr +zur Welt kommen. Das rührt vom Sprengen her!« + +Die von St. Peter spüren es kaum, wie der Kaplan ein Netz des +Aberglaubens um sie zieht. + +Und plötzlich geht die feste Sage unter denen von St. Peter, es sei eine +weiße arme Seele durch das Dorf gewandelt und habe dreimal gerufen: + + »O weh, o weh -- am Teufelssalz + Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!« + +So in drei Nächten! + +Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie doch sonst schweigen? +Das bedeutet: »Am letzten Weinmonat geht St. Peter mit Menschen und Vieh +unter. In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen Leitung +einsetzt, verlassen die erzürnten armen Seelen die Krone, die Firnen +fallen mit so schrecklichem Donner auf das Dorf, daß das bloße Hören +schon tötet!« + +Drei Männer nur noch, der Presi, der Garde und der Pfarrer, und einige +stille, wie Eusebi und Peter Thugi, glauben an Josis Werk. + +Die Regierung hat sich übrigens auch nicht ganz von dem Werk +zurückgezogen, wie sie drohte, sie meldet, sie hoffe, die Leute von St. +Peter haben sich, da das Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme, +wegen des Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf den Tag +der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein hübsches Gemeindefestchen zu +Ehren Josi Blatters zu veranstalten. Sie wolle sich dabei vertreten +lassen und ersuche Josi Blatter, daß er die letzten rettenden Schüsse +auf diesen Tag verspare, an dem man, während im Thal die Glocken läuten, +in feierlicher Prozession an die Weißen Bretter ziehen wolle. + +Dazu schütteln der Garde und der Presi wehmütig und ungläubig die +greisen Häupter, aber es ist gut, wenn auf diesen Tag jemand von der +Regierung kommt -- vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am +nötigsten -- es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr +losbricht, denn so sind die Leute des Thales -- sie warten in der +Voraussetzung, daß doch irgend noch ein Ereignis geschehen und ihre That +überflüssig machen könnte, den letzten Augenblick zum Handeln ab. + +Aber dann -- -- + +In diesen Tagen der äußersten Spannung, die durch die Stille des Dorfes +noch unheimlicher wurde, sagte der Presi einmal zu Binia: »Der Garde hat +mich gefragt, wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel zu +reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich habe geantwortet, du +habest ihn Thöni zurückgegeben und er habe ihn wohl auf der Flucht +fortgeworfen. Ist es so?« + +Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt vor Entsetzen. Sie wagt +es nicht mehr, dem Vater das gräßliche Geheimnis länger vorzuenthalten. +Jeder der schönen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die Gefahr, +daß Thönis Leiche gefunden werde, denn die Wasser der Glotter fließen +immer spärlicher und immer klarer, und der arme Vater darf doch nicht +ungerüstet von der Entdeckung der Leiche überrascht werden. + +Zögernd legte sie, die Hände gefaltet, die Augen auf den Boden geheftet, +mit leiser und feiner Stimme die furchtbare Beichte ab. Als sie erzählt, +wie sie Josi in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch +die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die Augen des Presi +noch einmal in alter Zornglut auf und mit böser Stimme sagt er: »Gott's +Donner! Du giebst es mir recht zu schmecken, daß du immer ein Trotzkopf +gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine höllische Geschichte +aus.« + +Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut der Verzweiflung. +Plötzlich wird der rote Kopf des Presi blaß. Weil sie vor ihm in die +Kniee sinkt und schreit: + +»So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater -- verzeihe mir!« da zieht er +sie mit zitternden Armen empor und preßt die leichte, schöne Gestalt +seines Kindes stürmisch an seine breite Brust. + +»Bini -- arme Bini,« stöhnt er, »da ist nichts zu verzeihen -- du bist +den Weg gegangen, den du hast gehen müssen, und es ist geschehen, was +hat geschehen müssen. -- Es ist Schicksal -- --« + +Seine Stimme bricht schluchzend ab und plötzlich fühlt Binia, wie zwei +warme Thränen über die Wangen des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat +weinen gesehen. In mächtiger Bewegung halten sich Vater und Kind +umschlungen, eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge ein Engel auf +leisen Sohlen an den zweien vorbei. + +So halten sie sich in Glück und Elend lange, lange. + +Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias einen Stoß erhalten wie +noch nie. + +Er findet den Mut nicht, in der gräßlichen Angelegenheit irgend etwas zu +thun. Er klammert sich an die Hoffnung, Thönis Leiche würde schon +deswegen nicht gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist +jetzt vorüber, seit die That geschehen ist, und niemand kümmert sich um +Thöni mehr. Ist es nicht bei Unglücksfällen schon häufig genug +vorgekommen, daß man mit dem größten Eifer die Leichen solcher, die in +die Glotter gestürzt sind, nicht mehr hat finden können? Entweder lagen +sie in den Schlünden der Schlucht verborgen oder der mächtige +Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter geschwemmt und in den Strom +hinausgeführt. So mochte es auch mit der Leiche Thönis gegangen sein. + +Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung quälen den Presi die +Erinnerungen an Thöni, das Bewußtsein, daß er die Verantwortung für das +unglückliche Leben trägt. + +»Thöni, der mir alles von den Augen absah, hat gemeint, es sei mir ein +Gefallen, wenn Josi tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen, +dann hat er nicht mehr rückwärts gehen können, hat falsch geschrieben, +und es ist gekommen, wie's hat kommen müssen. Daß er ein Schelm und +fremd geworden ist, daran bin ich schuld.« + +Das tönt ihm unaufhörlich durch die Sinne. + +Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, daß Thöni selber in die +Glotter gelaufen sei. Es klingt so unglaubwürdig. Sein Kind redet es +sich nur so ein, um nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschläger, +umzukommen -- -- aber der Presi wagt es nicht, sie noch einmal darüber +zu fragen -- nein -- nein -- er zittert nur davor, eines Tages könnte in +Josi doch die Selbstanklage erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht +ist, und es würde die zwei, die nicht ohne einander leben können, +trennen. + +Ein Fluch des Unglücks ginge dann von ihm und seinen Gewaltthaten noch +in das folgende Geschlecht hinein. + +Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er glaubt nicht mehr an ein +schönes Alter, aber wenn er die dunklen Augen Binias traurig auf sich +gerichtet sieht, so lächelt er sie mit seinem wärmsten Lächeln an, hebt +den gebeugten Rücken und meint vor ihr verbergen zu können, wie rasch er +zusammenfällt und aus den Kleidern schwindet. + +O, es ist rührend, wie sich der alte Mann zu verstellen sucht, daß Binia +nicht sehe, wie er hoffnungslos leidet. + +Hoffnungslos! -- Nein, wenn er sein herrliches Kind sich anschaut, wie +es mutig und geduldig seine Leiden trägt, wie es auf Josi wie auf einen +Felsen baut, glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen +Wasser sei so stark, daß er selbst das Ereignis in der Glotterschlucht +besiege. + +Um den Vater müht sich Binia treu und hingebungsvoll, sie sinnt Tag und +Nacht nur darüber, wie sie den Gram von seiner Stirne scheuche. + +»Kind -- Herzensvogel,« sagt er, »wie bist du mit deinem Vater lieb.« + +Seine Auswanderungspläne hat er aufgegeben -- in St. Peter hat er +gelebt, in St. Peter will er sterben -- steigt Josi von seinem Werk +herunter, so wird er ihm sagen: »Nimm meine Binia -- schenke ihr Glück, +viel Glück -- zieht fort -- mein Segen begleitet euch -- ich aber +erwarte mein letztes Stündlein in St. Peter.« + +In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand wagt auch nur das +bescheidenste Festchen vorzubereiten. Der Handel um den Bären stockt. +Aus Scheu vor Frau Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus +Sorge, es könnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid geschehen, wagt es +der Presi nicht mehr, nach Hospel hinauszugehen. Die ganze blinde Wut +des Volksaberglaubens hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erfährt +Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und die Dörfler schlagen +das Kreuz und speien vor ihr. + +Der Verkauf des Bären würde die Aufregung im Dorf noch steigern. + +Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter, aber ändern kann +er an der entsetzlichen Lage nichts, er vertraut nur auf die heilige +Scheu, die denn doch jeder im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das +thun sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden +Schweigen. + +Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi auf seinem Posten +stehen -- und so stark sein, daß er sie bändigt. -- -- + +Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf den Posten stellen +müssen -- in St. Peter stehen die Dinge bös. + + + + +XIX. + + +Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als der erste, so +furchtbar, daß ihn niemand auszuführen wagt und jeder zittert vor dem +Los, das ihn treffen könnte. + +Ehe der Hammer an den Weißen Brettern schlägt, muß zur Rettung St. +Peters ein Mord begangen sein. Josi Blatter, der sich gegen den Himmel +gewendet hat, muß fallen, die armen Seelen auf der Krone müssen versöhnt +werden. + +In der Nacht halten die Männer seitab vom Dorf unter Wetterlärchen ihre +ernsten Beratungen. Leichten Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder +ist ganz durchdrungen von dem Gedanken, was für eine schreckliche That +ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im Dämmerschein der Sage steht, +hat im Glotterthale kein Mann einen anderen getötet. Es ist aber doch +besser, es falle nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als daß das +ganze Dorf untergehe. + +Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter, sondern der ist es, der +ihn erschlägt. + +Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben in den Felsen, er +steht in einem schmalen Gang, in dem nur ein Mann auf einmal gehen kann, +und er ist Herr des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und +wenn Hunderte gegen ihn streiten, so überwältigt er sie mit einer +einzigen Patrone, die er nach dem nächsten Stein schleudert. + +Die Männer stehen ratlos. Nur noch zwei Tage, dann wird der Hammer von +den Weißen Brettern schlagen. + +Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan Johannes dem Schicksal +Thönis auf der Spur. Warum sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der +Wetternacht über den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Thöni Grieg +geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in Hospel nie die geringste +Nachricht von ihm bekommen? Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern +der Glotter und späht in die Wasser. + +Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim Bildhaus an der Grenze +von Tremis, in dem das Wasser quirlt und brodelt, etwas auftauchen +sehen, was ein Bein und ein Schuh sein könnte -- nein, was ein Bein und +ein Schuh ist. + +Wie die Männer von ihren heimlichen Beratungen heimkommen, herrscht +unter den Weibern schon Wehklagen: es stehe einer außerhalb der Brücke +in der Glotter, er strecke den Arm gegen die Weißen Bretter und stöhne +immer nur: »Der dort oben -- der dort oben« -- und hinterher seufzte er: +»Und Binia Waldisch!« + +Abergläubisches Entsetzen füllt das Dorf. Es ist kein Schlaf in St. +Peter -- nur Beten und Gejammer: »Warum haben wir den Bau an den Weißen +Brettern zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verführen +lassen?« Und dazu die dumpfe Antwort: »Auf ihn und sein Kind mag es +kommen.« + +In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal, ehe der Tag +dämmert, klopft der Mesner schreckensbleich an die Thüren: »Ich kann +nicht zur Frühmesse läuten, es steht einer in weißem Gewand an der +Kirchenthüre!« + +Mit ihren Laternen gehen die Dörfler in festgeschlossener Schar zum +Gotteshaus. + +Es steht keiner an der Kirchenthüre, aber ein großer Zettel klebt daran, +sie lesen ihn mit Entsetzen und die Frauen fahren kreischend zurück. + +»Gerechte Bürger von St. Peter!« heißt es auf dem Blatt. »Ich, Thöni +Grieg, klage es euch. Aus den Wassern der Glotter schreie ich seit dem +Fridolinstag um ein ehrliches Begräbnis in geweihter Erde, während mein +Blut sündig an den Weißen Brettern vermauert wird. Ihr kennt meine +Mörder. Begrabt mich und schafft Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen, +was ich leide, und ziehen aus.« + +Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den Gliedern, einer raunt +es dem anderen zu: »Wenn die Toten zu schreiben anfangen, dann ist es +Zeit, daß wir handeln.« + +Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen heran. »Seht ihr, die +Toten reden! Was wollt ihr mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die +Zunge soll dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren, der mich +verrät. Bevor ihr den Mord am Rebellen sühnen könnt, müßt ihr Binia +Waldisch, die Teufelin, schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er +schwach und leicht zu bewältigen. Wozu der Schrecken, wozu das Erbarmen? +Lest, wie sie Thöni getötet und sein Blut nach der Stadt gebracht haben, +damit man das Teufelssalz hat bereiten können. Die erste Schuldige ist +Binia Waldisch, die Tochter des Presi; sie müßt ihr schlagen, sonst geht +St. Peter unter.« + +Die Männer schaudern: »Das thun wir, so wahr uns Gott helfe, nicht. Mann +gegen Mann, so ist's in den alten Zeiten gehalten worden, aber eine +Jungfrau tötet, selbst wenn sie eine Teufelin wäre, keiner. Eher mag St. +Peter untergehen.« + +Da rollt der Gletscher. + +»Hört ihr's -- St. Peter geht unter!« wehklagen die Frauen, und der +Kaplan lächelt: »Ihr könnt die Hexe mit weltlichen Waffen nicht +umbringen, die heiligen Grabkreuze müßt ihr aus der Erde reißen und sie +damit schlagen.« + +»Johannes,« grollen die Männer und ballen gegen ihn die Fäuste, »seid +Ihr der Satan, der uns ins Unglück bringen will? Eine Jungfrau mit +Grabkreuzen erschlagen! Das ist unerhört im Bergland. Thäten wir das +unseren heiligen Toten zu leid, daß wir ihre stillen Gräber schänden, so +geschähe es uns gerecht, wenn unser alter Pfarrer uns das Gotteshaus +verschlösse und die Glocken bannte. Dann müßten wir ja auch zu Grunde +gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie Dörfer vergangen +sind, denen die Kirche den Segen entzogen hat. Die Weiber sind +unfruchtbar geworden, der Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie +die Wölfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten sich in +Verzweiflung über die Felsen gestürzt. Kaplan -- Ihr wollt uns zu Grunde +richten -- seht Euch vor, wenn Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der +erste, den wir erschlagen.« + +Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie er ihn selbst +hervorrufen kann. Er stürzt, er zuckt, er schäumt, er schreit. + +»Er ist seiner selbst nicht mehr mächtig, jetzt redet Gott aus ihm,« +mahnt der Glottermüller und streckt die gefalteten Hände zum Himmel. Was +aber Johannes spricht, ist entsetzlich: »Thöni Grieg -- du mußt +aufstehen, sie müssen einen Toten zeugen hören, daß St. Peter +untergeht.« + +Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Thöni Grieg in der Glotter liegt, so +wollen sie dem Kaplan glauben und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch, +die Mörderin, erschlagen. + +Während aber die Dörfler auf dem Kirchhof noch beraten, ertönt der Ruf: +»Der Pfarrer kommt -- der Pfarrer!« + +Da springt der Kaplan auf: »Er will euch überreden. -- Eilt an die +Glotter und seht. -- Vor dem Bildhaus zu Tremis schwimmt Thöni Grieg in +der Schlucht.« + +Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht die Gemeinde vor ihrem +Pfarrer. Er liest den Anschlag an der Kirchenthüre, sein weißes Haupt +zittert, er stammelt: »Jetzt muß ich Wort halten!« Weinend schleicht der +alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zurück. »Sie haben sich dem +Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von der heiligen Kirche gewandt, +wohlan, so muß ich mein Wort halten.« + + + + +XX. + + +Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des kalten Herbstmorgens, der +schon an den Winter mahnt, über den Stutz hinab thalaus geeilt, aber +Kaplan Johannes ist nicht mehr bei ihnen. + +Sie mögen Thöni Grieg selbst suchen, das Entsetzen wird um so größer +sein, wenn sie ihn finden. + +Der Garde weilt beim Presi: »Binia retten, was auch geschehen sei, auf +eine blutige That darf keine blutige That folgen. Und die Gier des +Verrückten trachtet nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut -- Presi +-- ich bürge für sie. -- Aber rasch -- rasch --« + +Der Presi spürt die bittere Not der Stunde: »Wohin wollt Ihr mit ihr, +Garde?« + +»Ich geleite sie auf den Berg, daß sie zu Josi gehe. Dort ist sie +sicher; wenn er will, kommt keine Maus in seinen Gang, und bis am Morgen +ist auch schon Mannschaft zum Schutz beider an den Weißen Brettern. +-- Presi, telegraphiert in die äußeren Gemeinden um Hilfe.« + +Der Presi will es thun -- er kommt kreideweiß aus der Postablage zurück +-- der Draht ist abgeschnitten. + +»Dann holt Eusebi die Mannschaften -- ein paar Stunden später sind sie +doch da -- nur ein Verbrechen darf nicht geschehen -- eher mögen unsere +Häuser zerstört werden.« + +In dem sonst so schwerfälligen Garden lebt und bebt alles, die klugen +und guten Augen unter den buschigen Brauen sprühen Feuer, er ist wieder +jung. + +»Ja, zu Josi!« klingt das Stimmchen der erschrockenen Binia fein und +traumhaft und ihre Finger spielen, ohne daß sie es weiß, mit dem +Tautropfen, den sie aus der Kapsel des Halskettchens geholt hat. »Komm +mit mir, Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht +trennen.« + +Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng: »Heute gehört der +Presi in die Gemeinde, das weißt du, Kind!« Dann in überströmendem +Gefühl: »Geh, Binia! -- Auf Wiedersehen, Herzensvogel -- grüße mir +Josi.« Er reißt sie an seine Brust: »Liebe Bini -- sollte es anders +kommen -- sollte ich morgen nicht mehr leben -- doch wenn nur du lebst +-- ich habe einmal einen sonderbaren Traum gehabt -- aber ich glaube +nicht mehr daran -- geh zu Josi -- geh in Gottes Namen.« + +Mit sanfter Gewalt löst der Garde die schluchzende Binia aus den Armen +des Vaters: »Ich will dich führen, Binia! -- Komm -- komm.« + +Vater und Kind nehmen Abschied wie für die Ewigkeit. + +Der Garde führt Binia im kalten, dichten Nebel durchs öde Dorf gegen die +Alpen empor. Er redet herzlich zu der Schwankenden, die doch tapfer +geblieben ist: »Und nun, Binia,« fragt er, »was für eine Bewandtnis hat +es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und Josi erhoben +wird --« + +Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater gebeichtet hat. + +»Binia!« sagt der Garde stillstehend und faßt ihre beiden Hände: »Jemand +anders als du könnte es mir nicht vorgeben, daß der betrunkene Thöni +selber in die Glotter gelaufen ist -- aber wenn es einen Menschen giebt, +dem ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt +wären, immer den Mut der Wahrheit besessen.« + +Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia. O, sie hat es wohl +gefühlt, daß der Vater ihrer Erzählung nicht ganz vertraute, und nun ist +sie endlich glücklich, daß wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen +Elend versteht. + +Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, daß alles gut kommen werde, durch +ihre Brust, da aber taucht Kaplan Johannes gespenstisch aus dem Nebel +auf und lacht sein gräßlichstes Lachen: »Wir tanzen doch, Jungfrau -- +wir tanzen an den Weißen Brettern!« + +Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken. + +Ehe der Garde sich auf ihn stürzen kann, verschwindet er so rasch, wie +er aufgetaucht ist, im Nebel. + +Binia zittert und der Garde muß sie wohl oder übel noch ein gutes Stück +begleiten. + +Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau -- es liegt unter ihnen -- +eine blasse Sonne scheint durch weiße Wolken -- über das Gebirge ziehen +dunklere Streifen und Bänke her -- es rüstet zum Schneien -- aber in der +Felsenhöhe winkt der sichere Hort. + +»Fürchte dich nicht, Binia,« mahnt der Garde, »gewiß geht eher St. Peter +unter, als daß deinem Haupt ein Leid geschieht.« + +Hoch oben trennen sie sich. -- Binia geht langsam, Schritt für Schritt, +sie steigt in die falbe, schweigende Einöde -- sie ist auf der Flucht -- +ihre Lippen zittern: »Zu Josi!« + +Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann wendete er sich in +Selbstvorwürfen: »Der Mensch meint, er mache ein Ding gut, und er macht +es böse. -- Es wäre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf wüßte, +was für ein Verbrechen Thöni Grieg an Josi begangen hat.« -- -- + +Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde eilt zu den Dörflern +hinaus, die die Leiche in der Glotter suchen. Vielleicht bringt er sie +im letzten Augenblick zur Vernunft. + +Im Bären aber kämpft ein alter, einsamer Mann, er kämpft wie der +angeschossene Adler, der jäher als je zuvor gegen den Himmel steigt. Er +kämpft wie die Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers +schießt und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber der Adler fällt +rauschend in die Hochgebirgstannen, die Forelle verliert die Kraft und +muß aufwärts steigen. + +Der Presi weiß es: er ist der Adler -- er ist die Forelle -- seine +Stunde ist da. + +Er sitzt und betet -- er blickt über sein Leben -- er sieht alle seine +Missethaten gegen Fränzi und Seppi Blatter -- gegen die selige Beth -- +gegen Josi -- gegen Binia -- und er hat Thöni auf dem Gewissen. Eine +furchtbare Angst um Binia überfällt ihn. Sie ist wohl sicher in Josis +Felsenwerk -- aber er hätte sie nicht gehen lassen sollen -- in seiner +grenzenlosen Verlassenheit gewinnt der alte Traum Macht über ihn -- und +er weiß jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes rühren +wird -- es ist der schreckliche Kaplan, der den Haß gegen ihn und eine +verbrecherische Leidenschaft für das Kind in einer Blutthat ertränken +möchte. + +Er sollte jetzt der Presi sein -- er sollte handeln -- sollte reden -- +aber die Kraft versagt. -- Das Dorf ist totenstill -- er weiß nicht, was +draußen an der Glotter geschieht -- wie Binia ihr Ziel erreicht. -- Die +Furcht lähmt ihn und kein Mensch kümmert sich um ihn. + +Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und harrt den langen Tag +als Samariterin bei ihm aus. + +Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten Thöni bringen. +Mittag. -- Abend. -- Da naht endlich der traurige Zug, in dessen Mitte +die Leiche auf einer Bahre liegt. + +Die Männer des Gebirges haben die Hüte gezogen, finster und gemessen +schreiten sie und reden nichts. + +Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschluß, den sie nur im höchsten +Taumel des Schreckens faßten, erschüttert worden. + +Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen wollten, den +falschen, entsetzlichen Brief Thönis gezeigt, und das Mitleid mit dem, +der in der Glotter lag, ist dahin. -- Hätte ihn Josi erschlagen, man +könnte nichts dawider haben. + +Nein, sie können Binia nichts thun -- selbst das entstellte Gesicht +Thönis, den man unter unendlichen Mühen aus den Tiefen der Glotter +geholt hat, giebt ihnen den Mut nicht mehr. + +Da ziehen die Sprengschüsse Josis lang hinhallend durch das Gebirge und +die Donnerschläge von den Weißen Brettern jagen die Furcht neu in die +vom Totenfund erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer höheren +Fügung stehen. Morgen schlägt der Hammer -- morgen fallen die Lawinen +von der Krone -- morgen geht St. Peter unter. + +Die Fäuste ballen sich, die Blicke steigen drohend gegen die Felsen +empor. »Der braucht wohl noch zu sprengen,« knirschen die Männer, »in +dieser Nacht muß doch noch das Gericht ergehen.« + +Wohin mit der Leiche? -- Auf den Kirchhof. Die Bahre steht. Um sie +knieen im sinkenden Abend die Dörfler. + +Von der Freitreppe des Bären schreitet im Sonntagsstaat würdig und +feierlich der Presi, der den schrecklichen Anfall vom Morgen überwunden +hat. Zitternd, doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof +empor und scheu geben die Dörfler Raum. + +Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt die schneeweiße Hand des +Ertrunkenen. Ruhig spricht er, so daß es alle hören können: »Thöni +Grieg, du weißt es, daß ich dich erschlagen habe, daß Josi und Binia +unschuldig sind. -- Garde und Gemeinde, ich ergebe mich euch als der +Mörder Thöni Griegs!« + +So spricht der Presi! + +Was er erwartet, erfüllt sich aber nicht. Das Volk stürzt sich nicht auf +ihn, sondern stutzt in Verwirrung und Hohngelächter erschallt ringsum. +Die Rede des Garden und des Presi widersprechen sich. -- Der Garde +schluchzt laut auf: »O Presi, was habt Ihr gesagt!« Er fällt seinem +Freund an die Brust. + +Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die Dörfler schreien: »Sie +spielen Komödie -- der Garde draußen, der Presi hier -- sie lügen -- +Josi Blatter und Binia Waldisch sind die Mörder. -- Die Führer der +Gemeinde sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.« + +Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenthüre herüber ein zweiter -- ein +entsetzliches Geschrei: »Wehe St. Peter -- wehe -- wehe -- wir sind +exkommuniziert.« + +Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren wäre, hätte die Verwirrung nicht +vermehren können. + +Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing, klebt eine andere. Der +Pfarrer{9} schreibt: + +»An die räudige heidnische Rotte von St. Peter. Im Namen der heiligen +Kirche sind die Siegel an dieses Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der +sei einem Selbstmörder gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht, +den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben, und wer in +der heiligen Erde wühlt, soll selbst kein geweihtes Grab finden. Das +soll so lang gelten, als ihr nicht mit dem rechtmäßigen Pfarrer Frieden +macht und von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben laßt!« + +Darunter steht das Pfarramtssiegel. -- Die Leiche Thöni Griegs ist über +dem Schrecken, den die neue Botschaft erregt, vergessen. Man sucht den +Pfarrer, man findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte +gekränkte Mann das Thal verlassen, einige, die an der Glotter standen, +haben ihn sogar gesehen. + +Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und übermorgen ist +Allerheiligen -- dann Allerseelen! Kirche und Kirchhof aber sind +gesperrt. + +Nun rüttelt und schüttelt das Entsetzen ein ganzes Dorf. + +»Die Regierung hat uns ins Elend geführt, unsere alten Vorsteher lügen +uns an, die Kirche giebt uns auf -- und alles kommt vom Rebellen und der +Hexe -- den Mördern. -- Gut, wenn man will, daß wir wilde Tiere werden, +so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres Lebens wehren -- der +Rebell und die Hexe müssen sterben.« + +So rasen die von St. Peter. + +Der Presi schwankt, wie er sieht, daß seine Selbstaufopferung nichts +hilft, davon -- die Dörfler beachten es im Aufruhr kaum -- der Garde +will reden -- aber ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender +Weiber und tobender Männer: »Wir wollen nichts mehr von euch -- ihr seid +alle Verräter.« + +Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken -- das Grauen wächst. + +Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden Kienfackel auf die +Bahre und beleuchtet das zerwaschene Gesicht des Toten; der Ruf läuft +durch die dunklen Gruppen: »Wir haben niemand mehr, der sich unser +erbarmt, als Johannes -- Kaplan, führt uns -- sagt uns, was sollen wir +thun?« + +Der Schwarze lächelt höllisch: »Erschlagt die Teufelin und den Rebellen +-- sie ist bei ihm an den Weißen Brettern, ich öffne euch den Weg.« + +Da ruft der alte greise Peter Thugi: »Ergebt euch nicht in die Gewalt +des Schwarzen -- ihr werdet es bereuen.« + +Im gleichen Augenblick aber ertönt ein seltsames klirrendes Geräusch +durch den Kirchhof. Alle erschaudern. Wahnsinnige Weiber haben die +ersten Kreuze ausgerissen. Die Männer knirschen dumpf: »Jetzt können wir +nicht mehr zurück -- vorwärts also -- wir müssen Totschläger sein!« + +Das vom Entsetzen gerüttelte Dorf rüstet sich zum schrecklichen Auszug +an die Weißen Bretter, die Grabkreuze klirren durch die Nacht. Hinter +Kaplan Johannes, der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und +den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende, betende +Schar, die sich der Hölle ergeben hat. Sie hat aber das Dorf kaum +verlassen, da röten sich die nächtlichen Nebel und schon rennen die +Ausziehenden schreiend zurück: »Es brennt in St. Peter. -- Feurio! -- +Feurio!« + +Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende, wachsende Glut reißt alle +ins Dorf zurück. -- »Vielleicht ist es unser Haus -- vielleicht ist es +unser Vieh, das verbrennt,« jammern sie; es scheint durch die +schwelenden Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen. + +Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die Kreuze von sich wirft +und zu ihren Häusern rennt. + +Wie die Erschrockenen aber zurückkommen, brennt der Bären, steigen die +Lohen schon prasselnd durch das Dach in die Nebel empor. Der Bären, das +alte schöne Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des Dorfes, +brennt. Sie stehen erschüttert davor -- und ihre erste Eingebung ist: +retten -- helfen, -- das Gewissen für die bürgerliche Pflicht erwacht. + +Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die Sturmglocken ziehen +wollen, prallen sie wieder an die Siegel des Pfarrers. Es brennt und +man darf nicht läuten. + +Die Verzweiflung packt das Dorf. -- Die Leiche Thöni Griegs, die noch +auf dem Kirchhof steht, steigert das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt +über sie und giebt den Zügen einen Schein des Lebens. -- -- + +»Wer hat den Bären angezündet?« -- »Ein Voreiliger vom Ahorn!« So redet +ihnen das schlechte Gewissen ein. »Wo ist der Presi? Wenn er im Haus +verbrennte?« -- Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist nicht darin. + +Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der schwarze Kaplan, der +schrecklich im Schein der Flammen steht, mit seiner hohlen Grabesstimme: +»Meine fromme Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten -- wir müssen +Teufelstöter sein -- folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen ein +erlösendes Wunder für alle geschehen, die mit mir sind -- folgt ihr mir +nicht, so seid ihr um Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes -- der +Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und bietet die +äußeren Dörfer gegen uns auf. Er hat das Haus angezündet, um uns +aufzuhalten.« + +Das erste glauben die Dörfler, das letzte nicht, denn zu sehr hat der +Presi sein schönes Heim geliebt. + +Das Entsetzen steigt. -- Mord und Feuersbrunst in der Gemeinde -- und +morgen militärische Besetzung oder Untergang. -- Dazu den Zorn und die +Strafen der Kirche. + +Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden Funkengarben auf +das Dorf, Frauen und Kinder flehen die Männer auf den Knieen an, daß sie +das Dorf retten, der Garde mahnt mit Thränen in den Augen zur Vernunft. + +Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert, +Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die nächsten Häuser. Die Nacht +ist windstill, die riesige Lohe des Bären verfließt wie eine feurige +Wolke im Nebel, die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den +berstenden Fenstern zischen die Flammen und zerstören die alten +Jagdtrophäen am Dachgebälk und prasselnd fällt das graue Bärenhaupt auf +die Straße und zersplittert. + +Aus dem Erdgeschoß ist einiges gerettet worden und nun schreit Bälzi: +»Der Wein! der Wein! Laßt uns doch den Wein holen!« + +Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie wälzen die Fässer auf +die Straße, und da man sich wegen der steigenden Hitze zurückziehen muß, +zum Kirchhof hinauf. + +Die Flaschen, Krüge, Becher und Gläser kreisen. + +»Wenn doch St. Peter untergehen muß,« gröhlen die Männer, »so wollen wir +noch trinken. Zum Wohl -- zum Wohl!« + +Ein gräßliches Bild! Der Brand nimmt schon ab, die Gefahr für das Dorf +ist vorbei, der Bären ist ein riesiger glühender Ofen, auf dem Kirchhof +aber beraten die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden +Kindern, was sie jetzt anfangen wollen. + +Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der Garde und noch +einige haben sich auf den Kaplan geworfen, haben ihn gefesselt und +wollten den Tobenden abführen. + +Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken der Besinnung +löscht: »Wir sind verraten. -- Die wehrfähige Mannschaft der vorderen +Dörfer ist im Anzug -- sie sind schon an der Brücke -- sie helfen dem +Rebellen -- sie sind gegen die von St. Peter.« + +Die Bestürzten bitten, drohen, sie kämpfen, sie machen den gebundenen +Kaplan Johannes mit Gewalt frei: »Er allein kann uns jetzt helfen!« +rufen sie. Er aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder +ergreifend: »Vertraut mir, ihr Frommen. -- Zu Allerheiligen erlöse ich +euch alle -- denn ich bin nicht Kaplan Johannes, wie ihr meint -- +sondern ich bin St. Peter, euer Schutzpatron, ich richte unter euch +meine Kirche ein -- und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!« + +Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen, der sein +Grabkreuz schwingt -- die Hälfte der Dörfler weicht über die +Gotteslästerung entsetzt von ihm zurück: »Wir haben uns einem Narren +ergeben!« stammeln sie. + +Zwanzig, dreißig Frauen aber, die noch in Furcht und Entsetzen an ihn +glauben, scharen sich um ihn, eine Zahl Männer ahmen das Beispiel nach, +doch viele unter ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: »Wir gehen +mit,« knurren sie finster, »denn nach allem, was sich ereignet hat, +können wir nicht mehr zurück, aber wenn er uns ins Unglück führt, ist er +der erste, der fallen muß.« -- -- + +Siegesgewiß lächelt der wahnsinnige Kaplan: »Kommt, kommt, ihr Getreuen +-- an den Weißen Brettern wird sich das Glück der Gemeinde erfüllen.« + +»Auch Ihr, Peter Thugi?« -- Der Garde, der den Mut verloren hat, sagt es +traurig und vorwurfsvoll. -- + +»Garde,« erwidert der junge Mann, »wenn Josi oder Binia ein Härchen +gekrümmt wird, so kehre ich nicht zurück zu meinen Kleinen -- mich +schämt das Leben an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!« + +Der Zug der Verzweiflung zieht, während es leise zu schneien beginnt, in +die Nacht. + +Umsonst hat der Garde noch einmal geredet -- jetzt sitzt er still in +seiner Wohnung und weint über seine verirrte Gemeinde. + +Vroni steht tröstend bei ihm, aber ihr ist todesangst um Binia. Die alte +Sage! + +Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht. + +Da horch! Gleichmäßige, taktfeste Schritte von Männern schallen von der +Straße, die sich mit dem Flaum des fallenden Schnees bedeckt. In guter +Ordnung rückt die waffenfähige Mannschaft der äußeren Dörfer in St. +Peter ein, die Befehle tönen ruhig durch die Nacht, im Haus des Garden +atmet man auf aus grimmiger Not. + +»Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen?« fragt Vroni die Ankommenden. + +»Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem Dorf an die Weißen +Bretter empor geschwenkt. -- Josi Blatter darf nichts geschehen,« +antworten die Männer. + +Draußen im Lande weiß man es: Das Werk Josi Blatters ist gut. Mit denen +von St. Peter aber, die man schon lange als harte, abergläubische Köpfe +kennt, muß man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute geschehen +ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt. + +Daß Josi Blatter, der Held der heligen Wasser, ein Mörder sei, will +niemand glauben; daß die von St. Peter sich unter die Anführung des +verrückten Kaplans stellten, den man als einen gemeingefährlichen +Vagabunden kennt, daß sie nach dem Leben eines durch seine +Rechtschaffenheit und Schönheit bekannten Mädchens trachten, erfüllt die +Mannschaft mit solcher Wut, daß die Führer Mühe haben, sie von +unüberlegten Thaten gegen die Dörfler zurückzuhalten. + +Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung walten, bis in +die Stadt ist man durch Eusebi und den Pfarrer über den Plan derer von +St. Peter unterrichtet und empört. + +Wenn den zwei Liebenden ein Leid geschähe, wehe dann dem Dorf. + +Nun aber sind die Männer enttäuscht -- in St. Peter brennen nur wenige +Lichter -- wo sie eintreten, treffen sie nur betende Frauen -- aber +keinen Mann, der Auskunft über die Ereignisse des Tages gäbe. + +Endlich greifen sie einen auf -- den betrunkenen Bälzi, der in seinem +Rausch den schrecklichen Ahornbund verrät. Sie sperren den Gefesselten +in die Gemeindescheune. + +Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an die Weißen Bretter +emporgestiegen sind, auf einer Notbahre von Tannenreisern einen Mann. +Die erste falsche Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen +worden sei, aber es ist der Presi, der machtlos röchelt. + +»Wohin mit ihm?« fragen die Träger. -- »In mein Haus,« erwidert der +erschütterte Garde, und wie er in das Gesicht seines Freundes blickt, da +weiß er, daß er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird. + +Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos zusammengesunken. + +Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber er kann nicht sterben: +»Mein Traum,« stöhnt er, »mein entsetzlicher Traum -- dazu die alte +Sage, daß eine Jungfrau bluten muß, ehe St. Peter von der Wasserfron +erlöst ist. Garde, seht Ihr nicht -- meine arme Bini blutet.« + +In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende. + +»Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse meine Bini mit Josi +glücklich und daß er unschuldig ist. Nur kein Fluch von mir in ein +folgendes Geschlecht. -- Seppi Blatter -- Fränzi -- macht es mir nicht +zu streng.« + +Der Garde hält die Hand des Bebenden, selbst ein unglücklicher Mann, +fühlt er verzehrendes Mitleid mit ihm und tröstet: »O Presi -- es leben +allerdings mächtige Wahrheiten in den alten Sagen, in Träumen wohnt +tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure, vermag die +verhängten Schicksale zu brechen. Es wird Euch vor Gott groß angesehen +sein, daß Ihr Euer Kind in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet, +dahin ziehen ließet, wo seine Sicherheit und sein Glück liegen, -- daß +Ihr die Folgen einer unglücklichen Stunde vor dem erregten Volk selber +tragen wolltet, -- daß Ihr Eure letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr +glaubtet, Eure Kinder hätten Eures Schutzes nötig. Presi, gebt die +Hoffnung nicht auf.« + +So tröstet der treue Freund feierlich und unablässig und zitternd horcht +der Presi. + +Der Garde, der es spürt, wie das Leben seines Freundes schwinden will, +sagt: »Ihr habt mehr gethan -- um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das +Euch lieb war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!« + +Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht. + +Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein Freund ist noch der alte +Presi. Er würde, wenn er seine Kinder nicht mehr sähe, mit einem +schrecklichen Geheimnis ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht +der Brandstiftung ruhen lassen. + +»Bekennt Ihr,« fragt der Garde, »wenn Josi und Binia unversehrt durch +diese Thüre treten?« + +Da schluchzt der Presi, aber er schweigt. + +»Josi und Binia sind unschuldig -- es kann ihnen nichts geschehen -- +jetzt nicht und vor Gericht nicht -- ich werde mit ihnen kämpfen -- sie +müssen glücklich werden, die so viel gelitten haben!« + +So mahnt und tröstet der Garde, und aus seiner vollen Brust strömt der +Glaube in die Brust des Presi über, ergebungs- und hoffnungsvoll +erwartet er, während seine Pulse schon schwächer und schwächer gehen, +die Botschaft von den Weißen Brettern. + +Ehe er weiß, wie es sich an den heligen Wassern entschieden hat, kann er +nicht sterben. + + + + +XXI. + + +»Zu Josi!« Durch die letzten Bergastern, durch die öden herbstfalben +Weiden schwankt Binia langsam empor -- empor -- sie folgt, ohne daß sie +es weiß, dem Weg, den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie +still, dann greift ihr Fuß, indem sie flüstert: »Zu Josi!« wieder +mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zurück in die Nebel: »Vater -- +Vater!« Die Kindesliebe zieht sie zurück. Doch sie geht wieder vorwärts. +Alle ihre Regungen sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger +Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart. + +Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da erreicht sie die +Stelle, wo die heligen Wasser vom Geröll auf die Weißen Bretter +übergehen. Ein seltsamer Gedanke kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und +Josi nichts geschehen! -- Aber die alte Sage -- sie bebt. Wird sie für +Josis Werk sterben müssen? + +Sie wandelt durch den Felsengang, da glänzt tief im Hintergrund ein +Licht. + +»Josi!« Er meißelt am Boden hingekniet und sieht sie nicht. »Josi!« +schreit sie. + +Er fährt auf und läßt den Hammer fallen. »Bini!« Er umarmt sie. Im +flackernden Grubenlicht sieht er nicht, wie bleich sie ist. + +»Bini -- dich hat in dieser Stunde Gott zu mir geführt. Engel -- du +kommst, um mein Werk zu segnen -- die Leitung vollendet sich. -- Schau! +-- Durch dieses Bohrloch blitzt von drüben schon der Tag.« + +In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast überirdische Freude, +sie schluchzt: »Josi, der Kaplan Johannes hat in der Glotter Thöni Grieg +gefunden -- mein Leben ist im Dorf verwirkt -- meine letzte Zuflucht +bist du.« + +Sie legt ihre kleinen Hände in seine großen arbeitsharten und neigt ihr +Köpfchen auf seine Schulter und weint bitterlich. + +Da küßt er sie auf den Scheitel: »Sei ruhig, liebes Bineli -- du weißt +es, ich habe Thöni Grieg nicht zu fürchten -- mit uns ist die Wahrheit +-- sei nicht so traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir: +Glaube, vertraue -- das Glück wird doch noch wahr.« + +Er steht vor ihr im Vollgefühl des vollendeten Werkes. Und nun ertönt +ihr kleiner Schrei: »Josi, mein Held!« + +Binia geht es wundersam -- Bei Josi, dem starken Manne, der ihr milde +zulächelt, sinkt alles Schwere, was sie erlebt hat, wie ein wüster +schwerer Traum von ihr. Ihr ist, an seiner Seite könnte sie einem ganzen +Schwarm von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so gräßlich wie +Kaplan Johannes wären, würde ihr kein Leid geschehen. + +Mit glänzenden Augen schaut sie Josi an. + +»Hast du Mut, Bini?« lächelt er. »Zeige es mir. -- Ich wäre glücklich, +wenn du mit deiner lieben Hand die letzten Schüsse entzünden wolltest. +Das wäre mir ein größeres Fest, als wenn morgen die Regierung nach St. +Peter käme und mich unter Glockengeläute vom Berg holte. -- Wozu das? -- +Für dich ist's ja gebaut und gethan! -- Weihe es, Binia!« -- -- + +Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt die Patronen in die +Löcher und setzt die Zünder auf. »Hier und hier -- hier und hier -- da +und da.« + +Demütig und mutig nimmt sie die Lunte und legt sie an die Zünder, die +leise zu summen beginnen. + +»Zurück, so weit ich dich führe, und sei stark, Bini.« + +Josi zählt. -- »Jetzt.« -- Es kracht. -- Ein Donnerwetter geht durch die +Felsen, als ob das ganze Gebirge stürzen müsse -- jauchzend reicht Josi +Binia die Hand: »Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser -- die +Blutfron ist gelöst!« + +Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und rollt zurück. -- Der +Rauch zieht an ihnen vorbei und durch das Thor herein, das sich geöffnet +hat, glänzt ein Schein des Abendrotes, das über Tremis steht. + +Mit wuchtigen Hieben glättet Josi die Stelle. Doch nach einiger Zeit +sagt er zu dem Mädchen, das am Rand des Wassergrabens kauert und ihm +bewundernd zuschaut: »Für heute Feierabend -- Bini -- dir zu Ehren.« + +Da wird sie wieder etwas ängstlich: »O, Josi! -- wir sollten fliehen. -- +Wir sind selbst hier oben nicht sicher -- es ist mir, es geschehe +Schreckliches in St. Peter!« + +Sie drängt sich schmeichelnd und Schutz suchend an den strahlenden Mann. + +»Fliehen! -- Ich fürchte mich nicht vor denen von St. Peter. Und den +Vater verlassen wir nicht, Bini.« + +»O mein Vater, -- mein armer Vater! -- Nein -- gelt, lieber Josi, wir +verlassen ihn nicht! -- Wir wollen wieder zu ihm niedersteigen,« fleht +sie. + +»Sieh, Bini,« antwortet er tröstlich, »wir haben einen geraden Weg, den +müssen wir gehen: Bevor die Wasser laufen, scheiden wir nicht von den +Weißen Brettern -- bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit uns +kommen will, gehen wir nicht von St. Peter -- und bevor ich mich nicht +vor dem Gericht von jedem Verdacht wegen Thöni Grieg gereinigt habe, +wirst du nicht mein Weib -- dann aber Glück zu, mein herzlieber, reiner +Tautropfen.« + +Weich und demütig erwidert sie: »Dein Weg ist mein Weg, Josi!« + +In weltferner Einsamkeit hoch über den Menschen halten sie Feierabend. +Ueber dem grauen Nebel der Tiefe, der wie ein See in die Berge gegossen +liegt, geht der Tag zur Rüste, sie sehen nicht und hören nicht, wie +unter ihnen in St. Peter der Aufruhr braust, sie sehen auch die Sterne +nicht, denn Schneewolken ziehen schwerer und schwerer über das Gebirg -- +zwischen lauter Wolken sind sie mit ihrer Liebe allein. + +Josi hat von lange her eine Felsennische heimelig eingerichtet, da +flackert jetzt ein Feuer, die Milch, die der pflichttreue Bonzi wie +sonst heraufgeschafft hat, siedet im Topf; auf einem Teppich, der über +eine Felsenbank gelegt ist, sitzt das Paar Wange an Wange und in der +stillen Felsenheimlichkeit vergißt es die armseligen Menschen, die sich +in den Qualen des Aberglaubens winden, und nichts bleibt ihnen bewußt +als ihre starke Liebe. Alle Stürme sind zur Stille gekommen, die Seelen +der Gehetzten ruhen in seligem Traum. + +»Josi,« erbebt die Stimme Binias fein und weich, »eine alte Sage geht, +daß über der Befreiung St. Peters aus der Blutfron eine Jungfrau sterben +muß -- sie hat mir meinen Gang zu dir schwer gemacht -- aber jetzt ist +mir, es wäre mir leicht, das Leben für dich und dein Werk hinzugeben!« + +Und in unendlicher Treue hangen ihre Augen an ihm. + +»Rede nicht so --, Bini,« erwidert er sanft, »nein, wir wandern ins +Leben -- du und ich -- und wir wollen unserer Liebe im Frieden froh +werden und schaffen, bis es Abend ist!« + +»Ins Leben!« wiederholt sie traumhaft. + +Er streichelt ihr dunkles Haar, müde läßt sie das Köpfchen an seine +Brust sinken, lange Leiden fordern Auslösung, und sorglich bettet er die +in einen bleiernen Schlaf Versunkene in die Felsenecke. -- Das Feuerchen +flackert und beleuchtet zwei Friedliche. -- + +Etwas Sonderbares weckt Josi aus seinem halben Schlummer. Ihm fehlt in +der Morgenfrühe das leise Klingen der Glocke von St. Peter, und +plötzlich erinnert er sich, daß er es auch am Abend nicht gehört hat. +Nun wird er doch unruhig. Ist in St. Peter so Schlimmes geschehen, daß +der alte Pfarrer seine Drohung wahr gemacht hat? + +Besorgt zündet er in das Gesicht der schlafenden Binia. Sie lächelt +innig im Traum und von ihren Lippen zittern die Worte: »Die Vögel, sie +fliegen über Land und Meer.« + +»Schlafe, armes Kind, das so viel erduldet hat, schlafe -- das Rauschen +der Wasser, das Schlagen des Hammers mag dich wecken.« Er geht leise +davon, er schreitet sein Werk ab, im Schein der Lampe legt er da und +dort noch Hand an, er setzt am äußeren Ende der Leitung das kleine +zierliche Wasserrad ein, das den Merkhammer treiben soll. + +Es schneit ruhig und feierlich, die Flocken fallen leis und weich ins +Morgengrauen und tiefe Stille waltet ringsum. Da ist ihm doch, er höre +Stimmen aus der Tiefe und klirrende Töne -- aber so unbestimmt, daß er +nicht klug daraus wird, was er hört. + +Er wandert rasch, die ruhig schlafende Binia im Vorbeigehen betrachtend, +das ganze Werk zurück -- er lenkt den Auslaufkännel am Eingang der +Felsen vom Abgrund zurück und hinein in die neue Leitung. + +Eilig strömen die Wasser. + +Da horch! -- Stimmen schwellen im Schneegestöber -- eine Schar +Gestalten, die -- sonderbar genug -- Grabkreuze tragen -- Männer und +Weiber tauchen gespenstisch in den Flocken auf -- er erkennt den +schwarzen Kaplan -- er hört die hohe Stimme des Glottermüllers: »Wir +müssen sie totschlagen, ehe das Rad geht -- vorwärts!« + +Josi stellt sich ruhig einige Schritte vor dem Eingang seines Werkes +auf, aber seine Hand langt in die Tasche und seine Augen funkeln. + +Die Schar steht vor ihm. + +»Halt -- oder ich sprenge euch alle samt und sonders in die Luft.« +Hochaufgerichtet, eine Dynamitpatrone in der erhobenen Hand, donnert er +es ihnen entgegen. -- Die Männer stutzen, aber Kaplan Johannes ruft: +»Die heiligen Kreuze sind stärker als das teuflische Salz!« -- Und er +will mit dem erhobenen schweren Grabkreuz in wahnsinniger Wut auf Josi +los. + +Da geschieht etwas Entsetzliches. + +Aus dem Felsengang stürzt Binia -- sie stürmt an Josi vorbei -- sie +läuft unter das erhobene Kreuz des Kaplans -- sie schreit flehentlich: +»Schlagt mich, Kaplan -- aber tötet meinen Josi nicht.« + +Schon saust das Kreuz gegen das junge schöne Haupt hernieder und »Josi!« +schreit Binia in Todesnot. + +Da sinkt der Kaplan selbst. + +Er stöhnt unter den Fäusten Peter Thugis, der ihn im letzten Augenblick +niedergerissen hat. + +Einige der verdutzten Männer machen Miene, dem Schwarzen zu helfen, aber +jetzt ist Josi neben der in die Kniee gesunkenen blassen Binia, er hält +in finsterer Entschlossenheit die Patrone hoch und sein funkelnder Blick +hat den Stein schon erspäht, an den er sie schleudern könnte. + +»Die Waffen weg, oder ihr fliegt!« schreit er. + +Ein furchtbarer Augenblick, ein Mann gegen einen Schwarm -- einzelne der +Gestalten tauchen, wie Gespenster verschwinden, in das Schneegestöber +zurück. -- Die schwarzen Kreuze und Scheiter fallen in den weißen, +reinen Schnee. + +Nur der Glottermüller mit einem kleinen Häuflein steht noch, aber sie +wagen keine That. + +Da horch -- der Hammer schlägt -- er schlägt rasch und rascher, laut und +lauter -- und rings im Gebirgskreis bleibt es still -- die Lawinen +fallen nicht -- es schneit nur leise und feierlich. -- Die letzten +Kreuze sinken -- aus der Tiefe tönt der Ruf: »Josi, wir kommen -- Josi, +halte aus -- die Hilfe ist da!« -- Es ist Eusebi, der ruft. -- Und durch +den Schnee blitzen schon Waffen und Wehr. + +Wie Peter Thugi die erlösenden Zurufe hört, läßt seine Faust etwas von +dem sich windenden Kaplan. Der kann entfliehen und springt in gewaltigen +Sätzen bergwärts. Hinter ihm die letzten Kreuzträger. + +Um Josi, der die halb ohnmächtige Binia im Arm hält, und Peter Thugi, +den Freund, steht die Entsatzmannschaft, und Eusebi Zuensteinen vergießt +die hellen Thränen der Freude, daß sein Schwager gerettet ist. + +Josi dankt Peter auf den Knieen für die rettende That. + +»Wer sollte es besser wissen, Josi,« erwidert Thugi, »was du für St. +Peter gethan hast, als ich.« + +Andächtig horchen die hundert Männer dem Schlagen des Hammers und +schütteln Josi und Binia die Hand. + +Ein sonderbarer Zug bewegt sich in dem fallenden Schnee thalwärts. -- In +der Mitte geht Josi, nicht wie ein Held, sondern wie ein Geschlagener -- +er weiß es, er muß mit Binia an ein Sterbebett treten. Und Binia +schluchzt herzzerbrechend. Aber daß sie noch gehen kann, ist ein Wunder. + +Wer ist der größere, Josi, der die Blutfron von St. Peter genommen hat, +oder der Presi, der Vater, der bis in den Tod für sein Kind gekämpft +hat? + +Ja, ja, arme Bini, ruhige Jahre werden dir nun wohl thun, denn zuletzt +verliert auch der Stahl seine Biegsamkeit und bricht. + +Sie sehen den verwüsteten Bären; Josi ist bereit, noch heute den +Gerichtsbeamten, die schon eingerückt sind, Rede und Antwort zu stehen. + +Das Paar tritt in die Wohnung des Garden -- es sinkt an das Bett des +Presi. + +Man hat ihm die Fenster öffnen müssen, damit er das Schlagen des neuen +Hammers an den Weißen Brettern hört. Seitdem ist er ruhig und nun +richtet er sich auf vom Lager. Er schluchzt -- die dünnen Thränen +fließen über seine abgehärmten Wangen. -- »Seppi Blatter -- Fränzi -- +ihr habt mir's nicht zu streng gemacht. -- -- Und Josi, wenn du wegen +Thöni Grieg etwas auf dem Gewissen hast, -- so nehme ich es dir ab.« + +Da antwortet Josi: »Nein, Vater, ich bin frei von Schuld. Thöni Grieg +ist zehn Schritt vor mir gestürzt.« + +»Garde, ich habe den Bären angezündet,« spricht der Presi laut, dann +murmelt er: »Und St. Peter habe ich lieb gehabt. -- Seid glücklich -- +Josi -- Bini.« Einen Blick unsäglicher Liebe noch wendet er auf das Paar +-- er sinkt zurück und der Todesengel schwebt durch das Haus. + + + + +XXII. + + +Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter gethan haben, +erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint der Welt unbegreiflich. Das +Dorf wollte den schlagen, der ihm die größte Wohlthat erwiesen hat, den +es mit Ehren wie seinen Erlöser feiern sollte. Unbegreiflich? -- Als ob +der Wechselruf »Hosianna!« und »Kreuziget ihn!« nicht die Jahrhunderte +herab durch die Blätter der Geschichte jauchzte und klagte. Als ob es +nicht bis in die blühende Gegenwart hinein der Beispiele genug gäbe, wo +nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern große mächtige, +gebildete Völker sich unter dem Druck eines Zwangsgedankens verwirren +und eine Weile den Weg der Vernunft nicht finden können. Als ob die +Gestalt des bösen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die dunklen +Regungen der Volksseele mißbraucht, nicht überall auf der Lauer stehe, +um seinen Bettelsack aus der allgemeinen Verirrung zu füllen und seine +nächtliche Seele in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. -- +-- + +In bebender Zerknirschung liegt St. Peter. + +Jahrhunderte hat sein Völklein unter dem Donner der Lawinen friedlich +und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht hat mannlich getragen, was +eine übermächtige Natur an Gefahren und blutenden Opfern über sein +Dasein verhängte. Im Schoß des stillen Lebens blühten innige Sitten und +Bräuche, die Wunderblume der Sage hielt ihre Kelche offen und atmete +ihre Düfte aus. Da führte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen +Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der Volksanschauungen. +Die Dörfler sahen, was Eltern und Altvordern groß und heilig gegolten, +von einem Schwarm leichter Menschen, der kein Verständnis für ihr +eigenartiges Fühlen besaß, mißachtet, in den Stimmen der Lawinen hörten +die Geängstigten den Zorn des Himmels reden. Und siehe da -- die +Wunderblume der Sage vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen +schlich sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das Fieber des +Aberglaubens. + +Die Stimmung ist vorbereitet. -- Da geschieht das Unfaßbare, daß einer +vom Dorf das Verhängnis lösen will, das wie Gottes Züchtigung darüber +schwebt -- da ereignet sich das Schreckliche, daß ein verborgener Mord, +so glaubt das Völklein, ans Tageslicht kommt -- eine tragische Folge der +Umstände schaltet alle Hemmungen der Vernunft aus. + +So hat das Entsetzliche geschehen können! -- -- + +Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer an der rettenden +Leitung schlägt, von einem Fest zur Einweihung des Werkes spricht +niemand. + +Eine unheimliche Stille brütet über St. Peter. Mächtiger als die ernsten +Patrouillen, die das Dorf auf und ab schreiten, spricht es in die +Gewissen, daß das schöne alte Haus zum Bären in schwarzen Ruinen aus der +weißen feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist ohne den Bären +nicht mehr St. Peter. + +Wer hat die Flamme hineingeworfen? -- In der Gemeindescheune halten die +herbeigeeilten Gerichtsbehörden an einem Tisch die Verhöre, zu denen +ihnen der Verrat Bälzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen +Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die Fragen. Daß er Kreuze +aus dem Kirchhof ausgerissen hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber +verrät keiner. Und keiner nennt den Brandstifter, die +Untersuchungsbeamten aber bestehen darauf, daß es irgend einer vom Bunde +sei, und halten den Verdacht auf den Presi für eine Ausflucht. Sie +fassen einen heißen Groll gegen das verstockte Dorf und drohen mit +langen Einquartierungen auf Kosten der Gemeinde. + +Da tritt erschüttert der Garde herein: »Ich kann euch die Untersuchung +erleichtern. Keiner von denen, die ihr verhört habt, hat den Bären +angezündet. Das hat ein Vater für sein Kind gethan. Ich sage es euch im +Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben ist.« + +O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben, sie haben den Presi +schon gekannt, den gewaltthätigen Mann, der, die anderen alle um +Haupteslänge überragend, nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so +groß in seiner Liebe, daß ihm die That wohl zuzutrauen ist. + +Sie sprechen bewegt: »Immer war er der Presi -- sich selbst getreu bis +in den Tod -- in der Enge der Berge, wo der gewaltige Mann überall +anstieß, hat er werden müssen, wie er war -- in der Welt aber wäre er +nach Kopf und Herz ein Großer geworden -- denn Kernholz, aus dem das +Volk seine starken Führer schnitzt, war an ihm von der Sohle bis zum +Scheitel.« + +Während sie noch flüsternd dem toten Presi ihr Kränzlein winden, tritt +Josi Blatter an den Tisch und wünscht wegen Thöni Grieg verhört zu +werden. Ruhig und fest erzählt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig +und fest antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter der +Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den Helden der heligen Wasser +blickten, werden ernst. Die Darstellung klingt unglaubwürdig. + +»Ihr besteht darauf, daß es nicht Totschlag in Notwehr war?« + +»Ich bestehe darauf.« + +»Ihr habt das Werk an den Weißen Brettern nicht zur Sühne gebaut?« + +»Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.« + +»Ihr verzichtet auf die altgebräuchliche Rechtswohlthat, die seit +Matthys Jul denen zugebilligt wird, die für die heligen Wasser an die +Weißen Bretter steigen?« + +»Ich verzichte!« + +Josi steht -- es geht nicht anders -- unter der Anklage, in Notwehr +Thöni Grieg erschlagen zu haben -- aber wenigstens so hart sind die +Männer des Gerichtes nicht, daß sie ihm eine Haft auferlegen. Sein +Ehrenwort, sich der Untersuchung immer zur Verfügung zu halten, genügt. + +Kaplan Johannes ist nicht zurückgekehrt. Von seinen eigenen Anhängern +zuletzt in die Enge getrieben, hat er sich auf die Felsen geflüchtet, +die vom Neuschnee schlüpfrig waren, er ist gestürzt und erst im Frühjahr +hat man seinen zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden. + +Während der Untersuchung über die Vorfälle in St. Peter, die mehrere +Tage in Anspruch nimmt, ist der alte Pfarrer zurückgekommen und hat +seine Siegel von der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten +begraben, heute in aller Stille Thöni Grieg, morgen in herzlicher Trauer +den Presi, der den Dörflern nie bewunderungswürdiger schien als in +seinem Tod. Man hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und +wieder in die Gräber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu geweiht, und wie +nun die Glocken zum Begräbnis des Presi wieder erklingen, da geht ein +aufschluchzendes Weinen der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung +durch das Dorf. + +Am Schluß der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer: »Ich weiß, daß auch ich +schuldig bin und euch nicht hätte verlassen sollen, und vor den Behörden +der Kirche will ich für euch um ein gnädiges Urteil bitten. Ich lasse +euch als Vermächtnis meiner Amtsthätigkeit, die ich niederlege, die +Schlüssel zum Gotteshaus und den Glocken zurück. Hoffentlich für ewig. +-- Eine junge starke Kraft möge euch besser führen, als es mir altem +kraftlosen Manne gelungen ist!« -- -- + +Langsam schreitet der Prozeß, es ist, als könne sich das arme Dorf nicht +mehr erheben aus seiner Schande, als müsse es daran zu Grunde gehen. + +Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten Josi Blatters und +Thöni Griegs durch die Untersuchung in immer schärferen Umrissen +erscheinen, wie der gefälschte Brief Thönis bekannt wird, wie man den +Leidensgang und die hohe Treue der Liebenden erfährt, da fliegen ihnen +alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht. »Selbst wenn er +eine That des Zornes begangen hätte,« spricht das Volk, »müßte er +freigesprochen werden, sie wäre Gottes Gericht über den Schuft.« + +Es ist aber keine That des Zornes geschehen. -- Und für Josi und Binia +spricht mit glühendem Feuer der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in +aller Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist. + +Tausend Umstände zeugen für das Paar. + +Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem Werk empor, prüft es, +vollendet noch da und dort etwas -- sobald er aber das gerichtliche +Verfahren hinter sich hat, will er mit Binia über das Meer ziehen und in +einem fernen Erdenwinkel Glück und Vergessen suchen. + +Eines Tages aber erhält er den Besuch seines Freundes Felix Indergand. +Der spricht nicht mehr von Beate, dagegen redet er Josi herzlich zu: +»Ziehe nicht fort, Josi! -- Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist, +findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensglück. Wir beide haben es +erfahren, wie öde und leer das Herz in der Fremde bleibt, das deckt alle +Liebe nicht zu. Thue es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind +würde in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht zu St. Peter +bleiben magst, zu uns ins grüne Oberland, ich will ein Gütchen für dich +erhandeln. Dort lebe in meiner Nähe und sei glücklich mit deinem Weib.« + +Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen -- er willigt ein. + +Endlich, wie schon die ersten Frühlingsblumen blühen, ist der +Gerichtstag für ihn und die von St. Peter da, das Landvolk ist wie an +einem Markttag auf der Fahrt in die Stadt. + +Die Tribünen des Gerichtssaales sind gefüllt und zweimal entsteht eine +mächtige Bewegung unter den Zuschauern. + +Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche Gestalt in tiefer +Trauer als Zeugin vor die Schranken tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu +Josi vor der Menge zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle +geht über das feine Gesicht und hilflos fragt sie: »Ja, muß ich das auch +sagen?« Auf manche harmlose Fragen antwortet sie in so heißer Scham, +dann mit einem blitzenden Wahrheitsmut, daß die Schauer der +Ergriffenheit durch den Zuschauerraum gehen. + +»Der Garde von St. Peter hat recht,« flüstert sich die Menge zu, »Binia +Waldisch kann keine Unwahrheit sagen!« + +Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus Indien zur Verlesung +kommt: + +»Josi Blatter, über den Sie mich gerichtlich anfragen, hat sich in fünf +Jahren als ein Mann ohne das geringste Falsch bewährt. Er ist so fest +und treu wie Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie würden eine Schmach +auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen Glauben schenken und einen +Makel auf ihm ruhen ließen. George Lemmy, Oberingenieur der britischen +Regierung in Indien.« + +Ein Stündchen später ist der volle Freispruch da. + +Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal: »Josi, mein +Held,« und Hunderte schluchzen mit und ein Jubelruf pflanzt sich fort +durch die Straßen der Stadt. + +»So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgeprüften!« sagt der Garde, der +mit Vroni und Eusebi dem Paar die Hände reicht, »wenn zwei glücklich +werden können auf dieser wandelbaren Erde -- so seid ihr es, ihr heißen +Herzen von unwandelbarer Treue.« -- + +Auch St. Peter hat keinen bösen Tag. + +Die Richter wissen, daß es jetzt nicht gilt, das arme, verirrte, von +einem Wahnsinnigen verführte Dorf, für das der alte ehrwürdige Garde mit +Thränen in den Augen bittet, noch tiefer in Unglück und Schande zu +drücken, sondern zu beruhigen und zu versöhnen, sie legen leichte +Strafen auf die Grabschänder, und willig tragen die Dörfler das +verhängte Maß. -- -- + +Wie ein reinigendes Gewitter haben der »böse Tag« und seine Folgen auf +die von St. Peter gewirkt. Ein Jahrhundert ruhiger Entwickelung hätte +die Sinnesart des Völkleins nicht so geändert und geweckt wie der Sturm. + +Und sonderbar, wie sich das Urteil über den toten Presi gewendet hat. +Seinen einst so verhaßten Namen nennt man in St. Peter in glühender +Ehrfurcht. Vor dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter Thugi, +der jüngere, im letzten Augenblick den Schlag des Kaplans vom Haupt +Binias gewandt. Nein, aus dem alten Fluch, daß eine Jungfrau über der +Befreiung St. Peters von der Wasserfron an den Weißen Brettern sterben +müsse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet; indem er selber in +den Tod ging, schützte er das Leben seines Kindes und bewahrte das Dorf +vor noch entsetzlicherem Unglück. + +Als ein Held erlösender Vatertreue steht er im Gedächtnis des +Berglandes. + +Sogar sein Werk, die Einführung des Fremdenverkehrs in das Thal, ist +nicht untergegangen. Ein Jahr stand der Bären als eine Ruine da. Dann +kam denen von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer, die man so +geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die Gemeinde wünschte, daß das Haus +von einem tüchtigen Wirt wieder aufgebaut würde. Die Fremden falterten +darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bevölkerung hat nichts +wider sie einzuwenden. + +Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern, wie man die schönen einst +geliebt hat, verabscheut man sie. + +In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges Ehepaar in halber +Verborgenheit und tiefem Frieden. + +Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner Zug von Männern, an +ihrer Spitze Hans Zuensteinen, der alte Garde, und der jüngere Thugi, +der neue Garde, den Weg in den Winkel des Glücks. + +Die Männer drehen vor Josi Blatter und seiner schönen jungen Frau +verlegen die Hüte und der alte Garde spricht: »Josi Blatter, es ist +vieles anders geworden in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die +rechte Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter sei noch +nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia uns fehlen. Wir wissen, +daß dein Werk gut ist, die Gemeinde will dich in Ehren halten und zum +Zeichen haben dich gestern die hundertzwanzig Bürger von St. Peter +einstimmig zu ihrem Presi gewählt. Denn ich bin alt und den Aemtern +nicht mehr gewachsen. Wir brauchen einen starken, aufrechten Mann. Josi, +versage uns die Freude und Ehre nicht!« + +Die anderen bestätigen die warme Rede: »So ist es, wir bitten dich.« + +Josi will antworten, aber er kann nicht -- er geht zur Thüre hinaus -- +in einer stillen Ecke schluchzt er: »Hört ihr es, Vater -- Mutter -- +ich, euer verachteter Bub, Presi von St. Peter.« -- Wie er sich aber +gefaßt hat und den Männern sein »Nein« entgegenbringen will, da fällt +ihm Binia um den Hals: »Josi, ja, wir wollen nach St. Peter +zurückkehren, dessen Kinder wir sind und wo die Gräber der Eltern +liegen. Ich stelle mich zu den Männern.« + +Mit einem Jawort ziehen sie. + +In St. Peter waltet Josi Blatter seit vielen Jahren als Presi in Stärke +und Weisheit. Das Dorf hat sich vollends aus seiner Schande erhoben, es +blüht unter seiner Führung und unter dem Segen des guten Beispiels, das +die feine Binia den Frauen von St. Peter giebt. + +Die Blutfron an den Weißen Brettern, der Lostag, die Schreckensarbeit +des Kännellegens tönt einem jungen Geschlecht wie eine Sage ins Ohr und +langsam verrosten in der Kapelle zur Lieben Frau die Unglückstafeln. Das +Werk Josis hat sich bewährt. Die Wildleutlaue mag donnernd gehen, die +heligen Wasser fließen, sie rauschen und spenden Segen. + + + +Druck der +Union Deutsche Verlagsgesellschaft +in Stuttgart + + + +Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger +Stuttgart und Berlin + + +Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband, Hlbfrzbd. = +Halbfranzband + +_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und andere + Geschichten Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Das verlorene Wort. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. + Zwei Erzählungen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Menschenkinder. Novellensammlung. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ruth. Erzählung. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Aus fremder Seele. 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Auerbach, Berthold_, Sämtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten. + Volks-Ausg. in 10 Bdn. Geh. M. 10.--, in 5 Lnbdn. M. 13.-- +--"-- Barfüßele. Erzählung. + 40. u. 41. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Auf der Höhe. Roman. Volks-Ausg. in 4 Bdn. + Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.-- +--"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. Volks-Ausgabe in 4 Bänden + Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.-- +--"-- Drei einzige Töchter. Novellen. Min.-Ausg. + 4. Aufl. In Leinenband M. 3.-- +--"-- Waldfried. Vaterl. Familiengeschichte. + 2. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.50 +_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. + 15. u. 16. Tsd. Lnbd. M. 3.--, Ledbd. M. 5.-- +--"-- Es war einmal. Märchen. + 15. u. 16. Tsd. Lnbd. M. 3.80, Ledbd. M. 5.80 +--"-- Aus der Jugendzeit. 9. Tsd. Lnbd. M. 6.20, Ledbd. M. 8.-- +--"-- Neue Märchen. 8. Tsd. Lnbd. M. 4.--, Ledbd. M. 6.-- +--"-- Sommermärchen. 38. u. 39. Tsd. Lnbd. M. 4.20, Ledbd. M. 6.-- +_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Bob, der Sonderling. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Milbrandt. + 10. u. 11. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. + 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. + 8.-10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Busse Carl_, Die Schüler von Polajewo. Novellen + Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Träume. Mit Illustrationen von Kunz Meyer + Geh. M. 2.60, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Dove, A._, Caracosa. Roman. 2 Bände. + 2. Aufl. Geh. M. 7.--, in 2 Lnbdn. M. 9.-- +_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Bo[vz]ena. Erzähl. + 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Erzählungen. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Margarete. 6. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, %Hypnosis perennis% -- Ein Wunder + des h. Sebastian. Zwei Wien. Gesch. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 8. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +_El-Correi_, Das Tal des Traumes (%Val di sogno%). Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Am stillen Ufer. Roman vom Gardasee Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Engel, Eduard_, Paraskewúla u. a. Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Grete Minde. 7. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Vor dem Sturm. Roman. 11. u. 12. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Unwiederbringlich. Roman. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. + 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. + 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bde. + 6. Aufl. Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50 +--"-- Ungeschickte Leute. Geschichten. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Junge Liebe. Novellen. + 4. Aufl. Min.-Ausg. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Der kleine Martin. Erzählung. 3. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.-- +--"-- Moschko von Parma. Erzählung. 4. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Neue Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Tragische Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Der Pojaz. Eine Gesch. a. d. Osten. + 6.-8. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählg. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Die Schatten. Erzählung. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. + 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bde. + 3. Aufl. Geh. M. 6.--, in 2 Lnbdn. M. 8.-- +--"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Grasberger, H._, Aus der ewigen Stadt. Novellen + Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.20 +_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bände. + 3. Aufl. Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.-- +--"-- Novellen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chines. Novellenbuch + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. + Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte e. Jugend. + 16. u. 17. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der König der Bernina. Roman. + 51.-55. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der König der Bernina. Roman. + 50. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Laubgewind. Roman. 33.-36. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Felix Notvest. Roman. 17.-20. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- An heiligen Wassern. Roman. + 51.-54. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der Wetterwart. Roman. 45.-50. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer. Roman. Mit Porträt. + 26.-30. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der Adjutant. Roman. 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. + 14.-18. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. + 6.-10. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Hanseaten. Roman. 41.-45. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Das Lebenslied. Roman. 32.-36. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die vom Niederrhein. Roman. + 26.-30. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählungen. + 8. u. 9. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Die Wiskottens. Roman. 66.-70. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die Wiskottens. Roman. + 50. (Jubiläums-) Aufl. Mit Porträt Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.-- +--"-- Das goldene Zeitalter. Roman. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. + 12. Aufl. Geh. M. 1.20, Lnbd. M. 2.40 +--"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. + 9. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Buch der Freundschaft. Novellen. + 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- In der Geisterstunde. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Über allen Gipfeln. Roman. 10. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« und andere Novellen + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bde. + 23.-25. Aufl. Geh. M. 4.80, Lnbd. M. 6.80 +--"-- Helldunkles Leben. Novellen. + 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Himmlische u. irdische Liebe u. a. Novellen. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Neue Märchen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Marthas Briefe an Maria. 2. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.-- +--"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. + 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. + 12. u. 13. Aufl. Geh. M. 7.50, in 3 Lnbdn. M. 10.-- +--"-- Novellen vom Gardasee. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40 +--"-- Meraner Novellen. 11. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Neue Novellen. Min.-Ausgabe. 6. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bde. + 13. Aufl. Geh. M. 4.80, in 2. Lnbdn. M. 6.80 +--"-- Das Rätsel des Lebens. 4. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Der Roman der Stiftsdame. + 13. u. 14. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40 +--"-- Der Sohn seines Vaters u. a. Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Crone Stäudlin. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40 +--"-- Moralische Unmöglichkeiten u. a. Nov. + 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Victoria regia und andere Novellen. + 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Villa Falconieri und andere Novellen. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Aus den Vorbergen. Vier Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Vroni und andere Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Unvergeßbare Worte u. a. Novellen. + 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Xaverl und andere Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Hillern, Wilhelmine v._, Der Gewaltigste. + 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. Geh. M. 1.50, Lnbd. M. 2.50 +--"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Hobrecht, Max_, Von der Ostgrenze. Drei Nov. + Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.20 +_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Hofe, Ernst v._, Sehnsucht. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen. 2. Aufl. Lnbd. M. 3.50 +--"-- Ostseemärchen. 2. Aufl. Lnbd. M. 4.-- +_Holm, Adolf_, Holsteinische Gewächse Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Köst und Kinnerbeer. Und sowat mehr. Zwei Erzählungen + Lnbd. M. 2.40 +_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. 5. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Roman. + 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +Jugenderinnerungen eines alten Mannes, s. _Kügelgen_ +_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. + 56.-60. Aufl. Geh. M. 9.--, Lnbd. M. 11.40, Hlbfrzbd. M. 15.-- +--"-- Martin Salander. Roman. + 39-43. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. + 64.-68. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.60, Hlbfrzbd. M. 10.-- +--"-- Züricher Novellen. + 58.-62. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Das Sinngedicht. Novellen. Sieben Legenden. + 50.-54. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausg. + 7. Aufl. Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. Miniatur-Ausg. + 7. Aufl. Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.-- +_Kossak, Marg._, Krone des Lebens. Nord. Novellen + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. + Original-Ausg. 25. Aufl. Geh. M. 1.80, Lnbd. M. 2.40 +_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Italienische Erzählungen Lnbd. M. 5.50 +--"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Genesung. Sein Todfeind. Gedankenschuld. Drei Erzählungen + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Florentiner Novellen. 4. u. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Phantasieen und Märchen Lnbd. M. 3.-- +--"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der florentinischen + Renaissance. 5. u. 6. Aufl. + Mit 16 Abbildungen Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.50 +_Laistner, Ludwig_, Novellen aus alter Zeit Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Langmann, Philipp_, Realistische Erzählungen + Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Leben und Musik. Roman Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ein junger Mann von 1895 u. and. Novellen + Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Verflogene Rufe. Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Lilienfein, Heinrich_, Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50 +--"-- Arme Mädchen. Roman. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Spitzen. Roman. 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. + 11. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Mauthner, Fritz_, Hypatia. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa. + 2. Aufl. von »_Lügenohr_« Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Muellenbach, E._ (Lenbach), Abseits. Erzählungen + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Aphrodite und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Vom heißen Stein. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. Erzählungen und + Skizzen. + Buchschmuck von _Hans Deiters_ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Olfers, Marie v._, Neue Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Pantenius, Th. H._, Kurländische Geschichten. + 2. Tsd. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Petri, Julius_, Pater peccavi! Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_du Prel, Karl_, Das Kreuz am Ferner. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +_Proelß, Joh._, Bilderstürmer! Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Raberti, Rubert_, Immaculata. Roman. 2 Bde. + Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.-- +_Redwitz, O. v._, Haus Wartenberg. Roman. + 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Hymen. Ein Roman. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. + 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Am Feierabend. Sechs Novellen. + 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Lebensrätsel. Fünf Novellen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.-- +--"-- Kulturgeschichtliche Novellen. + 6. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Neues Novellenbuch. + 3. Aufl. (6. Abdruck) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 Bände + Geh. M. 4.--, in 1 Lnbd. M. 5.-- +_Saitschick, R._, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch + Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe. + 7. Aufl. (36.-40. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. + 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. + 2. Aufl. (3. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamtausgabe + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 Bände. + 9. Tsd. Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.-- +--"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.-- +--"-- Ludolf Marcipanis und anderes. Aus dem Nachlasse herausg. + von _H. W. Seidel_. 2. Tsd. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Stille Wasser. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin. + 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Die ewige Burg. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Für Dich. Roman. 16.-20. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Ich harr' des Glücks. Novellen. + 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Gib mir die Hand. Roman. 6.-9. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Herzblut. Roman. 13.-15. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. + 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die törichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der arme Konrad. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Montblanc. Roman. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Du bist die Ruh'. Roman. 6.-8. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der weiße Tod. Roman aus der Gletscherwelt. + 16.-18. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Es war ein Traum. Berl. Novellen. + 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die letzte Wahl. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. + 47.-49. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 6.50 +--"-- Geschwister. Zwei Novellen. + 30.-34. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. + 28.-30. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50 +--"-- Der Katzensteg. Rom. + 76.-80. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Das Hohe Lied. Rom. + 51.-55. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 7.-- +--"-- Frau Sorge. Roman. 116.-125. Aufl. Mit Jugendbildnis + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Frau Sorge. Roman. 100. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt. + Buchschmuck von _J. B. Eissarz_ Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. + 33. u. 34. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50 +_Telmann, Konrad_, Trinacria Geb. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken. + 2. u. 3. verm. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman aus dem Engadin. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Römische Dorfgeschichten. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +_Widmann, J. V._, Touristennovellen Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Das lebende Bild u. a. Geschichten. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Dämonen u. andere Geschichten. + 3. u. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Der Dornenweg. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Feuerblumen. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Franz. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Hermann Ifinger. Roman. 6. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Irma. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- %Opus 23% u. andere Geschichten. + 1. u. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Die Rothenburger. Roman. 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Am Strom der Zeit. Roman. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Vater und Sohn u. andere Geschichten. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Große Zeiten u. andere Geschichten. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. + 18. u. 19. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzähl. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Überschwemmung. Eine balt. Gesch. + 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Zimmermann, M. G._, Tante Eulalia's Romfahrt + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- + + + * * * * * + + + +Korrekturen und Anmerkungen zur Transkription: + + 1. Fehlender Punkt im Original. + + 2. Im Original wird an dieser Stelle Euesbis Stottern durch + Trennstriche angezeigt; hier und im Weiteren in doppelte + Bindestriche umgeändert. + + 3. Fehlendes Anführungszeichen im Originaltext. + + 4. Im Originaltext "umheimlicher", korrigiert zu "unheimlicher". + + 5. Im Originaltext "kein", korrigiert zu "Kein". + + 6. Überflüssiges Komma im Originaltext; gelöscht. + + 7. Nach "schwerer" scheint "zu schaffen" zu fehlen. + + 8. Im Originaltext "Georg", korrigiert zu "George". + + 9. Im Originaltext "Pfarerr", korrigiert zu "Pfarrer". + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN*** + + +******* This file should be named 20786-8.txt or 20786-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/0/7/8/20786 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: An heiligen Wassern</p> +<p> Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge</p> +<p>Author: Jakob Christoph Heer</p> +<p>Release Date: March 8, 2007 [eBook #20786]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by Markus Brenner, gvb,<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<div class="tn"> +<h3><a name="tn_top" id="tn_top"></a>Anmerkungen zur Transkription:</h3> + +<p>Die Originalausgabe enthält einige Druckfehler und Unregelmäßigkeiten +in der Zeichensetzung. Korrekturen sind im Text individuell <a class="correction" title="auf diese Weise">gekennzeichnet</a>. Einzelheiten zu den +Korrekturen sowie weitere Anmerkungen befinden sich am <a href="#tn_bottom">Ende des Textes.</a></p> + +<p>Im Original gesperrt gesetzter Text erscheint hier <i>kursiv</i>.<br /> +Im Original in Antiquaschrift gesetzter Text wird in <span class="antiqua">nichtproportionaler +Schrift</span> wiedergegeben.</p> +</div> +<p> </p> +<hr class="pg" /> +<p> </p> + + +<div class="figcenter wide"> +<img src="images/image1.png" width="100%" +alt="An heiligen Wassern"/> +</div> + +<hr class="full"/> +<h1 class="small_gap_below">An heiligen Wassern</h1> + + +<h3 class="small_gap_below">Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge</h3> + +<h4>von</h4> + + +<h2 class="big_gap_below">J. C. Heer</h2> + + + +<h3>51.-54. Auflage</h3> + + +<div class="figcenter narrow"> +<img src="images/image2.png" width="100%" +alt="J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger"/> +</div> + + +<h3>Stuttgart und Berlin 1910<br /> +J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger</h3> + + + + +<hr class="full"/> +<h5>Alle Rechte vorbehalten</h5> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[Pg 5]</a></span></p> +<h2><a name="I" id="I"></a>I.</h2> + + +<p>Dörfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren +Wahrzeichen zwei altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen +sind, erheben sich mit südlichen Silhouetten am Strom, +der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge wälzt.</p> + +<p>Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der +Silberweiden und die Blätter der Pappeln, welche die +Wasser säumen, über die Hütten neigen sich der Kastanien- +und der Feigenbaum, die Rebe klettert über das Gestein, +das Land ist licht und üppig, als wär's der Traum eines +italienischen Malers.</p> + +<p>Von Stelle zu Stelle aber schaut durch grüne Waldeinschnitte +ein fernes, in sonniger Schönheit aufleuchtendes +Schneehaupt in die Stromlandschaft und erinnert +den Wanderer, daß er just da im Hochgebirge geht, wo +es seine Zinken und Zacken am höchsten erhebt.</p> + +<p>Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen, +reden von stillen Seitenthälern, die hinter +träumenden Lärchenwäldern versteckt bis an die ewigen +Gletscher reichen.</p> + +<p>Fast unvermittelt berühren sich in dieser Gegend Nord +und Süd.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[Pg 6]</a></span>Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schloß +niederschaut, führt eine schmale, doch fahrbare Straße +in eines dieser Seitenthäler, in das vier Stunden lange +Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines +der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht +ihrer Firnen bis zum Strome herniedergrüßt.</p> + +<p>Ein heißer, brümelnder Junimittag. Auf dem +Glotterweg, der sich zuerst in manchen Kehren durch die +Weinbergterrassen von Hospel windet, fährt ein leichter +Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben +ihm geht, ein halb sonntäglich gekleideter Vierziger, der +für einen Gebirgsbauern zu vornehm aussieht, trägt im +glattrasierten Gesicht, das ein dunkler Filz überschattet, +und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der Gebirgsbewohner +dieser Gegend: hünenhafte Kraft, Ruhe +und eine gewisse Verschlagenheit.</p> + +<p>»Guten Tag, Presi,« rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen +roten Tüchern im Sonnenbrand der Reben +stehen. »Wohl, wohl, das langt wieder eine Weile!« +Und sie deuten lachend auf das Fäßchen, das auf einer +Strohunterlage im Wägelchen liegt.</p> + +<p>»Ja, es thut's!« erwiderte er den Gruß kurz, doch +mit freundlichem Wort. Er bläst die Rauchwolken einer +Zigarre in die Luft und tätschelt den Hals des Tieres: +»Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk +wartet die Galta auf dich, wehre dich.«</p> + +<p>Als habe das struppige zähe Pferd Verständnis für +seine Zurede, reißt es mit jeder Liebkosung stärker an +den Strängen, aber von Zeit zu Zeit nötigt es der steile +ausgewaschene Weg, mit dem Wägelchen stille zu stehen +und Atem zu schöpfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld +über<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[Pg 7]</a></span> das Gesicht des Mannes, doch er faßt sich, legt +einen Stein unter das Rad und wartet ruhig, bis das +Tier von selber den mühsamen Zug wieder aufnimmt.</p> + +<p>Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal +fuhrwerkt, ist sich dessen gewöhnt.</p> + +<p>»Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich,« wiederholt +der Führer. Aber von Hospel bis zum Schmelzwerk +sind es drei Stunden zu Fuß, mit dem Fuhrwerk noch +mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe +St. Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der +Krone liegt.</p> + +<p>Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von +Hospel verlassen hat, in eine Felsenschlucht, über der alte +Föhren ihre blaugrünen Schirme halten, dann berührt +er in dem sich weitenden Thal die Dörfer Fegunden und +Tremis, die mit sonngedunkelten Holzhäusern auf grüner +Wiesenhalde liegen, und wird eben.</p> + +<p>Tief unter ihm gischtet der Fluß in der Felsenschlucht, +die altersgrauen Lärchen neigen sich darüber und +schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen über die Ränder +und verzieren den Abgrund mit blühendem Rot.</p> + +<p>Nur das Rauschen der Glotter und das gleichförmige +Ticktack der Merkhämmer einer großen Wasserleitung, +die in entlegener Höhe dahinführt, unterbrechen die Stille +des Thales.</p> + +<p>Die Leitung heißt das »helige Wasser«<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a> und befruchtet +die sonnenglühenden Weingärten, die Aecker und +Wiesen Hospels und der fünf Dörfer, die um den Flecken +liegen.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> <i>helig</i> ist die ältere Sprachform für »heilig«.</p></div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[Pg 8]</a></span>Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin über +schmale Mattenstreifen gegangen ist, kommt man zu der +alten verwitterten Kapelle der Lieben Frau, wo der Weg +auf einem vielhundertjährigen vermoosten Brückenbogen +über die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hinüberspringt.</p> + +<p>Um die halb zerfallenen Gebäude des ehemaligen +Bergwerkes dehnt sich des Teufels Garten.</p> + +<p>Auf Hügeln alter verglaster Schlacken blüht der rote +Mohn, die Königskerze reckt ihre goldigen Blütenschäfte, +das Singrün spinnt seine blauen Blumenketten um die +Scherben, allerlei blühender Wust und viele Brennesseln +wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und +Schmetterlinge gaukeln über die wilde Pracht.</p> + +<p>An einem verkrüppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage, +wo Peter Waldisch, der Präsident von St. Peter, +durchs Thal fuhr, eine Mauleselin angebunden. Sie +schüttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfuß und +erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete, +von Zeit zu Zeit ein klägliches Geschrei. Dann tauchte +aus der wilden Ueppigkeit der bunt bekränzte Schwarzkopf +eines Mädchens auf, das auf den bloßen braunen +Armen ein übermächtiges Bündel von Blumen trug. +»Ich komme, Galta, ich komme,« rief sie dem Tier begütigend +zu, dann verschwand die ganze Gestalt wieder +in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel Blumen +an die Brust drückte, als ihr Arm fassen konnte. Da +watete sie endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes Röckchen +schützte sie nur bis wenig unter die Kniee, aber gewandt +wie ein Wiesel wich sie den vielen Brennesselbüschen aus, +die ihre nackten Füße und Waden bedrohten. Eine lebendig +gewordene<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[Pg 9]</a></span> Bronzefigur, Gesicht, Arme, Füße sonnengebräunt, +war sie fast so wild wie die Wildnis, die sie +durchschritt, im Kopf standen ein paar feurige Augen, wie +die einer Zigeunerin; doch sah man dem Mädchen gleich +an, daß es kein Bauernkind war, dafür war alles an ihr +zu zart und zu fein.</p> + +<p>Sie eilte mit leichten Füßen über die Brücke zu der +alten Kapelle, kniete nieder und steckte ihre Blumen in +das hölzerne Vorgitter des kleinen Gotteshauses, so daß +es bekränzt war wie für ein Fest.</p> + +<p>»Das wird die Mutter Gottes freuen!« sagte sie, +ihr Werk betrachtend.</p> + +<p>Plötzlich horchte sie neugierig und verwundert in die +blaue warme Luft. Ein Rollen wie von fernem Gewitter +ging durch die Stille des Nachmittags. Es war Lawinendonner, +den die Luft von den Bergen herniedertrug. Am +schmalen Himmelsband über dem Thal waren weiße Föhnstriche +hingeweht, die Schläge der Frühsommerlawinen +und kleinen Gletscherbrüche lebhafter denn sonst.</p> + +<p>Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und +legte die Hand zum Schutz gegen die brennende Sonne +über die dunklen Augen.</p> + +<p>Der Vater kam noch nicht, dafür zwei Kinder mit +Tragkraxen, beide mit Bergstöcken in der Hand.</p> + +<p>»Vroni! Josi!« Mit lebhaftem Ausbruch der Freude +sprang sie ihnen entgegen.</p> + +<p>»Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? Hättet +ihr die Last meinem Vater auf das Wägelchen gegeben, +er ist heute nach Hospel gefahren, ich erwarte ihn hier +mit Vorspann.«</p> + +<p>Josi schüttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[Pg 10]</a></span> +stellten ihre Kraxen auf die hölzerne Bank vor der Kapelle, +wischten sich den Schweiß aus der Stirn und setzten +sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin, betrachtete +die beiden wohlgefällig. Vroni, unter deren niedrigem +altem Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in glänzenden +Fäden um die geröteten Wangen flog, war nur +ein Jahr, Josi, der kräftige Bursch, der einen ähnlichen +Hut trug, zwei Jahre älter als sie. Und sie war zwölf.</p> + +<p>»Sechzig Pfund hab' ich,« sagte Josi, die Beine +schlenkernd, an denen die schwergenagelten Holzschuhe +klapperten, »die Vroni hat vierzig, ob so viel Mehl wohl +reicht bis zur Ernte?«</p> + +<p>»Es wird schon langen müssen, aber dann wird's +gut, das Aeckerchen trägt dieses Jahr viel Korn,« erwiderte +Vroni hausmütterlich froh.</p> + +<p>Da ging wieder ein langhallender Donner durch die +Ruhe des Thales. Josi sprang auf: »Ja, es ist doch +wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los! Sieben Jahr +ist der Gletscher zurückgegangen und sieben Jahr gewachsen, +das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und +jetzt ist ein guter — da bricht der Eissturz los!«</p> + +<p>Binia ließ die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte +ab: »Sage nichts Sündiges, schau' doch in die Kapelle, +wie viel Marterkreuze von denen an den Wänden stehen, +die in die Felsen haben steigen müssen, wenn das helige +Wasser von der Wildleutlawine zerstört worden ist.«</p> + +<p>Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die +Dämmerung der Kapelle. Ihre Wände waren mit hölzernen +und eisernen Täfelchen ganz bedeckt, auf denen +die Namen von Verunglückten und fromme Sprüche +standen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[Pg 11]</a></span>»O, wie traurig,« sagte Vroni, »da ist es kein +Wunder, wenn die Leute bei uns nicht so laut singen +und lachen mögen, wie draußen im großen Thal und +alle so still und ernst sind.«</p> + +<p>Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen +zu folgen.</p> + +<p>»Du, Vroni, erzähl' uns doch wieder einmal die +Geschichte von den heligen Wassern, du erzählst sie so +schön,« schmeichelte Binia, indem sie sich flink zwischen +die Geschwister drängte und an die Freundin schmiegte.</p> + +<p>»Das ist eine lange Geschichte,« warf Vroni +ein, es war aber, als gehe von den dunklen Augen +Binias ein Zwang auf sie, sie lächelte und streckte die +rote Schürze zurecht: »Ja, nun so, wir kommen schon +noch heim.«</p> + +<p>Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten +Erzählerin überkommen. Ihre blauen Augen +gingen träumerisch ins Weite, sie überlegte, faltete die +Hände über dem Knie und begann: »Also, das ist so +lange her, daß es nirgends in den Büchern aufgeschrieben +steht. Da gab es neben uns rechten Leuten im Glotterthal +noch Wildmännlein und Wildweiblein, die in den +Wäldern wohnten. Es geschah nun, daß einer von den +rechten Hirten ein Wildmädchen Namens Gabrisa, das +mächtig schön war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar +reichte bis auf den Boden, ihr Gesicht war weiß und ihre +Stimme tönte wie Glockenspiel. Allein ihrem Geliebten +mißfiel es, daß sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu +den Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte +er nun am Tag vor dem Vollmond Wein von Hospel +herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das güldenes<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[Pg 12]</a></span> +Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. +Und er antwortete: 'Ja, das ist güldenes Wasser.' Da +trank Gabrisa und der Wein schmeckte ihr gut. Als sie +in den Wald eilen wollte, trugen sie die Füße nicht, sie +schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte, +sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach +dem Geliebten um und sang ihm mit ihrer schönen +Stimme zu:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'Güldenes Wasser, das macht mir Pyn,<br /></span> +<span class="i0">Ich darf nit mehr dine Liebste syn!'<br /></span> +</div></div> + +<p>Das Mädchen war verschwunden. Aus Zorn über +den Schimpf, der Gabrisa und damit sie alle getroffen, +bannten die Wildleute die Wolken, daß sie ihr Naß nicht +mehr über Hospel und die fünf Dörfer ausleeren konnten, +wo der Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. +Die Rebberge verdorrten, Aecker und Wiesen standen +ab, es trat eine große Hungersnot und ein großes Sterben +ein, das nicht mehr aufhören wollte.«</p> + +<p>Die Erzählerin ruhte einen Augenblick, als ob sie +sich sammeln wollte, sie war so mit sich selbst beschäftigt, +daß sie nicht sah, wie Josi, ihr Bruder, die Augen unverwandt +auf das blumenbekränzte Haupt Binias geheftet +hielt, auch diese selbst spürte es nicht, denn sie hatte +ihre Lebhaftigkeit gebändigt und hing mit ihren Blicken +an Vroni.</p> + +<p>Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen +konnte, schrie Galta, das arme Vieh, das die +Kinder ganz vergessen hatten, so stark, daß die pflichtvergessene +Binia aufsprang und über die Brücke zu ihr +hinübereilte.</p> + +<p>Da sagte Josi unvermittelt, als hätte er von der<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[Pg 13]</a></span> +Geschichte seiner Schwester gar nichts gehört: »Bini ist +aber ein schönes Mädchen!«</p> + +<p>Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer +Weile antwortete sie: »Siehst du das erst jetzt, das habe +ich schon lange gewußt.«</p> + +<p>Ihre Gedanken blieben bei der Erzählung haften, +die Hände im Schoß, spann sie die Geschichte weiter und +merkte nicht einmal, wie nun auch Josi sich leise von +ihr weg über die Brücke zu Binia hinüberschlich.</p> + +<p>»Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, daß +sie den Bann lösen. Sie antworteten: 'Das können wir +nicht mehr, denn was geschehen, ist geschehen und der +Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen Dörfer' sollt ihr bekannt +sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen +in den Wald.</p> + +<p>Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal, +gründeten das Schmelzwerk und gruben Blei- und +Silbererz, das sie verschmolzen, bis das pure Metall in +die Kannen rieselte.</p> + +<p>Für ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie +gewaltig viel Holz. Als sie aber den Arvenwald zwischen +der Brücke und dem Dorf zu schlagen anfingen, gerieten +die Wildleute in große Angst, es würde die Zeit kommen, +wo sie nicht mehr genug süße Zirbelnüsse, ihren liebsten +Leckerbissen, fänden. Sie berieten lange hin und her, +wie sie die Leute von St. Peter bewegen könnten, ihnen +ein großes Stück Wald zu schenken. Eines Nachts erschien +Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten, +lächelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter +reich machen mit güldenem Wasser, das ihr gerne trinket, +so ihr uns Wildleuten den Wald an der Thalhalde zwischen<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[Pg 14]</a></span> +dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die Zirbeln wachsen. +Saget denen zu Hospel, daß wir Wasser auf ihre verdorrten +Reben, Felder und Wiesen führen wollen, wenn +sie euch gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn,<br /></span> +<span class="i0">Das söll treulich und ewig gehalten syn!'<br /></span> +</div></div> + +<p>Gabrisa verschwand. Schon lange hätten die von +St. Peter gern Weinberge gehabt, aber die Reben wachsen +nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging ihnen, was +Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern +und den fünf Dörfern; mürbe von der langen Not, traten +diese dem Handel bei, denn ihre Reben waren wertlos +geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der Vertrag zu +stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den +Abgesandten der Wildleute und der Dörfer beschworen.</p> + +<p>Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das +Wasser in die hohen Weinberge tragen oder führen werden, +doch wußte man, daß sie in vielen Künsten erfahren +waren.«</p> + +<p>Erst jetzt merkte Vroni, daß sie auch vom Bruder +im Stiche gelassen worden war. Was verschlug's? Er +hatte ja die Geschichte schon oft von der Mutter gehört, +die sie so schön wie niemand anders zu erzählen verstand. +Als sie nun die treulosen Zuhörer suchen ging, bot sich +ihr ein überraschender Anblick.</p> + +<p>Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta +stand, lag Binia auf dem Haufen Grünfutter, den sie +oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das wilde Kind +lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weißen +Zähnen den Burschen an und er hielt vor ihr stehend<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[Pg 15]</a></span> +einen Strohhalm voll roter glänzender Erdbeeren, die +ersten des Jahres.</p> + +<p>»Mund auf und Augen zu!« sagte er zu der Daliegenden, +die lustig zu ihm emporschielte.</p> + +<p>»Aber nichts Wüstes hineinthun!« bat sie.</p> + +<p>»Was denkst auch, Bineli,« lachte Josi.</p> + +<p>Da schloß Binia die Augen zu, öffnete den Mund +und Josi zog die roten Erdbeeren lächelnd vom Halm +und steckte dem Kinde eine um die andere zwischen die +roten Lippen. Plötzlich aber besann er sich anders, statt +einer Beere drückte er ihr einen Kuß auf den frischen +Mund.</p> + +<p>Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei +das Spiel zu weit getrieben, aber beide lähmte die Ueberraschung.</p> + +<p><span class="antiqua">»Deus benedicat vos!«</span> klang tief und feierlich eine +Männerstimme aus dem Innern der Ruine, ein schwarzbärtiges +hageres Gesicht schaute durch ein kleines Gitterfenster +der Mauer auf die Kinder.</p> + +<p>»Der letzköpfige Pfaff!« schrieen sie wie aus einem +Munde, ein großer Schrecken war ihnen in die Glieder +gefahren. Binia schirrte das Maultier los, Josi und +Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stülpten +die an einem Baum hängenden Hüte auf den Kopf und +alle drei wollten ihrer Wege gehen.</p> + +<p>Als sie sich aber auf der Brücke eben wieder begegneten +und hastig aneinander vorübereilen wollten, trat +der Mann von vorhin schlarpend aus der Ruine und +mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Füßen trug +er Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich +ein weißer Strick, von dem ein Rosenkranz niederhing.<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[Pg 16]</a></span> +Ganz verwildert sah der bärtige Einsiedler aus, in dessen +bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten.</p> + +<p><span class="antiqua">»Pax vobiscum!«</span> grüßte er sie. »Du bist Binia, +die Tochter des Presi! Du bist Josua, der Sohn des +Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!«</p> + +<p>Er machte dazu mit seinen mageren Händen eine so +feierliche Bewegung, daß die bekränzte Binia unwillkürlich +gehorchte und auf die Brücke niederkniete.</p> + +<p>Verwirrt folgte der Bursche.</p> + +<p>Da legte er ihnen die Hände auf die glühenden +Häupter und sagte tief und getragen: »So wahr ich +Kaplan Johannes heiße, liebet euch untereinander, Josi +und Binia.«</p> + +<p>Er murmelte über ihnen einen langen lateinischen +Spruch wie ein Gebet.</p> + +<p>Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, +was Kaplan Johannes that, unheimlich und schrecklich +vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend thalauf, thalab, +doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafür kam +ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte +sie gepreßt: »Wir müssen ja gehen!«</p> + +<p>»So geht!« grollte die Baßstimme des Kaplans, er +schleuderte Vroni einen zornigen Blick zu, machte das +Zeichen des Segens über den zweien und lief über die +Brücke. Bald bimmelte das Glöckchen der Kapelle Vesper +durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klängen +nicht, wie sie's gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu +grüßen, liefen sie hastig und mit roten Köpfen auseinander, +Binia mit dem Tier über die Brücke thalaus, +Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die +Kraxe auf dem Rücken, den Stutz empor, der mit seinem<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[Pg 17]</a></span> +Zickzack gleich hinter dem Schmelzwerk beginnt und nach +St. Peter führt.</p> + +<p>Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, +trichterartige Schlucht der Glotter getrennt, die Weißen +Bretter, drei senkrechte und glatte Felswände, die aus +der Tiefe der Schlucht wie weiße unbeschriebene Tafeln +bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates +ansteigen. Zwischen den drei Wänden ziehen sich zwei tiefe +wilde Graben, in denen sich ausgewitterte Felsen, Klippen +und Türme erheben, ebenfalls bis in die Höhe ewigen +Winters, sie heißen die Wildleutfurren. In halber Höhe +aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen +Wasser quer über die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, +sagt den Leuten im Thal, daß die Wasser ruhig die +furchtbare Strecke fließen.</p> + +<p>Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, +da lehnte Josi die Kraxe an die Halde, die den +Weg säumt, und schaute gespannt zu der Leitung empor.</p> + +<p>Nein, höher noch hinauf, zu dem blauschillernden +Gletscher, der mit einer Last reinen weißen Firnenschnees +über die Wände hinausragte. An seinem Rand stoben +immer kleine weiße Rauchwolken auf, ein Rieseln und +Schäumen, wie das von Wasserfällen ging durch die +Wildleutfurren abwärts, verlor sich in ihren Klüften und +knatternder Widerhall der kleinen Lawinen füllte das +Thal.</p> + +<p>»Hast du das auch schon gesehen?« fragte Josi.</p> + +<p>»Nein,« antwortete Vroni kurz und beklommen.</p> + +<p>»Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den +letzten Wintern ist mehr Schnee auf den Gletscher gefallen, +als die Sommer haben zu schmelzen vermögen;<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[Pg 18]</a></span> +der Gletscher ist gewachsen, er tritt über die Felsen +hinaus, man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat +sehen können. Jetzt, wo es heiß wird, schmilzt der +Schnee, das Wasser fließt in das hervorstehende Eis; +die Last wird zu groß, der Gletscherbruch kommt, die +Wildleutlaue!«</p> + +<p>»Ums Himmels willen, Josi, laß uns gehen!«</p> + +<p>»O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft +beim Sturz nicht so sausen würde, so könnten wir da +ruhig zusehen, Eis und Schnee stürzen in die Schlucht, +die ist ja groß. Aber es ist wegen der heligen Wasser!«</p> + +<p>Vroni war unbekümmert um den Bruder, der ihr +alles mit großen Worten vortrug, aufgestanden, er folgte, +in einer halben Stunde hatten sie den Stutz, die Schlucht +und die Weißen Bretter hinter sich, vor ihnen lag auf +dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr +Heimatdorf, St. Peter, das rings von hohen Bergen +umsäumt ist.</p> + +<p>Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das +letzte Wegstück schweigend zurückgelegt hatten, über die +weißen Windungen des Sträßchens am Stutz hinab und +nach dem Teufelsgarten zurück. »Lug' dort, Bini!« rief +Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das +Maultier geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar, +wie ein fliegender Schatten über die schmalen +Matten des Thales gegen Tremis hinab. Vroni sah es +wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis verklärte, +als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte.</p> + +<p>Ueber ihr frohmütiges Antlitz flog ein Schatten.</p> + +<p>»Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat, +das ist schrecklich. Er hat dir und Binia den bösen Segen<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[Pg 19]</a></span> +gegeben. Jetzt, wenn ihr auch wolltet, könnten du und +Binia nie ein Paar werden.«</p> + +<p>Josi lachte trocken.</p> + +<p>»Er ist kein Gottesmann,« fuhr Vroni fort, »er ist +ein Teufelsmann. Die Mutter sagt's. Er ist nur ein +davongelaufener Klosterschüler, er darf niemand die Beichte +abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil früher, +zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine +Kaplanei gewesen ist.«</p> + +<p>Josi hatte das Bedürfnis zu widersprechen.</p> + +<p>»Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tränken +und Sprüchen nicht schon manchmal krankes Vieh gesund +gemacht? Denk' nur an die zwölf Stücke des Bäliälplers. +Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon +töten, da segnete sie Johannes und sie wurden in drei +Tagen gesund.«</p> + +<p>»Ja — und dafür starben dem Bäliälpler drei Wochen +nachher die beiden schönen Kinder, die bis dahin kerngesund +gewesen waren; er und seine Frau, die früher glücklich +zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank und +Streit, er ist wild über sie, weil sie den letzköpfigen +Pfaffen ohne sein Wissen in den Stall geführt hat, und +immer sitzt er zornig und traurig im Wirtshaus.«</p> + +<p>»Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,« versetzte +Josi kühl. »Wir lassen den Kaplan nie in unseren +Stall, haben wir deswegen weniger Unglück mit dem +Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben +wir am meisten. Drei Jahre hintereinander haben +wir Jungvieh aufgezogen, es wuchs und gedieh auf +das schönste, aber jedesmal, wenn's bald hätte verkauft +werden können, ist's umgestanden. Die Loba, die der<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[Pg 20]</a></span> +Vater am Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren +das erste Stück, das geraten ist.«</p> + +<p>»Die Loba!« — Vroni bückte sich tiefer unter ihrer +Last; die Thränen, die sie vergossen hatte, als der +Händler das schöne liebe Rind davongeführt hatte, drohten +wieder zu kommen. Sie wurde traurig und still.</p> + +<p>»Du erzählst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, +gelt, Vroni,« versetzte Josi schmeichelnd, als sie +durch die mit großen Pflastersteinen besetzte Straße von +St. Peter schritten. »Nein, gelt, du sagst nichts!«</p> + +<p>»Ei, wie Josi betteln kann.« Das Gesicht Vronis +hatte sich gehellt. »Wenn du dich nie mehr mit dem +Kaplan einlässest, will ich still sein.«</p> + +<p>Sie schritten durch die lose Reihe gebräunter Holzhäuser, +Ställe und Städel<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, die das Dorf bilden. Als +sie am Gasthaus zum Bären vorbeikamen, einem alten, +massiven Steinbau gegenüber der Kirche, die sich auf +einem Felsenhügelchen erhebt, öffnete sich ein Fenster und +eine Männerstimme rief: »Vroni! — Josi!«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a> <i>Stadel</i>, schweizerdeutscher Ausdruck für Heuschuppen.</p></div> + +<p>»Der Vater!«</p> + +<p>Freundlich reichte ihnen der bärtige Wildheuer ein +Glas voll Wein: »Ihr werdet wohl Durst haben!«</p> + +<p>Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen +Schluck.</p> + +<p>»Sagt der Mutter, es könne, bis ich heimkomme, +etwas später werden, als ich gemeint habe, der Presi ist +nach Hospel gegangen und ich muß ihn erwarten.«</p> + +<p>So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich, +schlugen einen Seitenweg ein, der durch Kartoffel- und +Roggenäckerchen<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[Pg 21]</a></span> an den sonnigen Hang hinüberführt, wo +die Maiensässen<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> und Alpweiden der Leute von St. Peter +liegen.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a> <i>Maiensässen</i> sind Berghäuser zwischen den Dörfern und den +Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des Viehs auf +die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gewöhnlich im Mai mehrere +Wochen geruht wird.</p></div> + +<p>Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus, +auf dessen steinbeschwerten Schindeln eine große Steinbrech +blühte, jene Blume, von der die Sage der Aelpler +behauptet, daß sie nur auf den Dächern wachse, unter +denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen +Fenster, vor denen Stöcke roter Geranien prangten, gegen +das Dorf.</p> + +<p>»Ja, die Wildheuerfränzi versteht sich auf Blumen.« +So sprach man im Dorf. »Blumen und Geschichten sind +ihr Sonnenschein.«</p> + +<p>Erschöpft ließ Vroni die Kraxe auf die Bank vor +dem Felsblock sinken, auch Josi stellte die seine mit einem +Ausruf der Erleichterung ab.</p> + +<p>Unter der Thüre erschien die Mutter, die Wildheuerfränzi, +selbst in ihren abgetragenen Kleidern eine +hübsche Frau, von kräftigem Wuchs, vollem, üppigem +dunklem Haar, offenen Zügen und jenen großen, blauen, +vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte.</p> + +<p>»Da seid ihr ja,« sagte sie erfreut, Josi aber rief: +»Mutter, eine Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!«</p> + +<p>Eine geraume Weile später sah man den Presi mit +seinem Fuhrwerk gegen das Dorf fahren.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[Pg 22]</a></span></p> +<h2><a name="II" id="II"></a>II.</h2> + + +<p>Der Gasthof zum Bären war ein Altertum des +Dorfes St. Peter. Die Ueberlieferung berichtete, das +aristokratische Haus sei, als noch ein Saumweg über die +damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland geführt +habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen, +wo die Maultiere gewechselt wurden. Man erzählte sich, +die Knappen des Bergwerkes hätten, wenn sie ihr Silber +und Blei über die Berge nach Welschland führten oder +von dort mit dem Erlös zurückkamen, im Bären hart +gezecht, aus silbernen Bechern getrunken, mit silbernen +Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang fröhliche +Italienerinnen als Spielgefährtinnen in dem Haus einquartiert.</p> + +<p>Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese +üppigen Zeiten in St. Peter fort, das Leben ging jetzt +in Haus und Dorf den gemessenen stillen Gang der einsamen +Alpendörfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren +stand das Bergwerk still; so glänzend, wie es die Sage +schilderte, mochte das Knappenleben nie gewesen sein. +Das Schmelzhaus war eine Ruine und der alte Paßweg +nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen, +an den Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[Pg 23]</a></span> +schönen Drusen und Gesteinsblüten, die man da und dort +als Schmuck hinter den Fenstern der Wohnungen sah.</p> + +<p>Für den vielhundertjährigen Bestand des Bären aber +sprachen seine massive Bauart und die Jagdtrophäen, die +am Dachgebälk befestigt waren: gebleichte Steinbock- und +Wolfsschädel, besonders ein eingetrocknetes mumienhaftes +Bärenhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer +Kette gegen die Thüre und die Freitreppe hinunterhing, +die mit schönem eisernem Geländer zum Eingang emporführte. +Die weißgrauen Zähne des Hauptes waren vermorscht +und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl bis +in die Zeit der Venediger zurück, denn so lange schon +gab es im Glotterthal weder Bär noch Wolf, und seit +dem Anfang dieses Jahrhunderts sind auf den Felsen +und Firnfeldern der Krone die Steinböcke ausgestorben.</p> + +<p>Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als +eine neuere Zuthat am alten Bau die Inschrift »Postbureau +St. Peter« und der eidgenössische Postschild.</p> + +<p>Die stattlichen Wirtschaftsräume des Bären befanden +sich im ersten Stock; helles Arvengetäfel, aus dem die +dunkeln Astringe wie Augen schauten, und alte geschnitzte +Wappenzier an den Decken fesselten den Eintretenden. +Der Hauptschmuck der großen Stube war ein alter Leuchter, +der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih +auslief.</p> + +<p>Am Eichentisch unter dem Leuchter saßen der Bärenwirt +Peter Waldisch und Hans Zuensteinen, der Garde<a name="FNanchor_4" id="FNanchor_4"></a><a href="#Footnote_4" class="fnanchor">[4]</a>.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4" id="Footnote_4"></a><a href="#FNanchor_4"><span class="label">[4]</span></a> <i>Garde</i> (französisch <span class="antiqua">garde</span>, Hüter) nennt man in den +Thälern, wo »Wässerwasserfuhren« bestehen, dasjenige +Gemeinderatsmitglied, das die Aufsicht über die Wasserleitung hat.</p></div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[Pg 24]</a></span>Sie prüften das Fäßchen Eigengewächs, das jener +gestern in Hospel draußen geholt hatte.</p> + +<p>»Wie Feuer, meiner Treu!« sagte der rauhbärtige +Garde, das eine Auge zukneifend und durch das erhobene +Glas blinzelnd, in dem der Weißwein sonngolden erglänzte +— »aber, aber, Presi,« seine Stimme wurde +plötzlich sehr ernst, »die Abmachung mit Seppi Blatter +ist nichts. Wenn der ganze übrige Gemeinderat dafür +ist, so bin ich dagegen. Man dürfte ja Fränzi, Vroni +und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal +ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler +die Hand geführt?«</p> + +<p>Der Presi und Bärenwirt, der den rauhen untersetzten +Garden um Kopfeslänge überragte und neben +ihm wie ein rechter Bauernaristokrat erschien, lächelte +verlegen und rückte auf dem Stuhl.</p> + +<p>»Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen?« fragte +er lauernd.</p> + +<p>Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte +er aufs neue: »War Seppi nüchtern?«</p> + +<p>»Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein +zur Ermutigung dabei. Ich war grad in guter Laune, +ich ließ ein paar Flaschen Hospeler fließen, Seppi aber +war ziemlich nüchtern.«</p> + +<p>Der Garde schüttelte bedächtig den Kopf, in den +starken Furchen seines breiten Gesichtes spiegelte sich Mißbilligung +und Sorge, erst nach einer Weile sagte er: +»Das Ding ist nichts.«</p> + +<p>Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gespräch +eine andere Wendung zu geben, lachend rief er: »Zum +Wohl, Garde!« Und als nun die Gläser zusammenklingelten,<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[Pg 25]</a></span> +fuhr er fort: »Warum ich gestern so hellauf +war, Seppi Blatter, Bälzi und dem Bäliälpler ein Glas +vom guten Hospeler schenkte, will ich Euch verraten. Es +ist eine Ueberraschung —. Ich führe wieder eine Wirtin +in den Bären.«</p> + +<p>Da sprang der schwerfällige Garde auf: »Was Ihr +meldet, Presi! Wer ists?« Die ehrliche Neugier stand +ihm im Gesicht.</p> + +<p>»Unter vier Augen und nur zu Euch — Frau Cresenz, +die Schwester des Kreuzwirtes in Hospel. Wir +haben die Angelegenheit gestern ins reine gebracht.«</p> + +<p>»Ich wünsche Euch Glück,« sprach der Garde feierlich +und schüttelte dem Wirt kräftig die Hand. Dann +setzte er sich und knurrte in einem Ton vor sich hin, der +nicht entscheiden ließ, ob darin eine Zustimmung oder +Mißbilligung liege.</p> + +<p>»Was sagt Ihr dazu?« fragte der Presi.</p> + +<p>»Cresenz wird dem Bären schon wohl anstehen, sie +hat sich als Witwe gut erhalten, ist mit ihren fünfunddreißig +Jahren eine hübsche Frau, sauber und flink, sie +versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie +keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine, +Ihr führt eine geschickte Frau ins Haus. Aber —«</p> + +<p>Der Garde stockte.</p> + +<p>»Aber?« — wiederholte der Presi.</p> + +<p>»Cresenz ist aus einem so großen Gasthof und an das +Fremdenleben so gewöhnt, daß es ihr hier bei uns hinten, +wo doch nur Bauern und Alpleute sind, langweilig wird.«</p> + +<p>Der Bärenwirt lachte: »Falsch, Garde, falsch! — +Dafür ist gesorgt. Ein schönes Stück wird schon sein, +Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert; denkt nur,<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[Pg 26]</a></span> +gestern kam sie mir barfuß bis nach Tremis entgegen, +es hat mich geschämt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit, +mich mit ihr abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib, +wird nicht Herr über sie, fahre ich aber einmal mit einem +Donnerwetter dazwischen, so schilt sie mich frank einen +Rabenvater.«</p> + +<p>Die beiden Männer lachten herzlich — es schien, der +Streit von vorhin sei in lauter Freundschaft aufgelöst.</p> + +<p>Da räusperte sich der Garde: »Haltet, wenn Ihr +jetzt eine frische, hübsche Frau bekommt, nur die Beth +selig in Ehren und gutem Andenken.«</p> + +<p>Das Gesicht des Bärenwirts verfinsterte sich.</p> + +<p>»Aber das gebt Ihr doch zu,« sagte er mürrisch, +»Frau Cresenz wird eine bessere Wirtin als die arme +selige Beth.«</p> + +<p>»Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt, +nur Ihr nicht. Sie war eine Frau wie ein Engel, sie +hat nur das Unglück gehabt, da sie Euern hochfahrenden +Plänen nicht hat folgen können und nicht hat wollen. +Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und +fromm, stets auf den Frieden im Leben und die Seligkeit +im Himmel bedacht, Ihr aber gleicht von jeher mehr +den Leuten draußen in der Welt, hastig und unruhig +seid Ihr immer voll Pläne, habt Ihr immer eine ganze +Menge Dinge umzutreiben. Da wird Euch allerdings +Cresenz besser verstehen als Beth!«</p> + +<p>Der Presi lächelte überlegen: »Handel und Wandel, +mein' ich, giebt dem Leben das Salz und« — er klopfte +dabei auf den Tisch — »mit Frau Cresenz wage ich es. +Der Bären soll ein Fremdengasthof werden, ich nehm's +mit dem Pfarrer und euch allen auf.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[Pg 27]</a></span>»Presi!« Das Blut war dem Garden in den Kopf +geschossen. »Presi, das thut Ihr nicht!«</p> + +<p>»Ihr werdet's schon erleben.« Die Augen des Bärenwirtes +blitzten übermütig und unternehmungslustig.</p> + +<p>»Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen +und alle werden mit ihm gegen Euch sein!«</p> + +<p>»Der hochwürdige Herr soll das Geistliche besorgen, +das Weltliche besorgen wir schon.« Der Presi lachte und +fuhr dann fort: »Ich will Euch verraten, warum er keine +Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, daß er nach +St. Peter gekommen ist. Da stieg über die Schneelücke +herunter der erste Fremde, ein berühmter Naturforscher, +der mit seinen Führern die Krone erklettert hatte. Die +Leute von St. Peter erstaunten darüber so sehr, daß sie +den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!' sagte +er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen +entgegenziehe. Als der Bergsteiger, seine Führer und +Träger kamen, spritzte er ihnen Weihwasser entgegen und +schrie: <span class="antiqua">'Apage, apage, Satanas!'</span> Auf dieses Zeichen trieben +die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum +und jagten sie den Stutz abwärts. Glaubt, Garde, wegen +der Schande von damals will der Pfarrer nichts von +Fremden wissen, er fürchtet, die Geschichte, wegen der +wir von St. Peter in den Büchern als ein rauhes und +dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!«</p> + +<p>Der Garde hatte sich beruhigt: »Der Pfarrer ist +gegen den Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben +des Dorfes fürchtet. Er hat recht. In Grenseln, +wo jetzt auch zwei Gasthöfe sind, hat erst diesen Frühling +ein Mädchen, das im einen diente, ein Uneheliches +bekommen. Denkt die Schande!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[Pg 28]</a></span>»Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der +Glotter und den Hospeler aus meinen Bergen würde ich +gern etwas besser verkaufen, als es bis jetzt geschehen ist.«</p> + +<p>»Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi, +dafür hat Euch wahrlich die Gemeinde Euer Amt nicht +gegeben. — Ich muß jetzt von etwas sprechen, wovon +man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist +es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen? +Nie! Und doch wohnen wir unter den Firnfeldern der +Krone und sie hätten freien Weg.«</p> + +<p>»Ich weiß schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht +abergläubisch; die armen Seelen kommen in die Hölle, +nicht auf die Gletscher. Das sagt ja der Pfarrer selbst,« +höhnte der Wirt, »der wird's wissen!«</p> + +<p>In diesem Augenblick schaute ein etwa fünfzehnjähriger +Junge blöd durch die halbgeöffnete Thüre.</p> + +<p>»Nur hinein, Eusebi!« Lustig schob Binia den ungelenken +schwächlichen Burschen mit beiden Händen vom +Flur in die Stube.</p> + +<p>»Was willst, Eusebi?« fragte der Garde freundlich.</p> + +<p>»S—s—sollst h—h—heim—k—k—ommen, V—v—vater. +Ei— ein R—rind ist k—k—kr—rank auf d—d—er Alp.«</p> + +<p>Der Stotterer schämte sich seines Uebels, er wußte +nicht wohin blicken.</p> + +<p>»Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme!« Der Garde +stand auf und der Presi gab ihm bis auf die Freitreppe +das Geleit.</p> + +<p>Dort säumten die Männer noch einen Augenblick.</p> + +<p>»Also wir müssen auf alles gefaßt sein, die Wildleutlaue +kann jede Stunde gehen,« sagte der Presi <a name="corr_1" id="corr_1"></a><a href="#corr_note_1" class="correction" title="Fehlender Punkt im Original">ernst.</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[Pg 29]</a></span>»Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit +Seppi Blatter ist nichts,« erwiderte der Garde. »Im +übrigen hoffe ich, daß ich bei der Wassertröstung<a name="FNanchor_5" id="FNanchor_5"></a><a href="#Footnote_5" class="fnanchor">[5]</a> das +Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte satt.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5" id="Footnote_5"></a><a href="#FNanchor_5"><span class="label">[5]</span></a> <i>Wassertröstungen</i> nennt man die Gemeindeversammlungen, in +denen Beschlüsse über die Wasserleitungen gefaßt werden.</p></div> + +<p>»Das nicht, das nicht; über Seppi Blatter aber +reden wir im Gemeinderat.«</p> + +<p>Die Männer schüttelten sich die Hände.</p> + +<p>»Nichts für ungut!« sagte der Garde, »ich rede frei +von der Leber, anders hab' ich's nicht gelernt.«</p> + +<p>Binia aber rief: »Nicht wahr, Eusebi darf noch bei +mir bleiben.«</p> + +<p>»Gewiß,« lächelte der Garde wohlgefällig, »ich habe +nichts lieber, als wenn er bei anderer Jugend ist.« Da +riß die wilde Binia den scheuen Jungen mit sich.</p> + +<p>Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt +schien, ging langsamen Schrittes durch die kleinen Aecker +zur Hütte des Wildheuers Seppi Blatter. Er hatte +schwer zu denken und wiegte den mächtigen Kopf: Was +für ein merkwürdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter +ist zu klein für seine rastlose Betriebsamkeit. In allem +hat er die Hand. Er hat seine Schuldscheine auf Aeckerchen +und Alpen, er beherrscht als Vermittler zwischen den +Sennen und den fremden Händlern den Käse- und Viehhandel, +er ist Posthalter und hat damit den Einblick in +allen Verkehr und nun will er noch Fremdenwirt werden.</p> + +<p>Dazu die schlechte voreilige Anbändelei mit Seppi +Blatter! — Was hat er für einen Zweck dabei? Keinen! +Eine Laune ist's, ein Stück sträflichen Uebermutes.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[Pg 30]</a></span>Da war er bei der Hütte angekommen.</p> + +<p>»He, fleißige Vroni, wo ist der Vater?«</p> + +<p>Vroni saß auf dem moosüberwachsenen Block, der +das Häuschen schirmte, sie flocht mit flinken Fingern an +einem jener Strohbänder, woraus die Glotterthalerinnen +die zierlichen Hüte machen, die sie tragen. Nebenbei +überwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen +klingelnd, zwischen hohen roten Enzianen und blauem +Eisenhut sich ihr Futter naschten.</p> + +<p>»Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken; +kann ich dem Vater etwas ausrichten, Pate?«</p> + +<p>»Er soll unter Licht<a name="FNanchor_6" id="FNanchor_6"></a><a href="#Footnote_6" class="fnanchor">[6]</a> bei mir vorbeikommen. Guten +Abend, artiges Kind —«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6" id="Footnote_6"></a><a href="#FNanchor_6"><span class="label">[6]</span></a> <i>unter Licht</i>, schweizerdeutsch, »in der Dämmerung«.</p></div> + +<p>Damit stoffelte<a name="FNanchor_7" id="FNanchor_7"></a><a href="#Footnote_7" class="fnanchor">[7]</a> er den Berg hinan. Vroni hatte +aber von ihm einen Blick aufgefangen, der ihr zu denken +gab. In seiner Freundlichkeit war ein sorglicher Ton +gewesen, der ihr in den Ohren nachklang.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7" id="Footnote_7"></a><a href="#FNanchor_7"><span class="label">[7]</span></a> <i>stoffeln</i>, schwerfällig gehen.</p></div> + +<p>Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner +in stärkeren und schwächeren Schlägen vom Gebirg, +und plötzlich fiel ihr der Vater ein. Sie wußte +nicht warum. Doch! Er war am Morgen so blaß gewesen, +er hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein +Auge geschlossen wegen des Donners.</p> + +<p>Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, daß eine +behende Gestalt wie ein Wiesel über die Felsen hinaufgeklettert +kam, sie erschrak ordentlich, als Binia ihren +Arm um sie schlang. Und dann sah sie den scheuen +Eusebi unten stehen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[Pg 31]</a></span>»Komm, Sebi, komm!« Er kletterte, setzte sich zutraulich +zu den zwei Mädchen, seine Augen glänzten in +stiller Freude. »Vroni und Bini wissen, daß ich nicht +so einfältig bin, wie die Leute meinen,« dachte er.</p> + +<p>»Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen +Wassern weiter, mir hat die ganze Nacht von der Wildfrau +Gabrisa geträumt, sie war aber nicht schwarz, sondern +blond wie du!« scherzte Binia.</p> + +<p>Vroni lachte, dann mahnte sie: »Du, von Josi +darfst du keinen Kuß mehr bekommen!«</p> + +<p>Eusebi riß die Augen auf: »K—k—kuß,« stammelte +er verwundert.</p> + +<p>»So!« Lustig stellte Binia die weißen Zähne. »Erzähle +jetzt nur, Vroni. Josis Kuß war ja nur Spiel.«</p> + +<p>Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die Hände +über das Knie und sah in die Weite: »Ich fange jetzt +gleich an, wo ich gestern zu überdenken aufgehört habe, +ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.«</p> + +<p>»O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur +erzählst,« versicherte Binia.</p> + +<p>Da begann Vroni:</p> + +<p>»Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser +in die Weinberge hinaufführen oder tragen werden und +viele Leute gingen nach Hospel hinaus, um es selber zu +sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter zu arbeiten +an, sie hieben Bäume um und höhlten die dicken +Stämme fast ganz aus, so daß breite und tiefe Kännel +entstanden. Den ersten legten sie an das Gletscherthor, +aus dem die Glotter ins Thal läuft, und dann viele +Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des +anderen, immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prüften<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[Pg 32]</a></span> +sie, ob das Wasser hindurchfließe, und wenn es lief, so +tanzten sie vor Freude und klatschten in die Hände. +'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie sich zu, und da +ihnen der Boden des Thales zu rasch abwärts ging, zogen +sie die Kännel den Berg entlang, so daß sie viel höher +als der Thalboden zu liegen kamen und sich hoch am +Berg dahinwanden. Die Thalleute wunderten sich, daß +sich die Wildleute so viel Mühe gaben, sie wußten nicht, +was werden solle. Die Wildleute aber riefen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'Sunneschyn, ja Sunneschyn<br /></span> +<span class="i0">Macht die ruchen<a name="FNanchor_8" id="FNanchor_8"></a><a href="#Footnote_8" class="fnanchor">[8]</a> Wasser fyn!'<br /></span> +</div></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8" id="Footnote_8"></a><a href="#FNanchor_8"><span class="label">[8]</span></a> <i>ruch</i>, rauh.</p></div> + +<p>»Wo ein Baum stand, der die Kännel beschattet +hätte, fällten sie ihn. So zogen sie die Leitung der +Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch ihren +eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk, +wo jetzt die Weißen Bretter sind:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'Durefüehren, durefüehren,<br /></span> +<span class="i0">Zirble<a name="FNanchor_9" id="FNanchor_9"></a><a href="#Footnote_9" class="fnanchor">[9]</a> aber nit anrüehren!'<br /></span> +</div></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9" id="Footnote_9"></a><a href="#FNanchor_9"><span class="label">[9]</span></a> <i>Zirble</i>, Zirbelbaum, Arve.</p></div> + +<p>»So riefen sie sich ängstlich zu. Den Leuten kam +es seltsam vor, daß die Wasserleitung im Wildmannliwald +am Schatten gehen sollte, sie aber sagten:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'E Wurzen<a name="FNanchor_10" id="FNanchor_10"></a><a href="#Footnote_10" class="fnanchor">[10]</a> git dem Berg den Halt<br /></span> +<span class="i0">Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!'<br /></span> +</div></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10" id="Footnote_10"></a><a href="#FNanchor_10"><span class="label">[10]</span></a> <i>E Wurzen git</i>, eine Wurzel giebt.</p></div> + +<p>»So bauten sie die Kännel, viele Kirchtürme hoch +über Hospel kam das Wasser in die Weinberge, und vom +langen Lauf an der Sonne war es ganz warm.</p> + +<p>»'Aber es ist ja trüb, was sollen wir mit trübem<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[Pg 33]</a></span> +Wasser anfangen?' murrten die Weinbergleute. Die +Wildleute jedoch tanzten wie närrisch um die fertige Leitung +und mahnten:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'Trüebe Wasser, güldige Wyn!<br /></span> +<span class="i0">Grabend Gräben, lassend's yn!'<br /></span> +</div></div> + +<p>»Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu +den verdorrten Weinstöcken und siehe, die Reben grünten +und trieben Schosse, wo ein Tröpflein hinkam, sproßte +das Gras, die Bäume schlugen aus. Das ganze Land +um Hospel wurde schön wie ein Garten und prangte in +Fruchtbarkeit.</p> + +<p>»Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder +den abgemagerten Kindern, die Greise weinten vor Freude +und streckten die Hände ins Wasser, daß sie merken, wie +es riesele.</p> + +<p>»Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle +antworteten: 'Ja, heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither +hat man die Leitung nie anders genannt.</p> + +<p>»Die Dörfer des Thales, St. Peter, Tremis und +Fegunden, und alle jene, die von dem Ueberfluß der +Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer Landsgemeinde +zusammen. Sie beschworen, daß niemand das helige Wasser +letzen oder damit Vergeudung treiben dürfe, sie setzten +Verbannung oder Tod darauf, sie legten das Landbuch +an, in dem jedes Grundstück aufgezeichnet und ihm das +Maß des Wassers bestimmt ist, das ihm zur Tages- oder +Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte +Wächter, die nachsahen, daß keiner zu viel und keiner zu +wenig vom Segen erhielt. Und alle drei Jahre legten +die Leute den Finger auf das Landbuch, daß sie ewig +halten, was darin stehe. Von da an hatten die von<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[Pg 34]</a></span> +St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder +tief in den Wald zurück.«</p> + +<p>Während Vroni so sprach, schien es, als bewegten +sich den steilen Alpenweg hinab drei Bündel. Zuerst waren +sie nur wie dunkle Punkte gewesen, aber jetzt wurden sie +größer und größer. Ihre Träger sah man nicht, aber +die Erzählerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch: +»Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist +das erste des Jahres.«</p> + +<p>»Bis sie da sind, erzähle noch ein wenig, Vroni, es +ist alles schön, was du sagst,« schmeichelte Binia. Selbst +der blöde Sebi nickte.</p> + +<p>Vroni, das sah man ihren glänzenden Augen an, +war im Zug:</p> + +<p>»Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen +kamen auf die Welt und starben, niemand wußte mehr +etwas anderes, als daß die heligen Wasser Jahr um +Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen +betrieben die Venediger den Bergbau, sie lebten üppig +und in Freuden, das fröhliche Leben ging im Bären nie +aus. Die von St. Peter wurden durch den Wein, den +sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen +verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die +Bergleute alles Holz, das an den Thalseiten wuchs, für +ihre Feuer abgeschlagen hatten, und wegen der Lawinen +und Steinschläge wuchs das neue nur langsam nach. Der +Holzmangel war groß. Der Wald der Wildleute aber, +der so nahe am Schmelzwerk lag, stand in Schönheit +und Pracht. Da boten die Venediger denen von St. Peter +so viel lötiges Silber, als sie in sieben Wochen gewannen, +wenn sie diesen Wald schlagen dürfen. Da man schon<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[Pg 35]</a></span> +lange keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute +glaubten, die Wildleute seien gestorben oder fortgewandert, +so verkauften sie den Forst, der nicht ihnen gehörte, +und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn +die Bergknappen die Axt in einen der Bäume hackten, +erscholl aber aus dem Wald ein Klagen, wie wenn Kinder +weinen würden, und aus den Gebüschen hörte man das +Geräusch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die +Axt an die älteste Arve legten, überpurzelte der mächtige +Baum, es klirrte, wie wenn im Boden eine Kette reißen +würde, und ein Wildmannli, das erschreckt forteilte, rief:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">'Untrü, Untrü, du machst großes Weh,<br /></span> +<span class="i0">Jetzt hebt<a name="FNanchor_11" id="FNanchor_11"></a><a href="#Footnote_11" class="fnanchor">[11]</a> der Wald am Berg nit meh!'<br /></span> +</div></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11" id="Footnote_11"></a><a href="#FNanchor_11"><span class="label">[11]</span></a> <i>hebt</i> = hält.</p></div> + +<p>»Das war der letzte Wildmann.«</p> + +<p>Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die +Mutter und Josi, mit ihren Lasten waren herangekommen. +Sie warfen ihre Bündel ab, streiften die weißleinenen +Kapuzen zurück, die ihre Köpfe vor dem Heustaub schützten, +und wuschen sich am Brunnen, der neben der Hütte +summt, die erhitzten Gesichter und die Hände.</p> + +<p>Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen +war, begrüßte die Ankömmlinge mit lebhafter Freude, +aber sie dauerte nur einen Augenblick. Warum zog sich +die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias +ansichtig wurde, was war das für ein fremder, schmerzlicher +Zug, der über das braune Gesicht bis in den blonden +Bart hineinzuckte?</p> + +<p>Plötzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia +an: »Fort mit dir, du Schlechthundekind!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[Pg 36]</a></span>Die Erschrockene und Verwirrte, die das böse Wort +wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, stand einen +Augenblick fassungslos, dann flüchtete sie so schnell wie +eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit +zurückblieb.</p> + +<p>Fränzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt, +vorwurfsvoll sagte die Frau: »Seppi, Seppi! bist du letzköpfig +geworden? Die Binia hat dir ja nichts gethan!«</p> + +<p>Der verstörte Mann gab keine Antwort, er setzte +sich auf den Dengelstein, mit verbissener Wut begann er +die Sicheln zu rüsten, als ob sie in Stücke gehen müssen.</p> + +<p>Fränzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die +hellen Thränen der Kränkung in den Augen, Josi machte +sich mit dem Heu zu schaffen, damit seine tiefe Verlegenheit +nicht zu auffällig sei.</p> + +<p>»Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend +noch zu ihm kommen!« wagte Vroni schüchtern zu melden.</p> + +<p>Da schnob Seppi Blatter: »Hole der, welcher hinkt, +den Garden mit dem Presi!«</p> + +<p>Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder +verstanden den Vater nicht mehr. Den ganzen Tag war +er einsilbig gewesen und hatte gebrütet. Und jetzt war +er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von +stiller Gemütsheiterkeit war und gern einen Scherz machte, +wenn ihn die Sorgen nicht zu stark drückten.</p> + +<p>Etwas mußte gestern abend im Bären vorgefallen sein.</p> + +<p>Aber was? — Wenn er es nicht freiwillig sagte, +erfuhren es Mutter und Kinder nicht. Das wußten sie +schon.</p> + +<p>Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim +Abendbrot, bei Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[Pg 37]</a></span> +und Käse, um den Tisch saß, wollte Josi das Gespräch +auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte +ihn der Vater mit einem »Halt 's Maul!« an.</p> + +<p>Und als Fränzi sanft mahnte, er möchte doch zum +Garden gehen, sagte er ganz traurig: »Ich bin todmüde +— gute Nacht, alle zusammen.«</p> + +<p>Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die +harte Tagesarbeit brachte Josi wenigstens bald den Schlaf.</p> + +<p>Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im +Traum, als rüttelte der Wind am Haus, als knackte +das Schindeldach — er wurde munter — das Getöse +dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall +begannen zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und +von weit her hörte er das Vieh plärren. Er schlich sich +erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach ins Freie +ging. Der Himmel über den Bergen war sternklar, aber +vom Stutz herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und +die Luft wogte. Feiner Schneestaub begann zu rieseln, +die Gegend verfinsterte sich.</p> + +<p>Da wußte er es: Die Wildleutlaue an den Weißen +Brettern ist gegangen.</p> + +<p>Jetzt fingen die Glocken zu läuten an, wie es Brauch +ist in St. Peter, wenn eine Lawine, ein Gewitter oder +ein Brand im Thale wütet. »Betet, betet!« läuteten sie.</p> + +<p>Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter.</p> + +<p>Welch ein Anblick! Die Mutter saß totenblaß auf +einem Stuhl, vor ihr auf dem Boden kniete, barfuß und +nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in ihren Schoß +geneigt, seine sehnigen Hände um die ihrigen geschlungen.</p> + +<p>Der gewaltige Mann stöhnte, schluchzte und rang +nach Worten, daß es einen Stein hätte erbarmen müssen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[Pg 38]</a></span>Vroni saß am Tisch vorgelehnt, durch die Hände, +mit denen sie das Gesicht bedeckt hielt, drangen die +Thränen, ihre junge Brust bebte vor Leid.</p> + +<p>»Was giebt's?« fragte Josi; als er aber von keiner +Seite Antwort erhielt, fingen vor Angst auch ihm die +Glieder an zu zittern, die Zähne zu klappern.</p> + +<p>Da kam's aus der Brust des Vaters, als würde +ihm das Herz abgedreht und sich im Leib auch eine Lawine +lösen:</p> + +<p>»O Fränzi — liebe Fränzi — ich habe es versprochen +— ich muß an die Weißen Bretter steigen.«</p> + +<p>Ein Schrei drang aus der Hütte in die Nacht, er +kam von Vroni. Die Mutter saß entgeistert, sie hatte +willenlos ihre Hände aus denen des Vaters gelöst und +strich ihm über den Scheitel. Sie flüsterte immer nur: +»Mein armer Seppi — mein armer Seppi! Das also +ist's, warum du nicht hast reden können. Gott! Gott!«</p> + +<p>Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden, +so daß er, wenn auch nur stoßweise, sprechen konnte.</p> + +<p>»Ich habe dem Presi die drei Zinslein für das +Aeckerchen bringen wollen. Der Bäliälpler mit der krummen +Nase hockte da — der Wildheuer Bälzi mit den +wässerigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. — Wir +haben um eine Maß<a name="FNanchor_12" id="FNanchor_12"></a><a href="#Footnote_12" class="fnanchor">[12]</a> gehäkelt<a name="FNanchor_13" id="FNanchor_13"></a><a href="#Footnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. — Ich habe beide +über den Tisch gezogen. — Da fingen sie an zu necken +und zu hänseln. — Ich sei wohl stark, aber doch ein +Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken.<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[Pg 39]</a></span> +Ich höre eine Weile zu und sage nichts. Da +kommt endlich der Presi und redet von der Wildleutlaue. +Er lacht, er spricht so drum her, es könnte einer ein +schönes Stück Geld verdienen, wenn er die Gemeinde +nicht zum Los kommen lasse. Ich meine, es geht auf +Bälzi. 'Hast ja acht Kinder, laß dich auf den Handel +nicht ein!' sage ich.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12" id="Footnote_12"></a><a href="#FNanchor_12"><span class="label">[12]</span></a> Die <i>Maß</i> ist das ehemalige schweizerische Einheitsmaß für +Flüssigkeiten. Sie faßt anderthalb Liter.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13" id="Footnote_13"></a><a href="#FNanchor_13"><span class="label">[13]</span></a> <i>Häkeln</i>, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel +der Aelpler.</p></div> + +<p>»'He, es wird einer an die Bretter steigen müssen,' +machte der Presi unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in +die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort giebt das andere. +Plötzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei Zinslein +schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen, +wie du, Seppi; gescheiter wär's, du stiegst an +die Weißen Bretter.'</p> + +<p>»Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das +Geld aus dem Sack auf den Tisch, da höhnt er: 'Eben, +eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's schon nicht +hätte erfahren sollen, so weiß ich's. Hättest mir wohl +vorher einen Deut thun können.' Ich darauf: 'Es darf +doch noch einer sein Rind verkaufen, ohne daß so und +so viel Franken in den Fingern des Presi bleiben.'</p> + +<p>»Da schlägt er auf den Tisch, brüllt, es sei traurig, +wenn einer an der Zahlung von vierhundert Franken +sechs Jahre herumzerre. Und er kündigt mir den Brief +auf Martini.</p> + +<p>»Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu +mir, er ist sonst nicht ungrad und wir sind alte Schul- +und Militärkameraden, drum bin ich in der Stube sitzen +geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man redet, +man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich, +Seppi, steige an die Weißen Bretter. Auf deinem Aeckerchen,<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[Pg 40]</a></span> +das für vierhundert Franken verschrieben ist, steht +noch eine Schuld von hundertachtzig Franken. Ich will +nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den +Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst; +sage ja, und ich übernehm's auf meine Verantwortung, +ich gebe dir gleich den Vertrag. Die Genehmigung +durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll +ich schreiben?'</p> + +<p>»'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden, +'kennst du das Vaterunser: Und führe mich nicht in Versuchung!'</p> + +<p>»'Ho,' meint er, 'es ist ein schöner Verdienst, du +kannst an einem Tag nicht mehr gewinnen. Du verdienst +nicht so viel in einem Jahr. Und wenn ich das Briefchen +kündige, kommst du auch in Verlegenheit.'</p> + +<p>»'Ein dummer Teufel bist,' sagte Bälzi.</p> + +<p>»Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter +hast, aber keinen Mut!' Da habe ich den Wein im Kopf +gespürt, ich habe auf einmal den Acker deutlich vor mir +gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. — Hin +und her hat es mich gezerrt, daß mir ganz taumelig +geworden ist. — Der Presi schreibt, die anderen zwei +schwatzen auf mich ein, ich sehe nichts, ich höre nichts. — +Da liegen die Scheine vor mir, der Presi sagt: 'Du +mußt unterschreiben, — entweder den Empfang der Kündigung +oder den Vertrag, daß du an die Bretter gehst.'</p> + +<p>»Ich nehme die Kündigung, da schreit Bälzi: 'Du +Großhans, wo willst du zu Martini hundertachtzig Franken +hernehmen? Da hast den anderen Schein!'</p> + +<p>»Mir ist schwarz worden vor den Augen — ich habe +nicht mehr gesehen, was ich unterschrieb — als der Presi<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[Pg 41]</a></span> +den einen Vertrag eingesteckt hat, habe ich es gewußt, +was ich gethan.</p> + +<p>»Da ist die Sünde!« Der bleiche Mann zog aus +der offenen Weste ein zerknittertes Papier hervor und +warf es auf den Tisch. Dann neigte er sein Haupt in +den Schoß seines Weibes.</p> + +<p>Lautes Weinen erfüllte die Hütte; mit dem rauschenden +Kienspanlicht, das seinen flackernden Schein über +die Gruppe des Elends warf, kämpfte das Morgenrot.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[Pg 42]</a></span></p> +<h2><a name="III" id="III"></a>III.</h2> + + +<p>Die Wildleutlaue ist gegangen!</p> + +<p>In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen +vor den Häusern des Bergdorfes, redeten miteinander, +und als der Morgen kam, dachte niemand ans Tagewerk.</p> + +<p>Im Bären saßen schon Gäste. Ihre Zahl wuchs, +als die, welche an den Stutz hinausgegangen waren, um +die Größe der Verwüstung zu sehen, zurückkehrten. Sie +brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine +hatte die Leitung der heligen Wasser von den Weißen +Brettern hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter +mit Eis und Schnee gefüllt.</p> + +<p>Also ist heute Wassertröstung! Die Bauern erzählten +sich die Schrecken der Nacht: Die Scheiben klirrten, die +Luft sprengte die Thüren auf, die Betten wackelten, die +Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den Heiligen.</p> + +<p>Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten +freien Lauf. Binia, die der Lärm aus dem Bett geschreckt +hatte, und wie ein aufgescheuchter Vogel verwirrt +und übernächtig von einem Gemach des Hauses zum +anderen flatterte und überall fortgeschickt wurde, hätte +in der großen Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[Pg 43]</a></span> +den Rest der Geschichte zu vernehmen, den ihr Vroni +schuldig geblieben war.</p> + +<p>Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen +hatten, kam an der Stelle, wo die große Arve gestürzt +war, ein weißer Fleck, der Felsen, zum Vorschein und +glänzte, als ob dort ein Stück Schnee nicht weggegangen +wäre. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze +wurde der unheimliche Fleck größer, die Weißen Bretter +wuchsen gespenstisch aus dem dunklen Erdreich, die Wasser +wühlten die Furren<a name="FNanchor_14" id="FNanchor_14"></a><a href="#Footnote_14" class="fnanchor">[14]</a>, schlechte Jahre machten die Gletscher +groß und eines Tages wischte ein Gletscherbruch die Kännel +der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger +wurde, in die Glotter hinab.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14" id="Footnote_14"></a><a href="#FNanchor_14"><span class="label">[14]</span></a> <i>Furre</i> = Furche, Runse, Steilschlucht.</p></div> + +<p>Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte +den Eisbruch — die Wildleutlawine!</p> + +<p>Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel +und in den Dörfern wieder Dürre und Mangel ein. +Der Zorn der Bewohner des großen Thales wandte sich +gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da +sie schuld an dem Unglück seien. Die Dörfer forderten +sie durch Boten auf, daß sie die Leitung wieder herstellen, +doch wagte es niemand, an die senkrechten Weißen Bretter +hinaufzusteigen, Kännel darüber hinzuführen und sie zu +befestigen. Da stellten die Hospeler und die Dörfer im +Thal bei Tremis Wachen auf, sie ließen niemand weder +nach St. Peter hinein, noch von dort nach Hospel hinaus. +»Unglück über uns!« klagten die von St. Peter, aus +Mangel zogen die Venediger über die Schneelücke ab, +das Bergwerk zerfiel und die Füchse wohnten in den<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[Pg 44]</a></span> +Stollen. Die Not wurde immer größer, denn die kleinen +Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf hin anlegten, +gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele +Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der +Seuche, die im Dorfe herrschte, niemand verkündete mehr +das Wort Gottes. Da sagten die von St. Peter. »Ehe +wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere +Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die Söhne und +Töchter heiraten ohne Trauung, die Greise sterben ohne +Beichte und Sakrament, wollen wir uns mit Gewalt den +Thalweg erzwingen.« Mit Sensen und Gabeln fielen +die Männer und Frauen von St. Peter über die Wachen +bei Tremis und töteten sie, aber in der zweiten größeren +Schlacht, die beim Bildhaus an der Gemeindegrenze von +St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie. +Die Krieger aus dem großen Thal drangen bis ins Dorf +vor, raubten und plünderten und die Bewohner mußten +sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben.</p> + +<p>Da kam ein großes Versprechen zu stande, das für +ewige Zeiten ins Landrecht aufgenommen wurde. Die +von St. Peter sollen die heligen Wasser an den Weißen +Brettern vorüberführen und sie vom Gletscher an bis +zum Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame +Wohl forderte, dafür sollen sie ungehindert aus +dem Thale verkehren können und ihre Weinberge zurückerhalten, +die vorderen Dörfer aber sollen die Leitung +von der Brücke an besorgen und Friede immerdar währen.</p> + +<p>Jetzt wußten die von St. Peter, daß ihnen nichts +anderes übrig blieb, als die heligen Wasser, sollte es auch +alle Bürger kosten, an den Weißen Brettern vorüberzuleiten. +Sie bestimmten, daß das Los unter ihnen entscheide,<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[Pg 45]</a></span> +wer von ihnen die großen Eisenringe, in die man +die Kännel hängen wollte, hoch an den gräßlichen Felsen +befestigen müsse. Des Losens war kein Ende, einer nach +dem andern stieg hinauf, schon waren sieben gefallen, das +Wehklagen des Dorfes füllte das Thal, und viele, die +das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit +ihren Haushaltungen über die Schneeberge aus. Da war +ein Ehrloser, Matthys Jul mit Namen, der zu Hospel +an einer Kette im Gefängnis lag, weil er einen andern +Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die +Leitung herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und +Ehre wiedererlange. Man führte ihn an die Weißen +Bretter und siehe da — ihm gelang es, die Reifen festzumachen +und die Kännel zu legen. Die Merkhämmer +klopften, das Wasser floß nach langem Unterbruch wieder +fröhlich durchs Thal; da wurde beschworen, daß jede +Blutschuld gesühnt sei, wenn der Thäter die heligen Wasser +an den Weißen Brettern aus dem Verderben rette.</p> + +<p>Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer +früher, bald ein paar Sommer später, saust die Wildleutlaue +über die Weißen Bretter herunter und zerstört +die Wasserfuhre, immer muß dann ein Mann auf Leben +und Sterben an die Felsen emporsteigen, daß er die +Kännel wieder füge, und geheimnisvoll waltet, wenn sich +kein Freiwilliger meldet, darüber das Los.</p> + +<p>Als vielhundertjährige, durch Brauch und Sitte, ja +sogar durch die kirchlichen Anschauungen geweihte unablösbare +Fron liegt die Instandhaltung der heligen Wasser +auf dem Dorf, der milde Segenspender von Hospel ist +der Drache von St. Peter, der die blühende Mannschaft +des Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[Pg 46]</a></span> +Opfer, das unfreiwillig an die Weißen Bretter +emporgezwungen worden ist; mit den Ueberlieferungen, +die von den Unglücksfällen berichteten, welche an den schrecklichen +Wänden geschehen sind, könnte man ein Buch füllen.</p> + +<p>Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein +an der Brücke, das einst den fröhlichen Bergknappen +als Gotteshaus diente, sagt eine Inschrift, die auch schon +halb verblaßt ist, kurz und schwer: »Welche Trauer! Der +Totfäll' ist kein End'!«</p> + +<p>Sollen die Opfer überhaupt nie enden? — Die +Sage tröstete, einst würde ein Liebespaar St. Peter von +der Blutfron an den heligen Wassern erlösen, aber eine +Jungfrau müsse darüber sterben. Wann? — Ja, wohl +erst, wenn sich die andere Sage erfüllte, daß auf den +Bergen, auf denen jetzt die großen Gletscher liegen, +Rosengärten blühen, der kreisende Adler sich des fallenden +Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt.</p> + +<p>Heute ist Wassertröstung — Losgemeinde. Nur scheu +und verstohlen wagt sich die Frage, die auf allen Herzen +brennt, hervor: Wer wird an die Weißen Bretter steigen +müssen? — Das Los — das blinde Los, wen trifft's? — +Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gemütern, denn keiner +weiß, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne +des Dorfes, die noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert, +sich die Verdammnis ziehen wird, als Bürger +von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu +wagen. Er — oder wenn nicht er, sein Vater, sein +Sohn oder sein Bruder. Auf jedem Herzen liegt die +Furcht und gräßliche Spannung. Da ist kein Unterschied +zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig +Jahren und im Besitze der bürgerlichen Ehren steht, der<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[Pg 47]</a></span> +muß dem Rufe folgen, wenn er aus der Losurne an +ihn ergeht.</p> + +<p>Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen +Wasser gebrochen waren, sollten die Bürger zur Losgemeinde +einberufen werden. So forderten es die alten +Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl +standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht +auf die heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe, +Hochzeit und Begräbnis still. Beim Ehrenverlust durfte +niemand das Thal verlassen, alle hatten dem Klang der +Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang +zur Wassertröstung läuteten. Die Satzungen drängten +auf rasches Handeln, und das war gewiß besser als die +lange Ungewißheit; um so furchtbarer aber lasteten die +kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war +die Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter +nur wenigen bekannt, und die schwiegen.</p> + +<p>Die einen, die im Bären saßen, stierten trübsinnig +in das Glas und der Wein mundete ihnen nicht, die +anderen tranken und johlten dazu.</p> + +<p>St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum +zu lachen und zu reden wagten, war heute laut und +lebendig, der Hälfte der Bewohner hatte die Furcht und +Spannung die Zunge gelöst.</p> + +<p>»Hört! — hört!« Alle drängten sich um den Tisch, +wo der bocksbärtige Bälzi beim Schnaps hockte und prahlerisch +wiederholte: »Ich weiß, was ich weiß — es kommt +nicht zum Losen. Es meldet sich einer.« Allein er blieb +bei dunklen Andeutungen — enttäuscht wandten sich die +anderen von ihm ab: »Er ist ein unzuverlässiger Lump. +Gebt nichts auf den!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[Pg 48]</a></span>Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, daß +sich unverhofft und in den bittersten Nöten ein Freiwilliger +für die gefahrvolle Arbeit meldete. Im Anfang +des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der umsonst +beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten +hatte. Er legte die Kännel, und die Gemeinde trat +für ihn als Freiwerber ein. Im Jahre 1819 fiel ein +Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten Vater, der +wandeln mußte, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem +zweimal das Los gewählt, hatte sich vor vierzehn Jahren +Hans Zuensteinen freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang +war die Lösung eines Gelübdes, das er für die glückliche +Errettung seines Weibes aus dreitägigen Nöten bei +der Geburt Eusebis gethan hatte.</p> + +<p>Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden +verliehen, das er musterhaft verwaltete.</p> + +<p>Wunderbar wäre also nicht, wenn auch jetzt wieder +einer, von den geheimen Mächten des Lebens getrieben, +aufstehen und den Bann von der Gemeinde nehmen würde.</p> + +<p>Susi, die alte Trottel von Haushälterin, und Mägde +aus dem Dorf besorgten die Wirtschaft, der Presi ließ +sich seit einer halben Stunde nicht blicken, aber wenn +die Gäste gehorcht hätten, so hätten sie seine schweren +Schritte durch die Decke über sich gehört.</p> + +<p>»Gott's Maria und Sankt Peter — Räusche haben +wir alle gehabt.« — Jetzt stand er im Selbstgespräch still +und stützte sich auf den Tisch. »Ich muß hinter sich +machen.« Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er +that, als wolle er es zerreißen. Er legte es aber wieder +hin. »Was angefangen ist, muß man vollenden.« Er +lief und wiederholte: »Dumm« — »dumm« — »dumm.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[Pg 49]</a></span>Der Mann kämpfte gegen sich selbst, daß ihm die +hellen Schweißtropfen auf der Stirne standen. Er hatte +nichts Großes gegen Seppi Blatter; der war ein geplagter +Mann, der mit seinem Fleiß ein besseres Fortkommen +verdient hätte, und der Verkauf des Rindes +war nicht von Wichtigkeit. Man durfte als Presi nicht +kleinlich sein. Der ganze Handel war ein Streich des +Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt +von Seppis Widerstand, prüfen wollen, ob er ihn +nicht doch herumbringe. Ja, wenn die Sache zwischen +ihm und Seppi geblieben wäre, dann hätte er schon +rückwärts krebsen können, aber der Bäliälpler wußte davon, +Bälzi — und der Garde. Ohne den offenen oder +heimlichen Spott dieser herauszufordern, ging's nicht ab. +Nun — und ob! Wieder griff er nach dem Papier.</p> + +<p>Da klopfte es. Der krummmäulige, bogennasige +Bäliälpler, der vorher ein rechter Mann gewesen war, +aber seit dem Tod seiner zwei schönen Kinder den Halt +verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: »Presi, mich +drückt's — in die Geschichte will ich nicht gesponnen +sein. Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. Ich +habe einen Rausch gehabt.«</p> + +<p>»Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz!« +erwiderte der Presi heiter; »natürlich kann Seppi nicht +behaftet werden, wir müssen halt losen!«</p> + +<p>Er hatte sich im Augenblick entschieden, der Bäliälpler +schien ihm wie ein Helfer der Vernunft und er +begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur Thüre. Da hörte +er Binias glockenhelle Stimme:</p> + +<p>»Nein, nein, alte Susi, zu Fränzi lasse ich mich +nicht schicken, Seppi Blatter ist ein wüster Mann, der<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[Pg 50]</a></span> +hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen und mich fortgejagt.«</p> + +<p>Der Presi traute seinen Sinnen nicht — horchte — +schnob: »Binia, daher!« und zog das Kind, das, nichts +Gutes ahnend, flüchten wollte, in sein Zimmer.</p> + +<p>»Wie hat dich Seppi Blatter genannt?« — Die +Kleine schwieg. Da rüttelte er sie zornrot und wiederholte +keuchend die Frage.</p> + +<p>»Schlechthundekind,« weinte die Kleine leis.</p> + +<p>»Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind! +Seppi, du mußt ans Brett!«</p> + +<p>Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her, +er stampfte, daß man es in der Stube unten hörte. Binia +erspähte die Gelegenheit, um aus dem Zimmer zu wischen, +wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei, +kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel, +der auf den Estrich führte, wohl weil er durch +Gerümpel verstellt war, dem Druck ihrer kleinen Hände +nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf den +Specksteinofen.</p> + +<p>Da pochte es.</p> + +<p>»Herein! — Ihr, Fränzi Blatter? Was wollt Ihr?«</p> + +<p>Der wilde Mann meisterte seinen Zorn — er schob +ihr einen Stuhl hin.</p> + +<p>Fränzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern, +die ihresgleichen nicht aus dem Wege gingen, wurden +kleinmütig vor ihr. Schon ihre Erzählkunst, die sie an +langen Winterabenden im Kreise der Dörfer übte, gaben +ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine, +die mehr erlebt hat, mehr weiß, mehr denkt, mehr fühlt +als die andern. Ob sie gleich die Spuren schwerer Arbeit<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[Pg 51]</a></span> +an sich trug, so war sie doch ein Weib, dem der Wiederschein +dessen, was sie reich in der Seele lebte, in Augen +und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh. +Und vor allem war sie eine rechtschaffene Frau.</p> + +<p>Der Presi und sie maßen sich einen Augenblick, sie +den Gegner in Bescheidenheit und tiefer Trauer.</p> + +<p>»Gebt mir das gemeine Papier zurück, Presi!« sagte +sie, indem sie ihn mit ihren großen blauen Augen ruhig, +fast freundlich anblickte.</p> + +<p>»Geschrieben ist geschrieben, Fränzi!« In barschem +und bedauerndem Ton sprach es der Presi.</p> + +<p>»Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift +— — du bestehst darauf, Peter!«</p> + +<p>Der Presi zuckte zusammen und krümmte sich, als +sie ihn duzte, sein Gesicht wurde fahl. Eine Welt +voll schöner und peinigender Erinnerungen stand in +ihm auf.</p> + +<p>»Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der +Nacht an mein Fensterchen gepocht. Du hast in meinem +Kämmerchen geweint und auf den Knieen gefleht: 'Fränzi, +erhöre mich, ich bin verloren, wenn du mich nicht rettest, +ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen +guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich +und sechs Wochen warst du mir gut. Dann söhntest du +dich mit dem Vater aus und nahmst auf sein Drängen +Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie, +denn du hast sie nicht geliebt.«</p> + +<p>»Wozu das, Fränzi?« sagte der Presi dumpf und +hilflos vor der Würde des Weibes, das vor ihm saß.</p> + +<p>»Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen +Leid, das du mir damals zufügtest, das Recht erworben,<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[Pg 52]</a></span> +daß du meinen Mann und mein Haus in Ehren haltest +und ihnen unnötig nichts Leides anthuest.«</p> + +<p>Der Presi schluckte: »Ihr Frauen versteht nichts von +dem — und Fränzi — ich muß mein Geld und die Gemeinde +einen Mann haben. Keiner ist wie Seppi für +das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!«</p> + +<p>»Ich will dir sagen, warum Seppi gehen muß. Du +hast es ihm nie verziehen, daß er mein Mann geworden +ist. Du wolltest mich, das arme Mädchen, nicht mehr +für dich, aber du gönntest mich auch keinem anderen. Wie +David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du +Seppi an die Weißen Bretter — nicht daß du mich, das +schon fast alte Weib, mehr möchtest, aber du hassest ihn!«</p> + +<p>So sprach Fränzi mit ihrer tiefen und schönen +Stimme.</p> + +<p>Der Presi zitterte und mußte sich halten. Zog ihm +Fränzi Schleier von den Augen? — Ja! Vorgestern, +wie er als Frischverlobter von Hospel gegangen war, da +war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm vorübergezogen. +Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war +er auch nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine tüchtige +Wirtin war, die sechs heimlichen Wochen mit Fränzi +waren sein einziges sonniges, großes Liebesglück gewesen. +Er, Tölpel, hatte das jahrzehntelange Glück, das vor +ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp, +was er selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gefühl +war er Seppi aufsässig gewesen. — Seit Fränzi +gesprochen, wußte er es.</p> + +<p>»Gieb mir den Vertrag, Peter!« sagte Fränzi gütig.</p> + +<p>Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: »Ich +lasse mein Kind von euch nicht Schlechthundekind nennen!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[Pg 53]</a></span>Fränzi fuhr zusammen: »Peter, vergieb Seppi, er +hat in seiner Qual nicht gewußt, was er sagte!«</p> + +<p>Sie war aufgestanden, sie hatte seine Hände ergriffen, +sie sank vor ihm in die Kniee, umklammerte seine Fäuste: +»Peter, Peter, sei barmherzig!«</p> + +<p>Seltsam! — In ihrer wilden Erschütterung gefiel +ihm Fränzi wieder — er mißtraute aber der Empfindung +— er fürchtete eine Uebereilung — darum war er +hart gegen sie. Er schleuderte sie röchelnd von sich: +»Das Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden. +— — Und das 'Schlechthundekind' muß gestraft +sein!«</p> + +<p>Als er sie von sich stieß, löste sich Fränzis prächtiges +dunkles Haar, mit fliegender Brust stand sie einige Schritte +entfernt vor ihm; die Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre +verjüngt, aber ihre Stimme zitterte.</p> + +<p>»Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen, +so sei's um deinet- und Binias willen — sei barmherzig +gegen dich selbst — und gegen dein Kind!«</p> + +<p>Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch +an, wüste Züge entstellten sein Gesicht und +gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die Augen traten +hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er: +»Fränzi — ich will alles wieder gut machen, Fränzi +— — aber gieb mir einen Kuß — wie einst!«</p> + +<p>Sie starrte ihn verständnislos an; dann fragte sie +allen Ernstes: »Bist du wahnsinnig geworden, Peter, — +ich habe ja einen Mann und Kinder!«</p> + +<p>»Dann geh'!« knirschte er.</p> + +<p>»Ich gehe, aber noch einmal: mache das Böse gut — +sonst — Peter — bei der seligen Beth — die vom Himmel<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[Pg 54]</a></span> +auf dich sieht — bei den armen Seelen, die im +Eise stehen — es kommt ein Schaden über dein Kind — +und Beth — das weißt du — hat auf dem Totbett gesagt, +ich möchte dich mahnen, wenn Unglück für Binia +im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich nicht selbst!«</p> + +<p>»Seit wann bist du unter die Bußpfaffen gegangen, +Fränzi?« Und mit steigender, kreischender Stimme schrie +er: »Jetzt mache, daß du fortkommst, sonst —«</p> + +<p>Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Fränzi.</p> + +<p>Da wich sie der Gewalt des Wütenden.</p> + +<p>In der Aufregung des Gesprächs hatten die beiden +nicht bemerkt, wie zwei dunkle, glühende Kinderaugen, +wie ein blasses, schmerzentstelltes Kindergesicht in fiebernder +Spannung zwischen den Vorhängen des Ofens hervor +jedem ihrer Worte gefolgt waren.</p> + +<p>Als Fränzi gegangen war, sank der Presi auf einen +Stuhl, hielt den Kopf mit der Hand und stöhnte: »Daß +ich nie gelernt habe, rückwärts zu krebsen — daß ich +diesen harten Kopf nicht brechen kann. Fränzi, du hast +mehr als recht, — mit sehenden Augen renne ich ins +Unglück.« — Seine Lippen zuckten im Selbstgespräch.</p> + +<p>Da kam Susi: »Presi, die Gemeinderäte sind da — +es ist alles für die Sitzung bereit.«</p> + +<p>Er warf einen Blick ins Freie.</p> + +<p>Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen +auf ihren Maultieren, sie trugen das sonntägliche Gewand, +viele waren von ihren Angehörigen begleitet, die +ebenfalls ritten, so daß jede Familie eine schöne Gruppe +bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die +Farbenpracht der Trachten, die an weltlich festlichen +Tagen dem Glotterthaler Völklein eigen ist. Man sah<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[Pg 55]</a></span> +nur das schlichte Kirchenkleid, die Männer trugen die +dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien, +den schwarzen Filz ohne Blumen, die Frauen hatten über +die Büste dunkle Brusttücher gekreuzt und an den Hüten +flatterten die Bänder in gedämpften Farben. Manche +drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei tönte +durch die Berge; von weitem sah man, daß die Leute +nicht lachen mochten und das Wort im Herzen verschlossen. +Wozu reden? Jeder und jede wußte, was die Gedanken +des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte, +er würde den Gang an die Weißen Bretter wagen, trug +heute ein doppelt bekümmertes Sündergesicht zur Schau. +In feierlicher Ruhe strömte das Volk von allen Seiten +ins Dorf und an den Häusern standen einzelne Maultiere +angebunden, besonders viele an der langen Stange +vor dem Bären.</p> + +<p>Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit +Seppi Blatter kommen, beide waren sehr ernst und feierlich. +Der Garde schien größer als sonst, er trug seine Amtstracht, +einen Hut mit wallenden blauschillernden Hahnenfedern, +das Schwert am Gurt, die Binde am Arm.</p> + +<p>Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit, +wie er das Zünglein der Wage schwenken wolle, aus seiner +Stube in die schwere Sitzung.</p> + +<p>Früh am Morgen war der Garde in die Wohnung +Seppi Blatters gekommen und hatte ihn in all seinem +Kleinmut gefunden. »Begleitet mich zur Schau, wie die +Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbrüche zu +fürchten sind,« redete er ihm zu. Seppi that es wohl, +daß sich in dieser Stunde jemand um ihn kümmerte. Der +Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer, daß er<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[Pg 56]</a></span> +erzähle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen +sei. Als er den Verlauf gehört hatte, zog er +ein paar Banknoten aus der Brieftasche: »Da, Seppi, +noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und tilgst +den Brief. Ich werde dir kein harter Gläubiger sein. +Wenn er Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist +nichts!«</p> + +<p>Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt +sei ihm mehr gut, glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit, +die er zu Hause am Leib gespürt, war in Lebenslust +verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte +ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn fröhlich. »Darf +ich es auch annehmen?« fragte er glückselig, dann jubelte +es in ihm: »Frei — frei!« Seine Zunge war gelöst, +der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so heraus: +»O, Garde, glaubt nicht, daß es mir an Mut fehlt, an +die Weißen Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer +häufig genug am Seil gehangen und weiß wohl, daß +mein Leben Tag um Tag an einem Faden hängt, aber +ich habe es nicht verwinden können, daß ich auf eine so +mißliche Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die +Maus in die Falle — und ich habe es der Fränzi nicht +sagen dürfen — gekrümmt und geklemmt hat es mich — +sie ist ein so himmelgutes Weib.«</p> + +<p>Die Männer waren auf die Unglücksstelle gekommen, +mit dem Fernrohr musterte der Garde die Zerstörungen +an der Leitung, die Abbruchstelle des Gletschers, und wohl +eine Stunde lang tauschten die beiden ihre Beobachtungen. +»Es ist wie vor vierzehn Jahren, die Kännel sind alle +weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu fürchten.« Der +Garde begann behaglich aus seinen großen Erinnerungen<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[Pg 57]</a></span> +zu erzählen, was jede Stelle an den Weißen Brettern und +in den Wildleutfurren für besondere Schwierigkeiten habe +und mit welchen Vorteilen man sie am besten überwinde. +Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und +röter. »Garde!« schrie er plötzlich, als sprengte es ihm +die Brust, »ich steige an die Weißen Bretter. Freiwillig +gehe ich.«</p> + +<p>Der Garde maß ihn lange mit durchdringendem +Blick; dann sagte er langsam und tief: »Gut, so geht! +Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's Euch ernst.«</p> + +<p>»Weiß Gott!« bestätigte Seppi. Der Garde reichte +ihm die Hand: »Fränzis und Eurer Kinder wegen sollte +ich Euch zurückhalten, aber die Fron liegt einmal auf +der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner, +der das Werk eher zu stande brächte als Ihr; Gott, der +es Euch eingegeben hat, hinaufzusteigen, wird Euch schützen. +Es liegt ein Segen auf der freiwilligen That — ich habe +es erfahren.«</p> + +<p>Stumm gingen die Männer ins Dorf zurück, der +Garde sagte: »Jetzt laßt mich mit der Fränzi sprechen, +wartet.«</p> + +<p>Sie war eben vom Presi zurückgekehrt, schweigend +und mit gefalteten Händen hörte sie die Rede des Garden.</p> + +<p>In herzzerbrechendem Ton sagte sie: »Wohl, wenn +ihn Gott berufen hat, so darf ich ihm nicht in den Arm +fallen. Es wird schon ein Glück darauf sein!«</p> + +<p>Der Garde erwiderte bewegt: »Ich danke Euch, +Fränzi, — ich bin amtsmüde — ich lege heute die Stelle +im Gemeinderat nieder, — Seppi Blatter mag der neue +Garde werden.«</p> + +<p>»O, Garde!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[Pg 58]</a></span>Aber Hans Zuensteinen war schon gegangen. — —</p> + +<p>Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf +dem Kirchhof, der im Nelkenschmuck rot erglüht war.</p> + +<p>Die Männer hatten die Hüte gezogen und standen +in Gruppen, einzelne auch mit Weib und Kind an den +Gräbern Eigener, über welchen die Blumen wogten. +Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten. +Aber auch in ihr Leben hatte die Wildleutlawine die +bangen Tage gebracht. War eine Familie im Dorf, die +in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der heligen +Wasser zu beweinen gehabt? — Kaum eine!</p> + +<p>Endlich verstummten die Glocken, die Männer nahmen +Abschied von den Ihrigen — Seppi, der soeben +gekommen war, sprach mit Fränzi und den Kindern — +und wären die anderen nicht ganz im eigenen Kummer +gefangen gewesen, so hätte ihnen die fahle, schmerzzerrissene +Gruppe schon die Lösung eines Geheimnisses gebracht.</p> + +<p>So blieben die Dörfler alle in dunkler Furcht und +gräßlicher Spannung. Nur Bälzi, der wein- und schnapsselig +unter seinen bleichen Würmern stand, hatte das Bild +gesehen und lachte blöd.</p> + +<p>Vom Bären herüber bewegte sich der Zug des Gemeinderates, +vor ihm her trug der Weibel, der angedöselt +war, so daß der Zweispitz auf seinem Kopfe +schwankte, die silberne Losurne.</p> + +<p>Hinter dem kleinen Zug schloß sich die Kirchenthüre.</p> + +<p>Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee, +ins blühende Gras; das Gesicht gegen die Kirche gewendet, +sandten sie die leidenschaftlichen Fürbitten für die Ihrigen +zum Himmel, ihr heißes Murmeln schwoll wie Windesrauschen<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[Pg 59]</a></span> +an und ab. Manche weinten, dicht an die +Mütter drängten sich die Kinder, die noch kaum wußten, +was ihre lallenden Gebete sollten.</p> + +<p>Fränzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den +anderen auf den Knieen und ihre Thränen strömten reichlich. +Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das flammende Beten +der drei bewegte ihn so, daß er seine Stotterzunge vergaß +und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den +Himmel hinaufschickte.</p> + +<p>Am weißen Kirchturme, der eine etwas plumpe +Nachahmung eines italienischen Campanile war, schlich +der Uhrzeiger mit tödlicher Langsamkeit, so langsam, +daß einmal eine Stimme schrie: »Die Uhr geht nicht!« — +Aber sie ging. »Erst eine halbe Stunde tagen sie!« +jammerten die Weiber.</p> + +<p>Plötzlich schrie die Frau des Fenkenälplers auf: »Ich +halt's nicht mehr aus,« sie sprang an die Kirchenthüre, +sie rüttelte am Schloß, sie schlug wie besessen die Fäuste +auf die Füllung der Thüre. Umsonst, die Männer hatten +sich eingesperrt.</p> + +<p>Noch eine halbe Stunde! — Drei Weiber zugleich +poltern an die Thür des Gotteshauses, ein anderes liegt +ohnmächtig in den Nelken, die Gebete rauschen nicht +mehr, sie rasen zum Himmel.</p> + +<p>Da knarrt das Schloß — der Weibel tritt hervor. — +Tödliche Stille — »Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt!« +— Lautes Weinen bildet die Auslösung der Spannung.</p> + +<p>Aus der Kirche ergießt sich die dunkle Schar der +Männer. Die Weiber stürzen schreiend auf sie zu und +umhalsen sie: »Jetzt wollen wir wieder friedlich zusammen +leben und arbeiten! — nie wollen wir zanken!« Und<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[Pg 60]</a></span> +der Bäliälpler und sein Weib, die einander nicht mehr +leiden mochten, versöhnen sich.</p> + +<p>Bälzi schreit: »Es lebe Seppi Blatter, der neue +Garde!« und schwenkt den Hut.</p> + +<p>Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenblaß, doch +hoch aufgerichtet.</p> + +<p>»Vater!« — ruft Josi und hält ihn umschlungen, +»ein Held will ich sein wie du — ich gehe mit dir.«</p> + +<p>»Du bleibst bei der Mutter!« sagt Seppi bewegt. +Fränzi ist an seine Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe +sich ihr das Herz in der Brust.</p> + +<p>»Du himmelgutes Weib!« Er küßt ihr dunkles +schwellendes Haar. »Kommt — kommt!«</p> + +<p>Dicht aneinandergedrängt bewegt sich das Vierblatt +von Eltern und Kindern am Bären vorbei.</p> + +<p>Die Leute ziehen vor ihm ehrfürchtig die Hüte. Auf +der Freitreppe steht der Presi. Wie er Seppi Blatter +sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist nicht gut. Die +Ueberraschung, daß das Aeckerchen bezahlt worden ist +und Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat +ihm einen großen Stoß gegeben.</p> + +<p>Jetzt wallt das Volk in den Bären. Dem Schrecken +darf ein Trunk im stillen folgen. Laut sein ist nicht +schicklich, aber in gedämpftem Gespräch stoßen die Dörfler +mit den Gläsern an:</p> + +<p>»Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, mögen ihm +Gott und die Heiligen fröhliche Wiederkehr schenken!«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[Pg 61]</a></span></p> +<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.</h2> + + +<p>Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die +Wohnung Seppi Blatters. In stummer Fassung saß die +Haushaltung da, Frau Fränzi wie ein Marterbild, Vroni +mit den Thränen kämpfend, Josi voll Neugier und freudiger +Zuversicht.</p> + +<p>»Seppi Blatter,« sagte der Garde, »es ist alles geordnet, +die bestellte Mannschaft mit den Reifen und den +Känneln nach dem Glottergrat unterwegs. Sie übernachten +in der oberen Balm<a name="FNanchor_15" id="FNanchor_15"></a><a href="#Footnote_15" class="fnanchor">[15]</a>, die Führung der Posten +übernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und +was von uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, +wird treulich und gewissenhaft besorgt. Und so Gott +und die Heiligen wollen, Seppi Blatter, daß Ihr gesund +zurückkommt, so gehen also der Gardenhut, Schwert und +Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht +jedem abtreten würde. Euch aber schon und gern. Vierzehn +Jahre war ich auf dem Posten, fast zu lange, +und ich habe Arbeit genug auf Acker und Maiensäße und +im Weinberg.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15" id="Footnote_15"></a><a href="#FNanchor_15"><span class="label">[15]</span></a> <i>Balm</i> bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs +überhängt.</p></div> + +<p>Seppi Blatter errötete. Als Garde war er und<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[Pg 62]</a></span> +sein Haushalt jeder Not überhoben, aber bescheiden sagte +er: »Ich werde das Amt wohl nicht versehen können, ich +habe schon die Hände, aber nicht den Kopf dafür.«</p> + +<p>»Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid +— im übrigen ist's im Gemeinderat gut gegangen. Es +wäre ungeschickt gewesen, wenn der Vertrag der Losgemeinde +hätte vorgelegt werden müssen. So sieht es +besser aus, auch für Euch, noch mehr für den Presi und +dient dem allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit +Euch einfach verrannt, aber, wie er ist, wenn die vorderen +Räder des Wagens in den Kot gefahren sind, so +hat er die Gnade nicht, 'Hüst' zu rufen. Nein, wenn +die heilige Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem +Wagen säße, die Hinterräder müssen auch hinein. Aber +gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die Deichsel gestanden +ist und kehrt gemacht hat.«</p> + +<p>»Ihr, Garde!«</p> + +<p>»Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. +Nur eins. Ueber diese Vertragsgeschichte muß +Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn sie bekannt +würde, so wäre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr +werdet, wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren +habt, sehen, daß er gar nicht so ungrad, nicht so +hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von Zeit zu Zeit +der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.«</p> + +<p>Der Garde stand auf: »Also um ein Uhr.«</p> + +<p>Als Seppi und Fränzi Blatter ihm das Geleit unter +die Hausthüre gaben, blies der Senn auf der Fenkenalp +durch seinen Milchtrichter den Heligen-Wasser-Segen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die heligen Wasser behüte uns, Gott,<br /></span> +<span class="i0">Behütet sie, ihr lieben Heiligen!<br /></span> +<div><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[Pg 63]</a></span></div> +<span class="i0">Sankt Peter nimm den Schlüssel zur Hand,<br /></span> +<span class="i0">Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand,<br /></span> +<span class="i0">Führ' den Seppi auf dem bösen Weg,<br /></span> +<span class="i0">Schließ' seinen Fuß fest an den Steg,<br /></span> +<span class="i0">Du hast den Schlüssel und Gottes Gewalt,<br /></span> +<span class="i0">Sorg', daß der Seppi Blatter nit fallt!<br /></span> +<span class="i0">Die heligen Wasser behüte uns Gott,<br /></span> +<span class="i0">Und ihr liebe Heilige alle!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Das klang und wogte durch die geröteten Berge, +die den Wiederhall zurückwarfen, als sängen Himmel und +Erde. Und Fränzi umarmte ihren Mann.</p> + +<p>Rückblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte +gegangen: »Wenn Ihr ein paar Stunden schlafen könnt, +Blatter, so thut es!«</p> + +<p>Und als er den anderen aus Hörweite gegangen +war, knurrte er: »Das Wetter ist entsetzlich schön, kein +Wölkchen am Himmel.« — —</p> + +<p>Mitternacht! Das Glöckchen von St. Peter läutet. +Jetzt wissen die Bewohner, die vom Schrecken des Tages +ausruhen, daß der Pfarrer und der Mesner mit den +Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts drängt die +Gefahr, die an den Weißen Brettern lauert, so brennend +vor die Augen, wie die Thatsache, daß selbst die allbarmherzige +hoffnungsreiche Kirche den halb verloren giebt, +der an die Felsen steigt.</p> + +<p>Sie reicht ihm ihre Tröstungen.</p> + +<p>Der Priester spricht zu Seppi Blatter: »Du hast gebeichtet +und den Leib des Herrn gegessen. Du gehörst +nicht mehr dieser Welt, lege ab die irdischen Gedanken +und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in seiner +grenzenlosen Güte der Erde zurück, so dank' es ihm +ewiglich.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[Pg 64]</a></span>Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt, +sieht drei große gelbe Augen, die gegen das Haus leuchten, +die Windlichter für den Marsch durch den dunklen +Wald. Er sieht ein Trüppchen Männer.</p> + +<p>»Vater, ich will mit dir gehen!« fleht er.</p> + +<p>»Bist ein thörichter Bub<a name="FNanchor_16" id="FNanchor_16"></a><a href="#Footnote_16" class="fnanchor">[16]</a>.« Rauh sagt es Seppi +Blatter. Josi weiß, es ist nicht böse gemeint, aber die +Thränen treten ihm in die Augen.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16" id="Footnote_16"></a><a href="#FNanchor_16"><span class="label">[16]</span></a> <i>Bube</i>, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die +Nebenbedeutung des Verächtlichen, die das Wort im Schriftdeutschen +angenommen hat.</p></div> + +<p>Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als +fehle denen draußen der Mut, stark zu klopfen.</p> + +<p>Lautes Weinen erhebt sich in der Stube — unter +der Thür erscheint der Garde, er zieht das dicke Nürnberger-Ei +aus der Tasche. »Im Augenblick ist es eins!«</p> + +<p>Garde und Pfarrer ziehen sich zurück, die Haushaltung +Blatter ist allein. Geduldig warten die Männer, +da kommt vom Kirchturme herüber der schwere scharfe +Einsschlag.</p> + +<p>Seppi Blatter tritt unter die Hausthüre: »Ich bin +bereit!« Fest und mannhaft soll es klingen, aber es +rasselt, daß es den Männern schier die Brust zerreißt. +Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln, schauernden +Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe +Punkte.</p> + +<p>Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: »Vater, +behüt' dich Gott, Vater!« — Und hoch aus dem Wald +kommt noch einmal seine Stimme zurück.</p> + +<p>»Er jauchzt, er hat Mut!« versetzt Josi mitten in +Thränen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[Pg 65]</a></span>»Fränzi! hat er geschrieen — der Mutter hat er +gerufen!« Vroni will's sagen, aber sie kann nicht sprechen +vor Weh.</p> + +<p>Fränzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube, +gelähmt und stumm — sie weinen nicht mehr — sie +starren vor sich hin.</p> + +<p>Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den +Mesner hat er fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet +die Strähnen weißen Haares und die hundert +feinen Fältchen seines bäuerlich ehrwürdigen Gesichts. +Er kann Fränzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt. +Wozu reden?</p> + +<p>Mit gesenkten Lidern, die mageren Hände ineinander +gekrampft, sinnt er. Indem er die Menge schwerer +Gänge überdenkt, die ihm die Pflicht in vierzig Jahren +überbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften Bildern +an ihm vorbei. Er hat gekämpft und gelitten. Als +er im Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden +Naturforscher für einen Abgesandten des Teufels genommen +hatte, da regnete es Hohn auf ihn und bitter +erkannte er, daß man, um als Pfarrer durchzukommen, +von der Welt ebenso viel wissen muß, wie vom Himmel +und der Hölle. Aus der Stadt, wo der Gelehrte hauste, +der ihn mit einer übertriebenen Schilderung der Ankunft +in St. Peter der Lächerlichkeit preisgab, ließ er Bücher +kommen. Er las sie und wurde irre am Glauben. In +der Verzweiflung verbrannte er die Schriften, bei dem alten +Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe, kehrte in den +Glauben zurück und seit dreißig Jahren war er von +inneren Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm +von oben geboten war, nur mit einem Zusatz: dem Teufel-<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[Pg 66]</a></span> +und Dämonenglauben, der ihn so genarrt, war er abhold, +ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr +als im Glotterthal? Er kränkte sich, daß seine Herde fast +stärker als an die Heilswahrheiten der christlichen Religion +an Vorstellungen festhielt, die heidnischen Ursprungs +waren, so an der hartnäckigen Einbildung, daß die Abgestorbenen +zur Sündenreinigung nicht ins Fegefeuer, +sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er ärgerte +sich am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit +blühte, und an Johannes, dem falschen Kaplan, der, +indem er sich an die Weiber hielt, das Dorf in einen +immer tieferen Aberglauben stieß.</p> + +<p>Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er +doch gelernt hatte, Leute und Leben zu nehmen, wie sie +sind, und, wenn ihm etwas über die Leber kroch, sich zu +seinem Bienenstand zurückzuziehen.</p> + +<p>Vroni war mit einer Thräne an der Wimper eingeschlafen, +die Schrecken der gestrigen und heutigen Nacht +forderten Auslösung.</p> + +<p>Josi weckte den Pfarrer aus seinem Brüten: »Es +tagt, jetzt sind sie schon über dem Wald.«</p> + +<p>Der Pfarrer erwiderte: »Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession, +wenn es euch recht ist, so gehe ich jetzt +heim.«</p> + +<p>Da hob Fränzi das schmerzlich verträumte Haupt: +»O geht nur. Ich will wachen, ihr aber, Kinder, müßt +noch etwas ruhen!« Sie brachte die in einen bleiernen +Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe.</p> + +<p>Sie aber wachte.</p> + +<p>Der Morgen war empfindlich kühl, der Himmel rein, +die Felsen der Krone standen wie die Mauern eines<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[Pg 67]</a></span> +Münsters, ihre Firnen funkelten wie frischgegossenes Silber, +im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. +Ueber den Stutz herauf erklang das Glöcklein der Lieben +Frau an der Brücke.</p> + +<p>Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die +Wallfahrt. Die alte Kirchenfahne, auf der St. Peter mit +dem Schlüssel etwas ungeschickt hingemalt ist, knistert +leise. Der Mesner führt sie. Die weißen kurzen Ueberhemden +der paar Kreuzträger schimmern. Unter einem +vom Alter gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit +dem stahlblauen Firmament nicht messen kann, und +beim Zug über den Stutz hinunter manchmal bedenklich +schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trägt +das Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den +Rosenkranz und betet der Gemeinde mit lauter Stimme +vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden vom +Presi und drei Gemeinderäten gehalten, denn wenn jener +schon ein verdächtiger Sohn der Kirche ist, erfüllt er aus +Klugheit alles treulich, was sie nach Sitte und Brauch +von ihm fordert. Hinter dem Thronhimmel trippelt die +Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi, Vroni, +Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen +Augen verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und +Männer.</p> + +<p>So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an +die Weißen Bretter steigen muß.</p> + +<p>Wie die Teilnehmer die Felsen sehen können, spähen +alle einen Augenblick dort hinauf, aber an den hellschimmernden +Wänden ist noch nichts weiter zu entdecken, +als daß die Kännel fehlen. Das Wasser der Glotter hat +sich durch die schauerlichen Eistrümmer gefressen, die in<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[Pg 68]</a></span> +der Schlucht liegen, und einzelne der niedergefegten Kännel +ragen aus ihnen hervor.</p> + +<p>Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei über +die Brücke zur Kapelle und kniet vor ihr nieder, aber +die Gebete rauschen nicht so heiß wie gestern um die +Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen +Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewiß +ist die Fürbitte für ihn heilige Pflicht, aber bis sein +Werk gethan ist, bis das Glöcklein aufhört zu bimmeln +und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug anrufen.</p> + +<p>Die Männer gehen oder schleichen sich hinweg und +zurück gegen den Stutz, die Knaben folgen dem Beispiel, +nach einiger Zeit besteht die Gruppe der Betenden +vor der Kapelle nur noch aus einem Häufchen Weiber, +die um Fränzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich +im Teufelsgarten, oder etwas höher am Schmelzberg, +und starren an die Weißen Bretter hinauf.</p> + +<p>Der Presi trägt eine rote Fahne, seitwärts von den +Weißen Brettern schimmert auch eine solche, eine dritte +vermag man auf der mittleren Spitze der Felsen zu erkennen.</p> + +<p>»Der Garde hält sie!« Josi, der, die Hände in +den Hosensäcken geballt, unter den Männern steht, hat +Zutrauen zu ihm.</p> + +<p>Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste +Fahne. Es schwebt etwas von oben die gräßlichen Felswände +hinab, das wie ein Strohhalm aussieht, der an +Bindfäden hängt. »Sie sind am Werk!« Strohhalm um +Strohhalm senkt sich aus der Höhe, manchmal bleibt +einer zu hoch, manchmal kommt einer zu tief. Der Presi<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[Pg 69]</a></span> +schwingt je nachdem die Fahne, bald stark abwärts, bald +fest aufwärts, und wenn sich die Halme verschoben haben, +so schwenkt er die Fahne seitwärts. Oft entsteht Unordnung +in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen +wieder aufwärts und kommen hübsch hinunter. +Auf dem ersten Strohhalm bewegt sich ein kleines drolliges +Wesen.</p> + +<p>»Das ist der Vater!« denkt Josi und freut sich, daß +er solch einen Vater hat. Die Augen des Knaben sind +flehentlich auf den Glottermüller, der das Gemeindefernrohr +in den Händen hält, gerichtet.</p> + +<p>»Darfst einmal durchgucken!« quiekt der kahlköpfige +Müller, der eine Stimme wie ein Weib hat, »schau nur, +wenn ihr das Mehl schon lieber in Hospel holt als bei +mir.«</p> + +<p>Jetzt hält es Josi! Durch das Glas scheinen die +Bindfaden Seile, die Strohhalme Kännel, auf einem +davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht nicht +erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch +das Rohr scheint alles nah und man erkennt erst recht, +was für fürchterliche Felsen die Weißen Bretter sind. +Bis in alle Höhen keine Planke, nirgends eine Rinne, +wo ein Büschel Gras hervorwachsen könnte. Senkrecht +sind sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur +in den Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie +von Geistern gesetzt die Klippen und Türme des harten +Felsens, während der weichere Stein im Laufe der Jahrhunderte +abgewittert ist.</p> + +<p>Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun +strecken sich die Hände anderer nach dem Glas. Er reicht +es weiter. Das Bild seines Vaters hat er fest gefaßt,<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[Pg 70]</a></span> +seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie +der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den +schwankenden Känneln steht und sich von einem zum anderen +schwingt. Immer deutlicher wird übrigens auch +ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem +Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand +geworfen hat, in die Sonne, die auf die Weißen Bretter +zu leuchten beginnt. Der Vater prüft die gewaltigen +eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die Felsen +vermörtelt, verkeilt und verankert hat, daß sie jetzt noch +Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele +der leichten eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten +Enden der Kloben gehen, sind von der Gewalt der Lawine +zerrissen und müssen ersetzt werden, manche haben +nicht gelitten, sondern die Kännel sind einfach aus ihnen +herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der +ein eiserner Haken ist, holt Seppi die neuen Schlaufen +ein, die an einem Seil an der Wand herniederhangen. +Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die Nietenköpfe +des einen Endes passen in die Löcher des anderen Endes, +mit einem einzigen Griffe schließen sich die Reife. Im +Lauf der Zeiten hat man manche Vorteile gelernt, die +Bearbeitung des Eisens und die Handgriffe beim Legen +der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der Leute +von St. Peter, ein Stück bäuerlicher Ingenieurkunst. +Und dafür, daß immer ein genügender Vorrat von Seilen, +Känneln und Schlaufen da ist, sorgt der Garde; in +Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es keine +Knauserei und keinen Widerspruch.</p> + +<p>Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer +ermattet. Seppi Blatter arbeitet sicher. Von<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[Pg 71]</a></span> +Zeit zu Zeit erneuert das Glöcklein der Kapelle sein +Bimmeln, es mahnt. »Betet, betet für den Mann, der +einsam an den Felsen schwebt!« Bis am Abend darf die +gemeinsame Fürbitte nicht aufhören. Die Frauen, die +auch heraufgeschlichen sind, um an die Weißen Bretter +zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne Männer folgen: +»Man darf nicht nachlässig sein in einer so ernsten Angelegenheit, +wegen Seppi Blatter nicht und wegen seiner +selbst nicht; man könnte einen Schaden auflesen, wenn +man nicht aus vollem Herzen für ihn fleht.«</p> + +<p>Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit +dem Glottermüller übergeben hat, hält scharfe Ordnung; +er jagt die müßigen Weiber zur Kapelle hinunter: »Plärrt +doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten!« Den Männern, +die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er +zu: »Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang +einer da oben hängt!« und Bälzi, der das Rauchen doch +nicht läßt, schlägt er die Pfeife aus dem Mund.</p> + +<p>Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie +ist nicht so behend wie sonst und ihr Gesichtchen blaß. +Die dunklen Augen schauen auf den Teufelsgarten. Das +ist nicht mehr der wilde unberührte Blumenjubel der +letzten Tage. Die Männer haben ihn mit ihren schweren +Schuhen niedergetreten, die Mädchen haben ihn abgerauft, +die Buben haben den Königskerzen die Köpfe abgeschlagen +und wälzen sich jetzt scherzend auf der verdorbenen Pracht.</p> + +<p>Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder, +die sich so gut waren, wissen nichts mehr miteinander +anzufangen — es ist etwas zwischen ihnen, das vorgestern +noch nicht war.</p> + +<p>»Bini, was machst auch für ein barmherziges Gesicht?«<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[Pg 72]</a></span> +Sie schrickt zusammen. Der Vater! Freundlich +sagt er: »Du wirst gar verbrannt in der glühenden Sonne, +geh ein bißchen an den Schatten!«</p> + +<p>Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur +Ruine hinüber. Dort stehen und sitzen Männer, der Kaplan +Johannes, Bälzi, der Gemeindeweibel und andere. +Die Schnapsflasche geht in der Runde, die Männer essen +einen Imbiß von der Hand, sie plaudern und lassen sich's +wohl sein und sehen die Augen Binias nicht.</p> + +<p>»Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi +schafft gut,« sagt der Weibel, der einen großen schönen +Bart, aber einen schielenden Blick hat.</p> + +<p>»Macht nichts — ich bin nicht gern der Unglücksrabe,« +antwortete der Kaplan mit seiner hohlen Stimme.</p> + +<p>»Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter fällt — die +elende Hitze — und erst dort oben — man wird da +unten dumm, dort oben aber wird einer verrückt — die +Männer, die stürzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich +wahnsinnig geworden sind.« Bälzi nahm einen Schluck.</p> + +<p>»St. Jörg und einundzwanzig, das wär' ein Unglück +— die Frau und die zwei Kinder!« So der Weibel.</p> + +<p>Bälzi darauf: »Der Presi bekäme auch einen Schuh +voll!«</p> + +<p>»Wieso?« fragt Peter Thugi, der ein rechter Mann +und der Aelteste einer weitverzweigten Familie ist.</p> + +<p>Bälzi erwidert: »Das glauben doch nur Kinder, daß +Seppi Blatter freiwillig an die Bretter gegangen ist. +Man hat der Gemeinde Sand in die Augen gestreut. +Ist's nicht wahr, Weibel?«</p> + +<p>Dieser zwinkert zustimmend mit den Augen, aber +er schweigt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[Pg 73]</a></span>Bälzi, dessen Blick vom Schnaps etwas verglast ist, +lacht. »Der Presi hat mir die Pfeife zerschlagen, auf +die Garibaldi gemalt ist. Sie war noch vom Vater selig. +Aber jetzt schone ich ihn auch nicht mehr.«</p> + +<p>Er erzählt den Lauschenden das Gespräch im Bären: +»Und ich will ein brennender Mann werden, wenn's +nicht wahr ist, er hat dem schlafenden Seppi Blatter die +Feder in die Hand gesteckt und sie ihm geführt.«</p> + +<p>Die Umstehenden fahren zurück. »Kaplan, was sagt +Ihr dazu?«</p> + +<p>Der Schwarze antwortet, da — ein gellender Schrei.</p> + +<p>»Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind!« So rufen +sich die Männer in peinlicher Ueberraschung zu. Das +Mädchen, das hinter einem abgestürzten Mauerteil gekauert +ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater +vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf +zurück.</p> + +<p>Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia +fragt, da sagt man ihm: »Sie ist heim zu Susi!« Da +schüttelt er das Haupt und seufzt: »Sie ist dieser Tage +so seltsam.«</p> + +<p>Damit, was Bälzi über die Hitze sagte, hatte er recht.</p> + +<p>Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert, +von den Weißen Brettern herunter kommt ein so heißer +Strom, daß ihn selbst die erfrischenden Schwäle, die aus +der Schlucht aufsteigen, nicht zu kühlen vermögen. Wie +Blei fließt er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich +um die ermattenden Sinne.</p> + +<p>Der Mann, der über dem versammelten Dorf zwischen +Himmel und Erde schwebt, steht im wachsenden +Brand des Juninachmittags. Die Sonnenstrahlen liegen<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[Pg 74]</a></span> +so auf den Weißen Brettern, daß die Augen schmerzen, +wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe +man, wie Licht und Hitze aus den Felsen strömen.</p> + +<p>Ja, bei bedecktem Himmel könnte Seppi Blatter sein +Werk wohl vollenden, aber in dieser mörderischen Glut, +die Augen und Gehirn sengt. Der Sonnenstich!</p> + +<p>Man sieht, daß er leidet. Seit einiger Zeit hat er +die Kapuze seines Hirtenhemdes zum Schutze vor der +Sonne um den Kopf gezogen. Die Aufregung wächst, die +Frauen vor der Kapelle beten lauter. »Er kann's nicht +vollenden,« hört man. »O, Seppi ist zäh,« antworten +andere.</p> + +<p>Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, daß Seppi mit +dem Einlegen der Kännel beginnen kann. Immer noch +schweben sie, einer um den anderen, viele Kirchtürme hoch, +herab, und einen um den anderen stößt Seppi Blatter, +auf ihm stehend, in die Reifen, löst die Seile der eingehängten, +schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen +zeichnet die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie. +Oft aber verzögert sich das Werk. Die sinkenden Kännel +verfangen sich in den Seilen der nächsten, dann löst sie +auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der Höhe +aus, und wenn sich ein Kännel befreit, schwankt das ganze +Werk, als müsse es den Mann dort oben herunterschütteln +wie einen Apfel vom sturmgerüttelten Baum. Oder +Seppi Blatter löst die Kännel, die sich verfangen haben +und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann +fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und +wieder schief zurück, daß er sich blitzschnell ducken muß, +damit sie ihn nicht durch einen Schlag an den Kopf von +seinem schmalen Stande werfen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[Pg 75]</a></span>Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele +wagen die Zuschauer, die doch des Schreckens gewöhnte +Bergleute sind, nicht zu atmen, die meisten Frauen, die +das Schwanken des Gerüstes sehen, fliehen entsetzt zu +der Kapelle zurück.</p> + +<p>Selbst die harten Männer erliegen der furchtbaren +Spannung. »Presi, gebt doch das Zeichen zum Abbruch. +Morgen ist wieder ein Tag!«</p> + +<p>Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn +Seppi Blatter nicht selber den Abbruch wünsche, in Gottes +Namen mit dem Werk fortfahren, es sei auch mißlich, +die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien übernachten +zu lassen.</p> + +<p>Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile +und stärkt sich an Speise und Trank. Besonders lang +um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die Führung der +Leitung durch die größere Wildleutfurre in Angriff nimmt.</p> + +<p>Josi, der vom frühen Morgen nicht von seiner Stelle +gewichen ist, ist ins Gras gesunken und verbirgt sein +Gesicht darin. Das starre Hinaufsehen, die Hitze, das +Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner bemächtigt, +ihm ist, glühendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos wälzte +er sich.</p> + +<p>Fränzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor +dem Muttergottesbild gekniet sind, sehen das Leiden des +Knaben und erbarmen sich seiner, obgleich das ihre nicht +kleiner ist.</p> + +<p>Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der Nähe und +schaut mitleidig auf ihn.</p> + +<p>Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur +Kapelle nehmen: »Man würde meinen, du gehörtest auch<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[Pg 76]</a></span> +der Wildheuerin Fränzi!« Der blöde Knabe sagt: »L—l—os<a name="FNanchor_17" id="FNanchor_17"></a><a href="#Footnote_17" class="fnanchor">[17]</a>, +<a name="corr_2" id="corr_2"></a><a href="#corr_note_2" class="correction" title="Trennstriche im Original durch lange Bindestriche ersetzt">M—m—mutter, ich w—w—will da—da bl—bleiben!«</a></p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17" id="Footnote_17"></a><a href="#FNanchor_17"><span class="label">[17]</span></a> »<i>Los</i>!« — schweizerdeutsch, »Höre!«</p></div> + +<p>Sie läßt ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein, +obschon es sie gerade heute ärgert, daß sie so ein häßliches +Kind hat und die anderen so blühende Jugend. +Eben Fränzi.</p> + +<p>Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der +großen Wildleutfurre! An einem Seil schwingt er sich +mit mächtigem Satz in das Innere der schrecklichen Kluft +und hängt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! — Mehrere +Kännel senken sich in die Schlucht und schweben frei. +Und mit mächtigem Schwunge holt er jeden einzelnen +ein. Er verschwindet damit im Innern der Kluft, wo +man seine Thätigkeit nicht sehen kann. Kännel um Kännel +zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand +der Schlucht wieder sichtbar, das Fürchterlichste ist gethan. +Aber je länger, je unsicherer werden Seppis +Schwünge, zwei-, dreimal sieht man ihn ansetzen, bis er +das Ziel erreicht.</p> + +<p>Sechs Uhr! Erfrischende Kühle strömt durchs Thal, +lebhafte Bewegung ist unter dem Volk.</p> + +<p>Seppi Blatter hat über die ganzen Weißen Bretter +hin die Kännel gelegt, der Rest, der ihm zu thun bleibt, +ist leicht.</p> + +<p>Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: »Sch—sch—schau! +f—f—fer—fertig!«</p> + +<p>Josi schnellt auf, lächelt verträumt, sucht mit seinen +rotgeschwollenen Augen die Höhe und sieht, wie der Vater +eben das zierliche Wasserrad einsetzt, das den Merkhammer<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[Pg 77]</a></span> +hebt und auf ein Brett fallen läßt, so daß sein Schlag +das ganze Thal durchtönt.</p> + +<p>Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, Männer, +die am Eingang der Leitung stehen, öffnen die heligen +Wasser. In wenigen Augenblicken werden sie durch die +neuen Kännel fließen. Bald wird der Merkhammer das +erste Zeichen geben.</p> + +<p>Eine ungeheure Spannung hat sich des Völkleins +bemächtigt, vor der Kapelle kniet niemand mehr als die +Wildheuerin Fränzi und Vroni.</p> + +<p>»Wollt Ihr's nicht hören?« fragt eine Nachbarin, +aber so lange Seppi an den Weißen Brettern ist, darf +man in der Fürbitte nicht müde werden. Und Fränzi +und Vroni beten.</p> + +<p>Da horch: »Tick tack, tick tack.« Mit wachsender +Schnelligkeit kommt's aus der Höhe, der Merkhammer +schlägt, andere Hämmer, die weiterhin in die Leitung +einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht, +das Thal hat seine Musik wieder, eine einförmige +Musik, die doch wie ein Psalm in die Ohren klingt. +Sie bedeutet Erlösung aus dem Schrecken, Segen und +Fruchtbarkeit.</p> + +<p>Wie der Müller berauscht vor Freude aufhorcht, +wenn nach langer Trockenheit sein Rad wieder klappert, +so lauschen die Leute von St. Peter dem Hackbrettspiel +der heligen Wasser und drücken sich vor Freude die Hände.</p> + +<p>»Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! — Es lebe der +neue Garde!«</p> + +<p>Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die +wiederhergestellte Leitung empor, das Glöcklein, das einen +Augenblick zu bimmeln aufgehört hat, setzt wieder ein,<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[Pg 78]</a></span> +es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge leuchten, vom +Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht.</p> + +<p>Am schönsten leuchtet Josis Gesicht!</p> + +<p>Hoch an den Weißen Brettern sind nur noch zwei +oder drei Stricke zu lösen und die Arbeit, die gefahrvolle, +ist glücklich gethan. Bald wird man auf den Felsentafeln +nur noch die Linie der Kännel sehen.</p> + +<p>Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner +Schrei: »Seppi!«</p> + +<p>Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich — ein +dunkler Körper fällt und wird größer im Fallen, er +gleitet wie ein Schatten die Weißen Bretter hinab.</p> + +<p>Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgestürzt. +Der Gottesdienst schweigt.</p> + +<p>Josi ist brüllend wie ein Stier aufgesprungen und +will sich in die Glotter stürzen, in der sein Vater vor +seinem Blick verschwunden ist. Da halten ihn im letzten +Augenblick starke Arme zurück. »Gottloser Bub!« Er +beißt, er kratzt, er schlägt um sich, aber die junge Kraft +erlahmt, röchelnd liegt der Knabe im Gras.</p> + +<p>Was war die Ursache des Sturzes? — Hunderte +haben hinaufgeblickt, aber wenige wissen etwas Sicheres +zu sagen. Der Glottermüller, der wieder das Fernrohr +geführt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick +frei stehend gearbeitet, da schwankte er, faßte das +Seil, das ihn in die Höhe ziehen sollte, es senkte sich +ein wenig, er ließ es los, im gleichen Augenblicke aber +wurde es von der Mannschaft, die den Ruck Seppis für +ein Zeichen genommen, in die Höhe gezogen, die Schleife +am Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das +er in die Luft gestellt hatte, die Arme des müden Mannes<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[Pg 79]</a></span> +suchten den oberen Teil des Strickes zu spät, da schleuderte +ihn das steigende Seil, das ihn am Fuß gepackt +hatte, in die Tiefe.</p> + +<p>Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren, +war keiner so blaß wie der Presi.</p> + +<p>Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch +die letzten Streifen der Abendröte beleuchteten die traurige +Heimkehr der Leute von St. Peter. Sie führten eine +an Gott und Menschen irre Familie in ihrer Mitte, und +im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter +dunkler Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer, +das auf einer Pfanne brannte, den Weg erleuchtete.</p> + +<p>Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des +Helden der heligen Wasser.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[Pg 80]</a></span></p> +<h2><a name="V" id="V"></a>V.</h2> + + +<p>Die Wasser rauschten und die Merkhämmer schlugen.</p> + +<p>Mit herzlicher Teilnahme wurde Seppi Blatter bestattet. +Vom Morgen an stand der Sarg neben der +Thüre des Häuschens, wo der Verunglückte mit den Seinen +friedlich gewohnt hatte. Auf dem Totenbaum lag der +Federhut, das Schwert und die Binde des Garden. Ein +silberner Becher stand auf dem Sarg. Als die Leidtragenden +kamen, hob ihn jeder, trank einen kräftigen +Schluck und sprach: »Lebe wohl, Seppi Blatter, möge +es dir wohl thun in der Ewigkeit!« Und wenn zwei +oder drei aus dem Becher getrunken hatten, so füllte ihn +der Weibel wieder mit goldenem Hospeler nach.</p> + +<p>O, man durfte sich den Hospeler schon mit andächtigen +Sinnen zu Gemüte führen. Die Begierde nach +eigenem Wein hatte St. Peter in die Fron der heligen +Wasser gebracht. Im Feuer des Trunkes kreiste das +Blut der Gestürzten.</p> + +<p>Als der Presi erschien und zum Becher griff, schielten +alle mit verhaltener Neugier nach ihm. Sie meinten, +es müßte sich etwas Besonderes begeben. Aber der stolze, +kraftvolle Mann hob den Becher mit Würde und fester +Hand und trat mit ruhiger Gelassenheit in ihren Kreis.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[Pg 81]</a></span>Der Garde war viel bewegter; die nervige eiserne +Hand bebte, als er Seppi Blatter Lebewohl sagte. Ihm +war, er müsse sich die grauen Haare zerraufen, weil er +ihn nicht von seinem plötzlichen Entschluß zurückgehalten +hatte.</p> + +<p>Man brachte die Gedenktafel, die Kaplan Johannes +im Auftrag der Gemeinde gemalt hatte, und legte sie +auch auf den Totenbaum. In frischen Farben leuchtete +die Inschrift:</p> + +<p>»An den heligen Wassern ist bei Reparatur erfahlen +und wohl versehen mit den hl. Sakramenten gleich tot +gewesen der ehrsame Seppi Blatter von St. Peter. Gewählt +worden zum Garden. Hat aber nicht angetretten. +Sein Lebenslauf ist 40 Jahr und 7 Tag. <span class="antiqua">R. I. P.</span></p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Mein lieber Freund, ich bitte dich,<br /></span> +<span class="i0">Geh nicht vorbei und bett' für mich.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Jetzt trug man Seppi Blatter zu Grabe. Als sich +die Gemeinde vom Kirchhof verlief, gingen nur wenige, +die an der Beerdigung teilgenommen hatten, in den +Bären. Dem Presi war's recht. Er wollte noch nach +Hospel hinausreiten und sattelte eben das Maultier. Er +hatte plötzlich das Bedürfnis, Frau Cresenz recht bald +als Hausfrau in den Bären zu führen. Mit der alten +Susi war's nicht mehr gethan, ihr Kropf wurde ihr je +länger je hinderlicher bei der Arbeit, sie pfiff daraus wie +eine ungeschmierte Säge und ob sie fast nicht zu Atem +kam, keifte sie gleichwohl an einem Stück.</p> + +<p>Er wollte mit Cresenz über den Hochzeitstag reden.</p> + +<p>»Susi, wo steckt denn Bini wieder?« rief der Presi.</p> + +<p>»Sie hat sich wieder irgendwo versteckt. Verhext ist +das Kind — verhext!« jammerte Susi, »und sie war<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[Pg 82]</a></span> +sonst ein so liebes, artiges Vögelchen, das den ganzen +Tag gehüpft ist. Wer hat es ihm nur angethan?«</p> + +<p>»Ihr seid ein Kalb; Susi, bringt mir Binia nicht +mit dem Hexenzeug ins Geschwätz, sonst seid Ihr den +letzten Tag im Haus!«</p> + +<p>Damit ritt der Presi davon, Susi heulte: »Nichts +mehr sagen darf man, nichts! Wie ein Schuhlumpen +ist man geachtet. Gewiß bleib' ich nur wegen des Kindes.«</p> + +<p>Schon ein paar Tage aber versteht sie Binia nicht +mehr. Seit der Wassertröstung sitzt das Mädchen irgendwo +in einem Winkel des Hauses, immer da, wo man +sie nicht sucht, zerrt mit den Fingern der einen Hand an +den Fingern der anderen, beißt in die Fingerspitzen und +starrt mit den großen dunklen Augen ins Leere, wie +wenn sie etwas sehen würde, was nicht ist, etwas Grauenhaftes, +Entsetzliches! Susi hatte sie mit der Wallfahrt +zur Lieben Frau an der Brücke geschickt, aber am Mittag +kam das Kind in der warmen Sonne schlotternd zurückgelaufen, +nicht in die Stube, nein, es rannte die Treppen +hinauf bis unter das Dach. Als Susi es suchen ging, +da saß es mitten unter altem Gerümpel des Estrichs, +einen zerlumpten Rock seiner Mutter selig um das eigene +Kleid gelegt. Es wimmerte leise, leise. Nur etwas verstand +Susi, was das Kind immer wieder vor sich her +stammelte:</p> + +<p>»Die Hand wird ihm aus dem Grab wachsen!«</p> + +<p>»Sage, Vögelchen, du unglückliches, wem wird die +Hand aus dem Grab wachsen. Wer sagt es?«</p> + +<p>Da warf die Kleine das Köpfchen mit dem ganzen +Jähzorn zurück, den sie vom Presi geerbt hat: »Susi, +das ist schlecht von dir, daß du horchst, was ich rede.«<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[Pg 83]</a></span> +Sie fürchtete sich vor dem Kind; es war, als wolle es +wie ein wildes Tier aufspringen und sie zerreißen.</p> + +<p>Binia, die nicht schlief, hörte am Abend spät noch +auf dem Flur von dem schrecklichen Ausgang des Tages +reden. Im Hemd kam sie in die Küche gelaufen, klammerte +sich an Susi und schrie: <a name="corr_3" id="corr_3"></a><a href="#corr_note_3" class="correction" title="Fehlendes Anführungszeichen im Originaltext">»Verzeih</a> mir, Susi, — +bleibe bei mir — ich fürchte mich — ich fürchte mich +gräßlich.«</p> + +<p>Da wachte die Magd am Bett der Kleinen. Als +Binia die Augen schon einige Zeit geschlossen hatte, schlug +sie sie wieder auf und flüsterte: »Wenn mich der Seppi +Blatter schon 'Schlechthundekind' gerufen hat, so muß ich, +wenn ich groß bin, Josi Blatter doch heiraten.«</p> + +<p>Die entsetzte Susi schmeichelte: »Schlafe, schlafe, +Schäfchen; wenn du groß und ein schönes Mädchen sein +wirst, kommen um dich viele Burschen fragen.«</p> + +<p>Drauf Binia: »Ich liebe aber nur Josi. Weil der +Vater Fränzi nicht genommen hat, muß ich halt den Josi +nehmen.«</p> + +<p>Seither war Susi überzeugt, das Kind sei besprochen +und verhext.</p> + +<p>Dem wollte sie schon auf den Grund kommen. Als +der Presi fortgeritten und die letzten Gäste gegangen +waren, suchte sie das Kind. In seinem Kämmerchen +kniete es am Bett.</p> + +<p>Sie war wohlwollend zu ihm. Es aber stellte sehr +sonderbare Fragen: »Du, Susi, hat mein Vater meine +Mutter stark lieb gehabt?« — Wie kam es auf diese +Frage? Seit drei Jahren war die selige Beth tot. Als +das Kind in sie drang, antwortete Susi: »Natürlich, du +Närrchen, hat der Vater die Mutter lieb gehabt.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[Pg 84]</a></span>Das Kind fuhr mit dem Köpfchen aus dem Kissen, +richtete mit unaussprechlicher Verachtung die Augen auf +sie: »Du lügst, Susi, er hat sie gar nicht geliebt. Ich +frage dich nichts mehr!«</p> + +<p>Susi ging im Bewußtsein, daß sie gelogen habe, +schamrot aus dem Kämmerlein.</p> + +<p>Aber die Neugier trieb sie zu Binia zurück. Sie +fuhr das Kind barsch an: »Binia, wer hat dich besprochen +— du bist besessen.«</p> + +<p>»Laß mich,« schreit Binia, »ich bin krank — geh!«</p> + +<p>Susi läßt sich nicht abweisen: »Der Kaplan Johannes +schlarpt eben mit dem Bettelsack durchs Dorf, +der soll dich heilen. Ich rufe ihn!«</p> + +<p>»Nein, — nein« — kreischt die Kleine und zittert +am ganzen Leib, und wie Susi eine Bewegung gegen die +Thüre macht, fällt sie ihr um die Kniee.</p> + +<p>»Ums Himmels willen rufe den Kaplan nicht.«</p> + +<p>Susi drauf: »Gelt, der ist's, der dich besprochen +hat! Jetzt haben wir's schon — dich und Josi. Ist Josi +bei dir gewesen?«</p> + +<p>»Ja, wir sind auf der Brücke gekniet — das war +aber nur Scherz. — — Nein, dir, erzähl' ich's nicht, +du lügst und bist so dumm.«</p> + +<p>Und das Kind hat wieder den Trotzkopf aufgesetzt.</p> + +<p>Da bekreuzt sich die abergläubische Magd und geht: +»Aber dem Presi darf man nichts sagen — nichts!«</p> + +<p>Wie sie fort ist, schluchzt und röchelt Binia. Niemand +hat ihr etwas zu leide gethan, sie hat nur gehört, +was Fränzi und der Vater geredet, sie hat nur gehört, +was Kaplan Johannes zu den anderen Männern sagte: +»Die Hand wird ihm aus dem Grabe wachsen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[Pg 85]</a></span>Alles das ist aber so schrecklich für ihr kleines, feuriges +Herz. Sie hat gemeint, einen so trefflichen Mann +wie ihren Vater gebe es nicht mehr. Ob er sie schon +manchmal anschnauzte, war sie stolz gewesen auf ihn, sie +hatte ihn so unendlich lieb und wenn er nur einmal +ein wenig freundlich mit ihr redete, — o, dann hätte +sie am liebsten die kleinen Arme um seinen Hals geschlungen +und ihn vor Freude und Seligkeit in die Wange +gebissen. Und jetzt weiß sie so Entsetzliches von ihm. +Er hat die tote Mutter nicht geliebt, er hat Fränzi +einen Kuß geben wollen, der Schämdichnicht.</p> + +<p>Dann das Gräßliche, wie die Unterschrift Seppi +Blatters entstanden ist, die Unterschrift, wegen der dem +Vater die Hand aus dem Grab wachsen soll!</p> + +<p>Das ist zu viel für ihr Köpfchen, es hämmert darin, +als sollte es zerspringen. Ja, ja, die Fränzi hat recht, +es ist ein Unsegen auf sie gekommen. Darüber möchte +sie mit jemand reden, aber nicht mit Susi, die lügt, weil +sie ihr alles ausreden will. An eine liebe Brust möchte +sie sich lehnen und weinen. Sie denkt an Fränzi, +die mit ihrer Mutter gut befreundet gewesen ist, Fränzi +hat auch sie lieb, Fränzi lügt nicht. Ja, mit Fränzi will +sie reden.</p> + +<p>Aber sie darf nicht zu Fränzi gehen! Warum nicht? +Sie weiß es im Wirrwarr ihrer Gedanken nicht, es ist +ihr aber, wie wenn Blut und Feuer zwischen ihr und +Fränzi, zwischen ihr, Vroni und Josi lägen.</p> + +<p>Und aus dem Gefühl tiefer Hilflosigkeit schreit sie: +»Mutter — Mutter — liebe tote Mutter!« — —</p> + +<p>Mit einigem Herzklopfen ritt der Presi auf seinem +Wege nach Hospel über die Unglücksstätte, sein kluger<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[Pg 86]</a></span> +Verstand sagte ihm wohl, die Kaufbriefgeschichte sei damit, +daß an den Weißen Brettern der Hammer wieder +töne, noch nicht erledigt. War er mit Blindheit geschlagen +gewesen, daß er die tolle Angelegenheit nicht +sofort am anderen Morgen geordnet hatte?</p> + +<p>Nun zuckte und wühlte sie im Dorf, er hatte es aus +den verlegenen Mienen der Männer gelesen, die an der +Beerdigung Seppi Blatters teilnahmen.</p> + +<p>Er schwitzte — er sehnte sich nach Hospel, die Welt +schien ihm dort freier — hier legte sich etwas wie Zentnerlast +auf die Brust — es war zum Ersticken. Gut, daß +er jetzt die Weißen Bretter, den Teufelsgarten mit den +zertretenen Blumen, das Schmelzwerk und die Kapelle +hinter sich hatte.</p> + +<p>Der hundertstimmige Schrei beim Sturz Seppi Blatters +gellte ihm noch in den Ohren.</p> + +<p>»Ta-ta-ta. Ich bin der Presi!« denkt er.</p> + +<p>Er kommt in das Kreuz nach Hospel, aber Frau +Cresenz zeigt sich gar nicht und der stolze Kreuzwirt, der +behäbigste Gastwirt am Weg von der Stadt bis zum Hochpaß, +sein zukünftiger Schwager, empfängt ihn frostig.</p> + +<p>»Was hast, Kreuzwirt, warum magst mir nicht recht +die Ehre geben?«</p> + +<p>»Von dir läuft ja die Schande auf allen Straßen. +Und Seppi Blatter ist so ein braver Mann gewesen. +Ist's wahr, daß du ihm, wie er betrunken gewesen ist +und geschlafen hat, die Feder geführt hast?«</p> + +<p>Da schlägt der Presi die Faust auf den Tisch, springt +auf: »Vor Gericht müssen mir die räudigen Hunde — +Wer hat's gesagt?«</p> + +<p>»Von rechtschaffenen Leuten ist's hier im Kreuz verhandelt<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[Pg 87]</a></span> +worden, aber, daß ich dir die Namen nenne, +giebt's nicht.«</p> + +<p>»Es ist eine elende Verleumdung. Horch, Joch, +wie's zugegangen ist. Man hat einen Mann haben +müssen, mit dem Losen ist's gar eine mißliche Sache.« +Der Presi erzählte und schloß mit der Frage: »Was +sprichst jetzt?«</p> + +<p>»Ich sage, daß die Geschichte nicht sauber ist! Geplagt +hast du Seppi, das giebst ja selber zu. Wo hast +du dir das Herz hergenommen, ihn grad an dem Tag, +wo du dich mit der Cresenz verlobt hast, mit dem Kaufbrief +zu kreuzigen? Das gefällt uns nicht. Wenn du +Seppi Blatter die hundertachtzig Franken aus Anlaß +deiner Verlobung geschenkt hättest, so hätte es mich und +die Cresenz gefreut. Man hätte dann aus dir etwas +Glück gespürt. Jetzt aber kränkt sich Cresenz.«</p> + +<p>Der Presi wurde ganz klein — das traf. Er wußte +wohl, daß er sonst der Gescheitere war als der vornehme +hohle Kreuzwirt. Aber jetzt hatte der recht! Und er +murrte verlegen und stoßweise.</p> + +<p>Der Kreuzwirt fuhr fort: »Warum fragst du nicht, +wo sie bleibt? Weil du dich schämst, weil du weißt: es +ist ein Schandfleck auf deiner Ehre!«</p> + +<p>»Ein Schandfleck auf meiner Ehre!« wiederholte der +Presi. Sein Gesicht war blutleer und seine Hand langte +mechanisch nach dem Zündhölzchenstein.</p> + +<p>»Laß den Stein liegen,« sagte der Kreuzwirt ruhig, +»es ist jetzt genug an Gewaltthätigkeit. Cresenz aber +will sich besinnen, ob sie Bärenwirtin von St. Peter +werden will. Sie schreibt dir darüber in den nächsten +Tagen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[Pg 88]</a></span>Als der Presi heimritt, kam er sich vor wie ein +vom Hagelwetter erschlagener Baum. Die Wut über die +Verleumdung tötete ihn fast. »Die schlechten Hunde — +die elenden Tröpfe — — Ist die Wahrheit nicht genug?« +stammelte er vor sich hin.</p> + +<p>Er sah die blauen, großen, vorwurfsvollen Augen +Fränzis, die schönen und guten Augen. O, wie er sie +jetzt haßte!</p> + +<p>Schweißgebadet ritt er durch die Dämmerung. Jetzt +sah er Seppi Blatter, aber nicht den geringen Wildheuer, +der gequält am Wirtstisch saß. Nein, den Wasserstreiter, +der freiwillig an die Bretter gestiegen war. Der +schaute ihn herausfordernd an, immer als hätte er die +Frage auf den Lippen: »Presi, wollen wir zusammen +einen Hosenlupf<a name="FNanchor_18" id="FNanchor_18"></a><a href="#Footnote_18" class="fnanchor">[18]</a> machen?«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18" id="Footnote_18"></a><a href="#FNanchor_18"><span class="label">[18]</span></a> <i>Hosenlupf</i>, ein beliebter Ringkampf der Aelpler.</p></div> + +<p>»Ich hab's nicht durchgezwungen — das weißt — +bist ja selber gegangen,« schnauzte der Presi.</p> + +<p>Und als ob er mit einem anderen im Zwiegespräch +wäre, sagte er nach einer Weile: »Ja, das gebe ich zu +— ich habe dich geplagt — es ist dumm gegangen an +jenem Abend.«</p> + +<p>Bei der Kapelle stieg er nicht ab, um ein Gebet zu +verrichten, wie es die fromme Sitte heischt; er sah die +frische Tafel Seppis, die während seines Aufenthaltes zu +Hospel in das kleine Gotteshaus gestellt worden war, +ihre Goldfarbe glänzte frisch — frech, dachte der Presi +und im Vorbeireiten rief er: »Daß du mich nicht gar +zu stark klemmst, Seppi Blatter, sonst —! Weißt, ein +wenig leid' ich's schon, hab's auch verdient — aber wenn<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[Pg 89]</a></span> +du mich zu stark schuhriegelst — du weißt, Fränzi, Vroni +und Josi sind noch nicht in der Ewigkeit.«</p> + +<p>»Halt 's Maul, räudiger Pfaff!« schrie er, als er +am Schmelzwerk vorüberjagte und den Kaplan Johannes +singen hörte. Unaufhaltsam vorwärts, den Stutz hinauf +drängte er das arme Tier mit seinen Flüchen und kam +früher, als ihn jemand erwartet hatte, nach Haus.</p> + +<p>Im Bären saß tiefbekümmert der Garde. Er wartete +nicht lang mit seinem Bericht. Das Amt war auf +ihn zurückgefallen — für einstweilen, hatte man im Gemeinderat +gesagt — das bedeutete aber in St. Peter für +Lebzeiten.</p> + +<p>»Presi, ich hab's zum Guten leiten wollen, aber +die Sache steht bös. Die Geschichte der Unterschrift +Seppis geht vertrüdelt und verdreht durchs Dorf. Es +sind darum auch keine Leute im Bären.«</p> + +<p>»Die Gemeinde wird nicht die ganze Zeit saufen +müssen, ich verlange es gar nicht,« höhnte der Presi, +»wenn sie wildeln und wüst thun wollen über mich, so +ist es mir schon lieber, sie erledigen es draußen, als mir +unter der Nase. Das könnte unlustig werden.«</p> + +<p>»Möchtet Ihr in diesen Tagen nicht einmal die +Fränzi aufsuchen und mit ihr im guten reden?«</p> + +<p>»Damit die Leute mit den Fingern auf mich weisen +und sagen: 'Den hat das Gewissen gedrückt!'«</p> + +<p>»Wir haben jetzt gewiß allen Anlaß, gegen den +Haushalt rücksichtsvoll zu sein.«</p> + +<p>»Aber ich nicht — ich nicht! Lieber werde ich ein +brünniger Mann<a name="FNanchor_19" id="FNanchor_19"></a><a href="#Footnote_19" class="fnanchor">[19]</a>.« Der Presi wischte sich den Schweiß,<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[Pg 90]</a></span> +der immer noch auf seiner Stirn perlte, er war so müde +wie lange nicht mehr. »Ueber diese Geschichte wird schon +Gras wachsen!«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19" id="Footnote_19"></a><a href="#FNanchor_19"><span class="label">[19]</span></a> <i>Brünniger Mann</i>, in der Volksvorstellung ein Mann, der nach +seinem Tod des Nachts brennend umherwandelt.</p></div> + +<p>»Lange keines,« knurrte der Garde, stand auf und +ging. —</p> + +<p>»Endlich Ruhe.« — Auf der Straße verlor sich der +schwere Schritt des Garden und der Presi stützte den +Kopf in beide Hände und ließ nachdenklich die Lider auf +die Augen fallen.</p> + +<p>Aber er brachte das Bild nicht weg. »O, es +ist entsetzlich, einen Mann einen ganzen Tag kämpfen +zu sehen — das geht nicht fort. — Du bist ein +schlechter Hund, Seppi Blatter, daß du mir das angethan +hast und, wie du schon fertig warst, noch herunterflogst.«</p> + +<p>Der Presi ging in seine Kammer. — —</p> + +<p>Ueber den Unglücksfall an den heligen Wassern und +die ihn begleitenden Umstände wuchs lange kein Gras. +Durch alle Gespräche zitterte der Nachhall, weniger die +Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier, wie er +veranlaßt worden sei, an die Weißen Bretter zu steigen. +Allein nachdem es einige Wochen bös über den Presi gegangen +war, so daß er es für gut fand, mit den Leuten +so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er es verstand, +schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht +doch nicht so schlimm. Bälzi habe sie im Anfang nur +aus Wut so ehrenrührig für den Presi erzählt, und er +sei ja ein ganz unzuverlässiger Mensch, der Presi aber +sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe +schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu +retten wußte, aus der Klemme geholfen. »Und,« gaben<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[Pg 91]</a></span> +die Leute zu, »er ist halt doch der Gescheiteste unter uns +allen.«</p> + +<p>Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter +in der Sommerarbeit, die sie schwer ins Joch schlug und +sie auf Aecker, Alpen und in die Weinberge zerstreute.</p> + +<p>Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel. +Von Frau Cresenz kam eines Tages ein Briefchen und +am folgenden Tag ritt sie, vom Kreuzwirt begleitet, den +Silberschild der Hospelertracht vor der Brust, das kokette +Filzhütchen auf dem Haupt, vor den Bären.</p> + +<p>Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester +nicht zu freundlich, denn die Beleidigung vom letzten Besuch +saß ihm noch wie ein Dorn im Fleisch, aber mit +einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus, +und gegen liebenswürdige Frauen war der sonst unbeugsame +Mann nachgiebig.</p> + +<p>Und Frau Cresenz war hübsch. Aus ihrem vom Ritt +leichtgeröteten Gesicht schauten muntere graue Augen, sie +hatte kluge und angenehme Züge, eine kühle Sprechweise +und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr Körper fast +zu stattlich war, von unleugbarer Anmut.</p> + +<p>»Die steht dem Bären wohl an,« schmunzelte der +Presi in sich hinein und zeigte den beiden das Haus.</p> + +<p>»Ja, da muß vieles anders und ordentlicher werden, +da gehört wirklich wieder eine Hausmutter hin.« Und +die hübsche Frau Cresenz lächelt dem Presi gutmütig verständnisvoll +zu.</p> + +<p>Etwas beschämt sagt er: »Wir haben bis jetzt halt +nur ein Bauernwirtshaus geführt. Das muß natürlich +für die Fremden alles anders eingerichtet sein!«</p> + +<p>Als die drei die Treppe aufwärts in den zweiten<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[Pg 92]</a></span> +Stock stiegen, trat die alte Susi, die Röstpfanne, aus +der der Kaffeeduft aufstieg, in den runzeligen Händen, +neugierig unter die Küchenthüre und sah ihnen nach. +Da machte Frau Cresenz am Geländer der Treppe einen +Fingerstrich und zeigte den Staub hinter dem Rücken des +Presi dem Kreuzwirt.</p> + +<p>Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter +der kleinen Gesellschaft her: »Nein, bei der bleibe ich +nicht.«</p> + +<p>Der Presi hatte mit seinen Gästen den Estrich erreicht. +Plötzlich ertönte schallendes Gelächter der Frau +Cresenz. Aus einem von allerlei Gerümpel gebildeten +Winkel starren sie zwei große Kinderaugen an, ein ängstliches +Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch, +das malerisch über den Kopf geworfen ist.</p> + +<p>»Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen. +— Komm, du artiger Fratz.« — Die Kleine sieht +die Augen des Vaters aufmunternd auf sich gerichtet und +kriecht hervor. Da reißt ihr Frau Cresenz lachend das +Tuch ab: »So, jetzt siehst du menschenähnlich aus, nun +gieb mir die Hand.«</p> + +<p>Sie sagt es mit kühler Freundlichkeit, aber der +erschrockene scheue Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt +die Treppe hinunter. Die alte Susi ruft ihr zu: +»Hast die neue Mutter gesehen, die hochmütige?«</p> + +<p>»Die neue Mutter!« Nun muß sie auch darüber +denken. Und das kleine Köpfchen brennt doch schon von +allem anderen, worüber ihm niemand Auskunft giebt. +Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie +hat er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch +nicht mit ihr. Doch, aber es ist schon so lange her. Sie<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[Pg 93]</a></span> +schleicht sich auf den Zehenspitzen in ihr Kämmerchen +empor. Denken — denken will sie.</p> + +<p>Gegen Abend hört sie die Fremden fortreiten, das +fröhliche Lebewohl, das der Vater Frau Cresenz zugerufen +hat, tönt ihr in die Ohren. Ihr aber thut der Kopf so +weh, ihre Zähne klappern, sie kriecht ins Bett.</p> + +<p>Da hört sie die Tritte des Vaters. Gewiß kommt +er sie zu züchtigen.</p> + +<p>Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den +Zorn mengte sich die Vatersorge. Binia war zwar immer +ein eigenartiges Kind gewesen, oft nachdenklich, oft ausgelassen +lustig, aber seit einiger Zeit war sie so blaß +und scheu und allen ein Rätsel.</p> + +<p>Wäre er abergläubisch gewesen, er hätte geglaubt, +die Drohung der Fränzi sei schon in Erfüllung gegangen, +Unsegen sei auf dem Kinde.</p> + +<p>Wie er sie nun am hellen Tag mit gläsernen Augen +im Bette liegen sah, entwaffnete die Sorge den letzten +Zorn.</p> + +<p>Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand +der Kleinen ganz vorsichtig in seine Pratze und als sie, +sich von ihm abwendend, leis wimmerte, legte er ihr die +andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar. Das +Kind zuckte zusammen.</p> + +<p>»Was machst du für Streiche, liebe Maus? Du +hast eine heiße Stirn, bist ja ganz krank. — Binia — +Gemslein — liebes Gemslein, schau mich einmal an.«</p> + +<p>Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton.</p> + +<p>Als das Kind die sanften und lieben Worte des +rauhen Vaters hörte, die es wie ein Klang aus fernem +schönem Traum umwarben, überließ es ihm das heiße<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[Pg 94]</a></span> +Händchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb +freudig, halb ängstlich blinzelte es mit den großen Augen +nach ihm.</p> + +<p>»Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?«</p> + +<p>»O doch — doch — Vater,« klang das feine Stimmchen, +»aber — —« Sie schauerte.</p> + +<p>»Rede nur, Maus!«</p> + +<p>»Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir +nichts, wenn ich etwas frage?« Der zarte Körper +zitterte.</p> + +<p>»Nein, frage nur — bist ja meine Maus!«</p> + +<p>»Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater?« +Das tönte so fein und scheu und ein bleiches Lächeln +flog über die Lippen des Kindes.</p> + +<p>»Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein. +Weißt nicht mehr, wie ich dich auf dem Arm getragen +habe? Und weißt noch, wie ich dir manchen Kram von +Hospel mitgebracht habe?«</p> + +<p>An diesen Gedanken spann das Kind weiter.</p> + +<p>»Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich +gewartet, bis du am Abend heimkamst. Und dann hast +du mich noch ein wenig auf die Kniee genommen und +ich habe darauf reiten dürfen. Die Mutter hat mich +dann zu Bett gebracht und hat meine Hand genommen +wie du jetzt und wir haben gebetet: 'Lieber Gott, lieber +Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben Vater gesund.' +Und dann hat sie die Kissen an mein Köpfchen gedrückt: +'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist +eine Thräne auf meine Wange gefallen, aber am Morgen, +wenn ich sie gesucht habe, war sie fort.«</p> + +<p>Rührend, als ob das fiebernde Kind gegen das<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[Pg 95]</a></span> +Weinen kämpfte, klang das Stimmchen, der Presi hatte +den Kopf gesenkt, und als er nichts antwortete, fuhr das +Kind fort:</p> + +<p>»Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht. +O, sie ist so schön, sie ist ganz weiß und hat Flügel an +den Schultern. Und wenn sie sieht, daß ich ihr altes +Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so lächelt sie +wunderschön. Nur das Tuch muß ich haben, dann kommt +sie. — Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel +geweint, als sie lebte?«</p> + +<p>Der Presi war unruhig geworden, die Zärtlichkeit +des Fiebergeplauders regte ihn auf.</p> + +<p>Das Mündchen aber lief und lief: »Wie ist es schön +gewesen, als ich noch klein war. Josi und Vroni sind +immer gekommen, er hat mich dann auf dem Rücken getragen, +und dafür hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.«</p> + +<p>»Was hast vorhin fragen wollen, Bini?« unterbrach +der Vater barsch das plaudernde Kind.</p> + +<p>»Thust du mir nichts?«</p> + +<p>»Dumme Maus, du!« Sein Ton war wieder +freundlich.</p> + +<p>Die Augen des Kindes öffneten sich — es richtete +sich im Bettchen halb auf und zitternd, traumhaft +kam's:</p> + +<p>»Du, Vater, wenn ich groß bin, darf ich dann die +Frau Josi Blatters werden?«</p> + +<p>Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. — Der +Zug hoffnungsvollen Zutrauens auf dem fiebergeröteten +Kindergesicht erlosch, es stopfte den Mund mit dem gekrümmten +Finger, die Augen wurden schreckhaft groß,<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[Pg 96]</a></span> +und seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker +— es schlang das Aermchen um den Vater, es +schrie:</p> + +<p>»Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater — nein — +ich habe fragen wollen: Ist es wahr, daß dir die Hand +aus dem Grab wachsen wird?«</p> + +<p>Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er ächzt — +und ächzt. Plötzlich brüllt er: »Wer sagt das? — Sagt +es Fränzi?«</p> + +<p>Vor Furcht weiß das Kind nicht mehr, was es +sprechen soll, was es spricht.</p> + +<p>»Fränzi — Vroni — nein — Josi — oder nein —« +Es will weiter reden.</p> + +<p>Aber der Presi schlägt ein so schauerliches Lachen +an, wie wenn etwas in ihm risse. Das Kind schweigt.</p> + +<p>»Und den willst du heiraten! — Da also packst du +mich, toter Seppi Blatter. Deinem Buben will ich's +eintränken.«</p> + +<p>Er faustet sinnlos gegen die Wände: »Jetzt wollen +wir sehen, ob ein lebendiger Presi nicht über einen toten +Wildheuer Meister wird.« Er will sein krankes Kind +schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke verkrochen +und hält sie mit krampfhaften Händen fest.</p> + +<p>Unter der Thür steht Susi, die irgend etwas berichten +will; und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.</p> + +<p>Der Presi schwankt aus der Kammer.</p> + +<p>Ein Riß war von dieser Stunde zwischen Vater und +Kind. Binia lag einige Tage krank, der Presi kümmerte +sich nicht um sie; als sie mit blassen Wänglein wieder in +der Stube erschien, übersah er sie und vermied lange<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[Pg 97]</a></span> +Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da +war es nur in Gegenwart Dritter und seine Worte +beschränkten sich auf kurze Befehle und gleichgültige +Dinge.</p> + +<p>Daran änderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz, +die im Herbst stattfand, wenig.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[Pg 98]</a></span></p> +<h2><a name="VI" id="VI"></a>VI.</h2> + + +<p>St. Peter ruht mit seinen Holzhäusern halb versunken +im Schnee, wie die Federkissen eines Brautfuders +liegt er auf den Dächern, die Glotter gurgelt unter dem +Eis. Am Mittag stechende Sonne, blauer Himmel, ein +Licht von den Bergen, daß man die Hand über die Augen +decken muß, triefende Dächer und sonnenwarme Luft, des +Nachts bittere Kälte, so daß der Schnee im Flimmern +der Sterne wie Millionen erbarmungslose Glassplitterchen +funkelt.</p> + +<p>Die Lichter leuchten freundlich aus den kleinen Fenstern +ebenhin in den Schnee. Von Haus zu Haus huscht +es und eilt es. Bursche und Mädchen, jung und alt sitzen +um die Lewatöllampe zusammen, die Frauen spinnen +den Flachs, die Mädchen flechten mit raschen Fingern +Strohbänder und nähen Hüte, die Männer schnitzen an +Holzschuhböden herum und nebeln mit den Pfeifen.</p> + +<p>Man redet nicht viel, die von St. Peter sitzen gern +still und feierlich im Kreis. Am häufigsten noch hört man +das Weib des Fenkenälplers, das von Zeit zu Zeit von +ihrem Mann einen Zug aus der Tabakspfeife bettelt.</p> + +<p>»Fenkenälpler, kauft der Vre doch ein artiges Klöbchen,« +lacht der krummmäulige Bäliälpler. »Wenn die<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[Pg 99]</a></span> +Weiber rauchen, so schadet's dem Hausfrieden nichts — +das meine raucht jetzt auch schon ins siebente Jahr.«</p> + +<p>»Es ist halt doch nicht schön,« meinte die fröhliche +Bertha Thugi, eine Neunzehnjährige, die neben ihrem +jüngeren Bruder Peter, dem Enkel des alten Peter Thugi, +sitzt, »daß bei uns so viele Weiber rauchen wie Kamine. +Mir gefallen Fränzi und die Gardin — sie rauchen +nicht.«</p> + +<p>»Jetzt will die das Rauchen der Weiber abschaffen, +wie die neue Bärenwirtin den Schnaps.«</p> + +<p>Die fromme, geizige Glottermüllerin, die den Mühlknecht +hungern läßt, mault: »Recht ist's. Zuerst haben +die Männer gar nicht gewußt, wie die neue Frau Presi +genug rühmen. Schön und leutselig sei sie. Jetzt hat +man's. Nicht einmal ein Gläschen Gebranntes mag sie +ums gute Geld den Leuten gönnen. Sie meint wohl, +in St. Peter seien alle vergüldet wie der Presi.«</p> + +<p>Der Bäliälpler mit der Bogennase und dem krummen +Maul aber brummt: »Was mir gar nicht gefällt, +sind die Handwerksleute von Hospel, die jetzt die ganze +Zeit im Bären lärmen. Er war doch von jeher ein +schönes Haus. Aber wißt ihr? Fremde Weltleute, Deutschländer, +Franzosen, Englische und Hispaniolen, wie's seit +ein paar Jahren zu Grenseln, Serbig und im Oberland +sommers über hat, sollen mit ihren Weibern, Hunden +und Katzen in den Bären kommen und darein sitzen. Was +meint ihr? Wozu ist an der Straße eine Thür ausgebrochen +worden und wird eine Stube gemacht? In diese +Truhe können die von St. Peter hocken und oben, wo +wir bis jetzt gesessen sind, in der schönen großen Stube, +rutschen die fremden Maulaffen herum, die den Unterschied<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[Pg 100]</a></span> +zwischen einem Gemsbock und einem Kalb nicht +kennen.«</p> + +<p>»Protestieren soll man! — Aber die Gemeinderäte, +der Garde ausgenommen, haben's wie unsere Maultiere, +sie machen so.« Der glatzköpfige Glottermüller, der eine +Stimme hat wie ein Weib, aber selbst schon lange gern +Gemeinderat geworden wäre, nickt mit dem Kopf, bis +alles lacht. Und plötzlich ruft er, daß alle aufblicken:</p> + +<p>»Die Gemeinde soll man anfragen, ob wir Fremde +in St. Peter dulden wollen oder nicht. Das behaupte +ich.« Wichtig blickt er um sich.</p> + +<p>»Der Pfarrer ist dagegen. Eine Todsünde sei's, +Fremde nach St. Peter zu rufen. Anstecken mit großen +Fehlern und Sünden würden sie uns und Schaden bringen +an der heiligen Religion.«</p> + +<p>So der Bockjeälpler, der zwischen dem Reden immer +schnalzt.</p> + +<p>»Hört! — hört!«</p> + +<p>»Es ist nicht bloß deswegen!« meint der alte großbärtige +Peter Thugi, der bisher fleißig an seinen Löffeln +und Kellen herumgeschnitzt, den Abend noch kein Wörtchen +gesagt hat und mit seiner tiefen Stimme sehr langsam +spricht, »es ist wegen der Dinge, von denen man nicht +unnötig reden soll — wegen der armen Seelen!«</p> + +<p>Das Wort bringt eine merkwürdige Bewegung hervor.</p> + +<p>Alle Arbeit ruht, schweigend und feierlich schaut man +nach dem alten Manne und wer raucht, legt die Pfeife weg.</p> + +<p>»Wenn nur Fränzi da wäre,« fährt er fort, »sie +könnte es besser erzählen als ich, wie an den Firnen der +Krone tausendmal tausend abgeschiedene Seelen im Eise +stehen und sehnsüchtig auf ihre Erlösung warten. Um<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[Pg 101]</a></span> +ihre Gebete zu verrichten, brauchen sie Frieden und Ruhe. +Vom Thal herauf mögen sie nichts hören als das heilige +Glockengeläute. Lachen, leichtfertiges Reden und großer +Lärm thut ihnen weh. Namentlich beleidigt es sie, wenn +die Leute neugierig auf die Gletscher und Firnen steigen. +'So weit die Welt grün ist, ist Lebendigenland, wo sie +weiß ist, ist Totenland.' Das haben sie schon manchem +Gemsjäger gesagt, der sein Tier ins weiße Revier verfolgte. +Wenn nun aber die Fremden, die nichts von den +armen Seelen wissen, alle Tag tanzen und Sonntag +machen? Ich will's euch sagen: Es kommt ein mächtiges +Unglück über St. Peter.«</p> + +<p>Der Erzähler schweigt; alle erwarten, daß er wieder +beginne — niemand redet, der Bäliälpler nur mahnt: +»Erzählt, Peter Thugi!«</p> + +<p>Da fährt Peter Thugi geheimnisvoll fort:</p> + +<p>»Es hat eine Zeit gegeben, wo es in St. Peter so +weltlich zuging, wie es wieder geschehen wird, wenn die +Leute aus den Weltländern kommen. Alle Tage waren +Lustbarkeiten, sündiges Reden und Wollust. Das war, +als noch die Knappen im Schmelzwerk saßen. Da hat +im Bären jeden Abend eine Musik aufgespielt und immer +war mit lustigen Weibsbildern Juhe und Juheien. Als +nun die von St. Peter, die solche Weltlichkeit duldeten, +zu Pfingsten in die Kirche kamen, saßen in den vordersten +Bänken auf der Weiberseite zwölf weiße Vorstehbräute<a name="FNanchor_20" id="FNanchor_20"></a><a href="#Footnote_20" class="fnanchor">[20]</a>, +die niemand erkannte. Wie der Gottesdienst vorüber +war, schritten sie hinauf durch die Alpen zu den Firnen +der Krone. Vor einer Hütte, die jetzt schon lang nicht<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[Pg 102]</a></span> +mehr steht, begegneten sie dem frommen Sennen Sämi, +der nicht mehr gehen konnte und auf der Bank bei der +Thüre saß. Da fragten sie ihn ängstlich, ob wohl die +Leute von St. Peter aus ihren betrübten und traurigen +Gesichtern gemerkt haben, warum sie zur Kirche gekommen +seien. Der alte Sämi spürte aus ihrem Ton, daß es +etwas sehr Ernstes sei und meinte, ihm können sie es +schon verraten. Sie seien arme Seelen von der Krone, +antworteten sie, und haben die von St. Peter warnen +wollen, daß sie das tolle Leben im Dorf nicht länger +dulden. Wenn sie es aber weiter litten, so würde St. Peter +von Lawinen verschüttet, denn die vielen tausend armen +Seelen, die jetzt mit ihren Leibern dem Firn Halt geben, +würden auswandern und dann stürze der Schnee der Krone +aufs Dorf. Sie hätten auf ihre Bitten die Erlaubnis +bekommen, daß sie die von St. Peter warnen dürfen, +er möge es ihnen sagen, wenn es die Leute sonst nicht +gemerkt haben. Sie dürfen doch nie mehr kommen und +die Mahnung gelte für ewig. Erleichtert gingen die +armen Seelen ihres Weges und sangen vor Freude, daß +sie die Botschaft einem so braven Manne wie Sämi hatten +ausrichten können. Sämi aber schickte Bericht ins Dorf +über das merkwürdige Erlebnis, und siehe da — alle die +in der Kirche gewesen, erkannten die Vorstehbräute. Es +waren gestorbene Mädchen von St. Peter. Die Leute +trieben die Musikanten und die leichten Weibsbilder fort, +und seither weiß man in unserem Dorf, was geschieht, +wenn Wohlleben und Ueppigkeit wieder kommen.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20" id="Footnote_20"></a><a href="#FNanchor_20"><span class="label">[20]</span></a> <i>Vorstehbräute</i>, Kommunikantinnen.</p></div> + +<p>Der Kreis der andächtigen Zuhörer und Zuhörerinnen +schauderte.</p> + +<p>»Der Presi bringt noch über uns alle gleiches Unglück<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[Pg 103]</a></span> +wie über Seppi Blatter!« unterbrach die böse Zunge +des Glottermüllers das Schweigen.</p> + +<p>»Pst!« klang eine Weiberstimme aus dem Hintergrund +durch den blauen Tabaksnebel, »Bälzi weiß, wie +der Presi den Leuten ein Schloß an den Mund legt, die +etwas wider ihn sagen.«</p> + +<p>Die Gesellschaft hätte lieber noch mehr Geschichten +von den Toten gehört und neigte nicht mehr zum Schwatzen.</p> + +<p>Bertha Thugi, die von der Erzählung ihres Großvaters +bewegt war, meinte: »Laßt uns doch die Wildheuerfränzi +holen, sie weiß alle Geschichten des Gebirges, +die von den Lebendigen sowohl wie die von den Toten, +sie weiß die Ueberlieferungen und Sagen, sie hat manchmal +bis um die Mitternacht erzählt, so daß alle zitterten +und man fast nicht mehr heimgehen durfte.«</p> + +<p>»Fränzi ist aber nie ungebeten erschienen, sie hat +aus ihrem Erzählen immer eine Kunst gemacht, die geehrt +sein wollte. Und jetzt lehnt sie alles Erzählen ab. +Sie habe keine Lust mehr zum Reden. Ich verstehe es +nach dem großen Unglück wohl.«</p> + +<p>So der alte Peter Thugi, und schweigend lichtet +sich allmählich der Kreis, die Totensagen summen in den +Köpfen, die Sagen Fränzis.</p> + +<p>Würdig erträgt sie den Tod ihres Mannes. Als er +stürzte, hatte sich ihr wohl ein Schrei entrungen, ein +entsetzlicher Schrei, als müßten auch ihr Leib und Seele +auseinanderbrechen. Und in den ersten Tagen lebte sie +in dumpfem Brüten dahin. Dann aber erhob sie sich +plötzlich und ging an ihre Arbeit wie sonst. Niemand +hat sie je weinen gesehen, niemand je klagen gehört. +Nur die Strähnen gebleichten Haares in der dunklen Fülle<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[Pg 104]</a></span> +verrieten, daß sie gelitten hatte. Den Schmerz hatte sie +in den unergründlichen Tiefen des Glaubens begraben.</p> + +<p>»Vroni und Josi, tragt niemand etwas nach, es hat +im Leiden und Sterben eures Vaters eine höhere Hand +gewaltet, und grübeln ist sündhaft.« So mahnte sie, +wenn die Kinder vor Beelendung über den Tod des +Vaters fast zerflossen.</p> + +<p>Ihrem kleinen Haushalt ging es seit dem schrecklichen +Ende Seppi Blatters nicht schlechter als zu seinen +Lebzeiten. Es war, als hätte das Unglück des Vaters +Josi, den vierzehnjährigen, mit einem Schlage um viele +Jahre gereift. Das freundliche Knabengesicht mit den +klugen dunklen Augen war ernst und trotzig geworden, +um ein Lächeln gab der früher gesprächige Bursche nicht +viel, menschenscheu vermied er das Dorf. Ohne daß ihm +jemand die Notwendigkeit klar gemacht hätte, schleppte +er im Lauf des Sommers genug Wildheu von den Planken, +um die paar Ziegen durch den Winter zu bringen, so daß +die Mutter manchmal mahnte: »Ueberthu dich nicht, du +zäher Bub.«</p> + +<p>Der Acker hatte reichlich Frucht getragen. Als man +Anfang Winter das Korn im großen Backofen des Garden +gleich fürs ganze Jahr verbuk, da ergab es so viel große +Laibe, daß die Kinder bis zur nächsten Ernte nicht nach +Hospel hinauszuwandern brauchten, um Mehl zu holen.</p> + +<p>Das war gut, woher das Geld nehmen?</p> + +<p>Es waren drollige Mahlzeiten, die Mutter und +Kinder hielten. Josi, der die Stelle des Hausvaters übernommen +hatte, zertrümmerte mit Hammer und Hackmesser +das vom langen Liegen steinharte Brot. Die +dunklen Splitter stoben nur so davon, und ebenso stoben<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[Pg 105]</a></span> +sie vom Käse, den noch der Vater bereitet hatte. Vroni +fing die Brocken auf, indem sie die offenen Arme ausbreitete, +und lachend knusperten die Kinder an den braunen +Stücken, die dem Gestein des Gebirges zum Verwechseln +glichen.</p> + +<p>»Beiße dir keinen Zahn aus, Vroni!« scherzte Josi. +Dann wies sie ihm ihre Perlenreihe zwischen kirschroten +Lippen, er zeigte als Antwort sein blitzblankes Gebiß +und zum Schluß der Mahlzeit nahm er die Tessel, einen +Holzstab, der auf dem Tisch lag, und schnitzte einen Kerb +hinein, bald auf Vronis, bald auf seiner, bald auf der +Mutter Seite, damit man wisse, wer das Tischgebet verrichtet +hatte.</p> + +<p>Ein kleines, inniges Glück, dem die Trauer, die es +durchbebte, Bestand verbürgte. So hätte man den Haushalt +Fränzis nennen mögen. Die Geschichten, die sie +nicht mehr in die Kreise der Burschen und Mädchen +tragen mochte, erzählte sie Josi und Vroni. Dann geschah +es wohl, daß Josi müde vom Tag einschlief, während +Vroni gespannten Ohres lauschte.</p> + +<p>Oft sangen die drei das einzige Lied, zu dem sie +eine Melodie wußten, den einzigen weltlichen Gesang, +den es im Glotterthal gab. Fränzi hatte ihn zur Zeit, +als sie mit Seppi selig verlobt war, auf dem Markt zu +Hospel von einem fahrenden Spielmann gehört und gekauft. +Sie nannte ihn »das Kirchhoflied«. Der Sang +lautete:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Es liegt das Dorf im Abendstrahle,<br /></span> +<span class="i0">Die Berge glühen Dom an Dom,<br /></span> +<span class="i0">Im Frieden steh'n des Kirchhofs Male,<br /></span> +<span class="i0">In wilden Wellen rauscht der Strom<br /></span> +<div><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[Pg 106]</a></span></div> +<span class="i0">An ihm dahin zur weiten See,<br /></span> +<span class="i0">Wie klingt die Flut vor Wanderweh!<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Das Steingenelk, die Königskerzen<br /></span> +<span class="i0">Erblüh'n voll Pracht im heiligen Rund,<br /></span> +<span class="i0">Sie steigen aus gebroch'nen Herzen<br /></span> +<span class="i0">Und jede Blume ist ein Mund.<br /></span> +<span class="i0">O, wie das weint, o, wie das lacht,<br /></span> +<span class="i0">Dem Flüstern horcht die Sommernacht!<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Des Dorfes Abgeschied'ne reden,<br /></span> +<span class="i0">Es reden toter Bursch und Braut,<br /></span> +<span class="i0">Man kennt und nennt im Ringe jeden —<br /></span> +<span class="i0">Da klagt ein Knöspchen frischbetaut:<br /></span> +<span class="i0">'Wir sind im Thal — nur einer fehlt,<br /></span> +<span class="i0">O, wie sich der in Heimweh quält.'<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Gebräunter Bursch ist fortgezogen,<br /></span> +<span class="i0">Den Mund so rot, den Blick so hell,<br /></span> +<span class="i0">Dahin mit Wellen und mit Wogen<br /></span> +<span class="i0">Gewandert ist der Frohgesell,<br /></span> +<span class="i0">Doch, als er stand an blauer See,<br /></span> +<span class="i0">Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Du armer Knabe! Schlaf am Meere!<br /></span> +<span class="i0">Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,<br /></span> +<span class="i0">Sieh, Gottes sind die Sternenheere,<br /></span> +<span class="i0">Er schickt den Tropfen, der die Stirn<br /></span> +<span class="i0">Mit frischem Gletschergruß umspült,<br /></span> +<span class="i0">Der dir das heiße Heimweh kühlt!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Hatte Vroni ihr Kämmerlein aufgesucht, so hörte +sie die Mutter noch eine Weile in der Stube hantieren. +Das letzte war immer, daß Fränzi die Thüre oder ein +Fensterchen öffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch +stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die +Fenster verschlossen, der Bissen verschwunden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[Pg 107]</a></span>»Wozu das, Mutter?« fragte Vroni ahnungsvoll.</p> + +<p>»Für die armen Seelen, für den Vater, wenn er +unter ihnen ist.«</p> + +<p>»Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in +den Tod gegangen.«</p> + +<p>»Wer ist sicher, daß er an den heligen Wassern nicht +doch noch etwas gedacht oder gethan hat, was er büßen +muß. Ein Tag hat tausendmal tausend Augenblicke und +in jedem können wir zur armen Seele werden. Gäbe +es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren +sind, daß man nicht über das Eis gehen kann, +ohne daß man ihnen auf die Häupter tritt? Die Krone +ist voll Wehklagen der Frierenden, in den Gletscherspalten +hört man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den +Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh, +sie verlieren das Lachen und die roten Wangen. Ihr +habt Abrahämi nicht mehr gekannt. Er war ein Gemsjäger. +Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine +Gemse lauerte, sah er plötzlich zwei arme Seelen. Die +eine kämmte ihr welliges Haar, die andere sang, denn +beide waren bald erlöst und freuten sich der warmen +Sonne. Es waren vornehme Mailänderinnen, die in +ihrem Leben vor vieler Weltfreude vergessen hatten, +Armen Gutes zu thun. Sie erzählten Abrahämi ihr verfehltes +Leben so beweglich und ihre Schönheit war so +groß, daß er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie +baten ihn, er möge im Thale nicht erzählen, daß sie so +schwer büßen, denn es könnte sonst die Nachricht davon +bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und +das wäre ihnen nicht lieb. Als aber Abrahämi, der +Gemsjäger, ins Thal kam, konnte er es nicht verschweigen,<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[Pg 108]</a></span> +was für schöne Frauen er auf dem Gletscher gesehen +habe. Da wurden seine Füße und seine Zunge lahm und +viele Jahre saß er so auf dem Dengelstein vor seinem +Hause und schaute in Sehnsucht nach den Firnen der +Krone, ob er die schönen Frauen nicht erspähen möchte. +Eines Tages flogen zwei schneeweiße Tauben über das +Thal. Das waren die erlösten Seelen. Abrahämi mochte +wieder aufstehen und reden, doch lachen hat er nie mehr +mögen, sondern immer gesagt: 'Kränkt keine arme Seele.'«</p> + +<p>So erzählte Fränzi und in Vroni erklangen die +Glocken des Glaubens, daß ihr ganzes Wesen erfüllt +würde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi +trotzig und finster, so blühte in ihrem frischen, von blondem +Haar umspielten Gesicht stillinniges Leben auf.</p> + +<p>Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen +weinte, die weißen Nebel am mondbeschienenen Berghang +schwebten, dann glaubte auch sie die Züge jener +Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen +und es durchwandeln.</p> + +<p>»Mutter, aber haben sie schon am Brot oder an +der Milch gerührt?«</p> + +<p>»Nein, Vroni, die armen Seelen essen nicht und +trinken nicht; wenn sie nur den guten Willen sehen, so +sind sie schon satt und freuen sich, daß sie nicht vergessen +sind, denn nichts auf der Welt thut ihnen so weh, wie +wenn niemand ihrer gedenkt.«</p> + +<p>Einmal, als Vroni schon schlief, kam über den hohen +flimmernden Schnee wahrhaftig eine arme Seele durch +die Nacht geschwebt und gewandelt, eine leichte, schlanke +Kindergestalt, doch stieg sie nicht den Alpweg herab, +sondern huschte herüber von der schlafenden Kirche, die<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[Pg 109]</a></span> +ihren Turm gespenstisch in die nächtliche Winterlandschaft +reckte.</p> + +<p>Fränzi erschrak. Wenn man eine arme Seele sieht, +soll man nicht neugierig sein, es kann sie kränken. Sie +zog sich vor der Wandelnden tief in ihr Stübchen zurück +und betete den Segen.</p> + +<p>Da horch! Vor dem Fensterspalt bittet und bettelt +ein süßes, feines Stimmchen: »Fränzi, liebe Fränzi. +Darf ich zu Euch hereinkommen?«</p> + +<p>Einen Augenblick staunt Fränzi, dann sagt sie überrascht: +»Weiß Gott, das ist Binia!« Sie öffnet die +Thüre und zieht das schlotternde Kind, das zum Schutz +vor der grimmigen Kälte den Kirchenmantel der seligen +Beth um die Glieder geschlagen hat, in das Stübchen.</p> + +<p>»Ums Himmels willen, Bini, was willst du bei dem +harten Frost und bald um Mitternacht. Hat es im +Bären ein Unglück gegeben?«</p> + +<p>Da lächelt Binia leise und schalkhaft, setzt sich dicht +zu Fränzi auf die Bank, nimmt mit einer scheuen Liebkosung +ihre Hand, schlägt den Blick nieder und sagt: +»Nein, im Bären schläft alles, nur ich habe noch gewacht +und an mein seliges Mütterchen gedacht. Wie ich den +Schlaf nicht habe finden können, bin ich still aufgestanden, +die Treppe hinuntergetappt, durch das Fenster des Untergadens<a name="FNanchor_21" id="FNanchor_21"></a><a href="#Footnote_21" class="fnanchor">[21]</a> +hinausgeklettert und bin zu Euch gekommen.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21" id="Footnote_21"></a><a href="#FNanchor_21"><span class="label">[21]</span></a> <i>Untergaden</i>, schweizerdeutsch, Vorratskammer im Erdgeschoß.</p></div> + +<p>»O Gott und alle Heiligen! Nicht einmal recht +angezogen bist du, könntest dir ja den Tod holen in +dieser Nacht. Warum kommst auch nicht am schönen Tag?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[Pg 110]</a></span>Da verzieht sich das Gesichtchen des Kindes schmerzlich, +zögernd sagt es: »Ich meine, der Vater hätte es +nicht gern, wenn er's wüßte. Und ich weiß nicht, habt +Ihr's gern, wenn ich zu Euch komme und Vroni und +Josi? Ich habe Euch vieles zu fragen, Fränzi.«</p> + +<p>»Närrchen, du liebes, warum sollten wir uns nicht +freuen, wenn du kommst?« Fränzi fuhr dem schüchternen +Kinde liebkosend durchs dunkle fliegende Seidenhaar. +»Aber wenn's dein Vater nicht gern hat, so ist's doch +gescheiter, du gehst gleich wieder heim.«</p> + +<p>Da glitt das Kind hinab von seinem Sitz zu den +Füßen Fränzis, umschlang ihre Kniee und flehte weinerlich: +»Nein, Fränzi, nein, sterben müßt' ich und den +Kopf würde es mir zersprengen, wenn ich jetzt nicht mit +Euch reden könnte.«</p> + +<p>»Nun, so laß es heraus, was so in dem armen +Köpfchen brennt, daß es gar nicht mehr schlafen kann,« +sagte Fränzi mild und zog Binia zu sich empor.</p> + +<p>Es war aber, als blieben die Worte der Kleinen +im Halse stecken.</p> + +<p>»Ist's denn etwas so Schreckliches, Bini?«</p> + +<p>»O Fränzi, wie Ihr an der Wassertröstung so ernst +mit meinem Vater auf seiner Stube geredet habt, da +saß ich auf dem Ofen, ich habe alles gesehen und gehört.«</p> + +<p>Wunderfein erbebte das Stimmchen.</p> + +<p>Nun war's an Fränzi, zu erbleichen. Sie sah das +Kind nicht mehr, sie sah nur das furchtbare Erlebnis +jener Stunde — entgeistert blickte sie vor sich hin. Sie +bat: »Kind, armes Unglücksvögelchen, rede, — rede! Gott +und die Heiligen mögen mir helfen, daß ich dir recht +Antwort stehe. Vielleicht ist's gut, daß du gekommen bist.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[Pg 111]</a></span>Da rann das Geständnis des gepreßten und geklemmten +Kinderherzens, erst scheu und zögernd, gleichsam +nur in Tropfen hervor, strömte dann heiß und leidenschaftlich +und unter vielen Thränen. Nur von Josi +sagte Binia nichts, sonst alles.</p> + +<p>»Du süßer, lieber Vogel, so böse Dinge klopfen in +deinem Herzchen.«</p> + +<p>Fränzi hatte genug zu thun, um ein klein wenig +Ordnung in die verwirrte Kinderseele zu bringen. Sie +löste Binia alle Fragen auf, nur eine konnte sie ihr nicht +lösen: Wie es möglich ist, daß ein Kind Vater und +Mutter gleich heiß liebt, daß der Vater die Mutter aber +nicht gut leiden mag.</p> + +<p>»Ihr seid sicher, daß dem Vater die Hand nicht aus dem +Grabe wachsen wird, wie der wüste Kaplan gesagt hat?«</p> + +<p>Feierlich nahm Fränzi die Hand des Kindes und +ihre Augen begegneten dem dunklen Sternenpaar Binias: +»Ja. Nicht die böse Unterschrift hat meinen seligen +Seppi an die Weißen Bretter geführt, als ein Freiwilliger +ist er gegangen. Es hat sich alles gewandt und +dein Vater ist unschuldig an seinem Tod.«</p> + +<p>Binia dankte mit einem innigen Aufleuchten des +Blicks: »Es ist kein Unsegen auf mir?«</p> + +<p>»Deine selige Mutter wacht vom Himmel über dir +und jede Nacht bin auch ich in Gedanken bei dir.«</p> + +<p>Da küßte Binia die arbeitsharten Hände der mütterlichen +Trösterin mit brennendem Mund.</p> + +<p>Noch hatte das neugierige Kind viele Fragen, die +Antwort forderten.</p> + +<p>»Ihr denkt, der Vater habe mich doch lieb? — O, +Fränzi, wenn Ihr wüßtet, wie ich ihn liebe.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[Pg 112]</a></span>»Natürlich, du kleine Ungläubige — jeder Vater +hat in seinem Herzen ein Plätzchen für sein Kind, und +wenn es zu tiefinnerst versteckt wäre! Sei liebevoll und +demütig gegen den Vater; auf Kindern, die gegen ihre +Eltern ehrfürchtig sind, steht die Verheißung, daß es ihnen +wohl ergehe.«</p> + +<p>»Ich demütig — das ist schwer. — Wohl, wohl, +ich will demütig sein!« flüsterte Binia mit feinem Stimmchen +und gesenkten Lidern, »aber —«</p> + +<p>»Was für Rätsel hast du denn noch, du grüblerisches +Kind?«</p> + +<p>»Ich habe jetzt zwei Mütter, eine tote, die mir lieb +über alles ist — und eine lebendige. Wie soll ich's da +halten? Kränke ich die tote nicht, wenn ich gut zu der +lebendigen bin?«</p> + +<p>»Richte in deinem Herzen einen Altar auf für die +tote, schmücke ihn mit Blumen der Liebe; der lebendigen +aber diene als gutes Kind, denn, Binia — Frau Cresenz +ist eine wackere Frau.«</p> + +<p>Binia schwieg mit gesenktem Kopf.</p> + +<p>Da drang von der Kirche herüber der Einuhrschlag, +er mahnte Fränzi an die schwere Stunde, wo Seppi für +immer Abschied genommen hatte.</p> + +<p>»Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas +bitten, Vögelchen. In grenzenlosem Leid hat dich der +selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm, Binia!«</p> + +<p>Statt jeder Antwort preßte das Kind das Köpfchen +an die Brust der Frau, nicht anders, als wäre sie die +Mutter.</p> + +<p>»O, Fränzi, ich höre Euer Herz — das ist so ein +liebes, warmes Herz.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[Pg 113]</a></span>»Ja, aber jetzt geh' — jetzt geh', du Nachtwandlerin, +ich kann dein Bleiben nicht mehr verantworten.« Als +Fränzi schon die Thüre aufschließen wollte, bettelte Binia: +»Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie schläft — o, wie +manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am +ganzen Leib zu ihr gezogen.«</p> + +<p>Fränzi lächelte, sie führte die Bettlerin zu Vronis +Lager, und Binia preßte einen Kuß auf die roten Wangen +der Freundin, die tief atmend auf den gelösten Strähnen +ihres Goldhaares ruhte.</p> + +<p>Die Schlafende regte sich, leise traten die beiden +nächtlichen Besucherinnen aus dem Kämmerchen zurück.</p> + +<p>»Willst Josi auch noch sehen?«</p> + +<p>»Ja, gern,« hauchte Binia und eine Blutwelle ergoß +sich über ihr feines Gesichtchen. Sie stiegen die +schmale Treppe empor. Im Licht, das Fränzi durch die +Finger auf den Schläfer fallen ließ, sah Binia die Furche +der Willenskraft, die sich von der Stirne zur Nase Josis +zog und das junge Gesicht schon halb männlich erscheinen +ließ. »Aber schön,« dachte Binia bei sich selber, »ist +Josi doch, so schlank, so braun.«</p> + +<p>Da fiel ihr plötzlich schwer aufs Gewissen, wie sie +den arglosen Schläfer wider ihren Willen, doch ohne die +Fähigkeit, den Widerruf vorzubringen, bei ihrem Vater +verleumdet hatte; sie zitterte und sagte kleinlaut: »Fränzi, +ich muß gehen! Ich dank' Euch tausendmal, liebe Fränzi.«</p> + +<p>Und über den mondbeschienenen Schnee lief Binia +flink wie eine Gemse dem unter schweren Winterlasten +seufzenden Dorfe zu.</p> + +<p>»Ob ich's wohl noch erleben und sehen werde, wohin +dich dein Weg führt, du Kind mit den vielfragenden<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[Pg 114]</a></span> +Augen und dem Rätselherzchen?« Mit diesem Gedanken +sah Fränzi der schlanken Gestalt nach, die in den schweren +nächtlichen Schlagschatten der Häuser verschwand.</p> + +<p>Als Vroni am nächsten Morgen sich zu Tische setzte, +erzählte sie mit strahlendem Gesicht, sie habe so lebhaft +von Binia geträumt, wie wenn sie selber bei ihr am +Bett gestanden hätte. Mutter Fränzi lächelte, sie weihte +die Kinder so stark in das Geheimnis des nächtlichen +Besuches ein, als sie für gut fand. Josi aber sagte: »Das +ist mir alles gleichgültig, wenn mir die Giftkröte nur +nie mehr über den Weg läuft.«</p> + +<p>Vroni lachte und drohte mit dem Finger: »Josi, +Josi, ich erzähle es der Mutter, was draußen im Teufelsgarten +geschehen ist.«</p> + +<p>Mit zornrotem Gesicht stand er auf: »Ich will nichts +mehr wissen vom Kind eines schlechten Hundes, dem Vater +selig bin ich's schuldig.« Er schlug die Thüre ins Schloß +und ging die Ziegen füttern. Fränzi war neugierig, was +draußen im Teufelsgarten geschehen sei, als ihr aber +Vroni gebeichtet hatte, sagte sie kein Wort.</p> + +<p>Die Geschichte machte ihr einige Tage schwer.</p> + +<p>Für Vroni blieb der unerwartete nächtliche Besuch +Binias das große freudige Ereignis des Winters, sie +hoffte, die Freundin würde wieder kommen, und erwartete +sie mit wachenden Augen Abend für Abend.</p> + +<p>Binia kam aber nie wieder, Vroni und die Mutter +bemerkten es jedoch wohl, wie sie manchmal aus der Ferne +sehnsüchtig nach ihnen und ihrem Häuschen blickte, wie +sie dann aber die Angst, sie würde vom Vater bemerkt, +fortjagte.</p> + +<p>Um Josi stand's nicht gut.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[Pg 115]</a></span>Wenn er Holz im Walde sammelte, so setzte er sich +oft auf die fertige Bürde, stützte den Kopf in die beiden +Hände und im winterlichen Walde, der unter der Schneelast +knackte, zogen mit furchtbarer Lebendigkeit die Bilder +noch einmal vorüber, wie sein Vater an den Weißen +Brettern gelitten hatte und gestorben war. Der Gram +um den Vater machte ihn je länger je mehr zu einem +düsteren Groller. Der verbissene Arbeiter war zuweilen +hart und grob gegen Vroni, finster gegen die Mutter, +und das kleine, innige Glück des Haushaltes erhielt durch +ihn manchen Stoß.</p> + +<p>»Sie sind alle, alle schuld, die von St. Peter, am +meisten der Presi,« grollte er.</p> + +<p>Eines Tages ging er doch durchs Dorf und stand +plötzlich vor dem verhaßten Mann. Da schrie der Presi +ihn an. »Wie darfst du dich noch unter rechten Leuten +zeigen, du Lausbub, du!« Jetzt war Josi im Innern mit +dem Presi und mit denen von St. Peter fertig.</p> + +<p>»Besser ungerecht leiden als ungerecht thun,« erwiderte +Fränzi mit einem tiefen Seufzer, als der Bursche +sein Erlebnis unter Thränen des Zorns berichtete.</p> + +<p>Allein er gab sich damit nicht zufrieden, er hatte +einen furchtbaren Haß gegen den Presi gefaßt.</p> + +<p>»Anzünden! den Bären anzünden,« brüllte es in +der Brust des Schwerbeleidigten, der Gedanke setzte sich +darin fest, daß, wie gräßlich es sei, der Bären eines +Tages verbrennen müsse.</p> + +<p>Aber Binia! — Bah, Binia! — Warum sollte er +den Bären nicht anzünden?</p> + +<p>Oft warf er die Zündhölzchen, die er mitgenommen +hatte, um im Wald ein Feuer anzumachen, mit zitternden<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[Pg 116]</a></span> +Fingern von sich. Aber die Furcht, daß er eines +Tages das Entsetzliche doch thun würde, quälte ihn.</p> + +<p>Hätte Josi mit kühlem Blut geurteilt, so würde er +sich gestanden haben, daß die Leute von St. Peter den +Groll nicht verdienten, den er auf sie warf. Sie erwiesen +der verwaisten Familie jene Achtung und jenes stille +Wohlwollen, das würdig ertragenes Unglück überall findet, +sie vergaßen es nicht, daß Seppi Blatter im Gemeindedienst +gefallen war, und hätte es dessen bedurft, so würde +Fränzi immer die Hilfe gefunden haben, die notwendig +gewesen wäre, den kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten.</p> + +<p>Zuweilen streckte der Garde das hünenhafte Haupt +mit einem freundlichen Gruß in die Thüre. Er war +seit dem Tode Seppi Blatters Vormund der Kinder, +redete aber Fränzi nichts in die täglichen Hantierungen, +sondern ging mit zufriedenem Knurren, einem besonderen +Gruß an sein Patenkind Vroni und mit dem Bewußtsein +davon, daß da Vogtmühen<a name="FNanchor_22" id="FNanchor_22"></a><a href="#Footnote_22" class="fnanchor">[22]</a> überflüssig seien.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22" id="Footnote_22"></a><a href="#FNanchor_22"><span class="label">[22]</span></a> <i>Vogt</i>, schweizerdeutsch, Vormund. Vögtling, Mündel.</p></div> + +<p>Ein fast täglicher Gast im Haus Fränzis war der +stille, blöde Eusebi, der die Gewohnheit hatte, sich auf +einen Schemel zu setzen, nichts zu sagen, mit ein paar +Hölzern zu spielen und zu hören, was geplaudert wurde. +Da saß der fünfzehnjährige Schwachkopf unbeweglich, +aber bei jedem freundlichen Wort ging ein Aufleuchten +über sein Gesicht. Vroni und Josi mochten ihn wohl +leiden, ja jene liebte ihn schwesterlich.</p> + +<p>Eines Tages zog sie ihre alte Schulschiefertafel heraus +und malte mit ihm Buchstaben. Und siehe da, die kleine +freundliche Schulmeisterin brachte den armen Jungen, der<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[Pg 117]</a></span> +wegen Blödsinn die Schule nicht hatte besuchen können, +zum Schreiben.</p> + +<p>»Eusebi, komm nur fleißig zu uns, dann lehre ich +dich alles, was ich selber kann, wir lautieren und stellen +Redeübungen an, bis du nicht mehr stotterst.«</p> + +<p>»Bist ein liebes V—vroneli,« stackelte er.</p> + +<p>Einmal, als Josi den beiden lange zugesehen und +zugehört hatte, sagte er: »Mutter, die Vroni bringt den +Eusebi zuwege. Ganze Sätze redet er mit ihr und stößt +nirgends mehr an.«</p> + +<p>»Geb's Gott!« antwortete Fränzi.</p> + +<p>Auch Binia erhielt einen Spielgefährten ins Haus.</p> + +<p>Thöni Grieg war der achtzehnjährige Neffe der Frau +Cresenz und des Kreuzwirts in Hospel. Er hatte bis dahin +das Kollegium in der Stadt besucht, und wäre es +nach der Ansicht seiner nächsten Verwandten gegangen, +so hätte er Jurist werden müssen. Er hatte aber das +Pech, daß er wegen loser Streiche von der Schule gewiesen +wurde. Da beschloß man im Familienrat, ihn +Frau Cresenz und dem Schwager Präsidenten zur weiteren +Erziehung und Ausbildung zu übergeben. Der Aufenthalt +im abgelegenen St. Peter sollte eine empfindliche +Strafe für ihn sein, die Hand des Presi war hart genug, +den Jungen im Zaum zu halten, und dabei hatte +er im Bären doch Gelegenheit, den Hotel-, den Fremden- +und Postdienst kennen zu lernen.</p> + +<p>Der Presi machte zuerst ein schiefes Gesicht zu dem +Erzieheramt, das ihm seine neue Verwandtschaft zudachte, +aber um Frau Cresenz willen biß er in den sauern Apfel.</p> + +<p>Und siehe da, als Thöni kam, erwiesen sich alle +Befürchtungen und jedes Mißtrauen als ungerechtfertigt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[Pg 118]</a></span>Der »schöne Thöni«, der »lustige Thöni«. Bald +klangen die Worte durchs Dorf. Er war ein schlank gewachsener, +sauberer, anstelliger Bursche, der immer gut +gekleidet ging, städtische Manieren zur Schau trug und +lebhaft und drollig zu plaudern wußte.</p> + +<p>»Was hast du denn gemacht, Thöni, daß sie dich +aus dem Kollegium gejagt haben?«</p> + +<p>»Gewiß nicht viel, Herr Präsident. Heimlich Bier getrunken, +wenn ich Durst hatte, mit ein paar anderen dem +Zeichenlehrer eine Katzenmusik gebracht und am gleichen +Abend vor der Wohnung des Professors des Französischen, +der ein schönes Töchterlein hat, ein bißchen gesungen.«</p> + +<p>Mit der offenherzigsten Miene der Welt machte Thöni +sein Bekenntnis.</p> + +<p>»Donnerwetter, erst achtzehnjährig und schon die +Mädchen ansingen! Wohl, wohl, du kannst es mit der +Zeit auf einen grünen Zweig bringen.«</p> + +<p>Der Presi lachte laut, doch wohlwollend, denn er +war selbst ein feuriger Bursche gewesen.</p> + +<p>Als großer achtzehnjähriger Herr übersah Thöni zuerst +die dreizehnjährige Binia halb, dann entdeckte er, daß sie +ein allerliebstes Gesichtchen habe, er spürte ihr rasches, +heißblütiges Naturell heraus, und wenn ihn niemand beobachtete, +reizte er das Kind zu seiner Unterhaltung auf +das heftigste.</p> + +<p>»Du Wildkatze, weise mir deine blanken Zähne!« +Binia wehrte sich tapfer. »O, die sind viel zu gut, als +daß ich sie einem fortgejagten Kollegianer zeigen würde.«</p> + +<p>»Du giftige Katze!« Und der Bursche langte mit +der Hand aus, als ob er dem Mädchen eine Ohrfeige +versetzen wollte, aber das ließ er klugerweise bleiben.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[Pg 119]</a></span>Ueber ihrem Zank stieg von Hospel herauf der Frühling +ins Thal, die Lawinen krachten und gingen durch +die gewohnten Runsen. Das Spiel der Klappern an den +heligen Wassern, das winters über geruht hatte, erwachte +nach einem Frühlingsgang des Garden wieder +und in St. Peter stritten die Leute immer noch und +heftiger, ob man die Fremden ins Thal kommen lassen +wolle oder nicht.</p> + +<p>Der Pfarrer predigte dagegen, der Garde sprach dem +Presi ins Gewissen, unbeirrt ging er seinen Weg; während +man stritt, kam der Sommer, und es erschienen, +vom Kreuzwirt in Hospel dahin gewiesen, die ersten Fremden +im Bären von St. Peter.</p> + +<p>Die armen Seelen gaben kein Zeichen und die der +Krone stürzten nicht aufs Dorf.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[Pg 120]</a></span></p> +<h2><a name="VII" id="VII"></a>VII.</h2> + + +<p>»Das Dörfchen unter dem Donner der Lawinen.« — +»Das unberührte Idyll, aus dem noch keine Kellnerserviette +die Poesie gestäubt hat.« — »Das Thal des +altertümlichen Volkslebens und der originellen Sitten.«</p> + +<p>Die Schlagwörter flogen nur so. Wie aus einem +Taubenschlag flatterten aus dem Bären mit jedem Morgen +Gäste und Gästinnen durch das Dorf auf die Maiensässen +und die Alpweiden und mit Blumen beladen am +Abend zurück. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus +vor, jede wie eine Columbussin, die Glücklichen vergaßen +ganz, daß sie der Kreuzwirt von Hospel nach St. Peter +gewiesen hatte, und genossen unbeeinträchtigte Entdeckerfreuden. +Wie hatte man die Krone, diesen kühnen und +gewaltigen Hochbau des Gebirges, so lang übersehen +können? Und die schlanke, zierliche Nadel des Bockje, auf +dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen schien, nach der +Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem +Jäger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter +konnte, versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter +mit den geheimnisvollen alten Zeichen und Runen an +den Holzhäusern, mit den Scheunen und Städeln, die<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[Pg 121]</a></span> +auf gemauerten Steinsäulen ruhten, so daß es beinahe +wie ein aus alter Zeit übriggebliebener Pfahlbau aussah.</p> + +<p>Nicht zuletzt liebten die Gäste den Bären, das Urbild +eines alten schönen Bergwirtshauses, befreundeten +sie sich mit der immer liebenswürdigen Bärenwirtin, bewunderten +sie den Bärenwirt, die hünenhafte Prachterscheinung +eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie +eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedrückender +Gewalt des Wesens war. Wer eines Führers bedurfte, +nahm den lustigen Thöni mit, der, gefällig und kurzweilig, +sich an das Wesen eines jeden anschmiegte und +als ein fröhlicher Junge von einer gewissen Bildung auch +das Wohlwollen der Frauen genoß.</p> + +<p>»Hier ist es schön, entzückend schön,« schwärmten die +Sommerfrischler und flüsterten sich zu: »Nur nicht ausbringen, +was für ein Dorado wir gefunden haben, kennt +erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im Bären +die Forellen kosten.«</p> + +<p>Weniger zufrieden waren die Dörfler.</p> + +<p>Zuerst staunte man billig über die Weltleute, dann +sagte man: »Wozu die Fremden? Zwar sind die Firnen +und Gletscher der Krone noch nicht gefallen. Aber was +noch kommen wird, weiß man nicht. Und man hat, seit +die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene +Gäste.«</p> + +<p>Ueberall streckten die Sommerfrischler die Köpfe durch +Fenster und Thüren, sie erkundigten sich nach Dingen, +die niemand etwas angingen als die von St. Peter selbst. +Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den Frauen +des Dorfes gute Ratschläge über Wohnungslüftung und +Kinderpflege geben zu sollen, sie zuckten zu manchen<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[Pg 122]</a></span> +Dingen, die sie sahen, die Schultern und liefen durch +die Aecker und Maiensässen, als ob das Land im Glotterthal +herrenlos wäre.</p> + +<p>Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie +ein Bajazz bei den Buden, die man an den Märkten zu +Hospel sieht, stellte sich mit seinem Eisbeil vor ein paar +Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte: »Na, +sagen's 'mal, wo sind denn die schönen Sennen und +Sennerinnen, die vom Morgen bis zum Abend auf den +Bergen stehen, die Hüte schwenken, jauchzen und jodeln, +und ihre Schweizerlieder singen?«</p> + +<p>»Meint Ihr, wir seien solche Narren!« antworteten +die Weiber, »werken müssen wir, daß die Rippen auseinanderbrechen +möchten. Aber hudlig<a name="FNanchor_23" id="FNanchor_23"></a><a href="#Footnote_23" class="fnanchor">[23]</a> sind wir nicht.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23" id="Footnote_23"></a><a href="#FNanchor_23"><span class="label">[23]</span></a> <i>hudlig</i>, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich +geringwertig, bettelhaft.</p></div> + +<p>»Ja, die Fremden sind ein verrücktes Volk,« meinte +der Fenkenälpler, die dicke Bäliälplerin aber jammerte +und zürnte: »Was mir geschehen ist! Kommt, wie ich +an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine Nichtsnutzin +auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen +bösen Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft — legt +doch lieber die Pfeife weg — es schickt sich an uns Frauen +ja gar nicht, daß wir Pfeifen rauchen.' Da habe ich +aber — reine Alpenluft hin und reine Alpenluft her — +ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen<a name="FNanchor_24" id="FNanchor_24"></a><a href="#Footnote_24" class="fnanchor">[24]</a> würden.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24" id="Footnote_24"></a><a href="#FNanchor_24"><span class="label">[24]</span></a> »<i>Die Hasen backen</i>«, sagt das Volk, wenn nach langem starkem +Regen die Nebel aus den Wäldern steigen.</p></div> + +<p>»Tausendmal recht habt Ihr gehabt,« erwiderte der +Fenkenälpler. »In St. Peter sind wir noch Meister — +und wir lassen die Fremden ja im Frieden herumkalbern!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[Pg 123]</a></span>Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten +nicht mehr in den Leinenhosen, die sie sonst sommers +über zur Arbeit trugen, durchs Dorf auf Alpe und Feld +gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und +lachen über das Kleid, klagten sie.</p> + +<p>»Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er +Ohrfeigen,« quiekte der Glottermüller.</p> + +<p>Der Presi aber rieb sich im Herbst die Hände: »Ta-ta-ta, +das Fremdenwesen geht gut. — Schwager Kreuzwirt, +ich danke Euch.«</p> + +<p>Die Dörfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie +seit Jahren nicht mehr; er schlang den Arm um die +Hüfte der stattlichen Frau Cresenz: »Gut ging's!« Sie +streifte seinen Arm ab und lachte: »Ihr seid doch kein +Jüngling mehr, Präsident.«</p> + +<p>Das Ehepaar redete sich mit »Ihr« an, die Frau +nannte ihren Eheherrn auch nie »Presi«, sondern »Präsident« +und die Gäste waren noch höflicher. Sie riefen +ihn »Herr Präsident«. Das klang ihm freilich schöner +in die Ohren als das dörfliche »Presi«.</p> + +<p>Manchmal ärgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute +so kühl war, manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht.</p> + +<p>»Etwas Klügeres als Euch zu heiraten, hätte ich +nicht thun können. Ihr seid die Wirtin, wie sie im Buche +steht, Ihr seid freundlich mit allen Gästen, doch mit +keinem zu viel, Ihr führt ein gutes Hausregiment. Aber +wißt, ein bißchen zärtlicher hätte ich Euch schon gern. Habt +Ihr denn gar nichts vom Thöni, hinter dem muß man +ja immer mit dem Donnerwetter her sein, daß er nicht +beständig an den Schürzen der Mägde hängt.«</p> + +<p>»Nein, ich mag das Scharwenzeln und Thörichtthun<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[Pg 124]</a></span> +nicht leiden. Das habe ich schon meinem seligen Ersten +immer gesagt.«</p> + +<p>»Mir aber geht's merkwürdig!« erwiderte der Presi +fast ernst. »Die Beth selig hat mich manchmal mit ihren +braunen Augen so barmherzig angeschaut und still gebettelt, +ich möchte ihr etwas Liebes sagen oder mit der +Hand übers Haar fahren, oder sie nur ein bißchen schlimm +ansehen. Ich aber habe es nicht übers Herz gebracht. +Doch jetzt möchte ich gern — und jetzt wollt Ihr nicht.«</p> + +<p>Frau Cresenz, der kühlen Frau, wurde es bei solchen +Gesprächen unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie: +»Ich schaue doch immer zum Frieden.«</p> + +<p>»Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Präsidentin. +Wenn ich nur denke, wie Ihr Bini gezogen habt, +den verlotterten Wildfang.«</p> + +<p>»Sagt, Präsident, das bleibt aber eine sonderbare +Geschichte, wie das Kind sich plötzlich bekehrt hat. Wißt +Ihr noch, es war in der Nacht kurz vor Neujahr, als +ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus. +Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will +Euch jetzt Mutter nennen und ganz artig sein.' Und +sie schmeichelte um mich wie ein Kätzchen. 'Hast dein +Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot und +sagt: 'Ja — die selige Mutter hat halt mit mir geredet +und gewünscht, daß ich Euch folge.'«</p> + +<p>»Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken +giebt, so laßt sie nur durchs Haus wandeln,« lachte der +Presi.</p> + +<p>»Ich glaube selber, Bini sei enthext.«</p> + +<p>Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: »Präsidentin, +redet nicht so dumm.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[Pg 125]</a></span>»He,« sagte Frau Cresenz verlegen, »die alte Susi +lag mir, ehe sie zu ihren Verwandten nach Tremis zog, +immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan Johannes besprochen +— ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern lassen. +Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit +gar so bösartig gewesen ist.«</p> + +<p>Der gute Humor des Presi war verdorben.</p> + +<p>»Aber Ihr mögt ihr ja selber nicht recht ein gutes +Wort gönnen,« warf Frau Cresenz beklommen ein.</p> + +<p>»Das ist etwas anderes,« schnauzte der Presi, »aber +ich leide es nicht, daß man Bini zu einem Hexlein stempelt.« +Er stand auf und machte einen Gang durchs Haus +von zu unterst bis zu oberst.</p> + +<p>Seine Gedanken waren beim letzköpfigen Pfaffen, +der Binia besprochen haben sollte. Er mochte den Halbnarren +trotz dem thörichten Gerede nicht übel leiden.</p> + +<p>Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen +war, wie in einem Hause sich etwa ein herrenloser +Hund oder eine Katze einnistet, war schlauer als +die Dörfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden +veränderten Verhältnisse rasch zu nutze gemacht. Er +lief etwas weniger den Bauern- und Alpweibern nach, +er tauschte für seinen Kräuterthee, der gegen das Doggeli<a name="FNanchor_25" id="FNanchor_25"></a><a href="#Footnote_25" class="fnanchor">[25]</a> +schützen, Kreuzschmerzen vertreiben und das Lungenfieber +heben solle, etwas seltener Brot, Käse und Speck ein, +dafür begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen +Mineralienhandel und verkaufte den Gästen die glitzernden +Siebensachen von Krystallen und Erzen, die man im +Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25" id="Footnote_25"></a><a href="#FNanchor_25"><span class="label">[25]</span></a> <i>Doggeli</i>, schweizerdeutsch, Alpdrücken.</p></div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[Pg 126]</a></span>»Woher er sie nur hat?« fragte sich der Presi. Und +dann sagte er sich: »Gelegentlich muß man ihn doch fortschaffen. +Am Abend gröhlt und plärrt der Narr im +Schmelzwerk, daß nach Einbruch der Nacht kein Mensch +mehr den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch +laufen von ihm immer erfundene oder wahre Geschichten, +daß er an die Weiber ungebührliche Zumutungen stelle. +Ein widriger, <a name="corr_4" id="corr_4"></a><a href="#corr_note_4" class="correction" title="Im Originaltext "umheimlicher"">unheimlicher</a> Geselle ist er schon, und die +häufigen Anfälle von Fallsucht, die er hat, machen ihn +nicht angenehmer. Es ist übrigens, als könne er sie selbst +künstlich hervorrufen, sie pflegen ihn zu überfallen, wenn +ihm jemand eine Gabe verweigert, und bloß um das +schreckliche Bild nicht in der Stube zu haben, schenken +ihm manche Leute, was er begehrt. Der Bäliälpler hat +freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzköpfigen +Pfaffen, als er schäumte und zappelte, mit kaltem +Wasser überschüttet. Da war der Narr heulend davongelaufen +und nie wieder gekommen.</p> + +<p>»Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben. +Die Gemeinde hängt daran, daß jemand bei +der Lieben Frau an der Brücke die üblichen Glockenzeichen +giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer, +der gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, muß auch +seinen Pfahl im Fleische haben, das ist lustig!«</p> + +<p>So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den +Estrich gelangt war, kam ihm Binia nachgelaufen: »Vater, +der Garde ist da.« Nun ging ein Zug der Ueberraschung +und ehrlicher Freude über seine eherne Stirne und um +seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange +heimlich gekränkt, daß der Garde, seit Sommerfrischler +kamen, den Bären mied. Ohne den Garden aber, den<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[Pg 127]</a></span> +einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund +achtete, konnte er fast nicht leben.</p> + +<p>Nun grüßte er ihn in der großen Stube rasch und +herzlich.</p> + +<p>»Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die +Fremden setzen,« knurrte der breite, schwerfällige Freund, +»und in das neumodische geringe Stübchen ebener Erde +müßtet Ihr mich schon erst später einmal tot hineintragen, +lebendig gehe ich nicht über seine Schwelle.«</p> + +<p>»Wir wollen wieder einmal anstoßen wie früher, +nehmt die Welt, wie sie ist,« lachte der Presi. »Zum +Wohl, Garde!«</p> + +<p>»Presi,« und der Garde blinzelte belustigt, »Ihr versteht +es, gutes Wetter zu machen.«</p> + +<p>Nun waren die beiden Männer im Zug. Als das +Gespräch eine Weile gegangen, murrte der Garde:</p> + +<p>»Ich geb's ja gern zu, daß unter den Fremden viele +ehrbare und rechtschaffene Leute sind, es wäre traurig, +wenn's anders wäre, aber es bleibt halt dabei, die Fremden +verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit sie kommen, +ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand weiß, wo +hinaus es will.«</p> + +<p>»Ta-ta-ta. Wo hinaus?« eiferte der Bärenwirt. +»Daß sich die Leute an sie gewöhnen — in Grenseln +und Serbig haben sie auch zuerst die Hände hinter den +Gästen geballt, jetzt aber stehen sie an allen Straßen, +verkaufen ihnen Edelweiß, tuten auf dem Alphorn und +juheien sie an.«</p> + +<p>»Eben, eben,« zürnte der Garde, »sie sind hudlig +geworden. Presi — ich habe ruhiges Blut, aber das erste +Mädchen in St. Peter, das sich an den Weg stellt und<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[Pg 128]</a></span> +die Fremden ansingt, nehme ich bei den Zöpfen, führe +es zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So +lang ich lebe, darf unsere Gemeinde nicht hudlig werden.«</p> + +<p>Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch.</p> + +<p>»Aber, Garde, ich will ja das auch nicht,« besänftigte +der Bärenwirt.</p> + +<p>»Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht +— aber das glaube ich auch,« der alte eiserne Sprecher +lachte grimmig, »ehe das Dorf hudlig wird« — eine +Flamme schoß aus seinen Augen — »ehe das Dorf hudlig +wird, geschehen böse Dinge — giebt es Aufruhr und +Unglück.«</p> + +<p>»Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja +mit der Zeit durch die Fremden einen schönen Verdienst.«</p> + +<p>Der Garde schüttelte den Kopf, langsam und feierlich +sagte er: »Ihr kennt unser Völklein. Das paktiert +nicht, das schweigt, das seufzt und schimpft im stillen, +das ballt die Fäuste im Sack, das besinnt sich siebenmalsiebenmal, +das betet, duldet und trägt, — aber +wenn's ihm zuletzt aus der Seele in die Knochen fährt, +— dann würde ich mich lieber vor hundert wütende +Bullen stellen als vor die Gemeinde.«</p> + +<p>Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der +Garde aber fuhr in seiner feierlichen Art fort:</p> + +<p>»Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren, +bestochen durchs Geld, mit einem Fremden auf die Krone. +Was geschieht? In einer Nacht brennt ihm die Hütte +nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der Brandstifter +ist, dann trägt die Gemeinde die Schande. Oder +er kommt aus und die Landjäger holen ihn. Dann, Presi, +würde ich um den Bären Sorge tragen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[Pg 129]</a></span>»Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich +ertrage es nicht.« Der Presi war hastig geworden und +verwarf aufstehend die Arme. »Keiner würde dem Bären +etwas zu leide thun — keiner — als etwa der Lausbub +der Fränzi.«</p> + +<p>»Die gottlose Rede nehmt zurück. — Josi ist ja so +ein ehrbarer Bursche. Das habe ich aber schon lange gemerkt, +daß Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt frage ich als +Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?«</p> + +<p>Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch +diesem leuchtete es bös auf im Gesicht: »Der? — Wißt +Ihr, was der über mich gesagt hat? — Die Hand müsse +mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute +von Amt und Ehre.«</p> + +<p>»Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?«</p> + +<p>»Zu Binia hat er's gesagt.«</p> + +<p>Der Garde wiegte den schweren Kopf. »Bini lügt +nicht. Ich will dem Donnerhagel das Hirn säubern.«</p> + +<p>Mit zündelrotem Kopf lief er davon. Binia, die +durchs Haus strich, hatte auf das laute Wesen der Männer +in der Küche das Schiebefenster gegen die Stube geöffnet, +um neugierig zu hören, was denn los sei.</p> + +<p>Jetzt war sie unglücklich, wie ein aus dem Nest gefallener +Vogel: »Mutter — Mutter — selige Mutter.«</p> + +<p>Ihre Hände verkrampften sich ineinander, ihre Augen +wurden groß.</p> + +<p>Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung +Josi Schreckliches angethan!</p> + +<p>Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen +Lichtfülle seiner Blicke ansah, dann peitschte sie der Gedanke, +sie müsse vor ihm niedersinken und sprechen: »Vater,<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[Pg 130]</a></span> +sei doch nicht so thöricht, daß du einem Kind, was es +im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, gräßlich +gelogen, in seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein, +der Kaplan Johannes hat das Entsetzliche gesagt! Und +ich glaube es nicht — gewiß Gott, glaube ich es nicht.«</p> + +<p>O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren +großen Schmerzen ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die +Erinnerung daran brannte sie wie höllisches Feuer, aber +jedesmal war der Entschluß zum Bekenntnis erst im +Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig +und vernichtend wie sonst geworden war.</p> + +<p>Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie.</p> + +<p>Hätte sie die Erinnerung an das, was sie über Josi +gesagt hatte, nicht immer gebrannt, so wäre sie beinahe +ein glückliches Persönchen gewesen.</p> + +<p>Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung +durch die Mitternacht und den hohen Schnee +zu Fränzi gejagt hatte. Sie hatte das trotzige Köpfchen +gebändigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes Blut +mit ihr durch, erlag sie noch den Anfällen schmerzlichen +Grübelns. Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Fränzi +ihr geraten, einen Altar im Herzen errichtet, der neuen +gehorchte sie, ohne tiefgründige Liebe zwar, aber doch in +herzlicher Achtung.</p> + +<p>Oft hatte sie das Heimweh nach Fränzi, ihr feuriges +Herz glühte in ehrfürchtiger Liebe für sie. Die hätte sie +gern zur Mutter gehabt. Aber wegen des Vaters wagte +sie nie mehr einen Besuch bei ihr.</p> + +<p>Klagen wollte sie nicht.</p> + +<p>Die immer gemütliche kühle Frau Cresenz, der +Lächeln und Lachen Lebensberuf war, die kaum mehr<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[Pg 131]</a></span> +wußte, daß sie lächelte und lachte, war freundlich gegen +sie. Sie sorgte namentlich, daß sie in Gebärde und Bewegung, +in Redensart und Kleid so vor die Gäste trat, +wie es sich nach ihrer Meinung für das Bärentöchterlein +von St. Peter schickte.</p> + +<p>Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau +Cresenz die Kraft versagte. Wenn Binia ihr dunkles +Augenpaar groß und fragend in die Welt stellte, schalt +sie: »Kind, schau doch anders, es wird einem angst und +bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die +sind dazu angethan, einmal das Mannsvolk verrückt zu +machen.«</p> + +<p>Binia war es manchmal, als möge die Stiefmutter +sie wegen ihrer Augen nicht leiden, aber noch unartiger +war Frau Cresenz, wenn sie über kleine Herzensangelegenheiten +mit ihr reden wollte.</p> + +<p>»Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll — +es ist gar nicht nötig, daß man alles in der Welt erkernt +und ergrübelt, es ist sogar ungesund — recht thun, +freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's +einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.«</p> + +<p>Wenn die neue Mutter so redete, schnürte es Binia +die Brust zusammen. »Freundlich sein, wenn's einem +nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.« Traurig schüttelte +sie das Köpfchen. Diese Kunst besaß aber die Stiefmutter, +gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen +lieben. Sie spürte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes +in dieser glatten, liebenswürdigen Frau.</p> + +<p>Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit +doch viel mehr. In ihm lag, das spürte auch sie, eine +übermächtige, ungezügelte, wahre Kraft. Er schleuderte<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[Pg 132]</a></span> +die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand +im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht +schon tödlich verletzt hatte, aber ein voller freundlicher +Blick aus seinen dunklen Augen, ein gutes Wort — und +alle, die ihn haßten, waren entwaffnet.</p> + +<p>Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hörte +immer noch den ernsten alten Doktor, der so eifrig mit +seinem Nachbar plauderte, daß er nicht merkte, wie sie +mit einem Gericht herzutrat:</p> + +<p>»Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Präsident, +glaube ich, ist fast eine Ueberlast für ein Dorf wie St. Peter. +Den hätte die Geschichte brauchen können, um einen großen +Bauernführer aus ihm zu schnitzen.«</p> + +<p>Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nämlich +wenn der Vater mit den fremden Frauen und Kindern +redete. Wie klang das lieb und gütig, wie war er +aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen +an ihm und einmal hörte sie eine fremde schöne Tochter +sagen: »Mama, der Herr Präsident ist doch der herrlichste +Mann, den wir auf unseren Reisen kennen gelernt haben.«</p> + +<p>Da entglitt ihr der Früchteteller, mit dem sie zudienend +um die Tafel schritt.</p> + +<p>Sie sah, wie der Vater höhnisch die Schulter zuckte. +— Am Abend betete sie: »O Mutter — Mutter — +sage ihm doch einmal im Traum, wie heiß ihn mein +Herzchen liebt.«</p> + +<p>Es lag Segen auf ihrem glühenden Wunsch. Nicht +von heute auf morgen, aber von Sommer zu Sommer.</p> + +<p>Binia wuchs und blühte auf, die Fremden hatten +die helle Freude an der feinen klugen Vierzehn-, dann +Fünfzehnjährigen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[Pg 133]</a></span>Wie schön war das Leben! Sie hörte es gerne, +wenn die Gäste über allerlei plauderten und urteilten. +Wie weit und groß mußte die Welt über Hospel hinaus +sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen +und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders +junge Mädchen, die nach St. Peter kamen und ihr so +lieb wurden, daß ihr das Wasser in die Augen schoß, +wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was +aber schwatzten die klugen Männer Thörichtes zusammen. +»Sie alpige Rose<a name="FNanchor_26" id="FNanchor_26"></a><a href="#Footnote_26" class="fnanchor">[26]</a>, Sie sonderbares Herzensmädchen +mit dem leichten, schwebenden Gang, haben Sie eigentlich +Ihre Augen grad in der Hölle und Ihr Lächeln im +Himmel geholt?«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26" id="Footnote_26"></a><a href="#FNanchor_26"><span class="label">[26]</span></a> <i>Alpige Rose</i>, eine Art Heckenrose, die in den Bergthälern +wächst.</p></div> + +<p>Binia fühlte es aber wohl: Wie die Gäste so freundlich +zu ihr wurden, wandte sich ihr auch die Liebe des +Vaters in neuer Wärme zu und er wurde heimlich stolz +auf sie.</p> + +<p>Er kniff sie manchmal in die Wange: »Bini, fröhlicher +Vogel, hast du mich lieb?«</p> + +<p>»O Vater!« — Stirn und Wangen glühten wie +Pfirsiche, ein heiliger Strahl des Glücks kam aus ihren +dunklen Sternen und ihre schlanken Arme umklammerten +ihn, bis er mit herzgewinnendem Lächeln und glänzenden +Augen sagte: »Geh, thue deine Arbeit! Bist ein Mädchen +wie von den Tauben zusammengetragen.«</p> + +<p>Jetzt hätte sie es ihm schon verraten können, daß +er über Josi ganz falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt +hielt sie indessen zurück, die Furcht, daß sie, sobald<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[Pg 134]</a></span> +sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die Liebe +des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig. +Und mit angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der +Verstimmung war zu schmerzlich gewesen.</p> + +<p>Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten +in der Fremdenzeit in den Bären gestoffelt kam, ernst +und zornig, wie ihr schien.</p> + +<p>Eine Weile saß er mit dem Vater zusammen, sie +hörte aber nur die Worte: »Wenn Euch das Gewissen +schlägt, so macht den bösen Schimpf rasch gut — ich +glaube — ich glaube — die Fränzi lebt nicht mehr +lang.«</p> + +<p>Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete +in den folgenden Tagen den Vater. Er war still und +trübselig, und am anderen kam sie gerade dazu, wie die +Mutter zu ihm sagte: »Ihr hättet die arme Frau wohl +ruhig ihres Weges gehen lassen können, die ganze Gemeinde +ist wild über Euch. Wozu ihr wüste Namen nachrufen?« +Worauf der Vater nur dumpf erwiderte: »Sie +hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.«</p> + +<p>Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh, +sie weinte im stillen, sie wußte, daß der Vater nur so +böse gegen Fränzi war, weil er sich vor ihr schämte.</p> + +<p>Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen +Erbarmen mit Fränzi, der lieben guten, unter +den Selbstvorwürfen wegen Josi, sondern auch aus Aerger +über Thöni, der mit allen Mägden anbändelte und Späße +trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Zänkereien erwiderte.</p> + +<p>Er bekam als Fremdenführer bald einen Mitbewerber. +Bälzi, der Wildheuer mit dem Ziegenbart, der zuerst am<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[Pg 135]</a></span> +meisten über die Fremden geschimpft hatte, fand, daß das +Spazieren mit den Sommergästen eine weniger anstrengende +und gefährliche Arbeit sei als das Mähen des +herrenlosen Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie +häufig ereignete es sich, daß ein spielendes Windchen das +kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke aufhob und +auf Nimmerwiedersehen über alle Berge trug. Er kaufte +sich ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel. +Damit stolzierte er vor dem Bären auf und ab, bot sich +den Fremden als Führer an, und wenn ihn einer fragte, +ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden +habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: »Aber +Herr, die kenne ich ja so gut wie die Westentasche, in +der ich die Zündhölzchen trage.«</p> + +<p>Es war aber ein ausdrücklicher Befehl des Presi, +daß man die Fremden abhalte, auf die Krone zu steigen. +Er war fast unnötig. Die Gäste sahen es dem Salonbergführer +Thöni und dem schlotterigen Bälzi wohl an, +daß man sich ihnen nicht für so gefahrvolle Bergbesteigungen +anvertrauen durfte.</p> + +<p>Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde +mit dem vermessenen Wunsche auf, die Krone zu erklettern.</p> + +<p>Thöni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner +nicht zufrieden, aber schon im zweiten und namentlich +im dritten Sommer zeigte es sich, daß beide Beschäftigung +genug fanden, besonders da Thöni auch sonst, das eine +Mal durch die Post, die während des Sommers einen +lebhaften Verkehr und jetzt einen Telegraphen besaß, das +andere Mal durch die Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr +von Hospel nach St. Peter in Anspruch genommen +war.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[Pg 136]</a></span>Der Presi billigte die neue Beschäftigung Bälzis +stillschweigend, er sagte den anderen: »Seht ihr's, man +braucht nur zuzugreifen wie der Kaplan Johannes und +Bälzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr seinen +angenehmen Verdienst.«</p> + +<p>Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber +nicht zu überreden, nur murrend, schwer und langsam +gewöhnten sie sich daran, solange die Sommergäste da +waren, die Amtsgeschäfte, den Vieh- und Käsehandel mit +dem Presi im unteren Stübchen zu besorgen.</p> + +<p>Bälzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, daß er +sich in den Dienst der Fremden gestellt, bereiteten ihm die +schwärmenden Nachtburschen ein kaltes Bad in der Glotter.</p> + +<p>Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler +verschwanden im Laufe der drei Jahre, die sie +nun schon ins Thal kamen.</p> + +<p>Einzelnen Dörflern begann der Zustand zu behagen, +es war im Bergthal entschieden kurzweiliger geworden, +und unter den Gästen, die erschienen, gab es Leute, die +sich ehrlich bemühten, sich mit ihnen auf einen freundlichen +Fuß zu setzen und die eigenartigen Verhältnisse des +Thales zu begreifen. Für solche Gäste hatten, soweit sie +ihr Mißtrauen gegen die Fremden ablegen konnten, auch +manche von St. Peter einiges Verständnis. Sogar der +Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, daß es +unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der +Zeidlerei im Hochthal eine warme Wißbegier entgegen +brachten, und die Damen bei ihm die Leinensäcklein voll +weißen Alpenhonigs, die unter den Fenstern des Pfarrhauses +hingen, kauften und mit großem Ruhm über seine +Güte wiederkamen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[Pg 137]</a></span>Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gäste.</p> + +<p>In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der +nicht nur für die Felsendome und Firnen der Krone, sondern +auch für das Volksleben ein offenes Auge und Herz besaß. +Da lebte ein Völkchen, das zwar nicht die Hirtenunschuld +zeigte, die manche Schwärmer in den abgelegenen +Alpenthälern suchen, ein Völklein, bei dem es so stark +menschelte wie überall in der Welt, das aber doch einige +besondere Eigenschaften hatte. Diese Bauern und Aelpler +behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter ihnen gab es +keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler +und Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich +selbst. Den Lein und die Wolle, in die man sich kleidete, +zog, bleichte, spann und wob man selbst; das Brot +schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in +zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen +Roggenähren kaum recht aus dem Boden reckten, +sie gaben ein schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein +Schluck Hospeler darauf war Gottes Wohlthat. Brot +und Wein schmeckten auch den Fremden.</p> + +<p>Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. +Bevor aber die Fremden zum viertenmal kamen, verbreitete +sich im Dorfe die Nachricht, daß Fränzi todkrank +sei.</p> + +<p>Noch einmal sah Binia die mütterliche Freundin, +aber sie lag schon mit spindeldürren Händen zu Bett und +war blaß wie der Tod. Lieb und gut freilich war sie zu +ihr wie immer: »Binia, liebes Kind, ich sterbe mit dem +heißen Wunsch, daß du glücklich werdest.«</p> + +<p>Wie entsetzlich wütete aber der Vater, als er vernahm, +daß Frau Cresenz, die immer eine gewisse Teilnahme<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[Pg 138]</a></span> +für die Witwe des zu Tode gestürzten Wildheuers +bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten +Weines zu Fränzi geschickt hatte: »Gottes Donnerwetter! +Daß sie mit dem Lotterbuben wieder anbändeln kann!«</p> + +<p>Mißtrauisch beobachtete er sie.</p> + +<p>Als Fränzi bald darauf starb, verschwamm vor den +Augen Binias die Welt, sie dachte: »Jetzt nehmen die +Engel Gottes die Notenblätter zur Hand und singen zu +ihrer Ankunft im Himmel.«</p> + +<p>Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in +gärende Aufregung. Man spürte es: Entsetzlich neu +standen die Dinge, die sich vor vier Jahren zugetragen, +vor ihm — der Abend mit Seppi Blatter — die Unterredung +mit Fränzi — Seppis Sturz an den Weißen +Brettern — das kranke Kind mit seinen tollen Worten.</p> + +<p>Und in der Nacht nach Fränzis Tod hatte der Presi +einen furchtbaren Traum.</p> + +<p>Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen +Josi Blatter und Binia hoch an den Weißen Brettern. +Er fragte seine Tochter: »Wie kommst auch du da hinauf?« +Da stand plötzlich ein Dritter vor ihm und hob das +Grabscheit Seppi Blatters über den beiden zu wuchtigem +Schlag. Statt der richtigen Inschrift aber lautete der +Spruch auf dem Täfelchen des Scheites: »Was für die +heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den heligen +Wassern gesühnt.« Und unter dem Schlag des +Scheites blutete Binia.</p> + +<p>Das war der Traum! Er wollte rufen: »Thut +Binia nichts! Ich habe Seppi Blatter nicht hinaufgeschickt.« +Da erwachte er schweißtriefend in dem Augenblick, +als der Postbote, der alle Woche dreimal in der<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[Pg 139]</a></span> +Morgenfrühe mit den Postsachen nach Hospel ritt und +sie am Abend von dort zurückbrachte, an die noch geschlossene +Hausthür pochte.</p> + +<p>Nur ein einfältiges, widerwärtiges Träumlein! Der +Presi war nicht abergläubisch, als nun aber Binia in der +zwingenden Anmut ihrer sechzehn Jahre, frisch, mit leuchtenden +Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen warmen +»Guten Tag, Vater!« auf den Lippen, in die +Stube schwebte, da riß er sie stürmisch in seine Arme, +und als er unter der knospenden Mädchenfülle das rasche +Pochen ihres heißen Herzens fühlte, durchrieselte ihn die +Angst.</p> + +<p>»Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, daß +du nie, nie mit Josi Blatter zusammenhältst, in deinem +ganzen Leben nie!«</p> + +<p>Sie brach an seiner Brust in Thränen aus: »O +Vater, ich hab' es dir schon lange bekennen wollen, +Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat das, was +Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewiß Gott im Himmel +nicht!«</p> + +<p>Er stutzte — er starrte sie an — er riß sie mit der +ganzen Gewalt seines Armes von seiner Brust hinweg, +daß die leichte Gestalt an die Wand taumelte.</p> + +<p>Und entsetzt kreischte er: »Schon so weit bist du, +Seppi Blatter, daß mein Kind für deinen Buben lügt?!«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[Pg 140]</a></span></p> +<h2><a name="VIII" id="VIII"></a>VIII.</h2> + + +<p>Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des +Dorfes, etwas abseits vom Thalweg, gegen den Glottergrat +hinausschaut, ist nächst dem Bären das stattlichste +von St. Peter. Außer einer Grundmauer aber, auf der +die unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein +Stein an dem Bau. Ein ländliches, sonnenverbranntes +Holzhaus, auf einem Brett über den Fenstern ein halb +Dutzend goldener Immenstöcke, dann wieder Fenster im +braunen, von der Sonne zerrissenen Gebälk und gleich +darüber das steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren +fest aufs Gebälk geklammerte Schindeldach. So steht es +da. Das glühende Rot der Nelkenbüsche wächst aus +Töpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblaßte +Malereien schmücken seine Holzfelder, zwei gekreuzte +Schwerter, das Hauszeichen der Zuensteinen, Winkel, +Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den Aelplern in +einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an +Weide und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene +Dreiecke, Schlüssel und Feuerschlangen, die der Bauherr +vor hundert Jahren mit schlichter Kunst hingemalt hat, +damit keine bösen Geister den Eintritt in die Heimstätte +finden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[Pg 141]</a></span>Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist +aber unvermutet ins Haus getreten. Vor ein paar Wochen +hat bei Ausbesserungsarbeiten an den heligen Wassern +ein fallendes faules Holzstück den Garden am Kopf leicht +verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, +die schon geheilt schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit +einem unförmlich verschwollenen Kopf, ein Tuch um die +Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen, wälzt +sich der arme Mann und stöhnt: »Grad jetzt bei der vielen +Arbeit — und grad jetzt, wo Fränzi gestorben ist! Wohl, +wohl, die werden im Gemeinderat schön mit den Kindern +wirtschaften. Nicht einmal die letzte Ehre habe ich +ihr geben können.«</p> + +<p>»Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,« +jammert die Gardin, die hochgewachsene Frau mit dem +verschwiegenen herben Gesicht, und frischt das Tuch mit +Wasser an. »Es sind ja noch vier Gemeinderäte. Die +können die Geschäfte auch einmal besorgen.«</p> + +<p>»Das macht alles der Presi — und der hat immer +einen Zahn auf Fränzi und ihre Haushaltung gehabt.« +— — Einen Augenblick schlummert der Garde, dann +fängt er wieder an: »Du, Frau, wie ist Fränzi eigentlich +gestorben?«</p> + +<p>»Wie Vroni erzählt hat, die fast nicht hat reden +können vor Schluchzen, leicht und schön.«</p> + +<p>»Die Frau — sie war ja erst ein bißchen über +vierzig — ist leicht gestorben, sagst du — leicht von +ihren Kindern weg?« stöhnt der Garde verwundert.</p> + +<p>»Ich meine, wie einmal das Schlimmste überwunden +gewesen ist. Am Morgen, bevor sie gestorben ist, hat +sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der Vater beim<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[Pg 142]</a></span> +Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, daß +ich sterben muß.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, +da steht ihr die Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie +nimmt die Sakramente, sie schaut ruhig vor sich hin +und ist wie ein Licht erlöscht.«</p> + +<p>Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlägt die +Uhr im Arvengehäuse mit langsamen hellen Tönen Fünf.</p> + +<p>»Schlafe jetzt, Alter,« mahnt die Gardin, »denke, +wie's Fränzi gegangen ist, sie hat sich im vorigen Winter bei +der Armseelenwacht erkältet, hat nicht dazu gesehen, da ist +der große Husten gekommen, der sie gelegt hat.«</p> + +<p>Der Garde aber ächzt und stöhnt lauter. »Eben +jetzt beginnt im Bären die Gemeinderatssitzung, die über +das Los Josis und Vronis entscheidet. Du, Frau, Vroni +wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. +— Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. +Und sie ist mein Patenkind.«</p> + +<p>Die Gardin, die stolze Frau kämpft innerlich, sie +will nicht Ja sagen, aber den schwerkranken Mann noch +weniger mit einem Nein aufregen.</p> + +<p>Zum Glück schlummert er, während er auf Antwort +wartet, ein. — —</p> + +<p>Nachdem Fränzi gestorben war, schickte der Presi den +Schreiber als Stellvertreter des erkrankten Garden in +die Wohnung der Waisen. Dieser verrichtete bei der toten +Fränzi, die in den abgemagerten Händen einen Blumenstrauß +hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar kühle +Trostworte und sagte ihnen, sie möchten am Tag nach +dem Leichenbegängnis abends fünf Uhr im oberen Bärenstübchen +erscheinen, damit der Gemeinderat mit ihnen +über ihre Zukunft rede. Dann verständigte der Presi die<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[Pg 143]</a></span> +Gemeinderäte, daß sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen. +Es kam aber, wie er ausgerechnet hatte. Die +Gardin schickte Bericht, ihr Mann liege tief im Bett, +man dürfe mit ihm kaum von der Angelegenheit sprechen. +Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland +hinübergegangen und kam erst in vier oder fünf +Tagen zurück. Der Gutsverwalter, der eben das Wasser +in seinen Weinbergen zu Hospel besorgte, erklärte sich im +vornherein mit den Beschlüssen, die gefaßt würden, einverstanden, +und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei +für ihn so ungeschickt, daß er vielleicht erst etwas später +kommen könne. Die anderen sollen nur anfangen mit +den Bauern zu verhandeln, die Lust hätten, Josi und +Vroni in ihren Dienst zu nehmen.</p> + +<p>Im Stübchen saßen um fünf Uhr abends nur der +Presi und der Schreiber, ein kleiner, alter, kahlköpfiger +Mann mit großer Hornbrille, ausgemergeltem knochigem +Gesicht und spindeldürren langen Fingern.</p> + +<p>»He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein +Gemeinderat ist da!«</p> + +<p>»Fränzi hätte aber auch nicht zu einer ungeschickteren +Zeit sterben können,« erwiderte der Schreiber pfiffig, +»jetzt, wo niemand weiß, wie der Arbeit wehren.«</p> + +<p>»Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen, +so grad, wo die ersten Gäste eintreffen!«</p> + +<p>»Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!«</p> + +<p>Der Geschmeichelte murrte: »Ja, und des Teufels +Dank habe ich auch. Ich mach's, und wenn die Sache +gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz Sankt +Peter brüllt, ich sei ein gewaltthätiger und eigenmächtiger +Sarras.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[Pg 144]</a></span>Beide lachten, dann fragte der Schreiber: »Hätte +man über die Kinder nicht eine Steigerung abhalten +sollen?«</p> + +<p>»So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer +nur Gelegenheiten, daß im Bären fleißig getrunken +werde. Ich weiß schon, was man über mich redet. Und +dann? Wer käme zu dieser strengen Werkzeit an eine +Gant? Die Kinder Fränzis sind, denk' ich, auch nicht so +begehrt. Im übrigen, Schreiber, könnt Ihr wieder gehen, +ins Protokoll setzt einfach, ich hätte Vroni aus Liebe und +Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und Josi +habe der Gemeinderat als Knecht zu dem früheren Wildheuer +und jetzigen Bergführer Bälzi gegeben.«</p> + +<p>»Zu Bälzi!« Dem Schreiber fiel die Hornbrille von +der Nase.</p> + +<p>Der Presi lächelte überlegen.</p> + +<p>»Ihr könnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu +setzen, Bälzi sei der einzige, der sich um Josi beworben +habe, und da er in der letzten Zeit ein ordentlicher +Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid +für seine große Familie ein mildes Werk gethan und +ihm den Buben auf Zusehen hin, wenigstens aber über +den Sommer, als Knecht zum Wildheuen gegeben. So, +jetzt könnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders +zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!«</p> + +<p>Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln packte der +Schreiber seine Sachen zusammen.</p> + +<p>Draußen im Flur saßen die Geschwister in ihren +abgestorbenen Sonntagsgewändchen. Vor ihnen stand +Bälzi und redete, die Hände lebhaft verwerfend, auf +Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen verächtlich<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[Pg 145]</a></span> +von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni +hatte verweinte Augen.</p> + +<p>Jetzt stand Josi vor dem Presi, der überrascht war, +was für eine finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnjährigen +lag. Neugierig glitt sein prüfender Blick über +den Burschen und dann ließ er ihn, ohne ihn anzureden, +noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster +blickte.</p> + +<p>»Der Bursche,« dachte er, »ist in seiner Schlankheit +und Kraft, mit dem braunen, gescheiten Gesicht, mit den +Blitzaugen verdammt hübsch. Es giebt kein wirksameres +Mittel, die Gedanken Binias, ohne daß sie eine Ahnung +hat, von ihm abzubringen, als daß sie ihn recht niedrig +und in schlechter Gesellschaft sieht — grad mit Bälzi. +So viel guten Sinn hat das Kind.«</p> + +<p>»Herr Presi,« unterbrach Josi, der wie auf feurigen +Kohlen stand, die Ueberlegungen des Bärenwirtes, »Vroni +und ich haben gemeint, wenn wir nur in dem Häuschen +bleiben könnten, wir wollten schon —«</p> + +<p>»Thorheiten,« schnitt ihm der Presi das Wort ab +und maß ihn mit dem Ausdruck des höchsten Unwillens, +»warte, bis ich dich etwas frage, und ein Bursch wie +du, Josi, der über mich und andre die größten Gemeinheiten +sagt, muß einen Meister haben.«</p> + +<p>Mit glühendem Haß betrachtete er den sauberen +Jungen.</p> + +<p>Josi standen die Flammen der Entrüstung im Gesicht: +»Herr Presi, ich weiß schon, was Ihr meint, die +Mutter selig und der Garde haben mich darüber zur +Rede gestellt, aber es ist, weiß Gott, nicht wahr! Ich +habe es nicht gesagt.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[Pg 146]</a></span>»Soll ich dir jemand gegenüberstellen, der's gehört +hat?« erwiderte der Presi mit kalter Verachtung. — +»Binia hat's gehört, wie du es im Schmelzwerk draußen +gesagt hast,« fügte er nach einem Augenblick der Ueberlegung +bei.</p> + +<p>»Bini. — Bini! — — Laßt Bini auf die Stube +kommen!« Josi zitterte vor Zorn am ganzen Leib.</p> + +<p>»Es nützt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat +schon entschieden, daß du zu Bälzi gehst.«</p> + +<p>Der Presi rief im gleichen Augenblick Bälzi in die +Stube und hielt nun beiden eine donnernde Rede, wie +sie sich als Herr und Knecht miteinander zu vertragen +haben. Mit einer Handbewegung entließ er sie. Vroni +kam an die Reihe und freundlich gewährte der Presi dem +verschüchterten Kind die Bitte, daß sie erst dem Garden +Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in den Bären +trete. »Ich lasse ihm gute Besserung wünschen und werde +ihn in den nächsten Tagen besuchen.«</p> + +<p>Josi, der starke Josi, hatte, als er mit Bälzi die +Treppe hinunterging, vor Zorn und Schrecken die Thränen +in den Augen, ihm war, als habe man ihm mit einem +Hammer auf den Kopf geschlagen. Bälzi aber sagte gutmütig: +»Greine doch nicht, wir wollen lieber einen +Schoppen zusammen trinken und auf gute Freundschaft +anstoßen, ich will dir gewiß kein strenger Meister sein.« +Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand +Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter +der Thüre, fast als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah +vor eigenem Leid ihre tiefe Bewegung nicht. Dumpf +und mit erstickter Stimme rief er: »Du Giftkröte, wie +hast du so über mich lügen können!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[Pg 147]</a></span>»Josi!« Mit einem Schrei des Entsetzens rannte +Binia davon.</p> + +<p>Vor der Thüre nahmen die Geschwister herzbeklemmenden +Abschied voneinander. »Rede mit dem Garden!« +mahnte und tröstete Vroni, »er meint es gewiß gut mit +dir.« Josi schüttelte aber traurig den Kopf; seit ihn der +Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren, +hatte er auch zu ihm das Zutrauen verloren. +Geheimnisvoll sagte er: »Sieh, Vroni, ich weiß schon, +was ich thun werde.«</p> + +<p>Bälzi drängte. Stolz wie ein Hahn führte er seinen +Knecht, den ersten, den er hatte, durch das Dorf, Josi +aber ließ den Kopf hängen, er schämte sich seines Meisters.</p> + +<p>Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden.</p> + +<p>»Kind, du gehst nicht als Küchenhelferin in den +Bären,« keuchte er, »tritt in die andere Stube, ich +halt's nicht mehr aus im Bett.«</p> + +<p>Sie hörte, wie er in einer Wut aus den Federn +sprang.</p> + +<p>Einige Augenblicke später stand er zum Ausgehen +gerüstet vor ihr. Aber wie? Durch schmale Spalte nur +schauten seine rotunterlaufenen Augen, das hochgeschwollene +Gesicht glänzte, aus den Blasen auf den Wangen floß das +Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen.</p> + +<p>»Garde,« sagte Vroni bestürzt, »wollt Ihr nicht +warten, bis die Gardin kommt?«</p> + +<p>Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne +und mahnte, er wütete aber immer zu: »So geht's nicht +in St. Peter, das leide ich nicht, bei meiner Seligkeit +leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die Tatze +muß dir aus dem Grab wachsen. — Du bleibst bei uns,<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[Pg 148]</a></span> +Vroni, du gehst nicht in den Bären!« Liebkosend fuhr +er ihr durchs blonde Haar.</p> + +<p>»O Pate,« lächelte das Kind aus allem Elend und +die blauen Träumeraugen ruhten voll innigen Vertrauens +auf dem entstellten Gesicht, dann wandte sie sich fragend +an die Gardin.</p> + +<p>Allein die hatte für nichts Gedanken, als ihren Mann +zurück ins Bett zu bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den +Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr erschrocken zurück. +»Teufel, so sehe ich aus — da kann ich allerdings nicht +ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon +bei Bälzi aushalten.«</p> + +<p>Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte +sich, er kommandierte im Bett unaufhörlich wie +am Glottergrat, als Seppi Blatter an den Weißen Brettern +stand: »Drei Fuß nachgeben!« — »Links anhalten!« +— »Zu viel!« — »Etwas rechts!« — »So ist's recht!« +— Zwischenhinein schimpfte er auf den Presi, dann fragte +er wieder: »Ist Vroni wirklich da — bringe sie doch +herein, wenn sie da ist.« Mit Seufzen schickte sich die +Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr.</p> + +<p>Als am anderen Tag der Presi durch Thöni eine +Nachfrage wegen Vroni schickte, erwiderte der Garde: +»Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn holen, bevor +Vroni in seine Küche kommt.«</p> + +<p>Thöni machte ein langes Gesicht und der Presi +fügte sich.</p> + +<p>In seiner schweren und langwierigen Krankheit ließ +sich der Garde die nötigen Dienste am willigsten von +Vroni gefallen, die ihn mit ihrer sonnigen Heiterkeit +am meisten beruhigte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[Pg 149]</a></span>Sie hatte ihr schönes Heim.</p> + +<p>Ein Zug der Bedächtigkeit ging durch alles, was +im Haus des Garden gesprochen und gethan wurde; es +war, als sei auch in der Woche ein Abglanz vom Sonntag +darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien, +sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war +es Vroni feierlich zu Mut. Die Bäuerin, der Großknecht +Meinrad, der Viehbub Bonzi und die Magd Resi, alle +arbeiteten fleißig, doch ohne Hast; während der Garde +krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt, +wie wenn er mithelfend hätte beim Werk sein können.</p> + +<p>Eusebi hatte zum Verdruß seiner Mutter eine stille +närrische Freude, daß nun Vroni im Hause weilte, er +ging dem Mädchen auf Schritt und Tritt nach, sah ihm +bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei.</p> + +<p>Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien +Augenblicke, die jetzt glücklicherweise wieder kamen, zu +seiner Frau, die noch nicht recht wußte, wie sich zu dem +hereingeschneiten Gast stellen?</p> + +<p>»Ich finde, daß Vroni dem Haus wohl ansteht, es +ist immer, als scheine die Sonne darein, wenn doch nur +ihr helles Haar glänzt.«</p> + +<p>An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um +Josi. Sie wußte, was es hieß, bei Bälzi Knecht zu sein. +Harte Arbeit an den Flühen, Aufbruch im Morgengrauen, +Heimkehr in der Abenddämmerung und — was schlimmer +war — wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines +schlechten Haushaltes, in dem häufig gestritten wurde. +Denn einen wetterwendischeren Menschen als Bälzi gab +es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit +selbst sein, im nächsten aber ein Teufel an Bosheit.<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[Pg 150]</a></span> +Dann flogen nicht nur die Worte, sondern was ihm in +die Hände geriet. Und Josi, der starke, trotzige, ließ +sich gewiß keine Prügel gefallen. Entweder gab's Händel, +oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit Bälzi.</p> + +<p>Ungefähr wie Vroni dachte Binia.</p> + +<p>Der wilde, schmerzvolle Zuruf des unglücklichen Burschen +hatte sie geschüttelt und gerüttelt.</p> + +<p>Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: »Mutter — +Mutter — ich bin schuld, daß es Josi so schlecht geht — +Mutter, sage mir, wie kann ich das große Unrecht wieder +gut machen? — Mutter, muß ich dem Vater folgen und +gar nicht mehr mit Josi reden?«</p> + +<p>Wie sie aber auch das brennende Köpfchen quälte, +kam doch kein kluger Gedanke darein.</p> + +<p>Sie wußte nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr +hatte, stand er ihrem Herzen noch näher. Sie meinte +immer, sie sollte ihm Fränzi ersetzen, und sie war voll +Liebe und Barmherzigkeit für ihn.</p> + +<p>Sie klammerte sich an den alten Glauben, daß es +Kindern, deren Vater an den heligen Wassern gefallen +ist, besonders gut gehe, und ließ ihre Augen leuchten: +»Er wird schon einmal sehen, daß ich keine Giftkröte +bin!«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[Pg 151]</a></span></p> +<h2><a name="IX" id="IX"></a>IX.</h2> + + +<p>»So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr +für die Hinterlassenen derer einstehen, die im Gemeindewerk +gefallen sind. Wie wohl wäre es einem wohlhabenden +Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen +hätte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn, +wie der Garde Vroni als Tochter. Lest in den alten +Protokollen, wie man für die Kinder derer, die an den +heligen Wassern gestürzt sind, stets besonders gut gesorgt +hat. Und sie wurden Leute, daß es eine Freude war. +Jetzt aber kommt ein neuer Brauch. Auf einen bösen +Handel legt man einen bösen Handel, man giebt den +Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird +Josi bei Bälzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde +davon? Die Schande!«</p> + +<p>»Ich hätte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter +ist immer arbeitsam gewesen.«</p> + +<p>»Einen Gotteslohn hätte man dabei verdient. Wahrhaftig, +man schämt sich, wenn man denkt, daß der selige +Seppi und die selige Fränzi vom Himmel herunter auf +die von St. Peter schauen.«</p> + +<p>So schwirrte das Gespräch.</p> + +<p>Die Gemeinderäte, die ihre Pflicht versäumt hatten,<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[Pg 152]</a></span> +ließen die Köpfe hängen und kratzten sich hinter den +Ohren, der Presi aber hielt sich an das Haus voll Fremder +und vermied den Verkehr mit den Dörflern.</p> + +<p>Er hatte auch seinen Verdruß.</p> + +<p>Bälzi, sein Schützling, war mit dem Bergführerberuf +auf eine wenig ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein +Gast vermißte sein Taschenmesser, er sah es einige Tage +später im Besitze Bälzis, der ihn auf einer kleinen Gletscherwanderung +begleitet hatte; der Gast behauptete, sich deutlich +zu erinnern, daß er es bei einem Imbiß am Rand +des Eises habe liegen lassen. Bälzi hätte es ihm einfach +zurückgeben können, aber er wurde frech und verlangte +einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der Presi +hatte die Vorwürfe seiner Gäste, die nichts mehr von +Bälzi wissen wollten.</p> + +<p>Bald aber war es am Presi, zu lachen.</p> + +<p>Bälzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter +sei aus dem Dienst gelaufen, sie hätten zusammen ein +Unwort gehabt.</p> + +<p>»Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm +einen neuen Dienst suchen müssen.«</p> + +<p>Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund +noch den Behörden. Niemand wußte, wo er war, niemand +wurde aus ihm klug.</p> + +<p>Das Gerücht verbreitete sich, er treibe sich auf den +Alpen umher. Aber wovon lebte er? Die Leute sagten: +»Er zieht den Kühen und Ziegen heimlich die Milch aus +dem Euter.«</p> + +<p>Der Presi höhnte: »Da seht Ihr den Tagedieb, +von dem Ihr mit so viel Erbarmen geredet habt. Ich +habe den gekannt.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[Pg 153]</a></span>Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen.</p> + +<p>Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi +nicht günstig. Manchmal schien es wohl, man würde +sich an die Fremden gewöhnen, aber die Gäste, die wieder +ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches, +was denen von St. Peter bis auf die Knochen ging.</p> + +<p>Da war ein dicker Gast, der wie ein Fäßchen daherkugelte +und stets mit den Leuten reden wollte, den sie +aber in seiner fremden Mundart nur das dritte Wort +verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die +Histen, die Holzgerüste sah, an denen die Bauern im +Herbst ihren Roggen zum Ausreifen aufzuhängen pflegen, +fragte er spöttisch: »Hat man denn in St. Peter so viel +Diebe, Schelme und Mörder, daß man alle die Galgen +braucht?«</p> + +<p>Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wußten +die Dörfler nicht viel, ihr Leben war Arbeit und Andacht. +»Wir einen Galgen? — Mörder? — Seit Matthys +Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen getötet. +Und Diebe? — Wer schließt des Nachts die Thüre? +<a name="corr_5" id="corr_5"></a><a href="#corr_note_5" class="correction" title="Im Originaltext "kein"">Kein</a> Haus als der Bären hat ein Schloß mit Schlüssel. +Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl vorgekommen; +die Briefe, die Päcklein und Wertsachen, die es zu besorgen +giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand +schon daran gerührt als der Postbote, der sie aufnimmt +und nach Hospel trägt? Aber die Fremden wollen +uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was für ein +neues Leben anfängt? Bälzi hat ein Messer gestohlen, +und Josi Blatter ist Aufrührer geworden, es kann schon +so kommen, daß wir einen Galgen brauchen.«</p> + +<p>»O, der Fremde hat gewiß nur gescherzt.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[Pg 154]</a></span>»Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf +über die Histen, die es reifen, spaßen?«</p> + +<p>Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser.</p> + +<p>»Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf +weht. Das tattert die ganze Nacht. Geben Sie +doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu fressen, daß +das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig schättert,« +sagte ein anderer.</p> + +<p>Die heligen Wasser, an denen so viele wackere Männer +zu Tod gefallen sind, die einen Flecken und fünf Dörfer +erhalten und ernähren, eine hungerleidige Schlange!</p> + +<p>Die von St. Peter bekreuzten sich. »Sünde über +Sünde.«</p> + +<p>»Und die heilige Religion beleidigen sie!«</p> + +<p>Denn durch die Mägde war es bekannt geworden, +daß manche Gäste im Bären auch am Freitag Fleisch +essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es also zu.</p> + +<p>»Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so +kommt Gottes Züchtigung über uns. Unsere Buben +können nicht mehr recht thun — seht Josi Blatter! Und er +hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig müssen +wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.«</p> + +<p>Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann, +der Josi Blatter antreffe, möge ihn auffordern, daß er +sich der Behörde stelle.</p> + +<p>»Josi Blatter, der Rebell,« dann kurzweg »der +Rebell«. So sprach man in St. Peter. Sein Umhertreiben +erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es +nicht gewöhnt, daß die jungen Leute sich dem Gehorsam +der Behörden, der Kirche und der Dorfschaft entzogen. +Dazu gesellte sich die Furcht vor Diebstahl. Aber weder<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[Pg 155]</a></span> +die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die Dörfler +wußten die Spur einer Entwendung zu melden. Es +konnte den Rebellen auch niemand auffordern, zurückzukehren, +denn man sah ihn immer nur von ferne, meist +an den hohen Felsen über den Alpen, ja viele glaubten, +es sei überhaupt ein müßiges Gerede, daß er sich noch +in der Gegend aufhalte. Aber heute war es ein Dörfler, +morgen einer der kühneren Fremden, die hoch an den +Flühen, wo Grünland und Weißland sich scheiden, einen +verdächtigen Jungen gesehen haben wollten.</p> + +<p>»Wir gehen nicht aus, man weiß nicht, was einem +der geheimnisvolle Vagant anthäte!« meinten die Furchtsameren, +und unter den ängstlichen Gästen kam St. Peter +zum großen Aerger des Presi in den Ruf der Unsicherheit.</p> + +<p>Ein Diebstahl — eine Verurteilung — dann wäre +Josi Blatter für sein Lebtag im Thal gerichtet und alles +zu Ende. Gefängnis nahmen die zu St. Peter furchtbar +ernst, es genügten die roten Epauletten eines Landjägers, +der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die Bewohnerschaft +in Aufregung zu versetzen.</p> + +<p>Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi +den Rebellen des Diebstahls überführen zu können. Die +Sonne schien noch warm, die Glotter aber, deren Wasser +stark zurückgegangen war, floß klarer als sonst. Nun +glaubte er Anzeichen dafür zu haben, daß aus seiner +Fischenz nächtlicherweile Forellen gestohlen würden. Thöni +und ein paar Mann legten sich in den Hinterhalt. Um +Mitternacht watschelte es in dem Glotterbach, eine Gestalt +bückte sich und langte mit den Händen in die Forellenverstecke, +man faßte den Dieb — Bälzi!</p> + +<p>Ganz St. Peter lachte, daß der Presi seinen ehemaligen<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[Pg 156]</a></span> +Schützling gefangen hatte, sogar mehr, als wenn +der Rebell verhaftet worden wäre, denn die Mißgunst +gegen den Presi war größer als der Aerger über den +unbotmäßigen Jungen.</p> + +<p>Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, daß +Josi wieder auf gute Wege komme, war wie Aprilschnee +geschmolzen, der Garde wollte nichts mehr von ihm +hören, er war wütend auf sein Mündel. Nicht, weil Josi +seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverständlich, +aber weil er sich seinem Vormund nicht gestellt +hatte. Von Zeit zu Zeit fragte er Vroni im Ton +des Verhörs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen seiner +Anwesenheit gegeben.</p> + +<p>Das war's ja eben, was sie am tiefsten kränkte — +er hatte sie vergessen.</p> + +<p>Sie horchte fleißig in die Nacht, ob sie ihn nicht +ums Haus streichen höre, aber was sie erlauschte, war +immer nur das Klagen des Windes in den Felsen.</p> + +<p>Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne +Abschied über Hospel hinaus in die weite Welt gegangen, +wie jener Bursche im Kirchhoflied? Hinweg vom Grab +des Vaters und der Mutter.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Gebräunter Bursch ist fortgezogen,<br /></span> +<span class="i0">Den Mund so frisch, den Blick so hell<br /></span> +<span class="i0">Dahin mit Wellen und mit Wogen<br /></span> +<span class="i0">Gewandert ist der Frohgesell.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verunglückt? +— Sie hoffte es fast, denn ein toter Bruder +wäre ihr lieber gewesen als einer, der in Unehren lebt. +O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer +Abgeschiedenheit von Josi denken.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[Pg 157]</a></span>Oft fielen die Thränen um ihn auf das Armseelenmahl, +das sie für die Toten rüstete. Und doch ging +es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar von oben +herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht +sah, wie eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit.</p> + +<p>»Ich bin ja gewiß bescheiden,« dachte sie dann, »wenn +ich nur im Haus bleiben darf.«</p> + +<p>Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete, +wenn sie die Jauchetanse an den Rücken hängte oder den +Mist der Schweine aus dem Stall zog, dann knurrte der +breite Garde: »Du darfst das nicht thun, Vroni; laß +das den anderen!«</p> + +<p>Eusebi freute sich darüber unbändig und begann den +Vater nachzuahmen, indem er sie von den rauhesten +Arbeiten zurückhielt, die Gardin aber schmollte: »Herrgott, +ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes +Gesichtchen hat, denn eine Prinzeß?«</p> + +<p>»Die ist mehr als eine Prinzeß, Gardin; merkst du +nicht, daß uns Gott das Mädchen eigens zum Trost ins +Haus geschickt hat? Sieh dein Schmerzenskind, den Eusebi, +an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war und +wie er jetzt ist. Stottert er noch? Läßt er die Glieder +noch so elend hängen? — Nein, es ist eine Freude, wie +der Bursche alles nachholt, was er in sechzehn Jahren +versäumt hat.« So mahnte der Garde voll Vaterglück.</p> + +<p>»Meinst du, es freue mich nicht auch?« fragte seine +Frau, »meinst du, es freue das Mutterherz nicht am +meisten — warum bin ich denn so viel gewallfahrtet für +Eusebi!«</p> + +<p>»Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber +haben nichts als Geschwister gefehlt; doch hätten ihn sechs<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[Pg 158]</a></span> +Brüder und sechs Schwestern nicht so geweckt wie die einzige +stille Vroni.«</p> + +<p>»Nun — nun — ich lasse ja sie gelten, wenn sie +nur nicht einen so geringen Bruder hätte.«</p> + +<p>»Daran ist der Presi schuld!«</p> + +<p>So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen.</p> + +<p>Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern +erst gegen den Herbst hin kam der Presi zu dem +langsam genesenden Freunde auf Besuch. Binia begleitete +ihn. Aber zwischen den beiden Männern war nichts als +Streit und Zank.</p> + +<p>»Wenn der Bursche hinter die genagelte Thür in +der Stadt kommt, wenn St. Peter diese Schande hat +oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert an +den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen, +Presi. Ich hätte mit dem Peitschenstiel auf Euch +losgehen mögen, als Ihr den Waisenbuben zu Bälzi +gabt.«</p> + +<p>Da fuhr der Presi auf: »Gott's Donnerhagel! So +ist mir noch niemand gekommen! Garde — Garde! — +Wißt Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt hat?«</p> + +<p>»Ihr seid der Presi, seid doch erhaben über ödes Geschwätz. +Und nun wollen wir Binia fragen, ob er' s +wirklich gesagt hat!«</p> + +<p>Binia, die sich in der Küche bei Vroni leise nach +dem verschwundenen Josi erkundigte, kam auf den Ruf +des Presi hochrot vor die entzweiten Männer, und auf +ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren +Sammetaugen, ihre Nasenflügel und Lippen bebten.</p> + +<p>»Vater! — Vater! — er hat's nicht gesagt — ich +schwör's Euch noch einmal wie am Tag nach Fränzis<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[Pg 159]</a></span> +Tod — er hat's nicht gesagt — sondern der Kaplan Johannes.«</p> + +<p>Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Glöckchen, +sie stand da wie eine kleine Märtyrerin.</p> + +<p>»Wie am Tag nach Fränzis Tod,« wiederholte der +Garde und sah den Presi mit zusammengezogenen Brauen +scharf an.</p> + +<p>Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn. +»Hast du auch nicht gesagt, du wolltest Josi heiraten?« +Er stammelte es mehr, als daß er es sprach.</p> + +<p>»Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt, +was ich nicht hätte sagen sollen.« Angstvoll und +entschlossen zugleich sprach Binia, der Presi aber warf +ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden schmettern.</p> + +<p>»Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine +Augen!«</p> + +<p>»Was für einen Mut hat das Kind,« knurrte der +Garde beruhigend, als sich Binia geflüchtet hatte, »Presi, +tragt dem Mädchen Sorge.«</p> + +<p>»Dem Kaplan will ich zünden!« schnob der Presi.</p> + +<p>Das kurze Gespräch hatte dem Garden ein Licht +aufgesteckt. Darum also haßte der Presi Josi so grimmig, +weil Binia ein Auge auf den hübschen Burschen +geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war, +den Kopf.</p> + +<p>»Kinder — Kinder! — Aber sie wachsen wie die +Tannen und die Tannen sprengen mit den Wurzeln den +Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe, es muß nur +eine echte sein!« Zwischen Binia und Josi lag allerdings +nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi +wurde der Garde nicht klug. War der Bursche wirklich<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[Pg 160]</a></span> +so empfindlich, daß er wegen eines unverdienten Donnerwetters +seinen Vormund verleugnete?</p> + +<p>Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das +sanfte Kind beichtete aus freien Stücken, doch als ob sie +sich für ihren Bruder tief in die Erde schämen müsse: +»Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem Bettelsack +am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und +sagte, Josi lasse mich grüßen. Es gehe ihm wie einem +Herrn.«</p> + +<p>Der Garde wußte jetzt, woher Kaplan Johannes +die Mineralien für seinen Sommerhandel bezog.</p> + +<p>Der Herbst kam, die Fremden reisten von <a name="corr_6" id="corr_6"></a><a href="#corr_note_6" class="correction" title="Überflüssiges Komma im Originaltext">St. Peter</a> +fort, mit klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen, +voran die mit Enzianen geschmückte Meisterkuh. Jetzt +mußte sich Josi, wenn er noch lebte, zeigen. Dem Winter, +dem furchtbaren Höhenwinter würde er nicht trotzen, der +würde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verließen +ja selbst die armen Seelen die Höhen, über die der Wind +hinpfiff, und schlichen sich nachts in die Häuser, und die +ausgehungerten Gemstiere kamen zu den Städeln und +schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu.</p> + +<p>In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab +Josi bestimmte Kunde seiner Anwesenheit. Auf den +Gräbern seiner Eltern lagen am Morgen Bergastern und +standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan.</p> + +<p>Sie entzündete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen.</p> + +<p>Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging +und stand, flüsterten die Leute: »Die Schwester des Rebellen!« +und jetzt fragten sie: »Woher hat er das Geld +gehabt für die Kerzen?« Andere trösteten wohl: »Man<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[Pg 161]</a></span> +sieht's, daß er nicht verstockt ist, die Geschichte seines +Vaters hat ihm nur den Kopf zerrüttet und der Presi +hat ihn mit seiner Schärfe ganz um den Verstand gebracht.« +Doch das war ein schlechter Trost.</p> + +<p>Der erste Schnee fiel, grimmige Kälte trat ein, Josi +erschien nicht als reumütiger Sünder im Dorf. Da waren +die Leute überzeugt, daß er nun doch verhungert sei, und +erwarteten, daß man im Frühling sein Gerippe in irgend +einer Alphütte finden werde.</p> + +<p>Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede +stellte, gab zu, daß Josi eine Weile für ihn Krystalle gesucht +habe, aber jetzt sei er, so versicherte er, ohne Ziel +in die Welt gewandert.</p> + +<p>Das war nicht glaubwürdig, wer in St. Peter geboren +ist, geht nicht von St. Peter fort, eher war Josi +aus Mangel gestorben.</p> + +<p>»Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verführt!« +seufzte Vroni.</p> + +<p>Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber +verdarb als sich ergab, kam ihm unheimlich vor. »Der +ist noch zehnmal stärker als sein Vater,« dachte er mit +nagendem Verdruß.</p> + +<p>Und in den Abendgesellschaften der Dörfler lief dem +toten Josi zu Ehren wieder die alte Kaufbriefgeschichte +mit allerlei Verzierungen.</p> + +<p>Josi aber lebte — elender freilich als ein Tier — +er lebte hart am Weg, auf dem die von St. Peter +gingen.</p> + +<p>Das war sein und des letzköpfigen Pfaffen Geheimnis.</p> + +<p>Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[Pg 162]</a></span> +Fremden gekommen waren, hatte ihm Kaplan Johannes +aufgelauert und ihn jammernd gebeten, ihm Krystalle +und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver verstampft, +in seine Arzneien mischen könne. »Ja, freilich,« +lachte Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien, +die man im Dorfe nicht mehr als Spielzeug +schätzte, an den Flühen des Bockje und der Krone kannte. +Und er brachte dem Kaplan hübsche Stücke, auf denen +Tautropfen saßen, die klar wie Thränen sind, blühendes +Gestein, wie er es grad beim Wildheuen erreichen konnte. +<span class="antiqua">»Gracia et benedictio tibi«</span>, sprach der Einsiedler mit +seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen funkelnden +Franken. Seither blühte in tiefer Heimlichkeit vor +der Mutter und Vroni ein kleiner Handel zwischen den +beiden. Nicht, daß der Kaplan nun Josi für jeden quellklaren +Quarz, für jeden braungoldenen Diamanten der +Zinkblende, für jeden Brocken, auf dem die grauglänzenden +zierlichen Blätter des Wasserbleis saßen, ein Geldstück +gegeben hätte, meist bezahlte er, wenn er die Stücke +mit gierigem Blick in den Sack gesteckt hatte, mit Segenswünschen +und geheimnisvollen Andeutungen, er würde +ihn einmal zu großem Glück führen. Darüber lachte der +trockene Bursche, und als er sah, daß ihn der Kaplan betrog +und die Drusen verkaufte, stellte er die Lieferungen ein.</p> + +<p>Allein der Laurer ließ ihn nicht mehr los. Als +Josi den ganzen Groll und Grimm gegen den Presi und +das Dorf im Herzen, von Bälzi, der ihn nach hartem +Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte +ihn der Kaplan, der in der Dämmerung mit dem Bettelsack +von den Alpen kam, am Fuß einer graubärtigen +Wetterlärche überrascht.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[Pg 163]</a></span>Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme +vorspiegelte, entlockte der tobenden Brust des Flüchtlings +eine Beichte, die nicht vollständiger hätte sein können. +Alles Elend, aller Haß einer von einem schweren Unglück +zerschmetterten und mißhandelten Seele lag frei vor dem +Schwarzen.</p> + +<p>»Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden +nicht, suche mir lieber Krystalle, ich will für deinen +Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir verabreden, treffe +ich dich jeden Tag,« überredete der Kaplan den verirrten +Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art +Herzensbund zwischen ihnen.</p> + +<p>Furcht und Trotz halfen den Ratschlägen des Kaplans, +am folgenden Tag wurde Josi Strahler. Von den +Felsen der Krone, wo sich sonst niemand hinwagt, brachte +er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die +klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen +Strahlen des Grauspießglanzes und die zierlichen Eisenrosen, +die im Stahlschimmer leuchten. Immer trug er +die Leiter bei sich, die ihm früher zum Wildheuen gedient, +unermüdlich kletterte er zu den Rissen, Höhlen +und Kammern der Felswände empor. Es gab aber Tage, +oft mehrere hintereinander, an denen sich Krystalle und +Erze wie durch einen Zauber vor ihm versteckten, an +denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren Händen zu +Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gütig, prophezeite +ihm in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am +nächsten Tage, schüttelte alles, was der Bettelsack Eßbares +enthielt, vor dem Heißhunger des Burschen aus, streichelte +ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er ihn für +die große Einsamkeit, in der er lebte, entschädigen, und<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[Pg 164]</a></span> +manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn +leidenschaftlich lieb.</p> + +<p>Aber das Heimweh kam. »Vroni! — Vroni!« brüllte +es in der Brust Josis, und wenn er tief unter sich einen +Menschen über die grüne Alpe gehen sah, so hätte er +hinabeilen und ihn umarmen mögen — o, alle von +St. Peter, nur den Presi nicht.</p> + +<p>Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentümliches +Lächeln ging über sein finsteres Gesicht: »Josi, es +ist ein Landjäger im Dorf, der es vor dir bewachen muß; +denke dir, Bälzis Weib hat vor dem Garden beschworen, +daß du im Schlaf gesagt hast, du zündest den Bären +und St. Peter an. Wegen Ungehorsam gegen die Behörden +und Drohung auf Brandstiftung will man dich +verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Häscher um +das Haus des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, +du kommest am ehesten dorthin, weil du Vroni sehen +möchtest. Also hüte dich! Und noch eins! Rühre keinen +Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd +auf dich und die höchsten Felsen retten dich nicht; sei +vorsichtig, Josi. Ich füttere dich ja, Rabe, selbst wenn +ich für mich keinen Bissen habe.«</p> + +<p>Josi erblaßte — zitterte — also so weit war er: +die Landjäger suchten ihn.</p> + +<p>In seinem Schuldbewußtsein durchschaute er die +Lüge des Kaplans vom Weib Bälzis, das ihn verraten +haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur halb, daß +er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlärche +etwas vom Bärenanzünden gesagt hatte. Aber nur in +der gräßlichsten Erregung.</p> + +<p>Nein! — nein! — Mochte ihn der Presi hängen<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[Pg 165]</a></span> +lassen, eine Brandstiftung that er dem Andenken seiner +Eltern nicht zu leid.</p> + +<p>Bald erhielt er die Bestätigung dessen, was der +Kaplan gesagt hatte, aus unverdächtiger Quelle. Er traf +unvermutet und so, daß er nicht mehr ausweichen konnte, +auf den Viehknecht des Bockjeälplers: »Fort, Rebell,« +lachte der gutmütig rohe Mensch rauh und laut, »fünfzig +Franken erhält, wer dich lebend oder tot ins Dorf +bringt,« doch so, als ob er selber die fünfzig Franken +nicht verdienen wollte.</p> + +<p>Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar +und lebte in den höchsten Flühen.</p> + +<p>Was er litt! — Die Nächte, die entsetzlichen Nächte, +während deren er irgendwo auf einer Planke lag, mit +ihrem ehernen Schweigen und ihrer Einsamkeit! Tief +unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein Häuflein +Sterne und riefen: »Komm, komm!« Und jeder +leise Glockenklang, den die Luft zu ihm emportrug, +schmeichelte: »Komm, komm!« Vroni nie sehen — nie +auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben +sind — nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stück Vieh, das +er sah, entlockte ihm fast Thränen, vorsichtig lief er +hinzu, streichelte es, küßte es und redete lieb mit ihm. +»Gelt, wenn du ins Thal kommst, grüßest du mir +Vroni!«</p> + +<p>Im gräßlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. +Er liebte seine Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen +Blumen des Gesteins: »Warum müßt ihr +so schön aus der Erde wachsen, du wie ein Röschen, du +wie eine Thräne, die ein Engel vom Himmel hat fallen +lassen, und du wie ein Haufen Spieße für den Ameisenkrieg.<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[Pg 166]</a></span> +Wer hat dich gemessen und gezirkelt, du kantiger +Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefüllt und die +Haarsträhnen durch dich gezogen, du schöner Topas, und +dich öden weißen Stein mit Granatkörnern bestreut wie +die Mutter selig am Dreikönigstage die Brotmänner mit +Wachholderbeeren?«</p> + +<p>O Wunder! Selbst die Krystalle drängen sich wie +Bruder und Schwester zusammen, sie suchen ihre Gespielen +und auf manchem Stein stehen so viele, groß und klein, +wie wenn sich am Sonntag die Dörfler auf dem Kirchhof +zum stillen Plaudern sammeln.</p> + +<p>Nur er war einsam.</p> + +<p>Mitten in seinem Elend ahnte er aber, daß alles +in der Welt zum Schönen drängt, daß auch der Mensch +leiden und sich öffnen muß, wie der harte Fels, der +Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er +wieder einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen +wäre, Krystalle guter Thaten zeugen, alles Rechte würde +er thun, was Brauch und Sitte, was die Vorgesetzten +forderten, selbst Dienste bei Bälzi.</p> + +<p>Doch jetzt nicht ins Gefängnis, lieber sterben!</p> + +<p>Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und +er keine Mineralien mehr verkaufen kann, ist der Kaplan +mürrisch gegen ihn, er bringt ihm das Essen unregelmäßig +und oft zu wenig. Da weiß es Josi plötzlich: Er +ist der Gefangene dieses halbverrückten und schlechten +Mannes, Johannes hat ihn dort unter der Wetterlärche +verführt, daß es keine Rettung mehr giebt. Und ein +grimmiger Haß gegen den Kaplan zuckt auf in seiner +Brust.</p> + +<p>Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[Pg 167]</a></span> +vor Kälte. Ein Ausweg! Fort von St. Peter, fort, wie +der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben macht nichts, nur +nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden Frühe +des Tages Allerheiligen läuft er, am Schmelzwerk vorbei, +wo Kaplan Johannes haust, das Thal hinaus. »Lebe +wohl, seliger Vater, — lebe wohl, selige Mutter, — +und du, liebe Vroni, mit den schönen blauen Augen.«</p> + +<p>Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon +Kinder auf der Straße, sie springen vor ihm schreiend +davon: »Ein wilder Mann — ein wilder Mann!« Da +fällt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles +Haar hängt ihm in Strähnen über die Wangen, seine +Kleider sind Fetzen, die Schuhe zerlöchert, als ein Landstreicher +würde er aufgegriffen. Auf das Geschrei der +Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem +Fenster, Susi aus dem Bären. Sie erkennt ihn und +nun regt sich doch in ihr das Mitleid und die Neugier. +Sie ruft ihn herein.</p> + +<p>Sie hat schon von seinem Rebellentum gehört; indem +sie ihm den Kaffee einschenkt, den er gierig trinkt, fragt +sie ihn hundert Dinge.</p> + +<p>»Ist es wahr, daß du mit Bini verhext und besprochen +bist?«</p> + +<p>Das behagliche Stübchen und der warme Trunk im +Leib stimmen Josi ganz weich: »O, Susi, ich habe gewiß +andere Sorgen — ich möchte wieder ein rechter Mensch +werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so +arm, daß ich für meinen seligen Vater und die selige +Mutter nicht einmal zwei Kerzchen kaufen kann.«</p> + +<p>Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein +elendes Aussehen und seine Verwilderung weckten das<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[Pg 168]</a></span> +Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei Wachskerzen und +redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme mütterlich zu, +daß er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewiß nicht +so böse.</p> + +<p>»Ich will's thun, Susi.« Aber wie er über die verlassenen +Alpen des Schmelzberges, auf denen die letzten +Sonnenlichter des Jahres spielen, die letzten Blumen +blühen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, kämpft +er wieder.</p> + +<p>Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er +kniet zwischen den Kreuzen an den Gräbern der Eltern +nieder, er steckt die Kerzen und Astern auf die Hügel. Da +kommt der Nachtwächter singend vom Oberdorf. Es ist +der breite Brummbaß des Fenkenälplers, der in der +Kehrfolge der Bürger den Dienst hat. Er möhnt:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Es ist nicht unsere Gerechtigkeit,<br /></span> +<span class="i0">Daß Gott uns so viel Gut's erzeigt,<br /></span> +<span class="i0">Es ist seine Gnade und Güte,<br /></span> +<span class="i0">Ihr lieben Heiligen schützt uns vor Gefahr,<br /></span> +<span class="i0">Vor Brand und Laue besonderbar,<br /></span> +<span class="i0">Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch,<br /></span> +<span class="i0">Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des Sängers. +Josi aber schreit: »Hörst du' s, Vater — hörst du's, +Mutter, so geht es mir! — Ich lasse mich aber nicht +einsperren!«</p> + +<p>In wildem Weh brüllt er es und rauft das Kirchhofgras, +als wolle er hinabflüchten zu den Toten.</p> + +<p>»Das alles haben der Presi und Binia über mich +gebracht.«</p> + +<p>Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[Pg 169]</a></span> +Dorf führt, auf der Freitreppe steht der Bärenwirt mit +einem Hohnlächeln.</p> + +<p>Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger +gepeitscht, in die Falle kriecht, von der er weiß, daß sie +ihn verderben wird — er flieht vom Dorf zu Kaplan +Johannes, den er doch haßt wie den Tod.</p> + +<p>Mit einem höllischen Lächeln gewährte der Letzköpfige +dem Ausreißer Schutz und Obdach in der Ruine. Den +einzigen noch überdachten Raum bewohnte der Einsiedler +selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster das Licht +herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden +zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll +jener langen Flechten, die wie riesige graue Bärte von +den Aesten der alten Lärchenbäume fluten, gegenüber der +Thüre ein dreiteiliger Altar, den ein Totenschädel schmückte, +davor ein Betschemel. Und von der Decke hing eine +Ampel, in der ein Lichtfunke brannte.</p> + +<p>Sonst war das Gemach leer.</p> + +<p>Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewölbe, +in das man nur halbgebückt kriechen konnte, wohl, wie +die rotgebrannten Steine vermuten ließen, ein großer +alter Ofenraum.</p> + +<p>In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da +war Josi vor jeder Entdeckung sicher. Niemand wagte +sich in die Zelle des unheimlichen Kaplans; wenn je nach +Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um +ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es draußen +schüchtern an, dann trat der Einsiedler heraus, gab +ihr mit seiner Grabesstimme den Segen und ging mit ihr.</p> + +<p>Er war gewiß ein unheimlicher Kauz, der Kaplan +Johannes mit dem fahlen Gesicht und den lodernden<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[Pg 170]</a></span> +Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder, die stark +weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken, +Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen +Modulationen in einen frommen Gesang über, wie man +ihn am Altar der Dorfkirche hörte.</p> + +<p>Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes +oft laut mit sich selbst, schnitt Grimassen, verwarf +die Arme, geriet in einen Taumel und vergaß, daß +Josi da war.</p> + +<p>»Die Mauer war hoch,« erzählte er klagend, »aber +der Kastanienbaum war höher. Johannes saß darunter +und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal aber +im Herbst erzitterte der Kastanienbaum über seinem Haupt. +Was zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder +und stieg auf den Baum. Ein Ast ragte weit über die +Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast schwankte. +Johannes schaute über die Mauer. Da sah er Graziella, +die Kastanien schüttelte. Sie hatte braune Arme und +braune Augen und lachte über den Klosterschüler. Eines +Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb hast, Johannes, +steige nur vom Baum.' An der Mauer küßten +sie sich. Mehrmals. Als das Laub fiel, rüttelte Graziella +wieder am Ast und lockte — die Falsche. Der Schüler +kletterte am Kastanienbaum über die Mauer, sie gab ihm +einen Kuß, und dann warfen die Klosterbrüder ihn nieder +— und dann« — seine Stimme hob sich zu einem klagenden, +wiehernden Geheul — »sie haben mich im Gefängnis +mit kaltem Wasser begossen — sie haben sich vergriffen +an mir, daß ich nicht mehr Johannes bin.«</p> + +<p>Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und +hielt den Leib, als ob er Schmerzen hätte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[Pg 171]</a></span>Josi graute es bei diesen Selbstgesprächen des Kaplans, +schrecklicher war es ihm aber, wenn Johannes ihn +zu peinigen begann.</p> + +<p>Immer wieder kam er auf jenen Kuß zu sprechen, +den er im Teufelsgarten Binia gegeben.</p> + +<p>Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu +küssen? Ob er sie einmal nackend sehen wolle? Er könne +ihm mit einem Alräunchen dazu helfen. Er wisse, wo +ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und schneide, +daß daraus ein kleines wunderthätiges Männchen werde.</p> + +<p>Schamlos redete der Kaplan.</p> + +<p>Josi schoß dann das Blut in die Wangen und er +preßte die Fäuste an die Ohren — o, es war schön gewesen +hoch oben in der Einsamkeit des Gebirges, das +Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie.</p> + +<p>»Wann zündest du den Bären an? — Du mußt es +thun, solange keine Gäste da sind, die Sünde wäre sonst +zu groß. Heute ist eine so finstere Nacht, willst du denen +in St. Peter nicht etwas hell machen?«</p> + +<p>»Ihr seid ein Teufel, Johannes!« Da lachte der +Kaplan widerwärtig: »Ich glaube manchmal selbst, daß +ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb, bleicher Knabe. +Komm an mein Herz, Söhnchen!«</p> + +<p>Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn, +sondern als hange er mit der ganzen Seele an Josi, +denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war, nötigte +er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger.</p> + +<p>»Im Sommer aber mußt du mir wieder Krystalle +suchen, du mußt mein treuer Sohn sein, du gehörst jetzt +zu mir, nicht zu denen von St. Peter — aber — aber — +Knabe, wenn du mich verraten würdest, ich tötete dich.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[Pg 172]</a></span>Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum +und murmelte mit seiner hohlen Stimme lateinische Verwünschungen.</p> + +<p>»Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden +Goldhaar sehen, nur noch einmal sie mit ihrer +Glockenstimme reden hören.« Müde und traurig war Josi +und ihn ekelte vor dem Kaplan.</p> + +<p>Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen.</p> + +<p>Oft froren er und Johannes in der schlechtgeschützten +Ruine. Der Wind, der durch die Mauern blies, verjagte +die Wärme des offenen Feuers, und wahrscheinlich wäre +Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben +kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, hätte +er nicht auf den Rat des Kaplans, der darin Schätze +vermutete, das alte Bergwerk zu durchforschen angefangen.</p> + +<p>Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Trübsinn +eine Ableitung und die Tiefen des Bergwerks schützten +besser vor der Kälte als jedes Herdfeuer.</p> + +<p>Josi lächelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans, +daß er Silbererz finden werde, ungläubig, aber er wühlte +sich mit großem Eifer durch das Gewirre von Gängen, +Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine mühsame Arbeit! +Viele Gänge waren eingestürzt, in anderen tropfte das +Wasser und bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf +und feucht. Oft löschte ein Tropfen seine Kerze aus, dann +hatte er Arbeit genug, sich in Stunden beklemmender +Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu +tappen. Wenn er wenigstens Erz gefunden hätte! Aber +die Stollen waren wüst und leer. Nein, endlich entdeckte +er einen Schacht mit zuckerkörnigem Bleiglanz, der nach +den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten Silber<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[Pg 173]</a></span> +enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel +und sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das +Erz los und hatte reiche Ernte. Er häufte den Reichtum +für Kaplan Johannes, der wie er selbst den Silbergehalt +des Erzes weit überschätzte, und über dem Tagewerk +im Dunkel des Berges verfloß die Zeit.</p> + +<p>Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Frühling +an den sonnigen Berglehnen die ersten Blüten hervorlockte, +war Josi so elend zu Mut, daß der Gedanke, +eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor. +Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen. +Er war wund am Herzen und an den Füßen.</p> + +<p>Oft saß er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor +denen, die des Weges gingen, ließ die Sonne auf den +Rücken scheinen und horchte auf das einförmige Klappern +an den Weißen Brettern.</p> + +<p>Er dachte an seinen Vater, an das große Unglück, +aber er hatte gegen niemand einen Groll mehr, kaum +gegen den Presi, ihm war alles gleichgültig.</p> + +<p>Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter +springen lassen?</p> + +<p>Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da +war ihm, er rieche Veilchen, nein, eine Mücke krieche +ihm durch den Flaum der Oberlippe, er wollte die Hand +erheben, aber sie sank ihm bleiern zurück.</p> + +<p>Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst +dem Vater entgegengeritten war, den Schläfer. Zuerst +mit mächtigem Erschrecken. Auch sie hatte geglaubt, Josi +sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch bleich wie ein +Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm +war er in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der bloße<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[Pg 174]</a></span> +Körper schimmerte. Zwischen dem Filz der langen Haare +floß das wässerige Blut offener Wunden und die Frostbeulen +an den bloßen Füßen schwärten. Sie schluchzte +vor Mitleid. Aber die Freude, daß sie den toten Josi +lebendig fand, war stärker als die Trauer über sein +Elend. Als sie ein paar Läuse lustig durch sein Haar +spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem +tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm +mit dem Veilchensträußchen, das sie sich gesucht hatte, +leicht unter der Nase hin und lächelte, als seine Hand +sich regte, aber wieder sank.</p> + +<p>Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da schoß +er taumelnd auf. Er that einen Schrei: »Binia!« Dann +aber maß er sie mit einem finsteren, verächtlichen Blick +und wollte gehen.</p> + +<p>»Schau mich doch nicht so böse an, Josi,« bettelte +sie mit feinem, sanftem Stimmchen, indem sie bis in +die dunklen Haare errötete und den Blick wie eine Schuldige +senkte.</p> + +<p>»Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun,« +erwiderte er mit dunklem Groll.</p> + +<p>»O, ich freue mich, daß du noch am Leben bist, +Josi, gewiß freue ich mich.«</p> + +<p>Das tönte so lieb, so hingebend, daß er nun doch +aufhorchte. Er erhob sich und setzte sich in einiger Entfernung +von Binia auf einen Stein.</p> + +<p>Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie +schön geworden in den paar Monaten, da er sie nicht gesehen! +Wie ein Engel, dachte er. Die Röte der Hagrose +prangte duftig auf ihren Wangen, die großen, +dunklen Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie früher,<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[Pg 175]</a></span> +und doch war noch etwas hinzugekommen, was früher +nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas unsäglich +Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein +letzter Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und +alles, was Kaplan Johannes Häßliches gesagt hatte, war +vor ihrer Reinheit und Schönheit aus seinem Gedächtnis +entschwunden. Aber er schämte sich wegen seines Aussehens, +er war ganz scheu.</p> + +<p>Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals +nicht wieder. »Wie groß ist Josi geworden,« dachte +Binia, »er ist ja beinahe ein junger Mann,« und beide +sahen sich verlegen an.</p> + +<p>»Wie geht es Vroni?« stotterte Josi.</p> + +<p>»Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag +hier vorbeireiten sehen?« fragte Binia. »Der Garde, +die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer Taufe nach +Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das Hütchen mit +den langen Seidenbändern und ein buntes, seidenes Brusttuch, +dazu Geschmeide wie eine Bauerntochter. Wie unsäglich +glücklich wird sie sein, wenn sie hört, daß du lebst!«</p> + +<p>»Wie eine Bauerntochter,« dachte Josi. Er aber +war arm wie jener Lazarus, von dem einmal der Pfarrer +gesprochen hatte.</p> + +<p>»Was sprechen die Leute von mir. — Sagen sie, +ich sei ein Halunke?« Er lächelte bitter.</p> + +<p>Binia schwieg purpurrot.</p> + +<p>»O, sage es nur, ich weiß es schon — aber weißt, +wer mich dazu gemacht hat?«</p> + +<p>Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen +Pause hauchte sie kaum hörbar und in zitternder Scham: +»Mein Vater.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[Pg 176]</a></span>»Ja, dein Vater!« bestätigte Josi vorwurfsvoll.</p> + +<p>Ihr stürzten die Thränen aus den Augen, mit einer +raschen Wendung kniete sie vor ihm.</p> + +<p>»O Josi! — Josi! — Ich weiß, daß ich an allem +schuld bin. Aber — o Josi — wenn du keinen Fetzen +auf dem Leib hättest und noch zehnmal mehr Läuse auf +dem Kopf, ich liebte dich doch!«</p> + +<p>Ihre molligen kleinen Hände umspannten seine ausgemergelten +Finger, sie sah ihn so rührend demütig an +und ihre Stimme bebte wie ein Glöckchen: »Ich habe +ohne Absicht über dich gelogen — ich war so krank — +aber ich will gewiß alles an dir gut machen, Josi!«</p> + +<p>Ihre Lippen berührten seine Hände, ihre Thränen +liefen durch seine Finger, er wollte reden, aber er schluchzte +nur: »Bini — Bini, wie lieb bist du mit mir.« Der +wunderbare erste Gruß aus einer Welt, die er verloren +hatte, ging über seine Kräfte.</p> + +<p>Da verzerrte sich Binias Gesicht: »Va —«</p> + +<p>Ein Peitschenhieb sauste durch die Luft — das Blut +strömte über die Wangen Josis.</p> + +<p>Vor den beiden stand furchtbar der Presi. Sie hatten +das Kommen seines Wagens überhört, er hatte das Vorspanntier +ohne Hüterin getroffen und Binia gesucht.</p> + +<p>Einen Augenblick waltete die Ruhe grenzenloser Ueberraschung.</p> + +<p>Binia starrte entgeistert auf das blutüberströmte +Haupt Josis. Da riß sie der Presi hinweg.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[Pg 177]</a></span></p> +<h2><a name="X" id="X"></a>X.</h2> + + +<p>Was man in St. Peter erlebte!</p> + +<p>Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der +Pfarrer, der zwischen Tag und Nacht von Hospel kam, +im Teufelsgarten ein unheimliches Stöhnen gehört. Er +war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht +zu fürchten hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter, +den Rebellen, gefunden, den man verhungert und erfroren +glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem Vormund +des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken, blutrünstigen +Jungen, der vor Entkräftung nicht mehr gehen +konnte, mit einem Wägelchen in seine Wohnung geholt.</p> + +<p>Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der +Presi hatte, ohne daß er vorher mit einem Menschen davon +gesprochen hätte, fast heimlich und über Nacht Binia +aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? — Die Bärenwirtin +erzählte den Dörflern, die es hören wollten, sie +sei in eine Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden +Sprachen lerne, die man im Verkehr mit den Sommerfrischlern +brauche.</p> + +<p>»Es ist aber doch seltsam,« sagten die Leute, und +sie ergingen sich in allerlei Mutmaßungen, doch ohne die +Ursache der plötzlichen Reise zu ergründen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[Pg 178]</a></span>Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen, +daß Kaplan Johannes den Gemeindebann verlassen +müsse, da er einem minderjährigen jungen Menschen +Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen +die Behörden unterstützt habe.</p> + +<p>Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte +in alle Häuser, wo er auf Gehör rechnen konnte. »O, +der meineidige Rebell. Wem als mir hat es St. Peter +zu danken, daß das Dorf noch steht. Ich schwöre es, er +hat es an allen vier Ecken anzünden wollen, nur mit +den höchsten Formeln habe ich ihm die Hände binden +können. Aber wißt, wißt: Durch den Rebellen Josi +Blatter wird früher oder später ein Unglück, wie noch +keines erlebt worden ist, über das Glotterthal kommen. +Ein Alraun hat es mir im Spiegel gezeigt: Die +Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und +die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'Laßt uns den Uebelthäter +erschlagen!' Und der Bären lag in Schutt und +Asche.«</p> + +<p>Die Zähne der Weiber klapperten, doch die gruseligen +Erzählungen retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren +Bürger drangen darauf, daß er jetzt mit fester +Hand aus dem Thal vertrieben würde: »Er macht das +Dorf verrückt,« sagten sie, »denn die Weiber glauben +ihm.« Der Presi, der sich selber zürnte, daß er Johannes +zu lange hatte gewähren lassen, schickte kurzerhand ein +paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das Gerümpel +des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen, +daß sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnstätte +eignete.</p> + +<p>Dafür war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[Pg 179]</a></span> +— jetzt, in alten Tagen, konnte er ungestört das +Wort Gottes säen, der böse Feind, der immer das Unkraut +des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war +vertrieben. Zum Dank dafür richtete der alte Priester, +der es sonst für klüger hielt, sich nicht unmittelbar in die +Angelegenheit der Bauern zu mischen, am Sonntag ein +kräftiges Wort an seine Herde und bat darin, daß +man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller +Verirrung nichts Böses gethan, in Liebe erbarme.</p> + +<p>Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die +anderen am Pfarrer.</p> + +<p>Inzwischen genas Josi.</p> + +<p>Eines Tages spürte er das Gesicht Vronis über sich +und er hatte einen wunderschönen Traum: Er, Vroni, +die Mutter und Binia saßen auf dem Felsen über dem +Haus, sie sangen: »Du armer Knabe, schlaf am Meere,« +und die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein +leises Echo von den Bergen zurück. Plötzlich aber fing +es an zu regnen, die heiße Erde kühlte sich, die Blumen +erhoben die Häupter, die ganze Welt trank das köstliche +Naß. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren +Thränen Vronis!</p> + +<p>Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah +Vroni, lächelte, dann fielen ihm die Augen müde wieder +zu und er träumte weiter.</p> + +<p>Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des +verlorenen Sohnes erbarmt, der wiedergefunden war. Er +schlachtete zwar kein Kalb zu seinen Ehren, aber er beruhigte +die Gardin, die über den unerwarteten Familienzuwachs +ungehalten war.</p> + +<p>»Hätte Fränzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[Pg 180]</a></span> +würdest mir alle zehn an den Tisch bringen — sind wir +eigentlich das Waisenhaus von St. Peter?«</p> + +<p>Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten +für andere geneigtes Weib, das keinen Vorwurf +der Härte auf sich kommen ließ, aber Josi litt sie nicht +wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar geschnitten +hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem +blutroten vernarbenden Riß über die Wange, der hübschere +Bursche als Eusebi. Und doch hätte sie auf der +Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen schönen +Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben +und Mädchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen, +die hübsche Kinder besaßen, sondern auch der Anblick +fremder schöner Jugend bereitete ihr Herzeleid.</p> + +<p>»Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi wächst und +erwacht? Nimm den Segen nicht mit unchristlicher Rede +von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die ist so groß, daß +ich sie nicht verraten darf,« mahnte der Garde.</p> + +<p>»Thun wir nicht genug an Vroni?« fragte die Frau.</p> + +<p>»Was genug ist, weiß der Herrgott — ich meine, +bis er wieder ganz gesund ist, bleibt der arme Bursche da.«</p> + +<p>Murrend fügte sich die stolze Garden.</p> + +<p>Vor dem Haus saß Josi auf dem Dengelstein, er +sonnte die sich kräftigenden Glieder und ein unsägliches +Glück summte in seinem Kopf. Der Garde hatte sehr +ernst und väterlich mit ihm geredet. Alles hatte er ihm +bekennen müssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte. +Dann hatte er ihm in die Hand versprochen, +daß er sein Leben lang nie mehr mit Kaplan Johannes +verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle.</p> + +<p>»Nein — nein,« versicherte Josi, er war ja überglücklich,<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[Pg 181]</a></span> +daß er durch den Streich des Presi wieder unter +die rechten Menschen gekommen war.</p> + +<p>So viel war der grausame Hieb schon wert.</p> + +<p>Da schlarpte der letzköpfige Pfaffe heran und redete +dem Burschen, der in einem hübschen Kleid aus einem +alten Sonntagsgewand des Garden steckte, schmeichelnd +zu: »Du liebes Söhnchen, komme mit mir — bei Fegunden +baue ich eine Einsiedelei — du bist es mir für den +Winter schuldig, daß du mir sommersüber Krystalle +suchst. Im Herbst will ich dich loslassen.«</p> + +<p>»Gebt Euch keine Mühe, Johannes, mit Euch bin +ich fertig,« erwiderte Josi, den Blick verachtungsvoll von +seinem Peiniger wendend.</p> + +<p>Da wütete der Schwarze gräßlich: »O du räudiges +Schaf — du Lügner — du teuflischer Judas. — Deinetwegen +werde ich aus St. Peter vertrieben — Du Satansaas! +— du vom Teufel Gezeichneter — du ekliger Dämon! +— ich weiß es, du liebst den Balg des Presi noch, +aber auf des Teufels Großmutter reite ich, wenn ihr die +Hände nacheinander streckt, zwischen euch; meine weiße +Seele werfe ich dafür hin, daß ihr nie zusammenkommt.«</p> + +<p>Josi lächelte über die Ohnmacht des Tobenden: »Thut, +so wüst Ihr wollt, ich glaube nicht an Eure schwarze +Kunst.«</p> + +<p>Mit entsetzlichen Flüchen ging der Kaplan. Josi +lächelte immer noch verträumt in sich hinein. In die +Schläfrigkeit der Genesung gaukelten die lieblichsten Bilder: +Binia und Vroni! — Vroni und Binia! Es war +ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten +allen seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein +Wesen mit Licht übergossen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[Pg 182]</a></span>Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines +Elends getreten, er schämte sich, daß er sie so viele Jahre +in seinem Herzen nie anders als die »Giftkröte« genannt +hatte. Er sann allerlei schöne Namen aus für sie. Glich +sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen +nennt?</p> + +<p>»Tautröpfchen, Tautröpfchen, du liebes, wo bist du +jetzt?«</p> + +<p>In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die +seinetwegen aus dem Thale hatte gehen müssen.</p> + +<p>Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt, +daß er sich jeden Gedanken an Binia aus dem Kopf +schlage, das sei überspanntes Zeug, aber ihm klang es +immer in den Ohren: »Wenn du keinen Fetzen auf dem +Leib hättest und noch zehnmal mehr Läuse auf dem Kopf +— o Josi — ich liebte dich doch.« Das rauschte wie +Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch der Garde +nicht ausdrücklich gewünscht hätte, so hätte er es schon +um Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der +häßliche rote Strich auf seiner Wange kam.</p> + +<p>Dafür mußte er es freilich dulden, daß ihn jeder, +der des Weges ging, mit neugieriger Scheu betrachtete +und die Leute von St. Peter es einander zuraunten: +»Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der Teufel +hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn +er ihn holen kann.«</p> + +<p>Die Geschichte machte dem Garden <a name="corr_7" id="corr_7"></a><a href="#corr_note_7" class="correction" title="schwerer zu schaffen">schwerer</a> als Josi +selbst. Mit gelassener Ruhe suchte er für den Burschen +bei rechtschaffenen Leuten einen neuen Dienst, erhielt aber +überall ausweichenden Bescheid: »Ja, als er zu Bälzi +kam, hätten wir ihn auch genommen, aber jetzt — man<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[Pg 183]</a></span> +weiß nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und +einem ins Haus bringen würde. Und hat er nicht St. Peter +anzünden wollen?«</p> + +<p>Doch forderte wenigstens niemand mehr, daß man +ihn ins Gefängnis werfe. Den breiten, schwerfälligen +Garden aber hielt das Dorf für einen gutmütigen Narren.</p> + +<p>Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst +aus der Gemeinde, als man ihn bei knappstem Futter +einige Tage eingesperrt hatte. Sein Abschied waren +gräßliche Flüche auf den Presi: »Holt der Satan nicht +ihn,« schwor er mit rollenden Augen, »so holt er sein +Kind.«</p> + +<p>Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden, +die wieder nach St. Peter kamen und mit fröhlichem +Lachen durch das Bergthal schweiften — Schweizer, +Deutsche, Franzosen und — der erste Engländer. Auf +diesen war er besonders stolz, erst die Engländer gaben +seiner Meinung nach einer Sommerfrische die Vornehmheit, +die man sich wünschte.</p> + +<p>Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht, +aber — was fast ebensoviel bedeutete — ein Ingenieur +der britischen Regierung in Indien.</p> + +<p>Er war bergsteigermäßig gekleidet, trug Nagelschuhe, +grünwollene Strümpfe mit gewürfeltem Muster, graue +Kniehosen, graue Jacke und grünen Filz. Er war ein +Dreißiger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem +Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen +Zähnen, ein Mann von beinahe schwächlichem Körperbau, +aber von überraschender Energie des grauen Auges und +der Haltung. Er wußte immer genau, was er wollte, +und setzte es mit einer gewissen Schärfe durch. Und als<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[Pg 184]</a></span> +der Presi die wissenschaftlichen Apparate sah, die sich +<a name="corr_8" id="corr_8"></a><a href="#corr_note_8" class="correction" title="Im Originaltext "Georg"">George</a> Lemmy nachführen ließ, galt es ihm für ausgemacht, +daß er ein Besonderer sei.</p> + +<p>»Nun, Herr Bärenwirt, hätte ich gern einen vertrauenswürdigen +Mann oder Burschen, der nicht ganz +auf den Kopf gefallen ist, als Träger und Begleiter.« +Der Engländer sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit +stark englischer Betonung.</p> + +<p>Der Presi stellte ihm den lustigen Thöni Grieg zur +Verfügung. George Lemmy pfiff eine Melodie vor sich +her und maß den Burschen mit einem scharfen Blick: +»Well, ich will ihn prüfen!« Aber am dritten Tag kam +er wieder: »Ich mag Thöni nicht, er schwatzt mir zu +viel, er ist eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, daß +die ganze Geographie dieser Gegend ins Wanken kommt.«</p> + +<p>Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand +der frisch angekommene Engländer von der Gegend? +Er wagte einige Einwendungen, man sei mit Thöni bis +jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber schlug +seine Karten auf und erklärte dem Presi die Aufschneidereien +Thönis mit Heftigkeit.</p> + +<p>Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas +von den Karten verstände, und seufzte verlegen.</p> + +<p>»Ich will mir selbst einen Mann suchen.« Damit +klappte der Ingenieur die Karten zusammen. Er hatte +sich beim Presi in einen großen Respekt gesetzt, Thöni +aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum +wie ein gezüchtigter Hund. Er wußte es schon, wie oft +er die Fremden mit den tollsten Angaben beschwindelt +hatte. Jetzt war er an den Unrechten geraten. Und +der Presi sah's kommen: Sein erster Engländer fand<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[Pg 185]</a></span> +in St. Peter keinen, der mit ihm ging — er reiste +wieder ab.</p> + +<p>Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zurück, +pfiff vor sich her und lachte befriedigt: »Ich habe ihn +schon — habe ihn schon« — und rief Josi Blatter, der +etwas zögerte, vor dem Presi zu erscheinen, lustig zu: +»Komm, zeige dich, Boy!«</p> + +<p>»Teufel auch,« knirschte der Bärenwirt leis, und +als er die rote Narbe auf der Wange des Burschen sah, +ging ihm doch ein Stich durch die Brust.</p> + +<p>»Josi, ist der Garde auch einverstanden, daß Ihr +Bergführer werdet?«</p> + +<p>Josi war über zweierlei verwundert, über den freundlichen +Ton, den der Presi anschlug, und darüber, daß er +ihn mit »Ihr« anredete. Er stotterte es beinahe: »Ja, +ich finde halt sonst nichts zu thun.«</p> + +<p>So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde, +als die Augen des Jungen hoffnungsvoll aufflammten, +eingewilligt, daß er mit dem Fremden gehe. Nur aus +bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen +annehmen wollte, weil die Gardin stets über den ungebetenen +Kostgänger murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene +überall tüchtig zugriff, wo er etwas zu thun sah.</p> + +<p>»Was denkt das Dorf? — Wohl, er, er, der Garde, +helfe mit am Hudligwerden!«</p> + +<p>Als der Presi den Bescheid des Garden hörte, lächelte +er sonderbar befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte +sich, er erriet, was sein Gegner dachte, und der Engländer +mit den stechend klugen Augen merkte, daß die +beiden übers Kreuz standen. Lustig sagte er: »Bitte, +besorgen Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[Pg 186]</a></span> +jetzt gewohnt hat, nicht bleiben. Haben Sie im Bären +einen Schlupf für ihn?«</p> + +<p>Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu +den armen Leuten, die in Josis Vaterhaus wohnten, und +mietete dort für den Burschen das Dachkämmerchen, in +dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte. Ein +saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden, +der das Häuschen und den Acker verwaltete, nicht ganz +verderben und der grollte ihm wegen Josi schwer.</p> + +<p>Als er zurückkam, meinte Thöni eifersüchtig: »Ihr +werdet es doch nicht zugeben, daß der Rebell Führer +wird!«</p> + +<p>Da schnauzte ihn der Presi an: »Ich glaube, daß +der eher auf einen grünen Zweig kommt als du.«</p> + +<p>Thöni hatte seine Schwächen. Das wußten nicht +nur der Bärenwirt und seine Frau, sondern bald auch +die Gäste. Die Damen, die in der Sommerfrische waren, +trieben häufig ihren heimlichen Ulk mit dem fröhlichen +Jungen, indem sie seine kleinstädtische Galanterie herausforderten +und dann mit ihrem Spott über ihn fielen.</p> + +<p>Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger +und oft donnerte der Presi: »Herrgott, Thöni, so ziehe +doch einmal die Bubenschuhe aus. Du bist ja der Narr +aller.«</p> + +<p>Dann stellte sich der schöne Thöni einige Tage beinahe +hochmütig gegen die Fremden, aber er erlag ihren +Schelmereien immer wieder.</p> + +<p>Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi über seinen +Mißerfolg bei dem Engländer war, und nachdem er zuerst +mit dem größten Hohn auf Josi Blatter gesehen, haßte +er ihn. Eines nur ließ ihn den Engländer leicht verschmerzen,<span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[Pg 187]</a></span> +die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen +aufbürdete!</p> + +<p>Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und +schleppte ihm die Instrumente, insbesondere den photographischen +Apparat, nach. George Lemmy photographierte, +indem er dazu fortwährend pfiff, Berge, Häuser, +Bäume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber +sprach er ein überflüssiges oder gar ein freundliches Wort +zu seinem Gehilfen, doch gab es in seinem Verkehr so +viel Neues zu sehen, daß Josi das Leben überaus kurzweilig +erschien. Er lernte die Instrumente handhaben +und die Furcht, sein Herr würde ihn eines Tages entlassen, +verschwand vor dem beglückenden Gefühl, daß er +ihm nützlich sei.</p> + +<p>Freilich, hart genug ließ es ihm der Ingenieur werden, +doch just, wenn er mit den letzten Kräften noch aushielt, +indem er an die guten Vorsätze dachte, die er in +der Einsamkeit seines Rebellentums gefaßt hatte, lächelte +sein Herr: »Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.«</p> + +<p>George Lemmy war einer von denen, die mit sich +selbst und anderen erst zufrieden sind, wenn sie von der +Mühe des Tages am Abend zusammenbrechen.</p> + +<p>Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie +würden ihm die Bildermaschine zusammenschlagen, wenn +er sie und ihre Häuser damit nicht unbehelligt ließe; nun +war er wütend über die »Pfahlbauern«, wie er sie nannte, +und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der »Oberpfahlbauer«, +erklärte, er könne ihn nicht schützen, man +müsse die von St. Peter nehmen, wie sie seien.</p> + +<p>Abreisen! — Allein George Lemmy war verliebt in +das Glotterthal und wandte nun seine Aufmerksamkeit<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[Pg 188]</a></span> +den heligen Wassern zu. Ihretwegen war er ja eigentlich +ins Thal gewandert.</p> + +<p>Er war von Bräggen im Oberland nach Hospel gekommen +und hatte dort zufällig ein überraschendes Volksbild +erlebt. Ein Ausrufer gab unter Trommelschlag den +Leuten, die aus der Kirche strömten, bekannt, daß die +Versteigerung eines »Baches« stattfinde. Neugierig schaute +er zu, wie sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen +und roten Westen sammelten, wie die Frauen, Mädchen +und Buben sich in ihren malerischen Trachten an die +blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Straße +der Präsident, der Garde und der Schreiber von Hospel +Stellung nahmen und einen von den hundert Fäden, +in die sich die heligen Wasser beim Flecken teilen, für den +Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem Meistbietenden +zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche +um Woche während drei Tagen zu benutzen. Jedes +Angebot malte der Schreiber mit großen Zahlen an +ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild +vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer, +mit dem die Bauern boten, spürte der Ingenieur, wie +wichtig ihnen der Besitz des Wassers sei. Bei der Gasttafel +sprach er mit dem Kreuzwirt darüber: »Warum +versteigert man das Wasser nur für die ersten Tage der +Woche?« — »Nach einem alten Gesetz gehört es Donnerstag, +Freitag und Samstag jedermann, also den +Armen.« Und sie redeten von den heligen Wassern so +lange, bis den Ingenieur eine große Neugierde dafür +gefaßt hatte.</p> + +<p>Jetzt studierte er sie. Er maß und photographierte +ihren Einlaß am Gletscher, folgte den Känneln, bestimmte<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[Pg 189]</a></span> +an vielen Stellen zwischen St. Peter und Hospel die +Wärme des Wassers, merkte sich die Gefälle, die Wassermengen, +die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben +und zeichnete draußen in den Reben von Hospel +die geeichten eisernen Schaufeln und Scheiben, mit denen +die Winzer die Verteilung des Wassers besorgen.</p> + +<p>Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht +für alles ein, was der Ingenieur that, aber er spitzte +die Ohren und hörte es gerne, wenn George Lemmy +über die heligen Wasser sprach.</p> + +<p>Der Engländer forschte nach hundert kleinen Dingen, +und wenn ihn die anderen Gäste foppend fragten, ob er +denn nicht mehr von der großen Klapperschlange loskomme, +antwortete er lachend: »Lassen Sie mich. Sie ist ein +merkwürdiges Stück Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium +der Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung +führt in ihren Wassern jede Woche hundert Zentner +Schlamm, darunter zehn Pfund reine Phosphorsäure, +sieben Pfund Kali und hundertfünfzehn Pfund Bittererde. +Stattliche Düngerfabrik, was? Und der analytischen +Wertung entspricht die praktische Erfahrung. +Drüben am Hochpaß haben Sie die Wässerwasserfuhre +der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie +auf weite Strecken zerstörte, konnte, wie amtlich belegt +ist, die Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch fünfzig +Stück Vieh erhalten, während vorher zweihundert reichliche +Weide auf ihrem Gebiet gefunden. So giebt es +genug Nachweise, daß die sonnenwarmen Gletscherwasser +den Ertrag des Bodens verdrei- und verfünffachen. Lassen +Sie also die Heligen ruhig klappern — ich erwäge sogar +ernsthaft, ob ich der britischen Regierung nicht vorschlagen<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[Pg 190]</a></span> +will, daß sie vom Himalaja herunter in benachbarte +Distrikte Indiens ähnliche Leitungen baue.«</p> + +<p>Wörter, die Josi nie zuvor gehört, schwirrten +ihm im Verkehr mit dem Ingenieur um den Kopf +und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich George +Lemmy damit beschäftigte, selber viel wunderbarer als +je zuvor.</p> + +<p>Eines Tages schritt er mit George Lemmy den +schwindligen Weg über die Kännel an den Weißen Brettern, +und mit Staunen sahen Einheimische und Fremde +die beiden Akrobaten an den schimmernden Wänden.</p> + +<p>Josi war es ein unvergeßlicher Tag. Als er an der +Stelle stand, wo sein Vater gestürzt war, pochte sein +Herz in der Brust, und als sie in der Mitte des schrecklichen +Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal tief +unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der +Mund über und er erzählte dem Ingenieur das Leiden +und Sterben des Vaters.</p> + +<p>George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war +und blieb der trockene Engländer. Aber Josi fühlte doch +seinen Blick der Teilnahme. Erst als sie aufstanden, meinte +Lemmy fast scherzhaft: »Josi, neunzehnjähriger Boy, +werde Ingenieur und führe die Leitung sicher durch die +Felsen. Es giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug, +daß man auch diese Schlange zähmt. Nicht wahr, +das wäre ein Streich für die Pfahlbauer von St. Peter, +wenn es keine Wasserfron mehr gäbe.«</p> + +<p>Ein jähes Feuer flammte aus den Augen Josis.</p> + +<p>Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der +zweiten Hälfte des schmalen Weges fast nicht gehen.</p> + +<p>Als sie am Abend ins Dorf zurückkamen, schlang<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[Pg 191]</a></span> +Vroni die Arme um den Bruder: »O, was die Leute +sagen! Weil du unnötig über die Kännel an den Weißen +Brettern gegangen bist, so habest du für die nächste +Wassertröstung das Los auf dich gezogen.«</p> + +<p>Da lächelte Josi kühl geheimnisvoll: »Die Leute +sagen, wenn der Tag lang ist, viele Thorheiten — aber +ich glaube selbst, daß ich einmal wie unser Vater selig +an die Weißen Bretter steigen muß.«</p> + +<p>Vroni sah ihn erbebend an: »Josi, du bist früher +ein so artiger lieber Bub gewesen, und jetzt bist du ein +so Besonderer worden, so ein Geheimnisvoller, daß es +mir bald wie den anderen Leuten geht, daß ich dich zu +scheuen und zu fürchten anfange.«</p> + +<p>»Sei nicht so närrisch, Vroneli,« schmeichelte Josi +und blickte zufällig nach den Firnen der Krone.</p> + +<p>»Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die +armen Seelen hausen! Josi! Versprich es mir, daß du +es nicht thust. Denke an den seligen Vater, denke an +die selige Mutter!«</p> + +<p>Je inniger das Mädchen flehte, um so finsterer zog +der Bruder das Gesicht: »Alle Tage denke ich an sie, aber +wenn George Lemmy es wünscht, so gehe ich mit ihm +auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.«</p> + +<p>»Dann stürzest du dich ins Unglück,« jammerte das +Mädchen. Josi aber schritt mit einem nachdenklichen +Lächeln in sein Nachtquartier.</p> + +<p>»Was man doch um einen so lieben Bruder für +Kummer hat!« Vronis schöne blaue Augen wurden trüb. +Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs auch +stark für die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser +gingen, und ihn Josi, der im Erzählen nicht besonders<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[Pg 192]</a></span> +gewandt war, zu ihr führte, da hatte sie ihre helle +Freude an dem aufmerksamen Zuhörer.</p> + +<p>Bei Vroni saß der Fremde an der vollen Quelle. +Dem Bruder zuliebe besiegte sie die Scheu vor ihm, und +dem Ingenieur gefiel das blonde schöne Mädchen, das +seine Geschichten in der vollklingenden alten Sprache des +Thales erzählte, ausnehmend gut.</p> + +<p>Er behandelte es mit Auszeichnung. »Ein Brigante +wie du bist, hat so ein Edelweiß zur Schwester!« scherzte +er zu Josi.</p> + +<p>»Und also fügt es Brauch und Gesetz,« erzählte sie +mit errötenden Wangen, die Hände über das Knie geschlagen, +»wenn ein Jungknabe ein Mädchen lieb hat +und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er +sich beim Garden melden, daß er ihm einen Sommer lang +in der Bestellung der heligen Wasser zudiene und in der +Wasserpflicht erfahren in den Stand des Hausvaters trete.</p> + +<p>»Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst +geringen Standes ist, ein Mädchen liebt und es vom +Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem Garden +darlegen und glaubhaft darthun, daß die Jungfrau +einer Seele mit ihm sei, und legt er vor dem Garden +und der Gemeinde das Gelübde ab, daß er beim nächsten +Leitungsbruch an die Weißen Bretter steige, so soll der +Gemeinderat Freiwerber für ihn werden. Will aber der +Vater des Mädchens nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben +und wer will unstrafbar den Lauf haben, ihn und +sein Haus zu verhöhnen und dem Werber zu helfen, bis +der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.«</p> + +<p>Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung +hörte er zu, obgleich er die Satzungen schon kannte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[Pg 193]</a></span>Vroni sah es wohl. »Wegen Binia,« dachte sie.</p> + +<p>Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er +befreundete sich auch mit dem Garden.</p> + +<p>Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gespräch +der beiden, wer George Lemmy eigentlich sei. Er +habe zuerst, erzählte er, an einer Hochschule in England, +dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert und +auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen. +Später sei er nach Indien gegangen, wo schon sein +Vater Kolonialbeamter gewesen, und dort baue er im +Auftrag der Regierung Straßen und Eisenbahnen. Das +Klima sei aber unzuträglich, und nachdem er fünf Jahre +in dem heißen Land gearbeitet habe, sei er genötigt +gewesen, längeren Urlaub zu nehmen. Den Sommer +verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht bloß, um die +Schönheiten des Landes zu genießen, sondern auch +um einen oder zwei tüchtige Bergführer anzuwerben. +Er brauche die Leute als Pioniere beim Bau von Straßen, +die man bedürfe, um die kleinen wilden Gebirgsvölker, +welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bekämpfen +zu können. Ein Führer, den er von früher her +kenne, sei schon geworben, Felix Indergand zu Bräggen, +und im Herbst wollen sie gemeinsam nach Indien reisen.</p> + +<p>»Felix Indergand kenne ich von manchem Markt, +das ist ein rechtschaffener und einsichtiger Mann,« sagte +der Garde. »Da habt Ihr einen Tüchtigen geworben.«</p> + +<p>»Und wenn ich nun auch den zweiten hätte,« antwortete +Lemmy.</p> + +<p>Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte +er nichts anderes, als ob wohl George Lemmy nicht ihn +einladen würde, mit ihm nach Indien zu gehen. Was<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[Pg 194]</a></span> +würde er dann thun? Ein freudiges »Ja!« würde er +ihm zujubeln. St. Peter war für ihn doch kein Boden +mehr und kein Glück. Was sollte er im Dorf beginnen, +wenn der Ingenieur wieder abgereist war?</p> + +<p>Vroni ahnte die Pläne des Bruders. Als Josi eines +Tages freudvoll zu ihr gestürmt kam, fragte sie erschreckt: +»Hat dich Lemmy nach Indien angeworben, daß du so +rote Wangen hast?«</p> + +<p>»Nein,« erzählte er hastig, »aber weißt du, wo +Binia ist, ich weiß es! Der Knecht des Fenkenälplers +war mit einer Viehherde im Welschland. Da hat er sie +gesehen, wie sie mitten unter Klosterschülerinnen ging. +Das Kloster heißt Santa Maria del Lago und liegt an +einem schönen See. Denke, er hat mit ihr geredet, +aber es war eine Nonne dabei — Bini läßt dich und +mich grüßen!«</p> + +<p>Josis Augen strahlten, der Gruß war für ihn eine +Welt voll Sonne.</p> + +<p>Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde +Josi in St. Peter zurückhalten, aber — blieb er, so stieg +er wohl bei der nächsten besten Gelegenheit für Binia +an die Weißen Bretter und fiel wie der Vater zu Tode.</p> + +<p>Die Kunde, daß Binia im Kloster Santa Maria +del Lago jenseits des Hochpasses sei, erregte im Dorf +große Verwunderung, namentlich als man von Hospel aus +erfuhr, die besondere Thätigkeit der Nonnen der frommen +Anstalt sei die Besserung solcher Mädchen aus wohlhabenden +Familien, die sich irgend einen leichtsinnigen Streich +hatten zu schulden kommen lassen oder auf deren Lebenswandel +ein Makel lag. Fast mit Schaudern sprach man +von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[Pg 195]</a></span> +anwenden, um ihre wilden Zöglinge zu zähmen, die Dunkelzelle, +das genagelte Scheit, auf das die Sünderinnen so +und so viel Stunden knieen müßten, den Hunger, das +Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem Wasser.</p> + +<p>Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an +diesem Ort Aufsehen in St. Peter. »Was hat sie verbrochen?« +— Darüber grübelte man, und dann löste die +alte Susi in Tremis den erstaunten Dörflern den Knoten: +»Binia und Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes +den bösen Segen empfangen, daß sie nicht voneinander +lassen können. Jetzt wird sie im Kloster enthext.«</p> + +<p>Da man nichts Besseres wußte, so glaubte man der +Erzählung der Alten. Um so mehr, als der Kaplan, der +von seinem Fuchsbau an der Berghalde von Fegunden aus +immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache +nicht in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll lächelte +und die lodernden Augen vielsagend spielen ließ.</p> + +<p>Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange +das Zeichen des Teufels trug, erst recht mit scheelen +Blicken an.</p> + +<p>Dem Presi lag es schief, daß der Aufenthalt Binias +bekannt geworden war, ein Schatten fiel damit auf die +Hausehre, obgleich es um das Kloster nicht so schlimm +stand, wie die Dörfler erzählten. Wäre er nur den +Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang +Sommer bis jetzt war in quälender Gleichförmigkeit +die Frage: »Wo ist denn Ihre alpige Rose, Ihr Herzensmädchen?« +Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt. +Dazu Ausdrücke des Bedauerns, die man nur +mit Lügen beantworten konnte. Und ihm selbst fehlte +sie, die zärtliche Maus, das Vögelchen mit den dunklen<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[Pg 196]</a></span> +Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte. +Die Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago +über Binia lauteten auch nicht sonderlich. Sie bete +alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester für ihre +Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange, +so weit es ohne Strafe durchschlüpfen könne, sei es immer +bereit, sich über die Nonnen lustig zu machen. Und im +Hintergrund der Briefe versteckt sah der Presi einen frommen +Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel +auf eine Seele.</p> + +<p>Nein — nein, siebenmal nein! Keine Braut des +Himmels wollte er, nein, er selber wollte sich freuen an +seinem lieben Vogel, an dem zärtlichen Kind.</p> + +<p>Eher als den Nonnen gäbe er sie Josi Blatter, dem +Rebellen.</p> + +<p>Aus Empörung über die sonderbare Liebeserklärung, +deren Zeuge er im Teufelsgarten gewesen war, hatte er +Binia in der Meinung fortgeschafft, daß sie das siebzehnjährige +Köpfchen schon breche, wenn sie den furchtbaren +Ernst seines Willens sehe. Das war wohl nötig, denn +Binia und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo +der Ernst des Lebens beginnt.</p> + +<p>Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot +gesagt hatte, lebte so gesund. Jeder andere wäre in dem +furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu Grunde gegangen, +aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so tröstlich +mit seinem Engländer, als hätte er nie etwas anderes +gethan. Und merkwürdig, dachte der Presi, von dem +Peitschenhieb, den er auf seine Wange geführt, weiß im +Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche schwieg auf +alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[Pg 197]</a></span> +ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten, +der Hinkende habe einen Hufstreich in sein Gesicht geführt.</p> + +<p>Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war +manchmal, er müsse Händel mit dem Burschen anfangen, +der schlank und gerade wie ein Bolz heranwuchs, das +Nächstliegende mit klugem Auge erfaßte, seine Tagesarbeit +mit zäher Ausdauer that und sich sonst nicht um +die Welt scherte. Den könnte man, dachte er, töten und +begraben, am Morgen aber stände er wieder da in blühender +Lebendigkeit und schaute, wenig redend, doch alles +überlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich.</p> + +<p>Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz. +»Merkt Ihr nicht, Präsident, daß das einer ist, der einmal +euch allen in St. Peter über den Kopf wächst? Ich +würde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen lassen +und zöge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter +als Führer ein, wir machen Staat mit ihm.«</p> + +<p>»So, Präsidentin!« donnerte darauf der Bärenwirt, +»dürfen mir die Gäste nicht mehr selber sagen, was sie +für thörichte Wünsche aushecken — müßt Ihr ihnen als +Fürsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu +dürr. Wo habt Ihr den Verstand?«</p> + +<p>Eines Tages aber entstand in St. Peter ein großer +Auflauf von Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze +der Krone sah man zwei schwarze Punkte — zwei Bergsteiger! +»Der Engländer und der Rebell,« rieten die +Leute gleich, »es sind gewiß keine anderen.« Was im +Thal an Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf +den in erhabener Einsamkeit schwebenden Gipfel des +reinen Firns. Seit vor fünfunddreißig Jahren jener +Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[Pg 198]</a></span> +über die Schneelücke nach St. Peter niedergestiegen war, +hatte niemand mehr die wunderbare Spitze betreten. +Von den Schleiern der Armenseelensage geheiligt schien +sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein göttlicher +Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend +ihre Fackeln anzündeten, die Sterne in bleicher Mitternacht +ruhten und arme Seelen sich büßend auf die Freuden +des Paradieses vorbereiteten.</p> + +<p>Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten, +sie schwangen den Kühnen zum Gruß mächtige +Tücher und sahen durch die Ferngläser, wie die zwei +Männchen auf der Spitze die Grüße erwiderten. »Ein +patenter Bursche, dieser Boy des Ingenieurs!« widerhallte +es im Bären.</p> + +<p>Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die +Männer tobten: »Jetzt ziehen die armen Seelen aus, +das Dorf muß untergehen, wäre doch der Rebell im letzten +Winter erfroren, der bringt Unglück über das ganze Thal.«</p> + +<p>Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten, +die Strafe des Himmels breche sofort herein, rüsteten +ihre Siebensachen zum Auszug, andere stürmten zur Kirche: +»Läutet die heiligen Glocken, damit die armen Seelen +bleiben.«</p> + +<p>Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im +Eise glaubte, erhob Einsprache — umsonst — die Glockenklänge +rauschten durchs Thal und vermehrten die Verwirrung.</p> + +<p>»Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen +zu verehren, den niemand kennt als sie?«</p> + +<p>So fragten die Fremden verwundert, der Presi und +Frau Cresenz aber gaben ausweichenden Bescheid.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[Pg 199]</a></span>Vroni weinte herzlich: »Nun ist er doch gegangen!«</p> + +<p>Als die beiden Bergsteiger in der Abenddämmerung +todmüde, aber mit erhobenen Häuptern in das Dorf +schritten, da ballten sich die Fäuste und die Zurufe der +erzürnten Dörfler schwirrten an Josis Ohr: »Du Teufelshund +— wärst du doch im letzten Winter beim Kaplan +verreckt!«</p> + +<p>Und hinter den Häuserecken hervor flogen die Steine +um die Köpfe der beiden.</p> + +<p>Der Presi und der Garde gingen ihnen entgegen, +beruhigten die schimpfenden Aelpler und Bauern, und +ihrem Ansehen gelang es, die Tollkühnen, ohne daß sich +die von St. Peter an ihnen vergriffen, in den Bären +zu führen.</p> + +<p>Da bereiteten die Gäste, die eben an der Tafel saßen, +den Bergsteigern einen begeisterten Empfang — besonders +Josi.</p> + +<p>George Lemmy nahm den Vorfall von der fröhlichsten +Seite, mit dem Humor seiner Rase fand er, es +sei merk- und denkwürdig, ein solches Abenteuer erlebt +zu haben.</p> + +<p>»Bub! — Unglücksbub! — was hast du angestellt? +— du bist ja deines Lebens nicht mehr sicher im Dorf, +komm morgen zu mir, wir wollen beraten, was zu +thun ist,« knurrte der Garde und ging, nachdem er noch +mit dem Presi abgeredet hatte, daß Josi zur größeren +Sicherheit im Bären schlafe, mit tiefbekümmertem Gesicht.</p> + +<p>Seine Worte klangen Josi, obgleich ihn die Kletterei +fast zu Tode erschöpft, die ganze Nacht in den Ohren +wie die Posaunen des Gerichts.</p> + +<p>»Vater — Mutter,« jammerte er in sich hinein,<span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[Pg 200]</a></span> +»was habe ich thun können, als mit meinem Herrn gehen.« +Mit zerschlagenen Gliedern und matten Sinnen erschien +er am Morgen vor dem Ingenieur.</p> + +<p>»Ich komme mit dir zum Garden!« lachte der gutgelaunt.</p> + +<p>Der Presi sah, auf der Freitreppe stehend, den beiden +nach. Er wollte sich wegen der kühnen Bergbesteigung +in einen großen Zorn auf Josi Blatter hineinreden, aber +es gelang ihm nicht, der Mut des Burschen zwang ihn +zu heimlicher Hochachtung vor ihm und er dachte an das +Wort der Frau Cresenz: »Das ist einer, der euch allen +in St. Peter über den Kopf wächst,« er dachte an Binia +— und seufzte.</p> + +<p>Am Nachmittag kam der Garde in den Bären und +saß mit dem Presi lange im oberen Stübchen.</p> + +<p>»Ich habe mit dem Pfarrer geredet,« berichtete der +Garde, »er will die Leute, indem er von Haus zu Haus +geht, zur Ruhe mahnen und am Sonntag einen Spruch, +daß der Glaube an die armen Seelen im Eis eine wahrer +Frömmigkeit widersprechende Thorheit sei, in die Predigt +flechten. Ich aber mache mir eine Todsünde daraus, daß +ich Josi mit dem Ingenieur habe gehen lassen.«</p> + +<p>»Er ist ein Satan, der Rebell,« lachte der Presi, +»ich fürchte, er ist bald nicht mehr zu bändigen — das +kommt, weil Ihr ihn immer beschützt.«</p> + +<p>»O, ich habe ihm heute vor dem Ingenieur das +Kapitel verlesen wie noch nie, aber nicht mit gutem Gewissen, +Ihr und ich, wir sind verantwortlich für ihn und +sein Thun. — Ihr von lange her — ich, seit ich ihm +gestattet habe, daß er mit George Lemmy gehe. — Im +übrigen giebt es eine Aenderung im Leben Josi Blatters<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[Pg 201]</a></span> +— ladet auf den nächsten passenden Tag den Gemeinderat +ein. — George Lemmy, der Ingenieur, will +ihn mit nach Indien nehmen. Wie ich den Burschen so +recht in die Zange gefaßt habe, hat mich der Engländer +lachend unterbrochen: 'Unnötige Mühe!' eine Lobrede +auf Josi gehalten und bestimmt erklärt: 'Ich nehme ihn +mit mir!'«</p> + +<p>»Nach Indien!« Der Presi schoß auf. Hundert Gedanken +kreuzten sich in seinem Kopf, am vernehmlichsten +der: »Endlich von einem Alpdruck erlöst!«</p> + +<p>Er beruhigte sich aber und sagte: »Das will doch +erwogen sein!«</p> + +<p>»Lemmy hat mir versprochen, daß er einen rechtschaffenen +Mann aus ihm mache — einen Ingenieur, +so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt — und, +ich weiß nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen +zu dem Manne. Ich reise übrigens morgen eigens nach +Bräggen, um mit Felix Indergand zu reden, der auch +mit Lemmy über das große Wasser geht. Schlaflos legt +mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist, +kann Josi nicht in St. Peter bleiben.«</p> + +<p>»Das stimmt, das stimmt!« erwiderte der Presi +kühl, »es ist ein verdammter Streich, den uns die beiden +gespielt haben. Im übrigen, wie sind die Bedingungen? +Muß die Gemeinde etwas für ihn zahlen?«</p> + +<p>»Nichts! Es ist freie Hin- und Rückfahrt verabredet, +Josi muß wenigstens drei Jahre bleiben und wird von +Lemmy gehalten wie jeder andere, der unter seiner +Führung steht.« —</p> + +<p>»So — sonst hätte ich vielleicht einen Beitrag dran +gethan!« —</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[Pg 202]</a></span>Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungefähr +sagte: »So steht es also um dein Gewissen, Presi!«</p> + +<p>Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf +und ab: »Heimkommen, Binia! — Die Luft ist rein. — +Seppi Blatter, wir wollen dafür sorgen, daß dein Spiel +verloren ist!« — Dann stutzte er: »Dieser Josi Blatter +— der stirbt in Indien nicht. — Der kommt eines +Tages wieder heim — und dann ist die Not um Binia +größer als jetzt. — Das Kind muß jung heiraten.«</p> + +<p>Nicht lange, und die Nachricht, daß Josi mit seinem +Engländer in ein fernes Land gehe, flog durchs Dorf. +Man kränkte sich sonst in St. Peter, wenn, was bei +Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger Bürger in die +Fremde zog. Nach der Meinung der Dörfler war es +doch nirgends auf der Welt so schön, lebte es sich so +gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden als +einen Verlorenen, der sich außer Landes begab. Josi +Blatter, den Rebellen, aber ließ man gern ziehen. Die +Kunde von seiner bevorstehenden Abreise beruhigte die +Leute, und die Gäste des Bären, die genußfreudige, vom +schlichten frommen Sinn der Dörfler durch eine Welt +anderer Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten +wie sonst durch Dorf und Feld, auf dem +bereits die Herbstblumen zu blühen begannen.</p> + +<p>Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der +Krone das eingeborene St. Peter bewegt hatte, hatten +sie kaum Kenntnis erlangt.</p> + +<p>Aus dem großen Thal kamen ein paar junge Bergsteiger, +die von der überraschenden Besteigung der Krone +gehört hatten, und wollten sie mit Josi Blatter wiederholen. +Er aber wies sie ab.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[Pg 203]</a></span>Thöni indessen, der an dem Tag, wo die beiden +den Gipfel der Krone erstiegen hatten, in Hospel gewesen +war und nach seiner Rückkehr mehr vom Ruhm der Gäste +als von der drohenden Haltung der Bauern reden gehört +hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark.</p> + +<p>Er ließ sich heimlich von den jungen Steigern als +Führer mieten. Als ob er mit den Ehrgeizigen nur einen +größeren Spaziergang auf den Gletscher, aus dem die +Glotter fließt, unternehmen wollte, ging er mit ihnen +in der Morgenfrühe weg. Erst am Nachmittag sah man +erstaunt eine kleine Kolonne auf dem unteren Firn der +Krone. »Die Wahnsinnigen gehen auf einem überhängenden +Schneeflügel!« riefen plötzlich Stimmen, und man +hatte es kaum bemerkt, so brachen die fünf durch die +Wächte. Zum Glück kollerten sie nicht sehr tief einer +Wand entlang, aber nun saßen sie auf einer Felsenplanke, +von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten +Tücher, daß man sie holen möge.</p> + +<p>Und sicher war eins: Mußte das arme Fünfblatt +dort über Nacht bleiben, so erfror es.</p> + +<p>Der Presi wütete über Thöni, er sammelte dann +eine Hilfskarawane, und die von St. Peter ließen sich, +obgleich sie sich über den neuen Frevel wie über den +ersten empörten und ihre Schadenfreude nicht verbargen, +sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen. +Denn wo Menschenleben in Gefahr schwebten, waren +sie, wie alle Leute der Berge sind: sie kannten nur die +Pflicht der Hilfe.</p> + +<p>Josi war in fiebernder Erregung: »Darf ich sie +holen? Sie erfrieren, bis die Mannschaft oben ist,« +fragte er den Ingenieur.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[Pg 204]</a></span>»Well, hole die Unglückseligen, Boy.« Und George +Lemmy war, indem er die Hände in die Hosentaschen +steckte und ein Liedchen pfiff, selber neugierig, wie der +Bursche nun vorgehen würde.</p> + +<p>Eine — zwei — drei Stunden! — Man sieht ihn! +Wo scheinbar nur glatte Wände sind, klettert der ehemalige +Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch Felsenrisse, +eilt über schmale Kanten, ist wieder in einem Riß +und klettert aufwärts!</p> + +<p>Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. — Noch eine +Stunde — die Hilfskarawane ist erst auf den oberen +Alpen — da schwingt sich Josi auf das Band, wo die +fünf armen Knaben sitzen.</p> + +<p>Er hört die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er +weiß nur, daß er eilen muß, die Leute zu bergen, denn +St. Peter liegt schon im tiefen blauen Schatten, nur +noch an den Spitzen glänzt die Sonne.</p> + +<p>»Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen,« +empfängt ihn Thöni.</p> + +<p>»Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid +über Nacht da oben hocken,« erwidert Josi.</p> + +<p>Die von Thöni Schlechtgeführten danken ihm überschwenglich, +einer weint vor Freude. Josi mahnt: »Nur +Mut! — gangbarer Fels und Schutt ist nicht weit, aber +ein Umweg ist nötig.«</p> + +<p>Er kennt die Gegend genau, er hat über der Planke +manchen Tautropfen gebrochen, er löst auch jetzt einen, +den sein geübter Blick in einer kleinen Höhle entdeckt +hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die Westentasche.</p> + +<p>»Aufpassen!« ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht +im Bogen und Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren<span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[Pg 205]</a></span> +Vorsprüngen entlang. Er würde den halsbrecherischen +Weg in einer Viertelstunde machen, aber er muß den +Ermüdeten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen +die Füße einstellen, die Handgriffe zeigen, die mutlos +werdenden Zurückgebliebenen nachholen, einen um den +anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter +Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel — +die Nacht ist gesunken — aber jetzt! — endlich! — +endlich hat die Gesellschaft ein sanftes Geröllfeld erreicht +— Josi will jauchzen, er kann es nicht vor Erschöpfung. +Heiser nur sagt er: »Ihr seid auch da, Grieg!«</p> + +<p>Thöni spürt aber kaum den sicheren Boden, so fährt +er Josi an: »Du hättest uns nicht zu holen brauchen, +du Laushund, ich wäre schon losgekommen. Den Schimpf +machen wir einmal handgreiflich aus!«</p> + +<p>»Gut, Ihr könnt Euch nur melden!«</p> + +<p>Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten +und die Hilfskolonne im Dorfe an. Einheimische +und Fremde wachten. Unter der Thüre des Bären, +wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher +Achtung entgegentrat und beide Hände reichte, +brach er, den Jubel der Glückwünschenden in den Ohren, +zusammen.</p> + +<p>Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der +Presi in jene Stube rufen ließ, wo sie sich nach dem +Tod der Mutter gegenüber gestanden hatten. Als der +mißtrauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn +der Bärenwirt fast feierlich. Er stand auf, stützte die +Linke auf das Pult und reichte ihm die Rechte: »Setzen +wir uns! Ich bekenne, daß ich Euch eine Weile unterschätzt +habe, Blatter, sonst hätte ich Euch nicht zu Bälzi<span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[Pg 206]</a></span> +gethan. Zunächst danke ich Euch, daß Ihr die fünf geholt +habt. Die Rettung ist ein Ehrenblatt für Euch.«</p> + +<p>Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem +Lob des Presi wie auf Nadeln. Der Mann, der so mit +Wärme und Achtung zu ihm sprach, war der, der ihm +die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch +Binias Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander +und verwirrten ihn.</p> + +<p>»Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien. +Das ist ein abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat +hat indes einstimmig beschlossen, daß man Euch kein +Hindernis in den Weg legen will. Im Frühling werdet +Ihr ja volljährig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft +entlassen.«</p> + +<p>Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach: +»Wenn man ins Leben geht, dann ist es von besonderer +Wichtigkeit, daß man die Freiheit, sich zu wenden und +zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich möchte +Euch einen Reisepfennig mitgeben. — Ihr seht, wenn +ich gebe, bin ich nicht klein!«</p> + +<p>Er reichte Josi etliche Blätter Banknoten. Der junge +Mann fuhr auf, er wollte reden, aber das Wort blieb +ihm in der Kehle stecken. Nur ein seltsames »Herr Presi!« +würgte er hervor.</p> + +<p>So viel Geld hatte er natürlich noch nie beisammen +gesehen, dachte der Presi, mißverstand seine Bewegung +und hielt sie für Gier.</p> + +<p>»Ich will keinen Dank, die Blätter sind für das +Herunterholen der Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung +— nehmt sie herzhaft.«</p> + +<p>Eine verwirrende Liebenswürdigkeit lag in seinem Ton.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[Pg 207]</a></span>»Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter. +Gebt mir nur das Versprechen in die Hand — daß Ihr +— wenn Ihr je aus Indien zurückkehrt — mit Binia +nichts zu schaffen haben wollt. — — Es kann nicht +sein — es darf nicht sein. — Ich sage es Euch in heiligem +Ernst: Ich leide es nicht — ich leide es nicht.«</p> + +<p>Düster und trotzig waren seine letzten Worte.</p> + +<p>Nun aber brach Josi los: »Herr Presi, glaubt Ihr, +daß ich meinen Vater schände? Um wie viel weniger Geld +habt Ihr ihn in jener Nacht gekreuzigt, daß er an die +Weißen Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je einen +Rappen<a name="FNanchor_27" id="FNanchor_27"></a><a href="#Footnote_27" class="fnanchor">[27]</a> an aus Eurer Hand?«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27" id="Footnote_27"></a><a href="#FNanchor_27"><span class="label">[27]</span></a> <i>Rappen</i>, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime.</p></div> + +<p>Etwas Ergreifendes, Rührendes lag im Zorn des +Burschen, eine durch Bescheidenheit gezügelte heiße Entrüstung.</p> + +<p>Seppi Blatter und Fränzi in einem, ein verdammt +schöner Bursche, dachte der Presi.</p> + +<p>»Und Binia?« fragte er mit einem leisen Seufzer, +schon halb verstimmt.</p> + +<p>In den Augen Josis loderte es, er keuchte: »Herr +Presi, ich bin kein Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte +mir das Recht, das Mädchen um seine Hand zu fragen, +das mir am besten gefällt. Und im Glotterthal ist's ja +noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer +Bursch darf um ihre Hand anhalten.«</p> + +<p>Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: »Gewiß +darf er darum anhalten — es kommt aber nicht aufs +Fragen, sondern auf den Bescheid an, den er erhält. +— — Wollt Ihr das Geld, Blatter?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[Pg 208]</a></span>Das letzte sprach er mit hartem, höhnischem Klang.</p> + +<p>»Nein, Herr Presi!«</p> + +<p>Das tönte nicht herausfordernd, aber als wären die +Worte von Granit.</p> + +<p>»Du Steckgrind — ein Rebell bist und bleibst du!« +— Der Presi schrie es. — »Mit dir habe ich es gut +gemeint. Ich habe wollen Frieden zwischen mir und dir +machen — du bist aber ein Thor — ein wahnsinniger, +verstockter Thor — — he, du und Binia? — Wo +nimmt auch so ein Fötzel das Recht her, an so etwas +zu denken?«</p> + +<p>»Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen +reden, helf' mir der Himmel, daß Ihr mich +dann nicht mehr so verachten könnt.«</p> + +<p>Josi sagte es bescheiden — doch das Wort war +Oel ins Feuer.</p> + +<p>»Gottes Heilige hören es — die Tatze soll mir eher +aus dem Grabe wachsen, eher soll ein Traum, den ich +einmal gehabt habe, in Erfüllung gehen und Binia von +einem Gespenst erschlagen werden — als daß ihr zwei +zusammenkommt.«</p> + +<p>»Ihr redet entsetzlich!« Helle Thränen liefen Josi +über die braunen Wangen. »Lebt wohl, Herr Presi!«</p> + +<p>»Dich mögen in Indien die Königstiger fressen!«</p> + +<p>Er donnerte es dem Forttaumelnden nach — —</p> + +<p>»Ihr redet entsetzlich!« Dem Presi klang der Ausruf +Josis im Ohre fort, es lag darin etwas so Wundes, +wie wenn ein Tier aus tiefsten Nöten schreit. Aus sich +selber wiederholte er: »Ich redete entsetzlich!« Ihm war, +er müsse Josi zurückrufen, er müsse ihm noch etwas sagen. +Ein seltsamer Einfall kam ihm. Er wollte zu George<span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[Pg 209]</a></span> +Lemmy sprechen: »Laßt mir Josi Blatter da — er paßt +mir als Bergführer.« Eine sonderbare Empfindung durchrieselte +ihn. Er könnte, war ihm, den schönen, gescheiten, +rechtschaffenen, heimlich stolzen Burschen unendlich +lieb haben — lieb wie einen Sohn, — er +staunte, wie ihm der Gedanke angeflogen kam — er +sperrte sich wütend dagegen — er zitterte — er schwitzte +und schnaufte.</p> + +<p>»Ich muß noch einmal mit ihm reden! — Seppi +Blatter — Fränzi. — Habt ihr Gewalt über mein +Herz?«</p> + +<p>Nach drei Tagen aber sammelte sich in der Morgenfrühe +ein Häuflein Dörfler vor dem Bären, um Josi +Blatter, den Abenteurer, abreisen zu sehen. Der Bärenwirt +stand auf der Freitreppe und winkte, wie ein Wirt +winkt, wenn ein so angesehener Gast wie George Lemmy +geht. —</p> + +<p>»Jetzt habe ich doch nicht mit ihm geredet.« Seit +einer Weile saß der Presi, den Kopf stützend, am +Tisch. Und wütender über sich selbst als über Josi, +murmelte er:</p> + +<p>»Binia erschlagen — nein — nein — das ist Wahnsinn.«</p> + +<p>Bei sich selbst war er überzeugt, daß Josi Blatter +in drei Jahren als Freier vor ihm stünde.</p> + +<p>»Nun wohl — dann Gewalt gegen Gewalt.«</p> + +<p>Da kam Thöni: »Ich führe das Gepäck des Engländers +nach Hospel!«</p> + +<p>»Gut — doch noch etwas! Der Schwager Kreuzwirt +fährt Ende dieser Woche oder Anfang der nächsten +über den Hochpaß. Ich lasse ihn um den großen Gefallen<span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[Pg 210]</a></span> +ersuchen, daß er Binia aus dem Kloster heimbringt.«</p> + +<p>Als Thöni gegangen war, lächelte der Presi glücklich: +»Binia — wenn du schon an dem Burschen hängst +und thöricht bist wie alle Weiber — mein lieber Herzensvogel +bist du doch!«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[Pg 211]</a></span></p> +<h2><a name="XI" id="XI"></a>XI.</h2> + + +<p>»Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller +Kerl bis ans Ende,« sagten die zu St. Peter, als +sie sahen, daß er mit seinem Engländer das Glotterthal +nicht auf dem Weg über Tremis, Fegunden und Hospel +verließ, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern +sich mit ihm vom Haus des Garden über die unwegsame +Schneelücke wandte.</p> + +<p>An der Grenze zwischen Weltland und Weißland +erhebt sich ein altes verwittertes Holzkreuz, bei dem die +Hirten sommers über ihren Sonntagsdienst halten. Bis +dorthin, wo man eben noch die Kirche in der tiefen +Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem +Kreuz knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum +Abschied eine gemeinsame Andacht.</p> + +<p>Mit Thränen in den Augen blickte Vroni Josi nach. +Als sie aber immer noch ihr Tüchlein schwenkte, da stapfte +er schon unentwegt mit seinem Herrn in die große wilde +Gebirgseinsamkeit hinein.</p> + +<p>Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt. +Sie aber war vor Schmerzen vergangen: den Vater, +die Mutter hatte sie schon verloren — und nun verlor +sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, daß er<span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[Pg 212]</a></span> +je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und +in ihrem Herzen summte das Kirchhoflied:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Und als er stand an blauer See,<br /></span> +<span class="i0">Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Sterben wird er vor Heimweh!</p> + +<p>Während seine sanfte Schwester mit den großen +Blauaugen in Thränen träumte, was doch so ein lieber +Bruder für ein böser Mensch sei, schritt Josi tapfer in +die Zukunft und mit seinem Herrn quer über Gletscher +und Hochgebirge. Drüben in einer kleinen Stadt wollten +sie Felix Indergand, der in einigen Tagen nachzukommen +versprochen hatte, erwarten und dann von Genua aus +die große Reise nach Indien antreten.</p> + +<p>Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und +herbstlich still. Aus der Höhe ertönte der Ruf der Zugvögel. +Die vom Sommer ausgelaugten und ausgewitterten +Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr +wäre, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich +bei ihrer Säumerei über die Schneelücke in Stürmen +und Wettern Ladungen Silbers verloren hatten, so würde +man sie jetzt wohl finden können.</p> + +<p>Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er +nach Indien gehen, ohne zu Binia, die er für ewig +verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben?</p> + +<p>Unter einem überhängenden Felsen, bei den Resten +alter Jägerfeuer übernachteten sie. »Brigante, solche +Nächte unter freiem Himmel wird es auch bei unserer +Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so +still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und brüllen +ringsum!«</p> + +<p>Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[Pg 213]</a></span>Am Morgen standen sie auf einem mächtigen Firngrat, +einem wunderherrlichen silbernen Wall, wo der +Himmel so nahe schien, als könnte man den dunkelblauen +Teppich mit der Hand streicheln. »Boy, wo ist jetzt das +Glotterthal?«</p> + +<p>Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte, +war ein kleiner dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar. +Da konnte es Josi kaum fassen, daß er sein ganzes +bisheriges Leben in der schwarzen Spalte zugebracht habe.</p> + +<p>Dort saß Vroni.</p> + +<p>Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im +Süden unter ihnen, wo die Berge ausgingen, geheimnisvolle +Bläue. Ist das wohl das Meer? dachte Josi. Da +wies ihn George Lemmy auf weiße Flecken, die in der +Bläue schwammen, und sagte: »Das sind die italienischen +Städte.«</p> + +<p>Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen +klaren Wasser entlang durch eine grüne Berglandschaft +und kamen auf die schöne Straße, die vom Hochpaß herniederführt.</p> + +<p>George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch +den Wald über eine Wurzel gestrauchelt und hatte den +Fuß leicht verstaucht.</p> + +<p>Im ersten Dorf nahmen sie ein Wägelchen und +fuhren durch den goldenen Abend.</p> + +<p>Kirchen, Klöster und Schlösser hoben ihre Türme aus +Kastanienhainen und in der Ferne schimmerte eine Stadt. +Fröhliches Volk in bunten Trachten kam ihnen entgegen, +Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den +Gruß in einer fremden Sprache zu.</p> + +<p>Der Kutscher, der wohl an Fremde gewöhnt war,<span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[Pg 214]</a></span> +wies mit der Peitsche nach allen Sehenswürdigkeiten und +erklärte den beiden in mangelhaftem Deutsch ihre Namen +und Bedeutung.</p> + +<p>Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen.</p> + +<p>Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster +aus mächtigen Bäumen, unter denen ein Zickzackweg zu +dem großen alten Bau hinaufführte. An weißen Kapellen +vorbei, die den Weg schmückten, sah man das von Epheu +umrankte Thor und durch die Bäume, die reichlich Frucht +trugen, blitzte neben dem Kloster der See.</p> + +<p>»Das sehr berühmte Kloster Santa Maria del Lago +mit den dreihundertjährigen Pinien,« erklärte der Fuhrmann.</p> + +<p>Da überzwirbelte dem starken Josi das Herz.</p> + +<p>Gleich hinter dem Hügel, auf dem das Kloster steht, +lag die Stadt, und vor einem kleinen netten Gasthof +hielt nach der Weisung George Lemmys das Fuhrwerk +an. Da übernachteten sie.</p> + +<p>Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte +dieser: »Josi, Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert, +der Fuß ist elend geschwollen. Ich fürchte aber, +daß du ein schlechter Krankenwärter bist, darum bleibe +mir ein gutes Stück, mehr als dieses Zimmer lang ist, +vom Leib. Die Wirtin wird dich unten füttern, doch +strecke alle Tage den Kopf einmal herein. Da hast du +etwas Klingendes in die leere Weste und hörst du: Wein, +Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den +Worten: <span class="antiqua">Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!</span></p> + +<p>Und nun versuche einmal, wie sich' s auf eigenen +Füßen geht.«</p> + +<p>Josi war glücklich. Einige Tage frei. Und er war<span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[Pg 215]</a></span> +jetzt so nah bei Binia! Aber die Welt war ihm so fremd, +daß er kaum wagte, sich zu rühren. Durfte er zu dem +Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein, nein! +Der Knecht hatte es schon thun dürfen, denn er war ein +alter stoppelbärtiger Mann ohne alles Verdächtige. Ihm +aber würde alle Welt es ansehen, daß ihn die Liebe zu +Binia hingetrieben.</p> + +<p>Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den +Bögen der Häuser das Kupfer schmiedeten, das Leder +klopften und das Holz bearbeiteten. Ein Schneider, der +die Brille tief auf die Nase gerückt hatte, sang beim +Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein, +das er mit der Mutter, mit Vroni und Binia gesungen, +aber freilich, wenn er an den Presi dachte, war ihm +nicht ums Singen.</p> + +<p>Eine Weile später strich er doch um das Klostergut +und sang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Das Steingenelk, die Königskerzen<br /></span> +<span class="i0">Erblühn voll Pracht im heil'gen Rund,<br /></span> +<span class="i0">Sie steigen aus gebrochnen Herzen<br /></span> +<span class="i0">Und jede Blume ist ein Mund!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet +jenseits der epheuumsponnenen Klostermauer eine +silberne Stimme mit der gleichen Melodie.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»O wie das weint, o wie das lacht,<br /></span> +<span class="i0">Dem Flüstern horcht die Sommernacht!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. — Er +hört eine keifende Frauenstimme, dann helles Lachen von +jungen Mädchen.</p> + +<p>Er rennt davon.</p> + +<p>Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte<span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[Pg 216]</a></span> +und Melodie kennen? In der fremden Welt hat er ihre +Stimme gehört. Es wird ihm feierlich zu Mut. Gewiß +wird er sie auch sehen.</p> + +<p>Aber, wie er so überlegte, wurde er ganz traurig. +Was nützte es, sie zu sehen? Er wußte ja jetzt bestimmt +und fest, daß sie nie zusammenkommen würden. Ihm war, +der gräßliche Wunsch im Mund des Presi, Binia möge +eher durch eine fremde Hand fallen, als daß sie mit ihm +durchs Leben gehe, habe allen Segen, der auf seiner +Liebe zu Binia ruhen könnte, hinweggenommen!</p> + +<p>Und doch war, seit er ihre Stimme gehört, sein +ganzes Wesen in einem Aufruhr der Hoffnung. — Binia +sehen! sie sehen!</p> + +<p>Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen +großen weißen Schurz über seine leutselige Seele und seinen +dicken Bauch gespannt hatte und vom Viehhändlerverkehr +her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob +die Klosterschülerinnen in die Stadt zur Kirche kämen.</p> + +<p>Nein, antwortete der Gastwirt, sie hätten eine eigene +Kirche, die Klosterfrauen kämen nur an hohen Festen in +die Stadt, aber sie besuchen mit den naschhaften Mädchen +oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja, da kämen +sie wahrscheinlich. Er möge um acht Uhr dort sein, wenn +er die Verwandte sehen wolle, aber ansprechen dürfe er +sie nicht, dazu müsse er sich schon im Kloster selbst anmelden.</p> + +<p>»Die Verwandte!« Josi lächelte ein wenig über die +Vorstellung des Wirtes.</p> + +<p>Am Morgen war er früh auf dem Markt. Als es +acht Uhr schlug, entdeckte er die kleine Klosterschule, einige +Nonnen führten die Schar Mädchen, die mit braunen<span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[Pg 217]</a></span> +und blonden Zöpfen einherwandelten und ihre Blicke neugierig +über die Menge der auf dem Markt gehäuften +Früchte warfen.</p> + +<p>Binia war die Zierlichste und Schönste unter ihnen — +so schön, daß er sie kaum ansehen durfte. Sie errötete, +sie fuhr ein wenig zusammen, als sie ihn bemerkte, dann +schaute sie auf die andere Seite und hielt sich dicht an +die Schar der übrigen. Sie sandte keinen Blick zurück.</p> + +<p>»Jetzt sieht sie mich nicht einmal an,« dachte Josi, +und schämte sich, daß er sich so fest eingebildet hatte, +Binia liebe ihn sterblich.</p> + +<p>Er war enttäuscht, er wagte es nicht, der dutzendköpfigen +Gesellschaft, die sich in eine Gasse verlor, zu +folgen. Unruhig und verlegen schaute er in das bunte +fremde Gewühl der Käufer und Verkäufer. Sollte er +bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da drückte +ihm ein blasser Junge, der einen Bündel Schuhe über +die Schultern gehängt hatte, einen Papierstreifen in die +Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging erbost +über Josi, der vor lauter Neugier das Geben vergaß, +mit einem <span class="antiqua">»Brutto Tedesc«</span> davon.</p> + +<p>»Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia.« +Josi hatte genug Arbeit, die paar Worte zu entziffern, +das Blatt zitterte in seinen Händen. »Wohl, wohl sie +liebt mich,« jauchzte es in ihm.</p> + +<p>Wie lange es nicht elf Uhr wurde!</p> + +<p>Pochenden Herzens stand er vor dem Pförtchen unter +einem Kastanienbaum, der seine Aeste in die Flut senkte. +Da bimmelte das Glöcklein im Kloster; während es noch +tönte, ging die kleine Thür in der Epheumauer auf.</p> + +<p>Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade<span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[Pg 218]</a></span> +so leicht und flüchtig wie einst, huschte Binia hervor, +eine Gärtnerin hob warnend den Finger auf und rief +ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schloß sich das +Pförtchen wieder.</p> + +<p>Man sah, wie Binia das Herzchen flog. »Josi, wie +kommst du auch da her?« rief sie.</p> + +<p>Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm glüht der +Kopf, er weiß nichts zu sagen.</p> + +<p>Binia ist so schön, daß er es kaum wagt, ihr die +Hand zu geben, und wie er die weichen Finger in den +seinen hält, da ist ihm, er halte einen jungen Vogel, +dessen Brust er schlagen fühlt.</p> + +<p>Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem +sie hastig erzählt, sie sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin +bemerkte, unter dem Vorwand, sie bedürfe neuer +Schuhe, in eine Werkstätte geschlüpft, habe dort die +Zeile geschrieben und nach der Heimkehr die Gärtnerin +bestochen.</p> + +<p>Nun lachte sie schelmisch auf, faßte Josi bei der +Hand und zog den Willenlosen von der Klostermauer hinweg +unter den Bäumen hindurch, bis sie an eine kleine +stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief. +Dort stand sie mit ihm still.</p> + +<p>»Gelt, das ist schön hier, Josi,« sagte sie, »der +See und die weißen Segel und der Duft um die Berge, +aber im Kloster ist's häßlich!«</p> + +<p>Traurig erwiderte Josi: »O Binia, ich gehe jetzt in +die weite Welt — ich gehe nach Indien. Noch einmal +aber habe ich dich sehen wollen. — Grad wie ein Engel +bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und +weißt nicht, wie du mir dort in meiner unsäglichen<span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[Pg 219]</a></span> +Schmach wohlgethan hast! — Also lebe wohl, Bineli — +ich wünsche dir tausendmal Glück und alles Gute!«</p> + +<p>Er streckte ihr die Hand entgegen.</p> + +<p>Binia machte ein sehr betrübtes und rührendes +Schmollmündchen, das bebte, als wollte es weinen:</p> + +<p>»Aber Josi.«</p> + +<p>Da hörten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Plötzlich +blitzte es in ihren Augen auf, sie hob sich auf die +Zehenspitzen, sie legte die Handmuschel an den Mund, +als wollte sie laut Antwort geben, sie lächelte aber nur: +»Ich komme nicht!«</p> + +<p>Josi war ganz verwundert: »Binia!«</p> + +<p>»O, Euphemia, die alte Gärtnerin, wird sich schon +herauslügen, daß ihr nichts geschieht. Du glaubst gar +nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern alle gut lügen +können. Ich allein kann's nicht — ich bin zu ungeschickt +dazu.«</p> + +<p>Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes +Gesicht, hielt den Fingerknöchel an die weißen Zähne +und schaute den Burschen mit ihren dunklen Lichtern +ganz komisch an. — »Josi,« schmeichelte sie, »weil du +da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die Füße, +heute wollen wir zusammen durch Luft und Sonne laufen, +bis das Abendrot scheint. Ich dürste nach ein bißchen +Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater bekommen, +daß mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und +ich wieder nach St. Peter zurückkehren kann. Da können +mir, wenn ich ihnen auswische, die heiligen Frauen nicht +mehr viel thun. O glaube mir, Josi, das sind furchtbar +grausame Weiber!«</p> + +<p>Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[Pg 220]</a></span>»Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewiß +nicht grad wieder ins Kloster hinein!«</p> + +<p>Sie zog ihn mit. — Die Liebe zu Binia und der +Trotz gegen den Presi besiegten seine Vorsätze. Still +wie Flüchtlinge gingen sie eine Weile durch Bäume und +Gesträuch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf. +Sie entdeckten bald, daß man sie nicht verfolge, auf der +Höhe stieß Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich.</p> + +<p>»Josi, es ist so schön von dir, daß du gekommen +bist. Niemand stört uns in dieser fremden, sonnigen +Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine Narbe immer +noch!«</p> + +<p>Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia darüber +hin, er sah das Licht rosig durch ihr kleines Ohr schimmern, +die Spitzen ihres dunklen Seidenhaares berührten +sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange streifte ihn.</p> + +<p>Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden +Stimmen des Glückes vermochten die Sorge nicht ganz +zu übertönen. »Du, Binia,« hob er etwas beklommen +wieder an, »es ist mir gar nicht recht.« —</p> + +<p>»Was bist du für ein schöner Bursch geworden, Josi,« +unterbrach sie ihn, »berichte mir von daheim — ich bin +so neugierig.«</p> + +<p>Während er erzählte, gingen die feinsten Spiele +über ihr Gesicht, es wurde fröhlicher und fröhlicher — +als er ihr schilderte, wie er Thöni von der Planke geholt +hatte, klatschte sie in die Hände: »Josi, das ist +herrlich — ich möchte dir gern etwas Liebes anthun, aber +ich weiß nicht was!« Und mit demütiger Stimme: +»Ich weiß nicht, warum ich dich so lieb habe, Josi.«</p> + +<p>»Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[Pg 221]</a></span>»Das ist merkwürdig,« erwiderte sie träumerisch und +ihre Stimme wurde wieder hoch und fein. »Am Wassertröstungsmorgen, +als ich sah, wie deine Mutter wegen +meines Vaters litt, da war's, als stände plötzlich in +meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!' +Und als der Vater mißverstand, was ich im Fieber +redete, als er dich haßte, da wurde die Liebe nur größer; +als er dich zu Bälzi als Knecht gab, da wuchs sie, als +du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein +Vater schlug, da wußte ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut +Josis um mich, jetzt kann ich ihn nicht mehr lassen, +selbst um meine Seligkeit nicht! Und so ist's mit mir: +Würdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so würde +ich steigen, bis ich vor Müdigkeit umsänke, und würdest +du befehlen: 'Schwimme über diesen See', so würde ich +mit meinen Armen rudern, bis — du ziehst so ein finsteres +Gesicht, Josi — ich bin ganz unglücklich — du +denkst gewiß, es sei schlecht von mir, daß ich mit dir +gehe, obgleich es mein Vater nicht gern hat — aber ich +habe dich halt so lieb!«</p> + +<p>Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und schämig.</p> + +<p>»O Binia,« antwortete er, »du hast recht — ich will +mich mit dir an dem schönen Tag freuen — es ist vielleicht +der einzige, den wir erleben.«</p> + +<p>Sie gingen weithin über die sonnigen Hügel mit +den prangenden Herbstfarben, aber eine leise jugendliche +Scheu schritt noch zwischen ihnen, die manches, was sie +sagen wollten, zurückhielt. Um so mehr redeten ihre +Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen +das andere.</p> + +<p>Vor sich an einer Höhe sahen sie in die welkenden<span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[Pg 222]</a></span> +Bäume hineingespannt die Netze eines Vogelstellers. Neugierig +wie Kinder liefen sie hinzu und beschauten die +malerisch hängenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln +hing mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen +Vogel um den anderen vorsichtig heraus, betrachtete lächelnd +jedes Tierchen, preßte ihm einen Kuß auf den Schnabel +und gab ihm die Freiheit. Die Vögel flatterten erst ängstlich, +spürten dann die Befreiung, flogen in die Höhe und +freudiges Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die +Erde zurück.</p> + +<p>Josi staunte Binia nur an: »Du herrliches Kind! +Wenn aber der Mann käme, dem diese Vögel gehören!«</p> + +<p>»O, ich habe den Nonnen manchmal den Spaß +verdorben, und sie haben die Thäterin nie erwischt. Ich +hätte mich auch für ein glückliches Vogelherzchen die ganze +Woche einsperren lassen. — — Josi« — ihre Finger berührten +seine Hand — »vielleicht bin ich auch einmal +so ein armes Schelmchen — und dann kommt jemand +Barmherziger und löst mich.«</p> + +<p>Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund +aber lächelte herzgewinnend.</p> + +<p>»Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen, +wie wir trotz dem großen Zorn deines Vaters zusammenkommen +könnten,« stammelte Josi. »Und ich weiß es — +es bleibt mir nichts anders übrig, als daß ich für unsere +Liebe an die Weißen Bretter steige.«</p> + +<p>Da lehnte sie ihr Köpfchen schluchzend an seine Brust: +»Das willst du für mich thun, Josi! Nein — nein. — +Das darfst du nicht. — Du würdest fallen, wie dein +Vater gefallen ist. — Und denke an meinen Vater — +ich habe ihn, wenn er auch manchmal wüst und böse ist,<span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[Pg 223]</a></span> +doch so stark lieb; ich möchte nicht, daß die Nachtbuben +kämen, um dem Gemeinderat im Werben zu helfen, und +die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen: +'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da würde +er auch erst recht wild über dich.«</p> + +<p>Sie sah ihn hilflos an.</p> + +<p>»Binia, so thöricht bin ich nicht. Ich plane es +anders! Kein Mensch weiß es, was ich thun will, dir +aber, liebes Bineli, will ich es verraten. — In drei +Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter +aus der Blutfron an den Weißen Brettern befreien. Um +zu lernen, wie ich's angreifen muß, gehe ich mit George +Lemmy nach Indien.«</p> + +<p>»Josi! — Du willst St. Peter aus der Blutfron +befreien.« — Ein überirdischer Glanz lag in ihren Augen +und das Wort tönte wie ein Schrei. Sie schaute ihn +staunend an, sie preßte seine Hände. »Josi, kannst du +das? — Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben. +— Ich halte dich nicht zurück — nein, lieber Josi, thu's +— thu's! — Meine Gedanken sind mit dir, wenn du +an den Brettern schaffen wirst.«</p> + +<p>Weiter, weiter führte sie die Sonne unter Kastanienbäumen +dahin, die ihre stachlichten Früchte auf den Boden +fallen ließen. Tief unter ihnen gegen den See hin jauchzten +die Winzer in den Reben.</p> + +<p>Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie +hatten zu viel von Brust zu Brust zu tauschen.</p> + +<p>Binia glühte für Josis Plan.</p> + +<p>»Josi, jetzt weiß ich, warum ich dich so lieb habe. +Du hast halt ein großes, mutiges Herz — und als ich +es noch nicht wußte, habe ich es doch schon geahnt, denn<span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[Pg 224]</a></span> +es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir, ein Thor +habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe +hinaus in den Frühling wandern kann. Es kommt alles, +alles gut! Sieh, nur ein festes Vertrauen braucht es, +dann werden zuletzt alle Träume und Wunder wahr — +auch das unserer Liebe und unseres Glücks. Gewiß ist +mein Vater der erste, der dich mit Freuden empfängt, +wenn du die Blutfron von St. Peter nimmst. Er hat +Sinn für alles Große.«</p> + +<p>»Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder +zu glauben und zu hoffen an — du liebes, liebes Kind.« +Er schlang den Arm um ihre Hüfte und so wanderten +sie in heiligem Glück.</p> + +<p>»Das ist ein herrlicher Tag,« jubelte Binia.</p> + +<p>Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke +an den Fluch des Presi verschwand vor der blühenden +Wirklichkeit. So schön hatte er sich das Leben nie +gedacht. Wie das nur kam, daß er so allein mit Binia +durch die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte +er es nur verdient? Rein wie der milde blaue Herbsthimmel +erschien ihm sein Leben, es war ihm, als müßte +es nun immer so bleiben und als stände nun die Zeit +über ihm und Binia stille.</p> + +<p>Wie lange ist so ein glücklicher Tag!</p> + +<p>Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abwärts, und +mit freundlichem Zuruf grüßte Binia das bunte Völklein +der Winzer, dieses reichte ihnen dafür Trauben und +Pfirsiche über Mauern und Häge und lachte dem wandernden +Pärchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der +Erntenden waren, schob eines dem anderen scherzend die +Beeren in den Mund.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[Pg 225]</a></span>»Ich habe gar nicht gemeint, Josi, daß du so lieb +und artig sein könntest,« lachte Binia.</p> + +<p>Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo +man die Aussicht auf den Spiegel des Sees frei genießt, +setzten sie sich auf eine Bank im Garten. Die +Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas +zu essen und zu trinken wünschen.</p> + +<p>Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand, +da nippten sie nur an den Gläsern. Die Wirtin schaute +ihnen etwas betrübt zu und versicherte sie, daß die Speisen +gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein paar +Schnitten des rötlichen Fleisches in den Teller Josis. +Sie selber möge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin.</p> + +<p>Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah, +wie Binia plötzlich erglühte.</p> + +<p>Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia, +warum sie so rot geworden sei.</p> + +<p>Sie senkte, aufs neue errötend, das Köpfchen, schlug +die Augen auf und lächelte kaum merkbar: »Wenn ich's +nur sagen dürfte — sie — hat gefragt — ob wir Brautleute +seien.«</p> + +<p>Da übergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem +Rot und seine Narbe trat deutlich hervor. Zögernd fragte +er: »Was hast du ihr geantwortet?«</p> + +<p>»Es hat mich halt so schön angemutet, da habe ich +'Ja' gesagt.« Sie flüsterte es mit feiner Stimme, sie +lehnte sich zurück, daß er sie nicht sehen konnte, sie schmiegte +sich so an ihn, daß ihr weiches Haar, das sich um die +Schläfen wand, sein Ohr berührte und umschlang mit +ihrem Arm seinen Arm.</p> + +<p>»Hätte ich es nicht thun sollen, Josi?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[Pg 226]</a></span>Da suchten sich ihre Hände, und als sie sich gefunden +hatten, flüsterte sie: »Jetzt sind wir aber auch wirklich +Brautleute.«</p> + +<p>Josis Augen strahlten.</p> + +<p>Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem +noch blühenden Stock schnitt sie die Rosen und gab sie +Binia mit einem Glückwunsch. Binia steckte die Knospen +an die Brust und nun drängte sie zum Fortgehen. Sie +wollte mit Josi allein sein.</p> + +<p>Das erste Stück Weges gingen sie schweigend. Da +sagte Binia wie im Traum: »Ringe haben wir noch +nicht!«</p> + +<p>»Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli — einen +Tautropfen von der Krone. 'Tautropfen' habe ich dich +immer genannt, wenn ich an dich dachte, Bineli.«</p> + +<p>»Das ist lieb,« sagte sie leuchtenden Blicks. »Ich +möchte gern ein Tautropfen sein, so rein, so frisch, so +sonnenvoll, damit ich dir immer gefalle, Josi. Ich +habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner Mutter +selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er +gewiß an einer treuen Brust. — Ich gebe dir diesen +Mädchenreif — er ist zu klein für deinen Finger. — +Aber trag ihn auf dir. — Küsse ihn jede Nacht und +denke an mich.«</p> + +<p>Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, er küßte sie auf +die Schläfe.</p> + +<p>Da küßte sie ihn auf den Mund — er sie wieder.</p> + +<p>Auf dem See lag ein weicher Abend und hüllte die +Welt in Licht und goldigen Duft. Binia sah in süßer +Träumerei vor sich hin. »In drei Jahren kommst du +wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann<span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[Pg 227]</a></span> +alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen +kommst.«</p> + +<p>In der Dämmerung erreichten sie die Nähe der Stadt +wieder. Binia war still. Die lange Wanderung hatte +sie müde gemacht und ihre tolle Entweichung aus dem +Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken.</p> + +<p>»Was wird man dir anthun, arme Bini?«</p> + +<p>Sie zwang sich zu einem Lächeln: »Auf einem kantigen +Scheit werde ich neben der Nonne knieen müssen, +welche die Nachtwache hat, und beten.«</p> + +<p>»O, du armes Kind,« erwiderte Josi voll tiefen +Mitleides.</p> + +<p>»Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich +und an den langen schönen Tag.«</p> + +<p>Wie mild und innig das von ihren Lippen floß. +Josi wußte nicht, sollte er jauchzen vor Glück oder weinen, +daß sie seinetwegen in so grausame Strafe kam.</p> + +<p>Am mondbeglänzten See betrachteten sie die kleinen +Heiligtümer noch einmal.</p> + +<p>»Jetzt sind wir verlobt,« hauchte Binia, »jetzt bin +ich deine Braut.«</p> + +<p>Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit, +aber sie waren nun in die Nähe des Klosteraufganges +gekommen und plötzlich drückte sie Josi heftig die Hand +und küßte ihn leidenschaftlich: »Lebewohl, lieber, lieber +Josi, wir sehen uns gewiß wieder und es kommt alles +gut.«</p> + +<p>Dann riß sie sich los, kam nach ein paar Schritten +noch einmal zurück: »Josi!« Ein schmerzlicher Schrei +aus blassem Gesicht, und dann verschwand die flüchtige +Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und starrte<span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[Pg 228]</a></span> +in die Dunkelheit, dann hörte er den schrillen Anschlag +der Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam, +da riß auch er sich von der Stelle los.</p> + +<p>Wachte er oder träumte er? Er küßte das Ringlein +Binias, er dachte so innig, so heiß an sie, die jetzt um +ihn litt. Aber auch der Fluch des Presi peinigte ihn +wieder.</p> + +<p>Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer +George Lemmys steckte, rief dieser lustig: »Boy, der Fuß +ist schon fast besser — Felix Indergand ist da — morgen +reisen wir!«</p> + +<p>Da trat Indergand, der starke, kräftige Mann mit +dem offenen Gesicht, unter die Thüre: »Blatter, eben +ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner Nichte aus der +Stadt gefahren.«</p> + +<p>Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und +faltete die Hände: »An die Weißen Bretter für Binia!« +dachte er. »Was man im Namen der heligen Wasser +thut, das muß unabwendbar geschehen. Ich will's glauben +wie die zu St. Peter und dem Himmel mit einer That +für den schönen Tag danken.«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[Pg 229]</a></span></p> +<h2><a name="XII" id="XII"></a>XII.</h2> + + +<p>Im Bären ist es, seit die Fremden fort sind, sonntäglich +still. Der Presi sitzt in der großen Stube am +Tisch unter dem Meerweibchen, raucht seine Zigarre und +erwartet den Garden.</p> + +<p>Draußen im Flur hört er Binias Stimme. »Wie +sie schön singt!«</p> + +<p>Der Presi hat eine aufrichtige Freude über die +Wiederkehr Binias. Nicht bloß weil damit ein böser, +übereilter Streich gut gemacht ist, sondern weil der Anblick +des Mädchens sein Herz erquickt. Seine Augen +bleiben, so oft er es sieht, an dem Kinde hängen. Sie +ist zwischen Siebzehn und Achtzehn und der Aufenthalt +auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im geringsten +geschadet. Sie ist frisch und schön, sie ist größer geworden, +die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfmädchen, +dafür sind ihre Glieder zu zart. An der ganzen +lieben Gestalt sieht man eigentlich nichts als die Augen, +die unter den langen Wimpern so groß und dunkel sind, +die so lebendig leuchten, daß einem darüber ganz warm +ums Herz wird.</p> + +<p>Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von +ihm, vom Presi, sie sei überhaupt sein Ebenbild, aber<span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[Pg 230]</a></span> +nur so, wie ein feines junges Tännchen einer Wettertanne +gleiche.</p> + +<p>Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich lächelt er jetzt. +Binia singt.</p> + +<p>»Wenn sie nur nicht immer dieses häßliche Kirchhoflied +singen würde,« denkt er. »Aber es ist das einzige +Lied, das sie kennt. Und das beste, sie singt. Sie hat +es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr +Gesang beweist, daß ihr die Abreise Josi Blatters gleichgültig +ist. Ja, das Kind wird schon noch vernünftig, +die Luft ist jetzt rein. Es ist gut, daß ich mit dem +Burschen nicht mehr geredet habe.«</p> + +<p>Das Lied Binias bricht ab. Sie hat draußen ein +kleines Wortgefecht mit Thöni. Sie zanken sich wie ehedem.</p> + +<p>Da kommt der Bursche in die Stube: »Es ist da +ein Brief für Euch, Präsident!« Und geht.</p> + +<p>Der Presi liest, über sein vergnügtes Gesicht fliegen +die Schatten tiefer und tiefer, vom Vergnügen sieht man +keine Spur mehr — nur zuckende Wetter.</p> + +<p>»Gott's Donnerhagel, daß ich es an dem Tage nicht +merkte, wo sie über die Schneelücke gingen. — Ein Telegramm +— sie hätte im Kloster bleiben müssen. Ah — +ah — eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was +bin ich für ein Kalb!« So führt er mit rotem Kopf das +Selbstgespräch und knirscht vor Wut.</p> + +<p>In dem Augenblick, wo der Presi so ächzt, tritt der +Garde mit schwerem Tritt in die Stube und sieht die +Verwüstung in seinem Gesicht.</p> + +<p>»Was giebt's, Presi?« Da reichte ihm dieser nur +den Brief der Priorin von Santa Maria del Lago. +Draußen hatte Binia ihren Gesang wieder aufgenommen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[Pg 231]</a></span>Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig +auf den Tisch legte, stöhnte der Presi: »He, das ist eine +schöne Geschichte — wenn man da nicht verrückt wird. — +Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort, daß sie +einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut, +und biete den beiden die Gelegenheit, daß sie einen ganzen +Tag ungestört miteinander herumludern können. Das +wird schön zu- und hergegangen sein — der lausige +Blatter — und mein Kind!«</p> + +<p>Er preßte die Pratze an die Stirne.</p> + +<p>»Schämt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind — ich +kenne Josi. Da ist gewiß weniger geschehen, als wenn die +Bursche und Mädchen in Hospel draußen auf dem Tanzplatz +sind. Rechte Liebe ist ehrfürchtig, eines für das +andere.«</p> + +<p>»Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag +halt den Wildheuerbuben nicht leiden.«</p> + +<p>Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines +Freundes und Gegners.</p> + +<p>»Hört, Presi! Im Frühjahr vor einem Jahr, damals, +als Fränzi starb, habe ich mehr aus Zorn über +Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir genommen. +Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein +geworden, daß wir nicht mehr leben könnten ohne sie!«</p> + +<p>»Ja, das weiß das ganze Dorf, daß Ihr als alter +Knabe verliebt seid in das Jüngferchen. Sie ist auch +ein artiges Kind. Ihr hättet es mir wohl in den Bären +geben können.«</p> + +<p>Mit einem höhnischen Lächeln sagt es der Presi. +Der Garde aber fuhr in ehrlicher Entrüstung los: »Verliebt. +— Presi, schaut, wie viel graue Haare ich habe<span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[Pg 232]</a></span> +im Bart. Wißt Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen +von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt +hat es sich, daß der Bube, für den sie so viel gelitten +hat und für den ich an die Weißen Bretter gestiegen bin, +als ein Blödling aufgewachsen ist. Wir haben keine wahre +Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen +und die Gardin hat sich halb zu Tode gekränkt, daß ihr +just so einer als einziger beschieden war. Als er fünfzehn +gewesen ist, hat er immer noch nur blöde zugeschaut, +wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den Steinchen +gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin +ins Herz geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag +gar nicht zusammen reden mögen. Jetzt aber, seit Vroni +da ist, ist er wie ausgewechselt. Fröhlich sichelt er neben +ihr oder hält mit den Knechten die Mahd, die schwachen +Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und +hat Freude am Reden. Das Herz geht mir auf, wenn +ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie wenn ein +Wunder des Glückes über den Burschen gegangen wäre.«</p> + +<p>Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend +die Hand hin: »Ich verstehe Euch schon, ich wünsche +Euch Glück zur Schwiegertochter. Ich hätte einen anderen +Geschmack gehabt, Garde.«</p> + +<p>Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi +den Garden, dann erwiderte er ruhig: »Ich wollte gern, +das Mädchen, das artige, gute, nähme Eusebi, ich darf +es ihm nicht zumuten — nein — nein — ich dränge +sie nicht zusammen. Die zwei müssen sich von selber +finden.«</p> + +<p>Als er den Hohn sah, der über das sauber rasierte +Gesicht des Presi spielte, versetzte er barsch: »Ich gebe<span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[Pg 233]</a></span> +Vroni, auch wenn sie Eusebi nicht nimmt, eine Aussteuer, +wie sie in St. Peter keine Bauerntochter bekommt, +ich wünsche nur, daß sie noch ein paar Jährchen bei uns +bleibt.«</p> + +<p>»Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben müssen, +Ihr erzieht ja das Kind, als wär's vom Herrenhaus zu +Hospel. Ist's denn richtig, daß sie eine eigene Mauleselin +besitzt?«</p> + +<p>»Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie +schön sie auf der Blanka zur Weinlese reitet!«</p> + +<p>»Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden, +so kann's in St. Peter gut kommen!«</p> + +<p>»Presi, seid doch still! — Eure Fremden verderben +das Thal, da wäre viel zu reden. Jetzt hat der Glottermüller +auch eine Wirtschaft aufgethan. Das böse Beispiel.«</p> + +<p>»Ja, was ist denn an Vroni Besonderes,« lenkte der +Presi ab, »daß Ihr dem Kinde ein Maultier geschenkt +habt.«</p> + +<p>»Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten +dürfen, Presi. Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich +mit Eusebi an die Militäreinschreibung zu Hospel geritten. +Fast gezittert habe ich vor dem Tag und gefürchtet, +Eusebi werde vor Scham, daß man ihn nicht +zum Militär nehme, wieder ein Blöder. Ich sitze während +der Prüfung der Rekruten im Kreuz und mache mir trübe +Gedanken. Da kommt Eusebi früher als ich ihn erwartet +geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich angenommen.' +Er zittert vor Seligkeit, daß er das Glas nicht +halten kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum +Wohlsein, Soldat!' sagen, so hat mich die Freude, die +ich nicht habe zeigen wollen, gedrückt und gewürgt. 'Weißt,<span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[Pg 234]</a></span> +Vater,' erzählt er, 'wie mich so einer mit Augengläsern +angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe hinter +mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich +aber denke jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist +kein Blöder mehr!' Ihr hättet mir das schönste Heimwesen +im Glotterthal schenken können, so gefreut hätte +es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht +ein Krämlein bringen?' — 'Allerwegen,' antworte ich, +'deine Schulmeisterin muß einen Kram haben,' ich gehe +zum Maultierhändler Imahorn in Hospel und von vierzehn +Stuten kaufe ich die schönste, und wie wir heimkommen, +sage ich: 'Die ist für dich, Vroni, weil Eusebi +zum Militär angenommen worden ist!' Einem anderen, +Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe zweihundert +Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin +noch heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren +Herrgott vernarrt.«</p> + +<p>Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden +spöttisch das Haupt, aber seine Stimmung war eine +bessere geworden. Auf den Brief der Priorin deutend, +murrte er: »Und nun meint Ihr — das ist doch Eurer +Rede Sinn —, daß ich Josi auch auf einen Esel setzen +soll? Die zwei achtbarsten Männer von St. Peter die +Schwiegerväter der Wildheuerkinder und so eine Art +Gegenschwäher!«</p> + +<p>Mit lachendem Hohn stieß er sein Glas an das des +Garden. »Sagt ehrlich, wenn es Eusebi so tagt im +oberen Stübchen, was wär's mit ihm und Binia? Der +Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien wäre doch eine +andere Freude als nur eine Verwandtschaft durch die +Wildheuerkinder.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[Pg 235]</a></span>Man wußte nicht recht, war es Scherz oder Ernst, +so eigentümlich sprach er es, der Garde aber schüttelte +den mächtigen Kopf: »Etwas langsam ist halt Eusebi +immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches, +heftiges Blut. Das paßt wohl nicht zusammen.«</p> + +<p>»Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt, +paßt die Rebellin, die aus dem Kloster läuft +— — nicht wahr, Garde,« sagte der Presi halb höhnisch, +halb lustig.</p> + +<p>»Ho!« erwiderte sein Gastfreund, »ich meine, Josi +Blatter wäre mir an Eurer Statt so lieb wie Thöni +Grieg.«</p> + +<p>»Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Thöni Grieg! Er +und Binia verkehren ja wie Hund und Katze. Jetzt will +ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini — Bini!« +— Er stand auf und rief es durch die Thüre.</p> + +<p>Das Mädchen, das mit seinem Gesang aufgehört +hatte, als die beiden Männer laut geworden waren, erschien, +nichts ahnend, mit freudestrahlendem Gesicht.</p> + +<p>»Da lies diesen Brief,« sagte der Presi streng. Ein +Blick Binias in das Schreiben, sie wurde dunkelrot und +zitterte.</p> + +<p>»Was habt ihr an dem Tag gethan? — rede nur, +der Garde darf es auch hören.« Es klang nicht eben +bös, wie es der Presi sagte.</p> + +<p>Binia stutzte einen Augenblick, ihre Röte ging in +Totenblässe über. Sie warf sich vor ihm auf die Kniee, +umschlang die seinen und hauchte leise, doch fein und +klar: »Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam +wir gewesen sind. — Josi und ich haben uns — verlobt.«</p> + +<p>Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf<span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[Pg 236]</a></span> +es neben die Knieende auf den Boden, daß es in hundert +Stücke zersplitterte.</p> + +<p>»Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel!« keucht +er heiser, taumelt und will mit den Fäusten auf sie los, +aber der Garde hält ihn: »Laßt sie ausreden!« und wie +der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit seinen +eisernen Armen und drückt ihn auf den Stuhl. »Hockt +ab, Presi, und hört. Dann sprecht!«</p> + +<p>Binia wollte sich flüchten. »Bleibe, Kind!« knurrte +sie der Garde an.</p> + +<p>Der Presi schnaubte und zischte: »Der Hund! der +Hund! Wie wagt er sich an dich? He, schöne Augen +hast du ihm gemacht, du!«</p> + +<p>Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem Rücken +an der Wand, an die sie hingetaumelt war, nur die +wogende Brust und die bebenden Nasenflügel verrieten +das pulsierende Leben.</p> + +<p>»Vater — tötet mich — aber ich sage es! — Ihr +seid mit Fränzi verlobt gewesen, Ihr habt sie ohne Grund +verlassen; ich aber muß an Josi gut machen, was Ihr +an ihr bös gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter +eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber +ich lasse ihn nicht, ich habe alles gehört, was Ihr am +Wassertröstungstag mit der Fränzi geredet habt. Da ist +mir die Liebe gekommen.«</p> + +<p>Wie merkwürdig die feine verhaltene Stimme klang, +ein Singen war es, mehr als ein Reden, ein sonderbares +Singen, wie wenn der Wind durch die Waldwipfel streift, +ein Ton, als flüstere er aus schweigender Höhe.</p> + +<p>Die Stimme brach, die Unglückliche schwankte und +tappte der Wand entlang gegen die Thüre.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[Pg 237]</a></span>»Du —«</p> + +<p>Von schaumbedeckten Lippen zischte das gräßliche +Wort, das Wort, das ein reines Mädchen tötet.</p> + +<p>»Presi! Ihr habt Euch vergangen!« stößt der Garde +mit einem Blick hervor, als wolle er sich auf ihn stürzen.</p> + +<p>Der Presi röchelte. Plötzlich schoß er auf und faustete. +Dann sank er entkräftet auf einen Stuhl — +ächzte — und nach einer Weile stöhnte er wirr: »Jetzt +ist es klar. — Fränzi — das hat mich immer gewundert, +wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner +Stube verschwunden ist. — — Bini — Bini. — — +Seppi Blatter — Fränzi — ihr seid grausam gegen +mich!«</p> + +<p>Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst +als seine Wut in eine weinerliche Wehmut überging, die +dem gewaltigen Mann fast komisch stand, sagte der Garde +feierlich: »Ich will Euch eine Geschichte erzählen, ich +habe sie von Fränzi.«</p> + +<p>Der Presi krümmte sich unter dem Namen.</p> + +<p>»Hört, Presi! Auf der Burg zu Hospel saß ein +Ritter. Seine Tochter liebte einen Knappen. Zornig +darüber ließ der Vater den Jüngling über den Felsen, +auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber +stürzte sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf +machte der Ritter eine Bußfahrt nach Rom. Als +er über den Gletscher kam, da standen im Eis weit voneinander +die armen Seelen der Liebenden. Sein Töchterlein +lächelte. Da fragte der Ritter: 'Warum lächelst du, +Kind, während du doch so frierst?' Sie antwortete: 'O +Vater, siehst du nicht, daß ich und mein Liebster bald +beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite<span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[Pg 238]</a></span> +harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zurückkehrte, +da waren die armen Seelen einander so nahe gekommen, +daß sie sich mit den Händen erreichten. Bestürzt darüber, +daß das Eis barmherziger war als er und nachgab, bereute +er seine Härte bitterlich. Da hörte er eines Tages +eine Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!' +Da wußte er, daß die große Liebe das Eis ganz überwunden +hatte und die armen Seelen dicht beisammen +standen.«</p> + +<p>»Wozu das?« fragte der Presi dumpf. »An die +armen Seelen glaube ich nicht!«</p> + +<p>»So — meinetwegen — aber glaubt Ihr, Ihr seid +stärker als der Ritter von Hospel? — Ihr seid stärker +als der Gletscher?«</p> + +<p>Der Presi stöhnte.</p> + +<p>»Josi und Binia,« fuhr der Garde mit getragener +Stimme fort, »es giebt kein schöneres Paar im Glotterthale, +aber auch nicht zwei so wilde Herzen wie sie.«</p> + +<p>»Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel,« +stöhnte der Presi in wehem Zorn, — »ich will nicht, +daß mein Kind nur so über mich hinwegschreitet. — +Das verzeihe ich Bini nie!«</p> + +<p>»O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen. +Ich an Eurer Stelle würde auf ein schönes Alter denken. +Wenn Ihr aber den Kopf zu stark setzt, so seht zu! Dann +kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben Frau +an der Brücke rutschen würdet, wenn Ihr Bini nur Josi +geben könntet und sie friedlich wüßtet. Gönnt ihnen beizeiten +ein grünes Plätzchen zum Glück, sonst steigen auch +sie auf die Berge und halten dort oben wie der Knappe +und das Fräulein Hochzeit als schuldige Seelen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">[Pg 239]</a></span>»Ihr meint an den Weißen Brettern!«</p> + +<p>Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte +und sein Gesicht hatte sich verzerrt.</p> + +<p>»Was sagt Ihr?« fragte der Garde überrascht.</p> + +<p>»O Garde — es ist nur ein schrecklicher Traum, +aber er ängstigt mich. Ich habe Binia mit blutendem +Haupt neben dem jungen Blatter an den Weißen Brettern +gesehen.«</p> + +<p>»Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das +herrliche Kind, wie nicht alle hundert Jahre eins im +Berglande wächst, stand blutend an den Weißen Brettern?«</p> + +<p>»Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich +liebe und die mich so elend macht.«</p> + +<p>Und die Wehmut überwog den Zorn.</p> + +<p>»Presi! Träume sind Schäume, sagt man, der Traum +aber kommt aus dem Gewissen — es steht böse darin — +macht Ordnung — an Seppi Blatter, an Fränzi habt +Ihr es verbrochen — macht es am Sohn gut — spürt +Ihr nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um +Zug über Euch ist. — Merkt Ihr es nicht, Presi? — +Macht Ordnung!«</p> + +<p>Wie Hammerschläge fallen die Worte des Garden +auf die Brust des Presi. Er bebt, er schwitzt.</p> + +<p>»Wohl, ich merk' es — ich merk' es, Garde, sonst +hätte mir das meine Binia nicht angethan — ich hätte +den Josi Blatter nicht nach Indien gehen lassen sollen. +— O Garde! — Mir ist, ich könnte ihn lieb haben.«</p> + +<p>Wie aus gebrochenem Leib stöhnte es der Presi.</p> + +<p>Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da +trat Frau Cresenz in die Stube und wischte die Scherben +des zerschmetterten Glases zusammen. Ohne daß sie recht<span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">[Pg 240]</a></span> +wußte, was vorgefallen war, jammerte sie: »Das Kind +ist halt ganz der Vater, das kann man nicht ändern, +das sind zwei harte Köpfe.« Und dann wandte sie sich +an den Presi und tröstete ihn mit fraulicher Milde, aber +mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht tief +gingen.</p> + +<p>Der Garde hätte viel darum gegeben, die Frau wäre +nicht gekommen oder wenigstens rasch wieder gegangen, +als sie aber blieb, da wurde er über die Störung wild +und ging selbst.</p> + +<p>»Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau, +aber das Weib, die Mutter von unergründlich tiefem +Herzen, das an diesen Posten gehört, ist sie nicht.«</p> + +<p>So knurrte er, als er über die steinerne Treppe +hinunterschritt.</p> + +<p>Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte, +war dieser hart wie Glas, die beiden gewaltigen Männer, +die sich sonst so gut verstanden hatten, überwarfen sich +und der Verkehr von Haus zu Haus hörte auf. Nur +Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen.</p> + +<p>»Bini ist eine Spinnerin geworden!«</p> + +<p>So sagten die Leute von St. Peter und streckten +dabei den Zeigefinger gegen die Stirn. Man munkelte, +sie sei im Kloster Madonna del Lago mißhandelt worden. +Um den bösen Segen, den sie und Josi von Kaplan Johannes +empfangen haben, zu vertreiben, hätten ihr die +Nonnen jede Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen +um Tropfen, auf das Haupt gespritzt, daß mit dem bösen +Segen auch ein Stück guter Seele von ihr gewichen sei. +Und das suche und suche sie in Gedanken.</p> + +<p>Die thörichten Leute! Binia war allerdings, nachdem<span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">[Pg 241]</a></span> +sie aus dem Kloster gekommen, eine Weile blaß und +wankte wie ein Schatten einher, aber nicht die Nonnen +hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der +Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt +nichts als die großen dunklen Augen wies.</p> + +<p>Ein einziges, gräßliches Wort des Vaters!</p> + +<p>Und jetzt warb er nicht um sie wie einst — er +setzte sich nicht an ihr Bett, er flüsterte nicht: »Meine +Maus — mein Gemslein.« Er sagte nicht: »Du lieber, +lieber Vogel.« Jetzt war auch keine Fränzi mehr da, +die ihr zu mitternächtiger Stunde das wirre Köpfchen +zurechtsetzte.</p> + +<p>Droben in ihrem Kämmerlein schluchzte sie: »Mutter +— liebe tote Mutter: Es ist schrecklich — wie mich der +Vater verachtet. — Und er ist doch so ein herrlicher +Mann. — Und Josi muß ich halt lieben.«</p> + +<p>Manchmal wußte sie nicht, war es die Empörung +gegen den Vater, war es die Liebe zu ihm, die stärker +in ihr wüteten. Ein Blick — ein herzliches Wort — sie +wäre jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton blieb +kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge +wurde, sobald er sie erblickte, lauernd und mißgünstig. +Und das entsetzliche Wort, das er ihr entgegengeschleudert +— das saß!</p> + +<p>Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen +Herzen kann die Hoffnung nie sterben. Dazu muß der +Mensch alt sein — alt — alt! Mißhandelt ein junges +Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und lächelnd liest +es seine Scherben auf, streicht mit zitternder Hand darüber, +und es ist fast das feurige Herz von zuvor.</p> + +<p>Wie ein Tännling ist die Jugend. Ein Stein saust<span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">[Pg 242]</a></span> +aus der Höhe und schlägt ihm die Kerze ab, die er so +lustig in das Spiel der Winde erhob. Was thut der +arme Tännling? — Er richtet ein Zweiglein gerade auf, +das wächst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und +kaum der Forstmann erkennt noch, daß der Tanne einmal +die Krone abgeschlagen war. Aber eine junge, kerngesunde +Tanne muß es sein, sonst bringt sie das Wunder +nicht zu stande.</p> + +<p>Binia war eine junge, kerngesunde Tanne.</p> + +<p>Sie wurde die stille Wohlthäterin des Dorfes und +übte ihren Herzensberuf mit der Frische und Wärme der +Jugend. Sie guckte mit einem guten Lächeln in die +Hütten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte +Liebes mit ihnen. Sie gewann die Herzen und versöhnte. +Wenn sie fort war, lag eine Blume auf dem +Bett oder es klang ein Wort nach, das Glück verbreitete +— und ihre größte Kunst — sie wußte jedem das, was +er bedurfte, so zu geben, daß es kein Almosen war.</p> + +<p>»Redet einmal mit Binia, die weiß schon Rat,« sprach +man im Dorf, »sie hat noch das bessere Herz als die +selige Beth.«</p> + +<p>Und seltsam! Der Presi ließ sie gewähren. Wie der +Name Josi Blatter, so schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte +aus den Gesprächen der Leute von St. Peter, +sie sagten nur:</p> + +<p>»Wie ein Engel geht sie durchs Thal.«</p> + +<p>Unter den Gästen war niemand, der sie nicht liebte. +Manche junge vornehme Töchter stellten sich wie Schwestern +zu ihr: »Binia, Sie liebes gescheites Bergkind, wenn +wir Sie nur mit in die Stadt nehmen könnten, man +bekommt ja ein heißes Heimweh nach Ihnen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">[Pg 243]</a></span>Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein +junger Herr der alpigen Rose ein Röslein schenkte.</p> + +<p>Thöni Grieg!</p> + +<p>Die schmähliche Versteigung an der Krone, die ihn +dem Gelächter des Dorfes preisgegeben hatte, war der +Anlaß, daß er nacheinander die Bubenschuhe, zuerst den +einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und nach +dem großen Donnerwetter von damals stellte sich der +Presi besser als je zu ihm.</p> + +<p>Thöni besorgt die Post, die im Sommer wichtig +genug war, gewissenhaft, ebenso die Zufuhr der Lebensmittel +von Hospel und war den Fremden im Haus durch +sein fröhliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter.</p> + +<p>Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie!</p> + +<p>»Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze +mit den Teufelsaugen!«</p> + +<p>»Thöni, schäme dich doch, dich hat man ja von den +Kronenplanken holen müssen.«</p> + +<p>»Ich würde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen +in Santa Maria del Lago versorgt gewesen wäre.«</p> + +<p>Wütend lief Binia davon. Sie wußte wohl, daß +ihr der Vater mit Santa Maria del Lago einen Schimpf +angethan hatte — einen Schimpf, den sie erst verdient +hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt +hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag glänzte +wie ein Stern in ihren Gedanken, sie lächelte jedesmal +verträumt, wenn sie seiner gedachte.</p> + +<p>Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr +Thöni wie ein wildes Tier dazwischen.</p> + +<p>»Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen. +Ich töte ihn, wenn er je wieder nach St. Peter<span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">[Pg 244]</a></span> +kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal ein gutes Wort — +oder — oder —«</p> + +<p>Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wußte sie +es: Hinter seinen Beleidigungen stand die wütende Eifersucht.</p> + +<p>Sie fürchtete Thöni und er merkte es.</p> + +<p>»O, ich thue dir nichts,« sagte er vorwurfsvoll, +»aber wenn du nicht anders zu mir wirst, so stelle ich +an mir selbst ein Unglück an.«</p> + +<p>»Thöni,« erwiderte sie kühl, »wenn du das nur über +die Lippen bringst, so ist es kein Schade für dich. Du +machst ja jetzt Bälzis Kind den Hof.«</p> + +<p>»O, nur aus Verzweiflung, daß du, statt mit mir +lieb zu sein, mich kratzen möchtest.«</p> + +<p>»Dann wollt' ich aber sie nicht sein!« spottete Binia.</p> + +<p>Sie gab ihm kein gutes Wort.</p> + +<p>Zwischen Thöni und Bälzis Aeltester, die im Bären +Magd geworden war, kam es so weit, daß Frau Cresenz, +um den Unwillen der Gäste gegen die Liebeleien +zu beschwichtigen, das sonst anstellige Mädchen mitten +im Sommer entlassen mußte. Jeden Abend, oft noch +sehr spät, lief er aus dem Haus, man munkelte, zu ihr.</p> + +<p>Es geschah aber heimlich und hinter dem Rücken des +Presi, und Frau Cresenz schwieg, sie fürchtete die Händel.</p> + +<p>So ging der Sommer.</p> + +<p>Da machte Binia in den letzten Tagen zufällig eine +merkwürdige Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann, +der ihr sehr streng geschienen hatte, den sie aber +doch liebte, sagte Abschied nehmend zum Vater: »Schön +ist's im Glotterthal — und ein Meitli<a name="FNanchor_28" id="FNanchor_28"></a><a href="#Footnote_28" class="fnanchor">[28]</a> habt Ihr schon,<span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">[Pg 245]</a></span> +Herr Präsident, daß man noch einmal jung werden +möchte!«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28" id="Footnote_28"></a><a href="#FNanchor_28"><span class="label">[28]</span></a> <i>Meitli</i>, schweizerdeutsch, so viel wie Mädchen, Tochter.</p></div> + +<p>Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort +des Vaters.</p> + +<p>»Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb? +— Für wen rackere ich mich denn? Ich hätte den Mut +für das Vielerlei des Geschäftes nicht ohne das sonnige +Kind!«</p> + +<p>Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort, +einen vollen rückhaltslosen Blick gab.</p> + +<p>Sie mußte an sich halten, daß sie nicht laut aufjauchzte, +sie rannte und sprang wie ein Reh und die Gäste +fragten: »Haben Sie denn Sonntag in den Augen, +Binia?«</p> + +<p>»Ja freilich, das Leben ist halt schön!« lachte sie +und fort war das Reh.</p> + +<p>»Ist das eine liebe Hexe — eine herzbezwingende +Gestalt,« redeten die Gäste hinter ihr.</p> + +<p>Es war im Herbst, der Vater zählte mehrere Rollen +Silber und Gold — er schmunzelte, er lachte, er trank +Hospeler dazu. Dann redete er irgend etwas mit Frau +Cresenz, die ihn bald wieder verließ, und plötzlich sah +Binia, wie er vor sich hin faustete: »Sie ist ein Affe — +sie ist ein verdammter Affe. — Die selige Beth hat doch +nicht immer Ja gesagt,« hörte sie ihn murmeln.</p> + +<p>Binia kannte den Vater genau. Er konnte den +Widerspruch nicht leiden, aber wenn ihm von Zeit zu +Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es ihm auch +nicht wohl. Und daß er der toten Mutter ehrenvoll gedachte, +freute sie tausendmal.</p> + +<p>Heute war der Vater entschieden verstimmt über<span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">[Pg 246]</a></span> +Frau Cresenz. »Der Affe! Niemand hat man, mit dem +man ein vernünftiges Wort reden kann, als Thöni.«</p> + +<p>»Als Thöni!« Binia glühten die Wangen vor Eifersucht, +sie hob sich auf die Zehenspitzen und von rückwärts, +so daß der Vater sie nicht sehen konnte, lief sie +auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und drückte +ihren frischen roten Mund mit süßem Kuß auf seinen +Mund. »Kind! — Binia! — Was willst?« — Der +Presi war ganz erschrocken.</p> + +<p>Sie lächelte ihn an, fröhlich und schmerzlich zugleich, +flehentlich und hoffnungsvoll.</p> + +<p>»Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen +— ich ertrage es nicht.« Der Presi sagte es unsicher.</p> + +<p>»Wohl, wohl, umkehren möcht' ich's dir, Vater, ich +möchte die Liebe darin sehen! Vater — ich halte es auch +nicht mehr aus, ohne daß du ein bißchen lieb mit mir bist.«</p> + +<p>Da war der harte Presi überwunden, es ging ein +glückliches Lächeln über sein eben noch finsteres Gesicht. +Und er nahm ihre beiden Hände: »Ja, Vogel, ich muß +mit dir reden. — Du bist ja jetzt in einem Alter, wo +man keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den +fröhlichen Finken einfangen will. — Kind, ich habe nur +dich und wünsche, daß du glücklich werdest. Ich gebe +dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du +heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.«</p> + +<p>Mit rotem Köpfchen saß Binia da — sie schluckte, +als wollte sie etwas sagen.</p> + +<p>Ein mißtrauischer Blick des Vaters, dann sagte er +streng: »Es giebt einen Namen, der in unserem Haus +nicht mehr ausgesprochen wird. Verstehst du! — Im +übrigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.« — —</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">[Pg 247]</a></span>Binia steht sinnend in ihrer Kammer.</p> + +<p>Zwei Jahre noch — dann kommt Josi — er kommt +wie ein Held — er tritt mit einer That vor das Volk, +so gewaltig, wie noch keine im Bergland geschehen ist — +er erlöst St. Peter von der Blutfron an den Weißen +Brettern und alle jubeln: »Josi Blatter ist größer als +Matthys Jul.«</p> + +<p>Und er besiegt den Vater.</p> + +<p>So lang will sie tapfer kämpfen, den Vater nicht +reizen, aber Josi treu sein im Herzen.</p> + +<p>Und unter Thränen lächelnd küßte sie den Tautropfen, +den er ihr gegeben hat.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">[Pg 248]</a></span></p> +<h2><a name="XIII" id="XIII"></a>XIII.</h2> + + +<p>»Pate! — Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es +geht ihm gut.« Mit strahlendem Gesicht jubelt es die +sonst zur Stille geneigte Vroni und hält den in großen +ungefügen Buchstaben gemalten Brief in zitternden Händen. +»Hört, wie er lautet:</p> + +<p>»Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder +einmal berichten, wie's mir geht. Es geht mir gut und +George Lemmy ist recht mit mir, aber scharf und vom +Schaffen klöpft<a name="FNanchor_29" id="FNanchor_29"></a><a href="#Footnote_29" class="fnanchor">[29]</a> mir schier der Rücken. Das ist gesund. +Wir sind jetzt an einem Berg, der heißt Himalaja. Die +Stadt heißt Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir +machen eine Straße. Liebes Vroneli, Du wirst denken, +ich schreibe nicht schön. Das kommt vom Felsensprengen +und Du mußt nicht lachen. Thue Dich gar nicht kümmern +wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. +— Und an den Vater selig, was ich auch thue. Es ist +dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat es Dir +gewiß schon erzählt. Und wenn ich in der Nacht zwei +Sternlein beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli +— du liebes Vroneli'. Ich muß manchmal in den Hemdärmel +beißen, sonst würde ich brüllen<a name="FNanchor_30" id="FNanchor_30"></a><a href="#Footnote_30" class="fnanchor">[30]</a>. Der Indergand<span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">[Pg 249]</a></span> +vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. +Ich lasse das Bineli tausendmal grüßen, Dich auch, den +Eusebi und alle. Und ich komme dann schon wieder heim. +Schreibe mir recht bald. Dein treuer Bruder Josi. Die +Adresse steht auf dem Umschlag.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29" id="Footnote_29"></a><a href="#FNanchor_29"><span class="label">[29]</span></a> <i>klöpft</i>, schweizerdeutsch, so viel wie »bricht«.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30" id="Footnote_30"></a><a href="#FNanchor_30"><span class="label">[30]</span></a> <i>brüllen</i>, schweizerdeutsch, »heftig weinen«.</p></div> + +<p>Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel +größeren Brief, als sie empfangen, an Josi. Wie in +ihrer Hand die Feder gut lief!</p> + +<p>Aber über eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, +auf diese fielen ein paar Tropfen, die den schönen Brief +fast verdarben.</p> + +<p>Die unglückselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem +Bruder nichts Betrübliches schreiben, aber sie wußte schon, +daß aus dieser Liebe nichts Gutes entstehen konnte. Binia +war fast noch die Schlimmere als Josi. Auch jetzt kam +sie gelaufen und bat und bettelte, daß sie den Brief lesen +dürfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz +überstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief +Vronis schrieb sie:</p> + +<p>»Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an +die zuckenden Vögel von Santa Maria del Lago und +lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben schon den +Tod gesehen, und nun fliegen sie doch über Land und +Meer. In herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.«</p> + +<p>Vroni sah den Gruß mit Schmerzen, der trotzige +Mut Binias, die doch mehr einer wehrlosen Blume als +einer Kämpferin glich, kam ihr wie eine Vermessenheit vor.</p> + +<p>Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut.</p> + +<p>Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, +der Gardin und Eusebi im Glotterhütchen, unter dem +die zwei blonden Zöpfe niederhingen, mit blauen lachenden<span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">[Pg 250]</a></span> +Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch über die +junge Fülle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und +den Rosmarinstrauß in den Händen, sittig die Kirchentreppe +zum Kirchhof hinaufschritt, so flüsterten die Leute: +»Wenn nichts Ungeschicktes dazwischen kommt, so giebt +die keine Wildheuerin.«</p> + +<p>Am hübschesten aber war die Zwanzigjährige wohl, +wenn sie mit Rechen und Gabel frisch und gesund im +Morgentau über die Wiesen schritt. Etwas vom stillen +Wesen der Gardenfamilie war auf sie übergegangen, ein +rasches Vorwärts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, +aber was sie in Ruhe that, ging ihr mühelos und anmutig +von der Hand. Und wo sie in stillem Frohsinn mitwerkte, +lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten es.</p> + +<p>Und sie selber wünschte sich nichts Schöneres, als +das wandernde Sommerleben der Bauernleute von St. +Peter. Für ein paar Tage ritt man, das Notwendigste +zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, +wo jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besaß, +dann hielt man sich einige Tage auf der Maiensässe auf, +um dort das Vieh grasen zu lassen oder zu heuen, wieder +etwas später arbeitete man auf dem Acker beim Dorf und +am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch.</p> + +<p>Da saß der ganze Haushalt mit den Knechten vor +der Hütte, die Glocken des Viehes klangen friedlich in +die tiefe Stille und die Enzianen standen wie im Gebet.</p> + +<p>»Vroni, erzähle eine Geschichte,« sagte das eine Mal +der Garde, das andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, +der Viehknecht, war ein dankbarer Zuhörer, und mancher, +der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis Glockenspiel +hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge<span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">[Pg 251]</a></span> +hübsche Burschen, die sich nicht bloß wegen der Geschichten +in den Kreis drängten.</p> + +<p>»Sie ist halt grad wie die Fränzi selig, darum hält +sie der Garde so in Ehren.«</p> + +<p>So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni +gram, die Burschen aber waren ihr gut.</p> + +<p>»Frau,« sagte der Garde, »wir müssen uns entscheiden. +Es geht um das Mädchen wie um frisches Brot. +Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenälpler gefragt, ob +sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen +dürfe. Er würde Vroni gern einen Antrag machen. +Heute ist der alte Peter Thugi gekommen und hat so +eindringlich gebeten, wir möchten sie dem jungen Peter +geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe +aber beiden abgewinkt.«</p> + +<p>»Hättest du doch lieber zugesagt,« schmollte die Gardin, +»Vroni setzt sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme +Eusebi.«</p> + +<p>»Geschehe nichts Schlimmeres!« erwiderte der Garde.</p> + +<p>»Und ich meine, es wäre jetzt, wo Eusebi im Militärdienst +ist, gerade die rechte Gelegenheit, daß wir Vroni +aus dem Haus bringen, natürlich in allen Ehren. Ich +habe nichts gegen sie — es geht mir nur so stark gegen +das Herz, daß unser einziger ein Wildheuermädchen nehmen +soll. Hätte ich drei Buben, so könnte einer schon Vroni +nehmen — aber der einzige. Wir sollten doch auch auf +eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so zuweg, +daß er überall anfragen darf.«</p> + +<p>»Das thätest du deinem Buben zuleide, daß du +Vroni in seiner Abwesenheit gehen ließest. — Nein, +Gardin, Vroni bleibt da!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">[Pg 252]</a></span>Mit Festigkeit erklärte es der Garde.</p> + +<p>Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurück. +»Vater, ich habe mich furchtbar zusammennehmen müssen, +daß ich immer nachgekommen bin, aber es ist gut gegangen.« +Das spürte man Eusebi an. Er erzählte seine +Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen.</p> + +<p>»Ja, aber Eusebi,« lachte der Garde, »bei uns +giebt's auch Neuigkeiten. Vroni bleibt wohl nicht mehr +lang da, die Burschen im Dorf gucken sich fast die Augen +aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will, haben +sich schon als Freier gemeldet.«</p> + +<p>Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, +glühte wie eine Rose auf: »Ich will aber keinen, ich bleibe +bei euch, Garde. Und wer wollte sich auch im Ernst um +mich kümmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich ledig +bleibe.«</p> + +<p>Schön war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, +das Haupt gesenkt, mit zitternden Fingern an den Haften +ihres Mieders nestelte.</p> + +<p>Eusebi aber riß an seinem Schnurrbärtchen, daß es +ihm in den zuckenden Fingern geblieben wäre, wär's nicht +so fest angewachsen gewesen. Wie unvorsichtig war es, +denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht beinahe +hübsch!</p> + +<p>Am Abend überraschte die Gardin ihren Sohn, wie +er bei Vroni am Herdfeuer in der Küche stand und das +Blondhaar des abwehrenden Mädchens zu streicheln versuchte +und immer wiederholte: »Gelt, liebe Vroni, es +ist dir doch nicht ernst, daß du ledig bleiben willst?«</p> + +<p>Halb freute, halb ärgerte sich die Gardin. Nein, +das war nicht mehr der scheue, blöde Eusebi. Mit einem<span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">[Pg 253]</a></span> +Scheit jagte sie ihn aus der Küche und Vroni hielt sie +eine Predigt.</p> + +<p>Der erwachende Eusebi warb aber so freimütig um +Vroni, daß ihre Stellung zwischen Sohn und Mutter +immer schwieriger wurde und sie Mühe hatte, sich in den +Augen der Gardin untadelig zu benehmen.</p> + +<p>Bald aber überschattete ein trauriges Ereignis das +im Hause aufblühende sanfte Liebesspiel.</p> + +<p>Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren +Brief mit dem Zusatz von Binia an Josi geschickt hatte, +mitten im tiefen Winter, kam das Schreiben, mit vielen +Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas durchschnitten, +an sie zurück und auf der Rückseite stand: <span class="antiqua">»Addressee +died in the cholera-hospital at Srinigar.«</span> Diensteifrig +hatte Thöni schon die Uebersetzung auf den Umschlag +gefügt: »Der Adressat ist im Cholerahospital zu Srinigar +gestorben.« Darunter stand irgend ein Stempel.</p> + +<p>Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Händen, +da kam schon Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; +»Vroni, liebe Vroni, gelt, das ist nicht wahr, er lebt!«</p> + +<p>Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mächtig, auf einen +Schemel gesunken war, rief immer nur, daß sich die +Wände hätten erbarmen mögen: »Es ist halt nach dem +Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot +— o, als er ging, habe ich es gewußt, daß er sterben +würde!«</p> + +<p>Die großen dunklen Augen Binias erweiterten sich +schreckhaft.</p> + +<p>Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft +und der Zusammenbruch Vronis erschütterten sie mehr +als die erste Nachricht, um ihren Mund zuckte das Weinen,<span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">[Pg 254]</a></span> +sie wankte hinaus in die Winterdämmerung. »Es ist +nicht wahr! — Diejenigen, die gelobt haben, für die +heligen Wasser an die Weißen Bretter zu steigen, können +ja nicht krank werden und nicht sterben, bis ihr Gelübde +erfüllt ist.«</p> + +<p>Im Volksglauben suchte sie Trost.</p> + +<p>Zuerst mißtraute auch der Garde und das ganze +Dorf der Todesbotschaft. Hatte man Josi Blatter nicht +schon einmal für tot gehalten und dann war er doch +wieder lebendig zum Vorschein gekommen!</p> + +<p>»Hat er sich gemeldet?« fragte man Vroni. »Nein, +das nicht — ich habe nichts gesehen und nichts gehört.«</p> + +<p>»Dann lebt er, dem nächsten Verwandten muß sich +ein Sterbender melden, und ginge sein Weg über das +weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in Tremis einer, +der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.«</p> + +<p>Allein die Tröstungen des Volksglaubens hielten nicht +stand vor der herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den +Brief bei der ersten Gelegenheit mit in die Stadt und +legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die +Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil +es auf der Rückkehr aus dem Choleragebiet geräuchert +worden sei, und die Cholera sei eine Krankheit, die den +gesundesten Mann in einer Stunde wegblase.</p> + +<p>Der Garde erbat sich aus Bräggen die Adresse +Indergands; als sie anlangte, schrieb er an den Kameraden +Josis, Vroni sandte noch einmal einen Brief an Josis +eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja nicht +einmal mehr die Briefe zurück, auch das große amtliche +Schreiben nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter +an den schweizerischen Konsul in Kalkutta wandte, und<span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">[Pg 255]</a></span> +unter Angabe der näheren Umstände um einen Totenschein +für Blatter ersuchte.</p> + +<p>Unterdessen war man schon wieder in den Sommer +gekommen, und Vroni sagte die Totengebete für den +Bruder her, und das Schönste deuchte sie immer das +Kirchhoflied:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Du armer Knabe! Schlaf am Meere!<br /></span> +<span class="i0">Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,<br /></span> +<span class="i0">Sieh, Gottes sind die Sternenheere,<br /></span> +<span class="i0">Er schickt ein Tröpfchen, das die Stirn<br /></span> +<span class="i0">Mit frischem Gletschergruß umspült<br /></span> +<span class="i0">Und dir das heiße Heimweh kühlt!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Die tiefe Trauer des Mädchens hielt auch im Dorf +das Andenken an Josi Blatter noch eine Weile rege.</p> + +<p>In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den +Dörflern das kurze Leben Josis. Sein Vater war zu +Tode gestürzt, durch die Schuld des Presi war der Bursche +auf einen bösen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen +Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich +nie gewesen, großmütig hatte er sogar sich selbst für die +fünf Verstiegenen in die Schanze geschlagen.</p> + +<p>»Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu +Grunde gerichtet hat, wird es kommen!«</p> + +<p>Das flüsterte stetig durchs Dorf.</p> + +<p>Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie +Eusebi, und die Gardin wurde darüber eifersüchtig auf +sie. Als eines Tages, just wie der Garde und Eusebi +auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis +blauen Augen das tiefe Gemüt entdeckt hatte, das Mädchen +als Begleiterin anstellen wollte, riet die Gardin +Vroni dringend zu: »Du bekommst es gewiß besser als<span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">[Pg 256]</a></span> +bei uns — du wirst vielleicht in ein paar Jahren schon +eine reiche Erbin!«</p> + +<p>Da stürzten Vroni die Thränen hervor. Das war +ein Blitz aus heiterem Himmel. Vor ihrem Bett im +Kämmerlein kniete sie und schluchzte herzzerbrechend und +stundenlang.</p> + +<p>Sie merkte es nicht, wie die Männer heimkamen, +wie Eusebi, er, der Langsame, die Treppe heraufstürmte, +wie er etwas schüchtern die Thür öffnete und in das +Kämmerchen trat, sie spürte es erst, als er immer noch +etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: +»Vroni, weine nicht.«</p> + +<p>»O Eusebi, ich soll fort — und ich kann nicht. Es +ist mir ja nirgends wohl als bei euch!«</p> + +<p>»Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,« tröstete +er herzlich.</p> + +<p>Da blickte sie mitten aus den Thränen einen Augenblick +sonnig und gläubig auf, aber nur einen Augenblick:</p> + +<p>»Eusebi, rede nicht so — du weißt, ich bin ein +armes Mädchen, obwohl ihr mich wie eine Tochter gehalten +habt. Es ist besser, ich gehe.«</p> + +<p>Da rannte Eusebi aus der Kammer: »Mutter, wenn +Vroni fortgeht, so gehe ich auch.«</p> + +<p>»Sei kein Narr, Eusebi,« sagte diese überlegen und +kühl, »hat je ein Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?«</p> + +<p>Eusebi tobte und stürmte in die Stube: »Hast du's +gehört, Vater — Vroni geht fort.«</p> + +<p>Der Garde saß breit am Tisch und stützte den Kopf +in beide Fäuste: »Thorheiten — Thorheiten,« murmelte +er vor sich hin.</p> + +<p>Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder<span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">[Pg 257]</a></span> +fort, hinauf in sein eigenes Kämmerlein, kam aber bald +zurück und die Bäuerin schlug die Hände zusammen.</p> + +<p>»Seit wann trägt man das Sonntagsgewand zum +Werktagsfeierabend?« spottete sie.</p> + +<p>»Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter — +mit Vroni zusammen suche ich einen Dienst.«</p> + +<p>Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, +seine Augen blitzten nur so. Da nahm sie ein Scheit, +drohte dem schnurrbärtigen Sohn und rief zornig: »Auf +der Stelle legst du das Sonntaggewändchen ab, du, — +du —«</p> + +<p>Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, +ergriffen, mit einem Ruck warf er es weit weg: »Mutter, +so geht es nicht mehr!«</p> + +<p>Da schrie die Gardin in die Stube: »Alter, hörst +du nichts. Eusebi will mir nicht mehr folgen. O, der +Lümmel — der Lümmel!«</p> + +<p>»Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,« trotzte +Eusebi, »ich gehe jetzt mit Vroni.«</p> + +<p>»Das ist der Segen und der Sonnenschein, von +dem der Alte immer geredet hat. — Einen ungeratenen +Buben habe ich jetzt durch sie — Garde — Garde — +bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?« +Und sie riß ihm die eine Armstütze vom dicken grauen +Haupt hinweg.</p> + +<p>Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, daß er +es nicht mehr verhalten mochte, vor sich hin lachte.</p> + +<p>»Was ist auch das, du lachst!« Sie war verwirrt +und wütend.</p> + +<p>»Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. +Ich kann dir nicht sagen, wie gut er mir jetzt gefällt.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">[Pg 258]</a></span>Die großgewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernüchtert +grollte sie: »O, ihr wüsten Männer!«</p> + +<p>In dem Augenblick kam Vroni sonntäglich gerüstet +und schluchzte: »Nur danken möcht' ich euch für alles +Liebe und Gute, aber Streit soll es meinet — —« Ihre +Stimme erstickte.</p> + +<p>»So lebe wohl, liebes Vroneli,« sagte der Garde, +nicht traurig, sondern gemütlich, »Eusebi wird schon +recht zu dir schauen.«</p> + +<p>Die Gardin war starr.</p> + +<p>Und Eusebi sagte tief bewegt: »Also lebet wohl, ich +habe halt Vroni zu lieb, ich gehe jetzt mit ihr — behüte +dich Gott, Vater — behüte dich Gott, Mutter!«</p> + +<p>Als er nun aber Vroni, die, gerüttelt von Leid, die +Stube schon verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin +ihrem Manne zu: »Du Rabenvater, deinen Einzigen +lässest du nur so in die Fremde gehen — wenn er jetzt +ein armes Knechtlein wird — der Sohn des Garden +von St. Peter.«</p> + +<p>Sie weinte aus heißem mütterlichem Herzen und +der Garde knurrte: »Man muß ihm halt dann und wann +einen Napoleon<a name="FNanchor_31" id="FNanchor_31"></a><a href="#Footnote_31" class="fnanchor">[31]</a> schicken.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31" id="Footnote_31"></a><a href="#FNanchor_31"><span class="label">[31]</span></a> <i>Napoleon</i>, ein Zwanzigfrankenstück.</p></div> + +<p>Da eilte die Gardin unter die Hausthüre und schrie aus +Leibeskräften: »Eusebi — lieber Eusebi — komm zurück.«</p> + +<p>Die beiden Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, +denn Vroni suchte Eusebi durchaus zu bereden, +daß er zu den Eltern zurückkehre, sie wolle kein Glück +auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni +aber hörte Eusebi die Mutter nicht rufen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">[Pg 259]</a></span>Nun schritt das junge Paar vorwärts.</p> + +<p>Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: »Vroni! +— liebes Vroneli — kehr um!« und wirr durcheinander: +»Vroni — Eusebi — Vroneli — Eusebi, ums Himmels +willen — kommt doch wieder!«</p> + +<p>Da stutzten die Flüchtlinge, und jetzt ertönte hinter +der Mutter der fröhliche Ruf des Vaters: »Kommt jetzt +nur wieder!«</p> + +<p>Eusebi zog sein Mädchen mit einem Juchschrei zurück; +halb noch ergrimmt, halb gerührt wischte die Gardin die +Thränen ab und grollte dem Garden: »Ich habe nicht +gemeint, daß du ernster Mann in deinen alten Tagen +noch so ein Erzschalk sein könntest, aber drei sind stärker +als eines, ich merke es und will mit euch in Liebe auskommen. +Gieb sie nur zusammen.«</p> + +<p>Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte +sich auf sie und küßte sie. »Du warst immer mein Kind, +jetzt bist du's erst recht, du sanfte, stille Wunderthäterin, +die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem ganzen +Manne gemacht hat.«</p> + +<p>Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und +schluchzte:</p> + +<p>»In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das +ist so herb, aber jetzt, Vroni, bist du drinnen — nenne +mich Mutter und eine gute Mutter will ich dir sein!«</p> + +<p>In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. +Feierlich bewegt stand der Alte, den funkelnden Zinnteller +in der Hand. Er brach einen Bissen Käse wie ein +Felsklötzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein +einziges Glas.</p> + +<p>»Nehmet, esset und trinket!« Er reichte die Hälfte<span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">[Pg 260]</a></span> +des Bissens, der ein einziges Stück gewesen war, Eusebi, +die andere Hälfte Vroni und bot ihnen das Glas.</p> + +<p>»Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich +verlobe euch nach dem alten Brauch des Thales. Ihr +kennt den nicht, der den Käse bereitet, und den nicht, +der den Wein gekeltert hat. Väter haben es vor mehr +als hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewußt, +für wen. Also sollt auch ihr thun, damit kein Geschlecht +ohne den Segen der vorangegangenen sei. Die Ahnen +segnen euch und wünschen euch Glück. Eusebi, Hochzeiter! +— Vroni, — Braut!«</p> + +<p>»Amen!« sprach die Gardin, die mit gefalteten +Händen hinter den Liebenden stand.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">[Pg 261]</a></span></p> +<h2><a name="XIV" id="XIV"></a>XIV.</h2> + + +<p><span class="antiqua">»Died in the cholera-hospital at Srinigar!«</span> Thöni +jubelte das Wort wie Siegesbotschaft durch das Haus. +Der Presi sah vergnügt in das Spiel der Schneeflocken, +die dicht und schwer herniederwirbelten.</p> + +<p>Da zog es doch plötzlich wie ein Seufzer durch +seine Brust: »Ich hätte Josi Blatter in St. Peter zurückhalten +sollen!«</p> + +<p>Wie er es wider Willen dachte, schritt vor dem +Fenster Kaplan Johannes durch das Schneegestöber und +wies ihm eine drohende Grimasse.</p> + +<p>Die plötzliche Erscheinung des Halbverrückten, der +seit seiner Vertreibung einen dämonischen Haß auf ihn +und Binia warf, peinigte den Presi, ohne daß er wußte +warum, wie Schicksalsdrohung. Es giebt aber einen Helfer +in der Freude und einen Sorgenbrecher im Leid.</p> + +<p>Die trostlose Binia überraschte den Vater und Thöni, +die zusammen vom besten Hospeler zechten. Da stieß der +schon lallende Vater sein Glas ins Leere: »Zum Wohl, +Seppi Blatter — hörst du, dein Bub' ist gestorben. — +Was willst du jetzt noch?« Er lachte hellauf.</p> + +<p>Thöni, der nüchterner war, folgte dem Beispiel: +»Josi Blatter, du Laushund. — Ja so, da ist Binia. — +Komm, trinke auch eins auf deinen toten Schatz!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">[Pg 262]</a></span>»Schändet die Toten nicht.« Mit dem gellenden +Ruf sprang sie zu den beiden Männern und wischte die +vor ihnen stehenden Flaschen und Gläser mit leichtem +Arm vom Tisch.</p> + +<p>»Josi lebt — er lebt!« bebte ihre Stimme. »Ihr +könntet ihm sonst nicht zum Wohlsein trinken. Der Blitz +vom Himmel würde in den Bären fahren!«</p> + +<p>»Binia, wenn du so wild bist, bist du teufelsschön,« +lallte Thöni.</p> + +<p>Der Vater wollte über ihre Keckheit wüten, aber es +ging nicht mehr wohl an. Am anderen und in den folgenden +Tagen sagte er kein Wort, er war stillverdrießlich, +und das war ein Zeichen, daß er sich selbst grollte.</p> + +<p>Seit Binias empörtem Ruf: »Er lebt!« glaubte +auch er nicht mehr, daß Josi Blatter tot sei. Nein, +der stand ja immer wieder auf, wenn er schon begraben +war. Um so stärker jedoch bekräftigte der Presi die +Todesnachricht, wenn andere Leute darein Zweifel setzten: +»Ta-ta-ta!« sagte er, »es giebt auf der Welt nichts Zuverlässigeres +als die englische Post!«</p> + +<p>Unterdessen begann eine seltsame Zeit für Binia. +Sie mußte an ein Wort der alten thörichten Susi denken: +»Schlafe, schlafe, Schäfchen, wenn du groß und ein schönes +Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen +fragen.«</p> + +<p>Darauf hatte sie erwidert: »Ich liebe aber nur Josi.«</p> + +<p>Nun war beides in Erfüllung gegangen: viele Freier +kamen, und sie liebte nur Josi.</p> + +<p>Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie fühlte +sich ihm heiß verpflichtet, daß er sie nicht zwingen wollte, +irgend einem jungen Manne, der ihm gerade gefiel, die<span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">[Pg 263]</a></span> +Hand zu reichen. Das war ein großes Zugeständnis. +Für Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier ausschlagen, +darüber würde er kommen. Die Todesnachricht +auf dem Brief war gewiß ein Irrtum.</p> + +<p>Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzhändler +aus dem Oberland. Als er sich mit ein paar Schoppen +Hospeler Mut getrunken hatte, stieß er sie mit dem Ellenbogen +in die Seite: »He, Kind, luge einmal meine Geldkatze +an — was meinst — wollen wir einander heiraten? +— Ich bin halt keiner von denen, die lange 'ich bitte +und ich bete' stammeln und Küsse betteln — dummes +Zeug — gerade recht geheiratet muß sein.«</p> + +<p>»Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben,« lachte +Binia.</p> + +<p>Der Presi war es zufrieden, daß sie den ersten, die +nach ihrer Hand trachteten, Körbe gab, denn es schien +ihm nicht vornehm, daß ein Mädchen gleich auf einen, +der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und +er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke, +sich einmal von Binia trennen zu müssen, fiel ihm +schwer.</p> + +<p>Doch in St. Peter hätte kein junger Mann so recht +den Mut gehabt, der Schwiegersohn des gefürchteten Presi +zu werden. Binia allein hielt den alten freundschaftlichen +Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie war mehr +die Freundin der Armen und Gedrückten, als der wohlhabenden +Haushaltungen mit heiratsfähigen Söhnen.</p> + +<p>»Vater, gebt mir noch zwanzig Franken — ich habe +keinen Rappen mehr.« Sie wußte so drollig zu betteln.</p> + +<p>»Ich spare — und du verschwendest — will wieder +einer eine Geiß kaufen?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">[Pg 264]</a></span>»Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht —«</p> + +<p>Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr +den Betrag. Was verschlug es? Es ging ja auch viel +Geld ein. Und es mußte ein leidliches Verhältnis mit +dem Dorf unterhalten sein.</p> + +<p>Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu, +wie die Touristen mit ihren Bergstöcken durch die Gegend +klapperten. Besteigungen der Krone fanden jetzt jeden +Sommer mehreremal, ja häufig statt und der Bären +war ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden.</p> + +<p>Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht +hatte, herrschte ein dumpfer Groll. Die Dörfler fühlten +sich in St. Peter wie nicht mehr zu Hause, und wenn +die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu erhöhten +Preisen in den Bären verkaufen konnten, so +sprachen sie doch am liebsten von der alten Zeit, wo der +Sommer in ruhigen Prächten durch das Thal gegangen war.</p> + +<p>Thöni diente nicht mehr als Bergführer, er war in +allen Dingen die rechte Hand des Presi. An seiner Stelle +geleiteten jetzt Führer von Serbig und Grenseln, Leute, +die gemerkt hatten, daß auch in St. Peter ein schönes +Stück Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge.</p> + +<p>Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft +zwischen dem Vater und Thöni.</p> + +<p>Thöni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein +recht gemeiner Kerl. Wenn er einen freien Augenblick +hatte, stand er unten vor dem Haus bei den Führern und +unter vielem Lachen redeten sie miteinander wüste Dinge.</p> + +<p>Dann fuhr der Vater wohl mit einem »Gott's +Sterndonnerwetter, Thöni!« dazwischen. — Wenn er +ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel verlesen<span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">[Pg 265]</a></span> +hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er +hatte seine Freude an dem jungen Mann, der sich gewählt +wie ein Fremder kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart +kühn in die Welt stellte und seine vielen Geschäfte +mit spielender Leichtigkeit erledigte.</p> + +<p>Und wie wußte Thöni dem Vater zu Willen zu sein +und sich seinen Launen anzupassen! Darin war er unübertrefflich.</p> + +<p>Wie eine Hornisse aber schoß er durch das Haus, +wenn er in irgend einem Gast einen Freier für Binia +witterte. Und sie kamen immer zahlreicher, die Freier; +aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen Händler, +die jungen Hotelbesitzer, und unter den Gästen waren +nicht wenige, die für Binia schwärmten.</p> + +<p>Der Vogel aber entschlüpfte. In Binias ganzem +Wesen lag wie in ihrem schlanken Leib die Kraft stählerner +Geschmeidigkeit und stählernen Widerstandes. Wo +sie ein echtes Gefühl spürte, da lohnte sie es wohl mit +einem Blick, daß der Freier meinte, er habe in seinem +Leben noch nichts Süßeres gesehen, aber durch alles, +was sie that und ließ, klang es bald schelmisch, bald +traurig: »Seht ihr nicht, daß ich frei sein will? — +Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen?« Wer ihr mit +zudringlichen Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie +mit einem Blick oder einem Wort nieder, daß er sich +schämte und zahm wurde wie ein kleines Maultier.</p> + +<p>Jetzt lächelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie +einen Freier zurückwies. Mißtrauisch und grimmig loderte +es aus seinen Augen. »Kind,« stieß er hervor, »wenn +du meinst, du könnest mich narren!« Und der Zorn zuckte +um seine Brauen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">[Pg 266]</a></span>Frau Cresenz tröstete dann auf ihre Art.</p> + +<p>»Was sich zankt, das liebt sich,« meinte sie mit +kühlem Lächeln. »Ihr werdet sehen, das Blatt zwischen +Thöni und Binia wendet sich. Nur sich nicht einmischen +und nicht drängen.«</p> + +<p>Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Thöni +und Binia selber nicht mehr so unsinnig vor wie damals, +als er den Garden wegen des sonderbaren Gedankens +ausgelacht hatte.</p> + +<p>Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu +zwingen hatte er aber das Herz nicht. Sie war ja noch +so jung.</p> + +<p>Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und +Vroni, das glückliche Paar, Hochzeit hielten.</p> + +<p>So ein schönes Fest hatte man in St. Peter noch +kaum erlebt. Ein junger Verwandter der Gardenfamilie +und Binia führten das Brautpaar, und wie lieblich war +Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden +Haupt, wie hübsch der einst so häßliche Eusebi, wie sah +man es ihm an, daß das Glück den Menschen verschönt.</p> + +<p>Ans Glück dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit, +da donnerte sie der Vater an: »He, das Wildheuerkind +ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue ich jetzt nicht +mehr zu. — Meinst du, du dürfest um den toten Rebellen +noch ein paar Jahre greinen. — Nichts da! Wenn +du jetzt deinem Vater nach vielem Leid eine Freude bereiten +willst, so zankst du dich mit Thöni nicht mehr, +sondern überlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden seine +Frau werden könntest. Ich habe einen schönen Plan und +daran hänge ich. Der Bären ist für unsere Gäste zu klein +geworden, ich baue drüben gegen die Maiensässen hin ein<span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">[Pg 267]</a></span> +Chalet im Berneroberländerstil, daß es mit seinen Balkonen +ganz St. Peter überscheint. Und nun meine ich, +wenn Thöni Direktor und du Frau Direktor des Hotels +zur 'Krone' würdest, so wäre für dich gesorgt und ich +könnte mein Haupt ruhig niederlegen. Thöni,« fuhr er +fort, »ist aus guter Familie, er versteht das Geschäft +und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem +Jahr lieb gewonnen — er ist lenksam und hört auf +mich.«</p> + +<p>Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck.</p> + +<p>Binia sah den Vater nur noch durch Thränen.</p> + +<p>»O, Vater,« stöhnte sie, »mir thun Kopf und Herz +weh. — — Baue doch lieber nicht. — Denke an die +Leute von St. Peter, die uns jetzt schon wegen der +Fremden im Bären grollen.«</p> + +<p>»Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf,« +erwiderte er hart und es blitzte so bös aus seinen Augen, +daß sie verstummte.</p> + +<p>Thöni zankte, wütete, schmeichelte, er weinte vor +ihr. »O Bini — Bini,« suchte er sie zu überreden, +»wir hätten's so schön zusammen!«</p> + +<p>»Thöni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht +einen, der schon mit so vielen Mädchen gelaufen ist.«</p> + +<p>Sie sagte es ernst und bekümmert — sie hatte eine +geheime Furcht vor ihm.</p> + +<p>Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen +hätte zurückkehren müssen. Sie war in fieberischer +Erregung, sie stand stundenlang am Fenster und +schaute auf die Straße in den Herbstsonnenschein, später +schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreikönigstag<span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">[Pg 268]</a></span> +sah sie, wie die Kinder ihre Häspel mit den +drei papiernen Sternen drehten und hörte ihren Ruf:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern,<br /></span> +<span class="i0">Sie kommen von fern und suchen den Herrn!«<br /></span> +</div></div> + +<p>So hatte sie als kleines Mädchen neben Josi den +Windhaspel getragen und sich innig gefreut, wenn die +drei Rosen, die gewöhnlich nicht spielen wollten, liefen.</p> + +<p>Kein Brief kam an Vroni — kein Lebenszeichen von +Josi — er kam nicht und kam nicht. Und zum Neubau +fällte man das Holz.</p> + +<p>Ja, wenn ihr dummes Köpfchen nur einsehen wollte, +daß Josi gestorben ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich: +Sie sah sein liebes, offenes Gesicht nicht mehr so klar +wie einst. Ihr war, leise und langsam senke sich ein +feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche +in die Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: »Josi, +zeige mir deine schwieligen Hände — ich kann sie mir +nicht mehr so recht vorstellen. — Josi, lache mit deinem +trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es klingt mir +nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! — Mutter! — +Hilf mir, daß ich nicht wanke!«</p> + +<p>Und ein Wunder geschah! Für viele Wochen gab +Thöni Grieg manchmal sein wildes, eifersüchtiges Drängen +auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag etwas Unerklärliches, +etwas wie Haß und Drohung.</p> + +<p>Er war nicht mehr der schöne Thöni, der lustige +Thöni, er war ein reizbarer, übellauniger Herr mit einem +aufgedunsenen rötlichen Gesicht. Sobald der Vater aus +dem Haus gegangen war, wurde er nachlässig und grob, +er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und +schenkte sich Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz<span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">[Pg 269]</a></span> +oder Binia auch in der Ablage geleerte Flaschen. Und +auf ihre Vorhalte grollte er: »Was hat das Weibervolk +im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?«</p> + +<p>Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren, +so viel als möglich besorgte sie mit flinken +Fingern die Depeschen selbst.</p> + +<p>»Das ist langweilig,« sagte sie vorwurfsvoll, »daß +du immer die Schlüssel ziehst. Früher wußte ich alles, +was auf der Post ging — hast du so eine Lumpenordnung, +daß man nicht mehr hineinsehen darf?«</p> + +<p>»Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze,« +höhnte er.</p> + +<p>»Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch +liegen!«</p> + +<p>»Ich gehe jetzt Revolverschießen,« trotzte er</p> + +<p>»Wozu brauchst du einen Revolver?«</p> + +<p>»Er ist für solche, die nach St. Peter kommen, +aber nicht hergehören,« lachte er seltsam.</p> + +<p>Binia kam ein fürchterlicher Verdacht, aber sie wagte +ihn kaum zu denken. »Nein, so bodenlos schlecht ist +Thöni doch nicht,« beruhigte sie sich selbst.</p> + +<p>Im übrigen schoß er, wenn er ausging, nicht immer +mit dem Revolver, sondern saß ebenso häufig im Wirtschäftchen +des Glottermüllers oder bei irgend einem hübschen +Mädchen.</p> + +<p>Frau Cresenz und Binia, Gäste und Dorf sahen es, +der schöne Thöni, der lustige Thöni, hatte einen Wurm, +die einen sagten im Kopf, die anderen im Leib.</p> + +<p>Zuletzt sah es auch der Presi: »Thöni, du gefällst +mir nicht mehr — weiß der Kuckuck, was du hast und +was mit dir ist.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">[Pg 270]</a></span>»Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das +Holz liegt schon lange genug,« gab Thöni mürrisch zurück.</p> + +<p>»Natürlich wir bauen jetzt,« antwortete der Presi fest.</p> + +<p>Als man den ersten Spatenstich führte, rief er Binia +auf seine Stube. Er streifte sie mit forschendem, sorgenvollem +Blick; dann hob er an: »Binia, du verlobst dich +jetzt mit Thöni, spätestens im Frühjahr heiratet ihr. Ich +habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu +treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!«</p> + +<p>Binia stand totenblaß; mutlos und verschüchtert +wagte sie keinen Widerspruch.</p> + +<p>Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die +Werkleute brachten die »Krone« nicht vorwärts. Als +hätte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete und wetterte +es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und +der Presi eilte in hundert Nöten zwischen dem Bären +und der Baustelle hin und her. Zum erstenmal, seit +Fremde nach St. Peter kamen, füllte sich der Bären nicht. +Und er wünschte das Trüpplein von Sommerfrischlern, +das da war, wieder nach Hospel zurück und weiter. »Herr +Präsident,« fragten sie Tag um Tag und jede Stunde, +»glauben Sie, wir bekommen bald schönes Wetter?« — +»Ich weiß es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer +ja auch im Glotterthal einmal herzlich schlecht sein.« Mit +verhaltener Wut sagte er es. Die Maulaffen! Wer litt +mehr unter dem schlechten Wetter als er.</p> + +<p>Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem +Bären nicht zufrieden. »Der Herr Präsident ist mürrisch,« +klagten sie, »Herr Grieg, der früher so jovial +war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz lächelt so +seelenlos wie ein Automat. Und Binia, die alpige Rose,<span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">[Pg 271]</a></span> +hat alle Schelmerei verloren oder dann zuckt sie so heftig +und seltsam heraus, daß es wie ein Lachen im Fieber ist.«</p> + +<p>Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch +an sie, ein junger stiller Gelehrter.</p> + +<p>Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz +dem schlechten Wetter an den Bergen gewachsen waren, +aber sonst eine große Zurückhaltung gegen sie beobachtet. +Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand: +»Fräulein Waldisch — Binia,« sagte er tief bewegt, +»diese Hand ist zu klein und zu mollig für Ihr rauhes +Bergthal. — Kommen Sie mit mir in die Stadt — +ich liebe Sie — werden Sie meine Braut — meine +herzliebe Frau.« — —</p> + +<p>Es war so ein gediegener Mann und redete so warm.</p> + +<p>Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: »Herr +Doktor!« Sie senkte das Köpfchen. »Ich passe nicht in +die Stadt, ich kann ja kaum recht lesen und schreiben +und bin ein schlichtes Bergkind.«</p> + +<p>Da drang er heiß in sie: »O Binia! für mich ist +das genug — ich bin selbst ein einfacher Mann. Was +Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen Sie mir hundertmal +mit Ihrer sonnigen Natürlichkeit, mit Ihrem +klugen Auge, mit der Wärme Ihres Gemütes. Ich habe +eine liebe alte Mutter daheim — sie ist auch schlicht +und kann keine überbildete Tochter brauchen.«</p> + +<p>Bei dem Wort »Mutter« begann Binia zu schluchzen. +Eine Mutter! In ihrem Leben noch einmal eine Mutter. +Das war ein stürmischer Angriff.</p> + +<p>»Die oberflächlichen Leute meinen,« fuhr der junge +Mann fort, »Sie seien nur ein überaus gescheites, allerliebstes +Naturkind, aber ich will es Ihnen sagen: Sie<span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">[Pg 272]</a></span> +sind ein großes, liebeheischendes, heißes Herz — und +wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia, +so gehen Sie um Ihres eigenen Glücks willen nicht kalt an +mir vorbei. Darf ich mit dem Herrn Präsidenten reden?«</p> + +<p>Wie die Männerstimme zitterte!</p> + +<p>»Nein — nein — Herr Doktor, nein,« erwiderte +sie angstvoll, »ich ehre Sie — ich will Ihnen ein Geheimnis +verraten — ich bin verlobt.« — —</p> + +<p>Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er +schrieb ihr aber später: »Ich weiß, was ich verloren habe, +Sie einzige — tausend-, tausendmal Glück!«</p> + +<p>Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wußte +es, sie hätte froh werden können mit dem Manne. Und, +seine Hand wäre Rettung vor Thöni Grieg gewesen.</p> + +<p>Wozu diese wahnsinnige Treue für Josi? Das fünfte +Jahr erfüllte sich jetzt bald, daß er fortgegangen war.</p> + +<p>Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte +Sommerwetter entstandene Stimmung im Dorf.</p> + +<p>Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen +dürfte, aber er ist wie ein Pulverfaß. Man darf nicht +an ihm rühren. Alles muß sich vor ihm drücken. Thöni +— Frau Cresenz — am meisten sie selbst: »Bini,« donnert +er sie an, »Gott's Hagel — ich mache das Wetter +nicht, lasse mich mit den Kälbern im Dorf in Ruh'.«</p> + +<p>»Binia,« sagten die von St. Peter, »Ihr seid ja +lieb und gut, aber wir wollen nichts aus dem Bären, +es klebt Unglück daran,« und einige Weiber erklärten +es frei heraus: »Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn +Ihr schon so lieb lächeln und reden könnt, mit Euren +dunklen Augen seid Ihr doch eine Hexe und der Bären +ist das Unglück von St. Peter.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">[Pg 273]</a></span>Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen +Nebel an den Bergen; wenn die Sonne am Morgen +auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag doch +wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig +lichteten, sah man neue Runsen an den Bergen. Die +oberen Alpen wurden spät schneefrei, ehe das Gras gewachsen +war, deckte sie schon wieder Schnee, ein früher +Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat rückte der +Gletscher vor. Die Wildleutlaue rüstete sich!</p> + +<p>Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgefühl +legte sich über das Dorf, als dürfe es nie mehr +auf bessere Zeiten hoffen, und der gräßliche Kaplan Johannes, +der wieder von Fegunden heraufgekommen war, +verließ St. Peter nicht mehr.</p> + +<p>Binia wußte es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur +von dem Haß gegen den Vater, der ihn vor Jahren hatte +aus der Gemeinde treiben lassen. Er wühlte und hetzte +im Dorf mit den dunkelsten Künsten des Aberglaubens. +Entsetzlicher noch! Der böse Narr hatte seine Begierde +auf sie geworfen. Sie fürchtete ihn wie die Taube den +Habicht; seit er ihr letzthin zugerufen: »Jungfer, merkt +Ihr, wie mein Korn reif wird?« zitterte sie vor ihm und +ahnte schwere Ereignisse.</p> + +<p>Gewiß trieb der dämonische Kaplan die von St. Peter +zu einer thörichten That, um in einer Stunde der Verwirrung +seine düstere Seele an den Bildern erfüllter +Rache zu ergötzen.</p> + +<p>Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Glück +der Vater selbst nichts erfuhr, trat dazu.</p> + +<p>Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund +hergekommen war, verlangte, daß man das Tier wie<span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">[Pg 274]</a></span> +einen Gast bediene. Thöni, der Thor, der sich in das +Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur +in einem besonderen Zimmer. Die Mägde hatten zu dem +Hund »Guten Tag, Herr Walo!« zu sagen, wenn er +auf den Stuhl sprang, ihm ein weißes Tuch vorzubinden +und dann je auf besonderem Teller fünf Gerichte vorzulegen, +zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: »Wünschen +wohl gespeist zu haben, Herr Walo!« und die Dame +überwachte die Bedienung ihres Viehes.</p> + +<p>Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung, +aber die Mägde schwatzten, und nun lief die Geschichte +im Dorf.</p> + +<p>»Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden,« +staunten die Leute entsetzt.</p> + +<p>Kaplan Johannes trug die Erzählung von Haus zu +Haus: »Merkt ihr,« fragte er, »aus dem Wetter nichts? +Geht nach Hospel, dort sind sie froh über den Regen, +der dann und wann fällt. Merkt ihr nichts?«</p> + +<p>»Wohl, wohl!« erwiderten die Dörfler, »die armen +Seelen wollen die todsündige Völlerei im Bären nicht, +sie wollen den Neubau nicht, die Zwingburg, die uns +hudlig machen soll. In den fürchterlichen Wettern geben +sie uns ihre Zeichen.«</p> + +<p>»Wir sind ja schon hudlig,« antworteten andere +ingrimmig: »die drei Kleinsten Bälzis stehen am Weg +und strecken den Fremden die Hände um Almosen hin. +Die Haushaltung hat nichts zu beißen und zu brechen. +Und noch viele müssen vor Elend auch zu betteln anfangen. +Das ist das Werk des Presi.«</p> + +<p>Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte +gegen den Aberglauben und wies seiner Herde in Chroniken<span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">[Pg 275]</a></span> +nach, daß es auch früher schon so schlimme Jahre +gegeben habe.</p> + +<p>Die Dörfler aber schrieen ihm zu: »Pfarrer, Ihr +hütet die heilige Religion nicht. Wißt ihr es nicht? +Der Presi will in dem Neubau heimlich eine Kapelle für +die Ungläubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht, +und wenn Ihr nicht helft, müssen wir selbst Ordnung +schaffen. Wir sind nicht gewaltthätig und den Fremden +wollen wir nichts thun, aber wenigstens den Neubau +dulden wir nicht.«</p> + +<p>»Man muß mit dem Presi in Güte reden!« meinten +einige Ruhige, wie der Fenken- und der Bockjeälpler.</p> + +<p>»Wenn wir das thun,« erwiderten aber die anderen, +»sind wir verloren. — Er ist ein alter Fuchs, er weiß +schon, wie er zu sprechen hat, daß keiner von uns mehr +etwas sagen kann.«</p> + +<p>Der Glottermüller hatte mit seinem Wirtschäftchen +gute Zeiten, aber auch in den eigenen Stuben sammelten +sich da und dort die Dörfler.</p> + +<p>»Wir müssen es hinter den Garden stecken,« meinten +sie, »er kommt dem Presi am ehesten bei. Der Glottermüller +muß mit ihm gehen. Der Kaplan Johannes +auch.«</p> + +<p>Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine +Wohnung kam und ihm zuredete, daß er Vermittler zwischen +der Gemeinde und dem Presi werde. »Ich bin nicht +mehr sein Freund!« erklärte er. — »Aber Ihr seid der +Garde!« drangen sie in ihn. — »Dann gehe ich allein,« +sagte er. — »Nein, wenigstens einer muß mit,« erwiderten +sie, »damit der Presi spürt, daß es Ernst gilt.«</p> + +<p>Nach gewaltigem Sträuben fügte sich der Garde in<span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">[Pg 276]</a></span> +den sauren Gang und darein, daß der Glottermüller ihn +begleite.</p> + +<p>Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verdüsterung +stand der Himmel in reinem Blau, nur hingen +an der Krone so drohende Wächten, wie man sie niemals +zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund +zu Mund: »Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der +Himmel uns wieder wohlgesinnt.«</p> + +<p>Würdig empfing der Presi die beiden Abgesandten +von St. Peter, würdevoll wie ein König antwortete er +ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult stützend: »Ihr +Männer von St. Peter. Meint ihr, daß ich die Gemeinde +weniger lieb habe als ihr? — Aber in einer thörichten +Sache lasse ich mich nicht von euch zwingen. Wir sind +alle freie Männer. Wir beugen uns vor nichts als vor +den Ueberlieferungen unserer Väter und den Gesetzen des +Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, daß jeder +bei uns frei bauen darf, wie er will. Ich habe kein +minderes Recht als ihr, der Bären und die Krone stehen +unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum heiligt. +Wer daran rührt, ist dem Gericht verfallen. Nicht +anders ist es mit den Fremden, die ins Thal kommen. +Sie sind nicht, wie ihr meint, vogelfrei, sie stehen unter +dem Schirm mächtiger Verträge. Wehe dem, der die +verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn +ich ein neues Haus aufschließe und Gäste darein führe, +und ich will es euch beweisen, daß ich euerm ungerechten +Verlangen nicht nachkomme. Thöni — Binia!«</p> + +<p>»Presi, seid barmherzig,« bat der Garde, »sonst +gerät die Gemeinde ins Unglück. Was Ihr sagt, ist wohl +wahr — aber es ist nicht gut — es ist nicht gut.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_277" id="Page_277">[Pg 277]</a></span>Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden +fast nicht ansehen, Thöni aber erschien wie ein großer Herr.</p> + +<p>»Thöni Grieg und Binia Waldisch,« wandte sich +der Presi stolz und feierlich an die beiden, »vor der +Gemeinde St. Peter verlobe ich euch, auf daß ihr in +Frieden und Glück das neuerbaute Haus zur Krone +führt. Binia, hole mir Bissen und Wein, daß ich sie +euch reiche.«</p> + +<p>Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: »Nein +— ich kann nicht, Vater.«</p> + +<p>Da wurde er kreideweiß: »Du Elende!« knirschte er +mit einem entsetzlichen Blick der Wut, »vor der Gemeinde +machst du mich zu Schanden — möge Gott dich dafür +schlagen!«</p> + +<p>Der Glottermüller verlor seine Haltung und quiekte +mit seiner hohen Weiberstimme: »Das ist ja abscheulich! +Ich gehe, lebt wohl!«</p> + +<p>»Ja,« bebte die Stimme des Presi, »sagt es dem +Dorfe nur, was für eine Ungeratene ich zum Kinde habe.«</p> + +<p>Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit +Thränen in den Augen sprach er: »Gewaltthat auf Gewaltthat! +— Sünde auf Sünde — Presi! alter Freund +— muß ich es wirklich erleben, daß Ihr Euch selbst, +Euer Kind, Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!«</p> + +<p>»Was, alter Freund?« erwiderte der Bärenwirt +kalt und hohnvoll, »einer, der es mit den Kälbern hält, +— ein Tropf seid Ihr, Garde!«</p> + +<p>»Alte Männer schlagen sich nicht. — Ihr schlagt +Euch selbst.«</p> + +<p>Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke +lag Binia, das Häuflein Unglück.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_278" id="Page_278">[Pg 278]</a></span>Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund +zu Mund: »Nun hat sich Binia doch mit Thöni Grieg +verlobt.« Schreckliche Gerüchte waren im Umlauf. Drei +Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe +mit Armen und Beinen ausgeschlagen. »Ich kann nicht +mehr leben. Mein Kind hat mich vor der Gemeinde zu +Schanden gemacht.« Da habe sich Binia auf ihn geworfen +und verzweifelt gerufen: »Vater — lebe! — ich will +Thöni nehmen!«</p> + +<p>Der Presi hatte den Sieg über sein Kind und die +Abgeordneten davongetragen, aber der Bären lag in Acht +und Bann, furchtbare Erregung und Empörung gegen +ihn herrschte im Dorf.</p> + +<p>So kommt der Winter, ein verkehrter Winter! +Es fällt viel Schnee, aber er hält nicht. Die Lawinen donnern +Tag um Tag und ihre Luftstöße erschüttern die +Hütten. Jetzt tritt endlich bittere Kälte ein. Da geschieht +ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut fährt über +die Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken +auf, die Wolken verfinstern das Thal, sie sausen +herab, sie drehen sich und prasseln aufs Dorf. — Die +Glocken läuten.</p> + +<p>»Wohl denen, die tot sind,« schreien die Leute. +»St. Peter geht unter — die armen Seelen ziehen aus +— für die Zeit, die uns bleibt, haben wir noch genug +zu essen, und daß unser armes Vieh an Seuchen stirbt, +kann nichts mehr schaden.«</p> + +<p>Da schleicht ein Wort heimlich durch das geängstigte +St. Peter, das Wort »Ahorn!« Wo sich zweie treffen, +redet der eine geheimnisvoll von hundert Dingen, bis er +unauffällig das Wort »Ahorn« ins Gespräch mengen<span class='pagenum'><a name="Page_279" id="Page_279">[Pg 279]</a></span> +kann. »Ahorn!« erwidert der Angeredete feierlich. Außer +dem Garden, den man immer noch einer alten Freundschaft +für den Presi verdächtig hält, dem Pfarrer und +einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter +in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im +Wort »Ahorn« erkennen. Wer die Losung spricht, +weiß es: Im Namen der armen Seelen muß der +Bären, das Sündenhaus, fallen und der Neubau zerstört +werden. Es giebt sonst keine Rettung für das Dorf. +Wen das schreckliche Los trifft, der muß den Bären und +die Krone anzünden. Sonst ihm selbst »Ahorn«. Es +giebt keinen Verräter im Bergland. Sonst auch ihm +»Ahorn«. Wer es aber thut, der soll, auch wenn er +dem Gericht in die Hände fällt, in der Gemeinde nicht +ehrlos sein, sondern alle anderen sollen für seinen Haushalt +einstehen.</p> + +<p>Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so +fürchterlich, daß sie selber davor zurückbeben. Sie losen +noch nicht, erst zu äußerst soll es geschehen — gerade ehe +die Fremden wieder erscheinen.</p> + +<p>»Ahorn« und Wildleutlaue! So kommt der Frühling.</p> + +<p>Der Presi und Thöni sind nach Hospel geritten. Am +offenen Fenster steht im Abendsonnenschein Binia und +träumt. Ihre Wänglein sind bleich, die Augen noch +dunkler und größer als früher. Auf dem Kirchhof sprießt +das erste flaumige Grün und auf dem Kirschbaum, der +sich bräutlich schmückt, flötet eine Amsel.</p> + +<p>Eine Amsel. — Sie denkt an Santa Maria del +Lago. — Jetzt ist sie selbst der gefangene Vogel, aber +keine barmherzige Hand kommt und schneidet sie aus dem +Netz.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_280" id="Page_280">[Pg 280]</a></span>Josi, dessen Bild ihr so gräßlich entschwebt ist, steht +wieder in Klarheit vor ihr.</p> + +<p>Die Reue wütet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen +Wallung des kindlichen Gefühls hat sie dem +Vater das Opfer gebracht, daß sie sich mit Thöni verlobte. +Ist der Vater des Opfers wert? — Nein, wie +könnte er sonst die Freundschaft mit Thöni halten, dem +Schuft.</p> + +<p>Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Thönis +wehrte sie ab, da kam er gerade, allerdings nicht ganz +nüchtern, dazu. Thöni ließ sie los, da lachte der Vater +glückselig. »Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht +ihr nicht so scheu zu thun.« Und Thöni überredet den +Vater, heimlich sei sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber +hat es noch nie dazu gebracht, Thöni nur den kleinen +Finger zu strecken oder sich eine Berührung von ihm gefallen +zu lassen. Allein an den mißverstandenen Augenblick, +an Thönis Vorspiegelungen klammert sich der Vater +und betäubt sein schlechtes Gewissen.</p> + +<p>Ob er nun glücklich ist? — Nein, er ist ein armer, +armer Mann! Er fällt aus den Kleidern, er beginnt +zu ergrauen, er lächelt wohl darüber, daß kein Mensch +den Bären betritt, aber der Haß des Dorfes peinigt ihn, +die Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, tötet +ihn fast.</p> + +<p>Er könnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf würde +an ihm hangen, aber die Welt mag sterben, er setzt +seinen eigenen Willen durch.</p> + +<p>Und sie — und sie — dieses viel zu starken Vaters +Kind — sie ist schwach geworden — nach unsäglicher +Treue doch treulos.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_281" id="Page_281">[Pg 281]</a></span>Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war, +beißt sie in die Finger und schaut mit großen traurigen +Augen in die sonnige Frühlingswelt.</p> + +<p>Da rennen Leute die Straße daher und kreischen: +»Es ist ein Toter auferstanden — Josi Blatter, der +Rebell!«</p> + +<p>Sie schreit auf — sie fällt in die Kniee, sie flüstert: +»Er lebt!« und vor ihr versinkt die Welt.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_282" id="Page_282">[Pg 282]</a></span></p> +<h2><a name="XV" id="XV"></a>XV.</h2> + + +<p>Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi +Blatter!</p> + +<p>Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden +Föhnsturm des Märzen schritt er am Spätnachmittag +von der Schneelücke herunter.</p> + +<p>Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im +Dorf den einsamen Wanderer bemerkt. »Ein Mann, ein +Tier oder ein Gespenst!« rieten die Leute und waren +eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas Natürliches +zu glauben. Was für ein Christ konnte um +diese Zeit der höchsten Gefahr über die Schneelücke steigen, +an der selbst im Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. +Der Wanderer aber schritt unentwegt näher und sprach +zu den verwundert Spähenden und Harrenden: »Grüß +euch Gott,« gerade wie es die zu St. Peter sprechen.</p> + +<p>»Alle Heiligen. — Das ist Josi Blatter — das ist +der Rebell!« Die Frauen und Kinder bekreuzten sich, +man hörte ängstliche Stimmen: »Ist er lebendig oder +tot?« und die abergläubisch Erschrockenen fuhren zurück.</p> + +<p>Er mußte wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, +den Rucksack über die Schultern gehängt, den eisenbeschlagenen +Bergstock in starker Hand, so fest und gelassen<span class='pagenum'><a name="Page_283" id="Page_283">[Pg 283]</a></span> +kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof gehen, +und in scheuer Entfernung folgten ihm die Dörfler: »Der +ist jetzt ein schöner Mann geworden!« meinten einige. +Er aber wandte sich um. »Bäliälplerin, wißt Ihr, welche +Nummer das Grabscheit meiner seligen Schwester Vroni +hat? Ich möchte für sie beten.«</p> + +<p>Alle, die es hörten, schrieen auf und wichen zurück. +Der junge Peter Thugi nur grüßte ihn herzlich: »Josi, +was denkst du? Deine Schwester Vroni ist nicht gestorben, +sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des Garden.«</p> + +<p>Josi wankten die Kniee; als ob er stürzen wolle, +pflanzte er sich an den Bergstock. Er konnte nicht reden.</p> + +<p>Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. »Lebe +wohl, Josi!« sagt Peter Thugi. Der murmelt aber nur +finster: »Warum hat mir der Garde das gethan?«</p> + +<p>»Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!« tönt es +wie Feuerruf durch das Dorf, halb St. Peter sammelt +sich vor der Wohnung des Garden.</p> + +<p>Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. +Da sieht er den Auflauf. Im gleichen Augenblick pocht es +an der Thüre und Vroni öffnet.</p> + +<p>»Josi! — Alle Heiligen — Josi!« Mit blutleeren +Wangen weicht sie zurück — dann stürzt sie wieder vorwärts +und umhalst ihn jubelnd und weinend. »Du lebst, +Josi, — du lebst!« Allein der Ankömmling bleibt an +der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die +Wand, legt den Rucksack nicht ab, und als der Garde +ihm entgegengeht und sagt: »Komm doch herein, Josi,« +da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thüre. +»Ja, darf ich?« fragt er gedrückt. »Lange eng machen +will ich euch nicht. Ich weiß jetzt, daß ich überzählig bin.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_284" id="Page_284">[Pg 284]</a></span>Finster und wankend steht er an der Thüre: »Ehe +ich eintrete,« preßt er hervor, »muß ich doch fragen, wie +Ihr mir habt so einen Brief schreiben können, Garde. +Vroni lebt und ist nicht tot! — O Vroneli, du lebst — +du lebst!« Er will sie umarmen, aber sie tritt zurück +und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.</p> + +<p>»Mutter Gottes, was Josi redet,« jammert sie. »Ich +gestorben und der Vater einen Brief? — Josi, hat dir +die fremde Welt das Hirn verrückt?« Ihre Augen nehmen +einen schreckhaften Ausdruck an.</p> + +<p>Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung +faßt, ist der Garde: »So komm doch herein, Josi,« redet +er ihm freundlich zu, »wir wollen über alles im Frieden +reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken, mit +dem Wiederfortgehen drängt es gewiß nicht, Josi.«</p> + +<p>Der sitzt nun am Tisch und schluchzt in die Hände: +»Vroni lebt!«</p> + +<p>Der Garde ist tief erschüttert. »Ein Brief — ein +Brief! sagst du, Josi.« Er langt in ein Schubfach des +Buffert. »Da ist auch ein Brief, aus dem wir nicht klug +geworden sind.« Josi schaut auf — er dreht und dreht +den Brief in zitternden Händen. »Vor vier Jahren! +Da war ich allerdings in der Gegend von Srinigar! +Vor zweien noch. Auch die Cholera war dort. Ein paar +hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist abscheulich +drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die +Post nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege +auf dem Karren. Solche Dinge sind in der großen Verwirrung +vorgekommen, viele Angestellte der Post sind gestorben, +es hat neue gegeben, und die waren nicht immer +zuverlässig. So ist ein Irrtum denkbar.« Er wirft einen<span class='pagenum'><a name="Page_285" id="Page_285">[Pg 285]</a></span> +Blick in den Brief: »Und Binia hat das Wort von den +Vögeln geschrieben: 'Laß die Hoffnung nicht fahren.'« +Er erbebt.</p> + +<p>Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch +zurück, sie deckt den Tisch mit weißem Linnen und +der Garde sagt, indem er dem jungen Manne noch einmal +die Hand schüttelt: »Josi, gottwillkommen, ich +merke schon, es ist viel aufzuklären.«</p> + +<p>Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere +sei tot, umarmen sich wieder und wieder: »Josi, du +lebst« — »Du lebst auch, Vroni!«</p> + +<p>Plötzlich sagt Josi: »Aber wie so lange kein Brief +gekommen ist, hab' ich doch wieder einen gesandt. Darauf +ist Euer Brief, Garde, gekommen, und ich habe Euch +noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten. +Ich verstehe die Welt nicht mehr.« Er langt in die Brusttasche. +»Da ist Euer Brief, Garde!«</p> + +<p>Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder +bleich: »Nicht selig werden will ich, wenn ich das geschrieben +habe, so gotteslästerliche Dinge — schau! — +schau! — Vroni!«</p> + +<p>Und sie liest:</p> + +<p>»Lieber Vögtling Josi! In gar großer Betrübnis +melden wir Dir, daß das gute, liebe Vroneli nach langem +Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im Winter sehr +unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu +unserem großen Leidwesen legen müssen und nimmer +mögen genesen. Aber Deinen Brief hat es noch mit +mageren Händchen gehalten und sich noch auf dem Todbett +daran gefreut. Es ist so traurig, daß ich nicht alles +schreiben mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in<span class='pagenum'><a name="Page_286" id="Page_286">[Pg 286]</a></span> +St. Peter. Du hast damit, daß Du auf die Krone +gingest, ein großes Unglück angestellt. Kein Frieden, keine +Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, daß Du fort +bist! Die Bini hält in vierzehn Tagen Hochzeit mit +Thöni Grieg. Wer hätte gedacht, daß sie den Fötzel +nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das +Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt, +es sei ihm recht, daß es die Hochzeit nicht mehr erlebe, +es hätte keine Freude daran wegen Dir. Es hat Dich +noch tausendmal grüßen lassen. Du sollst für die Selige +beten. Lebe wohl, Josi, und tröste Dich! Auf Wiedersehen +kann ich nicht sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie +mehr nach St. Peter kommen. Hans Zuensteinen, Garde.«</p> + +<p>Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde läuft +wütend hin und her: »Merkst du nicht, wer den Brief +geschrieben hat, Vroni?« Er nimmt ihn wieder. »Gerade +meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind +es andere.« Er wühlt mit zitternden Händen im Buffert. +»Da ist noch etwas Geschriebenes von Thöni Grieg. — +Da schau, schau! — Da am Ende hat es von seinen +Buchstaben — du unseliger Hund! — Thöni, du unseliger +Hund. — Und du nennst dich nur Fötzel — und +bist so ein Schuft!«</p> + +<p>Josi schluchzt: »Ich habe nicht auf die Buchstaben +gesehen, mich hat der Brief halt gerade so angetönt, +als ob er von Euch wäre — ich habe so viele Thränen +darauf vergossen. Thöni — das hast du mir gethan! — +Und Bini ist gewiß auch nicht sein Weib.«</p> + +<p>Da öffnet sich die Thüre ein wenig, man hört draußen +Eusebis gedämpfte Stimme. »Schau nur schnell, Bini — +er ist wirklich und wahrhaftig da — aber zittere nicht so!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_287" id="Page_287">[Pg 287]</a></span>Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und +springt: »Josi!« Binia fällt an der Schwelle nieder, sie +stößt gegen die Thüre und diese öffnet sich breit.</p> + +<p>Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia. +»Bineli!« schreit er in seliger Freude, aber er fährt +zurück, tonlos stammelt er: »Sie trägt doch einen Ring!« +Er ruft: »Geh fort, Bini, geh fort — ich halte es +nicht aus — ich kann dich nicht ansehen — — fort, +fort — Frau Thöni Grieg!«</p> + +<p>Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen +Worten. Vroni müht sich um die Gestürzte und begleitet +sie aus dem Haus.</p> + +<p>Der Garde nimmt Eusebi beim Rockärmel: »Wie +hast du auch Bini hereinbringen können,« knurrt er wild.</p> + +<p>»Wir haben Sägeträmmel in der Glotter geflößt, +da kommt ein Bub Bälzis gesprungen: 'Josi Blatter ist +wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie ich vor das +Haus komme, stehen die Leute da — mitten unter ihnen +wie eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine +Hände. 'Ich komme gerade von daheim, ist es wahr, ist +Josi da?' Ein Stein hätte sich ihrer erbarmen müssen. +Und gebettelt hat sie: 'Laß mich nur durch die Thürspalte +lugen wie er jetzt ist.' Ihr hättet auch nicht +widerstehen können, Vater!«</p> + +<p>Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi hört es +nicht mehr. Er hat sich zu Josi gewandt: »Josi — +Schwager — lieber Schwager.«</p> + +<p>»Ja so — du bist es, Eusebi!« stammelt Josi. »Dich +habe ich nicht gleich wieder erkannt. Was bist auch für ein +Mann geworden — und ich habe dich immer noch im Gedächtnis +gehabt, wie du so ein blöder Bub gewesen bist!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_288" id="Page_288">[Pg 288]</a></span>»Schwager!« wiederholt Eusebi.</p> + +<p>»Wie rufst du mir! — 'Schwager?' — das ist eine +spaßige Welt.«</p> + +<p>»Du weißt noch nicht, daß Vroneli meine Frau ist +— meine liebe, herzige Frau.«</p> + +<p>»Eusebi, was sagst — Vroni, deine Frau!« Josi +stürzt von einer Ueberraschung in die andere.</p> + +<p>»Und du weißt noch nicht,« sagt Eusebi, »daß wir +ein so liebes, herziges Kind haben, komm und beschau's!«</p> + +<p>Der Glückliche zieht den von allem Neuen auf den +Kopf geschlagenen Josi in die Nebenstube: »Siehst, da +liegt es und schläft und weiß nicht, daß du gekommen +bist. Es ist jährig, und weil es gesund ist, so schläft es +bei allem Lärm.«</p> + +<p>»Wie heißt es?« fragt Josi.</p> + +<p>»Joseli heißt es wie du und dir zu Ehren.«</p> + +<p>»Joseli heißt es und mir zu Ehren,« wiederholt er +wie in tiefem Traum.</p> + +<p>Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht; +wie er den Vater sieht, streckt er lachend die Aermchen, +und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend auf den Arm: +»Joseli!«</p> + +<p>»Schwager!« sagt er, »wie mich das freut — wie +mich das freut, daß du wiedergekommen bist. Vroni hat +so viel getrauert um dich, jetzt mein' ich, ist sie dann +erst recht glücklich mit mir, weißt, das ist eine Frau, +wie die Fränzi selig, wie deine Mutter — o so himmelgut.«</p> + +<p>Wie die beiden Männer wieder in die Wohnstube +treten, ist Vroni, die junge Frau, eben von der Begleitung +Binias zurückgekehrt und auf einen Stuhl gesunken.<span class='pagenum'><a name="Page_289" id="Page_289">[Pg 289]</a></span> +Mit gefalteten Händen spricht sie: »Bini ist heimgegangen +— aber was jetzt geschieht, weiß Gott!«</p> + +<p>Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni +ist glücklich, wie die Mutter Josi herzlich begegnet: »Tausend, +was für ein schöner Mann Ihr seid! Einen so +braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark. +Und die häßliche Narbe sieht man nicht mehr.« Sie +schüttete einen ganzen Korb voll neugieriger Fragen vor +ihm aus.</p> + +<p>Der Garde sagt aber ernst: »Ich gehe noch ins +Dorf, es muß in der ersten Frühe ein zuverlässiger Bote +nach Hospel auf die Post! Schweigt zunächst über die +Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen +Thönis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr +gegen den Bären.« Er geht und die unaufschiebbaren +Abendarbeiten, welche Eusebi und die Gardin in +Anspruch nehmen, fügen es, daß die Geschwister allein sind.</p> + +<p>Leise sänftigen sich die Wogen des überraschenden +Wiedersehens.</p> + +<p>Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der +Sturm hat ihn überwältigt.</p> + +<p>Da streichelt ihn Vroni und fragt: »Wie hast auch +den Heimweg wieder gefunden, Josi, nach mehr als +fünf Jahren?«</p> + +<p>Mit geröteten Augen schaut er auf: »Ich will es +dir nur bekennen,« erzählt er, »ich wäre nicht wieder +gekommen, hätte mich Felix Indergand nicht mit Gewalt +zurückgeschleppt. Wie zwei Brüder haben wir zusammen +gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh, +daß du gestorben seiest, und Binia an mir so schlecht gewesen +ist, so hat er manchmal meine Hand genommen<span class='pagenum'><a name="Page_290" id="Page_290">[Pg 290]</a></span> +und so warm geredet, daß ich ganz tröstlich geworden +bin. 'Was willst im fremden Land freudlos leben?' +sagte der gute Felix, 'kreuzige dich nicht so stark, Untreu' +ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich von dir, +Vroni, erzählt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate, +mein liebes Schwesterkind zu Bräggen.' Und er meint, +ich soll sie um ihre Hand fragen. Er drängte mich. Und +nun, Vroni, gab ich ihm ein Versprechen, das mich reut, +aber wenn man keinen lieben Menschen auf dieser Welt +mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde +viel zu Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag fährt das +Mädchen von Bräggen in die Stadt zu seinem alten +Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um ihm als +Patenkind Glück zu wünschen. Also auch morgen. Und +ich muß ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen, +ob mein Geldlein richtig auf die Bank angewiesen worden +ist. Da kann ich sie sehen, ohne daß sie vom Plan weiß. +Sie muß in Hospel übernachten. Doch ist mir so sonderbar! +Ich hätte schon vor drei Tagen in St. Peter +sein können, aber ich meinte: 'Nur geschwind beten auf +den Gräbern und durch das Dorf laufen.' — Und, +Vroni, um die Beate kümmere ich mich nicht — ich kann +nicht — sieh, wer von Bini ein Reiflein hat, der hat +keine andere mehr lieb! Immerhin will ich dem Freund +das Versprechen halten.«</p> + +<p>So berichtete Josi.</p> + +<p>»Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder? +Sei nicht so bitter, glaube mir, Binia hat +gräßlich um dich gelitten. Sie ist zu der Verlobung +mit Grieg gezwungen worden.« Und in fliegenden Zügen +schildert ihm Vroni die Ereignisse der Zeit.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_291" id="Page_291">[Pg 291]</a></span>»Sie hat gräßlich gelitten um mich.« Tonlos sagt +es Josi und weint.</p> + +<p>»Daß ich auch so flennen muß,« stammelt er, »es +ist ja eine Schande, wenn ein Mann greint, aber ich +kann mich nicht wehren — ich flenne vor Freude, weil +es dir so gut gegangen ist, Vroni, — wer hätte gedacht, +daß Eusebi so ein Mann, wer hätte gedacht, daß wir +die nächsten Verwandten des Garden würden — ich flenne, +weil dein Kind Joseli heißt — weil ich wieder in St. Peter +bin, wo Vater und Mutter begraben sind. Ich weine +aus Wut über Thöni Grieg, erschlagen könnte ich ihn +vor Grimm — ich weine, weil es mir das Herz vertrüdelt +und bricht, daß ich Bini wiedergesehen habe. — +Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst du, +schmerzenreich und ist jetzt doch Thönis Braut!«</p> + +<p>Josi hat alle Fassung verloren.</p> + +<p>Da kommt der Garde zurück. Wie er hört, daß +Josi schon am Morgen in die Stadt gehen will und von +dem Versprechen erfährt, das er Indergand gegeben, +seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegenüber +und nimmt seine Hand. »Ich meine,« sagt er herzlich, +»ich sei auch dein Vater, Josi, und will offen mit dir +reden. Wie du zu Bini standest, weiß ich und der Herrgott, +der ins Herz sieht, weiß ebenso gut, wie schwer es +mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Daß du aber morgen +die Beate Indergand sehen willst, das ist des Himmels +Wink. Kämpfe, kämpfe, Josi, gegen dein Herz! Es wird +jetzt schon eine Aenderung im Bären geben, Thöni Grieg +kann nicht in St. Peter bleiben, ich könnte mich nicht +zähmen, wenn ich ihn träfe, den unseligen Hund. Was +da aber komme, Josi, hüte dich vor Binia! Der Bären<span class='pagenum'><a name="Page_292" id="Page_292">[Pg 292]</a></span> +wankt. Zu maßlos hat der Presi gewütet. Ein Volksgericht +bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben +hat — und, lieber Josi, ich möchte dich, wenn der Bären +gestürzt ist, nicht unter den blutenden Opfern finden. +Darum, um Gottes willen, Hand weg von Binia. So +wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi — mein +Haus soll rein bleiben von Schuld — und wenn dir die +Beate ein wenig gefällt, so sei freundlich zu ihr. Es +ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.«</p> + +<p>»O, wäre Bini nur nicht verlobt,« stöhnt Josi, +»ich holte sie jauchzend mitten aus der Wut derer von +St. Peter, aber ich kann nicht der Nachgänger Thöni +Griegs sein — nein, beim Himmel nicht — und nicht +mit einem Stecklein könnte ich sie mehr anlangen.«</p> + +<p>»Josi, geh' zur Ruhe,« mahnt Vroni, »du bebst ja +am ganzen Leib — du bist krank.«</p> + +<p>Josi steht auf.</p> + +<p>»Noch eins, Josi,« sagt der Garde, »so schwer es +dir und mir fallen mag — gegen das Dorf wollen wir +über Thönis That schweigen und wenigstens jetzt auch +noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat +sich gerüstet und das ist immer eine schwere Zeit — ein +Wort von uns, und sie kann den Bären mit den heligen +Wassern zusammenschlagen. Gieb mir die Hand darauf, +Josi, daß du ruhig bist.«</p> + +<p>Stumm reichen sich die Männer die Hände, zuletzt +sagt der Garde: »Mit dem Presi will ich aber morgen +doch reden — nicht seinetwegen — aber wegen des +armen Dorfes.«</p> + +<p>Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, +doch wirre Träume quälten ihn, am meisten der, Binia<span class='pagenum'><a name="Page_293" id="Page_293">[Pg 293]</a></span> +schwebe in irgend einer großen Gefahr und rufe mit +ihrem Vogelstimmchen: »Josi — Josi — ich bitte dich — +hilf mir.« Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um +ihn und einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die +Kammerscheiben geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit +bleiernen Gliedern blieb er liegen. Im ersten Grauen +des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weißes vor seinem +Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein +Faden gezogen war, hing am Fensterhaken.</p> + +<p>»Bini!« schrie er.</p> + +<p>Sie schrieb: »Ich muß mich vor Dir rechtfertigen, +sonst sterbe ich. Bei dem schönen, unvergeßlichen Tag +von Santa Maria del Lago, sei heute um Mitternacht +im Teufelsgarten. Dein unglücklicher Vogel Binia.«</p> + +<p>Josi biß sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte +sich. »Thorheiten, Bini,« flüsterte er, und +beim frühen Morgenessen sagte er zu Vroni: »Schwesterlein, +ich habe es mir überlegt. Ich muß wieder in +die Fremde. Je bälder je besser. Am Sonntag noch +wollen wir miteinander zur Kirche gehen, dann reise ich +wieder ab.«</p> + +<p>Und seltsam! Vroni war über seine Rede wohl +traurig, das Wasser trat ihr in die Augen, aber sie +widersprach ihm nicht.</p> + +<p>Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele +witterte Gefahr für Josi.</p> + +<p>Er zögerte und zögerte fortzugehen, er scherzte noch +mit Joseli, der erwacht war, und dann war es immer, +als wolle er noch etwas sagen oder fragen.</p> + +<p>»Du kommst gewiß zu spät,« mahnte Vroni.</p> + +<p>Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs-<span class='pagenum'><a name="Page_294" id="Page_294">[Pg 294]</a></span> +und schmerzenreichen Weg über den Stutz hinunter, am +Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei.</p> + +<p>Als er zu den Weißen Brettern aufschaute, erschrak +er. Es rieselte weiß in den Wildleutfurren und knatterte +in einem fort. »Gerade wie damals,« dachte er, +»als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so früh im +Jahre!«</p> + +<p>Er dachte an den Vater — er dachte an seinen +eigenen großen Plan, als ein zweiter und stärkerer Matthys +Jul und für Binia die heligen Wasser den sicheren +Weg durch die Felsen zu führen und St. Peter aus der +Blutfron zu lösen.</p> + +<p>In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein +wunderbarer Anreiz lag in dem Gedanken.</p> + +<p>Bah — Bini ist für ihn verloren — er will wieder +fort, die in St. Peter mögen selber sehen, wie sie mit +den heligen Wassern fertig werden.</p> + +<p>Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine +wunderliche Stunde kam ihm ins Gedächtnis.</p> + +<p>»O Binia! — Binia!« seufzte er.</p> + +<p>Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu +schicken und ihr sagen zu lassen, sie möchte von dem +Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch nur zu Vroni, +wäre ihm doch wie ein schnöder Verrat am geliebten +Bild erschienen.</p> + +<p>»Glaube mir, sie hat gräßlich um dich gelitten — +sie ist zur Verlobung mit Thöni gezwungen worden.« +Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren. Und +Binia ist in Gefahr.</p> + +<p>»Ich kann sie aber doch nicht treffen — sie ist die +Braut Thöni Griegs,« murmelte er, und der Gedanke<span class='pagenum'><a name="Page_295" id="Page_295">[Pg 295]</a></span> +an Binia und an die Warnung des Garden quälte ihn +so, daß er im reinen Frühlingstag vor Weh fast starb. +Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze +mit dem Bettelsack stutzte einen Augenblick — dann schlug +er ein höllisches widriges Lachen an. »Guten Tag, Söhnchen! +— Bist du wieder da, du undankbares Aas!«</p> + +<p>»Schweige, Pfaff!« Und Josi machte eine drohende +Bewegung mit seinem Stock.</p> + +<p>Ein entsetzlicher Haß loderte aus den Augen des Verrückten, +Josi aber hatte eine sonderbare Empfindung: +»Wie wenn mir einer Gift angeworfen hätte.«</p> + +<p>In Tremis streckte die alte verkrümmte Susi ihren +Kopf aus dem Fenster. »Je, je,« lachte sie verwundert, +»der zweimal verloren gegangene Rebell! — Jetzt seht +Ihr aber schön aus. Bini muß jetzt wohl den Thöni +fahren lassen. Hä-hä hä!«</p> + +<p>»Haltet Euer altes Maul!« rief er ihr verdrossen +zu, er eilte vorwärts und kam in Hospel eben recht auf +die Post.</p> + +<p>Der Wagen rollte das große Thal entlang. Ein +betagtes Ehepaar und ein junges Mädchen teilten sich +mit Josi in den Raum des offenen Gefährtes. Das Mädchen +glich Vroni und war blond wie sie. Er hörte bald, +daß sie erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie übernachtet +habe. Die drei sprachen dann aber wieder von gleichgültigen +Dingen, namentlich vom Segen der heligen Wasser +zu Hospel und den fünf Dörfern, wo ihr erster lauer +Strom die Aprikosen- und Pfirsichblüten geöffnet hatte.</p> + +<p>»Ihr seid von Bräggen,« wandte sich Josi höflich +an das Mädchen, »sagt, ist Felix Indergand gut heimgekommen +von seiner weiten Reise?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_296" id="Page_296">[Pg 296]</a></span>»Vorgestern,« antwortete sie frisch, »kennt Ihr ihn?«</p> + +<p>»Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien +zusammen, wir haben uns erst vor wenigen Tagen +getrennt.«</p> + +<p>»Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im +Glotterthal?«</p> + +<p>Zwei hübsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches +Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens.</p> + +<p>»Felix,« fuhr sie fort, »hat uns viel von Euch erzählt, +er sagte, ohne Euch hätte er es niemals ausgehalten +in dem fremden Land, aber wenn er fast vergangen +sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so +lieb angesehen mit Euren braunen Augen.«</p> + +<p>Sie lächelte wieder und betrachtete Josi, der unter +ihren Blicken unruhig wurde.</p> + +<p>Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes +Mädchen.</p> + +<p>Bei einem der nächsten Dörfer stiegen die alten +Leute aus — die Jugend fuhr bis in die Nähe der +Stadt allein durch den Frühling und plauderte.</p> + +<p>Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen +lastete auf ihr und ihrer Mutter, und wenn +Josi nicht zu viel in ihre Worte legte, so dachte sie ernstlich, +sich männliche Hilfe zu suchen.</p> + +<p>»Ja, in Bräggen,« scherzte er, »giebt es gewiß +Bursche genug, die gern zu Euch in den Dienst treten, +zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.«</p> + +<p>»Seid doch still,« antwortete sie, »die Bursche bei +uns lungern lieber vor den Gasthöfen herum.«</p> + +<p>Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust hätte, bei +ihr als Knecht einzutreten.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_297" id="Page_297">[Pg 297]</a></span>»Ach, geht,« sagte sie errötend, »so ein gescheiter, +schöner Mann wie Ihr, der in Indien Aufseher gewesen +ist, wird doch nicht Knecht, das könnte ich gar nicht +leiden.«</p> + +<p>Und sie sah ihn so sonderbar fröhlich und gütig, +mit so viel Achtung an, daß er ganz verwirrt wurde.</p> + +<p>»Kommt aber,« sprach sie, »nur sonst bald einmal +nach Bräggen, Felix wird eine große Freude haben und +Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann selbstverständlich +ein paar Tage nicht los.«</p> + +<p>Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie: +»Ja, etwas muß ich Euch noch erzählen. Wie ich gestern +mit der Post im Kreuz zu Hospel angekommen bin, saßen +zwei Männer von St. Peter da, der Präsident und ein +jüngerer Herr, Thöni haben sie ihn genannt. Ich frage +sie, ob Ihr schon daheim seid. Da sagt der Präsident: +'Der ist ja gestorben!' der jüngere aber wird grün und +gelb wie eine Leiche und wiederholt auf spaßige Art: +'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und +habe erzählt, was ich von Felix über Euch wußte: wie +Ihr, obgleich noch so jung, geachtet und angesehen und +Aufseher über mehr als hundert Arbeiter gewesen seid +und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, daß +man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird, +wenn Ihr Euch wieder meldet. Die haben Mund und +Augen aufgesperrt, der Präsident hat vor Schlucken nichts +sagen können als: 'So — so — — Josi Blatter — so +— so!' Der jüngere aber hat die Gläser nur so gestürzt. +Es war ganz sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt +auf einmal gesagt: 'Die Maultiere sind bereit — +reitet heim, ihr habt ja eine große Neuigkeit zu bringen.'«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_298" id="Page_298">[Pg 298]</a></span>»So lieb habt Ihr von mir geredet,« dankte Josi, +seine Wangen glühten, er versprach den Besuch zu Bräggen +und nahm ihre Hand. »Ihr seid so ein artiges Mädchen!«</p> + +<p>»Ihr gefallt mir auch gut — ich bin sonst nicht +von der Art, daß einer nur meine Hand nehmen darf, +sondern recht wählerisch,« lächelte sie.</p> + +<p>Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann +stieg ein, und weil Josi und Beate nichts Gleichgültiges +sprechen wollten, so wurden beide still.</p> + +<p>Es wäre gewiß ein schöner Traum: Ein freundliches +Gut im grünen Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das +Lachen eines so jungen sonnigen Weibes wie Beate, am +Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der in +schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt +hat, und dazu den Frieden der Heimat.</p> + +<p>Josi weiß es. Aber er ist kaum allein, so bereut +er das Versprechen, nach Bräggen zu kommen, bitterlich. +Es wäre ein Unrecht an der sonnigen, arglosen Beate, +wenn er ihr Liebe heuchelte, während er doch ein anderes +Bild im Herzen trägt: Binia, das feurige Herz, die +mutvolle Seele. Da giebt es keine Rettung.</p> + +<p>Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer +Binia, ihr glänzendes Augenpaar, die frischen Lippen, +das rosige Ohr und er geht mit ihr am Gestade von +Santa Maria del Lago.</p> + +<p>Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute +Wort, das er Beate gegeben hat.</p> + +<p>»Felix, ich kann dir nicht helfen!« sagt er für sich, +und dann: »Bini! — Bini! — Ich komme, wenn es +das Leben kostete, in den Teufelsgarten — ich muß deine +dunklen Augen sehen — deinen Ruf 'Josi' hören. <span class='pagenum'><a name="Page_299" id="Page_299">[Pg 299]</a></span>— +Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien +— morgen schon fort — trotz Garde, Vroni und Joseli +— fort — fort! ein einsamer heimatloser Mann.</p> + +<p>»Wie gern wäre ich für dich an die Weißen Bretter +gestiegen, aber — o Bineli — weil du mit Grieg gegangen +bist, habe ich den Mut nicht mehr.«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_300" id="Page_300">[Pg 300]</a></span></p> +<h2><a name="XVI" id="XVI"></a>XVI.</h2> + + +<p>Einen Tag zurück.</p> + +<p>Binia ist vom Haus des Garden wieder daheim. +Mit verkrampften Händen sitzt sie am Rand des Bettes. +Die dunkle Flut ihrer Haare ist ihr zu beiden Seiten +niedergeglitten, zwei brennende Augen schauen zwischen +den Strähnen hervor. Das Gesicht ist starr und blaß +wie ein Steinbildnis, aber im Blick funkelt das Leben, +strömt die Leidenschaft. Sie stößt einen Ton hervor, +wie ein kleines Kind, das seufzt. Es beben die Lippen: +»Er ist gekommen wie ein Held — er ist schön wie ein +Held!«</p> + +<p>Dann wimmert sie und beißt sich die Fingerknöchel +wund. »Wie hat er mich genannt? — Frau Thöni +Grieg!« Das Wort brennt sie wie eine Hölle im Herzen! +»Es ist nicht wahr. Nein. In Ewigkeit nein. — Ich +werde es nicht.«</p> + +<p>Sie schleudert den Reifen weit von sich.</p> + +<p>Sie wankt zum Schrank, sie nimmt aus einer kleinen +bemalten Truhe ein goldenes Kettchen, sie öffnet die Kapsel +die daran hängt, und ein Tautropfen glänzt. Sie +küßt ihn mit glühenden Lippen und sagt: »Wie ein<span class='pagenum'><a name="Page_301" id="Page_301">[Pg 301]</a></span> +Tautropfen so frisch, so rein, so sonnenvoll habe ich +wollen sein, damit ich dir immer gefalle, Josi.«</p> + +<p>Die Stimme erbebt zart und fein. Da merkt sie +erst, daß ihr die Haare niedergefallen sind. Sie tritt +vor den Spiegel und ordnet sie. Und nun lächelt sie doch. +Sie ist wohl blaß und ihre Wänglein sind schmal, aber +ihre gewölbte Stirn ist rein — und die Lippen sind rein.</p> + +<p>Und sie stammelt: »Das Herz ist rein! — Und er +liebt mich noch — ich habe es ihm angesehen — ich will +demütig sein gegen ihn — o, so demütig — und wenn +er mich nicht mehr will —«</p> + +<p>Ein Schrei!</p> + +<p>Und nun staunt sie wieder: »Wenn der Vater nicht +will, wenn Thöni nicht will. Sie wollen nicht!«</p> + +<p>Kämpfen, kämpfen will sie jetzt um Josi bis ans +Ende — gegen Thöni — gegen den Vater — gegen +die ganze Welt. Nein, um das einzige große Glück ihrer +Liebe darf sie sich nicht betrügen lassen.</p> + +<p>Und wenn sie Josi fortjagt, so will sie zu ihm hinkriechen +und betteln: »Dulde mich bei dir!«</p> + +<p>Sie sinnt und nach einer Weile tönt wieder ihr +kleiner Schrei.</p> + +<p>In den fliegenden Gedanken hat sie etwas Sonderbares +gehört und gesehen; die Leute haben gesagt, Josi +habe geglaubt, Vroni sei tot. Und auf dem Tisch des +Garden lagen zwei Briefe. — Ein alter Verdacht zuckt +auf: »Warum hat Thöni die Postschlüssel immer abgezogen?« +Ist sie hellseherisch geworden aus langer, unbegreiflicher +Blindheit?</p> + +<p>»In verbrecherischer Weise hat sich Thöni zwischen +mich und Josi gestellt.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_302" id="Page_302">[Pg 302]</a></span>Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung +gewonnen.</p> + +<p>»Ja, jetzt Kampf!« Ihre Augen flammen auf, alles +an ihr lebt und bebt. »Du wirst sehen, Vater, du +armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor, wie ich +Thöni liebe.«</p> + +<p>Mit fieberglühendem Köpfchen schwankt sie hinab in +die Postablage. Sie hat die Hand am Telegraphenapparat: +»Postdirektion. In St. Peter ist ein Postverbrechen +geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch.« +Da läßt sie die Hand sinken — der Schrecken lähmt sie. +Der Vater ist der Posthalter, nicht Thöni. Hat je ein +Kind seinen Vater den Gerichten ausgeliefert?</p> + +<p>Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie +weiß ja nicht einmal, ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt +ist. Und nun noch ein furchtbarer Gedanke: »Wenn +der Vater in seinem wilden Haß auf Josi der Anstifter +der Briefunterschlagungen wäre?«</p> + +<p>»Schäme dich, Binia,« flüstert sie, »so ist er nicht. +— Unerhörte Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt, +aber du mußt ihm nur in die Augen sehen, in die lieben +und schönen Augen, dann siehst du einen gewaltigen +Mann, der sich eher würde zerbrechen lassen, als daß +er mit Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit +mithülfe. — Er ist das Opfer — armer, armer +Vater!«</p> + +<p>Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen +Thönis sein.</p> + +<p>Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mißtrauisch +folgen — sie geht in ihre Kammer — — sie +liest den Ring Thönis knirschend auf — aber sie bringt<span class='pagenum'><a name="Page_303" id="Page_303">[Pg 303]</a></span> +ihn nicht mehr an den Finger — sie läßt ihn in die +Tasche gleiten.</p> + +<p>»Mutter,« flüstert sie, »jetzt sollte dein armes Kind +klug sein wie eine Schlange.«</p> + +<p>Sie steigt in die große Wohnstube hinab — sie näht +— aber die Nadeln brechen und der Faden reißt. Und +dennoch denkt sie: »Wie ich heucheln gelernt habe! Nähen +— und das Herz zerspringt.«</p> + +<p>Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam +erlebt hat. Sie sieht die Bilder, als schaue sie in einen +Guckkasten: den kleinen Buben, der das wilde Kind herumträgt +— den Kuß im Teufelsgarten — den schlafenden +Josi, den sie mit Fränzi beschaut — Josi, das Knechtlein, +das zerschmettert mit Bälzi geht — Josi, der unter +dem Peitschenhieb des Vaters blutet — Josi, der zu Madonna +del Lago erwartungsvoll vor der Gartenpforte steht.</p> + +<p>Wie hat sie auch nur einen Augenblick vor dem +Zorn des Vaters schwanken, einen Augenblick glauben +können, Josi sei tot.</p> + +<p>Da kommen die Männer heim.</p> + +<p>»Hole mir Wein, Bini, ich habe noch einen verdammten +Durst,« johlt Thöni, — »schau mich nicht so +verächtlich an, Bini, und so seltsam. So, schwillt dir +der Kamm wieder, weil der Rebell und Halunke da ist. +Es nützt dir nichts. — Am Sonntag muß der Pfarrer +unsere Ehe verkündigen!«</p> + +<p>»Ins Bett mit dir, Thöni,« keucht und donnert der +Presi, der müde und elend auf einen Stuhl gesunken ist.</p> + +<p>»Von Euch laß ich mich nicht mehr so anfahren, +Presi,« mault Thöni unter der Thür zurück, »wenn ich +im Kot bin, so seid Ihr auch drin.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_304" id="Page_304">[Pg 304]</a></span>»Geh jetzt,« sagt der Presi matt, »schlafe den Rausch +aus. Gelt, Bini, du machst keine Thorheiten wegen des +Rebellen!« Thöni schwankt ohne »Gute Nacht« fort.</p> + +<p>Sie antwortet dem Vater nicht. Das Linnen, an +dem sie arbeitet, ist ihr vom Schoß geglitten. Sie hat +das letzte Wort Thönis anders gefaßt als der Vater — +für sie ist es ein Schuldbekenntnis, daß an Josi ein Verbrechen +geschehen sei.</p> + +<p>»Ich gehe jetzt auch zu Bett, es ist mir nicht recht +wohl. Gute Nacht, Binia.« Der Vater sagt es so gütig, +wie er seit langem nicht mehr geredet hat, aber tiefbekümmert, +als hätte er etwas Schweres erlebt.</p> + +<p>Binia schläft nicht.</p> + +<p>Mitten in der Nacht wandelt sie barfuß und gespensterhaft +durch das Haus. Leicht gekleidet schleicht sie +von ihrer Kammer durch den Gang zu Thönis Zimmer. +Sie lauscht eine Weile an der Thüre. Der drinnen +schnarcht laut. Sie öffnet die Kammer, läuft auf den +bloßen Zehen zu Thönis Kleidern und zieht daraus den +Schlüsselbund, er klirrt leise, der Schläfer wendet sich +auf die Seite, sie huscht in den Mondschatten, aber einen +Augenblick später schnarcht er weiter, sie huscht zurück +durch Gang und Treppen abwärts bis zur Postablage.</p> + +<p>Sie entzündet Licht, schließt Pult und Truhen auf +und findet, was sie sucht, in einer kleinen Schublade — +Briefe — die Notschreie Josis um sein totes Schwesterlein +und um sie.</p> + +<p>Sie küßt sie — ihre Augen blitzen — ein bleiches +Lächeln geht über ihr Gesicht. »Darum hast du so viel +trinken müssen, Thöni, du Schuft! Aber ein Narr bist +du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst hättest du die<span class='pagenum'><a name="Page_305" id="Page_305">[Pg 305]</a></span> +Briefe vernichtet.« Aus der Ferne hört sie den gleichförmigen +Gesang des Wächters, der mit seinem Spieß +taktmäßig auf das Straßenpflaster schlägt. Sie löscht +das Licht aus, bis er vorübergegangen ist.</p> + +<p>Dann entzündet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgefühl +steigt in ihr auf — sie will am Morgen die Briefe +dem Vater vorlegen — Thöni ist geschlagen, das Feld +für Josi frei. — Und vor Josi will sie sich rechtfertigen +— so bald als möglich.</p> + +<p>Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die +ihn in den Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden +ins Freie und hängt den Brief mit Hilfe einer +Stange, einer Nadel und eines Fadens an die Haken +des Fensters, hinter dem Josi schlafen muß, und kehrt +leis zurück.</p> + +<p>Alles was sie thut, thut sie wie im Traum — sie +ist ihrer Sinne nicht mächtig, so hämmert die Brust — +sie taumelt durchs Haus, sie tritt wieder in Thönis Zimmer, +sie steckt den Schlüssel in seine Kleider, sie betrachtet +einen Augenblick den Schläfer, sie hebt die geballte Faust: +»Josi hast du gemartert und schläfst so gut.«</p> + +<p>In ihren Augen funkelt der Haß, sie flüstert: »Weiß +Gott, ich könnte Judith sein.«</p> + +<p>Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie höre etwas. +— Das Entsetzen rüttelt sie — sie hat den Vater seufzen +gehört — aber sie hat nicht gewagt, sich umzusehen. War +es nur Einbildung der gespannten Sinne, daß er unter +der Thür seiner Kammer stand?</p> + +<p>Wie eine Bildsäule lehnt sie noch im Morgenrot +mit gefalteten Händen an ihrem Bett, blaß und aufgeregt, +aber in furchtbarer Entschlossenheit.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_306" id="Page_306">[Pg 306]</a></span>Sie muß mit dem Vater reden — rasch — rasch.</p> + +<p>Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater +sei krank, und wie Binia doch zu ihm heraufsteigen will, +da fleht jene, daß sie ihm Ruhe gönne.</p> + +<p>Daran hätte sich Binia nicht gekehrt, es handelte +sich jetzt gewiß um mehr als Ruhe, aber — ihr selber +liegen die Erregungen der Nacht wie Blei in den Gliedern +— sie hätte die Kraft nicht, mit dem Vater zu +reden, wie sie müßte — sie könnte nur weinen.</p> + +<p>»Wohl, wohl,« meint Frau Cresenz, »das wird eine +heitere Wirtschaft auf den Sommer, der Präsident ächzt, +du bist so zitterig wie Espenlaub und von Thöni mag +ich schon gar nicht reden — der war heute früh wie +eine Leiche — die Post hat er nicht besorgt — er hockt +schon wieder beim Glottermüller und säuft. — Und ich +überlege, ob ich nicht fortlaufen will.« — —</p> + +<p>Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und +stöhnt: »So viel Elend! — Die Dörfler drohen mit +Aufruhr — der Garde ist wild über mich — die Wildleutlaue +steht in Sicht — und nun ist auch der Rebell +wieder da — der unheimliche Rebell, von dem man nicht +weiß, woher er in allen Dingen seine Stärke hat.«</p> + +<p>Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen, +daß der zurück ist. Die Bräggerin plauderte +so harmlos, als ob sie nichts merke. Thöni aber stürzte +Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem +Heimritt immer nur, er werde den Rebellen töten.</p> + +<p>Er hat sich an der letzköpfigen Aufregung Thönis +geärgert — er konnte nicht schlafen vor Verdruß. — +Da — da — hört er eine Thür gehen — er streckt den +Kopf aus dem Schlafgemach — — Binia schleicht leichtgekleidet<span class='pagenum'><a name="Page_307" id="Page_307">[Pg 307]</a></span> +und barfuß aus Thönis Kammer und huscht +hinüber, wo sie und die Mägde schlafen — Bini — seine +Bini. — Ist's möglich — sie in der Nacht bei Thöni — +sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und gesperrt hat — +sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil +geworden.</p> + +<p>Er ächzt — er stöhnt. — Es ist unfaßbar, daß Binia +zu Thöni gegangen sei, aber was das Auge sieht, glaubt +das Herz. Er hat gestern abend einen Groll gegen ihn +gefaßt — und die Wahrheit — er hat schon lange etwas +gegen ihn. Wie, wenn Thöni doch nicht der rechte Schwiegersohn +wäre? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit +der Verlobung das Dorf schlagen wollen, nun ist ihm, +er habe sich selber und Binia geschlagen. Das arme Kind +— der liebe, lose Vogel — ob ihm nun die Wiederkehr +Josi Blatters nicht das Herz bricht. Und in heißen +Stößen spürt der Presi, wie er Binia liebt, die arme +Maus, die sich mit Thöni vergessen hat. — Er möchte +sie schlagen vor Wut, er möchte vor ihr niederknieen: +»Bini, meine einzige, sage es deinem alten Vater, was +er gesehen hat, sei nicht wahr.« Aber er kann das Kind +nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz klagt ihn +schreiend an: »Ich habe sie mißhandelt. Und der Mensch +ist wie ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es +genug Schläge bekommen hat, störrisch und stürzt sich in +den Abgrund.«</p> + +<p>So ist Binia gestürzt, sein herrliches Kind — sein +ist die Schuld — er darf ihr nicht mehr in die Augen +sehen.</p> + +<p>»Möge dich Gott schlagen,« hat er einmal gesagt +— und Gott hat sie geschlagen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_308" id="Page_308">[Pg 308]</a></span>Es ist schrecklich. — Eine Umkehr giebt es nicht +mehr, nur Eile vor dem Rebellen. Am Sonntag muß der +Pfarrer die Ehe Thönis und Binias verkündigen. Ein +Glück ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia weiß jetzt, +daß das Spiel mit Josi Blatter aus ist — das ist vorbei!</p> + +<p>Es ist ein furchtbar bleiches Lächeln der Genugthuung, +das um die Lippen des Presi spielt.</p> + +<p>Josi Blatter bringt er nicht aus dem Kopf. Er +ist in Ehren und mit guten Zeugnissen aus der weiten +Welt zurückgekehrt. — — Ja, er ist halt Fränzis Sohn, +das ist seine geheimnisvolle Kraft.</p> + +<p>Der Presi keucht und schwitzt. Da pocht es, Frau +Cresenz bringt ihm einen Brief, den der Viehhüter Bonzi +abgegeben hat. Er trägt die knorrige Schrift des Garden.</p> + +<p>Der Presi ahnt nichts Gutes, erst als Frau Cresenz +gegangen ist, öffnet er das Schreiben.</p> + +<p>»Presi!« schreibt der Garde, »ich laufe Euch nicht +nach, aber wenn Ihr zu mir kommen wolltet, so hätte +ich Ernstes mit Euch zu reden. Ich habe die Beweise in +den Händen, daß Thöni Grieg an Josi Blatter einen +gottlosen Brief geschrieben, die Schrift gefälscht und das +Schreiben mit meinem Namen mißbräuchlich unterzeichnet +hat. Ferner besitze ich von der Post in Hospel die Bescheinigung, +daß zwei eingeschriebene Briefe, darunter +der des Gemeinderates an den Konsul in Kalkutta, im +Postbuch nicht vermerkt und also nicht durch Hospel gegangen +sind. Thöni Grieg hat also diese und andere +unterschlagen. Ich hoffe, daß Ihr nicht Mitwisser des +Verbrechens seid.«</p> + +<p>Der Presi liest den Brief nicht zu Ende — er neigt +das blasse Haupt auf die Seite — seine Hände zucken<span class='pagenum'><a name="Page_309" id="Page_309">[Pg 309]</a></span> +— er will aufstehen — es geht nicht — mit vorgelegten +Armen läßt er den Kopf fallen. — Aus der Brust des +Gerichteten stöhnt es, wie wenn eine gewaltige Eiche sich +zum Falle rüstet.</p> + +<p>Der Sturz einer Eiche. Wer das Bild einmal gesehen +hat, vergißt es nie! Es seufzen tief unter der Erde +die Wurzelgrüfte, es bebt die Krone, die Vögel flattern +schreiend heraus, die Käfer kriechen aus der Rinde und +rennen davon, quiekend würgt es in den Stammfasern, +als ob sich Jahrhunderte trennen, es ist ein Knistern und +Brechen, ein geheimnisvolles Raunen von Abschiedsstimmen +— das Fallen einer Eiche ist eine ganze Schlacht.</p> + +<p>Eine würgende, ächzende Schlacht ist in dieser Stunde +das Leben des Presi.</p> + +<p>Er zweifelt nicht. Er wütet nicht, aber sein leises +Zittern ist schrecklicher als ein lauter Ausbruch der Wut.</p> + +<p>Wenn die Eiche vor dem Falle erbebt, so sagen die +Holzleute: »Der Baum redet!«</p> + +<p>Der Presi redet.</p> + +<p>Mit zuckenden Lippen murmelt er: »Nein, Garde. +— Gott weiß es — ich bin unschuldig — Bini — Vogel +— meine Ehre und deine Ehre durch einen Schuft dahin.«</p> + +<p>Sein Wort klingt wie eine sanfte, feierliche Knabenstimme. +Die dünnen spärlichen Thränen des Alters +rinnen über seine Wangen. Er merkt es erst, wie sie +auf seine Hände fallen. Die Thränen beelenden ihn noch +mehr. Sechsundzwanzig Jahre hat er nicht geweint. Er +hat es beim Tode der Beth nicht gethan, sondern das +letzte Mal, als er Fränzi um ihre Hand bat.</p> + +<p>»Fränzi. — Seppi Blatter,« stöhnt er, »erbarmet +euch meiner — ich gebe nach!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_310" id="Page_310">[Pg 310]</a></span>»Ich gebe nach — ich will hinter sich machen — +zuerst mit Bini. — — Ja, wenn es ginge! Aber sie +ist aus Thönis Kammer gekommen!«</p> + +<p>Und das Wort Thönis: »Wenn ich im Kot bin, +seid Ihr auch drin,« tönt in seinem Ohr wie die Posaune +des Gerichts.</p> + +<p>Da murmelt er in seinen wilden Schmerzen: »Für +den Rebellen thut sie es schon noch,« doch er hat es +kaum gesagt, so rauft er sich das Haar: »Nein — +nein — das gilt nicht — das habe ich nicht gedacht.« +Er zuckt in der gräßlichen Furcht, daß dieser eine schlechte +Gedanke schon wieder ein neues Verhängnis zeitige, und +die Stunde ist da, von der der Garde gesprochen hat. +»Auf den Knieen würdet Ihr zur Lieben Frau an der +Brücke rutschen, wenn Ihr Bini nur dem Josi geben +könntet und Ihr sie friedlich wüßtet.«</p> + +<p>Die Stunde ist da — sie ist gekommen wie ein Dieb +über Nacht.</p> + +<p>O, wie der wilde Presi zahm ist und betet.</p> + +<p>Ein schönes Alter. — Nein, kein schönes Alter. — +Binias Augen reden: Vater, warum hast du mich in die +Hand eines Schuftes gezwungen und ich hätte glücklich +sein können mit Josi Blatter, der ehrenvoll aus der +Fremde heimgekommen ist.</p> + +<p>»Frieden. — Frieden! —«</p> + +<p>Wieder sinkt sein Kopf. Er sieht es nicht, wie Frau +Cresenz angstvoll kommt und geht. Er weiß nicht, wie +viele Stunden er in brütender Vernichtung sitzt, er hört +es nicht, wie der wachsende Föhnsturm pfeift und an den +Fenstern rüttelt.</p> + +<p>Sein Leib ist lahm, seine Glieder sind gebrochen,<span class='pagenum'><a name="Page_311" id="Page_311">[Pg 311]</a></span> +endlich aber steht er schwankend auf, er nimmt Rock und +Hut und steigt die Treppe hinab. »Wo ist Bini?« fragt +er Frau Cresenz. Er leidet furchtbare Angst um das +Kind — es ist ihm, es schwebe in drohender Lebensgefahr +— und doch, nein, er möchte sie nicht sehen — +er schämt sich vor Binia und für sie.</p> + +<p>»Sie hat so stark den Föhn im Kopf — sie hat +nicht mehr stehen können — sie ist in ihre Kammer gegangen,« +jammert Frau Cresenz. »Um tausend Gotteswillen +redet jetzt nicht mit ihr.«</p> + +<p>»Föhn im Kopf,« grollt der Presi dumpf — »ich +gehe jetzt zum Garden — und ich hoffe, daß mir Thöni +nicht begegnet — sonst muß er sterben.«</p> + +<p>Das letzte sagt der Presi so fest, wie es ein Richter +sagen würde.</p> + +<p>Frau Cresenz schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: +»Was giebt es auch, Präsident, was giebt es?«</p> + +<p>Da schleudert er ihr den Brief des Garden vor die +Füße und geht.</p> + +<p>Allein in der Dämmerung geht er nicht gleich zum +Garden, er schwankt, ohne zu wissen, was er thut, +hinüber zum Neubau, steht eine Weile davor, schüttelt +den Kopf und wendet sich wieder zum Gehen.</p> + +<p>Da hört er plötzlich ein gräßliches Lachen. Kaplan +Johannes mit dem Bettelsack steht neben ihm. »Herr +Presi, merkt Ihr es nicht, es kommt ein Wetter. Geht +doch lieber zum Glottermüller, dort zahlt einer Wein, +so viel man will, und erzählt den Leuten lustige und +traurige Geschichten aus dem Bären von St. Peter.«</p> + +<p>»Du räudiger Pfaff!« schreit der Presi, er stürzt +sich auf den Kaplan und mißhandelt ihn. Unter heulenden<span class='pagenum'><a name="Page_312" id="Page_312">[Pg 312]</a></span> +Flüchen flüchtet der Letzköpfige, er droht: »Ich will +doch einmal mit Eurer Tochter tanzen!«</p> + +<p>Das andere versteht der Presi nicht.</p> + +<p>»Zu allem Elend den Hohn. Aber warum sollte +man mich nicht auslachen, mich, den alten Thor, der sein +Kind in die Arme eines Verbrechers gezwungen hat. Und +der Schuft hockt noch in St. Peter? Eine Axt will ich +nehmen und ihn erschlagen.«</p> + +<p>Er schwankt nun aber doch zum Garden, zu dem +schwer beleidigten ehemaligen Freund. Bitter wie noch +kein Gang in seinem Leben wird ihm der Besuch. »Garde,« +keucht er, »verzeiht mir, und Josi Blatter lasse ich danken, +daß er nicht klagt.«</p> + +<p>Mehr würgt er nicht hervor, der Garde will ihm +die Beweise vorlegen, aber ein Blick, und der Presi +nimmt plötzlich den Hut und stürmt fort.</p> + +<p>Beim Garden hat er das Glück gesehen, das innige +Familienglück um Vroni, in seinem Haus aber wütet das +Unglück.</p> + +<p>Er stürmt durch die Nacht. Wer nicht ein Dörfler +ist, fände jetzt den Weg nicht. Der Föhnsturm singt an +den Felsen ringsum, er stöhnt, er jauchzt und die Wolken +hangen so tief ins Thal, daß sie das Dorf fast erdrücken. +Ferne Lawinen donnern, es regnet in starken einzelnen +Tropfen. Jeder Regentropfen thut dem Presi im brennenden +Gesichte wohl.</p> + +<p>Zuletzt kommt er doch wieder heim; der wirre Mann +ächzt: »Präsidentin, ich muß zu Bett — ich glaube, es +ist meine letzte Nacht — ich habe mein Herz gewendet — aber +ich weiß schon — es kommt noch mehr — es kommt +noch mehr.« Gräßliche Furcht rüttelt ihn.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_313" id="Page_313">[Pg 313]</a></span>Früh schon ist der Bären dunkel. Einige Stunden +später steht im Wettersturm ein Mann vor dem unglücklichen +Haus, und wie es elf Uhr schlägt, öffnet er die Thüre.</p> + +<p>»Bist du es, Thöni?« kreischt Frau Cresenz, die ihn +trotz dem Sturme gehört hat, angstvoll. Keine Antwort. +Da rennt sie halb angekleidet die Treppe hinunter, Thöni +kommt aber schon wieder aus der Postablage und eilt +ins Freie.</p> + +<p>»Thöni, was thust du?« schreit sie angstvoll.</p> + +<p>»Lebt wohl, Tante, Frau Präsident,« ruft er. »Nach +der Postkasse fragt nicht — ich gehe nach Amerika — +und der Revolver ist für Verfolger geladen.«</p> + +<p>»Er geht den rechten Weg,« knirscht der machtlose +Presi, der sich ans Fenster geschleppt hat.</p> + +<p>Eine Nacht ist eingefallen, wie man sie im Bergland +selten erlebt.</p> + +<p>Der Föhn fährt in Stößen von den Gipfeln, heiß +im einen Augenblick, im nächsten bis ins Mark erkältend. +Die Wolken jagen sich, stieben schwarz und schwer über +die Hausdächer dahin, die Blitze erleuchten das Thal +taghell, die schäumenden Wasser der Glotter erglänzen. +Dann ist wieder pechschwarze Nacht. Jetzt spielen die +Feuerflammen um die Krone, der Firn funkelt und +leuchtet. Unaufhörlich knattert der Schnee- und Eisbruch +im Gebirg, an den Bergwänden verfängt sich der schmetternde +Donner, rollt und grollt, das Krachen der frischen +Schläge wird verstärkt durch den Wiederhall der vorangehenden +und rings im Gebirg sind die Runsen los. +Die Berge wanken, es ist, als ob, was tausend Jahre +fest und starr gewesen ist, plötzlich lebendig würde und +wandern müsse. Es ist ein Bild wie Weltuntergang!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_314" id="Page_314">[Pg 314]</a></span>Die Wetterglocken von St. Peter wimmern durch +den Aufruhr der Elemente.</p> + +<p>In allen Häusern brennt Licht, um den Tisch sammeln +sich bleiche Gesichter, in den Händen der Beter +beben die Kruzifixe, und selbst die Gottlosen falten die +Hände und seufzen: »Herr! — Herr!« —</p> + +<p>»Es ist eine Totennacht,« flüstern die Aelpler. In +dieser Nacht steht nach uralter Sage ein geheimnisvolles, +im Bergland begrabenes Kriegsvolk auf und zieht zur +Heimat. Da darf niemand ins Freie blicken, denn wer +die Reiter sieht, wird vor Schrecken siech:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Es donnern die reitenden Boten:<br /></span> +<span class="i0">»Gebt Raum für das irrende Heer,<br /></span> +<span class="i0">Es fahren, die Goten, die toten,<br /></span> +<span class="i0">Vom Bergland ans heilige Meer.«<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Frau Hulder auf leuchtendem Schimmel<br /></span> +<span class="i0">Sprengt jauchzend den Reitern voran,<br /></span> +<span class="i0">Sie ziehn auf der Erde, am Himmel;<br /></span> +<span class="i0">Sie kämpfen und brechen sich Bahn.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Von reisigen Vätern und Söhnen,<br /></span> +<span class="i0">Wallt klirrend der Heerzug durchs Thal, —<br /></span> +<span class="i0">Die Trommeln, die Hörner erdröhnen —<br /></span> +<span class="i0">Sie reiten in brennender Qual.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Schaut — allen die fahren und fliegen,<br /></span> +<span class="i0">Strömt aus den Wunden das Blut,<br /></span> +<span class="i0">Die weinenden Mütter, sie wiegen<br /></span> +<span class="i0">Im Arm die erschlagene Brut.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">So reiten und ziehen die Goten,<br /></span> +<span class="i0">Der schallende Hornruf ergellt:<br /></span> +<span class="i0">»Hu-hoi, hu-hoi! Wir Toten<br /></span> +<span class="i0">Sind Herren der lachenden Welt.«<br /></span> +</div></div> + +<p>In dieser Nacht schwitzt der Presi Blut: »Es kommt +noch mehr — es kommt noch mehr!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_315" id="Page_315">[Pg 315]</a></span>Ja, Herr Presi, es kommt noch mehr.</p> + +<p>In dieser Nacht stehen im Teufelsgarten eng aneinander +geschmiegt zwei Liebende. Und zärtlich spricht der +junge Mann: »Bini, weil ich dich rein erfinde wie einen +Tautropfen, will ich das große Gelübde meiner Jugend +halten.«</p> + +<p>»Josi« — es tönt wie ein kleiner Schrei, »Josi, +mein Held!« Sie umarmen sich, sie küssen sich, sie flüstern +es einander selig zu, daß es kein Leben mehr giebt als +eines im anderen.</p> + +<p>In dieser Nacht flieht ein Mann, den das schlechte +Gewissen jagt, thalaus.</p> + +<p>Wie er am Teufelsgarten vorbeirennen will, zuckt +eine Blitzschlange durch die Glotterschlucht und erleuchtet +sie taghell. Er sieht das engverschlungene Paar. Aus +dem Revolver blitzen die Schüsse, die Kugeln zischen. +Die Schlucht wird dunkel, am Glottergrat kracht es und +ein gewaltiger Donner erstickt die Stimmen eines Kampfes, +der im Teufelsgarten wütet, und übertönt den Sturz +eines Mannes, der in der Glotterschlucht versinkt.</p> + +<p>Im ersten Morgengrauen geht das Liebespaar blaß +und eng aneinander geschmiegt den Stutz empor und der +Mann flüstert dem bebenden Mädchen zu: »Arme Bini — +das habe ich nicht gewollt — so elend müssen wir sein — +nun mag uns Gott helfen.«</p> + +<p>Wie er es sagt, schießt johlend Kaplan Johannes +am Wegrand auf.</p> + +<p>»Hoho! — Rebell und Hexe,« lacht er drohend, »ich +komme auch an eure Hochzeit.«</p> + +<p>Und während des Männerkampfes im Teufelsgarten +ist die Wildleutlawine gegangen.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_316" id="Page_316">[Pg 316]</a></span></p> +<h2><a name="XVII" id="XVII"></a>XVII.</h2> + + +<p>Die Wildleutlawine ist gegangen! — Man hat es +in dem Aufruhr der Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, +aber der Morgen bringt die erschreckende Kunde. +— Und heute ist Wassertröstung — Losgemeinde! Ein +Mann muß auf Leben und Sterben an die Weißen +Bretter steigen und geheimnisvoll waltet das Los.</p> + +<p>Der Sturm der Nacht hat sich gesänftigt, der Himmel +hat sich gereinigt, mit unschuldigem Kinderlächeln schaut +er auf die Welt, und der Föhn, der gewaltige Geselle, +schmeichelt um die ergrünenden Berghalden wie ein verliebter +Bursch, der von seinem Mädchen Blumen bettelt.</p> + +<p>Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, +die Enzianen öffnen die blauen Augen.</p> + +<p>Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hält +ihre Augen. Der Tag entwickelt die alten Bilder! Aus +der Runde reiten die Bauern auf ihren Maultieren zur +Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und +Töchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche +Ruhe waltet, tiefer als je an einer Wassertröstung. +Da und dort grollt es flüsternd: »Schon nach elf Jahren. +Merkt Ihr es!« Und die dumpfe Antwort lautet: »Ahorn!« +Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: »In<span class='pagenum'><a name="Page_317" id="Page_317">[Pg 317]</a></span> +zwölf Wochen spätestens sollen Bären und Krone +brennen.«</p> + +<p>Wie einsam steht der Bären, das schöne alte Wirtshaus! +An die Stangen vor ihm bindet kein Bauer sein +Maultier an. Frau Cresenz tritt ein paarmal angstvoll +unter die Thüre, aber die Ziehenden reiten grußlos vorbei +und stellen die Tiere vor die Häuser der Verwandten +oder vor die Glottermühle.</p> + +<p>Verfemt ist der Bären! Nein! Wie die Glocken zu +läuten anheben, schreitet wie ehemals der Gemeinderat +in würdigem Zug die Freitreppe hernieder, voran der +Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi und +der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die +Binde trägt.</p> + +<p>Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes +ganz durchdrungen. Der kurze Garde ist frisch, aus dem +grauen Bart schauen gesunde rote Wangen, die klugen +und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. +Der Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, +schaut abgezehrt aus, und die paar mächtigen Furchen im +glatten Gesicht scheinen noch länger, noch tiefer geschnitten. +Man würde glauben, er wäre von den beiden der ältere, +wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der +ihn sieht, denken: »Er ist halt doch der Presi!«</p> + +<p>Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von +Vroni verabschiedet haben, in die Kirche, jener ruhig, +aber bleich. Die Neugier der Dörfler, die nach ihm sehen, +ist ihm zuwider.</p> + +<p>Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni +den Bruder.</p> + +<p>Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt,<span class='pagenum'><a name="Page_318" id="Page_318">[Pg 318]</a></span> +blaß, müde und stumm ist er im Lauf des Vormittags +heimgekommen.</p> + +<p>»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an +die Weißen Bretter,« denkt Vroni. »Kaum ist so ein +lieber Bruder da, hat man schon wieder seine Qual +um ihn.«</p> + +<p>Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, +die betend und jammernd im Kirchhof knieen. Mitten +unter ihnen kniet totenfahl Binia.</p> + +<p>Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen +Hand stützt sie sich auf die Erde des Kirchhofs — auf +den Staub der Dahingegangenen.</p> + +<p>— Sie zuckt. — Todesgedanken und sie ist noch +so jung. Aber was ist nicht im Teufelsgarten Entsetzliches +geschehen? — Und steht dort nicht lächelnd der +gräßliche Kaplan?</p> + +<p>In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den +altertümlichen Altar gestellt und der Presi spricht das +Heligen-Wasser-Gebet. In den geschnitzten Stühlen harren +hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz vor dem Gesichte, +und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie +aus Erz gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, +stehen die Männer. Durch die gelben, roten, blauen +und grünen Scherben, welche die Heiligenfiguren in den +Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen Bündel der +Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen +dem einen ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues +oder grünes Mal auf das Kleid, und von draußen rauschen +die brünstigen Gebete der Frauen.</p> + +<p>Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, +so warm und eindringlich hat er noch nie gesprochen.<span class='pagenum'><a name="Page_319" id="Page_319">[Pg 319]</a></span> +Jeder denkt: »Es ist ein Elend, daß man diesem Manne +ein Leid anthun muß. Wie spricht er furchtlos in die +Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn +nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so +frei steht er da. Und doch weiß er es, er hat gewiß eine +Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben kann er nicht. +Darum muß man den Bären verderben.«</p> + +<p>Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, +ob sich niemand freiwillig meldet.</p> + +<p>»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen +Standes, der liebt ein Mädchen und der Vater will es +nicht zugeben, so mag er sich melden, an die Weißen +Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird +ihm Freiwerber sein!«</p> + +<p>Schweigen.</p> + +<p>»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare +Schuld, will aber die heligen Wasser richten, mag er +frei vortreten, und wenn er an die Weißen Bretter steigt, +so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen +sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen +haben. Gar nicht. Der Gemeinderat mag dann +vor Gericht den Brauch des Thales darlegen und im +Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.«</p> + +<p>Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters +lebt noch zu frisch in der Erinnerung aller. Hätten die +Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi Blatter geblickt, +so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß +von der Stirne strich.</p> + +<p>»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. +»Nach alter Sitte ist 77 die Loszahl. Will es jemand +anders oder soll es gelten?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_320" id="Page_320">[Pg 320]</a></span>Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor +den Mund, das Summen des Vaterunsers füllt den Raum.</p> + +<p>Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet +darüber, verschließt ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt +ihn und wendet ihn dreimal feierlich. Das Gleiche thun +der Garde und die folgenden Mitglieder des Gemeinderates, +und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder +auf den Altar.</p> + +<p>Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In +Gottes, in Jesu Christi, in der Jungfrau Maria, in +St. Peters und aller Heiligen Namen — so wollen wir +losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab.</p> + +<p>Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann +hinter Mann schreiten sie feierlich heran, die von St. Peter, +nur die Alten und Bresthaften bleiben zurück. Am Altar +thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die Urne, und +von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück +in die Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut +und öffnet sein Los. Den letzten Gliedern der Gemeinde +folgt der Gemeinderat, und das letzte Los nimmt der +Presi selbst.</p> + +<p>Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, +kaum mit einem Laut verrät sich die grenzenlose Spannung, +die über der Gemeinde liegt, denn es gilt als ein +Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu zeigen, +oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich +vorbeigegangen ist.</p> + +<p>Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.</p> + +<p>»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau +Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen, +der, den das Los getroffen hat, mag stehen bleiben.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_321" id="Page_321">[Pg 321]</a></span>Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi +ragt einsam aus ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht +gewichen.</p> + +<p>»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi +feierlich.</p> + +<p>»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein +Schluchzer. Seine junge Frau ist ihm kürzlich gestorben, +er steht mit zwei Kindern und dem alten Großvater +allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt +und nicht mittellos.</p> + +<p>In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen +der Männer aus.</p> + +<p>Ein feierlicher Augenblick.</p> + +<p>Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi +und Gemeinderat, darf ich reden?« fragt er bewegt.</p> + +<p>»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den +jungen Mann neugierig, doch mit warmer Achtung mißt.</p> + +<p>Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen +Blicken, die verwundert und mißtrauisch auf ihn gerichtet +sind.</p> + +<p>Will er an die Stelle Peter Thugis treten?</p> + +<p>Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer +fester redet er:</p> + +<p>»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von +St. Peter! Obwohl ich nur ein schlichter Mann und erst +vor wenigen Tagen aus der Fremde zurückgekehrt bin, +wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat es +mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen +Brettern gefallen ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger +gewesen, und wenn ihr es zugebt und mir die +nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis zum<span class='pagenum'><a name="Page_322" id="Page_322">[Pg 322]</a></span> +Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch +die Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel +überflüssig sind, und die Blutfron von St. Peter lösen. +Es ist die Erfüllung eines Gelübdes für ein großes +Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.«</p> + +<p>Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: +»Was er sagt, kann niemand thun!« und halblaute +Rufe: »Prahler! — Großhans! — Gotteslästerer!« Der +Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. — Josi Blatter, +Ihr habt das Wort.«</p> + +<p>»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, +»das ist wohl hundertmal stärker an Gewalt als das +schwarze und heißt Dynamit. Man sprengt damit die +Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn +ihr euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet +ihr erfahren, daß damit Werke errichtet worden sind, gegen +die ein Gang durch die Weißen Bretter nur ein Spiel ist.«</p> + +<p>Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch +schon gesehen.« Andere Stimmen sagen: »Hört — vielleicht +hat der Plan doch Hände und Füße,« wieder andere +grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am +Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte +mahnen drohend: »Nein, abhocken, Rebell.«</p> + +<p>So schwirren die Rufe.</p> + +<p>Da mahnt der Garde: »Er hat das Wort vom +Presi!«</p> + +<p>Der Bockjeälpler ruft: »Aber er kommt nicht durch +die Wildleutfurren!«</p> + +<p>Josi Blatter fährt fort: »Durch die Wildleutfurren +baue ich eine Mauer, setze den Kanal darauf, darüber ein +stark steiles Dach aus den dicksten Balken, darüber ein<span class='pagenum'><a name="Page_323" id="Page_323">[Pg 323]</a></span> +zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit +Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das +Dach dicht an die Felsen der Furren, die ich ein gutes +Stück empor so verbauen will, daß die Lawine keinen +Angriff findet, wenn sie kommt, und daß sie machtlos +über die Steinplatten niederpoltern muß. Trägt man +zu dem Werk ein wenig Sorge, so hält es tausend Jahre.«</p> + +<p>»Hm — es scheint, er versteht etwas!« — »Laßt +euch nicht ein, das ist Aufruhr und Todsünde.« — »Er +ist noch der alte Rebell,« verwirren sich die Stimmen.</p> + +<p>Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, +das Klopfen der geängstigten Frauen, das durch die +schwere Thüre dringt, vermehrt sie.</p> + +<p>Josi kann vor dem Lärm um ihn nicht weiter reden, +fast hoffnungslos sitzt er ab.</p> + +<p>Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden +Augen und mit glührotem Kopf vor der Gemeinde auf. +»Ihr Männer von St. Peter,« spricht er mit zwingendem +Klang der Stimme, »wir wollen das Angebot Josi Blatters +nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren +der englischen Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, +er war der Kopf einer Abteilung von über hundert +Mann. Und die Engländer sind ein tüchtiges Volk. +Prüft also das großherzige Anerbieten, es handelt sich, +wenn das Werk gerät, um eine wunderbare Wohlthat +für uns, unsere Kinder und Kindeskinder. Weil aber die +Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich, die Gemeinde +sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim +Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu +halten sei. Ohne ihn können wir nicht vorwärts gehen, +er müßte auch zwischen uns und den äußeren Gemeinden<span class='pagenum'><a name="Page_324" id="Page_324">[Pg 324]</a></span> +vermitteln, daß die heligen Wasser einen Sommer lang +stillstehen dürfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit +wir in acht Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden +können, ob wir das Werk annehmen oder nicht. +Ich weiß, daß ihr mir alle grollt, aber Gott im Himmel +weiß es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten +teile, habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. +Ich will das Amt, das ich zwanzig Jahr bekleide, vor +euerm Groll in der Maigemeinde niederlegen. — Folgt +nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das Angebot +Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.«</p> + +<p>Mit hinreißender Wärme, mit strahlendem Auge, +zuletzt mit einer Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, +hat der Presi geredet und alle verwirrt. Ist das der hochmütige +Mann, der dem Dorf den harten höhnischen +Bescheid gegeben hat?</p> + +<p>Sein Auge sucht Josi Blatter — ein kleines, unendlich +schönes Lächeln geht um seinen Mund — ein Lächeln, +bei dem Josi ist, es schmelze der Haß aller Jahre hinweg.</p> + +<p>Er ist wonnig bestürzt über den Blick.</p> + +<p>Nun aber hält der Glottermüller mit seiner hohen +Weiberstimme auch eine Rede: »Nur nichts Neues. Die +Wasserfron ist St. Peter von Gott auferlegt, daß wir nicht +übermütig werden in Bosheit. Josi Blatter ist ein Aufrührer +und bleibt ein Aufrührer, und wie früher gegen +das Dorf, wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. +Ich sage: Nichts Neues! — Keine Abordnung!«</p> + +<p>»Nichts Neues! — Keine Abordnung!« fielen einige +ein, andere riefen: »Fort mit der Blutfron!«</p> + +<p>Peter Thugi saß da wie ein Gerichteter, dem man +das Leben zu schenken im Begriffe steht.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_325" id="Page_325">[Pg 325]</a></span>Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft beschloß die +Gemeinde, die Abordnung an den Regierungsrat zu +schicken, und bestellte sie aus dem Glottermüller, zwei +weiteren Anhängern des Alten, dem Garden und dem +Bockjeälpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den +Presi aber überging die Gemeinde in der Wahl.</p> + +<p>Bis die Abordnung über die Antwort der Regierung +Bericht erstatte, solle Peter Thugi bei seinem Los behaftet +sein.</p> + +<p>Ein Krieg hätte das Dorf nicht mehr aufregen können +als der erstaunliche Ausgang der Losgemeinde.</p> + +<p>»Der Presi,« höhnten einige grimmig, »hat uns mit +seiner schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. +Hütet euch.«</p> + +<p>»Daß Josi Blatter mit seinem Gelübde gerade auf +die Zeit zurückgekehrt ist, wo die Wildleutlawine gegangen +ist, bedeutet etwas — ein großes Glück oder ein noch +größeres Unglück,« meinten andere.</p> + +<p>Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang +zu machen. Vroni wandelt mit Josi durch das ergrünende +Feld und schaut den schweigsamen Bruder mit ihren +blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung +an.</p> + +<p>»Josi,« sagt sie, »du bist also der Mann, der uns +geweissagt ist in den alten Heligen-Wasser-Sagen, die +da melden: Es wird einer kommen, der stärker ist als +Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron +an den Weißen Brettern erlösen. Du bist also der Mann, +Josi!«</p> + +<p>»Ich hoffe es!« erwidert er mit einem bleichen +Lächeln.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_326" id="Page_326">[Pg 326]</a></span>»O Josi,« versetzt sie, »es ist schwer, dieses Mannes +Schwester zu sein — — und in den alten Sagen steht +auch, es müsse eine Jungfrau über dem Werke sterben.«</p> + +<p>Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um +die Hüfte Vronis. »Ich weiß nur, daß ich mein Gelübde +erfüllen muß,« sagt er ernst, »es ist für Binia, dafür, +daß sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein +muß, sterben wir beide für das Werk, aber gewiß nicht +eines allein.«</p> + +<p>Da sieht Vroni das grüne Feld nicht mehr, durch +das Peter Thugi, der vom Los Getroffene, mit seinen +Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: »Seht, das ist der +Mann, der euren Vater retten wird;« er wendet sich zu +den Geschwistern: »O Josi — könnte ich es dir einmal +danken, was du an diesen Kleinen thun willst.«</p> + +<p>»Siehst du, Vroni,« sagt Josi bewegt, »und ich kann +nicht glauben, daß ein Segen zuletzt in einem Unglück +endet. — Wenn es aber wäre — so thue ich doch, was +ich muß.«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_327" id="Page_327">[Pg 327]</a></span></p> +<h2><a name="XVIII" id="XVIII"></a>XVIII.</h2> + + +<p>Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber +es ist nicht der Presi, der das Zünglein der Wage wie +schon oft in der Gemeindeversammlung mit hinreißendem +Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann. +»Seppi Blatter — Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit +mir zufrieden? — Ob das Herz entzwei kracht, ich habe +mich gewendet — ich habe für euern Josi geredet — ich +will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem Werk helfen +— ich will Frieden — Frieden — mit euch und eurem +Sohne Josi — den ich geschlagen habe — den ich achte +und liebe.«</p> + +<p>Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich +in Bescheidenheit erhob, wie er mutig und mutiger redete, +faßt er es nicht mehr, wie er Josi Blatter jemals hat +gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist noch +keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's +sein könnte — aber — — er brütet wieder.</p> + +<p>Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und +auf den schmalen Wänglein doch einen Schimmer des +Glücks.</p> + +<p>O, sie ist rührend schön, die blasse Binia.</p> + +<p>Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen:<span class='pagenum'><a name="Page_328" id="Page_328">[Pg 328]</a></span> +»Vater, ich danke dir, daß du für Josi eingestanden bist.« +Ein schmerzliches Lächeln geht über ihr bleiches Antlitz.</p> + +<p>»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel — gelt, +ich kann für dich — und für Josi Blatter viel thun.« +Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm nieder — er streichelt +ihren Scheitel: »Kind — ich möchte Frieden machen. +— Bini — ich möchte noch einmal glücklich sein — und +wenn es nur ein Jährchen wäre. — Bini, ich wollte, +deine Mutter lebte noch. Beth, mein guter Engel. — +Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und das Hintersichkrebsen +wäre nicht so schwer. — Josi Blatter ist ein +Mann wie ein Held — ich will für ihn kämpfen. Wenn +mich die von St. Peter schon nicht in die Abordnung +gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in die Stadt, +und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung +noch der Presi von St. Peter. — Soll ich gehen, Kind?«</p> + +<p>»Ja, Vater, ja.«</p> + +<p>Herzzerbrechend weint die knieende Binia.</p> + +<p>»Bini — Gemslein,« hebt der Presi wieder an, +»ich kann deine blassen Wangen nicht mehr sehen — sie +töten mich — Bini, bekomme rote Wänglein — laß die +Geschichte von Thöni nur erst still werden — dann nimm +in Gottes Namen Josi — ich habe ihn lieb — und lache +wieder einmal mit deinem glücklichen Kinderlachen.«</p> + +<p>Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks — +und des Elends. Wahnsinnig küßt sie die Hände des +Vaters und dann schaut sie ihn an so rührend, so hoffnungslos. +Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, +es ist zum Kinderlachen zu spät!«</p> + +<p>Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der +alte, böse Presi. Er zischt sie an: »Zu spät — Bini,<span class='pagenum'><a name="Page_329" id="Page_329">[Pg 329]</a></span> +du hast wohl können so eine Komödie machen, bis du +dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit +mit ihm gekommen.«</p> + +<p>»Nein —. Vater — nein!« Es tönt wie ein zersprungenes +Glöcklein.</p> + +<p>»Warum bist du denn so blaß — so hinfällig? — +Ich habe es ja selber gesehen, wie du aus seiner Kammer +gekommen bist.«</p> + +<p>Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den +Mund. — Sie schwankt empor, sie tappt davon wie +eine Trunkene.</p> + +<p>Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: +»Mutter — Mutter — es ist entsetzlich — das glaubt +der Vater — ich hätte mich mit Thöni vergangen! — +Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich +mein Kinderlachen verloren habe. Er würde daran +sterben.«</p> + +<p>Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den +man aus dem Himmel stieß.</p> + +<p>»Mutter — Mutter — wie sind wir unglücklich. — +Aber gelt, Mutter, liebe Mutter, Josis Werk kann uns +erlösen — er, der so viele erlöst, kann auch uns befreien. +Ich bin an allem schuld. — Und den gräßlichen Vorwurf +des Vaters muß ich tragen — Mutter — um des +Vaters selber willen — hilf mir schweigen.«</p> + +<p>Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.</p> + +<p>Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem +Zorn, die furchtbare Angst um Binia erzeugt seine Wut +immer neu. Er rennt hinunter zu Frau Cresenz, er +donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte +von den Briefen — was sagt Ihr zu dem elenden<span class='pagenum'><a name="Page_330" id="Page_330">[Pg 330]</a></span> +Gesichtchen meiner Bini? — Wohl, wohl, Ihr habt mir +mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins Haus gebracht. +— He, Frau Cresenz — gestupst und getrieben +habt Ihr Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem +Thöni gebe — und er hat mich getrieben, daß ich den +verfluchten Neubau angefangen habe.«</p> + +<p>Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt +sich, wie er nicht aufhört zu wüten, mit der Schürze die +Thränen ab: »Präsident,« sagt sie entrüstet, »ungerecht +bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni, den +Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den +Wintertag, an dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, +daß Blatter tot sei, wie toll getrunken und die Gläser +miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl, Seppi +Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt +Ihr da nicht geahnt, daß es ein Unglück giebt?«</p> + +<p>»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als +zünde ihm jemand mit einer Fackel ins Gesicht; er ist +seiner Zunge nicht mächtig, er würde sonst Frau Cresenz +nicht so lange haben reden lassen.</p> + +<p>»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, +»und Blatter wieder schrieb, da hat der Thor, der euch +alles von den Augen absah, gemeint, es sei euch ein +Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten +Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts +können, hat falsch geschrieben und es ist gekommen, wie's +gekommen ist. Daß er ein Schelm und fremd geworden +ist, daran seid Ihr schuld.«</p> + +<p>Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis.</p> + +<p>Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen +mächtigen Karst, rennt damit in der beginnenden Dämmerung<span class='pagenum'><a name="Page_331" id="Page_331">[Pg 331]</a></span> +durch das Dorf, und erschrocken sehen es die von +St. Peter.</p> + +<p>»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit +seiner Hacke?«</p> + +<p>Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk +gediehen ist. Mit wuchtigem Arm schlägt er die Zinken +in Mauer und Balken, er reißt vom Werk, um dessen +willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel +ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, +alles zu vernichten, was ihn an den unseligen Thöni +mahnt. Aus scheuer Entfernung sehen ihm die maßlos +erstaunten Dörfler zu. »Er ist letzköpfig geworden!« +meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch +ein Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt +er, dann ruft er den Nähertretenden zu: »Nehmt von +dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt, verbrennt es. +Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. +Bringt eure Aexte und Kärste, helft mir!«</p> + +<p>Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand +hin: »Presi, etwas Besseres habt Ihr in Euerm Leben +nie gethan!«</p> + +<p>»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die +Dörfler staunen.</p> + +<p>»Der Presi hat sich gewendet.« — Wenige lächeln, +es ist kein Spott oder Hohn im Dorf, offen oder heimlich +ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den Karst auf +den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht +heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die +unter den Thüren stehen, achtungsvoll die Hüte vor +ihrem Presi.</p> + +<p>»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund<span class='pagenum'><a name="Page_332" id="Page_332">[Pg 332]</a></span> +abschütteln,« flüstern sie einander zu, »und für St. Peter +kommt wieder eine bessere Zeit.«</p> + +<p>Und die Frühlingssterne, die zu schimmern beginnen, +sehen den zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden +ist.</p> + +<p>Seltsam! — Seit langen Jahren geht durch die +Brust des Presi ein Hauch des Friedens — er wütet +nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia schleicht +noch durch sein Herz.</p> + +<p>»Wie — wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß +er sie trotz allem, was vorgefallen ist, doch zu Ehren +annähme!« — Um Binias willen muß er Josi Blatter +den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch +zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines +Jünglings von der Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, +das Josi plant.</p> + +<p>Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste +gethan.</p> + +<p>Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich +ist, daß der Neubau des Presi durch seine Hand zergeht, so +ist auch das andere möglich, daß Josi Blatters Plan gut ist.«</p> + +<p>Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft +erwacht wieder in dem geängstigten Dorf.</p> + +<p>Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, +daß man sich aus dem Verschwinden Thöni Griegs nicht +viel macht. Vor ein paar Jahren hat er schon gesagt, +er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller +mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung +des Presi nicht mehr auszuhalten. Jetzt ist er +halt gegangen, und Binia wird froh sein.</p> + +<p>Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das<span class='pagenum'><a name="Page_333" id="Page_333">[Pg 333]</a></span> +Dorf und nimmt alle Teilnahme so gefangen, daß die +von St. Peter vor Spannung nicht mehr arbeiten mögen.</p> + +<p>Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters +eingenommen, der ihn selbst den Herren dargelegt hat.</p> + +<p>Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat +nach St. Peter gekommen und hat der Einweihung +einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither hat man in der +Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das +Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungräte +auf einmal kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten +Herren verstehen besser zu reden als der glatzhäuptige +Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe.</p> + +<p>»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, +»soll sein Gelübde lösen, die Leitung nach den neuen +technischen Grundsätzen bauen und treulich sollen ihm +Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die +Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den +Hilfstagewerken verpflichten, die nötig sind.«</p> + +<p>»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen +die von St. Peter, »so ist der Plan gewiß gut,« und +freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.</p> + +<p>Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe — +wehe — wehe!« durchs Dorf, ihm antwortet der jubelnde +Ruf: »Ab mit der Blutfron — ab — ab! — es lebe +Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns, +unsere Kinder und Kindeskinder.«</p> + +<p>Eine gute That! — Sie ist selbst heiliges Wasser, +das befruchtet. Die Unglückstafeln an den Weißen Brettern +werden verrosten, die Losgemeinde wird eine Sage +sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, +in der Enkel Hand.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_334" id="Page_334">[Pg 334]</a></span>Und der »Ahornbund« liegt am Boden.</p> + +<p>Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären +begleiten müssen, aber jetzt sind sie fort.</p> + +<p>Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, +sehen sich die Liebenden wieder. Es ist ein schweres +Wiedersehen!</p> + +<p>Aber nun steht Binia doch so selig, so demütig in +Josis Arm — und er küßt ihren Scheitel: »Bineli — +mein Bineli.« Und »Josi« antwortet sie.</p> + +<p>Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende +Wunde — sie sind am Ziel. Ihre stille Verlobung von +Santa Maria del Lago gilt wieder und er geht jetzt an +das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heißen +Segenswünsche ruhen.</p> + +<p>Aber dann freilich ist noch eine That nötig, die +fast schwerer als die Befreiung St. Peters von der Blutfron +ist, die Selbsterlösung aus einem Schein der Schuld, +den ein übermächtiges Verhängnis auf sie geladen hat.</p> + +<p>Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits +der großen Dinge vor ihnen das Glück.</p> + +<p>Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen +und ihre Augen glänzen ineinander.</p> + +<p>Da kommt der Presi, sieht es — sieht es — er +lächelt ihnen glücklich und mit seinem herzinnigsten Lachen +zu, er meint ein Wunder zu erleben — er schwankt, ob +er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen +Augen gesehen hat, daß Binia aus der Kammer Thönis trat.</p> + +<p>Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wärme, +voll Treue, voll Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das +Mädchen findet, das sich in seiner Liebe treu, rein und +unschuldig weiß.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_335" id="Page_335">[Pg 335]</a></span>Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz.</p> + +<p>Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis +zur Vollendung mehr gehört als der Welt.</p> + +<p>Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: »Bini +— Vogel — Gemslein,« dringt er in sie, »jetzt darfst +du's deinem Vater schon sagen: Hast du Thöni wirklich +nie gern gehabt?«</p> + +<p>»Du thust mir furchtbar weh, Vater!« antwortet +sie schamvoll, »glaubst du, ich dürfte einem so herrlichen +Mann wie meinem Josi in die Augen sehen, wenn ich +mich nicht treu wüßte, meinem Josi, der nur aus Dankbarkeit +gegen den Himmel an die Weißen Bretter geht, +weil er mich trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.« +Und im Sturm der Wallung kann sie nicht mehr schweigen. +»Als du mich aus Thönis Kammer kommen sahst, habe +ich nur die Schlüssel geholt, um mich der Briefe zu bemächtigen, +die er unterschlagen hat, — da sind sie.«</p> + +<p>Sie reißt die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt +sie vor den Vater und will sich flüchten. Er aber zieht sie +an seine Brust: »Vogel — Herzensvogel — und das hast +du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast mich in der +verzehrenden Angst gelassen — du Grausame. — Aber +jetzt rote Wänglein, Kind!«</p> + +<p>Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie müsse dem +Vater mehr und alles verraten, sie müsse ihm jetzt auch +sagen: »Vater, uns ist ein Unglück geschehen, hilf uns +in entsetzlicher Not,« aber das unendliche Glück, das in +seinen Augen strahlt, schließt ihr den Mund.</p> + +<p>»O Bini — Bini,« lacht und jubelt der Presi. »Aus +Beelendung über dich bin ich so rückwärts gekrebst — gezittert +und gebetet habe ich, daß Josi sich doch deiner<span class='pagenum'><a name="Page_336" id="Page_336">[Pg 336]</a></span> +erbarmen möge. — Und nun ist das Wunder geschehen, +daß das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt +will ich auf ein schönes, ruhiges Alter mit dir und Josi +denken. — Ich mag die Unruhe nicht mehr — ich gebe +das Fremdenwesen auf!«</p> + +<p>Der Presi spricht es in einem Taumel des Glücks. +Aber Binia weint bitterlich — sie schluchzt vor Leid: +»O Vater, sobald Josi sein Werk vollendet hat, so wollen +wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes Land +ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hüten und +pflegen.«</p> + +<p>Leidenschaftlich stößt sie es hervor.</p> + +<p>»Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi +eingegeben?« fragt er ernst und erstaunt.</p> + +<p>»Nein, Vater, ich mir selbst!« bebt ihr Mund.</p> + +<p>»Was denkst du,« spricht er nach einigem Besinnen, +»ich kann nicht fort von St. Peter. Wer so lange in +St. Peter gelebt hat wie ich, muß in St. Peter sterben.« —</p> + +<p>Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an +und geht.</p> + +<p>»Sie ist ein merkwürdiges Kind, jetzt wie früher,« +denkt der Presi, aber er ist selig über das Bekenntnis, +das sie ihm abgelegt hat. Er baut Pläne des Glücks +für Binia, für Josi, für sich. Er ist beinahe wieder der +alte Feuerkopf.</p> + +<p>Und er schüttelt den Kopf: »Wie ich so lange habe +ein Narr sein und Josi widerstehen können!«</p> + +<p>»Präsident,« meint Frau Cresenz, »wir sollten doch +langsam auf unsere Vorbereitungen für den Sommer +denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben habt, so werden +wir um so mehr zum Bären sehen müssen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_337" id="Page_337">[Pg 337]</a></span>Er lacht sie nur seltsam an und sagt: »Ja, Präsidentin, +ich gehe morgen nach Hospel hinaus zu Malermeister +Serbiger. Er muß mir eine große Tafel malen, +auf der steht: 'Pension und Hotel zum Bären in St. Peter +sind geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe +Pfähle am Eingang des Glotterwegs aufstellen. Auch +schicke ich einen gedruckten Brief an alle früheren Gäste, +daß ich das Fremdenwesen aus Altersrücksichten aufgegeben +habe.«</p> + +<p>Sprachlos schlägt Frau Cresenz die Hände über dem +Kopf zusammen, dann aber jammert sie: »Wenn Ihr +das thut, so gehe ich aus dem Haus — ich bin es nicht +anders gewöhnt, als daß ich im Sommer eine Pension +leite — und bedenkt doch, Präsident, wie man Euch, wenn +Ihr jetzt dem Dorf so stark nachgebt, auslachen wird.«</p> + +<p>»Gott's Donner, Präsidentin,« zürnt er, »ob ein +paar Kälber lachen oder nicht, darauf kommt es mir +nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thöni, hat mir das +Sommerleben verleidet — ich will jetzt ein wenig glücklich +sein.« — —</p> + +<p>Frau Cresenz aber ist unglücklich — eines Tages +erscheint der Kreuzwirt von Hospel im Bären, die Männer +rechnen im Frieden die Reingewinne aus den Büchern +des Gasthofes während der zehn letzten Jahre aus, ein +Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in +Banknoten vor und legt aus eigenen Stücken noch tausend +Franken darauf: »Da, Präsidentin, ist Euer Anteil.«</p> + +<p>Die Großmut in Dingen des Geldes gefällt dem +Kreuzwirt. »Schwager,« sagt er, »es thut mir leid, daß +es so ungeschickt hat gehen müssen. Wäre ich bei den +Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thöni<span class='pagenum'><a name="Page_338" id="Page_338">[Pg 338]</a></span> +hoch auf der Post über den Paß haben fahren sehen, +hätte ich ihn heruntergelangt und ihm eine Tracht Ohrfeigen +mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben, der +seinen nächsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl +und 'Es ist mir leid' gesagt hat.«</p> + +<p>Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung +bringt, muß sich an der Stuhllehne des Vaters halten.</p> + +<p>»Thöni über den Paß gefahren!« staunt sie. Ja, +ist denn das schreckliche Erlebnis im Teufelsgarten, das +ihr Tag und Nacht mit fürchterlicher Deutlichkeit vor +den Sinnen steht, nur ein böser Traum?</p> + +<p>Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart +gegen sie gewesen ist, und der Kreuzwirt und Frau Cresenz +reiten gerade so vom Bären, wie sie vor elf Jahren +zugeritten sind.</p> + +<p>Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames +blühendes Geschäft aufgebaut worden ist, hat ein +friedliches Ende gefunden.</p> + +<p>Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor +elf Jahren stand, der Bären ist wieder ein Dorfwirtshaus +— mit Binia und einer Magd haust er allein.</p> + +<p>Aber er ist es zufrieden, er spürt nichts von Heimweh +nach dem lebhaften Treiben der früheren Sommer, +nach dem kühlen Lächeln der Frau Cresenz, er lebt ganz +in Binia, dem wiedergefundenen Kinde.</p> + +<p>Und der Bären ist nicht öde. Aus der weiten Umgegend +kommen Leute, die von dem Wunderwerk gehört +haben, das an den Weißen Brettern im Glotterthal +ausgeführt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges +und Thörichtes darüber. Thun sie das letztere, dann zuckt +es um die Brauen des Presi: »Ta-ta-ta, wenn jemand<span class='pagenum'><a name="Page_339" id="Page_339">[Pg 339]</a></span> +von einer Sache nichts versteht, so soll er nicht darüber +sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der Regierung +dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.«</p> + +<p>Auch die Dörfler kommen wieder in den Bären, wie +eine ferne drückende Sage liegt der »Ahorn« hinter ihnen; +sie begegnen dem Presi mit jener Hochachtung, die das +beschämte Unrecht für den Gegner hat, der edel nachgiebt, +sie freuen sich über den Sommer, der wie einst in friedlichen +Prächten ins Thal zieht.</p> + +<p>Der Garde und der Presi, die wieder versöhnten +Freunde, sprechen mit wahrer Erhebung von Josis Werk.</p> + +<p>In der größeren Wildleutfurre ist die Mauer schon +erstellt, die Leitung darauf gelegt, das Schutzdach aus +Holz und Stein gebaut, die Furre selbst hochhin ausgeebnet +und in der kleineren Wildleutfurre geht die Arbeit +auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg +bis in die entlegene Höhe der heligen Wasser reicht, +steigen Hilfsarbeiter, schweben die Hölzer, die Deckplatten, +die Zementsäcke zu Josi, dem Befreier, empor.</p> + +<p>Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi +baut jetzt den Wasserweg durch die Weißen Bretter selbst. +Er ist von der Sonne braun gesengt, er ist abgezehrt +von der Arbeit, aber er liebt die Mühe und die große +beständige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. +Wer um Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, +hört sein Hämmern in der fernen Höhe, wer gegen +Sonnenuntergang von dort zurückkehrt, hört es noch. +Wenn das Ave-Maria-Glöcklein von St. Peter verklungen +ist, wenn das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, +dann hallen seine Sprengschüsse durch das Thal. Im +Wiederhall ertönen die Bergwände; heraus, herein durch<span class='pagenum'><a name="Page_340" id="Page_340">[Pg 340]</a></span> +das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon +lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend +in einem fernen Schlund des Gebirges.</p> + +<p>»Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!« +lacht der Bärenwirt.</p> + +<p>»Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bösen Träume +mehr haben,« erwidert der Garde froh.</p> + +<p>»Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal +über ein dummes Träumchen habe ängstigen können,« +sagt der Presi, um den eine ganz neue Welt gesponnen +ist. »Ich zähle im Kalender die Tage bis zu Allerheiligen, +bis im Bären Hochzeitsleben jauchzt.«</p> + +<p>Ein hoffnungsvolles Lächeln geht über das Gesicht +des Presi. Wie der Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt +er und ist nachdenklich. Auch er zählt die Tage bis +Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund.</p> + +<p>Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewütet in +Gewaltsamkeit und Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. +Eines Tages nun fällt ihm ein, glücklich zu sein. Aber +steht die Vergangenheit nicht drohend hinter diesem Glück? +Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch +etwas so Uebermenschliches, um diese rührende Hingabe, +um diese hohe Treue von langen Jahren her. Kommen +wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie noch keines +im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine +Heldin der Treue, zum Ziel?</p> + +<p>So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem +Dorffrieden nicht.</p> + +<p>Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig für das kleine +St. Peter. Wohl hat es, als die Regierung seinen Plan +gutgeheißen hat, Josi zugejauchzt, und wenn einzelne<span class='pagenum'><a name="Page_341" id="Page_341">[Pg 341]</a></span> +Gegner wie der Glottermüller übrig blieben, so schwiegen +sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte +Dynamitfuhre kam, regte sich im Volk wieder abergläubische +Furcht. Alle, selbst die Frauen, eilten damals +hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen +zu sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, +das eine schwarze Fahne mit der Aufschrift »Dynamit« +trug, erschreckte sie aber. Es sei ein mächtiger Sarg gewesen, +jammerten sie, umsonst erklärten die militärpflichtigen +Männer, es sei ein Militärcaisson, die Vorstellung +des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet +Unglück.</p> + +<p>Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, daß die +Männer, Brüder und Söhne die zugesagten Arbeiten +leisten, einzelne Bürger zahlen die versprochenen Tagewerke +in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe, die +Josi braucht, fehlt.</p> + +<p>Er stand mit seinem so glücklich begonnenen Werk +allein und in der großen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat +Ersatz von der Regierung. Unter der Führung +eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter +ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, +aber die Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider +trug und in der es verwegene, rohe Gesichter genug gab, +gefiel denen von St. Peter nicht.</p> + +<p>Das Wort »Zuchthaussträflinge« flog durch das Dorf, +es erzeugte einen Sturm der Furcht und Erbitterung, +denn Sitte war es bis jetzt gewesen, daß an den heligen +Wassern nur rühren durfte, wer in bürgerlichen Rechten +und Ehren stand, und selbst der bedächtige und nüchterne +Garde wurde zornig über den Schimpf, den die Regierung<span class='pagenum'><a name="Page_342" id="Page_342">[Pg 342]</a></span> +den heligen Wassern durch die Entsendung der +Sträflingskolonne angethan. Der Gemeinderat ersuchte +die Herren um die Zurückziehung der Mannschaft. Die +Sträflinge verließen das Glotterthal, dafür berichtete +die Regierung zurück, die von St. Peter mögen nun selber +zuschauen, wie sie mit dem Werk an den Weißen Brettern +fertig würden.</p> + +<p>Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man +gewaltig empört: »Das sind die Herren, die so schön +haben reden können — jetzt wollen sie nichts mehr wissen +von dem Verbrechen, das an den Weißen Brettern begangen +wird.«</p> + +<p>Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen +brauchte, kamen immer entsetzlichere Gerüchte in Umlauf.</p> + +<p>Eine Spur »Teufelssalz«, so groß wie eine Prise, +sei so stark, daß man damit einen ganzen Berg in den +Himmel sprengen könne, die Königs- und Fürstenmörder +brauchen es, aber bevor es einer anwenden könne, müsse +er schon einen Menschen umgebracht haben, sonst würde +ihm das Salz die Hände durchfressen. Josi Blatter jedoch +— das haben einige zuverlässige Männer gesehen — +ist so gefeit, daß er die Patronen in den Säcken und +Taschen seines Kleides herumträgt, ohne daß ihm das +mindeste geschieht.</p> + +<p>Also muß auch er jemand getötet haben.</p> + +<p>Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Dörfler, +steigt er am Sonntag von den heligen Wassern hernieder +nach St. Peter — und bis auf wenige haben sie alle +ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie +nicht kümmert.</p> + +<p>Sein erstes ist ein »guter Tag« in dem Bären,<span class='pagenum'><a name="Page_343" id="Page_343">[Pg 343]</a></span> +dann geht er, den Bräuchen des Thales treu, zur Kirche, +nach dem Gottesdienst zum Garden und Vroni und +bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine +Hoffnung Vronis geht nicht in Erfüllung. Sie hat gemeint, +er würde ihr nun viele merkwürdige Dinge aus +dem Wunderland Indien erzählen, aber es ist, als wäre +das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang +arbeitet, auf ihn übergegangen, nur sein Blick ist warm, +sein trockenes Lächeln herzinnig wie immer, und gegenüber +allen Sorgen des Garden um das Werk bewahrt +er eine stille, freudige Zuversicht. »Auch ohne Hilfsarbeiter,« +versichert er, »werde ich es auf Allerheiligen +vollenden.« Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, +man sieht es, das Büblein ist ihm lieb, und wenn Vroni +den beiden zuschaut, dann erkennt sie in Josi, dem unheimlich +starken Mann, den tröstlichen Knaben wieder, +mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt +haben.</p> + +<p>Am Nachmittag geht Josi in den Bären zu Binia.</p> + +<p>Bebendes Glück! — Ohne diese Stunden müßte +Binia sterben wie ein Vogel ohne Sonne und Luft. O, +wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen sich die +beiden Männer gut, der alte Feuerkopf und der junge +ruhige Mann.</p> + +<p>Der Presi ist noch viel stärker für Josi als je für +Thöni unglückseligen Angedenkens eingenommen. Die +beste Flasche aus dem Keller und der beste Bissen aus +der Küche des Bären wandern mit Bonzi, dem Viehhüter, +der Vronis ländliches Essen auf die Arbeitsstätte Josis +schafft, zu den heligen Wassern empor. Und bei jeder +Sendung des Vaters liegt ein Wort von Binia!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_344" id="Page_344">[Pg 344]</a></span>»Herzlieber Josi! — Es hat manchmal Zeiten gegeben, +wo ich mir den Kopf zerbrach, wozu denn die +ungestüme, thörichte Bini auf der Welt sei? — Jetzt +aber weiß ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland +ein wenig glücklich zu machen. Wenn es kein Mensch +weiß, so zerspringt mein Herz doch schier vor Stolz, daß +du wegen der tollen, unnützen Bini die Blutfron von +St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so +denk' ich es doch noch: Josi hat es für mich gethan. +Und ich weiß es, du bist stark, so stark, daß du auch +uns erlösest. Lieber Josi, du thust nichts, wobei nicht +mein Herz und meine Seele wären!«</p> + +<p>Von ihm kam zwar kein Brief zurück, aber wenn +es dunkel geworden war, sah man in einem der Felsenfenster, +die Josi von seinem Tunnel her gegen das Thal +geöffnet hatte, ein Licht.</p> + +<p>Das bedeutet: »Gute Nacht, liebe Bini!« Und +wenn das Licht schon lang verschwunden ist, so steht +sie noch am Fenster, staunt in die Stille und denkt mit +gefalteten Händen an Josi.</p> + +<p>Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht +mehr so gräßlich vor, daß sie deswegen nicht ein wenig +lächeln dürfte, wenn sie an Josi denkt. Es ist kein Verbrechen, +es ist nicht einmal eine That des Zorns, es +ist nur ein Unglück geschehen. Welche Mäßigung hat +Josi in dem entsetzlichen Kampf bewiesen, wie übermenschlich +ruhig ist er darin geblieben. Sie hat sich vor ihm +gerechtfertigt, sie steht selig in seinem Arm. Da zuckt +ein langer Blitz auf und ab, in überirdischem Licht erglänzen +die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht +Thöni. Die Kugeln seines Revolvers zischen um ihre<span class='pagenum'><a name="Page_345" id="Page_345">[Pg 345]</a></span> +Köpfe. Sie schreit. Im gleichen Augenblick aber hat +Josi auch schon die Waffe aus Thönis Hand auf den +Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. +Wie aber wieder eine Blitzrute durch das Thal fährt, +ist Thöni in der Macht Josis, der ihm die Arme eisern +umklammert hält. »Grieg,« ruft er, »sei vernünftig und +laß uns in Ruhe, du weißt, daß ich ältere Rechte auf +Binia habe als du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen +dich, aber gieb Frieden.« Und sie kniet vor dem gefesselten +Burschen, sie fleht: »Thöni, um Gottes willen, mache +dich und uns nicht unglücklich!« Er faucht eine Weile +unter Josis überlegener Kraft, dann stöhnt er: »Laßt +los, laßt los, Blatter, — ich gebe nach!« Da giebt ihn +Josi frei, der Unglückliche rafft im Fliehen seinen Revolver +auf, er eilt über die Brücke, aber wie sie noch +stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zurück und +schießt wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz — Dunkelheit. +Josi eilt auf Thöni los, der will fliehen, wieder +ein Blitz, da rennt der Flüchtling quer über die Straße +und der Irrende versinkt vor ihren Augen in die Glotterschlucht. +Aus unglücklichem Herzen schreit Josi: »Grieg, +kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?« Keine Antwort — +die Wildleutlaue geht — sie erleben einen langen, langen +Augenblick, wo sie meinen, das Weltende sei da. Und +wie sie ihrer Sinne wieder mächtig sind, suchen sie voll +Verzweiflung Thöni — können aber keine Spur mehr +von ihm entdecken. Ein Unglück ist geschehen, aber kein +Verbrechen! — Es ist an Josi nichts Ungerechtes — es +war nur so gräßlich zu sehen, wie Thöni versank.</p> + +<p>Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untröstlich. +Er wollte den Fall anzeigen, dann besann er sich<span class='pagenum'><a name="Page_346" id="Page_346">[Pg 346]</a></span> +wieder. »Zuerst kommt das Gelübde — dann das Recht +der Menschen.«</p> + +<p>So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch +noch glücklich werden können — ihre Gewissen sind rein. +Aber fort — fort von St. Peter. Hier kommen sie vor +dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In +der Fremde aber ist es schon möglich, daß sie ihr Kinderlachen +wiederfindet.</p> + +<p>Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am +Vater, daß er den Bären verkaufe, daß er mit ihr und +Josi in die Ferne ziehe: »Alles hier mahnt mich an +Thöni,« redet sie ihm mit flehenden Augen zu, »aber +ich verspreche es dir, Vater, draußen will ich wieder lachen +wie ein Kind und glücklich — o so glücklich sein!«</p> + +<p>Und seltsam! — Die Furcht vor Thöni wirkt ansteckend +auf den Presi, ihm ist, er müsse dem Geflohenen +noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den Verkauf des +Bären zu überlegen, und während der Bann der schrecklichen +Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich +langsam, aber mit aller Macht ins Bewußtsein des Presi, +daß er mit Thöni noch nicht fertig ist.</p> + +<p>Manchmal ist es Binia, sie müsse den Vater über +das schreckliche Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen +ziehen, aber dann hat sie wieder das sonderbare Gefühl, +sie würde ihm die letzte Ruhe rauben, er weiß es ja nicht, +daß sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen +Liebe, die selbst die Toten nicht fürchtet, draußen +im Teufelsgarten gewesen ist.</p> + +<p>Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die überraschende +Kunde mit, daß sein Werk zu mehr als zwei +Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der näheren<span class='pagenum'><a name="Page_347" id="Page_347">[Pg 347]</a></span> +Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch +die Felsen der ersten zwei Bretter und über die Wildleutfurren +wandeln könne.</p> + +<p>Da gab ihm Bini einen glühenden Kuß: und ihr +kleiner Schrei: »Josi, mein Held!« verriet ihre Freude +über die Meldung.</p> + +<p>Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen +Tag an den Weißen Brettern einen Besuch zu machen.</p> + +<p>Da klangen die Kirchenglocken.</p> + +<p>Als sie aber mit gesenktem Köpfchen, das Betbuch, +das weiße Tüchlein und den Rosmarinzweig in den +Händen, sittsam die Kirchhoftreppe emporschritt, wichen +links und rechts die Frauen zurück: »Das Teufelsmädchen +— das dem Rebellen den Daumen hält!«</p> + +<p>Der überraschten Binia entglitt das Betbuch und +es fiel zu Boden.</p> + +<p>»Seht ihr es, daß sie eine Teufelin ist, sie kann +das Betbuch nicht mehr halten,« riefen die Weiber.</p> + +<p>Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene +Büchlein auf: »Binia, ich bleibe bei dir!«</p> + +<p>Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen +Hauptes, mit glühenden Wangen, blitzenden +Augen. »Vroni,« sagte sie, »gehe von mir, es könnte +auch dir schaden.«</p> + +<p>Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine +Bank setzen, wo das Wappen der seligen Mutter, ein +Steinbock, gemalt ist. Da tritt die Glottermüllerin, das +häßliche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit zahnlosem +Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den +nassen Fleck am Boden und sagt: »Das bannt — darüber +hinaus kommst du nicht, Hexe!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_348" id="Page_348">[Pg 348]</a></span>Und richtig, Binia weicht zurück.</p> + +<p>»He, seht,« schreit die Glottermüllerin, »sie ist eine +Teufelin — ja, sie hält dem Rebellen an den Weißen +Brettern wirklich und wahrhaftig den Hexendaumen.«</p> + +<p>Da ist Josi plötzlich an Binias Seite. Ihm ist es +nicht besser ergangen. Die Männer haben die Fäuste +gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der ganzen +Gemeinde die Hand: »Komm, Binia, wir gehen wieder,« +und den Kopf zurückwerfend, sagt er: »Schämt euch, ihr +Unvernünftigen von St. Peter!«</p> + +<p>Damit wendet sich das Paar.</p> + +<p>Am Altar steht aber schon, das weiße Heilandskreuz +auf der dunklen Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt +das kleine Handkruzifix, tritt schwankend vor und spricht +mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und dem wackelnden +Kopfe des hohen Alters:</p> + +<p>»Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes +und aller Heiligen, bleibet! Ich schütze euch mit dem +heiligen Kreuz. Ihr aber von St. Peter, hütet euch. In +euern Hütten und Häusern geht ein alter heidnischer +Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine +unchristliche räudige Rotte geworden und gehorcht dem +Baalspfaffen Johannes mehr als der heiligen Kirche. +Ich, euer rechtmäßiger Pfarrer, sage euch: Wenn ihr, +ihr Tollen von St. Peter, nicht aufhört mit eurer Bosheit, +so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus, +an eure Glocken, ich verweigere euch die Sakramente +und ein christliches Grab, leben und sterben sollt +ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am Aberglauben +hängen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.«</p> + +<p>In seinen Stuhl zurückgesunken erwartete der alte<span class='pagenum'><a name="Page_349" id="Page_349">[Pg 349]</a></span> +Priester, seine Gebete murmelnd, die Wirkung seiner +Worte, doch auf der Seite der Männer sah er nichts +als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte +das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann +er, noch zitternd vor Erregung, den Gottesdienst.</p> + +<p>Als der Presi hörte, was für einen Schimpf man +seinen Kindern zugefügt hatte, wütete und tobte er gegen +das Dorf wie in alter Zeit: »Keiner außer dem Garden +bekommt im Bären mehr einen Trunk, von heute an ist +er kein Wirtshaus mehr!« Dem Pfarrer aber, seinem +ehemaligen Feind, ging er mannlich danken.</p> + +<p>Am anderen Tag stieg er, den grünen Asersack<a name="FNanchor_32" id="FNanchor_32"></a><a href="#Footnote_32" class="fnanchor">[32]</a> +an der knorrigen Hand, mit Binia hinauf durch die +Alpen, wo das Vieh zum Abzug rüstete. Es war ein +sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote Wänglein, +ihr glückliches Kinderlachen erwachte für einen Augenblick +wieder und läutete über die Enzianen dahin und im +Arm trug sie die Bergastern, um das Werk Josis zu +schmücken.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32" id="Footnote_32"></a><a href="#FNanchor_32"><span class="label">[32]</span></a> <i>Asersack</i>, schweizerdeutsch, Sack für den Mundvorrat.</p></div> + +<p>Der Presi baute Luftschlösser. Ja, den Bären will +er verkaufen auf die Zeit, wo Josi sein Gelübde gelöst +hat, seine Kapitalien flüssig machen und dann dem Zug +des Glückes und der Liebe folgen. »Josi,« sagt er zu +Binia, »wird in der weiten Welt schon ein schönes Plätzchen +für uns wissen. Unter dem thörichten Volk von +St. Peter ist es mir verleidet.«</p> + +<p>Sie erreichten die Höhe der heligen Wasser, sie standen +am Eingang der Weißen Bretter, wo die trübe Flut, +die aus dem Hintergrund des Thales kam, durch einen<span class='pagenum'><a name="Page_350" id="Page_350">[Pg 350]</a></span> +Kännel abgelenkt in eine Runse floß und in lustigen Bächlein +in die blauen Tiefen des Glotterthals niederschäumte.</p> + +<p>Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang +Josis, der sich mannshoch wölbte, und der Presi betrachtete +das Werk in Bewunderung. Anderthalb Fuß +breit und einen Fuß tief zog sich am Grund des Stollens +der neue Wässerwassergraben dahin, neben ihm ein genügend +breiter erhöhter Felsenweg für den Garden, die +Wände waren mit Hammer und Meißel ausgeglichen und +die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und +dort fiel durch ein Felsenfenster ein Bündel Tageslicht +in das stille, halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter +dem Balkendach der Wildleutfurre, weiter durch das +mittlere Weiße Brett, wieder über die Wildleutfurre — +da sieh — da horch — im Dunkel vor ihnen glüht ein +roter Lichtfunke und tönt Hammerschlag. An das Gestein +hingeknäuelt arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe.</p> + +<p>Ein kleiner Ruf Binias — er läßt das Werkzeug +fallen: »Bini — meine Bini — Vater gottwillkommen!«</p> + +<p>Die schöne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes +Kleid angezogen, sie steht, in den Händen den Strohhut, +um den sie zum Schutz ein weißes Tüchlein geschlagen +hat, demütig erglühend vor dem bestaubten Felsensprenger, +der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist.</p> + +<p>»Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt +für die Ewigkeit, Josi,« grüßt der Presi im Vaterstolz.</p> + +<p>Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in +der sonnigen Höhe. Am Eingang des Felsenkanals sitzen +die Liebenden mit dem Presi, der sein Reisesäcklein auspackt, +und die Gläser der dreie klingen auf glückliche Vollendung +des Werkes zusammen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_351" id="Page_351">[Pg 351]</a></span>Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des +Nachmittags hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen +steht weit im Kreise still und feierlich in Verklärung +da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am erhabensten die +Krone.</p> + +<p>»Josi,« flüstert Binia und ihr weiches dunkles Haar +streift ihn, »heute ist es schön wie zu Santa Maria del +Lago — es ist so schön, daß man vor Glück sterben +könnte.«</p> + +<p>Da rollt es von der Krone dumpf — ein seltsames +Zeichen im Herbst, wo sonst die Gletscher friedlich sind. +Aber man lebt eben in einem Jahr, wo die Natur ausgleicht, +was der vorausgegangene schlechte Sommer zu +viel an Schnee auf das Gebirge gehäuft hat. Darum +schaffen und donnern die Gletscher bis spät ins Jahr hinein.</p> + +<p>Glückselig steigen Vater und Tochter von der Leitung, +von dem Werk, wie es sonst keines im Berglande +giebt, durch den Abendnebelflor des Herbstes zu Thal +und hören noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den +anderen Tag ist der Presi draußen in Hospel und unterhandelt +mit dem Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit +Frau Cresenz ein gieriges Auge auf den Bären geworfen +hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im +Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in +die Stadt und tritt mit starken Einschlägen alle Kapitalbriefe +gegen Bargeld an die Bank ab.</p> + +<p>Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen +beinahe die letzte Hoffnung raubt.</p> + +<p>Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das +Kreuz vor ihr und sagt: »Ihr seid eine Hexe und haltet +es mit dem Teufel — ich gehe jetzt gleich aus dem Haus.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_352" id="Page_352">[Pg 352]</a></span>»Aber Cleophi, seid nicht närrisch!« Und Binia +lächelt ihr gütig zu.</p> + +<p>»Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin — der Kaplan +und selbst die alte Susi in Tremis sagten es und Kinder +haben ja im Teufelsgarten den Ring Eures ehemaligen +Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in +der Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes +geht mit ihm durchs Dorf, alles weiß es: Es +scheint nur, daß Euer Liebster das Werk an den Weißen +Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur +so am Tag, und in der Nacht baut es der Teufel. +Dafür müßt Ihr mit dem Satan siebenmal um das +Bockje reiten.«</p> + +<p>»Geht, Cleophi, geht — da ist Euer Lohn.«</p> + +<p>Totenblaß steht Binia. Sie hat bei dem Kampf +im Teufelsgarten Thöni den Ring vor die Füße geworfen. +Jetzt ist er in den Händen des gräßlichen Kaplans, +und nun ist er ein neues Mittel für den Verrückten, +gegen sie zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den +Ring gefunden hat, Thöni finden?</p> + +<p>Sie beißt hilflos in die Fingerknöchel: »Warum +hat uns denn der Himmel vor den Kugeln Thönis bewahrt, +wenn Josi und ich an einem Schein von Schuld +und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?«</p> + +<p>Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad, +das in die Leitung eingeschaltet werden soll, auf den +Berg schaffte, hat Josi das Versprechen abgenommen, +daß er die paar Wochen, die noch zur Vollendung nötig +sind, an den Weißen Brettern bleibe. Er kommt nicht +mehr zu Thal. Auch der Garde ist im tiefsten Herzen +überzeugt, daß Josis Werk gut ist, aber er kennt die<span class='pagenum'><a name="Page_353" id="Page_353">[Pg 353]</a></span> +furchtbare Empörung im Dorf. Wo er zum Guten redet, +begegnet er höhnischem, kaltem Lächeln und drohendem +Schweigen, die Gemeinde horcht nur noch auf den bösen +verrückten Kaplan Johannes.</p> + +<p>Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte +Warnung und Drohung des Pfarrers Zügel angelegt, +aber jetzt knurren die Dörfler: »Der Alte wagt es nicht, +uns die Kirche zu verschließen, wir wollen ihn schon meistern,« +und die Weiber hangen an Kaplan Johannes. +»Er hat ein besseres Herz für uns als der Pfarrer, der +nichts von unseren alten heiligen Sagen wissen will.« +Und wenn ein Halbvernünftiger noch den Einwurf erhebt, +man wolle doch nicht so stark zu einem Verrückten +halten, sonst komme man gewiß an ein böses Ziel, antworten +die anderen: »Kaplan Johannes ist schon närrisch, +aber gerade denen, die Gott etwas geschlagen hat, giebt +er dafür besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes +sieht und weiß mehr als sieben Pfarrer.«</p> + +<p>Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll, +wo er geht, rufen die Weiber: »Kommt doch ein wenig +zu uns herein, Johannes!« Klagt ein Bauer: »Meine +Kühe fressen nicht mehr und geben keine Milch,« so antwortet +Johannes: »Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das +kommt vom Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach +Schwefel.« Nun spüren auch die Dörfler den Geruch. +In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. »Seht +Ihr,« flüstern es die Frauen einander zu, »die Kinder +können nicht mehr zur Welt kommen. Das rührt vom +Sprengen her!«</p> + +<p>Die von St. Peter spüren es kaum, wie der Kaplan +ein Netz des Aberglaubens um sie zieht.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_354" id="Page_354">[Pg 354]</a></span>Und plötzlich geht die feste Sage unter denen von +St. Peter, es sei eine weiße arme Seele durch das Dorf +gewandelt und habe dreimal gerufen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»O weh, o weh — am Teufelssalz<br /></span> +<span class="i0">Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!«<br /></span> +</div></div> + +<p>So in drei Nächten!</p> + +<p>Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie +doch sonst schweigen? Das bedeutet: »Am letzten Weinmonat +geht St. Peter mit Menschen und Vieh unter. +In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen +Leitung einsetzt, verlassen die erzürnten armen Seelen +die Krone, die Firnen fallen mit so schrecklichem Donner +auf das Dorf, daß das bloße Hören schon tötet!«</p> + +<p>Drei Männer nur noch, der Presi, der Garde und +der Pfarrer, und einige stille, wie Eusebi und Peter +Thugi, glauben an Josis Werk.</p> + +<p>Die Regierung hat sich übrigens auch nicht ganz +von dem Werk zurückgezogen, wie sie drohte, sie meldet, +sie hoffe, die Leute von St. Peter haben sich, da das +Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme, wegen des +Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf +den Tag der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein +hübsches Gemeindefestchen zu Ehren Josi Blatters zu veranstalten. +Sie wolle sich dabei vertreten lassen und ersuche +Josi Blatter, daß er die letzten rettenden Schüsse +auf diesen Tag verspare, an dem man, während im +Thal die Glocken läuten, in feierlicher Prozession an die +Weißen Bretter ziehen wolle.</p> + +<p>Dazu schütteln der Garde und der Presi wehmütig +und ungläubig die greisen Häupter, aber es ist gut, wenn +auf diesen Tag jemand von der Regierung kommt <span class='pagenum'><a name="Page_355" id="Page_355">[Pg 355]</a></span>— +vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am nötigsten +— es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr +losbricht, denn so sind die Leute des Thales — sie warten +in der Voraussetzung, daß doch irgend noch ein Ereignis +geschehen und ihre That überflüssig machen könnte, +den letzten Augenblick zum Handeln ab.</p> + +<p>Aber dann — —</p> + +<p>In diesen Tagen der äußersten Spannung, die durch +die Stille des Dorfes noch unheimlicher wurde, sagte der +Presi einmal zu Binia: »Der Garde hat mich gefragt, +wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel +zu reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich +habe geantwortet, du habest ihn Thöni zurückgegeben +und er habe ihn wohl auf der Flucht fortgeworfen. Ist +es so?«</p> + +<p>Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt +vor Entsetzen. Sie wagt es nicht mehr, dem Vater das +gräßliche Geheimnis länger vorzuenthalten. Jeder der +schönen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die +Gefahr, daß Thönis Leiche gefunden werde, denn die +Wasser der Glotter fließen immer spärlicher und immer +klarer, und der arme Vater darf doch nicht ungerüstet +von der Entdeckung der Leiche überrascht werden.</p> + +<p>Zögernd legte sie, die Hände gefaltet, die Augen +auf den Boden geheftet, mit leiser und feiner Stimme +die furchtbare Beichte ab. Als sie erzählt, wie sie Josi +in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch +die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die +Augen des Presi noch einmal in alter Zornglut auf und +mit böser Stimme sagt er: »Gott's Donner! Du giebst +es mir recht zu schmecken, daß du immer ein Trotzkopf<span class='pagenum'><a name="Page_356" id="Page_356">[Pg 356]</a></span> +gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine +höllische Geschichte aus.«</p> + +<p>Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut +der Verzweiflung. Plötzlich wird der rote Kopf des Presi +blaß. Weil sie vor ihm in die Kniee sinkt und schreit:</p> + +<p>»So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater — verzeihe +mir!« da zieht er sie mit zitternden Armen empor +und preßt die leichte, schöne Gestalt seines Kindes stürmisch +an seine breite Brust.</p> + +<p>»Bini — arme Bini,« stöhnt er, »da ist nichts zu +verzeihen — du bist den Weg gegangen, den du hast +gehen müssen, und es ist geschehen, was hat geschehen +müssen. — Es ist Schicksal — —«</p> + +<p>Seine Stimme bricht schluchzend ab und plötzlich +fühlt Binia, wie zwei warme Thränen über die Wangen +des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat weinen gesehen. +In mächtiger Bewegung halten sich Vater und Kind umschlungen, +eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge +ein Engel auf leisen Sohlen an den zweien vorbei.</p> + +<p>So halten sie sich in Glück und Elend lange, lange.</p> + +<p>Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias +einen Stoß erhalten wie noch nie.</p> + +<p>Er findet den Mut nicht, in der gräßlichen Angelegenheit +irgend etwas zu thun. Er klammert sich an +die Hoffnung, Thönis Leiche würde schon deswegen nicht +gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist +jetzt vorüber, seit die That geschehen ist, und niemand +kümmert sich um Thöni mehr. Ist es nicht bei Unglücksfällen +schon häufig genug vorgekommen, daß man mit +dem größten Eifer die Leichen solcher, die in die Glotter +gestürzt sind, nicht mehr hat finden können? Entweder<span class='pagenum'><a name="Page_357" id="Page_357">[Pg 357]</a></span> +lagen sie in den Schlünden der Schlucht verborgen oder +der mächtige Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter +geschwemmt und in den Strom hinausgeführt. So mochte +es auch mit der Leiche Thönis gegangen sein.</p> + +<p>Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung quälen +den Presi die Erinnerungen an Thöni, das Bewußtsein, +daß er die Verantwortung für das unglückliche Leben +trägt.</p> + +<p>»Thöni, der mir alles von den Augen absah, hat +gemeint, es sei mir ein Gefallen, wenn Josi tot bliebe. +Er hat den ersten Brief unterschlagen, dann hat er nicht +mehr rückwärts gehen können, hat falsch geschrieben, und +es ist gekommen, wie's hat kommen müssen. Daß er ein +Schelm und fremd geworden ist, daran bin ich schuld.«</p> + +<p>Das tönt ihm unaufhörlich durch die Sinne.</p> + +<p>Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, daß +Thöni selber in die Glotter gelaufen sei. Es klingt so +unglaubwürdig. Sein Kind redet es sich nur so ein, um +nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschläger, umzukommen +— — aber der Presi wagt es nicht, sie noch +einmal darüber zu fragen — nein — nein — er zittert +nur davor, eines Tages könnte in Josi doch die Selbstanklage +erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht ist, +und es würde die zwei, die nicht ohne einander leben +können, trennen.</p> + +<p>Ein Fluch des Unglücks ginge dann von ihm und +seinen Gewaltthaten noch in das folgende Geschlecht +hinein.</p> + +<p>Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er +glaubt nicht mehr an ein schönes Alter, aber wenn er +die dunklen Augen Binias traurig auf sich gerichtet sieht,<span class='pagenum'><a name="Page_358" id="Page_358">[Pg 358]</a></span> +so lächelt er sie mit seinem wärmsten Lächeln an, hebt +den gebeugten Rücken und meint vor ihr verbergen zu +können, wie rasch er zusammenfällt und aus den Kleidern +schwindet.</p> + +<p>O, es ist rührend, wie sich der alte Mann zu verstellen +sucht, daß Binia nicht sehe, wie er hoffnungslos +leidet.</p> + +<p>Hoffnungslos! — Nein, wenn er sein herrliches +Kind sich anschaut, wie es mutig und geduldig seine +Leiden trägt, wie es auf Josi wie auf einen Felsen baut, +glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen +Wasser sei so stark, daß er selbst das Ereignis in der +Glotterschlucht besiege.</p> + +<p>Um den Vater müht sich Binia treu und hingebungsvoll, +sie sinnt Tag und Nacht nur darüber, wie +sie den Gram von seiner Stirne scheuche.</p> + +<p>»Kind — Herzensvogel,« sagt er, »wie bist du mit +deinem Vater lieb.«</p> + +<p>Seine Auswanderungspläne hat er aufgegeben — +in St. Peter hat er gelebt, in St. Peter will er sterben +— steigt Josi von seinem Werk herunter, so wird er +ihm sagen: »Nimm meine Binia — schenke ihr Glück, +viel Glück — zieht fort — mein Segen begleitet euch — +ich aber erwarte mein letztes Stündlein in St. Peter.«</p> + +<p>In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand +wagt auch nur das bescheidenste Festchen vorzubereiten. +Der Handel um den Bären stockt. Aus Scheu vor Frau +Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus +Sorge, es könnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid +geschehen, wagt es der Presi nicht mehr, nach Hospel +hinauszugehen. Die ganze blinde Wut des Volksaberglaubens<span class='pagenum'><a name="Page_359" id="Page_359">[Pg 359]</a></span> +hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erfährt +Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und +die Dörfler schlagen das Kreuz und speien vor ihr.</p> + +<p>Der Verkauf des Bären würde die Aufregung im +Dorf noch steigern.</p> + +<p>Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter, +aber ändern kann er an der entsetzlichen Lage nichts, er +vertraut nur auf die heilige Scheu, die denn doch jeder +im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das thun +sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden +Schweigen.</p> + +<p>Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi +auf seinem Posten stehen — und so stark sein, daß er +sie bändigt. — —</p> + +<p>Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf +den Posten stellen müssen — in St. Peter stehen die +Dinge bös.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_360" id="Page_360">[Pg 360]</a></span></p> +<h2><a name="XIX" id="XIX"></a>XIX.</h2> + + +<p>Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als +der erste, so furchtbar, daß ihn niemand auszuführen +wagt und jeder zittert vor dem Los, das ihn treffen könnte.</p> + +<p>Ehe der Hammer an den Weißen Brettern schlägt, +muß zur Rettung St. Peters ein Mord begangen sein. +Josi Blatter, der sich gegen den Himmel gewendet hat, +muß fallen, die armen Seelen auf der Krone müssen +versöhnt werden.</p> + +<p>In der Nacht halten die Männer seitab vom Dorf +unter Wetterlärchen ihre ernsten Beratungen. Leichten +Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder ist ganz durchdrungen +von dem Gedanken, was für eine schreckliche That +ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im Dämmerschein +der Sage steht, hat im Glotterthale kein Mann +einen anderen getötet. Es ist aber doch besser, es falle +nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als daß das +ganze Dorf untergehe.</p> + +<p>Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter, +sondern der ist es, der ihn erschlägt.</p> + +<p>Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben +in den Felsen, er steht in einem schmalen Gang, in dem +nur ein Mann auf einmal gehen kann, und er ist Herr<span class='pagenum'><a name="Page_361" id="Page_361">[Pg 361]</a></span> +des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und +wenn Hunderte gegen ihn streiten, so überwältigt er sie +mit einer einzigen Patrone, die er nach dem nächsten +Stein schleudert.</p> + +<p>Die Männer stehen ratlos. Nur noch zwei Tage, +dann wird der Hammer von den Weißen Brettern schlagen.</p> + +<p>Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan +Johannes dem Schicksal Thönis auf der Spur. Warum +sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der Wetternacht +über den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Thöni +Grieg geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in +Hospel nie die geringste Nachricht von ihm bekommen? +Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern der Glotter +und späht in die Wasser.</p> + +<p>Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim +Bildhaus an der Grenze von Tremis, in dem das Wasser +quirlt und brodelt, etwas auftauchen sehen, was ein +Bein und ein Schuh sein könnte — nein, was ein Bein +und ein Schuh ist.</p> + +<p>Wie die Männer von ihren heimlichen Beratungen +heimkommen, herrscht unter den Weibern schon Wehklagen: +es stehe einer außerhalb der Brücke in der Glotter, +er strecke den Arm gegen die Weißen Bretter und stöhne +immer nur: »Der dort oben — der dort oben« — und +hinterher seufzte er: »Und Binia Waldisch!«</p> + +<p>Abergläubisches Entsetzen füllt das Dorf. Es ist +kein Schlaf in St. Peter — nur Beten und Gejammer: +»Warum haben wir den Bau an den Weißen Brettern +zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verführen +lassen?« Und dazu die dumpfe Antwort: »Auf +ihn und sein Kind mag es kommen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_362" id="Page_362">[Pg 362]</a></span>In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal, +ehe der Tag dämmert, klopft der Mesner schreckensbleich +an die Thüren: »Ich kann nicht zur Frühmesse läuten, +es steht einer in weißem Gewand an der Kirchenthüre!«</p> + +<p>Mit ihren Laternen gehen die Dörfler in festgeschlossener +Schar zum Gotteshaus.</p> + +<p>Es steht keiner an der Kirchenthüre, aber ein großer +Zettel klebt daran, sie lesen ihn mit Entsetzen und die +Frauen fahren kreischend zurück.</p> + +<p>»Gerechte Bürger von St. Peter!« heißt es auf dem +Blatt. »Ich, Thöni Grieg, klage es euch. Aus den +Wassern der Glotter schreie ich seit dem Fridolinstag um +ein ehrliches Begräbnis in geweihter Erde, während mein +Blut sündig an den Weißen Brettern vermauert wird. +Ihr kennt meine Mörder. Begrabt mich und schafft +Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen, was ich leide, +und ziehen aus.«</p> + +<p>Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den +Gliedern, einer raunt es dem anderen zu: »Wenn die +Toten zu schreiben anfangen, dann ist es Zeit, daß wir +handeln.«</p> + +<p>Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen +heran. »Seht ihr, die Toten reden! Was wollt ihr +mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die Zunge soll +dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren, +der mich verrät. Bevor ihr den Mord am Rebellen +sühnen könnt, müßt ihr Binia Waldisch, die Teufelin, +schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er schwach und +leicht zu bewältigen. Wozu der Schrecken, wozu das +Erbarmen? Lest, wie sie Thöni getötet und sein Blut +nach der Stadt gebracht haben, damit man das Teufelssalz<span class='pagenum'><a name="Page_363" id="Page_363">[Pg 363]</a></span> +hat bereiten können. Die erste Schuldige ist Binia +Waldisch, die Tochter des Presi; sie müßt ihr schlagen, +sonst geht St. Peter unter.«</p> + +<p>Die Männer schaudern: »Das thun wir, so wahr +uns Gott helfe, nicht. Mann gegen Mann, so ist's in +den alten Zeiten gehalten worden, aber eine Jungfrau +tötet, selbst wenn sie eine Teufelin wäre, keiner. Eher +mag St. Peter untergehen.«</p> + +<p>Da rollt der Gletscher.</p> + +<p>»Hört ihr's — St. Peter geht unter!« wehklagen +die Frauen, und der Kaplan lächelt: »Ihr könnt die +Hexe mit weltlichen Waffen nicht umbringen, die heiligen +Grabkreuze müßt ihr aus der Erde reißen und sie damit +schlagen.«</p> + +<p>»Johannes,« grollen die Männer und ballen gegen +ihn die Fäuste, »seid Ihr der Satan, der uns ins Unglück +bringen will? Eine Jungfrau mit Grabkreuzen erschlagen! +Das ist unerhört im Bergland. Thäten wir +das unseren heiligen Toten zu leid, daß wir ihre stillen +Gräber schänden, so geschähe es uns gerecht, wenn unser +alter Pfarrer uns das Gotteshaus verschlösse und die +Glocken bannte. Dann müßten wir ja auch zu Grunde +gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie +Dörfer vergangen sind, denen die Kirche den Segen entzogen +hat. Die Weiber sind unfruchtbar geworden, der +Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie die +Wölfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten +sich in Verzweiflung über die Felsen gestürzt. Kaplan — +Ihr wollt uns zu Grunde richten — seht Euch vor, wenn +Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der erste, den wir +erschlagen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_364" id="Page_364">[Pg 364]</a></span>Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie +er ihn selbst hervorrufen kann. Er stürzt, er zuckt, er +schäumt, er schreit.</p> + +<p>»Er ist seiner selbst nicht mehr mächtig, jetzt redet +Gott aus ihm,« mahnt der Glottermüller und streckt die +gefalteten Hände zum Himmel. Was aber Johannes +spricht, ist entsetzlich: »Thöni Grieg — du mußt aufstehen, +sie müssen einen Toten zeugen hören, daß St. Peter +untergeht.«</p> + +<p>Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Thöni Grieg +in der Glotter liegt, so wollen sie dem Kaplan glauben +und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch, die Mörderin, +erschlagen.</p> + +<p>Während aber die Dörfler auf dem Kirchhof noch +beraten, ertönt der Ruf: »Der Pfarrer kommt — der +Pfarrer!«</p> + +<p>Da springt der Kaplan auf: »Er will euch überreden. +— Eilt an die Glotter und seht. — Vor dem +Bildhaus zu Tremis schwimmt Thöni Grieg in der +Schlucht.«</p> + +<p>Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht +die Gemeinde vor ihrem Pfarrer. Er liest den Anschlag +an der Kirchenthüre, sein weißes Haupt zittert, er stammelt: +»Jetzt muß ich Wort halten!« Weinend schleicht +der alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zurück. »Sie +haben sich dem Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von +der heiligen Kirche gewandt, wohlan, so muß ich mein +Wort halten.«</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_365" id="Page_365">[Pg 365]</a></span></p> +<h2><a name="XX" id="XX"></a>XX.</h2> + + +<p>Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des +kalten Herbstmorgens, der schon an den Winter mahnt, +über den Stutz hinab thalaus geeilt, aber Kaplan Johannes +ist nicht mehr bei ihnen.</p> + +<p>Sie mögen Thöni Grieg selbst suchen, das Entsetzen +wird um so größer sein, wenn sie ihn finden.</p> + +<p>Der Garde weilt beim Presi: »Binia retten, was +auch geschehen sei, auf eine blutige That darf keine +blutige That folgen. Und die Gier des Verrückten trachtet +nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut — Presi — +ich bürge für sie. — Aber rasch — rasch —«</p> + +<p>Der Presi spürt die bittere Not der Stunde: »Wohin +wollt Ihr mit ihr, Garde?«</p> + +<p>»Ich geleite sie auf den Berg, daß sie zu Josi gehe. +Dort ist sie sicher; wenn er will, kommt keine Maus in +seinen Gang, und bis am Morgen ist auch schon Mannschaft +zum Schutz beider an den Weißen Brettern. — +Presi, telegraphiert in die äußeren Gemeinden um Hilfe.«</p> + +<p>Der Presi will es thun — er kommt kreideweiß aus +der Postablage zurück — der Draht ist abgeschnitten.</p> + +<p>»Dann holt Eusebi die Mannschaften — ein paar +Stunden später sind sie doch da — nur ein Verbrechen<span class='pagenum'><a name="Page_366" id="Page_366">[Pg 366]</a></span> +darf nicht geschehen — eher mögen unsere Häuser zerstört +werden.«</p> + +<p>In dem sonst so schwerfälligen Garden lebt und +bebt alles, die klugen und guten Augen unter den buschigen +Brauen sprühen Feuer, er ist wieder jung.</p> + +<p>»Ja, zu Josi!« klingt das Stimmchen der erschrockenen +Binia fein und traumhaft und ihre Finger spielen, ohne +daß sie es weiß, mit dem Tautropfen, den sie aus der +Kapsel des Halskettchens geholt hat. »Komm mit mir, +Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht +trennen.«</p> + +<p>Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng: +»Heute gehört der Presi in die Gemeinde, das weißt du, +Kind!« Dann in überströmendem Gefühl: »Geh, Binia! +— Auf Wiedersehen, Herzensvogel — grüße mir Josi.« +Er reißt sie an seine Brust: »Liebe Bini — sollte es +anders kommen — sollte ich morgen nicht mehr leben — +doch wenn nur du lebst — ich habe einmal einen sonderbaren +Traum gehabt — aber ich glaube nicht mehr daran +— geh zu Josi — geh in Gottes Namen.«</p> + +<p>Mit sanfter Gewalt löst der Garde die schluchzende +Binia aus den Armen des Vaters: »Ich will dich führen, +Binia! — Komm — komm.«</p> + +<p>Vater und Kind nehmen Abschied wie für die +Ewigkeit.</p> + +<p>Der Garde führt Binia im kalten, dichten Nebel +durchs öde Dorf gegen die Alpen empor. Er redet herzlich +zu der Schwankenden, die doch tapfer geblieben ist: +»Und nun, Binia,« fragt er, »was für eine Bewandtnis +hat es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und +Josi erhoben wird —«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_367" id="Page_367">[Pg 367]</a></span>Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater +gebeichtet hat.</p> + +<p>»Binia!« sagt der Garde stillstehend und faßt ihre +beiden Hände: »Jemand anders als du könnte es mir nicht +vorgeben, daß der betrunkene Thöni selber in die Glotter +gelaufen ist — aber wenn es einen Menschen giebt, dem +ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt +wären, immer den Mut der Wahrheit besessen.«</p> + +<p>Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia. +O, sie hat es wohl gefühlt, daß der Vater ihrer Erzählung +nicht ganz vertraute, und nun ist sie endlich +glücklich, daß wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen +Elend versteht.</p> + +<p>Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, daß alles gut +kommen werde, durch ihre Brust, da aber taucht Kaplan +Johannes gespenstisch aus dem Nebel auf und lacht sein +gräßlichstes Lachen: »Wir tanzen doch, Jungfrau — wir +tanzen an den Weißen Brettern!«</p> + +<p>Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken.</p> + +<p>Ehe der Garde sich auf ihn stürzen kann, verschwindet +er so rasch, wie er aufgetaucht ist, im Nebel.</p> + +<p>Binia zittert und der Garde muß sie wohl oder +übel noch ein gutes Stück begleiten.</p> + +<p>Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau — +es liegt unter ihnen — eine blasse Sonne scheint durch +weiße Wolken — über das Gebirge ziehen dunklere Streifen +und Bänke her — es rüstet zum Schneien — aber in der +Felsenhöhe winkt der sichere Hort.</p> + +<p>»Fürchte dich nicht, Binia,« mahnt der Garde, »gewiß +geht eher St. Peter unter, als daß deinem Haupt +ein Leid geschieht.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_368" id="Page_368">[Pg 368]</a></span>Hoch oben trennen sie sich. — Binia geht langsam, +Schritt für Schritt, sie steigt in die falbe, schweigende +Einöde — sie ist auf der Flucht — ihre Lippen zittern: +»Zu Josi!«</p> + +<p>Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann +wendete er sich in Selbstvorwürfen: »Der Mensch meint, +er mache ein Ding gut, und er macht es böse. — Es +wäre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf +wüßte, was für ein Verbrechen Thöni Grieg an Josi +begangen hat.« — —</p> + +<p>Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde +eilt zu den Dörflern hinaus, die die Leiche in der Glotter +suchen. Vielleicht bringt er sie im letzten Augenblick zur +Vernunft.</p> + +<p>Im Bären aber kämpft ein alter, einsamer Mann, +er kämpft wie der angeschossene Adler, der jäher als je +zuvor gegen den Himmel steigt. Er kämpft wie die +Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers +schießt und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber +der Adler fällt rauschend in die Hochgebirgstannen, die +Forelle verliert die Kraft und muß aufwärts steigen.</p> + +<p>Der Presi weiß es: er ist der Adler — er ist die +Forelle — seine Stunde ist da.</p> + +<p>Er sitzt und betet — er blickt über sein Leben — +er sieht alle seine Missethaten gegen Fränzi und Seppi +Blatter — gegen die selige Beth — gegen Josi — gegen +Binia — und er hat Thöni auf dem Gewissen. Eine +furchtbare Angst um Binia überfällt ihn. Sie ist wohl +sicher in Josis Felsenwerk — aber er hätte sie nicht gehen +lassen sollen — in seiner grenzenlosen Verlassenheit gewinnt +der alte Traum Macht über ihn — und er weiß<span class='pagenum'><a name="Page_369" id="Page_369">[Pg 369]</a></span> +jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes +rühren wird — es ist der schreckliche Kaplan, der den +Haß gegen ihn und eine verbrecherische Leidenschaft für +das Kind in einer Blutthat ertränken möchte.</p> + +<p>Er sollte jetzt der Presi sein — er sollte handeln — +sollte reden — aber die Kraft versagt. — Das Dorf ist +totenstill — er weiß nicht, was draußen an der Glotter +geschieht — wie Binia ihr Ziel erreicht. — Die Furcht +lähmt ihn und kein Mensch kümmert sich um ihn.</p> + +<p>Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und +harrt den langen Tag als Samariterin bei ihm aus.</p> + +<p>Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten +Thöni bringen. Mittag. — Abend. — Da naht endlich +der traurige Zug, in dessen Mitte die Leiche auf einer +Bahre liegt.</p> + +<p>Die Männer des Gebirges haben die Hüte gezogen, +finster und gemessen schreiten sie und reden nichts.</p> + +<p>Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschluß, den sie +nur im höchsten Taumel des Schreckens faßten, erschüttert +worden.</p> + +<p>Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen +wollten, den falschen, entsetzlichen Brief Thönis gezeigt, +und das Mitleid mit dem, der in der Glotter lag, ist +dahin. — Hätte ihn Josi erschlagen, man könnte nichts +dawider haben.</p> + +<p>Nein, sie können Binia nichts thun — selbst das +entstellte Gesicht Thönis, den man unter unendlichen +Mühen aus den Tiefen der Glotter geholt hat, giebt ihnen +den Mut nicht mehr.</p> + +<p>Da ziehen die Sprengschüsse Josis lang hinhallend +durch das Gebirge und die Donnerschläge von den Weißen<span class='pagenum'><a name="Page_370" id="Page_370">[Pg 370]</a></span> +Brettern jagen die Furcht neu in die vom Totenfund +erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer höheren +Fügung stehen. Morgen schlägt der Hammer — morgen +fallen die Lawinen von der Krone — morgen geht St. Peter +unter.</p> + +<p>Die Fäuste ballen sich, die Blicke steigen drohend +gegen die Felsen empor. »Der braucht wohl noch zu +sprengen,« knirschen die Männer, »in dieser Nacht muß +doch noch das Gericht ergehen.«</p> + +<p>Wohin mit der Leiche? — Auf den Kirchhof. Die +Bahre steht. Um sie knieen im sinkenden Abend die +Dörfler.</p> + +<p>Von der Freitreppe des Bären schreitet im Sonntagsstaat +würdig und feierlich der Presi, der den schrecklichen +Anfall vom Morgen überwunden hat. Zitternd, +doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof empor +und scheu geben die Dörfler Raum.</p> + +<p>Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt +die schneeweiße Hand des Ertrunkenen. Ruhig spricht +er, so daß es alle hören können: »Thöni Grieg, du +weißt es, daß ich dich erschlagen habe, daß Josi und Binia +unschuldig sind. — Garde und Gemeinde, ich ergebe +mich euch als der Mörder Thöni Griegs!«</p> + +<p>So spricht der Presi!</p> + +<p>Was er erwartet, erfüllt sich aber nicht. Das Volk +stürzt sich nicht auf ihn, sondern stutzt in Verwirrung +und Hohngelächter erschallt ringsum. Die Rede des Garden +und des Presi widersprechen sich. — Der Garde schluchzt +laut auf: »O Presi, was habt Ihr gesagt!« Er fällt +seinem Freund an die Brust.</p> + +<p>Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die Dörfler<span class='pagenum'><a name="Page_371" id="Page_371">[Pg 371]</a></span> +schreien: »Sie spielen Komödie — der Garde draußen, +der Presi hier — sie lügen — Josi Blatter und Binia +Waldisch sind die Mörder. — Die Führer der Gemeinde +sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.«</p> + +<p>Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenthüre +herüber ein zweiter — ein entsetzliches Geschrei: »Wehe +St. Peter — wehe — wehe — wir sind exkommuniziert.«</p> + +<p>Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren wäre, hätte +die Verwirrung nicht vermehren können.</p> + +<p>Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing, +klebt eine andere. Der <a name="corr_9" id="corr_9"></a><a href="#corr_note_9" class="correction" title="Im Originaltext "Pfarerr"">Pfarrer</a> schreibt:</p> + +<p>»An die räudige heidnische Rotte von St. Peter. +Im Namen der heiligen Kirche sind die Siegel an dieses +Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der sei einem Selbstmörder +gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht, +den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben, +und wer in der heiligen Erde wühlt, soll selbst kein geweihtes +Grab finden. Das soll so lang gelten, als ihr +nicht mit dem rechtmäßigen Pfarrer Frieden macht und +von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben +laßt!«</p> + +<p>Darunter steht das Pfarramtssiegel. — Die Leiche +Thöni Griegs ist über dem Schrecken, den die neue Botschaft +erregt, vergessen. Man sucht den Pfarrer, man +findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte gekränkte +Mann das Thal verlassen, einige, die an der +Glotter standen, haben ihn sogar gesehen.</p> + +<p>Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und +übermorgen ist Allerheiligen — dann Allerseelen! Kirche +und Kirchhof aber sind gesperrt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_372" id="Page_372">[Pg 372]</a></span>Nun rüttelt und schüttelt das Entsetzen ein ganzes +Dorf.</p> + +<p>»Die Regierung hat uns ins Elend geführt, unsere +alten Vorsteher lügen uns an, die Kirche giebt uns auf +— und alles kommt vom Rebellen und der Hexe — den +Mördern. — Gut, wenn man will, daß wir wilde Tiere +werden, so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres +Lebens wehren — der Rebell und die Hexe müssen +sterben.«</p> + +<p>So rasen die von St. Peter.</p> + +<p>Der Presi schwankt, wie er sieht, daß seine Selbstaufopferung +nichts hilft, davon — die Dörfler beachten +es im Aufruhr kaum — der Garde will reden — aber +ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender Weiber +und tobender Männer: »Wir wollen nichts mehr von +euch — ihr seid alle Verräter.«</p> + +<p>Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken — das +Grauen wächst.</p> + +<p>Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden +Kienfackel auf die Bahre und beleuchtet das zerwaschene +Gesicht des Toten; der Ruf läuft durch die +dunklen Gruppen: »Wir haben niemand mehr, der sich +unser erbarmt, als Johannes — Kaplan, führt uns — +sagt uns, was sollen wir thun?«</p> + +<p>Der Schwarze lächelt höllisch: »Erschlagt die Teufelin +und den Rebellen — sie ist bei ihm an den Weißen +Brettern, ich öffne euch den Weg.«</p> + +<p>Da ruft der alte greise Peter Thugi: »Ergebt euch +nicht in die Gewalt des Schwarzen — ihr werdet es +bereuen.«</p> + +<p>Im gleichen Augenblick aber ertönt ein seltsames<span class='pagenum'><a name="Page_373" id="Page_373">[Pg 373]</a></span> +klirrendes Geräusch durch den Kirchhof. Alle erschaudern. +Wahnsinnige Weiber haben die ersten Kreuze ausgerissen. +Die Männer knirschen dumpf: »Jetzt können wir nicht +mehr zurück — vorwärts also — wir müssen Totschläger +sein!«</p> + +<p>Das vom Entsetzen gerüttelte Dorf rüstet sich zum +schrecklichen Auszug an die Weißen Bretter, die Grabkreuze +klirren durch die Nacht. Hinter Kaplan Johannes, +der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und +den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende, +betende Schar, die sich der Hölle ergeben hat. +Sie hat aber das Dorf kaum verlassen, da röten sich die +nächtlichen Nebel und schon rennen die Ausziehenden +schreiend zurück: »Es brennt in St. Peter. — Feurio! +— Feurio!«</p> + +<p>Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende, +wachsende Glut reißt alle ins Dorf zurück. — »Vielleicht +ist es unser Haus — vielleicht ist es unser Vieh, das +verbrennt,« jammern sie; es scheint durch die schwelenden +Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen.</p> + +<p>Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die +Kreuze von sich wirft und zu ihren Häusern rennt.</p> + +<p>Wie die Erschrockenen aber zurückkommen, brennt +der Bären, steigen die Lohen schon prasselnd durch das +Dach in die Nebel empor. Der Bären, das alte schöne +Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des +Dorfes, brennt. Sie stehen erschüttert davor — und ihre +erste Eingebung ist: retten — helfen, — das Gewissen +für die bürgerliche Pflicht erwacht.</p> + +<p>Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die +Sturmglocken ziehen wollen, prallen sie wieder an die<span class='pagenum'><a name="Page_374" id="Page_374">[Pg 374]</a></span> +Siegel des Pfarrers. Es brennt und man darf nicht +läuten.</p> + +<p>Die Verzweiflung packt das Dorf. — Die Leiche +Thöni Griegs, die noch auf dem Kirchhof steht, steigert +das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt über sie und giebt +den Zügen einen Schein des Lebens. — —</p> + +<p>»Wer hat den Bären angezündet?« — »Ein Voreiliger +vom Ahorn!« So redet ihnen das schlechte Gewissen +ein. »Wo ist der Presi? Wenn er im Haus verbrennte?« +— Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist +nicht darin.</p> + +<p>Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der +schwarze Kaplan, der schrecklich im Schein der Flammen +steht, mit seiner hohlen Grabesstimme: »Meine fromme +Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten — wir müssen +Teufelstöter sein — folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen +ein erlösendes Wunder für alle geschehen, die +mit mir sind — folgt ihr mir nicht, so seid ihr um +Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes — der +Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und +bietet die äußeren Dörfer gegen uns auf. Er hat das +Haus angezündet, um uns aufzuhalten.«</p> + +<p>Das erste glauben die Dörfler, das letzte nicht, denn +zu sehr hat der Presi sein schönes Heim geliebt.</p> + +<p>Das Entsetzen steigt. — Mord und Feuersbrunst +in der Gemeinde — und morgen militärische Besetzung +oder Untergang. — Dazu den Zorn und die Strafen +der Kirche.</p> + +<p>Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden +Funkengarben auf das Dorf, Frauen und Kinder +flehen die Männer auf den Knieen an, daß sie das Dorf<span class='pagenum'><a name="Page_375" id="Page_375">[Pg 375]</a></span> +retten, der Garde mahnt mit Thränen in den Augen +zur Vernunft.</p> + +<p>Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert, +Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die +nächsten Häuser. Die Nacht ist windstill, die riesige Lohe +des Bären verfließt wie eine feurige Wolke im Nebel, +die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den berstenden +Fenstern zischen die Flammen und zerstören die +alten Jagdtrophäen am Dachgebälk und prasselnd fällt +das graue Bärenhaupt auf die Straße und zersplittert.</p> + +<p>Aus dem Erdgeschoß ist einiges gerettet worden und +nun schreit Bälzi: »Der Wein! der Wein! Laßt uns +doch den Wein holen!«</p> + +<p>Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie +wälzen die Fässer auf die Straße, und da man sich wegen +der steigenden Hitze zurückziehen muß, zum Kirchhof hinauf.</p> + +<p>Die Flaschen, Krüge, Becher und Gläser kreisen.</p> + +<p>»Wenn doch St. Peter untergehen muß,« gröhlen +die Männer, »so wollen wir noch trinken. Zum Wohl — +zum Wohl!«</p> + +<p>Ein gräßliches Bild! Der Brand nimmt schon ab, +die Gefahr für das Dorf ist vorbei, der Bären ist ein +riesiger glühender Ofen, auf dem Kirchhof aber beraten +die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden +Kindern, was sie jetzt anfangen wollen.</p> + +<p>Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der +Garde und noch einige haben sich auf den Kaplan geworfen, +haben ihn gefesselt und wollten den Tobenden +abführen.</p> + +<p>Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken +der Besinnung löscht: »Wir sind verraten. — Die wehrfähige<span class='pagenum'><a name="Page_376" id="Page_376">[Pg 376]</a></span> +Mannschaft der vorderen Dörfer ist im Anzug — +sie sind schon an der Brücke — sie helfen dem Rebellen +— sie sind gegen die von St. Peter.«</p> + +<p>Die Bestürzten bitten, drohen, sie kämpfen, sie +machen den gebundenen Kaplan Johannes mit Gewalt +frei: »Er allein kann uns jetzt helfen!« rufen sie. Er +aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder ergreifend: +»Vertraut mir, ihr Frommen. — Zu Allerheiligen +erlöse ich euch alle — denn ich bin nicht Kaplan +Johannes, wie ihr meint — sondern ich bin St. Peter, +euer Schutzpatron, ich richte unter euch meine Kirche ein — +und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!«</p> + +<p>Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen, +der sein Grabkreuz schwingt — die Hälfte der +Dörfler weicht über die Gotteslästerung entsetzt von ihm +zurück: »Wir haben uns einem Narren ergeben!« stammeln +sie.</p> + +<p>Zwanzig, dreißig Frauen aber, die noch in Furcht +und Entsetzen an ihn glauben, scharen sich um ihn, eine +Zahl Männer ahmen das Beispiel nach, doch viele unter +ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: »Wir gehen +mit,« knurren sie finster, »denn nach allem, was sich ereignet +hat, können wir nicht mehr zurück, aber wenn +er uns ins Unglück führt, ist er der erste, der fallen +muß.« — —</p> + +<p>Siegesgewiß lächelt der wahnsinnige Kaplan: »Kommt, +kommt, ihr Getreuen — an den Weißen Brettern wird +sich das Glück der Gemeinde erfüllen.«</p> + +<p>»Auch Ihr, Peter Thugi?« — Der Garde, der den +Mut verloren hat, sagt es traurig und vorwurfsvoll. —</p> + +<p>»Garde,« erwidert der junge Mann, »wenn Josi<span class='pagenum'><a name="Page_377" id="Page_377">[Pg 377]</a></span> +oder Binia ein Härchen gekrümmt wird, so kehre ich +nicht zurück zu meinen Kleinen — mich schämt das Leben +an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!«</p> + +<p>Der Zug der Verzweiflung zieht, während es leise +zu schneien beginnt, in die Nacht.</p> + +<p>Umsonst hat der Garde noch einmal geredet — jetzt +sitzt er still in seiner Wohnung und weint über seine verirrte +Gemeinde.</p> + +<p>Vroni steht tröstend bei ihm, aber ihr ist todesangst +um Binia. Die alte Sage!</p> + +<p>Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht.</p> + +<p>Da horch! Gleichmäßige, taktfeste Schritte von Männern +schallen von der Straße, die sich mit dem Flaum +des fallenden Schnees bedeckt. In guter Ordnung rückt +die waffenfähige Mannschaft der äußeren Dörfer in +St. Peter ein, die Befehle tönen ruhig durch die Nacht, +im Haus des Garden atmet man auf aus grimmiger Not.</p> + +<p>»Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen?« fragt +Vroni die Ankommenden.</p> + +<p>»Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem +Dorf an die Weißen Bretter empor geschwenkt. — Josi +Blatter darf nichts geschehen,« antworten die Männer.</p> + +<p>Draußen im Lande weiß man es: Das Werk Josi +Blatters ist gut. Mit denen von St. Peter aber, die +man schon lange als harte, abergläubische Köpfe kennt, +muß man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute +geschehen ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt.</p> + +<p>Daß Josi Blatter, der Held der heligen Wasser, +ein Mörder sei, will niemand glauben; daß die von +St. Peter sich unter die Anführung des verrückten Kaplans +stellten, den man als einen gemeingefährlichen Vagabunden<span class='pagenum'><a name="Page_378" id="Page_378">[Pg 378]</a></span> +kennt, daß sie nach dem Leben eines durch seine Rechtschaffenheit +und Schönheit bekannten Mädchens trachten, +erfüllt die Mannschaft mit solcher Wut, daß die Führer +Mühe haben, sie von unüberlegten Thaten gegen die +Dörfler zurückzuhalten.</p> + +<p>Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung +walten, bis in die Stadt ist man durch Eusebi +und den Pfarrer über den Plan derer von St. Peter +unterrichtet und empört.</p> + +<p>Wenn den zwei Liebenden ein Leid geschähe, wehe +dann dem Dorf.</p> + +<p>Nun aber sind die Männer enttäuscht — in St. Peter +brennen nur wenige Lichter — wo sie eintreten, treffen +sie nur betende Frauen — aber keinen Mann, der Auskunft +über die Ereignisse des Tages gäbe.</p> + +<p>Endlich greifen sie einen auf — den betrunkenen +Bälzi, der in seinem Rausch den schrecklichen Ahornbund +verrät. Sie sperren den Gefesselten in die Gemeindescheune.</p> + +<p>Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an +die Weißen Bretter emporgestiegen sind, auf einer Notbahre +von Tannenreisern einen Mann. Die erste falsche +Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen worden +sei, aber es ist der Presi, der machtlos röchelt.</p> + +<p>»Wohin mit ihm?« fragen die Träger. — »In +mein Haus,« erwidert der erschütterte Garde, und wie +er in das Gesicht seines Freundes blickt, da weiß er, daß +er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird.</p> + +<p>Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos +zusammengesunken.</p> + +<p>Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber<span class='pagenum'><a name="Page_379" id="Page_379">[Pg 379]</a></span> +er kann nicht sterben: »Mein Traum,« stöhnt er, »mein +entsetzlicher Traum — dazu die alte Sage, daß eine +Jungfrau bluten muß, ehe St. Peter von der Wasserfron +erlöst ist. Garde, seht Ihr nicht — meine arme Bini +blutet.«</p> + +<p>In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende.</p> + +<p>»Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse +meine Bini mit Josi glücklich und daß er unschuldig ist. +Nur kein Fluch von mir in ein folgendes Geschlecht. — +Seppi Blatter — Fränzi — macht es mir nicht zu streng.«</p> + +<p>Der Garde hält die Hand des Bebenden, selbst ein +unglücklicher Mann, fühlt er verzehrendes Mitleid mit +ihm und tröstet: »O Presi — es leben allerdings mächtige +Wahrheiten in den alten Sagen, in Träumen wohnt +tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure, +vermag die verhängten Schicksale zu brechen. Es wird +Euch vor Gott groß angesehen sein, daß Ihr Euer Kind +in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet, dahin ziehen +ließet, wo seine Sicherheit und sein Glück liegen, — +daß Ihr die Folgen einer unglücklichen Stunde vor dem +erregten Volk selber tragen wolltet, — daß Ihr Eure +letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr glaubtet, Eure Kinder +hätten Eures Schutzes nötig. Presi, gebt die Hoffnung +nicht auf.«</p> + +<p>So tröstet der treue Freund feierlich und unablässig +und zitternd horcht der Presi.</p> + +<p>Der Garde, der es spürt, wie das Leben seines +Freundes schwinden will, sagt: »Ihr habt mehr gethan +— um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das Euch lieb +war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!«</p> + +<p>Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_380" id="Page_380">[Pg 380]</a></span>Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein +Freund ist noch der alte Presi. Er würde, wenn er seine +Kinder nicht mehr sähe, mit einem schrecklichen Geheimnis +ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht +der Brandstiftung ruhen lassen.</p> + +<p>»Bekennt Ihr,« fragt der Garde, »wenn Josi und +Binia unversehrt durch diese Thüre treten?«</p> + +<p>Da schluchzt der Presi, aber er schweigt.</p> + +<p>»Josi und Binia sind unschuldig — es kann ihnen +nichts geschehen — jetzt nicht und vor Gericht nicht — +ich werde mit ihnen kämpfen — sie müssen glücklich +werden, die so viel gelitten haben!«</p> + +<p>So mahnt und tröstet der Garde, und aus seiner +vollen Brust strömt der Glaube in die Brust des Presi +über, ergebungs- und hoffnungsvoll erwartet er, während +seine Pulse schon schwächer und schwächer gehen, die Botschaft +von den Weißen Brettern.</p> + +<p>Ehe er weiß, wie es sich an den heligen Wassern +entschieden hat, kann er nicht sterben.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_381" id="Page_381">[Pg 381]</a></span></p> +<h2><a name="XXI" id="XXI"></a>XXI.</h2> + + +<p>»Zu Josi!« Durch die letzten Bergastern, durch die +öden herbstfalben Weiden schwankt Binia langsam empor +— empor — sie folgt, ohne daß sie es weiß, dem Weg, +den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie still, +dann greift ihr Fuß, indem sie flüstert: »Zu Josi!« +wieder mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zurück in +die Nebel: »Vater — Vater!« Die Kindesliebe zieht sie +zurück. Doch sie geht wieder vorwärts. Alle ihre Regungen +sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger +Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart.</p> + +<p>Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da +erreicht sie die Stelle, wo die heligen Wasser vom Geröll +auf die Weißen Bretter übergehen. Ein seltsamer Gedanke +kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und Josi +nichts geschehen! — Aber die alte Sage — sie bebt. +Wird sie für Josis Werk sterben müssen?</p> + +<p>Sie wandelt durch den Felsengang, da glänzt tief +im Hintergrund ein Licht.</p> + +<p>»Josi!« Er meißelt am Boden hingekniet und sieht +sie nicht. »Josi!« schreit sie.</p> + +<p>Er fährt auf und läßt den Hammer fallen. »Bini!«<span class='pagenum'><a name="Page_382" id="Page_382">[Pg 382]</a></span> +Er umarmt sie. Im flackernden Grubenlicht sieht er +nicht, wie bleich sie ist.</p> + +<p>»Bini — dich hat in dieser Stunde Gott zu mir +geführt. Engel — du kommst, um mein Werk zu segnen +— die Leitung vollendet sich. — Schau! — Durch dieses +Bohrloch blitzt von drüben schon der Tag.«</p> + +<p>In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast überirdische +Freude, sie schluchzt: »Josi, der Kaplan Johannes +hat in der Glotter Thöni Grieg gefunden — mein Leben +ist im Dorf verwirkt — meine letzte Zuflucht bist du.«</p> + +<p>Sie legt ihre kleinen Hände in seine großen arbeitsharten +und neigt ihr Köpfchen auf seine Schulter und +weint bitterlich.</p> + +<p>Da küßt er sie auf den Scheitel: »Sei ruhig, liebes +Bineli — du weißt es, ich habe Thöni Grieg nicht zu +fürchten — mit uns ist die Wahrheit — sei nicht so +traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir: +Glaube, vertraue — das Glück wird doch noch wahr.«</p> + +<p>Er steht vor ihr im Vollgefühl des vollendeten Werkes. +Und nun ertönt ihr kleiner Schrei: »Josi, mein Held!«</p> + +<p>Binia geht es wundersam — Bei Josi, dem starken +Manne, der ihr milde zulächelt, sinkt alles Schwere, was +sie erlebt hat, wie ein wüster schwerer Traum von ihr. +Ihr ist, an seiner Seite könnte sie einem ganzen Schwarm +von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so gräßlich +wie Kaplan Johannes wären, würde ihr kein Leid +geschehen.</p> + +<p>Mit glänzenden Augen schaut sie Josi an.</p> + +<p>»Hast du Mut, Bini?« lächelt er. »Zeige es mir. — +Ich wäre glücklich, wenn du mit deiner lieben Hand die +letzten Schüsse entzünden wolltest. Das wäre mir ein<span class='pagenum'><a name="Page_383" id="Page_383">[Pg 383]</a></span> +größeres Fest, als wenn morgen die Regierung nach +St. Peter käme und mich unter Glockengeläute vom Berg +holte. — Wozu das? — Für dich ist's ja gebaut und +gethan! — Weihe es, Binia!« — —</p> + +<p>Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt +die Patronen in die Löcher und setzt die Zünder auf. +»Hier und hier — hier und hier — da und da.«</p> + +<p>Demütig und mutig nimmt sie die Lunte und legt +sie an die Zünder, die leise zu summen beginnen.</p> + +<p>»Zurück, so weit ich dich führe, und sei stark, Bini.«</p> + +<p>Josi zählt. — »Jetzt.« — Es kracht. — Ein Donnerwetter +geht durch die Felsen, als ob das ganze Gebirge +stürzen müsse — jauchzend reicht Josi Binia die Hand: +»Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser — die +Blutfron ist gelöst!«</p> + +<p>Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und +rollt zurück. — Der Rauch zieht an ihnen vorbei und +durch das Thor herein, das sich geöffnet hat, glänzt ein +Schein des Abendrotes, das über Tremis steht.</p> + +<p>Mit wuchtigen Hieben glättet Josi die Stelle. Doch +nach einiger Zeit sagt er zu dem Mädchen, das am Rand +des Wassergrabens kauert und ihm bewundernd zuschaut: +»Für heute Feierabend — Bini — dir zu Ehren.«</p> + +<p>Da wird sie wieder etwas ängstlich: »O, Josi! — +wir sollten fliehen. — Wir sind selbst hier oben nicht +sicher — es ist mir, es geschehe Schreckliches in St. Peter!«</p> + +<p>Sie drängt sich schmeichelnd und Schutz suchend an +den strahlenden Mann.</p> + +<p>»Fliehen! — Ich fürchte mich nicht vor denen von +St. Peter. Und den Vater verlassen wir nicht, Bini.«</p> + +<p>»O mein Vater, — mein armer Vater! — Nein <span class='pagenum'><a name="Page_384" id="Page_384">[Pg 384]</a></span>— +gelt, lieber Josi, wir verlassen ihn nicht! — Wir wollen +wieder zu ihm niedersteigen,« fleht sie.</p> + +<p>»Sieh, Bini,« antwortet er tröstlich, »wir haben +einen geraden Weg, den müssen wir gehen: Bevor die +Wasser laufen, scheiden wir nicht von den Weißen Brettern +— bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit +uns kommen will, gehen wir nicht von St. Peter — +und bevor ich mich nicht vor dem Gericht von jedem +Verdacht wegen Thöni Grieg gereinigt habe, wirst du +nicht mein Weib — dann aber Glück zu, mein herzlieber, +reiner Tautropfen.«</p> + +<p>Weich und demütig erwidert sie: »Dein Weg ist +mein Weg, Josi!«</p> + +<p>In weltferner Einsamkeit hoch über den Menschen +halten sie Feierabend. Ueber dem grauen Nebel der Tiefe, +der wie ein See in die Berge gegossen liegt, geht der +Tag zur Rüste, sie sehen nicht und hören nicht, wie unter +ihnen in St. Peter der Aufruhr braust, sie sehen auch +die Sterne nicht, denn Schneewolken ziehen schwerer und +schwerer über das Gebirg — zwischen lauter Wolken sind +sie mit ihrer Liebe allein.</p> + +<p>Josi hat von lange her eine Felsennische heimelig +eingerichtet, da flackert jetzt ein Feuer, die Milch, die der +pflichttreue Bonzi wie sonst heraufgeschafft hat, siedet im +Topf; auf einem Teppich, der über eine Felsenbank +gelegt ist, sitzt das Paar Wange an Wange und in der +stillen Felsenheimlichkeit vergißt es die armseligen Menschen, +die sich in den Qualen des Aberglaubens winden, +und nichts bleibt ihnen bewußt als ihre starke Liebe. +Alle Stürme sind zur Stille gekommen, die Seelen der +Gehetzten ruhen in seligem Traum.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_385" id="Page_385">[Pg 385]</a></span>»Josi,« erbebt die Stimme Binias fein und weich, +»eine alte Sage geht, daß über der Befreiung St. Peters +aus der Blutfron eine Jungfrau sterben muß — sie hat +mir meinen Gang zu dir schwer gemacht — aber jetzt +ist mir, es wäre mir leicht, das Leben für dich und dein +Werk hinzugeben!«</p> + +<p>Und in unendlicher Treue hangen ihre Augen an ihm.</p> + +<p>»Rede nicht so —, Bini,« erwidert er sanft, »nein, +wir wandern ins Leben — du und ich — und wir wollen +unserer Liebe im Frieden froh werden und schaffen, bis +es Abend ist!«</p> + +<p>»Ins Leben!« wiederholt sie traumhaft.</p> + +<p>Er streichelt ihr dunkles Haar, müde läßt sie das +Köpfchen an seine Brust sinken, lange Leiden fordern +Auslösung, und sorglich bettet er die in einen bleiernen +Schlaf Versunkene in die Felsenecke. — Das Feuerchen +flackert und beleuchtet zwei Friedliche. —</p> + +<p>Etwas Sonderbares weckt Josi aus seinem halben +Schlummer. Ihm fehlt in der Morgenfrühe das leise +Klingen der Glocke von St. Peter, und plötzlich erinnert +er sich, daß er es auch am Abend nicht gehört hat. Nun +wird er doch unruhig. Ist in St. Peter so Schlimmes +geschehen, daß der alte Pfarrer seine Drohung wahr gemacht +hat?</p> + +<p>Besorgt zündet er in das Gesicht der schlafenden +Binia. Sie lächelt innig im Traum und von ihren +Lippen zittern die Worte: »Die Vögel, sie fliegen über +Land und Meer.«</p> + +<p>»Schlafe, armes Kind, das so viel erduldet hat, +schlafe — das Rauschen der Wasser, das Schlagen des +Hammers mag dich wecken.« Er geht leise davon, er<span class='pagenum'><a name="Page_386" id="Page_386">[Pg 386]</a></span> +schreitet sein Werk ab, im Schein der Lampe legt er da +und dort noch Hand an, er setzt am äußeren Ende der +Leitung das kleine zierliche Wasserrad ein, das den Merkhammer +treiben soll.</p> + +<p>Es schneit ruhig und feierlich, die Flocken fallen +leis und weich ins Morgengrauen und tiefe Stille waltet +ringsum. Da ist ihm doch, er höre Stimmen aus der +Tiefe und klirrende Töne — aber so unbestimmt, daß +er nicht klug daraus wird, was er hört.</p> + +<p>Er wandert rasch, die ruhig schlafende Binia im +Vorbeigehen betrachtend, das ganze Werk zurück — er +lenkt den Auslaufkännel am Eingang der Felsen vom +Abgrund zurück und hinein in die neue Leitung.</p> + +<p>Eilig strömen die Wasser.</p> + +<p>Da horch! — Stimmen schwellen im Schneegestöber +— eine Schar Gestalten, die — sonderbar genug — Grabkreuze +tragen — Männer und Weiber tauchen gespenstisch +in den Flocken auf — er erkennt den schwarzen Kaplan +— er hört die hohe Stimme des Glottermüllers: »Wir +müssen sie totschlagen, ehe das Rad geht — vorwärts!«</p> + +<p>Josi stellt sich ruhig einige Schritte vor dem Eingang +seines Werkes auf, aber seine Hand langt in die +Tasche und seine Augen funkeln.</p> + +<p>Die Schar steht vor ihm.</p> + +<p>»Halt — oder ich sprenge euch alle samt und sonders +in die Luft.« Hochaufgerichtet, eine Dynamitpatrone +in der erhobenen Hand, donnert er es ihnen entgegen. — +Die Männer stutzen, aber Kaplan Johannes ruft: »Die +heiligen Kreuze sind stärker als das teuflische Salz!« — +Und er will mit dem erhobenen schweren Grabkreuz in +wahnsinniger Wut auf Josi los.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_387" id="Page_387">[Pg 387]</a></span>Da geschieht etwas Entsetzliches.</p> + +<p>Aus dem Felsengang stürzt Binia — sie stürmt an +Josi vorbei — sie läuft unter das erhobene Kreuz des +Kaplans — sie schreit flehentlich: »Schlagt mich, Kaplan +— aber tötet meinen Josi nicht.«</p> + +<p>Schon saust das Kreuz gegen das junge schöne Haupt +hernieder und »Josi!« schreit Binia in Todesnot.</p> + +<p>Da sinkt der Kaplan selbst.</p> + +<p>Er stöhnt unter den Fäusten Peter Thugis, der ihn +im letzten Augenblick niedergerissen hat.</p> + +<p>Einige der verdutzten Männer machen Miene, dem +Schwarzen zu helfen, aber jetzt ist Josi neben der in die +Kniee gesunkenen blassen Binia, er hält in finsterer Entschlossenheit +die Patrone hoch und sein funkelnder Blick hat +den Stein schon erspäht, an den er sie schleudern könnte.</p> + +<p>»Die Waffen weg, oder ihr fliegt!« schreit er.</p> + +<p>Ein furchtbarer Augenblick, ein Mann gegen einen +Schwarm — einzelne der Gestalten tauchen, wie Gespenster +verschwinden, in das Schneegestöber zurück. — +Die schwarzen Kreuze und Scheiter fallen in den weißen, +reinen Schnee.</p> + +<p>Nur der Glottermüller mit einem kleinen Häuflein +steht noch, aber sie wagen keine That.</p> + +<p>Da horch — der Hammer schlägt — er schlägt rasch +und rascher, laut und lauter — und rings im Gebirgskreis +bleibt es still — die Lawinen fallen nicht — es +schneit nur leise und feierlich. — Die letzten Kreuze +sinken — aus der Tiefe tönt der Ruf: »Josi, wir kommen +— Josi, halte aus — die Hilfe ist da!« — Es ist +Eusebi, der ruft. — Und durch den Schnee blitzen schon +Waffen und Wehr.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_388" id="Page_388">[Pg 388]</a></span>Wie Peter Thugi die erlösenden Zurufe hört, läßt +seine Faust etwas von dem sich windenden Kaplan. Der +kann entfliehen und springt in gewaltigen Sätzen bergwärts. +Hinter ihm die letzten Kreuzträger.</p> + +<p>Um Josi, der die halb ohnmächtige Binia im Arm +hält, und Peter Thugi, den Freund, steht die Entsatzmannschaft, +und Eusebi Zuensteinen vergießt die hellen +Thränen der Freude, daß sein Schwager gerettet ist.</p> + +<p>Josi dankt Peter auf den Knieen für die rettende That.</p> + +<p>»Wer sollte es besser wissen, Josi,« erwidert Thugi, +»was du für St. Peter gethan hast, als ich.«</p> + +<p>Andächtig horchen die hundert Männer dem Schlagen +des Hammers und schütteln Josi und Binia die Hand.</p> + +<p>Ein sonderbarer Zug bewegt sich in dem fallenden +Schnee thalwärts. — In der Mitte geht Josi, nicht wie +ein Held, sondern wie ein Geschlagener — er weiß es, +er muß mit Binia an ein Sterbebett treten. Und Binia +schluchzt herzzerbrechend. Aber daß sie noch gehen kann, +ist ein Wunder.</p> + +<p>Wer ist der größere, Josi, der die Blutfron von +St. Peter genommen hat, oder der Presi, der Vater, +der bis in den Tod für sein Kind gekämpft hat?</p> + +<p>Ja, ja, arme Bini, ruhige Jahre werden dir nun +wohl thun, denn zuletzt verliert auch der Stahl seine +Biegsamkeit und bricht.</p> + +<p>Sie sehen den verwüsteten Bären; Josi ist bereit, +noch heute den Gerichtsbeamten, die schon eingerückt +sind, Rede und Antwort zu stehen.</p> + +<p>Das Paar tritt in die Wohnung des Garden — es +sinkt an das Bett des Presi.</p> + +<p>Man hat ihm die Fenster öffnen müssen, damit er<span class='pagenum'><a name="Page_389" id="Page_389">[Pg 389]</a></span> +das Schlagen des neuen Hammers an den Weißen Brettern +hört. Seitdem ist er ruhig und nun richtet er sich +auf vom Lager. Er schluchzt — die dünnen Thränen +fließen über seine abgehärmten Wangen. — »Seppi +Blatter — Fränzi — ihr habt mir's nicht zu streng gemacht. +— — Und Josi, wenn du wegen Thöni Grieg +etwas auf dem Gewissen hast, — so nehme ich es dir ab.«</p> + +<p>Da antwortet Josi: »Nein, Vater, ich bin frei von +Schuld. Thöni Grieg ist zehn Schritt vor mir gestürzt.«</p> + +<p>»Garde, ich habe den Bären angezündet,« spricht +der Presi laut, dann murmelt er: »Und St. Peter habe +ich lieb gehabt. — Seid glücklich — Josi — Bini.« +Einen Blick unsäglicher Liebe noch wendet er auf das +Paar — er sinkt zurück und der Todesengel schwebt durch +das Haus.</p> + + + +<hr class="full"/> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_390" id="Page_390">[Pg 390]</a></span></p> +<h2><a name="XXII" id="XXII"></a>XXII.</h2> + + +<p>Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter +gethan haben, erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint +der Welt unbegreiflich. Das Dorf wollte den schlagen, +der ihm die größte Wohlthat erwiesen hat, den es mit +Ehren wie seinen Erlöser feiern sollte. Unbegreiflich? — +Als ob der Wechselruf »Hosianna!« und »Kreuziget ihn!« +nicht die Jahrhunderte herab durch die Blätter der Geschichte +jauchzte und klagte. Als ob es nicht bis in die +blühende Gegenwart hinein der Beispiele genug gäbe, +wo nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern große +mächtige, gebildete Völker sich unter dem Druck eines +Zwangsgedankens verwirren und eine Weile den Weg +der Vernunft nicht finden können. Als ob die Gestalt des +bösen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die +dunklen Regungen der Volksseele mißbraucht, nicht überall +auf der Lauer stehe, um seinen Bettelsack aus der allgemeinen +Verirrung zu füllen und seine nächtliche Seele +in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. — —</p> + +<p>In bebender Zerknirschung liegt St. Peter.</p> + +<p>Jahrhunderte hat sein Völklein unter dem Donner +der Lawinen friedlich und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht +hat mannlich getragen, was eine übermächtige +Natur an Gefahren und blutenden Opfern über sein Dasein<span class='pagenum'><a name="Page_391" id="Page_391">[Pg 391]</a></span> +verhängte. Im Schoß des stillen Lebens blühten +innige Sitten und Bräuche, die Wunderblume der Sage +hielt ihre Kelche offen und atmete ihre Düfte aus. Da +führte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen +Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der +Volksanschauungen. Die Dörfler sahen, was Eltern und +Altvordern groß und heilig gegolten, von einem Schwarm +leichter Menschen, der kein Verständnis für ihr eigenartiges +Fühlen besaß, mißachtet, in den Stimmen der +Lawinen hörten die Geängstigten den Zorn des Himmels +reden. Und siehe da — die Wunderblume der Sage +vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen schlich +sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das +Fieber des Aberglaubens.</p> + +<p>Die Stimmung ist vorbereitet. — Da geschieht das +Unfaßbare, daß einer vom Dorf das Verhängnis lösen +will, das wie Gottes Züchtigung darüber schwebt — da +ereignet sich das Schreckliche, daß ein verborgener Mord, +so glaubt das Völklein, ans Tageslicht kommt — eine +tragische Folge der Umstände schaltet alle Hemmungen der +Vernunft aus.</p> + +<p>So hat das Entsetzliche geschehen können! — —</p> + +<p>Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer +an der rettenden Leitung schlägt, von einem Fest +zur Einweihung des Werkes spricht niemand.</p> + +<p>Eine unheimliche Stille brütet über St. Peter. Mächtiger +als die ernsten Patrouillen, die das Dorf auf und +ab schreiten, spricht es in die Gewissen, daß das schöne +alte Haus zum Bären in schwarzen Ruinen aus der +weißen feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist +ohne den Bären nicht mehr St. Peter.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_392" id="Page_392">[Pg 392]</a></span>Wer hat die Flamme hineingeworfen? — In der +Gemeindescheune halten die herbeigeeilten Gerichtsbehörden +an einem Tisch die Verhöre, zu denen ihnen der Verrat +Bälzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen +Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die +Fragen. Daß er Kreuze aus dem Kirchhof ausgerissen +hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber verrät keiner. +Und keiner nennt den Brandstifter, die Untersuchungsbeamten +aber bestehen darauf, daß es irgend einer vom +Bunde sei, und halten den Verdacht auf den Presi für +eine Ausflucht. Sie fassen einen heißen Groll gegen das +verstockte Dorf und drohen mit langen Einquartierungen +auf Kosten der Gemeinde.</p> + +<p>Da tritt erschüttert der Garde herein: »Ich kann +euch die Untersuchung erleichtern. Keiner von denen, +die ihr verhört habt, hat den Bären angezündet. Das +hat ein Vater für sein Kind gethan. Ich sage es euch +im Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben +ist.«</p> + +<p>O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben, +sie haben den Presi schon gekannt, den gewaltthätigen +Mann, der, die anderen alle um Haupteslänge überragend, +nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so groß in +seiner Liebe, daß ihm die That wohl zuzutrauen ist.</p> + +<p>Sie sprechen bewegt: »Immer war er der Presi — +sich selbst getreu bis in den Tod — in der Enge der +Berge, wo der gewaltige Mann überall anstieß, hat er +werden müssen, wie er war — in der Welt aber wäre +er nach Kopf und Herz ein Großer geworden — denn +Kernholz, aus dem das Volk seine starken Führer schnitzt, +war an ihm von der Sohle bis zum Scheitel.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_393" id="Page_393">[Pg 393]</a></span>Während sie noch flüsternd dem toten Presi ihr Kränzlein +winden, tritt Josi Blatter an den Tisch und wünscht +wegen Thöni Grieg verhört zu werden. Ruhig und fest +erzählt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig und fest +antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter +der Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den +Helden der heligen Wasser blickten, werden ernst. Die +Darstellung klingt unglaubwürdig.</p> + +<p>»Ihr besteht darauf, daß es nicht Totschlag in Notwehr +war?«</p> + +<p>»Ich bestehe darauf.«</p> + +<p>»Ihr habt das Werk an den Weißen Brettern +nicht zur Sühne gebaut?«</p> + +<p>»Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.«</p> + +<p>»Ihr verzichtet auf die altgebräuchliche Rechtswohlthat, +die seit Matthys Jul denen zugebilligt wird, die +für die heligen Wasser an die Weißen Bretter steigen?«</p> + +<p>»Ich verzichte!«</p> + +<p>Josi steht — es geht nicht anders — unter der +Anklage, in Notwehr Thöni Grieg erschlagen zu haben — +aber wenigstens so hart sind die Männer des Gerichtes nicht, +daß sie ihm eine Haft auferlegen. Sein Ehrenwort, sich der +Untersuchung immer zur Verfügung zu halten, genügt.</p> + +<p>Kaplan Johannes ist nicht zurückgekehrt. Von seinen +eigenen Anhängern zuletzt in die Enge getrieben, hat er +sich auf die Felsen geflüchtet, die vom Neuschnee schlüpfrig +waren, er ist gestürzt und erst im Frühjahr hat man seinen +zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden.</p> + +<p>Während der Untersuchung über die Vorfälle in +St. Peter, die mehrere Tage in Anspruch nimmt, ist der +alte Pfarrer zurückgekommen und hat seine Siegel von<span class='pagenum'><a name="Page_394" id="Page_394">[Pg 394]</a></span> +der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten begraben, +heute in aller Stille Thöni Grieg, morgen in +herzlicher Trauer den Presi, der den Dörflern nie bewunderungswürdiger +schien als in seinem Tod. Man +hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und +wieder in die Gräber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu +geweiht, und wie nun die Glocken zum Begräbnis des +Presi wieder erklingen, da geht ein aufschluchzendes Weinen +der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung durch +das Dorf.</p> + +<p>Am Schluß der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer: +»Ich weiß, daß auch ich schuldig bin und euch nicht hätte +verlassen sollen, und vor den Behörden der Kirche will +ich für euch um ein gnädiges Urteil bitten. Ich lasse +euch als Vermächtnis meiner Amtsthätigkeit, die ich +niederlege, die Schlüssel zum Gotteshaus und den Glocken +zurück. Hoffentlich für ewig. — Eine junge starke Kraft +möge euch besser führen, als es mir altem kraftlosen +Manne gelungen ist!« — —</p> + +<p>Langsam schreitet der Prozeß, es ist, als könne sich +das arme Dorf nicht mehr erheben aus seiner Schande, +als müsse es daran zu Grunde gehen.</p> + +<p>Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten +Josi Blatters und Thöni Griegs durch die Untersuchung +in immer schärferen Umrissen erscheinen, wie der gefälschte +Brief Thönis bekannt wird, wie man den Leidensgang +und die hohe Treue der Liebenden erfährt, da fliegen ihnen +alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht. +»Selbst wenn er eine That des Zornes begangen hätte,« +spricht das Volk, »müßte er freigesprochen werden, sie +wäre Gottes Gericht über den Schuft.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_395" id="Page_395">[Pg 395]</a></span>Es ist aber keine That des Zornes geschehen. — +Und für Josi und Binia spricht mit glühendem Feuer +der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in aller +Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist.</p> + +<p>Tausend Umstände zeugen für das Paar.</p> + +<p>Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem +Werk empor, prüft es, vollendet noch da und dort etwas +— sobald er aber das gerichtliche Verfahren hinter sich +hat, will er mit Binia über das Meer ziehen und in +einem fernen Erdenwinkel Glück und Vergessen suchen.</p> + +<p>Eines Tages aber erhält er den Besuch seines Freundes +Felix Indergand. Der spricht nicht mehr von Beate, +dagegen redet er Josi herzlich zu: »Ziehe nicht fort, +Josi! — Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist, +findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensglück. +Wir beide haben es erfahren, wie öde und leer das Herz +in der Fremde bleibt, das deckt alle Liebe nicht zu. Thue +es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind würde +in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht +zu St. Peter bleiben magst, zu uns ins grüne Oberland, +ich will ein Gütchen für dich erhandeln. Dort lebe in +meiner Nähe und sei glücklich mit deinem Weib.«</p> + +<p>Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen +— er willigt ein.</p> + +<p>Endlich, wie schon die ersten Frühlingsblumen blühen, +ist der Gerichtstag für ihn und die von St. Peter da, +das Landvolk ist wie an einem Markttag auf der Fahrt +in die Stadt.</p> + +<p>Die Tribünen des Gerichtssaales sind gefüllt und +zweimal entsteht eine mächtige Bewegung unter den +Zuschauern.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_396" id="Page_396">[Pg 396]</a></span>Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche +Gestalt in tiefer Trauer als Zeugin vor die Schranken +tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu Josi vor der Menge +zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle +geht über das feine Gesicht und hilflos fragt sie: »Ja, +muß ich das auch sagen?« Auf manche harmlose Fragen +antwortet sie in so heißer Scham, dann mit einem +blitzenden Wahrheitsmut, daß die Schauer der Ergriffenheit +durch den Zuschauerraum gehen.</p> + +<p>»Der Garde von St. Peter hat recht,« flüstert sich +die Menge zu, »Binia Waldisch kann keine Unwahrheit +sagen!«</p> + +<p>Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus +Indien zur Verlesung kommt:</p> + +<p>»Josi Blatter, über den Sie mich gerichtlich anfragen, +hat sich in fünf Jahren als ein Mann ohne das +geringste Falsch bewährt. Er ist so fest und treu wie +Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie würden eine +Schmach auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen +Glauben schenken und einen Makel auf ihm ruhen ließen. +George Lemmy, Oberingenieur der britischen Regierung +in Indien.«</p> + +<p>Ein Stündchen später ist der volle Freispruch da.</p> + +<p>Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal: +»Josi, mein Held,« und Hunderte schluchzen mit und ein +Jubelruf pflanzt sich fort durch die Straßen der Stadt.</p> + +<p>»So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgeprüften!« +sagt der Garde, der mit Vroni und Eusebi dem Paar +die Hände reicht, »wenn zwei glücklich werden können auf +dieser wandelbaren Erde — so seid ihr es, ihr heißen +Herzen von unwandelbarer Treue.« —</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_397" id="Page_397">[Pg 397]</a></span>Auch St. Peter hat keinen bösen Tag.</p> + +<p>Die Richter wissen, daß es jetzt nicht gilt, das arme, +verirrte, von einem Wahnsinnigen verführte Dorf, für +das der alte ehrwürdige Garde mit Thränen in den +Augen bittet, noch tiefer in Unglück und Schande zu +drücken, sondern zu beruhigen und zu versöhnen, sie legen +leichte Strafen auf die Grabschänder, und willig tragen +die Dörfler das verhängte Maß. — —</p> + +<p>Wie ein reinigendes Gewitter haben der »böse Tag« +und seine Folgen auf die von St. Peter gewirkt. Ein +Jahrhundert ruhiger Entwickelung hätte die Sinnesart +des Völkleins nicht so geändert und geweckt wie der +Sturm.</p> + +<p>Und sonderbar, wie sich das Urteil über den toten +Presi gewendet hat. Seinen einst so verhaßten Namen +nennt man in St. Peter in glühender Ehrfurcht. Vor +dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter +Thugi, der jüngere, im letzten Augenblick den Schlag +des Kaplans vom Haupt Binias gewandt. Nein, aus +dem alten Fluch, daß eine Jungfrau über der Befreiung +St. Peters von der Wasserfron an den Weißen Brettern +sterben müsse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet; +indem er selber in den Tod ging, schützte er das Leben +seines Kindes und bewahrte das Dorf vor noch entsetzlicherem +Unglück.</p> + +<p>Als ein Held erlösender Vatertreue steht er im Gedächtnis +des Berglandes.</p> + +<p>Sogar sein Werk, die Einführung des Fremdenverkehrs +in das Thal, ist nicht untergegangen. Ein Jahr +stand der Bären als eine Ruine da. Dann kam denen +von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer,<span class='pagenum'><a name="Page_398" id="Page_398">[Pg 398]</a></span> +die man so geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die +Gemeinde wünschte, daß das Haus von einem tüchtigen +Wirt wieder aufgebaut würde. Die Fremden falterten +darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bevölkerung +hat nichts wider sie einzuwenden.</p> + +<p>Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern, +wie man die schönen einst geliebt hat, verabscheut man sie.</p> + +<p>In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges +Ehepaar in halber Verborgenheit und tiefem Frieden.</p> + +<p>Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner +Zug von Männern, an ihrer Spitze Hans Zuensteinen, +der alte Garde, und der jüngere Thugi, der neue Garde, +den Weg in den Winkel des Glücks.</p> + +<p>Die Männer drehen vor Josi Blatter und seiner +schönen jungen Frau verlegen die Hüte und der alte +Garde spricht: »Josi Blatter, es ist vieles anders geworden +in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die rechte +Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter +sei noch nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia +uns fehlen. Wir wissen, daß dein Werk gut ist, die Gemeinde +will dich in Ehren halten und zum Zeichen haben +dich gestern die hundertzwanzig Bürger von St. Peter +einstimmig zu ihrem Presi gewählt. Denn ich bin alt +und den Aemtern nicht mehr gewachsen. Wir brauchen +einen starken, aufrechten Mann. Josi, versage uns die +Freude und Ehre nicht!«</p> + +<p>Die anderen bestätigen die warme Rede: »So ist +es, wir bitten dich.«</p> + +<p>Josi will antworten, aber er kann nicht — er geht +zur Thüre hinaus — in einer stillen Ecke schluchzt er: +»Hört ihr es, Vater — Mutter — ich, euer verachteter<span class='pagenum'><a name="Page_399" id="Page_399">[Pg 399]</a></span> +Bub, Presi von St. Peter.« — Wie er sich aber gefaßt +hat und den Männern sein »Nein« entgegenbringen will, +da fällt ihm Binia um den Hals: »Josi, ja, wir wollen +nach St. Peter zurückkehren, dessen Kinder wir sind und +wo die Gräber der Eltern liegen. Ich stelle mich zu den +Männern.«</p> + +<p>Mit einem Jawort ziehen sie.</p> + +<p>In St. Peter waltet Josi Blatter seit vielen Jahren +als Presi in Stärke und Weisheit. Das Dorf hat sich +vollends aus seiner Schande erhoben, es blüht unter +seiner Führung und unter dem Segen des guten Beispiels, +das die feine Binia den Frauen von St. Peter +giebt.</p> + +<p>Die Blutfron an den Weißen Brettern, der Lostag, +die Schreckensarbeit des Kännellegens tönt einem jungen +Geschlecht wie eine Sage ins Ohr und langsam verrosten +in der Kapelle zur Lieben Frau die Unglückstafeln. Das +Werk Josis hat sich bewährt. Die Wildleutlaue mag +donnernd gehen, die heligen Wasser fließen, sie rauschen +und spenden Segen.</p> + +<hr/> +<p class="center"> +Druck der<br /> +Union Deutsche Verlagsgesellschaft<br /> +in Stuttgart<br /> +</p> +<hr/> + +<p class="center">Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger<br /> +Stuttgart und Berlin</p> +<hr class="full"/> + +<div class="small"> +<p class="center">Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband, +Hlbfrzbd. = Halbfranzband</p> + +<table class="basic" cellspacing="0" cellpadding="0" summary="Verlagsverzeichnis"> +<tr> +<td><i>Althof, Paul</i><br />(Alice Gurschner),</td><td>Die wunderbare Brücke und andere Geschichten</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das verlorene Wort. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Andreas-Salomé, Lou</i>,</td><td>Fenitschka — Eine Ausschweifung. Zwei Erzählungen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ma. Ein Porträt. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ruth. Erzählung. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Aus fremder Seele. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Anzengruber, Ludwig</i>,</td><td>Letzte Dorfgänge. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Arminius, W.</i>,</td><td>Der Weg zur Erkenntnis. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 2. u. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Auerbach, Berthold</i>,</td><td>Sämtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten. Volks-Ausg. in 10 Bdn.</td> +<td class="right">Geh. M. 10.—, in 5 Lnbdn. M. 13.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Barfüßele. Erzählung. 40. u. 41. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Auf der Höhe. Roman. Volks-Ausg. in 4 Bdn.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, in 2 Lnbdn. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das Landhaus am Rhein. Roman. Volks-Ausgabe in 4 Bänden</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, in 2 Lnbdn. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Drei einzige Töchter. Novellen. Min.-Ausg. 4. Aufl.</td> +<td class="right">In Leinenband M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Waldfried. Vaterl. Familiengeschichte. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, Lnbd. M. 7.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Baumbach, Rudolf</i>,</td><td>Erzählungen und Märchen. 15. u. 16. Tsd.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 3.—, Ledbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 3.80, Ledbd. M. 5.80</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Aus der Jugendzeit. 9. Tsd.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 6.20, Ledbd. M. 8.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Neue Märchen. 8. Tsd.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 4.—, Ledbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Sommermärchen. 38. u. 39. Tsd.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 4.20, Ledbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Bertsch, Hugo</i>,</td><td>Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Bob, der Sonderling. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Milbrandt. 10. u. 11. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Böhlau, Helene</i>,</td><td>Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Boy-Ed, Ida</i>,</td><td>Die säende Hand. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Um Helena. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 8.-10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Bülow, Frieda v.</i>,</td><td>Kara. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Burckhard, Max</i>,</td><td>Simon Thums. Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Busse Carl</i>,</td><td>Die Schüler von Polajewo. Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Träume. Mit Illustrationen von Kunz Meyer</td> +<td class="right">Geh. M. 2.60, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Dove, A.</i>,</td><td>Caracosa. Roman. 2 Bände. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 7.—, in 2 Lnbdn. M. 9.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Ebner-Eschenbach,<br />Marie v.</i>,</td><td>Božena. Erzähl. 8. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Erzählungen. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Margarete. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Ebner-Eschenbach,<br />Moriz v.</i>,</td><td><span class="antiqua">Hypnosis perennis</span> — Ein Wunder des h. Sebastian. Zwei Wien. Gesch.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Eckstein, Ernst</i>,</td><td>Nero. Roman. 8. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td><i>El-Correi</i>,</td><td>Das Tal des Traumes (<span class="antiqua">Val di sogno</span>). Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Am stillen Ufer. Roman vom Gardasee</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Engel, Eduard</i>,</td><td>Paraskewúla u. a. Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Fontane, Theodor</i>,</td><td>Ellernklipp. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Grete Minde. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Quitt. Roman. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vor dem Sturm. Roman. 11. u. 12. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Unwiederbringlich. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Franzos, K. E.</i>,</td><td>Der Gott des alten Doktors. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Juden von Barnow. Geschichten. 8. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bde. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, in 1 Lnbd. M. 7.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ungeschickte Leute. Geschichten. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Junge Liebe. Novellen. 4. Aufl. Min.-Ausg.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der kleine Martin. Erzählung. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 1.—, Lnbd. M. 2.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Moschko von Parma. Erzählung. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Neue Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Tragische Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Pojaz. Eine Gesch. a. d. Osten. 6.-8. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Reise nach dem Schicksal. Erzählg. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Schatten. Erzählung. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Judith Trachtenberg. Erzählung. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bde. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, in 2 Lnbdn. M. 8.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Fulda, L.</i>,</td><td>Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Gleichen-Rußwurm,<br />A. v.</i>,</td><td>Vergeltung. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Grasberger, H.</i>,</td><td>Aus der ewigen Stadt. Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.20</td> +</tr><tr> +<td><i>Grimm, Herman</i>,</td><td>Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bände. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 8.—, in 2 Lnbdn. M. 10.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Grisebach, Ed.</i>,</td><td>Kin-ku-ki-kuan. Chines. Novellenbuch</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Haushofer, Max</i>,</td><td>Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. Ein moderner Totentanz. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Heer, J. C.</i>,</td><td>Joggeli. Geschichte e. Jugend. 16. u. 17. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der König der Bernina. Roman. 51.-55. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der König der Bernina. Roman. 50. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Laubgewind. Roman. 33.-36. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Felix Notvest. Roman. 17.-20. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>An heiligen Wassern. Roman. 51.-54. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Wetterwart. Roman. 45.-50. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Heilborn, Ernst</i>,</td><td>Kleefeld. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Herzog, Rudolf</i>,</td><td>Der Abenteurer. Roman. Mit Porträt. 26.-30. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Adjutant. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 14.-18. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Es gibt ein Glück ... Novellen. 6.-10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Hanseaten. Roman. 41.-45. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das Lebenslied. Roman. 32.-36. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die vom Niederrhein. Roman. 26.-30. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der alten Sehnsucht Lied. Erzählungen. 8. u. 9. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Wiskottens. Roman. 66.-70. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Wiskottens. Roman. 50. (Jubiläums-) Aufl. Mit Porträt</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, Lnbd. M. 7.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das goldene Zeitalter. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Heyse, Paul</i>,</td><td>L'Arrabbiata. Novelle. 12. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 1.20, Lnbd. M. 2.40</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>L'Arrabbiata und andere Novellen. 9. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Geburt der Venus. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>In der Geisterstunde. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Über allen Gipfeln. Roman. 10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« und andere Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Kinder der Welt. Roman. 2 Bde. 23.-25. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.80, Lnbd. M. 6.80</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Himmlische u. irdische Liebe u. a. Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Neue Märchen. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Marthas Briefe an Maria. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 1.—, Lnbd. M. 2.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Melusine und andere Novellen. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ninon und andere Novellen. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 12. u. 13. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 7.50, in 3 Lnbdn. M. 10.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Novellen vom Gardasee. 6. u. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Meraner Novellen. 11. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Neue Novellen. Min.-Ausgabe. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Im Paradiese. Roman. 2 Bde. 13. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.80, in 2. Lnbdn. M. 6.80</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das Rätsel des Lebens. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Roman der Stiftsdame. 13. u. 14. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Sohn seines Vaters u. a. Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Crone Stäudlin. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte. 5. u. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Moralische Unmöglichkeiten u. a. Nov. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Aus den Vorbergen. Vier Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vroni und andere Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Unvergeßbare Worte u. a. Novellen. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Xaverl und andere Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Hillern, Wilhelmine v.</i>,</td><td>Der Gewaltigste. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>'s Reis am Weg. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 1.50, Lnbd. M. 2.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Hobrecht, Max</i>,</td><td>Von der Ostgrenze. Drei Nov.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.20</td> +</tr><tr> +<td><i>Höcker, Paul Oskar</i>,</td><td>Väterchen. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Hofe, Ernst v.</i>,</td><td>Sehnsucht. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Hoffmann, Hans</i>,</td><td>Bozener Märchen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ostseemärchen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Holm, Adolf</i>,</td><td>Holsteinische Gewächse</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Köst und Kinnerbeer. Und sowat mehr. Zwei Erzählungen</td> +<td class="right">Lnbd. M. 2.40</td> +</tr><tr> +<td><i>Hopfen, Hans</i>,</td><td>Der letzte Hieb. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Huch, Ricarda</i>,</td><td>Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td> </td><td>Jugenderinnerungen eines alten Mannes, s. <i>Kügelgen</i></td> +</tr><tr> +<td><i>Junghans, Sophie</i>,</td><td>Schwertlilie. Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Kaiser, Isabelle</i>,</td><td>Seine Majestät! Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Keller, Gottfried</i>,</td><td>Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. 56.-60. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 9.—, Lnbd. M. 11.40,<br />Hlbfrzbd. M. 15.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Martin Salander. Roman. 39-43. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 3.80,<br />Hlbfrzbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 64.-68. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, Lnbd. M. 7.60,<br />Hlbfrzbd. M. 10.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Züricher Novellen. 58.-62. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 3.80,<br />Hlbfrzbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das Sinngedicht. Novellen. Sieben Legenden. 50.-54. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 3.80,<br />Hlbfrzbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Sieben Legenden. Miniatur-Ausg. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. Miniatur-Ausg. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Kossak, Marg.</i>,</td><td>Krone des Lebens. Nord. Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Kügelgen, Wilhelm v.</i>,</td><td>Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Original-Ausg. 25. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 1.80, Lnbd. M. 2.40</td> +</tr><tr> +<td><i>Kurz, Isolde</i>,</td><td>Unsere Carlotta. Erzählung</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Italienische Erzählungen</td> +<td class="right">Lnbd. M. 5.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Frutti di Mare. Zwei Erzählungen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Genesung. Sein Todfeind. Gedankenschuld. Drei Erzählungen</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Florentiner Novellen. 4. u. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Phantasieen und Märchen</td> +<td class="right">Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der florentinischen Renaissance. 5. u. 6. Aufl. Mit 16 Abbildungen</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Laistner, Ludwig</i>,</td><td>Novellen aus alter Zeit</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Langmann, Philipp</i>,</td><td>Realistische Erzählungen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Leben und Musik. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein junger Mann von 1895 u. and. Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Verflogene Rufe. Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Lilienfein, Heinrich</i>,</td><td>Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Lindau, Paul</i>,</td><td>Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. 5. u. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, in 1 Lnbd. M. 7.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Arme Mädchen. Roman. 10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Spitzen. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Zug nach dem Westen. Roman. 11. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Mauthner, Fritz</i>,</td><td>Hypatia. Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »<i>Lügenohr</i>«</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Meyer-Förster, Wilh.</i>,</td><td>Eldena. Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Meyerhof-Hildeck, Leonie</i>, </td><td>Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Töchter der Zeit. Münchner Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Muellenbach, E.</i><br />(Lenbach),</td><td>Abseits. Erzählungen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Aphrodite und andere Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vom heißen Stein. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Niessen-Deiters, Leonore</i>,</td><td>Leute mit und ohne Frack. Erzählungen und Skizzen. Buchschmuck von <i>Hans Deiters</i></td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Im Liebesfalle. Buchschmuck von <i>Hans Deiters</i></td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Mitmenschen. Buchschmuck von <i>Hans Deiters</i></td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Olfers, Marie v.</i>,</td><td>Neue Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Vernunftheirat und andere Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Pantenius, Th. H.</i>,</td><td>Kurländische Geschichten. 2. Tsd.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Petri, Julius</i>,</td><td>Pater peccavi! Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>du Prel, Karl</i>,</td><td>Das Kreuz am Ferner. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Proelß, Joh.</i>,</td><td>Bilderstürmer! Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Raberti, Rubert</i>,</td><td>Immaculata. Roman. 2 Bde.</td> +<td class="right">Geh. M. 8.—, in 2 Lnbdn. M. 10.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Redwitz, O. v.</i>,</td><td>Haus Wartenberg. Roman. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Hymen. Ein Roman. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Riehl, W. H.</i>,</td><td>Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Am Feierabend. Sechs Novellen. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Lebensrätsel. Fünf Novellen. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 6.—, Lnbd. M. 7.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Kulturgeschichtliche Novellen. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Neues Novellenbuch. 3. Aufl. (6. Abdruck)</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Roquette, Otto</i>,</td><td>Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 Bände</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, in 1 Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Saitschick, R.</i>,</td><td>Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Seidel, Heinrich</i>,</td><td>Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe. 7. Aufl. (36.-40. Tsd.)</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.)</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (3. Tsd.)</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Phantasiestücke. Gesamtausgabe</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamtausgabe</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 Bände. 9. Tsd.</td> +<td class="right">Geh. je M. 3.—, Lnbd. je M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd.</td> +<td class="right">Geh. je M. 3.—, Lnbd. je M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ludolf Marcipanis und anderes. Aus dem Nachlasse herausg. von <i>H. W. Seidel</i>. 2. Tsd.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Skowronnek, R.</i>,</td><td>Der Bruchhof. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Stegemann, Hermann</i>,</td><td>Der Gebieter. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Stille Wasser. Roman</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Stratz, Rudolph</i>,</td><td>Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin. 9. u. 10. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Buch der Liebe. Sechs Novellen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die ewige Burg. Roman. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Für Dich. Roman. 16.-20. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ich harr' des Glücks. Novellen. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Gib mir die Hand. Roman. 6.-9. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Herzblut. Roman. 13.-15. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der du von dem Himmel bist. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die törichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der arme Konrad. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Montblanc. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Du bist die Ruh'. Roman. 6.-8. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der weiße Tod. Roman aus der Gletscherwelt. 16.-18. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Es war ein Traum. Berl. Novellen. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die letzte Wahl. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Sudermann, Hermann</i>,</td><td>Es war. Roman. 47.-49. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—,<br />Hlbfrzbd. M. 6.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Geschwister. Zwei Novellen. 30.-34. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50,<br />Hlbfrzbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 28.-30. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—,<br />Hlbfrzbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Katzensteg. Rom. 76.-80. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50,<br />Hlbfrzbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das Hohe Lied. Rom. 51.-55. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—,<br />Hlbfrzbd. M. 7.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Frau Sorge. Roman. 116.-125. Aufl. Mit Jugendbildnis</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50,<br />Hlbfrzbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Frau Sorge. Roman. 100. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt. Buchschmuck von <i>J. B. Eissarz</i></td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 33. u. 34. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—,<br />Hlbfrzbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Telmann, Konrad</i>,</td><td>Trinacria</td> +<td class="right">Geb. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Trojan, Johannes</i>,</td><td>Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken. 2. u. 3. verm. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.—, Lnbd. M. 3.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Voß, Richard</i>,</td><td>Alpentragödie. Roman aus dem Engadin. 5. u. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Römische Dorfgeschichten. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben. 2. u. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 5.—, Lnbd. M. 6.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Widmann, J. V.</i>,</td><td>Touristennovellen</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Wilbrandt, Adolf</i>,</td><td>Adams Söhne. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Das lebende Bild u. a. Geschichten. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Dämonen u. andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Dornenweg. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Fesseln. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Feuerblumen. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Franz. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Hermann Ifinger. Roman. 6. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Irma. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Meister Amor. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Novellen</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td><span class="antiqua">Opus 23</span> u. andere Geschichten. 1. u. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vater Robinson. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Familie Roland. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Rothenburger. Roman. 8. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Der Sänger. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Vater und Sohn u. andere Geschichten. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Villa Maria. Roman. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Große Zeiten u. andere Geschichten. 3. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Wildenbruch, E. v.</i>,</td><td>Schwester-Seele. Roman. 18. u. 19. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td><i>Worms, C.</i>,</td><td>Aus roter Dämmerung. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Erdkinder. Roman. 4. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Die Stillen im Lande. Drei Erzähl. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Thoms friert. Roman. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 4.—, Lnbd. M. 5.—</td> +</tr><tr> +<td class="ind">—„—</td><td>Überschwemmung. Eine balt. Gesch. 2. Aufl.</td> +<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td> +</tr><tr> +<td><i>Zimmermann, M. G.</i>,</td><td>Tante Eulalia's Romfahrt</td> +<td class="right">Geh. M. 3.—, Lnbd. M. 4.—</td> +</tr> +</table> +</div> + +<hr class="full" /> + +<div class="notes"> +<h3><a name="tn_bottom" id="tn_bottom"></a>Korrekturen und Anmerkungen zur Transkription: +<span class="totop"><a href="#tn_top">Zum Anfang</a></span></h3> + +<p><a name="corr_note_1" id="corr_note_1"></a> +<a href="#corr_1"><span class="label">1.</span></a> Fehlender Punkt nach "ernst" im Original.</p> + +<p><a name="corr_note_2" id="corr_note_2"></a> +<a href="#corr_2"><span class="label">2.</span></a> Im Original wird an dieser Stelle Euesbis Stottern durch + Trennstriche angezeigt; hier und im Weiteren in lange + Bindestriche umgeändert.</p> + +<p><a name="corr_note_3" id="corr_note_3"></a> +<a href="#corr_3"><span class="label">3.</span></a> Fehlendes Anführungszeichen vor "Verzeih" im Originaltext.</p> + +<p><a name="corr_note_4" id="corr_note_4"></a> +<a href="#corr_4"><span class="label">4.</span></a> Im Originaltext "umheimlicher", korrigiert zu "unheimlicher".</p> + +<p><a name="corr_note_5" id="corr_note_5"></a> +<a href="#corr_5"><span class="label">5.</span></a> Im Originaltext "kein", korrigiert zu "Kein".</p> + +<p><a name="corr_note_6" id="corr_note_6"></a> +<a href="#corr_6"><span class="label">6.</span></a> Überflüssiges Komma im Originaltext nach " St. Peter"; gelöscht.</p> + +<p><a name="corr_note_7" id="corr_note_7"></a> +<a href="#corr_7"><span class="label">7.</span></a> Nach "schwerer" scheint "zu schaffen" zu fehlen.</p> + +<p><a name="corr_note_8" id="corr_note_8"></a> +<a href="#corr_8"><span class="label">8.</span></a> Im Originaltext "Georg", korrigiert zu "George".</p> + +<p><a name="corr_note_9" id="corr_note_9"></a> +<a href="#corr_9"><span class="label">9.</span></a> Im Originaltext "Pfarerr", korrigiert zu "Pfarrer".</p> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="pg" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***</p> +<p>******* This file should be named 20786-h.txt or 20786-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/2/0/7/8/20786">http://www.gutenberg.org/2/0/7/8/20786</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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